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Dokumentation

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16. August 1972

33

Inhalt

DOKUMENTATION:
Nixon ersucht Senat um Ratifizierung der Konvention über ein Verbot
bakteriologischer Kampfmittel
-Wortlaut der Botschaft des Präsidenten an den US-SenatINFORMATION:
U.Alexis Johnson für Verbesserung der Beziehungen zu Moskau und Peking
-Auszüge aus einer Rede des US-Staatssekretärs-

•

Freie Information unerwünscht?
Sowjetunion gegen US-Pläne für Satellitensendungen mit Heimempfang
WIRTSCHAFT:
Präsident Nixon weist auf wirtschaftliche Erfolge hin
-Vorwort zur Broschüre "Die Wirtschaft Mitte 1972"Das internationale Währungssystem
-Auszug aus der Broschüre "Die Wirtschaft Mitte 1972"Die amerikanische Zahlungsbilanz 1972
-Auszug aus der Broschüre "Die Wirtschaft Mitte 1972"Initiativen für Handelsverhandlungen
-Auszug aus der Broschüre "Die Wirtschaft Mitte 1972"Volcker würdigt neue Wirtschaftspolitik Präsident Nixons
-WortlautUS-Handelsminister: Wirtschaftsaufschwung und freier Handel
Von unserem Sonderkorrespondenten
Neues Wirtschaftsprogramm Präsident Nixons ein Jahr alt
Von Eugene Brake
WISSENSCHAFT UND TECHNIK:
Eine Krankheit wurde entschärft
Immunreaktionen mit fremder Thymusdrüse

Um Übersendung von Belegexemplaren wird gebeten.

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33/1972

NIXON ERSUCHT SENAT UM RATIFIZIERUNG DER KONVENTION ÜBER
EIN VERBOT BAKTERIOLOGISCHER KAMPFMITTEL

-Wortlaut der Botschaft des Präsidenten an den US-Senat-

WASHINGTON --(AD)'»- Präsident Nixon hat dem amerikanischen Senat am 10 August
die "Konvention über das Verbot der Entwicklung, Herstellung und Lagerung
bakteriologischer (biologischer) und toxischer Waffen und über deren Vernichtung" zur Bestätigung zugeleitet und damit das Ratifizierungsverfahren
in Gang gesetzt.
Die 15 Artikel umfassende Konvention, die 1971 auf der Genfer Abrüstungskonferenz ausgehandelt und von der UN-Vollversammlung mit überwältigender
Mehrheit den Mitgliedsstaaten zur Unterschrift empfohlen worden war, ist von
den Vereinigten Staaten gleichzeitig mit 73 anderen Ländern am lO.April dieses Jahres unterzeichnet worden. Sie tritt in Kraft, sobald sie von 22 Nationen, darunter die Vereinigten Staaten, Großbritannien und die Sowjetunion, ratifiziert worden ist.
In seiner Botschaft an den Senat betonte der Präsident, daß diese Konvention das erste internationale Abkommen seit dem zweiten Weltkrieg ist, durch
das eine ganze Gruppe von Kampfmitteln geächtet wird und die vorhandenen Be-

�Bestände an bakteriologischen und toxischen Waffen bekanntgegeben. Alle für
den Menschen gefährlichen Kampfmittel sind auf amerikanischer Seite bereits
vernichtet worden, während die Vernichtung der Entlaubungsmittel bis zum Ende
dieses Jahres abgeschlossen sein wird. Die Einrichtungen in Pine Bluff sind
in ein nationales Forschungszentrum zur Untersuchung der nachteiligen Auswirkungen chemischer Substanzen auf die menschliche Umwelt umgewandelt worden. Die
ehemalige biologische Forschungsanstalt in Fort Detrick soll nunmehr ein Krebsforschungszentrum werden.
Die Botschaft Präsident Nixons an den US-Senat hat folgenden Wortlaut:
An den Senat der Vereinigten Staaten:
Hiermit lege ich dem Senat die Konvention über das Verbot der Entwicklung,
Herstellung und Lagerung bakteriologischer (biologischer) und toxischer Kampfmittel und über deren Vernichtung zwecks Zustimmung und Bestätigung für die
Ratifizierung vor, das am 10. April 1972 in Washington, London und Moskau zur
Unterzeichnung ausgelegt worden war.
Der Wortlaut dieser Konvention ist das Ergebnis dreijähriger intensiver
Debatten und Verhandlungen auf der Konferenz des Abrüstungsausschusses in
Genf und in den Vereinten Nationen. Sie sieht vor, daß die Vertragspartner die
Entwicklung, die Herstellung, die Lagerung, den Erwerb oder die Bevorratung
biologischer Kampfmittel oder Toxine in Formen und Mengen, die für friedliche
Zwecke in keiner Weise gerechtfertigt sind, wie auch von Waffen, Ausrüstungen
und Trägern, die für den Einsatz solcher Kampfmittel oder Toxine für feindselige Zwecke oder in einem bewaffneten Konflikt bestimmt sind, unterlassen. Die Bestimmungen der Konvention sind im einzelnen in dem begleitenden Bericht des
Außenministers erläutert.
Vor etwa zwei Jahren hat die amerikanische Regierung einseitig und bedingungslos auf die Anwendung aller biologischen und toxischen Waffen verzichtet

-2-

�'

verzichtet und bekräftigt, daß wir unsere vorhandenen Bestände vernichten und
unsere Programme auf genau umrissene, defensive Zwecke beschränken werden. Diese
Initiativen waren Ausdruck einer tiefen nationalen Überzeugung, und haben sehr beträchtlich zu dem schließlichen Erfolg der Verhandlungen beigetragen,die zu dieser Konvention geführt haben.
Damals sahen wir dem Tag entgegen, da die Gemeinschaft der Völker gemeinsam
handeln würde, um biologische Kriegführung und biologische Kampfmittel zu ächten.
Gleichzeitig mit unserem Verzicht auf diese Kampfmittel unterstützen wir die
Prinzipien und Zielsetzungen des diesbezüglichen britischen Konventionsentwurfes
von 1968. Am 16. Dezember 1971 wurde die hiermit vorgelegte Konvention, die ein
bindendes internationales Verbot der Waffen ausspricht,auf die wir verzichtet
haben,von der Vollversammlung der Vereinten Nationen mit überwältigender Mehrheit
zur Annahme empfohlen.
Diese Konvention stellt das erste internationale Abkommen seit dem zweiten
Weltkrieg dar, das die tatsächliche Vernichtung einer ganzen Gruppe von Kampfmitteln in den Waffenarsenalen der Länder vorsieht. Die sichere Vernichtung der
biologischen und toxischen Bestände (an Kampfmitteln) dürfte in den USA bis zum
Ende dieses Jahres abgeschlossen sein. Alle Bestände in dem Waffenarsenal von
Pine Bluff in Arkansas sind bereits vernichtet worden, und die ehemaligen Einrichtungen für biologische Kriegführung sind in ein neues nationales Forschungszentrum
zur Untersuchung der nachteiligen Auswirkungen chemischer Substanzen auf die
menschliche Umwelt umgewandelt worden.
Die ehemalige militärische Biologische Forschungsanstalt in Fort Detrick,
Maryland, soll nunmehr ein Krebsforschungszentrum werden. Andere Länder sind
eingeladen worden, sich an der humanitären Arbeit dieser Anstalten zu beteiligen.
Meines Erachtens wird diese Konvention die Sicherheit der Vereinigten Staaten und der Völkergemeinschaft der Welt stärken. Sie wird dazu beitragen, sicher-

-3-

�sicherzustellen, daß die wissenschaftlichen Leistungen auf biologischem Gebiet
nicht für die Vernichtung der Menschheit, sondern für den Dienst an der Menschheit bestimmt, sind. Sie stellt einen bedeutsamen Fortschritt auf den Gebieten der
Rüstungskontrolle und der Abrüstung dar, und ich empfehle dem Senat,sie umgehend
und positiv zu verabschieden.

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33/1972

U.ALEXIS

JOHNSON FÜR VERBESSERUNG DER BEZIEHUNGEN ZU MOSKAU
UND PEKING

-Auszüge aus einer Rede des US-Staatssekretärs-

WASHINGTON --(AD)— Die Vereinigten Staaten sollten nachdrücklich die Aufnahme
neuer Beziehungen zu Moskau und Peking weiterverfplgen. Dabei dürften jedoch
Verteidigung und Bündnisse der USA in keiner Weise beeinträchtigt werden.
Dies unterstrich der Staatssekretär für politische Angelegenheiten im US-Außenministerium, U.Alexis Johnson, am 8. August vor einem außenpolitischen Unterausschuß des US-Repräsentantenhauses im Rahmen der von dem Ausschuß durchgeführten öffentlichen Anhörungen über "die amerikanische Sicherheitspolitik und
die wissenschaftlichen Entwicklungen.
Die wichtigsten Teile der Ausführungen des Staatssekretärs haben folgenden
Wortlaut:
Es ist jetzt Mode geworden, unsere Motive und Leistungen in der Zeit nach
dem zweiten Weltkrieg in Frage zu stellen. Ich finde, daß solche Zweifel völlig
unverständlich sind.
Was

�Was unsere Motive anbetrifft, so möchte ich nur darauf verweisen, daß
Winston Churchill, ein Beobachter mit einiger Erfahrung in solchen Fragen, unsere Bemühungen in den ersten Nachkriegsjähren als das "wohl uneigennützigste
Handeln in der Geschichte" bezeichnet hat.
Meines Erachtens spreche unsere Leistungen für sich selbst:
-- Diejenigen, die vor drei Jahrzehnten unsere bittersten Feinde waren,
zählen heute zu unseren engsten Freunden. Und zweifellos ist es besser,
starke Freunde als starke Feinde zu haben.
— Die entsetzliche Aussicht eines weiteren Weltkrieges, dieses Mal zwischen den kommunistischen und den nicht-kommunistischen Mächten, scheint
heute weiter entfernt zu sein als jemals zu irgendeiner Zeit seit Mitte
der vierziger Jahre.
-- Das amerikanische Volk hatte in dieser Zeit eine Prosperität von noch
nie dagewesenem Ausmaß zu verzeichnen.
--•Im Zuge der bemerkenswerten und größtenteils friedlich sich vollziehenden Liquidierung einer vierhundertjährigen Kolonialgeschichte entstanden
über 60 freie Länder. (Nicht ein einziges dieser Länder hat sich für
das kommunistische System entschieden).
-- Ein neues Gefühl der Interdependenz der Länder ist innerhalb nur weniger
Jahrzehnte erwachsen, das erst eine sehr umstrittene Prämisse war und
jetzt ganz offensichtlich etwas Alltägliches ist.
-- Wir haben das atomare Gespenst unter Verschluß gehalten und bemerkenswerte Fortschritte bei der Festlegung internationaler Begrenzungen gemacht, die die atomare Bedrohung für die Menschheit verringern und die
Möglichkeiten für eine nützliche Verwendung der Atomkraft vergrößern.

-2-

�vergrößern.
-- Wir haben einen einmaligen Beitrag zur wirtschaftlichen Wiedererholung
nach dem zweiten Weltkrieg geleistet und ein Höchstmaß an Prosperität in
weiten Teilen der Welt erlebt.
-- Wir haben zur Schaffung eines internationalen Wirtschaftssystems beigetragen, das zu einer explosionsartigen Entwicklung des zwischenstaatlichen Handels in einem in der Geschichte noch nie dagewesenen Ausmaß
mit riesigen Vorteilen für die Völker der Welt, und im besonderen auch
für unser eigenes, geführt hat.

Ich habe kein Verständnis für das Argument, daß wir als Beitrag zum nationalen Streben nach Frieden unsere militärische Stärke verringern sollten. Nach
meinen Erfahrungen ist militärische Stärke keine Alternative zu einem nationalen Streben nach Frieden. Sie ist vielmehr ein unerläßliches Element dieses
Strebens.
In der Welt, so wie sie heute ist-und sie dürfte so auf unbegrenzte Zeit
hinaus bleiben- sind militärische Stärke und Diplomatie Teile eines Ganzen.Eine
nationale Verpflichtung, nach Frieden zu streben, hinter der keine militärische
Stärke steht, wäre überhaupt keine Politik. Sie wäre eine fromme Hoffnung, ohne
jede Glaubwürdigkeit oder Wirksamkeit.

Herr Vorsitzender, so wie sich die Lage in den USA geändert hat, so hat
sich auch die internationale Situation geändert. Es gibt wohl nur wenige, die
heute die Tatsache bestreiten würden, daß eine monolithische kommunistische
Welt nicht mehr besteht. Wir sollten uns daran erinnern, daß sich der einzige

�einzige militärische Einsatz sowjetischer Truppen nach dem zweiten Weltkrieg gegen die eigenen Verbündeten richtete - Ostdeutschland, Ungarn, die Tschechoslowakei und die Volksrepublik China.
Aber die Tatsache, daß es innerhalb der kommunistischen Welt interne Konflikte gibt, bedeutet nicht, daß sie uns wohlgesonnen ist oder daß "eine Ära
der Verhandlungen" automatisch Erfolg haben muß. Wir haben immer noch echte und
schwerwiegende Meinungsverschiedenheiten mit der Sowjetunion, China und anderen
kommunistischen Ländern, und einige von ihnen könnten durchaus zu einem Konflikt
führen. Natürlich müssen jetzt die früheren Konzeptionen von einer Konfrontation
der Blöcke und von einem monolithischen Kommunismus der Erkenntnis weichen, daß
eine komplexe Vielzahl neuer und sich wandelnder Beziehungen besteht. Der springende Punkt jedoch ist, daß fast nichts in bezug auf diese neuen Beziehungen
sicher ist.
Es mag sein, daß sich jetzt Aussichten für uns eröffnen, wie wir sie sehr
lange nicht gehabt haben. Es gibt konkrete Gründe für die Annahme, daß die
Spannungen zwischen den Großmächten im Laufe der nächsten Jahre vielleicht auf
ein Maß abgebaut werden könnten, wie wir es seit der Zeit vor dem ersten Weltkrieg
nicht mehr erlebt haben. Es beginnen sich Formen der Anpassung zu entwickeln, so
daß die Großmächte, selbst wenn Konflikte zwischen ihnen bestehen, Zurückhaltung
bei der Behauptung und Verfolgung ihrer eigenen Interessen üben und die jeweiligen legitimen Interessen des anderen respektieren. Eine solche Zurückhaltung
öffnet Aussicht auf eine breite Zusammenarbeit in Bereichen, bei denen die Interessen sich ergänzen.
Dies ist jedoch eine unsichere Aussicht - zerbrechlich und vorläufig. Es
wäre töricht, aus dieser Möglichkeit die Attribute einer Gewißheit - oder auch
nur einer Wahrscheinlichkeit - herauszulesen. Denn hier handelt es sich um einen
delikaten Prozeß, den wir eingeleitet haben, ungeschützt gegen zahllose Schwierigkeiten, von denen jede sich als unheilvoll für die sich entwickelnde Struktur
der Zusammenarbeit erweisen könnte. Ja, nur das Bewußtsein der riesigen Vorteile,

-4-

�Vorteile, die allen aus der Zusammenarbeit erwachsen würden, gibt mir die
echte Hoffnung, daß die Schwierigkeiten ausgeräumt werden können.

Was ich herausstellen möchte, ist folgendes: Wir sollten - und wir werden dies natürlich tun - nachdrücklich auf die Eröffnung neuer Beziehungen zur
Sowjetunion und zu China hinarbeiten. Aber es wäre wirklich unklug, wenn wir,
während wir dieses Ziel verfolgen, unsere eigene Verteidigung abbauen oder es
zulassen, daß unsere Bündnisse brüchig werden oder in Verruf geraten.
Wenn wir versuchen, uns auf Kosten unserer Stärke und auf Kosten unserer
Freunde bessere Beziehungen zu den Kommunisten zu erkaufen, dann werden wir
ohne Zweifel letztlich alle drei verlieren.

Herr Vorsitzender, wenn

wir die sich auf internationaler Ebene vollzie-

henden Änderungen untersuchen, müssen wir uns voll und ganz darüber im klaren
sein, daß es bestimmte Dinge gibt, die sich nicht geändert haben. Die Sicherheitsgleichung ist weiterhin bipolar. Die Vereinigten Staaten und die Sowjetunion sind vielleicht nicht die einzigen, die zählen, aber sie sind ganz eindeutig diejenigen, die am meisten z&amp;hlen.
Der

heute bestehende Zustand einer gegenseitigen nuklearen Abschreckung

hat wenig mit der Tatsache zu tun, daß es fünf Atommächte gibt, jedoch viel mit
der Tatsache, daß es zwei sehr große Atommächte gibt. Das ist der Grund, warum
SALT ein bilaterales Vorhaben ist und warum frühere Rüstungskontrollinitiativen
wie das begrenzte Atomversuchsverbot Anfang der sechziger Jahre tatsächlich
bilateral waren.

Ich

�Ich rechne nicht damit, daß die verschiedenen diplomatischen Initiativen,
die zwischen uns - sowie unseren Verbündeten - und den kommunistischen Ländern
im Gange sind, zu einer sofortigen Entspannung oder einem garantierten Frieden
führen werden. Dies ist zwar ein vielverheißender Beginn. Aber nur, wenn wir
ein stabiles Sicherheitsklima bewahren, können wir potentiellen Gegnern das
Ausnutzen von Gelegenheiten verwehren. Und nur unter solchen Gegebenheiten sehe
ich eine realistische Möglichkeit, im Laufe der Zeit zu der Anpassung zwischen
den nationalen Interessen der kommunistischen und der nicht-kommunistischen Welt
zu kommen.

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FREIE INFORMATION UNERWÜNSCHT?
Sowjetunion gegen US-Pläne für Satellitensendungen
mit Heimempfang

--(AD)-- Der sowjetische Vorschlag an die Vereinten Nationen, Fernsehsendungen über Satelliten gewissen Beschränkungen zu unterwerfen, kommt zu einem
Zeitpunkt, an dem die Vereinigten Staaten die Satelliten-Fernmeldetechnik
zum Mittel des freien Meinungsaustausches zwischen den Völkern der Erde entwickeln. Der von der Nachrichtenagentur TASS veröffentlichte Vorschlag wurde
von Außenminister Andrei A. Gromyko dem UN-Generalsekretär,Kurt Waldheim,unterbreitet. In dem Schreiben fordert die UdSSR, daß sich die 27. UN-Vollversammlung mit den sowjetischen Vorstellungen befaßt.
Die Sowjetunion wünscht eine internationale Konvention, die es den Nationen verbietet, Fernsehsendungen über Satelliten für den Direktempfang durch
Bewohner anderer Länder zuzulassen, wenn die Regierung des Empfängerlandes
die Genehmigung hierzu nicht erteilt hat. Die vorgeschlagene Konvention würde
unautorisierte Fernsehsendungen als "Einmischung in die inneren Angelegenheiten eines Staates" betrachten. Im Entwurf zu dieser Konvention wird festgestellt, daß das Verbot "zum Schutz der Souveränität der Staaten gegen jegliche

-1-

�I

jegliche Einmischung von außen und zur Verhinderung der Verwendung direkter Fernsehsendungen als Quelle internationaler Konflikte und Verschlechterung der Beziehungen zwischen den Staaten notwendig ist".
Der direkte Heimempfang von Satelliten-Fernsehsendungen war bisher nicht
möglich,weil die heute gebräuchlichen Fernsehsatelliten nicht leistungsstark
genug sind. Die relativ schwachen Signale müssen von sehr großen und kostspieligen Antennen aufgenommen und um ein Vielfaches verstärkt werden. Ahnlich ist
es mit Telefongesprächen oder anderen Nachrichtensendungen via Satellit. Da
jedoch jede neue Satellitengeneration erheblich leistungsfähiger als die vorangegangene ist, kann es nur eine Frage der Zeit sein, wann Satelliten zur Verfügung stehen, die sich auch für den Heimempfang mit kleinen Antennen eignen.
In den Vereinigten Staaten wird gegenwärtig ein solcher Satellit entwickelt.
Er ist für Indien bestimmt, das damit sein Erziehungswesen ausbauen will. Das
Gerät soll von den USA über Indien oder dem Indischen Ozean stationiert werden,
damit die indische Regierung auch die entlegensten Dörfer mit Fernsehprogrammen,
die über diesen Satelliten gesendet werden, erreichen kann. Vor allen Dingen
sollen Informationen über landwirtschaftliche Programme und verbesserte Anbaumethoden, über Säuglingspflege, Familienplanung und Hygiene, über Ernährungsfragen - einschließlich der Konservierung und Zubereitung von Nahrungsmitteln ausgestrahlt werden. Auch sind Vorbereitungen im Gange, um derartige Satelliten
als Ubermittler von Fernlehrgängen zu benutzen, mit denen den Einwohnern abgelegener Landstriche Lesen und Schreiben beigebracht wird.
Um den "Indien-Satelliten" betreiben zu können, sind Veränderungen an Fernsehempfängern und deren Empfangsantennen erforderlich - aber diese kosten relativ wenig. Weitere Verbesserungen in der Satelliten-Ausrüstung und in den Übertragungstechniken werden eines Tages allgemein Direktsendungen ins Heim möglieh
machen, Nationen, die den Empfang nicht gewünschter Programme durch ihre Bürger

-2-

�Bürger verhindern wollen, hätten dann die Möglichkeit, das Satelliten-Programm
zu stören. Die Sowjetunion hat dies bei Rundfunksendungen viele Jahre hindurch
getan. Dennoch erreichten viele Programme ihr Publikum auch in diesem Land, da
mit technischen Veränderungen am Empfangsgerät die Störversuche neutralisiert
werden konnten.
Vor allem aus den Vereinigten Staaten kommen schon seit geraumer Zeit Vorschläge, Fernmeldesatelliten für einen weitgespannten Kulturaustausch einzusetzen. Das Verfahren sei, so heißt es, auch geeignet, die internationale Verständigung zu fördern und ethnische Schranken zu überbrücken. Außerdem könnten
Satelliten als Übermittler von Material für die großen Bibliothekn in der ganzen
Welt dienen, das bei Bedarf in kürzester Zeit praktisch an jedem Punkt der Erde
verfügbar ist. Schon heute erfassen

die meisten großen Bibliothekn das bei ihnen

sich ansammelnde Material in Computern. Durch Anwählen bestimmter Nummern über
Telefon könnte sich künftig ein Interessent von einem beliebigen Standort aus
mit Spezialbibliotheken in aller Welt via Satellit in Verbindung setzen.

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PRÄSIDENT NIXON WEIST AUF WIRTSCHAFTLICHE ERFOLGE HIN
Vorwort zur Broschüre "Die Wirtschaft Mitte 197 2"

WASHINGTON --(AD)-- Präsident Nixon hat darauf hingewiesen,

daß die neue Wirt-

schaftspolitik der USA, die am 15. August 1971 eingeleitet wurde, zu einer
Reihe bemerkenswerter wirtschaftlicher Erfolge geführt hat. Nixon stellt dies
in dem Vorwort zu einer Broschüre fest, die der Wirtschaftsbeirat des Präsidenten herausgegeben hat und die den Titel "Die Wirtschaft Mitte 1972" trägt.
Das Vorwort Präsident Nixons hat folgenden Wortlaut:
I
"Es ist jetzt fast genau ein Jahr her, seit die neue Wirtschaftspolitik am
15. August 1971 eingeleitet wurde. Seit diesem Zeitpunkt sind Isolide wirtschaftliche Erfolge erzielt worden, die dem Geist der Bevölkerung zu danken sind und
greifbare Fortschritte hinsichtlich des Realeinkommens der Bevölkerung darstellen.

;
'
I

Die Maßnahmen, die am 15.August des vorigen Jahres ergriffen wurden, sollten
frühere Schritte intensivieren, die die Inflationsrate verringert und den wirtschaftlichen Wiederaufschwung eingeleitet hatten. Sie umfaßten einen Lohn-und
Preisstopp, um die Inflation weiter einzudämmen, Steuervergünstigungen, um die
Expansion zu beschleunigen und die Arbeitslosenquote zu senken, sowie Maßnahmen

-1-

�Maßnahmen im internationalen Finanzwesen und im Handel, um die Grundlage für eine
größere Wettbewerbsfähigkeit der Vereinigten Staaten in der Weltwirtschaft zu
legen.
Die seit dem 15. August verfolgte Politik bestand aus Schritten, die die Regierung zu treffen hatte. Aber, wie ich schon damals in meiner Rede sagte, würde
der Schlüssel zum Erfolg in den Händen des amerikanischen Volkes liegen.
Ich ersuchte um die Mitarbeit der Öffentlichkeit aus patriotischen Gründen
-nämlich um der wirtschaftlichen Gesundheit Amerikas willen. Aber ich ersuchte
auch um die Mittarbeit aus Gründen des vernünftigen Selbstinteresses. Nur durch
gemeinsame Aktionen konnten wir aus der inflationistischen Tretmühle herauskommen,
durch die uns allen jahrelang der Genuß der wachsenden Prosperität vorenthalten
wurde,die die amerikanische Wirtschaft zu schaffen in der Lage war.
Der Bericht des Wirtschaftsbeirates zeigt, was seit Aufnahme der neuen
Wirtschaftspolitik geschehen ist. Die Leistungen waren eindrucksvoll:
-- Die Zuwachsrate bei den Lebenshaltungskosten, die vor dem Stopp um ein
Drittel gesenkt worden war, ist nunmehr um die Hälfte gesenkt worden.
-- Heute gibt es 2,5 Millionen ziviler Arbeitsplätze mehr als vor einem
Jahr.
-- Die Arbeitslosenquote hat sich von rund 6 Prozent auf 5,5 Prozent verringert.
-- Unser Wirtschaftswachstum beträgt fast 9 Prozent, die höchste Rate
seit 1965.
-- Der Realnettolohn der Arbeiter pro Woche ist im letzten Jahr um 4 Prozent gestiegen, ein Dreifaches der Durchschnittsrate der Jahre 1960 bis 1968.
-- Wir haben die Welt auf den Weg zu einer internationalen Finanz-und Handelsreform geführt, die wesentlich zu einer Verbesserung unserer internationalen

-2-

�internationalen Wettbewerbsposition und auch zur Stärkung der Volkswirtschaften
anderer Länder beitragen wird.
Ich möchte hier unterstreichen, daß der Erfolg der neuen Wirtschaftspolitik
der Mitarbeit des amerikanischen Volkes zu danken ist.
Diese Mitarbeit ist in vielfacher Form erfolgt:
-- Es war bemerkenswert, wie die Arbeitnehmerschaft, die Wirtschaft,die
Vermieter, die Verbraucher und die Mieter sich freiwillig an den Preis-Lohn-Stopp
sowie dann an die zweite Phase (des neuen Programms) gehalten haben.
— Während des Zeitraums, in dem die zweite Phase des Programms entwickelt
wurde, haben sich die führenden Persönlichkeiten der Wirtschaft, der Gewerkschaften, der Landwirtschaft sowie der einzelstaatlichen und kommunalen Behörden
in überaus nützlicher Weise mit den zuständigen Bundesstellen konsultiert. In
den folgenden Monaten beteiligten sich zahlreiche prominente Bürger an der Durchführung des Programms.
--

Die Produktivität - Leistung pro Arbeitsstunde - ist im vergangenen Jahr

um 4,3 Prozent gestiegen. Dies ist der größte Anstieg pro Jahr seit Anfang 1966.
Ein solcher Produktivitätsanstieg ist ohne positive und beiderseitige Beiträge
der Sozialpartner unmöglich-.
— Der Bruchteil der aufgrund von Streiks verlorengegangenen Arbeitszeit
war außerordentlich gering.
Die amerikanische Bevölkerung kann sich zu ihren Leistungen im letzten Jahr
beglückwünschen; sie erfreut sich in zunehmendem Maße der greifbaren Vorteile
dessen, was sie und ihre Regierung gemeinsam erreicht haben.
Wir haben jedoch weiterhin wirtschaftliche Probleme zu lösen, und wiederum
liegt der Schlüssel zum Erfolg in den Händen der Bevölkerung. Wir müssen mit
allem Nachdruck für eine niedrigere Inflationsrate sorgen - sowohl in der Praxis
als auch hinsichtlich der Erwartungen der Öffentlichkeit, die ja an der Gestaltung der wirtschaftlichen Zukunft mitwirkt. Wenn wir auch die Inflationsrate um

-3-

�um die Hälfte gesenkt haben, so bleiben doch die Lebensmittelpreise weiterhin
ein Hauptanliegen. Wir müssen die Arbeitslosenquote noch weiter senken. Wir müssen
weiterhin auf eine Verbesserung der amerikanischen Wettbewerbsfähigkeit bedacht
sein, um unsere internationale Wirtschaftsposition zu stärken.
Die Verwirklichung all dieser Dinge erfordert kontinuierliche Anstrengungen
eines jeden, einschließlich der Regierung, damit dem Buchstaben und dem Geist
des Preis-Lohn-Kontrollsystems entsprochen und die Produktivität noch mehr gesteigert wird.
Der entscheidende Punkt, bei dem die Hilfe und das Verständnis des amerikanischen Volkes jetzt erforderlich sind, ist der Bundeshaushalt. Wenn wir es zulassen, daß die Bundesausgaben wieder rapide ansteigen - und zwar über einen Punkt
hinaus, wo die Einnahmen selbst unter Bedingungen der Vollbeschäftigung weit überstiegen werden, wie dies zwischen 1965 und 1968 der Fall war - dann riskieren wir,
daß die bisherigen hart errungenen Erfolge zunichtegemacht werden. Die Folge wäre
ein starkes Ansteigen der Lebenshaltungskosten oder neue hohe Steuern oder beides nacheinander.
Diese Administration ist entschlossen, ihr bestes zu tun, um einem solchen
Kurs entgegenzuwirken, indem der Haushalt unter Kontrolle gehalten wird, und ich
habe mit allem Nachdruck an den Kongreß um Unterstützung appelliert.
Aber das Ergebnis wird vor allem von den Wünschen des amerikanischen Volkes
abhängen: Wenn das Volk auf Ausgaben über die von mir geforderte 250-MilliardenGrenze hinaus besteht, dann werden diese Ausgaben erfolgen. Wenn das Volk jedoch
gemeinsam mit mir darauf besteht, daß die Bundesausgaben niedrig gehalten werden, um ein Wiederaufleben der Inflation jetzt und höhere Steuern bald darauf zu
verhindern, dann wird die Regierung in verantwortungsvoller Weise handeln.

Diese

-4-

�Diese kritische Situation stellt unsere Reife und Entschlossenheit, unsere
wirtschaftlichen Angelegenheiten auf gesunde Weise zu besorgen, auf eine entscheidende Probe. Ich bin überzeugt, daß wir diese Probe bestehen werden und
daß sich unsere Volkswirtschaft,die ja uns alle einschließt, weiterhin zu neuen
Höhen der Prosperität steigern wird."

-5-

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33/1972

DAS INTERNATIONALE WÄHRUNGSSYSTEM
-Auszug aus der Broschüre "Die Wirtschaft Mitte 1972"-

WASHINGTON --(AD)-- Nachfolgend geben wir einen Auszug aus der am 13. August
vom Wirtschaftsbeirat Präsident Nixons veröffentlichten Broschüre "Die Wirtschaft Mitte 1972" wieder, der sich mit dem internationalen WährungsSystem
befaßt.
"Im Juni dieses Jahres haben die britischen Behörden aufgrund des immer
stärker werdenden Marktdruckes die Freigabe des Wechselkurses des Pfundes
Sterling zugelassen, und sein Wert fiel rasch unter den Interventionspunkt der
Europäischen Gemeinschaft und des Smithsonian-Abkommens. Dieser Bruch in dem
Gefüge der Wechselkurse, das im Smithsonian-Institut geschaffen worden war,
wirkte sich in einem Druck auf den Dollar wie auch auf eine Reihe anderer europäischer Währungen aus und führte bei verschiedenen Währungen zu einem vorübergehenden Bruch sowohl der Bandbreiten der Europäischen Gemeinschaft wie auch der
des Smithsonian-Abkommens.
Eine weitere Entwicklung ist die weitverbreitete Anwendung von Devisenkontrollen in einer Reihe der großen Überschußländer in dem Bemühen, den Zustrom kurzfristiger Gelder einzudämmen. Die Ausbreitung der Devisenkontroll-

-1-

�Devisenkontrollmaßnahmen bringt eine Reihe von Problemen mit sich. Einmal könnte
sie möglicherweise den langfristigen Trend der Nachkriegszeit in Richtung auf
eine Liberalisierung des internationalen Handels und des Zahlungsverkehrs untergraben. Zweitens tendiert sie, durch künstliche Verzerrung der Bewegungen auf den
Kapitalkonten

das Ausmaß der Anpassung der laufenden Konten zu verschleiern,das

für eine Wiederherstellung des zugrundeliegenden Ausgleichs der amerikanischen
Zahlungsbilanz erforderlich ist.
Man muß sich gleichzeitig im klaren

darüber sein, daß große Transaktionen

von kurzfristigen flüssigen Mitteln von einem Land ins andere - vor allem in
Zeiten der Unruhe auf den Devisenmärkten - in einigen Ländern schwierige Probleme
für die Beherrschung der eigenen Währungspolitik mit sich bringen. Es steht zu
hoffen, daß mit der Schaffung eines neuen internationalen Währungssystems Mittel
und Wege gefunden werden, um

mit dem Problem der starken Fluktuationen in kurz-

fristigen Kapitalbewegungen ohne die Anwendung von Kapitalkontrollen fertig zu
werden.
Der durch diese Ereignisse ausgelöste Druck unterstreicht die Notwendigkeit,
mit der langfristigen Reform des internationalen Währungssystems voranzukommen.
Die Vereinigten Staaten haben eine führende Rolle bei der Planung eines Verhandlungsrahmens für solche Reformen gespielt.
Die kommenden Währungsverhandlungen sollten eine Grundlage für einen erneuten Aufschwung im Sinne einer liberalen Weltordnung bieten, in deren Rahmen jede
Nation eine faire Chance erhält, ohne Behinderung durch ein wachsendes Netz künstlicher Schranken am internationalen Handel und der internationalen Investition
teilzunehmen. Dieses Ziel setzt ein internationales Währungssystem voraus , das
den prompten Ausgleich von Zahlungsbilanzungleichgewichten erleichtert, ohne daß
dadurch die jeweilige nationale Wirtschaftspolitik oder der auf den offenen Markt
gerichtete Fluß von Gütern und Kapital unter allen Nationen auf nicht-diskriminierender Basis gestört wird. Der Anpassungsprozeß sollte die wirksame Verteilung
von Mitteln fördern und darauf abzielen, den Umfang des marktgerichteten Handels

-2-

�Handels und der marktgerichteten Investition auf ein Maximum zu bringen. Wie der
neue Wechselkursmechanismus auch im einzelnen aussehen mag, er wird in seiner
Praxis auf jeden Fall flexibler sein müssen als der bisherige und sowohl Uberschuß-wie Defizitländern nicht nur die Möglichkeit, sondern auch einen Anreiz
bieten müssen, sich rasch und glatt an Veränderungen der Wirtschaftslage anzupassen.
Das bedeutet, daß wir von dem Gedanken loskommen müssen, daß die 'Zahlungsbilanzdisziplin* ausschließlich für Defizitländer gelte. Es bedeutetauch, daß
die Vereinigten Staaten einen größeren Spielraum haben sollten, ihre Zahlungsposition nach außen ins Gleichgewicht zu bringen, ohne unerwünschte Restriktionen
für internationale Transaktionen einführen zu müssen. Eine solche größere
Symmetrie in der Fähigkeit, Korrektivmaßnahmen einleiten und durchführen zu können, würde den Vereinigten Staaten wirksame Mittel in die Hand geben, um eine Verschlechterung ihrer Zahlungsbilanzposition zu verhindern, die eintreten könnte,
wenn bei anderen Ländern eine Tendenz bestünde, angesichts von fundamentalen
Zahlungsbilanzungleichgewichten eher abzuwerten als aufzuwerten.
Das neue internationale WährungsSystem muß auch über wirksame Mittel verfügen, die Ziele der verschiedenen Länder bezüglich der Zahlungsbilanz und der Reserven miteinander zu vereinbaren. Vor allem sollte festgestellt werden, daß der
Nettoüberschuß an Gütern und Dienstleistungen der Industrienationen nicht größer
sein darf als der Nettobetrag an Wirtschaftshilfe und privatem Kapital, die an die
Entwicklungsländer transferiert werden. Ferner würde, wenn eine multilaterale
Kontrolle des Gesamtvolumens der Weltreserveschöpfung wünschenswert werden sollte,
dies Auswirkungen auf das Ausmaß haben, in dem einzelne Länder frei wären, ihre
eigenen Reserveziele zu setzen".

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DIE AMERIKANISCHE ZAHLUNGSBILANZ 1972
-Auszug aus der Brotschüre "Die Wirtschaft Mitte 1972-

WASHINGTON --(AD)-- Nachfolgend geben wir einen Auszug aus der am 13. August
vom Wirtschaftsbeirat Präsident Nixons veröffentlichten Broschüre "Die Wirtschaft Mitte 1972" wieder, der sich mit der Entwicklung der amerikanischen
Zahlungsbilanz im Jahre 1972

befaßt.

"Unterschiedliche zyklische Trends in den Vereinigten Staaten und anderen Ländern im ersten Halbjahr 1972 trugen zu einer Verschlechterung unserer
Handelsbilanz bei. Das Einkommen in den Vereinigten Staaten nahm weiter zu,
da die Regierung eine Politik verfolgte, die auf eine Anregung des realen
Wachstums und der Beschäftigung ausgerichtet war. Die Steigerung der Ausgaben
für den persönlichen Verbrauch mit einer Jahresrate von 8,4 Prozent vom dritten
Quartal 1971 zum zweiten Quartal 1972 schuf eine verstärkte Nachfrage für importierte Verbrauchsgüter, während gleichzeitig der beschleunigte Wiederaufschwung (der Wirtschaft) die Nachfrage nach importierten Rohstoffen und Maschinen für die einheimische Produktion anregte. Auf der anderen Seite ging
die Nachfrage nach amerikanischen Exporten im Ausland zurück, da die Bemühungen

-1-

�Bemühungen zur Eindämmung des inflationistischen Drucks in einer Reihe anderer
Industrieländer zu einer wirtschaftlichen Flaute geführt haben. Diese zyklischen
Einflüsse auf die amerikanische Zahlungsbilanz sind einem - wie es scheint einmaligen - Anwachsen des Wunsches der Amerikaner aufgesetzt worden, importierte
Waren zu verbrauchen.
Aufgrund des verschiedenartigen Drucks verschlechterte sich die Warenhandels~
bilanz weiterhin von einem vierteljährlichen Defizit von 1,5 Milliarden Dollar
im letzten Quartal 1971 auf ein Defizit von 1,7 Milliarden Dollar im ersten Quartal 1972 - alles saisonbereinigt. Im zweiten Quartal (1972) erhöhte sich das Defizit im Warenhandel noch weiter auf 2 Milliarden Dollar. Während sich die nominelle Handelsbilanz derart weiter verschlechterte, hat es jedoch eine Reihe von
Hinweisen gegeben, daß diese Verschlechterung zum Teil darauf zurückzuführen sein
mag, daß sich die Änderung des Dollar-Kurses nachteilig auf die Handelsbedingungen
auswirkte. Dieser Effekt läßt sich an dem beschleunigten Anwachsen der Dollarkosten für importierte Güter erkennen.
Von Dezember 1971 bis Mai 1972 stiegen die Importpreise um 5,7 Prozent, die
Exportpreise um 0,9 Prozent. Diese Zahlen deuten auf die Möglichkeit hin, daß
sich die Handelsbilanz real - im Gegensatz zum Geldwert - nicht länger verschlechtert
Es gibt eine Reihe von Gründen für die Annahme, daß sich die Handelsbilanz
nicht nur real, sondern auch nominal bessern wird. Die Veränderungen in der
Preisrelation zwischen ausländischen und einheimischen Gütern, die durch die Neufestsetzung (der Wechselkurse) im Smithsonian-Abkommen herbeigeführt wurden, werden durch divergierende Preistendenzen verstärkt. Großhandels-und/oder Verbraucher
preise tendierten in Europa und Japan zu einem rascheren Anstieg als in den
Vereinigten Staaten. Da Erzeuger und Verbraucher voll auf diese Preissteigerungen
für ausländische Waren - im Verhältnis zu amerikanischen Waren - reagieren, dürfte
sich das rasche Anwachsen der Importe verlangsamen, während sich das Wachstum der

-2-

�der Exporte beschleunigen wird. Schließlich gibt es Hinweise für ein Wiederaufleben der Nachfrage in einer Reihe unserer Partnerländer, vor allem in Deutschland und in Japan, das zu einer weiteren Steigerung der amerikanischen Exporte
führen dürfte
Die Nettoabflüsse kurzfristigen Kapitals gingen im ersten Quartal 1972 wesentlich zurück. Irrtümer vorbehalten, betrugen die Nettoabflüsse kurzfristigen
Kapitals lediglich 2 Milliarden Dollar gegenüber Abflüssen von 4,3 Milliarden
Dollar im vorangegangenen Quartal und einem durchschnittlichen Abfluß pro Quartal von 5,3 Milliarden Dollar im Jahre 1971 als Ganzera- Obwohl der geringe Nettoabfluß kurzfristiger Gelder eine beträchtliche Verbesserung gegenüber den
großen Abflüssen in den vorangegangenen Quartalen darstellt, war er für diejenigen eine Enttäuschung, die einen wesentlichen Rückfluß spekulativer Gelder un-.
mittelbar nach dem Smithsonian-Realignment der Wechselkurse erwartet hatten
Das Floating des britischen Pfundes (seit Juni 1972) hat Unsicherheit hinsichtlich der gesamten Struktur der im Smithsonian Institut vereinbarten Wechselkurse geschaffen, vor allem bezüglich der Wechselkurse zwischen dem Dollar und
einer Reihe anderer Währungen. Diese Unsicherheiten führten zu einer starken
Verlagerung kurzfristiger Gelder aus den Vereinigten Staaten nach Europa und
Japan, und während der folgendenrfochenkauften europäische Zentralbanken große
Dollarbeträge an, um eine weitere Wertsteigerung ihrer Währungen zu verhindern.
Als die Entschlossenheit der Regierungen zur Verteidigung der im Smithsonian Institut vereinbarten Wechselkurse offensichtlich wurde, hörte die Spekulation allmählich auf. Das Vertrauen in das Smithsonian-Ahkommen wurde weiter gestärkt, als
die Vereinigten Staaten kürzlich auch auf den Devisenmärkten intervenierten und
begrenzte Dollar-Beträge gegen ausländische Währungen ankauften. Diese Aktion
spiegelt den Willen der Vereinigten Staaten wider, auf den Devisenmärkten zu intervenieren, wenn solche Aktionen wünschenswert erscheinen, um dem spekulativen
Druck zu begegnen."

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33/1972

INITIATIVEN FÜR HANDELSVERHANDLUNGEN
-Auszüge aus der Broschüre "Die Wirtschaft Mitte 1972"-

WASHINGTON --(AD)-- Nachfolgend geben wir einen Auszug aus der am 13. August
vom Wirtschaftsbeirat Präsident Nixons veröffentlichten Broschüre "Die Wirtschaft Mitte 1972" wieder, der sich mit den Initiativen für Handelsverhandlungen befaßt.
"Die Länder der freien Welt haben in der Nachkriegszeit als Folge des
schrittweisen Abbaus der Schranken für den vom Markt gelenkten Güteraustausch
einen Aufschwung erlebt. In letzter Zeit jedoch gab es zunehmende Anzeichen dafür, daß der Abbau der Handelsbeschränkungen einen Stillstand erreicht hat.
Die Regierungen zahlreicher Länder greifen in wachsendem Maße durch Maßnahmen
in die Märkte ein, die den Handelsfluß beeinträchtigen oder verzerren. Ohne
starke neue Verpflichtungen auf multilateraler Basis besteht letztlich die Gefahr, daß durch eine Häufung individueller Maßnahmen die Erfolge allmählich
zunichtegemacht werden, die seit dem zweiten Weltkrieg erzielt worden waren.
Die Aufgabe, vor die die umfassenden Handelsverhandlungen gestellt werden,
ist beträchtlich. In den meisten Fällen sind die Handelsbeschränkungen, die
nach den früheren Runden von Handelsliberalisierungen verblieben sind, derge-

-1-

�dergestalt, daß sie aus innenpolitischen, sozialen oder nationalen Sicherheitsgründen sehr sensitiv sind. Weiter wird sich jede neue Runde im Gegensatz zu
früheren Runden von Handelsliberalisierungen nicht mehr ausschließlich auf den
Abbau der Zölle konzentrieren können, sondern auch ein weites Feld nicht-tarifärer Handelsschranken einschließen. Nicht-tarifäre Handelsschranken sind Maßnahmen, die den Handel verzerren wie zum Beispiel: a) Quoten zum Schutze bestimmter
Sektoren der Wirtschaft, die aus binnenwirtschaftlichen Gründen als besonders anfällig gelten; b)Muster oder Verhaltensnormen, die sich oftmals diskriminierend
gegen ausländische Güter auswirken; c) Restriktive Bestimmungen für Beschaffungskäufe der Regierungen; und d) Exportsubventionen. Verhandlungen, die ein so weites Gebiet von Fragen umfassen, werden aus verschiedenen Gründen schwierig sein:
Die Grenze zwischen einer protektionistischen Handelsschranke und einer legitimen
eigenen

Sozialpolitik ist nicht immer klar; es gibt keine einfache Basis, um

die Reziprozität von Handelsausfällen zwischen einer Form nicht-tarifärer Handelsschranken und einer anderen abzuwägen.
In den Vereinigten Staaten haben zahlreiche Industrieorganisationen, Gewerkschaften und Kongreßausschüsse eine umfassende Prüfung künftiger Möglichkeiten
für eine Handelspolitik und für Handelsverhandlungen aufgenommen. Der Präsident hat
ferner den Bericht seiner Kommission für internationale Handels-und Investitionspolitik erhalten, der weitgehende Empfehlungen für Handelsverhandlungen in den
siebziger Jahren niederlegt. Diesen Empfehlungen ist von der Regierung eingehende
Beachtung geschenkt worden. Frühere Erfahrungen haben den Wert bestimmter allgemeiner, miteinander in Zusammenhang stehender Prinzipien gezeigt.
Erstens sollte ein Handelsabkommen umfassend in dem Sinne sein, daß es alle
Wirtschaftssektoren und alle Formen von Handelsschranken einschließt. Nur ein
umfassendes Abkommen kann eine ausreichende politische Basis, innen-und außenpolitisch, für eine wesentliche Handelsliberalisierung schaffen. Vom Standpunkt der
Vereinigten Staaten ist es besonders wichtig, daß solche Verhandlungen den Agrarwie auch den Industriehandel einschließen. Reiche natürliche Hilfsquellen und

-2-

�und hochentwickelte Technik und Management in der Landwirtschaft geben den Vereinigten Staaten einen erheblichen Vorteil, der unsere Agrarerzeugnisse auf den
Weltmärkten sehr wettbewerbsfähig macht. Trotz der Unterbrechungen aufgrund der
Hafenarbeiterstreiks haben unsere Agrarexporte schätzungsweise im letzten Finanzjahr einen bisherigen Höchststand von wertmäßig 8 Milliarden Dollar erreicht.
Rationalisierung und die Liberalisierung der Agrarpolitik und der damit zusammenhängenden restriktiven Importpolitik., die von den meisten Industriestaaten verfolgt
wird, würden es uns ermöglichen, unser Potential für den Handel auf diesem wichtigen Sektor voll zur Geltung zu bringen.
Die Handelsverhandlungen sollten ferner zu einem System führen, das sich
maximal auf einen vom Markt gelenkten Handel verläßt. Immer wieder hat es sich
gezeigt, daß auf der Marktlage basierende Vereinbarungen am erfolgreichsten waren,
weil sie allgemein zu maximalen Erfolgen für den Handel führten und weil sie am
meisten den Formen der Wirtschaftstätigkeit in den marktorientierten Volkswirtschaften entsprechen. In dieser Beziehung verstößt eine Handelspolitik, die wichtige Wirtschaftssektoren ständig von den Marktkräften und dem internationalen Anpassungsprozeß abschirmt, nicht nur gegen die Prinzipien der internationalen
Leistungsfähigkeit, sondern untergräbt auch den Prozeß einer ordentlichen und
zeitgemäßten Anpassung an das internationale Wirtschaftssystem als Ganzes.
Das Handelsabkommen sollte die realen Kosten der inneren Sozialprogramme
dem Lande auferlegen, das sie durchzuführen beschließt. Nur ein solches Prinzip
kann eine Basis schaffen, um die legitimen Aspekte der eigenen Sozialpolitik von
den Praktiken zu trennen, die sich auf Gebieten wie Umwelt, Sicherheit und Gesundheitsstandard nachteilig für den Handel auswirken» Es muß jedoch anerkannt werden, daß in einigen Gebieten eine stärkere Harmonisierung der Sozialpolitik wünschenswert sein könnte, um den Handel verzerrende Auswirkungen zu vermeiden.
Das erreichte Handelsabkommen sollte ferner ein Sicherheitssystem einschliessen, das in wirtschaftlicher Hinsicht anfälligen Industrien der beteiligten Länder ausreichend Zeit

gibt, sich den schnellen Veränderungen der Produktions-oder

-3-

�oder Verbrauchsformen, den Handel eingeschlossen, anzupassen. Sicherheiten sind
erforderlich in Situationen, in denen die notwendige Anpassung zu umfassend ist,
als daß sie innerhalb einer kurzen Zeitspanne ohne zu hohe soziale, persönliche
oder politische Lasten durchgeführt werden kann. Ein solches multilateral ausgehandeltes Sicherheitssystem sollte vereinbarte Normen enthalten, um einen vorübergehenden Schutz, ein Verfahren für eine internationale Überprüfung und Bestimmungen zur Verhinderung eines Mißbrauchs des Systems durchzusetzen.
Schließlich sollte das Handelsabkommen eine Vereinbarung enthalten, daß
binnenwirtschaftliche Anpassungsprogramme das Sicherheitssystem ergänzen müssen.
In dieser Beziehung prüfen wir jetzt neue Methoden für eine Anpassungshilfe auf
solchen Gebieten und besonders für solche Gruppenvon Arbeitern, die aufgrund des
Importwettbewerbs außergewöhnlich raschen Anpassungsproblemen ausgesetzt sind.
Wir sind uns ferner bewußt, daß es ein enges und wachsendes gegenseitiges
Interesse zwischen den Industriestaaten und den Entwicklungsländern gibt. Die
Abhängigkeit der letzteren vom Handel ist groß, und ihre Exporte in die Industriestaaten erbringen vier Fünftel ihrer Exporterlöse. Wir sind von ihnen in bezug
auf Rohstoffe abhängig, und wir verkaufen ihnen in immer stärkerem Maße Waren
auf kommerzieller Basis. Somit gibt es gesunde wirtschaftliche Gründe, die sowohl
für die Industriestaaten wie auch für die Entwicklungsländer zwingend sind, daß
sie in Richtung auf ein Welthandelssystem zusammenarbeiten, das allen Ländern angemessene Möglichkeiten bietet. Im Hinblick auf dieses Ziel wollen wir eine Handelspolitik fördern, die den Entwicklungsländern vermehrte Möglichkeiten gibt,
den Wettbewerb auf den Weltmärkten aufzunehmen,
gen Verhandlungen versuchen, dieses

und wir werden bei den künfti-

ihre Exportaussichten am stärksten beein-

flussende Problem wirksam anzupacken.
Die Vereinigten Staaten haben ferner kürzlich eine Reihe von Maßnahmen ergriffen, um die bestehenden Schranken für den Handel mit den Ländern des kommunistischen Blocks abzubauen.
Während

-4-

�Während des Moskauer Gipfeltreffens im Mai haben Präsident Nixon und Generalsekretär Breschnew vereinbart, eine amerikanisch-sowjetische Handelskommission
einzusetzen, die den Apparat für das Zustandekommen einer Übereinkunft über verschiedene grundlegende Fragen der Handelspolitik bilden soll.
Der Handelsminister hat die Vereinigten Staaten auf der ersten Sitzung der
Kommission am 20.Juli vertreten. Die Fragen, die die Kommission lösen muß, damit
der amerikanisch-sowjetische Handel wesentlich expandieren kann, sind unter anderem: Regelung der sowjetischen Pacht-und Leihschulden; die Meistbegünstigungsklausel für sowjetische Erzeugnisse; Kreditvereinbarungen; Einrichtungen für Geschäftsleute in jedem der beiden Länder sowie weitere technische Handelsfragen
wie Schlichtung von Handelsstreitigkeiten, Steuer-, Patent- und Lizenzfragen. Es
wird damit gerechnet, daß endgültige Abkommen bei verschiedenen Fragen noch dieses Jahr bekanntgegeben werden.
Vor seiner kürzlichen Reise nach Peking hat der Präsident die Kontrollen für
amerikanische Exporte nach der Volksrepublik China liberalisiert. Mit diesem
Schritt wurde eine Politik fortgesetzt, die bereits früher aufgenommen worden war,
um die Tür für Wirtschaftsbeziehungen zur Volksrepublik China aufzustoßen. Diese neuen Handelsinitiativen gegenüber der UdSSR und China sowie weiteren kommunistischen Ländern in Osteuropa waren durch die Entwicklungen in den größeren politischen Beziehungen möglich geworden.
Die Vereinigten Staaten sind bereit, eine führende Rolle beim Aufbau eines
internationalen Wirtschaftssystems zu spielen, das den Aufgaben der siebziger Jahre
gerecht werden kann. Das Ziel ist eine Welt, in der alle Länder aus dem internationalen Handel und den internationalen Investitionen ein größtmögliches Maß an
Gewinn ziehen können."

-H-rt-

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33/1972

VOLCKER WÜRDIGT NEUE WIRTSCHAFTSPOLITIK PRÄSIDENT NIXONS

-Wortlaut-

WASHINGTON --(AD)-- Der Staatssekretär für Währungsfragen im amerikanischen
Finanzministerium, Paul A. Volcker hat anläßlich des ersten Jahrestages des
neuen Wirtschaftsprogramms Präsident Nixons die Erfolge dieser Politik gewürdigt
und betont, daß die USA heute im Hinblick auf eine Verbesserung des Handels und
der Zahlungsbilanz zuversichtlich sein könnten.
Die Erklärung, die Volcker am 13. August auf einem Wirtschaftsseminar in
Washington abgab, hat folgenden Wortlaut:
"Wenn wir unsere internationale Politik behandeln, möchte ich gleich zu Anfang einen grundsätzlichen Punkt unterstreichen. Das Paket der Maßnahmen, die Präsident Nixon am 15. August (vorigen Jahres) bekanntgab, stellte eine geschlossene Reihe von innenpolitischen und internationalen Maßnahmen dar. Er war sich
über die fundamentale Tatsache im klaren, daß ein Erfolg bezüglich unserer internationalen Ziele eng mit einem Erfolg auf innenpolitischem Gebiet zusammenhängt. Ohne ein starkes Wachstum und eine größere Preisstabilität in den Vereinigten Staaten selbst können wir nicht mit einem starken Dollar im Ausland oder
einer dauerhaften internationalen Währungsstabilität rechnen.
Die

-1-

�Die Maßnahmen,die wir auf internationalem Gebiet ergriffen, spiegelten bestimmte ganz akute Probleme wieder. Aber sie reflektieren gleichzeitig einige
grundlegende langfristige Probleme,die man anpacken muß, wenn die kurzfristigen
Probleme nicht erneut auftreten sollen.
Wenn wir auf die Situation vor einem Jahr zurückblicken, dann muß festgestellt werden, daß wir damals vor der Tatsache eines ständig wachsenden Zahlungsbilanzdefizits standen. Wir mußten damit rechnen, daß dieses Defizit ohne entsprechende Maßnahmen noch größer werden würde.
Unser einstmals großer Handelsüberschuß - rund sieben Milliarden Dollar auf
dem Höhepunkt im Jahre 1964 - hatte sich im Sommer 1971 in ein Defizit mit einer
Jahresrate von vier bis fünf Milliarden Dollar verwandelt. Nicht nur wurde unsere
Zahlungsbilanz immer schwächer, sondern der wirtschaftliche Druck verstärkte auch
protektionistische Gefühle. Die Spekulation auf den internationalen Finanzmärkten
grassierte.
Diesen an der Oberfläche sichtbar werdenden Symptomen lagen wesentliche Veränderungen in den wirtschaftlichen Beziehungen zugrunde - Veränderungen, die nicht
durch gleichwertige Veränderungen im Währungs-und Handelssystem der Nachkriegszeit
ausgeglichen wurden.
Die amerikanische Wirtschaft war die einzige größere Volkswirtschaft, die
aus den Trümmern des zweiten Weltkrieges intakt hervorgegangen war. Es war daher
nur richtig, daß wir die Verantwortung für den Wiederaufbau einer vom Krieg verwüsteten Welt übernahmen.
Milliarden von Dollar flössen ins Ausland, um den Wiederaufbau einer Volkswirtschaft nach der anderen zu finanzieren. Wir übernahmen eine unverhältnismäßig
große Verantwortung für die gemeinsame Verteidigung. Gleichzeitig strömten amerikanische Güter - zunächst bei nur geringer Konkurrenz - ins Ausland, wo andere
Länder bestrebt waren, das zu kaufen, was sie selbst nicht produzieren konnten.
Im

-2-

�Im Laufe der Jahre entstand jedoch ein grundlegend neues wirtschaftliches
Kräfteverhältnis in der Welt. In nur einer Generation entwickelte sich beispielsweise Japan aus der Zerstörung heraus zur zweitgrößten Wirtschaftsmacht in der
freien Welt. Ein ähnlicher und früherer Übergang vollzog sich auch in Europa.
Die Bildung der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft beschleunigte diesen Prozeß,
und es entstand eine mächtige neue Wirtschaftseinheit.
Im Zuge dieser Entwicklung wurden einstmals schwache Währungen stark. Die
amerikanischen Exporte sahen sich auf den Weltmärkten einer starken ausländischen
Konkurrenz gegenüber. Zahlreiche Länder bemühten sich mit Nachdruck um eine starke
Handels-und Zahlungsbilanzposition und erhielten sie aufrecht. Aufgrund dieser
Entwicklung wurden die Defizite in der amerikanischen Zahlungsbilanz chronisch,
woraus sich unhaltbare Belastungen und Spannungen ergaben.
Der 15. August machte allen klar, daß es so nicht weitergehen konnte. Die
Vereinigten Staaten waren finanziell wie wirtschaftlich überstrapaziert. Ein neues
wirtschaftliches Kräfteverhältnis mußte hergestellt werden - ein Verhältnis, das
die neuen wirtschaftlichen Realitäten der Welt reflektierte und das mit einem liberalen, nach außen orientierten Klima für Handel und Investitionen in Übereinstimmung stand.
Zwei wichtige internationale Maßnahmen wurden im Programm des Präsidenten
vom 15. August angekündigt: die Einführung einer befristeten zehnprozentigen Importabgabe sowie das sogenannte

Schließen des Goldfensters * oder die Aussetzung

der Konvertierbarkeit'.
Das waren harte Maßnahmen, und es waren -aus der Natur der Sache heraus einseitige Maßnahmen. Es waren Maßnahmen einer starken Führung. Sie kündigten die
Notwendigkeit von Änderungen und Reform an. Sie trugen dazu bei, die notwendigen
Sofortmaßnahmen zu fördern.
Auf

�Auf der anderen Seite stellen sie nur einen Anfang dar. Sie bereiteten zwar
den Boden für Änderung und Reform, aber es mußten ihnen weitere Maßnahmen und
Verhandlungen folgen, um den Wandel auf konstruktiven Wegen zu halten.
Dieser Prozeß ist längst vorüber, aber er hat zu wichtigen Verbesserungen
geführt:
- Die Verbesserung unserer Binnenwirtschaftstätigkeit leistet einen wichtigen
Beitrag zur internationalen Währungsstabilität. Kein anderes wichtiges Industrieland kann sich im letzten Jahr mit uns messen, was die Kombination von Wachstum
und Preisstabilität angeht. Was beispielsweise die Verbraucherpreise anbelangt,
so können sich die Vereinigten Staaten mit einer Inflationsrate von 2,9 Prozent
neben Kanada, Italien, Japan, der Bundesrepublik Deutschland, Frankreich und
Großbritannien sehen lassen, wo die Raten von 4,3 Prozent bis 6,3 Prozent reichen. Im Vergleich dazu ist unsere Wirtschaftstätigkeit das Grundrezept für einen
starken Dollar und eine starke Zahlungsbilanz.
- Wir haben mit dem Smithsonian-Abkommen vom Dezember vorigen Jahres eine
große Neuordnung der Weltwechselkurse erreicht. Durch eine Kombination von Dollarabwertung und Aufwertung ausländischer Währungen haben sich die Währungsverhältnisse mit unseren wichtigen Handelspartnern in Europa und mit Japan im Durchschnitt um etwa 11 bis 12 Prozent versdioben. Dies wird mit der Zeit unseren Exporteuren und unserer Zahlungsbilanz einen starken Auftrieb geben. Im Rahmen des
Prozesses waren wir in der Lage, auf die befristete Importabgabe zu verzichten.
- In bestimmten Fällen ist es gelungen, einen Fortschritt beim Abbau der
Handelsschranken für unsere Exporte zu erzielen.
- Und was für die Zukunft noch wichtiger ist, es sind Einvernehmen darüber
erzielt worden, allgemeine Verhandlungen über eine Währungs-und Handelsreform
mit dem Ziel zu führen, eine offene und liberal-orientierte Weltwirtschaft zu
stützen.
Am

-4-

�Am 15. August (1971) herrschte kein allgemeines Einverständnis über die
Notwendigkeit einer Reform - geschweige denn der Wille, damit anzufangen. Es gab
kein internationales Forum,in dem die schwierigen Verhandlungen hätten geführt
werden können. Die wichtigen Länder gaben keineswegs zu, daß ein enger innerer
Zusammenhang zwischen Währungsregeln und Handelsregeln, Investitionspolitik im
Ausland, Steuerpolitik und ähnlichen Dingen besteht.
Heute, so meine ich, sind Einvernehmen, Willen und Forum in weit größerem
Maße vorhanden.
Es wäre töricht,die vor uns liegenden Probleme zu unterschätzen. Wir befinden uns immer noch in einer schwierigen Periode des Übergangs. Die Ereignisse
haben gezeigt, daß die Wiederherstellung unserer Zahlungsbilanz und unserer internationalen Finanzposition einige Zeit braucht. Die Reform des Währungssystems
wird sorgfältiger Verhandlungen über einen längeren Zeitraum hinweg bedürfen.
Hier und im Ausland zeigt sich bereits Ungeduld.
Von Zeit zu Zeit haben die Devisenmärkte jene Unsicherheit gezeigt,die mit
dem Wandel unausweichlich einhergeht.
Wir haben uns daran gemacht,mit diesen zwischenzeitlichen Problemen fertig
zu werden,indem wir sowohl Sofortmaßnahmen getroffen haben als auch auf umfassende Verhandlungen drängen.
Anders als vor einem Jahr sind wir heute der Überzeugung, daß wir vertrauensvoll auf die Verbesserung unseres Handels und unserer Zahlungsbilanz hoffen können. Nach meiner Ansicht haben wir überzeugende Antworten auf die Argumente jener
gefunden, die unsere externen Probleme dadurch lösen wollen, daß sie sich in eine
schützende Muschel verkriechen. Ich glaube, daß jetzt konstruktive Verhandlungen
für eine Reform auf lange Sicht begonnen haben.

Genau

-5-

�Genau gesehen ist die Aufgabe, die uns der Präsident am 15. August vorigen Jahres gestellt hat, erst halb erfüllt. Aber wir können mit dieser ersten
Hälfte zufrieden sein, ohne daß wir die kommende Aufgabe verkleinern wollen.
Niemand sollte sich Illusionen machen, daß es einen leichten Abkürzungsweg
zu Stabilität, Wachstum und Stärke nach außen gäbe. Aber ich kann Ihnen versichern, daß wir es mit der Bewältigung der Aufgabe ernst meinen."

-6-

�amerika dienst
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US-HANDELSMINISTER:WIRTSCHAFTSAUFSCHWUNG UND FREIER HANDEL
Von unserem Sonderkorrespondenten

WASHINGTON --(AD)— Eine deutliche Wende in der Wirtschaft der Vereinigten
Staaten ist nach Feststellung des amerikanischen Handelsministers Peter
Peterson eingetreten. Wie Peterson nach einem Jahr des neuen Wirtschaftsprogramms Präsident Nixons erklärte, steigt die Produktion in Industrie und Landwirtschaft stetig an, während gleichzeitig die Preise unter Kontrolle gehalten
werden. Bei einem fairen Wechselkurssystem müßte damit nach Auffassung
Petersons die amerikanische Handelsbilanz wieder günstiger werden.
Der Handelsminister verwies auf die völlig unterschiedliche Situation der
amerikanischen Wirtschaft Ende der sechziger Jahre und heute. In den Jahren von
1965 bis 1970 lagen die Vereinigten Staaten im Wirtschaftswachstum praktisch
hinter allen ihren großen Handelspartnern zurück, während sie im Preisauftrieb
die Spitze hielten. Heute, so betonte Peterson, weist das reale Wirtschaftswachstum der USA eine Jahresrate von 7,4 Prozent auf - und liegt damit höher
als das Japans - während die Preise nur mit einer Jahresrate von 2,7 Prozent
steigen - was etwa nur die Hälfte des Anstiegs in anderen großen Industrieländern bedeutet.
Folgende

-1-

�Folgende Tabelle gibt einen Vergleich des wirtschaftlichen Wachsturas gemessen an der Veränderung des realen Bruttosozialprodukts (Jahresrate in Prozent):
Land:

1965/70

1960/65

Derzeit

5,3

3,4

7,4

10,0

12,1

6,0

Bundesrepublik Deutschland

5,0

4,6

3,3

Frankreich

5,8

5,8

5,0

Italien

5,3

6,1

3,3

Großbritannien

3,4

2,3

0,3

Kanada

5,5

4,5

5,3

USA
Japan

+)

+) Derzeit heißt für die USA die drei letzten Quartale vor dem 30.Juni 1972,für
die übrigen Länder erstes Halbjahr 1972 gegenüber dem ersten Halbjahr 1971
(•Schätzungen).

Die nächste Tabelle gibt einen Vergleich der Inflationsraten gemessen an dem
Anstieg der Verbraucherpreise (Jahresrate in Prozent):
Land:

1960/65

1965/70

Derzeit

USA

1,3

4,6

2,7

Japan

6,0

5,6

4.8

Bundesrepublik Deutschland

2,8

2,8

5,7

Frankreich

3,8

4,3

5,8

Italien

4,8

2,6

4,8

Großbritannien

3,4

4,6

8,5

Kanada

1,6

3,8

4,4

+)

+) Derzeit heißt für die USA die letzten zehn Monate bis Mai 1972, für die übrigen
Länder die letzten zwei Quartale bis Ende März 1972 gegenüber den letzten zwei
Quartalen bis Ende März 1971.

Die

-2-

�Die Vereinigten Staaten sind, wie Petersen feststellte, noch weit von einer
vollen Kapazitätsauslastung in der Industrie entfernt, so daß genügend Raum für
eine weitere Produkt Jonsausweitung ohne Inflationsgetahr gegeben ist. Leider haben
Rezessionen in anderen Ländern, die traditioneil zu den besten Abnehmern amerikanischer Erzeugnisse gehören, zu einer Verringerung der Exporte der USA geführt.
Während die amerikanischen Exporte langsam wieder ansteigen, gehen die Importe
weiter zurück. Peterson führte hier als Beispiel vor allem die Automobilindustrie
an. Während die Importe ausländischer Kraftwagen nach den USA noch vor einem Jahr
ständig stiegen und schließlich einen Marktanteil von über 20 Prozent erreichten,
ohne daß zunächst ein Ende dieser Entwicklung in Sicht war, sind die KFZ-Importe
jetzt um rund 15 Prozent zurückgegangen. Peterson führte hierfür vier Gründe an:
Die Verkaufssteuer für Autos wurde aufgehoben, die Wirtschaftslage in den USA
besserte sich ganz allgemein, die Arbeitskosten wurden niedrig gehalten und - als
Wichtigstes - der Dollar wurde abgewertet.
Dadurch zogen die Preise ausländischer Wagen der unteren Preisklasse an
- der Datsun um 14 Prozent, der Volkswagen um 8 Prozent. Der amerikanische Pinto
kostete noch vor einem Jahr 185 Dollar mehr als der Datsun, und heute kostet er
15 Dollar weniger. Gerade bei technologisch hochentwickelten Gütern - Autos,Computer n,chemischen Erzeugnissen, Pharmazeutika usw. - hatten die Vereinigten Staaten
immer einen hohen Handelsüberschuß aufzuweisen - manchmal 9 bis 10 Milliarden Dollar im Jahr. Dieser Überschuß wird jedoch gegenwärtig durch das Handelsdefizit
bei Erzeugnissen wie Schuhen, Textilien oder Stahl praktisch aufgezehrt.
Die Situation wurde noch durch die bestehenden unfairen Wechselkurse erschwert, bis der Präsident dann sein dynamisches Programm entwickelte.
Bei Stahl verzeichnete Japan einen außergewöhnlichen Produktivitätsanstieg
gegenüber amerikanischen Stahlwerken. Amerika hat jedoch große Mittel in den Bau
neuer Stahlwerke investiert, und wenn die Produktion in diesen Werken erst richtig
anläuft, dann wird sich die amerikanische Stahlindustrie bei einem fairen Wechselkurs auch wieder behaupten können.
Praktisch

-3-

�Praktisch hat die Neufestsetzung der Wechselkurse nach den Worten Petersons dazu geführt, daß auf dem nicht ausgesprochen technologischen Bereich zahlreiche Erzeugnisse, die bisher nicht wettbewerbsfähig waren, nunmehr den Wettbewerb wieder bestehen können.
Eine dritte Gruppe umfaßt den Rohstoff-und den Energiesektor. Die Vereinigten Staaten benötigen große Mengen an Öl, Kohle usw. und importieren bereits
15 Prozent ihres Bedarfs. Diese Zähl könnte innerhalb von 3o Jahren auf 50 Prozent ansteigen, und das Handelsdefizit könnte damit schnell wieder zunehmen.
Die letzte Gruppe betrifft die Landwirtschaft,wo die Vereinigten Staaten
nach Ansicht des Ministers eine überragende Stellung in der Welterzeugung einnehmen.

Die Produktivität in der amerikanischen Landwirtschaft weist einen so

hohen Stand auf, und die Kosten liegen so niedrig, daß die amerikanischen Agrarerzeugnisse auch bei ungünstigen Wechselkursen oder Handelsschranken - wie bei
der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft - immer noch voll wettbewerbsfähig
sind.
Peterson warnte vor einer Tendenz, die Einfuhren praktisch auf Null herunterzudrücken. In was für einer Welt würde der Verbraucher leben, gäbe es keine
Importe,so fragte der Minister. Und er fuhr fort: "Ich habe den Eindruck, daß
die meisten von uns froh sind über die Importe. Sie bringen uns ein vielfältigeres Angebot

zu niedrigeren Preisen und besseren Qualitäten oder aber Spezia-

litäten,die wir in den Vereinigten Staaten nicht haben. Da es das Ziel der Wirtschaftstätigkeit ist, den Lebensstandard zu heben, sollten wir uns nicht in eine
Situation drängen lassen, in der wir zu der Auffassung kommen, es wäre herrlich,
wenn die amerikanische Industrie 100 Prozent aller Erzeugnisse herstellt."
Dagegen, so betonte Peterson, müßten die Vereinigten Staaten nach einem
Ausgleich ihrer Zahlungsbilanz streben, damit sie für ihre Importe mit ihren Exporten bezahlen können. Wenn die Wechselkurse flexibel genug sind, so sagte er,
"dann glaube ich,sollten wir uns auf das Wettbewerbssystem verlassen, und der
Verbraucher sollte selbst darüber entscheiden, ob seinem Interesse am besten

-4-

�besten durch den Kauf amerikanischer oder ausländischer Kraftwagen gedient ist
Einer der großen Vorteile eines freien und offenen Handelssystems ist, daß es
durch den Wettbewerb einen starken Anreiz für die Binnenwirtschaft bringt."

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NEUES WIRTSCHAFTSPROGRAMM PRÄSIDENT NIXONS EIN JAHR ALT
Von Eugene Brake
WASHINGTON --(AD)— Das von Präsident Nixon zur Eindämmung der Inflation
und zur Wiederherstellung des außenwirtschaftlichen Gleichgewichtes verkündete
neue Wirtschaftsprogramm kann in diesen Tagen auf sein einjähriges Bestehen
zurückblicken - Grund genug, um Rückschau zu halten auf das, was sich in den
zwölf Monaten geändert hat.
Als Präsident Nixon am 15. August 1971 im Weißen Haus dem amerikanischen
Volk und der übrigen Welt die Einzelheiten seines neuen Wirtschaftsprogrammes
bekanntgab, herrschte zunächst allgemeine Bestürzung vor. Neben Überraschung
und Verwirrung bestand in den ersten Tagen weitverbreitet die Furcht, daß die
Vereinigten Staaten für immer einen protektionistischen Kurs einschlagen könnten, um ihre internationalen Handels-und Zahlungsbilanzprobleme zu Lösen.
Aber dies geschah nicht. Das verflossene Jahr hat vielmehr das Gegenteil
bewiesen, daß nämlich das neue Wirtschaftsprogramm in erster Linie auf eine
Wiederbelebung des freien Warenflusses zwischen den Ländern abzielt.
Die im August vorübergehend eingeführte Importabgabe wurde bereits im Dezember wieder aufgehoben und dürfte wohl kaum nachhaltige Auswirkungen auf den
Warenfluß gehabt haben. Die amerikanischen Bemühungen zielten mehr auf einen

-1-

�einen Abbau der Handelsschranken für amerikanische Exportgüter als auf eine Einschränkung des Imports ab. Den wenigen Fällen, zum Beispiel bei Textilien, in
denen die Vereinigten Staaten andere Länder aufgefordert hatten, ihren USA-Export einzuschränken, lag die Absicht zugrunde, dem innenpolitischen Druck entgegenzuwirken,

der in den letzten Jahren verschiedentlich beinahe zur Verab-

schiedung stark protektionistischer Gesetze durch den Kongreß geführt hätte.
Der Beschluß Präsident Nixons, die Konvertierbarkeit des US-Dollar in Gold
auszusetzen, war als Zeichen für die Entschlossenheit der amerikanischen Regierung zu werten, den seit über 20 Jahren ständig anfallenden Defiziten in der
US-Zahlungsbilanz ein Ende zu machen und eine grundlegende Reform des internationalen Währungssystems sicherzustellen, und stand in direktem Zusammenhang mit
dem Wunsch, weiterhin die Prinzipien eines liberalen Handels zu unterstützen.
Wirtschaftliche Prinzipien und Anpassungsprozesse, die sicherstellen sollen,
daß der zwischenstaatliche Handel beiden Seiten Gewinn bringt, können nicht wirken, wenn die Wechselkurse unrealistisch sind und das internationale Zahlungssystem nicht richtig arbeitet. Als Folge der Unzulänglichkeiten des alten internationalen Währungssystems vor dem 15. August vergangenen Jahres waren weite
Kreise der amerikanischen Arbeiterschaft wie auch der amerikanischen Industrie
zu der Auffassung gelangt, daß sie durch den schnell wachsenden Import geschädigt
oder in ihrer Existenz bedroht würden, während ausgleichende Gewinne beim Export
oder sonstwo in der Wirtschaft nicht zu erkennen seien.
Die Neufestsetzung der Wechselkurse durch das Smithsonian-Abkommen vom vergangenen Dezember dürfte wesentlich dazu beitragen, diese Auffassung zu entkräften, wenn erst die neuen Wechselkurse im Handel voll durchschlagen, was nach
Ansicht der Experten zwei Jahre und länger dauern kann.
Eine einmalige Neufestsetzung der Wechselkurse wird jedoch nur vorübergehend
Erleichterung verschaffen, es sei denn, daß die Länder sich bei ihrer künftigen

-2-

�künftigen Währungs-und Handelspolitik an akzeptierbare Verhaltensnormen halten.
Aus diesem Grunde haben die Vereinigten Staaten auch während des vergangenen
Jahres auf umfassende und sorgfältige Studien gedrängt, die zu einem völlig
neuen internationalen Währungssystem, einer neuen Fairneß in Handelsfragen und
einer neuen Runde globaler Handelsverhandlungen führen sollen, in denen der Weg
zu einer gegenseitigen Senkung aller Formen von Handelsschranken geebnet werden
könnte.
Einer der möglicherweise bedeutsamsten Erfolge des neuen Wirtschaftsprogramms
Präsident Nixons ist die Vereinbarung, innerhalb des Internationalen Währungsfonds (IWF) eine Gruppe von 20 Ländern einzusetzen, die ein neues internationales
Währungssystem konzipieren soll. Da die meisten dieser 20 Staaten Ländergruppen
repräsentieren, werden die Interessen aller IWF-Mitglieder - der Entwicklungsländer wie auch der Industriestaaten, der kleinen Nationen wie auch der wirtschaftlichen Giganten - vertreten sein. Die erste Konferenz soll in der letzten
Septemberwoche stattfinden, wenn der IWF seine reguläre Jahrestagung abhält.
Von ebenfalls potentiell großer Bedeutung ist die Tatsache, daß mehrere andere Nationen sich den Vereinigten Staaten angeschlossen haben,um mit ihnen die vorbereitenden Arbeiten für die vorgeschlagene neue Runde umfassender Handelsverhandlungen zu leisten.
Aber auch die binnenwirtschaftlichen Erfolge des neuen Wirtschaftsprogramms
Präsident Nixons wirken sich auf die außenwirtschaftliche Seite aus. Den Vereinigten Staaten ist in den vergangenen Monaten eine Reduzierung der Inflationsrate
gelungen, und sie stehen auch hier besser als die meisten anderen Industriestaaten da, die ihre natürlichen Konkurrenten auf den Weltmärkten sind.Setzt sich
diese Entwicklung weiter fort, so wird sie zu einer Stärkung der amerikanischen
Handelsposition wie auch der amerikanischen Zahlungsbilanz führen.
Die

-3-

�Die derzeitige starke Wirtschaftsexpansion in den USA, die sich zu einer
Zeit vollzieht,in der sich das wirtschaftliche Wachstum in einigen Ländern verlangsamt hat, die wichtige Absatzmärkte für den US-Export bilden , könnte zu
einem gewissen Hinauszögern der erwarteten Verbesserung der amerikanischen Handelsbilanz führen. Er könnte ferner die Wirkung, die von der Neufestsetzung der
Wechselkurse ausgeht, bei einigen Ländern dämpfen, die anderenfalls nachteilig
betroffen werden gönnten. Auf lange Sicht wird eine starke, nicht-inflationistische Expansion der amerikanischen Wirtschaft mit zur Verbesserung der amerikanischen Handelsbilanz beitragen und zwar dadurch, daß im Rahmen einer stetigen
Ausweitung des Welthandels die Exporte zunehmen, und nicht dadurch, daß die Importe aus anderen Ländern eingeschränkt werden.
Auf all diesen Gebieten - der Schaffung eines neuen internationalen Währungssystems, den Verhandlungen über neue Handelsnormen, der Wiederherstellung eines
gesunden Ausgleichs der amerikanischen Zahlungsbilanz, der Abwehr des protektionistischen Drucks, der Öffnung des Weges für ein gesundes Wirtschaftswachstum

-

sind die Fortschritte bisher recht beachtlich gewesen. Allerdings bleibt noch
viel zu tun übrig. Eine endgültige Bewertung der Ergebnisse des neuen Wirtschaftsprogramms Präsident Nixons muß daher einem späteren Jubiläum vorbehalten
bleiben.

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EINE KRANKHEIT WURDE ENTSCHÄRFT
Intensivtherapie verbessert Prognose bei Lupus erythematodes

--(AD)-- Die Ursache ist noch nicht genau bekannt. Lupus erythematodes, in der
Medizin meist nur mit der Abkürzung SLE bezeichnet, im Volksmund "Zehrrose"
genannt, könnte genetisch bedingt sein. Aber vielleicht spielen bei der Erkrankung auch Viren eine Rolle. Der Organismus des Kranken bildet Antikörper ge
gen Desoxyribonukleinsäuren (Zellkernmoleküle) sowie große Mengen von Gamma
globulin, was auf Abwehrreaktionen schließen läßt. Jedoch scheinen diese Reaktionen auiier Kontrolle zu geraten, weshalb SLE auch zu den Autoaggressionskrankheiten gerechnet wird. Bestimmte Medikamente können ebenfalls zu einem typischen
SLE-Krankheitsbild mit zunächst polyarthritischen Beschwerden, schmetterlings»
förmigen Hautausschlägen - vor allem im Gesicht und an anderen, nicht von Kleidung bedeckten Partien - und, im weiteren Verlauf, zu Organschädigungen führen
Wird diese Allergie im Frühstadium erkannt, ist nach Absetzen der Medikamente
die Ausheilung möglich. Bei der echten SLE-Erkrankung dagegen ist die Prognose
normalerweise ungünstig.
Daß

-l-

�Daß sich der Verlauf dennoch beeinflussen läßt, zeigte ein über mehrere
Jahre durchgeführtes Gruppenexperiment von Dr. Wallace V.Epstein von der Universität Kalifornien in San Francisco. Über das Ergebnis berichtete er auf einer
Tagung der amerikanischen "Arthritis Foundation". In der von Epstein und Mitarbeitern betreuten Gruppe stieg die Uberlebensrate im Fünf-Jahres-Zeitraura von
20-30 Prozent auf 80 Prozent. Die allgemeine Situation der Patienten - in der
überwiegenden

Mehrzahl werden Frauen von der Erkrankung betroffen - verbesser-

te sich in auffallender Weise.
Die 67 Kranken, von denen es bei 31 bereits zu schweren Nierenschädigungen
gekommen war, wurden zu einer sogenannten "Lupus-Gruppe" zusammengefaßt. Mit
häufigen Blut-und Urinuntersuchungen stand jeder einzelne unter äußerst sorgfältiger ärztlicher Kontrolle. Es zeigte sich, daß dann ein neuer Krankheitsschub
bereits in einem Stadium erfaßt und durch entsprechende medikamentöse

Behandlung

zumindest abgeschwächt werden konnte, wenn ihn der Patient noch gar nicht gewahr
geworden war. Vor allem versuchte man bei den Patienten, deren Nieren noch nicht
betroffen waren, die Schädigung dieses Organs zu verhindern - mit beachtlichem
Erfolg. Die wichtigsten Medikamente waren dabei Prednison und Chlorambucil, das
zu den Präparaten zur Unterdrückung von Immunreaktionen gehört.
Die höheren Überlebensraten schreibt Dr. Epstein aber weniger den Medikamenten oder der Dosierung der verordneten Präparate zu, sondern in erster Linie der
fortlaufenden Überwachung der Kranken. Dadurch werden ungünstige Nebenwirkungen
der Medikamente auf ein Mindestmaß reduziert und irreversible Gewebeschädigungen
im größtmöglichen Umfang verhindert. Die "Lupus-Gruppe" kam außerdem zweimal im
Monat zusammen, damit die Patienten untereinander Erfahrungen austauschen konnten und besser lernten, mit der Krankheit zu leben. Anscheinend trug diese Ai*
der Gruppentherapie viel dazu bei, dem einzelnen die Angst vor der Zukunft zu
nehmen. Es gab z.B.keine Selbstmordversuche mehr, die bis dahin relativ häufig
waren. Der Patient wird durch das Gespräch mit Leidensgenossen mit dem klinischen
Verlauf der Krankheit in einer Form vertraut gemacht, die ihn weitaus weniger

-2-

�weniger erschreckt,als wenn er plötzlich Nebenwirkungen oder Reaktionen wie
Haarausfall nur an sich selbst beobachtet. Für ihn ergibt sich dann auch eine
viel bessere Grundlage, um mit den Ärzten im Verlauf der eigenen Behandlung
vertrauensvoll zusammenzuarbeiten.

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IMMUNREAKTIONEN MIT FREMDER THYMUSDRÜSE

--(AD)-- Einem 10 Wochen alten Kind wurde in einer Klinik der GeorgetownUniversität (Washington) eine fremde Thymusdrüse in die Bauchwand implantiert .
Bereits sechs Stunden nach der Operation konnten bei dem Baby Immunreaktionen
festgestellt werden, die vor der Operation völlig fehlten. In den meisten
Fällen sind genetische Ursachen anzunehmen, wenn sich bei Kindern herausstellt, daß die Thymusdrüse nur ungenügend ausgebildet oder funktionsunfähig
ist. Diese spielt jedoch für den Aufbau und die Entwicklung des lymphatischen
Systems und bei der Abwehr von Infektionen eine wichtige Rolle. Sie zählt,
wie Blinddarm und Mandeln,zu den primären Immunitätsorganen»
Das Implantat war in eine Diffusionskammer eingeschlossen, so daß Zellen,
die dem Empfängerorganismus möglicherweise hätten schaden können, nicht ausdringen konnten. Dagegen konnten Nährstoffe aufgenommen werden, die für den
Stoffwechsel der Thymuszellen notwendig sind. Diese vermochten jene Wirkstoffe
zu produzieren, die nach dem Ausdiffundieren aus der Kammer über den Kreislauf
das Immunsystem des Körpers "einschalten" konnten. Die Kammerwandung hatte
die Funktion einer porösen Membran, die nur bestimmte Stoffe nach jeder Richtung
durchläßt.
Dr.

�Dr. Russell W. Steele, der mit finanzieller Unterstützung des "Nationalinstituts für Pädiatrie und menschliche Entwicklung" (ein Institut der medizinischen Bundesforschungsanstalten der USA-N1H) an der pädiatrischen Abteilung
der Georgetown-Universität als Forscher tätig ist und die Implantation durchführte, wies nach, daß in dem speziellen Fall das Fehlen der Thymusdrüse beim Neugeborenen familiär bedingt ist. Ein als Säugling verstorbener Halbbruder des
Babies war ohne Thymus und Nebenschilddrüsen geboren worden, bei der Mutter ist
das Immunsystem erheblich beeinträchtigt. Daraus ergebe sich die große Bedeutung
der Untersuchung aller Familienmitglieder, wenn bei einem Neugeborenen ThymusAplasie festgestellt wird.
Acht Tage nach der Operation starb das operierte Kind infolge von Atemnot,
die mechanische Ursachenhatte. Bei der Autopsie konnte an Hand der Gewebekulturen
keine Infektion festgestellt werden. Nach Ansicht Dr. Steeles gab es keinen Zusammenhang zwischen der Operation und dem Tod des Kindes. Er vertritt die Meinung, daß eine Wiederherstellung der Immunreaktionen nicht nur bei Infektionen,
sondern auch bei malignen Prozessen Bedeutung haben könnte.

+++

�</text>
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                <text>&lt;p&gt;&lt;strong&gt;1. Dokumentation&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Nixon ersucht Senat um Ratifizierung der Konvention über ein Verbot bakteriologischer Kampfmittel&lt;br /&gt;&lt;em&gt;- Wortlaut der Botschaft des Präsidenten an den US-Senat -&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Information&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;U.Alexis Johnson für Verbesserung der Beziehungen zu Moskau und Peking&lt;br /&gt;&lt;em&gt;- Auszüge aus einer Rede des US-Staatssekretärs -&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Freie Information unerwünscht?&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Sowjetunion gegen US-Pläne für Satellitensendungen mit Heimempfang&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Wirtschaft&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Präsident Nixon weist auf wirtschaftliche Erfolge hin&lt;br /&gt;&lt;em&gt;- Vorwort zur Broschüre "Die Wirtschaft Mitte 1972" -&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Das internationale Währungssystem&lt;br /&gt;&lt;em&gt;- Auszug aus der Broschüre "Die Wirtschaft Mitte 1972" -&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Die amerikanische Zahlungsbilanz 1972&lt;br /&gt;&lt;em&gt;- Auszug aus der Broschüre "Die Wirtschaft Mitte 1972" -&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Initiativen für Handelsverhandlungen&lt;br /&gt;&lt;em&gt;- Auszug aus der Broschüre "Die Wirtschaft Mitte 1972" -&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Volcker würdigt neue Wirtschaftspolitik Präsident Nixons&lt;br /&gt;&lt;em&gt;- Wortlaut -&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;US-Handelsminister: Wirtschaftsaufschwung und freier Handel&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Von Eugene Brake&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;4. Wissenschaft und Technik&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Eine Krankheit wurde entschärft&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Immunreaktionen mit fremder Thymusdrüse&lt;/p&gt;</text>
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\ ü N

$ &lt;

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16. August 1989

31
DOKUMENTATION
Bush sieht künftiges Europa ohne Berliner .Mauer
- Erklärung zum 28. Jahrestag des Mauersbaus -

INFORMATION
Ppv«JJ_je_ilt_ in seiner neuen Position ein hervorragender Ruf voraus
- Porträt des designierten Vorsitzenden der Vereinigten Stabschefs

HINTERGRUNDMATERIAL
Stand der Rüstungskontrollverhandlungen
-"wöchentliche "Übersicht WISSENSCHAFT UND TECHNIK
Baker: Kampf gegen Drogen oberstes Ziel amerikanischer Politik
- US-Außenminister fordert wirksame internationale Strategie -

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Dokumentation
31

16. August 1989

BUSH SIEHT KÜNFTIGES EUROPA OHNE BERLINER MAUER
- Erklärung zum 28. Jahrestag des Mauerbaus WASHINGTON - (AD) - Einer Erklärung Präsident Bushs zum 28. Jahrestag des
Baus der Berliner Mauer zufolge hat sich "eine historische Gezeitenwende vollzogen".
Die Welt strebe heute nach einer "Zukunft Europas in Einheit und
Freiheit", in der "Berlin, das deutsche Volk und Europa nicht länger von einer
Mauer geteilt sind".
Nachfolgend veröffentlichen wir die Erklärung des Präsidenten im Wortlaut:

Vor 28 Jahren wurde im Herzen
Berlins eine Barriere aus Stahl und
Beton errichtet. Sie steht dort noch
immer - und sie ist heute mehr denn
je das Relikt einer vergangenen Epoche und einer gescheiterten Philosophie.
Der Stacheldraht, der eine großartige
Stadt durchschnitt, brachte
zudem in krasser, unmenschlicher Weise die unnatürliche Teilung Europas
zum Ausdruck.
Über die von ihr in
all den Jahren verursachten tragischen Folgen hinaus - etwa die brutale Trennung von Freunden und Verwandten -, hat die Berliner Mauer die
freie Welt mit einer ihr gänzlich
fremden Vision geschlossener Gesellschaften konfrontiert, in denen die
Grundfreiheiten verweigert werden.

Die mutige Bevölkerung von WestBerlin hütet für uns alle das kostbare Feuer der Freiheit. Die Stadt gedeiht und profitiert von ihrem innovativen Geist und der Ausweitung internationaler Bindungen. Ihre kulturelle Vielfalt, ihr wirtschaftlicher
Elan und ihr politischer Pluralismus
sind Früchte des grenzenlosen Ideenreichtums, der in einer demokratischen Gesellschaft zum Tragen kommt.
Die Vereinigten Staaten sind stolz
darauf, zur Freiheit und Lebensfähigkeit Berlins beigetragen zu haben.
Wir stehen weiterhin fest zu unserer
Verpflichtung, die Sicherheit und das
Wohlergehen der Stadt zu sichern. In
einem Jahr, in dem sich die Luftbrükke zum vierzigsten Male jährt, kommen
diesen
historischen Bindungen
zwischen Amerikanern und Berlinern eine

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�besondere Bedeutung zu.
Die Vereinigten Staaten engagieren sich darüber hinaus für die Verbesserung der Lebensbedingungen der
Berliner und streben danach, den Tag
näherrilcken zu lassen, an dem die
Stadt wieder ungeteilt ist. Zusammen
mit unseren britischen und französischen Alliierten haben wir eine Initiative vorgeschlagen, mit der solche
Fortschritte verwirklicht werden sollen. Wir möchten, daß Berlin durch
erweiterte Flugverbindungen verstärkt
Zugang zur Welt erhält, daß die Stadt
ein Zentrum internationaler Begegnungen und sportlicher Wettbewerbe wird,
und wir wollen Begegnungen zwischen
den Menschen fördern, die zu besserem
Verständnis führen.
Wie ich am 31. Mai in Mainz erklärt habe, möchten wir Berlin zu einem Ort der Zusammenarbeit machen,
nicht zu einem Ort der Konfronta-

tion. Wir haben die Sowjetunion aufgefordert, ihrer Verantwortung für
Berlin im Rahmen des Viermächtestatus
gerecht zu werden und mit uns bei der
Verwirklichung dieser Ziele zusammenzuarbeiten. Wir warten weiterhin auf
eine - wie wir hoffen - positive Antwort.
Wir begehen diesen traurigen Jahrestag mit neuer Entschlossenheit,
die Teilung Berlins und Europas zu
überwinden. Stellvertretend für das
Volk der Vereinigten Staaten bekräftige ich die Verpflichtung dieser Nation für die Freiheit und den Wohlstand Berlins.
Eine
historische
Gezeitenwende
hat sich vollzogen, und heute streben
wir nach einem Europa in Einheit und
Freiheit. Wie wir heute den Jahrestag des Mauerbaus begehen, so werden
wir unweigerlich einen Tag erleben,
an dem Berlin, das deutsche Volk und
Europa nicht länger geteilt sind.

* * * * *

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V,DN #

16. August 1989

31

POWELL EILT IN SEINER NEUEN POSITION EIN HERVORRAGENDER RUF VORAUS
- Porträt des designierten Vorsitzenden der Vereinigten Stabschefs -

hochrangige
schwarze Offizier des
amerikanischen Heeres wird ranghöchster Offizier aller Teilstreitkräfte
sein, wenn ihn der Senat in seinem
Amt bestätigt.

Als Vorsitzender der Vereinigten
Stabschefs unterstehen Powell alle
amerikanischen
Teilstreltkräfte.
Diese Aufgabe hat größere Bedeutung
als jemals zuvor. Seit dieses Amtes
im Jahr 1947 ins Leben gerufen wurde,
hat der Vorsitzende die Aktivitäten
der Stabschefs von Heer, Marine,
Luftwaffe und Marinekorps koordiniert. Im Laufe der Amtszeit des gegenwärtigen
Vorsitzenden,
Admlral
William Crowe, hat der Kongreß eine
Änderung der mit diesem Amt verbundenen Aufgaben vorgenommen.

Die Betätigung gilt als fast sicher, da Powell bei den Kongreßabgeordneten wie auch bei den Streitkräften und den amerikanischen Verbündeten im Ausland hohes Ansehen genießt.

Der Vorsitzende ist nunmehr, ungeachtet in welcher der vier Teilstreitkräfte er bisher gedient hat,
direkter
Oberkommandierender
der
Streitkräfteverbände und höchster Mi-

WASHINGTON - (AD) - Dem General
des Heeres Colin Powell eilt der Ruf
von guter Urteilsfähigkeit, Intelligenz und Diplomatie für sein Amt als
Vorsitzender der Vereinigten Stabschefs voraus.
Powell wurde am 10. August 1989
von

Präsident

Bush

nominiert.

Der

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�litärberater des Präsidenten.
Im
Hinblick auf die Kommandostruktur bedeutet das, er ist lediglich Bush und
Verteidigungsminister Cheney gegenüber verantwortlich.

1958 schloß er die Offiziersausbildung ab und wurde Leutnant im
Heer.
Von 1962-63 kämpfte er in
Vietnam. Er wurde verwundet und erhielt das Purple Heart.

Powell muß Cheney beraten, wie
Ausgabenkürzungen für Programme des
Pentagons in der gegenwärtig schwierigen Haushaltslage zu verwirklichen
sind.

Powell kehrte 1968 nach Vietnam
zurück, befehligte ein Jahr lang als
stellvertretender Kommandeur ein Infantriebataillon
und
war
später
Stabsoffizier im Divisionshauptquai—
tier. Er wurde zum Kommandeur eines
Infantriebataillons in Südkorea und
später zum Kommandeur einer in den
Vereinigten
Staaten
stationierten
Brigade befördert.

Schließlich besteht die wichtigste Aufgabe Powells wohl darin, amerikanische politische Entscheidungsträger über die Implikationen von Rüstungskontrollvorschlägen
etwa
zum
Abbau amerikanischer und sowjetischer
Waffenarsenale oder den noch schwierigeren Vorschlägen bei den Verhandlungen über die Verringerung strategischer Rüstungen (START) zu beraten.
Powell genießt ebenso wie Crowe
den Ruf eines militärischen Vordenkers. Er gilt allgemein als vorbildlicher Offizier und vereinigt große
militärische Erfahrung mit politischem und diplomatischem Geschick.
Er verfügt über Erfahrung bei Gipfeltreffen der Supermächte und im Umgang
mit Spitzenpolitikern.
Der Amtsanwärter steht bei den
amerikanischen Verbündeten in hohem
Ansehen. Ein Berater der britischen
Premierministerin Thatcher bezeichnete Powell einmal als den Militärvertreter, der ihn am meisten beeindruckt habe.
Seit Beginn der Bush-Administration hat Powell als Kommandeur aller
Streitkräfte auf dem amerikanischen
Kontinent gedient - als Oberkommandierender der Streitkräfte, dem größten Befehlsbereich der amerikanischen
Streitkräfte.
Powell wurde am 5. April 1937 als
Kind jamaikanischer Einwanderer in
New York City geboren. Er erwarb an
der City University of New York ein
Bakkalaureat in Geologie und an der
George Washington University einen
Magister in Betriebswirtschaft.

1972 hatten Powells hervorragende
militärische Leitungen die Aufmerksamkeit hochrangiger Regierungsvertreter erregt. Daraufhin erhielt er
1977 eine Stellung im Büro des Verteidigungsministers. In den nächsten
Jahren stieg sein Bekanntheitsgrad im
Pentagon, und 1983 wurde er schließlich persönlicher Militärberater des
damaligen
Verteidigungsministers
Caspar Weinberger.
1986 übernahm
Powell erneut einen Befehlsbereich
als Kommandierender General des Fünften Korps, eines Teils der US-Streitkräfte in Westeuropa.
Vielleicht fühlte sich General
Powell wohler als Führer von Soldaten, als er 1987 zunächst das Angebot
für die Mitarbeit im Stab des Nationalen
Sicherheitsberaters
Franks
Carlucci ausschlug.
Powell änderte
seine Meinung über den Eintritt in
den Nationalen Sicherheitsrat (NSC)
erst, als Präsident Reagan ihn persönlich um die Übernahme des Amts
bat. Als Carlucci Verteidigungsminister wurde, bestimmte Reagan Powell
zum Nationalen Sicherheitsberater und
Leiter des NSC.
Diese Beförderung zum Leiter des
NSC wurde vom damaligen stellvertretenden Führer der Republikaner im Repräsentantenhaus, Cheney, unterstützt.
Im Pentagon erklärte der Sprecher
Pete Williams am 10. August, Cheney
sei mit dem jetzt nominierten Vorsit-

�zenden der Vereinigten Stabschefs zusammengetroffen, als dieser das V.
Korps in der Bundesrepublik befehligte.
Darüber hinaus arbeiteten sie zusammen, als der damalige Abgeordnete
Cheney in den Ausschüssen zur IranContra Affäre und des Nachrichtendienstes tätig war, während Powell
als Carluccis Berater beim NSC fungierte.
"Sie arbeiteten besonders intensiv an Problemen wie der Finanzierung
der Contras, so daß bei zu Cheneys
Amtszeit viel miteinander zu tun hatten. Cheney hat eine sehr hohe Meinung von General Powell,"
erklärte
Williams.
Unmittelbar
vor Aufgabe
seines
Amtes
nominierte
Präsident
Reagan
Powell
für
seine
Beförderung
vom
Drei-Sterne-General zum Vier-SterneGeneral .

* * * * *

�AMERIKA DIENST
Hintergrundmaterial
16. August 1939

31

STAND DER RÜSTUNGSKONTROLLVERHANDLUNGEN
- Wöchentliche Übersicht -

WASHINGTON - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die am 11. August 1989
vom US-Informationsamt (USIA) herausgegebene Übersicht über den Stand der
START-Verhandlungen, Krasnojarsk, SLCMs, Sari Shagan, SDI, ACDA und chemische
Waffen.

Keine Reaktion der Sowjets auf
amerikanische START-Initiative

die

Die sowjetischen Unterhändler haben nicht offiziell auf die während
der am 7. August 1989 in Genf zu Ende
gegangenen jüngsten Runde der Verhandlungen
über
die Verringerung
strategischer Rüstungen (START) unterbreitete amerikanische Verfizierungsinitiatlve reagiert.
Der sowjetische Chefunterhändler
Juri Nasarkin räumte nur ein, die
vorgeschlagenen amerikanischen Verifizierungsmaßnahmen
"könnten
hilfreich" sein.
Der amerikanische ChefUnterhändler
bei
den
START-Verhandlungen,
Richard Burt, ist der Ansicht, beide

United States Information Service
Embassy of the United States of America

Seiten seien in der Lage gewesen,
"den Grundstein für ein hoffentlich
konstruktives Gespräch zwischen Außenminister Baker und seinem sowjetischen Amtskollegen Schewardnadse zu
legen", wenn sich beide im nächsten
Monat in den Vereinigten Staaten
treffen.
Der amerikanische Verifizierungsvorschlag behandelt Themen wie die
kontinuierliche Überwachung bestimmter Produktionsstätten für ballistische Raketen und den Datenaustausch
über Nuklearstreitkräfte.
Die Initiative soll Burt zufolge verwirklicht werden bevor ein Vertrag geschlossen ist, um die Verhandlungen
zu "beschleunigen".
"Obwohl bei den Gesprächen kein

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Telex: 8-85432

�größerer Durchbruch zu verzeichnen
war, wurden Fortschritte in kleinen,
aber entscheidenden Bereichen des 450
Seiten umfassenden Vertragsentwurfs
erzielt", erklärte Burt und fügte
hinzu: "Wir halten den Kurs auf stabilisierende Reduzierungen, mit denen
das Risiko eines Nuklearkriegs in den
neunziger Jahren und darüber hinaus
abgebaut wird."
Burt zufolge ist die amerikanische Position im Hinblick auf ein
Verbot mobiler Interkontinentalraketen (ICBMs) "derzeit unverändert".
Die Administration könne diese Position überdenken, wenn beide Seiten
"sich auf Bestimmungen einigen, mit
denen die wirksame Verifizierung zahlenmäßiger Obergrenzen bei mobilen
ICBM-Systemen ermöglicht wird", erklärte er. Die Sowjets besitzen bereits zwei einsatzfähige Systeme,
während die Bush-Administration versucht, zwei Systeme zu stationieren.
Zwischen beiden Seiten bestehen
noch Meinungsverschiedenheiten bezüglich der Grenzen bei ICBM-Gefechtsköpfen, luftgestützten Marschflugkörpern und den Zählvorschriften für
strategische
Bomber,
seegestützte
Marschflugkörper sowie im Hinblick
auf die sowjetischen Bestrebungen,
ein Junktim zwischen START und dem
ABM-Vertrag herzustellen.
Die nächste Runde der START-Verhandlungen beginnt am 25. September
1989.

Keine Lösung der Kontroverse über
das Radar von Krasnojarsk in Sicht
Dem amerikanischen Unterhändler
bei den amerikanisch-sowjetischen Gesprächen über die Verteidigung im
Weltraum (DST) zufolge ist keine Lösung der Kontroverse über das Radar
von Krasnojarsk in der Sowjetunion in
Sicht.
Botschafter Henry Cooper erklärte
am 7. August 1989, "bis die Probleme
mit dem Radar von Krasnojarsk zu un-

serer Zufriedenheit gelöst sind, werden die Vereinigten Staaten an ihrer
Politik festhalten, im strategischen
Bereich keine zusätzlichen Rüstungskontrollabkommen zu schließen."
Die Vereinigten Staaten vertreten
die Auffassung, das Radar von Krasnojarsk verletze den ABM-Vertrag aus
dem Jahr 1972 und streben seine vollständige Beseitigung an. "Das Radar
muß mitsamt seinen Grundmauern abgerissen werden", erklärte der Botschafter.
In seiner Ansprache vor der Abrüstungskonferenz am 3. August 1989 unterstrich Botschafter Cooper, daß die
Sowjets "im Bereich der strategischen
Verteidigung bereits sehr viel mehr
tun als die Vereinigten Staaten".
Ihm zufolge sucht "die Größenordnung der zivilen und Luftverteidigung
der Sowjetunion ihresgleichen in der
Welt" und "einige ihrer Aktivitäten
gehen eindeutig über die Grenzen des
ABM-Vertrags hinaus".

SLCM-Verfizierungsverfahren
nicht zuverläßig

noch

Trotz
"detaillierter"
Studien
sind die Vereinigten Staaten weiterhin der Überzeugung, daß es keine
"wirksame" Art und Weise der Verifizierung seegestützter Marschflugkörper (SLCM) gibt.
Botschafter Richard Burt gab eine
Erklärung zu dem kürzlich von amerikanischen und sowjetischen Wissenschaftlern im Schwarzen Meer durchgeführten Experiment zur Identifizierung nuklearbestückter SLCMs ab.
"Die angeblich geeignete verfügbare Technologie zum Aufspüren nuklearer SLCM-Gefechtsköpfe
in großer
Entfernung und zur Unterscheidung von
anderen Nukleargefechtsköpfen ist in
beiden Fällen unzuverlässig", erklärte Burt.
Burt

zufolge

ist die beste Art

�und Weise, die Umgehung eines Abkommens über SLCMs zu verhindern, "Berechenbarkeit herzustellen und beiden
Seiten eine Idee dessen zu vermitteln, was die andere Seite plant".

*

Unverbindliche
Absichtserklärungen zu den SLCM-Plänen beider Seiten
sind "der beste Weg", so Burt.
"Da
nuklearbestückte
SLCMs
für
einen
Erstschlag weder geeignet noch durch
ihn verletzbar sind", erklärte Burt,
"vertreten
die Vereinigten Staaten
die Auffassung, daß der amerikanische
Vorschlag beiden Ländern die praktischsten Mittel an die Hand gibt, um
Vertrauen aufzubauen, daß nuklearbestückte SLCMs die START-Obergrenzen
nicht umgehen."

Beobachter haben nur eine
sche Laser-Anlage besichtigt

Sowjetische
Regierungsvertreter
nehmen an, bei der Anlage handele es
sich um eine wissenschaftliche Forschungseinrichtung, in der Niederleistungslaser gegen sowjetische Flugzeuge und Satelliten eingesetzt werden.

Bush benennt Hanmer zum neuen Stellvertretenden Direktor der ACDA
Präsident
Bush
beabsichtigt,
Stephen Read Hanmer zum neuen Stellvertretenden Direktor der amerikanischen
Rüstungskontroll- und
Abrüstungsbehörde (ACDA) zu nominieren.

sowjeti-

Das amerikanische Verteidigungsministerium hält an der Aussage fest,
daß Kongreßmitglieder und Privatpersonen, die im Juli die Sowjetunion
besuchten, nur eine der zahlreichen
sowjetischen
Laser-Anlagen
in Sari
Shagan gesehen haben.
Nach Ansicht der von der inoffiziellen Reisegruppe zur Verfügung gestellten
Videobänder
erklärte
das
Verteidigungsministerium am 3. August
1989, daß in der Anlage in Sari
Shagan
"andere
Laser-Einrichtungen
untergebracht sind", die eine Bedrohung der nationalen Sicherheit der
Vereinigten Staaten darstellen könnten.

\
J

kanische Forscher an, daß in Sari
Shagan ein Hochenergielaser zur Satellitenabwehr untergebracht ist.

Dem Verteidigungsministerium zufolge sollte die von den Amerikanern
besichtigte Anlage "nicht als repräsentativ für den sowjetischen Stand
der Waffentechnik angesehen werden"
mit dem Hinweis, daß "es eine Reihe
anderer sowjetischer Anlagen gibt ...
die sich mit Forschung und Entwicklung von Laserwaffen befassen".
In der vom Pentagon jährlich veröffentlichten
Publikation
Die
sowjetische Militärmacht deuten ameri-

Hanmer, der im Rahmen der amerikanisch-sowjetischen
Verhandlungen
über Kern- und Weltraumwaffen amerikanischer Chefunterhändler für strategische Offensivwaffen war, würde
Nachfolger von George Murphy.
Hanmer hat eine Reihe ziviler Positionen im Verteidigungsministerium
bekleidet und war auch bei der amerikanischen NATO-Vertretung.

Sowjets
akzeptieren
den
Vorschlag
frühzeitiger Vor-Ort-Inspektionen von
Chemiewaffenanlagen
Jüngsten
Berichten
zufolge hat
die
Sowjetunion
dem
amerikanischen
Vorschlag zur Inspektion von Chemiewaffenanlagen zugestimmt, noch bevor
ein Vertrag über das weltweite Verbot
dieser Waffen geschlossen ist.
Frühzeitige
Inspektionen
werden
voraussichtlich
Meinungsverschiedenheiten zwischen beiden Seiten über
den Umfang des sowjetischen Chemiewaffenbestands beilegen.
Schätzungen
über den Umfang des Bestands variieren zwischen 50 000 bis 300 000 Tonnen.
Informelle

amerikanisch-sowjeti-

�sehe Gespräche über technische Einzelheiten bei Chemiewaffen werden erwartungsgemäß im August in Genf aufgenommen.

*****
- 4 -

i

l

�AMERIKA DIENST
VON

4

Wissenschaft und Technik

31

16. August 1989

BAKER: KAMPF GEGEN DROGEN, OBERSTES ZIEL AMERIKANISCHER POLITIK
- US-Außenminister fordert wirksame internationale Strategie -

(AD) - Präsident George Bush erklärte
während seines Europabesuchs, daß die
neue Welt jetzt rasch Gestalt annimmt. Es ist eine Welt, in der das
Streben nach Demokratie offensichtlich wird. Aber die Kräfte, die Demokratie
bedrohen,
sind
ebenfalls
deutlich erkennbar: Die Drogenepidemie bedeutet eine direkte Herausforderung für die Demokratie, erklärte
Außenminister Baker kürzlich anläßlich
der
Vereidigung
von
Melvyn
Levitsky als Abteilungsleiter für internationale Suchtstoff-Fragen (INM)
im Außenministerium.
"Wer der Sucht
verfällt, wird bald deren Sklave und
hört auf, ein freier Mensch, ein
freier oder informierter Bürger zu
sein". Und was dem einzelnen geschehe, betreffe auf ganz ähnliche Weise
die gesamte Nation.
Die Drogenmafia

United States Information Service
Embassy of the United States of America

unterwandert
staatliche
Institutionen, bis die Demokratie selbst auf
dem Spiel steht. Demokratie und Drogen
bekämpfen
sich
gegenseitig
"letztlich geht es um unsere Freiheit
und unsere Menschenwürde", erklärte
Baker. In diesem Kampf gibt es keinen Sieger oder Verlierer.
Es ist
ein Kampf an Millionen Fronten, in
jedem Gemeinwesen, in der Schule,
beim Sport und in der Wirtschaft, an
jedem Tag und jedem Ort. Insbesondere der Anbau von Pflanzen, aus denen
Narkotika gewonnen werden, muß in
Südamerika, in der Karibik, in Südostund
Südwestasien
unterbunden
werden. Die USA werden auch künftig
mit den zuständigen Regierungen zusammenarbeiten, um Alternativen für
solche Anpflanzungen zu entwickeln.
Ein weiterer Punkt ist die gemeinsame

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Telex: 8-85432

�Fahndung der Regierungsbehörden, um
die Aktivitäten der Drogenmafia zu
unterbinden, ihre Flugplätze, Labors
und Arsenale zu zerstören, "ehe das
Gift den Weg zu uns findet". Training, technische Hilfe und Informationen
werden
Regierungsstellen
und
Privatwirtschaft von den USA angeboten.
Unser Leben, unsere Familien,
unsere Freiheit und unsere Ehre stehen auf dem Spiel, und deshalb muß
der Kampf gegen Drogen oberstes Ziel
amerikanischer Politik sein.
In einem Kurzlehrgang für Agrarwissenschaftler und Ökologen informierte INM Anfang August über die in
der Landwirtschaft zur Unkrautbekämpfung und zur Vernichtung von Anpflanzungen zur Suchtstoffgewinnung verwendeten Herbizide und deren Auswirkungen auf Gesundheit und Umwelt. An
dem Seminar in Beltsville (Maryland)
nahmen Wissenschaftler der UN-Abteilung für Suchtstoffe in Wien sowie
Experten aus Belize, Jamaika, Kolumbien, Mexiko, Pakistan, Peru, Trinidad und Tobago teil. All diese Länder werden von INM bei der Vernichtung von Drogenanpflanzungen unterstützt.
Die erteilten Informationen
basieren auf Erfahrungen bei der Anwendung von Herbiziden in den Vereinigten Staaten. Die Präparate könnten auch in den genannten Ländern zur
Drogenpflanzenvernichtung, aber ebenso bei landwirtschaftlichen Produktionsprogrammen
eingesetzt
werden,
erklärte Dr. Joe Antognini, Leiter
des
Laboratoriums
für
tropische
Pflanzen
im
US-Landwirtschaftsministerium.
Zu den von INM geförderten Programmen zählen die chemische Vernichtung von Opiummohn mit 2,4-D in Mexiko und Pakistan, die manuelle Vernichtung von Coca-Sträuchern in Peru,
Bolivien, Equador, Brasilien und Kolumbien sowie die manuelle und chemische Vernichtung von Marihuana-Anpflanzungen
in Kolumbien, Jamaika,
Belize, Guatemala und Mexiko.
Als
rihuana

Vernichtungsmittel gegen Mawird normalerweise Glyphosat

eingesetzt, in Mexiko Paraquat. Guatemala benutzt Glyphosat auch zur
chemischen
Bekämpfung
von
Schlafmohn-Anpflanzungen.
In Peru wurden
verschiedene
Herbizide
wie
etwa
Tebuthiuron gegen Coca-Pflanzen erprobt. Die Versuche werden gegenwärtig ausgewertet. All diese Herbizide
werden
in den Vereinigten Staaten
nach Prüfung und Einzelzulassung für
spezielle Zwecke durch die US-Umweltschutzbehörde EPA zur Unkrautbekämpfung
auf
Feldern, Weideland,
auf
Landstraßen, Autobahnen und Grünflächen in Wohngebieten eingesetzt. Paraquat darf allerdings nur mit Sondergenehmigung angewandt werden. Mit
Glyphosat werden im Rahmen der von
Bundesbehörden
durchgeführten
Programme Marihuana-Anpflanzungen in den
USA vernichtet. Manche Bundesstaaten
setzten für den gleichen Zweck das
Präparat 2,4-D ein.
Bevor ein Herbizid bei einem von
der
INM-Abteilung geförderten
Programm verwendet wird, muß ein Gutachten über die Unbedenklichkeit für Umwelt und Gesundheit in dem betreffenden Land oder der betreffenden Region
ausgearbeitet werden.
Die gegenwärtig laufenden Tests in Peru sind Teil
dieses Prozesses, erklärte Eric Rosenquist
vom
US-Außenministerium.
Seminare dieser Art fördern die Zusammenarbeit und Kommunikation zwischen amerikanischen und ausländischen Fachleuten und liefern technische Informationen für die Vernichtung von rauschgifthaltigen Pflanzen
mit Hilfe von Herbiziden.

* * * * *

�</text>
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                <text>&lt;strong&gt;1. Dokumentation&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Bush sieht künftiges Europa ohne Berliner Mauer&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Erklärung zum 28. Jahrestag des Mauersbaus&lt;br /&gt;&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Information&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Powell eilt in seiner neuen Position ein hervorragender Ruf voraus&lt;br /&gt;&lt;em&gt; Porträt des designierten Vorsitzenden der Vereinigten Stabschefs &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Hintergrundmaterial&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Stand der Rüstungskontrollverhandlungen&lt;br /&gt;&lt;em&gt;wöchentliche Übersicht&lt;/em&gt; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;4. Wissenschaft und Technik&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Baker: Kampf gegen Drogen oberstes Ziel amerikanischer Politik&lt;br /&gt;&lt;em&gt;US-Außenminister fordert wirksame internationale Strategie&lt;br /&gt;&lt;/em&gt;</text>
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amcrika
dienet

Herausgeber: U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

Z 12462 C
25

16. August 1995

USA-EUROPA

DIE EUROPAPOLITIK DER ADMINISTRATION
Ausführungen von Richard C. Holbrooke

OSZE

VEREINBARUNGEN VON HELSINKI EBNETEN
DEN WEG ZUR BEENDIGUNG DES KALTEN
KRIEGES
Ansprache des Stellvertretenden Außenministers

KRIEGSVERBRECHEN

USA ÜBERMITTELN KRIEGSVERBRECHERTRIBUNAL INFORMATIONEN ZU BOSNIEN
Erklärung von Mike McCurry

FRAUEN

UNTERSTÜTZUNG DER PEKINGER
FRAUENKONFERENZ
Rede von UNO-Botschafterin Albright

MEDIEN

JOURNALISTISCHE FREIHEIT UND
MENSCHENRECHTE
Prinzipien demokratischer Gesellschaften

GESUNDHEIT

STEIGENDE TEMPERATUREN GEFÄHRDEN
MENSCHLICHE GESUNDHEIT
Auswirkungen der globalen Klimaerwärmung

AIDS

AIDS IST ALPTRAUM FÜR MENSCHHEIT UND
IHRE ENTWICKLUNG
Rede von J. Brian Atwood

Diese Artikel sind elektronisch abrufbar.
Nähere Informationen erhalten Sie bei der
Presseabteilung der Amerikanischen Botschaft
unter den unten angegebenen Adressen.
Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Deichmanns Aue 29
D 53170 Bonn

Tel.: 0 2 2 8 - 3 3 9 23 72
Fax: 0228 - 33 31 38
Internet: bbsbonn@usia.gov

�USA-EUROPA
16. August 1995

Die Europapolitik der Administration
Ausführungen von Richard C. Holbrooke
WASHINGTON - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir den für die Anhörung vor dem Ausschuß für
internationale Beziehungen des Repräsentantenhauses am 28. Juli 1995 vorbereiteten Text von Botschafter
Richard C. Holbrooke, Abteilungsleiter für europäische und kanadische Angelegenheiten im US-Außenministerium. Der Text wurde nicht verlesen.

Herr Vorsitzender, ich danke für diese Gelegenheit,
einen umfassenden Überblick der Europapolitik
dieser Administration geben zu können.
Wir kommen zu einer Zeit der Krise in Europa
zusammen. Dies ist eine entscheidende Periode für
das Bündnis. Die gesamte Welt wartet ab, ob der
Westen auf das abscheuliche Verhalten der bosnischen Serben reagiert.

Frieden (PFF) sowie die allmähliche, sorgfältig
geplante und transparente Erweiterung der NATO.
Integration Rußlands und der neuen unabhängigen Staaten (NUS) in die umfassende Sicherheitsund Wirtschaftsarchitektur Europas, einschließlich
der Entwicklung engerer Beziehungen zwischen
der NATO und Rußland.
Stärkung der OSZE.

In Zusammenarbeit mit den NATO-Partnern haben
die Vereinigten Staaten einen entschiedeneren Kurs
zur Weiterführung der UN-Mission in Bosnien
eingeschlagen. In London stimmte die internationale
Staatengemeinschaft in der vergangenen Woche
einer tatkräftigen Reaktion auf die Aggression der
bosnischen Serben zu. Neue, in dieser Woche in
Brüssel vereinbarte Führungsarrangements, auf die
ich später in diesen Ausführungen eingehen werde,
sind zusammen mit der Entscheidung Großbritanniens und Frankreichs zum Einsatz ihrer Schnellen
Eingreiftruppe zur Sicherung der Straßen nach
Sarajevo lebhafte Beispiele unserer zunehmenden
Entschlossenheit.
Der tragische Krieg in Bosnien unterstreicht erneut
die Notwendigkeit der Zusammenarbeit zwischen
den Vereinigten Staaten und ihren europäischen
Partnern beim Aufbau einer neuen umfassenden
Struktur von Beziehungen, um Konflikte auf dem
Kontinent zu verhindern und zu lösen. Die umfassende Strategie des Präsidenten zum Aufbau
einer neuen, ineinandergreifenden Sicherheitsarchitektur baut auf den Erfolg und die Beständigkeit
entscheidender Institutionen des Westens auf und
basiert auf Erweiterung, Integration und Einbeziehung. Sie hat sechs Eckpfeiler:
Anpassung der NATO. Dazu zählen interne
Reformen, Erweiterung der Partnerschaft für den

AMERIKA DIENST 25

Integration der zentral- und osteuropäischen
Staaten in westliche Strukturen bei gleichzeitiger
Ermutigung dieser Staaten, subregionale Spannungen zu entschärten sowie Demokratie und
Marktreformen zu konsolidieren.
Unterstützung der europäischen Integration, EUErweiterung und der amerikanisch-europäischen
Beziehungen durch neue transatlantische Initiativen.
Einbeziehung des Kongresses und des amerikanischen Volkes in umfassende, überparteiliche
Bestrebungen, um Amerikas andauernde Rolle als
eine europäische Macht sicherzustellen.
Jedes dieser Elemente ist entscheidend für unseren
Erfolg insgesamt. Und in den vergangenen Wochen
und Monaten haben wir an jeder Front gute Fortschritte erzielt.
Anpassung der NATO
Die NATO ist der zentrale Sicherheitspfeiler der
neuen Architektur. Die NATO war stets mehr als
eine zwischenzeitliche Antwort auf eine temporäre
Bedrohung. Sie ist nach wie vor das Zentrum des
amerikanischen Engagements in Europa sowie der
Dreh- und Angelpunkt transatlantischer Sicherheit.

Seite 1

�Die NATO will weder ein Land isolieren noch eine
neue Teilung des Kontinents. Ihr Ziel besteht darin,
zur Schaffung eines freien, stabilen und ungeteilten
Kontinents beizutragen. Dieser Prozeß begann vor
über fünf Jahren und war von einer Reihe bahnbrechender Entscheidungen bei NATO-Gipfeltreffen
geleitet. Diese Gipfeltreffen - London 1990, Rom
1991 und Brüssel 1994 - bildeten die Grundlage für
die derzeitigen Bestrebungen der NATO zu ihrer
Umgestaltung und der Ausdehnung der Sicherheit
auf ganz Europa.
Zur Anpassung der NATO gehörten: Ein neues
strategisches Konzept, Umstrukturierung und Abbau
der NATO-Streitkräfte sowie die Herstellung von
Beziehungen zu ehemaligen Gegnern durch den
Nordatlantischen Kooperationsrat (NAKR) und die
PFF. Dies sollte nicht als Änderung der grundlegenden Rolle der NATO mißverstanden werden. Im
Kern bleibt die NATO ein Bündnis etablierter Demokratien, mit gemeinsamen Werten und gemeinsamen
vitalen Interessen. Die Bündnispartner verpflichten
sich weiterhin zu Frieden und sind zu ihrer gegenseitigen Verteidigung bereit. Gleichzeitig haben wir
über alte Trennlinien hinweg die Hand der Freundschaft gereicht und dadurch zur Heilung alter Teilungen beigetragen. Der 1991 gegründete NAKR hat
sich zu einem wichtigen politischen Forum für den
Austausch von Informationen über Sicherheitsfragen
von gemeinsamem Interesse für die NATO und
diese Länder entwickelt. Die im folgenden erörterte
PFF führt diesen Prozeß fort.
Die NATO-Erweiterung spielt eine unerläßliche Rolle
beim Aufbau eines freien und ungeteilten Europas.
1994 entschieden die Staats- und Regierungschefs
der NATO, daß die NATO erweitert werden sollte,
damit Sicherheit und Stabilität auf die aufstrebenden
neuen Demokratien im Osten ausgedehnt werden
könnten. Sie erkannten auch, daß die Erweiterung
der NATO-Mitgliedschaft Demokratie und Marktreformen in diesen Ländern untermauert, ebenso wie
die Gründung der Allianz zur Förderung von Demokratie Ende der vierziger und Anfang der fünfziger
Jahre in Westeuropa beitrug.
Die NATO-Erweiterung wird allmählich und transparent vollzogen. Die NATO bereitet zur Zeit eine
detaillierte Studie vor, die sowohl die Begründung
als auch den Prozeß für die Erweiterung der neuen
NATO der Zeit nach dem Kalten Krieg darlegt. In
den Monaten vor dem Ministertreffen im Dezember
1995 werden die Schlußfolgerungen der NATO zu
diesen beiden Themen - dem Warum und dem Wie
der Erweiterung - den interessierten PFF-Mitgliedstaaten unterbreitet, zunächst in Brüssel und dann
von speziellen NATO-Teams in den Hauptstädten
der PFF-Mitgliedstaaten.

Seite 2

Obwohl in dieser Phase zum ersten Mal detaillierte
Diskussionen über dieses Thema außerhalb der
Allianz geführt werden, sind dies keine Vorbereitungsgespräche für einen Beitritt. Sie sind dazu
gedacht, das Verständnis der damit einhergehenden
komplizierten Probleme zu vertiefen, die Denkweise
der NATO vorzustellen und den Partnern eine Chance einzuräumen, ihre Perspektiven und Sorgen
darzulegen. Die Minister werden im Dezember
erneut in Brüssel zusammenkommen und die Ergebnisse der Diskussionen vor einer Entscheidung über
das weitere Vorgehen überprüfen. Es wurden noch
keine Entscheidungen darüber getroffen, wann
potentielle neue Mitglieder ausgemacht werden
sollen. Diese entscheidenden Fragen werden zu
einem vom Bündnis als geeignet erachteten Zeitpunkt
angesprochen.
PFF
Beim Brüsseler Gipfeltreffen im Januar 1994 verabschiedeten die Bündnispartner eine umfassende
Strategie der Kooperation mit ganz Europa, die eine
Reihe von Initiativen enthielt, insbesondere die
Partnerschaft für den Frieden.
In weniger als einem Jahr ist die innovative PFF
integraler Bestandteil der europäischen Sicherheitsszene geworden. Die PFF wurde rasch erweitert und
hat neuesten Zahlen zufolge jetzt 26 Mitglieder von
Polen bis Armenien, einschließlich Rußlands. Jeder
Partner entwickelt in Konsultationen mit der NATO
ein individuelles Programm, das auf die Bedürfnisse
und Fähigkeiten des jeweiligen Landes zugeschnitten
ist. Die PFF hilft neuen demokratischen Staaten bei
der Umstrukturierung und Einführung demokratischer
Kontrolle über ihre Streitkräfte, Transparenz bei der
Verteidigungsplanung und Haushaltsprozessen,
Entwicklung von Interoperabilität mit Streitkräften des
Bündnisses, besserem Verständnis der kollektiven
Verteidigungsplanung und Erlernen neuer Formen
von Militärdoktrin. Die PFF bietet einen Rahmen, in
dem die NATO und individuelle Partner bei Friedenssicherung, humanitärer Hilfe sowie Such- und Rettungsübungen zusammenarbeiten können.
Wir konnten bereits Anzeichen der signifikanten
Auswirkungen beobachten, die die PFF auf die
Partnernationen hatte. Beispielsweise organisieren
viele Partner einen Großteil, wenn nicht sogar alle
Streitkräfte anhand von NATO-Planungskonzepten.
Einige legen die individuellen Partnerschaftsprogramme ihren Parlamenten zur Genehmigung vor - und
damit wird ihre Militärpolitik zum ersten Mal in ihrer
Geschichte von der Legislative überwacht.
Die PFF bietet auch einen wertvollen Rahmen für die
Vorbereitung interessierter Partner auf die Über-

AMERIKA DIENST 25

�nähme der mit der NATO-Mitgliedschaft einhergehenden Rechte und Pflichten. Und für die Partner,
die nicht NATO-Mitglieder werden, stellt die PFF
Strukturen für zunehmend enge Zusammenarbeit mit
der NATO zur Verfügung. Dies ist an sich schon ein
wichtiger Baustein für die europäische Sicherheit
und konkreter Beweis, daß die NATO um die Sicherheit aller ihrer Partner besorgt ist. Die PFF wird
selbst während der NATO-Erweiterung ein permanenter Bestandteil der europäischen Sicherheitsszene sein.
Während der vergangenen sechs Monate hat die
PFF bemerkenswerte Fortschritte erzielt, insbesondere mit der Aufnahme eines Verteidigungsplanungs- und Überprüfungsprozesses sowie der
Einführung eines Programms für praktische Zusammenarbeit und gemeinsame Übungen mit
Partnerstaaten, darunter das erste PFF-Manöver in
den Vereinigten Staaten, das im August in Fort Polk
(Louisiana) abgehalten werden soll. Die Übung mit
dem Namen "Cooperative Nugget" wird 14 Partnerländer mit kombinierten friedenssicherungs- und
humanitären Hilfstaktiken auf Kompanie- und Zugebene vertraut machen.
Die Vereinigten Staaten vertreten die Ansicht, daß
es an der Zeit ist, die Partnerschaft auf die nächste
Ebene zu bringen. Beim Ministertreffen des Nordatlantikrats im Mai schlug Außenminister Christopher
fünf Maßnahmen zur Stärkung der politischen und
militärischen Beziehungen zwischen der NATO und
ihren Partnern vor:
1. Vereinbarung einer Reihe von Prinzipien für zivile
und demokratische Kontrolle des Militärs.
2. Gründung eines gemeinsamen Ausschusses für
Verteidigungsplanung und Überprüfung.
3. Befähigung der Partner, eine aktivere, substantiellere Rolle bei der Planung von Partnerschaftsmanövern und anderen Aktivitäten zu übernehmen.
4. Routinemäßige Einbeziehung der Partner in
wichtige Aktivitäten des Nordatlantikrats und
hochrangige Ausschüsse der NATO.
5. Beträchtliche Aufstockung der Ressourcen, die
von der NATO für die Partnerschaft zugewiesen
werden. Wir verfolgen diese Tagesordnung jetzt
mit unseren Verbündeten.
Integration Rußlands und der NUS
Ein weiterer unerläßlicher Pfeiler der neuen Sicherheitsarchitektur sind die neuen Beziehungen zwi-

AMERIKA DIENST 25

schen der NATO und Rußland. Wenn der Westen
einen dauerhaften und stabilen Sicherheitsrahmen für
Europa schaffen will, muß er das anhaltendste
strategische Problem Europas lösen und die Nationen
der ehemaligen Sowjetunion, insbesondere Rußland,
in ein stabiles europäisches Sicherheitssystem
integrieren.
Im Mai wurden in dieser Hinsicht eine Reihe wichtiger
Schritte unternommen: Erstens traf Rußland die
während des Gipfeltreffens der Präsidenten Clinton
und Jelzin angekündigte Entscheidung, dem individuellen Partnerschaftsprogramm des Landes für die
PFF sowie den Dokumenten "Dialog und Zusammenarbeit über die PFF hinaus" zuzustimmen. Wir
wollen diesen bereits vereinbarten Elementen der
erweiterten Beziehungen zwischen der NATO und
Rußland jetzt Vorrang einräumen. Ziel der Vereinigten Staaten ist nicht nur größere Einbeziehung
Rußlands, sondern auch einer Reihe von Aktivitäten
außerhalb der PFF, wie Erweiterung der Konsultationen, Informationsaustausch in den NATO-Ausschüssen und vermehrte Kontakte zwischen dem Internationalen Stab/Internationalen Militärstab der NATO
und der Russischen Botschaft in Brüssel. Die erste
Brainstorming-Sitzung, die je zwischen der NATO und
Rußland über ihre Beziehungen abgehalten wurde,
fand am 17. Juli statt.
Wir sind an der Weiterentwicklung der Beziehungen
zwischen der NATO und Rußland interessiert. Im
Augenblick sind institutionelle Arrangements oder
eine Charta verfrüht. Wir werden diese Fragen
später angehen und wollen uns jetzt auf den Inhalt,
nicht die Form, dynamischer Beziehungen konzentrieren.
Es muß sichergestellt werden, daß sich die Entwicklung von Beziehungen zwischen der NATO und
Rußland ungefähr parallel mit der eigenen evolutionären Entwicklung der NATO vollzieht, einschließlich
der möglichen Erweiterung des Bündnisses.
Bedauerlicherweise kämpfen die russischen Truppen
weiterhin in Tschetschenien, selbst während die
Verhandlungen unter der Schirmherrschaft der OSZE
andauern.
Wir haben die russische Regierung
wiederholt und auf höchster Ebene aufgefordert,
diese Verhandlungen ernst zu nehmen, aktiv eine
politische Beilegung des Konflikts mit der tschetschenischen Führung anzustreben und die humanitären Probleme in Angriff zu nehmen. Unsere Strategie
des Engagements mit der russischen Regierung
gewährleistet, daß unsere Botschaft vernommen wird,
obwohl unser Rat nicht immer befolgt wurde. Wir
werden weiterhin politische Aussöhnung ermutigen,
und wir werden zweifelsohne weiterhin Druck bei der

Seite 3

�Suche nach dem vermißten amerikanischen Staatsbürger Fred Cuny ausüben.
Wie Präsident Clinton im Mai in Kiew feststellte, ist
eine unabhängige und stabile Ukraine, die sicher in
ihren international anerkannten Grenzen lebt, ein
Schlüsselfaktor für Stabilität und Sicherheit in
Europa. Wir unterstützen die Integration der Ukraine
in die politischen, wirtschaftlichen und sicherheitspolitischen Strukturen Europas zur Förderung dieses
Ziels. Als Teil dieses Prozesses arbeiten wir auf die
Verstärkung des ukrainischen Engagements in der
PFF und die von den NATO-Ministern in Noordwijk
vereinbarte Entwicklung verbesserter Beziehungen
zwischen der NATO und der Ukraine hin.
Stärkung der OSZE
Beim Budapester Gipfel im Dezember vergangenen
Jahres forderte Präsident Clinton die versammelten
Staats- und Regierungschefs auf, der Konferenz
über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa
"neuen politischen Impetus" zu verleihen und sie mit
einer klarer definierten Mission sowie verbesserten
Fähigkeiten und Ressourcen zu stärken. Die Änderung des Namens in Organisation für Sicherheit und
Zusammenarbeit in Europa (OSZE) steht für die
Entschlossenheit der Teilnehmerstaaten, das volle
Potential der Schlußakte von Helsinki auszuschöpfen. Zu diesen Bestrebungen gehört die Erarbeitung
einer Modellübung für europäische Sicherheit,
vermehrte Konzentration der OSZE auf wirtschaftliche und umweltpolitische Angelegenheiten, Verbesserung der Fähigkeiten der OSZE bei regionaler
Krisenbewältigung, Stärkung des Konfliktverhütungszentrums der OSZE und Zuweisung zusätzlicher
Ressourcen an das Büro für demokratische Institutionen und Menschenrechte.
Die Anwendung der Menschenrechtsnormen der
OSZE auf die politischen, wirtschaftlichen und
militärischen Aspekte der Sicherheit verleiht ihr die
einzigartige Fähigkeit zur Bewältigung der Herausforderungen eines neuen Zeitalters. Die OSZE wird
zum wichtigsten Instrument für Frühwarnung, präventive Diplomatie und - gegebenenfalls - Krisenmanagement.
In operativer Hinsicht erschloß die OSZE neues
Terrain, als sie im April 1995 eine Hilfsgruppe zur
Förderung der Verhandlungen zwischen Rußland
und separatistischen Rebellen in Tschetschenien
und zur Überwachung der Menschenrechtssituation
in der Konfliktregion entsandte. Ein weiterer Schritt
beim Reifungsprozeß der OSZE war die aktive
Planung der Einrichtung einer multinationalen Friedenstruppe für die mögliche Entsendung nach
Nagornyj Karabach, sobald ein Friedensabkommen

Seite 4

erzielt wird. Eine OSZE-Friedenstruppe würde eine
qualitative Verbesserung der Strukturen der europäischen Sicherheitsmechanismen bedeuten. In der
Zwischenzeit befassen sich bereits bestehende
OSZE-Missionen in Skopje, Georgien, Estland,
Moldawien, Lettland, Tadschikistan, Sarajevo und der
Ukraine mit der Eindämmung von Konflikten, Förderung der Menschenrechte, Entwicklung politischer
Institutionen, Schaffung eines Rahmens für die
politische Beilegung von Konflikten sowie der Überwachung des Waffenstillstands und der Friedenstruppen. Sanktions-Hilfsmissionen in sieben Staaten
tragen zur Durchsetzung von Sanktionen gegen das
ehemalige Jugoslawien (Serbien und Montenegro)
bei.
Die Modellübung für Sicherheit ist von besonderer
Bedeutung bei den Bestrebungen zur Erweiterung der
OSZE-Mechanismen. Diese Übung bietet ein Forum,
in dem alle europäischen Staaten an einem Dialog
über künftige Sicherheitsstrukturen beteiligt sind und
neue Konzepte der Zusammenarbeit einführen. Sie
beeinträchtigt nicht das Recht aller Staaten, ihre
Sicherheitsarrangementp zu wählen oder zu ändern,
einschließlich Verträgen des Bündnisses. Sie erweitert den Sicherheitsdialog, um die Konzentration auf
Menschenrechte, wirtschaftliche, umweltpolitische und
kulturelle Themen sowie traditionelle militärische und
strategische Sicherheitsbelange einzubeziehen.
Eine der wichtigsten Prioritäten der OSZE ist, die
wachsende Dringlichkeit von Wirtschaftsfragen
anzusprechen. Der Wirtschaftskorb der Schlußakte
von Helsinki hatte historisch gesehen die geringste
Bedeutung. Das ist nicht länger akzeptabel. Der
Budapester Gipfel unterstrich die Notwendigkeit zur
Förderung der wirtschaftlichen Zusammenarbeit, des
wirtschaftlichen Reformprozesses sowie der Entwicklung von Marktwirtschaften und einer umweltverträglichen Politik. Das Wirtschaftsforum der OSZE
ist das entscheidende Instrument zur Einbeziehung
der Mitgliedstaaten in kooperative Bestrebungen, um
dies zu ändern.
Das Zurückgreifen der OSZE auf regionale und
funktionelle Seminare über diese und andere weitreichende Themen, darunter Entwicklung eines neuen
Rüstungskontrollrahmens, werden sie zu einem
wichtigen Akteur in der entstehenden europäischen
Sicherheitsarchitektur machen.
Integration Zentral- und Osteuropas bei gleichzeitiger Entschärfung subregionaler Spannungen
Die Verbreitung von parlamentarischer Demokratie
und Marktreformen in ganz Zentral- und Osteuropa ist
den Fortschritten zu verdanken, die auf dem Weg zu
einem freien und ungeteilten Europa erzielt wurden.

AMERIKA DIENST 25

�Polen, die Tschechische Republik und eine Reihe
anderer Länder haben große Schritte unternommen
und übernehmen erneut ihre Rolle als integraler
Bestandteil Europas.
Unsere Bestrebungen zum Aufbau einer tragfähigen
Sicherheitsarchitektur für Europa können nur Erfolg
haben, wenn die Länder dieser Region selbst
Schritte zur Entschärfung historischer Ressentiments, konkurrierender Ambitionen und - was am
gefährlichsten ist - ungelöster territorialer oder
ethnischer Streitigkeiten unternehmen.
Beim Aufbau der neuen Demokratien in dieser
vielversprechenden Region ist es von Bedeutung,
daß gesunder Nationalstolz sich nicht in engstirnigen
Nationalismus verwandelt, der von Feindschaft
zwischen nationalen Gruppen geschürt wird, die alle
ihre eigene Sichtweise der Geschichte haben. Ein
solcher Weg führt direkt zu der heutigen Tragödie
auf dem Balkan.
Die Möglichkeit einer echten Integration in den
Westen ist für jede neue Demokratie ein starker
Anreiz zur Konsolidierung der Reformen und zur
Entschärfung ungelöster historischer, territorialer und
ethnischer Konflikte.
Ministerpräsident Hörn von Ungarn hat diese Realität
eloquent formuliert:
"Was wollen die EU und die NATO von uns?
Sie sagen entschieden, daß wir unsere Beziehungen zu unseren Nachbarn regeln müssen.
Einfach ausgedrückt: Weder die EU noch die
NATO sind bereit zur Aufnahme von Staaten,
die Grenzstreitigkeiten, ungelöste Minderheitenprobleme und ähnliches haben."
Zur NATO-Mitgliedschaft hat sich Präsident Clinton
deutlich ausgedrückt:
"Länder mit repressiven politischen Systemen,
Länder mit Ambitionen auf ihre Nachbarstaaten, Länder mit einem nicht ziviler Kontrolle
unterstehenden Militär oder mit geschlossenen Wirtschaftssystemen brauchen nicht um
Aufnahme bitten."
Die Lektionen des Wiederaufbaus und der Erneuerung in Westeuropa nach dem Zweiten Weltkrieg
sind ebenso eindeutig: Diejenigen, die einer umfassenderen
Sicherheitsgemeinschaft
beitreten
wollen, müssen zu ihrer eigenen Sicherheit beitragen. Die europäische Stabilität kann nicht ausschließlich auf externe Garantien gegründet sein sie muß von innen aufgebaut werden.

AMERIKA DIENST 25

Das in diesem Frühjahr zwischen Preßburg und
Budapest erzielte Abkommen ist ein Schritt weg vom
Circulus vitiosus der Geschichte und ein Schritt hin zu
einem integrierten Europa. Ähnliche Bestrebungen
zwischen anderen Ländern würden begrüßt. Die
Vereinigten Staaten sind bereit, ihre guten Dienste
als ehrlicher Makler zur Verfügung zu stellen, der sich
der Aussöhnung auf der Grundlage der Respektierung individueller Menschenrechte verpflichtet hat.
Förderung der europäischen Integration
Seit letztem Jahr wurden auf beiden Seiten des
Atlantiks Rufe nach einer Neubelebung der euroatlantischen Partnerschaft durch eine Vielfalt von
Mechanismen laut.
Am 2. Juni bekräftigte Außenminister Christopher in
Madrid die grundlegende Bedeutung der transatlantischen Partnerschaft und schlug vor, daß wir mit
hochrangigen Vertretern der EU zusammenarbeiten,
um eine gemeinsame transatlantische Tagesordnung
für die kommenden Jahre zu erarbeiten. Er unterstrich insbesondere die Bedeutung der wirtschaftlichen und politischen Dimensionen als Schlüsselelemente unseres umfassenden Konzepts der Sicherheit in Europa und schlug spezifische Schritte in
diesen Bereichen vor.
Im wirtschaftlichen Bereich erklärte er als unser
"langfristiges Ziel die Integration der Volkswirtschaften
Nordamerikas und Europas im Einklang mit den
Prinzipien der Welthandelsorganisation (WTO)". Er
forderte die Amerikaner und Europäer auf, die
unbeendeten Aufgaben der Uruguay-Runde zu einem
Abschluß zu bringen und unterbreitete eine Reihe
kurzfristiger Initiativen zum Abbau von Hindernissen
bei Themen wie Investitionen, Produkterprobung und
Normen, Informationstechnologie und offene Himmel.
Der Außenminister drängte auf engere Zusammenarbeit bei der Bekämpfung von internationalem
Verbrechen, Terrorismus, Drogenhandel sowie der
Verbreitung von Massenvernichtungswaffen und ihren
Trägersystemen. Er forderte auch effektivere Koordination der humanitären und Entwicklungshilfe sowie
die Förderung der Menschenrechte.
Schließlich appellierte er an uns, unsere Zusammenarbeit bei regionalen Themen wie dem Nahen Osten,
dem Mittelmeer, Zentral- und Osteuropa und den
neuen unabhängigen Staaten sowie der Türkei zu
verstärken.
Beim amerikanisch-europäischen Gipfel im Juni
wurde eine Gruppe hochrangiger Vertreter beauftragt,
die Fortschritte der amerikanisch-europäischen
Zusammenarbeit und Diskussionsthemen für den

Seite 5

�nächsten amerikanisch-europäischen
kommenden Herbst zu prüfen.

Gipfel im

In dieser Woche traf Außenminister Christopher mit
seinem spanischen Amtskollegen Solana zusammen,
der zur Zeit die EU-Präsidentschaft innehat, und mit
dem EU-Kommissar Leon Brittan, um unsere Initiativen auf diesen Gebieten zu erörtern. Hochrangige Vertreter der Vereinigten Staaten und der
EU kamen ebenfalls zusammen, um den Prozeß voranzubringen. Wir sind der Auffassung, daß es
Bereiche der praktischen Zusammenarbeit gibt, in
denen die umfassenderen Ziele für die amerikanisch-europäischen Beziehungen erarbeitet werden
könnten.
Regionale Herausforderungen
Die sorgfältige und feste Plazierung dieser Eckpfeiler
wird uns behilflich sein, eine Reihe großer Herausforderungen in Europa anzusprechen:
Bosnien
Bei der internationalen Bosnienkonferenz in London
in der vergangenen Woche einigte sich die internationale Gemeinschaft auf eine tatkräftige Reaktion
auf die Aggression der bosnischen Serben. Das in
London erzielte Abkommen enthielt fünf zentrale
Elemente:
Erstens wurde einstimmig bekräftigt, daß die
UNPROFOR in Bosnien bleiben und ihre Fähigkeit zur Erfüllung ihres Mandats gestärkt werden
muß. Wir sind uns der Unzulänglichkeiten der
UNPROFOR nur allzu gut bewußt. Dennoch
stimmen wir überein, daß die Auflösung der
UNPROFOR angesichts der Aggression der
bosnischen Serben nur zu einer weit größeren
menschlichen Tragödie auf dem Balkan mit
weitreichenden politischen Auswirkungen führen
kann.
Zweitens wird Gorazde verteidigt. Die Führer der
bosnischen Serben sind informiert, daß einem
Angriff auf Gorazde mit substantiellen und entschiedenen Luftangriffen begegnet wird.

der UN, darunter die verbliebenen Schutzzonen.
Wir sind besonders besorgt über die Eskalation
der Angriffe der bosnischen Serben auf Bihac.
Viertens einigten wir uns auf die Notwendigkeit,
die andauernden Bestrebungen zur Bewältigung
der humanitären Krise in Bosnien zu unterstützen
und zu verstärken, die durch die Kämpfe in
Srebrenica, Zepa und Bihac verschärft wurde.
Fünftens bekräftigten wir unsere Überzeugung,
daß der Konflikt im ehemaligen Jugoslawien nur
durch eine politische Lösung beigelegt werden
kann.
Am Dienstag dieser Woche handelte die NATO, um
in London getroffene bedeutende Entscheidungen
umzusetzen. Nach intensiver Überprüfung durch die
Militärbehörden der NATO verabschiedete der
Nordatlantikrat detaillierte Pläne für NATO-Luftangriffe
zur Abschreckung oder Reaktion auf Angriffe der
bosnischen Serben auf die UNO-Schutzzone Gorazde. Diese Pläne enthalten ein breiteres Spektrum
von Optionen für die Befehlshaber, die zum ersten
Mal die Möglichkeit von NATO-Luftangriffen in einem
großen geographischen Raum gegen eine Vielzahl
von Zielen haben, die eine Bedrohung für die Schutzzone darstellen können.
Ebenso bedeutend ist, daß die Militärbehörden der
NATO angewiesen wurden, auf der Grundlage des
neuen, für Gorazde geltenden Ansatzes Pläne für
den Erhalt anderer Schutzzonen, insbesondere Bihac,
zu formulieren.
Diese Schritte reflektieren die einhellige Befürwortung
einer substantiellen Veränderung des vorher wirksamen "Zweischlüsselabkommens" durch die Bündnismitglieder. Diese neuen Arrangements werden
sicherstellen, daß die Luftstreitkräfte umfassend und
entschlossen eingesetzt werden. Die Abmachungen
stehen im Einklang mit den Anforderungen des
amerikanischen Militärs und genießen seine Unterstützung. Das Bündnis erkennt an, daß Luftangriffe
beträchtliche Risiken beinhalten, läßt sich davon
jedoch nicht abschrecken. Um es mit den Worten
Außenminister Christophers zu formulieren: "Es wird
keine Nadelstiche mehr geben."

Drittens unternehmen wir Schritte zur Stabilisierung der Situation in Sarajevo. Die Bevölkerung
Sarajevos muß ernährt werden. Französische
und britische Soldaten der Schnellen Eingreiftruppe haben Maßnahmen zur Öffnung und
Sicherung der Routen für humanitäre Hilfslieferungen ergriffen.

Eine weitere Ermutigung für uns ist die Erklärung des
UNO-Generalsekretärs zur Unterstützung der vom
Nordatlantikrat getroffenen Entscheidung sowie seine
Zustimmung zu einer harten und entschiedenen
Reaktion, einschließlich Luftangriffen, auf einen
Angriff Gorazdes durch die bosnischen Serben.

Gleichzeitig einigten wir uns generell auf die
Notwendigkeit zur Erfüllung der anderen Mandate

Insbesondere begrüßen wir die Entscheidung des
Generalsekretärs, die für den Einsatz von Luftstreit-

Seite 6

AMERIKA DIENST 25

�kräften der NATO erforderlichen Befugnisse seinem
Militärkommandeur vor Ort, General Bernard Janvier,
zu übertragen. Ferner begrüßen wir die vom Sonderbeauftragten des Generalsekretärs, Herrn Yasushi Akashi, getroffene Entscheidung, General Janvier
auch die Vollmacht für Luftunterstützung - den
Einsatz von Luftstreitkräften zur Verteidigung von
UNO-Personal - zu erteilen. Des weiteren wurde
General Janvier ermächtigt, diese zweite Vollmacht
an den Befehlshaber der UNPROFOR weiterzuleiten,
wenn die Umstände es erfordern.
Wir unterstützten auch aktiv die Bosnische Föderation - die im März 1994 nach der Beendigung der
Kämpfe zwischen Kroaten und Bosniaken gebildete
Einheit. Die Föderation ist unerläßlich zur Vermeidung einer Spaltung Bosniens sowie zur Aufrechterhaltung der Hoffnung, daß sich das Land zu
einer multiethnischen Demokratie entwickelt. Darüber hinaus hat sie die humanitären Erfordernisse in
Zentralbosnien stark gemildert, wo der UNHCR im
Jahr nach der Unterzeichnung des Abkommens über

die Föderation mehrere hundert Millionen Dollar
einsparte.
Die Vereinigten Staaten haben große Anstrengungen
zur Unterstützung der Föderation unternommen,
darunter 20 Millionen Dollar an SEED-Geldern (Hilfe
für osteuropäische Demokratien), eine von Robert
Owen vorgeschlagene Maßnahme zur Schlichtung
von Streitigkeiten zwischen Bosniaken und Kroaten,
zwei vom Finanzministerium bereitgestellte Finanzberater sowie einen Militärberater für den Außenminister, der Bosniaken und Kroaten bei ihren
Bestrebungen zur Integration ihrer Streitkräfte hilft,
wie in ihren Abkommen von März 1994 vorgesehen.
Ferner haben wir eine internationale Unterstützungsgruppe - mit dem Namen "Freunde der Föderation" ins Leben gerufen, der Westeuropa und eine Reihe
wichtiger islamischer Länder angehören.
Die Föderation wird einen Abzug der UNPROFOR,
die eine entscheidende Rolle dabei spielte, den
kroatisch/bosniakischen Waffenstillstand in eine
Reihe dauerhafterer föderaler Institutionen umzuwandeln, wahrscheinlich nicht überleben. Obwohl
die Vereinten Nationen sich im Umgang mit offenen
Feindseligkeiten zwischen Serben und Bosniaken
unüberwindlichen Schwierigkeiten gegenübersahen,
haben sie bei der Durchsetzung des vereinbarten
Friedens zwischen Bosniaken und Kroaten gute
Arbeit geleistet. Sie benötigen nicht mehr so viele
Truppen wie vorher, sondern vielmehr Unterstützung
bei Verwaltungsangelegenheiten. Ein Rückzug der
UNPROFOR vom Gebiet der Föderation würde
jedoch wahrscheinlich zu verstärkten Spannungen
zwischen Bosniaken und Kroaten, einer weiteren
Vertreibung beider Bevölkerungsgruppen aus ihrer

AMERIKA DIENST 25

Heimat und möglicherweise einem humanitären
Desaster größeren Ausmaßes führen.
Angesichts unserer Bestrebungen auf all diesen
Gebieten ist die Administration enttäuscht über die
Annahme der Dole-Lieberman-Gesetzesvorlage durch
den Senat, die eine unilaterale Aufhebung des
Waffenembargos gegen Bosnien und Herzegowina
vorsieht.
Der Präsident wird dem Kongreß gegenüber weiterhin
seine Ablehnung artikulieren und ist bereit, sein Veto
gegen alle ihm vorgelegten Gesetze einzulegen, die
eine unilaterale Aufhebung verlangen.
Unsere Verbündeten in der UNPROFOR erklärten,
unilaterale Aktionen der Vereinigten Staaten zur
Aufhebung des Waffenembargos würden sie zum
Abzug ihrer Soldaten aus der UNPROFOR-Schutztruppe veranlassen, was zu deren Auflösung führt. In
diesem Fall hätten die Vereinigten Staaten als
führende Nation in der NATO die Verpflichtung zur
Unterstützung dieses Abzugs, was Tausende amerikanischer Bodentruppen in Bosnien in eine äußerst
schwierige Mission verwickeln würde.
Von den Vereinigten Staaten die unilaterale Verletzung einer bindenden Resolution des UN-Sicherheitsrates zu verlangen, würde zudem andere Sanktionsregime der UNO unterminieren, die lebenswichtigen amerikanischen Interessen dienen, beispielsweise das gegen den Irak verhängte.
Sicherheitsbeistand für Zentraleuropa
Ein wichtiges neues Merkmal der Haushaltsvorlage
für auswärtige Angelegenheiten des Präsidenten für
das Finanzjahr 1996 ist die beträchtliche Erhöhung
der für die zentraleuropäischen Staaten vorgesehenen Militärhilfe. Diese vorgeschlagene Aufstockung die eine Vielzahl sorgfältig entworfener und sich
gegenseitig verstärkender Programme in mehr als
einem Dutzend Länder enthält - zeigt, welch große
Priorität diese Administration der beschleunigten
Integration Zentraleuropas in die euroatlantischen
Strukturen beimißt.
Bedauerlicherweise würden die vom Repräsentantenhaus angenommenen Vollmachten und Bewilligungen von unseren für Zentraleuropa vorgesehenen Programmen einen großen Tribut fordern.
Beispielsweise stimmte das Haus einem Bewilligungsgesetz zu, das nur ungefähr 87 Millionen Dollar an
weltweiten, frei verfügbaren Darlehen für die Finanzierung des Militärs im Ausland im Haushaltsjahr
1996 vorsieht. Unsere diesbezüglichen Gesuche
allein für Zentraleuropa - einschließlich der Warschau-Initiative des Präsidenten - belaufen sich auf

Seite 7

�78 Millionen Dollar. Angesichts unserer globalen
Prioritäten ist es völlig unwahrscheinlich, daß wir
unsere vorgesehenen Zentraleuropaprogramme
unversehrt retten können. Ebenso würde die vom
Repräsentantenhaus angenommene Bewilligung für
freiwillige Friedenssicherungsmissionen (68 Millionen
Dollar) wahrscheinlich ein vorgeschlagenes neues
Programm abschaffen, das erweiterte zentraleuropäische Beteiligung an internationalen Friedenssicherungsaktivitäten Seite an Seite mit NATO-Einheiten
ermutigen sollte.
Mit starker Unterstützung der Vereinigten Staaten
bereitet sich die NATO stetig auf ihre Erweiterung
vor. Während dieses Prozesses ist es von entscheidender Bedeutung, daß wir und unsere Verbündeten über die notwendigen Mittel zur Förderung
der Hauptziele der Vereinigten Staaten und des
Bündnisses verfügen - beispielsweise die Verbesserung der militärischen Kompatibilität Zentraleuropas mit Amerika und der NATO, Erleichterung
umfassenderer militärischer Kooperation durch die
PFF sowie Ermutigung der derzeitigen Reformen der
Rüstungsindustrie. Die von uns vorgeschlagenen
bescheidenen Programme würden diese Ziele direkt
fördern - eine kleine Investition in die Konsolidierung
eines geeinten, stabilen und sicheren Europa.
Trotz dieser gravierenden haushaltspolitischen
Engpässe freue ich mich bekanntgeben zu können,
daß wir der vom Präsidenten eingegangenen Verpflichtung, im Finanzjahr 1995 dem baltischen
Bataillon 10 Millionen Dollar zukommen zu lassen,
nachkommen können.
Bisher haben wir dem
Bataillon Ausrüstung im Wert von 5,9 Millionen
Dollar geschickt. Die verbleibenden 4,1 Millionen
Dollar haben wir für die Friedenssicherung vorgesehen und werden sie bald anweisen um sicherzustellen, daß die notwendige Ausrüstung das
Bataillon rechtzeitig erreicht.
Politische und wirtschaftliche Hilfe
Unsere Bestrebungen zum Aufbau einer funktionierenden europäischen Sicherheitsarchitektur können
nur Erfolg haben, wenn in ganz Zentraleuropa
Demokratie und Marktwirtschaft Fuß fassen. Reformen in dieser Region sind heute für die amerikanischen Interessen von ebensolcher Bedeutung wie
1989 bei der Verabschiedung des SEED-Gesetzes.
SEED-Hilfe ist auch in Zukunft von entscheidender
Bedeutung, wir sehen uns aber mit ernsten finanziellen Engpässen konfrontiert.
Die Vereinigten Staaten sind führend bei der Bereitstellung von Übergangshilfe für die Länder Zentraleuropas - zur Unterstützung ihrer demokratischen
Umgestaltung sowie ihrer Integration in die west-

Seite 8

lichen Institutionen.
Wenn man Schuldenerlaß,
Nahrungsmittelhilfe, Handels- und Investitionsprogramme (die Entwicklungshilfegesellschaft OPIC, und
die Export-Import Bank, Exlm) mit einrechnet, beläuft
sich die gesamte amerikanische Hilfe für Zentraleuropa seit 1989 auf über 10 Milliarden Dollar.
Unsere Hilfe ist ein äußerst greifbarer Beweis unseres Vertrauens in die stattfindenden historischen
Veränderungen.
Während die Völker und Regierungen Zentraleuropas
die in einer Übergangszeit erforderliche harte Arbeit
leisten, versuchen wir zu helfen, wo wir können - mit
technischer Beratung, Ausbildungs- und Investitionskapital. Nachfolgend einige Beispiele:
Der polnisch-amerikanische Unternehmensfonds
förderte das Wachstum kleiner und mittelständischer Privatbetriebe in Polen durch die Investition
von nahezu 200 Millionen Dollar in 3.000 Betriebe
mit insgesamt 61.000 Beschäftigten. Der Unternehmensfonds rief die erste Hypothekenbank
Polens ins Leben.
Unsere Übergangshilfe für das tschechische
Privatisierungsprogramm führte zu 120 strategischen Auslandsinvestitionen im Wert von über 2
Milliarden Dollar in der Tschechischen Republik.
Das von der US-Regierung finanzierte OravaProjekt in der Slowakei führte in den Grund- und
weiterführenden Schulen der Slowakei neue
Lehrpläne zu pluralistischer Demokratie ein.
In Rumänien wurde die Nationale Vereinigung der
Bürgermeister mit unserer Hilfe in der nationalen
Regierung zu einem effektiven Sprachrohr für
kommunale Belange.
In Bulgarien waren amerikanische Berater in 22
Gemeinden tätig und förderten über ein innovatives Versteigerungssystem die Privatisierung
staatlichen Grundbesitzes und kleiner Unternehmen.
Dies sind nur einige Beispiele für ein sehr großes
Programm. Wir bieten Ausbildungsmöglichkeiten auf
Gebieten wie Veranstaltung von Wahlen, Kommunalverwaltung, demokratische Medien und Rechtsvorgänge, um die Konsolidierung demokratischer Praktiken zu fördern. Unsere technische Hilfe bei der
Reform des Finanzsektors, der Privatisierung staatlicher Unternehmen und der Neufassung von Wirtschaftskodizes trug zur Schaffung des Umfelds für
Wachstum des Privatsektors bei. Unsere Unterstützung auf Gebieten wie Wohnungswesen, Umweltschutz und Gesundheitsfürsorge führte zur

AMERIKA DIENST 25

�Reduzierung eines Teils der sozialen Kosten des
Übergangs.

Region Verkehrs- und Kommunikationsverbindungen schaffen soll,

Durch den Beistand für diese Länder während ihres
Übergangs vom Kommunismus zur demokratischen
Marktwirtschaft können wir die Stabilität und Sicherheit Europas auf dramatische Weise stärken und
dazu beitragen, daß frühere Gegner zu zukünftigen
Verbündeten und Handelspartnern werden.

amerikanische Geschäftsinteressen in der Region
unterhöhlen, indem unsere Hilfsbestrebungen zur
Reform des Steuersystems, zur Handelsliberalisierung sowie Entwicklung und Privatisierung von
Kapitalmärkten behindert werden.
Südosteuropa

Die Administration hat für das Haushaltsjahr 1996
480 Millionen Dollar für das SEED-Programm zur
Gewährung von Übergangshilfe für Zentraleuropa
und die baltischen Staaten beantragt. Die derzeitigen Bewilligungen des Repräsentantenhauses
belaufen sich auf 325 Millionen Dollar. Eine Kürzung des SEED-Programms in dieser Größenordnung würde
unsere Fähigkeit einschränken, den zentraleuropäischen Ländern bei der Vorbereitung einer
Erweiterung von NATO und Europäischer Union
unter die Arme zu greifen,
unseren politischen Einfluß zu einem für die
politische und wirtschaftliche Entwicklung dieser
wichtigen Region entscheidenden Zeitpunkt
beschränken,
unsere spürbare Unterstützung für die Reformen
in Zentraleuropa verringern,
unsere Fähigkeit zur Reaktion auf die humanitäre
Tragödie in Bosnien einschränken.
Insbesondere würde die vorgeschlagene Reduzierung
unsere Kernprogramme in größeren Ländern wie
Polen, Rumänien und Bulgarien schrumpfen
lassen, da Kürzungen bei kleineren Programmen
nicht zu den erforderlichen Einsparungen führen,
die geplante Ausweitung von Strafverfolgungsprogrammen beschneiden, die sich auf Aufdekkung und Verfolgung von Korruption, Whitecollar-Kriminalität und organisiertem Verbrechen
konzentrieren,
die Förderung unabhängiger Medien beschränken,
den Wiederaufbaufonds für Bosnien abschaffen,
der für Friedensinitiativen von entscheidender
Bedeutung sein könnte,
die Entwicklungsinitiative für den südlichen
Balkan radikal kürzen, die in dieser instabilen

AMERIKA DIENST 25

Die Bedeutung des südlichen Balkans und der Ägäis
für westliche und amerikanische Interessen ist seit
dem Ende des Kalten Krieges stetig gestiegen.
Konflikte oder Instabilität in diesen Regionen können
direkte Auswirkungen auf die Stabilität Zentraleuropas
haben. Spannungen zwischen Griechenland und der
Türkei können die Fähigkeit der NATO schwächen,
eine Grundlage für die Ausweitung europäischer
Institutionen zu schaffen.
Griechenland ist seit 1918 ein Verbündeter der
Vereinigten Staaten, und zwischen unseren beiden
Nationen bestehen enge persönliche und geistige
Bande. Das Ende des Kalten Krieges hat Griechenland in eine schwierige Lage versetzt, da überall an
seinen Grenzen alte ethnische Rivalitäten aufflammten. Griechenland würde zu den ersten gehören, die
unter einer Ausweitung des Konflikts in Bosnien
leiden.
Diese Veränderungen beinhalten jedoch auch Chancen.
Mit seinen altehrwürdigen demokratischen
Traditionen, seiner unternehmerischen Dynamik und
seinen umfassenden internationalen Beziehungen
sollte Griechenland eine Kraft für Frieden, Demokratie
und Wirtschaftsentwicklung in der Region sein. Als
einziges Land in der Region, das sowohl Mitglied der
NATO als auch der Europäischen Union ist, kann
Griechenland bei der politischen und wirtschaftlichen
Entwicklung der benachbarten aufstrebenden Nationen Hilfestellung geben. Ministerpräsident Papandreou hat stets seinem Wunsch Ausdruck verliehen,
eng mit den Vereinigten Staaten an der Förderung
dieser Entwicklung und Einführung von Stabilität und
Wohlstand in der Region zusammenzuarbeiten.
Der Privatsektor Griechenlands ist dynamisch und
erfindungsreich. Er investiert aktiv in Bulgarien,
Rumänien und Albanien und versorgt somit die im
Entwicklungsstadium begriffenen Volkswirtschaften
dieser Nationen mit dem dringend benötigten Kapital.
Griechische Investoren haben Interesse an einer
Zusammenarbeit mit unserem Unternehmensfonds
auf dem Balkan zur Förderung regionaler Wirtschaftsentwicklung bekundet. Sowohl der öffentliche als
auch der Privatsektor Griechenlands möchten gemeinsam mit amerikanischen Unternehmen Joint-

Seite 9

�ventures in diesen Ländern gründen. Unsere Botschaft in Athen unterstützt aktiv regionale Handelsund Investitionsmöglichkeiten mit griechischen
Partnern in der Region.
Die Auseinandersetzungen Griechenlands mit
einigen seiner Nachbarn behinderten die Fähigkeit
des Landes zur Übernahme einer Führungsrolle auf
dem Balkan. Der Disput Griechenlands mit der
ehemals jugoslawischen Republik Makedonien ist
noch nicht beigelegt. Dies ist eine gefährliche
Situation und beinhaltet das Risiko weiterer Instabilität in der Region. Die Regierung der Vereinigten
Staaten unterstützt durch ihren Sondergesandten
Matthew Nimetz aktiv die Bestrebungen der Vereinten Nationen unter der Führung von Cyrus Vance
zur Aushandlung einer Lösung des Konflikts. Wir
hoffen auf seine baldige Beendigung.
Auch die Türkei ist ein extrem wichtiger Verbündeter.
Das Land steht im Mittelpunkt fast jeder Frage auf
dem eurasischen Kontinent, die für die Vereinigten
Staaten wichtig ist - NATO, der Balkan, Zypern, die
Ägäis, Sanktionen gegen den Irak, der Nahostfriedensprozeß, die Beziehungen Rußlands im
Kaukasus und Zentralasien, Transitstrecken für
kaspisches Erdöl und Gas. In der Türkei streben wir
die weitere Entwicklung eines demokratischen
weltlichen Staates mit einer prosperierenden Wirtschaft, der Unterstützung westlicher Interessen und
hohen Menschenrechtsstandards an.
Unsere
Interessen sind beträchtlich. Die Förderung der
territorialen Integrität der Türkei und die Stärkung
unserer Beziehungen insgesamt erfordern weiteren
Sicherheitsbeistand auf allen Ebenen.
Die Regierung und das Volk der Türkei haben ihr
Engagement für Demokratisierung und Menschenrechtsreformen unter Beweis gestellt. Am 23. Juli
stimmte die Nationalversammlung der Türkei mit
einer überwältigenden Mehrheit von 360 zu 32
Stimmen 17 Zusatzartikeln zur Verfassung zu, um
die türkische Demokratie voranzubringen und die
Beteiligung der Bevölkerung am politischen Leben
zu erweitem. Diese Zusatzartikel schaffen unter
anderem Beschränkungen der politischen Arbeit von
Vereinigungen, Verbänden, Gruppen und Genossenschaften ab, geben Beamten das Recht auf Gewerkschaftsbildung und die Teilnahme an Tarifverhandlungen, senken das Wahlalter von 20 auf 18 und
erhöhen die Zahl der Parlamentsabgeordneten von
450 auf 550.
Präsident Clinton gratulierte Ministerpräsidentin Ciller
schriftlich zu der von ihr bei der Zustimmung zu
diesem Reformpaket übernommenen Führungsrolle.
Soweit ich weiß, rief der französische Präsident
Chirac Frau Ciller an und übermittelte dieselbe

Seite 10

Botschaft. Dieses Reformpaket ist Teil umfassender
Bestrebungen zur Förderung der Demokratie in der
Türkei und Verbesserung seiner Menschenrechtssituation. Wenn das türkische Parlament nach der
Sommerpause wieder zusammentritt, wird die Regierung sich mit der Möglichkeit einer Modifizierung von
Artikel 8 des Antiterrorgesetzes befassen, das in der
Vergangenheit zur Beschränkung der Meinungsfreiheit eingesetzt wurde. Die Vereinigten Staaten
werden auch weiterhin dieses Streben nach Demokratisierung und Menschenrechtsreformen unterstützen.
Die Spannungen zwischen Griechenland und der
Türkei spiegeln jahrhundertealtes Mißtrauen und
Feindschaft wider. Es ist von entscheidender Bedeutung, diese Beziehungen zu verbessern und das
politische und kulturelle Engagement der Türkei für
den Westen zu stärken. Die Aufhebung des griechischen Vetos und das anschließende Abkommen der
EU vom 6. März über Fortschritte bei einer Zollunion
mit der Türkei werden einen wichtigen Beitrag zur
Erlangung dieser Ziele leisten. Wir streben eine
Fortsetzung dieser Entwicklung an, indem wir die
Türkei ermutigen, sich ernsthaft mit den Belangen
des Europäischen Parlaments zu befassen, insbesondere im Hinblick auf die Menschenrechtssituation in der Türkei, die die Zustimmung des
Parlaments zur Zollunion zu gefährden droht.
Zypern ist der Schlüssel zum langfristigen Abbau der
Spannungen zwischen diesen beiden NATO-Verbündeten. Die Beilegung des seit langer Zeit bestehenden Streits auf der Insel hätte positive Auswirkungen auf unsere strategischen und humanitären
Interessen in Südosteuropa.
Die Spannungen
zwischen unseren beiden wichtigen NATO-Verbündeten - der Türkei und Griechenland - könnten mit der
Beseitigung der Spannungsquelle Zypern beträchtlich
reduziert werden. Wenn sie ihrer unruhigen Vergangenheit resolut den Rücken zukehren, könnten
die beiden zypriotischen Gemeinschaften anfangen,
das volle Potential ihrer Inselheimat zum Tragen zu
bringen und eine Zukunft mit mehr Sicherheit und
Wohlstand zu schaffen.

Aus diesen und anderen Gründen engagiert sich die
Administration für eine Lösung des Zypern-Problems
und beteiligt sich aktiv daran. Unser Ziel ist eine aus
zwei Zonen und zwei Volksgruppen bestehende, fest
in Europa verankerte Föderation. Die Administration
unterstützt entschieden das Engagement der EU zur
Aufnahme von Beitrittsverhandlungen für Zypern nach
der zwischenstaatlichen Konferenz der EU von 1996.
Dies hat beiden Volksgruppen auf der Insel neue
Anreize gegeben, zur Beilegung ihrer Differenzen
effektiver zusammenzuarbeiten.

AMERIKA DIENST 25

�Als Zeichen unseres Engagements ernannte der
Präsident Richard Beattie im Januar zu seinem
Emissär in Zypern - dem ersten seit 16 Jahren. Im
Mai leitete Herr Beattie die Londoner Sondierungsgespräche zwischen türkischen und griechischzypriotischen Vertretern, um Gemeinsamkeiten für
ernsthafte Gespräche zu finden. In einer weiteren
Bestrebung zur Auslotung aller Möglichkeiten berief
ich vergangene Woche im Außenministerium ein
Treffen zwischen US-Botschaftern und Privatleuten
zur Erörterung der Situation in Zypern ein.
Die Teilnehmer stimmten zu, ein möglicher Beitritt
Zyperns zur Europäischen Union könnte für beide
Seiten einen wichtigen Anreiz zur Erlangung eines
Abkommens bieten. Wir sind hoffnungsvoll und
bleiben in Zypern engagiert.
Irland
Historisch gesehen sind die Kämpfe in Nordirland
ein tragischer Beweis dafür, daß Zentral- und
Südosteuropa nicht als einzige in der Region unter
dem Erbe der Gewalt und des Hasses leiden. Die
Vereinigten Staaten unterstützen aktiv die Suche der
Menschen in Nordirland sowie der britischen und
irischen Regierung nach einer friedlichen Lösung,
und trotz einiger Rückschläge gibt es Grund zur
Hoffnung.
In den vergangenen beiden Wochen haben die
britische und die irische Regierung auf der Grundlage eines gemeinsamen Ansatzes solide Fortschritte
bei der Beseitigung von Hindernissen für die Anberaumung von Allparteiengesprächen in Nordirland
gemacht. Der Nordirlandminister Sir Patrick Mayhew
und der irische Außenminister Dick Spring führten
am 24. Juli intensive Diskussionen und erwägen
verschiedene Vorschläge zur Überwindung der
Pattsituation bei der Entwaffnung, der Aufnahme von
Allparteiengesprächen und Lösung anderer anstehender Fragen. Die Gründung einer internationalen Kommission zur Untersuchung der Entwaffnungsmodalitäten ist eine der vielen Ideen, die derzeit von
den beiden Regierungen geprüft werden. Wir erwarten eine offizielle Bekanntgabe aller Übereinkünfte,
nachdem beide Regierungen ihnen Substanz verliehen haben. Eine solche Ankündigung könnte
beim nächsten, für September anberaumten angloirischen Gipfel der Premierminister Major und
Bruton gemacht werden.
Am 23. Juli gab der Minister Nordirlands für politische Entwicklung, Michael Ancram, bekannt, Sir
Patrick Mayhew und er selbst seien am 18. Juli mit
dem Vorsitzenden der Sinn Fein, Gerry Adams, und
Martin McGuinness in Londonderry zusammengetroffen. Am 27. Juli fand ein Folgetreffen statt. Ferner

AMERIKA DIENST 25

traten seit der Investitionskonferenz des Weißen
Hauses vom Mai Herr Ancram und Herr McGuinness
mehrmals persönlich und telefonisch in Kontakt. Wir
halten diese fortgesetzten Kontakte sowie den
hochrangigen Dialog zwischen britischen Ministem
und der Sinn Fein für ermutigend. Da die Sinn Fein
das Ende der bilateralen "Sondierungsgespräche" mit
der britischen Regierung angekündigt hat, sind
fortgesetzte Kontakte mit der Sinn Fein zur Vermeidung von Mißverständnissen und Fortführung des
Friedensprozesses erforderlich. Bilaterale Treffen
zwischen Vertretern der Protestanten und Herrn
Ancram werden ebenfalls fortgesetzt.
Anfang Juli gab es Unruhen in Nordirland, bei denen
Menschen verletzt, Autos und Busse überfallen und
ausgebrannt wurden. Jetzt ist wieder Ruhe eingekehrt, aber trotz ostentativ friedlicher Proteste bleibt
das Gewaltpotential bestehen. Wir rufen alle Seiten
dazu auf, geplante Proteste oder Märsche erneut zu
überdenken. Wir hoffen, daß alle Proteste oder
Märsche, die stattfinden, sorgfältig überwacht werden,
um ihren friedlichen Verlauf zu gewährleisten.
Die britische Regierung verlegte sechs weitere
republikanische Gefangene aus Großbritannien in
Gefängnisse Nordirlands. Damit beläuft sich die Zahl
der seit dem 28. Juli 1994 nach Nordirland zurückgeschickten Gefangenen auf 21. Fünf der verbleibenden 29 paramilitärischen Gefangenen aus Irland oder
Nordirland in britischen Gefängnissen haben möglicherweise einen Anspruch auf Verlegung nach
Nordirland. Andere könnten in irische Gefängnisse
verlegt werden, wenn die irische Regierung gegen
Ende dieses Jahres die Europäische Konvention über
die Verlegung Verurteilter ratifiziert.
Die Administration wird weiterhin aktiv das Streben
der Menschen in Nordirland sowie der Regierungen
Irlands und Großbritanniens nach Fortschritten beim
Friedensprozeß unterstützen. Wir bleiben mit beiden
Regierungen sowie Vertretern eines breiten politischen Meinungsspektrums in engem Kontakt. Auf
wirtschaftlichem Gebiet arbeitet Senator Mitchell
weiterhin mit vielen Menschen in Nordirland und den
an Nordirland grenzenden Kreisen zusammen, um an
die bei der Konferenz im Weißen Haus erzielten
Fortschritte anzuknüpfen und sie zu konsolidieren.
Die wirtschaftliche Erholung dieser Gebiete hat für die
Administration weiterhin hohe Priorität, damit Arbeitsplätze geschaffen werden, die jungen Menschen
Anspruch auf den mit dem Frieden einhergehenden
Wohlstand geben.
Unser Vertrauen in die Fähigkeit der beiden Regierungen und der Menschen in Nordirland, eine umfassende Lösung und einen dauerhaften Frieden zu
erlangen, zeigt sich am besten in der Ankündigung

Seite 11

�des Präsidenten, Irland und Großbritannien Ende
des Jahres einen Besuch abzustatten. Er möchte
ein friedliches Nordirland besuchen und den Menschen dort, die für die Sache des Friedens eingetreten sind, eine Botschaft der Unterstützung übermitteln.
Schlußbemerkung

Wohlstand und größerer Integration politischer,
wirtschaftlicher und sicherheitspolitischer Institutionen.
Es wird einige Zeit erfordern, bis die Formen und
Muster des neuen Zeitalters ein Gefüge bilden. Es
gibt große Probleme, aber auch große Chancen. Die
Vereinigten Staaten werden sich aus einem einfachen
Grund aktiv beteiligen: unsere Eigeninteressen
erfordern es.

Die Förderung unserer Ziele in den oben genannten
Gebieten bedeutet die Ausweitung von Demokratie,

* * * *

Seite 12

*

AMERIKA DIENST 25

�OSZE
16. August 1995

Vereinbarungen von Helsinki ebneten den Weg
zur Beendigung des Kalten Krieges
Ansprache des Stellvertretenden Außenministers
HELSINKI- (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir Auszüge der Eröffnungsansprache des Stellvertretenden
Außenministers Strobe Talbott beim Symposium anläßlich des 20. Jahrestages der Unterzeichnung der
Schlußakte von Helsinki am 1. August 1995.

Einige meiner Vorredner haben ausgeführt, daß vor
20 Jahren, als die Staats- und Regierungschefs zur
Unterzeichnung der Schlußakte zusammenkamen,
das Ende des Kalten Krieges kaum vorstellbar
schien. In der Tat war es ein unmöglicher Traum.
Selbst die Optimistischeren unter uns, die vor 20
Jahren nach Helsinki kamen, beschränkten sich auf
die Hoffnung, daß die Konferenz über Sicherheit und
Zusammenarbeit in Europa (KSZE) die Entspannung
fördern und einige kleine Erfolge für die Freiheit
erzielen würde. Wir, die internationale Staatengemeinschaft, unterschätzten schlicht und einfach die

Auch hier sollten wir meines Erachtens einräumen,
daß viele von uns noch vor wenigen Jahren unterschätzten, was möglich ist. Um nur einige der
Leistungen zu nennen: Die OSZE-Missionen spielen
bereits eine Schlüsselrolle bei der Förderung der
europäischen Sicherheit durch ihr Eintreten für die
Menschenrechte, Wahlbeobachtung, die Entwicklung
demokratischer Institutionen und Konfliktbewältigungsmechanismen. Die OSZE hat wichtige Erfolge
bei der Bewältigung von Krisen erzielt, die durch
Konflikte zwischen nationalen Regierungen und
ethnischen Minderheiten ausgelöst wurden.

Fähigkeit menschlicher Gesellschaften, ihr Schicksal

selbst in die Hand zu nehmen, und die Macht der
moralischen und politischen Prinzipien, die hier in
Helsinki an jenem sonnigen Tag vor 20 Jahren
formuliert wurden.
Die in der Schlußakte von Helsinki niedergelegten
Prinzipien der territorialen Integrität und friedlichen
Beilegung von Streitigkeiten erwiesen sich als
revolutionär. Sie ebneten den Weg für die allmähliche, geordnete, demokratische Umgestaltung des
Ostens.
Wie alle internationalen Abkommen war die Schlußakte von Helsinki ein delikat geschmiedeter Kompromiß. Sie verkörperte die unterschiedlichen und
manchmal konkurrierenden Tagesordnungen der 35
Parteien, die an der Formulierung beteiligt waren.
Aber 20 Jahre der Erfahrungen haben unter Beweis
gestellt, daß die in der Schlußakte verankerten Ideen
und Prinzipien zusammengenommen eine kohärente
und überzeugende Grundlage für politische Reformen und regionale Stabilität bilden. Die KSZE
erwies sich als entscheidendes Instrument für die
Beendigung des Kalten Krieges, und die OSZE kann
jetzt das entscheidende Instrument sein, das uns
durch die Zeit nach dem Kalten Krieg führt.

AMERIKA DIENST 25

Die im April gegründete OSZE-Hilfsgruppe für Tschetschenien bietet der russischen Regierung und den
tschetschenischen Vertretern soliden, neutralen
Boden, um in dieser Woche einen Prozeß für die
friedliche Beilegung des Konflikts und die Wiederherstellung der zivilen Autorität zu vereinbaren. Im Mai
brachte eine OSZE-Gruppe die ukrainische Regierung mit Vertretern der russischen Bevölkerung auf
der Krim für eine Reihe äußerst nützlicher, produktiver und vielversprechender Gespräche zusammen.
In der Zwischenzeit setzt die Minsk-Gruppe die Arbeit
an einer friedlichen Lösung des Konflikts in Nagornyj
Karabach fort. Wir hoffen, daß in Kürze Friedenssicherungstruppen In das Krisengebiet entsandt
werden.
Dies alles unterstreicht einen entscheidenden Punkt.
Die Umgestaltung und Befreiung der ehemaligen
Sowjetrepubliken und der Staaten des früheren
Warschauer Pakts vollzog sich im großen und
ganzen friedlich. Und die OSZE hat dazu beigetragen, diesen Prozeß zu bewahren. Die OSZE ist nicht
nur "das Gewissen Europas", sie ist auch das einzige
Sicherheitsgremium, dem praktisch jede Nation in
Nordamerika und Europa angehört. Wie Botschafter
Cuvillier vor einiger Zeit feststellte, ist die OSZE
sowohl europäisch als auch transeuropäisch. Sie ist

Seite 1

�ein einzigartiges Instrument für Konsensbildung auf
dem gesamten Kontinent.
Die uns heute konfrontierende Herausforderung
besteht natürlich darin, diesen Konsens in effektive
Mechanismen umzusetzen.
Wirklich effektive
Mechanismen sind diejenigen, die uns die Verhinderung oder Abschreckung von Konflikten wie dem auf
dem Balkan erlauben. Die Verhinderung eines
zweiten Bosniens ist eine offenkundige Herausforderung bei unserer Tagesordnung, die Präsident
Ford zu Recht als "unbeendet" bezeichnet hat.
Dasselbe gilt für die Herausforderung, die derzeitige
Krise auf dem Balkan zu bewältigen. Diese Herausforderung ist so dringlich, so schwierig und so
erschreckend, daß wir mit dem gesamten uns zur
Verfügung stehenden institutionellen und konzeptionellen Material vorgehen müssen. Aus diesem
Grund befürwortet unsere Administration die Nutzung aller Institutionen oder Arrangements, die sich
den in der Schlußakte von Helsinki verankerten
Prinzipien verschrieben haben. Dazu zählen die
NATO, die Europäische Union, die Partnerschaft für
den Frieden, und dazu zählen neue Ideen, die aus
stolzen Momenten wie diesem geboren werden
könnten. Und natürlich zählt die OSZE selbst dazu.

Da ich bereits einen ehemaligen Präsidenten zitiert
habe, möchte ich auch die Worte des derzeitigen
Präsidenten der Vereinigten Staaten wiederholen.
Beim Gipfeltreffen der Organisation im Dezember
vergangenen Jahres erklärte Präsident Clinton
folgendes: "Jetzt, da Europa die Freiheit gewonnen
hat, kann die OSZE eine bedeutendere Rolle spielen
um zu gewährleisten, daß die Freiheit nie wieder
verloren geht. Die OSZE sollte unsere erste flexible
Verteidigungslinie gegen ethnische und regionale
Konflikte darstellen. Ihre Regeln können vor dem
Streben nach Hegemonie und Einflußsphären schützen. Sie kann den Nationen bei der gemeinsamen
Schaffung von Wohlstand helfen. Und sie kann die
Integration Europas Stück für Stück fördern."
Mit anderen Worten, Präsident Clinton ist der Auffassung, daß unsere Erfahrungen mit der OSZE in
den kommenden 20 Jahren ebenso wie die Erfahrungen mit der KSZE in den vergangenen 20 Jahren
die internationale Staatengemeinschaft bei der Suche
nach einem Gleichgewicht zwischen strategischem
Optimismus und operativem Realismus leiten werden.
Es war dieses Konzept, dieses Gleichgewicht, das
Präsident Ford motivierte, als er vor 20 Jahren
hierher kam. Und es wird Präsident Clinton in der
Zukunft leiten.
Ich danke Ihnen.

*

Seite 2

*

AMERIKA DIENST 25

�KRIEGSVERBRECHEN
16. August 1995

USA übermitteln Kriegsverbrechertribunal
Informationen zu Bosnien
Erklärung von Mike McCurry
WASHINGTON - (AD) - Die durch die Serben verübten Greueltaten dürfen dem Weißen Haus in Washington
zufolge nicht unbestraft bleiben. Daher wird das Weiße Haus dem Kriegsverbrechertribunal der Vereinten
Nationen für das ehemalige Jugoslawien Berichte über "Massenexekutionen, Schläge, Vergewaltigungen und
andere eklatante Verletzungen der Menschenrechte" nahe Srebrenica und Zepa zukommen lassen.
Der Pressesprecher des Weißen Hauses, Mike McCurry, erklärte am 9. August 1995, die dem Abteilungsleiter
für Menschenrechte und humanitäre Angelegenheiten im US-Außenministerium, John Shattuck, bei seiner
jüngsten Mission in Bosnien übergebenen Berichte handelten insbesondere von Greueltaten der bosnischen
Serben in den beiden eroberten UNO-Schutzzonen. Tausende von Zivilisten werden McCurry zufolge nach
der Einnahme der ehemaligen Schutzzonen durch die Serben vermißt. Die kroatische Offensive in der Krajina
führte laut McCurry zu einer Flüchtlingskrise riesigen Ausmaßes, da die Serben vor den vorrückenden
kroatischen Truppen flüchten.
Nachfolgend veröffentlichen wir den Text der von Pressesprecher McCurry abgegebenen Erklärung.

Während seiner Mission in Zentral- und Nordostbosnien vergangene Woche wurden Abteilungsleiter
John Shattuck Beweise für ungeheuerliche Menschenrechtsverletzungen durch bosnisch-serbische
Streitkräfte nach ihrem Angriff auf Srebrenica und
Zepa übergeben. Der Abteilungsleiter hörte von
Augenzeugen Berichte über Massenexekutionen,
Schläge, Vergewaltigungen und andere eklatante
Verletzungen der Menschenrechte und des Völkerrechts. Der Verbleib Tausender von Zivilisten aus
Srebrenica und Zepa ist unbekannt.

Seit der Rückkehr von Abteilungsleiter Shattuck
haben die Ereignisse im ehemaligen Jugoslawien
zusätzlichen Anlaß zur Sorge bereitet. Zehntausende
von Menschen wurden zum Verlassen ihrer Heimat
gezwungen, als sich die Frontlinien verschoben,
zuletzt in der kroatischen Krajina. Das führte zu einer
Flüchtlingskrise riesigen Ausmaßes. Es ist zwingend
erforderlich, daß alle Parteien die Rechte dieser
Flüchtlinge und Vertriebenen respektieren und diesen
Menschen insbesondere Zugang zu den internationalen Hilfsorganisationen gewähren.

Die Vereinigten Staaten fordern die bosnischen
Serben dazu auf, internationalen humanitären
Organisationen Zugang zu allen noch inhaftierten
Personen zu geben. Die Streitkräfte der bosnischen
Serben müssen auch Aufschluß über den Verbleib
von Menschen aus den beiden Gebieten geben,
deren Schicksal unbekannt ist und dürfen denjenigen, die den Angriff der bosnischen Serben überlebten, keinen Schaden zufügen. Die Vereinigten
Staaten werden ihre Bestrebungen fortsetzen,
Informationen über die Vorgänge am Boden zu
sammeln. Alle Informationen werden dem internationalen Tribunal für das ehemalige Jugoslawien
übergeben und dienen der strafrechtlichen Verfolgung derjenigen, die Kriegsverbrechen, Verbrechen gegen die Menschlichkeit und des Völkermords
schuldig sind.

Die Vereinigten Staaten haben alle Parteien im
ehemaligen Jugoslawien zur Zurückhaltung und vor
allem zur Achtung der Menschenrechte und des
Völkerrechts aufgerufen und werden das auch
weiterhin tun. Die Vereinigten Staaten teilen allen
relevanten Parteien diese Besorgnis mit. Auf Drängen der Vereinigten Staaten wird der UNO-Sicherheitsrat wahrscheinlich Resolutionen über die Verurteilung von Verbrechen auf beiden Seiten annehmen, insbesondere über die von den bosnischen
Serben gegen die Flüchtlinge aus Srebrenica und
Zepa begangenen Greueltaten. Ferner soll der
Sicherheitsrat die Parteien dazu aufrufen, ihre Verpflichtungen gegenüber der Zivilbevölkerung zu
erfüllen.

AMERIKA DIENST 25

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�FRAUEN
16. August 1995

Unterstützung der Pekinger Frauenkonferenz
Rede von UNO-Botschafterin Albright
WASHINGTON - (AD) - Botschafterin Madeleine Albright, die Ständige Vertreterin der Vereinigten Staaten bei
den Vereinten Nationen, bekräftigte in einer am 2. August 1995 im Center for National Policy der
Bundeshauptstadt Washington gehaltenen Rede das Engagement der Clinton-Administration für die in Peking
anberaumte Weltfrauenkonferenz. "Es sollte kein Zweifel daran bestehen, daß die Vereinigten Staaten dort
vertreten sein werden", erklärte sie.
Nachfolgend veröffentlichen wir die von Botschafterin Albright gehaltene Rede im Wortlaut.

Guten Morgen. Ich freue mich, hier zu sein. Vielleicht bin ich voreingenommen, aber meines Erachtens ist das Center for National Policy eine
großartige Organisation, und ich begrüße ihre
Bereitschaft zur Unterstützung dieses aktuellen
Ereignisses.
In 33 Tagen beginnt in China die vierte Weltfrauenkonferenz, und es sollte kein Zweifel daran bestehen, daß die Vereinigten Staaten dort vertreten sein
werden.
Wir werden an der Konferenz teilnehmen, weil sie
eine seltene Gelegenheit bietet, weitere Fortschritte
in bezug auf den Status und die Rechte von mehr
als der Hälfte auf unserer Erde lebenden Menschen
zu machen.
Als Leiterin der amerikanischen Delegation bin ich
zuversichtlich, daß die Ziele der Vereinigten Staaten
starke Unterstützung finden werden. Diese Ziele
umfassen:
Förderung und Schutz von Menschenrechten der
Frau und Einstellung der Gewalt gegen Frauen,
Erweiterung der Beteiligung von Frauen an
politischen und wirtschaftlichen Entscheidungsprozessen,

Anerkennung der zunehmenden Rolle nichtstaatlicher Organisationen (NGOs) beim Aufbau starker
Gemeinden - auf lokaler, nationaler und internationaler Ebene.
Die Pekinger Konferenz ist die vierte ihrer Art in einer
vor 20 Jahren in Mexico City begonnenen Serie.
Diese Zusammenkünfte haben rechtliche, soziale und
politische Reformen angekurbelt, die das Leben von
Frauen und Mädchen auf der ganzen Welt verbesserten. Jetzt besteht unser Ziel darin, auf vergangenen Errungenschaften aufzubauen und die Beseitigung der verbliebenen Hindernisse für die umfassende und gleichberechtigte Beteiligung von Frauen an
der Gesellschaft zu beschleunigen.
Als Angehörige einer Familie, die während meiner
Kindheit zweimal aus ihrer Heimat vertreiben wurde erst von Hitler, dann von Stalin - halte ich es für die
Pflicht eines jeden freien Menschen, alles in seiner
Macht Stehende zu unternehmen, um die Freiheit
anderer zu fördern. Und ich beabsichtige sicherzustellen, daß die amerikanische Delegation bei der
Frauenkonferenz als unerschrockener Verfechter von
Freiheit und Menschenrechten agiert.

Gewährleistung des gleichberechtigten Zugangs
von Frauen zu Bildung, Ausbildung und Gesundheitsfürsorge während ihres ganzen Lebens,

Bedauerlicherweise werden heute in Ländern auf der
ganzen Welt entsetzliche Verbrechen an Frauen
begangen. Dazu zählen erzwungene Abtreibungen
und Sterilisationen, Verkauf von Kindern zur Prostitution, rituelle Verstümmelungen, Mitgiftmorde und
Gleichgültigkeit der Regierung gegenüber Gewaltanwendung.

Stärkung der Familie durch Bestrebungen, die
beruflichen und familiären Pflichten von Frauen
und Männern ins Gleichgewicht zu bringen und

Die Clinton-Administration wird die Pekinger Konferenz nutzen um zu betonen, daß Gewalt gegen
Frauen niemandes Vorrecht ist. Sie ist keine kulturel-

AMERIKA DIENST 25

Seite 1

�le Wahlmöglichkeit, keine unausweichliche Konsequenz der Biologie, sondern ein Verbrechen,
dessen Verurteilung, Verhinderung, Bestrafung und
Beendigung unser aller Pflicht ist.
Von manchen wird die Ansicht vertreten, wir sollten
aufgrund der Menschenrechtspolitik des Gastlandes
nicht an der Frauenkonferenz teilnehmen. Diese
Vorschläge gehen von den richtigen Motiven aus,
verfehlen aber das eigentliche Ziel. Ein amerikanischer Rücktritt von der Teilnahme würde die Konferenz nicht verhindern oder ihren Veranstaltungsort
verlegen. Die Konsequenz wäre vielmehr eine
Konferenz, bei der 130 Millionen amerikanischer
Frauen nicht vertreten sind und Einfluß und Führungsrolle der Vereinigten Staaten nicht zum Tragen
kämen.
Es ist einfach nicht sinnvoll, im Namen der Menschenrechte eine Konferenz zu boykottieren, deren
Hauptziel die Förderung von Menschenrechten ist.
Man kann den Frauen in China und andernorts nicht
helfen, indem man anderen das Feld überläßt.
Vielmehr müssen wir an dieser Konferenz teilnehmen, die bestehenden philosophischen und ideologischen Meinungsunterschiede von Angesicht zu
Angesicht debattieren, der Welt den Mißbrauch und
die Hemmnisse des Fortschritts vor Augen führen,
die wir beseitigen wollen, und den Gesellschaften
Verpflichtungen zum Wandel abringen, die ihn am
meisten benötigen. Darum geht es bei der Übernahme einer Führungsrolle und dem Engagement für
freie und offene Diskussionen.
Im Hinblick auf Harry Wu ist unsere Position klar. Er
sollte unverzüglich und unversehrt freigelassen
werden. Sein Fall hat für die Vereinigten Staaten
oberste Priorität. Ich kann verstehen, daß manche
unsere Teilnahme an der Konferenz von der Freilassung Herrn Wus abhängig machen möchten. Sie
gehen dabei jedoch von der fälschlichen Annahme
aus, unsere Teilnahme stelle Peking gegenüber
einen Gefallen dar. Wir haben keinen Grund zu der
Annahme, daß unsere Einstellung zu der Konferenz
irgendwelchen Einfluß auf die chinesischen Entscheidungen über Herrn Wu hat.
Wir haben jedoch Grund zur Hoffnung, daß die
Konferenz positive Auswirkungen auf den Status der
Frauen in China haben wird.
Die Vorbereitungen für die Konferenz haben in
China bereits zu einem verschärften Bewußtsein für
Frauenfragen beigetragen. Ehemalige Tabuthemen,
darunter Gewalt gegen Frauen, werden jetzt in der
Öffentlichkeit diskutiert. Die von den Vorbereitungssitzungen zurückkehrenden Chinesen sprachen von

Seite 2

einem erhöhten Feingefühl für die Behandlung von
Frauen in den Medien und die wirtschaftliche Ausbeutung von Frauen. Es ist von großer Bedeutung,
daß über 5.000 Chinesinnen an dem NGO-Forum
teilnehmen und ihre Eindrücke mit nach Hause
nehmen werden.
Angesichts der Menschenrechtsbilanz Chinas möchte
ich die Auswirkungen dieser Konferenz nicht überbewerten. Aber als ehemaliges Mitglied der Nationalen
Stiftung für Demokratie weiß ich, daß einer der
besten Wege zur Förderung demokratischen Denkens darin besteht, die Menschen mit neuen Ideen zu
Themen zu konfrontieren, die in direktem Zusammenhang mit ihrem eigenen Leben stehen.
Die Konfrontation mit solchen Themen ist für uns
nicht nur in China, sondern weltweit von Bedeutung,
weil Länder, in denen die Frauen einen gerechten
Anteil an der Macht haben, im allgemeinen stabiler,
demokratischer, wohlhabender und gerechter sind als
diejenigen, in denen Frauen an den Rand gedrängt
und unterdrückt werden.
Die Frauenkonferenz wird zu einer freieren und
gerechteren Welt beitragen. Wenn ihre Empfehlungen umgesetzt werden, wird sie auch Familien auf
der ganzen Welt stärken. Wir wissen aus eigener
Erfahrung, daß sozial konstruktive Werte gelehrt und
ein für bürgerliche Gesellschaften und Rechtsstaatlichkeit gedeihliches Umfeld geschaffen wird, wenn
Familien stark und die Kinder versorgt sind.
Daher wollen wir der Idee Dynamik verleihen, daß
Frauen und Männer die Verantwortung des Familienlebens gleichermaßen teilen sollten, wir wollen, daß
Mädchen ebenso geachtet werden wie Jungen, wir
wollen, daß Eltern und zukünftige Eltern informierte
Entscheidungen über ihre Familienplanung treffen
können, und wir wollen, daß häusliche Gewalt
eingeschränkt und verurteilt wird.
Jedes dieser Themen ist ein zentrales Element des
Entwurfs einer Aktionsplattform der Konferenz. Und
mit effektivem Handeln zu jedem Themenkomplex
werden wir Familien und Gemeinden weltweit helfen.
Trotz jüngster Errungenschaften sind Frauen nach
wie vor eine unterbewertete und unterentwickelte
menschliche Ressource. Das soll nicht heißen, daß
Frauen Schwierigkeiten haben, Arbeit zu finden. In
vielen Gesellschaften - insbesondere in ländlichen,
vornehmlich landwirtschaftlichen Gebieten - verrichten
sie den Großteil der Arbeit, aber sie besitzen das
Land nicht, sie sind Analphabeten, sie können keine
persönlichen oder Geschäftskredite aufnehmen, und
der Zugang zum politischen Entscheidungsfindungsprozeß wird ihnen verweigert.

AMERIKA DIENST 25

�Es ist kein Zufall, daß die meisten erbärmlich armen
Menschen Frauen sind, die häufig die Kinder ohne
Hilfe des Kindesvaters versorgen müssen. Viele von
ihnen sind seit frühestem Alter in einem Teufelskreis
des Mißbrauchs, der Diskriminierung, der Ignoranz
und Machtlosigkeit gefangen, dem nur wenige
entrinnen können.
Wir dürfen nicht indifferent sein. Berichten zufolge
werden in Angola ein Drittel aller Morde an Frauen
verübt, für gewöhnlich durch ihren Ehemann.
In Thailand nimmt die Kinderprostitution zu, weil die
Kunden glauben, ältere Prostituierte seien eher HIVinfiziert.
Im Senegal erhalten Mädchen weniger als ein Drittel
der Schulbildung für Jungen.

Frauen aus allen Ländern ihr Schicksal selbst in die
Hand nehmen können, sondern, wann und wie.
Am Aufbau integrierender Gesellschaften wird jedoch
immer noch gearbeitet. Die Vereinigten Staaten
arbeiten seit zwei Jahrhunderten daran. Mehr als die
Hälfte der Geschichte unserer Nation - bis vor 75
Jahren in diesem Monat - konnten amerikanische
Frauen nicht einmal wählen. Viele traditionelle oder
autoritäre Gesellschaften müssen noch einen langen
Weg zurücklegen. Die vierte Frauenkonferenz wird
Richtlinien bieten und Verpflichtungen für jeden Staat
fördern, unabhängig von den derzeitigen Praktiken
und Maßnahmen Fortschritte zu machen.
Bei der Vorbereitung dieser Konferenz wurde ich an
ein altes chinesisches Gedicht erinnert, in dem ein
Vater zu seiner jungen Tochter sagt:

In Sierra Leone versorgen die Frauen die Subsistenzlandwirtschaft und die Kinder praktisch völlig
allein und haben wenig Chancen für Ausbildung.

Wir haben einen Hund, um das Haus zu
bewachen,
auch ein Schwein ist nützlich,
wir haben eine Katze, um Mäuse zu fangen,
aber was können wir
mit einem Mädchen wie Dir anfangen?

Und fast überall auf der Welt werden Frauen durch
diskriminierende Verhaltensweisen sowie ungerechte
soziale und wirtschaftliche Strukturen eingeschränkt.
Die Frauenkonferenz wird diese Probleme nicht über
Nacht lösen, aber sie wird die Aufmerksamkeit
darauf lenken und Hilfsmaßnahmen fördern. Frauen
auf der ganzen Welt sind bereit, vollwertige Partner
bei nachhaltiger Entwicklung zu sein, aber sie
benötigen uneingeschränkten Zugang zu Bildung
und Gesundheitsfürsorge, sie benötigen Zugang zu
Krediten und sie benötigen Gleichheit vor dem
Gesetz. Die Freisetzung der produktiven Kapazität
von Frauen ist ein Schlüssel, den Zyklus der Armut
zu durchbrechen, und das wird wiederum zu einem
höheren Lebensstandard für alle Nationen beitragen.
Seit der ersten Frauenkonferenz vor 20 Jahren
haben sich die Chancen für Frauen auf der ganzen
Welt verbessert. Es ist nicht länger eine Frage, ob

*

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*

Für mich wird die Frauenkonferenz ein Erfolg sein,
wenn sie uns nur dem Tag ein wenig näher bringt, an
dem die Mädchen auf der ganzen Welt mit Vertrauen
in die Zukunft blicken können, daß ihr Leben geschätzt, ihre Individualität respektiert, ihre Rechte
geschützt und ihre Zukunft von ihren eigenen Fähigkeiten und ihrem Charakter bestimmt wird.
In einer solchen Welt wird unser aller Leben - Männer
und Frauen, Jungen und Mädchen - bereichert.
Und die Vereinigten Staaten werden sich aktiv,
entschieden und stolz in Peking beteiligen, um
Fortschritte zu einer solchen Welt zu erzielen.
Ich danke Ihnen. Ich werde jetzt gerne Ihre Fragen
beantworten.

*

*

Seite 3

�MEDIEN
16. August 1995

Journalistische Freiheit und Menschenrechte
Prinzipien demokratischer Gesellschaften
PRAG - (AD) - Dem Thema "journalistische Freiheit und Menschenrechte" kommt vor dem Hintergrund der
jüngsten Entwicklungen in Europa - den aufstrebenden neuen Demokratien, in denen ein Mediensystem
eingeführt sowie die Rolle des Journalismus und der Eigenidentität definiert wird, und in westlichen Ländern,
die sich mit einer Reihe potentiell explosiver Probleme konfrontiert sehen, darunter die Medienkonzentration,
Verlust der Glaubwürdigkeit vieler Medien sowie die Notwendigkeit der Erweiterung journalistischer Rechte besondere Bedeutung zu. Der von einer österreichischen Delegation bei der 4. Europäischen Ministerkonferenz über Massenmedienpolitik vom 7. - 8. Dezember 1994 in Prag verfaßte Bericht erörtert einige
grundlegende journalistische Rechte, die als Ventil für ein gewisses Maß an Freiheit in den Medien und unter
Journalisten wirken.
Veröffentlichung und Übersetzung mit freundlicher Genehmigung von OSCE Bulletin, Winter 1994/1995.

Prinzipien
Rede- und Informationsfreiheit zählen zu den Grundlagen eines demokratischen Systems und wurden
ohne Ausnahme in allen seit dem Zweiten Weltkrieg
veröffentlichten Menschenrechtsdokumenten bekräftigt. Die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte
der Vereinten Nationen von 1948 legte beispielsweise das Recht des einzelnen auf Redefreiheit
nieder. Artikel 10 der Europäischen Konvention über
Menschenrechte von 1950 garantiert Rede- und
Informationsfreiheit ohne Einmischung öffentlicher
Behörden und unabhängig von nationalen Grenzen.
Eines der allgemein anerkannten Prinzipien aller
demokratischen Staaten ist, daß staatliche Einflußnahme in Form von Zensur, Vorzensur, obligatorischer Lizensierung der Printmedien, Importbeschränkungen für Medienprodukte aus dem Ausland
oder administrative postalische Verbote als gravierende Verletzungen des Rechts auf Rede- und
Informationsfreiheit angesehen werden. Staatliche
Einflußnahme dieser Art auf das Mediensystem wirft
den Schatten eines Zweifels auf die Verpflichtung
des Staates zu Demokratie an sich und ist daher in
den meisten europäischen Staaten durch Gesetze
mit verfassungsmäßigem Status - das heißt beständigen Rechtsvorschriften - verboten.
Redefreiheit findet nicht nur auf Informationen und
Ideen Anwendung, die positiv aufgenommen und als
nicht offensiv oder bedeutungslos angesehen

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werden, sondern auch auf diejenigen, die verletzend,
schockierend oder störend wirken. Mit anderen
Worten, sie schützt auch äußerst persönliche, sogar
unausgewogene und subjektive Meinungen. Das
grundlegende Recht der Rede- und Informationsfreiheit findet im Prinzip auf jeden Anwendung, es ist
kein bestimmten Personen oder besonderen Gruppen
eingeräumtes Recht. Gleichzeitig beinhaltet das
Recht auf Rede- und Informationsfreiheit das Recht
auf Information und das Recht der Öffentlichkeit auf
angemessene Information.
Im Fallrecht des Europäischen Gerichtshofs für
Menschenrechte hat sich die Interpretation der
Presse- und Medienfreiheit eindeutig von dem
klassischen Recht des einzelnen zu einem funktionierenden demokratischen Recht entwickelt. Dieser
Änderung liegt die Sichtweise zugrunde, daß die
Massenmedien, die zur öffentlichen Diskussion
beitragen, die öffentliche Meinung fördern und eine
Öffentlichkeit schaffen - all dies zentrale Aufgaben
demokratischer Gesellschaften - auch eine Verantwortung gegenüber der Gesellschaft haben.
Grundlegende Wirtschaftsbedingungen
Abgesehen von der Ausübung und Erfüllung öffentlicher Pflichten, die ihnen in einem demokratischen
System obliegen, sind die Massenmedien auch
Unternehmen.
Als Werbeträger stellen sie die
entscheidende Infrastrukturfür die Marktwirtschaft zur
Verfügung, und im Falle der meisten Zeitungen und

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�privaten Rundfunk- und Fernsehanstalten greifen sie
auf die Einnahmen aus Anzeigen und Werbung als
Betriebsgrundlage zurück.
Massenmedien sind
daher gleichzeitig Verteiler und Halter wirtschaftlicher
und politischer Macht und unterliegen den Regeln
eines Marktes, auf dem Nachrichten und Unterhaltung einen gewissen Marktwert haben und die
Medienberichterstattung über Personen oder Produkte eine verkäufliche Ware geworden ist.

Hierarchie des Unternehmens definiert wird, sowie
den einzelnen Journalisten und ihrem beruflichen
Engagement. Je autonomer Journalismus im allgemeinen ist und je mehr Spielraum den Journalisten
bei ihren Aktionen eingeräumt wird, desto besser wird
der Journalismus qualitativ hochwertige Berichterstattung über eine Vielzahl von Themen und
Meinungen in einem bestimmten öffentlichen Medium
bereitstellen.

Die Freiheit der Medien nur im liberalen Sinne der
Freiheit von staatlicher Kontrolle zu sehen, ist unzureichend angesichts der Tatsache, daß häufig nicht
der Staat, sondern der Markt selbst der Hauptmechanismus sozialer Regelung ist. Unter Berücksichtigung dieser Realität appellierte die Erklärung über
Rede- und Informationsfreiheit von 1982 an die
politische Gemeinde, so weit wie möglich eine
Vielfalt von Medien und die Pluralität von Informationsquellen zu fördern.

Das Rechtssystem eines Landes kann uneingeschränkte journalistische Verantwortung nicht aufoktroyieren oder garantieren. Es kann dies umso
weniger, als Verantwortung ein gewisses Maß an
Freiheit impliziert und weder die Objektivität der
Berichterstattung vom Staat definiert noch ihr Wahrheitsgehalt durch eine von der Regierung sanktionierte Version der Wahrheit ersetzt werden darf.
Staatliche Vorschriften für die Medien und andere
Bereiche bestimmen jedoch die rechtliche Verantwortung der Medien, die mit dem Sammeln und
Verbreiten von Informationen in Konflikt mit Objekten
öffentlichen und privaten Rechtsschutzes kommen
können. Sie schaffen einen Rahmen, in dem sich die
Verantwortung des Journalisten entfaltet, und sie
können bestimmte strukturelle Richtlinien für journalistische Verantwortung enthalten.

Journalismus und seine Rolle
Die beruflichen Aktivitäten von in Medienunternehmen tätigen Herausgebern, Redakteuren und Journalisten verschaffen ihnen in vielen Ländern eine
bestimmte rechtliche Präferenzstellung und Schutzgarantien. Diese Rechte sollen nicht ihre eigenen
Kommunikationsinteressen befriedigen, sondern
bestimmten sozialen Aufgaben dienen. Es ist diese
besondere Rolle von Massenmedien und Journalisten in der Gemeinde, die ihnen in vielen Ländern
mehr Rechte einräumt als anderen Bürgern, wenn
es darum geht, Regierungsinformationen zu beschaffen und zu verbreiten.

Es reicht nicht aus, in allen Staaten allgemeine
Prinzipien festzulegen, selbst wenn sie verfassungsmäßige Gesetze haben. Wichtiger ist das Vorhandensein einer Reihe von Grundbedingungen, die den
Medien zunächst einmal die Nutzung ihrer Informationsfreiheit gestatten.
Zugang zu Informationen

Dennoch lehnen viele Länder die Einführung einer
solchen rechtlichen Präferenzstellung und von
Schutzgarantien ab. Selbst Journalisten, Herausgeber und Redakteure sind nicht immer positiv gegenüber Sonderregelungen dieser Art eingestellt, teils
aus ideologischen Gründen und teils aufgrund
unterschiedlicher Traditionen und Geschichte.
Manche fürchten, die Einführung von Regeln für
"Privilegien" könnte auch zu solchen für "Pflichten"
führen - und so die Möglichkeiten der Medien zur
Ausübung ihrer Arbeit aufgrund staatlicher oder
sogar rechtlicher Einmischung verschlechtern.
Es liegt auf der Hand, daß viele unterschiedliche
Parteien die Verantwortung für das Funktionieren
des Mediensystems teilen: Der Staat, der die
rechtliche Grundlage für die Medienarbeit geschaffen
hat; die Medieneigentümer, die die Medien betreiben
und die wirtschaftliche Verantwortung für sie tragen;
die Beschäftigten der Medienunternehmen, deren
Aufgaben durch ihren Kompetenzbereich bestimmt
werden, der wiederum relativ präzise anhand der

Seite 2

Ungehinderter Zugang zu Informationen ist entscheidend, wenn die Berichterstattung mehr als eine bloße
Reproduktion oder leichte Revision vorbereiteter
Pressetexte sein und auf Fakten und nicht nur
Gerüchte oder Halbwahrheiten gründen soll. Dies gilt
ebenso für Informationen von Regierungsvertretern
wie aus anderen Gesellschaftsbereichen. Obwohl die
einzelnen nationalen Bestimmungen auf diesem
Gebiet ein breites Spektrum abdecken, folgen sie im
großen und ganzen zwei Grundmodellen:
1. Kein generelles Recht auf Zugang zu Informationen. Praktisch alle Informationen der Regierung,
Verwaltungsbehörden, Gerichte oder Parlamente
sind vertraulich und werden Privatpersonen und
Journalisten vorenthalten.
2. Geregelter Zugang zu Informationen. Alle Bürger,
einschließlich der Journalisten, haben das Recht
zur Beschaffung von Informationen von den
Behörden, ausgenommen, sie werden aus be-

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�stimmten gesetzlichen vorgeschriebenen Gründen als vertraulich erachtet. Andere Bestimmungen sehen explizite Einschränkungen vor, wenn
beispielsweise die Freigabe die Integrität der
Währung, die nationale Sicherheit oder den
Schutz der Informationen von Privatparteien
gefährden würde, die der Regierung vertraulich
übermittelt wurden.
Die beiden Modelle scheinen sich grundlegend zu
widersprechen. Beim ersten Modell ist es der Druck
zur Freigabe vertraulicher Informationen, der dazu
führte, daß die Journalisten sie erhielten. Beim
zweiten Modell können Journalisten sich auf ihr
Recht auf Information berufen, um sie zu erhalten.
Der qualitative Unterschied entsteht, wenn das Recht
auf Information in einem offiziellen Verfahren gewährt werden kann, das mit der Entscheidung einer
unabhängigen (gerichtsähnlichen) Behörde endet.
Schutz der Vertraulichkeit journalistischer Informationsquellen
Vertraulichkeit der Informationsquellen schützt die
Vertraulichkeit der Informanten, Informationsquellen
und Materialien, einschließlich der Unterlagen und
des fotografischen Materials des Journalisten, und
leitet sich aus der spezifischen Funktion der Massenmedien in demokratischen Gesellschaften ab.
Vertraulichkeit der Quellen wird vom Gesetz durch
das Recht auf Weigerung zur Anhörung bei Verfahren vor einem Gericht oder einem Regierungsvertreter ohne Angst vor einem Nachteil geschützt. Das
Recht auf Aussageverweigerung muß allen im
journalistischen Bereich Tätigen gewährt werden,
das heißt, Eigentümern/Herausgebern, Redakteuren,
allen bei den Medien Beschäftigten und allen anderen, die für ein Medienunternehmen arbeiten. Der
Grund, warum die Gruppe privilegierter Personen so
groß ist, liegt darin, daß nicht nur Beschäftigte und
freiberufliche Journalisten in vertrauliche Informationen oder Dokumente eingeweiht werden können,
sondern auch alle anderen, die mit der Herstellung
gedruckter Arbeiten oder anderer Medienprodukte
befaßt sind.
Um eine Umgehung des Schutzes der Vertraulichkeit
von Informationsquellen zu verhindern, verbieten
viele Mediengesetze auch die Konfiszierung von
redaktionellem Material, die Durchsuchung von
Redaktionsbüros und der Wohnung des Journalisten
sowie Durchsuchung der Person mit dem Zweck, der
Vertraulichkeit der Quelle unterliegende Informationen zu beschaffen.
In vielen Ländern dürfen diejenigen, denen das
Recht auf Aussageverweigerung zusteht, auch die

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Beantwortung von Fragen über die Identität des Verfassers, Beitragenden oder die Quelle von Beiträgen
und Material verweigern. Das Privileg der Verweigerung der Beantwortung von Fragen erstreckt sich
auch auf den Inhalt der einem Journalisten übermittelten Informationen zum Zwecke seiner journalistischen Aktivitäten. Wenn ein Journalist selbst an
einer Straftat beteiligt war und ihm deswegen der
Prozeß gemacht wird, darf er nicht die Vertraulichkeit
der Quellen in Anspruch nehmen. Wie alle einer
Straftat Beschuldigten kann er sich jedoch weigern,
eine Aussage zu machen oder bestimmte Fragen zu
beantworten.
Beziehungen zwischen Beschäftigten bei Massenmedien
In wie Privatunternehmen strukturierten Medienunternehmen bestimmen der Eigentümer oder das von ihm
eingesetzte Management die Geschäftsziele des
Unternehmens und die grundlegende redaktionelle
Politik des Blattes oder Programms zu politischen
oder philosophischen Themen. Der Medieneigentümer ist daher berechtigt, Journalisten auszuwählen,
die ein Blatt oder Programm im Einklang mit seinen
eigenen Ideen erstellen oder auf die Realisierung der
von ihm festgesetzten journalistischen und unternehmerischen Ziele hinarbeiten. Bei den Printmedien
wäre die Verpflichtung zur Aufrechterhaltung eines
Gleichgewichts oder der Objektivität - im Augenblick ebenso schwer mit dieser Freiheit in Einklang zu
bringen, als wenn jemand von außerhalb der Medien
ihre inhaltliche Politik diktieren würde. Das Thema
Ausgewogenheit und Objektivität ist anders gelagert,
wenn ein Mangel an externer Pluralität besteht
entweder aufgrund eines Monopols oder begrenzter
Frequenzen, das heißt, auf einem kleinen Markt oder
angesichts einer hohen Medienkonzentration.
Es gibt objektive Begrenzungen der Befugnis des
Eigentümers zum Erteilen von Instruktionen in Fällen,
die die individuelle berufliche Verantwortung des
Journalisten, seine berufliche Qualifikation und
geistige Leistung betreffen. Konflikte können beispielsweise entstehen, wenn Beschäftigte in Medienunternehmen gebeten werden, Artikel oder Kommentare entgegen ihrer persönlichen Überzeugung zu
grundlegenden Themen oder entgegen der journalistischen Berufsprinzipien zu verfassen.
Da die wirtschaftliche Abhängigkeit von Journalisten
sie bei Auseinandersetzungen mit Eigentümern/Herausgebern in eine schwächere Position versetzt,
treffen viele Länder besondere Vorkehrungen zum
Schutz der Interessen von Journalisten. Ferner gibt
es Beispiele für Bestimmungen zur Lösung von
Gewissenskonflikten und Streitigkeiten, die aus
Veränderungen der politischen Linie einer Publikation

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�resultieren (beispielsweise als Ergebnis eines Besitzerwechsels):
Gewissensklausel/Schutz persönlicher Überzeugungen. Bei Entscheidungen über den Inhalt
seiner Arbeit ist jeder Journalist an die Weisungen seines Vorgesetzten gebunden. Unter der
Gewissensklausel kann sich jeder Mitarbeiter der
Medien weigern, an Artikeln oder Präsentationen
mitzuwirken, die im Widerspruch zu den Grundsätzen des journalistischen Berufs oder seinen
persönlichen Überzeugungen stehen, ohne Angst
vor Entlassung oder möglichen rechtlichen Nachteilen haben zu müssen.
Schutz geistigen Eigentums. Der Schutz der
Arbeit einzelner Journalisten sieht auch den
Schutz von mit dem Namen des Autors versehenen Artikeln vor. Dieser Sicherheitsklausel zufolge darf jeder mit dem Namen oder Pseudonym
des Autors versehene Artikel nur in einer vom
Autor genehmigten Form veröffentlicht werden.
Wird der Sinn eines Artikels geändert, muß vor
der Veröffentlichung eine Genehmigung angefordert werden oder der Name des Autors muß
wegfallen.
Grenzüberschreitende journalistische Aktivitäten
Redefreiheit kennt keine Landesgrenzen. Daher
müssen angemessene Vorkehrungen getroffen
werden, um Zugang zu Informationen aus dem
Ausland, offene Grenzen für ausländische Journalisten, Freiheit ausländischer Journalisten sowie ihre
ungehinderte Bewegungsfreiheit im Land und die
Sicherheit ihrer Person zu gewährleisten.
Es fällt in den Verantwortungsbereich der Bundesstaaten, die sozialen Rechte von Journalisten in
Krisenregionen zu schützen. Zeitungen, Rundfunksender und Nachrichtenagenturen geben diesen
Journalisten in zunehmendem Maße Aufgaben auf
dem Gebiet der Recherche mit hohen Ausgleichszahlungen für Risiken, jedoch auf freiberuflicher
Basis. Ein "Beschäftigungsabkommen" dieser Art
hat einen praktischen Nachteil für freie Journalisten
bei ihrer täglichen Arbeit, da sie bei ihren Auseinandersetzungen mit den oft nicht sehr wohlwollenden Behörden nicht länger auf die Unterstützung
eines anerkannten und einflußreichen Mediums
zurückgreifen können. Da das Recht auf Redefreiheit und die persönliche Freiheit von Journalisten
untrennbar verknüpft sind, ist es von essentieller
Bedeutung, daß die Sicherheit von Journalisten im
Interesse der Informationsfreiheit durch bindende
nationale Gesetze garantiert wird.

Seite 4

Grenzen der Rede- und Informationsfreiheit
Die Praktizierung von Presse- und Redefreiheit
beinhaltet Pflichten und Verantwortung. In einzelnen
Fällen kann das Menschenrecht auf Rede- und
Informationsfreiheit mit anderen grundlegenden
Rechten in Widerspruch stehen, insbesondere
denjenigen, die individuelle Rechte einer Person per
Gesetz schützen. Einschränkungen in diesen Bereichen sind jedoch nur dann gestattet, wenn sie
gesetzlich vorgeschrieben und in einer demokratischen Gesellschaft notwendig sind. Die Einschränkungen müssen auch ein legitimes Ziel verfolgen und
den Interessen der Öffentlichkeit entsprechen.
Berechtigte Einschränkungen der Rede- und Informationsfreiheit gemäß Artikel 10 (2) der Europäischen Konvention über Menschenrechte können in
drei Kategorien eingeordnet werden:
Einschränkungen zum Schutz des öffentlichen
Interesses (nationale Sicherheit, territoriale Integrität, öffentliche Sicherheit, Verhütung von Verbrechen, Schutz von Gesundheit oder Moral),
Einschränkungen zum Schutz der Rechte des
einzelnen (Schutz des Rufs oder der Rechte
anderer, Vermeidung der Weitergabe vertraulicher
Informationen),
Einschränkungen zur Wahrung der Amtsgewalt
und Unparteilichkeit der Judikative.
Neben diesen rechtlichen Einschränkungen der
Informationsfreiheit, die auf dem Fallrecht des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte betreffend
Artikel 10 (2) der Europäischen Konvention über
Menschenrechte basieren, bestehen natürlich andere,
subtilere Methoden der Einschüchterung und Zensur.
Wenn während einer allgemeinen Wirtschaftskrise ein
geringes Angebot an Waren besteht, kann die
Regierung eingreifen, um die Medien durch die
Verhängung von Quoten zu kontrollieren, solange der
Markt nicht vernünftig funktioniert und das Papier
knapp ist. Ebenso kann die Regierung ihre Macht
und die Überreste des alten staatlichen Sicherheitsapparats einsetzen, um Journalisten einzuschüchtern
und dadurch kritische Berichterstattung zu unterdrücken.
Freiwillige Selbstbeschränkung der Massenmedien
Das Ziel freiwilliger Selbstbeschränkung der Medien
besteht in der Festlegung und Umsetzung ethischer
Regeln für die journalistische Praxis. Beim Gipfel des
Europarats im Jahr 1993 in Wien verabschiedeten die
Staats- und Regierungschefs der Mitgliedstaaten eine

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�Erklärung, die alle Mitarbeiter der Medien dazu
aufruft, sich ihrer großen Verpflichtung zu demokratischer Politik bewußt zu sein, insbesondere bei der
Berichterstattung über aufkommenden Rassismus
und weitverbreitete Fremdenfeindlichkeit.
Die
Regierungschefs riefen die Journalisten auch zur
Annahme angemessener ethischer Kodizes auf.
Diese Initiativen auf der Ebene der Europarates
unterstreichen die Bedeutung der Medien in ganz
Europa bei der Bekämpfung von Rassismus, Fremdenfeindlichkeit, Antisemitismus, aggressivem Nationalismus und zunehmender Gewalt als Mittel zur
Lösung gesellschaftlicher Konflikte.
Im allgemeinen setzt der Ehrenkodex des Berufsstandes Maßstäbe für journalistische Verantwortung
(Wahrheitspflicht bei der Berichterstattung) und
nennt die Prinzipien journalistischer Fairness und
Gewissenhaftigkeit (beispielsweise die Pflicht zu
recherchieren) sowie der journalistischen Ethik
widersprechendes Verhalten (beispielsweise die
Annahme von Bestechungsgeldern). Diese Kodizes
stellen jedoch keine zwingende juristische Verpflichtung dar, sondern sind eine Sammlung von
Normen zur Selbstbeschränkung eines autonomen
Berufsstands. Sie helfen den Massenmedien, bei
Fragen journalistischer Kompetenz und Ethik ein
gewisses Maß an Autonomie gegenüber staatlicher
Regulierung zu erreichen.
In vielen Ländern agiert ein von Eigentümern und
Herausgebern finanzierter Presserat als offizielles
Gremium für journalistische Selbstbeschränkung.
Die Effizienz dieser sich selbst kontrollierenden
Institutionen unterscheidet sich stark in verschiedenen europäischen Ländern und kann vor allem an
drei Kriterien gemessen werden. Erstens das in den
ethischen Richtlinien - der Grundlage für die Entscheidungsfindung - niedergelegte Gleichgewicht
zwischen dem für die Erfüllung ihrer Aufgaben
erforderlichen Schutz der Presse und anderen
Interessen. Zweitens die Konsequenzen der Umsetzung dieser Richtlinien durch den Presserat. Drittens das Ausmaß, in dem sich Zeitungen an die vom
Presserat getroffenen Entscheidungen halten.
Zukunftsperspektiven
Nachfolgend werden kurz einige Trends beschrieben, die Hinweise darauf geben könnten, wie sich
die Debatte in Zukunft entwickelt.
Die Zunahme freier Journalisten
In Westeuropa und den Vereinigten Staaten ist bei
den Medien ein zunehmender Trend zu beobachten,
Journalisten nicht in den Redaktionsstab aufzunehmen, sondern auf die Arbeit freier Journalisten

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zurückzugreifen. Einerseits kommen - im Hinblick auf
die Diversifizierung vor allem in den Printmedien hochwertige Zeitschriften bestimmter Interessengruppen auf den Markt, andererseits kann diese
Entwicklung als Rationalisierungsmaßnahme der
Eigentümer/Herausgeber betrachtet werden.
Diese Vereinbarung hat gravierende Nachteile für die
betroffenen Journalisten. Aufgrund des Mangels an
Sicherheit unter dem Sozialgesetz und wegen ihres
unsicheren Einkommens sind freie Journalisten
gezwungen, den Medien jeden Artikel zum Verkauf
anzubieten. Angesichts der Verbreitung unentgeltlicher Vermittlung und weltweiter Information über
Öffentlichkeitsarbeit können freie Journalisten jetzt
von den Medien nach Gutdünken gelenkt und nur
wenn unbedingt nötig angefordert werden.
Das Ergebnis ist ein steigender Konkurrenzdruck, der
Journalisten zur zunehmenden Sensationsberichterstattung aus möglichst gefährlichen Regionen
zwingt. Die internationale Kontroverse über die
Medienberichterstattung im bosnisch-serbischen Krieg
ist hierfür ein Beispiel. In vielen Fällen verzichteten
die freiberuflichen Kriegsberichterstatter auf seriöse
Recherche und präsentierten der internationalen
Öffentlichkeit Halbwahrheiten und Gerüchte. Der
Druck des Marktes zur schnellen Verfassung von
Sensationsgeschichten unterhöhlt nicht nur die
Qualität der Informationen, sondern - was noch
schlimmer ist - verletzt die fundamentalen Menschenrechte der beteiligten Parteien.
Wandel aufgrund technologischer Innovationen
Die Multimedia-Welt von morgen (Schlagwort: die
digitale Revolution) wird nicht nur den Kommunikationsmodus der Gesellschaft, sondern auch die Rolle
und das Selbstbild der Journalisten grundlegend
verändern. Typisch für die Medienunternehmen ist
schon lange ihr höchst komplexer Produktionsprozeß,
der nur richtig funktionieren kann, wenn präzise
kalkulierte Zeitpläne genau eingehalten werden.
Journalisten werden gezwungen, sich dem allgemeinen Produktionsprozeß unterzuordnen. Die Vorteile
der Umstellung auf Computer, die größere Geschwindigkeit und Flexibilität, der beträchtlich ausgedehnte
Zugang zu den Produkten journalistischer Arbeit im
Verlauf des Produktionsprozesses kann heute nur
durch größere Selbstdisziplin vorteilhaft genutzt
werden.
Es ist offensichtlich, daß die Journalisten der Zukunft
sich immer weiter von der klassischen Vorstellung
des "rasenden Reporters" entfernen und äußerst
geschickte Telekommunikationsarbeiter werden. Aus
diesem Grund wird die angemessene Bildung und
Ausbildung von Journalisten im Mittelpunkt des

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�öffentlichen Interesses stehen. Es liegt im Eigeninteresse demokratischer Gesellschaften, keine
Kosten oder Mühen zum Schutz eines Sektors zu
sparen, der für ihr eigenes Überleben so wichtig ist
wie der Journalismus.
Schutz der Vertraulichkeit journalistischer Quellen
Obwohl die meisten Bundesstaaten keine Gesetze
über redaktionelle Geheimhaltungspflicht haben,
zeigen die jüngsten Entwicklungen definitiv einen
Trend zur Festsetzung rechtlicher Normen in dieser
Frage. Gerichte höherer Instanzen geben in ihrer
Urteilsfindung zunehmend den Journalisten recht,
indem sie die Verurteilung von Journalisten revidieren, die sich weigerten, ihre Informationsquelle
bekanntzugeben. Der nächste zu erwägende logische Schritt wäre ein Rechtsschutz für die Geheimhaltung der Informationsquelle. Das Recht, Aussagen vor Gericht ohne Angst vor Nachteilen verweigern zu können, wird in den internationalen
Debatten absolute Priorität erhalten. Das Recht auf
Verweigerung der Aussage vor Gericht besteht
bereits in einigen Bundesstaaten und könnte in
dieser Hinsicht als Modell dienen.
Kontrolle des Zugangs zu Informationen
Damit die Medien und Journalisten ihrer Funktion
"als Wachhund" wirksam gerecht werden können,
darf ihr Zugang zu Informationen so wenigen Beschränkungen wie möglich unterliegen. Obwohl es
in vielen Fällen diesbezüglich keine gesetzlichen
Regelungen gibt, werden Daten oder Informationen
von öffentlichen Stellen im wesentlichen als vertraulich angesehen. Der entgegengesetzte Ansatz der bereits von verschiedenen Ländern angenommen wurde - scheint praktischer und demokratischer
zu sein.

Die Frage, ob für Journalisten Sonderregelungen
gelten oder für alle Bürger eine allgemeine Informationspflicht gesetzlich festgelegt werden sollte, muß
noch eingehender diskutiert werden. Ungeachtet
dessen, welche Entscheidung gefällt wird, müssen
diese Diskussionen von einer zentralen Tatsache
geleitet sein: Je besser die Bürger in demokratischen
Systemen informiert sind, und je wirksamer die
Gesellschaft die Machtverhältnisse innerhalb dieser
Systeme kontrollieren kann, desto stärker sind diese
Systeme. Die Massenmedien sind ein entscheidender Faktor dabei, die Aufrechterhaltung dieser beiden
Situationen zu garantieren.
Medienkonzentration
Im Verlauf der Deregulierung, Internationalisierung
und Kommerzialisierung des gesamten Mediensektors in ganz Europa werden die transnationale
Sammlung und Verbreitung von Informationen und
die Konzentration von Unternehmen immer wichtiger.
Obwohl der Zusammenschluß von Medienunternehmen zur Schaffung einer soliden ökonomischen
Grundlage beitragen kann, die die Medien zur Erfüllung ihrer Aufgaben benötigen, kann er auch eine
Gefahr für die redaktionelle Freiheit und damit für die
Autonomie der Journalisten darstellen. Medienkonzentration ist auch insofern ein Anliegen, als sie de
facto die Verweigerung des Zugangs zum journalistischen Beruf darstellt, insbesondere vor dem Hintergrund zunehmender Auftragsvergabe nach außen an
freie Journalisten. Folglich werden rechtliche Maßnahmen im Hinblick auf Medienkonzentration (beispielsweise Kartellregeln, Maßnahmen gegen den
gleichzeitigen Besitz mehrerer Medien, Transparenz
bei den Besitzverhältnissen etc.) in zukünftigen
Diskussionen zweifelsohne eine zentrale Rolle
spielen.

* * * * *

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�GESUNDHEIT
16. August 1995

Steigende Temperaturen gefährden
menschliche Gesundheit
Auswirkungen der globalen Klimaerwärmung
WASHINGTON - (AD) - Wissenschaftlern zufolge
könnte der durch den langfristigen Klimawandel
hervorgerufene Treibhauseffekt jedes Jahr den Tod
Hunderttausender Menschen infolge von Tropenkrankheiten wie Malaria und Gelbfieber verursachen.
Forscherweisen unter Einsatz globaler Klimamodelle
auch auf die Möglichkeit hin, daß in den Industrieländern aufgrund von Hitzewellen im Sommer zusätzliche Tote zu beklagen sein werden. Anfang des
Jahres starben in Chicago mehr als 500 Menschen
während einerfünftägigen Hitzewelle mit Temperaturen von 41 °C.
Die Wissenschaftler erwarten jedoch, daß der
Treibhauseffekt seine schlimmsten Auswirkungen auf
die Entwicklungsländer haben wird und prognostizieren eine Zunahme ansteckender Krankheiten infolge
der starken Verbreitung von Moskitos und anderen
Schädlingen.
Dr. Paul Epstein, Professor für Tropenmedizin an
der Fakultät für Volksgesundheit in Harvard, zufolge
ist die Klimaerwärmung wahrscheinlich für die
Zunahme der Aedesmücke verantwortlich - des
Hauptüberträgers von Dengue- und Gelbfieber - die
sich stärker als je zuvor in den Bergregionen von
Costa Rica, Kolumbien, Indien und Kenia verbreitet.
Die Moskitos kommen in einer Höhe von über 2.000
Metern vor, wohingegen sie früher aufgrund der
Temperaturen nur unter 1.000 Metern zu finden
waren.
Ferner berichten die Wissenschaftler, im Südosten
der Vereinigten Staaten hätte sich eine Moskitoart
niedergelassen, die Gelbfieberparasiten beherbergt.
Bei einem Ausbruch von Gelbfieber in New Orleans
würden dem National Institute of Medicine zufolge
100.000 Menschen erkranken und 10.000 sterben.
Epsteins Untersuchungen förderten auch Beweise
zutage, daß Wärme die Ausbreitung von Malaria
begünstigt.

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"In Afrika befinden sich die Malaria übertragende
Moskitos in den höher gelegenen Gebieten Kenias
und bedrohen Nairobi, wo es früher keine Malaria
gab", so Epstein. "Sie kommen dort anscheinend
erst in den letzten beiden Jahrzehnten vor - seit sich
Mitte der siebziger Jahre schnelle Veränderungen
vollziehen."
Michael Loevinsohn, Ökologe am International
Development Research Center im indischen NeuDelhi, sieht einen Zusammenhang zwischen der
durchschnittlichen Temperaturerhöhung in Ruanda
1987 um 1°C und einem 337prozentigen Anstieg der
Malariafälle in jenem Jahr. Besonders stark betroffen
waren die Bergregionen Ruandas, in denen Loevingsohns Erkenntnissen zufolge Malaria nur selten
vorgekommen war.
Wissenschaftler sehen eine Verbindung zwischen den
durch El Nifto - eine zyklische Erwärmung des
tropischen Pazifiks, die das Weltklima beeinflußt hervorgerufenen Wärmeperioden und starken Regenfällen mit gesundheitlichen Beschwerden und dem
Ausbruch ansteckender Krankheiten.
Epstein und die Mikrobiologin Rita Colwell, Präsidentin des Maryland Biotechnology Institute, deuten an,
El Nifto könnte zum Ausbruch der Cholera beigetragen haben, die 1991 in 19 Ländern Südamerikas
Tausende von Todesopfern forderte. Die Wissenschaftler sind der Ansicht, die durch El Nifto geschaffenen Bedingungen hätten das Wachstum von
Plankton gefördert, in dem sich Cholerabakterien
befänden. Ferner sammelten sie Daten über einen
möglichen Zusammenhang zwischen El Nifto und
dem jüngsten Ausbruch der Cholera in Bangladesch.
In Simbabwe und dem westlichen Mosambik führten
Dürreperioden in Verbindung mit El Nifto regelmäßig
zu einer starken Vermehrung von Ratten, die Träger
einer Vielzahl von Krankheitserregern sind.

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�Klimaveränderungen in Form von Überschwemmungen und Dürreperioden waren im Jahr 1993 wahrscheinlich indirekt für das Auftreten von durch das
Hantavirus übertragenen Erkrankungen der Atemwege im Südwesten der Vereinigten Staaten verantwortlich. Studien stellen eine Verbindung zwischen dem Entstehen der Krankheit und einer
plötzlichen Vermehrung von wilden Mäusen her, die
nach den starken Regenfällen aufgrund der Erwärmung durch El Niho Träger des Hantavirus sind.
Durch den Regen bekamen die Mäuse viel Futter,
während die Dürre viele Tiere, denen sie als Nahrung dienten, sterben ließ. Das führte innerhalb
eines Jahres zu einer zehnfachen Zunahme des
Mäusevorkommens. Im Juni 1995 meldeten 23
amerikanische Bundesstaaten 106 Fälle der ungewöhnlichen Krankheit. Die Hälfte der Krankheitsfälle
endete tödlich.
Wissenschaftler berichten, die Erwärmung der tiefen
Ozeane fördere die El Nifio begünstigenden Bedingungen, die seit 1980 häufiger vorkamen und länger
andauerten.
"Allein in den letzten sechs bis acht Monaten konnten wir eine Erwärmung in den Tiefen des indischen,
pazifischen und atlantischen Ozeans feststellen", so
Epstein. "Sogar die beiden Eiskappen an den Polen
erwärmten sich im Verlauf des letzten Jahrzehnts um
1°C. Seit fünf Jahren befinden wir uns in einem
beständigen El Nino-Muster... das die Erwärmung
der Ozeane widerspiegelt. Dies ist ein eindeutiges
Anzeichen für die globale Klimaerwärmung."
Epstein ist der Ansicht, daß die mehr als 500 Todesopfer der jüngsten Hitzewelle in Chicago ein Beispiel
für die möglichen Gesundheitsrisiken des Treibhauseffekts sind.
"Meiner Ansicht nach sollte der gesamte Sommer für
uns ein Alarmzeichen sein. Kein Wissenschaftler
würde behaupten, eine einzige Hitzewelle erbringe
den Beweis für irgendeine Behauptung. Aber wir
erleben eine der längsten Hitzewellen dieses Jahr-

*

Seite 2

-

*

hunderts. Und das steht vollkommen in Einklang mit
unseren Vermutungen über die Auswirkungen von
Treibhausgasen und die Klimaerwärmung."
Klimatologen der University of Delaware fanden unter
Einsatz eines Erderwärmungsmodells heraus, eine
durchschnittliche Temperaturerhöhung um 2 bis 4°C
würde wahrscheinlich die Zahl außergewöhnlich
heißer Tage in einem Sommer verdoppeln. Dies
wiederum könnte laut ihrer Erkenntnisse die Anzahl
von Hitzeopfern in einem Sommer in New York von
320 auf mindestens 880 und in Kairo von 281 auf
1.125 steigern.
Obwohl die meisten Wissenschaftler zunehmende
Beweise für die Erderwärmung - die achtziger Jahre
waren den Unterlagen zufolge das wärmste Jahrzehnt - anführen, ist noch nicht geklärt, ob diese auf
Klimaerwärmung infolge der Emissionen von Kohlendioxid und anderen Gasen durch die Industrie hindeutet oder auf einen vorübergehenden Temperaturanstieg aufgrund von Klimaschwankungen.
Im Hinblick auf die gesundheitlichen Risiken der
globalen Erwärmung empfiehlt Epstein eine erhöhte
Überwachung ansteckender Krankheiten.
"Wir müssen Gesundheitskontrolle in die Umweltbeobachtung integrieren, um antizipieren und manchmal sogar vorhersagen zu können, wann es heiß und
feucht wird, damit wir wissen, wo Malaria auftritt",
erklärt er.
Letzten Endes müssen die für das Gesundheitswesen
Zuständigen ihre Vorstellung von Krankheit verändern, so die Arbeitsgruppe für neue und wiederkehrende Krankheiten der Harvard University.
"Wir müssen Krankheiten als Resultat einer Vielzahl
von Bedingungen sehen, die Folge von Veränderungen nicht nur innerhalb von Zellen, sondern auf der
ganzen Welt sind, einschließlich klimatischer und
wirtschaftlicher Muster", lautete die Schlußfolgerung
der Arbeitsgruppe in ihrem jüngsten Bericht.

*

*

AMERIKA DIENST 25

�AIDS
16. August 1995

AIDS ist Alptraum für Menschheit und ihre Entwicklung
Rede von J. Brian Atwood
WASHINGTON - (AD) - Nahezu 600.000 Menschen weltweit werden allein in diesem Jahr an AIDS sterben
und man erwartet, daß die Krankheit bis zum Jahr 2000 zwischen 1,5 und 3 Millionen Opfer fordert. Damit
stellt die Immunschwächekrankheit nicht nur eine humanitäre Tragödie, sondern auch einen Alptraum für die
Entwicklungspolitik dar.
J. Brian Atwood, der Direktor des US-Amts für internationale Entwicklung (U.S. Agency for International
Development - USAID) wies am 7. August 1995 in seiner Eröffnungsansprache bei der dritten, von USAID
veranstalteten HIV/AIDS-Präventionskonferenz auf diese Tatsache hin.
Die Ausbreitung des Virus und der Krankheit betrifft ihm zufolge diejenigen, die bei Entwicklungsangelegenheiten an vorderster Front stehen sollten - junge Menschen, Frauen, Kinder.
Nachfolgend veröffentlichen wir den vorbereiteten Text der Rede von Direktor Atwood.
Im Namen meiner Regierung und des Amts für
internationale Entwicklung begrüße ich Sie bei dieser
dritten Konferenz zur Vorbeugung gegen HIV/AIDS.
Zunächst einmal möchte Ihnen im Namen unserer
Gemeinden für die von Ihnen geleistete Arbeit zur
Bekämpfung dieser schrecklichen Krankheit danken.
Wir alle schulden Ihnen Dank, denn Sie helfen nicht
nur den Virusträgern, sondern Ihren eigenen Familien, den Familien Ihrer Gemeinde und den
Familien Ihrer Nation.

Bei unseren heutigen Gesprächen wollen wir ehrlich
über unsere Fehlschläge sprechen und einander
unsere Erfolge mitteilen. Wir wollen unsere Mitbürger
zu gemeinsamen Aktionen bewegen, wenn nötig
auch dadurch, daß wir sie in Verlegenheit bringen.
Denn es steht viel auf dem Spiel. Viele sind von den
Konsequenzen des HI-Virus betroffen, und es werden
immer mehr. Wir können diese gefährliche Mischung
aus Angst und Selbstgefälligkeit, die unsere Bestrebungen zur Rettung von Menschenleben behindert,
nur überwinden, wenn wir die Menschen zum Handeln bringen.

Ich bin sehr stolz darauf, daß das Amt für internationale Entwicklung Ihre Arbeit unterstützt, denn
gemeinsam haben wir etwas bewirkt. Gemeinsam
haben wir die Angst überwunden, gemeinsam haben
wir den mit dem Virus Infizierten Beistand geleistet,
und wir haben verhindert, daß Millionen anderer
Menschen ebenfalls unter seinen Folgen leiden
müssen.

Sie alle wissen nur zu gut, daß sich über unseren
Köpfen ein Gewitter zusammenbraut. Wenn die
achtziger Jahre das Jahrzehnt der Infektionen mit
dem HI-Virus waren, werden die neunziger Jahre
tragischerweise das Jahrzehnt der Todesfälle aufgrund von AIDS. 1995 werden mehr als 19 Millionen
Männer, Frauen und Kinder mit dem HI-Virus infiziert.

Bei dieser Konferenz hoffen wir, durch Erfahrungsaustausch weitere Fortschritte beim Verständnis
dieser gefürchteten Krankheit zu machen. In nur 15
Jahren haben wir viel gelernt, aber unser Wissen
reicht noch lange nicht an unser Engagement heran.
Unsere Rhetorik bei internationalen Zusammenkünften geht immer noch weit über greifbare Aktionen unserer Regierungen hinaus. Angst und Unwissenheit spielen bei unseren nationalen Debatten
immer noch eine viel zu große Rolle.

Wir sehen jetzt bereits das Ergebnis: Schätzungsweise werden allein in diesem Jahr weltweit zwischen
300.000 und 600.000 Menschen an AIDS sterben.
Jeder in diesem Raum weiß, daß wir seit unserer
Kindheit über das Jahr 2000 sprechen, als wäre es
etwas Wunderbares, ein Jahr der Wunder. Aber
aufgrund der Zahlen über HIV-Infektionen können wir
bereits prognostizieren, daß im Jahr 2000 zwischen
1,5 und 3 Millionen Menschen an AIDS sterben
werden.

AMERIKA DIENST 25

Seite 1

�Es wird Opfer in jeder Nation geben, insbesondere
in den Entwicklungsländern. AIDS ist eine einzigartige Gesellschaftskrankheit - sie läßt nicht nur das
Individuum sterben, sondern auch Ehemänner,
Ehefrauen, Eltern, Kinder, Freunde und Nachbarn.
Ihr früher Tod ist eine Tragödie und erschüttert die
Grundfesten unserer Gemeinden und Nationen.
Insbesondere Frauen werden zunehmend Opfer des
HI-Virus. In Afrika sind bereits mehr Frauen als
Männer infiziert. Frauen, selbst in stabilen monogamen Beziehungen, sind besonders anfällig - nicht
wegen ihres eigenen Verhaltens, sondern aufgrund
des Verhaltens ihrer Partner.
Jugendliche werden zunehmend Zielscheibe des HIVirus. Die größte Zahl von Neuinfektionen findet
sich bei den 15-25jährigen - sowohl in den Industriestaaten als auch in den Entwicklungsländern.
Kinder sind direkt und indirekt von der Krankheit
betroffen. Im Jahr 2000 könnten 10 Millionen Kinder
als Folge von AIDS-Todesfallen zu Waisen geworden sein. Innerhalb von 15 Jahren wird die Lebenserwartung in Thailand, Kenia und Simbabwe um
mehr als 25 Jahre sinken. In Uganda, wo das HIVirus derzeit am stärksten verbreitet ist, ist die
Lebenserwartung bereits auf 37 Jahre gesunken.
Über das verursachte menschliche Leid hinaus
haben wir versucht, eine einfache Wahrheit mitzuteilen: Diese Statistiken sind nicht das Problem
anderer. Wenn Gemeinden zerfallen und Nationen
scheitern, müssen wir alle dafür zahlen. Wir werden
einen Preis in Form von erhöhten Kosten für Hilfsleistungen zahlen. Wir werden für die Friedenssicherung zahlen, um Bürgerunruhen einzudämmen.
Wir werden für verlorene Märkte und Arbeitsplätze
zahlen. Und am wichtigsten ist, daß wir einen
geistigen Preis zahlen müssen, nicht nur aufgrund
der vielen Seelen, die wir verlieren, sondern auch
wegen des Verlusts an Menschen, die Wissenschaftler, Lehrer, Gesetzgeber, Erbauer ihrer Nationen hätten sein können.
Wir als Experten müssen unseren Mitbürgern
klarmachen, daß diese Krankheit alle Menschen
bedroht - Arme und Reiche gleichermaßen. Dies ist
nicht nur ein Problem für weit entfernte Länder. Es
ist nicht nur ein Problem für Menschen mit bestimmten sexuellen Präferenzen. Es ist nicht nur ein
Problem für die mit dem Virus Infizierten. Es ist
unser Problem.
Diese Zusammenkunft wäre ein Mißerfolg, wenn wir
nur neue Technologien, Präventivmaßnahmen oder
Behandlungen erörtern würden. Unser Erfolg sollte
auch als Maßstab dafür dienen, ob wir mit den

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Menschen in Kontakt treten können. Unser Erfolg
beim Umgang mit dieser Herausforderung steht in
direktem Zusammenhang mit unserer Fähigkeit, den
Menschen eine stigmatisierte Krankheit näherzubringen. Zu viele Vertreter unserer Regierungen und
Gesellschaften konnten die Krankheit anfangs verharmlosen und ihr den Rücken zukehren. Zu viele
haben die Bedrohung ignoriert, die diese Krankheit
für unsere Gemeinden darstellt, indem sie sie als
Krankheit weit entfernt lebender Menschen, Gruppen
oder völlig anderer Lebensstile darstellten.
Vielleicht ist es an der Zeit, unsere Fehlschläge
öffentlich anzuerkennen. Wer von uns machte sich
in den frühen Jahren nicht der Verharmlosung
schuldig? Nur sehr wenige. Aber heute, nach 15
Jahren und Millionen von Todesopfern, gibt es keine
Entschuldigung mehr, die Auswirkungen dieser
Krankheit auf den Menschen und die Gesellschaft zu
ignorieren.
Die für das Jahr 2000 prognostizierten Todesfälle
sind vielleicht wirklich unvermeidlich. Aber wenn die
neunziger Jahre das Jahrzehnt der Todesfälle aufgrund von AIDS sind, können sie auch das Jahrzehnt
der Eindämmung, des Höchststands der HIV-Epidemie, der Anfang vom Ende dieser Epidemie werden.
Diese Konferenz findet zu einem entscheidenden
Zeitpunkt statt. Wir haben jetzt umfassende Fachkenntnis. Diese Fachkenntnis ist auf dem ganzen
Globus verbreitet. Die Initiative von USAID zur
Durchführung von Programmen gegen HIV/AIDS läuft
bereits seit 10 Jahren.
Wir haben wirkliche Fortschritte gemacht. USAID rief
nahezu 400 Präventionsprogramme in 42 Entwicklungsländern ins Leben. Mit umfassenden Programmen zur Aufklärung und Erziehung im Bereich von
HIV/AIDS erreichten wir nahezu 3 Millionen Menschen. USAID unterstützte eine gemeindeorientierte
Reaktion durch beinahe 200 Freiwilligen- und nichtstaatliche Organisationen, die HlV-Präventionsprogramme durchführen.
Vor einem Monat stand ich im Hof einer dieser
Organisationen, der AI DS-Unterstützungsorganisation
Ugandas (TASO). Ich wurde von der beeindruckendsten, optimistischsten Frau informiert, der ich je
begegnet bin - Noriene Kaleeba. Norienes Ehemann
war ein AIDS-Opfer. Sie engagiert sich auf wahrhaft
inspiriernde Weise im Kampf gegen AIDS. In ihrem
Buch "Wir alle vermissen Dich" (We Miss You All),
das sie mir erst gab, nachdem ich ihr versprochen
hatte, es zu lesen, offenbart sie das Geheimnis ihres
Erfolgs:

AMERIKA DIENST 25

�"Ich lebe mit der quälenden Angst und der
Frage, wann, wo und wie es für mich soweit
sein könnte. Ich habe mich jedoch dafür
entschieden, positiv mit diesen Ängsten umzugehen, offen zu kämpfen und soviel wie
möglich zu dem Kampf beizutragen, der letztlich zum Sieg über das HI-Virus führen wird."
Sie gerne wir das auch hätten - es gibt keine zweite
Noriene Kaleeba. Sie erreicht so viel, wie man als
einzelner Mensch nur erreichen kann. Und obwohl
sie selbst nicht überall sein kann, können ihre Ideen,
Vorgehensweise, ihre einzigartige Kombination von
Ansätzen überall sein. Das ist das wichtigste Ziel
dieser Konferenz.
Wir sollten die in Thailand gemachten Erfahrungen
weitergeben, wo sexuell übertragbare Krankheiten
um 79 Prozent abnahmen. Wir sollten unsere
Erfahrungen den sozialen Marketingprogrammen in
Äthiopien, Haiti und Kenia zukommen lassen. Allein
in Kenia wurden durch die Benutzung von Präservativen schätzungsweise 110.000 HIV-Infektionen
sowie 1,3 Millionen anderer, sexuell übertragbarer
Krankheitsfälle vermieden.
Das ist Fortschritt. Es ist nicht Ausrottung und
sicherlich nicht Heilung, aber es ist Eindämmung.
Wir müssen aber noch viel mehr unternehmen, um
die Ausbreitung des Virus zu stoppen, insbesondere
in Regionen, in denen es sich explosionsartig zu
verbreiten droht, beispielsweise Indien, der ehemaligen Sowjetunion und Lateinamerika.
Zunächst einmal müssen wir Regierungen und
Politiker herausfordern, die immer noch abstreiten,
daß die Bedrohung real ist, oder die sich weigern
zuzugeben, daß ihre Bürger oder Volkswirtschaften
ernsthaft betroffen sein könnten. Gleichgültigkeit
gegenüber der Krankheit gefährdet uns alle. Dasselbe gilt für die Ächtung HlV-Infizierter oder Schikanierung derjenigen, die Verhaltensmuster und für den
Infektionszyklus entscheidende Institutionen verändern wollen.
Wir müssen die Herausforderung direkter Finanzierung angehen. In den vergangenen vier Jahren sind
die Auslagen für die HIV/AIDS-Prävention im wesentlichen niedrig geblieben, obwohl sich die Epidemie mit alarmierender Geschwindigkeit ausbreitet.
Mit Ausnahme der durch die Weltbank bereitgestellten Darlehen leistet USAID den größten bilateralen
Beitrag zur Finanzierung von Aktivitäten zur HIVPrävention in den Entwicklungsländern. Das ist
einfach nicht genug - nicht für eine Krankheit, die
das Leben von Millionen Menschen verkürzt, Gemeinden und ganze Nationen bedroht. Nicht für ein

AMERIKA DIENST 25

Virus, das in den kommenden Jahren freie Märkte
und junge Demokratien unterminieren könnte.
Wir müssen die Nationen - sowohl in den Industrieais auch in den Entwicklungsländern - dazu auffordern, die zur Bekämpfung der Pandemie erforderlichen menschlichen und finanziellen Ressorcen
beizusteuern. Viele von Ihnen haben Ihre eigene
Regierung dazu aufgefordert. Sie dürfen jetzt in Ihrer
Entschlossenheit nicht nachlassen.
Wir mögen
Wissenschaftler, Vertreter des Gesundheitswesens,
Politiker oder Entwicklungsexperten sein - ungeachtet
unseres Berufs müssen wir auch Fürsprecher sein.
Wir müssen unsere Mitbürger dazu ermutigen, von
ihrer Regierung - und von sich selbst - die zur
Bekämpfung dieser Krankheit notwendigen Investitionen, Maßnahmen und Instrumente zu fordern.
Da wir von Berufs wegen HIV und AIDS an vorderster Front bekämpfen, müssen wir uns selbst fordern:
Diese Konferenz ist eine Gelegenheit, Bilanz zu
ziehen, zu debattieren und unsere wertvollsten
Lektionen mitzuteilen. Als Teilnehmer dieser Konferenz fordere ich Sie dazu auf, die bisherigen
Leistungen zu bewerten, herauszufinden, was funktionierte, was mißlang und welche Gründe das hat.
Schließlich müssen wir anfangen, mit einer zeitlich
nahezu unbegrenzten Herausforderung umzugehen:
Hilfe und Beistand für an AIDS Erkrankte. Während
das Virus zur Erkrankung von Millionen Menschen
führt, müssen wir ihren besonderen Bedürfnissen
mehr Zeit und Ressourcen widmen. Auch das ist ein
Entwicklungsproblem, und es ist gewaltig.
Gewisse Dinge können wir jetzt mit minimalen Kosten
und großer Wirkung unternehmen: Wir können
zweifelsohne gegen die Isolierung und Verurteilung
von Virusträgern ankämpfen. HIV/AIDS ist eine
tödliche Infektion, aber keine Geißel Gottes. Sie ist
keine Bestrafung für einen bestimmten Lebensstil.
Sie ist kein auf eine gesellschaftliche Untergruppe
beschränktes Anliegen. AIDS ist eine Krankheit, und
wer darunter leidet, hat Anrecht auf Respekt, Aufmerksamkeit, Würde und gesellschaftliches Handeln.
Wir wollen ganz offen zugeben, daß der Kampf
gegen AIDS auch ein Kampf gegen Menschenfeindlichkeit und rassische Vorurteile ist. Ich möchte
folgendes eindeutig klarstellen: Diese Administration
wird diese schreckliche Krankheit bekämpfen und
sich gleichzeitig für die Rechte der Kranken einsetzen.
Abgesehen von allem, was wir im Ausland unternehmen, engagiert sich USAID als Behörde und
rechte Hand der Entwicklungspolitik dieser Administration, mit HIV und AIDS lebenden Menschen eine

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�Stütze am Arbeitsplatz anzubieten. Wie jede andere
Institution haben wir Angestellte, die Virusträger sind
oder bei denen die Krankheit bereits ausgebrochen
ist. Sie sind unsere Freunde und Kollegen. Sie sind
uns lieb und teuer. Ihr Leben ist wertvoll. Sie
können für die Sache der Entwicklung und das
Streben nach einer besseren Welt noch einen
großen Beitrag leisten.
Ich bitte Sie alle, als Ergebnis dieser Konferenz nicht
nur größere Effektivität an den Tag zu legen, die aus
gemeinsamem Wissen resultiert, sondern auch
erneutes Engagement für die von der Krankheit
betroffenen Menschen. Nicht nur für die vom Virus
Infizierten, sondern auch für ihre Familien, Freunde
und ganze Gemeinden, die leiden. Sie sollten keine
Angst haben, dieses Problem zu personifizieren,
denn wir sprechen über Menschen, deren Leben
viele andere betrifft.
Ich denke oft an Richard Stone, einen Freund
meiner Familie, einen Menschen mit viel Erfolg im
Beruf, einem guten Sinn für Humor und mit Liebe
zum Leben. Richard hatte von Geburt an gelernt,
mit seiner Hämophilie zu leben, und seine

positive Einstellung während seiner AIDS-Erkrankung
wird diejenigen, die ihn kannten, noch lange inspirieren.
Richards Eltern überlebten ihn ebenso wie sein
Bruder, seine Schwester und viele Freunde. Sein
Tod und der vieler anderer junger Menschen erinnern
uns an den Fluch der alten Römer: "Mögest Du
Deine eigenen Kinder überleben." Was könnte wohl
schlimmer sein.
Halten Sie sich das Leid und die Tragik vor Augen,
die so viele Eltern in allen Teilen der Welt erleben.
Wenn wir Angst davor haben, das Problem zu
personifizieren, werden wir uns seiner auch nicht
bewußt. Dann werden wir nicht die Angst und
Unwissenheit überwinden, die uns heute davon
abhalten, das Leben so vieler Söhne und Töchter zu
retten.
Ich wünsche Ihnen alles Gute für Ihre Gespräche und
werde mich selbst und meine Behörde dafür einsetzen, unsere Partnerschaft mit Ihnen beim Kampf
gegen dieses Virus und die Vorurteile zu stärken, die
zu seiner Verbreitung beitragen. Ich danke Ihnen.

* * * * *

Seite 4

AMERIKA DIENST 25

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                <text>&lt;strong&gt;1. Die Wissenschaft notiert&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;"Die Liebe ist es, die die Welt bewegt"&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Tierpsychologische Experimente zur Untersuchung der Bindungen zwischen Mutter und Kind&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Halluzinationen bei Höhenfliegern&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Fluor - bester Zahnschutz&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Eiswasser gegen Verbrennungen&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Die Welt der Frau&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Dr. Frances E. Willis&lt;br /&gt;&lt;em&gt;US-Botschafterin und Mitglied der amerikanischen UNO-Delegation&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Umgang mit der Jugend hält jung&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Mutter von neuen Kindern wird "Mutter des Jahres 1960"&amp;nbsp;&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;von Georgia&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Geschichten um die Konservendose&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Vor 150 Jahren gab es das erste Büchsenfleisch&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Kurz berichtet&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Die Amerikaner leben länger</text>
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                <text>&lt;strong&gt;1. Information&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;USA bedauern Anschlag auf General Kroesen&lt;br /&gt;&lt;em&gt;- Keine Störung der deutsch-amerikanischen Beziehungen -&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Dokumentation&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Eine bestimmte Vorstellung des Menschen: Die demokratische Revolution und ihre Zukunft&lt;br /&gt;&lt;em&gt;- Rede von US-Außenminister Alexander Haig in Berlin -&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;USA haben Beweise für Einsatz von Mykotoxinen in Südostasien&lt;br /&gt;&lt;em&gt;- Erklärung von Staatssekretär Stoessel vor der Presse -&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;UN-Unterausschuss fordert politische Lösung in Afghanistan&amp;nbsp;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;- Wortlaut der Resolution -&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Wirtschaft&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Eine Analyse der Angebotswirtschaft&lt;br /&gt;&lt;em&gt;- Symposium der Morgan Guaranty Survey -&lt;/em&gt;</text>
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                    <text>AMERIKA DIENST
'VON**

1 6 . September

32

1987

I N H A L T

Dokumentation
Regierung übergibt Kongress Bericht über ABM
- Zusammenfassung einer Studie -

Neuer Amerikanischer INF-Vorschlag hat schärfste
Überprüfungsbestimmungen
- Erklärung von Präsident Reagen -

Hintergrundmaterial
Wichtigste Problemkreise für INF-Abkommen sind abgehandelt
- Pressekonferenz mit Botschafter Paul Nitze -

* * * * *

United States Information Service
Embassy of the United States of America

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.: 0228-339 2035
Telex: 8-85432

�AMERIKA DIENST
'^7

^

Dokumentation

Ä&lt;

16. September 1987

32

REGIERUNG ÜBERGIBT KONGRESS BERICHT ÜBER ABM
- Zusammenfassung der Studie -

Washington - (AD) - Die Regierung Präsident Reagans ist an eine enge Auslegung des ABM-Vertrages (Anti Ballistic Missile Treaty = Vertrag über die Raketenabwehr) von 1972 nicht gebunden.
Dies geht aus einer geheimen Studie
über amerikanische und sowjetische Verfahrensweisen hervor, die dem amerikanischen Senat am 9. September 1987 übergeben wurde.
Eine weitere zur Veröffentlichung freigegebene Fassung des Berichts und
seiner Ergebnisse kommt zu dem Schluß, daß "die Unterlagen über die Verfahrensweisen nach Unterzeichnung des Vertrages keine innenpolitischen oder internationalen juristischen Verpflichtungen begründet, wonach die Vereinigten
Staaten an eine enge Auslegung des ABM-Vertrages gebunden wären".
Nachfolgend drucken wir eine Zusammenfassung des Berichts:
EINFÜHRUNG
DER ERGEBNISSE

UND

ZUSAMMENFASSUNG

Hiermit liegt der dritte von insgesamt drei Teilen einer Studie über
die Anwendung des ABM-Vertrages auf
sogenannte
"zukünftige"
ABM-Systeme
vor.
Der Zweck dieser dreiteiligen
Studie ist die Ermittlung der Bedeutung des Vertrages für dieses Problem. Der erste, zunächst im Oktober
1985 ausgearbeitete und schließlich
im Mai 1987 abgeschlossene Teil der
Studie untersuchte die Formulierung
des Vertrages und den historischen

United States Information Service
Embassy of the United States of America

Ablauf der Verhandlungen. Er kam zu
dem Ergebnis, daß der Vertragstext
problematisch ist, und daß aus den
Verhandlungsprotokollen
die
sowjetische Weigerung hervorgeht, dem Verbot der Entwicklung und Erprobung von
beweglichen ABM-Vorichtungen auf der
Basis
von
anderen
physikalischen
Prinzipien
(OPP = other
physical
principles) zuzustimmen.
Im zweiten ebenfalls im Mai 1987
ausgearbeiteten Teil wurden die Ratifizierungsprotokolle
des
Vertrages
geprüft. Daraus ging hervor, daß ir-

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.: 0228-339 2035
Telex: 8-85432

�gendwelche
Bedingungen, Vorbehalte,
oder Verständnisfragen keine Änderung
der im Vertrag eingegangenen internationalen Verpflichtungen nach sich
gezogen haben.
Ferner
fanden die
Verfasser
in den
Senatsprotokollen
keine Belege für die Schlußfolgerung,
wonach die Zustimmung des Senats zur
Ratifizierung die allgemeine Absicht
postulierte, daß der Vertrag die Entwicklung und Erprobung von beweglichen
OPP-Vorrichtungen
verbieten
sollte, oder daß der Senat irgendwelche Schritte unternommen hätte, die
den Präsidenten an die "enge" Auslegung
im Rahmen des amerikanischen
Rechts binden würde. Die Studie fand
jedoch heraus, daß die Senatsunterlagen Vorlagen von leitenden Beamten
beim Senat beinhalten, wonach die enge Auslegung zu unterstützen wäre,
auf die sich die Senatoren bei der
Erteilung von Rat und Zustimmung zu
Recht verlassen haben könnten.
Sie
kam zu dem Schluß, daß der Präsident
diesen Vorlagen und allen aus den Ratifizierungsunterlagen
ersichtlichen
Verständisproblemen ein angemessenes
Gewicht verleihen sollte, obwohl diese unter gesetzlichen Gesichtspunkten
keinen bindenden Charakter gehabt haben mögen.
Dieser dritte und abschließende
Teil der Studie über ABM prüft die
Vereinbarungen
und
Verfahrensweisen
der Parteien nach der Ratifizierung
des Vertrages. Danach beschreibt es
die kontrollierenden Prinzipien der
internationalen und inländischen Gesetze und setzt diese in Bezug zu den
Unterlagen über die Praktiken nach
der Unterzeichnung.
Dieser Teil umfasst alle Arten
der Verfahrensweisen nach der Unterzeichnung, die möglicherweise für die
Zielsetzungen der Parteien unter Berücksichtigung der Bestimmungen für
OPP-Systeme als Beweis dienen.
Er
- 2

beginnt mit der Phase unmittelbar
nach der Ratifizierung des Vertrages
und fährt mit der Verlautbarung des
Präsidenten über die Ergebnisse einer
nochmaligen Überprüfung vom Oktober
1985 fort, die in Anbetracht der Verhandlungsunterlagen und der Bedeutung
des ABM-Vertrages für die Anwendung
auf ABM-Systeme und auf Teile der
OPPs erfolgte. Eine Analyse der Dokumente nach dem Oktober 1985 wäre
allgemein weniger brauchbar gewesen,
weil diese Dokumente weit verbreitet
worden sind und weil nach diesem
Zeitraum
die relevanten
Unterlagen
größtenteils aus Rechtfertigungen der
derzeitig strittigen Auslegungen bestehen. Es ist jedoch bemerkenswert,
daß die seit Oktober 1985 vorgetragene sowjetische Haltung sich in materieller Hinsicht von der engen Auslegung unterschied, die von den Vereinigten Staaten vor dieser Zeit vertreten wurde.
Diese Fassung der Studie ist in
seiner
Gesamtheit
zur Veröffentlichung freigegeben. Es ist ferner eine geheime Version ausgearbeitet worden, einschließlich Unterlagen
und
Zusätzen, die wegen des notwendigen
Schutzes von nachrichtendienstlichen
Quellen und Methoden und der Vertraulichkeit
bestimmter
diplomatischer
Schriftwechsel
nicht
veröffentlicht
werden konnten. Die gesamte geheime
Fassung wurde dem Senat unter angemessenen Vorkehrungen zur Begutachtung durch die Senatoren zur Verfügung gestellt.

A.
Bericht über die Praktiken
der Vertragsunterzeichnung

nach

Eine Bewertung der Bedeutung aller besonderen Beweise für die Praktiken nach der Vertragsunterzeichnung
muß auf legalen Steuerungsprinzipien
basieren, die nachstehend
erörtert

�werden. Ein Umstand verdient jedoch
schon hier Beachtung. Im allgemeinen
kommt der tatsächlichen Handlungsweise der Parteien, die ein gemeinsames
Verständnis der Vertragsverpflichtungen widerspiegelt, ein viel größeres
Gewicht zu als bloße Stellungnahmen
ohne Bezug zu der eigentlichen Handhabung. In ähnlicher Weise hat eine
Durchführung
auf
der
Basis
eines
durchgängigen
gemeinsamen
Verständnisses der Verpflichtungen ein viel
größeres Gewicht als Aktionen, die
vertraglichen Erwägungen nicht deutlich
zugeschrieben
werden
können,
oder die auf einem wechselnden, vagen
oder inkonsistenten Verständnis beruhen.
Trotz der umfassenden Sammlung
von relevanten Daten in dieser Studie
gibt es wenig Beweise für eine Struktur der Durchführung, die auf einem
konsistenten
und
gemeinsamen
Verständnis der vertraglichen Verpflichtungen basiert. Die meisten Beweise
in dieser Studie bestehen aus Stellungnahmen, meist losgelöst von irgendwelchen Aktionen von beweisdienlichem Wert. Ein Hauptgrund hierfür
war die Tatsache, daß die Parteien
für einen längeren Zeitraum nicht den
programmatischen
Bedarf
oder
die
technologische Kapazität hatten, ABMtaugliche OPP-Systeme oder Komponenten zu entwickeln oder zu testen.
Außerdem war es oftmals unmöglich
festzustellen,
ob
die
Vereinigten
Staaten den Vertrag wie die Sowjets
durchführten.
Sowjetische
Verfahrensweisen können nicht auf die gleiche Weise wie amerikanische analysiert oder bewertet werden. Die sowjetische
Regierung
veröffentlicht
keine Berichte über ihre Raketenabwehr-Aktivitäten, und interne Diskussionen über den Umfang der sowjetischen Verpflichtungen werden, wenn
solche überhaupt stattfinden, niemals
veröffentlicht.
Amerikanische Regierungsbeamte vertreten eine Vielzahl

von Ansichten über das sowjetische
Verhalten in bezug auf die Auslegung
von Verträgen. Einer Ansicht zufolge
sind die Sowjets entschlossen, einerseits ihre vertraglichen Verpflichtungen im engen Rahmen auszulegen,
andererseits diese Verpflichtungen zu
umgehen oder zu ignorieren, wann immer das möglich ist.
Dies spiegelt
sich
in dem Bau des Radars von
Krasnojarsk
wider.
Darüber
hinaus
müssen die sowjetischen Stellungnahmen bezüglich des ABM-Vertrages immer
im Hinblick auf die Tatsache bewertet
werden, daß sich darin möglicherweise
die jeweiligen sowjetischen Interessen in der Weise widerspiegeln, wie
sie diese bei der Abgabe einer jeden
Stellungnahme gerade aufgefaßt haben.
Dies wird durch die Vielzahl inkonsistenter Positionen sowjetischer Unterhändler
zwischen
1972 und 1985
deutlich vor Augen geführt.
Zum Zwecke der Analyse ist die
Auflistung der Verfahrensweisen nach
der Vertragsunterzeichnung
in vier
Phasen unterteilt worden: 1.: 1972 1974, als die Parteien die Einhaltung
des Vertrages in die Wege leiteten
und sich über die wesentlichen Probleme Klarheit verschafften; 2.: 1974
- 1978, als die Parteien ihren ersten
formellen
Fünf-Jahres-Rückblick
durchgeführt
und wichtige
klärende
Auslegungen einiger Bestimmungen vorgenommen haben; 3.: 1978 - 1983, als
die Exekutive damit begann, die enge
Betrachtungsweise des Vertrages öffentlich zu äußern und dessen Anwendbarkeit auf das zeitlich vorgelagerte
SDI-Forschungsprogramm einer Verteidigung
mit
ballistischen
Raketen
feststellte; und 4.: 1983 - 1985, als
der Präsident das SDI-Programm verkündete und die Vereinigten Staaten
betonten, daß die enge Auslegung auch
auf die
zunehmenden
amerikanischen
Anstrengungen Anwendung findet, während die Sowjetunion begann, SDI we-

- 3 -

�gen der verschiedensten juristischen
Gesichtspunkte und Zweifel im Hinblick auf die Tatsache anzugreifen,
daß die Gültigkeit der engen Auslegung innerhalb der amerikanischen Regierung auf breiterer Ebene zum Ausdruck gebracht wurde.
Zwischen 1972 und 1974 gaben beide Regierungen nur wenige öffentliche
Stellungnahmen
zum ABM-Vertrag
ab.
Während des Ablaufs der sowjetischen
Ratifizierung
erklärte
der
sowjetische
Verteidigungsminister
Greschkow, daß der ABM-Vertrag die
Forschung und Erprobung mit dem Ziel
einer Lösung des Problems der Verteidigung des Landes gegen Angriffe mit
Nuklearraketen nicht ausschloß. Andere sowjetische Stellungnahmen betonten das vertragliche Verbot der
Stationierung neuer Systeme, und dementierten jede bindende Wirkung von
einseitigen amerikanischen Auslegungen.
Im Rahmen der Formulierung einer
internen Direktive über die Einhaltung des Vertrages durch die amerikanische Regierung wurde innerhalb der
Exekutive eine erhebliche Kontroverse
über eine angemessene Auslegung ausgetragen.
Von dieser Direktive lag
zunächst ein Entwurf vor, der in einigen bedenklichen Bestimmungen die
enge
Auslegung
beinhaltet
hätte.
Dann wurde sie zur endgültigen Fassung weiterentwickelt, die mit beiden
Meinungen im Einklang stand und das
Problem der Entwicklung und Erprobung
beweglicher OPP-Vorrichtungen so lange zur Entscheidung auf der politischen Ebene ließ, bis ein OPP-System für Erprobungszwecke zur Verfügung steht.
Diese Änderungen waren
das Ergebnis von Meinungsverschiedenheiten oder Bedenken über die enge
Auslegung, die aus einigen Abteilungen
des
Verteidigungsministeriums
laut wurden. Insbesondere drei Mili-

tärabteilungen äußerten die Auffassung, die enge Auslegung sei von den
Vereinigten Staaten einseitig vorausgesetzt worden. Gleichzeitig betonte
der Gemeinsame Stab, die Anweisung
mache "einen einschränkenderen Eindruck, als dies in den Vereinbarungen
vorgesehen sei. Außerdem schien sie
auf anderen Ebenen ziemlich zweideutig zu sein".
Die Erklärungen von
Regierungsbeamten der Exekutive dem
Kongress gegenüber
waren in jenem
Zeitraum
recht unterschiedlich, im
wesentlichen jedoch unklar. Der frühere Rechtsberater in der SALT-I Delegation, John Rhinelander, sprach
sich in einem inoffiziell veröffentlichten Kommentar deutlich für die
enge Auslegung aus.
Zwischen 1974 und 1978 haben beide Seiten in verschiedenem Zusammenhang bilaterale Fragen erörtert, bei
denen
die
Meinungsverschiedenheiten
und Unsicherheiten deutlich wurden,
die immer noch in bezug auf die Frage
nach den OPPs bestanden. Während der
Frühphase von SALT II haben die Sowjets einen Vorschlag bezüglich neuer
strategischer Offensivsysteme auf der
Basis
von
anderen
physikalischen
Prinzipien auf den Tisch gelegt. Der
amerikanische
Vertreter
berichtete
(nach umfassenden Diskussionen), er
könne nicht feststellen, ob die Sowjets der Ansicht waren, daß all diese
Waffen mangels einer Vereinbarung,
diese zu erlauben, verboten werden
sollten, oder mangels einer Vereinbarung, diese zu verbieten, erlaubt
werden sollten. Der Vorschlag wurde
von der Sowjets später fallen gelassen. Im Verlaufe dieser Erörterungen
riefen die amerikanischen Vertreter
in Erinnerung, daß Übereinkunft D die
Stationierung von OPP-Systemen mangels einer entgegenstehenden Vereinbarung verbieten würde, der sowjetische Vertreter (Semjonow, der die
sowjetische Delegation für den ABM-

�Vertrag
anführte) vertrat hingegen
die
Auffassung,
dies
könne
keine
richtige Interpretation des Vertrages
sein.
Während
der
Verhandlungen
zum
SALT Il-Abkommen über die Definition
von unabhängig zielgerichteten Wiedereintritts-Flugkörpern akzeptierten
die Sowjets die Formulierung "andere
Vorrichtungen", um in die Durchführungsmaßnahmen der Bestimmungen zukünftige und unbekannte Vorrichtungen
einbeziehen zu können, die hiervon
betroffene Funktionen erfüllen konnten. Die Sowjets hatten die von den
Vereinigten
Staaten
vorgeschlagene
gleichlautende Sprachregelung für den
ABM-Vertrag zurückgewiesen, und erklärten damals, sie lehnten die Einbeziehung von unbekannten zukünftigen
Vorrichtungen in den ABM-Vertragstext
ab.
Der sowjetische SALT II-Unterhändler
erklärte, die Einbeziehung
von derzeitigen und zukünftigen ABMVorrichtungen in den ABM-Vertrag sei
durch eine Kombination von Artikel II
(1) und die Übereinkunft D erzielt.
Die Vorbereitungen der amerikanischen Regierung für die erste Konferenz zur formellen Überprüfung des
ABM-Vertrages im Jahr 1977 liefen auf
umfassende zwischenbehördliche Überlegungen hinaus, sich von den Sowjets
über die Frage der OPPs während der
Konferenz
Klarheit
zu verschaffen.
Die Unterlagen
über die Entscheidungsprozesse bei diesen Bemühungen
zeigen, erstens, daß innerhalb der
amerikanischen Regierung keine einheitliche
Auslegung
des
Vertrages
vorlag, wobei die Rüstungskontrollbehörde (Arms Control and Disarmament
Agency = ACDA) die enge Auslegung
vertrat, der Direktor des Nachrichtendienstes (Director of Central Intelligence = DCI) und der Vorsitzende
der
Gemeinsamen
Stabschefs
(Joint
Chief of Staff = JCS) solche Ein- 5

schränkungen in Frage stellten oder
zurückwiesen, und das Büro des Verteidigungsministers
(Office of the
Secretary of Defense = OSD) seine Unsicherheit über die Frage zum Ausdruck brachte, wozu die Sowjets ihre
Zustimmung gegeben hatten; und zweitens, daß es den Vereinigten Staaten
weiterhin unklar blieb, ob die Sowjetunion mit dem "Verständnis" der
ACDA
über
die
vertraglichen
Beschränkungen zukünftiger ABM-Systeme
übereinstimmte.
Die
amerikanische
Regierung entschied sich gegen eine
Diskussion dieses Themas mit den Sowjets während der Konferenz. Das Problem zukünftiger Systeme wurde informell durch eine Unterrichtung des
sowjetischen Unterhändlers aufgeworfen.
Dieser Unterhändler konnte jedoch nicht bestätigen, daß bezüglich
zukünftiger Systeme irgendeine vertragliche Verpflichtung bestünde, die
darüber hinausginge, diese innerhalb
der
Ständigen
Konsultativkommission
(Standing Consultative Commission =
SCC ) zu erörtern.
1978 beschlossen die beiden Parteien klarstellende Interpretationen,
die sich unter anderem mit der Bedeutung des Terminus "nach dem ABM-Modus
erprobt" in Artikel II (1) des Vertrages befaßten. In dieser Vereinbarung und in zahlreichen früheren Gesprächen
unterstrichen
die Sowjets
ihre Auffassung, daß die mit dem Vertrag erfaßten ABM-Systeme ausschließlich die drei in Artikel II aufgelisteten
konventionellen
Bestandteile
umfaßt.
In
einer
Bestimmung
der
klarstellenden Interpretation stimmten die Parteien darin überein, daß
die Anwendung des Terminus "nach dem
ABM-Modus erprobt" Gegenstand weiterer Diskussionen und Vereinbarungen
innerhalb des SCC sei, wenn eine
ABM- Abfangrakete die Fähigkeit erhielte, ein Abfangmanöver ohne den
Gebrauch
von
ABM-Radargeräten
zur

�Lenkung durchzuführen. Aus den Protokollen über die Erörterung dieser
Bestimmung geht nicht deutlich hervor, ob ein beiderseitiges Verständnis der Parteien über deren Auswirkungen vorlag:
die Sowjets machten
deutlich, daß eine ABM-Abfangrakete
Teil eines Systems auf der Basis eines OPP sei, wenn diesem eine solche
Fähigkeit verliehen würde.
Die Interpretation rechnet damit, daß die
Herstellung eines solchen Systems erlaubt würde, obwohl das Problem der
Anwendung
des Terminus
"nach
dem
ABM- Modus erprobt" Gegenstand weiterer Diskussionen und Vereinbarungen
sein würde.
(Nach jeder Auslegung
des Vertrages wäre die Herstellung
erlaubt, aber nach der engen Auslegung wäre die Erprobung bis zu einer
genau
festgelegten
landgestützten
Wirkungsweise begrenzt.)
Drei
ehemalige
amerikanische
SALT-I
Unterhändler
gaben
während
dieser Phase Erklärungen ab, welche
die enge Auslegung in einer schriftlichen öffentlichen Debatte über dieses Thema unterstützten oder andeuteten; Hauptvertreter des Hudson-Institutes und der Rand Corporation stimmten damit nicht überein.
Die offiziellen Veröffentlichungen der amerikanischen Regierung im Zeitraum vor
1978, einschließlich der Rüstungskontroll- und
Abrüstungsvereinbarungen
des ACDA, sind zweideutig, und beziehen sich auf die Behandlung der OPPs
in der Übereinkunft D als einer Angelegenheit, die von der Behandlung beweglicher und weltraumgestützter Systeme nach Artikel V zu trennen ist.
Zwischen 1978 und 1983 legte die
Exekutive ihre Haltung zur Auslegung
des ABM-Vertrages in zahlreichen während
dieser
Zeit
veröffentlichten
Stellungnahmen über die Auswirkungen
der Abrüstung
(Arms Control Impact
Statements = ACIS) dar. Die ACIS von

1979 (vorgelegt am 28. Februar 1978)
wurde im ACDA ausgearbeitet und vertrat die enge Auslegung des Vertrages. Es gab keine juristische Studie
oder ein Memorandum bezüglich dieses
Vertrages oder seines Verhandlungsablaufs, die dieses Ergebnis gestützt
hätte; ein Vorschlag des Verteidigungsministeriums, wonach die Schlußfolgerung nur eine "amerikanische Position" darstellte
(und wahrscheinlich nicht unbedingt die Haltung der
Sowjets) wurde zurückgewiesen, da eine öffentliche Anregung, die die Sowjets nicht binden würde, irreführend
und unnütz sei.
Einige zusätzliche
ACIS - insbesondere die zwischen 1981
und 1983 vorgelegten - unterstützen
ebenfalls die enge Auslegung in verschiedenen Abstufungen, genau wie andere Berichte der Exekutive an den
Kongress und einige juristische Memoranda im Außenministerium. Mitarbeiter beim Institut für Verteidigungsanalysen trugen gegen frühere ACIS
Entwürfe wegen der Einbeziehung der
engen Auslegung Einwände vor.
Das
Verteidigungsministerium
unterstützte
diese Einwände in geringem Maße, aber
1981 bereitete ein Regierungsbeamter
auf Stabsebene im Verteidigungsministerium einen internen Bericht vor,
der die enge Auslegung bestätigte.
Dieser Bericht wurde von anderen Beamten auf Stabsebene des Ministeriums
genehmigt. Es wurde entschieden, das
Thema nicht an die hierfür zuständigen ranghöheren Regierungsbeamten auf
der politischen Ebene zur weiteren
Prüfung weiterzuleiten.
Das interne
Memorandum
im Verteidigungsministerium von 1981 basierte auf unvollständigen Untersuchungen der Verhandlungsunterlagen.
In ähnlicher Weise
stützten sich die juristischen Studien im Außenministerium auf unvollständige Auszüge aus den Verhandlungsunterlagen, die bei der ACDA im
Jahr 1980 zusammengetragen wurden und
in zentralen Fragen sehr aufschluß-

�reich waren.
Während dieser Zeit registrierten
sowjetische Unterhändler öffentliche
Berichte über amerikanische ABM-Aktivitäten sowie Kommentare über mögliche Pläne für die Zukunft.
Sie beschwerten
sich, solche Aktivitäten
und Pläne seien unerwünscht. Sie haben
jedoch
keine
zusammenhängende
Meinung über den Vertrag zum Ausdruck
gebracht, die mit der engen Auslegung
im Einklang stand.
In seiner Ankündigung des SDIProgramms im März 1983 versprach Präsident Reagan die Durchführung des
Programms innerhalb der Bestimmungen
des Vertrages, ging dabei aber nicht
auf die Frage ein, welche über die
Forschung hinausgehenden Aktivitäten
- außer der Stationierung - rechtmäßig seien. Einige nach der SDI Ankündigung
abgegebene
Stellungnahmen
von seiten der Exekutive unterstützten die enge Auslegung. Diese Stellungnahmen deuteten an, daß sich die
Exekutive an die enge Auslegung hielt
und daß das SDI-Programm damit im
Einklang steht. Andere Berichte und
Stellungnahmen der Exekutive im gleichen Zeitraum waren zweideutig.
Die von den Vereinigten Staaten
im Rahmen des SDI-Programms durchgeführten Maßnahmen standen bis zum Oktober 1985 mit der engen Auslegung im
Einklang. Während dieser Zeit betonten die Vereinigten Staaten, daß ihre
Entwicklungs- und Erprobungsmaßnahmen
so angelegt waren, daß sie mit dieser
Auslegung übereinstimmten.
Die mit
der
Durchführung
des
SDI-Programms
betrauten Personen fanden heraus, daß
die
geplanten
oder
durchgeführten
Tests keiner Änderung aufgrund des
Vertrags bedurften, weil die benutzten Vorrichtungen
entweder
so beschaffen waren, daß sie keine Erweiterung der engen Auslegung erforder-

lich machten oder weil sie keine ABMKomponenten waren (ihnen fehlte die
ABM-Fähigkeit und sie wurden nicht im
Rahmen
eines
ABM-Modus
getestet).
Sie fanden weiter heraus, daß die
Ziele des SDI-Programms während dieser Zeit innerhalb der engen Auslegung erreicht werden konnten, und daß
die Vereinigten Staaten auf keinen
Fall zu dieser Zeit technisch in der
Lage waren, das Testprogramm in einer
Weise zu ändern, die über die enge
Auslegung hinausginge und gleichzeitig bedeutende Vorteile im Programm
anböte.
Vor dem Oktober 1985 hat nur eine
SDI-Testserie ein ABM-System oder eine auf den OPPs basierende Vorrichtung berührt (nämlich das Zielüberlappungs-Experiment;
Homing
Overlay
Experiement = HOE); dieser Test wäre
nach der weiten Auslegung des ABMVertrages
nicht
anders
verlaufen,
weil er die Erprobung eines feststehenden landgestützten ABM-Systems betraf.
Ansonsten war während dieses
Zeitraums nur die Planung von zukünftigen Tests (wie beispielsweise der
Delta-180 Test im September 1986) von
der engen Auslegung berührt.
1984 und 1985 führten bestimmte
Entwicklungen zu einem Entscheidungsprozeß innerhalb der Exekutive, der
Frage nach den OPPs mehr Aufmerksamkeit als bisher zu schenken.
Mit
SDI-Aufgaben betraute Regierungsbeamte aus dem Verteidigungsministerium
wünschten Klarheit über den Umfang
des Vertrages und erhielten widersprüchliche
Mitteilungen.
Die mit
den Sowjets konferierenden amerikanischen Unterhändler
waren über bestimmte sowjetische Positionen verwirrt und rieten zu einer weiteren
Überprüfung der Verhandlungsunterlagen.
Diese und andere Aktivitäten
führten zu erheblichen Meinungsverschiedenheiten in der Exekutive und

- 7 -

�veranlaßten Außenminister Shultz, den
Rechtsberater anzuweisen, einen Bericht zu diesem Thema zu erstellen.
Der Überprüfung von Vertragstext und
Verhandlungsprotokollen
seitens
des
Rechtsberaters im Oktober 1985 und
die Ansichten aller beteiligten Regierungsbeamten mit politischer Entscheidungsbefugnis
bildeten
die
Grundlage der von Präsident Reagan im
Oktober
1985 getroffenen Entscheidung, daß eine breitere Interpretation des ABM-Vertrages voll und ganz
gerechtfertigt
sei.
Der
Präsident
entschied ferner, daß es grundsätzlich nicht notwendig sei, das SDIProgramm auf eine mit der weiten Interpretation des ABM-Vertrages einhergehende Art und Weise umzustrukturieren.
Der Kongreß reagierte auf die
Strategische
Verteidigungsinitiative
des Präsidenten, indem er Gesetzesvorlagen zum SDI-Programm bewilligte,
die nicht an eine bestimmte Interpretation des Vertrages gebunden waren.
Der Kongreß hat jedoch Mittel genehmigt und bewilligt, nachdem die Exekutive dargelegt hatte, daß sich das
Programm im Einklang mit der engen
Interpretation befände.
Die Präsentation von SDI ließ das
Interesse der Sowjets am Problem der
OPPs dramatisch zunehmen. Sie formulierten ihre Haltung zum ABM-Vertrag
neu und legten einige andere Argumente vor, mit denen sie das SDI-Programm angreifen wollten.
Mit ihrer
Haltung unterstützten sie konsequent
eine noch engere Auslegung als die
restriktive Interpretation.
Sie haben zum Beispiel erklärt, daß Forschung,
Entwicklung
und
Erprobung
weltraumgestützter
OPP-Systeme
und
Komponenten sich nicht im Einklang
mit dem Vertrag befinden. Sie haben
weitere, noch engere Interpretationen
vorgelegt, die den Umfang der bei

weltraumgestützten
OPP-Systemen
erlaubten
Forschung
auf
verschiedene
Art und Weise einschränken und jegliche Forschung, Entwicklung und Erprobung, die letztlich auf die Errichtung einer territorialen Verteidigung
abzielt verbieten würde.
Diese
unterschiedlichen
Standpunkte wurden im Rahmen bilateraler
Gespräche ausführlich diskutiert, jedoch niemals gelöst. Die Sowjets haben zu keiner Zeit die enge Auslegung
befürwortet.
Obwohl die sowjetische
Haltung darüber hinaus auf ein Verbot
der Entwicklung und Erprobung weltraumgestützter OPP-Systeme hinauslaufen würde, befand sich die sowjetische Einstellung zu Artikel II (1)
im Einklang mit der weiten Auslegung,
und ihre Haltung zu Artikel V (1) war
vor Oktober 1985 mit allen von amerikanischen Regierungsbeamten vertretenen Meinungen unvereinbar und entbehrt jeder Grundlage im Vertragstext
oder im Verhandlungsabiauf. Seit Oktober 1985 haben die Sowjets eine
zweckbetonte Definition für ABM-Systeme eingeführt, die sich im Einklang mit der restriktiven Interpretation von Artikel II (1) befindet.
Trotzdem ist ihre Auslegung der Bestimmungen von Artikel V (1) enger
als die restriktive Interpretation.
Es konnten bisher keine eindeutigen
Erkenntnisse
darüber
gewonnen
werden,
welche
Interpretation
die
Sowjets bei ihren eigenen Programmen
zur Abwehr ballistischer Raketen tatsächlich anwenden.
Die vorliegenden
Erkenntnisse weisen nicht überzeugend
darauf hin, daß die Sowjets bei ihren
mobilen, auf OPP basierenden ABM-Systemen die Entwicklungsphase erreicht
haben;
angesichts
bestehender
Beschränkungen
ist ein
zuverlässiges
Urteil zu diesem Problem zum gegenwärtigen Zeitpunkt unmöglich.
Vorliegende Erkenntnisse weisen jedoch

�eindeutig darauf hin, daß sowjetische
Aktivitäten
zur
Raketenabwehr
die
Forschung, Entwicklung und Erprobung
von Modellen umfassen, die sie als
unvereinbar mit dem Vertrag bezeichnet haben.
Die Sowjets haben ebenfalls mit ihrer fortschreitenden Dislozierung des Radars von Krasnojarsk
den Vertrag verletzt.

diesem Problem zu verschiedenen Zeitpunkten sowie über die Entwicklung
dieser Ansichten. Diese Übereinkünfte müssen in Betracht gezogen werden,
wenn es zu einem endgültigen Urteil
über die Interpretation des Vertrages
kommen soll.

Das Völkerrecht verlangt die Berücksichtigung
aufeinanderfolgender
Verträge und Handlungsweisen der vertragsdeutenden
Parteien,
besonders
bei der Lösung von Zweifelsfällen.
Der Wirkungsgrad, der einer solchen
Praxis beigemessen wird, hängt von
dem Beweiswert einer bestimmten Aktivität bei dem untersuchten Problem
ab.
Im
allgemeinen
wird
einem
gleichberechtigtem
Verhalten,
das
vereinbarte
Abmachungen
widerspiegelt, ein größeres Gewicht beigemessen als einseitigen Stellungnahmen,
die von der einen zur anderen Partei
übermittelt werden; interne Verhandlungsprotokolle werden bei der Ermittlung eines Abkommens wenig oder
garnicht
gewichtet.
Schriftliche
Übereinkünfte
sind
eine
besonders
wertvolle
Quelle der
nachfolgenden
Handlungsweisen,
und dem Verhalten
scheint ein größeres Gewicht zuzufallen, wenn es zeitlich näher an dem zu
deutenden Abkommen liegt.

Während
der Verhandlungen
über
die Klärung der Interpretation und zu
anderen Zeiten zwischen 1972 und 1978
haben die Sowjets wiederholt die Meinung geäußert, daß mit dem Vertrag
Regelungen für konventionelle ABM-Systeme beabsichtigt seien. Die amerikanischen Unterhändler teilten diese
Ansicht
nicht, akzeptierten
jedoch
den Text der Sowjets zum Zwecke der
Interpretation.
Die
Unterhändler
stimmten darin überein, die Bestimmungen könnten so ausgelegt werden,
als ob sie die weite Interpretation
unterstützten und bei der Interpretation
des
Vertrages
erhebliches
Gewicht erhalten müssten.
Eine der
Interpretationen enthält eine Bestimmung, bei der es um eine ABM-Rakete
geht, die ohne ABM-Radar gesteuert
wird.
Die Sowjets bestanden darauf,
das Ersatzsteuersystem
genauso wie
OPPs zu behandeln und die Erprobung
eines solchen Systems in einem ABMModus in Gespräche und Übereinkünfte
einzubeziehen.
Diese
Übereinkünfte
beziehen sich jedoch nur auf bestimmte Aspekte des Problems mit den OPPs
und liefern keine definitive Interpretation, wie der Vertrag auf Entwicklung und Erprobung von mobilen
auf OPPs basierenden ABM-Vorrichtungen anzuwenden ist.

Die Protokolle des Folgeverhaltens der Parteien des ABM-Vertrages
lassen nicht erkennen, daß die Parteien im Jahre 1972 beabsichtigt hatten, die Entwicklung und Erpobung mobiler OPP-Vorrichtungen zu verbieten.
Sie liefern jedoch wichtige Einblicke
über die Ansichten der Parteien zu

Abgesehen von den formalen Übereinkünften der Parteien zeigen ihr
Meinungsaustausch,
ihre
Erklärungen
und ihr Verhalten bei den mit der
OPP-Frage in Zusammenhang stehenden
Angelegenheiten kein gemeinsames und
konsequentes Verständnis des Problems
der
Vertragsinterpretation.
Die

B.

Die Rechtslage

1. Internationale
pflichtungen

rechtliche

Ver-

- 9 -

�amerikanische Haltung bei den bilateralen Gesprächen vor Oktober
1985
scheint sich im Verlauf dieses Zeitraums mit der engen Auslegung im Einklang befunden zu haben; amerikanische Unterhändler haben bei verschiedenen
Anlässen
Ansichten
erkennen
lassen, die sich mit der Lesart von
Artikel II (1) und dem Vertrag im
Einklang befindet, der für OPP-gestützte Systeme und Komponenten geeignet ist.
Zur Frage der OPPs wurden dennoch
innerhalb der US-Regierung zu verschiedenen Zeitpunkten in dieser Phase erhebliche Zweifel und Widersprüche laut. Diese internen Zweifel und
Widersprüche zeigen, daß im gesamten
Zeitraum positive Haltungen zur weiteren Interpretation von Experten unterstützt
wurden.
Die
geäußerten
Zweifel zur restriktiven Interpretation traten vornehmlich in Gestalt
von Fragen dazu auf, ob die Sowjets
dazu ihre Zustimmung erteilten. Sowjetische Erklärungen und Behauptungen
besonders im Zeitabschnitt von 1972
bis 1979 unterstützten diese aus der
amerikanischen
Regierung
geäußerten
Zweifel glaubwürdig, weil die Erklärungen darauf hinwiesen, daß die Sowjets sich der engen Auslegung nicht
anschlössen. Internen Beweisen kommt
nach dem Völkerrecht jedoch nur ein
geringes oder gar kein Gewicht zu,
weil sie nicht als allgemeines odar
einmütiges Verhalten betrachtet werden können, das ein Abkommen in dem
Sinne hervorbringt, wie es die Parteien 1972 im Hinblick auf die Interpretation des Vertrages beabsichtigt
hatten. Aber die intern bestehenden
Zweifel spiegeln zusammen mit einer
fehlenden Bestätigung von seiten der
Sowjets
keine gemeinsam
vertretene
Ansicht wider.
Die sowjetische Haltung bei den
bilateralen Gesprächen hat sich in

den Jahren 1973 bis 1985 erheblich
verändert, offensichtlich als Reaktion auf die sowjetische Vorstellung
von ihren nationalen Interessen. Im
Zeitraum von 1972 bis 1978 vertraten
sowjetische
Unterhändler
wiederholt
die Auffassung, Artikel II (1) des
Vertrages
definiere ABM-Systeme
im
Vertragstext nur als solche, die aus
ABM-Abwehrflugkörpern,
Abschußeinrichtungen und Radaranlagen bestehen;
sie drückten in diesem Zeitraum niemals ihre Übereinstimmung mit der restriktiven
Betrachtungsweise
aus.
Bei mindestens zwei Anlässen reagierten sie nicht auf die Möglichkeit, zu
bestätigen, daß sogar die Dislozierung von OPP-Vorrichtungen verboten
war.
Die sowjetischen
Erklärungen
wandelten sich erst etwa 1979, als
die Vereinigten Staaten ausführliche
Beschreibungen ihrer erweiterten Aktivitäten und Pläne zur Raketenabwehr
veröffentlichten.
Nachdem Präsident
Reagan SDI verkündet hatte, änderten
sich im Jahr 1983 die sowjetischen
Ansichten ganz erheblich und sowjetische Unterhändler vertraten nun eine Meinung zum ABM-Vertrag, die sich
vor allem auf Artikel I (2) stützte
und in materieller Hinsicht restriktiver war als die der Vereinigten
Staaten. Ihre Interpretation von Artikel V (1) entbehrte jeder Grundlage
im Vertrag oder in den Protokollen.
Die im Verlauf des Monats Oktober
1985 von den Vereinigten Staaten unternommenen Maßnahmen bei der Raketenabwehr
(einschließlich
des SDIProgramms) befanden sich im Einklang
mit der engen Auslegung. Diese Tatsache weist nicht
notwendigerweise
auf eine Vereinbarung der Parteien im
Hinblick
auf
eine
Verfahrensweise
nach Vertragsabschluß hin.
Während
dieses Zeitraums haben die Vereinigten Staaten ausdrücklich erklärt, daß
ihre Aktivitäten zur Entwicklung und
Erprobung
auf eine Übereinstimmung

- 10 -

�mit der restriktiven Interpretation
hin angelegt war. Diese Erprobungen
mußten nicht aus Gründen, die mit dem
Vertrag in Zusammenhang stehen, angepaßt werden, sondern weil es sich bei
den Geräten entweder um Modelle handelte, mit denen die restriktive Interpretation nicht überschritten wurde, oder es handelte sich nicht um
ABM-Komponenten
(sie besaßen
keine
ABM-Fähigkeit
und wurden nicht im
ABM-Modus erprobt).
Die Ziele des
SDI-Programms konnten in diesem Zeitraum meist innerhalb des Rahmens der
restriktiven Interpretation erreicht
werden, und die Vereinigten Staatne
waren auf jeden Fall zu dem Zeitpunkt
nach Ansicht der mit SDI befassten
Beamten technisch nicht in der Lage,
das Testprogramm auf eine Art und
Weise zu verändern, die über die enge
Auslegung hinausgehen und gleichzeitig bedeutende Vorteile für das Programm bieten würde. Vor Oktober 1985
waren nur die Planungen für zukünftige Erprobungen von der restriktiven
Interpretation betroffen.
Letztlich
wurden diese Aktivitäten im Einklang
mit der restriktiven Interpretation
durchgeführt, weil sich diese Sichtweise des Vertrages im ACIS des Finanzjahres
1979 widerspiegelte
und
ohne ausreichende Untersuchungen auch
in darauffolgenden ACIS auftauchte.
Im Hinblick auf den Aufbau der
sowjetischen Programme zur Verteidigung gegen ballistische Raketen gibt
es keine vergleichbaren Aufzeichnungen.
Uns liegen keine ausreichenden
Beweise vor, um zu bestimmen, ob die
Sowjets das Stadium erreicht haben,
in dem Aktivitäten zur Entwicklung
und Erprobung, die sich nicht im Einklang mit der restriktiven Interpretation befinden, anwendbar und nützlich wären, aber aus Gründen der Einhaltung des Vertrages nicht unternommen werden. Die Sowjets könnten darüber hinaus eine Erprobung moderner

Geräte durchgeführt haben, ohne daß
die Amerikaner dies entdeckt hätten.
Die sowjetischen Aktivitäten zur Verteidigung gegen ballistische Raketen,
wozu auch Aktivitäten wie Forschung
und Erprobung im Hinblick auf mögliche mobile OPP-Systeme der Zukunft
zählen, befinden sich sicher nicht im
Einklang mit den engeren Auslegungen,
wie sie die sowjetische Seite seit
der Verkündung des SDI-Programms vorgebracht hat (zum Beispiel, daß der
Vertrag die Forschung von ABM-Vorrichtungen
verbietet, deren Dislozierung nicht erlaubt ist). Sie haben ferner ein Radar an einem Standort errichtet, an dem solche Radaranlagen nach allen Interpretationen des
Vertrages verboten sind.
Diese Abfolge der Praktiken nach
Vertragsunterzeichnung begründet keine bindende internationale rechtliche
Verpflichtung der Vereinigten Staaten
und der Sowjetunion sich der engen
Auslegung zu unterwerfen.
Zu keiner
Zeit stimmten amerikanische und sowjetische Ansichten über die Anwendung
des Vertrages auf OPP-Systeme überein. Obwohl sich die Erklärungen der
Vereinigten Staaten und der Sowjetunion auf unterschiedliche Grundlagen
stützten, hatten sie von 1983 bis
1985 die Verhinderung der Entwicklung
und Erprobung weltraumgestützter (und
wahrscheinlich anderer mobiler) auf
OPPs basierender Systeme zum Ergebnis, trotz ihrer mangelnden Übereinstimmung mit anderen Aspekten des
Problems. Die sowjetische Meinung in
diesem Zeitraum stützte sich jedoch
auf eine Lesart des Artikels II (1) ,
die im Widerspruch zur restriktiven
Interpretation steht und unterstützt
vielmehr die weitere Auslegung sowie
auf eine Lesart von Artikel V (1) ,
die sich von allen Interpretationsvorschlägen der Vereinigten Staaten
radikal unterscheidet und die durch
die Vertragssprache oder die Verhand-

- 11 -

�lungsgeschichte
nicht
unterstützt
wird. Erst nach Oktober 1985, nachdem die weite Interpretation von der
amerikanischen
Regierung
Unterstützung erfahren hatte, haben die Sowjets einer
zweckbetonte Definition
des Artikels II (1) zugestimmt. Dennoch bleibt ihre Interpretation der
in Artikel V (1) ausgesprochenen Verbote enger als die restriktive Interpretation.
Darüber hinaus umspannt
dieser Zeitraum weniger als drei der
fünfzehn Jahre seit Inkrafttreten des
Vertrages.
Schließlich gibt es nur
unzureichende Beweise dafür, daß die
Parteien ein die restriktive Auslegung stützendes Verhalten an den Tag
legten, das konsequent und einmütig
war. Die Parteien scheinen im größten Teil oder unter Umständen im gesamten Zeitraum von 1972 bis 1985
nicht zu den beweisdienlichen Verhaltensweisen
fähig gewesen zu sein.
Uns liegen in jedem Fall keine ausreichenden Beweise vor, um zu beurteilen, ob das sowjetische Verhalten
sich tatsächlich im Einklang mit der
restriktiven Sichtweise befand.

2. Nationale
tungen

rechtliche

Verpflich-

Die Interpretation eines Vertrages im Hinblick auf die nationale Gesetzgebung stützt sich zunächst einmal auf die Prinzipien des Völkerrechts, die die Auslegung von Verträgen regeln. In mancher Hinsicht können jedoch die nach amerikanischem
Recht bestehenden Verpflichtungen des
Präsidenten zur Auslegung eines Vertrages zusätzliche Überlegungen erforderlich machen, die von der Verteilung der Regierungsgewalt, wie sie
in der amerikanischen Verfassung niedergelegt ist, abhängen.
Nach dem Völkerrecht wird den
Auslegungen eines von Regierungsbe-

hörden der jeweiligen Parteien erarbeiteten
Vertrages
kein
besonderer
Vorzug eingeräumt. Bei der Anwendung
der Vertragsbestimmungen im Sinne der
nationalen Gesetzgebung jedoch werden
amerikanische
Gerichte
naturgemäß
jeder vernünftigen Interpretation der
Exekutive
der
Vereinigten
Staaten
großes Gewicht beimessen.
Dies ergibt sich sowohl aus der normalen
Achtung, mit der die Behörden der
Exekutive Bundesgesetze auslegen sowie aus der besonderen Achtung, die
dem Präsidenten bei der Auslegung von
Verträgen als einem Aspekt der Außenpolitik des Landes entgegengebracht
wird. Während den alten Auslegungen
der Exekutive ein großes Gewicht beigemessen werden muß, hat der Oberste
Gerichtshof eine Auslegung ebenfalls
hoch
bewertet, obwohl
sie
vorher
nicht von der Exekutive unterstützt
worden war.
Der Präsident ist nach amerikanischem Gesetz verpflichtet, eine nach
der Verfassung gültige Gesetzgebung
einzuhalten, die nach der Ratifizierung eines Vertrages verfügt wurde.
In ähnlicher Weise wird der Verständigung zwischen der Exekutive und dem
Kongreß nach einer Ratifizierung, die
dem Völkerrecht zufolge normalerweise
von geringer Bedeutung ist, von amerikanischen Gerichten bei der Auslegung von Vertragsbestimmungen im Hinblick auf die nationale Gesetzgebung
eine geringe Bedeutung beigemessen.
Das Interesse an der Vermeidung
entgegenstehender
internationaler
Verpflichtungen sollte gegen die Erkenntnis abgewogen werden, daß der
Präsident Verpflichtungen im Hinblick
auf die nationale Gesetzgebung hat,
die sich von denen des anderen Vertragspartners unterscheidet.
Darüber
hinaus sollte die Macht des Präsidenten zur Auslegung von Verträgen und
Durchführung der Außenpolitik nicht

- 12 -

�eingeschränkt werden, wenn es keine
eindeutigen Hinweise darauf gibt, daß
solche
Beschränkungen
ausdrücklich
beabsichtigt waren. Andererseits muß
der Präsident der Ausübung
seiner
Machtbefugnisse bei allen anstehenden
Angelegenheiten
und
Erkenntnissen,
einschließlich der Darstellungen der
Exekutive an den Kongreß und Hinweise
auf die gesetzliche Glaubwürdigkeit
solcher Darstellungen, ein angemessenes
Gewicht
zubilligen,
obwohl
rechtsverbindliche
Einschränkungen
der
Verfügungsfreiheit
mißbilligt
werden.
In den Protokollen über die nach
der Vertragsunterzeichnung angewandten Praktiken beim ABM-Vertrag ist
der Präsident nicht durch eine nationale Gesetzgebung an die enge Auslegung gebunden.
Trotzdem sind dem
Kongreß eine größere Anzahl von Berichten der Exekutive vorgelegt worden, deren Anfang der ACIS im Jahr
1979 machte, und die bis ins Jahr
1985 unterbreitet wurden, was auf die
eine oder andere Art und Weise die
restriktive
Interpretation
unterstützt.
Entsprechende
Erklärungen
umfassen die von der Organisation für
die Strategische Verteidigungsinitiative SDIO (Strategie Defense Initiative Organisation) mit ihrem Bericht
von 1985 vorgelegten Stellungnahmen
(der
Bericht
wurde
abgeschlossen,
während die Exekutive ihre erste umfassende Prüfung der Verhandlungsprotokolle vornahm).
Die vom Kongreß
für SDI im Finanzjahr 1985-86 bereitgestellten Mittel waren nicht ausdrücklich an eine Auslegung des Vertrages gebunden; trotzdem hat der
Kongreß Mittel genehmigt und bereitgestellt, als er die entsprechenden
Vorlagen zu den Akten genommen hatte,
und damit die Erwartung geweckt, daß
weiterhin die enge Auslegung befolgt
wurde.
Seit dem Monat Oktober 1985
hat der Kongreß Mittel für das Jahr

1987 bewilligt, deren Verwendung aber
nicht an die fortdauernde Befolgung
der restriktiven Interpretation gebunden ist. Die meisten der maßgeblichen Beweise zur Unterstützung der
weiteren Auslegung hatten im wesentlichen internen Charakter, und erst
nach Abschluß einer rechtlichen Prüfung im Oktber 1985 hat die Exekutive
die weite Auslegung ausdrücklich formuliert und dem Kongreß die Erkenntnisse und Argumente vorgelegt, die
diese unterstützen.
Der Präsident sollte den dem Kongreß von der Exekutive vorgelegten
Berichten
ein angemessenes Gewicht
beimessen, und von seiten der Gesetzgeber entwickelten sich im Zeitraum
nach
der Ratifizierung
Erwartungen
zur Festlegung und Ausführung seines
im Rahmen des Gesetzes bestehenden
Ermessenspielraums zur Auslegung des
ABM-Vertrages. Auf der anderen Seite
ist der Kongreß ebenfalls aufgrund
der Verfassung zur Ausübung seiner in
der Verfassung gewährten Machtbefugnisse verpflichtet, in gutem Glauben
alle Erkenntnisse, die sich auf die
gesetzmäßige Auslegung des ABM-Vertrages beziehen, abzuwägen und im
Hinblick auf die Bedeutung solcher
Erkenntnisse, einschließlich
derer
über das Verhalten nach der Vertragsunterzeichnung, das vernünftige Urteil der Exekutive zu achten.

- 13 -

* * * * *

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AMERIKA DIENST
Dokumentation

Ä&lt;

16. September 1987

32

NEUER AMERIKANISCHER INF-VORSCHLAG HAT
SCHÄRFSTE UBERPRUFUNGSBESTIMMUNGEN
- Erklärung von Präsident Reagan -

WASHINGTON - (AD) - Die Vereinigten Staaten legen die "schärfsten Überprüfungsregeln" in der Geschichte der Verhandlungen über nukleare Mittelstrekkenwaffen (INF) vor, erklärte Präsident Reagan am 14. September 1987.
Der formell bei den Genfer Abrüstungsverhandlungen vorgelegte Vertragsentwurf sieht die Zerstörung von zwei Arten von Mittelstreckenraketen vor, bei
den Raketen längerer Reichweite in drei Jahren und bei den Raketen kürzerer
Reichweite in einem Jahr. Der Vertragsentwurf verbietet die Modernisierung
und Herstellung sämtlicher INF-Raketensysteme sowie die Durchführung von Testflügen.
Nachstehend
Wortlaut:

drucken wir den Text der Verlautbarung Präsident Reagans im

Ich habe den amerikanischen INF
Unterhändler bei den Genfer Gesprächen über nukleare und Weltraumwaffen
angewiesen, der Sowjetunion beim heutigen Treffen der INF-Verhandlungsgruppe
unseren Vertragsentwurf
zur
Durchführung einer doppelten weltweiten Null-Lösung vorzulegen, der alle
amerikanischen und sowjetischen landgestützten
INF-Raketen
beseitigt.
Unser Unterhändler wird auch ein Inspektionsprotokoll mit detaillierten
Verfahrensvorschriften vorlegen, das
wir für erforderlich halten, um die
Einhaltung des Vertrages wirkungsvoll
zu überprüfen.

