<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?>
<itemContainer xmlns="http://omeka.org/schemas/omeka-xml/v5" xmlns:xsi="http://www.w3.org/2001/XMLSchema-instance" xsi:schemaLocation="http://omeka.org/schemas/omeka-xml/v5 http://omeka.org/schemas/omeka-xml/v5/omeka-xml-5-0.xsd" uri="https://www.amerikahaus-archiv.de/items/browse?output=omeka-xml&amp;page=80&amp;sort_field=added" accessDate="2026-11-04T10:20:41+00:00">
  <miscellaneousContainer>
    <pagination>
      <pageNumber>80</pageNumber>
      <perPage>10</perPage>
      <totalResults>2223</totalResults>
    </pagination>
  </miscellaneousContainer>
  <item itemId="2133" public="1" featured="0">
    <fileContainer>
      <file fileId="2144">
        <src>https://www.amerikahaus-archiv.de/files/original/673381134166eb5ea7473581d8c53ae8.pdf</src>
        <authentication>d57ee1f68b24de2722e6c1534ec4e680</authentication>
        <elementSetContainer>
          <elementSet elementSetId="4">
            <name>PDF Text</name>
            <description/>
            <elementContainer>
              <element elementId="52">
                <name>Text</name>
                <description/>
                <elementTextContainer>
                  <elementText elementTextId="10777">
                    <text>VON

cimGrikci
dienet

U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

*

J&amp;
&lt;?v&gt;

Nr

28. Februar 1990

8

DEUTSCHLANDPOLITIK

US-TRUPPEN AUCH IN VEREINIGTEM
DEUTSCHLAND
Pressekonferenz von Bundeskanzler Kohl
und Präsident Bush

US-AUSSENPOLITIK

BAKER BEKRÄFTIGT UNTERSTÜTZUNG
FÜR NEUE DEMOKRATIEN
Rede des Außenministers vor dem Kongreßausschuß

RÜSTUNGSKONTROLLE

FORTSCHRITTE BEI SOWJETISCHER
EINHALTUNG VON RÜSTUNGSKONTROLLABKOMMEN
Jahresbericht des Präsidenten an den Kongreß

UMWELT

BAKER: UMWELT KERNSTÜCK DER
AMERIKANISCHEN AUSSENPOLITIK
Rede bei der National Governors' Association

MENSCHENRECHTE

"UNVERKENNBAR" POSITIVE TENDENZEN BEI
MENSCHENRECHTEN
Jahresbericht des Außenministeriums über
Menschenrechte

WISSENSCHAFT

SUPERCOMPUTER MIT TIEFGREIFENDEN
AUSWIRKUNGEN AUF DIE WISSENSCHAFT
Anwendungen für Erforschung von Galaxien,
Konstruktion künstlicher Gelenke

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.:0228-3392366
Telex: 8-85432

�DEUTSCHLANDPOLITIK
28. Februar 1990

US-TRUPPEN AUCH IN VEREINIGTEM DEUTSCHLAND
Pressekonferenz von Bundeskanzler Kohl und Präsident Bush
WASHINGTON - (AD) - Bei einer Pressekonferenz am 15. Februar 1990 bekundeten Präsident Bush und
Bundeskanzler Kohl ihre Überzeugung, daß eine Vereinigung der beiden deutschen Staaten unmittelbar
bevorstünde und ein geeintes Deutschland Mitglied in der NATO werden soll.
Bush und Kohl erklärten übereinstimmend, US-Truppen blieben in Europa - und in einem vereinigten
Deutschland-stationiert, das Gebiet der Deutschen Demokratische Republik erhielte jedoch "einen militärischen
Sonderstatus, der die legitimen Sicherheitsinteressen aller interessierten Länder einschließlich der Sowjetunion
mit berücksichtigt".
Nachfolgend veröffentlichen wir die Pressekonferenz mit freundlicher Genehmigung des Presse- und Informationsamts der Bundesregierung.

Bush: Barbara und ich haben den 24. und 25. Februar
in Camp David mit Helmut Kohl, dem Bundeskanzler
der Bundesrepublik Deutschland, und seiner Frau
Hannelore verbracht. Und wir haben uns sehr gefreut,
Sie hier als Gäste begrüßen zu können. Der Kanzler
und ich hatten Gelegenheit, ausführlich über jüngste
politische Entwicklungen in Europa und auch über die
Ost-West-Beziehungen zu sprechen.
Ich freue mich, sagen zu können, daß unsere Ansichten sich gleichen in den grundlegenden Fragen. Wir
beide begrüßen die Aussicht weiterer Entwicklungen
in Richtung auf die deutsche Einigung, beginnend mit
den Schritten in Richtung wirtschaftlicher und Währungsunion, die für den Zeitraum unmittelbar nach den
Wahlen in der DDR nach dem 18. März geplant sind.
Wenn sich die Ereignisse schneller entwickeln, als wir
es erwartet hatten, würde das doch nur bedeuten, daß
unser gemeinsames Ziel, das wir während dieser
ganzen Jahre verfolgt haben, nämlich die deutsche
Einigung, schneller erreicht werden wird, als wir es zu
hoffen gewagt hatten.
Wir sind gemeinsam der Ansicht, daß ein geeintes
Deutschland ein Vollmitglied der NATO und auch Teil
des militärischen Verbundes der NATO bleiben muß.
Wir sind uns einig, daß die amerikanischen Streitkräfte

AMERIKA DIENST 8

in einem vereinigten Deutschland und in anderen
Teilen Europas weiter verbleiben sollen als weiterer
Garant der Stabilität.
Der Kanzler und ich waren uns ebenfalls einig, daß in
einem geeinten Deutschland das frühere Staatsgebiet
der DDR einen militärischen Sonderstatus genießen
soll, der die legitimen Sicherheitsinteressen aller interessierten Länder einschließlich der Sowjetunion mit
berücksichtigt und dem Rechnung trägt.
Gleichzeitig waren der Kanzler und ich uns einig, daß
wir auf ein Rüstungskontrollabkommen drängen müssen, mit dem die militärischen Streitkräfte in Europa
vom Atlantik bis zum Ural drastisch verringert werden.
Wir wollen zusammenarbeiten, damit ein VKSE-Abkommen in diesem Jahr unterschriftsreif ist und unterschrieben werden kann bei einem Gipfel aller 35
KSZE-Mitgliedstaaten. Dieser Gipfel könnte dann
auch unseren Vorschlag verabschieden, mit dem um
KSZE-Richtlinien gebeten wird über freie Wahlen, die
sich (im Rahmen) der neuen Stimme demokratischer
Institutionen Osteuropas frei entwickeln können.
Kanzler Kohl und ich hatten ein gutes Gespräch über
Ost-West-Beziehungen.
Wir beide unterstützen
Generalsekretär Gorbatschows Programm der Perestrojka und seine Bemühungen, um Reformen im
Seite 1

�politischen und wirtschaftlichen System des Landes
durchzuführen.
Generalsekretär Gorbatschow hat sich als wahrer
Staatsmann erwiesen in seinem Respekt für den Willen der Menschen in Osteuropa, in dem Versuch, neue
Beziehungen zu schaffen auf der Grundlage der Zusammenarbeit statt des Zwanges.
Seit den schweren Tagen am Ende des 2. Weltkrieges,
als Amerika Hand in Hand mit dem deutschen Volk
begann, einen neuen Staat, eine neue Gesellschaft
aufzubauen, waren die Vereinigten Staaten der Partner Deutschlands bei der Verfolgung eines gemeinsamen Traumes. Und dieser Traum, dieses Ziel war die
Errichtung einer freien demokratischen und blühenden
deutschen Republik, die in enger Zusammenarbeit
und Frieden mit den nächsten Nachbarn lebt.
Der Bestand der deutsch-amerikanischen Partnerschaft hat sich als fest erwiesen. Und diese Zusammenarbeit war nie besser als in dieser Zeit, da Bundeskanzler Kohl, der führende Politiker einer der größten
Demokratien der Welt, einer Sternstunde seines Landes, einer Sternstunde der Geschichte seiner Nation
entgegengeht.
Wir danken Ihnen, Herr Bundeskanzler, dafürl
Kohl: Herr Präsident, meine Damen und Herren, mein
erstes Wort ist ein Wort des Dankes an Sie, Herr
Präsident, and Ihre Frau Barbara - auch im Namen
meiner Frau - für diese so herzliche und sehr freundschaftliche Aufnahme, die wir in diesen Tagen in Camp
David gefunden haben.
Die Atmosphäre unserer Begegnung ist symbolisch für
den hervorragenden Stand der deutsch-amerikanischen Beziehungen.
Gerade jetzt, wo der Tag der Einheit für uns Deutsche
näherrückt, erinnern wir uns mit großer Dankbarkeit
daran, daß dies alles ohne die enge Freundschaft, die
Unterstützung, die Partnerschaft mit den Vereinigten
Staaten nicht hätte erreicht werden können.
Im Geist dieser Freundschaft haben wir beide, Herr
Präsident, in diesen Stunden in Camp David eine
breite Palette von Fragen von großer Aktualität erörtert.
Im Mittelpunkt unserer Gespräche stand die Zukunft
der transatlantischen Beziehungen und darin eingebettet der Weg der Deutschen zur staatlichen Einheit.

die deutsch-amerikanische Partnerschaft sind von
grundlegender Bedeutung für den Frieden und die
Sicherheit. Das gilt jetzt, und das gilt für die Zukunft.
Zweitens: Der Sicherheitsverbund zwischen Nordamerika und Europa ist und bleibt für uns Deutsche
heute und in Zukunft - das heißt auch für ein geeintes
Deutschland - von einer existentiellen Bedeutung.
Deshalb brauchen wir die Präsenz unserer amerikanischen Freunde in Europa und in Deutschland. Und
dazu gehört auch die Präsenz amerikanischer Streitkräfte.
Auch für das künftige geeinte Deutschland wird die
Pflege der Freundschaft und der Ausbau der Beziehungen mit den Vereinigten Staaten eine wichtige
Aufgabe sein. Wir freuen uns über den immer engeren
wirtschaftlichen Austausch und die immer engere wirtschaftliche Zusammenarbeit, über den Austausch im
Bereich der Wissenschaft und der Kultur und die sich
immer mehr verbessernde Begegnung der Menschen,
insbesondere der jungen Generation.
Wir sind der Überzeugung, daß die transatlantischen
Beziehungen auf allen Gebieten konsequent ausgebaut werden müssen. Dazu gehört die gemeinsame
Sicherheit im Bündnis, der immer engere Kontakt
zwischen der Europäischen Gemeinschaft, einschließlich der Europäischen Politischen Zusammenarbeit,
und den Vereinigten Staaten, und dazu gehört auch die
gemeinsame Arbeit an einer europäischen Friedensordnung im Rahmen der KSZE.
Herr Präsident, meine Damen und Herren, angesichts
dergroßen Veränderung in Mittel-, Ost- und Südosteuropa bleibt die Europäische Gemeinschaft ein unverzichtbarer Anker europäischer Stabilität. Deshalb
wollen wir, die Bundesrepublik Deutschland und vor
allem ich selbst, die europäische Integration nicht nur
ausbauen, sondern wir wollen diesen Prozeß wo immer
möglich beschleunigen. Über den großen Binnenmarkt zum 31. Dezember 1992, über die Wirtschaftsund Währungsunion hinaus bleibt unser vorrangiges
Ziel die Politische Union in Europa.
Das war Sinn und Inspiration der Römischen Verträge,
und daran hat sich nichts geändert.
Es liegt in unserem gemeinsamen Interesse, daß die
Reformpolitik in Mittel-, Ost- und Südosteuropa und in
Sonderheit die Politik Generalsekretär Gorbatschows
in der Sowjetunion Erfolg hat. Europa und Nordamerika sind und bleiben offen für partnerschaftliche Zusammenarbeit gerade auch mit den Reformstaaten.

Vor dem Hintergrund historischer Veränderungen auf
dem europäischen Kontinent haben wir unsere gemeinsamen Grundüberzeugungen bekräftigt:

Ich begrüße ganz besonders, Herr Präsident, was Sie
eben gerade zu diesem Thema gesagt haben.

Erstens: Das Bündnis der freiheitlichen Demokratien
Europas und Nordamerikas und darin eingeschlossen

Wir waren uns in unseren Gesprächen auch einig, die
Abrüstungsverhandlungen energisch voranzutreiben
und zum Erfolg zu führen.

Seite 2

AMERIKA DIENST 8

�Herr Präsident, meine Damen und Herren, auf dem
Wege zur deutschen Einheit sind jetzt vor allem Vernunft und, wie ich immer wieder sage, Augenmaß
erforderlich. Wir Deutsche gehen diesen Weg in einer
besonderen Verantwortung mitten in Europa, sozusagen auf zwei Schienen, die gleich wichtig sind und die
auch gleich bedeutend sind.
Einerseits führen wir im innerdeutschen Bereich die
intensiven Gespräche mit der DDR. Dabei geht es jetzt
insbesondere um das baldige Realisieren der Währungsunion und der Wirtschafts- und Sozialgemeinschaft.
Und andererseits haben wir darauf zu achten, daß die
unauflösliche Verbindung mit der transatlantischen
Partnerschaft, der europäischen Einigung und der
umfassenden Zusammenarbeit zwischen West und
Ost in diese Entwicklung mit eingebunden ist.
Wir respektieren die berechtigten Sicherheitsinteressen aller Staaten und achten die Gefühle der Menschen, insbesondere unserer Nachbarn.
Dies sage ich auch mit Nachdruck und Entschiedenheit unseren polnischen Nachbarn.
Die Grenzfrage wird endgültig durch eine freigewählte
gesamtdeutsche Regierung und ein freigewähltes
gesamtdeutsches Parlament zu regeln sein. Und ich
darf hier wiederholen, was ich kürzlich in Paris im
Januar dieses Jahres bereits gesagt habe: Niemand
will die Frage der Einheit der Nation mit der Verschiebung bestehender Grenzen verbinden.
Ich habe im Laufe unserer Gespräche Präsident Bush
ausführlich über die Lage in der DDR und auch über
meine Gespräche mit Generalsekretär Gorbatschow
vor wenigen Tagen am 10. Februar in Moskau berichtet.
Ich will die Gelegenheit nehmen, Herr Präsident, Ihnen
auch hier vor dem Forum der Öffentlichkeit Ihres
Landes noch einmal dafür zu danken, daß Sie mir am
Vorabend meiner Reise nach Moskau ein Schreiben
übermittelt haben, das nicht nur die Unterstützung für
unsere Politik beinhaltet, (sondern das) in seinem
freundschaftlichen Geist und in der Selbstverständlichkeit der Partnerschaft zu den großartigen Dokumenten deutsch-amerikanischer Freundschaft gehört.
Ich darf zum Schluß Ihnen noch einmal sehr herzlich
danken für die freundschaftliche Aufnahme und für die
guten Gespräche. Ich bin sicher: Wir werden diesen
guten Weg für die Zukunft gemeinsam fortsetzen.
Frage: Ich bin ein polnischer Journalist. Ich möchte
Sie fragen: Bedeutet Ihre Erklärung, daß Sie die
Verschiebung der Grenze nicht wollen, daß Sie die
deutsch-polnische Grenze unabhängig davon, was in
Deutschland vorgeht, als endgültig anerkennen?

AMERIKA DIENST 8

Kohl: Meine Antwort ist ganz klar. Die ist im Text
enthalten. Ich bin auch sicher: Sie ist korrekt übersetzt
worden. Nach unserer Rechtsordnung hat die letzte
Entscheidung über diese Frage der gesamtdeutsche
Souverän zu treffen. Das ist ein freigewähltes gesamtdeutsches Parlament und eine freigewählte gesamtdeutsche Regierung. Das ist auch in den Verträgen
1970 und in den Gesprächen, die damals stattfanden,
immer wieder klar und deutlich gesagt worden.
Ich habe nun darüber hinaus in den letzten Wochen
immer wieder zu dieser Frage erklärt, und ich wiederhole es noch einmal: Niemand will die Frage der
Einheit der Nation mit der Verschiebung bestehender
Grenzen verbinden. Das ist meine Position, an der
niemand zu zweifeln erlaubt ist.
Frage: Herr Bundeskanzler, halten Sie es für ausgeschlossen, daß vor einer deutschen Einigung mit Polen ein Vertrag über die Westgrenze Polens zustande
kommt? Halten sie Verhandlungen mit Polen - das ist
ja der Wunsch der polnischen Regierung - für ausgeschlossen?
Kohl: Wenn ich den Wunsch der polnischen Regierung richtig interpretiere - und ich gehe, glaube ich, von
einer richtigen Annahme aus - hat die polnische Regierung den sehr verständlichen Wunsch, daß der wirklich
zuständige Souverän - auch völkerrechtlich zuständige, und das ist der gesamtdeutsche Souverän - eine
solche Entscheidung trifft. Es gibt in Polen Wünsche,
daß vor dieser Entscheidung eines freigewählten
deutschen Parlaments in der Ratifikation, die dann
notwendig ist, in den beiden deutschen Staaten Entscheidungen getroffen werden. Wir haben dazu im
Deutschen Bundestag eine ganz klare, mit riesiger
Mehrheit getroffene Entscheidung bekanntgegeben,
die noch einmal diese Linie bestätigt.
Bush: Darf ich vielleicht hinzufügen, wenn Sie gestatten, Herr Bundeskanzler, daß die amerikanische Position
die ist, daß die Vereinigten Staaten die Bestimmung
der Helsinki-Schlußakte hinsichtlich der Unverletzlichkeit bestehender Grenzen in Europa respektieren.
Und die Vereinigten Staaten erkennen formell die
gegenwärtig bestehende deutsch-polnische Grenze
an.
Frage: Glauben Sie, daß es einen Unterschied gibt
zwischen dem, was Sie gerade gesagt haben und
dem, was der Kanzler gesagt hat? Ich habe den
Eindruck, daß die Aussage des Kanzlers nicht ganz
eindeutig ist. Hier besteht ein Unterschied zwischen
dem, was der Kanzler gesagt hat, und was Sie sagen.
Bush: Ich glaube, wir sind uns da einig. Die beiden
Positionen stimmen überein. Ich würde nicht sagen,
daß sie in irgendeiner Weise unklar war. Ich habe
Ihnen gerade die amerikanische Position vorgetragen.

Seite 3

�Frage: Können Sie uns bitte sagen, in welcher Weise
der 2 plus 4-Prozeß funktionieren wird, ob diese Sitzungen hintereinander stattfinden? Da besteht sehr
viel Verwirrung.
Bush: Diese Einzelheiten wurden noch nicht bis ins
einzelne definiert in bezug auf welche Gespräche wo
und wann. Diese Formel wurde von den Außenministern in Ottawa genehmigt. Und wir haben nicht den
Versuch gemacht, hier in Camp David nun bis ins
Kleinste festzulegen, in welcher Weise man da verfahren soll bei den 2 plus 4-Sitzungen.
Frage: Ich fürchte, ich sehe es jetzt nicht klarer als vor
Ihrer Antwort. Sollen die Deutschen ihre Sitzungen
gleichzeitig abhalten und dann die NATO?
Bush: Diese Einzelheiten wurden bisher noch nicht
festgelegt. Und es wäre nicht richtig, wenn die Vereinigten Staaten allein mit dem deutschen Bundeskanzler diese ganzen technischen Einzelheiten erarbeiten,
von denen andere schließlich auch betroffen sind. Und
deshalb haben wir es nicht gemacht.
Kohl: Ich möchte gerne auch eine kurze Bemerkung
zu diesem Thema machen, zumal ich nicht glaube,
daß es irgendeinen Grund gibt, die Dinge mit Mißtrauen zu betrachten. Ich bin sehr zufrieden mit der
Entscheidung, die in Ottawa getroffen wurde: 2 plus 4.
Es ist ganz natürlich, daß sich die beiden Staaten in
Deutschland, vor allem auch nach der Wahl nach dem
18. März, in einer besonderen Weise über dieses
Thema unterhalten. Das geht ja nun wirklich die
Deutschen primär an. Ich habe es in meinem Beispiel
mit den beiden Schienen, auf denen die Entwicklung
vorangehen muß, deutlich gemacht.
Wir werden dann - 2 plus 4 - miteinander ganz offen
über alles zu reden haben. Und hier geht es nicht
darum, irgendjemand auszutricksen - das war sozusagen der Hintergrund Ihrer Frage -, sondern hier geht es
darum, daß man über die Dinge dann sehr im Detail
sprechen muß. Und ich sehe das in einer brauchbaren
Zeit absolut für machbar.
Frage: Herr Präsident und Herr Bundeskanzler, welche Rolle spielen die Polen in diesem Prozeß? Sind sie
mit unter den 35 am Ende? Wie sind die Polen in
diesen Prozeß eingebettet?
Bush: Mir sind die Gefühle Polens bekannt. Sie
hätten statt 2 plus 4 gerne 2 plus 5. War das der
Hintergrund Ihrer Frage? Auf die 2 plus 4 hat man sich
eindeutig geeinigt. Es läßt sich keine Einigung erzielen, die die polnische Grenze betrifft, ohne daß die
Polen beteiligt werden. Aber wir versuchen hier nicht
eine Vereinbarung zu ändern, die von mehreren Ländern in Ottawa getroffen wurde. Das wollen wir nicht.
Das wollen wir nicht anfangen.
Ich sollte aber vielleicht hinzufügen, daß es alle möglichen Konsultationswege geben wird, nicht nur um die

Seite 4

Interessen der Polen mit zu berücksichtigen, sondern
auch im Interesse anderer. Der Kanzler hat das in
hervorragender Weise schon ins Auge gefaßt. Auch
wir sind dazu entschlossen. Es ist wichtig, daß wir mit
den Alliierten und Verbündeten die gleiche Wellenlänge haben.
Kohl: Ich will das unterstützen, was der Präsident
gesagt hat. Ich sehe natürlich das besondere Interesse, das Polen hat. Und ich bin sicher, daß wir im
Verlaufe dieses Prozesses, auch dieser Arbeit Wege
finden, um eine befriedigende Lösung für alle Beteiligten zu finden. Ich glaube, jeder von uns hat das Gefühl,
daß es hier eine Besonderheit gibt. Aber ich halte es
für wenig sinnvoll, daß wir beide heute, während die
anderen Partner nicht präsent sind, darüber irgendwelche Erklärungen abgeben.
Frage: Herr Präsident, Herr Bundeskanzler, unser
ehemaliger eigener Nachrichtendienstdirektor hat diesen
Marsch zur Einigung einen eingleisigen Schachzug
genannt. Angesichts der deutschen Geschichte sollten sie die Zusicherung hinsichtlich der Grenze geben,
ehe diese Einigung zustande kommt.
Bush: Ich glaube, diese ganzen Angelegenheiten
werden in den Konsultationsgruppen, die wir einrichten werden, besprochen werden. Aber ich sehe Deutschlands 45jährigen Beitrag zur Demokratie und den
Beitrag zur Sicherheit des Westens. Das ist die Sache,
die für mich im Mittelpunkt steht. Deshalb habe ich den
Regierungen die Position der Vereinigten Staaten klar
zum Ausdruck gebracht. Wir haben keine Angst vor
der deutschen Wiedervereinigung, sondern wir verstehen es, wenn Brüder und Schwestern auf beiden
Seiten der Grenzen zusammengeführt werden wollen,
wie sie es schließlich waren vor der künstlichen Teilung, die sich aus dem Zweiten Weltkrieg ergab.
Wir haben also dieses Problem schon hinter uns. Wir
begrüßen nämlich die Vereinigung. Aber es ist nicht
Sache der Vereinigten Staaten, hier irgendwelche
Zeitpläne festzulegen. Es ist nicht unser Recht, zu
sagen, wie schnell das geschehen soll. Es ist unsere
Aufgabe, in Konsultationen mit unseren Verbündeten
sicherzustellen, daß das, was immer da geschaffen
wird, stabil ist und daß Frieden das Endresultat sein
wird. Ich habe Ihnen in meiner Erklärung schon die
amerikanische Position zur Vereinigung dargelegt.
Wir versuchen das nicht zu beschleunigen oder zu
verlangsamen. Das ist eine Angelegenheit, die die
Deutschen betrifft, und dann gibt es die multilateralen
Diskussionen.
Kohl: Ich möchte zu dieser Frage gern etwas sagen,
weil es eine sehr zentrale Frage ist. Ich bin dankbar
dafür. Die Frage der deutschen Einheit ist eine Frage
des Selbstbestimmungsrechts. Und das Selbstbestimmungsrecht steht allen Völkern dieser Erde zu. Es
ist ein Teil der Charta der Vereinten Nationen. Es
entspricht den Grundsätzen der KSZE. Es entspricht

AMGRIKA DIENST 8

�einer großen demokratischen Tradition unserer Welt.
In allen Dokumenten, in allen Verträgen, die mit der
Bundesrepublik abgeschlossen wurden, wurde der
Wille zur Einheit der Nation der Deutschen immer
unterstützt und bekräftigt. Das ist eine Realität.
Die zweite Realität ist, daß die Menschen in Deutschland zueinander kommen wollen, daß sie diese künstliche Teilung überwinden wollen. Die Menschen in der
DDR haben in einer friedlichen Revolution, der wohl
friedlichsten Revolution der Geschichte, deutlich
gemacht, was das Volk will. "Wir sind das Volk!" und
"Einig Vaterland!" haben sie gerufen. Doch, auch
wenn ich dies alles empfinde, mit Bewegung empfinde,
bleibt uns Deutschen die Pflicht, in einem Blick auf die
Karte die Geographie zu erkennen, daß wir mitten in
Europa sind, daß wir nicht allein sind, daß wir eine
Geschichte und eine Belastung der Geschichte mit
uns tragen, daß wir Verständnis haben müssen für
Ängste, auch unserer Nachbarn, wobei ich von den
wirklichen Ängsten rede und nicht von vorgegebenen
Ängsten, denn manche sprechen von Ängsten und
meinen die Wirtschaftskraft der Bundesrepublik plus
die Erweiterung um die DDR.
Wissen Sie, der Präsident hat das zu Recht gesagt:
Die Bundesrepublik ist im letzten Jahr vierzig Jahre alt
geworden. Sie war in diesen vierzig Jahren ein treuer
zuverlässiger Partner in schwierigsten Zeiten für
Menschenrechte, für die Verteidigung der Freiheit. Im
Jahr 1983 habe ich meine politische Existenz aufs
Spiel gesetzt bei der Stationierung der Mittelstreckenwaffen und zur Stabilisierung der NATO beigetragen.
Insofern braucht mir niemand zu sagen, was ein zuverlässiger Partner ist.
Aber ich sehe diese Gegebenheiten, und ich habe in
meinem Statement deutlich gemacht - das ist auch
eine Antwort auf Ihre Frage -, daß ich zu denen gehöre,
die die politische Integration Europas vorantreiben
wollen. Die Bundesregierung ist eine Regierung, die
bereit ist, weitere Zuständigkeiten und Rechte auf das
Europäische Parlament zu übertragen. Das heißt: wir
wollen, daß dieses vereinte Deutschland immer stärker eingebunden ist mit seinen Nachbarn in den europäischen Integrationsprozeß. Und deswegen braucht
niemand Angst zu haben.

Das wäre doch ganz eindeutig nicht unsere Position,
hätten wir die Befürchtung, auf die Ihre Frage anspielt.
Ich glaube, daß eine Möglichkeit zur Sicherung der
Stabilität nicht im Hinblick auf diese Frage, sondern
insgesamt im Hinblick auf Stabilität in Europa, darin
besteht, daß man eine starke NATO hat und daß
amerikanische Truppen, soweit sie erwünscht sind, in
Europa stationiert bleiben. Wenn ich allerdings die
Befürchtung teilte, auf die sie verwiesen, dann wäre
unsere Politik doch wohl eine andere.
Frage: Wie haltbar sind die NATO-Verpflichtungen
angesichts der Unterstützung in der Bundesrepublik
für ein neutrales Deutschland? Welche Chance geben
Sie den ostdeutschen Wahlen angesichts des politischen Drucks, dem Sie sich Ende des Jahres wegen
der Wahlen entgegensehen werden?
Kohl: Zunächst einmal sind die Wahlen in der Bundesrepublik Ende Dezember meine Sache. Ich sehe
diesen Wahlen mit großer Ruhe entgegen.
Inwieweit wir zuverlässig sind? Ich habe das Beispiel
eben gebracht. Wenn ich hier gestanden hätte im
Herbst 1982 oder im Januar 1983, hätten die meisten
Ihrer Kollegen bezweifelt, daß die Deutschen stationieren werden. Wir haben stationiert. Und deswegen
brauchen wir nun wirklich nicht eine Nachhilfe im Blick
auf Zuverlässigkeit. Neutralismus wäre ein totaler
Irrweg für die Deutschen. Ich sehe keine Mehrheit in
Deutschland - weder in der Bundesrepublik noch in
einem wiedervereinigten Deutschland für eine Neutralisierung.
Wir haben jetzt das letzte Jahrzehnt dieses Jahrhunderts. Sie dürfen uns zutrauen, daß wir die Fehler, die
in diesem Jahrhundert schon begangen wurden, nicht
wiederholen. Aber ein Fehler war natürlich auch zur
Zeit der Weimarer Republik, daß man damals Deutschland isolierte. Deutschland darf auf keinen Fall isoliert
werden. Es muß ein Teil des Ganzen sein, und das
wollen wir.
Frage: Herr Bundeskanzler, wenn Sie die Ergebnisse
von Camp David hier bewerten, haben Ihre Gespräche
den Weg zur deutschen Einheit hier beschleunigt oder
verlangsamt?

Herr Kohl, erwarten Sie das?

Kohl: Ich glaube nicht, daß das unser Thema ist. Ich
muß überhaupt sagen, daß ich diese Diskussion, wer
beschleunigt oder wer verlangsamt, für wenig sinnvoll
halte. Ich hatte im November die Zehn Punkte vorgeschlagen unter einer Zeitvoraussetzung, die völlig
anders war als heute. Ich hatte im November wirklich
gedacht - und das ist erst wenige Wochen her -, daß wir
auf dem Weg zur deutschen Einheit mit ruhigen Schritten vorankommen könnten, daß wir die Chance hätten, erst eine Vertragsgemeinschaft, dann konföderative Strukturen und dann eine Föderation zu bilden.

Bush: Ich habe erklärt, daß die amerikanische Position darin besteht, daß wir die Vereinigung begrüßen.

Die Entscheidung der Menschen in der DDR hat diese
Beschleunigung herbeigeführt, eine Beschleunigung,

Und was die Wirtschaftskraft betrifft, kann ich nur
sagen: Die EG hat große Vorteile von der Wirtschaftskraft der Bundesrepublik gehabt. Die Europäische
Gemeinschaft wird noch größere Vorteile von der
Wirtschaftskraft eines vereinten Deutschlands haben.
Frage: Herr Präsident, ich möchte folgendes fragen:
Haben Sie Vertrauen, daß Deutschland nie wieder
eine aggressive Militärmacht werden wird?

AMERIKA DIENST 8

Seite 5

�an der ich nicht interessiert bin, denn überlegen Sie
einmal, seit dem 1. Januar bis zum heutigen Tag sind
erheblich über 100 000, ich schätze 110 000 Bürger
der DDR dort weggegangen. Wenn ich die Zahl richtig
im Kopf habe, ist das die Einwohnerzahl einer Stadt
wie Philadelphia - in acht Wochen. Dieser Proze ß mu ß
gestoppt werden. Und deswegen kam mein Angebot
- ich habe mir das an Weihnachten noch ganz anders
vorgestellt -, jetzt die Währungsunion zu machen, um
die Menschen in ihrer Heimat zurückzuhalten, damit
sie dort ihre Zukunft finden.
Wenn es nach mir geht, brauchen wir jetzt eine Entwicklung, in der wir mit Augenmaß Schritt für Schritt
den Weg zur Einheit gehen. Wir brauchen das aus
innerdeutschen Gründen - das sind riesige Probleme
etwa im Sozialbereich -, aber wir brauchen es auch
wegen unserer Nachbarn. Die Dynamik, die jetzt
entstanden ist, entstand aus der Situation der Menschen in der DDR und nicht, weil irgendjemand diesen
Prozeß beschleunigen wollte. Ich hoffe, daß nach der
Wahl in ein paar Tagen am 18. März das neugewählte
Parlament schnell eine Regierung wählt und daß dann
eine Beruhigung eintritt und wir den Weg nicht in einer
Hektik vorangehen. Ich bin an einer Hektik nicht
interessiert.
Bush: Die deutsche Presse hatte gebeten, daß auch
ich die Frage beantworte, das heißt, daß ich mich
äußere zu der Natur, zum Wesen der Gespräche.
Wissen Sie, in der Diplomatie heißt es immer "umfassend" und "aufrichtig" und "freimütig". Das können
Sie dann auslegen, wie Sie wollen. Ich sehe den
Nutzen solcher Gespräche darin, daß man in einer
sehr zwanglosen Runde über praktisch alle Themen
sprechen kann und daß meine persönlichen Beziehungen zu Kanzler Kohl und die Beziehungen zwischen
Amerika und der Bundesrepublik es uns möglich machen,
ganz offen miteinander zu sprechen.
Aber was grundsätzlich dabei herauskommt, ist die
Tatsache, daß wir unsere Verbündenten einbeziehen.
Ich glaube, der Kanzler teilt mit mir die Ansicht, daß es
wichtig ist, daß die Vereinigten Staaten und die Sowjetunion in enger Beziehung bleiben. Ich weiß, daß er mit
mir der Ansicht ist, daß es wichtig ist, im Hinblick auf die

Sowjetunion Fortschritte in der Rüstungskontrolle und
anderen Bereichen zu erzielen.
Jetzt mit dem Abschluß unserer Gepräche wurde das
Gespräch immer offener. Wir können wirklich wie
Freunde miteinander reden, denn wir haben soviel
Gemeinsamkeiten in unserer Ansicht zur Vereinigung,
Gemeinsamkeiten hinsichtlich der Notwendigkeit, (nicht)
so zu verfahren, daß es so aussieht, als wolle irgendeiner von uns den Verbündeten Sicherheitsvorkehrungen für die Zukunft diktieren.
Das war also ein sehr gutes Gespräch.

Seite 6

Frage: Können Sie sich nochmals dahingehend äußern,
ob Sie sich vorstellen können, daß ein vereinigtes
Deutschland es für richtig halten wird, eine unabhängige Atommacht zu schaffen?
Kohl: Nein, diese Diskussion ist bei uns längst ausgestanden. Wir haben keine Sehnsucht nach einer
Atommacht.
Frage: Herr Präsident, wer ist denn nun der Feind?
Zunehmend ist es immer weniger die Sowjetunion.
Einen Grund für die Aufrechterhaltung der NATO und
die weitere Stationierung der amerikanischen Truppen
in der NATO liegt doch dann offensichtlich darin, die
Deutschen niederzuhalten, also die Deutschen in der
Hand zu behalten?
Bush: Der Feind ist die Unvorhersehbarkeit, der Feind
ist die mangelnde Stabilität. Und aus eben diesem
Grunde gibt es vereinbarte Sicherheitsvorkehrungen,
und das ist die Antwort. Wer hätte denn hier mit
Sicherheit vorhersagen können, daßsich die Änderungen, die im letzten Jahr stattgefunden haben, auch
abspielen würden? Doch wohl niemand hier oben vielleicht der Herr Bundeskanzler, aber der Präsident
der Vereinigten Staaten hätte das nicht vorhersagen
können.
Und deshalb bleibt in einer Zeit der rapiden Änderungen doch sicherzustellen, daß die osteuropäischen
Länder, die jetzt das Joch des Kommunismus abwerfen, das machen können. Das ist schließlich Ausdruck
dafür, daß die Politik der NATO sich bewährt hat. Die
Sowjetunion führt dramatische Veränderungen durch,
aber es kann letztlich keiner mit Sicherheit voraussagen, was uns noch bevorsteht, was noch kommen
wird.
Was wir also tun wollen, ist, zu versuchen, in der
Zusammenarbeit mit der NATO die Stabilität zu fördern. Und das ist im Interesse der Vereinigten Staaten
von Amerika. Einige Leute in unserem Lande sagen und der Kanzler und ich haben darüber gesprochen daß wir alle Truppen abziehen sollten. Andere sagen,
ziehe man doch alle sowjetischen Truppen und die
amerikanischen Truppen aus Europa ab. Meiner
Ansicht nach wäre das nicht gut für die Stabilität in
Europa.
Und deshalb, um auf Ihre Frage zurückzukommen, ist
der Feind heute Instabilität und Unvorhersehbarkeit in
Zeiten des dramatischen Wandels in der Sowjetunion
und in Osteuropa.
Kohl: Ich würde das Stichwort von der Stabilität und
Instabilität gerne aufnehmen. Ich halte das für eine der
wichtigsten Aufgaben aller Verantwortlichen in West
und Ost - und das gilt in hohem Maße auch für die
deutsche Politik -, daß wir alles tun, um eine Destabi-

AMERIKA DIENST 8

�lisierung in Europa, vor allem auch in Mitteleuropa, zu
vermeiden. Ich werde das Notwendige dabei tun. Ich
bin mir übrigens in dieser Frage nicht nur mit dem
Präsidenten einig, sondern genauso mit Generalsekretär Gorbatschow. Wir haben erst vor wenigen
Tagen darüber gesprochen.
Was übrigens Ihr Verhältnis NATO und Bundesrepublik betrifft, scheinen Sie sich im Kalenderjahr getäuscht zu haben. Wir schreiben nicht das Jahr 1950,
sondern das Jahr 1990.
Frage: Herr Bundeskanzler, ich möchte auf das
zurückkommen, was Sie über die Information der
Alliierten gesagt haben, hätten Sie es gern, daß ein
NATO-Gipfel stattfindet, auf dem die Einigung besprochen wird?
Bush: Ich werde den Bundeskanzler bitten, auch
darauf zu antworten. Ich glaube, zu diesem Zeitpunkt
brauchen wir keinen NATO-Gipfel. Jim Baker hielt
gerade eine sehr erfolgreiche Sitzung in Ottawa ab. Er
hatte dort gute Gespräche. Ich würde nicht sagen, daß
das, was wir jetzt brauchen, unbedingt ein NATOGipfel ist. Es geht hier um den KSZE-Gipfel, vorausgesetzt, daß es zum VKSE-Abkommen, Wien I, kommt.
Und dann haben wir die Sitzung mit Herrn Gorbatschow im Juni und im Herbst die G-7. Wir haben alle
möglichen Konsultationsmechanismen laufen.
Und vielleicht möchte der Bundeskanzler da noch ein
paar Worte hinzufügen hinsichtlich der Notwendigkeit
einer Zusammenarbeit innerhalb der NATO.

Das Entscheidende ist, daß wir einander informieren.
Dazu braucht man meiner Ansicht nach nicht einen
NATO-Gipfel, denn die meisten NATO-Verbündeten
haben ohnehin Gemeinsamkeiten. Da ist mal eine
Sorge hier, ein Vorschlag dort, aber insgesamt gesehen sind wir, glaube ich, alle auf der gleichen Wellenlänge innerhalb der NATO.
Wollen Sie dazu was sagen, Herr Bundeskanzler?
Kohl: Ich stimme dem, was der Präsident eben gesagt
hat, Wort für Wort zu. Ich will es aber noch um einiges
erweitern. Das, was jetzt geschieht, ist für viele eine
völlig überraschende neue Situation, auch für jene, die
immer davon gesprochen haben, aber in Wahrheit
nicht daran geglaubt haben, daß der Tag kommt. Und
jetzt kommt der Tag. Und deswegen ist es ungeheuer
wichtig, daß wir möglichst viel miteinander sprechen,
daß kein Mißtrauen aufkommt. Und das trifft vor allem
auch uns Deutsche in der Verantwortung, in der wir
stehen.
Ich bin nicht der Auffassung, daß es im Moment einen
Sinn macht, einen NATO-Gipfel zu machen. Aber ich
bin sehr wohl der Auffassung, daß wir sehr viele
detaillierte Gespräche führen. Wir werden in der EG
am 28. April einen Gipfel in Dublin informeller Art
haben, wie wir ihn Anfang Dezember in Paris hatten.

AMERIKA DIENST 8

Irland hat jetzt die Präsidentschaft. Ich werde dort über
die ganze Entwicklung berichten. Darüber wird diskutiert. Ich selbst werde bei Gesprächen mit den Bevollmächtigten der einzelnen Länder der NATO in Brüssel
zur Verfügung stehen. Und ich habe eine Fülle von
persönlichen Kontakten. Gestern vor acht Tagen traf
ich mich in Italien mit meinen Kollegen aus Belgien,
aus den Niederlanden, aus Luxemburg und aus Italien
und anderen. Bevor ich hierher ging, habe ich lange
mit meinem Freund Mulroney, dem Nachbarn hier,
gesprochen. Wir werden uns auch in irgendeiner
Weise verabreden.
Mir geht es darum, um es einmal einfach zu sagen, daß
wir mit ganz offenen Karten und ohne Geheimnistuerei
den Weg gemeinsam gehen. Und wir werden dabei
auch ein gutes Ergebnis erzielen.
Frage: Herr Bundeskanzler, teilen Sie die Auffassung,
daß ein vereintes Deutschland Vollmitglied der NATO
und auch der militärischen Struktur der NATO sein
muß?
Und, Herr Präsident, erwarten Sie, daß am Ende des
2 plus 4-Prozesses ein Friedensvertrag im ursprünglichen Sinne nicht mehr erforderlich sein wird?
Kohl: Den erstenTeil kann ich ganz einfach beantworten: Ja.
Bush: Wir stimmen dem zu. Und letztlich werden die
vier Mächte, die am Ende des Krieges diese Rolle
übernommen haben, das regeln. Aber ob das nun
einen formellen Vertrag erforderlich macht oder nicht,
weiß ich nicht. Es wird jedenfalls irgenwie eine Lösung , einen Abschlu ß geben, so daß da nicht weiterhin
die Notwendigkeit für diese Vier-Mächte-Vereinbarung besteht, die einem demokratisch vereinten Deutschland ständig über die Schulter guckt.
Frage: Herr Bundeskanzler, wurde bei diesen Gesprächen, die so frank und frei waren, auch die Eventualität diskutiert, was zu unternehmen wäre, wenn die
Sowjetunion mit der NATO-Mitgliedschaft der beiden
deutschen Staaten nicht einverstanden wäre?
Kohl: Wir haben über vieles gesprochen und auch
über das, was wir mit der Sowjetunion besprechen
wollen, besprechen müssen.
Frage: Und Herr Präsident?
Bush: Wir werden tun, was Lyndon Johnson getan
hat. Wir werden miteinander argumentieren. Und das
wird sich dann schon ergeben. Das geht dann in
Ordnung.
Frage: Wenn Daniel Ortega heute gewählt wird, werden die Vereinigten Staaten ihn dann als legitimes
Regierungsoberhaupt Nicaraguas betrachten?

Seite 7

�Bush: Wir werden abwarten, um zu sehen, wie frei
und fair die Wahlen waren. Ich weiß nicht, ob das hier
live nach Nicaragua übertragen wird, aber ich möchte
hier unter gar keinen Umständen irgendwelche hypothetischen Erwägungen hinsichtlich eines entsprechenden Sieges machen, denn wir stehen doch letztlich zu
denen, die sich zur Demokratie bekannt haben. Das
heißt: Ich werde mich mit dem Problem auseinandersetzen, wenn es eintritt.
Ich darf aber sagen: Wenn diese Wahlen nachweislich
frei und fair waren, dann wird sich ergeben, daß, wer
immer die Wahlen gewinnt, er ein besseres Klima, eine
bessere Atmosphäre haben wird, in der die Beziehungen mit Nicaraguasich verbessern können. Wir haben
bisher Schwierigkeiten, weil Nicaragua immer gesagt
hat, wir geben der FMLN keine Waffen. Inzwischen
haben sie gesagt: Wenn wir gewählt werden, geben
wir der FMLN keine Waffen. Bestimmte Dinge sind
aber nicht akzeptabel, nicht nur für die Vereinigten
Staaten, sondern für die anderen Länder in der Hemispäre auch.
Wir werden also abwarten müssen, um zu sehen, was
wir machen werden. Aber eine freie und faire Wahl, die
nachweislich als solche bestätigt wurde, wäre dann in
unserem Verhältnis sehr nützlich.
Frage: Würde eine solche Wahl eine amerikanische
Initiative erforderlich machen?
Bush: Das ist jetzt eine reine Hypothese, denn wir
müssen erst mal wissen, was bei den Wahlen tatsächlich herauskommt. Und wir müssen dann weiterhin
auch wissen, was danach kommt. Ich glaube, der
Außenminister hat es vor dem Kongreß sehr klar und
so gut zum Ausdruck gebracht, als er sagte: Wir
brauchen eine gewisse Zeit, in der die Dinge sich
stabilisieren, aber ich würde die FMLN als einen Bereich bezeichnen, in dem sich eine Veränderung schon
abzeichnet. Ein demokratischer Prozeß ist wichtig,
aber was dann auch tatsächlich passiert in bezug auf
Pressefreiheit, die Gewährung freier Institutionen, die
Protest- und Versammlungsfreiheit, Redefreiheit, sind
das alles wichtige Dinge.
Ich kann dazu nur sagen: Wer immer diese Wahl
gewinnt und wenn sich erweist, daß sie frei und fair
war, dann wäre das eine gute Sache und wir würden
zweifellos sehr die Tatsache berücksichtigen, daß
dadurch dann der Wille des Volkes zum Ausdruck
gebracht worden ist, und darauf unsere nächsten
Entscheidungen stützen.
Mir wäre es sehr lieb, wenn Nicaragua friedlich leben
wollte, den eigenen Leuten eine Chance gibt, die
Demokratie zu verwirklichen und die Nachbarn in Ruhe
läßt. Wenn das tatsächlich der Fall wäre, kann ich
Ihnen garantieren, daß die Beziehungen zu Nicaragua
verbessert werden.

Seite 8

Frage: Im Dezember sind Wahlen. Können Sie, Herr
Bundeskanzler, angesichts der Entwicklung in Deutschland sagen, ob es sicher noch eine Bundestagswahl
oder eine gesamtdeutsche Wahl sein wird?
Kohl: Ich gehe davon aus, daß wir in der Bundesrepublik Deutschland Anfang Dezember eine Bundestagswahl haben, wie sie der Verfassung entspricht.
Frage: Herr Bundeskanzler, Sie haben vorhin die
Stationierungsfrage angesprochen. Haben Sie an
diesem Wochenende auch über die Zukunft der nuklearen Kurzstreckenwaffen gesprochen?
Kohl: Wir haben darüber gesprochen, wie sich der
Prozeß für die nächste Zeit hierzu entwickeln wird und
welche Entscheidungen dann auch im Sinne dessen,
was wir im vergangenen Frühsommer in Brüssel verabredet haben, zu treffen sind.
Frage: Herr Präsident, Sie haben gesagt, Sie wären
überrascht, daß die Einigung schneller erfolgte, als Sie
selbst erwartet hätten. Glauben Sie, daß die anderen
Verbündeten in Europa, die relativ zurückhaltend wegen
des Tempos der Einigung sind, nicht richtig informiert
sind oder es mißverstanden haben?
Bush: Ich glaube, sie würden sich über die Vereinbarung freuen, die heute hier erwähnt worden ist. Ich
kann natürlich verstehen, wenn einzelne das Problem
aus anderer Sicht sehen. Aber das Bündnis steht in
Sicherheitsfragen fest zusammen. Ich glaube, die
Allianz wird fest zu dem stehen, was der Kanzler heute
erneut über die NATO-Mitgliedschaft gesagt hat.
Ich kann also verstehen, daß einzelne Länder gegebenenfalls mehr Klarheit benötigen, Fragen aufzuwerfen.
Das ist für uns kein Problem. Ich habe die Position der
Vereinigten Staaten zum Ausdruck gebracht und werde
das gern noch einmal tun und immer wieder tun und
dies mit den Alliierten auch weiter absprechen.
Keiner der alliierten Politiker hätte voraussagen können, wie schnell und wie dynamisch sich die Änderungen in Osteuropa vollziehen würden. Wir versuchen
jetzt zu sehen, wie das läuft. Das Entscheidende
hierbei sind nicht Nuancen in bezug auf unterschiedliche Meinungen, sondern das Entscheidende sind die
enormen Gemeinsamkeiten in unserem Ansatz, in
unserem Herangehen an die Probleme, vor allem im
Verhältnis zwischen dem Kanzler und mir.
Frage: Eine Frage an Sie beide, meine Herren:
Könnte die NATO möglicherweise verschwinden und
ein europäisches Sicherheitssystem an ihre Stelle
treten? Wurde das von Ihnen besprochen?
Bush: Wir haben selber über eine möglicherweise
unterschiedliche Rolle für die Organisation gesprochen. Wir haben auch mit Manfred Wörner neulich
darüber gesprochen, daß die NATO eine weiterreichende Rolle spielen könnte. Aber ich glaube nicht,

AMERIKA DIENST 8

�daß am Ende dieser Gespräche der Kanzler und ich da
irgendwelche Meinungsunterschiede haben. Wenn es
Nuancen gibt, möge er sich dazu äußern, aber ich
glaube es nicht.
Kohl: Ich kann nur sagen: Es ist doch eine ganz
natürliche Sache, daß angesichts der dramatischen
Veränderungen in der Welt, in der wir uns befinden denken Sie nur einmal jetzt an das Bild des Warschauer Pakts -, wir mit dem Warschauer Pakt - NATO Warschauer Pakt, USA - Sowjetunion - sprechen über
die zukünftige Entwicklung. Manfred Wörner hat in
diesen Tagen - ich vermute auch hier - mit Recht darauf
hingewiesen, daß die politische Bedeutung der Allianz,
der NATO zunehmen wird. Und das ist auch richtig.
Und wissen Sie, es gibt nicht wenige, auch in den
Reformstaaten Mittel-, Ost- und Südosteuropas, die
sich im Augenblick nun wirklich nicht von der NATO
bedroht fühlen, sondern die die NATO als einen Hort
der Sicherheit und der Stabilität betrachten. Und das
muß man doch mit bedenken, wenn man über die
zukünftige Entwicklung spricht.

Ich bin in dieser Frage ganz optimistisch. Ohne eine
Weiterentwicklung dieser Gedanken werden wir auch
in der Abrüstung nicht wirklich weiterkommen. Und wir
haben doch die phantastische Chance in diesem Jahr,
daß wir in wichtigen Kapiteln der Abrüstung zu weiteren Verträgen kommen. Ich glaube nicht, daß dies die
Stunde zum Pessimismus ist.
Frage: Herr Bundeskanzler, in der Frage des Wunsches auf beiden Seiten, daß ein wiedervereinigtes
Deutschland in der NATO bleibt, haben Sie gesagt,
daß es eine Art besonderer Regelung geben sollte, um
zu garantieren, daß ein wiedervereinigtes Deutschland in der NATO bleibt. Zusätzlich hatten Sie aber
gesagt, daß besondere Vorkehrungen getroffen werden sollten, um Sicherheitsgarantien für Osteuropa
und die Sowjetunion zu gewährleisten. Schließt das
aus, daß ein vereinigtes Deutschland auch im Warschauer Pakt beteiligt werden könnte? Oder wäre es
vorstellbar, daß in einem vereinten Deutschland sowjetische Truppen stehen könnten?
Kohl: Jedenfalls ist eines ganz klar, daß ein vereintes
Deutschland nicht in zwei Paktsystemen sein kann.
Und die zweite Frage ist eine Frage der Souveränität.
Wir werden Übergangssituationen haben. Und das ist
eben das Thema, über das man verhandeln muß.
Gegenwärtig stehen in der DDR 380 000 Soldaten der
Sowjetarmee. Nach den jetzt vorgesehenen Reduzierungen wird es ungefähr noch die Hälfte sein, wenn ich
die Zahlen richtig im Kopf habe.
Es sind viele Prozesse jetzt auf den Weg zu bringen.
Und ich bin ganz und gar außerstande und auch gar
nicht willens, hier jetzt abschließende Erklärungen
abzugeben.

AMERIKA DIENST 8

Eines ist ganz klar: Ein wiedervereinigtes Deutschland
hat seine eigene Souveränität. Darüber kann es
keinen Zweifel geben. Aber das bedeutet nicht, daß
man in Übergangszeiten über Dinge nachdenken kann,
die hilfreich sind.
Frage: Können Sie mehr Einzelheiten über das nennen, was Sie in bezug auf die Sicherheitsgarantien
besprochen haben?
Kohl: Ich glaube, das ist nicht der Sinn einer Pressekonferenz, sondern erst müssen wir darüber verhandeln und dann eine Pressekonferenz abhalten.
Frage: Herr Präsident, können Sie sich eine Situation
vorstellen, bei der amerikanische Truppen noch in
Deutschland stehen, während die Sowjetunion inzwischen sämtliche Truppen von deutschem Staatsgebiet abgezogen haben?
Bush: Doch, das kann ich mir vorstellen, und der
Grund ist der, daß nämlich, wenn die Deutschen das
wollen, das auch geschehen muß. Die amerikanischen Truppen sind nicht gegen den Willen irgendeines Landes, in dem sie disloziert sind, in Europa - nicht
eines einzigen Landes. Die sowjetischen Truppen sind
seit Jahren auf Staatsgebieten, bei denen sie nicht
erwünscht sind. Das ist der fundamentale, der grundlegende Unterschied. Ich könnte mir das vorstellen.
Frage: Sie haben beide über sowjetische und amerikanische Truppen gesprochen. Aber ich möchte jetzt
eine Frage zu den deutschen Truppen stellen - sowohl
Truppen der Bundesrepublik Deutschland als auch der
DDR-Truppen. Sie haben beide umfangreiche Heere.
Das heißt, eine letzte Entscheidung über diese Heere
wird nicht getroffen, ehe die Einigung abgeschlossen
ist. Aber wie sehen Sie die Aussichten? Halten Sie es
für richtig, daß Deutschland ein Heer in dieser Größenordnung aufrechterhält, oder ist es wahrscheinlich,
daß die Truppenstärke Deutschlands verringert wird?
Kohl: Zunächst einmal ist die Frage der Truppenstärken eine Frage, die uns zwar als Deutsche direkt
berührt und interessiert, aber die eingebettet sein mu ß
in die gesamteuropäische, in die sicherheitspolitische
Entwicklung. Ich hoffe sehr, daß wir auf dem Weg zu
Abrüstung und Entspannung noch große Schritte
machen werden. Und ich hoffe auch, daß wir, die
Deutschen, dabei Nutznießer sein werden. Und deswegen kann ich Ihnen jetzt heute unmöglich, zumal ich
nicht der Vertreter einer gesamtdeutschen Regierung
bin - Sie greifen den Ereignissen schon weit voraus sagen, in welch einer Dimension sich eine solche
deutsche Verteidigungseinrichtung bewegen wird.
Aber ich glaube, das ist ein wirklich lösbares Problem,
denn auch bei dieser Frage muß man bedenken,
welche Wirkung auf die Nachbarn, und zwar auf alle
Nachbarn, in diesem Zusammenhang aufkommt. Ich

Seite 9

�habe vorhin ganz spontan auf die Frage eines Ihrer
Kollegen geantwortet, ob wir Kernwaffen haben wollen. Ich habe klar gesagt: nein. Das ist von allergrößter Bedeutung, daß da nicht zusätzliche Ängste aufkommen.
Im übrigen halte ich das wie vieles andere für eine
lösbare Aufgabe. Im Blick auf die Einigung unseres

* *

Seite 10

Vaterlandes haben wir schwierigere Probleme zu lösen als die, wenn ich etwa an die Rechtsproblematik,
so Fragen wie Privateigentum in der DDR, an das
ganze Rechtssystem, an das Sozialrecht und an so
etwas denke. Wir haben eine riesige Aufgabe vor uns,
und deswegen plädiere ich dafür, das nicht in Hektik zu
machen, sondern mit viel Überlegung.

* *

AMERIKA DIENST 8

�US-AUSSENPOLITIK
28. Februar 1990

BAKER BEKRÄFTIGT UNTERSTÜTZUNG FÜR NEUE
DEMOKRATIEN
Rede des Außenministers vor dem Kongreßausschuß
WASHINGTON - (AD) - Außenminister Baker zufolge stehen die Vereinigten Staaten uneingeschränkt hinter den
weltweit, insbesondere in Osteuropa aufkeimenden Demokratien und werden eine aktive Rolle dabei
übernehmen, ihren Erfolg sicherzustellen.
"Zweifelsohne müssen die Vereinigten Staaten eine führende Rolle bei der Erfüllung der Versprechungen dieses
neuen Zeitalters der Demokratie spielen", erklärte Baker vor dem auswärtigen Ausschuß des Repräsentantenhauses am 22. Februar 1990 und fügte an die jungen Demokratien gerichtet hinzu, "bei der Bewältigung dieser
Herausforderungen wird Ihnen das amerikanische Volk zur Seite stehen". Darüber hinaus habe sich die BushAdministration mit ihren Verbündeten geeinigt, "wie die Einheit Deutschlands in Frieden und Sicherheit für alle"
verwirklicht werden könne. Bei der Konferenz in Ottawa sei mit der grundsätzlichen Zustimmung der Sowjetunion
zu Präsident Bushs neuem Vorschlag zu einer Truppenstärke von jeweils 195 000 Mann der Vereinigten Staaten
und der Sowjetunion in einer erweiterten Region Europa Mitte ein Durchbruch bei konventioneller Rüstungskontrolle in Europa erzielt worden. Ferner erläuterte der Außenminister die Fortschritte im Bereich der Rüstungskontrolle und beim Kampf gegen Drogen.
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede von Außenminister Baker im Wortlaut.

Ich begrüße diese Gelegenheit zur Erörterung unserer
Außenpolitik und der Haushaltsvorlage für 1991. Der
Präsident und ich waren über die konstruktive Zusammenarbeit mit Ihnen, Herr Vorsitzender, den Mitgliedern dieses Ausschusses und des Kongresses sehr
erfreut und bauen auf noch bessere Zusammenarbeit
bei der vorliegenden Tagesordnung.
Gestatten Sie mir einige Bemerkungen zu meiner
jüngsten Auslandsreise, die mich nach Osteuropa und
Moskau, nach Ottawa und schließlich zum Drogengipfel in Kolumbien geführt hat. Um Zeit zu sparen, bitte
ich darum, meine schriftlichen Ausführungen dem Protokoll beizufügen.
Texaner sind dafür bekannt, interessante, lange Geschichten zu erzählen, aber ich möchte die Quintessenz meiner jüngsten Auslandsreise in wenigen Worten zusammenfassen: Wirtreten in ein neues Zeitalter
der Demokratie ein.
In Prag entsteht aus der ehemaligen tschechoslowakischen Republik eine neue, mächtige Demokratie. In
Moskau hat das Zentralkomittee der Kommunistischen
AMERIKA DIENST 8

Partei unter Führung von Präsident Gorbatschow sein
Machtmonopol aufgegeben und den Weg für ein
mögliches Mehrparteiensystem geebnet. In Bulgarien
und Rumänien drängen neue, wachsame Oppositionsgruppen auf freie und faire Wahlen - die Grundvoraussetzungen der Demokratie. In Ottawa habe ich
mit meinen Amtskollegen der NATO-Mitgliedstaaten etablierten Demokratien - zusammengearbeitet, um
Fortschritte bei Rüstungskontrolle und neuen Sicherheitsvereinbarungen zu erzielen, die endlich ein ungeteiltes und freies Europa einschlie ßlich eines demokratischen Deutschlands als Mitglied des Atlantischen
Bündnisses versprechen.
Und letzte Woche haben die Demokratien unseres
Kontinents, angeführt von Präsident Bush in Kolumbien große Fortschritte bei dem schwierigen Kampf
gegen Drogen erzielt.
Gleichzeitig mit all diesen Ereignissen führte uns die
willkommene Nachricht von der Freilassung Nelson
Mandelas den weltweiten Drang nach Freiheit plastisch vor Augen. Der Präsident brachte den Wunsch

Seite 1

�des gesamten amerikanischen Volkes zum Ausdruck,
als er erklärte, in Südafrika sei eine Zeit neuer Hoffnung angebrochen. Wir erwarten von Präsident de
Klerk die Fortführung seiner Politik, die Zukunft seines
Landes zusammen mit allen Südafrikanern neu zu
gestalten.
Zweifelsohne müssen die Vereinigten Staaten eine
führende Rolle bei der Erfüllung der Versprechungen
dieses neuen Zeitalters der Demokratie spielen. Wie
ich in Prag ausgeführt habe, müssen sicherheitspolitische und wirtschaftliche Herausforderungen überwunden und neue internationale Zusammenschlüsse
erwogen werden. Die Botschaft, die ich dort und
andernorts übermittelt habe, war die Botschaft, die alle
hören wollten: Auf Ihrem Weg zur Demokratie, bei der
Bewältigung dieser Herausforderungen wird Ihnen das
amerikanische Volk zur Seite stehen. Wir engagieren
uns nicht nur am Beginn dieses Weges, sondern bis zu
seinem Ende - bis wir gemeinsam eine neue Welt des
Friedens und der Freiheit geschaffen haben.
Ich möchte Ihnen nun kurz aus meiner Sicht von den
erzielten Fortschritten berichten und wie sich diese in
unser außenpolitisches Konzept einfügen.
Erstens haben wir umfassende Einigung erzielt, wie
die Einheit Deutschlands in Frieden und Sicherheit für
alle verwirklicht werden kann. Vor etwa einem Monat
wurde uns klar, daß das Tempo der deutschen Vereinigung eine enorme Dynamik entwickelt hatte. Die
ursprünglich für Mai vorgesehenen Wahlen in der DDR
wurden auf März vorverlegt. Der Strom der Übersiedler hielt unvermindert an.
Gleichzeitig konnte die Vereinigung nicht in einem
politischen Vakuum stattfinden. Nach 40jähriger Teilung können die beiden deutschen Staaten alleine
nicht alle sicherheits- oder außenpolitischen Konsequenzen tragen, die sich aus ihrem Zusammenschluß
ergeben. Die vier Besatzungsmächte haben historische Rechte und Vorbehalte. Darüber hinaus mu ß der
KSZE-Prozeß im Auge behalten werden - die 35
Nationen, die sich im Jahr 1975 auf Sicherheitsprinzipien für ganz Europa geeinigt haben.
Aus diesem Grund benötigten wir einen Konsens zu
diesem Problem und das Rad der Geschichte hält nicht
an. Die Zeit war reif, um einen geordneten Prozeß der
deutschen Vereinigung zu schaffen, der dem deutschen Recht auf Entscheidungsfreiheit Rechnung trägt
und gleichzeitig dem übrigen Europa gewährleistet,
daß die äußeren Aspekte entsprechend berücksichtig
werden, die sie betreffen könnten. Vor meiner Moskau-Reise habe ich den Gedanken eines solchen
Prozesses mit meinen Amtskollegen aus Großbritannien, Frankreich und der Bundesrepublik Deutschland
erörtert. Nach weiteren Gesprächen in Moskau und
Ottawa wurde die sogenannte Formel "2 plus 4" verabschiedet. Mit dieser Formel sollen sich die beiden
deutschen Staaten nach den März-Wahlen in der DDR

Seite 2

auf einen Plan zur Herstellung der inneren Einheit
einigen. Gleichzeitig treffen sich die Außenminister
der Bundesrepublik Deutschland und der DDR mit
ihren Kollegen aus Frankreich, Großbritannien, den
Vereinigten Staaten und der UdSSR, um die äußeren
Aspekte der Herstellung der deutschen Einheit zu
erörtern.
Aus unserer Sicht bietet der Zwei-plus-vier-Prozeß
zahlreiche Vorteile. Er etabliert das Prinzip, daß die
Vereinigung mit der Selbstbestimmung, der freien
Wahl des deutschen Volkes beginnt. Erstellt klar, daß
die vier Mächte einer solchen Wahl zustimmen. Der
Prozeß trägt der Tatsache Rechnung, daß bei einer
solchen Vereinigung umfassendere, legitime Sicherheitsinteressen auf dem Spiel stehen, und er weist den
vier Mächten, einschließlich der Sowjetunion, bei der
Berücksichtigung dieser Interessen eine bestimmte
Rolle zu.
Schließlich enthält er die Absicht, dieses Thema in
Zusammenhang mit einer Gesamtbewertung allgemein- und sicherheitspolitischer Fragen im Rahmen
der Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in
Europa (KSZE) zu würdigen.
Insgesamt ergibt sich also ein ausgewogenes Verhältnis zwischen den Rechten des deutschen Volkes und
den Sicherheitsanliegen der Nachbarn Deutschlands
und auch Europas als Ganzem. Sicherlich sind noch
eine Reihe strittiger Fragen zu lösen. Der Präsident
hat eindeutig festgestellt, daß ein vereinigtes Deutschland Mitglied der NATO sein muß. Das ist die Position
der Vereinigten Staaten, die Position des Bündnisses
und die Position von Bundeskanzler Kohl und Außenminister Genscher. Wir haben ferner im Hinblick auf
sowjetische Besorgnisse verdeutlicht, daß wir den
Vorschlag Außenminister Genschers unterstützen, die
Streitkräfte der NATO nicht nach Osten zu verschieben.
Zahlreiche andere Probleme müssen noch untersucht
und gelöst werden. Trotzdem besitzen wir nun ein
Forum, innerhalb dessen sich die Vereinigung Deutschlands auf der dringlichsten, praktischen, zwischenmenschlichen Ebene mit Unterstützung der Deutschen
und der vier Mächte entwickeln kann, während wir uns
zusammen bemühen, angemessene Sicherheitsvorkehrungen auszuarbeiten.
Zweitens haben wir in Ottawa einen bedeutenden
Durchbruch im Hinblick auf die konventionelle Rüstungskontrolle in Europa erzielt. Die Sowjets haben
grundsätzlich dem neuen Vorschlag des Präsidenten
zugestimmt, die Truppenstärke für die Vereinigten
Staaten und die Sowjetunion in einer erweiterten Region
Europa Mitte auf je 195 000 zu begrenzen. In Moskau
hatten die Sowjets vorgeschlagen, für alle amerikanischen und sowjetischen Truppen eine gemeinsame
Obergrenze von entweder 195 000 oder - bei Einbeziehung der 30 000 außerhalb von Europa Mitte statio-

AMERIKA DIENST 8

�nierten amerikanischen Truppen - 225 000 zu vereinbaren. Ich habe Präsident Gorbatschow und Außenminister Schewardnadse erklärt, warum wir dem Prinzip der Symmetrie nicht zustimmen konnten. Es ist
eine einfache geographische Tatsache, daß bei einem
Abzug weiterhin sowjetische Truppen im europäischen
Teil der Sowjetunion stationiert bleiben, während unsere
auf der anderen Seite des Ozeans sind. Noch wichtiger und zur Zeit auf dramatische Weise verdeutlicht ist
die Tatsache, daß unsere Streitkräfte in Europa mit
Zustimmung unserer Verbündeten stationiert sind, die
eine weitere Stationierung dort wünschen, während
die Verbündeten der Sowjetunion den Abzug der
sowjetischen Truppen fordern.
In Ottawa stimmten die Sowjets einer Asymmetrie
zwischen amerikanischen und sowjetischen Truppen
zu. Sie beharrten lediglich darauf, daß der nur stillschweigend im Vorschlag des Präsidenten enthaltene
Teil - die heute außerhalb von Europa Mitte stationierten 30 000 amerikanischen Soldaten - ausdrücklich
als Obergrenze fixiert werden sollte. Der Präsident
stimmte dem zu, und das Ergebnis ist eine Obergrenze
von je 195 000 amerikanischen und sowjetischen
Soldaten in Mitteleuropa mit der Maßgabe, daß die in
anderen Teilen Europas stationierten US-Truppen die
Obergrenze von 30 000 nicht überschreiten.
Die Sowjets folgten ferner unserem Argument, daß vor
dem Abschluß eines KSE-Abkommens kein KSZEGipfeltreffen zur europäischen Sicherheit stattfinden
solle. Ich muß jedoch hinzufügen, daß auf dem Weg
zu einem KSE-Abkommen immer noch einige Hindernisse bestehen, insbesondere bei den Flugzeugen.
Was den Offene-Himmel-Vorschlag des Präsidenten
angeht, so wurden in diesem Bereich greifbare Fortschritte erzielt. Die Regierungen der 23 NATO- und
Warschauer-Pakt-Staaten begrüßten das Konzept des
Offenen Himmels als nützlichen Beitrag zu Offenheit,
Rüstungsabbau und -begrenzung. Die Teilnehmer an
der Konferenz von Ottawa einigten sich darüber hinaus auf einige der Grundelemente eines Regimes der
Offenen Himmel.
Drittens haben wir die Grundlage für ein neues, mehr
auf Zusammenarbeit ausgerichtetes Verhältnis mit
den Völkern Mittel- und Osteuropas gelegt, das auf
Demokratie, Wirtschaftsreformen, neuen Sicherheitsvereinbarungen und - auf deren Initiative - neuen
regionalen Zusammenschlüssen beruht. In einer Rede
an der Prager Karls-Universität habe ich erklärt, nachdem das Jahr 1989 das Jahr des Hinwegfegens der
alten Diktaturen war, sollte das Jahr 1990 als Jahr für
den Aufbau neuer Demokratien stehen. Die Vereinigten Staaten seien bereit, diesen Prozeß zu unterstützen, der mit freien Wahlen und dem Aufbau demokratischer Institutionen beginnt. Ich wiederholte den Ruf
des Präsidenten nach einer Vereinbarung aller KSZEMitgliedstaaten zur regelmäßigen Abhaltung freier
Wahlen. Ferner würden wir es begrü ßen, wenn Beob-

AMERIKA DIENST 8

achter aus den KSZE-Staaten bei allen in ganz Ostund Mitteleuropa versprochenen freien Wahlen zugegen wären.
Ich habe auf meiner gesamten Reise klargestellt,
insbesondere in Bulgarien und Rumänien, daß jeder
Rückfall oder Rückzugsgefechte gegen die Demokratie zu einer Einstellung unserer Hilfe für die daran
Beteiligten führen würde. Wenn die Länder dieser
Region in Freiheit florieren sollen, dann müssen sie
freie Institutionen und freie Märkte schaffen, die vor
allem den Menschen gegenüber verantwortlich sind.
Das ist die Quintessenz der demokratischen Revolution, und das ist der Grund, warum wir unsere Hilfe von
demokratischen Reformen abhängig machen. Diese
"demokratische Differenzierung", wie wir sie nennen,
wird unsere humanitäre Hilfe nicht berühren, aber sie
wird über das Ausmaß entscheiden, in dem wir zusätzliche Hilfe bereitstellen.
In Prag konnte ich den Tschechen von unserem Wirtschaftshilfepaket berichten, und ich habe sie natürlich
dringend aufgefordert, Reformen einzuleiten, die zu
einer freien Marktwirtschaft führen. Sicherlich macht
sich auch die neue Führung der Tschechoslowakei,
ebenso wie die von Ungarn und Polen, Gedanken über
neue Wege der Zusammenarbeit. Aufgrund unserer
Erfahrungen, die wir nach dem Zweiten Weltkrieg bei
der Förderung einer solchen Zusammenarbeit gesammelt haben, brachte ich den Tschechen und Slowaken
gegenüber unseren Wunsch zum Ausdruck, ihre von
Präsident Havel in Warschau vorgeschlagenen neuen
Koordinierungsanstrengungen auf jede erdenkliche
Weise zu unterstützen. Solchen Bemühungen könnte
tatsächlich eine Schlüsselrolle dabei zufallen, diesen
Teil Europas von seinertraditionellen Rolle als "Länder
in der Mitte" in eine eigenständige neue und kraftvolle
Gruppe zu verwandeln.
Viertens haben wir die Rüstungskontrolle bei chemischen und strategischen Waffen gefördert. Ein wichtiger Zweck meiner Reise nach Moskau bestand darin,
Fortschritte bei den START-Verhandlungen zu erzielen. Vor meiner Abreise wurde vielfach die Frage laut,
ob wir angesichts des stattfindenden Plenums der
KPdSU überhaupt irgendetwas erreichen könnten.
Dies ist eine gute Gelegenheit, um etwas über die
politische Atmosphäre zu sagen, die wir in der sowjetischen Hauptstadt vorfanden. Bei unserer Ankunft
ging das schwierige, sogar traumatische Plenum gerade zu Ende. Präsident Gorbatschow war entschlossener denn je, seinen Einsatz für die Perestrojka noch zu
verdoppeln. Er erklärte uns, warum die Mehrheit der
Ansicht sei, daß die heutigen wirtschaftlichen und
ethnischen Probleme der Sowjetunion eher durch
radikale Fortschritte als durch eine Hinwendung zur
Vergangenheit gelöst werden könnten. Dies bedeute
die Schaffung eines auf mehr Wettbewerb beruhenden Parteiensystems mit Beendigung des Monopols
der kommunistischen Partei und Schaffung eines

Seite 3

�stärkeren Präsidialsystems, das auf dem Willen des
Volkes beruht. Es bedeute Bemühungen für radikalere
Veränderungen in der Wirtschaft. Es bedeute darüber
hinaus neue Arrangements mit den Republiken, darunter vielleicht sogar die Aushandlung von Verträgen,
in denen Rechte und Pflichten festgelegt werden.
Kurzum: Die sowjetischen Spitzenpolitiker waren zu
Schritten nach vorn bereit, und deshalb konnten wir
große Fortschritte erzielen.
Wie aus einem in Moskau veröffentlichten gemeinsamen Kommunique hervorgeht, haben die Sowjets dem
Vorschlag des Präsidenten über einen gemeinsamen
Rahmen für Fortschritte bei chemischen Waffen zugestimmt. Beide Länder haben sich zum Abschluß eines
bilateralen Abkommens beim Gipfeltreffen im Juni
entschlossen, demzufolge der größte Teil unserer
Arsenale vernichtet werden soll. Wir engagieren uns
ferner für den Abschluß multilateraler Verhandlungen
über eine Konvention zu chemischen Waffen, mit der
in den ersten acht Jahren ihrer Gültigkeit die Arsenale
weiter reduziert und chemische Waffen in den folgenden zwei Jahren beseitigt würden, wenn andere chemiewaffenfähige Länder bis zu diesem Zeitpunkt der
Konvention beigetreten sind. Dieser Rahmen ist ein
wichtiger Schritt nach vorn. Er liefert einen praktischen
Plan, mit dem das Ziel der Beseitigung chemischer
Waffen erreicht werden kann.
Zweitens sind beträchtliche Fortschritte bei START zu
verzeichnen. Der Präsident hat bereits darauf verwiesen, daß wir hoffen, bis zum Gipfel im Juni alle wichtigen Fragen zu START beantwortet zu haben. Wir
haben das Problem der Zählweise luftgestützter Marschflugkörper (ALCMs) auf eine Weise gelöst, die angestrebte Reduzierungen möglich macht und uns die
Fortführung unseres Programms gestattet: Das Problem der vom Vertrag erfaßten nichtstationierten
Reserveraketen ist im großen und ganzen beigelegt,
und bei der Verschlüsselung telemetrischer Daten
wurden Fortschritte erzielt. Bei den seegestützten
Marschflugkörpern (SLCMs) haben die Sowjets unseren klaren Ansatz akzeptiert. Ich meine damit eine
unabhängig vom START-Vertrag von beiden Seiten
abgegebene politisch verbindliche Erklärung über die
Anzahl der Raketen, die sie in einem bestimmten
Zeitrahmen besitzen möchten. Einige der schwierigsten START-Probleme sind damit jetzt gelöst und den
Genfer Verhandlungen der Weg bereitet.
Fünftens und letztens haben wir beim Gipfel von
Cartagena gemeinsam mit unseren demokratischen
Verbündeten auf diesem Kontinent bei der Drogenbekämpfung einen wichtigen Schritt nach vorn gemacht.
Hersteller- und Konsumentenländer nehmen keine
Schuldzuweisungen mehr vor oder schieben sich
gegenseitig die Verantwortung für das Drogenproblem
zu. Jetzt verbünden wir uns, um diesem Wahnsinn ein
Ende zu setzen. Die Entscheidung des Präsidenten,
trotz aller Drohungen persönlich am Gipfel teilzuneh-

Seite 4

men und Präsident Barcos Entschlossenheit, etwas zu
erreichen, haben den Drogenkartellen eine wichtige
Lektion erteilt: Wir werden uns widersetzen, wir werden niemals aufgeben und letztlich werden wir den
Sieg davontragen. Wie der Präsident es formuliert hat,
verfügen wir jetzt über das erste Anti-Drogenkartell.
Wir haben eine gemeinsame Strategie, die in der
Erklärung von Cartagena niedergelegt ist und unseren
gemeinsamen Angriff auf alle Aspekte - wirtschaftliche, politische und sicherheitspolitische - des Drogenhandels koordiniert.
Herr Vorsitzender, an dieser Stelle möchte ich unsere
Finanzierungsforderung für die Haushaltsjahre 1990
und 1991 kurz darlegen - die Mittel, die wir benötigen,
um unsere Zielsetzungen zu verwirklichen. Für das
Haushaltsjahr 1991 fordern wir 20,8 Milliarden Dollar
als Mittel zur freien Verfügung für Haushaltstitel 150 eine Steigerung um 1,7 Milliarden Dollar oder 8,9
Prozent gegenüber 1990. Wir schlagen völlig neue
Finanzierungsinitiativen vor.
Die Initiativen und unser bescheidenes Programm sind
eng mit unserer Fähigkeit zum Schutz amerikanischer
Werte und Interessen in den kommenden zehn Jahren
verbunden.
Erstens fordern wir zur Unterstützung der gegenwärtig
stattfindenden dramatischen Veränderungen in Osteuropa 300 Millionen Dollar zur Förderung demokratischer Institutionen, als technische Hilfe und für Ausbildungsförderung, Umweltinitiativen und zur Finanzierung von Wirtschaftshilfe während der Übergangszeit.
Solche Unterstützung umfaßt sowohl die Entwicklung
des Privatsektors als auch Handels- und Investitionsprogramme. Meiner Ansicht nach haben wir bei einer
Initiative in der Gesetzgebung, die dem Präsidenten
Flexibilität einräumt, Fortschritte erzielt. Wenn der
Stellvertretende Außenminister Eagleburger aus Osteuropa zurückkehrt, können wir hoffentlich ein Paket
von Gesetzesvorlagen erarbeiten.
Zweitens fordern wir 500 Millionen Dollar als Nachtrag
zum Haushaltsjahr 1990 für Wirtschaftshilfe an Panama. Dieser Fonds würde den wirtschaftlichen Wiederaufbau stützen, indem er Untemehmenskredite, öffentliche Investitionen und wirtschaftliche Stabilisierung fördert.
Drittens fordern wir 441 Millionen Dollar an Militär- und
Wirtschaftshilfe sowie Unterstützung bei der Drogenbekämpfung für die Andenstaaten. Diese Initiative ist
für die Drogenstrategie des Präsidenten unabdingbar,
und nach dem erfolgreichen Gipfel von Cartagena
hoffen wir gemeinsam mit unseren Partnern auf die
Zustimmung des Kongresses zu unseren gemeinsamen Bestrebungen.
Viertens bitten wir um 888 Millionen Dollar zur Begleichung der Rückstände bei den Vereinten Nationen,
multinationalen Organisationen und Entwicklungsban-

AMERIKA DIENST 8

�ken innerhalb der nächsten fünf Jahre. Der Präsident
engagiert sich fürdie Finanzierung dieser eingegangenen Verpflichtungen. Wir erwarten, daß in den nächsten zehn Jahren eine gestärkte UNO größere Beiträge zur Bewahrung des Friedens, Rückführung von
Flüchtlingen und länderübergreifenden Problemen wie
Drogenbekämpfung, Umwelt und Terrorismus leisten
kann. Die Vereinigten Staaten müssen ihren finanziellen Verpflichtungen gegenüber diesen Institutionen
nachkommen.
Für unsere fünfte Initiative fordern wir 270 Millionen
Dollar für das neue Botschaftsgebäude in Moskau. Wir
haben die im vergangenen Jahr versprochene Überprüfung abgeschlossen und bitten jetzt um Ihre Zustimmung für unseren Plan.
Sechstens und letztens fordern wir 70 Millionen Dollar
als Nachtrag zum Haushalt 1990, um dem dringenden
Flüchtlingsproblem der Asylsuchenden gerecht zu werden, das sich zum großen Teil aus der zunehmenden
Liberalisierung der sowjetischen Auswanderungspolilik ergibt.

*

AMERIKA DIENST 8

Weitere Informationen zu diesen Initiativen und unserem Haushalt entnehmen Sie bitte meiner schriftlichen
Erklärung, Herr Vorsitzender.
Damit möchte ich zum Schluß kommen. Letztes Jahr
habe ich um größere Flexibilität beim Umgang mit
unseren beschränkten Mitteln nachgesucht. Zweifellos haben die Ereignisse gezeigt, daß eine solche
Flexibilität für unseren Erfolg in einer Welt immer
schneller erfolgender Veränderungen unabdingbar ist.
Aus diesem Grund möchte ich dieses Jahr meine Bitte
um einen neuen Verhaltenskodex zwischen der Exekutive und dem Kongreß im Hinblick auf Auslandshilfe
wiederholen. Wir sollten statt der Bereitstellung von
Mitteln konstruktive Konsultationen als wichtigstes Mittel
zur Erlangung eines Konsenses über programmatische Ziele betrachten und angesichts dieser außergewöhnlichen Zeiten mit ihren sich wandelnden Prioritäten gemeinsame Wege zu mehr Flexibilität suchen, die
allen Interessen gerecht wird.

* * *

*

Seite 5

�RÜSTUNGSKONTROLLE
28. Februar 1990

FORTSCHRITTE BEI SOWJETISCHER EINHALTUNG
VON RÜSTUNGSKONTROLLABKOMMEN
Jahresbericht des Präsidenten an den Kongreß
WASHINGTON - (AD) - In seinem am 23. Februar 1990 veröffentlichten Jahresbericht an den Kongreß mit
dem Titel "Die sowjetische Nichteinhaltung von Rüstungskontrollabkommen" (Soviet Noncompliance with
Arms Control Agreements) erklärte Präsident Bush, die von den Vereinigten Staaten erhobene "entschiedene
Forderung nach strenger Einhaltung von Rüstungskontrollabkommen zeitigt positive Ergebnisse" und fügte
hinzu, er hoffe, die jüngsten korrektiven Maßnahmen der Sowjets bei Vertragsverletzungen "deuten auf eine
neue Bereitschaft hin, unsere nach wie vor bestehenden Bedenken aufzugreifen und zu lösen".
Nachfolgend bringen wir den zur Veröffentlichung freigegebenen Teil des Berichts in Auszügen.

Wie gesetzlich vorgeschrieben, lege ich diesen Bericht
über die sowjetische Nichteinhaltung von Rüstungskontrollabkommen vor.
Bisherige Berichte haben sowjetische Verletzungen
der wichtigsten Rüstungskontrollverträge und -abkommen dokumentiert. Trotz weiterhin bestehender ernsthafter Besorgnis über die Nichtbefolgung freue ich
mich, berichten zu können, daß unsere entschiedene
Forderung nach strenger Einhaltung von Rüstungskontrollabkommen positive Ergebnisse zeitigt. Die
Sowjetunion scheint bereit zu sein, wichtige Maßnahmen zur Lösung einiger Anliegen der Vereinigten Staaten
zu ergreifen.
Rüstungskontrolle und ihre Einhaltung
Die Vereinigten Staaten erwarten ausnahmslos peinlich genaue Erfüllung aller gültigen und künftigen
Rüstungskontrollabkommen und der damit einhergehenden Verpflichtungen. Andernfalls kann der Rüstungskontrollprozeß weder Nutzen für die nationale
Sicherheit der Vereinigten Staaten bringen noch können Verträge ratifizert werden. Ich setze mich dafür
ein, daß die gewissenhafte Einhaltung aller Rüstungskontrollabkommen und damit verbundener Aktivitäten
gewährleistet ist. Wir können und werden keinen
geringeren Standard akzeptieren. In einfachen Worten: Rüstungskontrollverpflichtungen müssen genau
definiert und gewissenhaft eingehalten werden. Mit
weniger geben wir uns nicht zufrieden.

AMERIKA DIENST 8

Meine Administration engagiert sich für die Erarbeitung neuer Rüstungskontrollabkommen, mit denen die
Bedrohung eines Kriegsausbruchs abgebaut und ein
Beitrag zur internationalen Stabilität geleistet wird.
Diese Ziele haben mehr Realitätsnähe als jemals
zuvor. Dennoch können sie nur verwirklicht werden,
wenn effektive Verifizierung und vollständige Einhaltung integrale Bestandteile des Prozesses sind. Wir
müssen feststellen können, ob die andere Partei ein
Abkommen einhält. Aus diesem Grund werde ich
weiterhin darauf bestehen, daß unsere Maßnahmen
und Mittel zur Verifizierung angemessen und wirksam
sind.
Ich hoffe, daß die jüngsten korrektiven Maßnahmen
der Sowjets bei Vertragsverletzungen auf eine neue
Bereitschaft hindeuten, unsere nach wie vor bestehenden Bedenken aufzugreifen und zu lösen. Dennoch
reicht Hoffnung auf Einhaltung nicht aus. Wenn Verletzungen von Rüstungskontrollabkommen identifiziert
werden, werden wir uns weiterhin des traditionellen
Mechanismus der Konsultationen bedienen, um uns
der Unterstützung des Kongresses zu versichern und
angemessen und besonnen zu reagieren.
Sowjetische Maßnahmen
Ich habe bereits darauf verwiesen, daß im vergangenen Jahr ermutigende Veränderungen im sowjetischen
Ansatz zur Einhaltung von Rüstungskontrollabkommen zu beobachten waren. Jüngste Äußerungen des

Seite 1

�sowjetischen Außenministers Schewardnadse deuten
darauf hin, daß der neue Kongreß der Volksdeputierten in der Außenpolitik größere Verantwortung übernehmen wird. Wir hoffen, daß durch die Institutionalisierung einer verantwortlicheren sowjetischen Regierung eine dauerhafte Grundlage für konstruktiveres
sowjetisches Verhalten gelegt wird, das mit internationalen Normen und Abkommen im Einklang steht.

geleitet. Trotz dieser Aufhebung der Verletzung des
ABM-Vertrags in Gomel bestanden bei uns nach wie
vor Zweifel an der Einhaltung bestimmter, im Dezember 1988 vereinbarter Verfahren durch die Sowjets.
Wir sind zu dem Schluß gelangt, daß das in der Nähe
von Gomel stationierte FLAT TWIN-Radar und das
PAWN SHOP VAN nicht länger eine Verletzung des
ABM-Vertrags darstellen.

Ich begrüße Außenminister Schewardnadses Erklärung von Wyoming, der zufolge das Radar von Krasnojarsk vollständig beseitigt wird, wie auch seine freimütige Äußerung bei einer Plenarsitzung des Obersten
Sowjets am 23. Oktober 1989, die Errichtung des
Radars von Krasnojarsk stelle eine "eindeutige Verletzung" des ABM-Vertrags dar. Die Vereinigten Staaten
haben der Sowjetunion gegenüber erklärt, sie würden
kein START-Abkommen oder einen Vertrag über
Verteidigung im Weltraum schließen, bis Unstimmigkeiten über die Verletzung ausgeräumt seien. Das
sowjetische Engagement zur vollständigen Beseitigung des Radars von Krasnojarsk wird, wenn sie auf
eine verifizierbare Art und Weise nach amerikanischen
Maßgaben durchgeführt wird, die Atmosphäre der
bilateralen Beziehungen verbessern.

Obwohl die Sowjetunion nicht zugibt, daß ihre Aktivitäten im Hinblick auf schnelle Nachladefähigkeit die
Vertragsverpflichtungen verletzen, konnten seit 1983
keine zu Besorgnis Anlaß gebenden Aktivitäten beobachtet werden. Angesichts des langen Zeitraums seit
der letzten Beobachtung solcher Aktivitäten wird das
Problem in diesem Bericht nicht angesprochen.

Das sowjetische Zugeständnis, das Radar von Krasnojarsk sei eine "eindeutige Verletzung", war das
unmittelbare Ergebnis energischer amerikanischer
Einwände gegen diese Verletzung und fortgesetzter
Forderungen nach korrektiven Maßnahmen. Tatsächlich haben sich die Beharrlichkeit und unerschütterliche amerikanische Haltung gegen Verletzungen des
Prinzips, daß Rüstungskontrollabkommen streng einzuhalten sind, bezahlt gemacht. Die Unterstützung
des amerikanischen Kongresses in dieser Frage war
von unschätzbarem Wert dabei, die Sowjetunion zu
überzeugen, daß diese Verletzung korrigiert werden
muß. Wir müssen uns vor Augen führen, daß wir diese
positive Lösung nicht erzielt haben, indem wir vor der
Tatsache einer Verletzung zurückgeschreckt sind.
Im vergangenen Jahr hat die Sowjetunion darüber
hinaus weitere Maßnahmen zugegeben, die nicht mit
ihren Rüstungskontrollverpflichtungen in Einklang
stehen. Auch in diesen Fällen hat die Sowjetunion
Schritte unternommen, um die amerikanischen Bedenken auszuräumen. Im Hinblick auf den INF-Vertrag hat die Sowjetunion beispielsweise gewisse technische Unzulänglichkeiten eingeräumt und diese behoben. Obwohl die Sowjetunion Maßnahmen nicht
offen zugegeben hat, die nicht im Einklang mit ihren
Vertragsverpflichtungen stehen, war sie in anderen
Fällen dennoch bereit, Schritte zur Beseitigung der
amerikanischen Bedenken zu unternehmen. Obwohl
die Sowjetunion eine Verletzung des ABM-Vertrags
durch die Radarstationierung in Gomel nie offiziell
zugegeben hat, wurden mit der Zerstörung des FLAT
TWIN-Radar in Gomel und des PAWN SHOP VAN in
Gomel und Wnukowo konstruktive Schritte in die Wege

Seite 2

Durchführung des INF-Vertrags
Der INF-Vertrag erfüllt weiterhin sein Ziel, eine gesamte Kategorie amerikanischer und sowjetischer Raketen unter strengen Verifizierungsvorschriften abzubauen. Seit dem 30. November 1989 hat die Sowjetunion alle ihre 957 Raketen kürzerer Reichweite sowie
alle 238 Abschußvorrichtungen für diese Raketen
beseitigt. Die Sowjets haben 433 der 809 Mittelstrekkenraketen und 299 der 581 Abschuß Vorrichtungen
für diese Raketen abgebaut. Die Beseitigung der
verbleibenden amerikanischen und sowjetischen
Raketen und Abschußvorrichtungen muß bis zum 1.
Juni 1991 erfolgen.
In einem Bereich mußten die Vereinigten Staaten eine
Verletzung des INF-Vertrags feststellen:
Verlagerung von Raketen auf Abschußvorrichtungen
in Lebedin. Seit Dezember 1988 wurden sowjetische
SS-20-Raketen auf Abschußvorrichtungen vom Raketenstützpunkt in Lebedin zu den Wartungseinrichtungen für Raketen und Abschußeinrichtungen in Lebedin
verlagert, was eine Verletzung von Artikel VIII, Paragraph 8 des INF-Vertrags darstellt. Die Sowjets haben
die Vereinigten Staaten im Einklang mit dem Vertrag
über die Verlagerung unterrichtet und in der Benachrichtigung erklärt, die Route befinde sich eindeutig im
Bereich des Stationierungsgebiets. Nach einer amerikanischen Demarche räumten die Sowjets ein, bei
der Festlegung der tatsächlichen Grenzen des Stationierungsgebiets sei den Verantwortlichen vor Ort ein
technischer Fehler unterlaufen, der in der Zwischenzeit behoben worden sei. Seit jenem Zeitpunkt sind
keine weiteren Zwischenfälle mit Raketen auf Abschußvorrichtungen außerhalb des Stationierungsgebiets und der Raketenunterstützungseinrichtungen
festgestellt worden.
Bezüglich der Einhaltung ergaben sich ferner Fragen,
die jedoch nicht notwendigerweise eine Nichteinhaltung bedeuten müssen. Darunter fallen die SS-20Abschußzylinder in der Nähe von Moskau und die SS23-Startlafetten (TELs).

AMERIKA DIENST 8

�Anhaltenden Anlaß zu Besorgnis gibt die Zählweise
nach der "gleich aussehende Raketen gleich gezählt
werden". Bei zwei Gelegenheiten haben die Sowjets
Gerät unter Beibehaltung der ursprünglichen äußeren
Konfiguration modernisiert, das entweder unter den
Bedingungen des Protokolls über den Abbau oder vor
Inkrafttreten des Vertrags beseitigt werden sollte.
Unabhängig davon, ob die Modernisierung den Einsatz dieses Geräts für nicht im Einklang mit dem
Vertrag stehende Zwecke gestattet, komplizieren solche Aktivitäten die Überwachung der Vertragsbegrenzungen für das Gerät mit Nationalen Technischen
Mitteln (NTM). Diese beiden Vorfälle beziehen sich auf
einen SS-20-Abschußzylinder in der Nähe von Moskau und SS-23-Abschuß Vorrichtungen in Stankowo.
In beiden Fällen reagierten die Sowjets auf amerikanische Einwände, indem sie amerikanischen NTM oder
Inspektoren Gerät in Konfigurationen vorführten, mit
denen Zweifel an der Beschaffenheit dieses Geräts
behoben wurden.
Der ABM-Vertrag
In vorherigen Berichten kam unsere tiefe Besorgnis
über die sowjetische Nichteinhaltung des ABM-Vertrags zum Ausdruck, insbesondere beim Radar von
Krasnojarsk, das eine erhebliche Verletzung eines
Kernstücks des Vertrags darstellt. Die Sowjetunion
hat sich jetzt zum vollständigen Abbau des Radars
verpflichtet. Obwohl die Sowjets mit der Demontage
des Radars noch nicht begonnen haben, könnten
Vorbereitungen dazu bereits im Gange sein. Die
Vereinigten Staaten und die Sowjetunion verhandeln
derzeit über den Abbau des Radars. Wir erwarten die
unverzügliche Durchführung der sowjetischen Verpflichtung und werden die sowjetischen Maßnahmen
genau im Auge behalten.
Während mit dem Abbau des Radars von Krasnojarsk
eine wesentliche Sorge der Vereinigten Staaten ausräumt wird, bleiben weiterhin Bedenken bezüglich
sowjetischer ABM- und damit in Verbindung stehender Aktivitäten bestehen. Sie werden in diesem Bericht im einzelnen aufgeführt. Der Bau neuer weitreichender Radaranlagen mit phasengesteuerter Abtastung (LPARs) an der Peripherie der Sowjetunion und
die Modernisierung des Moskauer ABM-Systems dem einzigen stationierten System zur Verteidigung
gegen ballistische Raketen der Welt - scheinen im
Einklang mit dem ABM-Vertrag zu stehen. LPARs
wurden jedoch schon immer als das Element einer
eventuellen territorialen Verteidigung mit langer Vorwarnzeit angesehen. Krasnojarsk ist nur eines in
einem Netz von neun solcher Radars. Da sie die
Fähigkeit zur genauen Erfassung einer großen Anzahl
von Objekten besitzen, haben diese Radars abhängig
von Standort und Ausrichtung das technische Potential, um zur ABM-Kampfführung beizutragen.
Im vorliegenden Bericht werden folgende andere
Bedenken der Vereinigten Staaten angesprochen:
AMERIKA DIENST 8

Entwicklung und Erprobung der für mobile ABMSysteme erforderlichen Bauteile,
Gleichzeitiger Einsatz von Luftverteidigungsund ABM-Bauteilen,
Entwicklung moderner Luftverteidigungssysteme, die einige ABM-Fähigkeiten besitzen können,
Gesamtumfang sowjetischer ABM- oder damit
in Zusammenhang stehender Aktivitäten, die
darauf hindeuten, daß die UdSSR eine Verteidigung ihres nationalen Territoriums vorbereitet.
Chemische, biologische und Toxin-Waffen
Die Vereinigten Staaten kommen zu dem Schluß, daß
die Sowjetunion den Vertrag über biologische und
Toxin-Waffen von 1972 weiterhin verletzt. Wie bereits
in vorherigen Berichten stellen die Vereinigten Staaten
fest, daß die Sowjets das Genfer Protokoll von 1925
und damit in Zusammenhang stehende Bestimmungen des Völkerrechts verletzt haben. Die Vereinigten
Staaten sehen keinen Grund, ihre Schlußfolgerung zu
revidieren, daß die Sowjetunion mit Produktion, Verlagerung und Einsatz von Pilzgiften zur Kampfführung in
Laos, Kambodscha und Afghanistan befaßt ist, was
eine Verletzung ihrer rechtlichen Verpflichtungen im
Rahmen des Völkerrechts darstellt, wie es im Genfer
Protokoll von 1925 und der Konvention über biologische Waffen aus dem Jahr 1972 kodifiziert ist. Diese
Verletzungen geben zusammen mit den anhaltenden
sowjetischen Aktivitäten in diesen Bereichen weiterhin
Anlaß zu ernsthafter Besorgnis. Seit dem Bericht vom
Januar 1984 liegen uns keine bestätigten Beweise
über den Einsatz todbringender Kampfstoffe vor.
Die Vereinigten Staaten sind zu dem Schluß gekommen, daß die Sowjetunion trotz gegenteiliger Behauptungen ein Programm und die Fähigkeit zu aktiver,
offensiver biologischer Kriegführung unterhält, eine
Verletzung der Konvention über Biologische und Toxin-Waffen von 1972. Wir gehen davon aus, daß die
sowjetischen Fähigkeiten modernste biologische und
Toxin-Wirkstoffe beinhalten, von denen wir nur wenig
oder gar keine Kenntnis und gegen die die Vereinigten
Staaten keine Verteidigung besitzen.
Als Ergebnis der im Jahr 1986 durchgeführten FolgeKonferenz zur Konvention über Biologische und ToxinWaffen haben sich die daran beteiligten Staaten bereiterklärt, Informationen über Einrichtungen auszutauschen, in denen risikoreiche biologische Experimente durchgeführt werden sowie über Einrichtungen,
die sich mit anderen in Zusammenhang mit der Konvention stehenden Vorhaben beschäftigen. Obwohl
wir die von den Sowjets vorgelegten Daten begrü ßt haben, sind die Vereinigten Staaten davon überzeugt,
daß weiterhin Vorhaben in solchen Einrichtungen verfolgt
werden, die unserer Ansicht nach mit dem offensiven
sowjetischen Programm in Verbindung stehen und
Seite 3

�daß nicht alle diese Programme in der sowjetischen
Erklärung enthalten waren.
Wir sind weiterhin unzufrieden mit den sowjetischen
Erklärungen zum Ausbruch von Milzbrand in Swerdlowsk im Jahr 1979. Wir haben diese Frage seit März
1980 wiederholt gegenüber den Sowjets zur Sprache
gebracht. Stets wurde uns mitgeteilt, der Ausbruch der
Krankheit habe auf dem Verzehr verseuchten Fleischs
beruht. Aufgrund von den Vereinigten Staaten zur
Verfügung stehenden Informationen sind wir jedoch zu
dem Schluß gekommen, daß der Ausbruch der Seuche durch die versehentliche Freisetzung von Milzbrand-Erregem durch eine verbotene Einrichtung zur
Produktion biologischer Waffen verursacht wurde.
Im April 1987 verkündete Generalsekretär Gorbatschow, die Sowjetunion habe die Produktion chemischer Waffen eingestellt. Im Dezember 1987 erklärten
die Sowjets, sie besäßen einen Lagerbestand von
50 000 Tonnen chemischer Wirkstoffe.
Am 23. September 1989 unterzeichneten die Vereinigten Staaten und die Sowjetunion eine Regierungsvereinbarung (Memorandum of Understanding - MOU)
über ein bilaterales Verifizierungsexperiment und einen Datenaustausch bei chemischen Waffen. Das
MOU besteht aus einer Zweiphasenvereinbarung: Die
erste Phase beinhaltet einen Datenaustausch und
Besuche bei einschlägigen C-Waffen-Einrichtungen.
Zu den ausgetauschten Daten gehören der Gesamtbestand an chemischen Waffen, die Art der jeweils im
Besitz befindlichen chemischen Wirkstoffe sowie die
prozentualen Anteile an Munition und sonstigen gelagerten Mengen.
Gemäß dieser Vereinbarung stellten die Sowjets am
29. Dezember 1989 die verlangten Daten zur Verfügung. Diese werden zur Zeit ausgewertet. Ersten
Hinweisen zufolge entsprechen diese Daten in vielerlei
Hinsicht nicht unserem Verständnis.
Der Vertrag über die Begrenzung von Atomtests
(LTBT)
Seit Inkrafttreten des Vertrags über die Begrenzung
von Atomtests (LTBT) vor über 20 Jahren hat die
Sowjetunion ihr Kernwaffentestprogramm auf eine Art
und Weise durchgeführt, die im Widerspruch zu den
Vertragsbestimmungen steht. Seit Veröffentlichung
des Berichts vom Dezember 1988 hat sich dieses
Verhalten fortgesetzt und führt weiterhin zur Freisetzung nuklearer Partikel in der Atmosphäre jenseits der
sowjetischen Grenzen. Auch wenn das von den
sowjetischen Tests freigesetzte Material kein greifbares Risiko für Gesundheit, Sicherheit oder Umwelt
darstellt und Vertragsverletzungen keine offenkundige
militärische Bedeutung haben, haben die sowjetischen
Stellen auf unsere wiederholten Versuche, diese Vorfälle zur Sprache zu bringen, diese lediglich bestritten
und amerikanische Ersuchen nach technischen Dis-

Seite 4

kussionen zurückgewiesen, die zur Verhinderung einer weiteren Freisetzung nuklearer Rückstände durch
die Sowjets führen könnten.
Der Schwellenvertrag (TTBT)
Am 9. November 1987 nahmen die Vereinigten Staaten und die Sowjetunion Verhandlungen auf, deren
wichtigstes Ziel eine Vereinbarung über effektive Verifizierungsmaßnahmen ist, um eine Ratifizierung des
amerikanisch-sowjetischen Schwellenvertrags und des
Vertrags über Kernexplosionen zu friedlichen Zwekken (PNET) zu ermöglichen.
Als Teil dieser Verhandlungen führten beide Seiten ein
Gemeinsames Verifizierungsexperiment durch, wobei
am 17. August 1988 auf dem amerikanischen Versuchsgelände eine von den Sowjets überwachte Kernexplosion stattfand und am 14. September 1988 eine
von den Vereinigten Staaten überwachte auf dem
sowjetischen Versuchsgelände.
Am 23. September 1989 einigten sich die Vereinigten
Staaten und die Sowjetunion beim Außenministertreffen in Wyoming im Hinblick auf das Verifizierungsprotokoll zum TTBT auf ein Paket von drei Verifizierungsmethoden: hydrodynamische Messungen vor Ort,
Vor-Ort-Inspektionen und über das Land verteilte seismische Stationen.
In der gegenwärtig stattfindenden Runde der Gespräche über Kernwaffenversuche (NTT) verhandeln beide Seiten über die zur Durchführung der in Wyoming
erzielten Vereinbarungen erforderlichen detaillierten
Verfügungen. Unser Ziel ist die Fertigstellung von
Protokollen zu beiden Verträgen und deren Vorlage an
den Kongreß zur Beratung und Ratifizierung. Nach der
Ratifizierung wird die Anwendung dieser beiden Verträge mit den zur effektiven Verifizierung nötigen Vorschriften die Sowjets dazu verpflichten, unsere seit
langem bestehenden Anliegen im Hinblick auf die
sowjetische Einhaltung der Schwelle von 140 Kilotonnen auszuräumen.
Zusammenfassung
Die amerikanische Forderung nach peinlich genauer
Vertragseinhaltung steht nicht zur Verhandlung. Wir
werden weiterhin auf effektiver Verifizierung der Bestimmungen dieser neuen Vereinbarungen bestehen,
auf jegliche sowjetische Vertragsverletzung angemessen reagieren und weiterhin unsere strategischen
Entscheidungen auf der Grundlage von Charakter und
Umfang der sowjetischen Bedrohung fällen. Im Hinblickauf die Einhaltung von Rüstungskontrollverpflichtungen darf nicht mit zweierlei Maß gemessen werden.
Im vergangenen Jahr hat unser Bestehen auf peinlich
genauer Vertragseinhaltung im Verein mit verbesserter Zusammenarbeit seitens der UdSSR die allgemein
erfolgreiche Durchführung des INF-Vertrags, die
Beseitigung einer Verletzung des ABM-Vertrags und

AMERIKA DIENST 8

�positive Schritte in Richtung auf eine Beseitigung der
Vertragsverletzung durch das Radar von Krasnojarsk
ermöglicht. Dies ist eine ermutigende und bedeutsa-

me positive Entwicklung zur Einhaltung von Rüstungskontrollverträgen. Wir hoffen, die UdSSR wird auch in
Zukunft in diesem Bereich kooperativ sein.

* * * * *

AMERIKA DIENST 8

Seite 5

�UMWELT
28. Februar 1990

BAKER: UMWELT KERNSTÜCK DER
AMERIKANISCHEN AUSSENPOLITIK
Rede bei der National Governors' Association
WASHINGTON - (AD - Umweltfragen besitzen laut Außenminister Baker heute einen besonderen Stellenwert
in der amerikanischen Außenpolitik. In einer Rede bei der National Governors'Association erklärte Baker am
26. Februar 1990, zu den vier Hauptzielen der US-Außenpolitik - Konsolidierung der Demokratie im Ausland,
Förderung von Wohlstand und wirtschaftlicher Freiheit, Gewährleistung weltweiter Sicherheit und Verbesserung
wirkungsvoller internationaler Zusammenarbeit - gehörten zugleich wichtige umweltpolitische Komponenten.
"Demokratien bieten die umfassendsten Möglichkeiten für verantwortungsbewußte umweltpolitische Maßnahmen. Die Umweltbewegung steht als einer der grö ßten Erfolge für Basisdemokratie in den Vereinigten Staaten."
Nachfolgend veröffentlichen wir Bakers Rede im Wortlaut.

Ich freue mich, heute zu Ihnen über die Umwelt sprechen zu können. Dieses Thema ist sowohl für mich
persönlich als auch für die 50 Staaten, die Territorien
und unsere Außenpolitik von großer Bedeutung.
In diesem Zusammenhang erscheint mir ein kurzer
geschichtlicher Rückblick angebracht. Im Jahr 1852
ersuchte die amerikanische Regierung Häuptling Seattle
um den Verkauf von Stammesland, das sie neu ankommenden Siedlern überlassen wollte. Der Häuptling antwortete: "Die Erde gehört nicht dem Menschen, der Mensch gehört der Erde. Alle Dinge sind
miteinander verbunden wie das Blut, das uns alle
vereint: Der Mensch hat das Geflecht des Lebens
nicht gewoben, er ist nur ein Faden darin." Und der
Häuptling warnte: "Was immer er diesem Geflecht
antut, das tut er sich selbst an."
Die Siedler zogen weiter nach Westen - auch mein
eigener Urgroßvater gehörte zu ihnen. Diese unabhängigen, schwer arbeitenden und mutigen Menschen
trugen dazu bei, unser Land zu dem zu machen, was
es heute ist. Selbst für diejenigen unter uns, deren
Vorfahren nicht an der Erschließung des Westens
beteiligt waren, stellen diese Pioniere nach wie vor die
Quintessenz des amerikanischen Geistes dar.
Doch schon zu Ende des letzten Jahrhunderts war es
vielen Amerikanern bewußt geworden - vom ent-

AMERIKA DIENST 8

wickelten Osten bis zum sich entwickelnden Westen daß Amerikas Schätze nicht unerschöpflich waren. Es
war offenkundig geworden, daß wir Verantwortung für
Schutz und Erneuerung unserer natürlichen Ressourcen übernehmen mußten, damit auch künftige Generationen in ihren Genuß kommen konnten.
Im Jahr 1908 berief Präsident Theodore Roosevelt
eine Konferenz zur Erhaltung der natürlichen Ressourcen ins Weiße Haus ein - die erste ihrer Art nicht nur in
den Vereinigten Staaten, sondern in der ganzen Weit.
Sie wurde als Konferenz der Gouverneure bekannt.
Fairerweise muß gesagt werden, daß von dieser
Konferenz der grö ßte Einzelimpuls für eine verantwortungsbewu ßte nationale Umweltpolitik in den Vereinigten Staaten ausging.
Wenn wir uns heute anschicken, für das nächste
Jahrhundert zu planen, müssen wir uns der Lehren des
19. und 20. Jahrhunderts erinnern.
Von den Ureinwohnern Amerikas haben wir gelernt,
daß wir die Natur nicht als selbstverständlich hinnehmen dürfen. Wir müssen sie in Ehren halten und die ihr
von Gott gegebene Würde achten.
Von unseren Vorfahren haben wir gelernt, daß die
Natur kein Füllhorn mit unendlichem Nachschub ist.
Wir müssen der Erde etwas zurückgeben, wenn wir
weiterhin ihre Gaben nutzen wollen.
Seite 1

�Aus der Geschichte der Umweltbewegung in den
Vereinigten Staaten haben wir gelernt, daß Bundesund Staatsregierungen, Wirtschaft und Gewerkschaften, landesweite Organisationen und Einzelpersonen
bei der Ausarbeitung wirksamer umweltpolitischer
Maßnahmen zusammenarbeiten müssen.
Schließlich wissen wir aus eigener Erfahrung in dieser
interdependenten Welt, daß wir "lokal denken und
global handeln" müssen. Wir können den Umweltinteressen der Vereinigten Staaten nicht wirkungsvoll
dienen, wenn wir die weltweiten Umweltprobleme außer
acht lassen.
Hier kommt nun die Außenpolitik ins Spiel. Darüber
möchte ich heute zu Ihnen sprechen.
Die Umwelt und die amerikanische Außenpolitik
Die außenpolitischen Ziele der Vereinigten Staaten
gründen sich auf unsere Grundwerte. Wir streben
danach, die Demokratie zu ermutigen, Wohlstand durch
wirtschaftliche Freiheit zu fördern, die Sicherheit zu
gewährleisten sowie wirkungsvolle internationale
Zusammenarbeit zu verbessern, die unseren gemeinsamen Interessen dient. Weniger bekannt ist jedoch
die Tatsache, daß unseren umweltpolitischen Anliegen eine wichtige Rolle bei der Verwirklichung all
dieser Ziele zukommt. Demokratie, Wohlstand, Sicherheit, Zusammenarbeit und Umwelt - sie alle sind
untrennbar miteinander verbunden. Deshalb sind der
Präsident und ich fest entschlossen, Umweltfragen
umfassend in unsere diplomatischen Bemühungen
einzubetten. Dies ist die grüne Komponente unserer
Außenpolitik.
Ich möchte also erstens darauf zu sprechen kommen,
wie unsere Bemühungen zur Konsolidierung der
Demokratie mit unseren umweltpolitischen Bemühungen zusammenhängen. Demokratien - die nun einmal
von einer informierten Bürgerschaft, einer offenen
Gesellschaft und der Rechenschaftspflicht der Regierung abhängen - bieten die umfassendsten Möglichkeiten für verantwortungsbewußte umweltpolitische
Maßnahmen. Die Umweltbewegung steht als einer
der größten Erfolge für Basisdemokratie in den Vereinigten Staaten. Wenn wir demokratische und umweltpolitische Werte verteidigen und fördern, so verleihen
wir damit der Quintessenz dessen Ausdruck, was wir
für den Fortschritt aller Nationen für unerläßlich halten
- für Industriestaaten und Entwicklungsländer gleichermaßen.
Ich möchte Ihnen ein anschauliches Beispiel davon
geben, wie sich Demokraten und Umweltschützer
einer gemeinsamen Sache verpflichten. In Osteuropa
wurden Umweltprobleme lange vor den Revolutionen
des Volkes vom vergangenen Herbst von demokratischen Oppositionsgruppen aufgegriffen. Tatsächlich
schürten Umweltprobleme den Drang zur Demokratie.
Bei der Internationalen Umweltkonferenz in Sofia in

Seite 2

Bulgarien sprang der Funke der Volksrevolution über.
Die im Vorfeld dieser Konferenz ins Leben gerufene
"Ökoglasnost-Bewegung" ist jetzt eine der größten
Basisorganisationen und demokratischen Oppositionsgruppen.
In Bulgarien hat ökoglasnost dem Begriff "Grüne
Revolution" ganz neue Bedeutung verliehen.
Die Umwelt ist eindeutig einer der Bereiche beiderseitiger Vorteile zwischen Ost und West, den der Präsident und ich in dem Bemühen anstrebten, den kalten
Krieg hinter uns zu lassen. Um den Osteuropäern im
wichtigen Bereich Umwelt Hilfe zur Selbsthilfe zu leisten, bringen wir unsere ganze Erfahrung beim Umgang mit diesen Problemen ein. Wir gewähren den
aufstrebenden Demokratien Subventionen und günstige Kredite, bieten gemeinsame Projekte, Ausbildung
und Technologie sowie Hilfe bei der Erarbeitung von
Gesetzen und Vorschriften. Beispielsweise haben wir
eine gemeinsame amerikanisch-tschechoslowakische
Studie zur Bestimmung der preisgünstigsten Möglichkeiten vorgeschlagen, mit denen dringliche Probleme
der Umweltverschmutzung in der Tschechoslowakei
gelöst werden sollen. Wir liefern Technologie zur
sauberen Kohleverbrennung an Polen, teilweise um
der tragische Beeinträchtigung der historischen Architekturdenkmäler Krakaus Einhalt zu gebieten - die von
Tag zu Tag im wahrsten Sinne des Wortes stärker
zerfressen werden. Für die Region insgesamt haben
wir zur Teilnahme am Budapester Regionalen Umweltzentrum ermutigt, das Präsident Bush im Juli vergangenen Jahres erstmals angekündigt hat. In der Sowjetunion hat Außenminister Schewardnadse meiner
Forderung zugestimmt, bei unseren Zusammenkünften einen fünften Tagesordnungspunkt - grenzübergreifende Probleme - zu behandeln. Umwelt ist vordringlichstes Thema dieser ständigen Gespräche.
Die Gesamtheit all dieser Projekte wird den Trend zur
Demokratie in Osteuropa - das heißt, dem Volk und
seinen Anliegen verantwortliche Regierungen - verstärken.
Damit komme ich zu unserem zweiten vordringlichen
Ziel: Der Förderung von Wohlstand und wirtschaftlicher Freiheit. Ebenso wie politische und wirtschaftliche Freiheit Hand in Hand gehen, gilt dies für anhaltendes Wachstum und eine gesunde Umwelt. Starke
Volkswirtschaften bieten die materiellen Grundlagen
zum Schutz der Umwelt. Beide gehen eine Symbiose
ein. Sie werden mit dem Begriff "erträgliche Entwicklungen" umschrieben.
Erträgliche Entwicklung ist - um es einfach auszudrükken - eine Möglichkeit, dem Bedarf der Gegenwart
nachzukommen ohne Anleihen bei der Zukunft aufnehmen zu müssen. Wenn wir eine Politik der erträglichen Entwicklung verfolgen, werden sowohl unsere
wirtschaftlichen als auch unsere umweltpolitischen
Ziele verwirklicht. Tatsächlich gründet sich der ge-

AMERIKA DIENST 8

�samte amerikanische Ansatz bilateraler und multilateraler Hilfe auf das Konzept der erträglichen Entwicklungen.
Mit Hilfe marktwirtschaftlicher Anreize, durch die
Beseitigung struktureller Hindernisse und internationaler Handelspraktiken, mit denen sich Verzerrungen
auf den Weltmärkten ergeben, entsteht eine wirtschaftliche Dynamik, von der sowohl Industrie- als
auch Entwicklungsländer profitieren werden.
Dazu möchte ich einige Beispiele anführen, wie das
Konzept der erträglichen Entwicklung mit Hilfe unserer
bilateralen Hilfe funktionieren soll. In Ruanda fördern
wir ein Projekt, bei dem der wirtschaftliche Nutzen des
Tourismus mit der Erhaltung zweier einzigartiger Artenschutzgebiete einhergeht. In anderen Entwicklungsländern der Welt fördern wir die Diversifikation
der Landwirtschaft. Damit können wir die Verfügbarkeit von Agrarprodukten für kommerzielle Zwecke
steigern. Lebensrettende Arzneimittel und andere
Handelswaren wie Nahrungsmittel und Farbstoffe
können dann produziert werden. Ein gegenwärtig
durchgeführtes AID-Projekt in Indonesien konzentriert
sich auf die Behandlung und Konservierung einheimischer exotischer Früchte, die als Handelsware geeignet sein könnten. Im Rahmen dieses Projekts werden
auch Methoden gefördert, mit denen der Zerstörung
der tropischen Regenwälder Einhalt geboten werden
kann.
Innovativen Bestrebungen wie Schuldenerlaß im
Austausch für Umweltschutzmaßnahmen kommt
ebenfalls große Bedeutung zu. Diese müssen wie alle
anderen Bemühungen zum Schuldenabbau mit grundlegenden Strukturreformen einhergehen, wenn sie Erfolg
zeitigen sollen. Diese Art von Austausch ist weder ein
Allheilmittel für Schuldenreduzierung noch können damit
einseitig Umweltprobleme gelöst werden - dennoch
kann er beides unterstützen.
Auf multilateraler Ebene können die Entwicklungsbanken eine wichtige Rolle bei der Förderung umweltverträglichen Wachstums spielen. Wir werden die multilateralen Entwicklungsbanken weiterhin ermutigen, ihre
Politik, ihren Mitarbeiterstab und ihre Ausbildung zu
erweitem. Wir hoffen, andere Geberländer werden
sich unseren Bemühungen zur Integration umweltpolitischer Bewertungen in alle Operationen der Entwicklungsbanken anschließen.
Ich weiß, daß vielfach der Ruf nach Einrichtung neuer
Finanzinstitutionen oder Mechanismen zur Gewährung von Wirtschafthilfe laut wird. Aber bevor wir
unsere beschränkten Mittel zum Aufbau neuer Bürokratien aufwenden, ist es sinnvoll, die bereits bestehenden multilateralen Mittel bestmöglich einzusetzen
und bestehende Institutionen zu fördern.
Ebenso müssen wir - bevor wir zusätzliche Mittel für
internationale Umweltprobleme aufwenden - wissen,

AMERIKA DIENST 8

wieviel wir benötigen. Umfangreiche Mittel für Umweltprojekte stehen bereits zur Verfügung. Wir sind uns
jedoch in vollem Maße der Tatsache bewußt, daß
Entwicklungsländer zusätzliche Hilfe benötigen werden, wenn sie die steigenden Kosten tragen sollen, die
sich im Zusammenhang mit der Erfüllung ihrer internationalen umweltpolitischen Verpflichtungen ergeben.
Unsere dritte Zielsetzung ist die Gewährleistung weltweiter Sicherheit. Gesunde Demokratien und Volkswirtschaften können nicht in einem unsicheren Umfeld
gedeihen. Wir arbeiten seit langem gemeinsam mit
anderen befreundeten Nationen am Schutz vor traditionellen Bedrohungen für unsere Sicherheit durch
gegnerische Regierungen. Aber in der Welt von heute
müssen traditionelle Konzepte der Bedrohung für die
Sicherheit unserer Bürger neu überdacht und die neuen
grenzübergreifenden Gefahren - auch Umweltzerstörung - einbezogen werden.
Bedrohungen für die Umwelt machen nicht vor Grenzen halt. Sie bedrohen das Leben der Menschen und
verletzen die territoriale Integrität einzelner Länder
innen und außen. Tschernobyl - ein klassisches
Beispiel für Mißstände der Breschnew-Ära - hat gezeigt, wie Menschenleben unötig gefährdet werden
können, wenn Regierungen nicht schnell und verantwortungsvoll handeln, um ihre eigenen Bürger und die
Menschen in den Nachbarländern zu schützen.
Es kommt nicht überraschend, daß die Drogenkartelle,
die die Gesundheit der Staatengemeinschaft bedrohen, auch die Umwelt schädigen. Ich habe bereits bei
der Sondersitzung der Vereinten Nationen über Suchtstoffe in der vergangenen Woche darauf verwiesen,
daß Händler in den Anden große Waldgebiete für ihre
Drogenlabors zerstören und Millionen Liter der dazu
benötigten Chemikalien in Flüsse einleiten.
Vor vierzig Jahren haben wir uns zusammen mit
unseren NATO-Partnern zum "Schutz des gemeinsamen Erbes und der Zivilisation" Europas gegen unsere
Gegner verpflichtet. Der Präsident verwies darauf,
daß Europas Umwelt gemeinsames Erbe aller Europäer sei und wir alle an ihrem Schutz mitarbeiten
müssen. Wie wir beobachten konnten, ist die Verteidigung der Umwelt Europas gegen die Gefahr der
Verschmutzung ein weiterer Weg, mit dem der Westen
den Völkern Osteuropas bei der Verwirklichung ihres
Traums von einem ungeteilten und freien Europa
helfen kann.
Unser viertes Ziel besteht in der Erweiterung wirksamer internationaler Zusammenarbeit, die unseren
gemeinsamen Interessen dient. Viele der heutigen
Probleme - insbesondere im Bereich des Umweltschutzes - haben weltweite Konsequenzen. Sie fordern internationale Lösungen. Alle Nationen tragen
gemeinsam die Verantwortung für den Schutz der
internationalen Staatengemeinschaft.

Seite 3

�Unabhängig von ihrer Größe kann eine Nation allein
weder den Kurs der Geschichte diktieren noch ihre
Rohstoffe uneingeschränkt schützen. Und jedes noch
so kleine Land verfügt über die Macht, zum Wohle der
internationalen Staatengemeinschaft beizutragen. Alle
Länder müssen verantwortungsewußt handeln und
zusammenarbeiten.
Ich freue mich, sagen zu können, daß alle Nationen der
Welt mehr denn je zuvor an der Bewältigung weltweiter
Umweltprobleme mitarbeiten. Ich möchte zwei Beispiele anführen. Erstens die weltweiten Klimaveränderungen. Noch vor wenigen Wochen hat Präsident
Bush vor der Zwischenstaatlichen Kommission zur
Klimaveränderung (IPCC) eine Rede gehalten. Er war
der erste Staatschef, der vor diesem Gremium gesprochen hat. Und seine Anwesenheit war ebenso Beweis
für die Bedeutung, die unsere Regierung dieser Frage
beimißt wie für unser Engagement, angemessene
wissenschaftliche, wirtschaftliche und umweltpolitishe
Lösungen zu finden. Der Präsident bekräftigte unsere
Politik angesichts der Klimaveränderungen. Wir bezeichnen sie als Politik, die wir nicht "bereuen" müssen
und ermutigen andere Nationen, einen ähnlichen Ansatz
zu verfolgen.
Was verstehen wir unter einer Politik, die wir nicht
"bereuen" müssen? Wir verstehen darunter, daß wir
gleichzeitig mit ernsthafter wissenschaftlicher Forschung,
die für jeden verantwortungsbewußten Ansatz unabdingbar ist, wirtschaftlich auf Nummer Sicher gehen.
Wir verstehen darunter, daß die Vereinigten Staaten
beträchtliche finanzielle Verpflichtungen eingehen, um
diese wissenschaftlichen Probleme auszuwerten und
unseren Fondsfürdas amerikanische Forschungsprogramm zur weltweiten Klimaveränderung auf über 1
Milliarde Dollar aufgestockt haben. Und wir verstehen
darunter, daß wir zu Maßnahmen bereit sind, die in
sich selbst gerechtfertigt sind und den zusätzlichen
Vorteil haben, die Treibhausgase einzudämmen. Das
sind Maßnahmen, die wir niemals bereuen müssen:

Schließlich haben wir ein Programm zur Energieerhaltung und zum Energiesparen verabschiedet. Mit diesem Programm sollen knappe
Energien wirksam genutzt, unsere Abhängigkeit von ausländischen Energiequellen reduziert und unser aller Geld - der Bürger, Regierung und Industrie gleichermaßen - gespart
werden. Darüber hinaus wird die eingeschränkte Verwendung fossiler Brennstoffe die Treibhausgasemissionen reduzieren.
Sollten internationale wissenschaftliche Forschungsergebnisse belegen, daß sich die Klimabedingungen
nicht maßgeblich verändern, "bereuen" wir diese
Maßnahmen nicht, weil sie andere Vorteile hatten.
Sollten unsere Forschungen jedoch andererseits Anlaß zu weiterer Beunruhigung geben, so haben wir
bereits kluge Schritte zur wirtschaftlichen Lösung des
Problems unternommen. Wir fordern andere Nationen
auf, sich unsere Politik, die wir nicht "bereuen" müssen, als Vorbild zu nehmen.
Ein letztes Beispiel weltweiter Zusammenarbeit bezieht sich auf einen Vertreter der Spezies Tier - das
Symbol einer Partei. Einige sagen, es sei eine parteiische Kreatur, aber es verfügt über überparteiliche
Tugenden. Bedauerlicherweise ist es unter den vom
Aussterben bedrohten Tierarten aufgeführt. Selbst die
Demokraten unter uns stimmen zu, daß wir alle einen
schmerzlichen Verlust erleiden würden, wenn wir unseren
alten Freund, den Elefanten, ausrotten. Aus diesem
Grund haben die Vereinigten Staaten im vergangenen
Sommer das Verbot des Welthandels mit Elfenbein in
die Wege geleitet. Heute sind internationale Bestrebungen im Gange. Die meisten anderen Nationen sind
unserem Beispiel gefolgt. Und obwohl immer noch mit
Elfenbein gehandelt wird, können wir meines Erachtens alle an der Entwicklung eines Systems zum
Schutz des afrikanischen Elefanten zusammenarbeiten.
Schlußbemerkung

Zum Schutz der Ozonschicht haben wir uns
zum schrittweisen Abbau von Fluorchlorkohlenwasserstoffen bis zum Jahr 2000 verpflichtet.
FCKW tragen zum Treibhauseffekt entscheidend bei.

Des weiteren hat der Präsident eine umfangreiche, "America the Beautiful" genannte Wiederaufforstungsinitiative in die Wege geleitet. Im
Rahmen dieses mehrjährigen Programms werden unsere Bürger gemeinsam mit Regierungsund Industrievertretern eine Million Bäume pro
Jahr pflanzen. Diese Bäume sind der Lebensraum für Tiere, halten die Bodenerosion auf,
bilden Freizeiteinrichtungen, schaffen Arbeitsplätze und bringen Früchte hervor. Gleichzeitig
tragen diese Bäume dazu bei, Kohlendioxyd ein wichtiges Treibhausgas - zu absorbieren.

Seite 4

Die von mir heute umrissenen Umweltbestrebungen
zeigen anschaulich, auf welch vielfältige Art die BushAdministration national und international gegen die
Gefährdung unserer Umwelt vorgeht. Bei meinen
Ausführungen heutig morgen bin ich weder auf den
Schutz der Feuchtbiotope, die Eröffnung offizieller
Gespräche mit Kanada über sauren Regen noch die
einstimmig von den Vereinten Nationen verabschiedete Resolution zu Treibnetzen eingegangen. Auch eine
andere wichtige Umweltinitiative der Administration
blieb unerwähnt: Die Formulierung eines überarbeiteten Emissionsschutzgesetzes mit Anreizen für unseren Privatsektor, kreative, marktorientierte Lösungen
zur Verbesserung der Luftqualität zu finden. Und ich
bin sehr zuversichtlich, daß wir schon bald die Baseler
Konvention über die Kontrolle von Giftmüllexporten
unterzeichnen werden.

AMERIKA DIENST 8

�Die Vereinigten Staaten tun all dies im Dienste ihres
nationalen Interesses. Darüber hinaus tun sie es, weil
es grundsätzich richtig ist. Die großartigen frühen
Pioniere des amerikanischen Umweltschutzes erkannten diese Wahrheiten und fanden wirksame Mittel und
Wege, um darauf zu reagieren. Ihre Sichtweise deckte
sich nicht immer mit derjenigen der Politiker ihrer Zeit,
und zweifelsohne waren sie nicht immer einer Meinung. Kontroversen, die sich um die Gouverneurskonferenz im Jahre 1908 entzündeten, bestehen bis zum
heutigen Tag. Umweltfragen waren in der Tat nie eine
einfache Angelegenheit und werden es niemals sein.
Umweltprobleme sind komplex und entwickeln sich
gelegentlich langsam. Und manchmal dauert es noch
länger, sie zu erkennen.
*

AMERIKA DIENST 8

Trotz intensiver Diskussionen, trotz aller Unwägbarkeiten, trotz der Komplexität der Sache sind wir wie alle
Völker der Welt mit der unbestrittenen Verantwortung
konfrontiert, zu handeln. Emerson, der amerikanische
Dichter des 19. Jahrhunderts, formulierte es folgendermaßen: "Wir erben die Erde nicht von unseren
Vorvätern, wir borgen sie von unseren Kindern."
Dies ist eine Schuld, die feierlich eingelöst werden
muß. Die Großartigkeit der Natur umfängt und vereint
die gesamte Menschheit. Die Völker der Erde müssen
jetzt gemeinsam handeln, damit dieses kostbare Geflecht des Lebens alle nachfolgenden Generationen in
Schönheit und Frieden umfangen kann.

* * *

*

Seite 5

�MENSCHENRECHTE
28. Februar 1990

"UNVERKENNBAR" POSITIVE TENDENZEN
BEI MENSCHENRECHTEN
Jahresbericht des Außenministeriums über Menschenrechte
WASHINGTON - (AD) - Dem Jahresbericht des US-Außenministeriums über die weltweite Achtung der
Menschenrechte zufolge waren positive Tendenzen bei den Menschenrechten im Jahr 1989 "unverkennbar".
Der Abteilungsleiter für Menschenrechte und humanitäre Angelegenheiten im US-Außenministerium, Richard
Schifter, schreibt in seiner Einleitung zu dem am 21. Februar 1990 veröffentlichten Bericht: "Das Jahr 1989 wird
im Hinblick auf das weltweite Problem der Menschenrechte als Wendepunkt in die Geschichte eingehen".
Der Bericht mit dem Titel "Länderberichte über Menschenrechtspraktiken 1989" (Country Reports on Human
Rights Practices for 1989) erfaßt 169 Länder. Laut Gesetz muß das Ministerium dem Kongreß diesen
Jahresbericht über Menschenrechtspraktiken der Länder, die amerikanische Hilfe erhalten sowie aller Mitgliedstaaten der Vereinten Nationen vorlegen.
Nachfolgend veröffentlichen wir die Einleitung des Berichts in Auszügen:

Das Jahr 1989 wird im Hinblick auf das weltweite
Problem der Menschenrechte als Wendepunkt in die
Geschichte eingehen. Die revolutionären Veränderungen in Bulgarien, der Tschechoslowakei, der DDR
und Rumänien führten dazu, daß Albanien am Ende
des Jahres als einziges noch intaktes totalitäres Regime in Europa gelten konnte. Bei den Wahlen in Polen
gewann die Gewerkschaft Solidarität nahezu alle zur
Wahl stehenden Sitze, und eines ihrer Mitglieder wurde
Ministerpräsident. Verfassungsmäßige Reformen in
Ungarn werden voraussichtlich zur Einsetzung einer
repräsentantiven Regierung führen. Freie Wahlen
werden in Bulgarien, der Tschechoslowakei, der DDR
und Rumänien versprochen.
Bemerkenswert bei diesen dramatischen Veränderungen in Osteuropa ist die Tatsache, daß diese - außer
in Rumänien - nahezu ohne Blutvergießen erfolgten.
Die Akzeptanz dieser Veränderungen in der Sowjetunion war zweifellos ein ebenso wichtiges Kriterium für
den friedlichen Charakter des Übergangs wie die friedlichen und demokratischen Absichten der Volksbewegungen selbst.
Die spektakulären Ereignisse in den ehemaligen
sowjetischen Satellitenstaaten haben fast die von der
Sowjetunion selbst in Richtung auf eine offene Gesell-

AMERIKA DIENST 8

schaft unternommenen bemerkenswerten Schritte in
den Schatten gestellt. Die Wahlen zum Kongreß der
Volksdeputierten wurden zwar in einigen Regionen
manipuliert, während sie in anderen echte Konkurrenz
zuließen. Insgesamt führten sie aber zur Wahl vieler
Gegner der alten Ordnung. Der sich aus Mitgliedern
der Volksdeputierten zusammensetzende Oberste
Sowjet wurde Teil der Legislative und von der Exekutive relativ unabhängig. Es gab weitere Fortschritte im
Hinblick auf Rede-, Versammlungs- und Religionsfreiheit. Femer wurden viele Vorschriften zur Auswanderung gelockert.
Obwohl Reformpolitiker ihren Einfluß auf höchsten
Ebenen der sowjetischen Regierung geltend machen
konnten, hat das "neue Denken" noch nicht viele
Bereiche der sowjetischen Bürokratie durchdrungen.
Es wird weiterhin über Fälle diktatorischer Machtausübung berichtet. Die fehlende rechtsstaatliche Tradition und gesetzlich verankerter Institutionen mit der
Macht zum Schutz der Rechte des einzelnen tragen zu
den Schwierigkeiten der Führung bei, diese Reformpolitik vollständig durchzuführen. Die Schaffung einer
unabhängigen Justiz bleibt entscheidendes Kriterium
für Verbesserungen bei der Achtung von Menschenrechten in der Sowjetunion.

Seite 1

�Gewalttätige Unruhen ethnischer Minderheiten im
Senegal und in Mauretanien kosteten in beiden Ländern zahlreiche Menschenleben und führten zur
Umsiedelung von mindestens 200 000 Menschen.
Eine unbekannte Zahl von Personen wurde in Liberia
bei Kämpfen zwischen Dissidenten und Armeeinheiten getötet, und Tausende suchten Zuflucht in den
Nachbarländern.
Bei Kämpfen und Aufständen ethnischer Minderheiten
waren in Sri Lanka mindestens 8 500 und im Sudan
über 1 000 Menschenleben zu beklagen. Repressive
Maßnahmen und Stammesfehden in Somalia führten
zum Tod von mehreren hundert Menschen, Unterdrükkung und Bürgerkrieg forderten in Äthiopien Tausende
von Todesopfern.
Andere von Aufständen, Bürgerkriegen, Terrorismus
und von Gegenmaßnahmen der Regierung heimgesuchte Regionen sind Kolumbien, El Salvador, Guatemala, Indien, die israelisch besetzten Gebiete, Nordirland, Peru und die Philippinen ebenso wie der von
anhaltenden Kämpfen gekennzeichnete Libanon. In
Angola, Mocambique, Kambodscha und Afghanistan
werden weiterhin bewaffnete Konflikte ausgetragen.
In der westlichen Welt haben Demokratisierungsprozesse und Menschenrechte beträchtlich an Boden
gewonnen. Das Jahr 1989 steht für das Ende der
Stroessner-Diktatur in Paraguay, die Wahl des Vorsitzenden der demokratischen Opposition zum Präsidenten von Chile sowie friedliche Wahlen in Argentinien, Brasilien, Uruguay, El Salvador und Honduras.
Im südlichen Afrika konnten durch die von UNOBeobachtem überwachten Wahlen in Namibia Fortschritte bei der Menschenrechtssituation verzeichnet
werden. Die neugewählte Verfassunggebende Versammlung begann mit dem Entwurf einer neuen Verfassung, und der Unabhängigkeitstag wird Anfang
1990 erwartet. Der neugewählte Präsident von Südafrika, De Klerk, hat ermutigende Schritte zum Dialog
mit der schwarzen Opposition unternommen.
Weltweit sind die positiven Tendenzen unverkennbar
und machen die Rückschläge umso augenfälliger.
Nachdem China sich seit über zehn Jahren auf dem
Weg zu einer freieren Gesellschaft befunden hatte,
fand im vergangenen Juni mit der Niederschlagung der
Studentenrevolte, zahlreichen Verhaftungen, dem
erneuten Verbot derf reien Meinungsäu ßerung und der
Rückkehr zu Diktatur und Indoktrination ein Umschwung
statt. In Burma wird weiterhin jegliche Art der politischen Oppositon unterdrückt, und Nordkorea ist nach
wie vor eines der repressivsten totalitären Regime.
Kuba handelte den vorherrschenden Tendenzen in der
westliche Welt zuwider und verhängte erneut repressive Maßnahmen, insbesondere gegen Menschenrechtsverfechter, von denen viele in den Jahren 1988 und
1989 mit Vertretern der UNO-Menschenrechtskommission zusammengearbeitet hatten. Die Regierung
inszenierte einen Schauprozeß und exekutierte dann

Seite 2

eine Gruppe von Offizieren, die möglicherweise eine
Bedrohung für Castro dargestellt hätten. Auch die
ernsthaften Rückschläge in Haiti im Januar 1990 gaben
mit der Aufhebung bürgerlicher Freiheiten, Gewaltanwendung gegen prominente Oppositionspolitiker, deren Inhaftierung und/oder Deportation Anlaß zu Besorgnis.
Mit Blick auf 1990 stellt sich uns und der internationalen Staatengemeinschaft die Frage, ob die im Jahr
1989 in Osteuropa und anderen Teilen der Welt erzielten Fortschritte bei den Menschenrechten von Dauer
sein werden. Besteht die Gefahr eines Rückfalls?
Werden aus innenpolitischen anstatt aus internationalen Konflikten herrührende Menschenrechtsprobleme
in zunehmendem Maß unsere Aufmerksamkeit beanspruchen?
Die Vereinigten Staaten ihrerseits bleiben weiterhin
der weltweiten Förderung und Konsolidierung von
Menschenrechten und Demokratie verpflichtet. Wir
betrachten diese Ziele als besonders wichtige außenpolitische Herausforderungen. Wir setzen uns im
Ausland aktiv für diese Ziele ein, weil sie unser bestes
Erbe verkörpern und weil wir herausgefunden haben,
daß wir diejenigen Länder, in denen Menschenrechte
und demokratische Werte Wurzeln geschlagen haben,
zu Freunden haben - und nicht zu Feinden. Dies sind
die stabilsten Regierungen der Welt, die dynamischsten Gesellschaften, die Bollwerke der Freiheit, die die
Rechte ihrer Staatsbürger und ihrer Nachbarn achten
und die einen besonders verantwortungsbewußten
Beitrag zum Wohlergehen der internationalen Staatengemeinschaft leisten.
Wir streben bei der Anwendung international anerkannter Normen nach Objektivität. Die Berichte spiegeln jedoch ohne Wenn und Aber die Ansicht der
Vereinigten Staaten wider, daß das Recht auf Selbstregierung ein politisches Grundrecht ist, daß eine
Regierung nur dann legitim ist, wenn sie sich auf die
Zustimmung der Regierten gründet und daß eine so
begründete Regierung nicht dazu benutzt werden sollte,
Leben, Freiheit und das Streben nach Glück zu verweigern. Der einzelne hat in einer Gesellschaft das
unveräußerliche Recht auf Schutz der Person vor
staatlichen Übergriffen, auf bürgerliche Freiheiten wie
Rede-, Versammlungs- und Religionsfreiheit sowie
Freizügigkeit ohne Diskriminierung aufgrund von Rasse,
Herkunft oder Geschlecht und auf Veränderung der
Regierung mit friedlichen Mitteln. Der Bericht berücksichtigt ferner die Tatsache, daß Terroristen und
Guerrillagruppen häufig Personen töten, foltern, verstümmeln oder sie ihrer Freiheit berauben. Solche
Menschenrechtsverletzungen durch gewalttätige
Oppositionsgruppen sind ebenso verwerflich wie wenn
sie von der Regierung selbst begangen würden.
Aus ... (der) Prämisse, daß die grundlegenden Menschenrechte weder eingeschränkt noch verweigert
werden dürfen, folgt, daß sich unsere Menschenrechtspolitik mit den Beschränkungen staatlicher Macht
AMERIKA DIENST 8

�beschäftigt, die notwendig sind, um die Integrität und
Würde des einzelnen zu schützen.
Ferner liegt es in unserem nationalen Interesse,
demokratische Prozesse zu fördern, um zum Aufbau
eines weltweiten Umfelds beizutragen, das die Einhaltung der Menschenrechte eher begünstigt und deshalb
der Stabilität und dem Weltfrieden förderlicher ist. Wir
haben deshalb eine zweigleisige Politik entwickelt, die
in dem Sinne reaktiv ist, daß wir weiterhin spezifische
Fälle von Menschenrechtsverletzungen ablehnen, wann
immer sie sich ereignen, aber gleichzeitig auch aktiv,
indem wir uns langfristig fürdie Stärkung der Demokrat
tie engagieren.

* * * * *

AMERIKA DIENST 8

�WISSENSCHAFT
28. Februar 1990

SUPERCOMPUTER MIT TIEFGREIFENDEN
AUSWIRKUNGEN AUF DIE WISSENSCHAFT
Anwendungen für Erforschung von Galaxien, Konstruktion
künstlicher Gelenke
NEW ORLEANS - (AD) - Der zunehmende Einsatz von

Supercomputern verändert das Gesicht der Wissenschaft, wobei Astronomen mit dem Computer innerhalb von Minuten Zeiträume von Milliarden Jahren
simulieren, um die Entstehung von Sternen und Galaxien zu erforschen und Chirurgen Computerbilder
benutzen, um künstliche Knie- und Hüftgelenke anzufertigen.
Bei der Jahresversammlung der amerikanischen
Gesellschaft für die Förderung der Wissenschaft vom
15. - 20. Februar 1990 erklärten teilnehmende Wissenschaftler, die meisten Menschen seien sich des Ausmaßes nicht bewußt, in dem Supercomputer die
menschliche Intelligenz auf ehedem unvorstellbar
komplexe Bereiche ausdehnen.
"Man muß sich klarzumachen, daß Computer ein
integraler Bestandteil der Wissenschaft geworden sind",
erklärte Melvin Kalos, Direktor des Center for Theory
and Simulation in Science and Engineering an der
Cornell University.
Viele der aufregendsten Phänomene in der Wissenschaft blieben ohne den Einsatz von Supercomputern
unentdeckt, sei es bei der Analyse von Radiosignalen
aus dem Weltraum, bei der Suche nach Pulsaren oder
bei der Auswertung eines Wirrwarrs von seismischen
Echos, um die Struktur der Erdkruste zu entschlüsseln.
Gleichzeitig kritisierte der Informatiker Gregory McRae
von der Carnegie Mellon University, es gebe derzeit
keine ausreichende Computerkapazität dieser Grö ße,
um Forschritte in Wissenschaft und Technik zu fördern. Ihm zufolge besteht in den Vereinigten Staaten
ein "absolut lebenswichtiger Bedarf" an hohen Investitionen in Supercomputer. "Wir besitzen zur Zeit beispielsweise keine ausreichende Rechnerkapazität, um

AMERIKA DIENST 8

einige der Klimamodelle herzustellen, die wir für Grundsatzentscheidungen zur Erwärmung des Erdklimas
benötigen", erklärte er.
Supercomputer gestatten es den Wissenschaftlern,
komplexe Probleme zu untersuchen, deren Erforschung
unter Laborbedingungen häufig unmöglich oder zu
kostpielig ist.
Einer der schnellsten Supercomputer der Welt, der
sechs Tonnen wiegt und in der Lage ist, über eine

Milliarde Rechenoperationen in der Sekunde zu bewältigen, befindet sich im NASA-Forschungszentrum in
Kalifornien. Der Supercomputer Cray Y-MP wird unter
anderem eingesetzt, um Luftströmungen bei Hyperschallfluggeräten wie dem geplanten Nationalen Raumflugzeug oder der Raumfähre zu untersuchen.
Dem außerordentlichen Professor für Raumfahrttechnik an der Cornell University, Dean Taylor, zufolge
werden Orthopäden schon bald in der Lage sein, Hüfte
oder Knie eines Patienten auf dem Bildschirm darzustellen, um künstliche Gelenke für den Patienten zu
gestalten, die Jahrzehnte halten.
Solche Implantat-Entwurfssysteme, so Taylor, sind
bereits entwickelt und werden in mehreren Forschungskliniken der Vereinigten Staaten eingesetzt. Er erwartet die routinemäßige Anwendung in rund fünf Jahren.
Dank diesem System können Chirurgen mit einem an
den Bildschirm angeschlossenen Gerät das Gelenk
des Patienten abtasten und anhand von dreidimensionalen Computergraphiken prüfen, wie das Implantat
sitzt und sich den Körperbewegungen anpaßt. Die
Computerdaten werden dann elektronisch direkt an
eine automatische Fräsmaschine in der Klinik übermittelt, die das neue Metallgelenk in der gewünschten
Form gestaltet.

Seite 1

�"Mit dieser Kombination von Computerbildern und
Graphiken zur Darstellung von Informationen für den
Chirurgen können wir eine sehr viel bessere Paßform
und Gestaltung für Hüft- und Knieimplantate erzielen", erklärt Taylor. "Wir haben berechtigte Hoffnungen, daß diese verbesserten Implantate Jahrzehnte
länger halten als die heutigen Prothesen."
Zur Zeit wählen Chirurgen ein Implantat für einen
Patienten aus einer Reihe von genormter Prothesen
aus, indem sie eine Abfolge von Schablonen auf
zweidimensionale Röntgenbilder des Gelenks projizieren. Diese künstlichen Gelenke halten nur rund zehn
Jahre. Die Erneuerung wird erforderlich, weil sich das
Gelenk lockert oder aufgrund der Beanspruchung der
Körperbewegungen bricht.
"Das Knochengerüst des Menschen ist ein außerordentlich aktives System, bei dem sich die Knochen
unterschiedlichen Lasten anpassen", erläutert Taylor.
"Darüber hinaus haben wir es auch mit einem äußerst
schwierigen chemischen Umfeld zu tun."
Taylor zufolge wird die Anzahl künstlicher Hüftgelenke, die pro Jahr in den Vereinigten Staaten eingesetzt
werden - heute bereits 200 000 - mit zunehmender
Überalterung der Bevölkerung voraussichtlich in den
nächsten Jahrzehnten beträchtlich steigen.
McRae, außerordentlicher Professor für Chemie der
Carnegie Mellon University, verwendet Cray-Supercomputer, um die für die Luftverschmutzung in Großstädten verantwortlichen Prozesse besser zu verstehen. Anhand eines detaillierten mathematischen Modells
der Luftverschmutzung in Los Angeles hat die Forschungsgruppe McRae herausgefunden, daß der Ansatz
der Bundesregierung zur Verringerung der Luftverschmutzung sich nur auf einen Teil des Problems konzentrierte, nämlich den Abbau von Kohlenwasserstoffen ohne gleichzeitige strikte Maßnahmen zur Reduzierung der Stickoxyde, die ebenfalls mit den Abgasen
freigesetzt werden.
Ihre Forschungsergebnisse wurden in dem im vergangenen Jahr verabschiedeten Emissionsschutzgesetz
und bei der Formulierung von Präsident Bushs vorgesehenen neuen Bundesvorschriften zur Reinhaltung
der Luft berücksichtigt.
"In den Vereinigten Staaten leben 60 Prozent der
Bevölkerung in Großstädten oder einer Gegend, in der
die Qualität der Luft gesundheitsschädlich ist und die
Vorschriften des Emissionsschutzgesetzes nicht erfüllt", erklärt McRae. "Andere Großstädte wie Sydney
und Mexico City sind daran interessiert, die Ergebnisse unserer Arbeit anzuwenden."
Bei dem Treffen berichteten Astronomen, sie benutzten jetzt Supercomputer-Simulationen, um zu erforschen, wie ganze Galaxien aus Abermillionen von
Sternen entstehen und sich entwickeln.

Seite 2

Diese Modelle basieren auf Ergebnissen astronomischer Beobachtungen zur Wechselwirkung von Sternen und interstellaren Gasen. Sie umfassen die
Newtonschen Axiome, das Entstehung und das Verglühen von Sternen, die Auswirkungen von interstellaren Winden und Sternenlicht bei der Aufheizung und
Bewegung interstellarer Materie und die Abkühlung
interstellarer Materie durch die Emission von Infrarotstrahlung.
Dem Agrar-Entomologen David Onstad von der University of Illinois zufolge kann Supercomuter-Forschung
zu besserer Schädlingsbekämpfung ohne Einsatz
chemischer Insektizide führen. Er hat herausgefunden, daß zwei durch den europäischen Kombohrer
und den Mehlkäfer hervorgerufene Insektenplagen
statt durch Chemikalien durch natürliche Mikroorganismen unter Kontrolle gebracht werden können.
"Ein Befall kann viele Auswirkungen haben", erklärte
Onstad. "Wie der Erreger wirkt und die Wirtspflanze
angreift, ist ein komplexer Vorgang. Dabei müssen der
Übertragungsweg und die Art der Krankheitsentwicklung berücksichtigt werden."
Onstad bediente sich der Geschwindigkeit und Speicherkapazität des Supercomputers, um Veränderungen einer Insektenpopulation über 25 Jahre zu simulieren. Mit Hilfe dieser Berechnungen, die weniger ausgereifte Computer in Monaten erarbeiten, kann er
innerhalb weniger Minuten den Einfluß natürlicher
Parasiten und anderer Faktoren auf die Insektenpopulation feststellen.
Dem Leiter des neu eingerichteten Rechenzentrums
für Makromolekularbiologie an der University of California in San Diego, Dr. Lynn Ten Eyk, zufolge lassen
sich mittels biomolekularer Simulationen Parameter und damit ein Modell - aufstellen, mit dessen Hilfe sich
neue Stoffe mit geringen oder gar keinen Nebenwirkungen im Labor herstellen lassen.
Trotz gewisser Engpässe bei der Ausrüstung mit Zeichencomputern können laut Ten Eyck mit Hilfe biomolekularer Simulationen bereits falsche Wege ausgeschaltet und vielversprechendere Wege für die weitere
Forschung eröffnet werden.
"Supercomputer sind bei Molekularbiologen und
Chemikern auf große Zustimmung gestoßen", erklärt
er dazu. "Dieser Enthusiasmus herrscht trotz der
Tatsache vor, daß bis jetzt noch keine von Supercomputern geschaffenen Chemikalien über das klinische
Stadium hinaus gelangen konnten. Computergestützte Chemie für Systeme von der Größe biologischer
Makromoleküle steckt noch in den Kinderschuhen."

* * * *

*

AMERIKA DIENST 8

�</text>
                  </elementText>
                </elementTextContainer>
              </element>
            </elementContainer>
          </elementSet>
        </elementSetContainer>
      </file>
    </fileContainer>
    <collection collectionId="4">
      <elementSetContainer>
        <elementSet elementSetId="1">
          <name>Dublin Core</name>
          <description>The Dublin Core metadata element set is common to all Omeka records, including items, files, and collections. For more information see, http://dublincore.org/documents/dces/.</description>
          <elementContainer>
            <element elementId="50">
              <name>Title</name>
              <description>A name given to the resource</description>
              <elementTextContainer>
                <elementText elementTextId="6534">
                  <text>Dokumente</text>
                </elementText>
              </elementTextContainer>
            </element>
          </elementContainer>
        </elementSet>
      </elementSetContainer>
    </collection>
    <itemType itemTypeId="19">
      <name>Digitalisat</name>
      <description>Umwandlung eines physischen Dokumentes in ein digitales Medium.</description>
    </itemType>
    <elementSetContainer>
      <elementSet elementSetId="1">
        <name>Dublin Core</name>
        <description>The Dublin Core metadata element set is common to all Omeka records, including items, files, and collections. For more information see, http://dublincore.org/documents/dces/.</description>
        <elementContainer>
          <element elementId="40">
            <name>Date</name>
            <description>A point or period of time associated with an event in the lifecycle of the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="10772">
                <text>28.02.1990</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
          <element elementId="51">
            <name>Type</name>
            <description>The nature or genre of the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="10773">
                <text>Digitalisat</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
          <element elementId="39">
            <name>Creator</name>
            <description>An entity primarily responsible for making the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="10774">
                <text>Herausgeben U.S. Information &lt;br /&gt;Service Embassy of the United States of America</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
          <element elementId="50">
            <name>Title</name>
            <description>A name given to the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="10775">
                <text>Amerikadienst 28.02.1990</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
          <element elementId="41">
            <name>Description</name>
            <description>An account of the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="10776">
                <text>&lt;strong&gt;1. Deutschlandpolitik&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;US-Truppen auch in Vereinigtem Deutschland&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Pressekonferenz von Bundeskanzler Kohl und Präsident Bush&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. US-Außenpolitik&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Baker bekräftigt Unterstützung für neue Demokratien&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede des Außenministers vor dem Kongreßausschuß&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Rüstungskontrolle&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Fortschritte bei sowjetischer Einhaltung von Rüstungskontrollabkommen&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Jahresbericht des Präsidenten an den Kongreß&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;4. Umwelt&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Baker: Umwelt Kernstück der amerikanischen Außenpolitik&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede bei der National Governors' Association&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;5. Menschenrechte&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;"unverkennbar" positive Tendenzen bei Menschenrechten&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Jahresbericht des Außenministeriums über Menschenrechte&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;6. Wissenschaft&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Supercomputer mit tiefgreifenden Auswirkungen auf die Wissenschaft&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Anwendungen für Erforschung von Galaxien, Konstruktion künstlicher Gelenke&lt;/em&gt;</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
        </elementContainer>
      </elementSet>
    </elementSetContainer>
  </item>
  <item itemId="2134" public="1" featured="0">
    <fileContainer>
      <file fileId="2145">
        <src>https://www.amerikahaus-archiv.de/files/original/59e4370e48118a6f2ffeaa7b7d999b59.pdf</src>
        <authentication>9b8e870e60bb6c6eaa1437a5e09a4113</authentication>
        <elementSetContainer>
          <elementSet elementSetId="4">
            <name>PDF Text</name>
            <description/>
            <elementContainer>
              <element elementId="52">
                <name>Text</name>
                <description/>
                <elementTextContainer>
                  <elementText elementTextId="10783">
                    <text>amcrika
dienet

U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

Ä
+ **%
7. März 1990

HANDEL

OFFENE MARKTE UND FAIRER
WETTBEWERB:
AMERIKANISCHE HANDELSPOLITIK FÜR
DIE NEUNZIGER JAHRE
Rede von Botschafter Walters
vor dem Übersee-Club
ABBAU VON HANDELSSCHRANKEN
HAUPTZIEL IM JAHR 1990
Auszug aus dem Bericht der
US-Handelsbeauftragten

WIRTSCHAFT

EUROPA UND DIE VEREINIGTEN STAATEN
VON AMERIKA:
VERANTWORTUNG FÜR EINE WELT
IM WANDEL
Rede von Botschafter Walters beim
Initiativkreis Ruhrgebiet

OSTEUROPA

WEBSTER: WANDEL IN DER SOWJETUNION
UNUMKEHRBAR
Rede des CIA-Direktors vor
Kongreßausschuß

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.:0228-3392366
Telex: 8-85432

�HANDEL
7. März 1990

OFFENE MÄRKTE UND FAIRER WETTBEWERB:
AMERIKANISCHE HANDELSPOLITIK FÜR
DIE NEUNZIGER JAHRE
Rede von Botschafter Walters vor dem Übersee-Club
HAMBURG - (AD) - In einer Rede vor dem Übersee-Club in Hamburg am 8. März 1990 betonte Botschafter
Walters erneut die Ziele der amerikanischen Handelspolitik, "faire Wettbewerbsbedingungen und offene Märkte
weltweit", zu denen auch der erfolgreiche Abschluß der gegenwärtigen GATT-Runde Ende dieses Jahres
gehört. Es gehe darum, das Welthandelssystem den heutigen Erfordernissen anzupassen und auf eine solide
Grundlage zu stellen.
Der Botschafter verwies darüber hinaus auf die Bedeutung der Uruguay-Runde und erklärte, "das Welthandelssystem steht vor einem Wendepunkt: auf der einen Seite liegt eine Welt offener Märkte, zunehmenden Handels
und wachsenden Wohlstands. Auf der anderen Seite liegt eine Welt des Protektionismus, der Handelsblöcke
und der Wirtschaftskrisen." Es liege auf der Hand, welchen Weg wir alle verfolgen - "und deshalb wollen wir noch
in diesem Jahr verläßliche und effiziente Rahmenbedingungen für den Welthandel schaffen."
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede von Botschafter Walters im Wortlaut.

Sehr geehrte Damen und Herren,
es ist mir eine große Freude, heute abend vor den
Mitgliedern und Gästen des Übersee-Clubs sprechen
zu können. Ihr ehrwürdiger Club mit seinem regen
Interesse an internationalen Wirtschaftsfragen und
weltweiter Zusammenarbeit ist geradezu bezeichnend
für die außergewöhnliche Weltoffenheit Hamburgs
und seiner Bürger. Ich freue mich aber auch, wieder in
Ihrer schönen Stadt zu sein, deren Eleganz und Wirtschaftskraft mir immer von neuem imponiert.
Hamburg unterhält seit Jahrhunderten in alle Himmelsrichtungen rege politische, wirtschaftliche und kulturelle Beziehungen. Ich habe erfahren, mit Ausnahme von
New York soll es in keiner anderen Stadt der Welt mehr
Konsulate geben als in Hamburg. Auch wir waren uns
stets der Bedeutung dieses Wirtschafts- und Handelszentrums bewußt. Von Anfang an sind die offiziellen
Beziehungen zwischen Ihrer Stadt und meinem Land
eng und intensiv gewesen. Bereits im Jahre 1790 also relativ kurze Zeit nach Gründung der Vereinigten
Staaten - ließ Thomas Jefferson, unser damaliger
Außenminister, hierein Konsulat errichten. In diesem
Jahr feiert folglich das amerikanische Generalkonsulat
AMERIKA DIENST 9

sein 200jähriges Bestehen. Das Hamburger Amerika
Haus begeht ebenfalls ein Jubiläum dieses Jahr: es
wurde vor 40 Jahren zur Pflege der deutsch-amerikanischen Kulturbeziehungen gegründet.
Die Hansestadt Hamburg verbindet aber auch eine
lange Tradition mit dem Osten Europas und dem
Gebiet der heutigen DDR. Jahrhundertelang trieben
Hamburger Kaufleute Handel mit Rostock, Riga und
anderen Städten an der Ostsee. Auf der Elbe kamen
Lastkähne aus Sachsen und Brandenburg. Die Teilung Deutschlands und Europas war für die Hamburger Bürger, mit ihrem ausgeprägten Sinn für Freiheit
und Weltoffenheit, besonders schmerzhaft. Es ist
deshalb bezeichnend für diese Stadt, daß sie - als das
Eis des kalten Krieges zu schmelzen begann - bald
eine Partnerschaft mit Dresden einging und ständig
bemüht ist, diese weiter auszubauen. Sie haben auf
kommunaler Ebene bereits ein Klima der Partnerschaft und des Miteinanders geschaffen, was für das
Zusammenwachsen der beiden deutschen Staaten
sicherlich von großer Bedeutung sein wird.
Ich glaube, mit dem Jahr 1989 hat eine neue Epoche
für Europa begonnen. Die Einheit Deutschlands ist in
Seite 1

�greifbare Nähe gerückt; die ideologische Teilung dieses Kontinents aufgehoben. Und alles ging unglaublich schnell. Hatte nicht Erich Honecker noch vor
einem Jahr davon gesprochen, daß die Mauer noch in
hundert Jahren stehen würde? Heute ist die Mauer und Erich Honecker - bereits Geschichte. War nicht
Vaclav Havel vor einem Jahr noch ein politischer
Gefangener in der Tschechoslowakei, dem es nicht
erlaubt war, den Friedenspreis des deutschen Buchhandels entgegenzunehmen? Vor wenigen Monaten
ging er als Staatspräsident seines Landes durch das
Brandenburger Tor. Und kürzlich plädierte er vor dem
amerikanischen Kongreß dafür, Gorbatschows Perestrojka zu unterstützen, also jenem Land zu helfen,
dessen Truppen den Prager Frühling so brutal beendet
haben. Oder, um ein alltägliches Beispiel zu nehmen,
wer hätte sich vor einem Jahr die vielen Besucher aus
der DDR in Hamburg vorstellen können?
Die Entwicklung in Mittel- und Osteuropa ist unglaublich rasant verlaufen. Die politische Umgestaltung
verlief rasch; die wirtschaftliche Erneuerung wird allerdings mehr Zeit in Anspruch nehmen. In den letzten
Wochen und Monaten wurde viel davon gesprochen,
wie der Westen zur wirtschaftlichen Entwicklung in
Mittel- und Osteuropa beitragen kann. Ich möchte im
folgenden die Ansicht meiner Regierung zu dieser
Frage vortragen.
Mit unseren westlichen Partnern und mit den östlichen
Reformern sind wir uns einig, daß die zentral gelenkte
Planwirtschaft auf ökonomischem wie auf ökologischem Gebiet versagt hat. Andererseits hat die Geschichte gezeigt, daß gerade die Marktwirtschaft die
Menschen am besten und effektivsten mit Waren und
Dienstleistungen versorgt. Deshalb ist die Einführung
einer in die Weltwirtschaft integrierten marktwirtschaftlichen Ordnung die beste Voraussetzung für Wohlstand und soziale Sicherheit. In diesem Jahrhundert
haben wir die Auseinandersetzung zweier Deutscher
um die beste Wirtschaftsordnung miterlebt. Dabei hat
Ludwig Erhard klar über Karl Marx gesiegt.
Es gibt begründete Hoffnungen auf einen wirtschaftlichen Aufschwung in Mittel- und Osteuropa. Aber es
wird damit gerechnet, daß kurz- und mittelfristig die
wirtschaftliche Neugestaltung in diesen Staaten mit
beträchtlichen Lasten für die Menschen verbunden
sein wird. Der Umstellungsprozeß wird Preissteigerungen und Veränderungen auf dem Arbeitsmarkt zur
Folge haben. Die Bürger wissen, daß sie zur Gesundung ihrer Wirtschaft Opfer bringen müssen. Aber
dennoch ist nicht auszuschließen, daß wirtschaftliche
Probleme den Reformprozeß insgesamt bremsen und
die politische Stabilität in einigen Ländern gefährden.
Dies liegt nicht in unserem Interesse. Deshalb hat die
amerikanische Regierung in enger Zusammenarbeit
mit ihren Partnern und Verbündeten eine Reihe von
Maßnahmen zur wirtschaftlichen Erneuerung Osteuropas ergriffen. Einige davon möchte ich im folgenden
kurz anführen:
Seite 2

I n enger Zusammenarbeit mit der E uropäischen
Gemeinschaft haben wir ein Wirtschafts- und
Finanzhilfeprogramm für Ungarn und Polen
ersteilt. Die amerikanische Regierung hat für
diesen Zweck fast eine Milliarde Dollar bereitgestellt. Außerdem haben wir einen Beitrag von
200 Millionen Dollar in den sogenannten Stabilisierungsfonds für Polen eingebracht.
Am 28. November unterzeichnete Präsident
Bush ein Gesetz zur Unterstützung der Demokratien in Osteuropa. Dieses Gesetz sieht öffentliche und private Hilfsprogramme für jene
Länder vor, die entscheidende Schritte zum
politischen Pluralismus und zu einer marktwirtschaftlichen Ordnung unternommen haben. Mit
Darlehen, Bürgschaften, technischer Hilfe und
Managementtraining wollen wir zur Entwicklung
eines gesunden Privatsektors beitragen.
Die amerikanische Regierung wird demnächst
neben Polen, Ungarn und der Tschechoslowakei auch den anderen Reformländern in Osteuropa, einschließlich der Sowjetunion, den Status der Meistbegünstigung gewähren. Außerdem sind zur Zeit Verhandlungen über Handelsund Investitionsschutzabkommen mit diesen
Ländern im Gange.
Unser Stellvertretender Außenminister Eagleburger
bekräftigte am 16. Februar vor der Amerikanischen
Handelskammer unsere Bereitschaft, beträchtliche Mittel
für die wirtschaftliche Gesundung Osteuropas bereitzustellen. Aber Eagleburger betonte auch, daß wir die
heutige Situation in Osteuropa nicht mit der Westeuropas nach dem Zweiten Weltkrieg vergleichen können.
Zwar war damals die wirtschaftliche Situation aufgrund
der zerstörten Produktionsanlagen und Verkehrswege
katastrophal, aber unsere Wiederaufbauhilfe wurde
Völkern gewährt, die fast alle bereits Erfahrung mit
einem freien Wirtschaftssystem hatten. Die grundsätzlichen Rahmenbedingungen für eine Marktwirtschaft waren entweder schon vorhanden oder konnten
relativ rasch wiedereingeführt werden. Die Finanzhilfe
im Rahmen des Marshallplans floß nicht in ein Faß
ohne Boden, sondern ermöglichte Investitionen und
die Wiederaufnahme der Produktion.
In den COMECON-Staaten hingegen müssen die
grundlegenden Strukturen der Marktwirtschaft erst
eingerichtet werden. Mit einer massiven Finanzhilfe
können wir die Probleme im Osten nicht lösen. Sie
erinnern sich, wie wenig die Milliardenkredite an diese
Länder in den siebziger Jahren bewirkten. Wir unterstützen deshalb die entsprechenden Regierungen bei
der Errichtung der Marktwirtschaft. Wir ermutigen sie,
günstige Bedingungen sowohl für einheimische Unternehmer und Firmengründer als auch für ausländische
Investoren zu schaffen.

AMERIKA DIENST 9

�Nach Ansicht von Experten könnte Osteuropa bei
erfolgreichen Wirtschaftsreformen zum Wachstumsmarkt der neunziger Jahre und darüber hinaus werden. Im Jahre 1988 betrugen die Importe aus den
COMECON-Staaten jedoch nur 0,5 Prozent unserer
Gesamteinfuhren. Der Anteil der amerikanischen
Ausfuhren in diese Länder lag im gleichen Jahr bei 1,1
Prozent. Der Außenhandelsanteil der Bundesrepublik
mit dem Comecon war 1988 mit 3,5 Prozent bei den
Exporten und mit 3,7 Prozent bei den Importen ebenfalls sehr gering. Mit einer Steigerung des Ost-WestHandels wird zwar in den kommenden Jahren gerechnet, aber es wird lange dauern, bis unsere Wirtschaftsbeziehungen auf dem zwischen Industriestaaten üblichen Stand sind.
Wir sollten deshalb nicht übersehen, daß auf absehbare Zeit der weitaus größte Teil des Welthandels weiterhin zwischen den Industrienationen stattfinden wird.
Die Bundesrepublik Deutschland beispielsweise wikkelt über 80 Prozent und die Vereinigten Staaten über
60 Prozent ihres Außenhandels mit Mitgliedstaaten
der OECD, den 24 wichtigsten Industrieländern, ab.
Bei aller Begeisterung für die Veränderungen und
Chancen in Europa dürfen wir deshalb globalen Herausforderungen nicht weniger Bedeutung beimessen.
Und bei allem Engagement für die Reformen in Osteuropa müssen wir auch darauf achten, daß die Weltwirtschaft und der Welthandel insgesamt intakt bleiben.
Ich glaube, wir müssen uns vorsehen, daß in diesem
Jahrzehnt Handelskonflikte nicht an die Stelle des
kalten Krieges treten. Mit dem Abriß politischer und
ideologischer Mauern sollten auch weltweit die zahlreichen und vielfältigen Handelsbarrieren abgebaut werden. Meine Regierung ist der Ansicht, daß offene
Märkte und faire Wettbewerbsbedingungen die Voraussetzung für eine florierende Weltwirtschaft sind.
Diese Meinung teilen Wirtschaftswissenschaftler unterschiedlicher Schulen wie der konservative Milton
Friedman und der liberale Paul Samuelson. Samuelson beispielsweise schreibt: "Der freie Handel fördert
eine für alle Beteiligten nutzbringende regionale Arbeitsteilung ... und ermöglicht einen höheren Lebensstandard weltweit." Aber auch die wirtschaftliche
Entwicklung in den letzten Jahrzehnten bestätigt die
Richtigkeit dieser Auffassung. Das deutsche Wirtschaftswunder wäre niemals möglich gewesen, wenn
die Bundesrepublik nicht mit dem Rest der Welt hätte
Handel treiben können. Und ohne ein liberales Welthandelssystem wäre die Bundesrepublik Deutschland
auch nicht in der Lage, etwa ein Drittel ihres Bruttosozialprodukts zu exportieren. Ohne den umfangreichen
weltweiten Warenaustausch und die internationale
Arbeitsteilung hätten wir weder in Europa noch in
Amerika diesen hohen Lebensstandard.

AMERIKA DIENST 9

Es besteht große Übereinstimmung darin, daß das
Allgemeine Zoll- und Handelsabkommen die Grundlage für die beispiellose Zunahme des Welthandels in
den letzten vier Jahrzehnten war. Seit seinem Inkrafttreten am 1. Januar 1948 wurden in sieben Verhandlungsrunden der Abbau oder die Reduzierung von
Zöllen vereinbart. Das GATT-System erleichterte den
Handel zwischen den Staaten, förderte Vielfalt und
Arbeitsteilung und bot der Weltwirtschaft den Freiraum
zu expandieren.
Ich weiß, ein liberaler Welthandel bedeutet für die
Staaten der Welt, seine Unternehmen dem freien
Wettbewerb auszusetzen. Es kommt dann natürlich
vor, daß die internationale Konkurrenz so manchem
Wirtschaftszweig schwer zu schaffen macht. Aber der
Wettbewerb sorgt für effizientes Wirtschaften, Innovation und optimalen Umgang mit den Resourcen. Nur
Unternehmen, die im Wettbewerb stehen, achten darauf,
daß der Kunde König ist.
Eingriffe der Regierungen in den Wettbewerb zum
Schutz der heimischen Wirtschaft führen in der Regel
langfristig nicht zum gewünschten Ergebnis. Subventionen werden zu Dauerbelastungen, weil sich die
betreffenden Wirtschaftszweige darauf einrichten. Es
erfordert dann viel politischen Mut, diesen Gewöhnungseffekt zu unterbrechen. Die Landwirtschaft ist
ein Beleg hierfür. Wir dürfen auch nicht außer acht
lassen, daß einzelne protektionistische Maßnahmen
das ganze System in Gefahr bringen. Staatlicher
Schutz und Subventionen für einen Wirtschaftszweig
in einem Land führen meist zu Gegenmaßnahmen in
anderen. Folglich muß der Welthandel auf mulitlateral
vereinbarten Regeln beruhen. Die amerikanische
Regierung tritt deshalb mit Nachdruck für eine Stärkung und eine Erweiterung des Allgemeinen Zoll- und
Handelsabkommens ein.
Präsident Bush hat den erfolgreichen Abschluß der
gegenwärtigen GATT-Runde zum Hauptziel seiner
Handelspolitik erklärt. Diese sogenannte UruguayRunde, benannt nach dem Land, in dem diese Verhandlungsrunde vereinbart worden ist, soll Ende dieses Jahres zu Ende gebracht werden. Von der Öffentlichkeit leider zu wenig beachtet, sind zur Zeit intensive
Verhandlungen in Genf im Gange. Es geht darum, das
Welthandelssystem den heutigen Erfordernissen
anzupassen und auf eine solide Grundlage zu stellen.
Unsere Handelsbeauftragte, Carla Hills, unterstrich
die Bedeutung der Uruguay-Runde mit folgenden
Worten: "Das Welthandelssystem steht vor einem
Wendepunkt: auf der einen Seite liegt eine Welt
offener Märkte, zunehmenden Handels und wachsenden Wohlstands. Auf der anderen Seite liegt eine Welt
des Protektionismus, der Handelsblöcke und der Wirtschaftskrisen." Es ist offensichtlich, welchen Weg wir

Seite 3

�alle einschlagen wollen - und deshalb wollen wir noch
in diesem Jahr verläßliche und effiziente Rahmenbedingungen für den Welthandel schaffen. Ein Scheitern
dieser Konferenz, so befürchten wir, würde zum Entstehen von Handelsblöcken durch bilaterale Vereinbarungen führen und dem Protektionismus Tür und Tor
öffnen.
Im einzelnen wollen wir in Genf folgendes erreichen:
erstens eine grundlegende Reform des Agrarhandels;
zweitens die Erweiterung des GATT-Systems
auf Bereiche wie Dienstleistungen, Investitionen und geistiges Eigentum;
drittens einen verbesserten Zugang zu den
Märkten;
viertens die Beseitigung von wettbewerbsverzerrenden Subventionen;
und fünftens eine faire und wirksame Schiedsgerichtsbarkeit im Rahmen des GATT.
Zusammenfassend zeigt sich in diesen Punkten das
Ziel amerikanischer Handelspolitik: Wir wollen faire
Wettbewerbsbedingungen und offene Märkte weltweit.
Mit den Europäern sind wir uns im gro ßen und ganzen
in der Zielsetzung einig. Aber das Hauptproblem
zwischen den Vereinigten Staaten und der Europäischen Gemeinschaft sowohl in der laufenden GATTRunde als auch auf bilateraler Ebene liegt im Agrarhandel. Wir sind ein traditionelles Agrarexportland;
landwirtschaftliche Erzeugnisse machen etwa zwanzig Prozent aller amerikanischen Ausfuhren aus. Unsere
Landwirtschaft ist wettbewerbsfähig und eine Exportsteigerung ist durchaus noch möglich. Aber unsere
Agrarexporteure treffen zum einen auf einen protektionistischen Wall um die EG; zum anderen konkurrieren
subventionierte Agrarprodukte aus der EG auf dem
Weltmarkt mit amerikanischen Erzeugnissen, die zum
Teil nun ebenfalls subventioniert werden.
Der Subventionswettlauf zwischen der EG und den
USA hat inzwischen absurde Ausmaße angenommen.
Im Jahr 1988 gaben die Europäer etwa 120 Milliarden
Dollar und wir Amerikaner etwa 75 Milliarden Dollar für
die Unterstützung der Landwirtschaft aus. Folglich
kosten Subventionen im Agrarbereich jeden EG-Bürger, ob Kleinkind oder Greis, jährlich etwa 800 D-Mark.
Jeder Amerikaner gibt dafür fast 300 Dollar im Jahr
aus.
Am 25. Oktober unterbreitete daher meine Regierung
der GATT-Runde in Genf einen umfassenden Plan zur
Reform des internationalen Agrarhandels. Unter
anderem schlugen wir vor, die Exportsubventionen
innerhalb von fünf Jahren zu beseitigen. Außerdem

Seite 4

machten wir Vorschläge zur graduellen Beseitigung
von Einfuhrbarrieren und von wettbewerbsverzerrenden Subventionen im Agrarbereich weltweit. Die EG
hat vorschnell, wie ich meine, unsere Vorschläge als
unrealistisch abgelehnt.
Wir hoffen aber, daß wir mit der EG zu einer Einigung
kommen, denn die zermürbenden Grabenkämpfe sind
eine stetige Belastung für unsere Handelsbeziehungen. Wir führten Hähnchen-und Spaghettikriege. Wir
stritten wegen der geplanten EG-Fettsteuer und belegten Walnüsse und Dosenfrüchte gegenseitig mit Strafzöllen. Ich sehe eine große Gefahr, daß Handelskonflikte zu einer zunehmenden Belastung für die transatlantischen Beziehungen insgesamt werden. Dies
müssen wir gemeinsam verhindern, und deshalb darf
die Uruguay-Runde nicht am Agrarprotektionismus
der EG scheitern.
Ich gebe zu, daß auch die Vereinigten Staaten Maßnahmen zum Schutz ihrer Wirtschaft beseitigen müssen. Meine Regierung hat ihre Bereitschaft hierzu
erklärt. Aber, um unsere Handelsbeauftragte, Carla
Hills, zu zitieren, wir werden nicht einseitig abrüsten.
Wir möchten, daß alle bei der Reform des Welthandels
mitmachen. Unsere Politik der Marktöffnung und der
Schaffung fairer Wettbewerbsbedingungen richtet sich
nicht nur nach amerikanischen Unternehmensinteressen. Wir wollen prinzipiell gleiche Chancen für alle
Beteiligten in der Weltwirtschaft. Unsere Bemühungen um die Öffnung des japanischen Rindfleischmarktes sind beispielsweise für die australischen Viehzüchter mindestens ebenso ein Gewinn wie für unsere
Fleischexporteure.
In den Verhandlungen in Genf geht es auch darum,
den Dienstleistungsbereich weltweit zu liberalisieren.
Der tertiäre Sektor verzeichnet gegenwärtig die höchsten Wachstumsraten, und seine Bedeutung wird in
der Zukunft in allen Ländern weiter zunehmen. In
meinem Land beispielsweise werden heute ungefähr
68 Prozent des Bruttosozialprodukts im Dienstleistungsbereich erwirtschaftet. Etwa neunzig Prozent aller
neugeschaffenen Arbeitsplätze entfallen auf diesen
Sektor.
Trotz seiner zunehmenden Bedeutung ist der Wettbewerb bei den Dienstleistungen noch sehr stark national
reguliert. Banken, Versicherungen und andere Dienstleistungsunternehmen sind heute mit einer Fülle von
Wettbewerbsbarrieren konfrontiert. Wir haben den
wachstumfördernden Effekt der Zollsenkungen im
Warenhandel gesehen. Wir sind deshalb überzeugt,
daß ein Abbau nationaler Barrieren auch im Dienstleistungsbereich einen beträchtlichen Wachstumsschub
weltweit auslösen würde.
Unsere Handelspolitik steht natürlich in einem engen
Zusammenhang mit der Politik und der wirtschaftlichen Situation unserer Handelspartner. Unser besonderes Interesse gilt dabei der Europäischen Gemein-

AMERIKA DIENST 9

�schaft, mit der wir über ein Fünftel unseres Au ßenhandels abwickeln.
Mit der Schaffung des EG-Binnenmarktes entsteht ein
Wirtschaftsraum vergleichbar mit dem der Vereinigten
Staaten von Amerika. Das Bruttosozialprodukt der EG
entspricht in etwa dem unseren; auch das Außenhandelsvolumen ist gegenwärtig ungefähr gleich. Die
Europäische Gemeinschaft ist wirtschaftlich den Vereinigten Staaten ebenbürtig geworden. Wir begrüßen
diese Entwicklung. Ein politisch und wirtschaftlich
stabiles und starkes Europa war Ziel unserer Nachkriegspolitik und ist es immer noch.
Mit dem Marshallplan schufen wir die Grundlagen für
die europäische Einigung. Wir legten größten Wert
darauf, daß die Europäer mit unserer Hilfe gemeinsam
stabile wirtschaftliche und politische Strukturen errichten konnten. Die Mitarbeit bei der Planung und Durchführung unserer Wiederaufbauhilfe trug beispielsweise zu einer Annäherung zwischen Deutschen und
Franzosen bei. Die amerikanische Regierung ermutigte und unterstützte die beteiligten Länder 1951 bei der
Gründung der Europäischen Gemeinschaft für Kohle
und Stahl. Ebenso begrüßten wir die Schaffung der
Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft sechs Jahre
später.
Wir sehen auch in der Errichtung des EG-Binnenmarkts große Chancen sowohl für Europa als auch für
die gesamte Weltwirtschaft. Ein dynamisches, von
nationalen Regulierungen und Barrieren befreites Europa
kann einen wichtigen Beitrag zu weltweitem Wirtschaftswachstum leisten. Wie Sie wissen, sind wir in
den letzten Jahren Tendenzen in der EG entgegengetreten, gewisse Teilbereiche des Binnenmarktes mit
protektionistischen Barrieren nach außen abzuschirmen. Ich verstehe, daß es politischen Mut erfordert,
bisher national regulierte Branchen nicht nur dem
Wettbewerb innerhalb der EG, sondern weltweit zu
überlassen. Aber wenn ein Wirtschaftsraum Barrieren
errichtet, wird ein anderer folgen. Und eine solche
protektionistische Eskalation wollen wir unter allen
Umständen verhindern.

es uns beispielsweise, den Streit um die Zweite Bankenrichtlinie auszuräumen, die Banken aus Ländern
außerhalb der EG diskriminiert hätte. Nun können
amerikanische Banken in der EG wie europäische
Geldinstitute ihren Service anbieten. Und in meinem
Land finden Amerikaner wie Europäer im Bankengeschäft die gleichen Bedingungen vor.
Es ist noch unser Ziel, am Wettbewerb bei den öffentlichen Aufträgen besser teilhaben zu können. Wir
werden unsere Position dazu demnächst der EG mitteilen. Die EG-Kommission hat ihrerseits versichert,
daß sie zusammen mit der Industrie - auch mit amerikanischen Unternehmen in Europa - eine Kompromißlösung finden will. Die amerikanische Regierung und
die EG suchen auch nach Wegen, Testverfahren und
Sicherheitsbestimmungen gegenseitig anzuerkennen,
um den Handel zwischen beiden Kontinenten zu erleichtern und Diskriminierung zu verhindern. Neben
bilateralen Gesprächen spielen natürlich das GATTSystem und die Uruguay-Runde auch bei europäischamerikanischen Handelsfragen eine wichtige Rolle.
Die Kontroverse im Agrarbereich habe ich bereits
erwähnt.
Wir sind erfreut, daß bei der Vorbereitung des EGBinnenmarktes die Konsultationen zwischen amerikanischen Behörden und der EG-Kommission intensiviert und erweitert werden konnten. Wie Außenminister Baker in Berlin betonte, werden die Bindungen
zwischen den Vereinigten Staaten und der EG in
Zukunft weiter an Bedeutung gewinnen. Mit der schrittweisen Übertragung von souveränen Rechten der
Mitgliedstaaten an die Institutionen der Europäischen
Gemeinschaft werden diese mehr und mehr auch eine
politische Rolle spielen. Die Entscheidung der Staatsund Regierungschefs auf dem Pariser Gipfel, die EG
mit der Koordination der Wirtschaftshilfe für Osteuropa
zu beauftragen, unterstreicht diese Rolle.

Wir sind nun froh, daß unsere Bedenken im großen
und ganzen durch intensive Gespräche auf beiden
Seiten des Atlantiks ausgeräumt wurden. Die Europäische Gemeinschaft hat in der Tat wichtige Schritte in
Richtung größerer Marktoffenheit und mehr Wettbewerb unternommen. Es wäre absurd, wenn wir gegenüber den osteuropäischen Volkswirtschaften die Segnungen einer freien Marktwirtschaft preisen, während
wir gleichzeitig immer größere Teilbereiche aus dem
Wettbewerb ausklammern.

Wenn wir vom Welthandel reden, schließt dies natürlich nicht nur die großen Industrienationen ein. Vor
allem der Dritten Welt muß in diesem Jahrzehnt die
Möglichkeit eingeräumt werden, ihre Volkswirtschaften zu entwickeln und am wachsenden Wohlstand in
der Welt teilzuhaben. Entwicklungshilfe der Industriestaaten ist ein wichtiger Beitrag für eine gerechtere
Welt. Aber ich glaube, daß es noch viel wichtiger ist,
daß die Menschen in der Dritten Welt ihr Brot selber
verdienen können. Das erfordert allerdings, daß wir
den Entwicklungsländern die Möglichkeit einräumen,
ihre Waren bei uns zu verkaufen, um Devisen zu
erwirtschaften. In dieser Hinsicht kann mein Land mit
Stolz vergleichsweise beachtliche Ergebnisse vorweisen.

Wir legen gro ßen Wert auf den Dialog mit der EG, denn
Differenzen können frühzeitig erörtert und ausgeräumt
werden. Wir wollen durch enge Konsultationen Handelskonflikte vermeiden, die die transatlantischen
Beziehungen insgesamt belasten könnten. So gelang

Im Jahre 1987 betrugen beispielsweise unsere Fertigwarenimporte aus der gesamten Dritten Welt mehr als
das Doppelte von dem, was die EG aus diesen Staaten
einführte. Aus den hochverschuldeten Ländern importierten wir im gleichen Jahr mehr als dreimal soviel

AMERIKA DIENST 9

Seite 5

�Fertigerzeugnisse wie die EG. Genauso bemerkenswert sind die unterschiedlichen Wachstumsraten an
Einfuhren aus diesen Staaten zwischen 1980 und
1987: sie nahmen im Bereich der Fertigwaren bei uns
um über 200 Prozent und in der EG nur um 73 Prozent
zu. Ich glaube, die wirtschaftliche Zukunft der Dritten
Welt würde um einiges besser aussehen, wenn auch
andere Industrienationen ihre Importe aus den Entwicklungsländern in etwa auf unser Niveau brächten.
Sie sehen, unser Engagement ist sowohl im Westen
als auch im Osten gefordert. Die Verschuldungskrise
der Dritten Welt verlangt unsere Aufmerksamkeit
genauso wie die wirtschaftlichen Reformen in Mittelund Osteuropa. Probleme im internationalen Handel
müssen gelöst, globalen Herausforderungen wie
Umweltproblemen, Drogenhandel und Terrorismus muß
gemeinsam begegnet werden. Auch ein vereintes

*

Seite 6

Deutschland braucht eine stabile Weltwirtschaftsordnung. Mit dem Abbau der Spannungen im Ost-WestVerhältnis und dem Niedergang des Kommunismus
sollten wir nicht nachlassen in unserem gemeinsamen
Bemühen um eine bessere Welt in Ost und West, in
Nord und Süd.
Meine Damen und Herren, wenn die Prognosen zutreffen und die Bedingungen sich nicht unerwartet verschlechtern, so stehen wir am Beginn eines vielversprechenden Jahrzehnts. Wie wohl selten zuvor in der
Geschichte haben wir in den vor uns liegenden Jahren
die große Chance, gemeinsam eine Welt des Friedens
und des Wohlstands für alle zu schaffen. Ich glaube,
wir sollten sie nutzen.
Ich danke Ihnen.

*

AMERIKA DIENST 9

�HANDELSPOLITIK
7. März 1990

ABBAU VON HANDELSSCHRANKEN HAUPTZIEL
IM JAHR 1990
Auszug aus dem Bericht der US-Handelsbeauftragten
WASHINGTON - (AD) - Das Büro der US-Handelsbeauftragten hat am 28. Februar 1990 den jüngsten
"Jahresbericht des Präsidenten der Vereinigten Staaten zum Programm über Handelsvereinbarungen" herausgegeben. Aus dem 91 Seiten umfassenden Bericht veröffentlichen wir nachfolgend das Kapitel mit dem Titel
"Die Tagesordnung für 1990" im Wortlaut.

Zu Beginn des letzten Jahrzehnts des 20. Jahrhunderts steht das Welthandelssystem an einem Scheideweg zwischen weiterer Liberalisierung und Expansion einerseits und Protektionismus und Rückgang
andererseits. Im Jahr 1990 wird die Bush-Administration die Kräfte des freien Handels in der ganzen Welt
durch den erfolgreichen Abschluß der Uruguay-Runde im Dezember unterstützen und stärken.

Um dieses Ziel zu erreichen, legt die handelspolitische
Tagesordnung der Administration im Jahr 1990 besondere Betonung auf folgende drei Ziele:

Die Administration wird überdies besonders engagiert eine Reihe von bilateralen und regionalen Maßnahmen verfolgen, die ihre multilateralen Ziele ergänzen.

Die Administration strebt an, bis Dezember 1990 in der
Uruguay-Runde Vereinbarungen mit folgenden Komponenten abzuschließen:

Ausgehend von dem festen Glauben an den Wettbewerb haben die Vereinigten Staaten eine führende
Rolle dabei übernommen, die Handelsschranken weltweit abzubauen. Mit dem Einsturz von Zollschranken
erhöhte sich der Welthandel von 61 Milliarden Dollar
im Jahr 1950 drastisch auf etwa 3 Billionen Dollar im
Jahr 1989.
Die Bush-Administration ist fest entschlossen, auf
diesem Erfolg aufzubauen. Die Administration hat
eine klare Vorstellung der von ihr angestrebten Welt:
Eine Welt, in der Unternehmer und nicht Regierungen
darüber entscheiden, wie Industriefirmen und landwirtschaftliche Betriebe miteinander konkurrieren und
Staaten Handel treiben. Die Administration ist der
Entwicklung eines Welthandelssystems verpflichtet,
das auf offenen Märkten und eindeutigen, zwingenden Regeln des Fairplays in allen Bereichen des
Handels gegründet ist.

AMERIKA DIENST 9

1. Stärkung und Ausweitung des internationalen Handelssystems durch erfolgreiche Verhandlungen über
ein ehrgeiziges Paket von Maßnahmen in der UruguayRunde.

Eine grundlegende Reform des internationalen
Agrarhandels, indem Exportsubventionen stufenweise abgebaut, sämtliche den Handel verzerrenden Subventionen und Zugangsschranken reduziert sowie die sanitären und phytosanitären Vorschriften harmonisiert werden, damit
die Landwirte ihrem Bedarf entsprechend anbauen können und ein angemessenes Einkommen
ohne staatliche Einmischung erzielen.
Verbesserung des Marktzugangs für Produkte
durch einen erheblichen Abbau der tarif ären und
nichttarifären Handelshemmnisse.
Erstellung von Regeln für den Handel in den
"neuen Bereichen" Dienstleistungen, geistiges
Eigentum und handelsbezogenen Investitionsmaßnahmen.
Begrenzung von handelsverzerrenden staatlichen Subventionen.

Seite 1

�Verstärkte Integration der Entwicklungsländer
und deren Verantwortung innerhalb des GATTSystems sowie Begrenzung von Handelsbeschränkungen, die mit Zahlungsbilanzproblemen gerechtfertigt werden.
2. Ergänzung der Ziele der Uruguay-Runde durch
bilaterale und regionale Initiativen zur Marktöffnung
und -erweiterung.
Im Jahr 1990 wird die Administration weiterhin für die
Öffnung ausländischer Märkte und den Abbau von
Handelsschranken eintreten und ein breites Spektrum
bilateraler und regionaler Handelsinitiativen verfolgen.
Mit diesen Initiativen sollen der Trend zu marktorientierten Maßnahmen gefestigt und unfaire Handelspraktiken und Hemmnisse abgebaut werden, mit denen
die Chancen amerikanischer Exporteure eingeschränkt
werden. Sie sollen die Ziele der Uruguay-Runde zur
Marktöffnung ergänzen.

dem (im Jahr 1989 in Australien begonnenen) APECProzeß beteiligen, insbesondere um die Übereinstimmung unter den 12 APEC-Staaten zu fördern, sich
aktiv für ein ehrgeiziges Ergebnis der Uruguay-Runde
einzusetzen.
Nordamerika
Die Verwirklichung des amerikanisch-kanadischen
Freihandelsabkommens (FI"A): In enger Zusammenarbeit mit Kanada wird die Administration weiterhin
daran arbeiten, die handeis- und wachstumsfördernden Auswirkungen des FTA zu verstärken.

Zu diesen Maßnahmen gehören Initiativen in folgenden Bereichen:

Mexiko: Die Administration wird weiterhin eng mit
Mexiko zusammenarbeiten, um die Handels- und
Investitionstätigkeit zu intensivieren und die wirtschaftliche Entwicklung Mexikos im Rahmen der im Oktober
1989 von den Präsidenten Bush und Salinas initiierten
Gespräche über Erleichterungen bei Handel und Investitionen sowie gemäß der Rahmenvereinbarung von
1987 (in den Bereichen Landwirtschaft, Industrie,
Dienstleistungen, Zölle und Investitionen) zu fördern.

Pazifisches Becken:

Europa und Mittelmeer

Japan: Die Vereinigten Staaten führen zur Zeit ein
breites Spektrum von Initiativen in bezug auf Japan
durch, die sicherstellen sollen, daß der japanische
Markt offen ist und dem Wettbewerb unterliegt. Zu
diesen Initiativen gehören sektorale Gespräche und
Verhandlungen über Satelliten, forstwirtschaftliche
Produkte, Halbleiter, Telekommunikation, Dienstleistungen im Baugewerbe und andere Bereiche.

EG 1992: Die Administration beobachtet aktiv die
Schaffung eines gemeinsamen EG-Binnenmarkts bis
zum Jahr 1992, um sicherzustellen, daß dies nicht zu
neuen Handelsschranken an den Grenzen der EG
führt, während die inneren Grenzen abgebaut werden.
Zu diesen Bemühungen werden weitere bilaterale
Konsultationen gehören sowie gegebenenfalls Maßnahmen in internationalen Foren.

Ferner wird im Juli 1990 ein Abschlußbericht über die
Gespräche der Initiative über strukturelle Hindemisse
erstellt werden, die sich mit systemimmanenten Wettbewerbs- und Handelsschranken in Japan beschäftigen. Die Vereinigten Staaten erwarten für das Frühjahr 1990 einen Zwischenbericht sowie einen Plan für
konkrete strukturelle Veränderungen und eine "Anzahlung" in Form von substantiellen ersten Schritten
bis Juli.

Osteuropa und die Sowjetunion: Die Bush-Administration unternimmt verschiedene wichtige Schritte,

Ostasien: Die Vereinigten Staaten führen intensive
bilaterale Konsultationen und Verhandlungen mit den
neuen Industriestaaten Ostasiens, insbesondere Korea und Taiwan. Ziel dieser Gespräche ist der Abbau
von Handelsschranken in diesen Ländern, die Sicherstellung eines offenen und dem Wettbewerb unterliegenden Umfelds im Zuge der Entwicklung dieser Staaten sowie eine Ausweitung ihrer Verantwortung im
Welthandelssystem.

Das amerikanisch-israelische Freihandelsabkommen
(FTA): Die Vereinigten Staaten arbeiten bei der Durchführung des FTA eng mit Israel zusammen.

Initiative USA - ASEAN: Die Administration arbeitet
eng mit den ASEAN-Staaten zusammen, um im Rahmen der Initiative USA - ASEAN Märkte zu öffnen und
geistiges Eigentum zu schützen.
Asiatisch-Pazifische Wirtschaftszusammenarbeit
(APEC): Die Vereinigten Staaten werden sich aktiv an

Seite 2

um die Hinwendung der osteuropäishcen Länder und

der Sowjetunion zu freien Marktwirtschaften und offenen Handelssystemen zu unterstützen. Solche Bestrebungen zielen darauf ab, gegebenenfalls Handels und Investitionsabkommen auszuhandeln und diese
Länder in Abstimmung mit anderen US-Handelspartnern in das Welthandelssystem zu integrieren.

Lateinamerika und die Karibik
Die Administration unterstützt verschiedene Initiativen
zur Förderung der wirtschaftlichen Entwicklung in
Lateinamerika und der Karibik zugunsten der Marktwirtschaft und niedrigerer Handels- und Investionshemmnisse. Zu diesen Maßnahmen zählen:
Die Initiative für das Karibische Becken (Caribbean
Basin Initiative - CBI). Die Administration arbeitet am
Ausbau und der verbesserten CBI-Durchführung, insbesondere indem sie gemeinsam mit dem Kongreß die
Verabschiedung von Gesetzen zur Förderung der CBI
gewährleistet.
AMERIKA DIENST 9

�Handelsinitiative für die Anden. Die Administration
arbeitet mit den Andenstaaten zusammen, um den
Handel auszubauen, die wirtschafltiche Entwicklung
anzukurbeln und den Schwerpunkt der Volkswirtschaften vom Drogenhandel auf andere Bereiche zu verlagern. Präsident Bush hat zur Verwirklichung dieser
Ziele am 1. November 1989 ein erstes Paket von
Programmen vorgestellt.
Sektorale Bestrebungen
Programm zur Liberalisierung im Stahlsektor. 1990
wird die Administration die 1989 nach dem Liberalisierungsprogramm im Stahlsektor erzielten Abkommen
durchführen, in denen die Länder übereingekommen
sind, Subventionen und andere handelsverzerrende
Praktiken im Stahlsektor abzuschaffen.
initiative für die Werftindustrie. Die Administration wird
auf bilateraler Ebene und in der Organisation für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD)
auf multilateraler Ebene ein Abkommen zur Abschaffung von Subventionen und anderen Formen der
Unterstützung für die Werftindustrie aushandeln. Die
Vereinigten Staaten haben den 31. März 1990 als
Termin gesetzt, bis zu dem greifbare Fortschritte erzielt werden sollen. Bis Mitte des Jahres 1990 soll ein
Abkommen erzielt sein.

*

AMERIKA DIENST 9

3.
Amerikanische Handelsgesetze sollen auf eine
Weise durchgesetzt und durchgeführt werden, in der
freie Marktwirtschaft und fairer Handel gefördert werden.
Die Administration wird sich amerikanischer Handelsgesetze bedienen, um ihre multilateralen und bilateralen Ziele - freie Märkte und fairen Handel - abzurunden.
Dazu zählt die Durchführung der Handelsgesetze von
1988, insbesondere der Abschnitte "Super 301" und
"Special 301", der Kapitel über Telekommunikation
und "Buy American" auf eine Weise, die den multilateralen Zielen der Vereinigten Staaten Rechnung trägt.
Darüberhinaus setzt sich die Administration für Handelsgesetze ein, die den Lebensstandard steigern und
die Rechte der Arbeitnehmer in allen Ländern verbessern. Die Administration wird weiterhin gemäß Abschnitt 301 gegebenenfalls ihren Einfluß geltend machen,
um offene Märkte zu gewährleisten.
Schlie ßlich werden die Kartellgesetze und die Gesetze
über Ausgleichszölle, das Allgemeine Präferenzsystem und die Bestimmungen des Handelsgesetzes zur
Gewährleistung der Nationalen Sicherheit der Vereinigten Staaten gewissenhaft durchgeführt.

*

Seite 3

�WIRTSCHAFT
7. März 1990

EUROPA UND DIE VEREINIGTEN STAATEN
VON AMERIKA:
VERANTWORTUNG FÜR EINE WELT IM WANDEL
Rede von Botschafter Walters beim Initiatiatlvkreis Ruhrgebiet
BOCHUM - (AD) - In einer Rede vor dem Initiativkreis Ruhrgebiet der deutschen Wirtschaft in Bochum erklärte Botschafter Walters am 2. März 1990, es wäre fatal, wenn die europäischen Staaten aufgrund der
Entwicklungen in Europa weltweiten Problemen weniger Aufmerksamkeit schenken würden als bisher. "Die
Weltwirtschaft und der internationale Handel verlangen ein verantwortungsvolles Vorgehen aller Beteiligten,
insbesondere der großen Industrieländer. Außerdem müssen wir mehr denn je gemeinsame Antworten auf
Fragen finden, die die gesamte Menschheit berühren. Dazu gehören die internationale Verschuldungskrise
ebenso wie der Schutz unserer Umwelt."
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede von Botschafter Walters im Wortlaut.

Sehr geehrte Damen und Herren,
ich freue mich sehr, heute zu Ihnen im Ruhrgebiet
sprechen zu können. Ich bin gern hierher gekommen,
und es ist für mich ein Vergnügen und eine Bereicherung zugleich, Gast in einer der modernsten Industrieregionen der Welt zu sein.
Einige von Ihnen wissen vielleicht, daß ich bereits im
Jahre 1948 in dieser Gegend war. Ich kam hierher als
Mitarbeiter von Averell Harriman, dem damaligen
Sonderbeauftragten unserer Regierung für den Wiederaufbau Europas. Manche von Ihnen werden sich
erinnern, wie es in jenen Tagen hier aussah. Die
Städte waren verwüstet, es herrschte große Not, viele
Menschen lebten auf engstem Raum in heute unvorstellbaren Unterkünften.
Angesichts der Zerstörung und der Not konnte ich mir
damals einen Wiederaufbau noch zu meinen Lebzeiten nicht vorstellen. Ich war beeindruckt, mit welcher
Tatkraft und Entschlossenheit die Menschen den Schutt
wegräumten und Straßen und Gebäude wieder errichteten. Ich erinnere mich auch noch gut, wie Frauen und
Männer, alte Menschen und Kinder jeden Ziegel aus
den Trümmern einzeln zurechtklopften, um damit
beschädigte Häuser zu reparieren oder neue zu errich-

AMERIKA DIENST 9

ten. Ich spürte den Willen der Menschen, ihre Stadt
und ihr Land wieder aufzubauen. Aber dennoch war in
jenen Tagen ein "deutsches Wirtschaftswunder" unvorstellbar.
Nach den Jahren des Booms mußte sich auch das
Ruhrgebiet - wie andere Kohle- und Stahlregionen dem Strukturwandel stellen. Mir wurde berichtet, daß
dieser Prozess erfolgreich verläuft und man hier inzwischen mehr von der Hochtechnologie als vom Hochofen und mehr vom Computer als von der Kohle
spricht. Ich habe mich gefreut, zu hören, daß im
Rahmen der wirtschaftlichen Erneuerung ein fruchtbarer Gedankenaustausch zwischen dem Ruhrgebiet
und Industrieregionen Amerikas stattfand. Wie ich
erfuhr, fanden vor allem unsere Technologieparks und
die enge Zusammenarbeit zwischen amerikanischen
Universitäten und Unternehmen Ihr Interesse.
Lassen Sie mich an dieser Stelle besonders die
Bemühungen der Ruhrstädte würdigen, deutschamerikanische Freundschaft zu pflegen und zu intensivieren. Als Beispiele nenne ich nur das Charles Ives
Festival in Duisburg und die Auslandskulturtage 1986
in Dortmund. Ich brauche nicht zu erwähnen, wie
wichtig es für die deutsch-amerikanischen Beziehungen ist, daß sich Menschen aus unseren Ländern
Seite 1

�begegnen und kennenlernen. Sie haben Hervorragendes in dieser Hinsicht geleistet. Dafür danke ich Ihnen.

offenen Märkten und fairen Wettbewerbsbedingungen
für die gesamte Weltwirtschaft.

Das Ruhrgebiet wird als das industrielle Herz Deutschlands bezeichnet. Aber heute schlägt dieses Herz
nicht für Deutschland allein. Es schlägt für ein Europa,
das sich in einer Zeit gewaltiger Veränderungen befindet. Die Länder der Europäischen Gemeinschaft
errichten einen Binnenmarkt und intensivieren ihre
Zusammenarbeit auch im politischen Bereich. Die
Bürger der DDR und die Völker Osteuropas haben den
Eisernen Vorhang weggerissen und nach jahrzehntelanger Unterdrückung die Freiheit errungen. Ein
Kontinent, der so viele Kriege wie wohl kein anderer
durchlitten hat, den Religionen und Ideologien gespalten haben, wächst zusammen.

Ohne das Thema weiter auszuführen, möchte ich doch
noch das Atlantische Bündnis als zentralen Faktor für
die Nachkriegsentwicklung in Europa hervorheben.
Unsere gemeinsamen Verteidigungsanstrengungen
haben dem kommunistischen Expansionsstreben Einhalt
geboten und Westeuropa ein Leben in Freiheit ermöglicht. Unser Verteidigungsbündnis beruht auf Werten
wie Demokratie und der Achtung der Menschen- und
Bürgerrechte. Die Reformer im Osten wußten deshalb, daß von uns keine Gefahr ausgeht und wir sie
willkommen heißen in der Gemeinschaft freier Völker.

Wir sind alle sehr glücklich über diese Entwicklung.
Mein Land hat zweimal in diesem Jahrhundert Soldaten nach Europa geschickt, um Krieg und Gewaltherrschaft zu beenden. Aufgrund dieser Erfahrung waren
wir entschlossen, nach Kriegsende alles zu tun, um
Frieden und Freiheit in Europa zu wahren. In den
nachfolgenden Jahren schufen wir gemeinsam mit den
Völkern Westeuropas die politischen und wirtschaftlichen Voraussetzungen, um einen erneuten "Bürgerkrieg der Europäer", wie Churchill einmal sagte, zu
verhindern.
Ein entscheidendes Instrument für den Aufbau der
Demokratie und für die Sicherung der Freiheit in Europa war sicherlich das Wiederaufbauprogramm Präsident Trumans. Zwischen 1948 und 1952 betrug die
amerikanische Wirtschaftshilfe für Europa rund 13
Milliarden Dollar. Jährlich entsprach dies damals
zwischen fünf und zehn Prozent des amerikanischen
Bundeshaushalts oder zwei Prozent unseres Sozialprodukts. Umgerechnet auf den heutigen Dollarwert
hat damals jeder Amerikaner rund 1200 Dollar für der
Wiederaufbau Europas ausgegeben.
Der Marshallplan bot ein Startkapital, das die Europäer
klug einsetzten und das materiellen wie ideellen Erfolg
brachte. Die eintretende positive Wirtschaftsentwicklung erhöhte die Akzeptanz sowohl der marktwirtschaftlichen Ordnung als auch der demokratischen
politischen Systeme in Westeuropa.
Der Marshallplan hatte aber eine weitere bedeutende
Funktion: er brachte ehemalige Kriegsgegner, wie
Deutsche und Franzosen, zusammen und legte den
Grundstein für den Integrationsprozess in Westeuropa. Wir Amerikaner befürworteten stets die europäische Einigung. Die USA ermutigten und unterstützten
die beteiligten Länder bei der Gründung der Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl am 18. April
1951. Ebenso begrüßten wir die Schaffung der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft durch die Römischen Verträge sechs Jahre später. In der Errichtung
des Europäischen Binnenmarktes bis Ende 1992 sehen
wir eine Chance nicht nur für Europa, sondern bei

Seite 2

Mit Blick auf die historischen Ereignisse in den letzten
Jahren und Monaten empfinde ich große Hochachtung
vor den Deutschen in der DDR und den Völkern Mittelund Osteuropas. Es erfordert unglaublichen Mut und
Willen, ein totalitäres System mit seinem umfangreichen Unterdrückungsapparat zu stürzen. Aber schließlich war die Idee der Freiheit und der Demokratie
stärker als Mauer und Stacheldraht. Thomas Jefferson sagte einmal: "Nichts ist im Buch der Geschichte
eindeutiger festgeschrieben, als daß die Menschen
frei sein sollen." Dieser Satz hat sich wieder einmal
bewahrheitet.
Nun sieht Präsident Bush unsere Aufgabe darin, "die
Früchte dieser friedlichen Revolutionen zu konsolidieren und die Architektur für einen kontinuierlichen und
friedlichen Wandel zu schaffen." Außenminister Baker
unterstrich vor dem Berliner Presseclub am 12. Dezember 1989 unser Interesse, gemeinsam mit den
europäischen Völkern auf ein neues Europa und einen
neuen Atlantizismus hinzuarbeiten. Er bekräftigte die
Aussage Präsident Bushs, daß "die Vereinigten Staaten eine europäische Macht sind und bleiben." Eine
aktive Rolle meines Landes in Europa wird von unseren Verbündeten ausdrücklich gewünscht. Beispielsweise hat Bundeskanzler Kohl wiederholt davon gesprochen, daß auch die Vereinigten Staaten und Kanada
eine Wohnung im gemeinsamen europäischen Haus
haben müßten.
Zur deutschen Frage hatte ich bereits Gelegenheit, vor
der Versammlung des Kommunalverbandes zu sprechen. Deshalb möchte ich hier nur kurz erwähnen, daß
wir immer mit Nachdruck für das Selbstbestimmungsrecht der Deutschen eingetreten sind. Präsident Bush
hat am letzten Wochenende gegenüber dem Bundeskanzler die Unterstützung der Vereinigten Staaten für
die deutsche Einheit wiederum bekräftigt. Der amerikanische Präsident und der Bundeskanzler sind sich
einig, daß ein vereinigtes Deutschland ein Mitglied der
NATO bleibt.
Ich weiß, die deutsche Frage und die Demokratisierung Osteuropas sind nach der jahrzehntelangen ideologischen Spaltung dieses Kontinents außerordentlich
faszinierend. Seit einem halben Jahrhundert habe ich

AMERIKA DIENST 9

�die Ereignisse in Europa sowohl als Soldat als auch in
Regierungsämtern verfolgt. Und ich kann nur staunen:
Entwicklungen, die früher Jahre brauchten, laufen
heute in Tagen ab.
Aber bei aller Begeisterung über die historischen Entwicklungen in Europa dürfen wir nicht vergessen, daß
wir auch noch andere wichtige Aufgaben und Herausforderungen in diesen Jahren zu bewältigen haben.
Die Weltwirtschaft und der internationale Handel verlangen ein verantwortungsvolles Vorgehen aller Beteiligten, insbesondere der großen Industrieländer.
Außerdem müssen wir mehr denn je gemeinsame
Antworten auf Fragen finden, die die gesamte Menschheit berühren. Dazu gehören die internationale Verschuldungskrise ebenso wie der Schutz unserer Umwelt.
Es gibt aber viele, die ein nachlassendes Interesse der
Europäer an globalen Fragen befürchten. Der deutsche Einigungsprozess, der europäische Binnenmarkt
und die Reformen in Osteuropa erfordern sicherlich
eine Bündelung vieler Kräfte. Jedoch wäre es fatal,
wenn deswegen die europäischen Staaten weltweiten
Problemen weniger Bedeutung als bisher beimessen
würden.
Wie Sie wissen, hat der Gang der Weltwirtschaft auf
die politischen und wirtschaftlichen Prozesse und auf
die Stabilität in Europa entscheidenden Einfluß. Die
gegenwärtig günstige Konjunktur erlaubt es beispielsweise der Bundesregierung, Milliarden für die DDR zur
Verfügung zu stellen, ohne daß die Bundesbürger den
Gürtel spürbar enger schnallen müssen. Stellen Sie
sich vor, welche zusätzlichen Probleme der Zuzug von

Aus- und Übersiedlern in einer Rezession der Bundesrepublik bereiten würde? Eine Wirtschaftskrise würde
den Westen in Bedrängnis bringen und möglicherweise in den jungen Demokratien im Osten zu chaotischen Zuständen führen.
Die Weltwirtschaft jedoch ist anfällig für Störungen
verschiedenster Art. Eine enge internationale Kooperation und Koordination im Bereich der Wirtschaftsund Finanzpolitik ist deshalb unerläßlich. In den nächsten Jahren geht es darum, die Ungleichgewichte im
internationalen Handel zu beseitigen, um vor allem der
Gefahr des Protektionismus zu begegnen. Staaten mit
einem Leistungsbilanzdefizit wie die USA müssen
einen Beitrag hierzu leisten, aber auch Überschußländer wie die Bundesrepublik Deutschland und Japan.
Noch in diesem Jahr wollen wir in der sogenannten
GATT Uruguay-Runde verläßliche und effiziente
Rahmenbedingungen für den Welthandel schaffen.
Weitreichende Zollsenkungen seit dem Inkrafttreten
des Allgemeinen Zoll- und Handelsabkommens am 1.
Januar 1948 haben maßgeblich zur Ausweitung des
Welthandels und der internationalen Arbeitsteilung in
den letzten Jahrzehnten beigetragen. Nun gilt es, das
Welthandelssystem den heutigen Erfordernissen
anzupassen und auf eine solide Grundlage zu stellen.

AMERIKA DIENST 9

Für meine Regierung ist ein erfolgreicher Abschlu ß der
GATT-Runde im Dezember dieses Jahres von außerordentlicher Wichtigkeit. Ein Scheitern dieser Konferenz, so befürchten wir, würde das Entstehen von
Handelsblöcken durch bilaterale Vereinbarungen fördern und dem Protektionismus Tür und Tor öffnen.
Im einzelnen wollen wir in Genf folgendes erreichen:
erstens, eine grundlegende Reform des Agrarhandels;
zweitens, die Erweiterung des GATT-Systems auf
Bereiche wie Dienstleistungen, Investitionen und geistiges Eigentum;
drittens, einen verbesserten Zugang zu den Märkten;
viertens, die Beseitigung von wettbewerbsverzerrenden Subventionen;
und fünftens, eine faire und wirksame Schiedsgerichtsbarkeit im Rahmen des GATT.
Zusammenfassend zeigt sich in diesen Punkten das
Ziel amerikanischer Handelspolitik: Wir wollen faire
Wettbewerbsbedingungen und offene Märkte weltweit.
Mit den Europäern sind wir uns im großen und ganzen
in der Zielsetzung einig. Aber das Hauptproblem
zwischen den Vereinigten Staaten und der Europäischen Gemeinschaft sowohl in der laufenden GATTRunde als auch auf bilateraler Ebene liegt im Agrarhandel. Wir sind ein traditionelles Agrarexportland;
landwirtschaftliche Erzeugnisse machen etwa zwanzig Prozent aller amerikanischen Ausfuhren aus. Unsere
Landwirtschaft ist wettbewerbsfähig, und eine Exportsteigerung ist durchaus noch möglich. Aber unsere
Agrarexporteure treffen zum einen auf einen protektionistischen Wall um die EG; zum anderen konkurrieren
subventionierte Agrarprodukte aus der EG auf dem
Weltmarkt mit amerikanischen Erzeugnissen, die zum
Teil nun ebenfalls subventioniert werden.
Der Subventionswettlauf zwischen der EG und den
USA hat inzwischen absurde Ausmaße angenommen.
Im Jahr 1988 gaben die Europäer etwa 120 Milliarden
Dollar und wir Amerikaner etwa 75 Milliarden Dollar für
die Unterstützung der Landwirtschaft aus. Folglich
kosten Subventionen im Agrarbereich jeden EG-Bürger, ob Kleinkind oder Greis, jährlich etwa 800 D-Mark.
Jeder Amerikaner gibt dafür fast 300 Dollar im Jahr
aus.
Am 25. Oktober unterbreitete daher meine Regierung
der GATT-Runde in Genf einen umfassenden Plan zur
Reform des internationalen Agrarhandels. Unter
anderem schlugen wir vor, die Exportsubventionen
innerhalb von fünf Jahren zu beseitigen. Außerdem
machten wir Vorschläge zur graduellen Beseitigung
von Einfuhrbarrieren und von wettbewerbsverzerrenden Subventionen im Agrarbereich weltweit. Die EG

Seite 3

�hat vorschnell, wie ich meine, unsere Vorschläge als
unrealistisch abgelehnt.
Wir hoffen aber, daß wir mit der EG zu einer Einigung
kommen, denn die zermürbenden Grabenkämpfe sind
eine stetige Belastung für unsere Handelsbeziehungen. Wir führten Hähnchen-und Spaghettikriege. Wir
stritten wegen der geplanten EG-Fettsteuer und belegten Walnüsse und Dosenfrüchte gegenseitig mit Strafzöllen. Ich sehe eine große Gefahr, daß Handelskonflikte zu einer zunehmenden Belastung für die transatlantischen Beziehungen insgesamt werden. Dies
müssen wir gemeinsam verhindern, und deshalb darf
die Uruguay-Runde nicht am Agrarprotektionismus
der EG scheitern.
Es ist doch so, daß protektionistische Maßnahmen
hier und da das ganze System in Gefahr bringen.
Staatlicher Schutz und Subventionen für einen Wirtschaftszweig in einem Land führen meist zu Gegenmaßnahmen in anderen Ländern. Ich gebe zu, daß
auch die Vereinigten Staaten Maßnahmen zum Schutz
ihrer Wirtschaft beseitigen müssen. Meine Regierung
hat ihre Bereitschaft hierzu erklärt. Aber, um unsere
Handelsbeauftragte, Carla Hills, zu zitieren, wir werden nicht einseitig abrüsten. Wir möchten, daß alle bei
der Reform des Welthandels mitmachen. Die Uruguay-Runde könnte nach den Worten von Carla Hills
"die letzte gute Chance in diesem Jahrhundert sein,
ein wahrlich freies Handelssystem, das auf Wettbewerb beruht, zu schaffen." Nutzen wir gemeinsam
diese Chance.
Lassen Sie mich abschließend noch ein paar Worte
über die größte Herausforderung unserer Zeit sagen,
mit der sich nicht nur unsere beiden Länder, sondern
die gesamte internationale Staatengemeinschaft konfrontiert sieht. Diese Herausforderung hat nichts mit
Panzern und Kanonen, nichts mit Gewinnen und Verlusten, nichts mit Leistungsbilanzüberschüssen und
defiziten zu tun. Nein, aus meiner Sicht besteht heute
für uns alle die größte und wichtigste Aufgabe darin,
den kommenden Generationen weltweit eine gesunde, intakte Umwelt zu hinterlassen.
Die Vereinigten Staaten und die Bundesrepublik Deutschland nehmen im Umweltschutz eine führende Rolle in
der Welt ein. Unsere Regierungen sind sich ihrer
Verantwortung bewußt und entwickeln vernünftige
politische Konzepte zum Schutz unserer natürlichen
Lebensverhältnisse auf der Grundlage neuester wissenschaftlicher Erkenntnisse. Wir haben die Mittel für
Umweltforschung in den letzten Jahren beträchtlich
erhöht. In diesem Haushaltsjahr geben die Vereinigten Staaten beispielsweise etwa 500 Millionen Dollar
für interdisziplinäre Forschungsprogramme über globale Umweltprobleme aus. Ich kann heute mit Stolz
sagen, daß ein sehr großer Teil der derzeitigen Erkenntnisse über die Erwärmung der Erdatmosphäre
auf amerikanischen Forschungsarbeiten basieren, die
von unserer Regierung finanziert wurden.

Seite 4

Schon Mitte der siebziger Jahre wiesen Forschungslabors kalifornischer Universitäten den Ozonverlust in
der Troposphäre nach. Sie entdeckten, daß bestimmte chemische Substanzen zur Schädigung der lebenswichtigen Ozonschicht beitragen könnten. Die amerikanische Regierung nahm die Gefahr sehr ernst und
handelte schnell. Noch vor Ablauf des Jahrzehnts
hatte sie die Verwendung von gefährlichen Treibgasen
in Sprays verboten. Gleichzeitig bemühten wir uns um
einen internationalen Rahmen zum Schutz der Ozonschicht. Aus dieser Zusammenarbeit mit anderen
Staaten ergab sich 1987 das Protokoll von Montreal.
Es sieht vor, die Emission von Stoffen, die die Ozonschicht gefährden, zunächst auf dem gegenwärtigen
Stand einzufrieren, zu verringern und schließlich ganz
zu verbieten.
Eine zweite große Gefahr für das Leben auf der Erde
ist weit komplexer. Es ist die weltweite Klimaerwärmung durch den sogenannten Treibhauseffekt. Klimatologen sind zunehmend davon überzeugt, daß die
vom Menschen verursachten Emissionen von Kohlendioxid, Methan und anderen Gasen eine treibhausähnliche Erwärmung der Erdatmosphäre bewirken. Mathematische Modellrechnungen hierzu haben ergeben, daß bis Mitte des nächsten Jahrhunderts eine
weltweite Erwärmung in der Größenordnung von 1,5
bis 4,5 Grad Celsius eintreten könnte. Wenn diese
Prognosen sich bewahrheiten, hätte dies möglicherweise ein gefährliches Ansteigen des Meeresspiegels,
veränderte Niederschlagsverhältnisse und geographische Verschiebungen im Bereich der Land- und Forstwirtschaft zur Folge.
Wir sollten deshalb schnell vernünftige Maßnahmen
einleiten, selbst wenn noch keine vollkommenen Erkenntnisse zur Erwärmung der Erdatmosphäre vorliegen. Eine Reduzierung der FCKW-Emissionen zum
Schutz der Ozonschicht hätte auch positive Auswirkungen auf den Treibhauseffekt, denn diese chemische Verbindung soll zu fast einem Fünftel auch dafür
verantwortlich sein. Ebenfalls ist es wichtig, daß wir
zur Verringerung des Kohlendioxids in der Atmosphäre unsere Wälder bewahren und neue Bäume pflanzen.
Schließlich wird das von der amerikanischen Regierung vorgelegte Gesetz zur Reinhaltung der Luft nicht
nur eine Verbesserung der Lebensqualität in unseren
Städten bewirken, sondern auch auch eine beträchtliche Verringerung der Kohlendioxidemissionen mit sich
bringen. Ich weiß, daß auch die Bundesrepublik und
insbesondere das Ruhrgebiet, in den letzten Jahren
große Anstrengungen zur Luftreinhaltung unternommen und bemerkenswerte Erfolge auf diesem Gebiet
vorzuweisen haben.
Präsident Bush legt größten Wert auf eine weltweite
Kooperation in Umweltfragen. Er hat deshalb kürzlich
die Einberufung einer internationalen Umweltkonferenz nach Washington vorgeschlagen. Das Ziel dieser
AMERIKA DIENST 9

�Konferenz soll sein, ein Rahmenabkommen über
Maßnahmen gegen eine weitere Erwärmung der Erdatmosphäre zu treffen.

Kommunikation und eine Intensivierung der Zusammenarbeit zwischen europäischen und amerikanischen
Institutionen unerläßlich.

Die Bereitschaft so vieler Länder in Ost und West, in
Umweltfragen zusammenzuarbeiten, erfüllt mich mit
Zuversicht. Auch die guten Beziehungen zwischen
den westlichen Industrieländern stimmt mich in dieser
Hinsicht optimistisch. Wir haben die erfolgreichste
Verteidigungsallianz der Geschichte und ein florierendes Weltwirtschaftssystem geschaffen. Ich glaube,
wir können durch enge wissenschaftlich-technische
Zusammenarbeit und durch politische Koordination
auch die globalen Umweltprobleme in den Griff bekommen.

Meine Damen und Herren, seit über vierzig Jahren sind
die Vereinigten Staaten und Westeuropa auf politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Gebieten eng
verbunden. Auf diese Erfahrung können neue und
erweiterte Formen der transatlantischen Kooperation
aufbauen. Wie Außenminister Baker in Berlin betonte, wird die NATO weiterhin das wichtigste Bindeglied
zwischen Nordamerika und Europa sein. Sie wird
möglicherweise neue Aufgaben übernehmen. Der
KSZE-Prozeß wird zu einem wichtigen Forum der Zusammenarbeit zwischen Ost und West werden. Und
schließlich entwickelt sich die EG mehr und mehr zu
einem Stützpfeiler im transatlantischen Verhältnis.

Meine Damen und Herren, für uns Amerikaner sind die
Europäer Verbündete und die idealen Partner in internationalen politischen und wirtschaftlichen Angelegenheiten. Uns verbinden gemeinsame Werte, gemeinsame Überzeugungen und gemeinsame Institutionen. Der europäische Einigungsprozess und die
Entwicklungen in Osteuropa sollten jedoch nicht zu
einer Lockerung der transatlantischen Beziehungen
führen. Im Gegenteil, angesichts der Fülle der Aufgaben und Herausforderungen ist eine Verbesserung der

*

AMERIKA DIENST 9

*

Gemeinsam haben wir über vier Jahrzehnte lang
Verantwortung für Sicherheit, Frieden und Stabilität in
Westeuropa getragen. Gemeinsam sollten wir nun
Verantwortung für eine Welt im Wandel tragen. Das
Zusammenwachsen Europas sollte auch die Alte und
die Neue Welt noch näher zusammenführen.
Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.

*

*

Seite 5

�OSTEUROPA
7. März 1990

WEBSTER: WANDEL IN DER SOWJETUNION
UNUMKEHRBAR
Rede des CIA-Direktors vor Kongreßausschuß
WASHINGTON - (AD) - Dem CIA-Direktor William Webster zufolge ist der sich in der Sowjetunion und dem
ehemaligen sowjetischen Imperium vollziehende Wandel faktisch unumkehrbar. Selbst wenn sowjetische
Betonköpfe wieder die Regierung übernehmen würden, wäre eine Reaktivierung des Warschauer Pakts durch
die Sowjetunion unwahrscheinlich, erklärte Webster am 1. März 1990 vor dem Streitkräfteausschuß des
Repräsentantenhauses.
"Aufstände" in der kommunistischen Welt, so Webster, "werden zunehmend schwieriger zu unterdrücken sein.
In folgenden entscheidenen Bereichen sind die Veränderungen bereits jetzt schon praktisch unumkehrbar:

Es bestehen geringe Chancen auf eine Wiederherstellung der sowjetischen Hegemonie in Osteuropa.
Die marxistisch-leninistische Ideologie hat sich als ernsthafte Alternative zu demokratischem Pluralismus
und freier Marktwirtschaft überlebt.
Die kommunistischen Parteien werden weiterhin an Legitimität und Stärke verlieren, vielleicht mit
Ausnahme einiger rückständiger, isolierter Nationen."
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede des CIA-Direktors im Wortlaut.

Ein revolutionärer Wandel vollzieht sich in dem ehedem als Ostblock bezeichneten Gebiet. Kommunistische Parteien und marxistische Doktrinen sind gescheitert. Lange unterdrückte Völker kommen allmählich in den Genuß politischer und persönlicher Freiheiten, beginnen mit der Planung von Marktwirtschaften
und der Gestaltung neuer, von in Traditionen des
Humanismus und der Aufklärung verwurzelter Gesellschaften.
Während diese Aufstände an Dynamik gewinnen, werden
sie zunehmend schwieriger zu unterdrücken sein. In
folgenden entscheidenen Bereichen sind die Veränderungen bereits jetzt schon praktisch unumkehrbar:
Es bestehen geringe Chancen auf eine Wiederherstellung der sowjetischen Hegemonie in Osteuropa.

AMERIKA DIENST 9

Die marxistisch-leninistische Ideologie hat sich
als ernsthafte Alternative zu demokratischem
Pluralismus und freier Marktwirtschaft überlebt.
Die kommunistischen Parteien werden weiterhin an Legitimität und Stärke verlieren, vielleicht
mit Ausnahme einiger rückständiger, isolierter
Nationen.
Ich möchte damit jedoch nicht behaupten, daß Ereignisse wie im letzten Juni auf dem Tiananmen-Platz in
Peking sich nicht andernorts wiederholen könnten.
Zweifelsohne könnte der sowjetische und osteuropäische Reformprozeß zusammenbrechen oder von
reaktionären Kräften unterdrückt werden. In der Mehrzahl
dieser Länder wäre eine Umkehr der Reformen durch
die Betonköpfe jedoch sehr viel schwieriger und teurer
als es in China bisher der Fall war. In der Sowjetunion

Seite 1

�könnte eine Umkehr der Politik Gorbatschows nur
durch seinen Sturz vollzogen werden. Dies scheint im
Augenblick wenig wahrscheinlich. Tatsächlich hat das
Zentralkomitee im vergangenen Monat Gorbatschows
Position noch verstärkt und gleichzeitig angekündigt,
den Reformprozeß voranzubringen und das Machtmonopol der Kommunistischen Partei zu beenden.
Dennoch sind die Perspektiven für die derzeitige Führung
und die Sowjetunion selbst auf lange Sicht unsicher.
Ethnische und andere Spannungen werden weiterbestehen, während die Reformwilligen und eine zunehmend mobilisierte Bevölkerung sich mit Problemen
ungekannten Ausmaßes auseinandersetzen. Die
Instabilität wird durch ernsthafte und sich noch verschärfende Wirtschaftsprobleme geschürt.
Wie ich bereits ausgeführt habe, Herr Vorsitzender,
haben diese Ereignisse tiefgreifende Auswirkungen.
Wir können die gegenwärtige Situation und alternative
Zukunftsszenarien in der Sowjetunion mit einem
gewissen Maß an Vertrauen einschätzen. Aber wir
können nicht mit mehr Sicherheit als die sowjetische
Führung selbst vorhersagen, wie sich die derzeitigen
Unruhen in der UdSSR langfristig entwickeln werden.
Obwohl zahlreiche positive Entwicklungen Grund zu
Optimismus sind, müssen wir dennoch realistisch und
wachsam bleiben.
Wie ich im Januar erklärt habe, verfolgen die Sowjets
ein umfassendes strategisches Modernisierungsprogramm. Die Fähigkeiten ihrer strategischen Streitkräfte werden insgesamt geschützt und in gewisser Weise
verbessert. Ich möchte mich hier zu diesem Thema
nicht wiederholen, es sei denn, um nochmals zu betonen, wie wichtig die Aufrechterhaltung eines fähigen
Nachrichtendienstes ist, damit wir weiterhin das gesamte Spektrum sich verändernder sowjetischer Programme, Maßnahmen und Prioritäten überwachen
und einschätzen können.
Osteuropa
Ich möchte mich jetzt den Reformprozessen in Osteuropa und der Möglichkeit ihrer Umkehrung zuwenden.
Auf den Punkt gebracht: Die reaktionären Kräfte sind
wahrscheinlich zu schwach und diskreditiert, um in der
Tschechoslowakei, der DDR, Ungarn und Polen wieder an die Macht zu gelangen. Die Aussichten für
Demokratie und Martkwirtschaften in diesen Ländern
scheinen relativ gut. Die Aussichten für Rumänien und
Bulgarien sind jeoch etwas unsicherer.
Lange Zeit unterdrückte demokratische Werte und
Traditionen sind in den vier am weitesten entwickelten
Ländern Osteuropas zu neuem Leben erwacht und
werden mit den zunehmenden Forderungen der Bevölkerung nach mehr Freiheit stärker. In der Tschechoslowakei wurden zum Beispiel bereits über40 neue
politische Parteien gegründet, und weitere formieren
sich im Zuge der Vorbereitungen auf die im Juni

Seite 2

stattfindenden Parlamentswahlen. Das Spektrum der
neuen demokratischen Kräfte ist in Ungarn ebenso
breit, wo über ein Dutzend Parteien und eine Vielzahl
von Interessengruppen auf den Plan getreten sind.
Gleichzeitig hält der Verfall der kommunistischen
Parteien und anderer Relikte der alten Regime an.
Streitkräfte und Geheimpolizei sind in der Tschechoslowakei, der DDR, Ungarn und Polen als Werkzeuge
der Unterdrückung unzuverlässig geworden.
Trotzdem wird es für alle osteuropäischen Nationen
schwierig sein, den von ihnen gewünschten Übergang
zu bewerkstelligen. Sie werden erhebliche Zuflüsse
westlichen Kapitals benötigen, obwohl drei von ihnen
- Polen, die DDR und Ungarn - bereits hohe Schulden
in harter Währung aufweisen. Polen hat am meisten
zur Öffnung seiner Volkswirtschaft getan, aber es
werden weiterhin Probleme - darunter auch größere
Spannungen innerhalb der Solidarität - auftreten.
In Bulgarien und Rumänien gibt es vielfältige und
ernste Schwierigkeiten. Die Reformbewegungen sind
nicht so stark, die Demokratie hat wenig Tradition,
wirtschaftliche und ethnische Spannungen sind ausgeprägt, und potentiell repressive Überreste der alten
Regime sind weiterhin vorhanden. Aber selbst auf
dem Balkan hat die Liberalisierung beim Volk breite
Unterstützung von Demokratie und Menschenrechten
hervorgerufen.
Die militärische Bedrohung der NATO
Als Ergebnis der Veränderungen in Osteuropa und
sowjetischer Maßnahmen seit der Rede Präsident
Gorbatschows bei den Vereinten Nationen im Dezember 1988 wurde die Bedrohung der Vereinigten Staaten und der NATO durch den Warschauer Pakt erheblich abgebaut.
In einem Konflikt mit der NATO könnten sich die
sowjetischen Militärplaner nicht mehr auf die
osteuropäischen Streitkräfte verlassen.
Moskau hat sich prinzipiell bereiterklärt, das
Gros seinerTruppen aus Polen, Ungarn und der
Tschechoslowakei abzuziehen. Erhebliche Reduzierungen werden dieses Jahr stattfinden.
Der bereits vorgenommen Abbau hatte eine
Verlängerung des Zeitraums zur Folge, den die
Sowjets zur Mobilisierung für einen Großangriff
in Europa benötigen würden. Trotzdem muß
jedoch festgestellt werden, daß die verbleibenden sowjetischen Streitkräfte umfangreich und
leistungsfähig sind.
Der Abzug sowjetischer Streitkräfte aus Osteuropa
scheint planmäßig zu verlaufen. Drei Panzerdivisionen und zusätzliche Panzer - insgesamt 2 700 - wurden abgezogen, und eine ebensogroße Zahl sollte bis
zum Jahresende abgebaut werden, wenn Moskau

AMERIKA DIENST 9

�seinen Absichtserklärungen gerecht wird. Sowjetische Sturmlandeformationen und -einheiten sowie
Einheiten für Sturmangriffe über Gewässer wurden
ebenfalls aus Osteuropa abgezogen.
Präsident Gorbatschow ist überdies fest entschlossen, 800 Kampfflugzeuge aus Osteuropa und der
westlichen UdSSR zurückzuziehen und den Gesamtumfang der sowjetischen Streitkräfte bis zum Jahresende um 500 000 Mann zu verringern.
Eine Umkehrung der geplanten oder bereits vollzogenen dramatischen Veränderungen wird immer schwieriger. Um dies zu tun, müßte eine neue orthodoxe
Führung in Moskau die traditionelle Militärdoktrin sowie
althergebrachte Beschaffungsprioritäten wiedereinführen oder sich neue zu eigen machen. Beides wäre mit
Unruhe und hohen Kosten verbunden und würde
zumindest kurzfristig zu einem erheblich geringeren
Bereitschaftsgrad führen.
Noch wichtiger ist die Tatsache, daß die Wiederherstellung der Streitkräfte in ihrem früheren Umfang bei
einer des Mangels und der Opfer ohnehin überdrüssigen Bevölkerung unpopulär wäre. Eine Umkehrung
der von Gorbatschow bei den Militärausgaben gesetzten Prioritäten würde die Umleitung knapper Ressourcen und industrieller Kapazitäten von ziviler zu militärischer Produktion erfordern. Dies würde unweigerlich
zu einer weiteren Zerrüttung der Volkswirtschaft führen und könnte einen Volksaufstand provozieren.
Die Dauerhaftigkeit der sowjetischen Reformen
ich wende mich nun den komplexen und zwangsläufig
spekulativen Fragen zu, die sich auf die Dauerhaftigkeit des sowjetischen Reformprozesses beziehen. Am
wichtigsten ist in dieser Hinsicht die Tatsache, daß ein
Mittelweg in der UdSSR heute nicht mehr gangbar ist.
Der innenpolitische Prozeß tendiert zu einer Polarisierung zwischen denjenigen, die den Reformprozeß
anhalten wollen und denen, die nach noch radikaleren
Reformen streben. Unter ersteren sind viele, die sich
nach der Ordnung, Disziplin und zentralen Autorität
der stalinistischen Vergangenheit sehnen und deren
Ängste sich mit zunehmender Unruhe und Unsicherheit verstärkt haben. Diese Ansichten sind bei einigen
Vertretern von Militär, Partei und Staatsapparat verbreitet. Unterschwellig gehört dazu auch ein Element
des russischen Nationalismus.
Diejenigen, die eine Beschleunigung der Reformen
verlangen, haben jedoch immer noch die Oberhand,
und viele Sowjetbürger drängen auf radikale Veränderungen. Seit dem letzten Juli, als Präsident Gorbatschow direkte Verhandlungen mit den gewählten
Vertretern streikender Bergleute anordnete, hat sich
sogar eine unabhängige Gewerkschaftsbewegung
entwickelt.
Die Unzufriedenheit der Arbeiter trat ebenfalls bei den

AMERIKA DIENST 9

großen Demonstrationen in Moskau vor dem Parteikongreß Anfang letzten Monats zutage, als sich zumindest einige Arbeiter traditionelle marxistische Leitsätze zu eigen machten. Ein Transparent trug zum
Beispiel die Aufschrift: "Der sowjetische Arbeiter hat
nichts zu verlieren außer seiner Armut".
Die Empörung über Korruption, Mißwirtschaft und
Arroganz staatlicher Stellen hat die Forderung der
Basis nach mehr Demokratie heraufbeschworen. In
verschiedenen Städten und Außenbezirken haben die
Proteste im Volk bereits Rücktritte von Parteikadern
zur Folge gehabt. Einige dieser Konfrontationen mit
der Führung sind in der staatlichen Sowjetpresse auf
positive Resonanz gestoßen.
Die in den nächsten Monaten in 15 Republiken stattfindenden Wahlen werden wahrscheinlich den Reformprozeß stärken und den Institutionen der Legislative
auf Kosten der Partei mehr Autorität zugestehen.
Darüber hinaus werden diese Entwicklungen den Druck
auf Moskau erhöhen, das Tempo der Reformen zu beschleunigen.
Schließlich entwickeln sich mit der größeren Dynamik
der Reformen neue Beziehungen zwischen Moskau
und den Minderheitsrepubliken. Es besteht nunmehr
die reelle Chance, daß die baltischen Staaten in den
kommenden Jahren eine friedliche Abspaltung von der
Sowjetunion zuwege bringen. Im Kaukasus und Zentralasien wird es weiterhin ethnische und religiöse
Probleme geben, die Moskau zum Einsatz militärischer Macht zwingen könnten, um Ordnung und
Machtmonopol aufrechtzuerhalten, wie dies in Aserbaidschan geschehen ist.
Die Möglichkeit einer reaktionären Gegenbewegung
Obwohl die von Lenin, Stalin und Breschnew ins Leben
gerufenen Institutionen abgeschafft wurden, sind die
neuen noch nicht in der Lage, mit den überwältigenden
Problemen des Landes fertigzuwerden. Unter den
sowjetischen Bürgern wächst die Unzufriedenheit mit
dem niedrigen Lebensstandard, Engpässen, steigender Kriminalität, Aufständen von Volksgruppen und
anderen Problemen. Arbeiteraufstände könnten in
diesem Jahr zunehmen, zu einer ernsthaften neuen
Herausforderung für die zentrale Führung werden und
die Wirtschaft weiter schwächen.
Unter diesen Umständen ist es möglich, daß reaktionäre Gegner von Präsident Gorbatschows Reformen
zu seinem Sturz ausholen. Zweifellos müßten sie
beträchtliche Gewalt anwenden, um ein orthodoxes
Regime zu etablieren. Sie würde viele der gegenwärtigen Reformen abschaffen und eine strengere zentrale Kontrolle anstreben.
Solch ein neues System wäre Zielscheibe für internationale Kritik und Sanktionen und müßte sich gegenüber einer Bevölkerung behaupten, die ein stärkeres
Seite 3

�politisches Bewu ßtsein hat als jemals zuvor seit 1917.
In Moskau und in anderen Städten würden die Reformwilligen auf die Straße gehen, und mit an Sicherheit
grenzender Wahrscheinlichkeit würde es zu Gewaltakten kommen.

größere Konfrontation mit den Vereinigten Staaten.
Eine neue Führung müßte sich vor allem mit den
dringlichen nationalen Problemen auseinandersetzen
und würde sich höchstwahrscheinlich nicht die militärische Aufrüstung im großen Stil vornehmen.

Die Volksaufstände würden höchstwahrscheinlich in
einigen Minderheitsrepubliken größere Ausmaße
annehmen. Eine orthodoxe Führung würde unter
Umständen massive militärische Macht einsetzen, um
die Abspaltung der baltischen Republiken zu verhindern. Andere Republiken könnten ebenfalls Unabhängigkeit anstreben.

Das heißt, daß sich jedes Nachfolgeregime denselben
wirtschaftlichen und politischen Herausforderungen
wie Präsident Gorbatschow gegen übersehen und
sicherlich auch Rüstungskontrollabkommen mit dem
Westen weiterverfolgen würde. Darüber hinaus würde
es wahrscheinlich keinen Kurswechsel der in Osteuropa erfolgten Veränderungen oder etwa eine Reaktivierung des Warschauer Pakts anstreben.

Eine derart kompromißlose Führung könnte sich jedoch nur solange halten wie sie über die Unterstützung
eines starken und einigen Militärs verfügt. Die sowjetischen Streitkräfte sind aber nicht ausgebildet oder
ausgerüstet, um die Aufgaben einer Polizeitruppe
wahrzunehmen. Große und um sich greifende Aufstände würden sie auf eine harte Probe stellen. Dabei
kann man die Reaktion von Befehlshabern und Truppen nicht vorhersagen, wenn sie den Befehl erhalten,
auf Zivilisten zu schießen.
Eine orthodoxe politische Führung müßte sich vor
Augen führen, daß die rumänischen Streitkräfte sich
letztlich geweigert haben, Ceausescus Regime vor
dem Volkszorn zu retten. Sie haben sich vielmehr dem
Volk angeschlossen und ihn gestürzt. Herr Vorsitzender, ich kann nicht vorhersehen, welche Entscheidungen die gegenwärtige oder künftige Führung der
Sowjetunion treffen wird.
Aber auch wenn ein orthodoxes Regime in Moskau an
die Macht käme, bestünden wenig Anreize für eine
*

Seite 4

Schlußbemerkung
Herr Vorsitzender, zum Schluß möchte ich darauf
hinweisen, daß auch ein Führungswechsel und ein
anderer politischer Kurs in Moskau wahrscheinlich
keine internationale Ordnung mehr herstellen würde,
wie sie noch vor einigen Jahren existierte.
Grö ßere Umwälzungen zugunsten einer Herrschaft im
stalinistischen Stil werden in Osteuropa immer unwahrscheinlicher, obwohl politische Krisen und Rückschläge bei den Reformen sehr wohl stattfinden können.
Ich versichere Ihnen jedoch, daß die Nachrichtendienste alle Möglichkeiten aufmerksam beobachten werden. Wir werden weiterhin den täglichen Ablauf der sowjetischen und osteuropäischen Reformprozesse und
seine Auswirkungen auf amerikanische Interessen beobachten und auswerten.

* * *

*

AMERIKA DIENST 9

�</text>
                  </elementText>
                </elementTextContainer>
              </element>
            </elementContainer>
          </elementSet>
        </elementSetContainer>
      </file>
    </fileContainer>
    <collection collectionId="4">
      <elementSetContainer>
        <elementSet elementSetId="1">
          <name>Dublin Core</name>
          <description>The Dublin Core metadata element set is common to all Omeka records, including items, files, and collections. For more information see, http://dublincore.org/documents/dces/.</description>
          <elementContainer>
            <element elementId="50">
              <name>Title</name>
              <description>A name given to the resource</description>
              <elementTextContainer>
                <elementText elementTextId="6534">
                  <text>Dokumente</text>
                </elementText>
              </elementTextContainer>
            </element>
          </elementContainer>
        </elementSet>
      </elementSetContainer>
    </collection>
    <itemType itemTypeId="19">
      <name>Digitalisat</name>
      <description>Umwandlung eines physischen Dokumentes in ein digitales Medium.</description>
    </itemType>
    <elementSetContainer>
      <elementSet elementSetId="1">
        <name>Dublin Core</name>
        <description>The Dublin Core metadata element set is common to all Omeka records, including items, files, and collections. For more information see, http://dublincore.org/documents/dces/.</description>
        <elementContainer>
          <element elementId="40">
            <name>Date</name>
            <description>A point or period of time associated with an event in the lifecycle of the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="10778">
                <text>07.03.1990</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
          <element elementId="51">
            <name>Type</name>
            <description>The nature or genre of the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="10779">
                <text>Digitalisat</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
          <element elementId="39">
            <name>Creator</name>
            <description>An entity primarily responsible for making the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="10780">
                <text>Herausgeben U.S. Information &lt;br /&gt;Service Embassy of the United States of America</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
          <element elementId="50">
            <name>Title</name>
            <description>A name given to the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="10781">
                <text>Amerikadienst 07.03.1990</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
          <element elementId="41">
            <name>Description</name>
            <description>An account of the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="10782">
                <text>&lt;strong&gt;1. Handel&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Offene Märkte und fairer Wettbewerb: amerikanische Handelspolitik für die Neunziger Jahre&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede von Botschafter Walters vor dem Übersee-Club&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Abbau von Handelsschranken Hauptziel im Jahr 1990&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Auszug aus dem Bericht der US-Handelsbeauftragten&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Wirtschaft&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Europa und die Vereinigten Staaten von Amerika: Verantwortung für eine Welt im Wandel&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede von Botschafter Walters beim Initiativkreis Ruhrgebiet&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Osteuropa&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Webster: Wandel in der Sowjetunion unumkehrbar&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede des CIA-Direktors vor Kongreßausschuß&lt;/em&gt;</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
        </elementContainer>
      </elementSet>
    </elementSetContainer>
  </item>
  <item itemId="2135" public="1" featured="0">
    <fileContainer>
      <file fileId="2146">
        <src>https://www.amerikahaus-archiv.de/files/original/90165c30c3a8c7d3d73b6afc61d8f47a.pdf</src>
        <authentication>dc8dc68f7cdfc1aa5b0ff35d01670de6</authentication>
        <elementSetContainer>
          <elementSet elementSetId="4">
            <name>PDF Text</name>
            <description/>
            <elementContainer>
              <element elementId="52">
                <name>Text</name>
                <description/>
                <elementTextContainer>
                  <elementText elementTextId="10789">
                    <text>cimcrikci
dienet

U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

.«**&gt;
14. März 1990

10

*TO

^

SP&amp; ^

«*»..^

^«Ä
&lt;ö*&lt; »

^Sjfr»'
ABRÜSTUNG

VEREINIGTE STAATEN:
CHANCEN IN DER RÜSTUNGSKONTROLLE: "BEISPIELLOS"
Rede von ACDA -Direktor Lehman
im Senat

NATO

GALVIN BEKRÄFTIGT NATO-STRATEGIE,
HÄLT JEDOCH ÄNDERUNGEN FÜR MÖGLICH
Erklärung vor Unterausschuß
des Senats

UMWELT

ERNEUERBARE ENERGIEN SOLLEN
ERWÄRMUNG BREMSEN
Die Forschung nach alternativen
Betriebsstoffen

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Postfach 20 0300
D 5300 Bonn 2

Tel.:0228-33923 66
Telex: 8-85432

�ABRÜSTUNG
14. März 1990

VEREINIGTE STAATEN: CHANCEN IN DER
RÜSTUNGSKONTROLLE "BEISPIELLOS"
Rede von ACDA-Direktor Lehman Im Senat
WASHINGTON - (AD) - Die Ereignisse der vergangenen Monate in Osteuropa "eröffnen der amerikanischen
Rüstungskontrollpolitik in absehbarer Zukunft beispiellose Chancen", erklärte Ronald F. Lehman II am 7. März
1990 im auswärtigen Ausschuß des Senats.
Die Bush-Administration erkennt diese Chancen und sucht aufgrund dessen die Rüstungskontrollverhandlungen nicht nur voranzutreiben und zu intensivieren, sondern sie hat dem Leiter des Amts für Rüstungskontrolle
und Abrüstung (ACDA) zufolge darüber hinaus die Tagesordnung erweitert.
Die Rüstungskontrollbestrebungen der Vereinigten Staaten sind "entscheidend, um in einem Zeitalter großer
Veränderungen und damit einhergehender großer Unsicherheit und Instabilität die beiden Grundsätze der
Stabilität und des friedlichen Wandels zu fördern", erklärte Lehman.
Nachfolgend veröffentlichen wir Lehmans Rede im Wortlaut.

Es wird noch viel Zeit vergehen, bis wir Abstand
gewonnen haben und die Tragweite der Ereignisse
überblicken können, die in den vergangenen Monaten
die Welt in Atem gehalten haben, vom Fall der Berliner
Mauer bis zum Sturz kommunistischen Machthaber in
Osteuropa und jetzt auch in Mittelamerika. Wir können
jedoch hoffen, daß - wie Präsident Bush in seiner Rede
zum Amtsantritt erklärte -"... das Zeitalter der Diktaturen zu Ende geht und die alten Ideen wie Blätter von
einem toten Baum abfallen".

cherheitsinteressen der Vereinigten Staaten und ihrer
Verbündeten dienen und einen dauerhaften und stabilen Frieden hervorbringen wird.

Diese Ereignisse bedeuten für die heutige Zeit eine
politische Revolution. Sie eröffnen der amerikanischen Rüstungskontrollpolitik in absehbarer Zukunft
beispiellose Chancen. Die Bush-Administration erkennt diese Chancen und sucht aufgrund dessen die
Rüstungskontroll verhandlungen nicht nur voranzutreiben und zu intensivieren, sondern sie hat darüber
hinaus die Tagesordnung erweitert.

Der Gang der Ereignisse hat die Welt - im übertragenen Sinne - "auf den Kopf gestellt". Wer hätte vor
einem Jahr damit gerechnet, daß der Außenminister
im Internationalen Ausschuß des Obersten Sowjets,
der wichtigsten Institution der Legislative in der Sowjetunion, auftreten würde - innerhalb der Kremlmauern?
Am 10. Februar 1990 hat Außenminister Baker genau
das getan und "Zeugnis abgelegt" von den amerikanischen Ansichten zu Veränderungen in der Sowjetunion. Solche dramatischen und beispiellosen Ereignisse
stärken unsere Hoffnungen, daß wir die Chancen der
Revolution nutzen müssen. Aber wir dürfen nicht die
Orientierung verlieren. Diesen Ereignissen sind Jahrzehnte geduldiger Anwendung wichtiger strategischer
und politischer Grundsätze vorausgegangen.

Die Chancen geben zu vorsichtigem Optimismus Anlaß. Wir sind optimistisch, daß größere Meinungsverschiedenheiten bei Verträgen oder Abkommen in einigen miteinander verknüpften Bereichen gelöst werden
können. Gleichzeitig erkennen wir, daß nur ein gesunder politischer und strategischer Realismus den Si-

Die Stärke des Westens hat den Frieden gesichert.
Die Fähigkeiten und die Geschlossenheit in der NATO
haben in Europa seit mehr als vierzig Jahren - und
damit dem längsten Zeitraum in seiner Geschichte den Frieden erhalten. Diese Entschlossenheit müssen wir beibehalten. Welchen Weg die Veränderun-

AMERIKA DIENST 10

Seite 1

�gen in der Welt auch nehmen mögen, die nuklearen
und konventionellen Streitkräfte der Sowjetunion bleiben eine beträchtliche Bedrohung für die Vereinigten
Staaten und ihre Verbündeten. Diese Streitkräfte
bleiben auch nach Durchführung der vorgesehenen
Rüstungskontrollabkommen eine ernstzunehmende
Bedrohung.
Geographie ist an keine Zeit gebunden. Die Sowjetunion ist und bleibt die größte Macht auf der eurasischen
Halbkugel, auch wenn sie ihre konventionellen Streitkräfte erheblich reduziert. Im Gegensatz dazu sind die
Vereinigten Staaten durch einen Ozean von ihren
Verbündeten in Europa und Asien getrennt. Und die
aus Europa abgezogenen amerikanischen Streitkräfte
fallen deshalb als Teil des militärischen Gleichgewichts Eurasiens kaum ins Gewicht. Darum muß die
Präsenz der Vereinigten Staaten in Europa aufrechterhalten werden.
Moralisch sind amerikanische und sowjetische Streitkräfte in Europa nicht miteinander vergleichbar. Bei
den in Osteuropa stationierten sowjetischen Streitkräften handelt es sich um Besatzungstruppen. Im Gegensatz dazu wurden die konventionellen und nuklearen Streitkräfte der Vereinigten Staaten als Bestandteil
der NATO in Westeuropa stationiert, im Rahmen eines
Bündnisses freier Nationen und um der offensiven
Bedrohung aus dem Osten mit einem Schild entgegenzutreten, hinter dem die Demokratien in Westeuropa
gedeihen konnten. Präsident Bush hat am 4. Dezember 1989 in Brüssel nach dem Gipfel mit Präsident
Gorbatschow in Malta erklärt: "Ich verspreche heute,
daß die Vereinigten Staaten weiterhin umfangreiche
Streitkräfte in Europa stationieren werden, solange die
Verbündeten unsere Präsenz als Teil gemeinsamer

Verteidungsbestrebungen wünschen."
Wenn wir mit unseren Verbündeten in ein Zeitalter
eintreten, in dem wir Containment überwinden und ein
kooperativeres Verhältnis zur Sowjetunion herstellen
können, gewinnt der Bereich Rüstungskontrolle zunehmend an Bedeutung. Die neue Phase der internationalen Beziehungen, insbesondere der politischen
Veränderungen in Osteuropa bringt sowohl beträchtliche Unsicherheit und Risiken als auch die Verheißung
von Freiheit und Demokratie mit sich. Die potentiellen
Vorteile von Rüstungskontrollabkommen, mit denen
Offenheit bei militärischen Aktivitäten und Berechenbarkeit bei militärischer Planung gefördert und damit
Risiken falscher Einschätzungen oder Fehlplanungen
verringert werden, können größere Bedeutung erlangen als das im Zeitalter der bekannten politischen
Parameter der Fall war. Unsere Rüstungskontrollbestrebungen sind entscheidend, um in einem Zeitalter
großer Veränderungen und damit einhergehender großer
Unsicherheit und Instabilität die beiden Grundsätze
der Stabilität und des friedlichen Wandels zu fördern.

Seite 2

Wichtige Ziele und Kriterien für Rüstungskontrole
Die im ersten Jahr der Bush-Administration zu beobachtenden intensivierten Rüstungskontrollbestrebungen entstanden aus dem Blickwinkel heraus, daß
Rüstungskontrolle nicht in einem politischen Vakuum
stattfindet und daß sie zwar einen wichtigen Beitrag
zur nationalen Sicherheit leistet, aber kein Ziel an sich
ist.
Waffen und Wettrüsten sind Symptome und nicht
Ursachen der zugrundeliegenden politischen Meinungsverschiedenheiten. Wir hoffen, daß "Glasnost", wie es
jetzt in der sowjetischen Innen- und Außenpolitik zutage tritt, die politischen Voraussetzungen für dauerhafte und strategisch bedeutungsvolle Rüstungskontrollabkommen, ein Ende militärischer Bedrohungen, aggressiver Absichten und totalitärer Praktiken schaffen
kann. Wir konnten in dieser Hinsicht einige positive
Anzeichen entdecken und suchen diese sehr vorsichtig zu fördern.
Die amerikanische Verteidigungspolitik der Abschrekkung dient zusammen mit Rüstungskontrollabkommen dem gemeinsamen Ziel, das Risiko eines Kriegsausbruchs - nuklear oder konventionell - zu verringern,
Aggression abzuschrecken und die Stabilität auf niedrigeren Streitkräfteniveaus zu erhöhen. Wir werden
jedes Rüstungskontrollabkommen und alle Bestimmungen eines potentiellen Abkommens nicht nur nach
der Zahl der reduzierten Waffen beurteilen, sondern an
diesen Maßstäben messen, bei denen uns drei Kriterien als Leitlinie dienen:
Wird Abschreckung beibehalten oder gestärkt?
Wird Stabilität bei den regionalen und strategischen Gleichgewichten verbessert?
Ist das Abkommen wirksam verifizierbar?
Der Erfolg der Rüstungskontrollstrategie der Administration
Unser ehrgeiziger Zeitplan spiegelt die bereits erzielten Fortschritte wider. Wir engagieren uns für einen
strikten Zeitplan von Verhandlungen, werden aber
zugunsten der Einhaltung von Terminen weder unsere
Maßstäbe herunterschrauben noch von unserem
Hauptziel abrücken. Angesichts rascher Veränderungen und gro ßer Unsicherheiten müssen wir manchmal
Vorsicht watten lassen. Bei anderer Gelegenheit müssen
wir schnell reagieren und die Führung übernehmen.
Wir haben das richtige Maß gefunden. Unsere Strategie war erfolgreich.
Unser Rüstungskontrollprogramm ist umfangreich und
unser Zeitplan ehrgeizig, weil der Erfolg unserer Strategie beispiellose Chancen eröffnet. Zum Beispiel hat
unser Beharren auf gleichzeitigen Fortschritten bei

AMERIKA DIENST 10

�Menschenrechten und Rüstungskontrollverhandlungen sowohl im Kontext der KSZE als auch in anderen
Foren Fortschritte in beiden Bereichen hervorgebracht.
Rüstungskontrolle schafft bei Symptomen von Spannungen Abhilfe während politische Reformen ihre
Ursachen beseitigen.
Verhandlungen über Sicherheitspolitik und politische
Reformen in Europa gehen Hand in Hand und bauen
aufeinander auf. Rüstungskontrollverträge, vertrauensbildende Vorschläge wie "Offene Himmel" fördern,
begleitet von strikten Verifizierungsmaßnahmen und
detailliertem Datenaustausch, Glasnost im militärischen Bereich, wodurch wiederum Glasnost im politischen Bereich Vorschub geleistet wird.
Im Januar dieses Jahres besuchte der Vorsitzende der
Vereinigten Stabschefs, General Colin Powell, in Wien
die erste historische Zusammenkunft von Offizieren
und Verteidigungsexperten aus 35 europäischen
Ländern und NATO-Mitgliedstaaten. In Gesprächen
über Militärdoktrin und Verteidigungshaushalte erklärte General Powell unseren Prozeß offener Debatten,
der den Verteidigungscharakter unserer Politik garantiert.
General Powell stellte heraus, daß die Vereinigten
Staaten nicht mehr für ihre Verteidigung ausgeben als
unbedingt erforderlich, aber dennoch die Verteidigung
im erforderlichen Maße aufrechterhalten. Wir werden
weder unsere Sicherheit aufs Spiel setzen noch unsere Verpflichtungen gegenüber den Verbündeten vernachlässigen. Unsere Streitkräfte in Europa werden
so lange dort bleiben wie sie benötigt werden und
erwünscht sind - aber auch wirklich nur solange. General
Powell erinnerte die Welt daran, daß unsere Streitkräfte an eine demokratische Verfassung gebunden und
dem Rechtsstaat verpflichtet sind. Sie dienen der
Verteidigung der Freiheit, nicht deren Unterdrückung.
Nirgendwo auf der Welt sind die Streitkräfte der Vereinigten Staaten Besatzungstruppen.
Beim Prozeß des Gebens und Nehmens in den Rüstungskontrollverhandlungen haben wir Flexiblität
bewiesen, wo immer dies erforderlich war, um den
berechtigten Sicherheitsinteressen aller Parteien entgegenzukommen, sind aber unseren Prinzipien treu
geblieben und haben unsere Interessen und die unserer Verbündeten hartnäckig verteidigt. Wir bestehen
auch weiterhin auf tragfähigen militärischen Abkommen, die wirksam verifizierbar sind, militärische Stabilität fördern und das Klima für echte politische Reformen in Osteuropa und auch in der Sowjetunion verbessern.
Leistungen Im ersten Jahr der Bush-Administration
Im ersten Jahr hat unsere Administration in der Rüstungskontrolle bereits beachtliche Leistungen erzielt.
Wir konnten eine Reihe neuer Abkommen mit der

AMERIKA DIENST 10

Sowjetunion schließen, etwa über:
die Verhinderung gefährlicher militärischer Aktivitäten,
vorherige Benachrichtigung über strategische
Übungen,
Klärung des Rechts der Durchquerung von
Territorialgewässern,
eine Regierungsvereinbarung über einen Datenaustausch zu chemischen Waffen und ein
Verifizierungsexperiment,
eine Vereinbarung über die Durchführung von
Verifizierungsbestimmungen des INF-Vertrags,
ein Rahmenabkommen über versuchsweise
Verifizierung und Stabilitätsmaßnahmen für die
Verhandlungen über die Verringerung strategischer Rüstungen (START).
ein Abkommen zur Durchführung gegenseitiger
Demonstrationen der vorgeschlagenen Verfahren jeder Seite zur Verifizierung von Gefechtsköpfen auf ballistischen Raketen,
ein Abkommen zur gegenseitigen Vorführung
strategischer Bomber zur Erleichterung der
Verifizierung und
ein Abkommen zur Demonstration vorgeschlagener "einzigartiger Identifikationsmerkmale"
("tags") für die Verifizierung ballistischer Raketen.
Wir denken, daß dies erst der Anfang ist.
Offene Himmel
Der Vorschlag über Offene Himmmel ist das Ergebnis
einer Initiative, die Präsident Bush am 12. Mai 1989 in
einer Rede bei der Texas A and M University erläutert
hat. Sein vordringliches Ziel besteht darin, unbewaffneten Flugzeugen von NATO und Warschauer Pakt
den Überflug des jeweils anderen Gebiets zu gestatten. Die Idee wurde erstmals 1955 von Präsident
Eisenhower vorgetragen, von der Sowjetunion aber
abgelehnt. Doch haben sich die Zeiten seit dem Ende
der Stalin-Ära drastisch verändert. Heute, da die
Revolution in Osteuropa in vollem Gange ist, ist die
Zeit reif für diese Idee.
Es ist zwingend erforderlich, daß wir heute bestrebt
sind, ein neues und dauerhaftes Sicherheitssystem für
Europa aufzubauen - die militärische Seite dieser
Gleichung - um die dramatischen Veränderungen bei
den Regierungen zu vervollständigen - die politische
Seite der Gleichung. Solche Chancen werden sich
vielleicht so bald nicht mehr ergeben. Wenn wir
Abkommen zur Stabilisierung militärischer Beziehungen aushandeln, legen wir damit im Zeitalter der

Seite 3

�Revolutionen strategische Veränderungen fest, die
sich in einem nachrevolutionären Zeitalter nur schwer
rückgängig machen lassen. In dieser Hinsicht gehen
Rüstungskontroll- und politische Veränderungen Hand
in Hand und ergänzen sich gegenseitig.

Das Abkommen wird Bestimmungen über das
Recht auf Durchführung von Beobachtungsflügen mit unbewaffneten Flugzeugen und Geräten enthalten, die dem Ziel der Vereinbarung
nicht entgegenstehen.

Im neuen Europa sind "Offenheit", "Transparenz" und
"Berechenbarkeit" für die gemeinsame Sicherheit
unabdingbar. Wir müssen militärische Aktivitäten für
Inspektionen zugänglich machen, um Zwischenfälle,
Fehleinschätzungen und sogar vorsätzliche Überraschungsangriffe zu verhindern. Geheimhaltung muß
durch Treu und Glauben, Mißtrauen durch Vertrauen
und Unwissenheit durch Informationen ersetzt werden.

Die bloße Idee, daß 23 unabhängige Staaten darüber
verhandeln, ob sie ihren Luftraum zur Beobachtung
freigeben, ist ein bemerkenswerter politischer und in
der Geschichte beispielloser Akt, aber dies sind bemerkenswerte Zeiten.

Wir machen in diesem Bereich bei unseren Wiener
KSE- und den KSZE-Verhandlungen große Fortschritte. Diese bleiben wichtigste Bestandteile unserer
Mittel zur Stabilisierung der zentralen Front im neuen
Europa. Offene Himmel ergänzt und vervollständigt
diese Verhandlungen.
Im Gegensatz zu KSE handelt es sich bei Offene
Himmel um eine vertrauensbildende Maßnahme. Im
Rahmen unseres Vorschlags über Offene Himmel
werden die Teilnehmerstaaten militärische Aktivitäten
anderer Länder unabhängig von Tageszeit oder Witterungsbedinungen beobachten können. Offene Himmel erstreckt sich darüber hinaus auf die Territorien
aller 23 Teilnehmerstaaten - einschließlich Nordamerikas, Europas und Asiens. Offene Himmel entspricht
unserer Zeit und ist sicherlich die revolutionärste und
ehrgeizigste vertrauensbildende Maßnahme, die jemals vorgeschlagen wurde.
Auf Einladung der kanadischen Regierung sind die
Außenminister und Regierungsvertreter von 23 Ländern vom 12. bis 14. Februar 1990 in Ottawa zusammengetreten, um Verhandlungen über diesen Vorschlag aufzunehmen. Das Konzept stieß auf positive
Resonanz, die noch bestehenden Meinungsverschiedenheiten müssen im Frühjahr in Budapest ausgeräumt werden.
Im frühen Stadium dieser Verhandlungen möchte ich
die Ergebnisse hervorheben, die bei dieser bahnbrechenden Initiative erzielt wurden. Erstens wurde
Übereinstimmung erzielt, daß wir 1990 und vorzugsweise bei den Verhandlungen in Budapest versuchen
sollten, einen Konsens zu einer Initiative Offene Himmel zu erzielen.
Es wurde vereinbart, daß Offene Himmel auf
der Basis von Gegenseitigkeit und Gerechtigkeit die Interessen eines jeden Teilnehmerstaates schützen soll.
Jeder Teilnehmerstaat wird auf der Basis jährlich festgesetzter Quoten das Recht haben, Beobachtungsflüge durchzuführen und die Pflicht,
diese zuzulassen.
Seite 4

Bevor wir zu euphorisch werden, möchte ich darauf
verweisen, daß wir uns noch im Verhandlungsstadium
befinden und Ost und West immer noch wichtige
Meinungsverschiedenheiten überwinden müssen. Die
wichtigsten sind die Differenzen zwischen dem vorgeschlagenen NATO-Konzept einer nationalen Durchführung von Überflügen und dem Ansatz des Warschauer Pakts, einen "Pool" von Flugzeugen einzurichten, der von allen Teilnehmerstaaten verwaltet
wird. Darüber hinaus sind wir uns noch nicht über die
Arten der Sensoren einig, die erlaubt oder verboten
sein sollen.
Trotz dieser Probleme ist die Bedeutung von Offene
Himmel als vertrauensbildendem Vorschlag von revolutionärer Dimension nicht zu unterschätzen. Die Idee
birgt ein gewaltiges Potential zur Gestaltung positiverer Ost-West-Beziehungen.
KSE
Die Fortschritte bei den Verhandlungen über Konventionelle Streitkräfte in Europa (KSE) erhielten Auftrieb
durch die gemeinsamen Bestrebungen des Präsidenten und anderer NATO-Politiker im Mai vergangenen
Jahres und durch den Bericht des Präsidenten zur
Lage der Nation. Diese Fortschritte sollten Ende
dieses Jahres den Abschluß eines Abkommens mit
einschneidenden Reduzierungen auf gleiche Niveaus
in wichtigen Bereichen der umfangreichen Streitkräfte
in Europa möglich machen. In Ottawa konnten wir uns
auf eine Obergrenze von 195 000 amerikanischen und
sowjetischen Soldaten der Land- und Luftstreitkräfte
im Bereich Europa Mitte einigen, wobei die Zahl der
andernorts stationierten US-Streitkräfte lediglich 30 000
betragen soll. Obwohl ein KSE-Abkommen insbesondere im Hinblick auf die Definition von Panzern, gepanzerten Kampffahrzeugen, Flugzeugen und Hubschraubern noch Hindemisse zu überwinden haben wird,
könnte der Abschluß eines Vertrages, wie er uns in
nahezu zwei Jahrzehnten der Verhandlungen vorschwebte, in greifbare Nähe gerückt sein.
Der KSE-Prozeß ist zentraler Bestandteil der amerikanischen Strategie, insbesondere angesichts der bahnbrechenden Veränderungen in Mittel- und Osteuropa.
Er repräsentiert ferner die komplexesten Verhandlungen, die jemals in der Geschichte der Diplomatie
stattgefunden haben. Dennoch wird in allen Lagern -

AMERIKA DIENST 10

�in Ost und West, öffentlich wie privat - die Auffassung
vertreten, daß 1990 der Abschluß der Verhandlungen
und die Unterzeichung eines umfassenden und verifizierbaren Vertrags zur Reduzierung von Waffen und
Truppen in Europa erfolgen soll.
Ein KSE-Vertrag ist genau jetzt entscheidend, weil wir
Zeugen des Zusammenbruchs eines politischen Systems in Osteuropa werden, das, solange wir denken
können, einen großen Teil Europas beherrscht hat.
Dies ist ein Zeitalter großer Hoffnungen und ebenso
großer Unsicherheit. In diesem Kontext müssen wir
uns vor Augen führen, daß die Sowjetunion ungeachtet ihrer Führung eine militärische Supermacht bleiben
wird. Die westliche Grenze der Sowjetunion ist lediglich 960 Kilometer von der Grenze der Bundesrepublik
entfernt. Auch mit den geplanten Truppenreduzierungen wird die Sowjetunion die im konventionellen Bereich überragendste Militärmacht auf dem Kontinent
sein. Angesichts einer Zeit anhaltender Instabilität, die
noch eine Weile bestehen kann, ist ein dauerhafter
Rahmen im militärischen Bereich eine Voraussetzung
für den politischen Prozeß der Demokratisierung.
Ein KSE-Vertrag ist für diesen Prozeß unabdingbar.
Er wird ein Eckpfeiler einer neuen politischen Ordnung
in einem stabilen und sicheren Europa mit niedrigeren
Streitkräfteniveaus sein.
Wir brauchen ein Vertragswerk für die international bindenden Verpflichtungen für eine neue
militärische Ordnung.
Wir brauchen ein Vertragswerk, um sicherzustellen, daß Reduzierungen und Beschränkungen, insbesondere wo sie das Territorium der
Sowjetunon betreffen, verifizierbar sind.
Wir brauchen ein Vertragswerk, das Zerstörung
und Demobilisierung von abgezogenen oder reduzierten Streitkräften zur Pflicht erhebt.
Schließlich kann nur ein vertragliches Regime
die Stabilität formalisieren und der in einem
wahrhaft demokratischen politischen Staatswesen in Osteuropa unerläßlichen militärischen
Offenheit und Transparenz einen institutionellen Rahmen geben.
Ich bleibe in dieser Hinsicht vorsichtig optimistisch.
Die KSE-Verhandlungen haben in der konventionellen
Rüstungskontrolle bereits zu revolutionären Veränderungen geführt und in weniger als einem Jahr geleistet,
was ihr Vorläufer (die Gespräche über beiderseitige
und ausgewogene Truppenreduzierungen - MBFR) in
nahezu 16 Jahren (1973 - 1989) nicht annähernd
zustande bringen konnten. Noch vor einem Jahr wäre
der jüngste amerikanische Vorschlag von 195 000
Mann auf beiden Seiten undenkbar gewesen. Im Falle
seiner Verwirklichung würde er bei den Sowjets eine
Verringerung um über 370 000 Mann in Ostmitteleuro-

AMERIKA DIENST 10

pa bewirken, während die Vereinigten Staaten in der
gleichen Region etwa 80 000 Mann abziehen würden.
In anderen Bereichen hat die KSE ebenfalls große
Veränderungen bewirkt. Dies gilt für den Informationsaustausch und Vor-Ort-Inspektionen, für die Kategorien zu reduzierender Streitkräftekomponenten (fünf
Waffenkategorien sowie amerikanische und sowjetische Soldaten) und die Arten der einzuführenden
Begrenzungen (Stationierungen im gesamten jeweiligen Bündnis, in einzelnen Ländern und im Ausland).
Wir haben die KSE jedoch noch nicht zum Abschluß
gebracht. In Ottawa stellten die Minister auch fest, daß
"noch viel zu tun bleibt, insbesondere zur Entwicklung
eines effektiven Verifizierungsregimes". Wir arbeiten
in der Regierung, mit unseren Verbündeten und mit
dem Osten schon sehr lange an diesem Problem. Um
die Verhandlungen voranzubringen, hat der Westen in
der vergangenen Woche den Entwurf eines Inspektionsprotokolls und zweier Vertragsartikel vorgelegt.
Wir hoffen, zu Beginn der nächsten Runde in drei
Wochen eine Antwort darauf zu bekommen.
Der Prozeß wird andauern - nicht nur bei den Wiener
KSE- und VSBM-Gesprächen, sondern auch in den
umfassenderen KSZE-Gesprächen. Diese Gespräche behandeln die Menschenrechte und damit zusammenhängende Fragen sowie Sicherheitspolitik.
START
Im vergangenen Jahr wurden erhebliche Fortschritte
bei START erzielt. Wir nähern uns dem erfolgreichen
Abschluß von Verhandlungen, die im Jahr 1982 begannen. Es stehen noch wichtige Probleme an, aber
die bei mehreren noch zu lösenden Fragen erzielten
Fortschritte prädestinieren START für einen baldigen
Verhandlungsabschluß. Eine Vereinbarung über die
wichtigsten Fragen bis zum Gipfeltreffen im Juni 1990
ist wahrscheinlich.
An einer breiten, beide Seiten betreffenden Front
schreiten wir kontinuierlich voran, um die Fragen zu
lösen, die uns noch von einer START-Vereinbarung
trennen. Diese Verhandlungen werden die strategische Stabilität für beide Seiten verbessern. Wir bewegen uns auf ein neues Zeitalter beiderseitiger Sicherheit auf der strategischen Ebene zu. Gleichzeitig
machen wir historische Schritte zu strengen Verifizierungsmaßnahmen vor Abschlu ß eines Vertrags. Dies
wurde durch den Vorschlag des Präsidenten zur Entwicklung von Verifizierungs- und Stabilitätsmaßnahmen noch vor Beendigung der START-Verhandlungen
ermöglicht.
Dazu gehören insbesondere:
- Inspektionen der schweren Bomber: Die Vereinigten
Staaten und die UdSSR haben sich verständigt, gegenseitig Vorführungen bestimmter strategischer (i.e.
"schwere") Bomber durchzuführen. Bei diesen Vor-

Seite 5

�führungen werden diejenigen Merkmale gezeigt, die
als Träger atomar bestückter, luftgestützter Marschflugkörper (ALCMs) ausgerüstete Bomber von anderen Bombern unterscheiden.
Dieser am 29. Januar 1990 erzielten Vereinbarung
zufolge wird jede Seite die Gelegenheit erhalten, ihren
Ansatz zur Unterscheidung schwerer Bomber vorzuführen. Gruppen von bis zu 10 Beobachtern werden
die operativen Luftwaffenstützpunkte der jeweils anderen Seite besuchen können, um die Fähigkeiten von
Bombern tatsächlich festzustellen und sich auf diesen
Luftwaffenstützpunkten umzusehen.
Die erste Vorführung wird von der Sowjetunion zur
Demonstration der TU-95 (BEAR) durchgeführt. Im
Gegenzug werden die Vereinigten Staaten sowjetischen Inspektoren verschiedene Varianten des B-1B
vorführen.
Danach werden beide Seiten die gewonnenen Erfahrungen anwenden, um das Inspektionsprotokoll für
den abzuschließenden START-Vertrag fertigzustellen.
- Demonstrationen zur Identifizierung: Um Präsident
Bushs Vorschlag vom Juni 1989 zu verwirklichen, sind
die Vereinigten Staaten und die UdSSR übereingekommen, einzigartige Identifikationsmerkmale für ballistische Raketen einzusetzen (das sogenannte "tagging), ein Verfahren, bei dem die Rakete selbst einer
besonderen Identifizierungsmethode unterworfen wird,
um ihren Typ zu bestimmen. Der Vereinbarung zufolge müssen diese "Abzeichen" strengen Verifizierungsnormen entsprechen - Lesbarkeit, Haltbarkeit, NichtÜbertragbarkeit und so weiter. Das sowjetische

SLBM vom Typ Trident II beginnen, die Sowjets mit
ihrer ICBM vom Typ SS-18 und der SLBM vom Typ
SS-N-23.
Dies sind herausragende Beispiele für die bei den
Maßnahmen zur nuklearen Rüstungskontrolle in jüngster Vergangenheit erzielten Erfolge. Vergleicht man
dies mit der länger zurückliegenden Vergangenheit, so
sind die heute erzielten Fortschritte wahrhaft bemerkenswert.
Die Verhandlungen über strategische Waffen sind in
ein neues Stadium eingetreten und schreiten mit neuem
Tempo voran. Als Ergebnis von drei hochrangigen
Treffen, die im September 1989 in Wyoming, im Dezember 1989 vor Malta und im Februar 1990 in Moskau
stattfanden, liegt ein START-Abkommen heute in
greifbarer Nähe. In Malta kamen Präsident Bush und
Präsident Gorbatschow überein, bei den START-Verhandlungen die Suche nach Lösungen der wichtigen
noch ausstehenden Fragen bis zum Juni 1990 zu
beschleunigen. Außenminister Baker hat erklärt, es
könnte noch sechs Monate dauern, bis alle Einzelheiten geklärt seien, aber die Hoffnung auf einen Vertrag
in diesem Jahr sei realistisch.
Bei dem unlängst in Moskau erfolgten Außenministertreffen wurden in der Tat wichtige Fortschritte auf dem
Weg zu diesem Ziel gemacht.
- Bei den luftgestützten Marschflugkörpern wurde ein
Gesamtansatz im Hinblick auf Zählweise, Umrüstung
und Definitionen schwerer Bomber vereinbart. Ähnliche Vereinbarungen zur Zahl von Gefechtsköpfen auf
nuklear bestückten Marschflugkörpern, Behandlung
von nur mit konventionellen Bomben bestückten

"Abzeichen" ist dem amerikanischen Prototyp sehr

Bombern sowie Unterscheidung zwischen nuklearund

ähnlich - ein eindeutiges Plastikmaterial, in das reflektierende Kristalle eingearbeitet sind, um eine Unterscheidung von anderen Objekten oder anderen Raketen zu ermöglichen.

konventionell bestückten ALCMs wurden ebenfalls
abgeschlossen. Über die Reichweite der ALCMs muß
jedoch noch verhandelt werden.

- RV-lnspektionen: Die Vereinigten Staaten und die
UdSSR haben ferner am 22. Januar 1990 eine Vereinbarung zur gegenseitigen Vorführung unserer jeweiligen Verfahren unterzeichnet, um zu bestimmen, daß
die zulässige Zahl der Wiedereintrittskörper ("RVs")
auf einer ballistischen Rakete nicht überschritten wird.
Mit diesen Versuchsinspektionen gestatten die Vereinigten Staaten und die Sowjetunion zum ersten Mal in
der Geschichte gegenseitige Vor-Ort- Inspektionen unter
Einbeziehung der nuklearen Gefechtsköpfe auf den
jeweiligen ballistischen Raketen. Solche Inspektionen
sind auch in den Vorschlägen Präsident Bushs vom
Juni 1989 enthalten, vor der Vertragsunterzeichnung
beiden Seiten das Sammeln praktischer Erfahrungen
bei Verifikation und Stabilitätsmaßnahmen zu gestatten. Der Vereinbarung zufolge wird jede Seite die
Verfahrensweise bei zwei ihrer Raketen vorführen,
einer ICBM und einer SLBM. Die Vereinigten Staaten
werden mit der ICBM vom Typ Peacekeeper und der

Seite 6

- Bei den seegestützten Marschflugkörpern (SLCMs)
ergab das Moskauer Treffen die Entwicklung einer
parallelen, bindenden Erklärung, die außerhalb eines
formellen Vertrags von beiden Seiten abgegeben werden
soll.
- Zu nichtstationierten ballistischen Raketen (NDMs)
verständigten sich beide Seiten auf zahlenmäßige
Obergrenzen und nahmen eine Zuordnung von Gefechtskopfgrenzen für ICBMs vor, die von mobilen
Abschuß Vorrichtungen aus im Flug erprobt werden.
Die anderen Kategorien nichtstationierter Marschflugkörper und schwerer Bomber würden davon nicht
erfaßt. Darüber hinaus wurde eine Regelung zur
Definition von Standort und Verlegung nichtstationierter ballistischer Raketen getroffen.
- Zur Verweigerung von Daten (DD) erzielten wir bei
wichtigen Elementen Übereinstimmung, um die Übermittlung telemetrischer Daten bei der Flugerprobung
von ballistischen Raketen, die unter den STARTAMERIKA DIENST 10

�Vertrag fallen, zu gewährleisten. Diese Punkte werden
in den START-Vertrag einbezogen werden. Ihre
Anwendung wird jedoch durch einen Schriftwechsel
schon früher beginnen.
Fortschritte dieser Art werden immer mehr zu einem
Charakterzug unserer Zeit. Wir haben bei START
große Fortschritte gemacht, aber es bleibt noch viel zu
tun. In Moskau haben die Vereinigten Staaten zum
Beispiel neue Vorschläge im Hinblick auf Verifizierung
mobiler ICBMs, Vertragsdauer, zeitliche Abfolge der
Reduzierungen und Zuordnung von Gefechtsköpfen
gemacht. Die Sowjets legten ihrerseits neue Vorschläge auf den Tisch, die eine Umgehung der Vereinbarungen verhindern sollen.
Über diese und andere ausstehende Fragen muß in
Genf noch verhandelt werden. Ernste Meinungsverschiedenheiten bleiben bestehen, aber ich bin davon
überzeugt, daß der Weg zu einem Vertrag weiterhin
offen ist.
Wir sollten uns daran erinnern, daß ein START-Vertrag nur ein Element in der nationalen Sicherheitsstrategie der Vereinigten Staaten ist. Er wird weder
traditionelle geopolitische, wirtschaftliche oder ideologische Gegensätze ausräumen noch den "Geist" des
Atomzeitalters wieder in die Flasche zwingen können.
Atomwaffen, Luft- und Seestreitkräfte werden bestehen bleiben, und sowohl die Sowjetunion als auch die
Vereinigten Staaten werden als militärische Großmächte weiterhin in ihren Beziehungen zueinander mit
Schwierigkeiten konfrontiert sein. Der Krieg ist immer
noch nicht aus unserem Gedächtnis verschwunden,
aber wenn wir Erfolg haben, sollte er in Zukunft weit in
den Hintergrund treten. Das ist unser Hauptziel bei
unseren strategischen Verhandlungen mit der Sowjetunion - die Sicherheit beider Staaten zu verbessern
und im Zuge dessen einer Welt, die bereits viel zu stark
durch Waffen und Spannungen belastet ist, ein gewisses Maß an Ordnung und Stabilität zu verleihen.
Weltraumverteidigung
Wir haben die Absage der Sowjetunion an ein Junktim
zwischen einem START-Vertrag und einem ebenfalls
zur Verhandlung stehenden Vertrag über Weltraumverteidigung begrüßt. Wir haben in Genf einen neuen
Entwurf für einen Vertrag über Weltraumverteidigung
vorgelegt, der dieser Tatsache Rechnung trägt, und
wir werden unsere Bemühungen fortsetzen.
Ein Hauptziel der Vereinigten Staaten bei den Gesprächen über Weltraumverteidigung besteht darin, die
Verhandlungen über vertrauensbildende Maßnahmen
im Hinblick auf eine Verteidigung gegen ballistische
Raketen zu erleichtern und damit ein notwendiges
Element gegenseitiger Berechenbarkeit und Stabilität
bereitzustellen. Auf Einladung Außenminister Bakers
besuchte eine Gruppe von 10 sowjetischen Experten
die ALPHA-Lasereinrichtung der Firma TRW in Kali-

AMERIKA DIENST 10

fornien und die mit neutralen Teilchenstrahlen operierende Einrichtung für das raketengestütze Strahlenexperimet (Beam ExperimentAboardRocket-BEAR)
des Los Alamos National Laboratory (14. -19. Dezember). Mit diesen Besuchen erhielt die Sowjetunion eine
Gelegenheit, zu untersuchen, wie die von den Vereinigten Staaten vorgeschlagenen vertrauensbildenden
Maßnahmen funktionieren würden. Der sowjetischen
Gruppe wurde also ein einzigartiger Einblick in die
amerikanischen Forschungsmaßnahmen zu künftigen
Waffen gestattet, und zwar Jahre vorderen möglichem
Auftreten als stationierte Systeme.
In den Gesprächen über Weltraumverteidigung (DST)
mit der Sowjetunion in Genf streben die Vereinigten
Staaten weiterhin nach einer Vereinbarung über einen
kooperativen Übergang zu einem stabileren nuklearen
Gleichgewicht, das sich zunehmend auf strategische
Verteidigungssysteme stützen würde, falls diese sich
als machbar erweisen sollten, und gleichzeitig danach,
die Optionen der Vereinigten Staaten zur Stationierung solcher strategischer Verteidigungssysteme zu
bewahren, wenn diese einsatzbereit sind. Zu diesem
Zweck haben die Vereinigten Staaten im Dezember
1989 einen überarbeiteten Entwurf für einen Vertrag
über Weltraumverteidigung vorgelegt. Dieser Entwurf
bewahrt die zentralen Elemente der beim Washingtoner Gipfel im Dezember 1987 erzielten Übereinkunft
und spiegelt die Ergebnisse des Ministertreffens in
Wyoming im September 1989 wider. Der neue amerikanische Vorschlag beinhaltet femer den Entwurf für
ein Protokoll über Maßnahmen zur Verbesserung der
Berechenbarkeit, den amerikanischen Vorschlag über
weltraumgestützte Sensoren und die amerikanische
Initiative über Weltraumerprobung.
Weiterhin bestehen jedoch zwischen den Vereinigten
Staaten und der Sowjetunion grundsätzliche Meinungsverschiedenheiten über Fragen der Weltraumverteidigung. Die Sowjets möchten der Strategischen Verteidigungsinitiative (SDI) Beschränkungen auferlegen.
Sie favorisieren überdies ein Protokoll zum ABMVertrag anstelle eines neuen Vertrags über Weltraumverteidigung als Mittel zur Lösung von Fragen der
Weltraumverteidigung. Beim Ministertreffen in Wyoming erklärten die Sowjets, sie ließen ihr Junktim
zwischen dem Abschluß eines START-Abkommens
und einem Vertrag über Weltraumverteidigung fallen.
Die Vereinigten Staaten begrüßen dies und sind der
Ansicht, daß die Verträge über START und Weltraumverteidigung unabhängig voneinander betrachtet werden müssen.
TTBT und PNET
Beim äußerst erfolgreichen Treffen zwischen den
Außenministern Schewardnadse und Baker in Wyoming wurde ein Durchbruch bei den Verhandlungen
über Verifizierungsprotokolle zum Schwellenvertrag
(TTBT) und zum Vertrag über Atomexplosionen zu
friedlichen Zwecken (PNET) erzielt. Die Minister verSeite 7

�einbarten, daß hydrodynamische und seismische
Messungen sowie Vor-Ort- Inspektionen als Verifizierungsinstrumente bei den unterirdischen Atomtests
beider Länder Anwendung finden sollen. Beim Ministertreffen in Moskau wurden Vereinbarungen über die
Standorte der drei in jedem Land zu schaffenden
Meßstationen getroffen. Eine solche Vor-Ort-Messung von Atomtests ist einmalig in der Geschichte der
Rüstungskontrolle.

Administration auch in bilateralen Verhandlungen mit
der Sowjetunion aktiv. Beim Moskauer Ministertreffen
haben beide Seiten bekräftigt, daß chemische Waffen
weltweit beseitigt werden müssen. Sie verständigten
sich auf einen Rahmen, um dieses Ziel zu erreichen,
darunter Verhandlungen über ein bilaterales Abkommen zur Vernichtung chemischer Waffen, das beim
Gipfeltreffen im Juni unterzeichnet werden soll.
Nichteinhaltung

In Malta bekräftigten die Präsidenten Bush und Gorbatschow ihren Wunsch nach Unterschriftsreife der
Protokolle zu TTBT und PNET bis zum Gipfeltreffen im
Juni 1990. Dieser Punkt wurde von den Außenministem Baker und Schewardnadse bei ihrem Moskauer
Treffen erneut bestätigt.
Dies sind wichtige Maßnahmen auf dem Weg zur
Verbesserung der beiderseitigen Stabilität auf der
strategischen Ebene. Dies bedeutet jedoch nicht das
Ende der Atomtests. Die Vereinigten Staaten müssen
in der Tat Atomtests durchführen, solange sie eine
entscheidende Rolle für die nationale Sicherheit spielen.

Bevor ich zum Schluß komme, möchte ich dem Ausschuß ins Gedächtnis rufen, daß der Präsident am 23.
Februar 1990 dem Kongreß die geheime und die
freigegebene Fassung des siebten Berichts über die
sowjetische Nichteinhaltung von Rüstungskontrollvereinbarungen zugeleitet hat. Dies bleibt ein wichtiges
Element unseres Gesamtansatzes zur Rüstungskontrolle. Nicht nur ist dies eine andauernde Erinnerung
an die zentrale Bedeutung der Einhaltung als conditio
sine qua non jedes bedeutenden Vertrags, sondern es
unterstreicht ferner der Sowjetunion wie auch der
Öffentlichkeit im Westen gegenüber die entscheidende Bedeutung, die diese Administration der Einhaltung
beimißt.

Chemische Waffen
Im Jahr 1984 legte der damalige Vizepräsident Bush in
Genf einen amerikanischen Vertragsentwurf vor, der
Entwicklung, Produktion, Lagerung, Weitergabe und
Einsatz chemischer Waffen weltweit untersagt. Dieses Jahr verfolgte der Präsident sein persönliches
Engagement für ein solches Verbot weiter, indem er
der UNO-Generalversammlung Vorschläge präsentierte, um ein solches Abkommen zu beschleunigen,
darunter die Vernichtung sämtlicher C-Waffenbestände nach Beitritt aller C-waffenfähigen Staaten zu diesem Vertrag.
Der Vertragsentwurf ist zur Zeit Verhandlungsgegenstand bei der Genfer Abrüstungskonferenz, an der 40
Staaten teilnehmen. Nach fast sechsjährigen Verhandlungen gibt es immer noch Bereiche, in denen
große Meinungsverschiedenheiten bestehen. Eine
wirksame Verifizierung ist entscheidend und bildet
zugleich das schwierigste zu lösende Problem.
Da chemische Waffen relativ preiswert, leicht herzustellen und zu verbergen sind, kommen sie besonders
für Machenschaften von Lieferanten und Herstellern in
Frage, die - häufig auf verschlungenen Pfaden über
Mittelsmänner und Schmuggler - versuchen, den
Charakter ihrer Transaktionen zu verschleiern. Die
Umgehung von Exportkontrollen ist deshalb relativ
einfach und schwer zu verhindern. Trotzdem bleiben
die Vereinigten Staaten das führende Land bei den
Bemühungen zur Beendigung dieser gefährlichen
Aktivitäten. Unsere Bemühungen werden noch intensiviert.
Neben unseren multilateralen Anstrengungen war die

Seite 8

Ich kann diesem Ausschuß versichern, daß die Administration weiterhin auf die peinlich genaue Einhaltung
aller Abkommen seitens der Sowjets drängen wird und
daß mit dem Näherrücken mehrerer neuer und entscheidender Verträge die Vertragseinhaltung weiterhin unser zentrales Anliegen sein wird. Dies gilt sowohl
für die neuen als auch für die bereits bestehenden
vertraglichen Regelungen.
Ein Regime sich ergänzender Verträge
Wir befinden uns inmitten einer umfassenden Entwicklung in Richtung auf ein Regime von Rüstungskontrollabkommen, die sich auf einer Reihe verschiedener
militärischer Ebenen gegenseitig ergänzen: START,
KSE, Offene Himmel, Offene Länder, Maßnahmen zur
Berechenbarkeit, bilaterale Reduzierungen und ein
multilaterales Verbot chemischer Waffen, neue Vertrauens- und sicherheitsbildende Maßnahmen in Europa, effektive Verifizierung zweier Verträge über
Atomtests. Wenn diese Verträge letztlich abgeschlossen sind und wiederum neue sich bereits abzeichnen,
werden sie - in Zusammenhang mit früheren wie dem
INF-Vertrag, dem Zentrum zur Verringerung des nuklearen Risikos, dem Stockholmer Abkommen über
die Inspektion militärischer Übungen in Europa und
anderen - ein sich wechselseitig ergänzendes Geflecht
von Vereinbarungen bilden, das auf die Verbesserung
der Sicherheit in Europa, den Vereinigten Staaten und
Kanada gerichtet ist. Wenn dieses immer dichtere
Geflecht von Rüstungsbeschränkungen auf mehr
Freiheit und Offenheit in den Staaten Osteuropas und
der Sowjetunion trifft, können wir wahrlich sagen, daß
wir in ein neues Zeitalter der internationalen Beziehun-

AMERIKA DIENST 10

�gen nach dem kalten Krieg eingetreten sind. Wir
versprechen keine Utopien, noch werden wir den
Charakter des Menschen oder das internationale
Staatensystem ändern. Aber wir bewegen uns ständig
und umsichtig auf realistische Ziele strategischer
Stabilität auf erheblich reduzierten Streitkräfteniveaus
zu.
Sorgen über Weiterverbreitung dürfen nicht vernachlässigt werden
Im Hinblick auf Freiheit und Sicherheit in anderen,
krisengeschüttelten Regionen der Welt haben wir noch
einen weiten Weg zurückzulegen. In vielen Regionen
beobachten wir die fortschreitende Verbreitung chemischer Waffen und ballistischer Raketen, zusammen
mit echter Besorgnis über die zusätzliche Weiterverbreitung nuklearer Waffen. Während wir in derzweiten
Hälfte dieses Jahrhunderts den Frieden in Europa
bewahrt haben, beobachteten wir im gleichen Zeitraum einen Rüstungswettlauf in anderen Bereichen
und über einhundert bewaffnete Konflikte mit Millionen
Toten und Verwundeten.
Wir bemühen uns darum, dieser gefährlichen Form der
Verbreitung von Waffen Einhalt zu gebieten. Wir
erkennen an, daß ein erfolgreicher Abschluß dieser
Bemühungen einen langen Prozeß erfordert und daß
viele dieser Konflikte ihre Wurzeln in traditionellen
religiösen und ethnischen Faktoren haben. In diesem
Zusammenhang macht der schockierende Einsatz
chemischer Waffen im Mittleren Osten in einem einzigen Augenblick jegliches Erfolgsgefühl beim Versuch

*

AMERIKA DIENST 10

* *

zunichte, den Einsatz chemischer Waffen zu verbieten
und ihre Ausbreitung zu verhindern. Gleichzeitig führen uns diese Beispiele des andauernden Einsatzes
chemischer Waffen vor Augen, warum wir bei dieser
schwierigen, mühsamen Aufgabe nicht nachlassen
dürfen. Die Staaten Europas, einschließlich der Mitglieder von NATO und Warschauer Pakt, haben bedeutende Fortschritte dabei erzielt, die Fragen der
gegenseitigen Sicherheit in den Griff zu bekommen.
Die Zeit ist nun reif für andere Staaten in der ganzen
Welt, ein vergleichbares Engagement und ähnliche
Leistungen unter Beweis zu stellen.
Wir streben eine sicherere Welt für die nächste Generation an. In vielen Bereichen haben wir Fortschritte
erzielt, aber unsere Arbeit dauert an. Der Kampf für
eine vollständig freie und sichere Welt wird niemals
aufhören. Wir haben eine Strategie für Frieden und
Freiheit, sie funktioniert, und das wird auch weiterhin
so sein.
Als Direktor des ACDA bin ich stolz, sagen zu können,
daß wir unsere Anstrengungen bei der Rüstungskontrolle verdoppeln. Wir konzentrieren unsere Bemühungen noch stärker auf die in allen Bereichen vor uns
liegenden Aufgaben. Wir nutzen unsere spärlichen
Mittel auf das Beste. Die Moral ist hervorragend,
insbesondere seit wir uns der Tatsache bewußt sind,
daß unsere Behörde wahrscheinlich nie zuvor solch
wertvolle Beiträge erbringen konnte wie dies heute der
Fall ist.

*

*

Seite 9

�NATO
14. März 1990

GALVIN BEKRÄFTIGT NATOMSTRATEGIE, HÄLT
JEDOCH ÄNDERUNGEN FÜR MÖGLICH
Erklärung vor Unterausschuß des Senats
WASHINGTON - (AD) - In einer Erklärung vor einem Senatsunterausschuß für auswärtige Angelegenheiten
bekräftigte der Oberste Alliierte Befehlshaber Europa, General John Galvin, am 7. März 1990 seine Unterstützung für die Strategie der flexiblen Reaktion und der Vorneverteidigung, schloß jedoch die Möglichkeit
"bahnbrechender Veränderungen in der Zukunft" nicht aus.
Galvin erklärte, die künftige NATO-Strategie sei stark von den noch bevorstehenden Entwicklungen in Europa,
insbesondere der Wiedervereinigung Deutschlands, abhängig. Aufgrund der Unsicherheit und potentiellen
Instabilität in Europa "müssen wir unsere gegenwärtige Strategie aufrechterhalten und weiter unterstützen".
Nachfolgend veröffentlichen wir die Erklärung General Galvins im Wortlaut.

Herr Vorsitzender, verehrte Ausschußmitglieder, ich
danke Ihnen für die Möglichkeit, hier eine Erklärung
abgeben und die Zukunft der amerikanischen Militärpräsenz in Europa sowie den künftigen Weg der NATO
aus einer militärischen Perspektive beleuchten zu
können.
Die Veränderungen, die sich im vergangenen Jahr in
Europa ergeben haben, entziehen sich nahezu unserer Vorstellungskraft. Nie zuvor haben sich Regierungen und politische Systeme so rasch verändert. Seit
letzten Oktober gab es in Rumänien und der Tschechoslowakei je zwei Regierungen, in Bulgarien drei
und in der DDR vier. Dies ist jedoch möglicherweise
nur ein Vorgeschmack kommender Ereignisse. Bis
Juni sind Wahlen in den baltischen Republiken, in
Ungarn, Jugoslawien, Rumänien, Bulgarien und der
Tschechoslowakei angesetzt. Wahlen sind jedoch
nicht das einzige Anzeichen des sich in Europa vollziehenden Übergangs. In der Sowjetunion kam es zu
ernsten politischen Unruhen, die in einigen Fällen mit
Gewalt und Blutvergießen einhergingen. Es gab große Streiks von Arbeitern in der Ukraine und Sibirien,
Proteste in der Moldau-Republik, Gewalt in Georgien,
Forderungen nach Autonomie und sogar Unabhängigkeit der baltischen Republiken, Unruhen in Kasachstan, das Wiederaufleben ultrakonservativer Kräfte in
Rußland und praktisch Bürgerkrieg in Aserbaidschan
und Armenien. Diese tiefgreifenden Veränderungen
haben eine Reihe von Fragen im Hinblick auf die
AMERIKA DIENST 10

Zukunft der amerikanischen Militärpräsenz in Europa
und des Atlantischen Bündnisses aufgeworfen.
An diesem Wendepunkt ist es wichtiger denn je, daß
wir uns über unser Ziel und den Weg dorthin klar sind.
Meines Erachtens haben wir bereits eine Vision des
Friedens in Europa- eines beschützten Friedens -, der
auf einem Geflecht unterzeichneter, verifizierter und
unumkehrbarer Verträge aufbaut. Diese Vision ist
nicht neu, sie ähnelt dem Traum Woodrow Wilsons
vom Völkerbund und den Hoffnungen Franklin Roosevelts im Hinblick auf die Vereinten Nationen. Der
grundsätzliche Unterschied besteht heute darin, daß
wir ein besseres Verständnis dessen besitzen, was für
die Verwirklichung dieser Vision nötig ist.
Im Jahr 1947, als die Hoffnungen auf eine Nachkriegsordnung im Schwinden begriffen waren, entwickelten
westliche Staatsmänner ein Konzept für die Zukunft,
das auf politischen und wirtschaftlichen Realitäten
basierte - auf der Kunst des Möglichen. Sie bauten
Europa mit Hilfe des Marshall-Plans wieder auf, sie
unterstützten mit den Vorläufern der Europäischen
Gemeinschaft die politische Integration, und mit der
Gründung der NATO trugen sie dazu bei, militärischen
Schutz zu gewährleisten. Aufgrund der Weitsicht
dieser Staatsmänner sind wir der Verwirklichung unserer Vision einen Schritt nähergekommen. Sie haben
jedoch mehr getan, als uns voranzubringen, sie haben
uns eine Lehre erteilt. Sie lehrten uns, daß zum
Seite 1

�Erreichen unseres Ziels Geduld, Ausdauer und Opferbereitschaft erforderlich sind.
Die in Osteuropa und derSowjetunion erfolgten Veränderungen haben unleugbar die vom Warschauer Pakt
ausgehende militärische Bedrohung verringert. Aber
Instabilität ist ein zweischneidiges Schwert. Während
sie die vom Osten ausgehende Gefahr verringerte, hat
sie die Zukunft unberechenbar gemacht. Vor fünf
Jahren wäre es nahezu unmöglich gewesen, die Ereignisse von 1989 vorauszusagen. Heute ist es nahezu
ebenso schwierig, die Ereignisse des nächsten Jahres
zu prognostizieren. Ob die kommenden Jahre zu
Konflikten oder Konfrontationen führen, hängt großenteils von den Entscheidungen ab, die wir heute fällen.
Indem wir im Bereich der Rüstungskontrolle energische Anstrengungen unternehmen, sind wir dabei, ein
Fundament für die Zukunft zu legen. Gegenwärtig
verwirklichen wir mehrere Abkommen. Im Jahr 1988
begannen wir mit der Durchführung der Bestimmungen des INF-Vertrags. Heute haben wir nahezu 50
Prozent des Wegs bis zum Abzug einer gesamten
Kategorie nuklearer Waffen aus Europa zurückgelegt.
Gleichzeitig halten wir uns an die im Jahr 1986 unter
dem Schirm der Konferenz für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa abgeschlossenen Vereinbarungen. Bis heute haben die NATO-Länder 39 Inspektionen und Beobachtungsreisen zu östlichen Manövern
durchgeführt, während der Osten 42 Manöver bei uns
inspiziert und beobachtet hat. Diese Vereinbarungen
sind nicht nur um ihrer selbst willen bedeutungsvoll,
sondern auch deshalb, weil sie unser Vertrauen in die
Bereitschaft des Ostens gestärkt haben, Rüstungskontrollvereinbarungen einzuhalten und umgekehrt
wahrscheinlich auch das Vertrauen des Ostens in uns.
Die wichtigsten der laufenden Verhandlungen sind die
derzeit in Wien stattfindenden Gespräche über konventionelle Streitkräfte in Europa. Mit der Zustimmung, Millionen Tonnen von Kampfgerät zu zerstören,
stellen die Sowjets ihre zukünftige Sicherheitspolitik
und ihre Bereitschaft unter Beweis, ein Mitglied der
internationalen Staatengemeinschaft zu werden. In
diesem Tenor verspricht das Ergebnis dieser Verhandlungen zum entscheidendsten Abkommen im
Bereich der konventionellen Rüstungskontrolle zu
werden, das je erzielt wurde. Gleichzeitig hoffen wir
auf Fortschritte bei der 50prozentigen Reduzierung
der strategischen Nuklearstreitkräfte, Gesprächen in
bilateralen und multilateralen Foren über die Verringerung chemischer Waffen, verstärktem Vertrauen in die
andere Seite durch "Offene Himel" und die VSBMVerhandlungen sowie bei den Vorbereitungen für einen zukünftigen Sicherheitsrahmen durch kontinuierliche Teilnahme am KSZE-Prozeß.
Sobald ein KSE-Abkommen ausgehandelt, unterzeichnet und verwirklicht worden ist, können wir einen
Vertrag über Kurzstreckensysteme (SNF) in Erwägung ziehen. Eine landgestützte kriegsschauplatzge-

Seite 2

«•

bundene Abschreckung wird weiterhin erforderlich und
nach wie vor integraler Bestandteil unserer Strategie
sein. Dennoch könnten wir unsere Bestände auf
niedrigere Niveaus reduzieren.
Insgesamt gesehen, bieten diese Rüstungskontrollinitiativen größere Aussicht auf ein sicheres Europa als
irgendeine andere Initiative im zwanzigsten Jahrhundert. Ausgehandelte Verträge sind sehr viel wünschenswerter als einseitige Reduzierungen. Ohne
einen bindenden Vertrag und die damit einhergehenden Verifizierungsmaßnahmen können einseitige
Reduzierungen rückgängig gemacht werden. Wir
könnten in die unangenehme Lage geraten, unsere
Streitkräfte abzuziehen, ohne daß die von der anderen
Seite vorgenommenen Reduzierungen von Dauer sind.
Eine Reihe von Sicherheitsexperten hat das Argument
vorgebracht, die politische Situation in Europa habe
sich bereits grundlegend gewandelt und damit auch
unsere Verteidigungserfordernisse. Zusätzlich zu dem
offensichtlichen Umschwung in Ost- und Mitteleuropa
verweisen sie auch auf die ihrer Ansicht nach neue
militärische Situation, die durch den einseitigen Abzug
von sechs sowjetischen Divisionen aus Osteuropa und
Moskaus Zustimmung, die Streitkräfte aus Ungarn
und der Tschechoslowakei abzuziehen, entstanden
ist. Sie stellen ferner die beachtlichen Auswirkungen
der asymmetrischen Reduzierungen fest, die als Ergebnis des KSE-Abkommens erfolgen werden. Es
besteht kein Zweifel daran, daß sich die Situation in
Europa grundlegend gewandelt haben wird, wenn alle
diese politischen und militärischen Maßnahmen verwirklicht worden sind.
Diese Veränderungen haben jedoch noch nicht stattgefunden. Bis heute hat die Perestrojka die Sowjetunion noch nicht erfaßt; Demokratie und freies Unternehmertum müssen in Osteuropa noch institutionell verankert werden, und die Bedingungen einer Vereinigung der beiden deutschen Staaten sind noch nicht
ganz klar. Bis dahin bleibt die Sowjetunion die stärkste
Land- und Luftstreitmacht der Welt und produziert
weiterhin mehr militärisches Gerät als irgendeine andere
Nation. Die UdSSR hat über 185 aktive Divisionen,
von denen rund 125 auf Europa ausgerichtet sind.
Ungefähr 75 dieser Divisionen verfügen über 50 Prozent ihrer vollen Schlagkraft und 40 über 75 Prozent
und mehr.
Während die Sowjets die angekündigten einseitigen
Reduzierungen in einem vernünftigen Zeitrahmen
vorgenommen haben, ist ihre Kampffähigkeit durch
Modernisierung, Umstrukturierung und Stationierung
der verbleibenden Streitkräfte in keiner Weise eingeschränkt worden. Obwohl beispielsweise im vergangenen Jahr drei Panzerdivisionen aus der DDR und
der Tschechoslowakei abgezogen wurden, sind dort
immer noch entscheidende Elemente dieser Einheiten
stationiert. Die Panzer wurden abgezogen, aber die
Anzahl moderner Artilleriesysteme auf Selbstfahrlafet-

AMERIKA DIENST 10

�te, gepanzerter Truppenfahrzeuge und Schützenpanzer ist gleich geblieben und hat sich in einigen Fällen
noch erhöht. Darüber hinaus wurde die Qualität dieser
Systeme zusammen mit der Luftverteidigung und den
Führungsfähigkeiten verbessert und modernisiert.
Kurzum: Die Sowjets strukturieren ihre Streitkräfte in
einer solchen Weise, daß sich das Kampfpotential pro
Einheit seit 1988 nur geringfügig verringert hat.
Eine große Gefahr beim Nachdenken über die zukünftige Planung besteht darin, anzunehmen, wir seien
bereits am Ziel angekommen. Das ist nicht der Fall.
Die Instabilität in Osteuropa und die militärische Situation auf dem Kontinent stellen immer noch eine große
Herausforderung für den Westen dar. Abschreckung
eines Krieges und gegebenenfalls die Verteidigung
des Bündnisgebiets muß in Europa unser Hauptziel
bleiben. Die NATO-Strategien der Vorneverteidigung
und flexiblen Reaktion könnten in der Zukunft einige
bahnbrechende Veränderungen erfahren, aber sie sind
nach wie vor der beste Weg, sicherzustellen, daß
unsere Zielsetzungen erfüllt werden. Eine herausragende Qualität dieser Strategie besteht in der Fähigkeit, sich an veränderte Situationen anzupassen. Sie
gestattet uns, den Frieden zu bewahren und jede Krise
mit dem geeigneten Maß an Reaktion zu bewältigen,
das zu unserer Verteidigung erforderlich ist. Im wesentlichen stützt sie sich auf eine mobile Verteidigung
mit Unterstützung von Nuklearwaffen, die uns nicht nur
unter den heutigen Bedigungen dient, sondern sich
auch beim Übergang zu einer Zeit nach KSE als angemessen erweisen wird.
Wir müssen unsere derzeitige Strategie aufrechterhalten und weiterhin unterstützen. Als Supermacht und
einzige Nation, die zu einem Ausgleich der sowjetischen Militärmacht fähig ist, haben die Vereinigten
Staaten in dieser Hinsicht eine besondere Verantwortung. An erster Stelle steht hierbei die Anforderung,
eine glaubwürdige Abschreckung auf dem europäischen Kontinent aufrechtzuerhalten.
Wie viele Truppen benötigen wir zur Aufrechterhaltung
dieser Abschreckung? Bis heute bildet das Korps den
Grundstein derStreitkräftestrukturdes Bündnisses. In
der Region Europa Mitte hat jeder NATO-Mitgliedstaat
(mit Ausnahme von Kanada) einschließlich kleiner
Länder wie Belgien und der Niederlande mindestens
ein Korps stationiert. Solange flexible Reaktion und
Vorneverteidigung Bestandteil unserer Strategie sind,
müssen die Vereinigen Staaten das Minimum eines
Heereskorps mit einer ausreichenden Anzahl von
Luftwaffen-Geschwadern in Europa aufrechterhalten,
um sowohl die Sowjetunion als auch unsere europäischen Verbündeten daran zu erinnern, daß wir unsere
Interessen auf dem Kontinent verteidigen werden.
Wenn man die speziellen nachrichtendienstlichen
Einheiten, die Führungsfähigkeiten und das für die
Logistik zuständige Personal hinzuzählt, die im Falle
einer Krise zur Verstärkung erforderlich wären, beliefe

AMERIKA DIENST 10

sich die Anzahl der von uns in Europa benötigten
Truppen auf rund 195 000 Mann in der Region Europa
Mitte und weitere 30 000 an den Flanken.
Wird die Anzahl der erforderlichen Soldaten, Seeleute,
Piloten und Marineinfantristen durch eine längere
Vorwarnzeit beeinflußt? Jüngste nachrichtendienstliche Analysen kommen zu dem Schluß, daß die bei
einem größeren sowjetischen Angriff auf Westeruopa
zu erwartende Vorwarnzeit länger geworden ist. Es ist
einleuchtend, daß Mobilisierung und Stationierung eher
entdeckt und länger dauern würden, wenn die Sowjets
ihre Streitkräftestruktur abbauen und ihre Verbündeten im Warschauer Pakt weniger zuverlässig werden.
Aber bei einer Rückschau in die Geschichte stellen wir
fest, daß die Vereinigten Staaten die Zukunft nicht
immer richtig vorhergesagt haben. Es traf uns überraschend in Pearl Harbor 1941, bei der Ardennenschlacht
1944, beim Angriff Nordkoreas im Juni des Jahres
1950 und im November desselben Jahres bei der
Intervention der Chinesen. Es traf uns überraschend
1956 in Ungarn, 1968 in der Tschechoslowakei und
1979 in Afghanistan. Wir wurden ebenfalls vom Bau
der Berliner Mauer 1961 und ihrem Abriß 1989 überrascht. Zwar trifft es zu, daß wir heute über bessere
nachrichtendienstliche Methoden verfügen als je zuvor, aber die sowjetischen Streitkräfte werden immer
geschickter, wenn es um die Verschleierung ihrer
Absichten geht. Die Behauptung, unsere Techniken
der Entdeckung seien besser als ihre Täuschungsmanöver, sei dahingestellt.
Aber auch wenn uns die Nachrichtendienste warnen
würden, hätte das kaum Bedeutung, wenn wir nicht
zeitig reagieren könnten. Wir sollten deshalb vermeiden, in Anbetracht einer eventuell längeren Vorwarnzeit die Streitkräfte oder ihre Einsatzbereitschaft zu
reduzieren. Die Nachrichtendienste können uns vielleicht die Situation darlegen, in der sie den Präsidenten
möglicherweise vor dem Ausbruch eines Krieges warnen
würden, aber sie können uns nicht sagen, wieviele
Beweise er fordern wird, bis er die Entscheidung zur
Mobilisierung trifft. Wenn wir unsere schnelle Stationierungsfähigkeit aufgeben, geben wir damit auch die
gewonnene längere Vorwarnzeit auf.
Die Reaktionszeit der Vereinigten Staaten - die für uns
erforderliche Zeit zur Mobilisierung oder Entsendung
von Verstärkungstruppen nach Europa - wird nach
KSE eine wichtige Rolle spielen. Antizipierte Veränderungen in der militärischen Situation werden unseren
Bedarf an glaubwürdiger Reaktionsfähigkeit nicht
verringern. Wenn wir Abschreckung und bessere
Stabilität (vor uns nach KSE) aufrechterhalten wollen,
dürfen wir den Sowjets keine Gelegenheit zu der
Annahme geben, daß sie den Mobilisierungswettlauf
gewinnen können.
Wenn Einheiten aufgelöst, Fähigkeiten für Luft- und
Seebrücken abnehmen und die Einsatzbereitschaft

Seite 3

�nicht aufrechterhalten wird, benötigen wir zusätzliche
Reaktionszeit zur Aktivierung der Streitkräfte. Die
Vereinigten Staaten sind nicht in der Lage, ihre gegenwärtigen Verpflichtungen zur Verstärkung in der NATO
zu erfüllen. In einem Umfeld nach KSE besteht die
Möglichkeit, daß wir etwas mehr Zeit zur erneuten
Stationierung von Streitkräften in Europa haben, damit
aber kaum dem natürlichen Vorteil der Sowjets, Verstärkungen nach Europa zu entsenden, entgegenwirken können. Die sowjetischen Verstärkungstruppen
sind 600 Kilometer von Westeuropa entfernt, unsere
dagegen 6 000 Kilometer. Wir benötigen eine schnelle
Verstärkungsfähigkeit, um die kürzeren Informationswege des Feindes wettzumachen. Wenn wir - bei einer
Befürwortung dieser Politik - Streitkräfte mit einer
geringeren Einsatzbereitschaft mobilisieren müssen,
dann wäre diese Aufgabe noch schwieriger.
Wie sollten unsere Truppen ausgerüstet sein? In den
vergangenen zehn Jahren haben die Sowjets 28 500
Panzer produziert. Wenn sie im Gebiet zwischen
Atlantik und Ural ihr modernstes Gerät dislozieren,
wäre der älteste auf Europa gerichtete Panzer zwischen fünf und zehn Jahre alt. Der älteste Panzer im
NATO-Arsenal wäre dagegen fast zwanzig Jahre alt.
Dasselbe gilt für das meiste andere wichtige Gerät.
Um diesen Nachteil auszugleichen, müssen wir uns
auf andere Bereiche konzentrieren. Unsere Soldaten
müssen hochmotiviert und gut ausgebildet sein. Wir
müssen unsere Abriegelungsfähigkeit mit FOFA-Technologien verbessern. Generell müssen wir unsere
Einheiten mit modernstem Gerät ausrüsten.
Darüber hinaus müssen wir eine landgestützte nukleare Abschreckung auf dem Kontinent aufrechterhalten.
Die NATO will eine Aggression mit fähigen konventionellen Streitkräften abschrecken, die von überlebensfähigen glaubwürdigen Nuklearfähigkeiten unterstützt
werden. Wichtige Verbindung zu den strategischen

*

Seite 4

Streitkräften der Vereinigten Staaten sind die kriegsschauplatzgebundenen Streitkräfte. Wenn die konventionellen Streitkräfte in Europa einen Angriff nicht
abwehren können, wäre es kaum glaubwürdig, daß die
Eskalation zu strategischen Streitkräften der nächste
Schritt wäre - und ohne diese Glaubwürdigkeit ist die
Abschreckung geschwächt.
Die Sowjets haben ihre kriegsschauplatzgebundenen
Streitkräfte ständig modernisiert. Die Rakete des Typs
FROG ist durch die SS-21 ersetzt worden. DieSS-N21 wurde eingeführt. Bei nuklearfähiger Artillerie werden
die Sowjets gegenüber der NATO einen Vorteil von 4
zu 1 haben, bei Raketenabschußeinrichtungen von 16
zu 1. Zur Aufrechterhaltung einer glaubwürdigen
nuklearen Abschreckung ist daher die Modernisierung
unserer eigenen kriegsschauplatzgebundenen Streitkräfte unerläßlich.
Solange die sowjetische Militärmacht so groß und
gefährlich ist wie jetzt, müssen flexible Reaktion und
Vorneverteidigung weiterhin Grundlage unserer Strategie sein. Diese Strategie müssen wir mit in Europa
stationierten Truppen unterstützen. Diese Soldaten
müssen mit modernstem Gerät ausgerüstet sein.
Mittelfristig sollten wir eine Basis unterzeichneter,
verifizierbarer und unwiderruflicher Verträge anstreben, um Stabilität und Sicherheit zu fördern. Auf diese
Weise werden wir unser Endziel - einen geschützten
Frieden - erreichen können.
Herr Vorsitzender, ich danke Ihnen für die Gelegenheit, in diesem Ausschu ß meine Ansichten darlegen zu
können. Ich wollte vor allem darauf hinweisen, daß wir
in diesen Zeiten der Veränderungen, die zugleich
Chancen und Risiken bergen, Stabilität und Augenmaß in den Vordergrund stellen müssen. Ich hoffe in
diesem Sinne auf eine gute Zusammenarbeit.

*

AMERIKA DIENST 10

�UMWELT
14. März 1990

ERNEUERBARE ENERGIEN SOLLEN ERDERWÄRMUNG
BREMSEN
Die Forschung nach alternativen Betriebsstoffen

WASHINGTON - (AD) - Wissenschaftlern zufolge
werden alternative Energien zur Stromversorgung und
zum Betrieb von Kraftfahrzeugen schon bald eine
größere Rolle spielen. Ferner können sie einen großen Beitrag zu einer Reduzierung des Risikos einer
unkontrollierten Erwärmung der Erde leisten.
"Erneuerbare Energien werden dazu beitragen, die
Vermehrung von Treibhausgasen zu vermindern", erklärt
der leitende Direktor des amerikanischen Solar Energy
Research Institute, Harold Hubbard. "Viele dieser
Technolgien, darunter Photovoltaik, Windenergie, mit
Wasserkraft und Sonnenenergie betriebene Kraftwerke produzieren überhaupt keine Treibhausgase. Andere,
wie etwa aus Biomasse gewonnenes Äthanol produzieren zwar Treibhausgase, tragen aber nicht zu deren
Akkumulierung bei.
"Darüber hinaus werden Forschung und Entwicklung
in diesem Bereich Auswirkungen auf pharmazeutische
Produkte, Kunststoffe, Kleidung, Nahrungsmittel,
Computer, Laser, Kältetechnik und viele andere Bereiche haben. Ein neues technologisches Zeitalter wird
uns eröffnet werden."
Wissenschaftler sind der Ansicht, daß die Emissionen
von Kohlendioxid und anderen bei der Verbrennung
fossiler Brennstoffe wie Öl und Kohle entstehenden
Gasen zu einer kontinuierlichen Erwärmung der Atmosphäre führen, indem sie die Sonnenstrahlung in einem Prozeß, der den Vorgängen in einem Treibhaus
ähnelt, abfangen.
Von Forschet n wird jedoch betont, daß die erneuerbaren Ressourcen Sonnenstrahlung, Wind, fließendes
Wasser und Biomasse in ihrem Ausmaß ein immenses
Potential für eine Reduzierung der weiteren Ansammlung von Treibhausgasen darstellen. Einer neuen
Studie des amerikanischen Energieministeriums zufolge sind allein in den Vereinigten Staaten die in den

AMERIKA DIENST 10

nächsten 30 Jahren nutzbaren Energien größer als
eine Menge von 105 Trillionen Faß ö l . Der größte
Anteil davon entfällt auf Sonnenenergie und Biomasse.
Die neuen Energietechnologien machen sich diese
Ressourcen unmittelbar zunutze. Bei PhotovoltaikSystemen werden Halbleiter eingesetzt, um Sonnenstrahlung in Strom zu verwandeln, bei Sonnenheizkraftwerken werden Spiegel verwendet, um die Sonnenstrahlen zu bündeln und Hitze zu produzieren, bei
Windanlagen werden Propeller auf hohen Türmen
installiert, um Strom zu erzeugen und Biomasse besteht aus Holz, Agrarprodukten und anderen Naturprodukten, die zur Treibstofferzeugung genutzt werden.
Einem Bericht des Worldwatch Institute, einer gemeinnützigen Forschungsorganisation, zufolge vermindert
der in den vergangenen 15 Jahren beobachtete verstärkte Einsatz emeuerbarer Energien den jährlichen
Ausstoß von Kohlendioxidemissionen weltweit um 580
Millionen Tonnen. Das Oak Ridge National Laboratory
berichtet, daß weltweit durch die Verbrennung fossiler
Treibstoffe im Jahr 1988 etwa 19 Milliarden Tonnen
Kohlendioxid produziert wurde.
In seinem Vortrag bei einer Zusammenkunft der
amerikanischen Gesellschaft für die Förderung der
Wissenschaft erklärte Hubbard vor kurzem, einige der
heute eingesetzten Technologien zur Nutzung erneuerbarer Energien hätten noch Mitte der siebziger Jahre, als die Bundesregierung nationale Forschungsund Entwicklungsprogramme zu erneuerbaren Energien ins Leben rief, in den Kinderschuhen gesteckt.
Die Photovoltaik zum Beispiel war in den frühen siebziger Jahren eine exotische und teure Technologie,
deren Anwendungsbereich sich auf die Raumfahrt
beschränkte. Seit Beginn des Bundesprogramms hat
sich jedoch eine Revolution ereignet.

Seite 1

�"Die Kosten haben sich bis um das 20fache verringert
... und in naher Zukunft werden die Kosten allein durch
wirtschaftlichere Produktion noch einmal halbiert werden", meint Hubbard. "Wir haben Dutzende neuer
photovoltaischer Materialien entdeckt und entwickelt,
von denen einige sehr vielversprechend sind. Heute
werden schon Zehntausende von Systemen für verschiedenste Zwecke von der Wasserförderung über
die Elektrifizierung von Dörfern bis zur zentralen Elektrizitätsgewinnung eingesetzt."
Photovoltaik-Systeme bestehen aus Sonnenkollektoren, die auf Dächern montiert oder in großer Zahl als
Kraftwerke in Wüstengebieten installiert werden können. Der jährliche Weltmarkt für Photovoltaik hat sich
von nahe Null in den siebziger Jahren zu einer Größenordnung von über 400 Millionen Dollar und 40 Megawatt im Jahr 1988 entwickelt, wobei die Kosten bei
etwa 25 Cent pro Kilowattstunde liegen. Im Vergleich
dazu kostet die Energiegewinnung aus Kohle, Erdöl
oder Erdgas zwischen zwei und fünf Cent pro Kilowattstunde. Der Einsatz in der Dritten Welt steigt rapide an,
und aus Indien wird berichtet, daß bereits 6 000 Systeme in Dörfern installiert wurden.
Das Solar Energy Research Institute schätzt, daß
neue Technologien zur Entwicklung von PhotovoltaikSystemen führen könnten, die gegen Ende der neunziger Jahre gegenüber herkömmlichen Energien konkurrenzfähig sind. Dies könnte allein in den Vereinigten Staaten bis zum Ende dieses Jahrzehnts eine
Leistung von 1 000 Megawatt erbringen. Im Vergleich
dazu beträgt die aus Kohle gewonnene Energie in den
Vereinigten Staaten heute über 294 000 Megawatt.
Hubbard zufolge ist der Markt für Sonnenheizenergie,
der zu Beginn des Bundesforschungsprogramms noch
nicht existierte, heute größer als der Markt für Photovoltaik, und er wächst weiter. Seit 1984 wurden allein
in Kalifornien Anlagen mit einer Gesamtleistung von
etwa 200 Megawatt installiert. Diese bestehen aus mit
Spiegeln ausgekleideten Mulden, die das Sonnenlicht
auf mit ö l gefüllte Rohre bündeln. Damit wird das ö l
erhitzt, das sich ausdehnt und entweder durch eine
Turbine fließt, die einen stromerzeugenden Generator
antreibt. Oder es wird weitergepumpt, um Wohnungen
zu heizen.
Der Hersteller dieses Systems, die Firma Luz International, will in der Wüste Kaliforniens weitere 300 bis
500 Megawatt installieren und sondiert die Möglichkeit
größerer Projekte im Staat Nevada und in Brasilien.
Das Unternehmen erwartet einen Preis für Sonnenenergie von etwa 8 Cents pro Kilowattstunde.
Hubbard zufolge ist die Windenergie, bei der die
mechanische Energie des Windes Strom erzeugt, auf
dem Vormarsch und macht den Solarzellen ihren Rang
streitig. Heute sind weltweit mehr als 20 000 Windanlagen mit einer Kapazität von etwa 1 600 Megawatt im
Einsatz. Die meisten davon befinden sich in Kalifor-

Seite 2

nien und Dänemark, obwohl es inzwischen auch
Windkraftwerke in Indien, der Bundesrepublik und
anderen Ländern gibt. Windenergie ist beim Preis von
6 bis 8 Cents pro Kilowattstunde wettbewerbsfähig
geworden.
Experten prognostizieren, daß Windenergie bis zum
Jahr 2030 mehr als 10 Prozent des weltweiten Energiebedarfs decken und entsprechende Kraftwerke im
Westen der Vereinigten Staaten, in Nordeuropa, Nordafrika, Indien und der Sowjetunion gebaut werden
könnten.
"Die Technologie macht in allen Bereichen große
Fortschritte, vom Design der Flügel und Turbinen über
das bessere Verständnis vom Wind als Energiequelle
bis zur Kostruktion besserer Türme," erklärt Hubbard.
"Infolgedessen haben Windanlagen eine längere
Lebensdauer, produzieren mehr Elektrizität und sind
zuverlässiger. Diese Fortschritte haben dazu beigetragen, daß winderzeugte Elektrizität relativ preiswert
ist."
Eine der bekannesten Quellen erneuerbarer Energie
ist die Wasserkraft, die bereits ein Fünftel des Weltenergiebedarfs deckt und der in Zukunft eine noch
größere Verbreitung vorhergesagt wird. China hat
zum Beispiel erst etwa ein Zehntel und Afrika ein
Zwanzigstel seiner Potentiale ausgschöpft.
Darüber hinaus gibt es Energie aus Erdwärme, bei der
die Hitze des Erdinneren zur Energiegewinnung freigesetzt wird. Dem Worldwatch Institute zufolge könnte die Nutzung der Erdwärme in den Vereinigten Staaten bis zum Ende dieses Jahrzehnts zwischen 4 200
Megawatt (das doppelte des gegenwärtigen Niveaus)
und 18 700 Megawatt betragen, wobei die Kilowattstunde etwa 4 bis 8 Cents kosten würde. Andere
Regionen, in denen diese Energie Verbreitung finden
könnte, sind Mittelamerika, Neuseeland, die Philippinen und die Sowjetunion, weil jedes dieser Länder über
viele Heißwasserreservoirs unter der Erde verfügt, in
denen natürlicher Druck vorhanden ist.
Die Technologien für erneuerbare Energien, mit denen
sich höchstwahrscheinlich die Emission der Treibhausgase am ehesten eindämmen lassen, sind Techniken zur Herstellung von Treibstoffen wie etwa Äthanol. Jedes Jahr stoßen die etwa 400 Millionen Autos
auf der Erde ungefähr 1,8 Millionen Tonnen Kohlendioxid in die Atmosphäre aus. Das entspricht 10 Prozent
der Menge, die bei der Verbrennung fossiler Brennstoffe freigesetzt wird. Prognosen zeigen, daß diese
Emissionen zusammen mit der Zahl der Kraftfahrzeuge bis zum Jahr 2010 um 75 Prozent steigen werden.
Experten des Energieministeriums vertreten die Ansicht, daß Äthanol am besten aus Holz und Rückständen gewonnen wird, die in Einfachzucker umgewandelt und dann zu Äthanol fermentiert werden. In den
vergangenen Jahren konnnte die Holz-in-Äthanol-

AMERIKA DIENST 10

�c

&gt;

Umwandlung von weniger als 40 Prozent auf mehr als
70 Prozent gesteigert werden. Damit sind die Kosten
von über einem Dollar pro Liter auf etwa 36 Cents pro
Liter gesunken. Schätzungen zufolge könnten die
Vereinigten Staaten 912 Milliarden Liter Äthanol pro
Jahr aus Holz gewinnen.

Grenzen hat.

Gegenwärtig hat Brasilien das größte Programm zur
Herstellung von Alkoholtreibstoffen, wobei das aus
Zuckerrohr gewonnene Äthanol 62 Prozent des Treibstoffbedarfs für Kraftfahrzeuge deckt. Die Vereinigten
Staaten sind mit 20 Millionen Barrel pro Jahr zweitgrößter Hersteller von Alkoholtreibstoff, der hier vor
allem aus Mais gewonnen wird. Aber einem Bericht
der Forschungsabteilung des Kongresses zufolge führt
die Äthanol-Gewinnung in den Vereinigten Staaten nur
zu einer 63prozentigen Verringerung der Kohlendio xidemissionen, weil bei der Herstellung fossile Brennstoffe verwendet werden. Bei den Berechnungen
werden Energieeinheiten zugrundegelegt.

Der Direktor des Center for Building Science beim
Lawrence Berkeley Laboratory in Berkeley (Kalifornien) - das dem amerikanischen Energieministerium
angeschlossen ist -, Arthur Rosenfeld, berichtet, daß
trotz einer Steigerung des Bruttosozialprodukts um 35
Prozent in den Jahren 1973 bis 1986 keine Steigerung
des Energieverbrauchs und eine jährliche Senkung
um 1,2 Prozent beim Verbrauch von ö l und Gas
festgestellt wurde. Wenn die Vereinigten Staaten sich
noch auf dem Stand von 1973 befänden, hätten sie
1986 50 Prozent mehr Kohlendioxid, Schwefeldioxid
und Stickoxid in die Atmosphäre eingeleitet.

Wissenschaftler berichten, da ß zunehmende Energieeinsparungen und effizientere Verwendung fossiler
Brennstoffe die Entstehung von Kohlendioxid und
anderen Treibhausgasen verringern wird.

Rosenfeld führte als Beispiel für die Tendenz zur
besseren Nutzung von Energie an, daß der durchschnittliche Treibstoff verbrauch neuer Autos von 16,8
Liter pro 100 Kilometer im Jahr 1976 auf 8,4 Liter pro
100 Kilometer im Jahr 1989 gesenkt werden konnte.

Hubbard berichtet, daß der zunehmende Einsatz von
Atomkraft jährlich die Kohlendioxidemissionen weltweit um etwa 5 Prozent verringert. Er fügte jedoch
hinzu, daß der Einsatz von Atomkraft im Hinblick auf
Verfügbarkeit, Entsorgung, Image und Kosten seine

* *

AMERIKA DIENST 10

*

Seite 3

�</text>
                  </elementText>
                </elementTextContainer>
              </element>
            </elementContainer>
          </elementSet>
        </elementSetContainer>
      </file>
    </fileContainer>
    <collection collectionId="4">
      <elementSetContainer>
        <elementSet elementSetId="1">
          <name>Dublin Core</name>
          <description>The Dublin Core metadata element set is common to all Omeka records, including items, files, and collections. For more information see, http://dublincore.org/documents/dces/.</description>
          <elementContainer>
            <element elementId="50">
              <name>Title</name>
              <description>A name given to the resource</description>
              <elementTextContainer>
                <elementText elementTextId="6534">
                  <text>Dokumente</text>
                </elementText>
              </elementTextContainer>
            </element>
          </elementContainer>
        </elementSet>
      </elementSetContainer>
    </collection>
    <itemType itemTypeId="19">
      <name>Digitalisat</name>
      <description>Umwandlung eines physischen Dokumentes in ein digitales Medium.</description>
    </itemType>
    <elementSetContainer>
      <elementSet elementSetId="1">
        <name>Dublin Core</name>
        <description>The Dublin Core metadata element set is common to all Omeka records, including items, files, and collections. For more information see, http://dublincore.org/documents/dces/.</description>
        <elementContainer>
          <element elementId="40">
            <name>Date</name>
            <description>A point or period of time associated with an event in the lifecycle of the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="10784">
                <text>14.03.1990</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
          <element elementId="51">
            <name>Type</name>
            <description>The nature or genre of the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="10785">
                <text>Digitalisat</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
          <element elementId="39">
            <name>Creator</name>
            <description>An entity primarily responsible for making the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="10786">
                <text>Herausgeben U.S. Information &lt;br /&gt;Service Embassy of the United States of America</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
          <element elementId="50">
            <name>Title</name>
            <description>A name given to the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="10787">
                <text>Amerikadienst 14.03.1990</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
          <element elementId="41">
            <name>Description</name>
            <description>An account of the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="10788">
                <text>&lt;strong&gt;1. Abrüstung&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Vereinigte Staaten: Chance in der Rüstungskontrolle: "beispiellos"&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede von ACDA-Direktor Lehman im Senat&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. NATO&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Galvin bekräftigt NATO-Strategie, hält jedoch Änderungen für möglich&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Erklärung vor Unterausschuß des Senats&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Umwelt&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Erneuerbare Energien sollen Erwärmung bremsen&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Die Forschung nach alternativen Betriebsstoffen&lt;/em&gt;</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
        </elementContainer>
      </elementSet>
    </elementSetContainer>
  </item>
  <item itemId="2136" public="1" featured="0">
    <fileContainer>
      <file fileId="2147">
        <src>https://www.amerikahaus-archiv.de/files/original/4403cb6bb3a0435482e4475730962a5e.pdf</src>
        <authentication>05af28132649fe2452e394b83241b884</authentication>
        <elementSetContainer>
          <elementSet elementSetId="4">
            <name>PDF Text</name>
            <description/>
            <elementContainer>
              <element elementId="52">
                <name>Text</name>
                <description/>
                <elementTextContainer>
                  <elementText elementTextId="10795">
                    <text>amcrika
dienet

U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

Set^c

21. März 1990

11

KSZE

WIRTSCHAFTLICHE UND POLITISCHE
RECHTE SIND IN EINER DEMOKRATIE
AM BESTEN GESICHERT
Eröffnungsansprache des
US-Delegationsleiters

DDR-WAHLEN

DAS DDR-WAHLERGEBNIS EIN SIEG DEMOKRATISCHER WERTE
USA betrachten Wiedervereinigung als unaufhaltsam

OSTEUROPA

VEREINIGTE STAATEN HABEN GROSSES
INTERESSE AN OSTEUROPA
Rede des Stellvertretenden
Außenministers Eagleburger

ABRÜSTUNG

GENFER ABRÜSTUNGSKONFERENZ SOLL
SICH "REALEN" RÜSTUNGSPROBLEMEN
WIDMEN
Rede von Botschafter Ledogar

WIRTSCHAFT

DIE ÜBERPRÜFUNG VON AUSLANDSINVESTITIONEN IN DEN VEREINIGTEN
STAATEN
Eine Übersicht zur Exon-FlorioVerfügung

J

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.:0228-339 2366
Telex: 8-85432

�KSZE
21. März 1990

WIRTSCHAFTLICHE UND POLITISCHE
RECHTE SIND IN EINER
DEMOKRATIE AM BESTEN GESICHERT
Eröffnungsansprache des US-Delegationsleiters
BONN - (AD) - "Zwischen Wirtschaftsproduktivität, den Rechten des einzelnen und dem Schutz dieser Rechte
in einem demokratischen Rechtsstaat bestehen klare Zusammenhänge", erklärte der amerikanische Delegationsleiter Holmer zur Eröffnung der internationalen Wirtschaftskonferenz unter der Schirmherrschaft der
Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (KSZE) in Bonn am 19. März 1990.
"Individuelle wirtschaftliche Rechte sind in einem System am besten gesichert, in dem politische Rechte
gesichert sind und vice versa", so Alan F. Holmer. "Aus unserer Sicht ist diese Verbindung zwischen
wirtschaftlichen und politischen Rechten zentrales Thema unserer Erörterungen." Holmer verwies darauf, daß
"die KSZE in den Bereichen Sicherheit und Menschenrechte übergreifende Prinzipien als Richtlinien ihrer Arbeit
aufgestellt hat. Wir betrachten die Wirtschaftsprinzipien von Korb II als Instrument zur Erschließung dieses
ungenutzten Potentials."
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede des amerikanischen Delegationsleiters im Wortlaut.

Herr Vorsitzender, meine Damen und Herren,
wir kommen nicht umhin, uns vor Augen zu führen, daß
um uns herum Geschichte geschrieben wird - nicht nur
hier im Land unserer verehrten Gastgeber, sondern in
ganz Europa und weltweit. Wir beobachten, wie die
grausame Teilung dieses Kontinents, die wiederum
dazu beitrug, die Welt in gegnerische Lager zu spalten,
allmählich überwunden wird. Diese Merkmale der
Vergangenheit - die Trennung von Familien und Verwandten, Barrieren, die dem ungehinderten Kommunikationsfluß über die Grenzen hinweg im Wege standen, die Unterdrückung der Menschenrechte und Freiheiten des einzelnen - all dies wird durch die Hoffnung
auf ein neues Zeitalter der Freiheit, Sicherheit, des
Wohlstands und echter Demokratie für die Völker
dieses Kontinents ersetzt.
Ungeachtet der historischen Rolle, die in den vergangenen Monaten von Menschenrechtsaktivisten und
Staatsmännern mit politschem Weitblick auf beiden
Seiten dieser rasch verschwindenden Trennungslinie

AMERIKA DIENST 11

in Europa gespielt wurde, stellen wir rückblickend fest,
daß der vor fünfzehn Jahren in Helsinki eingeleitete
Prozeß ebenfalls eine zentrale Rolle gespielt hat.
Nicht zuletzt aufgrund der Schlußakte von Helsinki die als ein von staatsmännischem Geschick und politischem Weitblick geprägtes Dokument in die Geschichte eingehen wird - stehen wir heute an einem
historischen Wendepunkt, am Ende eines Kapitels der
Geschichte dieses Kontinents und am Beginn eines
neuen.
In solchen Augenblicken tragen wir große Verantwortung: auch die Chancen für einen Neuanfang sind gro ß
und es wäre tragisch, wenn wir diese Chancen hier in
Bonn nicht nutzen würden. Um Außenminister Baker
aus seiner Berliner Rede im Dezember zu zitieren:
"Jetzt ist es an der Zeit für weitere Fortschritte des
KSZE-Prozesses." Und er fuhr fort, "insbesondere
kann der relativ unterentwickelte Korb Wirtschaft mit
neuen Inhalten gefüllt werden".

Seite 1

�Als ich am vergangenen Freitag mit Außenminister
Baker zusammentraf, bekundete er erneut seine Unterstützung für die Bonner Konferenz und die Absicht,
Korb II neue Inhalte zu verleihen. Er wiederholte die
von ihm im Februar in Prag gemachte Aussage, daß
Verträge über den Abbau konventioneller Streitkräfte,
verbessertes Vertrauen und sicherheitsbildende
Maßnahmen und die Einführung freier Wahlen in ganz
Europa dazu beitragen werden, Frieden, Demokratie
und Fortschritt zu sichern und zu konsolidieren, wenn
jedoch "keine Schritte zur Förderung der Wirtschaftsaktivitäten unternommen werden, könnte die Stabilität
in Europa erneut auf dem Spiel stehen".
Wie sollen wir diesen Zeitpunkt bewerten, mit dem uns
die Geschichte konfrontiert? Die Vereinigten Staaten
gehen von einer Reihe von Grundvoraussetzungen
aus: Erstens haben wir alle bestimmte Zielsetzungen
gemein. Wir alle streben dauerhaftes Wirtschaftswachstum, Vollbeschäftigung, effektive Nutzung wirtschaftlicher Ressourcen und eine sauberere Umwelt
an. Wir haben unterschiedliche Traditionen und in
gewissem Maße unterschiedliche Werte. Aber heute
ist es offensichtlicher als jemals zuvor, daß wir zahlreiche gemeinsame Ziele haben.
Zweitens existieren Europa und Nordamerika nicht in
einem Vakuum. Weltweite Trends betreffen uns alle,
und wir alle sind mehr oder weniger Akteure in der
Weltwirtschaft. Kein Land kann eine gesunde Binnenwirtschaft aufbauen, wenn sie die Welt jenseits unserer Grenzen und Küsten ignoriert oder versucht, auszuschließen.
Drittens bestehen beiderseitig profitable Wirtschaftsbeziehungen nicht zwischen Staaten, sondern zwischen einzelnen Produzenten, Unternehmen und
Konsumenten. Ob sie die größten Maschinen oderdie
originellste Idee produzieren, ob sie Zehntausende
von Angestellten beschäftigen oder nur aus einer
einzigen kreativen Person bestehen - diese Unternehmen stellen die Realität der Wirtschaftstätigkeit dar.
Aus diesem Grund ist es unseres Erachtens so wichtig, daß hier Wirtschaftsvertreter als Delegationsmitglieder anwesend sind und an unseren Gesprächen
teilnehmen.
Die wichtigste Rolle der Wirtschaftsvertreter bei dieser
Konferenz besteht wohl darin, uns vor Augen zu führen, daß sie und nicht wir es sind, die Produkte erfinden
und sie vermarkten, Arbeitsplätze schaffen und Wohlstand produzieren.
Wir alle hoffen auf einen erfolgreichen Abschlu ß dieser
Konferenz. Wie auch immer wir ihren Erfolg beurteilen
mögen, sollten wir uns stets vor Augen führen, daß
sich die Wirtschafts- und Handelstätigkeit auf dem
Weltmarkt vollzieht und letztlich allen Staaten zum
Vorteil gereicht. In diesem Zusammenhang begrüßen
wir den Vorschlag von Wirtschaftsminister Haussmann
zur Ernennung von Koordinatoren, die die Leitung der

Seite 2

vorgesehenen informellen Diskussionen übernehmen
sollen. Wir sehen den Beiträgen aus der Privatwirtschaft erwartungsvoll entgegen, die über einzelne
KSZE-Staaten wieder in unsere zwischenstaatlichen
Treffen eingebracht werden.
Wie sollte das Ergebnis dieser Konferenz im Idealfall
beschaffen sein? Die Vereinigten Staaten gehen
davon aus, daß die größte Leistung dieser Konferenz
in der Verabschiedung einer Reihe von Leitsätzen
bestehen könnte, die - wie wir hoffen - in Zukunft
einmal als "Bonner Prinzipien der wirtschaftlichen
Zusammenarbeit" bezeichnet werden. Wir haben
allen Teilnehmerstaaten bereits einen Entwurf für diese
Prinzipien zukommen lassen. IhrTenorfindet nicht nur
in Europa, sondern auch in anderen Teilen der Welt
breite Anerkennung. Wir werden der Konferenz diese
Prinzipien in Kürze vorlegen.
Wenn wir in den kommenden Tagen die Tagesordnung dieser Konferenz durcharbeiten, werden wir auf
diese Grundsätze marktorientierter Volkswirtschaften
und Volkswirtschaften im Übergang zurückgreifen. In
den offiziellen zwischenstaatlichen Gesprächen sowie
in den Diskussionen zwischen Wirtschaftsvertretern
werden wir sehen, daß allgemeine Grundsätze wie
diese allen speziellen Problemen der Zusammenarbeit
in Wirtschaft und Handel zugrundeliegen. Wir laden
Sie zu Stellungnahmen, Vorschlägen und zur- hoffentlich aktiven - Beteiligung ein.
Ich werde heute nicht ausführlich auf diese Prinzipien
eingehen. Meines Erachtens wäre es jedoch hilfreich,
einige Schlüsselelemente unseres Ansatzes zu nennen.
Wie bereits einige meiner Vorredner bemerkt haben,
sind wir erstens davon überzeugt, daß eine lebenswichtige Beziehung zwischen effektiven und gerechten Wirtschaftssystemen und offenen, demokratischen
und rechenschaftspflichtigen politischen Systemen
besteht. Wir mögen über die besondere Organisationsform nationaler Volkswirtschaften unterschiedlicher Meinung sein, aber wir stimmen darin überein,
daß der einzelne Arbeitnehmer, Unternehmer und
Verbraucher im Mittelpunkt einer jeden Volkswirtschaft
steht. Und dieses Individuum ist sowohl ein politisches
als auch ein ökonomisches Wesen. Individuelle wirtschaftliche Rechte sind in einem System am besten
gesichert, in dem politische Rechte gesichert sind und
vice versa. Aus unserer Sicht ist diese Verbindung
zwischen wirtschaftlichen und politischen Rechten
zentrales Thema unserer Erörterungen.
Zweitens bedingt die effektive Beteiligung an der
Weltwirtschaft ein Zusammenwirken internationaler
und nationaler Maßnahmen. Internationale Maßnahmen können wenig erreichen, wenn ein bestimmtes
binnenwirtschaftliches System den Austausch von
Gütern und Dienstleistungen innerhalb seiner Grenzen und über sie hinweg behindert. Die an dieser

AMERIKA DIENST 11

�Konferenz teilnehmenden Wirtschaftsvertreter können uns helfen, die Elemente des binnenwirtschaftlichen Umfelds zu identifizieren, die für allseitig vorteilhafte Wirtschaftsbeziehungen erforderlich sind.
Wie bereits vom Leiter der ungarischen Delegation
festgestellt wurde, stellen uns drittens die Veränderungen, die sich gegenwärtig in den im Übergang von
einer Kommandowirtschaft zu einer gemischten oder
wirklich marktorientierten Volkswirtschaft befindlichen
Ländern vollziehen, vor Schwierigkeiten. Die Geschichte bietet wenig Anhaltspunkte dafür, wie dieser
Umbruch am besten verwirklicht werden soll, und
selbst die Experten sind sich nicht einig. Es besteht
jedoch seitens der Vereinigten Staaten eine enorme
Bereitschaft, mit ihren Mitteln zu helfen. Etwa jeder
achte Amerikaner stammt aus dem Teil des Kontinents, in dem heute eine rasche wirtschaftliche Umgestaltung stattfindet. Wir sind davon überzeugt, daß wir
Bereiche der Zusammenarbeit finden können, um
diesen schwierigen Übergang von einer Kommando zur
Marktwirtschaft zu unterstützen.

Wir fordern Sie auf, sich eine Reihe von klaren, unmi ßverständlichen Prinzipien zu eigen zu machen und
Leitlinien für die vor uns liegende grundlegende Arbeit
einzubringen. Unsere gemeinsame Arbeit an diesen
Prinzipien ist wichtig, denn wir betrachten diese Konferenz zusammen mit dem Kopenhagener Treffen
über die menschliche Dimension im Juni als Baustein
für einen möglichen KSZE-Gipfel zum Jahresende.
Wir sind dafür, Korb II neuen Inhalt und neue politische
Bedeutung zu verleihen und damit ein neues kooperatives Zeitalter der internationalen Wirtschaftsbeziehungen zu eröffnen. Nur dann haben wir die von der
Bonner Konferenz gebotene Gelegenheit wirklich
genutzt.

* * * *

*

Die unterschiedlichen Erfahrungen und das breitgefächerte Expertenwissen der 35 Teilnehmerstaaten bieten
die Gelegenheit einer umfassenden Zusammenarbeit.
Wir meinen hier nicht Zusammenarbeit um der Zusammenarbeit willen, so wünschenswert dies einigen auch
erscheinen mag. Stattdessen sollte eine klare Zielsetzung bestehen, die sich vielleicht so zusammenfassen
ließe, daß sich das Hauptaugenmerk der Volkswirtschaften im Übergang von der einfachen Produktion
zur Produktivität verlagert. In der heutigen Welt hängt
die Produktivität natürlich in einzigartigem Maß vom
einzelnen ab, vom freien Informationsfluß, der Einstellung des einzelnen zu seiner Umwelt und davon, ob er
ein persönliches Interesse am System hat. Kurz
gesagt: Zwischen Wirtschaftsproduktivität, den Rechten des einzelnen und dem Schutz dieser Rechte in
einem demokratischen Rechtsstaat bestehen unseres
Erachtens klare Zusammenhänge.
Dies ist das erste Treffen über wirtschaftliche Zusammenarbeit in der Geschichte der KSZE. In den Bereichen Sicherheit und Menschenrechte hat die KSZE
bereits übergreifende Prinzipien als Richtlinien ihrer
Arbeit etabliert. Wir betrachten die Wirtschaftsprinzipien von Korb II als Instrument zur Erschließung
dieses ungenutzten Potentials.
Nach den politischen und wirtschaftlichen Revolutionen von 1989 dürfen wir jetzt nicht ängstlich sein. Die
Vereinigten Staaten haben wenig Interesse an einer
substanzlosen Konferenz, die vor uns liegende Probleme nur marginal behandelt.
Die Delegation der Vereinigten Staaten ist bei dieser
Konferenz bereit, sich aktiv an ihrer umfassenden
Tagesordnung zu beteiligen und mit jeder Delegation
zusammenzuarbeiten, um das bestmögliche Resultat
zu erzielen.

AMERIKA DIENST 11

Seite 3

�DDR - W A H L E N
21. März 1990

DAS DDR-WAHLERGEBNIS - EIN SIEG
DEMOKRATISCHER WERTE
USA betrachten Wiedervereinigung als unaufhaltsam

WASHINGTON - (AD) - Ein Sprecher des Weißen
Hauses brachte am 19. März 1990 seine Befriedigung
darüber zum Ausdruck, daß die DDR "sich der steigenden Zahl der Länder angeschlossen hat, die freie und
faire Wahlen" abhalten. Er beschrieb den Wahlausgang als "einen Sieg nicht nur für die DDR-Bürger,
sondern für alle Deutschen" und alle Menschen mit
demokratischen Werten.
Der Pressesprecher des Weißen Hauses, Marlin Fitzwater, ging bei einer Pressekonferenz auf die Wahlen
vom 18. März ein und erklärte, die Vereinigten Staaten
"haben die Hoffnung der DDR-Bürger auf eigene Zukunftsentscheidungen seit jeher unterstützt". (...) "Wir
feiern dieses denkwürdige Ereignis gemeinsam mit
ihnen und den Bundesbürgern".
Bei den ersten demokratischen Wahlen seit 57 Jahren
haben die Wähler in der DDR mit ihrer Entscheidung
für eine Koalition konservativer Parteien - die mit der
CDU-Regierung in der Bundesrepublik in Verbindung
stehen - nachdrücklich für eine schnelle Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten und für die
Hinwendung zur Marktwirtschaft gestimmt.
Der Pressesprecher erklärte, obwohl es "Hindernisse
im Sinne von noch zu lösenden Problemen gibt ...
scheint es, daß der Lauf der Dinge zu einer Wiedervereinigung unaufhaltsam ist. Das haben die Wahlen
eindeutig bewiesen."
Fitzwater zufolge deuten alle zwischen Präsident Bush
und Bundeskanzler Kohl geführten Gespräche darauf
hin. "Und jetzt hat ein Prozeß begonnen, der dieser
Wiedervereinigung hoffentlich gerecht wird und ihren
friedlichen Verlauf in geordneten Bahnen gewährleisten kann."

AMERIKA DIENST 11

Im US-Außenministerium nahm der Stellvertretende
Pressesprecher Richard Boucher Stellung: "Natürlich
begrüßen wir die Wahlen, wir gratulieren den Deutschen zu dem Vereinigungsprozeß und zu diesem
historischen Wahlergebnis."
Auf Fragen zu den nächsten Schritten antwortete
Boucher: "Dem Verfahren entsprechend werden die
Parteien der DDR Gespräche über die Regierungsbildung aufnehmen. Die CDU, die bei den Wahlen eine
Mehrheit auf sich vereinigen konnte, wird sofort in
Koalitionsverhandlungen eintreten. Wir können jedoch nicht genau sagen, wie lange dies dauern wird."
Zu den Auswirkungen der Wahlen auf Fortschritte bei
der Wiedervereinigung beider deutscher Staaten erklärte der Stellvertretende Sprecher: "Im Programm
des Wahlsiegers wird eine rasche Wiedervereinigung
gefordert. "Die neue Regierung muß jedoch eine
Koalition bilden, und wir müssen die Ergebnisse dieser
Koalitionsbildung abwarten, bevor wir uns ein klares
Bild von der Politik der Wiedervereinigung machen
können."
"Wir gehen jedoch davon aus, daß die neue Regierung
unmittelbar nach ihrer Bildung an der Aufnahme von
Gesprächen mit der Bundesrepublik zu diesem Thema
interessiert sein wird", erklärte Boucher.
Auf die Frage, ob US-Regierungsgsbeamte vom überwältigenden Sieg der Christdemokraten überrascht
waren, antwortete er: "Wir haben keine Prognosen
abgegeben, und deshalb werde ich auch die Ergebnisse nicht kommentieren."
* * * * *

Seite 1

�OSTEUROPA
21. März 1990

VEREINIGTE STAATEN HABEN GROSSES
INTERESSE AN OSTEUROPA
Rede des Stellvertretenden Außenministers Eagleburger
WASHINGTON - (AD) - Der Stellvertretende US-Außenminister Lawrence Eagleburger erklärte bei einer
Konferenz - unter der Schirmherrschaft der amerikanischen Export-Import Bank - über geschäftliche Möglichkeiten in Osteuropa, das Ziel der Vereinigten Staaten bestehe in der Unterstützung der Länder Osteuropas bei
ihrem Übergang zu Demokratie und freier Marktwirtschaft.
Eagleburger sprach sich jedoch dagegen aus, "einfach nur Geld in diese Region zu pumpen", womit ihm zufolge
"der Prozeß des Wandels nur verzögert und unsere Fördermaßnahmen verschwendet" würden. Deshalb
müssen die Vereinigten Staaten hauptsächlich "die Fähigkeiten zum Aufbau von Instititutionen und das
unternehmerische Know-how liefern, ohne die eine Privatisierung dieser Volkswirtschaften scheitern wird".
Darüber hinaus forderte Eagleburger amerikanische Unternehmen auf, sich "aktiv" am politischen und
wirtschaftlichen Wiederaufbau Osteuropas zu beteiligen. "Mit dem Eintritt in das Zeitalter nach dem kalten Krieg
müssen wir erkennen, daß der amerikanische Privatsektor als wichtigstes Mittel amerikanischer Präsenz und
amerikanischen Einflusses in Europa - Ost und West - und als wichtiges Instrument dienen muß, mit dem die
Vereinigten Staaten ihr historisches Engagement in Europa fortführen," erklärte Eagleburger.
Nachfolgend veröffentlichen wir Eagleburgers Rede im Wortlaut.

Ich habe entdeckt, daß eine meiner schwierigsten
Herausforderungen als Stellvertretender Außenminister darin besteht, täglich etwas Neues, Relevantes
oder Tiefsinniges zum Thema Osteuropa zu sagen.
Immer wenn ich gebeten werde, über dieses Thema zu
referieren - und das geschieht oft - stehe ich vor diesem
Dilemma, und die Konkurrenz von Lech Walesa oder
Vaclav Havel macht es nicht leichter.
Tatsache ist jedoch, daß sich die Probleme und Herausforderungen, denen sich Mittel- und Osteuropa
1990 stellen müssen, von denen des Jahres 1989
erheblich unterscheiden. Wirtschaftlicher Wiederaufbau und Wahlkampf sind weniger ruhmreiche Unternehmungen als der Aufstand gegen eine Diktatur. Und
ich stelle jeden Tag fest, daß die Rolle, die eine
Koordination amerikanischer Hilfe in Osteuropa spielt,
noch weniger ruhmreich ist. Aber das ist ein trauriges
Thema, dem wir uns besser ein anderes Mal zuwenden.

AMERIKA DIENST 11

Heute möchte ich ein dringlicheres Problem erörtern:
Die amerikanische Politik in Mittel- und Osteuropa und
die sich dort für amerikanische Unternehmen ergebenden Möglichkeiten. Bevor ich das tue, ist es meines
Erachtens notwendig, uns vor Augen zu führen, welche Ziele wir beim wirtschaftlichen Wiederaufbau Osteuropas - für die Osteuropäer, den Weltfrieden und die
Stabilität und für die Interessen der Vereinigten Staaten - verfolgen. Wenn sich 1989 die kommunistischen
Regime des Ostblocks aus der Geschichte verabschiedeten, so ist doch deren Nachfolge noch nicht
gesichert.
Wir haben guten Grund, optimistisch über die Zukunft
Osteuropas zu sein. Aber Optimismus ist ein Punkt
und Selbstzufriedenheit ein anderer. Die Kommunisten entsagten zu einem bestimmten Zeitpunkt der
Macht, weil sie ihre Länder und Volkswirtschaften an
den Rand des Ruins getrieben hatten. Es ist eine

Seite 1

�zutiefst ungerechte, aber dennoch unausweichliche
Tatsache, daß die aufstrebenden Demokratien der
Region mit den von ihren Vorgängern hinterlassenen
Trümmern regieren müssen.
Das Vermächtnis von vier Jahrzehnten Unterdrückung
und Mißwirtschaft ist ungeheuerlich: große Schulden,
eine veraltete Industrie, Umweltschäden sowie politischer Dogmatismus und Intoleranz. Das möglicherweise schlimmste Vermächtnis ist psychologischer Art
- eine Abhängigkeit von Arbeitsplätzen, Waren und
Dienstleistungen, die der Staat bereitstellt und subventioniert sowie ein Fehlen unternehmerischer Fähigkeiten.
Ich betone diese Punkte ausdrücklich, damit wir alle
verstehen, was überwunden werden muß, um das
demokratische Experiment in Osteuropa zum Erfolg
zu führen. Die Erkenntis dieser Herausforderung geht
manchmal in der geschliffenen und sentimentalen
Rhetorik verloren, die wir als Reaktion auf die gegenwärtig stattfindenden historischen Veränderungen
vernehmen konnten. Dennoch ist es eine Herausforderung, der sich unsere Freunde in Mittel- und Osteuropa beherzt stellen. Die schnellen Ergebnisse der
wirtschaftlichen Umstrukturierung in Polen deuten darauf
hin, daß die Menschen in der Region sehr wohl bereit
sind, die Belastung zu tragen und den Preis der
Freiheit zu zahlen. Die am kommenden Sonntag in der
DDR stattfindenden Wahlen liefern hierfür ein weiteres
Beispiel: jüngste Meinungsumfragen zeigen eine
Veränderung an - die DDR-Bürger beschäftigen sich
weniger mit dem Erhalt der Privilegien eines Wohlfahrtsstaats und mehr mit dem Zusammenhang von
Risiko und Wohlstand in einer dynamischen freien
Marktwirtschaft.
Die wichtigste Botschaft, die ich Ihnen vermitteln möchte,
lautet, daß der Weg Osteuropas steinig, aber begehbar ist. Wir haben großes Interesse am Erfolg der
neuen Demokratien. Es ist vielfach die Auffassung
geäußert worden - die meiner Meinung nach stimmt der Niedergang des Kommunismus sei eine Bestätigung der amerikanischen Außenpolitik seit dem Zweiten Weltkrieg. Aber die Geschichte endet nicht an
diesem Punkt, weil unsere Rolle im sogenannten kalten Krieg für uns gleichbedeutend war mit der Eindämmung kommunistischer Machtexpansion und gleichzeitig der letzte der drei großen Kämpfe, die wir auf
dem europäischen Kontinent in diesem Jahrhundert
ausgefochten haben. Tatsächlich liegt die Stabilität
Europas seit 1917 im Interesse der Vereinigten Staaten - und das muß auch weiterhin der Fall sein. Unser
Interesse an einem erfolgreichen Übergang zu Demokratie und freier Marktwirtschaft in Mittel- und Osteuropa hat zwei Ziele: erstens wollen wir sicherstellen,
daß die Abkehr vom Kommunismus unwiderruflich ist
und zweitens gewährleisten, daß die Region nicht
noch einmal ein zerrüttetes, instabiles Machtvakuum,
ein Ort von Spannungen und nationalen Rivalitäten
wird.
Seite 2

Damit ergibt sich die Frage, ob die Vereinigten Staaten
genug tun, um nationalen Interessen Vorschub zu
leisten. Um es deutlich zu sagen, "genug tun", heißt
für die meisten dasselbe wie: "Geben wir genug Geld
aus?" Natürlich heißt es häufig, wir täten es nicht, und
der Ruf nach einem neuen "Marshallplan" für Osteuropa wird laut.
Diese Argumente würde ich mit drei Punkten widerlegen. Erstens haben wir jetzt mächtige und wohlhabende europäische Verbündete, die mit uns die Last
tragen, die andere Hälfte ihres Kontinents wiederaufzubauen.
Zweitens stellen wir trotz gravierender Haushaltszwänge Osteuropa in großem Umfang Mittel zur Verfügung.
Wenn wir denselben Rechenmodus anwenden würden wie unsere Freunde und Verbündeten - das heißt,
auch Anleihen, Kredite, Garantien, Versicherung und
Umschuldung in unseren Haushalt aufnähmen - würde
sich herausstellen, daß unsere Hilfe unübertroffen
dasteht.
Aber drittens - und dies ist vielleicht der wichtigste
Punkt - unterscheiden sich die Bedürfnisse der Länder
Osteuropas heute grundlegend von denen im Westeuropa des Jahres 1947. Damals mußten wir eine
Region wiederaufbauen, die zwar vom Krieg zerstört
war, aber dennoch über das Know-how, die wirtschaftliche Infrastruktur, die demokratischen Institutionen
und Traditionen verfügte, die für einen schnellen
Wiederaufbau erforderlich sind. In Osteuropa fehlen
diese Fähigkeiten und Institutionen zu einem großen
Teil. Aus diesem Grunde müssen wir unmittelbar
technische Hilfe leisten, um die Infrastruktur zu schaffen, die westliche Investitionen und finanzielle Hilfe
erfolgreich aufnehmen kann. Wenn wir einfach nur
Geld - auch viel Geld - in diese Region pumpen, ohne
damit Fortschritte bei Strukturreformen zu verbinden,
wird - wie in den siebziger Jahren - der Prozeß des
Wandels nur verzögert, und unsere Fördermaßnahmen sind verschwendet.
Angesichts der Verfassung der Volkswirtschaften
Osteuropas und des von mir gerade angesprochenen
Vermächtnisses kann kein Wandel stattfinden, der
nicht schmerzvoll wäre - schmerzvoll im Sinne der
Geburt eines völlig neuen Wirtschaftssystems. Wir
wollen diesen Schmerz lindern, wo wir können, müssen aber hauptsächlich die Fähigkeiten zum Aufbau
von Institutionen und das unternehmerische Knowhow liefern, ohne die eine Privatisierung dieser Volkswirtschaften scheitern wird.
Zusammenfassend lie ße sich unser Ansatz folgendermaßen charakterisieren: wo Engagement für politischen Pluralismus, einschneidende Witschaftsreformen und Achtung der Menschenrechte besteht, werden wir mit unseren Ressourcen, unserem Know-how
und unserer Erfahrung zur Seite stehen. Aber ich bin
fest davon überzeugt, daß die von uns bereitgestellten

AMERIKA DIENST 11

�Ressourcen wertlos sein werden, wenn die Osteuropäer unfähig sind, den Grundstein zu legen und die
Infrastruktur für eine freie Marktwirtschaft und freie
Gesellschaft zu schaffen. Aus diesem Grund betonen
wir so ausdrücklich, daß wir die Bestandteile dieser
Infrastruktur und damit die Erfolgsgrundlagen liefern:
Hilfe zur Bildung politischer Parteien, Durchführung
von Wahlen, Aufbau einer Legislative und unabhängiger Gerichte, Hilfe zum Aufbau einer freien Presse und
freier Gewerkschaften, Hilfe bei der Entwicklung eines
Bankensystems und finanzieller Dienstleistungen, Hilfe
bei der Führung von Privatuntemehmen und vieles
mehr.
Dazu hat die Bush-Administration ein umfassendes
Rahmenwerk entwickelt, in dem Osteuropa Hilfe geleistet werden soll. Dennoch verfügen wir nicht über
einen wohlabgestimmten Plan, um bestimmte Entwicklungen in einem Land vorwegzunehmen und können
das auch nicht. Das Zeitalter der Pläne und großartigen Planspiele ist vorbei - es wurde 1989 in Osteuropa
zu Grabe getragen. Jeder, der in den vergangenen
zwölf Monaten Pläne in dieser Region verfolgte, mu ßte
sie bis jetzt mindestens zwölfmal ändern. Wir brauchen eine klare Zielvorstellung und einen guten Rahmen, der uns die Richtung weist. Den haben wir
meiner Ansicht nach. Darüber hinaus müssen wir
flexibel - und geschickt genug - sein, um auf neue
Ereignisse zu reagieren.
Unser Ansatz ist dreigleisig. Erstens werden wir
kurzfristig auf den Notfall abgestimmte humanitäre
Hilfe leisten, um den großen Mangel am Notwendigsten, wie Nahrungs- und Arzneimittel, zu bekämpfen.
Mit anderen Worten: wir werden da sein, um das
Unheil aufzuhalten.
Zweitens können wir mittelfristig eine Reihe von
Maßnahmen ergreifen, um politischen Pluralismus
und marktorientierte Volkswirtschaften zu fördern. Wir
sind bereit, allen Ländern der Region technische Hilfe
zu leisten, die Hilfe beim Übergang zur Demokratie,
freien.Märkten und einer sauberen Umwelt benötigen.
Darüber hinaus wollen wir mit denjenigen Ländern, die
Bedingungen amerikanischer Gesetze erfüllen, die
Beziehungen im bilateralen Handel und bei den Investitionen wiederaufnehmen.
Und drittens sind wir langfristig bereit, während der
Übergangsphase die Wirtschaftshilfe für diejenigen
Länder zu verlängern, die bereit sind, den großen und
schmerzvollen Preis der Umwandlung in eine freie
Marktwittschaft zu zahlen. Dazu zählt die finanzielle
Unterstützung für glaubwürdige Stabilisierung und
strukturelle Anpassungsprogramme. Wir haben zum
Beispiel bereits umfangreiche Ressourcen für Unternehmensfonds in Polen und Ungarn wie auch dem
polnischen Stabilisierungsfonds zur Verfügung gestellt. Darüber hinaus sind wir der Ansicht, daß internationale Finanzinstitutionen wie der IWF und die
Weltbank wichtige Hilfe bei der Integration der osteu-

AMERIKA DIENST 11

ropäischen Länder in das Weltwirtschftssystem leisten
können, und wir werden die Bestrebungen der reformorientierten Länder um eine Mitgliedschaft in diesen Institutionen unterstützen, sobald sie die Auflagen
für eine Mitgliedschaft erfüllen.
Über die Bestrebungen hinaus bin ich davon überzeugt, daß die Umwandlung und der Wiederaufbau der
Volkswirtschaften Osteuropas auch den Privatsektor
einbeziehen muß. Es ist schließlich der westliche
Privatsektor, der das Kapital zur Verfügung stellen
kann, mit dem Arbeitsplätze geschaffen und eine
unabhängige Wirtschaftstätigkeit in der ganzen Region gefördert werden kann. Wenn sie einmal Fuß
gefaßt haben, können westliche Unternehmer den
Osteuropäern bei der Schaffung eines Umfelds freien
Unternehmertums mit Risikobereitschaft und Unabhängigkeit helfen, das heute fehlt, für den langfristigen
Erfolg der Reformen aber unabdingbar ist.
Wenn steigende Investitionen im Privatsektor unser
Ziel sind, sollte klar sein, daß auch die Export-Import
Bank eine entscheidende Rolle bei der Strategie der
Administration in Osteuropa spielen muß. Ich möchte
hinzufügen, daß dieser Ansatz mehr in sich birgt als es
scheint. Wenn sich Osteuropa zum Beispiel letztlich
für freie Märkte entscheidet, amerikanische Unternehmen aber ausgeschlossen werden oder nur in geringem Maße auf dem Markt präsent sind, wäre damit den
amerikanischen Interessen nicht gedient. Ich möchte
auch behaupten, daß ein solches Resultat auch osteuropäischen Interessen wenig förderlich wäre. Nach
meiner jüngsten Reise in diese Region kann ich Ihnen
berichten, daß wir in diesen aufstrebenden Demokratien viele Freunde haben. Sie vergessen uns nicht,
weil wir in unserer Unterstützung für ihre Freiheit und
Unabhängigkeit nicht ins Wanken geraten sind und
keine Kompromisse gemacht haben, und deshalb
wollen sie, daß wir aktiv an der wirtschaftlichen und
politischen Wiederherstellung ihrer Länder teilnehmen. Kurzum: es wäre törcht, anzunehmen, die
westeuropäischen Nachbarn Osteuropas hätten den
Markt "fest in der Hand", und wir sollten uns deshalb
aus dem Wettbewerb zurückziehen.
Es ist daher im Sinne einer Interessengemeinschaft,
daß wir mit den Regierungen Osteuropas einen positiven gesetzlichen Rahmen für amerikanische Investitionen in der Region schaffen. In jedem Land, das wir
besucht haben, erklärten wir der Führung, wir respektierten ihr souveränes Recht auf eigene Gesetzgebung, verwiesen jedoch auch darauf, daß sie unweigerlich untereinander im Wettstreit um amerikanische
Investitionsdollar stehen würden. Wir hatten sicherlich
keine Schwierigkeiten, sie zu überzeugen, daß amerikanische Firmen ihre Gesetze respektieren und positive Beiträge für ihre Wirtschaft leisten würden. Tatsache ist, daß die Osteuropäer keine Angst vor wirtschaftlicher Dominanz der Vereinigten Staaten haben.
In ihrem geschichtlichen Verständnis sind mit den

Seite 3

�Vereinigten Staaten keine negativen Assoziationen
verbunden. Tatsächlich lehrt sie ihr Geschichtsverständnis die Bedeutung des anhaltenden politischen
und wirtschaftlichen Engagements der Vereinigten
Staaten für Europa.
Wenn wir diesen Erwartungen gerecht werden und in
der Lage sein wollen, unsere wichtigen Interessen in
der Region wahrzunehmen, müssen wir auch in der
Wirtschaft Mittel- und Osteuropas präsent sein. Wir
dürfen nicht vergessen, daß der amerikanische Einfluß in Westeuropa seit dem Zweiten Weltkrieg ebenso
sehr auf unsere wirtschaftliche Stärke zurückzuführen
ist wie auf unsere unmittelbare Hilfe und unsere andauernden sicherheitspolitischen Beziehungen. Mit dem
Eintritt in das Zeitalter nach dem kalten Krieg müssen
wir erkennen, daß der amerikanische Privatsektor als
wichtigstes Mittel amerikanischer Präsenz und amerikanischen Einflusses in Europa - Ost und West - und
als wichtiges Instrument dienen muß, mit dem die
Vereinigten Staaten ihr historisches Engagement in
Europa fortführen - ein Engagement, das so entscheidend für Frieden und Stabilität in diesem Teil der Welt
war.

*

Seite 4

Bitte verstehen Sie mich nicht falsch: Ich fordere Sie
nicht auf, aus rein patriotischen Gründen in Osteuropa
zu investieren. Sie werden damit zufrieden sein müssen, daß Risiko und Gewinn auch Möglichkeiten
anderswo bedeuten. Aber nach meiner Rückkehr
aus der Region bin ich zuversichtlich über die Chancen für wirtschaftliches Wachstum und Wiederaufbau und optimistisch im Hinblick auf die Aussichten
für amerikanische Unternehmen. Hier handelt es
sich um einen Markt mit gut ausgebildeten Arbeitskräften und einem niedrigen Lohnniveau. Aufgrund
dieser Faktoren und auch aus geopolitischen Gründen wird Westeuropa bestrebt sein, jetzt dort Fuß zu
fassen, in der Hoffnung, in den nächsten Jahren dann
eine Vormachtstellung innezuhaben. Wir können es
uns deshalb weder leisten, zu warten, bis sich die
Situation verfestigt noch können Sie erwarten, dort
schnelle Gewinne zu machen. Sie werden sich kurzfristig niederlassen müssen, um langfristig Gewinne
zu machen. Aber Sie werden Gewinne erzielen - auch
Ihr Land und unsere guten Freunde in Mittel- und
Osteuropa.
Ich danke Ihnen.

* * *

*

AMERIKA DIENST 11

�ABRÜSTUNG
21. März 1990

GENFER ABRÜSTUNGSKONFERENZ SOLL SICH
"REALEN" RÜSTUNGSPROBLEMEN WIDMEN
Rede von Botschafter Ledogar
WASHINGTON - (AD) - In der gegenwärtigen Sitzungsperiode der Genfer Abrüstungskonferenz (CD) dringen
die Vereinigten Staaten darauf, Rüstungskontrollfragen in den Mittelpunkt zu stellen, die für die Teilnehmerstaaten von gemeinsamem Interesse sind und bei denen "für alle Beteiligten nützliche Vereinbarungen erzielt"
werden könnten.
Der amerikanische Botschafter Stephen Ledogar erklärte am 13. März 1990 in einer Rede vor dem Plenum, die
CD habe sich zu lange mit Fragen beschäftigt, "die dem Verhandlungsprozeß in Wirklichkeit nicht dienlich waren,
sondern die stattdessen benutzt wurden, um politische Argumente vorzubringen".
Er schlug vor, Probleme wie Fragen der regionalen Sicherheit und regionalen Wettrüstens zu behandeln. Solche
"realen" Probleme könnten die Grundlage für eine realistische und sinnvolle Ergänzung unserer Tagesordnung
sein".
Im folgenden veröffentlichen wir die Rede von Botschafter Ledogar im Wortlaut.

Vor zwei Wochen hatte ich die Gelegenheit, an dieser
Stelle über chemische Waffen zu sprechen. Chemische Waffen sind heute morgen nicht mein Hauptthema, aber ich möchte doch den Tenor der Erklärung
Minister Batsanows vom vergangenen Donnerstag (8.
März) unterstreichen. Meine Regierung ist über den
produktiven Charakter der gerade beendeten amerikanisch-sowjetischen Gesprächsrunde über chemische Waffen erfreut. Unsere gemeinsam erzielten
Fortschritte auf dem Weg zu einer bilateralen Vereinbarung über die Zerstörung der Lagerbestände an
chemischen Waffen können den Bemühungen dieses
Gremiums zur möglichst raschen Erarbeitung eines
Vertragsentwurfs für eine multilaterale Konvention über
chemische Waffen nur förderlich sein.
Herr Präsident, chemische Waffen stehen auf der
Tagesordnung der amerikanischen Regierung zur
Rüstungskontrolle weit oben. Ich möchte mich nun
den Atomwaffen zuwenden, einem weiteren Punkt auf
dieser Tagesordnung.
Beginnen wir mit der Tatsache, daß über 40 Jahre lang
ein starkes atomares Abschreckungspotential notwendig war, um die Sicherheit der Vereinigten Staaten zu
AMERIKA DIENST 11

gewährleisten. Es hat dazu beigetragen, die Sicherheit und Freiheit unserer Verbündeten und Freunde zu
bewahren. Der lange europäische Frieden der vergangenen 45 Jahre hat meines Erachtens zur heute
bestehenden Situation geführt, in der Winde der Freiheit durch so viele Länder wehen. Die lange Periode
der Stabilität hat uns Zeit verschafft, in der wir unsere
Aufmerksamkeit weniger auf das Überleben als vielmehr auf Menschenrechte und politische Rechte richten konnten.
Die atomare Abschreckung bleibt ein entscheidender
Bestandteil der amerikanischen Sicherheitsstrategie.
Wie Außenminister Baker im vergangenen Monat vor
dem Obersten Sowjet erklärt hat, benötigen wir ein
sicheres, verläßliches und modernes Arsenal solange
wir uns auf Atomwaffen zur Sicherung des Friedens
durch Abschreckung stützen müssen. Das heißt, daß
wir in gewissem Umfang weiterhin unterirdische Kernwaffenversuche durchführen müssen.
Die Vereinigten Staaten halten nach wie vor an einem
stufenweisen Prozeß zur weiteren Begrenzung von
Kernwaffenversuchen fest. Wir bleiben einem umfassenden Testver'not (CTB) als langfristigem Ziel verSeite 1

�pflichtet. Wie Minister Karmilo aus Finnland jedoch
schon am 20. Februar vor diesem Forum treffend
feststellte, gibt es auf dem Weg zu einem solchen
Verbot keine Abkürzung. Es muß aufgebaut werden,
wie man eine Brücke über einen Abgrund bauen
würde, indem man Stück für Stück eine solide Grundlage legt, damit sie auf Generationen hinaus stark und
zuverlässig bleibt.
Die Vereinigten Staaten betrachten CTB im Zusammenhang mit einer Zeit, in der wir uns nicht auf die
atomare Abschreckung verlassen müssen, um internationale Sicherheit und Stabilität zu sichern und in der
wir breit angelegte, einschneidende und wirksam ver ifizierbare Rüstungsreduzierungen erzielt haben, mit
erheblich verbesserten Verifizierungsfähigkeiten und
einem stärkeren Gleichgewicht bei den konventionellen Streitkräften.
Hier möchte ich kurz auf die Frage der Verifizierung
einzugehen. Ein CTB ohne angemessene Verifizierung ist kein Vertrag, sondern eine Versuchung. Entgegen der landläufigen Annahme, derzufolge die
Technologie dafür heute schon vorhanden ist, bleibt
bis zur Entwicklung eines glaubwürdigen Systems zur
Verifizierung der Einhaltung eines CTB zu verifizieren,
noch viel zu tun. Die Vereinigten Staaten werden
ihrerseits die Arbeit der Gruppe von Wissenschaftlern
weiterhin unterstützen und sich uneingeschränkt an
ihrem zweiten technischen Versuch beteiligen. Wir
sind tief enttäuscht darüber, daß so viele Staaten darunter auch einige, die regelmäßig ein CTB fordern
- es nicht für zweckmäßig hielten, sich an diesem
wichtigen Experiment zu beteiligen.
Herr Präsident, die Vereinigten Staaten sind dankbar
für die Bemühungen von Botschafter Donawaki aus
Japan und seinem Vorgänger, Botschafter Yamada,
einen Konsens über ein Mandat für einen Ad-hocAusschu ß zu Punkt eins auf unserer Tagesordnung zu
finden.

Hinblick auf die Verhandlungen zur Reduzierung strategischer Warfen erzielt, und unsere Delegationen bei
den Verhandlungen über Kernwaffenversuche arbeiten tatkräftig daran, die Protokolle zum Schwellenvertrag und zum Vertrag über Kernexplosionen zu friedlichen Zwecken bis zum Gipfeltreffen im Juni unterschriftsreif zu machen.
Die Zeiten ändern sich und sind vielleicht heute vielversprechender als je zuvor in der Geschichte. Aber
Veränderungen bedeuten unweigerlich sowohl eine
Zeit der Ungewißheit, des Aufruhrs und der Furcht als
auch eine Zeit der Hoffnung. Für uns alle besteht die
Herausforderung darin, uns dafür einzusetzen, daß
diese Veränderungen weiterhin friedlich und positiv
ablaufen. Dies ist nicht die Zeit, die Strukturen aufzugeben, die uns so weit gebracht haben.
Am 5. März hat der Präsident der Vereinigten Staaten
eine Erklärung zum 20. Jahrestag einer der wesentlichen Grundlagen der heutigen internationalen Sicherheit abgegeben - dem Vertrag über die Nichtverbreitung von Kernwaffen (NPT). Im Laufe dieses Jahres
werden die Signatarstaaten des NPT die vierte Überprüfungskonferenz abhalten. In Zusammenhang mit
dieser Überprüfung bekräftigte Präsident Bush "die
Entschlossenheit der Vereinigten Staaten, ihre Vertragsverpflichtungen zu erfüllen und darauf hinzuarbeiten, seine Dauerhaftigkeit im Interesse des Weltfriedens und der Sicherheit zu gewährleisten". Ich
habe den Sekretär darum gebeten, die Erklärung des
Präsidenten als CD-Dokument in Umlauf zu bringen.
Unsere Konferenz hat femer einen Tagesordnungspunkt zur Frage der "negativen Sicherheitsgarantien"
- die Gewährung von Garantien seitens der Nuklearmächte für Staaten, die keine Kernwaffen besitzen, um
den Einsatz von Kernwaffen oder dessen Androhung
auszuschließen.
Die Vereinigten Staaten haben öffentlich erklärt:

Ich möchte folgendes klarstellen: Die Vereinigten
Staaten und die westliche Gruppe waren seit 1984
bereit und sind es immer noch, erneut einen Ad-hocAusschuß zu bilden. Zwei Jahre lang waren wir bereit,
unseren eigenen Vorschlag für den Mandatstext beiseite zu legen, um auf einen Konsens auf der Grundlage des Kompromißentwurfs von Botschafter Vejvoda hinzuarbeiten. Die Vereinigten Staaten sind immer
noch dazu bereit. Wir sind erstaunt, daß dies bei
anderen nicht der Fall ist.

"Die Vereinigten Staaten werden Kernwaffen nicht
gegen kernwaffenfreie Staaten - Unterzeichner des
NPT oder irgendeiner anderen international bindenden Verpflichtung, keine nuklearen Sprengsätze zu
erwerben - einsetzen, au ßer im Falle eines Angriffs auf
die Vereinigten Staaten, ihre Territorien, Streitkräfte
oder ihre Verbündeten durch einen Staat, der mit einer
Nuklearmacht verbündet oder mit einer Nuklearmacht
bei der Durchführung oder Unterstützung des Angriffs
zusammenarbeitet."

Die Vereinigten Staaten haben sich jedenfalls in bilateralen Verhandlungen mit der Sowjetunion aktiv um die
Reduzierung von Atomwaffen bemüht. Ich bin der
Ansicht, ein objektiver Beobachter müßte über die von
uns erzielten Fortschritte entzückt - und ermutigt - sein.
Der INF-Vertrag ist seit über 20 Monaten in Kraft. Beim
Moskauer amerikanisch-sowjetischen Außenministertreffen im Februar wurden wichtige Fortschritte im

Wir halten an dieser Garantie als dauerhafter und
verläßlicher Erklärung der amerikanischen Politik fest.
Wir haben uns trotzdem freiwillig an den Bemühungen
der CD beteiligt, effektive Arrangements zu treffen
sowie insbesondere eine für alle annehmbare gemeinsame Formel zu suchen. Bis heute ist keine Einigung
über wirksame Vereinbarungen erzielt worden, da
besondere Sicherheftsanliegen jedes einzelnen Teil-

Seite 2

AMERIKA DIENST 11

�nehmerstaats betroffen sind - sowohl für Nuklearmächte als auch für Staaten, die keine Kernwaffen
besitzen. Wir sind bereit und willens, dieses Jahr
erneut konstruktiv zu diesen Bemühungen beizutragen, und ich sage unserem verehrten Kollegen, Botschafter Negrotto-Cambiaso, dem Vorsitzenden des
Ad-hoc-Ausschusses, die Unterstützung und Kooperation meiner Delegation zu.
In regelmäßig abgehaltenen Ad-hoc-Ausschußsitzungen hat die Konferenz seit 1985 Fragen im Zusammenhang mit der "Verhinderung eines Wettrüstens im
All" erörtert. Die Vereinigten Staaten haben eine
Überprüfung möglicher praktikabler und wünschenswerter Maßnahmen vorgenommen, die als Grundlage
für eventuelle Verhandlungen über weitere multilaterale Rüstungskontrollabkommen für den Weltraum dienen könnten. Bis heute wartet meine Regierung noch
auf Vorschläge der anderen Seite, die unseres Erachtens praktikabel, wünschenswert und verifizierbar sind.
Wir selbst haben noch keine für einen Vorschlag
geeigneten Maßnahmen ausgemacht. Wir bieten
meinem verehrten kanadischen Kollegen, Botschafter
Shannon, beim Vorsitz des letzte Woche gegründeten
Ad-hoc-Ausschusses unsere Unterstützung und Mitarbeit an und sind bereit, jeden Vorschlag in Erwägung
zu ziehen, derin diesem Ausschuß erarbeitet wird. Wir
müssen Forderungen nach multilateralen Verhandlungen in diesem Bereich jedoch ablehnen.
Meine Delegation ist erfreut, daß der Ad-hoc-Ausschuß über radiologische Waffen zusammengetreten
ist. Bei den im Ausschuß erarbeiteten Fortschritten
haben wir Botschafter Varga aus Ungarn unserer
Zusammenarbeit versichert und hoffen, daß es uns
irgendwie gelingen wird, die Verhandlungen zumindest bei einem der "traditionellen" Themen voranzubringen. In der Frage der verbotenen Angriffe auf
Nuklearanlagen ist meine Delegation von der Notwendigkeit zusätzlicher Maßnahmen in diesem Bereich
nicht überzeugt, und wir werden uns weiterhin jedem
Junktim zwischen dem Verbot von Angriffen auf Nuklearanlagen und einem Verbot radiologischer Waffen
widersetzen.
Herr Vorsitzender, ich möchte mich nun Fragen im
Zusammenhang mit den Tagesordnungspunkten
"Verhinderung eines Atomkriegs einschließlich aller
damit in Verbindung stehenden Angelegenheiten" sowie
der Beendigung des nuklearen Wettrüstens und nuklearer Abrüstung zuwenden. Wir vertreten nach wie
vor die Ansicht, daß die Verhinderung eines Atomkriegs nur im Kontext der generellen Verhinderung
eines Kriegs zufriedenstellend abgehandelt werden
kann. Die entscheidende Frage lautet, wie Frieden
und internationale Sicherheit im Atomzeitalter gewahrt
werden können. In diesem Zusammenhang kann ein
Atomkrieg nicht vom Problem der Verhinderung aller
Krieoe isoliert werden. Aus diesem Grund können die

AMERIKA DIENST 11

Vereinigten Staaten der Gründung eines Ad-hocAuschusses zu diesem Thema nicht zustimmen.
Abschließend möchte ich einige persönliche Bemerkungen zu dieser Konferenz machen. Ich beziehe
mich auf die vor einigen Wochen von meinem verehrten brasilianischen Kollegen, Botschafterde Azambuja, abgegebene Erklärung mit dem Vorschlag, wir
sollten Mittel und Wege überprüfen, wie den Genfer
Abrüstungsverhandlungen ein größerer Realitätsbezug verliehen werden kann. Ich stimme diesem Vorschlag uneingeschränkt zu. Die in Europa stattfindenden epochalen Veränderungen und der daraus resultierende Abbau der Spannungen zwischen Ost und
West verlagert den Brennpunkt der Rüstungskontrolle
auf Problembereiche, denen bisher keine allzu große
Aufmerksamkeit gewidmet wurde. Diese Probleme
werden aller Voraussicht nach in die Tagesordnung
dieser Konferenz aufgenommen werden.
Einige Mitglieder dieses Forums sehen darin bedauerlicherweise vornehmlich ein politisches Forum, in dem
den Atom- und vor allem den Supermächten über
Nuklearthemen gepredigt werden soll. Viel zu lange
haben wir schönfärberische Reden gehört, die an die
Gefühle appellierten statt den Realitäten Rechnung zu
tragen, beipielsweise beim Drängen darauf, daß die
Erfindung von Atomwaffen irgendwie rückgängig
gemacht werden sollte. Und viel zu lange wurde
nukleare Abschreckung von denen verhöhnt, die von
der Zeit des Friedens profitiert haben, die sie ermöglicht hat. Jahrelang haben wir mit unumstößlichen
Tagesordnungspunkten wie der Verhinderung eines
Atomkriegs, der Beendigung des nuklearen Wettrüstens und dem umfassenden Abrüstungsprogramm
gelebt, die dem Verhandlungsprozeß in Wirklichkeit
nicht dienlich waren, sondern stattdessen benutzt
wurden, um politische Argumente vorzubringen. Darüber hinaus wurde dieser Prozeß durch das Instrument der Abstimmung über Resolutionen der Generalversammlung der Vereinten Nationen zu Themen, die
für die Vereinigten Staaten und andere Länder entscheidend sind, verstärkt, die dann in diesem Forum
zitiert wurden, als seien sie die Heilige Schrift. Dies
hatte eine Aushöhlung des Mandats der Genfer Abrüstungskonferenz als echtes Forum für Rüstungskontrollverhandlungen zur Folge - dem einzigen umfassenden, internationalen Rüstungskontrollgremium, das
eine Chance hat, praktische Ergebnisse zu erzielen
und nicht nur einen politischen Schlagabtausch vorzunehmen, da es auf der Grundlage von Konsens arbeitet.
Die Vereinigten Staaten haben guten Glaubens daran
mitgearbeitet, die Genfer Abrüstungskonferenz zu einer
lebensfähigen Institution zu machen. Wir haben versucht, Rüstungskontrolle in die Praxis umzusetzen,
Prinzipien aufzustellen und Abkommen zu erzielen,
mit denen die Sicherheit aller verbessert würde. Wir

Seite 3

�haben auch unsere Grenzen erfahren: Wir haben
gelernt, daß Beispiele zu geben, die zu befolgen uns
von anderen zugesichert wird, häufig zu Druck nach
weiteren Beispielen geführt hat und der Tatsache
wenig Aufmerksamkeit gewidmet wurde, ob irgendjemand dem ursprünglichen Beispiel wirklich gefolgt
war. Als wir einseitig unsere Bestände an chemischen
Waffen offengelegt haben, folgte nur die UdSSR unserem Beispiel. Wir warten noch immer auf die Erklärungen der anderen Länder. Eine solche Atmosphäre ist
den Zielsetzungen der Genfer Abrüstungskonferenz
abträglich und erschwert es meinem Land, der Arbeit
dieser Organisation volles Vertrauen entgegenzubringen.
Herr Präsident, die Bilanz zeigt, daß dieses Forum am
besten funktioniert, wenn seine Mitglieder gemeinsame Rüstungskontrollinteressen ausmachen und auf
der Grundlage von Konsens bei der Erarbeitung von
Abkommen vorgehen, die für alle Beteiligten nützlich
sind. Diese Zielsetzung sollten wir in der neuen, vor
uns liegenden Ära zu erweitern versuchen.

* *

Seite 4

Es bleibt noch viel zu tun. Wir könnten beispielsweise
die Möglichkeit sondieren, die Themen regionale Sicherheit und Wettrüsten in die Tagesordnung aufzunehmen, und wir könnten das Ungleichgewicht bei
konventionellen Waffen außerhalb Europas prüfen.
Wir könnten die Kosten erwägen, die schwachen Volkswirtschaften durch die Notwendigkeit der Beschaffung
hochtechnologischer, supermoderner Waffensysteme
aufgebürdet werden. Mir scheint, daß viele der von
Botschafter de Azambuja aufgezeigten Probleme der
"realen Welt" sich auf diese Bereiche beziehen. Sie
könnten die Grundlage für eine realistische und sinnvolle Ergänzung unserer Tagesordnung sein.
Das sind einige der Gedanken, die mir in den Sinn
kamen, als ich über die von meinem brasilianischen
Kollegen vorgebrachten Fragen nachdachte. Abschließend möchte ich nochmals betonen, daß die Vereinigten Staaten weiterhin den Abschluß von Rüstungskontrollabkommen vehement vorantreiben werden, mit
denen die Sicherheit aller Mitglieder der internationalen Staatengemeinschaft verbessert wird.

* *

AMERIKA DIENST 11

�WIRTSCHAFT
21. März 1990

DIE ÜBERPRÜFUNG VON AUSLANDSINVESTITIONEN
IN DEN VEREINIGTEN STAATEN
Eine Übersicht zur Exon-Florio-Verfügung

WASHINGTON - (AD) - Die Bush-Administration
erwartet in den nächsten Monaten die Fertigstellung
der endgültigen Fassung der Regelungen für die
Abwicklung der Exon-Florio-Verfügung, die sich auf
die Übernahme amerikanischer Unternehmen durch
Ausländer bezieht.
Dieser Verfügung zufolge - sie stellt einen Zusatz zum
Rüstungsproduktionsgesetz (Defense Production Act)
von 1950 dar und wurde als Teil des Allgemeinen
Mandelsgesetzes von 1988 verabschiedet - hat der
Präsident das Recht, Auslandsübemahmen untersuchen zu lassen, um ihre Auswirkungen auf die nationale Sicherheit zu ermitteln und Übernahmen zu untersagen oder auszusetzen, falls er zu dem Schluß kommt,
daß Beweise für mögliche Maßnahmen des ausländischen Investors bestehen, die der nationalen Sicherheit abträglich sind und wenn die nationale Sicherheit
nicht durch andere bestehende Gesetze ausreichend
und angemessen geschützt werden kann.
Obwohl sie bereits seit 18 Monaten in Kraft ist, wurde
die Exon-Florio-Verfügung vorbehaltlich der endgültigen Fassung in ihrer vorläufigen Form angewendet.
Regierungsvertreter haben erklärt, sie seien mit diesen Richtlinien zufrieden.
Das vorläufige Verwaltungsverfahren zur Anwendung
der Exon-Florio-Verfügung verläuft folgendermaßen:
Nach Eingang einer schriftlichen Benachrichtigung über eine Transaktion durch eine der
beteiligten Parteien oder durch eine Mitgliedsbehörde leitet der Ausschuß für Auslandsinvestitionen in den Vereinigten Staaten (CFIUS)
eine Überprüfung der anstehenden ausländi-

AMERIKA DIENST 11

schen Übernahme ein. Die Benachrichtigung
erfolgt auf freiwilliger Basis; eine Benachrichtigung durch Dritte wird nicht akzeptiert. Trotz
des freiwilligen Charakters dieser Benachrichtigung könnte deren Unterlassung negative Konsequenzen haben. Den Vorsitz des CFIUS hat
der Finanzminister, weitere Mitglieder sind die
Minister für Äußeres, Verteidigung und Wirtschaft, der Justizminister, der Direktor des
Haushaltsbüros, der Vorsitzende des Rats der
Wirtschaftsberater und die US-Handelsbeauftragte. Andere Behörden, etwa das Energieministerium und die NASA können hinzugezogen
werden, wenn die Angelegenheit in ihren Zuständigkeitsbereich fällt.
Das Finanzministerium entscheidet zunächst,
ob die Benachrichtigung vollständig ist, d.h. ob
sie eine Beschreibung der an der Transaktion
beteiligten Parteien und Einzelheiten der Übernahmevereinbarungen enthält, ob sie die ausländische Muttergesellschaft und den Besitzer
benennt, dem sie letztlich zugute kommt und ob
sie eine Liste der mit amerikanischen Regierungsbehörden bestehenden Verträge und die
Pläne der übernehmenden Gesellschaft für das
US-Unternehmen umfaßt.
Nach Erhalt einer vollständigen Benachrichtigung hat der CFIUS 30 Tage Zeit, um über eine
Überprüfung dieser Transaktion zu entscheiden. Er wird den an der Transaktion beteiligten
Parteien Fragen stellen und kann diese Parteien
zu einem Treffen laden, falls weitere Klarstellungen und Informationen benötigt weiden.

Seite 1

�Falls eine solche Untersuchung von keiner CFIUSBehörde beantragt wird, werden die an der
Transaktion beteiligten Parteien benachrichtigt,
daß der Übernahme keine weiteren Maßnahmen gemäß der Exon-Florio-Verfügung entgegenstehen.

Falls der CFIUS nicht zu einer einstimmigen
Empfehlung gelangt, unterbreitet der Finanzminister als Vorsitzender dem Präsidenten einen
Bericht, in dem die unterschiedlichen Meinungen aufgezeigt und die zur Entscheidung anstehenden Fragen dargestellt werden.

Falls die Behörden sich entschließen, eine
Untersuchung zu beantragen, hat der CFIUS 45
Tage Zeit, um diese abzuschließen und dem
Präsident einen Bericht mit einer Empfehlung
zu unterbreiten.

Der Präsident hat nach Eingang des Berichts 15
Tage Zeit, um eine Entscheidung zu fällen.

Seite 2

AMERIKA 0IEN3T 1-

�</text>
                  </elementText>
                </elementTextContainer>
              </element>
            </elementContainer>
          </elementSet>
        </elementSetContainer>
      </file>
    </fileContainer>
    <collection collectionId="4">
      <elementSetContainer>
        <elementSet elementSetId="1">
          <name>Dublin Core</name>
          <description>The Dublin Core metadata element set is common to all Omeka records, including items, files, and collections. For more information see, http://dublincore.org/documents/dces/.</description>
          <elementContainer>
            <element elementId="50">
              <name>Title</name>
              <description>A name given to the resource</description>
              <elementTextContainer>
                <elementText elementTextId="6534">
                  <text>Dokumente</text>
                </elementText>
              </elementTextContainer>
            </element>
          </elementContainer>
        </elementSet>
      </elementSetContainer>
    </collection>
    <itemType itemTypeId="19">
      <name>Digitalisat</name>
      <description>Umwandlung eines physischen Dokumentes in ein digitales Medium.</description>
    </itemType>
    <elementSetContainer>
      <elementSet elementSetId="1">
        <name>Dublin Core</name>
        <description>The Dublin Core metadata element set is common to all Omeka records, including items, files, and collections. For more information see, http://dublincore.org/documents/dces/.</description>
        <elementContainer>
          <element elementId="40">
            <name>Date</name>
            <description>A point or period of time associated with an event in the lifecycle of the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="10790">
                <text>21.03.1990</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
          <element elementId="51">
            <name>Type</name>
            <description>The nature or genre of the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="10791">
                <text>Digitalisat</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
          <element elementId="39">
            <name>Creator</name>
            <description>An entity primarily responsible for making the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="10792">
                <text>Herausgeben U.S. Information &lt;br /&gt;Service Embassy of the United States of America</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
          <element elementId="50">
            <name>Title</name>
            <description>A name given to the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="10793">
                <text>Amerikadienst 21.03.1990</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
          <element elementId="41">
            <name>Description</name>
            <description>An account of the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="10794">
                <text>&lt;strong&gt;1. KSZE&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Wirtschaftliche und politische Rechte sind in einer Demokratie am besten gesichert&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Eröffnungsansprache des US-Delegationsleiters&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. DDR-Wahlen&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Das DDR-Wahlergebnis - ein Sieg demokratischer Werte&lt;br /&gt;&lt;em&gt;USA betrachten Wiedervereinigung als unaufhaltsam&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Osteuropa&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Vereinigte Staaten haben großes Interesse an Osteuropa&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede des Stellvertretenden Außenministers Eagleburger&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;4. Abrüstung&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Genfer Abrüstungskonferenz soll sich "realen" Rüstungsproblemen widmen&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede von Botschafter Ledogar&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;5. Wirtschaft&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Die Überprüfung von Auslandsinvestitionen in den Vereinigten Staaten &lt;br /&gt;&lt;em&gt;Eine Übersicht zur Exon-Florio-Verfügung&lt;/em&gt;</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
        </elementContainer>
      </elementSet>
    </elementSetContainer>
  </item>
  <item itemId="2137" public="1" featured="0">
    <fileContainer>
      <file fileId="2148">
        <src>https://www.amerikahaus-archiv.de/files/original/338ff6515e6810db18b9a286a6757af9.pdf</src>
        <authentication>c653dbb1284f6a3fb58a96314bb604f0</authentication>
        <elementSetContainer>
          <elementSet elementSetId="4">
            <name>PDF Text</name>
            <description/>
            <elementContainer>
              <element elementId="52">
                <name>Text</name>
                <description/>
                <elementTextContainer>
                  <elementText elementTextId="10801">
                    <text>cimcrikci
dienet

U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

12

United Statca Information Service
Embassy oi the United Status o; America
Library Services
Deichmanns Aue 29
5300 Bonn 2

28. März 1990

NATIONALE SICHERHEIT

BERICHT ZUR NATIONALEN
SICHERHEITSSTRATEGIE
Veröffentlichung in
Auszügen

KSE

KONVENTIONELLE STREITKRÄFTE
IN EUROPA
Übersicht und Chronologie
des ACDA

POLEN

BUSH: POLEN MUSS MITSPRACHERECHT AN
ENTSCHEIDUNGEN HABEN
Begrüßung von Ministerpräsident
Mazowiecki im Weißen Haus

BUSH SIEHT SCHWINDENDES MISSTRAUEN
ZWISCHEN WARSCHAU UND BONN
Grenzen müssen formell
gesichert werden
UMWELTPOLITIK

KONGRESS

SENAT LEHNT NOCH SCHÄRFERE ABGASBESTIMMUNGEN FÜR AUTOMOBILE AB
Kompromiß zur Luftreinhaltung
weiterhin gefährdet

BERICHT AUS DEM KONGRESS
Beratungen zu Litauen, Osteuropa
und Geiselproblematik

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.:0228-3392366
Telex: 8-85432

�NATIONALE

SICHERHEIT
28. März 1990

BERICHT ZUR NATIONALEN SICHERHEITSSTRATEGIE
Veröffentlichung in Auszügen
WASHINGTON - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir Auszüge aus dem am 20. März 1990 von Präsident Bush
freigegebenen Bericht zur nationalen Sicherheitsstrategie.

Vorwort
Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs übernahmen
die Vereinigten Staaten eine ungewohnte Bürde - die
Verantwortung, die freien Nationen der Welt zu führen
und ihnen bei ihrer Verteidigung beizustehen. Dieses
Land unternahm kühne und einzigartige Maßnahmen,
um sowohl seinen Verbündeten als auch seinen besiegten Gegnern beim Wiederaufbau zu helfen, um
ihnen einen Schild zur Verfügung zu stellen, hinter dem
die Demokratie gedeihen konnte und seine Hand zur
Unterstützung weltweiten wirtschaftlichen Fortschritts
auszustrecken. Die Herausforderung durch eine
aggressive, repressive Sowjetunion wurde durch ein
System von Bündnissen gebändigt, zu dessen Bildung
wir beitrugen und das wir führten.
Die Vereinigten Staaten gingen mit einzigartigem Erfolg aus diesem historischen Unterfangen hervor. Aber
es war unvermeidlich, daß die neuen durch diesen
Erfolg geschaffenen Bedingungen schließlich eine
neuartige amerikanischen Führungsrolle erfordern
würden. Unsere überwältigende wirtschaftliche Vorherrschaft nach dem Krieg mußte unweigerlich in dem
Maß reduziert werden, in dem unsere Freunde - mit
unserer Hilfe - an Stärke gewannen.
Wahrscheinlich war es ebenso unvermeidlich, daß
sich die Sowjetunion angesichts einer starken Koalition freier Staaten, die entschlossen waren, sich ihren
Übergriffen zu widersetzen, nach innen kehren mußte,
um sich den inneren Widersprüchen ihres eigenen,
äußerst fehlerhaften Systems zu stellen - was stets
das Ziel unserer Politik des Containment gewesen
war.

AMERIKA DIENST 12

Heute, nahezu vier Jahrzehnte danach, wird die internationale Landschaft von Veränderungen geprägt, die
in Charakter, Dimension und Tempo atemberaubend
sind. Die traditionellen Eckwerte der Sicherheitspolitik
in der Nachkriegszeit werden durch Entwicklungen in
Frage gestellt, die noch vor Jahren, ja Monaten, kaum
vorstellbar waren. Und doch sind unsere Ziele und
Interessen konstant geblieben. Und wenn wir unseren
Blick - und unsere Hoffnungen - auf ein besseres
Morgen richten, müssen wir ebenso auf die Elemente
unserer früheren Politik blicken, die eine wichtige Rolle
auf dem Weg dorthin gespielt haben, wo wir heute
stehen.
Es ist unsere über vier Jahrzehnte bewiesene Standhaftigkeit, die uns diesen Augenblick historischer
Chancen beschert hat.
Wir werden diese Chance weder ungenutzt verstreichen lassen noch vor den durch die neuen Bedingungen geschaffenen Herausforderungen zurückweichen.
Unsere Antwort wird eine strategische Vision erfordern
- eine klare Vorstellung unserer Ziele, unserer Interessen und der Mittel, die uns zur Verfügung stehen, um
sie zu erreichen und zu schützen. Die Quintessenz
dieser Strategie liegt in der Festsetzung von Prioritäten. Wir werden schwierige Entscheidungen treffen.
Der vorliegende Bericht steckt den Rahmen für den
Weg ab, den wir nehmen werden, um das Vermächtnis
der Nachkriegszeit zu bewahren und gleichzeitig die
Vereinigten Staaten in die Lage zu versetzen, bei der
Gestaltung einer neuen Ära mitzuwirken, die über
Containment hinausgeht und uns in das nächste Jahrhundert führen wird. Ich lade das Volk der Vereinigten
Staaten und den Kongreß dazu ein, mit uns einen
Seite 1

�Dialog zu führen, der uns bei den in den kommenden
Monaten und Jahren zu treffenden Entscheidungen zu
neuen Einsichten verhilft.

II. Tendenzen In der Welt von heute: Chancen und
Ungewißheiten
Die Krise des Kommunismus

I. Die Grundlagen der nationalen Strategie: Ziele
und Interessen
Dauerhafte Elemente unserer nationalen Strategie
Im Verlauf unserer gesamten Geschichte hat unsere
nationale Sicherheitsstrategie weitgespannte und
beständige Ziele verfolgt. Wir haben stets danach
getrachtet, die Sicherheit unserer Nation, ihrer Bürger
und ihrer Lebensweise zu gewährleisten. Wir haben
uns ferner bemüht, das Wohlergehen unseres Volkes
zu fördern, indem wir zu einem internationalen Umfeld
des Friedens, der Freiheit und des Fortschritts beigetragen haben, in dem unsere Demokratie - und andere
freie Nationen - gedeihen können.
Während des Großteils dieses Jahrhunderts war es für
die Vereinigten Staaten von lebenswichtigem Interesse, keiner gegnerischen Macht oder Gruppe von Mächten
die Herrschaft über die eurasische Landmasse zu
überlassen. Dieses Interesse bleibt bestehen. Es hat
ein Engagement für Vomeverteidigung und Vornestationierung von Streitkräften erfordert, eine Strategie,
die als Eindämmung des sowjetischen Expansionismus bezeichnet wird. Hinter diesem Schild haben
unsere Freude an Stärke gewonnen und Institutionen
der Einheit geschaffen. Es ist der Erfolg dieser Politik
des Containment gewesen, der neue Bedingungen
und neue Chancen für eine neue Generation von
Amerikanern hervorgebracht hat. Wir begrüßen diesen Wandel. Und doch bleiben unsere Grundwerte und unsere grundlegenden geopolitischen Erfordernisse - bestehen.
Unsere Interessen und Ziele in den neunziger
Jahren
Unsere breitgefächerten nationalen Interessen und
Ziele sind unverändert. Sie lassen sich folgendermaßen zusammenfassen:
Überleben der Vereinigten Staaten als freie und
unabhängige Nation, deren Grundwerte intakt
und deren Institutionen und Bevölkerung sicher
sind.
Eine gesunde und wachsende amerikanische
Wirtschaft, um Chancen für individuellen Wohlstand und eine materielle Grundlage für nationale Vorhaben im In- und Ausland sicherzustellen.
Eine stabile und sichere Welt, die politische
Freiheit, Menschenrechte und demokratische
Institutionen fördert.
Solide, kooperative und politisch gefestigte
Beziehungen mit Verbündeten und befreundeten Nationen.
Seite 2

Wir sehen uns mit einem strategischen Umbruch
konfrontiert, der das Ergebnis des Erfolgs unserer
Nachkriegspolitik ist. Ein solch grundlegender politischer Wandel wird jedoch wahrscheinlich mit Turbulenzen einhergehen. Es wird möglicherweise Rückschläge und neue Quellen der Instabilität geben. Ein
Happy End kann nie garantiert werden. Wir müssen
uns stets die bleibenden Ungewißheiten vor Augen
führen, während die Sowjetunion und die Staaten
Osteuropas - jeder auf seine Weise - in historisch
unbekannte Bereiche vorstoßen.
Die demokratischen Industriestaaten
Die demokratischen Industriestaaten stehen ebenfalls
vor teilweise ernsten strategischen Herausforderungen, aber diese sind im großen und ganzen Produkte
unseres Erfolgs. Dazu gehören das sich verlagernde
Gleichgewicht der wirtschaftlichen Macht und die Gefahr,
daß Handelskonflikte in einem Zeitalter wirtschaftlicher Veränderungen und Anpassung die politischen
und militärischen Bindungen belasten könnten. Die
wachsende Stärke und Selbstsicherheit unserer Verbündeten in Westeuropa und Ostasien haben bereits
eine größere Beteiligung an der Führungsverantwortung zur Folge gehabt.
Die Weltwirtschaft
In einem neuen Zeitalter technologischer Innovation
und globaler Märkte wird die Weltwirtschaft mehr als je
zuvor dem Wettbewerb unterliegen. Die Ausbreitung
wirtschaftlicher Macht wird mit nahezu absoluter Sicherheit anhalten und ist zumindest teilweise das
Ergebnis einer klugen und erfolgreichen amerikanischen Politik mit dem Ziel, das Wirtschaftswachstum
weltweit zu fördern. Eine gesunde amerikanische
Wirtschaft ist für die Unterstützung weltweiter wirtschaftlicher Entwicklung und damit für den Abbau
gefährlicher Bestrebungen nach Unilateralismus,
Regionalismus und Protektionismus unerläßlich.
Konflikte in der dritten Welt
In einem neuen Zeitalter könnten einige der Konflikte
in der dritten Welt nicht mehr im Kontext der Rivalität
zwischen den Supermächten stattfinden. Und doch
werden viele aus unterschiedlichen Gründen auch
weiterhin amerikanische Interessen bedrohen. Äußerst zerstörerische regionale Kriege werden eine
Gefahr bleiben, die durch die Expansion der Streitkräfte regionaler Mächte und die Verbreitung modernster
Waffentechnik noch verstärkt wird. Überdies wird es
immer schwieriger, die Ausbreitung chemischer, biologischer und atomarer Waffen - und damit die Ausbreitung weitreichender Trägersysteme - zu bremsen.

AMERIKA DIENST 12

�Tendenzen in der Rüstung
Das moderne Gefechtsfeld wird von einem bisher
unerreichten Zerstörungspotential gekennzeichnet. Mit
der weiteren Ausbreitung der weltweiten Rüstungsproduktion können moderne Waffen zunehmend auch
von kleineren Mächten erworben werden. Dadurch
verringert sich der militärische Abstand zwischen uns
und regionalen Mächten, und Gefechtsfelder in der
dritten Welt werden in einigen Fällen ebenso anspruchsvoll wie man dies von einem Gefechtsfeld in
Mitteleuropa erwarten würde.
Drogen
Der Drogenhandel ist für die Wirtschaft der Vereinigten
Staaten mit ungeheuren Kosten verbunden, er untergräbt unsere nationalen Werte und Institutionen und ist
unmittelbar für die Zerstörung und den Verlust vieler
Menschenleben in den Vereinigten Staaten verantwortlich. Der internationale Drogenhandel stellt eine
große Bedrohung unserer nationalen Sicherheit und
der Sicherheit anderer Länder dar.
Flüchtlinge
Die Erschütterungen in einer turbulenten Welt haben
zum Anschwellen des weltweiten Flüchtlingsstroms
bis zu einer heutigen Gesamtzahl von 14 Millionen
geführt.
Fragen der Zukunft
Das Sicherheitsumfeld der neunziger Jahre bietet uns
mehr Hoffnungen aber vielfach auch mehr Unsicherheiten als je zuvor in der jüngeren Vergangenheit.
Einige der vor uns liegenden Fragen lauten:
Wie können wir dauerhafte internationale Stabilität sicherstellen, wenn die amerikanisch-sowjetische Bipolarität gegenüber einer weltweiten Interdependenz und Multipolarität zunehmend in den Hintergrund tritt? Wie wird sich die
andauernde Führungsrolle der Vereinigten Staaten darstellen - und wie werden die von unseren
Verbündeten übernommenen neuen Führungsrollen beschaffen sein?

stand unerläßlich ist, wenn die empfundene
Bedrohung durch eine gemeinsame Gefahr
nachläßt?
Wie wird die Struktur des neuen Europas politisch, wirtschaftlich und militärisch - beschaffen sein, wenn die Staaten des Ostens demokratisch werden und die Einheit Deutschlands
Gestalt annimmt?
Wie werden wir die anderen Instrumente der
Politik zur Förderung unserer Interessen und
Ziele einsetzen, wenn in einer Welt mit einem
sichereren Ost-West-Gleichgewicht militärische
Faktoren eine geringere Rolle spielen?
III. Regionale Herausforderungen und Reaktionen
Unserem Verhältnis zur Sowjetunion kommt weiterhin
strategische Priorität zu, weil dieses Land die einzige
andere militärische Supermacht bleiben wird. Selbst
wenn Spannungen abgebaut und die Streitkräfte beider Seiten verringert werden, ist die Aufrechterhaltung
des globalen strategischen Gleichgewichts ein unausweichliches Anliegen der Vereinigten Staaten. Für
unsere Bemühungen in diesem Bereich gibt es keinen
Ersatz. Und doch werden es uns die gegenwärtig
stattfindenden außergewöhnlichen Veränderungen falls sie den Erwartungen gerecht werden - gestatten,
bedeutende Veränderungen in unserem militärischen
Einsatzkonzept vorzunehmen - und sie werden eine
größere Möglichkeit bieten, die anderen Regionen für
sich zu betrachten, unabhängig vom Ost-West-Konflikt.
Die Sowjetunion
Unser Ziel besteht darin, über die Politik des Containment hinauszugehen und die Sowjetunion als konstruktiven Partner in das internationale Staatensystem
einzubinden. Moskau wird in uns einen bereitwilligen
Partner finden, wenn es darum geht, die Bedingungen
zu schaffen, die es der Sowjetunion erlauben werden,
einer friedlichen, freien und wohlhabenden internationalen Staatengemeinschaft beizutreten und dort willkommen zu sein.

Wie passen wir unsere Streitkräfte der anhaltenden Herausforderung möglicher Einsatzerfordemisse in anderen Teilen der Welt an, während
wir ein Machtgleichgewicht mit der Sowjetunion
als unabdingbare Priorität amerikanischer Politik aufrechterhalten?

Der heute stattfindende dramatische Prozeß politischer und wirtschaftlicher Reformen hat unsere volle
Unterstützung. An seinem Erfolg haben wir ein erhebliches Interesse. Trotzdem können und werden die
Vereinigten Staaten sich nicht auf einen bestimmten
führenden Politiker oder eine bestimmte Führungsgruppe in der Sowjetunion verlassen. Wir halten nach
grundlegenden Veränderungen in sowjetischen Institutionen und Praktiken Ausschau, die nur mit hohen
wirtschaftlichen und politischen Kosten rückgängig
gemacht werden können.

Wie bewahren wir die Geschlossenheit unter
Verbündeten und Freunden, die für die gemeinsame Sicherheit und den gemeinsamen Wohl-

Welchen Kurs die Sowjets im nächsten Jahrzehnt
auch einschlagen mögen, die Sowjetunion wird eine
gewaltige Militärmacht bleiben. Die Vereinigten Staa-

Wie hoch sind die Risiken, daß die positiven
strategischen Tendenzen von heute rückgängig
gemacht werden, und wie berücksichtigen wir
diese Risiken in unserer Langzeitplanung?

AMERIKA DIENST 12

Seite 3

�ten werden auch weiterhin ein modernes Verteidigungspotential unterhalten, das die Abschreckung stärkt
und die Sicherheit verbessert. Unsere Reaktion ist von
kluger Vorsicht gekennzeichnet, aber die sowjetische
Führung und das sowjetische Volk sollten erkennen,
daß diese Vorsicht auf Ungewißheit, nicht auf Feindschaft gegründet ist.
Westeuropa
Unser Bündnis hat seine Wurzeln in einer gemeinsamen Geschichte und einem gemeinsamen Erbe. Selbst
wenn die militärische Konfrontation in Europa radikal
abgebaut wird - wie dies unserer Zielsetzung entspricht -, wird die auf moralischen und politischen
Werten gegründete natürliche Partnerschaft demokratischer Verbündeter fortdauern.
Die anhaltende Stärke des Bündnisses und unsere
Führungsrolle darin bleiben für den Frieden unerläßlich. In dem sich in Europa entwickelnden neuen
politischen Umfeld wird das Atlantische Bündnis auch
weiterhin ein natürlicher Zusammenschluß freier Nationen und der natürliche Rahmen für die Harmonisierung westlicher Politik im Hinblick auf Sicherheit und
Diplomatie bleiben. Innerhalb dieses Rahmens wird
die "europäische Säule" der atlantischen Welt gegenwärtig sichtlich gestärkt. Die Vereinigten Staaten
unterstützen eine stärkere wirtschaftliche und politische Integration Westeuropas voll und ganz.
Die Vereinigung Deutschlands nimmt Gestalt an - auf
friedlichem Weg, auf der Grundlage von Demokratie
und im Rahmen der westlichen Beziehungen, die seit
vier Jahrzehnten Frieden und Freiheit gefördert haben. Dies ist ein Triumph des Westens. Wir erwarten,
daß ein vereinigtes Deutschland ein Mitglied sowohl
des Atlantischen Bündnisses als auch der Europäischen Gemeinschaft bleiben wird, während wir alle
danach streben, die Bedingungen für eine umfassendere Aussöhnung in Europa zu verbessern.
Osteuropa
Die Vereinigten Staaten und ihre Verbündeten haben
sich der Überwindung der Teilung Europas verpflichtet. Alle Länder Osteuropas haben das Recht, Teil des
internationalen Staatenbundes freier Nationen zu
werden, während sie ihren Anspruch auf die kulturelle
und politische Tradition Europas erneut geltend machen, die ihr Erbe ist. Ein freies und wohlhabendes
Osteuropa stellt keine Bedrohung der legitimen sowjetischen Sicherheitsinteressen dar. Der kalte Krieg hat
mit der Teilung Europas begonnen. Er kann nur dann
endgültig beendet werden, wenn Europa wieder ungeteilt ist.
Die Vereinigten Staaten beabsichtigen, bei der Förderung der Wirtschaftsentwicklung Osteuropas, Unterstützung seiner demokratischen Institutionen und der
Gewährleistung der gesamten Stabilitätsstruktur eine
aktive Rolle zu spielen. Es ist auf dramatische Weise
Seite 4

offensichtlich geworden, daß die Rolle der Vereinigten
Staaten von den Völkern Osteuropas begrü ßt wird, die
unsere Präsenz - in dem entstehenden neuen Europa
- als Beruhigung ansehen.
Wir erwarten von der Konferenz über Sicherheit und
Zusammenarbeit in Europa (KSZE) die Übernahme
einer größeren Rolle, da die KSZE für die Freiheit der
Völkersteht, über ihre Zukunft in einem Rechtsstaat zu
bestimmen, in dem die demokratisch Regierenden
rechenschaftspflichtig sind.
Die westliche Hemisphäre
Für die westliche Hemisphäre ist das Ziel, die erste
vollständig demokratische Hemisphäre der Geschichte zu werden, in greifbare Nähe gerückt. Der dramatische Sieg der Opposition bei den Wahlen in Nicaragua am 25. Februar 1990 hat dem latenten Trend zu
Demokratie enormen Auftrieb verliehen, der sich in der
Region in den vergangenen Jahren abzeichnete.
Wir müssen jedoch nach wie vor Bedrohungen unserer
Sicherheit abwehren. Die Verbesserung unserer
Beziehungen zu Kuba hängt von der politischen Liberalisierung in diesem Land sowie der Beendigung der
subversiven Tätigkeit gegen andere Regierungen und
der Aushöhlung des Friedensprozesses in der Region
ab. In Nicaragua lautet unser Ziel, der neuen Regierung von Violetta Chamorro bei ihren Bemühungen um
die Gründung demokratischer Institutionen, den Wiederaufbau der Wirtschaft und die Reduzierung des
nicaraguanischen Militärs behilflich zu sein. Wir unterstützen die militärischen und politischen Bestrebungen der salvadorianischen Regierung bei der Bekämpfung der kommunistischen Unterwanderung.
Ostasien und der Pazifik
Unser Bündnisgeflecht und unsere in der Region stationierten Streitkräfte haben die Stabilität gewährleistet, mit der die erstaunlichen Fortschritte in diesem
Gebiet ermöglicht wurden. Seit den siebziger Jahren
gründete sich die Sicherheit dieser Region auf ein Netz
harmonischer Beziehungen unter den wichtigsten
Staaten der Region, das in der Geschichte seinesgleichen sucht. Unser Bündnis mit Japan ist nach wie vor
das Kernstück unserer Sicherheitspolitik und ein unerläßlicher Eckpfeiler der Stabilität. Darüber hinaus hat
auch das Verhältnis zwischen den Vereinigten Staaten
und China entscheidend zur regionalen Stabilität und
dem internationalen Kräftegleichgewicht beigetragen.
Die Vereinigten Staaten haben die Unterdrückung in
China im vergangenen Juni aufs schärfste mißbilligt
und Sanktionen verhängt, um ihrem Mißfallen Nachdruck zu verleihen. Gleichzeitig haben sie versucht,
einen vollständigen Bruch Chinas mit der übrigen Welt
zu vermeiden. Das Sicherheitsengagement der Vereinigten Staaten gegenüber der Republik Korea besteht
unvermindert weiter. Unsere starken und soliden
Beziehungen zu unserem Verbündeten Australien tragen

AMERIKA DIENST 12

�direkt zur regionalen und internationalen Stabilität bei.
Der Verband Südostasiatischer Nationen (ASEAN)
spielt nach wie vor eine entscheidende Rolle für Sicherheit und Wohlstand der Region. Wie wir mehrfach
unter Beweis gestellt haben, unterstützen wir die
demokratischen Institutionen der Philippinen und ihre
Bestrebungen, Wohlstand, sozialen Fortschritt und
Sicherheit im Innern herzustellen.
Der Nahe Osten und Südasien
Die Abhängigkeit der freien Welt von den Energievorräten dieser entscheidenden Region und unsere starken Beziehungen zu zahlreichen Ländern der Region
stellen weiterhin eine wichtiges Interesse der Vereinigten Staaten dar. Der Nahe Osten ist ein anschauliches
Beispiel für eine Region, in der - selbst angesichts des
Abbaus der Spannungen zwischen Ost und West - die
Vereinigten Staaten immer noch strategische Belange
haben. Wir werden destabilisierende Waffenverkäufe
entmutigen. Insbesondere haben wir uns dazu verpflichtet, die Verbreitung atomarer, chemischer und
anderer Massenvernichtungsmittel einzudämmen. Wir
werden internationalen Druck gegen die Staaten ausüben, die Terrorismus und Subversion fördern. Wir
werden einen Friedensprozeß unterstützen, der darauf abzielt, die legitimen politischen Rechte der Palästinenser auf eine Art und Weise zu erfüllen, die im
Einklang mit unserem anhaltenden Engagement für
die Sicherheit Israels steht.
In Südasien versuchen wir, unsere besondere Beziehung mit unserem traditionellen Bündnispartner Pakistan aufrechtzuerhalten, unsere Beziehungen zu Indien kontinuierlich zu verbessern, die indisch-pakistanische Annäherung zu ermutigen und der Verbreitung
von Nuklearwaffen Einhalt zu gebieten. In Afghanistan
sind wir einer umfassenden politischen Schlichtung als
bestem Mittel zur Verwirklichung von Selbstbestimmung und regionaler Sicherheit für Afghanistan unerschütterlich verpflichtet.
Afrika
Die Gründung von Institutionen, wirtschaftliche Entwicklung und regionaler Frieden sind die Ziele unserer
Politik in Afrika. Die Vereinigten Staaten haben im
gesamten Verlauf der achtziger Jahre nachdrücklich
auf die Beendigung aller in den siebziger Jahren begonnenen sowjetisch-kubanischen militärischen Interventionen gedrängt. Am Hom von Afrika haben wir
eine ausgehandelte Lösung der Konflike der Region
ermutigt. Die Vereinigten Staaten werden weiterhin
Reformen befürworten, mit denen verschwenderische
und unproduktive staatliche Unternehmen abgeschafft
und der produktive Privatsektor und Eigeninitiative
freigesetzt werden sollen.
Nach wie vor drängen wir auf eine unverzügliche und
vollständige Abschaffung des Apartheid-Systems in
Südafrika. Wir unterstützen Verhandlungen, die zu

AMERIKA DIENST 12

einem demokratischen, nicht rassistischen Südafrika
führen könnten, das die Stabilität im Land und der
Region auf lange Sicht verbessern würde.
IV. Das Verhältnis von Mittel und Zweck - unser
politisches Programm
Die diplomatischen und politischen, wirtschaftlichen
und militärischen Elemente unserer nationalen Vormachtstellung sind nach wie vor ausgezeichnet. Die
relative Bedeutung dieser jeweiligen politischen Instrumente ändert sich jedoch unter unterschiedlichen
Bedingungen. Unsere schwierigsten Entscheidungen
werden nicht nur im Hinblick darauf getroffen, welche
Streitkräfte oder Programme angepaßt, aufgestockt,
gekürzt oder abgebaut werden müssen, sondern auch
unter dem Aspekt, welche Risiken mit anderen Mitteln
als militärischen Fähigkeiten gemindert werden können - Mitteln wie Verhandlungen, Lastenverteilung,
Wirtschafts- und Militärhilfe, wirtschaftlichem Einfluß
und politischer Führung.
Für ein neues Zeitalter prognostizieren wir, daß unsere
militärische Macht weiterhin unabdingbarer Stützpfeiler des internationalen Kräftegleichgewichts ist, jedoch
weniger offenkundig und in unterschiedlicher Form.
Wir gehen davon aus, daß unsere Streitkräfte weniger
gegen die Sowjetunion sondern eher in der dritten Welt
zum Einsatz kommen könnten, wo neue Fähigkeiten
und Ansätze erforderlich sein könnten. Wir haben
erkannt, daß wir unser wirtschaftliches Wohlergehen
als Grundlage unserer langfristigen Stärke im Auge

behalten müssen. Und wir können sehen, daß politischer Wille und wirksame Diplomatie insbesondere in
einem neuen internationalen Umfeld die Mittel sein
können, mit denen nationale Macht in die Verwirklichung nationaler Ziele umgesetzt werden.
Bündnisbeziehungen
In der Außenpolitik kommt der Solidarität mit unseren
Verbündeten und Freunden erste Priorität zu. Das
Aufkeimen anderer Machtzentren in der freien Welt ist
begrüßenswert, steht im Einklang mit den Werten der
Vereinigten Staaten und unterstützt unsere nationalen
Interessen. Wir sind bereit, die Verantwortung internationaler Führung mit unseren Verbündeten und Freunden umfassender zu teilen.
Rüstungskontrolle
Rüstungskontrolle ist ein Mittel, kein Zweck. Sie ist
wesentlicher Bestandteil einer umfassenden Politik
zur Verbesserung der nationalen Sicherheit. Wir werden
Rüstungskontrollabkommen anhand folgender entscheidender Kriterien beurteilen:
Erstens müssen Abkommen unsere Sicherheit
verbessern. Unser Ziel besteht darin, selbst in
Krisenzeiten den Anreiz abzubauen, einen Angriff
in die Wege zu leiten. Wir streben also nicht
Reduzierungen um jeden Preis an, sondern

Seite 5

�Abkommen, die Stabilität fördern. Unsere Arbeit ist darauf ausgerichtet, die für Offensivmaßnahmen oder einen Präventivschlag am
besten geeigneten Fähigkeiten abzubauen.
Zweitens bevorzugen wir für verbesserte Stabilität Abkommen, die zu größerer Berechenbarkeit von Umfang, Zusammensetzung und Entwicklung der Streitkräfte führen. Berechenbarkeit durch Offenheit erweitert den traditionellen
Schwerpunkt der Rüstungskontrolle über rein
militärische Fähigkeiten hinaus und spricht die
Angst vor aggressiven Absichten an.
Drittens sind Abkommen nur dann wirksam,
wenn wir ihre Einhaltung verifizieren können.
Mit der Einbeziehung von Problemen wie der
Verbreitung chemischer Waffen und Raketen
wird die Verifikation zu einer zunehmend schwierigen Herausforderung, aber wirksame Verifizierung wird immer noch erforderlich sein. Wir
streben dauerhafte Abkommen an.
Da die Sicherheit der Vereinigten Staaten untrennbar mit der ihrer Freunde und Verbündeten
verbunden ist, werden wirdarauf bestehen, daß
mit keinem der Rüstungskontrollabkommen die
Sicherheit der Bündnispartner aufs Spiel gesetzt wird.

Wirtschafts- und Militärhilfe
Während die Spannungen zwischen Ost und West
abnehmen, kommt diesen politischen und wirtschaftlichen Instrumenten in einem Zeitalter neuer Herausforderungen zentrale Bedeutung zu. In einer neuen Ära
sind Wahrung von Demokratie und Stabilität weiterhin
ein Hauptziel, das aber jetzt nicht mehr mit dem
traditionellen Kontext des kalten Kriegs befrachtet ist.
Auch wirtschaftliche und humanitäre Ziele nehmen
heute einen breiteren Raum ein als zuvor. Mit der
Beilegung regionaler Konflikte wird die friedensbewahrende Funktion der Vereinten Nationen um zusätzliche
Aufgaben erweitert - und kann auf unsere Unterstützung zählen. Im Hinblick auf die weiterhin schwelenden Konflikte kann Militärhilfe den Umfang oder die
Wahrscheinlichkeit direkter amerikanischer Einflußnahme bei der Stärkung der regionalen Sicherheit
abbauen. Bei Problembereichen wie Drogen, Umwelt,
Terrorismus und der Verbreitung hochtechnologischer
Waffen ist amerikanische Hilfe weiterhin ein wertvolles
politisches Instrument.
V. Das Verhältnis von Mittel und Zweck - unser
Wirtschaftsprogramm
Die Macht der Vereinigten Staaten beruht nach wie vor
auf der Stärke und Flexibilität unserer Volkswirtschaft.
Internationale Ungleichgewichte

Die Errungenschaften der vergangenen zwölf Monate
im Bereich der Rüstungskontrolle sind beeindruckend,
aber sie sind erst ein Anfang. Unser Rüstungskontrollprogramm ist heute umfassender als je zuvor und geht
über die traditionelle Konzentration auf Atomwaffen
hinaus. Wir befassen uns mit drängenden multilateralen Fragen der Rüstungskontrolle. Wir verhandeln
ferner über größere Transparenz und Begrenzung der
konventionellen Rüstungen. Wir werden in gutem
Glauben, geduldig und ernsthaft verhandeln, aber wir
streben weder ein Abkommen um jeden Preis an, noch
setzen wir die oben genannten Grundsätze aufs Spiel.
Ideenwettstreit und Wahrung der Demokratie
Die amerikanische Botschaft von Demokratie, Achtung der Menschenrechte und freiem Gedankenaustausch ist heute noch ebenso entscheidend und anregend wie vor 45 Jahren. Die von uns vermittelte
Wahrheit ist nach wie vor ein Stimulans für Offenheit.
Wir müssen bei Themen von zunehmender weltweiter
Bedeutung wie der Bekämpfung des Drogenhandels
und der Suche nach Bewältigung der internationalen
Umweltprobleme amerikanische Werte weitervermitteln und die amerikanischen Interessen schützen.
Während sich auf der Welt der Wandel zur Demokratie
vollzieht - die vielerorts noch verweigert wird -, müssen
wir sicherstellen, daß die von uns ausgesendete Botschaft und die benutzten Übertragungsmittel Schritt
halten.

Seite 6

Bei den jüngsten Wirtschaftsgipfeln und Treffen der
Finanzminister der G-7 wurde der Behebung dieser
Ungleichgewichte hohe Priorität eingeräumt. Für Länder
mit hohen Defiziten wie die Vereinigten Staaten sind
Maßnahmen erforderlich, mit denen das Haushaltsdefizit abgebaut und die private Spartätigkeit ermutigt
wird. Überschußländer wie die Bundesrepublik Deutschland und Japan sollten ihrerseits makroökonomische
Maßnahmen und Strukturreformen zur Ankurbelung
nichtinflationären Wachstums ergreifen. Wir werden
die Koordinierung verbessern und die Durchführung
geeigneter Maßnahmen für nichtinflationäres Wachstum und erweiterten Handel sicherstellen.
Verschuldung
Die Verschuldung der dritten Welt beläuft sich insgesamt auf über 1 Billion Dollar, und die Schuldnerländer
benötigen rund 70 Milliarden Dollar nur zur Tilgung der
Jahreszinsen. Im Brady-Plan haben wir Vorschläge
zur Wiederbelebung der internationalen Schuldenstrategie durch Abbau der Verschuldung bei Handelsbanken und des Schuldendienstes als flankierende Maßnahmen der Neuverschuldung unterbreitet. Als unabdingbaren ersten Schritt, um diese Unterstützung zu
erhalten, drängen wir die Schuldner, Maßnahmen zur
Stärkung der inländischen Spartätigkeit zu ergreifen,
Anreize für ausländische Investitionen zu schaffen und

AMERIKA DIENST 12

�Schritte zu unternehmen, um die Kapitalflucht zu unterbinden.
Handel

militärische Komponente dieser Strategie paßt sich
den verändernden Bedrohungen und der verfügbaren
militärischen Technologie an, aber auch hier gibt es
eine gewisse Kontinuität:

Infolge des anhaltend hohen Handelsdefizits hat sich
die Unterstützung des freien Handels in den Vereinigten Staaten abgeschwächt. Leistungsbilanz- und
Handelsdefizite sind makroökonomische Phänomene, die vor allem die Spar- und Investitionstätigkeit im
Inland widerspiegeln. Wenn wir uns den inländischen
Ursachen für das Handelsdefizit zuwenden, müssen
wir auch sicherstellen, daß das freie Spiel der Marktkräfte im In- und Ausland gewährleistet ist und der
Handel expandiert - anstatt unsere Märkte abzuschotten.

Abschreckung: Wir haben Agression und Gewalt
abgeschreckt, indem wir potentielle Gegner davon
überzeugt haben, daß der Preis einer Aggression
jeden möglichen Vorteil übersteigen würde. "Flexible
Reaktion" erfordert die Beibehaltung von Optionen für
eine direkte Verteidigung, drohende Eskalation und
Vergeltungsschläge.

Angesichts der anhaltenden strategischen Bedeutung
eines Konsenses unter den demokratischen Industrienationen ist es unabdingbar, daß Handelsstreitigkeiten gerecht geschlichtet werden, ohne das Geflecht
lebenswichtiger sicherheitspolitischer Partnerschaften
zu zerstören.

Vorneverteidigung: Die Verteidigung dieser
gemeinsamen Werte und Interessen erfordert
die Präsenz eines großen Teils der US-Streitkräfte in Europa, Asien, dem Pazifik und auf
See.

Technologie
Unsere wirtschaftliche und militärische Stärke gründet
sich auf unsere technologische Überlegenheit - nicht
nur auf unsere Fertigungskapazität. Die Dynamik der
technologischen Revolution ist grenzüberschreitend.
Der Technologietransfer zwischen Verbündeten und
Freunden ist den Vereinigten Staaten sowohl im Bereich der nationalen Sicherheit als auch in wirtschaftlicher Hinsicht zugute gekommen.
Aber die Offenheit einer freien Marktwirtschaft darf
nicht zur Bedrohung unserer Sicherheit ausgebeutet
werden. Gemeinsam mit unseren Partnern im Koordinationsausschuß für ost-westliche Handelspolitik
(COCOM) müssen wir sicherstellen, daß sicherheitsempfindliche Technologie potentiellen Gegnern nicht
in die Hände fällt. Gleichzeitig müssen wir die COCOM-Verfahren und Listen für bestimmte Handelsgüterüberarbeiten, um schnelle politische und wirtschaftliche Veränderungen in Osteuropa zu fördern.
Energie
Gesicherte Energievorräte sind für unseren Wohlstand und unsere Sicherheit unabdingbar. Wir müssen weiterhin einen sicheren Zugang zu preiswertem
Öl gewährleisten und größere Ölkrisen bewältigen
können. Wir werden Energieerhaltung und neue
Energien fördern und unsere Energieversorgung ausbauen, um den Bedarf einer wachsenden Wirtschaft
zu decken.
VI: Das Verhältnis von Mittel und Zweck - unser
Verteidigungsprogramm
Ein Grund für den Erfolg der amerikanischen Strategie
des Containment liegt in deren Konsequenz. Die

AMERIKA DIENST 12

Starke Bündnisse: Gemeinsame Werte und
Sicherheitsinteressen bilden die Grundlage
unseres Systems kollektiver Sicherheit.

Verlegung von Streitkräften: Die Vereinigten
Staaten verfügen über einsatzbereite Streitkräfte und die Mittel zu ihrer Verlagerung, um die
vornestationierten Einheiten zu verstärken oder
in Gebiete zu entsenden, in denen sie nicht
permanent präsent sind.
Der Wiederaufbau der militärischen Stärke Amerikas
in den vergangenen zehn Jahren war eine wichtige
Grundlage für die positiven Veränderungen, die wir
jetzt international beobachten können. Unsere Herausforderung besteht jetzt darin, diese Stärke in eine
übergreifende Strategie einfließen zu lassen, die über
Containment hinausgeht, und sicherzustellen, daß
unsere militärische Macht den neuen und komplexeren Möglichkeiten und Herausforderungen Rechnung
trägt.
Prioritäten
Von den verfügbaren Waffen, Streitkräften und Technologien werden wir diejenigen auswählen müssen,
die unseren Bedürfnissen in einem neuen Zeitalter am
ehesten gerecht werden. Unser Ansatz wird folgende
Punkte enthalten:
Die Abschreckung eines Nuklearangriffs ist,
angesichts der Fähigkeiten der Sowjets zum
Beginn eines strategischen Atomkriegs gegen
die Vereinigten Staaten, nach wie vor Eckpfeiler
der nationalen Sicherheit der Vereinigten Staaten.
Bei der Neuorganisation der Kräfteverteilung
unter den Verbündeten sollte jeder weiterhin
seinen Schwerpunkt auf die Aufgaben legen,
die er am besten erfüllen kann.
Wir werden sicherstellen, daß wir über die erfor-

Seite 7

�derlichen Streitkräfte verfügen, um im Fall eines Die Vereinigten Staaten vertreten die Auffassung, daß
Konfliktes oder Krieges wichtige Luft- und wir in absehbarer Zukunft, auch in einem Umfeld
reduzierter konventioneller Streitkräfte und VerändeSeewege kontrollieren zu können.
rungen in Osteuropa moderne nukleare Streitkräfte für
Wir werden als Vorbeugungsmaßnahme gegen den Kriegschauplatz benötigen.
eine unsichere Zukunft weiterhin in Forschung
und Entwicklung investieren.
Abschreckung eines konventionellen Krieges
Wir verfolgen auch weiterhin die Doktrin konkur- Im Hinblick auf die Zukunft gehen wir von kleineren
rierender Strategien.
aktiven Streitkräften mit globalerer Orientierung aus,
deren Beweglichkeit, Einsatzbereitschaft und DurchZahlreiche Verteidigungsprogramme passen sich haltefähigkeit den potentiellen Konflikten angemessen
unterschiedlichen Bedingungen an, wir werden ist.
jedoch gegebenenfalls Waffen und eine Streitkräftestruktur entwickeln, die insbesondere den Vorneverteidigung durch vorgeschobene Präsenz
Bedürfnissen der dritten Welt gerecht werden.
Die amerikanische Führungsrolle in der NachkriegsBei grundlegenden Veränderungen unserer zeit und unser Engagement für die Verteidigung unseStreitkräfte erhalten wir auch im Fall von Rück- rer Interessen und der unserer Verbündeten wurde
schlägen unsere Fähigkeit aufrecht. Das ist ein von der vorgeschobenen Präsenz der US-Streitkräfte
unterstützt. Wir sind präsent, indem wir ständig Streitkluger Schutz vor einer unsicheren Zukunft.
kräfte im Ausland stationiert haben, durch ein Netz von
Abschreckung eines Atomkriegs
Stützpunkten, Einrichtungen und logistische Vereinbarungen, und wir sind präsent durch regelmäßige
Strategische Offensivwaffen
Partrouillen, Übungen und Besuche amerikanischer
Die Sowjetunion modernisiert weiterhin die gesamte Militäreinheiten. Dabei werden sich die Schwerpunkte
Bandbreite ihrer strategischen Streitkräfte. Auch wenn verändern, aber unsere vorgeschobene Präsenz bleibt
START eine erhebliche zahlenmäßige Reduzierung wichtiger Bestandteil unseres Einsatzkonzepts.
verspricht, ist der qualitative Wettstreit noch nicht
Wir werden weiterhin - zu Land, zur See und in der Luft
beendet.
konventionelle und nukleare - Streitkräfte in Europa
Von mir bereits getroffene Entscheidungen über eine stationieren, solange sie erforderlich und erwünscht
strategische Modernisierung berücksichtigen die Vor- sind. Darauf habe ich bereits verwiesen. Unsere
teile der vielversprechendsten Technologien für jede Streitkräfte in Europa sind nicht ausschließlich vom
Umfang sowjetischer Präsenz in Osteuropa, sondern
Säule unserer Triade, womit Stabilität erhöht wird.
von der Reaktion des Bündnisses auf den Bedarf an
Strategische Verteidigung
Sicherheit abhängig. Unserer Ansicht nach ist in
absehbarer Zukunft ein Niveau von 195 000 amerikaDie Strategische Verteidigungsinitiative ist eine Mög- nischen Soldaten in Mitteleuropa zur Aufrechterhallichkeit, Abschreckung auf eine sicherere und stabilere tung der Stabilität nach KSE-Reduzierungen angeGrundlage zu stellen, indem man den Schwerpunkt auf messen.
strategische Verteidigungssysteme legt. In einem
neuen internationalen Umfeld mit zunehmenden Fä- Au ßerhalb Europas werden wir die Fähigkeit beibehalhigkeiten zur Herstellung ballistischer Raketen ge- ten, auf regionale Konflikte zu reagieren, unseren
winnt die Verteidigung gegen Bedrohungen aus Dritt- Verpflichtungen nachzukommen und unsere Sicherländern ebenfalls an Bedeutung.
heitsinteressen zu wahren. Im Rahmen dieser Politik
Kriegschauplatzgebundene Streitkräfte
Das Atlantische Bündnis verfolgt konsequent das Prinzip der Beibehaltung überlebensfähiger und glaubwürdiger kriegschauplatzgebundener Streitkräfte, um eine
widerstandsfähige Abschreckung zu gewährleisten,
seine vereinbarte Strategie der flexiblen Reaktion zu
verwirklichen - und die Verteidigung Europas an die
strategische nukleare Garantie der Vereinigten Staaten zu "koppeln". Wir unterhalten Nuklearstreitkräfte,
deren Umfang so gering ist, wie es sich gerade mit
ihren Aufgaben und Zielsetzungen vereinbaren läßt.

Seite 8

werden Anpassungen bei unserer Präsenz in Übersee

erfolgen. Bei den Verhandlungen über die Nutzung
unserer Stützpunkte in Übersee werden wir von der
realistischen Annahme ausgehen, daß Stützpunkte
nicht unersetzlich sind. Jeder leistet einen bestimmten
Beitrag für unsere Sicherheit.
Gemeinsame Verantwortung für kollektive Verteidigung
Unsere Überlegungen betreffen weniger die unterschiedliche Art und Weise der Berechnung von Verteidigungslasten, sondern eher die Steigerung der Fähigkeiten insgesamt. Ein vielversprechender Ansatz ist

AMERIKA DIENST 12

�ein größeres Engagement für nationale Spezialisierung, eine verbesserte Arbeitsteilung im Bündnis auf
der Basis des vergleichbaren Vorteils einzelner Verbündeter bei unterschiedlichen Verteidigungsaktivitäten.
Streitkräfte für die dritte Welt
Die steigende Technisierung der Konflikte in der dritten
Welt wird hohe Anforderungen an unsere Streitkräfte
stellen. Sie müssen in der Lage sein, schnell zu
reagieren, weil die Demonstration auch geringer Macht
im Frühstadium eines Konflikts sich zumeist auszahlt.
Es wird wahrscheinlich Situationen geben, in denen
amerikanische Streitkräfte schnelle Erfolge mit den
geringstmöglichen Verlusten erzielen müssen. Die
Streitkräfte werden sich auf eine rauhe Umgebung,
unausgebaute Stützpunkte und die in der dritten Welt
häufig großen Entfernungen einstellen müssen.
Prinzipien der Mobilisierung
Verschiedene Elemente unserer Politik für die Gesamtstreitkräfte - das Gleichgewicht zwischen aktiven
und Reservestreitkräften, die Zusammensetzung von
Einheiten beider Komponenten, die Art der Einsätze
mit Reservestreitkräften - müssen Anpassungen erfahren, wenn wir Veränderungen im Bereich der Sicherheit gerecht werden wollen. Darüber hinaus muß
sich in den Plänen zur Mobilisierung der Industrie
unser gewandeltes Verständnis von der Warnung vor
einem Weltkrieg widerspiegeln, und es müssen stufenweise Reaktionen entwickelt werden, die Entschlossenheit der Vereinigten Staaten demonstrieren und
somit zur Abschreckung beitragen.
Chemische Kampfführung
Unser vordringliches Ziel besteht darin, so schnell wie
möglich ein wirksames und tatsächlich weltweites Verbot
chemischer Waffen herbeizuführen. Bis dahin werden
die Vereinigten Staaten ein kleines, aber effektives
Arsenal chemischer Waffen unterhalten, um deren
Einsatz gegen uns und unsere Verbündeten abzuschrecken. Darüber hinaus werden wir unsere Initiativen fortführen, um unsere Streitkräfte vor chemischen Kampfstoffen, die gegen sie zum Einsatz kommen könnten, zu schützen und die Auswirkungen
eines gezwungenermaßen erfolgten Einsatzes zu
minimieren, bei dem es zur Berührung mit chemischen
Kampfstoffen kommt.
Weltraum
Die Vereinigten Staaten engagieren sich auch weiterhin für die Erforschung und Nutzung des Weltraums zu
friedlichen Zwecken und zum Nutzen der gesamten
Menschheit, aber das Völkerrecht und dieses Engagement gestatten Aktivitäten zum Schutz unserer nationalen Sicherheit. Unsere Zielsetzungen im Weltraum
sind ein Abbild derjenigen Ziele, die wir auch zur See
verfolgen - allen freien Zugang in Friedenszeiten zu

AMERIKA DIENST 12

gewähren, aber in Kriegszeiten unseren Feinden den
Zugang zu verwehren.
Darüber hinaus werden wir die wissenschaftliche,
technologische und wirtschaftliche Nutzung vorantreiben und auch Privatinvestitionen fördern. Wir werden
die internationale Kooperation unterstützen und gemeinsam an der Aufrechterhaltung des Friedens im
Weltraum arbeiten.
Konflikte geringer Intensität
Bedrohungen wie Terrorismus, Subversion, Aufstände und Drogenhandel gefährden die Vereinigten Staaten, ihre Bürger und Interessen in ungeahnter Art und
Weise. Armut und der Mangel an politischen Freiheiten tragen zur Instabilität bei, die Konflikte geringer
Intensität (low-intensity conf lict) mit sich bringt. Unsere Reaktion muß diesen Grundbedingungen gerecht
werden - aber wir können keine Verletzung unserer
Interessen und noch weniger Gewalt gegen unschuldige Bürger hinnehmen. Außerdem können die Ideale
Demokratie, Freiheit oder wirtschaftlicher Fortschritt
nur in einem Umfeld der Sicherheit gedeihen.
Drogenhandel
Das Verteidigungsministerim spielt eine wichtige Rolle
bei unserer Nationalen Drogenbekämpfungsstrategie.
Die erste Linie der Verteidigung gegen den illegalen
Drogenhandel muß in denjenigen Ländern gezogen
werden, wo Drogen hergestellt und verarbeitet werden. Unsere Politik zielt darauf ab, den politischen
Willen und den institutionellen Rahmen der Militär-,
Justiz- und Polizeibehörden in den Herstellerländern
zu stärken. Eine zweite Verteidigungslinie kann mit
der Stationierung von Teilen der US-Streitkräfte gezogen werden, die den Drogentransport an die amerikanische Grenze aufdecken und überwachen. Gegenwärtige Betrebungen zeigen bereits erste Erfolge.
Unsere Hilfe hat die kolumbianischen Regierung bei
ihrer mutigen Kampagne unterstützt, gegen die Drogenbarone vorzugehen und nationale Souveränität
und Rechtsstaatlichkeit wiederherzustellen.
Programme für die Nachrichtendienste
Die weltweit stattfindenden außergewöhnlichen Veränderungen stellen eine nie dagewesene Herausforderung für unsere Nachrichtendienste dar. Die Veränderungen in den Ost-West-Beziehungen deuten auf
eine friedlichere Zukunft hin. Aber ein Umfeld beiderseitigen Vertrauens wird - nach vierzig Jahren Konfrontation - eine schwierige Aufgabe der Vertrauensbildung und Verifizierung sein.
Und überall gibt es Anzeichen für Gefahren. Die
Weiterverbreitung nuklearer, chemischer und anderer
militärisch verwendbarer Technologien steigert das
Risiko für Konflikte und Krisen. Schwelende regionale
Konflikte sind die Folge. Der amerikanische Nachrichtendienst muß solche Entwicklungen beobachten und

Seite 9

�Politikern die zum Schutz amerikanischer Interessen
notwendigen Informationen liefern. Die beiden Geißeln internationaler Terrorismus und Drogenhandel
stellen sehr hohe Anforderungen an die Nachrichtendienste, denen sich sich bisher kaum stellen mußten.
Wir werden uns also auf eine Verlagerung zu weltweiten Wirtschafts- und Handelsproblemen einstellen
müssen.
VII. Vertrauen In den Staat
Gemäß unserer Verfassung teilen sich Exekutive und
Legislative die Verantwortung der nationalen Verteidigung. Dieses System der Gewaltenteilung soll vor
Machtmißbrauch schützen, funktioniert aber am besten in einem dynamischen sicherheitspolitischen
Umfeld, in dem beide Bereiche zusammenarbeiten
und ein starkes Maß an Konsens über politische
Grundsätze auf nationaler Ebene und zwischen beiden Parteien besteht.
Die erfolgreichen Beispiele der überparteilichen Kooperation des letzten Jahres - Mittelamerika, Hilfe für
Osteuropa, Panama, um nur einige zu nennen - erfüllen mich mit Stolz. Dennoch gibt es noch einige

Kontroversen über die verschiedenen Versuche zur
Beschränkung der Befugnisse und Autorität des Präsidenten in vielen Bereichen, von verdeckten Operationen bis zur Zweckbindung von Hilfsgeldern. Wenn
wir einen erfolgreichen Übergang zu einem neuen
Zeitalter erreichen wollen, müssen wir zusammenarbeiten.
Wir befinden uns jetzt in einem Zeitalter sich schnell
verändernder strategischer Bedingungen, neuer Hinwendung zum Frieden, vieler Unsicherheiten und neuen
Gefahren. Wir haben also neue Möglichkeiten und
neue Probleme, die uns neue Führungsqualitäten
abverlangen - Mut, Weitblick und Konsequenz. Meine
Pflicht ist es, mich dieser Herausforderung zu stellen,
und dazu bin ich - in enger Zusammenarbeit und engen
Konsultationen mit dem Kongreß - bereit. Meiner
Ansicht nach gibt es einen nationalen Konsens bei der
Unterstützung einer starken Außen- udn Verteidigungspolitik - einen vielleicht stärkeren Konsens als jemals
zuvor in den vergangenen 25 Jahren. Der Kongreß
und der Präsident müssen diesen Konsens durch ihre
Kooperation mehr denn je demonstrieren. Das schulden wir dem amerikanischen Volk.

* * * * *

Seite 10

AMERIKA DIENST 12

�KSE
28. M a n 1990

KONVENTIONELLE STREITKRÄFTE IN EUROPA
Übersicht und Chronologie des ACDA
WASHINGTON - (AD) - Die nachfolgend veröffentlichte Übersicht und Chronologie "Verhandlungen über
Konventionelle Streitkräfte in Europa" wurde am 23. März 1990 vom Amerikanischen Amt für Rüstungskontrolle und Abrüstung (ACDA) herausgegeben.

Am 9. März 1989 kamen Vertreter aller 23 Mitglieder
von NATO und Warschauer Pakt in der Wiener Hofburg zusammen, um Verhandlungen zu einem Abkommen über konventionelle Rüstungskontrolle in
Europa vom Atlantik bis zum Ural aufzunehmen. Diese
Verhandlungen über Konventionelle Streitkräfte in
Europa (KSE) sprengen den Rahmen der bisherigen
Rüstungskontrollverhandlungen auf diesem Gebiet,
an denen nur einige NATO- und Warschauer PaktStaaten teilnahmen und die ausschließlich Mitteleuropa zum Thema hatten.
Die Verhandlungen zielen darauf ab, Stabilität und
Sicherheit in Europa zu stärken, indem sie ein sichereres Gleichgewicht konventioneller Streitkräfte auf niedrigeren Niveaus herbeiführen, etwa bei konventionellen Rüstungen und konventionellem Gerät und in
Europa stationierten amerikanischen und sowjetischen
Land- und Luftstreitkräften, sowie durch Beseitigung
von Ungleichgewichten, die Stabilität und Sicherheit
abträglich sind. Vor allem aber soll die Fähigkeit zur
Durchführung eines Überraschungsangriffs und einer
Großoffensive beseitigt werden.
Das von der NATO angestrebte KSE-Abkommen bildet unter anderem die Grundlage für eine neue politische und militärische Ordnung in Europa. Ein KSEVertrag wird die Verpflichtung enthalten, daß abtransportiertes Gerät vernichtet und abgezogene amerikanische und sowjetische Einheiten aufgelöst werden
müssen. Die Verifizierungsbestimmungen eines KSEVertrags werden wichtige abschreckende und vertrauensbildende Auswirkungen haben und natürlich die
Einhaltung verifizieren. Schließlich wird nur ein KSEVertrag sowjetische Truppen auf die Sowjetunion beschränken und gleichzeitig das Vertrauen der Sowjetunion auf Berücksichtigung ihrer berechtigten Sicherheitsinteressen erhöhen.

AMERIKA DIENST 12

Die KSE-Verhandlungen machen gute Fortschritte,
und erwartungsgemäß werden wir vor Ende des Jahres 1990 einen Vertrag schließen können.
Elemente eines KSE-Vertrags
Panzer und Artillerie
Ein wichtiger Bestandteil eines KSE-Vertrags wird die
Reduzierung und Begrenzung der beiden Hauptkategorien bei den Panzerstreitkräften - Panzer und gepanzerte Kampffahrzeuge und Artillerie sein, die zusammen die wichtigsten Elemente eines Überraschungsangriffs oder anderer Offensivoperationen in Europa
darstellen.
Panzer sind wichtigstes Instrument einer Offensive
und haben als solche bei den Verhandlungen hohe
Priorität. Gegenwärtig verfügen die Warschauer PaktStaaten über nahezu drei Viertel aller Panzer in Europa. Ost und West haben sich auf strenge gleiche
Obergrenzen für Panzer - 20 000 auf jeder Seite geeinigt. Das würde die Zerstörung Zehntausender
sowjetischer Panzer erfordern und damit die Stabilität
in der Region vom Atlantik bis zum Ural (ATTU)
erheblich steigern.
Gepanzerte Kampffahrzeuge (Im Laufe der Verhandlungen wurde offenkundig, daß die Bandbreite
und der Umfang der Definition von gepanzerten Truppenfahrzeugen nicht ausreichte, um den Zielen der
Verhandlungen gerecht zu werden. Der Westen schlug
Veränderungen vor, um den allgemeinen Warschauer
Pakt-Vorschlag zur Erweiterung der Kategorie zu
konkretisieren, damit eine größere Bandbreite von
gepanzerten Truppenfahrzeugen erfaßt werden kann.
Das hat zu einer Umbenennung der Kategorie in
"gepanzerte Kampffahrzeuge" und zur Anpassung an
die vom Westen vorgeschlagene Obergrenze geführt.)

Seite 1

�Gepanzerte Kampffahrzeuge wie gepanzerte Truppenfahrzeuge und Schützenpanzer ermöglichen
Mobilität und Unterstützung während der Kampfhandlungen und können bei einer Offensive eine wichtige
Rolle spielen. Ihre Reduzierung ist damit eng an die
erforderliche Reduzierung von Panzern geknüpft. Das
Ziel des Westens besteht in der Beseitigung der großen Asymmetrie gegenüber dem Osten in dieser
Kategorie, die der Sicherheit in der Region Vorschub
leisten wird.
Die Artillerie liefert bei einer Offensive den erforderlichen Feuerschutz. Ost und West haben sich auf eine
Definition in dieser wichtigen Kategorie der Rüstungen
geeinigt, unter anderem darauf, welche Systeme beseitigt
werden sollen. Die Wiener Verhandlungen konzentrieren sich gegenwärtig auf die Höchstzahl von Artilleriegeschützen, die beiden Seiten zugestanden werden
soll.

gegenwärtig die vom Vertrag einzuschränkenden
Hubschraubertypen. Die Gespräche konzentrierten
sich auf eine vom Westen im Februar 1990 eingebrachte Definition.
Andere Vertragselemente
Verifizierung und Einhaltung: Die Fähigkeit
zur wirksamen Verifizierung des Abbaus von
Truppen und Rüstungen ist ein wesentlicher
Vorteil eines KSE-Vertrags. Das westliche
Verteidigungsbündnis hat Bestimmungen für
detaillierten Datenaustausch, Inspektionen vor
Ort und Überwachung der Zerstörung unterbreitet. Obwohl der Ansatz des Ostens in einigen
Bereichen differiert, war seine Reaktion auf die
Verifizierungsvorschläge des Westens im großen und ganzen positiv.

Im Mai 1989 hat Präsident Bush eine Initiative vorgestellt, im Rahmen derer drei weitere Kategorien in KSE
einbezogen werden sollen:
Mannschaftsstärke,
Kampfflugzeuge und Kampfhubschrauber. Politiker
aus dem Westen und dem Warschauer Pakt haben
sich auf die Ausweitung der Verhandlungen geeinigt,
und diese Bestandteile sind nunmehr wichtiger Aspekt
der Verhandlungen geworden. Der Warschauer Pakt
hat gegenwärtig eine destabilisierende zahlenmäßige
Überlegenheit in all diesen Bereichen.

Demobilisierung/Zerstörung: Der Westen
vertritt die Ansicht, daß ein wesentliches Element bei der Gewährleistung unserer Fähigkeit
zur Überwachung der Einhaltung und zur Verhinderung der Verlegung von vertraglich begrenztem Gerät aus der Vertragszone heraus in
der Zerstörung von Gerät besteht, um auf diese
Weise die Obergrenzen anzugleichen. Der
Westen hat darüber hinaus die Demobilisierung
der abgezogenen amerikanischen und sowjetischen Truppen vorgeschlagen. Der Osten hat
diesen Grundgedanken noch nicht vollständig
akzeptiert.

Mannschaftsstärke. Im Februar 1990 haben die 23
KSE-Teilnehmerstaaten eine Begrenzung der Zahl
sowjetischer und amerikanischer Soldaten der Landund Luftstreitkräfte, die außerhalb ihres nationalen
Territoriums in Mittel- und Osteuropa stationiert sind,
auf eine Obergrenze von 195 000 vereinbart, wobei
den Vereinigten Staaten zusätzlich 30 000 Soldaten
außerhalb dieses Gebiets zugestanden werden.

Stabilisierungsmaßnahmen: Der Vertragstext
des Westens enthält eine Reihe anderer Maßnahmen, die zu regionalem Vertrauen und Stabilität beitragen könnten. Dazu gehören häufiger Informationsaustausch, Verfügung bezüglich der Lagerung von Gerät, Benachrichtigung
von Bewegungen und die Begrenzung des
Umfangs militärischer Aktivitäten.

Kampfflugzeuge: Angesichts der vielfältigen Einsatzmöglichkeiten und der Mobilität von Flugzeugen
vertritt der Westen die Auffassung, daß alle Kampfflugzeugen ungeachtet ihrer gegenwärtigen Aufgabe
in die Verhandlungen einbezogen werden sollten. Der
Westen hat im Februar 1990 einen neuen Vorschlag
unterbreitet, der die Zahl der in der ATTU-Region
zulässigen landgestützen Kampfflugzeuge erheblich
einschränken und das gegenwärtige Ungleichgewicht
zugunsten des Warschauer Pakts beseitigen würde,
dessen Stellungnahme zu diesem Vorschlag noch
aussteht.

Regionale Differenzierung und ausreichendes Niveau: Zusätzlich zu Begrenzungen bei
der Zahl der Rüstungen jeder Kategorie, die in
der Region vom Atlantik bis zum Ural insgesamt
von jeder Seite aufrechterhalten werden können, sind die Teilnehmer sich auch bezüglich
der regionalen zahlenmäßigen Begrenzungen
einig, die zur Verhinderung destabilisierender
Konzentrationen von zu Lande stationiertem
Gerät in jeder Region erforderlich sind. Beide
Seiten stimmen ferner überein, daß auch beim
Prozentsatz der von jedem Land unterhaltenen
Rüstungen Obergrenzen eingeführt werden
müssen ("ausreichendes Niveau"). Die regionalen Verteilungsschemata beider Seiten unterscheiden sich jedoch ebenso wie die für das
ausreichende Niveau festgelegten Quoten.
Obwohl der Osten einem Land die Beibehaltung
von 35 bis 40 Prozent des gesamten in der

Mannschaftsstärke, Flugzeuge und Hubschrauber

Kampfhubschrauber gewähren Feuerschutz, Flexibilität und schnelle Mobilität und können in einer Offensive eine wichtige Rolle spielen. Der Westen hat
Bestrebungen eingeleitet, um die Zahl der in der ATTURegion zugelassenen Kampfhubschrauber erheblich
einzuschränken. In Wien erörtern Ost und West

Seite 2

AMERIKA DIENST 12

�Region vom Atlantik bis zum Ural erlaubten
Geräts gestatten würde, vertritt der Westen die
Ansicht, daß die von ihm vorgeschlagenen 30
Prozent angemessen sind.
KSE-Chronologie
10. Januar 1989: Die 23 Mitgliedstaaten der NATO
und des Warschauer Pakts formulieren in Wien ein
Mandat über Umfang und Form der Verhandlungen
über Konventionelle Streitkräfte in Europa (KSE).
9. März 1989: Offizielle Eröffnung der KSE-Gespräche in Wien durch die 23 Mitgliedstaaten der NATO
und des Warschauer Pakts. Der ursprünglich von der
NATO unterbreitete Vorschlag fordert den Abbau und
die Begrenzung von Hauptkampfpanzern, gepanzerten Truppenfahrzeugen und Artilleriesystemen.
23. März 1989: Beendigung von Runde I der KSE.
5. Mal 1989: Eröffnung von Runde II der KSE.
29. - 30. Mai 1989: Beim NATO-Gipfeltreffen unterstützen die Staats- und Regierungschefs der NATO
einstimmig Präsident Bushs Vorschlag zur Einbeziehung von Begrenzungen für Mannschaftsstärken,
Kampfflugzeuge und Hubschrauber und zum Abschluß
der Verhandlungen binnen 6 bis 12 Monaten.
13. Juli 1989: Die NATO unterbreitet in Wien einen
umfassenden Vorschlag, der die bei NATO-Gipfeltreffen im Mai vereinbarten Initiativen einbezieht.
13. Juli 1989: Beendigung von Runde II der KSE.
7. September 1989: Eröffnung von Runde III der KSE.
22. September 1989: Der Westen unterbreitet Vorschläge bezüglich Informationsaustausch, Stabilisierungsmaßnahmen, Nichtumgehung und Verifizierung.
19. Oktober 1989: Die Staaten des Warschauer
Pakts legen ihre Version zu Verizifierung, Informa-

*

AMERIKA DIENST 12

tionsaustausch und Stabilisierungsmaßnahmen vor,
die bei zahlreichen Formulierungen die Sprachregelung der zuvor von der NATO eingebrachten Vorschläge enthält.
19. Oktober 1989: Beendigung von Runde III der
KSE.
9. November 1989: Eröffnung von Runde IV der KSE.
14. Dezember 1989: NATO und Warschauer Pakt
unterbreiten Vertragsentwürfe.
21. Dezember 1989: Beendigung von Runde IV der
KSE.
12. Januar 1990: Eröffnung von Runde V der KSE.
8. Februar 1990: Der Westen unterbreitet neue
Vorschläge zu Flugzeugen und Mannschaftsstärken.
13. Februar 1990: In Ottawa einigen sich die Außenminister der 23 Teilnehmerstaaten der KSE-Verhandlungen auf eine Obergrenze für au ßerhalb der nationalen Territorien in Mittel- und Osteuropa stationierte
amerikanische und sowjetische Land- und Luftstreitkräfte von 195 000 für jede Seite. Darüber hinaus
dürfen die Vereinigten Staaten 30 000 Mann dieser
Streitkräfte außerhalb dieser Region stationieren.
22. Februar 1990: Die NATO unterbreitet ein detailliertes Inspektionsprotokoll.
22. Februar 1990: Beendigung von Runde V der KSE.
15. März 1990: Eröffnung von Runde VI der KSE. Die
NATO legt einen Protokollentwurf zur Zerstörung und
einen Vertragsartikel über Reduzierungen vor. Darüber hinaus kündigt die NATO Pläne zur Einbringung
eines Protokollentwurfs über Inspektionen und damit
in Verbindung stehende Vertragsartikel auf Arbeitsebene an. Der Westen hat jetzt alle wesentlichen
Elemente eines KSE-Vertrags vorgelegt.

* * *

*

Seite 3

�POLEN
28. März 1990

BUSH: POLEN MUSS MITSPRACHERECHT AN
ENTSCHEIDUNGEN HABEN
Begrüßung von Ministerpräsident Mazowiecki im Weißen Haus
WASHINGTON - (AD) - Anläßlich der Begrüßung des polnischen Ministerpräsidenten im Weißen Haus erklärte Präsident Bush am 21. März 1990, Polen müsse ein Mitspracherecht an "allen seine Zukunft betreffenden
Entscheidungen" eingeräumt werden.
Im folgenden veröffentlichen wir zunächst einige Hintergrundinformationen zu diesem Besuch und anschließend

Auszüge aus der Begrüßungsansprache des Präsidenten.

Bei der Begrüßung von Ministerpräsident Mazowiecki
im Weißen Haus erklärte Präsident Bush, die Vereinigten Staaten wünschten, daß "Polen vollständige
Demokratie und Unabhängigkeit erlangt. An allen die
Zukunft Polens betrteffenden Entscheidungen muß
Polen eine Mitspracherecht eingeräumt werden."

"Es gibt viele Wege", so Seitz, auf denen Polen ein
"Mitspracherecht" eingeräumt werden könnte, einschließlich dem Gespräch, "das gerade im Oval Office
stattgefunden hat... Polen kann seiner Meinung auf
vielfältige Weise zu einer Vielzahl von Anliegen Ausdruck verleihen...".

Dem Abteilungsleiter im Außenministerium für europäische und kanadische Angelegenheiten, Raymond
Seitz, zufolge wurde die Grenzfrage zusammen mit
dem Vereinigungsprozeß der beiden deutschen Staaten in einem Gespräch unter vier Augen erörtert. Zu
diesem Prozeß gehören die Zwei plus Vier-Verhandlungen zwischen der Bundesrepublik Deutschland und
der DDR einerseits und den Siegernnächten des Zweiten
Weltkriegs - den Vereinigten Staaten, der Sowjetunion, Frankreich und Großbritannien - andererseits.
Seitz beschrieb die Gespräche unter vier Augen als
"generellen Überblick", aus dem sich "nichts Überraschendes oder Neues" ergeben habe.

Seitz dementierte, daß Warschau und Washington
hierzu unterschiedlicher Auffassung sind, da "unsere
Meinung zu dieser Frage eindeutig ist - das heißt, wir
kennen den (heutigen) Grenzverlauf, wir sehen diese
Grenze als dauerhaft an und werden von dieser Meinung nicht abrücken ... Wie dies alles verwirklicht wird
und welche rechtliche Grundlage geschaffen wird,
muß noch erörtert werden."

Der Presse gegenüber erklärte Seitz, das von Präsident Bush in seiner Begrüßungsansprache erwähnte
"Mitspracherecht" für Polen bedeute keine Einbeziehung Warschaus in die Zwei plus Vier-Runde über die
bereits vorgesehene Teilnahme bei den Gesprächen
über die Grenzfrage hinaus. Nachrichtenmeldungen
zufolge möchte Warschau an allen Polen betreffenden
Verhandlungen teilnehmen insbesondere wenn Sicherheitsfragen erörtert werden.

AMERIKA DIENST 12

Seitz zufolge sieht Bush die Formulierung "Mitspracherecht" als Versicherung gegenüber Mazowiecki,
daß "wir die polnischen Bedenken verstehen und
zuhören werden und auf diese Bedenken in vielfältiger
Weise und bei unterschiedlichen Gelegenheiten eingehen werden."
Seitz beschrieb die Grenzfrage als "ein in vieler Hinsicht rechtliches Problem. Kann man eine endgültige,
rechtlich bindende Erklärung zur Grenzfrage tatsächlich in dem Augenblick abgeben, wenn ein neuer
deutscher Staat entstanden ist?"
Die Verantwortung der vier Mächte besteht Seitz zufolge darin, "die Grenzen eines neuen deutschen Staates
Seite 1

�zu bestätigen, sobald dieser gegründet ist. Ein Teil
dieser Verantwortung ist der Ablauf, wie die ganze
Sache angegangen wird. Ein Teil ist der Prozeß
selbst. Es gibt vielfältige Vorgehensweisen."
Persönlich sei erder Ansicht, fügte er hinzu, daß Polen
und der neue deutsche Staat diese Angelegenheit auf
bilateraler Ebene entscheiden.
Er wisse nicht, erklärte Seitz, ob Präsident Bush
gegenüber Mazowiecki Versicherungen zur Grenzfrage abgegeben habe, da er an dem Gespräch nicht
teilgenommen habe. Seitz fügte hinzu, "Ich bin sicher,
der Präsident hat unserer festen Ansicht darüber
Ausdruck verliehen, wie diese Frage gelöst wird", das
heißt, unter Beibehaltung der heutigen Grenzen.
Seitz erklärte, die Zwei plus Vier-Runde habe ein
"eingeschränktes Manadat", das darin bestehe, "den
vier Mächten" als Siegermächten des Zweiten Weltkriegs "beim Prozeß der deutschen Einigung die Entbindung von ihren Rechten und Pflichten" zu gestatten. "Es gibt zahlreiche andere Foren, in denen
Sicherheitsfragen erörtert werden", einschließlich den
Verhandlungen über Konventionelle Streitkräfte in
Europa und der Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa, lügte er hinzu.
Seitz zufolge bestehen Meinungsverschiedenheiten
zwischen der Administration und polnischen Regierungsvertretern, die auf dem Verbleib sowjetischer
Truppen in Polen beharren, bis alle Sicherheitsfragen
gelöst sind. "Unserer Ansicht nach besteht keine
Notwendigkeit für eine dauerhafte sowjetische Präsenz", erklärte er, abgesehen von dem logistischen
Gebot, daß der Nachschub für die Streitkräfte in der
DDR über Polen erfolgen muß. "Wir sind uns bewußt,
daß es dort für eine gewisse Zeit ein gewisses Maß an
sowjetischer Präsenz geben wird", bis die sowjetischen Streitkräfte vom heute als DDR bezeichneten
Gebiet abgezogen werden. "Wir vertreten die Auffassung, daß dies (die sowjetische Präsenz in Polen)
definitiv überflüssig sein wird, wenn dieser Prozeß (der
Vereinigung) beendet ist."
Auf die Frage, ob Polen "gerechtfertigte" Bedenken
über den möglichen Umfang der deutschen Streitkräfte habe, versicherte Seitz, die Bundeswehr "ist praktisch ausschließlich eine NATO-Streitmacht", ein Faktor,
der die Bedeutung der NATO und die permanente
Mitgliedschaft der Bundesrepublik im Bündnis, durch
die die Bundeswehr Teil der integrierten militärischen
Struktur ist, noch unterstreiche. Er erklärte, "die
Bundesrepublik ist dank der NATO ein sehr enger
Verbündeter der Vereinigten Staaten. Dies ist sicherlich eine Rückversicherung für Polen."
In seiner Begrüßungsansprache erinnerte Bush an
Warschaus "erste Schritte auf dem Weg zur demokratischen Wiedergeburt" nach Jahrzehnten erzwungener kommunistischer Herrschaft. Er betonte Mazo-

Seite 2

wieckis "großen persönlichen Mut" bei der Ergreifung
der notwendigen Maßnahmen "um den wirtschaftlichen Trümmerhaufens eines Systems aus dem Weg
zu räumen, das längere Warteschlangen und mehr
leere Regale produziert hat als alles andere".
Bush versicherte Mazowiecki, daß die Vereinigten
Staaten "eine europäische Macht bleiben" und auch
über "diese Zeit tiefgreifender und turbulenter Veränderungen" hinweg weiterhin "für Freiheit, Stabilität und
Sicherheit" eintreten werden.
Als jüngste Maßnahme bei den Bemühungen Washingtons, Polen beim Aufbau einer freien Marktwirtschaft zu helfen, unterzeichnete der Präsident ein
Wirtschafts- und Investitionsabkommen, mit dem privates Unternehmertum in Polen gefördert werden soll.
Bush betonte dabei die Tatsache, daß dieser Vertrag
das erste Abkommen dieser Art ist, das zwischen
Washington und "den neuen Demokratien in Osteuropa" unterzeichnet wird und erklärte, es werde dazu
beitragen, "die polnische Wirtschaft auf das westliche
Wirtschaftssystem und die Weltmärkte zu orientieren". Es gründe sich auf die von seiner Administration
getroffenen Maßnahmen, um die amerikanischen Märkte
für polnische Exporte zu öffnen und werde amerikanischen Unternehmern einen Anreiz für Investitionen in
Polen bieten.
Der Vertrag über Geschäfts- und Wirtschaftsbeziehungen enthält international anerkannte Schutzvorschriften für amerikanische Investitionen in Polen,
darunter den Transfer von Exportgewinnen und Kapital sowie einen teilweisen Schutz vor Enteignung. Er
übernimmt internationale Normen für die Schlichtung
von Streitfällen. Darüber hinaus legt der Vertrag die
Rechte amerikanischer Investoren fest, darunter Zugang
zu polnischen Versorgungseinrichtungen sowie die
umgehende Bearbeitung von Lizenz- und Genehmigungsanträgen.
Bush teilte Mazowiecki mit, er werde die noch aus den
Tagen der kommunistischen Herrschaft in Warschau
stammenden Reisebeschränkungen für offizielle polnische Vertreter in den Vereinigten Staaten unverzüglich aufheben. Er stimmte einem polnischen Gesuch
zur Eröffnung eines Konsulats in Los Angeles zu.
Im US-Außenministerium erklärte der Stellvertretende
Außenminister, Lawrence Eagleburger, als Gastgeber
eines Arbeitsessens für Mazowiecki, der Besuch des
Ministerpräsidenten in Washington habe "deutlich
gezeigt, daß zwischen Polen und den Vereinigten
Staaten eine Partnerschaft besteht". Der im Weißen
Haus unterzeichnete Wirtschaftsvertrag sei "das jüngste Beispiel" für diese Zusammenarbeit.
"Unseres Erachtens steht fest, daß die Unterzeichnung dieses Vertrags erhebliche amerikanische Investitionen in Polen ermutigen wird, deren Ziel die Unter-

AMERIKA DIENST 12

�Stützung der polnischen Wirtschaft ist", erklärte der
Stellvertretende Außenminister. Er betonte, daß "die
Vereinigten Staaten und Polen gut zusammenarbeiten
.... und es wäre falsch, nach Meinungsverschiedenheiten zu suchen. Es gibt keine."

Nachfolgend veröffentlichen wir die Begrüßungsansprache Präsident Bushs in wesentlichen Auszügen.
Herr Ministerpräsident, es ist mir eine große Ehre und
ein Vergnügen, Sie hier in Washington begrüßen zu
können. Seit Ihrem Amtsantritt vor sechs Monaten
hatten wir mehrmals die Gelegenheit, einander zu
konsultieren, und ich habe Ihren Rat schätzen gelernt
und betrachte Sie als einen Freund. Heute treffen wir
das erste Mal persönlich zusammen, und ich freue
mich, mit Ihnen über die vielen Veränderungen und
Herausforderungen sprechen zu können, die unsere
beiden Länder betreffen.
Und natürlich begrüßen meine Frau Barbara und ich
auch diese Gelegenheit, uns ein wenig für die warmherzige Aufnahme revanchieren zu können, die uns im
vergangenen Sommer bei unserem Besuch in Polen
zuteil wurde. Überall, von den Straßen und Plätzen
Warschaus bis zu der heute historischen Werft von
Gdansk war die Wärme, die ich in Ihrem Land gespürt
habe, ein Zeichen der Freundschaft zwischen unseren
beiden Völkern, der unverbrüchlichen Bande, die das
Volk Polens mit dem Volk der Vereinigten Staaten
verbinden - nicht nur die Millionen Amerikaner polnischer Abstammung, sondern uns alle, die wir eine
gemeinsame Liebe zur Freiheit teilen.
Und es ist diese Liebe zur Freiheit, die heute unseren
Weg erleuchtet, die die im vergangenen Jahr erlebten
Veränderungen hervorgebracht hat- bemerkenswerte
Veränderungen. Heute vor einem Jahr befanden sich
die Führungen der Solidarität und die kommunistischen Machthaber noch inmitten der Gespräche am
Runden Tisch. Herr Ministerpräsident, Sie saßen in
jenen Winterwochen im Februar und März am Runden
Tisch. Das Schicksal Polens stand auf dem Spiel.
Ganz Polen wartete auf das Ergebnis, und am 5. April
1989 machte Polen den ersten Schritt auf dem Weg
zur Erfüllung seines demokratischen Schicksals. Zum
ersten Mal seit über 40 Jahren sollte in Osteuropa die
Stimme des Volkes in freien Wahlen sprechen.
In unserem Land gedenken wir der Revolution von
1776, feiern aber den 19. April 1775 als Tag, an dem
die Revolution begann, als "der auf der ganzen Welt
vernehmbare Schuß" in Lexington, Massachusetts
abgegeben wurde. In Ihrem Land wird man sich immer
an den 5. April als Beginn der Revolution von 1989
erinnern, der Revolution, die in Polen ihren Lauf nahm
und eine Kettenreaktion in Gang setze, die Europa und
die Welt veränderte.

AMERIKA DIENST 12

Herr Ministerpräsident, beide Revolutionen verfolgen
ein gemeinsames Ziel, das unsere Länder in der Sache
der Freiheit vereint. In Hamtramck, Michigan habe ich
vor fast einem Jahr den wirtschaftlichen Reformen in
Polen und seinem Übergang zur Demokratie starke
amerikanische Unterstützung zugesichert. Damals
habe ich erklärt: "Freiheit ist eine Idee, deren Zeit in
Osteuropa gekommen ist." Die ungeheuren Veränderungen des vergangenen Jahres haben diese Idee der
Freiheit tatsächlich in alle Länder Osteuropas getragen.
Heute heißen wir im Weißen Haus den großen polnischen Patrioten und Freiheitskämpfer Tadeusz Mazowiecki, einen der Gründerväter der Solidarität, willkommen. Er überlebte die schwere Zeit im Dezember
1981 und das Kriegsrecht, verbrachte ein Jahr im
Gefängnis, lebte im Untergrund, war Mitherausgeber
einer verbotenen Zeitung und Mitbegründer einer
verbotenen Gewerkschaft.
Herr Ministerpräsident, Sie haben überlebt. Die Solidarität hat überlebt und triumphiert. Heute haben Sie
gemeinsam mit Ihrer mutigen Gewerkschaft in Ihrem
Land die Führung übernommen und geleiten das polnische Volk von der Revolution zur Wiedergeburt.
Im vergangenen Jahr hat Polen erste Schritte auf dem
Weg zu einer demokratischen Wiedergeburt vollzogen. In den letzten sechs Monaten zählte die Lenkung
des schwierigen Übergangs zur Demokratie zu unseren täglichen Aufgaben. Sie haben großen persönlichen Mut bewiesen und mutig die notwendigen Schritte unternommen, um den wirtschaftlichen Trümmerhaufen eines Systems aus dem Weg zu räumen, das
längere Warteschlangen und mehr leere Regale produziert hat als alles andere. Ihnen gebührt großes Lob
für die Einführung eines radikalen Wirtschaftsreformprogramms, das sich den Aufbau einer freien Marktwirtschaft auf den Trümmern der Planwirtschaft zum
Ziel gesetzt hat.
Wir sind uns alle bewußt, daß dieser Weg zur Reform
nicht unbeschwerlich ist. Die Geschichte hat uns
gezeigt, wie viel Erfahrung das polnische Volk mit
Leiden und Qualen hat. Aber die Geschichte lehrt uns
auch eine Lektion überdie polnische Mentalität- immer
hoffnungsvoll, immer stark.
Heute, in dieser Zeit der Prüfungen gibt es einen
Unterschied: Das Opfer Polens hat den Segen der
Freiheit - den Segen eines Landes, das entschlossen
ist, seine Zukunft in der Demokratie zu suchen.
Herr Ministerpräsident, ich möchte dem polnischen
Volk eine Botschaft übermitteln: Amerika möchte
Polen zum Erfolg verhelfen. Wir möchten Polen als
Partner in der Gemeinschaft freier Nationen begrüßen.
Wir wünschen uns für Polen Wohlstand und die Vor-

Seite 3

�Sicherheit. Wir stellen uns ein neues Europa vor, in
dem die Sicherheit aller europäischen Staaten und ihr
grundlegendes Recht auf Sicherheit innerhalb der
gegenwärtig gültigen Grenzen gewährleistet ist. Und
in diesem neuen Europa wird die NATO als Verteidigungsbündnis die Vereinigten Staaten an Europa binIch möchte Ihnen in dieser Zeit tiefgreifender und den und stark und einig bleiben. Und wir wünschen
turbulenter Veränderungen versichern, daß die Verei- uns, daß Polen und seine Nachbarn gemeinsam mit
nigten Staaten eine europäische Macht bleiben wer- uns ein ungeteiltes und freies Europa aufbauen.
den, eine treibende Kraft für Freiheit, Stabilität und
teile des freien Unternehmertums. Wir möchten, daß
Polen Demokratie und Unabhängigkeit in vollem Maße
genießen kann. Polen muß ein Mitspracherecht an
allen seine Zukunft betreffenden Entscheidungen eingeräumt werden.

*

Seite 4

*

*

*

AMERIKA DIENST 12

�POLEN
28. März 1990

BUSH SIEHT SCHWINDENDES MISSTRAUEN
ZWISCHEN WARSCHAU UND BONN
Grenzen müssen formell gesichert werden

WASHINGTON - (AD) - Präsident Bush erklärte am
22. März 1990, das "Mißtrauen" zwischen Warschau
und Bonn trete immer mehr in den Hintergrund und die
beiden Länder sollten unter sich aushandeln, wie ihre
heutigen Grenzen formell gesichert werden sollen.
Zum Abschluß der zweitägigen Gespräche mit dem
polnischen Ministerpräsidenten Mazowiecki erklärte
Bush auf einer kurzfristig anberaumten Pressekonferenz, es "könnte Nuancen eines Unterschieds" in der
Haltung Washingtons und Warschaus zu Fragen in
Zusammenhang mit der deutschen Einheit geben,

aber das Mißtrauen zwischen den beiden europäischen Nachbarn "ist gesunken", und es sei ihre Sache,
darüber zu sprechen, wie sie einen Vertrag abschließen.
Die Möglichkeit, daß ein vereinigtes Deutschland danach
trachten könnte, Gebiete zurückzufordern, die Polen
nach dem Zweiten Weltkrieg als Ausgleich für polnische territoriale Verluste an die Sowjetunion übertragen wurden, hat die Diskussionen über die Einheit
Deutschlands überschattet. Die polnischen Bedenken
verstärkten sich im vergangenen Monat, nachdem
Bundeskanzler Kohl erklärt hatte, die polnische Grenze könne nur nach einer Vereinigung der Bundesrepublik Deutschland und der DDR endgültig garantiert
werden. Der Bundestag hat seither im Einklang mit der
in der Schlußakte von Helsinki festgelegten Unverletzlichkeit der Grenzen die Dauerhaftigkeit der heutigen
Grenzen bekräftigt.
Pressemeldungen zufolge war Mazowiecki nach
Washington gekommen, um Unterstützung für einen
Grenzvertrag - der von beiden deutschen Staaten vor
einer Vereinigung paraphiert werden soll - und eine
stärkere Rolle Polens in den Zwei-plus-Vier-Gesprächen über Fragen der deutschen Einheit anzustreben.

AMERIKA DIENST 12

Bush erklärte bei der Pressekonferenz im Weißen
Haus ferner, er habe mit Mazowiecki "über Polens
Platz in einem neuen Europa gesprochen. Ich habe
dem Ministerpräsidenten erklärt, daß wir in Zukunft
eine wichtige Rolle für ein freies, demokratisches und
unabhängiges Polen als Faktorder Stabilität in Europa
sehen."
Er habe Washingtons Verpflichtung zur Unterstützung
der wirtschaftlichen und politischen Reformen bekräftigt. "Wir sehen der Beteiligung Polens am Aufbau
eines ungeteilten und freien Europas hoffnungsvoll
entgegen - eines Europas, in dem die Sicherheit aller
Staaten innerhalb ihrer heutigen Grenzen garantiert
und in dem die NATO weiterhin stark und einig ist",
fügte der Präsident hinzu.
Auf die Frage, ob er Mazowiecki Zusicherungen bezüglich eines Grenzvertrags vor der Vereinigung der
beiden deutschen Staaten gemacht habe, erklärte
Bush, seine Sicht eines "Polen in einem demokratischen Europa, das in Zukunft unabhängig und sehr
einflußreich dasteht", sei "mit voller Absicht in meiner
Erklärung enthalten".
"Im Hinblick auf einen Vertrag zwischen Deutschland
und Polen", fuhr er fort, "könnten unsere Meinungen
um eine Spur divergieren ... Dies ist eine Angelegenheit, die zwischen dem polnischen Ministerpräsidenten und den deutschen Politikern erörtert werden muß."
Bush zufolge haben die Vertragsparteien "einen langen Weg zurückgelegt. Sie haben sich extrem angenähert - sehr viel mehr, als viele von uns aufgrund der
vor rund einem Monat abgegebenen Erklärungen
angenommen hätten. Daher sollten sie die Angelegenheit unter sich ausmachen."

Seite 1

�Er erklärte, das "Mißtrauen", von dem in Nachrichtenmeldungen die Rede sei, "ist ausgeräumt. Meiner
Ansicht nach hat bei Bundeskanzler Kohl ein Sinneswandel staatgefunden. Und sein Führungsstil ist
beeindruckend und außerordentlich wichtig. Das ist
alles, was ich dazu sagen möchte."
An den Zwei-plus-Vier-Gesprächen, so Bush, sollte
Polen "bei Polen betreffende Entscheidungen anwesend sein. Polen sollte eindeutig beteiligt werden,
insbesondere wenn in der Zwei-plus-Vier-Runde über
die polnischen Grenzen gesprochen wird."
Aus seiner Sicht sind die Gespräche ein Mittel für die
Siegermächte des Zweiten Weltkriegs "zur Wahrnehmung bestimmter Rechte und Pflichten" bezüglich
Deutschlands, "die den vier Mächten unmittelbar nach
dem Krieg eingeräumt wurden. Wir sehen sie nicht als
Gruppe an, die das Schicksal Gesamteuropas bestimmen wird. Ihr kommt eine ganz besondere Aufgabe
zu."
Auf eine diesbezügliche Frage antwortete Bush,
Mazowiecki habe ihm gegenüber nicht eingeräumt,
daß er den Abzug der sowjetischen Truppen aus Polen
wünsche. Einige polnische Regierungsvertreter ha-

*

Seite 2

*

ben Erklärungen abgegeben, in denen ein Junktim
zwischen dem Abzug der sowjetischen Truppen und
dem Ausräumen von Sicherheitsbedenken im Zusammenhang mit dem Einigungsprozeß hergestellt wird.
"Es besteht keinerlei Notwendigkeit für die Präsenz
sowjetischer Truppen in Osteuropa", stellte Bush fest,
"und je eher sie abgezogen werden, desto besser." Er
verstehe die Sicherheitsbedenken, fuhr der Präsident
fort und erklärte, die amerikanischen Truppen würden
"als stabilisierende Streitmacht" solange stationiert
bleiben, wie sie erwünscht seien. Er wiederholte, daß
ein vereinigtes Deutschland Mitglied der NATO sein
sollte.
Bush fügte hinzu, ein friedlicher Entwicklungsprozeß
"würde gefördert, wenn die sowjetischen Truppen
abgezogen würden". Er betonte ferner nochmals, daß
er ein Abkommen über konventionelle Streitkräfte mit
Moskau vor dem Gipfeltreffen mit Präsident Gorbatschow im Juni wünsche.
Bush zufolge ist der genaue Zeitpunkt eines Treffens
noch nicht festgelegt worden und "die Hauptarbeit des
Gipfeltreffens wird in Washington stattfinden".

*

*

AMERIKA DIENST 12

�UMWELTPOLITIK
28. März 1990

SENAT LEHNT NOCH SCHÄRFERE ABGASBESTIMMUNGEN FÜR AUTOMOBILE AB
Kompromiß zur Luftreinhaltung weiterhin gefährdet
WASHINGTON - (AD) - Der US-Senat hat einen
brüchigen Kompromiß mit der Bush-Administration
zum ausstehenden Luftreinhaltungsgesetz bewahrt,
indem er mit knapper Mehrheit einen Änderungszusatz ablehnte, der die Bestimmungen über Automobilabgase verschärft hätte.

zum Abbau des sauren Regens ihren Arbeitsplatz
verlieren. Dieser Zusatz wurde von Senator Robert
Byrd eingebracht, dem einflußreichen Vorsitzenden
des Bewilligungsausschusses, dessen Heimatstaat
West Virginia ein bedeutender Produzent umweltpolitisch bedenklicher stark schwefelhaltiger Kohle ist.

Mit 52 zu 46 Stimmen verwarf der Senat am 20. März
1990 einen entsprechenden Vorschlag, der schärfere
Normen für Autoabgase und reinere Kraftstoffe vorsah
als von der über die möglichen Kosten einer solchen
Maßnahme besorgten Administration gewünscht wird.

Die Bush-Administration hat bereits starken Widerstand gegen diese Hilfe für Bergarbeiter signalisiert, da
sie diese für zu teuer hält.

Die Abstimmung im Senat fand kurz nach Wiederaufnahme der Gespräche über das epochale Luftreinhaltungsgesetz nach einer 10tägigen Sitzungspause statt.
Sie erfolgte nach einem Appell des Vorsitzenden der
demokratischen Mehrheitsfraktion, George Mitchell,
einen seiner Meinung nach "soliden, effektiven" Kompromiß nicht durch das Streben nach "irgendeinem
abstrakten Niveau der Perfektion, das geradewegs in
eine Sackgasse führt", aufs Spiel zu setzen.
Er stellte fest, der Kompromiß, an dessen Erarbeitung
er zusammen mit der Administration an führender
Stelle mitgewirkt hat, könne eine seit 13 Jahren bei der
Luftreinhaltungsgesetzgebung bestehende Pattsituation beenden und warnte gleichzeitig davor, daß im
Falle eines Scheiterns "in diesem Jahrhundert kein
Luftreinhaltungsgesetz mehr zustandekommt".

Der am 20. März abgelehnte Zusatz war gemeinsam
von den Senatoren Timothy Wirth, einem Demokraten, und dem Republikener Pete Wilson eingebracht
worden. Wilsons Heimatstaat Kalifornien leidet am
stärksten unter dem von Automobilen verursachten
Smog.
Ihr Vorschlag hätte weitere Kontrollen der Kfz-Auspuffgase ab dem Jahr 2002 erforderlich gemacht und
damit die stufenweise zwischen 1993 und 1995 einzuführenden Normen noch weiter verschärft.
Der von Mitchell mit dem Weißen Haus ausgehandelten Vereinbarung zufolge würde die zweite Runde von
Emissionssenkungen nur dann in Kraft gesetzt, wenn
11 oder mehr der 27 amerikanischen Städte, deren
Luftverschmutzung heute für besonders bedenklich
gehalten wird, nicht bis Ende des Jahres 2001 bestimmte Gesundheitskriterien erfüllen.

Obwohl Mitchell und der Vorsitzende der republikanischen Minderheitsfraktion, Robert Dole, diese Kraftprobe erfolgreich bestehen konnten, müssen vor der
Schlußabstimmung über diese Maßnahme im Senat
noch eine Reihe von Fragen gelöst werden.

Sowohl der Kompromiß als auch der Wirth-WilsonZusatz sehen in Stufe 1 eine 22prozentige Reduzierung der Kohlenwasserstoffemissionen sowie eine
60prozentige Senkung bei den Stickoxiden vor und in
Stufe 2 eine weitere Verringerung um noch einmal die
Hälfte dieser Werte.

Ein in Kürze zu erörternder Vorschlag fordert die
Bereitstellung von 700 Millionen Dollar staatlicher
Unterstützung für Bergarbeiter, die als Folge der im
Gesetz vorgeschriebenen schärferen Emissionswerte

Wirth und Wilson forderten überdies die Anwendung
dieser Normen auf ältere Fahrzeuge als im Kompromißentwurf vorgesehen - für alle Fahrzeuge mit einer

AMERIKA DIENST 12

Seite 1

�Laufleistung bis zu 160 000 Kilometern gegenüber die Administration die Verhandlungen eher wieder
Fahrzeugen bis zu 80 000 Kilometern - sowie strenge- eröffnen als das Luftreinhaltungsgesetz aufgeben.
re Maßstäbe für den Einsatz von Kraftstoffen, die
weniger smogverursachende Bestandteile enthalten. Wilson forderte seine Kollegen auf, keinen Kompromiß
einzugehen, der seines Erachtens die Interessen der
Wirth zufolge sollte der Senat sich danach richten, Automobil- und ölwirtschaft über die öffentliche Ge"welche dierichtigeöffentliche Politik ist". Er progno- sundheit stellt.
stizierte, im Falle der Annahme seines Zusatzes werde

* * * *

Seite 2

*

AMERIKA DIENST 12

�KONGRESS
28. März 1990

BERICHT AUS DEM KONGRESS
Beratungen zu Litauen, Osteuropa und Geiselproblematik

Kongreß spricht scharfe Warnung zu Litauen aus
In einer einstimmig verabschiedeten Resolution erklärte der Senat am 22. März 1990 seine Unterstützung für das litauische Volk auf seinem Weg zur
Demokratie. Erforderte Präsident Bush auf, Litauens
Bitte um Anerkennung als souveräner Staat "ernsthaft
zu prüfen".
Ein Befürworter der Maßnahme, der Republikaner Bill
Armstrong, erklärte, daß "die Vereinigten Staaten als
Führungsmacht der freien Welt diesen kühnen Schritt
zur Freiheit uneingeschränkt anerkennen und Wort
halten sollten".
Als Antwort auf den Druck Moskaus gegen litauische
Bestrebungen zu größerer Unabhängigkeit fordert die
Senatsresolution die Einstellung der "sowjetischen
Einschüchterung" des litauischen Volkes und Parlaments. Sie stellt fest, daß die Anwendung von Gewalt
in Litauen "ernste Folgen" für die amerikanisch-sowjetischen Beziehungen haben würde.
Der Fraktionsvorsitzende der Republikaner, Bob Dole,
erklärte, er und seine Kollegen wollten Präsident
Gorbatschow gegenüber "eines klarstellen: Wir betrachten die jüngsten Einschüchterungsversuche der
Sowjets gegen das litauische Volk als rücksichtslos
und unverantwortlich."
Falls die Sowjets Gewalt anwenden, "um dem litauischen Volk das Recht auf Selbstbestimmung zu verwehren", könnte dies die Verweigerung amerikanischer technischer Hilfe sowie der Ausweitung der
Investitions- und Handelstätigkeit "und grundsätzlich
eine neue Art von politischer Beziehung" zur Folge
haben.
Im Repräsentantenhaus brachten William Broomfield,
ein führendes republikanisches Mitglied des Auswärtigen Ausschusses und der Vorsitzende des Republikanischen Politischen Ausschusses, Mickey Edwards,

AMERIKA DIENST 12

ebenfalls am 22. März 1990 eine ähnliche Resolution
ein. Darin wird die unverzügliche Aufnahme diplomatischer Beziehungen mit der neuen Regierung Litauens gefordert und Moskau gewarnt, daß der Einsatz
von Gewalt Maßnahmen des Kongresses nach sich
ziehen würde, um amerikanische Hilfe und Handelserleichterungen für die Sowjetunion zu untersagen.
Broomfield zufolge sollten die Vereinigten Staaten
"Gorbatschow verdeutlichen, daß eine stalinistische
Außenpolitik dem Tauwetter in den amerikanischsowjetischen Beziehungen ein Ende setzen würde".
Dole und Kasten unterbreiten Unterstützungsplan
für Osteuropa
Die republikanischen Senatoren Bob Dole und Bob
Kasten brachten am 22. März 1990 einen Gesetzentwurf zur Einrichtung einer besonderen Abteilung innerhalb der Weltbank ein, die Kredite, Wirtschaftsberatung und technische Unterstützung für Osteuropa
bereitstellen soll.
Die "Gesetz zum Wiederaufbau der Wirtschaft Osteuropas" genannte Maßnahme "zielt darauf ab, den
reibungslosen Übergang von sozialistischen zu marktorientierten Volkswirtschaften zu gewährleisten", erklärte Kasten.
Der Gesetzentwurf nennt keine Einzelheiten bezüglich
des erforderlichen Kapitals, Kasten zufolge hat die
Weltbank jedoch einen Kreditrahmen für Osteuropa in
Höhe von 5 Milliarden Dollar mit einer Laufzeit von 3
Jahren vorgeschlagen.
Der Vorsitzende der republikanischen Fraktion, Dole,
stellte fest, eine solche Einrichtung wäre eine eindeutige Verbesserung gegenüber dem von der französischen Regierung unterbreiteten Vorschlag zur Gründung einer Europäischen Bank für Wiederaufbau und
Entwicklung (EBRD).

Seite 1

�Obwohl beide Vorschläge der Entwicklung freier Unternehmen in Osteuropa förderlich wären, würde dies,
so Dole, mit der im Kasten-Dole-Gesetzentwurf vorgesehenen Einrichtung "wirksamer und kostengünstiger
verwirklicht, da man auf die bewährten Mechanismen
der Weltbank zurückgreifen kann - und die Gründung
einer völlig neuen und unerprobten Bürokratie nicht
erforderlich wird."

(auch Iran und Syrien) mit direktem oder indirektem
Einfluß auf die Kidnapper und deren Helfershelfer auf,
sich nachdrücklich für die unmittelbare, sichere und
bedingungslose Freilassung der Geiseln einzusetzen".
Die Resolution ergänzt eine frühere, von der Abgeordneten Louise Slaughter vorgeschlagene Version, derzufolge der Präsident einen Sonderbevollmächtigten
ernennt, der die Freilassung der Geiseln aushandelt.

Ein weiterer Vorteil der Einrichtung innerhalb der
Weltbank bestünde darin, daß "zumindest dieses Mal" Hamilton erklärte, "der Kompromiß ist das Ergebnis
die Kreditvergabe an die Sowjetunion untersagt wür- von Gesprächen zwischen dem Mitarbeiterstab, Ausschußmitgliedern und dem Außenministerium". Er
de, erklärte Dole.
wies darauf hin, daß die Administration keine EinwänKasten bekräftigte, daß die Vereinigten Staaten "die de gegen die neue Version habe, die ursprüngliche
Europäische Bank für Wiederaufbau und Entwicklung Gesetzgebung aber nicht ohne Änderungen akzeptieboykottieren sollten, wenn die Satzung der Bank Anlei- ren wird.
hen der Sowjetunion in irgendeiner Form gestatten
"Meiner Ansicht nach muß Präsident Bush nicht von
würde."
diesem Ausschuß daran erinnert werden, daß er seine
Ein weiterer "Anlaß zur Sorge" bezüglich der EBRD Anstrengungen intensivieren muß, um die Freilassung
bestünde Kasten zufolge darin, daß "die Vereinigten der Geiseln zu bewirken," erklärte der republikanische
Staaten... gemäß der vorgeschlagenen Satzung auf- Angeordnete Henry Hyde dem Ausschuß. Obwohl er
gefordert wurden, mit den größten Anteil des Bankka- die ergänzte Gesetzgebung für "weniger anfechtbar"
pitals bereitzustellen - während die Kontrolle über die hält als die ursprüngliche, ist seiner Meinung nach
Vergabepraktiken bei den Europäern liegt".
doch "stille Diplomatie" vorzuziehen.
Mit der Feststellung, "zahlreiche" europäische Politiker seien "immer noch davon überzeugt, daß der
Sozialismus reformierbar ist", untermauerte Kasten
seine "Besorgnis darüber, daß die Politik der EBRD
mit einer solchen Geisteshaltung formuliert wird".
Dem Senator zufolge haben die Vereinigten Staaten
zahlreiche andere Pläne zum Wiederaufbau Osteuropas, einschließlich einer "Reform der amerikanischen
Steuergesetze und Vorschriften gegenüber dem Ausland, Überarbeitung des amerikanischen Verfahrens
zur Vergabe von Exportlizenzen und Exportbeschränkungen für Osteuropa sowie die Ermutigung von
.Austauschprogrammen zur Ausbildung in Unternehmensführung und Verwaltung".
Ausschuß des Repräsentantenhauses bestätigt
amerikanische Politik zur Frage der Geisein
Der Auswärtige Ausschuß des Repräsentenhauses
hat die amerikanische Politik bestätigt, keine Verhandlungen zur Freilassung amerikanischer Geiseln im
Libanon zu führen und die Wiederaufnahme internationaler Anstrengungen gefordert, um ihre Befreiung zu
erreichen.

Gilman erklärte, er und Hamilton hätten die Ergänzung
vorgeschlagen, weil sie die Bestimmung, mit der die
Entsendung eines Sonderbevollmächtigten gefordert
wurde, "nicht angemessen" gefunden hätten.
"Damit würde suggeriert, daß unsere Regierung nicht
genug für die Freilassung der Geiseln getan hat und
daß das Problem in Washington liegt", erklärte Gilman. "Das Problem liegt nicht in Washington."
Der Vorsitzende des Ausschusses, Dante Fascell,
erklärte zu der revidierten Maßnahme: "Obwohl wir
unsere Besorgnis ausdrücken, möchten wir doch folgendes deutlich sagen: auch wenn wir für die Freilassung der Geiseln keine Anstrengung scheuen, werden
wir keiner Art von Erpressung nachgeben und keinen
Preis in irgendeiner Form zahlen."

* * * * *

Der Ausschuß forderte Präsident Bush am 22. März
einstimmig auf, der Freilassung der Geiseln eine "hohe
Priorität" einzuräumen". Dennoch bekräftigte er erneut seine Unterstützung für die traditoonelle Politik
der Vereinigten Staaten, Verhandlungen mit den Geiselnehmern zu verweigern.
Die von den Abgeordneten Lee Hamilton und Benjamin Gilman eingebrachte Resolution fordert "alle Länder

Seite 2

AME-RIKA DIENST 12

�</text>
                  </elementText>
                </elementTextContainer>
              </element>
            </elementContainer>
          </elementSet>
        </elementSetContainer>
      </file>
    </fileContainer>
    <collection collectionId="4">
      <elementSetContainer>
        <elementSet elementSetId="1">
          <name>Dublin Core</name>
          <description>The Dublin Core metadata element set is common to all Omeka records, including items, files, and collections. For more information see, http://dublincore.org/documents/dces/.</description>
          <elementContainer>
            <element elementId="50">
              <name>Title</name>
              <description>A name given to the resource</description>
              <elementTextContainer>
                <elementText elementTextId="6534">
                  <text>Dokumente</text>
                </elementText>
              </elementTextContainer>
            </element>
          </elementContainer>
        </elementSet>
      </elementSetContainer>
    </collection>
    <itemType itemTypeId="19">
      <name>Digitalisat</name>
      <description>Umwandlung eines physischen Dokumentes in ein digitales Medium.</description>
    </itemType>
    <elementSetContainer>
      <elementSet elementSetId="1">
        <name>Dublin Core</name>
        <description>The Dublin Core metadata element set is common to all Omeka records, including items, files, and collections. For more information see, http://dublincore.org/documents/dces/.</description>
        <elementContainer>
          <element elementId="40">
            <name>Date</name>
            <description>A point or period of time associated with an event in the lifecycle of the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="10796">
                <text>28.03.1990</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
          <element elementId="51">
            <name>Type</name>
            <description>The nature or genre of the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="10797">
                <text>Digitalisat</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
          <element elementId="39">
            <name>Creator</name>
            <description>An entity primarily responsible for making the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="10798">
                <text>Herausgeben U.S. Information &lt;br /&gt;Service Embassy of the United States of America</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
          <element elementId="50">
            <name>Title</name>
            <description>A name given to the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="10799">
                <text>Amerikadienst 28.03.1990</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
          <element elementId="41">
            <name>Description</name>
            <description>An account of the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="10800">
                <text>&lt;strong&gt;1. Nationale Sicherheit&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Bericht zur nationalen Sicherheitsstrategie&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Veröffentlichung in Auszügen&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. KSE&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Konventionelle Streitkräfte in Europa&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Übersicht und Chronologie des ACDA&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Polen&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Bush: Polen muss Mitspracherecht an Entscheidungen haben&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Begrüßung von Ministerpräsident Mazowiecki im Weißen Haus&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Bush sieht schwindendes Misstrauen zwischen Warschau und Bonn&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Grenzen müssen formell gesichert werden&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;4. Umweltpolitik&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Senat lehnt noch schärfere Abgasebestimmung für Automobile ab&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Kompromiß zur Luftreinhaltung weiterhin gefährdet&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;5. Kongress&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Bericht aus dem Kongress&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Beratungen zu Litauen, Osteuropa und Geiselproblematik&lt;/em&gt;</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
        </elementContainer>
      </elementSet>
    </elementSetContainer>
  </item>
  <item itemId="2138" public="1" featured="0">
    <fileContainer>
      <file fileId="2149">
        <src>https://www.amerikahaus-archiv.de/files/original/9c1b772649358c166621e9504bdfbc2c.pdf</src>
        <authentication>5306a5b72a65b8bed604a2b5786bf66a</authentication>
        <elementSetContainer>
          <elementSet elementSetId="4">
            <name>PDF Text</name>
            <description/>
            <elementContainer>
              <element elementId="52">
                <name>Text</name>
                <description/>
                <elementTextContainer>
                  <elementText elementTextId="10807">
                    <text>amcrika
dienet

U.S. Information Service
Slto^ssy of the United States of America

0

rt*

2?

&amp;&amp;

?&amp;

•

4. April 1990

DEUTSCHLANDPOLITIK

DEUTSCHE EINHEIT INNERHALB
VON 12 BIS 18 MONATEN MÖGLICH
Vereinigtes Deutschland sollte
NATO-Mitglied bleiben

DEMOKRATISIERUNG

BAKER: DEMOKRATIE IST EIN
INSTRUMENT DER DIPLOMATIE
Rede beim World Affairs Council

OFFENER HIMMEL

OFFENER HIMMEL SOLL TAGESORDNUNGSPUNKT BEI MINISTERTREFFEN SEIN
Erklärung von Botschafter Hawes

WIRTSCHAFT

PROTEKTIONISMUS IST KOSTSPIELIG
UND WIRKUNGSLOS
Auszüge aus dem Jahresbericht des
Gemeinsamen Wirtschaftsausschusses

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.:0228-33923 66
Telex: 8-85432

�DEUTSCHLANDPOLITIK
4. April 1990

DEUTSCHE EINHEIT INNERHALB VON
12 BIS 18 MONATEN MÖGLICH
Vereinigtes Deutschland sollte NATO-Mitglied bleiben
WASHINGTON - (AD) - Dem stellvertretenden Leiter der Abteilung für europäische und kanadische Angelegenheiten im US-Außenministerium, James Dobbins, zufolge, könnte die Einheit Deutschlands juristisch innerhalb
von 12 bis 18 Monaten erreicht werden. In einer Anhörung vor dem Kongreßausschuß für Sicherheit und
Zusammenarbeit in Europa, die den Beziehungen zwischen dem KSZE-Prozeß und der Vereinigung Deutschlands gewidmet war, erklärte Dobbins am 3. April 1990 jedoch auch, es könne "fünf Jahre oder länger" dauern,
bis die Vereinigung der beiden deutschen Staaten vollständig verwirklicht werden kann. Darüber hinaus betonte
er auf Fragen von Ausschußmitgliedern, daß nach einmütiger Auffassung der Vereinigten Staaten und der
Bundesrepublik Deutschland ein vereinigtes Deutschland Mitglied der NATO bleiben sollte.
Nachfolgend veröffentlichen wir die Erklärung von James Dobbins im Wortlaut.

Es ist mir eine Ehre, an der Erörterung von Fragen der
Vereinigung Deutschlands und der Bedeutung der
KSZE für diesen Prozeß in diesem Ausschuß teilnehmen zu können. Ich möchte zunächst eine Bilanz des
Zwei-plus-Vier-Prozesses ziehenund dann zur Grenzfrage und den Auswirkungen auf die NATO Stellung
nehmen. Zum Schluß möchte ich noch darüber sprechen, wie der KSZE-Prozeß aus unserer Sicht einen
positiven Beitrag zu einem neuen Europa leisten kann.
Zwei plus Vier
Die amerikanische Unterstützung der Einheit Deutschlands war eine der wichtigsten Konstanten der amerikanischen Außenpolitik seit Ende des Zweiten Weltkriegs. Jeder Präsident seit Truman hat Unterstützung
für dieses Ziel bekundet. Darüber hinaus war die
Vereinigung Deutschlands ein vordringliches Ziel der
NATO. So definierte zum Beispiel der Harmel-Bericht
von 1967 über "Die künftigen Aufgaben des Bündnisses" die Vereinigung Deutschlands als Ziel des Bündnisses und Schlüssel für eine "endgültige und stabile
Regelung in Europa". In der jüngeren Vergangenheit
wurde diese Verpflichtung des Bündnisses in der
Gipfelerklärung der NATO von 1989 mit den Worten
bekräftigt: "Wir streben einen Friedenszustand in
Europa an, in dem das deutsche Volk seine Einheit
wiedergewinnt." In all diesen Jahren haben wir das
Ziel eines in Frieden und Freiheit innerhalb einer
AMERIKA DIENST 13

demokratischen europäischen Staatengemeinschaft
vereinigten Deutschlands verfolgt. Dies ist genau das,
was wir heute verwirklichen.
Als dieses Ziel in den letzten Monaten in greifbare
Nähe rückte, ließen wir uns von zwei Grundsätzen
leiten: Daß die Vereinigung auf der Grundlage der
Selbstbestimmung der Deutschen verwirklicht und die
legitimen Interessen anderer Staaten berücksichtigen
sollte. Das heißt, daß die Vereinigung im Rahmen
eines umfassenderen Konsultationsprozesses stattfinden muß, wobei ein Schlüsselelement die Einbeziehung der vier Mächte mit ihren fortbestehenden Rechten und Pflichten für Berlin und Deutschland als Ganzes sein muß. Im Hinblick auf die Notwendigkeit eines
umfassenderen Konsultationsprozesses haben sich
die Außenminister der Bundesrepublik Deutschland
und der Deutschen Demokratischen Republik sowie
die Außenminister Frankreichs, Großbritanniens, der
Vereinigten Staaten und der Sowjetunion im Februar in
Ottawa darauf verständigt, eine Einrichtung ins Leben
zu rufen, die als Zwei-plus-Vier-Forum bezeichnet
wird.
Das erste Zwei-plus-Vier-Treffen am 14. März in Bonn
verlief positiv. Alle Parteien, einschließlich der Sowjetunion, nahmen eine konstruktive Haltung ein. Wie Sie
wissen, wurde dieses Treffen auf "Beamtenebene"

Seite 1

�abgehalten und war Verfahrensfragen gewidmet. Eine
Einigung wurde darüber erzielt, daß Polen bei die
Grenzen dieses Landes betreffenden Fragen beteiligt
würde. Ferner fand ein erster Gedankenaustausch
über die Tagesordnung statt.
Substantielle Gespräche wurden bis nach den DDRWahlen vom 18. März und der Bildung einer neuen,
demokratisch legitimierten Regierung in der DDR vertagt.
Obwohl die DDR noch mit der Bildung einer Regierungskoalition beschäftigt ist, schreitet der Prozeß fort.
Die nächsten Zwei-plus-Vier-Gespräche auf Beamtenebene könnten Ende April stattfinden. Treffen auf
Beamtenebene werden einem Treffen der Minister zu
diesem Thema vorausgehen.
Schon die Übereinkunft zur Schaffung des Zwei-plusVier-Mechanismus an sich war ein positiver Schritt auf
dem Weg zu einer Lösung des deutschen Problems,
mit der die Stabilität und Sicherheit Europas langfristig
verbessert wird. Zwei plus Vier ist ein Forum für
Gespräche überdie Fragen, die sich aus den besonderen Nachkriegsrechten und -pflichten der vier Mächte
für Berlin und Deutschland als Ganzes ergeben. Zur
Einheit Deutschlands gehören Fragen, die die legitimen Interessen der Nachbarn Deutschlands und anderer
europäischer Staaten berühren. Wir sind uns dieser
Tatsache bewußt und gehen davon aus, daß unsere
Partner beim Zwei-plus-Vier-Prozeß unsere Ansicht
teilen. Zwei plus Vier wird eine Aufgabe wahrnehmen,
die nur dieser Mechanismus lösen kann - die Erfüllung
der den vier Mächten vorbehaltenen Rechte und Pflichten und damit gleichzeitig deren Beendigung. Aber
Zwei plus Vier wird keine Beschlüsse für oder über
andere Nationen treffen.
Die Grenzen
Die Anerkennung der deutsch-polnischen Grenze ist
ein gutes Beispiel.
Wie der Präsident klarstellte, erkennen die Vereinigten
Staaten die heutige deutsch-polnische Grenze formell
an und achten die Verfügungen der Schlußakte von
Helsinki über die Unverletzbarkeit der bestehenden
Grenzen in Europa. Als Ergebnis dessen haben die
Zwei-plus-Vier-Teilnehmer vereinbart, Polen zur Teilnahme einzuladen, wenn speziell die Grenzen dieses
Landes betreffende Fragen diskutiert werden. Wir
gehen davon aus, daß diese Regelung sich als befriedigend erweisen wird. Um diesen Prozeß zu fördern,
hat Bundeskanzler Kohl ein Verfahren skizziert, demgemäß das neugewählte Parlament der DDR und der
Bundestag Erklärungen über die Anerkennung der
Grenze abgeben und ein vereinigtes Deutschland einen
neuen Vertrag mit Polen abschließen würde, der die
Anerkennung der bestehenden Grenze bekräftigt. Wir
sind davon überzeugt, daß die beiden deutschen Staaten
diesen Prozeß schon sehr bald in Gang bringen werden.

Seite 2

Auswirkungen auf die NATO
Aufgrund der augenscheinlichen Auflösung des Warschauer Pakts und der sich anbahnenden Einheit
Deutschlands stellt manch einer die Frage, was dies
für die Zukunft der NATO bedeutet. Wir benötigen die
NATO heute aus den gleichen Gründen, aus denen sie
geschaffen wurde. Die NATO bleibt für das Gleichgewicht in Europa unverzichtbar. Trotz der Reduzierungen bleiben die sowjetischen militärischen Fähigkeiten
bei weitem die umfangreichsten in Europa, und diese
Fähigkeiten lassen sich nur durch eine transatlantische Verteidigung ausgleichen. Andererseits erwarten wir, daß aufgrund des nachlassenden Konfliktrisikos die politische Arbeit der NATO an Bedeutung
gewinnt. Die NATO ist grundsätzlich ein politisches
Bündnis, in dem die Risiken und Pflichten für die
Verteidigung gemeinsamer Werte und demokratischer
Institutionen geteilt werden. Viele der positiven Veränderungen in Osteuropa, deren Zeugen wir heute werden, sind bis jetzt weder gesetzlich noch praktisch
verankert. Der Stabilität Europas ist weiterhin durch
die Aufrechterhaltung einer multinationalen Verteidigungsstruktur und ein solides in den westlichen Institutionen verwurzeltes Deutschland am besten gedient
- insbesondere durch seine Vollmitgliedschaft in der
NATO. Die NATO bleibt die wichtigste Komponente
des amerikanischen Engagements in Europa. Ohne
die NATO ließe sich die Unterstützung der amerikanischen Öffentlichkeit und des Kongresses für dieses
Engagement nur schwer aufrechterhalten.
Zunehmend wird uns die Frage gestellt, "Worin besteht die Bedrohung"? Die Antwort darauf lautet, daß
wir mit drei Bedrohungen konfrontiert sind, die wahrscheinlich auch in absehbarer Zukunft Bestand haben
werden: Ungewißheit, Instabilität und Zersplitterung.
Es besteht Ungewißheit, weil die Sowjetunion eine
nukleare Supermacht und Europas stärkste Militärmacht ist und bleibt. Als solche ist sie weiterhin zu
willkürlichen und unberechenbaren Aktionen fähig. Es
herrscht Instabilität aufgrund des Machtvakuums in
Osteuropa, der wiederaufflammenden ethnischen und
nationalen Rivalitäten und einer drohenden Balkanisierung. Und es besteht die Gefahr der Zersplitterung,
weil es ohne die NATO keinen Weg gibt, miteinander
konkurrierende und verschwenderische nationale
Verteidigungspotentiale, das Fehlen eines amerikanischen Gegengewichts und das Risiko wechselnder
Allianzen, die sich in der Vergangenheit als so gefährlich erwiesen haben, auszuschließen.
Aus diesen Gründen sind wir fest davon überzeugt,
daß
ein vereinigtes Deutschland Vollmitglied der
NATO sein sollte,
ein vereinigtes Deutschland vollständig in die
integrierte militärische Struktur der NATO einbezogen sein sollte, und

AMERIKA DIENST 13

�das gesamte Territorium eines vereinigten
Deutschlands von der Sicherheitsgarantie der
NATO abgedeckt sein sollte.
Die Rolle der KSZE
Der KSZE-Prozeß hat bereits einen wesentlichen Beitrag
zu den in Mittel- und Osteuropa stattfindenden Veränderungen, insbesondere zur Demokratisierung der
DDR, geleistet. Der Prozeß der Vereinigung durch
friedlichen und demokratischen Wandel ist vielleicht
die dramatischste Verwirklichung der in der Schlußakte von Helsinki niedergelegten Prinzipien.
Die Vereinigten Staaten sind entschlossen, den richtigen Ansatz zu einer Bereicherung der KSZE zu finden
und den Beitrag zu erweitern, den sie leisten kann. Wir
haben Vorschläge für alle drei "Körbe" der KSZE
unterbreitet. Bei der Bonner Wirtschaftskonferenz
haben wir eine Reihe von Prinzipien zur wirtschaftlichen Zusammenarbeit als Richtlinien für allseitig vorteilhafte Wirtschafts- und Handelsbeziehungen zwischen den KSZE-Staaten vorgelegt. Bei der bevorstehenden Konferenz über die menschliche Dimension in
Kopenhagen werden die Vereinigten Staaten eine
wichtige Wahlinitiative unterbreiten, die das Recht zur
Bestimmung einer Regierung durch freie und faire
Wahlen kodifizieren und die von den osteuropäischen

* *

AMERIKA DIENST 13

Nationen im Verlauf dieses wichtigen Wahljahres erzielten Fortschritte festschreiben soll. Bis zum Gipfeltreffen Ende 1990 möchten wir eine historische Vereinbarung über die Begrenzung konventioneller Streitkräfte in Europa unterschriftsreif haben. Die Unterzeichnung des KSE-Vertrags bildet den krönenden
Abschluß eines Jahres beachtlicher Fortschritte in
Europa in allen drei Schlüsselbereichen der KSZE:
Sicherheit, Wirtschaft und die menschliche Dimension.
Gemeinsam mit unseren Verbündeten haben wir ein
KSZE-Gipfeltreffen im Jahr 1990 zur Unterzeichnung
eines KSE-Abkommens gefordert, um der Arbeit an
allen Körben des KSZE-Prozesses neuen Auftrieb zu
verleihen und die Aussichten für die Folgekonferenz im
Jahr 1992 weiter zu verbessern. Wir sind der Überzeugung, daß ein kraftvoller und gestärkter KSZE-Prozeß
einen maßgeblichen Beitrag zu einem internationalen
Umfeld leisten kann, in dem die demokratischen Experimente in Mittel- und Osteuropa gedeihen können, in
dem ein vereinigtes Deutschland sich kooperativer
Beziehungen mit seinen Nachbarländern in Ost und
West erfreuen und in dem die Sowjetunion ihre Streitkräfte aus Mittel- und Osteuropa ohne Nachteil für ihre
Sicherheit abziehen kann.

* *

*

Seite 3

�DEMOKRATISIERUNG
4. April 1990

BAKER: DEMOKRATIE IST EIN INSTRUMENT
DER DIPLOMATIE
Rede beim World Affairs Council
WASHINGTON - (AD) - US-Außenminister Baker erklärte am 30. März 1990, "Demokratie ist ein praktisches
Instrument der Diplomatie", das die Vereinigten Staaten zur Förderung friedlicher Veränderungen auf der Welt
einsetzen, um eine zunehmend demokratische internationale Gesellschaft zu schaffen.
In seiner Rede beim World Affairs Council in Dallas (Texas) erklärte Baker, es gäbe in einer Zeit, in der die
Diktaturen von rechts und links hinweggefegt und neue Demokratien geboren werden, keine Alternative zur
amerikanischen Führungsrolle.
"Im Gegensatz zu vielen anderen Regierungsformen basiert Demokratie nicht auf einem einmaligen Konsens",
betonte Baker. "Der Konsens wird durch regelmäßige, faire und freie Wahlen - die 'Fahrkarte' für die Reise zur
Demokratie - immer wieder bestätigt".
"Merkmale einer demokratischen Gesellschaft sind ferner Rechtsstaatlichkeit und Toleranz gegenüber der
Andersartigkeit - eine Toleranz, die dem Mi ßbrauch der Rechte des einzelnen durch selbsternannte Minderheiten
oder tyrannische Mehrheiten vorbeugt," erklärte Baker und verwies auf die diesbezügliche Äußerung Präsident
Bushs, "unsere neue Mission lautet Förderung und Konsolidierung der Demokratie".
Nachfolgend veröffentlichen wir Bakers Rede im Wortlaut.

Es ist mir eine große Ehre, hier in Dallas zum World
Äff airs Council sprechen zu dürfen. Diese Vereinigung
ist an zahlreichen Orten vertreten und hat sich überall
in den Vereinigten Staaten ein hehres Ziel gesetzt: die
Information und die Debatte. In unserer sich schnell
verändernden Welt kann dies einen hohen Stellenwert
haben. Denn die Demokratie hier und anderswo hängt
von informierten Bürgern ab, die in der Lage sind, sich
eine Meinung zu bilden und dann den Kurs der internationalen Politik mitzubestimmen.
Heute möchte ich über unsere Welt und wie wir sie
verstehen, sprechen und erörtern, was wir für unsere
Ideale und unsere Interessen tun.
Nach dem Containment - Demokratie
Als der Präsident vor etwas über einem Jahr sein Amt
antrat, sprach er von einem neuen Wind der Freiheit.
Dieser Wind hat sich in einen Sturm von gro ßer Stärke
verwandelt. Auf der ganzen Welt sind die Diktaturen
von rechts und links hinweggefegt und die Menschen
erhört worden. Ihre Wünsche sind grundlegender
Natur: Gedankenfreiheit, Redefreiheit, Religionsfreiheit, freie Wahl des Arbeitsplatzes. Und all ihre Frei-

AMERIKA DIENST 13

heiten äußern sich in der Forderung nach Demokratie,
der Freiheit zur Wahl einer eigenen Regierung.
Wir waren alle überrascht, wie schnell das langgehegte demokratische Ideal in die Realität freier und fairer
Wahlen umgesetzt wurde. Seit dem Zweiten Weltkrieg
sind demokratische Werte von der Bedrohung totalitärer Aggression überschattet worden. Angesichts der
Tatsache, daß die Bedrohung abnimmt und sich der
Schatten lichtet, kommen diese Werte jetzt ans Tageslicht.
Gegenwärtig findet bereits eine große neue - tatsächlich eine große alte - Debatte statt, mit Argumenten, die
so alt sind wie unsere Republik. Jetzt, da die Gegner
der Demokratie geschwächt sind, heißt es, wir sollten
den Rückzug antreten, unsere Mission als beendet
betrachten und uns den Problemen im Inland zuwenden. Das ist nicht meine Meinung. In der neuen Welt,
die jetzt in den Wehen liegt, gibt es - wie auch in der
untergehenden alten Welt - keine Alternative für die
amerikanische Führungsrolle.
Ich möchte es folgendermaßen verdeutlichen: Nach
dem Containment kommt die Demokratie. Die Zeit, in

Seite 1

�der die alten Diktatoren hinweggefegt werden, geht
schnell vorbei, die Zeit des Aufbaus neuer Demokratien bricht an. Deshalb hat Präsident Bush unsere
neue Mission als Förderung und Konsolidierung der
Demokratie betrachtet. Das ist eine Aufgabe, die
amerikanischen Idealen und Interessen dient.

Mehrheit muß die Rechte der Minderheiten berücksichtigen.

Ich möchte fünf Beobachtungen über Demokratie und
demokratische Außenpolitik machen.

Wir wissen, daß nur allzuoft das Ideal der Demokratie
nicht im Alltag verwirklicht wird. In der Geschichte
unseres eigenen Landes hat das tägliche Leben oftmals nicht den eigenen Maßstäben standgehalten.
Dennoch ist es Realität, daß in einer Demokratie der
Weg zum Fortschritt niemals verschlossen ist. Im
demokratischen Prozeß ist immer die Selbsterneuerung, ein Element zur Korrektur eigener Fehler präsent, das es uns gestattet, Schnitzer wettzumachen
und den Kurs zu korrigieren.

Die Bedeutung der Demokratie heute - die Aufgabe
des einzelnen
Demokratie bedeutet zunächst Rechte und Pflichten
des einzelnen. Bei allem Reden über sich verändernde Systeme, Strukturen und Prozesse wäre es einfach, den einzelnen zu übersehen. Aber der Grundgedanke der Demokratie besagt, daß die Rechte und
Pflichten des einzelnen als zwei Seiten derselben
Münze betrachtet werden müssen. Ebenso wie der
einzelne Ideale und Hoffnungen hegt, hat er auch
seine Grenzen und Unzulänglichkeiten. Dertschechoslowakische Präsident Havel hatinjüngster Zeit darauf
verwiesen, daß Demokratie eine lange Reise zu unseren Idealen ist - eine Reise, bei der wir von der Realität
eingeholt werden, daß das Leben nicht immer so
gerecht ist wie wir es gern hätten.
Vor langer Zeit suchte bereits der Philosoph Plato nach
einer perfekten Ordnung und strebte die Herrschaft
einer Elite - der Wächter - an, die als Weise ausgebildet
werden sollten. Sie sollten nach strengen Grundsätzen öffentliche Angelegenheiten entscheiden und über
die Moral wachen. Die Demokratie bietet Platz für
Weisheit und Ideale, aber dieser Platz ist in den Herzen
und Köpfen und im Charakter der Menschen. Wir alle
sind die Wächter der Demokratie. "Vertraue dem
Volk" ist der Leitspruch der Demokratie und "wir, das
Volk" leben danach. Demokratie ist die Aristokratie
der Vortrefflichkeit des einzelnen, und die Rechte des
einzelnen bleiben die Grundlage für unsere Haltung
gegenüber aufstrebenden Demokratien.
Demokratie und politische Legitimation
Meine zweite Beobachtung über Demokratie gilt ihrer
einzigartigen Legitimation. Das Vertrauen der Demokratie auf den einzelnen wird von der Zustimmung des
einzelnen zur demokratischen Regierung erwidert.
Eine solche Regierung ist deshalb im politischen Sinne
legitim - rechtmäßig und gerechtfertigt.
Im Gegensatz zu vielen anderen Regierungsformen
basiert Demokratie nicht auf einem einmaligen Konsens. Der Konsens wird durch regelmäßige, faire und
freie Wahlen - die "Fahrkarte" für die Reise zur Demokratie - immer wieder bestätigt. Merkmale einer
demokratischen Gesellschaft sind ferner Rechtsstaatlichkeit und Toleranz gegenüber der Andersartigkeit eine Toleranz, die dem Mißbrauch der Rechte des
einzelnen durch selbsternannte Minderheiten oder
tyrannische Mehrheiten vorbeugt. Die Herrschaft der
Seite 2

Es gibt noch einen weiteren Aspekt der Demokratie,
den wir uns vor Augen führen sollten - die Fähigkeit zur
Verbesserung eigener Fehler.

Da Demokratie ihre Legitimität immer wieder unter
Beweis stellen kann, wird sie nicht nur nationale Fortschritte gewährleisten, sondern auch internationale
Harmonie schaffen. Freie Völker mit demokratischen
Werten werden kaum einen Krieg gegeneinander führen.
Demokratie allein genügt nicht
Meine dritte Beobachtung lautet, daß Demokratie allein nicht ausreicht. In der Geometrie lernen wir, daß
ein Dreieck am stabilsten ist. Die politische Geometrie
einer erfolgreichen Demokratie sollte uns lehren, daß
eine freie Gesellschaft auch von wirtschaftlichen Fortschritten und grundlegender Sicherheit getragen werden muß. Krieg und Armut sind die größten Gegner
demokratischer Gesetze, demokratischer Toleranz und
der Rechte des einzelnen.
Viele der jüngsten demokratische Revolutionen in Europa
nahmen ihren Anfang, als die Menschen schließlich
erkannten, daß wirtschaftliche Fortschritte von Freiheit am Arbeitsplatz und Recht auf Privateigentum
abhingen - und daß diese Freiheiten wiederum nur von
einer Regierung gewährleistet werden konnten, die
Verständnis für die Menschen aufbringt. Ideologien,
die freies Unternehmertum abschaffen und die Produktion von Wohlstand lenken wollten, haben weder
Brot noch Freiheit gebracht.
Wir müssen deshalb die wirtschaftlichen und sicherheitspolitischen Aspekte der neuen Demokratien bereits fördern, wenn sich die politische Basis formiert.
Ein Volk mit Hoffnung auf ein besseres Leben, das im
Frieden mit sich selbst und seinen Nachbarn lebt, ist
ein Volk, für das Demokratie nicht nur ein Experiment
auf Zeit, sondern ein ständiger Kurs ist. Eine Strategie,
die sich in Beifall für Wahlen und Hoffnung auf das
Beste erschöpft, ignoriert die schmerzlichen Lektionen
der Vergangenheit. Nur eine Strategie, die Demokratie mit wirtschaftlichen Reformen und größerer internationaler Sicherheit untermauert, kann uns die Kraft für
die großen Umstellungen geben, mit denen die Revolutionen von 1989 in die Demokratien der neunziger
Jahren verwandelt werden können.

AMERIKA DIENST 13

�Außenpolitik und demokratische Werte
Meine vierte Beobachtung lautet, daß amerikanische
Außenpolitik demokratische Werte widerspiegeln muß.
Das scheint offensichtlich. Dennoch wollen manche
Amerika im Namen seiner Ideale von einer Welt abkoppeln, die der Demokratie oftmals feindlich gegenübersteht. Und es gibt andere, die sich für eine
Realpolitik aussprechen, bei der nur wirtschaftliche
oder militärische oder politische Interessen und nicht
unsere Werte zählen.

»

Wir können uns in beiden Meinungen wiedererkennen.
Wie oft streben wir nach Idealen, die wir nicht erreichen? Wie oft kommen wir nach der Durchführung
eigennütziger Maßnahmen zu dem Schluß, daß wir
vielleicht nicht ganz richtig gehandelt haben?
Als Individuen haben wir Erfolg, wenn wir uns mit Hilfe
all unserer Eigenschaften für andere einsetzen, wenn
wir auf dieser Welt Dinge nicht nur aus Eigennutz oder
Zufriedenheit mit dem Status quo tun, sondern im
Hinblick auf unsere Ideale etwas verändern.
Meiner Ansicht nach müssen wir in unserer Außenpolitik denselben Ansatz verfolgen. Amerikas Ideale sind
das Gewissen für unser Tun. Unsere Macht ist das
Instrument zur Verwirklichung dieser Ideale. Unsere
Außenpolitik und unser Verständnis gegenüber anderen Ländern sind der Plan für diese Arbeit.

,

&gt;.

Wenn wir in ein neues Zeitalter der Demokratie eintreten, müssen die alten Argumente von Idealismus
gegen Realismus durch Idealismus plus Realismus
ersetzt werden. Wenn wir das nicht erkennen, werden
wir den Verlust der permanenten öffentlichen Unterstützung für unsere Politik riskieren. Meiner Ansicht
nach zeigt die Geschichte, daß das amerikanische
Volk nicht lange eine Politik unterstützen wird, die
seiner Auffassung von humanen Werten widerspricht,
so sehr sie auch als nationales Interesse gerechtfertigt
wird. Darüber hinaus bin ich überzeugt davon, daß die
Amerikaner auch eine Politik abweisen werden, die
primär auf dem moralischen Zeigefinger basiert und
unseren Handlungsspielraum außer acht läßt. Wenn
wir den neuen Demokratisierungstendenzen Beifall
spenden, haben wir ein gutes Gefühl. Aber diese
Tendenzen sind Möglichkeiten und Herausforderungen, keine dauerhaften Tatsachen. Wir dürfen uns
nicht nur gut fühlen, sondern wir müssen Gutes tun.
Demokratie als Instrument der Diplomatie
Meine fünfte Beobachtung ist, daß eine Politik der
Demokratie Kettenreaktionen auslöst und ein mächtiges Instrument zur Mobilisierung internationaler Aktivitäten ist. Eine Politik, die auf unsere nationalen Werte
zurückgreift und sich der Unterstützung des amerikanischen Volkes erfreut, macht unseren Einfluß automatisch effektiver. Eine auf Demokratie konzentrierte
Politik ist jedoch auch in dem Sinne Auslöser einer
Kettenreaktion, weil wir sie einsetzen können, um
AMERIKA DIENST 13

unsere Freunde und Verbündeten für ein gemeinsames Ziel zu gewinnen. Und sie berechtigt zu Hoffnungen der Völker, die immer noch von Diktaturen unterdrückt werden.
Den Vereinigten Staaten schiene es vernünftig, wenn
sie eine Führungsrolle unter den Bündnissen marktwirtschaftlich orientierter Demokratien in Asien, Europa, Nord- und Südamerika bei der Unterstützung von
Demokratie und wirtschaftlicher Freiheit übernehmen
würden. Wir können unsere gemeinsamen Werte zur
Kombinierung unserer Stärke und Förderung der Interessen aller in einer freien und friedlichen Welt einsetzen. Dies haben wir bei der Organisierung von Hilfe für
die Länder Mittel- und Osteuropas getan. Dies gilt
auch für Mittelamerika, wo wir unsere Freunde und
Verbündeten gedrängt haben, ihre Aktivitäten demokratischen Normen anzupassen und nicht nur ihre
unmittelbaren geopolitiscnen Interessen im Auge zu
behalten. Wir haben so gehandelt, weil wir der Überzeugung sind, daß Demokratie und nationale Interessen der Demokratien sich gegenseitig verstärken.
Dennoch bleibt die Tatsache bestehen, daß nicht alle
unsere Ansicht teilen. Einige trauern der Zeit hinterher, als die Vereinigten Staaten alles im Alleingang
machen mußten. Andere scheinen die Auffassung zu
vertreten, wenn wir nicht die größten Beiträge leisten,
wenn wir nicht jedes Hilfsprogramm in allen Eiznelheiten verwalten, dann hätten wir nicht länger Anspruch
auf eine Führungsrolle.
Zweifelsohne ist dies nicht unsere Meinung, und ich
möchte Ihnen erläutern warum.
In den vierziger Jahren war die amerikanische Führungsrolle unbestritten. Wir verfügten über unerschöpfliche Ressourcen, sahen uns mit einer Welt in Trümmern konfrontiert und haben uns der Herausforderung
gestellt. Wir konnten unseren Verbündeten wieder auf
die Beine helfen und unsere ehemaligen Gegner als
Freunde gewinnen. Dank dieser von beiden Parteien
getragenen erfolgreichen Politik erhalten wir bei der
Bewältigung der weltweiten Probleme Hilfe von allen
Seiten. Zusammenarbeit mit unseren Verbündeten ist
kein Zeichen amerikanischer Schwäche, sondern Beweis
für unsere Stärke. Und diese Stärke sollte von zeitgemäßer Klugheit geleitet sein, ebenso wie die Amerikaner vor 45 Jahren psychische und physische Kraft bei
der Bewältigung völlig anderer Situationen eingesetzt
haben. Heute können wir unserer Führungsrolle noch
sehr viel besser gerecht werden als damals, weil die
Demokratie auf dem Vormarsch ist.
FalM: Mittelamerika
Diese Betrachtungen über Demokratie und unsere
Außenpolitik sind nicht spekulativer Art. Sie sind
vielmehr ein Leitfaden für die Praxis und haben sowohl
bei unserer Denkweise als auch bei einigen unserer
jüngsten außenpolitischen Leistungen eine entscheidende Rolle gespielt.
Seite 3

�Als erstes Beispiel möchte ich die jüngsten Entwicklungen in Mittelamerika anführen. Bei Amtsantritt des
Präsidenten befand sich die amerikanische Politik
gegenüber dieser wichtigen Region - unserer unmittelbaren Nachbarschaft - in Schwierigkeiten. Es war das
kontroverseste Thema, mit dem wir uns konfrontiert
sahen. Dem Kongreß und der Exekutive war es nicht
gelungen, einen Konsens bezüglich der Bewältigung
des Problems zu erzielen oder, abgesehen davon, es
zunächst einmal überhaupt zu definieren. Auch das
amerikanische Volk war gespalten - was praktisch
unweigerlich zum Scheitern führt.
Der einzige Weg aus diesem Dilemma war die Rückkehr zu amerikanischen Prinzipien. Anfang letzten
Jahres beschloß der Präsident, Demokratie als regionale Zielsetzung und Wahlen als Mittel zur Verwirklichung dieses Ziels zu definieren. Damit wurde der
Schwerpunkt wieder dorthin verlagert, wo er hingehörte. In Nicaragua - einem Au ßenposten der Unterdrükkung in einer Region von Demokratien - wurde das
Verhalten der Sandinisten gegenüber der nicaraguanischen Gesellschaft, nicht der nicaraguanische Widerstand zum Hauptthema. In Panama beraubte General
Noriegas brutale Mißachtung des Votums freier Wahlen ihn seines Anspruchs auf rechtmäßige Herrschaft
und ebnete den schwierigen Weg zur panamaischen
Demokratie. Bei einer weiteren, trotz gewalttätiger
Aktionen in El Salvador durchgeführten freien Wahl
erhielt Präsident Christiani das Mandat, Verhandlungen zur Beendigung des Krieges zu führen und eine
Chance, die ernsthaften Absichten im Bereich der
Menschenrechte unter Beweis zu stellen.
Dank Demokratie gelang es uns, den gordischen Knoten
zu zerschlagen, dereine von beiden Parteien getragenen Politik verhinderte. Am 24. März 1989 wurde im
Weißen Haus eine Vereinbarung zwischen beiden
Parteien unterzeichnet, mit der Republikaner und
Demokraten für ein gemeinsames Anliegen eintreten
können. Auch außerhalb Washingtons konnte die
Unterstützung des amerikanischen Volkes dafür gewonnen werden. Endlich sprachen die Vereingten
Staaten mit einer Stimme. Als unmittelbares Ergebnis
stimmte der Kongre ß für eine Verlängerung humanitärer Hilfe für den Widerstand bis Ende Februar 1990.
Auf der Grundlage dieser überparteilichen Betonung
auf Demokratie wandten wir uns an die mittelamerikanischen Länder. Im Abkommen von Esquipulas fand
ihr Wunsch nach Frieden, Demokratie und dem Ende
der Unterstützung für blutige Revolutionen in anderen
Ländern seinen Niederschlag. Was fehlte, war ein
wirksamer Mechanismus, um diesen Wunsch Realität
werden zu lassen. Als die mittelamerikanischen Präsidenten in Tesoro Beach einen binnen 90 Tagen
festzulegenden gemeinsamen Plan zur Demobilisierung des Widerstands vereinbarten, wurde er damals
weithin als Niederlage für die Vereinigten Staaten
interpretiert. Die Kehrseite des gemeinsamen Plans

Seite 4

war jedoch die Forderung, daß die Sandinistische
Regierung ein Jahr früher als geplant international
überwachte Wahlen durchführen mußte - am 25. Februar
1990.
Dank dieser Verfügung konnten wir unsere europäischen Verbündeten davon überzeugen, ihre Wirtschaftshilfe an Nicaragua von der Durchführung freier und
fairer Wahlen abhängig zu machen - was sie taten. Im
April 1989 wurde eine von Schweden finanzierte
Konferenz der Geberländer für Nicaragua veranstaltet. Präsident Ortega räumte später ein, er habe nur
einen Bruchteil dessen erhalten, was er sich vor den
Wahlen erhofft hatte.
Schließlich trugen all diese Entwicklungen zu einem
wirksameren Ansatz gegenüber der Sowjetunion bei.
Dank der fortschreitenden Demokratisierung konnten
wir die Sowjets mit einem zunehmenden internationalen Konsens zu Wahlen konfrontieren. Wir brachten
das Argument vor, wenn mit Moskaus Hilfe rechtmäßige Regierungen sabotiert würden - sei es eine frei
gewählte Demokratie in El Salvador oder der Wahlprozeß in Nicaragua - würde dies starke Auswirkungen
auf die amerikanisch-sowjetischen Beziehungen insgesamt haben. Und wir konnten den Widerspruch
zwischen dem Schüren von Konflikten durch die Sowjets
und ihrem offensichtlichen Wunsch nach kooperativeren Beziehungen bei der Bewältigung regionaler Probleme aufdecken. Infolgedessen stimmte Moskau
noch vor den Wahlen öffentlich zu, sowohl den Wahlprozeß als auch sein Ergebnis zu respektieren.
Wir waren zu der Garantie bereit, daß die Wahlen so
sauber - so frei und fair - wie möglich abgehalten
wurden. Der Kongreß befürwortete den Antrag des
Präsidenten auf finanzielle Unterstützung der Wahlaktivitäten, dank der wir internationale Beobachter nach
Nicaragua entsenden konnten. Zusammen mit den
nicaraguanischen Parteien stellte die National Endowment for Democracy finanzielle Mittel bereit. Wir
maßen dieser Tatsache große Bedeutung bei, weil
damit die demokratische Opposition UNO zumindest
in minimalem Umfang gegen die Sandinistische Partei
antreten konnte, die Ressourcen des gesamten Staates einsetzte.
Schließlich haben wir energisch protestiert und jeden
Fall unfairen und willkürlichen Vorgehens zur Sprache
gebracht. Wir waren uns sicher, daß die Demokratie
rasch zur Blüte gelangen würde, wenn im Scheinwerferlicht der Publizität diejenigen bloßgestellt würden,
die sie im Keim zu ersticken versuchten. Auf die
Sandinisten wurde Druck ausgeübt, damit sie ein
ehrliches Spiel spielten.
Ich zähle all diese Fakten hier auf, weil sie meines
Erachtens ein Umfeld, ein Klima schufen, das der
Demokratie in Nicaragua höchst förderlich war, wie es
in den Wahlen dann zum Ausdruck kam. Der einzelne
Nicaraguaner - jeder einzelne, auf dem die demokra-

AMERIKA DIENST 13

�tischen Hoffnungen ruhten - wußte, daß er nicht allein
war. Die Abstimmung in einer freien und fairen Wahl
war kein einsamer, verzweifelter Akt, sondern ein
Schritt in eine bessere Zukunft.
Nun, da eine demokratische Regierung in Nicaragua
gewählt worden ist, wissen wir, daß Nicaraguas Genesung von den Jahren des Bürgerkriegs und marxistischer Mißwirtschaft teuer und schmerzhaft sein wird.
Dort und in Panama müssen wir Hilfe leisten, um die
neuen Hoffnungen in reale Fortschritte umzusetzen.
Aus diesem Grund hat der Präsident einen neuen 800Millionen-Dollar-Fonds für die Demokratie vorgeschlagen - als unseren Beitrag zu multilateralen Bemühungen , unseren Nachbarn wieder auf die Beine zu helfen.
Das sind keine Almosen. Es ist eine Investition in die
demokratischen Werte, die wir mit unseren Nachbarn
teilen. Denn von Guatemala bis Panama bietet sich
uns eine breite Perspektive neuer Möglichkeiten der
Demokratisierung, Demilitarisierung und Entwicklung,
die allen Menschen der Region eine vielversprechende Zukunft bietet. Mit unserer Hilfe und der Hilfe
anderer demokratischer Länder kann und wird dies
verwirklicht werden.
Fall 2: Mittel- und Osteuropa
Mein zweites Beispiel für das Funktionieren einer
demokratischen Außenpolitik betrifft Mittel- und Osteuropa. Befreit von Furcht und fest entschlossen, ihre
Würde und Hoffnung wiederzugewinnen, haben die
leidgeprüften Völker hinter dem Eisernen Vorhang
diesen schließlich niedergerissen.
Kurz nachdem eine Bresche in die Berliner Mauer
geschlagen worden war, habe ich diese geteilte Stadt
im vergangenen Dezember besucht. Ich schaute
lange durch eines der in jene häßliche Mauer gebrochenen Löcher, und was ich sah war eine großartige
Stadt, die nach Wiedergeburt strebte. Und darüber
hinaus waren alte Nationen mit neuer Hoffnung belebt
worden. All dies ließ sich in einem einfachen Wort
ausdrücken: Demokratie.
Bei meinem Besuch in Prag vor einem Monat sprach
ich von der Konsolidierung der Demokratie in der
gesamten Region. Es war für die Völker Mittel- und
Osteuropas wichtig zu wissen, daß die Herausforderungen, mit denen sie konfrontiert waren, nicht sie
allein betreffen. Auch wir stehen vor einer Herausforderung. Wir werden wegen unserer demokratischen
Werte und des Erfolgs unseres Wirtschaftssystems
bewundert. Die Menschen bitten uns um Hilfe - keine
Almosen -, aber eine Art von Hilfe, die Selbsthilfe
hervorbringt. Ausbildung, Rat und Erfahrungsaustausch zählen mehr als Geld. Wir müssen bereit sein,
dies zu gewähren.
Unser Programm für Kooperation und Hilfe hat drei
Schwerpunkte, die nicht alle wirtschaftlicher Natur
sind. Erstens werden wir uns für das Konzept freier

AMERIKA DIENST 13

und regelmäßiger Wahlen einsetzen. Der Präsident
hat vorgeschlagen, daß dies als Programm der aus 35
Teilnehmerländern bestehenden Konferenz für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (KSZE) verabschiedet werden sollte. Wir entsenden ferner Wahlbeobachter in alle Länder Mittel- und Osteuropas, die
ihre ersten Schritte zur Demokratie unternehmen. Das
Ziel dieser Maßnahmen besteht darin, die Demokratie
zum legitimen Prinzip in ganz Europa zu machen.
Zweitens bemühen wir uns mit unseren Verbündeten
und der Sowjetunion darum, Rüstungen und Streitkräfte, die einander in Europa gegenüberstehen, zu reduzieren.
Drittens bieten wir wirtschaftliche Unterstützung für
den schmerzhaften Übergang zu marktwirtschaftlichen Systemen an. In Gesellschaften, die gerade erst
beginnen, die marxistisch-leninistischen Wirtschaftssysteme zu überwinden und häufig die Grundlagen
eines freien Marktes vermissen lassen, ist dies eine
äußerst schwierige Aufgabe. Wir sind jedoch der
Überzeugung, daß die Vereinigten Staaten, unsere
Verbündeten in Europa und Japan sowie die internationalen Wirtschaftsinstitutionen erfolgreich dabei zusammenarbeiten können, diesen Ländern zu helfen,
den ihnen so lange verwehrten Fortschritt zu erlangen.
Zweck all dieser Anstrengungen sollte die Schaffung
eines gesunden Umfelds für die wirklich treibende
Kraft lang anhaltenden Wachstums sein - umfangreiche Investitionen und Entwicklung des Privatsektors.
Wir verbinden unsere Hilfe mit unseren Werten und
zeigen, wie unsere Werte hilfreich sein können. Unsere Hilfe muß sich an einem einzigen Maßstab messen
lassen: Ob sie Demokratie und wirtschaftliche Freiheit
fördert.
Ich möchte hier kurz auf unsere Politik der Demokratisierung und ihre Auswirkungen auf die Sowjetunion
eingehen. Wir haben ein Interesse an der Perestrojka,
das über die Geopolitik hinausgeht. Wenn die Perestrojka eine demokratischere und offenere sowjetische Gesellschaft mit Rechten für den einzelnen und
wirtschaftlichem Fortschritt zur Folge hat, dann wird
sich dies langfristig sehr vorteilhaft auf die sowjetische
Außenpolitik auswirken. Demokratie in der Sowjetunion ist meines Erachtens die beste Garantie für einen
konstruktiven sowjetischen Ansatz bei internationalen
Problemen.
Fall 3: Die Erschließung neuer Bereiche
Den dritten und letzten Fall praktischer Demokratie
würde ich als "Erschließung neuer Bereiche" bezeichnen. Im Verlauf dieser Rede habe ich stets argumentiert, daß die Demokratie sowohl amerikanischen Idealen als auch amerikanischen Interessen dient. Ferner
ist die Demokratie ein praktisches Instrument der
Diplomatie, nicht das einzige, aber ein besonders
wertvolles, mit dem im In- und Ausland Unterstützung

Seite 5

�für unsere Außenpolitik mobilisiert werden kann.

Schlußbemerkung

Die Demokratie spricht universelle Bestrebungen an um jene berühmten amerikanischen Worten zu zitieren "ohne Ansehen von Rasse, Glauben oder Hautfarbe". Ich lehne die Ansicht ab - und hoffe, daß auch die
Vereinigten Staaten dies stets tun werden -, daß die
Demokratie nur für bestimmte Gesellschaften gilt und
in Afrika, Asien oder Südamerika, ja selbst im Nahen
Osten fehl am Platz ist. Ich setze dem entgegen:
Denkt an das Motto "Vertraut dem Volk".

Ich möchte meine Ausführungen mit folgendem Gedanken beenden. Als ich auf dem College die Klassiker studierte, machte ich die erstaunliche Entdeckung,
daß die meisten antiken Philosophen die Demokratie
fürchteten. Diejenigen, die sich mit den Auseinandersetzungen über unsere Verfassungen im 18. Jahrhundert beschäftigen, werden ebenfalls diese Furcht antreffen. Es bestand ein unterschwelliger Verdacht, der
einzelne werde korrumpiert, einfache Männer und
Frauen wären einer Selbstregierung einfach nicht
gewachsen.

Weil wir nicht nur hier oder in Europa oder Mittelamerika dem Volk vertrauen, sondern überall auf der Welt,
setzen wir Demokratie und Wahlen als wertvolle Instrumente ein, um regionale Konflikte zu beenden und
nationale Aussöhnung zu bewirken. Dazu möchte ich
kurz einige Beispiele nennen:

Unsere Gründerväter überwanden diese Furcht und
hinterließen uns ein Vermächtnis des Vertrauens in
den Bürger, das unsere größte politische und moralische Stärke ausmacht. Unsere Au ßenpolitik war stets
dann am besten, wenn sie aus dieser Stärke schöpfte
und unser Land zu einer treibenden Kraft für das Gute
in der Welt machte. Heute, nach schweren Jahren der
Verteidigung demokratischer Werte, ist unser ursprüngliches Vertrauen erneuert worden.

In Namibia, an dessen Feiern zur Unabhängigkeit ich
kürzlich teilnahm, waren freie und faire Wahlen ein
Schlüsselelement der Regelung, mit der die letzte
Kolonie Afrikas befreit, ein Bürgerkrieg beendet und
eine neue Regierung mit einer demokratischen Verfassung eingesetzt wurden. Wir sind davon überzeugt,
daß freie und faire Wahlen eine ähnliche Rolle bei der
Förderung nationaler Versöhnung in Angola und Südafrika spielen können.

Einfache Menschen sind wahrhaft die Helden unserer
Zeit. Einfache Menschen haben die Mauer zum Einsturz gebracht. Einfache Menschen haben die Diktatoren abgesetzt. Einfache Menschen haben in Mittelamerika für die Demokratie gestimmt.

Im arabisch-israelischen Konflikt betrachten wir Wahlen in den besetzten Gebieten als Katalysator für die
Herbeiführung eines konstruktiven israelisch-palästinensischen Dialogs, der beiden Völkern den so dringend benötigten Frieden bringen könnte.

Wie einst unsere Gründerväter aufgrund ihres Vertrauens in die Bürger eine neue demokratische Gesellschaft aufbauten, so muß sich unsere Außenpolitik
heute auf dasselbe Vertrauen gründen, um eine neue
demokratische Völkergemeinschaft aufzubauen. Das
In Kambodscha betrachten die fünf Ständigen Mitglie- ist unsere Chance und unsere Herausforderung. Ich
der des UN-Sicherheitsrats eine freie und faire Wahl bin sicher, daß wir es mit der Hilfe jedes Amerikaners
als besten Weg, um den Streit über die legitime Regie- schaffen werden.
rung dieses gepeinigten Landes endlich zu beenden,
indem das kambodschanische Volk die langersehnte
Chance erhält, seine politische Führung selbst zu
wählen.

* *

Seite 6

*

AMERIKA DIENST 13

�OFFENER

HIMMEL
4. April 1990

OFFENER HIMMEL SOLL TAGESORDNUNGSPUNKT
BEI MINISTERTREFFEN SEIN
Erklärung von Botschafter Hawes
WASHINGTON - (AD) - Die Vereinigten Staaten hoffen, daß Vorschläge in Zusammenhang mit dem Regime
des Offenen Himmels beim Washingtoner Treffen der Außenminister Baker und Schewardnadse vom 4.-6. April
1990 auf der Tagesordnung stehen werden.
Wie der Leiter der amerikanischen Delegation bei der Konferenz über den Offenen Himmel, Botschafter John
Hawes, am 29. März 1990 vor Mitgliedern des Kongresses erklärte, wollen die Vereinigten Staaten das
Programm zur Durchführung unbewaffneter, multilateraler Aufklärungsflüge von Kalifornien im Westen bis
Wladiwostok im Osten "energisch" weiterverfolgen. Ein Regime des Offenen Himmels könne zu den sich
gegenwärtig entwickelnden neuen Sicherheitsstrukturen in Europa beitragen.
Nachfolgend veröffentlichen wir die Erklärung von Botschafter Hawes im Wortlaut.
Ich freue mich sehr über diese Gelegenheit, über Ziele
und Stand der Verhandlungen über den Offenen Himmel
sprechen zu können. Diese im Februar in Ottawa
eröffneten Gespräche sind das Ergebnis des Vorschlags, den Präsident Bush im Mai des vergangenen
Jahres in einer Rede bei der Texas A and M University
vorgebracht hat. Sie sollen am 23. April in Budapest
mit dem Ziel wiederaufgenommen werden, bis zum 12.
Mai, dem Jahrestag der Rede des Präsidenten, eine
Einigung über einen Vertragstext zustande zu bringen.
Zur Zeit ist es noch ungewiß, wann ein Abkommen
über den Offenen Himmel abgeschlossen werden
kann. Als der Gedanke im Jahr 1955 zum ersten Mal
von Präsident Eisenhower ins Spiel gebracht wurde,
war die Aufnahme äußerst frostig. Der radikale Wandel im internationalen Klima läßt uns jedoch heute auf
ein positiveres Ergebnis hoffen. Das Konzept der
Offenheit ist zu einem zentralen Grundsatz der internationalen Beziehungen geworden. Und der Vorschlag des Offenen Himmels selbst wurde von seiner
ursprünglichen bilateralen amerikanisch-sowjetischen
zu einer multilateralen Konzeption erweitert, die dazu
beitragen kann, die sich entwickelnden neuen Sicherheitsstrukturen in Europa zu unterstützen.
Offener Himmel heute
Ein Abkommen über den Offenen Himmel in diesem
Frühjahr käme zur rechten Zeit. Ein Regime mit dem
Ziel umfassenderer und systematischerer Offenheit
könnte im Kontext der dramatischen Beschleunigung

AMERIKA DIENST 13

der Vorgänge in Europa beruhigend und stabilisierend
wirken. Der Offene Himmel ist zunächst eine wichtige
vertrauensbildende Maßnahme, die allen europäischen
Staaten, groß und klein, in Ost und West zugute
kommen würde. Unseren Vorstellungen zufolge wäre
ein Regime des Offenen Himmels nicht an Bündnisstrukturen gebunden. Es würde vielmehr die Souveränität und Unabhängigkeit jedes Teilnehmerstaats
widerspiegeln.
Auf diese Weise würde es ein Maximum an Flexibilität
gewährleisten, insbesondere für die Staaten Osteuropas. Wir gehen davon aus, daß das Konzept des
Offenen Himmels langfristig auch auf andere Länder
und Regionen angewendet werden könnte, obwohl der
ursprüngliche Schwerpunkt notwendigerweise und zu
Recht auf Europa lag.
Neben ihrem vertrauensbildenden Charakter können
die im Rahmen des Offenen Himmels gesammelten
Informationen eine äußerst nützliche Ergänzung zur
Verifizierung von Rüstungskontrollabkommen sein, auch
wenn der Offene Himmel an sich kein Rüstungskontrollabkommen und keine Verifikationsmaßnahme per
se darstellt. Angesichts der immer umfangreicheren
Tagesordnung in der Rüstungskontrolle wird dieser
ergänzende Beitrag wahrscheinlich für alle Teilnehmer
dauerhafte Bedeutung haben.
Bei der Konzipierung des Regimes des Offenen Himmels hatten wir bereits an dieses Ziel der Ergänzung
anderer Informationsquellen für die Verifizierung von

Seite 1

�Rüstungskontrollvereinbarungen gedacht, darunter
Nationale Technische Mittel und die speziellen Verifizierungsvorschriften bestimmter Rüstungskontrollabkommen. Daher sollten zum Beispiel die im Rahmen eines
Regimes des Offenen Himmels vorgeschlagenen Sensoren die Zählung von militärischem Großgerät ermöglichen. Ebenso sollten die Quoten hoch genug angesetzt sein, um eine effektive Überwachung der größten
Teilnehmerstaaten zu gestatten.
Jede bestehende oder potentielle Informationsquelle,
einschließlich des Offenen Himmels, unterliegt gewissen Merkmalen, die bestimmen, wie sie am effektivsten
genutzt werden kann. Im allgemeinen sollte das Regime
des Offenen Himmels unseres Erachtens bei Einsatz
relativ empfindlicher Sensoren die Erfassung großer
Gebiete sicherstellen. Aufgrund dieser Erfassungsmethode gewonnene Informationen könnten mit bei der genaueren Überprüfung bestimmter Standorte gesammelten Informationen - etwa im Rahmen des für ein KSEAbkommen vorgesehenen Verifikationsregimes - zusammengefaßt werden. Aufgrund seiner umfassenden
geographischen Ausdehnung könnte der Offene Himmel überdies eine wichtige Rolle bei der Aufspürung
möglicher Vertragsverletzungen spielen.
Die Tagesordnung nach Ottawa
Die Konferenz von Ottawa erbrachte keine Ergebnisse.
Die Gespräche waren jedoch in dem Sinn produktiv, daß
es möglich war, Positionen detailliert zu ergründen und
die Fragen zu definieren, bei denen noch Uneinigkeit
herrscht. Das Arbeitsdokument der Konferenz entspricht im Grunde dem von der NATO vorgelegten
Textentwurf. Einige Änderungen wurden in den Sitzungen der multilateralen Arbeitsgruppen vorgeschlagen,
und die Sowjetunion brachte eine Reihe unilateraler
Änderungsvorschläge ein. Es sollte in diesem Zusammenhang nicht außer acht gelassen werden, daß die
osteuropäischen Staaten in Ottawa eine sehr unabhängige und konstruktive Rolle spielten und häufig kreative
Gedanken einbrachten, um die Gespräche voranzubringen.
Gegenwärtig überprüfen wir die in Budapest zu leistende Arbeit und die Wahrscheinlichkeit, daß ein Vertrag
innerhalb der zur Verfügung stehenden Zeit abgeschlossen werden kann. Die Diskussionen in Ottawa enthüllten erhebliche Meinungsverschiedenheiten zwischen
der Sowjetunion und den anderen 22 Teilnehmerstaaten
in vier Hauptverhandlungspunkten:
Die meisten Teilnehmer waren sich darin einig,
daß ein effektives Regime des Offenen Himmels
ein breites Spektrum hochmoderner Sensoren
erfordert, darunter solche, die bei jedem Wetter,
bei Tag und bei Nacht einsatzfähig sind. Die
Sowjets setzten sich dagegen für eine Begrenzung der Sensoren auf optische und elektrooptische Kameras ein, die nur bei Tageslicht und
gutem Wetter funktionsfähig sind.

Seite 2

Die meisten Teilnehmer stimmten überein,
daß das gesamte Territorium der Teilnehmerstaaten für Überflüge offen sein muß und
Beschränkungen nur aus Gründen der Flugsicherheit auferlegt werden dürfen. Die Sowjets
befürworteten aus ungenannten Sicherheitsgründen zusätzliche territoriale Beschränkungen.
Die meisten Staaten stimmten in der Zahl der
Flüge über ihrem Staatsgebiet überein, die
eine effektive Erfassung erlauben würde. Die
Sowjets setzten sich für eine niedrige, im
wesentlichen symbolische Zahl ein.
Die meisten Staaten waren darin einig, daß die
Kontrolle der Beobachtungsflugzeuge in den
Händen der beobachtenden Partei oder einer
freiwilligen Gruppe von Parteien liegen sollte.
Die Sowjets schlössen dies nicht aus, gaben
jedoch einem System den Vorzug, bei dem der
beobachtete Staat das Flugzeug zur Verfügung stellen und die Sensoren kontrollieren
würde oder das Recht hätte, das einzusetzende Flugzeug auszuwählen.
Aus unserer Sicht und der Sicht der großen Mehrheit
der Teilnehmerstaaten sind die von uns bei Sensoren, territorialem Zugang, Flugquoten und Flugzeugbetrieb angestrebten Bestimmungen der logische
Weg zur Verwirklichung des Konzepts des Offenen
Himmels. Sie bilden keinerlei Bedrohung der Sicherheit irgendeiner Partei, einschließlich der Sowjetunion. Wir hoffen deshalb, daß es der Sowjetunion nach
reiflicher Überlegung möglich sein wird, sich bei
diesen Fragen der Mehrheit anzuschließen.
Im Verlauf der Diskussionen von Ottawa betonten die
Osteuropäer die Bedeutung, die sie einem gleichen
Zugang aller Teilnehmerstaaten zur Sensortechnologie beimessen. Sie erklärten, während die führenden Mächte hochmoderne Beobachtungssensoren
entwickelt hätten, sei das Niveau der gegenwärtig in
Osteuropa zur Verfügung stehenden Sensoren damit
nicht vergleichbar. Dies, so behaupteten sie, würde
bei einem möglichen Regime des Offenen Himmels
zu Ungleichheit führen.
Wir untersuchen zur Zeit das Spektrum an Sensortechnologie, das für den Offenen Himmel eingesetzt
werden könnte, um zu entscheiden, ob die zum Ausdruck gebrachten Anliegen der Osteuropäer berücksichtigt werden können. Letztlich muß diese Frage
im COCOM behandelt werden, da das Gros der für
den Offenen Himmel in Frage kommenden Technologie den multilateralen Exportkontrollen des COCOM unterliegt.
Zusammenfassung
Die Wiederbelebung des Gedankens des Offenen
Himmels fällt in eine Zeit außerordentlicher internaAMERIKA DIENST 13

�tionaler Herausforderungen und Chancen. Das Tempo des Wandels an sich führt zur Forderung nach
einem besseren Verständnis militärischer Streitkräfte
und Handlungen. Daneben könnten es die entstehenden neuen politischen Realitäten und Haltungen erforderlich machen, einen weitreichenden Ansatz für den

*

AMERIKA DIENST 13

Offenen Himmel zu verwirklichen, um dieser Forderung gerecht zu werden. In den kommenden Wochen
werden wir mit den anderen Teilnehmerstaaten, einschließlich der Sowjets, daran arbeiten, um zu sehen,
ob ein Vertrag über den Offenen Himmel in Budapest
abgeschlossen werden kann.

