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                    <text>AMERIKA DIENST
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^

&lt;&amp;

27. September 1989

36

I N H A L T

DOKUMENTATION
Bush signalisiert Bereitschaft zur Zerstörung chemischer Waffen
- Ansprache des Präsidenten vor den Vereinten Nationen Mosbacher;

"Beachtlicher Wandel" in Polen

- Rede des amerikanischen Handelsministers HINTERGRUND
Regionale Fragen in den amerikanisch-sowjetischen Beziehungen
- Eine Übersicht des US-Außenministeriums Rüstungskontrolle in den amerikanisch-sowjetischen Beziehungen
- Eine Übersicht des US-Außenministeriums Das amerikanisch-sowjetische Memorandum of Understanding über
chemische Waffen
- Eine Übersicht des US-Außenministeriums START; Eine Rahmenvereinbarung zu Verifizierung und Stabilität
- Eine Übersicht des US-Außenministeriums ' Stand der Rüstungskontrollverhandlungen
/ - Wöchentliche Übersicht Umweltinitiativen der Bush-Administration
- Eine Übersicht des Weißen Hauses -

* * * * *

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Tel.: 0228-339 2035
Telex: 8-85432

�AMERIKA DIENST
Dokumentation
27. September 1989

36

BUSH SIGNALISIERT BEREITSCHAFT ZUR ZERSTÖRUNG CHEMISCHER WAFFEN
- Ansprache des Präsidenten vor den Vereinten Nationen VEREINTE NATIONEN - (AD) - Präsident Bush gab am 25. September 1989 in
einer Rede vor der Vollversammlung der Vereinten Nationen ein Drei-Punkte-Programm bekannt, um "die Welt von diesen wahrhaft furchtbaren" Chemiewaffen zu
befreien, wenn auch die Sowjetunion sich daran beteiligt. Bushs Plan zufolge
sind die Vereinigten Staaten bereit, innerhalb von acht Jahren 98 Prozent ihres Bestands an chemischen Waffen zu zerstören und sie innerhalb von zehn Jahren lOOprozentig zu vernichten, wenn alle Länder mit der Fähigkeit zur Hersteilung chemischer Waffen den Vertrag über ein vollständiges Verbot unterzeichnen.
Bush bekundete darüber hinaus, er sei "sehr zufrieden" mit den Fortschritten in den Gesprächen über die Reduzierung konventioneller und strategischer
Waffen zwischen Außenminister Baker und seinem sowjetischen Amtskollegen
Schewardnadse in Jackson Hole (Wyoming).
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede des Präsidenten im Wortlaut.
Herr Präsident, Herr Generalsekretär, verehrte Delegierte der Vereinten Nationen: es ist mir eine Ehre, heute bei der Eröffnung der 44.
Sitzung der Vollversammlung zu Ihnen
sprechen zu dürfen.
Ich möchte zunächst dem ehrenwerten nigerianischen Diplomaten Joseph
Garba £u seiner Wahl zum Präsidenten
dieser Sitzung der Vollversammlung
gratulieren und ihm eine erfolgreiche
Präsidentschaft wünschen.
Ich persönlich freue mich auch
über diese Gelegenheit. Für mich ist
es eine Heimkehr. Die Erinnerungen
an meine Zeit hier in den Jahren 1971
und 1972 sind immer noch lebendig die Augenblicke der Menschlichkeit
und des Humors, die auch bei Unter-

nehmungen an höchster Stelle stattfinden.
Dazu möchte ich Ihnen eine Geschichte erzählen - aus einer der
zahlreichen
Sitzungen des Sicherheitsrats.
Ich kam 45 Minuten zu
spät zu der Versammlung, und die ganzen 45 Minuten wurden vom ersten Redner bestritten.
Als ich hereinkam
und meinen Platz einnahm, machte der
Redner eine kurze Pause und sagte
sehr höflich: "Ich begrüße den Ständigen Vertreter der Vereinigten Staaten und werde jetzt ihm zuliebe meine
Rede noch mal von vorn halten." In
diesem Augenblick gab es keine Gegensätze zwischen Bündnissen oder Ideologien mehr. Das am ganzen Tisch von allen Mitgliedern - vernehmbare
Aufstöhnen und das anschließende Ge-

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�lächter einte uns alle.
Heute möchte ich beginnen, indem
ich die gegenwärtigen Ständigen Vertreter würdige, mit denen ich zusammengearbeitet habe: Roberto Martinez-Ordonez, Blaise Rabetafika und
der Ständige Beobachter John Dube.

Kämpfer für den Frieden erinnern. An
einen Amerikaner, der an einer Friedensmission der Vereinten Nationen
und damit an einer Mission zum Wohl
der Welt teilgenommen hat. An einen
zweifellos tapferen Mann mit unbeirrbarem Engagement für das Ideal der
Vereinten Nationen:
Oberstleutnant
William Richard Higgins.

Es ist wunderbar, wenn man sich
umsieht und soviele bekannte Gesichter erblickt - Außenminister, Mitarbeiter des Sekretariats, Delegierte.
Und natürlich Sie, Herr Generalsekretär, der Sie Ständiger Vertreter Ihres Landes waren, und Sie Herr Stellvertretender
Generalsekretär
Abby
Farah, als damaliger Ständiger Vertreter. Ich freue mich, heute zusammen mit Ihnen an dieser historischen
Stätte zu weilen.

Ich fordere die Vollversammlung
auf, den Mord an diesem Soldaten des
Friedens zu verurteilen und bitte die
Verantwortlichen, der Familie seine
sterblichen Überreste, zu übergeben.
Und ich möchte, daß wir uns hier und
jetzt erneut auf die Sache verpflichten, der Oberst Higgins so selbstlos
gedient hat.

Die Vereinten Nationen wurden vor
41 Jahren auf den Trümmern des Krieges errichtet, und ihre Gründung wurde von großen Hoffnungen begleitet.
Und die Vereinten Nationen können
Großes vollbringen. Dabei sind sie
keineswegs unfehlbar.
Sie liefern
kein Allheilmittel für die Probleme
der Welt. Aber sie sind ein ungemein
wichtiges Forum, indem die Nationen
der Welt Konflikte durch Konsens zu
ersetzen suchen, und sie müssen ein
Forum für den Frieden bleiben.
Die Vereinten Nationen nähern
sich diesem Idealbild immer mehr an.
Und sie verfügen über die Zustimmung
der Vereinigten Staaten von Amerika.
In den letzten Jahren - und ganz sicherlich seit meiner Zeit hier - haben die von diesen Wänden widerhallenden Wortgefechte oftmals eine neue
Denkrichtung eingeleitet. Wir haben
eine begrüßenswerte Verlagerung - von
Fehden zu versöhnlichen Worten - beobachten können.
Die
UN-Friedenstruppen
haben
jetzt ihren Dienst aufgenommen, und
in all den Jahren haben mehr als 700
ihrer Mitglieder ihr Leben im Dienst
der
Vereinten
Nationen
gelassen.
Heute möchte ich an einen dieser

Die Gründer dieser historischen
Institution wollten, daß die Nationen
der Welt sich hier zusammenfinden, um
sich darauf zu einigen, daß das Gesetz und nicht die Gewalt regieren
sollte. Und die Vereinten Nationen
können bei den wichtigen Problemen
unserer Zeit eine entscheidende Rolle
spielen.
Denn heute gibt es eine
Idee, die die Welt beherrscht - eine
Idee von unbestreitbarer Macht. Und
diese Idee heißt: Freiheit.
Der Vormarsch der Freiheit läßt
sich überall beobachten. In Mitteleuropa in Ungarn - wo sich Staat und
Gesellschaft nunmehr inmitten einer
Bewegung zu politischem Pluralismus
und freier Marktwirtschaft befinden.
Wo die Zäune, die einmal eine unnatürliche Trennung zwischen Ungarn und
seinen Nachbarn im Westen bewirkten,
jetzt niedergerissen - und durch »neue
Hoffnungen für die Zukunft ersetzt
wurden - neue Hoffnungen auf Freiheit.
Wir beobachten die Verwirklichung
der Freiheit in Polen - wo die kommunistische Partei unter Respektierung des Volkswillens ihr Machtmonopol aufgegeben hat und auch in der
Sowjetunion, wo die Welt die Stimmen
der Menschen vernimmt, die keine
Angst mehr haben, ihre Meinung zu äußern oder auf dem Recht auf Selbstbe-

�Stimmung zu bestehen.
Aber der Vormarsch der Freiheit
bleibt nicht auf einen einzelnen Kontinent oder die Industrieländer beschränkt.
Wir beobachten auch größere Freiheit in Lateinamerika, wo die Diktaturen langsam zugunsten von Demokratien verschwinden.
Wir beobachten dasselbe auf dem
afrikanischen Kontinent, wo mehr und
mehr Länder in freiem Unternehmertum
die Rettung für ihre durch übermäßige
staatliche
Kontrolle
behinderten
Volkswirtschaften erblicken.
Ost und West, Nord und Süd: Auf
jedem Kontinent, an jedem Horizont
erkennen wir den Silberstreif einer
neuen Welt der Freiheit.
Natürlich ist das Werk der Freiheit noch unvollendet. Die Tendenzen, die wir wahrnehmen, finden nicht
überall statt. Einige Regime stellen
sich immer noch den Gezeiten entgegen. Manche der Regierenden verweigern den Menschen immer noch das
Recht, sich selbst zu regieren. Aber
jetzt wird die Macht der Befangenheit
und Tyrannei herausgefordert.
Niemals zuvor haben diese Regime so isoliert und allein dagestanden, so weit
vom stetigen Vormarsch der Freiheit
entfernt.
Heute werden wir Zeuge eines Zusammenbruchs von Ideologien, dem Untergang der totalitaristischen Idee
des allmächtigen Staates.

die Bill of Rights und damit Grundfreiheiten für jeden einzelnen vorgeschlagen. Rechte, die keine Regierung
verweigern
kann.
Dieselben
Rechte sind von dieser Versammlung
der Nationen mit dem Text der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte
anerkannt worden, und sie stellen eine Maxime für alle Menschen und alle
Nationen dar.
Von unserem Standpunkt aus gesehen, von der Schwelle dieser neuen
Welt der Freiheit, läßt sich diese
Tendenz eindeutig ausmachen.
Wenn
diejenigen, die unsere heutige Geschichte schreiben, das 20. Jahrhundert als Zeitalter des Staates bezeichnen, muß das 21. Jahrhundert ein
Zeitalter der Emanzipation des Individuums sein.
Damit kein falscher Eindruck entsteht: Nichts kann dem Vormarsch der
Freiheit im Weg stehen. Es wird ein
Tag kommen, wo Freiheit auf der ganzen Welt als allgemein verbrieftes
Recht - jeder Rasse und jedes Lebensbereichs - betrachtet wird. Auch unter den schlimmsten Umständen, in den
schwierigsten Zeiten ist Freiheit immer lebendig geblieben - als ferner
Traum vielleicht, aber immer noch lebendig.
Heute ist dies nicht mehr nur ein
ferner Traum. Zum ersten Mal ist für
Millionen Menschen auf der ganzen
Welt eine neue Welt der Freiheit in
Reichweite. Jetzt ist die Zeit reif
für die Freiheit.

Für diesen Zusammenbruch gibt es
zahlreiche Gründe. Aber am Ende läßt
sich das, was wir heute wahrnehmen,
in einem Satz erklären: Für die Anhänger der Idee des Totalitarismus
war deren Triumph ein Gesetz der Geschichte. Sie haben jedoch nicht die
Liebe zur Freiheit beachtet, die in
die Herzen der Menschen geschrieben
ist.

Wie Sie sehen, besteht nunmehr
die Möglichkeit zur Schaffung einer
echten Staatengemeinschaft, die sich
auf gemeinsame Interessen und Ideale
gründet.
Eine echte Gemeinschaft,
eine Welt, in der freie Regierungen
und
freie
Marktwirtschaften
dem
Wunsch der Menschen nach Gestaltung
ihres eigenen Schicksals entgegenkommen: nach einem Leben in Würde und
freier Ausübung ihrer grundlegenden
Menschenrechte.

Vor zweihundert Jahren haben die
Vereingten Staaten - unser Kongreß -

Es ist an der Zeit, daß wir zusammenarbeiten, um dieses Schicksal

- 3 -

�in die Hände aller Menschen zu legen.
Wir stehen vor der Herausforderung, die Grundfesten der Freiheit zu
stärken, ihren Vormarsch zu fördern
und uns unseren vordringlichsten Herausforderungen zu stellen. Den globalen Herausforderungen des 21. Jahrhunderts: wirtschaftliches Wohlergehen, gesunde Umwelt und die großen
Fragen von Krieg und Frieden.
Zunächst zum Wachstum der Weltwirtschaft. In diesem Jahrzehnt sind
eine Reihe von Entwicklungsländern in
die Reihen der fortschrittlichsten
Volkswirtschaften aufgestiegen, und
jedes von ihnen hat es auf der Basis
freien Unternehmertums geschafft.
In den kommenden zehn Jahren können andere dazukommen.
Aber viele
Länder sehen sich Hindernissen gegenüber. Im Falle einiger Länder sind
es selbsterrichtete Hindernisse: unnötige Einschränkungen und Vorschriften, die sich als Hemmschuh für ihre
eigenen Volkswirtschaften und als
Hindernisse für den Außenhandel erweisen.
Aber es gibt noch andere Hindernisse für den Wandel, die auch nach
Taten verlangen. Allzuviele Entwicklungsländer kämpfen heute mit der
Last ihrer Schulden, die ein Wachstum
nahezu unmöglich macht. Die Länder
der Welt verdienen bessere Möglichkeiten, um die Kontrolle über ihr eigenes wirtschaftliches Schicksal zu
erlangen und ihren Bewohnern ein besseres Leben zu schaffen.
Der von den Vereinigten Staaten
mit dem Brady-Plan unterbreitete Vorschlag wird diesen Länder beim Abbau
ihrer Schuldenlast helfen und gleichzeitig Reformen für eine freie Marktwirtschaft fördern, mit denen Wachstum in Gang gesetzt werden kann.
In zwei Tagen werde ich eine Rede
beim
Internationalen
Währungsfonds
und der Weltbank halten. Ich werde
dabei eingehender auf die Maßnahmen
eingehen, die unsere Länder zur Lö-

sung des Schuldenproblems ergreifen
können.
Aber jetzt kann ich dazu
schon sagen, daß die neue Welt der
Freiheit keine Welt ist, in der einige Länder in Wohlstand leben und andere bedürftig sind.
Die Macht des Handels treibt den
Fortschritt
voran.
Offene Märkte
sind der Schlüssel für anhaltendes
Wachstum in den Entwicklungsländern.
Heute erwerben die Vereinigten Staaten über die Hälfte der verarbeiteten
Exportgüter, die alle Entwicklungsländer zusammen an die Industrieländer verkaufen. Es ist an der Zeit,
daß andere wohlhabende Länder es uns
gleichtun, um mehr Möglichkeiten im
Handel zu schaffen.
Meiner Ansicht nach werden wir im
kommenden Jahrhundert
lernen, daß
viele Länder der Welt ihr volles Entwicklungspotential kaum ausgeschöpft
haben. Freie Marktwirtschaft und ihre Früchte sind nicht nur einigen wenigen vorbehalten, sondern alle sollten davon profitieren.
über
die
Herausforderung
des
weltweiten Wachstums hinaus gibt es
noch eine andere Frage von globaler
Bedeutung:
die Umwelt.
Keine auf
einer Landkarte eingezeichnete Grenze
kann die fortschreitende Verschmutzung der Umwelt aufhalten. Bedrohungen für die Umwelt sind zu einem
weltweiten Problem geworden.
Wir
müssen einen internationalen Ansatz
finden, um der Umweltproblematik größere Dringlichkeit zu verleihen und
gemeinsam nach Lösungen für gemeinsame Probleme suchen.
Die Vereinten Nationen arbeiten
bereits daran. Am Problem der Erwärmung der Erde. Und es gibt Bestrebungen, um Öl- und andere Katastrophen zu verhindern, die unsere Meere
und die Luft, die wir atmen, verschmutzen.
Und dazu möchte ich Ihnen jetzt
sagen: Die Vereinigten Staaten werden ihren Teil dazu beitragen. Wir
haben uns zur weltweiten Abschaffung

- 4 -

�aller
Fluorchlorkohlenwasserstoffe
bis zum Jahr 2000 verpflichtet. Wir
haben Zusätze zu unserem Gesetz über
die Luftreinhaltung vorgeschlagen, um
innerhalb nur einer Generation saubere Luft für all unsere Bürger sicherzustellen. Wir haben den Import von
Elfenbein verboten, um Elefanten und
Nashörner vor den Wilderern zu schützen, die sie des Profits wegen ausrotten.
Und wir haben begonnen, gemeinsam
mit anderen Ländern Maßnahmen zu erarbeiten - mit den wichtigsten Industrieländern, Polen und Ungarn, um
den Umweltschutz zu einer gemeinsamen
Sache zu machen. Die Umwelt gehört
uns allen. In unserer neuen Welt der
Freiheit müssen alle Menschen der
Welt diese gemeinsame Zuversicht in
allen folgenden Generationen hegen
dürfen.
Das Wachstum der Weltwirtschaft,
die Erhaltung unseres Planeten - beides sind entscheidende Fragen. Wie
immer jedoch müssen Fragen von Krieg
und Frieden für die Vereinten Nationen übergeordnete Bedeutung haben.
Wir müssen uns bemühen, Massenvernichtungswaffen zu begrenzen - und
zu beseitigen. Vor fünf Jahren habe
ich der Abrüstungskonferenz der Vereinten Nationen in Genf einen amerikanischen Vertragsentwurf zum Verbot
chemischer Waffen vorgelegt. Seither
wurden Fortschritte erzielt, aber die
Zeit
wird
knapp.
Die Bedrohung
wächst.
Über 20 Staaten besitzen
heute chemische Waffen oder die Fähigkeit, sie herzustellen. Und diese
schrecklichen Waffen werden heute in
regionalen
Konflikten
eingesetzt.
Das ist unannehmbar.
Um der Menschheit willen müssen
wir diese Bedrohung aufhalten und abbauen. Ich möchte heute Schritte ankündigen, die die Vereinigten Staaten
zu unternehmen bereit sind, Schritte,
um die Welt von diesen wahrhaft
furchtbaren Waffen zu befreien, zu
einem Vertrag, der innerhalb von 10
Jahren nach seiner Unterzeichnung al-

le chemischen Waffen auf der ganzen
Welt verbieten und beseitigen wird.
Diese Initiative
wichtige Elemente:

enthält

drei

Erstens
sind
die
Vereinigten
Staaten bereit, in den ersten acht
Jahren nach Abschluß eines Vertrags
über chemische Waffen 98 Prozent ihres Bestands an chemischen Waffen zu
vernichten, wenn sich die Sowjetunion
dem Verbot anschließt. Ich bin überzeugt, daß sie dies tun wird.
Zweitens sind wir bereit, all unsere chemischen Waffen, 100 Prozent,
jede einzelne, innerhalb von 10 Jahren nach der Unterzeichnung eines
Vertrags über das vollständige Verbot
durch alle zur Herstellung dieser
Waffen befähigten Staaten zu zerstören.
Und drittens sind die Vereinigten
Staaten bereit, sofort zu beginnen.
Wir werden noch während der Arbeit an
einem Vertrag über 80 Prozent unserer
Bestände beseitigen, wenn sich die
Sowjetunion uns anschließt, die chemischen Waffen auf ein gleiches Niveau abbaut und wir uns auf Inspektionen einigen, um zu überprüfen, daß
diese Bestände zerstört werden.
Wir wissen, daß die Überwachung
eines vollständigen Verbots chemischer Waffen eine Herausforderung
darstellt. Aufgrund der Erkenntnisse, die wir mit unseren Erfahrungen
aus den jüngsten Rüstungskontrollabkommen gewonnen haben sowie aufgrund
unserer intensivierten Forschung in
diesem Bereich bin ich jedoch der
Übe rzeugung, daß wir einen Grad der
Verifizierung erreichen können, der
uns Vertrauen zum Abschluß eines solchen Verbots gibt.
Die Welt lebt schon zu lange im
Schatten
der chemischen Kriegführung. Lassen Sie uns ab heute gemeinsam handeln, um die Welt von dieser Geißel zu befreien.

- 5 -

Wir bemühen uns ebenso ernsthaft

�um die konventionelle Abrüstung. Aus
diesem Grund haben wir am vergangenen
Donnerstag, dem 21. September 1989,
bei den Wiener KSE-Verhandlungen neue
Vorschläge präsentiert - Vorschläge,
die unser Engagement unter Beweis
stellen, daß wir uns bemühen, sobald
wie möglich die militärischen Spannungen in Europa abzubauen und die
Völker dieses Kontinents ihrer gemeinsamen Bestimmung einen Schritt
näherzubringen:
einem
ungeteilten
und freien Europa.
Die Vereinigten Staaten sind davon überzeugt, daß offene und innovative Maßnahmen die Abrüstung fördern
und internationale Spannungen abbauen
können. Genau dieser Gedanke liegt
dem Vorschlag der 'offenen Himmel'
zugrunde, zu dessen Prüfung sich die
Sowjets nun bereiterklärt haben. Er
liegt dem Vorschlag der 'offenen Länder' zugrunde - der zum ersten Mal
die Reisefreiheit aller sowjetischen
und amerikanischen Diplomaten im jeweiligen Gastland vorsieht. Offenheit ist der Feind des Mißtrauens,
und jeder Schritt zu einer offeneren
Welt ist ein Schritt zu der neuen
Welt, wie wir sie anstreben.
Ich möchte noch kurz auf die
Treffen mit Außenminister Schewardnadse in den letzten Tagen eingehen.
Ich bin mit den erreichten Fortschritten sehr zufrieden.
Die Sowjetunion hat eine Reihe von Hindernissen für Fortschritte bei der Reduzierung konventioneller und strategischer Waffen aus dem Weg geräumt.
Wir haben Grundsatzvereinbarungen zu
Problemen von der Verifizierung bis
zu den Atomtests erzielt. Und wir
haben uns auf ein Gipfeltreffen im
Frühjahr oder Frühsommer des Jahrs
1990 verständigt.
Jedes dieser Ergebnisse ist für
sich allein schon bedeutend.
Sie
sind jedoch noch wichtiger als Zeichen der neuen Haltung, die zwischen
den Vereinigten Staaten und der UdSSR
vorherrscht.
Ernste
Meinungsverschiedenheiten bleiben bestehen, aber
die Bereitschaft, diese Meinungsver-

schiedenheiten konstruktiv und offen
zu behandeln, ist eine neue Tatsache,
die wir und die ganze Welt begrüßen
sollten.
Wir sind nicht in ein Zeitalter
ewigen Friedens eingetreten. Die Bedrohungen des Friedens, mit denen die
Staaten heute konfrontiert werden,
mögen sich verändern, aber sie sind
nicht
verschwunden.
Tatsächlich
tritt in einer Reihe von Regionen der
Welt ein brisantes Gemisch zutage:
Regime, die mit alten und unversöhnlichen Animositäten - und modernen
Massenvernichtungswaffen
ausgerüstet
sind.
Durch diese Entwicklung wird das
Risiko bei jedem möglichen Kriegsausbruch erhöht.
Regionale Konflikte
könnten den Weltfrieden in nie gekanntem Ausmaß bedrohen.
Die Bewahrung des Friedens ist
für uns alle hier in diesem Saal eine
persönliche
Herausforderung.
Die
Vereinten Nationen können ein Vermittler sein und ein Forum, das alle
miteinander
in Konflikt stehenden
Parteien auf der Suche nach friedlichen Lösungen zusammenführen kann.
Um des Friedens willen müssen die
Vereinten Nationen ihre Unterstützung
der gegenwärtig stattfindenden Friedensbemühungen
in
Konfliktgebieten
auf der ganzen Welt verdoppeln. Ich
versichere Ihnen:
Die Vereinigten
Staaten sind entschlossen, bei der
Beilegung regionaler Konflikte eine
aktive Rolle zu übernehmen. Bisweilen wird unsere Rolle bei regionalen
Streitigkeiten vollständig der Öffentlichkeit bekanntgegeben. In anderen Fällen arbeiten wir, wie viele
von Ihnen auch, ohne großes Aufsehen
- hinter den Kulissen. Immer jedoch
setzen wir uns für positive Veränderungen und dauerhaften Frieden ein.
Unsere Welt ist noch anderen, weniger geläufigen Bedrohungen ausgesetzt, die für Frieden und Stabilität
in der Welt jedoch nicht minder gefährlich sind. Drogen sind eine Be-

�drohung der Gesellschaftsordnung und
ein Quell menschlichen Leids, wo immer sie Fuß fassen. Die Länder, die
von dieser Geißel der Menschheit betroffen sind, müssen ihre Kräfte im
Kampf
dagegen
zusammenschließen.
Dies geschieht bereits. Ich möchte
insbesondere das Engagement und den
außergewöhnlichen Mut eines einzelnen
Landes hervorheben, nämlich Kolumbiens, in dem wir heute mit der Bevölkerung und ihrem Präsidenten, Virgilio Barco, zusammenarbeiten, um den
Drogenkartellen die Geschäftsgrundlage zu nehmen und die Drogenbarone ihrer gerechten Strafe zuzuführen.
Schließlich müssen wir unsere
Kräfte vereinen, um der Bedrohung des
Terrorismus entgegenzutreten.
Jedes
Land und die Vereinten Nationen müssen den Gesetzlosen der Welt eine
deutliche Botschaft zu übermitteln:
Geiselnahme und der Terror willkürlicher Gewalt werden von der Welt nicht
mit Zustimmung aufgenommen. Jegliche
Art von Terrorismus läuft allen Werten einer zivilisierten Welt zuwider. Täuschen Sie sich nicht: Terrorismus ist ein Mittel, das von keinem Zweck, sei er auch noch so gerecht, geheiligt wird.
Wie auch immer eine Herausforderung beschaffen sein mag, unsere Erfolgschancen werden durch Freiheit
erheblich verbessert. Die Stunde der
Freiheit ist eine Zeit der Hoffnung
für die ganze Welt. Denn, wenn sie
einmal in Bewegung gesetzt wurde,
entwickelt die Freiheit ihre eigene
Dynamik.
Am Tag meiner Amtseinführung habe
ich erklärt: 'Wir müssen nicht nächtelang die bessere Regierungsform erörtern. ' Wir wissen, daß eine frei
gewählte Regierung - Demokratie - am
besten ist.
Dies ist die schwer erkämpfte
Wahrheit unserer Zeit, die unanfechtbare Tatsache, die am Ende eines
Jahrhunderts harter Kämpfe und großen
menschlichen Leids Bestand hat. Dies
gilt nicht deshalb, weil all unsere

Meinungsverschiedenheiten
der Demokratie weichen müssen, sondern weil
die Demokratie all unseren Meinungsverschiedenheiten Raum gibt. In der
Demokratie findet die Vielfalt ihr
gemeinsames Haus.
Der Kern des demokratischen Ideals ist die Achtung - der Freiheit
des Glaubens, der Gedanken- und Handlungsfreiheit in all ihrer Vielfalt,
der Menschenrechte. Die Welt hat genug Ideologien erlebt, die versprachen, den Menschen in einer neuen,
besseren Form noch einmal zu erschaffen. Wir haben die kolossalen Tragödien und zerstörten Hoffnungen erlebt. Wir wissen jetzt, daß Freiheit
unbd Demokratie die Antworten sind.
Was die Menschen und Staaten möchten,
ist die Freiheit, nach ihrem eigenen
Willen zu leben und die Chance, in
Wohlstand und Frieden zu leben.
Zu Beginn meiner heutigen Rede
sprach ich über die Erhaltung des
Friedens.
Ich möchte mich nun der
Schaffung von Frieden widmen.
Wir
müssen denjenigen Menschen den Frieden bringen, die seine Wohltaten noch
nie erfahren konnten.
In meinem Amtszimmer im Weißen
Haus hängt ein Gemälde.
Es zeigt
Präsident Lincoln und seine Generäle
gegen Ende des blutigsten Krieges in
der Geschichte der Vereinigten Staaten. Draußen tobt zu jener Zeit eine
Schlacht. In der Ferne sehen wir jedoch einen Regenbogen, Symbol der
Hoffnung. Das Gemälde trägt den Titel "Die Friedensstifter". Für mich
bedeutet es eine dauernde Mahnung,
daß unser Kampf, der Kampf für den
Frieden, ein von der Hoffnung gesegneter Kampf ist.
Ich erinnere mich an die Zeit,
als ich selbst in diesem Saal saß.
Ich erinnere mich an den Respekt, den
wir, die wir stolz als Delegierte
hier anwesend waren, einander entgegenbrachten.
Ich erinnere mich der
fast endlosen Reden, der Sitzungen
des Sicherheitsrats.
Der Empfänge
und Defllees. Der formellen Treffen

- 7 -

�dieser Versammlung und der informellen Diskussionen in der DelegiertenLobby.
Ich erinnere mich auch noch an
andere Dinge, die über die Hektik und
die manchmal frustrierenden Erfahrungen des Alltags hier hinausgehen: An
den Herzschlag der Vereinten Nationen, die stille Überzeugung, daß wir
die Welt zu einem friedlicheren, einem freieren Ort machen könnten.
Was wir damals anstrebten, ist
nun in greifbare Nähe gerückt. Ich
frage jeden von Ihnen in diesem
Saal: Können wir den Vereinten Nationen nicht ein einheitliches Ziel
geben? Können wir nicht diese neue
Welt der Freiheit zu dem von uns angestrebten gemeinsamen Schicksal machen?
Ich glaube, daß wir es können.
Ich weiß, daß wir es müssen.
Mein feierlicher Wunsch ist heute, daß hier in den Vereinten Nationen dieser Geist Wurzeln schlägt und
daß alle Menschen und alle Staaten
die Stunde der Freiheit zu ihrer eigenen machen.
Ich danke Ihnen, Gott schütze Sie
und die Arbeit der Vereinten Nationen.

* * * * *

- 8-

�AMERIKA DIENST
Dokumentation

VoN^

36

27. September 1989

MOSBACHER:

"BEACHTLICHER WANDEL" IN POLEN

- Rede des amerikanischen Handelsministers -

WA1SCHAI - (AD) - Handels Minister Robert A. Mosbacher erklärte bei einem
Treffer mit imeriManischen unc polnischen Regierungsvertretern und Geschäftsleuten .im 39. S ptember 1989, sein Besuch in Polen sei "ein erster Schritt"
zur Verwirklichung von Präsident Bushs Plan, "die Dynamik des amerikanischen
Pri v/atF^kto. s mi' den Wachstu nschc'ncen des enstehenden polnischen Privatsektors zu kom vinie&gt;-en". Mosbach ^r stellte fest: "Ich bin seit einem Tag in Polen und habe mit eigenen Auge T gesehen, was für eine bemerkenswerte Zeit des
Wandels für diesem Land angebrochen ist."
Nachfolgend v-röffentliehen wir die Rede des Handelsministers im Wortlaut.

Ich bin seit einem Tag in Polen
und habe mit eigenen Augen gesehen,
was für eine bemerkenswerte Zelt des
Wandels für dieses Land angebrochen
ist. Bis vor kurzem wäre es undenkbar gewesen, daß wir heute zu einem
Treffen mit der ersten nichtltommunistischen Regierung in Osteuropa seit
40 Jahren zusammenkommen.
Die Chance, freie Gewerkschaften
zu gründen, wirkliche Rede- und Pressefreiheit ?.u haben, bei wichtigen
Wahlen
seine Stimme abzugeben und
zwischen
larteien
und
politischen
Vorstellungen zu wählen - all diese
Errungenschaften sind fundamental und
weitreichend.
Den Ereignissen des Sommers 1988
In Polen kommt eine wahrhaft histo-

rische Dimension zu - und ich beglückwünsche das polnische Volk und
seine politisch Verantwortlichen zu
der disziplinierten und weitsichtigen
Art und Weise, in der sie diese tiefgreifenden Veränderungen durchgeführt
haben. Die wirtschaftlichen Veränderungen sind gleichermaßen beeindrukkend. Bis vor kurzem wäre es undenkbar gewesen, daß ausländische Firmen
in Polen investieren und sogar zu 100
Prozent in ausländischem Besitz befindliche Unternehmen gründen können.
Und niemand hätte sich das Ausmaß
dieser Veränderungen vorstellen können:
dezentralisierter
Entscheidungsprozeß in der Wirtschaft, die
Gründung
von Privatunternehmen
und
der Weg zu echten Großhandelsmärkten
und Preisreformen.

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�Dank all dieser Maßnahmen werden
wunderbare Möglichkeiten eröffnet
nicht nur für das polnische Volk sondern auch für Amerikaner und ebenso
für alle anderen.
Als Präsident Bush vor zwei Monaten Polen besuchte, bot er eine Politik der Hoffnung, Ermutigung und Hilfe an. Er verkörperte die von allen
Amerikanern
empfundene Freude über
die hier gemachten Fortschritte - und
ihre große Hoffnung auf weitere Fortschritte und zukünftige Reformen.
Der Präsident hat erklärt:
"Die
demokratischen Kräfte in Polen haben
um die moralische, politische und
wirtschaftliche Unterstützung des Westens gebeten.
und der Westen wird
reagieren."
Die Verwirklichung der sich hier
abzeichnenden tiefgreifenden Beformen
stellt
eine
große
Herausforderung
dar. w.^nn ;*in System der Planwirtschaft und Staatsbetriebe, das die
Verteilung anhand von Warteschlangen
vornimmt, durch t-ine dezentralisierte
Wirtschaft ersetzt wird, die dank
privater Anreize produziert und die
Warenverteilung über den Preis steuert. Dies wird sich als sehr schwierig erweisen.
Es geht kein Weg daran vorbei,
daß große Opfer erforderlich sind.
Und der Erfolg wird sich nicht über
Nacht einstellen. Aber mit Vertrauen,
Geduld
und
Durchhaltevermögen
wird der Erfolg kommen.
Präsident Bush hat den Schlüssel
zur Überwindung der Hindernisse genannt, die sich dem Erfolg in den Weg
stellen: Das Wachstum des Privatsektors.
Initiativen und Innovationen
des Privatsektors können vollbringen,
was keine staatlicher Hilfe oder Verordnung kann: Sie können die polnische Wirtschaft verjüngen.
Einzig
und allein die Kreativität der einzelnen Unternehmer und eine Marktwirtschaft können diese Aufgabe erledigen.

Dieser
Besuch
ist
ein
erster
Schritt zur Verwirklichung von Präsident Bushs Programm - die Dynamik des
amerikanischen Privatsektors mit den
Wachstumschancen des enstehenden polnischen Privatsektors zu kombinieren.
Wir möchten so viel wie möglich
zur Wiederbelebung des Wirtschaftswachstums in Polen beitragen - und
zur Erweiterung des Handels mit den
Vereinigten
Staaten.
Unser Besuch
gilt
der
Kontaktaufnahme
zwischen
amerikanischen Firmen und polnischen
Unternehmen, die zur Triebfeder von
Innovation, Kooperation und dynamischer Wirtschaft werden sollen.
Bei unserem Besuch haben wir einen besonderen Auftrag zur Entwicklung des Handels zu erfüllen.
Ein
Teil unserer Delegation besteht aus
amerikanischen
Führungskräften
des
amerikanisch-polnischen
WirtSchaftsrats.
Beurt Servaas, der amerikanische Vorsitzende des Rats, ist Leiter
der Delegation, die mit ihren polnischen Kollegen und Regierungsvertretern zusammentreffen wird, um aus der
Sicht des Privatsektors zu erörtern,
was zur Förderung von Investitionen
und Handel zwischen unseren Ländern
getan werden muß.
Diese Delegation wird besser als
jeder Regierungsvertreter feststellen
können, was genau erforderlich ist,
um den Weg zu raschem Wirtschaftwachstum zu ebnen. Wir haben sie um
einen umfassenden Bericht und eine
Reihe von Empfehlungen gebeten, die
uns dabei behilflich sein sollen, die
Wege zu schnellstmöglichem Ausbau der
Wirtschaftsbeziehungen aufzuzeigen.
Für morgen erwarten wir die Unterzeichnung eines Abkommens, mit dem
enge und zunehmende Kontakte zwischen
polnischen und amerikanischen Firmen
und bilaterale Geschäftsverbindungen
in die Wege geleitet werden sollen.
Darüber hinaus beabsichtigen wir
die Unterzeichnung eines bilateralen
Abkommens, das darauf abzielt, den
Tourismus
zwischen
unseren
beiden

�Ländern zu fördern und amerikanische
Exporte im Touristikbereich sowie Investitionsmöglichkeiten in Polen erweitern soll.
Ein weiterer Teil unserer Delegation bestent aus einer Gruppe, die in
Polen ein Programm durchführt, in
dessen Rahmen pensionierte qualifizierte amerikanische FUhrungskräfte
in polnischen Unternehmen eingesetzt
werden. Diese Führungskräfte sollen
den polnischen Firmen amerikanische
Managementtechniken vermitteln.
Das
Programm staht unter der Schirmherrschaft des International Executive
Service Corps (IESC) und wird - wie
wir hoffen - zu zunehmender Partnerschaft im Bereich der Ausbildung
führen.
Einige bedeutende Abkommen mit
der Touristikindustrie sind bereits
ausgehandelt worden, wie beispielsweise
das
Gemeinschaftsunternehmen
Marriott-LOT und der Kauf von Boeing-Flugzeugen durch die Fluggesellschaft LOT. Ich hatte die Ehre, als
erster Gast in dem neuen MarriottHotel wohnen zu dürfen und sehe bereits den Erfolg unserer gemeinsamen
Bestrebungen.
Unserer Ansicht nach
wird unser bilaterales Abkommen die
gewerbliche Tätigkeit fördern.
Präsident Bush hat den Kongreß um
die Befugnis ersucht, private amerikanische Investitionen in Polen gemäß
dem Programm der Entwicklungsgesellschaft (Overseas Private Investment
Corporation - OPIC) garantieren zu
können und polnischen Exporten in die
Vereinigten
Staaten
Meistbegünstigungsstatus zu gewähren. Das heißt,
für über 4 100 Produkte aus Polen
wird kein Importzoll erhoben.
Wir freuen uns, daß das Repräsentantenhaus diesen Anträgen zugestimmt hat und sie jetzt dem Senat
zur Entscheidung vorliegen.
Sobald
die endgültige
Zustimmung erfolgt
ist, werden wir Investitionsmissionen
gründen und Handelsseminare durchführen, damit die Wirtschaft von diesen
beiden Programmen profitieren kann.

Das Hauptziel besteht im Wachstum
solider amerikanischer Investitionen
in Polen. Priscilla Raab, die Leiterin des amerikanischen Handelsentwicklungsprogramms, hat uns nach Warschau begleitet, um Wege zur Verwirklichung dieses Ziels aufzuzeigen.
Sie prüft von amerikanischer Seite
finanzierte Projektstudien, die zu
einer Vielzahl neuer Investitionen in
die polnische Wirtschaft führen könnten.
Die 24 Abkommen zu Gemeinschaftsunternehmen, die bereits zwischen
amerikanischen und polnischen Unternehmen unterzeichnet wurden, sind ein
weiterer Beweis dafür, daß amerikanische Firmen hier die Geschäftstätigkeit
aufnehmen
wollen.
Das
Marriott-LOT-Gemeinschaftsunternehmen
ist ein Beispiel dafür.
Curtis International, auch ein
Pionier im Beteiligungsgeschäft, hat
im Bereich der Film-Innovation erfolgreich das Hannah-Barbers-Gemeinschaftsunternehmen
abgeschlossen.
Curtis wird in den Bereichen Wohnungbau und pharmazeutische Industrie in
diesem Jahr neue Beteiligungsgeschäfte mit Polen gründen.
Auch 24 amerikanische Firmen haben genügend Geschäftsmöglichkeiten
in Polen ausgemacht, um dort Büros zu
eröffnen.
Johnson und Johnson hat
bereits im Juli seine Niederlassung
eröffnet. Auch Honeywell hat diese
Absicht und damit beläuft sich die
Zahl amerikanischer Unternehmen mit
Geschäftsstellen in Polen auf 26.
Ich möchte nicht zum Schluß kommen, ohne dieses herrliche Gebäude zu
erwähnen, das Zeugnis für die Tradition der Handwerkskunst
und das
künstlerische Geschick hier in Polen
ablegt. Dieses Geschick ist im heutigen Polen überall zu beobachten ebenso wie im 17. und 18. Jahrhundert, als das Wilanow-Palais erbaut
wurde. Aber den polnischen Künstlern
fehlt häufig das Material, das für
ihre ausgezeichnete Arbeit erforderlich ist.

- 3 -

�Aus diesem Grunde - und als Ausdruck der dauerhaften Freundschaft
zwischen unseren beiden Ländern - habe ich die Ehre, ein Geschenk des Nationalen Verbands der Farben- und
Lackproduzenten der Vereinigten Staaten zu Überreichen. Diese Organisation hat mich gebeten, ihr Geschenk
im Wert von 5 000 Dollar an Material
zu überreichen, das zur Beendigung
der
Restaurationsarbeiten
am
Wilanow-Pal.iis benötigt wird. Es ist
ihre - wie auch unsere - Hoffnung,
daß dieses Geschenk den polnischen
Künstlern helfen wird, ihr Bestes bei
der Erhaltung des polnischen Erbes zu
geben.

polnische Kultur sein wird
echte Villa Nova, Wilanow.

Niemand gibt sich der Illusion
hin, daß die Abwicklung von Geschäften in einem Polen leicht sein wird,
das sich a'if dem Weg von einer zentral gelenVten Wirtschaft zu einer
Marktwirtschaft befindet. Insbesondere der Mangel an harter Währung erschwert internationale Transaktionen.
Aber es wäre ein Fehler, sich nur
die Probleme und Schwierigkeiten vor
Augen zu halten und zu der Schlußfolgerung zu gelangen, es sei nicht an
der Zeit für Geschäfte. In den vergangenen Tagen konnten wir das große
Engagement und den Enthusiasmus des
polnischen Volkes bei der Wiederherstellung offener Märkte und auf dem
Weg zu einer von Unternehmergeist geleiteten Wirtschaft beobachten. Wir
stehen vor großen Chancen und Herausforderungen. Wir haben arbeitswillige Arbeitnehmer und vor Ungeduld
brennende Unternehmer von morgen gesehen.
Wir haben innovative Ideen
und den Wunsch zur Bewältigung der
Herausforderungen vernommen.
Wir hegen keinerlei Zweifel - und
auch Sie sollten keine haben -, daß
es in Ihrem Land ein enormes Wachstumspotential gibt, wenn der Geist
der Freiheit und des Unternehmertums
sich entfalten kann.
Sie haben die Chance, ein neues
Polen zu schaffen - das ein "neues
Haus" für das polnische Volk und die
- 4 -

Gott schütze Sie.

* * * * *

-

eine

�AMERIKA DIENST
Hintergrundmaterial

27. September 1989

36

Regionale Fragen in den amerikanisch-sowjetischen Beziehungen
- Eine Übersicht des US-Außenministeriums -

Im Rahmen des Treffens von Außenminister Baker und seinem sowjetischen
Amtskollegen Schewardnadse hat das amerikanische Außenministerium am 23. September 1989 eine Reihe von Übersichten erstellt, von denen wir einige veröffentlichen.

Afghanistan

Mittelamerika

Die Vereinigten Staaten unterstützen die Mujahedin und ihre Bestrebungen, das unrechtmäßige Najibullah-Regime seines Amtes zu entheben. Eine politische Einigung sollte
auf der Selbstbestimmung des afghanischen Volkes basieren und das von den
Sowjets aufoktroyierte Regime durch
eine repräsentative Regierung ersetzen.
Die Sowjets haben die Bildung
eines politischen Prozesses in der
Hand.
Sie liefern jedoch weiterhin
Waffen, wie etwa Scud-Raketen und andere moderne Waffen in unbegrenztem
Umfang an das Na jibullah-Regime.

Wir sind auch weiterhin tief besorgt über die Aktivitäten des Ostblocks in Mittelamerika und seine Unterstützung kubanischer und nicaraguanischer Bestrebungen zur Aushöhlung
regionaler Stabilität.
Trotz der ausgesetzten amerikanischen Militärhilfe an die nicaraguanische Widerstandsbewegung und einer
angeblichen Aufgabe sowjetischer Waffenlieferungen an Nicaragua leistet
der Ostblock den Sandinisten weiterhin unablässig Unterstützung.

United States Information Service
Embassy of the United States of America

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Tel.: 0228-339 2035
Telex: 8-85432

�Wir ermutigen Moskau, seinen Einfluß in Nicaragua, Kuba und anderen
Ländern geltend zu machen, um eine
friedliche Einigung in der Region
herbeizuführen und freie, faire Wahlen zu ermöglichen.

Naher Osten
Die Vereinigten Staaten begrüßen
sowjetische Bestrebungen zur Übernahme einer aktiveren und konstruktiveren Rolle im Friedensproseß des Nahen
Ostens. Wir haben Moskau ermutigt,
den Plan des israelischen Premierministers Schamir für Wahlen in den besetzten Gebieten zu unterstützen.
Ferner fordern wir die Sowjets zur
Wiederaufnahme diplomatischer Beziehungen zu Israel auf, wenn sie eine
für alle Beteiligten konstruktive
Rolle spielen wollen. Darüber hinaus
arbeiten wir mit den Sowjets daran,
die Anstrengungen des Dreiparteienausschusses der Arabischen Liga im
Libanon für einen Waffenstillstand
und die Aufhebung des Belagerungszustandes zu unterstützen.

Kambodscha
Die Vereinigten Staaten und die
Sowjetunion sind sich über die Dringlichkeit einer umfassenden Regelung
für Kambodscha einig.
Die sowjetische Unterstützung für Hun Sen und
die mangelnde Flexibilität Vietnams
bei der Pariser Kambodscha-Konferenz
im Hinblick auf die Teilung der Macht
haben nur bedingt Fortschritte ermöglicht. Wir müssen weiterhin auf diplomatischem Wege alles tun, um ein
Abkommen zu erzielen.

* * * * *

- 2

�AMERIKA DIENST
Hintergrundmaterial

27. September 1989

36

Rüstungskontrolle In den Amerikanisch-Sowjetischen Beziehungen
- Eine Übersicht des US-Außenministeriums -

Im Rahmen des Treffens von Außenminister Baker und seinem sowjetischen
Amtskollegen Schewardnadse hat das amerikanische Außenministerium am 23. September eine Reihe von Übersichten erstellt, von denen wir einige veröffentlichen.

Konventionelle Rüstungskontrolle

tionaustausch ab.

Dieses Thema nimmt sowohl bei der
Bush-Administration als auch innerhalb der NATO einen sehr hohen Stellenwert ein. 1986 hat die KSZE-Konferenz mit ihren 35 Teilnehmerstatten
ein innovatives Programm vertrauensbildender Maßnahmen erarbeitet, um
Offenheit und Berechenbarkeit militärischer Aktivitäten zu fördern. Der
Westen verfolgt
bei den laufenden
Verhandlungen
über
Vertrauens- und
Sicherheitsbildende Maßnahmen (VSBM)
unter anderem das Ziel eines umfassenden
Informationsaustauschs
über
die Stationierung von Soldaten und
Waffen in Europa und zielt darüber
hinaus auf einheitlichere Richtlinien
für die Beobachtung und Inspektion
von Manövern und besseren Informa-

Die 23 Mitgliedstaaten der NATO
und des Warschauer Pakts haben in
diesem Jahr Verhandlungen über Konventionelle
Streitkräfte
in Europa
(KSE) eröffnet, um die massive Überlegenheit der konventionellen Streitkräfte des Warschauer Pakts zu bekämpfen.
Dabei wird das Ziel verfolgt, Sicherheit und Stabilität auf
niedrigen konventionellen Streitkräfteniveaus vom Atlantik bis zum Ural
zu gewährleisten.

United States Information Service
Embassy of the United States of America

Die NATO hat einige weitreichende
Vorschläge unterbreitet und arbeitet
hart an ihrem Ziel eines KSE-Abkommens in den kommenden sechs bis zwölf
Monaten.

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�Verhandlungen
raumwaffen

über

Kern- und

Welt-

Diese Verhandlungen wurden 1985
aufgenommen und umfassen drei Hauptbereiche:
strategische Offensivwaffen (START), Verteidigung im Weltraum
(D and S) und Mittelstreckenraketen
(INF). Bei START verfolgen die Vereinigten Staaten das Ziel, das Risiko
eines Krieges zu reduzieren, indem
sie ein stabileres nukleares Gleichgewicht auf erheblich niedrigeren Niveaus schaffen. Beide Seiten haben
sich
im
wesentlichen
auf
einen
START-Vertragsentwurf geeinigt, wobei
noch einige wichtige Fragen gelöst
werden müssen. Die Vereinigten Staaten haben im Juni Maßnahmen zur Verifizierung und Stabilität vorgeschlagen, um den Verhandlungen neue Impulse zu geben und praktische Erfahrungen bei der Verifizierung sicherzustellen.

Die Vereinigten Staaten sind mit
der Durchführung des INF-Vertrages
bis heute zufrieden, wo sich Im Hinblick auf die sowjetische Einhaltung
Probleme ergeben haben, haben wir
diese zu unserer Zufriedenheit gelöst.
Atomtests
Bei den amerikanisch-sowjetischen
Verhandlungen über Atomtests (NTT)
werden
Protokolle über Verifizierungsmaßnahmen ausgehandelt, so daß
der Vertrag über Atomexplosionen zu
friedlichen Zwecken (PNET) von 1976
und der Schwellenvertrag von 1974
endlich ratifiziert werden können.
Die Vereinigten Staaten verfolgen
langfristig das Ziel eines umfassenden Atomtestverbots, aber erst dann,
wenn die nukleare Abschreckung kein
Erfordernis mehr für die nationale
Sicherheit der Vereinigten Staaten
ist.

Verteidigung im Weltraum
Die Vereinigten Staaten möchten
erforschen, ob eine effektive Verteidigung eines Tages zur Sicherung eines
stabilen
Streitkräftegleichgewichts zwischen beiden Seiten beitragen kann.
Die amerikanischen Ziele bei der
Verteidigung im Weltraum sind: den
Vereinigten Staaten das Recht zu erhalten, ihr SDI-Programm im Rahmen
ihrer im ABM-Vertrag eingegangenen
Verpflichtungen
weiterzuführen
und
sich gemeinsam mit den Sowjets stärker auf defensive statt auf offensive
Waffensysteme zu stützen, wenn sich
herausstellt, daß die auf beiden Seiten durchgeführte Forschung Verteidigungssysteme als machbar ausweist.

Fragen
Waffen

zum

Vertrag

über

chemische

Die Aufmerksamkeit richtet sich
gegenwärtig auf den vom damaligen Vizepräsident Bush bei der Genfer Abrüstungskonferenz 1984 vorgelegten Vertragstext, in dem der Einsatz, die
Entwicklung, Herstellung, Verbreitung
und Lagerung chemischer Waffen verboten wird.
Jedes Verbot chemischer
Waffen, das auf Akzeptanz der Vereinigten Staaten stoßen kann, muß umfassend, weltweit gültig und wirksam
verifizierbar sein. In dieser Hinsieht haben die amerikanisch-sowjetischen bilateralen Gespräche das
Ziel verfolgt, multilaterale Verhandlungen über ein solches Verbot zu
fördern.

INF
Die Verbreitung chemischer Waffen
Nach dem INF-Vertrag vom Dezember
1987 haben die Vereinigten Staaten
und die Sowjetunion einen weiten Weg
zur Beseitigung einer gesamten Kategorie nuklearer Waffen zurückgelegt.

Die Verbreitung chemischer Waffen
stellt die Vereinigten Staaten und
ihre Verbündeten vor eine stärker
werdende Bedrohung. Aus diesem Grund

- 2 -

t

«.

�sind
die
Außenminister
Baker
und
Schewardnadse
übereingekommen,
daß
Bestrebungen zur Eindämmung der Verbreitung chemischer Waffen mit Anstrengungen für einen Chemiewaffenvertrag einhergehen müssen.

Die Verbreitung von Raketentechnik
Die Bush-Administration räumt dem
Problem der Verbreitung von Raketen
und Raketentechnik höchste Priorität
ein - der Golfkrieg zwischen Iran und
Irak hat die Gefahren einer solchen
Verbreitung besonders vor Augen geführt.
Die Vereinigten Staaten und die
Sowjetunion haben drei Runden von Gesprächen zur Eindämmung der Verbreitung von Raketen und Raketentechnik
geführt.

* * * * *

- 3 -

�AMERIKA DIENST
Hintergrundmaterial

V O N **

27. September 1989

36

DAS AMERIKANISCH-SOWJETISCHE MEMORANDUM OF UNDERSTANDING
ÜBER CHEMISCHE WAFFEN

- Eine Übersicht des US-Außenministerium -

Nachfolgend bringen wir eine der Übersichten des US-Außenministeriums, die
am 23. September 1989 in Zusammenhang mit dem Treffen zwischen US-Außenminister Baker und seinem sowjetischen Amtskollegen Schewardnadse veröffentlicht
wurden:

Hintergrund
Das von Außenminister Baker und
seinem
sowjetischen
Amtskollegen
Schewardnadse am 23. September 1989
in Jackson Hole (Wyoming) unterzeichnete
Memorandum
of
Understanding
(MOU) über chemische Waffen sieht ein
bilaterales
Verifizierungsexperiment
und einen Datenaustausch vor.

Verbots chemischer Waffen zu fördern. Dieses Ziel wird von den Vereinigten Staaten seit 1984 verfolgt,
als der damalige Vizepräsident Bush
der Genfer Abrüstungskonferenz, an
der 40 Nationen teilnehmen, einen
Vertragsentwurf zu diesem Thema vorlegte.

Ein Zweiphasen-Abkommen
Diese Vereinbarung wurde von den
Vereinigten
Staaten
vorgeschlagen.
Sie spiegelt das Bestreben der Vereinigten Staaten und der Sowjetunion
wider, den Verhandlungsprozeß, die
Unterzeichnung und die Ratifizierung
eines umfassenden, wirksam verifizierbaren
und
wirklich
weltweiten

United States Information Service
Embassy of the United States of America

Experiment
und
Datenaustausch
werden in zwei Phasen vorgenommen.
Phase I sieht vor:
Austausch allgemeiner Daten über
das auf beiden Seiten vorhandene

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�Chemiewaffenpotential. Die Daten
für Phase I würden bis Ende dieses Jahres ausgetauscht.
Besuche von einschlägigen militärischen und zivilen Einrichtungen, die vom Gastland ausgesucht
werden. Die für Besuche vorgesehenen Einrichtungen sind Produktionsund Lagerungsstätten für
chemische Waffen sowie Chemiefabriken der Privatindustrie.
Die
Besuche im Rahmen von Phase I
werden ab 30. Juni 1990 beginnen.
Phase II wird beginnen, sobald
beide Seiten formell und gemeinsam
feststellen, daß die Möglichkeit der
Einleitung eines multilateralen Vertrags über chemische Waffen innerhalb
von vier Monaten gegeben ist. Phase
II sieht vor:
Austausch
detaillierter
Daten
über
das
Chemiewaffenpotential
beider Seiten.
-

Vor-Ort-Inspektionen zur Verifizierung der angegebenen Daten.

Jeder Seite wird gestattet, bis
zu fünf Inspektionen von angemeldeten
Einrichtungen vorzunehmen, die aus
einer von der anderen Seite bereitgestellten Liste ausgewählt werden sowie bis zu zehn kurzfristige Verdachtsinspektionen in nicht angemeldeten Einrichtungen.
Von den zehn in Phase II zulässigen Verdachtsinspektionen können bis
zu fünf auf jeder Seite innerhalb eines viermonatigen Zeitraums vor der
Einleitung eines Vertrags über chemische Waffen stattfinden. Bis zu fünf
zusätzliche
Inspektionen pro Seite
können durchgeführt werden nachdem
die Parteien ihren jeweils zuständigen gesetzgebenden Körperschaften einen Vertrag über chemische Waffen zur
Ratifizierung
zuleiten.
Verdachtsinspektionen werden im Einklang mit
den Gesetzen des inspizierten Landes
- im Falle von Drittländern mit deren
Zustimmung - durchgeführt.

Das MOU sieht vor, daß beide Seiten regelmäßige Treffen abhalten, um
Fragen über die gelieferten Daten zu
stellen und Problembereiche zu behandeln.

* * * * *

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27. September 1989

36

START:

EINE RAHMENVEREINBARUNG ZU VERIFIZIERUNG UND STABILITÄT

- Eine Übersicht des US-Außenministeriums Nachfolgend bringen wir eine der Übersichten des US-Außenministeriums, die am
23. September 1989 in Zusammenhang mit dem Treffen zwischen US-Außenminister
Baker und seinem sowjetischen Amtskollegen Schewardnadse veröffentlicht wurden:

Hintergrund
Bei
Wiederaufnahme
der
STARTVerhandlungen in Genf im Juni 1989
präsentierte Präsident Bush eine aus
sieben
Einzelmaßnahmen
bestehende
Initiative, die auf die Stärkung von
Vertrauen und strategischer Stabilität sowie auf die Förderung von Fortschritten, insbesondere
im Bereich
der Verifizierung, abzielte.
Diese Maßnahmen sind ein deutliches
Signal
unseres
Engagements,
Fortschritte bei den START-Verhandlungen zu fördern sowie Stabilität
und Vertrauen schon vor Inkrafttreten
des START-Vertrags zu stärken.
In Genf haben die Vereinigten
Staaten den Sowjets diese sieben Maß-

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nahmen in all ihren Einzelheiten dargelegt.
Die Sowjets waren jedoch
nicht bereit, dieses Thema erschöpfend zu behandeln, weshalb die Erörterungen dazu beschränkt blieben.
Als die sowjetischen Experten zu
den vorbereitenden Arbeitsgesprächen
für das Außenministertreffen in Washington eintrafen, legten sie den
Text einer Grundsatzerklärung zum Verifizierungs- und
Stabilitätspaket
vor. Nach Gesprächen zwischen beiden
Seiten wurde Übereinstimmung zum Text
dieses Dokuments erzielt.
Die Vereinigten Staaten sind über
diese grundsätzliche Übereinkunft befriedigt und sehen konkreten Fortschritten mit den Sowjets zu bestimmten Verifizierungs- und Stabilitäts-

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�maßnahmen nach der Wiederaufnahme der
Genfer Gespräche erwartungsvoll entgegen.

Die Rahmenvereinbarung
Der Vereinbarung zufolge besteht
der doppelte Zweck der Maßnahmen darin, Verifikationsverfahren
für den
START-Vertrag
zu erproben und das
Vertrauen zu stärken, um einen baldigen Abschluß des Vertrags zu erleichtern.
Zu den gegenwärtig diskutierten
speziellen Maßnahmen gehören:
-

Ein frühzeitiger Datenaustausch;

Die Beendigung der Verweigerung
telemetrischer Daten zu ballistischen Raketen, einschließlich der
Verschlüsse]ung;
Einrichtung
der
Vor-Ort-Überwachung von Ein- und Ausgängen bestimmter
Raketenproduktionsstätten;
Behandlung des Problems der SLBMs
mit kurzen Flugzeiten;
Untersuchung
von Verfahren
zur
Überprüfung der Anzahl von Gefechtsköpfen
auf
ballistischen
Raketen;
Vorführung
von sowie Datenaustausch über Techniken zur Identifizierung von Raketen (sogenanntes "Tagging").
Ferner wurde eine von den Vereinigten Staaten vorgeschlagene Vereinbarung über die gegenseitige Benachrichtigung von strategischen Übungen
unterzeichnet.

* * * * *

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27. September 1989

36

STAND DER RÜSTUNGSKONTROLLVERHANDLUNGEN
- Wöchentliche Übersicht -

WASHINGTON - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die am 21. September
1989 vom US-Informationsamt (USIA) herausgegebene Übersicht über den Stand der
Rüstungskontrollverhandlungen bei mobilen Interkontinentalraketen, KSE, chemischen Waffen, Atomtests, Israel, Ägypten und MX.
USA verzichten
biler ICBMs

auf Einbeziehung mo-

Am 19. September 1989 gab Außenminister Baker bekannt, daß die Vereinigten Staaten auf die Einbeziehung
mobiler landgestützter Interkontinentalraketen (ICBMs) in die Rüstungskontrollgespräche mit der Sowjetunion
verzichten.
Der Außenminister fügte jedoch
hinzu, diese Position hänge von der
Zustimmung des Kongresses zur Finanzierung amerikanischer mobiler Raketen ab. Der Vorschlag wurde auch bei
dem Treffen zwischen Baker und seinem
sowjetischen Amtskollegen Schewardnadse in Wyoming vom 22. bis 23. September 1989 erörtert.

Vorbehaltlich der Zustimmung des
Kongresses werden die amerikanischen
Unterhändler in Genf Baker zufolge
die "entsprechenden Details für die
auf mobile ICBMs angewandten Obergrenzen sowie wirksame Verifizierungsmaßnahmen" ausarbeiten.
Mit diesem Vorschlag wird ein
Hindernis bei den START-Verhandlungen
beseitigt, er erschwert jedoch die
Verifizierung eines Vertrags, da mobile Raketen leichter zu verstecken
und als Ziel schwerer auffindbar sind.
Die Sowjetunion besitzt zwei mobile ICBMs - die SS-25 und SS-24 -,
während sich die zwei amerikanischen
Proramme - die schienenmobile MX und
die straßenmobile Midgetman - noch im

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�Entwicklungsstadium
befinden.
Die
Position
der
Bush-Administration
hängt von der Bewilligung der Mittel
für diese beiden Programme durch den
Kongreß ab.

NATO
stimmt
AbrUstungsvorschlagen
bei konventionellen Rüstungen zu
Außenminister Baker gab bekannt,
daß die NATO-Partner Einigung zu den
"konkreten Vorschlägen zu Verifizierung, Informationsaustausch und Stabilisierungsmaßnahmen" erzielt haben,
die von den Vereinigten Staaten bei
den Verhandlungen über Konventionelle
Streitkräfte (KSE) am 21. September
1989 in Genf unterbreitet wurden.

Die
amerikanische
Chemieindustrie
beabsichtigt Eindämmung der Verbreitung chemischer Waffen
Der Verband der amerikanischen
Chemieproduzenten
(CMA) gab einen
fünf Punkte umfassenden Vorschlag bekannt, der darauf abzielt, die Verbreitung chemischer Waffen einzudämmen.
Die CMA, in der 90 Prozent der
amerikanischen Chemieproduzenten zusammengeschlossen sind, forderte seine Mitglieder zu folgenden Maßnahmen
auf:
Verfahren, mit denen festgestellt
werden kann, ob Aufträge für
"sensitive" Chemikalien (die möglicherweise für die Herstellung
chemischer Waffen eingesetzt werden können) für friedliche Zwecke
bestimmt sind;

"Zusammen mit den am 13. Juli
eingebrachten Vorschlägen werden damit die Entscheidungen voll und ganz
in die Praxis umgesetzt, die wir beim
NATO-Gipfeltreffen
anhand der von
Präsident Bush vorgeschlagenen Initiative zu konventionellen Streitkräften getroffen haben", erklärte
der Außenminister am 19. September
1989. Der von Präsident Bush in die
Wege geleitete Plan fordert die Reduzierung von Streitkräften und Gerät
vom Atlantik bis zum Ural im Rahmen
eines voraussichtlich bis nächstes
Jahr abgeschlossenen Vertrags.

freiwillige Bekanntgabe von verdächtigen Aufträgen für oder Anfragen nach sensitiven Chemikalien;
offizielle Routineüberprüfung der
Unternehmenspraxis bei Chemieexporten und Schärfung des Bewußtseins bezüglich chemischer Waffen
unter den Export- und Marketingfachleuten;

Offensichtlich hat Griechenland
auf weitere Einwände gegen die Anzahl
der für die Türkei vorgesehenen gepanzerten Truppenfahrzeuge verzichtet, die zuvor die Vorlage des NATOPakets verzögert hatten.

Kontakte mit Bundesbehören für
Exportkontrolle auf Betriebs- und
Managementebene, sowie

Die neuen Vorschläge enthalten
einen detaillierten Informationsaustausch über Truppen und Depotlagerung
von militärischem Gerät.

ein Referenzsystem innerhalb der
einzelnen Unternehmen, das alle
Exporttransaktionen
sensitiver
Chemikalien vermerkt, in das amerikanische
Regierungsbehörden
Einblick nehmen können.

Die Sowjetunion wird voraussichtlich in Kürze einen Vorschlag unterbreiten, der als Zeichen ihrer Zustimmung zu Obergrenzen für bestimmte
Arten von Kampfflugzeugen gilt, die
sie bisher verweigert hatte.

Richard Clarke, Abteilungsleiter
im Außenministerium für politisch-militärische Angelegenheiten und Leiter
der amerikanischen Delegation bei der
Canberra-Konferenz, lobte die "enthusiastische Unterstützung" der Indu-

- 2 -

�strie für einen Vertrag über ein Verbot von Entwicklung, Produktion, Lagerung und Einsatz chemischer Waffen.

schuß des Repräsentantenhauses gegenüber eingeräumt, daß Israel "eine
Art" Raketentest durchgeführt hat.

Er erklärte gegenüber den Teilnehmern der vom 18. bis 22. September
1989 veranstalteten Regierungs-Industriekonferenz gegen chemische Waffen, "die Geheimhaltung" zwischen den
Nationen, die im Besitz chemischer
Waffen sind, müsse aufgehoben werden
und Vertrauen in einen Vertrag über
ein Verbot chemischer Waffen "durch
eine Vielzahl unilateraler, regionaler und multilateraler Schritte" geschaffen werden. Darüber hinaus solle eine Gruppe technischer Experten
gebildet werden, die vor Abschluß eines Vertrags die wichtigsten Problembereiche erörtern.

Auf die am 20. September 1989 gestellte Frage, ob die Vereinigten
Staaten Israel zu dem Test um Stellungnahme gebeten hätten, antwortete
er: "Wir haben mit den Israelis bei
zahlreichen Gelegenheiten über Raketen an sich und ihre Verbreitung gesprochen."
Berichten der sowjetischen Nachrichtenagentur Tass zufolge
hat Israel am 14. September 1989 eine
ballistische Mittelstreckenrakete zur
Erprobung abgefeuert.

Die
internationale
Chemieindustrie
ä'chtet chemische Waffen
Die Chemieunternehmen, die für
ca. 80 Prozent der Weltproduktion
verantwortlich sind, gaben am 20.
September 1989 eine gemeinsame Erklärung ab, die ihre Abscheu gegenüber
chemischer Kriegführung und die Forderung nach einem Verbot chemischer
Waffen enthält.
Die bei der Regierungs-Industriekonferenz gegen chemische Waffen in
Canberra abgegebene Erklärung ist ein
Zeichen der Bereitschaft privater
Firmen zur Zusammenarbeit mit den nationalen Regierungen, um einen solchen umfassenden und verifizierbaren
weltweiten Vertrag zu erlangen.
Bei der Konferenz kamen zum ersten Mal Regierungen und Vertreter
der Chemieindustrie aus 67 Nationen
in dem Bestreben zusammen, den Weg
für einen Vertrag zu ebnen.

USA nehmen israelischen
zur Kenntnis

Raketentest

Der stellvertretende Außenminister für den Nahen Osten und Südasien, John Kelly, hat einem Unteraus-

Der Sprecher des Außenministerium, Richard Boucher, hatte zuvor erklärt, Israel sei sich der Tatsache
bewußt, daß die Vereinigten Staaten
die Verbreitung von ballistischer Raketentechnologie insbesondere im Nahen O.'iten ablehnen.
"Wir haben alle Länder, die ballistische Raktenprogramme durchführen, davon in Kenntnis gesetzt - einschließlich Israel", stellte er am
15. September 1989 fest.
Berichten zufolge landete die in
der Gegend von Jerusalem abgeschossene Rakete ein gutes Stück von der Libyschen Küste entfernt im Mittelmeer.
Die Vereinigten Staaten und die
Sowjetunion bauen im Rahmen des INFVertrags aus dem Jahr 1987 Raketen
dieses Typs ab.

Ägypten gibt das ballistische Raketenprojekt auf
Der Abteilungsleiter im Außenministerium für den Nahen Osten und
Südasien, John Kelly, erklärte am 19.
September 1989, daß Ägypten offensichtlich "die Zusammenarbeit " mit
Irak bei einem ballistischen Raketenprojekt beendet habe.
In einer Anhörung vor einem Unterausschuß des auswärtigen Ausschusses im Repräsentantenhaus erklärte

�Kelly, Ägypten und Irak hätten an der
Produktion der Condor 2-Rakete zusammengearbeitet.
Seiner Ansicht nach
habe "Ägypten die Zusammenarbeit bei
diesem Programm beendet".

Annäherung zwischen
bei Atomtests

USA

und

UdSSR

Die mit der Beilegung der Meinungsverschiedenheiten über die Verifizierung von unterirdischen Atomtests mit einer Sprengkraft von 150
Kilotonnen
befaßten
amerikanischen
und sowjetischen Unterhändler haben
Fortschritte bei einem Abkommen erzielt, das unterschiedliche Verifiziecungsmethoden zuläßt.
Dem Kompromiß zufolge würden die
Vereinigten Staaten den Detonationswert eines Atomtests überwachen, indem sie in der Nähe der Explosionsstelle ein Kabel in den Boden verlegen, gleichzeitig jedoch den Sowjets
gestatten, die von ihnen bevorzugten
seismischen Messungen des Detonationswerts vorzunehmen.
Das Thema Atomtests stand auch
auf der Tagesordnung für das vom 22.
bis 23. September 1989 abgehaltene
Treffen zwischen Außenminister Baker
und seinem sowjetischen Amtskollegen
Schewardnadse. Am 19. September hatte Baker erklärt, die Vereinigten
Staaten wollten neue Vorschläge unterbreiten, "um den nun 15 Jahre währenden Stillstand bei Atomtests zu
durchbrechen und damit den Weg für
die Ratifizierung von zwei Atomtestverträgen im nächsten Jahr zu ebnen."

* * * * *

- 4

�AMERIKA DIENST
Hintergrundmaterial

27. September 1989

36

UMWELTINITIATIVEN DER BUSH-ADMINISTRATION
- Eine Übersicht des Weißen Hauses -

Nachfolgend veröffentlichen wir eine Übersicht zu Umweltinitiativen der
Bush-Administration, die am 18. September 1989 in Spokane (Washington) vom
Pressebüro des Weißen Hauses veröffentlicht wurde.

Gesetz zur Luftreinhaltung
Am 12. Juni 1989 verkündete der
Präsident Vorschläge zur Reduzierung
von Emissionen, die sauren Regen,
vermehrte Ozonbildung in Großstadtregionen sowie die Verschmutzung der
Luft mit Schadstoffen
verursachen.
Die Vorschläge, die in dem ersten von
einer
Administration
unterbreiteten
allgemeinen Gesetz zur Luftreinhaltung seit über einem Jahrzehnt enthalten sind, sehen eine Reduzierunge
der
S02-Emissionen
(Schwefeldioxid)
um 10 Milliarden Tonnen bis zum Jahr
2000, eine Reduzierung der Emissionen
von NOx (Stickoxid) um zwei Millionen
Tonnen sowie einen 40prozentigen Abbau der Emissionen von flüchtigen organischen Verbindungen, die für den
Smog in Städten verantwortlich sind

sowie eine 75-90prozentige Reduzierung von Luftschadstoffen vor. Diese
Reduzierungen werden ferner dazu beitragen, die aus der Verwendung fossiler
Brennstoffe
herrührende
fortschreitende Erwärmung der Erdatmosphäre zu drosseln.
Der Vorschlag
fördert überdies den Einsatz alternativer Treibstoffe in einer Million
Fahrzeuge bis zum Jahr 1997. Alternative Treibstoffe werden neben der
Reduzierung von Substanzen, die zur
Ozonbildung beitragen, die Menge der
durch konventionellen Treibstoff entstehenden toxischen Aromate verringern. Der Präsident hat dem Kongreß
am 21. Juli 1989 ein umfassendes Gesetz zur Reinhaltung der Luft vorgelegt, in dem die am 12. Juni verkündeten Vorschläge enthalten sind.

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�Vorschläge zur Reduzierung von Emissionen durch Kohleverbrennung ("Saubere Kohle"- Technologien)
Der Präsident hat für das Haushaltsjahr 1990 die Bewilligung von
710 Millionen Dollar für das Technologieprogramm "Saubere Kohle" vorgeschlagen, mit dem die Entwicklung
neuer Technologien zur Reduzierung
von S02~ und NOx-Emissionen gefördert werden soll, damit die Kohle
auch in Zukunft zu unserer Energieversorgung beitragen kann.
Treibstoffverbrauch von Kraftfahrzeugen
Die Administration hat eine Maßnahme zur Verschärfung der Norm für
den Flottenverbrauch von Automobilen
auf 27,5 Meilen pro Gallone gebilligt. Mit dieser Maßnahme werden die
Ölimporte
sowie
der Beitrag von
Kraftfahrzeugemissionen
zur Aufheizung der Erdatmosphäre verringert.

LuftSchadstoffe
Verbot von Asbest
Am 7. Juli ]989 hat die Umweltschutzbehörde (EPA) einen fast vollständigen Verzicht auf Asbest bis zum
Jahr 1997 verkündet. Mit diesem Verbot wird die Einfuhr, Herstellung und
Verarbeitung von Asbest, einem krebserzeugenden Stoff, der mit Lungenkrebs und Mesotheliom in Verbindung
gebracht wird, untersagt. Schätzungen der EPA zufolge verursacht Asbest
zwischen 3 000 und 12 000 krebsbedingte Todesfälle pro Jahr. Die Maßnahme ist das Ergebnis von über einem
Jahrzehnt der Gesetzesvorschläge und
Auswertung von Daten zu den Auswirkungen von Asbest und dessen Einsatz.
Normen für Benzolemissionen
Am 31. August 1989 hat der Leiter
der EPA Normen verkündet, mit denen
die für die von Benzolemissionen verursachten Gesundheitsrisiken verringert werden sollen. Diese Luftschad-

stoffnorm war seit Jahren umstritten,
und diese Maßnahme stellt einen bedeutenden Schritt zur Reduzierung der
Emissionen eines bedeutenden Luftschadstoffs dar.

Entsorgung von Sondermüll
Medizinischer Müll
Die EPA hat am 10. März ein Programm zur Ermittlung der Verursacher
medizinischer Abfälle verabschiedet,
um eine umweltgerechte Entsorgung zu
gewährleisten und Meeresverschmutzung
zu vermeiden. Das Pilotprogramm wird
in zehn Staaten durchgeführt.
Die
EPA wird dem Kongreß nach zwei Jahren
berichten, ob eine landesweite Einführung dieses Programms notwendig
ist. Verstöße können zivilrechtlich
mit Geldstrafen von bis zu 25 000 und
strafrechtlich mit bis zu 50 000 Dollar geahndet werden.
Das Programm
stellt einen ersten Schritt bei der
Einlösung des von Präsident Bush gegebenen Versprechens dar, die Entsorgung medizinischer Abfälle zu regeln,
die in der Vergangenheit an den Meeresstränden angespült worden waren.
Der Superfonds für Entsorgung
In dem vom Präsidenten vorgelegten Haushalt werden 315 Millionen
Dollar für die Verwirklichung eines
ehrgeizigen Zeitplans für die Entsorgung
von
Giftmülldeponien
veranschlagt. Die Administration hat sich
gegen Bestrebungen im Kongreß verwandt, die Mittel dieses Superfonds
auf 150 Millionen Dollar zu kürzen.
Überprüfung der Verwaltung des Superfonds
Im Februar schlug der Präsident
eine erhebliche Stärkung des Superfonds-Programms vor, um dessen Durchsetzung besser als bisher sicherzustellen.
Am 14. Juni 1989 schloß
Verwaltungschef Reilly eine auf Anweisung des Präsidenten vorgenommene
Überprüfung der Verwaltung des Superfonds-Programms ab und unterbreitete

�Initiativen für ein effektiveres Programm, einschließlich privater Kontrollen in hezug auf akute Gefährdungen, bessere Vollstreckungsmaßnahmen,
um Privatunternehmen zu Entsorgungsmaßnahmen zu veranlassen sowie verstärkte Forschung für bessere Entsorgungstechniken. Für die Überwachung
werden in der EPA 500 neue Mitarbeiter eingestellt, die sicherstellen
sollen, daß eine ordnungsgemäße Entsorgung vorgenommen wird.

Verbrecher.
Die Administration hat
mit New York eine Vereinbarung über
die Beendigung der Einleitung von Abwässern, Klärschlamm und Industriemüll Ins Meer bis zum Jahr 1991 unterzeichnet .

Die Atomwaffeneinrichtungen des Energieministeriums

Der Präsident hat für das Haushaltsjahr 1990 einen Anstieg der Mittel zur Erforschung weltweiter Umweltprobleme um 43 Prozent oder 191,5
Millionen Dollar vorgeschlagen. Zusätzlich zu dem Gesetz zur Luftreinhaltung und dem Technologieprogramm
"Saubere Kohle" werden die Vereinigten Staaten im kommenden Februar eine
zwischenstaatliche Konferenz über die
Klimaveränderung
(IPCC)
abhalten.
Die Vereinigten Staaten halten den
Vorsitz in der Arbeitsgruppe zur Erarbeitung von Gegenstrategien (Response Strategies Working Group), vor
der Außenminister Baker in einer Rede
im Januar 1989 die Bedeutung koordinierter Bemühungen zur Behandlung der
Klimaveränderung betonte.
Die Vereinigten Staaten haben Diskussionen
über .iinen Rahmen für eine weltweite
Konvention zur Reduzierungen derjenigen Gasemissionen aufgenommen, die
für die Erwärmung der Erde verantwortlich sein könnten.

Der Präsident hat die erhebliche
Aufstockung der Bundesmittel zur Bekämpfung umweltbelastender Einflüsse
durch Atomwaffenfabriken im Bundesbesitz um nahezu eine Milliarde Dollar
beschlossen. Auf Anweisung des Präsidenten hat Minister Watkins ein auf
fünf Jahre angelegtes Umwelt- und Sicherheitsprogramm
für Atomwaffenfabriken angekündigt. Die Administration untersucht mit allen ihr zu Gebote stehenden Mitteln mögliche Verletzungen anzuwendender Umweltgesetze, die eventuell in Bundeseinrichtungen vorgekommen sind.
Die nationale Energiestrategie
Der Präsident hat die Erarbeitung
einer nationalen Energiestrategie angekündigt, und das Energieministerium
hat landesweit fünf öffentliche Anhörungen veranstaltet, um Stellungnahmen aus der Öffentlichkeit zu erhalten. Ein Element der Strategie wird
ein
Plan
zur
Herstellung
eines
Gleichgewichts zwischen der Notwendigkeit einer sicheren, ausreichenden
Energieversorgung und dem Schutz der
Umwelt sein.
Meeresverschmutzung
Mit seinem Haushaltsentwurf für
das Jahr 1990 hat der Präsident dem
Kongreß ein Gesetz zugeleitet, das
die Strafen für die illegale Einleitung von Abfällen ins Meer drastisch
verschärft. Das Gesetz verlangt die
Bestrafung von Zuwiderhandelnden als

Umweltschutz
Ebene

auf

internationaler

Weltweite Klimaveränderung

FluorChlorkohlenwasserstoffe (FCKW)
Am 3. März 1989 forderte der Präsident einen vollständigen weltweiten
Verzicht auf die Verwendung von FCKW
bis zum Jahr 2000, falls bis dahin
sichere
Ersatzstoffe
erhältlich
sind. FCKW verursachen den Abbau der
Ozonschicht.
Sondermüllexporte
Am 10. März 1989 forderte der
Präsident ein Verbot für den Export
von Sondermüll außer in solchen Fällen, in denen sich das Empfängerland
durch ein bilaterales Abkommen zu

- 3 -

�dessen ordnungsgemäßer Entsorgung bereiterklärt. Ein kleiner Teil des in
den Vereinigten Staaten anfallenden
Sondermülls wird exportiert, teilweise in Entwicklungsländer, deren Mangel einer angemessenen Entsorgungspraxis
zu
Umweltproblemen
führen
könnte.
Polen und Ungarn
Am 9. und 10. Juli 1989 kündigte
der Präsident technische Hilfe für
Polen und Ungarn an, um die Luftverschmutzung zu bekämpfen und die Wasserqualität zu verbessern.
Abkommen über Treibnetzfischerei
Die Administration
hat Japan,
Taiwan und Korea dazu veranlaßt, Abkommen über die Treibnetzfischerei
abzuschließen, mit denen der praktische Einsatz von Treibnetzen überwacht und die Gesetze über das Verbot
des
Fangs
amerikanischer
Lachse
durchgesetzt
werden
sollen.
Dank
dieser Abkommen können die Vereinigten Staaten den versehentlichen Fang
von Seevögeln, Robben, Walen und anderen maritimen Säugetieren zu quantifizieren. Jahr für Jahr wird illegal gefangener Lachs amerikanischer
Herkunft im Wert von mehreren hundert
Millionen Dollar auf dem Weltmarkt
gehandelt. Mit diesen Abkommen wird
das amerikanische Fischereiwesen für
die Zukunft vor solchen Verlusten geschützt, gleichzeitig wird die Meeresumwelt geschützt.

fallentsorgung ,
Wiederaufforstung,
Umgang mit Pestiziden.
Schutz gefährdeter Arten und Lebensräume
Verbot der Einfuhr afrikanischen Elfenbeins
Am 5. Juni 1989 verkündete die
Administration ein Einfuhrverbot für
afrikanisches Elfenbein. Danach ist
die Einfuhr von afrikanischem Elfenbein aus allen Ländern der Welt illegal. Darunter fallen sowohl kommerzielle als auch nichtkommerzielle
Einfuhren. Bei Beschlagnahme solcher
Waren kann der Reisende mit einer
Geldstrafe bis zu 5 000 Dollar belegt
werden. Als Ergebnis dieser Maßnahme
ist der Preis für Elfenbein auf dem
Weltmarkt stark gefallen. Somit wurde der Anreiz für das Wildern von
Elefanten verringert.
Die WUstenschildkröte
Das Innenministerium hat die Wüstenschildkröte in einer Notmaßnahme
für Südkalifornien, Utah und Nevada
gemäß dem Gesetz über gefährdete Arten auf die Liste der gefährdeten
Tierarten gesetzt.
Panther
Das Innenministerium hat in Florida zusätzlichen Lebensraum für gefährdete Panther erworben.
Schutz von Lebensraum

Initiativen des Entwicklungsdienstes
Am 18. September 1989 kündigte
der Präsident eine gemeinsame Initiative der EPA und des Entwicklungsdienstes (Peace Corps) an. Mit Beginn des Jahres 1990 sollen Entwicklungshelfer als Teil ihrer Standardausbildung auch den Umgang mit einem
breiten
Spektrum
umweltpolitischer
Herausforderungen erlernen: Vermeidung von Gewässerverschmutzung, Ab-

Die EPA hat die Genehmigung für
den Bau des umstrittenen Two ForksDammes in Colorado verweigert, weil
dieses Bauvorhaben Tausende von Hektar wertvollen Lebensraums für freilebende Tierarten vernichtet hätte.
Entwicklung der Fischerei
Der Präsident hat einen Vorschlag
überstimmt, die Ausgaben von Mitteln

�im Rahmen des Wallop-Breaux Trust
Funds für Schutz und Entwicklung der
Fischerei zu kürzen.
ErÖlbohrungen vor der Küste

•

In seiner Februar-Ansprache vor
beiden Häusern des Kongresses schlug
der Präsident vor, die Vergabe von
Konzessionen für die Erschließung von
Öl- und Gasvorkommen in umweltpolitisch sensiblen Gebieten vor den Küsten von Kalifornien und Florida zurückzustellen.
Der Präsident rief
eine Arbeitsgruppe ins Leben, um die
mit diesen Konzessionen verbundenen
umweltpolitischen Bedenken untersuchen zu lassen und versprach, die Erschließung nur in solchen Gebieten
anzustreben, in denen Bohrungen in
einer umweltverträglichen Art und
Weise vorgenommen werden können. Die
Administration hat Bestimmungen veröffentlicht, denen zufolge die Vergabe von Konzessionen zur Öl- und Gasförderung in dem umweltpolitisch sensiblen Cordell Bank National Maritime
Sanctuary vor der kalifornischen Küste verboten werden soll.

Rückgewinnung
sourcen

und

Schutz

von

206 Millionen Dollar für die Erweiterung
amerikanischer
Nationalparks,
Forst- und
Wildschutzgebiete
vor.
Dies war die erste seit mehreren Jahren vorgeschlagene Erweiterung.
Wiederaufforstung
Der Präsident ist seit langem davon überzeugt, daß das Konzept der
Verwaltung unserer nationalen Ressourcen die Grundlage eines soliden
Ansatzes im Umweltschutz darstellt.
Als Teil dieser Überzeugung ist der
Präsident seit langem ein Befürworter
der Wiederaufforstung.
Sein persönliches Engagement beim Pflanzen von
Bäumen ist ein Zeichen für das Ausmaß
seiner Unterstützung kontinuierlicher
Bemühungen dieser Art auf Bundes-,
Staats- und Gemeindeebene sowie von
Aufforstungsprojekten, die auf privater und freiwilliger Basis durchgeführt werden.

Res-

Feuchtgebiete
Der Präsident fordert die Verankerung des Ziels, bei Feuchtgebieten
"keinen Nettoverlust" hinzunehmen, in
der nationalen Politik. Im Einklang
mit dieser Forderung wurde eine behördenübergreifende Arbeitsgruppe gebildet, die gegenwärtig Empfehlungen
zur Verwirklichung dieses Ziels erarbeitet. Der Präsident hat eine besondere
gesetzgeberische
Vollmacht
vorgeschlagen, mit der Zinsen von im
Rahmen des Pittman-Robinson-Gesetzes
eingenommenen Geldern für den Kauf
von Feuchtgebieten gemäß dem North
American Waterfowl Management Act
verwendet werden können.
Erweiterung
bieten

von Parks und Schutzge-

In seinem
Haushalt
für 1990
schlug der Präsident Mehrausgaben von
- 5 -

* * * * *

�</text>
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                <text>&lt;strong&gt;1. Dokumentation&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Bush signalisiert Bereitschaft zur Zerstörung chemischer Waffen&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Ansprache des Präsidenten vor den Vereinten Nationen&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Mosbacher: "beachtlicher Wandel" in Polen&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede des amerikanischen Handelsministers&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Hintergrund&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Regionale Fragen in den amerikanisch-sowjetischen Beziehungen&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Eine Übersicht des US-Außenministeriums&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Rüstungskontrolle in den amerikanisch-sowjetischen Beziehungen&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Eine Übersicht des US-Außenministeriums&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Das amerikanisch-sowjetische Memorandum of Understanding über chemische Waffen&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Eine Übersicht des US-Außenministeriums&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;START: eine Rahmenvereinbarung zu Verifizierung und Stabilität&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Eine Übersicht des US-Außenministeriums&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Stand der Rüstungskontrollverhandlungen&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Wöchentliche Übersicht&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Umweltinitiativen der Bush-Administration&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Eine Übersicht des Weißen Hauses&lt;br /&gt;&lt;/em&gt;</text>
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                    <text>AMERIKA DIENST
'VON**

4. Oktober 1989
v

t

DIE SOWJETISCHE MILILTÄRMACHT 1989

- Achte Dokumentation des amerikanischen Verteidigungsminister!ums -

P
-

United States Information Service
Embassy of the United States of America

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Tel.: 0228-339 2035
Telex: 8-85432

�WASHINGTON - (AD) - Das amerikanische Verteidigungsministeriuli) hat am 26.
Septemher 1989 eine 53seitige Zusammenfassung der achten Dokumentation über
die sowjetische Militärmacht veröffentlicht.

Im folgenden bringen wir wesentliche Auszüge aus der Zusammenfassung.

Die
sowjetische
Militärmacht
1989
analysiert die Gegebenheiten,
unter denen sich der Wandel in der
Sowjetunion vollzieht sowie die Auswirkungen
dieser Veränderungen auf
die militärischen Fähigkeiten der Sowjetunion
und
das
militärische
Gleichgewicht zwischen Ost und West.
Generalsekretär Gorbatschow hat weitreichende Initiativen im Bereich der
Innen-, Außen- und Militärpolitik ergriffen, die einen entscheidenden Umschwung in der Strategie und Taktik
zur
Verwirklichung
der
nationalen
Ziele bedeuten.
Obwohl die Vereinigten
Staaten
die Evolution der Sowjetunion zu einer offeneren Gesellschaft und einer
Sowjetunion, die sich offenkundig de-

mokratischen Prinzipien verschreibt,
ermutigen, können sie nicht einseitig
auf sowjetische Initiativen reagieren, die noch in die Tat umgesetzt
werden müssen oder auf Vorschläge,
die - falls realisiert - leicht revidiert werden können.
Trotz Gorbatschows erklärter Verpflichtung zu einer defensiven Militärdoktrin fährt die Sowjetunion beispielsweise mit der Modernisierung
ihrer Streitkräfte und der Verbesserung ihrer Fähigkeiten fort.
Obwohl
einige Einheiten und Gerät aus Osteuropa abgezogen wurden, ist die Sowjetunion tatsächlich nach wie vor
die größte Militärmacht der Welt,
selbst wenn die von Generalsekretär
Gorbatschow versprochenen einseitigen

�Reduzierungen durchgeführt werden.
Generalsekretär Gorbatschow hat
darüber hinaus bekanntgegeben, daß
die Sowjets ihren Verteidigungshaushalt in den nächsten zwei Jahren um
14,2 Prozent kürzen werden.
Seit
1985 wurden die sowjetischen Verteidigungsausgaben jedoch in realen Zahlen um durchschnittlich 3 Prozent pro
Jahr aufgestockt, dagegen nahm der
amerikanische
Verteidigungshaushalt
im gleichen Zeitraum in realen Zahlen
um über 11 Prozent ab. Infolgedessen
sehen sich die Vereinigten Staaten
und ihre Verbündeten nach wie vor mit
sehr umfangreichen, modernen konventionellen Land-, See- und Luftstreitkräften
sowie
mit
hervorragenden
strategischen und kriegsschauplatzgebundenen Nuklearstreitkräften der Sowjetunion konfrontiert.
Das herausragendste Merkmal der
sowjetischen Militärmacht heute ist
das außerordentliche Tempo, mit dem
sie ihre offensiven Nuklearstreitkräfte modernisiert.
Die Sowjets
stationieren die neuen silogestützten
schweren ICBMs des Typs SS-18 Mod 5.
Diese SS-18 sind jeweils mit mindestens zehn nuklearen Gefechtsköpfen
bestückt, sie verfügen über größere
Zielgenauigkeit und Nutzlast als frühere Versionen und verbessern die Fähigkeit der strategischen Raketenstreitkräfte zur Zerstörung gehärteter Ziele wie amerikanische ICBM-Silos.
Während die Vereinigten Staaten
noch mit der Entscheidung für eine
mobile Raketenstreitmacht und ihre
Finanzierung kämpfen, setzen die Sowjets die Stationierung der fünften
Generation mobiler ICBMs fort - rund
170 straßenmobile SS-25-Raketen und
etwa 18 schienenmobile SS-24, die mit
zehn Nukleargefechtsköpfen bestückt
sind. Die Stationierung dieser Systeme in großer Zahl hat die Überlebensfähigkeit der strategischen Raketenstreitkräfte der Sowjetunion beträchtlich erhöht.
Im vergangenen Jahr haben die Sowjets ferner die Zahl ihrer atomge-

triebenen BFK-U-boote (SSBN) erhöht,
indem sie die jeweils sechste Einheit
von U-Booten der TYPHOON- und DELTA
IV-Klasse vom Stapel gelassen haben.
Die bemannte
strategische Bomberstreitmacht der Sowjetunion disloziert weiterhin neue operative Einheiten der tfberschallbomber BEAR H
und BLACKJACK als Abschußplattformen
für ihre luftgestützten Marschflugkörper mit 3 000 Kilometern Reichweite.
Obwohl die Sowjets einseitig einige der NATO gegenüberstehende Landstreitkräfte abziehen, setzen sie die
Reorganisation und Modernisierung ihrer
Mehrzweck-Einsatzgruppe
fort,
verbessern die Führungs- und Fernmeldeeinrichtungen für diese Streitkräfte und betreiben Forschung und Entwicklung zukünftiger Generationen von
Waffensystemen.
Die Modernisierung der sowjetischen Landstreitkräfte wird im gleichen Tempo fortgesetzt, wobei die
Panzerproduktion weiterhin an erster
Stile steht.
Moderne sowjetische
Panzer wie der T-64, T-72 und T-80
werden den Streitkräften in solchen
Mengen zur Verfügung gestellt, daß
sie in weniger als zwei Jahren die
von den Sowjets angekündigten Panzerreduzierungen in Osteuropa mehr als
ausgleichen werden. Auch die sowjetischen Luftstreitkräfte werden weiterhin modernisiert, obwohl der Austausch älterer Systeme durch neuere,
leistungsfähigere Flugzeuge wie die
Su-27 FLANKER und Mig-31 FOXHOUND generell im Verhältnis von unter 1 zu 1
stattfindet.
Trotz der Verschrottung einiger
veralteter
Unterseeboote
hat
die
UdSSR eine zweite Fertigungsstraße
für die Produktion des atomgetriebenen und mit Marschflugkörpern bestückten Unterseeboots der AKULAKlasse eingerichtet.
Während das
Tempo
sowjetischer
Stationierungen
außerhalb des BUndnisgebiets abgenommen hat, wurde die sowjetische Flotte
um neue, größere Uberwasserkriegsschiffe - wie die Lenkwaffenzerstörer
der UDALOY- und SOVREMENNYY-Klasse,

- 2 -

�einen nukleargetriebenen Kreuzer der
KIROV-Klasse und einen Flugzeugträger
der KIEV-Klasse - erweitert. Bei den
sowjetischen Initiativen zur Reduzierung der Seestreitkräfte bleiben die
beiden neuen, gegenwärtig in der Ausrüstungsphase befindlichen Flugzeugträger der TBILISI-Klasse mit einer
Wasserverdrängung von 65 000 Tonnen
ebenso unerwähnt wie die Tatsache,
daß in Nikolajew bereits ein weiterer
Flugzeugträger auf Kiel gelegt worden
ist.
Es liegt daher auf der Hand, daß
trotz der dramatischen Veränderungen,
die sich in der Sowjetunion vollziehen und wohlmeinender Absichtserklärungen der sowjetischen Führungsspitze gegenüber den westlichen Demokratien die sowjetischen militärischen
Fähigkeiten nach wie vor eine große
Bedrohung unserer Sicherheit darstellen. Wir sollten Moskau ermutigen,
weiterhin eine Politik zu verfolgen,
die Pluralismus im In- und internationale Stabilität im Ausland fördert. Noch wichtiger sind jedoch unsere
kontinuierliche
Unterstützung
der erfolgreichen Strategie des Bündnisses und unsere gemeinsamen Sicherheitsbestrebungen, die sich auf eine
starke
militärische
Abschreckung
gründen, bis die Sowjets ihre Streitkräfte auf erheblich niedrigere Niveaus reduziert haben. Um die Erklärung der Staats- und Regierungschefs
der NATO beim Gipfeltreffen im Mai
1989 in Brüssel zu zitieren: "Friede
muß geschaffen werden; er ist nicht
selbstverständlich.
Das
erheblich
verbesserte politische Klima zwischen
West und Ost eröffnet Aussichten auf
einen stabilen und dauerhaften Frieden, aber die Erfahrung lehrt uns,
daß wir wachsam bleiben müssen."

Die sowjetische Verteidigungspolitik
- Strategie und Struktur
Militärpolitik
Die
politisch
Verantwortlichen
haben ein neues "vernünftiges und
ausreichendes Niveau" oder "ausrei-

chende Verteidigung" zur Bewertung
der sowjetischen Streitkräfte sowie
die neue Doktrin der "defensiven Verteidigung" für militärische Operationen vorgeschlagen. Die Interpretation dieser Prinzipien bleibt jedoch
umstritten und bietet breiten Raum
für Spekulationen bezüglich der zukünftigen Zusammensetzung der sowjetischen Streitkräfte.
Im Generalstab wird häufig der
Begriff der "ausreichenden Verteidigung" verwendet, um damit die Aufrechterhaltung einer offensiv ausgerichteten Verteidigungsfähigkeit zum
Ausdruck zu bringen, die durch offensive Gegenoperationen in der Tiefe
des gegnerischen Territoriums zu dessen Niederlage führen würden. Im Gegensatz dazu befürworten Gorbatschows
zivile Berater das Prinzip eines
"vernünftigen und ausreichenden Niveaus", das ihrer Ansicht nach die
Strukturierung der Streitkräfte für
eine defensiv ausgerichtete Verteidigung im strategischen und operativen
Bereich
beinhalten
würde.
Damit
könnten ein Aggressor zurückgeschlagen, aber Offensivoperationen auf
gegnerischem
Gebiet
ausgeschlossen
werden.
Die Debatte wird in Gorbatschows
Einbeziehung des "Konzepts zur Verhinderung eines Krieges" in die sowjetische
Militärdoktrin
ersichtlich. Obwohl die Sowjets erklärt haben, daß sie die Verhinderung eines
Krieges als vorrangig erachten, muß
das Konzept noch im Hinblick auf
Strategie
und
Streitkräftestruktur
definiert werden.
Der Generalstab
hofft, diesen Prozeß mit dem Ziel zu
beeinflussen, die Fähigkeiten für eine offensiv ausgerichtete Verteidigung aufrechtzuerhalten.
Ein weiterer Streitpunkt ist der
Vorschlag, eine parlamentarische Aufsicht über Entscheidungen im militärischen und außenpolitischen Bereich
einzuführen. Bis heute war die Formulierung der nationalen Sicherheitspolitik in höchstem Maße zentralisiert, wobei den Militärexperten Vor-

- 3 -

�schlage zur Mannschaftsstärke und Optionen vorbehalten waren. Der sowjetische
Außenminister
Schewardnadse
hat öffentlich ein Verfahren befürwortet, mit dem die wichtigsten Entscheidungen im Bereich der Sicherheit
(darunter der Einsatz sowjetischer
Kampftruppen im Ausland, die Verteidigungspläne und der Verteidigungshaushalt) vorbehaltlich der Zustimmung durch die Kommissionen des Obersten Sowjets getroffen werden sollen.
Obwohl das Ergebnis von Diskussionen über Militärdoktrin und politische
Verfahrensweisen
letztlich
entscheidende Auswirkungen auf die
sowjetische Militärmacht haben könnte, werden diese Auswirkungen nur
dann ersichtlich, wenn sie Umfang und
Charakter der stationierten sowjetischen Streitkräfte verändern.

Kürzung der Militärausgaben und Verhandlungen
Im vergangenen Jahr kündigten die
sowjetischen Machthaber Kürzungen der
Militärausgaben und bei den stationierten Streitkräften der Sowjetunion
an. Damit sind die Auswirkungen von
Gorbatschows Initiative zur sowjetischen Miitärmacht nicht länger Spekulation, sondern erklärte Politik. Es
handelt sich jedoch noch nicht um eine vollendete Tatsache, und bezüglich
des Art der versprochenen Reduzierungen bleiben etliche Unsicherheitsfaktoren bestehen.
In seiner Rede vor den Vereinten
Nationen im Dezember 1988 gab Gorbatschow bekannt, daß in den kommenden
zwei Jahren Reduzierungen bei mehreren sowjetischen Gerätkategorien und
bei der Gesamtzahl der sowjetischen
Streitkräfte vorgenommen werden, einschließlich des Abzugs von sechs Panzerdivisionen und 5 000 Panzern aus
Osteuropa.
Anfang des Jahres 1989
verkündete Gorbatschow, die sowjetischen
Verteidigungsausgaben
würden
bis 1991 um 14,2 Prozent gekürzt.
Darüber hinaus haben die Sowjets ausgehandelte Reduzierungen bei den kon-

ventionellen Streitkräften in Europa
vorgeschlagen und damit im Prinzip
dem Gedanken eines Gleichstands zwischen den Streitkräften der NATO und
des Warschauer Pakts zugestimmt.

Neues Denken in der Außenpolitik
Auch die sowjetischen Diskussionen über die allgemeinen Ziele und
den bei ihrer Außenpolitik verfolgten
Ansatz waren in den vergangenen Jahren von Innovationen gekennzeichnet.
Die im Westen größte Hoffnungen wekkenden Erklärungen gingen so weit,
den Verzicht auf "jegliche Bedrohung
oder den Einsatz von Macht und Einmischung in die inneren Angelegenheiten
anderer Staaten unter jedem möglichen
Vorwand" anzukündigen. In seiner Rede vor den Vereinten Nationen sprach
Gorbatschow über die "vielfältigen
Optionen gesellschaftlicher Entwicklungen in den einzelnen Ländern" und
erklärte, "der Einsatz von Bedrohung
oder Macht kann und darf nicht länger
ein Instrument der Außenpolitik sein".
Eine Befolgung dieser Prinzipien
würde eine radikale Abkehr von der
bisherigen Politik der Sowjetunion
gegenüber Osteuropa und den anderen
Ländern erforderlich machen. Der sowjetische Rückzug aus Afghanistan,
die Unterzeichnung des INF-Vertrags
sowie die Bereitschaft zu Verhandlungen
über
einen
konventionellen
Gleichstand in Europa berechtigen zu
Hoffnungen, daß die Sowjets tatsächlich ihre Sicherheitspolitik überdacht haben.
Eine Veränderung im Denken an
sich ist nicht zuverlässig nachprüfbar und kann durch noch neueres Denken überholt werden. Darüber hinaus
erfordert es Zeit, bis greifbare Auswirkungen des "neuen Denkens" bei den
sowjetischen
Streitkräften
spürbar
werden. Sollten die Sowjets eine Politik verfolgen, die tatsächlich auf
den Einsatz von Macht außer zur
Selbstverteidigung verzichtet, müßten
sie sehr viel umfangreichere Reduzierungen des sowjetischen Militärs vor-

�nehmen als bisher versprochen.
Die sowjetische Außenpolitik
Unter Gorbatschow hat die UdSSR
eine Außenpolitik verfolgt, die offensichtlich auf eine Erweiterung sowjetischer Kontakte und Einflußnahme
auf eine Vielzahl von Ländern abzielt
und gleichzeitig ihre regionalen Vasallenstaaten von einem Konfrontationskurs entmutigt.
Im Jahr 1989
gaben China und die UdSSR beispielsweise die Normalisierung der chinesisch-sowjetischen Beziehungen sowie
den Abzug des Großteils der sowjetischen Truppen aus der Mongolei bekannt.
Bei demselben Gipfeltreffen
erörterten Funktionäre beider Parteien die beschleunigte Beendigung der
chinesisch-sowjetischen
Grenzstreitigkeiten und der Besetzung Vietnams. In Afrika spielten die Sowjets
eine hilfreiche Rolle bei der erfolgreichen, von den Vereinigten Staaten
vermittelten Schlichtung, die zum Abzug ausländischer Truppen aus Angola
und der Unabhängigkeit von Namibia
führte. In dem Maße, in dem diese
Initiativen eine Umkehr der sowjetischen Außenpolitik in Richtung auf
stille Diplomatie, verbesserte politische Beziehungen und den Abbau regionaler
Spannungen
widerspiegeln,
stehen sie im Einklang mit dem kürzlich von sowjetischen Regierungsvertretern verkündeten "neuen Denken" in
auswärtigen Angelegenheiten.
Obwohl das sowjetische Verhalten
in gewisser Weise eine gemäßigtere
Außenpolitik belegt, müssen Versprechungen eines radikalen Umbruchs in
den Ost-West-Beziehungen mit Vorsicht
genossen werden. Erstens kommen die
neuen sowjetischen Initiativen nicht
der Abkehr vom langfristigen Ziel der
Sowjetunion gleich, "das Streitkräftegleichgewicht" zu ihren Gunsten zu
verlagern.
Die UdSSR wird voraussichtlich weiterhin eine Ausweitung
ihrer Macht und ihres Einflusses auf
Kosten des Westens durch Diplomatie,
Wirtschafts- und Militärhilfe sowie

Unterstützung von den westlichen Interessen feindlich gesonnenen Bewegungen und Regime anstreben.
Beispielsweise hat die UdSSR einheimischen "nationalen Befreiungsbewegungen" ihre Unterstützung nicht versagt, obwohl die Unterstützung linksgerichteter Rebellen weltweit jetzt
indirekter und verdeckter erfolgen
könnte, wobei ein Großteil der Hilfe
über die sowjetischen Vasallenstaaten
geleistet wird. Ferner hat das "neue
Denken" Gorbatschow nicht davon abgehalten, die Militärhilfe an Nicaragua
von 280 Millionen Dollar im Jahr 1985
auf über 500 Millionen im Jahr 1988
aufzustocken. Darüber hinaus werden
Militärhilfe und Waffenverkäufe mit
Blick auf harte Devisen und regionalen politischen Einfluß weiterhin die
sowjetischen Beziehungen zu vielen
Entwicklungsländern beherrschen.
Zweitens zielen die sowjetischen
RUstungskontrollinitiativen zumindest
zum Teil auf eine Schwächung der
NATO, Verschärfung amerikanisch-europäischer Spannungen sowie die Unterhöhlung westlicher Militärprogramme
ab, während sie gleichzeitig die geplante Modernisierung und Entwicklung
der sowjetischen Streitkräfte schützen sollen.
Drittens
hat
der
sowjetische
Wunsch nach Abbau der Handelshemmnisse und größerer wirtschaftlicher Zusammenarbeit mit dem Westen teilweise
zum Ziel, den Zugang zu westlicher
Technologie und Finanzkrediten zu sichern, die ihnen bis heute verweigert
wurden.
Viertens sind die von Generalsekretär Gorbatschow angekündigten außenpolitischen Veränderungen Teil eines umfassenderen Programms politischer und wirtschaftlicher Reformen,
deren Erfolg in keiner Weise sichergestellt ist. Praktisch alle politischen Veränderungen könnten rückgängig werden, insbesondere wenn ein
Scheitern
von
Gorbatschows
Wirtschaftspolitik zu einer innenpolitischen Krise für das derzeitige Regime
führen könnte.

�Schließlich
ist es ungeachtet
wohlmeinender sowjetischer Erklärungen praktisch unmöglich, die sowjetischen Absichten auf lange Sicht genau
zu beurteilen. Noch gilt als sicher,
ob und in welchem Umfang die von Gorbatschow eingeleiteten jüngsten außenpolitischen Initiativen von seinen
möglichen Nachfolgern weitergeführt
werden.

Sowjetische Verbündete und Vasallen
Die sowjetische Politik des "neuen Denkens" und der Perestrojka hat
bei einigen osteuropäischen Machthabern und linksgerichteten Vasallenstaaten der Sowjets ein gewisses Unbehagen hervorgerufen, die für sie
ein Hindernis bei der Verwirklichung
ihrer eigenen innenpolitischen und
regionalen Ziele bedeutet.
Einige
osteuropäische
Politiker
sehen in
Gorbatschows Politik eine gefährliche
Freisetzung
latenter
nationalistischer Gefühle und Forderungen nach
größerer Freiheit und Konsumgütern,
während diese Politik für die sowjetischen Verbündeten und Vasallen in
der dritten Welt einer Bedrohung einheimischer Revolutionen, nationalistischer Interpretationen des Marxismus-Leninismus sowie der anhaltenden
politischen und militärischen Unterstützung
durch
die
Sowjetunion
gleichkommt.

Osteuropa
Während einige Formulierungen des
sowjetischen "neuen Denkens" über internationale Beziehungen die bisherige Politik gegenüber Osteuropa offensichtlich in Frage stellen, scheinen
die Sowjets entschlossen, ihre politische Vormachtstellung gegenüber den
Warschauer Pakt-Staaten aufrechtzuerhalten.
Moskau verfolgt im Hinblick auf
Osteuropa mehrere Ziele:
größeren Zusammenhalt und
lebensfähigkeit des Blocks;

Über-

verbesserte wirtschaftliche Integration;
ein akzeptables Niveau der Verteidigungsausgaben
sowie
die
Stärkung des politischen Apparats
des Pakts;
Bewahrung der Machtbefugnis der
kommunistischen Partei in allen
Ländern und
kontinuierliche Unterstützung der
sowjetischen Außenpolitik.
Die UdSSR strebt als Weg zu verbesserten Wirtschaftsleistungen Osteuropas langfristig die Erhöhung der
Sicherheit an. Ungeachtet von Moskaus Wunsch nach Gemeinschaftsunternehmen mit dem Westen und der dringenden Notwendigkeit zur Beschaffung
westlicher Technologie wird Osteuropa
weiterhin der Hauptlieferant für Industrieteile und Konsumgüter bleiben. Tatsächlich versuchen die Sowjets, größere Integration unter den
Mitgliedern des Rats für Gegenseitige
Wirtschaftshilfe zu fördern. Dennoch
machen sich die gleichen in der UdSSR
zu
beobachtenden
Anzeichen
wirtschaftlichen Versagens in nahezu allen Ländern Osteuropas bemerkbar:
lange Schlangen von Verbrauchern stehen an, um schäbige Ausschußware zu
kaufen, die Umweltverschmutzung nimmt
überhand, Fabriken und Fertigungsprozesse sind veraltet, die Grundnahrungsmittel knapp, und all dies wird
noch durch die massive Auslandsverschuldung Polens und Ungarns und die
nur unwesentlich geringere Verschuldung anderer Länder verschärft. Einige Osteuropäer haben seit 40 Jahren
immer wieder versucht, Wirtschaftsreformen durchzuführen - zum Beispiel
Gomulka in Polen im Jahr 1956, Gierek
im Jahr 1970 und Kania im Jahr 1980 mit geringem Erfolg, vor allem da
wirtschaftlicher Wandel für gewöhnlich den sowohl für Moskau als auch
die anderen kommunistischen Machthaber inakzeptablen Versuch zu politischen Veränderungen beinhaltete oder
dazu führte. Dennoch lockern die politisch Verantwortlichen in Polen,

�Ungarn und der Tschechoslowakei die
Wirtschaftskontrollen erneut und gewähren größere politische Freiheit,
obwohl sie bei jedem Schritt Moskaus
Reaktion im Auge behalten. Die Sowjets haben den Osteuropäern jedoch
keinen definitiven Anhaltspunkt gegeben, wie weit sie gehen können.
Die
größtenteils
konservative
Führung in anderen osteuropäischen
Ländern, insbesondere der DDR und Rumänien, wollen wenig oder keine Veränderungen aus Angst, sie würden ihren Sturz bewirken. Die sowjetische
Herausforderung hier wird darin bestehen, wirtschaftliche und politische Reformen ohne eine Gefährdung
der kommunistischen Herrschaft zu ermutigen.
Trotz einiger beachtlicher Veränderungen in den Beziehungen zwischen
der Sowjetunion und ihren osteuropäischen Verbündeten war die durch den
Prager Frühling ausgelöste Invasion
der Tschechoslowakei im Jahr 1968 eine Handlung Breschnews, die Gorbatschow nicht verurteilt hat. Obwohl
die Sowjets versprochen haben, die
"ungeschriebenen Seiten" in der sowjetisch-osteuropäischen
Geschichte
anzusprechen - und sogar indirekt zugegeben haben, daß die sowjetiche Geheimpolizei
für das Massaker an
10 000 polnischen Offizieren in Katyn
verantwortlich war - ist noch keine
Bestandsaufnahme des Prager Frühlings
oder seiner Folgen vorgenommen worden.
Im August 1988 wurden Demonstrationen zum Gedenken an den Prager
Frühling in Moskau und Prag gewaltsam
durch die sowjetische und tschechoslowakische Polizei aufgelöst und die
offizielle Haltung in beiden Ländern
lautet immer noch, der Prager Frühling sei eine durch westliche Provokation angestiftete, außer Kontrolle
geratenene Situation gewesen, die eine Invasion der Pakt-Staaten rechtfertigte. In seiner Rede vor dem Europarat im Juli 1988 erklärte Gorbatschow: "Jegliche Einmischung in innere Angelegenheiten . .. , jeder Versuch die Souveränität von Staaten zu
- 7

begrenzen ..., ist unzulässig." Er
stellte jedoch auch fest, daß "die
Überwindung
der
Teilung
Europas"
nicht als ein Mittel "zur Überwindung
des Sozialismus" verstanden werden
sollte, was "einen Konfrontationskurs, wenn nicht noch Schlimmeres"
bedeuten würde.

Die sowjetische Regionalpolitik
Die Atlantische Gemeinschaft
Für Moskau bestand seit jeher ein
fundamentales strategisches Ziel in
der Abkoppelung der Vereinigten Staaten von ihren westlichen Verbündeten. Trotz der hohen Priorität, die
Gorbatschow den amerikanisch-sowjetischen Beziehungen beimißt, ist Westeuropa nach wie vor ein Hauptschwerpunkt der sowjetischen Außenpolitik.
Eines der bevorzugten Themen des
Kremls ist die Notwendigkeit, ein
"gemeinsames Haus Europa" zu bauen,
das die Sowjetunion einbezieht. Verweise auf dieses Thema - ein Manöver,
das unter anderem dazu dient, die
Bindungen
innerhalb
der NATO zu
schwächen - zielen darauf ab, die Befürchtungen des Westens bezüglich sowjetischer Aggression zu zerstreuen
und die westeuropäische Unterstützung
für die NATO und für Verteidigungsausgaben zu lähmen.
Wirtschaftlich
hat Gorbatschow das Thema Gemeinsamkeit für Appelle zu erweiterter Zusammenarbeit benutzt und den Wunsch
der UdSSR nach verstärktem Ost-WestHandel, ungebundenen westlichen Krediten sowie der Lockerung von Restriktionen beim Technologietransfer
in den Ostblock unterstrichen.
Die Sowjets nutzen die durch den
INF-Vertrag in Bewegung geratene Situation, um auf weitere Rüstungskontrollmaßnahmen in Westeuropa zu drängen. Während des Besuchs von Bundeskanzler Helmut Kohl in Moskau im Oktober 1988 brachte Gorbatschow seine
Ablehnung gegenüber dem NATO-Plan zur
Modernisierung ihrer in der Bundesrepublik
Deutschland
stationierten

�Kurzstreckensysteme zum Ausruck. Die
sowjetische Ankündigung, 500 taktische Nukleargefechtsköpfe abzuziehen,
wurde zweifelsohne in der Absicht abgegeben, die Meinungsverschiedenheiten innerhalb der NATO auszunutzen.
Darüber hinaus befürworten die Sowjets die Errichtung eines 300 Kilometer breiten Korridors in Mitteleuropa, der frei von nuklearen oder
chemischen Waffen sein soll und sowohl die Bundesrepublik als auch die
DDR einbezieht.
Während seines Besuchs in Dänemark im September 1988 führte Außenminister Schewardnadse Gorbatschows
Rede in Murmansk vom Oktober 1987
weiter aus, die eine Reihe von Vorschlägen zur nordeuropäischen Sicherheit und wirtschaftlichen Zusammenarbeit enthielt. Er schlug den Austauschbesuch von Kriegschiffen vor,
würdigte die in Dänemark und im übrigen Europa zur "nichtoffensiven Verteidigung" betriebene Forschung und
unterstützte Gorbatschows Konzept eines
"gemeinsamen
Hauses
Europa".
Schewardnadse
forderte
umfassende
wirtschaftliche Zusammenarbeit zwischen der UdSSR und den nordeuropäischen Staaten, mit allem, was solche
Zusammenarbeit für sowjetischen Zugang zu moderner Technologie bedeutet.
Bei einer Pressekonferenz in
Kopenhagen
stellte
Schewardnadse
fest, die vom Koordinierungsausschuß
für
ost-westliche
Handelspolitik
(COCOM) herausgebene Liste vom Export
in den Ostblock ausgeschlossener Produkte solle gekürzt werden, um den
Geist der Zusammenarbeit zwischen Ost
und West zu fördern.

Zusammenfassung
Die neue öffentliche Betonung von
Zusammenarbeit und Verhandlungen in
der sowjetischen Außenpolitik dient
einer Reihe von Zielen. Die Sowjets
hoffen wahrscheinlich, ihre Interessen und ihren Einfluß zu erweitern
und Unterstützung für Initiativen wie
Rüstungskontrolle und regionale Entnuklearisierung, besseren Zugang zu

modernen Technologien und zusätzliche
Wirtschaftschancen
zu
erhalten.
Schewardnadse hat eingeräumt, daß die
Aktivitäten der Sowjetunion in der
dritten Welt die Ost-West-Beziehungen
beeinflussen (zuvor hatte Moskau dieses "Junktim" zurückgewiesen). Die
wirtschaftlichen Kosten des sowjetischen Engagements in der dritten Welt
könnten auch zugunsten von Verhandlungen oder Zurückhaltung sprechen.
Darüber hinaus könnte eine weniger
provokative sowjetische Politik eine
Atmosphäre schaffen, in der die amerikanischen Verbündeten den Nutzen
der amerikanischen Militärpräsenz in
den jeweiligen Regionen in Frage
stellen.
Trotz des sowjetischen Anliegens,
nicht länger als Bedrohung sondern
als zur Zusammenarbeit bereit angesehen zu werden, hängt die von der Sowjetunion verfolgte Politik in hohem
Maße von den Umständen, Chancen und
der Politik anderer Länder ab.

Mittelvergabe für militärische Zwekke
Die sowjetischen Militärausgaben
Die Fortsetzung der traditionellen Mittelvergabe für militärische
Zwecke spiegelt sich in westlichen
Schätzungen der Militärausgaben unter
Gorbatschow wider, die belegen, daß
der gesamten militärische Kostenapparat seit 1985 in realen Zahlen um etwa 3 Prozent pro Jahr gestiegen ist.
Die Ausgaben für Forschung und Entwicklung
sowie
RUstungsbeschaffung
haben in erster Linie zu der Kostenexplosion beigetragen.
Diese Zuwachsrate ist etwas höher als Anfang
der achtziger Jahre, obwohl sie offensichtlich keine Veränderung bei
den Verteidigungsausgaben unter Gorbatschow bedeutet. Der Zuwachs ist
vielmehr größtenteils auf die Einführung oder beschleunigte Produktion
einiger neuer Waffensysteme zurückzuführen, die sich bereits im Entwicklungsstadium
befanden, als Gorbatschow sein Amt antrat.
8 -

�Alle wichtigen Waffensysteme erhalten weiterhin umfangreiche Finanzierung.
Historisch gesehen haben
die Sowjets den größten Teil ihres
Beschaffungsetats für die Landstreitkräfte aufgewendet. Die Ausgaben für
diese Rüstungskategorie hielten sich
unter Gorbatschow auf einem relativ
stabilen, wenn auch hohen Niveau und
gestatteten es dem Militär, die umfassende Modernisierung seiner Landstreitkräfte fortzusetzen.
In der
Zwischenzeit sind die Beschaffungskosten der Seestreitkräfte drastisch
gestiegen, insbesondere bei Mehrzweck-U-Booten und größeren Überwasserkampfschiffen.
Die
steigenden
Kosten für neue Kampfflugzeuge spiegeln ihre technische Vervollkommnung
und Fähigkeiten wider, die ein niedrigeres Produktionsniveau gestatteten. Die Beschaffung taktischer und
strategischer Raketen hat zugenommen,
vor allem aufgrund der erhöhten Produktion von Boden-Luft- und ICBM-Raketen nach dem Tiefstand der Jahre
1984 bis 1986.
Die Sowjets haben in den vergangenen Jahren versucht, einige Militärausgaben zu kürzen. Die sowjetische Marine hat beispielsweise
wahrscheinlich als Reaktion auf sowohl wirtschaftliche als auch operative Erfordernisse - Operationen in
entfernt gelegenen Gebieten reduziert
und
die
Verschrottung
veralteter
U-Boote und Uberwasserschiffe beschleunigt. Berichten in der sowjetischen Militärpresse zufolge erhielten einige Landeinheiten konkrete Anweisung, den Verbrauch von Öl und anderen Ressourcen zu senken. Offensichtlich haben die Sowjets ferner
ihre Bemühungen verstärkt, die Lebensdauer einzelner Waffen zu verlängern. Dennoch werden diese Versuche
zu Einsparungen im militärischen Bereich durch die steigenden Kosten der
sowjetischen Waffenprogramme mehr als
wettgemacht.
Infolgedessen stiegen
die Militärausgaben schneller als das
Wirtschaftswachstum
insgesamt, was
einen Anstieg der Verteidigungslast
bedeutet.

Für
die
Zukunft besteht das
Schlüsselproblem des Westens in der
Frage, inwieweit die jüngsten sowjetischen Erklärungen über Kürzungen
der Militärausgaben zu einer echten
Verlagerung der traditionellen Prioritäten bei der Mittelvergabe für militärische
Zwecke
führen
werden.
Oberflächlich betrachtet sind die sowjetischen Erklärungen Anzeichen einer neuen Bereitschaft, bisher als
geheim eingestufte Daten über militärische Aufwendungen freizugeben und
deuten die Aussicht auf drastische
Veränderungen bei den Militärausgaben
an.
Trotz dieser neuen, zur Schau
gestellten Offenheit sind die sowjetischen Erklärungen weit davon entfernt, auf ihre wirklichen Absichten
schließen zu lassen.
Die Eröffnungssitzung des sowjetischen Kongresses der Volksdeputierten Ende Mai, Anfang Juni 1989 erwies
sich als weitere Gelegenheit für Enthüllungen über Militärausgaben. Zum
ersten Mal legte Generalsekretär Gorbatschow den Gesamtumfang des Militäretats offen, der sich seinen Worten zufolge im Jahr 1989 auf 77,3
Milliarden Rubel belaufen wird. Er
behauptete, die Militärausgaben seien
1987-88 "eingefroren" worden, was zu
einer Einsparung von 10 Milliarden
Rubel geführt habe und schlug "bereits für 1990-91" eine Kürzung des
Militäretats um 14 Prozent vor, was
weiteren 10 Milliarden Rubel entsprechen würde. Ministerpräsident Ryschkow legte den Verteidigungshaushalt
vor, der zum ersten Mal nach solchen
Kategorien
wie
Waffenbeschaffung,
Forschung
und
Entwicklung, Mannschaftsstärke, Operationen und Instandhaltung sowie militärisches Bauwesen aufgeschlüsselt war. Ryschkow
zufolge strebt die UdSSR "bis 1995
eine Kürzung von einem Drittel bis
zur Hälfte des Anteils der Verteidigungsausgaben am nationalen Einkommen
an".
Obwohl die Sowjets betonten, sie
hätten den Verteidigungshaushalt "genauestens und im gesamten Umfang" be-

- 9 -

�rechnet, enthalten ihre Erklärungen
beachtliche Unstimmigkeiten und Diskrepanzen. Obwohl entschieden höher
als jeder zuvor verabschiedete Verteidigungshaushalt, erscheint Gorbatschows Zahl von 77,3 Milliarden Rubel unrealistisch niedrig in Anbetracht der zur Ausrüstung, Instandhaltung und Operation erforderlichen
Ressourcen für eine Streitmacht von
der Größe der sowjetischen.
Diese
Zahl entspricht in etwa der Hälfte
der westlichen Schätzungen Ober die
aktuellen sowjetischen Militärausgaben. Sie beläuft sich auf 9 Prozent
des sowjetischen Bruttosozialprodukts
(BSP), im Gegensatz zu den 15 - 17
Prozent des BSP, das der Westen für
die
sowjetische
Verteidigungslast
schätzt.
Für diesen enormen Unterschied
zwischen den von Gorbatschow für den
Verteidigungshaushalt
angegebenen
Zahlen und den westlichen Schätzungen
könnte es mehrere Gründe geben. Die
Schätzungen
des
Westens
könnten
schlicht und einfach zu hoch liegen.
Alle von westlichen Regierungsbehörden, Statistikern und privaten Forschungsinstituten unabhängig voneinander abgegebenen Schätzungen sind
jedoch entschieden höher als 77,3
Milliarden Rubel.
Darüber hinaus
wurde in einem Presseartikel eines
sowjetischen Wirtschaftswissenschaftlers vom Februar 1989 eingeräumt, es
sei "offensichtlich", daß die Verteidigungsausgaben "weit über 100 Milliarden Rubel pro Jahr betragen".
Ministerpräsident
Ryschkow
verwies
auf eine mögliche Quelle der Unstimmigkeiten, als er nach der detaillierten Aufstellung der Aktivitäten,
aus denen sich ihm zufolge der Verteidigungshaushalt zusammensetzt, zusätzliche Ausgaben in Höhe von 3,9
Milliarden Rubel für Weltraumprogramme für militärische Zwecke getrennt
aufführte. Dies könnte als repräsentativ für mehrere Ausgabenkategorien
gelten, die die Sowjets aus einem eng
ausgelegten
Verteidigungshaushalt
ausgenommen haben könnten.
- 10

Die Rüstungsindustrie
Die im Januar 1989 von Gorbatschow abgegebene Erklärung, die Waffenproduktion würde um 19,5 Prozent
gekürzt, ist ein Anzeichen dafür, daß
die sowjetische Führung zu einer Modifizierung der traditionellen Prioritäten bei der Mittelvergabe kommen
könnte und mehr Ressourcen der Verteidigungsindustrie in die Modernisierung der gesamten Wirtschaftsbasis
leitet. Obwohl der Prozeß eines Abbaus der Waffenproduktion sich voraussichtlich bis weit in die neunziger Jahre erstrecken wird, werden die
Sowjets einen tatsächlichen Produktionsrückgang wahrscheinlich relativ
bald publik machen, um dem Westen gegenüber die Ernsthaftigkeit von Gorbatchows Absichten zu beweisen. Im
März 1989 wurde westlichen Journalisten beispielsweise die Besichtigung
einer Flugzeugfabrik in Moskau erlaubt, die Berichten zufolge zumindest teilweise
stillgelegt werden
soll.
Die Auswirkungen der Umrüstung
von militärischer in zivile Produktion bleiben jedoch noch abzuwarten.

Die sowjetische Mannschaftsstärke
Auch menschliche Ressourcen, die
zur Aufrechterhaltung der sowjetischen Macht ebenso wichtig sind wie
industrielle und technologische Ressourcen, bereiten der sowjetischen
Führung zunehmend Sorgen. Die Ankündigung einer Reduzierung der Mannschaftsstärke um 500 000 Mann wird
den Rückgriff auf nichtslawische insbesondere zentralasiatische - Minoritäten einschränken.
Mit diesem
Abbau wird die sowjetische Führung
Zeit gewinnen, um die Rolle anderer
Nationalitäten in den Streitkräften
neu zu bewerten und Methoden zu verbessern, die Moslems in das Militär
zu integrieren. Dies ist jedoch nur
ein zeitweiliger Aufschub. Das Bevölkerungswachstum und die sich ver-

�ändernde
ethnische
Zusammensetzung
stellen in absehbarer Zukunft Herausforderungen für die sowjetische Führung dar.

Perspektiven
Bis über das Jahr 1995 hinaus
werden die längerfristigen sowjetischen Entscheidungen bezüglich der
Mittelvergabe für militärische Zwecke
voraussichtlich
vom
Zusammenwirken
mehrerer Faktoren abhängen:
Fortschritte beim wirtschaftlichen Modernisierungsprogramm während des 13.
Fünfjahresplans, den Prognosen der
Führung bezüglich dem Stand der Modernisierung
ihrer
Streitkräfte,
technologischen Erfordernissen sowie
den militärischen Fähigkeiten des Westens. Wenn bis Mitte der neunziger
Jahre entscheidende Produktivitätsverbesserungen erzielt werden, könnten die Sowjets mit dem militärischen
Modernisierungsprogramm
fortfahren
und es vielleicht sogar beschleunigen, ohne Kompromisse bei der Modernisierung der Wirtschaft machen zu
müssen.
Falls sich die Wirtschaft
jedoch noch immer in einer Übergangsphase befindet - was wahrscheinlicher
ist - werden die Sowjets zwischen
zwei Optionen entscheiden müssen:
Aufschub umfangreicher militärischer
Modernisierungsprogramme durch Konzentration auf Projekte, die mehr
technologische Entwicklung und längere Vorlaufzeit erfordern oder Beschleunigung der militärischen Modernisierungsprogramme trotz der Auswirkungen, die dies auf langfristige
wirtschaftliche
und
militärische
Fortschritte haben würde. Die Antwort der sowjetischen Führung auf
dieses Dilemma wird über den zukünftigen Kurs der sowjetischen Bedrohung
entscheiden.

den kann und die strategischen Waffenarsenale abgebaut werden müssen,
stationieren die Sowjets weiterhin
neue Generationen von Interkontinentalraketen,
unterseebootgestützten
ballistishen Raketen und bemannten
strategischen
Bombern.
Zu diesen
neuen, entschieden fähigeren strategischen Nuklearsystemen gehören:
Die
außerordentlich
zielgenaue
SS-18 Mod 5 ICBM, die straßenmobile SS-25 ICBM und die schienenmobile und silogestützte SS-24
ICBM;
die
strategischen
BFK-U-Boote
(SSBN) der TYPHOON-Klasse mit
SS-N-20 U-Boot-gestützten ballistischen Flugkörpern (SLBMs) und
SSBN der DELTA IV-Klasse mit
SS-N-23 SLBMs;
die mit luftgestützten Marschflugkörpern von 3 000 Kilometern
Reichweite bestückten bemannten
strategischen
Bomber
BLACKJACK
und BEAR H sowie
umgerüstete U-Boote der YANKEEKlasse und andere U-Boote, die
als Plattform für den Angriff von
Landzielen mit U-Boot-gestützten
Marschflugkörpern (SLCMs) dienen.

Verteidigungs- und

Darüber hinaus haben sich die sowjetischen Pläne für den Einsatz
strategischer Nuklearwaffen anscheinend trotz ihrer Behauptung bisher
wenig geändert, eine defensive Doktrin verabschiedet zu haben. Diese
Pläne stützen sich nach wie vor auf
zwei entscheidende Einschätzungen der
Sowjetunion: Erstens, daß sich der
Einsatz strategischer Nuklearwaffen
am ehesten aus einer Eskalation des
Einsatzes von nuklearen Gefechtsfeldwaffen in Europa ergibt und zweitens,
daß der beste Weg zur Schadensbegrenzung in einem Nuklearkrieg darin besteht, selbst zuerst anzugreifen.

Trotz öffentlicher Bekundungen,
daß ein Atomkrieg nicht gewonnen wer-

Im Rahmen der angekündigten defensiven Doktrin scheinen die Sowjets
die NATO betreffend weiterhin ein europäisches kriegsschauplatzgebundenes
Einsatzkonzept anzustreben, das davon

Strategische
Weltraumprogramme
Doktrin

- 11 -

�ausgeht, daß die NATO voraussichtlich
keine
strategischen
Nuklearwaffen
einsetzen wird, wie es in ihrer strategischen Doktrin der flexiblen Reaktion vorgesehen ist.
Eines ihrer
Ziele bei der Unterzeichnung des
INF-Vertrags scheint daher im Abbau
einiger Nuklearwaffen bestanden zu
haben, die - obwohl für den Einsatz
auf dem europäischen Gefechtsfeld bestimmt - ein Ausufern des nuklearen
Schlagabtauschs auf sowjetisches Territorium nicht unbedingt verhindert
hätten. Aus demselben Grund streben
sie weiterhin den Abbau aller nuklearen Kurzstreckensysteme in Europa
an, wie aus Gorbatschows jüngstem
Vorschlag ersichtlich wird, im Gegenzug zur Zustimmung der Vereinigten
Staaten zu Gesprächen über SNF-Kürzungen nukleare Kurzstreckensysteme
einseitig abzubauen.
In dem Versuch, Bedingungen zu
schaffen, unter denen ein Krieg zwischen den Bündnissen auf Europa beschränkt bleibt, betonen die Sowjets
zunehmend den abschreckenden Aspekt
ihrer strategischen Offensiv- und Defensivprogramme.
Diese Verlagerung
der Perspektive hat jedoch lediglich
zu Reduzierungen bei ihren Nuklearwaffenprogrammen geführt wie sie auch
der INF-Vertrag vorsieht. Obwohl die
Sowjets jedoch auf den abschreckenden
Aspekt ihrer Nuklearstreitkräfte verweisen, besteht das Grundkonzept ihrer Doktrin über strategische Nuklearwaffen in einer Fähigkeit zur strategischen Kriegführung, mit der dem
Gegner unter allen Umständen ein verheerender nuklearer Schlag zugefügt
werden kann. Trotz der angekündigten
defensiven Doktrin bleibt unter Bedingungen, bei denen der Einsatz von
Nuklearwaffen durch den Gegner sehr
wahrscheinlich ist, ein Präventivschlag die von den Sowjets bevorzugte
Option beim Einsatz nuklearer Waffen. Diese Angriffsoption bedeutet,
daß die Sowjets Nuklearwaffen in
Stellung bringen, wenn überzeugende
Beweise dafür vorliegen, daß ein Gegner einen nuklearen Angriff gegen die
Sowjetunion vorbereitet. Obwohl die
Sowjets argumentieren, daß ein Prä- 12

ventivschlag lediglich der Selbstverteidigung gegen einen drohenden Angriff dient, sollen damit doch Ziele
strategischer Kriegführung verwirklicht werden, und das heißt auch, daß
die Sowjetunion ihre strategischen
Raketen zuerst abfeuert.
Die Sowjets entwickeln und stationieren auch weiterhin strategische
Offensivstreitkräfte auf der Grundlage von vor zehn bis zwanzig Jahren
getroffenen Entscheidungen über die
Streitkräfteerfordernisse,
und
das
allgemeine Tempo dieser Modernisierung wurde nicht von den gegenwärtig
unter Gorbatschow geführten Diskussionen über nationale Sicherheitspolitik beeinträchtigt. Inwieweit diese Diskussionen
die Streitkräftestruktur der Zukunft beeinflussen,
bleibt abzuwarten. Die heute stationierten Systeme sind zunehmend präziser und überlebensfähiger. Die verbesserte
Uberlebensfähigkeit
zeigt
sich besonders deutlich in der Stationierung der schienenmobilen SS-24
und der straßenmobilen SS-25 ICBMs.
Die mobilen Systeme verbessern die
Fähigkeit zu Abschreckung und Kriegführung der strategischen Offensivstreitkräfte der Sowjets, indem sie
die Wahrscheinlichkeit erhöhen, daß
sowjetische strategische Nuklearwaffen nach einem ersten Schlagabtausch
für Nachfolgeangriffe zur Verfügung
stehen.
Die Sowjets haben bei den STARTVerhandlungen Vorschläge unterbreitet, um die Anzahl der sowohl der Sowjetunion als auch den Vereinigten
Staaten zur Verfügung stehenden strategischen Nuklearsysteme zu reduzieren. Diese Vorschläge bestätigen jedoch nicht zwangsläufig eine Veränderung im sowjetischen Einsatzkonzept
noch beeinflussen sie die Fähigkeit
der Sowjets zur Verwirklichung ihrer
Ziele bei der nuklearen Kriegführung.

Implikationen
Das gesamte Spektrum von Themenkomplexen, die Rüstungskontrollen^

�Wicklungen, die mögliche Stationierung eines amerikanischen Systems zur
strategischen Verteidigung und das
Potential für Vorstöße in neue strategische Waffentechnologien betreffen
- sich aber nicht auf sie beschränken
- wird Einfluß auf Entscheidungen der
sowjetischen Führung zur Gestaltung
des künftigen strategischen Nuklearwaffenarsenals der Sowjets ausüben.
Hierfür lassen sich folgende Beispiele anführen:
START:
Es läge gegenwärtigen
Beurteilungen zufolge im Rahmen
des Möglichen, daß die Sowjets
einen START-Vertrag unterzeichnen
und im wesentlichen die Fähigkeit
aufrechterhalten, Schläge gegen
wichtige nukleare, andere militärische sowie politisch und wirtschaftlich relevante Ziele auszuführen.
Diese Fähigkeit ließe
sich aus verschiedenen Faktoren
herleiten, etwa aus einer möglichen Reduzierung der von den Sowjets anzugreifenden Anzahl amerikanischer gehärteter Ziele, der
verbesserten Fähigkeit neuer sowjetischer Nuklearsysteme wie etwa der SS-18 Mod 5 (auf der die
Anzahl der für jedes Ziel bestimmten Gefechtsköpfe reduziert
wird) und der verbesserten Uberlebensfähigkeit neuer strategischer Systeme der Sowjets.
SDI:
Da die Stationierung eines amerikanischen strategischen
Verteidigungssystems
sogar
mit
begrenzter Effektivität sowjetische Planungen zu einem Einsatz
strategischer Waffen komplizieren
würde, könnte eine solche Entscheidung der Vereinigten Staaten
dazu führen, daß die Sowjets die
Wirksamkeit ihrer Pläne zur strategischen Kriegführung einer Neubewertung unterziehen und möglicherweise
ihre
RUstungskontrollvorschläge
modifizieren.
Sowjetischen Erklärungen zufolge
würde ihre Reaktion sowohl quantitative als auch qualitative
Maßnahmen vorsehen.
Im Extremfall könnten die Sowjets zum Bei-

spiel eine größere Anzahl nuklearer Gefechtsköpfe stationieren,
um mit amerikanischen Verteidigungssystemen gleichzuziehen und
sie zu übertreffen. Darüber hinaus könnten die sogenannten "aktiven Instrumente" der Sowjets
wie Satellitenabwehrwaffen (ASAT)
und die "passiven Instrumente"
wie Köder und andere Mittel zum
Eindringen in der Absicht stationiert werden, die Uberlebensfähigkeit der sowjetischen strategischen
Streitkräfte
sicherzustellen,
die
Nuklearschlage
durchführen.

Kriegsschauplatzgebundene
streitkräfte

Nuklear-

Zielsetzung
Die sowjetischen Nuklearsysteme
mittlerer Reichweite - die straßenmobile SS-4 SANDAL und die SS-20 SABER
- bilden den integralen Bestandteil
der strategischen Nuklearstreitkräfte. Mit diesen Systemen können alle
weichen Ziele und Flächenziele in Europa angegriffen werden.
Entwicklungen bei den Streitkräften
Die SS-20 und die SS-4 zählen zu
den Raketensystemen, die nach den Bestimmungen des INF-Vertrages beseitigt werden. Der im Juni 1988 in
Kraft getretene Vertrag fordert, daß
beide Länder in einem Zeitraum von
drei Jahren alle landgestützten Nuklearraketen (Marschflugkörper eingeschlossen) mit einer Reichweite von
500 bis 5 000 Kilometer abbauen. Der
Vertrag betrifft darüber hinaus zwei
Raketensysteme kürzerer Reichweite,
die SS-12 und die SS-23.
Die Sowjets haben mit der Beseitigung der vom INF-Vertrag erfaßten
Raketen und Abschußvorrichtungen im
Juli 1988 begonnen. Vor den INF-Reduzierungen
umfaßten
die
SS-20
Streitkräfte 48 Stützpunkte, in denen
regulär 405 Raketen und Abschußvor-

- 13 -

�richtungen stationiert waren.
Die
SS-4 Streitkräfte setzten sich aus 96
vorbereiteten Abschußstellungen zur
Unterstützung von 60 stationierten
Raketen zusammen.

Implikationen
Bevor die Sowjets über die Vorschrottung ihrer SS-20 Streitkräfte
und damit über ein System verhandelten, das sie zu Beginn der siebziger
Jahre entwickelt hatten und 1977 zu
stationieren begannen, wogen sie seinen Wert gegen die Fähigkeiten von
Mittelstreckensystemen der Vereinigten Staaten und der NATO ab und
stellten Überlegungen darüber an,
welche Systeme unmittelbar verfügbar
waren, um die Verluste jeder Seite
auszugleichen. Auf der Grundlage ihrer Zielvorgaben und Einsätze der Nuklearstreitkräfte in Eurasien ist es
wahrscheinlich, daß die Sowjets zu
dem Schluß gelangten, die Beseitigung
ihrer
Mittelstreckenraketen
durch
Neuausrichtung anderer strategischer
und taktischer nuklearer Trägersysteme auszugleichen.
Zahlreiche Ziele
der SS-20 können auch von ICBMs und
SLBMs mit Unterstützung anderer Luftwaffenkomponenten getroffen werden.
Die ICBMs der Typen SS-11 und SS-19
werden zusammen mit allen in sowjetischen Bastionen stationierten SLBMs
bis Mitte der neunziger Jahre alle
Ziele abdecken können, wobei dafür
auch potentiell Raketen der Typen
SS-24 und SS-25 zur Verfügung stehen. Auch nach den Reduzierungen im
Rahmen des INF- und START-Vertrags
werden die Sowjets aufgrund der kontinuierlichen
Modernisierung
ihrer
strategischen
Streitkräfte
höchstwahrscheinlich in der Lage sein, ihre
wichtigsten mit taktischen, kriegsschauplatzgebundenen und interkontinentalen Waffen erreichbaren Zielvorgaben ebenso effektiv zu verwirklichen wie mit ihrem gegenwärtigen Arsenal strategischer Waffen. Darüber
hinaus sind sich die Sowjets auch der
Tatsache bewußt, daß der INF-Vertrag
zu Unstimmigkeiten im NATO-Bündnis
geführt hat.

Nuklearstreitkräfte
te

kurzer

Reichwei-

Zielsetzung
Das sowjetische Militär stationiert ein breites Spektrum nuklearer
Trägersysteme mit einer Reichweite
unter 1 000 Kilometern. Dazu zählen
Mittelstreckenraketen kürzerer Reichweite (SRINF), die vom INF-Vertrag
abgedeckt werden. Gegenwärtig werden
insbesondere die SS-12 und SS-23 beseitigt. Der INF-Vertrag erfaßt weder Kurzstreckenraketen
mit einer
Reichweite von unter 500 Kilometern
noch Mehrzweckkampfflugzeuge oder Artilleriegeschütze. Trotz der Tatsache, daß der INF-Vertrag die bedrohlichsten sowjetischen Nuklearsysteme
beseitigt, behalten die Sowjets eine
mehr als angemessene Fähigkeit, ihre
Landstreitkräfte mit taktischen Nuklearwaffen zu unterstützen.
Obwohl sich die Streitkräftemodernisierungen der NATO voll und ganz
im Einklang mit dem INF-Abkommen befinden, hat Generalsekretär Gorbatschow diese Streitkräfteverbesserungen als Unterminierung des Vertrags
bezeichnet. Die Sowjets geben solche
Erklärungen ab, während sie die nach
dem INF-Vertrag abzuziehenden SS-23
durch Raketen des Typs SS-1 SCUD ersetzen, für die keine Beschränkungen
gelten.

Entwicklungen bei den Streitkräften
Das sowjetische Militär hat die
Reichweite und Zielgenauigkeit seiner
Kurzstreckenraketen
kontinuierlich
verbessert. Darüber hinaus hat es in
einigen Fällen SNF-Einheiten neu organisiert, um eine stärker zentralisierte Kontrolle und größere Flexibilität bei ihrem Einsatz zu gewährleisten. Das Militär hat zum Beispiel
Bataillone
von
Kurzstreckenraketen
auf Divisionsebene in dem Heer unterstehende Brigaden umorganisiert.
Darüber hinaus haben die Sowjets
ihre Absicht bekundet, fünf nach dem

- 14 -

�INF-Vertrag frei werdende Raketenstützpunkte in Basen umzuwandeln, auf
denen nach dem INF-Vertrag gestattene
SRBMs disloziert sind. Seitdem wurden BauaktivitMten und die Ausbildung
neuer Raketeneinheiten
auf diesen
Stützpunkten oder in ihrer Umgebung
beobachtet, auch in der DDR. Solche
Aktionen deuten möglicherweise auf
sowjetische Absichten hin, den Verlust ihrer SS-12 und SS-23 auszugleichen, die bis Dezember 1989 vollständig beseitigt sein sollten.

Implikationen
Trotz der von Gorbatschow angekündigten
Streitkräftereduzierungen
wird der Warschauer Pakt gegenüber
der NATO bei den Trägersystemen für
SRBMs einen erheblichen zahlenmäßigen
Vorteil (von 16:1) haben. Das trifft
auch für nukleare Artillerie (4:1) in
der Region vom Atlantik bis zum Ural
zu.
Verbesserungen bei Reichweite
und Zielgenauigkeit dieser Systeme
haben die Qualität sowjetischer Kurzstreckenraketen geteigert.

Technologie für traditionelle und modernste Verteidigung gegen ballistische Raketen fort. Das umfangreiche
sowjetische Programm passiver Verteidigungsmaßnahmen - einschließlich ziviler Verteidigung, Mobilität, Härtung und Redundanz - zielt darauf ab,
die Auswirkungen gegnerischer Nuklearschläge auf sowjetischem Territorium zu begrenzen. Obwohl nicht bei
all diesen Programmen schnelle Fortschritte zu verzeichnen sind, wurden
sie doch in den vergangenen zwanzig
Jahren
kontinuierlich
unterstützt,
was auf ein langfristiges Engagement
für die strategische Verteidigung
schließen läßt.

Luftverteidigungsstreitkräfte
Die Sowjets haben ihre Streitkräfte für die Luftverteidigung erheblich modernisiert und erweitert.
Zusätzlich zur Integration neuer Waffensysteme in diese Streitkräfte war
- nach jüngsten Verletzungen sowjetischen Luftraums - eine stärkere Betonung der Einsatzbereitschaft zu beobachten.

Strategische Verteidigung
Boden-Luft-Raketen
Zielsetzung
Nach Ansicht der Sowjets sind sowohl aktive als auch passive strategische Verteidigung entscheidende Bestandteile einer Militärdoktrin, die
darauf abzielt, im Falle eines Krieges den Schaden für die Sowjetunion
zu begrenzen. Das anhaltend starke
sowjetische Engagement für strategische Verteidigungsprogramme läßt sich
durch die Vielfalt der stationierten
oder im Stadium der Entwicklung befindlichen Defensivwaffen und den Umfang anderer aktiver und passiver
Verteidigungsfähigkeiten
ermessen.
Die Sowjets haben ein umfassendes
Luftverteidigungssystem
in Stellung
gebracht und eine ABM-Verteidigung um
Moskau stationiert.
Darüber hinaus
setzen sie in beeindruckendem Umfang
ihre Forschung und Entwicklung der

Die strategischen Boden-Luft-Raketen (SAMs) der Sowjets - die SA-2,
SA-3, SA-5 und SA-10 leisten die
Sperrpunkt-, Raum- und Objektverteidigung des Gebiets der Sowjetunion.
Seit 1985 ist der Zahl strategischer
SAM-Stellungen und ihrer Trägersysteme vergleichsweise konstant geblieben, dennoch hat ihre Einsatzfähigkeit mit der Stationierung der SA-10
erheblich zugenommen. Mit der Fähigkeit der SA-10, mehrere Ziele gleichzeitig anzufliegen und ihrer verbesserten Feuerkraft (vier Raketen pro
Trägerabschußfahrzeug)
wurde
die
Luftverteidigungsfähigkeit
der
Sowjetunion verbessert. Darüber hinaus
könnte sie eine begrenzte Fähigkeit
zum Abfangen einiger Wiedereintrittsflugkörper und Marschflugkörper besitzen. Gegenwärtig stellt das SA-10

- 15 -

�System etwa 15 Prozent aller strategischen SAM-Abschußvorrichtungen der
Sowjets.

Flugzeuge
Als Ergebnis der Mitte der achtziger Jahre erfolgten Reorganisation
sowjetischer
Luftstreitkräfte
und
Luftverteidigung
wurden
zahlreiche
Abfangjäger erneut den Luftverteidigungsstreitkräften unterstellt und in
sie eingegliedert. Die Sowjets stationieren ihre neueste und ausgereifteste Luftaufklärung und statten
ihre Abfangjäger damit aus. Zum Beispiel wurde im letzten Jahr die Zahl
von Flugzeugen der vierten Generation
mit Lookdown/Shootdown-Radar, wie etwa die MiG-31 FOXHOUND und Su-27
FLANKER durch FOXHOUND- und FLANKERFlugzeuge bei den Luftverteidigungsstreitkräften ergänzt, wobei die Zahl
der Flugzeuge aus der vierten Generation im Vergleich zu den über 2 000
Abfangjägern relativ gering ist. Bis
1994 wird die Hälfte des Luftverteidigungsinventars aus Flugzeugen der
vierten Generation bestehen, bis 1999
werden alle Flugzeuge der vierten
oder einer späteren Generation angehören. Die sowjetischen Luftverteidigungsstreitkräfte stationieren auch
weiterhin ihr MAINSTAY AWACS, um die
Auffindungs- und Verfolgungsfähigkeiten zu verbessern. Die Sowjets verfügen gegenwärtig über mindestens 10
einsatzbereite Flugzeuge.

Passive Verteidigung
Das passive Verteidigungsprogramm
der Sowjets bildet einen wichtigen
Bestandteil eines integrierten Systems strategischer Verteidigung, mit
dem die Auswirkungen eines nuklearen
Angriffs gemindert werden sollen.
Die grundlegenden Ziele der passiven
Verteidigungsbestrebungen lauten: im
Krieg Kontinuität der Führung sicherstellen, die Wirtschaft schnell und
effektiv mobilisieren, die Industrieanlagen und die Arbeitskräfte schützen und eine glaubwürdige Wiederaufbaufähigkeit entwickeln.
Eine umfangreiche, redundante Reihe gehärteter Kommandoposten und Fernmeldeeinrichtungen und Ausweichquartiere für
alle wichtigen Kommandoeinheiten des
Militärs und des Partei- und Regierungsapparates
bilden die Grundlage
des passiven Verteidigungsprogramms
der Sowjets.

Implikationen
Nach sowjetischer Auffassung über
den Charakter eines Krieges sind Operationen zur strategischen Verteidigung eine der grundlegendsten Formen
militärischer Aktion, um einen feindlichen Luftangriff abzuwehren und
seinen Schaden zu begrenzen. Obwohl
ein einzelnes Element einer gestaffelten Verteidigung nicht unbedingt
in höchstem Maße effektiv sein muß,
streben die Sowjets durch Staffelung
eine insgesamt
sehr wirkungsvolle
Verteidigung an.

Verteidigung durch Raketenabwehr (ABM)
Seit Beginn der achtziger Jahre
haben die Sowjets das einzige einsatzfähige
Raketenabwehrsystem
der
Welt um Moskau herum stationiert.
Das modernisierte System wird in diesem Jahr teilweise einsatzfä'hig sein
und die Sowjets zum ersten Mal mit
einer doppelt gestaffelten Verteidigung außerordentlich wichtiger Ziele
im Gebiet um Moskau ausstatten.

Obwohl die Sowjets jetzt betonen,
daß ihre Militärdoktrin defensiven
Charakter hat, haben sie keine Erklärungen darüber abgegeben, wie sich
dies mit ihren strategischen Verteidigungsprogrammen vereinbaren läßt.
Der Umfang und Charakter ihrer Programme lassen darauf schließen, daß
die Fähigkeit der sowjetischen strategischen Verteidigung insgesamt weiterhin erheblich zunimmt.

�Weltraumstreitkräfte
Glasnost hat zu einer Vielzahl
neuer Berichte über das sowjetische
Weltraumprogramm geführt. Diese Berichte waren jedoch sehr selektiv und
spielen die vorwiegend militärische
Ausrichtung sowjetischer Weltraumsysteme und Operationen herunter. Der
größte Teil der in der Sowjetunion in
den letzten Jahren veröffentlichten
Informationen stellt das sowjetische
Weltraumprogramm als nichtmilitärisch
dar, rühmt aber gleichzeitig technologische Fortschritte und fördert sowjetische Bestrebungen, in den Markt
für die kommerzielle Nutzung des
Weltraums vorzudringen. Die Sowjets
haben offensichtlich keine Anstrengungen unternommen, um ihre militärischen Ziele im Weltraum zu verändern,
wie sie es bei einigen ihrer anderen
Streitkräfte zu tun vorgeben.
Die
Sowjets streben einerseits eine hinreichende Vormachtstellung an, um im
Weltraum optimale Unterstützung für
die Streitkräfte auf der Erde zu leisten und andererseits die Fähigkeit,
anderen Staaten die Nutzung des Weltraums zu verweigern.

Implikationen
Die Fähigkeit der Sowjets, ihren
Streitkräften auf der Erde militärische Unterstützung aus dem Weltraum
zu leisten, verbessert und erweitert
sich, ebenso wie die Fähigkeit zur
Stationierung von Nutzlasten in der
Erdumlaufbahn stetig. Die Fähigkeit
der Sowjets zur Durchführung von
ASAT- und ABM-Operationen ist nach
wie vor konkurrenzlos, und gleichzeitig werden in sowjetischen Einrichtungen Forschung und Entwicklung noch
fähigerer
Systeme
durchgeführt.
Glasnost muß jedoch noch auf die vielen wichtigen militärischen Aspekte
des
sowjetischen
Weltraumprogramms
eingehen. Sowjetische Dementis, daß
sie
Kosmonauten
für
militärische
Zwecke einsetzen und Systeme zur
Kriegführung im All besitzen, kommen
der Behauptung - vor Gorbatschows
Eingeständnis im November 1987

gleich, die Sowjetunion habe keine
SDI-ähnliche Forschung durchgeführt.
Solche widersprüchlichen Äußerungen
zu militärischen Weltraumprogrammen
und Zielsetzungen lassen Mißtrauen
über Behauptungen einer verteidigungsorientierten Militärdoktrin und
ein vernünftiges und ausreichendes
Niveau aufkommen.

Perspektiven
In der sowjetischen Doktrin wird
die Forderung nach einem strategischen Einsatzkonzept, das einen strategischen Nuklearangriff auf die Sowjetunion abschreckt und gleichzeitig
die
Fähigkeit
zur
strategischen
Kriegführung aufrechterhält, höchstwahrscheinlich
bestehen
bleiben.
Dennoch könnten die Entwicklungen bei
den verschiedenen strategischen Programmen langsamer vorangehen als in
den letzten zehn Jahren. Zum Beispiel werden die Sowjets weiterhin
die Effektivität ihrer strategischen
Waffen steigern und eine große Zahl
landmobiler
Systeme
stationieren,
aber sie scheinen es mit der Reduzierung des Umfangs der Gesamtstreitkräfte durch gemeinsame Abkommen mit
dem Westen ernst zu meinen. Die Reduzierungen stehen erwartungsgemäß im
Einklang mit den reduzierten Zielvorgaben, die mit den ausgehandelten
Veränderungen bei den Streitkräften
des Westens erreicht wurden. Die Sowjets haben eine ähnliche Bereitschaft bekundet, weitere Reduzierungen bei den kriegsschauplatzgebundenen Nukelarwaffen kürzerer Reichweite
vorzunehmen. Im Gegensatz dazu werden künftige Entwicklungen bei den
sowjetischen Streitkräften zur Verteidigung im Weltraum und bei den
Programmen zur passiven Verteidigung
im Einklang mit der bisherigen Praxis
stehen.

Mehrzweckstreitkräfte
Im Dezember 1988 hat die Sowjetunion die einseitige Reduzierung ihrer Soldaten und konventionellen Waf-

- 17 -

�fen im Laufe der nächsten zwei Jahre
angekündigt. Das bedeutet:
Eine Reduzierung der sowjetischen
Mannschaftsstärke um 500 000 Soldaten.
Eine
Reduzierung
sowjetischer
Streitkräfte in Osteuropa und im
europäischen Teil der Sowjetunion
(westlich des Urals) im Umfang
von 10 000 Panzern, 8 500 Artilleriegeschützen und 800 Kampfflugzeugen.
Im Rahmen dessen
werden zusätzlich 50 000 Soldaten
und 5 000 Panzer aus Osteuropa
abgezogen. Dies läßt sich teilweise durch den Abzug und die
Auflösung von sechs gegenwärtig
in der DDR stationierten Panzerdivisionen verwirklichen.
Erhebliche
Reduzierungen
der
Streitkräfte im asiatischen Teil
der Sowjetunion und Abzug sowjetischer Truppen aus der Mongolei.
Am 25. April 1989 haben die Sowjets mit einem Zeremoniell für die
Öffentlichkeit in Ungarn mit dem Abzug einer sowjetichen Panzerdivision
aus diesem Land offiziell ihren Rückzug angetreten.
Gleichzeitig haben
die Sowjets jedoch ihre Mehrzweckstreitkräfte neuorganisiert und modernisiert und treiben die Forschung
und Entwicklung neuer Waffengenerationen für diese Streitkräfte vehement voran. Trotz der von der sowjetischen Führung angekündigten einseitigen Reduzierungen müssen die Auswirkungen solcher Reduzierungen im
Hinblick auf künftige Fähigkeiten der
kriegsschauplatzgebundenen
Streitkräfte noch eingehend ausgewertet
werden.
Mit dem Beginn des Truppenabbaus
hat der Warschauer Pakt ein Zeitalter
potentiell weitreichender Veränderungen bei den Mehrzweckstreitkräften
eingeleitet - Veränderungen, die tatsächlich Auswirkungen auf Umfang,
Struktur und grundlegende Einsatzkonzepte
dieser
Streitkräfte
haben.
Traditionell haben die Sowjets ihre

Mehrzweckstreitkräfte
zusammen
mit
denen ihrer Verbündeten im Warschauer
Pakt an den sowjetischen Grenzen auf
Schauplätzen
von
Kriegshandlungen
(TVDs) stationiert und sie so strukturiert, daß sie schnelle Offensivoperationen durchführen können, um in
einem
konventionellen,
chemischen
oder nuklearen Umfeld Ziele in der
Tiefe des Kriegsschauplatzes erobern
zu können.
Seit Mitte des Jahres 1987 haben
die Sowjets jedoch öffentlich erklärt, ihre Streitkräfte seien "defensiv ausgerichtet" und ihre Militärdoktrin basiere auf einem "ausreichenden" und "vernünftigen Niveau
der Verteidigung". Die Sowjets verweisen darauf, daß die jetzt begonnenen Streitkräftreduzierungen den defensiven Chrakter ihrer Militärdoktrin besonders herausstellen.
Seit Ende der sechziger Jahre hat
sich die Struktur der sowjetischen
kriegsschauplatzgebundenen
Streitkräfte auf die Schaffung einer Fähigkeit zur Durchführung einer strategischen Operation auf dem Kriegsschauplatz konzentriert - eine massive Offensive mit verbundenen Waffen unter
nuklearen und nichtnuklearen Bedingungen bis in eine Tiefe von 1 500
oder mehr Kilometern. Dieser Schwerpunkt hat zu einer dramatischen Erhöhung des Umfangs der Streitkräfte und
ihrer Kampffähigkeit geführt. Dennoch zwingen bedeutende neue - und
auch die noch anstehenden alten Herausforderungen
die
sowjetische
Führung
zur
Neubewertung
dieser
Struktur im Hinblick auf ihre Pläne
für die neunziger Jahre.
Die traditionellen Probleme mit
der Führung auf mittlerer Ebene, Ausbildung, Disziplin und Moral im allgemeinen bestehen nach wie vor. Im
Feld demonstrieren die sowjetischen
Landstreitkräfte oftmals nur mittelmäßige taktische Leistungen, und bei
den Manövern handelt es sich häufig
um stereotype und schablonenhafte
Übungen.
Der sowjetische Generalleutnant und stellvertretende Leiter

�des Direktorats für die Kampfausbildung der Landstreitkräfte, V.N. Kasikow, beklagte kürzlich, die Leistung
kleiner taktischer Einheiten lasse zu
wünschen übrig. Er stellte darüber
hinaus fest, die Durchführung stereotyper Manöver habe die Ausbildung der
unteren Ränge wertlos gemacht, und
Beschränkungen für den Einsatz von
Gerät verhinderteten den richtigen
Umgang damit.
Ein erhebliches oft
von den Sowjets angeführtes disziplinarisches Problem ergibt sich vor allem durch die nach wie vor "fehlende
Regelung des Umgangs miteinander" ein Euphemismus für ein brutales System der Schikanierung neuer Rekruten
durch ältere Soldaten. Darüber hinaus werden oftmals die Fähigkeiten
und die Routine vieler Offiziere,
insbesondere die mangelnde Initiative
vieler
junger Offiziere, beklagt.
Obwohl diese Probleme zum großen Teil
schon seit langem bestehen, vertreten
die Sowjets im gegenwärtigen Zeitalter zurückgehender Personal- und Materialkapazitäten die Auffassung, daß
diese Umstände korrigiert werden müssen, um die kompetente und modernisierte Armee zu schaffen, die erforderlich ist, um sich den Herausforderungen der neunziger Jahre zu stellen.
Unter der Ägide eines als "militärische
Perestrojka"
bezeichneten
Programms leiten die Sowjets weitreichende Veränderungen zur Verbesserung
der Qualität ihrer Streitkräfte ein.
Die Sowjets erwarten, daß die von ihnen durchgeführten Veränderungen eine
modernisierte, kompetente und professionelle Armee hervorbringt, auch
wenn deren zahlenmäßige Stärke abnimmt.
Der General der Armee und
neue sowjetische Generalstabschef Michail Moisejew hat kürzlich bemerkt,
daß die "nächsten zwei Jahre für die
Streitkräfte und den Generalstab besonders wichtig und spannungsreich
sein werden". In der Zeit wird eine
grundlegende
Umstrukturierung
der
Streitkräfte, eine Umstrukturierung
militärischer
Ausbildungsprogramme
sowie wichtige organisatorische und
technische Veränderungen im Zusammen-

hang mit den angekündigten Streitkräftereduzierungen
stattfinden.
Moisejew wies ferner darauf hin, das
gesamte System der Kampfbereitschaft
müsse analysiert werden. Damit bezog
er sich auf die Auswirkungen, die eine Umstrukturierung auf die Mannschaftsstärke in Friedenszeiten, Mobilisierungsplanung,
Reservistenausbildung und den Umfang und Charakter
der Manöver haben wird. Er erklärte
ferner, das Führungssystem würde neuorganisiert und "auf eine neu automatisierte technische Grundlage" gestellt.
Darüber hinaus werden bei
Strategie, Einsatzführung und Taktik
drastische
Veränderungen
erfolgen.
Moisejew zufolge "wird eine neue
Theorie der Militärkunst ins Leben
gerufen".

Konzepte
zur
Kriegführung
kriegsschauplatzgebundenen Waffen

mit

Die von Gorbatschow und den
nichtsowjetischen
Warschauer
PaktStaaten
angekündigten
einseitigen
Truppenreduzierungen und die Reorganisation der Streitkräfte werden im
Falle ihrer Durchführung zum Teil eine Streitkräftestruktur und Veränderungen bei der Stationierung hervorbringen, die auf eine stärker defensiv ausgerichtete Strategie schließen
lassen. Sie bedeuten eine Reduzierung der militärichen Fähigkeit der
Sowjets, insbesondere im Hinblick auf
ihre nichtverstärkte Angriffsfähigkeit gegen die Region NATO-Mitte.
Dennoch zielen die Erklärungen auch
darauf ab, eines der wichtigsten traditionellen Ziele sowjetischer Außenpolitik zu untermauern: die mögliche
Auflösung der NATO und Beseitigung
von Einfluß und militärischer Macht
der Vereinigten Staaten auf dem Europäischen Kontinent. Moskau hofft daher, daß die Truppenreduzierungen
folgendes bewirken werden:

- 19 -

Im Westen - insbesondere in der
Bundesrepublik Deutschland - öffentlichen Druck für die Verpflichtung zu einem ebensolchen

�Streitkräfteabbau der NATO insgesamt oder einzelner Mitglieder
des Bündnisses in naher Zukunft
hervorzurufen.
Ihre Verhandlungsposition bei den
Gesprächen
über
konventionelle
Waffen zu stärken.
Die öffentliche Unterstützung für
die Entwicklung und Stationierung
technologisch hochwertiger Waffen, die Schläge in die Tiefe des
gegnerischen
Aufmarschgebiets
durchführen können, auszuhöhlen
und die geplante Modernisierung
der atomaren Kurzstreckenraketen
der NATO zu vereiteln.
Nach ihrer Verwirklichung werden
diese Kürzungen die Fähigkeiten der
sowjetischen Streitkräfte zur Durchführung eines Überraschungsangriffs
verringern und die vom Warschauer
Pakt zur Durchführung offensiver Operationen gegen die NATO benötigte
Vorbereitungszeit verlängern. Im Zuge einer erweiterten Aufrüstung wird
den Sowjets jedoch genügend Zeit zur
Verfügung stehen, um die Streitkräftemobilisierung, Vorbereitungen und
Vornestationierung zu einer verstärkten Kräfteverteilung vorzunehmen, von
der aus sie eine andauernde Offensive
durchführen können. Die heute schon
in vorgeschobenen Bereichen existierenden Lagerbestände werden den aus
der UdSSR zur Verstärkung herangeführten Einheiten zur Verfügung stehen.
Gorbatschow hat ferner eine einseitige
Reduzierung
der
atomaren
Kurzstreckensysteme
(SNF) angekündigt. Diese Kürzungen würden jedoch
lediglich zu einer 5prozentigen Verringerung des Gesamtbestandes sowjetischer SNF-Gefechtsköpfe führen und
nicht an die von der NATO seit den
siebziger Jahren vorgenommenen Reduzierungen heranreichen. Das Verhältnis sowjetischer zu amerikanischen
Gefechtsköpfen in Europa würde immer
noch 12 zu 1 betragen. Die von den
Sowjets bisher angekündigten SNF-Verringerungen würden lediglich den Be-

ginn einer Auseinandersetzung mit
denheute bei SNF bestehenden amerikanisch-sowjetischen Asymmetrien bedeuten und sowjetische SNF-Fähigkeiten
nur unwesentlich beeinträchtigen.
Gorbatschow hat außerdem einschneidende Reduzierungen der konventionellen Streitkräfte an der chinesisch-sowjetischen Grenze und in der
Mongolei angekündigt. Diese Reduzierungen haben den Forderungen Pekings
nach einer sowjetischen Truppenreduzierung an der chinesisch-sowjetischen Grenze weitestgehend entsprochen und zur Normalisierung der Beziehungen zwischen beiden Ländern
beim chinesisch-sowjetischen Gipfel
im Mai 1989 - dem ersten seit drei
Jahrzehnten - beigetragen.

Chemische
rung

und

biologische

Kriegfüh-

Die UdSSR besitzt die umfassendsten
Fähigkeiten
zur
chemischen
Kriegführung in der Welt. Als Träger
kann sie nahezu alle konventionellen
Waffensyst eme von Morsern über taktische Langstreckenflugkörper bis zu
den
leistungsfähigsten
Flugzeugen
einsetzen.
Im Jahr 1987 gaben die
Sowjets zum ersten Mal den Besitz eines Arsenals chemischer Waffen zu.
Sie räumten einen Bestand von 50 000
Tonnen Kampfstoffen ein, bei weitem
der größte in der ganzen Welt. Es
wird jedoch angenommen, daß diese
Zahl noch erheblich unter dem Gesamtvorrat der UdSSR an offensiven chemischen Waffen liegt.
Die sowjetischen Fähigkeiten zum
Einsatz chemischer Kampfmittel werden
noch verstärkt durch ihre umfassende
Fähigkeit, sich in einem verseuchten
Umfeld zu schützen.
Dazu benutzen
sie besonders ausgebildete und ausgerüstete Einheiten. Die Sowjets verfügen über mehr als 60 000 Mann, die
auf Unterstützungsoperationen in verseuchten Gebieten spezialisiert sind
sowie über 30 000 Sonderfahrzeuge für
Operationen mit chemischen oder biologischen Waffen. Die Einsatzbereit-

�schaft dieser Truppen wurde durch eine Reorganisation verbessert, mit deren Hilfe offensive Operationen besser unterstützt werden sollen. Weitere Verbesserungen wurden durch ein
verstärktes Augenmerk auf Ausbildung
für Operationen in verseuchten Gebieten erzielt. Der Umfang dieser Fähigkeiten ist weit höher als aufgrund
der begrenzten Fähigkeiten jedes potentiellen Gegners der Sowjetunion im
Bereich der chemischen Kriegführung
notwendig wäre.
Forschung, Entwicklung und Erprobung neuer chemischer Waffensysteme
wurden mit finanzieller und politischer Rückendeckung höchster sowjetischer Stellen weitergeführt. Die Sowjets haben Tausende chemischer Verbindungen zur Nutzung als Wirkstoffe
für chemische Kriegführung ausgewertet und parallel dazu neue Methoden
für ihre Verbreitung und mögliche
Waffen-Konfigurationen
untersucht.
Dieses Forschungsprogramm ist auf die
Überwindung von Schutzmaßnahmen seitens der NATO gerichtet.
Die Sowjets haben versucht, die
Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit
von ihrem enormen Potential zur chemischen Kriegführung abzulenken, indem sie in öffentlichen Erklärungen
besonders auf den Bau ihrer Pilotanlage zur Vernichtung von Chemiewaffen
in Tschapajewsk verwiesen haben. Eine sowjetische Vernichtungsanlage wäre in jedem Fall zur Zerstörung lekker und überflüssiger Munition notwendig geworden, unabhängig von den
Bestimmungen eines Vertrags über Chemiewaffen. Viele von den Sowjets im
Jahr 1987 in Schikany als Teil ihrer
gegenwärtigen Bestände angemeldeten
Munitionsbestände
waren
eindeutig
veraltet und zur Zerstörung vorgesehen.

Bestandes
an
biologischen
nutzbar gemacht.

Waffen

Die Sowjets streiten weiterhin
ab, daß sie ein offensives Programm
zur biologischen Kriegführung unterhalten, aber es wurden Beweise erbracht, die nicht nur die Existenz
von Forschung und Entwicklung sondern
auch von biologischen Waffen untermauern. Der Unfall von Swerdlowsk im
Jahr 1979, der durch die Freisetzung
von Anthrax aus einem Institut für
biologische
Kriegführung
ausgelöst
wurde, lieferte solch einen Beweis
und einen eindeutigen Hinweis darauf,
daß die Sowjets die Konvention über
biologische Waffen aus dem Jahr 1972
verletzt haben.

Die konventionellen Luftstreitkräfte
Die sowjetische Luftwaffe besteht
aus drei Hauptelementen - den Luftarmeen des Obersten Befehlskommandos
(VGK), den Luftstreitkräften der Militärbezirke und Gruppen von Streitkräften
sowie
den
militärischen
Transportfliegern. Die Sowjets verbessern diese konventionellen Luftkomponenten durch Einführung neuester
Flugzeuge und Waffen zur Unterstützung offensiver Operationen. Während
der Ersatz alter Typen durch neue im
allgemeinen nicht im Verhältnis von
eins zu eins durchgeführt wurde und
sich damit der Nettozuwachs in Grenzen hielt, wurde die Qualität erheblich
verbessert.
Nachteile
bei
Reichweite, Waffenlasten und Avionik
werden bei den neuesten Flugzeugtypen
zunehmend wettgemacht.
Ferner verbessern die Sowjets ihre Führung der
Luftstreitkräfte,
insbesondere
auf
Gefechtsfeldebene.

Perspektiven
Die Sowjets verbessern weiterhin
ihre Fähigkeit zum Einsatz biologischer Wirkstoffe.
Neue biologische
Technologien, darunter die Gentechnik, werden zur Erhöhung von toxischer Wirkung, Stabilität und militärischem Potential des sowjetischen

Im Falle seiner Verwirklichung
bedeutet das unlängst von Generalsekretär Gorbatschow abgegebene Versprechen,
die
sowjetischen
Luftstreitkräfte westlich des Urals um
800 Flugzeuge zu verringern und die

- 21 -

�in der Mongolei stationierten sowjetischen Luftstreitkräfte zu "liquidieren", eine bedeutende potentielle
Reduzierung der Kampfkraft. Das Ausmaß der Veränderungen und die Kampfkraft der Luftstreitkräfte nach einer
solchen Reduzierung wird davon abhängen, welche Flugzeuge abgebaut werden
und was mit ihnen geschieht. Wenn
lediglich überschüssige oder ältere
Flugzeuge beseitigt werden, wird dies
nur
minimale
Auswirkungen
haben.
Falls andererseits eine große Zahl
von Langstreckenflugzeugen wie FENCER
und BACKFIRE wirklich aus dem Bestand
genommen, zerstört oder flugunfähig
in Depots gelagert (und nicht nur
verlegt) werden, wird die sowjetische
Fähigkeit zur Durchführung offensiver
Operationen
erheblich
verringert.
Kürzlich abgegebenen Erklärungen hoher sowjetischer Offiziere zufolge
werden einige moderne Flugzeuge beseitigt werden, darunter ein Großteil
Flugzeuge für den Bodenkampf.
Bis
heute wartet der Westen jedoch vergebens auf bedeutende Veränderungen in
Struktur oder operativer Stationierung der sowjetischen Luftstreitkräfte sowie auf bedeutende Veränderungen
bei den Beschaffungstrends.
Es gibt bis heute keinerlei Hinweise auf eine Reduzierung vorgelagerten Nachschubs für die Luftstreitkräfte wie etwa Flugzeugtreibstoff,
Munition und Ersatzteile.
Tatsächlich wurden in den letzten zehn Jahren die Bestände an Flugzeugtreibstoff erheblich aufgestockt. Landebahnen auf den Flugplätzen der Westlichen Gruppe von Truppen wurden verlängert. Die Munitionsbestände wurden ebenfalls, wenn auch nicht in
demselben Umfang, vergrößert. Diese
logistischen
Verbesserungen
werden
das Durchhaltevermögen der sowjetischen Luftstreitkräfte in vorgeschobenen Bereichen auch mit reduziertem
Fluggerät erhöhen.
Die Seestreitkräfte
Zielsetzung
Die mit zahlreichen sowohl kon- 22

ventionell als auch nuklear einsetzbaren Waffensystemen ausgerüstete sowjetische Marine ist ein wichtiges
Element der sowjetischen Streitkräfte.
Eine der höchsten Prioritäten
der sowjetischen Marine im Kriegsfall
besteht darin, die Verfügbarkeit ihrer mit ballistischen Raketen ausgerüsteten U-Boote (SSBNs) für strategische Schläge gegen interkontinentale und Gefechtsfeldziele sicherzustellen. Dies erfordert den Schutz
der SSBNs vor Angriffen durch die
westliche U-Boot-Abwehr. Die moderneren SSBNs der Klassen DELTA und
TYPHOON sind mit weitreichenderen und
zielgenaueren ballistischen Raketen
(SLBMs) bewaffnet und mit einer größeren Zahl von Raketen/Wiedereintrittsflugkörpern
ausgerüstet,
die
von sowjetischen Häfen und Küstengewässern aus Nordamerika erreichen
können. Dies bietet den Sowjets die
Option, solche Plattformen in Seegebieten nahe der sowjetischen Heimat
einzusetzen, in denen Mehrzweckschiffe, U-Boote und Flugzeuge mehr Schutz
bieten können. Für den Fall eines
größeren Konflikts erwartet Moskau
den umfassenden Einsatz der westlichen U-Boot-Abwehr gegen sowjetische
SSBNs. Als Ergebnis dieser Einschätzung werden sowjetische Plattformen
zur Abwehr von U-Booten und Uberwasserschiffen als lebenswichtig für den
Schutz der SSBNs während eines konventionellen oder atomaren Konflikts
betrachtet.
Die sowjetische Marine hat ferner
den Auftrag, die gegnerischen Marinestreitkräfte, die eine Bedrohung der
Sowjetunion, ihrer Verbündeten oder
ihrer
SSBN-Streitmacht
darstellen
können, zu neutralisieren. Um dieser
Aufgabe gerecht zu werden, stützt sie
sich auf einen Mix von Flugzeugen,
Uberwasser-Einheiten
und
U-BootPlattformen. Die Sowjets betrachten
die gegnerischen Flugzeugträgerverbände, amphibischen Streitkräfte und
mit seegestützten Marschflugkörpern
(SLCMs) ausgerüstete Uberwasserschiffe als Hauptbedrohung über Wasser,
während ihr Hauptaugenmerk bei der
U-Boot-Abwehr den westlichen SSBNs,

�mit SLCMs ausgerüsteten SSNs und den
zur U-Boot-Abwehr ausgelegten SSNs
gilt.
Ein weiterer wichtiger Auftrag
ist die Unterstützung der Landstreitkräfte der UdSSR und des Warschauer
Pakts. Dazu gehört die Bereitstellung von Flankenschutz für die Landstreitkräfte gegen einen Angriff gegnerischer Marine- und Amphibienkräfte
sowie Feuer-, logistische und amphibische Unterstützung von Landoperationen.
Die Entwicklung der sowjetischen Seestreitkräfte in der Ära Gorbatschow
In den vergangenen vier Jahren
unterlag die sowjetische Marine Veränderungen in Führung und Struktur.
Obwohl ältere Einheiten nicht im Verhältnis von eins zu eins durch moderne ersetzt werden, haben die qualitativen Verbesserungen bei diesen neuen
Einheiten jedoch eine noch schlagkräftigere Streitmacht zur Folge gehabt, überdies könnte es sich die
sowjetische Marine leisten, selbst
eine größere Anzahl veralteter Plattformen außer Dienst zu stellen ohne
die Kampfkraft erheblich zu beeinträchtigen.
Zusammenfassung
Die sowjetische Marine hat sich
zu einer zunehmend modernen Streitmacht entwickelt, die befähigt ist,
die Erfordernisse eines konventionellen oder nuklearen Krieges auf jedem
Niveau zu erfüllen. Es ist richtig,
daß eine geringere Anzahl von großen
Uberwasserschiffen und U-Booten der
neuesten Generation gebaut wird als
in den vergangenen Jahrzehnten, was
für die neunziger Jahre einen rückläufigen Trend in der Streitkräftestruktur bedeutet. Die verbesserten
Einzelfähigkeiten der neuen Schiffe
werden jedoch die zahlenmäßigen Reduzierungen bei einigen - jedoch nicht
bei allen - Aufträgen mehr als wettmachen.
Diese Reduzierungen beim

Produktionsausstoß
wurden
jedoch
schon vor den von Präsident Gorbatschow verkündeten Initiativen vorgenommen, und die künftigen Produktionszahlen sind ungewiß.

Die Streitkräfte für den
feldeinsatz: Perspektiven

Gefechts-

Die Sowjets besitzen umfangreiche, beeindruckende Streitkräfte zur
allgemeinen Verwendung, die zur Zeit
vornehmlich auf offensive Operationen
ausgerichtet sind. Die Sowjets haben
jedoch ihre Absicht bekundet, weitreichende Veränderungen vorzunehmen,
die
eine
Umstrukturierung
ihrer
Streitkräfte zu einem defensiven Einsatzkonzept vorsehen. Die Einleitung
einseitiger
Truppenreduzierungen
könnte ein erster Schritt in diesem
Prozeß sein.
Gleichzeitig fordern die Sowjets
beiderseitige Reduzierungen des Warschauer Pakts und der NATO durch den
Rüstungskontrollprozeß als Mittel zur
vollständigen
Verwirklichung
ihrer
defensiven Doktrin. Sie haben in der
Öffentlichkeit
einen
schrittweisen
Ansatz vorgeschlagen, der letztlich
zu einer einschneidenden Reduzierung
der Streitkräfte von Warschauer Pakt
und NATO und zu einer Streitkräftestruktur führen wird, die den Sowjets
zufolge keiner Seite die Möglichkeit
läßt, für die Gegenseite eine offensive Bedrohung darzustellen.
Die Sowjets sind der Überzeugung
daß ihre einseitigen Reduzierungen
als Katalysator für die Verringerung
der militärischen Anstrengungen seitens der NATO und die Erlangung des
in ihren Rüstungskontrollvorschlägen
geforderten einschneidenden Streitkräfteabbaus dienen werden. Ob die
Sowjets im Rahmen der KSE-Gespräche
bereit sein werden, stark asymmetrische Reduzierungen zu akzeptieren und
das Ungleichgewicht bei den konventionellen Streitkräften in Europa zu
behandeln, wird ein wichtiger Indikator dafür sein, wie ernst sie es mit
der Umstrukturierung ihrer Streit-

- 23 -

�die meisten um ein Mehrfaches
härter sind als die amerikanischen sowie ihr über die ganze
Sowjetunion
verteiltes
System
tief unter der Erde gelegener
Bunker für das Führungspersonal
und deren Unterstützungskader.

kräfte zu einem defensiven Einsatzkonzept meinen.
Gegenwärtig leiten die Sowjets
Veränderungen ein, die auf eine dem
Umfang nach erheblich reduzierte sowjetische Streitmacht hinauslaufen,
die ihre Kampfkraft jedoch aufrechterhält oder sogar noch verbessert.
Man hofft, dies durch eine fortlaufende Modernisierung der Ausrüstung,
qualitative Verbesserungen bei Ausbildung, Führung, Moral und Disziplin
sowie durch eine Verbesserung der
Führung zu erreichen.

Besteht eine erhebliche Asymmetrie bei der Zahl abzudeckender
Ziele. Die Zahl der Ziele in der
UdSSR liegt etwa doppelt so hoch
wie die Zahl von Zielen in den
Vereinigten Staaten, die von den
sowjetischen
Planern
abgedeckt
werden müssen.
Dies bedeutet,
daß die Sowjetunion mit ungefähr
der gleichen Zahl von Gefechtsköpfen wie die Vereinigten Staaten in ihren Planungen davon ausgehen kann, daß sie nach einem
nuklearen Schlagabtausch mehr Gefechtsköpfe besitzt.

Das militärische Gleichgewicht
Durch statische Berechnungen
erfaßte Asymmetrien

nicht

Der Vergleich von Raketen mit Raketen und Bombern mit Bombern ist für
die
Bewertung
des
strategischen
Gleichgewichts nicht ausreichend. So
werden Bomber nicht gegen andere Bomber eingesetzt sondern gegen die
Luftabwehr, und strategische Streitkräfte bedrohen Ziele und Einrichtungen (zu denen unter anderem auch andere strategische Streitkräfte gehören). Zwischen den Vereinigten Staaten und der Sowjetunion bestehen erhebliche Unterschiede bei strategischem Verteidigungspotential und den
Zielen. Zum Beispiel:
Unterhält die Sowjetunion das umfassendste
Luftverteidigungssystem und das einzige Abwehrsystem
gegen ballistische Raketen der
Welt.
Die Luftverteidigung der
Vereinigten Staaten ist dagegen
vergleichsweise
bescheiden
und
hauptsächlich auf Vorwarnung und
Einschätzung eines Angriffs ausgerichtet.
Legt die UdSSR ein Hauptaugenmerk
auf passive Verteidigungssysteme
zum Schutz einer Vielzahl wichtiger Einrichtungen vor amerikanischen Vergeltungsschlägen. Wichtige Beispiele dafür sind die gehärteten Raketensilos, von denen

Schließlich bestehen bei der Doktrin grundsätzliche Unterschiede zwischen den Vereinigten Staaten und der
Sowjetunion, und es wäre in diesem
Zusammenhang
gefährlich,
lediglich
spiegelbildliche Vergleiche anzustellen. Während beide Seiten ein militärisches Potential zur Abschreckung
einer
Aggression
aufrechterhalten,
liegt das Hauptaugenmerk der sowjetischen Doktrin und der Streitkräfteplanung seit jeher in der Erlangung
einer möglichst glaubwürdigen Fähigkeit zum Führen eines Atomkriegs im
Falle eines Versagens der Abschrekkung.
Die sowjetische strategische
Nukleardoktrin geht weiterhin davon
aus, daß präventive Schläge durchgeführt werden sollen, wenn dies als
notwendig erachtet wird. Obwohl die
Sowjets behaupten, sie hätten eine
neue defensive Doktrin eingeführt,
wird eine Umstrukturiereung der sowjetischen strategischen Streitkräfte
- unter Einbeziehung bedeutender programmatischer Veränderungen und einer
umfassenden Neuverteilung von Mitteln, die aus strategischen Programmen abgezogen werden - wahrscheinlich
mehrere Jahre in Anspruch nehmen,
wenn
sie
überhaupt
verwirklicht
wird.
Obwohl die Zukunft ungewiß

- 24 -

�ist, scheint es so, als ob die sowjetische Militärführung an ihrer Überzeugung festhält, daß ein "ausreichendes strategisches Niveau" auf der
Ebene der strategischen Atomstreitkräfte auf ihrer Fähigkeit beruht,
einen militärischen Vorteil gegenüber
ihren potentiellen Gegnern aufrechtzuerhalten.
Zusammenfassend lassen sich drei
das Gleichgewicht und die Stabilität
der Abschreckung beeinflussende Faktoren nennen: Erstens die erheblichen Unterschiede innerhalb der von
jeder Seite stationierten Streitkräfte. Zweitens die Verteidigungssysteme und Ziele, gegen die diese eingesetzt würden. Drittens die Militärdoktrinen und Grundsätze, die ihrer
Existenz zugrundeliegen und über ihren Einsatz entscheiden.
Letztlich beruht die Aufrechterhaltung der strategischen Abschrekkung auf der Fähigkeit der Vereinigten Staaten, die Sowjets davon zu
überzeugen, daß sie sowohl die Mittel
als auch den Willen haben, auf jeden
sowjetischen Angriff gegen die Vereinigten Staaten oder ihre Verbündeten
wirksam zu reagieren. Wie die Geschichte der vergangenen beiden Jahrzehnte jedoch beweist, ist Abschrekkung ein dynamisches Konzept. Unter
dem Blickwinkel der langfristigen und
dauerhaften Modernisierung der strategischen Streitkräfte durch Moskau
ist es vernünftig, anzunehmen, daß
die Sowjets weiterhin versuchen werden, das amerikanische nukleare Abschreckungspotential
zu
schwächen.
Deshalb müssen die Vereinigten Staaten bereit sein, mit angemessenen
Programmen zu reagieren und die notwendigen Fähigkeiten zu entwickeln,
um ihr strategisches Abschreckungspotential aufrechtzuerhalten.

terstützung von Weltraumvorhaben unterhält.
Die von den Vereinigten
Staaten in Umlaufbahnen gebrachten
Systeme bieten im Frieden überlegene
Fähigkeiten. Um jedoch ihre Funktion
während eines Konflikts zu sichern,
müssen sich die Vereinigten Staaten
weiterhin um die Schaffung einer operativen ASAT-Fähigkeit, einer reaktionsfähigeren Fähigkeit zur Wiederherstellung von Weltraumsystemen sowie einer überlebensfähigeren Infrastruktur zur Unterstützung von Weltraumvorhaben bemühen.

Perspektiven
Heute ist die Wahrscheinlichkeit
eines Konflikts zwischen den Vereinigten Staaten und der Sowjetunion
vielleicht geringer als jemals in der
Nachkriegszeit. Es steht ferner außer Frage, daß in der UdSSR bedeutende und in einigen Fällen dramatische
Veränderungen stattfinden. Zum Beispiel :

Das Gleichgewicht im Weltall
Die Sowjetunion ist gegenüber den
Vereinigten Staaten im Vorteil, weil
sie eine einzigartige ASAT-Fähigkeit
und eine solide Infrastruktur zur Un- 25 -

Wirtschaftlich hat die sowjetische Führung mit der Perestrojka
ein Programm in Angriff genommen,
mit dem sie ihre Wirtschaft in
einer Art und Weise umgestalten
möchte, die sich von den Lehren
des Marxismus-Leninismus scharf
abhebt.
Politisch experimentieren die Sowjets durch Glasnost mit bestimmten Elementen einer offenen Gesellschaft, darunter einem gewissen Maß an Redefreiheit und - zum
ersten Mal in 70 Jahren - Wahlen,
die den sowjetischen Bürgern eine
begrenzte Kandidatenauswahl gestatten.
Militärisch hat Generalsekretär
Gorbatschow bedeutende einseitige
Verringerungen bei den sowjetischen konventionellen Streitkräften angekündigt und weitere Kürzungen vorgeschlagen, die ernsthaft berücksichtigt werden sollten.
Er hat ferner erhebliche
Reduzierungen
im
sowjetischen

�Verteidigungshaushalt und bei der
Waffenbeschaffung
angekündigt.
Schließlich behaupten die Sowjets, sie rückten von einer offensiv ausgerichteten Militärdoktrin ab und wendeten sich einem
neuen Konzept zu, das sich auf
das "ausreichende Niveau" gründet.
Gesellschaftlich scheint die sowjetische
Führung
willens
zu
sein, ein größeres Maß an Toleranz gegenüber den zahlreichen
nichtrussischen
Nationalitäten
und Volksgruppen sowie gegenüber
der Religion walten zu lassen.
Diplomatisch
geht
Gorbatschows
Forderung nach einem "neuen Denken" mit einer Abkehr der Sowjets
von der Konfrontation mit dem Westen und der Hinwendung zu einer
Betonung von Verhandlungen als
Mittel
zur
Schlichtung
von
Streitfällen einher. Insbesondere sind der Abzug der sowjetischen Streitkräfte aus Afghanistan und die Bereitschaft Moskaus, den Staaten Osteuropas mehr
Freiheit bei der Lösung ihrer
Probleme
einzuräumen,
positive
Schritte zur Schaffung eines stabileren internationalen Umfelds.
So eindrucksvoll diese Veränderungen auch sein mögen, so ist es
doch nur natürlich, daß wir im Westen
uns fragen, warum sie gerade jetzt,
nach über 40 Jahren der Ost-WestSpannungen und über 70 Jahren kommunistischer Herrschaft in der Sowjetunion stattfinden.
Wir sind der
Überzeugung, daß die sowjetische Führung diese Maßnahmen durchführt, weil
sie mit zwei Grundbedingungen konfrontiert ist, durch die sie sich zu
Veränderungen veranlaßt sieht.
Die erste Bedingung betrifft den
inneren Zusammenbruch des sowjetischen Kommunismus. Dies gilt besonders für die sowjetische Wirtschaft,
in der die Sowjetunion eine Generation nach dem in der Nachkriegszeit
in Westeuropa und Japan vollendeten
Wiederaufbau immer noch unfähig ist,

in einem schnell wachsenden Weltwirtschaftssystem zu konkurrieren, die
Ernährung ihrer Bevölkerung sicherzustellen ohne auf die Einfuhr großer
Mengen von Nahrungsmitteln zurückgreifen zu müssen und aufgrund einer
unzulänglichen technologischen Basis
vollständig an der Revolution des Militärwesens zu partizipieren. Dieses
wirtschaftliche Versagen hat dazu geführt, daß die sowjetische Bevölkerung die ihrem politischen System zugrundeliegenden
Voraussetzungen
in
Frage stellt. Unter Gorbatschow kamen diese Zweifel in der Bereitschaft
der Führung zum Ausdruck, die Situation realistisch einzuschätzen und in
ihrer Entschlossenheit, sich mit der
Unfähigkeit des Kommunismus zur Bewältigung der gegenwärtigen und zukünftigen politischen, militärischen
und wirtschaftlichen Ziele der Sowjetunion auseinanderzusetzen.
Ein zweiter wesentlicher Anreiz
für Veränderungen in der Sowjetunion
ist die über mehr als 40 Jahre hinweg
unter Beweis gestellte Entschlossenheit der westlichen Demokratien, allen sowjetischen Versuchen der Einschüchterung und Subversion zu widerstehen und die sowjetische Führung
davon zu überzeugen, daß jegliche
durch Gewalt möglicherweise errungene
Vorteile den damit einhergehenden
Preis nicht wert wären. Diese Festigkeit gründet sich auf unsere Entschlossenheit,
unsere
gemeinsamen
Werte der Demokratie, der Freiheit
des einzelnen und der wirtschaftlichen Möglichkeiten zu bewahren und
kommt in einem robusten System der
kollektiven Sicherheit, einem starken
militärischen
Abschreckungspotential
sowie der Dynamik eines leistungsfähigen, innovativen Wirtschaftssystems
zum Ausdruck. Die Zeit hat die universelle Macht dieser Werte bewiesen. Heute bringen die Menschen in
den kommunistischen Staaten offen ihren Wunsch zum Ausdruck, an den Vorzügen der Demokratie, der Freiheit
und den wirtschatlichen Möglichkeiten
teilzuhaben.

- 26 -

Insgesamt beruht die gegenwärtige

�Entschlossenheit
der
sowjetischen
Führung, ihre wirtschaftliche Leistungskraft zu stärken, ihre Fähigkeit zu verbessern, in einem raschen
Veränderungen unterworfenen weltwirtschaftlichen Umfeld zu konkurrieren
und die Revolution in der Militärtechnik für ihre eigenen Zwecke auszunutzen, auf dem sowjetischen Eigeninteresse und der Entschlossenheit
westlicher Demokratien, ihre eigenen
Interessen vor sowjetischer Einflußnahme zu schützen.
Einige Fakten zu den jüngsten
wjetischen Maßnahmen sollten uns
Gedächtnis zurückrufen, daß die
wjetische militärische Bedrohung
weiterhin sehr real betrifft:

soins
souns

Selbst wenn die Sowjets die in
der Gorbatschow-Rede vor den Vereinten Nationen am 7. Dezember
1988 erwähnten Streitkräfte vollständig
abbauten,
wären
die
Streitkräfte des Warschauer Pakts
bei Panzern, Artillerie und Divisionen denen der NATO immer noch
2 zu 1 überlegen.
-

Trotz öffentlicher Hinweise auf
reduzierte Militärhaushalte gibt
Moskau immer noch geschätzte 15
bis 17 Prozent seines BSP für die
Verteidigung
aus, während die
Vereinigten Staaten hierfür weniger als 6 Prozent aufwenden.
Trotz
Gorbatschows
Vorschlägen
einer Kürzung des sowjetischen
Verteidigungshaushalts um 14, 2
Prozent sind die Verteidigungsausgaben seit 1985 jährlich real
um durchschnittlich 3 Prozent gestiegen. Im Vergleich dazu sind
die
Verteidigungsausgaben
der
Vereinigten Staaten seit 1985 real um 11,2 Prozent gesunken. Die
Sowjetunion wird also, selbst
wenn Gorbatschow seine Vorschläge
in die Tat umsetzt, nur mit unseren
eigenen
Ausgabenkürzungen
gleichziehen.
Obwohl wir uns darüber im klaren
sind, daß Veränderungen bei der
- 27 -

Herstellung
von
Rüstungsgütern
nur schrittweise erfolgen können,
bleibt doch die Tatsache bestehen, daß die Rüstungsindustrie in
der Sowjetunion unter Gorbatschow
insgesamt im selben Umfang produziert wie unter seinen unmittelbaren Vorgängern.
Dabei fällt
besonders die anhaltende Modernisierung strategischer Systeme ins
Auge.
Die Sowjets stationieren
zum Beispiel weiterhin mobile
ICBMs der Typen SS-24 und SS-25,
zu denen uns die Entsprechung
fehlt.
Seit mehr als zehn Jahren modernisieren die Sowjets ihre Kurzstreckensysteme.
Sie haben zum
Beispiel die alten und nicht
zielgenauen
FROG-Systeme
durch
die moderne SS-21 ersetzt. Tatsächlich hat sich die Zahl der
Trägersysteme
für SS-21 unter
Gorbatschow mehr als verdoppelt.
Darüber hinaus ersetzt Moskau
seine SS-23 - die bei Einhaltung
des INF-Vertrages eigentlich zerstört werden müßte - durch SCUDRaketen. Als Folge dieser Modernisierung hat der Warschauer Pakt
bei den Kurzstreckenraketen gegenüber der NATO nunmehr einen
Vorteil von 16:1.
Die Sowjets erhielten kürzlich
viel Beifall, als Moskau seine
Absicht bekundete, 500 Nuklearwaffen ersatzlos aus Osteuropa
abzuziehen. Weniger bekannt ist,
daß die NATO in den letzten zehn
Jahren ihren erheblich geringeren
Bestand in Europa einseitig um
2 400
Nuklearwaffen
reduziert
hat. Das heißt, daß die Reduzierungen der Sowjets trotz wortgewaltiger Reden geringer sind und
ihr Restbestand erheblich umfangreicher ist als bei der NATO.
Trotz der Beteuerungen einer neuen Offenheit muß die Sowjetunion
im Hinblick auf Informationen
über Militärausgaben, Waffenbeschaffung,
Streitkräftestruktur
und Stationierung ihrer Streit-

�kräfte noch den westlichen Maßstäben gerecht werden.
Aufgrund
der
kontinuierlichen
Stationierung
enormer
Streitkräfte
und der unsicheren Ergebnisse der Reformpolitik müssen wir in dieser
Ubergangsphase gegenüber der Sowjetunion einen zweiteiligen Ansatz verfolgen. Dabei berücksichtigt der eine Teil die Bedeutung der kontinuierlichen Unterstützung unserer erfolgreichen Bündnisstrategie und kollektiven, auf einer starken militärischen Abschreckung basierenden Sicherheitsbestrebungen, bis wir einen
Abbau sowjetischer Militärmacht auf
ein erheblich niedrigeres Niveau beobachten. Der zweite Teil sieht vor,
daß wir Moskau bei politischen Maßnahmen unterstützen, die den demokratischen Pluralismus in der Sowjetunion und ein stabiles internationales
Umfeld fördern.
Die Vorsicht gemahnt, daß wir in
der Zwischenzeit unsere Verteidigung
beibehalten und abwarten, ob die sowjetischen Fähigkeiten zur Bedrohung
unserer Sicherheit sich mit den von
ihren bekundeten wohlmeinenden Absichten zur Deckung bringen lassen.
Unsere in diesem Jahrhundert insbesondere mit totalitären Staaten gewonnenen Erfahrungen haben immer wieder gezeigt, daß scheinbar freundschaftliche Beziehungen sich aufgrund
von Entscheidungen weniger mächtiger
Politiker blitzschnell ändern können. Dagegen verändern sich militärische Fähigkeiten sehr viel langsamer. Bis wir Klarheit darüber erlangen, in welches Sicherheitsstadium
wir eintreten, ist die Beibehaltung
unserer militärischen Stärke und politischen Entschlossenheit ein vergleichsweise niedriger Preis für die
Aufrechterhaltung unserer Sicherheit
und unserer Freiheiten.

* * * * *

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37

1 1 . Oktober 1989

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INHALT

DOKUMENTATION

Mosbacher; Verstärkte Kontrolle für Chemieexporte
- Rede des U.S.-Handelsministers Präsident Bushs Proklamation zum Tag der Deutsch-Amerikaner 1989
Bush würdigt bundesdeutsche Unterstützung für die DDR-Flüchtlinge
- Ansprache des Präsidenten zum Tag der Deutsch-Amerikaner -

HINTERGRUND

Die Sozialversicherung; Grundlage des "Sozialen Netzes" in den USA
- Erster von fünf Artikeln zum amerikanischen Sozialwesen -

* * * * *

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Dokumentation

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11. Oktober 1989

MOSBACHER:

VERSTÄRKTE KONTROLLE FÜR CHEMIEEXPORTE

- Rede des US-Handelsministers -

WASHINGTON - (AD) - Dem amerikanischen Handelsminister Robert Mosbacher
zufolge beabsichtigen die Vereinigten Staaten, Exportkontrollen für 10 zusätzliche bei der Herstellung chemischer Waffen verwendete Grundstoffe einzuführen
und bei drei Chemikalien zu verschärfen, die er in seiner Rede vor dem auswärtigen Ausschuß des Repräsentantenhauses am 5. Oktober 1989 jedoch nicht im
einzelnen benannte. Wenn das Handelministerium diese Maßnahmen verabschiedet,
werden die Vereinigten Staaten alle 50 von den westlichen Nationen vereinbarten Chemikalien kontrollieren, so Mosbacher.
Nachfolgend veröffentlichen
cher im Wortlaut.

wir die Erklärung von Handelsminister Mosba-

Herr Vorsitzender, ich möchte in
der heutigen Anhörung das außenpolitische Programm der Vereinigten Staaten
zur Exportkontrolle
erläutern.
Bevor ich dieses Programm mit Ihnen
im einzelnen erörtere, möchte ich
kurz auf den globalen Zusammenhang
zwischen Exportkontrollen und wirtschaftlicher Sicherheit eingehen.
Von Zeit zu Zeit wurden Vorwürfe
laut, dem Handelsministerium sei das
Handelsdefizit wichtiger als die nationale Sicherheit der Vereinigten
Staaten
und
unsere
Entscheidungen
über Ausfuhrgenehmigungen ließen einen Hang zur Exportförderung erkennen. Das trifft nicht zu. Das Handelsministerium nimmt die Rolle außerordentlich ernst, die wir bei der
nationalen Sicherheit spielen. Kraft

Gesetzes gehen wir bei Exportkontrollen sehr umsichtig vor. Gemäß diesem
Gesetz müssen wir wirtschaftliche und
nationale
Sicherheitsfaktoren
sorgfältig gegeneinander abwägen.
Dem
Gesetz zufolge ist die Aufrechterhaltung einer gesunden und wettbewerbsfähigen
Wirtschaft
integraler Bestandteil der Sicherheit der Vereinigten Staaten. Unser Mandat lautet,
Exportkontrollen
auf Güter in den
Vordergrund zu stellen, die zu rein
strategischen Zwecken eingesetzt werden können, um unnötige negative Auswirkungen auf den rechtmäßigen Handel
im zivilen Bereich so gering wie möglich zu halten.

ten
daß

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Embassy of the United States of America

Mit anderen Worten, die VereinigStaaten
sollten gewährleisten,
Exportkontrollen für Güter und

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�Technologie
angemessen
angewendet
werden, so daß sie nicht entscheidend
zum militärischen Potential unserer
Gegner beitragen.
Die weitere Kontrolle dieser Produkte oder die Kontrolle von Gütern oder Technologien,
die unseren Gegnern in anderen Ländern frei zugänglich sind, würde nur
zu einer unnötigen Schädigung amerikanischer Geschäftsinteressen führen
ohne unserer nationalen Sicherheit zu
dienen. Auf lange Sicht würden solche Kontrollen unsere wirtschaftliche
Sicherheit unterhöhlen, was wiederum
unserer nationalen Sicherheit abträglich wäre.
Aus diesem Grund müssen der Kongreß und die Regierung meiner Ansicht
nach eng bei der Verhinderung von
Maßnahmen zusammenarbeiten, die den
amerikanischen
Handel bei geringer
Gegenleistung
unverhältnismäßig
und
einseitig einschränken. Da die Vereinigten Staaten den Weltmarkt für
technologische Innovationen und militärisch sensible Güter nicht vollständig unter Kontrolle haben, müssen
unsere Bestrebungen zum Schutz unserer Sicherheit und anderer Interessen
in Zusammenarbeit mit anderen freundlich
gesinnten
Nationen
erfolgen.
Ich beabsichtige, alles in meiner
Macht Stehende zu tun, um diese Zusammenarbeit sicherzustellen und zu
gewährleisten, daß wir unsere Kontrollen soweit wie möglich auf multilateraler Basis durchführen.

Außenpolitisch
trollen

motivierte

Exportkon-

Wir haben die am 20. Januar 1989
in Kraft getretenen
außenpolitisch
motivierten Exportkontrollen bis zum
20. Januar 1990 verlängert. Mit Ihrer
Erlaubnis,
Herr
Vorsitzender,
möchte ich zur Aufnahme in das Sitzungsprotokoll eine Kopie des Jahresberichts über außenpolitisch motivierte Exportkontrollen vorlegen, den
das Handelsministerium an den Kongreß
weitergeleitet hat.
Außenpolitisch

motivierte

Kon- 2

trollen können aus einer Reihe von
Gründen erfolgen. Außenpolitisch motivierte Kontrollen können zum Beispiel aus einem spezifischen Grund,
wie dem kontrollierten Export einer
bestimmten Chemikalie in eine besondere Region ausgeübt werden, um die
Weiterverbreitung
chemischer
Waffen
zu verhindern. Darüber hinaus können
außenpolitisch motivierte Kontrollen
auch zur Verwirklichung umfassenderer
politischer Ziele wie der Abkoppelung
der Vereinigten Staaten von einem bestimmten Land verwendet werden, wie
es bei Kuba und Vietnam der Fall war.
Außenpolitisch
motivierte
problemorientierte Kontrollen finden aus
Gründen statt, die mit Menschenrechten, terroristischen Aktivitäten, regionaler Stabilität, chemischer und
biologischer Kriegführung, der sowjetischen
Invasion in Afghanistan
und der Verbreitung von Raketen in
Verbindung stehen.
Wir üben länderspezifische Kontrollen aus, indem wir Handelsembargos gegen Libyen, Kuba, Nordkorea,
Vietnam und Kambodscha verhängt haben.
Gegen von Südafrika gelenkte
Polizei- und
Militäreinheiten
haben
wir außenpolitisch motivierte Kontrollen vorgenommen, und wir kontrollierren den Export von Computern an
pro Apartheid eingestellte Behörden,
um unsere anhaltende Opposition gegen
die südafrikanische Apartheidpolitik
unter Beweis zu stellen.
Länderspezifische
Kontrollen
spiegeln generell die von den Vereinigten Staaten gegenüber dem jeweiligen Land verfolgte Außenpolitik wider.
In einigen Fällen zielen sie
darauf ab, Druck auf bestimmte Volkswirtschaften oder Regierungen auszuüben, indem der Zugang zu einer Vielzahl amerikanischer Produkte eingeschränkt wird. In anderen Fällen haben sie die Distanzierung der Vereinigten Staaten von der Politik eines
bestimmten Landes zum Ziel.
Das Allgemeine Handelsgesetz verfügt, daß außenpolitisch motivierte

�Exportkontrollen für Ersatzteile nur
dann aufrechterhalten werden dürfen,
wenn der Handelsminister ihre Kontrolle
definitiv
beschlossen
hat.
Wir haben einen solchen Beschluß gefaßt und außenpolitisch
motivierte
Kontrollen von Ersatzteilen für Produkte eingeführt, die aus Gründen der
Menschenrechte
oder
Terrorismusbekämpfung kontrolliert werden.
Die im Rahmen von Abschnitt 309
(c) des Gesetzes über die Nichtweiterverbreitung von Nuklearwaffen aus
dem Jahr 1978 angewandten Kontrollen
bleiben weiterhin In Kraft ebenso wie
die gemäß dem
Anti-Apartheidgesetz
von 1988 gegen Südafrika gerichteten
Kontrollen.
Herr
Vorsitzender,
mit
großer
Sorge beobachten wir die jüngste Verbreitung todbringender Technologien,
insbesondere in Regionen der Welt,
die von Instabilität gekennzeichnet
sind.
Abgesehen von der Nichtweiterverbreitung von Nuklearwaffen, die ein
langfristiges Anliegen
ist, können
diese Technologien in zwei Kategorien
aufgeteilt werden: 1. chemische und
biologische Waffen und 2. nuklearfähige Trägersysteme und andere Massenvernichtungswaffen.
Die Vereinigten
Staaten haben sehr viel Zeit und Mühe
darauf verwandt, das wirksamste Mittel gegen die weitere Verbreitung
dieser Waffensysteme zu entwickeln.
Unsere
außenpolitisch
motivierten
Kontrollen in diesen beiden Bereichen
sind aus einem wichtigen Grund bemerkenswert:
ihre
Entwicklung
und
Durchführung basiert auf multilateraler
Zusammenarbeit.
Multilaterale
Bestrebungen
sind
für erfolgreiche
Kontrollen unabdingbar.
Ich möchte
jetzt besonders auf diese beiden entscheidenen Bereiche und unsere außenpolitisch motivierten Kontrollen im
Hinblick auf sie eingehen.

Chemische und biologische Waffen
Die

Vereinigten

Staaten

nehmen

eine Führungsrolle bei den multilateralen Bestrebungen ein, die Verbreitung und den Einsatz chemischer und
biologischer Waffen zu unterbinden,
von denen die Sicherheit weltweit bedroht ist.
In seiner Abschiedsrede
vor den Vereinten Nationen im September 1988 forderte Präsident Reagan
die Einberufung einer internationalen
Konferenz über chemische Waffen, die
im Januar 1989 in Paris stattfand.
Bei dieser Konferenz wurde die im
Genfer Protokoll von 1925 vereinbarte
internationale
Verpflichtung
gegen
den Einsatz chemischer Waffen erneut
bekräftigt. In seiner ersten Ansprache als Präsident vor der Vollversammlung der Vereinten Nationen unterstrich Präsident Bush die Notwendigkeit der "Zusammenarbeit aller Nationen, um die Welt von der Geißel
chemischer Waffen zu befreien".
Er
kündigte eine neue Initiative zu chemischen Waffen an, die drastische Reduzierungen
der amerikanischen
und
sowjetischen Arsenale an chemischen
Waffen und verbesserte Techniken zur
Überwachung
und
Verifizerung
des
weltweiten
Bestands
an
chemischen
Waffen fordert - die bei unseren Verhandlungen über ein umfassendes Vei—
bot chemischer Waffen als vertrauensbildende Maßnahme dienen soll.
Die Vereinigten Staaten sind aktives Mitglied der "Australien-Gruppe" chemieverarbeitender Länder mit
dem gemeinsamen Anliegen, die Vei—
breitung und den Einsatz von Chemiewaffen aufzuhalten.
Die AustralienGruppe ist ein informelles und unabhängiges Gremium, in dem die Regierungen der Vereinigten Staaten und 19
anderer Länder mit dem
Ziel
der
Nichtwei terverbrei tung
chemischer
Waffen zusammenarbeiten. Die Australien-Gruppe hat eine schwarze Liste
von 50 chemischen Grundstoffen erai—
beitet, die bei der Waffenherstellung
Anwendung finden.
Das Handelsministerium war in der
amerikanischen
Delegation
bei
der
jüngsten
Regierungs-Industriekonferenz gegen chemische Waffen in Canberra im September stark vertreten.

�Die Delegierten des Handelsministeriums haben eine Reihe bilateraler
Gespräche mit Abordnungen anderer Regierungen über Probleme der Exportkontrolle geführt.
Darüber hinaus
haben wir Gesetzentwürfen über den
Handel mit chemischen Grundstoffen
und
biologischen Organismen große
Aufmerksamkeit gewidmet.
Diese außenpolitisch motivierten Exportkontrollen und die damit verbundenen
Maßnahmen spiegeln das amerikanische
Engagement wider, das sich in der Zusammenarbeit bei multilateralen Exportkontrollbestrebungen ebenso zeigt
wie in der Beachtung der im Genfer
Protokoll von 1925 und der Konvention
über biologische Waffen von 1972 eingegangenen internationalen Verpflichtungen sowie in den Bemühungen um ein
weltweit verifizierbares Verbot aller
chemischen und biologischen Waffen.
Das Handelsministerium
hat im
Rahmen seiner Mitarbeit in der Australien-Gruppe seine außenpolitisch
motivierten
Kontrollmaßnahmen
für
chemische Grundstoffe verschärft und
neue verhängt. Am 22. Februar 1989
habe ich dem Kongreß im Einklang mit
Abschnitt 8 des Außenwirtschaftsgesetzes einen Bericht vorgelegt, der
Exportkontrollen für 23 mehrfach einsetzbare chemische Grundstoffe vorsieht, die als Basis für chemische
Waffen sowie für bestimmte Organismen
dienen können. Vor dieser Maßnahme
sah das Handelsministerium Exportkontrollen für 17 chemische Grundstoffe
vor, die nachweislich zur Herstellung
chemischer Waffen genutzt werden können.
Die
betroffenen
chemischen
Grundstoffe und biologischen Wirkstoffe unterlagen bisher einseitigen
nationalen Sicherheitskontrollen, die
am 23. Februar dieses Jahres dem Allgemeinen Handelsgesetz von 1988 zufolge Ihre Gültigkeit verlieren. Die
neue Grundlage außenpolitisch motivierter
Exportkontrollen
gestattet
dem Ministerium, seine Kontrollbestrebungen auf solche Länder zu konzentrieren, an die Weiterverbreitung
als problematisch gilt: Iran, Irak,
Syrien und Libyen.
Zum Zweck der
besseren Kontrolle überarbeiten wir

die außenpolitisch motivierten Exportbestimmungen, um Wiederausfuhrkontrollen
auf
diese
chemischen
Grundstoffe und biologischen Wirkstoffen mit dem Bestimmungsort Iran,
Irak, Syrien und Libyen zu verhängen.
Wir gestehen Schwierigkeiten bei
der Kontrolle dieser "Mehrzweck"-Chemikalien ein. Einige sind sehr gebräuchlich und werden sowohl in der
Forschung als auch kommerziell vielfach eingesetzt, etwa bei der Herstellung von Verdünnern, Emulsionsund Düngemitteln.
Tatsächlich kann
jedes Land mit einer Ölraffinerie
oder einer Düngemittelfabrik diese
Verbindungen herstellen. Leider können diese Chemikalien in anderen Verbindungen zur Herstellung chemischer
Waffen genutzt werden. Darüber hinaus ist die Technik zur Herstellung
dieser chemischen Verbindungen nicht
geschützt.
Ich werde dem Kongreß ferner einen Bericht über die Ausweitung der
Exportkontrollen auf drei chemische
Grundstoffe und die Einführung solcher Kontrollen für 10 zusätzliche
Chemikalien vorlegen.
Mit dieser
Maßnahme werden die Vereinigten Staaten zusammen mit anderen westlichen
Ländern alle 50 der mehrfach verwendbaren chemischen Grundstoffe kontrollieren.
Diese Kontrolle mehrfach
einsetzbarer und kommerziell genutzter Chemikalien findet zusätzlich zur
Kontrolle chemischer und biologischer
Waffen, ihrer Bestandteile und Trägersysteme statt, die bereits im Rahmen des Gesetzes zur Kontrolle von
Waffenexporten vom Außenministerium
eingeführt wurde.

Kontrollmechanismus
technik

für die Raketen-

Schon seit langem wenden sich die
Vereinigten Staaten gegen die Verbreitung von Trägersystemen. Am 16.
April 1987 haben wir eine neue Maßnahme verkündet, um die Verbreitung
von Raketen zu begrenzen, die Nuklearwaffen als Träger dienen können.

- 4 -

�Die
Vereinigten
Staaten
schlössen
sich mit der Bundesrepublik Deutschland,
Frankreich,
Großbritannien,
Italien, Japan und Kanada zusammen,
um einen Kontrollmechanismus für die
Raketentechnik
(Missile
Technology
Control Regime - MTCR) zu schaffen,
mit dem die Verbreitung nuklearfähiger ballistischer Raketen
begrenzt
werden kann.
Die Mitglieder haben
vereinbart, den Export der zur Entwicklung und Stationierung von Raketen mit der Fähigkeit zum Abschuß nuklearer Gefechtsköpfe erforderlichen
Anlagen und Techniken zu kontrollieren.
Das Außenministerium kontrolliert
die Mehrzahl - etwa 80 Prozent - der
Handelsware, die in direktem Zusammenhang mit Raketen steht. Das Handelsministerium kontrolliert hingegen
mehrfach einsetzbare Posten, deren
Kontrolle unter dem MTCR vereinbart
wurde.
In Übereinstimmung mit dem
Außenministerium hat das Handelsministerium die außenpolitisch motivierten
Exportkontrollen
auf
mehrfach
einsetzbare Waren erweitert, die im
Anhang zum MTCR genannt sind.
Die
Erweiterung dieser Kontrollen hat jedoch keine neuen Genehmigungsverfahren für Anlagen zur Folge gehabt,
weil sie lediglich für Waren eingefügt wurde, die bereits nationalen
Sicherheitskontrollen unterliegen.
Gegenwärtig werden alle Anträge
auf Ausfuhrgenehmigung für Waren, die
Kontrollen für Raketentechnik unterliegen, sorgfältig überprüft, um sicherzustellen, daß der beabsichtigte
Export nicht entscheidend zu einem
Raketenentwicklungsprogramm
beiträgt.
Folgende Kriterien sind im
Handelsministerium für die Genehmigung der Ausfuhranträge ausschlaggebend:
ob die Ware der außenpolitisch
motivierten
Exportkontrolle
für
Raketen unterliegt,
ob das Bestimmungsland die Fähigkeit
zur Herstellung ballistischer Raketen entwickelt,

ob der Endverbraucher ein für uns
besorgniserregendes
Projekt
durchführt,
ob die Ware einen entscheidenden
Beitrag zum Raketenentwicklungsprogramm des Landes leisten würde,
der Ruf, in dem das Importland im
Hinblick auf die Nichtweiterverbreitung steht und die Art und
Weise der Garantie einer Nichtweiterverbreitung.
Gegenwärtig im Rahmen von MTCR
erörterte Probleme betreffen Vorbereitungen für ein Gesetz über Sanktionen bei "Verletzungen" des MTCR
und Zusatzartikel zum Gesetz über die
Kontrolle von Waffenexporten und das
Außenwirtschaftsgesetz von 1979, um
die Weiterverbreitung von Raketen,
Raketenteilen und Raketentechnik zu
begrenzen.
Um die Wirkung des Kontrollmechanismus zu erhöhen und Übertretungen abzuschrecken, sehen die
Gesetzentwürfe folgendes vor:
Sanktionen gegen die Vereinigten Staaten
und ausländische Körperschaften, die
Verhä'ngung stärkerer einseitiger amerikanischer
Technologiekontrollen,
Berichte über die Wirksamkeit des
Kontrollmechanismus
(MTCR) und zusätzliche Überprüfungen von Exportanträgen für mehrfach verwendbare Waren
durch das Außen- und Verteidigungsministerium.
Aller Wahrscheinlichkeit
nach wird eine solche Gesetzgebung
aber eher negative Auswirkungen haben
und
multilaterale
Betrebungen
zur
Nichtweiterverbreitung
von
Raketen
schwächen. Sie würde die weitere Zusammenarbeit und den Informationsaustausch behindern und die Regeln, nach
denen der Kontrollmechanismus aufgestellt wurde, einseitig verändern.
Darüber hinaus werden Fragen der
Erweiterung
des
Kontroilmechanismus
erwogen, so daß er zusätzliche Länder
einbezieht.
Der MTCR bildet
eine
wirksame Sperre gegen Programme zur
Weiterverbreitung nuklearfähiger Raketen.
Er liefert ein ausgezeichnetes Beispiel für die Vorteile multi-

�lateraler Zusammenarbeit im Gegensatz
zu einseitigen Kontrollen. Wir wollen ihn so erweitern, daß er auch
Länder mit der Fähigkeit zur Herstellung und Ausfuhr nuklearfähiger Raketen und ihrer Teile einbezieht.

Andere außenpolitische Probleme
Im Hinblick auf Nordkorea haben
außenpolitisch motivierte Kontrollen
tatsächlich zu einem Handelsembargo
zwischen diesem Land und den Vereinigten Staaten geführt. Am 20. Januar 1988 hat der Außenminister Nordkorea als ein Land bezeichnet, das den
internationalen Terrorismus bei seinen Aktionen wiederholt unterstützt
hat und in diesem Zusammenhang auch
den Abschuß der KAL-Maschine im November 1987 zitiert.
Im Oktober 1988 entschied die Administration, Nordkorea aus seiner
Isolation herauszuhelfen und das Land
zur Abkehr von terroristischen Aktivitäten zu bewegen. Diese politische
Entscheidung führte zu einer sehr bescheidenen Liberalisierung der amerikanischen
Exportkontrollpolitik
gegenüber Nordkorea. Diese Veränderung
läßt nunmehr die Lieferung von Handelswaren und Spenden an Nordkorea
zu, um die Grundbedürfnisse der Menschen zu decken.
Wie bereits ausgeführt, sind außenpolitisch motivitierte Exportkontrolen für Anlagen und technische Daten in Kraft, die zur Herstellung von
Lastwagen an der Kama und in der
Zil-LKW-Fabrik
in
der
Sowjetunion
dienen. Diese Politik wurde als Reaktion auf den Einsatz der in der Fabrik an der Kama hergestellten LKWs
beim Einmarsch in Afghanistan eingeführt.
Gegenwärtig
verfolgen
die
Vereinigten Staaten die Politik, Anträge auf Export dieser Anlagen abzulehnen. Angesichts des nunmehr abgeschlossenen Abzugs sowjetischer Truppen aus Afghanistan wird die Administration insbesondere diese Bestimmung neu überprüfen.

Zusammenfassung
Wir investieren viel Zeit und Mühe, um Realitätsbezug und Effektivität
außen- und
sicherheitspolitisch
motivierter Kontrollen zu gewährleiten. Ich versichere Ihnen, das Handelsministerium wird weiterhin alles
in seiner Macht Stehende tun, um sicherzustellen, daß unser Exportkontrollprogramm amerikanischen sicherheits- und
außenpolitischen
sowie
wirtschaftlichen Interessen dient.

* * * * *

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Dokumentation

11. Oktober 1989

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PRÄSIDENT BUSHS PROKLAMATION ZUM TAG DER DEUTSCH-AMERIKANER 1989

WASHINGTON - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die Proklamation des
Präsidenten zum "Tag der Deutsch-Amerikaner" am 6. Oktober 1989 im Wortlaut.
Im Jahr 1683 verließ eine kleine
Gruppe Männer, Frauen und Kinder ihre

Heimat Deutschland, um in der Neuen
Welt ihre Religion frei ausüben zu
können. Diese 13 Familien, die vor
über 300 Jahren in der Nähe von Philadelphia an Land gingen, waren die
ersten von sieben Millionen deutschen
Einwanderern in Amerika. Heute können nahezu 60 Millionen Amerikaner
ihre. Wurzeln zu diesen mutigen und
fleißigen Menschen zurückverfolgen.
Ihr stolzes kulturelles Erbe ist
nicht nur eine von Generation zu Generation weitergegebene Kostbarkeit,
sondern auch ein nicht versiegender
Quell der Stärke und des Stolzes für
die Vereinigten Staaten von Amerika.
In gesamten Verlauf der Geschichte unseres Landes standen die Deut-

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schen mit ihren Angehörigen an vorderster Front bei der Verteidigung
der Freiheit. Von den heroischen Bestrebungen unter General Friedrich
von Steuben während des amerikanischen Unabhängigkeitskrieges bis zu
General Eisenhower im Zweiten Weltkrieg standen Ihr Mut und Patriotismus außer Zweifel.
In Zeiten des
Friedens wie in Zeiten des Kampfes
haben Generationen von Deutsch-Amerikanern getreu die Prinzipien verteidigt, auf die diese Nation gegründet
wurde.
Nach dem Zweiten Weltkrieg trugen
die Vereinigten Staaten gemeinsam mit
Ihren Verbündeten dazu bei, die Bedingungen wiederherzustellen. unter
denen die deutsche Demokratie, geführt von Politikern wie Konrad Ade-

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�nauer, wurzeln und gedeihen konnte.
Heute besteht kein Zweifel daran, daß
Europa stärker - und die Welt sicherer - ist, weil die Bundesrepublik
Deutschland
frei, demokratisch und
souverän ist.
Während
wir
stolz
zu unserer
Freundschaft mit den Bürgern der Bundesrepublik Deutschland stehen, müssen wir gleichzeitig mit Betroffenheit feststellen, daß vielen Deutschen
immer
noch
das
Recht
auf
Selbstbestimmung
verweigert
wird.
Die Vereinigten Staaten sind daher
nach wie vor der Förderung von Freiheit und demokratischer Regierung in
ganz Deutschland und ganz Osteuropa
verpflichtet. Wir werden in unserer
Bestrebungen nicht ruhen, überall in
Osteuropa die Wahrung der Menschenrechte zu fördern, politische Reformen voranzutreiben und die Barrieren
abzubauen, die Berlin immer noch teilen.
Unsere große Nation ist stark,
weil wir Amerikaner in unserem gemeinsamen Glauben an die. Freiheit des
einzelnen und die Rechtsstaatlichkeit
ebenso wie durch Vertrauen und Familienbande vereint sind. Während wir
heute die zahlreichen Beiträge würdigen, die Amerikaner deutscher Herkunft für unser Land geleistet haben,
wollen wir uns erneut der Förderung
derselben Einheit im Land ihrer Vorfahren verpflichten.
Zu Ehren aller Deutsch-Amerikaner
hat der Kongreß mit der gemeinsamen
Entschließung 118 den 6. Oktober 1989
zum "Tag der Deutsch-Amerikaner" erklärt und den Präsidenten ermächtigt
und ersucht, zum Gedenken an diesen
Tag eine Proklamation zu erlassen.
Aufgrund
dessen
erkläre
ich,
George Bush, Präsident der Vereinigten Staaten
von Amerika, hiermit
Freitag, den 6. Oktober 1989, zum Tag
der Deutsch-Amerikaner.
Ich bitte
alle Amerikaner, mehr über den Beitrag der deutschen Einwanderer zu Leben und Kultur der Vereinigten Staaten in Erfahrung zu bringen und die-

sen Tag mit angemessenen Feiern
Veranstaltungen zu begehen.

und

Unterzeichnet am 5. Tag des Oktober, im Jahr des He rrn 1989 und im
214. Jahr der Unabhängigkeit der Vereinigten Staaten von Amerika.
(unterzeichnet) George Bush

* * * * *

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Dokumentation

11. Oktober 1989

37

BUSH WÜRDIGT BUNDESDEUTSCHE UNTERSTÜTZUNG FÜR DIE DDR-FLÜCHTLINGE
- Ansprache des Präsidenten zum Tag der Deutsch-Amerikaner -

WASHINGTON - (AD) - Bei einer Feierstunde anläßlich der Unterzeichnung
der Proklamation zum Tag der Deutsch-Amerikaner erklärte Präsident Bush am 5.
Oktober 1989: "Ich bin bewegt von den Zehntausenden DDR-Bürgern, die all ihren Besitz opfern, alles zurücklassen, um ihren Weg in einen Westen zu finden,
der Freiheit und Möglichkeiten verpricht." "Amerika steht zu den treibenden
Kräften des Wandels", erklärte Bush. "Wir haben unsere moralische und materielle Unterstützung zugesichert."
Nachfolgend veröffentlichen wir die Ansprache, des Präsidenten Im Wortlaut.

Alle, die wir heute hier zusammengekommen sind, werden Zeuge eines
entscheidenden Wendepunkts in der Geschichte.
Die Länder Osteuropas befinden sich im Umbruch, und ihr Kampf
um Freiheit ist in eine neue Phase
der Hoffnungen eingetreten, die jetzt
stärker sind als jemals zuvor.
In
Polen
ist eine
nichtkommunistische
Regierung gebildet worden. In Ungarn
wird der totalitären Ideologie eine
Absage erteilt.
Ich habe bereits in Hamtramck,
Warschau, Danzig und Budapest erklärt. Amerika stehe zu den treibenden Kräften des Wandels. Wir haben
unsere moralische und materielle Unterstützung zugesichert.
Die polnische Regierung

hat ver-

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gangene Woche angesichts der Aussicht
schmerzhafter
Anpassungen
bei
der
Einführung
ihrer drastischen Wirtschaftsreformen vom Westen eine Milliarde Dollar Direkthilfe erbeten.
Und deshalb habe ich gestern (am 4.
Oktober) den Kongreß gebeten, Polen
zusätzlich 200 Millionen Dollar zur
Verfügung zu stellen, wenn das Land
einen Vertrag mit dem Internationalen
Währungsfonds unterzeichnet, um unseren Beitrag zur Erfüllung Ihrer Bitte
zu leisten. Darüber hinaus entsende
Ich eine Delegation nach Polen, die
mit den Polen über den besten Einsatz
dieser und anderer Mittel
beraten
soll.
Wir sind gebannt, und ich bin bewegt von den Zehntausenden DDR-Bürgern, die all ihren Besitz opfern,

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�alles zurücklassen, um ihren Weg in
einen Westen zu finden, der Freiheit
und Möglichkeiten verspricht.
Und ich habe heute von Tausenden
von Menschen gelesen, die zehn Jahre
gewartet haben, um ein Auto zu kaufen
und es dann ganz einfach auf der
Straße zurücklassen und die Schlüssel
jemandem schenken.
Sie nahmen nur
das mit, was sie tragen konnten und
kletterten über einen Botschaftszaun,
um auf einen Zug in die Freiheit zu
warten.
Angesichts unserer Feier zum Tag
der Deutsch-Amerikaner möchte ich die
Maßnahmen der Bundesrepublik Deutschland würdigen, die sich den mit diesen Ereignissen stellenden ungeheuren
Herausforderungen
gewachsen
zeigt.
Und ich freue mich auf den Tag, an
dem die Deutschen keine Zäune mehr
überwinden, nicht mehr in Botschaftsgärten frieren oder Kugeln ausweichen
müssen, um die Vorzüge einer freien
Gesellschaft genießen zu können.
Ich muß Ihnen nicht erzählen,
welch wichtige Rolle alle DeutschAmerikaner in den letzten 200 Jahren
in den Vereinigten Staaten - einzeln
und auch gemeinsam - gespielt haben.
Deutsch-Amerikaner bilden einen entscheidenden Bestandteil unseres Erbes. Und, wie Sie wissen, wurden wir
uns zu Beginn der achtziger Jahre der
Notwendigkeit
bewußt, die Kontakte
zwischen der Bundesrepublik und den
Vereinigten
Staaten
zu
vertiefen.
Und seit der Zeit haben unsere Länder
gemeinsam am Fortbestand unserer Werte und Pflichten gearbeitet.
Unser
US-Informationsamt
(USIA)
hat bei vielen dieser Initiativen die
Führungsrolle übernommen.
USIA hat
eine wichtige Rolle bei der 300-JahrFeier zum Gedenken an die deutschen
Einwanderer
gespielt, an der
ich
teilzunehmen die Ehre hatte. Und in
jüngster Zeit hat sich USIA an der
Einrichtung des Gartens der DeutschAmerikanischen
Freundschaft
beteiligt, die Sie heute hier feiern.

Aus diesem Grunde freue ich mich,
Ihnen heute mitteilen zu können, daß
unser USIA-Direktor, Bruce Gelb, eine
neue Aufgabe übernehmen und Amerikanischer Koordinator für Deutsch-Amerikanische Kontakte werden wird.
Er
möchte gemeinsam mit Ihnen dazu beitragen, daß junge deutsche und amerikanische
Führungskräfte
Kontakte
knüpfen. Dies liegt auch im Interesse Bundeskanzler Kohls.
In Regierung, Industrie, im Journalismus, den
Geisteswissenschaften
- wir wollen
Kontakte knüpfen, um Perspektiven zu
eröffnen, Freundschaften zu erhalten
und das Verständnis zwischen unseren
Ländern zu fördern.

* * * * *

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VON

Hintergrundmaterial

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11. Oktober 1989

37

DIE SOZIALVERSICHERUNG:

GRUNDLAGE DES "SOZIALEN NETZES" IN DEN USA

- Erster von fünf Artikeln zum amerikanischen Sozialwesen -

WASHINGTON - (AD) - Das amerikanische
Sozialwesen Ist ein sich ständig
fortentwickelndes Geflecht von etwa
40 000
eigenständigen
öffentlichen
und privaten sozialen Diensten, die
zusammengenommen das "soziale Netz"
in den Vereinigten Staaten bilden,
das die meisten Amerikaner vor den
wie Präsident Franklin D. Roosevelt
es nannte "Launen und Wechsel fällen
des Lebens" schützt.
Schätzungen des Amerikanischen Verbands für Wohlfahrtspflege (American
Public Weifare Association) zufolge
belaufen sich die Ausgaben für die
Aufrechterhaltung dieses Netzes der
sozialen Sicherheit heute auf über 1
Billion Dollar pro Jahr oder etwa 20%
des amerikanischen Bruttosozialprodukts im Jahr 1989. Circa zwei Drit-

tel dieser Mittel werden von der Bundesregierung vergeben. Aber auch die
Bundesstaaten sowie Städte und Gemeinden geben etwa ein Prozent ihrer
Steuereinnahmen, ungefähr 300 Milliarden Dollar, für Programme aus,
die Armen, Arbeitslosen und Benachteiligten helfen sollen.
Der Rest
wird vom Privatsektor finanziert, zumeist in Form von Renten und Krankenversicherungsbeiträgen sowie Spenden
für wohltätige Zwecke. Das Spendenaufkommen belief sich im Jahr 1988
auf über 100 Milliarden Dollar, 20
Prozent davon wurden für Gesundheits- und Pflegedienste gespendet.

Ursprünge der Sozialversicherung
Eine

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Reihe

von

Sozialverslcherungs-

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�Programmen wurden während der Großen
Depression von Präsident Roosevelt
und dem Kongreß als Teil des historischen Sozialversicherungsgesetzes von
1935 zum Schutz amerikanischer Arbeitnehmer in Handel und Industrie
gegen Einkommensverlust aufgrund unverschuldeter Arbeitslosigkeit, Ruhestand oder Tod geschaffen. Sie bilden die Grundlage des amerikanischen
sozialen Netzes.
Roosevelt zufolge sollten diese Programme dazu beitragen, die Auswirkungen
künftiger
Wirtschaftseinbrüche
abzuschwächen, indem sie dem amerikanischen Arbeitnehmer ein Grundeinkommen sicherten, das "die Höhen und
Tiefen von Deflation und Inflation
ausgleichen" würde.
Eines dieser Programmpakete - Rentenversicherung,
Hinterbliebenen- und
Invaliditätsversicherung - wurden unter dem Begriff "Sozialversicherung"
bekannt.
Die Sozialversicherung sollte nicht
die einzige Einkommensquelle für Arbeitnehmer nach Eintritt in den Ruhestand sein.
Sie sollte eher eine
Grundversorgung
sicherstellen, die
durch eigene Ersparnisse, private
Renten und Familienvermögen ergänzt
werden könnte.
Die Sozialversicherung, das bei weitem wichtigste Element des amerikanischen sozialen Netzes, hat seit ihrer
Schaffung
erhebliche
Veränderungen
erfahren. Ihre Grundsätze - Zwangsmltgliedschaft, Anspruchsberechtigung
aufgrund von Arbeit in den erfaßten
Berufen,
Beitragsbezogenhelt
sowie
Finanzierung durch gehaltsabhängige
Beiträge von Arbeitnehmer und Arbeitgeber - haben jedoch Bestand gehabt.
Bei Inkrafttreten der Sozialversicherung im Jahr 1937 erfaßte sie weniger
als 60 Prozent der Arbeitsplätze in
den Vereinigten Staaten. Sie wurde
seither auf etwa 95 Prozent aller Arbeitnehmer erweitert. Viele freiberuflich Tätigen, Saison- und Teilzettarbeitnehmer in kleinen Unterneh-

men sind nicht erfaßt oder möchten
sich nicht beteiligen.
Auch die
Langzeitarbeitslosen werden per definitionem den Erwerbstätigen zugerechnet, können aber nicht teilnehmen.

Höhe der Renten
Im Lauf der Zeit wurden auch Familienangehörigen und Hinterbliebenen von
Rentnern sowie Erwerbsunfähigen und
deren Familien Renten zugebilligt.
Die Zwangsmitgliedschaft wurde auf
Beschäftigte in Land- und Hauswirtschaft, Freiberufler, Angehörige der
Streitkräfte, Angestellte im öffentlichen Dienst sowie Mitarbeiter gemeinnütziger
Organisationen
ausgedehnt. Ferner wurde die Möglichkeit
einer Vorruhestandsregelung für Männer und Frauen eingeführt.
Heute belaufen sich die Ausgaben für
die Sozialversicherung auf jährlich
etwa 23 Prozent aller Ausgaben aus
dem Bundeshaushalt, und ungefähr einer von sechs Amerikanern bekommt jeden Monat eine Rente ausbezahlt.
Im Jahr 1940, dem ersten Jahr, in dem
Renten gezahlt wurden, waren die Altersrenten auf einen Höchstbetrag von
41 Dollar pro Monat für einen alleinstehenden Arbeitnehmer und auf 62
Dollar für einen anspruchsberecbtigten Arbeitnehmer mit einem nicht berufstätigen
Ehepartner begrenzt
selbst zu jener Zeit sehr bescheidene
Beträge.
Bis heute sind diese Renten auf
durchschnittlich folgende Monatswerte
angestiegen:
(Tabelle: siehe letzte
Seite)
Während das normale Rentenalter bei
65 Jahren liegt, kann ein Arbeitnehmer schon mit 62 Jahren in den Ruhestand treten, falls er voll versichert ist (nach mindestens zehn Arbeitsjahren an einem der Versicherung
unterliegenden
Arbeitsplatz).
Die
monatlichen Rentenzahlungen an Vorruheständler betragen jedoch auf Dauer
nur 80 Prozent der Vollrente, die an

- 2 -

f

i

�diejenigen gezahlt wird, die mit 65
oder später in den Ruhestand treten.
Ab dem Jahr 2000 wird das Alter, mit
dem die volle Rente bezogen werden
kann, schrittweise auf 67 Jahre angehoben.
Eine reduzierte Rente wird
immer noch ab 62 Jahren möglich sein,
jedoch wird die Reduzierung höher
ausfallen als heute.
Zur Berechnung der Bezüge für Ruhestand
und Berufsunfähigkeit
werden
beim im gesamten Berufsleben erarbeiteten Nettoverdienst des Arbeitnehmers Anpassungen vorgenommen, die den
Veränderungen der Durchschnittslöhne
seit 1951 Rechnung tragen. Von diesen angepaßten Einkünften wird der
Durchschnittswert errechnet, von dem
dann mittels einer Formel die Leistungen abgeleitet werden.
Die Sozialversicherung ist nicht vermögensabhängig, das heißt, die Leistungen
richten sich nicht nach dem Umfang
anderweitig erzielter Einkünfte oder
dem
Privatvermögen des Antragstellers.
Dennoch begünstigt die Formel
Arbeitnehmer mit geringerem Einkommen
aufgrund der Annahme, daß sie nicht
wie höhere Einkommensgruppen über finanzielle Mittel verfügen, um ihre
Sozialleistungen aufzubessern.

Finanzierung
Um die gegenwärtig gewährten Leistungen beibehalten und in den nächsten
Jahren neue finanzieren zu können,
mußte der Kongreß die - jeweils zur
Hälfte von Arbeitgeber und Arbeitnehmer gezahlte - Lohnsummensteuer erhöhen. Die von Arbeitgeber und Arbeitnehmer jeweils auf ein Jahreseinkommen unter 3 000 Dollar gezahlte Lohnsummensteuer ist von 1 Prozent seit
der Einführung des Programms 1937 auf
7,51
Prozent
für Einkommen
unter
48 000 Dollar im Jahr 1989 (einschließlich
1,45
Prozent
für
MEDICARE-KrankenhausVersicherung) gestiegen. Das ergibt einen maximalen
Arbeitgeber/Arbeitnehmeranteil
von
jährlich 7 210 Dollar. Ein selbständiger Erwerbstätiger muß 13,2 Prozent
seines Einkommens unter 48 000 Dollar

als
Sozial Versicherungsbeitrag
entrichten und damit einen etwas geringeren Satz, als er und sein Arbeitgeber in einem Angestelltenverhältnis
zu zahlen hätten.
Diese Einnahmen werden zusammen mit
geringfügigen durch die Besteuerung
einiger
Sozialleistungen
erzielten
Einkünften in vier einzelnen Treuhandfonds
unabhängig
von
anderen
staatlichen Konten verwaltet.
Die
nicht zur Zahlung unmittelbarer Leistungen
und
Verwaltungsaufwendungen
benötigten Mitteln werden in Staatsanleihen der Vereinigten Staaten angelegt, wobei durch Zinsgewinne wiederum Einnahmen erzielt werden.

Rückgang
bürgern

der Armut

bei

älteren

Mit-

Heute haben 130 Millionen Amerikaner
sozialversicherungspflichtige
Arbeltsplätze, und
1989 werden 38,9
Millionen Menschen daraus Leistungen
im Umfang von 228 Milliarden Dollar
in Anspruch nehmen.
Die Sozialversicherungszahlungen werden in diesem
Jahr etwa 27 Millionen Rentnern und
ihren Ehepartnern, 5,3 Millionen Witwen, 3,5 Millionen
berufsunfähigen
Arbeitnehmern und ihren Ehepartnern
und 3,2 Millionen Kindern pensionierter, verstorbener oder arbeitsunfähiger Arbeitnehmer gewährt.
Untersuchungen haben ergeben, daß die
Sozialversicherung
für die meisten
Amerikaner im Ruhestand die wichtigste Einkommensquelle
ist.
Bei 62
Prozent der über 65jährigen macht sie
wenigstens die Hälfte des verfügbaren
Einkommens aus. bei 26 Prozent sind
es 90 Prozent, und für 15 Prozent der
älteren Mitbürger ist sie einzige
Einkommensquelle.
Ein Drittel aller
sozialversicherten Rentner hat eine
private Altersversorgung von durchschnittlich
260
Dollar
im Monat.
Darüber hinaus erhalten viele Pensionäre zusätzliche Leistungen in Form
von Steuerfreibeträgen, Fahrpreisermäßigungen, preiswerter medizinischer
Versorgung und Rabatt für Nahrungs-

- 3 -

�und Arzneimittel.
über die Hälfte der 124 Millionen zivilerwerbstätigen
Amerikaner
haben
eine private Altersversorgung, die im
Falle des Ruhestands oder der Berufsunfähigkeit des Arbeitnehmers eine
monatliche Rente zahlt. Diese Leistungen werden zusätzlich zu den Versicherungsleistungen der Bundesregierung oder der Einzelstaaten gewährt.
Heute gibt es in den Vereinigten
Staaten mehr als 1,7 Millionen private Altersversicherungspläne mit einem
Gesamtvermögen von über 1,6 Milliarden Dollar.
Die Beteiligung, Mitgliedsbedingungen und Leistungen weichen stark voneinander ab. Ihre Mitglieder arbeiten in der Regel in großen Privatunternehmen und haben höhere Einkommen als Nichtmitglieder.
Im Jahr 1987 erhielten mehr als neun
Millionen Amerikaner und ihre Familien Leistungen aus einer privaten Rentenversicherung, einschließlich einmaliger Zahlungen, im Gesamtumfang
von 117,4 Milliarden Dollar.
Wenn man die Bezüge aus allen Quellen
zusammenrechnet - Rente, Ersparnisse,
Gewinne aus Investitionen und Teilzeitarbeit - ergibt sich für einen
etwa 65jährigen Amerikaner für 1985
ein mittleres Einkommen von 11.833
Dollar. Im gleichen Jahr bewohnten
13,8 Millionen oder 73,2 Prozent aller Haushalte mit einem Haushaltsvorstand in diesem Alter ihr eigenes
Haus.
Der amerikanische Verband der Ruheständler hält der Sozialversicherung
zugute, daß sie mehr geleistet hat,
um ältere Amerikaner vor Armut zu bewahren als jede andere Einzel initiative.
Dem Statistischen Bundesamt
der Vereinigten Staaten zufolge lag
der Anteil der über 65jährigen Amerikaner, die 1959 - bei Einführung dieser Statistik - an oder unter der offiziellen "Armutsgrenze" lebten, bei
33,1 Prozent und war damit doppelt so
hoch wie für den Rest der Bevölkerung. Bis 1987 fiel die Zahl auf 12,
2 Prozent und war damit nur noch halb

so hoch wie für den Rest der Bevölkerung. Die Armutsgrenze lag 1987 für
einen über 65jährigen bei 5 447 Dollar (sie ist etwas niedriger als bei
einem unter 65jährigen).
Eine ähnliche Untersuchung der Forschungsabteilung des Kongresses kam
vor einigen Jahren zu dem Schluß, daß
die an ältere Mitbürger gezahlten
Leistungen der Bundesregierung "der
Hauptgrund" für den allgemeinen Rückgang der Armutsgrenze bei den über
65jährigen ist. Der Untersuchung zufolge war die Sozialversicherung "am
wirkungsvollsten".

�Alleinstehender Rentner über 65

537 Dollar

Rentnerehepaar, beide mit Rentenanspruch

921 Dollar

Hinterbliebener mit zwei Kindern

1 112 Dollar

Witwe oder Witwer im Rentenalter

492 Dollar

Erwerbsunfähiger mit Familie

943 Dollar

Erwerbsunfähiger, alleinstehend

529 Dollar

�</text>
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                <text>Amerikadienst 11.10.1989</text>
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                <text>&lt;strong&gt;1. Dokumentation&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Mosbacher: verstärkte Kontrolle für Chemieexporte&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede des U.S.-Handelsministers &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Präsident Bushs Proklamation zum Tag der Deutsch-Amerikaner 1989&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Bush würdigt bundesdeutsche Unterstützung für die DDR-Flüchtlinge&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Ansprache des Präsidenten zum Tag der Deutsch-Amerikaner&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Hintergrund&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Die Sozialversicherung; Grundlage des "Sozialen Netzes" in den USA&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Erster von fünf Artikeln zum amerikanischen Sozialwesen &lt;br /&gt;&lt;/em&gt;</text>
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                    <text>AMERIKA DIENST
^7

et

38

1 8 . O k t o b e r 1989

I N H A L T

DOKUMENTATION
Die NATO und die deutsch-amerikanische Partnerschaft
- Rede des Gesandten George F. Ward Baker sieht Rute Aussichten für verbesserte amerikanisch-sow.jetische
BeziehunRen
- Rede vor der Foreign Policy Association -

HINTERGRUND
Programme für die Armen in Amerika
- Zweiter von fünf Artikeln über das amerikanische Sozialwesen -

* * * * *

United States Information Service
Embassy of the United States of America

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.: 0228-339 2035
Telex: 8-85432

�AMERIKA DIENST
Dokumentation
38

18. Oktober 1989

DIE NATO UND DIE DEUTSCH-AMERIKANISCHE PARTNERSCHAFT
VERGANGENHEIT UND ZUKUNFT
- Rede des Gesandten George F. Ward BONN - (AD) - Dem Gesandten der amerikanischen Botschaft in Bonn, George F.
Ward, zufolge ist die deutsch-amerikanische Partnerschaft ein "grundlegender
und unverzichtbarer Teil der Erfolgsgeschichte der NATO". Vor der Deutschen
Atlantischen Gesellschaft erklärte Ward am 17. Oktober 1989, gerade in der
heutigen Zeit mit ihren vielen Veränderungen sei es noch wichtiger, daß Deutsche und Amerikaner enger als je zuvor zusammenarbeiten.
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede des Gesandten im Wortlaut (es gilt
das gesprochene Wort).

Ich freue mich, heute abend als Vertreter von Botschafter Walters hier
anwesend sein zu dürfen. Botschafter
Walters bedauert sehr, nicht selbst
zu Ihnen sprechen zu können. Er wurde kurzfristig nach Washington gerufen. Ich weiß, wie sehr er sich darauf gefreut hatte, diesem besonderen
Zuhörerkreis seine Gedanken über die
Leistungen der NATO und die deutschamerikanische Partnerschaft innerhalb
der NATO mitteilen zu können.
Ich sage ganz bewußt "dieser besondere Zuhörerkreis", weil die Deutsche
Atlantische Gesellschaft seit langem
die Bedeutung der NATO erkannt hat.
Gegründet in der frühen Nachkriegszeit von Männern mit Weitblick und
Überzeugung - wie Sie, Herr Dr. Jaeger - , hat diese Organisation eine

United States Information Service
Embassy of the United States of America

lange,
verdienstvolle
Geschichte.
Die Deutsche Atlantische Gesellschaft
und andere derartige Organisationen
haben über die Jahre hinweg eine entscheidende Rolle bei der Stärkung der
öffentlichen Unterstützung für die
NATO gespielt. Deutsche und Amerikaner, Bürger anderer westeuropäischer
Staaten - und selbst die Europäer in
Budapest, Warschau, Prag und Ostberlin
haben Grund, für Ihren Beitrag
zur Sache des Friedens und der Freiheit zutiefst dankbar zu sein. Ich
danke Ihnen für Ihre Bemühungen.

Die Leistungen der NATO
Wir alle haben Grund, auf die Geschichte der NATO stolz zu sein.
Bisweilen kommt es mir so vor, als

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.: 0228-339 2035
Telex: 8-85432

�würden wir diesen Stolz nicht genug
zeigen, die Geschichte der NATO nicht
häufig genug erzählen. Besonders die
jüngere Generation sollte diese Geschichte jedoch kennen. Diejenigen,
die historische Entwicklungen der
Nachkriegszeit,
einschließlich
der
sich gegenwärtig in der Sowjetunion
und Osteuropa vollziehenden dramatischen Veränderungen, verstehen wollen, müssen sie kennen.
Es ist eine aufregende Geschichte,
voll menschlicher Tragik und heroischer Leistungen. Sie begann vor 40
Jahren inmitten des Chaos und der
Verwüstung, die der Zweite Weltkrieg
hinterlassen hatte. Ihre Hauptakteure waren Männer, die selbst in jenen
dunklen Stunden genügend Weitblick
besaßen, um eine neue Ordnung für Europa zu planen, die Friedet! und Wohlstand hervorbringen konnte.
Außer
diesem Weitblick bedurfte es auch des
Mutes. Niemand als die Begründer der
NATO wußte besser, welche Schwierigkeiten
noch
zu
meistern
waren.
Trotzdem taten sie den historischen
Schritt und unterzeichneten im Jahr
1949 den Nordatlantikvertrag.
Die Geschichte der NATO hat mehrere
Kapitel, von denen jedes für sich
schon bedeutend ist.
Die jüngsten
Ereignisse
ein außerordentlich erfolgreicher NATO-Gipfel 1989 sowie
die Vorlage unserer umfassenden Vorschläge zur konventionellen Rüstungskontrolle - sind vielversprechend.
Aber heute abend, in diesem Jubiläumsjahr, möchte ich zunächst die früheren Kapitel der Geschichte der NATO
und die Lehren daraus erörtern.
Das wichtigste dieser Anfangskapitel
war der Beitritt der Bundesrepublik
Deutschland zur NATO im Jahr 1955.
Auch in diesem Teil der Geschichte
waren die Helden Männer von Weitblick
und Mut, die diejenigen überzeugen
konnten, die noch allzusehr der Vergangenheit verhaftet waren, daß ein
neues Deutschland entstanden war, bereit, die Rechte und Pflichten der
Mitgliedschaft im Bündnis wahrzunehmen.

Ein weiteres bedeutendes Kapitel war
die Verabschiedung
des Harmel-Berichts im Jahr 1967. Harmels Konzeption eines zweigleisigen Ansatzes für
die Auseinandersetzung mit dem Warschauer Pakt - eine starke Verteidigung, die mit der Bereitschaft zum
Dialog gekoppelt war - ist, wie alle
guten Ideen, erstaunlich einfach und
außerordentlich wirkungsvoll.
Tatsächlich hat sie mehr als jeder andere Einzelfaktor zur Entfaltung der
Ost-West-Beziehungen und zu den positiven Entwicklungen beigetragen, die
gegenwärtig in Osteuropa stattfinden.
Ich möchte es noch auf andere Weise
formulieren.
Die Verankerung der
Harme1-Doktrin in der NATO-Strategie
war Ausdruck des übergeordneten Rahmens und der Leitlinien für die Entwicklung eines konstruktiveren Verhältnisses zwischen Ost und West.
Die Harmel-Doktrin gestattete uns,
einen geraden Kurs zu steuern - nicht
nur in Zeiten der Entspannung, sondern auch in Zeiten verstärkter Spannungen.
Mit ihrer zuversichtlichen
und festen Haltung und beispielhaften
Entschlossenheit konnte die NATO diese übergeordneten ersten Schritte koordinieren, die im Jahr 19 75 in der
Schlußakte von Helsinki mündeten einem weiteren wichtigen Baustein in
der Architektur, an der sich die
Ost-West-Beziehungen orientiert haben.
Nach wie vor spielt die NATO im Prozeß der Sicherheits- und Vertrauensbildung, der in Helsinki seinen Ausgangspunkt hatte, eine führende Rolle. Das Bündnis hat bei der Formulierung der Politik des Westens sowie
bei der Harmonisierung der Positionen
der westlichen Staaten auf jedem der
KSZE- Folgetreffen sowie bei vielen
Expertentreffen im Rahmen des KSZEProzesses eine Schlüsselrolle gespielt - bei einem breiten Spektrum
von Themen, darunter Umweltfragen,
Wissenschaft, Menschenrechte, friedliche Beilegung von Streitigkeiten,
Kultur und Informationsfreiheit. Die
Rolle der NATO war sogar noch entscheidender bei all den KSZE-Treffen,

�auf denen Sicherheitsfragen behandelt
wurden, der KVAE in Stockholm sowie
den beiden Gesprächsrunden, die gegenwärtig in Wien stattfinden (die
KSE sowie die Fortsetzung der Gespräche über vertrauensbildende Maßnahmen) .
Diese Errungenschaften eines Bündnisses, das an der Harme 1-Doktrin festhielt, trugen in Gestalt des von Präsident Reagan und dem sowjetischen
Staats- und Parteichef Gorbatschow im
Dezember 1987 unterzeichneten INFVertrags erneut Früchte. Obwobl dieser Vertrag nur eine Waffenkategorie
erfaßt, ist er ein Dokument von historischer Tragweite, weil mit ihm
ein Durchbruch erzielt wurde und weil
er die Grundlage weiterer Verhandlungen und Abkommen zwischen Ost und
West bildet. Er hat die Bedrohung
der von der Sowjetunion stationierten
SS 20-Raketen beseitigt, und als Ergebnis wurde die Sicherheit aller,
einschließlich der Sowjetunion, verbessert. Wir hoffen, dieses Abkommen
wird andere hervorbringen, die zu verifizierbaren Reduzierungen der strategischen Atomwaffen und konventionellen Streitkräfte in Europa führen.
All diese Meilensteine - Helsinki,
der KSZE- Prozeß und der INF-Vertrag sind Beweise für die aktive und lebendige Umsetzung der Harme1-Konzeption einer mit militärischer Stärke
gekoppelten Bereitschaft zum politischen Dialog seitens der NATO. Ich
möchte betonen, daß ein starkes,
glaubwürdiges militärisches Einsatzkonzept des Westens ein unverzichtbares Element dieses zweigleisigen Ansatzes war und ist. Unsere militärische Strategie ist defensiv und auf
die Abschreckung eines Krieges ausgerichtet. Gleichzeitig hat sich die
NATO jedoch auch umfassend und effektiv am politischen Dialog über Europa
und seine Zukunft beteiligt.
Die heute in der Sowjetunion und Osteuropa
stattfindenden
dramatischen
Veränderungen sind Teil dieses Dialogs und unmittelbar mit der Geschichte der NATO verbunden.
Nach

vierzig Jahren des "kalten Krieges"
und einer grausamen und widernatürlichen Teilung Europas hat sich die Sowjetunion mit ernsten Absichten an
den Verhandlungstisch gesetzt.
Zumindest einige Barrieren zwischen Ost
und West werden abgebaut. In Polen
wurde ein Nichtkommunist in ein hohes
Amt berufen. In Ungarn werden politische und wirtschaftliche Reformen
in erstaunlichem Tempo verwirklicht.
Der Druck auf die Regierung der Deutschen Demokratischen Republik zur
Einleitung
politischer
und
wirtschaftlicher
Reformen
verstärkt
sich.
Die Demonstrationen auf den
Straßen Leipzigs zeigen, daß auch
dort die Unzufriedenheit mit dem Regime ein noch vor wenigen Monaten unvorstellbares Ausmaß angenommen hat.
Tausende von DDR-Bürgern, darunter
viele Familien, haben sich entschlossen, alles zurückzulassen - Wohnung,
Arbeitsplatz, Freunde - in der Hoffnung, im Westen ein neues Leben zu
beginnen.
Durch diese Ereignisse wird bekräftigt, daß die Idee der Freiheit - und
die auf dieser Idee der Freiheit gegründeten politischen, wirtschaftlichen und sozialen Institutionen des
Westens - eine starke, geradezu magnetische Anziehungskraft auf die Menschen im Osten ausübt. Unsere gegenseitige Unterstützung und unser starkes Bündnis bilden die Grundlage für
ein freies Europa und für diesen
Druck auf Reformen im Osten.
Zur
Eindämmung des sowjetischen Expansionismus nach dem Krieg gegründet, hat
die NATO den Frieden und den Wohlstand hervorgebracht, die sich ihre
Gründer erhofft hatten. Hinter dem
Schild der NATO hatte Westeuropa die
Freiheit, seine demokratischen Institutionen und seine freien Marktwirtschaften zu entwickeln. Sie unterstützt unsere blühenden freien Marktwirtschaften und den hohen Lebensstandard, den wir heute genießen.
Sie garantiert die Freiheit der Presse, des Rundfunks und des Fernsehens,
die von den Vorteilen des westlichen
Lebensstils künden.

- 3-

�Wenn wir die vierzig Jahre vor der
Gründung der NATO mit den vierzig
Jahren danach vergleichen, dann können wir nur noch mehr über das staunen, was die NATO erreicht hat. Insbesondere die Bundesrepublik Deutschland hat diese Periode des Friedens
und der Stabilität genutzt, um ihre
Wirtschaft wiederaufzubauen und ihr
demokratisches
Regierungssystem
zu
schaffen, indem sie sich fest in der
westlichen Staatengemeinschaft verankert hat. Das Ansehen der NATO wird
durch die Tatsache noch erhöht, daß
sie alle diese Dinge als demokratisches Bündnis gleichgesinnter und
ebenbürtiger Partner erreicht hat.
Kurzum: Unser Bündnis ist ein historisch einzigartiges Phänomen.
Natürlich entwickelt sich die Geschichte der NATO weiter. Ihre Arbeit ist noch lange nicht beendet.
Ich bin mir vollkommen der Bedeutung
der gegenwärtig in der Sowjetunion
stattfindenden Veränderungen bewußt.
Wer wäre dies nicht? Selbstverständlich können wir Gorbatschows Maßnahmen nur von Herzen begrüßen, aber es
wäre töricht, davon auszugehen, daß
seine Veränderungen von Dauer sind
und deshalb in unserer Wachsamkeit
nachzulassen. Selbst die besten Absichten können sich über Nacht ändern, wie die Ereignisse in China unlängst so eindringlich bewiesen haben. Eine einseitig geschwächte Verteidigung läßt sich jedoch nicht an
einem Tag wiederherstellen.
Obwohl Moskau (aus gutem Grund) eine
neue Bereitschaft zu Verhandlungen
über Rüstungskontrollabkommen an den
Tag legt, stellen die sowjetischen
Streitkräfte nach wie vor eine Bedrohung dar. Tatsächlich nimmt die Qualität der sowjetischen Rüstung stetig
zu. Erst kürzlich haben die Sowjets
neue Panzer und Kampfflugzeuge mit
stark verbesserten Fähigkeiten in der
DDR eingeführt.
Wir alle wünschen
eine weitreichende Umgestaltung der
militärischen Lage in Europa. Aber
solange die Sowjets nicht auf ihre
massive Überlegenheit bei den konventionellen
Streitkräften
verzichten

und der Wandel im Osten nicht unumkehrbar geworden ist, müssen wir unseren sicherheitspolitischen Konsens
und
eine moderne NATO-Streitmacht
aufrechterhalten.
Auch wenn kurzsichtige und oberflächlichen Denker
etwas anderes behaupten:
Es gibt
keinen Konflikt zwischen dem Streben
nach Rüstungskontrolle und der Aufrechterhaltung einer starken Verteidigung.

Die
deutsch-amerikanische
schaft innerhalb der NATO

Partner-

Ich habe bisher über die NATO gesprochen und ihre Entstehung und Leistungen in allgemeiner Weise Revue passieren lassen.
Ich möchte jedoch
ebenfalls auf einen grundlegenden und
unverzichtbaren Teil der Erfolgsgeschichte der NATO eingehen - die
deutsch-amerikanische Partnerschaft.
Ebenso, wie sich das atlantischen
Bündnis entfaltete und an Stärke zunahm, galt dies auch für die deutschamerikanische Partnerschaft innerhalb
dieses
Bündnisses.
Dies
geschah
teilweise aufgrund der erstaunlichen
Leistungen des deutschen Volkes nach
dem Krieg. Vor dem Hintergrund der
traumatischen Erfahrungen jener Zeit
entwickelte sich eine demokratische
und
wohlhabende
Bundesrepublik
Deutschland zu einem wichtigen Bestandteil der internationalen Szene.
Die Bundesrepublik spielt eine führende Rolle in den Entscheidungsgremien der NATO und der Europäischen
Gemeinschaft. Sie hat mit ihrer Beteiligung in den Vereinten Nationen
begonnen, mehr weltpolitische Verantwortung zu übernehmen. Sie ist eine
der bedeutendsten Wirtschaftsmächte.
Wer Augen hat, zu sehen, weiß, daß
die Bundesrepublik Deutschland in eine neue Phase ihrer Entwicklung eingetreten ist.
Auch die Vereinigten Staaten treten
in eine neue Phase ein. Aus historischer Sicht befürworten die Vereinigten Staaten nach einer Ära der Vorherrschaft in der frühen Nachkriegs-

�zeit einen Kurs der Normalisierung
und Rückkehr zu einer ausgewogeneren
MachtVerteilung mit Europa.
Solche
Anpassungen sind Teil des "neuen Realismus" der von Präsident Bush vertretenen Außenpolitik. Dieser "neue
Realismus" trägt der wachsenden politischen und wirtschaftlichen Stärke
Westeuropas und den sich neu eröffnenden wertvollen Bereichen der Zusammenarbeit zwischen den Vereinigten
Staaten und Europa Rechnung.
Aus
Präsident Bushs Sicht berücksichtigt
dieser "neue Realismus" auch die Tatsache, daß die NATO und ihre Erfolge
uns diese neuen Herausforderungen bewältigen lassen. Die in der NATO erprobte Art der Zusammenarbeit kann
und muß auf andere Gremien und andere
Probleme übertragen werden.
Im Zuge dieser Entwicklung werden die
Partner der Vereinigten Staaten naturgemäß mehr Verantwortung für die
Förderung demokratischer Werte und
den Schutz freier Märkte in Europa
und andernorts übernehmen. Wie die
Vereinigten Staaten Europa nach dem
Krieg beim Wiederaufbau zur Seite
standen, so ist es heute an Europa,
mehr Verantwortung für positive Veränderungen in Europa und weltweit zu
tragen. Unabhängig davon, ob man die
Betonung auf das Ende des kalten
Krieges oder den Anfang eines neuen
multipolaren Zeitalters in den internationalen Beziehungen legt - starke
Führung und intensive Arbeit sind
zweifelsohne erforderlich, um sicherzustellen, daß die aktuellen Entwicklungen mehr
att weniger Sicherheit
und Freiheit auf der Welt hervorbringen.
In einer solchen Zeit voller
Herausforderungen ist es unabdingbar,
daß Deutsche und Amerikaner enger als
je zuvor zusammenarbeiten, um diese
momentanen Veränderungen zu verstehen
und effektiv darauf zu reagieren.
Bedauerlicherweise gibt es hier wie
dort Auguren des Weltuntergangs, die
nur die negativen Aspekte der sich in
der NATO und den deutsch-amerikanischen Beziehungen vollziehenden Veränderungen sehen. Ohne Zweifel haben
wir Meinungsverschiedenheiten.
Das

ist nur natürlich. Wir sind zwei unabhängige und souveräne Nationen mit
spezifischen nationalen Interessen,
und wir sind Demokratien, die eine
freimütige und offene Erörterung dieser Interessen fördern. Unsere gemeinsamen demokratischen Werte und
Institutionen machen es uns in der
Tat leichter, Kompromisse zu erarbeiten und die Verantwortung den Erfordernissen gemäß zu verteilen. Natürlich müssen wir unsere Kommunikationswege offen und unseren Dialog
frei von Vereinfachungen und Klischees halten. Deutsche und Amerikaner müssen heute mehr denn je sorgfältig zuhören, was der andere zu sagen hat.
Ich möchte mich jetzt einzelnen Bereichen zuwenden, die unsere ungeteilte Aufmerksamkeit verdienen. Auf
beiden Seiten des Atlantiks gibt es
Mißverständnisse bezüglich der amerikanischen Truppenpräsenz in der Bundesrepublik.
Die
amerikanischen
Truppen sind in der Bundesrepublik
stationiert, um ihren Teil zur friedensbewahrenden Rolle der NATO beizutragen. Es ist eine große Streitmacht mit 200 000 Soldaten und ihren
Familienangehörigen - die größte der
sechs hier stationierten militärischen Einheiten. Mit dieser enormen
Truppenpräsenz müssen wir sorgsam umgehen.
Während sich die Bedrohung
der sowjetischen Militärmacht nach
Meinung
der Öffentlichkeit offensichtlich verringert, scheint das Zusammenleben mit ausländischen Armeen
und Luftstreitkräften, die auf und
über deutschem Gebiet üben müssen,
mehr Spannungen zu verursachen.
Wir vernehmen daher vermehrt Beschwerden über die Aktivitäten amerikanischer Streitkräfte in der Bundesrepublik und Behauptungen, die alliierten Streitkräfte würden die deutsche Souveränität nicht respektieren. Infolgedessen führen Bürger Zivilprozesse und die immer genauere
Überwachung militärischer Bauvorhaben
und Stationierungen durch die Bundesregierung führt zu Verzögerungen bei
der Stationierung der Streitkräfte

- 5 -

�und verursacht zusätzliche Kosten.
Ist dieser Prozeß der Anpassung und
des Wandels rundweg zu verurteilen?
Nein - wenn wir gleichberechtigte
Partnerschaft ernst nehmen. Wir sind
uns der Notwendigkeit bewußt, die
komplexen Beziehungen zwischen zivilen und militärischen US-Einrichtungen hier in der Bundesrepublik sorgfältig im Auge zu behalten.
Verständlicherweise besteht die erste
Priorität in der Aufrechterhaltung
der Fähigkeiten unserer Streitkräfte,
ihre Rolle innerhalb der NATO zu erfüllen. Das bedeutet, daß sie weiterhin üben, fliegen - tief fliegen und ihre Systeme erproben müssen.
Wenn wir nicht effektiv üben können,
können wir nicht wirksam kämpfen oder
wirksam abschrecken. Diese Realitäten stehen in direktem Zusammenhang
mit dem Harme 1-Konzept, daß für politischen Dialog eine starke Verteidigung unabdingbar ist.
Andere Bereiche der Beziehungen zwischen
amerikanischen
Streitkräften
und Bundesbürgern betreffen nicht direkt die Bereitschaft der Streitkräfte. In diesen Bereichen sind wir natürlich bereit, Schritte zum vollständigen Abbau von Aktivitäten zu
unternehmen, die einer gleichberechtigten Partnerschaft als nicht angemessen
angesehen
werden
könnten.
Auch die Sorge der Deutschen um die
Umwelt nehmen wir ernst. Die US-Armee hat in den vergangenen fünf Jahren über 800 Millionen D-Mark für Umweltschutzprojekte ausgegeben.
Wie
Sie sicherlich wissen, haben wir die
Reforger-Übung im vergangenen Jahr
verschoben und künftige ReforgerÜbungen so modifiziert, daß jetzt die
Mannschaftsarbeit und weniger die
Fahrzeuge im Feld im Vordergrund stehen.
Zweifelsohne haben wir unterschiedliche Blickwinkel. Eine Familie, die
ihren Urlaub im Hunsrück verbringt,
hat eine andere Meinung zum Lärm der
Düsenjäger als der Luftwaffenkommandeur, der für die Kampffähigkeit sei-

nes Geschwaders verantwortlich ist.
Wir können jedoch dankbar sein, daß
40 Jahre enger Zusammenarbeit Vertrauen und Freundschaft hervorgebracht haben. In einer Zeit des Wandels und der Anpassungen können wir
unsere Meinungsverschiedenheiten in
diesem Sinne überwinden.
Mit anhaltender Bereitschaft zu Kompromissen in Bereichen, in denen wir
nicht voll und ganz einer Meinung
sind, werden die deutsch-amerikanischen Beziehungen meines Erachtens
aus dieser Zeit der Herausforderung
enger und dauerhafter denn je hervorgehen. Von dieser Entwicklung hängt
in der Tat sehr viel ab. Die Zeiten
erfordern starke, gemeinsame Führung,
harte Arbeit und den politischen Willen beider Länder. Der kreative Einfluß der deutsch-amerikanischen Partnerschaft auf das Europa der Nachkriegszeit ist noch nicht erschöpft.
Die gemeinsame deutsch-amerikanische
Führung muß auch über Europa hinaus
eine Rolle bei der Förderung unserer
gemeinsamen demokratischen Werte und
der Verbesserung der Lebensqualität
aller Bürger der Welt spielen.

Gemeinsame Führungsrolle in Europa
Die deutsch-amerikanische Führungsrolle bei der Zusammenarbeit mit anderen Verbündeten muß auch bei der
Überwindung der Teilung Europas eine
entscheidende Rolle spielen.
Zwei
wichtige Prozesse sind bereits im
Gange: die wirtschaftliche Integration der westeuropäischen Länder zu
einem Binnenmarkt und die Hinwendung
zu eher westlichen Werten und freien
Märkten in Osteuropa. Die Vereinigten Staten begrüßen diese beiden Entwicklungen und arbeiten eng mit ihren
Verbündeten zusammen, um diese Entwicklung zu fördern.
Nirgendwo besteht heute wohl größerer
Bedarf an gemeinsamem Handeln des Westens und effektiver deutsch-amerikanische Partnerschaft als bei einer
Reaktion auf Reformen und Veränderungen in Osteuropa. Wir im Westen se-

�hen uns jetzt bei der Formulierung
unserer Antwort auf den Ruf nach Hilfe und Unterstützung aus Polen und
Ungarn mit zwei großen Herausforderungen konfrontiert. Im Bereich der
Wirtschaft müssen wir den Reformpolitikern eine Atempause gönnen, damit
sie die Entwicklung und Verwirklichung von Reformen einleiten können,
während wir gleichzeitig in unserem
Drängen auf Reformen nicht nachlassen
dürfen.
Im politischen Bereich besteht die vor uns liegende Herausforderung darin, zum Aufbau demokratischer Institutionen beizutragen, ohne
Instabilität
und/oder
Intervention
auszulösen.
Als Reaktion auf diese Herausforderungen haben die Vereinigten Staaten
in den vergangenen Monaten eine Reihe
bilateraler Maßnahmen zur Unterstützung Polens und Ungarns angekündigt,
die unter anderem folgendes vorsehen: die zollfreie Einfuhr der meisten polnischen und ungarischen Exporte in die Vereinigten Staaten; die
Schaffung besonderer "Unternehmensfonds" zur Förderung von Investitionen auf dem Privatsektor; über 100
Millionen Dollar Nahrungsmittelhilfe
für Polen sowie 20 Millionen Dollar
zur Finanzierung von Umweltschutzproj ekten.
Gleichzeitig hat Präsident Bush - wie
bereits beim Pariser Weltwirtschaftsgipfel im Juli - eindeutig klargestellt, daß kein Land im Westen die
Last der Unterstützung alleine tragen
kann, und alle westlichen Länder sich
die Verantwortung zur Unterstützung
von Reformen in Osteuropa teilen
sollten. Dies gilt insbesondere für
Hilfe an Polen und Ungarn bei der Bewältigung ihrer Schuldenprobleme. Um
eine gemeinsame Reaktion auf das
Schuldenproblem Polens zu fördern,
hat Präsident Bush zu Beginn dieses
Monats die Bereitschaft der Vereinigten Staaten verkündet, 200 Millionen
Dollar zum Stabilisierungsfonds des
Westens für Polen in Höhe von einer
Milliarde Dollar beizutragen.
Wir
ermutigen die Bundesrepublik und unsere anderen westlichen Partner, die

Reformbestrebungen in Polen mit uns
gemeinsam zu unterstützen.
Natürlich bergen die in Osteuropa
wahrzunehmenden dramatischen Veränderungen gewisse Risiken - zum einen,
weil die Veränderungen sich nicht
einheitlich vollziehen und zum anderen, weil wir nicht wissen, welches
Ausmaß an Veränderungen die Sowjetunion tolerieren kann oder wird. In
dieser Phase der Unsicherheit müssen
wir fortsetzen, was sich bereits als
richtig erwiesen hat - eine glaubwürdige
Abschreckung
aufrechterhalten
und gleichzeitig weiterhin Rüstungskontrolle betreiben. Darüber hinaus
müssen wir zusammenarbeiten, um zu
gewährleisten, daß sich die politischen und wirtschaftlichen Veränderungen in Osteuropa parallel vollziehen.
Alles andere hätte destabilisierende Wirkung.

Gemeinsame Führungsrolle bei regionalen und internationalen Fragen
Der Abbau von Spannungen zwischen Ost
und West sowie positive Entwicklungen
in der Rüstungskontrolle - die einen
Wert an sich darstellen - haben einen zusätzlichen Vorteil. Sie geben
der Gemeinschaft demokratischer und
friedliebender Staaten die Freiheit,
ihre Aufmerksamkeit anderen schwierigen Problemen zuzuwenden, die nicht
vor nationalen Grenzen haltmachen und
Sicherheit und Wohlergehen aller Menschen auf der Welt bedrohen.
Ich
spreche hier von Umweltschäden, Drogenhandel, Terrorismus und der Weiterverbreitung
nuklearer, biologischer und chemischer Waffen. Jedes
dieser Probleme hat allein für sich
betrachtet beträchtliche Auswirkungen, alle zusammen sind überwältigend . Aber wenn es uns - in Hamletscher Unentschlossenheit - nicht gelingt, "uns gegen eine See von Plagen
zu waffnen", werden nachfolgende Generationen mehr leiden müssen als wir.
Internationale Institutionen wie die
Weltbank, der Internationale Währungsfonds und die Vereinten Nationen

�verfügen über ein umfangreiches Potential zur Lösung dieser Probleme.
Und mit Genugtuung können wir - Sie
und ich - beobachten, wie sich dieses
Potential in jüngster Zeit entwickelt
hat. Die westlichen Demokratien mit
ihrem Reichtum an Ressourcen und ihren technologischen Fähigkeiten tragen jedoch eine besondere Verantwortung.
Die Bundesrepublik und die
Vereinigten Staaten haben durch ihre
Zusammenarbeit bereits in all diesen
Bereichen
große
Fortschritte
erzielt. Zum Beispiel konnten sie internationale Kreditgeber davon überzeugen, bei ihren Entscheidungen über
Projektgebundene Kredite ökologische
Implikationen zu berücksichtigen.
Das ist nur ein Beispiel für die enge
Zusammenarbeit unserer beiden Länder
im Bereich des Umweltschutzes. Bevor
sich das übrige Europa auch nur im
entferntesten für Umweltschutz interessierte, waren die Bundesrepublik
und die Vereinigten Staaten Wortführer bei Verhandlungen über ein internationales Abkommen zur Beschränkung
der Nutzung und Herstellung von
Fluorchlorkohlenwasserstoffen (FCKW),
die das Ozon in der Atmosphäre zerstören. Das im September 1987 unterzeichnete Protokoll von Montreal gilt
inzwischen als wichtigstes internationales
Umweltschutzabkommen.
In
den oberen Schichten der Atmosphäre
zerstören FCKW nicht nur die Ozonschicht, die uns vor den krebserregenden
ultravioletten
Strahlen
schützt, sondern tragen auch zum
Treibhauseffekt bei.
Damit komme ich zu einer anderen,
vielleicht noch gefährlicheren Bedrohung: Erwärmung des Erdklimas durch
die fortschreitende Ansammlung von
Kohlendioxid, FCKW, Methan und anderen industriell erzeugten Gasen. Offensichtlich muß die Wissenschaft uns
helfen. Meine Regierung hat das Forschungsprogramm für Veränderungen auf
der Erde (Global Change Research Program) ins Leben gerufen, und Präsident Bush hat dafür in diesem Haushaltsjahr 200 Millionen Dollar vorgesehen. Wir werden in diesem Rahmen

andere Länder wie die Bundesrepublik
zur Zusammenarbeit auffordern.
Präsident Bush und Bundeskanzler Kohl
haben bei ihren privaten Unterredungen anläßlich des Weltwirtschaftsgipfels im vergangenen Juli in Paris die
Umweltschutzproblematik eingehend erörtert. Der Leiter des Umweltschutzamts, William Reilly, wird am 7. und
8. November nach Bonn kommen. Dabei
wird die Zusammenarbeit zwischen den
Vereinigten Staaten und der Bundesrepublik und insbesondere die Führungsrolle beider Staaten bei den internationalen Bestrebungen zum Umgang mit
den Klima Veränderungen auf der Erde
ein wichtiger Punkt auf der Tagesordnung sein.
Ein weiterer Bereich, in dem die Vereinigten Staaten und die Bundesrepublik eine gemeinsame Führungsrolle
übernehmen,
ist
Wissenschaft
und
Technologie, wobei sie sowohl den
Fortschritt fördern als auch der Verbreitung strategisch wichtiger destabilisierender
Technologien
Einhalt
gebieten wollen.
Den meisten Vergleichen zufolge nehmen die Vereinigten Staaten und die Bundesrepublik in
der Grundlagenforschung den ersten
und zweiten Platz ein. Es überrascht
daher nicht, daß bundesdeutsche Wissenschaftler in jedem der letzten
vier Jahre Nobelpreise gewonnen haben. Hiermit gratuliere ich dem Bonner Professor Wolfgang Paul als diesjährigem Nobelpreisträger für Physik.
Die Geschichte der - zumeist nicht
staatlich geförderten - Zusammenarbeit zwischen deutschen und amerikanischen Wissenschaftlern ist lang und
ruhmreich. Auf einigen Gebieten wie
Weltraum, Umwelt und Medizin findet
die Zusammenarbeit im Rahmen interministerieller Abkommen
statt.
Die
Bundesrepublik ist unser wichtigster
Partner im Weltraum.
Sie ist das
führende Land Europas bei der Internationalen Weltraumstation, des größten jemals durchgeführten gemeinsamen
Projekts der Spitzentechnologie. In
zwei Jahren wird ein Raumtransporter
der NASA eine deutsche Weltraumsta-

�tion in eine Umlaufbahn bringen. Auf
bilateraler Ebene arbeiten wir auch
in Bereichen, die Grundbedürfnisse
des Menschen betreffen, wie etwa das
Verständnis der Ursachen des Waldsterbens, die erfolgreiche Bekämpfung
von Krebs und AIDS. Auf dieser Kooperation sollten wir aufbauen uad
auch in der Forschung über weltweite
Veränderungen und Drogenmißbrauch zus ammena rbe i ten.
Die Technologie hat natürlich auch
Schattenseiten.
Mit Geräten, Substanzen und Know-how, die zur Herstellung von Kernkraft, Erforschung
des Weltraums und Düngemittelherstellung eingesetzt werden können,
kann man auch Kernwaffen, ballistische Raketen und Mittel zur chemischen Kriegführung herstellen. Ebenso wie die Vereinigten Staaten ist
die Bundesrepublik ein Mitglied des
Vertrags zur Nichtweiterverbreitung
von Nuklearwaffen und Gründungsmitglied des im April 1987 eingeführten
Systems zur Kontrolle von Raketentechnik, dem sich sieben Länder angeschlossen haben. Dennoch verfügt die
Bundesrepublik ebenso wie die Vereinigten Staaten in der Hochtechnologie
über eine moderne industrielle Basis
und wird damit zum Ziel potentieller
Weiterverbreiter. Das erfordert kontinuierliche
Aufmerksamkeit
in
freien, offenen Gesellschaften wie
unseren keine leichte Aufgabe. Dennoch begrüßen wir die von der Bundesrepublik im vergangenen Jahr unternommenen Bemühungen zur Stärkung der
Exportkontroile.
Was chemische Waffen betrifft, so
sind wir zuversichtlich, daß das
jüngste amerikanisch-sowjetische Abkommen, demzufolge konkrete Schritte
zur Beseitigung der Arsenale unternommen werden sollen, den Weg zu einem internationalen Vertrag über ein
Verbot dieser Waffen ebnen wird.
Gleichzeitig erwarten wir die kontinuierliche deutsch-amerikanische Zusammenarbeit zur Kontrolle von Technologien, die zur Herstellung biologischer, chemischer und nuklearer

Waffen und ihrer Trägersysteme eingesetzt werden können.
Der Abbau der sich mit Terrorismus
und Drogenhandel für das Wohlergehen
der Weltbürger stellenden Bedrohungen
ist ein weiteres gemeinsames Ziel.
Unsere Länder arbeiten zusammen an
der Verhinderung der Waffenverkäufe
an bekannte terroristische Vereinigungen. In sehr enger Zusammenarbeit
zwischen unserer Polizei und unseren
Nachrichtendiensten haben wir den
Spren&amp;stoffanschlag von Lockerbie untersucht. Gemeinsam ist es uns auch
gelungen, dem Flugzeugentführer Mohammed Hammadi den Prozeß zu machen.
Das internationale Drogenproblem hat
ein Ausmaß angenommen, angesichts
dessen Präsident Bush den für den
Schmuggel großer Mengen todbringender
Drogen in die Vereinigten Staaten und
andere Länder, auch in Westeuropa,
verantwortlichen Drogenkartellen den
Krieg
erklärt hat.
Bundeskanzler
Kohls Einführung einer entsprechenden
Strategie auf EG-Ebene ist ein anschauliches Beispiel deutsch-amerikanischer Zusammenarbeit in diesem Bereich, das die volle Zustimmung des
Präsidenten findet.

Gemeinsame
Wirtschaft

Führungsrolle

in

der

Die westlichen Demokratien müssen
darüber hinaus eine besondere Verantwortung für die Entwicklungsländer
übernehmen, ihnen beim Aufbau ihrer
Wirtschaft und Verbesserung des Lebensstandards helfen, ohne daß diese
gezwungen wären, sich totalitären Systemen zu unterwerfen. Die Menschen
der armen Länder haben ein Recht für
ausreichende Nahrung für ihre Familien, und sie haben ein Recht auf freie
Wahl,
Religions- und
Versammlungsfreiheit sowie darauf, abweichende
Meinungen äußern zu dürfen. Mit dem
Einsatz für Freiheit und Menschenrechte
können
die
Bundesrepublik
Deutschland und die Vereinigten Staaten gemeinsam viel leisten, um den
9 -

�ärmeren Ländern bei der Suche nach
Auswegen aus diesem Dilemma zu helfen.
Wir können ferner gemeinsam an der
humanitären Lösung des vordringlichen
Flüchtlingsproblems arbeiten. Gegenwärtig sind weltweit etwa 14 Millionen Menschen auf der Flucht vor politischer Verfolgung oder den verheerenden Auswirkungen von Kriegen. Es
obliegt uns als mächtigen und wohlhabenden Demokratien, friedliche Lösungen für regionale Konflikte zu fördern und dauerhafte Lösungen für Probleme wie Armut und Unterentwicklung
zu finden, durch die ganze Volksgruppen gezwungen werden, ihre Heimat
aufzugeben, um für sich und ihre Kinder ein menschenwürdiges Leben zu
finden.
Eine Möglichkeit, die sich der Bundesrepublik und den Vereinigten Staaten bietet, um den Entwicklungsländern zu einem besseren Lebensstandard
zu verhelfen, ist die Zusammenarbeit
unter Gewährleistung freier und offener Weltmärkte. Wir dürfen nicht
übersehen, daß die Länder, die am
meisten unter Protektionismus leiden,
nicht zu den westlichen Handelspartnern, sondern zu den Entwicklungsländern zählen. Mit der neugewonnenen
Erkenntnis, daß sozialistische Systeme nicht in der Lage waren, den versprochenen Wohlstand hervorzubringen,
muß der Westen Wirtschaftsreformen in
den Entwicklungsländern unterstützen
und sicherstellen, daß diese Länder
nicht durch westliche Wirtschaftsoder
Strukturpolitik
benachteiligt
werden.
Darüber hinaus müssen wir
der starken protektionistischen Tendenz in unseren Ländern tatkräftig
Widerstand leisten. Es ist insbesondere Aufgabe der Bundesrepublik, hier
ihre Führungsrolle unter Beweis zu
stellen. Nach dem Krieg haben offene
Märkte Ihrem Land beim wirtschaftlichen Wiederaufbau geholfen.
Heute
ist die Bundesrepublik das führende
Exportland der Welt.

Zusammenfassung
Die Bundesrepublik und die Vereinigten Staaten haben allen Grund, mit
Stolz auf vierzig Jahre enger Zusammenarbeit und Freundschaft zurückzublicken.
Gemeinsam haben wir die
wichtige Aufgabe übernommen, nach dem
Chaos und der Massenvernichtung des
Zweiten Weltkriegs ein demokratisches
und wohlhabendes Europa zu gestalten. Wir haben dem sowjetischen Expansionismus und Militarismus eine
eindeutige Absage erteilt und die Sowjetunion wieder an den Verhandlungstisch zurückgeführt. Wir haben denen, die unter totalitärer Herrschaft
leben, das Versprechen eines neuen demokratischen und freien - Europas
gegeben. Unser Erfolg steht für dieses neue Kapitel des Europas der
Nachkriegszeit, das wir nunmehr zu
schreiben beginnen.
Es bleibt uns jedoch keine Zeit, uns
auf den Lorbeeren auszuruhen. In den
Bereichen Rüstungskontrolle, europäische
Integration, Menschenrechte,
Nord-Süd-Dialog
und
Umweltschutz
bleibt für uns - als Partner in einer
Führungsrolle - noch viel zu tun.
Wir haben viel zu bieten - die Kreativität und Dynamik zweier Völker.
Seite an Seite, im stolzen Bewußtsein
ihrer bisherigen Leistungen und geleitet von demokratischen Werten können sich die Bundesrepublik und die
Vereinigten Staaten ihren gemeinsamen
Aufgaben voller Hoffnung und Entschlossenheit stellen.

* * * * *

10 -

�AMERIKA DIENST
Dokumentation

'VON**

18. Oktober 1989

38

BAKER SIEHT GUTE AUSSICHTEN FÜR VERBESSERTE
AMERIKANISCH-SOWJETISCHE BEZIEHUNGEN
- Rede vor der Foreign Policy Association -

NEW YORK - (AD) - Außenminister Baker zufolge sind die Aussichten für eine
dauerhafte Verbesserung der amerikanisch-sowjetischen Beziehungen besser als
je zuvor. In einer Rede vor der Foreign Policy Association erklärte Baker am
16. Oktober 1989 in New York, die beiden Supermächte hätten jetzt die Möglichkeit "die Höhen und Tiefen des kalten Krieges zu überwinden" und ein Verhältnis anzustreben, das "sicherer und beständiger" ist.
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede des Außenministers im Wortlaut (es
gilt das gesprochene Wort).
Seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs
befanden sich die Vereinigten Staaten
und die Sowjetunion in einem permanenten Kampf, einem Kräftemessen von
Supermächten, aber auch einem Wettstreit von Werten und Visionen. Kein
Verhältnis war jemals schwieriger,
aber letzten Endes auch vielversprechender. Schwierig, weil die traditionelle sowjetische Ideologie die
gleichen Begriffe verwendete wie wir
Demokratie, Menschenrechte, Freiheit, Frieden, Gerechtigkeit -, in
der Praxis jedoch die damit verbundenen Werte verweigerte. Vielversprechend, weil wir beide im Atomzeitalter durch die zwingende Notwendigkeit
der Verhinderung einer Katastrophe
nicht umhin können, nach gemeinsamen
Interessen zu suchen.

United States Information Service
Embassy of the United States of America

Wir befinden uns in einer vielversprechenden Zeit.
Die Beziehungen
zur Sowjetunion haben sich seit 1985
erheblich verbessert, als Michail
Gorbatschow seine Politik der Perestrojka initiierte - einer durchgreifenden Umgestaltung der sowjetischen
Gesellschaft, einschließlich der sowjetischen Außen- und Verteidigungspolitik. Die jetzige Administration
hat auf dem in der Ära Reagan erreichten aufgebaut, um den verbesserten amerikanisch-sowjetischen Beziehungen Dauerhaftigkeit zu verleihen.
Präsident Bush hat erklärt:
"Wir
werden uns gemeinsam darum bemühen,
die Politik des Containment gegenüber
der Sowjetunion zu überwinden..."
Heute haben wir im Verhältnis zur So-

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.: 0228-339 2035
Telex: 8-85432

�wjetunion eine historische Gelegenheit.
Wir haben die Chance, die
Nachkriegszeit mit den Höhen und Tiefen des kalten Krieges zu überwinden. Wir können die Politik des Containment überwinden, um den Wandel zu
besseren Beziehungen zwischen den Supermächten sicherer und beständiger
zu gestalten. Unsere Aufgabe besteht
darin, dauerhafte Elemente von beiderseitigem Vorteil zu finden, die
den Interessen der Vereinigten Staaten wie auch der Sowjetunion dienen.
Es gibt zwei Gründe für unsere Meinung, daß die Aussichten für eine
dauerhafte Verbesserung der amerikanisch-sowjetischen Beziehungen besser
als je zuvor sind. Erstens haben wir
im Westen durch unsere Stärke, Einigkeit und Treue zu unseren Werten bewiesen, daß Demokratie und freie
Marktwirtschaften funktionieren und
einander vorteilhaft ergänzen. Zweitens ist die diametral entgegengesetzte Sichtweise der Sowjetunion bei
dem Versuch gescheitert, Wohlstand
oder eine attraktive Gesellschaftsordnung zu schaffen. Auf eine einfache Formel gebracht:
Die Freiheit
funktioniert, der Kommunismus nicht.
Infolge des Scheiterns ihres Systems
haben die Sowjets unter der Führung
von Michail Gorbatschow einen als Perestrojka bezeichneten Prozeß der Reform und des Neuaufbaus eingeleitet.
Und es ist dieser Prozeß, der - im
Verein mit unseren eigenen Leistungen
gute Aussichten für die Zukunft
bietet.
Der Präsident und auch ich haben erklärt, daß wir der Politik der Perestrojka - einschließlich der Umgestaltung
der
amerikanisch-sowjetischen Beziehungen - Erfolg wünschen.
Wir sind zu diesem Schluß nicht etwa
deshalb gekommen, weil wir es als unsere Aufgabe betrachten, die sowjetische Gesellschaft zu reformieren oder
einen bestimmten sowjetischen Politiker an der Macht zu halten - beides
ist uns unmöglich -, sondern weil Perestrojka eine sowjetische Handlungsweise verspricht, die eher in unserem

Interesse liegt. Es ist unsere Aufgabe, kreativ nach möglichen Elementen beiderseitigen Vorteils zu suchen
- und da könnte es dank Perestrojka
viele Möglichkeiten geben. Letztlich
müssen wir jedoch trotz der Sondierung des "neuen Denkens" in der Sowjetunion bereit sein, unsere vitalen
Interessen zu schützen, komme was da
wolle.
Wir müssen einen Verteidigungshaushalt aufrechterhalten, der
mit unseren Sicherheitsbedürfnissen
im Einklang steht, und wir müssen
wachsam sein und Moskau zu einem kooperativen Verhalten über die gesamte
Bandbreite unserer Beziehungen drängen.
Ich möchte im folgenden etwas detaillierter auf unsere Politik eingehen insbesondere darauf, wie wir Perestrojka einschätzen, warum wir ihren
Erfolg wünschen und was wir tun, um
diese Elemente von beiderseitigem
Vorteil zu finden, die sowohl den
amerikanischen Interessen als auch
der Perestrojka selbst dienlich sein
werden.

Perestrojka und
nenpolitik

die sowjetische In-

Meines Erachtens ist es wichtig, zunächst auf die Ursprünge der Perestrojka einzugehen. Zuallererst ist
sie eine sowjetische Reaktion auf eine sich rasch verändernde Welt, in
der sich die Sowjets selbst wirtschaftlich, technologisch, politisch
und militärisch zunehmendem Konkurrenzdruck ausgesetzt sehen. Die Verfechter der Perestrojka betrachten
ihr Land als reich an natürlichen
Rohstoffen und menschlichem Talent,
aber erdrückt von einem Vermächtnis
der Stagnation - einem System, das
unfähig zur Erzeugung des wirtschaftlichem Fortschritts und der politischen Legitimation ist, auf die der
sowjetische Bürger ein Anrecht hat.
Wie Staats- und Parteichef Gorbatschow und Außenminister Schewardnadse
mir gegenüber erklärt haben, geht die
Ursache dieses Problems weit über die
Frage materieller Werte hinaus. Sie

�ist tief in der Psychologie der sowjetischen
Gesellschaft
verwurzelt
und wird durch gleichermaßen stagnierende politische und rechtliche
Systeme noch verstärkt.

den Widerstand gestoßen sind.
Bis
heute sind Gorbatschow und seine Mitstreiter willens gewesen, auf Reformen zu setzen und ihre Einsätze gegebenenfalls noch zu verdoppeln.

Aus diesem Grund erfordert es die Logik der Perestrojka, daß die Sowjets
ihre Probleme selbst in einer umfassenden,
organischen
Weise
lösen.
Nicht nur das Wirtschaftssystem, sondern auch das politische und rechtliche System muß reformiert werden.
Perestrojka unterscheidet sich deshalb von früheren, gescheiterten Versuchen einer Reformierung des von Lenin gegründeten und von Stalin erbauten Staats. Wachstumsfördernde Produktionsfaktoren wie die Verlagerung
von der Landwirtschaft zur Industrie
oder billige Rohstoffquellen sind
nicht mehr vorhanden, um die Wirtschaft aus dem Stand hochzufahren.

Die Perestrojka könnte einen Wendepunkt erreicht haben, an dem die Einsätze nochmals verdoppelt werden müssen. Wahrscheinlich lassen sich weder die Knappheit an Konsumgütern
noch die Produktivität ohne den Anreiz einer stabilen Währung, freier
und konkurrenzfähiger Märkte, Privateigentum und realistischer Preise erhöhen.
Verschiedene
Elemente der
marxistisch-leninistischen
Ideologie
wie die dominierende, exklusive Rolle
der Kommunistischen Partei scheinen
mit dem für die Lösung von Moskaus
Problemen notwendigen dezentralisierten politischen und wirtschaftlichen
System nicht vereinbar zu sein. Neue
politische Arrangements werden erforderlich sein, um den Anliegen und
Forderungen der ethnischen Minderheiten und Republiken innerhalb der Sowjetunion gerecht zu werden.

Auch können die sowjetischen Probleme
nicht von außen, etwa durch großzügige westliche Kredite gelöst werden eine Politik, die sich in der "Ära
der Stagnation" unter Breschnew als
Fehlschlag erwiesen hat.
Präsident
Gorbatschow hat diesen Punkt in seiner Neujahrsansprache 1988 klar zum
Ausdruck gebracht, als er erklärte:
"Genossen, wir dürfen nicht denken,
daß jemand anderes unsere Probleme
für uns lösen wird, daß sich alles um
uns herum wie von Zauberhand verändern wird, wenn am Neujahrsabend die
Uhr Mitternacht schlägt. Nein. Wir
müssen die Zukunft selbst schaffen,
zur Umstrukturierung mit unseren eigenen Taten beitragen..." Ed Hewett,
ein westlicher Experte zur sowjetischen
Wirtschaft, meint:
"...so
stark westliche Gefühle im Hinblick
auf das mögliche Ergebnis dieser Reformbemühungen auch sein mögen, die
politisch Verantwortlichen im Westen
müssen erkennen, daß ihr 'Einfluß'
auf diesen Prozeß nur bescheiden sein
kann."
Der selbstbewußte und radikale Charakter der Perestrojka in der Innenpolitik ist noch entscheidender geworden, da die Reformen auf wachsen-

Schließlich sprengt der organische
Charakter der Perestrojka den Rahmen
einer ausschließlich innenpolitischen
Reform.
Gorbatschow hat wiederholt
auf die Verbindung zwischen innenpolitischen Reformen und dem neuen Denken in der Außenpolitik verwiesen.
Noch vor wenigen Monaten erklärte er,
es bestehe "eine untrennbare Verbindung zwischen der neuen Außenpolitik
und der Perestrojka im Inland".
Und da treten wir auf den Plan. So
faszinierend der innenpolitische Wandel in der Sowjetunion sein mag, so
sind wir doch hauptsächlich davon betroffen, wie sich die Sowjetunion ge
genüber dem Rest der Welt verhält.
Auch hier verspricht die Perestrojka
radikale Reformen.

Die Perestrojka in der sowjetischen
Außen- und Verteidigungspolitik
Vergleichen

Sie die sowjetische Au-

�ßenpoiitik, mit der wir es in der
Vergangenheit zu tun hatten, mit der
heutigen. Unter Breschnew erstreckte
sich der hauptsächlich durch bewaffnete Vasallen ausgeübte sowjetische
Einfluß über die ganze Welt. Hand in
Hand mit diesen Abenteuern rüsteten
die Sowjets umfassend militärisch
auf, was von dem ehemaligen Verteidigungsminister Harold Brown treffend
beschrieben wurde, als er erklärte:
"Wenn wir rüsten, rüsten sie auch;
wenn wir aufhören, rüsten sie weiter."
Doch trotz des Ausbaus ihrer Streitkräfte und ihrer Anstrengungen zur
Schaffung von Brückenköpfen auf der
ganzen Welt haben die Sowjets weder
größere Sicherheit noch dauerhaften
Erfolg errungen.
Gerade die von der heutigen Führung
gelernten Lektionen der siebziger
Jahre scheinen dem rosarot gefärbten
Bild der Breschnew-Ära grundsätzlich
zu widersprechen.
Gorbatschow und
seine "neuen Denker" sprechen von den
folgenden Lektionen:
Die Aufrüstung unter Breschnew
schuf mehr Unsicherheit als Sicherheit.
Sowjetische Maßnahmen
wie etwa die Stationierung der
SS 20 provozierten Reaktionen des
Westens, die zu einem für Moskau
ungünstigeren Kräftegleichgewicht
führten.
Die
Aufrüstung
ruinierte
die
Wirtschaft. Die den Militärs in
allen Bereichen eingeräumte Vorrangstellung mußte abgebaut werden.
Sicherheit ließ sich nicht einseitig erzielen, sondern nur auf
multilateraler Ebene.
Militärische und politische Gewinne in der dritten Welt waren
kostspielig und die oberflächlichen Erfolge zumeist flüchtiger
Natur.
Regionale Konflikte könnten eskalieren und zu unerwünschten Kon-

frontationen
führen.
Mögliche
Vorteile waren die solchen Situationen
innewohnenden
Risiken
nicht wert.
Dies sind die Lektionen, die die Sowjets ihren eigenen Angaben zufolge
aus Breschnews Fehlschlägen gelernt
haben, theoretische Lektionen, die
das neue Denken und die Perestrojka
geformt haben.
Obwohl sie ihre Lektionen in der
Theorie gelernt haben, wurden sie bis
heute bei weitem nicht alle in die
Praxis umgesetzt.
In der Verteidigungspolitik und Rüstungskontrolle haben die Sowjets
mehr Verständnis für die Notwendigkeit gezeigt, die beiderseitige Sicherheit zu fördern. Sowohl bei den
Gesprächen über konventionelle als
auch nukleare Rüstungskontrolle haben
die Sowjets ihre Haltung geändert, um
der traditionellen westlichen Position zur Verhinderung eines Kriegs
und zur Verbesserung der Sicherheit
entgegenzukommen.
Präsident Gorbatschow hat Kürzungen im sowjetischen
Verteidigungshaushalt
versprochen.
Er hat versprochen, Schwerter zu
Pflugscharen zu machen, indem er Panzer zu Traktoren umrüsten läßt. In
diesem Bereich warten wir noch auf
konkrete Ergebnisse.
Im Hinblick auf die regionalen Konflikte ist das Bild sehr uneinheitlich. Die Sowjets sind aus Afghanistan abgezogen. Sie haben eine Lösung in Angola gefördert. Insgesamt
jedoch scheint Moskau bei den regionalen Konflikten weniger als in der
Rüstungskontrolle bereit zu sein,
schwierige Entscheidungen zu treffen. Wir haben einen starken Anstieg
sowjetischer Waffenlieferungen an Afghanistan
und
Äthiopien
festge
stellt. In Kambodscha sind die sowjetischen Lieferungen in diesem Jahr
nach dem heutigen Stand schon doppelt
so hoch wie im gesamten Jahr 1988.
Weiterhin werden Ostblockwaffen nach
Nicaragua geliefert. Diese störenden
Handlungen, diese scheinbare Präfe4 -

�renz für militärische Lösungen, mögen
kurzfristig ja geeignet sein, um einen Najibulla, einen Hun Sen oder einen Mengistu an der Macht zu halten.
Langfristig können diese Konflikte
nur durch politische Lösungen auf der
Grundlage der nationalen Aussöhnung
beigelegt werden. Das ist die wahre
Lehre der siebziger Jahre.

neuem Denken und alten Gewohnheiten
auseinandersetzen müssen. In der Rüstungskontrolle hat der Kreml einige
schwierige politische Entscheidungen
getroffen und in manchen Bereichen
den Weg gemeinsamen Fortschritts gewählt. Jetzt müssen wir auch das sowjetische Konzept mitgestalten, damit
Moskau den Weg für Fortschritte in
regionalen Konflikten wählt.

Perestrojka
Politik

Im Zuge unserer Suche nach Übereinstimmung dürfen wir nicht einem falschen Optimismus nachgeben, daß Perestrojka in der sowjetischen Außenpolitik ausreichend berücksichtigt worden ist und wir uns darauf verlassen
können, daß das neue Denken unsere
Interessen berücksichtigt.

und

die

amerikanische

Wie erklärt sich dieses uneinheitliche Bild? Einige Analytiker argumentieren mit dem Hinweis auf Enttäuschungen in der Vergangenheit, daß
die Sowjets sich lediglich in einer
"peredysha" befinden - einer Atempause, bis der Leninismus stark genug
ist, um erneut dem Kapitalismus den
Kampf anzusagen.
Andere verweisen
mit Blick auf die Zukunft darauf, daß
Anhänger des neuen Denkens so in ihren innenpolitischen Überlegungen gefangen sind, daß das alte Denken in
manchen Bereichen der Außenpolitik
immer noch die Oberhand hat.
Für mich deutet das aber noch auf etwas anderes hin.
Ich sehe eine Parallele zwischen dem
Kurs der Perestrojka in der Sowjetunion und dem neuen Denken in der sowjetischen Außenpolitik.
Innenpolitisch versuchte Gorbatschow die Umsetzung von Theorie in Praxis, und
sein Programm hat sich verändert und
an Kontur gewonnen. Und ebenso wie
die Sowjets sich jetzt innenpolitischen Dilemmas aussetzen, die um des
Friedens willen gelöst werden müssen,
sollten sie jetzt ihre Außenpolitik
verändern.
Innenpolitisch können wir nur wenig
Einfluß darauf nehmen, wie die Sowjets ihr Dilemma lösen. Aber in der
Außen- und Verteidigungspolitik können wir mit Hilfe einer vorsichtigen
Suche nach beiderseits vorteilhaften
Elementen das Konzept mitgestalten
und verändern, so daß sich die Sowjets mit der Diskrepanz zwischen

Es wäre ein ebenso gravierender Fehler, die Möglichkeit außer acht zu
lassen, daß Perestrojka viel weiter
gehen könnte und sich stattdessen auf
eine verdächtige Position des Disengagements zurückziehen mit dem Ergebnis, daß die Perestojka mit ihren
Versprechungen nie auf die Probe gestellt würde.
Jeder dieser beiden Ansätze würde die
vor uns liegenden enormen Möglichkeiten opfern.
Unsere Aufgabe liegt darin, dem Stre
ben nach Vorteilen für beide Seiten
Vorschub zu leisten. Wenn wir auf
Zustimmung der Sowjets stoßen, ist
dies umso besser für uns beide. Wenn
wir auf Widerstand stoßen, sollten
wir erkennen, daß wir unsere Anstrengungen verdoppeln müssen, so daß Moskau das neue Denken nicht nur predigt, sondern auch praktiziert. Wenn
wir realistisch handeln und Moskau am
Streben nach beiderseitigem Vorteil
beteiligen, können wir die Gelegenheit ergreifen, die sich mit Gorbatschow Revolution bietet. Durch Unbe
weglichkeitnwürden wir nichts gewinnen und diese Möglichkeit zur Revolutionierung der Ost-West-Beziehungen
verspielen.
Tatsächlich hat sich unsere Suche
nach dem Vorteil für beide Seiten auf
5 -

�die Lösung politischer Konflikte sowohl in Europa als auch in der Dritten Welt konzentriert, ferner auf eine Minderung des Kriegsrisikos mit
Hilfe der Rüstungskontrolle und auf
die Förderung innenpolitischer Veränderungen in der Sowjetunion. Fortschritte in diesen Bereichen werden
sowohl sowjetischen als auch amerikanischen Interessen im weitesten Sinne
dienen, weil Spannungen abgebaut und
Ressourcen für die Arbeit am Frieden
freigesetzt werden.

Ein ungeteiltes und freies Europa
Unser erstes Streben nach beiderseitigem Vorteil muß den wichtigsten und
entscheidensten Kernpunkt des kalten
Krieges berücksichtigen - die 'Teilung
Europas.
Präsident Bush hat unser
Ziel eines ungeteilten freien Europas
formuliert, und unsere NATO-Verbündeten haben sich auf ein umfassendes
Programm geeinigt, um dieses Ziel zu
erreichen. Ein Teil dieses Programms
besteht in einem beschleunigten Zeitplan für ein Abkommen über die Reduzierung konventioneller Streitkräfte
in Europa, mit dem bestehende Asymmetrien abgebaut und das Risiko eines
Übrrasehungsangriffs vermindert werden würde. Ein solches Abkommen würde nicht nur eine sicherere Abschrekkung bedeuten, sondern auch eine größere militärische Offenheit hervorbringen, die zu Vertrauen auf beiden
Seiten führt und die Möglichkeiten
für Mißverständnisse und Fehleinschätzungen verringert.
Noch größere Bedeutung kommt der Tatsache zu, daß ein Abkommen über konventionelle Streitkräfte in Europa
(KSE) die sicherheitspolitische Landkarte Europas neu gestalten und der
sowjetischen militärischen Einschüchterung nicht nur Westeuropas sondern
auch
Osteuropas
Einhalt
gebieten
könnte. Die sowjetischen Besatzungsstreitkräfte in Osteuropa müßten auf
weniger als die Hälfte der Niveaus
reduzieren, über das sie noch zu Beginn des Jahres verfügten.

KSE würde auch der Perestrojka in der
Sowjetunion Vorschub leisten. Moskau
kann bei den konventionellen Streitkräften Milliarden einsparen, wenn es
einem KSE-Abkommen zustimmt.
Wenn Gorbatschow wirklich für Butter
statt Kanonen ist, dann sind die
KSE-Verhandlungen der sicherste Weg
zu umfangreichen Einsparungen.
Darüber hinaus würde ein Abkommen der
Welt eindeutig beweisen, daß Ost und
West das politische und militärische
Vermächtnis des kalten Krieges überwinden können.
Ein ungeteiltes und freies Europa bedeutet jedoch mehr als Rüstungskontrolle oder Abrüstung. Das Abkommen
von Helsinki sieht gemeinsame Maßnahmen zur Bewahrung der Menschenrechte
in Europa vor.
Die Sowjetunion und wir stehen vor
der Herausforderung, die Veränderungen in den Ländern hinter dem rostenden Eisernen Vorhang in den Griff zu
bekommen. Da sie alle den gleichen
unangemessenen stalinistischen Vorbildern folgten, waren sie in unterschiedlichem Maße von den gleichen
Krankheiten betroffen, die in der Sowjetunion Perestrojka erzwungen haben.
Diese Länder können jedoch
nicht alle gleich behandelt werden.
Einige - vor allem Ungarn und Polen haben eine mutige Abkehr vom traditionellen wirtschaftlichen und sogar
vom politischen System vollzogen.
In der DDR unternehmen die Bürger
selbst mutige Schritte. Wie ich bereits letzte Woche gesagt habe, ist
es für Glasnost und Perestrojka in
der DDR an der Zeit. Der Status quo
ist für die Bürger dieses Landes
ebenso inakzeptabel wie für die Völker Polens und Ungarns. Den Bürgern
der DDR kann in ihrem Land nicht immer und ewig das bessere Leben vorenthalten werden, das sie jetzt mit
ihrer Flucht in den Westen suchen.
Natürlich haben die Vereinigten Staaten und unsere NATO-Partner die deut6 -

�sehe Aussöhnung seit langem unterstützt. Das legitime Recht der Deutschen muß ihnen irgendwann zugestanden werden. Aber ich möchte eindeutig feststellen - Aussöhnung durch
Selbstbestimmung kann nur in Frieden
und Freiheit erzielt werden.
Die
Normalisierung muß auf der Grundlage
westlicher Werte mit dem Endergebnis
erfolgen, ein in die Gemeinschaft demokratischer
europäischer
Nationen
integriertes Volk zu sein.
Wir haben unsere Ansicht klar und
deutlich zum Ausdruck gebracht, daß
Europa niemals ungeteilt und frei
sein
kann,
wenn
die
sogenannte
Breschnew-Doktrin, die militärische
Intervention der Sowjetunion in die
verbündeten Länder des Warschauer
Pakts rechtfertigt, weiterhin ein
Prinzip der sowjetischen Außenpolitik
ist. Ohne ausdrückliche Abkehr von
dieser
Doktrin
haben
Staats- und
Parteichef Gorbatschow und Außenminister Schewardnadse erklärt, daß der
Einsatz von Macht zur Bestimmung des
politischen Systems anderer Länder
unzulässig ist. Ihnen zufolge soll
jeder Staat seinen eigenen Kurs wählen können. Ich würde diese Formulierung nur dahingehend modifizieren,
daß das Volk eines jeden Staates in
der Lage sein sollte, seinen eigenen
Kurs zu wählen.
In Polen konnten wir die Wahl eines
nichtkommunistischen
Ministerpräsidenten zum Vorsitzenden einer Koalition mit der kommunistischen Partei
beobachten, während dieses Land einen
Weg aus den Folgen des verheerenden
wirtschaftlichen
Mismanagements
sucht. Es ist eine beachtliche Entwicklung, die zu Hoffnungen berechtigt. Dem Volk voll verantwortliche
politische
Institutionen
sind die
einzige Garantie
für langfristige
Stabilität. Wir hoffen, andere Länder der Region folgen diesem Modell
des Wandels.
Wir versuchen, Reformen zu ermutigen,
damit diese Länder erneut ihren angestammten Platz als unabhängige Nationen erhalten und an der Erlangung ge-

sellschaftlicher und wirtschaftlicher
Fortschritte in einem europäischen
Kontext arbeiten können. Ebenso wie
bei Perestrojka in der Sowjetunion
müssen die grundlegenden Entscheidungen von diesen Ländern selbst getroffen werden. Von diesen Entscheidungen ausgehend können wir und unsere
Verbündeten in Westeuropa in drei
Phasen Hilfe anbieten.
Kurzfristig
können wir vor allem Nahrungsmittelhilfe bieten, mit der die unmittelbare Krise gemildert werden kann.
Durch den IWF und andere multilaterale Finanzinstitutionen können wir
mittelfristig eine Kombination von
Stabilisierung der Währung, Strukturreformen und wirksamer Schuldentilgung anbieten.
Langfristig können
wir die Schaffung eines Privatsektors
und Konditionen ermutigen und anregen, die einen Anreiz für Privatkapitalinvestitionen
zum
Wiederaufbau
dieser Volkswirtschaften bieten.
All dies wird nicht leicht sein.
Nach Jahren wiederholter Fehler ist
unser Vorrat erschöpft. Daher dürfen
wir die Fehler der siebziger Jahre
nicht erneut begehen. Unsere Hilfe
muß Hand in Hand mit wirksamen Reformen der Länder selbst und unterstützt
von der internationalen Staatengemeinschaft gezielt erfolgen.
Aus
diesem Grund hat der Präsident nach
seinem Besuch in Polen und Ungarn in
diesem Sommer um die Zusammenarbeit
mit unseren europäischen Verbündeten
bei der Erarbeitung eines solchen
Programms gebeten und eine entsprechende Zusage erhalten. Dieses Programm nimmt jetzt in Zusammenarbeit
mit unseren Partnern im Westen Gestalt an.
Die Vereinigten Staaten
müssen weiterhin der Katalysator bei
seiner Verwirklichung sein.
Eine letzte Bemerkung zum politischen
Wandel in Osteuropa. Wie ich bereits
festgestellt habe, befürworten wir
Fortschritte, die diesen Ländern ihr
Recht auf Selbstbestimmung und Freiheit zugestehen. Präsident Bush hat
eindeutig klargestellt, daß wir die
Hinwendung zu Freiheit nicht ausnutzen werden, um die Sicherheit der So-

- 7-

�wjetunion zu beeinträchtigen.
Niemand - ich wiederhole - niemand profitiert davon, wenn der gesamte Trend
zu nützlichen wirtschaftlichen und
politischen Veränderungen in Gewalt
erstickt.
Aber alle werden profitieren, wenn
die Reformen in Osteuropa Erfolg haben.
Die Völker Osteuropas werden
profitieren, wenn die Fesseln des
Stalinismus gelockert werden.
Die
Westeuropäer profitieren, wenn ihr
Kontinent
erneut
ungeteilt
sein
wird. Gorbatschow und die Reformpolitiker werden profitieren, wenn das
Beispiel der Macht von Reformen in
Osteuropa Schule macht. Und wir werden profitieren, wenn wir den kalten
Krieg hinter uns lassen.

Beilegung regionaler Konflikte
Ein zweiter wichtiger Bereich beiderseitiger Vorteile betrifft regionale
Konflikte.
Jeder dieser Konflikte
birgt in gewissem Maße das Potential,
zum Schauplatz von Rivalitäten und
Spannungen zwischen den Supermächten
zu werden. Mit der Verbreitung von
Raketen und chemischen Waffen in diesen instabilen Regionen werden Konflikte in der Dritten Welt gefährlicher.
Regionale Konflikte werden
voraussichtlich schwieriger zu begrenzen sein, sich wahrscheinlich auf
mehr Länder ausweiten und anfälliger
für Eskalation sein.
Weder die Vereinigten Staaten noch
die Sowjetunion inmitten von Perestrojka haben ein Interesse daran, in
solche Konflikte hineingezogen zu
werden.
Wie Staats- und Parteichef
Gorbatschow vor kurzem sagte: "Vielleicht mehr denn je brauchen wir heute günstige Bedingungen im Ausland,
damit wir die revolutionäre und umfassende Aufgabe der Erneuerung der
sowjetischen Gesellschaft bewältigen
können." Die Beilegung von Konflikten in Mittelamerika, Afghanistan,
Kambodscha und Afrika würde den Sowjets sicherlich die Milliarden sparen, die sie jedes Jahr zur Unter-

stützung der Vasallenstaaten ausgeben. Dies ist ein Bereich, in dem
sich die Sowjets selbst helfen können. Und wir haben eindeutig klargestellt, daß wir bereitwillige Partner
sind - Partner, die der Tatsache
Rechnung tragen, daß die Beilegung
und Entschärfung regionaler Spannungen die Gefahren verringern kann, denen wir uns alle ausgesetzt sehen.
Reduzierung des Kriegsrisikos
Rüstungskontrolle ist der dritte Bereich, in dem wir gemeinsam mit Moskau Übereinstimmung anstreben.
Bei
unseren Bemühungen können wir mit den
Sowjets
zusammenarbeiten,
um
das
Kriegsrisiko zu mindern und die Kosten der Kriegsverhinderung zu senken.
Unsere Rüstungskontrollbestrebungen konzentrieren sich auf eine
Risikominderung, indem sie die Anreize für einen Überraschungsangriff
senken, nicht jedoch auf die Rüstungsreduzierungen selbst.
Deshalb
haben wir uns bei KSE auf Waffen wie
Panzer, Artillerie und Schützenpanzer
konzentriert, die für den Beginn und
die Durchführung einer Invasion am
besten geeignet sind.
Bei START
richten wir unser besonderes Augenmerk auf die Reduzierung der für einen Erstschlag am besten geeigneten
Waffen - wie die sowjetische SS-18 und fördern diejenigen, die stabilisierender und für einen Erstschlag
weniger geeignet sind, wie zum Beispiel Bomber. Wir sind von unserer
Forderung des Verbots mobiler Raketen
abgerückt, weil mobile Raketen bei
wirksamer Verifizierung die Überlebensfähigkeit verbessern und die Stabilität erhöhen.
Darüber hinaus versuchen wir, größere
Offenheit zwischen Ost und West zu
fördern, um Klarheit über Absichten
und Fähigkeiten zu gewinnen und Fehleinschätzungen abzubauen. In diesem
Sinne hat der Präsident seine Initiative der Offenen Himmel verkündet,
die von den Sowjets positiv aufgenommen wurde.

�Bei der Verfolgung dieser Rüstungskontrollziele hat diese Administration von ihren Vorgängern zu lernen
versucht. Wir sind am Ball geblieben
und arbeiten an Verträgen, die unser
Senat ratifizieren kann und die die
neuen amerikanisch-sowjetischen Beziehungen in der Sicherheitspolitik
verifizierbar festklopfen. Diese Betonung auf realistischen verifizierbaren Abkommen lag unseren im Rahmen
von START vorgeschlagenen Maßnahmen
für
Verifizierung
und
Stabilität
ebenso zugrunde wie unserem Datenaustausch über chemische Waffen mit den
Sowjets - beiden Punkten haben die
Sowjets in Wyoming zugestimmt.
Wir haben ferner realistische Maßnahmen zur Aufnahme der amerikanisch-sowjetischen Zusammenarbeit getroffen,
um wachsenden Bedrohungen nicht nur
für die Ost-West-Beziehungen, sondern
auch für die internationale Sicherheit zu begegnen. Die vom Präsidenten bei den Vereinten Nationen verkündete
Initiative über chemische
Waffen wird zu schnelleren und drastischen Reduzierungen sowjetischer
und amerikanischer Arsenale führen.
Die Förderung von Perestrojka in der
Innenpolitik
Obwohl unser Schwerpunkt auf Elementen der Übereinstimmung in den drei
Bereichen Europa, regionale Konflikte
und Rüstungskontrolle liegt, richten
wir unser Augenmerk auch auf einen
vierten Bereich: Stärkung von Glasnost und Demokratisierung. Mit unseren Gesprächen stimulieren wir aktiv
den Aufbau pluralistischer Institutionen und Praktiken in der Sowjetunion. Unserer Ansicht nach ist die
Betonung der Rechtsstaatlichkeit in
den Schriften der Reformer ein positiver Schritt. Wir ermutigen die Sowjets, den Schutz des Individuums in
ihre Rechtsprechung und deren Anwendung aufzunehmen, wie sie es in der
Schlußakte von Helsinki zugesagt haben. Wir hoffen, mit unserem länderübergreifenden Dialog auch, die Sowjets an der Lösung internationaler

Probleme - insbesondere Umwelt - zu
beteiligen, wo sowjetisches Verhalten
nicht internationalen Maßstäben entspricht. Außenminister Schewardnadse
hat in Wyoming großes Interesse an
diesen länderübergreifenden Problemen
wie etwa der Erwärmung des Erdklimas
bekundet, und meiner Ansicht nach
kann amerikanisch-sowjetische Kooperation wirkungsvolleren internationalen Maßnahmen den Weg ebnen.
Schließlich haben wir einen fünften
Bereich der Übereinstimmung ausgemacht. Dieser letzte Bereich bezieht
sich auf die innenpolitischen Aspekte
der Perestrojka. Wir sind bereit, in
bestimmten
Bereichen
sowjetischer
Wirtschaftsreformen technische Hilfestellung zu leisten. Die Sowjets bewegen sich in unsicheren Gewässern,
experimentieren mit Märkten, wettbewerbsfähigen Unternehmen und realistischer Preisgestaltung, was wir
als
selbstverständlich
betrachten.
In Wyoming haben Außenminister Schewardnadse und ich intensive Gespräche
über den Charakter von Maßnahmen ge
führt, die eine Preisreform und damit
die Konvertierbarkeit des Rubels ermöglichen würden.
Die sowjetische
Führungsspitze zeigt eindeutig Interesse an unseren Ideen über ihre
Wirtschaftsreformen, und wir werden
unsere Gespräche über diese Themen
fortsetzen.
Diese Bereiche schaffen eine fruchtbare Grundlage, auf der sich Bereiche
der Übereinstimmung erschließen. Perestrojka bedeutet schließlich für
die Sowjetunion neue Möglichkeiten in
Politik, Wirtschaft und Rechtsprechung - neue Normen, wenn Sie so wollen.
Wir tun keiner Seite etwas Gutes,
wenn wir unsere eigenen Maßstäbe lokkern und dabei glauben, der Reform
Vorschub zu leisten.
Aus diesem
Grund haben wir den Sowjets geraten,
ihre Veränderungen beim Ausreiseverfahren zu kodifizieren, so daß wir
Jackson-Vanik wie versprochen aufheben können.
Deshalb betrachen wir
Diskussionen über eine sowjetische

- 9-

�Mitgliedschaft im GATT oder anderen
Finanzinstitutionen
als
verfrüht.
Unser Ansatz zum Handel, der seine
Grundlage in unseren Erfahrungen mit
der Sowjetunion und anderen Ländern
hat, muß eine privatwirtschaftliche
Basis nahen. Ein für beide Seiten
vorteilhafter Warenhandel mit nichtstrategischen Gütern ist der beste
Weg zur Förderung der sowjetischen
Beteiligung an der Weltwirtschaft.
Zusammenfassung
Ich möchte an dieser Stelle zusammenfassen. Wir wünschen Perestrojka den
innen- und außenpolitischen Erfolg,
weil wir die Auffassung vertreten,
daß sie eine weniger aggressive Sowjetunion hervorbringen wird, die
keine Gewalt mehr anwendet und der
Demokratie weniger feindlich gegenübersteht. Eine Perestrojka, die nur
einen effizienteren und fähigeren Sowjetstaat hervorbringt, wäre in der
Tat ein ungemein starker und gefährlicher Konkurrent.
Aber ich denke nicht, daß Perestrojka
erfolgreich sein kann, ohne daß sie
Maßnahmen wie freie Marktwirtschaft,
Redefreiheit
sowie
Institutionen
fördert, die dem Bürger gegenüber rechenschaftspflichtig sind.
Und das
bedeutet eine demokratischere Gesellschaft, die Menschenrechte und Gesetze respektiert und Grundlage eines
konstruktiveren, weniger gefährlichen
sowjetischen Verhaltens im Ausland
sein könnte; eine Gesellschaft, die
keine Untertanen produziert, sondern
Bürger, die am politischen Prozeß
teilnehmen und eine Gesellschaft, in
der Bürger die Handlungsweise ibrer
Regierung in Innen- und Außenpolitik
mitbestimmen können. In solch einer
Sowjetunion werden die Menschen und
die Regierung den Äußerungen von Außenminister Schewardnadse zustimmen,
"eine Außenpolitik, die nicht offen
und erklärbar ist und nicht die Zustimmung des Volkes findet, ist unmöglich". Eine solche Regierung wird
innenpol. i tische Fortschritte als Er-

folge verbuchen können, nicht jedoch
eine Erweiterung ihrer Außenpolitik.
Aus diesem Grund verdient eine vorsichtige Politik der Suche nach gemeinsamen Vorteilen für die Vereinigten Staaten und die Sowjetunion unsere ernsthaften und eingehenden Bemühungen. Das ist der beste Weg, um
herauszufinden, ob das Versprechen
der Perestrojka in der Außenpolitik
erfüllt werden kann.
Ich möchte diese Betrachtungen über
Perestrojka und amerikanische Außenpolitik mit der Bekräftigung meiner
Überzeugung schließen, daß wir eine
in der Geschichte einmalige Gelegenheit haben, die amerikanisch-sowjetischen Beziehungen dauerhaft zu verbessern.
Diese Gelegenheit wurde
durch Aktivitäten beider Seiten hervorgebracht. Und wie Präsident Bush
erklärte: "Unsere Hoffnung zielt auf
echten Frieden ab, einen Frieden mit
Optimismus auf beiden Seiten, keinen
Frieden der bewaffneten Lager."
Worin besteht diese Hoffnung, dieser
gemeinsame Optimismus wirklich? In
einer Schließung gefährlichen Kluft
zwischen Ost und West, von der die
Weltpolitik nach dem Krieg entstellt
war. Es könnte neue amerikanisch-sowjetische Beziehungen geben, die Konkurrenzkampf wenn möglich durch einen
kreativen und kooperativen Ansatz bei
internationalen Problemen ersetzen.
Neue Beziehungen werden nicht durch
Rhetorik oder fromme Wünsche hervorgebracht, sondern durch die Realität
eines Europas, das ungeteilt und frei
ist und seinen inneren Frieden gefunden hat. Neue Beziehungen, im Rahmen
derer die Realität regionaler Konflikte schließlich gelöst wird, so
daß das Versprechen der Entwicklungen
einglöst werden kann. Neue Beziehungen, die einen dauerhaften Rüstungskontrollprozeß
hervorbringen,
der
mehr Sicherheit durch höhere Stabilität und größere Offenheit zu einem
geringeren Preis schafft. Und neue
Beziehungen, die vor allem zur Verwirklichung der Menschenrechte füh-

�ren, die Geburtsrecht
Menschheit sind.

der

gesamten

Eine solche Welt streben wir an.

* * * * *

- 11 i

*

�AMERIKA DIENST
Hintergrundmaterial

4

VON

18. Oktober 1989

38

PROGRAMME FÜR DIE ARMEN IN AMERIKA
- Zweiter von fünf Artikeln über das amerikanische Sozialwesen -

WASHINGTON
(AD) - Mit Hilfe der
als Teil des Sozialversicherungsgesetzes von 1935 eingeführten Sozialprogramme soll verhindert werden, daß
Amerikaner

unter

die

Armutsgrenze

fallen, indem sie für einen Teil des
durch Ruhestanr , Berufsunfähigkeit,
Tod oder Arbeitslosigkeit entfallenden Einkommens aufkommen.
Dennoch basieren diese Programme in
der Regel auf der Dauer der Berufstätigkeit und decken diejenigen Amerikaner, deren Jahreseinkommen unter
der staatlich festgelegten Armutsgrenze liegt, nicht angemessen ab.
Für deren Bedürfnisse sorgen eine
Reihe anderer Programme. Sie werden
von den Regierungen des Bundes, der
Staaten und Gemeinden und vielfach

United States Information Service
Embassy of the United States of America

auch mit privaten Spenden gefördert.
In den Vereinigten Staaten wird die
Armutsgrenze in der Regel definiert,
indem der Preis errechnet wird, zu
dem die tägliche Versorgung von Alleinstehenden und Familien mit den
preiswertesten und dabei ernährungsphysiologisch
besten
Lebensmitteln
sichergestellt werden kann.
Diese
Kosten werden mit drei multipliziert
- angesichts der Tatsache, daß Amerikaner durchschnittlich ein Drittel
ihres Einkommens
für Lebensmittel
ausgeben - und zu Beginn jedes Kalenderjahres inflationsbereinigt.
Im Jahr 1989 liegt die Armutsgrenze
für Alleinstehende bei 5 980 Dollar,
für eine zweiköpfige Familie bei
8 020 Dollar, für einen Dreipersonen-

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.: 0228-339 2035
Telex: 8-85432

�haushält bei 10 060 Dollar und für
eine Familie mit zwei Kindern bei
12 100 Dollar.

Hilfe für Familien mit unterhaltsberechtigten Kindern
Die Hilfe für Familien mit unterhaltsberechtigten Kindern (Aid to Families with Dependent Children
AFDC) - allgemein als "Weifare" bezeichnet - ist das umfangreichste und
kostenträchtigste zum Teil aus Mitteln der Bundesregierung finanzierten
Programme. Es handelt sich hierbei
um ein Vermögensabhängiges Programm,
das bedürftigen Familien helfen soll,
in denen ein Elternteil verstorben
ist, die Familie verlassen hat, behindert ist oder - in rund der Hälfte
aller Staaten - seinen Arbeitsplatz
verloren hat.
Die Staaten führen die Programme nach
den
Maßgaben
der
Bundesregierung
durch.
Die Kosten werden anteilig
von der Bundesregierung, den Staaten
und Gemeinden aufgebracht. Dabei beträgt der Anteil der Bundesregierung
an den Gesamtkosten für AFDC mindestens 50 Prozent. Er kann sich jedoch auf bis zu 83 Prozent belaufen,
da die weniger vermögenden Staaten
einen höheren Prozentsatz an Mitteln
der Bundesregierung erhalten.
Der Anspruch auf nach diesem Programm
vergebenen Mitteln ist in den einzelnen Staaten ebenso unterschiedlich
wie der Umfang der Leistungen. Nach
den Gesetzen der Bundesregierung muß
jeder Staat auf der Grundlage des
Mindestbedarfs
an
Lebensmitteln,
Kleidung und Unterkunft den "Grundbedarf" einer Familie ermitteln. Dieser Bedarf weicht aufgrund der unterschiedlichen Lebenshaltungskosten der
einzelnen Staaten (die zum Beispiel
in Alaska besonders hoch sind) stark
voneinander ab.
Tatsächlich reicht
der von den Staaten sehr niedrig berechnete Bedarf nicht aus, um alle
Grundbedürfnisse zu decken, und deshalb kann eine Familie Leistungen aus
dem AFDC in Anspruch nehmen, wenn ihr

Bruttoeinkommen niedriger ist als 185
Prozent des Grundbedarfs. Damit kann
ein Teil des Familieneinkommens aufgefangen und etwa die für Fahrtkosten
und Kinderbetreuung anfallende Ausgaben berücksichtigt werden. Der Anspruch auf Mittel der Bundesregierung
endet für gewöhnlich mit dem 18. Lebensjahr des jüngsten Kindes.
Den Gesetzen der Bundesregierung zufolge müssen bestimmte arbeitsfähige
Empfänger von Familienhilfe - etwa
minderjährige Mütter mit Kindern über
3 Jahren - sich um einen Arbeitsplatz, Teilnahme am Schulunterricht
oder einen Ausbildungsplatz im Rahmen
einer Arbeitsbeschaffungsmaßnahme bemühen .
Die monatlich unter AFDC gewährten
Leistungen betragen 1989 für eine
dreiköpfige Familie zwischen 118 Dollar in Alabama und 809 Dollar in
Alaska; der Landesdurchschnitt liegt
bei 306 Dollar. Dennoch können die
Empfänger zusätzliche Sozialleistungen ihrer Bundesstaaten in Anspruch
nehmen. Über 80 Prozent aller betroffenen Familien erhalten darüber
hinaus Lebensmittelmarken, mit denen
sie
Nahrungsmittel
zu
ermäßigten
Preisen kaufen können. Bei den Lebensmittelmarken liegt der Höchstbetrag zwischen 354 Dollar in Alabama
und 1 009 Dollar in Alaska, was einen
nationalen Durchschnitt von 570 Dollar ergibt.
Ferner erhalten die Empfänger dieser
AFDC-Leistungen automatisch kostenlose medizinische Versorgung unter dem
MEDICAID-Programm und unter Umständen
Wohnungsbeihilfe von der Bundesregierung oder dem jeweiligen Staat.
Im Jahr 1988 erhielten 11 Millionen
Empfänger AFDC Leistungen in Höhe von
17 Milliarden Dollar, Lebensmittelmarken, medizinische Versorgung und
Wohnungsbeihilfe nicht eingerechnet.
Von dieser Gesamtsumme stellte die
Bundesregierung 9,3 Milliarden Dollar
zur Verfügung, Staaten und Gemeinden
übernahmen den Rest.

�Zuschüsse für Einkommensschwache
Zuschüsse für Einkommensschwache
(Supplemental Security Income - SSI)
ist ein vermögensabhängiges Programm,
das mit dem Sozialversicherungsgesetz
von 1935 eingeführt wurde. Im Rahmen
des Programms werden Kindern und älteren
Menschen,
Behinderten
oder
Blinden, die über sehr begrenzte finanzielle Mittel oder ein geringes
Einkommen verfügen, festgesetzte monatliche Beträge gezahlt.
Die bar
ausgezahlten Leistungen werden aus
den Einnahmen der Bundesregierung,
nicht aus einem besonderen Treuhandfonds finanziert.
Für das Jahr 1989 beträgt die inflationsbereinigte
monatliche
Durchschnittsleistung 368 Dollar für einen
Anspruchsberechtigten, der über kein
anderes Einkommen verfügt und 553
Dollar für einen Zweipersonenhaushalt
ohne weiteres Einkommen.
Die medizinischen Voraussetzungen, um
SSI-Leistungen für Berufsunfähigkeit
zu erhalten, sind die gleichen wie
für Leistungen aus der Berufsunfähigkeitskasse
der
Sozialversicherung.
Im Rahmen von SSI werden keine Nachweise über Beru jtätigkeit verlangt,
aber es gibt Grenzen für Vermögenswerte - sie betragen 2 000 für einen
Alleinstehenden und 3 000 Dollar für
eine zweiköpfiee Familie, wenn der
Wert des bewol.iten eigenen Hauses unberücksichtigt bleibt. Wenn das Monatseinkommen des Betroffenen über
dem durchschnittlich gezahlten Betrag
liegt, kann er keine Leistungen in
Anspruch nehmen, wenn sein Monatseinkommen unter dem Durchschnittsbetrag
liegt, fallen die SSI-Leistungen entsprechend aus. Wenn zum Beispiel der
durchschnittlich gezahlte Betrag monatlich 368 Dollar beträgt, würde der
Empfänger eines Einkommens von monatlich 200 Dollar Leistungen im Umfang
von 168 Dollar erhalten.
Jeder, der aufgrund von Behinderung
oder Blindheit SSI beantragt, kann
darüber hinaus von dem Bundesstaat,
in dem er wohnt, zusätzliche Zuschüs-

se oder soziale Dienstleistungen in
Anspruch nehmen, einschließlich Beratung, Gesundheitsfürsorge, Lebensmittelmarken,
Facharbeiterausbildung,
Beschaffung von Arbeitsplätzen und
anderen Programmen - wie Haushaltshilfe oder Essen auf Rädern und Begleitdienste - mit denen er sich ein
Stück Unabhängikeit bewahren soll.
Im Jahr 1988 erhielten ca. 4,5 Millionen Personen SSI-Leistungen des
Bundes in Höhe von 11,4 Milliarden
Dollar und die Staaten stellten zusätzliche Dienstleistungen und Bargeldzulagen im Wert von rund 3,3 Milliarden Dollar bereit.

Nahrungsmittelhilfe
Das von der Bundesregierung finanzierte und von den staatlichen und
kommunalen Wohlfahrtsbehörden verwaltete Programm für Lebensmittelmarken
ist bei weitem das größte amerikanische Programm, mit dem den Einkommensschwachen Nahrungsmittelhilfe ge
währt wird. Lebensmittelmarken sind
dafür gedacht, die Kaufkraft für Nahrungsmittel berechtigter einkommensschwacher Haushalte aufzustocken, damit die ausgewogene, preisgünstige
tägliche
Ernährung
gewährleistet
ist. Die an diesem Programm Beteiligten müssen mindestens 30 Prozent
ihres monatlichen Einkommens für Lebensmitte Ikäufe aufwenden.
Die von den staatlichen und kommunalen Wohlfahrtsbehörden an die Einkommensschwachen verteilten Lebensmittelmarken werden von Gemüsehändlern
und Lebensmittelläden angenommen und
später bar von der amerikanischen
Bundesbank zurückerstattet.
Die Leistungen aus dem Programm stehen nahezu allen Haushalten zur Verfügung, denen der Staat ein begrenztes Monatseinkommen oder sonstigen
Finanzmangel bescheinigt, solange die
arbeitslosen Erwachsenen zwischen 18
und 60 Jahren zustimmen, sich als arbeitssuchend eintragen zu lassen und
an Beschäftigungs- und Ausbildungs3 -

�Programmen teilzunehmen, die darauf
abzielen, ihre Grundausbildung zu
verbessern.
Familienmitglieder, die
für kleine Kinder sorgen müssen, sind
von dieser Bedingung ausgenommen.
Um für die maximalen Leistungen des
Nahrungsmittelhilfsprogramms in Frage
zu kommen, dürfen Haushalte mit einem
älteren oder behinderten Mitglied
nicht über anrechenbare Ressourcen
(wie Girokonten oder Aktien und Wertpapiere) verfügen, die über 2 000
Dollar (ausgenommen den Wert ihres
Hauses) liegen und ihr monatliches
Bruttogehalt darf 130 Prozent (im
Jahr 1989 inflationsbereinigt rund
1 310 Dollar pro Monat für eine vierköpfige Familie) oder alternativ ihr
Nettoeinkommen 100 Prozent der vom
Staat festgelegten Armutsgrenze nicht
überschreiten (im Jahr 1989 1 010
Dollar monatlich für eine vierköpfige
Familie).
Für Haushalte mit einem
älteren oder behinderten Familienmitglied gilt nur die Bestimmung bezüglich des Nettoeinkommens und sie dürfen Guthaben von bis zu 3 000 Dollar
haben. Bei Personen, deren monatliches Hinkommen über diesen Höchstgrenzen liegt, werden die Leistungen
jeweils um 30 Cents pro Dollar des
anrechenbaren Einkommens gekürzt.
Empfänger der beiden größten finanziellen Sozilahilfeprogramme des Bundes und der Einzelstaaten - AFDC und
SSI - kommen ohne Berücksichtigung
ihrer Einnahmen oder Guthaben automatisch für Lebensmittelmarken in Frage.
Jüngsten Studien zufolge sind 50,8
Prozent aller Empfänger von Lebensmittelmarken Kinder und 8,4 Prozent
ältere Menschen über 60. Rund 4 Prozent der Empfänger sind ganztags beschäftigt und 21 Prozent der Haushalte verfügen über ein Einkommen aus
Erwerbstätigkeit.
Im Jahr 1988 betrugen die maximalen
Zuwendungen bei Lebensmittelmarken in
den meisten amerikanischen Einzelstaaten für eine vierköpfige Familie
300 Dollar und in Hawaii bis zu 457
Dollar monatlich.

Im Mai 1989 erhielten rund 18,8 Millionen Personen Lebensmittelmarken im
Wert von 1,065 Milliarden Dollar,
einschließlich Verwaltungs- und Verteilungskosten.
Auf das Jahr umgerechnet sind das über 20 Milliarden
Dollar.
Im Jahr 1988 betrugen die
Zuschüsse im Monatsdurchschnitt 50
Dollar pro Person und 130 Dollar pro
Haushalt.
Zwei weitere Nahrungsmittelprogramme
- die nationalen Schulspeisungsprogramme, die jeweils Frühstück oder
Mittagessen bereitstellen - bieten
den beteiligten
öffentlichten und
privaten Schulen sowie gemeinnützigen
Institutionen in Wohngebieten, die
Kinder verpflegen, Unterstützung in
Form von Geld und Nahrungsmitteln.
Jedes dieser Programme verfügt über
ein dreigliedriges Vergütungssystem,
das Kinder aus Haushalten mit Einkommen, die bei oder unter 130 Prozent
der Armutsgrenze liegen (im Jahr 1989
15 730 Dollar pro Jahr für eine vierköpfige Familie), zu freien Mahlzeiten berechtigt, Kindern aus Haushalten mit Einkommen zwischen 130 und
185 Prozent der Armutsgrenze (22 385
Dollar pro Jahr für eine vierköpfige
Familie) Mahlzeiten zu einem ermäßigten Preis anbietet und Kindern aus
Haushalten über 185 Prozent der Arrautgrenze einen kleinen Zuschuß zu
den Mahlzeiten gewährt.
Kinder aus Familien, die für AFDC in
Frage kommen, sind automatisch zu
kostenloser Schulspeisung berechtigt
und ca. 49,2 Prozent aller AFDC-Haushalte erhielten im Jahr 1988 Mahlzeiten kostenlos oder zu einem ermäßigten Preis.
Im Mai 1989 stellten 91 500 beteiligte Schulen kostenlose oder ermäßigte
Mittagessen im Wert von 372,5 Millionen Dollar für 23,5 Millionen Kinder
bereit.
Im gleichen Monat boten
40 800 Schulen 3,8 Millionen Kindern
kostenloses oder ermäßigtes Frühstück
im Wert von 60,2 Millionen Dollar an.
Andere,

von

der

Bundesregierung

im

�Mai 1989 unterstützte zusätzliche
Nahrungsmittelprogramme umfassen:
-

nahrhafte Mahlzeiten und "Imbisse" in Höhe von 63,1 Millionen
Dollar im Rahmen des Kinderfürsorge-Lebensmittelprogramms , einschließlich 43,5 Millionen Mahlzeiten, die
in gemeinnützigen
Kindertagesstätten außerhalb der
Wohngebiete und Unterkünften serviert wurden und 37,4 Millionen
in einkommensschwachen Familien;
angereichertes Essen im Wert von
124,6 Millionen Dollar an 4,2
Millionen Menschen im Rahmen des
besonderen
Nahrungsmittelprogramms für Frauen, Säuglinge und
Kinder;
Zuschüsse an die Bundesstaaten in
Höhe von 162,6 Millionen Dollar
im Rahmen des Nahrungsmittelüberschußprogramms
für
Säuglinge,
Kinder, Wöchnerinnen und stillende Mütter sowie ältere Menschen
in einkommensschwachen Familien;
Lebensmittelpakete im Wert von
4,8 Millionen Dollar an rund
140 100 Amerikaner indianischer
Herkunft, die in oder in der Nähe
von Reservaten leben;

-

25,5 Millionen Dollar an Lebensmitteln für andere bedürftige,
einschließlich armer und arbeitsloser Amerikaner.

Wohnung s we s en
Der Großteil der Wohnungsprogramme
des Bundes zielt heute auf Menschen
der untersten Einkommensschichten ab,
denen weniger als 50 Prozent des
mittleren Einkommens in ihrem geographischen Gebiet zur Verfügung stehen
sowie auf Personen, deren verfügbares
Haushaltseinkommen zwischen 50 und 80
Prozent des mittleren Einkoromens in
ihrem Gebiet beträgt.
Einkommensschwache Haushalte sind jedoch nicht
automatisch zum Bezug Bundeshilfen

berechtigt. Die Zahl der in Frage
kommenden Haushalte ist durch den Umfang der jährlich vom Kongreß für
diese Programme bewilligten Mittel
begrenzt.
Die beiden wichtigsten Bundesprogramme sind heute Wohngeld und Zuschüsse
zu Hypothekenzinsen, die vom Wohnungsbauministerium sowie der Wohnungsverwaltung
für Landwirte des
Landwirtschaftsministeriums
vergeben
werden.
Mit diesen Programmen können Wohnungsbauvorhaben unterstützt werden,
bei denen der private Hauseigentümer
Steuervergünstigungen erhält, wenn er
im Gegenzug eine bestimmte Anzahl von
Wohnungen für einkommensschwache Mieter reserviert.
Eine weitere Möglichkeit ist die Ausgabe von Berechtigungsscheinen, mit denen sich einkommensschwache Mieter auf dem freien
Wohnungsmarkt eine geeignete Wohnung
suchen können.
Mit den Wohngeldprogrammen wird die
vom Mieter zu zahlende Miete im allgemeinen auf einen bestimmten Prozentsatz - gegenwärtig 30 Prozent seines
Gesamteinkommens
begrenzt.
Dabei zahlt die Bundesregierung die
Differenz zwischen dieser Summe und
einer bestimmten Vergleichsmiete auf
dem freien Wohnungsmarkt. Durch diese Programme kann jedoch auch die
Höchstmiete begrenzt werden, die ein
Vermieter
verlangen kann.
Ferner
können die Zahlungen mit einer Formel
berechnet werden, die sich an den dem
Hausbesitzer gewährten Zinssubventionen orientiert.
Bei projektbezogenen Programmen können durch Bundessubventionen die Ka
pitalbaukosten abgedeckt, zinsgünstige Finanzierungen für den Bauherrn
bereitgestellt werden oder beides zusammen. Einige Programme subventionieren ferner die nach Fertigstellung
des Objekts anfallenden Betriebskosten.
Im

- 5 -

Jahr

1988

wurden

4,3

Millionen

�Wohnungen im Rahmen von Programmen
des Wohnungsbauministeriums sowie 1,2
Millionen weitere im Rahmen von Wohnungsbauprogrammen für den ländlichen
Raum subventioniert.
Insgesamt beliefen sich diese Subventionen auf 15
Milliarden Dollar.
Der Bevölkerungsstatistik des Jahres
1987 zufolge erhielten 29 Prozent der
einkommensschwachen Mieter - und 18
Prozent
aller
einkommensschwachen
Haushalte - in diesem Jahr Hilfe
durch Wohnungsprogramme. Dagegen erhielten 71 Prozent aller einkommensschwachen Haushalte mit schulpflichtigen Kindern kostenlose oder teilweise subventionierte Schulspeisung,
42 Prozent erhielten Leistungen aus
dem Medicaid-Programm und 40 Prozent
Lebensmittelmarken.

Hilfen für Obdachlose
Besondere Aufmerksamkeit wird denjenigen Amerikanern gewidmet, die zeitweilig
ohne ausreichende Nahrung,
Kleidung und Unterkunft sind.
So
ernst deren Lage jedoch sein mag:
Die Zahl der Obdachlosen macht weniger als zwei Prozent der 35 Millionen
Armen in den Vereinigten Staaten aus,
deren Gesamteinkommen unter der von
der Bundesregierung festgesetzten Armutsgrenze liegt.
Aufgrund einer im Jahr 1987 durchgeführten Studie über 1 700 Obdachlose
in
20
amerikanischen
Großstädten
schätzt das überparteiliche Urban Institute die Zahl der Obdachlosen auf
560 000 bis 680 000 Personen.
Ein im Jahr 1988 von der Beratergruppe für interministerielle Beziehungen
(Advisory Commission on Intergovernmental Relations) erstellter Bericht
geht davon aus, daß etwa ein Drittel
der Obdachlosen Familien mit Kindern,
ein Drittel geistig behindert und ein
Drittel alkohol- oder drogenabhängig
sind. Innerhalb dieser Hauptkategorien gibt es Personen, die arbeitslos
oder unterbeschäftigt sind (die Arbeitsplätze mit eingeschränkten Ver-

dienstmöglichkeiten
haben),
Haushaltsvorstände, die Kinderbetreuungsmöglichkeiten benötigen, Militärveteranen, auf Bewährung freigelassene
Strafgefangene, Wanderarbeiter, Opfer
häuslicher Gewalt, jugendliche Ausreißer sowie Nichtseßhafte, um nur
einige zu nennen.
Die Bedürfnisse einiger dieser Personen können durch die Bereitstellung
von preisgünstigem Wohnraum befriedigt werden. Für andere jedoch ist
eine Wohnung allein nicht ausreichend.
Eine Kombination aus Unterkünften auf Zeit, richtiger Ernährung, sozialen Diensten, ärztlicher
Versorgung, psychologischer Beratung,
kommunaler Selbsthilfe und Institutionalisierung sind häufig nötig, um
den vielen Facetten des Problems der
Obdachlosigkeit gerecht zu werden.
Die meisten Bundeshilfen für die Unterbringung
Obdachloser werden im
Rahmen des Gesetzes aus dem Jahr 198 7
bereitgestellt, das Ubergangsbeihilfen auf Zeit durch Bereitstellung von
angekauften oder sanierten Wohnungen
auf Dauer für Behinderte, Wohngeld
für Ein-Zimmer-Einheiten wie "Fürsorge"-Hotels und Motels sowie den Bundesstaaten für Bau oder Anmietung von
Notunterkünften
gewährte
Zuschüsse
vorsieht.
Im Jahr 1988 bewilligte
der Kongreß 350 Millionen Dollar für
diese Programme.
Andere Hilfen für Obdachlose werden
hauptsächlich in Form von Geldzuwendungen oder öffentlichen Dienstleistungen vergeben - darunter Notunterkünfte, die Verpflegung, Betten und
Kleidung bereitstellen sowie Suppenküchen, die warmes Essen anbieten.
Selbstverständlich stehen den Obdachlosen all diese Dienstleistungen kostenlos zur Verfügung.
Ferner stellen die Regierungen von
Bund und Einzelstaaten den Obdachlosen über eine Reihe weiterer Programme erhebliche finanzielle Unterstützung bereit, darunter etwa Hilfe für
Familien mit unterhaltsberechtigten
Kindern, Lebensmittelmarken, Bereit-

�Stellung
von
landwirtschaftlichen
Überschüssen sowie durch an die Staaten zur freien Verfügung vergebene
Bundeszuschüsse für allgemeine Unterstützung im Rahmen der Sozialhilfe.
Jedoch erhalten nur 26 Prozent der
Träger von Dienstleistungen für Obdachlose staatliche Hilfen. Die meisten sind karitative Organisationen,
die ihre Tätigkeit aus Spenden von
Privatpersonen, Unternehmen, Stiftungen und kirchlichen Gruppen bestreiten.
Von den geschätzten 104,34 7 Milliarden Dollar, die im Jahr 1988 in den
Vereinigten Staaten für mildtätige
Zwecke gespendet wurden, wurden etwa
20 Milliarden Dollar für Gesundheits- und Pflegedienste verwendet ein Großteil davon für Eitikommensschwache und Obdachlose.

* * * * *
- 7-

�</text>
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                <text>Herausgeben U.S. Information &lt;br /&gt;Service Embassy of the United States of America</text>
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                <text>Amerikadienst 18.10.1989</text>
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                <text>&lt;strong&gt;1. Dokumentation&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Die NATO und die deutsch-amerikanische Partnerschaft&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede des Gesandten George F. Ward &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Baker sieht gute Aussichten für verbesserte amerikanisch-sowjetische Beziehungen&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede vor der Foreign Policy Association &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Hintergrund&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Programme für die Armen in Amerika&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Zweiter von fünf Artikeln über das amerikanische Sozialwesen&lt;br /&gt;&lt;/em&gt;</text>
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                    <text>AMERIKA DIENST
'VON**
25 Oktober 1989

39

I N H A L T
.
DOKUMENTATION

Mosbacher; Die Rolle der Marktwirtschaft In den Ost-West-Beziehungen
- Rede des US-Wirtschaftsministers Baker: USA streben mit UdSSR Minimierung der Erstschlagfähigkeit an
- Rede des US-Außenministers beim Commonwealth Club -

HINTERGRUND

Versicherung für Arbeitslose
- Dritter von fünf Artikeln über das amerikanische Sozialwesen
Medizinische Versorgung für Bedürftige und Sltere Menschen
- Vierter von fünf Artikeln über das amerikanische Sozialwesen

WIRTSCHAFT

Pro-Kopf-Einkommen steigt, Ausmaß der Armut unverändert
- Artikel über eine Pressekonferenz des statistischen Bundesamts
der Vereinigten Staaten •

I

WISSENSCHAFT UND TECHNIK

Sichere Landung der Raumfähre nach geglückter Aussetzung der
Raumsonde GALILEO

* * * * *

United States Information Service
Embassy of the United States of America

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.: 0228-339 2035
Telex: 8-85432

�AMERIKA DIENST
VON

Dokumentation

4

39

25. Oktober 1989

MOSBACHER:

DIE ROLLE DER MARKTWIRTSCHAFT IN DEN OST-WEST-BEZIEHUNGEN
- Rede des US-Wirtschaftsministers -

FRANKFURT - (AD) - Dem amerikanischen Wirtschaftsminister Robert Mosbacher zufolge unterstützen die Vereinigten Staaten die Bestrebungen des Ostblocks zur
Umstrukturierung der Wirtschaft, auf lange Sicht müßten die Wirtschaftsbeziehungen jedoch von den Kräften des Marktes gesteuert werden.
In einer Ansprache beim Institute for East-West Security Studies in Frankfurt
drängte Mosbacher Ungarn und Polen, "mutige Programme der Marktentwicklung und
politischen Freiheit" in die Wege zu leiten.
Nachfolgepd
Wortlaut.

veröffentlichen

wir

die Ansprache

Vor hundert Jahren prägte ein britischer Dichter die berühmten Verszeile
"Ost ist Ost und West ist West - und
diese beiden werden niemals zusammenkommen".
Unsere
Zusammenkunft
am
heutigen Abend belegt in anschaulicher Weise, daß Kiplings Zeilen vor
hundert Jahren oder vielleicht sogar
noch vor ein oder zwei Jahren zutrafen,
heute
jedoch
zumindest
der
Wunsch - und wir hoffen, Engagement besteht, den Prozeß friedlicher Begegnungen zwischen Ost und West in
die Wege zu leiten.
Es ist mir eine große Ehre und ein
Vergnügen, Ihnen am heutigen Abend
einige meiner Gedanken zur nationalen
Sicherheit und zum Weltfrieden darlegen zu können. Auf dem Flug von Washington habe ich den soeben veröf-

United States Information Service
Embassy of the United States of America

des Wirtschaftsministers

im

fentlichten Bericht über d''e Integration der sozialistischen Volkswirtschaften gelesen.
Es ist eine interessante Studie mit
vielen Denkanstößen. Ich beglückwünsche Sie zu Ihrer ausgezeichneten Arbeit und begrüße den Bericht als konstruktiven Beitrag zum gegenwärtigen
Dialog.
Wenn bei Ihnen vom heutigen Abend nur
ein einziger Gedanke haften bleiben
sollte, so der, daß Sicherheit und
Stabilität in direktem Zusammenhang
mit piner gesunden Wirtschaft stehen.
Denn - wie wir in den vergangenen Monaten wiederholt beobachten konnten nur, wenn eine Volkswirtschaft die
Grundbedürfnisse
und Wünsche eines

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.: 0228-339 2035
Telex: 8-85432

�Volkes befriedigt, nur, wenn ein Volk
Hoffnung für sich und seine Nachkommen hat, kann es Stabilität und Frieden geben.
Wie das
werden
Chancen
ren gut

Wasser sich seinen Weg sucht,
die
Menschen
Freiheit
und
suchen.
Die Regierungen wäberaten, sich dies zu merken.

Es gibt mehrere Anzeichen dafür, daß
die Länder des Ostblocks zu dieser
Erkenntnis gelangt sind. Aus diesem
Grund werden wirtschaftlicher und politischer Wandel in diesen Ländern so
ernsthaft durchgeführt.
In der Sowjetunion hat Perestrojka
Pläne zur Umstrukturierung der sowjetischen
Volkswirtschaft
hervorgebracht. Die zentrale Verwaltung von
Kapital und Ressourcen wurde in Frage
gestellt. Die Schaffung von Marktmechanismen zur realistischen Preisgestaltung wird in Erwägung gezogen.
Selbst ein konvertierbarer Rubel ist
angeblich im Gespräch.
Trotz der bisherigen
Veränderungen
und beeindruckenden Absichten ist die
Sowjetunion jedoch noch immer weit
von einer Marktwirtschaft entfernt,
die zum Beispiel für die Mitgliedschaft im GATT erforderlich wäre.
In Teilen Osteuropas - insbesondere
in Polen und Ungarn - kommen die Dinge etwas schneller in Bewegung. Einzelnen
Firmen
steht
es
zunehmend
frei, ihre Preise und ihr Produktionssoll selbst festzusetzen.
Geschäfte und Fabriken in Privatbesitz
werden Realität.
Selbst Unternehmen
mit ausschließlich ausländischem Kapital sind möglich.
Gleichzeitig können wir in der Sowjetunion zum ersten Mal Wahlen mit
mehreren Kandidaten
beobachten, in
Polen die Wahl der ersten nichtkommunistischen Regierung im Ostblock seit
40 Jahren, in Ungarn die Umgestaltung
der kommunistischen in eine sozialistische Partei. Dies sind bedeutende
erste Schritte. Aber es bleibt noch
sehr viel mehr zu tun.

Niemand
sollte die
Schwierigkeiten
und Unwägbarkeiten bei der Verwirklichung
einschneidender
Veränderungen
unterschätzen.
Es wird ein langwieriger und harter Prozeß sein. Und offen gesagt - die Last dieser Veränderungen wird primär der Ostblock zu
tragen haben.
Aber es zeichnen sich Veränderungen
ab. Und sie finden aus der Erkenntnis heraus statt, daß Initiative und
Innovation im Bereich der Wirtschaft
ohne politische Freiheit
unmöglich
sind und politische Freiheit wiederum
den Eckpfeiler wirtschaftlicher Liberalisierung bildet.
Darüber hinaus spiegeln die Veränderungen im Ostblock die Erkenntnis der
zunehmenden Globalisierung nationaler
Volkswirtschaften wider.
Die ausgegebenen Obligationen und Aktien der
internationalen Kapitalmärkte belaufen sich auf rund 25 Billionen Dollar. Insgesamt werden täglich internationale Zahlungen zwischen 700 Milliarden und 1,5 Billionen Dollar abgewickelt. In der Mehrzahl der Fälle
handelt es sich hierbei natürlich um
Devisentransaktionen, aber sie spiegeln das Ausmaß unserer Verflechtung
wider.
Die Internationalisierung macht nicht
an den Finanzmärkten halt.
Sie erstreckt sich auch auf den Produktionssektor
und
Gemeinschaftsunternehmen bei Waren und Dienstleistungen.
Das bedeutet, der Wettbewerb
selbst wird internationaler, fordert
mehr Effizienz, bessere Dienstleistungen und schnellere Einführung von
Produkten durch die Konkurrenten.
Unabhängige
Volkswirtschaften
haben
bei der Anhebung des Lebensstandards
eine entscheidende Rolle gespielt.
Die Schwellenländer nehmen effektiv
am weltweiten Wettbewerb teil und
zwar eben weil sie durch ihre marktorientierten Maßnahmen den Anforderungen des internationalen Wettbewerbs gerecht werden.
Währenddessen
sind die Volkswirtschaften des Ost-

�blocks immer welter ins Hintertreffen
geraten.
Die Auswirkungen des internationelen
Wettbewerbs waren in den Vereinigen
Staaten
schmerzhaft
spürbar
aber
lehrreich.
Sie zwingen uns nicht
nur, über unseren eigenen beachtlichen
Inlandsmarkt
hinauszuMicken,
sondern auch, Nabelschau zu betreihen
und die unserer Konkurrenzfähigkeit
abträglichen Herausforderungen im Inland genauestens zu analysieren.
Unsere Probleme im Inland werden heute von der Sorge um die Verbesserung
unseres
Bildungssystems,
Eindämmung
des Drogenmißbrauchs. Anhebung der
Sparrate und die erneute Verpflichtung zu Produkt- und Dienstleistungsqualität beherrscht.
Die Notwendigkeit
internationaler
Wettbewerbsfähigkeit
findet
in den Vereinigten
Staaten praktisch in jeder von uns
über diese Probleme geführten Diskussion ihren Niederschlag.
Die Amerikaner sind zu der Erkenntnis
gelangt, daß ihr zukünftiger Wohlstand - und ihre künftige Sicherheit
- davon abhängen, wie sie die Herausforderungen der Weltwirtschaft
und
des Wettbewerbs meistern.
Und was
für uns gilt, trifft um so mehr auf
die Volkwirtschaften
des Ostblocks
zu.
Mit anderen Worten, als isolierter
Block kann der Ostblock nicht wachsen
und gedeihen. Der Ostblock muß wirtschaftliche Gewinne erzielen, die nur
durch Austausch seiner besten Leistungen gegen Waren und Dienstleistungen erzielt werden kann, die in
anderen Ländern rentabler produziert
werden.
Ich möchte die Position der Bush-Adminsitration
eindeutig
klarstellen.
Wir begrüßen die Hinwendung des Ostblocks zu den Werten, auf denen unser
Land gegründet wurde: Menschenrechte, Demokratie, wirtschaftliche Freiheit, freie Märkte, das Recht auf
freie Wahl und Selbstbestimmung.

Sie bilden nicht nur die Grundlage
für Wohlstand sondern für echte Harmonie und Frieden auf der Welt. Wir
wünschen den mutigen Programmen der
Marktentwicklung
und
politischen
Freiheit in Ungarn und Polen Erfolg.
Wir sind bereit, diese Veränderungen
zu unterstützen.
Und wir wünschen der Perestrojka In
der Sowjetunion Erfolg.
Wir hoffen
auf die vollständige Integration der
Sowjetunion und aller Länder des Ostblocks in die internatioanle Staatengemeinschaft, so daß ihre Bürger die
Vorzüge
des freien
Unternehmertums
genießen können.
Im Mal dieses Jahres habe ich fünf
Prinzipien festgelegt, nach denen die
Wirtschaftsbeziehungen
zwischen
Ost
und West florieren können. Ich möchte sie als realistische Richtlinien
für zukünftige Maßnahmen wiederholen.
Erstens: Heute, morgen und für alle
Zeiten sind die nationalen Sicherheitsinteressen des Westens von vorrangiger Bedeutung. Wir streben die
Integration der Sowjetion in die internationale Staatengemeinschaft und
das Wachstum friedlichen Handels an.
Die Exportkontrollen, die wir und unsere Verbündeten aus Gründen der Sicherheit
vornehmen. bleiben
jedoch
bestehen.
Und unsere Entschlossenheit In dieser Sache wird durch die
Tatsache noch verstärkt, daß die militärische Aufrüstung der Sowjetunion
anhält - trotz Glasnost und Perestrojka.
Exportkontrollen dienen der nationalen Sicherheit - nicht der Wirtschaft.
Unser Ziel besteht darin,
den Transfer sensibler Technologie zu
verhindern, nicht den Handel zu lähmen.
Die Aufrechterhaltung unserer nationalen
Sicherheit
darf
nicht
mit
friedlichem Handel nichtstrategischer
Güter kollidieren, und gemeinsam mit
unseren Verbündeten werden wir sicherstellen, daß nur die entscheiden-

- 3 -

�den Technologien kontrolliert werden.
Zweitens:
Wir dürfen nicht leichtfertig
hohe
Kredite
bereitstellen
oder subventionieren, um einen künstlichen Aufschwung im Ost-West-Handel
zu fördern, der nicht im Einklang mit
der wirtschaftlichen Realität steht.
Die Vereinigten Staaten unterstützen
und ermutigen die Entwicklung des
friedlichen Ost-West-Handels, jedoch
auf
einer
gesunden
kommerziellen
Grundlage.
Drittens:
Investitionen können und
sollten ebenso wie Gemeinschaftsunternehmen
beim
Aufbau
von
Wirtschaftsbeziehungen eine Rolle spielen.
Auch hier müssen Investitionsentscheidungen
nach
kommerziellen
Kriterien getroffen werden.
Die Länder Osteuropas müssen in ihrer
Rechtsprechung und in anderen Bereichen Veränderungen vornehmen, um dem
Westen Investitionsanreize zu bieten,
weil das der Wirtschaft förderlich und nicht nur politisch vorteilhaft ist.
Viertens:
Unsere
Bereitschaft
zu
grundlegenden
Verbesserungen
des
Ost-West-Handels
bleibt
an
Fortschritte bei den Menschenrechten geknüpft. In diesem Bereich machen die
Sowjetunion und andere Länder große
Fortschritte, was sich wiederum günstig auf den Handel auswirkt. Präsident Bush trifft zum Beispiel aufgrund der neuen Gesetze in Ungarn
Vorbereitungen, um Ungarn Meistbegünstigungsstatus einzuräumen.
Und fünftens:
Mehr Offenheit.
Für
den Ausbau der Wirtschaftsbeziehungen
müssen die Länder Osteuropas mehr Informationen liefern, weil sich Märkte
nicht entwickeln können, wenn Käufern
und Verkäufern keine genauen Zahlen
über das jeweils andere Land und seine Wirtschaft vorliegen.
Diese Grundsätze liefern den Rahmen
zur Integration Osteuropas in den
Welthandel.
Aber vollständige Inte-

gration bedeutet Wettbewerb auf dem
Weltmarkt.
Und das heißt, die Menschen müssen zunächst die Freiheit
haben, in ihrem eigenen Land konkurrieren zu können.
Die Integration der Weltwirtschaft
geschieht vorwiegend durch die Impulse freier Unternehmen, durch multinationale Konzerne und die kleine Firma, die erstmals auf den Exportmarkt
strebt.
Osteuropa wird erst vollständig in
die Weltwirtschaft integriert sein,
wenn seine eigenen Unternehmen das
Gleiche tun und ihre und unsere Unternehmen uneingeschränkt zusammenarbeiten können.
Darüber hinaus wird die Privatisierung von Staatsunternehmen an sich
nicht
zu
besserer
internationaler
Wettbewerbsfähigkeit
führen,
wenn
diese Privatunternehmen auf dem Binnenmarkt nicht konkurrenzfähig sind.
Ohne aktive Konkurrenz werden sogar
Joint Ventures in ausländischer Hand
den sicheren Hafen eines Monopols anzustreben suchen.
Und Wettbewerb von Produkt!onsgütern
allein reicht nicht aus. Unabdingbar
sind unabhängige Banken, die auf der
Basis marktwirtschaftlicher Kriterien
und Zinssätze Kapital vergeben und
Dienstleistungen anbieten, die wir im
Westen als selbstverständlich ansehen.
Bei meinem jüngsten Besuch in Polen
habe ich einen Geschäftsmann getroffen, der ein Joint Venture betreibt.
Seinen Erklärungen zufolge ist das
polnische Bankwesen so unzureichend
auf internationale Geschäftsabschlüsse eingerichtet, daß es keine Akkreditive und kein System von Sicherheiten gibt, wie wir es kennen.
Ein anderes Problem wurde von einem
Geschäftsmann angeschnitten, der berichtete, er fahre mindestens zweimal
pro Woche etwa 300 Kilometer von seiner Fabrik nach Warschau, um mit Regierungsvertretern zu sprechen. Seine Geschäfte seien leicht mit einem

�Telephongespräch zu
man komme nie durch.

erledigen,

aber

Ein dritter Geschäftsmann
beklagte
sich über eine staatliche Bestimmung,
die Werbung einschränkt.
Den Vorschriften zufolge dürfen nicht mehr
als 2 Prozent vom Umsatz bei der
Steuer als Werbungskosten abgeschrieben werden. - Dies nur als Beispiel
für die Probleme der Unternehmer in
Osteuropa.
Ich lege jedoch den Schwerpunkt nicht
auf Offenheit und Wettbewerb, um die
schwierigen politischen Entscheidungen zu verharmlosen, die von den Reformpolitikern für die Wirtschaft getroffen werden müssen.
Die Kontrolle des Geldflusses wird
schwierig
sein, aber entscheidende
Bedeutung haben, wenn diese Volkswirtschaften des Mangels sich zu einem preisorientierten System wandeln
wollen, in dem das Bild nicut mehr
von LebensmittelKarten und Schlangen
vor den Geschäften bestimmt wird.
Dasselbe gibt für Subventionen.
Auch dem Bericht der Arbeitsgruppe
des Instituts zufolge gibt es kein
Patentrezept
für den Weg von der
staatlich kontrollierten zur freien
Marktwirtschaft.
Natürlich
kennen
wir alle die für den Erfolg einer
Marktwirtschaft erforderlichen Faktoren. Und wie wir wissen, sind dabei
Halbheiten nicht möglich.
Die Vorteile der Märkte kann man sich nur
zunutze machen, wenn man Konkurrenz
zuläßt.
Wir im Westen sind uns der Tatsache
bewußt, daß die versuchte Umgestaltung schwierig und schmerzhaft sein
wird.
Und wir werden nicht untätig
zusehen.
Die Vereinigten Staaten haben sich
mit den anderen Ländern der G-7, der
Europäischen Gemeinschaft und weiteren Industrieländern in einer konzertierten
Aktion
zusammengeschlossen,
mit der Reformbestrebungen in Polen
und Ungarn gefördert werden sollen.

Wir wollen ihnen bei der Öffnung ihrer Binnenmärkte helfen, indem wir
unsere eigenen Märkte für ihre Produkte öffnen. Präsident Bush hat den
Kongreß davon in Kenntnis gesetzt,
daß er Ungarn die Vorteile unseres
Allgemeinen Systems der Begünstigung
im Handel zugute kommen lassen will
und hat den Kongreß gebeten, es auch
auf Polen auszuweiten.
Ich fordere
unsere Handelspartner in anderen Industrieländern auf, ihre Märkte weiter zu öffnen, um die Reformbestrebungen dieser Länder zu fördern.
Ein T^il unserer Bemühungen muß darauf
abzielen, gegebenenfalls echte
finanzielle Erleichterung zu bieten.
Wir werden das Geld nicht zum Fenster
hinauswerfen, aber wo es gute Wirtschaftspläne und eine gesunde Wirtschaftspolitik gibt, müssen wir bereit sein, den Übergang zu erleichtern. Beim jüngsten Weitwirtschaftsgipfel hat Präsident Bush die eine
baldige und unkomplizierte Wiederaufnahme Polens in den Pariser Club gefordert .
Soeben hat er den Kongreß aufgefordert, Polen 200 Millionen Dollar als
Stabilisierungsmaßnahme
zu bewilligen.
Damit
liegt
unser
gesamtes
Hilfsangebot für Polen bei 400 Millionen Dollar. Und wir fordern alle
Länder der westlichen Welt auf, unserem Beispiel zu folgen.
Es ist von
entscheidender Bedeutung, daß die gesamte den Polen für den Stabilisierungsprozeß erbetene 1 Milliarde Dollar westlicher Hilfe verfügbar ist,
weil sie nur nützt, wenn der Fonds
voll finanziert wird.
Aber was diese Länder nötiger als alles andere brauchen, ist ein florierender Privatsektor, der auf Marktkräfte reagieren kann.
Und wir im
Westen können helfen, indem wir den
Grundstein für eine starke Partnerschaft mit unserem eigenen Privatsektor legen.
In den Vereinigten Staaten versuchen
wir das auf unterschiedliche Art und
Weise
private
Unternehmensfonds

- 5 -

�werden geschaffen, die Hilfe der Entwicklungsgesellschaft OPIC erweitert,
Besuche von Geschäftsleuten organisiert wie bei meinem jüngsten Besuch
in Polen und Ungarn, Seminaren über
Gesetzgebung unter Einbeziehung unserer gemeinnützigen Verbände von Führungskräften und Experten veranstaltet sowie Angebote zum Aushandeln von
Verträgen über Vertrauensbildung in
der Wirtschaft und Sicherheit für Investoren.
Aber an der Tatsache, daß die wirtschaftlichen Probleme Osteuropas eben
dort ihren Ursprung haben, ist nicht
zu rütteln, und sie können nur durch
radikale - und echte - Veränderungen
auf dem Binnenmarkt gelöst werden.
Inbesondere müssen sie erkennen, daß
Halbheiten nicht zum Ziel führen.
Nur der freie Markt, nur das freie
Unternehmertum können die tiefgreifenden wirtschaftlichen Probleme der
Länder Osteuropas . lösen.
Und aus
diesem Grund kann nur der Markt ein
internationales Svstem schaffen, das
sowohl Stabilität als auch Frieden
gewährleistet.
Als Geschäftsmann liegt mir nichts an
Beschönigungen. Ich ziehe eine offene Sprache vor.
Und ich sage, was
wir alle wissen:
eine marxistisch
orientierte Volkswirtschaft funktioniert nicht.
Die Politiker Osteuropas können Jahrzehnte verschwenden, indem sie vorgeben, das System sei nicht tot und
zaghafte Maßnahmen treffen, die ideologisch mit der Vergangenheit im Einklang stehen.
Oder sie können zum
Kern der Dinge vorstoßen - zu einem
Übergang zur freien Marktwirtschaft,
die den Bedürfnissen des Volkes gerecht wird.
Die neuen Reformpolitiker Osteuropas
haben jetzt die volle Unterstützung
der Öffentlichkeit.
Und sie müssen
sich diese zunutze machen, um den
wichtigen Schritt zum Aufbau eines
neuen Wirtschaftssystems zu tun.

Die Politiker in Polen und Ungarn haben sich zu diesen Veränderungen verpflichtet.
Die sowjetischen Politiker kommen ihnen immer näher.
Die
Politiker in den anderen Volkswirtschaften Osteuropas leben jedoch immer noch in der Vergangenheit.
Aber sie werden hoffentlich bald erkennen, daß der Wunsch ihrer Bevölkerung
nach
Freiheit
und
Wohlstand
wichtigere Ziele sind als die Beibehaltung
veralteter
und
Überholter
Konzepte.
Als Geschäftsmann kann ich ihnen nur
raten:
Wagen Sie den Sprung.
Das
Wasser ist nicht kalt.
Vergangene Woche schenkte uns eine
Gruppe junger Sowjetbürger die Anstecknadel , die ich heute trage. Ich
kann mir keine bessere Art und Weise
vorstellen, um unseren heutigen Abend
zu beenden, als Ihnen die Aufschrift
auf der Nadel vorzulesen, denn sie
bringt das zum Ausdruck, was der Präsident und ich uns von der Zukunft
erhoffen:
Glasnost
Perestrojka
Demokratie
Ja!
In diesem Sinne kommen Ost und West
endlich zusammen.
In diesem Sinne
können sich endlich fruchtbare Beziehungen
entwickeln.
Darauf
hoffen
wir. Ich danke Ihnen.

* * * * *

�AMERIKA DIENST
Dokumentation
25. Oktober 1989

39

BAKER: USA STREBEN MIT UdSSR MINIMIERUNG DER ERSTSCHLAGFÄHIGKEIT AN
Rede des US-Außenministers beim Commonwealth Club SAN FRANCISCO - (AD) - In einer Rede beim Commonwealth Club in San Francisco
erklärte Außenminster Baker am 23. Oktober, die Vereinigten Staaten strebten
im strategischen Bereich ein Verhältnis zur Sowjetunion an, "in dem Fähigkeiten und Anreize für einen Erstschlag minimiert und Möglichkeiten strategischer
Verteidigungssysteme untersucht werden". Bakpr verwies in diesem Zusammenhang
auf einige andere Aspekte der von Washington angestrebten neuen Beziehungen:
Die sowjetische Militärmacht soll für jedermann und nicht nur für Satelliten erkennbar sein,
Verifizierbare Verträge sollen ein niedrigeres Kriegsrisiko festschreiben,
Rüstungskontrolle soll "die Saat des Krieges zu Früchten des Friedens"
aufgehen lassen.
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede des Außenministers im Wortlaut:

Wie Sie wissen, sollte diese Rede bereits vergangene Woche gehalten werden.
Eine furchtbare Tragödie kam
jedoch dazwischen. und aus diesem
Grund wollte ich sie zunächst absagen.
Angesichts all des Leidens schien es
nicht angemessen, hierher zu kommen
und Ihnen einen Vortrag über Rüstungskontrolle zu halten. Aber Sie
haben mich gebeten, meine Verpflichtung einzuhalten, und diese Bitte
spricht Bände.
Sie offenbart den
wahrhaft amerikanischen Charakterzug,
sich einer Katastrophe zu stellen,
entsprechende Maßnahmen zu ergreifen
und dann die reguläre Arbeit wiederaufzunehmen.
Diese Orientierung auf
die Zukunft entspricht der Mentalität
von San Francisco.

United States Information Service
Embassy of the United States of America

Ihre Taten legen - mehr als Worte es
auszudrücken
vermögen
beredtes
Zeugnis Ihrer Dynamik ab, und ich
möchte hinzufügen, daß sie die Hoffnungen eines ganzes Landes beflügelt.
Sie arbeiten Hand in Hand mit anderen, um Krisen in Chancen, Schmerz in
Fortschritt zu verwandein und eine
aus dem Ruder gelaufene Welt wieder
in ihr richtiges Fahrwasser zu bringen. Mein herzliches Beileid geht an
die Familien der Opfer.
Ich werde
mit Ihnen beten.
Ich möchte meinen heutigen Vortrag
mit dem Hinweis auf eine andere Oktoberkrise beginnen, die vor 27 Jahren
stattfand: die Kubakrise von 1962.
Diese Krise scheint sehr lange vorbei
zu sein und weit entfernt von der
Tragödie, die Sie heute zu überwinden

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.: 0228-339 2035
Telex: 8-85432

�suchen.
Die Kluft in den Beziehungen zwischen
Moskau und Washington im Oktober 1962
und im Oktober 1989 könnte nicht
größer sein.
Im Oktober 1962 sahen
wir uns mit einer Sowjetunion konfrontiert, die sich drohend vor uns
aufbaute und deren Führung uns in
Schutt und Asche legen wollte. Heute
haben wir es mit einer ernüchterten
Sowjetunion zu tun, deren Führungsspitze von einer Umstrukturierung der
Gesellschaft spricht.
Im Oktober 1962 verzeichnete die Sowjetunion
einen
Wirtschaftsaufschwung, mit dem sie ihre unablässige
Aufrüstung vorantreiben konnte. Heute steht die sowjetische Wirtschaft
unmittelbar vor dem Ruin.
Im Oktober 1962 wurden durch das sowjetische Weltraumprogramm Ängste geschürt, wir würden das Wettrennen zum
Mond verlieren.
Heute will die Sowjetunion
unbedingt vermeiden, daß
sie zurückbleibt, wenn der Rest der
Welt den Übergang vom Zeitalter der
Industrialisierung in ein neues Jahrhundert vollzieht.
In diesem Monat vor 27 Jahren standen
wir uns - wie Sie sich erinnern werden - Auge in Auge an der Schwelle
zum Krieg gegenüber.
Im Gegensatz
dazu sind heute die Beziehungen der
Supermächte so vielversprechend wie
nie zuvor seit dem Zweiten Weltkrieg.
Im Rückblick wird deutlich, daß die
Kubakrise in der Nachkriegszeit die
größte Möglichkeit zu einem Atomkrieg
bot. Wenn wir in die Zukunft blikken, haben wir jetzt die größten
Chancen zum Abbau des Kriegsrisikos
seit Anbruch des Atomzeitalters.
Der Präsident hat unser Ziel als
Schritt über den Frieden bewaffneter
Lager hinaus zu einem Frieden des gemeinsamen
Optimismus
beschrieben.
Letzte Woche habe ich unsere Strategie zur Erlangung dieses Ziels mittels einer vorsichtigen Suche nach
Elementen beschrieben, die uns beiden
zum Vorteil gereichen.
Heute möchte
- 2

ich eines dieser Elemente - die Rüstungskontrolle - eingehender erörtern.
Rüstungskontrolle kann den Aufbau eines dauerhaften Friedens in starkem
Maße unterstützen, aber Rüstungskontrolle kann nicht nicht einem politischen Vakuum erfolgen.
Das möchte
ich klarstellen:
Wir konkurrieren
militärisch, weil wir politisch unterschiedlicher Meinung sind.
Politische Querelen nähren das Feuer des
Rüstungswettbewerbs.
Nur durch die
Lösung politischer Meinungsverschiedenheiten können wir den mit ihnen
einhergehenden Rüstungswettlauf aufhalten.
Um mit Clausewitz zu sprechen - wenn Krieg die Fortsetzung von
Politik mit gewalttätigen militärischen Mitteln ist, dann ist Rüstungskontrolle die Suche nach stabilen,
berechenbaren strategischen Beziehungen mit friedlichen politischen Mitteln.
Aus diesem Grund blicken wir so hoffnungsvoll in die Zukunft.
In den
letzten vierzig Jahren hat Rüstungskontrolle bei der Gestaltung der amerikanisch-sowjetischen sicherheitspolitischen Beziehungen nur eine untergeordnete Rolle gespielt, weil unsere
politischen Differenzen zu breit gefächert waren, als daß dauerhafte und
substantielle
Fortschritte
möglich
gewesen wären.
Stärke und Einheit
des Westens haben in dieser ganzen
Zeit, als wir im Schatten gegensätzlicher Werte und divergierender Ziele
gelebt haben, die Abschreckung gestützt.
Jetzt könnte Perestrojka in
der sowjetischen Innen- und Außenpolitik den Schatten teilweise erhellen.
Die politische
Voraussetzung
für eine dauerhafte und strategisch
bedeutsame
Rüstungskontrolle
könnte
endlich Gestalt annehmen. Mit Recht
schrieb der Präsident im Juni an Gorbatschow: "Wir tragen - gemeinsam eine große Verantwortung, wenn wir
uns die Hoffnungen dieser ungewöhnlichen Zeit zunutze machen wollen, um
die internationale Sicherheit zu verbessern. "

�Der Präsident und ich haben erklärt,
wir wünschen Perestrojka den Erfolg.
Wir dürfen diese Gelegenheit nicht
leichtfertig
verstreichen
lassen.
Das sowjetische "neue Denken" in der
Außen- und Verteidigungspolitik verspricht Möglichkeiten, die noch vor
zehn Jahren undenkbar gewesen wären,
wie etwa einschneidende stabilisierende Reduzierungen bei den strategischen Streitkräften und einen Gleichstand bei reduzierten konventionellen
Streitkräften
in
Europa.
Dennoch
kann der Erfolg von Perestroika nicht
als gesichert gelten.
Jegliche Unsicherheit über den Ausgang der Reformen in der Sowjetunion
ist für uns umso mehr - nicht etwa
weniger - Anlaß, die gegenwärtige
Chance zu ergreifen. Denn die Früchte unserer Arbeit - eine geringere
sowjetische Bedrohung und wirksam verifizierbare Abkommen - können Bestand haben, auch wenn das für Perestrojka nicht gelten sollte.
Wenn
die Sowjets bereits Waffen zerstört
haben, wird es für jede künftige Führung im Kreml schwierig, kostenträchtig und zeitraubend sein, diese Maßnahme wieder rückgängig zu machen und
erneut die militärische Vormachtsteilung zu erlangen.
Und wenn die Abkommen geschlossen sind, wird jeder
Versuch des Vertragsbruchs als Anzeichen für den neuerlichen Ausbruch alten Denkens gelten.
Wir können uns das neue politische
Klima zunutze machen, um Abschreckung
auf einem Niveau mit geringerem Risiko zu konsolidieren.
Durch gesunde
und verifizierbare Abkommen
können
wir stabilere und vorhersehbare strategische Beziehungen
gestalten und
festigen.
Die sich wandelnden politischen Beziehungen zwischen der Sowjetunion und den Vereinigten Staaten
sollten sich in veränderten sowjetischen
Streitkräftestrukturen
und
strategischen
Konzepten
widerspiegeln. Auf diese Weise können wir dazu beitragen, daß politische Fortschritte in militärische Realität umgesetzt werden und damit gleichzeitig
diesen
Fortschritt untermauern und

stärken.

Die
Strategie
im
strategischen Umfeld

sich

wandelnden

Bevor ich auf die Grundlagen der RUstungskontrollpolitik dieser Administration eingehe, möchte ich noch
kurz etwas zum strategischen Umfeld
sagen.
in
dem
Rüstungskontrolle
durchgeführt wird.
Politisch befindet sich die Sowjetunion mitten in der Revolution von
Perestrojka, Glasnost und Demokratisierung.
Die neuen Denker wissen,
daß Stalins System sich grundlegend
verändern muß, wenn die Sowjetunion
in einer Art und Weise, die - wie
Gorbatschow erklärt hat - einer Supermacht gebührt, ins 21. Jahrhundert
eintreten soll. Dafür hat die sowjetische Führung viel getan und im Hinblick auf politische, wirtschaftliche
und
gesetzgeberische Reformen
noch
mehr versprochen.
Obwohl diese Reformen noch erweitert, festgeschrieben, institutionalisiert und zur Normalität werden müssen, wandelt sich
doch bereits das politische Gesicht
der sowjetischen Macht.
Die Reformaussichten sind in Polen,
Ungarn, der DDR, der Tschechoslowakei
und anderen Ländern Osteuropas ebenso
vielversprechend - und nicht in manchen Fällen noch vielversprechender.
Obwohl man sich vor einer Überbewertung der Trends hüten sollte, stürzen
die politischen Pfeiler eines nach
1945
gewaltsam
geteilten
Europas
langsam ein. Wir können der Vision
des Präsidenten von einem ungeteilten
und freien Europa näherkommen.
Diese großen politischen Veränderungen finden in einer Zeit rascher
technologischer Veränderungen statt.
Unsere militärischen Instrumente werden durch neue Technologien so verändert, daß mehr Sicherheit geschaffen
werden könnte. Mit Fortschritten in
der Meß- und Regeltechnik, Datenverarbeitung und bei ziel genauerer Munition ergeben sich neue Möglichkeiten

- 3-

�für die Stärkung der Abschreckung.
Wir müssen jedoch vorsichtig sein und
die Schattenseiten der sich verändernden technischen Realitäten erkennen. Immer mehr Länder erwerben die
Fähigkeit zur Herstellung von chemischen Waffen und Raketen. Da viele
dieser Regime in anhaltende regionale
Konflitke verwickelt sind, liegt das
Potential für eine explosive Eskalation ihrer Querelen auf der Hand.
Ich möchte hinzufügen, daß diese
technischen Veränderungen in einer
Zeit sich wandelnder rüstungswirtschaftlicher
Bedingungen
erfolgen.
Es ist allgemein bekannt, daß die Sowjetunion gezwungen ist, einen Teil
ihrer ungeheuren Militärausgaben für
den Wiederaufbau der heimischen Wirtschaft aufzuwenden. Auch im Westen
ist das Zeitalter schnell steigender
Verteidigungshaushalte vorbei.
Aus
den neuen Technologien müssen wir
diejenigen Waffen auswählen, mit denen sich Abschreckung am kostengünstigsten aufrechterhalten läßt.
Was ist nun das Ergebnis dieser politischen, wirtschaftlichen und technologischen Veränderungen? Strategisch
stellt sich die Welt, die wir seit
der Kubakrise geplant haben, anders
dar als die Realität heute. Bedrohungen unserer Interessen verändern
sich politisch und werden durch neue
Technologien multipliziert.
Unsere
Fähigkeiten werden technisch verbessert, aber finanziell beschränkt.
Unsere grundlegenden Werte und Interessen werden Bestand haben. Aber mit
der Umgestaltung unseres strategischen Umfelds müssen wir einige unserer Leitlinien und Ansätze neu überdenken. Viele traditionelle Annahmen
müssen neu erwogen werden. Die Strategie verbindet den Zweck und die
Mittel. Wenn sich beide verändern,
muß sich auch die Strategie verändern.
Wir müssen zum Beispiel auch an die
Zukunft der europäischen sicherheitspolitischen Beziehungen und das wichtige strategische Verhältnis der Su-

permächte denken. Die heute als historisch angesehene politische Umgestaltung Osteuropas macht - wenn sie
angemessen institutionalisiert wird solche Neubewertungen doppelt wichtig.
Angesichts der steigenden Bedrohung für unsere weltweiten Interessen und der sich mit der Weiterverbreitung moderner Technologien ergebenden Machtverlagerung müssen wir
auch unsere Strategie bei Konflikten
in der Dritten Welt neu überdenken.
Langfristig müssen wir erwägen, ob
sich durch Optionen zur strategischen
Verteidigung, einschneidende Reduzierungen nuklearer und konventioneller
Waffen, wirkungsvolleres konventionelles Gerät und Verschiebungen in
der sowjetischen Strategie die Bedingungen für unsere Abschreckung verändern.
Um diesem veränderten Umfeld Rechnung
tragen zu können, müssen Verteidigungsprogramme und Rüstungskontrolle
Hand in Hand gehen. Das ist die Voraussetzung für eine einheitliche, integrierte Strategie, mit der das Risiko eines Krieges durch Abschreckung
eines Angriffs verringert und gleichzeitig amerikanische Werte hochgehalten werden können. Sowohl Verteidigungsprogramme als auch Rüstungskontrolle können den gemeinsamen Zielen
einer Verbesserung der Stabilität,
Gewährleistung
der
Berechenbarkeit
und Stärkung der Abschreckung dienen.
Wenn sich in Reaktion auf ein sich
entwickelndes
strategisches
Umfeld
unsere Strategie wandelt, würde das
auch eine Veränderung unserer Verteidigungsprogramme
und
RUstungskontrollPositionen bedeuten.
Insgesamt
würde die Sicherheit verbessert.
Natürlich können weder Verteidigungsprogramme noch Rüstungskontrolle das
allein leisten.
Um die Integrität
der Triade zu erhalten, müssen wir
auf die Stationierung mobiler Raketen
als wichtigem Element unseres nuklearen
Modernisierungsprogramms
vertrauen. Aber START kann hier eine
Schlüssel rolle spielen. Der Vertrag
kann die sowjetische Bedrohung für
unsere Streitkräfte vermindern, und

- 4 -

�damit wird Uberlebensfähigkeit durch
Mobilität
wahrscheinlicher.
Wenn
START nicht die sowjetische Bedrohung
einschränken würde, wäre eine verläßliche Abschreckung kaum vorhersehbar
und finanziell tragbar zu gewährleisten.
Ohne die START-Verhandlungen
wäre der zur Unterstützung wichtiger
Modernisjerungsprogramme - nicht nur
mobiler ICBMs, sondern auch B-2, Trident und SDI - erforderliche innenpolitische Konsens sehr schwierig aufrechtzuerhalten.
In ähnlicher Weise
würden ohne unsere strategischen Modernisierungprogramme
die
Vorteile
eines START-Abkommens erheblich verringert.
Somit verstärken sich die
Modernisierung
unserer
Streitkräfte
und die Rüstungskontrollbestrebungen
gegenseitig.
Im September habe ich die Entscheidung des Präsidenten verkündet, bei
START mobile, landgestützte Raketen
zu gestatten. Die Zulassung mobiler
Raketen ist nur sinnvoll, wenn die
Vereinigten Staaten zu ihrer Stationierung bereit
sind.
Deshalb ist
diese Entscheidung von der Bewilligung der Mittel für das mobile Raketenprogramm durch den Kongreß abhängig.
Der Kongreß muß jetzt START
durch die Finanzierung dieses Programms unterstützen und darf es nicht
unterminieren.
Senator Nunn hat unlängst erklärt: "Wenn wir es im Kongreß nicht schaffen, unser Modernisierungsprogramm für ICBMs wieder auf
den richtigen Weg zu bringen (...),
sehen die START-Verhandlungen einer
sehr düsteren und langen Zukunft entgegen."
Eine weitere Voraussetzung für eine
erfolgriche Strategie - für mit der
Rüstungskontrolle einhergehende Verteidigungsprogramme
- ist die Notwendigkeit der Einheit als Nation und
als Bündnis.
Das besagt schon die
einfache Weisheit:
Einigkeit macht
stark, Uneinigkeit schwach. Wir dürfen nicht zulassen, daß die Sowjets
Meinungsverschiedenheiten
zwischen
Administration und Kongreß oder zwischen den Vereinigten Staaten und ihren Verbündeten ausnutzen.
Das ent-

bindet uns natürlich nicht von der
Pflicht zu eingehenden Debatten.
Es
ist zwingend erforderlich, daß wir
innerhalb der strategischen Gemeinschaft
und
in der
Öffentlichkeit
überhaupt offene und ehrliche Gespräche über Strategie und Rüstungskontrolle führen. Wenn wir einen potentiellen Angriff abschrecken, müssen
wir - wie der bekannte Historiker
Michael Howard
erklärte - unseren
Völkern versichern, daß ihre in die
Verteidigung gesteckten Dollars die
Sache des Friedens effizient und effektiv unterstützen. Eine offene und
ehrliche Debatte ist die sicherste
Formel für Einigkeit. Und eine solche Debatte muß geführt werden und zu
Ergebnissen gekommen sein, bevor Verträge unterzeichnet werden - wenn wir
Verträge mit nach Hause bringen wollen, die im Interesse der Nation liegen.

Das Ziel der Rüstungskontrolle
der Weg dorthin

und

Als Beitrag zu einer solchen Debatte
möchte ich nunmehr von den Voraussetzungen der Rüstungskontrolle auf die
grundlegenden Ziele unserer Rüstungskontrollpolitik und die Grundsätze zu
sprechen kommen, mit denen diese zu
erreichen sind.
Das wichtigste Ziel der Rüstungskontrolle ist die Reduzierung des Risikos eines Krieges - sei er nun nuklear oder konventionell.
Wir hoffen,
den Krieg zu verhindern, indem wir
stabile,
berechenbare
strategische
Beziehungen
erarbeiten.
Stabilität
erfordert Streitkräfte und eine Politik, mit denen niemand auch nicht angesichts der schlimmsten Krise von
einem
Erstschlag
profitieren kann.
Einen
Krieg
- insbesondere
einen
Atomkrieg - zu gewinnen, darf für die
Sowjets niemals eine Option - auch
keine Option des kleineren Übels, wie
es ein bekannter Stratege genannt hat
sein.
Berechenbarkeit erfordert,
daß ausreichende Offenheit und Transparenz vorherrscht, um Fehleinschätzungen, Fehlplanungen und einen unab-

- 5 -

�sichtlich begonnenen Krieg - den niemand gewollt hat, den aber auch niemand aufhalten könnte - zu verhindern.
Je offener und transparenter
die militärischen Angelegenheiten der
Sowjets sind, umso mehr Vertrauen
können wir ihren Absichten entgegenbringen.
Vier Grundsätze leiten unsere Suche
nach stabilen, berechenbaren strategischen Beziehungen. Erstens streben
wir eine Reduzierung der Fähigkeit zu
einem überraschenden Erstschlag an.
Wir streben durch Vorschläge nach
Stabilität, mit denen die für eine
Offensive
in Blitzkrieg-Manier
und
präventive Erstschläge erforderlichen
Fähigkeiten
reduziert werden.
Bei
KSE haben wir uns darauf konzentriert, den sowjetischen Vorteil bei
solchen Waffen zu beseitigen, mit denen Territorium am ehesten überfallen
und besetzt werden kann:
Panzer,
Schützenpanzer und Artillerie.
Bei
Start streben wir die Reduzierung der
am meisten destabilisierenden Waffen
an, der verwundbaren, silogestützten
ICBMs, etwa der sowjetischen SS-18.
Diese Waffen sind insbesondere für
präventive Erstschläge und nicht vordringlich zur Verteidigung geeignet.
In Wyoming haben wir den Vorschlag
für ein Verbot der Erprobung seegestützter ballistischer Raketen (SLBM)
mit kurzer Flugzeit unterbreitet und
versuchen damit, die sowjetische Fähigkeit
eines
vernichtenden
Erstschlags abzubauen. Unsere START-Vorschläge betonen die relativen Vorzüge
langsam fliegender Waffen - wie etwa
Marschflugkörper und Bomber, die für
einen Erstschlag nicht geeignet sind.
Unser
SDI-Programm
legt
ebenfalls
Priorität auf Stabilität.
Effektive
strategische Verteidigung kann zu einem überlebensfähigen, kostengünstigen Schild gegen einen erfolgreichen
Erstschlag führen. Aus diesem Grund
betrachten wir die von den Sowjets in
Wyoming getroffene Entscheidung zur
Abkoppelung der Gespräche über Vertetdigungs- und
Weitraumwaffen
von
START
positiv.
Diese
sowjetische
Entscheidung, START nicht länger von

der Lösung der Probleme bei Verteidigungs- und Weltraumwaffen abhängig zu
machen, beseitigt ein wichtiges Hindernis für einen START-Vertrag und
versetzt uns gleichzeitig In die Lage,
unsere SDI -Pläne fortzuführen.
Wir engagieren uns weiterhin für die
Erhaltung unseres Rechts auf SDI-Aktivitäten, die im Einklang mit dem
ABM-Vertrag stehen.
Und wir werden
die Gespräche über Verteidigungs- und
Weltraumwaffen nutzen, um einen gemeinsamen und stabilen Übergang zu
mehr Vertrauen auf
stabilitätsfördernde, kosteneffektive strategische
Verteidigung auszuloten.
Unser zweiter Grundsatz - Berechenbarkeit durch Offenheit - geht über
den
traditionellen
Schwerpunkt
der
Rüstungskontrolle, der auf den Fähigkeiten liegt, hinaus.
Jeder Krieg
hat seine eigenen Ursachen, aber sicherlich
brachte
Thukydides
eine
wichtige allgemeine Tatsache zum Ausdruck, als er schrieb:
"Was den
Krieg unvermeidlich machte, war das
Anwachsen der Macht Athens und die
dadurch in Sparta ausgelöste Furcht."
Die Rüstungskontrolle bat sich hauptsächlich mit dem ersten Teil dieser
Einschätzung auseinandergesetzt: Beschränkung oder Reduzierung destabilisierender
militärischer
Fähigkeiten. Bei der Erweiterung der Tagesordnung bemühen wir uns darum, das
zweite Element des Thukydides zu behandein:
Furcht vor agressiven Absichten. Wir drängen auf mehr Offenheit und Transparenz der sowjetischen
militärischen
Handlungen.
Je mehr
wir wissen und verstehen, desto mehr
können wir sichergehen, daß unsere
Befürchtungen nicht das Ergebnis falscher Eindrücke und Fehleinschätzungen sind. Mehr Offenheit ist der sicherste Weg zu größerer Berechenbarkeit und einem niedrigeren Kriegsrisiko, insbesondere dessen eines Krieges aus Versehen.
Die Offene-Himmel-Initiative des Präsidenten ist ein deutliches Beispiel
für diesen neuen Schwerpunkt in der
Rüstungskontrolle.
Offenheit in beziig auf die militärischen Kräfte und

�Maßnahmen bildet das Kernstück der
Gespräche über Vertrauens- und Sicherheitsbildende Maßnahmen (VSBM),
an denen alle europäische Staaten
teilnehmen. In diesen Verhandlungen
schlagen wir einen ganz Europa umfassenden Austausch militärischer Daten
über alle unsere Streitkräfte und
Waffen vor.
Im Einklang mit dem
Geist der Offenheit, der auch bei unserem Ministertreffen in Wyoming zutage trat, haben wir ein Abkommen zur
Benachrichtigung
über
strategische
Übungen unterzeichnet und die Sowjets
eingeladen, unsere SDI-Einricbtungen
zu besichtigen.
Der Datenaustausch
über chemische Waffen wird uns dabei
helfen, einem verifizierbaren, weltweiten Verbot näherzukommen. Verteidigungsminister Jasows Besuch zu Beginn dieses Monats ist nur eines einer ganzen Reihe von Treffen, die
praktische Gelegenheiten zum Verständnis des sowjetischen MiLitärwesens bieten. Wir haben die Sowjets
ferner gedrängt, die realen Zahlen
ihres Verteidigungshaushalts zu veröffentlichen, aus denen Mitteleinsatz
und Ausstoß ihrer Rüstungsproduktion
hervorgehen.
Offenheit in militärischen Angelegenheiten ist nur ein Teil unserer Bemühungen zur Schaffung offener, pluralistischer Institutionen. von denen
wir im Umgang mit den Sowjets geleitet werden. Bei seinem jüngsten Besuch sprach der sowjetische Verteidigungsminister Jasow vom wachsenden
Einfluß der Ausschüsse des Obersten
Sowjets gegenüber dem sowjetischen
Verteidigungskomplex.
Wir
hoffen,
daß die sowjetische Militärmacht zunehmend der heilsamen Wirkung einer
umfassenden und gründlichen öffentlichen Debatte ausgesetzt wird.
Zusammen mit einem Streitkräfteabbau
wird mehr Offenheit auch dem politischen Wandel zugute kommen.
Bei
KSE werden unsere Vorschläge nicht
nur das Potential für einen sowjetischen Blitzkrieg, sondern auch für
eine
sowjetische
Einschüchterung
Westeuropas verringern.
Die sowjetische Armee, mit der wir als poten-

tieller
Angriffsarmee
konfrontiert
sind, ist für die Osteuropäer eine
Besatzungsarmee. Das Gewicht der sowjetischen Militärpräsenz in Osteuropa wird reduziert werden.
Befreit
von dem kalten Schatten sowjetischer
militärischer
Vorherrschaft
werden
politischer
Pluralismus und freie
Märkte in Osteuropa besser gedeihen
können.
Ein
berechenbareres
strategisches
Verhältnis wird voraussichtlich auch
weniger kostspielig sein. Wie der
Präsident in einem Brief an Gorbatschow schrieb, kann die Rüstungskontrolle "Berechenbarkeit in die militärische Planung einführen, so daß
wir das Ausmaß des militärischen
Wettbewerbs abbauen
können".
Ein
verringerter Wettbewerb könnte auch
ein billigerer und sichererer Wettbewerb sein. Unser Wunsch nach Einsparungen darf jedoch nicht mit der erforderlichen Sicherheit in Konflikt
geraten.
Der dritte Grundsatz unserer Politik
ist die Erweiterung der Tagesordnung
bei der Rüstungskontrolle, die ihren
traditionellen Ost-West-Rahmen sprengen muß. Wir erweitern unsere Tagesordnung mit den Sowjets sowohl bei
der Behandlung drängender, weltweiter
RUstungskontrollprobleme,
wie
der
Verbreitung chemischer und nuklearer
Waffen, als auch bei der Konzentration auf regionale Konflikte. In einer
zunehmend miteinander verflochtenen
Welt besteht eine teilweise Wechselwirkung zwischen einem stabilen, berechenbaren amerikanisch-sowjetisches
Verhältnis und regionaler Stabilität.
Ich habe vorhin schon darauf hingewiesen, daß moderne Technologien in
der dritten Welt Verbreitung finden.
Moderne Kampfflugzeuge sind an Libyen, Syrien und Nordkorea geliefert
worden. Über 20 Staaten besitzen die
Fähigkeit zur Herstellung chemischer
Waffen.
Die Verbreitung nuklearer
Waffen, insbesondere das Reaktorprogramm Nordkoreas, bleibt gefährlich.
Die Rüstungskontrolle sollte sich zunehmend solchen Problemen widmen.

- 7 -

�Die UNO-Initiative des Präsidenten
kann uns einem verifizierbaren, weltweiten Verbot chemischer Waffen näherbringen. Der Vorschlag des Präsidenten
bietet
einen
realistischen
Plan für Fortschritte.
Als Schritt
zu einem multilateralen Verbot werden
wir bilateral mit den Sowjets die
chemischen Potenttale auf 20 Prozent
des heutigen amerikanischen
Stands
reduzieren.
Innerhalb von acht Jahren nach Inkrafttreten einer multilateralen Konvention werden wir unsere
Bestände weiter auf nur 2 Prozent des
heutigen Niveaus reduzieren.
Diese
Gesamtverringerung um 98 Prozent bedeutet eine erhebliche Beschleunigung
gegenüber
früheren
Vernichtungsplänen. Nach einer zweijährigen Einhaltung des Verbots durch alle chemiewaffenfähigen Staaten werden wir unser Potential auf Null reduzieren.
Wir sind uns darüber im klaren, daß
es schwierig sein könnte, Problemstaaten wie Libyen zu einem Beitritt
zu bewegen.
Wir arbeiten jedoch an
der Schaffung eines Umfelds, das jedem Land Anreize zum Beitritt bietet
und Kosten für ein weiteres Fernbleiben auferlegt. Aufbauend auf den bei
der unlängst in Canberra abgehaltenen
Konferenz
erzielten
Fortschritten
werden
die
Exportkontrollen
für
Grundchemikalien
verschärft.
Der
Präsident hat ferner angeordnet, eine
Untersuchung über Sanktionen durchzuführen, mit denen der Einsatz chemischer Waffen und andere Verletzungen
einer Konvention abgeschreckt und bestraft werden sollen.
Alle Staaten
müssen wissen, daß sie für ihre Unmenschlichkeit
einen
Preis
zahlen
müssen.
Unser vierter Grundsatz ist die Institutionalisierung einer sichereren
Welt. Der Präsident bemüht sich darum, das Kriegsrisiko
auf
Dauer,
nicht auf Zeit zu reduzieren.
Wir
streben an, daß defensive militärische Operationen bei den Sowjets zum
Normalzustand werden.
Wir möchten,
daß sich das neue Denken konkret in
der sowjetischen Streitkräftestruktur
niederschlägt. Wir möchten, daß Waf-

fen zerstört, nicht nur verlegt werden.
Und wir wünschen Vereinbarungen, die Bestand haben.
Mit
einer
wirksamen
Verifizierung
kann gewährleistet werden, daß die
von uns unterzeichneten Verträge ihre
Aufgabe, eine sicherere Welt zu institutionalisieren,
erfüllen.
Aufgrund des Primats, den die wirksame
Verifizierung in der Haltung dieser
Administration zur Rüstungskontrolle
genießt, haben unsere
Unterhändler
bereits einen Datenaustausch und versuchsweise
Verifikationsmaßnahmen
vorgeschlagen, die schon vor Vertragsabschluß
durchgeführt
würden.
Solche Maßnahmen werden uns bei START
und bei den chemischen Waffen helfen,
Vertrauen zu bilden und praktische
Erfahrungen zu sammeln, die den Abschluß solider, verifizierbarer Abkommen erleichtern werden.
Auch bei unserem Drängen auf vollständige Einhaltung der bereits geschlossenen
Vereinbarungen
seitens
der Sowjets hat es keinen Stillstand
gegeben.
Im September hat Staatsund Parteichef Gorbatschow den Präsidenten informiert, daß das Radar von
Krasnojarsk endlich beseitigt wird.
Wir begrüßen Moskaus Schritt zur Einhaltung des ABM-Vertrags.

Ein realistischer
duzierung

Weg

zur Risikore-

Diese vier Prinzipien eines stabileren, offeneren und weniger umkehrbaren strategischen Verhältnisses bieten uns einen realistischen Weg zur
dauerhaften Reduzierung von Risiken.
Dieser Weg wird am besten mit stetigen, aufeinander aufbauenden Schritten
begangen, anstatt
mit
großen
Sprüngen, die häufig wirklichkeitsfern sind oder wieder rückgängig gemacht werden. Bei START, bei KSE, in
all unseren Verhandlungen haben wir
faire,
verantwortungsbewußte
Vorschläge unterbreitet, die zur Erlangung dauerhafter Elemente beiderseitigen Vorteils dienen.
Die Sowjets
haben viele unserer Vorschläge mit Ja

�beantwortet. Jetzt haben wir unsere
Ärmel aufgekrempelt und uns zusammen
an die Arbeit begeben, um Grundsätze
mit Leben zu erfüllen.

'
*

ten des Friedens aufgehen zu lassen.
Dies ist das strategische Verhältnis,
das wir anstreben.

Wir sollten uns über die vor uns liegende Aufgabe im klaren sein.
Wir
befinden uns nicht am Rande eines
ewigen Friedens, in dem ein Krieg
nicht mehr möglich ist. Wir können
weder die Erfindung der Atomwaffen
noch die Notwendigkeit der andauernden Abschreckung rückgängig machen.
Auch die sowjetisch-amerikanische Rivalität läßt sich nicht vollständig
beseitigen.
Diese Rivalität erfordert es jedoch nicht, daß wir am Rande des Weltkriegs stehen, wie dies
vor 27 Jahren in diesem Monat der
Fall war. Der Frieden muß nicht länger von dem von Winston Churchill so
bezeichneten "Prozeß erhabener Ironie" abhängen, "wo Sicherheit das robuste Kind des Schreckens sein wird
und das Überleben der Zwillingsbruder
der Vernichtung".
Die Abschreckung muß nicht einzig und
allein
auf
einem
zerbrechlichen,
technischen Gleichgewicht des Schrekkens beruhen, das von periodischen
Krisen gestört wird.
Heute bietet
sich uns stattdessen die Chance, über
die Politik des Containment, über den
kalten Krieg hinaus zu einem neuen
strategischen Verhältnis zu gelangen,
das auf einer soliden politischen
Grundlage beruht.

i

Ein neues Verhältnis, in dem die Fähigkeiten und Anreize zu einem Erstschlag minimiert und die Möglichkelten
strategischer
Verteidigungssysteme untersucht werden. Ein neues
Verhältnis, in dem die sowjetische
Militärmacht mit bloßem Auge zu erkennen ist und nicht nur von Satelliten am Himmel. Ein neues Verhältnis,
in dem alle Völker Europas frei von
militärischer Einschüchterung
sind.
Ein neues Verhältnis, in dem ein niedrigeres Kriegsrisiko durch wirksam
verifizierbare
Verträge
verankert
wird. Ein neues Verhältnis, in dem
Rüstungskontrolle
unseren
Völkern
hilft, die Saat des Krieges zu Früch- 9 -

*****

�AMERIKA DIENST
VON

Hintergrundmaterial

*

39

25. Oktober 1989

VERSICHERUNG FÜR ARBEITSLOSE
- Dritter von fünf Artikeln über das amerikanische Sozialwesen

WASHINGTON - (AD) - Verliert ein amerikanischer Arbeitnehmer seinen Arbeitsplatz, bezieht er Leistungen aus
der Arbeitslosenversicherung, die für
gewöhlich ein Drittel bis die Hälfte
seines
letzten Einkommens
betragen
und maximal 26 Wochen lang ausbezahlt
werden.
In Zeiten außerordentlich hoher Arbeitslosigkeit kann er für weitere 13
Wochen zusätzliche Unterstützung erhalten.
Zusätzliche
Unterstützung
wird dann genehmigt, wenn die Arbeitslosenquote
in
dem
jeweiligen
Staat 1n den vergangenen 13 Wochen
bei durchschnittlich 6 Prozent liegt
oder wenn sie über 5 Prozent beträgt
und mindestens 20 Prozent höher ist
als in den vorausgegangenen 2 Jahren.
Für Zeiten einer landesweiten Rezes-

United States Information Service
Embassy of the United States of America

sion, wenn die Mehrzahl der Staaten
von hoher und anhaltender Arbeitslosigkeit betroffen sind, hat der Kongreß darüber hinaus von der Bundesregierung finanzierte zusätzliche Unterstützung bewilligt.
In der Mehrzahl der Staaten erhalten
vorübergehend entlassene Arbeitnehmer
eine Woche nachdem sie arbeitlos werden
reguläre Unterstützung
selbst
wenn sie ihren ehemaligen Arbeitsplatz nach kurzer Zeit zurückerhalten
oder rasch einen neuen finden.
Nur wenige beziehen die Leistungen
aus der Arbeitslosenversicherung für
den längsten möglichen Zeltraum. Im
Jahr 1988 betrug die durchschnittliche Dauer der Arbeitslosigkeit eines
vorübergehend aus einer Vollzeitbe-

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.: 0228-339 2035
Telex: 8-85432

�schäftigung entlassenen Arbeitnehmers
13,5 Wochen.
Mit Ausnahme einiger weniger Staaten,
in denen der Arbeitnehmer geringe
Beiträge entrichten muß, wird die Arbeitslosenversicherung durch getrennte vom Staat und Bund erhobene Lohnsummensteuern des Arbeitgebers finanziert. Sie wird anhand der vom amerikanischen Arbeitsministerium erarbeiteten Richtlinien verwaltet.

Arbeitslosenunterstützung
Im Gegensatz zur Sozialversicherung
ist
die
Arbeitslosenunterstützung
nicht einheitlich und variiert von
Staat zu Staat entsprechend der Lebenshaltungskosten
erheblich.
Im
Landesdurchschnitt betrug der 1988 im
Rahmen der Arbeitslosenversicherung
an einen Arbeitslosen ausgezahlte Betrag 143 Dollar pro Woche, wobei der
Satz mit 103 Dollar in Alabama am
niedrigsten und mit 206 Dollar in
Massachusetts am höchsten lag. In 12
Staaten einschließlich Massachusetts
wurden darüber hinaus Familienzulagen
bezahlt, wodurch der wöchentliche
Höchstbetrag dort auf 382 Dollar aufgestockt wurde.
Arbeitslose Arbeitnehmer, deren Jahreseinkommen
unter die landesweit
festgesetzte Armutsgrenze fällt - im
Jahr 1989 rund 10 060 Dollar für eine
dreiköpfige Familie - kommen auch für
andere Sozialprogramme in Frage wie
Wohnungsbeihilfe, Lebensmittelmarken,
landwirtschaftliche Überschüsse, Hilfe für Familien mit unterhaltsberechtigten Kindern (AFDC) sowie durch
Blockzuschüsse des Bundes an die
Staaten finanzierte allgemeine Sozialleistungen.
Da die Arbeitslosenquote in den Vereinigten Staaten in den vergangenen
Jahren kontinuierlich gesunken ist
und die meisten Gewerkschaften in den
Tarifverhandlungen die Sicherheit des
Arbeitsplatzes vor Gehaltserhöhungen
und andere Leistungen des Arbeitgebers gestellt haben, mußten weniger

amerikanische Arbeitnehmer die Arbeitslosenversicherung
in
Anspruch
nehmen.
Nur ein Staat - Alaska zahlte im Jahr 1988 zusätzliche Unterstützung und 1989 wurde sie überhaupt noch nicht in Anspruch genommen.
Im letzten Zeitraum, für den vollständige Daten zur Verfügung stehen dem am 30. September 1988 zu Ende gegangenen Haushaltsjahr - bezogen 7
Millionen Amerikaner Arbeitslosenunterstützung in Höhe von 13,4 Milliarden Dollar. Rund 3 Milliarden Dollar
dieser Gesamtsumme - einschließlich
2,2 Milliarden Dollar an Ausgleichszahlungen für Arbeitnehmer, die ihren
Arbeitsplatz aufgrund von Importen
verloren hatten - wurden von der Bundesregierung
bereitgestellt, wobei
die jeweiligen Staaten für den Rest
aufkamen.

Hintergrund
Die Arbeitslosenversicherung
wurde
1935 im Rahmen des Sozialversicherungsgesetzes ins Leben gerufen, um
Arbeitnehmer und ihre Familien gegen
die durch den unverschuldeten vorübergehenden Verlust ihres Arbeitsplatzes verursachten wirtschaftliche
Härten abzusichern.
In den meisten
Staaten muß der Anspruchsberechtigte
mindestens zwei Quartale des vorausgegangenen Kalenderjahres beschäftigt
gewesen sein, um Unterstützung beziehen zu können. Alle Staaten stellen
die Bedingung, daß der Antragsteller
arbeitsfähig und verfügbar ist, sollte ein Arbeitsplatz angeboten werden.
Einkommensschwache Familien, die von
langfristiger
Arbeitslosigkeit
betroffen sind, können Unterstützung
durch andere Sozialhilfeprogramme des
Bundes, Staates oder der Gemeinde beantragen.
Die Unterstützung für ehemalige Zivilangestellte des Bundes, kürzlich
aus dem Militärdienst ausgeschiedene
Soldaten oder Offiziere und Arbeitnehmer, die ihren Arbeitsplatz aufgrund der Handelspolitik oder Naturkatastrophen verlieren. ist an die

- 2-

�Arbeitslosenverslcherung angeglichen,
wird
jedoch aus Bundesmitteln und
nicht aus der Lohnsummensteuer finanziert.
Arbeitslosenversicherung
ist
ebenso
wie die Sozialversicherung kein vermögensabhängiges
Programm, bei dem
die Höhe der Unterstützung vom verfügbaren Einkommen oder anderen Mitteln des Versicherten abhängt. Praktisch alle amerikanischen Arbeitnehmer sind durch Programme des Bundes
oder der Staaten abgedeckt.
Ausgenommen sind Arbeitnehmer, die für Arbeitgeber tätig sind, die in jeder
der vorausgegangenen 20 Kalenderwochen niemanden beschäftig hatten oder
deren
gezahlte
Gehälter
in
jedem
Quartal der letzten beiden Kalenderjahre 1 500 Dollar nicht überstiegen.
In der Landwirtschaft und im Haushalt
tätige Arbeitskräfte sind ebenfalls
ausgenommen, wenn
ihre Arbeitgeber
über mindestens 10 Kalenderwochen in
den vergangenen zwei Jahren hinweg
weniger als 10 Beschäftigte hatten
oder deren vierteljährliche Lohnsummensteuer in einem der beiden Jahre
unter 20 000 Dollar lag.

dies, daß die tatsächlich vom Arbeitgeber abgeführte Lohnsummensteuer 0,8
Prozent
beträgt.
Dem
Bundesgesetz
zufolge ist jeder Staat ermächtigt,
seinen eigenen Steuersatz für die Arbeitslosenversicherung
festzusetzen
und
sowohl die
Bemensungsgrundlage
für die Erhebung dieser Steuern zu
bestimmen als auch, welche Arbeitgeber Steuern zahlen müssen.
Im Jahr
1988 belief sich der durchschnittlich
von den Staaten erhobene Lohnsummensteuersatz auf 2,4 Prozent der ersten
7 000 Dollar der gezahlten Gehälter
und variierte zwischen 5,4 Prozent in
Puerto Rico und 0,7 Prozent in New
Hampshire.
Die
Beitragsbemessungsgrenze lag zwischen 7 000 und 20 900
Dollar.
Für gewöhnlich werden die Staatskonten genutzt, um Arbeitslosen während
des regulären Unterstützungszeitraums
von 26 Wochen direkte Unterstützung
zu gewähren.
Die Lohnsummensteuer
des Bundes wird zur Deckung der den
Staaten bei der Verwaltung des Programms entstandenen Kosten verwendet
und zur Finanzierung von 50 Prozent
der Kosten für zusätzlich gewährte
Unterstützung

Finanzierung
Andere Programme
Die vom Arbeitgeber abgeführte Lohnsuramensteuer wird in einen von der
Bundesregierung verwalteten Treuhandfonds eingezahlt, bei dem jeder Staat
sein eigenes Konto unterhält.
Ende
1988 beliefen sich die Reserven dieser Staatskonten zusammengenommen auf
über 30 Milliarden Dollar.
Die
betroffenen
Arbeitgeber müssen
eine Lohnsummensteuer in Höhe von 6,2
Prozent der an die Arbeitnehmer ausgezahlten Jahresgehälter bis zu 7 000
Dollar an die Bundesregierung abführen. Dem Gesetz zufolge wird jedoch
Arbeitgebern eine Einkommensteuervergünstigung in Höhe von 5,4 Prozent
gewährt, die eine Steuer für die Arbeitslosenversicherung an den Staat
entrichten.
Da alle Staaten jetzt
ihre eigene Steuer für die Arbeitslosenversicherung
erheben,
bedeutet

Im Rahmen des Bundesgesetzes müssen
Firmen mit über 100 Vollzeitbeschäftigten Betriebsstillegungen oder Massenentlassungen mindestens 60 Tage im
voraus ankündigen.
So können sich
die Arbeitnehmer besser mit dem Gedanken
zukünftiger
Arbeitslosigkeit
vertraut machen und haben Zeit, sich
einen neuen Arbeitsplatz zu suchen.
Darüber hinaus kann so im Falle von
Massenentlassungen die Unterstützung
durch die staatlichen und kommunalen
Regierungen rechtzeitig und im angemessenen Umfang erfolgen.
Andere Programme wie die Gesetze über
Wirtschaftsausgleich, Übergangshilfen
für Arbeitnehmer und
Unterstützung
durch importbedingte Handelsanpassungen
gewähren Voll- und Teilzeitbeschäftigten
zusätzliche
Unterstüt-

- 3 -

�zung, die ihren Arbeitsplatz infolge
von Betriebsstillegungen und Massenentlassungen verlieren.
Arbeitnehmer, die ihren Arbeitsplatz
verloren haben, können für gewöhnlich
im Rahmen einer Reihe von Ausbildungs- und
Beschäftigungsprogrammen
der Staaten und des Bundes an Umschulungsmaßnahmen
teilnehmen.
Einkommensschwache Jugendliche und Angehörige von Minderheiten, die neu auf
den Arbeitsmarkt kommen, können im
Rahmen des außerordentlich erfolgreichen Job Corps-Programms an Ausbildungs- und Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen teilnehmen, die von der Bundesregierung in Zusammenarbeit mit staatlichen Regierungen und Privatfirmenen
durchgeführt werden.
Die Bezahlung
der meisten Arbeitsplätze, für die
Arbeitnehmer
ausgebildet
werden,
liegt über dem allen amerikanischen
Arbeitnehmern durch das Bundesgesetz
garantierten Mindestlohn.
Zusätzlich zur Sozial- und Arbeitslosenversicherung wird bestimmten Personengruppen Unterstützung im Rentenalter und bei Behinderung geboten.
Diese erstreckt sich auf pensionierte
und behinderte zivile Bundesbedienstete, Angehörige des Militärs, Bahnangestellte, durch die "Staublunge"
berufsunfähig gewordene Bergarbeiter
sowie Familienangehörige oder Hinterbliebene dieser Personengruppen.
Die meisten staatlichen und kommunalen Regierungen bieten ihren Angestellten ähnliche Versicherungen gegen Einkommensverlust an.
Im Jahr
1988 waren rund 30 Millionen Amerikaner durch andere öffentliche Rentenversicherungen als die Sozialversicherung abgedeckt.
Jeder Staat bietet darüber hinaus ein
eigene
Berufsunfallversicherung,
die für gewöhnlich durch vom Arbeitgeber entrichtete Steuern finanziert
wird und Arbeitnehmern und ihren Familienangehörigen zusätzliche Versicherungsleistungen
bei Verlust des
Einkommens aufgrund
von Verletzung
oder Tod am Arbeitsplatz bietet. Ei-

nige dieser Programme wurden bereits
Anfang dieses Jahrhunderts ins Leben
gerufen.

* * * * *

�AMERIKA DIENST
Hintergrundmaterial

VoN^

25. Oktober 1989

39

MEDIZINISCHE VERSORGUNG FÜR BEDÜRFTIGE UND ÄLTERE MENSCHEN
- Vierter von fünf Artikeln zum amerikanischen Sozialwesen -

WASHINGTON - (AD) - Die Vereinigten
Staaten haben kein einheitliches System der Gesundheitsfürsorge für die
gesamte Bevölkerung.
Es gibt jedoch
zwei Einzelprogramme, die gemeinsam
die medizinische Versorgung für die
Mehrheit der amerikanischen Bevölkerung abdecken, die keine private oder
vom Arbeitgeber mitfinanzierte Krankenversicherung haben.
MEDICARE wurde
im Jahr
1965 als
Krankenversicherung für ältere Menschen
ins
Leben
gerufen
und
MEDICAID
im gleichen
Jahr verabschiedet, um die Kosten für die medizinische Versorgung der Bedürftigen
und Behinderten zu tragen, die keinen
Anspruch auf MEDICARE haben.
Dem amerikanischen Statistischen Bun-

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Embassy of the United States of America

desamt zufolge übernahm MEDICARE die
GesundheitsfUrsorgekosten
für
12.6
Prozent und MEDICAID für 8,1 Prozent
der Bevölkerung ; 73,3 Prozent waren
durch vom Arbeitgeber, den Gewerkschaften oder dem Versicherten selbst
abgeschlossenen privaten Versicherungen abgedeckt, und 14,7 Prozent hatten überhaupt keinen Versicherungsschutz.

MEDICARE für die älteren Mitbürger
MEDICARE gliedert sich in zwei Teile. Jeder sozialversicherte Amerikaner über 65 Jahre, kann Krankenhausversicherungsleistungen
in Anspruch
nehmen und praktisch jeder (mit Ausnahm" von Ausländern, die ihren Wohnsitz in den USA haben) kann mit fe-

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.: 0228-339 2035
Telex: 8-85432

�sten
monatlichen
Beitragszahlungen
eine
staatliche
Versicherung
abschließen, die andere Auslagen übernimmt.

nimmt MEDICARE 100 Prozent aller übrigen im Rahmen von Teil B genehmigten Kosten für den Rest des Kalenderjahres.

1987, dem letzten Jahr, für das vollständige Daten zur Verfügung stehen,
erhielten schätzungsweise 32,4 Millionen Amerikaner Leistungen aus dem
MEDICARE-Programm der Bundesregierung
in Höhe von 78,9 Milliarden Dollar.

Wenn ein Arzt oder Krankenhaus mehr
als
den
von
MEDICARE
anerkannten
Höchstbetrag berechnet, muß der Patient für die Differenz aufkommen,
die nicht auf den 1.370 Dollar-Betrag
angerechnet wird.
Die Mehrzahl der
Arzte und Krankenhäuser vereinbaren
jedoch bereits im voraus, nicht mehr
als den von MEDICARE genehmigten Betrag für solche Leistungen zu berechnen.

Die
Krankenhausversicherung
(Teil
A) übernimmt zu 100 Prozent alle
Leistungen in einem von MEDICARE anerkannten
Krankenhaus - unabhängig
von Kosten. Dauer des Krankenhaasaufenthalts oder der Häufigkeit, mit
der sich ein Patient pro Jahr einer
Behandlung unterzieht - nach Zahlung
einer einmaligen "Selbstbeteiligung"
(564 Dollar im Jahr 1989).
Unter
Selbstbeteiligung
versteht man den
Betrag, den ein Patient für einen erforderlichen
Krankenhausaufenthalt
bezahlen muß, bevor MEDICARE die mit
dem Programm abgedeckten Kosten für
Behandlung und Versorgung übernimmt.
Teil A kommt auch für bestimmte Arten
von häuslicher Betreuung auf wie für
die Pflege durch eine Krankenschwester oder einen Krankenpfleger, nachdem der Patient aus dem Krankenhaus
entlassen worden ist.
Außerdem für
bis zu 150 Tage pro Kalenderjahr in
einem von MEDICARE anerkannten Heim
mit
qualifiziertem
Pflegepersonal,
wobei der Patient einen Zuschuß zu
den ersten sechs Tagen der Behandlung
zahlen muß (22 Dollar pro Tag im Jahr
1989) und für unbegrenzte Behandlung
in einer Sterbeklinik.
Im
Rahmen
der
Krankenversicherung
(Teil B) muß ein Patient die ersten
75 Dollar dpr von MEDICARE genehmigten Kosten für Behandlung und Ausgaben pro Kalenderjahr und 20 Prozent
aller danach anfallenden Kosten bis
zu einem Höchstbetrag von 1.370 Dollar im Jahr 1989 übernehmen. Es ist
nicht ausschlaggebend, ob der Patient
oder eine private Krankenversicherung
für diese Kosten aufkommt.
Ist die
1.370 Dollar-Grenze erreicht, über-

Die Krankenhausversicherung im Rahmen
von MEDICARE wird zum Teil aus derselben von der Bundesregierung erhobenen Lohnsummensteuer finanziert wie
die Sozialversicherung.
Die Krankenversicherung (Teil B) wird von den
vom Versicherungsnehmer entrichteten
Monatsbeiträgen getragen (31,90 Dollar im Jahr 1989).
Die Krankenhauskosten werden im allgemeinen direkt von MEDICARE an die
jeweilige Institution bezahlt.
Alle
anderen Behandlungskosten werden vom
Patienten übernommen, der sich dann
zur Rückerstattung an MEDICARE wendet.
Zur Zeit kommt MEDICARE für alle dem
Patienten im Krankenhaus verordneten
Medikamente auf. Vorbehaltlich eines
Einspruchs
durch
den
Kongreß
erstreckt sich diese Bestimmung ab 1.
Januar 1991 auch auf alle anderen
verordneten
Medikamente, bei einer
Selbstbeteiligung des Patienten von
600
Dollar
jährlich.
Wenn
die
Selbstbeteiligung
ausgeschöpft
ist,
übernimmt MEDICARE die Hälfte der Kosten für alle anderen verschriebenen
Medikamente bis zum Ende des Kalenderjahres.

MEDICAID für die Bedürftigen
Im Rahmen der von den Bundesstaaten
verwalteten und gemeinsam mit der
Bundesregierung finanzierten MEDICAID
muß jeder Staat ein Minimum an Lei-

- 2 -

�stungen übernehmen, etwa ambulante
und
stationäre
Klinikhehandlung.
Arztleistungen, qualifizierte Betreuung zu Hause, Laboruntersuchungen und
Röntgendiagnose, Vorsorgeuntersuchungen und Nachsorge für Kinder unter 21
Jahren, Krankenpflege, Beratung bei
der Familienplanung. Sanatorien auf
dem Land sowie Begleitdienste.
Alle Familienmitglieder, die entweder
Zuschüsse
für
Einkommensschwache
(SSI) oder Hilfe für Familien mit unterhaltsberechtigten
Kinder
(AFDC)
erhalten,
sind
automatisch
durch
MEDICAID abgedeckt. SSI ist ein vom
Staat
finanziertes und
verwaltetes
öffentliches Hilfsprogramm, in dessen
Rahmen Kindern und älteren Menschen,
Behinderten oder Blinden festgesetzte
monatliche
Beträge
bar
ausgezahlt
werden - auch denjenigen, die über
sehr
begrenzte
finanzielle
Mittel
oder ein geringes Einkommen verfügen
oder nicht vollständig durch andere
größere
Sozialhitfeprogramme
abgedeckt sind. AFDC unterstützt Familien finanziell, in denen ein Elternteil verstorben ist, die Familie verlassen hat, behindert ist oder - in
einigen Staaten - seinen Arbeitsplatz
verloren hat
Dem Bundesgesetz zufolge müssen die
Staaten darüber hinaus minderjährigen
Kindern Bedürftiger und Behinderter
bestimmte
kostenlose
medizinische
Dienste anbieten.
Augen, Gehör und
Zähne dieser Kinder müssen untersucht
und gegebenenfalls behandelt werden.
Ihr Wachstum und ihre Entwicklung muß
regelmäßig überprüft, und sie müssen
gegen ansteckende Krankheiten geimpft
werden.
Die jeweiligen Staaten bestimmen, wer
Anspruch auf MEDICAID hat, und die
Bedingungen sind von Staat zu Staat
unterschiedlich.
In
den
meisten
Staaten kann eine Person MEDICAID in
Anspruch nehmen, wenn das Einkommen
der Familie unter der festgelegten
Armutsgrenze liegt.
Im Jahr 1987 erhielten rund 23,3 Millionen Amerikaner MEDICAID in Höhe

von 47,5 Milliarden Dollar. Der Anteil des Bundes an dieser Gesamtsumme
belief sich auf 26,2 Milliarden Dollar, von denen 40 Prozent auf vier
Staaten entfielen - New York, Kalifornien. Ohio und Pennsylvania.
Der jeweilige Staat oder seine Zahlstelle bezahlt die Kosten für von
MEDICAID abgedeckte Dienstleistungen
für den Versicherungsnehmer
direkt
beim Arzt oder Krankenhaus.
Gemäß
einem vom Kongreß festgelegten Kostenschlüssel übernimmt die Bundesregierung in Staaten mit dem niedrigsten Pro-Kopf-Einkoramen einen größeren Kostenanteil
der
medizinischen
Versorgung
Im Jahr 1989 bewegt sich
der Anteil des Bundes in den einzelnen Staateo zwischen mindestens 50
und höchstens 80 Prozent und beträgt
durchschnittlich ca. 56 Prozent der
gesamten Programmkosten.
Die Regierungen des Bundes und der Staaten
teilen sich die Verwaltungsausgaben
jeweils zur Hälfte.

Änderungen
gramme

der

medizinischen

Pro-

Im Dezember 1988 verabschiedete der
Kongreß
einen
Gesetzentwurf
für
MEDICARE bei Krankheiten mit katastrophalen Folgen, der mit Unterschrift des Präsidenten zum Gesetz
wurde. Zusätzlich zu stark erweiterter
MEDICARE-Abdeckung
anhaltender
und kostenintensiver Krankheiten der
älteren Menschen müssen die staatlichen
MEDICAID-Prograrame
im
Rahmen
dieses Gesetzes die MEDICARE-Beiträge, Selbstbeteiligung und den Beitragsanteil verarmter älterer und behinderter Amerikaner für Krankenhausaufenthalt
und
Krankenversicherung
übernehmen.
Ab 1. Juli 1990 schreibt das Gesetz
den Staaten erweiterte MEDICAID-Leistungen
für schwangere Frauen und
Kinder von unter einem Jahr vor, wenn
das
verfügbare Einkommen
unterhalb
der Armutsgrenze liegt.
Dem Gesetz
zufolge steht dem Ehepartner eines
Patienten, bei dem eine langfristige

- 3 -

�medizinische Versorgung in einem anerkannten Pflegeheim, einer psychiatrischen Klinik oder anderen Institution erforderlich ist, ausreichendes
verfügbares Einkommen zu. um nicht
unter 122 Prozent der Armutsgrenze zu
sinken.
Ältere Amerikaner lehnten das Gesetz
von 1938 jedoch ab, vor allem wegen
der Art seiner Finanzierung - durch
eine Ergänzungsabgabe zur Einkommenssteuer für ältere Menschen, bei der
die vermögenderen einen höheren Prozentsat/, als die einkommenssehwachen
Versicherten zahlen.
Am 4. Oktober
stimmte das amerikanische Repräsentantenhaus über einen Einspruch ab,
und zwei Tage später verabschiedete
der Senat eine Maßnahme zur Abschaffung der Ergänzungsabgabe und Aufrechterhai tung unbegrenzter Übernahme
der Kr-inkenhauskosten durch MEDICAX.E
sowie erweiterte MEDICARE Leistungen
für die Einkomuensschwachen. wid^rri.'f jedoch andere MEDICARE-Klausein
für Krankheiten
mit
katastrophalen
Folgen, die nach 1989 in Kraft treten
sol lter,.

Die Ausgaben von Bund, Staaten und
Gemeinden
für
Gesundheitsfürsorge
(einschließlich durch Lohnsuramensteuer
finanzierte
MEDICARE-Leistungen)
stiegen von 19 Milliarden Dollar im
Jahr 1967 auf 202 Milliarden Dollar
im Jahr 1987 und machten 1987 fast 41
Prozent der Gesamtausgaben im Bereich
des Gesundheitswesens aus.

Bis die beiden gesetzgebenden Kammern
ihre Meinungsverschiedenheiten beigelegt hoben und der Präsident einen
Kompromi ßvorschlag
unterzeichnet,
bleibt das Schicksal der durch die
Maßnahm* von 1988 erzwungenen Gesetzesönderung ungewiß.

US-Aufwendungen
sorge

für

Gesundheitsfür-

Die Ausgaben für das amerikanische
Gesundheitswesen nehmen innerhalb der
amerikanischen
Volkswirtschaft
am
schnellsten zu und stiegen von 51
Milliarden Dollar oder 6,3 Prozent
des
Bruttosozialprodukts
(BSP)
im
Jahr 1967 auf 497 Milliarden Dollar
oder 11,2 Prozent des BSP im Jahr
1987.
Im gleichen Zeitraum erhöhten
sich die Pro-Kopf-Ausgaben für Gesundheitsfürsorge von 247 Dollar auf
1.973 Dolla-.
- 4 -

* * * * *

�AMERIKA DIENST
Wirtschaft

'VON«*

39

25. Oktober 1989

PRO-KOPF-EINKOMMEN STEIGT, AUSMASS DER ARMUT UNVERÄNDERT

Artikel Über eine Pressekonferenz des Statistischen Bundesamts
der Vereinigten Staaten -

WASHINGTON - (AD) - Vertretern der
amerikanischen Regierung zufolge ist
das Pro-Kopf-Einkommen in den Vereinigten Staaten im Jahr 1988 auch inf lationsbereinigt
angestiegen. während sich die Zahl der Personen unterhalb der amtlich festgelegten Armutsgrenze nicht verändert hat.
"In diesem Jahr haben die meisten
Gruppen Verbesserungen erzielt oder
das Niveau des Vorjahres gehalten",
erklärte William Butz, der für demographische
Entwicklungen
zuständige
stellvertretender Direktor des Statistischen Bundesamts der Vereinigten
Staaten am 18. Oktober 1988 bei der
Vorstellung der ersten nach Alter,
Rasse,
Familienstand,
Haushaitstvp.
geographischen Gebieten und anderen

United States Information Service
Embassy of the United States of America

Merkmalen
unterteilten
Studie
des
Amts über die Einkommensentwicklung
im Jahr 1988.
Während das Pro-Kopf-Einkommen inflationsbereinigt
auf die Rekordsumme
von 13 120 Dollar stieg, hielt ein
seit 20 Jahren bestehender Trend an,
wonach die Zahl der ärmsten und der
reichsten Bürger weiter zunahm. Das
bedeutet, daß der Anteil der Mittelklasse an der Gesamtbevölkerung abnimmt.
Butz zufolge sind sich die
Experten über die Gründe dieses Phänomens nicht im klaren.
Das
inflationsbereinigte
Pro-KopfEinkommen, auch als reales Pro-KopfEinkommen bezeichnet, stieg für die
meisten Schwarzen von 1987 bis 1988

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D 5300 Bonn 2

Tel.: 0228-339 2035
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�an. Der 3,9prozentige Zuwachs erhöhte die Einkommen auf 8 270 Dollar pro
schwarzem Bürger.
Der im Jahr 1988 für Weiße verzeichnete geringere Anstieg von 1,5 Prozent bescherte diesen trotzdem ein
stark
gestiegenes
Durchschnittseinkommen von 13 900 Dollar, da sie
schon vorher ein wesentlich höheres
Niveau erreicht hatten.
Das Realeinkommen der Hispano-Amerikaner blieb mit 7 960 DoLlar im Jahr
1988 unverändert.
Die Zahl der Personen unterhalb der
amtlich festgelegten Armutsgrenze lag
im Jahr 1988 mit 31,9 Millionen kaum
niedriger als im Jahr 1987, als sie
32,3 Millionen betrug. Mit der Aussage, daß dieser Unterschied statistisch nicht ins Gewicht fällt, verweisen die Statistiker darauf, daß
die Differenz zwischen den beiden
Zahlen auf verfahrenstechnischen oder
Rechenfehlern beruhen könnte.

zent. Die Quoten des Jahres 1987 waren praktisch gleich.
Etwa 75 Prozent aller Armen lebten in
Familien.
Innerhalb dieser Gruppe
waren alleinerziehende Mütter besonders stark von Armut betroffen.
Zum Beispiel war bei 75,6 Prozent aller schwarzen Familien, die unterhalb
der Armutsgrenze lebten, eine alleinerziehende
Frau
Haushaltsvorstand.
Bei Hispano-Amerikanern lag die Vergleichsquote bei 47,9 Prozent, bei
Weißen erreichte sie 43,5 Prozent.
In fast der Hälfte der armen Familien
(48,3 Prozent) gab es im Jahr 1988
berufstätige Mitglieder, In 16,4 Prozent dieser Familien hatte zumindest
ein Familienmitglied einen Vollzeitarbeitsplatz. Letztere Zahl bedeutet
im Vergleich zum Jahr 1987 eine Zunahme, als nur In 14,6 Prozent der
armen Familien mindestens ein Familienmitglied einen Vollzeitarbeltsplatz
hatte, das Familieneinkommen dennoch
unter der Armutsgrenze lag.

Die Arrautsquote belief sich im Jahr
1988 auf 13,1 Prozent, während sie
1987 13,4 Prozent betragen hatte.
Die Armutsgrenze wird jedes Jahr von
der Bundesregierung nach den Lebenshaltungskosten und der Zahl der Familienmitglieder neu festgesetzt.
Im
Jahr 1988 lag die Armutsgrenze für
einen
Vier-Personen-Haushalt
bei
12 092 Dollar.
Die Armutsquote hatte im Jahr 1978
mit 11,4 Prozent ihren niedrigsten
Stand seit dem Zweiten Weltkrieg erreicht. Der Anteil der Armen an der
Gesamtbevölkerung
stieg
inflationsund
rezessionsbedingt
auf
einen
Höchststand von 13,5 Prozent im Jahr
1983.
Die Armutszahlen unterscheiden sich
stark
je nach Rassenzugehörigkeit.
Während die Quote bei Weißen im Jahr
1988 bei 10,1 Prozent lag, erreichte
sie bei den Schwarzen 31,6 und bei
den
Hispano-Amerikanern
26.8
Pro-

* * * * *

&lt;

�^eos^

^VoN^

AMERIKA DIENST
Wissenschaft und Technik

25. Oktober 1989

39

SICHERE LANDUNG DER RAUMFÄHRE NACH GEGLÜCKTER AUSSETZUNG
DER RAUMSONDE GALILEO

WASHINGTON - (AD) - Die Besatzung der
Raumfähre ATLANTIS
ist nach einer
fünftägigen Mission im All, in deren
Verlauf
die
unbemannte
Raumsonde
GALILEO auf den Weg durch das Sonnensystem zum Planeten Jupiter gebracht
wurde, sicher zur Erde zurückgekehrt.
Am 23. Oktober 1989 machte die Raumfähre um ] 7! 33 Uhr MEZ eine perfekte
Landung auf einem zum LuftwaffenStützpunkt Edwards in Kalifornien gehörenden ausgetrockneten See in der
Mojave-WUste.
Damit wurde der 31.
Flug einer Raumfähre insgesamt und
der sechste seit der CHALLENGER-Katastropbe erfolgreich beendet.
Die ATLANTIS
landete drei Stunden
früher als vorgesehen, um für später
vorhergesagten
stürmischen
Winden

United States Information Service
Embassy of the United States of America

auszuweichen.
Bei zu starkem Wind
hätte die Landung bis zum nächsten
Tag verschoben werden können.
"Wir gratulieren zu einer hervorragenden Mission," funkte das Raumfahrtzentrum in Houston, nachdem die
Astronauten die Raumfähre zum Stillstand gebracht hatten.
"Sie haben
den Aktionsradius der Raumfähre zu
den äußeren Planeten ausgedehnt."
Während die Astronauten zur Erde zurückkehrten, befand sich die von der
ATLANTIS am 18. Oktober 1989 gestartete Raumsonde GALILEO schon 1,6 Millionen Kilometer von der Erde entfernt auf der ersten Etappe einer
sechsjährigen Reise durch das Sonnensystem
zum Riesenplaneten
Jupiter.
Der Bodenkontrolle zufolge funktio-

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�nieren alle
einwandfrei.

Systeme

der

Raumsonde

Die Flugbahn von GALILEO wird einmal
an der Venus und zweimal an der Erde
vorbeiführen,
bevor
die
Sonde
schließlich am 7. Dezember 1995 den
Jupiter erreichen wird.
Nach ihrer
Ankunft wird GALILEO 22 Monate lang
den Jupiter und seine Monde erforschen. Damit wird zum ersten Mal eine Raumsonde einen der äußeren Riesenplaneten umkreisen.
Eine weitere Sonde an Bord von Galileo wird in die Jupiter-Atmosphäre
eintauchen und von dort Daten zur Erde zurücksenden, durch die sich Wissenschaftler
genauere
Aufschlüsse
über den Ursprung des Sonnensystems
erhoffen. Nach etwa 75 Minuten wird
diese Sonde wahrscheinlich durch Umwelteinflüsse
des Jupiter zerstört
werden.
Die Astronauten setzten GALILEO etwa
sechseinhalb Stunden nach dem Start
der Raumfähre aus und wandten dann
ihre Aufmerksamkeit einer Reihe von
Experimenten zu, im Rahmen derer sie
mit einer speziellen 70-Mi11imeterKamera im Orbit Aufnahmen für einen
Umweltfilm machten.
Unter anderem wurden Nord- und Südkorea gefilmt, ferner Japan. China und
der Taifun Elsie über dem Südchinesischen Meer. Die Astronauten machten auch Filmaufnahmen von Europa,
der Meerenge von Gibraltar, den griechischen Inseln, dem Nahen Osten mit
Israel und bewässertem Ackerland in
Saudi-Arabien.
Die Aufnahmen
sind
für einen Film mit dem Titel Blue
Planet bestimmt, der von der Iaiax
Systems Corporation in Toronto produziert wird. Er wird nächstes Jahr im
September
im
Nationalen
Luft- und
Raumfahrtmuseum in Washington erstmals gezeigt werden.
Die Besatzung führte ferner eine Reihe von Experimenten durch, unter anderem, um Wissenschaftlern bei der
Beobachtung der die Erde schützenden
Ozonschicht zu helfen und ein ande-

res, um die Bildung vom Molekülen und
Eiskristallen im Weltall zu beobachten.
Darüber hinaus führten die Astronauten
medizinische
Untersuchungen
durch, um mehr über die Ursachen der
Weltraumkrankheit zu erfahren, an der
etwa die Hälfte aller Astronauten erkranken. Als Teil einer anderen medizinischen Versuchsreihe wurden bei
zwei Astronauten, dem Piloten Michael
McCuliey und der Ärztin Ellen Baker
nach der Landung Muskelgewebeproben
entnommen, um sie mit entsprechenden
vom dem Start entnommenen Proben zu
vergleichen. So will man herausfinden, ob und unter Umständen welche
Auswirkungen die Schwerelosigkeit auf
Zellgewebe hat.
Die Besatzung, zu der auch der Kommandant
Donald
Williams
und
die
Astronauten Shannon Lucid und Frank
Chang-Diaz zählten, setzten zu ihrem
einstündigen Abstieg zur Erde über
dem Indischen Ozean an, als Williams
und McCuliey die beiden Bremsraketen
der Raumfähre zündeten und damit die
Geschwindigkeit
der
Raumfähre
so
drosselten, daß sie die Erdumlaufbahn
verlassen und wieder in die Erdatmosphäre eintreten konnte.
Nach dem
Flug entlang der kalifornischen Küste
setzte die Raumfähre zu einer sanften
Landung in Edwards an.

* * * * *

�</text>
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                <text>&lt;strong&gt;1. Dokumentation&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Mosbacher: die Rolle der Marktwirtschaft In den Ost-West-Beziehungen&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede des US-Wirtschaftsministers&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Baker: USA streben mit UdSSR Minimierung der Erstschlagfähigkeit an&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede des US-Außenministers beim Commonwealth Club&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Hintergrund&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Versicherung für Arbeitslose&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Dritter von fünf Artikeln über das amerikanische Sozialwesen&lt;/em&gt; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Medizinische Versorgung für Bedürftige und ältere Menschen&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Vierter von fünf Artikeln über das amerikanische Sozialwesen&lt;br /&gt;&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Wirtschaft&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Pro-Kopf-Einkommen steigt, Ausmaß der Armut unverändert&lt;br /&gt;Artikel über eine Pressekonferenz des statistischen Bundesamts der Vereinigten Staaten&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;4. Wissenschaft und Technik&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Sichere Landung der Raumfähre nach geglückter Aussetzung der Raumsonde GALILEO</text>
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                    <text>AMERIKA DIENST
VorV^

1 . November 1989

40

INHALT

DOKUMENTATION
Amerikanische Präsenz in Europa Im Zeitalter von Glasnost und
Perestroika
- Rede des Botschafters der Vereinigten Staaten von Amerika U.S.-Vertreter fordert verstärkte Zusammenarbeit bei Treibhauseffekt
- Erklärung von William Nitze vor Kongreß-Unterausschuß -

HINTERGRUND
Amerikanische Sozialpolitik auf neuem Kurs
- Fünfter und letzter Artikel über das amerikanische Sozialwesen Delegation des Präsidenten reist nach Polen
- Eine Übersicht des Weißen Hauses -

WIRTSCHAFT
Vereinigte Staaten schlagen in Uruguay-Runde Reformen für Handel mit
Agrarprodukten vor
- Eine Übersicht vom Büro der U.S.-Handelsbeauftragten USA fordern Dienstleistungsabkommen bei Uruguay-Runde
- Übersicht der amerikanischen Handelsbeauftragten -

* * * * *

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�AMERIKA DIENST
'VON

Dokumentation

4

40

1. November 1989

AMERIKANISCHE PRÄSENZ IN EUROPA
IM ZEITALTER VON GLASNOST UND PERESTROIKA
- Rede von US-Botschafter Walters in München

MÜNCHEN - (AD) - In einer Rede vor der Gesellschaft für Auslandskunde in München am 30. Oktober 1989 äußerte sich der Botschafter der Vereinigten Staaten
von Amerika in Bonn, Vernon A. Walters, zu Fragen der Ost-West-Politik und der
amerikanischen Truppenpräsenz in der Bundesrepublik und erklärte, der Wandel
in Osteuropa und der Sowjetunion habe historische Ausmaße und eröffne zum ersten Mal in der Nachkriegsgeschichte die Chance, "die Konfrontation nicht nur
rational zu verwalten, sondern wirklich zu überwinden". Jedoch sollten die.
Unwägbarkeiten des Reformprozesses in der Sowjetunion nicht ignoriert werden.
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede von Botschafter Walters im Wortlaut
(Es gilt das gesprochene Wort).

Meine Damen und Herren,
ich freue mich, daß wir uns heute in
den nun schon traditionsreichen Räumen des Amerika Hauses München, dem
Schauplatz so vieler deutsch-amerikanischer
Begegnungen,
zusammenfinden
konnten.
Ich bin stets dankbar für
eine Gelegenheit, nach München, der
"heimlichen Hauptstadt" Deutschlands
zu kommen, denn, wie schon Konrad
Adenauer sagte: Bonn ist zum Arbeiten da, und nicht zum Vergnügen. Von
diesem Zitat hat mir übrigens Ihr
bayrischer Landsmann Richard Stücklen
erzählt.
Ich möchte auf Deutsch zu Ihnen sprechen, obwohl dies immer mit einem
Hauch von Wagnis verbunden ist. Sie
müssen zugeben, daß es für einen Aus-

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länder schwierig ist, eine Sprache zu
begreifen, in der, grammatisch gesehen,
"die Männlichkeit" weiblichen
Geschlechts, "der Feminismus" aber
männlich
ist.
Um
die
Verwirrung
vollständig zu machen, ist "das Weib"
sächlich, obwohl dies dem Selbstverständnis der deutschen Frau bestimmt
nicht entspricht.
Aber ich bin zuversichtlich,
daß
ich meinen
Weg
durch dieses Labyrinth der Sprache
finden werde.
Das Jahr 1989 steht im Zeichen zweier
wichtiger Jubiläen:
Sowohl die Bundesrepublik Deutschland als auch das
westliche Bündnis feiern ihr 40jähriges Bestehen.
Beide Jubiläen sind
eng verknüpft, denn ohne die Westintegration und den damit einhergehenden Schutz des Bündnisses hätte die

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�Bundesrepublik nicht
was sie heute ist.

werden

können,

Jubiläen bieten stets einen guten Anlaß, sich sowohl auf die Leistungen
der Vergangenheit als auch auf die
Aufgaben der Zukunft zu besinnen.
Lassen Sie uns dies heute gemeinsam
versuchen.
Die Erfolgsbilanz des NATO-Bündnisses
kann sich sehen lassen. Es hat Europa 40 Jahre lang Frieden in Freiheit
bewahrt.
Politikwissenschaftler haben errechnet, daß die Welt im gleichen Zeltraum rund 130 militärische
Konflikte mit mehreren Millionen Toten gesehen hat.
Verschont blieb
ausgerechnet
die
Region, die
die
weltweit höchste Truppendichte aufweist und in der sich zwei antagonistische Machtblöcke unmittelbar gegenüberstehen. Eine bessere Bestätigung der Stimmigkeit eines Bündniskonzepts ist kaum vorstellbar.
Auch unter dem Aspekt des Spannungsabbaus durch Rüstungskontrolle
und
Dialog ist das Bündnis erfolgreich
gewesen, und zwar gerade in den letzten Jahren.
Die Stockholmer Abrüstungskonferenz von 1986 schuf ein
bis dahin neuartiges System sicherhelts- und
vertrauensbildender
Maßnahmen. Das historische INF-Abkommen
von 1987 beseitigte eine ganze Waffenkategorie und verwirklichte erstmals die zentralen Grundsätze asymmetrischer Reduzierung und direkter Verifikation im jeweils anderen Land.
Die
Aussichten
für
entscheidende
Fortschritte
bei den Verhandlungen
über strategische Waffen sind heute
besser den je.
Im Mittelpunkt des Interesses stehen
gegenwärtig
die Verhandlungen
über
eine Verminderung der konventionellen
Streitkräfte in Europa. Das Bündnis
hat hier die Initiative ergriffen und
weitreichende
Vorschläge
unterbreitet, die Ihnen bekannt sein werden.
Im Mittelpunkt stehen eine Verminderung dpr amerikanischen und sowjetischen
Truppenstärke
auf
jeweils

275,000 Mann außerhalb ihrer Grenzen
in Europa, radikale Einschnitte bei
den besonders offensivfähigen Panzertruppen und eine Verminderung der
Kampfflugzeuge und Hubschrauber auf
ein Niveau, das 15 Prozent unter den
derzeitigen NATO-Beständen liegt.
Diese Verhandlungsposition beruht auf
Vorschlägen, die Präsident Bush am
29. Mai 1989 den Bündnispartnern auf
dem Brüsseler NATO-Gipfel
vortrug.
Binnen weniger Monate wurden sie, mit
einigen Verfeinerungen, von der Allianz offiziell übernommen.
Niemand
hätte zu hoffen gewagt, daß es möglich sein werde, die Vorstellungen
von 16 souveränen Partnerstaaten in
derart kurzer Zeit auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen.
Ich darf
sagen, daß die enge deutsch-amerikanische
Zusammenarbeit
wesentlichen
Anteil an diesem bemerkenswerten Erfolg hatte.
Was die NATO in die Lage versetzt
hat, all diese enormen Leistungen auf
dem Gebiet der militärischen Sicherheit wie auf dem der Abrüstung zu erbringen, waren nicht einfach nur ihre
Rüstungsanstrengungen.
Diese
waren
nur möglich auf der Grundlage eines
sicherheitspolitischen Konsenses und
einer unerschütterlichen Standhaftigkeit im Prinzip kollektiver Sicherheit.
Das eigentlich Entscheidende
war und ist der einhellige Zusammenhalt des Bündnisses.
In der Vergangenheit beruhte er zwar
sicherlich auch auf den ideellen Bindungen der westlichen Demokratien aneinander, vor allem aber auf der Unmittelbarkeit der Bedrohung. 40 Jahre lang sah sich der Westen einer monolithisch erscheinenden Sowjetunion
gegenüber, die kontinuierlich aufrüstete und
ihre kleinen osteuropäischen Nachbarn
in eisernem Griff
hielt. 40 Jahre war daher die Funktion
des westlichen Verteidigungsbündnisses klar und leicht vermittelbar.
Die Sowjetunion erschien wie
ein Berg — mächtig, schroff, bedrohlich und unverrückbar.

�Das Erdbeben
zu bewegen.

hat

begonnen, den

Berg

Wir werden heute Zeugen von Ereignissen, die das Gesicht des europäischen
Kontinents und der Welt schlechthin
verändern können. In der Sowjetunion
hat ein tiefgreifender gesellschaftlicher
Wandlungsprozeß
eingesetzt.
Die
Lage
der Menschenrechte
entspricht zwar noch längst nicht westlichen Maßstäben, hat sich aber eindeutig gebessert.
Sowjetische Truppen haben erstmals ein besetztes Land
- Afghanistan - wieder geräumt.
In
Polen übernimmt eine nichtkommunistische Regierung die Amtsgeschäfte, und
Ungarn öffnet die Grenzen zum Westen,
ohne daß aus Moskau auch nur ein Tadel zu vernehmen wäre.
Geht von einer solchen Sowjetunion
noch eine Bedrohung aus?
Ist die
NATO dabei, ein lebender Anachronismus zu werden, Relikt einer überwundenen Epoche?
Manche Menschen in Ost und West und
auch manche Deutsche empfinden es so,
wollen es so empfinden.
Die Deutschen mußten 40 Jahre lang in dem Bewußtsein leben, daß sowjetische Panzer gewissermaßen vor ihrer Haustür
standen. Sie haben die Bedrohung immer ganz hautnah erlebt.
Die Erleichterung, die viele Menschen angesichts einer nachlassenden Bedrohung
empfinden, ist daher leicht nachvollziehbar.
Wir brauchen eine klare Sicht inmitten der Euphorie, denn die Euphorie
ist ein schlechter Ratgeber.
Sie
verstellt den Blick auf die nüchternen Fakten.
Die
gegenwärtige
sowjetische
Führungsspitze ist keineswegs demokratisch. Anders als zu Zeiten Breschnews ist sie lediglich rational genug, Tatsachen zur Kenntnis zu nehmen.
Tatsache ist, daß der riesige Agrarstaat Sowjetunion nach 70jährigem Bestehen noch immer außerstande ist,
seine Bevölkerung selbst zu ernäh-

ren. Tatsache ist, daß die sowjetische Wirtschaft am Ende ist und daß
die chronische Unterversorgung
der
Bevölkerung eine Zeitbombe fUr die
Führung darstellt. Tatsache ist, daß
der Sowjetstaat in seiner herkömmlichen Verfaßtheit zur Modernisierung
und
damit
zum
Nachvollziehen
der
3. Industriellen
Revolution
unfähig
ist.
Das Motiv der sowjetischen Reformer
liegt in dem Bestreben, hier Abhilfe
zu schaffen. nicht aber in einer
plötzlich entdeckten Liebe zur Demokratie.
Die
sowjetische
Gesellschaftsreform
hat die gefährlichsten Klippen noch
vor sich.
Nationalitätenstreit und
Separatismus könnten durchaus noch an
Dynamik gewinnen. Die Versorgungslage wird sich kaum kurzfristig verbessern lassen, und steigende Erwartungen der Bevölkerung schaffen ein Unruhepotential.
Sollte der Sowjetstaat in die Nähe einer Zerreißprobe
rücken, so könnte durchaus die Stunde
der Reformgegner schlagen.
Die Einsichten der Sowjetführung in
den Bereichen der Sicherheitspolitik
und Abrüstung sind ermutigend, haben
gegenwärtig aber vielfach noch den
Status von Absichtserklärungen.
Die
erhebliche konventionelle Überlegenheit
der sowjetischen
Militärmacht
besteht unverändert fort.
Der Wandel in der Sowjetunion hat
zweifellos
historische
Dimensionen
und eröffnet zum erstenmal in der
Nachkriegsgeschichte eine Chance, die
Konfrontation nicht nur rational zu
verwalten, sondern wirklich zu überwinden. Wir sehen diese Chance, und
wir haben nicht die Absicht, sie zu
verschlafen.
Es wäre jedoch sträflicher Leichtsinn, die offensichtlichen Gefährdungen und Unwägbarkeiten zu ignorieren,
denen der Reformprozeß in der Sowjetunion unterliegt.
Reformen brechen
stets eingefahrene Gleise auf und eröffnen Möglichkeiten jeglicher Art,

�nicht nur Möglichkeiten zum Besseren.
Reform bedeutet Bewegung und
damit zwangsläufig auch Phasen der
Instabilität. Dies müssen wir sehen,
und aus diesem Grund erschiene es mir
zum gegenwärtigen Zeitpunkt gefährlich, von den beiden Grundprinzipien
des Harmel-Berichts abzurücken. Diese Prinzipien sind Sicherheit durch
militärische Stärke und Spannungsabbau durch Rüstungskontrolle und Dialog.
Wer in blinder Euphorie diese bewährte Strategie der NATO in Frage
stellt, der macht die Sicherheit seines Landes mutwillig und ohne Not von
einer umbruchartIgen und alles andere
als erschütterungsfreien Entwicklung
in der Sowjetunion abhängig.
Dies
wäre nicht Friedenspolitik, sondern
Glückspiel.
Die Ostpolitik des Bündnisses muß
sich also auch im Zeitalter von Glasnost und Perestroika im Rahmen des
Harme1-Konzepts bewegen.
Im Falle
des INF-Abkommens hat es sich glänzend bewährt. Es wäre töricht, von
diesem Erfolgskonzept abzurücken.
Der vom Harmel-Bericht geforderte
Dialog wird aktiv geführt, und die
Aussichten auf greifbare Erfolge sind
heute besser denn je. Aber auch der
zweite Pfeiler der BUndnispolitik,
Sicherheit durch Stärke, darf nicht
verfallen.
Vielleicht kommt einmal
der Tag, an dem ein demokratisch gewählter sowjetischer Staatschef einem
demokratisch gewählten sowjetischen
Parlament Rechenschaft ablegen muß.
Vielleicht kommt einmal eine Zeit, in
der die Sowjetunion ein Nachbar wie
Frankreich oder Kanada wird.
Noch
ist sie es nicht. Darum gibt es zur
NATO-Politik
der Sicherheit durch
Stärke gegenwärtig keine verantwortbare Alternative.
Dies beinhaltet die Beibehaltung eines nuklearen Potentials einschließlich der Kurzstreckensysteme, die ein
unverzichtbares Bindeglied zwischen
konventionellen
und
strategischen
Streitkräften darstellen. Das Bünd-

nis beschränkt sich hier bewußt auf
das strategisch unbedingt notwendige.
Dies ist nicht nur Rhetorik.
Seit 1979 haben wir unsere nichtstrategischen
Kernwaffen
einseitig
und ohne sowjetische Gegenleistung um
ein Drittel vermindert. Die Bestände
an Waffen dieser Kategorie sind heute
auf dem niedrigsten Stand seit 20
Jahren.
Gleichartige Maßnahmen der
Sowjetunion wären höchst wünschenswert. Was wir anstreben, ist Gleichstand beider Seiten auf einem niedrigeren Niveau.
Ähnliches gilt auch für die konventionellen Streitkräfte.
Einerseits
ist ihre Verringerung wünschenswert,
und die diesbezügliche Vorschläge des
Bündnisses liegen auf dem Tisch.
Andererseits
bilden
konventionelle
Streitkräfte den Schutz gegen eine
begrenzte Aggression, gegen die die
Androhung des Einsatzes von Nuklearwaffen nicht glaubwürdig wäre. Konventionelle Streitkräfte bleiben daher beim derzeitigen Stand der OstWest-Beziehungen unverzichtbar. Wenn
wir aber konventionelle Streitkräfte
unterhalten, dann müssen wir sie auch
in die Lage versetzen, ihren Auftrag
zu erfüllen.
Hier kommen wir an einen Punkt, an
dem die abstrakte Analyse der OstWest-Beziehungen und die konkrete Tagespolitik ineinander übergehen.
Für die amerikanischen Streitkräfte
in der Bundesrepublik — und ich nehme an, für die Bundeswehr gilt dies
genauso — wird es zunehmend schwieriger,
die
Modernisierungsvorhaben
und Ausbildungsprogramme durchzuführen, die die Erhaltung ihrer Einsatzfähigkeit erfordert.
Stationierung von Truppenteilen, Einführung modernerer Waffensysteme, Manöver, Modernisierung von Truppenübungsplätzen, Bauvorhaben, der bei
Übungen unvermeidliche Lärm, Transport von gefährlichem Material und
natürlich die Trainigsflüge der Luftwaffe — all dies ist vielerorts zum

�Stein des Anstoßes geworden. In zunehmendem Maße versuchen Bürgerinitiativen, Gemeinden und selbst Bundesländer,
bestehende
Einrichtungen
und Verfahrensweisen anzufechten und
notwendige Neuerungen zu verhindern.
Vielfach werden dabei Gerichte angerufen, die selbst dann, wenn sie die
Einwände der Kläger letztendlich verwerfen,
die
umstrittenen
Projekte
doch zunächst einmal stoppen.
Dies
kostet Zeit, manchmal sogar viel Zeit.
Eingespielte Verfahrensweise erweisen
sich immer häufiger als funktionsunfähig. Im Normalfall wenden sich die
amerikanischen Streitkräfte mit ihren
Projekten und Anliegen an die entsprechenden Fachministerien in Bonn.
Diese fällen nach Rücksprache mit den
Körperschaften vor Ort eine Entscheidung und sprechen schließlich die
Projektgenehmigung aus. Bislang hatten die US-Streitkräfte also einen
zentralen
Ansprechpartner
an
der
Spitze, der ihnen die Verhandlungen
mit den Instanzen der tieferen Ebenen
abnahm.
Wenn aber eine Einigung zwischen Bundesbehörden und Gremien der lokalen
und kommunalen Ebene scheitert und
die Entscheidung des Bundes gerichtlich angefochten wird, kompliziert
sich das Verfahren ungemein.
Die
Streitkräfte müssen sich dann mit einer Vielzahl von Parteien auseinandersetzen, der Aufwand steigt und
wichtige
Projekte
werden
entweder
verhindert oder erleiden Verzögerungen, die sich durchaus in Jahren bemessen können.
Dinge, die bislang
reibungslos
und
selbstverständlich
abliefen, sind heute komplex, zeitraubend und mühsam geworden.
Ich möchte dies an einem Beispiel
verdeutlichen, das vielen von Ihnen
aus der Presse bekannt sein dürfte.
Im Rahmen der Modernisierung unserer
konventionellen Streitkräfte in Europa
spielt
die
Stationierung
von
Kampfhubschraubern des Typs "Apache"
eine bedeutsame Rolle. Diese Maschinen sind fliegende Panzerjäger.
In

Europa stehen rund 50,000 Kampf p,= zern des Warschauer Paktes lediglich
16,400 Panzer der NATO gegenüber.
Gerade im Bereich der Waffensysteme,
die die Speerspitze eines Angriffs
bilden würden, beträgt die östliche
Überlegenheit also rund 3:1.
Im Rahmen ihrer Bündnisverpflichtungen haben sich die Vereinigten Staaten daher bereit gefunden, der NATO
bis zum Haushaltsjahr 1992 Insgesamt
14 mit "Apaches" ausgerüstete Heeresfliegerbataillone
zur Verfügung
zu
stellen.
Die Kosten belaufen sich
auf rund 500 Millionen Dollar, die
vom amerikanischen Steuerzahler aufgebracht werden.
Für diese Einheiten sind sechs Standorte im süddeutschen Raum vorgesehen.
Geeignete Flugfelder sind vorhanden. Bedauerlicherwelse stößt die
Stationierung der "Apaches" insbesondere in Wiesbaden auf vehementen Widerstand.
Die Einwände der involvierten Gemeinden und Bürgerinitiativen kreisen weitgehend um den von den
Hubschraubern verursachten Lärm, um
den
angeblichen
Wertverfall
von
Grundbesitz in der Nähe der Stationierungsorte und um angebliche Gefahren für den Luftverkehr, obwohl das
Bundesverkehrsministerium
die
Möglichkeit einer Beeinträchtigung des
Flugbetriebs
auf
dem
Frankfurter
Flughafen verneint hat.
Auf Betreiben der Stadt Wiesbaden und
des Landes Hessen beschäftigt die
Stationierungsplanung
für
den
USFlugplatz
Wiesbaden-Erbenheim
seit
1985 die Gerichte. Auch der Deutsche
Bundestag ist seit September 1987 mit
dem Projekt Erbenheim befaßt.
Nach
alledem sah sich das Bundesministerium der Verteidigung veranlaßt, ein
Anhörungs- und
Genehmigungsverfahren
nach dem Luftverkehrsgesetz einzuleiten. Weder dieses Verfahren noch die
parlamentarischen
Beratungen
sind
bisher abgeschlossen.
Daher haben
die US-Streitkräfte auf Bitten des
Bundesministers der Verteidigung in
Erbenheim
noch
keine
zusätzlichen
Hubschrauber stationiert.

- 5 -

�Ob die US-Streitkräfte ihre Vorhaben
in der beabsichtigten Form jemals
durchführen
können,
ist ungewiß.
Selbst wenn es letztlich möglich sein
sollte, alle Hindernisse auszuräumen,
so bliebe immerhin eine mehrjährige
Verzögerung zu verzeichnen.
Wie eigentlich sollen wir dem amerikanischen Steuerzahler erklären, daß
wir zwar 500 Millionen Dollar für ein
RUstungsprojekt aufwenden, das unserem deutschen Verbündeten viel unmittelbarer nutzt als uns selbst, wir
die beschafften Waffensysteme aber
nicht auf dem Gebiet dieses Verbündeten stationieren können, weil sich
Teile der Bevölkerung dagegen wehren? Es ist eine politische Realität, daß der amerikanische Steuerzahler nicht für Einheiten in Europa bezahlen will, wenn diese nicht kampffähig bleiben können.
Wie sollen wir unseren Soldaten erklären, daß sie den Auftrag haben,
die Freiheit und das demokratische
System des deutschen Bündnispartners
zu schützen, wenn sie bei der Erfüllung dieses Auftrags von Bevölkerungstellen und Behörden dieses Bündnispartners aktiv behindert werden?
Außerdem erleben wir in der Bundesrepublik seit Jahren heftige Kritik an
der
Nuklearstrategie
der
NATO.
Gleichzeitig wird die Stationierung
gerade solcher Einheiten behindert,
die im Konfliktfall einen besonders
großen Beitrag zur Hebung der Nuklearschwelle leisten würden.
Die "Apache"-Affaire ist leider kein
Einzelfall. Für die US-Streitkräfte
in der Bundesrepublik ist es generell
schwieriger und mühsamer geworden,
einen geordneten Dienst- und Ausbildungsbetrieb aufrechtzuerhalten.

so stark wie eh und je, wird aber
dennoch von vielen nicht mehr als unmittelbare Gefahr betrachtet.
Ich habe nicht den Eindruck, daß eine
Mehrheit der Deutschen die Landesverteidigung schlicht abschaffen will.
Aber Fragen der Verteidigung acheinen
mir auf der persönlichen Prioritätenliste vieler Deutscher weit nach unten gerückt zu sein. Zunehmend häufiger finden wir die Auffassung, daß
dies alles nicht mehr so wichtig sei
und daß man es daher getrost vernachlässigen könne.
Wichtig ist in diesem Zusammenhang
auch eine profunde Unkenntnis der
Funktionsweise
von
Streitkräften.
Sie brauchen vor allen Dingen Kontinuität. Ist ihr Ausblldungs- und Bereitschaftsstand erst einmal gesunken, so kann er nicht kurzfristig
wieder gehoben werden. Gleiches gilt
für den rüstungstechnischen Modernisierungsprozeß. Hat man hier den Anschluß verpaßt, so finden man ihn
nicht binnen drei Monaten wieder. Es
ist daher eine gefährliche Illusion,
zu glauben, daß man vernachlässigte
Streitkräfte bei einer Veränderung
der Weltlage kurzerhand wieder aufrüsten könne.
Dies Ist nicht so.
Eine sicherheitspolitische Lage kann
sich wesentlich rascher ändern als
die Struktur von Streitkräften.
Wenden wir uns nun der Frage zu, was
wir tun können, um den geschilderten
Problemen zu begegnen. Die Streitkräfte selbst tun bereits sehr viel.
Ich kann hier nur Beispiele nennen:
1.

Warum sind die Schwierigkeiten gewachsen?
Ein wesentlicher Teil der
Erklärung liegt sicherlich in der
veränderten Ost-West-Situation. Dank
Perestrojka und Glasnost ist das Bedrohungsgefühl
drastisch
gesunken.
Die sowjetische Militärmacht ist zwar

Operatlonale
Maßnahmen.
Diese
umfassen Einschränkungen von Manövern und anderen Übungen einschließlich
der
Trainingsflüge
der Luftwaffe. Die jüngsten Vereinbarungen über die Beschränkung
von Tiefflügen wurden von Verteidigungsminister Stoltenberg der
Öffentlichkeit
vorgestellt
und
sind hinreichend bekannt.
Ich möchte jedoch anmerken, daß
unsere Luftwaffe schon lange zu-

6 -

�vor und von sich aus solche Beschränkungen
verfügt
hatte.
Tiefflüge nur an Werktagen und
nur zwischen 7 und 17 Uhr, Einhaltung einer einstündigen Mittagspause während der Sommermonate, Beschränkung der Tieffluggeschwindigkeit auf 760 Stundenkilometer —
all das war bereits
vor der Vereinbarung mit Minister
Stoltenberg in Kraft.

das Heer hat seit 1984 rund 870
Millionen D-Mark aufgewandt, um
seine Infrastruktur deutschen Umweltschutznormen
anzupassen.
Vieles, wie z.B. die Modernisierung des Fuhrparks unter dem Aspekt der Schadstoffverminderung,
ist in der genannten Zahl noch
nicht einmal eingeschlossen.
Die
einzelnen
Maßnahmen
sind
durchweg unspektakulär, aber die
Gesamtwirkung
ist
beachtlich.
Wer weiß schon, daß die amerikanischen Streitkräfte die Waldbestände auf ihren Liegenschaften
von deutschen Förstern betreuen
lassen oder daß sie seit 1982 eine Fläche von immerhin 207 Hektar
wiederaufgeforstet
haben?
Oder
daß sie im gleichen Zeitraum 200
Millionen D-Mark aufgewandt haben, um die Kanalisation von Kasernen instand zu setzen und so
eine Gefährdung des Grundwassers
auszuschließen?
Und wen interessiert, daß das Heer durch Abschluß von Verträgen mit deutschen
Heizenergieunternehmen
6,000 seiner eigenen, überalterten Brennanlagen stillegen und so
eine drastische Verringerung der
Schadstoffemission erzielen konnte?

Weitaus weniger bekannt als diese
Einschränkungen des Flugbetriebs
ist die Vielzahl von Einzelmaßnahmen, die das Heer getroffen
hat.
Beispielsweise werden die
Reforger-Manöver im Januar 1990
stärker als in den Vorjahren als
Stabsübungen angelegt sein.
An
Reforger
'88 nahmen noch rund
7,000 Kettenfahrzeuge teil. 1990
werden es nur noch 4,450 sein.
Auch Routineübungen werden eingeschränkt. So werden z.B. die Patriot-Flugabwehrbatterien
nur
noch die Hälfte der Einsatzübungen in freiem Gelände durchführen. Auch die Heeresflieger leisten einen Beitrag.
Die An- und
Abflugschneisen zu den Stützpunkten werden neu geordnet, und zwar
so, daß Siedlungsgebiete ausgespart
bleiben.
Probeläufe von
Triebwerken am Boden werden auf
bestimmte Zeiten beschränkt. Für
den Flug von den Stützpunkten zu
den übungsgelanden werden Korridore eingerichtet.
Technologische
Maßnahmen.
Die
US-Streitkräfte
setzen
in verstärktem Maße Simulatoren ein,
und zwar nicht nur für Piloten,
sondern auch für Panzerschützen
und selbst Einheitsführer.
Das
Heer plant außerdem Forschungsarbeiten mit dem Ziel, LärmquelLen
vom Panzermotor über den Generator bis hin zur Feldhaubitze leiser zu machen, z.B. durch Entwicklung von Schalldämpfern und
entsprechender Übungsmunition.
UmweltSchutzmaßnahmen.

Allein
- 7

4.

Schulungsmaßnahmen.
Die
USStreitkräfte
haben
umfangreiche
Schulungsprogramme
eingeleitet,
die
unseren
Offizieren
helfen
sollen, ein Gespür dafür zu entwickeln, was die Menschen ihres
Gastlandes
bewegt.
Ich möchte
betonen, daß wir hier eine intensive Beteiligung deutscher Stellen außerordentlich begrüßen würden.
Es läge sicherlich auch im
Interesse
der
Bundesrepublik,
wenn möglichst viele US-Soldaten
als wirkliche Kenner ihres Gastlandes in die Heimat zurückkehren
könnten.

Die Deutschen beherbergen rund eine
Million Soldaten, eigene und fremde,
auf einem Gebiet, das die Fläche des
amerikanischen Bundesstaates Oregon,

�dabei aber die elffache Bevölkerungsdichte hat. Dies führt zwangsläufig
zu Behelligungen und Belästigungen,
und die Deutschen haben ein Recht
darauf, daß diese so klein wie möglich gehalten werden. Ich werde alles tun, was in meiner Macht steht,
um diese Last zu erleichtern.

drohung ist heute geringer als zu jedem anderen Zeitpunkt der Nachkriegsgeschichte, und die Aussichten auf
ein weniger militarisiertes Europa
sind gut. Die jahrzehntelange Standfestigkeit des westlichen Bündnisses
hat die Bedingungen hierfür geschaffen.

Wir verstehen dies, und die USStreitkräfte tun ihr möglichstes, um
dem Rechnung zu tragen. Diese Anpassungsbereitschaft hat aber Grenzen,
die durch den Auftrag der Streitkräfte markiert werden. Wenn Gemeinden
oder
Bürgerinitiativen
Forderungen
und Einwände erheben, die in der Konsequenz die Einsatzbereitschaft der
Streitkräfte massiv beeinträchtigen,
dann müssen wir der Versuchung widerstehen, den Weg des geringsten Widerstandes zu gehen und so zu billiger
Popularität zu gelangen.

Wollen wir jetzt das gefährden, was
Ihrem Land und meinem so lange Frieden, Freiheit und Wohlstand erhalten
hat — den Schutz des Bündnisses und
seiner Streitkräfte? Wollen die Menschen das?
Wollen sie ohne jeden
vernünftigen Grund ihre Sicherheit
und damit die Grundlagen ihrer Existenz von der ungewissen Entwicklung
in einem Land abhängig machen, das
sehr wohl schweren Stürmen entgegengehen könnte?
Ich kann mir nicht
vorstellen, daß jemand, der diese
Konsequenzen in aller Klarheit sieht,
sie mutwillig auf sich nehmen will.

Die Bundesrepublik Deutschland Ist
ein souveräner
und demokratischer
Staat, dessen Regierung nicnt die
Möglichkeit hat, ihren Wählern etwas
aufzuzwingen, was diese erklärtermaßen nicht wollen. Selbstverständlich
kann man auch niemanden gegen seinen
Willen beschützen.
Man kann aber versuchen, Menschen,
die den Blick zu starr auf ihren eigenen kleinen Lebensbereich heften,
die Konsequenzen ihres Handelns zu
erklären. Man kann ihnen unumwunden
sagen, daß sie an dem Ast sägen, auf
dem sie seit 40 Jahren sitzen, und
zwar recht komfortabel. Dies erfordert Mut zur Offenheit und Klarheit.
Man wird dabei nicht immer populär.
Opportunismus ist bequemer. Aber es
ist eine Frage politischer Verantwortung, solchen Versuchungen nicht zu
erliegen. Hier sind wir alle gefordert. Demokratie bedeutet Wettbewerb
der Standpunkte, und nur wer aufsteht
und spricht, wird gehört und kann
überzeugen.
Es geht nicht darum, den Wandel in
der Sowjetunion zu leugnen oder vorzugeben, daß ein sowjetischer Großangriff jederzeit möglich sei. Die Be-

Wenn wir weiterhin in der Sicherheit
des Bündnisses leben wollen, dann
müssen wir den Streitkräften, auf deren Einsatzbereitschaft sie letztlich
beruht, die Erhaltung derselben ermöglichen. Ich erinnere hier an die
Worte Bundeskanzler Kohls, der im Januar 1989 In einem Zeitungsinterview
darauf hinwies, daß, so wörtlich,
"die Erhaltung von Frieden und Freiheit nicht zum Nulltarif zu haben
st .
Wir haben heute allen Anlaß, hoffnungsvoll in die Zukunft zu blicken.
In den Ländern des Westens steht die
Demokratie seit Jahrzehnten stabil
und unangefochten, während, wie die
Frankfurter Rundschau
vor wenigen
Wochen vermerkte, der klassische SowjetkommunIsmus heute das Schicksal
erleidet, das Präsident Reagan ihm
prophezeite: Er ist dabei, auf den
Abfallhaufen der Geschichte zu wandern. Wir, die Partner in der NATO,
werden heute vom Rest der Welt um unsere Freiheit und um unseren Wohlstand beneidet, während die Sowjetunion unter Schmerzen versucht, das
Erbe einer allzu langen, unseligen
Vergangenheit zu bewältigen.
8 -

�Vergessen wir nicht, daß unser Erfolg
sich nicht von selbst eingestellt
hat.
Vergessen wir nicht die Grundlagen, auf denen er wachsen konnte.
Der neue Wind der Freiheit bläst vom
Westen her, und jene, die ihn ignorieren, werden vom Winde verweht werden.

* * * * *

�AMERIKA DIENST
VON

4

Dokumentation

1. November 1989

40

US-VERTRETER FORDERT VERSTÄRKTE ZUSAMMENARBEIT BEI TREIBHAUSEFFEKT
- Erklärung von William Nitze vor Kongreß-Unterausschuß WASHINGTON - (AD) - Einem Vertreter des US-Außenministeriums zufolge ist eine
Bestandsaufnahme der möglichen weltweiten Klimaveränderungen sowie der noch
erforderliche Forschungsarbeiten notwendig. Vor einem Unterausschuß des Repräsentantenhauses erklärte William Nitze, Unterabteilungsleiter für Umweltfragen im US-Außenministerium, am 26. Oktober 1989, bei Internationalen Verhandlungen sollte der Rahmen für die Erforschung möglicher Klimaveränderungen
abgesteckt werden, obwohl keine gesicherten Erkenntnisse über einschneidende
und weitverbreitete Veränderungen dieser Art im nächsten Jahrhundert vorlägen.
Nachfolgend veröffentlichen wir Nitzes Erklärung in Auszügen:

Es steht fest, daß globale Klitnaveränderungen eine internationale. Angelegenheit sind, die nationale Grenzen
überschreitet und nur durch Internationale Zusammenarbeit wirksam bewältigt werden kann.
Isolierte Maßnahmen der Vereinigten Staaten oder irgendeines anderen Staates werden wirkungslos bleiben.
Die Vereinigten Staaten gehen davon
aus, daß sämtliche Maßnahmen in bezug
auf die weltweiten Klimaveränderungen
folgende Elemente umfassen müssen:
Kontinuierliche wissenschaftliche
Forschung
zur
Klimaveränderung,
um unser Verständnis für die Auswirkungen menschlicher Handlungsweisen auf das künftige Klima zu

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Embassy of the United States of America

vprtiefen
und
die
mangelnde
Kenntnis der Funktionsweise des
Klimasystems abzubauen.
Eine Einschätzung der Auswirkungen künftiger Klimaveränderungen
auf
Umwelt,
Gesellschaft
und
Wirtschaft.
Die Untersuchung von Optionen zur
Begrenzung und Abschwächung dieser Veränderungen oder eine Anpassung an sie.
Entwicklung
und
Durchführung
praktikabler und wirtschaftlicher
Maßnahmen
unter besonderer Berücksichtigung
derjenigen,
die
schon aus anderen Gründen gerechtfertigt sind.

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D 5300 Bonn 2

Tel.: 0228-339 2035
Telex: 8-85432

�Über Umfang und Ausmaß künftiger Kllmaveränderungen
bestehen
weiterhin
Unsicherheiten.
Ein besseres Verständnis einzelner Elemente wie Einfluß von Wolkenbildung, Pufferfunktion der Weltmeere, Rolle der Biosphäre und anderer Komponenten des
Erdsystems sowie möglicher Rückkopplungsmechanismen
ist
erforderlich.
Die Verursacher von Treibhausgasen
müssen
mengenmäßig
erfaßt
werden.
Gegenwärtig können wir weder die regionalen Auswirkungen von Klimaveränderungen, wie etwa
jahreszeitliche
Veränderungen von Niederschlägen und
Bodenfeuchtigkeit,
beurteilen, noch
haben wir mögliche Optionen für die
Bewältigung dieser Veränderungen umfassend untersucht.
Angesichts dieser Überlegungen und
Unbekannten umfaßt unsere Tagesordnung für die Behandlung der weltweiten Klimaveränderungen in internationalen Foren folgende Schritte:
Eine Bestandsaufnahme des aktuellen Wissensstands zu Klimaveränderungen, die mögliche Bandbreite
ihrer Auswirkungen sowie mögliche
Handlungsoptionen.
Aufnahme internationaler Verhandlungen über eine Rahmenkonvention
zu den Klimaveränderungen, die
einen formelleren Mechanismus für
die internationale Zusammenarbeit
zum Verständnis des Problems und
die
Entwicklung
koordinierter
Strategien zu dessen Bewältigung
bieten würde.
Weiterentwicklung von und Drängen
auf die umgehende
Durchführung
von Maßnahmen, die auch aus nicht
rein
klimatischen
Gründen
gerechtfertigt sind, etwa bessere
Nutzung von Energie, Reduzierung
von FCKW-Emissionen, Aufforstung
oder umsichtigere Bodennutzung.
Verstärkte internationale Unterstützung für ein Forschungsprogramm, mit dem die mangelnde wissenschaftliche Kenntnis abgebaut
wi rd.

Angesichts der Tatsache, daß ein internationaler Prozeß zur Bewältigung
des Problems der Klimaveränderung erforderlich ist, haben die Vereinigten
Staaten im Sommer 1987 die führenden
Gremien der Weltorganisation für Meteorologie
und des Umweltprogramms
der Vereinten Nationen aufgefordert,
gemeinsam
einen
zwischenstaatlichen
Mechanismus zu schaffen, der sich mit
der weltweiten Klimaveränderung befassen soll.
Vor nahezu einem Jahr versammelten
sich Vertreter aus über 35 Staaten
und internationaler Organisationen in
Genf zum ersten Treffen der Zwischenstaatlichen Kommission zur Klimaveränderung (IPCC).
Die IPCC erhielt
von der internationalen
Staatengemeinschaft das Mandat als primäres
Forum für dieses Problem.
Die IPCC hat drei Arbeitsgruppen eingerichtet: eine zur Überprüfung und
Bewertung wissenschaftlicher Erkenntnisse über klimatische Veränderungen,
eine andere zur Beurteilung möglicher
ökologischer
und
sozioökonomischer
Auswirkungen
solcher
Veränderungen
und eine dritte für die Erarbeitung
und Auswertung möglicher Strategien.
Großbritannien führt den Vorsitz der
Wissenschaftsgruppe, die Sowjetunion
leitet die Gruppe über Auswirkungen,
und die Vereinigten Staaten sind für
die strategische Arbeitsgruppe verantwortlich.
Die IPPC wird für die
im Herbst 1990 geplante Zweite Weltklimakonferenz einen Bericht über ihre Ergebnisse vorbereiten.
Dieser
Bericht könnte als Grundlage der Konvention über Klimaveränderungen dienen, die beim Weltwirtschaftsgipfel
im Kommunique der G-7 erwähnt wurde.
Darüber hinaus beteiligen wir uns in
verschiedenen anderen Foren an einer
Reihe von Bestrebungen zur Bewältigung der Klimaveränderung.
Wir arbeiten gemeinsam mit dem Umweltausschuß der OECD und der Internationalen Energie-Agentur an verschiedenen
Projekten, um leistungsfähigere Energietechniken und alternative Energle-

- 2 •

�quellen zu entwickeln.
Zusammen mit
dem
Entwicklungshilfeausschuß
der
OECD wollen wir die einzelnen bilateralen Entwicklungshilfemaßnahmen besser koordinieren und damit gewährleisten, daß Umweltprobleme und insbesondere klimatische Veränderungen angemessen berücksichtigt werden. Dieser Ausschuß wird voraussichtlich im
November zusammentreten, um den gegenwärtigen Stand dieser Bestrebungen
zu erörtern. Als Teil der Verwirklichung des Protokolls von Montreal
fördern wir technische Projekte und
bemühen uns um Finanzierung durch
Multilaterale Entwicklungsbanken und
das Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen (United Nations Development Programme - UNDP), damit wichtigen Entwicklungsländern wie etwa China und Indien der Übergang zu Technologien erleichtert werden kann, bei
denen der Einsatz der ozonzerstörenden FCKW vermieden wird.
Die beiden anderen Mechanismen zur
Koordinierung
internationaler
Bemühungen um den Fortbestand des tropischen Regenwalds sind die Internationale
Tropenholzorganization
(ITTO)
und der Plan zum Schutz des Regenwaldes (TFAP). Wir befinden uns gegenwärtig im Anfangsstadium der Erörterung von Optionen zur Unterstützung
der Maßnahmen von ITTO und TFAP für
den tropischen Regenwald.
Wie Sie
wissen, hat die fortwährende Haushaltskriese der vergangenen Jahre dazu geführt, daß die Vereinigten Staaten der FAO, die Maßnahmen des TFAPPlans koordiniert, und auch der ITTO
nicht
den
vollen
Mitgliedsbeitrag
entrichtet hat.
In der Erkenntnis,
daß sofortiges Handeln erforderlich
ist, um die sich abzeichnenden Tendenzen der Umwandlung von Wald in
Nutzflächen aufzuhalten, hat die Administration die Zahlung der überfälligen Beiträge an diese Organisationen in die Wege geleitet. Sie müssen
bezahlt werden, wenn wir mitbestimmen
wollen, wie die ITTO und der TFAP die
verfügbaren stehenden Mittel verwenden.

Zur Förderung
internationaler Forschung zum Phänomen der Klimaveränderung beteiligen sich die Vereinigten
Staaten
am
Internationalen
Geosphären-Biosphären-Programm
(IGBP).
Das IGBP wurde vom Internationalen
Rat wissenschaftlicher Vereinigungen
und dem Meterologischen Weltkongreß
ins Leben gerufen, um Anfang der
neunziger Jahre ein Internationales
Forschungsprogramm zu entwickeln. Im
Rahmen dieses Programms würden die
(bisherigen und zukünftigen) Umweltveränderungen untersucht, die Ursachen der Veränderungen
aufgedeckt,
langfristige Perspektiven für die Umwelt vorhergesagt und Möglichkeiten
ermittelt, um den schädlichen Einfluß
des Menschen auf seine Umwelt auf ein
Mindestmaß zu beschränken.
Die amerikanische Entsprechung des IGBP mit
Beratungsfunktion
ist der Ausschuß
für Globale Veränderungen an der Nationalen Akademie der Wissenschaften.
Diese Gruppe dient als Beratungsgremium
für das amerikanische
Forschungsprogramm über globale Veränderungen, ein vom Ausschuß für Geowissenschaften (CES) entwickeltes interministerielles
Forschungsprogramm.
Das Forschungsprogramm
zum
Weltklima, an dem sich die Vereinigten Staaten beteiligen, unterstützt
eine Reihe internationaler wissenschaftlicher Projekte, wie etwa das
Experiment
über
die
Strömung
der
Weltmeere (WOCE) und die Projekte für
tropische
Meere
und
Erdatmosphäre
(TOGA).

* * * * *

�AMERIKA DIENST
Hintergrundmaterial

V,oN^

40

1. November 1989

AMERIKANISCHE SOZIALPOLITIK AUF NEUEM KURS

- Fünfter und letzter Artikel über das amerikanische Sozialwesen -

WASHINGTON - (AD) - Die amerikanische Sozialpolitik der vergangenen 25
Jahre hat einigen traditionell armen
Bevölkerungsschichten wirtschaftliche
Vorteile gebracht, während weiter ins
Hintertreffen gerieten.
Konkret heißt das, trotz massiver Erhöhung der Sozialausgaben der Bundesregierung - von etwa 24,9 Milliarden
Dollar 1960 auf 1989 über GOO Milliarden Dollar - konnte Armut in den
Vereinigten Staaten nicht völlig ausgerottet werden. Regierung und Privatorganisationen suchen laufend neue
Ansätze, um den Armen zu helfen, ohne
den Staatshaushalt weiter zu strapazieren.
Dero Statistischen Bundesamt zufolge
sank die Armutsquote aller Amerikaner

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Embassy of the United States of America

von einem 22,4 Prozent-Hoch 1959 auf
einen Tiefstand von 11,1 Prozent im
Jahr 1973, um dann 1983 unmittelbar
nach der Rezession von 1981/82 wieder
15,2 Prozent zu erreichen und dann
bis 1988 stufenweise auf 13,2 Prozent
zu fallen.
Diese Zahlen für das Ausmaß der Armut
basieren lediglich auf dem verfügbaren Einkoramen, nicht auf der in Form
von
Lebensmittelmarken.
kostenlosen
oder ermäßigten Schulspeisungen, Medicare, Medicaid und Wohnungsbeihilfe
geleisteten Hilfe für die Armen. Dem
Statistischen Bundesarat zufolge würde
bei Einbeziehung der in solcher Form
geleisteten staatlichen Unterstützung
die offizielle Armutsquote 1988 von
13,2 Prozent auf 10,5 Prozent sinken. Gegenwärtig gibt es noch keine

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D 5300 Bonn 2

Tel.: 0228-339 2035
Telex: 8-85432

�üb reinstimmung
über
solcher Leistungen.

die

Berechnung

viele dieser Kinder ebenfalls alleinstehende Mütter werden könnten.

Neubewertung der Sozialpolitik

Initiativen des Privatsektors

Die heutigen massiven Ausgaben für
amerikanische Sozialprogramme basieren auf Entscheidungen der sechziger
und siebziger Jahre, wonach der Staat
verarmten Amerikaner stärker helfen
muß.

Präsident Bush - wie vor ihm die Präsidenten Reagan und Carter - strebt
eine Senkung der Bundessozialausgaben
an, ohne Anspruchsprogramme in Mitleidenschaft
zu
ziehen, aber
bei
gleichzeitiger Stärkung des Privatsektors.
Angesichts des abnehmenden
Engagements der Regierung werden erwartungsgemäß
Privatfirmen und gemeinnützige Organisationen die Lücke
schließen, indem sie mehr Zeit und
Kraft in Programme zur Lösung vordringlicher sozialer Probleme investieren.

Der Wohlstand jener Jahre schuf die
zur Finanzierung dieser Programme erforderlichen Ressourcen.
Niedrigere
Wachstumsraten in der Wirtschaft und
ein steigendes Haushaltsdefizit haben
jedoch in den vergangenen Jahren zu
geringerer öffentlicher Befürwortung
solcher Programme und zu größeren Anstrengungen auf allen Regierungsebenen geführt, die Sozialausgaben zu
drosseln.
Die meisten der großen öffentlichen
Programme - wie etwa die Hilfe für
Familien
mit
unterhaltsberechtigten
Kindern (AFDC) und Lebensmittelmarken
enthalten
jetzt eine Bestimmung
über Arbeitsbereitschaft,
derzufolge Leistungen von der Bereitschaft
des Empfängers abhängen, Teilzeitoder Vollzeitarbeitsplätze zu akzeptieren oder an staatlichen Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen
teilzunehmen.
Ausgenommen
von
dieser
Bestimmung
sind Alleinerziehende mit einem Kind
unter drei Jahren.
Neben
Sozialversicherung und Medicare,
die
als
Anspruchsprogramme
breite Unterstützung finden, ist Hilfe für Familien mit unterhaltsberechtigten Kindern das am schnellsten
wachsende und teuerste Sozialprogramm
in den Vereinigten Staaten mit bar
gezahlten Leistungen. Zu den Empfängern von ADFC zählen heute mehr als
1,9 Millionen unverheiratete - zumeist minderjährige - Mütter. Untersuchungen belegen, daß bei deren Kindern die Wahrscheinlichkeit der Armut
um 50 Prozent höber ist als bei Kindern aus klassischen Kleinfamilien,
und sie sehen Anzeichen dafür, daß

Im Juni dieses Jahren hat Präsident
Bush eine Initiative namens Points
of Light ins Leben gerufen, im Rahmen derer zahlreiche Amerikaner aus
allen Berufszweigen ermutigt werden
sollen,
ihre Arbeitskraft
in den
Dienst des Kampfes gegen Armut, Hunger,
Analphabetentum,
Obdachlosigkeit, Drogenabhängigkeit und anderer
Probleme, die
alle
betreffen,
zu
stellen.
"Von nun an," so Bush bei der Vorstellung seines Programms, "muß jede
Beschreibung eines erfolgreichen Lebens den Dienst am Nächsten einschließen".
Der Präsident
fordert den Kongreß
auf, in einem Zeitraum von vier Jahren 100 Millionen Dollar für eine
Points of Light-Stiftung zu bewilligen, die als Zentralstelle ehrenamtlich
durchgeführte
erfolgreiche
Programme
registrieren
und
fördern
und sie anderen Gemeinden im ganzen
Land empfehlen soll. Zu den jährlich
von
der
Bundesregierung
bereitgestellten
25 Millionen Dollar käme
noch einmal die gleiche Summe an privaten Spenden, und mit diesem Jahresbudget von 50 Millionen Dollar könnten etwa "heiße Drähte" eingerichtet
werden, uro ehrenamtliche Mitarbeiter
für besondere Programme anzuwerben.

�Unternehmen und andere Privatorganisationen werden gebeten, Hie Dienste
besonders fähiger Mitarbeiter bis zu
sechs Monate lang kostenlos zur Verfügung zu stellen, so daß sie auf
Reisen
in den Vereinigten Staaten
beim Aufbau erfolgreicher ehrenamtlicher Projekte helfen können. Arbeitgeber werden aufgefordert, ehrenamtliche Arbeit als Kriterium für Beförderungen oder beruflichen Aufstieg zu
berücksichtigen.

Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen, Ausbildung und Berufsberatung für Sozialhilfeempfänger, John Martinelli, zufolge hat Maximus "ebenso gute - und
in manchen Fällen bessere - Arbeit
geleistet als wir".
Dennoch sind nach wie vor viele Kritiker skeptisch und behaupten, eine
gewinnorientierte Privatfirma arbeite
unter Umständen nur mit den am besten
vermittelbaren
Sozialhilfeempfängern
zusammen und stelle nicht so sehr die
Bedürftigkeit in den Vordergrund.

Experimente in Kalifornien
In Kalifornien wird gegenwärtig mit
einem
privaten
Sozialprogramm
("free-enterprise welfare") ein neues
Konzept erprobt. Im Rahmen eines vom
kommunalen Aufsichtsamt der Stadt Los
Angeles
genehmigten
Dreijahresvertrags sucht die Firma Maximus Incorporated - der einzige Privatanbieter
von Sozialleistungen in den Vereinigten Staaten - von Sozialhilfe lebende
Mütter aus der Abhängigkeit von AFDC
zu befreien und ihnen einträgliche
Arbeitsplätze zu vermitteln.
Damit
spart die Firma dem Steuerzahler Geld
und verdient selbst daran.
Für jeden Sozialhilfeempfänger, der
seinen Arbeltsplatz sechs Monate innehat oder soviel arbeitet, daß seine
Leistungen
aus AFDC um mindestens
fünfzig
Prozent
verringert
werden
können,
erhalten
die
zuständigen
Sachbearbeiter des Privatanbieters die früher vielfach bei der Bundesregierung oder den Regierungen der Einzelstaaten
beschäftigt waren - je
zwei Drittel einer 150 Dollar-Prämie,
die Maximus von der Stadt gezahlt
wird.
Die Befürworter des Plans loben die
Flexibilität des mit Computern arbeitenden Maximus-Programms, das sich
eng an staatliche Richtlinien hält,
und die Kommunalbeamten in Los Angeles scheinen mit den bis heute erzielten
Ergebnissen
zufrieden
zu
sein. Dem Leiter der kommunalen Sozialprogramme
für
Kinderbetreuung,

Ehrenamtliche Gemeindearbeit
Präsident Bush hat insbesondere jüngere Amerikaner aufgefordert, bei der
Arbeit in der Gemeinde mit gutem Beispiel voranzugehen und sich einer
neuen Bewegung anzuschließen, die er
"Junge Menschen arbeiten für Amerika"
("Youth Engaged in Service: YES to
America") taufen will.
Mit diesen
Betrebungen würden Nächstenliebe und
Begeisterungsfähigkeit junger Amerikaner auf Projekte gelenkt, mit denen
armen, jungen und alten Menschen geholfen werden kann.
Bush erklärte,
sein Ziel sei es, daß Jugendliche in
bestehenden oder neu zu gründenden
karitativen Einrichtungen ihrer Gemeinde mitarbeiten, um bestimmte Probleme lösen zu helfen, etwa wenn Jugendlichen das Selbstwertgefühl fehlt
oder sich Familien aufzulösen beginnen. YES-Mitglieder könnten dem Präsidenten zufolge bestehenden Organisationen helfen, ihre Dienste auch
auf Kinder auszudehnen.
Etwa 25 Prozent aller amerikanischen
Universitäten und Dutzende weiterführender Schulen haben kürzlich ehrenamtliche Tätigkelten In Ihre Lehrpläne aufgenommen.
Eines der ehrgeizigsten Projekte wird In Kalifornien
durchgeführt, wo Studenten der 29
staatlichen Universitäten ermutigt aber nicht gezwungen - werden, jährlich 30 Stunden ehrenamtlich zu arbeiten.
Im Rahmen dieses Programms
("Human Corps") nimmt jedes College

- 3 -

�Verbindung zu ortsansässigen Organisationen auf, die ehrenamtliche Helfer suchen. Die freiwilligen Helfer
arbeiten in vielen Bereichen, vom Roten Kreuz bis zur Hausaufgabenbetreuung von Schülern, die benachteiligten
Minderheiten
angehören.
Etwa ein
Viertel aller 400 000 Studenten beteiligen sich kalifornischen Regierungsbeamten zufolge an einem solchen
Programm.
Dem Kongreß liegen gegenwärtig mindestens neun Gesetzentwürfe vor, die
ehrenamtliche Arbeit für junge Menschen zur nationalen Priorität erklären. Die Bandbreite geht von einem
Entwurf über ein Programm der Bundesregierung, das auf gemeinnützigen
Programmen der dreißiger Jahre basiert bis zu einem Vorschlag, demzufolge den Einzelstaaten Mittel zur
Erweiterung von Möglichkeiten für die
ehrenamtliche Tätigkeit Jugendlicher
zur Verfügung gestellt würden. Ein
von den demokratischen Senatoren Sam
Nunn und Dave McCurdy erarbeiteter
Plan fordert ein Vollzeitprogramm aus
Zivil- oder Militärdienst, bei dem
junge Freiwillige Gutscheine bis zum
Wert von 12 000 Dollar pro geleistetem Jahr erhalten, die gegen Ausoder Fortbildung eingetauscht oder
als Anzahlung für ein Haus akzeptiert
werden.
Einer
jüngsten
Untersuchung
von
Independent Sector - einer Dachorganistion der meisten größeren amerikanischen Wohltätigkeitsvereine - zufolge war die Mehrzahl der befragten
erwachsenen
Amerikaner
regelmäßig
ehrenamtlich tätig, ein Drittel der
Befragten gab an, in den letzten drei
Jahren stärker ehrenamtlich gearbeitet zu haben. Die Untersuchung kam
zu dem Ergebnis, daß 1987 etwa 80
Millionen
Erwachsene
insgesamt
19 500 Millionen Stunden im Wert von
150 Milliarden Dollar ehrenamtlich
tätig waren.
Darüber hinaus werden ältere Mitbürger, die heute in der Regel länger
leben und gesund bleiben, ermutigt,
der Gemeinschaft ihre wertvollen Fä-

higkeiten und Erfahrungen zur Verfügung zu stellen.
"Wir sind wirklich der Ansicht, daß
es an der Zeit ist, sich die Fähigkeiten älterer Menschen systematisch
zunutze zu machen," erklärte Bill
Orial vom Nationalen Rat für ältere
Mitbürger kürzlich in einem Interview
mit der Zeitschrift Newsweek*
Als Beispiel zog Oriol das von seiner
Organisation geförderte und sehr erfolgreiche Programm Freunde der Familie (Family Friends) heran, bei
dem
ältere Menschen Kindern mit
ernsthaften körperlichen Behinderungen oder Lernschwächen helfen und den
Eltern die Erleichterung verschaffen,
die sie unter Umständen dringend
brauchen.
Bei dem Programm Grandfriend Project helfen ältere Mitbürger in New York freiwillig Babys und
Kleinkindern in Pflegefamilien, auch
solchen mit AIDS. Im Rahmen anderer
Programmen werden ältere Mitbürger
zur Hausaufgaben- und Kinderbetreuung
eingesetzt.
Der Soziologin Susan M. Chambre vom
Baruch College zufolge erweisen sich
ältere Mitbürger als unerschöpfliche
Quelle in der Gemeindearbeit. 1987
zum Beispiel arbeiteten 40 Prozent
aller Amerikaner zwischen 65 und 74
Jahren ehrenamtlich oder leisteten
regelmäßig freiwillige Hilfe für andere.

Steigender Bedarf an Kinderbetreuung
In der Sozialpolitik werden eine Reihe innovativer Ansätze untersucht und
erprobt, um mit den sich verändernden
Werten und der demographischen Entwicklung der amerikanischen Gesellschaft Schritt zu halten.
Prognosen des amerikanischen Arbeitsministeriums deuten darauf hin, daß
eine steigende Zahl von Frauen, Jugendlichen und Angehörigen von Minderheiten in den kommenden Jahrzehnten auf den Arbeitsmarkt drängen wird
- darunter viele ungelernte Arbeits-

- 4-

�kräfte,
die
zusätzliche
Aus- und
Fortbildung brauchen und Mütter, die
auf
angemessene
Kindertagesstätten
angewiesen sein werden, wenn sie weiterhin in verantwortungsvollen Positionen arbeiten wollen.
Um diesem Bedarf in Zukunft gerecht
zu werden, hat Präsident Bush zusammen mit der demokratischen Mehrheit
im Kongreß verschiedene Gesetzentwürfe zur Kinderbetreuung eingebracht,
mit denen es Müttern leichter gemacht
werden
soll,
Vollzeitarbeitsplätze
innezuhaben und um eine angemessene
Betreuung der Kleinkinder während ihrer Arbeitszeit
zu gewährleisten.
Insgesamt stehen im Repräsententenhaus und im Senat noch 145 Gesetzentwürfe zur Entscheidung an, die sich
primär oder sekundär mit Kinderbetreuung befassen.
Die Bundesregierung gewährt bereits
Familien mit geringem Einkommen Steuererleichterungen, damit diese Kinderbetreuung finanzieren können, darüber hinaus unterstützen 29 Einzelstaaten Eltern durch ihre Steuergesetzgebung, und 15 Staaten informieren Eltern und Arbeitgeber Über Möglichkeiten zur Finanzierung und Inanspruchnahme von Kinderbetreuung.
Dem als Familienhilfeplan
(Family
Support Plan) bekannten Vorschlag von
Präsident Bush zufolge soll die Hilfe
für Familien mit geringem Einkommen
und mindestens einem Verdiener erweitert und für jedes Kind unter vier
Jahren ein Steuerfreibetrag gewährt
werden, um die Betreung des Kindes
während der Arbeitszeit der Eltern
sicherzustellen. Der Freibetrag würde 14 Prozent vom Einkommen der Eltern und maximal 1 000 Dollar pro
Kind betragen.
Der Maximalbetrag
würde zunächst für Familien mit Jahreseinkommen
zwischen
8 000
und
13 000 Dollar stufenweise eingeführt,
bis 1994 auch bei Einkommen zwischen
15 000 und 20 000 Dollar. Wenn das
Familieneinkommen geringer ist als
die genannten Sätze, wäre eine Summe
in Höhe des Freibetrags rückerstattungsfähig und würde für das am 1.

Januar 1990 beginnende Steuerjahr berücksichtigt.
Der amerikanische Senat hat einem
noch ehrgeizigeren Plan der Demokraten zugestimmt, dem Gesetz für bessere Kinderbetreuung (Act for Better
Child Care - ABC), der die Rolle der
Bundesregierung in den nächsten fünf
Jahren in einem Umfang von etwa 8,75
Milliarden Dollar erweitert. Das Gesetz würde jedes Jahr bis zu 1,75
Milliarden Dollar bewilligen, um Familien mit geringem Einkommen bei der
Finanzierung der Kinderbetreuung zu
helfen, wobei den Eltern 70 Prozent
der Summe direkt in Form von Gutscheinen und die restlichen 30 Prozent als neuer Steuerfreibetrag statt
einer Prämie für die Kinderkrankenversicherung gewährt wird. Insgesamt
entgehen dem Staat dadurch 10,3 Milliarden Dollar Steuereinnahmen.
Das Repräsentantenhaus hat ein Gesetz
zur Kinderbetreuung ähnlich dem des
Senats verabschiedet.
Damit würde
das Programm Head Start erweitert
und "Schlüsselkinder", deren Eltern
immer noch außer Haus arbeiten, wenn
die Kinder aus der Schule kommen, in
der Schule betreut.
Einige Privatunternehmen stellen ihren Beschäftigten bereits Hilfsprogramme und entsprechende Einrichtungen als zusätzliche Leistungen zur
Verfügung.
Einer Untersuchung des
Arbeitsministeriums von 1987 zufolge
hatten 2 Prozent aller untersuchten
Unternehmen mit mehr als 10 Beschäftigten Kindertagestätten, 3 Prozent
unterstützten Kinderbetreuung finanziell, 6 Prozent boten Informationen
oder Beratung an und 61 Prozent hatten flexible Arbeitszeit.
Die
amerikanischen
Gewerkschaften
konzentrieren sich immer stärker auf
Kinderbetreuung, Erziehungsurlaub und
flexible Arbeitszeit und machen diese
Themen zum Kernpunkt ihrer Tarifverhandlungen mit den Arbeitgebern, wobei sie versuchen, auslaufende Tarifverträge durch neue zu ersetzen. Ein
im Mai dieses Jahres zwischen AT&amp;T

- 5 -

�und zwei Gewerkschaften der Beschäftigten im Fernmeldesektor ausgehandeltes Abkommen könnte für künftige
TarifVertragsbedingungen
Vorbildcharakter haben.
Dieses Abkommen, von dem landesweit
mehr als 175 000 Arbeitnehmer betroffen sind, erschließt neues Terrain,
und
sieht einen
unternehmensseitig
geförderten
Fünf-Millionen-DollarFonds zur Finanzierung von Kindertagestätten und Programmen für ältere
Angehörige
von
Beschäftigten
vor.
Darüber hinaus begründet es eine Politik des "Farailienurlaubs", wonach
Arbeitnehmer bis zu ein Jahr unbezahlten
Urlaub
nehmen
können, um
ernsthaft erkrankte Familienmitglieder zu pflegen, wobei in der Zeit die
Krankenversicherung und die WiederUbernahme an den gleichen oder einen
gleichwertigen
Arbeitsplatz
gewährleistet ist.
Weiterhin können vom
Arbeitnehmer und seiner Familie Ausgaben bis zu 2 000 Dollar geltend gemacht werden, die im Zusammenhang mit
der
Adoption
eines
minderjährigen
Kindes entstehen, und es wird eine
neue
Regelung
für
"entschuldigtes
Fernbleiben vom Arbeitsplatz" getroffen, derzufolge Arbeitnehmer wegen
dringender
Familienangelegenheiten
kurzfristig freinehmen können.

* * * * *

6

�AMERIKA DIENST
VON

Hintergrundmaterial

**

40

1. November 1989

DELEGATION DES PRÄSIDENTEN REIST NACH POLEN
- Eine Übersicht des Weißen Hauses -

WASHINGTON - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir eine vom Weißen Haus an
30. Oktober 1989 herausgegebene Übersicht, in der Präsident Bushs Unterstützung für Polens politische und wirtschaftliche Reformen dargelegt und die Bildung einer Ende November im Auftrag des Präsidenten nach Polen reisenden Delegation angekündigt wird.

Delegation des Präsidenten für Polen
Seit Amtsantritt dieser Administration hat der Präsident starkes Interesse an den sich in Osteuropa vollziehenden politischen und wirtschaftlichen Reformen bekundet.
In seiner
Rede am 17. April 1989 in Hamtramck
hat Präsident Bush dem damals noch in
seinen Kinderschuhen steckenden Reformprozeß die Unterstützung der Vereinigten Staaten zugesichert.
Nach den ersten nahezu freien Wahlen
in vierzig Jahren ist Präsident Bush
nach Polen gereist und hat dort zusätzliche Unterstützung für die Reformen versprochen. Anfang September
hat ?r im Kongreß um einen Unternehmensfonds im Umfang von 100 Millionen
Dollar, technische und arbeitsmarkt-

United States Information Service
Embassy of the United States of America

orientierte Hilfe in Höhe von 4 Millionen und ein Umweltschutzprogramm
von 15 Millionen Dollar nachgesucht.
Darüber hinaus hat der Präsident auf
dringende Bitte der neuen polnischen
Regierung
zusätzlich
108 Millionen
Dollar Lebensmittel hilfe gewährt.
In Polen haben dramatische Reformen
stattgefunden.
Die Regierung wird
nunmehr
von einem nichtkommunistischen
Premierminister geleitet und
plant
wichtige
Wirtschaftsreformen,
von denen einige bereits durchgeführt
werden. Dafür hat Polen 1 Milliarde
Dollar an westlicher Wirtschaftshilfe
angefordert, um die neue Regierung zu
stabilisieren, wenn sie im nächsten
Jahr drastischere Stabilisierungsmaßnahmen
verwirklicht.
Als Antwort
darauf hat der Präsident als amerika-

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.: 0228-339 2035
Telex: 8-85432

�nischen Beitrag vom Kongreß 200 Millionen Dollar Fördermittel für diesen
Stabilisierungsfonds angefordert, der
an Polens erwartetes Abkommen mit dem
Internationalen Währungsfonds gebunden ist. Das gesamte Paket der Polenhilfe beträgt damit mehr als 400
Millionen Dollar.
Im Rahmen seiner andauernden Unterstützung der polnischen Reformen hat
der Präsident heute die Bildung einer
Delegation angekündigt, die Ende November im Auftrag des Präsidenten
nach Polen reisen wird, um den neuen
Wirtschaftsplan der Regierung zu prüfen und den Präsidenten zu beraten,
wie die amerikanischen Mittel am beten verwendet
werden können.
Die
Sondergruppe wird von den Ministern
Yeutter, Mosbacher und Dole sowie dem
Vorsitzenden
des
Rats
der
Wirtschaftsexperten (CEA) Boskin geleitet.
Ihr gehören vorwiegend Vertreter von Gewerkschaften und Industrie
an, ferner Wirtschaftswissenschaft! er
und Experten aus dem Privatsektor,
unter ihnen Lane Kirkland, Murray
Wiedenbaum, Michael Harper (CONAGRA),
John McGillacuddy (Manufacturers Hanover), Gale Johnson und Arnold Harberger (Universitv of Chicago). Robert Giorgine (AFL-CIO) und Edward
Moskal (Polish-American Congress).

Dieser ersten Reise werden andere
Missionen
von Fachleuten
wichtiger
Wirtschaftssektoren folgen.
DarUber
hinaus werden Wirtschaftsexperten der
Administration
vordringlich
die
strukturellen
wirtschaftlichen
Herausforderungen
untersuchen,
denen
sich Polen heute und in den nächsten
Jahren stellen muß, damit wir dem
polnischen Volk bei seinen Reformbestrebungen
die größtmögliche
Hilfe
leisten können.

Die Deleagtion wird sich auf die
Wirtschaftssektoren konzentrieren, in
denen Know-how und Erfahrung der Amerikaner am ehesten etwas bewirken
können - in der Landwirtschaft, Unternehmensführung, Industrie, Finanzdienste. Sie wird darüber hinaus Polens Gesamtplan über strukturelle und
makroökonomische
Reformen und
über
Preisreformen untersuchen. Die Delegation des Präsidenten wird ihm einen
Bericht über ihre Ergebnisse vorlegen, die sie auch der EG-Kommission
und anderen Mitgliedern der "Gruppe
für Wirtschaftshilfe an Polen und Ungarn", der 24 Länder angehören, zugänglich machen wird. Die Reise der
Delegation wird vom 29. November bis
zum 2. Dezember 1989 dauern.
- 2 -

* * * * *

�AMERIKA DIENST
VON

Wirtschaft

*

1. November 1989

40

VEREINIGTE STAATEN SCHLAGEN IN URUGUAY-RUNDE REFORMEN
FÜR HANDEL MIT AGRARPRODUKTEN VOR

- Eine Übersicht vom Büro der US-Handelsbeauftragten -

WASHINGTON - (AD) - Die nachfolgende Übersicht zu den am 25. Oktober 1989 1m
Rahmen der Uruguay-Runde von Handelsgesprächen in Genf präsentierten amerikanischen Vorschlägen für eine Reform des Handels mit Agrarprodukten wurde am
24. Oktober 1989 vom Büro der US-Handelsbeauftragten in Washington veröffentlicht.

I.

Zusammenfassung

Am 25. Oktober 1989 präsentieren die
Vereinigten Staaten den ersten umfassenden Vorschlag zur Landwirtschaft
im Rahmen der Uruguay-Runde, multilateraler Handelsgespräche.
Der Vorschlag umfaßt alle für die Verhandlungen in diesem Bereich wichtigen
Elemente - Importzugang, Exportwettbewerb,
binnenwirtschaftliche
Stützungsmaßnahmen
sowie
sanitäre
und
phytosanitäre Maßnahmen.

II.

dukten durch erhebliche, fortschreitende Reduzierungen
von Stützungsund Schutzmaßnahmen Ziel der Verhandlungen ist.
Im Juli 1987 schlugen
die Vereinigten Staaten den vollständigen Abbau aller handelsverzerrenden
Subventionen und Zugangsbeschränkungen sowie die Harmonisierung von sanitären und phytosanitären Beschränkungen
über
einen
Zeitraum
von
10 Jahren vor. Der vorliegende neue
Vorschlag
erläutert die im Rahmen
dieses
Prozesses
durchzuführenden
Maßnahmen.

Hintergrund

Die Mitgliedstaaten des GATT sind
übereingekommen, daß die Schaffung
eines
weltweiten,
marktorientierten
Umfelds für den Handel mit Agrarpro-

United States Information Service
Embassy of the United States of America

III.
Schlüsselelemente
nischen Vorschlags

des amerika-

Der
amerikanische Vorschlag
strebt
eine Reform des Handels mit land-

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.: 0228-339 2035
Telex: 8-85432

�wirtschaftlichen Erzeugnissen in vier
Schliisselbereichen an:
Marktzugang
- Die beteiligten Staaten würden
1. Alle nichttarifären Handelshemmnisse in gebundene Zölle umwandeln;
2. Bei diesen und anderen bestehenden Zöllen innerhalb von 10
Jahren
erhebliche
Reduzierungen
vornehmen;
3. Zollquoten und Schutzklauseln
einsetzen, um den Ubergangsprozeß
zu erleichtern.
Exportwettbewerb
Exportsubventionen,
einschließlich
des
Exportsteuergefälles,
würden innerhalb von fünf Jahren
abgebaut.
Mit Inkrafttreten des
Abkommens würden aufgrund eines
knappen heimischen Angebots verhängte
Exportbeschränkungen
für
Nahrungsmittel verboten.
Binnenwirtschaft]iche
Stützungsmaßnahmen
1. Die den Handel am meisten verzerrenden Maßnahmen würden abgebaut;
2. Die weniger belastenden würden
bestimmten Regeln unterworfen;
3. Die mit relativ geringfügigen
Auswirkungen würden weiterbestehen, solange sie bestimmte Kriterien erfüllen.
Sanitäre und phytosanitäre Maßnahmen
Verfügungen
und
Beschränkungen
würden einem internationalen Verfahren für die Schlichtung von
Streitfällen
und
Harmonisierung
unterworfen.

IV.
Auswirkungen
Produzenten

auf

amerikanische

Eine kürzlich durchgeführte Studie
des amerikanischen Landwirtschaftsmi-

nisteriums zeigt auf, daß amerikanischen landwirtschaftlichen Erzeugern
durch
protektionistische
Maßnahmen
anderer Länder jährliche Verluste in
Höhe von 11 Milliarden Dollar entstehen.
Wirtschaftsprognosen
zufolge
werden als Ergebnis des Abbaus handelsverzerrender
Stützungs- und
Schutzmaßnahmen in der Landwirtschaft
die Weltmarktpreise steigen, für einige
Erzeugnisse
sogar
erheblich.
Die amerikanischen Landwirtschaftsbetriebe gehören zu den wettbewerbsfähigsten der Welt. Ferner besteht in
den Vereinigten Staaten ein besonders
leistungsfähiges
Vertriebs- und
Absatzsystem.
In einem von wirklichem
Wettbewerb gekennzeichneten Umfeld bei gleichen Bedingungen für alle wird die amerikanische Landwirtschaft
wachsen und gedeihen.

V. Auswirkungen
Steuerzahler

für Verbraucher und

Die bestehende Landwirtschaftspolitik
erlegt Verbrauchern und Steuerzahlern
immense Lasten auf - allein in den
Industriestaaten 275 Milliarden Dollar pro Jahr, folgt man den Schätzungen der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung
(OECD).
Die in dem amerikanischen
Vorschlag enthaltenen Reformen würden
die für den Verbraucher durch Importzugangsbeschränkungen und hohe binnenwirtschaftliche Preisstützungsmaßnahmen
entstehende
Last
abbauen.
Weltweit würde den Verbrauchern eine
größere Auswahl an Nahrungsmitteln zu
erheblich niedrigeren Kosten zur Verfügung stehen.

VI. Auswirkungen
länder

auf

Entwicklungs-

Die Entwicklungsländer werden voraussichtlich zu den Hauptnutznießern der
Liberalisierung des Agrarhandels gehören.
Diese Schlußfolgerung stützt
sich auf eine Reihe internationaler
Studien. Der Abbau von Importschranken wird wettbewerbsfähigen Erzeugern
in den Entwicklungsländern Märkte zur

�Verfügung stellen.
Die Reform von
handelsverzerrenden Elementen In bestehenden
Landwirtschaftsprogrammen
wird die Produktionseffizienz und die
Verfügbarkeit von Nahrungsmitteln für
alle Mitglieder des weltweiten AgrarHandelssystems erhöben.

VII.

Die nächsten Schritte

Bei der Zwischenbilanz im April verständigten sich alle GATT-Mitglieder
auf eine Frist bis zum Dezember 1939
für die Unterbreitung von Verhandlungsvorschlägen.
Der Vorschlag der
Vereinigten Staaten kommt dieser Verpflichtung
nach.
Die
Vereinigten
Staaten unterbreiten als erste ein
umfassendes Paket, das alle Bereiche
der Agrarverhandlungen umfaßt.
Die
Cairns Group, die Europäische Gemeinschaft. Japan und andere Teilnehmer
haben Vorschläge gemacht, die einige,
aber nicht alle Aspekte der Verhandlungen berücksichtigen.
Beim November-Treffen
der
Verhandlungsgruppe
erwarten wir zusätzliche umfassende
Vorschläge von diesen und vielleicht
anderen
Ländern.
Diese
Vorschläge
werden die Grundlage der Verhandlungen im Jahr 1990 bilden.
Die Uruguay-Runde wird mit einem Treffen der
Handelsminister in Brüssel im November 1990 abgeschlossen.

* * * * *
- 3

�AMERIKA DIENST
'^7

^

Wirtschaft

C$-

1. November 1989

40

USA FORDERN DIENSTLEISTUNGSABKOMMEN BEI URUGUAY-RUNDE

- Übersicht der amerikanischen Handelsbeauftragten -

WASHINGTON - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir eine Übersicht über die
amerikanischen Vorschläge zum Handel mit Dienstleistungen, die am 23. Oktober
1989 bei den Handelsgesprächen der Uruguay-Runde vorgelegt wurde.

Zusammenfassung
Am 23. Oktober 1989 unterbreiteten
die Vereinigten Staaten bei den multilateralen
Handelsgesprächen
dar
Uruguay-Runde einen umfassenden Vorschlag zu Dienstleistungen. Der amerikanische Text ist der erste Vorschlag dieser Art, der die Verpflichtungen der jeweiligen Länder in einem
potentiellen
Dienstleistungsabkomaen
rechtsgültig zum Ausdruck bringt.
Der amerikanische Vorschlag
strebt
die Öffnung der Weltmärkte in größtmöglichem Umfang an. Im Rahmen dieses Abkommens könnten sich die Anbieter von Dienstleistungen im Ausland
ansiedeln und wie ortsansässige Fir-

United States Information Service
Embassy of the United States of America

men konkurrieren.
Sie würden weltweit ein faires, berechenbares Umfeld
für ihre Dienstleistungen vorfinden.

Hintergrund
Dienstleistungen machen einen bedeutenden Teil der amerikanischen Wirtschaft aus. Ungefähr 68 Prozent des
amerikanischen
Bruttosozialprodukts
(BSP) werden durch Dienstleistungen
erwirtschaftet. Rund 76 Prozent der
Beschäftigungsquote in den Vereinigten Staaten entfallen auf den Dienstleistungsbereich, und er stellt über
90 Prozent al1er neu geschaffenen Arbeitsplätze. Allein im letzten Quartal wurden über 300 000 neue Arbeits-

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.: 0228-339 2035
Telex: 8-85432

�platze im
schaffen.

Dienstleistungssektor

ge-

Dienstleistungen haben darüber hinaus
einen wachsenden Anteil am amerikanischen Binnenmarkt und am Welthandel.
Schätzungen zufolge nahmen die amerikanischen Exporte von Dienstleistungen in den vergangenen zehn Jahren um
150
Prozent
zu.
Die
Vereinigten
Staaten exportierten
im Jahr 1988
Dienstleistungen
im Umfang von 90
Milliarden Dollar, was zu einer positiven Handelsbilanz von ca. 20 Milliarden Dollar führte. Im Jahr 1988
belief sich der Handel mit Dienstleistungen auf insgesamt 560 Milliarden
Dollar.
Dienstleistungen haben in den vergangenen Jahren in der Weltwirtschaft
aufgrund der zunehmenden Fähigkeiten
von
Dienstleistungsunternehmen,
mit
Hilfe
neuer
Kommunikationstechniken
ihre Dienste im Ausland anzubieten,
beträchtlich an Bedeutung gewonnen.
Als zusätzlicher Faktor schlägt bei
Dienstleistungsexporten die wachsende
Dienstleistungskomponente
von
Waren
zu Buche, die Technologie, Marketing
und Qualität besonders betont.
Die
Bestimmungen
des
Allgemeinen
Zoll- und Handelsabkommens (GATT) betreffen derzeit nicht den Handel mit
Dienstleistungen.
Aus diesem Grund
beschlossen die Vereinigten Staaten
1986, Verhandlungen über Dienstleistungen im Rahmen der Uruguay-Runde
multilateraler Handelsgespräche unter
der Schirmherrschaft des GATT in die
Wege zu leiten.

Zielsetzungen
Vorschlags

des

amerikanischen

Das Hauptziel der Vereinigten Staaten
bei den Dienstleistungsverhandlungen
ist die Erarbeitung internationaler
rechtlicher Verpflichtungen, um sicherzustellen, daß die Regierungen
transparente, berechenbare und nicht
restriktive Bestimmungen für ausländische Dienstleistungen und deren Anbieter vorsehen.
Der amerikanische

Text ist der erste Vorschlag dieser
Art, der die Verpflichtungen der jeweiligen Länder in einem potentiellen
Dienstleistungsabkommen
rechtsgültig
zum Ausdruck bringt. Darüber hinaus
enthält er einheitliche Bestimmungen
zur Schlichtung von Streitigkeiten,
Aufbau des Abkommens und die Vorgehensweise.
Die von den Ländern im Rahmen des
amerikanischen Vertragsentwurfs Übernommenen wesentlichen Verpflichtungen
unfassen folgende Punkte.

Nationale Behandlung - ausländische
Dienstleistungen
werden
ebenso behandelt wie inländische,
Unternehmensgründung - ausländische Anbieter von Dienstleistungen haben das Recht, eine Zweigstelle zu eröffnen, um im Gastland eine Dienstleistung anbieten
oder ihren Import anderweitig erleichtern zu können.
Grenzüberschreitende
Dienstleistungen - das Recht, eine aus dem
Ausland stammende Dienstleistung
in einem Gastland anzubieten.
Zeitlich begrenzte Einreise des
Anbieters von Dienstleistungen die Möglichkeit, Anbietern
von
Dienstleistungen die Einreise in
das Gastland vorbehaltlich geltender
Einreisebestimmungen
zu
gestatten.
Transparenz - die Verpflichtung
zur Veröffentlichung von Gesetzen
und Bestimmungen über Dienstleistungen, interessierten Parteien
soll die Kommentierung der vorgeschlagenen Bestimmungen gestattet
werden.
Gleichbehandlung - die Vorteile
des Abkommens gelten für alle Unterzeichnerstaaten .
Monopole - bei für Regierungen
bestimmten Dienstleistungen müssen ausländische Anbieter wie in-

�ländische behandelt und der Wettbewerb
in
Bereichen
sichergestellt werden, in denen Konkurrenz gestattet ist.
Subventionen
- Subventioen zum
Nachteil der Anbieter ausländischer Dienstleistungen sind verboten.
Regelung - die Länder haben das
Recht zur Regelung von Dienstleistungen,
vorausgesetzt,
solche
Regelungen stellen keine Beeinträchtigung
oder Aufhebung
der
Verpflichtungen des Abkommens dar.
Zahlungen und Transfer - Richtlin i e n , die Restriktionen der Länder
für
Auslandstransfers
bei
DienstleistungstransaktIonen
begrenzen.

Aufbau des
entwurfs

amerikanischen

Vertrags-

Die in dem amerikanischen Vorschlag
enthaltenen Bestimmungen gelten automatisch fUr die ganze Bandbreite bestehender und zukünftiger Maßnahmen,
die Dienstleistungen der Unterzeichnerstaaten regeln.
Diese Bandbreite
wird vom GATT-Sekretariat festgelegt
und von den Unterzeichnerstaaten genehmigt.
Die
Unterzeichnerstaaten
haben das Recht zu begrenzten Vorbehalten gegenüber bestehenden Maßnahmen, die nicht im Einklang -nlt den
Abkommen stehen.
Vorbehalte können
von begrenzter Dauer sein und die
Grundlage
zukünftiger
Verhandlungsrunden über eine Liberalisierung des
Handels mit Dienstleistungen bilden.
Das Recht der "Nichtanwendung".
Der
amerikanische Vorschlag gestattet einem Unterzeichnerstaat, einem anderen
Unterzeichnerstaat die Vorteile seiner Marlctliberalisierung zu verweigern, wenn dieser im Rahmen des Abkommens ein unzureichendes Maß an
Verpflichtungen übernommen hat (beispielsweise Vorbehalte in übermäßig
vielen Bereichen angemeldet hat).

Besondere Bestimmungen für einzelne
Sektoren.
Im Rahmen des amerikanischen Vorschlags können die Unterzeichnerstaaten
zusätzliche
Bestimmungen für einzelne Sektoren erarbeiten.
Der Vorschlag gestattet beispielsweise Zusätze zum Abkommen, die
Bestimmungen für bestimmte Sektoren
verdeutlichen und auslegen und für
alle Unterzeichnerstaaten gelten. In
anderen Fällen können von interessierten
Unterzeichnerstaaten
Protokolle mit dem Ziel in das Abkommen
eingebracht werden, die weitere Liberalisierung eines Sektors herbeizuführen, der bereits von den Bestimmungen und Kodizes des Abkommens abgedeckt Ist. In Fällen, in denen die
Unterzeichnerstaaten
festgelegt
haben, daß ein bestimmter Sektor nicht
in das Abkommen einbezogen werden
soll, können sie getrennte Abkommen
einbringen, deren Bestimmungen rechtlich nicht in Zusammenhang mit den
allgemeinen Abkommen stehen.

Vorteile für amerikanische und ausländische Dienstleistungsindustrien
Der von den Vereinigten Staaten vorgelegte Vertragsentwurf zielt darauf
ab,
größtmögliche
verfahrensmäßige
Berechenbarkeit
und
Liberalisierung
in allen Ländern herbeizuführen. Die
meisten
amerikanischen
Dienstlelstungsindustrien, die im Ausland tätig werden wollen, benötigen ein solches Ergebnis der Uruguay-Runde, um
ihren Marktzugang
zu ausländischen
Märkten zu verbessern.
Die
umfassende
sektorale
Abdeckung
liegt aufgrund der Zunahme und Bedeutung von Dienstleistungen im Welthandel im besonderen Interesse der
Vereinigten Staaten. Eine der wichtigsten Bestimmungen des amerikanischen Vorschlags ist das Recht auf
Unternehmensgründung.
Die
meisten
Dienstleistungen werden im Wege von
Firmengründungen
aus
kommerziellen
und verfahrenstechnischen Erwägungen
bereitgestellt, und solch eine Bestimmung könnte die Flexibilität ge-

- 3 -

�währleisten,
die
Dienstleistungsun ternehmen bei der Verabschiedung ihrer Marketingstrategien für das Ausland benötigen.
Die zugrundeliegende Philosophie der
Berechenbarkeit
und
Liberalisierung
des amerikanischen Textes wird generell von anderen kleinen und großen
Ländern
geteilt, die
ein
enormes
Wachstum
ihrer
Dienstleistungsindustrie
erlebt
haben.
Gleichzeitig
enthält der Vertragsentwurf genügend
Flexibilität zur Nichteinhaltung für
einige Länder, wenn ihnen di.es im
Verlauf der Uruguay-Runde unmöglich
ist. Das Konzept des Vorbehalts gegenüber Maßnahmen gewährleistet maximale Transparenz bei der Bewertung
des Umfangs, in dem die Länder die
Bestimmungen des Abkommens nicht einhalten können.
Die Ausräumung des
Vorbehalts wäre dann das Hauptthema
bei den nach Inkrafttreten des Abkommens stattfindenden Verhandlungen.

* * * * *

�</text>
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                <text>Amerikadienst 01.11.1989</text>
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                <text>&lt;strong&gt;1. Dokumentation&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Amerikanische Präsenz in Europa im Zeitalter von Glasnost und Perestroika&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede des Botschafters der Vereinigten Staaten von Amerika &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;U.S.-Vertreter fordert verstärkte Zusammenarbeit bei Treibhauseffekt&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Erklärung von William Nitze vor Kongreß-Unterausschuß &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Hintergrund&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Amerikanische Sozialpolitik auf neuem Kurs&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Fünfter und letzter Artikel über das amerikanische Sozialwesen &lt;/em&gt;&lt;br /&gt; &lt;br /&gt;Delegation des Präsidenten reist nach Polen&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Eine Übersicht des Weißen Hauses&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Wirtschaft&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Vereinigte Staaten schlagen in Uruguay-Runde Reformen für Handel mit Agrarprodukten vor&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Eine Übersicht vom Büro der U.S. Handelsbeauftragten &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;USA fordern Dienstleistungsabkommen bei Uruguay-Runde&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Übersicht der amerikanischen &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Handelsbeauftragten&lt;br /&gt;&lt;/em&gt;</text>
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                    <text>c^°S^&lt;

VON

AMERIKA DIENST

&amp;

8. November 1989

41

INHALT

DOKUMENTATION

Die USA und Ihr Beitrag zur Bekämpfung weltweiter Klimaveränderungen
- Rede des Umweltbeauftragten William Reilley Keine Einigung bei Umweltkonferenz in Sofia
- Erklärung der amerikanischen Delegation Zahl von Staaten im Besitz ballistischer Raketen könnte sich
verdoppeln
- Stellungnahme von Vertreter des US-Außenministeriums -

* * * * *

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Dokumentation

41

8. November 1989

DIE USA UND IHR BEITRAG ZUR BEKÄMPFUNG WELTWEITER KLIMAVERÄNDERUNGEN
- Rede des Umweltschutzbeauftragten Willlara Reillv -

NORDWIJK - (AD) - Die Vereinigten Staaten werden dem Leiter des US-Umweltschutzamts (Environmental Protection Agencv ~ EPA), William Reilly, zufolge
"ihren Teil beitragen", um die negativen Auswirkungen der weltweiten Klimavei—
änderungen zu bekämpfen. Dies erklärte Reilly am 6. November 1989 bei der
Weltklimakonferenz in den Niederlanden.
Reilly zufolge werden die Vereinigten Staaten "weiterhin eine führende Rolle
bei Bestrebungen zur Erweiterung unseres Bewußtseins für Klimaveränderungen
spielen". Die Bush-Administration wird ihr Augenmerk jedoch insbesondere darauf richten, daß die von ihr geförderten Programme "wissenschaftlich abgesichert sind".
Nachfolgend veröffentlichen wir Reillys Rede im Wortlaut.

Weltweit nimmt das Bewußtsein über
die Notwendigkeit der Erhaltung des
ökologischen Gleichgewichts der Erde
zu.
Dazu zählt die Erkenntnis, daß
atmosphärische Veränderungen das Klima auf unserem Planeten verändern
könnten.
Die Möglichkeit weltweiter Klimaveränderungen zwingt uns, diese Erde als
integriertes Gefüge zu betrachten.
Die Lösung dieses Problems erfordert
somit ein multilaterales Engagement
der Staatengemeinschaft. Ebenso notwendig ist ein einheitlicher politischer Ansatz, weil weltweite Klimaveränderungen
ebenso
Bereiche
wie
Wissenschaft, Energie, Wirtschaft und
Außenpolitik betreffen wie Umwelt.
Unter

den

Wissenschaftlern

besteht

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zunehmend Einigkeit, daß eine Erwärmung der Erdatmosphäre aufgrund von
Emissionen künstlicher Treibhausgase
möglich ist, wenn sich die Emissionen
in
bisherigem
Umfang
fortsetzen.
Dennoch besteht weiterhin Unklarheit
über Umfang, Zeitraum und regionale
Variationen der Erwärmung des Erdklimas.
Die Vereinigten Staaten werden
weiterhin eine führende Rolle bei Bestrebungen
zur Erweiterung
unseres
Bewußtseins
für
Klimaveränderungen
spielen. Wir werden unser Augenmerk
insbesondere darauf richten, daß die
von uns geförderten Programme w1ssenschaftlich abgesichert sind. Darüber
hinaus fördern die Vereinigten Staaten erstmalig eine Partnerschaft zwischen dem Privatsektor, Universitäten
und ihren eigenen staatlichen Forschungseinrichtungen, um das bestmög-

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�liehe Verständnis des Problems der
Klimaveränderung durch alle in diesem
Land verfügbaren Quellen zu gewährleisten.
Zur Beseitigung noch bestehender Unklarheiten
haben
die
Vereinigten
Staaten ihr Budget für die wissenschaftliche Erforschung der Ursachen
und Auswirkungen von Kltmaveränderungen erheblich erhöht. Präsident Bush
hat eine drastische Steigerung der
Ausgaben für Grundlagenforschung und
Versuche vorgeschlagen, um schwierige
wissenschaftliche Probleme im Bereich
der
Klimaveränderungen
zu
lösen.
Deshalb werden die Vereinigten Staten
im kommenden Haushaltsjahr voraussichtlich etwa 500 Millionen Dollar
ausgeben, unter anderem für satellitengestützte Untersuchungen der Erdoberfläche und andere Aktivitäten zur
Beobachtung und Erforschung der ökologischen Systeme auf der Erde. Präsident Bush hat beim jüngsten Weltwirtschaftsgipfel die anderen Länder
zu gemeinsamen Forschungsaktivitäten
aufgefordert.
Ich möchte diese Aufforderung heute gegenüber den hier
vertretenen Ländern wiederholen.
Wir können es uns jedoch nicht leisten zu warten, bis alle Unklarheiten
beseitigt sind, bevor wir etwas unternehmen.
Aus diesem Grund haben
die Vereinigten Staaten mit der Verwirklichung mehrerer Schritte begonnen, die unseres Erachtens zur Bewältigung des weltweiten Klimaproblems
beitragen werden.
So hat Präsident
Bush zu Beginn dieses Jahres die erste eingehende Überarbeitung unserer
Gesetze zur Luftreinhaltung seit über
einem Jahrzehnt angeordnet. Mit diesem Vorschlag wird der Schwefeldioxydausstoß von Kraftwerken sowie die
durch Automobile sowie Fabriken und
andere Unternehmen verursachte Umweltverschmutzung einschneidend abgebaut werden. Mit der Festlegung einer Obergrenze fflr den Ausstoß von
S02, die weit unter den heute zulässigen Emissionswerten liegt, hat
Präsident Bush ein Programm in Angriff genommen, das einen starken Anreiz zur Energieeinsparung bietet -

denn nur durch Energieeinsparung können
die
Stromversorgungsunternehmen
die vorgeschriebene Norm einhalten.
Wir erwarten, daß allein diese Art
von Initiative zur Reduzierung des
sauren Regens zu einem erheblichen
Abbau der Emissionen auf nationaler
Ebene beitragen kann.
Zweitens hat der Präsident einer Entscheidung zugestimmt, die eine Vei—
schärfung der Normen für den Flottenverbrauch von Automobilen in den Vereinigten Staaten vorsieht. Durch die
Senkung des durchschnittlichen Treibstoffverbrauchs der gesamten Flotte
werden sowohl die Abhängigkeit der
Vereinigten
Staaten von Ölimporten
als auch die Emissionen
von
CO2
verringert.
Drittens hat der Präsident die Unterstützung der Vereinigten Staaten für
einen weltweiten vollständigen Verzicht auf die Verwendung von Fluorchlorkohlenwasserstoffen bis zum Jahr
2 000 zugesichert. Der Präsident hat
eine Gebührenordnung für die Herstellung von FCKW vorgeschlagen, die eine
erhebliche Reduzierung von Produktion
und Einsatz dieser Substanzen zur
Folge haben wird. Die Zustimmung des
Kongresses zu diesem Vorschlag steht
kurz bevor.
Viertens hat der Präsident die Schaffung einer breitangelegten Nationalen
Energiestrategie gefordert.
Die gegenwärtig unter der Leitung des Energieministers
entwickelte
Strategie
wird zweifelsohne dazu führen, daß
Energieeinsparung
in
Zukunft
eine
größere Rolle spielen wird.
Schließlich
sind
die
Vereinigten
Staaten, wie bereits erwähnt, dazu
bereit, ihr Engagement bei der Erforschung des Erdklimas aufrechtzuerhalten.
Ich erwarte, daß unsere Forschungsausgaben in den kommenden Jahren weiter steigen werden.
Mit Blick auf die Zukunft beschäftigen sich die Vereinigten Staaten zur
Zeit aktiv mit weiteren Initiativen
in Bereichen wie Energieeinsparung

�und Wiederaufforstung.
Unseres Erachtens sollten alle Staaten solche
Maßnahmen
treffen, die
auch
dann
schon slnnvoll sind, während wir noch
weitere Erkenntnisse über das Erdklima sammeln. Ein umsichtiges Vorgehen
heute bedeutet eine Rückversicherung
gegen mögliche schädliche Auswirkungen des Treibhauseffekts in der Zukunft.
Wie Präsident Bush und die anderen
Staats- und Regierungschefs auf dem
Weltwirtschaftsgipfel
im
Juli
beschlossen haben, benötigen wir gemeinsame Anstrengungen, um die Emissionen von Kohlendioxyd und anderen
Treibhausgasen
zu
begrenzen.
Die
Vereinigten
Staaten sind sich der
Notwendigkeit bewußt, umfassende Maßnahmen - auf der Basis gesicherter
wissenschaftlicher Erkenntnisse - zur
Begrenzung
der
Emissionen
aller
Treibhausgase zu treffen, um die Erwärmung des Erdklimas zu verlangsamen. Obwohl alle Staaten auf dieses
Ziel hinarbeiten müssen, ist eine
Führungsrolle der Industriestaaten in
diesem Bereich besonders wichtig.
Die Vereinigten Staaten unterstützen
voll und ganz die Arbeit der Zwischenstaatlichen Kommission zur Klimaveränderung (IPCC), die unter der
Schirmherrschaft des Umweltprogramms
der Vereinten Nationen und der Weltorganisation für Meteorologie ins Leben gerufen wurde. Wir erwarten von
ihr, daß sie eine solide Grundlage
für
internationale
Schritte, einschließlich
nachfolgender
Vereinbarungen für Kontrollmaßnahmen, liefern
wird. Wir in den Vereinigten Staaten
beabsichtigen, dieses Gremium zu dem
Forum zu machen, in dem das Problem
auf internationaler Ebene behandelt
wird.
Wir erwarten, daß der IPCC-Prozeß zu
einer Rahmenkonvention über Klimaveränderung führt.
In dieser Hinsicht
genießt die Arbeit der IPCC die volle
Unterstützung der Vereinigten Staaten.
Die Vereinigten Staaten sind der Auf-

fassung, daß ein Abkommen über die
allgemeinen Prinzipien oder Leitlinien der beste und vernünftigste Weg
zur Lösung des anstehenden Problems
ist. Ein solcher Ansatz wird uns einen Rahmen bieten, mit dessen Hilfe
wir den weltweiten Konsens über geeignete Reaktionen auf die Veränderung des Erdklimas fördern können.
Um diese Diskussion aufzunehmen, haben die Vereinigten Staaten als Inhaber des Vorsitzes der IPCC-Arbeitsgruppe für Reaktionsstrategien eine
Tagung ausgerichtet, auf der die voraussichtlichen Punkte einer Rahmenkonvention über die Veränderung des
Erdklimas behandelt wurden. Mit dieser Tagung erhielten über 30 Staaten
eine erste Gelegenheit für den Versuch, einen gemeinsamen Ansatz zu den
vielfältigen Problemen zu erarbeiten,
die von einer solchen Rahmenkonvention abzudecken sind.
Zusätzlich
zu
den
multilateralen
IPCC-Bestrebungen
muß
jetzt
jedes
Land eine Bestandsaufnahme der Situation im Inland vornehmen und die möglichen Kosten und
wirtschaftlichen
Auswirkungen von Maßnahmen zur Eindämmung
der
Treibhausgasemissionen
oder zur Anpassung an die Klimaveränderungen sowie deren Nutzen für die
Umwelt
vornehmen.
Die
Vereinigten
Staaten haben sich zur Erforschung
aller möglichen Optionen auch im Hinblick auf ihren Nutzen, ihre technische Durchführbarkeit und ihre wirtschaftlichen Auswirkungen verpflichtet.
Die Verelngten Staaten setzen
sich für die Anwendung eines marktortentierten Ansatzes zur Eindämmung
der Treibhausgase ein, den wir bereits in unserem Gesetz zur Reinhaltung der Luft festgelegt haben. Wir
hoffen, daß dieses Gesetz Vorbildcharakter für Marktanreize im Bereich
des Umweltschutzes haben wird.
Zur
Zeit prüfen wir kostengünstige kurzfristige Maßnahmen für die Bereiche
Energiewirtschaft, Forstwesen und andere Sektoren.
Zur Verringerung von
Emissionen auf längere Sicht setzen
wir darüber hinaus unsere Prioritäten
in den Bereichen Forschung und Tech-

�nologie.
Wir hoffen, im kommenden
Frühjahr eine erste Bestandsaufnahme
vorlegen zu können.
Ich möchte eindeutig klarstellen, daß
die Vereinigten Staaten sich der besonderen Schwierigkeiten der Entwicklungsländer bei der Bekämpfung der
weltweiten
Umweltprobleme
bewußt
sind.
Wir unterstützen die Bestrebungen
der
Entwicklungsländer
zur
wirtschaftlichen Entwicklung voll und
ganz und teilen sie sogar. Aus diesem Grund fördern wir ein breites
Spektrum bilateraler und multilateraler Bestrebungen zur finanziellen und
technischen Unterstützung - von denen
wir viele selbst in die Wege geleitet
haben. Ferner sind wir uns der Notwendigkeit
bewußt,
die
weltweite
Wirtschaftsentwicklung
in
Einklang
mit einer Umwelt zu bringen, die zur
Aufrechterhaltung dieses Wachstums in
der Lage ist.
Den einzigartigen Gegebenheiten in
den Entwicklungsländern wird Rechnung
getragen.
Wir haben beispielsweise
erst
kürzlich
eine
Expertenstudie
darüber in Auftrag gegeben, wie den
Entwicklungsländern
Umwelttechnologten zur Verfügung gestellt werden
können.
Darüber hinaus prüfen wir
die Möglichkeit eines Schuldennachlasses als Gegenleistung für Natürschutzmaßnahmen und andere innovative
finanzielle Ansätze.
Das amerikanische Amt für internationale Entwicklung
hat ferner einen
ehrgeizigen Plan entwickelt, der die
Integration von Umweltfragen und dauerhaftem Wachstum in ihre Programme
für die Entwicklungsländer vorsieht.
Darüber hinaus vertreten wir die Auffassung, daß die Weltbank und andere
multilaterale Entwicklungsbanken bei
der Förderung kontinuierlicher Entwicklung eine besonders wichtige Rolle spielen müssen, die unserer Ansicht nach noch an Bedeutung gewinnen
wird, wenn sich die internationale
Staatengemeinschaft
organisiert, um
mit einer Rahmenkonvention und den
Begleitprotokollen auf die Klimaver-

änderungen zu reagieren. Wir unterstützen die Bestrebungen der Entwicklungsbanken uneingeschränkt, Umweltaspekte in ihren EntScheidungsprozeß
einzubeziehen und bei der Auswertung
von Rohstoffprojekten den treibhauseffekt zu berücksichtigen.
Nach Auffasung der Vereinigten Staaten sind wir von den weltweiten K Ü maveränderungen
alle
gleichermaßen
betroffen. Um Präsident Bush zu zitieren, als er in seiner jüngsten Rede vor den Vereinten Nationen das
Problem der Erwärmung der Erde zur
Sprache
brachte:
"Die Vereinigten
Staaten werden
ihren Teil beitragen."
Der Präsident ist fest davon
überzeugt, daß Erfolg der Zusammenarbeit aller Länder bedarf.
Einigung
auf vernünftige internationale Strategien setzt voraus, daß wir alle unser Bestes geben.

* * * * *

�AMERIKA DIENST
Dokumentation
41

8. November 1989

KEINE EINIGUNG BEI UMWELTKONFERENZ IN SOFIA
- Erklärung der amerikanischen Delegation -

SOFIA - (AD) - Die KSZE-Umweltkonferenz endete am 3. November 1989 ohne Einigung auf ein von allen 35 Nationen gebilligtes Schlußdokument. Rumänien legte
als einziges Land aufgrund des Passus über das Recht auf Versammlungs-, Veröffentlichungs- und Redefreiheit Einspruch ein.
"Meine Delegation bedauert zutiefst, daß nur 34 der 35 Nationen zu einem Konsens bereit waren", erklärte der amerikanische Delegationsleiter, Botschafter
Richard Smith, gegenüber den Konferenzteilnehmern.
"Wir sind bezüglich des
Schlußdokuments völlig unvoreingenommen bierhergekommen", fuhr er fort, "sind
inzwischen jedoch überzeugt, daß unsere Arbeit in einem einvernehmlichen Dokument festgehalten werden sollte."
Nachfolgend veröffentlichen wir die offizielle Erklärung von Botschafter Smith
im Wortlaut.
Herr Vorsitzender, das KSZE-Treffen
zum Umweltschutz steht kurz vor seinem Abschluß. In nur drei Wochen haben wir Beachtliches geleistet, eine
Bestandsaufnahme der bisherigen Arbeit vorgenommen und zukünftige Möglichkeiten in drei Umweltbereichen Industrieunfällen, Gefahrstoffen und
Wasserverschmutzung - ebenso wie die
Schärfung des Problembewußtseins der
Öffentlichkeit erforscht.

Beitrag zu einem solchen Gedankenund
Erfahrungsaustausch
leisten zu
können. Die hier unter Experten sowohl bei den offiziellen als auch bei
informellen Treffen geführten Gespräche waren in der Tat produktiv und
informativ.
Sie haben zum besseren
Verständnis der uns betreffenden Umweltprobleme geführt und Mittel und
Wege zur Bewältigung dieser Probleme
aufgezeigt.

Die
Vereinigten Staaten erwarteten
von diesem Treffen einen Gedankenund Erfahrungsaustausch über Probleme
in diesen Umweltbereichen und deren
mögliche Lösungen.
Angesichts der
von den Vereinigten Staaten in die
Wege geleiteten umfangreichen Bestrebungen zum Schutz der Umwelt hatten
wir den Eindruck, einen maßgeblichen

Darüber hinaus sollte dieses Treffen
als Grundlage für die Arbeit in anderen internationalen Foren - insbesondere der Wirtschaftskommission
für
Europa - sowie für im Inland zu ergreifende Maßnahmen dienen.
Es wurden viele nützliche Vorschläge unterbreitet und den Delegationen - Finnland, Österreich, Schweden und der

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�Schweiz -, die sehr lange daran gearbeitet haben, Bestandteile von allgemeinem Interesse, bei denen eine Einigung
eigentlich
möglich
gewesen
sein müßte, in Vorschlag SEM. 36 einzuarbeiten, gebührt unser Dank für
die Koordinierung der Arbeit.
Die Vereinigten Staaten waren besonders über die Bestimmungen in ihrem
Vertragsentwurf erfreut, die sich auf
das Recht des einzelnen, von Gruppen
und Organisationen beziehen, ihre Ansichten zu sie betreffenden Umweltthemen frei zum Ausdruck zu bringen,
sich
friedlich versammeln, direkte
und unabhängige Kontakte schaffen und
aufrechterhalten
sowie
zu
diesem
Zweck an öffentlichen
Diskussionen
teilnehmen zu können. Darüber hinaus
begrüßen wir die Bestimmung zur Informationspflicht gegenüber der möglicherweise
betroffenen
Öffentlichkeit über die Risiken, Sicherheitsmaßnahmen und andere mit in ihrer Umgebung befindlichen Industrieeinrichtungen in Verbindung stehende Angelegenheiten.
Der Bericht enthält ferner eine wichtige Verfügung, in deren
Rahmen der Öffentlichkeit die Möglichkeit zum Mitspracherecht bei Entscheidungen
über
Vorbeugemaßnahmen,
Einsatzbereitschaft und Notstandsplanung gegeben wird.
Wie ich bereits
in einer früheren Erklärung ausgeführt habe, sind Problembewußtsein,
Besorgnis und Beteiligung der Öffentlichkeit Schlüsselfaktoren für wirksame Bestrebungen zum Schutz der gesunden Umwelt.
Die Delegation der Vereinigten Staaten freut sich, bekanntgeben zu können, daß auch sie Vorschlag SEM.36
unterstützt.
Wie bereits an dieser Stelle erklärt
wurde, ist es außerordentlich bedauerlich, daß nicht zwischen allen 35
Teilnehmerstaaten
ein Konsens über
die Schlußfolgerungen und Empfehlungen dieser Konferenz erzielt werden
konnte. Einvernehmen über den gesamten Inhalt des Berichtsentwurfs, einschließlich der von mir soeben er-

wähnten Bestimmungen, herrschte zwischen 34 Delegationen. Aber eine Delegation - nur eine einzige - verweigerte ihre Zustimmung zur Verabschiedung dieses Entwurfs. Die Bestimmungen, die auf den Widerspruch Rumäniens stießen, standen völlig im Einklang mit dem Mandat für dieses Treffen, gehörten zu den wichtigsten Maßnahmen, die zum Schutz der Umwelt unternommen werden sollten und waren
für die anderen teilnehmenden KSZEStaaten annehmbar. Die Weigerung Rumäniens, diese Bestimmungen anzunehmen, ist ein Symbol für die eindeutige Mißachtung der Menschenrechte und
Grundfreiheiten durch die rumänische
Regierung, obwohl sie sich zu deren
Einhaltung verpflichtet hatte. Diese
Mißachtung,
die
in
der Menschenrechtspolitik der rumänischen Regierung so deutlich zum Ausdruck kommt,
verdient unsere schärfste Kritik.
Natürlich können die in SEM.36 enthaltenen Gedanken auch in anderen Foren behandelt und dem für 1992 anberaumten Helsinki-Folgetreffen unterbreitet werden.
Wir müssen jedoch
auch andere Vorschläge berücksichtigen. So waren die Vereinigten Staaten beispielsweise erfreut über die
positiven Reaktionen auf den von uns
eingebrachten Vorschlag - SEM.29 -,
der von 20 weiteren Teilnehmern mitgetragen
wurde.
Die
Vereinigten
Staaten werden die in diesem Vorschlag enthaltenen Gedanken auch weiterhin verfolgen. Ferner enthält der
von
Ungarn
eingebrachte
und
von
Österreich mitgetragene Vorschlag
SEM.l (überarbeitete Fassung) - interessante Ideen zur gemeinsamen Einrichtung nationaler und internationaler Parks und Naturschutzgebiete, die
weitere Untersuchung verdienen.
Ich
möchte hier anmerken, daß die nichtstaatliche
Organisation Friends of
the Earth
International bei ihrem
Jahreskongreß
in
Washington
D.C.
kürzlich eine Resolution verabschiedet hat, die solch einen internationalen Park an der Donau vorsieht.
Ich hoffe, daß wir auch nach der
Rückkehr in unsere Hauptstädte diese

�Vorschläge weiter im Auge behalten,
die soviel Aufmerksamkeit erregt haben.

»
*

Die Vereinigten Staaten werden ferner
auf weitere Anstrengungen im Bereich
des Umweltschutzes drängen. So sind
wir etwa der Ansicht, daß die Regierungen erwägen sollten, Privatpersonen und nichtstaatlichen Organisationen eine noch größere Rolle bei der
Auswahl umweltpolitischer Maßnahmen,
Programme und Praktiken einzuräumen
sowie juristische oder Verwaltungsverfahren einzuführen - etwa eine unabhängige, unparteiische Justiz -,
mit deren Hilfe die Bürger sicherstellen können, daß Maßnahmen, Programme und Praktiken in Übereinstimmung mit den Gesetzen durchgeführt
werden. Jeder von uns muß die Anliegen der Bürger, denen wir dienen sollen, ebenso berücksichtigen wie wir
die Anliegen der anderen an diesem
Treffen teilnehmenden Regierungen berücksichtigt haben.
Im Hinblick auf die Organisation dieses Treffens möchte ich dem Exekutivsekretariat für seine ausgezeichnete
Arbeit danken. Dabei möchte ich die
Kooperation des Sekretariats bei der
Erleichterung der Teilnahme an diesem
Treffen für Privatpersonen und nichtstaatliche
Organisationen
aus den
Vereinigten Staaten und anderen Teilnehmerstaaten, einschließlich Bulgarien, besonders hervorheben.

^

J

Herr Vorsitzender, dieses Treffen in
Sofia trägt zum KSZE-Prozeß nicht nur
deshalb bei, indem es ein Forum für
Diskussionen und Übereinkünfte bietet, wie gemeinsame Umweltprobleme zu
lösen sind, sondern es dient auch als
Erinnerung an das enge Verhältnis
zwischen den vielen von der KSZE abgedeckten Bereichen, wie der Achtung
der Menschenrechte und Grundfreiheiten. Ich hege die Hoffnung, daß dieses Treffen einen Schritt zur Verwirklichung der erstmals vor 14 Jahren in der Schlußakte von Helsinki
niedergelegten Prinzipien darstellt nicht nur durch das, was jetzt in
diesem Raum geschieht, sondern auch
- 3

durch die Ereignisse außerhalb dieses
Saals in unserem Gastgeberland.
Erst vor kurzem haben zum Beispiel
einige Bürger Bulgariens ein unabhängiges Helsinki-Komitee gegründet, das
ebenso wie andere Gruppen in anderen
Teilnehmerstaaten eine Rolle zu spielen sucht, die wir im Hinblick auf
die Erlangung Her KSZE-Ziele als "bedeutsam und positiv" bezeichnet haben.
Angesichts des Fortschritts,
den wir in den letzten Wochen wahrgenommen haben, gehen wir davon aus,
daß die bulgarische Regierung unabhängige Beobachtungsaktivitäten zuläßt und tatsächlich "das Recht der
Menschen respektiert, die Durchführung der KSZE-Bestimmungen zu beobachten, zu fördern und sich zu diesem Zweck mit anderen zusammenzuschließen", wie es im Schlußdokument
von Wien heißt. Dies gilt für den
Helsinki-Ausschuß,
die
Unabhängige
Gesellschaft für den Schutz der Menschenrechte, den Ausschuß zur Verteidigung der Religionsfreiheit, Ecoglasnost, Podkrepa, das Komitee 273
und andere unabhängige Gruppen in
Bulgarien.
In gleicher Weise hoffen wir, daß die
Gespräche in Kuwait zwischen Bulgarien und der Türkei erfolgreich und
im Einklang mit den KSZE-Prinzipien
den Weg für verbesserte Beziehungen
zwischen beiden Ländern ebnen werden. Darüber hinaus hoffen wir, daß
diese Gespräche zur größeren Beachtung ethnischer, kultureller und religiöser Rechte führen werden. Die
Vereinigten Staaten werden die Entwicklungen in diesen Bereichen sehr
aufmerksam beobachten und nachdrücklich eine bessere Einhaltung der
KSZE-Bestimmungen über Minderheitenund andere Menschenrechte fordern.
Ich möchte hinzufügen, daß unsere
Sorge über die Menschenrechte nicht
auf einen Teilnehmerstaat begrenzt
ist. Zum Beispiel sind wir ernsthaft
besorgt über die vergangene Woche von
Behörden anderer KSZE-Länder getroffenen Maßnahmen gegen Menschen, die
versucht haben, ihr Recht auf fried-

�liehe Versammlungen auszuüben sowie
über die anhaltende Verfolgung und
Inhaftierung derjenigen, die ihre in
der Schlußakte von Helsinki und den
KSZE-Folgedokumenten
garantierten
Rechte und Freiheiten in Anspruch
nehmen wollen. Menschenrechtsverletzungen wie diese müssen aufhören,
wenn wir echte Sicherheit und Zusammenarbeit haben wollen, wie sie die
KSZE vorsieht.
Herr Vorsitzender, zum Schluß möchte
meine Regierung betonen, daß ungeachtet dessen, was hier in Sofia geschieht, andere ihr Augemenrk darauf
richten werden, was nach diesem Treffen an Taten auf unsere Worte hier
folgen wird. Meine Delegation hofft,
daß dieses Treffen als Katalysator
betrachtet werden wird, der Regierungen veranlaßt, konkrete Schritte zu
unternehmen und unmittelbare Maßnahmen in bezug auf die Probleme zu ergreifen, die wir in diesen letzten
drei Wochen hier besprochen haben.
In dieser Hinsicht hoffen wir trotz
des fehlenden Konsens' auf die Durchführung des Vorschlags SEM.36 als
Ganzes.
Wenn wir in unsere Hauptstädte zurückkehren, müssen wir sicherstellen, daß unser gemeinsamer
Vorsatz zur Behandlung der Umweltkrise nicht erschüttert wird.

* * * * *

-4

�AMERIKA DIENST
Dokumentation

8. November 1989

AI

ZAHL VON STAATEN IM BESITZ BALLISTISCHER RAKETEN KÖNNTE SICH VERDOPPELN
- Stellungnahme von Vertreter des US-Außenministeriums -

WASHINGTON - (AD) - Dem Leiter der Abteilung für militärpolitische Angelegenheiten im US-Außenministerium, Richard Clarke, zufolge könnte die Zahl der
Länder, die selbst entwickelte ballistische Raketen besitzen, bis zum Ende
dieses Jahrhunderts von 10 auf 20 steigen. Vor dem Auswärtigen Ausschuß des
Senats betonte Clarke am 31. Oktober 1989, obwohl die Vereinigten Staaten "die
Weiterverbreitung von Raketen bis zu einem gewissen Grad behindern" könnten,
sei "ein multilaterales Vorgehen die einzig realistische Antwort".
Clarke's Erklärung hat folgenden Wortlaut:

Ich freue mich, zur amerikanischen
Politik in bezug auf die Verbreitung
von Raketen Stellung nehmen zu können. Angefangen beim Präsidenten und
beim Vizepräsidenten hat diese Administration die Nichtverbreitung zu
einer vordringlichen Aufgabe ihrer
Außenpolitik erklärt. Sicherlich gehört dieses Thema seit meinem Amtsantritt als Leiter der Abteilung für
militärpolitische Angelegenheiten zu
meinen Prioritäten.
Ich teile das
Interesse des Ausschusses daran, daß
die Vereinigten Staaten jede Anstrengung unternehmen, um die Weiterverbreitung von Raketen unter Kontrolle
zu bringen.
Ich
der

möchte die gegenwärtige Politik
Vereinigten
Staaten gegen die

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Weiterverbreitung
zusammenfassen.

von

Raketen

kurz

Die Ziele der Vereinigten Staaten
Seit die von der Weiterverbreitung
von Raketen ausgehende Bedrohung vor
einigen Jahren offen zutage trat, haben sich die Vereinigten Staaten aktiv an Bemühungen beteiligt, diesen
Prozeß aufzuhalten. Ballistische Raketen, die schnell und schwer zu entdecken sind, bergen in sich die Bedrohung eines Überraschungsangriffs.
Ihr Vorhandensein kann in politischen
Spannungsgebieten
destabili sierende
Auswirkungen haben.
Noch bedrohlicher ist jedoch die Tatsache, daß einige Länder in der Lage sind, sie mit

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�chemischen, biologischen oder nuklearen Gefechtsköpfen zu bestücken.

dinierung unter diesen
ten erforderlich macht.

Heute besitzen etwa 10 Staaten selbst
entwickelte
ballistische
Raketen.
Diese Zahl könnte sich bis zum Ende
dieses Jahrhunderts verdoppeln. Viele dieser Länder befinden sich in Regionen, in denen starke Spannungen
und ein hohes Konfliktpotential bestehen.

Unser Hauptinstrument der multilateralen Zusammenarbeit ist die von uns
zusammen mit den Regierungen der Bundesrepublik Deutschland, Frankreichs,
Großbritanniens, Italiens, Japans und
Kanadas am 16. April 1987 beschlossene Vereinbarung zur Kontrolle der Raketentechnologie - (Missile Technology Control Regime) MTCR. Diese Vereinbarung ist kein Vertrag und - rein
formal gesehen - noch nicht einmal
ein
internationales Abkommen.
Wie
die Nuclear Suppliers Group stellt
sie identische Richtlinien auf. die
von den Mitgliedstaaten im Einklang
mit ihren nationalen Gesetzen angewendet werden sollen.
Die Vereinbarung sieht ferner - soweit notwendig
und angebracht - einen Austausch einschlägiger Informationen mit den anderen Partnern vor.

Wir unternehmen Schritte, um die mit
dem Erwerb, Bau oder Verkauf dieser
Waffen
einhergehenden
politischen,
wirtschaftlichen
und
diplomatischen
Kosten zu erhöhen. Wir bemühen uns
in Übereinstimmung
mit unseren
Zielen der Nichtweiterverbreitung
von Raketen den Verkauf oder Erwerb von Raketen zu verhindern;
den Erwerb zu verzögern, indem
wir den Zeitraum und die notwendigen Mittel , die zur Entwicklung
oder zum Kauf von Raketen erforderlich sind, ausweiten;
den internationalen Druck auf die
Anbieterstaaten
zu erhöhen, um
diese davon abzuhalten, wichtige
Ausrüstungsteile und Technologien
zu verkaufen;
die potentiellen Nachteile für
unsere Politik oder Interessen zu
begrenzen, wo ein Erwerb von Raketen nicht verhindert oder verzögert werden kann.

Multilaterale Bemühungen
Obwohl die Weiterverbreitung von Raketen durch isolierte Bemühungen der
Vereinigten Staaten bis zu einem gewissen Grad behindert werden kann,
ist ein multilaterales Vorgehen die
einzig realistische Antwort.
Ungefähr 10 Länder kommen als Lieferanten
für Raketentechnik in Frage, und wir
haben bereits in einem frühen Stadium
erkannt, daß jeglicher Versuch, die
Weiterverbreitung dieser Technologie
unter Kontrolle zu bringen, die Koor-

Anbieterstaa-

Des weiteren haben wir mit den anderen Mitgliedstaaten eng zusammengearbeitet, um das Angebot an Raketentechnik sowohl als allgemeinpolitisches Ziel als auch in bestimmten
Einzelfällen
zu
beschränken.
Den
MTCR-Richtlinien zufolge kontrollieren unsere Partner und wir die Ausfuhr von Ausrüstung und Technologie
für Raketen, die als Träger einer
Nutzlast von mindestens 500 kg in
Frage kommen und eine Reichweite von
mindestens 300 km haben. Diese Parameter wurden aus technischen und geopolitischen Gründen vereinbart. Darunter fallen Systeme wie die indische
Prithvi, die argentinisch-ägyptischirakische Condor sowie die sowjetische SCUD.
Unsere Bemühungen
beschränken
sich
jedoch nicht auf die MTCR. Wir haben
uns ferner um Gespräche mit anderen
Anbieterstaaten, wie etwa der Sowjetunion, der Volksrepublik China und
einigen neutralen Ländern sowie den
aufstrebenden Lieferanten wie Argentinien und Brasilien bemüht.
Wir
planen in naher Zukunft eine weitere
Gesprächsrunde
über die Weiterverbreitung von Raketen mit der Sowjet-

- 2 -

�union. Das Ziel dieser Gespräche besteht darin, mehr Zurückhaltung bei
der Lieferung von Raketentechnologie
zu bewirken sowie unsere Besorgnis
über bestimmte Projekte und Lieferungen zum Ausdruck zu bringen. Ferner
haben wir Gespräche zwischen den
Schlüsselländern
sowohl
im
Nahen
Osten als auch in SUdasien gefördert,
um die dort empfundene Notwendigkeit
des Besitzes von Raketen und Raketentechnologie abzubauen.

Verstärkte Bemühungen des Außenministeriums
In den Vereinigten Staaten haben wir
mehrere Maßnahmen getroffen, um unsere Kontrolle über raketenverwertbare
Exporte zu verstärken und unseren
laut MTCR eingegangenen Verpflichtungen nachzukommen. Der für Militärhilfe, Wissenschaft und Technologie
zuständige Staatssekretär koordiniert
die Maßnahmen im Hinblick auf die
Weiterverbreitung von Raketen.
Er
hat den Vorsitz des interministeriellen Koordinierungsausschusses (Policy
Coordination Committee - PCC) für
Maßnahmen zur Nichtweiterverbreitung,
darunter nukleare, chemische und biologische Waffen sowie Raketen. Alle
mit diesem Problem befaßten Behörden
sind im PCC vertreten.
Innerhalb des Außenministeriums liegt
die Hauptverantwortung für alle Maßnahmen in bezug auf die Weiterverbreitung von Raketen beim Militärpolitischen Büro (Politico-Military Bureau - BM)
Um unsere Bemühungen
noch zu verstärken, wird eine neue
Dienststelle für die Nichtweiterverbreitung (Office of Proliferation)
geschaffen, die alle Maßnahmen zur
Nichtweiterverbreitung
von
Raketen
wie auch von chemischen und biologischen waffen koordinieren wird.
Wir sind bestrebt, Normen für die
Prüfung von Exportvorfällen, die der
Kontrolle von Wirtschafts- und Außenministerium unterworfen sind, festzulegen und den interministeriellen Koordinierungsprozeß zu verbessern. So

haben wir als erstes im vergangenen
Juni die vom PM geleitete Arbeitsgruppe zur Kontrolle Raketentechnischer Exporte (Missile Technology Export Control Group - MTEC) ins Leben
gerufen. Mit Beteiligung von Raketentechnikexperten des Außen-, Verteidigungs- und
Wirtschaftsministeriums, der NASA, des ACDA und der Geheimdienste hat diese Gruppe inzwischen die Vergabe von Ausfuhrlizenzen
in über 200 Fällen überprüft. Die
Gruppe entwickelt gegenwärtig ein System für die Prüfung von Fällen, die
in
den
Verantwortungsbereich
des
Wirtschafts- und
des
Außenministeriums fallen.
Ferner haben wir die Arbeitsgruppe
für die Untersuchung des Handels mit
Raketen (Missile Trade Analysis Group
- MTAG) gebildet, um die Aktivitäten
ausländischer Körperschaften zu untersuchen, die zur Weiterverbreitung
von Raketen beitragen könnten. Die
MTAG liefert einen formellen Rahmen
für die Zusammenarbeit von Außen-,
Verteidigungs- und
Wirtschaftsministerium, ACDA und den Geheimdiensten
im Hinblick auf die ausländische Beteiligung an Programmen für ballistische Raketen und Weltraumträgersysteme. Die MTAG tritt regelmäßig zusammen, um frühzeitig und angemessen auf
Informationen reagieren zu können,
die mit der Bereitstellung von Gütern
und Dienstleistungen für Entwicklung,
Erprobung und Herstellung von Raketen
in Zusammenhang stehen.
Sie prüft
nachrichtendienstliche Informationen,
koordiniert vorgeschlagene Demarchen,
liefert einen zentralen Mechanismus
für die Freigabe nachrichtendienstlicher Informationen und kümmert sich
um die notwendigen Folgemaßnahmen.
Drittens planen wir eine erhebliche
Erweiterung der Dienststelle für Munitionskontrolle (Office of Munitions
Control), das die Ausfuhrgenehmigungen für mit Raketentechnologie in
Verbindung stehende Posten auf der
US-Munitionsliste
(U.S.
Munitions
List) bearbeitet. Wir stellen neue
Beamte ein und installieren ein neues
Computersystem für die Bearbeitung

- 3 -

�von Fällen.
Mit diesen Maßnahmen
wird die effiziente Bearbeitung von
Ausfuhranträgen sowie eine rigorose
Anwendung von Beschlüssen zur Förderung unserer Ziele der Nichtweiterverbreitung von Raketen sichergestellt.
Die Ministerien für Wirtschaft und
Verteidigung sowie das ACDA haben
ferner verschiedene Schritte unternommen, um die Durchführung unserer
Nichtverbreitungspolitik zu fördern.
Bedeutende Erfolge
Wie gut haben wir bei der Kontrolle
der Verbreitung von Raketen und Raketentechnologie abgeschnitten?
Trotz
einiger Rückschläge haben wir meines
Erachtens
bei
unseren
Bemühungen
wichtige Erfolge errungen. