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                <text>&lt;strong&gt;1. Raumflug&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Saturn-Rakete mit 675 Tonnen Schub&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Elektronisches Gedächtnis für Erdsatelliten&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Sehvermögen unter Weltraumbedingungen&amp;nbsp;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Wasserstoff als Treibmittel verbessert Leistung von Raketen&amp;nbsp;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Neue Raketenprojekte in den USA&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Perspektiven der sowjetischen Schulreform (II und Schluss)&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Auch die Funktionärskaste sieht ihr Bildungsprivileg bedroht&amp;nbsp;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Von George L. Kline&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Fernsehen&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Television - Wunderkind auf dem Unterhaltungssektor&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Sonntagsprogramme in den USA bedeuten Qualität&amp;nbsp;&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Von Norman Smith&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;4. Anhang&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Herter umreißt Standpunkt des Westens in Genf&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Wortlaut der Rede von US-Außenminister Christian A. Herter auf der ersten Sitzung der zweiten Phase der Genfer Außenministerkonferenz am 13. Juli 1959&lt;/em&gt;</text>
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                    <text>amerika dienst
United
53

States

Bonn-Bad

Tel:

Nummer

Information

G o d e s b e r g l ,

8 9 - 3 2 4 0

Service

Postfach

300

Information
und
Dokumentation

T e I e x : 08 - 8 54 3 2

17. J u l i 1975

14
Inhalt

DOKUMENTATION
Weltweite Herausforderung und internationale Zusammenarbeit
- Rede des amerikanischen Außenministers in Milwaukee -

WIRTSCHAFT
US-Wirtschaftler:

Rohstoffprobleme unter neuem Gesichtspunkt sehen

- Interwiev mit Dr. Lawrence B. Krause von der Brookings Institution

Um

Übersendung von Belegexemplaren wird gebeten.

�amerika dienst
United
53

States

Bonn-Bad

Tel:

I n f o r m a t i o n

G o d e s b e r g l ,

8 9 - 3 2 4 0

Service

Postfach

Telex:

Dokumentation

300

0 8 - 8 54 3 2

14/1975

WELTWEITE HERAUSFORDERUNG UND INTERNATIONALE ZUSAMMENARBEIT
-Rede des amerikanischen Außenministers in Milwaukee-

Der Außenminister der Vereinigten Staaten, Dr. Henry A. Kissinger, hat am 14.
Juli in einer Rede vor dem Institut für
Weltoolitik an der Universität von
Milwaukee die Politik der USA gegenüber
den Vereinten Nationen dargelegt und von
"beunruhigenden" Entwicklungen in der Weltorganisation gesprochen. Der geschlossenste Block, so sagte er, sei heute der
"Block der Blockfreien", Die Rede des
ierikam'sehen Außenministers hat folgenden Wortlaut:
Vor zehn Tagen ist unsere Nation in das 200. Jahr ihres Bestehens eingetreten. Wir treten unsere 200-Jahrfeiern mit berechtigtem Stolz auf unsere Vergangenheit, einer Erkenntnis der Aufgaben der Gegenwart und großer
Hoffnung auf die Zukunft an.
Die Welt, in der wir heute leben,

schwankt unsicher zwischen einer

Ära großer Unternehmungen und Schöpfungskraft und einem Zeitalter des Chaos
und der Verzweiflung. Auf der einen Seite haben wir Waffen entwickelt, die
uns und unsere Zivilisation zerstören könnten, und auf der anderen Seite
haben wir eine Weltwirtschaft geschaffen, die - zum ersten Mal in der Geschichte - Armut, Hunger und menschliches Leid auslöschen könnte.
Dieser

�Dieser Komplex beispielloser Möglichkeiten und unvergleichlicher Gefahr steht im Mittelpunkt der großen Herausforderung, vor der die Vereinigten Staaten seit Ende des Zweiten Weltkrieges immer unmittelbarer gestanden
sind. Und es ist unsere Generation, die die Wahl treffen muß, die über Erfolg oder Mißerfolg entscheiden wird. Es ist eine Bürde, die wir mit Kraft
auf unsere Schulter nehmen oder ignorieren können, was gefährlich wäre
- aber es ist eine Last, die wir nicht abwerfen können.
Unser Land ist zum Symbol für die Fähigkeit des Menschen geworden,sein
Schicksal zu meistern. Es ist ein stolzes Erbe, das Millionen von Menschen,
die während der letzter, zwei Jahrhunderte auf uns als einen Leuchtturm der
Freiheit und Gerechtigkeit geblickt haben, Hoffnung und Inspiration gab.
Die heutige Generation vor. Amerikanern muß ihrer Pflicht ebenso treu
bleiben wie frühere Generationen der ihrigen. In einer Zeit, da Waffen in
Minuten von Kontinent zu Kontinent fliegen, ist unsere Sicherheit mit dem
Weltfrieden verflochten. Wenn unsere Fabriken, Farmen und unsere finanzielle Stärke von Entscheidungen tief berührt werden, die von anderen Ländern
getroffen werden, dann ist unsere Prosperität mit der Prosperität der Welt
verknüpft. Der Frieden der Welt und unsere eigene Sicherheit, der Fortschritt der Welt und unsere eigene Prosperität sind unteilbar.

Die Struktur des Friedens
Wir haben eine stolze Grundlage, auf der wir aufbauen können. Wir haben die Stabilität in der Welt aufrechterhalten, die Sicherheit und Unabhängigkeit von Dutzenden von Ländern garantiert und Blut und Gut für die
Verteidigung der Freiheit geopfert. Unsere wirtschaftliche Unterstützung
hat unseren wichtigen Verbündeten geholfen, ihre Stärke wiederzugewinnen.
Wir haben zu einem globalen Handels-und Währungssystem beigetragen, das
die Prosperität in der ganzen Welt gehoben und verbreitet hat. Mit unserer
Ermutigung haben die neuen Staaten ihren Platz in der internationalen

- 2 -

�internationalen Gemeinschaft eingenommen und sich auf den Pfad der wirtschaftlichen Entwicklung begeben. Auf unsere Initiative hin wurden viele alte Streitfälle mit friedlichen Mitteln beigelegt. Konflikte wurden eingedämmt und ein
Weltkrieg wurde verhütet.
Wir haben mehr Wirtschaftshilfe geleistet als irgend ein anderes Land in
der Geschichte. Wir haben mehr Lebensmittel zur Verfügung gestellt, mehr Menschen "|C anderen Länden eine Ausbildung vermittelt und mehr Einwanderer und
Flüchtlinge aufgenommen. Wir haben das getan, weil wir ein großzügiges Volk
sind - wofür wir uns nicht zu entschuldigen brauchen - und weil wir begriffen
haben, daß unser eigenes Interesse mit dem Schicksal der ganzen Menschheit verknüpft ist.
Diese Erfolge haben große Veränderungen herbeigeführt. Die starren Formen
der Zeit des Kalten Krieges sind gesprengt worden. Macht und Wohlstand, Ideologie und Zielsetzung haben sich ausgebreitet und haben die internationale
Szene verändert. Der Wiederaufstieg Europas und Japans, die Rivalität unter
kommunistischen Staa^°n, das Wachsen der militärischen Technologie, der Aufstieg
und die zunehmende Vielfalt der Entwicklungsländer haben eine neue globale
Umwelt geschaffen - eine Welt mit vielen Machtzentren, der anhaltenden ideologischen Differenzen, umwölkt von der nuklearen Gefahr und im Kampf um wirtschaftliche Sicherheit und wirtschaftlichen Fortschritt. Im Brennpunkt der
amerikanischen Außenpolitik steht die Hilfe bei der Gestaltung dieser Umwelt
zu einer neuen internationalen Struktur, die auf Ausgewogenheit statt Konfrontation beruht, die die Länder durch die Praxis der Kooperation verbindet, die
Ausdruck der Realität der weltweiten Interdependenz ist.
Unsere Aufgabe beginnt im eigenen Lande. Wenn wir im Ausland stark und
effektiv sein wollen, dann müssen wir im eigenen Lande stark und zielbewußt
sein.
Um den Frieden erhalten zu können,muß unser

militärische Stärke über jede

Herausforderung erhaben sein.
Um
- 3 -

�Um die weltweite Prosperität fördern zu können, muß unsere Binnenwirtschaft
blühen.
Um unsere internationalen Anstrengungen bewältigen zu können, müssen wir
ein geeintes Volk sein, sicher in unserer Zielsetzung und entschlossen, auf
den großen Leistungen unseres nationalen Erbes weiter aufzubauen. Unsere erste
Verpflichtung im Ausland gilt den großen industriellen Demokratien, mit denen
uns gemeinsame Geschichte, Prosperität und politische Ideale -erbinden. Unsere
Bündnisse über den Atlantik hinweg und mit Japan sind der Eckpfeiler unserer
Außenpolitik. Sie sind he'^e mehr als nur eine Antwort auf militärische Bedrohung, sie sind auch Instrumente der sozialen und wirtschaftlichen Zusammenarbeit.
Das letztliche Ziel unserer Bündnisse ist gewesen, die Spaltung der Welt
zu erleichtern, nicht festzuschreiben. In den letzten Jahren haben die Vereinigten Staaten eine Reihe von Schritten getan, um konkrete Problem mit der Sowjet-"
union zu lösen und die Grundlage für positivere Bemühungen zu legen. Wir haben
auch ein neues Verhältnis zur Volksrepublik China zustande gebracht.
Es kann kei&gt;° dauerhafte internationale Stabilität ge K en, solange die
Großmächte nich

lernen, "urückhaltung zu üben und sich wirklich um den Welt-

frieden zu bemüf.c.i. All unsere Hoffnungen auf eine bessere Welt erfordern, daß
sie ihre Macht zum Wohle der Menschheit einsetzen.
Die Dutzende neuer Staaten,die seit dem Zweiten Weltkrieg ihre Unabhängigkeit erlangten, sind jetzt zu Hauptakteuren auf der Weltbühne geworden. In ihrem
Streben nach eigenem Fortschritt stellen sie eine Herausforderung an die üh^A ge Welt dar - zu zeigen, daß die internationale Struktur ihnen eine Rolle bieten kann und einen fairen Anteil sowie Würde und Verantwortung.
Wir sind alle - Verbündete und Gegner, neue Staaten und alte, reiche und
arme - Teil einer Weltgemeinschaft. Unsere Interdependenz auf dieser" Planeten
ist das zentrale Faktum unserer Diplomatie geworden. Energie, Bodenschätze,

*

�Bodenschätze, Umwelt, Bevölkerung, die i'lutzunc des Weltraums und der Meere das alles sind Probleme! deren Segnungen und Bürden weit über nationale Grenzen hinausreichen. Sie tragen die Saat des politischen Konflikts für die
künftige Generation in

sich: sie fordern die Fähigkeiten der internationalen

Gemeinde mit neuen Forderungen nach Weitblick und Staatskunst heraus.
vieles unserer heutigen Agenda ist daher globaler Natur und muß global
angepackt erden. Innerhalb der nächsten zwei Kochen werden zwei große Konferenzen der bedei'tsamsten internationalen Organisationen der Vereinten Nationen
stattfinden. Eine Sondersitzung der Vollversammlung wird sich mit wirtschaftlichen Problemen befassen und die 3C.reguläre Sitzungsperiode der Vollversammlung wird sich dem weiten Bereich internationaler Probleme zuwenden.
Ich möchte daher diese Gelegenheit benutzen,um Jhnen und den anderen Mitgliedern der Vereinten Nationen eine offene Beurteilung zu geben, wie die amerikanische Regieru11 die heutigen Vereinten Nationen betrachtet - ihre Fähigkeiten und ihre Grenzen, ihre Zukunftsaussichten und die Tendenzen, die den
künftigen Fortschritt bedrohen.

Die bisherige Leistung der UN
Dreißig Jahre nach der Gründung der Vereinten Nationen darf man ihre
Leistungen als wesentlich und ihre Zukunftsaussichten als groß betrachten.
Im größten Teil der Welt herrscht Frieden, über das Nichtvorhandensein des
bewaffneten Konflikts hinaus hat sich ein Übergang von einer Hauptbesorgnis
um die Sicherheit zu einer Sorge ur: den wirtschaftlichen und sozialen Fortschritt der ganzen Menschheit vollzogen.
Und doch wird rsrace in einer Zeit,in der Interdependenz zur internationalen Zusammenarbeit zwingt, und da die Mitgliederschaft der Vereinten Nationen höchst universal ist, die internationale Organisation durch einen neuen
Zusammenstoß der Ideologien und Interessen und durch beharrliche Taktiken
- 5 -

�Taktiken der Konfrontation auf die Probe gestellt. Solche Tendenzen verringern
die Aussichten auf künftige Erfolge und bedrohen die Institution selbst.
Lassen Sie mich diese Tendenzen in eine historische Perspektive rücken.
Das Ende des Zweiten Weltkrieges brachte eine Periode des Idealismus und
der Hoffnung. Der Sieg im Kriege gegen tyrannische Regime - durch Länder, die
sich zu diesem Zweck vereint hatten - schien ebenso ein Triumph der Freiheit
als auch des Friedens zu sein. Das Ende des Kolonialzeitalters stand kurz bevor und war klar abzusehen. Die furchtbare Kraft der Nuklearwaffen gab ironischerweise zu der Hoffnung Anlaß, daß sich die zwingende Notwendigkeit der
kollektiven Sicherheit und der friedlichen Beilegung von Streitigkeiten
schließlich der Mr --hheit von selbst aufdrängen w"rde. Der Völkerbund hatte
versagt, aber die Kosten eines neuerlichen Versagens schienen so überwältigend,
daß die Hoffnung entstand, die Völker der Welt würden sich einfach verpflichtet
fühlen, die Vereinten Nationen zu einem Erfolg zu machen.
Kein Land hat diese Hoffnung echter gehegt als die Vereinigten Staaten.
Kein Land hat ernsthafter von den Vereinten Nationen erwartet, daß sie an die
Stelle von Gewalt und Herrschaft die Zusammenarbeit setzen würden. Keine Regie- '
rung hat ernsthafter danach gestrebt, eine Weltorganisation zu schaffen, die in
der Lage wäre, zu handeln. Es ist wert, daran zu erinnern, daß wir ein Je.hr nach
der Konferenz von San Franzisko, als die Vereinigten Staaten im Alleinbesitz
der Nuklearwaffen waren, angeboten haben, diese gesamte Technologie an die
Vereinten Nationen zu übergeben.
Aber selbst damals waren amerikanische Sprecher schon bedacht, darauf hinzuweisen, daß es für das Ausmaß der neuen Organisation realistische Grenzen gebe. Von diesen Grenzen ist die wichtigste und vielleicht die am leichtesten
zu übersehendste, daß die Vereinten Nationen keine Weltregierung sind. Sie
sind eine Organisation souveräner Staaten. Es handelt sich nicht um eine

- 6 -

�eins Körperschaft, die getrennt und für sich von ihren Mitgliedern existiert.
Sie spiegelt den Zusammenhang mit der Welt wieder, in der sie operiert; ihre
Vielfalt,ihre Unzulänglichkeiten, ihre vielen Zentren der Macht und der Initiative , ihre konkurrierenden Werte, ihre weltliche Mischung von Edelmut und
Trarcdie.
Die Hoffnung der Gründer auf Frieden beruhte keineswegs auf dem naiven
Glauben an die Vollkommenheit des Menschen,sondern auf der Hoffnung, daß die
Großnächte, denen eine beherrschende Rolle im Sicherheitsrat eingeräumt w u H e ,
in der Lage wären, sich zur Erhaltur.c des Friedens miteinander abzustimmen.
Diese Hoffnung erwies sich natürlich als ein totgeborenes Kind, als die Vereinten Nationen zur Arena der Konfrontation des Kalten Krieges wurden.
Eine Generation später weisen ihre Annalen in der Erhaltung des Friedens
chl Erfolge als auch Mißerfolge auf. Es gab örtliche Kriege, a^er es gab
keinen Weltkrieg. Mehr als einmal konnten kleine Konflikte, die ii der Vergangenheit zu großen geführt hätten, durch die Bemühungen der Vereinten Matio
nen eingedämmt werden.
Immer wieder - im östlichen Mittelmeer, im Mähen Oster., im Kongo, in
Kaschmir - hat sich die friedenserhaltende Rolle der Vereinten Nationen als unerläßlich für eine Regelung, für Garantien und für die Verhütung einer Intervention der Großmächte erwiesen. Wenn auch nur ein winziger Abglanz der ursprünglich gedachte*1 ^"-"»otion der kollektiven Sicherheit, haben sich diese
Operationen als wer voll

d in zunehmendem Maße als unerläßlich erwiesen.

Sie stellen die fortounnttlichsten Manifestationen der internationalen ZuSETienarbeit auf dem Gebiet der Sicherheit dar, die es bisher gegeben hat.
Die Vereinten Nationen haben den Grundsatz begriffen, daß Frieden nicht
das gleiche ist wie Status quo, sondern auch Verfahren für eine friedliche Veränderung einschließen muß. Ob durch Sonderkontossionen oder Vermittler oder
durch die erweiterte Rolle des Generalsekretärs im Rahmen seiner weitgehenden
Aufgaben nach Artikel 99 der Charta haben sich die Vereinten Nationen seit

" 7"

�seit ihrer Gründung in zahlreichen Fällen als ein flexibles Instrument der
friedlichen Regelur.c anaeboten.
Die Vereinten Nationen haben ein Forum für die Debatte und die Verhandlung
über renicnale oder globale Probleme sowie für multilaterale Bemühungen um die
Rüstungskontrolle und Abrüstung geboten. Das Gespräch stellt ein Sicherheitsventil dar und eine Scndierungsmöglichkeit. Oft wird auf dem Korridor ohne
grofes Aufheben ein Fortschritt erzielt.
kir fanden bald heraus, daß dem Handeln der Vereinten Nationen für Frieden
und Sicherheit Grenzen gesetzt sind. Ihre Zuständigkeit kann nicht weiter gehen
als die Obereinstimmung ihrer Mitglieder,

Und in den umfassenden Fragen von

Krieg und Frieden sind es die Großmächte

die schon allein wegen ihrer terri-

torialen Größe, ihrer militärischen Stärke, ihrer wirtschaftlichen Macht und
wegen ihres politischen Einflusses die Hauptverantwortung für Stabilität und
Sicherheit in der Welt tragen.
•

Neuerdings, da die Großnächte die Praktiken der Koexisten: lernen, besteht die Hoffnung, daß die Vereinten Nationen erneute Möglichkeiten für ein
wirksames Handeln im Einklang mit der Vision ihrer Gründer finden können.
Die Vereinten Nationen, ursprünglich in erster Linie mit Fragen von Frieder, und Sicherheit befaßt, sind zum Brennpunkt einer wachsenden Konzentration
auf wirtschaftliche und soziale Fragen geworden. Die Charta der Vereinten Nationen enthält die Verpflichtung, die "internationale Maschinerie zur Förderung des wirtschaftlichen und sozialen Fortschritts aller Völker einzusetzen.''
Heute werden rund neun Zehntel der Ausgaben innerhalb des Systems der Vereinten Nationen für die wtrtsshaftlicht und soziale Zusammenarbeit aufgewandt. Wir
begrüßen diese Entwicklung und haben großzügig zu ihr beigetragen.
Es sind in der Tat diese Gebiete, auf denen die Arbeit der Vereinten Nationen am erfolgreichsten ist, wenn auch am wenigsten beachtet. Ihr- Srnderorganisationen haben sich auf einer Vielzahl von Gebieten der menschlichen

- 8 "

Jid_

�und internationalen Anliegen wirksam betätigt: Beschleunigung der Entkolonialisierung, Ausbreitung der Bildung, Wissenschaft und Technologie, Organisation der
globalen Zusammenarbeit zir. Bekämpfung von Hunger und Krankheit, zum Schutz der
Umwelt, zur Begrenzung des Bevölkerungswachstums, zur Regulierung des internationalen Verkehrs-und r ^nmeldewesens, zur friedlichen Nutzung der Nuklearenergie, zur Förderung der Menschenrechte und zur Ausbreitung des international
Rechts unter den Ländern, im Weltraum und auf den Meeren, zur Erhaltung des
kostbaren Erbes der Menschheit. Es ist beeindruckend, daß die Vereinten Nationen in der Lage waren, auf so viele Aufgaben der modernen Zeit so schöpferisch
zu reagieren.
So sind also die Vereinten Nationen von beträchtlicher Bedeutung für die
Zukunft der Welt. Sie haben unsere traditionellen sicherheitspolitischen und politischen Anliegen den neuen Bedingungen der internationalen Diplomatie angepaßt.
Sie haben ihren Aufgabenbereich - noch bevor die meiste Nationen dies taten auf die neue Agenda ausgedehnt, vor die die Weltgemeinschaft heute gestellt
ist. Die Vereinten Nationen sind sowohl ein Symbol unserer Interdependenz als
auch unser universales Instrument für den gemeinsamen Fortschritt.
In diesem Zusammenhang möchte ich der hervorragenden Führung der Vereinten
Nationen durch Generalsekretär Waldheim Anerkennung zollen. Er ist unermüdlich
und hat sich völlig dem Frieden» der Fairness und der Zukunft der Vereinten Nationen verschrieben.
Die Schnelligkeit und die Wirksamkeit, mit der er Ende 1973 friedenserhaltende Streitkräfte nach den Mähen Osten entsandte, sind nur ein Beispiel für die
vielen Dienste, die er der Organisation und der internationalen Gemeinschaft geleistet hat.

Die

�Die Vereinigten Staaten und die Vereinten Nationen
—

—

Trotz all dieser Erfolge ist die Zukunft der Vereinten Nationen umwölkt.
Vieles, was sich in den letzten Jahren in den Vereinten Nationen zugetragen
hat, stimmt uns nachdenklich. Gerade in dem Augenblick, da die Konfrontationen zwischen den Großmächten ein Ende fanden, kam es in den Vereinten Nationen und einigen ihrer Sonderorganisationen zu beunruhigenden Entwicklungen.
Ideologische Konfrontationen, Blockabstimmungen und neue Versuche, durch
Manipulation der Charta einseitige Ziele zu erreichen, drohten die Vereinten Nationen zu einer Waffe der politischen Kriegführung zu machen, statt
zu einer Institution der Heilung politischer Konflikte und der Förderung des
Wohles der Menschheit.
Die Vereinten Nationen sind naturgemäß ein Spiegelbild der Entwicklung
ihrer Mitgliederschaft. In ihrer ersten Phase spiegelten sie den ideologischen Kampf zwischen dem Westen und dem Osten wieder; in dieser Zeit folgten,
die Vereinten Nationen im allgemeinen der amerikanischen Führung. In jenen
Tagen fanden sich immer wieder um die 5o Stimmer, die unseren Standpunkt unterstützten, und nur eine Handvoll Stimmen von Mitgliedern des kommunistischen Blocks war dagegen.
Zehn Jahre später, als sich die Zahl der Mitglieder auf über 80 erhöht
hatte, war unsere dominierende Stellung in der Vollversammlung nicht mehr
gewährleistet. Weder Ost noch West konnten sich durchsetzen. Im Weltsicherheitsrat fand die amerikanische Position immer noch Unterstützung, während
die Sowjetunion ein Veto nach dem anderen einlegen mußte, um das, was sie
als ihre lebenswichtigen Interessen betrachtete, zu schützen.
Aber mit dem plötzlichen Sprung auf die gegenwärtige Mitgliederzahl von
138 wurden die früheren Tendenzen de) Blockpolitik immer ausgepräcter und gefährlicher. Die jungen Nationen wandten sich aus verständlichen Gründen an
die Vereinten Nationen, in denen sie ein Übergewicht haben, in der Suche

�Suche nach einer Macht, die dort einfach nicht zu finden ist. Die Vollversammlung kann keine rechtlich bindenden Entscheidungen treffen. Und doch haben
rein zahlenmäßige Mehrheiten auf ihrem Willen und ihren Zielen bestanden,
obwohl sie

gemessen an Bevölkerungszahl und Finanzbeiträgen - nur einen

kleinen Teil der tfitgliederschaft darstellen. So wurde im Verlaufe dieses Prozesses ein Forum der Schlichtung zu einem Ort der Konfrontation.
noralische Einfluß, den die Vollversammlung ausüben sollte, ist in
Gefahr geraten und könnte zunichtegemacht werden, sollten die Regierungen
- vor allem diejenigen, die finanziell die Hauptlast tragen - das Vertrauen
in die Organisation verlieren, weil ihr mechanisch und immer willkürlicher
ein Wille aufgezwungen wird.
Es ist eine Ironie, daß gerade in dem Augenblick, da die USA die Blockfreiheit akzeptierten, die Länder, die sich ursprünglich für eine solche Haltung zur Wahrung ihrer souveränen Unabhängigkeit von den mächtigen Militärbündnissen ausgesprochen hatten, nunmehr selbst eigene, starre Rlöcke bilden. Der wohl festeste Block in der heutio«&gt;n Welt ist paradoxerweise der
Block der Blockfreien. Er teilt die Welt auf in Kategorien wie Nord und Süd,
entwickelt und unterentwickelt, herrschende und beherrschte, und zw?^ gerade in einem Augenblick der Geschichte, da solche Kategorien irrelevant und
irreführend geworden sind.
Niemals zuvor hat die Welt dringender kooperativer Lösungen bedurft.
Niemals zuvor waren die Industriestaaten eher bereit, sich mit den Problemen der wirtschaftlichen Entwicklung in einem konstruktiven Geist zu befassen. Aber nach einer Seite neigende, emotionelle Stimmabgabe, voreingenommene Ergebnisse und willkürliche Taktiken drohen diese Möglichkeiten zunichte zu machen..Die Nützlichkeit der Vereinten Nationen als Sicherheitsventil und als Instrument der internationalen Zusammenarbeit wird untergraben.
Tragischerweise werden die Hauptopfer die Länder sein, die das zu erzwingen

- 11 -

�erzwingen suchen, was im Grunde ihnen gehören kinnte, wenn sie sich kooperativ verhielten.
•

•

Eine in gleicher Weise bedauerliche Entwicklung ist der Trend in den Sonderorganisationen, das Hauptaugenmerk auf politische Fragen zu richten und damit von der eigentlichen Arbeit dieser Organisationen abzulenken. Die UNESCO,
deren Aufgabengebiet kulturelle Fragen sind, und die Internationale Arbeitsorganisation (ILO) sind in hohem Maße politisiert worden. Ein ungeheuerlicher
Fall ereignete sich kürzlich im Welternährungsrat in Rom. in dem gerade die
Länd^, die am dringendsten Lebensmittelhilfe benötigen und am meisten Nutzen
aus ihr ziehen würden, damit drohten, seine Arbeit durch störende, einer internationalen Organisation unwürdige Taktiken zunichte zu machen. Dieser Rat
war auf amerikanische Initiative hin auf der Welternährungskonferenz im vorigen Jahr ins Leben gerufen worden.
Er bringt unsere tiefsten humanitären Anliegen zum Ausdruck; er stellt
einen ernsthaften Versuch unsererseits dar, Hunger und Unterernährung zu beseitigen. Die Schmähung durch die, denen wir zu helfen suchen, die Angriffe
auf unsere Motive durch die Nutznießer unserer Bemühungen drohen gerade das
Gebäude der Zusammenarbeit auf einem Gebiet zu unterminieren, das langfristig
von entscheidender Bedeutung für die Menschheit ist.
• ' . ' •

Wir sind uns klar darüber, daß jene von uns, die die gegenwärtige Krise
überwinden wollen, ein gewisses Verständnis für ihre Ursprünge aufbringen
müssen. Die Großmächte haben sicherlich nicht immer ein konsequentes Beispiel
einer uneigennützigen oder wohltätigen Haltung gegeben. Die Länder, die die
Industriestaaten in die Kniee zu zwingen suchen, sind selbst in der Vergangenheit in die Kniee gezwungen worden. Die Geschichte zahlt uns allen heim. Aber
gerade um über cie Geschichte hinauszuwachsen, wurden die Vereinten Nationen
gegründet. Und gerade um solchen Tendenzen Einhalt zu gebieten, machen die
V ereinigten Staaten heute auf sie aufmerksam.
•

Dieser
- 12 -

�Dieser Prozeß führt sich eindeutig selbst ad absurdum. Nach den Regeln
in der Vollversammlung sind die unter Zwang Stehenden keineswegs gezwungen,
sich zu unterwerfen. Es werden ihnen im Gegenteil noch zu viele Anreize gegeben, einfach von der Szene abzutreten, sich dem Vorwand zu entziehen. Solche
Anreize werden in unheilvoller Weise gefördert, wenn die Vollversammlung und
die Sonderorganisationen Mitgliedsstaaten ausschließen, weil diese aus dem
einen oder anderen Grund nicht ihre Billigung finden.
Unsere Sorge hat nichts mit unserer Einstellung gegenüber den Praktiken
oder der Po'Mtik der betreffenden Regierungen zu tun, gegen die solche Maßnahmen getroffen werden. Unsere Haltung ist von der Charta bestimmt. Wenn die
Vereinten Nationen von ihrer Charta abzugehen beginnen, nach der Aussetzung
der Mitgliedschaft und Ausschluß eindeutig das Vorrecht des Weltsicherheitsrates sind, fürchten wir um die Integrität und den Fortbestand der Vollversammlung selbst und auch der Sonderorganisationen. Diejenigen, die die UNMitgliedschaft durch Verfahrensmißbrauch zu manipulieren suchen, könnten
eines Tages eine leere Schale erben.
Wir sind entschlossen, allen Bestrebungen entgegenzutreten, die unseres
Erachtens nach die Effektivität der Vereinten Nationen auf nicht wiedergutzumachende Weise untergraben.
Gerade die kleineren Mitglieder der Organisation würden am meisten verlieren. Sie brauchen die Vereinten Nationen mehr als die größeren Mächte, wie
die Vereinigten Staaten, die innerhalb oder außerhalb der Institution gedeihen
können.
Es müssen Mittel und Wege gefunden werden, damit Macht und Verantwortung
in der Vollversammlung und in den Sonderorganisationen den Realitäten in der
Welt richtiger entsprechen. Die Vereinigten Staaten waren das Land, das den
Vereinten Nationen bei weitem die größte finanzielle Unterstützung gewährt
hat; aber die Unterstützung seitens des amerikanischen Volkes, die das Herz-

�Herzblut der Organisation ist, kommt einer falschen Stelle zugute, wenn nicht
fair play herrscht und die zahlenmäßige Mehrheit nicht die Ansichten der Minderheit respektiert. Das amerikanische Volk ist begreiflicherweise der zündenden Reden gegen uns, des Alles-oder-Nichts-Standpunktes, der von Forderungen nach Opfern unsererseits begleitet wird, müde, die allzu häufig in
den Konferenzsälen der Vereinten Nationen dominieren.
Die Vereinigten Staaten werden trotz dieser Trends alles in ihren Kräften stehende tun, um die Vereinten Nationen bei ihren positiven Vorhaben zu
unterstützen und zu stärken. Trotz aller ihr gesetzten Grenzen und aller ihrer Schwächen ist die Weltorganisation weiterhin eine dringende Notwendigkeit.
Wir sind zur Zusammenarbeit bereit, aber wir sind ebenso entschlossen,
auf ordnungsgemäßen Verfahren und wif Einhaltung der Charta zu bestehen. Die
Vereinten Nationen waren niemals al:

eine Organisation gl eichgesinnter Staa-

ten gedacht, sondern als ein Forum, das eine unterschiedliche Politik und
unterschiedliche Interessen ermöglicht und respektiert. Die Welt braucht kooperatives, nicht willkürliches Handeln;

gemeinsame Anstrengungen, nicht

aufgezwungene Lösungen. In diesem Geiste werden die Verein1'~ten Staaten alles
in ihren Kräften stehende tun, um die Vereinten Nationen zu einer lebendigen
Hoffnung auf eine bessere Zukunft zu machen.

Die vor uns liegende Tagesordnung
Das ist also die Verheißung und das Problem der Vereinten Nationen. Wir
müssen sicherstellen, daß die Verheißung die Oberhand behält, denn die vor
uns liegende Tagesordnung macht die Institution noch notwendiger als jemals
zuvor.

Di£

- 14 -

�•f

Die Vereinten Nationen stehen erstens vor ständigen und wachsenden Verpflichtungen in ihrer Aufqabe - wie es in den berühmten Worten der Charta
heißt - "die kommenden Generationen vor der Geißel des Krieges zu bewahren".
Eines der zentralen Probleme unserer Zeit ist der Nahostkonflikt, und
der Weltsicherheitsrat spielt bei der Suche nach einer Lösung weiterhin eine
entscheidend wichtige Rolle. Die Resolution 338 aus dem Jahre 1973 hat einen
Verhandlungsprozeß in Gang gesetzt, der Früchte getragen und sich als dauerhaft erwiesen hat. Generalsekretär Waldheim hat die erste Sit" mg der Genfer
Konferenz einberufen und vor ihr gesprochen. Die Resolution 242 des Jahres
1967 zeigte die allgemeinen Prinzipien für einen umfassenden Frieden auf. Die
Stationierung von Truppen der Vereinten Nationen war ein unentbehrliches Element der kürzlichen Entspannungsabkommen zwischen Israel und Ägypten und Israel und Syrien im Jahre 1974.
Aber trotz dieser und anderer echter Erfolge stehen die weltweiten Gefahren lokaler Konflikte weiterhin drohend im Hintergrund. Die Welt hat c ich mit
ihnen in einer Weise befaßt, als wäre es möglich, den Konflikt auf ewig einzudämmen. Aber eine solche Toleranz fordert die Feuersbrunst heraus. Auf solche Weise begannen die ersten beiden Weltkriege. Es darf keinen bitten geben; denn bei den modernen Waffen würde es keinen vierten mehr geben.
Es genügt nicht, die auftretenden Krisen einzudämmen; wir müssen ihre Ursachen beseitigen. Präsident Ford ist daher entschlossen, zur Herbeiführung
einer Verhandlungslösung im Nahen Osten, auf Zypern und in anderen strittigen
Gebieten beizutragen. Frieden erhalten und Frieden stiften müssen auf der Tagesordnung der Vereinten Nationen an oberster Stelle stehen.
Ein weiteres Problem für den Frieden, mit dem sich die Völkergemeinschaft
der Welt vordringlich befassen muß, ist die Ausbreitung der Nuklearwaffen.
Ihre furchtbare Wirkung hat diese Waffen fast drei Jahrzehnte lang an die Kette
gelegt; ihr hoher technischer Stand und ihre Kosten haben lange dazu beigetragen, die Zahl der Besitzerländer zu begrenzen. Aber jetzt schwinden die poli-

- 15 -

�politischen Hemmungen. Eine nukleare Katastrophe - ob geplant oder infolge
eines Fehlers, Zufalls, Diebstahls oder einer Erpressung - erscheint nicht
länger unwahrscheinlich.
Es ist dringend notwendig, dem nuklearen Wettrüsten zwischen den Großmächten Einhalt zu gebieten, und es ins Gegenteil zu verkehren. Wir sind

ge-

genwärtig dabei, die in Wladiwostok zwischen Präsid&lt;~t Ford und Generalsekretär Breschnew vereinbarten Prinzipien in einen neuen Vertrag zwischen den
Vereinigten Staate1 und der Sowjetunion zu übertragen, der zum erst^" Mal auf
lange Sicht eine Höchstgrenze für die strategischen Waffen beider Seiten festlegt.
Während w'r uns um eine Verlangsamung der Spirale der nuklearen Rüstungen bemühen, müssen wir gleichzeitig darauf hinarbeiten, ihrer Ausbreitung
Einhalt zu gebieten. Das erfordert politische und technische Maßnahmen. Auf
diesen Gebieten war die Arbeit der Vereinten Nationen wichtig und sie könnte .
von entscheidender Bedeutung sein.
Der 1970 in Kraft getretene Atomwaffen?- ^rrvertrag war ein wichtiger Anfang. Die kürzlich unter der Ägide der Vereinten Nationen abgehaltene Konferenz zur Revision des Vertrages und die Anerkennung seiner Bestimmungen durch
zusätzliche Länder waren wertvolle weitere Schritte.
Jetzt hat die Verschärfung der F-'rhrrungsbestimmungen für den Export nuklearen Materials für friedliche Zwecke Yiorität. Die Ölkrise verleiht dieser Aufgabe neue Dringlichkeit, denn sie hat für eine wachsende Zahl von Ländern die Entwicklung von Kernenergie notwendig gemacht. Das bedeutet, daß Materialien wie Plutonium und Ausrüstungen, d-*' zur Entwicklung von Kernsprengstoffen benutzt werden könnten, in einem größeren Umfang verfügbar werden.
Künftige Generationen können mit Recht von uns erwarten, daß der kommerzielle Wettbewerb zwischen den Industriegüter exportierenden Ländern nicht ^o_

- 16 -

�so rücksichtslos und verantwortungslos geführt wird, daß er die Ausbreitung
von Nuklearwaffen beschleunigt und damit das Risiko einer nuklearen Katastrophe
vergrößert.
Daher haben die Vereinigten Staaten vertrauliche Gespräche mit anderen
Nuklearexport betreibenden Ländern aufgenommen, ••m schärfere und allgemein akzeptierte Sicherungen auszuarbeiten. Bei dieser Aufgabe kommt der Rolle und der
Arb eit der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA) der Vereinten Nationen
eine entscheidend

ichtige Bedeutung zu. Wenn die friedlichen Nuklearprogramme

an Umfang und Komplexität ständig zunehmen, ist es entscheidend wichtig, daß
Liefer-und Verbraucherländer sich über feste und eindeutige Exportnormen und
verschärfte IAEA-Sicherungsbestimmungen einigen. Ein wirksames Weltsicherungssystem

wird die nuklearen Risiken auf ein Minimum verringern und gleichzeitig

die Entwicklung der friedlichen Kerne- -gie fördern. Die Kontrolle der Nuklearwaffen ist einer der entscheidendster Bewährungsproben dieser Generation. Die
Vereinten Nationen können ganz wesentlich zu der Entscheidung beitragen, ob
wir diese Bewährungsprobe bestehen werden.

Die neue Agenda - das Problem der Interdependenz
In den letzten Jahren hat die Weltwirtschaft eine Reihe von Erschütterungen und Belastungen erlebt.
-- Die Länder haben in weltweitem Ausmaß sowohl unter einer schweren Inflation als auch unter einer tiefen Rezession zu leiden.
-- P°r Preis des wichtigsten Rohstoffes, des Erdöls, ist jäh und willkürlich heraufgesetzt worden.wodurch den Volkswirtschaften aller Verbraucherländer große Belastungen und den ärmsten Ländern schwerste Härten auferlegt
werden.
— Die Nahrungsmittelreserven der Welt sind in nur wenigen Jahren in einem
alarmierenden Maße zurückgegangen. Wenn nicht umfassende Anstrengungen unternommen werden, könnte die Kluft zwischen Bevölkerungswachstum und Nahrungs-

- 17 -

�v

Nahrungsmittelerzeugung verheerende Ausmaße annehmen.
— Das Streben nach wirtschaftlichem Wachstum wird durch die Tatsache der
Interdependenz kompliziert; es kann nicht länger durch nationale Anstrengungen
allein erreicht werden, sondern erfordert koordinierte weltweite Maßnahmen.
Die Sondersitzung der Vollversammlung im kommenden September wird sich auf
die neuen, weltweiten wirtschaftlichen Anliegen konzentrieren.
Es wird eine baldige und wichtige Bewährungsprobe sein: Werden die reichen
Länder und die armen Länder gemeinsame Ziele feststellen und die Probleme zusammen lösen, oder werden sie ihre Meinungsverschiedenheiten noch schärfer
herausstellen? Können wir unsere Kraft statt für Redeschlachten für ein? -raktische Zusammenarbeit aufwenden? Werden die Länder nach belanglosen Abstimmungssi egen oder nach konkreten Fortschritten streben?
Die Vereinigten Staaten haben ihre Entscheidung getr^-^en. Wir glauben
fest an ein kooperatives Vorgehen. Wir glauben, daß die Zeit gekommen ist, um
die technologischen und wirtschaftlichen Begabungen der Menschen in den Dienst,
des Fortschritts für alle zu stellen. Wir werden mit der Entschlossenheit in
die Sondersitzung gehen, Fortschritte zu erzielen; wir werden konkrete und konstruktive Vorschläge auf einem weiten Feld '/irtschaftlicher Tätigkeiten, '.-.ia
Handel und Rohstoffe, Weltnahrungsmittelerzeugung und internationale Finanzmaßnahmen, unterbreiten.
Die Sondersitzung wird strukturelle Veränderungen erwägen, um das Potential der Vereinten Nationen auf dem Gebiet der wirtschaftlichen Entwicklung
zu verbessern.
Eine von Generalsekretär Waldheim eingesetzte Expertengruppe hat soeben
eine Studie zu diesem Thema abgeschlossen. Wir werden während der Debatte in
der Vollversammlung spezifisch zu diesen Empfehlungen Stellung nehmen.

in
- 18 -

�In diesem Geiste möchte ich mich direkt an die jungen Nationen wenden,
die ihre Forderungen mit wachsender Leidenschaft vorgebracht haben. Wir haben
ihre Anliegen gehört und beginnen sie zu verstehen. Wir wollen darauf eingehen. Wir sind bereit, gemeinsame Anstrengungen zu unternehmen, um ihre wirtschaftlichen Probleme zu beheben. Es liegt auf der Hand, daß dies eine kooperative Haltung vorai

&gt;tzt. Wenn Nationen einander mit Achtung und Verständ-

nis begegnen, dann können die beiden Tagungen in diesem Herbst den Beginn
einer neuen Ära bedeuten, in der die Realitäten der interdependenten Weltwirtschaft eine weltweite Anstrengung hervorbringen, um einen friedlichen und wesentlichen Wandel herbeizuführen.
Auf der anderen Seite müssen wir ganz offen sagen, was geh. und was
nicht geht. Wir glauben, daß wirtschaftliche Entwicklung in erster Linie ein
interner Prozeß ist.
Entweder schaffen Gesellschaften die Bedingungen für Spartätigkeit und
Investition, für Neuerung und Erfindung, für Unternehmung und Industrie, die
»

schließlich zu einem eigenständigen Wirtschaftswachstum führen, oder sie tun
es nicht. Das läßt sich nicht von heute auf morgen herbeizaubern oder durch
schöne Worte ersetzen. Wer etwas anderes behauptet, verrät eine Notwendigkeit
der ständigen Abhängigkeit von anderen.
In diesem Streben nach wirtschaftlicher Entwicklung zählt die Erfahrung,
und die Ideologie ist ein unzuverlässiger Führer. Wir wissen zumindest, welche Volkswirtschaften funktioniert und welche versagt haben; wir können nachweisen, welche Gesellschaften wirtschaftliche Fortschritte erzielt und welche
stagniert haben.
Wir wissen aus eigener Fahrung, daß Investitionen aus dem Ausland einen
wichtigen Anstoß zur wirtschaftlichen Entwicklung geben können. Wir wissen
ferner, daß sie gegenwärtig knapp sind. In der Zukunft wird es wie in der Vergangenheit einen Konkurrenzkampf geben, um Kapital anzulocken; daher können

- 19 -

�•

können die, die keine Auslandsinvestitionen wünschen, sicher sein, daß sie
auch keine ert lten werden. In gleicher Weise müssen jene Länder, die an einer
Industrialisierung interessiert sind, bereit sein, die Bedingungen zu schaffen, die Investitionen in großem Umfang anlocken.
Wie die Blöcke in der Vollversammlung abstimmen, entspricht einfach nicht
der wirtschaftlichen Realität. Die Familie der weniger entwickelten Länder umfaßt Erzeuger und Verbraucher von Energie, Importeure und Exporteure von Rohstoffen sowie Länder, die ihre Bevölkerung ernähren können,und solche, die
S'"1! dem Gespenst der Hungersnot ^eqenüber^ehen. Diese divergierenden Interessen müssen einander angepaßt werden und ihren Niederschlag in praktischen
Maßnahmen finden; sie können nicht auf der Basis der Irrealität von Blockstandpunkten gelöst werden.
•

Gleichzeitig muß die industrialisierte Welt ihre eigene Haltung der neuen
Realität einer Vielzahl von jungen Nationen anpassen. Im Grunde genommen ist
die Herausforderung politischer und nicht wirtschaftlicher Natur - ob die In-'
teressen und das Gewicht der weniger entwickelten Länder in die internationale Ordnung eingegliedert werden können. Ihre oolitischen Ziele sind oft legi-*
time Forderungen. Doch dürfen die jungen Nationen auf der anderen Seite nicht
von uns erwarten, daß wir politische Entscheidungen treffen, ohne an die wirtschaftlichen Folgen zu denken. Wenn sie wirklich ihrer Bevölkerung einen
Dienst erweisen wollen, dann muß ihr praktisches Anliegen das effektive Resultat sein.
Wenn die industrialisierte Welt die Haltung der Konfrontation zwischen
Ländern überwinden will, dann muß sie gerechte Lösungen für die weniger glücklichen Teile der Welt anbieten. Genauso wie wir über die wirtschaftlichen Auswirkungen der exorbitant hohen ülpreise mit Recht besorgt sind, so sollten wir
auch V erständnis für die Anliegen der Erzeuger anderer Rohstoffe aufbringen,
deren Einkünfte stark schwanken. Was die Tätigkeit unserer Firmen im Ausland
betrifft, so erachten wir es in unserem eigenen als auch im gemeinsamen Interesse, ein Klima des wechselseitigen Vorteils zu schaffen, in dem unsere

- 20 -

�unsere internationalen Unternehmen weiterhin für die Länder, in denen sie tätig sind, gewinnbringend und von Vorteil sein können. Wir werden diese Frage
auf der Sondersitzung eingehender zur Sprache bringen.

&lt;

Vor allem müssen die industrialisierten Länder erkennen, daß zahlreiche
Entwicklungsländer enttäuschend niedrige Wachstumsraten aufweisen. Statt einem
zufriedenstellenden Fortschritt sehen sie sich einer Fülle von Hindernissen
und einem Oberschuß an Verzweiflung gegenüber.
Die Zukunft der internationalen Politik während der nächsten Generation
- die Art von Welt, die unsere Kinder erben werden - wird dadurch bestimmt, welche Maßnahmen die Regierungen jetzt auf diesem Bereich wirtschaftlicher Fragen ergreifen werden.

Zusammenfassung
Dag Hammarskjoeld hat einst vorausgesagt, daß der Tag kommen werde, da
die Völker die Vereinten Nationen als das sehen, was sie in Wirklichkeit sind
- nicht das abstrakte Gemälde einiger Künstler, sondern eine Zeichnurq, deren
Striche die Völker der Welt gezogen haben. Und das sind sie auch- s e sind
nicht die perfekte Institution der Träumer, die in ihnen den einzig wahren
Weg zur Eintracht auf der Welt sahen; und nicht das böse Werkzeug zur Beherrschung der Welt, als das sie Isolationisten einst darstellen wollten.
Sie sind, wie so viele menschliche Institutionen vor ihnen, ein unvollkommenes Werkzeug - aber trotzdem eines, das zu großen Hoffnungen berechtigt.
Die Vereinigten Staaten bleiben weiterhin den Prinzipien verschrieben, auf d^nen die Vereinten Nationen gegründet wurden. Wir glauben weiterhin, daß sie
einemächtige

und wirksame Triebfeder zur Erhaltung des Friedens und zur über-

brückung der Kluft zwischen den Reichen und den Armen auf der Welt sein können. Wir werden alles in unsei en Kräften stehende tun, um sie dazu zu machen.
Das
- 21 -

�Das zurückliegende Jahrzehnt - und besonders die letzten Jahre - waren
für Amerika eine schwere Zeit. Wir haben die Seelenqualen der inneren Zerstrittenheit und der politischen Unruhe erlebt und die bitteren Kosten eines
langen Krieges. Aber unser Land hat all dies überstanden und auch seine
schwierigste Verfassungskrise seit dem Bürgerkrieg, und dabei sind unsere Institutionen intakt und ist unser Volk beweglich geblieben. Und wir haben erlebt, daß die Welt noch immer von uns Führung bei der Erhaltung des Friedens
und Förderung des wirtschaftlichen Fortschritts für die gesamte Menschheit
erwartet.
Aber das letzte Jahrzehnt hat ebenso klar gezeigt, daß wir - so stark
und reich wir auch sind - die Welt nicht allein neu gestalten können. Die
anderen müssen ihr Teil leisten und ihre Verantwortung tragen beim Aufbau der
besseren Welt, die wir alle für die nach uns kommenden Generationen wünschen.
Bei diesem Unterfangen kommt den Vereinten Nationen eine zentrale Rolle
zu. Gerade dort kann jedes Land, ob groß oder klein, reich oder arm - wenn
es will - seinen Beitrag zum Wohle aller leisten. Und dort müssen die Lände;
erkennen, daß Zurückhaltung das einzige Prinzip ist, das die Welt vor dem
Chaos retten kann, und daß unser aller Schicksal auf diesem kleinen Planeten
wirklich miteinander verflochten ist. Dort werden wir erleben, ob Menschen und
Völker die Klugheit und den Mut besitzen, die Ideale der Charta zur Realität
werden zu lassen, i rwJ letztlich das Parlament der Menschheit zu einem wahren
Ausdruck des menschlichen Gewissens zu machen.
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Wirtschaft

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14/1975
US-WIRTSCHAFTLER: ROHSTOFFPROBLEME UNTER NEUEM GESICHTSPUNKT SEHEN
-Interview mit Dr. Lawrence B. Krause von der Brookings Institution-

in unserer neuen Reihe "Interviews mit
prominenten amerikanischen Wirtschaftlern"
sollen führende Persönlichkeiten, die
nicht der Regierung angehören, zu Wort kommen, wobei die zu anstehenden internationalen Wirtschaftsfra^en geäußerten Ansichten nicht unbedingt auch den Standpunkt
der US-Regierung wiedergeben.
In dem nachfolgenden Interview mit dem
USIA-Korrespondenten John J. Harter befaßt sich Dr. Lawrence B. Krause von der
Brookings Institution in Washington mit
den Beziehungen zwischen den Industriestaaten und der dritten Welt und der Forderung nach einem freien Zugang zu den
Rohstoffmärkten der Entwicklungsländer
wie auch den Absatzmärkten der Industrieländer.

Frage: überall auf der Welt befassen sich die Regierungen eingehend mit
Möglichkeiten, wie die wirtschaftlichen Beziehungen zwischen den Industriestaaten und den Entwicklungsländern neu gestaltet werden können. Was bedeutet das?
Antwort: Meines Erachtens haben die Überlegungen gerade erst begonnen,wie
unser internationales Wirtschaftssystem neu gestaltet werden kann.Das System,
in dessen Rahmen wir seit Ende des Zweiten Weltkrieges gelebt haben,hat dem
größten Teil der Welt sehr gute Dienste gel ei stet.Aber wir müssen uns auch \lar
- 1 -

�klar sein, daß es zahlreiche Länder gibt, deren Wohlstand in dieser Zeit nicht
wesentlich gestiegen ist.
Wir beginnen jetzt damit, neu zu überdenken, wie die Segnungen der Weltwirtschaft de facto unter den Ländern der Welt aufgeteilt sind. Wir stellen
Fragen - und natürlich stellen auch die Entwicklungsländer Fragen - hinsichtlich der grundlegenden Natur und Struktur des Systems,
In der Vergangenheit haben wir uns die Beurteilung der Interessen der Entwicklungsländer allzu einfach gemacht.
Wenn das Bruttosozialprodukt eines Entwicklungslandes schneller zunahm
als die Bevölkerungszahl und sich somit eine Zunahme des Pro-Kopf-Einkommens
ergab, dann hielten wir das gewöhnlich für ausreichend.. Und wenn die prozentuale Zunahme des Bruttosozialproduktes, auf den Kopf der Bevölkerung umgerechnet, in den Entwicklungsländern höher lag als in den Industriestaaten, dann
meinten wir, würde auf lange Sicht die Hoffnung bestehen, daß die Entwicklungsländer die fortgeschrittenen Länder schließlich einholen würden.
Aber zahlreiche Entwicklungsländer haben erkannt, daß es bei der wirtschaftlichen Entwicklung um weit mehr als nur um eine Steigerung der Einkommen
geht. Sie machen sich ernste Sorgen um die Form der Einkommensverteilung in
ihrem eigenen Lande und um die Struktur ihres Wirtschaftswachstums. Und darüber
hinaus haben sie festgestellt, daß die Abhängigkeit von den reicheren Ländern,
die aie in früheren Zeiten zu spüren bekommen hatten, trotz ihres Wirtschaftswachstums keineswegs abgenommen hat.
Die Entwicklungsländer fordern von dem Wirtschaftssystem mehr als lediglich
Einkommenswachstum. Ihre Ziele sind viel weitgehender und komplexer als wir ursprünglich angenommen hatten.
•

Frage: Können Sie einige der wichtigen spezifischen Probleme aufzeigen, denen
sich Industriestaaten und Entwicklungsländer in diesem internationalen Prozeß
gegenübersehen?
Antwort:

�/

Antwort: Ich glaube, wir sollten mit einem Blick auf die Probleme beginnen, die von den Entwicklungsländern selbst aufgeworfen werden. Im Mittelpunkt
der Weltpolitik dürften auf viele Jahre hinaus wahrscheinlich die Fragen stehen,
die die Entwicklungsländern zu erörtern wünschen und die zu erörtern die Industriestaaten auch bereit sind.
An der Spitze des Aufgabenkatalogs stehen Rohstoffabkommen. Weitere Punkte
auf der Prioritätsliste sind: Handel, Zugang zu den Märkten, Fragen in bezug auf
eine Kontrolle über die Industrie, multinationale Gesellschaften, sowie zahlreiche andere Fragen.

An der Spitze dieser Liste stehen jedoch die Rohstoffe.

Frage: Die Entwicklungsländer sprechen manchmal von einem Trend, wonach
die Preise ihrer Importwaren rascher steigen als die ihrer Exporte. Ist diese
Behauptung berechtigt?
Antwort: Die Rohstoffpreise sind - im Verhältnis zu den Preisen für Fertigerzeugnisse - im allgemeinen

nicht zurückgeblieben. Aber die Preise für jene

Rohstoffe, die die Entwicklungsländer exportieren, sind - mit Ausnahme der ölpreise - zurückgeblieben.
Man sollte jedoch bedenken, daß auch Industriestaaten Rohstoffe exportieren.
Die Vereinigten Staaten zum Beispiel sind ein wichtiger Exporteur für Nahrungsmittel, Kohle und andere Rohstoffe. Ein Index der Agrarprodukte der gemäßigten
Zone - und einiger von Industriestaaten exportierter Metalle, wie zum Beispiel
Aluminium - würde ergeben, daß die Preise dieser Rohstoffe - gemessen an den
Preisen für exportierte Fertigerzeugnisse - nicht zurückgeblieben sind.
Warum nun befinden sich die Industriestaaten in der glücklichen Lage, gerade Rohstoffe dieser Art exportieren zu können, während die Entwicklungsländer
dagegen nur die anderen Rohstoffe exportieren?

Wenn die Erzeuger in einem In-

dustriestaat feststellen, daß die Preise der von ihnen produzierten Rohstoffe
nachgeben, weichen sie auf die Produktion anderer Rohstoffe aus, deren Preise
stabil bleiben oder steigen.. Als zum Beispiel die Baumwollpreise im Süden
der Vereinigten Staaten sanken, stellten die Baumwollfarmer 3o bis 4o Prozent

- 3 -

�Prozent ihrer Anbauflächen auf den Anbau von Sojabohnen um, da die Sojabohnenpreise im Steigen begriffen waren.

Die armen Länder dagegen haben diese Möglichkeit nicht. Sie halten immer
noch an den traditionellen Anbaumethoden fest. Selbst wenn sie auf den Anbau von
Sojabohnen umstellen wollten,so haben sie keine Möglichkeit, das benötigte Saatgut oder die erforderlichen Kredite zu bekommen. Die armen Länder sind deswegen
arm, weil sie ihre Erzeugung nicht den Veränderungen des Marktes anpassen können.
Wären ihre Volkswirtschaften flexibler, so könnten sie auch die sich ihnen auf
dem Markt bietenden Möglichkeiten besser nutzen.
Gibt es nun einen Weg, diesen Zyklus zu durchbrechen?

Ich glaube schon,

aber wir haben die politische Zauberformel noch nicht gefunden. Ein armes Land
kann nur durch Hilfe von außen In die Lage versetzt werden, seine Wirtschaft
umzustellen. Doch das bedingt ein ziemliches Maß an Einmischung in einer Weise,
die sowohl für die Empfänger - als auch für die Geberländer politisch nicht akzeptabel ist. Es ist ein sehr schwieriges Problem.
Frage: Außenminister Kissinger hat in seiner Rede in Kansas City eine Bereitschaft der Vereinigten Staaten angedeutet, auf einer "FaH-zu-Fall-Basis"
bei einzelnen Rohstoffen neue Vereinbarungen zu erörtern, wenn dies die Umstände
rechtfertigen. Ähnliche Worte hatten amerikanische Sprecher bereits seit Jahren
gebraucht, doch herrscht in Washington die Auffassung vor, daß diesen Worten
jetzt mehr Bedeutung zukomme. Ist das richtig?
Antwort: Ja, ich glaube, wir sind uns jetzt im klaren darüber, daß wir die
Rohstoffrage in einem neuen Licht sehen mlissen. Meines Erachtens müssen wir in
der Rohstoffrage den Ansichten der anderen mehr als nur "wohlwollend" gegenüberstehen. Wir müssen hier die Initiative ergreifen. Ich glaube ferner, daß ein
Rohstoff-System nur funktionieren wird, wenn es umfassend ist. In letzter Zeit
herrschten auf den Rohstoffmärkten Bedingungen, die einer Anarchie gleichkamen.
Wir brauchen internationale Obereinkommen und Verfahren, die den Zugang zur

�&gt;

zur Versorgung mit Rohstoffen wie auch zu den Absatzmärkten sicherstellen. Wir
müssen die Notwendigkeit einsehen, daß auf den Rohstoffmärkten Recht und Ordnung wiederhergestellt werden müssen, die in gleicher Weise für Erzeuger und
Verbraucher gelten.
Das gilt nicht nur im Verhältnis zwischen Industriestaaten und Entwicklungsländern, denn auch die Entwicklungsländer importieren - neben ihren Exporten - Rohstoffe.
Die traditionelle Haltung der Vereinigten Staaten in der Rohstofffrage
war, Angebot und Nachfrage auf miteinander konkurrierenden Märkten sich auspendeln zu lassen. In der Praxis war es während der Laufzeit der zwei oder
drei internationalen Rohstoffabkommen sehr schwierig, sie einzuhalten. Es gab
administrative und es gab sachliche Probleme, und viele Beobachter gelangten
zu dem Schluß, daß solche Abkommen nicht durchführbar seien. Meines Erachtens
ist dieser Entschluß falsch. Vielmehr haben wir niemals einen freien Markt für
den internationalen Handel mit Rohstoffen gehabt.
Bei Erzeugnissen jedoch, deren natürliche Vorkommen sich erschöpfen, wäre
selbst in der Theorie die Lehre vom freien Markt kein« richtige Basis für eine
Rohstoffpolitik. Auf einem dem Wettbewerb unterliegenden Markt dürfte man kaum
einen angemessenen Preis für Erzeugnisse erzielen, deren Vorkommen sich erschöpfen, es sei denn, daß ein Vorweg-Zuschlag erhoben wird. Der betreffende
Rohstoff erzielt Preise, die einfach zu niedrig sind, und infolgedessen lebt
die gegenwärtige Verbrauchergeneration auf Kosten künftiger Verbrauchergenerationen.
Der Markt hat sich ferner anfällig für Instabilität, Unterbrechungen und
Störungen erwiesen. Meines Erachtens können wir bei Rohstoffen Vereinbarungen
treffen, die sich besser bewähren als der freie Markt.
Frage:

- 5 -

�Frage: Glauben Sie, daß in der Praxis Rohstoffabkommen erreicht werden
können, die den Exporteuren der Entwicklungsländer helfen und die gleichzeitig
für die Importeure der Industriestaaten akzeptabel sind?

Antwort: Meines Erachtens sollte es unser Ziel sein, ein System zu entwickeln, das für Erzeuger und Verbraucher akzeptabel ist, gleichgültig,ob
es sich dabei um Entwicklungsländer oder Industriestaaten handelt. Ich glaube, wir sollten ein System mit einer Bevorratung unter internationaler Kontrolle haben, so daß für die Erzeuger stets ein Absatz ihrer laufenden Erzeugung zu einem Mindestpreis gesichert ist und die Verbraucher mit stabileren
Preisen rechnen können. Der Verbraucher hätte also die Gewähr, daß seine Versorgung nicht unterbrochen wird, weil die Vorratslager im Falle eines Rückgangs der laufenden Erze"&lt;junrt die Deckung des Bedarfs übernehmen würden.
Die international kontrollierten Lager sollten gro3 genug sein, um diesen
Zweck zu erfüllen. Wenn ein Erzeuger Geld in Produktionseinrichtungen zur Gewinnung eines bestimmten Rohstoffes investiert hat, sollte er auch eine Absatzgarantie für seine gesamte Erzeugung haben, damit eine Unrentabilität des
investierten Kapitals wegen zu geringer Auslastung vermieden wird.
.

Zweitens sollte es vereinbarte Prinzipien für die Festsetzung der Preise
geben, bei denen die Leitung der Bevorratungsstellen eingreifen - einen Mindestpreis, bei dessen Unterschreitung Käufe, und einen Höchstpreis, bei dessen Überschreitung Verkäufe einsetzen würden.
Es sollte ferner vereinbarte Prinzipien für eine Änderung dieser Eingreifpreise geben. Bei Rohstoffen, deren Vorkommen sich erschöpfen - z.B. Erdöl
und Erze - würden diese Eingreifpreise im Laufe der Zeit steigen. Es gibt
theoretische, aber auch praktische Gründe hierfür: Sofern nicht die Preise
für Rohstoffe, deren Vorkommen sich erschöpfen, steigen, würden sich diese
Vorkommen zu schnell erschöpfen und wir würden nicht schnell genug Ersatzstoffe entwickeln. Das bedeutet jedoch nicht, daß für solche Rohstoffe ein

�ein willkürlich hoher Preis festgelegt werden sollte, den ich als Katastrophe
werten würde.
Frage: Warum?
Antwort: Weil er einen starken Anreiz zur Steigerung der Erzeugung bietet, die dann wesentlich über dem Bedarf liegen würde, so daß die Lager immer
größere Mengen aufkaufen müßten, bis schließlich das ganze System zusammenbrechen würde.
Frage: Warum sollte ein solches System, wie Sie sagen, umfassend sein?
Antwort: Es müßte ein Ausgleich zwischen den Interessen von Erzeugern und
Verbrauchern in jedem einzelnen Land geschaffen werden, um Unterstützung für
alle Abkommen zu gewinnen. Solange die Rohstoffabkommen nur fragmentarisch
sind und auf einer "Fall-zu-FaVI-Basis" angewandt werden, wird es bei Belastungen zu einem Zusammenbruch kommen. Was ich vorschlage, ist ein System
von ineinandergreifenden Elementen, die sich gegenseitig stützen und so ein
lebensfähiges Ganzes bilden.
Die Finanzierung all dieser Vorhaben wird eine ganze Menge Geld kosten,
und hier, so möchte ich annehmen, kann es zu einem Transfer von Mitteln kommen. Selbstverständlich sollte das Geld von den reichen Ländern kommen. Die
armen Länder werden aus einem solchen System ebenfalls Nutzen ziehen, aber
sie sollten nicht zur Bestreitung der Kosten aufgerufen werden. Wenn das
System richtig funktioniert, wird es außerdem Gewinn abwerfen, weil die internationalen Bevorratungsstellen die Rohstoffe aufkaufen, wenn sie relativ
billig sind, und sie wieder verkaufen, wenn ihr Preis gestiegen ist. Die G P winne sollten an die armen Länder gehen und so den Transfer der Mittel in
Gang halten.

Wer

�Wer einen Transfer von Mitteln aus reichen in arme Länder erreichen will,
sollte sehr vorsichtig vorgehen und den Transfer nicht auf den Rohstoff selbst
beschränken, denn dies könnte am Endr zu einem Transfer aus den armen Ländern, die Rohstoffe importieren

in solche reichen Länder führen, die Roh-

stoffe exportieren.
Frage: Sie haben ein äußerst hochgestecktes Konzept.
Antwort: Da es so weitreichend ist, sollte es meines Erachtens in zwei
Phasen von Verhandlungen verwirklicht werden. In der ersten Phase sollte lediglich versucht werden, sich über die Prinzipien und den allgemeinen Apparat
einig zu werden, über die einzelnen Rohstoffe sollte nacheinander verhandelt
werden, wobei die Verhandlungspartner jedoch verpflichtet wären, sich an allet
Rohstoffabkommen zu beteiligen. Es muß nicht alles auf einmal getan werden, es
kann ganz allmählich

eschenen.

Praktisch würde die größere Bevorratung den künftigen Preisauftrieb mildern. Daher, so meine ich, sollten wir jetzt die Möglichkeit nutzen, solange
die Preise bei zahlreichen Erzen niedrig sind, um Vorräte anzulegen.
Dies würde zur Stärkung des anti-inflationistischen Drucks beitragen und
z.B. auch den Zinn-und Kupferproduzenten helfen.
Es wären mindestens viererlei Abkommen notwendig:
-- Eines würde sich ausschließlich auf Erdöl erstrecken, da auf diesem Gebiet so viel geschehen Ist, daß es gesondert behandelt werden muß.
— Ein weiteres würde für Rohstoffe erforderlich sein, deren Vorkommen
sich erschöpfen, wie Blei, Zinn oder Bauxit.
— Ein drittes wäre für Agrarprodukte mit langen Produktionszyklen notwendig, wie Naturkautschuk, Kaffee und Kakao.
Und

i

�-- Und schließlich bedürfte es einer vierten Kategorie für Agrarprodukte
mit einem wesentlich kürzeren Produktionszyklus, bei denen es anders oelagerte
Probleme gibt. Es wäre möglich, auf allen diesen Gebieten gleichzeitig Verhandlungen aufzunehmen.
Frage: Die Sprecher einiger Entwicklungsländer haben seit langem ein Embargo oder Sonderabgaben bei allen neuen synthetischen Erzeugnissen oder Ersatzstoffen gefordert, die eine Konkurrenz für die von ihnen exportierten Rohstoffe

darstellen. Könnte es dazu kommen?

Antwort: Ich glaube das nicht, denn es würde dem Trend de- letzten Zeit
widersprechen. Wenn der Markt starke Anreize zur Entwicklung einer möglichen
Alternative für natürliche Hilfsquellen bietet, dann wird es meines Erachtens
dazu kommen. Dann gibt es nichts, was dem Einhalt gebieten könnte. Allerdings
könnte man argumentieren, daß P gierungen keine Ersatzstoffe für importierte
Rohstoffe über Forschung und Entwicklung subventionieren sollten, eben weil
sie solche Rohstoffe importieren.
Ein gut funktionierendes System garantiert die Versorgung mit Rohstoffen
und verringert die Notwendigkeit, daß einzelne Regierungen aus Sicherheitsgründen unter hohen Kosten synthetische Ersatzstoffe für importierte Rohstoffe
entwickeln. Meines Erachtens unterstreicht dieses Argument nur den Wert der
Abkommen, über die wir eben gesprochen haben.

XXX

�</text>
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                <text>&lt;strong&gt;1. Dokumentation&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Weltweite Herausforderung und internationale Zusammenarbeit&lt;br /&gt;&lt;em&gt;- Rede des amerikanischen Außenministers in Milwaukee -&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Wirtschaft&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;US-Wirtschaftler: Rohstoffprobleme unter neuem Gesichtspunkt sehen&lt;br /&gt;&lt;em&gt;- Interview mit Dr. Lawrence B. Krause von der Brookings Institution -&lt;/em&gt;</text>
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und
Dokumentation
United States Information Service
Embassy of the United States of America

28

17. J u l i 1985
INHALT

INFORMATION
USA von sowjetischer Haltung i n Genf enttäuscht
- Erklärung des Pressesprechers des VfeiQen Hauses Erklärung Kampelmans zum Abschluß der zweiten Verhandlungsrunde i n
Genf

HINTERGRUNDMATERIAL
SDI aus der Sicht eines Unterhändlers
- Von Max M. Kampelman Chronologie der Ereignisse i n Afghanistan
- 2. Quartal 1985 -

WISSENSCHAFT UND TECHNIK
Helfer unter Wasser
- Roboter für Arbeiten i n großer Meerestiefe * * * * *

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.: 0228-339 2035
Telex: 8-85432

�17. J u l i 1985

28

USA VON SOWJETISCHER HALTUNG IN GENF ENTTÄUSCHT
- Erklärung des Pressesprechers des Weißen Hauses -

WASHINGTON -

(AD) - Larry Speakes, Pressesprecher des Weißen Hauses,

brachte i n einer Erklärung, die am 16. J u l i 1985 im Anschluß an die Beendigung der

zweiten Verhandlungsrunde

der Genfer

Rüstungskontrollver-

handlungen abgegeben wurde, seine Enttäuschung über die Sowjetunion zum
Ausdruck, die

"sich a l s unfähig erwies, konkret zu verhandeln und sich

mit klaren Fakten auseinanderzusetzen."
Die Erklärung von Speakes hat folgenden Wortlaut:
Die Vereinigten Staaten und die Sowjetunion haben heute die
Runde

der

Hauptziel

Nuklear-

und

Waltraumverhandlungen

in

Genf

zweite

abgeschlossen.

der

Vereinigten Staaten bleiben wesentliche, ausgewogene und

verifizierbare

Verringerungen beim Umfang der bestehenden Nukleararsena-

l e . Die Vereinigten Staaten t r a t e n i n die zweite Runde der Nkjklear- und

Postfach 20 03 00 Tel.: 0228-339 2035
D 5300 Bonn 2
Telex: 8-85432

�Nuklear- und Vfeltraumverhandlungen mit konkreten, d e t a i l l i e r t e n Vorschlägen e i n , um eben dieses Z i e l zu erreichen und waren b e r e i t , i n jedem der
d r e i Verhandlungsbereiche zu F o r t s c h r i t t e n mit der Sowjetunion zu gelangen.
Im Bereich der strategisch-nuklearen Offensivwaffen i s t die amerikanische Delegation f l e x i b e l , um zu den wesentlichen Verringerungen zu gelangen , die wir anstreben und sie i s t
scher a l t e r n a t i v e r

b e r e i t , über eine Reihe s p e z i f i -

Vfege zu verhandeln, die zu d e r l e i Verringerungen f ü h -

ren könnten.
H i n s i c h t l i c h der Nuklearen Mittelstreckensysteme

(INF)

besteht unser

oberstes Z i e l auch weiterhin i n der Beseitigung der gesamten Klasse von
Kernwaffen,

die

von landgestützten

INF-Flugkörper

getragen werden. Zu

diesem Zweck verfügt die amerikanische Delegation über die Beweglichkeit
und über den Ermessensspielraum, auf

e i n Zwischenabkommen hinzuwirken,

dessen Z i e l gleiche amerikanische und sowjetische Begrenzungen i n

welt-

weitem Rahmen auf dem niedrigstmöglichen Niveau wären.
Desgleichen waren und sind wir noch immer zu einem d e t a i l l i e r t e m Meinungsaustausch im Bereich der Verteidigung und des Weltraums b e r e i t .
Während der

zweiten Runde b l i e b

die

sowjetische

Position

bedauer-

licherweise v e r b a r r i k a d i e r t , es gab k e i n e r l e i Bewegung bei i h r e n formalen
Positionen. Die sowjetische Delegation wiederholte i h r e Vorschläge eines
Moratoriums und machte auch w e i t e r h i n F o r t s c h r i t t e - j a , sogar eine Erörterung der Einzelheiten - bei der Verringerung der offensiven Nuklearwaffen -

von der Annahme i h r e r Forderungen nach e i n s e i t i g e n amerikanischen

Konzessionen abhängig, zu denen u n r e a l i s t i s c h e und nicht
Beschränkungen bei

der Forschung

im Verteidigungs- und

verifizierbare
Vfeltraumbereich

gehören würden.
Gegen Ende dieser Runde brachten die Sowjets einige Konzepte v o r , die
mögliche Verringerungen bei den vorhandenen strategisch-offensiven Nukleararsenalen beinhalten könnten. A l l e r d i n g s scheint die bei diesen Konzep-

�diesen Konzepten vorgeschlagene Zählmethode darauf angelegt zu sein, die
Beibehaltung des Hauptbereichs des sowjetischen Vorteils zu begünstigen d.h. ihrer Kapazität zur raschen Zerstörung gehärteter Ziele, also des
besorgniserregendsten Elementes der derzeitigen strategischen Gleichung.
Die Bemühungen der amerikanischen Delegation, auf unsere Fragen über diese Konzepte hinsichtlich der Problemkreise wie Anzahl, Obergrenzen und
Quoten bei möglichen Verringerungen von den Sowjets eine Antwort zu erhalten, blieben bislang im wesentlichen erfolglos. In dieser Hinsicht
sind wir enttäuscht darüber, daß die Sowjetunion sich als unfähig erwies,
konkret zu verhandeln und sich mit klaren Fakten auseinanderzusetzen, sogar dann, wenn diese nur als grobe Verhandlungsziele abgesteckt waren,
lehrend die Vereinigten Staaten sofort darangingen, die sowjetischen Konzepte zu analysieren, weigerten sich die Sowjets leider, über die amerikanischen Vorschläge zu diskutieren.

Zusammengefaßt: Wir sind in etwa dort, wo wir unseren Erwartungen zufolge sein würden - angesichts der Tatsache, daß wir erst am Ende der
zweiten Runde von Verhandlungen solcher Komplexität und Bedeutung stehen.
Wir hoffen, daß die Sowjetunion im Verlauf der nächsten Verhandlungsrunde
entgegenkommender sein wird.

- 3-

�17. J u l i 1985

23

ERKLÄRUNG KAMPELMANS ZUM ABSChLUSS DER Z E I T E N VERHANDLUNGSRUNDE
I N GENF

GENF - (AD) - Der amerikanische Chefdelegierte bei den amerikanischsowjetischen

Rüstungskontrollverhandlungen

in

Genf,

Botschafter

Max

Kampelman, versicherte zum Abschluß der zweiten Runde dieser Verhandlungen am 16. Juli 1985, daß die Vereinigten Staaten entschlossen seien,
nach Wiederaufnahme der Verhandlungen am 19. September ein Rüstungskontrollabkommen zu erreichen. Man werde weder leicht noch rasch ein Abkommen erzielen können, aber es sei ein größerer Nachdruck auf Dialog statt
auf Polemik zu verzeichnen.

Der Leiter der sowjetischen Delegation, Bot-

schafter Viktor Karpow, hatte zum Abschluß der Verhandlungsrunde erklärt,
er sei unzufrieden, da es keinen Fortschritt gegeben habe.

Die erste Runde der Genfer Verhandlungen dauerte vom 12. März bis 23.
April; die zweite begann am 30. Mai
Die Erklärung Kampelmans zum Abschluß der zweiten Verhandlungsrunde
hat folgenden Wortlaut:
Die

amerikanische

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Telex: 8-85432

�Die amerikanische und die sowjetische Delegation haben heute ihre
zweite Verhandlungsrunde abgeschlossen.

Die amerikanische Delegation hat von Anfang an erkannt, daß bei Verhandlungen so komplexer Natur ein Abkommen nicht leicht oder rasch erreicht werden kann. Aber wir stellen einen größeren Nachdruck auf Dialog
und weniger Nachdruck auf Polemik fest.

Kenn unsere beiden Delegationen am 19. September zurückkehren, werden
sich unsere Außenminister getroffen haben.

Die amerikanische Delegation

wird im September ihre Arbeit mit der weiteren Entschlossenheit wieder
aufnehmen, ein wirksames, gerechtes und verifizierbares Abkommen zu erreichen.

Botschafter Tower, Botschafter Glitman und ich werden morgen nach
Brüssel fliegen, um den Nordatlantikrat über die Ergebnisse der zweiten
Verhandlungsrunde zu unterrichten.

Wir werden am Donnerstag zu weiteren

Konsultationen nach Washington zurückkehren und dem Präsidenten und dem
Außenminister unseren Bericht unterbreiten.

* * * * *

�17. J u l i 1985

28

SDI AUS DER SICHT EINES UNTERHÄNDLERS
- Von Max. M. Kampelman -

Der Autor des nachstehenden A r t i k e l s ,
Max M. Kampelman, i s t Chef der amerikanischen Delegation, die i n Genf mit der
Sowjetunion über Nuklearund Vfeltraumwaffen verhandelt. Der A r t i k e l b a s i e r t
auf einer Rede Kampelmans i n Florenz.

Einer der ersten Vorschläge , den die Vereinigten Staaten der sowjetischen Delegation u n t e r b r e i t e t e n , a l s im März 1985 die Verhandlungen über
Nuklear- und Weltraumwaffen begannen, war, sich auf die
der Verhandlungen zu einigen.

Vertraulichkeit

Dieses Übereinkommen untersagt

den M i t -

g l i e d e r n beider Delegationen, sich ö f f e n t l i c h zum I n h a l t der Verhandlungen zu äußern.

Das s o l l dem Zweck dienen, daß beide Seiten i n ihrem Be-

streben, einen F o r t s c h r i t t

zu e r r e i c h e n , o f f e n sprechen und a l t e r n a t i v e

Postfach 20 03 00 Tel.: 0228-339 2035
D 5300 Bonn 2
Telex: 8-85432

�und alternative Vorschläge unterbreiten können, ohne fürchten zu müssen,
daß dies am nächsten Tag in der "New York Times", der "Prawda" oder dem
"Oorriere della Sera" erscheint.

Wir von der amerikanischen Seite woll-

ten damit natürlich die Sowjetunion davon überzeugen, daß wir es ernst
meinten mit den Verhandlungen und es als unsere Aufgabe betrachteten, zu
den sowjetischen Unterhändlern zu reden und nicht zur Öffentlichkeit, um
damit um öffentliche Anerkennung und Unterstützung zu buhlen.

Ich kann

also nichts darüber sagen, was in Genf passiert. Vorüber ich jedoch sprechen möchte, ist meine Einstellung als Unterhändler zur Strategischen
Verteidigungsinitiative (SDI) und darübe::, wie SDI mit Rüstungskontrolle
zusammenhängt.

Gestatten Sie mir, mit einem Zitat zu beginnen, dessen Urheberschaft
dem Leser nicht gleich bekannt sein dürfte. Es lautet:

"Wenn die Sicherheit eines Staates nur auf der gegenseitigen Abschreckung mit Hilfe mächtiger Nuklearraketen beruht, ist sie direkt von
dem guten Willen und den Plänen der anderen Seite abhängig, also von einem höchst subjektiven und unbestimmten Faktor...

Die Schaffung eines wirksamen Raketenabwehrsystems versetzt den Staat
in die Lage, seine Verteidigung in erster Linie von seinen eigenen Möglichkeiten und nicht nur von der gegenseitigen Abschreckung abhängig zu
machen..."

Das ist tatsächlich kein Zitat von Präsident Reagan, Verteidigungsminister Weinberger oder Außenminister Shultz, noch von irgend einem anderen Sprecher der amerikanischen Regierung.

Dieses Zitat stammt von dem

sowjetischen Generalmajor Talenskij, der diese Gedanken in einem Artikel
der sowjetischen Zeitschrift "Internationale Angelegenheiten" im Oktober
1964 äußerte.

Ich möchte meinen, General Talenskij hat uns einen guten

Weg gewiesen, um über die Zwecke und Ziele der Strategischen Verteidigungsinitiative zu sprechen.

An

diesem

entscheidenden

�An diesem entscheidenden Punkt sind sich die Vereinigten Staaten und
ihre

Verbündeten e i n i g

in

der Auffassung, daß unsere Sicherheit

ganz wesentlich vom P r i n z i p der Abschreckung abhängt.

heute

Unsere Auffassung

von Abschreckung basiert notwendigerweise auf der Theorie der b e i d e r s e i tigen Verwundbarkeit bis zur Vernichtung.

Der testen i s t davon ausgegan-

gen, daß i n dem F a l l e , daß jede Seite ihre Fähigkeit bewahren kann, gegen
einen A n g r i f f

der anderen Seite eine nukleare Vergeltung anzudrohen, er

einem Aggressor einen so hohen Preis auferlegen kann, daß er i n keinem
Verhältnis zu den möglichen Gewinnen aus einer Aggression s t e h t .
Fähigkeit

Diese

zur Vergeltung, die von manchen Leuten a l s Gleichgewicht

Schreckens bezeichent

wird,

soll

des

dazu dienen, einen Krieg zwischen Ost

und Vtest zu verhüten.
Unter diesen Prämissen haben wir Begrenzungen der Raketenabwehr-Raketensysteme gefordert und zugestimmt.

Die Begrenzungen bestärkten dieses

Konzept

gewährleisten, daß selbst

der Abschreckung, indem sie

für

den

F a l l , daß eine Seite einen entwaffnenden Erstschlag f ü h r t , die überlebenden Waffensysteme der anderen Seite i n der i_age wären, zu ihren Z i e l e n
durchzudringen und massive Schäden anzurichten.
Diese Form der Abschreckung auf der Basis der beiderseitigen Verwundbarkeit

hat

sich bisher a l s e r f o l g r e i c h erwiesen, einen Krieg

Ost und Vtest zu verhindern.

zwischen

Aber es i s t auch eine unbestreitbare

Tat-

sache, daß aufgrund der raschen technologischen Entwicklungen und einer
massiven sowjetischen Aufrüstung das gegenwärtige System gewisse Schwächen aufweist - Schwächen, die i n Europa ebenso früh erkannt wurden wie
i n den Vereinigten Staaten.
tollen

wir zunächst einmal die g e i s t i g e n Grundlagen einer

Strategie

untersuchen, die auf der b e i d e r s e i t i g e n Verwundbarkeit b i s zur Vernichtung beruht.

Wie i c h b e r e i t s gesagt habe, s t ü t z t sich diese Form der Ab-

schreckung auf die v e r n ü n f t i g e , e i n s i c h t i g e Annahme, daß niemand eine bestimmte Handlung unternehmen w i r d , wenn es auf der Hand l i e g t , daß der
Preis sehr v i e l höher sein wird a l s der Nutzen, den man erwarten könnte.
Diese

Argumentation

�Diese Argumentation ist eine gute Grundlage auf den Gebieten von Handel und Finanzen.

Aber sie mag nicht die beste aller möglichen Formeln

für die internationalen Beziehungen sein, vor allem nicht für Beziehungen
zwischen Systemen, die so radikal verschieden sind wie Ost und West. Der
Banker und der Geschäftsmann arbeiten in einer vertrauten Umgebung und in
einem vertrauten Rahmen, innerhalb derer es relativ leicht ist, das Verhalten und die Absichten aller Beteiligten zu erkennen.

Aber wir müssen

uns doch fragen, wie gut wir die Denkweisen der Sowjets verstehen, und
inwieweit wir wissen, welche Risiken sie unter bestimmten Umständen einzugehen bereit sind.

Gleichzeitig müssen wir uns fragen, wie gut die So-

wjets uns und unseren Willen verstehen, Freiheiten zu verteidigen, die
ihnen völlig fremd sind.
Es gibt genug Gründe zu der Annahme, daß die Weisheit auf diesem Gebiet nicht unfehlbar ist.

Haben die Vereinigten Staaten beispielsweise

1962 mit dem kühnen Spiel Chruschtschows gerechnet, heimlich Raketen nach
Kuba zu schaffen?

Und hat Chruschtschow mit einer so kühnen Reaktion

Präsident Kennedys auf den Versuch gerechnet, das strategische Gleichgewicht zu verändern?

Die Antwort auf beiden Seiten lautet:

Nein.

So ha-

ben also beide Seiten eine Sache, bei der es um ihre internationale Sicherheit ging, falsch eingeschätzt.

Nach dem gegenwärtigen Muster der Abschreckung, vor allem in Krisenzeiten, erfordert Stabilität, daß die Sowjets die Absichten und Fähigkeiten des Westens nicht falsch einschätzen.

Stabilität setzt auch voraus,

daß wir im Westen die sowjetischen Motivationen und Fähigkeiten verstehen.

Die

augenfälligen Unterschiede

zwischen unseren konkurrierenden

Ideologien erschweren die Erfüllung dieser Voraussetzung ungemein.

Da es doch um so viel geht, sollten wir uns daher zu Recht fragen, ob
es für uns im Westen notwendig oder klug ist, sich auf ewig auf etwas zu
verlassen, was General Talenskij als einen "höchst subjektiven und unbestimmten Faktor" bezeichnet hat, d.h. auf unsere unvollkommene Erkenntnis
der Ziele und der Risikobereitschaft der anderen Seite.

Es ist sicher-

lich angebracht, ohne Aufgabe dessen, was wir haben, nach einem besseren

�einem besseren Weg zu suchen, wenn eine bessere Form der Abschreckung gefunden werden kann.

Die Abschreckung bleibt für unsere Sicherheit und für die Erhaltung
des Friedens unerläßlich.

Aber ich bin überzeugt, wir sind alle der Mei-

nung , daß es besser wäre, dem Aggressor seine Ziele zu verwehren, als uns
nur auf unsere Fähigkeit
bestrafen.

zu verlassen, ihn

für seine Aggression zu

Unsere Völker erwarten von ihren Regierungen, daß sie sie vor

einem Angriff schützen und nicht nur, daß sie in der Lage sind, zurückzuschlagen, wenn sie angegriffen werden.

Es ist genau diese Aussicht auf eine wirksamere Abschreckung, die
durch die Forschung auf dem Gebiet der strategischen Verteidigung geboten
wird.

Wir untersuchen - völlig im Rahmen bestehender Rüstungskontrollab-

kommen - die Möglichkeit, ob Verteidigungstechnologien es uns erlauben
werden, den Preis für einen Angriff auf die Vereinigten Staaten und ihre
Verbündeten so hoch zu treiben, daß kein Aggressor sich einen solchen Angriff vorstellen könnte.

Wenn unsere Forschung ergeben sollte, daß eine

wirksame Verteidigung machbar ist, dann wäre diese Verteidigung selbstverständlich gegen Offensivraketen und nicht gegen die Bevölkerung gerichtet.

Und sie würde den Hauptschwerpunkt auf nichtnukleare und nicht

auf nukleare Technologien legen.

Die Debatte über SDI, soweit sie Europa berührt, ist bis zu einem
Punkt angeschwollen, an dem die Gefahr besteht, daß einige der simplen
Wahrheiten bezüglich dieses Forschungsprogramms einfach verwischt werden.

Die Debatte in Demokratien neigt häufig dazu, zu übertreiben und

Probleme bis zur Unkenntlichkeit zu dramatisieren.

Wir alle, die demo-

kratische Institutionen hoch schätzen, sind aufgerufen, die öffentliche
Meinung niemals außer acht zu lassen und ständig mit einem Gefühl der Realität und Verantwortlichkeit an sie zu appellieren.

Lassen Sie mich

versuchen, in diesem Sinne die SDI-Debatte in eine ausgewogenere Perspektive zu rücken.

Stellen Sie sich

�S t e l l e n Sie sich b i t t e mit mir v o r , keiner von uns hätte j e etwas von
SDI gehört, sondern wir unternähmen nur eine nüchterne Analyse der s t r a tegischen Probleme, vor denen wir heute im testen aufgrund der s o w j e t i schen Militärmacht stehen.
Das erste unserer Probleme bestünde d a r i n , da(3 es deutliche Anzeichen
dafür g i b t , daß die Sowjetunion ihre m i l i t ä r i s c h e Strategie nicht auf das
gründet, was unserer Ansicht nach eine b e i d e r s e i t i g vereinbarte Prämisse
der Abschreckung

und gegenseitig

gesicherten Zerstörung war.

Im Jahr

1972 t r a t e n wir unter SALT I dem ABM-Vertrag b e i , der dem Aufbau von Verteidigungsanlagen strenge Begrenzungen aufgrund jener Theorie a u f e r l e g t e ,
wonach es den j e w e i l i g e n nuklearen Offensivwaffen möglich sein
durch ihre Fähigkeit

sollte,

zur Vergeltung vor einer Aggression abzuschrecken.

Die Lebensfähigkeit des ABM-Vertrags hing i n entscheidendem Maß von bet r ä c h t l i c h e n Verringerungen der strategisch-nuklearen Offensivwaffen a b ,
und unser SALT I-Unterhändler betonte dies damals auch.
Leider kam es zu diesen Begrenzungen bei den Offensivwaffen

nicht.

Stattdessen begann die Sowjetunion mit der größten m i l i t ä r i s c h e n A u f r ü stung der Geschichte.

Seit den frühen siebziger Jahren hat die Sowjet-

union d r e i

neue Typen von b a l l i s t i s c h e n

disloziert,

dazu acht verbesserte Versionen bestehender ICBM, fünf neue

Typen

seegestützter

ballistischer

Interkontinentalraketen

Kernwaffen

(SLBM),

fünf

(ICBM)

verbesserte

Versionen bestehender SLBM und einen neuen Interkontinentalbomber.
Gegensatz
disloziert,

hierzu

haben die

Vereinigten

Staaten keine

Im

neuen ICBM-Typen

nur einen neuen Typ von Atomunterseebooten, nur einen neuen

Typ unterseebootgestützter

Raketen und keine neuen Typen eines schweren

Bombers.
Das zweite Problem bestünde i n der Tatsache, daß die Sowjetunion sich
nicht an den ABM-Vertrag gehalten hat.

Die Sowjets haben - i n e i n d e u t i -

ger Vertragsverletzung - eine r i e s i g e Radaranlage bei Krasnojarsk i n S i b i r i e n gebaut.

Und sie haben eine Reihe weiterer Maßnahmen e r g r i f f e n ,

die uns Anlaß zur Sorge geben, daß sie womöglich dabei s i n d , eine landesweite

Verteidigung

gegen

Interkontinentalraketen
- 6 -

vorzubereiten

-

dies

�vorzubereiten - dies trotz ihrer Verpflichtung aus dem Jahr 1972 zum Gegenteil.

Das dritte Problem unserer Analyse besteht darin, daß die Sowjetunion
beim Ausbau ihrer Defensivkapazitäten äußerste Aktivität zeigt.

Sie be-

sitzt das einzige einsatzbereite ABM-System der Welt und hat es gerade
modernisiert.
stem der
Welt.

Sie besitzt das einzige einsatzbereite Antisatellitensy-

Vtelt.

Sie hat das umfassendste Luftverteidigungssystem der

Und sie hat gewaltige Mittel auf die passive Verteidigung zum

Schutz ihrer Führung, ihres Befehlsund Leitsystems, ihrer Industrie und
ihrer Bevölkerung verwandt.

Im Lauf der letzten 20 Jahre hat die So-

wjetunion in etwa so viel für die Defensive wie für die Offensive ausgegeben - ein klarer Hinweis darauf, daß die Gedanken von Generalmajor
Talenskij in seinem Land fortleben.

Das vierte Problem ist das noch intensivierte Forschungsprogramm der
Sowjets auf dem Gebiet der strategischen Verteidigung.

In vielen Fällen

geht diese Forschung von einer fortgeschrittenen technologischen Basis
aus.

So ist zum Beispiel die Laser-Forschung schon sehr weit vorangekom-

men; so teilten sich ein amerikanischer und zwei sowjetische Wissenschaftler einen Nobelpreis für die Erfindung des Laser.

Es ist daher

ironisch - und natürlich für uns unannehmbar -, daß die Sowjetunion oberste Priorität darin sieht, unser SDI-Programm zu verbieten, während es
der sowjetischen Forschung möglich sein soll, ungehindert fortzufahren.

Diese vier Probleme liegen der Entscheidung von Präsident Reagan zugrunde , die Forschung auf dem Gebiet der strategischen Verteidigung zu
intensivieren.

Ich benutze das Wbrt "intensivieren", weil wir bereits

ein Forschungsprogramm hatten, als Präsident Reagan sein Amt antrat. Angesichts der vier von mir genannten Probleme wäre es in der Tat für jeden
amerikanischen Präsidenten unklug gewesen, diese Forschung nicht fortzuführen.

Das bringt mich zu dem Hinweis, daß wir ein Forschungsprogramm durchführen.

Eine Entscheidung über eine Fortführung der strategischen Ver- 7 -

�strategischen Verteidigung steht e r s t nach Jahren an; sie wird v i e l l e i c h t
von Präsident Reagans Nachfolger g e t r o f f e n werden, aber sie wird s i c h e r l i c h noch nicht unter Präsident Reagan selbst entscheidungsreif s e i n . Und
ich muß auch betonen, daß die Entscheidung i n keinster
stimmt i s t .

Es g i b t eine Menge Beispiele

für

Heise vorherbe-

Waffensysteme, bei denen

die Forschung abgeschlossen wurde, die aber n i c h t d i s l o z i e r t oder beibehalten wurden.

Der B-70-Bomber und unser eigenes ABM-Systgem sind h i e r -

für gute B e i s p i e l e .

Es wird auch keine Entscheidungen über SDI ohne gründliche Gespräche
und Konsultationen mit unseren Verbündeten geben.

Es gab b e r e i t s

inner-

halb der NATO eine ganze Reihe e r n s t h a f t e r Diskussionen über SDI.

Wir

haben b e r e i t s unsere Verbündeten zur Teilnahme an der wissenschaftlichen
Forschung eingeladen.

Wir begrüßen Vorschläge, Ratschläge und auch Be-

denken unserer Verbündeten.

Wir glauben f e s t an die strategische Einheit

des westlichen Bündnisses; g l e i c h , wie sie sich e n t w i c k e l t , muß SDI e i n
Faktor der Stärkung dieser Einheit s e i n .

Stärkt SDI diese Einheit

nicht,

wird sie nicht w e i t e r v e r f o l g t .
Lassen Sie mich auch dies betonen:

Wir setzen eine Forschung

fort,

die i n vollem Einklang mit dem ABM-Vertrag steht - wie auch mit a l l e n anderen Rüstungskontroll-Verpflichtungen,

die

wir

eingegangen sind -

und

dies wird auf Anordnung von Präsident Reagan auch so bleiben.
In einem A r t i k e l i n der Prawda i n diesem Jahr e r k l ä r t e der
ische Marschall Akromejew, daß SDI "nicht mit den P r i n z i p i e n
i s t , die die Grundlage des ABM-Vertrages b i l d e n . "
ne Behauptung, die i n hohem Maß ambivalent i s t .

sowjet-

vereinbar

Dies i s t n a t ü r l i c h e i Aber lassen Sie mich dem

die klare und unzweideutige Erklärung eines Mannes s t e l l e n , f ü r den Mars c h a l l Akromejew einmal a r b e i t e t e .
minister Gretschko -

gleichfalls

Im Jahr 1972 e r k l ä r t e Verteidigungsi n der Prawda - ,

daß der ABM-Vertrag

"keine Begrenzungen f ü r Forschung und Experimente a u f e r l e g t , die darauf
abzielen,

das Problem der Verteidigung

des Landes gegen einen

Angriff

durch Atomraketen zu l ö s e n . "

Ich wiederhole, daß unsere Forschung keine

Verletzung

oder

des

ABM-Vertrages

irgendeiner

- 8 -

anderen

internationalen

�anderen internationalen Verpflichtung darstellt, die wir eingegangen sind.

Was wäre schließlich, wenn wir in einigen Jahren, nach Abschluß unserer Forschungen, nach Konsultation unserer Verbündeten und in vollem Einklang mit dem ABM-Vertrag, zu der Überzeugung kommen würden, die strategische Verteidigung könne zu einer besseren Welt führen?

Wir würden dann

in Konsultationen, wenn angemessen, Verhandlungen, mit der Sowjetunion
darüber eintreten, wie die Abschreckung für beide Seiten durch schrittweise Eingliederung der Denfensivsysteme
beider Seiten verbessert werden könnte.

in die Streitkräftestrukturen
Wir haben schon jetzt den Vor-

schlag unterbreitet, Gespräche über dieses Thema zu beginnen.

Sollten wir uns in Zukunft für SDI entscheiden, würden Abschreckung
und Stabilität das strategische Konzept sein, anhand dessen wir den Wert
der strategischen Verteidigung messen könnten.

SDI bedeutet nicht An-

griff, sondern Abschreckung; sie ist ein Versuch, einen Wag zu finden, um
die Abschreckung mit Hilfe der modernen Technologie zu verbessern.

Präsident Reagan drückt es so aus:

"Langfristig gesehen sind wir zuversichtlich, daß SDI ein entscheidendes Mittel dabei sein wird, daß die Vereinigten Staaten und die Sowjetunion ohne Sorge umfassenden Verringerungen und schließlich sogar der
Beseitigung der Interkontinentalraketen und der Kernwaffen zustimmen können, über die sie derzeit verfügen."

Das Bild, das ich gezeichnet habe, ist kein revolutionäres.

Sicher,

es ist ein Bild revolutionärer Technologien, Technologien, die den Wissenschaftler wie auch den Laien faszinieren, weil sie neue Grenzen für
den menschlichen Geist eröffnen.

Aber es ist kein Bild revolutionärer

Ziele - unser Ziel ist und bleibt eine sicherere und stabilere Welt. Und
es ist auch kein Bild revolutionärer Strategien - die Strategie hinter
SDI bleibt die akzeptierte NATO-Strategie der Abschreckung.

Und es ist

auch kein Bild der revolutionären Beziehungen - unsere Partnerschaft mit
unseren Verbündeten bleibt Eckstein unserer Bemühungen bei SDI wie bei

�wie bei allen anderen Elementen unserer strategischen Politik.

Was ich gesagt habe, soll nicht bedeuten, daß SDI nicht auch eine
Herausforderung für unser Bündnis beinhaltet.

Natürlich gibt es Heraus-

forderungen für die NATO-Strategie, Herausforderungen für die europäische
Einigung, Herausforderungen für die Natur der Sicherheitsgarantien der
Vereinigten Staaten für Europa.
solchen Problemen.

Aber wir standen auch bisher schon vor

Und wir standen vor ihnen in den sechziger Jahren bei

der Debatte über die Strategie der flexiblen Antwort.

Wir standen vor

ihnen in den siebziger Jahren bei der Debatte über die nuklearen Mittelstreckensysteme.

Ich zweifle nicht daran, da wir diese neue Herausfor-

derung überwinden werden, wie wir dies auch bei den früheren Herausforderungen getan haben - mit Kreativität, mit Entschlossenheit und mit dem
aufrichtigen Wünsch nach Frieden.

* * * * *

- 10 -

�17. J u l i 1985

28

CHRONOLOGIE DER EREIGNISSE: IN AFGHANISTAN
- 2 . Q u a r t a l 1985 -

9. April 1985
Afghanische

Widerstandskämpfer

g r i f f e n Ende März zwei große Versor-

gungskonvois südlich des strategisch wichtigen Salang-Straßentunnels a n ,
wobei mehrere hundert Soldaten getötet sowie 90 b i s 115 LkW, Tanklastzüge
und gepanzerte Fahrzeuge vernichtet wurden.

Dies berichteten

Diplomaten und Mujahedin-Sprecher i n Islamabad.

westliche

Aufgrund dieser Berichte

hat der Kommandeur der Mujahedin im Panjsher-Tal, Ahmad Shah Masood mit
H i l f e einer Zeitbombe i n einem Konvoi eine Reihe von Explosionen ausgelöst.

Der zweite Konvoi wurde während eines dreistündigen Kampfes am 30.

März am Eingang des Tales v e r n i c h t e t .

17. April
US-Senator Gordon Humphrey aus New Hampshire, der Kovorsitzende der
ü b e r p a r t e i l i c h e n Arbeitsgruppe f ü r Afghanistan im amerikanischen Kongreß ,

Postfach 20 03 00 Tel.: 0228-339 2035
D 5300 Bonn 2
Telex: 8-85432

�amerikanischen Kongreß, brachte eine Gesetzesvorlage ein, die von 17 weiteren Senatoren unterstützt und in der die Aufhebung der Meistbegünstigungsklausel für Afghanistan gefordert wird.

(Eine ähnliche Vorlage wur-

de am 15. Mai im amerikanischen Repräsentantenhaus vorgelegt).

Die af-

ghanischen Exporte nach den Vereinigten Staaten beliefen sich im Jahr
198A auf 12,9 Millionen Dollar - etwa zwei Prozent der Gesamtexporte des
Landes.

Die amerikanischen Exporte betrugen 7,3 Millionen Dollar.

23. - 25. April
Das Regime i n Kabul veranstaltete e i i e dreitägige Große Ratsversammlung -

ein traditionelles

Stammestreffen, das s e i t

dem kommunistischen

Staatsstreich von 1978 nicht mehr einberufen worden war.
Mujahedin-Sprecher

in

Pakistan

erklärten,

die

1796 Delegierten

weitgehend von dem Babrak Karmal-Regime ausgesucht
versuchen w o l l e ,

die

Unterstützung

Diplomaten und
seien

worden, das dadurch

der Außen- und I n n e n p o l i t i k

Kabuls

durch das Volk zu demonstrieren.
26. A p r i l
I n Neu Delhi gab Muhammed Yusuf Azim, eines der fünf M i t g l i e d e r des
Obersten Gerichtshofes Afghanistans, bekannt, daß er sich nach Indien abgesetzt habe.

Der Richter e r k l ä r t e , einige seiner jüngsten Entscheidun-

gen hätten ihm scharfe Warnungen eingebracht, so daß er seine Verhaftung
fürchten mußte.

Der Richter e r k l ä r t e

f e r n e r , er würde beim UN-Hochkom-

missar

für

das Flüchtlingswesen um einen Status a l s F l ü c h t l i n g nachsu-

chen.

Ihm seien zumindest 100 Todesurteile bekannt, die von speziellen

Revnlutionsgerichten i n Kabul g e b i l l i g t v/orden seien.
seien v o l l s t r e c k t

Zahlreiche U r t e i l e

worden, ohne daß zuvo:r der Oberste Gerichtshof

unter-

r i c h t e t worden s e i .
30. A p r i l
Mehrere hundert afghanische Zivilisten wurden Ende März und im April
von sowjetischen Truppen und Angehörigen der afghanischen Armee im Rahmen

�im Rahmen von Vergeltungsmaßnahmen i n der ö s t l i c h e n Provinz Laghman, sowie i n den Provinzen Kunduz und Samangan im Norden des Landes und i n der
Provinz

Herat

im

Vtesten Afghanistans

getötet.

festliche

diplomatische

Kreise i n Islamabad b e r i c h t e t e n , daß die A n g r i f f e auf die Z i v i l b e v ö l k e rung im Frühling dieses Jahres an I n t e n s i t ä t und Grausamkeit zugenommen
hätten.
2. Mai
Im Jahresbericht des Internationalen Instituts für Strategische Studien in London heißt es, der Krieg in Afghanistan werde weitergehen, wobei keine Seite den Sieg erringen werde. Die Sowjetunion, so wird in dem
Bericht weiter erklärt, weigere sich, irgend eine Änderung in der Natur
und der Zusammenstzung des Regimes in Kabul in Erwägung zu ziehen, die
möglicherweise zu einem Verlust der Kontrolle führen könne.

Die sowjet-

ischen Truppen hätten in fünf Jahren zwischen 20 000 und 25 000 Mann an
Verlusten gehabt;

die Stärke der afghanischen Armee habe sich aufgrund

von Desertionen und Einberufungsentziehungen von 90 000 auf 40 000 Mann
vermindert.

Dagegen hätten die Mujahedin ihre Kampfstärke und militär-

ische Koordination trotz der anhaltenden Meinungsverschiedenheiten zwischen den verschiedenen afghanischen politischen Parteien im Ausland vergrößert.

6. Mai
Der sowjetische Botschafter Witaliy Smirnow, erklärte vor Journalisten in Islamabad, 12 sowjetische und 12 afghanische Soldaten seien am
27. April getötet worden, als sie versuchten, aus einem Gefängnis in Zangali in der Nähe von Peschawar zu fliehen.

Pakistan wies später sowjet-

ische und afghanische Proteste zurück, '«onach Provokateure von Afghanistan aus auf afghanische Flüchtlinge in Matanni in der Nähe von Peschawar
gefeuert hätten und durch eigene Explosivstoffe umgekommen seien.

1A. Mai

�14. Mai

Westliche diplomatische Kreise erklärten in Islamabad und Neu Delhi,
eine

sowjetische Einsatzgruppe

von Panzern und gepanzerten Fahrzeugen

hätten in der Provinz Laghman über 1000 Zivilisten getötet, weil diese
die Mujahedin unterstützt hätten.

15. Mai

Nach Mitteilung

pakistanischer

Regierungsvertreter

haben sich die

Luft- und Artillerieangriffe der Sowjets und des Regimes in Kabul auf pakistanisches Gebiet entlang der nordwestlichen Grenze Afghanistans in
diesem Jahr verdoppelt.

Die "New York Times" berichtete, bis zu diesem

Zeitpunkt im Jahr 1985 sei der pakistanische Luftraum 83 mal verletzt
worden, verglichen mit 88 Luftraumverletzungen im gesamten Vorjahr.

16. Mai

Sieben afghanische politische Parteien, die zuvor in zwei Bündnisse die "Fundamentalisten" und die "Gemäßigten" geteilt waren, haben sich in
einem neuen Bündnis zusammengeschlossen.

Dies geht aus einer gemeinsamen

Erklärung hervor, die die Parteiführer auf einer Pressekonfrenz in Peschawar verlasen.

Der islamische Widerstand Afghanistans, so wurde in

der Erklärung betont, habe einen "überaus sensitiven Punkt" erreicht.
Die Parteien hätten beschlossen, "ihre Kräfte in einer vereinten Front
gegen einen gemeinsamen Feind zu mobilisieren und ihre internen Meinungsverschiedenheiten beizulegen".
Anerkennung bemühen.

Sie wollten sich ferner um internationale

Eine Exilregierung wurde jedoch nicht eingesetzt.

Drei weitere Parteien schlössen sich der neuen Organisation nicht an.

17. Mai
Der S t e l l v e r t r e t e n d e UN-Generalsekretär Diego Oordovez wird Ende Mai
einer M i t t e i l u n g der Vereinten Nationen z u f o l g e , mit V e r t r e t e r n i n I s l a mabad und Kabul über eine v i e r t e Runde i n d i r e k t e r Gespräche i n Genf mit

�Genf mit dem Z i e l einer umfassenden p o l i t i s c h e n Lösung der Afghanistanfrage beraten.
tagt worden.

Eine frühere Gesprächsrunde war i n Genf im Februar

ver-

Die Gespräche waren im Jahr 1982 gemäß einer Resolution der

UN-Vollversammlung aufgenommen worden.
28. Mai
Laut Berichten diplomatischer Kreise und Sprecher der Mujahedin haben
Tausende von sowjetischen

und afghanischen Soldaten, u n t e r s t ü t z t

durch

L u f t s t r e i t k r ä f t e und Panzer, i n der Kunar-Provinz eine großangelegte Offensive
sollte

eingeleitet.

Die

Operation, die

bisher

größte

dieses

Jahres,

sich auf das Kunar-Tal konzentrieren, das i n das C h i t r a l - T a l

Pakistan einmündet.

in

Z i e l dieser Offensive sei e s , die Mujahedin und ihre

Vorräte abzuschneiden und die i n Grenznähe gelegene Garnison Barikowt zu
entsetzen, die s e i t Herbst vergangenen Jahres eingeschlossen i s t .
3 1 . Mai
Der S t e l l v e r t r e t e n d e UN-Generalsekretär Diego Cordovez g i b t

bekannt,

daß Ende Juni die v i e r t e Runde der Gespräche über e i n Afghanistan-Abkommen i n Genf s t a t t f i n d e n s o l l .
Islamabad m i t ,

nachdem er

Oordovez t e i l t e

zuvor dort

sowie

dies vor Journalisten

in

In Kabul Konsultativbespre-

chungen geführt hat.
Pakistanische RegierungsVertreter e r k l ä r t e n , daß sowjetische und a f ghanische Flugzeuge bei v i e r Gelegenheiten i n den Luftraum über der nordwestlichen Grenzprovinz, zum T e i l bis zu 14 Kilometern eingedrungen s e i en. Diese Flugzeuge hätten die Ortschaft Swir im C h i t r a l - T a l bombardiert,
wobei e l f Personen getötet und 32 verwundet worden seien.
gegen diese Bombardierungen Protest e i n .

Pakistan legte

Das amerikanische Außenministe-

r i j m bezeichnete diese A n g r i f f e a l s einen rücksichtslosen "Akt" und f o r derte erneut die Lösung des Afghanistanproblem:; am Verhandlungstisch.

2.

Juni

�2. Juni
Die "Washington Post" t e i l t e
Regierungsvertreter
nistan s e i t

m i t , daß amerikanische und sowjetische

Ende Juni i h r erstes

d r e i Jahren führen wollen.

"Expertengespräch" über AfghaDieses Zusammentreffen fände im

Rahmen b i l a t e r a l e r Gespräche über regionale Probleme s t a t t , wie dies Präsident Reagan i n seiner Ansprache vor der UN-Vollversammlung im September
vergangenen Jahres vorgeschlagen h a t t e .
4. Juni
Der S t e l l v e r t r e t e n d e

UN-Generalsekretär

Diego

Dbrdovez e r k l ä r t e

auf

einer Presskonferenz i n New York, daß die nächste Gesprächsrunde über A f ghanistan am 19. oder 20. Juni s t a t t f i n d e n s o l l t e n .

Er betonte, daß sich

bei den mit diesem Problem befaßten Personen die Erkenntnis durchzusetzen
beginne, daß es keine m i l i t ä r i s c h e Lösung für das Afghanistanproblem gäbe.

Dieses Problem könne nur diplomatisch und p o l i t i s c h gelöst werden.

4. b i s 8. Juni
Die i n der vergangenen Ifoche begonnenen Offensive mit dem Z i e l ,
afghanischen Mujahedin

und

ihre

Gefolgsleute

in

der

Kunar-Provinz

die
im

Osten des Landes zu v e r n i c h t e n , scheint die bisher größte dieses Jahres
zu sein.

In Berichten aus Islamabad hieß e s , etwa 10 000 sowjetische

Truppen seien an dieser Operation, die von sowjetischen Spezialeinheiten
g e l e i t e t werden, eingesetzt.
die

eingeschlossene

Grenze e r r e i c h t .

Garnison

Sowjetische Panzer hätten Berichten zufolge
Barikowt

in

der

Nähe der

pakistanischen

Ein Sprecher der Mujahedin e r k l ä r t e , die Freiheitskämp-

f e r hätten schwere Verluste e r l i t t e n , große Landstriche seien verwüstet
worden und Hunderte von Flüchtlingen seien nach Pakistan geflohen.
1 1 . Juni
I n Berichten aus Islamabad heißt e s , die Kämpfe im Kunar-Teil h i e l t e n
a n , einige sowjetische S t r e i t k r ä f t e

seien jedoch dabei, sich aus der Re-

�der Region zurückzuziehen.

Eine genaue Beurteilung der seit drei Wichen

andauernden Kämpfe könne noch nicht erfolgen, doch hätten beide Seiten
schwere Verluste hinnehmen müssen.

13. Juni
Der indische Ministerpräsident
offiziellen
politische

Besuches i n

Rajiv Ghandi forderte während seines

Washington vor dem amerikanischen Kongreß

Lösung des Afghanistanproblems, und e r k l ä r t e , er

die I n i t i a t i v e des UN-Generalsekretärs zu diesem Zweck.

eine

unterstütze

Er t r e t e für e i -

ne p o l i t i s c h e Lösung e i n , so e r k l ä r t e der indische M i n i s t e r p r ä s i d e n t , die
die Souveränität, I n t e g r i t ä t und Unabhängigkeit und den b l o c k f r e i e n Status Afghanistans garantiere und den Flüchtlingen die Möglichkeit

biete,

sicher und ehrenhaft i n i h r Land zurückzukehren.
18. Juni
Nach diplomatischen Quellen i n Islamabad wurden am 12. Juni auf dem
großen Luftstützpunkt Shindand i n der Provinz Farah 20 afghanische F l u g zeuge i n die Luft gesprengt.

Es bestand -&lt;eine K l a r h e i t darüber, ob diese

Aktion das Ergebnis eines Mujahedin-Angriffes
Luftstützpunkt

auf den schwer bewachten

war oder möglicherweise Sabotage.

( I n einem späteren Be-

r i c h t wurde b e s t ä t i g t , daß es sich um Sabotage gehandelt habe.)
Die unter sowjetischer Führung stehende Streitmacht von 10 000 Soldaten i n der Kunar-Provinz b r i c h t möglicherweise ihren s e i t v i e r Wichen anhaltenden Einsatz zur Zerstörung von Stützpunkten der Mujahedin und zum
Abschneiden der I n f i l t r a t i o n s w e g e ab.

Nach diplomatischen Quellen i n I s -

lamabad e r l i t t e n die Angreifer Verluste von etwa 800 Mann; die Anzahl der
Toten i s t nicht bekannt.
18. bis 19. Juni
Amerikanische und sowjetische Regierungsvertreter t r a f e n i n Washington zu ihrem ersten o f f i z i e l l e n Afghanistangespräch s e i t d r e i Jahren z u -

�Jahren zusammen.

Das amerikanische Außenministerium bezeichnete die Er-

örterungen als offen und sachlich.

Die Washington Post zitierte einen

Vertreter des State Department mit den Werten, daß die Sowjetunion ihren
bekannten Standpunkt wiederholt und erklärt habe, Genf sei der Ort wo
Bewegungen in dieser Frage erwartet werden sollten.

20. bis 25. Juni
V e r t r e t e r Pakistans und Afghanistans werden am 27. August nach Genf
zurückkehren, um die v i e r t e Gesprächsrunde über eine umfassende Lösung
des Afghanistanproblems wieder aufzunehmen, e r k l ä r t e r der S t e l l v e r t r e t e n de UN-Generalsekretär Diego Gordovez vor der Presse, i n Genf.

Er war zu

getrennten Gesprächen mit der pakistaniscnen und der afghanischen Delegat i o n zusammengetroffen.
Stellvertretende

Die soeben beendeten Gespräche, so e r k l ä r t e der

UN-Generalsekretär,

hätten

sich

auf

Vertragsentwürfe

k o n z e n t r i e r t , mit deren H i l f e eine endgültige Lösung herbeigeführt werden
könne.

Eine Reihe schwieriger p o l i t i s c h e r Entscheidungen müsse von den

betroffenen Parteien noch g e t r o f f e n werden, doch seien F o r t s c h r i t t e

er-

z i e l t worden.
25. Juni
Diplomaten i n Islamabad sprachen davon, daß eine Gruppe verärgerter
und unzufriedener

Offiziere

der

afghanischen L u f t s t r e i t k r ä f t e

etwa

20

Flugzeuge auf dem Luftstützpunkt Shindand i n die L u f t gesprengt h ä t t e n .
Die Saboteure seien h i n g e r i c h t e t worden.

Es hieß, diese O f f i z i e r e hätten

Sabotage b e t r i e b e n , w e i l d r e i afghanische P i l o t e n , die i n Herat im Norden
des Landes s t a t i o n i e r t

waren, Anfang dieses Jahres h i n g e r i c h t e t

worden

s e i e n , weil sie i h r e Bomben auf WJ'stengebiete s t a t t auf afghanische Dörfer abgeworfen hätten.
Diplomatische

Quellen

berichteten

ferner,

daß sich

die

Kämpfe

im

Panjsher-Tal i n der l e t z t e n Zeit i n t e n s i v i e r t hätten und daß e i n a f g h a n i scher
worden

General M i t t e
sei.

Am 28.

des Monats entweder
Juni

wurde

in
- 8 -

getötet

Kabul der

oder

gefangengenommen

Tod von

Brigadegeneral

�von Brigadegeneral Ammaduddin, dem Stabschef des 1. Armeekorps, bekanntgegeben, der auf dem "Schlachtfeld" gefallen sei.
"großen Verlustes" wurden nicht bekannt.

* * * * *

- 9-

Nähere Umstände dieses

�28

17. J u l i 1985

HELFER UNTER WASSER
Roboter für Arbeiten i n großer Meerestiefe -

- (AD) - Was zunächst aussichtlos e r s c h i e n , wurde mit H i l f e eines Unterwasser-Roboters

nun doch e r r e i c h t

-

die Auffindung und Bergung von

Flugschreiber und Cockpit-Recorder des am 23. Juni 1985 vor der

irischen

Küste abgestürzten Großraumflugzeugs der F l u g l i n i e

Von den

AIR INDIA.

Aufzeichungen der Instrumente, mit denen Daten von sämtlichen Flugbewegungen und betriebstechnischen D e t a i l s sowie die Äußerungen der Besatzung
i n der Pilotenkabine auf Magnetband festgehalten werden, e r h o f f t die Untersuchungskommission Hinweise auf die mögliche Ursache der Katastrophe.
Sie kam ohne jede Vorwarnung und kostete a l l e n 329 Insassen das Leben.
Am 10. und 1 1 . J u l i holten Spezialisten an Bord eines

französischen

Kabellegeschiffes, die im Auftrag eines i n t e r n a t i o n a l e n Firmenkonsortiums
den i n den USA gebauten Roboter SCARAB normalerweise zum Aufspüren von
Schadstellen, zum Reparieren und Neuverlegen von Transatlantikkabeln benutzen, die elektronischen Dokumente vom Meeresboden i n mehr a l s 2000 m

Postfach 20 03 00 Tel.:0228-339 2035
D 5300 Bonn 2
Telex: 8-85432

�a l s 2000 m T i e f e .

Dies war das erste M a l , daß der über e i n 3000 m langes

Versorgungskabel vom S c h i f f aus ferngesteuerte Roboter i n so großer Wassertiefe operierte.

Er wird über das Kabel mit Strom gespeist, bekommt

die Kommandos für Fortbewegung, Einsatz

von Fernsehkamera und Sonarsy-

stem, f ü r die e l e k t r i s c h e Betätigung der "Arme" und die hydraulische Aktivierung ihrer Greifer.

Auf gleichem Vteg gelangen die Daten und Fern-

sehaufnahmen aus der Tiefe zurück i n die Steuerungs- und Beobachtungszentrale

an Bord des S c h i f f e s .

Der Roboter hat die Ausmaße eines K l e i n -

l a s t e r s und wiegt ca. 2,8 Tonnen.

SCARAB (Abkürzung
Burial" -

Hilfsgerät

für

"Submersible

Craft

for

Assisting

Repair

and

f ü r Unterwasserreparatur und Verlegearbeit am Mee-

resgrund) i s t einer von mehreren Robotertypen, die für bestimmte Einsatzbereiche entwickelt wurden und weiter verbessert werden.
Menschen ersetzen, wenn für
sind.

ihn die Bedingungen vor Ort

Sie s o l l e n den
zu

gefährlich

So werden beispielweise nach dem S t a r t eines Raumtransporters am

Kap Canaveral die ausgebrannten und abgesprengten Raketen mit ferngesteuerten U-Fahrzeugen aus dem A t l a n t i k geborgen.
für

Unterwasserinspektionen

Andere Roboter setzt man

bei bestimmten nuklearen Systemen e i n .

Na-

t ü r l i c h stehen auch bekannte Klein-U-Boote, etwa f ü r Aufgaben im Rahmen
meereskundlicher
Verfügung.

Forschungen oder f ü r

Inspektionen an "Ölplattformen zur

Aber deren Operationsfähigkeit i s t i n bezug auf Zeit und T i e -

fe meist r e l a t i v begrenzt.
Die Bestrebungen der Entwicklungsingenieure

gehen d a h i n , die unbe-

mannten U-Fahrzeuge s c h l i e ß l i c h von der Nabelschnur zum Versorgungsschiff
zu befreien und "autonom", d . h .
Mutterschiff,

in

der

Tiefe

mit möglichst

operieren

wenig I n s t r u k t i o n e n vom

zu lassen.

Gegenwärtig

befinden

sich i n den Vereinigten Staaten d r e i Grundtypen autonomer Unterwasserroboter (ARS - "Autonomous Robot Submersibles") i n der Entwicklung, b e r i c h t e t John Douglas i n der Z e i t s c h r i f t "High Technology".
Im Aussehen wie i n i h r e n Funktionen haben a l l e eine gewisse Ä h n l i c h k e i t mit Meereslebewesen.

Da i s t einmal der "Typ Hai" - schlank gebaut,

f ü r Vorwärtsbewegung und Schwebefähigkeit k o n s t r u i e r t , l e i s t u n g f ä h i g h i n - 2 -

�l e i s t u n g s f ä h i g h i n s i c h t l i c h Reichweite
digkeit,

i n erster Linie

( b i s etwa 1000 km) und Geschwin-

für Suche und Inspektion gedacht.

Allerdings

i s t zu wenig Raum für zusätzliche Energie; vorhanden, un den Schub zu e r höhen und um zusätzliche elektronische Ausrüstungen zu betreiben.
Gewicht
kleine

und

Widerstand

Manipulatorarme

niedrig

bleiben,

verwendbar.

Mit

sind

keine

dem Einsatz

Damit

oder

bestensfalls

für

kommerzielle

Zwecke i s t i n etwa d r e i bis fünf Jahren zu rechnen.
Für die US-Marine wurde b e r e i t s e i n " H a i " mit Schleppsystem gebaut,
der Objekte auf dem Meeresgrund noch i n 6 000 m Tiefe o r t e t und i d e n t i f i ziert.
sind.

Aus 300 m Abstand erfaßt er Objekte, die mindestens 90 cm groß
Das Fahrzeug i s t 60 m b r e i t und 4.2 m lang.

Die Automatik an Bord

des Mutterschiffes umfaßt die Signalverarbeitung, Aufzeichnung und Analyse von Daten aus der Tiefe sowie die Kontrolle des Seitensonar- und des
Schleppsystems.

Drei Transponder am Meeresgrund geben Fixpunkte für die

Navigation sowohl des M u t t e r s c h i f f s als such des Unterwasser-Hilfsgerätes
ab.
Ganz anders der "Typ Krabbe" - e i n starkes Gerät, das am Boden k r i e chen und fähig sein s o l l , schwere Lasten f ü r Bau-, Rettungs- und Reparaturarbeiten

zu

transportieren.

rückwärts bewegen.

Es würde

sich

hauptsächlich

vor-

Starke hydraulische Systeme würden einen oder

und
zwei

greiferähnliche Manipulatoren bewegen und auf 10 Zentimeter genau steuern.

Zwar käme die Energie auch h i e r über Kabel vom M u t t e r s c h i f f ,

aber

Computer im Unterwasserfahrzeug würden die meisten Operationen d i r i g i e r e n .
Die F o r t s c h r i t t e i n der Oomputergraphik könnten es sogar eines Tages
möglich machen, i n

den Speicher

des Unterwasser-Fahrzeugcomputers

eine

Zeichnung von dem gesuchten Objekt einzugeben und vor Ort die Konturen
des gefundenen Objekts mit den vom Computer gesteuerten Manipulatoren abtasten und auf diese

Weise i d e n t i f i z i e r e n zu lassen.

Dies lohnte

sich

vor allem bei starker Wassertrübung.
A l s d r i t t e n ARS-Typ nennen M i t a r b e i t e r eines Zentrums der US-Marine
die "Krake" - e i n vielarmiges, gut drehfähiges Gerät, das um Hindernisse

�um Hindernisse herummanövrieren kann. Drei oder mehr Elektromanipulatoren
mit austauschbaren Werkzeugen würden große Konstruktionssegmente unter
Wasser aufbauen oder reparieren.

Dieses Fahrzeug muß in der Lage sein,

sich um die eigene Achse zu drehen und sich sowohl horizontal als auch
vertikal zu bewegen.

Zwei oder mehr der Manipulatorarme würden es veran-

kern und stabilisieren, während die freien Arme die Arbeit verrichten und
dabei millimetergenau

operieren.

Die Schwierigkeiten zur

Verwicklung

solcher Pläne liegen gegenwärtig bei der Manipulatortechnik.

Geräte vom

"Typ Krake" dürften deshalb erst in etwa 15 Jahren, vom "Typ Krabbe" kaum
vor Ablauf von acht bis zehn Jahren einsatzfähig sein.

# * * * *

�</text>
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U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

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28

17.JUIM991

WELTWIRTSCHAFTSGIPFEL

USA: HANDELSGESPRÄCHE SOLLEN NOCH
IN DIESEM JAHR BEENDET WERDEN
Interview mit dem US-Landwirtschaftsminister

KSE

KSE KANN ZUM SCHUTZ DER
AUFSTREBENDEN DEMOKRATIEN IN
EUROPA BEITRAGEN
Rede des Außenministers vor Senatsausschuß

DER KSE-VERTRAG:
ELEMENTE DES VERTRAGS
Eine Übersicht des ACDA
DER KSE-VERTRAG:
ERKLÄRUNGEN ZUM VERTRAG
Eine Übersicht des ACDA
DER KSE-VERTRAG:
VERIFIZIERUNG
Eine Übersicht des ACDA

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.:0228-339 2372
Telex: 8-85432

�WELTWIRTSCHAFTSGIPFEL
17. Juli 1991

USA: HANDELSGESPRÄCHE SOLLEN NOCH
IN DIESEM JAHR BEENDET WERDEN
Interview mit dem US-Landwirtschaftsminister
WASHINGTON - (AD) - Dem US-Landwirtschaftsminister Edward Madigan zufolge hegt die Regierung Bush
immer noch die Hoffnung, die Handelsgespräche der Uruguay-Runde bis Ende des Jahres abzuschließen,
betrachtet aber die politische Macht der Landwirtschaftslobby in der EG als potentiellen Hemmschuh.
In einem Interview mit USIA-Redakteur Jerry Stilkind und der Voice of America-Reporterin Linda Cashdan
erklärte Madigan, die Regierung werde jedoch nicht auf einer schnellen Beendigung bestehen. "Es wird noch
bis 1992 dauern, wenn es sein mu ß. Wir würden es vorziehen, wenn das nicht der Fall wäre," bemerkte Madigan.
Nachfolgend veröffentlichen wir das Interview mit dem Landwirtschaftsminister, das kurz vor dem Weltwirtschaftsgipfel in London (15. bis 17. Juli 1991) geführt wurde.

Stilkind: Wir werden uns auf Handelsfragen, Weltpolitik und den Gipfel konzentrieren. Möchten Sie dazu
etwas ausführen, bevor wir Ihnen Fragen stellen?
Madigan: Ich denke, viele Europäer wundern sich,
warum die Vereinigten Staaten in ihrer Haltung zu den
GATT-Verhandlungen so unnachgiebig oder scheinbar unerbittlich sind. Die Haltung ist dazu in den
Vereinigten Staaten ziemlich hart, aber das ist sicherlich auch in anderen Teilen der Welt - Europa eingeschlossen - der Fall.
Aber die meisten Abgeordneten im Kongreß der Vereinigten Staaten vertreten die Ansicht, daß Amerika
bei allen Handelsgesprächen der vergangenen Jahre
letztlich immer zugunsten eines erfolgreichen Abschlusses der Verhandlungen alle notwendigen Zugeständnisse gemacht hat, um ein Abkommen hervorzubringen.
Das bedrückt die Kongreßabgeordneten in den Vereinigten Staaten. Schauen Sie sich das Ungleichgewicht im Handel und unsere Probleme mit dem Verhältnis der Investitionen in diesem Land zu den Investitionen dieses Landes in anderen Ländern an. Diese
ganze Angelegenheit hat sich zu unserem Nachteil
entwickelt, und sie sagen: "Bei diesen Verhandlungen
erwarten wir, daß unsere Unterhändler hart bleiben
und gewährleisten, daß die Vereinigten Staaten so fair
behandelt werden wie alle anderen."
AMERIKA DIENST 28

Mir hat noch niemand gesagt: "Wir wollen hier besondere Vorrechte", aber sie sagen schon: "Wir wollen
nicht immer die Zugeständnisse machen. Wir wollen
nicht die einzigen sein, die am Ende Konzessionen
machen. Wir sind jetzt alle gleich. Es geht uns
wirtschaftlich besser als vor 45 Jahren. Anstatt daßdie
Vereinigten Staaten alle Zugeständnisse machen, wollen
wir erreichen, daß jeder etwas anbietet." Diese Einstellung herrscht hier vor.
Andere, die eingehender über die Probleme nachdenken, erklären: "Wenn diese aufstrebenden Demokratien in Osteuropa erfolgreich sein wollen, müssen Sie
Zugang zu Märkten haben. Sie müssen ihre Produkte
exportieren können. Der Markt, der ihnen am nächsten steht, ist der Markt in Westeuropa, die Europäische Gemeinschaft."
Das gleiche gilt für Lateinamerika. Wenn die aufstrebenden Demokratien in Lateinamerika Erfolg haben
wollen, müssen sie exportieren können. Die Westeuropäer sagen, sie wollen Zugang zu den lateinamerikanischen Märkten für Finanzdienstleistungen. Sie wollen, daß dort Urheberrechte und internationale Eigentumsrechte anerkannt werden. Und die Lateinamerikaner erklären: "Das werden wir tun, aber wir wollen
Zugang zu Euren Märkten mit unseren Exporten."
Wir stehen hier also an einem Scheideweg, wo jeder
erkennen muß, daß diese Verhandlungen scheitern
Seite 1

�könnten, wenn nicht generell die Meinung vorherrscht,
daß alle gerecht behandelt werden.
Cashdan: Die Cairns-Gruppe (von Agrarexporteuren)
trifft sich in Brasilien, und die Berichte von dort dokumentieren ihre Besorgnis, daß die Vereinigten Staaten
ihr Exportförderungsprogramm (Export Enhancement
Program - EEP) für Agrarexporte durchführt, daß die
Vereinigten Staaten gegenüber der Europäischen
Gemeinschaft Subventionen mit Subventionen vergelten wollen. Dennoch werden sie die Verlierer sein,
wenn es zu einem Subventionskrieg kommt. Wenn
Elefanten kämpfen, leidet das Gras. Können Sie zur
Vergeltung von Subventionen mit Subventionen oder
einem eskalierenden Krieg der Subventionen etwas
Beruhigendes sagen?
Madigan: Hier werden Äpfel mit Birnen verglichen.
Jeder kritisiert die Vereinigten Staaten für die Milliarde,
die wir dieses Jahr für Exportsubventionen ausgeben.
Die Europäische Gemeinschaft gibt 12 Milliarden für
Exportsubventionen aus - zwölfmal soviel wie wir aber wir werden zwölfmal öfter dafür kritisiert. Dafür
fehlt mir das Verständnis.
Tatsächlich haben wir uns mit Botschaftern einiger
Länder zusammengesetzt und ihnen die Zahlen gezeigt. Sie verstehen es auch nicht. Sie verstehen
nicht, warum über die Vereinigten Staaten soviel
Negatives berichtet wird, wenn wir eigentlich die Guten
und die EG die Schuldigen sind, die zwölfmal soviel
ausgeben wie wir.
Stilkind: Einige Forschungsgruppen haben erklärt,
daß das Exportförderungsprogramm (EEP) keinen
wirksamen Beitrag zum Schutz amerikanischer Marktanteile geleistet hat, insbesondere bei Weizen. Erwarten Sie Veränderungen des EEP, etwa bei seiner
Funktionsweise oder Mittelausstattung, und gibt es
eine Möglichkeit, die Marktanteile amerikanischer
Landwirte zu erhöhen?
Madigan: Wirerhöhen unsere Marktanteile, indem wir
sämtliche Subventionen - unsere und die der EG sowie
einige Maßnahmen des Canadian Wheat Board, die
ziemlich geheim ablaufen - abschaffen. Wenn all diese
Dinge abgeschafft wären und jedem gestattet würde,
das zu tun, was er am besten kann, dann würden wir
herausfinden, wer in jedem Bereich der Beste ist.
Genau dies möchten die Vereinigten Staaten tun. Wir
möchten nur die Chance haben, fair, ohne Subventionen, ohne Verabredungen im Hintergrund, ohne geheime Absprachen und ähnliches konkurrieren zu können.
Cashdan: Vor einem Jahr am Ende des Houstoner
Gipfels waren alle unglaublich euphorisch, als sie
diese wunderbare gemeinsame Erklärung zur Uruguay-Runde erhielten, eine starke Erklärung, in derein
Ende der Subventionen und Fortschritte gefordert
wurden, um die Runde rasch abzuschließen, so daß
Seite 2

beim nächsten Gipfeltreffen ein Jahr später dieses
glorreiche Papier unterschrieben werden könnte.
Offenkundig ist dies nicht geschehen. Besteht am
Vorabend dieses Gipfels Grund zu Optimismus? Die
Europäische Gemeinschaft erklärt ständig, sie reformiere ihre Gemeinsame Agrarpolitik (CAP), aber sehen
Sie zum gegenwärtigen Zeitpunkt Grund für Optimismus?
Madigan: Nun, es handelt sich um zwei unterschiedliche Dinge: die Reform der CAP und die Reform des
GATT sind zwei völlig verschiedene Dinge, obwohl
viele Leute sie in ihrem Denken und ihren Äußerungen
vermischen.
Wenn wir nur einmal die Struktur der Europäischen
Gemeinschaft betrachten, sehen wir eine Reihe von
EG-Kommissaren. Soviel ich weiß, haben sie sich alle
für erhebliche Reformen des GATT und durchgreifende Agrarreformen innerhalb des GATT ausgesprochen. Der Widerstand kommt nicht von der EGKommission, sondern von den Landwirtschaftsministem in den einzelnen EG-Staaten, von denen jeder
entschlossen zu sein scheint, seine Klientel zu schützen.
Letztlich muß diese Entscheidung von der EG-Kommission und den Ministern der verschiedenen Länder
getroffen werden. Und ich spreche jetzt nicht von den
Landwirtschaftsministem, ich spreche von den Finanz- und Wirtschaftsministern sowie den Premierministern. Es muß auf dieser Ebene entschieden werden, wenn den Reformen Erfolg beschieden sein soll.
Nun, für die EG-Mitgliedstaaten, die Vereinigten Staaten, Lateinamerika, alle Mitglieder der Cairns-Gruppe,
insbesondere für die aufstrebenden Demokratien in
Osteuropa und Lateinamerika steht hier sehr viel auf
dem Spiel. Es steht so viel auf dem Spiel, daß sie es
meines Erachtens nicht zum Scheitern kommen lassen werden, nur weil sich die EG-Landwirtschaftsminister weigern, einigen Veränderungen zuzustimmen.
Cashdan: Genau das haben alle im Dezember gehofft. Ist seit Dezember irgend etwas geschehen, das
Ihnen das Gefühl gibt, Sie könnten heute optimistischer sein als Ende Dezember?
Madigan: Im Dezember haben sich die Vereinigten
Staaten und die Cairns-Gruppe geweigert, noch einmal Zugeständnisse zu machen als sie erklärten:
"Nein, das ist Ihr Fehler, EG. Es liegt an Ihnen, daß wir
hier scheitern. Sie verlangen, daß alle Ihnen gegenüber Zugeständnisse machen. Dies ist traditionell
bereits seit 45 Jahren der Fall. Wir werden dies nicht
tun. Es ist Ihr Fehler, dieses Scheitern liegt an Ihnen."
Die ganze Welt sah es, und die ganze Welt wußte es.
Trotz gegenteiliger Proteste seitens der EG-Vertreter
glaubte ihnen keiner. Sie alle sahen, was geschehen
war und warum. Und das war der Grund, daß Herr
Dunkel (der Generaldirektor des GATT) später sein
AMERIKA DIENST 28

�Papier vorlegte und darin feststellte: "Wir werden über
die Landwirtschaft in allen drei Reformbereichen verhandeln." Er hat dies jetzt wiederholt. Wir hören von
den Europäern, daß sie der Notwendigkeit von Verhandlungen in allen drei Bereichen zustimmen, und
deshalb bin ich optimistisch.
Stilkind: Dem MacSherry-Vorschlag der EG, wie ich
ihn verstehe, zufolge käme es zu erheblichen Kürzungen der internen Stützungsmaßnahmen. Ist dieser
Vorschlag für die Vereinigten Staaten annehmbar?
Madigan: Nein, denn das wichtigste Ziel, das es zu
verwirklichen gilt, ist der Marktzugang. Wenn wir echte
Reformen haben wollen, dann muß es für uns und
andere Zugang zu den europäischen Märkten geben,
und wir müssen wiederum den anderen Zugang zu
unseren Märkten gewähren, den sie gegenwärtig nicht
haben. Marktzugang ist hier der Schlüssel zu einem
erfolgreichen Abschluß. Die anderen Dinge werden
dann folgen.
Stilkind: Wenn dieser MacSherry-Vorschlag nicht gut
genug ist, wie begründet sich dann der Optimismus,
sie würden bis Ende des Jahres einen besseren Vorschlag machen? Wie können Sie optimistisch sein,
wenn sie sich selbst schon Folterqualen unterworfen
haben, um den jetzigen Vorschlag zu machen?
Madigan: Sprechen Sie jetzt über die Reform der
CAP oder über das GATT?
Stilkind: Über das GATT, über die Uruguay-Runde.
Madigan: Also, ich habe von Mr. MacSherry keinen
anderen GATT-Vorschlag gehört als den, über den
Herr Dunkel gesprochen hat. Ich habe nicht erlebt,
daß MacSherry den Dunkel-Vorschlag unterstützt hat,
aber ich habe von MacSherry auch keinen speziellen
GATT-Vorschlag gesehen. Sein Vorschlag betrifft die
Reform der CAP und nicht das GATT.
Cashdan: Die Sowjetunion wird sicherlich ein weiteres wichtiges Thema beim Weltwirtschaftsgipfel sein.
In der Sowjetunion wird gesagt, Kredite in Höhe von
2,5 Milliarden Dollar seien nicht ausreichend. Haben
wir in unserem Land genug Weizen, um jeder sowjetischen Nachfrage nach Weizen gerecht zu werden?
Madigan: Das denke ich auch, aber zweifelsohne sind
wir nicht die einzigen, die Weizen besitzen. Die
Kanadier, Australier und Argentinier haben Weizen.
Auch in Westeuropa gibt es Weizen. Im Jahr 1991
erstickt die Welt sozusagen in Weizen. Die Sowjets
könnten das einzige Volk sein, das keinen Weizen hat.
Cashdan: Gibt es Pläne, ihnen mehr Weizen zu
liefern oder zu verkaufen? Haben die Sowjets nicht zur
Zeit Schwierigkeiten mit den Banken, Kredite zu bekommen?
Madigan: Meines Erachtens wird es keine Probleme
geben. Die Probleme, die sie mit den Banken haben,
AMERIKA DIENST 28

sind bald gelöst. Und wie Sie wissen, gewähren wir
ihnen Kredite in drei Tranchen. Wir sagen ihnen, sie
sollen das kaufen, was sie kaufen wollen. Wir üben
keinen Druck auf sie aus, irgendeine bestimmte Ware
zu kaufen.
Wenn Käufe getätigt werden, findet im Oktober eine
zweite und im Februar eine dritte Verhandlungsrunde
statt. In der Zwischenzeit kaufen sie Futtergetreide
von Kanada und anderen Ländern. Soweit ich weiß,
werden die Europäer mehr Handel mit ihnen betreiben.
Cashdan: Wird dieses Thema Ihres Erachtens beim
Gipfeltreffen breiten Raum einnehmen? Landwirtschaft und technische Hilfe für die Sowjets, wie etwa
Nahrungsmittelverteilung ?
Madigan: Dieses Angebot haben wir den Sowjets
unterbreitet. Wie Sie wissen, wurde eine Delegation in
die Sowjetunion entsandt, die nach ihrer Rückkehr
dem Präsidenten einen umfangreichen Bericht vorgelegt hat. Der Präsident hat gegenüber Präsident
Gorbatschow seine Bereitschaft zur Entsendung von
Experten bekräftigt, um diese technische Hilfe für die
Sowjetunion bereitzustellen.
Die mit Präsident Gorbatschow nach London reisenden Sowjets haben femer ihrem Wunsch Ausdruck
verliehen, daß ihre Delegation einige Mitglieder umfassen sollte, die diese speziellen Gespräche führen. Der
amerikanische Staatssekretär für Internationale Angelegenheiten, Dr. Crowder, wird darüber hinaus zu
einem Treffen mit den Sowjets nach London reisen,
um ihnen unsere Pläne zur Bereitstellung dieser technischen Hilfe zu unterbreiten.
Cashdan: Soweit ich weiß, haben wir amerikanische
Agrarberater nach Polen entsandt. Können Sie etwas
zu der technischen Hilfe sagen, die wir an Osteuropa
und insbesondere an Polen leisten, um zum Übergang
von der Planwirtschaft zu einer marktorientierten
Landwirtschaft beizutragen?
Madigan: Dies vollzieht sich auf unterschiedlichen
Ebenen. Einige Fragen sind sehr grundlegend, wie
etwa Transport oder Lagerung bestimmter Güter. Es
wird etwas komplizierter, wenn wir über Verarbeitung
und die unterschiedlichen Arten von Gerät reden, die
beim Verarbeitungsprozeß zur Verfügung stehen.
Auf einer vollständig anderen Ebene wird über die
Schaffung von Märkten und Erarbeitung von Finanzund Wirtschaftskriterien gesprochen, werden Termini
wie "cash flow" und all diese esoterischen Begriffe
erörtert, die zum Kapitalismus gehören. All diese
Gespräche finden auf unterschiedlichen Ebenen statt,
ein Teil davon wird durch die von Ihnen erwähnten
Agrarberater geführt, ein anderer von Mitarbeitern des
US-Landwirtschaftsministeriums, die im Gegensatz
zu den Universitäten angegliederten Beschäftigten
direkt angestellt sind, und ein weiterer Teil wird von
anderen Experten geführt.
Seite 3

�Stilkind: Ich möchte noch einmal kurz auf die Uruguay-Runde zu sprechen kommen. Muß die UruguayRunde noch in diesem Jahr wegen der Wahlen in den
Vereinigten Staaten und in Großbritannien im nächsten Jahr zu Ende gebracht werden, oder kann sie
1992 fortgesetzt werden?
Madigan: Wenn es sein muß, wird sie 1992 fortgesetzt. Natürlich würden wir es vorziehen, wenn sie
nicht bis 1992 dauern würde. Wir verhandeln seit vier
Jahren. Jeder sollte allmählich die Position des anderen kennen. Zweifelsohne wissen wir inzwischen alle,
worum es dem anderen geht
Es gibt also abgesehen von politischen Erwägungen
derjenigen, die keine Konzessionen machen wollen
und denken, "Wenn wir keine Konzessionen machen
und noch ein bißchen länger aushalten, dann macht
vielleicht jemand anderes die notwendigen Konzessionen", überhaupt keinen Grund, warum dies nicht zu
Ende gebracht werden sollte. Wenn diese Einstellung

bei ausreichend vielen vorherrscht, dann wird es bis
1992 dauern, weil wir nicht all die Konzessionen machen
werden, nur um die Verhandlungen in diesem Jahr
abzuschließen.
Cashdan: Kommen wir auf das Nahrungsmittelverteilungsproblem in der Sowjetunion zurück. Sie sagten,
mit Gorbatschow würden Agrarexperten kommen.
Madigan: Ja, aber das fällt nur zufällig mit dem Gipfel
zusammen. Diese Gespräche finden nicht im Rahmen
des Gipfeltreffens statt. Zum Gipfeltreffen gehören nur
die sieben Staats- und Regierungschefs der G-7, die
im Anschluß an ihre Verhandlungen mit Präsident
Gorbatschow zusammentreffen werden.
Gleichzeitig wird Mr. Crowder vom US-Landwirtschaftsministerium jedoch in London mit seinem Amtskollegen aus der Sowjetunion Gespräche über die Mechanismen führen, die wir zur Bereitstellung der technischen Hilfe für die Sowjets erarbeiten können.

* * * *

Seite 4

*

AMERIKA DIENST 28

�KSE
17. Juli 1991

KSE KANN ZUM SCHUTZ DER AUFSTREBENDEN
DEMOKRATIEN IN EUROPA BEITRAGEN
Rede des Außenministers vor Senatsausschuß
WASHINGTON - (AD) -Außenminister Baker zufolge kann der Vertrag über Konventionelle Streitkräfte in Europa
(KSE) zur Überwindung der ehemaligen Teilungen und zum Schutz der aufstrebenden Demokratien in Europa
beitragen.
KSE "verändert nicht nur den Zuschnitt der militärischen Konfrontation in Europa", erklärte Baker am 11. Juli
1991. "Er schreibt stabilere und berechenbarere Sicherheitsbeziehungen in Europa fest und fördert ein
politisches und militärisches Umfeld, das zur Überwindung der ehemaligen Teilungen und zum Schutz der
aufstrebenden Demokratien in Europa unabdingbar ist."
Bei der Anhörung vor dem Auswärtigen Ausschuß des Senats verwies Baker ferner darauf, daß der vom Senat
zu ratifizierende Vertrag zur Reduzierung der konventionellen Streitkräfte in Europa "dazu beitragen kann, die
nationale Sicherheit der Vereinigten Staaten auf Jahrzehnte hinaus zu schützen".
Angesichts der fortdauernden Unsicherheiten in der Sowjetunion könne der Vertrag als Bollwerk gegen die
Rückkehr zu einer militärischen Konfrontation wie zu Zeiten des kalten Kriegs dienen, räumte Baker ein.
Nachfolgend veröffentlichen wir die Eröffnungsansprache von Außenminister Baker vor dem Senat im Wortlaut.

Es ist mir eine Ehre und ein Vergnügen, Ihnen heute
den Vertrag über Konventionelle Streitkräfte in Europa
zur Ratifizerung vorlegen zu können. Ihre verfassungsmäßig verankerte Rolle beim Ratifizierungsprozeß ist entscheidend für den Schutz der amerikanischen Interessen auf der Welt. Aus diesem Grund
bitte ich Sie, die wesentlichen Gesichtspunkte dieses
Vertrags sorgfältig im Hinblick auf seine Auswirkungen
für unsere langfristigen strategischen, politischen und
wirtschaftlichen Interessen abzuwägen.

Fundament für ein neues Europa sondern wird auch
als Bollwerk gegen eine Rückkehr zu den Gefahren
und Feindseligkeiten des kalten Kriegs dienen. KSE
verändert nicht nur den Zuschnitt der militärischen
Konfrontation in Europa. Er schreibt stabilere und
berechenbarere Sicherheitsbeziehungen in Europa fest
und fördert ein politisches und militärisches Umfeld,
das zur Überwindung der ehemaligen Teilungen und
zum Schutz der aufstrebenden Demokratien in Europa
unabdingbar ist.

Wenn Sie diesen Vertrag mit all seinen Bestimmungen
prüfen, Herr Vorsitzender, werden Sie ihn meines
Erachtens der Ratifizierung für würdig erachten. Denn
als von den führenden militärischen und politischen
Mächten in Europa eingegangene rechtlich bindende
Verpflichtung kann er dazu beitragen, die nationale
Sicherheit der Vereinigten Staaten auf Jahrzehnte
hinaus zu schützen.

KSE und das neue Europa
Um die Tragweite dieses Vertrags zu verstehen, müssen
wir uns die Welt vor 1989 vor Augen führen, die Welt
des kalten Kriegs, die ein ratifizierter und vollständig
verwirklichter KSE-Vertrag für immer verbannen kann.
Zu den damals von uns gehegten Besorgnissen zählten:

Der KSE-Vertrag symbolisiert eine tiefgreifende Verlagerung vom kalten Krieg zu einem ungeteilten und
freien Europa. Er ist nicht nur das unabdingbare

die massive Überlegenheit der sowjetischen
Offensivwaffen, die zu einem Angriff auf Westeuropa fähig waren,

AMERIKA DIENST 28

Seite 1

�die Gefahr eines durch die sowjetische Geheimhaltung und die geschlossenen Gesellschaften
im Osten herbeigeführten Blitzkriegs mit kurzer
Vorwarnzeit,
das politische Gewicht der sowjetischen Besatzungsmächte in Mittel- und Osteuropa, die
die Aussichten auf Reformen belasteten, und
die wirtschaftlichen Kosten der Verteidigung
gegen die Bedrohung.
Unsere Bestrebungen, diesen Besorgnissen durch die
Gespräche über Beiderseitige und Ausgewogenen
Truppenverminderungen (MBFR) zu begegnen, führten zu einer Pattsituation. 15 Jahre lang schienen
selbst relativ bescheidene Streitkräftereduzierungen
in Europa in weite Ferne gerückt. Dann, nur wenige
Monate vor Beginn der KSE-Verhandlungen, kündigte
Präsident Gorbatschow im Dezember 1988 die damals als dramatisch eingestuften einseitigen Streitkräftereduzierungen an. Dieser Abbau hätte dem
Warschauer Pakt jedoch immer noch einen Vorteil von
2 zu 1 bei wesentlichen Fähigkeiten belassen, und
diese Verminderungen waren weit davon entfernt,
unumkehrbar zu sein.
Gorbatschows Ankündigung diente jedoch als Katalysator für die KSE-Verhandlungen und schuf ein vielversprechenderes Umfeld für die Verhandlungen. Die
NATO unterbreitete einen Vorschlag, derzurgrößeren
Sicherheit aller Staaten in Europa einschließlich der
Sowjetunion beitragen würde. Wir und unsere Verbündeten waren entschlossen, die massive Vorneverteidigung der sowjetischen Streitkräfte radikal zu reduzieren. Wir hegten die Hoffnung, daß dies das Potential
des Warschauer Pakts, einen Angriff mit kurzer Vorwarnzeit auszulösen, verringern, die Aussichten auf
einen politischen Wandel in Mittel- und Osteuropa
fördern und die Verteidigungslast durch Stabilität bei
niedrigeren Streitkräfteniveaus abbauen würde.
Der KSE-Vertrag trägt dazu bei, diese Hoffnungen
Realität werden zu lassen. Ich möchte dies im einzelnen ausführen.
Im strategischen Bereich kodifiziert der Vertrag ein
radikal neues europäisches Sicherheitsumfeld und
liefert ein solides Fundament für künftige europäische
Sicherheitsverhandlungen. KSE erfordert die Zerstörung und Beschränkung wichtiger Offensivwaffen und
schreibt damit eine neue Grundlage für strategische
Stabilität in Europa fest. KSE führt das umfassendste
und einschneidenste Verifizierungsregime ein, das es
je gab und manifestiert damit Offenheit und Berechenbarkeit.
Der Vertrag wird Stabilität kodifizieren durch:
die Beseitigung von vielen tausenden Waffensystemen, vor allem durch Zerstörung, vorbehaltlich der Benachrichtigung und Beobachtung,

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den Abbau und die Begrenzung von fünf Ausrüstungskategorien - Panzern, Artillerie, Schützenpanzer, Kampfhubschrauber und Kampfflugzeuge -, mit denen am ehesten offensive
militärische Operationen ausgeführt werden
können,
Beschränkungen für einzelne Länder, mehr als
etwa ein Drittel des gesamten vom Vertrag beschränkten Geräts in dem Gebiet zu besitzen.
Damit wird einzelnen Ländern kaum die Möglichkeit gelassen, auf dem Kontinent eine militärische und politische Vormachtstellung zu erzielen.
Beschränkung des Geräts bei aktiven Einheiten
und die Bedingung, daß anderes Gerät der Landeinheiten unter den allgemeinen Obergrenzen
in bestimmten Einrichtungen gelagert werden
muß und
die Schaffung eines verzahnten Systems geographischer Beschränkungen des Streitkräfteumfangs. Damit werden Streitkräftekonzentrationen begrenzt und Gleichgewicht nicht nur in
Mitteleuropa sondern auch an den Flanken
hergestellt.
Darüber hinaus wird der Vertrag durch ein extrem
einschneidendes Verifizierungsregime Berechenbarkeit und Offenheit kodifizieren. Im Verbund mit unseren nachrichtendienstlichen Mitteln wird dies tatsächlich die Möglichkeit einer militärisch bedeutsamen
heimlichen Aufrüstung beseitigen.
Dieses Regime umfaßt den Austausch detaillierter
Informationen, den Zwang zu Offenheit und verschiedene Formen der Vor-Ort-Inspektionen zur Ergänzung
der nationalen technischen Mittel. In militärischen
Einrichtungen aller 22 Signatarstaaten vom Atlantik
bis zum Ural werden obligatorische Inspektionen stattfinden, und bei allen verdächtigen Einrichtungen werden Ad-hoc-Inspektionen ermöglicht. Ferner sieht der
Vertrag die Einrichtung einer Gemeinsamen Beratungsgruppe vor, die Fragen der Einhaltung oder Interpretation abhandelt und Maßnahmen zur Verbesserung der Effektivität und Lebensfähigkeit des Vertrags
erarbeitet.
Im politischen Bereich trägt der Vertrag zur Festschreibung des Abzugs sowjetischer Streitkräfte aus Osteuropa bei. Der Vertrag stärkt die Souveränität der
aufstrebenden Demokratien. Er sieht vor, daß kein
KSE-Mitglied ohne die ausdrückliche Zustimmung eines
anderen Landes Streitkräfte auf dessen Territorium
stationieren kann. Der Vertrag bestätigt die bilateralen
Abkommen, in denen die Abschaffung aller stationierten sowjetischen Truppen gefordert wird und stellt
sicher, daß alle sowjetischen Stationierungen in Europa ohne Zustimmung des Gastlandes ebenfalls eine
Verletzung des Vertrags darstellen würden. Präsident

AMERIKA DIENST 28

�Havel hat im vergangenen Jahr in seiner Rede im
Kongreß erklärt, der KSE-Prozeß erleichtere nicht nur
den Abzug sowjetischer Streitkräfte aus seinem Land
sondern schaffe darüber hinaus die Bedingungen für
die Reduzierung der tschechoslowakischen Streitkräfte. In jedem Fall trägt KSE dazu bei, Unabhängigkeit,
Sicherheit und die politische Entwicklung der neuen
Demokratien in Mittel- und Osteuropa zu gewährleisten.
Wirtschaftlich gestattet es uns KSE, eine Abschrekkung auf niedrigeren Streitkräfteniveaus beizubehalten. Damit können wir die Ressourcen für Europas
Verteidigung reduzieren. Die Sowjets können neues
Denken in eine neue Politik umwandeln und ihre Verteidigungsressourcen in zivile Kanäle umleiten, indem
sie Sicherheit durch ein ausgehandeltes, rechtlich
bindendes Regime definieren und nicht mehr durch die
Bedrohung eines massiven Einsatzes von Gewalt.
Insgesamt manifestiert KSE diese einmaligen strategischen, politischen und wirtschaftlichen Tatsachen durch
einen rechtsverbindlichen Vertrag, dem die wichtigsten militärischen Mächte in Europa zustimmen. Es
stimmt, daß einige dieser Tatsachen auch durch einseitige Schritte einzelner Länder hätten hervorgebracht
werden können. Aber jede einseitige Maßnahme kann
auch einseitig widerrufen werden. Deshalb haben wir
so hart gearbeitet, um ein multilaterales, rechtlich
bindendes und wirksam verifizierbares Abkommen
hervorzubringen.
Angesichts der anhaltenden Unsicherheiten in der
Sowjetunion sollte der Beitrag, den dieser Vertrag als
Bollwerk gegen jede Rückkehr der Konfrontationen
des kalten Kriegs leistet, in Ihren Überlegungen eine
große Rolle spielen. Der Präsident hat bei vielen
Gelegenheiten eindeutig herausgestellt, daß wir Perestrojka und das neue Denken unterstützen und an
deren Erfolg aktiv arbeiten. Vor fast zwei Jahren habe
ich in San Francisco erklärt: "Mit jeder Unsicherheit
über das Schicksal der Reform in der Sowjetunion
haben wir umso mehr - nicht weniger - Grund, die
gegenwärtige Gelegenheit zu ergreifen. Denn die
Ergebnisse unserer Bemühungen - eine verringerte
sowjetische Bedrohung und wirksam überprüfbare
Abkommen - können selbst dann Bestand haben,
wenn die Perestrojka scheitert. Wenn die Sowjets erst
einmal Waffen zerstört haben, wird es für jede künftige
Kreml-Führung schwierig, kostspielig und zeitraubend
sein, den Prozeß umzukehren und militärische Überlegenheit zur Geltung zu bringen. Und aufgrund eingegangener Abkommen wird jeder Versuch, Verträge zu
unterlaufen, als Anzeichen für einen Rückfall in altes
Denken dienen." Diese vor zwei Jahren geäußerten
Worte haben auch heute noch Gültigkeit.
Aus diesem Grund bitten wir Sie, Ihre Zustimmung zur
Ratifizierung dieses Vertrags zu geben.

AMERIKA DIENST 28

Artikel III und die Lösung noch ausstehender
Probleme
Ich weiß, daß viele von Ihnen über die Lösung der
sogenannten Artikel-HI-Frage besorgt sind, und ich
möchte deshalb näher auf dieses Problem eingehen.
Kurz nach Unterzeichnung des Vertrags im vergangenen November machten die Sowjets das Recht geltend, die vertraglichen Zählregeln auf eine Weise
anzuwenden, die dem Text, den Verhandlungsprotokollen und den Ansichten der anderen 21 Teilnehmer
widersprach. Vor allem behaupteten die Sowjets, daß
die Ausrüstung von der Marine unterstellten Einheiten
nicht unter die verschiedenen KSE-Begrenzungen falle,
obwohl diese Art von Ausrüstung sehr wohl von dem
Vertrag abgedeckt wird. Damit meine ich, daß sie der
Definition vertraglich begrenzter Ausrüstung entsprach
und auf Dauer in einem Land stationiert war, das zum
Anwendungsbereich der KSE gehört. Der Präsident
hat deutlich gemacht, daß dieses Problem gelöst
werden müsse, bevor der Vertrag dem Senat zur
Beratung und Ratifizierung zugeleitet werden könne.
Es gab noch weitere Probleme in Zusammenhang mit
diesem Vertrag. In den letzten Verhandlungsmonaten
wurde klar, daß die Sowjets Zehntausende von Waffensystemen östlich des Urals verlegt hatten, wo sie
nicht unter die Verfügungen des Vertrags fallen.
Schließlich ergaben sich Fragen zur Genauigkeit der
sowjetische Daten im Hinblick auf ihre Ausrüstungsbestände im Vertragsgebiet vom Atlantik bis zum Ural.
Nach monatelangen bilateralen amerikanisch-sowjetischen Diskussionen und hochrangigen Gesprächen,
Aktivitäten in der Gemeinsamen Beratungsgruppe und
einer Reihe von bilateralen Gesprächsrunden zwischen Moskau und mehreren anderen Teilnehmerstaaten haben wir ein Paket entwickelt, das die Integrität und Unverletzlichkeit des Vertrags bewahrt.
In einer getrennten, rechtlich bindenden Erklärung
verpflichtete sich die sowjetische Regierung zu einer
Reihe von Maßnahmen, um die Marineinfanterie und
Streitkräfte zur Küstenverteidigung zu reduzieren und
begrenzen. Damit werden die Sowjets die vertraglichen Obergrenzen und andere Vereinbarungen effektiv einhalten. Obwohl vom Vertrag getrennt, stellt die
Präambel der sowjetischen Erklärung ausdrücklich
fest, daß diese Maßnahmen dazu dienen, die Durchführung des Vertrags zu fördern. Diese Erklärung
bekräftigt darüber hinaus den umfassenden Charakter
der KSE-Zählregeln (das heißt, sämtliche Ausrüstung
in vertraglich begrenzten Kategorien innerhalb des
Anwendungsgebiets fällt unter die Begrenzungen des
Vertrags, falls im Vertrag und den damit zusammenhängenden Dokumenten nichts Anderweitiges festgehalten ist). Damit wird die Wahrscheinlichkeit ähnlicher Meinungsverschiedenheiten in Zukunft verringert. Schließlich löst diese Erklärung auch eine wei-

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�tere strittige Frage, indem sie ausführt, daß Schützenpanzer in Strategischen Raketeneinheiten wie im Falle
von ähnlichen Fahrzeugen, die für analoge Funktionen
für die innere Sicherheit eingesetzt werden, nicht auf
die vertraglichen Obergrenzen angerechnet werden.
Den Sowjets ist es verboten, ihre Bestände dieser
Fahrzeuge in den Strategischen Raketenstreitkräften
zu erhöhen und diesen Streitkräften irgendwelche
anderen, vertraglich begrenzten Ausrüstungsgegenstände zu liefern.
Darüber hinaus sind die Sowjets verschiedene politische Verpflichtungen im Hinblick auf Gerät östlich des
Urals eingegangen. Bis zum Jahr 1995 werden sie
mindestens 14.500 Waffensysteme offen und unter
Beobachtung zerstören. Sie haben sich ferner verpflichtet, die zurückgezogenen Waffensysteme nicht
zur Bildung einer strategischen Reservestreitmacht zu
verwenden. Diese Zusicherungen tragen unseren
wesentlichen Anliegen im Hinblick auf Aufstellung und
mögliche künftige Verwendung dieser Systeme Rechnung. Die von den Sowjets zu liefernden Informationen und die Maßnahmen, zu denen sie sich verpflichtet haben, werden die wirksame Überwachung von
Waffensystemen östlich des Urals durch Nationale
Technische Mittel erleichtern.
Diskrepanzen zwischen unseren Schätzungen und
den von den Sowjets bis zur Vertragsunterzeichnung
gelieferten Daten sind aufgrund weiterer Analysen und

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Informationen, einschließlich von den Sowjets gelieferter Daten, erheblich verringert worden. Verbleibende Fragen werden in der Gemeinsamen Beratungsgruppe oder über andere Kanäle eingehend behandelt
werden. Unserer Meinung nach rechtfertigt keines
dieser Datenprobleme einen Aufschub bei der Behandlung dieses Vertrags.
Schlußbemerkung
Zum Schluß, Herr Vorsitzender, möchte ich noch
folgendes sagen: Im Jahr 1989 vollzog sich in Europa
ein politisches Erdbeben, ein Ausbruch demokratischer Werte, der die politische Landkarte des Kontinents veränderte. Heute arbeiten wir mit den neuen
Demokratien Mittel- und Osteuropas sowie einer sich
reformierenden Sowjetunion zusammen, um zu gewährleisten, daß die Demokratie vom Atlantik bis zum
Ural weiter gedeiht.
Einer der besten Wege, um dies zu tun, ist die Ratifizierung des KSE-Vertrags und seine anschließende
Durchführung. Denn der KSE-Vertrag kann ein dauerhafter Pakt gegenseitigen Vorteils sein, ein Vertrag, in
dem alle Europäer und Amerikaner ihre Interessen
gefördert sehen können. Damit kann der KSE-Vertrag
die Ungewißheiten bezüglich der Zukunft reduzieren
und dazu beitragen sicherzustellen, daß die militärische Landkarte Europas unsere grundlegenden Interessen widerspiegelt.

AMERIKA DIENST 28

�KSE
17. Juli 1991

DER KSE-VERTRAG:
ELEMENTE DES VERTRAGS
Eine Übersicht des ACDA
Die folgende Übersicht mit dem Titel Der Vertrag über Konventionelle Streitkräfte in Europa: Elemente des
Vertrags wurde am 1. Juli 1991 vom Amt für Rüstungskontrolle und Abrüstung veröffentlicht.

Vertraglich begrenzte konventionelle Waffensysteme
Kampf panzer: Kampf panzer sind die wichtigsten Mittel eines offensiven Feldzugs, und ihre Begrenzung ist
ein entscheidendes Element des KSE-Vertrags. Jeder
Seite - der NATO und den Staaten des ehemaligen
Warschauer Pakts - wird eine Obergrenze von 20.000
Kampfpanzern gesetzt.
Darüber hinausgehende
Systeme müssen zerstört werden, wobei jedoch jeder
Staat bis zu 750 Panzer für zivile Zwecke umrüsten
darf. Kein einzelnes Land darf mehr als 13.300
Kampfpanzer besitzen.
Gepanzerte Kampffahrzeuge (ACVs): Diese Fahrzeuge liefern der Infanterie Beweglichkeit und Feuerunterstützung während des Gefechts. Sie können ein
entscheidender Faktor für eine Offensive sein, und
ihre Begrenzung ist deshalb mit der Notwendigkeit zur
Verringerung der Kampfpanzer verbunden. Auf jeder
Seite wird die Gesamtzahl auf 30.000 ACVs begrenzt,
wobei eine Zwischenobergrenze von 18.000 für die
kampfstärkeren Schützenpanzer (SPz) und Kampffahrzeuge mit schwerer Bewaffnung (HACVs) gilt.
Davon dürfen höchstens 1.500 HACVs sein. Systeme,
die diese Obergrenze überschreiten, sind zu zerstören, aber jeder Staat kann bis zu 3.000 ACVs für zivile
Zwecke umrüsten. Kein einzelnes Land darf mehr als
20.000 ACVs besitzen.
Artillerie: Die Artillerie liefert die wesentliche Feuerunterstützung für die Gefechtsführung. Artillerie, Panzer

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und ACVs stellen zusammengenommen den Kern der
konventionellen Offensivfähigkeit dar. Die Zahl der
Artilleriewaffen ist auf jeder Seite auf 20.000 begrenzt,
und kein einzelnes Land darf mehr als 13.700 Artilleriewaffen besitzen. Darüber hinausgehende Systeme
sind zu zerstören.
Kampfhubschrauber: Kampfhubschrauber liefern
Feuerunterstützung und Lufttransport für die Infanterie. Sie verschaffen somit einem Befehlshaber erhebliche Manövrierfähigkeit für die Gefechtsführung. Zu
den Kampfhubschraubem zählen sowohl Angriffshubschrauber als auch Kampfunterstützungshubschrauber. Für jede Seite gilt eine Obergrenze von 2.000
Angriffshubschraubern. Spezial-Angriffshubschrauber über die vereinbarten Obergrenzen hinaus sind zu
zerstören. Mehrzweck-Angriffshubschrauber, deren
Zahl die vereinbarten Obergrenzen übersteigt, können
rekategorisiert werden, indem sie für die Verwendung
von Lenkwaffen unbrauchbar gemacht werden. Kein
einzelnes Land darf mehr als 1.500 Angriffshubschrauber besitzen.
Kampfflugzeuge: Kampfflugzeuge liefern einem Offensivfeldzug zusätzliche Vielseitigkeit, Beweglichkeit
und zerstörerische Fähigkeit. Die Zahl der KampfflugzeugewirdaufjederSeiteauf6.800begrenzt. Darüber
hinausgehende Systeme sind zu zerstören. Kein
einzelnes Land darf mehr als 5.150 Kampfflugzeuge
besitzen. Ständig landgestützte Marinekampfflugzeuge werden einer politischen Verpflichtung außerhalb
des KSE-Vertrags zufolge begrenzt.

Seite 1

�Regionale Differenzierung und ausreichendes Niveau:
Neben den vereinbarten Obergrenzen für die Zahl von
Waffensystemen in jeder Kategorie, die in der ATTUReduzierungen: Den Bestimmungen des KSE-Ver- Region (Atlantik bis zum Ural) stationiert werden dürtrags zufolge müssen die militärischen Fähigkeiten fen, wurden regionale zahlenmäßige Obergrenzen
aller Systeme, die die vereinbarten Obergrenzen über- ausgehandelt. Diese werden dazu beitragen, destabisteigen, auf Dauerzerstörtwerden. Diese wichtige Be- lisierende Streitkräftekonzentrationen in einzelnen
stimmung wird die rasche Wiederherstellung der mili- Gebieten zu verhindern. Eine Reihe miteinander vertärischen Fähigkeiten oder die Lagerung von Syste- bundener Unterregionen wurde geschaffen. Innerhalb
men für künftige militärische Nutzung verhindern.
jeder Region gelten spezielle zahlenmäßige Obergrenzen für jede Kategorie landgestützter Systeme.
Der Vertrag enthält präzise Definitionen für die Zerstörung jedes Waffentyps. Die ständige Überwachung Der Vertrag erkennt darüber hinaus an, daß Obergrender Zerstörung dieser Systeme wird durch das Inspek- zen für den Anteil an Waffensystemen eingeführt
tionsprotokoll geregelt.
werden müssen, die jeder Staat in der ATTU-Region
Die Umrüstung einer geringen Anzahl von Systemen besitzt. Unter dem Begriff "ausreichendes Niveau"
für zivile Zwecke, für Nutzung als Ziele oder für militä- legt diese Regel individuelle Obergrenzen für jede
rische Vorführungen wird gestattet, aber nur, nachdem Waffenkategorie fest. Den Bestimmungen des Verdie militärische Fähigkeit der Waffensysteme zerstört trags zufolge kann kein Land mehr als etwa ein Drittel
wurde. Detaillierte Vorschriften für die Zerstörung der aller in diesem Gebiet zulässigen Waffensysteme
militärischen Fähigkeiten vor der Umrüstung sind im besitzen.
Reduzierungen, regionale Differenzierung und
ausreichendes Niveau

Vertrag enthalten.

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* *

AMERIKA DIENST 28

�KSE
17. Juli 1991

DER KSE-VERTRAG:
ERKLÄRUNGEN ZUM VERTRAG
Eine Übersicht des ACDA
WASHINGTON - (AD) - Die nachfolgende Übersicht mit dem Titel Erklärungen im Zusammenhang mit der
Unterzeichnung des Vertrags über Konventionelle Streitkräfte in Europa (KSE) wurde am 1. Juli 1991 vom
US-Amt für Rüstungskontrolle und Abrüstung (ACDA) herausgegeben.

Bei Unterzeichnung des KSE-Vertrags am 19. November 1990 wurden drei politisch verbindliche Erklärungen vereinbart. Diese Verpflichtungen stellen eine
Erweiterung der Bestimmungen des Vertrags dar.
Erklärung der Regierung der Bundesrepublik
Deutschland über die Personalstärke der deutschen Streitkräfte
In dieser einseitigen Erklärung verpflichtet sich die
Regierung der Bundesrepublik Deutschland, die Streitkräfte des vereinten Deutschlands innerhalb von drei
bis vier Jahren auf eine Personalstärke von 370.000
Mann zu reduzieren. Diese Reduzierung soll mit dem
Inkrafttreten des KSE-Vertrags beginnen.
Erklärung der Vertragsstaaten des Vertrags über
Konventionelle Streitkräfte in Europa in bezug auf
Personalstärken
Um die Bestimmungen des KSE-Vertrags zu erweitern, der Folgeverhandlungen fordert - die unter anderem die Erwägung von Maßnahmen zur Begrenzung
der Personalstärke in der Region vom Atlantik bis zum
Ural (ATTU) zum Ziel haben - vereinbaren die Vertragsstaaten dieses Vertrags, daß sie für die Dauer
dieser Verhandlungen den festgelegten friedensmäßigen Gesamtpersonalumfang ihrer konventionellen
Streitkräfte gemäß dem Mandat im Anwendungsgebiet nicht erhöhen werden.

gen und Gerät ein. Die Sowjets haben sich der
Anrechnung ihrer landgestützten Marineflugzeuge
(LBNA) auf die im KSE-Vertrag festgelegten Obergrenzen für Flugzeuge vehement widersetzt, da die
amerikanischen und andere westliche trägergestützte
Flugzeuge nicht gezählt werden würden. Man einigte
sich schließlich darauf, daß eine politische Verpflichtung die LBNA getrennt vom Vertrag begrenzen würde. Im Rahmen dieses Nebenabkommens verpflichtet
sich jede Staatengruppe, die Gesamtzahl von 430
solcher ständig landgestützten Marinekampfflugzeuge in der KSE-Zone nicht zu überschreiten, von denen
kein Staat mehr als 400 unterhalten wird. Es verbietet
darüber hinaus die Einbeziehung von Angriffshubschraubern in landgestützte Marinestreitkräfte.
Unmittelbar nach Unterzeichnung des KSE-Vertrags
bekräftigten die Sowjets, daß der Marine unterstellte
landgestützte konventionelle Streitkräfte und Gerät obwohl innerhalb des geographischen Gebiets des
KSE-Vertrags - nicht unter die Vertragsbegrenzungen
fallen. Alle anderen Signatarstaaten wiesen diese
Ansicht zurück. Darüber hinaus bestand tiefe Besorgnis bezüglich des Abzugs von Tausenden von Waffensystemen durch die Sowjets aus der Zone vor Unterzeichnung des Vertrags. Diese Systeme hätten andernfalls zerstört werden müssen.

Erklärung der Vertragsstaaten des Vertrags über
Konventionelle Streitkräfte in Europa in bezug auf
landgestützte Marineflugzeuge

Erklärung der Regierungen der UdSSR und anderer Vertragsstaaten des Vertrags über Konventionelle Streitkräfte in Europa und Erklärung des
Vertreters der UdSSR in der gemeinsamen Beratungsgruppe vom 14. Juni 1991

Das Mandat, unter dem der KSE-Vertrag ausgehandelt wurde, bezieht ausdrücklich alle ständig in der
ATTU-Region landgestützten konventionellen Rüstun-

Nach Monaten bilateraler und multilateraler Gespräche gingen die Sowjets am 14. Juni 1991 rechtlich
bindende Verpflichtungen ein, die praktisch die Einhal-

AMERIKA DIENST 28

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�tung der Obergrenzen und anderer Schlüsselbestimmungen des Vertrags bewirken. Vor allem verpflichteten sie sich, daß in Zukunft alle in der ATTU-Region
unterhaltenen landgestützten konventionellen Rüstungen in vertragsbegrenzten Kategorien - unabhängig von den Organisationen, denen sie unterstellt
sind - auf die Vertragsbegrenzungen angerechnet
würden.

eine Reihe von politischen Verpflichtungen ein, einschließlich der Verpflichtung, eine Reihe von Waffensystemen zu zerstören oder sie für zivile Zwecke
umzurüsten, abgezogenes Gerät nicht zum Aufbau
einer strategischen Verteidigung zu benutzen, Informationen über Gerät zur Verfügung zu stellen, das
abgezogen und gelagert wurde und die Arsenale schrittweise abzubauen.

Um die Besorgnis über jenseits des Urals stationierte
Waffensysteme anzusprechen, gingen die Sowjets

* * * * *

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AMERIKA DIENST 28

�KSE
17. Juli 1991

DER KSE-VERTRAG:
VERIFIZIERUNG
Eine Übersicht des ACDA
WASHINGTON - (AD) - Die nachfolgend veröffentlichte Übersicht mit dem Titel Der Vertrag über Konventionelle Streitkräfte in Europa: Verifizierung wurde am 1. Juli 1991 vom US-Amt für Rüstungskontrolle und
Abrüstung veröffentlicht.

Der KSE-Vertrag enthält ein weitreichendes Verifizierungsregime. Mit diesem Regime, bei dem zur Überwachung der Einhaltung Vor-Ort-Inspektionen Nationale Technische Mittel ergänzen, werden Land- und
Luftstreitkräfte der Vertragsstaaten im Anwendungsgebiet des Vertrags Inspektionen unterliegen, entweder bei gemeldeten Einrichtungen oder mit Hilfe von
Verdachtsinspektionen. Darüber hinaus sieht der Vertrag
einen detaillierten Informationsaustausch über die
Befehlsstruktur aller Land-, Luft- und Seeverteidigungsstreitkräfte jedes Vertragsstaats ebenso vor wie Informationen über die Anzahl, Typen und Stationierungsorte des vertraglich erfaßten militärischen Geräts jedes Vertragsstaates. Diese Information wird regelmäßig und auch dann aktualisiert, wenn erhebliche Veränderungen bei den Daten auftreten und Reduzierungen von Gerät stattfinden. Inspektionen und Informationsaustausch werden zur militärischen Offenheit der
gesamten Region beitragen und darüber hinaus das
Vertrauen und die Stabilität in ganz Europa erheblich
steigern.

Reduzierungsinspektionen von zerstörtem oder umgerüstetem vertraglich begrenzten Gerät und Inspektionen zur Zertifikation der Rekategorisierung bestimmter Hubschrauber und der Reklassifizierung bestimmter kampffähiger Schulflugzeuge. Eines der wichtigsten Ergebnisse des Vertrags wird die Zerstörung
Tausender sowjetischer Waffensysteme sein, und diese
beiden Arten von Inspektionen werden es uns gestatten, die Einhaltung aller Reduzierungsverpflichtungen
im Rahmen des KSE-Vertrags zu bestätigen.

Um die Verifizierung der Einhaltung von Vertragsbestimmungen zu fördern, haben die Vertragspartner
das Recht, eine beträchtliche Anzahl von Vor-OrtInspektionen innerhalb des Anwendungsgebiets durchzuführen und sind verpflichtet, sie zu akzeptieren.

Darüber hinaus verpflichten sich die KSE-Vertragsstaaten zur Aushandlung eines KSE-Luftinspektionsregimes während der laufenden KSE 1A-Verhandlungen. Dieses Regime soll nach Beendigung der KSEReduzierungsphase in Kraft treten.

Vor-Ort-Inspektionen bei gemeldeten Lagerungsstätten unterliegen bestimmten Quoten, können aber nicht
verweigert werden. Verdachtsinspektionen können
verweigert werden, aber wenn das der Fall ist, mu ß der
sich weigernde Staat angemessene Zusicherungen
geben, daß sich in dem spezifizierten Gebiet keine
durch den Vertrag begrenzten Waffen befinden. Solche Vor-Ort-Inspektionen wirken als Abschreckung für
Täuschungsmanöver - besonders bei gemeldeten
Einrichtungen.

Zwei der vier Arten von Vor-Ort-Inspektionen bei KSE
finden ohne Quoten oder Verweigerungsrecht statt -

* * * * *

AMERIKA DIENST 28

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amcrika
dienet

Herausgeber: U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

Z 12462 C

17. Juli 1995

MEDIEN IN DEN USA

300 JAHRE ZEITUNGSWESEN IN AMERIKA
von Stephen Bates

DER VIERTE STAND RECHTE UND PFLICHTEN
von Robert H. Estabrook

DIE MACHT DER FERNSEHNACHRICHTEN
von Joshua Meyrowitz

DIE NACHRICHTENMEDIEN:
WIE GROSS IST IHR EINFLUSS?
von John Herbers

CNN: EIN SCHLÜSSEL FÜR WELTWEITE
NACHRICHTENÜBERMITTLUNG
von Daniel B. Wood

DIE ROLLE FREIER MEDIEN IN
DER DEMOKRATIE
Rede Shattucks bei KSZE-Seminar

FAX, CD-ROM, ONLINE-DIENSTE
UND ZEITUNGEN
von Tony Case

DIE DIGITALISIERTE
NACHRICHTENZENTRALE
von Philip Moellers

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Deichmanns Aue 29
D 53170 Bonn

Tel.:0228-339 23 72
Fax:0228-33 41 02

�MEDIEN
17. März 1993

300 JAHRE ZEITUNGSWESEN IN AMERIKA
von Stephen Bates
Der Verfasser des nachstehenden Beitrags würdigt die 300jährige Tradition des amerikanischen Zeitungswesens und beschreibt einige der Probleme, denen sich die frühe amerikanische Presse ausgesetzt sah, die heute
von der Verfassung geschützt ist. Der Artikel gehört zu einer Serie von Beiträgen über die US-Medien, die wir
künftig in unregelmäßiger Folge veröffentlichen werden.
Stephen Bates ist wissenschaftlicher Mitarbeiter beim American Enterprise Institute und Autor von If No News,
Send Rumors: Anecdotes of American Journalism.
Der Artikel darf in ungekürzter Form mit folgendem Zusatz nachgedruckt werden: Nachdruck mit Genehmigung
von The American Enterprise. Copyright (c) American Enterprise Institute for Public Policy Research.
Die amerikanische Presse entstand vor dreihundert
Jahren. Publick Occurrences Both Forreign and
Dornest ick kam am 25. September 1690 in Boston auf
den Markt. Obwohl die Zeitung von Benjamin Harris
nicht mit heutigen zu vergleichen ist - sie wies weder
Schlagzeilen noch Illustrationen auf und umfaßte lediglich drei kurze Seiten von 18 mal 28 Zentimetern gibt es doch eine tiefergehende Kontinuität.

Grund anzunehmen, daß der Vater über seine Beziehung zur Frau des Sohnes gelogen hat". Etwa 250
Jahre später bezeichnete ein Joumalismushistoriker
diese Nachricht keusch als "Skandal, (der) den französischen König und seine Schwiegertochter betraf.
Was um 1690 akzeptabel gewesen war, war für die
vierziger Jahre des 20. Jahrhunderts zu schlüpfrig
geworden.

Die Nachrichten, über die 1690 berichtet wurde, wären
auch dem Zeitungsleser von 1990 geläufig. Die erste
Nummer von Publick Occurrences enthielt Lokalnachrichten (die Pocken hatten "stark nachgelassen",
aber "Fieber und Schüttelfrost" nahmen zu), einen
Tadel der Regierungspolitik (die indianischen Verbündeten Großbritanniens benahmen sich "auf eine Art
und Weise, die für jeden Engländer zu barbarisch ist"),
einen detaillierten Bericht über einen Selbstmord (ein
Witwer, der seit dem Tod seiner Frau "still und grämlich" gewesen war, wurde "an einem Seil hängend, das
man zum Anbinden von Kälbern benutzt hatte", gefunden) und eine Spur von Gewalt (ein Hauptmann hatte
zwei Indianern "die Gesichter zerschnitten und die
Bäuche aufgeschlitzt"). Auch einige nationale und
internationale Nachrichten erschienen, die ohne Quellenangabe von britischen Zeitungen abgeschrieben
waren - eine Praxis, die einen Londoner Verleger
veranlaßte, Harris als "Plagiator und Pressepiraten" zu
bezeichnen.

Eine andere Zeitung aus der Kolonialzert wollte ein
solch breites internationales Nachrichtenspektrum
abdecken wie die New York Times von heute. John
Campbeils zwei Seiten umfassendes Wochenblatt
Boston News-Letter kündigte an, es wolle alle aus
Europa eingehenden Nachrichten vollständig und in
der Reihenfolge ihres Eingangs abdrucken. Die Nachrichten sprengten schon bald den vorgesehenen
Rahmen, aber Campbell weigerte sich, seinen ehrgeizigen Plan zu modifizieren. Als der News-Letter im
Jahr 1718 den europäischen Nachrichten über ein Jahr
hinterherhinkte, erweiterte Campbell widerwillig den
Umfang der Zeitung, um dies wettzumachen.

Die Verleger der Kolonialzeit versuchten ebenso hartnäckig wie die Graphiker von USA Today (eine besonders graphikorientierte amerikanische Tageszeitung),
ihre Produkte attraktiv zu gestalten. Die ersten Zeitungen waren teuer (Männer machten sie bisweilen ihrer
Angebeteten zum Geschenk), und einzelne Exemplare wurden von Leser zu Leser weitergegeben. Einige
Ein Beitrag aus Publick Occurrences würde hervor- Verleger waren so aufmerksam, daß sie bei jeder
ragend in den National Enquirer passen, ein amerika- Ausgabe eine Seite frei ließen, damit der Abonnent
nisches Massenblatt von heute. Der Sohn des Königs persönliche Nachrichten niederschrefoen konnte, bevor
von Frankreich, so die Zeitung, "hat kürzlich gegen ihn er sie Freunden zusandte.
revoltiert und hat - falls die Berichte zutreffen - allen
AMERIKA DIENST

Seite 1

�Viele der frühen Zeitungen erzielten nie Gewinne. Um
ein Auskommen zu haben, fungierte John Campbell
gleichzeitig als Leiter eines Postamts. Dasselbe galt
für den Verleger der Pennsylvania Gazette, Benjamin Franklin, der gerissen andere Zeitungen von der
Postverteilung in Philadelphia ausschloß. Benjamin
Harris betrieb weiterhin ein Kaffeehaus und ein Buchgeschäft. Einige Verleger verkauften nebenher Textilien.

mann Benjamin Franklin schrieb, daß nahezu alles
Veröffentlichte "einige und vielleicht zu viele beleidigen
wird", und deshalb machten sich die Herausgeber bald
"eine Gleichgültigkeit gegenüber Richtigkeit oder Falschheit der in ihren Druckerzeugnissen enthaltenen Meinungen zu eigen". Wo Franklin den Journalisten riet,
Kritik zu ignorieren, forderte John Adams, der später
der zweite Präsident der Vereinigten Staaten wurde,
dazu auf, sie zu genießen. In einem Brief an die
Boston Gazette schrieb Adams, die von den "MachtNahezu alle Verleger stellten ihre Druckpressen gegen gierigen" gegen die Zeitung vorgebrachten "abgedroBezahlung für religiöse Traktate, Almanachs, Flug- schenen, unverschämten Vorwürfe von Rufmord und
blätter, Geschäftsformulare und Druckschriften zur Volksverhetzung" bedeuteten "für uns um so mehr
Verfügung. Die Auftragsarbeiten konnten zu Konflik- eine Ehre". Die Haltung von Adams lebt fort: Morton
ten führen wenn, was häufig der Fall war, die Regie- Kondracke von The New Republic betrachtet es als
rung der wichtigste Kunde war. Nachdem die Boston eine seiner größten Leistungen, daß er vom Weißen
Gazette im Jahr 1757 religiöse Gefühle verletzt hatte, Haus unter Nixon auf die Liste von Gegnern gesetzt
teilten die "selectmen" (Stadtratsabgeordneten) der wurde.
Stadt ihrem Verleger mit, "wenn Sie weiterhin Dinge
dieser Art abdrucken, dürfen Sie keine weiteren Vortei- Mit Zunahme der Spannungen zwischen Briten und
le mehr von uns erwarten". Der Verleger versprach, Kolonisten lernten die Herausgeber mehrere Lektiovorsichtiger zu sein.
nen, die auch später noch Bestand hatten. Sie entdeckten, daß sie Bedrohungen ihrer Profite, wie das
Aufstieg und Fall des Wettbewerbs
Stempelgesetz, als Bedrohungen von Grundfreiheiten
aller Menschen darstellen konnten. In ihren FußstapDie verwundbarsten Zeitungen waren die, die lokale
fen haben Verleger des zwanzigsten Jahrhunderts
Konkurrenten hatten. 1721 versuchten Freunde, James
bisweilen behauptet, der erste Zusatz zur amerikaniFranklin (Bens älteren Bruder) davon zu überzeugen,
schen Verfassung befreie sie von der Pflicht, Steudaß die Gründung einer Zeitung eine Torheit sei.
er-, Kartell- und Arbeitsgesetze sowie BebauungspläCampbeils Boston News-Letter, so behaupteten sie, ne einzuhalten. Die Zeitungsverleger der Kolonialzeit
habe den Markt gesättigt - einen ansehnlichen Markt, erlebten, wie die Auflagen explodierten: Die des
da der News-Letter damals die einzige Zeitung in den Connecticut Courant erreichte 8.000 im Jahr 1781,
amerikanischen Kolonien war. Franklin ignorierte den was mehr war als die Auflage der meisten Londoner
Rat, und sein New-England Courant bestand fünf Zeitungen. Die Herausgeber entdeckten, daß sich
Jahre.
Zeitungen mit schlechten Nachrichten am besten
Mit wachsendem Konkurrenzdruck entstanden Hun- verkaufen lassen. Damals wie heute gilt, was der
derte von Zeitungen, und durch Zusammenschlüsse Journalist Walter Lippmann einmal trocken folgenderkam es zu Namensänderungen und Schließungen. maßen formulierte: "Krieg ist sensationeller als FrieThe American Minerva wurde 1793 in New York den."
gegründet. Im Jahr 1797 wurde die Zeitung in Commercial Advertlser umbenannt, 1904 in The Globe, Die Pioniere der Presse unterhielten komplexe Bezie1923 in The Sun and The Globe, 1950 in New York hungen zur Regierung. Bezeichnend hierfür ist der Fall
World-Telegram/The Sun und 1966 in World Jour- von Benjamin Harris. Er plante, seine Publick Occurnal Tribuns. 1967 stellte World Journal Tribüne, rences "einmal im Monat (oder häufiger, wenn eine
das eine Fortsetzung von 38 verschiedenen Zeitungen Vielzahl von Ereignissen stattfindet") zu veröffentlidarstellte, das Erscheinen vollständig und ohne Nach- chen. Als die erste Ausgabe erschien, ordnete der
königliche Gouverneur jedoch die dauernde Einstelfolger ein.
lung der Zeitung an, weil Harris die Einholung der
So viele Zeitungen wurden eingestellt oder schlössen erforderlichen Genehmigungen versäumt hatte.
sich mit anderen zusammen, daß heute weniger als 20
Städte konkurrierende Tageszeitungen haben, nach- Harris hatte sich schon früher staatlichen Anordnundem es vor dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs noch gen widersetzt. In London war er bereits mehrmals
nahezu 700 gegeben hatte. Die Zeitungsindustrie festgenommen, an den Pranger gestellt und wegen
erzielt Gewinne von 20 Prozent vor Steuern - nahezu Veröffentlichung aufrührerischer Schriften inhaftiert
doppelt soviel wie die amerikanische Fertigungsindu- worden. Wenn er jemals Gedanken gehegt haben
strie -, und einige Zeitungen erreichen sogar 40 Pro- mag, die Einstellungsverfügung für Publick Occurrences zu mißachten, so gab er sie jedoch bald auf.
zent.
Die königlichen Behörden vergaben einen Druckauftrag
an ihn, der wesentlich höhere Gewinne versprach
Die Zeitungen der Kolonialzeit wurden häufig kritisiert,
als
die
Zeitung. Harris' Karriere im amerikanischen
und schon bald fanden die Herausgeber MöglichkeiJournalismus
fand ein abruptes Ende.
ten, die Kritik abzubiegen. Der amerikanische StaatsSeite 2

AMERIKA DIENST

�Mit immer selteneren Ausnahmen müssen sich die
Verleger von heute kaum Sorgen über Einstellungsverfügungen machen. Statt dessen sorgen sie sich um
mögliche Beschränkungen der Zigarettenreklame,
Steuern auf den Verkauf von Einzelexemplaren, Begrenzung der Aufstellung von Zeitungsautomaten auf
bestimmte Gebiete, Arbeitsschutzbestimmungen für
die Benutzung von Computermonitoren sowie Gesetze, die den Zeitungen die Benutzung von Altpapier
vorschreiben. Auf nahezu alle diese Bedrohungen
reagieren die Verleger mit der Berufung auf den ersten
Verfassungszusatz und, wenn dies nutzlos ist, mit
Lobbyismus, Einflußnahme und "Arbeit mit der Regierung" • wie der Titel einer Präsentation bei der Messe
der Vereinigung amerikanischer Zeitungsverleger im
Jahr 1990 lautete.

fahrlässiger Verursachung seelischen Leides verklagt,
weil die Zeitung eine falsche Lotterienummer veröffentlicht hatte, die Manuel Hernandez kurze Zeit und
fälschlich zu der Annahme veranlaßte, er habe 11
Millionen Dollar gewonnen. Endlose Marktanalysen
ergeben, daß "Bugs Bunny" bei Lesern zwischen 18
und 49 Jahren die beliebteste Zeichentrickfigur ist,
während 6-17jährige "Garfiekf bevorzugen. Und die
kalifornische Zeitung Orange County Register setzte
einen Reporter auf ein Gebiet an, an das Benjamin
Harris noch nicht gedacht hatte: Einkaufszentren.

Die Erstausgabe von Publick Occurrences gab an,
sie werde "die Umstände öffentlicher Angelegenheiten" und "denkwürdige Vorfälle göttlicher Vorsehung"
aufzeichnen. In den Tagen von AIDS ist dies nicht
minder als in den Tagen von Schüttelfrost eine treffenEinige Aspekte des Journalismus der neunziger Jahre de Beschreibung des Auftrags der Presse. Nach 300
haben keine kolonialen Wurzeln. Der kalifornische Jahren lebt das Vermächtnis der verkürzten Karriere
Ventura County Star - Free Press wurde wegen von Benjamin Harris fort.
• *

AMERIKA DIENST

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Seite 3

�MEDIEN
24. März 1993

DER VIERTE STAND - RECHTE UND PFLICHTEN
von Robert H. Estabrook
Die Unabhängigkeit der Presse von der Regierung ist das grundlegendste ethische Dogma des Journalismus
in den Vereinigten Staaten, so der Autor des vorliegenden Artikels. Obwohl eine freie Presse die Regierung
bisweilen in Verlegenheit bringe, sei sie einzig und allein ihren Lesern verantwortlich.
Robert H. Estabrook, ehemaliger Auslandsreporter von The Washington Post, ist Redakteur und Verleger im
Ruhestand von The Lakeville Journal, einer wöchentlich erscheinenden Lokalzeitung im Nordwesten Connecticuts. 1987 reiste er nach Indien und nahm an dem indisch-amerikanischen Workshop über kleine und
mittelgroße Zeitungen teil.

Der erste Zusatzartikel zur amerikanischen Verfassung enthält den oft zitierten Satz:" Der Kongreß darf
kein Gesetz erlassen, das... die Rede- oder Pressefreiheit ...einschränkt." Aus diesem in der Bill of Rights
enthaltenem Gebot leitet sich das ab, was ich als das
vielleicht grundlegendste ethische Dogma des Journalismus in den Vereinigten Staaten betrachte: "Die
Presse ist von der Regierung unabhängig."

Presse ist ihren Lesern - und nur ihnen - verantwortlich.
Sie kann nicht Sklave oder Lakai der Regierung sein.

Unabhängigkeit ist das Herzstück jeder Erklärung über
die ethischen Prinzipien, die das Verhalten der Presse
respektieren. Zeitungsverleger können sich entscheiden, eine bestimmte Partei oder Interessengruppe zu
unterstützen, aber in den Vereinigten Staaten ist eine
steigende Zahl von Zeitschriften und Magazinen unabDie Gründerväter der damals noch in den Kinderschu- hängig von Partei oder Regierung. Das bedeutet nicht,
hen steckenden Nation waren argwöhnisch gegen- daß sie nicht eine bestimmte Partei oder einen beüber der Tendenz der Regierung - selbst wenn sie die stimmten Kandidaten den anderen vorziehen, aber sie
besten Absichten hatte - , bisweilen zum Tyrann zu schulden ihnen keine Loyalität, und ihre Unterstützung
werden. Regierungen setzen sich aus Menschen ist die Praktizierung ihrer Unabhängigkeit. Es handelt
zusammen, und Menschen können Fehler machen sich von Seiten des Verlegers und der Herausgeber
und tun dies auch. Aus diesem Grund stellten sich die um eine freie Entscheidung.
Verfasser des ersten Verfassungszusatzes die Presse, trotz all ihrer Mängel, als eine Art Sozialkritiker vor, Hieraus folgt, daß eine unabhängige Presse diese
der eine gesonderte, von der Regierung getrennte Rolle in Ehren halten sollte, indem sie jeder Art von
Druckausübung widersteht - von Seiten der KommuRolle spielt.
nal-und der Bundesregierung, von Interessengruppen
Journalisten legen bei der Verfolgung nationaler Inter- in der Gemeinde, mächtigen Einzelpersonen und
essen ebensoviel Patriotismus an den Tag wie jeder Werbefachleuten. Das ist ein hehrer Maßstab, und
andere, und nichts in der Bill of Rights deutet darauf bisweilen ist es in einer kleinen Gemeinde schwieriger
hin, daß die Zeitungen und die Regierung nicht gele- als in einer größeren, sich daran zu orientieren. Es
gentlich zusammenarbeiten könnten. Aber es war die mag für eine große und ausreichend mit finanziellen
klare Absicht der Gründerväter, daß die Presse und Mitteln ausgestattete Zeitung relativ leicht sein, das
die Regierung nicht zusammen im Bett liegen sollten. Mißfallen einer Interessengruppe oder von Vertretern
Sie sind natürliche Gegner mit unterschiedlichen aus der Werbebranche zu riskieren; eine kleine ZeiFunktionen und jeder muß die Rolle des anderen tung jedoch, bei der die Unterstützung eines solchen
respektieren. Manchmal kann eine freie Presse für Werbeagenten oder Interessenvertreters direkte Auseine Regierung entschieden ein Ärgernis darstellen wirkung auf die Finanzlage hat, braucht Mut, um
oder sie in Verlegenheit bringen, aber das ist der Preis, diesem Druck zu widerstehen. Einige Zeitungen brinder für die Freiheit gezahlt werden muß. Eine freie gen mehr Mut auf als andere, aber die Respektierung

AMERIKA DIENST

Seite 1

�dieses Prinzips ist eine der Pflichten, die die Presse
aufgrund der ihr von der Verfassung zugewiesenen
Sonderrolle hat. Die Weigerung, sich von irgend
jemandem einschüchtern zu lassen, sollte das Kennzeichen des Berufs eines Journalisten sein.
Hieraus leitet sich auch ab, daß eine Zeitung und ihre
Mitarbeiter bei ihren eigenen Aktivitäten ein Beispiel
für Unabhängigkeit geben. Sie sollten nicht nur de
facto, sondern • wie die Briten von der Justiz sagen sichtbar unabhängig sein. Eine Zeitung, die ihre
Freunde mit erfundenen Sensationsgeschichten oder
schmeichlerischen Leitartikeln belohnt, wird binnen
kurzem nicht mehr ernstgenommen. Ene Zeitung,
deren Reporter auch auf der Gehaltsliste von Interessengruppen stehen, die Gratisreisen oder großzügige
Geschenke annehmen, wirkt mit ihrer Kritik an der
Korruption oder anderen unmoralischen Praktiken in
der Regierung nicht glaubwürdig.
Manchmal versuchen Zeitungen die Entgegennahme
von Geschenken oder Dienstleistungen zu rechtfertigen. Es wird das Argument angeführt, ein gewissenhafter Reporter werde sich wohl kaum mit einer Einladung zum Essen, einer Eintrittskarte für eine Sportveranstaltung oder einer Theaterkarte bestechen lassen.
Das ist vielleicht richtig, aber auch der Schein ist von
Bedeutung. Ich kenne eine Zeitung, die jedes Gratisangebot, jedes Reiseangebot und jedes Geschenk mit
dem Argument annimmt, daß sie durch die Annahme
jedes Angebots unbestechlich wirke. Ich bin anderer
Ansicht, und ich habe den Verdacht, daß das auch für
einige Zeitungsleser gilt: Zeitungen sollten selbst für
ihre Ausgaben aufkommen.
Ich gebe zu, daß es für die Journalisten in kleinen
Gemeinden manchmal schwierig erscheint, vollkommen unabhängig zu bleiben. Sie werden gedrängt,
Wohltätigkeitsorganisationen, Clubs, geschäftlichen
Vereinigungen oder sogar der Kommunalregierung
beizutreten. Daraus können häufig Interessenkonflikte entstehen. Man kann von Journalisten nicht erwarten, daß sie sich wie Mönche von der Gesellschaft
absondern. Aber sie können auch nicht gleichzeitig
zwei Herren dienen, die unterschiedliche Interessen
verfolgen. Ein gewissenhafter Herausgeber oder
Reporter wird sich zumindest der Konflikte bewußt und
setzt seine beruflichen Pflichten an erste Stelle. Es
überrascht daher nicht, wenn ein unabhängiger Journalist sehr einsam ist und in der Gemeinde, in der er
tätig ist, nur wenige oder keine engen Freunde hat.
Manchmal sind seine besten Freunde zwangsläufig
ebenfalls Journalisten. Aber das ist ein Preis, den er
für die von ihm gewählte Karriere und Herausforderung zahlen muß.
Welche besonderen Pflichten geht die Presse ihrerseits als Gegenleistung für den besonderen Schutz
ihrer Pressefreiheit ein? Keine explizit formulierten.
Eine Zeitung genießt das Recht, reißerisch oder parteiisch oder unaufrichtig oder bigott zu sein oder was

Seite 2

auch immer ihr Gewissen zuläßt. Und obwohl Zeitungen unter die Gesetze zu Verrat, Volksverhetzung und
Verleumdung fallen, legen sie doch in großem Umfang
selber fest, welches ihre Pflichten sind. Die innewohnende Idee ist, daß aus dem Zusammenprall der von
der freien Presse präsentierten Meinungen und Ideen
letztlich etwas entsteht, das der Wahrheit nahekommt.
Schon John MiKon schrieb in seiner Aeropagrtica.
selbst wenn die Winde der Doktrin frei wehen dürften,
so müsse die Wahrheit auf der Erde vorherrschen, und
ihre Kraft dürfe nicht durch Verordnungen und Verbote
angezweifelt werden. Wer hätte - ihm zufolge • je
erlebt, daß bei einer fairen und offenen Gegenüberstellung von Wahrheit und Lüge die Wahrheit den
Kürzeren zog?
Als philosophische Doktrin mag das zwar beeindrukkend sein, aber Sie wissen ebensogut wie ich, daß das
in der Praxis nicht immer so funktioniert. Die Wahrheit
erscheint manchmal nur, wenn jemand sie ausgräbt,
und es gibt keine patentierte Version der Wahrheit. In
einer Gemeinschaft, in der nur eine Zeitung überlebt und das ist in den Vereinigten Staaten zunehmend der
Fall - wird der Leser nur dann mit unterschiedlichen
Meinungen konfrontiert, wenn die Zeitung beschließt,
sie vorzustellen. Radio und Femsehen sind nicht
immer ein wirksamer Ersatz.
Das ist jedoch kein so großes Unglück, wie es früher
den Anschein gehabt hätte, da die amerikanischen
Journalisten in zunehmendem Maße einen Sinn für
professionelles Verhalten entwickeln. Hierzu gehört
die Anerkennung der Bedeutung fairer und ausgewogener Berichterstattung, in der die dargelegten Ansichten sich von denen des Berichterstatters, der
Zeitung oder eines Regierungsvertreters unterscheiden und trotzdem akkurat vorgestellt werden. Tatsächlich ist einer der besten Beweise für professionellen Journalismus die Fähigkeit, objektiv über jemanden oder etwas zu berichten, mit dem der Berichterstatter oder die Zeitung überhaupt nicht übereinstimmen.
Es gibt heutzutage in den Vereinigten Staaten kaum
eine Zeitung, die nicht bewußt ihre eigene Meinung
von einer objektiven Darstellung der Tatsachen trennt.
Nachrichten und Analysen werden im Nachrichtenteil
präsentiert, und ihre Herkunft und Quelle wird möglichst angegeben. Die von der Zeitung vertretene
Meinung wird auf der Seite mit dem Leitartikel dargestellt, auf der auch Beiträge von freien Journalisten
oder von Mitarbeitern der Zeitung abgedruckt werden
können.
Amerikanische Zeitungen sind sich heutzutage ihrer
Pflicht bewußt, ihre Nachrichtenkolumnen und die
Leitartikelseite für jede Überzeugung zu öffnen. Viele
Zeitungen erhalten viel mehr Leserbriefe als sie veröffentlichen können und müssen deshalb auswählen,
was sie für eine faire Darstellung halten; sie müssen
Verleumdungen vermeiden und auf Anstand und

AMERIKA OIENST

�Angemessenheit achten. Viele Zeitungen beschäftigen eine Art Ombudsman, dessen Aufgabe darin
besteht, als eine Art Anwalt der Öffentlichkeit Beschwerden zuzuhören, Abhilfe zu schaffen und die
Arbeit der Zeitung zu bewerten. Die meisten Zeitungen erkennen auch ihre Pflicht an, Fehler prompt zu
korrigieren, oftmals in einer in jeder Ausgabe an derselben Stelle abgedruckten Spalte.

einzelnen Journalisten heutzutage angeboten werden. Vor einigen Jahren gewann The Washington
Post, mein ehemaliger Arbeitgeber, den Pulitzer Preis
für ihre Berichterstattung über einen achtjährigen
Drogenabhängigen. Die Recherche durch andere
führte zu dem Eingeständnis der Reporterin, Janet
Cooke, daß sie sich die Geschichte ausgedacht hatte,
um eine Situation zu illustrieren. Sie kündigte, und die
Zeitung gab den Preis in großer Verlegenheit zurück.
Natürlich ist es möglich, daß eine Zeitung die höchsten Ich habe keinen Zweifel daran, daß es noch weitere,
ethischen Maßstäbe anlegt und ihr Ruf dennoch durch nicht aufgedeckte fiktive Geschichten gibt. Und selbst
das Verhalten ihrer Mitarbeiter geschädigt wird. Arro- wenn man keine Tatsachen" erfindet, ist es doch
ganz und Mißachtung der Rechte anderer sind der
relativ einfach, sie so zu präsentieren, daß man bei den
sicherste Weg, um das zu erreichen. Zeitungen müssen Preisrichtern großen Eindruck hinterläßt.
sorgfältig ein unerlaubtes Eindringen in das Privatleben derjenigen vermeiden, über die sie berichten. Das Preise sind nicht schlecht, aber die besten sind diejePhoto eines Menschen, der aus einem Gebäude springt nigen, die von Au ßenseitern ohne das Wissen oder die
oder sich in ein Feuer stürzt, mag zwar dramatisch Teilnahme einzelner Journalisten oder Zeitungen verliehen werden. Gewissenhafte Journalisten und Zeisein, aber die Herausgeber sollten lange und eingehend darüber sprechen, ob sie durch seine Veröffent- tungen müssen der Versuchung widerstehen, ihre
lichung die Rechte oder die Würde eines Menschen Geschichte so darzustellen oder zusammenzuschustem, daß sie einem Zweck dient, der nicht in direktem
mißachten. Dient die Veröffentlichung einem vertretbaren Zweck, den die Leser verstehen? Oder wird eine Zusammenhang mit der Nachrichtenübermittlung steht.
Demütigung dazu benutzt, die Neugier anzustacheln?
In meinem eigenen Journalistenkodex gibt es keine
Reporter genießen im Vergleich zu anderen Bürgern weiteren Gebote außer Unabhängigkeit, Nichteinmikeine Sonderrechte. Sie müssen aggressiv nach schung, Objektivität, Fairneß und die Bereitschaft zur
Fehlerkorrektur. Das ist das Erkennen unserer eigeFakten suchen. Eine der wichtigsten Funktionen der
freien Presse besteht in der Tat darin, als Wachhund nen Fehlbarkeit. Journalisten haben von Gott kein
zu dienen. Aber ihre Mitglieder haben keine Entschul- spezielles Mandat erhalten und ein wenig Bescheidenheit steht uns gut an. Manchmal hat die Wahrheit viele
digung für unverschämtes oder unhöfliches Benehmen. Das Femsehen hat viele Nachteile, aber es zeigt Facetten. Niemand hat ein Monopol darauf. Selbst bei
den Zuschauem sehr schnell, ob die an einer Presse- der engagierten Suche nach der Wahrheit werden oft
Fehler begangen, unter denen eventuell Unschuldige
konferenz teilnehmenden Journalisten Arroganz oder
unnötige Schroffheit an den Tag legen. Einige von leiden müssen. Es ist meines Erachtens eine journaihnen scheinen leider zu Schauspielern geworden zu listische Todsünde, daß wir Journalisten vielfach dazu
sein, die ihre Aufgabe darin sehen, für Neuigkeiten zu neigen, uns selbst zu ernst zu nehmen, und daß wir
eine überzogene Vorstellung von der eigenen Bedeusorgen anstatt darüber zu berichten.
tung haben. Daher hätte ich es gerne, wenn über dem
Abgesehen von ihrem charakteristischen Verhaften Schreibtisch jedes Mitarbeiters der Presse der Ratweisen die Zeitungen auch ein Phänomen auf, das ich schlag hinge, den Oliver Cromwell der Vollversammdie "Preisjagd" nenne • die Schilderung einer Begelung der Kirche von Schottland im Jahr 1650 gab: "Ich
benheit entweder durch den Reporter oder aufgrund beschwöre Euch beim Kreuze Gottes, zieht in Beeiner übergeordneten Entscheidung der Zeitungsre- tracht, daß auch Ihr Euch irren könntet."
daktion auf eine Art und Weise, die darauf abzielt,
einen der Preise zu gewinnen, die Zeitungen und

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AMERIKA DIENST

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Seite 3

�MEDIEN
31. März 1993

DIE MACHT DER FERNSEHNACHRICHTEN
von Joshua Meyrowitz
Die Femsehnachrichten sind dem Verfasser zufolge eine mächtige, muftidimensionale und paradoxe Kraft,
deren Einf lu ß nicht leicht zu messen ist. Der Autor liefert Einzelheiten zu Struktur, Bildersprache und Auswirkung
dieses Phänomens modemer, technisch fortgeschrittener Gesellschaften.
Joshua Meyrowitz ist Professor für Kommunikationsforschung an der Untversity of New Hampshire. Er ist der
Autor des preisgekrönten Buches No Sense of Place: The Impact of Electronic Media on Social Behavior
(Oxford University Press).
Nachdruck und Übersetzung mit freundlicher Genehmigung von The World &amp; I. Copyright (c) 1992 Joshua
Meyrowitz.

Seit den frühen sechziger Jahren - als der Anteil der
Haushalte, in denen Fernsehgeräte vorhanden waren,
in diesem Land die 90-Prozentschwelle überschritt erklärten Amerikaner den Interviewern der Roper
Organization, sie bezögen ihre Nachrichten größtenteils aus dem Femsehen, nicht aus Zeitungen, und sie
fänden die Femsehnachrichten am glaubwürdigsten.
An traditionellen Maßstäben gemessen, enthalten die
Nachrichtensendungen des Femsehens jedoch nur
wenige Nachrichten. Das typische 22minütige Script
der Abendnachrichten eines der großen Fernsehsender (ohne die acht Minuten an Werbesendungen)
würde auf der Titelseite der New York Times lediglich
zwei Spalten füllen. Beobachtungen der begrenzten
Menge von den Femsehnachrichten vermittelter "Informationen" sind gemeinsam mit zahllosen Studien,
die zeigen, daß sich die Zuschauer nur schwer an das
erinnern können, was sie in den Nachrichten sehen
und hören als Argument benutzt worden, daß die
angebliche Wirkung des Femsehens nur Einbildung
sei.
Es überrascht jedoch nicht, daß die Macht der Femsehnachrichten durch Methoden verschleiert wird, die
sich aus verbal begründeten Vorstellungen von Nachrichten ergeben. Um die Wirkung der Femsehnachrichten zu begreifen, müssen wir das Femsehen als
besonderes Kommunikationsmedium verstehen, und
wir müssen Femsehnachrichten als charakteristisches
Genre untersuchen.

sich jedoch nicht ohne weiteres durch Untersuchung
des "Nachrichtengehalts", der präsentierten "Datenmenge", des "Verständnisses und Erinnerungsvermögens" des Zuschauers oder der Rolle messen läßt, die
in Nachrichten vermittelte "Informationen" bei der
späteren "Entscheidungsfindung" durch den Zuschauer spielen. Meine These lautet, daß die Wirkung von
Femsehnachrichten nicht eindimensional ist. Femsehnachrichten sind in gewisser Weise eine potente
Kraft des Wandels und andererseits ein mächtiges
Instrument des politischen Status quo. Vor allem
jedoch präsentieren Femsehnachrichten einen anderen Rahmen oder Kontext für die Aufnahme von Ereignissen - einen Kontext, dessen Wirkung durch Prozentzahlen oder Pfeile oder andere Symbole, mit denen
versucht wird, die "Wirkungsrichtung" zu beschreiben,
nicht hinlänglich erfaßt wird.
Ausdrucksformen oder Kommunikation
Einer der eklatantesten Unterschiede zwischen Zeitungs- und Femsehnachrichten ist deren vornehmliche Stützung auf verschiedene Symboltypen: sprachliche "Kommunikation" im Gegensatz zu Bildern und
"Ausdruck".

Zu den Ausdrucksformen gehören Körper- und Gesichtsbewegungen, Gesten sowie stimmliche Merkmale. Ausdruck ist sowohl direkter als auch vieldeutiger, natürlicher und gleichzeitig weniger präzise als
sprachliche Statements. Während man verbale
Der vorliegende Beitrag geht davon aus, daß Femseh- Kommunikation beginnen oder beenden kann, vernachrichten eine mächtige Kraft darstellen, deren Einfluß wendet man Ausdrucksformen ständig. Ausdruck

AMERIKA DIENST

Seite 1

�weist darauf hin, was Menschen wirklich empfinden
und wie sie "wirklich sind". Ausdruck ist ein reicher und
grundlegender Teil der menschlichen Interaktion. Aber
wie Bilder ohne Untertitel liegt seine Bedeutung oft im
Dunkeln. Wie Paul Watzlawick und seine Kollegen
feststellten, kann ein Lächeln Liebe oder Verachtung
ausdrücken, man kann vor Glück oder Trauer weinen,
eine gedämpfte Ausdrucksweise kann als Taktgefühl
oder Indifferenz ausgelegt werden, und eine geballte
Faust kann aufsteigende Aggression oder eine Entscheidung zur Zurückhaltung bedeuten. Selbst wenn
Bilder und Ausdrucksformen mit Worten untermalt
sind, können sie nie auf diese reduziert werden.

ist, über diese Aspekte des Krieges kaum mehr als die
Zuschauer. Durch ihre im Femsehen übertragenen
Erfahrungen entwickelten wir jedoch ein dramatisches
Gefühl des "Dabeigewesenseins".

Im Fernsehen haben selbst politische "Debatten" häufig
relativ wenig mit verbal geprägten Ideen zu tun.
Charakteristischerweise reagieren die Zuschauer auf
eine Fernsehdebatte nicht mit spontanen Kommentaren wie "Das war ein hervorragendes Argument", "Das
ist historisch nicht zutreffend", "Er hat gerade dem
widersprochen, was er vor ein paar Minuten gesagt
hat" oder "Ich sehe mal im Lexikon nach, ob das
stimmt." Für gewöhnlich reagieren die Leute eher mit
Printnachrichten schöpfen vornehmlich aus verbaler Aussprüchen wie "Er sieht nervös aus", "Sie macht ihre
Kommunikation, während sich die Macht des Femse- Sache gut", "Er ist hart!", "Ich traue ihm nicht", "Ich mag
hens hauptsächlich aus Bildern und Ausdrucksformen siel", "Schau dir mal diese Tränensäcke unter den
ableitet. Natürlich werden in den Fernsehnachrichten Augen an" oder "Warum wartet er fünf Sekunden, ist er
Worte gesprochen, auf die auch reagiert wird. Wahr- senil?"
scheinlich würden wir das Fernsehgerät ausschalten,
wenn sich die Moderatoren weigerten, zu uns zu Theoretisch erhoffen wir uns natürlich alle Politiker und
sprechen. Oie Rolle der Sprache wird jedoch von Journalisten, die häufig innehalten, um nachzudennichtverbalen Einflüssen dramatisch verändert und ken. Nachdenken hat jedoch keine akustische und
häufig überschattet. Für gewöhnlich betrachten wir visuelle Dynamik. Präsidentenberater und Berater für
das Femsehen mehr als daß wir ihm zuhören. Und wir Fernsehnachrichten schlagen im allgemeinen andere
hören mehr auf den Tonfall und akustische Ausdrucks- telegenere Verhaltensweisen vor. Am Abend der
formen als auf das gesprochene Wort. Aufgrund des Fernsehdebatte zwischen Carter und Reagan im Jahr
Gesehenen und Gehörten fühlen wir uns eher gut 1980 etwa reichte James Baker Ronald Reagan eine
Karte, auf der lediglich ein einziges Wort stand: "Kioder schlecht, als daß wir darüber nachdenken.
chern." Dieser Vorschlag hatte eine Schlüsselfunktion
So ist es zum Beispiel nicht überraschend, daß Er- für Reagans Siegesstrategie. Auch werden kostbare
kenntnissen von Forschem zufolge die Bürger desto Sekunden der Sendezeit in Nachrichtenprogrammen
weniger über die grundlegenden Fakten zum Golfkon- häufig für scherzhafte Unterhaltungen zwischen den
flikt wußten, je mehr sie sich auf die Berichterstattung Moderatoren benutzt. Selbst wenn diese Einlagen
des Femsehens über den Golfkrieg verließen. Solche wenig oder gar keine Informationen enthalten, vermitErkenntnisse bedeuten nicht, daß das Femsehen eine teln sie den angenehmen Eindruck, daß die Moderatogeringe Wirkung hat. Statt dessen weisen sie auf die ren nette Leute sind, die gerne zusammenarbeiten.
ungewöhnliche Macht der Fernsehnachrichten hin: Heute bewerten wir sowohl die Nachrichtenthemen als
daß sie unser Gefühl für Erfahrungen eher bestärken auch die Sprecher der Nachrichten instinktiv nach
als unser verbal geprägtes Wissen zu erweitem. Was denselben Maßstäben.
wir von den Fernsehnachrichten erhalten, sind freundliche, bekannte und vertraute Gesichter, die sich mit Der informelle und unterhaltsame Stil von Fernsehuns unterhalten und uns Bilder zeigen, die - weil sie wie nachrichten wird zumeist mit den "schönfärberischen"
echte Gegenstände, Menschen und Orte aussehen - Lokalnachrichten in Zusammenhang gebracht, galt
dem Gesehenen einen Anstrich von Objektivität ver- jedoch sogar für den Nestor aller Moderatoren der
großen Sender, Walter Cronkfte. Ich erinnere mich
schaffen.
noch, wie überrascht ich war, als ich zum ersten Mal
Ironischerweise verleiht die subjektive Zuneigung, die ein Protokoll von Cronkite aus dem Jahr 1972 las.
wir zu Persönlichkeiten in den Nachrichten entwickeln, Obwohl ich als Zuschauer und -hörer der Sendung
unseren Erfahrungen beim Anschauen von Femseh- vom 25. Oktober nichts Ungewöhnliches festgestellt
nachrichten einen Anstrich objektiver Wahrheit, ob- hatte, stach der Text ins Auge. Für einen wichtigen
wohl sie unsere Suche nach Ideen reduziert, die über Bericht über die Vietnam-Friedensgespräche enthielt
indirekte Beziehungen zwischen Zuschauer und Jour- Cronkites Script zum Beispiel die Worte "knifflig",
nalisten hinausgehen. Bei der Berichterstattung über "verschlagen" und "mies gelaunt" - ein krasser Unterden Golfkrieg erfuhren wir mehr darüber, wie oft der schied zu dem sachlicheren Bericht der New York
Schlaf der Korrespondenten von Sirenen unterbro- Times von nächsten Tag. Ein anderer Bericht der New
chen wurde und wie sie mit Gasmasken aussahen als York Times begann folgendermaßen: "Per Post verüber die Geschichte der Region, die Wurzeln des schickte Sprengsätze haben hier heute einen arabiKonflikts und die Führung des Krieges. Tatsächlich schen Briefträger und eine Sekretärin lebensgefährwußten die Korrespondenten, wie uns heute bekannt lich verletzt." Dagegen lautete Cronkites Eröffnung:

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�"Mehr von diesen tödlichen kleinen Briefbomben sind
heute aufgetaucht."

Personifizierung der öffentlichen Sphäre

Private Interaktion ist seit jeher von konkretem Erscheinungsbild, Gestik und stimmlichen Merkmalen
dominiert. "Wie ist diese Person?" Die öffentliche
Sphäre war jedoch früher eng mit sprachlicher Abstraktion verbunden: "Was hat die Person gesagt,
geschrieben und geleistet?" Für gewöhnlich weisen
wir einen potentiellen Liebhaber oder Freund nicht
aufgrund eines wenig aussagekräftigen Lebenslaufs
zurück, und bevor es das Fernsehen gab, hatten die
Im Gegensatz zu Reportern der Printmedien bringen Wähler praktisch keine Chance, negativ auf landesTV-Journalisten in die Nachrichten im wörtlichen Sinne weit zur Wahl stehende Kandidaten zu reagieren, weil
ihren Körper ein, jedoch nicht zwangsläufig ihre Worte sie aus wenigen Metern Entfernung nicht gut aussaoder Gedanken. Peter Jennings, Dan Rather und Tom hen. Das Femsehen hat jedoch die Bevorzugung von
Brokaw haben ihren Platz in den Wohnstuben und "Rendezvous-Kriterien" vor "Lebenslauf-Kriterien" im
Herzen von Millionen Zuschauern gefunden, obwohl öffentlichen Bereich gefördert.
sie häufig Scripts vorlesen, die von anderen geschrieben wurden. Dagegen müssen Zeitungsreporter ihr 1960 schätzte Theodore White, daß höchstens zwei
Millionen Bürger ihre Präsidentschaftskandidaten in
Material selbst schreiben.
natura sehen würden. Natürlich würden davon nur
Es ist unmöglich, die Person zu ignorieren, die die sehr wenige die Kandidaten nahe genug erleben, um
Nachrichten im Fernsehen vorträgt, wie man eine subtile Ausdrucksformen oder Schweiß auf ihrer Stirn
Verfasserangabe unter einem Zeitungsartikel unbeach- wahrnehmen zu können. Dagegen verfolgten etwa 70
tet lassen kann. Weil wir ihre persönlichen Ausdrucks- Millionen Menschen in den Vereinigten Staaten die
formen und ihre Reaktionen auf Ereignisse erfahren, erste Debatte zwischen Nixon und Kennedy im Femhaben viele TV-Journalisten eine öffentliche Präsenz, sehen. Und wie Robert Sanders in seiner Untersudie ebenso groß oder noch größer ist als die der chung der Berichterstattung über Debatten feststellt,
Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens, über die sie hat kein Thema in dieser ersten Debatte "die Gespräberichten. Im Fernsehen ergibt es einen Sinn, wenn che nach der Debatte so stark angeregt wie Nixons
Barbara Walters nach zahlreichen Sendungen über Aussehen. 'Verhärmt', 'müde', 'krank', 'wie ein Geist'
Persönlichkeit und Privatsphäre führender Politiker und 'keine Ausstrahlung' waren typische Adjektive und
und Prominenter in aller Welt einen Fernsehbeitrag Schlagworte der veröffentlichten Meinung."
bringt, in dem ihr eigenes Haus und Privatleben vorgestellt werden. In ähnlicher Weise waren Walter Cron- Als sich Nixons Erscheinungsbild in den späteren
kites Abschied von den CBS Evening News und Dan Debatten besserte, wurde dem gesprochenen Wort
Rathers Probleme, in seine Fußstapfen zu treten, mehr Aufmerksamkeit geschenkt. Durchweg blieb
selbst wichtige Nachrichten. Ironischerweise wurde jedoch ein eklatanter Unterschied zu der Reaktion von
Cronkite als "vertrauenswürdigster Mann Amerikas" Rundfunkhörern (von denen es bei den ersten drei
und aussichtsreicher Präsidentschaftskandidat betrach- Debatten zwischen 15 und 20 Millionen gab) auf die
tet, obwohl zu jener Zeit niemand seine politischen Debatten bestehen. Sanders gibt an, daß diejenigen,
Ansichten kannte.
die die Debatten nur hörten, wesentlich mehr zu der
Aussage neigten, Nixon habe alle "gewonnen". Nach
Je mehr wir ihnen zuschauen und zuhören, desto mehr der ersten Debatte meinten zum Beispiel 43 Prozent
werden die Moderatoren und Themen der Nachrichten der Rundfunkhörer, Nixon habe gewonnen. Nur 20
Teil unseres erweiterten indirekten Bekanntenkreises. Prozent hielten Kennedy für den Sieger. Dagegen
Einige von ihnen sind da, um uns "Guten Morgen" zu gaben nur 19 Prozent der Fersehzuschauer an, Nixon
sagen, andere sagen uns "Guten Abend". Mit größerer habe gewonnen.
Zuverlässigkeit als selbst unsere besten Freunde im
wirklichen Leben plaudern sie munter mit uns beim Hat Nixon die Wahl allein wegen der ersten Debatte
Frühstück und lassen beim Abendessen den Tag vor verloren? Wahrscheinlich nicht. Die meisten Zuuns Revue passieren. Wir wissen über ihre guten und schauer (54 Prozent) betrachteten sie immer noch als
schlechten Tage, ihre Erkältungen und ihren Haar- unentschieden oder hatten keine Meinung, und in
schnitt Bescheid. Durch die Femsehnachrichten werden jedem Fall sind Wahlkämpfe komplexe Phänomene,
Fremde Teil unserer intimen Wirklichkeit. Wir erhalten bei denen sich Sieg oder Niederlage nicht auf ein
das Gefühl, daß wir Peter Jennings, Ronald Reagan, einziges Moment zurückführen lassen. Die erste
Bill Clinton und George Bush irgendwie "wirklich ken- Fernsehdebatte stärkte jedoch eindeutig das Image
nen", daß wir Zeit mit ihnen verbracht haben und etwas Kennedys, während sie für Nixon zumindest teilweise
darüber wissen, wie sie als Menschen sind.
negative Auswirkungen hatte, und ein SchlüsseleleSolche Scripts verletzen nicht die veröffentlichten
Normen für Fernsehnachrichten. Tatsächlich bieten
sie Beispiele für häufig genannte Regeln. So schreibt
etwa Tim Wulfemeyer in Broadcast Newswriting:
I m Idealfall sollten Nachrichtenmoderatoren so klingen als unterhielten sie sich mit Freunden über Probleme und Ereignisse."

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Seite 3

�ment in der Reaktion der Zuschauer schien etwas
anderes zu sein als die präsentierten verbalen Argumente.
Es ist nach wie vor eine Binsenwahrheit, daß unabhängig von den hastig konzipierten Untersuchungen über
die Debatten von 1960 jedes Medium der politischen
Kommunikation einen anderen Reaktionskontext liefert: Aus einem Zeitungsprotokoll läßt sich nicht die
Stimme des Kandidaten beurteilen, der Rundfunkhörer kann nicht auf den Gesichtsausdruck eines Kandidaten reagieren. Ohne Femsehen ist "eine persönliche Reaktion" von Millionen auf Bewegungen und
Erscheinung eines Kandidaten einfach nicht möglich.

bei den Tagesproblemen mit uns übereinstimmt oder
jemand, zu dem wir als brillant oder heldenhaft oder als
moralischem Giganten aufschauen, solange wir es
tolerieren können, regelmäßig Zeit mit ihm zu verbringen. Oder, anders ausgedrückt: Präsidentschaftswahlkämpfe sind heute Zeiten des Wertjens um eine
vierjährige intime Beziehung mit der Öffentlichkeit.
Der neue politische Kontext des Fernsehens ist sowohl
personifizierend als auch entmystifizierend.

Diesem Gedankengang folgend, war es stets ein Fehler,
Ronald Reagan als großen Kommunikator zu bezeichnen. Reagan ist ein "Meister der Ausdrucksformen".
Seine Stärke als Präsident lag nicht in der Kommunikation klarer, logischer Ideensequenzen, sondern in
Stellen Sie sich vor, Sie lesen das Zeitungsprotokoll der Projizierung machtvoller Bilder und besänftigender
der Rede eines Politikers, den Sie niemals gesehen Töne. Selbst wenn er einer Reporterfrage auswich,
haben, und Sie sagen: "Also, ich bin da anderer wiegte er oft demütig seinen Kopf, lächelte und winkte.
Meinung, diese Behauptung ist falsch, und dieser Satz Selbst wenn er einen furchtbaren Witz machte oder
ergibt überhaupt keinen Sinn... Aber wissen Sie, ich einen Satz aussprach, der weder Anfang, noch Mitte
mag diesen Kerl einfach I" Eine solche Reaktion würde oder Ende hatte, erschien er als netter Bursche. Reagans
als verrückt erscheinen. Doch genauso reagieren die Kommunikation als Präsident war häufig prosaisch,
meisten von uns auf Politiker in den Fernsehnachrich- manchmal unverständlich, wurde aber durch eine von
ten. Auch wenn wir sicherlich nicht blind für im FemEmotionen erstickte Stimme effektiv oder durch Ausehen gesprochene Worte sind, neigen wir dazu, auf
gen, die tränenfeucht waren oder ein spielerisches
sie in einem persönlichen Kontext zu reagieren.
Grinsen ausstrahlten - alles zeitlich perfekt abgestimmt und koordiniert.
Meinungsumfragen deuten darauf hin, daß viele Bürger heute bereit sind, auf nationaler Ebene einen Während kein Medium per se wahrer oder genauer ist
Kandidaten zu wählen, dessen Meinung zu Problemen als andere, fördert jedes Medium andere Kriterien für
sie nicht teilen, weil sie den Kandidaten "persönlich die Bewertung politischen Erfolges und politischer
mögen". (Etwa ein Drittel der Stimmen für Ronald Kompetenz. Die Protokolle und Videobänder derselReagan bei der Wahl von 1980 kamen von solchen ben Vorgänge können zu völlig verschiedenen ReakAnhängern.) Eine derartige Reaktion ergibt sich aus tionen auf dasselbe Ereignis führen. Die wenigen, die
dem vom Fernsehen geförderten Gefühl heraus, daß
Niederschriften von Ronald Reagans Pressekonferenwir unsere führenden Politiker getroffen haben und sie zen und Reden zur Lage der Nation untersucht haben,
persönlich kennen.
verwiesen zum Beispiel häufig auf beunruhigende
Wegen der Konzentration auf persönliche Anziehungskraft gerieten die politischen Positionen der Präsidentschaftskandidaten im Jahr 1988 häufig ins Hintertreffen, während man über George Bushs Versuche, sein
Image als "Schwächling" zu überwinden und Michael
Dukakis leidenschaftslose Art sowie seine Unfähigkeit, sich gegen Angriffe in Wahlkampfsendungen zu
wehren, diskutierte. Am Ende, so wurde uns gesagt,
änderte Bush mit Erfolg seinen persönlichen Stil, während
die Wähler nach wie vor nicht in der Lage waren, sich
mit Dukakis "anzufreunden". Auch im Wahlkampf
1992 waren die Wähler nicht nur an den persönlichen
und beruflichen Leistungen der Kandidaten und ihrer
Haltung zu den Problemen interessiert, sondern auch
daran, wie sie sich menschlich im Femsehen darstellten. Der Stil von Politikern im Umgang mit peinlichen
Enthüllungen ist heute nahezu ebenso wichtig wie die
Art der Enthüllungen.

logische Brüche und faktische Ungereimtheiten. Die
Kommentatoren seiner Fernsehauftritte jedoch konzentrierten sich häufig auf Reagans beherrschenden
Stil und seinen spielerischen Sinn für Humor.