* * *

*

Seite 3

�WIRTSCHAFT
4. April 1990

PROTEKTIONISMUS IST KOSTSPIELIG
UND WIRKUNGSLOS
Auszüge aus dem Jahresbericht des Gemeinsamen
Wirtschaftsausschusses
WASHINGTON - (AD) - Der Gemeinsame Wirtschaftsausschuß des Kongresses (JEC) hat am 3. April 1990
seinen Jahreswirtschaftsbericht veröffentlicht. Diesem überparteilichen Papier zufolge könnten die politisch
Verantwortlichen zwar versucht sein, Handelsschranken zu errichten, um inländische Hersteller vor den Kräften
des Wettbewerbs zu schützen, aber solche Maßnahmen würden den in einer dynamischen Volkswirtschaft
notwendigen Anpassungen nicht förderlich sein. Stattdessen fordert der JEC Vertrauen in die Kräfte des Marktes
sowie in die multilateralen Handelsgespräche, um Handelsprobleme zu lösen, erklärt jedoch auch, daß bilaterale
und regionale Handelsvereinbarungen einer offenen internationalen Handelsordnung nicht unbedingt zuwiderlaufen.
Nachfolgend veröffentlichen wir Auszüge aus dem Bericht, insbesondere zu internationalen Wirtschaftsfragen,
Umwelt und der aus den Reformen in Osteuropa resultierenden "Friedensdividende".

Die Stärkung unserer Stellung in der Weltwirtschaft
Obwohl die Vereinigten Staaten weiterhin die führende
Weltwirtschaftsmacht sind, haben die Ereignisse der
letzten zehn Jahre manche Fragen im Hinblick auf
unsere Fähigkeit aufgeworfen, diese Führungsposition zu bewahren. Darauf gibt es vielerlei Antworten,
die meist vom Blickwinkel des Betrachters abhängen.
Wir haben die reichste Volkswirtschaft der Welt, aber
die großen amerikanischen Handelsdefizite, eine steigende internationale Verschuldung und harter Wettbewerb mit Japan, Westeuropa und den industriellen
Schwellenländem Asiens sind Herausforderungen für
die Wirtschaftspolitik. Wenn wir jedoch den Willen
haben, so finden wir sicherlich auch den Weg, unsere
Führungsrolle zu bewahren.
Tendenzen im amerikanischen Handel und bei der
internationalen Wettbewerbsfähigkeit
Es gibt sicherlich guten Grund zur Besorgnis über die
amerikanische Stellung in der Weltwirtschaft, aber die
Tatsachen sollten in das rechte Verhältnis gesetzt
werden. In vieler Hinsicht schnitt die amerikanische
Wirtschaftsleistung in den achtziger Jahren im Vergleich mit anderen Industriestaaten vorteilhaft ab.
Trotzdem ist das amerikanische Handelsdefizit hoch,
und ausländischer Besitz an amerikanischen Vermö-

AMERIKA DIENST 13

genswerten stieg zwischen 1979 und 1989 wesentlich
schneller als amerikanische Ansprüche auf Vermögenswerte im Ausland. Natürlich hatte sich die Vorherrschaft der Vereinigten Staaten in der Weltwirtschaft statistisch gesehen schon seit längerer Zeit
abgeschwächt. Dies ging zwangsläufig mit der Erholung der anderen Industrieländer von den Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs einher. Unmittelbar nach
dem Krieg zum Beispiel erwirtschafteten die Vereinigten Staaten die Hälfte des Bruttosozialprodukts aller
Marktwirtschaften. Im Jahr 1980 erwirtschafteten sie
weniger als ein Drittel. Auch wenn man die Bedeutung
der amerikanischen Exporte im Welthandel nach anderen
Kriterien bewertet, zeigt sich eine ähnliche Tendenz.
Bei der Industrieproduktion nach OECD-Maßstab haben
die Vereinigten Staaten jedoch immer noch den gleichen Anteil wie im Jahr 1973, und unser Anteil am
Weltexport ist größer als der jedes anderen Landes.
Internationale wirtschaftliche Herausforderungen
Ein Großteil der Veränderungen in der relativen wirtschaftlichen Stellung der Vereinigten Staaten in den
vergangenen Jahrzehnten war die Folge des guten
wirtschaftlichen Abschneidens unserer Handelspartner und nicht schlechter wirtschaftlicher Leistungen
unsererseits. Betrachtet man die Kluft, die am Ende
des Zweiten Weltkriegs zwischen ihnen und uns be-

Seite 1

�stand, so war es unvermeidlich - und sogar wünschenswert -, daß sie diese Kluft verringerten. Und
zum größten Teil haben wir vom wirtschaftlichen Erfolg
unserer Handelspartner profitiert. Als Folge des starken Produktivitätszuwachses im Ausland sind von uns
importierte Waren preiswerter geworden, und unsere
Exportmärkte sind aufgrund des gro ßen Einkommenszuwachses unserer Handelspartner gewachsen.
Natürlich kann amerikanischen Arbeitnehmern, Unternehmen und Gemeinden durch massive, unkontrollierte Importschwemmen und durch ausländische Handelsschranken gegen amerikanische Exporte Schaden zugefügt werden. Insgesamt haben die Vereinigten Staaten jedoch weiterhin ein Interesse an der
Förderung starken Wachstums in der übrigen Welt,
das mit der Öffnung der Weltmärkte für freieren Handel
und Wettbewerb einhergeht.
Wir haben ebenfalls von den internationalen Kapitalflüssen profitiert. Vom Ende des Zweiten Weltkriegs
bis in die achtziger Jahre waren die Vereinigten Staaten in der Welt ein Nettoinvestor, da unser im Inland
erwirtschaftetes Kapital unsere Inlandsinvestitionen
übertraf. Die Nettogewinne aus unseren Auslandsinvestitionen trugen zu unserem Nationaleinkommen
bei. In den von hohen Haushaltsdefiziten und unzureichender privater Spartätigkeit gekennzeichneten letzten Jahren waren wir in der Lage, einen gleichzeitigen
Rückgang der Investitionstätigkeit zu verhindern, indem wir ausländisches Sparkapital anzogen. Wir
profitieren von der zusätzlichen Kapitalbildung aus
ausländischen Investitionen, aber einige der Gewinne
aus auslandsfinanzierten Investitionen in den Vereinigten Staaten werden ins Ausland abfließen. Einige
Wirtschaftswissenschaftler sind über unsere Stützung
auf ausländisches Sparkapital besorgt, während andere die durch Zuflüsse ausländischen Sparkapitals
erbrachten Investitionen begrüßen, die über die aus
amerikanischem Sparkapital getätigten Investitionen
hinausgehen. Einige Experten äußern sich besorgt
über Konzentrationen von Produktionskapazitäten für
bestimmte Erzeugnisse, die für unsere wirtschaftliche
oder nationale Sicherheit ins Gewicht fallen könnten.
Wenn jedoch amerikanische Tochterfirmen ausländischer Unternehmen die auf amerikanischen Märkten
gültigen Spielregeln einhalten, sind sie kaum von
amerikanischen Firmen zu unterscheiden . Überdies
profitieren wir in den Vereinigten Staaten in dem Maß,
in dem ausländische Firmen neue Produkte oder innovative Produktionsmethoden bei uns einführen.
Trotz der Vorteile des internationalen Handels und
ausländischer Investitionen für die Vereinigten Staaten haben die Entwicklungen in der Weltwirtschaft im
vergangenen Jahrzehnt mehrere Herausforderungen
hervorgebracht. Erstens beruht ein Großteil des
Konkurrenzdrucks, dem amerikanische Firmen ausgesetzt sind, nicht auf unfairen Geschäftspraktiken
oder staatlichen Subventionen im Ausland. Stattdessen erscheinen traditionelle Geschäftsmethoden vieler amerikanischer Unternehmen, die vielleicht angeSeite 2

messen waren, als die Konkurrenten vorwiegend andere
US-Firmen mit ähnlichen Geschäftspraktiken waren,
heute nicht besonders passend für den Umgang mit
aggressiven internationalen Rivalen. So ist zum Beispiel eine MIT-Studie zu dem Schluß gekommen, daß
die traditionelle Geschäftspolitik vieler amerikanischer
Unternehmen wesentlich schlechter war als die besten
Geschäftsmethoden erfolgreicher ausländischer oder
amerikanischer Firmen. Aus diesem Grund steht die
amerikanische Wirtschaft vor der Herausforderung,
sich auf den internationalen Wettbewerb einzustellen,
indem sie sich die heute erfolgreichen Geschäftsmethoden zu eigen macht und neue entwickelt.
Die politisch Verantwortlichen stehen vor der Herausforderung, Alternativen zu Handelsschranken zu finden, um wirtschaftliche Anpassungsprozesse gegen
Erschütterungen abzufedern, die bei verstärktem internationalem Wettbewerb wahrscheinlich unvermeidbar sind. Die Errichtung von Barrieren gegen ausländische Konkurrenz für Industriezweige, die mit einer
Importschwemme konfrontiert sind, kann kurzfristig
Erleichterung verschaffen. Studien haben jedoch
gezeigt, daß Protektionismus mit enormen Kosten
verbunden ist und bei der Förderung der in einer
dynamischen Volkswirtschaft erforderlichen Anpassungen zumeist versagt. In vielen Fällen kann der
Anpassungsprozeß als Teil der normalen Funktionsweise der Märkte ohne größere Störungen stattfinden.
In anderen Fällen können zielgerichtete staatliche
Programme zur Umschulung von Arbeitskräften und
Anpassungshilfe erforderlich sein, um Arbeitnehmern
beim Wechsel zu neuen Arbeitsplätzen zu helfen.
Indem wir unser eigenes Vertrauen auf Handelsschranken zur Bewältigung von Anpassungsproblemen begrenzen, werden wir eher in der Lage sein, andere
Länder zu ermutigen, dasselbe zu tun. Die Vereinigten
Staaten haben ihr Programm zur Öffnung der Weltmärkte traditionell im Rahmen der multilateralen Handelsgespräche des Allgemeinen Zoll- und Handelsabkommens (GATT) verfolgt. Wir sind weiterhin an
einem Abbau der Handelsschranken durch das GATT
interessiert, wobei wir in der gegenwärtigen Runde
besondere Anliegen im Bereich der Landwirtschaft
und des Rechts auf geistiges Eigentum haben. Daneben haben wir ein bilaterales Abkommen mit Kanada
abgeschlossen, und Europa ist auf dem Weg zur
Einrichtung eines Binnenmarkts im Jahr 1992. Die
Entwicklung von Handelsgruppen und Handelsabkommen außerhalb des GATT-Rahmens läuft einer offenen internationalen Handelsordnung, die in unserem
besten Interesse liegt (mit wenigen Ausnahmen vermeidet der für 1992 geplante europäische Binnenmarkt Protektionismus), nicht zwangsläufig zuwider.
Wir müssen jedoch darüber wachen, daß bilaterale
Handelsabkommen und die Organisierung von Handelsgruppen primär auf die Öffnung des Handels und
nicht auf die Errichtung geschützter Enklaven ausgerichtet sind.

AMERIKA DIENST 13

�Die Reformen in Osteuropa und die Schuldenprobleme Lateinamerikas bilden weitere Herausforderungen. Es liegt eindeutig in unserem Interesse, Wirtschaftsreformen zu unterstützen, die Osteuropa auf
dem Weg durch ein sicherlich äußerst schwieriges
Übergangsstadium helfen. Es liegt ebenso in unserem
Interesse, die drückenden wirtschaftlichen und politischen Lasten für die Schuldnerländer in der dritten
Welt zu erleichtern. Gesunde Märkte in Osteuropa
und Lateinamerika bieten den Vereinigten Staaten
ebenso wichtige Handels- und Investitionsmöglichkeiten wie in Westeuropa zu Ende des Zweiten Weltkriegs, als umfangreiche wirtschaftliche Ressourcen in
den Wiederaufbau flössen. Ressourcen allein sind für
Osteuropa und Lateinamerika nicht unbedingt die
Lösung. Dennoch sollten wir uns nicht von den Engpässen unseres Haushalts zu der Auffassung verleiten
lassen, wir könnten es uns nicht leisten, lohnende
Gelegenheiten zu ergreifen, obwohl eine Änderung
der Prioritäten im Haushalt erforderlich sein könnte.
Darüber hinaus sollte für kreditwürdige Aktivitäten
immer privates Kapital zur Verfügung stehen. Aus dem
Vorsprung, den andere Länder bei ihren Überschüssen haben, dürfen wir auch nicht schließen, daß wir
ihnen die Führungsrolle abtreten sollten.
Maßnahmen für den Dollar und das Handelsdefizit
Die auf den Devisenmärkten festgesetzte Bewertung
des Dollars basiert auf der Attraktivität amerikanischer
Waren sowie Sachwerten und Kapital. Wenn amerikanische Unternehmen im Vergleich zu ihren internationalen Konkurrenten bei der Steigerung der Produktivität erfolgreich sind und wenn Anlagen in den Vereinigten Staaten im Vergleich zu Anlagen im Ausland
attraktiv sind, steigt der Dollar - wenn nicht, fällt er.
Keinesfalls können direkte Eingriffe in den Devisenmarkt die Bewertung des Dollars verändern. Interventionen zur Behebung von Wechselkursschwankungen
können gerechtfertigt sein. Aber es ist ein gefährliches
und potentiell kostenträchtiges Spiel, wenn man versucht, den Markt im Hinblick auf die Bewertung des
Dollars beeinflussen zu wollen.
Auch das Handelsdefizit ist in vieler Hinsicht ein künstliches Produkt aus politischen Maßnahmen und wirtschaftlichen Bedingungen und nicht direkt von Politikern beeinflußbar. Zum Beispiel werden Bestrebungen zum Abbau des Handelsdefizits, wie direkte Importbeschränkungen oder Exportsubventionen, durch
Aufwertung des Dollars zunichte gemacht, wenn die
Vereinigten Staaten nicht mehr sparen (oder weniger
investieren). Es gibt jedoch mehrere Möglichkeiten,
wie eine andere Politik oder veränderte wirtschaftliche
Bedingungen zu einem Abbau des Handelsdefizits
führen können. Am wenigsten wünschenswert wäre
ein Vertrauensverlust gegenüber der amerikanischen
Wirtschaftspolitik, der zu einem Versiegen ausländischer Spareinlagen in den Vereinigten Staaten führen
würde. Dabei würden die Zinsen steigen und die
Investitionen sinken. Es wäre ebenso wenig wün-

AMERIKA DIENST 13

schenswert, wenn wir eine starke Rezession hinnehmen mü ßten, auch wenn sich damit das Handelsdefizit
wahrscheinlich abbauen lassen würde. Die Herausforderung besteht vielmehr darin, die Spartätigkeit im
Inland anzukurbeln, damit wir mehr investieren können
und in geringerem Maße von ausländischen Spareinlagen abhängig sind, so daß sich das Handelsdefizit im
Einklang mit einer gesunden Politik ordnungsgemäß
verbessern kann.
Schlußfolgerungen
Wenn wir uns den in diesem Bericht beschriebenen
Herausforderungen für das Wirtschaftswachstum stellen, und wenn wir den hier angesprochenen Herausforderungen zur Wiederherstellung unserer internationalen wirtschaftlichen Stärke gerecht werden wollen,
sollten wir unsere Position in der Weltwirtschaft stärken. Wenn wir diesen Herausforderungen nicht begegnen, könnten wir wirtschaftliche Einbußen erleiden, und damit würde auch unser Einfluß weltweit
schwinden.
Die Umwelt In den neunziger Jahren
Eine florierende Wirtschaft sollte uns eine saubere
Umwelt bieten können. Dennoch scheinen die Bedürfnisse von Wirtschaft und Umwelt oftmals auseinanderzuklaffen. Eine gesunde Umweltpolitik sollte Bestandteil einer gesunden Wirtschaftspolitik sein und nicht
damit konkurrieren. Die Vorteile des Umweltschutzes
müssen gegen seine Kosten abgewogen werden.
Die Verbraucher messen einer sauberen Umwelt einen hohen Stellenwert bei, aber es ist schwierig, dafür
einen Preis festzulegen. Wir verfügen über wenig
Informationen, was Arbeitnehmer und Verbraucher
dafür zu zahlen bereit sind, weil es natürlich keinen
Markt gibt, auf dem man so etwas kaufen kann. Es gibt
ihn nicht, weil es schwierig ist, die nicht so leicht
faßbaren Vorteile einer sauberen Umwelt zu berechnen.
Wir wissen nicht genau, was Menschen zur Reduzierung der Umweltverschmutzung zu zahlen bereit sind,
können aber abschätzen, welchen Preis sie bereits zur
Bekämpfung ihrer Auswirkungen zahlen. Im Falle der
Luftverschmutzung belaufen sich zum Beispiel die
Kosten für Gesundheitsfürsoge und Schäden an Ernten, Vieh und Gebäuden auf mehrere Milliarden Dollar
jährlich. Kosten wie diese müssen gegen die Kosten
für den Abbau der Umweltverschmutzung abgewogen
werden.
Im Hinblick auf die Prinzipien besteht ein Konsens
unter Wirtschaftswissenschaftlern, eine Einigung
scheitert jedoch oftmals an einzelnen Problemen und
Ansätzen beim Umweltschutz. Umweltprobleme haben
alle ihre ureigenen Merkmale. Was in einem Bereich
funktioniert, kann in einem anderen völlig unangemessen sein.
Darüber hinaus können staatliche Maßnahmen und
Privatmärkte oftmals die sozialen Kosten und Nutzen
Seite 3

�von Umweltproblemen nicht in Einklang bringen. Die
starke Interdependenz von Umwelt und Wirtschaftssystemen kann leicht zu unbeabsichtigen politischen
Konsequenzen führen. Zum Beispiel wird eine Politik,
die unberechtigterweise die durch neue Autos oder
Kraftwerke verursachte Umweltverschmutzung bekämpft, deren Preis erhöhen und den Einsatz älterer
Technologie mit stärkerem Verschmutzungsgrad fördern. Es gibt fünf allgemeine Ansätze zum Abbau der
Umweltverschmutzung.
Marktabhängige Anreize
Wenn Ursachen für Umweltverschmutzung erkennbar
und die Schadstoffe meßbar sind, sollten Regierungen
versuchen, wirtschaftliche Anreize zu bieten. Wenn
zum Beispiel pro Einheit eines Schadstoffes Geldstrafen erhoben werden, haben die für die höchsten Emissionen Verantwortlichen den größten fianziellen Anreiz zu deren Reduzierung. Darüber hinaus können
diese Geldstrafen die Verursacher veranlassen, ihre
Emissionen so abzubauen, wie es ihnen am besten
nützt. Die Erlaubnis zur Emission einer begrenzten
Schadstoffmenge könnte in derselben Weise erfolgen.
Vorgeschriebene Verhaltensmaßregeln
In einigen Fällen ist es sinnvoll, Verhaltensmaßregeln
für zulässige Umweltverschmutzung aufzustellen.
Solche Regeln können den Verursachern ebenso wie
marktorientierte Anreize erhebliche Flexibilität bei der
Wahl der besten Technologie einräumen.
Strenge Verbote
Einige Schadstoffe sind so gefährlich oder so schwer
meßbar, daß ein strenges Verbot sinnvoll ist. Plutonium ist zum Beispiel so gefährlich, daß wir seine
Freisetzung nicht verantworten können, so hoch die
Summe, die ein potentieller Verwender zu zahlen
bereit wäre, auch sein mag.
Notwendige Technologien und Leistungen der
öffentlichen Hand
Wenn einzigartige Ressourcen, Rohstoffmonopole oder
hohe soziale Risiken auf dem Spiel stehen, kann ein
direkteres Eingreifen der Regierung erforderlich werden. Die meisten Gemeinden vertrauen zum Beispiel
der Regierung oder bestimmten Privatfirmen ihre
Abwasserentsorgung an.
Informationen
Manchmal können Regierungen private Körperschaften zur Lösung ihrer Umweltprobleme ermutigen, indem sie bessere Informationen über das anstehende
Problem bereitstellen.
Unserer Ansicht nach sollte sich die Umweltpolitik
gegebenenfalls finanzielle Eigeninteressen zunutze
machen. Grundsätzlich betont eine solche Politik
flexible Reaktionen und Abstufungen statt Verboten Zuckerbrot statt Peitsche - um angemessene Anreize
zu schaffen. In der Vergangenheit ist es der Umwelt-

Seite 4

politik oftmals nicht gelungen, die Macht wirtschaftlicher Anreize zu nutzen. Dennoch gebietet die Vielfalt
der Umweltprobleme, daß wir uns nicht eines einzigen
Ansatzes für alle Situationen bedienen.
Die Friedensdividende
Politische Liberalisierung im Ostblock und die nachlassenden Spannungen des kalten Krieges lassen die
Möglichkeit eines erheblichen Abbaus der Verteidigungsausgaben zu. Wir stimmen zu, daß die "Friedensdividende" kurzfristig kleiner ausfallen wird, aber
steigerungsfähig ist und wahrscheinlich keine Rezession nach sich ziehen wird. Es besteht kein Konsens
darüber, wie die Ersparnisse bei den Verteidigungsausgaben genutzt werden sollen.
Die realen Verteidigungsausgaben werden im Haushaltsjahr 1990 um rund 2 Prozent sinken, liegen aber
immer noch nahezu 44 Prozent über dem Niveau von
1980. Wenn die realen Ausgaben weiterhin um 2
Prozent sinken, läge der Verteidigungshaushalt für
1995 13 Prozent unter dem Höchststand vor zwei
Jahren.
Solche Kürzungen erscheinen bescheiden, besonders
verglichen mit den in einigen frühen Pressemeldungen
geschätzten Kürzungen in Höhe von 100 bis 200
Milliarden Dollar. Tatsächlich sind diese hohen geplanten Einsparungen keine Kürzungen der Verteidigungsausgaben zum gegenwärtigen Dollarwert. Sie
sind vielmehr der kumulative Unterschied zwischen
einer relativ flachen Ausgabenkurve zum derzeitigen
Dollarwert und früheren Regierungsprognosen, die
Aufstockungen des Verteidigungsetats zu einem weit
über der Inflationsrate liegenden Prozentsatz forderten.
Das Tempo der internationalen politischen Veränderungen war atemberaubend. Selbst noch vor einem
Jahr sagten nur wenige etwas dem politischen Umbruch von 1989 vergleichbares voraus, und das sollte
als Warnung für jeden dienen, der heute behauptet, die
Zukunft zu kennen. Obwohl einige der jüngsten Entwicklungen (einschließlich der Spannungen in den
baltischen Sowjetrepubliken) Anlaß zu ernsthafter
Besorgnis geben, legen die meisten (einschließlich der
kontinuierlichen Demokratisierung Osteuropas) den
Schluß nahe, daß die jüngsten Veränderungen unumkehrbar sind. In dem Maße, in dem die sich wandelnden Verhältnisse in Osteuropa zu konkreten Reduzierungen in der militärischen Infrastruktur des Warschauer Pakts und einer Erhöhung der Vorwarnzeit
geführt haben, sollten die politischen Veränderungen
zu einem Abbau der Bedrohung und Verteidigungserfordernisse führen.
Kurzfristig werden die Einsparungen bei den Verteidigungsausgaben bescheiden sein, weil die Ausmusterung von Soldaten, Einmottung von Waffen und Schließung von Stützpunkten ebenfalls Geld kosten; weil die
in der Vergangenheit bestellte Hardware heute Vertragskosten nach sich zieht und Kürzungen bei neuen

AMERIKA DIENST 13

�Hardwarebestellungen kurzfristig wenig einsparen, wenn
auch später sehr viel. Die der modernen Verteidigung
zugrundeliegende langfristige Planung macht einen
abrupten Kurswechsel schwierig und teuer. Der außerordentliche Spannungsabbau könnte jedoch umfassende Kürzungen bei langfristigen Verpflichtungen
zulassen, die in einigen Jahren zu einem einschneidenden Kostenrückgang führen werden.
Die Senkung der Verteidigungsausgaben wird wahrscheinlich nicht zu einer Rezession führen, wie es nach
den Kriegen in Vietnam, Korea und dem Zweiten
Weltkrieg der Fall war. Verteidigung nimmt in der
Wirtschaft wesentlich geringeren Raum ein als in früheren Zeiten und beläuft sich auf rund 6 Prozent des
BSP verglichen mit ca. 9 Prozent während des Vietnamkriegs, 13 Prozent während des Koreakriegs und
ungefähr 40 Prozent während des Zweiten Weltkriegs.
Darüber hinaus hat die Finanzpolitik in jedem Fall
einen beträchtlichen Defizitabbau zum Ziel.
Die binnenwirtschaftlichen Konsequenzen werden daher
voraussichtlich unerheblich sein. Einige besonders
betroffene Arbeitnehmer, Industrien und Gemeinden
werden jedoch Auswirkungen spüren, wenn Stützpunkte geschlossen und Produktionsstätten stillgelegt

werden. Wenn die Einsparungen im Verteidigungsbereich in einigen Jahren so groß sind wie das Tempo der
politischen Veränderungen vermuten läßt, könnte dies
schwierige Anpassungen auf lokaler Ebene zur Folge
haben, und es müssen kreative Mittel und Wege
gefunden werden, um die Umstellung auf zivile Arbeitsplätze und Produkte zu beschleunigen.
Trotz dieser Bedenken vertreten zahlreiche Ökonomen die Auffassung, daß geringere Verteidigungsausgaben letztlich der Wirtschaft zugute kommen. Für die
Verteidigung bestimmte Ressourcen könnten für Investitionen verwendet werden, die unmittelbarer zu einer
Erhöhung unseres Lebensstandards beitragen. Die
Wirtsschaftswissenschaftler sind sich jedoch über den
besten Weg, wie dies verwirklicht werden sollte, uneinig. Einige möchten die Friedensdividende zum Abbau des Haushaltsdefizits verwenden und damit die
staatlichen Anleihen reduzieren und Privatinvestitionen ermutigen. Andere möchten das Geld für die
erforderlichen öffentlichen Investitionen in Infrastruktur und Humankapital aufwenden. Und wieder andere
schlagen vor, die Einsparungen im Verteidigungsbereich für Steuersenkungen zu verwenden.

* *

AMERIKA DIENST 13

*

Seite 5

�</text>
                  </elementText>
                </elementTextContainer>
              </element>
            </elementContainer>
          </elementSet>
        </elementSetContainer>
      </file>
    </fileContainer>
    <collection collectionId="4">
      <elementSetContainer>
        <elementSet elementSetId="1">
          <name>Dublin Core</name>
          <description>The Dublin Core metadata element set is common to all Omeka records, including items, files, and collections. For more information see, http://dublincore.org/documents/dces/.</description>
          <elementContainer>
            <element elementId="50">
              <name>Title</name>
              <description>A name given to the resource</description>
              <elementTextContainer>
                <elementText elementTextId="6534">
                  <text>Dokumente</text>
                </elementText>
              </elementTextContainer>
            </element>
          </elementContainer>
        </elementSet>
      </elementSetContainer>
    </collection>
    <itemType itemTypeId="19">
      <name>Digitalisat</name>
      <description>Umwandlung eines physischen Dokumentes in ein digitales Medium.</description>
    </itemType>
    <elementSetContainer>
      <elementSet elementSetId="1">
        <name>Dublin Core</name>
        <description>The Dublin Core metadata element set is common to all Omeka records, including items, files, and collections. For more information see, http://dublincore.org/documents/dces/.</description>
        <elementContainer>
          <element elementId="40">
            <name>Date</name>
            <description>A point or period of time associated with an event in the lifecycle of the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="10802">
                <text>04.04.1990</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
          <element elementId="51">
            <name>Type</name>
            <description>The nature or genre of the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="10803">
                <text>Digitalisat</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
          <element elementId="39">
            <name>Creator</name>
            <description>An entity primarily responsible for making the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="10804">
                <text>Herausgeben U.S. Information &lt;br /&gt;Service Embassy of the United States of America</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
          <element elementId="50">
            <name>Title</name>
            <description>A name given to the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="10805">
                <text>Amerikadienst 04.04.1990</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
          <element elementId="41">
            <name>Description</name>
            <description>An account of the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="10806">
                <text>&lt;strong&gt;1. Deutschlandspolitik&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Deutsche Einheit innerhalb von 12 bis 18 Monaten möglich&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Vereinigtes Deutschland sollte NATO-Mitglied bleiben&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Demokratisierung&lt;/strong&gt; &lt;br /&gt;Baker: Demokratie ist ein Instrument der Diplomatie&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede beim World Affairs Council&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Offener Himmel&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Offener Himmel soll Tagesordnungspunkt bei Ministertreffen sein&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Erklärung von Botschafter Hawes&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;4. Wirtschaft&lt;/strong&gt; &lt;br /&gt;Protektionismus ist kostspielig und wirkungslos&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Auszüge aus dem Jahresbericht des Gemeinsamen Wirtschaftsausschusses&lt;/em&gt;</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
        </elementContainer>
      </elementSet>
    </elementSetContainer>
  </item>
  <item itemId="2139" public="1" featured="0">
    <fileContainer>
      <file fileId="2150">
        <src>https://www.amerikahaus-archiv.de/files/original/7e3c46ae69e71fe5946b93ee9fb64829.pdf</src>
        <authentication>4ea462fe6df70286149d408154b54ff2</authentication>
        <elementSetContainer>
          <elementSet elementSetId="4">
            <name>PDF Text</name>
            <description/>
            <elementContainer>
              <element elementId="52">
                <name>Text</name>
                <description/>
                <elementTextContainer>
                  <elementText elementTextId="10813">
                    <text>«^sv

cimcrikci
dienet

U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

CA»

t«*-

*5&gt;*

a
11. April 1990

14

BAKER-SCHEWARDNADSETREFFEN

BAKER: "ES BLEIBT NOCH VIEL ZU TUN"
Pressekonferenz des Außenministers

DROGEN

DROGENKONFERENZ FORDERT
ANTI-DROGENSTRATEGIE
Rede von Gesundheitsminister Sullivan

RÜSTUNGSKONTROLLE

DIE VERHANDLUNGEN ÜBER KERN- UND
WELTRAUMWAFFEN: AMERIKANISCHE
UND SOWJETISCHE VORSCHLÄGE
Eine Übersicht des ACDA

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Postfach 200300
D 5300 Bonn 2

Tel.:0228-3392366
Telex: 8-85432

�BAKER-SCHEWARDNADSE-TREFFEN
11. April 1990

BAKER: "ES BLEIBT NOCH VIEL ZU TUN"
Pressekonferenz des Außenministers
WASHINGTON - (AD) - Nach dem 3tägigen Treffen mit seinem sowjetischen Amtskollegen Schewardnadse
erklärte Außenminister Baker bei einer Pressekonferenz in Washington am 6. April 1990, vor dem für 30. Mai
1990 in Washington beginnenden Bush-Gorbatschow-Gipfel "bleibt im Bereich der Rüstungskontrolle noch viel
zu tun".
Dem Außenminister zufolge seien in einer Reihe von Rüstungskontrollfragen Fortschritte erzielt worden und die
Parteien "hoffen, bis zum Gipfeltreffen die wesentlichen Rüstungskontrollfragen geklärt zu haben".
Das nächste Ministertreffen vor dem Gipfel soll vom 16. bis 19. Mai 1990 in Moskau stattfinden.
Nachfolgend veröffentlichen wir die Pressekonferenz von Außenminister Baker im Wortlaut.

Wir haben gerade ein Arbeitstreffen auf Ministerebene
beendet, bei dem die gesamte Bandbreite unserer
Tagesordnungspunkte erörtert wurde. Wir haben hart
gearbeitet, aber Außenminister Schewardnadse und
ich stimmen darin überein, daß in den sieben kurzen
Wochen vordem Gipfeltreffen noch ziemlich viel zu tun
bleibt.
Unser erstes Thema - Litauen - haben wir an jedem
Tag des Ministertreffens sehr ernsthaft und freimütig
erörtert. Sowohl der Präsident als auch ich haben
eindeutig klargestellt, daß ein Prozeß zur friedlichen
Lösung dieser Frage entwickelt werden muß. Wir
haben die Hauptgefahren für die Sowjetunion und ihr
Verhältnis zu uns und anderen aufgedeckt, wenn
dieser Kurs nicht verfolgt wird.
Wir haben die Schritte zur Kenntnis genommen, die
Litauen zur Vermeidung einer Konfrontation unternommen hat - vor allem, das Prinzip eines Referendums zu akzeptieren und das Zugeständnis, daß der
Prozeß schrittweise erfolgen muß. Wir haben den
Vorschlag unterbreitet, daß auch die Sowjetunion
Maßnahmen zur Beruhigung der Lage ergreifen sollte.
In diesem Zusammenhang haben wir die Sowjets
ermutigt, das Konzept eines Referendums weiterzuverfolgen, das sie ihrerseits jetzt vorgeschlagen haben. Außenminister Schewardnadse hat sowohl öffentlich als auch unter vier Augen erklärt, daß Dialog
die einzige Antwort ist und tatsächlich ein friedlicher
Weg gefunden werden könnte, um das Problem auf
eine Art und Weise zu lösen, die den sowjetischen und
litauischen Belangen gerecht wird.
AMERIKA DIENST 14

Ich möchte nun kurz auf die anderen von uns erörterten Themen eingehen.
Im Bereich der Rüstungskontrolle haben wir bei einer
Reihe von Fragen im Hinblick auf START auch bei der
Verifizierung mobiler Raketen und Nichtumgehung
Fortschritte erzielt. Bei luft- und seegestützten Marschflugkörpern (ALCMS und SLCMs) konnten wir jedoch
die Gespräche nicht zum Abschluß bringen. Das ist
enttäuschend, und wir müssen weiterhin an dieser
Frage arbeiten.
Auch in anderen Bereichen unseres Rüstungskontrollprogramms haben wir Fortschritte erzielt - KSE, chemische Waffen und nukleare Erprobung, Verbreitung
von Atomwaffen und Raketen - dennoch bleibt in all
diesen Bereichen noch viel zu tun. Bei regionalen
Konflikten habe ich das Gefühl, daß sich unsere Standpunkte annähern.
Erfreulicherweise stimmen wir darin überein, daß Wahlen
ein entscheidender und angemessener Mechanismus
zur Entschärfung regionaler Konflikte und Einleitung
eines wirksamen diplomatischen Prozesses sind. Unsere
beiden Länder wurden Zeuge der erfolgreichen Wahlen in Namibia und Nicaragua und sind der Ansicht,
daß sie in Afghanistan, Angola, Kambodscha und nicht
zuletzt im Nahen Osten einen Beitrag leisten können.
Zweifelsohne bleibt noch viel zu tun, aber bei den
Verhandlungen über eine Reihe dieser regionalen
Konflikte finden wir zunehmend eine gemeinsame
Sprachregelung.

Seite 1

�Menschenrechte haben wir ausführlich erörtert, und
meines Erachtens kommen wir unserem Ziel in der
Frage der Dissidenten, Erleichterung der Ausreise
sowjetischer Juden und der Erarbeitung einer neuen
Tagesordnung in diesem Bereich näher- einer Tagesordnung, bei der dem Rechtsstaat oberste Priorität
eingeräumt wird.
Darüber hinaus haben wir transnationale und Wirtschaftstragen erörtert und geprüft, wie unsere Projekte der technischen Zusammenarbeit vorangebracht
werden können. Bei einer Bilanz der Fortschritte bei
Wirtschaftsabkommen haben wir uns darauf konzentriert, bis zum Gipfeltreffen ein Handelsabkommen
vorlegen zu können und diskutiert, welche Maßnahmen dies für die Auswanderungsgesetze erfordern
würde sowie Einigung über wirksamen Schutz geistigen Eigentums erzielt.
Im Hinblick auf Deutschland habe ich die Mitgliedschaft eines vereinigten Deutschlands in der NATO
hervorgehoben, die meines Erachtens ein Rezept für
langfristige Stabilität ist. Ich habe ferner festgestellt,
daß die Deutschen und viele Europäer bis hin zu
Mitgliedern des Warschauer Pakts darin tatsächlich
eine Formel für Stabiität sehen. Obwohl ich nicht
sagen kann, daß die Sowjets dieser Formulierung
zustimmen - was sie wohl in der Tat auch nicht tun gelangen sie doch zunehmend zu der Erkenntnis, daß
Neutralität nicht die Antwort ist. Wir werden unsere
Gespräche zu diesen und anderen Themen fortsetzen
und noch vor dem nächsten Ministertreffen an unserer
Tagesordnung weiterarbeiten, das, wie Sie wissen,
vom 16. bis 19. Mai in der Sowjetunion stattfinden wird.
Frage: Herr Außenminister, was ist das Problem bei
ALCMs und SLCMs?
Antwort: Es gibt eine Reihe von Problemen. Bei der
Abreise aus Moskau hatten wir diese Probleme noch
nicht gelöst. Einige Fragen müssen noch geklärt
werden, zu denen ich hier nicht ins Detail gehen
möchte. Einige sind technischer Art, andere liegen in
der Tatsache begründet, daß man sehr häufig bei
technischen und detaillierten Beschreibungen auf
Schwierigkeiten stößt, wenn man versucht, Vereinbarungen in Vertragsformulierungen umzusetzen. Darüber hinaus müssen noch Fragen der Reichweite bei
ALCMs und SLCMs geklärt werden. Bei den SLCMs
haben wir das Problem der Abgrenzung zwischen
atomar- und konventionell bestückten SLCMs. Zur
Klärung einer Reihe weiterer Fragen ist noch harte
Arbeit erforderlich.
Frage: Sie haben als Schlüssel zur Lösung des
litauischen Problems das Instrument eines Referendums genannt. Bedeutet das, daß die Vereinigten
Staaten sich die offensichtliche Position Moskaus zu
eigen machen, in Litauen müssen man nach dem
neuen Sezessionsgesetz vorgehen, das natürlich
ebenfalls von einem Referendum abhängt und ein
völlig anderer Ansatz wäre, als wenn sie ihre Unabhän-

Seite 2

gigkeit erklären, weil sie rechtlich niemals Teil der
UdSSR waren? Schließen wir uns dieser Argumentation an?
Antwort: Wir machen uns keine bestimmte Formel zu
eigen. Die Vereinigten Staaten erkennen die Eingliederung der baltischen Republiken nicht an und unterstützen den Wunsch des baltischen Volkes nach Selbstbestimmung.
Wir unterstützen das Konzept uneingeschränkt, daß
diese schwierige, komplexe und sehr sensible Frage
durch Dialog und mit friedlichen Mitteln gelöst werden
muß. Wir hatten das Gefühl, daß der Gedanke eines
Referendums einen Prozeß oder Mechanismus in die
Wege leiten könnte, dank dem die Parteien sich engagieren könnten und der den Ausdruck des Willens des
litauischen Volkes gestatten würde.
Meines Erachtens ist es offensichtlich, daß außerordentlich schwierige und komplexe Themen noch
bewältigt werden müssen, selbst wenn dem Recht auf
Selbstbestimmung Ausdruck verliehen wird. Es gibt
weitreichende Wirtschaftsbeziehungen. Es bestehen
Fragen bezüglich des tatsächlichen Territoriums und
der Grenzen sowie Litauen in den Grenzen von 1940
verglichen mit der heutigen Republik Litauen. All dies
muß mittels einer Art von Dialog gelöst werden.
Frage: Ich habe eine Anschlußfrage. Entschuldigen
Sie - dies alles klingt wirklich vernüftig, aber es klingt
auch sehr nach Moskau. Zweifelsohne nicht wie alles,
was wir aus Moskau vernehmen, aber auch dort wird
immer wieder gesagt, "Wir brauchen ein Referendum
und dann benötigen wir sehr viel Zeit, um die wirtschaftlichen und territorialen Fragen zu klären, und so
weiter". Das klingt sehr vernünftig, allerdings sehr viel
anders als was Landsbergis und sein Volk gesagt
haben: "Wir haben die Unabhängigkeit erklärt. Das
war illegal - aber wir sind unabhängig."
Antwort: Es ist dasselbe, was Landsbergis gesagt
hat. Er hat wohl gesagt, daß wir die Idee eines
Referendums unterstützen und dies als einen schrittweisen Prozeß anerkennen. Der von Ihnen angedeutete Unterschied besteht meiner Ansicht nach nicht.
Ich glaube nicht, daß ich mit Ihnen übereinstimme.
Frage: Vielleicht sollte man ihn nicht wörtlich nehmen,
aber Außenminister Schewardnadse hat erklärt, für
ihn führe das Gipfeltreffen zu Rüstungskontrollabkommen. Dies ist im Futur formuliert. Vielleicht liege ich
falsch, aber ich dachte, Sie und er würden sich praktisch jeden Monat treffen und jedes Mal zwei oder drei
dieser Probleme anpacken und hoffentlich bewältigen.
Beim letzten Treffen haben sie offensichtlich zweieinhalb oder drei Fragen gelöst. Hinkt der STARTProzeß hinterher?
Antwort: Wir müssen eine Tatsache im Gedächtnis
behalten - Termin für den Gipfel ist der 30. Mai, nicht
etwa die letzte oder vorletzte Woche im Juni. Natürlich
haben wir zeitweise das Für und Wider dieser Termine

AMERIKA DIENST 14

�erwogen. Es stellte sich heraus, da ß diese Termine für
keine Seite vorteilhaft waren. Das ist der einzige
Grund für den anderen Termin.

KSZE und zu dem in Europa Verbreitung findenden
Gedanken, daß die KSZE im Lauf der Zeit die Bündnisse außer bei militärischen Fragen ersetzen wird?

In nur sieben Wochen bleibt noch eine Menge zu tun.
Es wurde bereits viel erreicht. Wie ich schon andeutete, bleiben noch einige sehr schwierige Fragen zu
lösen. In Malta haben die beiden Präsidenten erklärt,
sie hofften, eine Einigung bei den wichtigsten Fragen
zu erzielen und nicht, einen Vertrag wirklich unterzeichnungsreif zu haben. Wenn ich mich recht erinnere, haben wir stets erklärt, daß dies unseres Erachtens
wahrscheinlich unrealistisch wäre.

Antwort: Wie Sie vielleicht wissen, habe ich den
Ausbau des KSZE-Prozesses gefordert und erklärt,
daß einige Körbe - etwa der Wirtschafts-Korb - in der
Vergangenheit nicht vollständig genutzt wurden. In
allen drei Körben liegen nun aktive Vorschläge, insbesondere im Wirtschafts-Korb und im MenschenrechtsKorb.

Wir hoffen immer noch, daß die wichtigsten Fragen bis
zum Gipfel gelöst werden können. Wie ich jedoch
schon gestern (5. April) erklärte, wird dazu von beiden
Seiten noch viel zu tun sein. Ich kann Ihnen gegenüber
heute keine Garantie dafür geben.
Frage: Könnten Sie uns bitte erklären, was Sie, Ihre
Berater oder der Präsident bei diesem Treffen oder in
den vergangenen Wochen den Sowjets über die mit
Mehrfachgefechtsköpfen ausgerüsteten Raketen gesagt
und wie diese darauf reagiert haben?
Antwort: Nein. Es tut mir leid, aber das werde ich
nicht tun. Es gibt ein paar Dinge, über die wir keinen
Kommentar abgeben werden, insbesondere, wenn die
Möglichkeit besteht, daß sie immer noch in unseren
Verhandlungen eine Rolle spielen.
Frage: Möchten Sie damit andeuten, daß dieses
Thema weiterhin Verhandlungsgegenstand zwischen
beiden Seiten ist?
Antwort: Ich möchte damit nur andeuten, daß wir
viele Vorschläge und Gegenvorschläge austauschen.
Es findet eine umfassende Diskussion statt, und über
einige Dinge werde ich nichts sagen, und das ist einer
dieser Punkte.
Frage: Wenn man davon ausgeht, daß die Sowjets
kein vereinigtes Deutschland als Mitglied der NATO
wünschen und Ihre Aussage berücksichtigt, daß sie
von ihrem Beharren auf einer deutschen Neutralität
abrücken, wäre für Sie dann eine vom Außenminister
ins Spiel gebrachte Mitgliedschaft Deutschlands in
beiden Bündnissen eine mögliche Lösung?
Antwort: Ich habe diesen Vorschlag gehört. Ich muß
zugeben - ich habe ihn im Verlauf dieser Pressekonferenz gehört. Ich muß zugeben, daß ich ihn hier zum
ersten Mal gehört habe. Ich möchte Ihnen sagen, daß
eine Reihe von Mitgliedern des Warschauer Pakts
wünscht, daß ein vereinigtes Deutschland Mitglied der
NATO sein soll.
Frage: Au ßenminister Schewardnadse hat von neuen
Sicherheitsvereinbarungen in Europa gesprochen, und
Minister Genscher war diese Woche hier und sprach
ebenfalls über die Ausweitung der KSZE auf eine
Reihe neuer Bereiche. Was ist Ihre allgemeine Haltung zur Errichtung von Strukturen im Rahmen der

AMERIKA DIENST 14

Im Hinblick auf den Sicherheits-Korb der KSZE sollten
wir etwas langsamer vorgehen. Es gibt Bereiche, in
denen er eine Ergänzung zur NATO sein kann, aber wir
möchten auf keinen Fall andeuten, daß die KSZE
Funktionen der NATO übernehmen kann. Dies ist die
Haltung der Vereinigten Staaten.
Es wird sicherlich einen Ausbau der KSZE geben. Ich
wäre nicht überrascht, wenn es letztlich zur Institutionalisierung dessen käme, was heute nur ein Prozeß
ist, mit regelmäßigen Treffen und ähnlichen Elementen. Aber im Hinblick auf den Sicherheits-Korb sollten
wir vorsichtig sein und sicherstellen, daß unsere
Maßnahmen in diesem Bereich die NATO ergänzen
und ihre Bedeutung nicht verringern oder sie ersetzen.
Frage: Die Sowjets haben doch versucht, zu sagen,
sie könnten verstehen, warum wir ein Deutschland in
der NATO - der wir ja auch angehören - als beruhigend
oder stabilisierend ansehen, aber daß es ihnen widerstrebte, diesen Bereich einer Institution zu überlassen,
der sie nicht angehören. Können Sie sich eine Sicherheitsstruktur vorstellen, an der die Sowjets beteiligt
sind, die ihnen ein Gefühl der Sicherheit in bezug auf
Deutschland verschafft?
Antwort: Nun, die KSZE hat eine Sicherheitskomponente, und meines Erachtens ist die KSZE ein Forum,
in dem die 35 Mitgliedstaaten aus West-, Mittel- und
Osteuropa alle Sicherheitsfragen ansprechen können.
Dies ist keine Situation des Entweder-Oder, was ich in
meiner ersten Antwort zu Ihrer früheren Frage bereits
zu sagen versucht habe.
Es gibt eine Sicherheitsrolle, aber sie sollte die Aufgaben des Bündnisses nicht ersetzen, sondern ergänzen.
Frage: Betrachtet man die beiden letzten Ministertreffen, so erscheint es mir - auch wenn keine direkte
Verbindung zwischen den Fragen besteht -, als habe
Litauen andere Fragen überschattet, die bei diesem
Ministertreffen zur Sprache kamen und Fortschritte bei
anderen Fragen behindert. Würden Sie dem zustimmen?
Antwort: Nein, das würde ich nicht. Ich habe bereits
angedeutet, daß Litauen sehr wichtig ist, und wir
haben ziemlich ausführlich darüber gesprochen, weil
dieses Thema, wie ich bereits sagte, für die Beziehungen zwischen den Vereinigten Staaten und der Sowjetunion insgesamt von Bedeutung ist.

Seite 3

�Ich würde jedoch nicht sagen, daß es andere Aspekte
unserer Arbeit "überschattet" hat. Wir haben zwar in
einigen Bereichen von START nicht die erhofften
Fortschritte erzielt, aber wir waren in anderen Bereichen von START erfolgreich. Wir haben gute Fortschritte bei den Atomversuchen gemacht. Wir waren
bei den chemischen Waffen und der Nichtverbreitung
erfolgreich, und diese Fortschritte werden sich beim
Gipfel in konkreten Ergebnissen niederschlagen.
Frage: Seit Ihrem Amtsantritt hat die Sowjetunion eine
Art linear fortschreitender Entwicklung durchgemacht
- Gorbatschow zog sich aus Osteuropa zurück, Wirtschaftsreformen und so weiter. Was halten Sie von
seiner Haltung gegenüber Litauen - sind bei Ihnen
dadurch Zweifel an den Zielen dieses Mannes aufgekommen? Sind Sie sich heute noch ebenso sicher wie
vor ein oder zwei Monaten, daß sich dieser Mann
einem bestimmten Weg verpflichtet fühlt und daran
festhält?
Antwort: Nun, das wurde uns jedenfalls erklärt. Sie
haben selbst in den vergangenen drei Tagen diese
Erklärungen aus dem Munde des Ministers vernommen, und in meinen Erklärungen habe ich bereits
darauf verwiesen, daß er sich auch in unseren vertraulichen Gesprächen entsprechend geäußert hat. Dasselbe hören wir von Präsident Gorbatschow.
Wir beobachten weiterhin nicht nur in Osteuropa,
sondern auch in der Sowjetunion einen dramatischen
Reformprozeß, und wir sehen ein Engagement zumindest verbal -, diese sehr schwierige und komplexe Frage auf friedlichem Weg zu lösen.
Frage: In seiner Rede vor der Amerikanischen Gesellschaft der Zeitungs-Chefredakteure erklärte Präsident
Bush: 'Im Hinblick auf Litauen steht für uns in den
amerikanisch-sowjetischen Beziehungen eine Menge
auf dem Spiel'. Sein Sprecher Fitzwater erklärte
heute: 'Unsere Beziehungen zur Sowjetunion werden
in Litauen gefährdet.'
Welche Absichten verfolgen Sie und die Administration, wenn Sie dies erklären? Werden Sie die Zusammenarbeit mit der Sowjetunion bei Rüstungskontrolle
oder regionalen Fragen einstellen, wenn die Dinge sich
in Litauen negativ entwickeln? Werden Sie es ablehnen, im Hinblick auf wirtschaftliche Zusammenarbeit
Maßnahmen zu treffen, die Sie andernfalls treffen
würden?
Was möchten Sie der Sowjetunion und auch dem
amerikanischen Volk sagen, wenn Sie solche Sätze
benutzen?
Antwort: Wir sagen den Sowjets und dem amerikanischen Volk genau, was diese Sätze bedeuten, nämlich, wenn sich die Dinge weiter in die falsche Richtung
entwickeln, würde das unsere Beziehungen gefährden.
Ihre Frage ist allerdings sehr hypothetisch, und es
wäre für mich nicht ratsam, sie zu beantworten und zu

Seite 4

erklären, 'wenn sie das täten, würden wir dies tun' oder
so ähnlich. Ich werde nicht darauf antworten. Es ist zu
spekulativ und zu hypothetisch.
Der Punkt ist aber - und ich hoffe dieses Signal
unmittelbar und unmißverständlich weitergegeben zu
haben -, daß dies für die Vereinigten Staaten eine
Angelegenheit von äußerster Bedeutung ist. Sie betrifft unsere fundamentalen Werte und eine Haltung,
die wir seit über 40 Jahren vertreten. Sie ist sehr, sehr
wichtig. Ich kann aber nicht noch mehr ins Detail
gehen.
Frage: Sind Sie besorgt über die Äußerung von
Schewardnadse vor dem Eingang zum Weißen Haus,
es könnte einen Konflikt in Litauen geben und gewisse
administrative Maßnahmen ergriffen werden, um die
Ordnung wiederherzustellen?
Antwort: Soweit ich sagen kann, ist das ebenfalls eine
hypothetische Frage. Natürlich wären wir besorgt,
wenn ich der Meinung wäre, daß der Konflikt eskalieren würde. Ich glaube nicht, daß irgendjemand dies
wünscht. Wir haben uns darüber seit längerem geäußert, und wir würden es begrüßen, wenn diese Angelegenheit friedlich und nicht durch einen Konflikt gelöst
würde.
Frage: Sie haben angedeutet, daß es auch Fortschritte bei den konventionellen Streitkräften gegeben hat.
Können Sie uns sagen, welche Fortschritte bei diesem
Ministertreffen in bezug auf die Reduzierung von Truppen und Ausrüstung in Europa erzielt wurden?
Können Sie uns noch sagen, ob sie erwartungsgemäß
beim Gipfel einen Briefwechsel oder andere offizielle
Vereinbarungen abzeichnen werden, die das beiderseitige Engagement für eine Reduzierung auf 195 000
Soldaten in Mitteleuropa kodifizieren?
Antwort: Zielt Ihre Frage darauf ab, ob dazu beim
Gipfel ein Abkommen unterzeichnet wird?
Frage: Richtig.
Antwort: Ich denke nicht, daß wir dies notwendigerweise als spezielle Zielsetzung des Gipfels betrachten
sollten, aber es wird sicher in die in Wien zu schließenden Abkommen einfließen. Ich möchte mich zu den
Besonderheiten von KSE nicht im Detail äußern, bis
wir Gelegenheit zu weiteren Konsultationen hatten.
Frage: Aber es gibt nichts, das sie festschreiben
möchten?
Antwort: Wenn ich KSE einbeziehe, möchte ich damit
sagen, daß wir bisher Schwerpunkte beim Nichtverbreitungsvertrag (NPT) und dem Schwellenvertrag
(NTT) sowie den beiden Bereichen, in denen bei
START Fortschritte erzielt wurden, gesetzt haben.
Meiner Ansicht nach waren bei START Fortschritte zu
verzeichnen. Ich möchte offen zugeben, daß wir im
Hinblick auf Flugzeuge keine Fortsehnte erzielt haben.
Hier bestehen immer noch Probleme. Den uns zu den
Flugzeugen unterbreiteten Vorschlag finden wir nicht

AMERIKA DIENST 14

�attraktiv - lassen Sie es mich so umschreiben - und
davon haben wir den Außenminister auch in Kenntnis
gesetzt.
Frage: Welche Garantien erwarten Sie von den
Israelis (unverständlich) die Sowjetunion im Hinblick
auf die Einigung und die Emigration der Juden in das
besetzte Territorium?
Antwort: Nun, zunächst haben wir Israel nicht um
Garantien zur sowjetischen Emigration gebeten, weil
wir die Auswanderung aus der Sowjetunion bedingungslos unterstützen. Deshalb haben wir keine
Garantien gefordert. Wir haben hingegen den Vorschlag gemacht - als die Sowjets erklärten, in bezug
auf die sowjetische Emigration angesichts der Möglichkeit nicht nachgeben zu können, daß Emigranten in
die besetzten Territorien gehen - und die Sowjets
befragt, ob sie erwogen hätten, sich im Hinblick auf die
Möglichkeit von Garantien an Israel zu wenden. Sie
mußten das verneinen, betrachteten es aber als Idee,
die eine Überlegung wert sei.
Wir fordern keine Garantien. Wir unterstützen die
sowjetische Emigration bedingungslos.
Frage: Außenminister Schewardnadse hat die Befriedigung der Sowjetunion über die Bestrebungen Ihrer
Regierung zum Frieden im Nahen Osten übermittelt
und fordert eine aktivere Rolle des Sicherheitsrats und
der fünf ständigen Mitglieder des Sicherheitsrats, damit
im Nahen Osten eine internationale Friedenskonferenz stattfinden kann. Wie denken Sie über diese
sowjetischen Ideen?
Antwort: Ich habe meinem Amtskollegen dasselbe
wie immer gesagt, wenn er diesen Vorschlag geäußert
hat - daß meiner Ansicht nach die Zeit dafür nicht reif
ist und ich diese Übung für wenig produktiv halte. Wir
befinden uns im Hinblick auf die Möglichkeit eines
Dialogs zwischen Israelis und Palästinensern in einer
etwas kritischen Phase, und gegenwärtig sollten wir
unsere Aufmerksamkeit und alle Anstrengungen darauf verwenden, diesen Dialog einzuleiten.

*

AMERIKA DIENST 14

Frage: Außenminister Schewardnadse hat die nächsten sieben Wochen als eine Zeit bezeichnet, in der wir
schwierige Entscheidungen treffen und Kompromisse
eingehen müssen. Wie sehen die schwierigen Entscheidungen aus, mit denen sich die Vereinigten Staaten in den kommenden sieben Wochen konfrontiert
sehen? Und ist insbesondere bei Marschflugkörpern
ein Kompromiß in Sicht, und wie könnte er aussehen?
Antwort: Dazu möchte ich jetzt nicht Stellung nehmen. Ob ich generell der Auffassung bin, wir könnten
das Problem lösen? Das hoffe ich doch. Das war und
ist unser Ziel. Daran werden wir weiterhin arbeiten.
Auch Außenminister Schewardnadse hat Ihnen gegenüber erklärt, er sei da zuversichtlich. Wir haben die
Absicht, hart daran zu arbeiten. Was einen möglichen
Kompromiß angeht, so möchte ich dazu auf die Verhandlungen verweisen und nicht hier darüber spekulieren.
Frage: Haben Gespräche darüber stattgefunden,
was die Sowjetunion und die Vereinigten Staaten im
Hinblick auf die Vereinigung der beiden deutschen
Staaten tun können, damit ein Viertes Reich verhindert
werden und kein Hitler mehr aufstehen kann, um die
Macht an sich zu reißen und Deutschland wieder in
altem Glanz und Gloria erstrahlen zu lassen. Schließlich wiederholt sich die Geschichte in gewissem Sinne.
Und haben Sie mit den Deutschen über die Währungsunion gesprochen, damit die Finanzmärkte vor dem
Zusammenbruch bewahrt werden können?
Antwort: Zu Ihrer ersten Frage möchte ich sagen, daß
meiner Ansicht nach jeder Teilnehmer an den Zweiplus-Vier-Gesprächen, auch die Bundesrepublik und
die DDR .eine Art der Wiedervereinigung wünschen,
die ein Ergebnis, wie Sie es gerade darstellten, ausschließt. Darüber sind sich alle Beteiligten einig.
Was die Währungsunion betrifft, so habe ich darüber
mit den Deutschen, aber nicht mit den Sowjets geprochen.

*

Seite 5

�DROGEN
11. April 1990

DROGENKONFERENZ FORDERT
ANTI-DROGENSTRATEGIE
Rede von Gesundheitsminister Sullivan
LONDON - (AD) - Dem amerikanischen Gesundheitsminister, Louis Sullivan, zufolge kann die zur Zeit in London
veranstaltete Konferenz von Ministern aus aller Welt über den Abbau der Nachfrage nach Drogen "Maßnahmen
zur Kontrolle, Begrenzung und Vernichtung von Drogen fördern".
Sullivan erklärte in der Plenarsitzung am 9. April 1990, "wir müssen ein Klima der Verantwortung schaffen, um

dem Drogenmißbrauch Einhalt zu gebieten". Die von
ihm erläuterte amerikanische Anti-Drogenstrategie hat
zwei Komponenten - Abbau der Nachfrage und Reduzierung des Angebots.
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede von Gesundheitsminister Sullivan im Wortlaut.

Die internationale Staatengemeinschaft befindet sich
inmitten eines von ihr selbst entfachten Wirbelsturms.
Unsere bisher an den Tag gelegte Toleranz gegenüber
Drogen hat unvorstellbare Kräfte der Gewalt und des
Hasses freigesetzt. Die Zerstörung ist für uns alle
offenkundig - wir haben sie gesehen, gefühlt und
verdammt. Auf dieser Konferenz können wir Maßnahmen zur Kontrolle, Begrenzung und Vernichtung von
Drogen fördern. Wir müssen ein Klima der Verantwortung schaffen, um dem Drogenmißbrauch Einhalt zu
gebieten.
Die Vereinigten Staaten müssen dabei eine wichtige
Rolle spielen. Als Abnehmer illegaler Drogen bemüht
sich unser Land energisch um den Abbau des Drogenkonsums und damit um die Zerschlagung des Drogenmarkts. Der Drogenkonsum schädigt die Bewohner
unseres Landes und der ganzen Welt. Aber wir hoffen,
mit dem Engagement und der Kooperation von Familie
und Nachbarn in unserem Land sowie durch Partnerschaft mit den Regierungen unserer Nachbarn und
Freunde in der ganzen Welt die Nachfrage nach Drogen erheblich abbauen zu können. Aus diesem Grund
unterstützt meine Regierung dieses Treffen uneingeschränkt.

AMERIKA DIENST 14

Wir wissen, daß Drogenkonsum hohe Kosten verursacht und inakzeptabel ist. Sucht, Siechtum und Tod
können von keiner verantwortungsbewußten Regierung hingenommen werden. Wir können nicht zusehen, wie ganze Bevölkerungsschichten verführt und
Opfer des Drogenkonsums und dessen Folgen werden. Wir schulden es uns selbst und jedem Mitglied
der internationalen Staatengemeinschaft, eine endgültige Lösung für dieses Problem zu finden.
Bevor ich die Reaktion der Vereinigten Staaten erläutere, möchte ich über eine Lektion sprechen, die wir
gelernt haben: Drogenkonsum ist kein Verbrechen
ohne Opfer. Er ist ein Teufelskreis. Drogenmißbrauch
verschlingt den Konsumenten. Aber seine Folgen
berühren auch die Familie, Freunde, Nachbarn, die
Gemeinde und das ganze Land. Präsident Barco hat
unseren Bürgern vor Augen geführt, wie die Nachfrage
nach Drogen in unserem Land Drogenproduktion und
Rauschgifthandel in seinem Land und in anderen
Ländern der Welt antreibt. Aber illegale Drogenproduktion und Rauschgifthandel produzieren auch weitere Nachfrage. Das ist die Wirklichkeit dieses Teufelskreises.
Die organisierten Strukturen des Drogenkartells haben diesem gut gedient. Zu seiner Vernichtung werden ebenso gut organisierte Strukturen benötigt. Indem
wir zusammenarbeiten - als Familie, Freunde, Kollegen, Nachbarn und Mitbürger -, können wir der Drogengefahr Herr werden. Indem wiralsStaatengemeinschaft zusammenarbeiten, können wir die Verstecke
ausfindig machen, in denen Drogenhändler, Finan-

Seite 1

�ziers und Drogenbarone Zuflucht suchen. Mit solcher
Kooperation - entschlossen, zuverlässig, solide und
dauerhaft - können wir diesen Kampf gewinnen, selbst
gegen einen so finanzkräftigen, gut organisierten und
äußerst heimtückischen Feind.
Unsere nationale Strategie zur Drogen bekämpf ung in
den Vereinigten Staaten hat zwei Komponenten Abbau der Nachfrage und Reduzierung des Angebots.
Nur indem wir das Drogenproblem von beiden Seiten
angehen, können wir den Drogenkonsum verringern.
Ein Hauptziel unserer Strategie besteht darin, die
Besorgnis und das Engagement der Bürger bei den
Bemühungen um beide Komponenten zu erhöhen, die
dem selben Zweck dienen - der Beseitigung illegaler
Drogen. Im Hinblick auf die Reduzierung der Nachfrage nach Drogen zeigen die Meinungsumfragen, daß
die Mehrheit unserer Bürger den Drogenkonsum als
wichtigstes innenpolitisches Anliegen betrachten. Sie
wissen, daß sie vor Konsumenten und Händlern nicht
sicher sind, bis die Vereinigten Staaten der Nachfrage
nach Drogen ein Ende gesetzt haben. Die Bemühungen zur Eindämmung der Nachfrage müssen an zwei
Fronten geführt werden: Wir müssen ein Klima der
Verantwortung schaffen, und wir müssen geeignete
Forschungs-, Präventiv- und Behandlungsmaßnahmen
verstärken, um die öffentliche Ablehnung gegenüber
Drogen aufrechtzuerhalten.
Beim Kampf gegen Drogen muß die Bedeutung des
menschlichen Charakters und eine Kultur, die Werten,
Selbstdisziplin und persönlicher Verantwortung positiv
gegenübersteht, hervorgehoben werden. In den Vereinigten Staaten habe ich versucht, diese Werte als
Teil unserer Bemühungen zu mobilisieren, Gesundheitsvorsorge und Präventivmaßnahmen zu einem
nationalen Kreuzzug zu machen - der obersten Priorität. Einige Länder machen sich diesen langfristigen
Ansatz ebenfalls zu eigen. Ein drogenfreier, gesunder
Lebensstil gewährleistet ein Höchstmaß an Freiheit,
Unabhängigkeit und Menschenwürde.
Unsere Bürger haben begonnen, ihre Wohnviertel und
Gemeinden durch die Schaffung eines drogenfreien
Umfelds für sich und ihre Kinder neu aufzubauen.
Diese Anstrengungen tragen in Verbindung mit verbesserten Präventiv-, Behandlungs- und Forschungsprogrammen zu unserer langfristigen, endgültigen
Lösung bei - der Eindämmung der Nachfrage nach
Drogen.
Strategien zum Abbau der Nachfrage werden ohne
eine gute Strategie auf der Angebotsseite ihre Ziele
niemals erreichen. In den Vereinigten Staaten haben
wir unsere Bemühungen zur Unterbindung des Drogennachschubs intensiviert. Wir haben unsere Maßnahmen an den Landesgrenzen verstärkt. Wir haben
unsere nachrichtendienstlichen Erkenntnisse eingesetzt, um Drogenhändler aufzuspüren, ihren Plänen

Seite 2

zuvorzukommen und ihre Fähigkeit zu Operationen in
unserem Land zu zerschlagen. Wir haben unsere
Strafverfolgungsmaßnahmen innerhalb unserer Grenzen verstärkt.
Wir arbeiten mit anderen Ländern zusammen, um ihre
Fähigkeiten zur Zerschlagung der Drogenkartelle zu
verbessern, die Lieferung chemischer Grundstoffe zu
stoppen, Geldwäsche zu verhindern und den Anbau
von Drogenpflanzen zu entmutigen. Wir haben die
Botschaft übermittelt, daß Drogenkonsum nicht länger
toleriert und die Konsumenten illegaler Drogen zur
Rechenschaft gezogen werden. Wir bauen mehr
Gefängnisse und versuchen, für Drogenkonsum und handel Abschreckungsmittel zu schaffen, indem wir
garantieren, daß alle Beteiligten sich der Bestrafung
nicht entziehen können.
Kurz gesagt, haben wir Drogenbekämpfung zur obersten nationalen Priorität erhoben.
Unsere Anstrengungen finden auf vielen Ebenen statt.
Wir versuchen, den Drogenfluß ins Land mit allen
Mitteln zu unterbinden. Mit unserem Strafvollzug und
unseren Bemühungen zur Unterbindung des Nachschubs werden unsere soziale und legale Mißbilligung
stärker betont und stimuliert. Wir müssen uns in nie
dagewesenem Maße darauf konzentrieren, daß wir
denjenigen, die ein Drogenproblem haben, Behandlungsmöglichkeiten bieten und das Bewu ßtsein für die
Gefahren des Drogenkonsums schärfen, um denjenigen zu helfen, die keine Drogenkonsumenten sind,
damit sie den Verlockungen des Rauschgifts nicht
erliegen. Und unsere gesellschaftliche Intoleranz schafft
ein Klima, das Angebot und Nachfrage weniger förderlich ist. So müssen wir den Teufelskreis des Drogenproblems angreifen - an allen Fronten gleichzeitig.
Ich möchte Ihnen unsere Arbeit im einzelnen darlegen.
Zunächst müssen wir auf der Nachfrageseite an der
Entwicklung erfolgreicher Präventiv-, Behandlungsund Forschungsmaßnahmen arbeiten, um den Markt
für Drogen zu zerschlagen.
Vorbeugung erfordert eine verständliche, genaue und
glaubwürdige Botschaft zur Bekämpfung von Drogen,
die alle gesellschaftlichen Gruppen erreichen muß.
Jeder einzelne muß diese Botschaft verstehen und
beachten.
Die Medien haben viele Jahre lang Drogen verherrlicht. Das hat die Toleranzschwelle erhöht und zu einer
Akzeptanz des Mißbrauchs von Suchtstoffen geführt.
Als die Regierung sich der Drogenbekämpfung verschrieb, standen sich Regierung und Medien als erbitterte Gegner gegenüber. Aber diese Spannungen und
Gegensätze sind jetzt abgebaut, und die Medien haben
sich der Regierung angeschlossen. In diesem Zeitalter der Medienpräsenz müssen wir die Medien auf
unserer Seite haben und sie voll und ganz nutzen.

AMERIKA DIENST 14

�Auch einf lu ßreiche Vertreter aus den Bereichen Unterhaltung, Film und Musik arbeiten daran, Drogenkonsum als das darzustellen, was es ist - zerstörerisch,
verabscheuungswürdig und ein Zeichen der Schwäche. Werbestrategen und Werbeagenturen haben
ihre Talente zur Verfügung gestellt und Milliarden
Dollar in Sendungen und Werbung zur Drogenbekämpfung gesteckt. Rundfunk und Fernsehen haben
auf lokaler und nationaler Ebene Drogenbekämpfungsprogramme entwickelt, um auch Arme und Minderheiten auf die Drogengefahr aufmerksam zu machen und
durch Information über Behandlungsmöglichkeiten und
andere Hilfsquellen Hoffnung zu machen. Und die
Eltern als größte Befürworter dieses Programms werden zur Zusammenarbeit mit der Regierung mobilisiert. Nicht zuletzt waren sie es, die die Regierung
aufforderten, mehr zu tun.

tungen in den Vereinigten Staaten wenden vielfältige
Methoden an und haben höchst unterschiedliche Erfolgsquoten. Es gibt keine eindeutige Antwort darauf,
welche Therapie oder Kombination unterschiedlicher
Behandlungsmethoden auf lange Sicht Erfolg hat. Wir
stützen uns auf Forschung und Erfahrung, um diese
Antworten zu finden.
Drogenabhängigkeit ist eine chronische Krankheit mit
extrem hoher Rückfallquote. Patienten werden weder
über Nacht noch in wenigen Monaten völlig geheilt. Es
ist ein langwieriger therapeutischer Prozeß, der medizinische und psychosoziale Eingriffe erforderlich macht.
Wir wissen jedoch, daß die Therapie generell den
Drogenkonsum proportional zur Therapiedauer verringert. Je länger jemand Therapie erhält, um so mehr
wird er sich des Drogenkonsums enthalten und wieder
zu sich selbst zu finden.

Das Ziel unseres Präventivprogramms besteht darin,
die Zahl der Konsumenten zu verringern und - wenn
unsere nationalen Untersuchungen stimmen - haben
wir das bei allen Konsumentengruppen, auch den
Gelegenheitskonsumenten, erreicht. Unser Engagement für die Vorbeugung ist stark, allein in meinem
Ministerium hat die Zahl der Präventivprogramme
drastisch zugenommen, und von 1989 bis 1990 sind 95
Prozent mehr Mittel aufgewendet worden.

Dennoch müssen wir noch viel darüber lernen, wie
man den Drogenkonsumenten von Drogen fernhalten
kann, insbesondere im Bereich des Arzneimittelmißbrauchs. Für die amerikanischen Bestrebungen ist
Forschung unabdingbar, und wir sehen der Fortsetzung unserer gegenwärtigen Zusammenarbeit mit
zahlreichen Ländern und der Aufnahme neuer Projekte mit anderen hoffnungsvoll entgegen.

Für Drogenabhängige ist eine Therapie lebenswichtig.
Sie muß verfügbar, leicht zugänglich und erfolgreich
sein.

Ich möchte unser starkes Engagement in diesem
Bereich nochmals betonten. Der Etat des Nationalen
Suchtstoff-Kontrollamts (National Institute on Drug

Ein Problem besteht im Mangel an verfügbaren Therapieplätzen. Öffentliche und private Mittel waren bisher
zur Erfüllung des Bedarfs nicht ausreichend. Kürzlich
haben Präsident Bush und der Kongreß die Mittel
aufgestockt, was eine Verdoppelung der staatlichen
Therapieplätze von 1987 bis 1990 zur Folge haben
wird.
Aber nur Geld bereitzustellen, ist nicht genug. Wir
müssen unsere Anstrengungen für einen wirksameren
Einsatz derTherapiegelder verdoppeln. Der Therapiebedarf muß an die Einrichtungen und Programme
angepaßt werden, die dem Drogenabhängigen am
besten helfen können. Wir streben bessere Zusammenarbeit zwischen Therapieeinrichtungen und den
Sozial-, Gesundheits- und Arbeitsämtern an, damit
die Abhängigen die erforderlichen Leistungen erhalten, um ihrem Leben wieder einen Sinn zu geben.
Diese Betonung auf Therapie spiegelt die klare Erkenntnis wider, daß der harte Kern der Drogenabhängigen und diejenigen, die nicht alleine von der Sucht
loskommen, so bald wie möglich Hilfe erhalten müssen.
Wir können jedoch nicht erwarten, daß eine Aufstokkung der Mittel per se zu einem raschen Abbau der
Nachfrage führen wird. Therapie ist ein langwieriger,
komplexer Prozeß. Die über 5 000 Therapieeinrich-

AMERIKA DIENST 14

Abuse - NIDA) wurde 1989 von 192 Millionen auf 255

Millionen Dollar im Jahr 1990 aufgestockt, was einer
Steigerung von 33 Prozent entspricht. Die Haushaltsvorlage der Bush-Adminstration für 1991 fordert die
Bereitstellung von zusätzlichen 45 Millionen Dollar für
Forschung über Drogenmißbrauch - eine Aufstockung
von 57 Prozent von 1989 bis 1991.
Eine Strategie zur Bekämpfung des illegalen Drogenkonsums kann nur unter Einbeziehung der entscheidenden Rolle der StrafJustiz Erfolg haben. Der Rechtsstaat besteht nicht nur aus Gesetzen - er ist ein Spiegel
der Wünsche und Bedürfnisse des Volkes und das
moralische Gewissen einer Gesellschaft. Er läßt uns
wissen, was unsere Mitbürger von sich und anderen
erwarten.
Unsere Bürger wissen, daß Drogenkonsum eine
Bedrohung für unser Land und die Welt insgesamt
darstellt. Das ist keine graue Theorie - es ist für
Millionen Amerikaner Realität. Ihre Familien wurden
getrennt. Ihre Nachbarschaft wurde zur Kriegszone.
Ihre Kinder wurden in der Schule belästigt und bedroht.
Die öffentliche Sicherheit steht auf dem Spiel, wenn
Drogen am Arbeitsplatz Einzug halten oder sich ein
Drogenabhängiger ans Steuer setzt. Solche Bedrohungen erfordern eine entschiedene und konsequente
Antwort der Polizei, die vornehmlich auf Gemeindeebene arbeitet.

Seite 3

�Präsident Bush und der Kongreß arbeiten mit den
Bundesstaaten und Gemeinden an geeigneten Maßnahmen. Wir haben unsere Bestrebungen zur Unterbindung des Nachschubs verbessert und die Patrouillen an den Grenzen und in den Hoheitsgewässern
verstärkt. Während der Drogenkonsument oder
-händler bisher nur gelegentlich zur Rechenschaft
gezogen wurde, wird der Arm des Gesetzes dank
unserer Bestrebungen heute unweigerlich nach ihm
greifen. Unser Drogenbekämpfungsgesetz fordert die
obligatorische Verurteilung, und unsere Richter sind
zu gerechter Bestrafung bereit. Wir werden alle verfügbaren rechtlichen Mittel ausschöpfen, einschließlich der neuen UN-Konvention.
Wir haben mehr Polizei beamte zur Konfiszierung von
Vermögen, Abbau des Profits für Drogenhändler und
Zerschlagung der Drogenkartelle. Dank der jüngsten
vom Präsidenten eingebrachten und vom Kongreß
verabschiedeten Gesetze werden die Mittel zum Bau
weiterer Gefängnisse aufgestockt, womit sichergestellt wird, daß diejenigen, die wegen Gesetzesverstößen verfolgt und verurteilt wurden, tatsächlich ihre
volle Strafe verbüßen.
Darüber hinaus haben wir Drogentests bei Verhafteten, Gefangenen, auf Hafturlaub befindlichen und auf
Kaution freigelassenen Personen im gesamten Strafvollzug vorgeschlagen. Staatliche Mittel wurden ferner für die Planung, Entwicklung und Durchführung
alternativer Strafvollzugsprogramme für nicht gewalttätige Drogenkriminelle, einschließlich Hausarrest und
Rekrutenlager bereitgestellt.
Auch die Mittel zur Vernichtung des Marihuanaanbaus
im Inland wurden aufgestockt. Damit soll das Problem
der Marihuanaproduktion in unserem Land bewältigt
und unsere Bemühungen unterstützt werden, andere
Länder zur strikten Kontrolle der Produktion illegaler
Drogen in ihrem Land zu ermutigen.
Trotz dieser Fortschritte gibt es einige - eine sehr
kleine, aber lautstarke Minderheit - die unsere Gesellschaft in ein noch tieferes Chaos stürzen wollen. Wir
müssen uns vor denjenigen hüten, die das Argument
vorbringen, ein Ende des Suchtstoffmißbrauchs erfordere zu viel Anstrengung, Zeit und Mittel. Einige dieser
Kritiker behaupten, Legalisierung sei die Antwort. Wie
wir in den Vereinigten Staaten feststellen mußten, ist
das jedoch überhaupt keine Antwort. Trotz der Tatsache, daß die Vereinigten Staaten in den sechziger und
siebziger Jahren beträchtliche Mittel in Präventivmaßnahmen gesteckt haben, wurde in diesen zwei Jahrzehnten eine Pseudolegalisierung und gesellschaftliche Toleranz gefördert. In den Vereinigten Staaten
haben unsere Erfahrungen mit diesen zwanzig Jahren
den Preis demonstriert, den wir für eine Beschwichtigungspolitik zahlen müssen - mehr Drogen, mehr
Abhängige und mehr Tote. Eine Legalisierung würde
dem Drogenkonsum das Stigma, den Druck nach

Seite 4

Therapie und die wenigen Engpässe nehmen, die bei
Kosten und Nachschub bestehen. Eine Legalisierung
wäre ein tragischer, entsetzlicher Fehler und ihre Sinnlosigkeit ist so offensichtlich geworden, daß niemand
sie ernsthaft als Alternative erwägen kann. Eine
Legalisierung würde den Menschen die Botschaft
übermitteln, daß unsere Gesellschaft dem schädlichen Drogenkonsum moralisch indifferent gegenübersteht. Eine solche Botschaft würde unser moralisches
Bewußtsein in Zweifel ziehen.
Wir sind heute hier im Bewußtsein unserer Verantwortung als internationale Staatengemeinde zusammengekommen. Wir wissen, daß Drogen weiterhin unsere
Kinder und Gemeinden terrorisieren werden, wenn wir
nicht zusammenarbeiten. In diesem entscheidenden
Punkt sind wir uns einig.
Die Bedeutung unserer Zusammenarbeit wurde beim
jüngsten Gipfeltreffen in Cartagena unterstrichen. Dort
hat Präsident Bush zusammen mit den Präsidenten
Barco, Garcia und Paz das Versprechen gegeben, die
Händler von Drogen und Tod auf allen Ebenen zu
bekämpfen: Produktion, Vertrieb, Finanzwesen und
Konsum. Dort wurde auch das erste Drogenbekämpfungskartell der Welt gegründet, mit dem die Notwendigkeit eines starken internationalen Engagements
hervorgehoben wurde.
Beim Gipfeltreffen in Cartagena wurde auch die Notwendigkeit für alle Länder bekräftigt, so bald wie möglich
die Konvention der Vereinten Nationen über den unerlaubten Handel mit Drogen und psychotropen Stoffen
zu ratifizieren. Nach ihrer Ratifizierung wird die Konvention aus dem Jahr 1988 die weltweite Zusammenarbeit in Bereichen wie Geldwäsche, Beschlagnahme
von Vermögenswerten, Kontrolle chemischer Grundstoffe, Auslieferung, Fahndung, Sammlung nachrichtendienstlicher Erkenntnisse und Informationsaustausch
fördern. Ich freue mich, berichten zu können, daß die
Vereinigten Staaten die unterzeichnete Ratifizierungsurkunde am 20. Februar 1990 den Vereinten Nationen
übergeben haben.
Eine größere Rolle der UNO ist unabdingbar. Die
Vereinten Nationen spielen eine entscheidende Rolle
bei der Förderung weltweiter Kooperation. Ich fordere

die Länder, die die UN-Konvention von 1988 noch nicht
ratifiziert haben, auf, dies zu tun. Unser Ziel sollte darin
bestehen, die UN-Konvention bis Ende dieses Jahres
in Kraft zu setzen. Dies erfordert die Ratifizierung
durch 20 Nationen.
Ebenso wie sich Bürgerinitiativen in den amerikanischen Städten zur Drogenbekämpfung organisiert
haben, müssen wir als internationale Staatengemeinschaft Drogen den Kampf ansagen. Die Nachfrage
nach Drogen wird weiterbestehen und steigen, wenn
wir nicht einen Schlußstrich ziehen und als Gemeinschaft zusammenarbeiten.

AMERIKA DIENST 14

�Diese Konferenz wird meines Erachtens dazu beitragen, voneinander zu lernen und zusammenzuarbeiten. Wenn uns dies gelingt, wird es den Drogenbaronen und -händlem eine Warnung sein, die sie sich zu
Herzen nehmen sollten, denn es bedeutet ihren sicheren Untergang. Ihre Tage sind gezählt.
Und den Drogenkonsumenten werden wir die Botschaft übermitteln, daß sie die Verantwortung für die
Verbreitung des Drogenproblems tragen. Wir müssen

AMERIKA DIENST 14

den Konsumenten vermitteln, daß Hilfe für sie zur
Verfügung steht, es aber an ihnen ist, diese Hilfe in
Anspruch zu nehmen.
Das letzte Kapitel im Drama der weltweiten Drogenepidemie könnte sehr viel früher geschrieben werden,
wenn wir Konferenzen wie diese nutzen, um Kooperation und Engagement zur Beendigung der Drogenkrise
zu fördern.

Seite 5

�RÜSTUNGSKONTROLLE
11. April 1990

DIE VERHANDLUNGEN ÜBER KERN- UND
WELTRAUMWAFFEN:
AMERIKANISCHE UND SOWJETISCHE VORSCHLÄGE
- Eine Übersicht des ACDA Die folgende Übersicht wurde am 4. April 1990 vom Amt für Rüstungskontrolle und Abrüstung veröffentlicht.

START - Gespräche über die Begrenzung strategischer Rüstungen
Allgemeine Haltung
Vereinigte Staaten
Stufenweise Reduzierung der strategischen Offensivwaffen auf gleiche Niveaus, wobei zu vereinbarten
Terminen innerhalb von sieben Jahren nach Inkrafttreten des Vertrags gleiche Zwischenobergrenzen erzielt
werden müssen.
Sowjetunion
Reduzierung der strategischen Offensivwaffen auf
gleiche Niveaus, durchzuführen in zwei Phasen innerhalb von sieben Jahren nach Inkrafttreten des Vertrags, wobei nach Phase 1 gleiche Obergrenzen gelten
müssen.

Vereinigte Staaten
Es können keine weiteren Rüstungskontrollverträge
mit der Sowjetunion abgeschlossen werden, solange
diese nicht die Verletzung des ABM-Vertrags durch
das Radar von Krasnojarsk in einer verifizierbaren
Weise einstellt, die amerikanischen Kriterien entspricht.
Die Vereinigten Staaten haben sich befriedigt über die
Ankündigung der Sowjets geäußert, das Radar von
Krasnojarsk vollständig zu beseitigen.
Sowjetunion
Die Sowjets haben sich bereiterklärt, das Radar von
Krasnojarsk vollständig abzubauen.
Trägersysteme
Vereinigte Staaten

Abschluß eines START-Abkommens nicht abhängig
von einer Einigung über Fragen der Weltraumverteidigung.

Eine Obergrenze von 1 600 strategischen Trägersystemen (SNDVs) in Form von stationierten Interkontinentalraketen (ICBMs) und deren Abschuß Vorrichtungen, stationierten U-Boot-gestützten ballistischen
Raketen (SLBMs) und deren Abschußvorrichtungen
sowie schweren Bombern.

Sowjetunion

Sowjetunion

Abschluß des START-Vertrags nicht abhängig von
einer Einigung über Weltraumverteidigung. Die Sowjets stehen jedoch auf dem Standpunkt, daß sie ein
Recht zur Kündigung eines START-Vertrags besitzen,
wenn sie zu dem Schluß kommen sollten, daß die
Vereinigten Staaten den ABM-Vertrag verletzen, wie
er von den Sowjets interpretiert wird.

Identisch mit der Haltung der Vereinigten Staaten.

Vereinigte Staaten

AMERIKA DIENST 14

Gefechtsköpfe
Vereinigte Staaten
Obergrenze von 6 000 Gefechtsköpfen, einschließlich
der stationierten Gefechtsköpfe auf ICBMs und SLBMs

Seite 1

�sowie atomar bestückter ALCMs (luftgestützter Marschflugkörper) großer Reichweite; jeder nur mit atomaren
Freifallbomben und Angriffsraketen kurzer Reichweite
(SRAMs) ausgerüstete schwere Bomber zählt als ein
Gefechtskopf.
Sowjetunion
Identisch mit der Haltung der Vereinigten Staaten.
Untergrenzen bei Gefechtsköpfen
Vereinigte Staaten
Untergrenzen von 4 900 Gefechtsköpfen auf ballistischen Raketen und 3 000 - 3 300 Gefechtsköpfen auf
ICBMs.
Sowjetunion
Untergrenze von 4 900 Gefechtsköpfen auf ballistischen Raketen. Im Falle einer Untergrenze von 3 300
Gefechtsköpfen auf ICBMs muß eine ebensolche
Untergrenze von 3 300 Gefechtsköpfen für SLBMs
gelten. Untergrenze von 1 100 Gefechtsköpfen auf
stationierten schweren Bombern.
Schwere ICBMs
Vereinigte Staaten

Gefechtsköpfe auf ballistischen Raketen
Vereinigte Staaten
Jeder Gefechtskopf auf ballistischen Raketen zählt als
ein Gefechtskopf unter der Obergrenze von 6 000. Für
die bestehenden Typen wird eine Quote von Vor-OrtInspektionen festgesetzt, um zu verifizieren, daß die
beim Washingtoner Gipfel für stationierte Raketen
deklarierte und vereinbarte Zahl von Gefechtsköpfen
nicht überschritten wird.
Für künftige Typen sowie Veränderungen bei der Zahl
von Gefechtsköpfen auf bestehenden Typen müssen
die Verfahrensweisen noch festgelegt werden.
Sowjetunion
Bei den bestehenden Typen identisch mit der USPosition.
Mobile ICBMs
Vereinigte Staaten
Die Vereinigten Staaten haben das Verbot von mobilen ICBMs aufgehoben. Die START-Unterhändler
müssen jetzt die Einzelheiten für die Anwendung der
Begrenzungen auf mobile ICBMs sowie wirksame
Verifizierungsmaßnahmen ausarbeiten.

Begrenzung von 1 540 Gefechtsköpfen auf 154 stationierten schweren ballistischen Raketen. Verbot von
Produktion, Flugerprobung oder Modernisierung neuer oder bestehender Typen schwerer ICBMs.

Sowjetunion

Sowjetunion

Nichtstationierte Raketen

Begrenzung von 1 540 Gefechtsköpfen auf 154 stationierten schweren ICBMs. Produktion, Flugerprobung
oder Modernisierung bestehender Typen schwerer
ICBMs zulässig. Entwicklung, Erprobung und Stationierung neuer Typen schwerer ICBMs verboten.

Vereinigte Staaten

Wurfgewichte
Vereinigte Staaten
Die Wurfgewichte der sowjetischen ICBMs und SLBMs
zusammengenommen werden um 50 Prozent des am
31. Dezember 1986 bestehenden Wurfgewichts reduziert. Während der Laufzeit des Vertrags wird keine
Seite dieses Niveau überschreiten.
Sowjetunion
Im Prinzip identisch mit der US-Position. Es bestehen
jedoch weiterhin Meinungsverschiedenheiten über die
Bestimmung der anzurechnenden Wurfgewichte. Die
Reduzierung soll auf der Basis des bei Unterzeichnung
des Vertrags bestehenden Niveaus der Wurfgewichte
stattfinden.

Zulässig mit zahlenmäßigen Begrenzungen für Abschuß Vorrichtungen und Gefechtsköpfe.

Zahlenmäßige Begrenzungen (die genauen Obergrenzen müssen noch ausgehandelt werden) werden bei
nichtstationierten ballistischen Raketen und den zugehörigen Gefechtsköpfen für alle Typen von ICBMs, die
bereits von mobilen Abschußrampen aus im Flug
erprobt wurden, festgelegt. Für andere nichtstationierte ballistische Raketen werden keine zahlenmäßigen
Begrenzungen eingeführt, aber Stationierungsort und
Verlegung werden Beschränkungen unterworfen. Beide
Seiten haben ferner vereinbart, daß es keinerlei Beschränkungen für nichtstationierte Marschflugkörper
und nichtstationierte Waffen auf schweren Bombern
geben wird.
Sowjetunion
Identisch mit der amerikanischen Haltung.
Schwere Bomber
Vereinigte Staaten
Jeder schwere Bomber zählt als ein strategisches
Trägersystem (SNDV). Jeder nur für Freifallbomben

AMERIKA DIENST 14

Seite 2
i

�und Angriffsraketen kurzer Reichweite ausgeröstete
schwere Bomber würde im Rahmen der Obergrenze
von 6 000 als ein Gefechtskopf zählen. Eine vereinbarte Zahl von schweren Bombern könnte durch
Umrüstung zu rein konventionellen Systemen von der
SNDV-Obergrenzevon 1 600 ausgenommen werden.

jedem folgenden Jahr wird eine Höchstzahl für das
nächstfolgende Jahr nach dem ersten Fünfjahreszeitraum deklariert. Die deklarierten SLCMs werden von
allen START-Verfügungen - den Begrenzungen auf
6 000 Gefechtsköpfe und 1 600 strategische Trägersysteme (SNDVs) - ausgenommen.

Sowjetunion

Verifizierung der Einhaltung

Identisch mit der US-Position, außer in der Frage, daß
die sowjetische Zustimmung zur Umrüstung von schweren Bombern zu rein konventionellen Systemen von
der amerikanischen Zustimmung zur sowjetischen
Position über die Reichweite von ALCMs abhängig
gemacht wird.

Vereinigte Staaten

ALCMs
Vereinigte Staaten
ALCMs werden als luftgestützte, nuklear bestückte
Marschflugkörper mit einer Reichweite von über 1 000
Kilometern definiert. Eine vereinbarte Zahl von ALCMs
(10 auf amerikanischen schweren Bombern, 8 auf
bestehenden sowjetischen schweren Bombern, 10 auf
künftigen sowjetischen schweren Bombern) sollen jedem
für ALCMs ausgerüsteten Typ schwerer Bomber zugerechnet und auf die Obergrenze von 6 000 Gefechtsköpfen angerechnet werden. Die amerikanischen schweren Bomber könnten eigentlich für bis zu
20 ALCMs ausgerüstet werden, während die bestehenden sowjetischen schweren Bomber bis zu 12
ALCMs und künftige sowjetische schwere Bomber bis
zu 20 ALCMs aufnehmen könnten.
Sowjetunion
Identisch mit der amerikanischen Haltung, außer, daß
ALCMs als luftgestützte Marschflugkörper mit Reichweiten über 600 Kilometern definiert werden.
SLCMs
Vereinigte Staaten
SLCMs werden als seegestützte, nuklear bewaffnete
Marschflugkörper mit einer Reichweite über 300 Kilometer definiert.
Sowjetunion
Identisch mit der amerikanischen Haltung, außer, daß
SLCMs als seegestützte, nuklear und konventionell
bewaffnete Marschflugkörper mit einer Reichweite über
600 Kilometer definiert werden.
Vereinigte Staaten
Während der Vertragsdauer werden beide Seiten
parallele, politisch bindende Erklärungen über die
maximale Anzahl von SLCMs, die sie zu stationieren
gedenken, abgeben. Die erste Erklärung von jeder
Seite wird die maximale Anzahl enthalten, die in jedem
derersten fünf Vertragsjahre stationiert werden soll. In
AMERIKA DIENST 14

Die Bestimmungen müssen mindestens folgende Punkte
enthalten: Datenaustausch vor und nach der Durchführung von Reduzierungen; Vor-Ort-Inspektionen zur
Verifizierung von Daten und zur Beobachtung der
Beseitigung der Waffen; kontinuierliche Vor-Ort-Überwachung von Zugängen und Gelände der entscheidenden Produktionsstätten; kurzfristig anberaumte
Inspektionen von Standorten, an denen vertraglich
begrenzte Systeme sowohl während als auch nach
dem Reduzierungszeitraum stationiert sind. Inspektionen von Standorten, an denen eine Vertragspartei
die geheime Produktion, Lagerung, Instandsetzung
oder Stationierung vermutet.
Recht auf kurzfristig anberaumte Inspektionen von
"verdächtigen Standorten". Recht zur Beantragung
von Inspektionen anderer "verdächtiger Standorte".
Falls die beschuldigte Partei die Inspektion verweigert,
muß sie sich ernsthaft um die Ausräumung der Anschuldigungen bemühen.
Die Vereinigten Staaten haben vorgeschlagen, daß
beide Seiten eine Beschleunigung ihrer Bestrebungen
vereinbaren und sobald wie möglich mit der Durchführung von Maßnahmen zur Verifizierung und Stabilisierung beginnen, um praktische Erfahrung zu sammeln
und Fragen der Verifizierung schneller zu lösen. Zu
den vorgeschlagenen Maßnahmen zählen: die Aufnahme von Vor-Ort-Inspektionen im Umkreis und an
den Zugängen zu bestimmten Raketenproduktionsstätten, Datenaustausch über die strategischen Nuklearstreitkräfte beider Seiten und Erörterung des
Problems von SLBMs mit kurzer Flugzeit.
Sowjetunion
Die Sowjets haben den größten Teil der amerikanischen Haltung zur Verifizierung akzeptiert, obgleich es
noch viele Detailfragen zu lösen gilt, insbesondere im
Bereich der Verifizierung mobiler ICBMs.
Die Sowjets haben das Prinzip von Maßnahmen zur
Verifizierung und Stabilität akzeptiert, einige eigene
Vorschläge unterbreitet und die amerikanischen Vorschläge in Genf eingehend erörtert.
Vereinigte Staaten
Mit den Sowjets wurde Einigung über folgende Maßnahmen erzielt:

Seite 3

�1.

Vorankündigung einer wichtigen Übung mit
schweren Bombern pro Kalenderjahr.

2.

Vorführung eines schweren Bombertyps auf
jeder Seite, um Verifizierungsverfahren zur Unterscheidung der mit ALCMs bestückten schweren Bomber von nicht mit ALCMs bestückten
schweren Bombern zu demonstrieren.

3.

Demonstration der von jeder Seite vorgeschlagenen Verfahren zur Vor-Ort-Inspektion von
Wiedereintrittsflugkörpern der ballistischen
Raketen jeder Seite.

Beide Seiten haben ferner Informationen über Techniken zur Identifizierung von Raketen ("Tagging") ausgetauscht. Beide Seiten sind sich über wichtige Elemente eines Regimes einig, mit dem die Nichtverweigerung telemetrischer Daten während der Flugerprobung von START erfaßter ballistischer Raketen sichergestellt wird. Diese Verfügungen werden in den
START-Vertrag aufgenommen, aber durch einen Briefwechsel bereits bei der Unterzeichnung des Vertrags
in Kraft gesetzt.
Sowjetunion
Mit den Vereinigten Staaten wurde Einigung über
folgende Maßnahmen erzielt:
1.

Vorankündigung einer wichtigen Übung mit
schweren Bombern pro Kalenderjahr.

2.

Vorführung eines schweren Bombertyps auf
jeder Seite, um Verifizierungsverfahren zur Unterscheidung der mit ALCMs bestückten schweren Bomber von nicht mit ALCMs bestückten
schweren Bombern zu demonstrieren.

3.

Demonstration der von jeder Seite vorgeschlagenen Verfahren zur Vor-Ort-Inspektion von
Wiedereintrittsflugkörpern der ballistischen
Raketen jeder Seite.

Beide Seiten haben ferner Informationen über Techniken zur Identifizierung von Raketen ("Tagging") ausgetauscht. Beide Seiten sind sich über wichtige Elemente eines Regimes einig, mit dem die Nichtverweigerung telemetrischer Daten während der Flugerprobung von START erfaßter ballistischer Raketen sichergestellt wird. Diese Verfügungen werden in den
START-Vertrag aufgenommen, aber durch einen Briefwechsel bereits bei der Unterzeichnung des Vertrags
in Kraft gesetzt.
Verteidigung im Weltraum
Allgemeine Haltung
Vereinigte Staaten
Die Vereinigten Staaten streben einen erleichterten
Gemeinsamen Übergang zu einem stabilisierenden
Gleichgewicht bei den offensiven und defensiven StreitSeite 4

kräften an, wenn sich eine effektive Verteidigung gegen
strategische ballistische Raketen als durchführbar
erweist. Die Vereinigten Staaten wollen sich darüber
hinaus die Option erhalten, in angemessenem Tempo
und auf kooperative Art und Weise moderne Verteidigungssysteme zu entwickeln und zu stationieren, wenn
diese einsatzbereit sind. Fragen der Verteidigung im
Weltraum sollten in einem neuen Vertrag behandelt
werden, der auf der Sprachregelung der Gemeinsamen Gipfelerklärung von Washington aufbaut sowie
diese erläutert und das Ergebnis des Außenministertreffens in Wyoming bekräftigt, um die unmißverständliche Bedeutung von Verpflichtungen zu gewährleisten, die in künftigen Verträgen eingegangen werden.
Sowjetunion
Fragen der Verteidigung im Weltraum sollten jetzt in
Form eines Protokolls zum ABM-Vertrag und nicht in
einem Vertrag über Verteidigung im Weltraum abgehandelt werden. Die Sowjets haben ein Protokoll
vorgeschlagen, das vom ABM-Vertrag erlaubte und
verbotene Maßnahmen beinhaltet. Ferner haben sie
Maßnahmen zur Berechenbarkeit als integralen Bestandteil des ABM-Vertrags vorgeschlagen, um Vertrauen zu bilden und die Einhaltung des ABM-Vertrags
sicherzustellen. Fragen, über die beide Seiten bis zum
Abschluß des START-Abkommens keine Einigung
erzielt haben, sollen in Gesprächen über strategische
Stabilität nach dem START-Vertrag behandelt werden.
Vereinigte Staaten
Mit der Sowjetunion können keine weiteren Verträge
über strategische Rüstungskontrolle geschlossen
werden, wenn sie nicht ihre Verletzung des ABMVertrags durch das Radar von Krasnojarsk auf verifizierbare Art und Weise und nach amerikanischen
Kriterien korrigiert. Die Vereinigten Staaten haben
sich befriedigt über die Ankündigung der Sowjets
geäußert, das Radar von Krasnojarsk vollständig
abzubauen.
Sowjetunion
Die Sowjets haben erklärt, daß sie das Radar von
Krasnojarsk vollständig beseitigen werden.
Verpflichtung zum Nichtrücktritt vom ABM-Vertrag
Vereinigte Staaten
Beide Seiten haben vereinbart, den Ansatz einer Verpflichtung zum Nichtrücktritt vom ABM-Vertrag fallenzulassen.
Sowjetunion
Beide Seiten haben vereinbart, den Ansatz einer Verpflichtung zum Nichtrücktritt vom ABM-Vert/ac fallenzulassen.

AMERIKA OIF MST 14

�Aktivitäten gemäß ABM-Vertrag
Vereinigte Staaten
Die Vereinigten Staaten haben Initiativen vorgeschlagen, um die Bedeutung der Sprachregelung "erforderliche Forschung, Entwicklung und Erprobung wie im
ABM-Vertrag gestattet" klären zu helfen.
Sowjetunion
Die Sowjets streben Übereinstimmung bei nach dem
ABM-Vertrag erlaubten und verbotenen Aktivitäten in
Form eines Zusatzprotokolls zum ABM-Vertrag an.
Die Sowjets würden Aktivitäten auf eine Interpretation
des ABM-Vertrags begrenzen, die restriktiver ist als
beide Parteien dies 1972 vereinbart haben und möglicherweise noch restriktiver als die "enge Interpretation".
Vereinigte Staaten
Um zu demonstrieren, daß die amerikanische Erprobung weltraumgestützter Komponenten von ABMSystemen, die auf "anderen physikalischen Prinzipien" beruhen und die Fähigkeit haben, eine ABMAbfangrakete zu ersetzen - was nach dem ABMVertrag erlaubt ist - nicht mit der Stationierung solcher
Komponenten gleichzusetzen ist, sind die Vereinigten
Staaten bereit, diese erlaubte Erprobung nur von
bestimmten ABM-Test-Satelliten aus durchzuführen.
Die Vereinigten Staaten sind der Ansicht, daß die
Anzahl der gleichzeitig in der Erdumlaufbahn befindlichen Satelliten dieses Typs nicht die Zahl überschreiten soll, bei der man gemeinhin bereits von einer
stationierten Fähigkeit ausgehen würde. Den Vereinigten Staaten zufolge liegt die Zahl 15 weit unter
dieser Grenze.

zierungsprobleme auszuschließen und die Entwicklung stabilisierender weltraumgestützter Sensoren zu
fördern.

Vertragsdauer/Koppelung
Vereinigte Staaten
Ein Abkommen über Verteidigung im Weltraum wäre
unbefristet. Der ABM-Vertrag wird eingehalten, bis
eine Partei das Recht zur Stationierung ausübt (siehe
unten, Übergang zu Verteidigungssystemen).
Sowjetunion
Die Sowjetunion hat eingewilligt, daß der Abschluß
eines START-Vertrags nicht von einer Einigung über
Fragen der Weltraumverteidigung abhängt. Die Sowjets nehmen jedoch weiterhin das Recht für sich in
Anspruch, den START-Vertrag zu kündigen, wenn sie
zu dem Schluß kommen sollten, daß die Vereinigten
Staaten den ABM-Vertrag, wie sie ihn definieren,
verletzt haben.
Vereinigte Staaten
Ein Vertrag über Verteidigung im Weltraum muß unabhängig sein. Der Abschlu ß eines START-Vertrags und
die Einhaltung des Vertrags sollte nicht an die Lösung
von Problemen der Verteidigung im Weltraum gekoppelt sein. Die Vereinigten Staaten weisen sowjetische
Vorschläge als ungerechtfertigt zurück, mit denen sie
das Recht für sich in Anspruch nehmen, den STARTVertrag zu kündigen, falls sie zu dem Schluß gelangen
sollten, die Vereinigten Staaten hätten den ABMVertrag, wie sie ihn interpretieren, verletzt.

Sowjetunion
Die Sowjets haben die Initiative der Vereinigten Staaten zur Erprobung im Weltraum (ABM-Test-Satelliten)
und auch den Vorschlag über weltraumgestützte ABMRadars oder andere Sensoren zurückgewiesen und
geltend gemacht, sie liefen dem ABM-Vertrag und der
Gemeinsamen Gipfelerklärung von Washington zuwider.
Die Sowjets haben die Aufnahme intensiver Gespräche über die strategische Stabilität nach Abschluß
eines START-Vertrags vorgeschlagen.
Vereinigte Staaten
Die Benachrichtigung über die Erprobung von ABMTest-Satelliten würde im Protokoll über die Berechenbarkeit (siehe unten) Eingang finden.
Die Vereinigten Staaten haben darüber hinaus vorgeschlagen, daß jede Partei uneingeschränkt weltraumgestützte ABM-Radars oder andere Sensoren entwickeln, erproben oder stationieren darf. Dieser Vorschlag dient dem Ziei, künftige Definitions- und VerifiAMERIKA DIENST 14

Übergang zu Verteidigungssystemen
Vereinigte Staaten
Der ABM-Vertrag würde auch einem Vertrag über
Verteidigung im Weltraum zufolge in Kraft bleiben.
Jeder Seite wäre es jedoch gestattet, ihre Absicht zu
bekunden, Verteidigungssysteme gegen strategische
ballistische Raketen über die Begrenzungen des ABMVertrags hinaus zu stationieren. Nach einer solchen
Ankündigung würde die initiierende Seite spezielle
Maßnahmen für einen kooperativen Übergang zu einem
strategischen Regime vorschlagen, das Verteidigungssysteme zusätzlich zu den vom ABM-Vertrag gestatteten vorsieht. Beide Seiten würden dann intensive
Gespräche über diese speziellen Maßnahmen und die
strategische Stabilität aufnehmen. Nach Ablauf von
drei Jahren und danach könnte jede Seite nach einer
sechsmonatiger Vorankündigung Verteidigungssysteme gegen strategische ballistische Raketen stationieren, falls nicht in der Zwischenzeit eine andere Vereinbarung getroffen wird.

Seite 5

�Sowjetunion
Die Sowjetunion lehnt einen Übergang zu Verteidigungssystemen ab, die über die vom ABM-Vertrag
erlaubten hinausgehen.
Eingehende Gespräche über strategische Stabilität
werden nach Abschluß eines START-Vertrags aufgenommen. Die Sowjets schlagen vor, daß diese Gespräche sich mit den "Problemen der ABM-Verteidigung (beschäftigen) und dabei die neue Situation
berücksichtigen, die sich aus Reduzierungen der strategischen Offensivwaffen ergibt". Wenn keine anderslautenden Vereinbarungen getroffen werden, wird nach
diesen Gesprächen jede Seite für sich über ihr weiteres Vorgehen in bezug auf den ABM-Vertrag und den
START-Vertrag bestimmen, wenn sie dabei die entsprechenden Modalitäten dieser Verträge einhält. Die
Sowjets vertreten die Auffassung, daß beim Washingtoner Gipfel kein "Stationierungsrecht" vereinbart wurde,
jedoch die im ABM-Vertrag enthaltenen Rechte das
Vorgehen beider Seiten bestimmen.
Berechenbarkeit
Vereinigte Staaten
Die Beteiligten werden Möglichkeiten erörtern, um die
Berechenbarkeit bei der Entwicklung der amerikanisch-sowjetischen Beziehungen im strategischen
Bereich zur Reduzierung des Risikos eines Nuklearkrieges zu gewährleisten. Als vertrauensbildende
Maßnahmen und um für die strategischen Verteidigungsprogramme der jeweils anderen Seite Berechenbarkeit für alle Beteiligten sicherzustellen, haben
die Vereinigten Staaten die folgenden Maßnahmen
vorgeschlagen, die auf der Grundlage von Gegenseitigkeit, Vergleichbarkeit und Freiwilligkeit verwirklicht
werden sollen: jährlicher Austausch programmatischer Daten und Expertentreffen, Informationsgespräche, Besuche von Labors und Beobachtung von Versuchen. Die Vereinigten Staaten lehnen die Anwendung von Maßnahmen zur Berechenbarkeit für Zwekke der Einhaltung des ABM-Vertrags ab. Solche Maßnahmen sollten dazu dienen, die Transparenz zu verbessern und Vertrauen zu bilden. Dadurch könnten
technologische Überraschungen vermieden werden.

sowjetischen Verhätnisses im strategischen Bereich
zu gewährleisten und damit das Risiko eines Atomkrie
ges zu vermindern. Die Sowjets haben einige der
amerikanischen Konzepte für vertrauensbildende
Maßnahmen akzeptiert, darunter Datenaustausch,
Expertentreffen, Besuche in Labors und Beobachtung
von Versuchen. (Die Sowjets haben dem amerikanischen Vorschlag nich' zugestimmt, wonach jährlicher
Datenaustausch Forschungsmaßnahmen umfassen
soll, die durch Nationale Technische Mittel nicht erfaßt
werden können.) Die Sowjets betrachten diese Maßnahmen zur Berechenbarkeit jedoch als Mittel, um die
Einhaltung des ABM-Vertrags zu verifizieren. Darüber
hinaus haben die Sowjets einen freiwilligen Informationsaustausch vorgeschlagen, um Zweifelsfälle im
Hinblick auf den ABM-Vertrag zu klären, der parallel
zur dem für die Lösung von Fragen der Vertragseinhaltung vorgesehenen Mechanismus - dem Ständigen
Konsultativausschuß - stattfinden soll.
Vereinigte Staaten
Die Vereinigten Staaten haben ein auf Gegenseitigkeit
beruhendes Pilotprogramm zur Verwirklichung der von
amerikanischer Seite unterbreiteten Maßnahmen zur
Berechenbarkeit vorgeschlagen, in dessen Rahmen
jede Seite für ein bestimmtes Projekt jeder Seite einen
Einjahreszyklus von Datenaustausch, Expertentreffen, Informationsgesprächen, Besuchen in Labors,
Beobachtung von Versuchen und Demonstrationen
von Benachrichtigunsverfahren im Hinblick auf ABMTest-Satelliten durchführen würde.
Im Dezember 1989 besuchten sowjetische Regierungsexperten auf Einladung der Vereinigten Staaten
zwei amerikanische Einrichtungen, die Forschungsarbeiten über Verteidigungssysteme gegen ballistische
Raketen durchführen.
Sowjetunion
Im Dezember 1989 besuchten sowjetische Regierungsexperten auf Einladung der Vereinigten Staaten
zwei amerikanische Einrichtungen, die Forschungsarbeiten über Verteidigungssysteme gegen ballistische
Raketen durchführen.