United States Information Service
Embassy of the United States of America

Unser jetzt vorgelegter Entwurf
ist die konsequente Weiterentwicklung
des Textentwurfs, der den Abbau von
INF-Raketen auf einem bestimmten Niveau vorsah, zu einem Vertragsentwurf, der eine ganze Kategorie amerikanischer
und
sowjetischer
Raketen
beseitigen würde.
Die zentralen Punkte unseres Vorschlags einer Durchführung der doppelten weltweiten Null-Lösung sind:
- Die Beseitigung

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

aller

amerika-

Tel.: 0228-339 2035
Telex: 8-85432

�nischen und sowjetischen INF-Raketen
und der Abschußvorrichtungen.
INFRaketen längerer Reichweite und deren
Startvorrichtungen
würden
innerhalb
von drei Jahren beseitigt, die mit
kürzerer Reichweite innerhalb eines
Jahres;
- Das Verbot der Modernisierung
und Produktion sämtlicher INF-Raketensysteme oder der Durchführung von
Testflügen;
- Eine umfassende und wirkungsvolle Überprüfung, die auf das Ergebnis einer doppelten weltweiten NullLösung zugeschnitten ist.
Ich habe stets meiner Überzeugung
Nachdruck verliehen, daß es besser
ist,
überhaupt
keinen
Vertrag
zu
schließen, als einen, der nicht wirkungsvoll
überprüft
werden
kann.
Folglich
legen wir die schärfsten
Uberprüfungsregeln aller Abrüstungsabkommen in der Geschichte vor. Die
wirkungsvollste
und
bestmögliche
Überprüfung ist entscheidend für die
Gewährleistung
eines
INF-Abkommens,
das
einen
dauerhaften
Beitrag
zu
Frieden und Stabilität leistet. Wir
werden uns nicht mit weniger zufrieden geben.
Wir sind bei unseren Bemühungen
um
die
Beseitigung
der
Bedrohung
durch sowjetische INF-Raketen einen
weiten Weg gegangen. Die Entschlossenheit der NATO, amerikanische INFRaketen als Erwiderung der grundlosen
sowjetischen Bedrohung zu stationieren und gleichzeitig
Verhandlungen
mit den Sowjets anzustreben, hat die
Grundlage für das historische Abkommen gelegt, das nun in Reichweite
ist.
•

Schwierige Probleme müssen noch
gelöst werden, und eines davon ist
die Verifizierung.
Wir haben umfas-

sende und wirkungsvolle Uberprüfungsregeln vorgelegt. Die Sowjets haben
erklärt, sie stimmten prinzipiell mit
der Anzahl unserer Verifizierungserfordernisse überein, sie müssen aber
noch einige entscheidende Einzelheiten liefern. Außerdem hat sich bei
einigen der von den Sowjets bereits
dargelegten Details gezeigt, daß sie
weder eine Verifizierung garantieren,
noch das Vertrauen in ihre Einhaltung
herstellen können.
Es liegt jetzt bei der Sowjetunion, zu demonstrieren, ob sie unsere
Entschlossenheit teilt, einen Vertrag
über die Beseitigung aller amerikanischen und sowjetischen Mittelstrekkenraketen zu schließen.
Ich rufe
die Sowjets ferner dazu auf, mit uns
ernsthaft zur Sache zu kommen, um
ebenfalls ein Abkommen über einen
fünfzig-prozentigen Abbau amerikanischer und sowjetischer strategischer
Waffen abzuschließen.

* * * * *

�AMERIKA DIENST
Hintergrundmaterial
16. September 1987

32

WICHTIGSTE PROBLEMKREISE FÜR INF-ABKOMMEN SIND ABGEHANDELT
- Pressekonferenz mit Botschafter Paul Nitze -

WASHINGTON - (AD) - Präsident Reagans und Außenminister Shultz' Sonderberater für Rüstungskontrollfragen, Botschafter Paul Nitze, erklärte am 10. September auf einer Pressekonferenz zum Abschluß eines Treffens des Nordatlantikrates in Brüssel, alle wichtigen Problemkreise, die sich im Zusammenhang mit
den Verhandlungen über Mittelstreckenwaffen (INF) ergeben haben, seien abgehandelt worden, Einzelheiten müßten aber noch erarbeitet werden. "Es gibt immer noch einige Punkte, denen die Sowjets zustimmen müssen, und unserer Ansicht nach haben sie einige künstliche Probleme aufgeworfen, die ausgeräumt
werden sollten. Wir sind jedoch zuversichtlich, daß wir diese Probleme beilegen können, vorausgesetzt, die Sowjets wollen dies ebenfalls."
Nachfolgend veröffentlichen wir die Pressekonferenz im Wortlaut:
Botschafter
Nitze:
Guten Morgen.
Wir
sind
heute morgen
aus
Washington zurückgekehrt, wo wir erneut die Möglichkeit zu Konsultationen mit dem Nordatlantikrat hatten.
Dies
ist Teil eines fortlaufenden
Prozesses, den wir sehr schätzen: in
der Lage zu sein, mit dem Rat vor
Aufnahme wichtiger Verhandlungen mit
der Sowjetunion zu Konsultationen zusammenzutreffen.
Der
Außenminister
und der Präsident werden nächste Woche mit Herrn Schewardnadse zusammentreffen, und hier bietet sich für uns
die Gelegenheit, mit dem Rat alle unterschiedlichen Aspekte, insbesondere

United States Information Service
Embassy of the United States of America

der
RüstungskontrollVerhandlungen,
aber auch der weitreichenden Tagesordnung von Herrn Shultz und Herrn
Schewardnadse zu prüfen.
Ich will
meine Ausführungen hier beenden, und
Sie sollten ihre Fragen stellen, auf
die ich dann nach bestem Wissen eingehen möchte.
Frage:
Können Sie uns sagen,
ob Sie noch besondere Stolpersteine
für ein INF-Abkommen sehen?
Könnten
Sie ferner jüngste optimistische Berichte aus Genf kommentieren, denen
zufolge ein START-Vertrag bis zum En-

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.: 0228-339 2035
Telex: 8-85432

�de des
könnte?

Jahres

abgeschlossen

werden

Antwort:
Was das
INF-Abkommen
angeht, bin ich der Ansicht, daß wir
wirklich alle wichtigen Probleme gelöst haben, die bei den INF-Verhandlungen aufkamen.
Ich glaube, angesichts der Tatsache, daß Herr Kohl
seine Erklärung abgegeben hat und angesichts der verschiedenen Schritte,
die wir unternommen haben, um den sowjetischen Bedingungen entgegenzukommen, sind alle wichtigen Problemkreise abgehandelt worden.
Es müssen
aber
noch
Einzelheiten
erarbeitet
werden. Wir sind bereit, so schnell
wie möglich Fortschritte zu erzielen,
und wir denken, daß wir uns darüber
im klaren sind, wie wir diese Fortschritte erreichen und ein konkretes
Abkommen in einer angemessenen Frist
aushandeln können, trotz des Arbeitspensums, das wir noch bewältigen müssen.
Aber dies hängt wirklich von
den Sowjets ab. Es gibt immer noch
einige Dinge, denen die Sowjets zustimmen müssen, und unserer Ansicht
nach haben sie einige künstliche Probleme
aufgeworfen,
die
ausgeräumt
werden sollten. Wir sind jedoch optimistisch, daß wir diese beilegen
können, vorausgesetzt, die Sowjets
wollen dies ebenfalls.
Im Hinblick
auf START sind ebenfalls erhebliche
Fortschritte
erzielt worden.
Wenn
die Sowjets ein START-Abkommen wünschen, kann man sich sehr leicht vorstellen, wie die
Hauptbestimmungen
eines solchen Abkommens aussehen würden.
Bei vielen Problemkreisen sind
wir nicht sehr weit voneinander entfernt.
Aber es gibt bestimmte Probleme, die gelöst werden müssen, wenn
wir ein lohnendes Abkommen schließen
wollen, und das sind primär die Untergrenzen, zu denen wir seit langem
um die Zustimmung der Sowjets ringen.
Wir glauben, daß diese Untergrenzen
unbedingt notwendig sind, um sicher-

-2

zugehen, daß ein START-Abkommen die
Stabilität
tatsächlich
erhöhen und
nicht verringern soll.
Verringerungen sind gut und schön und sicher
wünschenswert. Aber sie müssen sich
auf die richtigen Systeme beziehen,
um zu gewährleisten, daß eine erhöhte
Stabilität aufrechterhalten wird und
daß nichts getan wurde, das die Risiken eher erhöhen als verringern würde. Und diese Dinge müssen wir mit
der Sowjetunion lösen. Aber wir sind
nicht so weit von ihnen entfernt,
vorausgesetzt, sie kommen uns etwas
entgegen.
Frage:
Sie haben erwähnt, die
Sowjets hätten
künstliche
Probleme
geschaffen.
Ich weiß nicht, ob ich
Sie richtig verstanden habe - handelt
sich hier um neu aufgeworfene Probleme?
In diesem Zusammenhang würde
ich gern Ihre Meinung zu Erklärungen
hören, die Herr Karpow erst kürzlich
in einer Tageszeitung
zu den Gefechtsköpfen
der
Pershing-Raketen,
der Zerstörung dieser Gefechtsköpfe,
abgegeben hat. Können Sie etwas dazu
sagen, ob es sich dabei um einen
Stolperstein
oder
ein
künstliches
Problem handelt?
Antwort:
Offen gesagt bin ich
nicht der Ansicht, daß die im Hinblick auf die deutschen Pershing 1A
aufgeworfenen
Probleme
künstlich
sind.
Ich glaube, Herr Kohl hat
jetzt angekündigt, daß die Deutschen
die Pershing 1A nicht modernisieren,
sondern vielmehr die Raketensysteme
und die Abschußvorrichtungen zerstören und beseitigen werden, wenn die
Vereinigten Staaten und die Sowjetunion ein INF-Abkommen schließen und
dieses
Abkommen
auch
durchführen.
Ich glaube, damit ist dieses Problem
erledigt. Aber die Sowjets bestehen
darauf, daß auf irgendeine Art und
Weise mehr getan wird. Sie bestehen
darauf, daß die bilateralen Verhand-

�lungen zwischen den Vereinigten Staaten und der Sowjetunion auf die deutschen Pershing 1A Bezug nehmen. Wir
haben seit Jahren die unbeirrbare Position
vertreten,
bei
bilateralen
Verhandlungen zwischen den vereinigten Staaten und der Sowjetunion keine
Drittstaatensysteme zu behandeln, und
wir werden die bestehenden Strukturen
der
Zusammenarbeit
mit Verbündeten
nicht ändern.
Aber ich sehe keinen
Sinn in der derzeitigen Äußerung weiterer Bedenken durch die Sowjets,
nachdem
ihre
mögliche
Hauptsorge
durch die Erklärung von Herrn Kohl
ausgeräumt wurde.
Was die Zerstörung von Gefechtsköpfen angeht, glaube ich, daß es
sich hierbei um ein völlig falsches
Problem handelt. Die Sowjets wollen
sicher genausowenig wie wir, daß die
andere Seite sich unsere Bomben und
die Konstruktion der
Gefechtsköpfe
ansieht. Keine der beiden Seiten hat
jemals die Position vertreten, daß
man die eigentlichen
Gefechtsköpfe
zerstören wollte. Man würde also die
Raketen zerstören und damit gewährleisten, daß sie nicht zum Zweck der
Bewaffnung von INF-Raketen und SRINFRaketen verwendbar sind.
Daher bin
ich der Ansicht, daß es sich hierbei
um ein falsches Problem handelt.
Frage:
Wie
ich weiß,
werden
Sie von hier nach Bonn fahren. Tun
Sie das, um sich bei Bundeskanzler
Kohl zu bedanken oder um zu versuchen, einige der andauernden, in der
Bundesrepublik immer noch geäußerten
Sorgen
über
das
INF-Abkommen, zu
dämpfen?
Antwort:
Nein, es handelt sich
hier um eine meiner regulären Gepflogenheiten, wenn ich zu den Treffen
des Nordatlantikrates gehe. Ich bin
sehr häufig - ich glaube sogar, fast
immer - nach Bonn gegangen, um meine

Freunde dort aufzusuchen.
Die speziellen Probleme, die derzeit mit der
Sowjetunion ausgehandelt werden, betreffen sie in diesem Fall ganz besonders, und ich möchte mit ihnen
gerne am Rande der Beratungen des
Nordatlantikrates Konsultationen aufnehmen.
Frage:
Verstehe ich Sie richtig, wenn ich sage, daß im Falle einer Zerstörung der deutschen Startvorrichtungen im Anschluß an ein INFAbkommen dies bedeuten würde, daß die
Sprengköpfe logischerweise - um nicht
zu sagen, konseguenterweise - von
deutschem Boden abgezogen würden?
Antwort:

Das ist richtig.

Frage:
Ich würde mich freuen,
wenn Sie über das bevorstehende Treffen zwischen Herrn Shultz und Herrn
Schewardnadse zum Thema Mittelstrekkenwaffen einige weitere Details nennen und uns sagen könnten, ob sie immer noch einige zentrale politische
Probleme in bezug auf die Mittelstreckenwaffen lösen müssen. Könnten
Sie uns ferner einen kleinen Überblick über die ungefähre Tagesordnung
geben, von der Sie sprachen?
Antwort:
Im Hinblick auf INF
gibt es immer noch eine Vielzahl von
Problemen, die detailliert ausgearbeitet werden müssen. Eines hiervon
ist natürlich die Frage der Überwachung, also der Verifizierung.
Und
der größte Teil dieser Arbeit muß von
den beiden Delegationen in Genf erledigt werden, aber ich bin sicher, daß
Herr Shultz und Herr Schewardnadse
dieses Problem in ihren Diskussionen
ebenfalls ansprechen werden.
Hinzu
kommt das Problem des Zeitplans bei
der Beseitigung der Mittelstreckenraketen auf beiden Seiten. Ich glaube,
Herr Shultz und Herr Schewardnadse
werden dieses Thema ganz zweifellos

- 3 -

�diskutieren wollen.
Ihre Frage bezog sich meines Erachtens insbesondere auf die Mittelstreckenwaffen.
Natürlich
ist die
Tagesordnung
für die
Zusammenkunft
zwischen
Herrn
Shultz
und
Herrn
Schewardnadse viel breiter angelegt.
Wie ich schon zuvor erläutert habe,
werden die Gespräche wie gewöhnlich
ablaufen. Dieses Mal wird die Tagesordnung
aus vier Teilen bestehen:
der Frage nach den Menschenrechten,
den regionalen Problemen, bilateralen
Fragen und schließlich der Rüstungskontrollproblematik.
Frage:
Sie haben die Verbündeten über all diese von Ihnen erwähnten Themen konsultiert, einschließlich der Menschenrechte und der regionalen Probleme, die auch Afghanistan und möglicherweise den Golf oder
den Mittleren Osten umfassen. Können
Sie uns ein wenig darüber berichten,
was sie den Verbündeten mitteilten
und welche Antworten Sie erhielten?
Antwort:
Die
meisten
Diskussionen heute Morgen bezogen sich auf
Rüstungskontrollfragen.
Wir
haben
primär die Themen Mittelstreckenwaffen, die START-Verhandlungen, und die
Verteidigung
im Weltraum
erörtert.
Die
Menschenrechtsproblematik
und
auch der Mittlere Osten wurde kurz
erwähnt, heute Morgen aber nicht detailliert diskutiert.

findet.
Es könnte angesprochen werden, aber ich weiß nicht, ob dies
tatsächlich der Fall sein wird.
Frage:
Könnten sie einige Andeutungen machen, wie aus Ihrer Sicht
der derzeitige Zeitplan für ein mögliches INF-Abkommen aussieht?
Antwort:
Wir
würden gerne so
schnell wie möglich Fortschritte sehen, aber wie schnell dies der Fall
ist - wie ich bereits erläutert habe,
bleibt noch eine Menge Arbeit zu tun.
Es gibt noch einige politische Probleme, bei denen ich die Hoffnung habe, daß sie verhältnismäßig zügig gelöst werden können. Es handelt sich
hierbei um wesentliche Probleme, die
wir hier schon erörtert haben. Aber
wenn es wirklich um die Ausarbeitung
der vollständigen Details des Vertrages geht, der für beide Seiten annehmbar ist, wird noch viel Arbeit
erforderlich sein. Die beiden Delegationen haben an einem gemeinsamen
Textentwurf gearbeitet und versuchen,
diesen
fertigzustellen.
Aber
es
bleibt noch eine Menge Feinarbeit zu
tun. Es ist mir daher unmöglich, genau vorherzusagen, wann all dies unter Dach und Fach sein wird.

* * * * *

Frage:
Glauben
Sie, daß
bei
der Besprechung von regionalen Konflikten das Thema Cypern angeschnitten wird, und könnte dies ein Thema
sein, bei dem sich beide Seiten auf
vergleichbare
Aktionen
verständigen
könnten?

Der NATO-Pressedienst veröffentlichte die folgende Presseerklärung
im Anschluß an das Treffen des Nordatlantikrates:

Antwort:
Mir
ist
nicht
bekannt, daß sich dieses Thema auf
der Tagesordnung der Diskussionen be-

Botschafter Paul Nitze, der ranghöchste
Rüstungskontrollberater
Präsident Reagans, und drei amerika-

- 4

PRESSEERKLÄRUNG

i

�nische
Rüstungskontroll-Unterhändler
aus Genf haben heute den Nordatlantikrat über die jüngste Entwicklung
bei den Verhandlungen und Vorbereitungen für das kommende Woche stattfindende Treffen zwischen Außenminister Shultz und dem sowjetischen Aussenminister Schewardnadse in Kenntnis
gesetzt.
NATO-Generalsekretär
Lord
Carrington erklärte zum Abschluß der
heutigen Beratungen im Nordatlantikrat:
Ich bin sicher, der Rat wird mir
zustimmen, wenn ich Botschafter Nitze, der eine besondere Reise aus
Washington angetreten hat, und den
drei amerikanischen Unterhändlern aus
Genf Dank und Anerkennung ausspreche.
Seit den letzten Konsultationen mit
amerikanischen
Unterhändlern
sind
viele Fortschritte in Richtung auf
ein Abkommen erzielt worden, durch
das die nuklearen Mittelstreckenraketen nicht nur aus Europa, sondern
weltweit beseitigt würden.
Das Treffen zwischen Außenminister Shultz und dem sowjetischen Aussenminister Schewardnadse in der kommenden Woche wird zeigen, ob ein solches INF-Abkommen jetzt in Reichweite
ist.
Aus unseren Diskussionen vom
heutigen Morgen schließe ich,daß Aussenminister Shultz die Gespräche mit
der vollen Unterstützung des Bündnisses fortführen wird.

- 5

�</text>
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37

16. September 1992

WIRTSCHAFT

BUSH MÖCHTE HANDELSABKOMMMEN
MIT OSTEUROPÄISCHEN STAATEN
Das Programm für die
Erneuerung Amerikas - Auszüge

MENSCHENRECHTE

USA: WIENER KONFERENZ MUSS SICH
AUF MENSCHENRECHTSVERLETZUNGEN
KONZENTRIEREN
Erklärung von Botschafter Blackwell

B-WAFFEN

USA, GROSSBRITANNIEN UND RUSSLAND
ERWEITERN ZUSAMMENARBEIT BEI DER
KONTROLLE BIOLOGISCHER WAFFEN
Erklärung der USA zu Moskauer Treffen

WAHLEN '92

CLINTON UND BUSH ERLÄUTERN
IHRE WIRTSCHAFTSPROGRAMME
NBC-Interview mit den
Präsidentschaftskandidaten
DAS AMERIKANISCHE
WAHLMÄNNERGREMIUM
von Ellis Katz

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.:0228-3392372
Telex: 8-85432

�WIRTSCHAFT
16. September 1992

BUSH MÖCHTE HANDELSABKOMMEN
MIT OSTEUROPÄISCHEN STAATEN
Das Programm für die Erneuerung Amerikas - Auszüge
WASHINGTON - (AD) - Präsident Bush hat erklärt, er wolle sich für den Abschluß von Freihandelsabkommen
nicht nur mit den Ländern Lateinamerikas, sondern auch mit Polen, Ungarn und der Tschechoslowakei
engagieren und darüber hinaus die Einbeziehung von asiatischen Staaten in ein umfassenderes Freihandelsnetz sondieren.
Bush erläuterte seine Wirtschaftsvorschläge am 10. September 1992 in einem Papier mit dem Titel "Programm
für die Erneuerung Amerikas". Nachfolgend veröffentlichen wir den Abschnitt des Dokuments, der den Handel
und die Weltwirtschaft betrifft.
Während des Kalten Krieges haben wir eine weltweite
Sicherheitsstruktur aufgebaut, um der Sowjetunion
und kommunistischer Aggression Einhalt zu gebieten.
Wir haben militärische Bündnisse über den Pazifik und
den Atlantik hinweg gebildet, die diese Struktur untermauerten. Im Zeitalter nach dem Kalten Krieg benötigen wir eine strategische Weltwirtschafts- und Handelspolitik, die unsere Stellung auch als Supermacht in
Wirtschaft und bei Exporten gewährleistet.
Wir befinden uns für die Verwirklichung dieses Zieles
in einer guten Position. Wir haben den größten Binnenmarkt der Welt. Dies verschafft uns Einf lu ß gegenüber anderen Ländern, die Zugang zu unserem Markt
wünschen. Die Verabschiedung des Nordamerikanischen Freihandelsabkommens (NAFTA) durch den
Kongreß wird unsere Position weiter stärken. Das
NAFTA wird einen wichtigen Markt öffnen, eine mexikanische Volkswirtschaft, deren Wachstumsaussichten seine expandierenden Industrien und seine Verbraucher rasch zu hervorragenden amerikanischen
Kunden machen wird. Ebenso wichtig ist die Tatsache, daß die Integration der amerikanischen, mexikanischen und kanadischen Fähigkeiten unsere globale
Wettbewerbsfähigkeit stärken wird, indem sie es
amerikanischen Firmen ermöglicht, Zulieferleistungen
zu geringeren Kosten zu erwerben. Damit wird es
amerikanischen Firmen erleichtert, bei Lohnniveau
und Wertschöpfung weiterhin einen Spitzenplatz einzunehmen.
Auch unsere geopolitische Position ist vorteilhaft. Die
Vereinigten Staaten sind sowohl eine pazifische als
auch eine europäische Macht; unsere politischen und
AMERIKA DIENST 37

militärischen Bindungen verknüpfen uns mit den größten und am schnellsten wachsenden Volkswirtschaften am anderen Ende beider Ozeane. Unser transpazifischer Handel übersteigt bereits den transatlantischen. Dies ist ein Grund dafür, daß wir an der
Gründung einer asiatisch-pazifischen Wirtschaftszusammenarbeit mitgewirkt haben, die unsere wirtschaftlichen Bindungen mit der Region weiter stärken wird.
Unsere direkten Nachbarn - von Mittelamerika bis
Chile - möchten Handelsbrücken zu uns errichten,
damit sie bessere Volkswirtschaften für ihre Völker
aufbauen können.
"Der Ball der Freiheit", so schrieb einst Thomas Jefferson, "ist jetzt so weit in Bewegung geraten, daß er um
den Globus rollen wird." Er hatte Recht.
Die Freiheit ist durch Osteuropa, die ehemalige Sowjetunion und Lateinamerika gerollt - und heute sind
wir am Zuge. Freie Menschen und freie Märkte
entwickeln sich Hand in Hand. Die Menschen schätzen amerikanische Werte. Die Menschen möchten
kaufen, was wir anzubieten haben. Englisch ist die
Sprache der Freiheit und der Wirtschaft.
Unsere politischen und wirtschaftlichen Bindungen
werden durch die Anziehungskraft ergänzt, die von der
amerikanischen Kultur in der ganzen Welt ausgeübt
wird. Es gibt eine neue "sanfte Gewalt", die wir
anwenden können. Heute gehören Spielfilme, Musik
und Videos zu unseren Exportbestsellern.
Als wichtigstes Gründungsmitglied und stärkster Verfechter des Welthandelssystems GATT befinden wir
uns schließlich nach wie vor in einer starken Position,
Seite 1

�solange wir uns seiner bedienen, um wahrhaft offene
Märkte, einschließlich unseres eigenen, zu schaffen.
Der Schlüssel für Amerikas Wachstum, Expansion
und Innovation war stets unsere Offenheit für Handel,
Investitionen, Ideen und Menschen.
Aus diesem Grund bestehen die nächsten Schritte in
meiner strategischen Handelspolitik darin, die Zustimmung des Kongresses zum NAFTA sicherzustellen
und die Welthandelsgespräche abzuschließen - die
sogenannte Uruguay-Runde im Rahmen des GATT.
Das NAFTA wird amerikanischen Unternehmern,
Arbeitnehmern und Verbrauchern Türen öffnen. Es
wird gute Arbeitsplätze schaffen. Trotzdem erwarte
ich Anfang 1993 einen harten Kampf im Kongreß, weil
sich dort Sonderinteressen mit einem protektionistischen Ziel zusammenballen. Die Welthandelsgespräche könnten dagegen kurz vor einem Durchbruch
stehen, wenn die Vereinigten Staaten weiterhin als
starke Führungsmacht handeln. Es liegt ein Vertragsentwurf vor, der die Grundzüge eines bedeutenden
neuen GATT-Abkommens festlegt. Wenn wir im Einklang mit diesem Vertragsentwurf Einschnitte bei den
Agrarsubventionen sicherstellen - um unseren Landwirten ihren relativen Vorteil zu erhalten -, werden wir
meines Erachtens in der Lage sein, die UruguayRunde abzuschließen.
Ein verbessertes Welthandelssystem ist jedoch nur
eine Grundlage für freieren Handel, für stärkere Investitionsbindungen, für größeres weltweites Wachstum. Wir müssen die Entwicklung eines strategischen
Netzes von Freihandelsabkommen über den Pazifik
und Atlantik hinweg sowie in unserer Hemisphäre in
die Wege leiten. Dieses Netz wird in krassem Gegensatz zu den rückständigen Blöcken der wirtschaftlichen Isolierung stehen. Wenn wir wirklich eine Exportsupermacht sein wollen, können wir uns nicht nur auf
eine Region beschränken. Statt dessen beabsichtige
ich, unseren attraktiven Binnenmarkt als Grundlage
einer kraftvollen Freihandelspolitik einzusetzen, die
den wirtschaftlichen Aktionsradius Amerikas weltweit
stärken und unsere weltweite militärische Präsenz
ergänzen wird.

men eine starke Position einnehmen. Der Kongreß
wird Wankelmut und Zweideutigkeit als Schwäche
auslegen, und das nationale Interesse wird Opfer
eines politischen Kuhhandels werden, wenn der Kongreß business as usual betreibt. Dies ist ein äußerst
wichtiges Thema, das bei dieser Wahl auf dem Spiel
steht.
Mit dem neuen Verhandlungsmandat werde ich im
Rahmen meiner Initiative zur Förderung der Privatwirtschaft in allen Ländern Amerikas neue Handels- und
Wirtschaftschancen in Lateinamerika anstreben. Dabei
werde ich mit Chile beginnen. Darüber hinaus möchte
ich auf den Abschluß von Freihandelsabkommen mit
Polen, Ungarn und der Tschechoslowakei zum Ende
meiner zweiten Amtszeit hinarbeiten. Ferner möchte
ich die Möglichkeit einer Verbindung zwischen NAFTA
und dem ASEAN-Freihandelsabkommen oder AFTA
untersuchen. Es wird nicht lange dauern, bis andere
Länder beginnen, ihr Interesse an neuen Handels- und
Wirtschaftsverbindungen mit uns auszudrücken. So
haben bereits führende Politiker in Australien und
Korea ihr Interesse bekundet, engere Wirtschaftsbeziehungen mit uns zu knüpfen.
Einige sehen neue Bedrohungen, andere sehen arte
Feinde. Ich sehe neue Märkte, neue Chancen, neue
Arbeitsplätze.
Während wir dieses Wirtschafts- und Handelsnetz für
das 21. Jahrhundert entwickeln, werde ich energisch
für die Förderung amerikanischer Handelsinteressen
kämpfen. So engagiere ich mich zum Beispiel für ein
umfangreiches Exportförderungsprogramm (EEP) um
zu gewährleisten, daß unsere Landwirte mit den subventionierten Agrarexporten der Europäischen Gemeinschaft konkurrieren können. Wir wissen aus
unserer Erfahrung mit militärischer Sicherheit, daß der
Schlüssel zu wirtschaftlicher Sicherheit auf "Frieden
durch Stärke" basieren muß - nicht einseitiger Abrüstung. Aus diesem Grund habe ich unlängst die größte
jemals durch das EEP-Programm vergebene Menge
Weizen bekanntgegeben - nahezu 30 Millionen Tonnen an 28 Käufer.

Ich werde sicherstellen, daß unsere Exlm-Bank sowie
die Entwicklungsgesellschaft OPIC mit Gruppen unserer Botschafter bei der Entwicklung von Handels- und
Investitionsmöglichkeiten für amerikanische Unternehmen zusammenarbeiten. Wir haben diese Arbeit
bereits bei sechs ASEAN-Staaten aufgenommen - und
sie funktioniert. Ich werde besonders der mittelständischen Wirtschaft bei der Entwicklung von HandelsInsbesondere werde ich in der ersten Hälfte des Jah- möglichkeiten helfen. Diese Unternehmen sehen klein
res 1993 ein zusätzliches Verhandlungsmandat vom aus - aber sie betreiben großen Handel. Ich weiß dies.
Kongreß benötigen. Um die Sonderinteressen und Ich habe mein eigenes Unternehmen gegründet. Und
Protektionisten zu überwinden, werde ich ein Mandat ich habe zahlreiche kleine und mittlere Fabriken in den
des amerikanischen Volkes benötigen. Wenn Ameri- gesamten Vereinigten Staaten besucht, die zunächst
ka eine Supermacht beim Export und in der Wirtschaft überlebten und dann im Kampf mit der ausländischen
sein soll, muß der amerikanische Präsident bei den Konkurrenz floriert haben. Ich weiß, daß die AmerikaVerhandlungen über Handels- und Wirtschaftsabkom- ner es schaffen können.

Indem wiruns auf die Öffnung von Märkten konzentrieren, können wir meines Erachtens die strukturellen
Hindernisse für den Wettbewerb in Nordamerika,
Westeuropa, Japan und andernorts abbauen. Wettbewerb wird zu unternehmerischem Kapitalismus ermutigen - auf Kosten verfestigter Sonderinteressen - und
noch mehr weltweites Wachstum hervorbringen.

Seite 2

AMERIKA DIENST 37

�MENSCHENRECHTE
16. September 1992

USA: WIENER KONFERENZ MUSS SICH AUF
MENSCHENRECHTSVERLETZUNGEN
KONZENTRIEREN
Erklärung von Botschafter Blackwell
GENF - (AD) - Die für Juni 1993 in Wien geplante Weltkonferenz über Menschenrechte muß sich auf Gebiete
wie das frühere Jugoslawien konzentrieren, in denen weiterhin Menschenrechte verletzt werden.
"Heute existieren internationale Konventionen, Verträge und Protokolle, um ein breites Spektrum von Menschenrechtsverletzungen zu erkennen und verbieten", erklärte Botschafter J. Kenneth Blackwell am 14. September
in Genf beim dritten Vorbereitungstreffen für die Weltkonferenz.
'Trotzdem haben wir immer noch nicht die allgemeine Wahrung der Menschenrechte erreicht, wie sie in
internationalen Maßstäben und Normen niedergelegt ist," erklärte der amerikanische Vertreter bei der UNOMenschenrechtskommission und US-Delegierte bei diesem Vorbereitungstreffen.
Nachfolgend veröffentlichen wir Botschafter J. Kenneth Blackwells Erklärung bei der dritten Sitzung des
Vorbereitungsausschusses für die Weltkonferenz über Menschenrechte 1993 im Wortlaut.
Leistung im Bereich der Menschenrechte in diesem
Jahrhundert darstellt. Die Weltkonferenz über Menvor 45 Jahren beschlossen die eben erst gegründeten schenrechte wird diese Allgemeingültigkeit würdigen,
Vereinten Nationen die Menschenrechtskommission da sich Menschen mit völlig verschiedenen Traditioins Leben zu rufen, die sich dem Schutz und der nen und Kulturen nächsten Juni versammeln werden,
Förderung der Menschenrechte und Grundfreiheiten um die gemeinsame Überzeugung zu bekräftigen, wie
widmen sollte. Die Schrecken des Zweiten Weltkriegs sie in den Worten der Allgemeinen Deklaration der
waren den Mitgliedern dieser neuen Kommission noch Menschenrechte in "der allen Angehörigen der menschfrisch in Erinnerung. Sie wurden geleitet von dem lichen Familie zukommenden Würde sowie ... unverWunsch sicherzustellen, daß Staaten nie wieder die äußerlichen Rechte" zum Ausdruck kommt.
jedem Mitglied der Weltbevölkerung zustehende grundsätzliche Achtung verweigern könnten. Die Kommis- Heute können wir auf 1948 als das Jahr zurückblicken,
sion wurde beauftragt, eine Allgemeine Erklärung der das ein Zeitalter der Definition international gültiger
Menschenrechte zu erarbeiten, um einen internationa- Menschenrechtsmaßstäbe eingeleitet hat. Heute
len Maßstab zu schaffen, der die Verpflichtungen der existieren internationale Konventionen, Verträge und
Staaten gegenüber ihren Bürgern eindeutig definierte. Protokolle, um ein breites Spektrum von Menschenrechtsverletzungen zu erkennen und verbieten. Dies
Die Mitglieder der Kommission kamen aus unterschied- war ein ehrenwertes Vorhaben, und ich bin besonders
lichen geographischen, kulturellen und ideologischen erfreut darüber, daß die Vereinigten Staaten dieses
Kreisen, und es war nicht leicht, eine gemeinsame Jahr bereits die internationale Konvention über bürgerDefinition der Grundrechte des Menschen zu finden. liche und politische Rechte ratifiziert haben. Die StaaLetztlich haben sie ihre Aufgabe jedoch erfüllt. Sie ten haben öffentlich ihre Verpflichtung erklärt, die
legten ein Dokument vor, das im Jahr 1948 ohne Unterdrückung ihrer Bürger einzustellen. VertragsgreGegenstimme von der UN-Generalversammlung ver- mien wurden gegründet, um die Einhaltung dieser
abschiedet wurde, ein Dokument, das sich selbst als Normen durch die Staaten zu überwachen. Eine
"das von allen Völkern und allen Nationen zu erstre- internationale Menschenrechtsstruktur wurde in den
bende gemeinsame Ideal" bezeichnet. Es ist dieser Vereinten Nationen, der KSZE, der interamerikaniBegriff der Allgemeingültigkeit, der uns alle als Men- schen Menschenrechtskommission und andernorts
schen miteinanderverbindet und der die dauerhafteste verankert.
Herr Vorsitzender,

AMERIKA DIENST 37

Seite 1

�Trotzdem haben wir immer noch nicht die allgemeine
Wahrung der Menschenrechte erreicht, wie sie in
internationalen Maßstäben und Normen niedergelegt
ist. Betrachten Sie die in diesem Augenblick im
ehemaligen Jugoslawien begangenen Schreckenstaten, wie ich sie persönlich erlebt habe. Betrachten Sie
die grausamen Verletzungen, die von den Sonderberichterstattern der Menschenrechtskommission berichtet wurden. Keine Region ist vor diesen Problemen
gefeit.
Die Hartnäckigkeit dieser und anderer Angriffe auf die
Menschenwürde zeigt uns, daß wir trotz der Verabschiedung so vieler internationaler Normen und Maßstäbe noch nicht so weit gekommen sind, wie die
Gründer der UNO gehofft hatten. Niemand kann
meines Erachtens leugnen, daß wir heute nicht mit
einem Mangel an Maßstäben und Normen im Bereich
Menschenrechte konfrontiert sind, sondern mit der
Notwendigkeit, größere Anstrengungen zu deren
Verwirklichung zu unternehmen. Die Zeit ist reif, um
unsere Prinzipien in die Praxis umzusetzen. Dieser
Gedanke wurde bereits bei früheren Vorbereitungskonferenzen erörtert und kommt in der Resolution 41/
120 der UN-Generalversammlung zum Ausdruck, in
der die internationale Staatengemeinschaft aufgefordert wird, "der Verwirklichung bestehender internationaler Normen im Bereich Menschenrechte Vorrang
einzuräumen". Niemand sollte daran zweifeln, daß die
Vereinigten Staaten einer Weltkonferenz, die Träume
zur Wirklichkeit werden läßt, alle mögliche Unterstützung gewähren werden. Wir sollten in der Lage sein,
eines Tages auf diese Konferenz als Wendepunkt
zurückzublicken, der den Übergang von der Definition
von Normen zu deren Einhaltung markiert.
In den letzten Jahren haben sich auf der ganzen Welt
dramatische Veränderungen vollzogen. Die Demokratie ist auf dem Vormarsch. Mit dem Ende des
Kalten Krieges verschwundene ideologische Spaltungen wurden jedoch tragischerweise durch einen steilen Anstieg bewaffneter Konflikte und von Menschenrechtsverletzungen abgelöst, die durch ethnische,
rassische und religiöse Intoleranz verursacht werden.
Dieses Phänomen stellt eine wichtige Herausforderung für die internationale Staatengemeinschaft dar.
Wir müssen dies im Gedächtnis behalten, während wir
die Weltkonferenz vorbereiten. Gemeinsam mit anderen Mitgliedern der KSZE-Delegation, die kürzlich das
ehemalige Jugoslawien besuchte, wurde ich Zeuge
schrecklicher Barbarei, die im Namen "ethnischer
Säuberung" verübt wird. Gefangene, die meisten
davon Nichtkombattanten, werden unter unmenschlichen Bedingungen festgehalten - einige werden sogar
in ehemaligen Viehställen eingesperrt. Diese unglücklichen Menschen werden illegal interniert und auf das
äußerste terrorisiert, sie werden unzureichend ernährt,

Seite 2

häufig physisch mißhandelt und von ihren Familien
getrennt. Solches Elend läßt sich nicht rechtfertigen.
Die internationale Staatengemeinschaft muß zusammenarbeiten, um die Intoleranz zu beseitigen, die
Ursache solcher Menschenrechtsverletzungen ist.
Ein anderer Weg für das weitere Vorgehen besteht
darin, sich auf eine besonders ungeheuerliche Verletzung der Menschenrechte zu konzentrieren, die nach
unserer Aufmerksamkeit schreit. Ich habe bereits bei
anderen Gelegenheiten vorgeschlagen, daß sich die
Konferenz auf die Abschaffung der Folter bis zum Jahr
2000 konzentrieren sollte. Obwohl die Folter durch
nationale Gesetze und internationale Verträge verboten ist, bleibt sie in zahlreichen Ländern auf der ganzen
Welt bestehen. Die Kluft zwischen der Verwirklichung
von Menschenrechtsnormen de jure und de facto wird
von dieser schrecklichen Inkonsequenz schlaglichtartig beleuchtet. Die Arbeit für die Abschaffung der
Folter bis zum Ende dieses Jahrhunderts würde unser
gemeinsames Engagement unterstreichen, Fortschritte bei der Verwirklichung der bereits bestehenden
Normen zu erzielen.
Es ist Aufgabe aller Teilnehmer an dieser dritten
Sitzung des Vorbereitungsausschusses, eine Übereinkunft zu einer Tagesordnung zu erzielen, die die
Verwirklichung der bestehenden Normen betont. Die
Tagesordnung sollte die Grundlage für eine sinnvolle
Weltkonferenz legen, anstatt für eine Übung in bloßer
Rhetorik. Die von uns verabschiedete Tagesordnung
muß die Weltkonferenz in die Lage versetzen, ihren
wichtigen Auftrag zu erfüllen: die allgemeine Wahrung
und Respektierung der Menschenrechte und Grundfreiheiten zu erlangen.
Jede von uns erarbeitete Tagesordnung muß sich auf
die Praxis und nicht auf Hypothesen konzentrieren.
Sie muß sich den Arten von bürgerlichen und politischen Rechten widmen, die heute auf solch unerhörte
Weise im ehemaligen Jugoslawien mißachtet werden.
Sie muß die Verbindung zwischen Menschenrechten,
Demokratie und Entwicklung anerkennen und der
Tatsache Rechnung tragen, daß die Freiheit des einzelnen unverzichtbar für wirtschaftliche Entwicklung
ist. Sie mu ß der Weltkonferenz über Menschenrechte
erlauben, es gewohnheitsmäßigen, ungeheuerlichen
Menschenrechtsverletzem zweifelsfrei zu verdeutlichen, daß die internationale Staatengemeinschaft
Verletzungen von Grundfreiheiten wie der Freiheit von
Folter oder Furcht vor Folter, der Freiheit von "ethnischer Säuberung" oder Freiheit von willkürlicher Verhaftung und Internierung nicht hinnehmen kann.
Wir fordern alle hier Versammelten auf, in diesem
Geist zu arbeiten, wenn wir unsere Vorbereitungen für
die Weltkonferenz über Menschenrechte fortsetzen.

AMERIKA DIENST 37

�B-WAFFEN
16. September 1992

USA, GROSSBRITANNIEN UND RUSSLAND
ERWEITERN ZUSAMMENARBEIT
BEI DER KONTROLLE BIOLOGISCHER WAFFEN
Erklärung der USA zu Moskauer Treffen
MOSKAU - (AD) - Die Vereingten Staaten, Großbritannien und Rußland haben "ihre Verpflichtung zur
vollständigen Einhaltung" der Konvention über biologische und Toxinwaffen von 1972 bekräftigt und vereinbart,
daß biologische Waffen "bei ihren Streitkräften unerwünscht sind", stellte der Sprecher des US-Außenministeriums, Richard Boucher, in einer am 14. September 1992 veröffentlichten Erklärung fest.
Vom 10. bis 11. September 1992 kamen in Moskau hochrangige Vertreter aus den drei Nationen zusammen,
um Fragen im Hinblick auf die Konvention zu erörtern.
Bouchers Erklärung verwies auf die Ankündigung der russischen Regierung über die Einstellung ihrer offensiven
Forschung zu biologischen Waffen, Abbau der experimentellen technologischen Produktionsstätten sowie
Schließung ihrer Einrichtungen zur Erprobung biologischer Waffen. Rußland erklärte femer, es habe das derzeit
mit militärisch-biologischen Programmen beschäftigte Personal um die Hälfte reduziert, die Forschungsfinanzierung um 30 Prozent gekürzt und weitere entsprechende Schritte unternommen.
Boucher zufolge haben die drei Regierungen die Gründung von Arbeitsgruppen vereinbart, um eine Reihe von
Fragen anzusprechen, darunter Besichtigungen von militärisch-biologischen Einrichtungen "auf gegenseitiger
Basis", die "ungehinderten Zugang, Sammlung von Proben, Gespräche mit den Beschäftigten sowie Audio- und
Videoaufzeichnungen" beinhalten.
Nachfolgend veröffentlichen wir die Erklärung des Sprechers des US-Außenministeriums im Wortlaut.
Hochrangige Vertreter der Regierungen der Vereinigten Staaten, des Vereinigten Königreichs und der
Russischen Föderation kamen am 10. und 11. September 1992 in Moskau zusammen, um Fragen im
Hinblick auf die Einhaltung der Konvention über biologische und Toxinwaffen von 1972 zu erörtern. Die
amerikanische Delegation wurde von Staatssekretär
Frank G. Wisner, die britische Delegation von Unterabteilungsleiter Paul Lever und die russische Delegation
vom Stellvertretenden Au ßenministerGhgoryBerdennikow geleitet. Hochrangige Vertreter der Verteidigungs- und Außenministerien sowie renommierte
Fachleute nahmen ebenfalls teil. Die Leiter der amerikanischen und der britischen Delegation wurden vom
russischen Außenminister Andrej Kosirew empfangen
Die drei Regierungen bekräftigten ihre Verpflichtung
zur vollständigen Einhaltung der Konvention über biologische und Toxinwaffen von 1972 und vereinbarten,
daß biologische Waffen bei ihren Streitkräften unerwünscht sind.
AMERIKA DIENST 37

Bei diesen Sitzungen erklärte die russische Regierung, sie habe folgende Schritte zur Lösung der Fragen im Hinblick auf die Einhaltung unternommen:
A

-

B

-

Festgestellt, daß Präsident Jelzin am 11. April
herausgegeben hat, das die Erfüllun
9 internationaler Verpflichtungen im Bereich
der
biologischen Waffen sicherstellt. Damit wird
die
rechtmäßige Nachfolge der Russischen
Föderation bei den Verpflichtungen der Konventlon
bekräftigt und festgestellt, daß die EntWicklung und Durchfuhrung von biologischen
Programmen in Verletzung der Konvention ille9 al ,st- l m Einklang mit dem Dekret wurde der
Präsidialausschuß für Probleme im Zusammenhang mit chemischen und biologischen Waffen
mit der Aufsicht über die Durchführung der
Konvention von 1972 in der Russischen Föderation beauftragt,
e,n Dekret

Die

Einstellung der offensiven Forschung, der
Abbau der experimentellen technologischen ProSeite 1

�duktionsstätten für die Herstellung biologischer
Wirkstoffe sowie die Schließung der Einrichtungen zur Erprobung biologischer Waffen bestätigt.
C.

Das derzeit mit militärisch-biologischen Programmen beschäftigte Personal um die Hälfte
reduziert.

D.

Die Forschungsfinanzierung um 30 Prozent
gekürzt.

E.

Die für das offensive biologische Programm
zuständige Abteilung des Verteidigungsministeriums aufgelöst und eine neue Abteilung für
radiologische, biologische und chemische Verteidigung gegründet.

C.

Die Bereitstellung weiterer erhellender Informationen wie in Formular F der UNO-Deklaration
vorgesehen.

D.

Renommierte unabhängige Wissenschaftler
werden zur Teilnahme an der Untersuchung von
Fällen im Hinblick auf die Einhaltung der Konvention über biologische Waffen eingeladen.

Darüber hinaus haben die drei Regierungen die Gründung von Arbeitsgruppen mit Experten vereinbart, um
eine Reihe von Fragen anzusprechen, darunter die
folgenden:
A.

Besichtigungen aller militärisch-biologischen
Einrichtungen auf gegenseitiger Basis, um Mißverständnisse auszuräumen, vorbehaltlich der
erforderlichen Wahrung vertraulicher Informationen auf der Grundlage vereinbarter Prinzipien. Solche Besichtigungen beinhalten den
ungehinderten Zugang, Sammlung von Proben,
Gespräche mit den Beschäftigten sowie Audiound Videoaufzeichnungen.

B.

Die Prüfung möglicher Maßnahmen zur Beobachtung der Einhaltung der Konvention über
biologische Waffen und zur Erweiterung des
Vertrauens in diese Einhaltung.

C.

Die Prüfung potentieller Modalitäten für die
Erprobung solcher Maßnahmen.

D.

Das russische Parlament hat dem Präsidenten
der Russischen Föderation empfohlen, Gesetze
zur Durchsetzung der Verpflichtungen Rußlands
gemäß der Konvention von 1972 vorzuschlagen.

Die Prüfung der Infrastruktur biologischer Einrichtungen in den drei Ländern zur gemeinsamen Feststellung, wo spezifisches Gerät oder
überzählige Kapazitäten existieren, die nicht mit
ihrem erklärten Ziel in Einklang stehen.

E.

Erwägung der Zusammenarbeit bei der Entwicklung biologischer Verteidigungssysteme.

Infolge dieses Austausches hat Rußland folgenden
Schritten zugestimmt:

F.

Sondierung von Wegen zur Förderung von
Zusammenarbeit und Investitionen in die Konversion von Einrichtungen zur Herstellung biologischer Waffen, einschließlich Besichtigung
bereits umgerüsteter Anlagen.

F.

Die Deklaration gemäß der bei der Dritten Folgekonferenz der Konvention im Jahr 1991 vereinbarten vertrauensbildenden Maßnahmen an
die Vereinten Nationen weitergeleitet.

G.

Präsident Jelzin hat als Reaktion auf von den
Vereinigten Staaten und Großbritannien vorgebrachte Bedenken die Überprüfung von Aktivitäten am Institut für ultrareine biologische Vorbeitungen in St. Petersburg angeordnet. Amerikanische und britische sowie Experten aus
anderen Ländern sind zur Teilnahme an der
Ermittlung eingeladen, einschließlich einer unverzüglichen Besichtigung der Einrichtung und
der Veröffentlichung des Berichts.

H.

A.

B.

Jederzeitige Besichtigungen aller nichtmilitärischen biologischen Einrichtungen zur Ausräumung von Mißverständnissen, vorbehaltlich der
erforderlichen Wahrung von gesetzlich geschützten Informationen auf der Grundlage vereinbar- G.
ter Prinzipien. Solche Besichtigungen beinhalten ungehinderten Zugang, Entnahme von
Proben, Gespräche mit den Beschäftigten sowie
Audio- und Videoaufzeichnungen. Nach ersten
Besuchen russischer Einrichtungen finden unH.
ter den gleichen Voraussetzungen vergleichbare Besichtigungen amerikanischer und britischer
Einrichtungen statt.
Auf Anfrage die Bereitstellung von Informationen über den bis heute vorgenommenen Abbau.

Die Vorlage regelmäßiger Berichte an ihre
gesetzgebenden Körperschaften und die Öffentlichkeit, die biologische Forschung und Entwicklungsaktivitäten beschreiben.

I.

* * * *

Seite 2

Erwägung eines Informationsaustauschs auf
vertraulicher, gegenseitiger Basis im Hinblick
auf bisherige offensive Programme, die in den
Erklärungen an die Vereinten Nationen nicht im
Detail enthalten sind.

Die Ermutigung zum Wissenschaftleraustausch
in biologischen Einrichtungen auf langfristiger
Basis.
*

AMERIKA DIENST 37

�WAHLEN

'92
16. September 1992

CLINTON UND BUSH ERLÄUTERN
IHRE WIRTSCHAFTSPROGRAMME
NBC-Interview mit den Präsidentschaftskandidaten
WASHINGTON - (AD) - Die Präsidentschaftskandidaten von Demokraten und Republikanern, Bill Clinton und
George Bush, wurden am 6. September vom Moderatorder NBC News, Tom Brokaw, im Fernsehen interviewed.
Die nachfolgenden Auszüge dokumentieren die Aussagen der Kandidaten zu der von ihnen im Falle eines
Wahlsieges angestrebten Wirtschaftspolitik. Der Abdruck ist mit folgendem Zusatz gestattet: Aus NBC's THE
BROKAW REPORT, 58 DAYS, Copyright (c) 1992 National Broadcasting Company, Inc. Alle Rechte
vorbehalten.
Frage: Die Wirtschaft in diesem Land ist in schlechterer Verfassung als wir dachten, wenn man die Zahlen
der letzten Woche berücksichtigt. Die meisten Fachleute, die Ihren Plan geprüft haben, sind der Meinung,
daß Siedie Aussichten für Wirtschaftswachstum überund die Kosten Ihrer staatlichen Programme wahrscheinlich unterschätzt haben. Was muß angesichts
der Wirtschaftslage in Amerika geschehen: Müssen
wir ein höheres Defizit in Kauf nehmen? Oder werden
Sie in der Lage sein, die Steuern zu erhöhen?

Deutschen Mark. Die Wirtschaftsexperten halten also
wesentlich mehr von meinem Plan als von seinem.
Sie können das Defizit nicht in den Griff bekommen,
wenn Sie nicht gleichzeitig die Tatsache berücksichtigen, daß die Investitionen in Amerika zurückgegangen
sind. Man muß also die Investitionen ankurbeln und
gleichzeitig das Defizit reduzieren. Dies wird viel
Disziplin erfordern. Aber es ist zu schaffen.

Frage: Aber, Herr Gouverneur, die Wirtschaft ist
Clinton: Ich habe Steuererhöhungen für die oberen 2 heute in schlechterer Verfassung als wir noch vor zwei
Prozent der amerikanischen Bevölkerung befürwortet, Wochen dachten. Und jeder Volkswirt, der sich damit
deren Steuerbelastung in den achtziger Jahrengesun- befaßt, wird erklären, daß aufgrund der jetzt vorliegenken ist während ihr Einkommen stieg. Insgesamt den Daten die Steuereinnahmen im nächsten Jahr
werden die Auswirkungen der Steuererhöhungen je- sinken werden. Das paßt doch nicht zusammen.
doch wesentlich unter den von Präsident Bush verabschiedeten Steuererhöhungen liegen, weil meines Clinton: Wenn Sie mich fragen würden, wo meine
Erachtens auch Steuergutschriften für Investitionen in Prioritäten liegen, so wäre die erste Aufgabe, ein
neue Fabriken und Ausrüstung sowie Steueranreize Programm zur Schaffung neuer Arbeitsplätze zu verfür Investitionen in neue Unternehmen gewährt wer- abschieden. Anreize für Beschäftigungswachstum in
den müssen. Darüber hinaus benötigen meines Er- der Wirtschaft - indem wir das Geld im Privatsektor
achtens die Angehörigen der Mittelschicht, besonders nutzen, mehr davon investieren und weniger konsudiejenigen, die Kinder aufziehen, eine Entlastung von mieren. Zweitens bedeutet dies, einen rigorosen Plan
den enormen Steuererhöhungen, die sie bereits ertra- zur Kontrolle der Kosten im Gesundheitswesen vorzulegen. Solange es keinen Plan zur Kostendämpfung
gen mußten.
im Gesundheitswesen gibt, können weder das Defizit
Sie sagen, den meisten Wirtschaftsexperten zufolge abgebaut noch die Gelder freigesetzt werden, die wir
seien meine Schätzungen zu rosig. Bei der Zusam- für Investitionen in unsere Zukunft benötigen. Investimenstellung meines Planes habe ich die bescheide- tionen sind jedoch der Schlüssel zum Wachstum. Es
nen Wachstumsschätzungen von Bush benutzt, und sind die unzureichende Investitionstätigkeit der veracht Träger des Nobelpreises für Wirtschaft haben gangenen 12 Jahre und der übermäßige Konsum - die
meinen Plan gutgeheißen. Dagegen brachen nach der Tatsache, daß wir eine Wirtschaftspolitik mit SickerefBush-Rede in Houston die Aktienkurse ein, und der fekt und keine Kontrolle der Kosten im GesundheitsDollar erlebte dramatische Einbußen gegenüber der wesen hatten -, die uns in das heutige Dilemma geführt
AMERIKA DIENST 37

Seite 1

�haben. Und es ist ein schreckliches Dilemma. Ich
gebe nicht vor, daß sich dies leicht oder schnell ändern
läßt. Aus diesem Grund habe ich auch niemals behauptet, wir könnten den Haushalt in vier Jahren
ausgleichen. Meines Erachtens wird dies länger dauern.
Wir können das Defizit in den nächsten Jahren aber
halbieren, wenn wir wirklich diszipliniert sind.
Frage: Herr Gouverneur, mit dem Eintritt zusätzlicher
College-Absolventen in den Arbeitsmarkt und weiteren Entlassungen von Angestellten in Amerika wird der
Wettbewerb um die verbleibenden Arbeitsplätze in den
kommenden 18 Monaten noch härter werden. Werden
Sie die Programme zur Gleichstellung von Minderheiten stärken und mehr für den Schutz der Minderheiten
tun müssen, die dabei das Nachsehen haben werden?
Clinton: Meines Erachtens müssen die bestehenden
Gleichstellungsprogramme durchgesetzt werden. Die
eigentliche Antwort auf Ihre Frage lautet jedoch, mehr
Arbeitsplätze für Angestellte, mehr gut bezahlte Arbeitsplätze und eine Wirtschaft mit starkem Wachstum
zu schaffen. Davon kann vieles im nächsten Jahr
verwirklicht werden. Zum Beispiel haben wir in der
Vergangenheit die Einsparungen im Verteidigungshaushalt verwendet, um sie für die steigenden Kosten
im Gesundheitswesen und die Sanierung von Sparbanken auszugeben. Wir schlagen vor, daß die unabhängig vom Ausgang der Wahl bevorstehenden Einsparungen im Verteidigungshaushalt eingesetzt werden, um in amerikanische Arbeitsplätze, in das Verkehrswesen, den Kommunikationsbereich sowie die
neuen Technologien des 21. Jahrhunderts zu investieren - und gleichzeitig eine sehr starke nationale Verteidigung aufrechtzuerhalten. Und wir werden in dieser
Übergangsphase bei der Verteidigung Arbeitsplätze
schaffen anstatt Millionen zu verlieren, wie es in den
vergangenen dreieinhalb Jahren geschehen ist.
Frage: Sie sagen also, daß es aufgrund der heute
vorliegenden Wirtschaftsdaten und ihrer eigenen Berechnungen im Hinblick auf Ihren Wirtschaftsplan nicht
nötig sein wird, die Steuern über das von Ihnen erwähnte Maß hinaus anzuheben und wir es schaffen
können, das Defizit unter den von Ihnen vorgeschlagenen Bedingungen zu reduzieren?
Clinton: Ich sage, daß dies meinem heutigen Kenntnisstand am besten entspricht, daß acht Nobelpreisträger für Wirtschaft meinen Wirtschaftsplan gutgeheißen haben, aufgrund der vorliegenden Daten alles
darauf hindeutet, daß wir das Defizit abbauen sowie
Investitionen und Wachstum ankurbeln und Millionen
von Arbeitsplätzen in diesem Land schaffen können,
wenn wir einer Wirtschaftspolitik mit Sickereffeki eine
Absage erteilen, nicht zur alten Steuern- und Ausgabenpolitik zurückkehren, sondern eine Politik betreiben, die Investitionen, Bildung und Ausbildung fördert.
Frage: Herr Gouverneur, vor drei Wochen erklärten
Sie mir, Sie hätten den Text des Nordamerikanischen
Seite 2

Freihandelsabkommens zwischen den Vereinigten
Staaten, Kanada und Mexiko noch nicht gelesen, das
unbestreitbar eines der wichtigsten Wirtschaftsabkommen der Nachkriegszeit ist. Sind Sie dafür oder
dagegen?
Clinton: Im Prinzip bin ich dafür. Die erste Hälfte des
Abkommens wurde, wie Sie wissen, endlich veröffentlicht. Sie wird von uns zur Zeit analysiert. Ich möchte
den gesamten Text sehen. Ich wurde nie gefragt - und
auch niemand sonst wurde anfänglich um mehr gebeten, als zu sagen, im Prinzip möchten wir dies, und der
Präsident sollte die Fast-track-Vollmacht haben. Ich
habe das mit Begeisterung unterstützt. Das habe ich
auch bei den demokratischen Vorwahlen getan, obwohl es nicht sonderlich populär war. Meines Erachtens ist es falsch, mich oder irgend jemand sonst
aufzufordern, diesen Vertrag zu unterstützen, solange
wir nicht die Möglichkeit haben, ihn zu prüfen. Wir
müssen wissen, ob die dem amerikanischen Volk
gemachten Versprechungen im Hinblick auf Arbeitsgesetze, Umweltschutz und Umschulung amerikanischer Arbeitnehmer eingehalten werden.
Sollten wir überhaupt ein neues Handelsabkommen
mit Mexiko haben? Sicherlich sollten wir das. Es wird
beiden Ländern zugute kommen. Wir haben ein starkes Interesse daran, daß der von Präsident Salinas
eingeleitete marktwirtschaftliche Prozeß anhält. Und
deshalb bin ich ein starker Befürworter eines Handelsabkommens.
Frage: Gouverneur Clinton, selbst Ihre Freunde haben
angedeutet, daß Ihr Programm im Hinblick auf die
Außenpolitik und militärische Angelegenheiten ziemlich lückenhaft ist. Warum blicken Sie nicht den
Amerikanern in die Augen und sagen Ihnen, wen Sie
sich als Verteidigungs- und Außenminister vorstellen?
Clinton: Nun, meines Erachtens habe ich bei der
Außen- und Verteidigungspolitik gute Arbeit geleistet.
Ich habe einige der verläßlichsten Politiker dieses
Landes konsultiert, die von den drei außenpolitischen
Reden begeistert waren, die ich gehalten habe. Ich
habe Positionen in der Außenpolitik vertreten, die
später von dieser Administration übernommen oder
von ihr unterstützt wurden. Ich habe mit Senator Nunn
und den Kongreßabgeordneten Aspin und Lee Hamilton sowie zahlreichen anderen renommierten Persönlichkeiten gesprochen. Wie Sie wissen, haben viele
demokratische Anhänger von Reagan, die Reagan
und Bush unterstützt hatten, zur Eröffnung des Republikanischen Parteikonvents eine große Anzeige in der
New York Times veröffentlicht, in der sie ihre Unterstützung für mich wegen meiner Außenpolitik und
meiner Einstellung zur nationalen Verteidigung bekundeten.
Meiner Ansicht nach sollte ich nicht sagen, für wen ich
mich als Verteidigungsminister entscheide. Ich finde,
ich sollte das so handhaben, wie die VizepräsidentAMERIKA DIENST 37

�schaft: Ich spiele nicht mit Namen und ich spiele nicht
mit den Gefühlen der Menschen. Ich habe mich für die
Besten entschieden, die ich für das jeweilige Amt
finden konnte.
Frage: Herr Präsident, Sie waren in Michigan. Vor vier
Jahren betrug die Arbeitslosenquote in Michigan 7,4
Prozent, jetzt 9,0 Prozent. Um die berühmte Frage von
Ronald Reagan zu zitieren, können Sie diesen Menschen sagen, es geht ihnen besser als vor vier Jahren?

Ich muß also weiterhin für diese Veränderungen
kämpfen. Ein positiver Aspekt von Wahlen ist, daß
man seine Sache dem amerikanischen Volk vortragen
kann. Diese und andere meiner Initiativen wurden vom
Kongreß torpediert.