Während der Anhörungen von C larence Thomas nach
dessen Nominierung zum Richter am Obersten Bundesgericht stellten Beobachter, die das früher von
Richter Thomas Geschriebene und Gesagte mit dem
verglichen, was er in den Anhörungen äußerte, die
Ehrlichkeit seiner mündlichen Aussage in Frage. Eine
Reihe derjenigen, die sich auf eine Untersuchung
seines Lebenslaufs konzentrierten, bezweifelten, daß
er genügend Erfahrung besaß, um im obersten Gerichtshof des Landes zu sitzen. Weil jedoch die
Anhörungen im Femsehen übertragen wurden, war
der Schwerpunkt der meisten journalistischen Berichte die Persönlichkeit von Thomas: seine selbstsichere
Präsentation, sein leichtes Lachen, seine tiefe Stimme, die zur Schau getragenen Bande mit seiner Frau.
Wir scheinen also potentielle Präsidenten heute zu
Im Femsehen erschienen die Senatoren, die ständig
bewerten, indem wir uns teilweise der Kriterien bedieversuchten, wieder zu "den Tatsachen" zurückzukehnen, die Menschen bei der Auswahl von Kegelpartnern
ren, tatsächlich Richter Thomas unnötig zu piesacken.
anlegen: Es muß nicht jemand sein, der zwangsläufig

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�Indirekte Intimität

meinen Kopf schüttele, steht diese Ausdrucksform
häufig für das Wort nein. Und Sprache ist davon
Warum ist das Femsehen so erfolgreich dabei, eine abgesehen nicht immer in logische, lineare Stateemotionale Reaktion statt einer logischen Reaktion zu ments strukturiert. Boulevardzeitungen zwängen die
fördern? Ein Grund liegt darin, daß das Femsehen Sprache oft in eine bildhafte Form, besonders in ihren
einen intimen Raum simuliert. Das heißt, das Femse- Schlagzeilen. Femer benutzt die Werbung in allen
hen präsentiert uns Menschen so, als wären sie nur Medien Sprache häufig als mehrdeutige Ausdruckseinen Meter entfernt. Selbst im wirklichen Leben ist form, etwa in den Slogans "Coke is rtl" und "Me and my
dies eine Distanz der Verführung oder Bedrohung, RC". Solche Statements sind wie Bilder weder wahr
nicht der rationalen Diskussion. Wenn wir beispiels- noch falsch.
weise zum ersten Mal mit jemandem ausgehen, hängt
unser Eindruck vom Erfolg oder Scheitern dieses Die Werbung nutzt die visuelle und akustische Gestalt
Treffens relativ wenig davon ab, was unser Begleiter des Femsehens am effektivsten, indem sie ihre Prosagt. Die Worte "Was für ein gutes Essen" oder "Ich dukte mit positiven, sinnlichen Erfahrungen assoziiert
danke Ihnen für eine sehr schöne Zeit" sagen uns nicht - lächeln, umarmen, küssen, pfeifen, gurren, laufen,
viel. Wir suchen also nach anderen Indizien: Wie oft spielen oder ins Wasser eintauchen (für gewöhnlich in
schaut sie mich an? Wie nahe steht er bei mir? Zeitlupe).
Scheint sie nervös zu sein? Sieht er gelangweilt aus?
In ähnlicher Weise macht die Sinnlichkeit des Femse- Nur selten stellt sie jedoch nachprüfbare verbale
Behauptungen über die in dieser Weise angepriesehens Sprache zweitrangig.
nen Produkte auf. Wenn die Werbebranche tatsächJe weiter man von einer Person entfernt ist, desto mehr lich ein ungefähres verbales Äquivalent solch sinnlikann man sich ausschließlich dem gesprochenen Wort cher Bilder - "Trink unsere Diätlimonade, und du wirst
widmen. Wenn die Person überhaupt nicht gegenwär- mit schönen Angehörigen des anderen Geschlechts
tig ist - wie in einer Passage der Zeitung oder einem am Strand liegen und lernen, wie man in Zeitlupe ins
Buch -, dann sind Worte und Ideen die einzigen Dinge, Wasser springt" -, anbieten würde, könnte sie wegen
Betruges verklagt werden.
auf die man sich konzentrieren kann.
Obwohl Ausdrucksformen eine primäre Rolle in persönlichen Beziehungen spielen, sind sie als Form der
öffentlichen Auseinandersetzung äußerst begrenzt.
Man kann einen bindenden Vertrag oder eine schlüssige Außenpolitik nicht auf einem Lächeln oder Zwinkern aufbauen. Nur die Sprache bietet das Potential
für präzise Bedeutungen, Wenn-Dann-Beziehungen,
sylkxjistische Analysen, lange Argumentationsketten
und Behauptungen, die als wahr oder falsch bewiesen
werden können. Das logische Potential von Worten
wird am besten in der Schriftsprache ausgenutzt, die
Formen der Erörterung zuläßt, die in improvisierter
Rede nahezu unmöglich sind. Ebenso gestattet Lesen
eine sorgfältigere Beurteilung von Ideen und den
Verbindungen zwischen ihnen als das Zuhören des
gesprochenen Worts (selbst wenn das Gesprochene
von einem Manuskript abgelesen wird).

Daß die Werbebranche eine rationale Auseinandersetzung vermeiden möchte, ist nicht überraschend,
aber auch die Fernsehnachrichten und -dokumentationen tun häufig desgleichen. Wenn man dem Überlebenden eines Erdbebens oder einem Vater, der soeben erfahren hat, daß seine Tochter getötet wurde, ein
Mikrofon oder eine Kamera vor die Nase hart, erbringt
dies kaum "Nachrichten", bietet den Zuschauem jedoch eine reichhaltige Quelle emotionaler Ausdrucksformen. Im Femsehen allgemein werden gesprochene Worte häufig "verbildlicht", das heißt, sie werden
Teil einer "Gesamtimpression", anstatt primär dazu zu
dienen, eine Idee, einen Vorschlag oder ein längeres
Argument zu fördern.

Die vom Femsehen heute ermutigte Konzentration auf
Bilder reicht sogar bis zur Art und Weise, in der
politische Skandale "untersucht" werden - wenn dies
Rationale Argumente und Sozi alkrtt ik erfordern Worte. dasrichtigeWort ist. So wurde über die Iran-ContraDie Worte können mit Aktionen und Ausdrucksformen Affäre zum Beispiel im Stil einer Seifenoper berichtet:
kombiniert werden, aber während Worte bei der Hat Nancy versucht, Ronald Reagan zu bewegen, Don
Entwicklung abstrakter Ideen für sich stehen können, Regan zu feuern? Hat Ronnie wirklich "Laß mich
ist dies bei Bildern und Ausdrucksformen nicht mög- verdammt nochmal in Ruhel" zu Nancy gesagt? Hat
lich. Man kann zwei gemeinsam essende Menschen Ollie Norths Sekretärin wirklich in ihrer Unterwäsche
abbilden, aber die Konzepte von "Freundlichkeit", Dokumente aus dem Weißen Haus geschmuggelt?
"Freundschaft", "Liebe" und "Verrat" existieren nur Wer war der Gewinner der Konfrontation zwischen
durch Sprache. Man kann das Bild einer großen Dan Rather und George Bush in den CBS Evening
Statue zeigen, die eine Fackel hart, aber die Ideen von News? Werden der Präsident oder der Expräsident
"Freiheit" oder "Demokratie" müssen mit Worten ent- vor Gericht aussagen müssen? Selbst die relativ
wickelt und erörtert werden. Für das Femsehen gilt ideenorientierte MacNeil/Lehrer Newshour verwandte während Oliver Norths Gerichtsverfahren viel Zeit
jedoch nichts als tödlicher als sprechende Köpfe.
auf die Erörterung von Norths "Auftreten". Und als
Natürlich werden Kommunikation und Ausdrucksfor- Ronald Reagan im Prozeß gegen seinen ehemaligen
men nicht immer unterschiedlich benutzt. Wenn ich
AMERIKA DIENST

Seite 5

�nationalen Sicherheitsberater John Poindexter auf einem
Videoband aussagte, stellte Newsweek (est, daß er so
"genial und verschmitzt" war wie immer, auch wenn er
unerhört wenig Kenntnis von den Tatsachen der IranContra-Affäre demonstrierte, einschließlich der im Bericht
seiner eigenen Tower-Kommission enthaltenen.

ge seiner Antworten seien "vage" und andere "enttäuschend" gewesen.

Relativ wenige unserer Präsidenten waren Meister der
Ausdrucksformen und Kommunikation zugleich. So
war Thomas Jefferson zum Beispiel ein exzellenter
Schriftsteller und wird oft als größter Intellektueller
Trotz all des Aufhebens um Iran-Contra bedarf es unter unseren Präsidenten betrachtet. Es ist jedoch
immer noch einer wesentlichen Aufarbeitung der unwahrscheinlich, daß er im Femsehen besonders
Geschichte amerikanischer Interventionen in Nicara- beeindruckt hätte. Seine Kommilitonen im William and
gua und Iran durch die Fernsehanstalten - was unsere Mary College wählten ihn zum langweiligsten StudenMarineinfanteristen in Nicaragua taten, als Ronald ten, er hatte einen leichten Sprachfehler, und er haßte
Reagan noch ein Kind war oder warum wir in den es so sehr, in der Öffentlichkeit zu reden, daß er noch
fünfziger Jahren eine gewählte Regierung im Iran nicht einmal selbst vor dem Kongreß sprach und es
stürzten. Offensichtliche Parallelen zu anderen ame- vorzog, seine Reden zur Lage der Nation schriftlich
rikanischen Verwicklungen in Guatemala, Chile, El einzureichen und von einem Mitarbeiter verlesen zu
Salvador und anderen Ländern wurden nicht gezo- lassen. Jefferson beherrschte die Kunst des Ausgen. Von Beginn der Affäre an wurde jedoch darüber drucks nicht. Es ist jedoch schwer vorstellbar, daß er
geredet, wer in einem Spiel- und einem Fernsehfilm die Behauptung vertreten hätte, er könne sich nicht
wohl die Rollen von Oliver North und John Poindexter daran erinnern, wann - oder ob • er Waffen an eine
spielen werde - all das, bevor wir irgendeine klare feindliche Regierung verkauft habe.
Vorstellung davon besaßen, was sie getan hatten.
Ein Anhaltspunkt für die dominierende Stellung des
In den Fernsehnachrichten werden Fragen der Ehr- Femsehens in unserer Gesellschaft ist die Tatsache,
lichkeit oft auf eine Angelegenheit des Stils reduziert. daß die Printmedien heute oft den Typ und die Form
Obwohl man argumentieren könnte, daß der Iran- der Information nachahmen, die das Fernsehen liefert.
Contra-Skandal wesentlich mehr ernste Rechtsbrü- Traditionell ideenorientierte Magazine haben sich mehr
che aufwies als Watergate, hinterließen Ronald Rea- Fragen der Persönlichkeit zugewandt, und Zeitungen
gans Image als guter Kerl und Richard Nixons Ver- beschreiben heute Ereignisse häufig in einer Weise,
schlagenheit deshalb den umgekehrten Eindruck. die simuliert, was man im Femsehen gesehen oder
Unabhängig davon, was wir über John F. Kennedy gehört haben könnte. Gedruckte Zitate enthalten jetzt
erfahren haben und noch entdecken werden, darunter wahrscheinlich mehr "ähms" und "ähs", und grammaseine zahlreichen Affären und seine angeblichen tikalische und andere sprachliche Fehler werden oft
Kontakte zur Mafia, scheint es ebenso fast unmöglich unkorrigiert gelassen.
zu sein, die positiven Gefühle auszulöschen, die durch
Ironischerweise berichten gedruckte Beschreibungen
seinen Stil im Fernsehen ausgelöst wurden.
von Ereignissen heute über akustische und visuelle
In einer Fernsehkultur geht es uns häufig eher darum, Phänomene, die von den meisten Menschen bei dem
richtig beeindruckt als ausreichend überzeugt zu Ereignis selbst nicht bemerkt wurden, jedoch für den
werden. So veranstaltete zum Beispiel der demokra- Fernsehzuschauer deutlich wahrnehmbar waren. Der
tische Bürgermeisterkandidat David Dinkins in New Schweiß auf der Stirn eines Politikers, die eine Wange
York 1989 eine Pressekonferenz, um nach einigem herunterkullernde Träne oder ein nervöses Zucken
Zögern zu erklären, warum er seinem Sohn für 58.000 können Teil der gedruckten Beschreibung werden Dollar Aktien verkauft hatte, die er zuvor mit über 1 weil das Ereignis heute in der Form dargestellt wird, in
Million Dollar bewertet hatte. In ihrem Bericht über der es im Femsehen erschien. Edmund Muskie zum
Dinkins Pressekonferenz zitierte die New York Times Beispiel war 1972 gezwungen, aus dem Rennen um
den Medienberater David Garth mit dem Ausspruch: die Präsidentschaft auszuscheiden, weil er angeblich
"Ich verstehe nicht genau, was er gesagt hat, aber es während einer Rede geweint hatte, in der er den Angriff
sah ziemlich gut aus." Eine solche Verminderung der einer Zeitung auf seine Frau verurteilte. Die schädliBedeutung von Sprache könnte als Tunnelsichtweise chen Tränen waren jedoch für die meisten bei der
eines Mediengurus abgetan werden, aber der Leitarti- Rede Anwesenden unsichtbar. Schließlich schneite
kel der Times über die Pressekonferenz enthüllte es gerade. Aber die Nahaufnahmen der Kameras
denselben Ansatz. Die Times begann mit der Fest- sahen Tränen - und dieses TV-Bild wurde daher zum
stellung, Dinkins habe auf Anschuldigungen mit "Ge- Ereignis selbst, als auch die Zeitungen darüber berichlassenheit und Geduld" geantwortet, und sie stellte teten. Aus den schriftlichen Aufzeichnungen allein
dies seinem Verhalten bei früheren Gelegenheiten werden künftige Generationen deshalb schließen, daß
gegenüber, als er "die Fragen leichtfertig verworfen" unsere politisch Verantwortlichen erst in der Mitte des
habe oder "in Wut geraten" sei. Die Zeitu ng las sich wie zwanzigsten Jahrhunderts die Kontrolle über ihre Gefühle
ein Echo von Garth, indem sie Dinkins Stil bei der verloren haben oder mit physischem beziehungsweise
Pressekonferenz lobte, auch wenn sie feststellte, eini- verbalem Ungeschick geschlagen waren.

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AMERIKA DIENST

�Konstruierte 'Realität'
Auch wenn das Femsehen mehr als eine Zeitung wie
die alltägliche Realität aussieht und klingt, ist das TV
eine stark bearbeitete Form, die zunehmend die Linie
zwischen dem, was wir als Fiktion wahrnehmen und
dem, was wir als Realität empfinden, verwischt hat.
Auf vielerlei Art und Weise sind Nachrichtensendungen "aktuelle Fiktionen", bei denen elektronisch vernetzte Bilder nur im Femsehen existieren und nicht in
der wirklichen Welt.

wahrnimmt. Durch solche bewußte Gemeinsamkeit
erscheinen sie so real wie - und bisweilen noch realer
als - die unterschiedlichen und weniger gemeinsamen
Erfahrungen unseres individuellen Lebens.

Realität und Fiktion vermischen sich, wenn die Ereignisse, die wir als real empfanden, als wir sie im
Femsehen erlebten, ihren Status als weithin gemeinsam empfundene Realitäten beibehalten, und zwar
unabhängig von den Informationen, die wir später
herausfinden und die darauf hindeuten, daß der ursprüngliche Eindruck falsch war. Deshalb leben die
Wenn Ted Koppel in Nightllne mit Gästen redet - ein Bilder des Golfkrieges als sauberem Videospiel, in
scheinbar offener, "realer" Vorgang -, existiert das dem intelligente Bomben ein Nadelöhr durchbohren
Ereignis nur im Femsehen. Koppel und seine Gäste konnten, in der Erfahrung der Nation fort, obwohl die
befinden sich nicht am selben Ort. Die Gäste können Regierung später zugab, daß nur 7 Prozent der im
Koppel oder einander noch nicht einmal sehen. Ge- Krieg eingesetzten Waffen intelligente Bomben waren,
spräche in Nightline sind dramatische Konstruktio- 70 Prozent aller Bomben ihr Ziel verfehlten und die
nen, die auf der Bühne des Femsehens aufgeführt Schäden an zivilen Zielen wesentlich größer waren als
werden.
damals berichtet.
Desgleichen benutzen Femsehreporter häufig nur eine
Kamera für Interviews vor Ort. Die Fragen eines
Reporters und "Reaktionsbilder" werden per Videoband erst nach dem Interview aufgezeichnet. Diese
Szenenabfolgen werden danach im Schneideraum
miteinander verschmolzen, als ob sie zeitgleich abge1
laufen seien - dieselbe Methode, die auch in Hollywood
benutzt wird.
Im Gegensatz zum Nimbus des Journalismus haben
Berichterstatter und die, über die sie berichten, ein
gemeinsames Interesse daran, die Ereignisse den
visuellen und zeitlichen Anforderungen des Femsehens anzupassen. Wie ist es demnach um den
'Realitätsquotienten" einer Geiselnahme bestellt, wenn
dieses Ereignis von den Terroristen ebenso wie von
den Journalisten darauf angelegt ist, ein gutes TVDrama entstehen zu lassen? Und wie echt war Präsident Richard Nixons imposante Rückkehr von Auslandsreisen, wenn er tatsächlich bis zur Hauptsende'
zeit über den Flughäfen kreiste, damit seine Heimkehr
von Millionen Fernsehzuschauern erlebt werden konnte? Wie bewerten wir das Urning der Bombardierung
Libyens durch die Reagan-Administration - während
der Sieben-Uhr-Nachrichten -, was garantierte, daß
Millionen über die amerikanische Regierungsversion
des Angriffs unterrichtet wurden, während die Richtig,
stellung ein wesentlich kleineres Publikum finden würde?
Nicht nur wird Realität im Femsehen zum Drama,
sondern das Drama wird zur Realität. Wenn zum
Beispiel ein Programm wie Roots oder Der Tag danach im Femsehen gesendet wird, versteht jeder, daß
*
es sich um eine Fiktion handelt. Aber die weitverbrei1
tete Kenntnis des Programms - und aller Diskussionen
darüber in Nachrichten und Talk-Shows, in Schulen'
und am Arbeitsplatz - macht es zu einem realen'
Ereignis und verleiht ihm soziale Realität. Solche5
Programme sind massive, gemeinsame Erfahrungen,
die jeder als massive, gemeinsame Erfahrungen

AMERIKA

DIENST

Die visuelle Form des Femsehens hat gemeinsam mit
wirtschaftlichem Druck die TV-Nachrichten von der
Information zum "Infotainment" verlagert. Mitte der
achtziger Jahre forderten zum Beispiel die Manager
des traditionellsten Nachrichtenkanals, CBS, ihren
Nachrichtenstab auf, nicht länger die New York Times
nachzuahmen und sich statt dessen als Produzenten
einer lebhaften Videoausgabe einer Boulevardzeitung
zu betrachten. Das Ziel war die Vermeidung langweiliger, themenorientierter Stories und der Versuch, die
Aufmerksamkeit der Zuschauer mit beschwörenden
"magischen Momenten" zu fesseln. Niedliche Tiergeschichten verdrängten Stories über Steuerpolitik und
Entscheidungen des Obersten Gerichtshofs. Viele der
weniger televisuellen Spezialisten wurden durch Reporter, die Generalisten waren, und gute Videogestalter ersetzt. Die Berichte wurden gekürzt. In Besprechungen wurde Entertainment Tonight als Vorbild
hervorgehoben, dem CBS News nachstreben sollte.
Der alte Wahlspruch von CBS News, es werde über
"das, was wichtig ist, statt über das, was nur interessant ist", berichten, wurde auf den Kopf gestellt. Der
Falklandkrieg und das Überrennen palästinensischer
Flüchtlingslager wurden zum Beispiel als potentielle
Aufmacher zugunsten der Geburt des britischen Thronfolgers übergangen. 1987 hatten Einsparungen sowie
das neue Ethos von CBS dazu geführt, daß der Sender
keinen Korrespondenten mehr in Mittelamerika und
beim Obersten Gerichtshof hatte.
Zersplitterte Erfahrung
Unsere Erfahrung beim Anschauen von Fernsehnachrichten ist grundverschieden von unserer Interaktion
beim Lesen von Nachrichten. Das Ziel schriftlicher
Erörterungen besteht im allgemeinen darin, den Leser
an eine gewisse gedankliche Entwicklung heranzuführen. Ernsthaftes Lesen erfolgt am besten allein, an
einem ruhigen Ort ohne Ablenkungen und unter AUS-

Seite 7

�Schluß anderer Aktivitäten. Selbst jemand, der dem
Leser still über die Schulter blickt, kann eine große
Belästigung darsteilen. Nichts könnte dem Geist des
Fernsehens und anderer elektronischer Medien weniger entsprechen, als eine solche lineare, isolierte und
ortsgebundene Erfahrung.

ren Szenen, die wir zum Beispiel besuchten, war ein
Monsterfilm, in dem Hunderte von Menschen getötet
wurden, der Humphreys Tod in eine andere Perspektive zu rücken schien.

Die dem Femsehen innewohnende mangelnde Beachtung von Ort und Anlaß wurde noch drastischer
Ich erinnere mich zum Beispiel an einen Besuch in unterstrichen, als ein Fernsehsender seine Berichtermeinem Elternhaus zu einem Sonntagsessen Ende stattung mitten in Humphreys Totenmesse abbrach,
der siebziger Jahre. Wie sich herausstellte, nahm ich um ein Golfspiel zu übertragen. Einige Jahre später
nicht nur an einem Familienessen, sondern auch an schattete ein Sender in ähnlicher Weise zwischen der
einem Staatsbegräbnis teil. Senator Hubert Humph- Live-Berichterstattung über Sadats Friedensmission
rey wurde an jenem Tag beerdigt, und mein Vater hatte nach Israel und der Live-Übertragung des Footballden Femseher eingeschaltet, um zuzuschauen. Saßen spiels zwischen den Universitätsmannschaften von
wir also sorglos beim Sonntagsessen, oder waren wir Ohio State und Michigan hin und her. In jüngerer Zeit
bei einer Beerdigung? Wir waren bei beiden Anlässen teilte CBS den Bildschirm für die gleichzeitige Übertrazugegen, aber bei keinem wirklich. Wir hatten das gung der Anhörungen von Clarence Thomas und
Gefühl, daß wir uns nicht besonders freuen durften, da einem Baseballspiel und sendete schließlich nur noch
ein Begräbnis eine traurige Angelegenheit ist. Ande- das Baseballspiel.
rerseits fühlten wir uns nicht verpflichtet, völlig ernst
und traurig zu sein, weil wir zu Hause waren und das Abhängig von unserer Perspektive könnte eine solche
Neuzusammenstellung von Verhaltensweisen entweEssen genossen. Schließlich bestand nicht die Gefahr, Hubert Humphreys Witwe oder andere Trauern- der als Zersplitterung oder als Vereinheitlichung der
de mit unserem "unschicklichen" Verhalten beim psychologischen Erfahrung ausgelegt werden. Einerseits sind die Erfahrungen heute zusammenhangloBegräbnis zu beleidigen.
ser. Forscher haben herausgefunden, daß die meisten Menschen beim Femsehen noch andere Dinge
Außerdem war selbst diese kombinierte Situation Einnahme des Essens und Teilnahme am Begräbnis - erledigen • essen, spielen, spülen, lesen, telefonieren,
an sich instabil. Weil das Begräbnis sehr langsam und diskutieren oder sogar sich lieben - und viele Zuschaudeprimierend vertief, wechselten wir häufig die Kanäle, er Programme nicht bis zum Ende anschauen. Andewomit wir das Begräbnis viele Male verließen und rerseits haben die elektronischen Medien Erfahrungen
wieder dorthin zurückkehrten. Durch das Femsehen insoweit homogenisiert, daß das, was sich an einem
reisten meine Eltern und ich in Minuten in und durch Ort ereignet, heute dem ähnlicher ist, was sich an
verschiedene psychologische Räume. Eine der ande- anderen Orten ereignen kann.

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AMERIKA DIENST

�MEDIEN
7. April 1993

DIE NACHRICHTENMEDIEN: WIE GROSS
IST IHR EINFLUSS?
von John Herbers
"Die Beziehungen zwischen Regierung und Medien in den Vereinigten Staaten sind turbulent, ständigen
Veränderungen unterworfen, für gewöhnlich kontrovers, häufig antagonistisch, jedoch oft genug kooperativ'',
stellt der Autor des nachfolgenden Artikels fest, in dem er auf den abnehmenden Einfluß der Medien auf die
Formulierung der Außenpolitik in den vergangenen Jahren verweist.
Der Verfasser ist Redakteur und Kolumnist der Zeitschrift Governing und war 24 Jahre lang Korrespondent der
New York Times. Seine Berichterstattung befaßte sich vornehmlich mit dem Weißen Haus, dem Kongreß,
Innenpolitik, städtischen Angelegenheiten, der Bürgerrechtsbewegung und demographischen Trends.

Eine der bekanntesten Geschichten in den Vereinigten
Staaten über die Rolle der Nachrichtenmedien bei der
Formulierung der amerikanischen Außenpolitik betrifft
William Randolph Hearst, einen führenden Zeitungsverleger um die Jahrhundertwende. Hearsts New
York Journal befand sich in einem harten Auflagenwettbewerb mit anderen Zeitungen und er vertrat die
Auffassung, er könne mehr Zeitungen verkaufen, wenn
die Vereinigten Staaten für die in Kuba um ihre Unabhängigkeit kämpfenden Rebellen gegen Spanien intervenieren würden. Ein von Hearst nach Kuba entsandter Photograph telegraphierte ihm bei seiner Ankunft,
es geschehe nicht viel und er wolle nach Hause
zurückkehren. Hearst telegraphierte zurück: "Bleiben
Sie dort. Sie liefern die Bilder. Ich werde den Krieg
liefern."
Ob diese in Büchern und Filmen wiedergegebene
Geschichte in allen Details wahr ist, spielt keine große
Rolle. Während der Photograph des Journal noch auf
Kuba war, wurde das amerikanische Kampf schiff Maine im Hafen von Havanna in die Luft gejagt. Ohne
jeglichen Beweis beschuldigte Hearst Spanien trotz
spanischer Dementis. Zusammen mit anderen Zeitungen brachte das Journal die amerikanischen Leser
durch übertriebene Berichte und reißerische Schlagzeilen derart in Rage, daß Hearst in der Tat der
führende Berichterstatter für den spanisch-amerikanischen Krieg von 1898 wurde.

AMERIKA DIENST

Wie in jeder offenen, demokratischen Gesellschaft mit
dem verfassungsmäßig verbrieften Recht der Pressefreiheit haben die Nachrichtenmedien seit Gründung
der Nation im Jahr 1776 bis heute tiefgreifende Auswirkungen auf die amerikanische Außenpolitik gehabt.
Ein jüngeres Beispiel bezieht sich auf die Nachrichtensendungen nach dem Krieg am Persischen Golf.
Nachdem die von den Vereinigten Staaten angeführte
internationale Koalition den Krieg im Frühjahr 1991
gewonnen hatte, ließ Präsident Bush wissen, daß er
den Befehl zum Rückzug der amerikanischen Truppen
erteilen und sich nicht in die internen Angelegenheiten
des Irak einmischen werde, obwohl Präsident Saddam
Hussein weiterhin ungehindert sein Volk angreifen
konnte, das sich seiner Herrschaft widersetzte.
Das Weiße Haus hielt an dieser Politik fest, selbst als
Saddam Hussein eine Rebellion im Inland mit Waffengewalt gegen die Zivilbevölkerung niederschlug. Als
jedoch Tausende Kurden auf der Flucht vor den irakischen Truppen in die Türkei flohen, konnten mit Hilfe
von Fernsehkameras graphische Darstellungen und
Bilder ihres Leidens in Millionen Haushalte in den
Vereinigten Staaten und Europa übermittelt werden.
Man sah ein mißhandeltes Volk, das die Vereinigten
Staaten um Hilfe anflehte. Daniel Schorr, einem
leitenden Nachrichtenanalysten von National Public
Radio, zufolge waren Amerikaner und Europäer von
den Bildern und Berichten des menschlichen Leidens

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�so berührt, daß deutlich wurde, der "militärische Sieg
über den Irak drohte, sich in eine politische und moralische Niedertage umzukehren'*.

In den vergangenen Jahren war ein eindeutiger Wandet in den Beziehungen zwischen Regierung und Medien
im Hinblick auf die Außenpolitik zu beobachten. Vor 25
Jahren war enge Zusammenarbeit an der Tagesord"Die Meinungsumfragen, die ergeben hatten, daß die nung, obwohl die Medien politischen Maßnahmen der
Amerikaner mit überwältigender Mehrheit die Truppen Regierung häufig kritisch gegenüberstanden. Die New
unverzüglich nach Hause zurückholen wollten, beleg- York Times zum Beispiel, die mehr Nachrichten und
ten jetzt, die Amerikaner wollten die Kurden nicht allein Kommentare aus dem Ausland brachte als jede andelassen, selbst wenn dies den Einsatz amerikanischer re Zeitung und den Standard für ausländische BerichtStreitkräfte zu ihrem Schutz bedeutete", schrieb Schon erstattung setzte, unterhielt enge und freundschaftliin Columbia Journalism Review. In einer politischen che Beziehungen zum amerikanischen Au ßenministeKehrtwende schickte Präsident Bush nicht nur den rium und dem Weißen Haus und zwar in so hohem
Kurden in der Türkei Hilfe, sondern entsandte auch Maße, daß die Zeitung von ihren Kritikern beschuldigt
Truppen in den Nordirak, um beim Aufbau geschützter wurde, ein Arm des State Department zu sein. Die
Lager für sie zu helfen. Walter Goodman, Fernsehkri- amerikanischen Auslandskorrespondenten verließen
tiker der New York Times, schrieb, zusammen mit sich im allgemeinen für ihre Berichterstattung aus dem
ähnlichen Berichten in den Printmedien hätten die Ausland stark auf amerikanische Diplomaten und andere
Femsehnachrichten Mas Weiße Haus gezwungen,
Regierungsvertreter. 1961 erfuhr die Times von der
trotz seiner anfänglichen Zurückhaltung zu handeln".
bevorstehenden Invasion Kubas in der Schweinebucht, schlug die Geschichte jedoch auf Bitte PräsiDie Art und Weise, in der die Außenpolitik häufig von
dent Kennedys nieder. Der Invasionsplan blieb bis zu
den Medien gestattet wird, ist jedoch sehr viel kompliseiner erfolglosen Durchführung geheim und die
zierter und vieldeutiger, als die oben zitierten Beispiele
kommunistische Castro-Regierung • das Ziel der
vermuten lassen. Obwohl die Medien die Regierung
Operation - verfügte über mehr Macht als je zuvor.
zu einer Änderung ihrer Politik veranlassen können,
kann die Regierung Kontrolle darüber ausüben, wie Mehrere Ereignisse führten zu einer Entfremdung
Nachrichten und Meinungsbildung in den Medien zwischen Regierung und Presse, die diese Art von
gehandhabt werden und tut dies ungeachtet der Pres- Zusammenarbeit zum gegenwärtigen Zeitpunkt höchst
sefreiheit auch oft. Und in der Außenpolitik werden unwahrscheinlich macht. Eines war die Veröffentliviele Entscheidungen und Maßnahmen sehr viel mehr chung der "Pentagon Papiere", einer umfangreichen,
als in der Innenpolitik im Geheimen durchgeführt. Die offiziellen Beurteilung des Vietnamkrieges durch die
Medien können das nicht ändern, wovon sie nichts Times und andere Zeitungen im Jahr 1971. Die Nixonwissen. Sie können jedoch auf größere Offenlegung Administration verklagte die Zeitungen mit dem Anoffizieller Aktionen und Maßnahmen drängen.
trag, die Veröffentlichung der Papiere, die zu dem
Schluß gelangten, der Vietnamkrieg sei ein Versagen
Die Beziehungen zwischen Regierung und Medien in
seitens der Vereinigten Staaten, mit der Begründung
den Vereinigten Staaten sind turbulent, ständigen
zu untersagen, die Enthüllungen stellten eine Gefahr
Veränderungen unterworfen, für gewöhnlich kontrofürdie nationale Sicherheit dar. Die Papiere waren von
vers, häufig antagonistisch, jedoch oft genug kooperader Regierung als streng geheim eingestuft und der
tiv. Dies ist darauf zurückzuführen, daß beide ihren
Times von einem Regierungsvertreter zugespielt
Selbstzweck haben, beide jedoch in gewissem Maße
worden, der an ihrer Erstellung beteiligt gewesen war.
voneinander abhängig sind. Die mit gewählten Vertretern arbeitende Regierung sieht ihre Rolle als VertreDas Oberste Bundesgericht der Vereinigten Staaten
tung des Voltes in der Ausübung der Regierung und
stellte sich jedoch auf die Seite der Zeitungen und
Erarbeitung einer PoUtk, die sie als in ihrem besten
verfügte in einer Entscheidung, daß auch die nicht von
Interesse liegend erachtet. Damit diese politischen
der Regierung autorisierte Veröffentlichung der PapieMaßnahmen jedoch die Zustimmung der Öffentlichkeit
re die nationale Sicherheit nicht gefährdeten. Der Fall
gewinnen, benötigt die Regierung die Medien zur
wurde über Monate hinweg eingehend publiziert und
Veröffentlichung ihrer Ziele und Aktionen. Zu diesem
diskutiert und war so kontrovers, daß er eine Kluft
Zweck beschäftigt sie eine große Zahl von Medienexzwischen Regierung und Medien schuf.
perten, deren Aufgabe darin besteht, das Vorgehen
der Regierung so positiv wie möglich darzustellen.
Ein unmittelbar auf die Pentagon Papiere folgendes
Das Weiße Haus kann beispielsweise die BerichterEreignis hatte noch größere Auswirkungen. Es war die
stattung durch die Entscheidung kontrollieren, über
als Watergate bekanntgewordene Affäre. Mitarbeiter
welche Ereignisse die Medien berichten dürfen. Ande- des zur Wiederwahl stehenden Präsidenten Nixon
rerseits sehen sich die Medien als Wachhund des brachen 1972 in die Büros des Nationalen Ausschusöffentlichen Interesses, deren Rolle es ist, Aktionen ses der Demokraten ein, vermutlich auf der Suche
und Maßnahmen der Regierung offenzulegen, zu nach Informationen, die die Chancen des Präsidenten
erklären und zu beurteilen. Um dies zu tun, benötigen für eine zweite Amtszeit verbessern würden, und wurden
sie jedoch ein gewisses Maß der Zusammenarbeit von gefaßt. Beweise anhand von Tonbandaufzeichnunder Regierung.
gen belegten, daß der Präsident die Zahlung von
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�Schweigegeld an die Einbrecher anordnete, damit sie
das Mitwissen von Mitarbeitern des Weißen Hauses
nicht preisgaben. Mehrere Assistenten Nixons verbüßten für ihre Rolle in dem Skandal Gefängnisstrafen. Und Nixon sah sich angesichts der Beschuldigungen zum Rücktritt gezwungen.
Obwohl der Skandal nicht in direktem Zusammenhang
mit der Außenpolitik stand, bewirkte er Veränderungen
bei Regierung und Medien, die einen dauerhaften
Effekt auf die Gestaltung von Innen- und Außenpolitik
hatten. Beispielsweise veranlaßte er den Kongreß zur
Verabschiedung eines Gesetzes über die Informationsfreiheit, dank dem Journalisten leichter Zugang
zu Regierungsdokumenten erhalten, obwohl sie immer noch ein langes, schwieriges Verfahren durchlaufen müssen, um Informationen zu erhalten, die die
Regierung nicht veröffentlichen will. Und es machte
Journalisten mißtrauischer gegenüber offiziellen Aktionen und Regierungsvertreter mißtrauischer gegenüber den Motiven der Journalisten. Diese Entzweiung
dauert bis heute an.

kaner die Nachrichten den kommerziellen Fernsehsendern entnehmen, die nur einen kleinen Teil der
Informationen insbesondere aus dem Ausland übermitteln, die in den meisten Tageszeitungen gefunden
werden können. Das Fernsehen ist ein mächtiges
Instrument, um Ereignisse nahezubringen, wie im Falle
der kurdischen Flüchtlinge und anderer wichtiger
Ereignisse. Auf täglicher Basis nimmt es jedoch nicht
den Platz des gedruckten Wortes bei der Information
der Öffentlichkeit über bedeutende Themen ein, wie
Walter Cronkrte, jahrelang der prominenteste amerikanische Fernsehjournalist, bei mehreren Gelegenheiten feststellte.

Das Fernsehen hatte den zusätzlichen Effekt, die
Spanne der Aufmerksamkeit der Amerikaner zu verkürzen. Kommerzielle Femsehnachrichten werden
häufig als Unterhaltung präsentiert und sind aufgrund
des Zeitmangels Sendungen in komprimierter Form.
Zeitungsverleger und Intendanten sind gleichermaßen
zu dem Schluß gelangt, daß die an die Kurzversion
gewohnten Amerikaner von langen Abhandlungen
gelangweilt sind - obwohl eine solche Länge zur ErläuDie Entfremdung veranlaßte Regierungsvertreter, sich terung eines komplizierten Ereignisses aus dem Ausnoch mehr um die Zurückhaltung von Informationen zu land erforderlich sein kann - und sich in der Mitte der
bemühen, die sie nicht freigeben wollten. Ein Beispiel Geschichte etwas anderem zuwenden. Um die Aufsind Restriktionen, die der Kriegsberichterstattung merksamkeit der Leser und Zuschauer zu fesseln,
auferlegt wurden. In Grenada, Panama und am Perentscheiden sich kommerzielle Nachrichtensender für
sischen Golf wurden Reporter und Kameraleute nicht
mehr Lokalnachrichten, Sport und Unterhaltung. Es
auf die Schlachtfelder zugelassen bis der Großteil der bleibt wenig Raum für ernsthafte AuslandsberichterKämpfe vorüber war - im Gegensatz zu früheren stattung.
Kriegen, als sich Korrespondenten häufig auf eigene
Gefahr unter die Truppen mischten und die GeräuNatürlich hat die neue Ordnung auch eine positive
sche, Gerüche und die menschliche Tragödie bewaff- Seite. Es ist durchaus an der Tagesordnung, daß ein
neter Konflikte übermittelten. En Grund, warum der Haushalt 60 oder 70 Femsehkanäle zur Auswahl hat
Vietnamkrieg zu dem Zeitpunkt in den Vereinigten und einige von ihnen bieten Informationen, die geStaaten unpopulär wurde, als die Regierung sich dafür druckt niemals zur Verfügung stehen würden. Der Cengagierte, waren die Massaker an Zivilisten und Span-Kanal übermittelt beispielsweise die täglichen
Soldaten, die in freier Berichterstattung der Medien in Debatten im Kongreß und berichtet sogar live aus dem
allen Einzelheiten auf den Fernsehschirmen von Küste Ausland, um dem Zuschauer wichtige internationale
zu Küste gezeigt wurden. Es gibt eine Reihe von Ereignisse aus nächster Nähe zu vermitteln. Der
Gründen für neue Restriktionen, einschließlich der öffentliche Hörfunk und das öffentliche Femsehen
Tatsache, daß die Bewegungsfreiheit des Pressebringen lange, detaillierte Nachrichtenprogramme und
korps mit seinen Heerscharen von Technikern und Dokumentationen.
Gerät enorm eingeschränkt ist. Das Militär hat jedoch
auch das Gefühl, daß der Presse die Berichterstattung Während die Welt durch rasche Kommunikation und
aus der Sicht des amerikanischen Militärs, wie die verkürzte Transportwege kleiner geworden ist und die
meisten amerikanischen Journalisten sie bisher wahr- Weltwirtschft in allen Industrienationen Einzug gehalgenommen hatten, nicht zugetraut werden kann. Im ten hat, fällt es den Menschen schwer, mit all den
Verlauf dieses Prozesses wurde die Macht der Medien Ereignissen und Entwicklungen Schritt zu halten, die
bei der Gestaltung der amenkanischen Pditk im Ausland Aufmerksamkeit verlangen. Die meisten Amerikaner
wissen wenig über die tiefgreifenden Veränderungen,
beschnitten.
die sich jenseits ihrer Grenzen vollziehen. Eine Krise
in einem weit entfernten Land wird an einem Tag
Ein Teil der verringerten Fähigkeit der Medien zur
erwähnt und ist am nächsten vergessen. So erstaunBeeinflussung der Außenpolitik ist jedoch auf Veränlich es klingen mag - die Amerikaner wissen möglicherderungen innerhalb der Medien selbst zurückzufühweise
am wenigsten über die Ereignisse auf ihrem
ren. Während eines Großteils der amerikanischen
Kontinent.
Geschichte waren Zeitungen das Hauptinstrument zur
Verbreitung von Nachrichten. In jüngster Zeit hat
jedoch das Femsehen diese Rolle übernommen und Es gibt konstante Debatten und unterschiedliche Meinungen darüber, welche Nachrichten als wichtig erMeinungsumfragen belegen, daß die meisten AmeriAMERIKA DIENST

Seite 3

�achtet werden sollten. Ein Essayist der Zeitschrift
Time, William A. Henry III., schrieb in einem Aufschrei
über die kümmerliche Auslandsberichterstattung: "Einer
der ersten Grundsätze, die amerikanische Reporter
lernen, lautet, eine verbeulte Stoßstange (ein kleiner
Verkehrsunfall für die Lokalnachrichten) ist eine wichtigere Nachricht als ein Zugunglück in Pakistan."
Ungefähr zur gleichen Zeit stellte der Kolumnist George
F. Will von Newsweek eine Zunahme innenpolitischer
Probleme wie Verbrechen und Kindersterblichkeit fest
und forderte die Medien auf, sich weniger auf auslandische Angelegenheiten und mehr auf amerikanische
zu konzentrieren.

werden jedoch nur von einem Bruchteil der Bevölkerung gelesen.

Auf jeden Fall ist die Berichterstattung über Weltereignisse immer willkürlich. Cleveland (Ohio) ist eine
Großstadt mit einem hohen Anteil von Osteuropäern.
Vor einigen Jahren wurde ohne große Übertreibung
festgestellt, daß eine der führenden Zeitungen Clevelands alles über Osteuropa und Cleveland berichtete,
aber dazwischen gab es nichts.
In dem Vakuum öffentlichen Wissens über einen Großtei
der Weit wird die amerikanische Politik gegenüber den
meisten Nationen von Washingtoner Regierungsvertretern und dem sogenannten au ßenpolitischen "Establishment" ohne das Wissen oder die Leistungen der
bekannten Medien oder der Bevölkerung allgemein
gemacht. Das "Establishment" ist ein Netz von Personen innerhalb und außerhalb der Regierungsverantwortung, an Universitäten, in Unternehmen mit Auslandsverbindungen sowie anderen, an Ereignissen im
Ausland Interessierten. Sie kommunizieren vornehmlich durch Fachzeitschriften wie Foreign Affairs, die
lange Artikel von verschiedenen Experten zu einer
gro ßen Bandbreite von Themen bringen. Einige dieser
Zeitschriften liegen in öffentlichen Bibliotheken aus,

* *

Seite 4

Sobald ein Thema jedoch öffentliche Unterstützung
erhält, können Organisationen an der Basis ihm mit
Hilfe der Medien zu nationaler Bedeutung verhelfen,
so obskur oder technisch es auch gewesen sein mag.
Ein Beispiel betrifft die Verbreitung von Atomwaffen.
Jahrelang war die Mehrheit der Bevölkerung zufrieden, dieses Thema aufgrund seiner technischen
Komplexität und der offenkundigen Feindseligkeit der
Sowjetunion den Experten zu überlassen. Anfang der
achtziger Jahre sprang die Besorgnis einiger weniger
Aktivisten auf die Bevölkerung insgesamt über. Die
Medien verbreiteten die Besorgnis in Leitartikeln und
Berichten über die Bewegung. Stadträte, Kreiskommissionen, Parlamente der Bundesstaaten und andere öffentliche Gremien verabschiedeten Hunderte von
Resolutionen, die einen nuklearen Rüstungsstillstand
verlangten. Viele Anhänger der Bewegung wußten
nicht, ob ein solcher Stillstand überhaupt praktikabel
war oder wie er funktionieren sollte, aber ihre Aktionen
wurden als Signal interpretiert, daß die amerikanische
Bevölkerung der nuklearen Aufrüstung müde geworden war und geeignete Maßnahmen zu deren Umkehrung wollte. Die Botschaft erreichte das Weiße Haus
und Präsident Reagan setzte sich gegen Ende seiner
Amtszeit sogar noch vor dem Zusammenbruch des
Kommunismus in der Sowjetunion vehement für eine
Reduzierung ein.
Obwohl die Medien bei der Gestaltung der Außenpolitik keinen so großen Einfluß haben wie in der Innenpolitik, verfügt die Bevölkerung durch die Medien über
eine laute Stimme im Entscheidungsprozeß über das
Verhalten der Vereinigten Staaten im Ausland.

* *

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AMERIKA DIENST

�MEDIEN
14. April 1993

CNN: EIN SCHLÜSSEL FÜR WELTWEITE
NACHRICHTENÜBERMITTLUNG
von Daniel B. Wood, aus The Christian Science Monitor
CNN (Cable News Network), der erste Fernsehkanal der Welt, der 24 Stunden täglich Nachrichten sendet,
existiert seit 10 Jahren und spielt dem Autor zufolge im internationalen FernsehJournalismus eine wichtige Rolle.
Daniel B. Wood ist Mitarbeiter von The Christian Science Monitor.
Nachdruck mit freundlicher Genehmigung von The Christian Science Monitor, (c) 1990 The Christian Science
Publishing Society. Alle Rechte vorbehalten.

Als CNN zum ersten Mal ausgestrahlt wurde, bezeich- einen bedeutenden Teil der weltweiten Berichterstatneten Kritiker den Sender als "leichte Kost". Zehn tung darstellen."
Jahre später aber hat die Konkurrenz bereits schwer
CNN, das 55 Millionen Amerikaner per Kabel erreichen
daran zu schlucken.
kann, wird allabendlich in 219.000 bis 284.000 HausEin Jahrzehnt nachdem am 1. Juni 1980 der erste halten eingeschaltet. Im Vergleich dazu wird "World
Fernsehkanal, der 24 Stunden täglich Nachrichten News Tonight" von ABC in 10,2 Millionen Haushalten
ausstrahlt, ins Leben gerufen wurde, wird Cable News gesehen.
Network (CNN) mit Sitz in Atlanta, Georgia, nicht nur
eine wichtige Rolle im weltweiten Fernsehjoumalis- Von der gesamten Zeit, die Amerikaner im ersten
mus zugebilligt, sondern übt darüber hinaus großen Quartal des Jahres 1990 mit der Verfolgung von FernEinfluß auf die Gestaltung von Fernsehprogrammen sehnachrichten verbrachten, entfielen laut A.C. Nielsen 27 Prozent auf CNN, 28,3 auf ABC, 27,5 auf CBS
aus.
und 17,2 auf NBC. (ABC, CBS und NBC sind kommerTrotz seiner relativ geringen Zuschauerzahl und anhal- zielle Sendergruppen).
tender Kritik an der angeblich oberflächlichen Berichterstattung halten viele Beobachter den Sender CNN Unter Hinweis auf das Erdbeben von San Francisco,
für einen Motor der weltweiten Revolution im Informa- die amerikanische Intervention in Panama und die
tionswesen, für eine Kraft, die zu dem Dominoeffekt Demonstrationen in China stellte Don Tomlinson,
beim Zusammenbruch des Kommunismus in Osteuro- Joumalismusprofessor an der A &amp; M University von
Texas fest: "CNN ist stets an vorderster Front, wenn
pa beitrug.
es darum geht, den nächsten Krisenherd auszuma"CNN ist zur ersten Adresse geworden, an die man chen und hat bereits in vielen Fällen die anderen
sich wendet, wenn man Neuigkeiten von weltumspan- Sender in große Verlegenheit gebracht."
nender Bedeutung hören will", so Benjamin Bagdikian,
Medienkritiker und Professor an der University of CNN, das außerhalb der Vereinigten Staaten 10 MillioCalifornia, Berkeley. "Sie haben der Welt einen rund nen Haushalte sowie 250.000 Hotels, Botschaften,
um die Uhr sendenden Nachrichtenkanal gegeben, Unternehmen und Börsen per Kabel erreicht, ist für
von dem niemand gedacht hätte, daß er funktionieren Entscheidungsträger in 90 Ländern zu einer wichtigen
neuen Quelle geworden. Zu den regelmäßigen Zuwürde, und hatten damit Erfolg."
schauem zählen bekanntermaßen Lech Walesa in
"CNN ist vielleicht die interessanteste Erfolgsstory des Polen, Fidel Castro in Kuba, der ehemalige UNOKabelfemsehens", erklärt Howard Stringer, Präsident Generalsekretär Perez de Cuellar, König Hussein von
der CBS Broadcast Group. "Es hat sich selbst eine Jordanien und Muammar Ghaddafi in Libyen.
unverkennbare Nische geschaffen und wird auf Dauer
AMERIKA DIENST

Seite 1

�'Die arte Vorstellung, daß den Sendern eine Geschichte gehört und nur sie sie veröffentlichen dürfen, ist
veraltet, da CNN für die Zuschauer unstrittig die erste
Anlaufstelle ist", so Stinger von CBS. "Das bedeutet
für uns, daß die Rolle unseres Senders viel stärker
darin besteht, Hintergrundinformationen und Auswertung hinzuzufügen."
Selbst diejenigen, die nie CNN gesehen haben, können den wachsenden Einfluß dieses Senders auf die
Berichterstattung aller Sender beobachten:
Femsehmoderatoren, die in alle Teile der Welt
fliegen;

Jahr 1981 über den Abschuß des koreanischen Verkehrsflugzeugs, den Bombenanschlag auf das Hauptquartier der amerikanischen Marineinfanterie in Beirut
und die amerikanische Invasion in Grenada. CNN war
der einzige Sender, der den Start von Challenger
filmte, als die Raumfähre explodierte.
"CNN hat die Erwartungen, die wir an das Femsehen
stellen, geändert", so Conrad Kottak, Autor einer anthropologischen Analyse von Femsehen und Kultur.
"Wir wollen uns jetzt einfach zu jedem beliebigen
Zeitpunkt ins Programm einschalten können, anstatt
uns wie vorher üblich an einen Zeitplan halten zu
müssen".

Das Drängen auf tiefgründigere, enthüllende
und mit Kommentaren versehene Berichte;

CNN stellt nicht nur für die Zuschauer eine alternative
Nachrichtenquelle dar, sondern verkauft auch NachMehr Auslandsberichterstattung bei den lokalen richten aus dem Ausland an lokale Femsehstationen
und beraubt damit die großen Fernsehsender ihrer
Fernsehsendern;
Haupteinkommensquelle und in gewissem Ausmaß
öftere Unterbrechungen des Unterhaltungspro- ihrer Identität. "Wir mußten uns wirklich anstrengen,
um unsere Dienste für die angeschlossenen Stationen
gramms für neueste Berichte;
zu verbessern", so Bob McFarland, stellvertretender
Umfassende Kosteneinsparung bei den Sen- Direktor von NBC Nightly News. "Die Sender räumen
dern, einschließlich Personaleinsparungen und CNN" bei einigen Ereignissen "in zunehmendem Maße
der Schließung von Büros auf der ganzen Welt. die Exklusivberichterstattung ein", stellt Bernard Shaw,
Moderator von The World Today fest.
"Als NBC von General Electric aufgekauft wurde,
wollte die Unternehmensleitung wissen, warum wir CNN beschäftigt 1.700 Angestellte, hat 23 Büros und
nicht so kostengünstig wie CNN arbeiten können", erzielte 1989 einen Betriebsgewinn von 134 Millionen
erinnert sich Lawrence Grossman, ehemaliger Präsi- Dollar. Es verfügt über Zweigorganisationen und eine
dent von NBC News, zur Zeit Honorarprofessor am unter dem Namen Newsource bekannte NachrichtenGannett-Zentrum für Medienforschung, das der Co- agentur, die unabhängig allgemeine Berichte ohne das
lumbia University in New York angehört.
CNN-Logo anbietet.
Andere Änderungen im Bereich der Sender beinhalten, daß alles - von den Daten, die durch Befragung
von Wählern unmittelbar nach der Stimmabgabe
gewonnen werden bis zur Filmberichterstattung über
die jüngste Geiselbefreiung - allen zugänglich gemacht wird, sowie Ankündigungen, wie die Mitte des
Jahres 1990 von NBC gemachte, es werde seine 209
(schrumpfenden) angeschlossenen Femsehstationen
rund um die Uhr mit Nachrichten versorgen.
CNN hatte vor über 10 Jahren seine Premiere, indem
es vor einem potentiellen Publikum von 1,7 Millionen
Haushalten seinen ersten Werbespot unterbrach, um
das Neueste über die versuchte Ermordung des
amerikanischen Bürgerrechtlers Vemon Jordan zu
berichten.

Larry King Live und CNN Sports Tonight gehören zu
CNNs beliebtesten Serien. World Report, der ungeändette Berichte von 120 ausländischen Fernsehanstalten sendet, fand großes Lob. Moneyline, eine
Sendung mit Nachrichten aus der Geschäftswelt, hat
ein treues Fernsehpublikum.
Trotz der zahlreichen Stärken und Innovationen von
CNN bleiben einige Schwächen bestehen. "Die Sender haben etwas, über das CNN nicht verfügt: eine
Reihe von renommierten und erfahrenen Korrespondenten", so Stringer von CBS.

"Esbesteht eingroßer Unterschied zwischen Reportage und Berichterstattung", kommentiert ein ehemaliger leitender Mitarbeiter eines großen Nachrichtensenders, der nicht namentlich genannt werden möchSeitdem konnte der Sender eine eindrucksvolle Reihe te. "Es stimmt, daß CNN die Technik beherrscht,
von sensationellen Erstmeldungen und Meilensteinen Schlüsselereignisse mit der Kamera einzufangen, aber
verzeichnen: Liveberichte über Anhörungen im ame- es muß noch viel lernen, um die Bedeutung dieser
rikanischen Senat, Berichte über die Attentatsversu- Ereignisserichtigeinschätzen zu können". CNN stützt
che auf Präsident Reagan und den Papst, die Hochzeit sich vielleicht nicht auf ein Spitzensystem • hochkaräim englischen Königshaus, die Ermordung des ägyp- tige Femsehmoderatoren und Persönlichkeiten -, aber
tischen Präsidenten Anwar Sadat.
Beobachtern zufolge liegt das daran, daß die quantitativ hohen Anforderungen und die geringe Bezahlung
CNN erhielt den Peabody Award und den Preis des der Mitarbeiter der Qualität und der Loyalität nicht
Overseas Press Club für seine Berichterstattung im förderlich sind.
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AMERIKA DIENST

�"Viele unserer Mitarbeiter haben die ersten Jahre ihres
Berufslebens damit verbracht, bei CNN Erfahrung zu
sammeln", so McFarland von NBC. CNN kommt beim
Kampf um die Einschaltquoten häufig nicht über die
0,7-Prozent-Marke hinaus. Um die Zahl der Zuschauer zu erhöhen, rief der Sender sowohl The World
Today als Gegenstück zu den Abendnachrichten als
auch Special Assignment, eine Enthüllungsserie, ins
Leben.

zeilen gemacht. "Es wird mindestens zwei Jahre
dauern, bis wir für The World Today eine treue
Zuschauerschaft haben", prophezeit er. 35 Jahre lang
haben sich die großen Drei (CBS, ABC und NBC) die
Schlacht um Einschaltquoten geliefert", so Professor
Tomlinson von Texas A &amp; M. "CNN hat uns eine
lebensfähige vierte Kraft gegeben - und das ist für
jedermann von Vorteil".

Bisher hat Ed Turner, dem leitenden Nachrichtenredakteur zufolge keine der beiden Sendungen Schlag-

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�MEDIEN
17. November 1993

DIE ROLLE FREIER MEDIEN IN DER DEMOKRATIE
Rede Shattucks bei KSZE-Seminar
WARSCHAU - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die am 2. November 1993 beim KSZE-Seminar über freie
Medien in Warschau vom Abteilungsleiter für Menschenrechte und humanitäre Angelegenheiten im USAußenministerium, John Shattuck, gehaltene Eröffnungsansprache im Wortlaut.

Es ist mir eine Ehre, diese Woche als Leiter einer
amerikanischen Delegation in Warschau zu sein, zu
der prominente Vertreter der US-Medien und der
akademischen Welt zählen. Ich möchte dem Büro für
demokratische Institutionen und Menschenrechte für
die Veranstaltung dieses Seminars danken und freue
mich auf eine Woche offener Diskussionen über die
Prinzipien und Praktiken freier Medien in einer freien
Gesellschaft. Ich möchte Polen meinen Dank für die
Gastfreundschaft aussprechen.

Form der Freiheit." Eine Regierung, die ihr Volk und
ihre Presse zum Schweigen bringt, ist nicht demokratisch. Denn ein Volk, dem ein Maulkorb angelegt und
Information verweigert wird, ist ein Volk ohne Macht,
ein Volk ohne die Fähigkeit zur Bewältigung seiner
Probleme.

Hier in Europa waren die Medien und die Kommunikationstechnologie entscheidend für die friedlichen Revolutionen, die den Kontinent erfassen, sowie für die
kontinuierliche Entwicklung neuer politischer SysteWarschau als Ort der Veranstaltung eines Seminars me. In Rußland und der ehemaligen Tschechoslowascheint mir besonders geeignet, denn hier haben kei wurden die Hoffnungen der Menschen jahrzehnteMenschen, denen die Redefreiheit verweigert wurde, lang dank Samizdat und Kopiermaschinen am Leben
dennoch ihre Stimme erhoben. Mutig. Entschlossen. erhalten. In Rumänien wurden mutige Bürger bei
Mit Engagement. Und die in Polen friedlich mit Ideen ihrem Protest gegen eine Rede von Ceausescu im
geführte Revolution hat dazu beigetragen, das Blatt in Femsehen gezeigt, bevor die Zensoren das Programm
Osteuropa zu wenden. Polen ist ein unmißverständli- unterbrechen konnten. Dies und die verwirrte Reakches Beispiel für die Macht der Rede, die sich von der tion des Regimes verliehen dem rumänischen Volk
Zensur zu befreien sucht, um die Ungrechtigkeit anzu- Mut. In der Tschechoslowakei trotzten Fernsehjourgreifen und zu berichtigen. Polen ist der Beweis für die nalisten der Nachrichtensperre und zwangen die
Macht des Volkes • seiner Ideen, seiner Worte und Geschäftsleitung, die Demonstrationen der sanften
Revolution zu übertragen. Eine der ersten Taten der
seiner Träume - über die Tyrannei.
neuen tschechischen Regierung war, den staatlichen
Seit jenen ersten berauschenden Tagen der Freiheit Zensor zu feuern. Die Bürger in ganz Osteuropa und
hat Polen den sich rasch verändernden politischen und der ehemaligen Sowjetunion haben sich mit Begeistewirtschaftlichen Systemen inhärenten Tumult erlebt. rung ihrer neuentdeckten Redefreiheit bemächtigt.
In eben solchen Zeiten des Wandels wollen RegierunDennoch wird die Verpflichtung der Regierungen zu
gen manchmal die Pressefreiheit beschneiden mit
dem Argument, die Redefreiheit müsse gegen andere freien Medien häufig auf die Probe gestellt - in meinem
Bedürfnisse der Gesellschaft abgewogen werden. In Land ebenso wie in Europa. Kritik an der Regierung
einer Demokratie, in der die Souveränität beim Volk beschneidende Gesetze und staatliche Kontrolle des
liegt, ist die Redefreiheit das wichtigste Recht. Vor Handwerkszeugs der Medien - Druckerpressen, Zeisechzig Jahren, mitten in der Großen Depression, als tungsverlage, Fernsehstationen, Subventionen und
Zehntausende Amerikaner arbeitslos waren, schrieb Vertrieb - engen eben die Redefreiheit ein, die Grundder Richter am Obersten Bundesgericht, Benjamin lage von Stabilität und Legitimität all unserer Nationen
Cardozo: "Die Freiheit des Ausdrucks ist die Matrix, ist.
die unerläßliche Bedingung, für nahezu jede andere

AMERIKA DIENST

Seite 1

�Als mit dem Aufbau unserer Nation vertrauter Amerikaner kann ich mich mit dem Kampf der osteuropäischen Länder und der neuen unabhängigen Staaten
sehr gut identifizieren. Skeptiker bezüglich des Werts
der Pressefreiheit argumentieren, daß die Erfahrung
der Vereinigten Staaten einzigartig und aus diesem
Grund für Erörterungen der Rolle von Medien andernorts irrelevant ist. Ich bin anderer Meinung. Die
amerikanische Erfahrung ist nicht einzigartig. Auch wir
sahen uns bei der Geburt unserer Nation mit Kämpfen
im Inland und Bedrohungen aus dem Ausland konfrontiert. Ebenso wie Sie versuchten wir ein neues politisches System zu gründen. Im gesamten Verlauf
unserer Geschichte haben wir mit der Herausforderung gerungen, eine starke Regierung zu schaffen und
gleichzeitig das Volk vor einer nicht rechenschaftspflichtigen Regierung zu schützen - so übermächtig,
daß sie repressiv werden konnte. Seit 200 Jahren
bilden die Medien das Kernstück unserer Gesellschaft
und sehen sich dennoch konstantem Druck durch
staatliche Zensur ausgesetzt.
Die Geschichte eines Druckers namens John Peter
Zenger in der damaligen Kolonie New York wird häufig
als Beispiel der amerikanischen Verpflichtung zur
Redefreiheit angeführt. Im Jahr 1735, vor der Gründung unserer Nation, wurde Peter Zenger wegen
ketzerischer Reden der Prozeß gemacht. Sein Vergehen war die Anmaßung, Kritik am britischen Gouverneur gedruckt zu haben. Unter anderem beschuldigte
er den Gouverneur, die Kolonie französischen Angriffen auszusetzen. Die Geschworenen stimmten für
Freispruch anhand von Beweisen für die Wahrheit der
Anschuldigung. Diese Geschichte wird gelegentlich
erzählt, um zu demonstrieren, daß die Amerikaner in
einzigartiger Weise aufgeschlossen gegenüber einer
freien Presse sind. Das ist jedoch nicht der Punkt.
Obwohl die Amerikaner ihre Freiheit lieben, wäre die
Behauptung, wir seien anders als andere Menschen,
eine Verzerrung unserer und Ihrer Geschichte. Der
Kampf um das Prinzip einer freien Presse wurde nicht
über Nacht gewonnen. Erst jahrzehntelange Kämpfe
und der Mut unzähliger Einzelpersonen führte zu seiner Verankerung in der amerikanischen Bill of Rights.
Trotz der Verfassung der Vereinigten Staaten und trotz
der kühnen Aussage des ersten Zusatzartikels, "Der
Kongreß darf kein Gesetz erlassen, das... die Redeoder Pressefreiheit ... einschränkt", verabschiedete
unser Kongreß im Jahr 1798 das Gesetz über Ausländer und Aufwiegler, mit dem das Recht zur Kritik an der
Regierung beschnitten wurde. Warum stimmte der
Kongreß einer solchen Gesetzesvorlage zu, und warum verlieh Präsident John Adams, ein Unterzeichner
der Unabhängigkeitserklärung, ihm Gesetzeskraft?
Gelehrte verweisen auf die Besorgnis über eine Bedrohung der Vereinigten Staaten durch Frankreich sowie
auf die Rivalität zwischen der Föderalistischen Partei
von John Adams und der Republikanischen Partei
seines Vizepräsidenten Thomas Jefferson.

Seite 2

Das Gesetz über Ausländer und Aufwiegler lief einige
Jahre nach seinem Inkrafttreten aus, aber die daraus
gezogenen Lehren sind eindeutig: In einem Land wie
unserem ist die Pressefreiheit zu Zeiten der größten
Instabilität einer Nation dem höchsten Risiko ausgesetzt. Die Stimmen der Opposition in solchen Zeiten
zum Schweigen zu bringen, heißt, die Gesellschaft
konstruktiver Kritik zu berauben, das Risiko zu laufen,
friedlichen Protest in gewalttätigen Widerstand ausarten zu lassen und zu verhindern, Sprache zum Mittler
demokratischen Wandels zu machen.
Die amerikanische Verpflichtung zur Redefreiheit ist
kein Luxus einer modernen Gesellschaft. Redefreiheit
ist der Ursprung von Kreativität in unserer Gesellschaft
und der Stabilität unserer Regierungsform. Thomas
Jefferson hat einmal die Theorie aufgestellt, die Menschen müßten alle 17 Jahre das Joch ihrer Regierung
abwerfen. 217 Jahre später hat sich dies als unwahr
erwiesen, und zwar eben weil die Redefreiheit die
friedliche Umgestaltung einer Geseilschaft ermöglicht.
Rede- und Pressefreiheit sind kein Luxus in einem
neuen demokratischen Staat, sondern eine Notwendigkeit und eine Entscheidung, die eine Demokratie
immer wieder treffen muß.
In diesem Jahrhundert wurde die Pressefreiheit in den
Vereinigten Staaten wiederholt auf die Probe gestellt.
Sie wurde während der beiden Weltkriege herausgefordert, während der Bürgerrechtsbewegung und von
den Vietnamkriegsgegnern, die uns noch frisch in
Erinnerung sind. Rede- und Pressefreiheit werden
heute unter dem einen oder anderen Deckmantel
weiterhin diskutiert. Wir sind eine Gesellschaft, die
erörtert, ob von der Regierung finanzierten Künstlern
Zwänge auferlegt werden sollen, ob die Gewalt in
unseren Städten die Kontrolle von Gewaltdarstellungen im Femsehen und Kino erfordert, ob die Abtreibungsgegner das Recht haben, Abtreibungskliniken
aufsuchenden Frauen ihren Protest buchstäblich ins
Gesicht zu schreien, ob die Regierung richtig oder
falsch handelte, als sie während der Golfkrise eine
Nachrichtensperre verhängte. An den Universitäten,
die traditionsgemäß das Hauptforum der freien Rede
sind, wird heute das Argument vorgebracht, die Redefreiheit sollte eingeschränkt werden, wenn die Rede
Angehörige einer ethnischen rassischen, rekjiösen
oder sozialen Gruppe angreift. Aus meiner Sicht sind
all dies Bedrohungen der freien Rede, aber auch
Themen lebhafter Diskussionen.
In dieser Woche werden wir Gedanken über die Rechtsgrundlage freier Medien austauschen. Eben weil die
Pressefreiheit gleichermaßen unerläßlich für die
Demokratie und einer ständigen Bedrohung ausgesetzt ist, vertreten wir die Auffassung, daß eine verfassungsmäßige Garantie - kein Gesetz - den besten
Schutz der Pressefreiheit darstellt. Ein von der Legislative gewährtes Recht kann von dieser wieder entzogen werden.

AMERIKA DIENST

�Hinsichtlich der internationalen Verpflichtungen begrüßen wir die von der Menschenrechtskommission
der Vereinten Nationen getroffene Entscheidung, einen Sonderberichterstatter über Meinungs- und Redefreiheit zu ernennen. Die Resolution über die Einrichtung dieses Amtes verleiht der tiefen Besorgnis über
die Verfolgung von Journalisten, Redakteuren, Schriftstellern, Verlegern und Druckern Ausdruck sowie
derjenigen, die lediglich von ihrem Recht auf Gedanken-, Gewissens- und Religionsfreiheit Gebrauch
machen.

Entscheidungen werden vom Menschen getroffen, sei
es, wofür das Geld ausgegeben wird, wer gewählt wird
oder wem Glauben geschenkt wird. Die Erfahrung hat
wiederholt gezeigt, daß das beste Mittel gegen Falschinformation mehr Information ist.

Wenn wir einen juristischen Rahmen für freie Medien
erörtern, sollten wir die natürliche Spannung zwischen
den Regierenden und denjenigen, die über sie berichten, in Betracht ziehen. Die Aufgabe der Medien ist die
Überwachung der Regierung, nicht umgekehrt. Die
Medien lassen für gewöhnlich Politiker nicht in Ruhe.
In Polen nimmt die satirische Femsehserie "Polskie
Wir begrüßen auch die Wiener Deklaration, sind jeZoo"
die Politiker aufs Korn, obwohl viele von ihnen
doch der Ansicht, daß sie beim Schutz der Pressefreidiejenigen
waren, die im Kampf Polens für Redefreiheit nicht weit genug geht. Das "Rahmenwerk nationaheit
an
vorderster
Front standen. Das geschieht in
ler Gesetze" mag nicht immer eine angemessene
jeder
freien
Gesellschaft.
Als George Washington aus
Grundlage für die Gewährleistung einer freien Presse
dem
Amt
ausschied,
versahen
die Karikaturisten einen
sein, insbesondere wenn die Regierung der Presse
Esel
mit
seinem
Kopf,
und
eine
Zeitung in Philadelphia
ablehnend gegenübersteht. Das gleiche Problem besteht
schrieb:
"
Jedes
Herz,
das
die
Freiheit
und das Glück
bei Artikel 10 der Europäischen Menschenrechtskondes
Menschen
wünscht,
sollte
höher
schlagen aus
vention und der Resolution des Europarates von 1993,
Jubel
darüber,
daß
der
Name
Washington
von diesem
die "akzeptable" journalistische Praktiken definiert. Ich
Tag
an
nicht
länger
politische
Schandtaten
und legalifürchte, durch diese Bestimmungen werden freie Medien
sierte
Korruption
nährt."
Selbst
Gründerväter
werden
nicht gewährleistet, sondern beschränkt.
nicht unbedingt respektvoll behandelt.
Auf der Tagesordnung dieser Woche stehen journalistische Freiheit und Verantwortung. Ich bin über
Die Debatte dauert noch heute an. Wenn Amerikas
dieses Thema beunruhigt, da es anzudeuten scheint,
leidenschaftliche Verteidigung der Pressefreiheit chaRegierungsvertreter hätten das Recht zur Definition rakteristisch für unsere Nation ist, dann aber auch die
von "verantwortungsbewußtem" Verhalten. Seitens Tatsache, daß keine Einrichtung öfter am Pranger
der Regierung eine gute Beurteilung der Presse zu steht als die Presse, niemand von der Öffentlichkeit
erwarten, ist ebenso töricht wie die Erwartung, alles schneller zum Sündenbock gemacht wird. "Die Memögen, befürworten oder auch nur lesen zu wollen, dien" werden von Politikern und Aktivisten aus dem
was an einem Zeitungskiosk zum Verkauf angeboten gesamten ideologischen Spektrum als Quelle verwird.
schiedener Übel verurteilt - von schlechter Politik bis
zum Verfall des Wertesystems. Während unseres
Als ich vor kurzem in der Schlange an der Kasse eines letzten Präsidentschaftswahlkampfes war einer der
Supermarktes stand, hatte ich die Auswahl unter beliebtesten Aufkleber der Republikanischen Partei
Publikationen mit Titelgeschichten, die von Präsident "Ärgert die Medien: Wählt wieder Bush!" Und es
Clintons Reformplan für das Gesundheitswesen über verging nicht viel Zeit nach der Amtsübernahme Prädie Herbstmode, neue Angebote für Autos und Kabel- sident Clintons, bis die Leitartikelschreiber seine
femsehen bis zu so verführerischen Überschriften Administration zu kritisieren begannen, was einige
reichten wie "Elvis beim Frühstücken gesehen", "Fünf Demokraten zu Klagen über die "unfaire Behandlung"
Fitnessübungen beim Telefonieren" und "Opfer rätsel- ihres Präsidenten veranlaßte.
hafter Krankheit vergessen Tiernamen - erinnern sich
aber an alles andere". Diese Titel zeigen zumindest,
Die freien Medien sind für gewählte Politiker ein ständaß es keine Garantie für guten Geschmack gibt. Es diges Ärgernis. Die freien Medien werden oft vom Volk
gibt keine Sicherheit dafür, daß alles, was die Menkritisiert. Die freien Medien verleihen oft Ideen Ausschen in einer Demokratie schreiben oder lesen wol- druck, die nicht jeder mag oder befürwortet.
len, tiefgründig, erhebend oder wahr ist. Freie Rede
kann ebensogut albern, verletzend oder vollkommen Der große russische Dichter Turgenjew schrieb 1882:
unwahr sein. Die Frage ist jedoch, wer die Medien bei "An den Tagen des Zweifeins und des traurigen Grüihren Exzessen mäßigen sollte und was der Preis für belns über das Schicksal meines Landes bist Du allein
mein Stab und meine Stütze - mächtige, wahre, freie
die Kontrolle einer freien Presse ist.
russische Sprache!" Rußland erlebt eine sehr harte
Zur ersten Frage: Ich würde argumentieren, Journali- Zeit. Unser Respekt für Rußland hat nicht abgenomsten sollten in objektiver Berichterstattung ausgebildet men, die Vereinigten Staaten haben jedoch in der
Öffentlichkeit und in Gesprächen ihre Ablehnung der
werden und die Redakteure über die Veröffentlichungen entscheiden. Ihre Entscheidung wiederum sollte Zensur in Rußland und des Verbots der Oppositionsvom Markt geleitet werden. Die Essenz eines freien presse deutlich gemacht. In der ehemaligen SowjetIdeenmarktes ist dieselbe wie die der Demokratie: Die union genoß Rußland den Ruf, die freiesten Medien zu
AMERIKA DIENST

Seite 3

�haben. Die Medien haben beim Schutz der Demokratie in Ru Bland eine Rolle gespielt: Die Fernsehberichterstattung über den Putschversuch von 1991 und die
Proteste im Oktober riefen die demokratischen Kräfte
auf den Plan. Angesichts der gegenwärtigen Krise und
der bevorstehenden Wahlen müssen die Menschen
eine Stimme und eine Vielfalt von Informationsquellen
zur Verfügung haben.

freie Presse ist immer wieder eine Kraft zur Behebung
von haßbedingtem Unrecht gewesen. Die schlechte
Behandlung von Arbeitnehmern, Korruption und Rechtsbrüche finden statt, weil wir Menschen sind. Eine freie
Presse hat sich wiederholt als Korrektiv erwiesen.
Politische Inkompetenz oder Machtmißbrauch ereignen sich nicht aufgrund der Nachlässigkeit der Demokratie, sondern weil die Politiker Menschen sind.
Machtmißbrauch oder der unkluge Umgang mit Macht
Freie Medien sind der beste Schutz einer Demokratie sind so alt wie die Menschheit und ebenso Bestandteil
und ein Urheber für friedlichen sozialen Wandel. Unter der menschlichen Natur wie Ehrgeiz und Angst, Mitleid
normalen Umständen stellen freie Medien das Mittel und Vorurteil, der Wunsch, Gutes und die Versuchung,
dar, durch das die Wählerschaft sich bildet und ihren Böses zu tun. Eine freie Presse weist immer wieder
Ansichten über aktuelle Fragen Ausdruck verleiht. Es auf politische Inkompetenz und Machtmißbrauch hin
gibt auf der Welt nicht einen gewählten Politiker, der und hilft der Demokratie erneut auf die Füße. In einer
nicht den Tag mit der Lektüre von Nachrichten und Demokratie erstreben wir eine Beschränkung der
Leitartikeln beginnt. In bewegten Zeiten gewähren die schlimmsten Engebungen der Regierenden und eine
freien Medien die Ideenvielfalt und stellen ein Forum Freisetzung der besten Eingebungendes Volkes. Das
für abweichende Meinungen dar.
Ergebnis ist auf kurze Sicht manchmal das Gegenteil
des Erwünschten, auf lange Sicht jedoch eine DemoIn den Vereinigten Staaten fallen uns viele Beispiele für kratie, die unter dem Schutz der Pressefreiheit in
die positiven Auswirkungen freier Medien auf die kreativen, stabilen und gerechten Gesellschaften in
Gesellschaft ein. Die Presse brachte zur JahrhundertNationen Früchte trägt, die in Harmonie, nicht in Bürwende die inhumanen Bedingungen in amerikanischen gerkrieg leben.
Fabriken und Mietshäusern ans Licht, die Presse
stellte ein Forum für die Gegner des Vietnamkriegs Die Vereinigten Staaten sind der festen Überzeugung,
dar. Die größte Veränderung, die die Presse in den daß Menschenrechte und Demokratie die PressefreiVereinigten Staaten bewirkte, fand vielleicht bei den heit voraussetzen. Als Abteilungsleiter für MenschenRassenbeziehungen statt. Wie viele andere hier verrechte und humanitäre Angelegenheiten im Außenmitretene Nationen werden die Vereinigten Staaten seit
nisterium beschäftige ich mich nicht nur zeitweilig mit
langer Zeit mit ethnischen und rassischen Spannunfreien Medien - vielmehr sind sie ein zentraler Bestandgen konfrontiert, oftmals weil das in unserer Verfas- teil meiner Arbeit. Nach dem Ende des Kalten Krieges
sung verankerte Recht auf Freiheit und Würde einigen und angesichts der Bestrebungen einer Vielzahl von
Menschen aufgrund ihrer Rasse verweigert wurde. Ländern zum Aufbau funktionierender Demokratien
Die Abschaffung der Sklaverei hing von einer freien besteht für uns die Chance eines dauerhaften FriePresse ab, beispielsweise William Lloyd Garrisons dens und einer anhaltenden Verpflichtung zur Freiheit.
abolKionistischer Zeitung. Die Bürgerrechtsbewegung
Der Philosoph Tacitus schrieb vor langer Zeit: "Rar
in diesem Jahrhundert basierte ebenfalls auf der sind jene glücklichen Zeiten, in denen Gedanken und
Redefreiheit - auf dem Recht von Martin Luther King Worte frei sind." Wenn wir uns mit Wachsamkeit für die
und Malcolm X, ihre Meinung zu äußern und Märsche Freiheiten einsetzen, von denen ich spreche, können
anzuführen, auf dem Recht der Presse zur Berichter- wir gemeinsam darauf hinarbeiten, daß uns allen
stattung über Unterdrückung. Martin Luther Kings unwiderruflich solche Zeiten bevorstehen.
Rede "Ich habe einen Traum ..." inspiriert die Menschen noch heute, und ohne Redefreiheit und eine Ich danke Ihnen.
freie Presse würde dieser Traum im Dunkeln bleiben.
Wir haben keine Vorurteile aufgrund von Redefreiheit,
sondern weil sie in der Natu r des Menschen liegen. Die

*

Seite 4

*

AMERIKA DIENST

�MEDIEN
7. Juni 1995

Fax, CD-ROM, Online-Dienste und Zeitungen
von Tony Case
WASHINGTON - (AD) - Die Redaktionen der großen amerikanischen Zeitungen befassen sich mit der Frage,
wie sie sich einen Platz auf den Hauptspuren der Datenautobahn - Fax, CD-ROM und Online-Diensten sichern und dabei die starken, traditionellen Funktionen einer Zeitung bewahren können. Datenbanken
gestatten Zeitungen und Werbefachleuten, ihr Marketing stärker auf eine bestimmte Zielgruppe auszurichten.
Nachfolgend veröffentlichen wir den unwesentlich gekürzten Artikel von Tony Case, einem Redaktionsmitglied
von Editor &amp; Publisher
Veröffentlichung und Übersetzung mit freundlicher Genehmigung von Editor &amp; Publisher, 16. Juli 1994.
Copyright (c) Editor &amp; Publisher, Inc.

Während Zeitungsverlage sich darum bemühen,
ihren Abschnitt der Datenautobahn zu bauen, sollten
sie sich vor Augen halten, was sie überhaupt auf
diese Bahn brachte, empfielt der Leiter einer der
größten Medienkonzerne der Vereinigten Staaten.
"Meines Erachtens sollten wir unsere Fühler in alle
Richtungen ausstrecken, dabei aber nicht vergessen,
daß die Zeitung das Kernprodukt ist. Wir können
Zeitungen als das Tor zum Leser bezeichnen und
sollten uns daran erinnern, daß es immer noch die
Zeitung ist, die uns hilft, Informationen zu sammeln
und sie durch alle möglichen elektronischen Systeme
zu befördern", erklärt John Curley, Vorsitzender,
Präsident und Geschäftsführer von Gannett Co. Inc.
Curley traf mit Eugene Falk, dem Niederlassungsleiter und Manager der Los Angeles Times, und
Joe Hladky, dem Präsidenten und Herausgeber der
Gazette Co. aus Cedar Rapids (Iowa) bei einer
Diskussionsrunde mit dem Titel "Die strategische
Richtung der Zeitungen - Herausforderung und
Partner der Zukunft" zusammen, die von der Vereinigung der Zeitungsverlage der technischen
Ausstellung und Konferenz der America's Nexpo '94
veranstaltet wurde.

daß Technologie ein Mittel ist, auf den langjährigen
Erfolgen der Printmedien aufzubauen, und nicht,
diese - wie von vielen prognostiziert - zu ersetzen.
"Seit nahezu zwei Jahrzehnten haben Zeitungen die
Informationen auf die eine oder andere Art gesammelt, herausgegeben, verpackt und verteilt. Im
vergangenen Jahrzehnt haben unsere lokalen und
nationalen Vertretungen Wege gefunden, die Konsumenten zu erreichen, deren Hunger nach Nachrichten nicht auf die Artikel in unseren Zeitungen beschränkt ist", teilte Curley den Teilnehmern der
Nexpo mit.
Im vergangenen Jahrzehnt entwickelten Nachrichtenkonzerne wie Gannett aus Arlington (Virginia) Produkte, die den Kreis ihrer Leser vergrößerten und die
Wirkung ihrer Berichterstattung erhöhten. Curley
berichtete, das Nervenzentrum der elektronischen
Nachrichten- und Informationsdienste seines Unternehmens sei das Gannett/USA Today Sport- und
Informationszentrum in Greensboro (North Carolina).

In einer riesigen Halle des Las Vegas Convention
Center konnten die Teilnehmer die Multimedia- und
interaktiven Unternehmen ihrer Firmen vor Hunderten von Konferenzteilnehmern darlegen.

Das 1989 vorwiegend zur Bereitstellung von Sportstatistiken errichtete Zentrum verpackt heute Inhalte
aus USA Today und anderen Zeitungen von Gannett
neu und macht sie elektronisch zugänglich. Der
Service bietet lange Nachrichtenberichte, kurze Artikel
zu Themen wie Wirtschaft, Reisen und Wetter sowie
ein Bulletin Board, das den Nutzern die Kommunikation untereinander gestattet.

Bei all ihren Gesprächen über Fax, CD-ROM und
Online-Diensten hoben die Manager jedoch hervor,

Curley warb für datenbankgestützte Werbemodelle,
die in Gannetts Zeitungsabteilung entwickelt wurden:

AMERIKA DIENST

Seite 1

�"So etwas benötigen wir, um Datenbanken, Videos
und alle anderen verfügbaren Mittel zu nutzen, damit
wir mehr Geld in unsere Zeitungen" sowie - gemeinsam mit Hewlett-Packard Co. - in die Entwicklung
eines Modells für ein Bibliotheksarchiv im Werk bei
Rochester (New York) "stecken können".
"Wir sollten bei unseren Bestrebungen, den Nutzen
dieses Kernprodukts für unsere Adressaten zu
erhöhen, über allen ansprechenden und populären
Aspekten der elektronischen Kommunikationsmedien
nicht unsere Zeitungen vergessen", warnte Curley.
Neue Technologien sind "etwas Feines, vielleicht in
Zukunft hilfreich und könnten eine Tür aufstoßen",
äußerte er, "aber wenn wir jährlich zwischen 3 und
5 Prozent neuer Leser gewinnen und damit den
Abwärtstrend umkehren könnten, wären meiner
Meinung nach die Werbegelder äußerst lohnend
angelegt".
Eugene Falk von der Times wiederholte Curleys
Behauptung, Technologie werde dazu dienen, die
existierende Basis der Zeitung zu vergrößern, indem
entstehenden Bedürfnissen der Verbraucher und
Werbefachleute entsprochen werde, denen die
Printmedien nicht Rechnung tragen könnten.
Ebenso wie die Öffentlichkeit wird auch das Aushängeschild von Times Mirror Co. mit diesen neuen
Entwicklungen experimentieren, teilte Falk seinen
Zuhörern mit. "Wir wollen, daß sie sich mit uns
bewegen", sagte er in bezug auf die Leser der
Zeitung.
Elektronische Dienste sind ihm zufolge auch eine
Schranke gegen neue Wettbewerber. "Viele der
Dienstleistungsnischen, die diese neuen Akteure als
Chancen ansehen, werden weitaus weniger attraktiv
erscheinen, wenn wir sie bereits anbieten!"
Die Times ruft auch neue lokale Medien ins Leben,
die für Online-Dienste wichtig sind. Zu den Produkten der Zeitung werden eine Kombination von
Nachrichten, Informationen, Kommunikation und
Werbung mit Transaktionen gehören.
"Welcher dieser Dienste das neue Medium dominieren wird, ist noch ganz unbekannt", erklärte Falk, "es
ist jedoch klar, daß alle drei benötigt werden, um
genügend Konsumenten und Werbefachleute zu
gewinnen, die es zu einem lebensfähigen Unternehmen machen".
Seiner Ansicht nach sind die anfänglichen Angebote
der Times evolutionäre Schritte zur Schaffung einer
breitgefächerten Dienstleistungspalette.

Seite 2

"Unseres Erachtens wird es ziemlich lange dauern,
bis eine Welt mit 500 Kanälen in den Vereinigten
Staaten funktioniert", erklärte er.
Die heutigen
Lektionen, die wir unter Einsatz moderner Technologien lernen, werden uns zu dem führen, was wir
letztlich als Rolle der Zeitungen auf den Datenautobahnen der Zukunft ansehen."
Die Vision der Zeitung von elektronischen Diensten
impliziert Falk zufolge die Überzeugung, daß sie eine
Reihe von Datenbanken für ein breites Spektrum von
Informationskategorien repräsentiert, beispielsweise
nationale und lokale Nachrichten, Immobilien- und
Einzelhandelsanzeigen.
Natürlich wird die Times weiterhin in ihren täglichen
Ausgaben Informationen verpacken, aber die elektronische Verteilung wird ihr gestatten, "tiefer zu
gehen und unseren Kunden in ausgewählten wichtigen Marktsegmenten mehr Wert anzubieten". Zu den
Spitzentechnologieprojekten der Zeitung zählen ihr im
Januar angekündigtes elektronisches Einkaufssunternehmen mit Pacific Telesis sowie ein Online-Geschäft mit dem kommerziellen Comupternetzwerk
Prodigy.
Bei Nutzung der Einkaufsmöglichkeiten erhalten die
Verbraucher mit Hilfe verschiedener Programme,
einschließlich Operator-gestützter, interaktiver und
Online-Videodienste, Zugang zu einer Datenbank mit
Kleinanzeigen und Branchenverzeichnissen.
Und "nach vielen Verhandlungen" ermöglichte es die
Times den Nutzern von Prodigy, gegen eine monatliche Gebühr von 4,95 Dollar Anzeigen in die Zeitung
zu setzen. Wer kein User von Prodigy ist, kann
diesen Service für monatliche 6,95 Dollar in Anspruch
nehmen.
"Dieses Geschäftsmodell ist wichtig, weil wir unsere
Kunden in die Lage versetzen wollten, uns allein zu
abonnieren, ohne das nationale Prodigy, wenn sie
das vorziehen", erklärte er. "Dadurch können wir die
direkten Beziehungen zum Kunden aufrechterhalten,
die ... das Schlüsselelement unserer Vision für
elektronische Dienste sind."
Die Times kontrolliert sämtliche Inhalte, die Präsentation des Materials sowie die Preisfestsetzung für
Abonnement und Werbung.
Für diese "Unabhängigkeit und Kontrolle", so Falk,
wird die Zeitung Prodigy einen Teil ihrer Einkünfte
aus dem Service zukommen lassen.
Diese Projekte "enthalten alle Elemente unserer
Vision, wie Zeitungen mit Hilfe moderner Technolo-

AMERIKA DIENST

�gien elektronische Dienste bereitstellen und diese in
Zukunft entwickeln sollten", so Falk.
"Wenn sich letztlich die Datenautobahnen schnell
weiterentwickeln, werden wir uns die entstehenden
Chancen zunutze machen. Wenn man sich auf den
Autobahnen festfährt, werden wir unseren Einsatz zu
relativ niedrigen Kosten gedeckt haben und immer
noch in der Lage sein, eine Zeitung anzubieten,
während andere auf die Weiterentwicklung der
Datenautobahn warten."
Gazette Co., Herausgeber der Cedar Rapids Gazette, hat sich der Technologie nicht nur zur Sicherung
der Zukunft von Zeitungen bedient, sondern zur
Gewährleistung, daß es auch morgen Zeitungsleser
geben wird.
Das Programm "Newspaper in Education" des
Unternehmens schloß sich mit "Foundations in
Reading" zusammen, einer von Breakthrough Inc.
aus Iowa City (Iowa) entwickelten Initiative, die
Kindern mit Hilfe von Computern das Lesenlernen
erleichtert.
"Meines Erachtens hat jede Lokalzeitung ein großes
Potential, in positivem Licht gesehen zu werden, da
viele der Geschichten von "Foundations in Reading"
die Vorteile des Lesens außerhalb des Klassenzimmers hervorheben", so der Präsident und Verleger
Hladky.
Jeder Schüler, der an dem Programm teilnimmt,
erhält ein zusätzliches Arbeitsheft im Zeitungsformat.

Eine Reihe von Bedienerzeichen führen die Anrufer
durch die Datenbank und ermöglichen ihnen eine
Konkretisierung der Suche, wobei immer die Option
offenbleibt, einen Schritt zurückzugehen. Die Nutzer
werden beispielsweise informiert, wieviele Autos
bereitstehen, die die von ihnen eingegebenen Kriterien erfüllen. Die Gazette hat derzeit ungefähr 1.000
Fahrzeuge auf ihrem elektronischen Parkplatz.
Täglich gehen etwa 100 Anfragen bei dem Dienst ein.
Hladky emphielt, bei der Prüfung der Zukunft von
Auskunftsdiensten eine Standardformel anzuwenden:
"Wenn Du sie nicht anbietest, wird es jemand anders
tun."
"Zu dem Auftrag unseres Unternehmens gehört, daß
wir durch eine dynamische Mischung von Produkten
und Dienstleistungen die Informationen über eine
Vielfalt von Auswahlmöglichkeiten bereitstellen. Wir
identifizieren nicht das Medium; diese Wahl bleibt
dem Verbraucher überlassen!"
Im Hinblick auf die traditionelle Rolle der Zeitung
empfahl Hladky, "uns auf das zu konzentrieren, was
wir am besten können: Die Sammlung von Informationen, um den Interessen der Verbraucher zu
entsprechen."
"Es wird eine neue Fernsprechtechnologie entwickelt,
und jede Zeitung will als Teil ihrer Servicepalette
unter Einsatz des Telefons Sprachinformation anbieten." Er fügte jedoch hinzu: Wir sollten uns nicht auf
ein Kommunikationsmedium konzentrieren, sondern
mehrere anbieten."

"Ich sehe eine natürliche Verbindung, bei der die

örtliche Zeitung mit diesen Arbeitsheften identifiziert
wird", teilte Hladky den Konferenzteilnehmern mit.
Vor einem Jahr führte die Gazette einen ExpressWay Classifieds genannten Lokalisierer für elektronische Kleinanzeigen ein, nachdem sie erkannt
hatte, daß die Öffentlichkeit die bestehenden Systeme nicht umfassend nutzte.
"Ich bin nicht der Ansicht, daß heutzutage irgendein
Telefonservice leicht zu verkaufen ist, wir hatten
jedoch das Gefühl, jeder neue Dienst sollte nutzerfreundlich sein, wenn die Datenbank abgefragt wird",
so Hladky.
Die Software wurde zusammen mit AudioTechs aus
Philadelphia entwickelt. Das System läuft auf einem
Alpha Computer von Digital Equipment Co., die
auch die Software vermarktet. Das Programm bietet
einen nahtlosen Datentransfer vom Kleinanzeigenteil
des Sll-Systems des Unternehmens zum DECComputer an, auf dem die Daten gespeichert sind.

AMERIKA DIENST

Die Niederlassung Decisionmark des Unternehmens
rief die MediaStar-Software für die Anwendung bei
Vertrieb, Werbung, direktem Marketing und Nachrichtenabteilungen ins Leben, die Microsoft Windows
einsetzt und entweder auf betriebssystemunabhängigen Rechnern oder Netzwerken operiert.
"Um die Software von MediaStar zu erklären, möchte
ich eine ganz kurze Definition geben: Sie integriert
Karten und Daten", so Hladky. "Die Entwickler von
MediaStar würden sagen, die Software bietet direkten Zugang zu Datenbanken und Erhebungen,
gestattet die Identifizierung und graphische Analyse
von Daten sowie ihre Präsentation zum verbesserten
Verständnis und für die Entscheidungsfindung."
Hladky zufolge gestattet MediaStar der Gazette "den
besseren Einsatz der riesigen Datenmenge, die der
Zeitung jetzt zur Verfügung steht, aber selten genutzt
wird".

Seite 3

�Derzeit wird eine zusätzliche Nutzung der Software
geprüft. "Wir haben gerade erst begonnen, die
Anwendung in der Nachrichtenzentrale zu prüfen",

so Hladky, "und es gibt wirklich interessante Möglichkeiten".

* * * *

Seite 4

*

AMERIKA DIENST

�MEDIEN
5. Juli 1995

Die digitalisierte Nachrichtenzentrale
von Philip Moeller
(AD) - Philip Moeller, ehemaliger Wirtschaftsredakteur und Redakteur für elektronische Nachrichten bei der Sun
in Baltimore, ist jetzt Berater und Autor mit Sitz in West Hartford (Connecticut).
Veröffentlichung und Übersetzung mit freundlicher Genehmigung von American Journalism Review, Copyright
(c) 1995.
Es klingt so einfach. Beginnen wir mit der typischen
Nachrichtenzentrale einer größeren Zeitung - die
Mitarbeiter sind vielleicht etwas jünger als bei
ähnlichen Zeitungen, unterscheiden sich aber
ansonsten nicht wesentlich. Wenden wir uns dann
den Computern und Kommunikationsgeräten zu, die
Nachrichten, Informations- und Unterhaltungsindustrien zu revolutionieren versprechen. Was wäre,
wenn die Mitarbeiter diese Maschinen beherrschen
und sie routinemäßig in der Nachrichtenzentrale
benutzen könnten, statt sie nur zum Gegenstand
dessen zu machen, worüber sie schreiben?
Willkommen beim Raleigh News &amp; Observer, einer
der wenigen in Familienbesitz verbliebenen amerikanischen Zeitungen. Der neue N&amp;O, wie er jetzt
heißt, hat in den vergangenen Jahren seine Reporter
mit diesen neuen Instrumenten vertraut gemacht.
Obwohl sich dieses Unterfangen zweifelsohne noch
im Anfangsstadium befindet, bietet Raleigh eine
Perspektive, wie digitalisierte Informationen und
neue Ansätze zur Berichterstattung und beim Schreiben von Geschichten die Nachrichtenzentralen der
Nation verändern könnten.
Beim N&amp;O und anderen technologiefreundlichen
Zeitungen wandelt sich das Metier der Reporter
ebenso wie die Rolle der Bibliothekare und anderer
Mitarbeiter. Teamjournalismus beherrscht - wenn
auch nicht ausschließlich aufgrund der Technologie zunehmend Nachrichtenzentralen, die vorwiegend
Computer einsetzen. Und im digitalen Zeitalter
bringen solche kollektiven Bestrebungen im allgemeinen definitive Geschichten hervor, die sowohl
sozialwissenschaftlich als auch journalistisch Anklang finden. Der Computer, früher umfangreichen
Forschungsprojekten vorbehalten, wird zum alltäglichen Verbündeten von Reportern, die Routinearbeit machen.

AMERIKA DIENST

Auch die Leser benutzen Computer und Modems und
sind zu aktiven Teilnehmern an Raleighs InternetAngeboten sowie praktisch jeder Online-Verbindung
geworden, die mit Nachrichtenorganisationen zu tun
hat. Aufgrund der interaktiven Online-Kommunikation
verändert sich die Art, in der Geschichten berichtet
werden. Am wichtigsten ist jedoch vielleicht, daß die
Interaktivität das Verhältnis zwischen Journalisten und
den Menschen, über die sie schreiben, grundlegend
verändern kann.
Die Redakteure und Reporter beim N&amp;O haben
landesweit Tausende von Kollegen bei anderen
Zeitungen. Praktisch jede Nachrichtenzentrale ist mit
einem Kader technologisch informierter, hochmotivierter Journalisten besetzt, die versuchen, ihre Institutionen in neues Terrain zu locken. Was Raleigh jedoch
unterscheidet, ist die Tatsache, daß Fähigkeiten im
Bereich der digitalisierten Information - zur Benutzung
von Computern, Datenbanken, Online-Diensten - für
nahezu jeden in der Nachrichtenzentrale zur Norm
werden. Für die ungefähr 150 Mitarbeiter der Nachrichtenzentrale beim N&amp;O stehen rund 100 Computer-Arbeitsplätze zur Verfügung, und Chefredakteur
Frank Daniels III zufolge wird bis zum Sommer jeder
Mitarbeiter einen Personalcomputer haben.
Mehrere damit in Zusammenhang stehende Entwicklungen unterstreichen die Unterschiede zwischen der
Nachrichtenzentrale beim N&amp;O und den Industrienormen:
Die mit 21 Mitarbeitern besetzte NachrichtenForschungsabteilung hat ein Netz von Datenbanken geschaffen - die vielfach von N&amp;O Mitarbeitern aufgebaut wurden - zu dem man vom
Computer-Arbeitsplatz aus Zugang hat.

Seite 1

�Die Mitarbeiter der Nachrichten-Forschungsabteilung und die mit 17 Mitarbeitern besetzte Abteilung Neue Medien schreiben Softwareprogramme, die häufig nötig sind, um Zugriff zu wertvollen, aber sonst nicht zugänglichen Datenbanken
zu erhalten.
Die Zeitung hat eine Datenbank, die Gesetzesvorlagen des Bundesstaates dokumentiert, in
einen erfolgreichen Online-Abonnentenservice
umfunktioniert, den N&amp;O-Geschäftsführer als
Prototyp für andere profitable Unternehmen
ansehen.
Die Zeitung verfügt über die dritte Generation von
Hypertext-Software, mit der an speziellen Projekten arbeitende Autoren ihre eigenen Aufzeichnungen so lange wie bei einer Datenbank außerhalb
durchforsten können.
Der N&amp;O befaßt sich mit Multimedien. Als erstes
wurde eine Serie von Features in der Zeitung
veröffentlicht, wurden Audiotext-Informationen
über den Telefon-Informationsdienst der Zeitung
angeboten sowie Online-Geschichten mit Text,
Audio- und Videoelementen. Die Serie wurde in
Zusammenarbeit mit lokalen Fernsehstationen
gemacht, die ihre eigenen Versionen der Geschichten sendeten.
Und schließlich hat der N&amp;O wie eine wachsende
Zahl anderer Zeitungen eine elektronische Version eingeführt. Aber statt sich America Online,
Prodigy oder einem anderen kommerziellen
Dienst anzuschließen, startete die Zeitung ihren
eigenen Online-Dienst und schloß ihn an Internet
an, womit den elektronischen Lesern ein breites
Spektrum von Informationen angeboten wird.
Die Umgestaltung von N&amp;O zur führenden digitalen
Tageszeitung geht zurück auf die Ernennung von
Frank Daniels III zum Chefredakteur Ende 1990.
Der 1865 gegründete N&amp;O ist seit über einem
Jahrhundert im Besitz der Familie Daniels. Josephus Daniels kaufte die Zeitung 1894 für 10.000
Dollar und führte sie über 50 Jahre lang. Sein
Enkel, Frank Daniels Jr., ist jetzt der Herausgeber.
Als Frank Daniels III in sein Amt berufen wurde,
führte der republikanische Senator Jesse Helms eine
brutale Kampagne für seine Wiederwahl gegen den
ehemaligen Bürgermeister von Charlotte, Harvey
Grantt, den demokratischen Herausforderer. Der
jüngere Daniels war beeindruckt vom modernen
Stand der Technik im Helms-Lager, wo Computer
und Kommunikationstechnologie eingesetzt wurden.

Seite 2

"Das war der ausschlaggebende Faktor, um beim
N&amp;O Computer einzuführen", stellt Daniels fest. "Das
Helms-Team drosch fürchterlich auf die Nachrichtenmedien ein... Bei politischen Wahlkämpfen sind
unsere Konkurrenz nicht die anderen Medien, sondern die Kampagnen. Und seit 1970 haben sie uns
aufs Korn genommen... Dadurch wurde mir klar, wie
dumm wir waren - und ich fühle mich nicht gerne
dumm."
Dasselbe galt für die langjährige N&amp;O-Reporterin Pat
Stith, die einen 18monatigen Studienurlaub nahm, um
- mit Daniels Worten - "herauszufinden, was mit
diesen Mitteln vom Standpunkt eines Reporters aus
getan werden könnte". Stith arbeite eng mit Lany
McDonald, damals Leiter der N&amp;O-Bibliothek zusammen. Die Bibliothek wurde die NachrichtenForschungsabteilung, die unter McDonalds Nachfolgerin, Teresa Leonard, erweitert wurde.
Ein Großteil dieser Neuerungen beim N&amp;O wurde
Ende 1992 eingeführt, als die Zeitung zwei Datenbankexperten einstellte. Dies war der Beginn einer
Umstrukturierung, mit der die Anzahl der Beschäftigten in der Nachrichten-Forschungsabteilung beim
N&amp;O verdoppelt und ihr Budget verdreifacht wurde.
Einer dieser Experten war Dan Woods, der nach
seinem Abschluß in Computerwissenschaften und
mehreren Berufsjahren in der Computerindustrie
seinen Magister in Journalismus erwarb. Woods
erklärt, er habe vielleicht fünf Kollegen mit seinem
Wissen bei anderen Zeitungen gehabt, als er zum
N&amp;O kam. Seinen Schätzungen zufolge gibt es jetzt
rund 20 Datenbank-Zeitungsredakteure.
Woods versorgt N&amp;O-Reporter mit aus der Datenbank entnommenen Informationen, aber die meiste
Zeit verbringt er damit, untereinander verbundene
Datenbanken aufzubauen, zu denen alle Mitarbeiter
Zugang haben. Ein Großteil dieser Arbeit beinhaltet
ihm zufolge die schwierige Aufgabe, Computercodes
zu schreiben und Daten mühselig zu "reinigen", damit
sie in der Nachrichtenzentrale verwendet werden
können.
Die Reporter verlassen sich jedoch nicht nur auf
Woods und seine Mitarbeiter. Jeder in der Nachrichtenzentrale Beschäftigte wird ermutigt, Computerfähigkeiten zu erlernen. Darüber hinaus entschied der
N&amp;O, so Stith, "daß Computeranalysten von Datenbanken nicht auf die Forschung' für Geschichten
oder selbst größere Projekte beschränkt sein sollten.
Wir beabsichtigen, von Kostenersparnissen durch
optimalen Betriebszuschnitt zu profitieren.
Wir
werden Datenbanken benutzen, um jeden Tag die
Titelgeschichten zu verfassen oder zu verbessern."

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�Computerfähigkeiten sind freiwillig, aber das Management hat klargestellt, daß denjenigen, die solche
Fähigkeiten erlernen, Ressourcen und Chancen
geboten werden. Um die Mitarbeiter anzuspornen,
gewährt der N&amp;O Mitarbeitern, die einen eigenen PC
kaufen wollen, zinsfreie Kredite. Über 500.000
Dollar wurden bisher an Krediten vergeben. Die
Zeitung hält sich auch bezüglich der Computerfähigkeiten auf dem laufenden: Sie werden in den
Arbeitsbeurteilungen der Mitarbeiter bewertet.
Die meisten Zeitungen haben Computer in den
Nachrichtenzentralen mittels kleiner Reporterteams
eingeführt, die sich für gewöhnlich aus an Forschungsprojekten tätigen Reportern zusammensetzen. Was den N&amp;O unterscheidet, ist das Ausmaß, in dem Computerfähigkeiten bei der täglichen
Berichterstattung zum Einsatz kommen.
"Ich habe nirgendwo dem Raleigh vergleichbare
Bestrebungen gesehen", stellt Philip Meyer fest,
Professor an der University of North Carolina in
Chapel Hill und Pionier des computergestützten
Journalismus. Meyer erklärt, er bevorzuge das
Raleigh-Modell für andere Zeitungen, "aber möglicherweise steht zu dem Preis, den Zeitungen für
gewöhnlich zu zahlen bereit sind, nicht genügend
Talent zur Verfügung."
Dennoch, dies ist ein neues Zeitalter. Viele jüngere
Journalisten besitzen Computerfähigkeiten. Zufällig
ersetzen zahlreiche Nachrichtenzentralen ihre
veralteten Textkorrektursysteme, die im allgemeinen
nicht einmal für die einfachsten Aufgaben eines
Computers verwendet werden können. Und ein
hoher Prozentsatz dieser Zeitungen wird PC-gestützte Systeme einführen, die einen Anreiz für die
Entwicklung neuer Kommunikationsmittel bieten.
Beim N&amp;O ist die routinemäßige Verwendung des
Computers vornehmlich auf die Bestrebungen der
Zeitung zurückzuführen, Datenbanken zu entwickeln
und auf den neuesten Stand zu bringen, die selbst
für Kurznachrichten schnelle Informationen und
einen Kontext liefern können. Das computergestützte Berichterstattungsnetzwerk, genannt CARnet
(Computer-Assisted Reporting Network) beim N&amp;O
enthält beispielsweise elektronische Versionen
mehrerer Telefonverzeichnisse und der Namen von
im öffentlichen Dienst Beschäftigten, wirtschaftlicher
und demographischer Informationen, umfangreicher
Daten über staatliches Eigentum im Bundesstaat und
Landkreis, Steuer- und Geschäftsunterlagen sowie
Informationen über Kraftfahrzeuge. Eine weitere
nützliche Datenbank außer der bereits erwähnten
über Gesetzesvorlagen ist die N&amp;O-Liste von
Spenden für wichtige politische Wahlkampagnen im
Bundesstaat.
Geldmaschine genannt, wird sie

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regelmäßig auf den neuesten Stand gebracht und
kann nach den Namen der Geldgeber durchforstet
werden.
Außer diesen wichtigen Mitteln gibt es einen weiteren
wesentlichen Unterschied zwischen dem N&amp;O und
anderen Nachrichtenzentralen: Die von ihrer Nachrichtenbibliothek - jetzt Nachrichten-Forschungsabteilung genannt - gespielte zentrale Rolle.
Im Gegensatz zur Nachrichtenzentrale, so Daniels,
kann die Nachrichtenbibliothek ohne ethische oder
pragmatische Konflikte mehreren Herren dienen. Sie
kann beispielsweise zur Einrichtung einer Datenbank
über Gesetze des Bundesstaates beitragen, die
unschätzbar für Reporter ist, und kann diese dann
Datenbank zu einem gewinnbringenden Produkt
machen, das auf dem Markt verkauft wird. Und da
die Einnahmen aus solchen Unternehmen zunehmend zur Finanzierung der digitalen Nachtrichtenzentrale benötigt werden, unterschätzt Daniels die
Bedeutung eines solchen Unternehmens nicht.
Teresa Leonard vom N&amp;O erklärt, die Ressourcen
zur Einrichtung von Datenbanken seien ein Hauptvorteil der Erweiterung der Nachrichten-Forschungsabteilung. "Dank der Datenbank konnten wir Geschichten schreiben, die wir sonst nicht veröffentlicht
hätten."
Nora Paul, ehemalige Bibliotheksdirektorin beim
Miami Herald und jetzt Direktorin des NachrichtenForschungsprogramms beim Poynter Institute stellt
fest, daß eine Reihe von Nachrichtenzentralen
kooperative Beziehungen zu Reportern, Redakteuren
und Bibliothekaren entwickeln. "Damit die Möglichkeiten von Online-Forschung und computergestützter
Berichterstattung vollständig und erfolgreich ausgeschöpft werden können", erläuterte Paul in einer 1993
gehaltenen Rede, "müssen Bibliothekare meines
Erachtens ihre Rolle definieren und verbessern, und
Bibliothekare und Reporter müssen völlig neue
Beziehungen aufbauen."
Hierzu zählen die Zusammenarbeit mit Reportern und
Herausgebern bei der Auswertung von Datenquellen,
bevor die Geschichten zugeteilt oder definiert wurden,
konkrete Berichterstattung über sekundäre Forschungsquellen, die Ausbildung von Mitarbeitern der
Nachrichtenzentralen in den Bereichen Datenbank
und Online-Dienste, die Aufstellung und Entwicklung
von Datenbanken sowie die Koordination von Informationssystemen in Nachrichtenzentralen. All das
leistet Raleigh, und Paul zufolge sind seine Forschungsoperationen einzigartig.
Eine der durch computergestützten Journalismus
möglich gewordenen großen Veränderungen ist die

Seite 3

�Tatsache, daß Nachrichtenzentralen nicht mehr von
äußeren Informationsquellen abhängig sind. Die
Tage, an denen ein Bericht auf zwei Informationsquellen und einer Presseerklärung basierte, gehören
der Vergangenheit an.
Beispielsweise veröffentlichte der N&amp;O einen Artikel
über Wiederholungstäter, die in Gefängnissen der
Bundesstaaten und Gemeinden einsitzen.
Er
analysiert dem Redaktionsmitglied von Metro, Steve
Riley, zufolge, "wieviele Straffällige mehr als 10 Mal
das System durchliefen. Wir fanden 185. Es gab
keine andere Möglichkeit, diese Menschen aufzuspüren. Früher schrieb man so einen Bericht, indem
man mit jemandem im Gefängnis sprach. Jetzt
findet man sie selber. Man braucht sich nicht darauf
zu verlassen, daß einem ein anderer die Neuigkeiten
erzählt."
Chefredakteur Daniels ist davon überzeugt, daß
Nachrichtenzentralen in der Lage sein müssen,
Neuigkeiten zu definieren, nicht nur eigennützige
Erklärungen derjenigen widerzugeben, die Meinung
zu manipulieren versuchen. Diese Fähigkeit, fügt er
hinzu, wird den Zeitungen helfen, ihre Anziehungskraft als Informationsanbieter in einer Zeit beizubehalten, in der von einer wachsenden Zahl elektronischer Nachrichtendienste unbearbeitete harte
Fakten zur Verfügung gestellt werden.
Die Kommentare von Daniels spiegeln die Arbeit
Philip Meyers von der University of North Carolina
wider, der ausführlich über die Notwendigkeit für
Journalisten schrieb, statistische und damit zusammenhängende sozialwissenschaftliche Fähigkeiten
zu entwickeln. Die traditionelle passive Sucht des
Reporters nach Neuigkeiten muß Meyer zufolge von
Zeitungen abgelöst werden, die sich immer stärker
daran gewöhnen, die Nachrichtentagesordnung
aufzustellen.
"Die alte Ethik der Passivität der Medien ermutigt die
meisten Journalisten, sich zurückzulehnen und der
Regierung oder bestimmten Interessengruppen die
Rolle des Informationsverarbeiters zu überlassen",
erklärt er. "Es ist für die Medien gefährlich, die
Informationsentwicklung den Interessengruppen zu
überlassen, auch wenn sie im Interesse der Öffentlichkeit handeln."
Tom Koch, Autor und Berater, beobachtet, wie die
Technologie die traditionellen Beziehungen zwischen
dem Journalisten und seiner Quelle und letztlich
auch die Natur des Journalismus verändert.
"Online-Datentechnologien verleihen Schriftstellern
und Journalisten mehr Befugnisse, indem sie sie mit
gleichwertigen oder sogar mehr Informationen ver-

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sorgen, als sie der Privatperson oder dem Vertreter
der Öffentlichkeit zur Verfügung stehen, die sie
interviewen sollen", schrieb er 1991 in seinem Buch
Journaiism forthe 21st Century: Online Information, Electronic Databases and the News (Journalismus für das 21. Jahrhundert: Online-Informationen,
elektronische Datenbanken und die Nachrichten).
"Die Auswirkungen dieser erhöhten Befugnisse
werden schließlich zu einer Neudefinition der Art von
Nachrichtenpräsentation ... und der Information der
Öffentlichkeit allgemein führen", stellte er fest.
Wenn digitalisierte Technologien zu einer Veränderung des Journalismus in Nachrichtenzentralen
beitragen, scheinen sie auch eine Rolle bei der
Besetzung dieser Zentralen mit Mitarbeitern zu
spielen. Der Grund dafür ist, daß der Journalismus
zu einem Teamsport wird.
Historisch gesehen sollten Journalisten Meyer zufolge
unabhängige und oftmals isolierte Beobachter sein,
die nichts mit den Auswirkungen ihrer Arbeit zu tun
hatten. Sie hatten wenig Kontakt mit den Gemeinden, über die sie berichteten. Sie hatten viele
Freiheiten, aber nicht viel Geld. "Daher drängte die
Wirtschaftlichkeit des Zeitungsgeschäfts den Journalisten in die charakteristische moralische Typologie:
Den einsamen Helden, der wie der archetypische
Cowbow im Film von Markt zu Markt reitet und die
Lanze für den einfachen Mann und gegen die Reichen und Mächtigen bricht", äußerte Meyer 1990 in
einer Rede.
Dieses Profil widerspricht jedoch den neuen Informationstechnologien, so Meyer.
Computergestützte
Berichterstattung erfordert Teamgeist. "Die neuen
Medien sind Teamprodukte. Und es gibt immer
weniger Raum für den einsamen Helden oder den
Reporter als Cowboy-Figur."
Insbesondere Multimedia-Projekte erfordern Anstrengungen des Teams. N&amp;O machte seinen ersten
Ausflug in dieses unerforschte Gebiet im Sommer
vergangenen Jahres mit einer viermonatigen Serie
unter dem Namen "North Carolina Discoveries". Die
Serie, die sich auf Themen des Bundesstaates
konzentrierte, wurde in der Zeitung veröffentlicht, im
Radio und Fernsehen gesendet und über NandO,
den Online-Dienst der Zeitung ins Internet geladen.
Diese konzertierte Aktion beinhaltete eine Vielzahl
von Interviews für die verschiedenen Formate. Die
teilnehmenden Fernsehstationen führten ihre eigenen
Interviews, während N&amp;O die Aufnahmen machte und
sein eigenes Tonmaterial sammelte. Diese wurden
für die Multimedia-Bestrebungen N&amp;Os auf dem

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�NandO genutzt. Ferner bediente sich die Zeitung
des Tonmaterials bei ihrem Audiotex-Informationsdienst.
Die N&amp;O-Reporterin Julie Ann Powers weist darauf
hin, daß der herkömmliche Zeitungsreporter nicht
über die erforderlichen Fähigkeiten im Rundfunkbereich verfügt. "Von Beginn dieses Prozesses an war
die Berichterstattung anders", erklärt sie. "Ich mußte
in den Kategorien Ton und Bild denken sowie daran,
ob sie einen Zeitungsbericht in voller Länge unterstützen würden." Der Ton, der in den Printmedien
keinen Faktor darstellt, ist ihr zufolge ein neues
bedeutendes Anliegen. Dasselbe gilt für die Notwendigkeit, im Radio und in gewissem Umfang in
den Printmedien den Mangel an visuellen Elementen
auszugleichen. Sie mußte die Fragen so formulieren, daß die Antwort eine Form annimmt, die für Aufnahmen angemessen ist, während der traditionelle
Interviewstil eher einem Gespräch gleicht.
Ben Estes, dem für Nachrichten aus dem Bundesstaat zuständigen Redakteur von N&amp;O, zufolge
stellte diese Serie eine "wertvolle Erfahrung" dar und
war eine Art Probelauf. "Ich halte das in vielerlei
Hinsicht für ein Experiment, das uns auf Kommendes vorbereitet", so Estes. "Am Ende möchte ich in
der Lage sein, mit allen Nachrichten so zu verfahren."
Ferner bezeichnet er die Koordination aller Elemente
der Serie früher als schwierig und äußerst zeitaufwendig. "Dagegen schriebt Julie jetzt einen Bericht
in einer statt in fünf Wochen, und ich redigiere eine
Geschichte pro Woche."
Obwohl Multimedia-Bestrebungen neue Fähigkeiten
und Ansätze bei der Berichterstattung erfordern
könnten, sind die weitreichendsten Auswirkungen
digitalisierter Information wahrscheinlich auf die
Interaktivität zurückzuführen. Leser sprechen im
Cyberspace. Sie werden sofort zu Kritikern, zur
Schallmuschel und leicht erreichbaren Quelle.
Ralelghs NandO entwickelt neue Dienste für die
Interaktion mit der Öffentlichkeit. Beispielsweise
haben die Mitarbeiter von NandO ein NandO-Land
für Kinder geschaffen und den örtlichen Schulen
kostenlos zur Verfügung gestellt. Dieser Service
wird Lehrer und Schüler gleichermaßen an die Welt
der Online-Dienst gewöhnen und N&amp;O eine bessere
Idee davon geben, wie an eine Generation appelliert
wird, die immer weniger Interesse am Zeitungslesen
hat.
Bruce Siceloff ist Online-Redakteur im Nachrichtenzentrum und bemüht sich mit den Mitarbeitern von
N&amp;O unter anderem darum, täglich eine digitalisierte

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Ausgabe der Tageszeitung herauszugeben. OnlineJournalismus und Interaktivität sind für die Zeitung
etwas Neues, so Siceloff. Und obwohl er die Mitarbeiter im Nachrichtenzentrum davor warnt, "in
anderen Medien zu träumen", räumt er ein, daß diese
Evolution eine größere Vertrautheit der Mitarbeiter mit
Online-Instrumenten erfordert, insbesondere dem
Internet und seinen immer wirkungsvoller werdenden
Software-Hilfen.
Eine andere Art, Nachrichtenzentralen in der Welt der
Online-Dienste zu "engagieren", wird durch die
Teilnahme an der beidseitigen Kommunikation mit
den Lesern erfolgen. Eine solche Interaktion ist
Hauptgegenstand des Online-Lebens, aber die
Zeitungsjoumalisten sind im allgemeinen nicht an die
sondierenden, ständigen Online-Gespräche gewöhnt,
mit denen das Cyberspace erfüllt ist. Siceloff und
seine Kollegen in anderen Zeitungen sind der Ansicht, daß diese Interaktivität große Auswirkungen auf
den Berufsstand haben wird.
Wenn die Wahlen von 1990 ein wichtiger Faktor
dabei waren, das Interesse von N&amp;O am Einsatz von
Technologie zur Unterstützung seiner Berichterstattung zu erhöhen, könnte man fairerweise behaupten,
daß die Wahlen von 1994 ein ebenso starkes Mandat
für den Einsatz neuer Informationswerkzeuge schufen, um besser mit einer entfremdeten Wählerschaft
kommunizieren zu können.
Die Wahlen zeigten, wie unzufrieden und abgeschitten sich die Wähler fühlen, und die Zeitung möchte
im Geiste des "öffentlichen Journalismus" die Beteiligung der Öffentlichkeit am Wahlprozeß fördern.
Siceloff zufolge will der N&amp;O sich in künftigen Wahlkämpfen seiner Online-Werkzeuge bedienen, um die
Kommunikation zwischen den Wählern, der Regierung und der Presse zu fördern. Neben interaktiven
Diskussionen versorgt das Papier die Wähler mit
Online-Daten über Kandidaten und Themen und hilft
ihnen bei ihrer eigenen Online-Suche nach zusätzlichen Informationen.
Solche Bestrebungen beinhalten Material über das
World Wide Web von Internet, das den Einsatz von
Tonmaterial, Fotos und Graphiken, Video, Texten und
E-mail-Diensten gestattet. Dies ist eine große
Verbesserung gegenüber den anfänglichen NandOAngeboten von Internet, die auf die rein textgebundene elektronische Version der N&amp;O-Tageszeigung
sowie eine Vielzahl von Bulletin Board-Diensten
beschränkt waren.
Auf dem sogenannten Web stellt N&amp;O jetzt eine
beeindruckende Reihe von Multimedia-Inhalten vor
(die Web-Adresse von N&amp;O lautet "http://www.nando.net"). Zu den Online-Inhalten gehören verschie-

Seite 5

�dene Zeitungsprojekte wie die 16teilige "North
Carolina Discoveries"-Serie; die NandO Times, eine
tägliche elektronische Version der Zeitung; der
NandO Entertainment Server mit Intormationen über
Filme, Konzerte und andere Veranstaltungen; ein
User's Guide to the Triangle (Führer mit Informationen über die Region um Raleigh, Durham und
Chapel Hill).
Die Produkte von N&amp;O stehen nicht in direktem
Zusammenhang zu der Zeitung. Informationsdienste
über Sportveranstaltungen stehen zur Verfügung.
Es wird ein "Music Kitchen" genannter Dienst angeboten, der Texte, Bilder und Tonmaterial verschiedener Rockbands enthält. NandO arbeitet mit einem
Reisebüro zusammen, um Reservierungen für
Flugtickets und gebührenfreien Ticketverkauf über
das Internet anzubieten. Angesichts der weltweiten
Teilnehmerschaft am Internet verschaffen diese
Produkte dem N&amp;O Zugang zu den Konsumenten und eine Einkommensquelle - weit über sein Absatzgebiet hinaus.

•

Seite 6

Obwohl Internet eine vollkommen andere Einheit als
eine Zeitung ist, sind die neuen Online-Produkte von
NandO eine Ausweitung des dramatischen Wandels,
der in der N&amp;O-Nachrichtenzentrale und seiner
wissenschaftlichen Bibliothek stattfindet.
"Wenn man einmal digitale Informationen geschaffen
hat, kann man damit alles mögliche anfangen", so
Chefredakteur Daniels. "Und wenn man einmal die
Infrastruktur dafür schafft - und dabei nicht knauserig
ist - kann man damit weit mehr aufrechterhalten als
nur eine Nachrichtenabteilung."
Daniels' systematischer Ansatz enthält eine Unterscheidung zwischen dem N&amp;O und anderen Zeitungen. "In fast allen anderen Nachrichtenzentralen des
Landes wird Gutes geleistet, aber es gibt keine
Synergie", so Daniels. "Sie helfen ihren Zeitungen
nicht bei der Weiterentwicklung, und genau darum
dreht sich doch alles: Wie hilft man dem Unternehmen bei seiner Entwicklung?"

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AMERIKA DIENST

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                    <text>amcrika
dienet

Herausgeber: U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

Z12462 C

17. August 1994

32

USA-EUROPA

HOLBROOKE FORDERT UMDENKEN IN DER
AMERIKANISCHEN EUROPAPOLITIK
Anhörung vor dem Senat

NORDKOREA

USA UND NORDKOREA VEREINBAREN
VORBEREITUNGEN FÜR DIPLOMATISCHE
VERTRETUNGEN
Gemeinsame Erklärung

NORDKOREA
UNTERNIMMT
"ERSTEN
SCHRITT" ZUR LÖSUNG DES ATOMSTREITS
USA bestehen auf lAEO-lnspektionen

RÜSTUNGSKONTROLLE

EIN NEUES MILITÄRISCHES
GLEICHGEWICHT? DIE VERHINDERUNG
REGIONALER KONFLIKTE IN DEN
ENTWICKLUNGSLÄNDERN
von Warwick J. McKibbin

WIRTSCHAFT

DIREKTOR DER AMERIKANISCHEN
ZENTRALBANK SKIZZIERT PROBLEME
VON WIRTSCHAFTSPROGNOSEN
Ansprache von Alan Greenspan

DER ANSTURM AUF DIE MÄRKTE
von Christopher Mclntosh

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Deichmanns Aue 29
D 53170 Bonn

Tel.:0228-339 23 72
Fax:0228-3341 02

�WlRTSCHAFT
17. August 1994

DER ANSTURM AUF DIE MÄRKTE
von Christopher Mcintosh
WASHINGTON - (AD) - Zwischen 1980 und 1991 wurden etwa 7.000 Unternehmen, die meisten in der
ehemals kommunistischen Welt, privatisiert. Dem Verfasser des nachfolgenden Artikels zufolge kamen viele
der früher zentral gelenkten Volkswirtschaften auf den Markt, bevor sie dazu bereit waren.
Christopher Mcintosh ist beim Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen (United Nations Development
Program - UNDP) für Öffentlichkeitsarbeit zuständig.
Veröffentlichung und Übersetzung aus der Januar/Februar 1994-Ausgabe von The Futurist mit freundlicher
Genehmigung von The World Future Society, 7910 Woodmont Ave., Suite 450, Bethesda, MD 20814.
Copyright (c) 1994 World Future Society.

In den achtziger Jahren, in denen Politiker wie
Margaret Thatcher und Ronald Reagan an der
Macht waren, wurde "Privatisierung" als der Weg in
eine glorreiche Zukunft angesehen. Ökonomen und
Politiker stellten sich vor, wie privates Unternehmertum sich auf der ganzen Welt ausbreitete und die
Volkswirtschaften im Norden und Süden gleichermaßen wieder ankurbelte. Am Horizont zeichnete sich
eine neue Ära ab, in der das Unternehmen der
König ist.
Die 1989 in Osteuropa stattfindenden Ereignisse
schienen dieses hoffnungsvolle Marktszenarium zu
konkretisieren. Überall nahm die staatliche Kontrolle
über die Industrie ab und es schien, daß die Zukunft
dem Privatsektor gehörte. Das Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen (UNDP) war eine der
internationalen Organisationen, die diese Vision
uneingeschränkt unterstützten, und schuf eine
Sonderabteilung für den Privatsektor sowie das
Internationale Privatisierungsnetz, das den Ländern
beim Austausch von Informationen und Erfahrung
auf diesem Gebiet helfen soll.
Zwischen 1980 und 1991 wurden dem jüngsten
Entwicklungsbericht Human Development Report
des UNDP zufolge nahezu 7.000 staatliche Unternehmen privatisiert, ungefähr 4.500 in Teilen der
ehemals kommunistischen Welt und ein Großteil in
der ehemaligen DDR. Nur etwa 1.350 privatisierte
Unternehmen befanden sich in Entwicklungsländern,
obwohl das Tempo der Privatisierung sich dort in
den letzten Jahren beschleunigte. Die Motivation zur

AMERIKA DIENST 32

Privatisierung ist neben der Eindämmung den Haushalt schädigender Verluste ineffizienter öffentlicher
Unternehmen die Überzeugung, daß in der Fertigungsindustrie und anderen produktiven Sektoren
privates Unternehmertum zu besseren Ergebnissen
führen kann als der öffentliche Sektor.
Die Privatisierungsbewegung ist heutzutage immer
noch im Gange, die hohen Erwartungen der achtziger
Jahre werden jedoch durch einen neuen Realitätssinn
gemildert. "Die anfängliche Euphorie ist verflogen",
so Philip Reynolds, hochrangiger Programmbeauftragter des UNDP. "Jetzt sind kreative Antworten
erforderlich, um mögliche Engpässe und negative
Auswirkungen zu begrenzen und den Privatisierungsprogrammen zum Erfolg zu verhelfen."
Ironischerweise haben die Entwicklungen in Osteuropa und der ehemaligen Sowjetunion bei diesem
Stimmungsumschwung eine große Rolle gespielt.
Nachdem die Privatisierungsbestrebungen lauten
Beifall geerntet hatten, entdeckten die Staaten des
ehemaligen Ostblocks rasch, daß das Schiff Gefahr
lief, auf Grund zu laufen. John Howell, Ökonom im
internationalen
Wirtschaftsberatungsunternehmen
Ernst and Young mit Sitz in den Vereinigten Staaten
kritisiert westliche Experten, sie hätten den osteuropäischen Politikern den naiv optimistischen Rat
gegeben, aus politischen Erwägungen die Privatisierung überstürzt durchzuführen.
"In der Euphorie dieser ersten politischen Veränderungen", so Howell, "machten sich weder die west-

Seite 1

�liehen Berater und Investoren noch die Regierungen
und Wirtschaftsvertreter Mittel- und Osteuropas
einen Begriff vom Umfang der zu überwindenden
Probleme".

Finanzexperten und politischen Würdenträgern
unterzeichnet. Eines der ersten gerade privatisierten
Unternehmen, die am Börsenhandel teilnahmen, war
der ungarische Reiseveranstalter Ibusz.

Hindernisse für Privatunternehmer

Heute liegen die Ibusz-Aktien jedoch unter ihrem
ursprünglichen Preis, und der Börsenbetrieb findet
nur in kleinem Umfang - mit lediglich 22 Unternehmen - statt.

Der Privatisierung stehen zahlreiche Hindernisse im
Wege. Dazu zählen das Fehlen einer Kultur freier
Marktwirtschaft, Verwirrung darüber, wem die Unternehmen gehören und wieviel sie wert sind, eine
schlechte Infrastruktur, die ausländische Investoren
abschreckt, das Fehlen eines gesetzlichen Rahmens
für wirtschaftliche Tätigkeit sowie Mangel an Investitionskapital.
In vielen Fällen, in denen tatsächlich eine Privatisierung stattfindet, können deren Ergebnisse oft zu
Problemen führen.
Wenn beispielsweise eine
Regierung ein tragfähiges Unternehmen verkauft,
gehen die Gewinne an die Investoren, die normalerweise wohlhabender sind als der durchschnittliche
Steuerzahler. Folglich vergrößert sich das Einkommensgefälle. Weitere mögliche Konsequenzen sind
höhere Preise für elementare Güter und Dienstleistungen, Entlassungen großen Ausmaßes, der
Verlust nationaler Vermögenswerte an ausländische
Käufer sowie die Schließung lebenswichtiger Industrien. In mehreren Ländern haben diese Auswirkungen zu sozialen Unruhen geführt.
Zur gründlichen Untersuchung dieser Probleme hat
die Abteilung des UNDP für globale und interregionale Probleme eine hochrangige Gruppe von Ökonomen, Politikern und Entwicklungsexperten zusammengestellt, die im August 1992 im Genfer Palast
der Nationen ein Seminar unter dem Titel "Privatisierung: Zwänge und Auswirkungen" abhielten. Die
Seminarteilnehmer kamen aus 14 Ländern, darunter
drei im Übergang befindlichen Staaten: Ungarn,
Polen und der ehemaligen Tschechoslowakei.
Die Seminarteilnehmer beschrieben ihre in den
jeweiligen Ländern gemachten Erfahrungen, tauschten Ideen aus, erörterten Möglichkeiten zur Überwindung von Schwierigkeiten und zur Minimierung
der negativeren Auswirkungen eines Privatisierungsprogramms.
Ungarn drängt auf den Markt
Ungarn gehörte zu den Staaten, die mit großer
Begeisterung in diese neue Ära eintraten. Die
Wiedereröffnung der Budapester Börse im Jahr 1990
war ein spannendes Ereignis. Nachdem die Redner
das System der freien Marktwirtschaft gelobt hatten,
wurde die Charta der neuen Börse einen langen
Tisch entlang weitergereicht und von Bankiers,

Seite 2

"Ibusz ist zu früh an die Börse gegangen", erklärt
Gusztav Bager, Ministerialdirektor für Wirtschaftspolitik im ungarischen Finanzministerium. "Zu dem
Zeitpunkt war das Unternehmen noch nicht richtig in
Form, und es hätte noch mehr Umstrukturierungsarbeit geleistet werden müssen. Zudem geht es der
Tourismusindustrie wegen der Rezession im Moment
nicht gerade gut."
Ein weiteres jüngstes Beispiel für die Privatisierung in
Ungarn ist die Tabakindustrie, aber auch hier waren
die Ergebnisse enttäuschend. Ausländische Tabakunternehmen kamen auf den ungarischen Markt,
wollten jedoch nicht in örtliche Unternehmen investieren.
Was die Börse betrifft, mangelt es Bager zufolge an
Investitionskapital vor Ort. Obwohl Ungarn bei der
Entwicklung einer Marktwirtschaft Fortschritte gemacht hat, war das Tempo der Privatisierung langsamer als beabsichtigt.
Desillusionierung in Polen
Auch in Polen ist das Tempo des Wandels langsamer
als erwartet, nachdem im Juli 1990 ein Gesetz zur
Einleitung des Privatisierungsprogramms verabschiedet wurde. Zu den vielversprechendsten Kandidaten
für Privatbesitz gehörte die Traktorenfabrik Ursus, die
ein gutes Produkt herstellte und günstige Aussichten
auf dem Weltmarkt hatte. Heute befindet sich Ursus wie viele andere polnische Unternehmen - immer
noch in einem Umstrukturierungsprozeß und wird als
noch nicht reif für eine Privatisierung erachtet.
In Polen war eine wesentliche Einschränkung das
weitverbreitete Mißverständnis über die Natur einer
freien Marktwirtschaft. "Für viele Arbeitnehmer in
Polen lautet die Definition von Kapitalismus Sozialismus plus mehr Geld. Die Menschen wollen die
Vorteile beider Systeme genießen", so Jerzy Cieslik
von Ernst and Young. Und mit zunehmender Arbeitslosigkeit, die vorher in Polen völlig unbekannt war,
nimmt die Desillusionierung über die Privatisierung
zu.
Cieslik nennt ein für Polen und die anderen Staaten
des ehemaligen Ostblocks heikles Problem: Wieder-

AMERIKA DIENST 32

�gutmachung. Was geschieht, wenn der Käufer eines
staatlichen Unternehmens herausfindet, daß derjenige, der das Unternehmen vor der Verstaatlichung
besaß, jetzt einen Anspruch darauf geltend macht?
In vielen Staaten existieren hierzu keine oder nur
sehr unklare Gesetze. Zur Zeit wird im polnischen
Parlament eine hitzige Debatte über die Wiedergutmachung geführt.
"Die Politiker untersuchen Fragen wie das Recht auf
wieder privatisiertes Eigentum, die Anwendung von
Kriterien bei der Entscheidung über Ansprüche und
den Besitzerwechsel von Eigentum", erklärt Cieslik.
Der tschechische und slowakische Erfolg
Im Gegensatz zu Ungarn und Polen ist die Privatisierungsbewegung in der Tschechischen und der
Slowakischen Republik weiterhin voller Schwung.
Dies ist etwas paradox angesichts der Tatsache, daß
vor 1989 massive 97 Prozent der tschechoslowakischen Wirtschaft vom Staat kontrolliert wurden,
während in Ungarn und Polen bereits ein beachtlicher Privatsektor existierte.
"Das Privatisierungsprogramm ist Umfang und
Methoden nach sehr radikal", so Olivier Bouin,
französischer Ökonom, der die tschechische Regierung berät, die von den beiden Republiken seit ihrer
offiziellen Trennung im Dezember 1992 das Programm aggressiver fördert.
In der Tschechischen und der Slowakischen Republik sind insgesamt 4.200 Unternehmen für die
Privatisierung vorgesehen. Um den Mangel an
Kapital vor Ort zu überwinden und möglichst vielen
Menschen die Gelegenheit zu Investitionen zu
geben, begann die Tschechoslowakei (vor der
Trennung) ein gewagtes und findiges Gutscheinprogramm. In der ersten Phase, von Oktober 1991
bis Februar 1992, hatte jeder erwachsene Bürger
das Recht, ein Heft mit 14 Gutscheinen im Wert von
etwa einem Wochenlohn zu kaufen. Jeder Gutschein war zwischen 100 und 1.000 Punkten wert.
Diese Punkte konnten dann für den Erwerb von
Aktien an zu privatisierenden Unternehmen verwendet werden. Als Alternative konnte man sich
damit in einen der entstehenden Privatisierungsfonds
einkaufen.
Das Programm war ein Erfolg. Bis zum Januar 1992
hatten etwa 8,6 Millionen Menschen (drei Viertel der
Berechtigten) daran teilgenommen. Es ist noch
offen, wie sich die unter dem Gutscheinsystem
privatisierten Unternehmen entwickeln, es wurde
jedoch ein guter Anfang gemacht.

AMERIKA DIENST 32

"Ein weiteres, unkonventionelles Merkmal des Systems", erklärt Bouin, "ist die Tatsache, daß jedes
staatliche Unternehmen seine eigene Privatisierungsstrategie entwickeln sollte, die Einzelheiten über
Output, Gewinn, Exporttätigkeit und Vermögenswerte
enthält." Diese Pläne sind jedoch bisweilen unzuverlässig aufgrund mangelnder Informationen über
mögliche Wiedererstattungsansprüche und der
Verwirrung über den derzeitigen rechtlichen Status
einzelner Unternehmen. Antiquierte Buchhaltungsmethoden sind in der Tschechischen Republik
ebenfalls ein Problem, ebenso wie in vielen der
ehemals zentral gelenkten Planwirtschaften.
In
einigen Fällen weist die Buchhaltung derartige
Mängel auf, daß es unmöglich ist, interessierten
Käufern eine Bilanz vorzulegen.
Privatisierungsprobleme im Süden
Auch die Entwicklungsländer des Südens werden mit
vielen der Probleme konfrontiert, denen sich die ostund mitteleuropäischen Staaten gegenübersehen.
Ein Beispiel ist Argentinien, wo 1983 die Privatisierung in kleinem Umfang begann. 1990 beschleunigte
die argentinische Regierung angesichts eines starken
Defizits und massiver Verluste des Privatsektors
diesen Prozeß und verkaufte einige ihrer größten
staatlichen Unternehmen, darunter die nationale
Telefongesellschaft, die nationale Fluggesellschaft
und das staatliche Eisenbahnunternehmen.
Alejandro Rausch, Ökonom und Berater der argentinischen Regierung, der Weltbank und des UNDP,
steht dem Programm bisher äußerst kritisch gegenüber.
"Die argentinische Erfahrung zeigt, daß ein Privatisierungsprogramm ohne starke staatliche Regelung
ein sehr gewagtes Unternehmen ist", so Rausch.
"Ein angemessener juristischer und gesetzlicher
Rahmen muß vor Aufnahme des Programms gegeben sein. Andernfalls könnten Privatmonopole mit
sich verschlechternden Normen und steigenden
Preisen der Fall sein."
Die Regierung als Wachhund
Die Regierungen müssen bereit sein, während des
Privatisierungsprozesses und danach eine bedeutende Rolle zu spielen. Das wird durch die in der
ehemaligen DDR gemachten Erfahrungen bestätigt,
einem der wenigen Staaten des ehemaligen Ostblocks, in denen Privatisierung im großen Stil termingerecht durchgeführt wird. Seit der Vereinigung
Deutschlands im Oktober 1990 wurden von der
Treuhand mehr als 3.000 Unternehmen privatisiert.

Seite 3

�"Kein anderes Land hat in einem solch kurzen
Zeitraum jemals so viele Industriebetriebe privatisiert", behauptet Dieter Bos, Professor für Wirtschaftswissenschaften an der Universität Bonn. Bos
weist darauf hin, daß die Treuhand nicht einfach ein
Unternehmen an den Höchstbietenden vergibt und
sich dann nicht mehr darum kümmert. Kaufinteressenten werden um Vorlage eines detaillierten
Wirtschaftsplans gebeten, einschließlich Verpflichtungen zu Investitionen und dem Erhalt möglichst vieler
Arbeitsplätze. Die Einhaltung dieser Pläne wird
anschließend von der Treuhand kontrolliert und
Zuwiderhandlungen werden mit einer Geldbuße
belegt.
Die Käufer werden sorgfältig ausgewählt, wobei den
umfassenderen Interessen der Region Rechnung
getragen wird. Die Treuhand verkaufte Unternehmen für den symbolischen Wert von einer Mark,
damit sie nicht in die Hände westdeutscher Unternehmer fallen, die potentielle Konkurrenten aufkaufen wollen, um deren Produktion einzustellen.
"In der Welt nach Abschluß des Privatisierungsprozesses gibt es immer noch genug zu tun für die
Bürokraten in der Regierung", so George Yarrow von
der Oxford University. Yarrow führte eine besondere
Studie über das Privatisierungsprogramm in Großbritannien durch, das 1979 begann und generell als
Erfolg gewertet wird. "Seit Beginn der Privatisierung
hat sich das Ausmaß staatlicher Regulierung in
Großbritannien eher erhöht als vermindert."
Zu der Rolle der Regierung gehört es sicherzustellen, daß das allgemeine Umfeld einer gesunden
Entwicklung privater Unternehmen zuträglich ist. Zu
oft wird die Saat des Privatsektors in nicht darauf
vorbereiteten Boden gepflanzt.
Die rechtliche
Infrastruktur ist beispielsweise ein Schlüsselfaktor.
Eine Marktwirtschaft erfordert Gesetze zu Verträgen,
Finanzinstitutionen, Devisen, Besteuerung und
Monopolpraktiken.
Die Frage geistigen Eigentums ist ebenfalls von
Bedeutung. Zahir Jamal von der Weltorganisation
für geistiges Eigentum schlägt vor, daß zu jedem
Team, das eine Regierung in Privatisierungsfragen

berät, ein guter Patentanwalt gehören sollte. Der
Schutz von Patenten sei für die Ermutigung der
Forschung und Entwicklung vor Ort von essentieller
Bedeutung.
Ebenso wichtig ist die Infrastruktur einer Nation:
Nahverkehr, Telekommunikation, Elektrizität und
Wasserversorgung. Ist sie unzulänglich, wird die
Investition von ausländischem Kapital in die gerade
privatisierten Unternehmen schwierig. "Ausländische
Kapitalgeber haben die Wahl, und sie entscheiden
sich bevorzugt für Gebiete mit einer gutentwickelten
Infrastruktur", äußert der Ökonom Vemuri V. Ramanadham, Koordinator des internationalen Privatisierungsnetzes des UNDP.
Privatisierung in ärmeren Ländern
Die gesetzliche und physische Infrastruktur ist in den
entwickelten Marktwirtschaften der Privatisierung eher
förderlich als in den Entwicklungsländern oder den im
Übergang befindlichen Volkswirtschaften. Dennoch
hatten einige sehr arme Länder Erfolg bei ihren
Privatisierungsprogrammen.
Trotz einer hohen Inflationsrate und im weltweiten
Vergleich sehr großen Schuldenlast hat Guyana sein
Privatisierungsprogramm relativ reibungslos abgewikkelt, und 56 Prozent der Unternehmen gingen an
guyanische Käufer. Ferner gehört Guyana zu den
wenigen Ländern, in denen die Privatisierung nicht zu
einem starken Verlust an Arbeitsplätzen führte. Der
wichtigste Faktor zu Guyanas Gunsten ist seine
reichhaltige Versorgung mit vorher nicht ausreichend
genutzten Ressourcen.
Jedes Land, das sich auf den vielversprechenden
aber unsicheren Weg der Privatisierung begibt, muß
vieles einkalkulieren und Entscheidungen treffen. Die
Privatisierung ist kein Selbstzweck, und Enteignung
nicht die einzige Option. Es gibt eine breite Palette
von Möglichkeiten - von vollständiger Privatisierung
bis zur Umstrukturierung eines staatlichen Unternehmens. In Zukunft müssen die Länder, die sich für
eine Privatisierung entscheiden, ihre Ziele klar
definieren und aus den empirischen Methoden lernen,
die andere Staaten anwandten.

* *

Seite 4

*

AMERIKA DIENST 32

�Die Kategorien sind heute völlig durcheinandergeraten. Die massive militärische Präsenz der Vereinigten Staaten ist nicht länger für die Garantie der
Sicherheit auf dem Kontinent erforderlich, aber
unsere politische und moralische Führungsrolle war
nie unerläßlicher. Unsere westeuropäischen Verbündeten sind rasch von Abhängigen zu gleichwertigen Partnern geworden. Aber die Kriterien, die
diese Partnerschaft leiten sollten, werden noch nicht
ganz verstanden. Das Ordnen dieser Kriterien ist
weiterhin eine wichtige Aufgabe.

Herr Vorsitzender, wie Sie meiner kurzen Erörterung
der uns aus meiner Sicht in Europa konfrontierenden
Herausforderungen entnehmen können, lautet meine
Überzeugung: Dies ist die Zeit für ein Umdenken bei
unserem Ansatz gegenüber dem Kontinent. Die
Tage herkömmlicher Lösungen sind vorüber.

Wir möchten zunehmend mit den großen westeuropäischen Demokratien zusammenarbeiten, um
die Erfordernisse der weniger Begünstigten in
Europa und andernorts zu erfüllen. Und die großen
globalen Herausforderungen des 21. Jahrhunderts
können nur mit der uneingeschränkten Unterstützung
von Europa und Japan gemeistert werden.

Unsere Verbindungen zu Europa sind bereits so weit
entwickelt, daß sie schneller mit neuen Inhalten
gefüllt werden können als unsere Beziehungen zu
anderen Teilen der Welt. Um die Bedeutung der
Erweiterung unserer Bande zu Universitäten, Unternehmen, nichtstaatlichen Organisationen und Parlamenten bei unserem neuen Ansatz zu unterstreichen,
beabsichtige ich, im Falle meiner Bestätigung eine
weitere Veränderung im Büro für europäische Angelegenheiten vorzunehmen.

Im Osten kämpfen die Nationen Mittel- und Osteuropas mit dem Vermächtnis des Totalitarismus.
Während der Eisberg des Kalten Krieges schmilzt,
treten durch den Kalten Krieg oder das Scheitern
von Versailles überdeckte Risse zutage. Die amerikanischen Ideale und die amerikanische Führungsrolle werden in der Region geschätzt und müssen
aktiv gefördert werden. Der Wille und die Energie
der Vereinigten Staaten können einen dauerhaften
Effekt haben. Ich beabsichtige, der Hilfestellung für
die Länder Mittel- und Osteuropas höchste Priorität
einzuräumen, damit sie die Früchte der Demokratie
genießen können, die ihnen so lange verwehrt
wurden. Im Falle meiner Bestätigung werde ich
unverzüglich organisatorische Veränderungen im
Büro für europäische Angelegenheiten zur Unterstützung dieses neuen Ansatzes vornehmen.
Abschließend möchte ich einige Worte zu den
Europäern im Osten sagen - den Russen und
denjenigen, die in den neuen unabhängigen Staaten
leben. Es gibt ein vertrautes historisches Muster,
das - in guten wie in schlechten Tagen - die Europäer aus dem Westen, dem Osten und darüber hinaus
zusammengeschmiedet hat. Wie ich bereits wiederholt gesagt habe, ist es nicht unsere Aufgabe,
Trennlinien in Europa zu ziehen - vielmehr müssen
wir Brücken bauen. Dies wird sowohl im Außenministerium der Fall sein als auch im Büro für die
neuen unabhängigen Staaten, wo wir die denkbar
engste Zusammenarbeit mit Jim Collins und seinen
Kollegen haben werden und natürlich mit dem
Stellvertretenden Außenminister Strobe Talbott.

•

Seite 2

Die wirkliche Stärke unserer Beziehungen zu Europa
findet sich in dem zwischen Wissenschaftlern, Unternehmern, Schriftstellern, Künstlern und in den Familien aufgebauten Gefüge der Zusammenarbeit.

Ich werde unser Büro für Öffentlichkeitsarbeit erweitern. Dieses Büro wird auf Außenminister Christophers Ruf nach einer "Amerikaabteilung" im Außenministerium reagieren, indem es systematisch auf das
Herstellen von Kontakten zu den vielen Personen und
Organisationen im Privatsektor hinarbeitet, die bereits
das Rückgrat unserer Verbindungen zu Europa
bilden. Die Beamten in unserer geographischen
Abteilung werden ermutigt, die Fähigkeiten der
Experten bei nichtstaatlichen Organisationen besser
zu nutzen. Ich werde persönlich die Vertiefung der
Kontakte zu Experten im Hinblick auf die zahlreichen
uns konfrontierenden neuen Herausforderungen
überwachen.
Es erübrigt sich hinzuzufügen, daß ich im Falle
meiner Bestätigung die enge Zusammenarbeit mit
den Mitgliedern dieses Ausschusses und dem Kongreß im allgemeinen besonders begrüßen werde.
Dies steht im Einklang mit meinem persönlichen
Engagement bei einer Laufbahn im öffentlichen
Dienst, die vor 32 Jahren begann und während derer
ich 18 Jahre für die US-Regierung tätig war, uneingeschränkt mit dem Kongreß der Vereinigten Staaten
zusammenzuarbeiten und Informationen auszutauschen. Die Definition unserer neuen Rolle in Europa
ist eine Aufgabe, die das umfassende Engagement
aller Bereiche der Regierung erfordert. Sie spielen
die Schlüsselrolle bei Bewilligungen, Ermittlungen und
dem Stellen schwieriger Fragen.

* * *

*

AMERIKA DIENST 32

�USA-EUROPA
17. August 1994

HOLBROOKE FORDERT UMDENKEN IN DER
AMERIKANISCHEN EUROPAPOLITIK
Anhörung vor dem Senat
WASHINGTON - (AD) - In seiner Anhörung vor dem Auswärtigen Ausschuß des Senats erklärte der von
Präsident Clinton zum Abteilungsleiter für europäische und kanadische Angelegenheiten nominierte Botschafter
Richarde. Holbrookeam 10. August 1994: "Dies ist die Zeit für ein Umdenken bei unserem Ansatz gegenüber
dem Kontinent. Die Tage herkömmlicher Lösungen sind vorüber."
Holbrooke stellte bei der Anhörung zu seiner Nominierung fest, "die wirkliche Stärke unserer Beziehungen zu
Europa findet sich in dem zwischen Wissenschaftlern, Unternehmern, Schriftstellern, Künstlern und in den
Familien aufgebauten Gefüge der Zusammenarbeit."
Holbrooke ist Botschafter der Vereinigten Staaten von Amerika in der Bundesrepublik Deutschland.
Nachfolgend veröffentlichen wir den Wortlaut der Rede von Botschafter Holbrooke.
Es ist mir eine Ehre und eine Freude, heute hier vor
Ihnen zu sprechen. Vor weniger als einem Jahr trat
ich als Präsident Clintons Kandidat für den Botschafte rposten in der Bundesrepublik Deutschland
vor diesen Ausschuß. In Deutschland, im Zentrum
Europas zu leben, hat mich direkt mit der Tragweite
der Veränderungen konfrontiert, die sich seit 1989
vollzogen haben. Ich verlasse Bonn mit der Hoffnung, daß wir zu den Anfängen einer neuen Phase
des amerikanischen Engagements in Europa beigetragen haben und mit tiefempfundenem Dank für
die Freundschaft, die die Deutschen den Vereinigten
Staaten entgegenbringen.
Während ich diese tiefgreifenden Veränderungen zu
verstehen versuchte, gelangte ich zunehmend zu der
Überzeugung, daß die Art und Weise, in der wir uns
mit den Nationen und Problemen Europas befassen,
wichtige Auswirkungen auf die Gestaltung der
amerikanischen Diplomatie auf Jahrzehnte hinaus
haben wird. Europa ist zweifelsohne nicht der einzig
wichtige Teil der Welt. Aber es birgt sowohl Konflikte als auch Chancen, die für die vitalsten nationalen Interessen der Vereinigten Staaten von zentraler
Bedeutung sind.
Präsident Clintons Vision einer demokratischen
Erneuerung in Amerika deckt sich in bemerkenswerter Weise mit den in ganz Europa stattfindenden
Anpassungen. Seine Vision eines über frühere
Teilungen hinweg vereinten Europas steht für die

AMERIKA DIENST 32

Effektivität demokratischer Lösungen für weltweite
Herausforderungen. Unser Erfolg oder unser Scheitern, europäische Partner in wirklich kooperative
Ansätze zu lokalen und globalen Problemen einzubeziehen, wird auf viele Jahre hinaus entscheidend
für die Rolle Amerikas als Weltmacht sein.
Als Präsident Clinton mich bat, Abteilungsleiter für
europäische und kanadische Angelegenheiten zu
werden, habe ich das Angebot mit Enthusiasmus
angenommen. Ich erachte die Neudefinition der
amerikanischen Ziele in Europa als unabdingbar für
die Erneuerung unserer Diplomatie im kommenden
Jahrhundert. Wenn wir durch die Nutzung der
Instrumente der Zusammenarbeit und Partnerschaft
gewährleisten können, daß die Träume von 1989
Realität werden, wird die Botschaft der demokratischen Erneuerung als weltweite Norm Fuß fassen.
Herr Vorsitzender, das Gesicht Europas hat sich in
historischen Proportionen gewandelt. Die Kraft dieser
dramatischen Veränderungen hat zahlreiche Widersprüche aufgedeckt. Während ein Teil des Kontinents energisch auf die Einigung hinarbeitet, gibt es
mehr kleine Länder in Europa als zu jeder anderen
Zeit seit dem 18. Jahrhundert. Einige europäische
Länder zählen zu den reichsten der Erde. Andere
sind unter den ärmsten auf unserem Planeten. Und
tragischerweise sind Kriege und Gewalt in Europa in
einem seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs ungekannten Ausmaß ausgebrochen.

Seite 1

�stimmen überein, daß Diskussionen auf Expertenebene erforderlich sind, um den Ersatz der Graphitreaktoren Nordkoreas durch Leichtwasserreaktortechnologie, die sichere Lagerung und Entsorgung
der gebrauchten Brennstäbe, die Bereitstellung
alternativer Energien und die Einrichtung von Verbindungsbüros voranzubringen.
Entsprechend
werden Gespräche auf Expertenebene in den
Vereinigten Staaten, der Demokratischen Volksrepublik Korea oder an einem anderen vereinbarten
Ort abgehalten. Die Demokratische Volksrepublik
Korea und die Vereinigten Staaten von Amerika
vereinbarten die Unterbrechung ihrer Gespräche und
deren Wiederaufnahme in Genf am 23. September
1994.

In der Zwischenzeit werden die Vereinigten Staaten
die erforderlichen Arrangements bezüglich der
Zusicherungen für das Leichtwasserreaktorprojekt für
die Demokratische Volksrepublik Korea als Teil der
endgültigen Beilegung des Atomstreits treffen; die
Demokratische Volksrepublik Korea wird das Einfrieren der Nuklearaktivitäten einhalten und die in
dem Austausch von Noten zwischen dem Abteilungsleiter im Außenministerium, Robert L. Gallucci,
und dem Ersten Stellvertretenden Minister für auswärtige Angelegenheiten, Kang Sok Ju, vereinbarte
Kontinuität der Sicherheitsvorschriften bewahren.

* *

Seite 2

*

AMERIKA DIENST 32

�NORDKOREA
17. August 1994

USA UND NORDKOREA VEREINBAREN
VORBEREITUNGEN FÜR
DIPLOMATISCHE VERTRETUNGEN
Gemeinsame Erklärung
GENF - (AD) - Die Vereinigten Staaten von Amerika und die Demokratische Volksrepublik Korea haben
vereinbart, daß die endgültige Beilegung des Atomstreits zwischen den beiden Staaten den Ersatz von
Nuklearreaktoren in Nordkorea und Vorbereitungen auf die "Einrichtung einer diplomatischen Vertretung in der
Hauptstadt des jeweils anderen Landes sowie den Abbau von Handels- und Investitionshemmnissen als Schritt
zur vollständigen Normalisierung der politischen und wirtschaftlichen Beziehungen" enthalten sollte.
Nachfolgend veröffentlichen wir den am 12. August 1994 in Genf freigegebenen Wortlaut der "Gemeinsamen
Erklärung zwischen den Vereinigten Staaten von Amerika und der Demokratischen Volksrepublik Korea".

Die Delegationen der Vereinigten Staaten von
Amerika und der Demokratischen Volksrepublik
Korea kamen vom 5. bis 12. August 1994 zur
Wiederaufnahme der dritten Gesprächsrunde in Genf
zusammen.
Beide Seiten bekräftigen die Prinzipien der Gemeinsamen Erklärung zwischen den Vereinigten Staaten
von Amerika und der Demokratischen Volksrepublik
Korea vom 11. Juni 1993 und einigten sich, daß die
folgenden Elemente Bestandteil der endgültigen
Beilegung des Atomstreits sein sollten:
1. Die Demokratische Volksrepublik Korea ist bereit,
ihre Graphitreaktoren und damit in Zusammenhang stehenden Einrichtungen durch Leichtwasserreaktoren zu ersetzen, und die Vereinigten
Staaten sind bereit, Arrangements für die Bereitstellung von Leichtwasserreaktoren mit rund
2.000 Megawatt für Nordkorea zum frühestmöglichen Zeitpunkt sowie Arrangements für zwischenzeitliche alternative Energien anstelle der Graphitreaktoren Nordkoreas zu treffen. Nach Erhalt
der amerikanischen Zusicherungen für die Bereitstellung von Leichtwasserreaktoren und Arrangements für zwischenzeitliche alternative Energien wird die Demokratische Volksrepublik Korea
den Bau der 50- und 200 Megawattreaktoren
einstellen, auf die Wiederaufbereitung verzichten
und unter Überwachung der Internationalen

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Atomenergie-Organisation (IAEO) ihr radiochemisches Labor schließen.
2. Die Vereinigten Staaten von Amerika und die
Demokratische Volksrepublik Korea sind zur
Einrichtung einer diplomatischen Vertretung in der
Hauptstadt des jeweils anderen Landes sowie
zum Abbau von Handels- und Investitionshemmnissen als Schritt zur vollständigen Normalisierung
der politischen und wirtschaftlichen Beziehungen
bereit.
3. Um zur Erlangung von Frieden und Sicherheit auf
einer atomwaffenfreien koreanischen Halbinsel
beizutragen, sind die Vereinigten Staaten bereit,
der Demokratischen Volksrepublik Korea Zusicherungen gegen die Androhung oder den Einsatz
von Nuklearwaffen durch die Vereinigten Staaten
zu geben, und die Demokratische Volksrepublik
Korea ist weiterhin zur Umsetzung der gemeinsamen Nord-Süd-Erklärung über die Entnuklearisierung der koreanischen Halbinsel bereit.
4. Die Demokratische Volksrepublik Korea ist bereit,
Partei des Vertrags über die Nichtverbreitung von
Nuklearwaffen zu bleiben und die Umsetzung
seiner Vereinbarungen über Sicherheitsvorschriften zu gestatten.
Während der Gespräche angeschnittene wichtige
Fragen müssen noch geklärt werden. Beide Seiten

Seite 1

�Obwohl das Abkommen einen Rahmen für die
Verhinderung der zukünftigen Produktion von waffenfähigem Material bietet, löst es nicht das von den
Unterhändlern als "die Vergangenheit" bezeichnete
Problem - die Frage, wieviel Plutonium Nordkorea
bereits wiederaufbereitet hat. Einem namentlich
nicht genannten amerikanischen Regierungsvertreter
zufolge sind die Vereinigten Staaten überzeugt, daß
Nordkorea bereits genug Plutonium produziert hat,
um vier Atomwaffen zu bauen.
Die Sonderinspektionen der IAEO sind wichtig, weil
sie der internationalen Staatengemeinschaft gestatten festzustellen, wieviele verbrauchte Brennstäbe
für die Wiederaufbereitung von zwei Deponien für
radioaktive Abfälle entfernt wurden und ob Nordkoreas bisherige Erklärungen zutreffend sind.
Das "zweite Stadium" des Atomstreits, erläuterte der
Regierungsvertreter, sind die vor kurzem von dem
Graphitreaktor in Yongbyon entfernten Brennstäbe,
mit denen man sich aus Sicherheitsgründen bald
befassen muß. Wenn diese Brennstäbe wiederaufbereitet würden, könnten sie Nordkorea potentiell
genug Plutonium für vier zusätzliche Bomben liefern.

Optionen für die Brennstäbe sind die feuchte oder
trockene Lagerung in Fässern oder anderen Containern, so Gallucci. Die Vereinigten Staaten wollen,
daß die Brennstäbe von Nordkorea zur Lagerung
oder Wiederaufbereitung in ein anderes Land verschifft werden, während Nordkorea die Lagerung im
Land bevorzugt.
Gallucci erklärte, die Vereinigten Staaten würden
"detaillierte Konsultationen" mit Freunden und Verbündeten führen um festzustellen, welche Zusicherungen bei der Finanzierung und dem Bau des
Leichtwasserreaktorprojekts vor den nächsten Gesprächen gegeben werden können. Die Vereinigten
Staaten härten bereits substantielle Konsultationen
mit Seoul, Tokio, Moskau und Beijing aufgenommen,
stellte er fest.
Auf die Frage, wieviele Reaktoren erforderlich seien,
antwortete Gallucci, es sei "höchstwahrscheinlich",
daß Nordkorea zwei 1.000 Megawattreaktoren zur
Verfügung gestellt würden. Ihm zufolge muß mehr
Arbeit geleistet werden, um die genauen Kosten des
Projekts herauszufinden, in Beantwortung einer Frage
räumte er jedoch ein, der Betrag liege in der Nähe
von 4 Milliarden Dollar.

Gallucci stellte fest, Nordkorea habe zugestimmt, die
Möglichkeit der Wiederaufbereitung der Brennstäbe
durch das Land selbst auszuschließen, fügte jedoch
hinzu, die beiden Seiten hätten keine Einigung
erzielt, wie das Problem letztlich gelöst werden wird.

*

Seite 2

*

AMERIKA DIENST 32

�NORDKOREA
17. August 1994

NORDKOREA UNTERNIMMT "ERSTEN SCHRITT"
ZUR LÖSUNG DES ATOMSTREITS
USA bestehen auf lAEO-lnspektionen
GENF - (AD) - In einem "ersten Schritt" zur Lösung
des Atomstreits mit den Vereinigten Staaten hat
Nordkorea zugestimmt, sein Plutonium erzeugendes
Nuklearprogramm für Hilfe bei der Beschaffung
eines moderneren und weniger gefährlichen Kernkraftsystems einzufrieren.
Das am 12. August 1994 erzielte vorläufige Abkommen stellt fest, die Vereinigten Staaten und Nordkorea seien als Teil der endgültigen Lösung "zur
Einrichtung einer diplomatischen Vertretung in der
Hauptstadt des jeweils anderen Landes bereit".
Robert Gallucci, Abteilungsleiter im US-Außenministerium für politisch-militärische Angelegenheiten, erklärte am 13. August, die Vereinigten Staaten
seien "zufrieden mit dem Ergebnis" der dritten
Gesprächsrunde, die mit dem Abkommen abgeschlossen wurde, warnte jedoch, der "Löwenanteil"
der Arbeit stehe noch bevor.
Die beiden Seiten vereinbarten die Wiederaufnahme
offizieller Gespräche am 23. September 1994 in
Genf. Gallucci zufolge werden ihnen wahrscheinlich
Besuche nordkoreanischer Experten in den Vereinigten Staaten und amerikanischer Experten in
Nordkorea vorausgehen.
"Wir hoffen, daß diesem ersten Schritt alle weiteren
folgen", um das Problem zu lösen, äußerte er
gegenüber Journalisten.
Gallucci stellte fest, die Vereinigten Staaten würden
weiterhin darauf bestehen, daß eine umfassende
Lösung nur erreicht werden kann, wenn Nordkorea
einschneidende Sicherheitsvorschriften der Internationalen Atomenergie-Organisation (IAEO) einschließlich besonderer Inspektionen von zwei
Deponien für radioaktive Abfälle akzeptiert.
Obwohl Gallucci einräumte, die Vereinbarung
enthalte die "prinzipielle Zustimmung" Nordkoreas
zum Konzept von Sonderinspektionen der IAEO,

AMERIKA DIENST 32

erklärte er, das Land "schweige" zu der Frage, wann
diese Inspektionen vorgenommen werden könnten.
"Ich möchte keinen Zweifel an der Tatsache lassen,
daß es keine generelle Lösung und keine Bereitstellung von Leichtwasserreaktoren geben wird, bis
die Meinungsverschiedenheiten über spezielle
Inspektionen beigelegt sind", erklärte Gallucci.
Andere anhängige Fragen betreffen die Lagerung der
verbrauchten Brennstäbe Nordkoreas, die Bereitstellung alternativer Energie für Nordkorea, während
die neuen Leichtwasserreaktoren gebaut werden,
sowie den Zeitpunkt für die Einrichtung von Verbindungsbüros.
Im Rahmen des Abkommens verspricht Nordkorea
das Einfrieren seines Nuklearprogramms mit Graphitreaktoren, sobald das Land Zusicherungen der
Vereinigten Staaten über die Bereitstellung der
Leichtwasserreaktortechnologie und Arrangements für
alternative Energiequellen erhält. Nordkorea wird
darüber hinaus auf die Wiederaufbereitung der
gesamten verbrauchten Brennstäbe verzichten, sein
Wiederaufbereitungslabor schließen und der IAEO die
Überwachung gestatten sowie die Bautätigkeit an
zwei neuen Graphitreaktoren einstellen.
Die Leichtwasserreaktoren werden als weniger
verbreitungsgefährdet angesehen als Nordkoreas
altes System, weil die verbrauchten Brennstäbe
weniger zur Produktion von Waffen geeignet sind und
Nordkorea von anderen Ländern für die Lieferung des
für den Betrieb erforderlichen hochangereicherten
Urans abhängen würde.
Amerikanische Regierungsvertreter sind der Auffassung, ein von der Außenwelt für angereichertes
Uran abhängiges Nordkorea würde die internationalen Normen und Sicherheitsvorschriften eher einhalten.

Seite 1

�Entwicklungsländer im Nahen Osten, Lateinamerika
und Afrika - alles Regionen mit wirtschaftlichen
Schwierigkeiten - kürzten zwischen 1985-88 und
1989-92 ihre Waffenkäufe drastisch. Aber in Asien,
der einzigen Region, die in den vergangenen Jahren
starkes Wachstum zu verzeichnen hatte, nahmen die
Waffenimporte tatsächlich rasch zu. Wenn sich die
Welt von dem Konjunkturrückgang erholt, könnten
die Waffenverkäufe wieder steigen.
Mit anderen Worten, obwohl die Abnahme der
Waffenlieferungen in den vergangenen Jahren einer
der sich abzeichnenden Weltordnung nach dem
Kalten Krieg erwartungsvoll entgegenblickenden Welt
ein gewisses Maß an Beruhigung vermitteln könnte,
besteht kein Grund zu der Erwartung, Waffenexporte
in die Entwicklungsländer seien nicht länger Anlaß
zu ernsthafter Besorgnis und entsprechendem
Handeln.
In den vergangenen Jahren scheinen die sicherheitspolitischen Entscheidungsträger im Westen zu der
Schlußfolgerung gelangt zu sein, daß der beste Weg
zur Begrenzung der Anhäufung von Waffen in
Entwicklungsländern sowie zur Minimierung der
regionalen Aufrüstung darin besteht, den Entwicklungsländern nur dann Wirtschaftshilfe zu leisten,
wenn sie ihre Verteidigungsausgaben auf einem
vernünftigen Niveau halten. Dieser offiziell als
"military conditionality" bekannte Ansatz bricht mit
der herkömmlichen Entwicklungspolitik, die von der

Prämisse ausging, Entwicklungshilfe strikt von
innenpolitischen Verteidigungsfragen zu trennen.
Mehrere europäische Länder, vor allem Deutschland
und Italien, haben im Jahr 1991 offiziell diesem
Ansatz zugestimmt und knüpfen Entwicklungshilfe
jetzt an die militärische Ausgabenpolitik des Empfängerlandes.
Dieser Ansatz gewann im Juni 1992 an Dynamik, als
Japan die offizielle japanische Charta für Entwicklungshilfe veröffentlichte, in der ausdrücklich festgestellt wird, daß Japan "zur Aufrechterhaltung und
Stärkung des internationalen Friedens und der
Stabilität" nur Entwicklungshilfe unter Berücksichtigung der "Trends bei den Verteidigungsausgaben
der Empfängerländer, deren Entwicklung und Produktion von Massenvernichtungswaffen, Waffen und
Raketen sowie deren Export und Import von Warfen"
leisten wird.
Zunehmendes Interesse an diesem Ansatz hat auch
die Bestrebungen geleitet, ihn auf multilaterale
Hilfsinstitutionen wie die Weltbank und den Internationalen Währungsfonds (IWF) auszuweiten.
Unter Verweis auf die enormen sozialen Kosten der
Beibehaltung umfangreicher Streitkräfte für die
Entwicklungsländer empfiehlt Robert McNamara

Seite 2

beispielsweise, daß diese internationalen Institutionen
die Verteidigungsausgaben als wichtiges Kriterium bei
Kreditvergabeentscheidungen nutzen.
In der Tat birgt dieser Ansatz jedoch eine Reihe von
Problemen. Die unmittelbare praktische Frage lautet,
wie ein solches System verwirklicht werden sollte.
Die erste Schwierigkeit besteht darin, eine zufriedenstellende Meßlatte für das Ausmaß der Militarisierung
eines Entwicklungslandes zu erarbeiten. Wann ist
ein Verteidigungsapparat "exzessiv"? Wie berücksichtigt man zum Beispiel die Frage einer spürbaren
Bedrohung, die sich natürlich von Land zu Land
erheblich unterscheidet?
Die Wirtschaftswissenschaftler haben begonnen, Daten über Entwicklungshilfe und Verteidigungsausgaben zu sammeln und
auszuwerten in dem Versuch, einen "Militarisierungsindex" zu konstruieren, derfürdie Analyse exzessiver
Verteidigungsausgaben genutzt werden könnte. Aber
die technischen und politischen Hürden sind immens.
Und selbst wenn sie überwunden werden könnten,
würde die Umsetzung und Verwaltung dieses Ansatzes der Weltbank, dem IWF und anderen derartigen Behörden enorme Kosten aufbürden und sie
zwangsläufig von ihrer Hauptaufgabe der Bereitstellung von Entwicklungshilfe ablenken.
Aber selbst abgesehen davon bleibt das Grundproblem bestehen, daß dieser Ansatz sich mit den
Symptomen der militärischen Aufrüstung befaßt, nicht
der Ursache. Das letztliche Ziel ist, den Entwicklungsländern ein Gefühl der Sicherheit zu vermitteln,
damit sie eine Erweiterung ihrer militärischen Fähigkeiten nicht für notwendig erachten.
Die Länder werden aus mehreren Gründen einen
großen Verteidigungshaushalt aufstellen und beibehalten. Manchmal verfolgen sie das Ziel, einer
spürbaren Bedrohung zu begegnen, sei es von
internen oder externen Kräften; manchmal geht es
um einen vermeintlichen Vorteil aus der Aggression
gegen ein anderes Land. Bisweilen dient dieses
Bestreben einfach der Konzentration von Ressourcen
auf politisch starke, militärische Interessengruppen.
Im letzteren Fall ist das Problem ein Mangel an
Rechenschaftspflicht gegenüber dem Steuerzahler,
der den Verteidigungsapparat finanziert. Im ersten
Fall ist das Problem ein Mangel an Sicherheit. In
einem Teufelskreis bringt unzureichende regionale
Sicherheit einzelne Länder dazu, ihre Verteidigungsausgaben zu erhöhen, was zu einer weiteren Verschlechterung der Sicherheit führt. Eine Kontrolle
des weltweiten Waffenhandels hängt von einem
zweigleisigen Ansatz ab, der beide Probleme berücksichtigt.
Dieser Ansatz befaßt sich wie dargelegt nicht mit der
grundlegenden Notwendigkeit eines glaubwürdigen

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�RÜSTUNGSKONTROLLE
17. August 1994

EIN NEUES MILITÄRISCHES GLEICHGEWICHT?
DIE VERHINDERUNG REGIONALER KONFLIKTE
IN DEN ENTWICKLUNGSLÄNDERN
von Warwick J. McKibbin
WASHINGTON - (AD) - Während die Welt auf die sich abzeichnende Weltordnung in derzeit nach dem Kalten
Krieg blickt, ist der Rückgang von Waffenlieferungen in die meisten Regionen der Welt ermutigend. Aber,
argumentiert der Verfasser, der Kampf der Supermächte führt zu einer Reihe schwelender regionaler Konflikte,
und die Waffenexporte in Entwicklungsländer geben immer noch "Anlaß zu ernsthafter Besorgnis".
Warwick J. McKibbin ist Fellow des Brookings Ecomomic Studies program und Professor für Wirtschaftswissenschaften an der Australian National University. Zusammen mit Lawrence Klein und Fu-chen Lo arbeitet er an
Arms Reduction and Economic Development in the Post-Cold War Era (United Nations University,
erscheint in Kürze).
Veröffentlichung und Übersetzung mit freundlicher Genehmigung von The Brookings Review, Herbst 1993.
Copyright (c) 1993, The Brookings Institution, Washington, D.C.

Trotz anfänglicher Hoffnungen auf eine "neue
Weltordnung" nach dem Kalten Krieg ist das sich
Abzeichnende noch wenig greifbar. Eine - aufgrund
der irakischen Invasion in Kuwait und dem darauffolgenden Golfkrieg im Jahr 1991 - angedeutete
Möglichkeit wäre, daß der Kampf der Supermächte
zu einer Reihe schwelender regionaler Konflikte
führt. Und einige dieser Konflikte könnten sich
paradoxerweise direkt aus der Verringerung der
Verteidigungsausgaben nach dem Kalten Krieg
herleiten, während die modernen Waffenarsenale
der Industrienationen in den Entwicklungsländern
wiederverwertet werden. In der Tat erlegt der im
November 1990 von den 34 Mitgliedstaaten der
Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in
Europa (KSZE) unterzeichnete Vertrag über Konventionelle Streitkräfte in Europa dem Export neuer
oder gebrauchter Waffen in Nichtunterzeichnerstaaten des Abkommens keinerlei Beschränkungen auf.
Im Augenblick nehmen die Rüstungsverkäufe ab.
Der Gesamtverkauf fiel von der Rekordhöhe von 42
Milliarden Dollar im Jahr 1987 auf 12 Milliarden
Dollar 1992. Aber die Implikationen für die Zukunft
sind in keiner Weise beruhigend. Die bei weitem
größte Abnahme erfolgte bei den Lieferungen
russischer Waffen, und die russischen Exporteure
halten begierig nach neuen Geschäften Ausschau.
Seit 1989 haben die Lieferungen amerikanischer

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Waffen in Entwicklungsländer effektiv zugenommen.
Noch beunruhigender ist, daß sich der Wert von
Abkommen über Rüstungsverkäufe lange nicht so
weit verringert hat wie die tatsächlichen Lieferungen.
1992 unterzeichneten die Vereinigten Staaten und die
führenden europäischen Länder Abkommen über
Waffenexporte, die verglichen mit den 1987 von
ihnen unterzeichneten Vereinbarungen eine Zunahme
bedeuten.
Obwohl beträchtlich weniger Waffen jetzt den Besitzer
zwischen den einzelnen Ländern wechseln, machen
darüber hinaus Veränderungen bei der globalen
Sicherheit nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion die Rüstungssituation schwerer erfaßbar.
Während des Kalten Krieges behielten die Vereinigten Staaten und die ehemalige Sowjetunion die
Kontrolle über die Waffen ansammelnden Nationen.
Da die Vereinigten Staaten jetzt die einzige Supermacht und ein widerwilliger Wertpolizist sind, können
die Entwicklungsländer frei von herkömmlichen
Einschränkungen einen Vorrat an Waffen anlegen.
Und schließlich - obwohl die Abnahme der Rüstungsverkäufe großenteils durch das Ende des Kalten
Krieges herbeigeführt wurde, haben auch die globale
wirtschaftliche Flaute und haushaltspolitische Engpässe in zahlreichen Entwicklungsländern eine Rolle bei
der Verringerung von Waffenimporten gespielt.

Seite 1

�Kosten der globalen Unsicherheit. Allein der Golfkrieg kostete die Teilnehmerstaaten über 100 Milliarden Dollar. Die Staaten können entweder in die
Sicherheit investieren oder beim Entstehen regionaler Probleme zahlen. Regionale Konflikte werden
eindeutig in den kommenden Jahrzehnten Bestandteil der neuen Weltordnung sein. Und die Weiterverbreitung von Atomwaffen macht dies besonders
alarmierend.
Während die internationale Staatengemeinschaft sich
um eine Anpassung an die Ordnung der Zeit nach
dem Kalten Krieg bemüht, findet sie sich in einem
militärischen Gleichgewicht gefangen, das von hohen

*

Seite 4

Verteidigungsausgaben und geringer Sicherheit
gekennzeichnet ist. Derzeit haben selbst die vielversprechendsten politischen Optionen zur Lösung der
Probleme des weltweiten Waffenhandels und der
regionalen Aufrüstung keine Auswirkungen auf dieses
Gleichgewicht. Die Herausforderung besteht darin,
ein neues Gleichgewicht zwischen niedrigen Verteidigungsausgaben und großer Sicherheit zu finden.
Das von mir vorgeschlagene System zielt genau
darauf ab - auf den Erhalt globaler und regionaler
Sicherheit durch direkte finanzielle Anreize, regionale
Überwachungseinrichtungen und einen glaubwürdigen Schutzschild.

* * *

*

AMERIKA DIENST 32

�Sicherheitsarrangements.
Es gibt jedoch eine
Möglichkeit hierzu - im Rahmen einer internationalen
Institution, der Vereinten Nationen, deren Mission
einer solchen Aufgabe entspricht.
Die Vereinten Nationen können insbesondere direkte
wirtschaftliche Anreize zur Einschränkung des Transfers von Waffen und der Verteidigungsausgaben
anbieten, indem sie jedem Mitgliedstaat eine seinen
Verteidigungsausgaben entsprechende Abgabe
auferlegen. Der Erlös kann zum Aufbau eines
glaubwürdigen Sicherheitsarrangements verwendet
werden, das die Notwendigkeit einer Aufrüstung
verringert.
Die Vereinten Nationen könnten den Nutzen erhöhter Verteidigungsausgaben beträchtlich minimieren
und die Kosten maximieren, indem sie eine Steuer
von 2 Prozent auf jeden Dollar der Verteidigungsausgaben eines Landes sowie von 50 Prozent auf
jeden Dollar aus Waffenexporten dieses Landes
erheben. Diese Steuer würde den Ländern direkt
abverlangt, so daß die Verwaltungskosten minimal
wären. In den Ländern, in denen Waffenexporte von
Privatunternehmen durchführt werden, wäre es die
Aufgabe der Regierung, die Steuer zu bezahlen und
dann von den Unternehmen zu kassieren.
Allein durch diese Erhöhung der Kosten von Verteidigungsausgaben könnten die Vereinten Nationen
das Problem der regionalen Sicherheit in Angriff
nehmen und regionale Konflikte günstig beeinflussen. Sie könnten diese Fragen mit Hilfe der so
erzielten Einnahmen umfassender angehen. Ein Teil
dieser Einnahmen könnte für die Verbesserung der
Fähigkeit regionaler Sicherheitszusammenschlüsse
verwendet werden, beispielsweise des Verbands
Südostasiatischer Nationen (Association of SouthEast Asian Nations - ASEAN), den Verteidigungsapparat zu überwachen und letztlich völlig offenzulegen. Das internationale Friedensforschungsinstitut
in Stockholm (Stockholm International Peace Research Institute - SIPRI), der IWF und die Weltbank
könnten ebenfalls eine nützliche Rolle dabei spielen,
das Ausmaß der Verteidigungsausgaben von Entwicklungsländern als Teil ihrer regulären haushaltspolitischen Maßnahmen zur Ausgabenüberprüfung
hervorzuheben. Beide Bestrebungen würden den
fest etablierten Militärinteressen entgegenwirken,
indem den Regierungen größere Rechenschaftspflicht für ihre Haushaltsentscheidungen übertragen
wird.
Die restlichen Einnahmen könnten an einen vom
UN-Sicherheitsrat kontrollierten Fonds gehen und für
Militärinterventionen der internationalen Staatengemeinschaft als Reaktion auf Akte der Aggression
gegen Länder verwendet werden, die zu dem Fonds

AMERIKA DIENST 32

einen Beitrag geleistet haben. Bei einem Steuersatz
von 50 Prozent auf Waffenexporte und 2 Prozent auf
Verteidigungsausgaben würden die gesamten Waffenexporte von ungefähr 12 Milliarden Dollar und die
Verteidigungsausgaben von rund 1 Billion Dollar zu
jährlichen Einnahmen von etwa 26 Milliarden Dollar
führen. Eine solche Finanzspritze würde die Glaubwürdigkeit internationaler Aktionen stark erhöhen,
einzelne Länder vor externen Bedrohungen zu
schützen.
Insgesamt würde mein Vorschlag sowohl die globale
als auch die regionale Sicherheit erhöhen. Stärkere
Länder hätten weniger Anreiz, militärisch gegen
andere Staaten vorzugehen, da sie wegen ihrer
Aggression mit Strafmaßnahmen rechnen müßten.
Und aus demselben Grund würden schwächere
Länder keine so starke externe Bedrohung verspüren.
Die Aussicht auf größere Sicherheit würde den Anreiz
zur Aufrechterhaltung eines großen Verteidigungshaushalts verringern. Die traditionelle Strategie, die
Gefahr von Militäraktionen durch die Aufrechterhaltung eines Gegengewichts zu reduzieren, wäre
überholt. Statt dessen könnten insbesondere die
Entwicklungsländer ihre Ressourcen für entscheidende innenpolitische Erfordernisse einsetzen und somit
die Gefahr politischer Instabilität im eigenen Land
verringern.
Indem den Vereinten Nationen die Verantwortung für
das neue System übertragen würde, könnten die
internationalen Hilfsorganisationen sich auf ihre
Hauptrolle konzentrieren, den Entwicklungsprozeß zu
lenken. Mein Vorschlag enthält einige Schwierigkeiten, von denen jedoch keine so groß ist wie bei dem
Junktim zwischen Wirtschaftshilfe für Entwicklungsländer und deren Verteidigungsausgaben. Die erste
Schwierigkeit ist die Einschätzung des Werts von
Waffenexporten, insbesondere im Fall eines Tauschhandels anstelle einer einfacher zu messenden
Finanztransaktion. Organisationen wie das SIPRI
haben jedoch seit Jahren den Versuch zur Sammlung
von Daten über den Waffenhandel unternommen, und
obwohl die Qualität der Daten nicht perfekt ist, wurde
ein Anfang gemacht. Das neue Register der Vereinten Nationen über den Waffenhandel könnte als
weitere Datenquelle genutzt werden.
Eine wichtigere Frage lautet, wie ein solcher Vorschlag durchgesetzt werden könnte. Warum sollten
die Mitgliedstaaten der Vereinten Nationen gewillt
sein, Beiträge zu einem Fonds zu leisten, wenn viele
mit ihren regelmäßigen Beitragszahlungen an die
UNO bereits in Verzug geraten sind? Halten Sie sich
die Alternativen vor Augen. Kleine Länder, die sich
nicht beteiligen, können von der internationalen
Staatengemeinschaft nicht erwarten, daß sie für
deren Schutz zahlt. Große Staaten tragen bereits die

Seite 3

�delnde Wirtschaftsstrukturen reagieren. Für die
Währungspolitik scheint keine andere Möglichkeit zu
bestehen als die Bildung eines konzeptionellen
Rahmens zur Identifikation der verschiedenen wichtigen Kräfte, die den zukünftigen Wirtschaftskurs
beeinflussen und daher für die Prognosen eingesetzt
werden können. In diesem Verfahren spielen Geldund Kreditmengen eine wichtige Rolle und haben
sich über die Jahre als nützlich für den Aufbau eines
relevanten konzeptionellen Verständnisses des
Funktionierens der amerikanischen Wirtschaft
erwiesen.
Bei ihren Bestrebungen zum Verständnis der Wirtschaft haben Analysten versucht, sich neuer Technologien, einschließlich der vielfachen Verstärkung der
Berechnungsmöglichkeiten, zu bedienen. Ökonometriker haben komplizierte mathematische Modelle
zur Beschreibung der Beziehungen innerhalb der
amerikanischen Wirtschaft entwickelt. Obwohl diese
Modelle einer Reihe nützlicher Ziele dienen, sind sie
- ungeachtet dessen, wie hochentwickelt sie sein
mögen - generell zu einfach, um die sich abzeichnende Vielschichtigkeit unserer Volkswirtschaft zu
erfassen. Die Geschichte lehrt uns, daß die der
Wirtschaft zugrundeliegende Struktur sich in ständiger Bewegung befindet. Derzeitige Schätzungen der
wichtigsten Parameter zur Beschreibung der grundlegenden wirtschaftlichen Beziehungen basieren auf
der Erfahrung und müssen bei der Entwicklung
zukünftiger politischer Maßnahmen skeptisch betrachtet werden. Folglich sind alternative Ansätze
erforderlich, um Schlüsse auf die sich wandelnde
Wirtschaftsstruktur ziehen zu können.
Ob unsere Währungspolitik angemessen ist, hängt
davon ab, wie erfolgreich wir die derzeit die Wirtschaft antreibenden komplexen Kräfte verstehen.
Um zu einem solchen Verständnis zu gelangen,
verlassen wir uns nicht auf eine einzige, punktuelle
Konjunkturprognose. Vielmehr sind wir uns der
Unzuverlässigkeit jeder Prognose bewußt und
bestrebt, eine Bandbreite von Prognosen zu studieren und eine Einschätzung ihrer relativen Wahrscheinlichkeit vorzunehmen. Auf der Grundlage
dieser Einschätzung setzen wir politische Maßnahmen zur Erreichung nationaler wirtschaftlicher Ziele
um. Wir wissen aber auch, daß Fehler bei Prognosen unvermeidlich sind. Die Politik erfordert eine
Einschätzung der Konsequenzen verschiedener
politischer Alternativen für den Fall ihres Scheiterns.
Wir müssen uns folgende Frage stellen: Wir schwierig wäre eine Revision politischer Fehler und wie
hoch wäre der Preis?
Messung und Politik

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Wenn wir eine Einschätzung der Wirtschaftsstruktur
vornehmen, müssen wir uns bewußt sein, daß das
ökonomische Ergebnis menschlicher Entscheidungen
- Konsum, Produktion, Kapitalanlage und Preisfestsetzung - unvollständig gemessen wird und wir
Störfaktoren und in einigen Fällen eine systematische
parteiische Einflußnahme auf die Statistiken in
Betracht ziehen müssen. Vom Standpunkt eines
Analysten wie ich, der einen Großteil seiner Karriere
mit der genauen Beobachtung der Konjunktur verbracht hat, ist die Liste der Mängel von Wirtschaftsdaten der Vereinigten Staaten deprimierend lang. Zu
beobachten sind Voreingenommenheit bei der
Angabe des Gesamtpreisindexes, Unvollständigkeit
bei der Berichterstattung über internationale Transaktionen, ein beträchtlicher Anteil bloßer Interpolation
bei der Berechnung der Dienstleistungen in unserem
Volkseinkommen, eine ungleiche Erfassung der
Finanzbuchführung von Haushalten und Unternehmen sowie nicht angegebene Wirtschaftsaktivitäten.
Ein Durchbruch im Bereich der Computer-Hardware
und -Software sowie die Kommunikationstechnologie
könnten eine präzisere Datenerfassung gestatten,
aber diese und andere Innovationen gestalten eine
Messung wirtschaftlicher Daten noch schwieriger.
Das ist großenteils darauf zurückzuführen, daß der
Output an Waren und Dienstleistungen mit der Zeit
immer konzeptioneller statt gegenständlicher wird.
Der Teil des realen Output, der Ideen anstelle von
Waren widerspiegelt, hat sich in diesem Jahrhundert
immens erhöht. Als Folge davon wird es immer
schwieriger, Einheiten des Output zu identifizieren.
Eine Tonne zu 99,7 Prozent reinen Aluminiums kann
im Hinblick auf Quantität und Qualität gut definiert
werden. Bei einem Computerprogramm ist das nicht
der Fall. Wenn also der Output nicht eindeutig
definiert werden kann, ist das Konzept des Preises
ziemlich vage. Zudem ist die begriffliche Erfassung
des Output einer der Faktoren, die mit einer substantiellen Verbesserung der Qualität von Gütern und
Dienstleistungen assoziiert wurden. Eine Messung
des Ausmaßes dieser Verbesserung ist offensichtlich
ziemlich problematisch und hat wiederum entscheidende Auswirkungen auf den Gesamtpreisindex.
Jede Ungenauigkeit bei diesen Preiskalkulationen
bringt direkt Unsicherheit in den Realwert von Output
und Produktivität.
Es gibt viele hoffnungsvolle Anzeichen dafür, daß
technologische Verbesserungen und Fortschritte bei
den Messungspraktiken sich in verbesserten Wirtschaftsstatistiken niederschlagen. Beispielsweise hat
die Entwicklung des Indexes für Beschäftigungskosten durch das Büro für Arbeitsstatistik einen
bedeutenden Beitrag zu unserem Verständnis von
Tendenzen bei den Beschäftigungskosten geleistet.
Das Büro für Arbeitsstatistik konnte die Reaktions-

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�WlRTSCHAFT
17. August 1994

DIREKTOR DER AMERIKANISCHEN ZENTRALBANK
SKIZZIERT PROBLEME VON WIRTSCHAFTSPROGNOSEN
Ansprache von Alan Greenspan
WASHINGTON - (AD) - Die wachsende Komplexität der Wirtschaft macht die Entwicklung verläßlicher
konjunktureller Maßnahmen als Grundlage der Zentralbankpolitik zu einer beständigen Herausforderung,
erklärte der Direktorder amerikanischen Zentralbank (Federal Reserve Board - FED), Alan Greenspan, am 10.
August 1994 in einer Anhörung vor dem Unterausschuß des Repräsentantenhauses für staatliche Operationen.
Der Zentralbankchef äußerte die Beobachtung, daß Computer- und Kommunikationstechnologien eine immer
präzisere Datenerfassung gestatten, gleichzeitig aber diese Technologien die Wirtschaft schwieriger erfaßbar
gestalten.
Nachfolgend veröffentlichen wir den vorbereiteten Redetext von Alan Greenspan.

Ich danke diesem Ausschuß für die Gelegenheit,
über einige allgemeinere Aspekte der Währungspolitik zu sprechen. Man hat mich gebeten, die
Rolle von Wirtschaftsprognosen sowie die Verwendung von Wirtschaftsstatistiken bei der Währungspolitik zu untersuchen.
Zu keinem Zeitpunkt waren das Verständnis wirtschaftlicher Abläufe vollständig, konjunkturelle
Messungen von eindeutiger Präzision und Wirtschaftsprognosen fehlerlos. Die derzeitige Generation von Politikern wird mit der folgenden entscheidenden Frage konfrontiert, die auch das Motiv für
diese Anhörung zu sein scheint: Hat die Geschwindigkeit des technologischen Fortschritts, der eine
beträchtliche Integration der Weltwirtschaft bewirkt
und viele neue Produkte auf den Markt gebracht hat,
unser Verständnis maßgeblich beeinflußt, wie die
Wirtschaft funktioniert, in welchem Verhältnis verfügbare Daten zur tatsächlichen Wirtschaftslage stehen
und wie Politik gemacht werden sollte?
Wirtschaftsprognosen und Politik
Die Ökonomen haben sich schon immer um das
Verständnis der Auswirkungen von Innovationen auf
menschliches Verhalten, Instrumente und Institutionen bemüht. Viele Analysten waren in dem verzweifelten Bemühen um ein brauchbares Verständnis bestrebt, die Geldpolitik durch eine "Regel" zu
ersetzen, um die Notwendigkeit einer Analyse oder

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Prognose wirtschaftlicher Entwicklungen abzuschaffen. Es ist jedoch zunehmend deutlich geworden,
daß es keine einfache Regel gibt, die uns eine
automatische Steuerung der Währungspolitik gestattet. Im Prinzip könnte man sich stärker auf eine
solche Regel verlassen, wenn es nur ein einziges
übergeordnetes politisches Ziel gäbe, wie beispielsweise der vorgeschriebenen Preisstabilität. In diesem
Land setzt jedoch das Bundesgesetz zur Begründung
des Zentralbanksystems mehrere Ziele der Währungspolitik fest. Einige Analysten sind trotz dieser
Vielzahl von Zielen dafür eingetreten, daß der Einsatz
einer einzigen Variablen als mittelfristiges Ziel die
Notwendigkeit von Wirtschaftsprognosen abschaffen
und es den Politikern gestatten würde, zum Zweck
der wirtschaftlichen Stabilisierung automatisch nur
eine politische Richtschnur zu befolgen. Ein solches
politisches Ziel impliziert jedoch, daß die frühere
Verbindung der Variablen zur Volkswirtschaft fortbesteht und selbst eine Prognose darstellt.
Die Prognosen zu einigen der vorgeschlagenen
Variablen - einschließlich der Geldmengen M1, M2
und der inländischen, in Sachwerten gemessenen
Schulden - deuten stark darauf hin, daß die Befolgung einer Regel zur Erlangung nur eines Ziels bei
der Steuerung der amerikanischen Wirtschaft nicht
ausreichen würde. Selbst viel komplexere Regeln,
die eine Vielzahl politischer Richtlinien oder ein
automatisches Feedback wirtschaftlicher Ergebnisse
umfassen, würden nicht ausreichend auf sich wan-

Seite 1

�Was die indizierten Schulden betrifft, könnte das
Finanzministerium Obligationen ausgeben, deren
Zinssätze und Anfangszahlungen im Zusammenhang
mit den Verbraucherpreisen stehen.
Schlußfolgerung
Vor dem Hintergrund meiner Überlegungen zu
Wirtschaftsprognosen und -Statistiken in der Währungspolitik traue ich nur einer Prognose: Der

zukünftige Chef der Fed wird Ihren Nachfolgern in
diesem Gremium mitteilen, daß Wirtschaftsprognosen
immer noch unsicher sind und die Konsequenzen der
Währungspolitik sich mit der Zeit verändern. Die
amerikanische Wirtschaft ist komplex und in ständiger
Entwicklung begriffen. Mit diesem Wandel Schritt zu
halten, erfordert andauernde Bestrebungen unsererseits, um das Funktionieren der Wirtschaft zu verstehen und unsere Verfahren zur Datenerfassung
entsprechend anzupassen.

* * * * *

Seite 4

AMERIKA DIENST 32

�quote auf die erste Einschätzung der monatlichen
Beschäftigungsrate in seiner Haushaltsstudie beträchtlich erhöhen, wodurch die Qualität dieses
Frühindikators wirtschaftlicher Aktivität deutlich
verbessert wurde. In ähnlicher Weise hat sich die
Entwicklung willkürlicher Schätzungen von Preisänderungen bei Computerausrüstungen durch das
Büro für Arbeitsstatistik aufgrund eines besseren
Verständnisses von Trends bei Realinvestitionen und
Inflation bezahlt gemacht. Trotzdem bleibt noch viel
zu tun, wie ich später erläutern werde.
Politische Maßnahmen
Die Einsicht, daß das Verständnis der Wirtschaft
nicht perfekt ist und Messungen unpräzise sind, ist
kein Grund, über die Währungspolitik zu verzweifeln.
Ungenauigkeit bei den veröffentlichen makroökonomischen Daten stellt keine übermäßige Härte dar.
Wenn die Statistiken ein systematisches Gefälle
aufweisen, können wir auch das in Betracht ziehen.
Beispielsweise zeigen die meisten Preisindizes die
Neigung, die Inflation übertrieben darzustellen.
Generell erkennen sie die Tendenz zu kostengünstigeren Einzelhändlern erst mit Verspätung. Ferner
benötigen sie viel Zeit, bis sie neue Waren aufnehmen, und somit tragen sie nicht den typischen
Preissenkungen Rechnung, die sich in der Frühphase des Produktzyklus manifestieren.
Wir wissen, daß Informationen über die Wirtschaftslage aus einer Vielzahl von Quellen stammen und
unterschiedlich akkurat sind. Einige Daten sind
umfassend und ziemlich genau, beispielsweise bei
Bauteilen und Verkäufen von Fahrzeugen. Andere
Daten, wie die im Ausland vorgenommenen Einschätzungen der US-Währung, weisen eine beträchtliche Fehlerquote auf. Bevor Statistiken über systematische Erhebungen zu Verkäufen, Beschäftigung
und Preisen zur Verfügung stehen, können sich
ungenauere, stichprobenartige Informationen als
vorläufiger Indikator sich abzeichnender Trends als
nützlich erweisen. Eine bedeutende Quelle solcher
Informationen sind die Berichte, die unsere Landeszentralbanken durch umfassende Kontakte in
ihrem Gebiet erhalten. Ferner wenden wir uns
häufig an Handelsvereinigungen und Beratungsgremien, um frühzeitig Informationen über Entwicklungen vor Ort zu erhalten. Derartige detaillierte
Berichte über ein bestimmtes Verhalten sind beispielsweise wichtig als Hinweis darauf, wann der
inflationäre Druck anzusteigen beginnt.
Die Geschichte belegt, daß eine Erhöhung der
Inflationsrate sich erst im Verlauf des wirtschaftlichen
Zyklus manifestiert. Folglich haben sich zu dem
Zeitpunkt, an dem der Gesamtpreisindex auf einen
Anstieg der Inflationsrate hinweist, bereits viele,

AMERIKA DIENST 32

schwer zu bereinigende
Unausgewogenheiten
entwickelt. Daher könnten Informationen über ein
bestimmtes Verhalten sowie Signale von den Finanzund Warenmärkten eine Warnung sein oder Engpässe eher beseitigen als lange Berichte über Arbeitslosigkeit, Volkseinkommen, Preise oder traditionelle
Geldmengenangaben.
Insgesamt gesehen erschwert die Messung der
wirtschaftlichen Schlüsseldaten die Arbeit der Politiker. Es ist immer schwieriger, Schlüsse im Hinblick
auf die Zukunft zu ziehen, wenn Wirtschaftsdaten von
Meßfehlern verzerrt sind. Aufgrund unserer Fähigkeit, eine Vielzahl von Informationsquellen anzuzapfen, halten wir die negativen Auswirkungen solcher
Fehlmessungen jedoch möglichst gering. Ich bin mir
nicht bewußt, daß Prognosen über die Wirtschaft der
Vereinigten Staaten zur Zeit schwieriger oder einfacher aufzustellen sind als vor ein paar Jahrzehnten.
Handlungsweise
Bei der Prüfung von Schritten zur Verbesserung von
Bewertung und Interpretation wirtschaftlicher Statistiken müssen wir uns der haushaltspolitischen Zwänge
bewußt sein. Die Mitarbeiter verschiedener, für
Sammlung und Auslegung wirtschaftlicher Statistiken
verantwortlicher Behörden arbeiten hart und machen
im Rahmen dieser Beschränkungen Fortschritte. Ich
kann mir kein geeigneteres Gebiet für zusätzliche
Forschung vorstellen als die Aufstellung von Preisindizes - teilweise aufgrund des hohen Ausmaßes von
Indexierung in den Berechnungen der Bundesregierung. Angesichts des umfassenden Forschungsmaterials, das Hinweise auf ein möglicherweise
systematisches Gefälle bei der Bewertung von Preisveränderungen im Verbraucherpreisindex gibt, wird
es für die Mitarbeiter des Büros für Arbeitsstatistik
eine wichtige Aufgabe darstellen, sich in den kommenden Jahren mit diesem Problem zu befassen.
Ein weiterer Schritt zur beschleunigten Interpretation
der Daten ist die intensive Verarbeitung von Informationen über Termingeschäfte, den Devisenterminmarkt und Optionsgeschäfte. Die Sekundärmärkte
bieten den Zentralbanken potentiell neue Chancen
zur Einschätzung der Stimmung am Markt in bezug
auf zukünftige Bewegungen von Zinssätzen, Aktienkursen, Wechselkursen und Rohstoffpreisen sowie
zur Messung der Stärke dieses Marktverhaltens.
Zudem beinhaltet finanzielle Innovation die Aussicht
auf neue Möglichkeiten wirtschaftlichen Verhaltens,
insbesondere falls sich die Märkte bei preisindizierten
Schulden oder Termingeschäften, einzelnen Inlandspreisen, dem Bruttoinlandsprodukt und den Bestandteilen der Ausgaben entwickeln sollten. Im Hinblick
auf die Termingeschäfte müssen wir auf die Erfindungsgabe von Privatleuten im Finanzsektor warten.

Seite 3

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                <text>&lt;strong&gt;1. USA-Europa&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Holbrooke fordert Umdenken in der amerikanischen Europapolitik&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Anhörung vor dem Senat&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Nordkorea&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;USA und Nordkorea vereinbaren Vorbereitungen für diplomatische Vertretungen&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Gemeinsame Erklärung&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Nordkorea unternimmt "ersten Schritt" zur Lösung des Atomstreits&lt;br /&gt;&lt;em&gt;USA bestehen auf IAEO-Inspektionen&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Rüstungskontrolle&lt;/strong&gt; &lt;br /&gt;Ein neues militärisches Gleichgewicht? Die Verhinderung regionaler Konflikte in den Entwicklungsländern &lt;br /&gt;&lt;em&gt;von Warwick J. McKibbin&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;4. Wirtschaft&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Direktor der amerikanischen Zentralbank skizziert Probleme von Wirtschaftsprognosen&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Ansprache von Alan Greenspan&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Der Ansturm auf die Märkte&lt;br /&gt;&lt;em&gt;von Christopher McIntosh&lt;/em&gt;</text>
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                    <text>Information
und
Dokumentation
International Communication Agency
Embassy of the United States of America

41

17. September 1980
INHALT

DOKUMENTATION
USA: Amerikanisch-iranische Probleme sollten neu überdacht werden
- Schreiben Muskies an den neuen iranischen Ministerpräsidenten Vest erläutert Anstrengungen zur Bewältigung bevorstehender Herausforderungen
- Erklärung des Unterstaatssekretärs für europäische Angelegenheiten
Die Vereinigten Staaten und die Arabische Halbinsel
- Unterstaatssekretär Saunders nimmt vor Repräsentantenhaus Stellung

INFORMATION
Staatssekretär John C. Sawhill leitet "Synthetic FuelsCorporation"

WISSENSCHAFT UND TECHNIK
100 Millionen Dollar für Windenergie-Forschung

Um Übcr/cndung von
ßclcgcxcmplorcn wird
gebeten

Postfach 20 03 00
D5300 Bonn 2

Tel: 02221-89 3240
Telex:08-85432

�Berichtigung:
In dem Artikel "Vorläufiger Abschied vom Mars" von G. Weiss in
Nr. 39 des Amerika Dienstes vom 3. September 1980 muß es auf Seite 2,
dritte Zeile, richtig heißen:
"... 19. Juni 1976, Absetzen des Landegeräts einen Monat später..."

�Dokumentation

1

International Communication Agency
Embassy of the United States of America

17. September 1980

41

USA: AMERIKANISCH-IRANISCHE PROBLEME SOLLTEN NEU ÜBERDACHT WERDEN
- Schreiben Muskies an den neuen iranischen Ministerpräsidenten -

WASHINGTON - (AD) - Das State Department hat am 9. September 1980
das Schreiben des amerikanischen Außenministers Edmund Muskie an den neuen
iranischen Ministerpräsidenten Mohammad Ali Rajai veröffentlicht, das
vom 20. August datiert und in dem Muskie die Hoffnung äußert, daß die USA
und der Iran gemeinsam an konstruktiven Lösungen für die zwischen beiden
Ländern bestehenden Schwierigkeiten arbeiten werden.
Das Schreiben Muskies hat folgenden Wortlaut:
Sehr geehrter Herr Ministerpräsident,
ich schreibe Ihnen als jemand, der in seiner Position als Außenminister
erst vor kurzem mit den Problemen konfrontiert worden ist, die gegenwärtig
die Beziehungen zwischen unseren beiden Ländern belasten. Ich weiß, daß
diese Probleme nur einen Aspekt der schweren neuen Verantwortlichkeiten
darstellen, die Sie als der erste Ministerpräsident des Iran unter der

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Tel: 0228-89 32 40
Telex: 08-85432

�der Verfassung der Islamischen Republik auf sich nehmen.

Es ist meine

aufrichtige Hoffnung, daß wir - zusammen mit dem Außenminister, den Sie
ernennen werden - in der Lage sein werden, in Richtung auf konstruktive
Lösungen für die Schwierigkeiten zwischen unseren Ländern hinzuarbeiten.
Mit dem Tode des früheren Schahs ist ein Kapitel der iranischen
Geschichte nunmehr endgültig abgeschlossen.

Mit der Etablierung Ihrer

Regierung ist ein neues Kapitel aufgeschlagen worden.

Ich bin der Meinung,

daß dies der Augenblick ist, wo wir die Probleme zwischen dem Iran und
den Vereinigten Staaten neu überdenken sollten.
Die Vereinigten Staaten anerkennen die Realität der iranischen
Revolution und die Legitimität der islamischen Republik. Das iranische
Volk hatte in einer Reihe aufeinander folgender Schritte die Chance gehabt,
sich an dem Prozeß der Schaffung neuer Institutionen zu beteiligen.
Ich versichere Ihnen, daß die Vereinigten Staaten nicht den Wunsch gehabt
haben, in diesen Prozeß einzugreifen. Wir sind überzeugt, daß keine äußere
Macht sich in die Rechte des iranischen Volkes, seine eigenen politischen
Entscheidungen zu treffen, einmischen sollte.
Zweiundfünfzig meiner amerikanischen Landsleute werden weiterhin im
Iran nach neun Monaten Gefangenschaft festgehalten. Ich bin mit ihren
Familien zusammengekommen. Ich kann das tiefe und verzweifelte Leid, das
diese Menschen erfahren haben, Ihnen gegenüber nicht in der angemessenen
Form zum Ausdruck bringen. Amerikaner aller politischen Richtungen und
Gesellschaftsschichten stehen vereint in der Sorge um ihre baldige Freilassung. Ich hoffe, Sie stimmen mir zu, daß es nunmehr an der Zeit ist,
das Leid dieser Menschen in ehrenhafter Weise zu beenden und die Geiseln
zu ihren Familien heimzusenden.
Ich bin mir bewußt, daß auch die Iraner gelitten haben.

Das weitere

Verharren in dieser Sackgasse kann nur zu weiterer Bitterkeit und weiterem

- 2 -

�weiterem Leid auf beiden Seiten führen.
voll.

Die Kelche des Leids sind nunmehr

Wir sollten sie leeren und neu beginnen.

Ich versichere Ihnen, daß

wir den vollsten Respekt für Ihre Unabhängigkeit» Ih^e territoriale
Integrität und für das Prinzip der Nichteinmischung bekunden werden.
Wir wissen, daß das iranische Parlament als Vertretung des iranischen
Volkes mit der Behandlung der Geiselkrise betraut worden ist. Wir wissen
auch, daß es im Iran, wie in den Vereinigten Staaten, tiefgehende Emotionen
aufgrund von in der Vergangenheit erlebten Kümmernissen gibt.

Es gibt,

viele schwierige Fragen zwischen dem Iran und den Vereinigten Staaten.
Wir sind unsererseits gewillt, in fairer Weise vorzugehen und uns mit jeder
dieser Fragen auf der Basis gegenseitiger Achtung und Gleichberechtigung
zu befassen.
Um mit dem Prozeß eines besseren gegenseitigen Verstehens zu beginnen,
wäre es, wie ich glaube, nützlich, einen regulären Kommunikationsweg
einzurichten.

Ich persönlich würde es vorziehen, daß dies in direkter -

und wenn Sie es wünschen - sehr diskreter Weise zwischen Vertretern unserer
beiden Regierungen geschieht.

Ein offenes und direktes Gespräch ist der

beste Weg, um Feindseligkeit und Mißtrauen aus dem Weg zu räumen.

Wenn

sie es jedoch vorziehen, wären wir auch gern bereit, durch dritte Parteien
miteinander in Verkehr zu treten, die Botschaften zwischen uns auf einer
regulären Basis übermitteln könnten.

Die Botschaften der Schweiz und Algeriens

könnten diese Rolle übernehmen, da sie ja bereits die Schutzmächte sind.
Andere Personen könnten, entweder als offizielle oder private Vermittler, die
gleiche Funktion ausüben.
Ich möchte hoffen, daß Sie sich bereit finden, uns Ihre Gedanken
über Punkte, die bei einem solchen Austausch in nützlicher Weise erörtert
werden könnten, mitzuteilen.
Ich sehe Ihrer Antwort

im Interesse unserer beiden Völker erwartungsvoll

entgegen.
+ + + + +

- 3 -

�Dokumentation
International Communication Agency
Embassy of the United States of America

17. September 1980

41

VEST ERLÄUTERT ANSTRENGUNGEN ZUR BEWÄLTIGUNG
BEVORSTEHENDER HERAUSFORDERUNGEN
Erklärung des Unterstaatssekretärs für europäische Angelegenheiten

WASHINGTON

-

(AD) - Der Unterstaatssekretär für europäische

Angelegenheiten im amerikanischen Außenministerium, George S. Vest, gab
am 15. September 1980 vor dem Unterausschuß für Europa des Außenpolitischen
Ausschusses des Repräsentantenhauses die folgende Erklärung ab:
Ich freue mich über die Gelegenheit, gerade jetzt vor Ihnen zu
erscheinen. Es ist jetzt fast neun Monate her, daß die Sowjets in
Afghanistan einmarschiert sind, und noch länger, daß der Iran ins Chaos
abglitt. Wir treten nunmehr in eine neue Periode diplomatischer Aktivität
ein - im Rahmen der Vollversammlung der Vereinten Nationen und der intensiven
Runde von Konsultationen, die sich am Rande abspielen. Während wir uns
dieser Periode nähern, freue ich mich darüber, hier kurz auszuführen,
wie die Vereinigten Staaten und ihre Verbündeten darangehen, mit den
Herausforderungen fertigzuwerden, vor denen wir stehen, um weiter auf der
Einheit und der schöpferischen Kraft aufzubauen, die wesentlicher Bestandteil

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�Bestandteil unserer Gesellschaften sind.
Es kann keinen Zweifel darüber geben, daß wir in den kommenden
Jahren vor einer komplexeren Welt stehen werden.

Eine rasche Aufzählung

der jüngsten Entwicklungen zeigt, daß wir einen Zeitraum hinter uns
gelassen haben, der durch Entspannung charakterisiert war - oder durch
ein Nachlassen der Spannungen zwischen Ost und West - und in einen Zeitraum eintreten, in dem es mehr Frost und mehr Wettstreit bei den OstWest-Beziehungen geben wird - zugleich ein Zeitraum, der unsicherer und
schwieriger zu behandeln sein wird.
Denken Sie an folgendes:
-

Die gewaltige Zunahme der sowjetischen Militärmacht über rein
defensive Erfordernisse hinaus, wie wir sie erkennen können;

-

ihre bewiesene Bereitschaft, diese Macht jenseits der sowjetischen
Grenzen in Afghanistan einzusetzen, die anhaltende Besetzung
dieses bislang blockfreien Landes und die Unterstützung eines
unrechtmäßigen Regimes in Kabul;

-

die jüngste Krise unter der Arbeiterschaft in Polen, die ungewisse
Zukunft dort, die unkalkulierbare Auswirkung, die deren Lösung
auf das übrige Osteuropa haben kann, sowie ihr Einfluß auf die
Beziehungen zwischen der Sowjetunion und ihren Nachbarn;

-

die anhaltenden Wirtschaftsprobleme im Westen:
sowie die Kostenschraube beim Importöl.

Inflation, Rezession

Alle diese Ereignisse und Probleme sind Grund genug, zu überlegen,
wie wir auf das reagieren sollen, was auf uns zukommt.
Innerhalb

�Innerhalb des NATO-Bündnisses haben diese und andere Entwicklungen
eine beispiellose Serie von Konsultationen sowohl auf multilateraler als
auch auf bilateraler Ebene in Gang gebracht.

Darin aber liegt die elementare

Stärke des Nordatlantischen Bündnisses - in der Gelegenheit, die sie für
den freimütigen Austausch der Ansichten über die gesamte Bandbreite derjenigen
Probleme bietet, welche die Sicherheit aller Verbündeten berühren.

Dies

hat im wesentlichen zu einer gemeinsamen Beurteilung der Probleme geführt,
vor denen wir stehen.

Es herrscht auch weiterhin die klare Erkenntnis,

daß es notwendig ist, zusammenzustehen, um all die wesentlichen politischen
Zielsetzungen zu verwirklichen, in denen wir übereinstimmen.

Daher haben

sich die Verbündeten verpflichtet, eine rationale und ausgewogene Arbeitsteilung auszuarbeiten und durchzuführen, die die besonderen Möglichkeiten
jedes Verbündeten respektiert.
Während wir an der Verwirklichung dieser Ziele arbeiten, müssen wir
an die demokratische Vielfalt denken, die dieses Bündnis kennzeichnet und
die oft unterschiedliche Standpunkte zur Folge hat, die bei entscheidenden
Fragen ins Spiel kommen. Man kann die Realitäten des europäischen Lebens,
der europäischen Politik und Wirtschaft nicht umgehen.

Die Nähe der

Sowjetunion, einer kontinentalen Supermacht, zu unseren europäischen
Verbündeten, die größere Rolle marxistischer Sozialtheorie in der Geistesgeschichte der meisten dieser Länder und das Vorhandensein kommunistischer
Parteien in vielen europäischen Staaten, die noch immer frische Erinnerung
an zwei Weltkriege, die auf europäischem Boden ausgetragen wurden - alle diese
Faktoren wirken zusammen und schaffen einen starken Glauben an die Notwendigkeit der Aufrechterhaltung eines Dialogs mit der Sowjetunion und
einen starken Drang nach Rüstungskontrolle und Abrüstung.

Vermehrte

Wirtschafts- und Handelsbeziehungen mit den Staaten des Ostens, einschließlich
einer wachsenden Rolle der sowjetischen Energieversorgung in den letzten
Jahren sind Faktoren von unbestreitbarer Bedeutung für Westeuropa, die
es abzuwägen gilt, wenn Maßnahmen überlegt werden, um sich einer, sogar
von allen erkannten, sowjetischen Bedrohung zu stellen.

- 3 -

Letztlich aber •

�aber ••• und weit wichtiger - legen die Europäer,im Bewußtsein der sowjetischen
Militärmacht an ihrer östlichen Grenze, die Hauptbetonung darauf, militärisch
gerüstet zu sein, um potentiellen direkten Vorstößen der sowjetischen Streitmacht zu begegnen.
Wenn sie Überlegungen zu der notwendigen Arbeitsteilung anstellen,
so ist es für sie nur natürlich, daß sie von der globalen Supermacht
Amerika erwarten, daß diese die Hauptrolle beim Schutz der lebenswichtigen
Interessen des Westens etwa in Bereichen wie Südwestasien tragen,

über-

flüssig zu sagen, daß es nie eine leichte Aufgabe war, keine ist und nie
eine sein wird, konkrete Schritte zur Abwendung dieser Bedrohungen auszuarbeiten und gleichzeitig die Bedürfnisse von fünfzehn verbündeten
Demokratien zu befriedigen.

Dies erfordert amerikanische Führung - aber

zugleich geduldige, wirksame Konsultation und ebensolchen Dialog.
Stellt man diese verschiedenen Perspektiven in Rechnung, so haben
die Verbündeten bei einer Reihe von Reaktionen im Verteidigungsbereich
auf die sowjetische Herausforderung in Afghanistan und auf den umfangreichen
Ausbau der Streitkräfte des Warschauer Paktes große Übereinstimmung erzielt:
-

sie haben in den meisten Fällen die schwierige wirtschaftliche
und politische Entscheidung eines jährlichen Real Zuwachses der
Verteidigungsausgaben in Höhe von 3 Prozent getroffen;

-

sie haben sich auf das Langfristige Verteidigungsprogramm und den
ständigen Fortschritt bei der Zusammenarbeit, Rationalisierung,
Standardisierung der Ausrüstung sowie der Interoperabilität
der Ausrüstung des Bündnisses geeinigt;

-

sie einigten sich letzten Dezember auf ein Programm der Modernisierung
der TNF-Waffen großer Reichweite, verbunden mit Rüstungskontroll-

- 4 -

�R'üstungskontroll verhandl ungen;
-

sie arbeiten mit den Vereinigten Staaten auf mehreren Sektoren zusammen, um die westliche Sicherheit am Persischen Golf und im
Bereich Südwestasiens zu erhöhen; und

-

sie sind übereingekommen, die Modernisierung der konventionellen
Streitkräfte der NATO in Europa zu beschleunigen und die Schwächung
besser auszugleichen, die durch die Redislozierung amerikanischer
Streitkräfte in andere Bereiche hervorgerufen wurde.

Während wir beabsichtigen, das militärische Gleichgewicht wiederherzustellen, bringen wir und unsere Verbündeten gleichzeitig auch weiterhin
unsere Bereitschaft zum Ausdruck, mit den Sowjets Verhandlungen über
Rüstungsbegrenzung zu führen, dienen solche Verhandlungen doch den höchsten
Sicherheitsinteressen des Bündnisses und tragen sie zu Weltfrieden und
Stabiltät bei. Afghanistan hat die Rüstungskontrolle erschwert; es hat
die Ratifizierung von SALT II verzögert.

Wir haben unseren Verbündeten

klargemacht, daß wir auch weiterhin seiner Ratifizierung sowie der Aufrechterhai tung des Verhandlungsprozesses zur Rüstungskontrolle verpflichtet
sind.

Durch die Richtung unserer Reaktion auf die sowjetische Militär-

intervention haben wir Freund und Feind gleichermaßen verdeutlicht, daß der
Zweck einer standhaften, maßvollen westlichen Antwort darin bestand, die
Chancen auf eine schließliche Rückkehr zu korrekten Beziehungen zu wahren,
wenn die Sowjetunion ihre Bereitschaft demonstriert, mit Zurückhaltung
zu handeln.

Dies wird von uns allen Geduld erfordern.

Wir erkennen, daß die Struktur der Ost-West-Beziehungen, die unter
vielen Schwierigkeiten über die letzten Jahrzehnte hinweg aufgebaut wurde,
langsam aber sicher dazu geführt hat, den Menschen in Europa im täglichen
Leben Vorteile zu bringen. Wir sind der Wahrung dieser Struktur verpflichtet.
So befindet sich gegenwärtig die von Botschafter Max Kampelman geleitete

- 5 -

�geleitete amerikanische Delegation in Madrid und nimmt an einer Konferenz
teil, die das Folgetreffen der Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit
in Europa (KSZE) vorbereitet, das in Madrid stattfinden wird. Auf dieser
bedeutenden Konferenz im November sind wir gleichfalls bereit, unseren
Teil beizutragen, um auf ein konstruktives Ergebnis hinzuarbeiten - ein
Ergebnis, das Maßnahmen hervorbringen soll in der Absicht, die Verwirklichung
der Schlußakte von Helsinki zu verbessern und dadurch die reale Sicherheit
und Zusammenarbeit in Europa zu erhöhen. Unserer Ansicht nach kann dies
auf dem Treffen von Madrid nur durch Aufrechterhaltung eines angemessenen
Gleichgewichts zwischen der Behandlung der Menschenrechtsfrage und der
Sicherheitsthemen erzielt werden.
Schlußfolgerung: Durch diese und andere Anstrengungen überbringen
wir den Sowjets eine Botschaft, daß nämlich das Bündnis geeint bleibt
angesichts der durch die Schritte in Afghanistan und an anderen Orten
geschaffenen Bedrohung, während es gleichzeitig jene Struktur der Ost-WestBeziehungen aufrechterhält, die unserer Meinung nach von Nutzen ist, um
eine Rückkehr zu besseren Beziehungen zu erleichtern. Eine solche Rückkehr
ist für uns alle von lebenswichtiger Bedeutung.

+ + + + +

�IS

(TO

I 3
41

CO

Dokumentation
International Communication Agency
Embassy of the United States of America

17. September 1980

DIE VEREINIGTEN STAATEN UND DIE ARABISCHE HALBINSEL
- Unterstaatssekretär Saunders nimmt vor Repräsentantenhaus Stellung

WASHINGTON - (AD) - Am 3. September 1980 legte Harold H. Sanders, der
Unterstaatssekretär für Nahost und Südasien im amerikanischen Außenministerium,
in einer Erklärung vor dem Unterausschuß für Europa und den Mittleren Osten
des Repräsentantenhauses das Verhältnis zwischen den Vereinigten Staaten und
den Staaten der Arabischen Halbinsel dar.
Dabei war seine Absicht, dem Unterausschuß die amerikanischen Interessen
in diesem Gebiet zu verdeutlichen, wie sie sich im Lauf der letzten Jahre
herausgebildet haben. Der Bericht analysiert die Bewegkräfte, die im Bereich
des Persischen Golfs am Werke sind, stellt die Entwicklungen in diesem
Gebiet im Verlauf der letzten zehn Jahre dar, geht auf die kommenden Herausforderungen ein und erläutert die amerikanische Politik gegenüber den
Ländern des Persischen Golfs. Die schriftliche Erklärung von Saunders
hat folgenden Wortlaut:

Postfach 20 03 00
D5300 Bonn 2

Tel: 0228-89 32 40
Telex: 08-85432

�Das amerikanische Verhältnis zu den Staaten der Arabischen Halbinsel am
Persischen Golf
In den beiden vergangenen Jahren wurde ich jeweils zu dieser Zeit
von diesem Unterausschuß darum ersucht, einen überblick über die Entwicklungen
im Mittleren Osten und in Südwestasien vorzulegen.

Auch wenn das heutige

"Hearing" nicht eigens für eine solche Darlegung vorgesehen ist, so ist
es doch angebracht, in diesem Zusammenhang mit dem Unterausschuß über
das Verhältnis zu diskutieren, wie es sich zwischen den Vereinigten Staaten
und den Staaten der Arabischen Halbinsel am Persischen Golf - Saudi-Arabien,
Kuwait, Bahrein, Katar, die Vereinigten Arabischen Emirate und Oman entwickelt hat.

Die Entwicklungen in der umliegenden Region und die Be-

deutung des Golfs selbst rechtfertigen es, daß wir diese Region zunzentralen
Teil einer bedeutsamen politischen Überprüfung gemacht haben.
Ziel und Zweck dieser Erklärung ist es:
-

Darzulegen wie sich unsere Interessen an diesen Staaten in den
letzten Jahren verstärkt haben;

-

unsere Vorstellung von der Dynamik dieses Gebietes aufzuzeigen,
wie es sich im vergangenen Jahrzehnt entwickelt hat und welche
Aufgaben vor uns liegen; und

-

zu erörtern, wie die von uns in bezug auf dieses Gebiet verfolgte
Politik unseren sich erweiternden Interessen und den sich verändernden Verhältnissen dort entspricht.

•

•

.

Die Interessen der Vereinigten Staaten in dieser Region
Unsere Interessen an diesem Gebiet bestehen seit langem, sie sind

- 2 -

�sind bedeutend und miteinander verbunden.
-

Sie stellen in Rechnung:

die strategische Lage des Gebietes und seine Bedeutung für die
Aufrechterhaltung eines globalen strategischen Gleichgewichts;

-

die Bedeutung, die wir der Souveränität und Unabhängigkeit dieser
Länder als ein Faktor für eine stabilere Welt beimessen;

-

den für die Welt lebenswichtigen Bedarf an öl aus diesem Gebiet

und

-

die Bedeutung dieser Staaten für die internationalen Geldmärkte und
für die Entwicklung sowie als Märkte für unsere Waren und unsere
Technologie.

Im vergangenen Jahrzehnt haben sich unsere Interessen an dieser Region
ihrem Wesen nach wenig verändert, sie haben jedoch an Bedeutung gewonnen:
-

Wir sprachen damals von dem lebenswichtigen Fluß des GolfÖls zu
unseren NATO-Verbündeten und unseren Freunden östlich von Suez.
Jetzt sind wir selbst in höchstem Maße abhängig vom Golföl.

-

In dem Maße wie die Länder am Golf reich geworden sind, haben sie
eine bedeutendere Rolle sowohl in regionalen Angelegenheiten
wie auch in der Weltpolitik übernommen.

-

Unser Handel mit diesem Gebiet hat sich ungeheuer erweitert, das
gleiche gilt für die Präsenz von Amerikanern in diesen Ländern.

-

Unsere kulturellen Beziehungen haben sich wesentlich verstärkt,
dazu gehört auch die Ausbildung einer großen Zahl von Studenten
aus diesen Ländern an amerikanischen Universitäten.
- Ereignisse

- 3 -

�-

Ereignisse in den umliegenden Ländern haben die Besorgnis über
einen sowjetischen Druck auf diese äußerst empfindliche Region
verstärkt.

Im vergangenen Jahrzehnt haben sich unsere Beziehungen zu den sechs
Golfstaaten 1n solider Weise auf einer Basis entwickelt, zu der gehört:
- die strategische Bedeutung dieses Gebietes flir die westliche
Welt und die Bedeutung, die die Golfstaaten unserer Fähigkeit
beimessen, ein globales strategisches Gleichgewicht aufrechtzuerhalten, durch das jede Intervention von außen 1n dieses Gebiet
entmutigt wird;
- die Priorität, die diese Staaten einer gerechten und dauerhaften
Lösung des arabisch-israelischen Konflikts beimessen, und ihre
Erkenntnis, daß unter den ausländischen Mächten die Vereinigten
Staaten in einzigartiger Weise in der Lage sind, eine wirksame
Rolle bei der Bemühung um das Zustandekommen eines umfassenden
Friedens in Nahost zu spielen;
- die allgemeine Anerkennung der gemeinsamen Verantwortung der
großen ölförderlander und der ölverbraucher zur Aufrechterhaltung
geordneter Märkte, die für das internationale wirtschaftliche
Wohlergehen Voraussetzung sind;
- ein sich erweiterndes gemeinsames Interesse an wirtschaftlicher
Zusammenarbeit, wozu gehört: Wachstum des Handels, TechnologieTransfer für eine gesunde wirtschaftliche Entwicklung der Golfstaaten; Aufrechterhaltung der internationalen finanziellen
Ordnung; Erleichterung der Entwicklung der ärmeren Staaten und
- der

- 4 -

�-

der Wunsch dieser Staaten nach amerikanischer Hilfe bei der
Entwicklung einer angemessenen Verteidigungskapazität

-

sowie

unsere Bereitschaft, sich unseren Verbündeten bei der Erfüllung
dieser Erfordernisse anzuschließen.

Ein Jahrzehnt des Fortschritts
Vor acht Jahren legte das Außenministerium vor diesem Unterausschuß
die amerikanische Politik hinsichtlich des Persischen Golfs dar, nachdem
es lang und intensiv die amerikanische Politik gegenüber dieser Region
angesichts der zu Ende gehenden vertraglichen Schutzverpflichtungen
Großbritanniens überprüft hatte, die es in der Vergangenheit mit den kleineren
Staaten auf der arabischen Seite des Golfs eingegangen war. Dann richteten wir
den Blick nach vorn, um formelle Beziehungen mit drei Staaten zu entwickeln,
die ihre volle Unabhängigkeit gewonnen hatten, während wir unsere historische
Beziehung zu Oman aufrechterhielten und weiter auf unseren seit langem
bestehenden Beziehungen zu Saudi-Arabien und Kuwait aufbauten.
Die internationale Gemeinschaft blickte jedoch mit verständlicher
Sorge auf den britischen Rückzug aus dem Golfgebiet, denn
-

revolutionäre Ideologien hatten schon des längeren die herrschende
Ordnung am Golf angegriffen;

-

territoriale Streitfragen erschwerten noch die Suche nach regionaler
Zusammenarbeit;

-

ein von kommunistischer Seite unterstützter Aufstand in der
Dhofar-Provinz von Oman bewies die destabilisierende Wirkung
äußerer Intervention;
- 5 -

die

�-

die Welt fragte sich, ob so kleine und dünnbesiedelte Staaten
überhaupt die Institutionen und den National Charakter entwickeln
konnten, die erforderlich sind, um in einer unruhigen Welt allein
bestehen zu können.

Es zeigte sich, daß die kleineren GolfStaaten bei ihrer Entwicklung
zum Staatsaufbau von einem relativ ruhigen Umfeld gefördert wurden.

Ihr

großer Nachbar, Saudi-Arabien, befand sich und befindet sich weiterhin 1n
einer Periode gewaltigen nationalen Fortschritts.

Das Konzept einer engen

Zusammenarbeit zwischen den Staaten der arabischen Halbinsel entlang des
Persischen Golfs entwickelte sich ständig.

Das harmonische Verhältnis,

das die beiden größten Länder des Mittleren Ostens, der Iran und Ägypten,
zueinander sowie zu Saudi-Arabien und den anderen Golfstaaten entwickelten,
brachte eine für geordnete Entwicklung günstige Atmosphäre.
Im Rahmen dieses Umfeldes war der Fortschritt auf der arabischen
Seite des Golfs eindrucksvoll:
-

Die sieben sogenannten "Waffenstillstands-Staaten" taten sich
zusammen und formten die Vereinigten Arabischen Emirate.

Bahrein

und Katar gestalteten gemeinsam ihre nationale Identität.

Alle

kleineren GolfStaaten entwickelten eine Grundlage der Zusammenarbeit auf einer ganzen Bandbreite wirtschaftlicher, politischer
und sicherheitspolitischer Fragen sowohl untereinander als auch
mit Kuwait und Saudi-Arabien.
-

Viele der problematischen Grenzstreitigkeiten am Golf wurden
beigelegt.

-

Der Aufstand in der Dhofar-Provinz von Oman, der durch das
radikale Regime in Südjemen unterstützt wurde, fiel angesichts
des überzeugten Widerstands und des Fortschritts zur nationalen

- 6 -

�nationalen Einheit in Oman in sich zusammen.

Dabei erhielt Oman

beträchtliche Unterstützung durch seine Nachbarn.
-

Saudi-Arabien und seine Nachbarn am Golf erzielten Fortschritte
bei der Entwicklung öffentlicher Verwaltungseinrichtungen und
paßten die traditionellen Gesellschaftsstrukturen an die Erfordernisse
moderner Regierung an. In den Vereinigten Arabischen Emiraten
hat sich die Bundesversammlung zu einem konstruktiven Ausdruck
öffentlicher Meinung entwickelt. Kuwait und Bahrein haben Versuche
mit vom Volk gewählten Nationalversammlungen angestellt und haben
im Verlauf dieses Prozesses wertvolle Erfahrungen dabei gesammelt,
wie man die öffentliche Meinung konstruktiv in die Ausformulierung
nationaler Politik mit einbezieht. Kuwaits Herrscher hat soeben
ein Dekret erlassen, das den Wiederzusammentritt einer gewählten
Nationalversammlung noch vor Ende Februar fordert. Saudi-Arabien
hat die baldige Errichtung eines Konsultativrats angekündigt.

Ausnahmslos haben diese sechs Regierungen bedeutsame Schritte unternommen, um die Vorteile des ölreichtums zu nützen und das Leben ihrer
Völker zu verbessern, indem sie die elementaren menschlichen Ansprüche
befriedigen und gleichzeitig das menschliche Potential entwickeln und
die materiellen Merkmale moderner Gesellschaften ausbauen.