Sowjetunion
Die Beteiligten sollen Möglichkeiten erörtern, um Berechenbarkeit bei der Entwicklung des amerikanisch-

*

*

AMF.RKA DIENST 14

Seite 6

:

�</text>
                  </elementText>
                </elementTextContainer>
              </element>
            </elementContainer>
          </elementSet>
        </elementSetContainer>
      </file>
    </fileContainer>
    <collection collectionId="4">
      <elementSetContainer>
        <elementSet elementSetId="1">
          <name>Dublin Core</name>
          <description>The Dublin Core metadata element set is common to all Omeka records, including items, files, and collections. For more information see, http://dublincore.org/documents/dces/.</description>
          <elementContainer>
            <element elementId="50">
              <name>Title</name>
              <description>A name given to the resource</description>
              <elementTextContainer>
                <elementText elementTextId="6534">
                  <text>Dokumente</text>
                </elementText>
              </elementTextContainer>
            </element>
          </elementContainer>
        </elementSet>
      </elementSetContainer>
    </collection>
    <itemType itemTypeId="19">
      <name>Digitalisat</name>
      <description>Umwandlung eines physischen Dokumentes in ein digitales Medium.</description>
    </itemType>
    <elementSetContainer>
      <elementSet elementSetId="1">
        <name>Dublin Core</name>
        <description>The Dublin Core metadata element set is common to all Omeka records, including items, files, and collections. For more information see, http://dublincore.org/documents/dces/.</description>
        <elementContainer>
          <element elementId="40">
            <name>Date</name>
            <description>A point or period of time associated with an event in the lifecycle of the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="10808">
                <text>11.04.1990</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
          <element elementId="51">
            <name>Type</name>
            <description>The nature or genre of the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="10809">
                <text>Digitalisat</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
          <element elementId="39">
            <name>Creator</name>
            <description>An entity primarily responsible for making the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="10810">
                <text>Herausgeben U.S. Information &lt;br /&gt;Service Embassy of the United States of America</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
          <element elementId="50">
            <name>Title</name>
            <description>A name given to the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="10811">
                <text>Amerikadienst 11.04.1990</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
          <element elementId="41">
            <name>Description</name>
            <description>An account of the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="10812">
                <text>&lt;strong&gt;1. Baker-Schewardnase-Treffen&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Baker: "es bleibt noch viel zu tun"&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Pressekonferenz des Außenministers&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Drogen&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Drogenkonferenz fördert Anti-Drogenstrategie&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede von Gesundheitsminister Sullivan&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Rüstungskontrolle&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Die Verhandlungen über Kern- und Weltraumwaffen: amerikanische und sowjetische Vorschläge &lt;br /&gt;&lt;em&gt;Eine Übersicht des ACDA&lt;/em&gt;</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
        </elementContainer>
      </elementSet>
    </elementSetContainer>
  </item>
  <item itemId="2140" public="1" featured="0">
    <fileContainer>
      <file fileId="2151">
        <src>https://www.amerikahaus-archiv.de/files/original/50084d3ef97a7fe4f3cfe6db8183bca0.pdf</src>
        <authentication>d5502a73265403e07cf873ac5c7ef069</authentication>
        <elementSetContainer>
          <elementSet elementSetId="4">
            <name>PDF Text</name>
            <description/>
            <elementContainer>
              <element elementId="52">
                <name>Text</name>
                <description/>
                <elementTextContainer>
                  <elementText elementTextId="10819">
                    <text>amcrika
dienet

U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

United States Information Service
Embassy of the United Si;.:;&gt;s oi A:r,erica
Libiiry Service:;
üeichmanns Aue 29

15

18. April 1990

5300 Bonn 2

UMWELT

PRÄVENTIVMASSNAHMEN GEGEN
TREIBHAUSEFFEKT
Wissenschaftsberater des
Präsidenten erläutert
Maßnahmenkatalog

ZIELE DER KONFERENZ ÜBER
GLOBALE UMWELTVERÄNDERUNGEN
Eine Übersicht des Weißen Hauses

BUSH^HATCHER TREFFEN

BUSH FÜR UNEINGESCHRÄNKTE
SOUVERÄNITÄT DEUTSCHLANDS
Pressekonferenz von Präsident
Bush und Premierministerin
Thatcher

KSZE

KSZE UND NATO UNERLASSLICH
FÜR EUROPA
Rede von Botschafter Maresca

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.:0228-339 23 66
Telex: 8-85432

�UMWELT
18. April 1990

PRÄVENTIVMASSNAHMEN GEGEN
TREIBHAUSEFFEKT
Wissenschaftsberater des Präsidenten erläutert Maßnahmenkatalog
WASHINGTON - (AD) - Dem Berater des Präsidenten für Wissenschaft und Technologie, D. Allan Bromley,
zufolge hat die Bush-Administration Schritte unternommen, die "eine Art Versicherungspolice gegen eventuelle
negative Auswirkungen der Erwärmung der Erdatmosphäre sind".
Vor dem National Press Club erklärte Bromley am 11. April 1990, zu diesen Maßnahmen zählten das geplante Emissionsschutzgesetz über effizientere Nutzung der Energie und Abbau des sauren Regens, das schrittweise Verbot von Fluorchlorkohlenwasserstoffen (FCKW) zum Schutz der Ozonschicht, eine auf Natur- und Umweltschutz ausgerichtete Energiepolitik sowie Schuldennachlaß als Gegenleistung für Maßnahmen zum Schutz
der tropischen Regenwälder.
Die Ausführungen Bromleys über die Forschungsbestrebungen und Maßnahmen der Administration erfolgten
vor dem Hintergrund möglicher Klimaveränderungen und der vom 17. bis 18. April veranstalteten Konferenz des
Weißen Hauses über wissenschaftliche und wirtschaftliche Forschung im Hinblick auf die weltweiten Klimaveränderungen.
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede von Wissenschaftsberater Bromley im Wortlaut.

Wenn Medien wissenschaftlichen Fortschritt beschreiben, konzentrieren sie sich häufig auf ein spezielles
Ereignis, als könne man Fortschritt nur aus dieser
einen Quelle ableiten. Auf diesem Gebiet tätige Wissenschaftlerwissen, daß der Sachverhalt völlig anders
ist. Zahlreiche Schritte sind erforderlich, bevor ein
Vorstoß erfolgen kann und neue Erkenntnisse in bereits bestehendem Wissen ihren Niederschlag finden.
Auch bei der Beschreibung des Entscheidungsfindungsprozesses erliegt man leicht der Versuchung,
ein besonderes Ereignis überzubewerten: Interessenskonflikte, eine Pionierarbeit, klärende Gespräche. Ich wünschte, es wäre so einfach. Ich mußte in
der Tat häufig feststellen, daß Politik in etwa wissenschaftlicher Forschung vergleichbar ist - sowohl im
positiven wie im negativen Sinne. Thomas Jefferson
hat Wissenschaft folgendermaßen beschrieben: "Das
geduldige Aufspüren von Fakten, ihre vorsichtige
Kombination und ihr Vergleich - das ist das harte Los,
dem der Mensch durch seinen Schöpfer ausgesetzt
wird, wenn er sicheres Wissen erhalten will." Ebensogut hätte er die Arbeit am fünften Entwurf einer politischen Erklärung beschreiben können.

AMERIKA DIENST 15

Etwas weniger hochgestochen wird Politik auch gerne
mit der Paarung von Elefanten verglichen - sie findet
unter großem Getöse auf hoher Ebene statt und
benötigt reichlich lange, um greifbare Ergebnisse zu
produzieren.
Heute möchte ich die von der Bush-Administration
ergriffenen nationalen Maßnahmen beschreiben, mit
denen sie zu internationalen Schritten gegen weltweite
Klimaveränderungen beigetragen hat. In den nächsten Wochen werden Sie noch viel über diese Maßnahmen hören, vor allem wegen der internationalen
Konferenz des Weißen Hauses über wissenschaftliche und wirtschaftliche Forschung im Hinblick auf die
weltweiten Klimaveränderungen, bei der ich am kommenden Dienstag und Mittwoch einer der Vorsitzenden sein werde. Aber diese Konferenz ist nur ein
Schritt in dem wesentlich umfassenderen Prozeß, die
möglichen nachteiligen Auswirkungen weltweiter Klimaveränderungen verstehen und darauf reagieren zu
wollen. Seit meiner Ankunft in Washington im vergangenen Sommer habe ich mich ausführlich mit diesem
Thema befaßt. Und meines Erachtens stellen die von
der Bush-Administration ergriffenen - und geplanten -

Seite 1

�Maßnahmen das Engagement des Präsidenten unter
Beweis, sich verantwortungsbewußt mit diesem Thema auseinanderzusetzen.

reiche geophysikalische Experiment", das wir durchführen, indem wir Kohlendioxid in die Atmosphäre
entweichen lassen.

Ein politisches Erwachen

Heute wissen die Wissenschaftler mehr über die Erde
und ihre Bestandteile als zu der Zeit, in der diese
frühen Prognosen angestellt wurden. Allgemeine Zirkulationsmodelle spiegeln das weltweite Klima einigermaßen gut wider. Und wir können die Erde aus dem
Weltraum beobachten, was nicht nur entscheidend zu
unserem Verständnis der Erde sondern auch zu unserer Erkenntnis des Planeten als einheitlichem, leicht
zerstörbarem Umfeld beigetragen hat.

Der Begriff "weltweite Klimaveränderungen" umfaßt
so unterschiedliche aber dennoch zusammenhängende Probleme wie Abbau der Ozonschicht, Treibhausgasemissionen, Klimaveränderungen, Anstieg des Meeresspiegels, Entwaldung, Artenvielfalt sowie Energievorräte. Die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit hat
sich jedoch vornehmlich auf die Erwärmung der Erde
konzentriert. Und aus meiner Sicht kann niemand sich
mit der Möglichkeit der Erwärmung der Erde befassen,
ohne sofort auf ein Paradoxon zu stoßen.
Die Zunahme des Treibhauseffekts ist ein außerordentlich langfristiges und weltweites Problem. Daher
erfordert es langfristige und weltweite Antworten - und
keine Schaumschlägerei.

Unser Wissen über die Erde wird jedoch noch immer
von unserem Unwissen überschattet. Ich weiß, daß
Journalisten im ersten Absatz ihres Artikels die vier
großen Ws beantworten müssen: Wer, Was, Wo und
Wann. Es erübrigt sich, zu sagen, daß der erste
Absatz einer Beschreibung des Treibhauseffekts schwierig zu verfassen wäre.

Dennoch ist das die Erwärmung der Erde umgebende
politische Klima einer Krise vergleichbar. Eine beachtliche Anzahl von Gesetzentwürfen wurde auf dem
Capitol Hill eingebracht, und die jüngsten Forschungsergebnisse - die mögliche Auswirkungen der Erwärmung der Erdatmosphäre teils überbewerten, teils
herunterspielen - machen Schlagzeilen.

Unter Wissenschaftlern besteht generell Konsens, daß
die kontinuierliche Belastung der Atmosphäre mit
Treibhausgasen zur Erwärmung der Erde führen könnte. Dennoch konzentrieren sich die Unwägbarkeiten
und Kontroversen auf Größenordnung, Verhältnis und
Zeitpunkt der Erwärmung.

Es gibt einige einleuchtende Gründe für diese weitverbreitete Besorgnis, einschließlich der Tatsache, daß in
den achtziger Jahren vier der wärmsten Jahre seit
Beginn regelmäßiger Klimabeobachtungen verzeichnet wurden. Meiner Ansicht nach leitet sich ein Großteil der derzeitigen Unruhe aus dem Sommer des
Jahres 1988 ab. In jenem Sommer wurde der Mittelwesten von einer schweren Dürre heimgesucht, weite
Teile des Landes litten unter ungewöhnlich hohen
Temperaturen, Waldbrände vernichteten weite Bereiche des Westens, und ein besonders schwerer Hurrikan verwüstete die Karibik. Der Treibhauseffekt war
auf der Titelseite von Time und Newsweek - obwohl
Wissenschaftler die Ereignisse jenes Sommers noch
nicht überzeugend mit dem Treibhauseffekt in Verbindung bringen können.

Darüber hinaus besteht ein Konsens, daß sich der
Planet im vergangenen Jahrhundert um rund 0,5°C
erwärmt hat. Wenige Wissenschaftler würden jedoch
behaupten, daß sie bereits in der Lage sind, festzustellen, ob diese Erwärmung auf den Treibhauseffekt
zurückgeführt werden kann oder ob natürliche Temperaturschwankungen dafür verantwortlich sind. Und
obwohl einige Klimamodelle eine Erwärmung von 1 bis
2°C durch die Verdoppelung des Kohlendioxids in der
Atmosphäre prognostizieren - und obwohl noch immer
gro ße Ungewi ßheit besteht, ob diese Verdoppelung im
Jahr 2050 oder 2200 stattfinden wird - läßt sich anhand
der Geschichte belegen, daß die durchschnittliche
Temperatur der Erdatmosphäre im gleichen Zeitraum
in gleichem Maße steigen oder fallen könnte, wobei wir
entweder keine Kfimaveränderungen hätten oder doppelt
so hohe wie in den Klimamodellen vorhergesagt. Wir
wissen es einfach noch nicht.

Dieses politische Erwachen hat den Treibhauseffekt
an die oberste Stelle der nationalen und internationalen politischen Tagesordnung gesetzt. Man sollte sich
jedoch vor Augen führen, daß die Wissenschaftler
bereits seit Jahrzehnten über die Zunahme des Treibhauseffekts spekulieren. Der schwedische Chemiker
Svante Arrhenius hat im Jahr 1896 prognostiziert, daß
die Temperatur der Erde um 4 bis 6° Celsius steigen
würde, wenn sich das Kohlendioxid in der Atmosphäre
verdoppelt - eine bemerkenswert präzise Vorhersage,
wenn man bedenkt, daß ein nur unwesentlich geringerer Temperaturanstieg geschätzt wurde, bis die Funktion der Wolken genauer in die weltweiten Zirkulationsmodelle eingearbeitet worden war. Bereits 1957 schrieben Roger Revelle und Hans Süß über das "umfangSeite 2

Wir fangen auch erst an, die Auswirkungen einer
potentiellen Erwärmung der Erde auf landwirtschaftliche Produktivität, Veränderungen des Meeresspiegels, biologische Produktivität der Ozeane, eine Verlagerung der Vegetationsmuster, Häufigkeit und Schwere von Stürmen, Dürrekatastrophen usw. zu verstehen. Von einem quantitativen Verständnis der damit
einhergehenden wirtschaftlichen Auswirkungen sind
wir noch weiter entfernt. Darauf werde ich im folgenden eingehen.
Die größten Schwierigkeiten bestehen bei der Einordnung von Wolken und Ozeanen in generelle Zirkulationsmodelle. Bis vor kurzem wußten GeowissenAMERIKA DIENST 15

�schaftler noch nicht einmal, ob Wolken die Erde aufheizen oder abkühlen. Wir wissen noch nicht sicher, ob
die zunehmende Wolkenbildung, die mit der Erderwärmung in Verbindung gebracht wird, den Treibhauseffekt erhöht oder ihm entgegenwirkt. Das wird von Art
und Höhe der Wolken abhängen.
Was die Meere betrifft, wissen wir, daß nur die Hälfte
des bei der Verbrennung fossiler Energieträger und bei
der Rodung von Wäldern entstehenden Kohlendioxids
in der Atmosphäre bleibt. Jahrelang haben Forscher
angenommen, daß der Rest von den Meeren absorbiert wird, während jüngste Untersuchungen darauf
hindeuten, daß dies wahrscheinlich für nicht mehr als
ein Viertel der Menge zutrifft. Wo bleibt dann der Rest?
Wir sind immer noch nicht sicher, obwohl es heißt, er
bleibe in der Biomasse der gemäßigten Breitengrade
zurück.
Die Ungewißheit über das Verhalten der Wolken und
Meere trägt auch zu einer der grö ßten Schwierigkeiten
mit den gegenwärtigen Modellen zur Atmosphäre bei:
sie lassen keine präzisen regionalen Vorhersagen zu.
Bei den Modellen ist man sich nicht über so grundsätzliche Fragen einig, ob die Mittelpunkte der Kontinente
nasser oder trockener werden, wenn sich die Erde
erwärmt. Diese regionalen Prognosen sind jedoch
unabdingbar, um die möglichen Auswirkungen globaler Veränderungen zu beurteilen.
Aufgrund der Grenzen von Modellen müssen wir immer
auf Überraschungseffekte gefaßt sein. Die Entwicklung des Ozonlochs über der Antarktis war eine solche
Überraschung. Das Loch entwickelt sich durch einen
Mechanismus, der in früheren Modellen der Ozonzerstörung nicht berücksichtigt worden war und eher
zufällig entdeckt wurde. Wir brauchen ein umfassendes Programm zur Beobachtung und Überwachung
der Erde, damit wir solche durch die Emission von
Treibhausgasen hervorgerufenen Überraschungen
entdecken.
Das Ozonloch hat jedoch zweifellos bewiesen, daß
unsere Atmosphäre oder deren Trägheit im Gegensatz zu lange vertretenen Meinungen nicht so unbegrenzt ist, daß menschliche Aktivitäten sie nicht in für
den Menschen wahrnehmbaren Zeiträumen beeinträchtigen können. Die Abgabe von Fluorchlorkohlenwasserstoffen in die Atmosphäre hat in Kombination
mit meteorologischen Bedingungen in nur wenigen
Jahrzehnten ein Ozonloch entstehen lassen, das auf
bekannte chemische Mechanismen zurückzuführen
ist.
Lewis Thomas hat die Erde zum Beispiel mit einem
lebendigen Organismus und insbesondere mit einem
Einzeller verglichen. Der Vergleich trifft sicher in
einem Punkt zu: soviel wir auch noch über das Leben
lernen müssen, wie es sich entwickelt hat und wohin es
sich entwickeln wird, soviel müssen wir auch noch über
die Erde lernen.

AMERIKA DIENST 15

Das nationale Forschungsprogramm
Bertrand Rüssel hat einmal geschrieben: "Die schlimmsten Meinungsverschiedenheiten sind solche, bei denen
es für keine Meinung Beweise gibt." Die Erwärmung
der Erde kommt dieser Kategorie gefährlich nahe.
Wenn die Forschung mehr darüber entdeckt, wie die
Aktivitäten des Menschen das Klima beeinflussen
können, wird uns eine weniger kontroverse Basis für
unsere Maßnahmen zur Verfügung stehen.
Die US-Regierung hat jetzt ein umfangreiches integriertes Programm eingeführt, um Verständnis zu
wecken, von dem sich künftige politische Entscheidungen leiten lassen. Dieses Programm - das Amerikanische Forschungsprogramm für Globale Veränderungen (U.S. Global Change Research Program) wurde
vom interministeriellen Ausschuß für Geowissenschaften (Committee on Earth Sciences - CES) ins Leben
gerufen. Vorsitzender ist Dallas Peck vom U.S. Geological Survey. Der Ausschuß setzt sich aus Leitern
unabhängier Organisationen und aus Abteilungsleitern in Ministerien zusammen, die mit Umweltforschung befaßt sind. An den vom Ausschuß eingerichteten Arbeitsgruppen nehmen hochrangige Experten
teil, die einen bestimmten Bereich abdecken. Das
Amerikanische Forschungsprogramm für Globale Veränderungen wurde zum Beispiel von der Arbeitsgruppe Globale Veränderungen unter dem Vorsitz von
Robert Corell von der National Science Foundation
erarbeitet, und es umfaßt die Programme sieben unterschiedlicher Organisationen.
Der von Präsident Bush dem Kongreß Ende Januar
vorgelegte Haushalt für das Haushaltsjahr 1991 - der
die Forderung des CES nach einem integrierten nationalen Programm aufgriff - forderte eine 57prozentige
Aufstockung der Mittel für dieses Programm auf insgesamt eine Milliarde Dollar. Mit diesen Mitteln könnte
die Forschung, Datensammlung und Erarbeitung von
Modellen mit einer ausgewogenen Mischung land- und
weltraumgestützter Forschung erweitert werden.
Ich möchte auch darauf hinweisen, daß der Erfolg des
Ausschusses für Geowissenschaften Vorbildcharakter für ähnliche Aktivitäten des Büros für Wissenschafts- und Technologiepolitik hat. Wir haben gerade den Koordinierungsausschu ß für Wissenschaft und
Technik - das übergeordnete Gremium des CES umorganisiert und darüber hinaus eine Reihe neuer
interministerieller Ausschüsse für die Bereiche Bildungswesen, Biowissenschaften und industrielle Nutzung von Technologie ins Leben gerufen. Auf diese
Weise hoffen wir, in vielen wichtigen Bereichen von
Wissenschaft und Technik eine stärkere Integration
und bessere Koordinierung herbeizuführen.
Die Arbeitsgruppe Globale Veränderungen
Der Ausschuß für Geowissenschaften konzentriert
sich auf die Forschungsaspekte weltweiter Verände-

Seite 3

�rungen. Das politische Gegenstück zum CES ist die
Arbeitsgruppe Globale Veränderungen, die Präsident
Bush im vergangenen Herbst im Ausschuß für Innenpolitik einrichtete, einen von zwei hochrangigen politischen Ausschüssen mit Kabinettsrang im Weißen
Haus. Die von mir geleitete Arbeitsgruppe leistet im
Bereich Globale Veränderungen Koordinierungsarbeit
auf Kabinettsebene und ist für den Präsidenten eine
wichtige Quelle für Informationen und Empfehlungen.
Kurz nach ihrer Einrichtung forderte die Arbeitsgruppe
drei Sonderuntersuchungen über weltweite Veränderungen. Die erste beschäftigte sich mit den wirtschaftlichen Kosten globaler Veränderungen und Reaktionen auf mögliche Veränderungen unter Berücksichtigung der potentiellen Kosten von Untätigkeit. Die
zweite befaßt sich mit Bedenken und Aktivitäten des
Privatsektors. Die dritte überprüft rechtliche Voraussetzungen für internationale Abkommen und Konventionen über Umwelt. Die Arbeitsgruppe wird darüber
hinaus von hochrangigen Experten über wissenschaftliche und wirtschaftliche Aspekte globaler Veränderungen informiert.
Die Arbeitsgruppe Globale Veränderungen wird weiterhin eine wichtige Rolle im Weißen Haus spielen,
wenn es darum geht, die Politik der Administration zur
Umwelt zu überprüfen. Aber an diesem Punkt möchte
ich von meinem Versprechen abrücken, mich auf
Fortschritte konzentrieren zu wollen und einige politische Maßnahmen erörtern. Die Bush-Administration
vertritt nicht die Auffassung, daß weitere Forschung
irgendein Ersatz für das Handeln ist. Es ist eindeutig,
daß wir unsere Forschung angesichts der Unsicherheiten vorantreiben müssen, aber noch größere Bedeutung kommt in Zeiten der Unsicherheit der Entscheidungsfindung zu.
Aus diesem Grund hat die Administration bereits eine
Reihe politischer Maßnahmen verhängt, um die Emission von Treibhausgasen zu verringern, die auch aus
anderen Gründen gerechtfertigt sind. Der Präsident
bezeichnet sie als Politik "ohne Reue" und "für jedes
Wetter", denn sogar wenn sich unsere Sorge über den
Treibhauseffekt als unbegründet erweist, bringen diese Maßnahmen immer noch andere Vorteile. Ich
betrachte sie als Versicherungspolice gegen eventuelle negative Auswirkungen der Erwärmung der Erdatmosphäre.
Die Vereinigten Staaten engagieren sich für ein
umfassendes Verbot von FCKW bis zum Jahr
2000, um die stratosphärische Ozonschicht zu
schützen, wenn sichere Ersatzstoffe verfügbar
sind, und sie sind damit den Erfordernissen des
Protokolls von Montreal voraus. Wenn FCKW
nicht kontrolliert werden, können sie im nächsten Jahrhundert für 25 Prozent der Steigerung
des Treibhauseffekts verantwortlich sein.

Seite 4

Das Luftreinhaltungsgesetz wird gegenwärtig
im Kongreß erörtert und sieht eine erhebliche
Reduzierung der Emission anderer Treibhausgase vor, indem es den effizienteren Einsatz
von Energie fördert. Der Fonds zum Schutz der
Umwelt hat errechnet, daß allein die Gesetzesbestimmungen über sauren Regen die gleichen
Auswirkungen auf die Emission von Treibhausgasen haben werden wie wenn man zehn Jahre
lang ein Fünftel aller Fahrzeuge (22 Millionen
Autos) von den Autobahnen verbannt.
Das Energieministerium entwickelt eine Nationale Energiestrategie, die sich insbesondere
auf ein aggressives Engagement für die Energieeinsparung und die Entwicklung nichtfossiler
Brennstoffe konzentrieren wird.
Diese Initiativen beschäftigen sich vor allem mit den
Quellen der Treibhausgase. Auch im Hinblick auf
deren Auswirkungen auf die Umwelt unternimmt die
Administration konkrete Schritte.
Das Landwirtschaftsministerium will in ganz
Amerika eine Milliarde Bäume auf Privatgrundstücken pflanzen, die insgesamt etwa 13 Millionen Tonnen Kohlenstoff jährlich absorbieren.
Auf diplomatischer Ebene finden Gespräche
über den Schutz der noch bestehenden Regenwälder durch Mechanismen wie Schuldenerlaß
im Gegenzug für Umweltschutzmaßnahmen statt.
Der rote Faden, der sich durch alle Maßnahmen der
Administration im Hinblick auf die weltweiten Klimaveränderungen zieht, ist die Tatsache, daß sie so wissenschaftlich fundiert wie möglich und technisch wie
ökonomisch solide sind. Dies sind Kriterien, die wir
auch bei künftigen Maßnahmen anwenden werden.
Die Zwischenstaatliche Kommission zur Klimaveränderung (IPCC)
Bis jetzt habe ich lediglich über unsere nationale
Forschungsarbeit und Entscheidungsfindung in bezug
auf die weltweiten Klimaveränderungen gesprochen.
Der Treibhauseffekt macht jedoch nicht vor nationalen
oder politischen Grenzen halt, und sein Verständnis
erfordert Informationen und Analysen, die den gesamten Globus umspannen. Internationale Zusammenarbeit wird deshalb für anhaltende Fortschritte unerläßlich sein.
Das wichtigste internationale Forum zur Erörterung
dieser Fragen ist die Zwischenstaatliche Kommission
zur Klimaveränderung (IPCC), die unter der Schirmherrschaft des Umweltprogramms der Vereinten Nationen und der Weltorganisation für Meteorologie ins
Leben gerufen wurde. An der IPCC beteiligen sich
Hunderte von Wissenschaftlern und Regierungsver-

AMERIKA DIENST 15

�treter aus einer Reihe von Ländern in dem Bestreben,
einen internationalen Konsens über die vermeintlichen
Ursachen und Folgen der Klimaveränderungen herbeizuführen.
Die IPCC setzt sich aus drei Arbeitsgruppen zusammen. Die erste bemüht sich unter der Leitung Großbritanniens um die Entwicklung eines besseren wissenschaftlichen Verständnisses der Klimaveränderungen.
Die von der Sowjetunion geleitete zweite Arbeitsgruppe untersucht deren mögliche umweltpolitische und
sozioökonomische Folgen. Die dritte Arbeitsgruppe
unter dem Vorsitz der Vereinigten Staaten versucht
schließlich, mögliche Antworten auf die weltweiten
Klimaveränderungen zu finden.

Eine Rahmenkonvention über die Veränderung des
Weltklimas könnte dieselbe Funktion erfüllen. Sie
würde zwischenstaatliche Zusammenarbeit begründen und die Mechanismen ins Leben rufen, mit deren
Hilfe künftige Schritte ergriffen werden können. Die
Vereinigten Staaten gehen jedoch davon aus, daß ein
umfassender Ansatz erforderlich ist, der alle Emissionen von Treibhausgasen auf der Grundlage eines
wissenschaftlich begründeten Treibhaus-ÄquivalenzIndexes umfaßt und mögliche Maßnahmen marktorientierte Ansätze benutzen sollten.
Die Konferenz des Weißen Hauses über wissenschaftliche und wirtschaftliche Forschung im
Hinblick auf die weltweiten Klimaveränderungen

Diese drei Arbeitsgruppen werden bis zum Ende des
Sommers Berichte vorlegen. Die politisch Verantwortlichen auf der ganzen Welt werden dann in der Lage
sein, diese Berichte bei der Formulierung nationaler
und internationaler Maßnahmen heranzuziehen.
Daneben wird unsere in der nächsten Woche stattfindende Konferenz über wissenschaftliche und wirtschaftliche Forschung im Hinblick auf die weltweiten
Klimaveränderungen dem Ziel dienen, diese Maßnahmen der IPCC zu ergänzen und unterstützen.

Die Berichte der IPCC-Arbeitsgruppen werden einen
bedeutenden Beitrag zur Rahmenkonvention leisten,
aber die in der nächsten Woche in Washington stattfindende Konferenz des Weißen Hauses wird eine wichtige Ergänzung zur IPCC sein. Präsident Bush ist der
Gastgeber, er wird die Beratungen eröffnen und schließen. Ich bin zusammen mit Michael Deland vom Rat
für Umweltqualität und Michael Boskin vom Rat der
Wirtschaftsberater einer der Vorsitzenden dieser
Konferenz.

Die drei Arbeitsgruppen der IPCC kamen im Februar in
Washington zusammen, und Präsident Bush hielt eine
Rede bei der Eröffnungssitzung. Darin erklärte er:
"Die Vereinigten Staaten engagieren sich voll und
ganzfür den IPCC-Prozeß der internationalen Zusammenarbeit zur weltweiten Klimaveränderung. Wir halten
es für lebenswichtig, daß sich die internationale Staatengemeinschaft in geordneter, disziplinierter und rationaler Art und Weise zusammenfindet, um die Geschichte unserer Umwelt zu studieren, das Potential
künftiger Klimaveränderungen einzuschätzen und
wirksame Programme zu entwickeln."

Die Konferenz wird jeweils die drei ranghöchsten
Vertreter von Wissenschaft, Wirtschaft und Umwelt
aus 17 Ländern, der Organisation für wirtschaftliche
Zusammenarbeit und Entwicklung und der Europäischen Gemeinschaft zusammenführen. Die Konferenz soll unseren Wissensstand in bezug auf die
wissenschaftlichen und ökomischen Fragen zu den
weltweiten Klimaveränderungen überprüfen und feststellen, bis wann die verbleibenden Unwägbarkeiten
ausgeräumt werden könnten. Die Konferenz wird
ferner Möglichkeiten untersuchen, um die Ergebnisse
wissenschaftlicher und wirtschaftlicher Forschung
vollständiger in den Entscheidungsfindungsprozeß zu
integrieren.

Präsident Bush hat darüber hinaus seine Unterstützung für den nächsten logischen Schritt auf internationaler Ebene bekundet: eine Rahmenkonvention über
Klimaveränderungen soll von den Staaten der Welt
ausgehandelt werden. Beim Gipfeltreffen von Malta
schlug Präsident Bush vor, daß die Vereinigten Staaten die erste Verhandlungsrunde zur Rahmenkonvention ausrichten, und er erneuerte dieses Angebot
gegenüber der IPCC.
Wenn man über die Ziele dieser Rahmenkonvention
nachdenkt, bietet sich die Wiener Konvention als nützliche Analogie an. Im Jahr 1985 unterzeichneten die
Vereinigten Staaten und 20 andere Länder die Wiener
Konvention zum Schutz der Ozonschicht, die einen
Rahmen für die internationale wissenschaftliche und
technische Zusammenarbeit schuf. Die Wiener Konvention sah jedoch keine Emissionsobergrenzen vor.
Sie enthielt stattdessen Verfügungen über die Erarbeitung von Zusatzprotokollen im Zuge der weiteren
wissenschaftliche Entwicklung.

AMERIKA DIENST 15

Ich habe bereits einige der wissenschaftlichen Herausforderungen genannt und möchte mich nun den ökonomischen zuwenden, da diese in vielen Fällen noch
größer sind als die wissenschaftlichen. So kam zum
Beispiel eine kürzlich erstellte Analyse lediglich zu dem
Ergebnis, daß die Kohlendioxidemissionen bis zum
Jahr 2050 wahrscheinlich um das 1,5- bis 12fache des
heutigen Werts ansteigen werden.
Wir benötigen bessere Maßstäbe für die möglichen
Kosten und Vorteile einer Begrenzung oder Anpassung an die weltweiten Klimaveränderungen. Ersten
Studien zufolge könnten die Kosten sehr hoch sein,
aber die solchen Schätzungen zugrundeliegenden Daten
und Annahmen sind mit vielerlei Unwägbarkeiten
behaftet.
Im allgemeinen werden die Sozialwissenschaften für
die Verbesserung des Verständnisses weltweiter Kli-

Seite 5

�maveränderungen ebenso wichtig sein wie die Naturwissenschaften. Selbst wenn die physikalischen und
biologischen Gesichtspunkte eines Problems verstanden werden, mangelt es uns nur allzu oft am Verständnis der unterschwelligen sozialen, verhaltenspsychologischen und wirtschaftlichen Ursachen und Folgen
einer Handlungsweise. Die in der nächsten Woche
stattfindende Konferenz wird sich diesen Aspekten
des Problems mindestens so sehr widmen wie den rein
wissenschaftlichen Gesichtspunkten. Auf diese Weise hoffen wir, dem internationalen Dialog über die
weltweiten Klimaveränderungen eine neue Dimension
zu verleihen.

begehen, ein Ereignis von einmaliger welthistorischer
Tragweite. Wie nicht anders zu erwarten, war Kolumbus ein genauer Beobachter der Natur. Während sein
Schiff vor der Küste Jamaikas ankerte, vermerkte
Kolumbus in seinem Tagebuch, da ß es jeden Nachmittag etwa eine Stunde lang regnete. Kolumbus verwies
außerdem darauf, daß das gleiche Phänomen früher
auf den Kanarischen Inseln und den Azoren aufzutreten pflegte, daß aber diese Regenfälle aufgehört hätten, nachdem die Bäume auf diesen Inseln gefällt
wurden. Mit anderen Worten: Kolumbus beobachtete
als einer der ersten Menschen die Auswirkungen
menschlichen Handelns auf das Klima.

Die Vorsitzenden der Konferenz werden voraussichtlich einen Bericht erarbeiten, der gemeinsame Maßnahmen mit dem Ziel des Ausbaus von Forschung und
Zusammenarbeit zwischen den Staaten definiert. Die
Vereinigten Staaten werden der Konferenz darüber
hinaus eine Reihe von konkreten Vorschlägen unterbreiten, wie etwa den Vorschlag über ein internationales Forschungsprogramm zu den weltweiten Klimaveränderungen, das dem von mir bereits erläuterten nationalen Programm der Vereinigten Staaten auf
internationaler Ebene vergleichbar ist. In der kommenden Woche werden Sie mehr darüber hören.

Meines Erachtens ist es einleuchtend, daß gerade
Kolumbus eine solche Entdeckung machte, denn er
befand sich auf einer großen Entdeckungsfahrt, und
wir befinden uns heute auf einer ähnlichen Reise. Wir
verändern die Welt in nie gekanntem Ausmaß. Und
doch hat der Mensch aufgrund seiner Natur keine
andere Wahl als die Welt zu verändern.

Schlußbemerkung
Zum Schluß möchte ich noch ein Beispiel aus der
Geschichte anführen, das ich auch der Konferenz in
der nächsten Woche erläutern möchte, da es meiner
Meinung nach sehr gut auf unsere heutige Situation
paßt.

Wir haben keinen Grund, solche Veränderungen zu
fürchten. Aber wir müssen unsere Augen offenhalten
und zu verstehen versuchen, wohin die Reise geht und
den Kurs ändern, wenn wir dafür gute Gründe haben.
Wir müssen nicht blind in die Zukunft segeln. Aber wir
müssen vorwärtsschreiten, wenn wir die einander
ergänzenden Ziele einer wirtschaftlich gesunden Welt
und einer intakten Umwelt erreichen wollen.

Im übernächsten Jahr werden wir den 500. Jahrestag
der Entdeckung der neuen Welt durch Kolumbus

*

Seite 6

*

AMERIKA DIENST 15

�UMWELT
18. April 1990

ZIELE DER KONFERENZ ÜBER GLOBALE
UMWELTVERÄNDERUNGEN
Eine Übersicht des Weißen Hauses
WASHINGTON - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir eine Übersicht zu der am 17. und 18. April 1990 vom
Weißen Haus veranstalteten Konferenz über wissenschaftliche und wirtschaftliche Forschung in Zusammenhang mit den globalen Umweltveränderungen.

Ziele der Konferenz
Präsident George Bush hat die Staats- und Regierungschefs von 17 Staaten sowie die Europäische Gemeinschaft (EG) und die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) eingeladen, Delegationen auf Ministerebene zur Konferenz
des Weißen Hauses über wissenschaftliche und wirtschaftliche Forschung in Zusammenhang mit den
globalen Umweltveränderungen zu entsenden. Die
Konferenz soll führende Regierungsvertreter aus den
Bereichen Wissenschaft, Wirtschaft, Energieversorgung und Umwelt zusammenführen, die sich mit den
zentralen Forschungsaufgaben in bezug auf diese
Veränderungen beschäftigen. Sie soll ferner das
Verständnis weltweit auftretender Phänomene verbessern, die internationale Zusammenarbeit fördern
und eine Grundlage für künftige zwischenstaatliche
Bemühungen zur besseren Integration von wissenschaftlicher und wirtschaftlicher Forschung in den
politischen Entscheidungsfindungsprozeß schaffen. Die
Konferenz eröffnet dem internationalen Dialog über
die Veränderung der Umwelt eine neue Dimension
anhand der These, daß die Wirtschaftswissenschaften - und zwar sowohl Analyse als auch Forschung in
bezug auf Wirtschaftspolitik und wirtschaftliche Folgen
- ein unerläßliches Bindeglied zwischen der wissenschaftlichen Untersuchung der globalen Umweltveränderungen und den politischen Alternativmaßnahmen darstellen. Wissenschaftliche und wirtschaftliche
Forschung können überdies dazu dienen, die Technologien und politischen Instrumente zu identifizieren
und entwickeln, die das Spannungsverhältnis zwischen Wirtschaftswachstum und Umweltveränderungen abbauen, indem sie größere Fortschritte in beiden

AMERIKA DIENST 15

Bereichen erlauben. Um diese breitgefächerten Ziele
zu erörtern, wird die Konferenz
schwerpunktmäßig für Maßnahmen zur Bewältigung der Klimaveränderungen relevante Fragen der wissenschaftlichen und wirtschaftlichen
Forschung behandeln.
Wichtige Folgemaßnahmen erörtern, um das
internationale Verständnis von Fragen der wissenschaftlichen und wirtschaftlichen Forschung
in bezug auf die Veränderung des Erdklimas zu
verbessern.
Die besondere Rolle der Wirtschaftswissenschaften bei der Integration der wissenschaftlichen Untersuchung von Veränderungen des
Erdklimas in den Entscheidungsfindungsprozeß hervorheben.
Die Beziehungen zwischen wissenschaftlicher
und wirtschaftlicher Forschung sowie innenund außenpolitischen Prozessen aufzeigen.
Erste Schritte in die Wege leiten, um gemeinsame internationale wissenschaftliche und wirtschaftliche Forschungsbestrebungen zu verwirklichen.
Die Konferenz versteht sich als integraler Bestandteil
des andauernden internationalen Prozesses zum
Verständnis der wissenschaftlichen und politischen
Aspekte globaler Umweltfragen. Die Notwendigkeit
zur erheblichen Verbesserung des Verständnisses
sowohl der wissenschaftlichen als auch der wirtschaftlichen Aspekte des weltweiten Klimawandels ist von
vielen führenden Politikern der Welt erkannt worden.
Seite 1

�Als Ergänzung der laufenden Arbeit der Zwischenstaatlichen Kommission zur Klimaveränderung (IPCC)
und anderer internationaler Foren, die sich um die
Bewältigung weltweiter Klimaveränderung bemühen,
konzentriert sich die Konferenz deshalb auf Fragen der
wissenschaftlichen und wirtschaftlichen Forschung.
Es besteht berechtigter Grund zu der Annahme, daß
die Ergebnisse der Konferenz einen Beitrag zum IPCCProzeß und anderen internationalen Gesprächen und
Maßnahmen leisten wird.
Die Konferenz widmet sich schwerpunktmäßig den
"weltweiten Veränderungen", einem Forschungsbereich, der sich mit dem Verständnis der grundlegenden
Prozesse beschäftigt, von denen die Funktionsweise
des Erdsystems bestimmt wird. Dazu gehören solch
unterschiedliche und dennoch zusammenhängende
Probleme wie der Abbau der Ozonschicht, Treibhausgase, Klimaveränderungen, Nahrungsmittelversorgung,
Wasservorräte, Veränderungen des Meeresspiegels,
Feuchtgebiete, Entwaldung, Artenvielfalt, demographische Entwicklung und Energienachfrage.
Die Konferenz wird führenden Politikern aus aller Welt
ein Forum bieten, um die komplexen Forschungsfragen anzusprechen, die für den Entscheidungsfindungsprozeß von zentraler Bedeutung sind. Dazu gehören
folgende Fragen:
Wie gut läßt sich die Temperaturentwicklung in
den kommenden Jahrzehnten vorhersagen?
Wie "gut" sind unsere globalen Klimamodelle
der gesamten Erde, zum Beispiel Modelle zur
Vorhersage von Temperaturveränderungen?
Wie gut lassen sich die Verbindungen zwischen

Was sind die wirtschaftlichen Folgen der Anpassung an oder Bekämpfung weltweiter Umweltveränderungen?
Wie "gut" sind die Modelle zur Berechnung
dieser wirtschaftlichen Konsequenzen und deren Auswirkungen auf das Leben der Menschen?
Wir hoffen, daß sich die Staaten mit der Erörterung
solcher Fragen dazu verpflichten werden, die gemeinsamen internationalen Forschungsanstrengungen zu
verstärken, die sich auf die rasche Verbesserung des
wissenschaftlichen und ökonomischen Wissens und
die Entwicklung der zur Durchführung dieser Maßnahmen notwendigen Infrastruktur konzentrieren.
Um diese komplexen, zusammenhängenden Fragen
zu behandeln, hat Präsident Bush die Staats-und
Regierungschefs einer kleinen Gruppe von Staaten
dazu eingeladen, Delegationen auf Ministerebene zu
entsenden. Die Konferenz wurde mit dem Gedanken
ins Leben gerufen, eine repräsentative Gruppe von
Ländern zur Teilnahme einzuladen. Bei der Auswahl
wurden Kriterien zugrundegelegt, wonach Länder oder
Organisationen mit hoher Bevölkerungszahl, großer
geographischer Ausdehnung, starker Industrialisierung, hohem zukünftigen Energiebedarf, umfangreicher wissenschaftlicher Infrastruktur oder die bereits
eine internationale Führungsrolle in Fragen klimatischer und anderer weltweiter Umweltveränderungen
spielen, an dem Treffen teilnehmen sollen. Es wurden
die folgenden Länder und Organisationen ausgewählt:

1. Australien

11. Die Niederlande

2. Brasilien

12. Nigeria

3. Bundesrepublik Deutschland

13. Norwegen

4. Frankreich

14. Polen

5. Indien

15. Sowjetunion

6. Indonesien

16. Vereinigtes Königreich

7. Italien

17. Zaire

8. Japan

18. Europäische Gemeinschaft

9. Kanada

19. Organisation für wirtschaftliche
Zusammenarbeit und Entwicklung

10 Mexiko

Seite 2

globalen Umweltveränderungen und den daraus resultierenden sozialen und wirtschaftlichen
Folgen vorhersagen?

AMERIKA DIENST 15

�Voraussichtliche Ergebnisse der Konferenz

die mit Forschung und politischen Maßnahmen
bezüglich der Umweltveränderungen befaßt sind.
Insbesondere dürfte diese Konferenz die erste
Chance zum Aufbau einer Partnerschaft zwischen den Bereichen Forschung und Wirtschaft
einerseits und den politischen Entscheidungsträgern andererseits bieten.

Die Konferenz wird eine Gelegenheit zur Erörterung
der wissenschaftlichen und wirtschaftlichen Forschungsfragen in bezug auf die globalen Umweltveränderungen im Kontext mit dem politischen Entscheidungsfindungsprozeß bieten. Um dies zu verwircklichen, verfolgt die Konferenz folgende Ziele:
Ein erheblich verbessertes Verständnis der
Forschungsvorhaben in den Bereichen Naturund Wirtschaftswissenschaften sowie Umwelt,
die für die Entscheidungsfindung im Hinblick auf
die weltweiten Veränderungen unerläßlich sind.

Als Grundlage zur Erörterung dieser lebenswichtigen
Fragen werden die drei wichtigsten Themen der Konferenz in zwei Plenarsitzungen sowie mehreren Arbeitsgruppen diskutiert:
Die Herausforderungen für die wissenschaftliche und wirtschaftliche Forschung.

Ein solides Verständnis der Unwägbarkeiten im
Hinblick auf die Umweltveränderungen auf
unserem Planeten.
Verbessertes gegenseitiges Verständnis und
Sensibilität gegenüber der wissenschaftlichen
und wirtschaftlichen Forschung in diesen beiden Forschungsbereichen.
Erhöhte Sensibilität der beiden Forschungsbereiche gegenüber den politischen Erfordernissen, etwa in Umwelt- und Energiepolitik, und
vice versa.
Solide und gut durchgeführte wissenschaftliche
und wirtschaftliche Forschungsvorhaben als Ergänzung der aufkeimenden Bemühungen der
Staaten, sich mit den internationalen politischen
Fragen der globalen Umweltveränderungen zu
beschäftigen.
Ein Kommunikationsnetz zwischen den politisch Verantwortlichen der einzelnen Länder,

Die Integration dieser Forschung in den Entscheidungsfindungsprozeß.
Der Aufbau einer Partnerschaft zwischen wissenschaftlicher und wirtschaftlicher Forschung.
Im Verlauf der Konferenz wird voraussichtlich ein
Bericht der Vorsitzenden vorgelegt, der ein Protokoll
der Gespräche enthält und gemeinsame Maßnahmen
zur Verstärkung von Forschung und Zusammenarbeit
zwischen den Staaten aufzeigt.
In seinem Einladungsschreiben stellte Präsident Bush
fest: "Ich hoffe, daß das Fachwissen, die Erfahrung
und die unseren jeweiligen Ländern zur Verfügung
stehenden Daten auf einheitlichere und zusammenhängendere Art und Weise zusammengefaßt werden
können. Durch Zusammenarbeit können unsere Staaten die internationale Kooperation in diesen lebenswichtigen Bereichen fördern und zum Erfolg des andauernden IPCC-Prozesses beitragen."

* * * * *

AMERIKA DIENST 15

Seite 3

�BUSH/THATCHER

TREFFEN
18. April 1990

BUSH FÜR UNEINGESCHRÄNKTE SOUVERÄNITÄT
DEUTSCHLANDS
Pressekonferenz von Präsident Bush und Premierministerin Thatcher
HAMILTON, BERMUDA - (AD) - Anläßlich einer Pressekonferenz mit der britischen Premierministerin Thatcher
am 13. April 1990 sprach sich Präsident Bush für die uneingeschränkte Souveränität Deutschlands aus und wies
damit Vermutungen über einen Verbleib sowjetischer Truppen in der DDR während einer Übergangsphase
zurück. Bush begrüßte die Verwirklichung des "tiefempfundenen Wunsches des deutschen Volkes nach
Überwindung der unnatürlichen Teilung des Landes."
Präsident Bush bekräftigte erneut, daß ein vereinigtes Deutschland Vollmitglied der NATO sein sollte und fügte
hinzu, "Ein vereinigtes Deutschland sollte uneingeschränkte Kontrolle über sein gesamtes Territorium ohne
irgendwelche Einschränkungen seiner Souveränität haben."
Nachfolgend veröffentlichen wir die Pressekonferenz von Präsident Bush und Premierministerin Thatcher in
wesentlichen Auszügen.

Bush: Zunächst möchte ich dem Generalgouvemeur
und dem Ministerpräsidenten von Bermuda für ihre
Gastfreundschaft danken.
Premierministerin Thatcher und ich hatten Gelegenheit zu ausführlichen und offenen Gesprächen über die
jüngsten Entwicklungen in Europa und die Perspektiven für die Zukunft.
Natürlich haben wir auch über die Aussichten eines
vereinigten Deutschlands gesprochen. Wir begrüßen
beide die Verwirklichung des tiefempfundenen Wunsches des deutschen Volkes nach Überwindung der
unnatürlichen Teilung des Landes. Unsere Regierungen haben die Vereinigung Deutschlands seit über 40
Jahren unterstützt und freuen sich, da ß sie sich endlich
in Frieden und Freiheit vollzieht.
Premierministerin Thatcher und ich stimmen mit Bundeskanzler Kohl überein, daß Deutschland Vollmitglied der NATO einschließlich der integrierten militärischen Struktur sein sollte. Diese Ansicht wird von der
Bundesrepublik Deutschland, der gesamten NATO
und auch einigen Ländern Osteuropas geteilt. Unseres Erachtens liegt die uneingeschränkte Mitgliedschaft Deutschlands in der NATO im Sicherheitsinteresse aller europäischen Staaten.
In diesem Zusammenhang sehen wir der kontinuierlichen Entwicklung der Zwei-plus-Vier-Gespräche über
AMERIKA DIENST 15

die äußeren Aspekte der Wiederherstellung der deutschen Einheit erwartungsvoll entgegen. Diese Gespräche konzentrieren sich auf die Aufhebung der besonderen Rechte und Pflichten der vier Mächte für
Berlin und Deutschland als Ganzes. Ein vereinigtes
Deutschland, sollte uneingeschränkte Kontrolle über
sein gesamtes Territorium ohne irgendwelche Einschränkungen seiner Souveränität haben.
Auch über die Lage in der Sowjetunion und Litauen
hatten wir einen fruchtbaren Gedankenaustausch. Wir
stimmen überein, daß diese Probleme im Wege des
Dialogs bewältigt werden müssen, damit das Recht
des litauischen Volkes auf Selbstbestimmung verwirklicht werden kann.
Vor wenigen Minuten wurde uns eine außerordentlich
beunruhigende Meldung der Nachrichtenagenturen
überreicht. Natürlich hatten wir noch keine Zeit, uns im
einzelnen mit dieser Angelegenheit auseinanderzusetzen oder die Fakten zu analysieren. Aber wir haben
Moskau sowohl öffentlich als auch unter vier Augen
aufgefordert, eine Eskalation zugunsten des Dialogs
zu vermeiden. Es ist an der Zeit für Gespräche.
Bei unserer Diskussion über die Zukunft Europas und
der atlantischen Gemeinschaft haben Premierministerin Thatcher und ich die Möglichkeiten erörtert, die sich
der NATO, der Europäischen Gemeinschaft und der
Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in
Seite 1

�Europa (KSZE) zum Aufbau eines ungeteilten und
freien Europas bieten.
Frau Thatcher hat mir ihre jüngsten Vorschläge über
die Zukunft der KSZE im einzelnen erläutert, und
meines Erachtens sind sie sehr vielversprechend.
Für mich waren die Gespräche mit Frau Thatcher
außerordentlich nützlich. Seit vielen Jahren arbeiten
unsere beiden Länder für Frieden und Freiheit, und wir
haben uns vielerorts und zu manch einer Zeit - gelegentlich allen Widrigkeiten zum Trotz - diese Sache zu
eigen gemacht. Die britisch-amerikanische Freundschaft bedarf keiner Worte. Es ist eine besondere
Freundschaft, die sich zwangsläufig aus unserer
gemeinsamen Vision für die Zukunft der Menschheit
ergibt.
Frau Thatcher, ich danke Ihnen für ein au ßerordentlich
nützliches und aufschlußreiches Gespräch.
Frage: Herr Präsident, haben sie die Frage der
luftgestützten Marschflugkörper erörtert? Sind Sie für
die Stationierung luftgestützter Atomraketen in einem
vereinigten Deutschland?
Bush: Meiner Ansicht nach ist die Frage der Stationierung von Raketen Sache des Bündnisses. Ich möchte
im Augenblick dazu nur sagen, daß wir Konsultationen
mit der NATO führen werden. Unsere Position ist, daß
wir alles in unserer Macht Stehende tun müssen, um
der Rolle der Vereinigten Staaten bei der Bewahrung
des Friedens und der Gewährleistung von Stabilität
und Sicherheit in Europa gerecht zu werden. Ich
möchte dazu nicht ins Detail gehen, aber meiner
Ansicht nach ist die amerikanische Position bekannt,
und sie hat sich im Verlauf dieses Treffens nicht geändert.
Frage: Frau Premierministerin, haben Sie Außenminister Bakers Forderung einer formelleren Vertragsbe-

ziehung zwischen den Vereinigten Staaten und der
Europäischen Gemeinschaft erörtert? Und wie fügen
sich seine Ideen einer Rolle der NATO mit größerem
politischen Gewicht in Ihr Konzept der Weiterentwicklung der KSZE ein?
Thatcher: Den ersten Teil Ihrer Frage haben wir nicht
diskutiert, aber den zweiten - und ich hatte gehofft, das
sei in meiner Eingangserklärung zum Ausdruck gekommen. Ich befürworte einen erweiterten Dialog und
engere Beziehungen zwischen beiden Seiten der atlantischen Gemeinschaft uneingeschränkt.
Aus diesem Grund hat eine Rolle der NATO mit
größerem politischen Gewicht meine ungeteilte Zustimmung, denn meiner Ansicht nach bilden Freiheit
und ihre Verteidigung den Mittelpunkt der atlantischen
Gemeinschaft als Ganzes. Das steht für mich eindeutig fest.
Im Hinblick auf den größeren Kontext, einschließlich
Osteuropas und der Sowjetunion, scheint mir, daß die
Teilnehmerstaaten der KSZE den geeigneten Rahmen für eine erweiterte politische Diskussion bilden.
Meines Erachtens sind sie ein Forum, in das wir einige
der osteuropäischen Nationen zu Gesprächen mit den
Vereinigten Staaten und dem übrigen Europa einbeziehen können, und zwar offizieller und regelmäßiger
als das bisher der Fall war. Das könnte sich für uns alle
als sehr nützlich erweisen.
Auf der einen Seite sollten die Nationen, die sich der
Verteidigung der Freiheit verschrieben haben, engere
politische Kontakte pflegen. Auf der anderen Seite
haben wir eine Brücke über eine Kluft. Beide erfüllen
ihren Zweck und kommen sich gegenseitig nicht ins
Gehege: sie ergänzen einander.
Bush: Ich stimme dem voll und ganz zu.

* * * *

Seite 2

*

AMERIKA DIENST 15

�KSZE
18. April 1990

KSZE UND NATO UNERLÄSSLICH FÜR EUROPA
Rede von Botschafter Maresca
ARLINGTON (Virginia) - (AD) - "Die Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (KSZE) ist weder
dazu bestimmt noch in der Lage, die kollektive Sicherheit des Westens zu garantieren,"erklärte Botschafter John
Maresca bei einem Seminar über militärische Fragen in Deutschland, das am 29. März 1990 in Arlington unter
der Leitung des Institute of Foreign Policy Analysis und der Eagle Research Group stattfand.
"Solange die Sowjetunion umfangreiche Streitkräfte nahe Europa aufrechterhält, braucht der Westen die NATO

für seine Verteidigung gegen Angriffe oder Einschüchterung", bemerkte der Leiter der amerikanischen
Delegation bei den Wiener Verhandlungen über Vertrauens- und Sicherheitsbildende Maßnahmen (VSBM).
Im zufolge liefert die mögliche "Auflösung" des Warschauer Pakts keinen Grund zur Schwächung der NATO.
Maresca fügte hinzu, es bedürfe einer Reihe multilateraler Institutionen wie etwa der Europäischen Gemeinschaft, der NATO und des KSZE-Prozesses, damit "der Rahmen hergestellt wird, den Europa benötigt", um auch
in Zukunft dauerhafte Sicherheit und Stabilität zu gewährleisten.
Nachfolgend veröffentlichen wir Botschafter Marescas Rede im Wortlaut.

Es ist gerade jetzt eine besondere Herausforderung,
sich über die Zukunft der Sicherheit in Europa Gedanken zu machen, trotz des gerade in Mode gekommenen Spruchs, die Geschichte höre ja nicht auf, sondern
entwickle sich immer weiter - oftmals in einer Weise,
die man unmöglich vorhersehen oder steuern kann.
Niemand hätte die Ereignisse des letzten Jahres in der
Sowjetunion und Osteuropa vorhersagen können - wir
versuchen immer noch, sie zusammen mit ihren Auswirkungen zu verstehen. Und vor uns liegen ebenso
aufregende Ereignisse, die noch weitere Veränderungen mit sich bringen werden. Von einem Ende der
Geschichte sind wir weit entfernt - wir versuchen
vielmehr, Schritt zu halten.
Dies ist ein so vielschichtiges Bild, daß es in einzelne
Bestandteile zerlegt werden muß, wenn wir zu einer
vernünftigen Beurteilung kommen wollen, wobei die
Aufschlüsselung an sich schon eine Herausforderung
darstellt. Keine Art und Weise der Systematisierung
des Materials ist dabei definitiv, und aufgrund der
begrenzten Zeit werde ich einige wichtige Thesen
außer acht lassen. Ich werde mich auf folgende
Punkte beschränken:
eine kurze Bilanz der europäischen Sicherheitsgleichung, wie wir sie bisher verstanden haben,

AMERIKA DIENST 15

eine Zusammenfassung von Auswirkungen der
jüngsten noch andauernden Entwicklungen in
Osteuropa,
einen Blick auf mögliche künftige Bedrohungen
für die Sicherheit in Europa sowie auf neue Zielsetzungen und die Frage eines neuen Sicherheitssystems.
Struktur der europäischen Sicherheit vor 1989
Grundsätzlich war das seit Ende der vierziger Jahre
bestehende europäische Sicherheitssystem von der
Konfrontation zwischen zwei Bündnissen geprägt, die
sich als ideologische Rivalen gegenüberstanden und
jeweils eine militärische Supermacht hinter sich hatten. Bei den Streitkräften beider Seiten herrschte zwar
keine Symmetrie, aber das Gleichgewicht reichte aus,
um kein militärisches Abenteurertum zu ermutigen.
Man muß sich unbedingt vor Augen führen, daß es
zwischen beiden Gruppen niemals moralische oder
politische Übereinstimmmung gab. Der Warschauer
Pakt ist entstanden, weil die Sowjetunion ihren Nachbarn eine fremde Ideologie aufgezwungen hatte, die
von der Mehrheit im Volk niemals akzeptiert worden
war. Sowjetische Soldaten waren gegen den Willen
der meisten Menschen in Osteuropa dort stationiert,
Seite 1

�und die Sowjets setzten eindeutig ihren Willen durch,
wie sich zum Beispiel 1956 in Budapest und 1968 in
Prag gezeigt hat.
Im Gegensatz dazu war und ist das westliche Bündnis
ein freier Zusammenschluß gleichgearteter Staaten
mit denselben Idealen von Demokratie und freiem
Unternehmertum. Hier sind amerikanische Soldaten
stationiert, weil die Europäer der Auffassung sind,
diese seien für ihre Sicherheit unabdingbar. Diese
Diskrepanz zwischen den Grundlagen des Warschauer Pakts und des Nordatlantischen Bündnisses spielt
eine Rolle für die Zukunft, und darauf werde ich noch
einmal zurückommen.
Seit dem Harmel-Bericht von 1967 und insbesondere
seit der ernsthaften Aufnahme des Ost-West-Dialogs
Anfang der siebziger Jahre verfolgte der Westen
gegenüber der Sowjetunion und ihren Satellitenstaaten klare Zielsetzungen, mit denen die militärische
Konfrontation abgebaut und ein neuer Rahmen geschaffen werden sollte. Es ging um Ziele in Rüstungskontrolle und Politik.
Unter der Überschrift Rüstungskontrolle fanden zwischen den Vereinigten Staaten und der Sowjetunion
bilaterale Verhandlungen über die Reduzierung strategischer Waffen statt. Gleichzeitig sollte mit multilateralen Verhandlungen zwischen NATO und Warschauer Pakt über konventionelle Streitkräfte Sicherheit auf
niedrigeren Streitkräfteniveaus erzielt werden. Mit
allgemeineren sicherheitspolitischen Verhandlungen
aller 35 Teilnehmerstaaten in Europa und Nordamerika wurde Vertrauensbildung im militärischen Bereich
abgestrebt.
Ich möchte insbesondere auf die Verhandlungen über
Vertrauensbildende Maßnahmen verweisen, an denen ich mitarbeite. Ihr Ziel ist größere Offenheit bei
militärischen Aktivitäten, ausgehend von der Annahme, daß die Planung feindlicher militärischer Aktivitäten schwieriger ist, wenn Beobachtungen, Inspektionen und Besichtigungen stattfinden. Die Stockholmer
Verhandlungen über Vertrauensbildung haben das
einzige, heute gültige Abkommen über konventionelle
Rüstungskontrolle hervorgebracht und einmalige Inspektionsrechte eingeführt.
Das Stockholmer Abkommen von 1986 sieht das
Recht auf kurzfristig anberaumte Inspektionen vor,
wenn bei bestimmten militärischen Aktivitäten Zweifel
aufkommen, und von diesem Recht wurde in der
Sowjetunion und anderen Ländern erfolgreich Gebrauch gemacht. Diese Verhandlungen haben echten
Pioniercharakter und neues Terrain erschlossen. Zum
Beispiel haben wir soeben einen neuen Bereich der
Vertrauensbildung vorgeschlagen - die jährliche Offenlegung unserer Militärhaushalte, einschließlich deren
Erörterung.
All diese Rüstungskontrollverhandlungen verfolgten
Ziele, mit denen die Konfrontation zwischen Ost und
Seite 2

West entschärft werden sollte, indem Sicherheit auf
niedrigeren Niveaus gewährleistet, die Möglichkeiten
für Überraschungsangriffe verringert und militärische
Offenheit als stabilisierender Faktor gefördert werden.
Umfassendere politische Ziele wurden auf bilateraler
und multilateraler Ebene im sogenannten KSZE-Prozeß verfolgt, der sich auf die Schlußakte von Helsinki
aus dem Jahre 1975 stützt. Hier bestand das Ziel
darin, die Sowjetunion und andere kommunistische
Regime zur schrittweisen Umwandlung in pluralistische demokratische Systeme mit Rechtsstaatlichkeit,
Achtung der Menschenrechte und freier Marktwirtschaft zu ermutigen. Diesem Prozeß lag der Prinzipienkataiog der Schlußakte über das zwischenstaatliche Verhalten auch bei Menschenrechten und Selbstbestimmung zugrunde.
Der KSZE-Prozeß ist mit einer Reihe von Konferenzen
vorangetrieben worden - allgemeine Gespräche oder
themenspezifische Zusammenkünfte - die in gemeinsame Resolutionen mündeten. Die Ergebnisse sind
lediglich politisch verbindlich und stellen keine vertraglichen Verpflichtungen dar, aber weil jedes Land politisch motiviert ist, Helsinki zum Erfolg zu verhelfen und
aufgrund des öffentlichen Drucks nach Reformen, sind
bei den Zielen von Helsinki, insbesondere im Bereich
der Menschenrechte, Fortschritte erzielt worden. Die
Veränderungen in Osteuropa sind dabei nur das letzte
anschauliche Beispiel.
Damit hat das europäische Sicherheitssystem, wie wir
es kennen, viel geleistet: ein stabiles Gleichgewicht
zwischen den Blöcken, innere Disziplin auf beiden
Seiten (obwohl auf einer Seite aufgezwungen und auf
der anderen vereinbart) und entwicklungsfähige Ziele
für die Zukunft.
Entwicklungen in Osteuropa
Die jüngsten dramatischen Ereignisse in der Sowjetunion und Osteuropa haben viele Elemente verändert,
auf die sich diese Sicherheitsstruktur gründet und das
ganze System - oder zumindest wesentliche Teile - in
Frage gestellt.
Die meisten Länder Osteuropas befinden sich im Prozeß
der Errichtung demokratischer,

marktwirtschaftlich

orientierter Systeme und weisen damit die ideologische Grundlage ihres Bündnisses mit der Sowjetunion
von sich. Sie fordern die sowjetischen Streitkräfte zum
Verlassen ihres Landes auf und mindern damit die
Stärke der dem Warschauer Pakt zur Verfügung stehenden Streitkräfte und die Bedrohung, die er für den
Westen darstellt. Mit fortschreitender Demokratisierung haben sich die Probleme im Bereich der Menschenrechte drastisch verringert, und in manchen Fällen
sind sie völlig beseitigt.
Die Sowjetunion kämpft gegenwärtig einen innenpolitischen Kampf an vielen Fronten: gravierende wirtschaftliche Probleme, zunehmender Nationalismus und
rapide innenpolitische Reformen - um nur einige zu
AMERIKA DIENST 15

�nennen. Aus diesen und anderen Gründen akzeptiert
sie weitgehend die Entwicklungen in Osteuropa und
konzentirert sich weniger auf Außenpolitik, um besser
mit den innenpolitischen Problemen fertigzuwerden.
Auch hier gibt es immer weniger Probleme bei den
Menschenrechten.

»

Deutschland steht kurz vor der Vereinigung, die mit
vielen Fragen verbunden ist, etwa ob das neue Deutschland Mitglied der NATO sein, in bestimmten Maße
Neutralität oder Sonderstatus genießen wird oder eine
befristete Lösung gelten soll. Was wird aus der Nationalen Volksarmee der DDR, einem wichtigen Bestandteil der Schlachtordnung des Warschauer Pakts? Und
was wird mit den 380 000 gegenwärtig in der DDR
stationierten sowjetischen Soldaten geschehen? Der
KSZE-Prozeß erkennt die Möglichkeit einer friedlichen
Wiedervereinigung beider deutscher Staaten ausdrücklich an, ihr veränderter Status wird aber Auswirkungen
auf die Verhandlungen haben, die von einem Konzept
des Streitkräftegleichgewichts zwischen Ost und West
ausgehen.
Wir dürfen nicht vergessen, daß auch im Westen
Entwicklungen stattfinden. Die Europäische Gemeinschaft ist auf dem Weg zum Europäischen Binnenmarkt, die Vereinigten Staaten sehen sich mit einem
enormen Haushaltsdefizit konfrontiert, das sie bereits
zum Abbau militärischer Stärke zwingt, die jedoch
erforderlich ist, weil die Bedrohung nach wie vor besteht. Dies sind ebenfalls Faktoren in der europäischen Sicherheitsgleichung.
Ausblick

,

•

Was sind nun die wahren Bedrohungen für die Sicherheit Europas in dieser neuen Situation? Natürlich hat
die Bedrohung eines Angriffs durch den Warschauer
Pakt im großen und ganzen abgenommen, und sei es
nur, weil er nicht mehr so einheitlich ist, wie er einmal
war. Aber der Westen darf das weiterhin bestehende
militärische Potential der sowjetischen Streitkräfte nicht
aus den Augen verlieren. Im Augenblick unterhalten
die Sowjets immer noch umfangreiche Streitkräfte in
Osteuropa. Auch wenn sie sich vollständig von dort
zurückziehen, verfügen sie immer noch über ein ungeheures militärisches Potential mit einer großen Zahl
moderner Nuklearwaffen nahe am übrigen Europa.
Das reicht immer noch aus, um das militärische Gleichgewicht des Kontinents zu stören. Solange diese
Situation besteht, braucht Europa die von der NATO
gebotene kollektive Sicherheit - und die fortdauernde
Präsenz der US-Streitkräfte - um mit der Situation
fertigzuwerden.
Die schwindende sowjetische Dominanz in Osteuropa
könnte auch zu einer erneuten Balkanisierung der
Region führen, in der die lange Zeit von autoritären
Regierungen unterdrückten nationalen und ethnischen
Konflikte wieder auftreten. Die Ereignisse der letzten
Monate in Rumänien haben bewiesen, wie schnell

AMERIKA DIENST 15

solche Probleme in offene Konflikte münden können.
Der Präsident hat nach seinem Treffen mit Bundeskanzler Kohl in Camp David auf dieses potentielle
Problem verwiesen und erklärt, unser Feind sei die
Instabilität, und Außenminister Baker hat in Prag erklärt, gerade in diesem Bereich könnten die Verhandlungen über Vertrauensbildende Maßnahmen eine
positive Rolle spielen. Natürlich fördert die NATO
diese Stabilität, und das Bündnis wird erwägen müssen, wie diese neue Herausforderung bewältigt werden soll.
Welche Art von Sicherheitssystem können wir uns jetzt
für Europa vorstellen, da sich einer der beiden Blöcke,
die bisher Bestandteil des alten Systems waren, auflöst? Der KSZE-Prozeß ist vielfach als Rahmen für die
Zukunft Europas bezeichnet worden und wird sicherlich eine Schlüsselrolle spielen. Außenminister Baker
hat ihn als eine der wichtigsten Institutionen für die
Zukunft Europas bezeichnet. Aber bis jetzt war dieser
Prozeß wenig konkret und von der täglichen Realität
der Beziehungen zwischen europäischen Ländern weit
entfernt. Dennoch bietet er als Rahmen einige entscheidende Vorteile:
Er existiert bereits auf der Basis eines Prinzipienkatalogs über internationale Beziehungen,
der westliches Gedankengut widerspiegelt und
den alle Teilnehmer akzeptieren.
Er bezieht alle europäischen Länder ein (außer
Albanien, das aber auf Wunsch teilnehmen
könnte), und stellt die Rolle der Vereinigten
Staaten und Kanadas sicher.
Er blickt auf eine erfolgreiche Tradition der
gemeinschaftlichen Entscheidungsfindung unabhängig von beiden Blöcken zurück und läßt
gleichzeitig Konsultationen unter gleichgesinnten Staaten zu. Vielfach herrscht die Auffassung vor, dieser Aspekt könnte die Basis für
eine alternative Form europäischer Rüstungskontrollverhandlungen sein, wenn es unmöglich
wird, Verhandlungen zwischen den Blöcken zu
führen.
Er deckt die gesamte Bandbreite von Problemen auf der europäischen Tagesordnung ab
und beurteilt sie gemäß dem internationalen
Verhaltenskodex der Schlußakte von Helsinki.
Er ist flexibel und widerstandsfähig, wie seine
Fortschritte auch in schwierigen Phasen beweisen und darüber hinaus dynamisch und entwicklungsfähig.
Aber wenn der KSZE-Prozeß größere Verantwortung
für die europäische Sicherheit übernehmen soll, muß
er verbessert werden und stärker auf konkrete Situationen eingehen. Das wird zweifellos die Hauptaufgabe des für Ende des Jahres geplanten KSZE-Gipfels
sein - wenn ein KSE-Abkommen erzielt werden kann Seite 3

�und auch des regulären KSZE-Folgetreffens im Frühjahr 1992 in Helsinki. Es könnte sich als nützlich
erweisen, zu prüfen, wie konventionelle Rüstungskontrollverhandlungen in Zukunft durchgeführt werden
können - in welchem Forum und mit wie vielen Teilnehmern.
Eins sollte jedoch klar sein. Die KSZE ist weder dazu
bestimmt noch in der Lage, die kollektive Sicherheit
des Westens zu garantieren. Der einzige Mechanismus, der uns dafür zur Verfügung steht, ist die NATO.
Solange die Sowjetunion umfangreiche Streitkräfte
nahe Europa aufrechterhält, braucht der Westen die
NATO für seine Verteidigung gegen Angriffe oder
Einschüchterung. Wie ich bereits ausgeführt habe,
waren NATO und Warschauer Pakt weder moralisch
noch politisch jemals vergleichbar und deshalb besteht
kein Grund für eine Schwächung der NATO, nur weil
der Warschauer Pakt in Auflösung begriffen ist. Die
NATO ist auch nicht mit dem KSZE-Prozeß unvereinbar - vielmehr ergänzen sich beide. Seit Unterzeichnung der Schlußakte von Helsinki war der Westen
gezwungen, seine gemeinsamen Ideale zu formulieren und sich für die Sache der Menschenrechte in
Osteuropa einzusetzen. Das war ein einigender Faktor und hat unser Bündnis mit Westeuropa stark gefestigt.
Ebenso wie Außenminister Baker prognostiziere ich
einen langen Zeitraum, in dem mehrere multilaterale
Institutionen Elemente der Stabilität und Zusammenarbeit in Europa bilden. Dazu zählen vor allem die
Europäische Gemeinschaft, das Nordatlantische
Bündnis und der KSZE-Prozeß. Allein wird keine von
ihnen die Sichehreit in Europa garantieren können,
aber zusammen bilden sie den Rahmen, den Europa
benötigt - sie garantieren dauerhafte Sicherheit und
Stabilität und gestatten gleichzeitig positive Entwicklungen.
Meiner Ansicht nach sollten wir uns auch über unsere
Ziele für die nächsten zehn Jahre, sowohl im Bereich
der Rüstungskontrolle als auch im KSZE-Prozeß,
Gedanken machen. Unter der Überschrift Rüstungskontrolle sollten wir auf jeden Fall Verhandlungen über
nukleare und konventionelle Rüstungskontrolle führen
und umfangreiche Reduzierungen bei den Streitkräfteniveaus, Verpflichtungen zum weiteren Abbau der
bereits reduzierten Streitkräfte und ein umfassendes

* *

Seite 4

Verifizierungssystem festschreiben. Darüber hinaus
müssen wir Maßnahmen ergreifen, um größere militärische Offenheit und Stabilität in einzelnen Regionen
sowie Beschränkungen für die Zeit nach der Herstellung gleicher Streitkräfteniveaus zu erzielen. Beim
KSZE-Prozeß müssen wir den Schwierigkeiten, die
sich aus der Vereinigung beider deutscher Staaten
ergeben und insbesondere den Bedenken der Nachbarstaaten besondere Aufmerksamkeit widmen. Und
wir sollten die Suche nach Mechanismen fortsetzen,
mit denen sich Mißverständnisse oder Konfrontationen vermeiden lassen. Wir müssen unter Umständen
alternative Verhandlungsformen für Abkommen zur
konventionellen Rüstungsreduzierung finden, wenn
es unmöglich werden sollte, diese Verhandlungen auf
der Grundlage eines Gleichgewichts der Blöcke fortzusetzen.
Kürzlich haben wir im Rahmen unserer Wiener Verhandlungen über Vertrauensbildende Maßnahmen ein
Seminar über Militärdoktrinen durchgeführt, an dem
hochrangige Offiziere aller europäischen Länder, der
Vereinigten Staaten und Kanadas teilnahmen. Trotz
aller Anzeichen für das "alte Denken" ergab sich
jedoch im Laufe der Gespräche, daß es an der Zeit ist,
in unserem militärischen Denken die Annahmen der
Vergangenheit über Bord zu werfen. Eine Reihe neuer
Ideen tauchte auf, und es entwickelte sich ein sehr
nützlicher Dialog. Er war ein Spiegelbild der heutigen
Zeit und vermittelte die Botschaft, jetzt bestehe Bedarf
für eine Sicherheitspolitik mit Bedeutung für Gegenwart und Zukunft.
Die Vereinigten Staaten müssen in absehbarer Zukunft zweifellos eine wichtige Rolle in Europa spielen.
Die Niveaus der US-Streitkräfte können verringert
werden, wenn die Umstände - vor allem Rüstungskontrollabkommen - das gestatten, aber das Engagement
und die Koppelung an amerikanische strategische
Streitkräfte sollte beibehalten werden. Der Präsident
hat eindeutig klargestellt, daß US-Streitkräfte solange
in Europa bleiben, wie sie notwendig und erwünscht
sind. Aber die Vereinigten Staaten sollten auch eine
wichtige politische und wirtschaftliche Rolle spielen
und partnerschaftlich mit Westeuropa eine Zukunft in
Wohlstand, Freiheit und Frieden garantieren.
Ich danke Ihnen.
•

* *

*

AMERIKA DIENST 15

�</text>
                  </elementText>
                </elementTextContainer>
              </element>
            </elementContainer>
          </elementSet>
        </elementSetContainer>
      </file>
    </fileContainer>
    <collection collectionId="4">
      <elementSetContainer>
        <elementSet elementSetId="1">
          <name>Dublin Core</name>
          <description>The Dublin Core metadata element set is common to all Omeka records, including items, files, and collections. For more information see, http://dublincore.org/documents/dces/.</description>
          <elementContainer>
            <element elementId="50">
              <name>Title</name>
              <description>A name given to the resource</description>
              <elementTextContainer>
                <elementText elementTextId="6534">
                  <text>Dokumente</text>
                </elementText>
              </elementTextContainer>
            </element>
          </elementContainer>
        </elementSet>
      </elementSetContainer>
    </collection>
    <itemType itemTypeId="19">
      <name>Digitalisat</name>
      <description>Umwandlung eines physischen Dokumentes in ein digitales Medium.</description>
    </itemType>
    <elementSetContainer>
      <elementSet elementSetId="1">
        <name>Dublin Core</name>
        <description>The Dublin Core metadata element set is common to all Omeka records, including items, files, and collections. For more information see, http://dublincore.org/documents/dces/.</description>
        <elementContainer>
          <element elementId="40">
            <name>Date</name>
            <description>A point or period of time associated with an event in the lifecycle of the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="10814">
                <text>18.04.1990</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
          <element elementId="51">
            <name>Type</name>
            <description>The nature or genre of the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="10815">
                <text>Digitalisat</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
          <element elementId="39">
            <name>Creator</name>
            <description>An entity primarily responsible for making the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="10816">
                <text>Herausgeben U.S. Information &lt;br /&gt;Service Embassy of the United States of America</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
          <element elementId="50">
            <name>Title</name>
            <description>A name given to the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="10817">
                <text>Amerikadienst 18.04.1990</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
          <element elementId="41">
            <name>Description</name>
            <description>An account of the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="10818">
                <text>&lt;strong&gt;1. Umwelt&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Präventivmaßnahmen gegen Treibhauseffekt&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Wissenschaftsberater des Präsidenten erläutert Maßnahmenkatalog&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Ziele der Konferenz über globale Umweltveränderungen&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Eine Übersicht des Weißen Hauses&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Bush/Thatcher Treffen&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Bush&amp;nbsp; für uneingeschränkte Souveränität Deutschlands&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Pressekonferenz von Präsident Bush und Premierministerin Thatcher&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. KSZE&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;KSZE und NATO unerlässlich für Europa&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede von Botschafter Maresca&lt;/em&gt;</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
        </elementContainer>
      </elementSet>
    </elementSetContainer>
  </item>
  <item itemId="2141" public="1" featured="0">
    <fileContainer>
      <file fileId="2152">
        <src>https://www.amerikahaus-archiv.de/files/original/6aeea5e8cf1a64e24200fe6e25c2b942.pdf</src>
        <authentication>3984c373a065908e8d46c686bb0e4b02</authentication>
        <elementSetContainer>
          <elementSet elementSetId="4">
            <name>PDF Text</name>
            <description/>
            <elementContainer>
              <element elementId="52">
                <name>Text</name>
                <description/>
                <elementTextContainer>
                  <elementText elementTextId="10825">
                    <text>cimcrikci
U. S. Information Service ^ 1 | # 5 P
Embassyofthe United States of America ^ J I W H I

i ^ ^ l
Ä ^

SP
&amp;

&lt; » * &gt;

v

9F&amp;
&amp;SP

25. April 1990

START

ERWEITERTE ABSCHRECKUNG
STABILISIERUNGSFAKTOR FÜR
OST-WEST-BEZIEHUNGEN
Rede von Botschafter Burt
zur Abrüstung

NST

DER STAND DER VERHANDLUNGEN
ÜBER KERN- UND WELTRAUMWAFFEN
Botschafter Smith vor der Genfer
Abrüstungskonferenz

VERTEIDIGUNG

NUNN BEFÜRWORTET NEUE
MILITÄRISCHE STRATEGIE
Erklärung im Senat

UMWELT

US-INITIATIVEN ZUR BEKÄMPFUNG
WELTWEITER KLIMAVERÄNDERUNGEN
Übersicht des Weißen Hauses

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.:0228-33923 66
Telex: 8-85432

�START
25. April 1990

ERWEITERTE ABSCHRECKUNG
STABILISIERUNGSFAKTOR
FÜR OST-WEST-BEZIEHUNGEN
Rede von Botschafter Burt zur Abrüstung
GENF - (AD) - Dem Leiter der amerikanischen Delegation bei den Verhandlungen über Kern- und Weltraumwaffen (NST), Botschafter Richard Burt, zufolge wäre es ein "gravierender Fehler" anzunehmen, die Verhandlungen über die Verringerung strategischer Rüstungen (START) seien von den Ereignissen in Osteuropa eingeholt
worden.
"Es steht eindeutig fest, daß die Strategie der erweiterten Abschreckung eine stabilisierende Wirkung auf die OstWest-Beziehungen und den Weltfrieden gehabt hat", erklärte Burt vor der Genfer Abrüstungskonferenz am 19.
April 1990.
"Der Umbruch in der Sowjetunion und Osteuropa bietet zweifelsohne entscheidende neue Möglichkeiten zum
Abbau des Risikos eines Nuklearkriegs, aber wir müssen jede Modifizierung unserer bestehenden Strategie mit
konstruktiver Vorsicht angehen", stellte Burt fest.
Burt zufolge seien mit den Sowjets bedeutende Fortschritte in wesentlichen Punkten der Verhandlungen über
Kern- und Weltraumwaffen erzielt worden.
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede von Botschafter Burt im Wortlaut.

Vor acht Monaten habe ich hier gesprochen, um die
amerikanischen Ziele bei den START-Verhandlungen
zu erörtern - die Fertigstellung eines Vertrags, der den
Abbau strategischer Offensivwaffen und verbesserte
Stabilität vorsieht und damit das Risiko eines Kriegs
verringert. Damals habe ich gesagt, für Präsident
Bush stehe die Erlangung eines fairen und weitreichenden Abkommens, das den Frieden fördert, an
oberster Stelle der Prioritätenliste.
Seitdem hat sich vieles ereignet, mit dem diese Aussage untermauert werden kann:
Erstens sind die Präsidenten Bush und Gorbatschow in Malta zusammengekommen und
haben sich der Lösung vordringlicher Probleme
bei START bis zum nächsten Gipfeltreffen verpflichtet, das am 30. Mai in Washington eröffnet
wird.
Zweitens fand im Februar ein Treffen zwischen
Außenminister Baker und seinem sowjetischen
Amtskollegen in Moskau statt, um die in Malta
AMERIKA DIENST

16

definierten Ziele und Prioritäten voranzubringen. Im Hinblick auf START hat dieses Treffen
nicht nur zu einem detaillierten Gedankenaustausch, sondern auch zu Übereinstimmung in
einigen entscheidenden Bereichen geführt, auf
die ich in Kürze eingehen möchte.
Drittens haben wir mit den Sowjets Einigung
bezüglich einiger versuchsweise eingeführter
Verifizierungsmaßnahmen erzielt, die von Präsident Bush erstmals im vergangenen Juni vorgeschlagen worden waren. Sie werden sich
vielleicht erinnern, daß Präsident Bush im letzten Juni den Vorschlag unterbreitet hat, die
Vereinigten Staaten und die Sowjetunion sollten
besondere Anstrengungen unternehmen, um
sich auf eine Reihe praktischer Verifizierungsmaßnahmen zu einigen und diese durchzuführen. Diese Maßnahmen zielen darauf ab, die
Verifizierung eines START-Vertrags zu verbessern und zur strategischen Stabilität beizutragen. Mit diesen Maßnahmen wird beiden Seiten
Seite 1

�praktische Erfahrung in Verifizierungsverfahren
vermittelt.
Und viertens sind die Außenminister Baker und
Schewardnadse vor zwei Wochen erneut in Washington zusammengetroffen.
Obwohl die
Gespräche nicht zur vollständigen Zufriedenheit verlaufen sind, haben sich die Außenminister auf eine beeindruckende Tagesordnung mit
dem Ziel geeinigt, die umfangreiche Themenliste bis zum amerikanisch-sowjetischen Gipfeltreffen zu bewältigen.
Als Ergebnis all dieser Einzelfaktoren sind bei den
Schlüsselproblemen bedeutende Fortschritte erzielt
worden, und die Verhandlungen haben eine ungeahnte Dynamik entwickelt. Als Beispiel für das Tempo
unserer Gespräche steht die Tatsache, daß ich seit
meiner Rückkehr aus Washington am Montag, dem
16. April bei sieben verschiedenen Gelegenheiten mit
meinem verehrten sowjetischen Amtskollegen, Juri
Nazarkin, zusammengetroffen bin.
Ich möchte nun kurz einige Bereiche erläutern, in
denen Fortschritte erzielt wurden sowie einige der
zusätzlich in Genf erörterten Themen aufgreifen.
Botschafter Smith wird den Stand der Verhandlungen
über Kern- und Weltraumwaffen im einzelnen erläutern. Ich möchte nur kurz erwähnen, daß die Sowjets
beim Ministertreffen in Wyoming zum Junktim einen
entscheidenden, positiven Schritt nach vorne gemacht
haben. Beim Moskauer Ministertreffen im Februar
haben die Sowjets ihre Position mit der Aussage
erläutert, auch wenn sie die Einbeziehung vereinbarter
Erklärungen über einen Abzug für den Fall, daß eine
Vertragspartei den ABM-Vertrag löst oder von ihm
zurücktritt, in den START-Vertrag bevorzugen würden, sei dies keine Voraussetzung für den STARTVertrag. Damit wird ein wesentliches Hindernis für ein
START-Abkommen aus dem Weg geräumt.
Die Frage von Verhandlungen nach START war für
Botschafter Nazarkin und mich ebenfalls ein vorrangiges Thema. Bei den Moskauer Gesprächen haben die
Außenminister Baker und Schewardnadse uns angewiesen, einen solchen Dialog in die Wege zu leiten.
Die Sowjets haben Vorschläge für diese Gespräche
unterbreitet - die von einigen bereits als NST II bezeichnet werden - obwohl die von solchen Verhandlungen erfaßten Einzelheiten bis zum jetzigen Zeitpunkt
noch unklar sind.
Die Frage der Marschflugkörper hat sich als äußerst
schwieriges und kontroverses Thema erwiesen. Beide Seiten haben beim Moskauer Ministertreffen große
Anstrengungen zur Lösung des Problems luft- und
seegestützter Marschflugkörper (ALCMs und SLCMs)
unternommen. Die Gespräche wurden in Genf und bei
den Washingtoner Gesprächen vergangene Woche
fortgesetzt. Obwohl neue Probleme aufgetreten sind,

Seite 2

hoffe ich, daß die noch bestehenden verfahrenstechnischen Meinungsverschiedenheiten beigelegt werden können.
Bei ALCMs ist die Einigung auf ein Ansatzpaket in
greifbare Nähe gerückt, das Bestimmungen und Verfügungen zur Unterscheidung nuklearer und konventioneller ALCMs enthält. Die Frage der Obergrenze für
ALCM-Reichweiten steht an oberster Stelle der Problemliste, an deren Lösung wir arbeiten.
Darüber hinaus konnten mit der Einigung auf politisch
verbindliche Absichtserklärungen auch wichtige Einzelheiten für SLCMs geklärt werden. Solche Themen
wie SLCM-Reichweiten und ob sich die Erklärungen
nur auf nukleare oder auch konventionelle SLCMs
erstrecken, sind jedoch unter anderem noch offene
Fragen.
Bei zahlenmäßigen Obergrenzen für nichtstationierte
ballistische Raketen und den ihnen zugeordneten
Gefechtsköpfen haben sich beide Seiten in Moskau
darauf geeinigt, solche Obergrenzen nur bei mobilen
ICBMs einzuführen. Daher werden nichtstationierte,
silogestützte ballistische Raketen, nichtstationierte
Marschflugkörper und nichtstationierte schwere Bomber nicht zahlenmäßig begrenzt. Darüber hinaus
haben sich die Vertragsparteien auf ein Regime über
den Standort und die Verlagerung aller nichtstationierten ballistischen Raketen geeinigt. Die Einzelheiten
dieses Abkommens werden ebenfalls in Genf verhandelt.
Botschafter Nazarkin und ich haben dem Thema der
Offenlegung telemetrischer Daten während der Flugerprobung der von START erfaßten ballistischen
Raketen besondere Aufmerksamkeit gewidmet. Hierbei handelt es sich um den Verifizierungsbereich, der
bestimmen wird, ob ein START-Vertrag unsere Sicherheit und strategische Stabilität verbessert, indem
er Transparenz auf beiden Seiten fördert. Obwohl
noch einige entscheidende Fragen geklärt werden
müssen, haben wir uns auf die wesentlichen Elemente
eines Regimes zur Offenlegung solcher Daten geeinigt. Diese Bestimmungen werden in den STARTVertrag einbezogen und treten bei Vertragsunterzeichnung durch einen Briefwechsel in Kraft.
Beide Seiten haben auch in der Frage der Vertragsdauer beachtliche Fortschritte erzielt. Bei den Washingtoner Gesprächen haben sich die Vertragsparteien grundsätzlich darauf geeinigt, daß der STARTVertrag 15 Jahre lang in Kraft bleiben wird, es sei denn,
er wird durch ein späteres Abkommen ersetzt oder in
beiderseitigem Einvernehmen erweitert. Wir sind derzeit
in Genf mit der Ausarbeitung der weiteren Einzelheiten
befaßt.
Darüber hinaus arbeiten die Delegationen in Genf an
einer Reihe zusätzlicher, entscheidender Themen eher
technischer Art. Beispielsweise führen beide Seiten

AMERIKA DIENST 16

�intensive Gespräche über die Verifizierung mobiler
ICBMs, den Zeitplan der Reduzierungen sowie die
Zuordnung von Gefechtsköpfen für zukünftige Typen
ballistischer Raketen.
Seit der Eröffnung von Runde XIII Ende Januar haben
Botschafter Nazarkin und ich sowie unsere jeweiligen
Delegationen hart an der Vervollständigung des Vertragstexts und der Entwicklung konstruktiver Ideen
gearbeitet, die dem Wunsch unserer beiden Länder
nach Lösung der wesentlichen Fragen bis zum Gipfeltreffen im Juni Rechnung zu tragen.
Beim Ministertreffen in Washington haben Außenminister Baker und sein sowjetischer Amtskollege Schewardnadse sich auf einen Themenkatalog geeinigt und
ihre Genfer Delegationen angewiesen, diesen nach
Möglichkeit bis zum Gipfeltreffen zu bewältigen. Es
steht wohl außer Frage, daß die wichtigsten zwei
dieser Themen die Nichtumgehung des Vertrags und
die Einzelheiten solider Verifizierungsregime sind, deren
Kernstück Vor-Ort-Inspektionen bilden.
Zum Thema Nichtumgehung führen Botschafter Nazarkin und ich derzeit die mit unseren Ministern in
Washington vergangene Woche aufgenommenen
Gespräche fort. Beide Seiten haben beachtliche Fortschritte in dieser Frage erzielt und Flexibilität an den
Tag gelegt.
Ein zweiter Problemkreis ist das Verifizierungsregime,
das beiderseitigem Einvernehmen zufolge einzigartige Inspektionsregelungen umfassen wird, die in der
Geschichte ihresgleichen suchen. Wenn Historiker
diesen Vertrag eines Tages analysieren werden, könnte der herausragendste Aspekt von START sehr wohl
in den bemerkenswerten Inspektionsverfahren bestehen, die wir eingeführt haben. Die Inspektoren werden
praktisch jede wichtige strategische Einrichtung der
anderen Seite besichtigen. Die Auswirkungen von
START auf Vertrauensbildung und militärische Transparenz zwischen den Vereinigten Staaten und der
Sowjetunion könnten tiefgreifend sein. Dieser vertrauensbildende und Transparenz schaffende Effekt von
START wird meines Erachtens die Beziehungen zwischen unseren beiden Ländern verbessern. Bis heute
sind etwa 13 verschiedene Arten von Inspektionen in
den Vertrag eingearbeitet worden.
In einigen Fällen haben Präsident Bushs versuchsweise eingeführte Verifizierungsmaßnahmen und entsprechende sowjetische Vorschläge mehrere Hindernisse aus dem Weg geräumt, insbesondere diejenigen, die Einigung aufgrund von Mißverständnissen
bezüglich Operationen und Verfahren verhinderten.
Im vergangenen September haben die Außenminister
Baker und Schewardnadse die erste dieser Maßnahmen verabschiedet - ein Abkommen über die Benachrichtigung größerer strategischer Übungen. Darüber
hinaus haben wir Einigung bezüglich anderer Maßnahmen erzielt. Verifizierung und Stabilitätsmaßnahmen

AMERIKA DIENST

16

für frühzeitige Inspektionen von Wiedereintrittsflugkörpern und die Vorführung schwerer Bomber sind zwei
dieser Schritte. Im Rahmen unseres Vorschlags zu
Inspektionen von Wiedereintrittsflugkörpern war beispielsweise vorgesehen, daß jede Seite die von ihr
vorgeschlagenen Inspektionsverfahren demonstriert,
um zu verifizieren, daß bestimmte Typen von ICBMs
und SLBMs nicht über mehr Wiedereintrittsflugkörper
verfügen, als die ihnen zugeordnete Zahl von Gefechtsköpfen. Die erste dieser versuchsweise eingeführten Inspektionen wird nächste Woche stattfinden,
wenn amerikanische und sowjetische Regierungsvertreter den Luftwaffenstützpunkt F.E. Warren in den
Vereinigten Staaten besichtigen werden, um die Zählverfahren für Gefechtsköpfe auf der PEACEKEEPERRakete in die Praxis umzusetzen.
Schließlich haben wir der jeweils anderen Seite Techniken zur eindeutigen Identifizierung von ballistischen
Raketen vorgeführt, das als "Tagging" bezeichnete
Verfahren. Experten aus beiden Ländern kommen
hier zusammen, um an dieser Übung teilzunehmen.
Kurz gesagt ist das "Tag" auf einer Rakete einem
Fingerabdruck vergleichbar, mit dem sichergestellt
wird, daß jede Rakete eindeutig identifiziert werden
kann.
Wie Sie sehen, haben die Vereinigten Staaten und die
Sowjetunion bereits eine ganze Reihe von Maßnahmen verwirklicht. Sie tragen zu einer maßgeblichen
Verbesserung von Transparenz und Berechenbarkeit
im Rüstungskontrollprozeß bei und sind wichtige Schritte
zur Vertrauensbildung.
Bei der Annäherung an unser gemeinsames Ziel haben
beide Seiten in den vergangenen Monaten große
Aktivität an den Tag gelegt. Abschließend möchte ich
auf die Bedeutung des START-Vertrags eingehen.
Wir befinden uns in einer Zeit tiefgreifender politischer
Veränderungen in den Ost-West-Beziehungen. Aufgrund der Auswirkungen dieses Wandels tendieren
einige zu der Annahme, ein START-Vertrag sei von
den Ereignissen überholt worden. Eine solche Denkweise ist ein gravierender Fehler. Es steht eindeutig
fest, daß die Strategie der erweiterten Abschreckung
eine stabilisierende Wirkung auf die Ost-West-Beziehungen und den Weltfrieden gehabt hat. Der Umbruch
in der Sowjetunion und Osteuropa bietet zweifelsohne
entscheidende neue Möglichkeiten zum Abbau des
Risikos eines Nuklearkriegs, aber wir müssen jede
Modifizierung unserer bestehenden Strategie mit
konstruktiver Vorsicht angehen. Wir vertreten die
Ansicht, daß willkürliche Veränderungen der amerikanischen Sicherheitsstrategie und der Doktrin erweiterter Abschreckung zu einem Abbau der Stabilität in
Zeiten tiefgreifender politischer Veränderungen führen
könnten.
Der START-Vertrag wird das erste Rüstungskontrollabkommen der Geschichte sein, das die Anzahl stra-

Seite 3

�tegischer Nuklearwaffen tatsächlich verringert. Gleichzeitig gestatten die Bestimmungen dieses Vertrags
einen strukturierten Ansatz zu diesen die Stabilität
fördernden Reduzierungen. Angesichts der raschen
Veränderungen auf der Welt ist es unabdingbar, unse-

re Errungenschaften und die durch sie geschaffene
Stabilität zu kodifizieren. Vor diesem Hintergrund
sehen die Vereinigten Staaten dem bevorstehenden
Gipfel mit großem Optimismus und einem Gefühl
historischer Leistung entgegen.

* * * * *

Seite 4

AMERIKA DIENST 16

�NST
25. April 1990

DER STAND DER VERHANDLUNGEN ÜBER
KERN- UND WELTRAUMWAFFEN
Botschafter Smith vor der Genfer Abrüstungskonferenz
GENF - (AD) -

Botschafter David J. Smith zufolge bestand das Hauptziel der Vereinigten Staaten in der

fünfjährigen Geschichte der Gespräche über Kern- und Weltraumwaffen darin, "einen kooperativen Übergang
zu einer stabileren Abschreckung zu gewährleisten, die sich verstärkt auf nichtnukleare Verteidigungssysteme
gegen strategische Raketen stützt, falls sich dies als durchführbar erweist". Vor der Genfer Abrüstungskonferenz erklärte Smith am 19. April 1990 ferner, das heutige strategische Gleichgewicht beruhe "nahezu
ausschließlich auf offensiven Kernwaffen". Durch die bei nichtnuklearen Technologien erzielten Fortschritte sei
es jedoch wahrscheinlich, "daß eine verstärkte Stützung auf moderne Verteidigungssysteme mit stabilisierenden Reduzierungen strategischer Offensivsysteme gekoppelt werden kann, um das Kriegsrisiko weiter zu
verringern".
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede von Botschafter Smith im Wortlaut.

Herr Präsident, ich freue mich über diese Gelegenheit,
der Abrüstungskonferenz unsere Sichtweise zu den
Verhandlungen über Kern- und Weltraumwaffen vortragen zu können. Mein Vorgänger, Botschafter Cooper,
sprach im August letzten Jahres an dieser Stelle.
Seither haben sich mehrere positive Entwicklungen
vollzogen, obwohl in wichtigen Bereichen weiterhin
Meinungsverschiedenheiten bestehen.
Im Verlauf der fünfjährigen Geschichte der Gespräche
über Kern- und Weltraumwaffen haben die Vereinigten Staaten konsequent ein Ziel verfolgt. Wir bemühen
uns, einen kooperativen Übergang zu einer stabileren
Abschreckung zu gewährleisten, die sich verstärkt auf
nichtnukleare Verteidigungssysteme gegen strategische Raketen stützt, falls sich dies als durchführbar
erweist. Das heutige strategische Gleichgewicht beruht nahezu ausschließlich auf offensiven Kernwaffen.
Fortschritte bei nichtnuklearen Technologien machen
es jetzt jedoch wahrscheinlich, daß eine verstärkte
Stützung auf moderne Verteidigungssysteme mit stabilisierenden Reduzierungen strategischer Offensivsysteme gekoppelt werden kann, um das Kriegsrisiko
weiter zu verringern.

AMERIKA DIENST 16

Um diese Ziele zu erlangen, ist die Haltung der Vereinigten Staaten bei den Gesprächen über Kern- und
Weltraumwaffen zukunftsorientiert. Wir bemühen uns,
uneingeschränkte Erprobungsrechte für moderne
Defensivtechnologien festzuschreiben, wie sie nach
dem ABM-Vertrag von 1972 gestattet sind. Wir streben an, weltraumgestützte ABM-Radarsysteme und
damit vergleichbare Sensoren von den überholten
Fesseln des ABM-Vertrags zu befreien. Die amerikanischen Vorschläge würden ernsthafte und gründliche
Gespräche mit der Sowjetunion über spezielle Maßnahmen für einen kooperativen Übergang erfordern,
bevor eine der Seiten moderne Verteidigungssysteme
stationiert, die den gegenwärtigen Rahmen des ABMVertrags sprengen. Die amerikanischen Vorschläge
würden darüber hinaus nach diesen Gesprächen das
Recht zur Stationierung gewährleisten. Schließlich
bemühen sich die Vereinigten Staaten darum, durch
Berechenbarkeit - darunter verstehen wir vertrauensbildende Maßnahmen - zukünftige technologische
Überraschungen zu vermeiden, indem wir zu mehr
Offenheit bei den Vorhaben beider Seiten im Bereich
der Verteidigung gegen strategische Raketen ermutigen.

Seite 1

�Kernstück des amerikanischen Ansatzes ist der von
uns vorgeschlagene Vertrag über Weltraumverteidigung, der die Erleichterung eines kooperativen Übergangs zum Ziel hat. Der im vergangenen Dezember
ergänzte amerikanische Vertragsentwurf enthält wichtige gemeinsame Elemente, die beim Washingtoner
Gipfel von 1987 erzielt wurden und berücksichtigt das
Ergebnis des Treffens zwischen den Außenministern
Baker und Schewardnadse in Wyoming im September
1989. Bei letzterem ließen die Sowjets ihre Forderung
nach einer Vereinbarung über eine Frist für den Nichtrücktritt vom ABM-Vertrag fallen. Die Sowjetunion
verwarf überdies ihr Junktim zwischen Unterzeichnung und Durchführung eines START-Vertrags und
einer Vereinbarung über Weltraumverteidigung. Die
Vereinigten Staaten begrüßten diesen Schritt.
Der amerikanische Vertragsentwurf sieht ein Verfahren vor, demzufolge jede Partei ihre Absicht erklären
kann, strategische Verteidigungssysteme zu dislozieren, indem sie dies ankündigt und besondere Maßnahmen vorschlägt, um einen kooperativen Übergang zu
gewährleisten. Die Parteien wären dann verpflichtet,
dreijährige intensive Gespräche über die vorgeschlagenen Maßnahmen und deren Auswirkungen auf die
strategische Stabilität zu führen. Falls keine anderen
Vereinbarungen getroffen werden, müßte eine Partei
nach diesem Zeitraum - wenn sie die Begrenzungen
des ABM-Vertrags überschreitende Stationierungen
durchführen möchte - dies sechs Monate im voraus
ankündigen.
Dieser vorgeschlagene Mechanismus bietet einen
stabileren Weg für die Stationierung moderner Verteidigungssysteme als die gegenwärtige Alternative, die
darin besteht, die Bestimmung des ABM-Vertrags
über eine Vertragskündigung aufgrund höherer Interessen auszuüben. Der ABM-Vertrag gestattet es jeder
Partei, nach einer Kündigungsfrist von nur sechs Monaten
zu stationieren. Der von uns vorgeschlagene neue
Mechanismus würde dazu beitragen, einen vernünftigen und zeitgerechten Dialog darüber zu führen, wie
ein stabiler und kooperativer Übergang verwirklicht
werden kann.
Der überarbeitete amerikanische Vertragsentwurf
spiegelt darüber hinaus die dem ABM-Vertrag zufolge
uneingeschränkten Rechte der Parteien wider, moderne weltraumgestützte ABM-Systeme und deren Komponenten zu entwickeln und erproben. Um Vertrauen
zu bilden und Fehleinschätzungen solcher Versuche
zu vermeiden, haben die Vereinigten Staaten im Oktober 1988 eine Zusicherung im Hinblick auf Weltraumversuche angeboten. Damit wird der Sowjetunion
zugesichert, daß bei weltraumgestützten amerikanischen ABM-Versuchen, die im Rahmen des ABMVertrags zulässig sind, eine verbotene Stationierung
von Verteidigungssystemen ausgeschlossen würde.
Die Vereinigten Staaten verpflichteten sich, nur von
einer begrenzten Anzahl von ABM-Testsatelliten die

Seite 2

Erprobung einer ABM-Komponente durchzuführen,
die auf anderen physikalischen Prinzipien beruht und
als Ersatz für einen ABM-Abfangflugkörper dienen
könnte. Solche Versuche würden das Ziel verfolgen,
eine strategische Rakete oder deren Elemente im Flug
zu vernichten.
Die Zahl der gleichzeitig in einer
Umlaufbahn befindlichen amerikanischen ABM-Testsatelliten wird wesentlich geringer sein als die für eine
realistische ABM-Fähigkeit erforderliche Zahl. Um
weiteres Vertrauen zu bilden, haben die Vereinigten
Staaten als Maßnahme zur Erhöhung der Berechenbarkeit die Benachrichtigung über Abschüsse, Tests,
Veränderungen der Umlaufbahnen und die Rückführung von ABM-Testsatelliten vorgeschlagen.
Die Vereinigten Staaten haben ferner angeregt, daß
beiden Seiten die Entwicklung, Erprobung oder Stationierung von weltraumgestützten ABM-Radars und damit
vergleichbaren Sensoren uneingeschränkt gestattet
werden sollte. Damit würden künftige Definitions- und
Verifizierungsprobleme vermieden, die voraussichtlich aufgrund der Modernisierung weltraumgestützter
Technologie entstehen würden. Daneben würde die
Entwicklung stabilisierender weltraumgestützter Sensoren gefördert.
Ein weiterer wichtiger Gedanke des amerikanischen
Vertragsentwurfs besteht darin, Berechenbarkeit bei
der Entwicklung des amerikanisch-sowjetischen strategischen Verhältnisses sicherzustellen, um das Kriegsrisiko zu mindern. Dieses Ziel wurde beim Washingtoner Gipfel von 1987 vereinbart. Um dieses Ziel zu
verwirklichen, schlugen die Vereinigten Staaten im
Jahr 1988 Maßnahmen zur Erhöhung der Berechenbarkeit vor. Zu diesen Maßnahmen gehören ein
jährlicher Austausch von Programmdaten, Expertentreffen, Informationsgespräche, Besuche in Labors
und die Beobachtung von Versuchen im Bereich der
Verteidigung gegen strategische Raketen. Diese
Maßnahmen würden auf freiwilliger, gegenseitiger und
vergleichbarer Grundlage durchgeführt. Ihr Zweck ist
die Schaffung eines besseren Verständnisses von den
Vorhaben beider Seiten im Hinblick auf solche Verteidigungssysteme bereits im Forschungsstadium - Jahre
bevor moderne Verteidigungssysteme in der Praxis
auftauchen.
Beim Gipfeltreffen in Wyoming leitete Außenminister
Baker Bemühungen ein, um festzustellen, ob die
Bereiche der Übereinstimmung über Maßnahmen zur
Berechenbarkeit zu einem Bereich beiderseitigen Vorteils
ausgebaut werden können. Um das Verständnis unserer
sowjetischen Kollegen von der amerikanischen Maßnahme "Besuche in Labors" zu fördern, bot Außenminister Baker eine praktische Demonstration aus erster
Hand an. Er lud eine Gruppe sowjetischer Experten
ein, zwei mit SDI-Forschungsarbeiten befaßte amerikanische Labors zu besuchen. Der Besuch fand im
vergangenen Dezember statt und war ein großer Erfolg. Der Leiter der Delegation, Botschafter Juri Nazar-

AMERIKA DIENST 16

�kin, bezeichnete den Besuch als nützliche vertrauensbildende Maßnahme. Die sowjetischen Experten
nahmen an Vorträgen teil, sie konnten Hardware selbst
in Augenschein nehmen und hatten die Gelegenheit,
den mit den Forschungsarbeiten betrauten amerikanischen Wissenschaftlern zahlreiche Fragen zu stellen.
Der Besuch diente dazu, sowohl die Transparenz zu
fördern als auch den Verhandlungen über Maßnahmen zur Berechenbarkeit neue Impulse zu verleihen.
Wir waren sehr erfreut, als die Sowjetunion nach
diesem Besuch dem Konzept von Besuchen in Labors
als Maßnahme zur Erhöhung der Berechenbarkeit
zustimmte.
Beim Treffen der Außenminister Bakerund Schewardnadse in Washington zu Beginn dieses Monats schlugen die Vereinigten Staaten vor, daß sich beide Seiten
in Form eines selbständigen Abkommens - unabhängig vom ABM-Vertrag - über Maßnahmen zur Berechenbarkeit einigen sollten. Der amerikanische Entwurf fordert die Parteien auf, die obengenannten
Maßnahmen zur Erhöhung der Berechenbarkeit zu
verwirklichen.
Um die Funktionsweise eines solchen Abkommens zu
veranschaulichen und unsere Verhandlungsdelegationen zu unterrichten, haben die Vereinigten Staaten
im vergangenen Monat in Genf die Einrichtung eines
auf Gegenseitigkeit beruhenden Pilotprogramms zur
Anwendung der amerikanischen Maßnahmen zur
Berechenbarkeit auf jeweils ein einzelnes Projekt jeder
Seite vorgeschlagen. Die Vereinigten Staaten haben
als ihr Projekt das "Infrared Background Signature
Survey" ausgewählt. Wir haben die Sowjetunion aufgefordert, ein sowjetisches Projekt auszuwählen. Die
Idee der Vereinigten Staaten besteht darin, daß beide
Seiten vor Verwirklichung eines selbständigen Berechenbarkeitsabkommens einen "Probelauf" durchführen sollten. In dieser Hinsicht sind diese Initiativen mit
"Probeläufen" bei anderen Verhandlungen vergleichbar - dem Gemeinsamen Verifizierungsexperiment bei
den amerikanisch-sowjetischen Gesprächen über
Atomversuche, den Verifizierungs- und Stabilitätsmaßnahmen bei START sowie dem bilateralen Datenaustausch- und Verifizierungsexperiment in den amerikanisch-sowjetischen Gesprächen über chemische
Waffen.
Bei den Maßnahmen zur Berechenbarkeit wurden in
jüngster Zeit bedeutende Fortschritte erzielt. Beide
Seiten sind sich einig, daß sie ausgebaut und gestärkt
werden sollten. Bei den verbleibenden Fragen in
unseren Verhandlungen bleibt noch viel zu tun, um
einen Vertrag über Weltraumverteidigung zu erlangen,
der in den kommenden Jahren, wenn uns neue Technologien Wege zur Verringerung der von den ballistischen Raketen ausgehenden Bedrohung eröffnen,
größere Stabilität ermöglicht. Die Verwirklichung dieses Ziels würde für die gesamte internationale Staatengemeinschaft mehr Sicherheit bedeuten und den

AMERIKA DIENST 16

ersten kooperativen Übergang in der Geschichte der
strategischen Beziehungen zwischen den Vereinigten
Staaten und der Sowjetunion darstellen.
Nachdem ich über unsere diplomatischen Bemühungen zur Erreichung eines kooperativen Übergangs zu
Verteidigungssystemen gegen strategische ballistische
Raketen gesprochen habe, möchte ich auch kurz zum
amerikanischen Engagement für solche Verteidigungssysteme und zum Beitrag, der von ihnen geleistet
werden könnte, Stellung nehmen. Am 7. Februar 1990
erklärte Präsident Bush im Lawrence Livermore National Laboratory: "In den neunziger Jahren sind strategische Verteidigungssysteme sinnvoller denn je...
Dieses rein defensive Konzept bedroht niemanden auf
der Welt. Wenn es, was Gott verhüten möge, jemals
eingesetzt werden müßte, dann gegen Raketen und
nicht gegen Menschen."
Die Betonung des Werts von Verteidigungssystemen
durch den Präsidenten läßt sich am besten durch die
Tatsache verstehen, wie sie zur internationalen Sicherheit und zum Gleichgewicht in diesem und im
nächsten Jahrhundert beitragen können. Es gibt vier
Hauptgründe dafür, warum effektive Verteidigungssysteme eine sicherere Welt bewirken können.
Erstens, die Verhinderung eines Atomkriegs muß ein
grundsätzliches Ziel bleiben. Überlebensfähige und
effektive strategische Verteidigungssysteme würden
die Abschreckung stärken und das Kriegsrisiko verringern, indem sie die Planung und Ausführung eines
Erstschlages mit strategischen Offensivstreitkräften
erheblich komplizierter machen würden.
Zweitens können moderne Verteidigungssysteme im
Zuge einer einschneidenden Reduzierung strategischer Offensivwaffen durch die Vereinigten Staaten
und die Sowjetunion eine wachsende Rolle bei der
Absicherung gegen die Folgen potentieller Vertragsverletzungen, Vertragsbrüche und Betrugsmanöver in
Zusammenhang mit solchen Reduzierungen spielen.
Drittens entwickeln sich neue Bedrohungen, gegen die
effektive nichtnukleare Verteidigungssysteme erheblichen Schutz bieten können. Indem eine steigende
Zahl von Ländern ballistische Raketen und damit einhergehend chemische, biologische und nukleare Waffen
entwickeln, wird sich die Bedrohung für die internationale Staatengemeinschaft verstärken.
Viertens können effektive Verteidigungssysteme Schutz
gegen den versehentlichen oder unbefugten Abschuß
von ballistischen Raketen bieten. Fände eine solch
unwahrscheinliche Katastrophe jemals statt, wäre der
in geretteten Menschenleben ausgedrückte Wert von
Verteidigungssystemen unschätzbar.
Unter Berücksichtigung dieser Ziele und deren Bedeutung sind die Vereinigten Staaten entschlossen, sich
die Option zur Entwicklung und Stationierung effekti-

Seite 3

�ver, moderner Verteidigungssysteme in angemessenem Zeitrahmen und in kooperativer Art und Weise
offenzuhalten. Dies ist unser Ziel in den Gesprächen
über Kern- und Weltraumwaffen.

sche Ihnen einen erfolgreichen Abschluß der Frühjahrssitzung und hoffe, auch in Zukunft wieder die
Gelegenheit zu einer Rede vor diesem Gremium zu
erhalten.

Herr Präsident, es war mir eine Ehre, heute vor der
Abrüstungskonferenz sprechen zu dürfen. Ich wün-

Vielen Dank.

* * * * *

Seite 4

AMERIKA DIENST 16

�VERTEIDIGUNG
25. April 1990

NUNN BEFÜRWORTET NEUE
MILITÄRISCHE STRATEGIE
Erklärung im Senat
WASHINGTON - (AD) - In einer Rede im Senat hat der Vorsitzende des Streitkräfteausschusses im Senat, der
demokratische Senator Sam Nunn, seine Gedanken einer neuen amerikanischen Militärstrategie vorgetragen,
die sich auf die verringerte sowjetische Bedrohung und den "unvermeidlichen" Rückgang der amerikanischen
Militärausgaben gründet.
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede des Senators im Wortlaut.

Herr Präsident, in den letzten Wochen habe ich zwei
Reden über unsere nationale Sicherheit und Haushaltsprobleme gehalten. In der ersten habe ich die
Probleme erörtert, die sich für unseren Ausschuß und
den gesamten Kongreß aus den Lücken in dem vom
Verteidigungsministerium vorgelegten unvollständigen
Fünfjahresverteidigungsplan und im Ergänzungshaushalt für das Haushaltsjahr 1991 ergeben. In der
zweiten gab ich eine Einschätzung der jüngsten Veränderungen in der Welt und ihrer Auswirkungen auf
das Bedrohungsumfeld in den neunziger Jahren. In
meiner heutigen Erklärung möchte ich die wichtigen
Veränderungen erörtern, die im Lichte dieses Wandels
der äußeren Bedrohung und der haushaltspolitischen
Realitäten in unserem Land bei unserer Militärstrategie vorgenommen werden sollten.
Anfang der achtziger Jahre hatte ich auf Bitte des
ehemaligen Botschafters David Abshire die Ehre,
zusammen mit dem damaligen Kongreßabgeordneten
Dick Cheney Vorsitzender einer Studiengruppe des
Zentrums für strategische und internationale Studien
(CSIS) über "Große Strategie" zu sein. Aufgrund
dieser Erfahrung verstehen Dick und ich sehr gut, wie
schwierig es ist, eine zusammenhängende Strategie
zu formulieren - selbst wenn in der Welt nicht das
Unterste zuoberst gekehrt wird. In einer Rede im
Zusammenhang mit dem CSIS-Projekt habe ich festgestellt, daß militärische Strategie folgendermaßen
definiert wird: "Die Kunst, nach Gefahr Ausschau zu
halten, sie überall zu finden, sie unzutreffend zu diagnostizieren und das falsche Gegenmittel zu ver-

AMERIKA DIENST 16

schreiben." Wenn ich heute wiederum über Strategie
spreche, werde ich diese Definition im Gedächtnis
behalten.
Ich hoffe, mit meinen Ausführungen zur sehr notwendigen und überfälligen Strategiedebatte und zum Dialog beizutragen. Wie ich bereits in meiner Rede vor
dem Senat am 29. März erklärt habe, hat sich die
Bedrohung im letzten Jahr erheblich verändert, und
viele dieser Veränderungen bieten Chancen zu einschneidenden Reduzierungen der amerikanischen
Militärausgaben in den kommenden Jahren. Die Frage lautet heute nicht, ob wir die Militärausgaben reduzieren. Das ist unvermeidlich. Die Frage lautet vielmehr, ob wir die Militärausgaben im Rahmen einer
vernünftigen militärischen Strategie reduzieren, mit
der sich die Bedrohungen von heute und von morgen
bewältigen lassen.
Zu Beginn ist es meines Erachtens wichtig, zwischen
nationaler Sicherheitsstrategie und militärischer Strategie zu unterscheiden. Die nationale Sicherheitsstrategie ist darauf ausgerichtet, umfassende und dauerhafte nationale Interessen und Ziele zu schützen und
bewahren. Sie soll ein breites Spektrum von Mitteln in
sich vereinigen, um diese Ziele zu erreichen, darunter
politische, diplomatische, sicherheitspolitische, wirtschaftliche und militärische Instrumente. Die militärische Strategie ist eine enger gefaßte Komponente der
nationalen Sicherheitsstrategie. Sie beschreibt auf
der Grundlage der Bedrohung und der zur Verfügung
stehenden Ressourcen, wie wir unsere Streitkräfte

Seite 1

�strukturieren und einsetzen, um unsere Interessen
und Ziele zu unterstützen.

Bedrohung durch eine gemeinsame Gefahr
nachläßt?

Vergangenen Monat legte Präsident Bush dem Kongreß den Bericht seiner Administration über die Nationale Sicherheitsstrategie für 1990 vor. In seinem
Bericht faßt der Präsident die allgemeinen nationalen
Interessen und Ziele unseres Landes wie folgt zusammen:

Wie wird die Struktur des neuen Europas politisch, wirtschaftlich und militärisch - beschaffen sein, wenn die Staaten des Ostens demokratisch werden und die Einheit Deutschlands
Gestalt annimmt?

Überleben der Vereinigten Staaten als freie und
unabhängige Nation, deren Grundwerte intakt
und deren Institutionen und Bevölkerung sicher
sind.

Wie werden wir die anderen Instrumente der
Politik zur Förderung unserer Interessen und
Ziele einsetzen, wenn in einer Welt mit einem
sichereren Ost-West-Gleichgewicht militärische
Faktoren eine geringere Rolle spielen?

Eine gesunde und wachsende amerikanische
Wirtschaft, um Chancen für individuellen Wohlstand und eine materielle Grundlage für nationale Vorhaben im In- und Ausland sicherzustellen.

Präsident Bushs Strategiebericht stellt die richtigen
Fragen zu den die Vereinigten Staaten betreffenden
Sicherheitsproblemen. Bei der Beschäftigung mit dem
Verteidigungshaushalt 1991 müssen wir beginnen,
diese Fragen zu beantworten.

Eine stabile und sichere Welt, die politische
Freiheit, Menschenrechte und demokratische
Institutionen fördert.

In ihrer hervorragenden neuen Studie über die amerikanische Militärstrategie für die neunziger Jahre forderten die Senatoren Bill Cohen und John McCain zu
Recht eine vorsichtige Haltung zu Veränderungen in
unserem militärischen Einsatzkonzept. Sie machten
jedoch auch zwei wichtige Beobachtungen, die wir in
der andauernden Debatte über unsere nationale Sicherheitspolitik im Gedächtnis behalten sollten.

Solide, kooperative und politisch gefestigte
Beziehungen mit Verbündeten und befreundeten Nationen.
Der Präsident stellte sodann eine Reihe von Fragen für
die Zukunft:
Wie können wir dauerhafte internationale Stabilität sicherstellen, wenn die amerikanisch-sowjetische Bipolarität gegenüber einer weltweiten Interdependenz und Multipolarität in den
Hintergrund tritt?
Wie wird sich die andauernde Führungsrolle der
Vereinigten Staaten darstellen - und wie werden
die von unseren Verbündeten übernommenen
neuen Führungsrollen beschaffen sein?
Wie hoch sind die Risiken, daß die positiven
strategischen Tendenzen von heute rückgängig
gemacht werden, und wie berücksichtigen wir
diese Risiken in unserer Langzeitplanung?
Wieviel Risiko können wir uns in einem Zeitalter
strategischer Veränderungen, haushaltspolitischer Zwänge und großer Ungewißheit leisten?
Wie passen wir unsere Streitkräfte der anhaltenden Herausforderung möglicher Einsatzerfordemisse in anderen Teilen der Welt an, während
wir ein Machtgleichgewicht mit der Sowjetunion
als unabdingbare Priorität amerikanischer Politik aufrechterhalten?
Wie bewahren wir die Geschlossenheit unter
Verbündeten und Freunden, die für die gemeinsame Sicherheit und den gemeinsamen Wohlstand unerläßlich ist, wenn die empfundene

Seite 2

Erstens stellten sie fest, daß "das Gespenst einer
möglichen Rückkehr des kalten Kriegs... nicht benutzt
werden kann, um eine Überprüfung der Verteidigungspolitik zu vertagen, die sogar schon vor den Ereignissen der letzten sechs Monate erforderlich war."
Zweitens erklärten sie, daß "unseres Erachtens das
amerikanische Volk das erforderliche Haushaltsniveau
nur dann unterstützen wird, wenn es der Meinung ist,
daß unsere Verteidigungspolitik mit der sich verändernden Weltlage im Einklang steht."
Herr Präsident, ich stimme mit den Senatoren Cohen
und McCain überein. Wir müssen jetzt handeln, um
eine neue militärische Strategie zu entwickeln, mit der
die veränderte Bedrohung bewältigt und ein Beitrag
zur Festlegung unserer Haushaltsprioritäten geleistet
werden kann.
Mit Blick auf die jüngsten Veränderungen in der Welt
und künftige Verteidigungsbudgets möchte ich die
folgenden wichtigen Aufgaben vorschlagen, die wir
von unseren Streitkräften verlangen und deren Durchführung wir erwarten können:
Abschreckung eines Angriffs auf das Territorium der Vereinigten Staaten.
Abschreckung des Einsatzes von Atomwaffen
durch die Sowjetunion oder andere nuklear
bewaffnete Gegner gegen unser Territorium,
gegen unsere Verbündeten oder unsere irgend-

AMERIKA DIENST 16

�wo auf der Welt stationierten Streitkräfte.
Zusammenarbeit mit unseren Verbündeten bei
der Abschreckung konventioneller sowjetischer
Aggressionen in Europa, wobei der Umfang der
Streitkräfte der abnehmenden Bedrohung angepaßt wird und die Möglichkeit bestehen bleiben muß, innerhalb eines ausreichenden Zeitraums auf ein höheres Niveau aufzurüsten,
wenn die Sowjets versuchen sollten, erneut eine
glaubwürdige Invasionsfähigkeit aufzubauen.
Unterstützung unserer Freunde und Verbündeten in Korea, im Fernen Osten, im Nahen Osten,
in Südwestasien und Lateinamerika mit amerikanischen militärischen Fähigkeiten, die auf eine
Ergänzung - nicht auf den Ersatz oder die Verdoppelung - ihrer eigenen militärischen Fähigkeiten zugeschnitten sind.
Bereitschaft zu gewaltsamen Interventionen in
geringem bis mittlerem Ausmaß.
Sicherung der Seewege.
Bekämpfung von Drogenhandel, Terrorismus
und anderen unkonventionellen militärischen
Bedrohungen.
Bereitstellung genauer, rechtzeitiger und bedarfsgerechter nachrichtendienstlicher Erkenntnisse in Verbindung mit anderen nachrichtendienstlichen Elementen bezüglich der Veränderungen im globalen Bedrohungsumfeld.
Wenn wir eine neue Militärstrategie entwickeln wollen,
die unsere Mittel effektiv mit den soeben umrissenen
Zielen in Einklang bringen soll, dann sollten wir uns
meines Erachtens von den folgenden fünf Komponenten leiten lassen.
I. Obwohl die nukleare Abschreckung gegenwärtig
und auf absehbare Zukunft entscheidende Grundlage
unserer militärischen Strategie bleibt, sollte sie auf
wesentlich geringerem Rüstungsniveau und mit wesentlich höherer Stabilität (mit geringerem Anreiz für
einen Erstschlag mit strategischen Nuklearwaffen auf
beiden Seiten) gewährleistet werden können.
II. Unsere vorne stationierten Streitkräfte sollten im
Einklang mit der veränderten Bedrohung reduziert
werden. Es sollte eine verstärkte Spezialisierung der
einzelnen verbündeten Staaten erfolgen. Das Vertrauen auf Verstärkung unserer Verbündeten durch
herangeführte amerikanische Kampftruppen sollte erhöht
werden.
III. Eine größere Anzahl unserer Truppen sollte in
Reserven konzentriert werden, die insbesondere auf
Verstärkungsoperationen zugeschnitten sind.

AMERIKA DIENST 16

IV. Wir sollten ein Konzept flexibler Bereitschaft, hoher
Bereitschaft für bestimmte Truppen und anzupassender Bereitschaft anwenden.
V. Unser Verteidigungsmanagement und unsere Mittelstrategie sollten von dem Satz des ehemaligen
Botschafters David Abshire geleitet werden, der lautet:
"Think smarter not richer." Diesem Ansatz zufolge
würde ich das Fliegen vor die Beschaffung setzen, die
Kosten für Beschaffung und Instandhaltung von Waffen reduzieren, bestehende Plattformen verbessern
und neue Vorhaben reduzieren. Dazu gehört innovative Forschung zur Erhaltung unserer technologischen
Überlegenheit und die Aufrechterhaltung einer lebensfähigen Rüstungsindustrie.
Diese fünf Elemente bilden den Rahmen, den ich für
eine überarbeitete militärische Strategie vorschlage.
Ich möchte auf jedes dieser fünf Elemente kurz etwas
detaillierter eingehen.
Das erste grundlegende Element einer neuen Militärstrategie ist die Abschreckung eines Atomkriegs auf
niedrigerem nuklearem Rüstungsniveau bei gleichzeitig erheblich verbesserter Stabilität. Dieses Element
beinhaltet zwei Komponenten: Abschreckung eines
direkten sowjetischen Atomschlags gegen die Vereinigten Staaten und Abschreckung des Einsatzes von
Atomwaffen im Rahmen einer sowjetischen Aggression gegen einen Verbündeten der Vereinigten Staaten. Daneben müssen wir zusammen mit unseren
Verbündeten und anderen Staaten, darunter auch der
Sowjetunion und China, dafür Sorge tragen, die Verbreitung von Atomwaffen und Raketentechnologie zu
begrenzen. Wir müssen überdies zusammen mit
anderen Staaten unsere Bemühungen intensivieren,
um den generellen Einsatz von Massenvernichtungswaffen durch andere Staaten oder terroristische Gruppierungen zu verhindern.
In meiner Rede vor dem Senat habe ich am 29. März
in bezug auf die Bedrohungsanalyse erklärt: "Im
Gegensatz zu den bedeutenden Reduzierungen der
sowjetischen konventionellen Bedrohung hat die
sowjetische Modernisierung der strategischen Atomstreitkräfte im großen und ganzen unverändert angehalten." Aus diesem Grund bleiben die amerikanischen Nuklearstreitkräfte das Fundament der Abschrekkung. Die Modernisierung unserer Nuklearstreitkräfte
wird auch weiterhin erforderlich sein.
Gleichzeitig hat der Rückgang der sowjetischen konventionellen Bedrohung bedeutende Auswirkungen
auf die sowjetische nukleare Bedrohung. Wie ich
bereits letzten Monat festgestellt habe: "Mit der geringeren Wahrscheinlichkeit eines konventionellen Krieges
in Europa hat die Möglichkeit, daß ein Atomkrieg aus
der Eskalation eines europäischen Konflikts entsteht,
ebenfalls stark abgenommen." Ich möchte im folgen-

Seite 3

�den meine Ansichten über die Auswirkungen dieser
Entwicklung auf unser strategisches Einsatzkonzept,
unsere Ziele in der Rüstungskontrolle und die geeignete Rolle strategischer Verteidigungssysteme darlegen.

neuen Strategie noch Platz ist. Landgestützte Atomraketen und nukleare Artillerie in Europa sollten abgezogen werden, am besten im Rahmen von Gesprächen und Vereinbarungen zwischen NATO und Warschauer Pakt.

Die Entwicklung neuer, demokratischer Regierungen
in Osteuropa, der vorgesehene Abzug der sowjetischen Streitkräfte aus Ungarn und der Tschechoslowakei sowie die wahrscheinliche Festsetzung gleicher
Obergrenzen für Panzer, Artillerie, Flugzeuge und
andere Kategorien militärischer Ausrüstung in einem
Vertrag über die konventionellen Streitkräfte (KSE)
haben ebenfalls erhebliche Auswirkungen auf die
nuklearen Kurstreckenwaffen (SNF) und luftgestützten taktischen Nuklearwaffen des Bündnisses.

Aber selbst wenn dies erreicht ist, besteht die Notwendigkeit zur Abschreckung des Einsatzes von Atomwaffen in Europa durch die Sowjets. Auf europäischem
Territorium stationierte Atomwaffen, einschließlich der
britischen und französischen Nuklearstreitkräfte, bilden eine glaubwürdige Androhung von Vergeltung.
Luftgestützte Systeme bieten den Militärplanern erheblich größere Flexibilität, sie erlauben die Stationierung nuklearer Fähigkeiten in mehreren NATO-Ländern und schaffen nicht die einschneidenden politischen und Sicherheitsprobleme, die Systemen mit
erheblich begrenzterer Reichweite innewohnen.

Gegenwärtig stellen die Vereinigten Staaten mehrere
tausend Atombomben und Atomwaffen zur Verfügung, die von Artillerie, der Kurzstreckenrakete Lance
und taktischen Flugzeugen aus zum Einsatz kommen
können. Ferner wurde eine Reihe amerikanischer UBoot-gestützter ballistischer Raketen (SLBMs) der
NATO zugeordnet, und der Oberste Alliierte Befehlshaber Europa (SACEUR) hat die Option, weitere strategische und nichtstrategische amerikanische Nuklearstreitkräfte anzufordern.
Der NATO-Doktrin zufolge sollen Atomwaffen drei
entscheidende Funktionen erfüllen:
Erstens sollen sie Abschreckung gegen einen
sowjetischen Ersteinsatz von Atomwaffen in
Europa bewirken.
Zweitens sollen sie jeden massierten Aufmarsch
von Panzerarmeen des Gegners abschrecken
und damit einen Beitrag zur gesamten Abschrekkung der NATO gegen einen konventionellen
Angriff leisten.
Drittens sollen sie im Falle eines Versagens der
Abschreckung konventionelle Unzulänglichkeiten wettmachen. Im Einklang mit ihrer Doktrin
der flexiblen Reaktion ist die NATO davon ausgegangen, daß jeder Angriff des Warschauer
Pakts und alle Feindseligkeiten frühzeitig gestoppt werden könnten, weil das Bündnis bereit
war, einen Atomkrieg zu führen, um seine Freiheit zu verteidigen.
Nach einem KSE-Abkommen mit konventionellem
Gleichstand (einem Zustand, in dem insbesondere die
sowjetischen Panzerarmeen aus Osteuropa abgezogen worden sind) ist ein Rückgriff der NATO auf die
Drohung mit einem frühzeitigen Ersteinsatz atomarer
Kurzstreckenraketen zur Abschreckung eines konventionellen Angriffs nicht mehr glaubwürdig. Ich
glaube nicht, daß für landgestützte Atomwaffen, deren
Reichweite so begrenzt ist, daß sie nur auf dem
Territorium unserer Verbündeten oder der neuen
Demokratien Osteuropas zum Einsatz kämen, in einer
Seite 4

Aufgrund dieser Erwägungen schlage ich vor, daß sich
die NATO auf taktische luftgestützte Atombomben
und -raketen konzentriert, darunter die TASM und ihre
Planung für Modernisierung und Rüstungskontrolle
entsprechend anpaßt. Aus Gründen der Risikoteilung
und Überlebensfähigkeit sollten die taktischen luftgestützten Raketen der NATO auf Luftstützpunkte in
allen NATO-Staaten, einschließlich der Bundesrepublik Deutschland, verteilt werden.
Das zweite Element einer neuen amerikanischen Militärstrategie besteht darin, die vornestationierten USStreitkräfte zu reduzieren, die Spezialisierung unter
den verbündeten Staaten zu erhöhen und die Verstärkungsfähigkeit auszubauen, einschließlich des Einsatzes von Reserven zur Auffüllung der verbleibenden
vornestationierten amerikanischen Streitkräfte. Dieses Element betrifft besonders Europa und in gewissem Maß auch Korea.
In meiner Senatsrede habe ich im vergangenen Monat
zwei wichtige Schlußfolgerungen im Hinblick auf die
jüngsten Veränderungen der Bedrohungslage vorgetragen:
Erstens ist die Drohung eines Großangriffs des
Warschauer Pakts auf Westeuropa praktisch
beseitigt worden, und ein Angriff der Sowjetunion allein ist sehr unwahrscheinlich...
Zweitens wären jegliche sowjetischen Bemühungen, erneut eine umfassende, glaubwürdige
konventionelle Angriffsfähigkeit gegen die NATO
zu schaffen, äußerst schwierig. Sie würden eine
enorm umfangreiche Mobilisierung erfordern und
damit der NATO viele Monate Vorwarnzeit verschaffen.
In meiner Erklärung habe ich auf die tiefgreifenden
Auswirkungen dieser Entwicklung für die Militärstrategie der NATO hingewiesen:
Der entscheidende Punkt lautet: Selbst wenn man es

AMERIKA DIENST 16

�als notwendig erachtet, sich gegen die auch noch so
entfernte Möglichkeit einer Wiederherstellung der
sowjetischen Invasionsfähigkeit gegen Westeuropa
zu wappnen, bedeutet dies nicht zwingend auch, daß
die geeignete Vorsichtsmaßnahme darin besteht, riesenhafte stehende Heere der Vereinigten Staaten in
Europa zu unterhalten. ... Für die NATO sollte das
Kriterium vielmehr sein, ob das Bündnis in der Lage ist,
die Abschreckung auf niedrigeren Niveaus aufrechtzuerhalten und in Zeiten einer sowjetischen Wiederaufrüstung mobilisieren und auf höhere Niveaus aufrüsten
zu können.
Die NATO spielt weiterhin eine wichtige Rolle bei der
Gewährleistung der Sicherheit Westeuropas - militärisch, politisch und diplomatisch. Unter diesen veränderten Bedingungen mu ß jedoch die NATO der Öffentlichkeit gegenüber ihre Daseinsberechtigung unter
Beweis stellen. Der ehemalige NATO-Botschafter
David Abshire hat einmal gesagt: "Die NATO sollte und zwar politisch für jedermann sichtbar - eine zweifache Studie erarbeiten, um ihre politische und ihre
militärische Strategie auf den neuesten Stand zu bringen." Eine Studie durch eine anerkannte Gruppe von
Fachleuten, ähnlich dem Harmel-Bericht von 1967,
könnte eine wichtige Rolle dabei spielen, einen neuen
transatlantischen Konsens im Hinblick auf die Verteidigungserfordernisse und das künftige Einsatzkonzept
des Bündnisses zu bilden.
Meines Erachtens muß diese Studie drei Realitäten
berücksichtigen:
Erstens ist der Rückgriff der NATO auf die
Drohung mit dem Ersteinsatz von nuklearen
Kurzstreckenwaffen zur Abschreckung eines
konventionellen Angriffs nicht mehr glaubwürdig.
Zweitens ist die Annahme der NATO, daß die
Vereinigten Staaten auf Dauer 195 000 Mann in
Mitteleuropa stationieren, nicht mehr realistisch.
Drittens ist die gegenwärtige NATO-Strategie
der Vorneverteidigung an der innerdeutschen
Grenze nicht mehr lebensfähig.
Angesichts künftiger Instabilität in Europa, die wahrscheinlich, wenn nicht sogar unvermeidlich ist, sind
Vorsicht und Vernunft am Platze, wenn wir unsere
Streitkräfte in der NATO verringern. Amerikanische
Truppen in Europa können und sollten während dieser
Übergangsperiode eine stabilisierende Rolle spielen.
Trotzdem erlaubt es die erheblich verlängerte Vorwarnzeit vor einem glaubwürdigen sowjetischen Angriff auf die NATO den Vereinigten Staaten, den Umfang
unserer vornestationierten stehenden Heere zu reduzieren und sich statt dessen auf Verstärkungsfähigkeit
zu konzentrieren.
Entgegen der Ansicht der Administration, daß 195 000
amerikanische Soldaten in Mitteleuropa eine MindestAMERIKA DIENST 16

stärke darstellen, die von den Vereinigten Staaten
nicht unterschritten werden darf, müssen wir meines
Erachtens damit beginnen, für die kommenden Jahre
ein erheblich geringeres Niveau einzuplanen. Ich
stimme dem früheren Verteidigungsminister James
Schlesinger zu, daß wir eine in Europa verbleibende
Streitmacht in der Größenordnung von 75 000 bis
100 000 Soldaten innerhalb der nächsten fünf Jahre
planen sollten.
Diese Reduzierungen gehen nicht nur Hand in Hand
mit der Abnahme der Bedrohung, sondern sie werden
auch durch eine sich wandelnde Haltung der Deutschen gegenüber fundamentalen Fragen von Souveränität und Nationalismus erforderlich. Die Opposition
gegen eine umfangreiche amerikanische Militärpräsenz in Deutschland wird immer mehr durch den
wachsenden Verdruß über Ausbildung, Übungen,
Manöver und Tiefflüge motiviert. Daneben verstärkt
der erhebliche Fehlbestand an Wohnungen, Krankenhäusern, Schulen und Freiflächen deutsche Wünsche
nach Rückgabe amerikanischer Militäreinrichtungen
und Liegenschaften, um sie dem deutschen Zivilsektor
nutzbar zu machen.
Kürzlich erhielt ich ein Schreiben eines deutschen
Bundestagsabgeordneten, der Mitglied im Verteidigungsausschuß und ein überzeugter Befürworter der
NATO ist. Erwies darauf hin, daß in seinem Wahlkreis
über 4 000 deutsche Familien auf Wartelisten für
Wohnungen stünden und die Krankenhäuser überbelegt seien. Dann führte er die verschiedenen amerikanischen Stützpunkte, Kasernen und medizinischen
Einrichtungen in seinem Wahlkreis mitsamt der von
ihnen belegten Fläche und ihrem möglichen Freizeitwert auf. Er bat mich, dafür zu sorgen, daß der erste
von Deutschland abgezogene amerikanische Soldat
aus seinem Wahlkreis kommen sollte.
Der ehemalige Verteidigungsminister James Schlesinger erklärte vor unserem Ausschuß: "Was auch
immer ihre gegenwärtigen Präferenzen sein mögen,
eine deutsche Regierung wird nicht umhin kommen,
die öffentliche Meinung zu berücksichtigen. Wir sollten
damit beginnen, uns jetzt schon auf diese absehbare
Entwicklung vorzubereiten."
Viele Jahre lang war die Strategie der NATO in der
Region Europa Mitte darauf ausgerichtet, sich weit
vorne zu verteidigen, an den Grenzen der Bundesrepublik Deutschland zur DDR und zur Tschechoslowakei. Diese Grenze wurde in acht Korps-Sektoren
aufgeteilt, und die Landverteidigung jedes Sektors
wurde den nationalen Streitkräften eines einzelnen
Landes zugewiesen. Innerhalb jedes Korps-Sektors
fallen auch Logistik und Unterstützungsmaßnahmen
in die alleinige Verantwortung des Landes, das für die
Verteidigung des Sektors zuständig ist. Dies ist natürlich das genaue Gegenteil von "Spezialisierung" denn innerhalb ihres Verantwortungsbereichs setzt
jede Nation eigene militärische Fähigkeiten ein, die

Seite 5

�auch in den anderen nationalen Sektoren vorhanden
sind. Darüber hinaus wird die traditionelle Strategie
der Vorneverteidigung gegenwärtig durch die Vereinigung der beiden deutschen Staaten überholt.
Unter der Voraussetzung, daß einseitige und von der
KSE ausgehandelte sowjetische Reduzierungen durchgeführt werden, bieten die Veränderungen in der
Bedrohung und in der Bündnisgeographie die Chance,
das traditionelle Konzept der Korps-Verantwortungsbereiche durchgreifend umzugestalten. Die NATO
muß eine neue Strategie haben, die vom Bündnis als
Ganzes entwickelt werden mu ß. Meine Vorstellungen
im Hinblick auf die Rolle unseres Landes in einer neuen
NATO-Strategie lauten folgendermaßen:
Wir müssen auf spezialisierterer Aufgabenverteilung unter den NATO-Partnern bestehen. Die
europäischen NATO-Mitglieder sollten primär
für die erste Phase der Vorneverteidigung zu
Lande - Bekämpfung der Panzertruppen - verantwortlich sein und sich nicht auf umfangreiche
vornestationierte US-Landstreitkräfte stützen.
Der Einsatz der US-Landstreitkräfte für die NATO
sollte neu strukturiert werden, um statt der NATOVorneverteidigung die mobilen strategischen
Reserven der NATO zu aktivieren.
Die Präsenz der US-Landstreitkräfte in Friedenszeiten sollte vor allem aus Kampftruppen
und Unterstützungseinheiten bestehen. Zu diesen
Unterstützungseinheiten sollten Elemente taktischer Planung zählen, ferner Aufklärungs- und
Überwachungseinheiten, Führungs- und Kommunikationseinheiten und "Empfangs"-Truppen
nach dem Muster, wie es der ehemalige Stabschef des Heeres, General Meyer, vorgeschlagen hat.
Die Vereinigten Staaten sollten weiterhin umfangreiche bereits bestehende Lagerbestände
von Kampf- und Unterstützungsgerät in Europa
unterhalten. Damit könnte eine erste Verstärkung der NATO durch die Vereinigten Staaten
erzielt werden, indem Einheiten des Heeres aus
den Vereinigten Staaten nach Europa transportiert werden, wo sie ihr bereits eingelagertes
Gerät in Empfang nehmen und die Landstreitkräfte der NATO verstärken.
Die Vereinigten Staaten sollten einige Geschwader taktischer Kampfflugzeuge für konventionelle wie nukleare Missionen in Europa beibehalten und sich verpflichten, zur Verstärkung
eine größere Zahl taktischer Kampfflugzeuge
aus den Vereinigten Staaten nach Europa zu
bringen. Diese Zusage wird davon abhängen,
ob die NATO eine angemessene Zahl gehärteter Flugzeughangars, Treibstoff- und Munitionslager und Wartungsbereiche auf gemeinsamen
Einsatzflugplätzen (COB) in Europa zur Verfü-

Seite 6

gung stellen kann.
Da amerikanische Landstreitkräfte in Europa
zahlenmäßig verringert würden und vor allem
aus Einheiten zur Kampfunterstützung bestünden, sollte es möglich sein, die Einsatzzeiten
und die Zahl der mitreisenden Familienangehörigen zu verringern.
Die Vereinigten Staaten sollten sich entschlossen um die Erlaubnis Frankreichs bemühen, im
Notfall französischer Häfen, Flughäfen und Stützpunkte durch amerikanische Verstärkungseinheiten zu nutzen. Dabei müßten in Friedenszeiten keine US-Streitkräfte in Frankreich stationiert werden, aber gelegentliche gemeinsame
Übungen zur Wiederzuführungsfähigkeit würden das Abschreckungskonzept der NATO
erheblich stärken.
In meiner Beurteilung der Bedrohung vom 29. März
habe ich darauf verwiesen, daß von Nordkorea weiterhin eine Invasionsbedrohung für unseren Verbündeten
Südkorea ausgeht. Meiner Ansicht nach ist eine
andauernde Präsenz von US-Streitkräften auf der
Halbinsel Korea erforderlich, um Nordkorea zu verdeutlichen, daß ein Angriff auf den Süden einen Angriff
auf uns darstellen wird. Die amerikanischen Fähigkeiten, Korea mit taktischem Gerät, Marineeinheiten und
Luftstreitkräften auszurüsten, sind beträchtlich. Die
Vereinigten Staaten müssen Korea weiterhin Unterstützung in anderer Form gewähren - bei den Nachrichtendiensten, Führungs- und Kommunikationseinrichtungen sowie den Aufklärungs- und Beobachtungsfähigkeiten.
Da die Grenze zu Nordkorea nur wenige Kilometer von
der südkoreanischen Hauptstadt Seoul entfernt ist,
zielen Militärberater Südkoreas und der Vereinigten
Staten der Not gehorchend darauf ab, weit vorn zu
verteidigen und einen massiven Angriff Nordkoreas
ohne Verlust von Territorium abzuwehren. Das kann
nur erreicht werden, indem sofort massive Feuerkraft
gegen die angreifenden Feindtruppen eingesetzt wird.
Taktische Kampfflugzeuge stellen dabei eine Möglichkeit dar, die erforderliche Feuerkraft zu gewährleisten,
und diese Aufgabe fällt auch der US-Luftwaffe in der
Region zu. Das US-Heer besteht jedoch zum größten
Teil aus motorisierten Infanterieeinheiten, die keine
umfangreiche, dauerhafte Feuerkraft leisten können.
Den Südkoreanern mangelt es nicht an Infanterie.
Angesichts des Konzepts der Aufgabenverteilung
vertrete ich die Auffassung, daß sich die US-Landkampftruppen in Korea auf Artillerie längerer Reichweite wie etwa Mehrfachraketenwerfersysteme (MLRS)
konzentrieren sollten. Unsere Aufgabe sollte darin
bestehen, der koreanischen Vorneverteidigung stärkere Feuerunterstützung zu leisten, wobei jeweils USEinheiten bestimmte südkoreanische Einheiten unterstützen sollen. Diese Methode erhöhter Feuerkraft

AMERIKA DIENST 16

�sollte mit der Zeit eine erhebliche Verminderung in
Korea stationierter US-Streitkräfte gestatten.
An Orten, wo die Vereinigten Staaten kein Gerät oder
Truppen stationiert haben, gibt es eine Reihe von
Fällen, bei denen sie auf eine Entsendung von USTruppen vorbereitet sein und auf die sie glaubwürdig
reagieren müssen.
Bei den meisten Fällen würde es sich um Bedrohungen
amerikanischer Interessen handeln. Wo unsere vordringlichen Interessen bedroht sind, müssen wir militärisch intervenieren können. Aberwirsollten, wo immer
die Möglichkeit dazu besteht, der Bedrohung durch
diplomatische, wirtschaftliche oder nichtmilitärische
Maßnahmen Herr zu werden suchen, mit der Option
einer steigenden - oder stärker wahrnehmbaren Truppenpräsenz in der Region.
Die Vereinigten Staaten müssen mit ihren Truppen
vielfältige Missionen erfüllen können:
Am unteren Ende der Skala möglicher Einsätze
stehen Missionen, bei denen eine "Präsenz"
der Vereinigten Staaten der Abschreckung
überstürzter Aktionen und Stabilisierung bei
potentiellen Krisen dienen soll. In diese Kategorie fielen auch Aufbauhilfe für einzelne Länder
und Ausbildung ausländischer Streitkräfte.
Die nächste Stufe der Unterstützung bestünde
für die Vereinigten Staaten in der Bereitstellung
indirekter militärischer Unterstützung - wie nachrichtendienstliche Informationen, Überwachung
und Warnung, logistische Unterstützung und
Sicherung in der rückwärtigen Region.
Kampfhandlungen unter Beteiligung von USStreitkräften könnten von Feuerunterstützung
für die einheimischen Streitkräfte von Flugzeugen oder Schiffen aus bis zur Intervention einer
aus den Vereinigten Staaten entsandten Truppe reichen.
Die Ereignisse in und um den Persischen Golf, auf der
Arabischen Halbinsel und in Südwestasien stellen die
amerikanischen Militärplaner vor Herausforderungen
und werfen schwerwiegende Probleme auf. Vor garnicht allzulanger Zeit gab es Konflikte zwischen Israel
und mehreren arabischen Staaten, Nord- und Südjemen und Iran und Irak, femer andauernde Kämpfe im
Libanon. Die Vereinigten Staaten haben in Israel,
Ägypten, Saudi-Arabien und anderen Golfstaaten
wichtige Sicherheitsinteressen. Darüber hinaus sind
die Volkswirtschaften der westlichen Welt stark vom
freien Öltransport aus den Förderländern des Mittleren
Ostens abhängig. Auch unsere eigene Wirtschaft wird
stärker von Öl aus dem Mittleren Osten abhängig, da
die Förderung im Inland wie auch in anderen wichtigen
Staaten der Hemisphäre zurückgegangen ist.

AMERIKA DIENST 16

Die Golfregion gilt darüber hinaus als eine der am
schwersten bewaffneten Regionen der Welt. Man
verfügt dort über unzählige Panzer, manche Länder
über modernste taktische Kampfflugzeuge, ferner
werden ballistische Raketen weiterverbreitet, sowohl
Boden-Boden-Raketen als auch Raketen zum Einsatz
gegen Schiffe. Jegliche Interventionen der Vereinigten Staaten zur Unterstützung einer freundlich gesinnten Regierung müssen mit einem Umfeld großer
Bedrohungen rechnen. Unsere Fähigkeit zur Gewährleistung dieser Unterstützung wird eine umfangreiche
logistische Infrastruktur in der Region erfordern, auch
Arsenale an Nachschub und Gerät.
Die gegenwärtigen Fähigkeiten der Vereinigten Staaten für Interventionen an Orten, wo nur wenige Stützpunkte und eine beschränkte Infrastruktur zur Verfügung stehen, entsprechen nicht in vollem Maße unseren Bedürfnissen. Die Vereinigten Staaten verfügen
heute über die beste Fähigkeit zur Entsendung von
Streitkräften auf der ganzen Welt. Dennoch sind im
allgemeinen die leichten Truppen des Heeres zwar
schnell stationierbar, verfügen aber nicht über ausreichende Feuerkraft, Durchhaltefähigkeit und Mobilität
zu Lande. Die schweren Truppen des Heeres sind zu
schwerfällig und zu schwer stationierbar, und in den
letzten Jahren sind bei den Marineinfanteristen die
Zuwachsraten bei Gerät viel größer als bei den bereits
unzulänglichen amphibischen Einsatzfähigkeiten. Um
potentielle Interventionen durchführen zu können,
müssen wir unsere Streitkräfte neu strukturieren und
dabei folgende Prioritäten setzen:
Wir müssen uns auf Streitkräfte konzentrieren,
die ihrem Charakter nach mobil und schnell stationierbar sind - seegestützte Expeditionsstreitkräfte, taktische Luftstreitkräfte, auch längerer
Reichweite und leichte Kampftruppen, die mittels amphibischer Fahrzeuge, zur See und in
der Luft transportiert werden können.
Technologien müssen so angewandt werden,
daß unsere Sondereinsatztruppen weniger
Gewicht und mehr Mobilität haben, aber dennoch ihre Feuerkraft und Durchhaltefähigkeit
verbessern.
Besondere Aufmerksamkeit muß der angemessenen Mischung aus Luft- ,See- und amphibischem Transport gewidmet werden, ferner dem
schnellen Transport auf See. Damit soll Abschreckung durch einsatzbereite Fähigkeit zur
Reaktion auf besondere Ereignisse gewährleistet werden.
Wir sollten die Fähigkeiten für Sondereinsätze
weiter verbessern.
Das dritte Schlüsselelement unserer neuen militärischen Strategie ist die stärkere Nutzung der Reserve.
Aufgrund der heute bestehenden längeren Vorwarn-

Seite 7

�zeit und Engpässe im Haushalt müssen wir eine grundlegende Neuüberprüfung des Einsatzes der Reservestreitkräfte vornehmen. Das wird eine schwierige
Herausforderung für die Streitkräfte sein, die aber
bewältigt werden muß.
Es gibt einige Bereiche, in denen ganze Missionen
unseren Reserveeinheiten übertragen werden können. Dabei muß auch aktives Personal bei den Reservestreitkräften eingesetzt werden. Ferner müssen wir
bereit sein, die bestehenden besser zu nutzen, um
Reserveeinheiten in frühen Stadien eines potentiellen
Konflikts zu mobilisieren, wenn dieses strategische
Element Erfolg haben soll.
Als in jüngster Zeit umgef laggte Tanker im Persischen
Golf eskortiert werden mußten, gehörten fast alle
Minensuchboote der Reserve an. Als die Stationierung von Minensuchbooten im Persischen Golf erforderlich wurde, zog die Marine die aus Reservisten
bestehenden Mannschaften ab und ersetzte sie durch
aktive Soldaten. Damit wurde die Stationierung der
Schiffe verzögert. Darüber hinaus übermittelte sie den
aktiven und den Reservestreitkräften eine falsche
Botschaft. Die Marine erklärte den Reserveeinheiten,
mit ihrer Ausbildung und ihren Fähigkeiten sei ein
Einsatz im Notfall nicht möglich und den Aktiven wurde
mitgeteilt, "wir können es uns nicht leisten, auf die
Reserve zu bauen". Wenn wir auf die Reserve bauen
wollen - was wir müssen - und eine echte Politik mit den
Gesamtstreitkräften machen wollen, müssen wir bereit sein, in Zukunft auch Reservestreitkräfte einzusetzen.
Die erheblich gestiegene Vorwarnzeit eines konventionellen Konflikts in Europa erlaubt eine stärkere Verlagerung der schweren Panzertruppen zu den Reservestreitkräften. Wachpersonal und Reserveeinheiten
sollten so strukturiert sein, daß sie innerhalb eines
bestimmten Zeitraums - Wochen oder Monaten - nach
der Entscheidung zur Mobilisierung völlige Kampfbereitschaft erlangen können. Dies alles soll in der
verfügbaren Vorwarnzeit geschehen, die zur Verfügung stehende Transportfähigkeit und das Ausmaß
der sowjetischen Aufrüstung berücksichtigen.
Im Verteidigungsministerium hatte die Luftwaffe beim
effektiven Einsatz ihrer Reserve stets eine Führungsrolle inne. Die Air National Guard und die Reserve der
Luftwaffe haben bereits einen erheblichen Beitrag zu
den Missionen der Luftwaffe insgesamt geleistet. Die
Reserveeinheiten der Luftwaffe könnten in den Bereichen strategischer und taktischer Lufttransport, Luftunterstützung und der Orientierung der Luftwaffe auf
einen Ernstfall in Europa noch stärker zum Einsatz
kommen. Das könnte eine stärkere Versetzung aktiver Piloten zu erweiterten Reservegeschwadern erforderlich machen.
Mit der Abnahme von sowjetischen Operationen in
bündnisfremden Gebieten und anderen Veränderun-

Seite 8

gen der Bedrohung wird die Politik der US-Marine, daß
sich praktisch alle stationierbaren Schiffe auf See
befinden oder innerhalb weniger Tage einsatzbereit
sein müssen, zunehmend unnötig und finanziell weniger tragbar. Die Marine muß den Einsatz von Reservestreitkräften ernsthaft erwägen, die einen Teil der
Flotte übernehmen. Für die aktive Marine darf das
Wort "Reserve" nicht mehr Synonym für "Mottenkugeln" sein.
In Zukunft werden kaum mehr Mittel zur Verfügung
stehen, um die gesamte Flotte der Marine in dem
Umfang zu finanzieren wie zur Zeit des kalten Kriegs.
Die Marine wird somit die Wahl haben zwischen einem
Abbau der operativen Schnelligkeit und vielen Schiffen
im Status der Reserve oder einer kleineren, insgesamt
aktiven Marine. Der stärkste Befürworter der 600
Schiffe umfassenden Marine, der frühere Marineminister John Lehman, hat in jüngster Zeit empfohlen, daß
die meisten Schiffe der Marine den Reserveeinheiten
überstellt werden sollten. Die Marine wird neue Wege
finden müssen, um einen größeren Teil ihrer Flotte auf
Reserveoperationen zu orientieren.
Ich vertrete nicht die Ansicht, daß alle Kategorien von
Schiffen und Flugzeugen der Marine der Reserve
überstellt werden sollen, Flugzeugträger und Unterseeboote wären zum Beispiel für Reserveeinsätze
kaum geeignet. Dennoch bieten sich Schiffe oder
Flugzeuge, die Seetransporte, U-Bootbekämpfung oder
Schutz der Seewege für die NATO leisten, für Reserveeinsätze an.
Darüberhinaus müssen unsere Befehlshaber regionaler Kampftruppen ihre Aufmerksamkeit den Bedingungen für die Flugzeugträgerverbände zuwenden, um
nicht auf See zu große Anforderungen an die aktiven
NATO-Streitkräfte zu stellen. Es liegt auf der Hand,
daß wir in vielen Fällen keine ganzen Flugzeugträgerverbände brauchen, um "Flagge zu zeigen". Andere
Schiffe und ihre Eskorten können diese Mission ausführen. Deshalb muß eine Überprüfung der gegenwärtigen Missionen stattfinden, gegebenenfalls eine
Neubewertung des Umfangs eines Verbands und eine
Betonung des Konzepts, demzufolge Schiffe unabhängig von einem Verband operieren können.
Wenn diese Anpassungen vorgenommen und der
Einsatz der Reserve erweitert wird, kann meiner Ansicht nach die Marine den Erfordernissen der Zukunft
mit 10 bis 12 Flugzeugträgerverbänden gerecht werden.
Mein viertes wichtiges Element ist die sogenannte
"flexible Einsatzbereitschaft", die ich als Anpassung
an den Bereitschaftsstatus unterschiedlicher Streitkräfte an die jeweilige Bedrohung definieren würde, die
Länge der Vorwarnzeit, die Wahrscheinlichkeit, mit der
diese Streitkräfte kämpfen müssen und die Fähigkeit,
sie zum Ort der Kampfhandlungen zu transportieren.
Praktisch wenden die Ministerien für die Teilstreitkräf-

AMERIKA DIENST 16

�te gegenwärtig eine Form der flexiblen Einsatzbereitschaft an. Einheiten, die "als erste kämpfen", werden
als erste mit neuestem Gerät ausgerüstet und am
stärksten bemannt. Andere Einheiten, die nicht für
eine baldige Stationierung vorgesehen sind, haben
älteres Gerät und weniger Personal.
Die Reduzierung der konventionellen Bedrohung und
die starken Engpässe im Haushalt bedeuten, daß der
Umfang aller Streitkräfte verringert werden muß. Aber
die Teilstreitkräfte sind vor die wichtige Wahl gestellt,
in welchem Umfang ihre Streitkräfte verringert werden:
1.
Wir können eine vergleichsweise größere Streitkräftestruktur haben, aber die Bereitschaft dieser Streitkräfte muß auf der Bedrohung, der Vorwarnzeit, der
Wahrscheinlichkeit des Einsatzes und der Fähigkeit,
das Gefechtsfeld zu erreichen, basieren.
2.
Wenn die Streitkräfte diesen Kurs nur zögernd
einzuschlagen bereit sind, werden sie eine erhebliche
geringere Streitkräftestruktur haben als gegenwärtig
im Pentagon erörtert wird.
Der von mir bevorzugten Alternative der flexiblen Einsatzbereitschaft zufolge behielten die Teilstreitkräfte
bestimmte Truppenteile mit hoher Priorität auf hohem
Bereitschaftsniveau bei - die strategischen Streitkräfte, Expeditionsstreitkräfte, vorne stationierte Streitkräfte, Streitkräfte für Sondereinsätze und besondere
nachrichtendienstliche Einheiten. Streitkräfte, die nicht
in diese Kategorie hoher Einsatzbereitschaft fallen,
könnten auf einem angepaßten Bereitschaftsniveau
beibehalten werden. Noch wichtiger ist, daß sie aufrechterhalten werden sollten, damit ihre Einsatzbereitschaft schnell erhöht werden kann, wenn wir gravierende Veränderungen in der Bedrohung feststellen.
Diejenigen Streitkräfte, mit denen wir den in den nächsten Jahren anstehenden Bedrohungen am besten
gerecht werden können, sollen auf hohem Bereitschaftsniveau beibehalten werden. Streitkräfte zur
Bekämpfung weniger wahrscheinlicher Bedrohungen
- wie etwa eine große konventionelle Schlacht gegen
sowjetische Streitkräfte auf dem europäischen Festland - sollten in der Streitkräftestruktur erhalten bleiben, aber auf einem Bereitschaftsniveau, das auf die
erheblich längere Vorwarnzeit bei jeder Steigerung der
Bedrohung zugeschnitten ist.
Ein sorgfältig geplanter Ansatz der flexiblen Einsatzbereitschaft wird kein Militär auf tönernen Füßen hervorbringen. In den siebziger Jahren hatten wir ernsthafte Probleme mit der Moral, weil vielen Einheiten
erklärt worden war, sie müßten innerhalb weniger
Tage in der Lage sein können, ihre Mission auszuführen, aber diese wußten, daß sie dazu nicht die personelle Ausstattung, das Gerät oder die Ausbildung
hatten. Wir hätten keine Probleme mit der Moral, wenn
unsere Soldaten in ausgewählten Einheiten wüßten,
daß ihre Mission darin besteht, mobilisieren und ihre

AMERIKA DIENST 16

Kampffähigkeit schnell erhöhen zu können und nicht
auf der Stelle eingesetzt zu werden. Mit anderen
Worten besteht ihre Aufgabe darin, "bereit werden zu
können".
Die Streitkräfte und das Verteidigungsministerium
müssen dem Kongreß bald einen Plan über den künftigen Kurs vorlegen. Möchte das Heer zum Beispiel
noch mehr schrumpfen, um alle aktiven Divisionen auf
hohem Bereitschaftsniveau zu halten, oder möchte es
lieber etwas umfangreichere Streitkräfte mit einigen
Einheiten auf hohem Bereitschaftsniveau und andere
auf niedrigerem Niveau?
Möchte die Marine erheblich weiter schrumpfen und
alle Schiffe auf hohem Bereitschaftsniveau halten oder
möchte sie lieber eine größere Marine mit wichtigen
Elementen auf hohem Bereitschaftsniveau und anderen auf niedrigerem Niveau?
Möchte die Luftwaffe die Zahl ihrer taktischen Kampfgeschwader erheblich verringern, um alle verbleibenden Geschwader sofort in den Kampf schicken zu
können, oder möchte sie lieber eine etwas größere
Truppe mit einigen Einheiten, die in stärkeren Maße
einsatzbereit sind und anderen, bei denen Anpassungen vorgenommen wurden?
Ich ziehe grö ßere Streitkräfte gemäß dem Konzept der
flexiblen Einsatzbereitschaft vor. Meiner Ansicht nach
wird diese Option unserer Streitkräftestruktur und den
potentiellen Bedrohungen am ehesten gerecht und
berücksichtigt die verfügbaren Ressourcen.
Das fünfte und letzte Element einer neuen Militärstrategie betrifft tiefgreifende Veränderungen der Art und
Weise, wie wir unsere Verteidigungsausgaben handhaben - "thinking smarter, not richer". Ich möchte
dieses Konzept in absehbarer Zukunft eingehender
erörtern, möchte aber heute darauf hinweisen, daß
keine Debatte über eine neue Militärstrategie die wichtigen Veränderungen außer acht lassen kann, die in
Verteidigungsmanagement und Mittelplanung erforderlich werden.
Zum Beispiel müssen wir zum Prinzip der Probe vor
dem Kauf zurückkehren. In allzuvielen Fällen haben
sich Entwicklung, Erprobung und Herstellung von
Waffensystemen überschnitten, und wir mußten viel
Geld ausgeben, um bereits stationierten Waffen funktionsfähig zu machen. Die unnötige Verdopplung bei
einer Reihe von Waffenkäufen - Forschung und Entwicklung für viele bereits bestehende Waffensysteme
- geben Anlaß zu echter Besorgnis. Mit der veränderten Bedrohung müssen wir dies zurechtrücken.
Wir müssen die Kosten der Betreiber für Wartung,
Logistik, Personal und Unterstützung bei der Herstellung neuer Waffensysteme reduzieren helfen. Wir
müssen uns nicht die Frage stellen, ob neue Technologien zu nutzen seien, sondern wir müssen sie einset-

Seite 9

�zen. Die echte Herausforderung besteht darin, unsere
Technologie nicht nur einzusetzen, damit wir an erster
Stelle stehen, sondern um Rentabilität und beste Nutzung
zu gewährleisten. Darüber hinaus müssen wir bestehende Konzepte und Systeme verbessern, weil wir in
Zukunft weniger neue Systeme einführen können.
Wir müssen den Schwerpunkt auf innovativere Konzepte bei Forschung und Entwicklung zur Erhaltung
unserer technologischen Vormachtstellung legen. Das
trifft insbesondere für Systeme und Fähigkeiten zu, die
Aussichten auf "bahnbrechende" Fähigkeiten bergen.
Schließlich müssen wir aggressiv darauf hinarbeiten,
um unsere Rüstungsindustrie lebensfähig zu halten.
Dies wird angesichts der in den nächsten fünf Jahren
vorzunehmenden Anpassungen bei den Verteidigungsausgaben - und künftiger Investitionen in die Verteidigung - umso wichtiger und schwieriger.
Herr Präsident, schließlich möchte ich betonen, daß
die von mir vorgestellte Militärstrategie Teil unserer
nationalen Sicherheitsstrategie ist, die ihrerseits auf
das sich wandelnde internationale Umfeld der neunziger Jahre reagieren muß. Präsident Bush hat darauf
verwiesen, daß Entwicklungen in der kommunistischen Welt auf die Möglichkeit hindeuten, daß wir uns
über das Containment hinaus zu kooperativeren Beziehungen zur Sowjetunion hinbewegen. Wenn man
davon ausgeht, daß die UdSSR ihre angekündigten
einseitigen Reduzierungen in Europa durchführt und
sowjetische Streitkräfte aus der Tschechoslowakei
und Ungarn abgezogen werden, der KSE-Vertrag
geschlossen wird, Demokratie in Osteuropa Fuß faßt
und der Reformprozeß in der Sowjetunion von Dauer
ist, sollten wir tatsächlich in der Lage sein, uns einer
neuen Politik zuzuwenden. Diese Politik muß jedoch
flexibel sein und der Möglichkeit von Rückschritten
Rechnung tragen.
Vor etwa neunzig Jahren schrieb Lenin ein Pamphlet
über Reformen im zaristischen Ru Bland jener Tage mit
dem Titel "Ein Schritt nach vorn, zwei zurück". Die
Entwicklungen in Litauen und anderswo in der Sowjetunion verdeutlichen, daß der Reformprozeß im heutigen Ru ßland ebenfalls sehr uneinheitlich ist, unabhängig davon, ob Gorbatschow an der Macht ist. Im
günstigsten Fall werden wir Zeuge von "zwei Schritten
nach vom und einem Schritt zurück" werden.

*

Seite 10

Es ist keineswegs verfrüht, zu erwägen, welches Konzept
wir angesichts der fortschreitenden internationalen
Veränderungen verfolgen sollten. Mein Vorschlag
wäre eine Politik der "maßvollen Kooperation", einer
Kooperation, bei der unsere Kooperationsbereitschaft
gegenüber der Sowjetunion und anderen Ländern im
Einklang mit dem dortigen Engagement für Menschenrechte, Demokratie und Marktwirtschaft steht.
Ich hoffe, daß Entwicklungen innerhalb der Sowjetunion und anderer kommunistischer Länder eine "maßvolle Kooperation" gestatten, damit Containment an
breiter Front überwunden werden kann. Wir müssen
eine kooperativere Weltordnung fördern helfen und
potentielle Risiken abfangen, bevor sie sich in direkte
Bedrohungen verwandeln.
Wenn wir in der Lage sind, Containment gegen maßvolle Kooperation einzutauschen, müssen wir weitere
Anpassungen bei unserer Militärstrategie vornehmen,
so daß sie ein echtes Spiegelbild einer sich wandelnden nationalen Sicherheitsstrategie wird. Aus diesem
Grund müssen wir unsere nationale Sicherheitsstrategie und unsere Militärstrategie einer kontinuierlichen
und sorgfältigen Überprüfung unterziehen.
Herr Präsident, der plötzliche Zusammenbruch des
kommunistischen Weltreichs im letzten Jahr hat neue
Bedingungen geschaffen und bieten eine neue Gelegenheit für eine Verteidigungsstrategie, die der veränderten Bedrohung gerecht wird und unsere Mittel
realistisch unseren Zielen anpaßt. Unsere Demobilisierungen in der Vergangenheit - nach beiden Weltkriegen, nach Korea und Vietnam - haben zu größeren
Verteidigungshaushalten geführt, um die Fehler unserer Rückzüge wettzumachen. Mit einer neuen Militärstrategie als Leitlinie für unsere Entscheidungen über
die Streitkräftestruktur und unsere Haushaltsmaßnahmen können wir vermeiden, wieder in diese Falle zu
gehen.
Herr Präsident, in den nächsten Tagen werde ich dem
Senat meine Gedanken dazu vorlegen, wie sich die Art
der Militärstrategie, wie ich Sie ihnen vorgestellt habe,
am besten durchführen lassen wird und welche Verteidigungsausgaben dieser Strategie zufolge im Haushaltsjahr 1991 und den kommenden fünf Jahren erforderlich werden.

* * *

*

AMERIKA DIENST 16

�UMWELT
25. April 1990

US-INITIATIVEN ZUR BEKÄMPFUNG WELTWEITER
KLIMAVERÄNDERUNGEN
Übersicht des Weißen Hauses

WASHINGTON - (AD) - Die nachfolgende Übersicht wurde am 18. April 1990 vom Weißen Hausveröffentlicht.

Im ersten Jahr seiner Amtszeit hat Präsident Bush
zahlreiche Initiativen zur Verbesserung der Umweltqualität verabschiedet. Einige dieser Initiativen werden nach ihrer endgültigen Durchführung maßgeblich
zum Abbau der Treibhausgasemissionen in den Vereinigten Staaten beitragen - bis zum Jahr 2000 um mindestens 15 Prozent, und in den darauffolgenden Jahren zu einem noch höheren Prozentsatz. Die einzelnen Maßnahmen werden im folgenden erläutert.

versorgungsbereich. Der Vorschlag des Präsidenten
zum Emissionsschutz befürwortet darüber hinaus die
Verwendung alternativer Brennstoffe und enthält
Maßnahmen zum Abbau von Kohlenmonoxid, Stickoxiden und flüchtigen organischen Verbindungen. Diese
beiden Initiativen tragen maßgeblich zur Verringerung
der Treibhausgasemissionen bei.

Vollständiges Verbot von Fluorchlorkohlenwasserstoffen (FCKW)

Im Budget des Präsidenten für das Haushaltsjahr 1991
sind Mittel in Höhe von 175 Millionen Dollar für das
erste Jahr eines mehrjährigen Programms veranschlagt,
das in den nächsten 10 Jahren die Anpflanzung von 1
Milliarde Bäumen vorsieht. Bei einer 20jährigen Laufzeit könnten durch dieses Programm bis zu 5 Prozent
des Jahresausstoßes von Kohlendioxid in den Vereinigten Staaten aufgefangen werden.

Der Präsident hat die Vereinigten Staaten zum Abschluß eines internationalen Abkommens über ein
weltweites Verbot von Produktion und Einsatz von
FCKW bis zum Jahr 2000 verpflichtet. Als weiteren
Schritt hat Präsident Bush ein Gesetz unterzeichnet,
mit dem eine einseitige Abgabe der Vereinigten Staaten auf die Produktion von FCKW erhoben wird. Damit
sollen die FCKW-Emissionen der Vereinigten Staaten
unter die von internationalen Protokollen erlaubte
Höchstgrenze gesenkt werden.

Wiederaufforstung

Aufstockung der Mittel für solare und erneuerbare
Energien sowie für Energieeinsparung

Abbau der Schwefeldioxidemissionen um 10
Millionen Tonnen der im Jahr 1980 freigesetzten
Menge, und

Der Haushaltsplan des Präsidenten für 1991 beinhaltet etwa 360 Millionen Dollar für Forschungs- und
Entwicklungsarbeiten zu solaren und erneuerbaren
Energien sowie Energieeinsparung. Dies bedeutet
einen 75prozentigen Anstieg gegenüber den im vergangenen Jahr beantragten Mitteln und einen Zuwachs von 10 Prozent verglichen mit den für das
Haushaltsjahr 1990 bewilligten Sätzen. Diese Forschungsarbeiten werden entscheidend zur Entwicklung von Technologien beitragen, mit denen wir unseren Energiebedarf auf umweltverträgliche Art und Weise
decken können.

Festschreibung dieses drastisch reduzierten
Höchstwertes auf unbegrenzte Dauer.

Neue Normen für energiesparende Haushaltsgeräte

Zusammengenommen bilden diese Maßnahmen einen starken Anreiz zur Energieeinsparung im Energie-

Das Energieministerium hat kürzlich neue Normen für
Haushaltsgeräte erlassen, die zu verstärkten Energie-

Emissionsschutzgesetz
Die vom Präsidenten vorgeschlagenen Änderungen
des Emissionsschutzgesetzes fordern zwei Maßnahmen, mit denen die Kohlendioxidemissionen maßgeblich reduziert werden sollen:

AMERIKA DIENST 16

Seite 1

�einsparungen und reduzierter Energienachfrage für
den Einsatz der benutzten Produkte führen werden.
Mit diesen Normen sollen die Kohlendioxidemissionen
in den Vereinigten Staaten bis zum Jahr 2000 um bis
zu 1 Prozent gesenkt werden.
Verpflichtung zu weiterer Forschung
Neben diesen Maßnahmen zur Reduzierung der
Emission von Treibhausgasen hat sich der Präsident
weiterhin zu umfangreichen Forschungsmaßnahmen

verpflichtet. In seinem Haushaltsplan für 1991 werden
über 1 Milliarde Dollar für Forschungsmaßnahmen zur
Veränderung des Erdklimas veranschlagt. Diese
Forschungsarbeiten haben die Erforschung der Ursachen, Auswirkungen und Folgen der globalen Umweltveränderungen zum Ziel. Diese Mittel werden zusätzlich zu den bereits im Haushaltsjahr 1990 bewilligten
660 Millionen Dollar zur Verfügung gestellt.

* * * *

Seite 2

*

AMIIRIKA DIENST 16

�</text>
                  </elementText>
                </elementTextContainer>
              </element>
            </elementContainer>
          </elementSet>
        </elementSetContainer>
      </file>
    </fileContainer>
    <collection collectionId="4">
      <elementSetContainer>
        <elementSet elementSetId="1">
          <name>Dublin Core</name>
          <description>The Dublin Core metadata element set is common to all Omeka records, including items, files, and collections. For more information see, http://dublincore.org/documents/dces/.</description>
          <elementContainer>
            <element elementId="50">
              <name>Title</name>
              <description>A name given to the resource</description>
              <elementTextContainer>
                <elementText elementTextId="6534">
                  <text>Dokumente</text>
                </elementText>
              </elementTextContainer>
            </element>
          </elementContainer>
        </elementSet>
      </elementSetContainer>
    </collection>
    <itemType itemTypeId="19">
      <name>Digitalisat</name>
      <description>Umwandlung eines physischen Dokumentes in ein digitales Medium.</description>
    </itemType>
    <elementSetContainer>
      <elementSet elementSetId="1">
        <name>Dublin Core</name>
        <description>The Dublin Core metadata element set is common to all Omeka records, including items, files, and collections. For more information see, http://dublincore.org/documents/dces/.</description>
        <elementContainer>
          <element elementId="40">
            <name>Date</name>
            <description>A point or period of time associated with an event in the lifecycle of the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="10820">
                <text>25.04.1990</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
          <element elementId="51">
            <name>Type</name>
            <description>The nature or genre of the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="10821">
                <text>Digitalisat</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
          <element elementId="39">
            <name>Creator</name>
            <description>An entity primarily responsible for making the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="10822">
                <text>Herausgeben U.S. Information &lt;br /&gt;Service Embassy of the United States of America</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
          <element elementId="50">
            <name>Title</name>
            <description>A name given to the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="10823">
                <text>Amerikadienst 25.04.1990</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
          <element elementId="41">
            <name>Description</name>
            <description>An account of the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="10824">
                <text>&lt;strong&gt;1. START&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Erweiterte Abschreckung Stabilisierungsfaktor für Ost-West-Beziehungen&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede von Botschafter Burt zur Abrüstung&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. NST&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Der Stand der Verhandlungen über Kern- und Weltraumwaffen&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Botschafter Smith vor der Genfer Abrüstungskonferenz&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Verteidigung&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Nunn befürwortet neue militärische Strategie&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Erklärung im Senat&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;4. Umwelt&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;US-Initiativen zur Bekämpfung weltweiter Klimaveränderungen&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Übersicht des Weißen Hauses&lt;/em&gt;</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
        </elementContainer>
      </elementSet>
    </elementSetContainer>
  </item>
  <item itemId="2142" public="1" featured="0">
    <fileContainer>
      <file fileId="2153">
        <src>https://www.amerikahaus-archiv.de/files/original/20b6f8df831c69dd61f5fbf8562991cf.pdf</src>
        <authentication>32113e4a8936c3ba2c8269d18b7b2087</authentication>
        <elementSetContainer>
          <elementSet elementSetId="4">
            <name>PDF Text</name>
            <description/>
            <elementContainer>
              <element elementId="52">
                <name>Text</name>
                <description/>
                <elementTextContainer>
                  <elementText elementTextId="10831">
                    <text>N^S*?7*

cimerikci
dienet

U.S. Information Service
Embassy of the United States of America
^r,

D

N ^
rica

Embassv °' ' [ J ^ ! GßlVices
üei^mannsAue29

17

I

5300 Bonn 2

2. Mal 1990

VSBM

MARESCA: KSZE-GIPFEL NOCH
DIESES JAHR MÖGLICH
Erklärung von Botschafter Maresca

WELTWIRTSCHAFT

VEREINIGTE STAATEN SCHLAGEN
ZIELE FÜR UNO-GENERALVERSAMMLUNG VOR
Botschafter Pickering über wirtschaftliche Zusammenarbeit

TERRORISMUS

1989 STARKER RUCKGANG
DES TERRORISMUS
Bericht des US-Außenministeriums

I

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.:0228-339 23 66
Telex: 8-85432

�VSBM
2. Mai 1990

MARESCA: KSZE-GIPFEL NOCH DIESES
JAHR MÖGLICH
Erklärung von Botschafter Maresca
WIEN - (AD) - Der Leiter der amerikanischen Delegation bei den Verhandlungen über Vertrauens- und
Sicherheitsbildende Maßnahmen (VSBM), Botschafter John Maresca, hat am 27. April 1990 in einer zum
Abschluß der Sitzungsrunde vor dem Plenum gehaltenen Rede erklärt, das Interesse am KSZE-Prozeß habe
"infolge der Entwicklung in Osteuropa in den vergangenen Monaten erheblich zugenommen. Deshalb erwarten
die politisch Verantwortlichen jetzt einen KSZE-Gipfel noch vor Jahresende, unter der Voraussetzung, daß bis
dahin ein KSE-Vertrag unterschriftsreif ist."
Darüber hinaus stellte Maresca fest, daß trotz "wichtiger Meinungsverschiedenheiten bei einigen Schlüsselfragen" in den Gesprächen die konsensfähigen Bereiche "heute erheblich größer sind". Man könne nun "die
Anfänge eines umfassenden neuen Interesses an substantiellen Fortschritten erkennen".
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede Botschafter Marescas im Wortlaut.

Am Ende dieser Verhandlungsrunde könnte es nützlich sein, eine Bilanz zum Stand unserer Arbeit zu
ziehen. Immerhin tagen wir hier nun schon seit über
einem Jahr. Meines Erachtens haben wir gerade in
dieser Runde einige nützliche Lektionen gelernt, und
sie hat uns dem von uns allen erhofften Ergebnis
wiederum ein paar Schritte nähergebracht.
Der politische Hintergrund war natürlich für unsere
Arbeit hier von Bedeutung. Das Interesse am KSZEProzeß hat infolge der Entwicklung in Osteuropa in den
vergangenen Monaten erheblich zugenommen. Deshalb erwarten die politisch Verantwortlichen jetzt einen
KSZE-Gipfel noch vordem Jahresende, unter der Voraussetzung, daß bis dahin ein KSE-Vertrag unterschriftsreif ist. Dieselben Ereignisse haben der Rüstungskontrolle, einschließlich der VSBM-Verhandlungen, neue Perspektiven eröffnet.
Im Rückblick erscheint das Seminar über Militärdoktrinen als ein Wendepunkt. Bei dieser Gelegenheit
versuchten unsere führenden Offiziere zum ersten
Mal, über die Annahmen der Vergangenheit hinauszudenken. Zumindest zwei Vorschläge berücksichtigten
unmittelbar die Erfahrung dieses Seminars, um den
Horizont dieser Verhandlungen zu erweitern und ihnen
für die Zukunft regulären Charakter zu verleihen. Dies
waren die Vorschläge für einen Austausch der militärischen Haushaltszahlen und für die jährliche Abhaltung von Überprüfungstreffen, die gegenwärtig in unseren
Arbeitsgruppen aktiv untersucht werden. Ein interesAMERIKA DIENST 17

santes Papier über ein Kommunikationssystem stützte sich ebenfalls auf die bei diesem Seminar gewonnenen Erfahrungen.
Welches waren also die bemerkenswerten Leistungen
dieser Verhandlungsrunde über VSBM? Erstens sind
die konsensfähigen Bereiche meines Erachtens heute
erheblich größer. In der Vergangenheit betrachtete
meine Delegation einen Konsens über einen jährlichen
Informationsaustausch, darunter auch Informationen
über die Stationierung wichtiger neuer Waffensysteme, ein System der Überprüfung der gelieferten Informationen nach dem Zufallsprinzip und Verbesserungen der Stockholmer Vereinbarungen als die großen
Bereiche, in denen ein Konsens wahrscheinlich war.
Neben diesen Bereichen zeichnet sich unserer Ansicht
nach ein Konsens über den jährlichen Austausch von
militärischen Haushaltszahlen, über ein alle 35 Hauptstädte einbeziehendes Kommunikationssystem, verstärkte militärische Kontakte und die jährliche Veranstaltung eines Überprüfungstreffens ab. Das ist eindeutig eine erhebliche Erweiterung des Horizonts und
der Komplexität dieser Verhandlungen, verspricht jedoch
darüber hinaus bedeutendere Ergebnisse, als wir uns
noch vor wenigen Monaten vorstellen konnten.
Ein zweites Ergebnis ist der sich abzeichnende und
allseits anerkannte Konsens über die Notwendigkeit,
ein gemeinsames Dokuments zu erarbeiten, das bei
einem möglicherweise Ende des Jahres stattfinden-

Seite 1

�den KSZE-Gipfel verabschiedet werden kann. Ich
akzeptiere die in der Plenarsitzung der letzten Woche
von den Vertretern Frankreichs und der Bundesrepublik Deutschland abgegebenen Erklärungen, ein solches Dokument solle aussagekräftig sein. Es scheint
sich darüber hinaus ein Konsens darüber zu bilden,
daß diese Verhandlungen nach einem möglichen Gipfel
fortgeführt werden sollen. Das ist ebenfalls ein wichtiges Kriterium für die Planung unserer Arbeit.

Möglichkeiten noch nicht akzeptiert haben, und ihr
mangelnder Enthusiasmus für baldige Fortschritte wird
in scharfem Gegensatz zur großen Mehrheit der Teilnehmer stehen.

Dies sind unserer Ansicht nach die wichtigsten Ergebnisse der soeben beendeten Runde. Aber wir sind
auch auf einige möglicherweise schwierige Probleme
gestoßen. Es bestehen weiterhin größere Meinungsverschiedenheiten bei Grundsatzfragen, undwirbeobachten eine Tendenz, Fortschritte in Bereichen, in
denen bereits ein Konsens erzielt wurde, von Zustimmung zu politischen Positionen abhängig zu machen,
bei denen auch nicht nur annähernd Konsens besteht.
Dies ist gegenwärtig ein unerfreulicher Punkt unserer
Arbeit, der sich bald ändern und in den traditionellen
konsensbildenden Ansatz verwandeln muß, den wir
bei KSZE immer verfolgt haben und der aller Wahrscheinlichkeit nach Ergebnisse hervorbringen wird.

Um unsere Arbeit weiterhin effektiv leisten zu können,
müssen wir innovative Arbeitsmethoden einführen, die
der neuen politischen Situation in Europa gerecht
werden. Wir sollten uns mit der größtmöglichen Flexibilität, die sich mit unseren nationalen Sicherheitsinteressen vereinbaren läßt, an den Verhandlungstisch
setzen, und wir sollten uns alle verantwortungsbewußt
für ein Ergebnis einsetzen, das dem KSZE-Prozeß
zum Vorteil gereicht. Wenn unsere Spitzenpolitiker zu
einem KSZE-Gipfel zusammentreten, dann weil sie
ihrem gemeinsamen Interesse Ausdruck verleihen
wollen, KSZE zu einem echten Rahmen für die Zukunft
Europas zu machen. Unsere Herausforderung wird
darin bestehen, daß dieses Forum aus 35 unterschiedlichen, unabhängigen Ländern einen ernsthaften Beitrag zur Rüstungskontrolle leisten kann, der den heute
in Europa stattfindenden historischen Veränderungen
Rechnung trägt.

Drittens wäre ich nachlässig, würde ich nicht darauf
hinweisen, daß es über den Rahmen dieses KSZEForums hinausgehende übergreifende politische Probleme gibt, die als Damoklesschwert über uns schweben. Diese Probleme könnten einen dunklen Schatten
Sicherlich stellen die ersten vereinbarten Textentwürfe auf die Zukunft dieser Verhandlungen und alle anderen
ein weiteres Ergebnis dar, und unsere Kollegen in den Aspekte der Ost-West-Beziehungen in Europa werArbeitsgruppen - denen die Hauptlast dieser Verhand- fen. Wir hoffen, daß diese Probleme durch friedliche
lungen aufgebürdet wird - verdienen Anerkennung für Verhandlungen und ohne Einsatz von Gewalt gelöst
ihre großen Anstrengungen. Die bis jetzt erarbeiteten werden können, um diese möglichen negativen ImpliTexte gehen natürlich noch nicht auf die schwierigsten kationen zu vermeiden.
Probleme ein, aber diese Konferenz, bei der Entwürfe
auf den Weg gebracht wurden, hat bemerkenswerte Herr Vorsitzender, aus meinen Ausführungen sollte
Erfolge erzielt, und wir sollten in dieser Richtung wei- klar geworden sein, daß meine Delegation ein Arbeitsprogramm für unsere Verhandlungen prognostiziert,
termachen.
das die Vorbereitung eines aussagekräftigen DokuSchließlich bin ich der Meinung, wir können jetzt ein ments zur Verabschiedung vor einem möglicherweise
neuerwachtes Interesse an solch echten Fortschritten dieses Jahr stattfindenden KSZE-Gipfel vorsieht. Wir
erkennen. Dies trägt der Tatsache Rechnung, daß es erwarten ebenfalls die Fortführung dieser Verhandlunnunmehr unsere Pflicht ist, ein aussagekräftiges gen, damit ein zweites VSBM-Dokument vor dem
Dokument für einen möglichen Gipfel zu erarbeiten, Folgetreffen in Helsinki 1992 erarbeitet werden kann.
und wir sollten uns der Tatsache bewußt werden, daß Das ist ein ehrgeiziges Programm, das in den komdie uns zur Verfügung stehende Zeit jeden Tag kürzer menden Monaten unsere gebündelte Energie verlangt.
wird.

Zweitens sind wir uns bewußt, daß der Wunsch nach
Fortschritten zu einem aussagekräftigen gemeinsamen Dokument noch vor einem möglichen KSZEGipfel zwar weitverbreitet, aber nicht überall vorhanden ist. Es scheint Delegationen zu geben, die diese

* *

Seite 2

* *

AMERIKA DIENST 17

�WELTWIRTSCHAFT
2. Mal 1990

VEREINIGTE STAATEN SCHLAGEN ZIELE FÜR
UNO-GENERALVERSAMMLUNG VOR
Botschafter Pickering über wirtschaftliche Zusammenarbeit
VEREINTE NATIONEN - (AD) - Dem US-Botschafter bei den Vereinten Nationen, Thomas Pickering, zufolge
engagieren sich die Vereinigten Staaten "stark für die Förderung marktwirtschaftlicher Reformen auf der ganzen
Welt", weil sich diese bei der Steigerung von Wachstum und Entwicklung als nützlich erwiesen haben.
Pickering erklärte am 25. April 1990 vor der Sondersitzung der Generalversammlng über internationale wirtschaftliche Zusammenarbeit, als ersten Schritt in Richtung auf eine schnellere Wirtschaftsentwicklung müßten
die Regierungen der Entwicklungsländer eine angemessene Wirtschaftspolitik verfolgen. Er verwies jedoch auch
darauf, daß die Industrieländer zu dieser Entwicklung beitragen müssen, indem sie das Weltwirtschaftswachstum ankurbeln, den Handel ausbauen, die Bedürfnisse der Entwicklungsländer berücksichtigen und sich an
Bestrebungen beteiligen, um "mittels eines vernünftigen und verantwortungsbewußten Dialogs Vorteile für beide
Seiten zu erzielen".
Die Vereinigten Staaten müssen ihm zufolge bei der Sondersitzung "drei konkrete Ziele" verfolgen - aus den
Veränderungen und Lektionen der jüngsten Vergangenheit die richtigen Schlußfolgerungen für die unmittelbare
Zukunft ziehen, eine Reihe von Themen formulieren, die den Vereinten Nationen bei der Förderung von
Wirtschaftswachstum und Entwicklung in den Entwicklungsländern als Leitlinie dienen können undeine Erklärung
verabschieden, die als Richtlinie für eine Reihe von bevorstehenden UNO-Konferenzen über Entwicklungspolitik
dient.
Nachfolgend veröffentlichen wir Pickerings Rede im Wortlaut:

Herr Präsident, "Manchmal muß man wie ein Ökonom
denken".
Mit diesen Worten hat uns ein renommierter amerikanischer Politiker daran erinnert, daß Wunschvorstellungen kein Ersatz für Entscheidungen sein können,
und daß Wünschen Taten folgen müssen, wenn sie
verwirklicht werden sollen.
Es klingt etwas abgedroschen, wenn jetzt noch darauf
verwiesen wird, daß wir uns an einem Wendepunkt der
Geschichte befinden. Wir sind uns der überwältigenden und dramatischen Veränderungen bewußt, die
überall auf der Welt erfolgen. Diese Umwälzungen
beschränken sich nicht auf Osteuropa. Sie betreffen
sowohl die Neubelebung der Volkswirtschaften als
auch die Umgestaltung der politischen Systeme. Die
Veränderungen werden von dem Grundgedanken
geleitet, daß das bisherige Machtmonopol einer regierenden Elite jetzt einem bescheideneren Konzept von
Zielen und Aufgaben des Staates weichen mu ß. Infolge dessen dürfen Einzelpersonen und private Grup-

AMERIKA DIENST 17

pen nunmehr Eigeninititive entwickeln und erhalten die
Gelegenheit zu Vorschlägen, Kreativität, Innovationen
und Führungsaufgaben.
Diese Veränderungen und die damit einhergehenden
Tendenzen und Kräfte haben uns an einem entscheidenden Wendepunkt zusammengeführt. Wenn wir die
jüngsten Entwicklungen aufgreifen, können wir eine
sehr viel produktivere Tagesordnung für kontinuierliches und dauerhaftes Wirtschaftswachstum ausarbeiten. Diese einmalige Gelegenheit hat auch Bedeutung
für die Vereinten Nationen. Sie liefert den Grund für die
heutige aktive und starke Beteilung der amerikanischen Delegation.
Im Laufe dieser Sondersitzung hat die Generalversammlung Gelegenheit, allgemeine Themen der internationalen wirtschaftlichen Zusmmenarbeit in den
neunziger Jahren aufzugreifen. Diese Themen können der Arbeit der Vereinten Nationen als Leitlinie
dienen und insbesondere die Bestrebungen der Zweiten UNO-Konferenz über die ärmsten Entwicklungs-

Seite 1

�länder, die Vorbereitung einer Internationalen Entwicklungshilfestrategie und die Arbeit von UNCTAD
VIII unterstützen.

men auf der ganzen Welt, weil diese Reformen bei der
Steigerung von Wachstum und Entwicklung funktioniert haben und ihren Wert behalten werden.

Die grundlegenden Punkte des Gesamtkonzepts liegen bereits fest:

Nationale wirtschaftspolitische Maßnahmen

1.

Eine von vielen Parteien getragene Demokratie
auf der Basis freier, regelmäßiger und fairer
Wahlen.

2.

Rechtsstaatlichkeit und Beachtung der Gesetze
bei gleichzeitiger Wahrung der Menschenrechte und einem effektiven, allgemeingültigen und
fairen Rechtssystem.

3.

Wirtschaftliche Aktivitäten, die das Recht des
Arbeitnehmers auf Gründung und Beteiligung
an Gewerkschaften berücksichtigen und weder
Zwangsarbeit gestatten noch Diskriminierung
von Arbeitnehmern aufgrund ihres Geschlechts,
ihrer Herkunft, Religion oder politischen Anschauung zulassen.

4.

Freie, offene und wettbewerbsfähige Marktwirtschaften, in denen sich Preise durch Angebot
und Nachfrage regeln.

5.

Unbehinderter Austausch von Waren und Dienstleistungen zwischen Einzelpersonen und Unternehmen auf den Binnen- und Auslandsmärkten, wobei direkte Kontakte zwischen Verbraucher und Händler erwünscht sind und ermutigt
werden.

6.

Volle Anerkennung und Schutz der Rechte des
Bürgers auf den Erwerb und Besitz von Eigentum, auch geistigem Eigentum.

7.

Nationale wirtschaftliche Ziele, die sich auf
Produktivität statt auf Produktion als Selbstzweck stützen.

8.

Eine gesunde und durchdachte nationale Finanz- und Währungspolitik.

9.

Internationale und innenpolitische Verfahren zur
Erweiterung des freien und offenen Handels,
des freien Flusses von Investitionsfonds und
anderem Kapital und der uneingeschränkten
Fähigkeit zum Transfer von Kapital und Gewinnen mit konvertierbaren Währungen.

Der Lauf der Ereignisse in den vergangenen Jahren
hat uns vor Augen geführt, daß es diese Ideen sind, die
eine wertvolle und nützliche Leitlinie für die Zukunft
bieten. Und es ist kein Zufall, daß diese Ideen wiederum eng mit grundlegenden Werten wie Menschenrechten, menschlicher Vielfalt und Hoffnungen des
einzelnen verknüpft sind.
Aus diesen Gründen engagiert sich die US-Regierung
stark für die Förderung marktwirtschaftlicher Refor-

Seite 2

Wir sind der Ansicht, daß Volk und Regierung jedes
Landes große Verantwortung für eine erfolgreiche
Entwicklung tragen. Entwicklung hängt zum Großteil
von nationalen Entscheidungen und innenpolitischen
Bemühungen ab - dem Wunsch und der Fähigkeit,
Reformen und andere Maßnahmen durchzuführen,
die zur Förderung ausgewogenen und dauerhaften
Wachstums nötig sind.
Der erste Schritt zur Ankurbelung von Wirtschaftswachstum und Entwicklung besteht darin, daß jedes
Land geeignete wirtschaftspolitische Maßnahmen
einführt. Wir sind uns der Tatsache bewußt, daß
Bemühungen dieser Art in vielen Fällen erhebliche
Anpassungen und Reformen erfordern werden. Diese
Veränderungen sind in der Tat die Grundvoraussetzung für die Wiederbelebung der Volkswirtschaften
und die Verbesserung des Lebensstandards in den
Entwicklungsländern. Daneben bekommen sie aufgrund der weltweiten Konkurrenz der Entwicklungsländer um die Vergabe öffentlicher und privater ausländischer Ressourcen einen zunehmend wichtigen
Stellenwert.

4

j

Für diejenigen Entwicklungsländer, die mit binnenwirtschaftlichen Problemen und einer hohen Außenverschuldung zu kämpfen haben, werden makroökonomische Reformen - insbesondere eine solide HaushaltsGeld- und Währungspolitik - weiterhin von entscheidender Bedeutung sein.
Dies allein reicht jedoch nicht aus. Maßnahmen auf
der Angebotsseite, die den Abbau von Verkrustungen
zum Ziel haben, funktionierende Märkte bewirken und
die Produktion steigern ,sind unerläßlich, um Anpassung mit Wachstum zu verbinden. Eine Politik der
Liberalisierung des Handels, Reformierung der Arbeitsmärkte, Entwicklung der Finanzmärkte und Privatisierung von Staatsunternehmen gestattet es dem
Privatsektor, zur Erhöhung von Beschäftigungsstand
und Effizienz beizutragen. Mit Maßnahmen, die zur
Mobilisierung von Ersparnissen und zur Ermutigung
neuer Investitionen beitragen und die Rückkehr von
Fluchtkapital fördern, können die erforderlichen Mittel
aufgebracht werden, um Wirtschaftswachstum anzukurbeln und aufrechtzuerhalten.
Die Vereinigten Staaten tragen der Tatsache Rechnung, daß nationale wirtschaftspolitische Maßnahmen
allein nicht ausreichend sind. Ebenso wichtig ist das
internationale ökonomische Umfeld. In dieser Hinsicht
tragen die entwickelten Staaten eine besondere Verantwortung. Insbesondere die führenden Industriestaaten müssen dauerhaftes weltweites Wirtschaftswachstum und den Ausbau des Welthandels fördern.

AMERIKA DIENST 17

1

�Dabei müssen sie auf die Bedürfnisse der Entwicklungsländer eingehen und eine aktive Partnerschaft in
einem internationalen Klima bewahren, das auf allseitige Vorteile durch einen vernünftigen und verantwortungsvollen Dialog ausgerichtet ist.
Sowohl in den Industrie- als auch in den Entwicklungsländern ist die Aufgabe, geeignete nationale wirtschaftspolitische Maßnahmen zu formulieren und zu
verwirklichen, heute schwieriger und komplexer als in
der Vergangenheit. Grenzüberschreitende Probleme
wie Terrorismus und Drogenhandel sind negative
Erscheinungen, die Wirtschaftswachstum und -entwicklung belasten. Die Notwendigkeit von Schutz und
Wiederherstellung unserer gefährdeten Umwelt bedeutet weitere Kosten und Einschränkungen. Die
internationale Staatengemeinschaft muß sich ferner
Fragen in Zusammenhang mit dem Technologietransferwidmen, darunter dem Schutz von Urheberrechten,
Warenzeichen und anderen Formen geistigen Eigentums. Neue Methoden der regionalen politischen und
wirtschaftlichen Zusammenarbeit können der Behandlung dieser Probleme förderlich sein.
Dieses Geflecht von Wachstum und Wandel gibt zu
komplexen Besorgnissen Anlaß, zu deren Ausräumung wir beitragen wollen. Die Vereinigten Staaten
streben die Zusammenarbeit mit anderen Regierungen sowohl innerhalb als auch außerhalb der Vereinten Nationen an. Wir sind uns bewußt, daß alle
Regierungen - und hier spielen die Vereinigten Staaten
eine herausragende Rolle - für die dauerhafte internationale Wirtschafsentwicklung Verantwortung tragen.
Wir nehmen diese Verantwortung ernst und sind bestrebt, ihr gerecht zu werden.
Die äußere Verschuldung
Unsere anhaltenden Bemühungen zur Bewältigung
des Schuldenproblems der Entwicklungsländer spielen in diesem Zusammenhang eine wichtige Rolle. Auf
Initiative der Vereinigten Staaten hat die internationale
Staatengemeinschaft unlängst die Schuldenstrategie
verstärkt, die sich besonders auf die Reduzierung von
Schulden und Schuldendienst durch die Geschäftsbanken stützt, um den finanzpolitischen Bedürfnissen
der Länder gerecht zu werden.
Letztlich besteht unser Ziel darin, Wirtschaftswachstum und -entwicklung auf Dauer zu unterstützen und
den Zugang zu den privaten Kapitalmärkten wiederherzustellen. Die verstärkte Schuldenstrategie hat
folgende Hauptziele:
Wiederbelebung der Hoffnung in den verschuldeten Ländern und Stärkung ihres Engagements für Wirtschaftsreformen.
Ermutigung der Geschäftsbanken zur Reduzierung von Schulden und Schuldendienst als ein
Mittel, um diese Reformbestrebungen zu unterstützen.
AMERIKA DIENST 17

Vertrauensbildung in den verschuldeten Ländern, um auf diesem Weg Investitionen und die
Rückkehr von Fluchtkapital zu ermutigen.
In Zusammenhang mit diesem Ansatz haben die
Regierungen der Gläubigerstaaten ihr Engagement
erneuert, um die Bemühungen der Schuldnerländer
durch Beiträge von IWF und Weltbank, anhaltende
Exportfinanzierung und den Abbau bilateraler Schuldenverpflichtungen durch Umschuldungsmaßnahmen
des Pariser Clubs zu unterstützen.
Mexiko, Chile, die Philippinen, Costa Rica, Venezuela
und Marokko haben sich die Vorteile dieser Strategie
bereits zunutze gemacht. Wir erwarten, daß andere
Länder denselben Weg beschreiten werden. Die bis
zum jetzigen Zeitpunkt zwischen Schuldnerländern
und Geschäftsbanken erzielten Vereinbarungen verdeutlichen, wie flexibel diese Strategie auf die Erfordernisse eines breiten Spektrums von Schuldnerländern eingeht. Darüber hinaus weisen sie auf erhebliche potentielle Vorteile sowohl bei der Reduzierung
der Schuldenlast als auch bei der wirtschaftlichen
Wiederbelebung der Schuldnerländer hin.
Ferner wurde eine Reihe von Schritten in die Wege
geleitet, um die Schuldenlast für diejenigen der ärmsten Staaten zu verringern, die solide wirtschaftliche
Reformprogramme eingeführt haben. Dazu gehören
besondere Umschuldungsprogramme des Pariser Clubs
und bilaterale Vereinbarungen über den Erlaß von
Schulden. Als Teil dieser Bemühungen sind die Vereinigten Staaten im Begriff, Kredite im Gesamtumfang
von 850 Millionen Dollar abzuschreiben, die als Wirtschaftshilfe an 14 afrikanische Staaten südlich der
Sahara vergeben wurden, da in diesen Ländern Wirtschaftsreformen durchgeführt werden. Schließlich
stellt auch die Internationale Entwicklungsorganisation heute Mittel zur Verfügung, um die Verschuldung
dieser Länder gegenüber Geschäftsbanken in den
Griff zu bekommen.
Wir gehen davon aus, daß diese Bemühungen zur
Bewältigung des Schuldenproblems vernünftige Ergebnisse und weitere Fortschritte zeitigen werden.
Parallel zu unseren Anstrengungen im Bereich der
Verschuldung stützen wir uns weiterhin auf unser
Entwicklungshilfeprogramm, um Wachstum und Entwicklung wiederzubeleben.
Entwicklungshilfe
Die Bilanz der langfristigen Bereitstellung öffentlicher
und privater Hilfe durch die Vereinigten Staaten und
andere Industriestaaten kann sich sehen lassen. Mit
Beiträgen in Höhe von 212 Milliarden Dollar von 1945
bis 1988 standen wir bei der Vergabe von Wirtschaftshilfe weltweit an erster Stelle.
Die amerikanische Entwicklungshilfe verfolgt drei
grundsätzliche Ziele:

Seite 3

�1.

Beitrag zu dauerhaftem Wirtschaftswachstum
in den Entwicklungsländern auf breiter Grundlage.

2.

Hilfe bei der Entwicklung von Humanressourcen mit Schwerpunkt auf Schaffung eines Gesundheits- und Bildungsniveaus, das es den
Bürgern erlaubt, zum wirtschaftlichen Fortschritt
beizutragen und davon zu profitieren.

3.

Ermutigung pluralistischer Werte, darunter die
Förderung von Wettbewerb, Freiheit und Demokratie in den gesellschaftlichen, ökonomischen und politischen Institutionen eines Landes.

Im bilateralen Bereich ist die amerikanische Hilfe auf
die Bedürfnisse und Bedingungen jedes einzelnen
Landes zugeschnitten. Sie bedient sich dabei eines
breiten Spektrums praktischer Ansätze und spezifischer Maßnahmen. Das ist deshalb der Fall, weil die
generelle Notwendigkeit solider wirtschaftspolitischer
Maßnahmen uns kein detailliertes, weltweites Patentrezept für Entwicklung liefert. Erfolg läßt sich aber
auch nicht anhand von global formulierten, begrenzten
Zielen messen.
Neben dem regulären amerikanischen Wirtschaftshilfeprogramm werden die Bemühungen meiner Regierung von einer Reihe äußerst wichtiger Hilfsmaßnahmen für sich entwickelnde Volkswirtschaften ergänzt:
das Bilaterale Investitionsvertragsprogramm, die Initiative für das Karibische Becken, die Private Entwicklungsgesellschaft (OPIC), um nur einige Beispiele zu
nennen. Im Rahmen der Uruguay-Runde streben wir
eine Ausweitung des Welthandels und seiner Vorteile
auf die Entwicklungsländer an. Mit unseren Beiträgen
zu IWF, Weltbank und regionalen Entwicklungsbanken erweitern wir unser Engagement für die Entwicklungshilfe, indem wir uns mit anderen Ländern auf der
ganzen Welt zur Förderung von Wachstum und Entwicklung zusammenschließen.
Die Vereinigten Staaten sind der Auffassung, daß trotz
der in einzelnen Ländern erzielten wichtigen Erfolge
nicht überall Fortschritte stattgefunden haben oder
vollzogen sind. Dennoch vertreten wir die Meinung,
eine Fortsetzung der entwicklungspolitischen Debatten der vergangenen dreißig Jahren wäre nicht konstruktiv.
Die Vorteile der effektiven Kanalisierung von Marktkräften sollten für uns ebenso auf der Hand liegen wie
die Vorzüge von Demokratie und freier Marktwirtschaft. Die Vereinigten Staaten setzen sich für die
aktive Beteiligung an dem Dialog ein, mit dem diese
zusammenhängenden Konzepte gefördert werden
sollen, und das ist ein wichtiger Grund für die heutige
Teilnahme meiner Delegation.
*

Seite 4

*

Die Vereinigten Staaten haben drei Zielsetzungen für
diese Sondersitzung der Generalversammlung:
Erstens sollte die Sondersitzung auf die Veränderungen und Lektionen der jüngsten Vergangenheit eingehen und daraus angemessene
Schlußfolgerungen für die unmittelbare Zukunft
ziehen.
Zweitens sollte die Sondersitzung eine Reihe
von Zielsetzungen formulieren, die den Vereinten Nationen bei der Förderung von Wirtschaftswachstum und Entwicklung in der dritten Welt
als Leitlinie dienen können.
Drittens sollte die Sondersitzung eine Erklärung
verabschieden, die als Richtlinie für eine Reihe
anstehender UNO-Konferenzen über Entwicklungspolitik dient.
Diese Ziele können die Initiative freier Völker auf der
ganzen Welt fördern und inspirieren. Wir wollen eine
beschleunigte und dauerhafte Entwicklung aller Länder im Kontext einer stabilen Weltwirtschaft. Wir
wollen nicht, daß politische Rechte und soziale Errungenschaften einer Theorie zum Opfer fallen müssen,
die dafür fälschlicherweise materiellen Ausgleich verspricht. Es wäre grundfalsch, einen solchen Handel zu
befürworten. Bestrebungen zur Verbesserung des
materiellen Wohlstands können nicht zum Erfolg führen, wenn sie politische Rechte und soziale Errungenschaften mißachten.
Unserer Ansicht nach kann die Sondersitzung diese
Ziele erreichen, indem sie Lehren aus den Erfahrungen der Vergangenheit zieht, ihre Wahl zwischen
funktionierenden und unbrauchbaren Ideen trifft und
an die Fähigkeit des Menschen als Individuum und
Mitglied freier Gesellschaften appelliert, sein Leben
und seine Taten zum Vorteil aller einzusetzen.
In dieser Woche haben wir Ihre Meinungen gehört und
davon profitiert. Dies ist eine Welt, in der die nationalen
Volkswirtschaften zunehmend interdependent sind.
Auf der ganzen Welt hegen immer mehr Menschen die
gleichen Hoffnungen. Das Problem der internationalen wirtschaftlichen Zusammenarbeit und die Neubelebung von Wirtschaftswachstum und Entwicklung in
der dritten Welt sind viel zu wichtig, als daß man sie mit
Ideologien befrachten oder mit Rhetorik zuschütten
könnte. Unserem gemeinsamen Einsatz für die Wirtschaftsentwicklung ist am besten gedient, wenn wir
unsere jeweiligen Meinungen respektieren und gemeinsam verantwortungsbewußte und konsensfähige
Lösungen erarbeiten. Dies ist sicherlich das Ziel
meiner Delegation und meiner Ansicht nach ein Ziel,
dem wir uns alle verschreiben müssen.

*

*

AMERIKA DIENST 17

�TERRORISMUS
2. Mal 1990

1989 STARKER RÜCKGANG DES TERRORISMUS
Bericht des US-Außenministeriums
WASHINGTON - (AD) - Dem Jahresbericht des US-Außenministeriums an den Kongreß zufolge hat sich die
Zahl der internationalen Terroranschläge 1989 erheblich vermindert.
Der am 30. April 1990 veröffentlichte Bericht "Patterns of Global Terrorism" verweist darauf, daß die Anzahl der
von Terroristen verübten Attentate von 856 im Jahr 1988 auf 528 im vergangenen Jahr abgenommen hat.
Trotz des Rückgangs der Anschläge um nahezu 38 Prozent hat der Terrorismus im Nahen Osten um 45 Prozent
zugenommen.
Obwohl die Zahl der Terroranschläge auf die Vereinigten Staaten und der Todesfälle 1989 abgenommen hat,
"waren amerikanische Interessen weiterhin häufigste Zielscheibe des internationalen Terrorismus", heißt es in
dem Bericht.
Der Bericht führt aus, daß die Zahl der von bestimmten Länder gesteuerten terroristischen Übergriffe 1989 stark
abgenommen hat. Den größten Anteil (dieser Kategorie) hat dabei Kabul, das seine Bombenanschläge in
Pakistan nach dem Abzug der sowjetischen Truppen offensichtlich verringert hat.
"Trotz des Rückgangs internationaler Terroranschläge im Jahr 1989 können Terroristen Gewaltanwendung,
insbesondere gegenüber den Vereinigten Staaten, potentiell steigern," schreibt der Bericht.
Nachfolgend veröffentlichen wir das Kapitel "Das Jahr im Rückblick" (The Year in Review) im Wortlaut.

Der Umfang des internationalen Terrorismus ist gegenüber 1988 im Jahr 1989 weltweit stark zurückgegangen, was mit 856 Anschlägen im Jahr 1988 gegenüber 528 (1989) einer Verringerung der Anschläge um
38 Prozent entspricht. Die meisten terroristischen
Übergriffe finden nach wie vor im Nahen Osten statt,
das heißt insgesamt 193 Anschläge, 37 Prozent aller
Übergriffe weltweit. Der Anteil der dem Nahen Osten
zugeschriebenen Aktionen erhöht sich allerdings auf
45 Prozent, wenn man die von dort gesteuerten Anschläge in anderen Regionen hinzurechnet. Die Zahlen betragen für 1988 jeweils 36 Prozent und 41
Prozent. Lateinamerika nimmt mit 131 Anschlägen
oder 25 Prozent den zweiten Platz ein. Westeuropa
steht mit 96 Anschlägen an dritter Stelle. Angesichts
des Rückgangs der von Afghanistan gesteuerten
Übergriffe auf Pakistan fiel Asien mit 55 Anschlägen
auf den vierten Platz. Afrika stand mit 48 Fällen an
fünfter Stelle. Vier Anschläge internationaler Terroristen fanden in Nordamerika statt.
In den vergangenen Jahren wurden die Gewalttaten
der Palästinenser gegen ihre Landsleute in den besetzten Gebieten in die Statistik des internationalen
Terrorismus einbezogen, weil Palästinenser als staaAMERIKA DIENST 17

tenlos gelten. Das führte dazu, daß solche Zwischenfälle anders bewertet wurden als Konflikte innerhalb
einzelner Volksgruppen in anderen Teilen der Welt.
Infolge einer eingehenden Prüfung der Kämpfe unter
Palästinensern werden diese in der Statistik der USRegierung über internationalen Terrorismus nicht mehr
berücksichtigt. Dieses neue Konzept der Statistiken
von 1989 gewährleistet ihre Präzision und Zuverlässigkeit. Gewalt unter Palästinensern bleibt jedoch ein
ernstliches Problem.
Ein Anschlag wurde im Laufe des Jahres aus Osteuropa gemeldet, sowjetische und osteuropäische Interessen wurden jedoch auch in anderen Teilen der Welt
angegriffen.
Mehrere Faktoren führten zum Rückgang des internationalen Terrorismus:
Die afghanische Regierung reduzierte ihre terroristischen Übergriffe auf Pakistan nach dem
Abzug der sowjetischen Truppen.
Jassir Arafats Absage an den Terrorismus führte zu einem starken Rückgang der Operationen
von Sympathisanten der PLO.
Seite 1

�Differenzen innerhalb der Gruppe Abu Nidal
(ANO) - früher eine der aktivsten terroristischen
Vereinigungen - und ihre Konzentration auf Auseinandersetzungen zwischen Milizen im Libanon führten zu einem Rückgang der Operationen dieser Gruppe.
Eine Reihe von Ländern, die in den Terrorismus
verwickelt waren, wie etwa Libyen und Syrien,
wollten nicht mehr fortwährend als Sponsoren
des Terrorismus betrachtet werden und haben
ihre Unterstützung eingeschränkt. Einzig der
Iran bildete bei dieser Tendenz die Ausnahme.
Zum Teil infolge innenpolitischer Probleme und
verbesserter Methoden der Terrorismusbekämpfung konzentrierten sich viele terroristische
Vereinigungen auf den Aufbau ihrer weltweiten
Infrastruktur, um in Zukunft Anschläge ausführen zu können.
Die Fähigkeiten zur Terrorismusbekämpfung
sind in den meisten Teilen der Welt verbessert
und die Kooperation zwischen den Regierungen
ist verstärkt worden.
Es gab lediglich einen "spektakulären" internationalen
Terroranschlag im Jahr 1989 - der Bombenanschlag
auf eine Maschine der UTA über Niger am 19. September. Bei diesem Anschlag kamen 171 Menschen ums
Leben, und es gab damit die meisten Toten bei einem
einzigen Anschlag in diesem Jahr. Die Verantwortlichen konnten bis heute nicht ermittelt werden. "Spektakuläre" Terroranschläge werden wohl seltener werden, da Terroristen zunehmend einzusehen scheinen,
daß sie ihre Ziele nicht mit Flugzeugentführungen
erreichen können und daß solche Anschläge immer
schwieriger werden. Darüber hinaus konzentrieren
Gruppen, die zu solchen Operationen am ehesten in
der Lage waren, ihre Energie auf andere Dinge.
Die Schilderung der angeblichen Exekution vom Oberst
der US-Marineinfanterie, William R. Higgins, machte
am 31. Juli Schlagzeilen und führte zur weltweiten
Verurteilung der verantwortlichen Terroristen, hinter
denen der Iran stand. In anderen Teilen der Welt sind
die kolumbianischen Drogenhändler wahrscheinlich
für verschiedene Terroranschläge verantwortlich, um
ihre kriminellen Ziele zu erreichen. Dafür ist der
Bombenanschlag auf einen Avianca-Flug aus Bogota,
bei dem alle 111 Passagiere ums Leben kamen,
möglicherweise ein Beispiel.
Bei den im Jahr 1989 verzeichneten 528 terroristischen Anschlägen wurden 390 Menschen getötet und
397 verletzt. 14 Terroristen wurden getötet und 23
verwundet. Der Unterschied zum Jahr 1988, als 638
Menschen getötet und 1 125 verletzt wurden, ergibt
sich aus diesem Rückgang in der Zahl der Anschläge.
Im Jahr 1988 waren 22 Terroristen getötet und sechs
verletzt worden. Der Anschlag auf Flug 772 der

Seite 2

französischen Gesellschaft UTA war ein Beispiel für
die steigende Zahl von Opfern in Afrika, wo die Gesamtzahl von 125 Toten und 130 Verletzten im Jahr
1988 auf 269 Tote und 39 Verletzte im Jahr 1989 stieg.
Infolge des reduzierten afghanischen Engagements in
Pakistan wurde in Asien der stärkste Rückgang der
Opferzahl verzeichnet. Im Vergleich zu 1988, als die
Zahl der Toten 156 und die der Verwundeten 599
erreichte, wurden im Jahr 1989 57 Personen getötet
und 153 verletzt. Im Jahr 1989 wurden im Nahen
Osten 29 Personen von Terroristen getötet und 111
verletzt. In Lateinamerika wurden 21 Personen getötet
und 73 verletzt. Die Zahl der Toten und Verletzten in
Westeuropa betrug 14, beziehungsweise 21.
Die Zahl der gegen die Vereinigten Staaten gerichteten terroristischen Anschläge ging im Jahr 1989 im
Vergleich zu 1988 zurück. Dennoch waren amerikanische Interessen weiterhin häufigste Zielscheibe des
internationalen Terrorismus. Im Jahr 1988 waren 193
Anschläge gegen die Vereinigten Staaten verübt worden, während diese Zahl im Jahr 1989 um 15 Prozent
auf 165 zurückging. Auch die Zahl amerikanischer
Opfer ging von 192 Toten und 40 Verletzten im Jahr
1988 auf 16 Tote und 19 Verletzte im Jahr 1989 zurück.
Diese Abnahme ist vornehmlich darauf zurückzuführen, daß kein Anschlag mit einer großen Zahl von
Opfern verübt wurde, wie dies im Jahr 1988 beim
Bombenanschlag auf Flug 103 der Pan Am geschehen
war. Die größte Zahl von Anschlägen - etwa 64
Prozent - fand in Lateinamerika statt, wo die meisten
Vorfälle in Bombenanschlägen gegen teilweise in
amerikanischem Besitz befindliche Öl-Pipelines bestanden. Nahezu 14 Prozent der antiamerikanischen
Anschläge fanden in Asien, 13 Prozent in Westeuropa,
5 Prozent im Nahen Osten und 1 Prozent in Afrika statt.

International operierende Terroristen führten in 60
Ländern Anschläge auf Personen und Sachwerte von
74 Staaten aus. Die Vereinigten Staaten waren häufigste Zielscheibe dieser Anschläge, gefolgt von Israel.
Da die Sicherheitsmaßnahmen für staatliche Einrichtungen und Personen ständig verstärkt werden, wurden die meisten terroristischen Anschläge - 75 Prozent
der weltweiten Gesamtzahl - auf Unternehmen, Touristen und andere nichtstaatliche Ziele verübt. Anschläge auf internationale Organisationen und staatliche
Ziele gingen auf einen Anteil von 19 Prozent an der
Gesamtzahl zurück. Anschläge auf unbeteiligte militärische Ziele nahmen geringfügig zu, auf 41 von 38 im
Jahr 1988, während im Jahr 1987 noch 88 Anschläge
dieser Art verübt worden waren.
Nach Anschlagtyp aufgegliedert, trat wiederum das
bekannte Muster an den Tag. Terroristen verübten am
häufigsten Bombenanschläge (44 Prozent), gefolgt
von Brandanschlägen (28 Prozent). Bei 14 Prozent
der Anschläge wurden Handfeuerwaffen benutzt. Die
Zahl der Entführungen ging geringfügig zurück und
betrug anteilmäßig etwa 5 Prozent. Ungefähr 44

AMERIKA DIENST 17

�Prozent der Entführungen fanden in Lateinamerika
statt, 19 Prozent im Nahen Osten.
Die Zahl der wahrscheinlich staatlich geförderten terroristischen Anschläge nahm 1989 ab. Es gab Beweise für 58 von staatlichen Stellen unterstützte Anschläge im Jahr 1989. Dies bedeutet gegenüber 1988 mit
176 Anschlägen dieser Art einen Rückgang von 67
Prozent. Diese Abnahme läßt sich teilweise darauf
zurückführen, daß eine Reihe von Staaten, die in der
Vergangenheit terroristische Gruppen unterstützten,
in der Lage waren, ihr Engagement wirksam zu verschleiern. Der Rückgang kam zum größten Teil dadurch zustande, daß Kabul nach dem Abzug der
sowjetischen Truppen offensichtlich seine Kampagne
von Bombenanschlägen in Pakistan einschränkte. Eine
iranische Beteiligung an Terroranschlägen wurde im
Jahr 1989 nicht mehr so häufig festgestellt. Es ist
jedoch zu vermuten, daß der Anstieg der Unterstützung terroristischer Aktivitäten in der zweiten Jahreshälfte eine Rückkehr zu einem verstärkten Engagement in dieser Hinsicht bedeutet. Libyen und Syrien
waren im Jahr 1989 nicht direkt in Anschläge verwikkelt, unterstützten jedoch weiterhin auf vielfältige Art
und Weise terroristischen Gruppen Unterstützung zur
Verfügung.
Im Jahr 1989 fanden 43 Aktionen nahöstlicher Terroristen außerhalb der Region statt, 1988 betrug diese
Zahl 45. Infolge dieser Anschläge wurden 1989 181
Personen getötet und 15 verletzt. 31 Anschläge
fanden in Westeuropa statt. Zehn Aktionen wurden in
Großbritannien verübt, zumeist Anschläge auf Buchläden und Unternehmen in Zusammenhang mit Salman
Rushdies Buch "Satanische Verse". Von den verbleibenden wurden sechs Anschläge in der Türkei, je vier
in Pakistan und Belgien und drei in den Vereinigten
Staaten verübt. Je 2 fanden in Österreich, Frankreich
und den Niederlanden statt, je einer in Afghanistan,
Kanada, Zypern, Griechenland, Italien, Niger, Senegal, Schweden, Thailand und der Bundesrepublik
Deutschland.

dung, insbesondere gegen die Vereinigten Staaten,
potentiell steigern. Auf den Philippinen scheinen Terroristen bereit zu sein, ihre Anschläge auf amerikanische Bürger auszuweiten, um den Druck auf die Vereinigten Staaten zu verstärken, ihre Truppen aus dem
Land abzuziehen. Abtrünnige Soldaten könnten aufgrund der amerikanischen Unterstützung für die Regierung Aquino während des fehlgeschlagenen Putschversuchs vom Dezember Vergeltung üben. In Lateinamerika könnten amerikanische Interessen in Panama
Ziel von unverbesserlichen Anhängern General Noriegas sein, und Radikale in der Region und anderen
Teilen der Welt könnten das militärische Eingreifen
Washingtons in Panama als Vorwand für neue Anschläge benutzen. Andere Entwicklungen in der Welt
könnten zu verstärkten terroristischen Operationen
führen. Rivalitäten zwischen Regierungen im Nahen
Osten - insbesondere zwischen Iran und Saudi-Arabien, was bereits zu einer Kampagne der Gewalt durch
den Iran geführt hat - und sich entwickelnde Bündnisse
zwischen nahöstlichen Unterstützern und Gruppen,
etwa zwischen dem Iran und der Volksfront für die
Befreiung Palästinas - Generalkommando (PFLP-GC)
und anderen radikalen Palästinensergruppen geben
besonders zu Besorgnis Anlaß. Ethnische Gruppen
im Kaukasus, Moldawien und anderen Gebieten der
Sowjetunion könnten zur Erreichung ihrer Ziele terroristische Methoden einsetzen. Dasselbe könnte auch
bei vielen Gruppierungen in ganz Osteuropa der Fall
sein. Exilgemeinden in Westeuropa und den Vereinigten Staaten könnten in die Unterstützung von Gewalttaten hineingezogen werden. Westeuropäische terroristische Gruppen bilden weiterhin eine starke Bedrohung. Baskische und nordirische Terroristen werden
ihre Operationsfrequenz kaum verringern, und andere
Gruppen, etwa die Rote Armee Fraktion (RAF) in der
Bundesrepublik Deutschland und die Revolutionäre
Organisation 17. November in Griechenland haben
ihre technischen Fähigkeiten ausgebaut. In der Türkei
scheinen innenpolitische Probleme eine Zunahme von
Gewalttaten durch Gruppen zu fördern, die über längere Zeit nicht in Erscheinung getreten sind.

Trotz des Rückgangs internationaler Terroranschläge
im Jahr 1989 können Terroristen die Gewaltanwen-

AMERIKA DIENST 17

Seite 3

�</text>
                  </elementText>
                </elementTextContainer>
              </element>
            </elementContainer>
          </elementSet>
        </elementSetContainer>
      </file>
    </fileContainer>
    <collection collectionId="4">
      <elementSetContainer>
        <elementSet elementSetId="1">
          <name>Dublin Core</name>
          <description>The Dublin Core metadata element set is common to all Omeka records, including items, files, and collections. For more information see, http://dublincore.org/documents/dces/.</description>
          <elementContainer>
            <element elementId="50">
              <name>Title</name>
              <description>A name given to the resource</description>
              <elementTextContainer>
                <elementText elementTextId="6534">
                  <text>Dokumente</text>
                </elementText>
              </elementTextContainer>
            </element>
          </elementContainer>
        </elementSet>
      </elementSetContainer>
    </collection>
    <itemType itemTypeId="19">
      <name>Digitalisat</name>
      <description>Umwandlung eines physischen Dokumentes in ein digitales Medium.</description>
    </itemType>
    <elementSetContainer>
      <elementSet elementSetId="1">
        <name>Dublin Core</name>
        <description>The Dublin Core metadata element set is common to all Omeka records, including items, files, and collections. For more information see, http://dublincore.org/documents/dces/.</description>
        <elementContainer>
          <element elementId="40">
            <name>Date</name>
            <description>A point or period of time associated with an event in the lifecycle of the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="10826">
                <text>02.05.1990</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
          <element elementId="51">
            <name>Type</name>
            <description>The nature or genre of the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="10827">
                <text>Digitalisat</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
          <element elementId="39">
            <name>Creator</name>
            <description>An entity primarily responsible for making the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="10828">
                <text>Herausgeben U.S. Information &lt;br /&gt;Service Embassy of the United States of America</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
          <element elementId="50">
            <name>Title</name>
            <description>A name given to the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="10829">
                <text>Amerikadienst 02.05.1990</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
          <element elementId="41">
            <name>Description</name>
            <description>An account of the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="10830">
                <text>&lt;strong&gt;1. VSBM&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Maresca KSZE-Gipfel noch dieses Jahr möglich&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Erklärung von Botschafter Maresca&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Weltwirtschaft&lt;/strong&gt; &lt;br /&gt;Vereinigte Staaten schlagen Ziele für UNO-Generalversammlung vor&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Botschafter Pickering über wirtschaftliche Zusammenarbeit&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Terrorismus&lt;/strong&gt; &lt;br /&gt;1989 starker Rückgang des Terrorismus&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Bericht des US-Außenministers&lt;/em&gt;</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
        </elementContainer>
      </elementSet>
    </elementSetContainer>
  </item>
</itemContainer>