Frage: Herr Präsident, viele erwarten von Ihnen einen
Ausgabenboom von heute bis zum Wahltag. Erst in
der vergangenen Woche haben Sie 250 Millionen
Dollar zur Modernisierung des M-1-Panzers bewilligt,
obwohl jeder, angefangen von Verteidigungsminister
Bush: Natürlich kann niemand, der arbeitslos ist, Cheney, erklärte, dies sei nicht notwendig und wir
sagen, daß es ihm besser geht, wenn er vorher Arbeit sollten es nicht tun. Wären diese 250 Millionen nicht
hatte. Glücklicherweise haben viele Menschen Arbeit. besser zum Ausgleich unseres Defizits verwendet
Und glücklicherweise sagen viele ja, wenn sie in diesen worden?
Meinungsumfragen gefragt werden, ob es ihnen persönlich besser geht.
Bush: Ich sehe Verteidigung folgendermaßen. Wir
haben die Verteidigungsausgaben gekürzt. Und der
Aber zu jemandem, der leidet, sei es in Michigan oder Grund, warum wir die Verteidigungsausgaben kürzen
irgendeinem anderen Bundesstaat, kann ich das nicht konnten, waren unsere dramatischen Erfolge bei der
sagen. Ich würde sagen, wir haben seit langem ein Veränderung der gesamten Wert. Die Welt ist sehr viel
schleppendes, lethargisches Wirtschaftswachstum - friedlicher. Die Kinder schlafen nachts ohne Angst vor
Weltwirtschaftswachstum übrigens, wenn Sie Kana- einem Atomkrieg. All diese Veränderungen sind
da, Deutschland, Frankreich oder England betrachten. bemerkenswert und haben uns gestattet, die VerteidiEs waren schwierige Zeiten. Was wir versuchen, ist, gungsausgaben zu senken. Aber ich werde nicht den
die Konjunktur anzukurbeln und den Menschen wieder Nerv der Verteidigung treffen. Und wenn das VerteidiArbeit zu verschaffen.
gungsministerium zu mir kommt, kluge Männer wie
Frage: Herr Präsident, erst in der vergangenen Woche Colin Powell und Dick Cheney, neige ich dazu, ihren
haben wir erfahren, daß heute mehr Menschen in den Empfehlungen zu folgen. Und das ist eine gute Politik.
Vereinigten Staaten in Armut leben als zu irgendeiner
Die Opposition will jetzt die Verteidigungsausgaben
Zeit seit 1964. Und allein im Monat August gingen im
noch sehr viel drastischer kürzen und damit noch mehr
Privatsektor 167.000 Arbeitsplätze verloren - das heißt,
in der Rüstungsindustrie Beschäftigte um ihren Ares gibt dort heute weniger Arbeitsplätze als bei Ihrer
beitsplatz bringen, und ich will das nicht.
Amtsübernahme. Wenn Sie ein Privatunternehmen
leiten würden, und einer Ihrer Geschäftsführer dies Ich habe das Gefühl, daß die von mir getroffene
verschuldet hätte, würden Sie ihn nicht eher feuern als Entscheidung bezüglich der Flugzeuge in Fort Worth
ihn für weitere vier Jahre beschäftigen?
eine sehr gute war. Und ich bin zuversichtlich, daß
mein Versuch, das Agrarexport-Förderungsprogramm
Bush: Erstens glaube ich nicht an diese Statistiken.
zur Aufstockung des Verkaufs von amerikanischem
Ich bin nicht sicher, daß weniger Menschen arbeiten.
Getreide und Weizen ins Ausland ein gutes Programm
Aber das ist nicht gut genug. Ich mu ß weiterhin auf die
ist. Wir können es irgendwann einmal abschaffen,
Reformen drängen, die ich verwirklichen will.
wenn uns der erfolgreiche Abschlu ß der GATT-Runde
Sie erinnern sich vielleicht, daß ich in meinem Bericht gelingt, mit anderen Worten, wenn wir die Handelszur Lage der Nation bestimmte Initiativen zur Stimulie- hemmnisse abschaffen und die amerikanischen Farrung des Wirtschaftswachstums gefordert habe. Und mer mit allen konkurrieren können. Aber wir werden
der Hemmschuh von Kongreß hat nein gesagt. Zum sie nicht mit gefesselten Händen in den Wettbewerb
Beispiel bei Sachen wie Steuervergünstigungen für schicken.
Ersteigenheimbesitzer. Eine kleine Steuervergünstigung hätte die Baukonjunktur belebt. Jeder stimmte Frage: Herr Präsident, zwischen heute und dem
Wahltag liegt noch ein Berichterstattungszeitraum für
dem zu, nur der Kongreß legte sein Veto ein.
die Arbeitslosenstatistik. Gestern betrug die ArbeitsloEntsprechend befürworte ich einen Investitionssteuer- senquote 7,6 Prozent. Die meisten sind der AuffasFreibetrag, der Investitionen in Maschinen und Geräte sung, daß sie nur einen Zehntel Prozentpunkt gesunfür mittelständische Unternehmen attraktiv machen ken ist, weil enorm viele Menschen aufgehört haben,
würde. Ich stimme nicht mit der liberalen Haltung nach einem Arbeitsplatz zu suchen. Sie werden davon
überein, daß eine Senkung der Kapitalertragssteuer gar nicht erfaßt. Wäre es nicht besser, wenn Sie die
eine Steuervergünstigung für die Reichen ist. Meines Amerikaner ansprechen und sagen würden: Sehen
Erachtens würde dies die Schaffung vieler neuer Ar- Sie, es könnte noch sehr viel schlimmer sein, wenn wir
beitsplätze in mittelständischen Unternehmen begün- das nächste Mal so etwas durchmachen müssen?
stigen.
AMERIKA DIENST 37

Seite 3

�Bush: Nein, das konnte ich in der Tat den Berichten
nicht so entnehmen. Vor zwei Monaten betrug sie 7,9
Prozent, vor einem Monat 7,7, jetzt 7,6 Prozent. Ich
glaube, es wird besser. Und ich möchte Ihnen eines
sagen. Wir stehen vor einem starken Aufschwung.
Die Zinssätze sind niedrig. Die Inflationsrate ist niedrig. Viele große und kleine Unternehmen haben abgespeckt. Uns steht ein dramatisches Wirtschaftswachstum bevor, und ich glaube, die im Investitionsgeschäft
Tätigen werden darin übereinstimmen.
Ich bin also nicht einer dieser Niedergangspropheten
im Hinblick auf die Wirtschaft. Sie war zu lange
rückläufig, aber wir konnten fünf aufeinanderfolgende
Quartale des Aufschwungs verzeichnen, so schwach
er auch gewesen sein mag. Ich bin also nicht bereit zu
sagen, alles würde drastisch schlechter.

Frage: Herr Präsident, im Verlauf dieses Wahlkampfs
wurden andere Themen angeschnitten, vor allem beim
Parteitag der Republikaner, bei dem viel von Familienwerten die Rede war.
Bush: Ja. Meines Erachtens sind Familien werte sehr
wichtig für Amerika. Wir reden von Disziplin. Wirreden
von Respekt. Wir reden von der Unterstützung der
Strafverfolgungsbeamten. Wir reden von der Reform
des Sozialwesens. Wir reden von Wahlmöglichkeiten
bei der Ausbildung. Und wir reden von der Wahl der
Kinderbetreuung. All dies zusammengenommen trägt
zur Stärkung der Familie bei.

* * * *

Seite 4

*

AMERIKA DIENST 37

�WAHLEN '92
16. September 1992

DAS AMERIKANISCHE WAHLMANNERGREMIUM
von Ellis Katz
In dem nachstehenden Artikel untersucht der Autor die verfassungsmäßigen Wurzeln und historische Entwicklung des Wahlmännergremiums, die heutige Funktionsweise dieses Systems sowie Vorschläge zu seiner
Reform.
Ellis Katz ist Professor für Politologie sowie Mitglied des Center for the Study of Federalism an der Temple
University in Philadelphia, Pennsylvania. Er ist der Verfasser von über 50 Büchern, Monographien, Forschungsberichten und Artikeln. Sein neuestes Werk hat den Titel The American Model of Revolutionary Leadership
(mit Daniel J. Elazar) und wurde im Jahr 1991 von der University Press of America veröffentlicht.

James Wilson aus Pennsylvania kommentierte seine
Erfahrungen als Delegierter des Vertassungskonvents
von 1787 einmal folgendermaßen: "Das Thema (der
Wahl des Präsidenten) hat das Haus tief gespalten,
und es wird auch die Menschen draußen spalten. Es
ist in Wahrheit das schwierigste von allen, über die wir
zu entscheiden hatten."
Die Debatte über die Wahl des Präsidenten war so
intensiv, schrieb Max Ferrand in seinem Bericht über
den Verfassungskonvent, daß alle anderen Themen
"zur Unkenntlichkeit verblaßten im Vergleich mit dem
Problem des Konvents, eine befriedigende Methode
zur Wahl des Präsidenten zu bestimmen".
Und doch beschrieb Alexander Hamilton schon kurz
nach dem Konvent im Federalist Number 68 die
Bestimmungen der Verfassung, die die Wahl des
Präsidenten regeln, als "einziger Teil der Verfassung,
der von ihren Gegnern nicht verurteilt wird".
Im Widerspruch zu Hamilton - und über 175 Jahre
später - schrieb einer der führenden amerikanischen
Experten zum Präsidentenamt, Lewis Koenig:
Die bestehenden Regelungen für das Votum
der Wahlmänner sind seit langem das Ziel harter Kritik und unheilverkündender Warnungen.
Die Kritiker behaupten, daß das Wahlmännersystem die Grundziele der Demokratie verletzt
und seine zahlreichen Verfahrensmängel einen
Zusammenbruch sowie die Eskalation einer
Präsidentschaftswahl zu alptraumhaften Auseinandersetzungen zwischen den Bürgern heraufbeschwören.

AMERIKA DIENST 37

Vielleicht haben Wilson, Ferrand, Hamilton und Koenig
alle recht. Der Konvent war in der Frage der Präsidentenwahl tief gespalten, und mehr als einmal verzweifelten die Delegierten an der Möglichkeit, ein funktionsfähiges und akzeptables System zu schaffen. Aber das
System des Wahlmännergremiums, das schließlich in
der letzten Woche des Konvents entstand, schien alle
unterschiedlichen Fraktionen zufriedenzustellen.
Hamilton hatte deshalb mit seiner Beobachtung recht,
daß diese Bestimmung nicht mehr kontrovers war.
Aber mit dem zunehmend demokratischen Charakter
der Institution des Präsidenten ergaben sich neue
Argumente im Hinblick auf dessen Wahl. Auch heute
noch dauert in den Vereinigten Staaten die Debatte
über die Vorzüge des Wahlmännersystems an.
Dieses Essay wird die Probleme der Gründerväter
beim Entwurf der amerikanischen Verfassung, die
historische Entwicklung des Wahlmännergremiums,
die Verfahrensregeln dieses Systems sowie einige
Kritikpunkte und Reformvorschläge behandeln.
Die Wahl des Präsidenten beim Verfassungskonvent
Beim Konvent sahen beide ursprünglichen Vorschläge
- der Virginia-Plan von James Madison und der NewJersey-Plan von William Paterson - vor, daß der Präsident vom Parlament gewählt werden sollte. Madison
machte sich nicht besonders für die Wahl durch das
Parlament stark und erklärte, "ich habe mir noch keine
endgültige Meinung darüber gebildet, ob der Präsident
vom Parlament oder dem ganzen Volk gewählt werden
sollte..." Der New-Jersey-Plan dagegen orientierte

Seite 1

�sich an der Vorstellung der Whigs von einem schwachen Präsidenten. Zur Unterstützung des Vorschlags
von New Jersey stellte Roger Sherman aus Connecticut fest:
... das Präsidentenamt ist nichts als eine Institution, die den Willen des Parlaments umsetzt.
Die Person oder Personen sollten nur vom
Parlament eingesetzt und diesem verantwortlich sein, denn es ist der Vertreter des obersten
Willens der Gesellschaft.

ist... Die Wahlmänner treten in ihren Staaten
zusammen und stimmen durch Stimmzettel für
zwei Personen... (Diese Stimmzettel werden
beglaubigt und an den Sitz der Regierung übersandt, wo sie vom Präsidenten des Senats
geöffnet und gezählt werden.) Derjenige, der
die größte Stimmenzahl auf sich vereinigt, soll
Präsident sein, wenn diese Zahl der Mehrheit
der Gesamtzahl der bestellten Wahlmänner
entspricht; ...und wenn niemand eine derartige
Mehrheit erreicht hat, soll das genannte Haus
aus den fünf führenden Personen auf der Liste
den Präsidenten wählen. Bei dieser Wahl des
Präsidenten wird jedoch nach Staaten abgestimmt, wobei die Vertretung jedes Staates eine
Stimme hat...

Deshalb wurde beim Konvent die Bestimmung des
Präsidenten durch das Parlament als gleichbedeutend
mit Vorstellungen der Whigs vom Primat des Parlaments betrachtet. Infolgedessen wechselte Madison
rasch die Seiten und begann, andere Methoden für die
Wahl des Präsidenten zu befürworten.
Am 15. September wurde die Verfassung einschließDer erste Vorschlag einer Wahl durch das Volk wurde lich der Bestimmung über die Präsidentenwahl vom
von Wilson aus Pennsylvania eingebracht, der be- Plenum des Konvents verabschiedet, und zwei Tage
hauptete, die Macht und Unabhängigkeit des Präsi- später vertagte sich der Konvent.
denten könne nur dann gewährleistet werden, wenn
seine Macht "dem ganzen Volk entspringt".

Angesichts der theoretischen und praktischen Debatten sowie im Hinblick auf die letztlich verabschiedete
Die theoretische Dimension der Debatte kam klar zum Sprachregelung sind mehrere Aspekte klar:
Ausdruck: Whigs, die den Primat des Parlaments 1. Der Konvent lehnte die Präsidentenwahl durch das
befürworteten, forderten weiterhin die Wahl durch das Parlament ab, weil er davon ausging, daß ein solches
Parlament, Federalists, die von der ausgewogenen System den Präsidenten zu sehr vom Parlament
Gewaltenteilung ausgingen, befürworteten irgendeine abhängig machen würde - eine Verletzung des PrinMethode zur Wahl durch das Volk.
zips der Gewaltenteilung.
Die theoretische Debatte wurde jedoch durch praktische politische Erwägungen noch komplizierter. Die
kleinen Bundesstaaten lehnten die Direktwahl des
Präsidenten ab, weil sie befürchteten, eine solche
Wahl werde von den größeren Bundesstaaten dominiert, wenn nicht sogar kontrolliert. Selbst nachdem
die Delegierten von der Notwendigkeit eines starken
und unabhängigen Präsidenten überzeugt waren,
mußten sie deshalb ein Wahlsystem erarbeiten, das
die Befürchtungen der kleineren Staaten mildern und
gleichzeitig garantieren würde, daß die Autorität des
Präsidenten "dem ganzen Volk entspringt".

2. Der Konvent lehnte ferner die Einführung eines
permanenten Wahlmännergremiums ab, um in Hamiltons Worten "Kabalen, Intrigen und Korruption" zu
vermeiden.

Dies war keine leichte Aufgabe. Mindestens sieben
verschiedene Vorschläge für die Wahl des Präsidenten wurden beim Konvent diskutiert, und die jeweiligen
Abstimmungsergebnisse wurden von nachfolgenden
Abstimmungen wieder zunichte gemacht. Schließlich
wurde beschlossen, die Angelegenheit einem von
Gouverneur Morris aus Pennsylvania geleiteten
"Committeebn Style" zu überlassen. Der am 8. September 1787 vorgelegte und umgehend vom Plenum
des Konvents verabschiedete Vorschlag dieses Ausschusses sah folgendes vor:

4. Die Direktwahl durch das Volk wurde niemals ernsthaft in Erwägung gezogen, und das offenkundig aus
zwei Gründen. Erstens hätte eine Direktwahl nicht die
Macht der kleinen Staaten geschützt, und zweitens
war dieses Verfahren im Amerika des 18. Jahrhunderts praktisch undurchführbar. Obwohl wichtige
Delegierte beim Konvent wie Wilson, Morris und selbst
Madison die Direktwahl durch das Volk befürwortet zu
haben scheinen, wurde sie wegen der Undurchführbarkeit abgelehnt.

Jeder Einzelstaat bestimmt in der von seiner
gesetzgebenden Körperschaft vorgeschriebenen Weise eine Anzahl von Wahlmännern, die
der Gesamtzahl der dem Staat im Kongreß
zustehenden Senatoren und Abgeordneten gleich
Seite 2

3. Die Besorgnis der kleinen Staaten wurde gemildert,
da die Delegierten der festen Überzeugung waren,
daß das Wahlmännersystem seiner Konzeption nach
nur selten einen Präsidenten hervorbringen werde:
daß die Wahl letztlich dem Repräsentantenhaus zufallen würde, in dem die Macht der kleinen Staaten
gewährleistet war, da dort jeder Staat eine Stimme hat.

Die Entwicklung des Wahlmännergremiums
Die Verfassung gestattet es jedem Bundesstaat, seine
Wahlmänner "in der von seiner gesetzgebenden Körperschaft vorgeschriebenen Weise" zu bestimmen.
Bei den ersten drei Präsidentschaftswahlen wurden
AMERIKA DIENST 37

�die Wahlmänner hauptsächlich durch die Parlamente
der Bundesstaaten bestimmt. Danach setzte sich
schrittweise die Wahl durch das Volk durch, und seit
dem Jahr 1832 wurden die Wahlmänner in allen Bundesstaaten vom Volk gewählt - außer in South Carolina, das bis 1864 an der Wahl durch das Parlament
festhielt.
Zunächst wurde die Wahl durch das Volk vorwiegend
innerhalb von Parlamentsbezirken durchgeführt, und
diese Methode wurde anscheinend auch von vielen
Gründervätern bevorzugt. Infolgedessen waren die
Wahlmännerstimmen eines Bundesstaates häufig
zwischen zwei oder mehr Präsidentschaftskandidaten
aufgesplittet. Mit dem Aufstieg der politischen Parteien begannen die Staaten jedoch das "Alles-oderNichts"-Prinzip ("winner-take-all") anzuwenden, um
die Wahlmänner zu bestimmen. Diesem System
zufolge erhält die Partei, die in einem Bundesstaat die
Mehrheit - mag diese noch so klein sein - erringt, alle
Wahlmännerstimmen dieses Bundesstaats, während
die Minderheitspartei oder -parteien leer ausgehen.
Seit 1836 wird dieses System von allen Bundesstaaten
benutzt (mit Ausnahme einer vorübergehenden Abweichung in Michigan in den neunziger Jahren des 19.
Jahrhunderts).

Das moderne Wahlkollegium
Die Verfassung legt fest, daß jeder Staat "eine der
Gesamtzahl von Senatoren und Abgeordneten entsprechende Zahl von Wahlmänner haben soll, die dem
Bundesstaat im Kongreß zustehen." (Die Verfügung
wurde 1961 leicht geändert, um die Wahlmänner für
den District of Columbia zu berücksichtigen). Aufgrund dessen hat Pennsylvania 25 Wahlmänner, weil
es zwei Senatoren und 23 Abgeordnete hat. Der
bevölkerungsreichste Bundesstaat Kalifornien hat 47
Wahlmänner, während die kleinsten Staaten nur drei
haben.

Kurz nachdem die führenden politischen Parteien ihre
Kandidaten für die Präsidentschaft und Vizepräsidentschaft nominiert haben (für gewöhnlich bei einem
nationalen Parteikonvent), erstellt jede politische Partei auf Bundesstaatenebene eine provisorische Kandidatenliste für die Wahlmänner, die sich zur Unterstützung der Kandidaten der Partei verpflichten. Im Jahr
1988 wählte die Republikanische Partei in Pennsylvania beispielsweise 25 dem Bush-Quayle-Team verpflichtete Wahlmänner, die Demokratische Partei 25
Dukakis und Bentsen verpflichtete, und die zahlreichen kleinen Parteien in Pennsylvania entschieden
sich für Listen von Wahlmännem, die sich den KandiDie politischen Parteien spielten bei der ersten Präsi- daten ihrer Parteien verpflichtet hatten. Die Position
dentschaftswahl im Jahr 1788 keine Rolle - jeder eines Wahlmannes ist eher ehrenamtlich, und für die
Wahlmann stimmte für George Washington, was die provisorische Liste der Wahlmänner aufgestellt zu
Stimmung im Volk widerspiegelte. Geteilte Meinun- werden, ist häufig eine Belohnung für bisherige Vergen zwischen der Führungselite und der Wählerschaft dienste in der Partei.
über den Nachfolger Washingtons führten 1796 zu
einer umstrittenen Wahl. Obwohl John Adams Tho- Wenn die amerikanischen Wähler alle vier Jahre im
mas Jefferson in dieser Wahl besiegte, arbeiteten November in die Wahllokale gehen, sind sich viele der
Jefferson und seine Anhänger an der Organisierung Tatsache nicht bewußt, daß sie in Wirklichkeit eine
der Wähler. Bei der Wahl im Jahr 1800 besiegte provisorische Liste von Wahlmännern wählen statt
Jefferson Adams ohne Mühe und verdammte die direkt den Präsidenten und Vizepräsidenten. Tatsächlich sind für gewöhnlich nur die Namen der einzelnen
Föderalistische Partei in die Geschichtsbücher.
Präsidentschafts- und VizepräsidentschaftskandidaDas politische Parteiensystem hat das Wahlmänner- ten auf dem Stimmzettel aufgeführt. Nachdem die
system auf mindestens drei Arten beeinflußt. Erstens Wahl vorüber ist, wissen alle Amerikaner, wer ihr
ebnete es den Weg für das dem Wahlsieger die nächster Präsident und Vizepräsident sein wird. Die
Hauptmasse der Sitze zuerkennende System bei der Verfassung fordert jedoch einen weiteren Schritt, bevor
Wahl der Wahlmänner. Zweitens, weil die Wahlmän- die Wahl offiziell ist.
ner zur Unterstützung eines bestimmten Kandidaten
oder einer Partei verpflichet wurden, dienten sie nur Den Gesetzen der Bundesstaaten zufolge ist die Liste
dazu, die Stimmung der Wählerschaft ihres Bundes- der provisorischen Wahlmänner gewählt, die die Mehrheit
staates widerzuspiegeln, und die Vergabe ihre Stim- der Stimmen auf sich vereinigt. Es besteht nicht die
men lag daher in ihrem Ermessen. Und schließlich Bedingung, daß die Wahlmänner die Mehrheit der
macht das Parteiensystem zusammen mit dem Zwei- abgegebenen Stimmen auf sich vereinigen, also kein
parteiencharakter des Präsidentschaftswahlkampfs die System der Stichwahl. Noch wichtiger ist, daß die
Möglichkeit der Wahl durch das Repräsentantenhaus gesamte provisorische Liste der Wahlmänner gewählt
höchst unwahrscheinlich. Tatsächlich ist es der wird, unabhängig davon, wie knapp der Sieg ist. Es
Wählerschaft nur dreimal nicht gelungen (1800,1824 gibt kein System der proportionalen Vertretung. Die
und 1876), eine Mehrheit für das Wahlkollegium her- von der Liste gewählten Wahlmänner der 50 Bundesstaaten und des District of Columbia kommen in den
vorzubringen.

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Seite 3

�folgenden Monaten in den jeweiligen Hauptstädten
ihrer Bundesstaaten zusammen, um ihre Stimmen für
den Präsidenten und den Vizepräsidenten abzugeben.
Diese Stimmen werden dann von bundesstaatlichen
Behörden versiegelt und nach Washington geschickt,
wo sie vom Präsidenten des Senats im Beisein aller
Senatoren und Abgeordneten geöffnet und gezählt
werden.

diesem Zeitpunkt ist die einzige verfassungsmäßige
Bestimmung das Ermessen des Wahlmannes.

amtsunfähig wird. Es gibt jedoch keine Verfügungen
für eine Amtsunfähigkeit zwischen der allgemeinen
Wahl und der Zusammenkunft der Wahlmänner. Zu

Das amerikanische Wahlkollegium wurde als demokratische Institution gegründet und - was noch wichtiger ist - hat als demokratische Institution funktioniert.

Das zweite gegen das Wahlkollegium vorgebrachte
Argument ist interessant. Unter dem gegenwärtigen
System kann ein Präsidentschaftskandidat die Mehrheit der Stimmen der Wählerschaft auf sich vereinigen,
aber dennoch im Wahlkollegium verlieren. Ich möchte
hier jetzt keine mathematischen Berechnungen anWarum dieses ganze Ritual, wenn der Gewinner des stellen, sondern nur darauf verweisen, daß dies auf
Präsidentschafts- und Vizepräsidentschaftswahlkampfs zwei Aspekte des Systems zurückzuführen ist: Erin Wirklichkeit schon nach der Wahl des Volkes im stens werden jedem Bundesstaat unabhängig von
November bekannt ist? Zu Recht verweisen Gegner seiner Größe drei Wahlmänner zugestanden, und
des Wahlkollegiums auf zwei dem System immanente zweitens bedeutet das dem Wahlsieger die HauptProbleme und drängen auf seine Modifizierung oder masse der Sitze zuerkennende Wahlsystem, daß einem
siegreichen Kandidaten - gleichgültig, wie knapp sein
sogar vollständige Abschaffung.
Sieg auch sein mag - alle Wahlmännerstimmen eines
Änderungsvorschläge
Bundesstaates zugeschlagen werden. Es gab drei
Fälle - 1824 (John Quincy Adams gegen Andrew
Das erste Problem ist eine Entscheidung des Ober- Jackson), 1876 (Rutherford B. Hayes gegen Samuel
sten Gerichtshofs (Roy ./. Blair, 1952) mit der Verfü- Tilden) und 1888 (Benjamin Harrison gegen Grover
gung, daß es nicht im Einklang mit der Verfassung Cleveland) - bei denen es scheint, daß der Sieger bei
steht, wenn ein Bundesstaat seine Wahlmänner zur der allgemeinen Wahl die Präsidentschaft wegen dieStimmabgabe für den Kandidaten veranlaßt, dem sie ser mathematischen Probleme mit dem Wahlkolleverpflichtet sind. Infolgedessen verweisen Kritiker des gium verloren hat. Das normalere Verfahren ist jeWahlmännersystems auf die Möglichkeit eines enor- doch, daß das Wahlkollegium abstimmt, um die von
men Schadens, der angerichtet würde, wenn eine den Wählern abgegebene Stimmenzahl zu erhöhen.
beträchtliche Anzahl der Wahlmänner ihre Stimme
nicht für den Kandidaten abgeben, dem sie verpflichtet Aufgrund dieser mathematischen Probleme tendieren
sind und damit den Willen des Wählers vereiteln. Es die Kritiker des Wahlkollegiums dahin, eine von zwei
gab mindestens vier Fälle, in denen die einzelnen Reformarten zu befürworten. Erstens streben sie ein
Wahlmänner nicht für ihren Kandidaten gestimmt haben. System an, das bei der Zuerkennung von WahlmänEin Fall war 1820, als der James Monroe verpflichtete nern pro Staat die Verteilung der Stimmen der WählerWahlmann seine Stimme statt dessen John Quincy schaft besser widerspiegeln würde, entweder durch
Adams gab. Seine Begründung lautete, seine Stimme ein System der proportionalen Vertretung oder durch
hätte die Wahl von Monroe zu einer einstimmigen die Auswahl von Wahlmännern in Wahlbezirken. Jede
Wahl gemacht, und kein Präsident außer George Reform würde das Ende des derzeitigen Wahlsystems
Washington verdiene einstimmige Unterstützung. Die bedeuten, bei dem der Wahlsieger alle Wahlmänner
anderen drei Fälle-in den Jahren 1956,1960 und 1968 auf sich vereinigt. Derartige Vorschläge würden die
-waren ebenso auf die Eigentümlichkeit des jeweiligen Bildung dritter Parteien ermutigen und mehr PräsiWahlmanns zurückzuführen. Keiner beeinflußte das dentschaftswahlen ins Repräsentantenhaus bringen,
Wahlergebnis.
wo jede Delegation eines Bundesstaats unabhängig
von der Einwohnerzahl eine Stimme hat. Auch das
Illoyalität der Wahlmänner in großem Stil scheint müßte sich natürlich ändern.
unwahrscheinlich, aber wenn eine solche Situation
tatsächlich das Ergebnis einer Präsidentschaftswahl Die andere von Kritikern vorgeschlagene Art der Rebedrohen würde, ist nicht sicher, ob der Oberste form des gegenwärtigen Wahlmännersystems reicht
Gerichtshof dies tolerieren würde. Präzedenzfälle in sogar noch weiter. Einige sehen im Wahlkollegium
diesem Bereich existieren praktisch nicht.
einen Anachronismus des 18. Jahrhunderts, der in
Vielleicht sollte das Ermessen der Wahlmänner etwas einem modernen Nationalstaat überholt ist. Diese
sorgfältiger begrenzt werden. Der 25. Zusatzartikel Reformer würden das gesamte Wahlmännersystem
zur Verfassung behandelt die Situation, wenn ein abschaffen und durch direkte Wahlen des Volkes
Präsident amtsunfähig wird. Verschiedene Bestim- ersetzen. Die amerikanische Anwaltskammer befürmungen befassen sich mit einem Präsidentschafts- wortet die Direktwahl des Präsidenten. Dies würde
kandidaten, der nach der Nominierung durch seine eine wirkliche Abkehr von der föderalistischen Struktur
Partei aber vor der allgemeinen Wahl im November der amerikanischen Republik bedeuten.

Seite 4

AMERIKA DIENST 37

�Die wirkliche Frage lautet, wollen Amerikaner ein mit
der nationalen Demokratie oder mit föderalistischer
Demokratie in Einklang stehendes System?
Unter dem heutigen System dienen die Bundesstaaten als Wahlbezirke für die Präsidentschaft ebenso wie
als Wahlbezirke für den amerikanischen Senat.
Amerikaner sind sich sehr wohl der Tatsache bewu ßt,
daß der Senat konzipiert wurde, um den föderativen
Charakter der Union widerzuspiegeln und niemand
erwartet, daß die Anzahl der Republikaner und Demokraten im Senat das Gleichgewicht zwischen den von
Republikanern und Demokraten für einen Senator
abgegebenen Stimmen im ganzen Land akkurat widergibt. Sowohl der Senat als auch der Präsident sind

*

AMERIKA DIENST 37

nationale Entscheidungsträger in den Vereinigten
Staaten. Die Amerikaner sind jedoch vielleicht eher
bereit, die Legitimität föderalistischer Prinzipien in der
Struktur des Senats zu akzeptieren als in der Wahl des
Präsidenten.
Insgesamt gesehen - von der ersten Vorwahl in New
Hampshire bis zur Öffnung der Stimmzettel - spiegelt
die Wahl des Präsidenten in den Vereinigten Staaten
ein delikates Gleichgewicht zwischen nationalen und
föderalistischen Konzeptionen der amerikanischen
Demokratie wider. Was immer die Amerikaner bezüglich des Wahlkollegiums entscheiden, die Demokratie
selbst steht nicht auf dem Spiel - nur die Frage, wie der
Wille des Volkes kanalisiert und organisiert wird.

* * *

*

Seite 5

�Mrs. Gabriele Niessen
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030

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cimcrikci
dienet

Herausgeber: U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

Z12462 C

16. September 1994

SONDERDIENST

USA - HAITI

DIE DESPOTEN IN HAITI MUSSEN
JETZT AUFGEBEN
Ansprache des Präsidenten an die Nation

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Deichmanns Aue 29
D 53170 Bonn

Tel.: 0228 - 339 23 72
Fax:0228-33 4102

�USA-HAITI
16. September 1994

DIE DESPOTEN IN HAITI MÜSSEN JETZT AUFGEBEN
Ansprache des Präsidenten an die Nation
WASHINGTON - (AD) - Präsident Clinton erklärte am 15. September 1994 in einer Ansprache an das
amerikanische Volk, "der Terror, die Verzweiflung und Instabilität", die Haiti in den Untergang treiben, würden
erst aufhören, wenn das Militärregime in Haiti entmachtet wird.
Wenn Generalleutnant Raoul Cedras und seine Anhänger nicht freiwillig aufgäben, so der Präsident, "wird die
internationale Staatengemeinschaft handeln", um "halsstarrige und grausame Diktatoren zu entmachten".
Der Präsident legte dar, welche militärischen Befehle er den vor Haiti liegenden Kriegsschiffen und den
Truppen erteilt habe.
"Die Botschaft der Vereinigten Staaten an die Diktatoren in Haiti ist eindeutig: Ihre Zeit ist abgelaufen.
Entweder Sie treten jetzt ab, oder wir werden Sie gewaltsam entmachten." Sollten sich die Diktatoren weigern,
würden sie von einer multilateralen Truppe der Vereinten Nationen unter Führung der Vereinigten Staaten
abgesetzt, um die Herrschaft physischen und psychologischen Terrors gegen das haitianische Volk zu
beenden, internationale Verpflichtungen einzuhalten und einen möglichen Flüchtlingsstrom von 300.000
Haitianern einzudämmen, die sich vor dem Militärregime versteckten, äußerte Präsident Clinton.
Die amerikanische Mission in Haiti wird dem Präsidenten zufolge "begrenzt und spezifisch" sein und aus zwei
Phasen bestehen: der Absetzung der Diktatoren sowie der Wiederherstellung von Recht und Ordnung.

Nachfolgend veröffentlichen wir die Ansprache des Präsidenten im Wortlaut.

Meine amerikanischen Mitbürger, am heutigen
Abend möchte ich mit Ihnen darüber sprechen,
warum die Vereinigten Staaten an der Spitze der
internationalen Bestrebungen zur Wiederherstellung
der Demokratie in Haiti stehen. Die Diktatoren Haitis
unter Führung von General Raoul Cedras kontrollieren das grausamste Regime in unserer Hemisphäre.
Seit drei Jahren lehnen sie jede von der internationalen Staatengemeinschaft unterbreitete friedliche
Lösung ab. Sie haben ein von ihnen abgegebenes
Versprechen zur Aufgabe der Macht gebrochen. Sie
haben ihr Volk brutal behandelt, die Volkswirtschaft
zerstört. Und jede von uns und anderen Nationen
im Verlauf der letzten drei Jahre ausgearbeitete
diplomatische Lösung stieß bei ihnen nur auf Ablehnung.

bewahren, die wir eingehen und die andere uns
gegenüber eingehen.

Jetzt müssen die Vereinigten Staaten ihre Interessen
schützen. Wir müssen die brutalen Greueltaten
stoppen, die Zehntausende von Haitianern bedrohen, unsere Grenzen schützen, in unserer Hemisphäre Stabilität erhalten und Demokratie fördern
sowie die Glaubwürdigkeit der Verpflichtungen

Ich möchte, daß das amerikanische Volk den Hintergrund der Situation in Haiti versteht, wie die Ereignisse dort unsere nationalen Sicherheitsinteressen
beeinflussen und warum ich der Ansicht bin, daß wir
jetzt handeln müssen. Vor nahezu 200 Jahren
befreite sich das haitianische Volk von der Sklaverei

SONDERDIENST

Ich habe heute Verteidigungsminister Perry angewiesen, die zur Unterstützung der amerikanischen
Truppen bei jeglicher Aktion in Haiti erforderlichen
Reservisten einzuberufen. Ferner habe ich zwei
Flugzeugträger, die USS Eisenhower und die USS
America, in die Region entsandt.
Diese Anordnungen habe ich nach umfassender
Prüfung dessen erteilt, was auf dem Spiel steht. Die
Botschaft der Vereinigten Staaten an die Diktatoren
in Haiti ist eindeutig: Ihre Zeit ist abgelaufen.
Entweder Sie treten jetzt ab, oder wir werden Sie
gewaltsam entmachten.

Seite 1

�und erklärte seine Unabhängigkeit. Unglücklicherweise wurde das Versprechen der Freiheit schnell
zunichte gemacht. Und seitdem hat Haiti mehr Leid
und Unterdrückung als Freiheit erlebt. In dieser Zeit,
da die Demokratie sich in unserer gesamten Hemisphäre ausbreitet, ist Haiti ins Hintertreffen geraten.

Vor einem Jahr brachten die Diktatoren den Justizminister um. Vergangenen Monat schössen sie Pater
Jean-Marie Vincent, einen Bauernführer und engen
Freund von Pater Aristide, nieder. Vincent wurde an
der Türschwelle seines Heims, eines Klosters,
exekutiert. Er hatte sich geweigert, sein Priesteramt
aufzugeben und wurde deshalb ermordet.

Vor erst vier Jahren veranstaltete das haitianische
Volk die seit der Erklärung seiner Unabhängigkeit
ersten freien und fairen Wahlen. Es wählte ein
Parlament und einen neuen Präsidenten, Pater
Jean-Bertrand Aristide, einen katholischen Priester,
der nahezu 70 Prozent der Stimmen erhielt. Acht
Monate später verwandelte sich der haitianische
Traum von Demokratie jedoch in einen Alptraum von
Blutvergießen.

Ich möchte eindeutig klarstellen: General Cedras und
seine Komplizen tragen die alleinige Verantwortung
für dieses Leiden und diese entsetzliche menschliche
Tragödie. Durch ihr Handeln haben sie Haiti isoliert.

General Raoul Cedras führte einen Militärputsch
durch, der Präsident Aristide stürzte, den Mann, der
Cedras an die Spitze der Armee gestellt hatte. Wer
Widerstand leistete, wurde geschlagen und ermordet. Die Diktatoren begannen eine schreckliche
Einschüchterungskampagne von Vergewaltigung,
Folter und Verstümmelung. Menschen verhungerten, Kinder starben, Tausende von Haitianern flohen
aus ihrer Heimat über die gefährliche See in die
Vereinigten Staaten. Damals erklärte Präsident
Bush, die Situation stelle "eine ungewöhnliche und
außerordentliche Bedrohung der nationalen Sicherheit, Außenpolitik und Wirtschaft der Vereinigten
Staaten" dar.

Weder die internationale Staatengemeinschaft noch
die Vereinigten Staaten suchen die Konfrontation.
Fast drei Jahre lang haben wir hart an einer diplomatischen Lösung gearbeitet. Die Vereinten Nationen,
die Organisation Amerikanischer Staaten, die karibische Staatengemeinschaft, die sechs Präsidenten
Mittelamerikas - alle haben sich für eine friedliche
Beilegung dieser Krise eingesetzt. Wir haben alles
versucht - Überredungskunst und Verhandlungen,
Vermittlung und Verurteilung. Abgesandte wurden
nach Port-au-Prince geschickt und abgewiesen.
Monatelang bemühten sich die Vereinten Nationen,
ein für alle Parteien akzeptables Abkommen auszuarbeiten. Letztes Jahr kam General Cedras selbst in
die Vereinigten Staaten und unterzeichnete auf
Governors Island in New York eine Übereinkunft, in
der er sich verpflichtete, gemeinsam mit den anderen
Diktatoren die Macht aufzugeben.

Cedras und seine bewaffneten Komplizen haben
eine Schreckensherrschaft ausgeübt, Kinder exekutiert, Frauen vergewaltigt, Priester umgebracht. Je
verzweifelter die Diktatoren wurden, desto brutaler
wurden die von ihnen verübten Greueltaten. Jüngste Berichte dokumentieren, daß die verbrecherische
Polizei haitianische Waisenkinder ermordete. Die
Diktatoren verdächtigten die Kinder anscheinend der
Sympathie für Präsident Aristide, weil dieser während seiner Tätigkeit als Priester ein Waisenhaus
führte. Die Kinder flohen aus den Waisenhäusern
auf die Straße. Jetzt können sie aus Angst nicht
mehr schlafen. Ein kleiner Junge sagte einem
Besucher: "Es ist mir egal, wenn die Polizei mich
umbringt, denn dann hat mein Leiden ein Ende."

Als jedoch der Zeitpunkt für die Umsetzung dieses
Plans gekommen war, weigerten sich die Diktatoren
abzutreten und verstärkten statt dessen die Brutalität,
mit der sie gewaltsam an der Macht festhalten.
Selbst da bemühten sich die Länder der Welt noch
um eine friedliche Lösung, während sie gleichzeitig
das von uns verhängte Embargo verschärften. Wir
schickten große Mengen humanitärer Hilfslieferungen
- Nahrungsmittel für eine Million Haitianer und Medikamente, um den Menschen zu helfen, während die
Diktatoren weiterhin die Wirtschaft plünderten. In
diesen Sommer verwiesen sie dann die internationalen Beobachter des Landes, die auf die durch das
Regime verübten grausamen Menschenrechtsverletzungen aufmerksam gemacht hatten.

Internationale Beobachter deckten grausame Vergewaltigungen von Frauen und Töchtern vermeintlicher politischer Dissidenten durch Soldaten und
Polizisten auf - von 13jährigen, 16jährigen. Die
Menschen werden umgebracht und verstümmelt und
ihre Körperteile als schreckliche Warnung für andere
zurückgelassen. Kinder werden gezwungen zuzusehen, wie die Gesichter ihrer Mütter mit Macheten
aufgeschlitzt werden.

Als Reaktion darauf verabschiedete der UN-Sicherheitsrat im Juli eine Resolution, die zum Einsatz aller
erforderlichen Mittel ermächtigt, einschließlich der
Gewalt, um die haitianischen Diktatoren zu entmachten und eine demokratische Regierung wiederherzustellen. Wir strebten immer noch eine friedliche
Lösung an, aber die Diktatoren wollten sich nicht
einmal mit dem Sondergesandten der Vereinten
Nationen treffen. Angesichts dieses fortgesetzten

Seite 2

SONDERDIENST

�Widerstands und der zunehmenden Greueltaten
stimmten die Vereinigten Staaten zu, eine multilaterale Truppe anzuführen, die den Willen der Vereinten Nationen durchsetzen soll.
Über 20 Nationen auf der ganzen Welt, einschließlich nahezu aller karibischen Länder und so weit
entfernt liegender Staaten wie Polen, das vor kurzem seine Freiheit erlangt hat, Israel und Jordanien,
die seit Jahrzehnten um den Erhalt ihrer Sicherheit
kämpfen, und Bangladesch, ein Land, das an der
Bewältigung seiner Wirtschaftsprobleme arbeitet,
folgen unserem Aufruf ebenso wie Belgien und
Großbritannien. Sie haben einem gemeinsamen
Vorgehen mit uns zugestimmt, weil sie der Auffassung sind, daß dieses Problem in unserer Nachbarschaft für ihre zukünftigen Interessen und ihre
Sicherheit von Bedeutung ist.
Ich weiß, daß die Vereinigten Staaten nicht der
Weltpolizist sein können und in der Tat auch nicht
sein sollten. Und ich weiß, daß in dieser Zeit nach
Beendigung des Kalten Krieges viele Amerikaner
zögern, militärische Ressourcen und unser Militär
über unsere Grenzen hinaus zu verpflichten. Aber
wenn brutale Akte vor unseren Küsten verübt
werden, betrifft dies unsere nationalen Interessen.
Und wir haben die Verantwortung, zu handeln.
Tausende Haitianer sind bereits in die Vereinigten
Staaten geflohen und haben ihr Leben dabei aufs
Spiel gesetzt, der Terrorherrschaft zu entfliehen.
Solange Cedras herrscht, werden die Haitianer
weiterhin Zuflucht in unserem Land suchen. In
diesem Jahr wurden in weniger als zwei Monaten
über 21.000 Haitianer von unserer Küstenwache und
Marine auf See gerettet. Heute leben mehr als
14.000 Flüchtlinge auf unserem Marinestützpunkt
Guantanamo. Die Amerikaner haben bereits nahezu
200 Millionen Dollar für ihre Unterstützung und zur
Aufrechterhaltung des Wirtschaftsembargos aufgebracht, und wenn wir nicht handeln, besteht die
Aussicht, daß jeden Monat Millionen und Abermillionen auf unbestimmte Zeit ausgegeben werden.
300.000 weitere Haitianer - 5 Prozent der Gesamtbevölkerung - verstecken sich im eigenen Land.
Wenn wir nicht handeln, könnten sie die nächste
Flüchtlingswelle vor unseren Küsten sein. Wir
werden uns weiterhin der Gefahr eines Massenexodus von Flüchtlingen und dieser konstanten
Bedrohung der Stabilität in unserer Region stellen
und unsere Grenzen kontrollieren.
Kein Amerikaner sollte überrascht sein, daß die
jüngste Welle von Migranten an unseren Ufern aus
Haiti und Kuba kommt. Schließlich sind diese
beiden Länder die einzigen Nationen der westlichen

SONDERDIENST

Hemisphäre, in denen eine demokratische Regierung
verweigert wird - die einzigen Länder, in denen es
Diktatoren gelungen ist, die Welle von Demokratie
und Fortschritt aufzuhalten, die unsere gesamte
Region erfaßt hat und die unsere Regierung seit
Jahren aktiv fördert und unterstützt.
Heute haben 33 von 35 Ländern auf dem gesamten
amerikanischen Kontinent demokratisch gewählte
Führer. Und Haiti ist die einzige Nation in unserer
Hemisphäre, in der das Volk seine eigene Regierung
gewählt und sich für Demokratie entschieden hat, nur
damit Tyrannen die Macht an sich rissen.
Es steht außer Frage, daß das haitianische Volk
Demokratie wünscht. Wir wissen es, weil die Haitianer zu den Wahlurnen gegangen sind und es der
Welt mitgeteilt haben. Die Geschichte hat uns
gelehrt, daß der Erhalt der Demokratie in unserer
Hemisphäre Amerikas Sicherheit und Wohlstand
stärkt. Die Demokratien hier werden eher den
Frieden aufrechterhalten und unserer Region Stabilität bringen. Sei werden eher freie Märkte und
wirtschaftliche Chancen schaffen und starke, verläßliche Handelspartner werden. Und sie werden
ihren Bürgern eher die Chancen bieten, die sie zum
Verbleib in ihrem eigenen Land und zum Aufbau ihrer
eigenen Zukunft ermutigen.
Die Wiedereinsetzung der demokratischen Regierung
auf Haiti wird zu größerer Stabilität und mehr Wohlstand in unserer Region führen, ebenso wie unser
Vorgehen in Panama und Grenada dies bewirkte.
Neben den Menschenrechtsverletzungen, den Einwanderungsproblemen, der Bedeutung von Demokratie haben die Vereinigten Staaten auch ein starkes
Interesse daran, daß Diktatoren - insbesondere in
unserer Region - ihr Wort gegenüber den Vereinigten
Staaten und den Vereinten Nationen nicht brechen.
In der Welt nach dem Kalten Krieg werden wir die
Sicherheit und den Wohlstand der Vereinigten
Staaten mit unserer militärischen Stärke, unserer
Wirtschaftsmacht und unseren konstanten Bestrebungen zur Förderung von Frieden und Wachstum
gewährleisten. Aber wenn unsere nationalen Sicherheitsinteressen bedroht sind, werden wir wenn
möglich Diplomatie und wenn nötig Gewalt anwenden.
In Haiti haben wir einen Fall, bei dem die Rechtslage
klar ist, das fragliche Land in der Nähe liegt, bei dem
unsere eigenen Interessen offenkundig sind, die
Mission durchführbar und begrenzt ist und bei dem
die Nationen der Welt uns zur Seite stehen. Wir
müssen handeln.

Seite 3

�Abschließend möchte ich sagen, ich weiß, daß das
amerikanische Volk zu Recht besorgt darüber ist, ob
unsere Soldaten einem Risiko ausgesetzt werden.
Unsere Freiwilligenarmee ist die beste der Welt, und
ihre Verantwortlichen haben hart gearbeitet, um das
Risiko für all unsere Streitkräfte zu minimieren. Aber
es besteht ein Risiko, und wir müssen darauf vorbereitet sein.

Unsere Mission in Haiti wird ebenso wie in Panama
und Grenada begrenzt und spezifisch sein. Unser
Plan zur Absetzung der Diktatoren erfolgt in zwei
Phasen. Erstens werden die Diktatoren abgesetzt
und Haitis legitime, demokratisch gewählte Regierung wiedereingesetzt. Wir werden haitianische
Sicherheitskräfte unter ziviler Kontrolle ausbilden, die
das Volk schützen, statt es zu unterdrücken. Während dieser Periode werden Polizeibeobachter aus
allen Ländern der Welt mit den Behörden zusammenarbeiten, um die grundlegende Sicherheit und
bürgerliche Ordnung zu maximieren und Vergeltung
zu minimieren.

Ich kann Ihnen versichern, daß kein Präsident
Entscheidungen wie diese ohne tiefes Nachdenken
und Gebete trifft. Es ist jedoch meine Aufgabe als
Präsident und Oberbefehlshaber, diese Maßnahmen
zu ergreifen, die meines Erachtens unsere nationalen
Sicherheitsinteressen am besten schützen werden.

Das haitianische Volk sollte wissen, daß wir in
friedlicher Absicht kommen. Und Sie - das amerikanische Volk - sollten wissen, daß unsere Soldaten
nicht am Wiederaufbau Haitis oder seiner Wirtschaft
beteiligt sein werden. Die internationale Staatengemeinschaft muß durch Zusammenarbeit die für den
Wiederaufbau Haitis erforderliche wirtschaftliche,
humanitäre und technische Hilfe bereitstellen.

Ich möchte nochmals betonen, die Nationen der Welt
haben alle möglichen Wege erprobt, um die demokratisch gewählte Regierung Haitis friedlich wiedereinzusetzen. Die Diktatoren haben jede mögliche
Lösung abgelehnt. Der Terror, die Verzweiflung und
Instabilität werden nicht enden, bevor sie das Land
verlassen. Ich fordere sie nochmals auf, dies zu tun.
Sie können jetzt immer noch gehen und das Chaos
und die Unordnung verringern sowie die Sicherheit
und Stabilität erhöhen, in der diese Rückkehr zur
Demokratie erfolgen kann.

Wenn diese erste Phase abgeschlossen ist, wird die
große Mehrheit unserer Truppen nach Hause
zurückkehren - in Monaten, nicht Jahren. Ich
möchte, daß unsere Truppen und ihre Familien
wissen, daß wir sie so bald wie möglich wieder nach
Hause bringen.

Wenn sie jedoch das Land jetzt nicht verlassen, wird
die internationale Staatengemeinschaft zur Erfüllung
unserer Verpflichtungen handeln: Um der Demokratie eine Chance zu geben, nicht um sie zu garantieren; um halsstarrige und grausame Diktatoren zu
entmachten, nicht um eine Zukunft aufzuzwingen.

Dann, in der zweiten Phase, wird sich eine sehr viel
kleinere amerikanische Streitmacht mit den Streitkräften anderer Mitgliedstaaten der Vereinten Nationen zusammenschließen. Und sie werden Haiti
nach den Wahlen im nächsten Jahr und der Amtsübernahme einer neuen haitianischen Regierung
Anfang 1996 verlassen.

Ich weiß, viele sind der Ansicht, daß wir dem haitianischen Volk nicht bei der Wiederherstellung von
Demokratie und dem Streben nach ihren hart erkämpften Freiheiten behilflich sein sollten und die
Haitianer die Gewalt und Unterdrückung als ihr
Schicksal akzeptieren sollten. Aber erinnern Sie sich:
Dasselbe wurde von einem Volk gesagt, das vor über
200 Jahren die Waffen gegen einen Tyrannen erhob,
dessen Truppen sein Land besetzt hatte. Es war
jedoch ein unbeugsamer Haufen, ein Volk, das für
seine Freiheit kämpfte und an all diejenigen appellierte, die an Demokratie und ihre Sache glaubten.
Und ihre Rufe wurden beantwortet, eine neue Nation
wurde geboren - eine Nation, die seit jenem Tag
glaubt, daß das Recht auf Leben, Freiheit und das
Streben nach Glück niemandem verwehrt werden
sollte.

Heute abend kann ich bekanntgeben, daß Präsident
Aristide zugesagt hat, mit Ende seiner Amtszeit im
Einklang mit der Verfassung abzutreten, auf die er
geschworen hat. Er hat sich zur Aussöhnung aller
Haitianer verpflichtet und will ein historisches Beispiel setzen, indem er friedlich die Macht an einen
rechtmäßig gewählten Nachfolger übergibt. Er weiß
ebenso wie wir, daß beim Aufbau einer Demokratie
die zweite Wahl die wichtigste Wahl ist.
Präsident Aristide hat mir gesagt, daß er seine
Mission als erfüllt betrachtet, wenn er das Amt an
den nächsten demokratisch gewählten Präsidenten
Haitis übergibt - nicht wenn er wiedereingesetzt wird.
Er hat sich verpflichtet, die Entscheidung der haitianischen Wähler zu respektieren, die ihr Vertrauen in
den Wahlzettel setzen.

* *

Seite 4

Möge Gott das Volk der Vereinigten Staaten und die
Sache der Freiheit schützen.

* *

*

SONDERDIENST

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und
Dokumentation

117

United States Information Service
Embassy of the United States of America

16. Oktober 1985

41

I N H A L T

DOKUMENTATION

USA wünschen friedlichen Wettstreit mit der Sowjetunion
- US-Verteidigungsminister Weinberger vor dem National Press Club

WISSENSCHAFT UND TECHNIK

Datenspeicher Antarktis
- US-Projekte der Forschungssaison 1985/86

* * * * *

Um Über/endung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel 0228-339 2035
Telex 8-85432

�AI

16. Oktober 1985

USA WÜNSCHEN FRIEDLICHEN WETTSTREIT MIT DER SOWJETUNION
- US-Verteidigungsminister Weinberger vor dem National Press Club -

WASHINGTON

- (AD) - Der amerikanische

Verteidigungsminister

Caspar

Weinberger betonte in einer Rede am 9. Oktober 1985 in Washington vor dem
National

Press

Club

zum Thema

Verteic igungsstrategie

der Vereinigten

Staaten, es sei das Bestreben der USA, die Sowjetunion davon zu überzeugen, daß es sinnvoller sei, zu einem friedlichen Wettstreit zu gelangen,
als einen militärischen Vorteil dem anderen gegenüber zu erlangen.

Die Rede Weinbergers hat folgenden Wortlaut:

Worum handelt es sich bei unserer Verteidigungsstrategie?
Als Die Reagan-Administration

im Jahr 1981 ins Amt kam, hätte man

lang über die Frage diskutieren können:

Womit sah es schlechter aus,

Postfach 20 03 00 Tel.:0228-339 2035
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Telex: 8-85432

�schlechter aus "mit unseren Waffen oder mit unseren strategischen Konzepten?"

Nehmen wir zum Beispiel unsere B-52.

Sie wurden bei den amerika-

nischen Streitkräften vor dem Zeitpunkt eingeführt, da die Piloten, die
sie jetzt fliegen sollten, geboren wurden.

Was die strategischen Konzep-

te angeht, die den Einsatz dieser Piloten und Flugzuege betreffen, so
sind sie ncch älter.

Der größte Teil der Konzepte, die unsere Entschei-

dungen hinsichtlich der Frage prägen, welche Streitkräfte wir brauchen
und wie sie: eingesetzt werden sollen, wurde in den fünfziger und frühen
sechziger Jahren entwickelt.

1931 konnten wir uns keine lange Diskussion in bezug auf die Konzepte
erlauben.

Es gab nur die eine Priorität: die militärische Stärke Ameri-

kas so rasch wie möglich wieder herzustellen.

Unser Ziel war die Wieder-

herstellung einer stabilen Abschreckung. Dies machte es nicht nur erforderlich, hinsichtlich der militärischen Stärke wieder ein Gleichgewicht
mit der Sowjetunion herzustellen, sondern auch die strategischen Konzepte
einer UberprUfung zu unterziehen, die von jenen übernommen worden waren,
die bislang in der politischen Verantwortung gestanden hatten.

Nach viereinhalb Jahren haben wir beträchtliche Fortschritte erzielt
- sowohl, was die Stärkung unserer Streitkräfte, als auch die Neuformulierung

unserer

Verteidigungsstrategie

dieser Aufgaben ist abgeschlossen.

und -politik

anbelangt.

Keine

Aber wenn wir über das nachdenken,

was in den verbleibenden drei Jahren der Reagan-Administration noch geleistet weiden soll, dann scheint die Zeit gekommen zu sein, den Wandel
zusammenzufassen, den es bei unseren Überlegungen im Verteidigungsministerium gegeben hat.
k

Ich verfolge daher heute zwei Absichten: Erstens gilt meine Forderung
einer grundlegenden Überprüfung und Revision des konzeptionellen Arsenals
der fünfziger und frühen sechziger Jahre; zweitens will ich unsere Verteidigungsstrategie beschreiben.

Dabei werde ich die drei Hauptsäulen

unserer Verteidigungspolitik für die neunziger Jahre skizzenhaft darstellen:

SDI und die nukleare Abschreckung; den Einsatz militärischer Gewalt

und die konventionelle Abschreckung; und schließlich eine Strategie zur
- 2-

�Strategie zur Verringerung und Kontrolle der Rüstungen.

1. Die zweite Amtszeit:

Neubewertung der konzeptionellen Arsenale der fünfziger und sechziger
Jahre.

Die korzeptionelle Grundlage der Streitkräfte, die heute unserem Befehl unterstehen, wurde in den fünfziger und frühen sechziger Jahren geschaffen.

Werfen wir einen Blick auf die Liste:

Ee.kalacions&lt;ontrolle,

gegenseitig

gesicherte

Nukleare Abschreckung,

Zerstörung,

strategische

Stabilität, Dominanz des Offensivaspektes, flexible Antwort, Gegengewalt,
begrenzter Xrieg, Eskalationsleitern, Rüstungskontrolle.

Welches waren die dominierenden Kennzeichen jener Welt, in der diese
Ideen formt liert und angewendet wurden?
Sätzen zusammenfassen:

Die Antwort läßt sich in zwei

Die Vereinigten Staaten besaßen die nukleare Vor-

herrschaft und die militärische Überlegenheit.
wir einen entscheidenden

Vorteil.

Bei den Kernwaffen hatten

Insgesamt gesehen, investierten wir

mehr als die Sowjets und hatten bei jeder militärischen Dimension - ausgenommen der Stärke der konventionellen

Truppen - ein gewisses Maß an

Überlegenheit.

Diese 2'eit ist vorüber.

In einer wahrhaft ungeheuerlichen Anstren-

gung - die einen dreimal größeren Anteil am Bruttosozialprodukt der UdSSR
verschlingt als dies die amerikanischen Verteidigungsausgaben

hinsicht-

lich des Bruttosozialprodukt der Vereinigten Staaten tun - wurde die Sowjetunion zu einer militärischen Supermacht.

Ob die Vereinigten Staaten

einfach versuchen sollten, eine Abschreckungsfähigkeit

zurückzuerlangen,

die sich auf ein ungefähres Gleichgewicht der Streitkräfte gründet - darüber kann man sich streiten.

Aber hinsichtlich unserer derzeitigen Pläne

sollte sich niemand falsche Vorstellungen machen.

Das Verteidigungspro-

gramm der Reagan-Administration - expansiv, wie es notwendigerweise auch
sein maß - erhebt nicht den Anspruch, unsere frühere Position der Uberle-

�der Überlegenheit

zurückzugewinnen.

Unsere Bemühungen gelten vielmehr

allein dem Versuch, vom Kongreß die Mittel zu erhalten, die sicherstellen, daß wir die Sowjetunion davor abschrecken können, unsere lebenswichtigen Interessen anzugreifen.

Was bedeutet dieser Wandel des militärischen Gleichgewichts für unsere grundlegenden strategischen Konzepte?

Können Ideen, wie sie in einer

Zeit der militärischen Überlegenheit Amerikas formuliert wurden, unter
den heutigen Bedingungen noch den gleichen Wert haben?

Die Welt hat sich

seit den fünfziger und sechziger Jahren, als die meisten dieser strategischen Konzepte erstellt wurden, so grundlegend geändert, daß viele dieser Konzepte heute überholt sind.

Die mutigste Abkehr dieser Administration von den Dogmen der Vergangenheit

ist

die

Strategische

Verteidigungsinitiative

des

Präsidenten

- eine radikale Zurückweisung des Gedankens einer wohlwollenden Einwilligung in beiderseitige gesicherte Zerstörung.

Unsere Position in bezug

auf den Einsatz militärischer Gewalt stellt eine ähnliche Zurückweisung
der

überkommenen

Weisheit

schrittweiser Eskalation dar.

hinsichtlich

begrenzter

Kriegführung

und

Was die Rüstungskontrolle angeht kam diese

Administration mit einer Einstellung ins Amt, die sich sehr von der Haltung jener unterschied, die den SALT II-Vertrag ausgehandelt hatten.

Was

wir wollten, waren erhebliche Verringerungen - nicht eine Lizenz für die
Sowjets, noch weiter aufzurüsten.

2. Was ist unsere Verteidigungsstrategie?
Am Anfang jeder "neuen" Verteidigungsstrategie für die neunziger Jahre muß die Betonung der Kontinuität stehen.

Die elementaren Interessen

der Vereinigten Staaten sind im Verlauf der vier Jahrzehnte seit dem
Zweiten Weltkrieg auf bemerkenswerte Weise konstant geblieben.

Dies gilt

auch für die Tatsache, daß wir im wesentlichen eine defensiv eingestellte
Macht sind.

Im Gegensatz zur Sowjetunion streben wir nicht mit Gewalt

nach politischen oder territorialen Vorteilen.
- 4-

Diese Kontinuität hin-

�Kontinuität hinsichtlich Interessen und Charakter liegt auch unserer Verteidigungsstrategie der Abschreckung zugrunde.

Das Wort Abschreckung ist mittlerweile so oft wiederholt worden, daß
wir uns häufig gar keine Gedanken mehr darüber machen, was es wirklich
bedeutet.

Es bedeutet, daß wir bemüht sind, unsere lebenswichtigen In-

teressen zu schützen - nicht durch Aggression oder Krieg, sondern durch
die Verhinderung eines Krieges.

Und wir versuchen, einen Krieg dadurch

zu verhindern, daß wir potentielle Angreifer davon überzeugen, daß die
Kosten eines Angriffs auf uns jeden Nutzen übersteigen würden, den sie
daraus zu ziehen hoffen.

Dies ist der zentrale Gedanke unserer heutigen

Verteidigungsstrategie - genau, wie er es praktisch in der gesamten Nachkriegszeit war.
Strategie schafft eins Beziehung zwischen Mittel und Zweck.

Die Mit-

tel unseres Bestrebens, die Sowjets zu überzeugen, sind unsere Streitkräfte, die uns gegen eine Aggression der Sowjetunion verteidigen können,
indem sie dieser Kosten auferlegen würden, von der sie wüßte:

Sie wären

stets große:: als jeglicher Vorteil.

Bei der Planung unserer Abschreckung für die neunziger Jahre hat die
Reagan-Administration

dieses Grundkonzept um zwei zusätzliche Gedanken

erweitert.

Erstens:

Eine wirksame Abschreckung muß sich nicht nur mit den Tat-

sachen dieser Bilanz auseinandersetzen, sondern auch mit der Vorstellung,
die die sowjetische Führung von diesen Tatsachen hat.

Es reicht nicht

aus, wenn die Kosten eines Angriffs die Vorteile überwiegen.

Die sowjet-

ische Führung muß nach Interpretation der Fakten aus eigener Perspektive
heraus - nicht aus der unsrigen - zu dem Schluß gelangen, daß ihren Interessen nicht durch Aggression gedient ist.

Zweitens:

Risiko ist das Kernproblem der Verteidigungsplanung.

Das

stets wiederholte Argument, wir müßten unsere Verpflichtungen verringern,
weil unsere Fähigkeiten nicht ausreichten, um diesen unseren Verpflich- 5-

�unseren Verpflichtungen nachzukommen, ist eine schwerwiegende und gefährliche Verkennung des Problems.

Wir können nie hundertprozentig darauf

vertrauen, daß wir stark genug sind, um vor einem Krieg abzuschrecken
oder eine Aggression zurückzuschlagen.

Die entscheidende Frage ist, wel-

che Ebene hinsichtlich des Risikos eines katastrophalen Krieges ist akzeptabel?

Wieviel sollten wir als Sicherheitsprämie bezahlen, um einen

Krieg zu verhindern, in dem es keine Überlebenden geben könnte?

Wenn man diese Konzepte auf die Situation bezieht, die wir 1981 vorfanden, wird sicher deutlich, warum das Urteil von Präsident Reagan und
mir lautete:

Dies ist eine Periode echter Gefahr.

Zwei Jahrzehnte des

ständigen Anwachsens der sowjetischen Streitkräfte in Verbindung mit einem Jahrzehnt einschneidender amerikanischer Verringerungen waren dabei,
das Gleichgewicht zu verschieben.

Käme die sowjetische Führung zu dem

Eindruck, ihre Aufrüstung erbrächte ihr deutliche Vorteile - und die amerikanischen Nachrichtendienste waren zu dem Schluß gelangt, daß dem so
sei -, könnte sie versucht sein, sich politische oder territoriale Vorteile zu verschaffen. War dies nicht genau der Schluß, zu dem sie gelangt
war, als sie in einem Fall kubanische Stellvertreter nach Angola transportierte

und

in

einem

anderen

Fall

in

Afghanistan

einmarschierte?

Schließlich machte es den Eindruck, die Carter-Administration habe sich
zu einer Strategie entschlossen, die man "gefährliche Abschreckung" nennen konnte.

Und die Täuschung funktionierte noch nicht einmal. Unsere

Versicherungspolice war abgelaufen.
Während sich die Sowjetunion die Fähigkeit verschaffte, unsere bodengestützten Interkontinentalraketen zu bedrohen, schlugen einige Amerikaner vor, wir sollten die Gefahr einfach als unerheblich abtun.

In Ver-

teidigungsstrategien - einschließlich jener von ehemaligen Verteidigungsministern,

deren

Weisheiten

treuherzig

von anderen

übernommen

wurden

- wurde empfohlen, wir sollten der sowjetischen Führung einfach erklären,
wir seien von ihrem Vorteil nicht beeindruckt und wir würden nicht so
provokativ oder unliebenswürdig sein, den Versuch einer Reaktion zu unteTnehmen.

Was aber, wenn unsere Bemühungen, sie zu "erziehen", fehl-

schlagen würden?

Was, wenn aus ihrer Perspektive dieser Vorteil bei den
- 6-

�bei den strategischen Nuklearstreitkräften ihr zusätzliche Hebelmöglichkeiten verschaffte?

Ihre Streitkräfte, ihr Vorwärtsdrang und ihre Vor-

stellung von unserer Inaktivität hätten sie in die Versuchung führen können, eine katastrophale Fehlkalkulation zu machen- ja, vielleicht wäre es
dazu gekommen, wenn es für sie Grund zu der Vermutung gegeben hätte, wir
würden die gigantische Anstrengung nicht unternehmen - die wir dann doch
machten -, um unsere militärische Stärke wiederzuerlangen.

Um dieses Risiko zu verringern, handelten wir in aller Entschlossenheit.

Für uns gab es nur ein Ziel:

die schnellstmögliche Wiederherstel-

lung von Umständen, unter denen die sowjetische Führung sich keiner Illusion darüber

hingeben konnte, daß ihre Streitkräfte eingesetzt werden

könnten, um bedeutsame militärische oder politische Vorteile gegen unsere
lebenswichtigen Interessen zu erlangen.
Wenn Sie mich also nach unserer Strategie fragen, dann möchte ich
ganz einfach sagen, es geht darum, so rasch und so wirksam wie möglich
eine Abschreckung aufzubauen, die so stark wie möglich ist.
zu sein, muß unsere Abschreckung zwei Proben bestehen:

Um wirksam

Sie muß die so-

wjetische Führung glaubwürdig davon überzeugen können, daß sie keinerlei
wesentlichen militärischen Vorteil gegen unsere lebenswichtigen Interessen erlangen kann; und sie muß die Gefahr eines Versagens so gering wie
möglich halten - sei es durch unbeabsichtigte Zwischenfälle, durch nichtgenehmigten Einsatz oder durch Fehlkalkulation seitens der Sowjets.

Und was ist unser Ziel?
einem Satz sagen:

Was wollen wir letztlich?

Frieden und Freiheit.

Ich kann das mit

Nicht Frieden auf Kosten der

Freiheit, sondern wie Präsident John F. Kennedy vor 25 Jahren sagte:
Beides, Frieden und Freiheit.

Unser Ziel ist nicht, zu kämpfen, sondern

unsere Freiheit ohne Kampf zu bewahren - für uns und unsere Verbündeten
sowie für eine immer größer werdende Anzahl von Ländern dieser Welt, indem wir alle zusammenarbeiten und die Lasten und die Vorzüge teilen, die
Frieden und Freiheit ohne Krieg mit sich bringen.

Unsere Strategie, un-

sere Ziele und unser Programm sind so einfach und so lebenswichtig für
unsere

Zukunft, daß ich zu behaupten wage:

Jene, die noch immer die

�immer die_hohle und vage Kritik vorbringen, wir hätten keine Strategie,
stellen sich nur aus ziemlich rechthaberischen Gründen gegen das, was wir
tun.

Die einen glauben, wir wollen nicht so oft kämpfen wie anscheinend

sie es tun, während die andern glauben, alles was wir tun, sei zu kostspielig, wir sollten unser Defizit abbauen und uns vielleicht später Gedanken über unsere künftige Sicherheit machen.

Ich meine, es ist ein

Glück für unsere Zukunft, daß wir einen Präsidenten haben, für den unsere
Sicherheit und unser Überleben an erster Stelle stehen.

Schließlich werden manche von Ihnen sagen:

Wieviel ist genug?

Nach-

dem wir unsere Verteidigungskapazitäten in der ersten Amtszeit gestärkt
haben, könnten wir uns doch nun anderen Prioritäten zuwenden.

Ich will nicht so tun, als gäbe es eine einfache Antwort auf die Frage, wieviel genug ist.

Die Schlußfolgerungen bezüglich, Risiko, Glaub-

würdigkeit und Abschreckung

ruhen auf vielen schwierigen Überlegungen.

Manche Menschen würden lieber dieser Frage entgehen, indem sie sich vorstellen, es gäbe ein eindeutiges Kalkül der Abschreckung.

Der Anspruch

auf - falsche - Präzision dient keinem anderen Zweck als der Verwirrung.

Beim Bau eines Hauses in einem Gebiet, in dem es Orkane oder Erdbeben
gibt, kann der Bauherr mehr oder weniger Vorsichtsmaßnahmen
- und mehr oder weniger
nennt.

ergreifen

für das ausgeben, was man "Sicherheitsprämie"

Man stelle sich nur jemanden vor, der das Haus für seine Familie

dort baut, wo häufig Hurrikane durchziehen und der dieser Bedrohung keine
Aufmerksamkeit schenkt, der seine Familie bei einem Hurrikane lieber in
dem Haus läßt als sie in eine sicherere Gegend zu bringen - nur, um Geld
zu sparen für ein zweites Auto.

Die meisten Amerikaner würden einen sol-

chen Menschen als leichtsinnig und rücksichtslos ansehen. Die Frage, die
sich dem amerikanischen Volk bei der Planung unserer Verteidigung stellt,
ist die, wie vorsichtig oder risikobereit wollen wir bei der Sicherheit
unserer Nation sein.

Man kann es auch zugespitzter

formulieren:

Der Vergleich mit der

"Sicherheitsprämie" beim Bau eines Hauses hat etwas Passives.
- 8-

Unsere

�Passives.

Unsere präventiven Maßnahmen hingegen beeinflussen aktiv die

Absichten potentieller Aggressoren, wenn sie unsere Interessen bedrohen
wollen.

Militärische Stärke ist besser als Schadensbehebung.

Nehmen wir ein anderes einfaches Beispiel.

Unsere internationale Si-

cherheit läßt sich mit unserer Sicherheit vor Straftätern im eigenen Land
vergleichen.

Wenn wir unsere Banken und Häuser vor Einbruch und Raub

schützen, wenn unsere Polizei und unsere Gerichte rasche und eindeutige
Bestrafung von Kriminellen garantieren und wenn wir eine angemessene Versicherung abschließen, verringert sich der Anreiz für einen potentiellen
Straftäter, ein Verbrechen zu begehen.
gen Unfälle zu treffen.

So versuchen wir Vorkehrungen ge-

Gleichermaßen begegnen wir einer möglichen so-

wjetischen Herausforderung, wenn wir über eine ausreichende amerikanische
Verteidigungskapazität verfügen, die die Sowjetunion davon überzeugt, saß
ihre Aggression zum Scheitern verurteilt sein würde.

Das Verteidigungsministerium gibt keinen Pfennig aus, den der Kongreß
nicht bewilligt hat - und kann es auch nicht.

Natürlich weiß ich, daß

viele Kongreßmitglieder und viele Bürger der Meinung sind, man sollte bei
unseren verstärkten Verteidigungsanstrengungen jetzt erst einmal Halt machen oder sie sogar zurückstutzen.

Die Vereinigten Staaten können ihre

Verteidigungsausgaben beschneiden - aber nicht ohne unsere Streitkräfte
zu schwächen.

Die Vereinigten Staaten können ihre Streitkräfte schwä-

chen, - aber nicht ohne unsere Abschreckung zu schwächen; und wir können
natürlich unsere Abschreckung schwächen - nicht jedoch, ohne die Gefahr
einer sowjetischen Aggression und eines Krieges zu erhöhen.

Manche Ame-

rikaner scheinen bereit zu sein, das höhere Risiko einer sowjetischen Aggression in Kauf zu nehmen, indem wir unsere eigene Versicherung verringern.

Aber ich bin noch immer der Ansicht: Wenn das amerikanische Volk

sich diese Alternative genau ansieht, dann wird sich die Mehrheit immer
gegen eine Schwächung unserer Abschreckung und eine Erhöhung der Kriegsgefahr aussprechen.

Und ich kann Ihnen versichern: Solange ich als Ver-

teidigungsminister im Amt bin, werde ich alles in meiner Macht Stehende
tun, um diese Gefahren

so deutlich darzulegen wie ich dies nur kann

- ganz gleich, wie lästig und unangenehm dies für einige auch sein mag
- 9-

�sein mag - und uns an die potentiell katastrophalen Folgen erinnern, wenn
man die Sieherheitsprämie reduziert und sich mit weniger als der sicherstmöglichen Abschreckung zufrieden gibt.

3. Grundpfeiler unserer Verteidigungspolitik der neunziger Jahre

Unsere Verteidigungspolitik der neunziger Jahre hat viele Aspekte.
Ich will hier drei nennen: SDI und die nukleare Abschreckung, Anwendung
von Gewalt und konventionelle Abschreckung sowie eine Strategie zur Verringerung der Rüstung und zur Abrüstung.

SDI und nukleare Abschreckung;

Die Strategische Verteidigungsinitia-

tive des Präsidenten (SDI) verblüfft viele der traditionellen Theoretiker.

Es geht hierbei um eine Strategie, die für ihn die höchste Priori-

tät hat. Und es handelt sich um eine weit sicherere Abschreckung als der
Pakt zu gegenseitigem Selbstmord, den wir eingegangen sind, und der derzeit für uns die einzige Möglichkeit der Friedenssicherung darstellt.

Kritiker der Strategischen Verteidigung sind normalerweise Befürworter der "Gegenseitig Gesicherten Zerstörung" (MAD).

MAD beschreibt eine

Situation, in der beide Supermächte nach Erleiden eines umfassenden nuklearen Erstschlags durch den Gegner immer noch über die Fähigkeit verfügen, den Gegner durch Kernwaffen so zu treffen, daß er als moderne Gesellschaft zerstört wird.

Das ist die Lage heute. Und deshalb nenne ich

das einen Pakt zum gegenseitigen Selbstmord.

Sowohl die Vereingten Staa-

ten als auch die Sowjetunion sind in der Lage, den anderen zu vernichten
- gleich, was dieser unternimmt.

Den Befürwortern von MAD zufolge bildet

dieser gegenseitige Selbstmordpaktr den Grundstein der strategischen Stabilität.

Weil jeder die Möglichkeit hat, die Gesellschaft des anderen zu

zerstören, kann keiner daran denken, einen Krieg zu führen. Dadurch wird
der krieg abgeschreckt.

So setzen sich viele Befürworter von MAD für

Maßnahmen ein, die den Atomkrieg so schrecklich wie möglich machen wür- 10-

�machen würden, um ihn dadurch so undenkbar wie möglich zu machen.

Viele

sind gegen jegliche Form der Verteidigung - vom Zivilschutz bis zur strategischen Verteidigung.

Die Strategische Verteidigungsinitiative von Präsident Reagan stellt
nunmehr die Frage:

Ist eine nukleare Abschreckung, die als einziges Mit-

tel mit der Apokalypse droht, wirklich glaubwürdig?

Wenn die Sowjetunion

sieht, daß wir in Reaktion auf einen begrenzten Nuklearangriff von ihrer
Seite aus keine andere Antwort haben als die, einen Mechanismus auszulösen, der möglicherweise gegenseitigen Selbstmord bedeutet - könnte die
sowjetische Führung dann nicht eines Tages auf den Gedanken kommen, wir
würden auf einen solch begrenzten Angriff lieber nicht reagieren?

Um

dies zu vermeiden zog seit den frühen siebziger Jahren jeder Präsident
und

jeder

Verteidigungsminister

die

Schlußfolgerung,

die

Vereinigten

Staaten würden dann zur Abwehr eines Angriffs in der Lage sein, wenn wir
die Fähigkeit entwickeln, auf selektive sowjetische Angriffe auch selektiv und nicht wahllos reagieren zu können.

Der Einspruch der Befürworter von MAD lautet aber:

Warum etwas auf-

geben, das den Frieden seit nunmehr schon vierzig Jahren bewahrt hat?
Weil dem in Wirklichkeit gar nicht so war. MAD gibt es erst seit kurzem.
Ein Großteil der vergangenen vierzig Jahre wurde zunächst einmal durch
das amerikanische Nuklearmonopol gesichert, dann durch eine beträchtliche
nukleare Überlegenheit der Vereinigten Staaten.

Erst vor kurzem hat die

Sowjetunion die Fähigkeit zu einem gesicherten Zweitschlag gegen die Vereinigten Staaten erhalten.

In dem Maß, in dem die sowjetische Kapazität

sich ausgeweitet hat und sie uns an Anzahl der Startgeräte und hinsichtlich des Wurfgewichts überlegen ist, hat die Glaubwürdigkeit unserer nuklearen Abschreckung nachgelassen.

Für mich gibt es drei völlig überzeugende Argumente für Präsident
Reagans SDI - von denen jede als Argument für das von uns unternommene
Forschungsprogramm ausreicht und die alle drei völlig korrekt sind.

Sie

lauten: der sowjetische Durchbruch, die sowjetische Vertragsaufkündigung
sowie die Möglichkeit, daß Wissenschaft und Technologie Amerikas etwas
- 11-

�Amerikas etwas erreichen können, was manchen als unmöglicher Traum erscheint.

Lassen Sie mich nacheinander auf diese drei Argumente eingehen.

Seit dem ABM-Vertrag des Jahres 1972 hat

die Sowjetunion für ihre

strategische Verteidigung mindestens so viel Mittel verwendet wie für ihre ungeheure Aufrüstung im Bereich der strategischen, nuklearen Offensivwaffen.

Die sowjetische Luftverteidigung besteht mittlerweile aus über

13 000 Startgeräten für Boden-Luft-Raketen sowie einem gewaltigen Radarund Abfangjägernetz.

Die Sowjetunion hat das einzige, vom ABM-Vertrag

gestattete, ABM-System - nämlich das System um Moskau - für Verbesserungen, Erprobungen
gungsanlagen

und Erfahrungen im Bereich von umfassenden Verteidi-

gegen ballistische

Raketen genützt.

Außerdem

investieren

die Sowjets sei über zwei Jahrezehnten gewaltige Summen in alle Formen
der Luftabwehr - einschließlich genau jener Technologien, die unser eigenes

Forschungsprogramm

zur strategischen

Verteidigung

umfaßt.

Selbst

wenn man die Kosten der Strategischen Verteidigungsinitiative des Präsidenten für das Jahr 1985 mit in den Vergleich einbezieht, gibt die Sowjetunion etwa zehnmal so viel für ihre strategische Verteidigung aus wie
die Vereingten Staaten.

Die sowjetische Heuchelei in dieser Frage erreicht wahrlich Orwell'sche Ausmaße.

Zehn Tage, nachdem Präsident Reagan seine Pläne zur Erfor-

schung der Möglichkeit einer strategische Verteidiung darlegte, druckte
die PRAWDA eine Erklärung, in der bedauert wurde, daß so viel wissenschaftliches Talent für die Entwicklung derlei defensiver Systeme vergeudet werde.

Zu den Unterzeichnern dieser Erklärung gehörte der Mann, der

in der Sowjetunion für das strategische Verteidigungsprogramm zuständig
ist, der in der Sowjetunion die tödlichsten strategischen Raketen entworfen hat, der die militärischen Laserprogramme leitet und der Architekt
des jetzt bei Moskau dislozierten Raketenabwehrsystems ist - samt einigen
Dutzend seiner Mitarbeiter.

Mittlerweile haben die Sowjets mehr von den Großradaranlagen mit phasengesteuerter Abtastung disloziert, auf die sich ein landesweites ABMSystem stützen würde, als die ins eigene Land ausgerichteten Radaranla- 12-

�ausgerichteten Radaranlagen, deren Dislozierung die Vereinigten Staaten
für das System geplant hatten, das wir 1972 aufgaben - nämlich zweimal so
viele.

Und dazu gehört auch die Radaranlage, die derzeit bei Krasnojarsk

gebaut wird - eine Anlage, die eklatant und völlig ungerechtfertigt den
ABM-Vertrag verletzt.

Diese Beweislage bringt uns zu dem Schluß, daß die sowjetische Führung zu keiner Zeit die Theorie der gegenseitig gesicherten Zerstörung
akzeptiert hat, für die viele Amerikaner eintreten und die als Grundlage
des ABM-Vertrags diente.

Vielmehr hat die sowjetische Führung eine große

und anhaltende Anstrengung unternommen, die Verwundbarkeit ihres Landes
- und insbesondere iire eigene - zu verringern. So sind die Sowjets uns
heute nicht nur in der Entwicklung und Dislozierung der strategischen
Verteidigung voraus, sondern sie haben auch so viel mehr Mittel in diese
Technologien und in viele andere Bereiche investiert, daß unser SDI-Forschungsprogramm, das der Präsident in die Wege geleitet hat, allein schon
als Vorsichtsmaßnahme gegen einen sowjetischen Durchbruch gerechtfertigt
wäre - selbst wenn dies nur die einzige Überlegung wäre.

Das Argument einer "sowjetischen Vertragsaufkündigung" schließt sich
logisch an.

Die sowjetischen Verteidigungsanstrengungen sind so unent-

wegt, daß wir die Möglichkeit einer konkreten Aufkündigung des ABM-Vertrags in unsere Überlegungen mit einbeziehen müssen.

Wenn die Sowjets

heute eine strategische Verteidigung dislozieren könnten, die ihren Interessen in erheblichem Maße förderlich wäre - wer wollte daran zweifeln,
daß sie das trotz des Vertrags und ihrer heuchlerischen Kritik an unserem
Programm auch tun würden?

Ein tatkräftiges strategisches Verteidigungs-

programm der Vereinigten Staaten ist daher von entscheidender Bedeutung,
um sicherzustellen, daß wir nicht eines Tages aufwachen und sehen, wie
die Sowjets sich an eine umfassende Dislozierung machen.

Ein drittes und nach meiner Ansicht das schlüssigste Argument für unser SDI-Programm ist. die Möglichkeit, daß Wissenschaft und Technologie
eine Zukunft schaffen können, in der Nuklearraketen immer weniger in der
Lage sein werden, ihre schreckliche Mission zu erfüllen und schließlich
- 13-

�und schließlich machtlos und überholt sein werden.

Dieser Weg zu einer

sichereren Welt wird weder leicht noch kurz sein.

Unser Forschungspro-

gramm ist der notwendige erste Schritt.

Aber wenn man bedenkt, was Ex-

perten in der Vergangenheit bezüglich dessen erklärt haben, was in unserer Zukunft nicht getan werden könnte, dann bin ich einigermaßen enttäuscht über die Arroganz, mit der einige hervorragende

amerikanische

Wissenschaftler und andere erklären, der Traum des Präsidenten sei unmöglich.

Erinnern wir uns daran, daß Albert Einstein im Jahr 1932 voraus-

sagte:

"Es besteht nicht das geringste Anzeichen, daß Kernenergie jemals

möglich sein wird.

Das würde bedeuten, daß das Atom beliebig aufgespal-

ten werden müßte."
Solche bedeutsamen Irrtümer bestärken mich nur in meiner Überzeugung,
daß wir ein nachhaltiges Forschungsprogramm

weiterführen müssen.

Das

Ziel und die Entschlossenheit des Präsidenten laufen ganz einfach darauf
hinaus, alles in unseren Kräften Stehende zu tun, um zur Schaffung einer
viel sichereren Welt für kommende Generationen beizutragen.

Selbstver-

ständlich werden wir das nicht aufgeben.
Konventionelle Abschreckung und Anwendung von Gewalt: Ich erwähne
diese Säule unserer Verteidigungspolitik für die neunziger Jahre hauptsächlich deswegen, um den Unterschied zwischen unserer Strategie der konventionellen Abschreckung und den Theorien der kontrollierten Eskalation
und des begrenzten Krieges der späten fünfziger Jahre zu unterstreichen.
Nach den in den fünfziger und Anfang der sechziger Jahren entwickelten
Doktrinen war ein begrenzter Krieg im wesentlichen ein diplomatisches Instrument: ein Instrument, um dem Gegner etwas abzuhandeln. Daher mußte
er von der politischen Führung zentral geleitet und mit ganz genauer Kontrolle durchgeführt werden. Nach den damaligen Theorien würde die
schrittweise Anwendung amerikanischer Gewalt zusammen mit der Androhung
der Eskalation zur nächsten Sprosse auf der Leiter die Gegner Amerikas
dazu bewegen, eine Beilegung zu akzeptieren, mit der sie eine strategische Niederlage verhüten konnten.
Der fatale Fehler
- 14-

�Der fatale Fehler dieser Theorien der fünfziger Jahre bestand darin,
daß sie die innenpolitischen Realitäten der amerikanischen Demokratie außer acht ließen.

Diese Theorien wie auch ihre Anwendung durch Lyndon B.

Johnson in Vietnam in den sechziger Jahren waren eine Nachahmung der Einstellung zum Krieg aus dem 18. Jahrhundert.

In jenen Zeiten war der

Krieg, wie Clausewitz feststellte, noch eine Angelegenheit, die nur Regierungen anging und die Rolle des Volkes war einfach die eines Instruments.

Die Schöpfer der amerikanischen Verfassung lehnten diese Vorstel-

lung vom Krieg ab.

Unsere Verfassung behält allein dem Kongreß als Ver-

treter des Volkes das Recht vor, Krieg zu erklären.

Und so haben vor Ko-

rea und Vietnam - atßer ^ür gelegentliche kurze Exkursionen - die Präsidenten schwer daran gearbeitet, einen öffentlichen Konsens herzustellen,
bevor sie Amerika in den Krieg führten.

So hat sich noch Franklin D.

Roosevelt von 1939 bis 1941 darum bemüht, einen Konsens herzustellen,
selbst als Europa schon eingeschlossen war.

Er konnte nichts anderes

tun, und wenn er auch gerne etwas anderes getan hätte, so hat Roosevelt
niemals daran gedacht, amerikanische Truppen ohne die Billigung des Kongresses und die Sicherstellung der Unterstützung durch das amerikanische
Volk in die Schlacht zu schicken.

In Korea und dann in Vietnam zog Ame-

rika ohne einen starken Konsens der Unterstützung und Zustimmung zu unseren grundlegenden Zielsetzungen in den Krieg.

Und so hat einer meiner

Vorgänger, der frühere Verteidigungsminister Robert McNamara einmal festgestellt, daß "der größte Beitrag, den Vietnam leistet - Recht oder Unrecht steht hier nicht zur Debatte - darin besteht, daß es eine Fähigkeit
in den Vereinigten Staaten entwickelt, einen begrenzten Krieg zu führen,
einen Krieg zu führen ohne die Notwendigkeit, die Öffentlichkeit dazu
aufzustacheln."

Und dieser Erklärung kann ich nur hinzufügen, auch ohne

die Notwendigkeit
Truman und

oder

die

Absicht

zu gewinnen.

Und, wie

Präsident

Präsident Johnson entdecken mußten, das amerikanische Volk

hatte das letzte Wort.

Die sechs Bedingungen, die ich im vorigen Jahr hier für die Anwendung
militärischer Gewalt aufgestellt habe, unterstreichen, daß die amerikanische Regierung, wenn sie daran denkt, amerikanische Streitkräfte im
Kampf einzusetzen, als erstes feststellen muß, daß es um unsere Lebensin- 15-

�unsere Lebensinteressen geht; daß wir bereit sind, genügend Streitkräfte
einzusetzen, um zu siegen; daß wir klar definierte politische und militärische Ziele haben; daß wir unsere Streitkräfte so aufgebaut haben, daß
sie unseren Zielen und Zwecken entsprechen; daß wir vernünftigen Grund zu
der

Annahme

haben, daß

uns

das

amerikanische

Volk

unterstützt; und

schließlich und letztlich, daß amerikanische Streitkräfte nur als letzter
Ausweg zum Kampf eingesetzt werden dürfen.

Die amerikanischen Interessen sind nirgendwo in Stein gemeißelt.

Wir

sollten niemals der Versuchung erliegen, einen weiten Bogen von Lebensinteressen zu definieren, wie dies Außenminister Acheson Anfang der fünfziger Jahre getan hat, damit aber praktisch bekanntgeben, daß bestimmte Gebiete "außerhalb unseres strategischen Perimeters liegen".
nicht zulassen, daß die Sowjets unsere Interessen definieren.

Wir dürfen
Die Beur-

teilung von Lebensinteressen wird manchmal von den Umständen des jeweiligen Falles, der jeweiligen Entwicklung wie auch innewohnender Werte abhängen.

Die Notwendigkeit zu gewinnen, setzt eindeutig definierte Ziel-

setzungen und ein festes und entschlossenes Amerika voraus.

Kein Aspekt meiner Kriterien für die Anwendung von Gewalt fand mehr
Beachtung und Kritik als die Forderung, daß wir die angemessene Gewähr
einer Unterstützung durch das amerikanische Volk brauchen.
Gewähr, so erklären die Kritiker, könne es nicht geben.

Eine solche

Eine Regierung,

die gezwungen sei, auf die Zustimmung des Volkes zu warten, wäre in der
internationalen Politik gelähmt.

Manche Leute behaupten sogar, dies wür-

de bedeuten, daß Amerika überhaupt keinen Krieg führen könne.
Ich habe nicht die Absicht, die Enttäuschungen der Führung in einer
Demokratie

beiseite

richtig informiert.

zu

schieben.

Die Öffentlichkeit

ist nicht

immer

Wenn Roosevelt vielleicht bereit gewesen wäre, aus

eigener Vollmacht im Jahr 1939, 1940 oder 1941 in den Zweiten Weltkrieg
einzutreten, dann hätten das Volk und der Kongreß ihn vielleicht unterstützt.

Das weiß niemand.

Aber wir dürfen nicht vergessen, daß zu dem

Zeitpunkt, als die ganze Macht der öffentlichen Meinung in Amerika eindeutig für die Notwendigkeit des Sieges in einem Weltkrieg mobilisiert
- 16-

�Weltkrieg mobilisiert war, wir auch zusammen mit unseren Verbündeten in
der Lage waren, die bedingungslose Kapitulation der Nazis und der Japaner
sicherzustellen.

Mein Argument lautet nicht, daß das Urteil, zu dem das amerikanische
Volk gelangt ist, unbedingt immer richtig sein muß.
scheidener und wichtiger.

Meine These ist be-

Sie besagt, daß die amerikanische Demokratie

auf dem Grundsatz aufgebaut ist, daß das amerikanische Volk nicht unbedingt immer recht hat, es aber keine bessere Richtschnur für eine kluge
Politik gibt.

Unsere Regierung basiert daher auf einem Prozeß, der den

Präsidenten und den Kongreß zwingt, die Führung zu übernehmen, aber die
Unterstützung des amerikanischen Volkes anzustreben und zu erhalten, um
so einen Kurs des Handelns durchhalten zu können.

Dies alles geht von

der Annahme aus, daß dieser Prozeß auf längere Sicht zu klügeren Entscheidungen führt, als alle anderen bisher bekannten Mechanismen.
Verfassung

behauptet

nicht, daß dieser

Unsere

Prozeß leicht sein wird.

Wie

Churchill einmal bemerkte, ist die Demokratie die schlechteste Regierungsform, die die Menschheit kennt - mit Ausnahme aller anderen Formen.
Unsere Regierung ist auf jeden Fall auf die Überlegung gegründet, daß das
sachkundige Urteil des Volkes eine klügere Richtschnur sein wird, als die
Auffassung eines Präsidenten allein, oder eines Präsidenten samt seiner
Mitarbeiter oder irgendeiner selbsterwählten Elite.

Die Vorsicht, die aus diesen sechs Vorbedingungen für die Anwendung
militärischer

Gewalt herausklingt, ist beabsichtigt.

Es gibt auf der

Welt eine endlose Zahl von Krisenherden, wo man sich vorstellen könnte,
daß amerikanische Streitkräfte eine nützliche Rolle spielen könnten.

Die

Theorie, daß die bloße Präsenz einer unzureichenden Zahl amerikanischer
Soldaten die Dinge im positiven Sinne beeinflussen könnte, reicht für unsere Regierung nicht aus, von amerikanischen Soldaten zu verlangen, daß
sie ihr Leben in Demonstrationen aufs Spiel setzen, die keinen Sinn und
Zweck haben.

Wir sind bereit, unser Leben, unser Hab und Gut und unsere

heilige Ehre einzusetzen, wenn die Sache es wert ist.

Aber die Tatsache,

daß eine begrenzte amerikanische Präsenz eine gewisse diplomatische Hebelwirkung bieten könnte, ist nicht ausreichend.
Es ist mir
- 17-

�Es ist mir vorgeworfen worden, daß ich auf der einen Seite rastlos
unsere militärische Stärke aufbauen würde, daß ich aber auf der anderen
Seite zögere, unsere Streitkräfte einzusetzen.

Ich habe festgestellt,

daß unsere Befehlshaber, die unsere Männer in die Schlacht führen würden,
und ihnen Befehle erteilen müßten, die manchmal zu ihrem Tod führen würden, in gleicher Weise entschieden dafür sind, daß die Notwendigkeit solcher letzten Opfer wirklich die Sache wert sein müssen.

Manche Kritiker

werden diese doppelte Verpflichtung zur Stärke und zur Vorsicht als widersprüchlich beurteilen.

Ich glaube, daß diese doppelte Verpflichtung

eine entscheidende Wahrheit und vielleicht auch ein tiefes Paradox zum
Ausdruck bringt.

Die Erkenntnis und Anerkennung des unserer Demokratie

innewohnenden Zögerns, von unseren Soldaten zu fordern, für ihr Land zu
sterben, hebt noch viel deutlicher die Notwendigkeit hervor, über die militärische Macht zu verfügen, die notwendig ist, um Gegner abzuschrecken.
Der rote Faden, der sich durch die Politik der Reagan-Administration
zieht, ist

die Kombination ausreichender militärischer Stärke mit der

klaren Entschlossenheit, einer Aggression zu widerstehen - und damit Herausforderungen zu entmutigen.

Wenn wir den Angriff, der den Einsatz ame-

rikanischer Soldaten als Antwort notwendig machen würde, verhindern, dann
erreichen wir unser Ziel ohne Krieg.

Frieden durch Stärke ist mehr als

nur ein Schlagwort - er ist eine Tatsache.

Was die Entschlossenheit dieser Administration beflügelt, unsere konventionelle

militärische

Kapazität

auszubauen, die

Einsatzbereitschaft

und das Durchhaltevermögen zu verstärken und die Abhängigkeit von Kernwaffen zu verringern, ist unsere Verpflichtung, die konventionelle Abschreckung

funktionsfähig

Abschreckung

zu machen.

Je stärker unsere konventionelle

ist, desto geringer ist die Wahrscheinlichkeit eines An-

griffs und desto niedriger ist das Risiko eines Krieges.

Je stärker un-

sere konventionelle Abschreckung ist, desto weniger müssen wir uns auf
die Androhung einer nuklearen Vergeltung verlassen.

Viele Kritiker gaben vor, über die Tatsache erstaunt zu sein, daß
seit dem Zeitpunkt, da Ronald Reagan Präsident wurde und mit dem Wiederaufbau unserer militärischen Stärke begann, die Serie der jährlichen so- 18-

�jährlichen sowjetischen Aggressionen von Angola bis Afghanistan aufgehört
hat.

Wir sind der Überzeugung, daß dies kein reiner Zufall ist.

Eine

Strategie

zur

Verringerung

und

Kontrolle der Rüstungen:

Es

fällt mit schwer, hinsichtlich der Ideen der Rüstungskontrolle aus den
Anfängen der sechziger Jahren unparteiisch zu sein.

Denn wenn man die

Annahmen, von denen das SALT I-Interimsabkommen, der ABM-Vertrag und der
SALT Il-Vertrag ausgehen, genau betrachtet, versteht man, warum Präsident
Reagan dies als "Pseudo-Püstungskontrolle" bezeichnet hat. Als erstes war
man davon ausgegangen, daß ein Abkommen schon an sich gut sei - gleichgültig, welche Auswirkungen es habe.

Zweitens wurden die sowjetischen Motive in Rüstungskontrollverhandlungen als etwas behandelt, was man unabhängig von den allgemeinen politischen und strategischen Zielen der Sowjets betrachten könne, als ob sie
mit den Motivationen nichts zu tun hätten, die ihre strategische Aufrüstung

vorantrieben.

Man ging davon aus, daß sowjetische Rüstungskon-

trollverhandlungen den unsrigen glichen und von ähnlichen Motiven geleitet seien.

Drittens wurden die Anreize für sowjetisches Verhandeln und

Einverständnis vernachlässigt, wodurch Verhandlungen immer wieder in einen Versuch verwandelt wurden, herauszufinden, wozu die Sowjets bereit
wären, ihre Zustimmung zu geben.

Viertens ging man davon aus, daß die

Einhaltung solcher Verträge durch die Sowjets vollständig und umfassend
wäre, selbst wenn keine Strafen für Vertragsverletzungen vorgesehen waren.

Und schließlich ging man davon aus, daß die Sowjetunion diesen Ver-

trägen im wesentlichen mit den gleichen Absichten zugestimmt habe wie die
Vereinigten Staaten.

Diese Annahmen wurden im Lichte der nachfolgenden Ereignisse immer
weniger haltbar.

Während die Vereinigten Staaten nach dem ABM-Vertrag

von 1972 die Ausgaben für ihre Verteidigung senkten, haben die Sowjets im
Gegensatz dazu, wie wir gesehen haben, seit 1972 so viel für ihre strategische Verteidigung investiert, wie sie für ihre außerordentlich offensive Aufrüstung ausgegeben haben.

Mitte der sechziger Jahre stellten die

Vereinigten Staaten den Bau von Abschußrampen für landgestützte Interkon- 19-

�landgestützte

Interkontinentalraketen

ein.

Verteidigungsminister

Mc-

Namara sagte zunächst voraus, daß die Sowjets auf einem Stande einhalten
würden, der etwas niedriger wäre als der unsrige.

Als sie diesen Punkt

überschritten, sagte er voraus, daß sie auf die gleichen Zahlen nachziehen und dann einhalten würden.

In Wirklichkeit übertrafen sie uns zah-

lenmäßig und übertrafen uns weit, was das Wurfgewicht angeht.
Gebiet der unterseebootgestützten
uns.

Nur

auf dem Gebiet

Auf dem

ICBM hielten wir ein, sie überholten

der Gesamtzahl der strategischen Nuklearge-

fechtsköpfe behielten die Vereinigten Staaten ihren Vorsprung, aber die
sowjetischen Programme werden bald an uns vorbeiziehen.

Der ehemalige

Verteidigungsminister Harold Brown hat das Ganze einmal so zusammengefaßt:

"Wenn wir bauen, bauen sie.

Wenn wir anhalten, bauen sie."

Falschinformierte Rüstungskontrollverfechter reden weiterhin von einer Spirale des Wettrüstens zwischen den Vereinigten Staaten und der Sowjetunion.

Aber die Tatsachen sprechen eine ganz andere Sprache.

Heute

besitzen die Vereinigten Staaten rund 8000 weniger Kernwaffen als im Jahr
1976.

Die Megatonnage dieser verringerten amerikanischen Streitmacht be-

trägt kaum noch ein Viertel dessen, was sie Ende der sechziger Jahre betrug.

Darüber hinaus hat das NATO-Bündnis beschlossen, die Zahl unserer

in Europa dislozierten Kernwaffen um weitere 1400 zu verringern.

Im Gegensatz dazu haben wir in den letzten Jahren einen stetigen Zuwachs

der

sowjetischen

Nuklearstreitkräfte

erlebt:

8000

strategische

neue Gefechtsköpfe seit 1969, als die SALT I-Verhandlungen in Gang kamen;
4000 davon wurden seit 1979 hinzugefügt, als der SALT Il-Vertrag unterzeichnet wurde.

Selbst im Rahmen der Einschränkungen von SALT II hat die

Sowjetunion mehr Gefechtsköpfe gebaut, die in der Lage sind, unsere Raketensilos zu zerstören, als sie unserer Meinung nach ohne SALT-Abkommen
gehabt hätte.

Die Einhaltung - oder Nichteinhaltung - von Verträgen, ist ein weiteres Blatt desselben Kapitels.

Schlaue Amerikaner gingen davon aus, daß

die Sowjets zwar vielleicht Zweifelsfälle ausnützen könnten, daß sie aber
blanken Betrug vermeiden würden.

Aber selbst im Falle des ABM-Vertrags
- 20-

�ABM-Vertrags haben

die Sowjets massive Verletzungen begangen.

Es muß

selbst die nachhaltigsten Verfechter der alten Schule der Rüstungskontrolle schaudern machen, wenn sie sich fragen, wie die sowjetische Regierung den ABM-Vertrag so flagrant verletzen konnte.

Manche ziehen sich

darauf zurück, daß sie erklären, es handele sich eigentlich nur um Gerüchte oder technische Verletzungen und wir sollten nicht so provokativ
sein, sie zur Kenntnis zu nehmen.
Ohne über Fehler der Vergangenheit spitzfindig zu sein, müssen wir
doch aus dieser Erfahrung lernen.

Die Einstellung der Reagan-Administra-

tion zur Rüstungskontrolle ist eine ganz andere.

Lassen Sie mich vier

entscheidende Punkte hervorheben.

Erstens, Präsident Reagan besteht darauf, daß wir uns beharrlich auf
ein Ziel konzentrieren:

Wie können wir einen Atomkrieg verhindern und

eine sicherere Welt aufbauen, damit diese Generation - und künftige Generationen - in Frieden und Freiheit leben werden.
Kern des Problems zusammengefaßt:
darf niemals geführt werden."
Nachdenken.

Der Präsident hat den

"Ein Atomkrieg kann nicht gewonnen und

Dieser Grundsatz enthält Wiederholung und

Das zwingende Gebot - ein Atomkrieg darf niemals geführt

werden - ergibt sich aus der Tatsache:

In einem großen Atomkrieg zwi-

schen den Supermächten gäbe es keinen Sieger.

Er wäre in der Tat der ge-

genseitige Selbstmord, von dem ich vorhin gesprochen haben.

Die Entschlossenheit des Präsidenten, dafür zu sorgen, daß ein Atomkrieg niemals geführt werden wird, ist das Mandat für unser derzeitiges
Verteidigungsprogramm und unsere Rüstungsverringerungsinitiative.
Ziel kann in einem einzigen Satz ausgedrückt werden:

Unser

Wir wollen sicher-

stellen, daß die Verteidigung der Lebensinteressen Amerikas es niemals
erforderlich machen wird, daß die Vereinigten Staaten einen Atomkrieg
führen müssen.

In unserer Einstellung zu Rüstungsverringerungen - wie in

unserem gesamten Verteidigungsprogramm - wollen wir die Lebensinteressen
der Vereinigten Staaten schützen und verteidigen, indem wir das Risiko
eines Atomkriegs auf den niedrigst möglichen Stand verringern.
Zweitens,
- 21-

Rüstungsverringerung

�Zweitens, Rüstungsverringerung ist eine Komponente unserer umfassenderen nationalen Sicherheitspolitik - und kein isoliertes Ziel oder unabhängiges Instrument.

Rüstungsverringerung ist einer der Wege, auf dem

wir die Ziele unserer nationalen Sicherheit verfolgen können.

Die Er-

kenntnis, daß Rüstungsvechandlungen und -abkommen nur ein Teil des Gesamtverhältnisses zwischen den Vereinigten Staaten und der Sowjetunion
sind, stellt eine wichtige Dimension jeder wirksamen Strategie zur Erreichung von RüstungsVerringerungen deutlich und klar heraus.

Diese Di-

mension wurde bei der früheren Einstellung völlig vernachlässigt.
die Dimension der Anreize für die Sowjets.

Es ist

Welches sind die Anreize für

die Sowjets, nützlichen und wirksamen Abkommen für echte Verringerungen
zuzustimmen?

Und was noch entscheidend wichtiger ist, welches sind die

*

Anreize für die Sowjets, das einzuhalten, was sie unterschrieben haben?
Wenn wir die amerikanischen Streitkräfte planen und Waffen beschaffen,
während wir gleichzeitig mit der Sowjetunion verhandeln, dann ist es notwendig, den Sowjets Anreize zu schaffen, Abkommen zuzustimmen, die unseren Interessen dienen.

Fragen Sie sich doch selbst:

Warum beginnt die

Sowjetunion jetzt über große Kürzungen der Offensivstreitkräfte zu sprechen?

Jawohl, so einfach ist das:

Wir müssen nicht nur aus einer Posi-

tion der Stärke heraus verhandeln, sondern das ist in der Tat der einzige
Weg, auf dem wir wirksam verhandeln können.

Es ist nicht der gute Wille

der Sowjets, sondern unsere Stärke, die ihren Wandel herbeigeführt hat.

Drittens, ausgehandelte strukturelle Rüstungsabkommen müssen die Zahl
der Waffen verringern, statt Erhöhungen zu legitimieren. Präsident Reagan
hat die Hauptkriterien für akzeptable Abkommen über eine Verringerung der
Rüstungen dargelegt.

Sie müssen (a) die Zahl der Offensivsysteme wesent-

lich senken, (b) die Parität - nicht nur nach der Zahl der Gefechtsköpfe,
sondern nach Wirksamkeit gemessen - auf einer sehr viel niedrigeren Ebene
auf beiden Seiten als heute herbeiführen, (c) verifizierbar sein und (d)
zu einer allgemeinen Politik der Stärkung des Friedens und der Stabilität
beitragen.

Viertens, über ausgehandelte Verträge zu Strukturen und Zahlen von
Waffen hinaus gibt es einen in gleicher Weise wichtigen Bereich von Ini- 22-

*

�von Initiativen, die die nuklearen Rüstungen kontrollieren und die Risiken ihrer Anwendung verringern.

Diese Initiativen konzentrieren sich auf

Faktoren, die sich auf unbeabsichtigte
Eskalation, Kommunikationskapazität
keiten, falschen

Vorstellungen

Zwischenfälle, nicht genehmigte

und die Beseitigung von Zweideutig-

und

Mißverständnissen

beziehen.

Dieser

Bereich der Tagesordnung unserer Rüstungsverhandlungen schließt eine große Zahl von Maßnahmen ein, die die Vereinigten Staaten unabhängig und ohne sowjetische Nachahmung oder Übereinstimmung ergreifen können, aber auf
eine Weise, die tatsächlich die Risiken von ungewollten Zwischenfällen,
unautorisierten

Einsätzen

oder

unbeabsichtigter

Eskalation

verringern.

Die Reagan-Administration hat auf diesem Gebiet beachtliche Fortschritte
erzielt.

In der zweiten Amtsperiode wollen wir sogar noch größere Fort-

schritte machen.

Wir denken ferner an eine Reihe von Maßnahmen, die wir bilateral mit
der Sowjetunion durchführen können.

Vor über zwei Jahren habe ich den

Sowjets durch ihren Botschafter hier eine längere Liste überreicht, die
unter anderem vorschlägt:

Erstens die Verbesserung des Heißen Drahtes

zwischen Washington und Moskau - was derzeit auf der Basis gegenseitiger
Übereinstimmung stattfindet; zweitens die Abhaltung regelmäßiger Gespräche zwischen hohen Militärs beider Länder; drittens regelmäßige Treffen
auf höchster Ebene von Vertretern der Verteidigungs- und Außenministerien; viertens Einrichtung direkter Fernmeldeverbindungen zwischen unserem
Verteidigungsministerium

und

dem

sowjetischen

Verteidigungsministerium;

fünftens die Begrenzung bestimmter militärischer Manöver, wie etwa Bewegungen von mehr als einer Division in der Nähe der innerdeutschen Grenze
oder Mehrfachstarts

von Nuklearraketen; sechstens ein amerikanisch-so-

wjetisches Abkommen über gemeinsame Vorausplanung zur Abwehr von möglichen terroristischen Akten von Drittländern.

Worum es uns hier wirklich

geht, ist, daß wir uns mit dem Risiko eines Atomkrieges befassen, der aus
Ereignissen entstehen könnte, die außer Kontrolle geraten.

Außer der Zu-

stimmung zur Verbesserung des Heißen Drahtes haben die Sowjets an anderen
Maßnahmen kein Interesse gezeigt.

Ich
- 23-

fasse zusammen:

�Ich fasse zusammen:

Was ist unsere Strategie?

Die Abschreckung für

die neunziger Jahre sollte eine Abschreckung sein, die so sicher und
stark wie möglich ist.
Was ist unser Ziel?

Freiheit und Frieden, der Schutz unserer Lebens-

interessen und derer unserer Verbündeter mit dem niedrig möglichsten Risiko eines Atomkrieges, ja überhaupt eines Krieges.
Was ist unsere Hoffnung? Daß mit der Zeit unsere Entschlossenheit,
der Sowjetunion jeden bedeutsamen, ausnutzbaren militärischen Vorteil gegenüber unseren Lebensinteressen zu verwehren, sie dazu bewegen wird,
sich attraktivere alternative Anwendungsmöglichkeiten ihrer Ressourcen
und ihrer Energien zu überlegen. Wir machen uns keine Illusionen, daß
die sowjetische Führung etwa durch unsere Worte oder durch irgendwelche
kurzfristigen Demonstrationen unserer Verpflichtung überzeugt werden
könnte. Aber wir sind der Überzeugung, daß wir mit der Zeit, wenn wir
unsere feste langfristige Entschlossenheit, eine nachhaltige und wirksame
Abschreckung aufrechtzuerhalten, an den Tag legen und einsetzen, nicht
nur den Frieden erhalten, sondern auch die Sowjetunion zu einem friedlichen Wettbewerb bewegen können. Zu einem friedlichen Wettbewerb der Ideen, in dem wir die Möglichkeit haben, dem sowjetischen Volk die Verbesserung der Lebensqualität unserer Bürger und die Vorzüge unserer Freiheit
und unserer Werte zu zeigen, würden wir sie begrüßen. Aufgrund der erheblichen inneren, wirtschaftlichen und landwirtschaftlichen Probleme,
vor denen die Sowjetunion heute steht, sind wir überzeugt, daß Generalsekretär Gorbatschow keine klügere Entscheidung treffen könnte, als die
Tatsache zu akzeptieren, daß wir keine militärische Bedrohung für ihn
darstellen und daß er seine Priorität von der Suche nach sowjetischen militärischen Vorteilen jetzt zu einem friedlichen Wettbewerb verlagern
kann.

* * * * *

�16. Oktober 1985

16

DATENSPEICHER ANTARKTIS
- US-Projekte der Forschungssaison 1985/86 -

- (AD) - Von Vulkanismus im Gebiet des Ross-Eisschelfs bis zur Dichte
von Kolonien einzelliger Algen reichen die amerikanischen Forschungsprojekte während des Australsommers 1985/86 in der Antarktis.

Seit 30 Jah-

ren kommen Wissenschaftler von zahlreichen Universitäten der Vereinigten
Staaten für die Monate November bis Februar - manche auch für längere
Zeit - zum "Weißen Kontinent".

Dank der Abgeschiedenheit dieser fernen

Region und ihres extrem kalten Klimas sind dort "Indikatoren" für Umweltbedingungen in vergangenen Erdzeitaltern nahezu unverfälscht konserviert.
So bietet die Antarktis ideale Möglichkeiten für Untersuchungen zu bestimmten Perioden der Erdgeschichte, dazu von physikalischen, chemischen
und biologischen Prozessen, die heute für die verschiedensten naturwissenschaftlichen Disziplinen von Bedeutung sind.

An den 87 von der "Na-

tionalen Wissenschaftsstiftung" (NSF) der USA für die diesjährige Saison
vorgesehenen Forschungsprojekten sind 320 amerikanische

Wissenschaftler

beteiligt.
Allein 60 Forscher

Postfach 20 03 00 Tel.: 0228-339 2035
D 5300 Bonn 2
Telex: 8-85432

�Allein 60 Forscher von 12 amerikanischen Universitäten, die meisten
von

ihnen

Geologen, werden

Transantarktik-Gebirge

sich auf das Beardmore-Gletschergebiet

zwischen

McMurdo-Sund

und

Südpol

im

konzentrieren.

Mit ca. 160 km Länge und bis zu 50 km Breite ist dieser Gletscher einer
der vielen Eisströme, die Eismassen von der mächtigen ostantarktischen
Platte zum Ross-Eisschelf transportieren.

Da das Beardmore-Gebiet aber

auch weite eisfreie Flächen mit gut erhaltenen Gletscherablagerungen aufweist und überdies relativ nahe zur Mitte des Kontinents liegt, ist es
ein interessantes Naturlaboratorium zur Überprüfung der sich zum Teil erheblich widersprechenden Hypothesen über das Verhalten des antarktischen
Eispanzers :.m Verlauf der Eiszeitalter auf unserer Erde.

Wie in den vergangenen Jahren arbeiten die Wissenschaftler aus den
Vereinigten Staaten nicht nur auf den amerikanischen Antarktis-Stationen
urd Forschungsschiffen, sondern pflegen auch enge Kontakte zu Kollegen
aus Großbritannien, Frankreich, Kanada, Japan, Neuseeland, Polen und der
Sowjetunion.

Manche Projekte werden gemeinsam mit Wissenschaftlern aus

diesen Ländern durchgeführt.

Leiter der Expedition in der Beardmore-Region ist Prof. David Elliot,
Geologe von der Staatsuniversität Ohio.

Er hatte im Jahr 1967 zusammen

mit drei Kollegen zum ersten Mal ein Wirbeltier-Fossil in der Antarktis
entdeckt.

Es handelte sich um einen Kieferknochen von einem "Labyrintho-

dont", einer Amphibienart.

Diese Panzerlurche, seit Millionen

ausgestorben, gelten als die ältesten vierfüßigen Wirbeltiere.

Jahren
Sie er-

reichten Größen von der eines Salamanders bis zu jenen von Alligatoren.
Vor etwa 350 bis 200 Millionen Jahren waren sie weit verbreitet.
Fundstelle Lag ca. 520 km vom Südpol entfernt.

Die

In den kommenden Monaten

wird man in Beardmore-Gebiet nach weiteren Überresten von Wirbeltieren
aus der Zeit vor 280 bis 210 Millionen Jahren suchen.

Eine kleine Gruppe von Geologen befaßt sich mit der Herkunft der Ablagerungen, die die Gletscher auf den Gipfeln des transantarktischen Gebirges vor mehr als drei Millionen Jahren zurückließen.

Diese Studien

konnten helfen, eine Erklärung dafür zu finden, weshalb solche Ablagerun- 2 -

�solche Ablagerungen, die in Höhenbereichen von mehr als 3000 m über dem
Meeresspiegel gefunden werden, marine Mikrofossilien enthalten.

"Das An-

wachsen und die Veränderungen der antarktischen Eisplatten, wie wir sie
heute kennen, dürfte vor mehr als 30 Millionen Jahren begonnen haben",
meinte Prof. Elliot.

Vom Zeitpunkt und der Größenordnung der Veränderun-

gen wisse man sehr wenig.

Vielleicht bringen die Untersuchungen in der

bevorstehenden Saison mehr Licht ins Dunkel der Vergangenheit.
taniker interessieren sich für fossile Ablagerungen in Torf.

Paläobo-

Sie suchen

nach pflanzlichen Überresten, die mit Kieselsäure durchsetzt sind.

Durch

die Kieselsäure blieben die Strukturen gut erhalten, obgleich die Pflanzen schon vor 250 Millionen Jahren gelebt haben können.

Natürlich spielen auch Meteoritenfunde wieder eine wichtige Rolle.
Denn die Beten aus fernen kosmischen Welten sind, sofern sie in der Antarktis auf die Erde stürzten, seitdem praktisch unverändert.
sind

sie

frei von organischen

Vor allem

"Verunreinigungen" irdischen Ursprungs.

Sie helfen nicht nur, mehr Informationen über Herkunft und Entwicklung
von Planeten und ihren Monden, sondern auch Hinweise auf den Ausgangsort
der Meteoriten sowie über die Stärke der kosmischen Strahlung in grauer
Vorzeit zu vermitteln.

Reges Leben am Rand der Eismassen
Viele zufällige Beobachtungen und die Ergebnisse einiger Meßprojekte
ließen darauf schließen, daß die Grenzzone zwischen Eismassen und Meer
- und das gilt für fast alle Randmeere der Antarktis - mehr pflanzliche
und tierische Lebewesen und eine höhere biologische Aktivität aufweist
als offenes Meer oder Packeis allein.

Es wird vermutet, daß die Randzone

ein wichtiges Nahrungsgebiet für Seevögel und Säugetiere, insbesondere
Robben, darstellt.

Auf einer Expedition im Nordteil des Weddell-Meeres

in November und Dezember 1983 waren dichte Felder blühender Algen und
auffallend viele wirbellose Tiere, die dort Nahrung suchten, bemerkt worden .
Diesem Phänomen

�Diesem Phänomen will man jetzt mit einem speziellen Forschungsprojekt
("Antarctic Marine Ecosystem Research at the Ice Edge Zone" - AMERIEZ)
auf den Grund gehen.

Erkundungen des marinen Ökosystems im Grenzgebiet

der Eisfelder unternehmen 12 Forscher unter der Leitung von Dr. Cornelius
Sullivan (Universität Südkalifornien) an Bord des Forschungsschiffes MELVILLE und des Eisbrechers GLACIER.

Zur Zeit seiner größten Ausdehnung,

bei Frühlungsbeginn In der Antarktis, umfaßt das der Randzone zugerechnete Packeis rund um den Kontinent eine Fläche von 18 bis 20,7 Millionen
Quadratkilometern - weit mehr, als die 14,2 Millionen Quadratkilometer
des antarktischen Kontinents ausmachen.

Die Beobachtungen schließen ne-

ben biologischen Studien auch eine Vielzahl physikalischer und chemischer
Untersuchungen zur Aufklärung der Bedingungen ein, die die hohe biologische Aktivität in der Eisrandzone aufrechterhalten.

Mit Kaltwasser-Taucherausrüstungen
Scripps-Meeresforschungsinstitut

begeben sich Wissenschaftler vom

(La Jolla, Kalifornien) bei der Ross-

meer-Insel unter die 10 m dicke Eisdecke, um in ca. 30 m Wassertiefe einzellige tierische Bodenbewohner

("Rhizopoden") zu studieren.

Obgleich

diese Tierchen vom Typ "Foraminifera" überaus häufig sind, weiß man über
ihren Platz innerhalb der Nahrungskette, ihre Bedeutung beim Energietransfer und ihre Wirkung auf andere Organismen so gut wie nichts.

So

konzentrieren sich die Untersuchungen u.a. auf die Nahrung der RhizopodKolonien, von denen es vom Flachwasser bis hin zu großen Meerestiefen
ganz spezielle Arten gibt.

Außerdem will man mehr über ihre Populations-

dichte und Biomasse sowie über ihren Nahrungswert für andere Tiere herausfinden.

Eine andere Spezies, nämlich die einzelligen Kieselalgen (Diatomeen),
sind heute wichtige Indikatoren in der Meeresforschung.

Untersuchungen

im Rossmeer und Weddell-Meer ließen nämlich vermuten, daß aufgrund von
veränderten Massen oder der Gruppierung von Massen in Sedimentschichten
auf physikalische Veränderungen im Meer selbst (d.h. Temperatur und Dichte bzw. Salzgehalt) Rückschlüsse gezogen werden können.

Neue Studien im

Weddellund Rossmeer sollen helfen, diese Hypothese zu erhärten und so ein
neues "Instrument" zur Erforschung prähistorischer Meere und der Ozeane

�der Ozeane unserer Zeit sowie des Einflusses jeweiliger Umweltbedingungen
zu schaffen.

Mit Klimaveränderungen und der Vergletscherung während der letzten
2000 Jahre in der Antarktis befassen sich Geophysiker von der Staatsuniversität Ohio.

"Leitmaterial" dazu liefern Bohrkerne aus Gletschereis,

die ähnlich wie Baumringe und Sedimente in Seen vieles über Klimaschwankungen aussagen können.

Bisher durchgeführte Analysen von Bohrkernen bis

aus 500 m Eistiefe zeigten, daß von Eiszeiten und Zwischeneiszeiten wohl
stets der ganze Erdball betroffen wird.

Systematisch werden Eisborhkerne

bis aus 500 m und 100 m Tiefe entnommen.

Nach Meinung mancher Geophysi-

ker könnten die Analysen der "flachen" Bohrkerne sogar wichtige Hinweise
geben, um künftige Klimaentwicklungen vorhersagen zu können.

Mit den Da-

ten aus de:: Antarktis werden entsprechende Daten aus Südamerika, Grönland, Alaska und China zur genaueren Erforschung der Klimaschwankungen in
den letzten zwei Jahrtausenden verglichen.

Magnetfeldund Schwerkraftmes-

sungen am Untergrund der Eismassen, dazu Radarmessungen des Eispanzers
und der Grenzzone zum Untergrund vervollständigen das Bild.

Mit

der Hypothese, daß von winzigen pflanzlichen

Meeresorganismen

(z.B. Phytoplankton) produzierte Schwefelgase eine wichtige Quelle für
Sulfataerosole über der Antarktis seien, befassen sich drei Forscher von
der Universität Virginia.

Schwefel in der Form von Sulfaten macht 80 bis

90 Prozent der Aerosole in der Luft über der Antarktis aus.

Aber dafür

können die Verwitterung der Erdkruste, Meeressalze, die Oxydation von atmosphärischen

Bestandteilen, stratosphärische

Aerosole

nur zu 65 Prozent verantwortlich gemacht werden.

und

Vulkanismus

Die restlichen 35 Pro-

zent dürften aus biologischen Quellen stammen - absolute Beweise gibt es
dafür aber noch nicht.

Vielleicht helfen nun die Forschungen

in den

Randmeeren der Antarktis weiter.

In einem Gemeinschaftsprojekt mit französischen Wissenschaftlern unternehmen Geophysiker von der Universität Alaska Messungen an den Fallwinden aus dem Innern des antarktischen Kontinents, die großen Einfluß
auf das Klima der Antarktis und die Ausdehnung des Packeises in den Rand-

�den Randzonen haben.

Sie werden durch stark abgekühlte, dichte Luft ver-

ursacht, die eher durch Schwerkraft denn durch Temperaturunterschiede
oder RotationsVorgänge vom hohen Eispanzer abströmt.

Es sind starke und

stetige Windströmungen, deren Geschwindigkeit dem topographischen Gefälle
entspricht.

Sie wehen immer über großen Eismassen - aber in der Antark-

tis mit ihrem 3000 m dicken Eispanzer am Südpol treten sie besonders heftig auf.

Mit automatischen Wetterstationen, Drachen- und Ballonsonden

will man sowohl an der Küste als auch 1000 km weit im Inland jahreszeitlichen Schwankungen bei den Fallwinden und dem Einfluß von Drucksystemen
auf sie auf die Spur kommen.

Heißer Lavasee

Auf der Rossinsel, am Rande des Ross-Eisschelfs, erhebt sich der mehr
als 4000 m hohe Vulkan Mount Erebus.

Er ist noch immer aktiv.

Was ihn

besonders auszeichnet - er enthält den einzigen ständigen Lavasee der Erde, der der Forschung zugänglich ist. Mit der Auswertung seismischer Daten wollen Geologen der Universität Alaska versuchen, die Geometrie und
das

eruptive

Verhalten

des darunterliegenden

Magmas

(aufgeschmolzenes

Tiefengestein) zu erkunden, das den Lavasee des Mount Erebus speist.
Auch die allgemeine Erdbebentätigkeit in der Rossinsel-Region soll beobachtet werden.

Seit 1980 unterhalten Neuseeland und Japan ein umfassendes Netz seismologischer Meßstationen in diesem Gebiet.

Es dient der exakten Lokali-

sierung von Mikrobeben, um aktive Gebiete der Vulkane auf der Rossinsel
definieren zu können.

Auch erlaubt es die Beobachtung der Freisetzung

und der Schwankungen seismischer Energie über lange Zeiträume.
see des Mount Erebus wurde im Jahr 1972 entdeckt.
genden vier Jahre nahm seine Größe ständig zu.
relativ stabil geblieben.

* * * * *

Der Lava-

Während der darauffolSeit 1976 jedoch ist er

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        <description>The Dublin Core metadata element set is common to all Omeka records, including items, files, and collections. For more information see, http://dublincore.org/documents/dces/.</description>
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                <text>Herausgeben U.S. Information &lt;br /&gt;Service Embassy of the United States of America</text>
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                <text>Amerikadienst 16.10.1985</text>
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                <text>&lt;strong&gt;1. Dokumentation&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;USA wünschen friedlichen Wettstreit mit der Sowjetunion&lt;br /&gt;&lt;em&gt;- US-Verteidigungsminister Weinberger vor dem National Press Club -&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Wissenschaft und Technik&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Datenspeicher Antarktis&lt;br /&gt;&lt;em&gt;- US-Projekte der Forschungssaison 1985/86 -&amp;nbsp;&lt;/em&gt;</text>
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