Das äußere Umfeld
Derzeit und künftig muß diese eindrucksvolle Liste des Fortschritts
in diesen sechs GolfStaaten jedoch abgewogen werden gegen Ereignisse in
den umliegenden Ländern, die gewaltige Auswirkungen auf diese Staaten
haben.
Dazu gehören:
- die

�- die Revolution und der Niedergang der zentralen Gewalt im Iran,
die das strategische Umfeld der anderen GolfStaaten grundlegend
verändert haben;
- die sowjetische Invasion des blockfreien Afghanistan, die die
Sicherheit ganz SUdwestasiens bedroht;
-

eine regionale Atmosphäre, In der die sowjetische, kubanische und
ostdeutsche Präsenz am Hörn von Afrika und 1m SUdjemen alte
Sorgen Über sowjetischen Druck mittels Unterstützung radikaler
Kräfte verstärkt; und

- eine Atmosphäre deutlicher Instabilität, die Innerhalb der weiteren
Region herrscht.
Die Zurückweisung langgeschätzter Traditionen zivilen Verhaltens
wird immer deutlicher. Typische Beispiele dafür sind:
- die Verletzung des Völkerrechts und der Maßstäbe zivilisierten
Verhaltens unter Staaten durch das weitere Festhalten von Diplomaten
als Geiseln im Iran;
-

die beispiellose Terrorkampagne der libyschen Führung gegenüber
Landsleuten im Ausland;

- die Gewalt im Libanon und die Schwierigkeiten beim Wiederaufbau
einer zivilen Ordnung;
-

das Erbe der Unterstützung des Irak für radikale Terrorismusgruppen;

-

die Komplexität der Suche des Irak nach nationaler Existenz,
nach seinem zukünftigen Verhältnis mit den Nachbarn am Golf sowie

�sowie seine internationale Rolle als reiches Mitglied einer Welt,
die wirtschaftlich unter Druck steht - all das hat deutlich
Auswirkungen auf die Region zur Folge;
der historische Prozeß der Friedensschließung zwischen Ägypten
und Israel, der in seiner derzeitigen Ausgestaltung Spannungen
zwischen Ägypten und anderen arabischen Staaten hervorgerufen
hat; die momentane Isolierung Ägyptens von der arabischen Welt
hat Ägypten daran gehindert, seine Rolle als stabilisierende
Kraft in anderen Teilen des Nahen und Mittleren Ostens zu spielen.
Gleichzeitig nährt unsere Verpflichtung, uns mit allen Aspekten
des Palä'stinenserproblems auseinanderzusetzen - während wir Israels
Sicherheit schützen -, Hoffnungen auf die Ruhe, die ein Friede
dem ganzen Gebiet bringen kann. Aber diese Suche ist eine Herausforderung für die Führer im Golfgebiet und auch in anderen Bereichen
des Nahen und Mittleren Ostens zur Anhebung des Niveaus an Visionen
und an Mut, die erforderlich sind, um auf dem Weg zu einem dauerhaften Frieden vorwärts zu kommen.

Der Golf heute und in Zukunft:

Bedenken, Möglichkeiten und wie wir reagieren

können.
Die Golfstaaten betrachten sich und die Welt betrachtet die Golfstaaten
mit einer bemerkenswerten Mischung aus Angst und Hoffnung.

Spannungen in

angrenzenden Gebieten haben die Sorge um die Sicherheit des Golfs vermehrt,
während der Fortschritt selbst internen Druck in der Region hervorgerufen
hat.

Die ungeheuren Rohstoffe der Region und die von ihren Führern zur

Schau gestellte Bereitschaft, sich den neuen Herausforderungen im Innern und
im Ausland zu stellen, lassen vermuten, daß diese Staaten die Fähigkeit
besitzen, ihr eignes Haus in Ordnung zu halten und gleichzeitig eine immer

�immer konstruktivere und wichtigere Rolle bei regionalen und weltweiten
Angelegenheiten zu spielen.
Wir selbst können unsere Interessen in der Region in Einklang mit den
Wünschen und Sorgen der Menschen dort verfolgen. Zu diesem Zweck müssen
wir uns ständig daran erinnern, wie unsere verschiedenen Interessen und
ihre verschiedenen Bedürfnisse sich zueinander verhalten. Es besteht zum
Beispiel eine offenkundige Beziehung zwischen der Sicherheit der Region
und ihrer Verläßlichkeit als öl versorger. Der Umfang unserer wirtschaftlichen
Beziehungen wird Einfluß auf Tempo und Qualität der Entwicklung der Golfstaaten nehmen - und dies wiederum wird die Aussicht auf Stabilität beeinflussen. Unsere Fähigkeit zur Unterstützung der Sicherheit der Region
wird sowohl durch Faktoren der Internationalen Wirtschaft als auch der
regionalen Politik beeinflußt, und die regionale Sicherheit ihrerseits
wiederum wird die Aussicht auf geordnete Entwicklung und Stabilität
erhöhen. Die Fortschritte, die wir in Richtung auf einen umfassenden
Nahostfrieden machen können, werden nicht nur die Qualität unserer Beziehung
zu diesen Staaten sta***' beeinflussen, sondern werden auch eine tiefe Wirkung
auf ihre Hoffnungen nach geordnetem Fortschritt haben.

Sicherheit und geregelter Fortschritt
Aufgrund unseres starken Interesses an der Sicherheit der Region
und der Wachsamkeit der GolfStaaten gegenüber externem und internem Druck
auf ihre Stabilität könnten wir mögliche Bedrohungen der Region als ein
Rahmenwerk für die Diskussion eines Teil der politischen Reaktion der
Vereinigten Staaten definieren und klarstellen, daß unsere Haltung
Verteidigungscharakter hat und genau auf die Empfindlichkeit und die
Souveränität der Staaten in diesem Gebiet abgestimmt ist.

- 10 -

�Direkte sowjetische Aggression
Angesichts der historischen russischen Zielsetzungen und des Expansionismus
in Richtung auf Zentralasien haben die Golfstaaten guten Grund, hinsichtlich
der Möglichkeit einer direkten sowjetischen Militärintervention besorgt zu
sein. Die sowjetische Invasion Afghanistans verleiht dieser alten Sorge
eine neue, konkrete Qualität. Die Umwälzungen im revolutionären Iran
lassen auf eine weitere, unmittelbare Möglichkeit für die Sowjets schließen,
einen direkten Zugang zum Persischen Golf und sein öl sowie einen zusätzlichen
Hebel zu erhalten, mit dessen Hilfe die innere Stabilität der Golfregion
untergraben werden kann. Die dünnbesiedelten Golfstaaten erkennen, daß
sie keine Möglichkeit zum Aufbau einer militärischen Kapazität haben, um
diesen Bedrohungen zu begegnen. Sie richten ihre Blicke auf uns, um
jenen Einhalt zu gebieten - allerdings ziehen sie es vor, daß wir dies mit
Hilfe von Schritten außerhalb der Region sowie auf eine Weise tun, die
sie selbst nur so wenig wie möglich mit einbezieht. Sie hegen die tiefe
Furcht, daß das Gebiet die Arena für eine Konfrontation zwischen den
Supermächten werden könnte.

Unsere Antwort auf die sowjetische Bedrohung muß daher eine Vielfalt
von militärischen, wirtschaftlichen und politischen Schritten beinhalten
sowie die enge Zusammenarbeit mit unseren Verbündeten, unseren Freunden am
Golf sowie den Schlüsselstaaten im weiteren Umfeld der Region.
-

Wir und unsere Verbündeten haben wirtschaftliche und politische
Maßnahmen ergriffen, um den Sowjets klarzumachen, daß ihre Kosten
für die Intervention in Afghanistan Teil dieser unserer Reaktion
sind. Die Golfstaaten haben im Rahmen des Islam die internationalen
Anstrengungen angeführt, um einen sowjetischen Abzug aus Afghanistan
zu erreichen.
- Andere

- 11 -

�-

Andere Industriestaaten haben sich uns in den verstärkten Anstrengungen angeschlossen, zwei der wichtigsten angrenzenden
Staaten, nämlich die Türkei und Pakistan, zu unterstützen, die
sich größte Sorgen um die sowjetischen Absichten in der Region
machen.

-

Wir sind zudem bestrebt, den Staaten der Region eine verbesserte
eigene Verteidigungskapazität zu ermöglichen.

-

Wir haben große Opfer gebracht, um knappe Mittel in eine verstärkte,
weltweite Militärkapazität zu lenken und um auch weiterhin mit
unseren Verbündeten bei der gemeinsamen Aufgabe zusammenzuarbeiten,
ein militärisches Gleichgewicht aufrechtzuerhalten, das die Sowjets
vor einer Intervention am Golf oder an anderen Stellen abschreckt.

-

Wir und unsere NATO-Verbündeten fahren mit den Maßnahmen in Europa
fort, um die westliche Stärke gegenüber den Sowjets zu erhöhen
während wir gleichzeitig Mittel und militärische Kapazitäten in
das Gebiet des Persischen Golfs lenken, um auch dort eine Abschreckungskapazität aufzubauen.

-

Wegen seiner strategischen Lage und seiner entscheidenden Rohstoffe
ist der Golf unvermeidbar ein Faktor im weltweiten Gleichgewicht.
Unsere Fähigkeit zur Aufrechterhaltung dieses Gleichgewichts
erfordert die Möglichkeit, wirkungsvoll Macht in dieser Region
darzustellen mit dem Zweck, uns Aggressoren entgegenzustellen und
die Integrität der dortigen Staaten zu gewährleisten.

-

Wir sind zu einer Sicherung des Golfs vor äußerer Einmischung
entschlossen. In seiner Botschaft über die Lage der Nation
machte dies der Präsident klar, als er sagte: "Ein Versuch durch
eine Macht von außen, die Kontrolle über die Region des Persischen

- 12 -

�Persischen Golfes zu erlangen, wird als ein Angriff auf die
lebenswichtigen Interessen der Vereingten Staaten betrachtet
werden.

Und solch ein Angriff wird durch den Einsatz aller

notwendigen Mittel, einschließlich militärischer Macht, zurückgewiesen werden."
-

Die Logistik zur Aufrechterhaltung dieser Abschreckungskapazität
erfordert die Zusammenarbeit mit den befreundeten Staaten in der
Region,

über dreißig Jahre lang haben wir am Golf Militärpräsenz

aufrechterhalten und unsere dislozierten Streitkräfte hatten
Zugang zu den logistischen Versorgungseinrichtungen.

Unsere

weitere Fähigkeit, zur Sicherheit der Region beizutragen, hängt
in hohem Maß von solchem Zugang ab.
Um diese Politik in der Region zu verwirklichen, haben wir mehrere
Initiativen ergriffen:
-

Als Reaktion auf die destabilisierende Lage und den sowjetischen
Druck in der Region allgemein haben wir unsere Flottenpräsenz im
Indischen Ozean deutlich ausgeweitet.

-

Außerdem verbessern wir unsere Möglichkeiten zum Einsatz von
Streitkräften in diesem Gebiet, indem wir die Schnellen Eingreiftruppen (RDF-Rapid Deployment Forces) organisieren und unsere
Luft- und Seetransportkapazitäten verbessern, um die RDF rascher
zu verlegen.

-

Zusätzlich haben wir begrenzten Zugang zu Luft- und Seestützpunkten in dem Gebiet erstrebt und tun dies auch jetzt noch - wie
etwa in Oman, in Kenia und in Somalia.

Auch verbessern wir Anlagen

in diesem Gebiet - wie etwa Diego Garcia.
- Diese

- 13 -

�- Diese Anlagen dienen zur Unterstützung unserer Präsenz in Friedenszeiten, zu gelegentlichen Übungen und Dislozierungen sowie dazu,
es uns zu ermöglichen, umfangreichere Streitkräfte im Bedarfsfall
in das Gebiet zu verlegen.
- Wir wollen keine Stutzpunkte. Unsere kooperativen Vereinbarungen
respektieren völlig die Souveränität der zusammenarbeitenden
Staaten und Ihrer Nachbarn. Eine solche Zusammenarbeit reflektiert
den Realismus und das strategische Verständnis der Regierungen,
die entschlossen sind, Ihre eigene Unabhängigkeit zu bewahren
und ein sicheres regionales Umfeld zu fördern.

Aggression mit sowjetischer Unterstützung
Im Laufe der Jahre verbreitete sich unter den Regierungen der Golfstaaten Sorge über die militärische Unterstützung und den politischen
Einfluß der Sowjetunion 1n radikalen Nachbarstaaten, die eine aggressive
Politik verfolgen. In den vergangenen zehn Jahren hat das marxistische
Regime im Südjemen, das von den Sowjets stark unterstützt und schwer
bewaffnet wird, Grenzgefechte mit Saudi-Arabien ausgetragen, den Aufstand
in der Dhofar-Provinz von Oman unterstützt und ist im vorigen Jahr in den
NordJemen eingedrungen. Die sowjetische Position in Äthiopien erhöht
im Zusammenhang mit der bedeutenden Rolle der Sowjets im Südjemen die
Verwundbarkeit des Zugangs über Bab-el-Mandeb und das Rote Meer und hat
die Bedenken der GolfStaaten noch vermehrt. Kubaner und Ostdeutsche bieten
den sowjetischen Bemühungen in diesem Gebiet aktive Unterstützung.
Alle sechs Staaten der Arabischen Halbinsel, die am Persischen Golf
liegen, erstreben harmonische Beziehungen zu allen ihren Nachbarn, Es
ist ihre grundlegende Politik gewesen, zwischen den arabischen und islamischen
Staaten einen Sinn für gemeinsame Zielsetzungen zu entwickeln, der keinen

- 14 -

�keinen Raum für sowjetische Intervention lä'3t.
Diese Politik unterstützt unser eigenes Bestreben, das dahin geht,
Frieden und Ruhe für die Völker am Golf zu bewahren.

Wir werden durch

Anzeichen ermutigt, daß der Irak größere Harmonie mit seinen arabischen
Nachbarn am Golf entwickelt.

Wir sind Zeuge des Auftretens einer neuen

Führung im Südjemen geworden, und wir werden mit Sorgfalt nach greifbaren
Hinweisen dafür Ausschau halten, daß er bald in Frieden, vielleicht sogar
in Zusammenarbeit mit seinen Nachbarn lebt.
Genauso wie an anderen Stellen im Mittleren Osten, so sind wir auch
hier bereit, mit anderen in dieser Region zusammenzuarbeiten, um Spannungen
zu vermindern, solange unsere Hilfe von Nutzen ist. Unsere Anstrengungen
zur politischen und militärischen Unterstützung sowie unsere Dislozierungen
in Reaktion auf den Krieg im Jemen im letzten Jahr waren ein Beweis für
diese Absicht.
Aber wenn Saudi-Arabien und seine Nachbarn am Golf vor einer von
den Sowjets unterstützten militärischen Bedrohung oder dem politischen
Druck, den eine solche Bedrohung hervorrufen kann, frei sein wollen,
brauchen sie eine moderne Verteidigungskapazität.

Unser Sicherheits-

beistand für diese Länder ist ein bedeutender Faktor für die Schaffung
dieser Kapazität und ein entscheidendes Element unserer Beziehungen zu
ihnen.

Unsere Militärpräsenz in Friedenszeiten in dieser Region ist ein

zusätzliches Element der Sicherheitsgarantie für das Gebiet.
In der Vergangenheit haben wir eine wichtige Rolle dabei gespielt,
Saudi-Arabien bei der Entwicklung einer modernen Verteidigungskapazität
behilflich zu sein.

Im Laufe der letzten zehn Jahre haben wir eine wesentliche

Rolle im Verteidigungsprogramm von Kuwait gespielt.

In den vergangener,

Jahren haben wir unsere Bereitschaft gezeigt, bei den Verteidigungserfordernissen der anderen Golfstaaten Unterstützung zu leisten.
Unsere
- 15 -

�Unsere Waffenpolitik gegenüber dieser Region steht in Einklang mit
unserer weltweiten
bereitzustellen.

Einstellung, militärische Ausrüstung und Ausbildung
Unsere Waffenverkäufe an alle sechs Staaten haben nicht

das Ziel, uns kurzfristige politische oder kommerzielle Vorteile zu
verschaffen, indem wir sie mit unpassender oder mit zu viel Ausrüstung
überhäufen, sondern haben das Ziel, ihnen bei der Erstellung einer angemessenen und wirkungsvollen nationalen Verteidigung zu helfen.

Bei dieser

Anstrengung erstreben wir keine Einzel rolle und begrüßen Beiträge unserer
industrialisierten Verbündeten und der Regierungen der Region, wie etwa
Jordaniens, die auf vielfältige Weise Beiträge leisten können.

Regionaler Konflikt
Die Atmosphäre, in der die Golfstaaten ihre Zukunft gestalten,
wird beeinflußt durch Rivalitäten, Spannungen und Gewalt im weiteren
Umfeld der Region - durch den arabisch-israelischen Konflikt, im Libanon,
in teilen Afrikas sowie, ganz in der Nähe der Region selbst, durch die
gegenwärtigen Spannungen zwischen dem Irak und dem Iran, und durch den
Druck, den der Südjemen auf seine Nachbarn ausübt.

Die Golfstaaten

erkennen deutlich die Notwendigkeit, diese Spannungen abzubauen.
eigene Politik bleibt auch weiterhin diesem Ziel verbunden.

Unsere

In manchen

Fällen können wir eine wesentliche Rolle spielen, wobei wir zeitweilig
mit den Golfstaaten zusammenarbeiten.

In anderen wiederum - wie etwa

bei den Spannungen zwischen dem Irak und dem Iran, übersteigt unsere
Sorge unsere Fähigkeit zur Beeinflussung der Ereignisse.

Wir begrüßen

jedmöglichen Einfluß, den die Golfstaaten ausüben können, um die Wurzeln
regionaler Spannungen zu beseitigen.

Von außen

- 16 -

�Von außen unterstützte Subversion und innere Bedrohungen
Kein Katalog möglicher Bedrohungen für die Golfstaaten würde ohne
die Erkenntnis vollständig sein, daß es weithin bekannte Besorgnisse
hinsichtlich der Bedrohungen von innen gibt. Daß Kräfte von außen sich
um eine Unterwanderung dieser Staaten bemühen, weiß die Öffentlichkeit.
Die Golfstaaten sehen sich aber auch einer Anzahl von Herausforderungen
gegenüber, die zum Teil gerade aus dem von ihnen erzielten Fortschritt
resultieren.
-

Der Modernisierungsprozeß als solcher bringt Veränderungen der
traditionellen Gesellschaftsformen mit sich.

-

Der große Strom ausländischer Arbeitskräfte, die für die Verwirklichung der nationalen Entwicklungsprogramme dieser Staaten
so notwendig sind, hat den Golfstaaten eine Arbeiterschaft
beschert, die sich aus mehr Ausländern denn aus "Einheimischen"
zusammensetzt. Dies hat ein langfristiges Problem von Ansprüchen
ausländischer Einwohner gegenüber der Gesellschaft zur Folge.

-

Die Führungsschicht in diesen Ländern hat hinsichtlich der
Verwendung des ölreichtums Klugheit und Anteilnahme an der menschlichen
Entwicklung gezeigt.

In den vor uns liegenden Jahren wird sie

sich jedoch wahrscheinlich einem anhaltenden inneren Druck
gegenübersehen, um den verschiedenen Teilen der Gesellschaft
einen fairen Anteil und eine bedeutungsvolle Rolle zu garantieren.
Gerade die Sicherung einer bedeutungsvollen Rolle für den ungewöhnlich großen Prozentsatz junger Menschen in diesen Gesellschaften,
von denen jeder Zugang zur Bildung hat, ist eine besonders große
Herausforderung.
-

Nachdem sie Fortschritte bei der Schaffung von Regierungsinstitutionen

- 17 -

�Regierungsinstitutionen gemacht haben, sehen sich diese Staaten
der großen Aufgabe gegenüber, einen feinfühligen Kontakt mit ihren
Völkern aufrechtzuerhalten und Einrichtungen zu entwickeln, die
die traditionelle soziale Harmonie in das moderne Zeitalter hinübertragen.
-

Seit der Revolution im Iran gab die Haltung der schiitischen
Minderheitsgruppen in vielen Gesellschaften der Golfstaaten Anlaß
zur Besorgnis.

In der Propaganda aus Teheran werden die ansässigen

Schiiten aufgefordert, gegen die monarchischen Regime in den Golfstaaten und gegen deren westliche Bindungen zu opponieren.

Die

GolfStaaten wollen annehmbare Beziehungen zu Teheran aufrechterhalten,. Sie wünschen eine Verminderung der Spannungen zwischen
den USA und dem Iran als Mittel zur Förderung der Ruhe in diesem
Gebiet.
Wir werden uns nicht in die inneren Angelegenheiten irgendeines
Landes einmischen. Wir haben jedoch - sowohl durch offizielle als auch durch
private Kanäle - eine wichtige Rolle in der wirtschaftlichen und sozialen
Entwicklung dieser Region gespielt, und wir sind bemüht, diesen Beitrag
fortzusetzen, wo immer dies gewünscht wird. Wir teilen die Ansicht dieser
Regierungen, daß ihre wirtschaftliche und soziale Entwicklung gesund sein
und in einem vernünftigen Tempo voranschreiten muß. Die Regierungen der
Golfstaaten sind sich darüber im klaren, daß wir ihre Anstrengungen zur
Schaffung politischer Institutionen begrüßen, die in wirksamer Weise dem
Wunsch ihrer Völker entsprechen, an der Gestaltung einer nationalen Politik
in einer Zeit des raschen wirtschaftlichen und sozialen Wandels teilzuhaben. Diese Regierungen verstehen, daß wir keine besondere Doktrin und
kein besonderes politisches System für sie befürworten, sondern daß wir
ihr Interesse an der Entwicklung lebensfähiger Regierungsinstitutionen
unterstützen, die zur Gewährung des Schutzes der grundlegenden Menschenrechte beitragen.

18

�Der Frieden in Nahost - Sorgen und Chancen
Das Palästinenserproblem liegt als eine schwere Last auf allen
Regierungen der Golfstaaten und auf unseren Beziehungen zu ihnen. Die
Regierungen der Staaten am Golf suchen nach einem umfassenden Frieden im
Nahen Osten auf der Basis der Resolution 242 des Sicherheitsrates der
Vereinten Nationen.

Sie alle versichern mit Nachdruck, daß es keinerlei

Friedensregelung geben könne, wenn die Rechte des palästinensischen Volkes
darin nicht verwirklicht würden, und Saudi-Arabien vor allem fühlt sich
in besonderem Maße für den künftigen Status von Jerusalem verantwortlich.
Die Regierungen dieser Staaten sind einhellig der Auffassung, daß die
Hauptgefahr für die Sicherheit des Nahen Ostens und auch für die Stabilität
der Golfregion darin liegt, daß es keinen Frieden im Nahen Osten gibt.
Sie sehen in den Spannungen und Entfremdungen, wie sie durch den dreißigjährigen Konflikt zwischen den Arabern und Israelis geschaffen wurden, die
Hauptursache für den sowjetischen Einfluß in diesem Gebiet, durch den es
zu Revolutionen und radikalen politischen Strömungen im Nahen Osten
kommt und der das Haupthindernis für die Entwicklung von festen Beziehungen
zu den Vereinigten Staaten bildet, deren Entwicklung ihre nationalen
Interessen sonst fordern würden.
In den vergangenen beiden Jahren haben die Golfstaaten mit Ausnahme
Omans die von uns gegenüber den Friedensverhandlungen eingenommene Haltung
abgelehnt.

Selbst Oman hat vor kurzem öffentlich erklärt, daß die weiteren

Verhandlungen über die Autonomie der Palästinenser "eingestellt" werden
sollten, wenn Israel sich weigert, seine Bemühungen um die Konsolidierung
seiner Kontrolle über den im Juni 1967 besetzten Ostteil Jerusalems
einzustellen.

Die Golfstaaten sind ganz allgemein skeptisch, daß die

gemäß den Übereinkommen von Camp David geführten Verhandlungen zu einem
umfassenden Frieden führen könnten. Wir beabsichtigen mit ihnen in
engem Kontakt zu bleiben. Alle diese Staaten verstehen den unbedingten

- 19 -

�unbedingten Einsatz der Vereinigten Staaten für eine entschlossene Fortsetzung des Friedensprozesses und unsere einzigartige Befähigung unter
den ausländischen Mächten, einen Einfluß auf die Ereignisse zu nehmen.
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Das arabisch-israelische Problem ist das eindringlichste Beispiel
für die innere Verflechtung von Sorge und Hoffnung in den GolfStaaten.
Aber wenn es uns gelingt, auf dem Weg des Friedens recht bald in Zusammenarbeit mit den GolfStaaten weiter voranzuschreiten, dann können wir dabei
aus einer Gefahr eine Chance werden lassen. Denn der Fortschritt zum
Frieden wird die Sicherheit und die innere Ruhe am Golf stärken.

Er wird

die Qualität unserer gesamten Beziehungen zu dem Gebiet verbessern.

Und

durch ihn können enorme Ressourcen am Golf freigesetzt werden, um die
internationalen Anstrengungen zur Verbesserung der Lebensbedingungen für
alle Menschen im Nahen Osten und in den Gebieten darüber hinaus zu fördern,
Als letzten Punkt möchte ich hervorheben, daß eine Lösung des arabischisraelischen Problems zwar vielleicht nicht zur Bereinigung aller Probleme
am Persischen Golf führen wird, daß sie aber als ein sichtbarer Fortschritt
in dem Bemühen um eine solche Lösung doch erheblich zur Verfolgung unserer
Golfpolitik in aktiver Harmonie mit den Staaten dieser Region beitragen
würde.

Die wirtschaftlichen Probleme
Unsere Politik und unsere Beziehungen sind ausgerichtet auf den
Gesamtkomplex dieser Ländern, die eine wichtige Rolle bei einigen der
drängendsten Wirtschaftsprobleme, denen sich die Weltgemeinschaft gegenübersieht, spielen und weiterhin spielen werden.

Energie

- 20 -

�Energie
Diese sechs Golfstaaten liefern zur Zeit fast die Hälfte des Öls, das
die freie Welt importiert,, Da ihre Aufnahmekapazität, zumindest kurzfristig, begrenzt ist im Verhältnis zu ihren gewaltigen ölreserven, verfügen sie in ihrer Produktionspolitik über eine beachtliche Flexibilität. Da
das öl fast ausschließlich der Grundquell für ihre Volkswirtschaften ist,
sehen sie sich im eigenen Lande einem immer stärker werdenden Druck
gegenüber, dieses kostbare nationale Erbe sparsam zu verwalten„ Gerade
diese Länder standen im allgemeinen auf der Seite der Gemäßigten bei
den Preisdebatten der OPEC, und sie zeigten sich geneigt, mehr zu produzieren
als sie für Ausgaben im eigenen Lande brauchten, um dem internationalen
Bedarf entsprechend einen Beitrag zu leisten.
Vor allem Saudi-Arabien, der bei weitem größte Produzent, ist durch
sein Verantwortungsbewußtsein hervorgetreten, das es der Weltwirtschaft
gegenüber sowohl in seiner Preis- wie Produktionspolitik gezeigt hat.
Es ist für die Vereinigten Staaten und die Welt ganz allgemein eine
Frage von entscheidender Bedeutung in diesem Jahrzehnt, wie eng oder weit
diese öl produzierenden Länder den Begriff ihrer wirtschaftlichen Interessen
bei ihren Überlegungen über Produktions- und Preisentscheidungen fassen.
Angesichts der angespannten Energieversorgungslage, die wir für dieses
Jahrzehnt erwarten, wird weiterhin die Notwendigkeit bestehen, Mittel und
Wege zu finden, um diese Förderländer zur Beibehaltung ihrer Produktion
zu ermutigen. Wir haben mit ihnen in den letzten Jahren in stetigem
Meinungsaustausch über die Energiefragen und ihre Auswirkungen auf die
Beziehungen zur Weltwirtschaft gestanden. Wir bemühen uns, diesen Dialog
zu vertiefen, um ein stärkeres Gefühl für die gemeinsame Verantwortung
der wichtigsten Erzeuger- und Verbraucherländer für einen geordneten
Übergang zu einer weniger auf öl als Energiequelle angewiesenen Welt zu
entwickeln. So wie sich dieser Dialog im Verlauf des vergangenen Jahres

- 21 -

�Jahres gestaltet hat, muß man hervorheben, daß die ölstaaten am Persischen
Golf die Anstrengungen sehr begrüßt haben, die wir unternehmen, um unsere
Abhängigkeit vom Importöl zu verringern und daß sie uns gedrängt haben,
in dieser Hinsicht noch erheblich mehr zu tun.

Internationale Finanzen
Die amtlichen Auslandsguthaben dieser Golfstaaten betragen heute
insgesamt über 140 Milliarden Dollar und wachsen so rasch, wie diese
Staaten mehr öl fördern als sie für die Deckung Ihrer laufenden Ausgaben
im eigenen Lande brauchen.
Die Golfstaaten haben bei der Investition ihrer überschüssigen
Guthaben verantwortungsbewußt gehandelt, aber so gewaltige Summen bringen
eine Reihe von Problemen für die internationale Wirtschaft mit sich:
- die Schwierigkeit der Aufrechterhaltung des Wachstums der Weltwirtschaft mit finanzieller Stabilität angesichts des massiven
Transfers von Ressourcen aus demokratischen Industrieländern
und der Entwicklungswelt in die öl erzeugenden Länder;
- die Notwendigkeit der Aufrechterhaltung ausreichender Chancen für
die Investitionen der GolfStaaten in den Vereinigten Staaten und
in anderen Ländern;
- die Notwendigkeit der Stabilität des internationalen Finanzsystems
und der Aufrechterhaltung des Vertrauens seitens der Investoren; und
- das Problem der Befriedigung der Ansprüche jener Entwicklungsländer, die in zunehmendem Maße überfordert sind, ihre ölrechnung
zu bezahlen.
Wir
- 22

�Wir konsultieren uns in einer Vielfalt von Gremien mit den wichtigsten
Golfländern über diese Probleme und andere finanzielle Fragen.

Sie sind

zu wichtigen und konstruktiven Mitgliedern der internationalen Hnanzgemeinschaft geworden.

Wir versuchen, sie zu stärkerer Beteiligung zu

ermutigen, einschließlich einer größeren Anerkennung der Notwendigkeit
für die reichen ölerzeuger, einen größeren Anteil an der Aufgabe zu übernehmen, den ärmeren Ländern dabei zu helfen, ihre großen Zahlungsbilanzdefizite durch Vorzugshilfe und direkte Kredite zu finanzieren.

Internationale Entwicklung
Saudi-Arabien, Kuwait, die Vereinigten Arabischen Emirate und Katar
haben gemeinsam über 20 Milliarden Dollar an Wirtschaftshilfe für Entwicklungsländer in der arabischen Welt und darüber hinaus zugesagt, einschließlich
von etwa 5 Milliarden Dollar zur Unterstützung einer Vielfalt regionaler,
OPEC-bezogener und internationaler Krediteinrichtungen.

Sie wenden rund

fünf Prozent ihres Bruttosozialprodukts für Anleihen für die wirtschaftliche
Entwicklung auf.

Wir versuchen, eng mit ihnen zusammenzuarbeiten in einer

gemeinsamen Anstrengung, Drittländern zu helfen.

Im kommenden Jahrzehnt

bietet sich ein weiter Bereich für eine noch engere Zusammenarbeit, in
einigen Fällen in der Kombination amerikanischer und anderer westlicher
Technologie mit der Finanzkraft der Golfstaaten im Verfolg konstruktiver
Entwicklungsprojekte in bedürftigen Ländern, einschließlich derer Unterstützung beim Ausbau von Energiequellen.

Handel
Die amerikanischen Exporte nach diesen sechs GolfStaaten übersteigen
heute 7 Milliarden Dollar pro Jahr und stellen die Hälfte unserer Lieferungen
nach dem Mittleren Osten dar.

Unsere Verkäufe an diese Länder schaffen

- 23 -

�schaffen Arbeitsplätze für etwa eine Viertelmillion Amerikaner.

Jedoch

wegen unserer Abhängigkeit vom Golföl und dem raschen Anstieg der öl preise
sind wir im vorigen Jahr in ein Handelsdefizit von 4 Milliarden Dollar mit
diesen Ländern geraten und rechnen damit, daß dieses Defizit in diesem Jahr
noch höher sein wird.
Amerikanische Exporteure halten derzeit über ein Sechstel des
Marktes in diesen Ländern und in Saudi-Arabien sogar ein Fünftel.

Aber

wir müssen weiterhin mit außerordentlich harter Konkurrenz seitens anderer
demokratischer Industriestaaten undaniger Entwicklungsländer rechnen, wenn
wir uns anstrengen, unsere Verkäufe zu halten und zu steigern»

Es gibt

eine Reihe wichtiger politischer Fragen unter der allgemeinen Überschrift
"Export-Abschreckungen", mit der sich die Administration und der Kongreß
weiterhin befassen müssen, wenn wir unser nationales Interesse an der
Ausweitung der kommerziellen Bindungen in dieser Region weiterverfolgen
wollen.

Technologie Transfer
Wir können Befriedigung aus der Rolle amerikanischer Privatleute
bei der Entwicklung der Ölindustrie der Golfregion ziehen, wurde dadurch
doch das Nötigste für die bemerkenswerte Verbesserung der Lebensbedingungen
der Menschen am Golf bereitgestellt. Amerikanische Technologie trägt auch
weiterhin auf einer großen Bandbreite von Aktivitäten zur Entwicklung bei.
Derzeit arbeiten rund 30 000 amerikanische Privatpersonen in Saudi-Arabien
und den anderen GolfStaaten und tragen dadurch zur geordneten Entwicklung
dieser Gesellschaften bei. Es liegt in unserem Interesse und steht in
Einklang mit anderen nationalen Politiken, zu noch stärkerer amerikanischer
Beteiligung zu ermuntern.
Seit

- 24 -

�Seit langem schon gibt es eine offizielle amerikanische Beteiligung
an der Entwicklung von Saudi-Arabien durch die Tätigkeiten des ame^'kanisehen
Vermessungsamtes und des US-Pionierkorps,

In den vergangenen Jahren haben

wir unsere offizielle Beteiligung im Rahmen der Gemeinsamen amerikanischsaudiarabischen Wirtschaftskommission beträchtlich ausgeweitet, die der
Regierung von Saudi-Arabien auf der Basis umfassender Entschädigung ihre
Erfahrungen zur Verfügung stellt.

Es gibt derzeit 20 Projekte dieser

Gemeinsamen Kommission in solchen Bereichen wie Planung von Wasserreservoiren,
Sonnenenergie, Berufsausbildung, Straßenbau, Meerwasserentsalzung, Datenverarbeitung und Informationsdienste im Finanzbereich.
Wir haben kürzlich eine Gemeinsame amerikanisch-omanische Wirtschaftskommission ins Leben gerufen, die sich ebenfalls auf technische Hilfe für
Entwicklungsprojekte konzentrieren wird. Die Vereinigten Staaten beabsichtigen,
gemeinsam mit dem Oman zur Finanzierung der Aktivitäten dieser Kommission
beizutragen, die wir als wichtigsten Teil der expandierenden wirtschaftlichen
Zusammenarbeit ansehen.
Seit einigen Jahren ist unser Friedenskorps in Oman tätig - genau wie
bis vor kurzem in Bahrein, Auch dort haben wir eine Anzahl von Experten auf
der Grundlage der Kostenteilung zur Verfügung gestellt.
In anderen Golfstaaten haben wir über eine Vielfalt von Wegen auf
die Bitte der Gastregierungen hin amerikanische Regierungsfachleute zur
Verfügung gestellt„ In den letzten Jahren war das Handels- und Entwicklungsprogramm des Internationalen Amtes für Entwicklung und Zusammenarbeit
(IDCA^ ein wirkungsvoller Mechanismus zur Förderung dieses Technologietransfers.
Es ist unsere Politik, immer dort behilflich zu sein, wo Gastregierungen
wünschen, daß offizielle amerikanische Erfahrung für ihre Entwicklungsprogramme
verfügbar gemacht wird.

Es ist jedoch unsere klare Erkenntnis, daß in Zukunft

- 25 -

�Zukunft wie in der Vergangenheit unser Privatsektor die führende amerikanische
Rolle dabei spielen wird, den Gesellschaften am Golf dabei behilflich zu
sein, ihre Hoffnungen auf Entwicklung zu erfüllen.

Beziehungen in Bildung und Kultur
Im vergangenen Jahrzehnt haben sich sowohl die offiziellen als auch
die privaten amerikanischen kulturellen und bildungsbezogenen Bande mit
den Ländern am Golf stark vertieft. Heute gibt es an den amerikanischen
höheren Bildungsstätten über 15 000 Studenten aus dem Bereich der Arabischen
Halbinsel.

Der Besucheraustausch öffentlicher und privater Fachleute aus

den Bereichen Bildung und Kultur hat deutlich zugenommen.

In unserer

Politik gegenüber der Golfregion erkennen wir deutlich die Notwendigkeit
nach fortgesetzter Förderung dieser Beziehungen. Unsere anhaltenden
Anstrengungen zur Entwicklung verstärkter Beziehungen zu den GolfStaaten
werden großen Nutzen aus dem Verständnis und den Bindungen ziehen, die
sich aus der Erfahrung der Studenten aus diesen Ländern an unseren
Universitäten herausbilden.

Die Bedeutung dieser Region für die Vereinigten

Staaten heute und in Zukunft macht in unserer Gesellschaft ein besseres
Verständnis für die Kultur und für die Wünsche der Menschen am Golf
erforderlich.

Das sich entwickelnde Verhältnis
Während wir bestrebt sind, unsere Beziehungen zu Saudi-Arabien
und dessen arabischen Nachbarn am Golf in einer Weise auszubauen, die
für alle Seiten von Nutzen sind, sind wir uns zugleich der Tatsache
bewußt, daß der Verfolg jeder unserer Interessen - Sicherheit, Frieden,
Energie, wirtschaftliche Entwicklung, Zusammenarbeit im Finanzbereich,
Handel und Kultur - Auswirkungen auf Aussichten der jeweils anderen

- 26 -

�anderen Interessen hat. Deshalb werden wir auch weiterhin in unseren
Beziehungen ein Gleichgewicht anstreben, das die Gesamtheit unserer
eigenen Interessen und die umfassenden Charakteristika der GolfStaaten
widerspiegelt.
Weder wir noch unsere Freunde in den GolfStaaten unterschätzen die
Probleme, die vor uns liegen und die Schwierigkeit der Fragen, die unsere
sich ausweitenden Beziehungen angehen müssen. Im Gegenteil: wir erkennen,
daß wir uns um Sicherheit und Stabilität angesichts komplexer und sich
überschneidender Problemstellungen in einer Region bemühen, deren weitere
Unabhängigkeit und geordneter Fortschritt in unserem ureigensten Interesse
liegen. Auf der Grundlage des bisher erzielten Fortschritts glauben wir
jedoch, auch weiterhin mit jedem dieser Länder eine gefestigte und enge
Beziehung knüpfen zu können und zwar auf eine Weise, die in zunehmendem
Maß den Interessen unseres Volkes und auch denen der Weltgemeinschaft
insgesamt dienen werden.

+ + + + +

- 27 -

�Information
International Communication Agency
Embassy of the United States of America

41

17. September 1980

STAATSSEKRETÄR JOHN C. SAWHILL LEITET "SYNTHETIC FUELS CORPORATION"

- (AD) - Präsident Carter hat John C. Sawhill, seit 1979 Staatssekretär
für Energie im US-Energieministerium, zum Vorsitzenden der mit dem Energiesicherungsgesetz 1980 neu geschaffenen "Synthetic Fuels Corporation" (SFC)
nominiert. Auch die sechs anderen Mitglieder des Direktoriums der unabhängigen staatlichen Gesellschaft, die den Aufbau einer privatwirtschaftlichen
Industrie zur Erzeugung von Synthese-Brennstoffen beschleunigt in Gang setzen
und qualifizierte Projekte fördern soll, wurden inzwischen nominiert. Sie
müssen nun vom Kongreß bestätigt werden.
Die SFC hat die Aufgabe, die großtechnische Produktion von Brennstoffen
aus Kohle, Ölschiefer, Teersand, Biomasse und anderen Energiequellen zur
Substitution von Erdöl zu finanzieren.

Dies geschieht vor allem durch Kredite,

Kreditbürgschaften, Abnahme- und Preisgarantien an die Privatwirtschaft. Der
US-Kongreß bewilligte bereits 20 Milliarden von insgesamt 88 Milliarden Dollar,
die Präsident Carter für das in den nächsten 12 Jahren in mehreren Stufen zu
realisierende Programm vorgesehen hat.

Die "Synthetic Fuels Corporation" soll,

wie der Präsident erklärte, "einen Grundpfeiler der nationalen Energiepolitik"
und "unser wichtigstes Instrument" zur Verringerung der Abhängigkeit der Vereinigten Staaten von Importöl bilden.
+ + + + +

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Tel: 0228-89 32 40
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�Wi//en/ch&lt;ift
und Technik

I a

International Communication Agency
Embassy of the United States of America

41

17. September 1980

100 MILLIONEN DOLLAR FÜR WINDENERGIE-FORSCHUNG

- (AD) - Ein Gesetz über die Bereitstellung von 100 Millionen Dollar im
Haushaltjahr 1980/81 für ein neues Forschungs-, Entwicklungs- und Demonstrationsprogramm "zur beschleunigten Nutzbarmachung von Windenergie" wurde von
Präsident Carter unterzeichnet.

(Im Jahr 1979/80 lagen die Regierungsaufwen-

dungen für solche Projekte bei 60 Millionen Dollar.)

Damit soll erreicht

werden, daß schon im Jahr 1988 Windkraftwerke mit einer Kapazität von insgesamt 800 Megawatt verfügbar sind.

Ca. 700 Megawatt sollen aus großen Genera-

toranlagen mit Kapazitäten von jeweils mehr als 100 Kilowatt, die restlichen
100 Megawatt von kleinen Windkraftwerken kommen.

Mit Hilfe des Programms will

man außerdem die Stromkosten von Windenergie soweit senken, daß sie mit den
Stromkosten bei der Anwendung konventioneller Produktionsverfahren konkurrieren können.

Gleichzeitig sollen der Privatwirtschaft Anreize gegeben werden,

sich stärker auf dem Sektor "Windenergie" zu engagieren.
Windkraft ist nur eine von verschiedenen Formen der Sonnenenergie, die
nach dem Nationalen Energieprogramm der USA im Jahr 2000 etwa 20 Prozent des
amerikanischen Energiebedarfs decken soll. Gegenwärtig liegt in den Vereinigten Staaten der Anteil der Windkraft an der gesamten Energieproduktion bei knapp
einem Prozent.

Er könnte sich nach Ansicht von Regierungsvertretern noch inner-

halb dieses Jahrzehnts verdoppeln und bis Ende des Jahrhunderts auf acht bis

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Tel: 0228-89 32 40
Telex: 08-85432

�bis zehn Prozent anwachsen.
"für

Die Bereitschaft von Bürgern, Windkraftanlagen

den Hausgebrauch" zu installieren, unterstützt der Staat mit Steuerver-

günstigungen, wodurch die Anschaffungskosten bis zu 40 Prozent reduziert werden.

Die elektrische Leistung der modernen Windmühlen liegt im Durchschnitt

bei 1,5 Kilowatt.

Hausbesitzer und Farmer machen, sofern sie in windreichen

Gegenden oder am Rande oder außerhalb großer Ortschaften leben, in zunehmendem Maße von den vorhandenen Angeboten Gebrauch.

Das Problem der Gerä'usch-

belä'stigung durch den Windmühlenpropeller ist allerdings noch nicht gelöst.
Und viele Bürger wehren sich dagegen, daß das Landschaftsbild durch die Errichtung von zu vielen Windkraftwerken verdorben wird.

+ + + + +

�</text>
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                <text>Amerikadienst 17.09.1980</text>
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                <text>&lt;strong&gt;1. Dokumentation&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;USA: Amerikanisch-iranische Probleme sollten neu überdacht werden&lt;br /&gt;&lt;em&gt;- Schreiben Muskies an den neuen iranischen Ministerpräsidenten -&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Vest erläutert Anstrengungen zur Bewältigung bevorstehender Herausforderungen&lt;br /&gt;&lt;em&gt;- Erklärung des Unterstaatssekretärs für europäische Angelegenheiten -&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Die Vereinigten Staaten und die Arabische Halbinsel&lt;br /&gt;&lt;em&gt;- Unterstaatssekretär Saunders nimmt vor Repräsentantenhaus Stellung -&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Information&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Staatssekretär John C. Sawhill leitet "Synthetic Fuels Corporation"&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Wissenschaft und Technik&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;100 Millionen Dollar für Windenergie-Forschung</text>
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^7

AMERIKA DIENST

C*

1 7 . S e p t e m b e r 1986

30

I N H A L T

DOKUMENTATION
Reagans Aufruf zum Kreuzzug gegen Drogen
- F e r n s e h a n s p r a c h e von P r ä s i d e n t Reagan und Nancy Reagan Wiener KSZE-Folgetreffen soll Einhaltung und Ausgewogenheit betonen
- Erklärungen von Botschafter Zimmermann vor US-Kommission -

HINTERGRUND
Die Herausforderung an die Demokratie in Mittelamerika
- Dokumentation in vier Teilen - Teil II -

* * * * *

United States Information Service
Embassy of the United States of America

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Tel.: 0228-339 2035
Telex: 8-85432

�AMERIKA DIENST
^7

Dokumentation

cfr

17. September 1986

29

REAGANS AUFRUF ZUM KREUZZOG GEGEN DROGEN
(Fernsehansprache von Präsident Reagan und Nancy Reagan)

Washington -(AD)- Präsident Reagan und Frau Nancy Reagan forderten in
einer am 14. September landesweit übertragenen Fernsehansprache alle Amerikaner auf, sich zu einem nationalen Kreuzzug gegen Drogen zusammenzuschließen. In dieser Rede verkündete der Präsident: "Wir wollen einen
einschneidenden Wandel im Verhalten der Allgemeinheit herbeiführen, wodurch letztendlich die Drogen vom Konsumenten ferngehalten werden - wir
wollen den Verbraucher vom Lieferanten trennen".

Nachfolgend drucken wir den Text der Ansprache im Wortlaut ab:
Normalerweise spreche ich aus dem Westflügel des Weißen Hauses zu
Ihnen, aber heute abend will ich zu Ihnen über ein ganz außergewöhnliches
Thema sprechen, und ich werde das zusammen mit einer außergewöhnlichen
Person tun.
Nancy und ich befinden uns hier in der West Hall des Weißen Hauses,
inmitten unserer Wohnräume. Das ist das Haus, das Sie uns anvertraut
haben und das wir nur zeitweise verwalten.
Ich spreche heute abend gemeinsam mit meiner Frau, weil wir eine gemeinsame Botschaft zu übermitteln haben. Aber wir sprechen zu Ihnen nicht
nur als Mitbürger, sondern auch als Eltern und Großeltern und als besorgte
Nachbarn.
In Amerika

United States Information Service
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Telex: 8-85432

�In Amerika hat die Schule wieder begonnen, und obwohl der Drogen- und
Alkoholmißbrauch in allen Generationen zu finden ist, richtet er doch bei
unseren jungen Menschen, von denen unsere Zukunft abhängt, den größten
Schaden an. Wir hoffen, daß Sie uns heute abend, von Familie zu Familie,
von Haus zu Haus zuschauen.
Amerika hat in diesen letzten Jahren sehr viel erreicht, ob es sich um
den Aufbau unserer Wirtschaft oder um den Einsatz für die Sache der Freiheit in der Welt handelt. Was wir erreicht haben, haben wir mit Ihrer
Hilfe geschafft - in der Zusammenarbeit als eine vereinte Nation.
Jetzt brauchen wir wiederum Ihre Unterstützung. Drogen bedrohen
unsere Gesellschaft. Sie bedrohen unsere Grundwerte und unterminieren
unsere Institutionen. Sie töten unsere Kinder.
Von Beginn unserer Amtszeit an haben wir energische Schritte unternommen, um etwas gegen diese Greuel zu unternehmen.
Heute abend kann ich Ihnen mitteilen, daß wir erhebliche Fortschritte
gemacht haben. 37 Bundesbehörden arbeiten in einem tatkräftigen nationalen Bemühen zusammen, und im nächsten Jahr werden sich unsere Ausgaben für
die Anwendung der Drogengesetze seit 1981 verdreifacht haben.
Wir haben mehr illegale Drogen beschlagnahmt, so daß uns jetzt Angaben
über eine Marihuana-Verknappung vorliegen. Allein im vergangenen Jahr
wurden 10 000 Drogentäter verurteilt und fast 250 Millionen Dollar ihrer
Einkünfte wurden vom Amt für Drogenbekämpfung (DEA) beschlagnahmt.
Und im wichtigsten Bereich - dem individuellen Drogenkonsum - machen
wir ebenfalls Fortschritte. In vier Jahren ist die zahl der älteren Schüler an High Schools, die täglich Marihuana konsumierten, von einem unter
14 Schülern zurückgegangen auf einen Schüler von 20.
Die Armee der Vereinigten Staaten hat den Verbrauch illegaler Drogen
durch ihr Personal seit 1980 um 67 Prozent verringert.
Das alles ist ein Maßstab unseres Einsatzes und ein Signal, daß wir
diesen Feind besiegen können. Aber es gibt noch viel zu tun.
Trotz unserer besten Bemühungen kommt illegales Kokain in einer alarmierenden Größenordnung ins Land und wird von 4 bis 5 Millinoen Personen
regelmäßig konsumiert. 500 000 Amerikaner sind heroinsüchtig. Einer von
zwölf raucht regelmäßig Marihuana.
Der regelmäßige Drogenkonsum ist in der Altersgruppe der 18-25 jähr igen
noch höher und greift wahrscheinlich gerade auf die Gruppe der Berufstätigen über.
Jetzt gibt es eine neue Epidemie - das auch als ' Crack' bekannte zu
rauchende Kokain. Es ist ein besonders zerstörerisches und oftmals

�und oftmals tödliches Mittel, das seine Konsumenten vernichtet. Es
gleicht einem unkontrollierten Feuer.
Und der Drogenmißbrauch ist kein sogenanntes "Verbrechen ohne Opfer".
Jedermanns Sicherheit steht auf dem Spiel, wenn Autofahrer, Beschäftigte
bei Transportunternehmen oder Industriearbeiter Drogen und zuviel Alkohol
konsumieren. Der Drogenmißbrauch kostet Sie und Ihre amerikanischen Mitbürger wenigstens 60 Millionen Dollar im Jahr.
Seit den frühen Tagen unserer Amtszeit hat Nancy sich stark für die
Bemühungen um die Bekämpfung des Drogenmißbrauchs engagiert. Sie hat
Dutzende von Reden gehalten, unzählige Interviews gegeben und an 24 besonderen Radio- und Fernsehaufzeichnungen teilgenommen, um ein größeres
Bewußtsein für diese Krise zu schaffen.
Durch ihre persönlichen Beobachtungen und Bemühungen hat sie tiefe
Einblicke gewonnen, die sie auf meinen Wunsch hin heute abend mit Ihnen
teilen soll.
Frau Reagan:
Als Mutter habe ich den Monat September immer als besonderen Monat betrachtet und als eine Zeit angesehen, zu der wir unsere Kinder wieder in
die Schule geschickt haben, in die Wärme einer Umgebung, in der sie die
Versprechen und Hoffnungen ihrer unruhigen Gemüter wahrmachen konnten.
In diesen Jahren ist so viel geschehen - so vieles, was die Fundamente
von dem, was wir wußten and woran wir glaubten, erschüttert hat.
Heute gibt es in diesem Land eine Epidemie des Alkohol- und Drogenmißbrauchs, vor der niemand sicher ist - weder Sie noch ich und ganz sicher
nicht unsere Kinder, denn diese Epidemie wird sie treffen.
Viele von Ihnen werden vielleicht denken, daß Drogen sie nichts angehen. Es geht Sie aber etwas an - es geht uns alle an: wegen des Umfangs, in dem es an unserem Leben zehrt und weil es darauf abzielt, die
Stärke und das Leben der Söhne und Töchter der Vereinigten Staaten zu zerstören.
Ich bin seit fünf Jahren in diesem Land herumgereist und habe dabei
vieles gehört und viel gelernt. Eines der hoffnungsvollsten Anzeichen,
die ich gesehen habe, ist der Aufbau eines wichtigen neuen Bewußtseins
darüber, wie schrecklich und bedrohlich der Drogenmißbrauch für unsere Gesellschaft ist. Dies war am Anfang eines meiner Hauptziele und es macht
mich natürlich sehr glücklich, daß es erreicht worden ist.
Jedesmal, wenn ich wieder mit einem Drogenabhängigen zusammenkomme
oder einen neuen Brief von jemandem erhalte, der Drogenprobleme hat, ringe
ich um die Möglichkeit, einen Ausweg aus seinem Dilemma zu finden.
Als Mutter geht es

�Als Mutter geht es mir ganz besonders darum, was Drogen jungen Muttern
und deren Neugeborenen antun können. Hier ein Bericht aus einem Krankenhaus in Florida über das Kind einer kokainabhängigen Mutter:
"Ganz in der Nähe liegt ein Neugeborenes, Paul, bewegungslos in seinem
Brutkasten, Nährschläuche ragen überall aus seinem winzigen Körper. Zum
Atmen benötigt es eine Atmungshilfe; einmal am Tag wird aus dem Rückgrat
Flüssigkeit abgesaugt, um die Wasserbildung im Gehirn abzubauen. Es ist
erst einen Monat alt, hat aber schon zwei Schlaganfälle hinter sich".
So sieht man, wie Drogenmißbrauch einen jeden einzelnen von uns angeht
- die ganze amerikanische Familie. Drogen berauben uns um so vieles. Sie
nehmen und nehmen, bis schließlich jedesmal, da eine Droge in ein Kind gelangt, etwas anderes aus ihm herausgesaugt wird - nämlich Liebe, Hoffnung,
Vertrauen und Zuversicht. Drogen nehmen jedem Kind seine Träume und ersetzen sie durch einen Alptraum. Es ist an der Zeit, daß wir in Amerika
aufstehen und Ersatz für diese Träume finden.
Jeder von uns muß seine Prinzipien und sein Gewissen einbringen - ganz
gleich, ob in seinem sozialen Umfeld oder an seinem Arbeitsplatz -, um zuverlässige Maßstäbe zu setzen und sich dann auch an sie zu halten.
Es gibt bei der Moral keine Halbheiten. Auch Gleichgültigkeit ist
kein Weg. Wir wollen, daß Sie uns dabei unterstützen, hinsichtlich des
Drogenkonsums ausgesprochen intolerant zu sein. Um unserer Kinder willen
beschwöre ich Sie, in Ihrem Widerstand gegen Drogen unnachgiebig und unbeugsam zu sein.
Auch unsere jungen Menschen helfen uns auf diesem Weg. Vor einiger
Zeit fragte mich in Oakland in Kalifornien eine Gruppe Jugendlicher, was
sie tun sollten, wenn man ihnen Drogen anböte. Ich antwortete: "Sagt einfach nein'." So schlössen sich diese Jugendlichen in Oakland zu einem
"Sag* einfach nein"-Club zusammen, und jetzt gibt es im ganzen Land über
10 000 solcher Clubs.
Ihre Beteiligung und ihr Mut signalisieren, daß diese "Nein"-Bewegung
unsere Unterstützung braucht. Wir können eine solche geben, wenn wir jede
Gelegenheit nützen, um über das Thema der Nichtanwendung von Drogen auf
eine Weise zu sprechen, durch die es der Gegenseite unangenehm wird selbst bis hin zu dem Punkt, daß wir uns selbst unbeliebt machen.
Dies ist zu keinem Zeitpunkt eine leichte Aufgabe, denn die Drogenkriminellen sind einfallsreich. Sie bemühen sich tagtäglich um eine neue
und bessere Möglichkeit, das Leben unserer Kinder zu stehlen - so wie sie
das beispielsweise mit der Entwicklung dieser neuen Droge, "Crack", getan
haben. Wir schließen ein Tor, und sie öffnen dem Tod ein neues. Sie ziehen ihren Vorteil aus unserer mangelnden Bereitschaft zum Handeln. Deshalb müssen wir klüger, stärker, zäher sein als sie. Es liegt an uns,
Einstellungen zu verändern und damit schlicht und einfach ihre Märkte auszutrocknen.
Schließlich habe ich

�Schließlich habe ich eine sehr persönliche Botschaft an die jungen
Leute, die jetzt zuschauen oder zuhören:
Vor euch liegt eine große, wunderschöne Welt. Sie gehört euch. Sie
ist aufregend, anregend, lohnend. Betrügt euch nicht selbst um diese Verheißung. Unser Land braucht euch. Aber es braucht euch mit klarem Auge
und klarem Kopf.
Kürzlich habe ich die Geschichte von einem jungen Mädchen gelesen,
mittlerweile entschlossen, keine Drogen mehr zu nehmen, aber vorher von
mehreren abhängig. Woran sie sich bei ihrer Gesundung am genauesten erinnerte, war die Tatsache, daß ihr während der Zeit der Abhängigkeit alles
in Schwarz und Grau erschien. Nach der Behandlung war sie wieder in der
Lage, Farben zu sehen.
Meine jungen Freunde dort draußen: das Leben kann großartig sein aber nur, wenn ihr es auch sehen könnt. Öffnet eure Augen für das Leben,
um es in den vielfältigen Farben zu sehen, die Gott Seinen Kindern als
kostbares Geschenk gab, um das Leben in seiner ganzen Fülle zu genießen
und ihm einen Sinn zu geben.
Sagt ja zu eurem Leben.
einfach nein.

Und wenn es um Drogen und Alkohol geht: sagt

Der Präsident:
Ich glaube, Sie können sehen, weshalb Nancy so viel positiven Einfluß
auf alles hat, was wir zu tun versuchen.
Die Aufgabe, die vor uns liegt, ist sehr einfach. Nancys persönlicher
Kreuzzug - wie auch der von so vielen anderen großartigen Menschen - sollte zu unserem nationalen Kreuzzug werden. Er muß eine Kombination aus
staatlichen und privaten Bemühungen sein, die einander ergänzen. Vergangenen Monat habe ich sechs Initiativen angekündigt, die unserer Überzeugung nach genau dies bewirken werden.
Erstens: Wir streben einen drogenfreien Arbeitsplatz an - auf allen
Ebenen des Staates und des Privatsektors.
Zweitens:

Wir werden auf drogenfreie Schulen hinarbeiten.

Drittens: Wir wollen sicherstellen, daß die Öffentlichkeit geschützt
wird und den Drogen- und Tablettenabhängigen entsprechende Behandlungsmöglichkeiten offenstehen ist.
Unser viertes Ziel ist eine Ausweitung der internationalen Zusammenarbeit; gleichzeitig behandeln wir Drogenschmuggel als eine Bedrohung unserer nationalen Sicherheit. Im Oktober werde ich mich mit den wichtigsten amerikanischen Botschaftern zusammensetzen, um zu besprechen, was
- 5 -

�um zu besprechen, was zur Unterstützung unserer Freunde im Ausland getan
werden kann.
Fünftens: Wir müssen die Aktivitäten der Vollzugsorgane stärken, wie
dies bereits von Vizepräsident Bush und Justizminister Meese initiiert
wurde.
Schließlich geht es uns darum, das Bewußtsein der Öffentlichkeit zu
schärfen und präventiv tätig zu werden.
Um diese sechs Zielsetzungen zu verwirklichen, werde ich morgen eine
Reihe neuer Vorschläge für ein drogenfreies Amerika verkünden. Zusammengenommen werden diese Vorschläge unsere Gesetze gegen Drogenkriminelle
verschärfen, zu mehr Forschung und Behandlung anregen und sicherstellen,
daß illegale Drogen in unseren Schulen und an unseren Arbeitsplätzen nicht
mehr geduldet werden. Zusammen mit unseren schon laufenden Bemühungen
werden diese Vorschläge die Mittel für staatliche Maßnahmen zur Drogenbekämpfung auf 3 Milliarden Dollar anheben.
Wie viele Mittel wir aber auch immer aufwenden: wir würden einer
Selbsttäuschung unterliegen, wenn wir meinen, gewaltige neue Gelder allein
könnten die Lösung sein. Vergessen wir nicht, daß in Amerika das Volk die
Probleme löst und kein nationaler Kreuzzug jemals ohne das Zutun von
Menschen gewonnen wurde. Der Kreuzzug gegen Drogen kann nicht gewonnen
werden, wenn man lediglich Geld auf das Problem schüttet.
Ihre Regierung wird auch weiterhin aggressiv vorgehen, aber nichts
könnte wirkungsvoller sein, als daß Amerikaner schlicht und einfach aufhören, illegale Drogen zu nehmen.
Wir wollen einen einschneidenden Wandel im Verhalten der Allgemeinheit
herbeiführen, wodurch letztendlich die Drogen vom Konsumenten ferngehalten
werden - wir wollen den Verbraucher vom Lieferanten trennen.
Jetzt bist Du wieder dran:
Meine Generation wird sich noch daran erinnern, wie Amerika in Aktion
trat, als wir im Zweiten Weltkrieg angegriffen wurden. Der Krieg wurde ja
nicht nur von den Jungs in den Flugzeugen und Panzern geführt. Er fand
genauso zu Hause statt, wo eine mobilisierte Nation - Männer wie Frauen Flugzeuge und Schiffe baute, Matrosen und Soldaten einkleidete und Marinesoldaten und Flieger speiste. Und er wurde geführt von Kindern, die
Gärten des Sieges anlegten und Blechdosen sammelten.
Heute befinden wir uns wieder in einem Krieg für unsere Freiheit und
es ist Zeit, daß wir dabei wieder alle an einem Strang ziehen. Wenn zum
Beispiel Ihr Freund oder Ihr Nachbar oder eine Familie mit Drogen- oder
Alkoholproblemen konfrontiert ist, wenden Sie sich nicht von ihnen ab.
Helfen Sie ihnen. Versuchen Sie, andere zur Mitarbeit zu bewegen - in
Clubs, Betreuungsgruppen und Gemeindeorganisationen - und ihnen Unter-

- 6 -

�und ihnen Unterstützung und Kraft zu geben.
Sicherlich sind viele unter Ihnen, denen durch richtige Behandlung und
Selbsthilfe Heilung widerfahren ist. Nun, Sie sind die Veteranen in diesem Krieg und Ihnen fällt deshalb eine sehr wichtige Rolle zu. Sie können
anderen helfen, indem Sie ihnen Ihre Geschichte erzählen und indem Sie den
Bedürftigen Ihre Hilfe anbieten.
Anderen ein Freund zu sein ist der beste Weg, uns selbst ein Freund zu
sein.
Wie Nancy gesagt hat: Es ist Zeit, daß Amerika "einfach nein sagt" zu
Drogen.
überall, in Gewerkschaftshäusern und am Arbeitsplatz fordere ich Sie
auf: bitte machen sie diese Herausforderung zu einem Teil Ihrer täglichen
Arbeit. Helfen Sie uns, die Gesundheit und Würde aller Arbeitnehmer zu
bewahren.
An die Unternehmen, große wie kleine, appelliere ich: Wenden Sie Ihre
unternehmerische Kreativität direkt auf dieses Problem an. Helfen Sie uns.
Und denjenigen unter Ihnen, die im Erziehungswesen tätig sind, sage
ich: Ihre Klugheit und Führungskraft sind für diese Aufgabe unentbehrlich.
Denjenigen, die in diesem Land des Geistes von den Kanzeln predigen,
sage ich: Ihre beruhigende Botschaft der Erlösung und des Vergebens und
des Helfens wäre uns willkommen.
An die Sportler appelliere ich: Ihr Männer und Frauen gehört zu den
beliebtesten Bürgern dieses Landes. Die Bewunderung der Kinder gehört
Euren heroischen Leistungen. Es gibt nur wenige unter uns, die jungen
Leuten ein solch starkes Vorbild sein können, wie Ihr. Bitte laßt sie
nicht im Stich.
Und diese Kamera vor uns: sie erinnert Nancy und mich daran, daß in
unserem früheren Beruf und in den Nachrichtenstudios und Produktionsräumen
unserer Medienzentren Sie, die Sie dort arbeiten, mit Ihrem großen Einfluß
eine besondere Gelegenheit haben, Alarmsignale an die ganze Nation auszusenden.
An unsere Freunde in anderen Ländern gerichtet sage ich: Wir wissen,
daß viele von Ihnen gemeinsam mit uns in dieser Schlacht kämpfen. Wir
brauchen Ihren Erfolg genauso wie unseren.
Wenn wir uns alle zusammentun und vereint diese Aufgabe angehen, dann
werden diejenigen, die im Begriff sind, Amerika mit langsamer aber sicherer chemischer Zerstörung umzubringen und zu terrorisieren, feststellen,
daß sie es mit der mächtigsten Bewegung des Guten zu tun haben, die uns
bekannt ist. Dann wird es für sie keine dunklen Gassen mehr geben, in
- 7-

�mehr geben, in denen sie sich verstecken können.
Lassen Sie uns bei diesem Kreuzzug nicht vergessen, wer wir sind. Der
Drogenmißbrauch ist eine Zurückweisung all dessen, was Amerika verkörpert. Unser Erbe wird von seiner zerstörerischen Wirkung und dem damit
verbundenen menschlichen Elend verhöhnt.
Denken Sie für einen Augenblick daran, wie besonders es ist, ein Amerikaner zu sein. Können wir daran zweifeln, daß nur die göttliche Vorsehung dieses Land, diese Insel der Freiheit, hier als Zufluchtsort für
all die Menschen auf der ganzen Welt geschaffen hat, die sich nach Freiheit sehnen.
Die Revolution, die uns die Freiheit brachte, bedeutete eine historische Aufforderung an die ganze Welt auf der Suche nach Hoffnung. Diese
Hoffnung wurde durch jede Ankunft neuer Einwanderer verstärkt. Es kamen
Millionen auf der Suche nach einer Zuflucht vor der Unterdrückung durch
grausame Regime. Es kamen die, die den Holocaust und den sowjetischen
Gulag überlebt hatten. Es kamen die Boat-People, die Todesgefahren für
den Schimmer der Hoffnung auf ein neues Leben auf sich nahmen. Sie alle
kamen, um die von Freiheit erfüllte Luft zu atmen, die die unsrige ist.
Was für eine Beleidigung unserer Existenz - und unserer Herkunft würde es sein, wenn wir uns nicht diesem Krebs der Drogen gemeinsam entgegenstellen würden.
Und noch etwas. Die Freiheit, die so viele in unserem Land suchen,
ist nicht ohne einen Preis bewahrt worden. Nancy und ich sind vor zwei
Jahren daran erinnert worden, als wir den amerikanischen Soldatenfriedhof
in der Normandie besuchten.
In der stille dieses Juninachmittags schritten wir unter den Soldaten
der Freiheit - entlang an Hunderten von weißen Zeichen, die Monumente des
Mutes und Mahnmale des Opfers sind.
Zu viele dieser und anderer solcher Gräber sind die letzte Ruhestätte
junger Menschen - die im Getöse der Schlacht zu Männern wurden.
Seht, was sie uns Lebenden gegeben haben. Nie wieder sahen sie einen
neuen Tag an den von Sonne glitzernden Wassern eines Sees oder Flusses in
der Heimat, oder die Kornfelder, die sich unter dem offenen Himmel unserer
Ebenen erstrecken, so weit das Auge reicht. Die unverdorbene Luft unserer
Berge und das pulsierende Leben unserer Städte sind nicht mehr für sie
da. Und nie wieder erlebten sie als Sohn ihre Eltern oder sahen sie als
Väter ihre Kinder.
Sie taten es für Sie - für mich -, damit eine neue Generation unser
demokratisches Experiment mit Stolz weiterführe. Nun, das ist etwas, was
wir, wie ich meine, zu ehren verpflichtet sind, weil das, was sie für uns
getan haben bedeutet, daß es uns als eine Bürgerpflicht aufgetragen ist,
- 8-

�aufgetragen ist, unsere Freiheit klug für das Wohl des Ganzen einzusetzen.
Während wir für diesen nationalen Kreuzzug mobilisieren, bin ich mir
bewußt, daß Drogen für Millionen eine ständige Versuchung darstellen.
Bitte denken Sie daran, wenn Ihr Mut auf die Probe gestellt wird: Sie
sind Amerikaner; Sie sind Teil der freiesten Gesellschaft in der Geschichte der Menschheit. Niemand hat jemals das Recht, Ihre Träume zu
zerstören und Ihr Leben zu vernichten.
Am Ende dieses Flurs befindet sich Lincolns Schlafzimmer. Während des
Bürgerkrieges benutzte Präsident Lincoln dieses Zimmer als sein Büro.
Dieses Zimmer ist mit Erinnerungen angefüllt - und mehr als alles andere
veranlaßt uns diese Erinnerung dazu, uns ein lebendiges Bild dessen zu
machen, was Präsident Lincoln zu retten versuchte. Und dies ist zuallererst, daß Amerika für etwas stehen muß. Und daß wir durch unser Erbe zu
einer festen Charakterstärke geführt werden, die durch jede neue, dieser
Nation aufgezwungenen Herausforderung weiter gestählt wird.
Wir Amerikaner sind niemals irgendeiner Tyrannei gegenüber moralisch
neutral gewesen. Heute abend verlangen wir nicht mehr, als daß wir das,
was wir in unserer Vergangenheit waren und was wir heute sind, dadurch in
Ehren halten, das wir zusammenstehen.

Frau Reagan:
Nun tun wir den nächsten Schritt - indem wir uns voll dazu verpflichten, daß wir Drogen nirgendwo und zu keiner Zeit tolerieren werden.
Nehmen Sie mit uns an diesem neuen großen nationalen Kreuzzug teil.
Der Präsident:
Gott segne Sie und guten Abend.

- 9-

�AMERIKA DIENST
'VON

Dokumentation

4

17. September 1986

30

WIENER KSZE-FOLGETREFFEN SOLL EINHALTUNG UND AUSGEWOGENHEIT BETONEN
- Erklärungen von Botschafter Zimmermann vor US-Kommission -

WASHINGTON - (AD) - Nach Angaben von Botschafter Zimmermann werden die
beiden Hauptziele der Vereinigten Staaten bei der kommenden KSZE-Folgekonferenz in der Verifikation der "Einhaltung" von Menschenrechtsbestimmungen durch die Sowjets und den Ostblock sowie in der Sicherstellung von
"Ausgewogenheit" zwischen Sicherheits- und anderen Komponenten der Schlußakte von Helsinki bestehen. Nachfolgend bringen wir Zimmermanns Erklärungen vom 11. September vor der US-Kommission über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa, im Wortlaut:
Die Aussichten für das Wiener KSZE-Folgetreffen
Wie Sie wissen, ist mir der KSZE-Prozeß nicht fremd, da ich schon während des Madrider Folgetreffens von 1980 bis 1981 als stellvertretender
Leiter der amerikanischen Delegation fungiert habe, ich bin mir deshalb
vielleicht mehr als manch anderer der entscheidenden Rolle bewußt, die
diese Kommission und Ihr Arbeitsstab im vergangenen Jahrzehnt bei der Förderung der Ziele des KSZE-Prozesses, insbesondere im Bereich der Menschenrechte, gespielt haben. Die amerikanische Delegation für das Wiener Treffen wird wieder einmal stark auf Ihren Sachverstand zurückgreifen; und die
Kommission wird ja sogar in der Delegation selbst auf der Ebene des stellvertretenden Leiters sowie durch Mitglieder ihres sehr erfahrenen Stabes
vertreten sein. Ich freue mich auf ein enges und produktives Verhältnis.
Wie in Madrid wird auch an dieser Delegation eine Gruppe hervorragender Amerikaner als Vertreter der Öffentlichkeit teilnehmen. Wir hoffen,
daß wir in Bälde ihre Namen bekanntgeben können. Wir werden auch weiter-

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�I

Wir werden auch weiterhin engen Kontakt mit nichtstaatlichen Gruppen aufrechterhalten, die einen ebenso unverzichtbaren Beitrag zum KSZE-Prozeß
geleistet haben.
Der KSZE-Prozeß begann in Helsinki im Jahr 1975 mit der Unterzeichnung
der Schlußakte durch Präsident Ford und 34 weitere Staats- und Regierungschefs. Diese grundlegende Dokument enthält eine Prinzipienerklärung,
durch die das Verhalten von Staaten untereinander sowie ihren eigenen Bürgern gegenüber geregelt wird und liefert einen Rahmen für Gespräche über
Sicherheits-, Wirtschafts- und Menschenrechtsprobleme, die mit der unnatürlichen Teilung Europas zusammenhängen. Im letzten März sind Sie von
Staatssekretär Armacost ausführlich über die Haltung der Administration
zum KSZE-Prozeß informiert worden. Diese Haltung ist unverändert.
Ich will heute eine kurze Bewertung des KSZE-Prozesses geben und dann
unsere grundlegenden Ziele für das Wiener Treffen sowie diejenigen unserer
westeuropäischen Verbündeten und die der Sowjetunion skizzieren.

I. Der KSZE-Prozeß
Während des letzten Jahrzehnts ist die Frage "Wer sind die Verlierer
und Gewinner?" von Helsinki ausführlich diskutiert worden. Tatsächlich
ist diese Fragestellung falsch. Jeder Teilnehmer muß von Helsinki profitiert haben, da alle 35 KSZE-Teilnehmerstaaten an der Fortführung des Prozesses interessiert bleiben. Ich würde diese Frage folgendermaßen umformulieren: "Wer hat am meisten, und wer hat am wenigsten gewonnen?"
Meiner Ansicht nach hat ganz klar die Sowjetunion sowohl in Helsinki
und bei der Ausweitung des KSZE-Prozesses am wenigsten gewonnen.
Im Hinblick auf die KSZE-Schlußakte bestanden die sowjetischen Ziele
hauptsächlich darin, die Teilung Europas zu legitimieren, die zentrale
Rolle des Staates gegenüber dem einzelnen Bürger zu betonen und die KSZE
ausschließlich auf die sowjetische Sichtweise von gesamteuropäischer
Sicherheit zu konzentrieren. Obwohl es der Sowjetunion gelang, ein Prinzip der Unverletzlichkeit von Grenzen einzubringen, wurde aber sogar dieses Prinzip durch die Sprachregelung abgeschwächt, daß Grenzen auf friedlichem Weg verändert werden könnten. Tatsächlich spiegeln sich in der
Schlußakte viel mehr die KSZE-Tagesordnungspunkte des Westens wider. Sie
richtet die Aufmerksamkeit auf die friedliche Wiedervereinigung Europas
und öffnet die Tür für verstärkte Kontakte zwischen Ost und West. Sie unterstreicht die Rechte und Freiheiten des Einzelnen und etabliert Normen
für das Verhalten von Regierungen gegenüber ihren eigenen Bürgern. Und
sie schafft einen ausgewogenen Blickwinkel, unter dem die Menschenrechte
als Grundelement echter Sicherheit in Europa anerkannt werden.
Die Sowjets haben es gänzlich versäumt, die Konsequenzen ihrer in Helsinki eingegangenen Verpflichtungen vorauszusehen. Zweifellos meinten
sie, sie könnten diese Verpflichtungen einfach ignorieren, wie sie es

- 2 -

�wie sie es schon mit den in der Charta der Vereinten Nationen und der
UNO-Menschenrechtsdeklaration enthaltenen getan haben. Sie hatten sogar
genug Selbstvertrauen, um den vollständigen Text der Schlußakte in der
Iswestija zu veröffentlichen und sie damit jedem Sowjetbürger für drei Kopeken zugänglich zu machen. Die daraufhin in der UdSSR und Osteuropa gegründeten KSZE-Beobachtergruppen stellten für das sowjetische Regime eine
besonders unliebsame Überraschung dar.
Ein weiterer Schlag war die Tatsache, daß die Folgetreffen in Belgrad
und Madrid sich hauptsächlich mit sowjetischen Menschenrechtsverletzungen
befaßten. Die Wirkung dieser ständigen Publizität hinsichtlich der wahren
Natur des Sowjetsystems wird sogar heute noch unzureichend verstanden,
insbesondere in bezug auf die Rolle, die sie bei der Umkehrung des sowjetischen Images in Westeuropa in den frühen achtziger Jahren spielte, im
Zeitraum des Madrider Treffens (1980 bis 1983) erlebte die prosowjetische
Linke in Frankreich einen dramatischen Niedergang, wurde in der Bundesrepublik Deutschland der Beschluß zur Stationierung amerikanischer Mittelstreckenraketen gefaßt, und in Großbritannien und Italien blieb Regierungen mit engen Sicherheitsbeziehungen zu den Vereinigten Staaten die
Unterstützung einer Mehrheit des Volkes erhalten.
Das Madrider Schlußdokument stellte außerdem einen bedeutenden Beitrag
dar, weil es ein grundlegendes Ziel des KSZE-Prozesses, mehr Offenheit,
fördert. In einer vor der Madrider Konferenz abgegebenen Erklärung würdigte Außenminister Shultz die Ergänzung durch "wichtige neue Verpflichtungen in bezug auf Menschenrechte, Gewerkschaftsfreiheit, freien Informationsfluß und Maßnahmen gegen den Terrorismus" als Leistungen dieses
Treffens.
Madrid bot außerdem eine wichtige Gelegenheit, um unser Ziel zu unterstützen, konkrete Möglichkeiten zur Stärkung von Vertrauen und Sicherheit
in Europa ausfindig zu machen. Das in Madrid erteilte Mandat für die Konferenz über Vertrauensbildende Maßnahmen und Abrüstung in Europa (K'AE)
erweiterte sowohl das in der Schlußakte von Helsinki definierte Anwendungsgebiet, um nun Gebiete westlich des Ural einzubeziehen und kodifizierte westliche Schlüsselkriterien, nach denen die verabschiedeten Maßnahmen militärisch bedeutend und verifizierbar sein sollten.
Trotz frühzeitiger sowjetischer Bemühungen, die KVAE in ein Forum für
inhaltsleere, propagandistische Deklarationen zu verwandeln, war der Westen sehr erfolgreich dabei, die Stockholmer Konferenz auf seine Tagesordnung festzulegen. Die Vereinigten Staaten bemühen sich intensiv darum,
bis zum Schlußtag der Konferenz am 19. September einen erfolgreichen Abschluß herbeizuführen, der Stabilität und Sicherheit in Europa durch die
Annahme von Maßnahmen wie obligatorische Notifikation von militärischen
Aktivitäten unterhalb einer erheblich niedrigeren Schwelle enthalten soll,
ferner obligatorische Beobachtung und einen jährlichen Kalender geplanter
Aktivitäten. Die Annahme gewisser KVAE-Maßnahmen, wie etwa obligatorische
Inspektionen vor Ort auf sowjetischem Territorium, könnten ebenfalls
positive Auswirkungen auf andere Rüstungskontrollpläne der Vereinigten

- 3 -

�der Vereinigten Staaten haben.
Trotz dieser Fortschritte stimmt es jedoch, daß generell die Einhaltung von KSZE-Bestimmungen durch den Osten im allgemeinen und speziell
die Sowjetunion, insbesondere auf dem Gebiet der Menschenrechte, ernstlich
getrübt bleibt. Andrej Sacharow und seine Frau Jelena Bonner stehen immer
noch in Gorki unter Hausarrest und Jurij Orlow, Anatolij Martschenko und
andere KSZE-Beobachter sind entweder inhaftiert oder leben in der Verbannung. Die Zahl der sowjetischen Juden, denen die Auswanderung erlaubt
wurde, ging außerdem von 51 000 im Jahr 1979 auf kaum noch 1 000 im vorigen Jahr zurück.
Da:; Ausmaß der sowjetischen Verletzungen führte bei einigen Beobachtern dos KSZE-Prozesses zu der Behauptung, daß die Vereinigten Staaten
ihre Beteiligung daran überhaupt einstellen sollten. Ich akzeptiere, daß
diese Behauptung in gutem Glauben aufgestellt wurde und teile die Frustration über die sowjetischen Verletzungen, die diese hervorbrachten. Trotzdem glaube ich, daß dieses Argument falsch ist. Meiner Meinung nach wäre
es gleichbedeutend mit der Forderung an uns, das Strafgesetzbuch abzuschaffen, weil es Leute gibt, die die Gesetze brechen, ich bin der festen
Überzeugung, daß der KSZE-Prozeß sehr wohl im Interesse der vereinigten
Staaten lag und liegt.
Wir müssen diesen Prozeß bewahren, um denen beizustehen, die für die
Verwirklichung der Ziele von Helsinki kämpfen. Ich habe persönlich eine
Reihe von sowjetischen Dissidenten und Verweigerern in Moskau und anderen
Teilen der Sowjetunion gefragt, ob ihrer Meinung nach die KSZE eine Zeitverschwendung sei. Ich habe niemanden angetroffen - einschließlich
Anatolij Schtscharanskijs, mit dem ich dieses Thema im vorigen Frühjahr
diskutiert habe -, der mir gesagt hätte, daß er diesen Prozeß eingestellt
sehen wolle. Stattdessen meinten sie, daß ihnen die bei den Uberprüfungskonferenzen erzeugte Publizität im Hinblick auf sowjetische Menschenrechtsverletzungen, trotz der schlechten Erfahrungen mit der Einhaltung
durch die Sowjets, eine echte Hilfe sei.
II.

Das Wiener Folgetreffen

Unsere Haltung in Wien wird von zwei übergreifenden Zielen bestimmt
sein. Erstens müssen wir eine verbesserte Einhaltung des Ostblocks gegenüber den Verpflichtungen sicherstellen, die bereits in der Schlußakte und
im Madrider Schlußdokument, besonders im Hinblick auf die Menschenrechte,
dargelegt sind. Präsident Reagan kündigte in seiner Erklärung anlässlich
des 11. Jahrestages der Schlußakte an: "wir werden daran arbeiten, um
sicherzustellen, daß die bevorstehende Konferenz in Wien einen Schritt bedeuten wird, der die Versprechungen des ersten Jahrzehnts nach Helsinki im
zweiten Jahrzehnt wahrmachen wird. Zweitens werden wir unsere gleichermaßen wichtigen Bemühungen fortsetzen und in Wien einen ausgewogenen Fortschritt auf der ganzen Linie verfolgen, um sicherzustellen, daß den Menschenrechten bei der KSZE mindestens das gleiche Gewicht zugestanden wird
wie der Sicherheitspolitik.

- 4 -

�Darüber hinaus glaube ich, daß wir in Wien Gelegenheit haben werden,
die Bedeutung und Effektivität des KSZE-Prozesses zu erhöhen. In diesem
Zusammenhang werden wir in Betracht ziehen, ob nicht kürzere und häufiger
stattfindende Folgetreffen einen stärkeren Antrieb für den Fortschritt
darstellen. Wir werden ferner danach streben, die der Rückschau auf die
Art der Durchführung gewidmete Zeit zu verlängern und die Offenheit des
Prozesses so weit wie möglich zu erweitern.
Um unsere Schlüsselziele zu erreichen, werden wir eine gründliche
Rückschau auf die Durchführung wie auch ausgewogene und konstruktive
Schritte nach vorn fordern. Um den Druck zur Verbesserung der Einhaltung
zu erhöhen und Schritte zu deren Realisierung aufzuzeigen, müssen wir
unsere Aufmerksamkeit auf die Aktivitäten des Ostblocks konzentrieren.
Das heißt, daß wir in Wien einige Zeit auf die Überprüfung der Durchführung verwenden, um einen klaren Bericht über die Besonderheiten und
Einzelfälle zu erstellen, bei denen die Bestimmungen der KSZE verletzt
worden sind. Wo sich das als anwendbar erweisen sollte, werden wir in der
Plenarsitzung einzelne Namen und Ereignisse anführen.
Wie immer bei der KSZE, werden wir den Fragen zu Korb III und Grundsatz VII besondere Aufmerksamkeit widmen. Wie in der Vergangenheit wird
die Betonung darauf liegen, Verbesserungen im Leben des einzelnen Durchschnittsbürgers zu erzielen. Unsere hartnäckige Verfolgung der Menschenrechtsverbesserungen befindet sich im Einklang mit dem Ansatz, den der
Präsident mit Generalsekretär Gorbatschow beim Genfer Gipfeltreffen verfolgt hat, die Notwendigkeit konkreter Ergebnisse zu betonen.
Die bei den Expertentreffen in Ottawa, Budapest und Bern entwickelten
Ideen des Westens liefern uns eine Fülle von Material, das es bei der Entwicklung positiver Schritte in Betracht zu ziehen gilt, und die zu echtem
Fortschritt dabei führen könnten, das Schicksal einzelner Menschen zu verbessern, Schranken abzubauen und menschliche Kontakte zu erweitern. Ungeachtet der bei den Expertentreffen erfahrenen Rückschläge glauben wir,
daß diese Unternehmen ihren Zweck erfüllen und auch nach Wien weitergeführt werden sollten. Aber insgesamt werden unsere Vorschläge darauf
abzielen, eine bessere Einhaltung bestehender Verpflichtungen zu erlangen.
Die Aufrechterhaltung des Gleichgewichts wird beim Wiener Treffen eine
zentrale Herausforderung darstellen. Diese Theorie des Gleichgewichts
verbindet die verschiedenen Bereiche der KSZE und basiert auf der Annahme,
daß die humanitären, sicherheitspolitischen und wirtschaftlichen Bestandteile des KSZE-Prozesses miteinander in engem Zusammenhang stehen. Es ist
unrealistisch zu glauben, daß ein realer und andauernder Fortscharitt bei
den Ost-West-Beziehungen ohne einen Fortschritt bei den Menschenrechten
stattfinden kann.
In Wien werden wir die Ergebnisse der Konferenz über Vertrauensbildende Maßnahmen und Abrüstung in Europa (KVAE) ebenso abwägen müssen
wie die Errungenschaften und Probleme in allen Bereichen der KSZE. Wenn
die Stockholmer Konferenz erfolgreich abgeschlossen wird, erhalten Fragen
- 5 -

�wird, erhalten Fragen der Sicherheitspolitik sicherlich erhöhte Aufmerksamkeit in Wien. In dem Budapester Appell vom 11. Juni haben die Sowjetunion und andere Staaten des Warschauer Pakets ihr Interesse an der
Weiterführung von Verhandlungen über eine Abrüstung vom Atlantik bis zum
Ural bekundet. Bei ihrem Ministertreffen in Halifax haben die Vereinigten
Staaten und ihre NATO-Verbündeten auf höchster Ebene eine Kommission gebildet, die Wege aufzeigen soll, wie Sicherheit und Stabilität in Europa
mit Hilfe größerer Offenheit und der Einrichtung eines verifizierbaren,
stabilen Gleichgewichts konventioneller Streitkräfte auf niedrigeren
Niveaus gestärkt werden können. Die Kommission wird den Ministern im
Oktober einen ersten und im Dezember einen Schlußbericht vorlegen. Obwohl
wir die Ergebnisse nicht vorhersehen können, werden die Resultate der
Studie dieser Kommission doch wichtige Auswirkungen auf unsere Arbeit in
Wien haben.
Bei der Bestimmung unserer Haltung zu sicherheitspolitischen Fragen
müssen wir vorsichtig sein, um sicherzustellen, daß die Komponente der
Sicherheit nicht andere Aspekte der KSZE in den Hintergrund drängt. Andererseits müssen wir daran denken, daß das sowjetische Interesse an
sicherheitspolitischen und wirtschaftlichen Fragen uns ein wichtiges
Druckmittel an die Hand gibt, um unsere zentralen Ziele bei den Menschenrechten zu sichern. Und wir müssen auch daran denken, daß mit dem KSZEProzeß wichtige sicherheitspolitische Interessen der Vereinigten Staaten
verbunden sind.
III. Die Ziele Westeuropas
Im Hinblick auf das Atlantische Bündnis hat der KSZE-Prozeß die Einheit der Verbündeten gefördert und bestärkt. Die Sowjets und andere
Staaten haben hart daran gearbeitet, um den KSZE-Prozeß dazu zu benutzen,
die Vereinigten Staten und ihre NATO-Verbündeten zu entzweien. Nicht nur,
daß sie mit ihren Bemühungen gescheitert sind; meiner Ansicht nach ist die
KSZE ein historisches Zeugnis für die Zusammenarbeit der Verbündeten. Andererseits war die Einheit der Verbündeten - deren Eintreten für die Einhaltung der KSZE-Unternehmungen und für ein Gleichgewicht zwischen sicherheitspolitischen Zielen und solchen der Menschenrechte - für den bisher
erzielten Prozeß unerläßlich. Wir müssen daher weiterhin eine gemeinsame
Front bilden, wenn wir bei für uns wichtigen Fragen und Problemen Fortschritte machen wollen.
Ich glaube, daß eine starke Führungsrolle der Vereinigten Staaten und
ein fähiges Management der Verbündeten es uns sowohl in der NATO als auch
in Wien erlauben werden, dieses Ziel zu erreichen. Aufgrund der Gespräche, die ich Anfang des Jahres bei der NATO und in den Hauptstädten
unserer Verbündeten geführt habe, kann ich Ihnen vesichern, daß unsere
Verbündeten mit unseren grundlegenden Ziele für das Wiener Treffen völlig
im Einklang stehen. Es wird in diesem Land oft vergessen, daß die Westeuropäer zu Beginn der Verhandlungen in Helsinki Mitte der siebziger Jahre
ein stärkeres und höheres Interesse an der KSZE gezeigt haben und viel
eher die Bedeutung der humanitären Dimension vorhergesehen haben als die

- 6 -

�haben als die Vereinigten Staaten.
Seit dem Folgetreffen in Begrad 1977 sind die westlichen Äußerungen
der Besorgnis über sowjetische Menschenrechtsverletzungen zunehmend häufiger und präziser geworden. Diese Haltung hat in der Öffentlichkeit
Westeuropas beträchtliche Resonanz gefunden und ist zunehmend auf höchster
politischer Ebene gebilligt worden. So haben zum Beispiel rechts- und
linksgerichtete französische Journalisten Generalsekretär Gorbatschow bei
seinem Besuch in Paris im Oktober 1985 über das sowjetische Versäumnis befragt, den in der Schlußakte aufgestellten Maßstäben gerecht zu werden.
Während dieses Besuchs bestand Präsident Mitterand darauf, daß die Bewegungen bei Fragen aus Korb III der Schlußakte im gleichen Tempo voranschreiten wie in den anderen Bereichen der KSZE. Präsident Mitterand hat
bei seinem Besuch in Moskau im vergangenen Juli wiederum auf das Problem
der Menschenrechte, und hier besonders auf die Wiedervereinigung von Familien und den verstärkten Dialog über die Rechte des Einzelnen, hingewiesen.
Dennoch müssen wir erkennen, daß unsere Verbündeten aus verschiedenen
Gründen ganz unterschiedliche Ansätze beim Erreichen unserer gemeinsamen
Ziele verfolgen. Zum Beispiel werden sie auf einzelne Fälle der Nichteinhaltung nicht so ausdrücklich hinweisen wie die Vereinigten Staaten.
Einige werden vielleicht die Bedeutung der KSZE eher als Prozeß denn als
Verhandlungen betrachten. Meiner Ansicht nach wird die Vielfalt dieser
Haltungen die Auswirkungen unserer gemeinsamen Bemühungen nicht einschränken, unsere gemeinsamen Ziele von verbesserter Einhaltung und anhaltendem
Gleichgewicht im KSZE-Prozess zu erreichen.
TV. Sowjetische Zielsetzungen
Seit Jahren versuchen die Sowjets, von der Kritik an der Verletzung
von Menschenrechten abzulenken, indem sie sich hinter dem Grundsatz der
"Nichteinmischung in innere Angelegenheiten" verschanzen. Die mangelnde
Substanz dieser Verteidigung trat bei darauffolgenden KSZE-Treffen offen
zutage, bei denen die Sowjets gezwungen wurden, sich der Tatsache ihres
FehlVerhaltens zu stellen. Die Sowjets haben begonnen, dieser Kritik
gegenüber sensibler zu werden, besonders, wenn es dem Bild entgegensteht,
das Moskau von sich in Westeuropa erhalten möchte.
Unter der Leitung von Generalsekretär Gorbatschow scheinen die Sowjets
ihre Taktik zu ändern. Einerseits gehen sie in die Offensive und werfen
dem Westen Verletzungen sozialer und wirtschaftlicher Rechte vor, und wir
haben beim Wiener Treffen eine lange Liste von Vorwürfen gegen die Vereinigten Staaten zu erwarten. Dieser Wechsel der Taktik zieht die Berechtigung nach sich, Menschenrechtsfragen, die ein anderes Land betreffen,
aufzuwerfen. Wir werden daher die Debatte begrüßen und uns daran aktiv
beteiligen.
Herr Gorbatschow hat auch eine größere Bereitschaft bekundet, über das
sowjetische Verhalten im Hinblick auf die Menschenrechte zu sprechen. Wir
können daher aktivere Bemühungen der Sowjets in Wien erwarten, westliche

- 7 -

�erwarten, westliche Bemühungen der Registrierung und Korrektur sowjetischer Verletzungen zurückzuweisen. Wir werden uns auch vorsehen müssen,
daß die Sowjets diese stärkere Bereitschaft zur Diskussion der Menschenrechte nicht als Ersatz für konkrete Verhaltensweisen bei der Realisierung
der Menschenrechte betrachten. In dieser Hinsicht müssen wir auch weiterhin darauf bestehen, daß Worte und Versprechungen durch entsprechende
Taten untermauert werden.
Die Sowjets haben auch auf ihr starkes Interesse an Fortschritten bei
sicherheitspolitischen und wirtschaftlichen Fragen hingewiesen. Obwohl
wir alle sowjetischen Vorschläge aus jedem Korb im Zusammenhang westlicher
Zielsetzungen und Vorschläge in diesen Bereichen überprüfen müssen, so
glaube ich doch, daß sie uns helfen können, unter Berücksichtigung der
Prinzipien des Gleichgewichts, unserem ziel der besseren Einhaltung der
Menschenrechte näherzukommen.
V.

Zusammenfassung

Wir haben eng mit der Kommision daran gearbeitet, um unsere Strategie
für das Wiener Folgetreffen zu entwickeln und auszubauen. Ich freue mich
auf eine weiterhin enge Zusammenarbeit im jetzt anstehenden letzten Vorbereitungsstadium. Wir werden uns wie bereits in Madrid auf unsere Fähigkeiten, unseren Sachverstand und unser urteil verlassen müssen.
Angesichts des Registers der Menschenrechtsverletzungen des Ostblocks
wird das Wiener Treffen wahrscheinlich eine schwierige Konferenz werden.
Trotzdem bin ich zuversichtlich, daß ein Fortschritt möglich sein wird.
Wie Präsident Regan in seiner Erklärung zum Schluß des letzten Treffens
vor drei Jahren erklärt hat: "Wenn der Dialog auf realistischen Erwartungen aufbaut und geduldig durchgeführt wird, kann er Ergebnisse hervorbringen. Diese Ergebnisse sind oft graduell und hart erkämpft, aber sie
sind notwendige Bausteine einer sichereren und gefestigteren Welt".

* * * * * *

- 8-

�Ä s ^&lt;

AMERIKA DIENST
Hintergrundmaterial

17. September 1986

30

Nachfolgend finden unsere Leser den zweiten Teil der vierteiligen
Reihe "Die Herausforderung an die Demokratie in Mittelamerika". Teil I
schien in Amerika-Dienst Nr. 29 vom 10. September.
Die vollständige Serie kommt Ende des Jahres als illustrierte Broschüre heraus.

DIE HERAUSFORDERUNG AN DIE DEMOKRATIE IN MITTELAMERIKA
Teil II

Die militärische Aufrüstung
Nirgends ist die Übereinstimmung mit der Sowjetunion deutlicher als im
militärischen Bereich. In den sieben Jahren seit ihrer Machtübernahme
folgten die Sandinisten beim Aufbau eines massiven militärischen Apparats
dem kubanischen Beispiel. Heute hat Nicaragua die größte, schlagkräftigste Streitmacht in der Geschichte Mittelamerikas. Diese militärische
Maschinerie wurde sicherlich nicht in Reaktion auf die Bedrohung durch die
Nachbarn oder die Nationalgarde des ehemaligen Präsidenten Somoza erstellt. Die Sandinisten hatten die größte militärische Streitmacht Mittelamerikas schon mehr als ein Jahr vor Beginn einer ernstzunehmenden
bewaffneten Opposition gegen das Regime. Diese intensive Aufrüstung, Ergebnis der Hilfe aus dem Ostblock, begann schon zu einer Zeit, als die
Vereinigten Staaten den Sandinisten noch Millionen Dollar an Wirtschaftshilfe gewährten.
Daß die Sandinisten sich nicht durch eine bewaffnete Opposition bedroht fühlten, wurde unbeabsichtigt durch eine so bedeutsame Persönlichkeit wie Carlos Tunnermann, Managuas Botschafter in den Vereinigten

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�den Vereinigten Staaten, enthüllt. In einem Artikel für die "Washington
Post" vom 30. März 1985 versuchte Tunnermann den Vereinigten Staaten alle
Schuld an den Problemen Nicaraguas zuzuschieben. Er schrieb, daß in der
Zeit vor November 1981 - dem Zeitpunkt, zu dem seiner Ansicht nach in den
Vereinigten Staaten die Entscheidung zur Unterstützung der bewaffneten
Widerstandsbewegung in Nicaragua fiel - "nur ein paar hundert Ex-Nationalgardisten Somozas sporadisch Überfälle entlang der Grenze verübten.
Ihre Hauptbeschäftigung bestand in Viehdiebstählen und Erpressung(24)."
Kurz, die Sandinisten sahen keine militärische Bedrohung. Und doch bestand die Reaktion auf diese wenigen hundert "Viehdiebe" zum Zeitpunkt
November 1981 unter anderem in einer Sandinisten-Armee von fast 40 000
Mann sowie in sowjetischen Panzern, Artillerie und gepanzerten Mannschaftsfahrzeugen .
Die sandinistischen Streitkräfte sind nach kubanischem Vorbild organisiert - genau wie Castros Militär der Organisationsstruktur der Sowjetunion folgt. Um den Aufbau dieser "osteuropäischen" Militärstruktur zu
ermöglichen, gibt es in Nicaragua über 3 000 kubanische sowie mehr als 100
sowjetische und osteuropäische Militär- bzw. Sicherheitsberater. Das sandinistische Militär umfaßt heute rund 350 Panzer und Panzerfahrzeuge
(Somoza hatte 28). Die Streitkräfte der anderen mittelamerikanischen
Staaten haben zusammengenommen rund 200, und die wenigen Panzer in dieser
Gesamtzahl haben eine erheblich geringere Schußkraft als die sowjetischen
T-55 Panzer - das Rückgrat des sandinistischen Arsenals. Sowjetische gepanzerte Mannschaftswagen könnten der sandinistischen Infanterie eine Mobilität verleihen, wie sie in der Region nicht ihresgleichen hat. Die
Sandinisten können auch eine Artillerie sowjetischer Machart vorweisen,
die eine größere Reichweite hat als die Artillerie mancher Divisionen der
amerikanischen Armee.
Viele Anhänger der Sandinisten spielen die Bedeutung der Panzer herunter, die die Sowjets ihrem jüngsten Klienten zur Verfügung gestellt haben. Sie verweisen darauf, wie nutzlos Panzer in "den Bergen und Dschungeln" Mittelamerikas seien. Diese Kritiker ignorieren die Tatsache, daß
die Sowjets die Sandinisten mit Panzertransportern und Pontonmaterial ausgerüstet haben, und daß manche Bereiche von Nicaragua und Honduras hervorragend für Panzeroperationen geeignet sind. Die Sandinisten setzten diese
Panzer dann auch im März und April 1986 bei ihrer Kampagne gegen die Miskito-lndianer an der Atlantikküste Nicaraguas ein.
Seine Dauerhaftigkeit und leichte Handhabung macht den T-55 zu einer
wirksamen Waffe für ein Land wie Nicaragua. In gewissen taktischen Situationen bietet er nicht nur nachdrückliche Unterstützung bei Beschuß, sondern er ist auch ein hervorragendes Mittel zur Kontrolle und Einschüchterung von Menschenmengen. Der Sowjetblock ist sich jedenfalls der Möglichkeiten des T-55 bewußt, denn in den späten siebziger Jahren wurde die
Produktion des T-55 wiederaufgenommen. Hunderte dieser neuen Panzer wurden in die Länder der Dritten Welt geliefert. Daher dürfte sich das Panzerarsenal der Sandinisten auch nicht aus den aufgebesserten T-55 zusammensetzen, die schon 25 Jahre alt sind, sondern aus neuen Panzern, die in
den vergangenen Jahren vom Band liefen. Selbst mit 25 Jahren sind diese

�sind diese Panzer noch immer eine furchterregende Waffe für die Nachbarstaaten Costa Rica und Honduras, haben diese doch der Streitmacht Nicaraguas nichts Gleichwertiges entgegenzusetzen.
Diese schlagkräftige Bodentruppe der Sandinisten wird verstärkt durch
eine wachsende Flotte von Angriffshubschraubern. Die Sowjetunion hat
Nicaragua mehr als 12 Mi-8 HIP Hubschrauber zum Truppentransport zur Verfügung gestellt, die auch wirksam für den Waffentransport eingesetzt werden können. Die verheerendsten Waffen im Flugarsenal der Sandinisten sind
rund sechs Mi-24 HIND D Angriffshubschrauber, der "fliegende Panzer" der
Sowjetunion, der mit brutaler Effizienz auch in Afghanistan eingesetzt
wird. In Nicaragua kostet diese tödliche sowjetische Waffe vielen Mitgliedern des mannschafts- und waffenmäßig unterlegenen demokratischen
Widerstands - den sogenannten Contras - das Leben. Außerdem ist bekannt,
daß kubanische Piloten die Hubschrauber im Kampfeinsatz fliegen.
Es ist nicht nur das Waffenmaterial, das den Sandinisten in der Region
einen solch entscheidenden militärischen Vorteil verschafft. Auch das Ungleichgewicht in der Mannschaftsstärke in Mittelamerika ist eine Folge
dieser sandinistisehen Aufrüstung. Die sandinistischen Streitkräfte im
aktiven Dienst und die Sicherheitskräfte umfassen derzeit rund 75 000
Mann, wozu noch 44 000 Mann Reservisten und nichtmobilisierte Miliz gehören. Während die Sandinisten sagen, sie seien gezwungen gewesen, eine
solch große Streitmacht zu ihrer Selbstverteidigung aufzustellen, befolgen
sie in Wirklichkeit nur die Formel anderer marxistisch-leninistischer Regierungen. Die verschiedenen Regierungen in der Welt, die sich als marxistisch-leninistisch bezeichnen, haben praktisch alle - genau wie Nicaragua
und Kuba - einen weit höheren Prozentsatz ihrer Bevölkerung unter Waffen,
als dies bei ihren nichtkommunistischen Nachbarn der Fall ist(25).
Während souveräne Staaten sicherlich das Recht haben, sich zu verteidigen, ist Nicaraguas Behauptung, es habe eine rein defensive Streitmacht
geschaffen, besonders durchsichtig. Die Sandinisten begannen ihre Aufrüstung kurz nach der Machtübernahme. Im September 1979 hielten die Sandinista-Führer ein dreitägiges Geheimtreffen ab, um Pläne für die Konsolidierung ihrer Revolution zu schmieden. Der Bericht des Treffens, der für
internen FSLN-Gebrauch gedacht war, kam nach einigen Wochen an die Oberfläche. Dieses "72-Stunden-Dokument" war der Entwurf zur Entwicklung eines kommunistischen Staates. Im Hinblick auf die militärische Lage erklärte diese vertrauliche Beurteilung, daß "es derzeit noch keinen klaren
Hinweis für eine Gegenrevolution durch die Streitkräfte Somozas jenseits
unserer Grenzen gibt, die unsere Stabilität gefährden könnte(26)."
In Ermangelung einer eindeutigen militärischen Bedrohung wurde der
eigentliche Grund der Sandinisten zum Aufbau einer solch großen Streitmacht durch den in Moskau ausgebildeten Comandante Henry Ruiz 1982 erklärt, als er sagte:
Die Flitterwochen der Revolution gehen einem Ende zu. Damit meine ich
die romantische Vorstellung jener, die glaubten, daß die Sandinistische Volksrevolution eine idyllische Revolution war, in der die Inte-

�die Interessen einer Gruppe von Verrätern und die Interessen des arbeitenden Volkes verschmolzen werden könnten; ein kurzsichtiger Standpunkt, den der Revolutionsrat nie einnahm.
Unbelastet durch diese "idyllische" Sicht erkannten die Sandinisten,
daß sie ein Mittel brauchten, um die Bevölkerung Nicaraguas zu unterdrücken, wenn die Rose der Revolution erst einmal verblüht sein würde, im
klassisch marxistisch-leninistischen Stil bauten sie sogleich ein eindrucksvolles Militär auf, um sich das Machtnonopol zu sichern.
Shirley Christian, Gewinnerin des Pulitzer-Preises und Autorin von
"Nicaragua: Revolution in der Familie", beschreibt akkurat das Nicaragua
nur 18 Monate nach der Machtergreifung der Sandinisten:
Die Sandinisten hatten sich Ende 1980 zum Besitzer der Wahrheit ausgerufen. Diese Wahrheit aber sagte ihnen etwas Neues: Sie sagte ihnen,
daß Nicaraguas rechter Weg der sei, den die neun Comandantes - die
Vorhut - vorzeichneten. Sie waren die neue Elite, eine Elite, die
sich nicht auf Land, Geld und Gewehre stützte, sondern auf ideologische Information, Parteidisziplin und Gewehre.
Die Sandinisten bauten tatsächlich einen Polizeistaat auf - und nicht
einen demokratischen Staat, der die Grundsätze des Gesetzes beachtet. Sie
kontrollierten die Information, ergriffen Überwachungsmaßnahmen und verstärkten natürlich in dramatischem Umfang den Militär- und Polizeiapparat,
um den politischen Wettbewerb zu begrenzen. Sie führten eine systematische Zerstörung sogar der positiven Aspekte einer überkommenen nicaraguanischen Gesellschaft und Kultur herbei. Was sie stattdessen boten (und
noch immer bieten), war eine marxistisch-leninistische Diktatur. Ihre
Ideologie des "revolutionären Internationalismus" zwang sie dazu, ihren
kommunistischen Verbündeten in El Salvador und andernorts, die um Machtergreifung und Errichtung marxistisch-leninistischer Regierungen kämpften,
Waffen und Munition zu liefern.
Während die Vereinigten Staaten die sich verschlechternde Menschenrechtssituation in Nicaragua beklagten, war es die verdeckte Aggression
durch die Sandinisten gegen souveräne Regierungen, die den Vereinigten
Staaten keine Wahl ließen, als im April 1981 ihre Wirtschaftshilfe einzustellen. Dokumente marxistisch-leninistischer Guerilleros, die in El Salvador aufgefunden wurden, Waffen, die in Honduras auf ihrem Weg von Nicaragua zu Guerilla-Enklaven in El Salvador beschlagnahmt wurden und geheime
nachrichtendienstliche Informationen überzeugten erst die Carter-Administration (29) , dann die Reagan-Administration davon, daß die Sandinisten trotz der Flut entgegengesetzter öffentlicher und privater Verlautbarungen
aus Managua - tatsächlich die Salvadorianische Guerilla unterstützten.

Die Aggression Nicaraguas gegen seine Nachbarn
Seit ihrer Machtergreifung unterstützen die Sandinisten marxistischleninistische Elemente, die die Regierung von El Salvador zu stürzen

�zu stürzen suchen oder zumindest die Regierungen Guatemalas, Honduras oder
Costa Ricas destabilisieren wollen. Seit 1979 liefern die Sandinisten
Waffen an die Guerilla der Nationalen Befreiungsfront Farabundo Marti
(FMLN) in El Salvador und sind Kuba bei deren Ausbildung behilflich. Sie
haben außerdem Guerillakämpfer mit Waffen ausgerüstet und nach Honduras
eingeschleust, und sie haben die guatemaltekische Guerilla mit Waffen versorgt. Sandinistische Bemühungen zur Einschüchterung Costa Ricas begannen
1981, über ein halbes Jahr bevor der bewaffnete Widerstand gegen das sandinistische Regime an der Südgrenze Nicaraguas einsetzte. Seit 1981 hat
es in diesem demokratischsten Land Mittelamerikas weitere, von den Sandinisten unterstützte Terrorakte gegeben.
Der Kongreß der Vereinigten Staaten kam nach gründlichem Studium aller
verfügbaren Geheimdienstinformationen zu dem Schluß, daß Nicaragua sich
immer wieder in die inneren Angelegenheiten von El Salvador und anderen
mittelamerikanische Staaten eingemischt hat. Im August 1985 erklärte der
Kongreß formell im Gesetz Nr. 99-83, daß:
die... Regierung von Nicaragua... in flagranter Weise die Sicherheit
der Staaten in der Region verletzt hat,... indem sie eine Aggression
in Form bewaffneter Subversion gegen ihre Nachbarn begeht und sich
weigert, diese einzustellen.
Im Juli 1984 kam der Kongreß im Gesetz 98-215 zum Schluß, daß:
Nicaragua durch die Bereitstellung militärischer Unterstützung (einschließlich Waffen, Ausbildung sowie Einrichtungen der Logistik, der
Führungseinrichtungen und der Kommunikationsanlagen) an Gruppen, die
um einen Sturz der Regierung von El Salvador und anderer mittelamerikanischer Regierungen bemüht sind, Artikel 18 der Charta der CAS verletzt hat, der bestimmt, daß kein Staat das Recht hat, sich, gleich
aus welchem Grund, in die inneren oder äußeren Angelegenheiten irgendeines anderen Staates einzumischen.
Im Mai 1983 berichtete der Ständige Auswahlausschuß des Repräsentantenhauses für Geheimdienstinformationen nach Überprüfung der Materialien
der Geheimdienste bezüglich der Guerillaverbindung zwischen Sandinisten
und El Salvador:
Ein Großteil der Waffen und anderer Materialien, die Kuba und andere
kommunistische Staaten den Salvadorianischen Aufständischen zukommen
lassen, gehen mit Erlaubnis und Hilfe der Sandinisten über Nicaragua.
Die Salvadorianischen Aufständischen verlassen sich im Kommunikations-, Führungs- und im Logistikbereich auf Stützpunkte in Nicaragua,
von denen einige sogar in Managua selbst liegen und führen von dort
ihre finanziellen, materiellen und propagandistischen Aktivitäten
durch.
Nicaragua bietet auch noch andere Unterstützung, einschließlich des
ungehinderten Transits von Aufständischen nach und von Kuba sowie der
Hilfe für die Aufständischen bei der Planung ihrer Aktivitäten in El
Salvador.
Trotz dieser
- 5 -

�Trotz dieser Beweise leugnet Nicaragua noch immer, den Guerilleros in
El Salvador materielle Unterstützung zukommen zu lassen. Der Grund für
dieses Leugnen ist offenkundig - die Sandinisten sind sich der Tatsache
bewußt, daß es ihre Fürsprecher in den Vereinigten Staaten und in Europa
schwer hätten, unprovozierte Aggression gegen Nachbarstaaten zu entschuldigen. Deshalb betonen die Sandinisten auch weiterhin ihre Unschuld, obwohl sie gleichzeitig die Koordination der täglichen militärischen Aktivitäten der salvadorianisehen wie auch anderer Guerillagruppen unterstützen
und sie mit Waffen, Munition, Sprengstoff und anderem Kriegsmaterial versorgen .

Die Unterdrückungsmethoden der Sandinisten
Am 15. Oktober 1985 verkündete der nicaraguanische Präsident Daniel
Ortega einen neuen Ausnahmezustand, der praktisch alle bürgerlichen Rechte
aufhob - einschließlich so grundlegender Freiheiten wie der Rede-, Presseund Versammlungfreiheit. Diese Maßnahme stieß sowohl im Inland wie im
Ausland auf erhebliche Kritik, und viele Ausländer, die dem sandinistischen Regime durchaus zugetan waren, brachten ihre Besorgnis zum Ausdruck,
daß das Dekret vom 15. Oktober einen Wendepunkt in der sandinistischen Politik und damit eine Abkehr von den erklärten demokratischen Zielen der
nicaraguanisehen Revolution darstelle. Während jedoch der Ausnahmezustand
und der damit verbundene Angriff auf führende Persönlichkeiten aus dem politischen Leben, der Gewerkschaften, des Privatsektors, der Kirchen, Presse und Menschenrechtsbewegung tatsächlich eine erhebliche Eskalation beim
Versuch der Sandinisten darstellte, jegliche interne Opposition zum
Schweigen zu bringen, bedeutete er jedoch keine Änderung der sandinistischen Politik. Vielmehr war das Dekret nur ein weiterer Schritt auf dem
Weg zunehmender Unterdrückung, einem Merkmal des sandinistischen Regimes
seit seiner Machtergreifung 1979. Es wird nach einem Muster vorgegangen,
das Fidel Castro in den frühen sechziger Jahren mit sowjetischer Hilfe auf
Kuba entwickelte. Jetzt sind es die Sandinisten, denen Experten aus Kuba
beim Aufbau ihrer repressiven Gesellschaft helfen. Dem Innenministerium
unter der Führung des langjährigen Castrovertrauten Tomas Borge gehören
hunderte Angehörige des kubanischen Geheimdienstes an, die durch den sowjetischen KGB rekrutiert und ausgebildet wurden.
Die Sandinisten haben in den nunmehr sieben Jahren ihrer Herrschaft
mehrere neue Gefängnisse errichtet, wobei die Mehrzahl der Kontrolle des
Innenministeriums untersteht. Nicaragua hat den zweifelhaften Ruhm, mehr
politische Gefangene hinter Gittern zu haben als jedes andere Land der
westlichen Hemisphäre - ausgenommen Kuba. Neben den 1 500 bis 2 000 ehemaligen Angehörigen der Nationalgarde, die inhaftiert sind, haben die Sandinisten mindestens 6 500 weitere politische Gefangene - eine erstaunliche
Zahl für ein Land von knapp über drei Millionen Einwohnern. Der unabhängigen Ständigen Menschenrechtskommission zufolge sind die Bedingungen in
den sandinistischen Gefängnissen erbärmlich. Die Untersuchung der Kommission enthüllt, daß viele Gefangene in Isolationshaft gehalten werden,
manche sind an den Armen aufgehängt, Schläge und Folter sind an der Tagesordnung (33). Internationale Menschenrechtsorganisationen durften nicht in
die Gefängnisse, die von Borges Geheimpolizei, dem Generaldirektorium für

�Generaldirektorium für Staatssicherheit, betrieben werden. Wenn Menschenrechtsorganisationen oder ausländische Besucher Gefängnisse besichtigen,
so kommt es zu sorgfältig kontrollierten Interviews mit Insassen in Model lgefängnissen. Dies ist dieselbe Technik, die Josef Stalin in den
dreißiger Jahren einsetzte, um Besucher von der "humanen" Natur des sowjetischen StrafSystems zu überzeugen(34).
Einer der großen moralischen Helden der Revolution gegen Somoza war
der Präsident des nicaraguanischen Roten Kreuzes, Ismael Reyes, der immer
wieder mutig die Aufmerksamkeit der Welt auf Somozas schändliches Verhalten lenkte. Obgleich er Somoza immer noch ein "Monster" nennt, sind für
Reyes die Sandinisten doch noch schlimmer. Für ihn haben die Sandinisten
die Welt getäuscht und "versklaven das nicaraguanische Volk". Reyes sagte
dann:
Auf dem amerikanischen Kontinent gibt es kein barbarischeres und blutigeres Regime, kein Regime, das die Menschenrechte häufiger und stärker verletzt hat als das sandinistische Regime.
Ein besonders grausames Beispiel der sandinistischen Brutalität ist
die Geschichte der Miskito-Indianer an der Atlantikküste. Als protestantische Gruppe in einem vorwiegend katholischen Land wurden die ethnisch
unterschiedlichen Miskitos gewöhnlich von der Somoza-Dynastie unbeachtet
gelassen. Unmittelbar nach der Machtergreifung ging die FSLN daran, die
angestammte Führung auszuschalten und sie durch sandinistische Verteidigungskomitees zu ersetzen, jenen von Borge nach kubanischen Organisationen
geformten Gruppierungen aus Bürgerspionen, die dazu dienen sollten, öffentlichen Widerspruch zu ersticken. Einheimische Lehrer an MiskitoSchulen wurden durch Kubaner ersetzt. Im Oktober 1979 kam es zu Demonstrationen gegen die antireligiösen, marxistisch-leninistischen Ausbilder aus Kuba. Die Sandinisten reagierten rücksichtslos. Führer der
Indianer wurden verhaftet, einige getötet. Andere verschwanden einfach.
Später eigneten sich die Sandinisten das Land der Indianergemeinschaft
an. Die Zerstörung indianischer Kirchen, Umsiedlung der Miskitos aus
ihrem angestammten Wohngebiet am Rio Coco, der Grenze zu Honduras, sowie
offene Feindseligkeit der Sandinisten führten dazu, daß Tausende dieser
friedfertigen Menschen zur offenen Rebellion gegen die sandinistische
Regierung übergingen(36).
Die repressiven Taktiken der Sandinisten beschränken sich nicht auf
körperliche Grausamkeiten. Genau wie ihre sowjetischen und kubanischen
Gönner fürchten die Sandinisten freie Presse und ungehinderte Ideenverbreitung mehr als alle Waffen. Die Pressezensur ist unter den Sandinisten
viel schlimmer als je unter Somoza. Sie dient den Sandinisten dazu, eine
umfassende Kontrolle des Informationsstromes aufrechtzuerhalten. Radio
Catolica, der Sender der katholischen Kirche, wurde im Januar 1986 geschlossen, wodurch die Zeitung La Prensa zu Nicaraguas einziger unabhängiger Stimme wurde, die jedoch auch erheblich durch sandinistische Einschüchterung und Eingriffe eingeschränkt ist. In Nicaragua gelten, genau
wie in Kuba, der Sowjetunion und anderen kommunistischen Staaten, unabhängige Medien als fundamentale Gefahr für den Staat(37).
Auch die

�Auch die Gewerkschaften wurden Opfer des sandinistschen Mißbrauchs.
Die Sandinisten haben ihre eigenen Gewerkschaftsorganisationen gegründet
und wenden sich auch hier gegen die demokratischen Gewerkschaftsbewegungen, die ihnen bei ihrem Kampf gegen Sonoza halfen. Vom Innenministerium
eingesetzter Pöbel wurde unter Gewerkschaftsdemonstrationen gemischt, Führer der unabhängigen Gewerkschaften erhielten kein Visum, um zu Konferenzen ins Ausland zu fahren, und die Sandinisten haben sich laut gegen die
polnische Gewerkschaftsbewegung Solidarität gewandt(38).

Der Krieg gegen Religionsgemeinschaften
Die Opposition der katholischen Kirche gegen das Regime Somoza half
den Sandinisten, an die Macht zu kommen. Als die Sandinisten jedoch ihre
Kontrolle gefestigt und die Gesellschaft in immer stärkerem Maß militarisiert hatten, wuchs auch die Spannung zwischen Regierung und Kirche. Die
Sandinisten holten einige Priester in die Regierung, die Anhänger der "Befrei ungstheologie" waren, die besagt, daß Christentum und Marxismus miteinander vereinbar seien. Die Sandinisten ermutigten Priester dieser
Denkrichtung, eine "Volkskirche" als Alternative zur herkömmlichen Hierarchie zu bilden. Die neue Regierung wiederum führte bald eine Verleumdungskampagne gegen Erzbischof (jetzt Kardinal) Miguel Obando y Bravo, beschimpfte ihn als Führer einer Kirche der Reichen und behauptete, daß die
Volkskirche die wirkliche Vertretung der Armen sei. Dabei wurde sein
langjähriger Kampf für soziale Gerechtigkeit und Gleichheit einfach ignoriert. Priester, die dem Kardinal treu blieben, wurden öffentlich erniedrigt, die Messe darf nicht mehr über Radio oder Fernsehen gelesen werden.
Eine andere Spannungsquelle ist das Bemühen der Regierung, Kurse über
Marxismus-Leninismus im Schulplan katholischer Schulen einzuführen (39).
Im April 1984 veröffentlichten die Bischöfe einen Hirtenbrief, in dem
sie Frieden und Dialog zwischen allen Nicaraguanern "ungeachtet ihrer
Ideologie, Klasse oder parteipolitischen Überzeugung" forderten(40). Die
Sandinisten reagierten auf diese Bitte mit einer Erklärung von Tomas Borge:
Diese Bischöfe gehören zu einer Rasse von Verrätern, zu dem Sektor,
der sich selbst dem Imperialismus übergeben hat... Die Haltung solcher
Individuen, dieser Feinde ihres Landes und ihres Volkes, dieser Verräter ihrer eigenen Heimat, ruft nur Empörung hervor.
Die Sandinisten fürchten offenbar den Einfluß, den die Kirche auf das
tiefreligiöse nicaraguanische Volk ausüben kann. Deshalb versuchen sie
auch, sich selbst als echte Christen hinzustellen, die bemüht sind, Marxismus und Christentum miteinander zu verschmelzen. Borges Erklärung
zeigt deutlich den Keil, den die Comandantes zwischen die traditionelle
Kirche und die "Volkskirche" der Befreiungstheologen zu treiben versuchen.
Die Beteiligung von Priestern an der sandinistischen Regierung wird
häufig als "Beweis" dafür genannt, daß die Comandantes nicht antireligiös
seien. Der bekannteste dieser Priester-Politiker ist Maryknoll Miguel
D'Escoto, der seit Juli 1979 Außenminister ist. Er ist ein leidenschaftlicher Kritiker von Kardinal Obando y Bravo und nennt ihn häufig einen

�häufig einen Verräter und "Konterrevolutionär". Am 2. März 1986 verurteilte die halboffizielle Tageszeitung des Vatikans, L'Osservatore Romano,
D'Escoto dafür, "das Volk gegen seine Hirten aufzuhetzen und dadurch die
Wunden zu vertiefen, die der Kirchengemeinschaft bereits zugefügt wurden." Nach einer Kritik der aufrührerischen Bemerkungen D'Escotos über
den Kardinal schloß der Artikel mit der Frage:
Ist es zu spät, auf eine wirklich evangelistische Geste von D'Escoto
zu hoffen, die aus den Tiefen seiner priesterlichen Seele kommt? Ein
Augenblick innerer Klarheit, der ihm in die Erinnerung zurückruft, daß
er vor Christus, der Kirche, dem Volk Nicaraguas und - vor allem - vorsieh selbst zuallererst ein Priester ist und daß er als ein Priester
eines Tages selbst vor Gott stehen wird.
Am 9. März 1986 veröffentlichte die gleiche Zeitung einen Artikel mit
dem Titel "Nicaragua: Die Unterdrückung einer Kirche." Im Rahmen der Beschreibung von Maßnahmen, die das sandinistische Regime ergriff, um seine
"antireligiöse Politik" durchzusetzen, heißt es in dem Artikel:
Man könnte sich fragen, warum die Sandinisten sich der Kirche so widersetzen. Auch wenn sie es abstreiten: der Grund ist, daß die Sandinisten ein totalitäres Regime errichten wollen und Totalitarismus (jeder Art) die Existenz sozialer und humaner Gruppen nicht tolerieren
kann, sondern lediglich eine Partei. Die politisch-totalitaristische
Ideologie ermöglicht keine Alternative: Durch die Verbannung des politischen Pluralismus wird der Bürger einer Privatsphäre beraubt, innerhalb derer er seinen Glauben und seine Religion ausüben kann. In
einer solchen Perspektive der Ausschließlichkeit sind die ersten Ziele, die es zu erreichen gilt, die politischen Parteien, die Wirtschaft
und dann die Kirchen(43).
Die am 15. Oktober erlassene Einschränkung der bürgerlichen Freiheiten
richtete sich in der Tat hauptsächlich gegen die katholische Kirche. Aber
auch andere religiöse Gruppen, wie etwa die Moravianische Brüdergemeinde
und die Adventisten, fühlten den Stachel der Sandinisten. Zudem hat praktisch die ganze jüdische Gemeinde Nicaragua verlassen. Trotz aller Anstrengungen der Comandantes, die geistigen Führer Nicaraguas einzuschüchtern, bleibt der religiöse Glaube ein Hoffnungsschimmer für die Menschen
dieses belagerten Landes.

Internationaler Terrorismus und die Sandinisten
Seit ihrer Machtübernahme haben die Sandinisten Managua zu einem Hafen
für Terroristen aus aller Welt ausgebaut. Viele kommen nur deshalb nach
Nicaragua, weil sie dort einen Ort zum "Ausruhen und Erholen" vorfinden,
während andere wiederum eine konkretere Rolle beim Aufbau des "neuen Nicaragua" spielen. Zu letzteren gehören Vertreter der Palästinensischen Befreiungsorganisation PLO und Abgesandte von Oberst Gadhafis Libyen(44).
Eine ganze Reihe radikaler Staaten - einschließlich Kuba, Iran, Libyen
und Nordkorea - teilt das gemeinsame Ziel, die Präsenz, das Prestige und

�die strategischen Interessen der Vereinigten Staaten in der ganzen Welt
anzugreifen. Die Anwesenheit von Bürgern einiger dieser Länder wurde bis
zurück ins Jahr 1979 nachgewiesen(45).
Verbindungen zwischen Sandinisten und den Radikalen des Nahen Ostens
gehen bis ins Jahr 1966 zurück, als die sandinistische Bewegung erst fünf
Jahre alt war. Wie immer spielte Fidel Castro eine entscheidende Rolle
dabei, als es um Hilfe für die Sandinisten, um Bündnisse innerhalb des
sich damals entwickelnden Terrornetzes ging. 1966 hielt er die "erste
Konferenz der Solidaritätsorganisation der Völker Asiens, Afrikas und
Lateinamerikas" ab(46). Auf dieser Drei-Kontinente-Konferenz, wie sie oft
genannt wird, brachte der politisch ehrgeizige Castro 500 Delegierte von
linksradikalen Gruppen aus der ganzen Welt zusammen, um einen Plan für das
zu entwerfen, was er eine global-revolutionäre Bewegung nannte.
Als Ergebnis dieses Treffens wurden Mitglieder der PLO in Lagern auf
Kuba und in der Sowjetunion ausgebildet. Dann baute der PLO-Kader seine
eigenen Lager im Nahen Osten auf. Ende der sechziger Jahre wurden Sandinisten in diesen Lagern im Libanon ausgebildet, später in Lagern, die
Gadhafi 1969 nach seiner Machtergreifung in Libyen errichtete. Von der
PLO geschulte Sandinisten nahmen an Versuchen teil, König Hussein von
Jordanien zu stürzen. Eine weitere gemeinsame Operation zwischen Sandinisten und PLO im Jahr 1970 wurde von einem Sprecher der Sandinisten in
einem Gespräch mit der Zeitung Al-Watan in Kuweit beschrieben:
Eine Anzahl Sandinisten nahm an der Operation teil, vier von der PLO
gekaperte Flugzeuge umzuleiten und landete auf einem Wüstenflugplatz
in Jordanien. Einer unserer Kameraden war in einer anderen Entführungsmission verwundet worden, an der Leila Khaled beteiligt war. Sie
befehligte diese Operation und unsere Kameraden halfen ihr bei der
Durchführung... Viele der Einheiten, die zur sandinistischen Bewegung
gehörten, befanden sich in Basen der palästinensischen Revolutionsbewegung in Jordanien... Nicaraguanisches und palästinensisches Blut
wurde gemeinsam während der Kämpfe des "Schwarzen September" in Amman
und anderen Plätzen vergossen (47).
Der Hinweis auf eine "Entführungsmission" bezieht sich auf die Entführung eines El-Al-Flugzeugs von Tel Aviv nach London am 6. September
1970. Der ehemals in einem der PLO-Lager ausgebildete Sandinist Patrick
Arguello wurde bei diesem Entführungsversuch getötet. Die Sandinisten haben einen großen Staudamm, der in Nicaragua gebaut wird, nach Arguello benannt .
Dauerhaft wurden die Kontakte zwischen der sandinistischen Führung und
den Radikalen des Nahen Ostens offensichtlich, als Tomas Borge, heute sandinistischer Innenminister, in den siebziger Jahren als Castros Gesandter
für diese Gruppierungen tätig war(48). Durch diese Kontakte konnten die
Sandinisten finanzielle und materielle Hilfe erhalten. Umgekehrt erhielt
der PLO-Vertreter in Managua volle diplomatische Anerkennung, was Nicaragua die Auszeichnung ermöglicht, den Vertreter einer Terroristenorganisation mit dem Titel "Botschafter" zu ehren. PLO-Flugspezialisten arbeiten
eng mit der sandinistischen Luftwaffe zusammen, und Jassir Arafat ist im
- 10 -

�ist im Nahen Osten für die Sandinisten ein wirkungsvoller Verbündeter.
Borge ermöglichte einen Blick auf die engen Verbindungen zwischen den
Sandinisten und der PLO im Verlauf eines Besuchs Arafats in Nicaragua im
Juli 1980, als er sagte:
"Wir sagen unserem Bruder Arafat, daß Nicaragua seine Heimat und die
Sache der PLO Sache der Sandinisten ist(49)."
Oberst Gadhafi, der wohl berüchtigtste Befürworter des Terrorismus,
betrachtet Nicaragua als eine zukünftige Basis von besonders gegen die
Vereinigten Staaten gerichteten terroristischen Operationen in der westlichen Welt und versuchte bisher, die Diktatur der Sandinisten zu stärken. Er hat mehrere hundert Millionen Dollar an Wirtschaftshilfe geleistet und Nicaragua sowohl mit Waffen als auch mit militärischem Personal
ausgerüstet. Im Juni 1981 sprach das Juntamitglied und der jetzige Vizepräsident Sergio Ramirez (der normalerweise in der nicaraguanisehen Regierung als gemäßigt gilt) sehr zuvorkommend von Libyen:
Die Bande zwischen dem libyschen und dem nicaraguanisehen Volk sind
nicht neu, wurden aber gefestigt, als die sandinistische Front auf dem
Schlachtfeld kämpfte, um die Freiheit unseres Vaterlandes zu erringen. Die Solidarität des libyschen Volkes, der libyschen Regierung
und des Genossen Muammar Gadhafi lagen immer offen zutage. Diese Solidarität ist jetzt in die Tat umgesetzt worden und zeigt ihre Auswirkungen, sie ist seit dem Triumph unserer Revolution noch brüderlicher
geworden(50).
Die militärische Unterstützung Libyens an die Sandinisten trat bereits
im April 1983 offen zutage. Vier libysche Flugzeuge mußten aufgrund von
technischen Problemen bei einer der Maschinen in Brasilien landen. Die
Mannschaft behauptete, daß die Maschinen medizinische Versorgungsgüter
nach Kolumbien brächten. Die brasilianischen Behörden wurden jedoch mißtrauisch, als der Pilot keine entsprechenden Lieferscheine für Arzneien
nach Kolumbien vorweisen konnte. Die Maschinen wurden daraufhin von skeptischen brasilianischen Beamten durchsucht, die dabei auf über 80 Tonnen
an Waffen, Sprengstoff und anderen militärischen Ausrüstungsgegenständen
stießen. Dazu gehörten wenigstens ein zerlegtes Ausbildungs-Kampfflugzeug, ferngesteuerte Raketen, Gewehre, Maschinengewehre, Geschütze, Panzerfäuste, 90mm-Kanonen, acht Mehrfach-Raketenwerfer, fünf Tonnen Bomben,
acht Luftabwehrgeschütze, 600 Raketen der leichten Artillerie und andere
nicht näher bezeichnete Kisten mit militärischen
Ausrüstungsgegenständen(51).
Wäre die Landebahn, die die Kubaner gerade in Grenada bauten, bereits
in Betrieb gewesen, so hätten die Flugzeuge dort anstatt in Brasilien landen können und Libyens tiefe Verwicklung mit den Sandinisten wäre verborgen geblieben. Seit der Zeit hat Gadhafi alle Bemühungen um eine Verschleierung dieser Beziehung aufgegeben. Er wurde im September 1984 von
der New York Times folgendermaßen zitiert:
Wir haben nur einige Meilen von Amerika entfernt gemeinsam mit den
Nicaraguanern gekämpft. Bomber, Waffen und Unterstützung Libyens
haben das nicaraguanische Volk erreicht, weil es mit uns kämpft; es
kämpft auf seinem eigenen Territorium gegen Amerika(52).
Die Sandinisten
- 11 -

�Die Sandinisten als Manipulatoren
Mit sowjetischer und kubanischer Unterstützung haben die Sandinisten
eine erschreckend lange Liste der Menschenrechtsverletzungen erstellt.
Sie haben eine in der Geschichte Nicaraguas noch nie dagewesene Pressezensur erreicht, die Freiheit der Religionsausübung eingeschränkt und sie bedrohen unablässig ihre Nachbarn. Darüber hinaus haben sie ihr Versprechen
nicht eingehalten, den politischen Pluralismus zu respektieren. Viele Nicaraguaner, die den Sandinisten zur Macht verholfen haben, glauben jetzt,
daß sie manipuliert worden sind. Im Sommer des Jahres 1979 gehörte Violeta Chamorro, die Witwe des Verlegers Joaquin Chamorro, dessen Tod 1978
die Revolution auslöste, zu den Unterzeichnern eines Briefes an die Organisation Amerikanischer Staaten (GAS), in dem die Sandinisten ein repräsentatives Regierungssystem versprachen. Sie galt zu jener Zeit als Heldenfigur, die für ihren ermordeten Mann den Kampf gegen eine brutale Diktatur weiterführte. Aber bereits im August 1985 hatte Violeta Chamorro
ihre Illusionen über die Sandinisten verloren und schrieb in einem Brief
an den Generalsekretär der GAS:
Es ist genug Zeit verstrichen, so daß ich jetzt entgegen allen möglichen Zweifeln erkennen kann, daß die Grundsätze, für die wir alle
bis zum Sturz Anastasio Somozas gekämpft haben, von der herrschenden
Partei, das heißt von der FSLN, ganz offensichtlich verraten worden
sind.
Aus diesem Grund sehe ich es als meine Pflicht an, den von der FSLN
begangenen Betrug anzuzeigen, die durch Mißbrauch des Vertrauens, das
wir in ihre Führung setzten, die demokratischen Grundsätze verzerrt
und Nicaragua auf den marxistisch-leninistischen Pfad geführt hat, einer Ideologie, die unseren christlichen und demokratischen Grundsätzen
zuwiderläuft. Das empörende Verhalten der FSLN hat unser Land in einen sehr ernsten außen- und innenpolitischen Konflikt gestürzt, der
unsere Jugend verbluten läßt(53).
Viele Besucher Nicaraguas betrachten die Sandinisten immer noch als
Opfer, nicht als Angreifer. Wie Professor Hollander von der Universität
Massachusetts schrieb:
Das marxistisch-leninistische Nicaragua ist in den letzten Jahren zu
einem neuen Reiseziel politischer Touristen aus den Vereinigten
Staaten geworden, die eine groteske und beschämende Tradition in der
politischen Geistesgeschichte des Westens wiederbelebt haben: die ehrfürchtige Pilgerfahrt des Bildungsbürgers, eines Nutznießers beträchtlicher politischer Freiheiten und materiellen Wohlstandes, in repressive kommunistische Länder(54).
Die Arbeit von im Dienste der Sandinisten stehenden Werbefirmen und
Unternehmen wird durch ausländische Besucher gefördert, die blind sind
gegenüber der Wirklichkeit der kommunistischen Diktatur in Nicaragua. Das
ist dieselbe naive Sichtweise, die einige ausländische Besucher veranlasste, in den 30er Jahren Stalins Rußland und Hitlers Deutschland als Zukunftsmodelle zu besuchen. Professor Hollander schreibt über diejenigen,
die heutzutage organisierte Reisen nach Nicaragua unternehmen:
Die Leichtgläubigkeit
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�Die Leichtgläubigkeit der Pilger nach Nicaragua ist immer wieder verblüffend. Nicht nur, daß sie die Lektionen ähnlicher Pilgerfahrten und
Reisegruppen der Vergangenheit ignorieren; sie verschließen sich vielmehr
den über Nicaragua vorliegenden ausführlichen Informationen und Zeugnissen, von denen viele von Nicaraguanern stammen, die in keiner Weise mit
dem Somoza-Regime in Verbindung standen, sondern die vielmehr eben die Revolution unterstützt haben, die ihn stürzte, was das von den Sandinisten
errichtete und von den Reisegruppen sorgfältig gepflegte Bild Lügen
straft(55).
Die Sandinisten haben ausgedehnte Bemühungen unternommen, um Besucher
Nicaraguas hinters Licht zu führen. Zum Beispiel unterhält Innenminister
Borge ein besonderes Büro, das ausländische Besucher, besonders aber
kirchliche Gruppen, empfängt. Dieses Büro enthält Kruzifixe, Wandbehänge
mit religiösen Motiven, eine Bibel und eine große Christus-Statue. In dem
Büro, in dem Borge seine tägliche Arbeit verrichtet, gibt es jedoch keine
religiösen Gegenstände. Dort hängen vielmehr Bilder von Marx, Engels und
Lenin. Diese genauen Informationen wurden von Alvaro Baldizon geliefert,
einem früheren hohen Ermittlungsbeamten Borges(56). (Vom religiösen
Schmuck des Büros, in dem Borge empfängt, wurde auch von anderen Personen
berichtet(57).) Baldizon fügte hinzu, daß Borge ausführlich aus der Bibel
zitiert, nicht etwa, weil er sich neuerdings der Religion verschrieben
hätte, sondern vielmehr, um Besucher irrezuführen. Baldizon berichtet
weiter, daß Borge von amerikanischen Besuchern, die diese Linie akzeptieren, als von einer "Armee nützlicher Dummköpfe" spricht(58).
Die Tatsache, daß viele ausländische Besucher unwissentlich in Borges
"Armee" einbezogen worden sind, demonstriert den Erfolg der Sandinisten,
ihre Hingabe an den Marxismus-Leninismus zu verschleiern. Nur wenige dieser ausländischen Befürworter der Sandinisten hegen irgendwelche Sympathie
für den Kommunismus und den brutalen Preis, den er den Völkern der Länder,
in denen er Anwendung findet, abverlangt. Borge und die anderen Comandantes nutzen jedoch auf zynische Art und Weise die verständlichen Wünsche
der Besucher aus, die sicher mit den besten Absichten kommen, um den Armen
bei ihrem Bemühen um eine bessere Zukunft und mehr Menschenwürde zu helfen. Indem sie sich auf Programme zur Alphabetisierung und Gesundheitsfürsorge konzentrieren, verschleiern die Sandinisten das zunehmende
Schwinden der persönlichen Freiheit, das für das Leben in kommunistischen
Gesellschaftssystemen so bezeichnend ist.
Die Sandinisten benutzen dieselben Täuschungstaktiken in den achtziger
Jahren, von denen ihr Gönner Castro bereits in den sechziger Jahren Gebrauch gemacht hat. Tragischerweise fielen auch zahlreiche antikommunistische ausländische Besucher auf diese Täuschungsmanöver Castros herein.
Eine Lektion, die von heutigen Besuchern Nicaraguas zu lernen wäre, findet
sich in den Worten von Armando Valladares, einem 1960 von Castro inhaftierten Dichter. Nachdem er im Jahr 1982 freigelassen wurde (nur nach
Eingreifen des sozialistischen französischen Präsidenten Mitterrand),
beschrieb Valladares seine Zeit im Gefängnis:
Während all dieser Jahre verfolgten die kubanischen kommunistischen
Indoktrinatoren die Absicht, uns zur Aufgabe unseres religiösen Be- 13 -

�religiösen Bekenntnisses zu zwingen und zu demoralisieren. Dazu benutzten sie wiederholt von Angehörigen der amerikanischen christlichen Kirchen verfasste zustimmende Berichte über Castros Revolution. Jedesmal, wenn in den Vereinigten Staaten ein Flugblatt veröffentlicht wurde, jedesmal, wenn ein Geistlicher einen Artikel der Unterstützung für Fidel Castros Diktatur schrieb, bekamen wir eine Übersetzung davon, und das war für die politischen Gefangenen schlimmer
als die Schläge oder der Hunger. Für uns unverständlich, waren unsere
Brüder in Christus, von denen wir die Umarmung der Solidarität erwarteten, unsere Folterknechte geworden(59).

Der sandinistische verrat
Zusätzlich zur Einrichtung einer Diktatur, die stärker unterdrückt als
jene, die sie ersetzt hat, haben die Sandinisten auch ihre Anhänger in der
Frage freier Wahlen und einer blockfreien Außenpolitik verraten. Die Wahlen waren nicht frei, und die sandinistische Außenpolitik lehnt sich eindeutig an die Sowjetunion an.
Die Wahlen am 5. November 1984 wurden in einer Atmosphäre politischer
und psychologischer Einschüchterung abgehalten. Von den Sandinisten wurden Nahrungsmittel als politisches Druckmittel benutzt. Da der Zugang zu
den Lebensmittelgeschäften der Regierung vom örtlichen Sandinistischen
Verteidigungskomitee (CDS) geregelt wurde, nahm man weithin an, daß nicht
wählen hieße, nichts zu essen zu haben. Die Einheiten der CDS spielten im
Zeitraum unmittelbar vor den Wahlen eine wichtige Rolle. Shirley
Christian schrieb:
Sie (die CDS-Einheiten) gingen von Haus zu Haus, um die Leute von den
Modalitäten der Stimmabgabe bei der Wahl zu unterrichten. Comandantes
hielten Reden und sagten, daß diejenigen, die sich weigerten zu wählen, zu Konterrevolutionären abgestempelt würden. Obwohl die Pressezensur während der Kampagne beträchtlich erleichtert wurde, mußte La
Prensa doch weiterhin alle Artikel zur vorherigen Durchsicht vorlegen. Eins der zensierten Themen war die Berichterstattung über Angriffe der Turba (vom Innenministerium kontrollierter Banden) bei
Wahlversammlungen der Opposition. Das Land blieb auch weiterhin unter
dem am 15. März 1982 verhängten Ausnahmezustand, jenem Tag, nachdem
Contras zwei Brücken nahe der honduranischen Grenze gesprengt hatten.
Weiterhin wurde das Wahlalter von achtzehn auf 16 Jahre herabgesetzt,
was eine beträchtliche Anzahl von Jugendlichen an die Urnen brachte,
die seit den letzten fünf Jahren unter dem Einfluß der starken politischen Veränderungen im Erziehungssystem gestanden hatten(60).
Daß die Sandinisten die Wahlen mehr als eine Werbekampagne als einen
wahrhaft politischen Test betrachteten, wurde durch den Comandante enthüllt, dem die Wahlkampagne der FSLN unterstand. In der bereits genannten
geheimen Rede sagte Bayardo Arce:
Wir betrachten die Wahlen als eine weitere Waffe der Revolution, die
damit ihre historischen Ziele nach und nach in die Realität umsetzen
kann. Wir werden daher hiervon profitieren(61).
Arce betonte,
- 14 -

�Arce betonte, daß die Sandinisten die Wahlen nur wegen der "Kriegssituation, die uns von den Vereinigten Staaten auferlegt wurde", ausgerufen
hätten(62).
Es gab erhebliche internationale Kritik an diesen Wahlen, aber keine
schärfere als die von Carlos Andres Perez, dem früheren Präsidenten von
Venezuela. Als Präsident war Perez ein starker Befürworter der Sandinisten in ihrem Kampf gegen Somoza. Weil ihm das sandinistische Verhalten
bei den Wahlen mißfiel, weigerte sich Perez, der Amtseinführung Präsident
Daniel Ortegas am 10. Januar 1985 beizuwohnen und erklärte seine Enttäuschung über die Sandinisten in einem offenen Brief an ortega:
Mein letzter Besuch in Managua fand am 20. Februar 1984 statt. ...
Wir hörten Sie - in noch kategorischeren Worten als jenen, die Sie in
der Öffentlichkeit verwenden - Ihre Entschlossenheit ausdrücken, Wahlen mit den bestmöglichen Garantien durchzuführen. Das war ein Versprechen, das .wir enthusiastisch aufnahmen und weiterverbreiteten. ...
Jene von uns, die glauben, viel für die sandinistische Revolution getan zu haben, fühlen sich betrogen, weil keine ausreichenden Garantien
gegeben wurden, um die Teilnahme aller politischen Kräfte zu sichern.
Leider schwächte eine solche Beschränkung des wahren politischen Pluralismus die Glaubwürdigkeit der Wahlen(63).
Ein anderes, von den Sandinisten gegebenes Versprechen, mit dem sie in
ihrem Kampf gegen das Somoza-Regime die Unterstützung der OAS suchten,
war, daß ihre Regierung eine "blockfreie" Außenpolitik verfolgen würde.
Genauso wie gegenüber der OAS und dem nicaraguanischen Volk, haben sie
auch ihr Versprechen hinsichtlich der Richtung ihrer Außenpolitik verraten. Sogar, als sie Wirtschaftshilfe aus dem Westen (besonders von den
Vereinigten Staaten) verlangten und auch annahmen, haben sie sich in den
sowjetischen Dunstkreis begeben. Während eines Besuches in Nord-Korea im
Juni 1980 sagte Tomas Borge, daß "die nicarguanischen Revolutionäre nicht
ruhen werden, bis sie die Imperialisten in allen Teilen der Welt gestürzt
haben ... wir stehen zusammen mit den ... sozialistischen Ländern"(64).
Vielleicht tritt die politische Ausrichtung einer Regierung nirgendwo
so klar zutage wie in ihrem Wahlverhalten bei der Vollversammlung der Vereinten Nationen. Während der 38. Vollversammlung (1983-84) wählte der
sandinistische Vertreter in 96 Prozent der Fälle nach der sowjetisch-kubanischen Linie(65). Dazu gehörte die Unterstützung zum Ausschluß Israels
aus der Vollversammlung. In der 39. Vollversammlung (1984-85) blieb die
nicaraguanische Regierung gänzlich im sowjetisch-kubanischen Lager. Zum
Beispiel enthielt sich Nicaragua bei der Abstimmung über die sowjetische
Besetzung Afghanistans, während Kuba für die sowjetische Haltung stimmte.
Alle anderen lateinamerikanischen Länder votierten gegen die Sowjetunion (66) .
Nicaraguaner aller sozialen Schichten sahen ihre Hoffnungen zunichte
gemacht, als Daniel Ortega und die anderen Comandantes sie verrieten.
Seit 1979 haben es mehr als 200 000 Menschen vorgezogen, Nicaragua zu verlassen, als weiterhin unter sandinistischer Herrschaft zu leben. Viele
der ärmsten dieser unglücklichen Nicaraguaner ziehen die Härten des Lebens
- 15 -

�des Lebens in Flüchtlingslagern in Honduras und Costa Rica der schrecklichen Realität des Lebens unter den Sandinisten vor. Zum Teil wegen der
gebrochenen Versprechen von 1979 begann eine Widerstandsbewegung mutiger
Nicaraguaner ihren Kampf um echte Freiheit, von der sie fälschlicherweise
angenommen hatte, sie mit dem Sturz der Somoza-Dynastie erreicht zu haben. In dem Maß, in dem diese Widerstandsbewegung wirksam bleibt, bleibt
auch die Revolution gegen die Diktatur lebendig, die Somoza aus Nicaragua
vertrieb.

FUSSNOTEN
22. Diese Rede hielt Arce, dem die Leitung der Wahlen vom November 1984
übertragen worden war, vor der Nicaraguanischen Sozialistischen Partei in
dem Bemühen, diese Partei zu einem Wahlbündnis mit der FSLN zu bewegen.
Die Rede wurde von einem Zuhörer heimlich auf Tonband aufgezeichnet und in
der Zeitung "La Vanguardia" im spanischen Barcelona am 31. Juli 1984 abgedruckt. Daniel Ortega bestätigte später die Authentizität dieser Rede
("Foreign Report" - 23. August 1984, veröffentlicht von "The Economist) .
Die Rede ist vom amerikanischen Außenministerium als "Comandante Bayardo
Arce's Secret Speech Before the Nicaraguan Socialist Party (PSN)" übersetzt und vervielfältigt worden (Washington, D.C., März 1985).
23. Interview Eden Pastoras in "El Comercio", Lima, Peru, am 27. Juli
1985. Bericht des "Foreign Broadcast Information Service (FBIS), Lateinamerika, vom 20. August 1985, S. P-13.
24. Carlos Tunnermann: "We Will Never Negotiate with the Contras",
Washington Post, 30. März 1985.
25. James Payne: "Marx's Heirs Belie their Pacifist Promise", Wall Street
Journal, 5. April 1985.
26. Dieses Dokument hat den offiziellen Titel "Analysis of the Situation
and Tasks of the Sandinista People's Revolution" und datiert vom 5. Oktober 1979. Es enthält einen detaillierten Bericht der außerordentlichen
Konferenz der Führung der "Frente Sandinista de Liberacion Nacional
(FSLN)" vom 21.-23. September 1979. Es beschreibt die Situation in Nicaragua und in der Welt, wie sie sich in den Augen der sandinistischen Führung darstellte sowie ihre Pläne für die Festigung der Revolution. Der Bericht ist vom amerikanischen Außenministerium als "The 72-Hour Document,
the Sandinista Blueprint for Constructing Communism in Nicaragua" übersetzt und verteilt worden (Washington, D.C., Februar 1985).
27. David Nolan: "FSLN: The Ideology of the Sandinistas and the Nicaraguan
Revolution" (University of Miami, Florida: Institute of Interamerican
Studies, 1984), S. 126.
28. Christian, S. 187.
29. Siehe
- 16 -

�29. Siehe Interview mit dem früheren Außenminister Edmund Muskie in der
Washington Post vom 30. Januar 1981. Er wird mit der Aussage zitiert, daß
Waffen und Nachschub für die Guerillas von El Salvador" sicherlich mit dem
Wissen und einem gewissen Ausmaß an Hilfe" der nicaraguanischen Behörden
über Nicaragua geschleust werden.
30. United States Congress: "International Security and Development
Cooperation Act of 1985", Section 722(c)(2)(C).
31. United States Congress: "Intelligence Authorization Act for 1984",
Section 109a.
32. United States Congress, Permanent Select Committee on Intelligence:
"Report To Accompany H.R. 2760", 13. Mai 1983.
33. Wesley Smith: "The Sandinista Prison System: A Nation Confined",
(Washington, D.C.: National Endowment for the Preservation of Liberty, 13.
März 1986).
34. Paul Hollander: "Political Pilgrims" (New York: Oxford University
Press 1981), S. 140-160.
35. Ismael Reyes: "The Genocides Continue in Nicaragua", Diario de las
Americas, 11. November 1983.
36. Humberto Belli: "Breaking Faith: The Sandinista Revolution and Its
Impact on Freedom and Christian Faith in Nicaragua", (Garden City, Michigan: The Pueblo Institute 1985), S. 106-117. Belli ist ein früherer Sandinist, der später Redakteur der Leitartikelseite von La Prensa wurde. Für
zusätzliche Informationen zum Mißbrauch der Miskitos durch die Sandinisten
siehe Christian, S. 254-266.
37. Als vor kurzem erschienenen Bericht aus erster Hand über die Zensur
durch die Sandinisten siehe Roberto Cardenal Chamorro: "We Need the Free
World's Support", Washington Post, 9. Februar 1986.
38. Eine exzellente Zusammenfassung über den systematischen Angriff der
Sandinisten auf Nicaraguas freie Gewerkschaften enthält William C.
Doherty, Jr.: "A Revolution Betrayed: Free Labor Persecuted", AFL-CIO Free
Trade Union News, März 1984.
39. Als gründliche Analyse der sandinistischen Bemühungen zur Neutralisierung des Einflusses der katholischen Kirche siehe Belli, hier besonders S.
222-236.
40. Ibid., S. 223.
41. interview mit Tomas Borge, "Excelsior", Mexico City, 4. Juni 1984. 42.
"Nicaragua: The Scandal of a March", L'Osservatore Romano, 2. März 1986.
43. "Nicaragua: The Oppression of a Church", L'Osservatore Romano, 9. März
1986.
44. "Sandinistas
- 17 -

�44. "Sandinistas Attract a Who's Who of Terrorists", Miami Herald, 3. März
1985.
45. Ibid.
46. Thomas, S. 1477.
47. David J. Kopilow: "Castro, Israel and the PLO" (Washington, D.C.:
Cuban American National Foundation Inc., 1984), S. 11.
48. "The Arab-Israeli Contest for Influence in Latin America", Business
Week, 3. November 1983, S. 52.
49. Center for international Security: "The Sandinista-PLO Axis: A
Challenge to the Free World" (Washington, D.C., Februar 1984), S. 3.
50. "Arab States Help Nicaragua", Washington Post, 14. Juli 1981.
51. "Brazilians Study Libyan Arms Cargo: Reports Vary on Contents",
Washington Post, 26. April 1983.
52. "Qaddaffi Says He Has Sent Troops to Help Nicaragua Against the U.S.",
New York Times, 2. September 1984.
53. Das Schreiben vom 13. August 1985 wird erwähnt im "Foreign Broadcast
Information Service (FBIS), Lateinamerika, 27. August 1985, S. P-14.
54. Hollander:

"The Newest Political Pilgrims", S. 40

55. Ibid.
56. U.S. Department of State: "Inside the Sandinista Regime: A Special
Investigator's Perspective" (Washington, D.C.: Februar 1986), S. 11 f.
57. Christian, S. 205.
58. U.S. Department of State:

"Inside the Sandinista Regime, S. 11.

59. Belli, S. 247.
60. Christian, S. 299.
61. U.S. Department of State: "Comandante Bayardo Arce's Secret Speech
Before the Nicaraguan Socialist Party (PSN)" (Washington, D.C.: März
1985), S. 7.
62. Ibid., S. 4.
63. Carlos Andres Perez, Schreiben an Daniel Ortega: "Socialist
International Leader Sends Daniel Ortega His Regrets", Wall Street
Journal, 11. Januar 1985.
64. Foreign
- 18 -

�64. Foreign Broadcast Information Service (FBIS), Asien, 12. Juni 1980, S.
D-17.
65. John Norton Moore: "The Secret War in Central America and the Future
of World Order", The American Journal of International Law, Januar 1986,
S. 52.
66. Ibid., S. 53.

*****

- 19 -

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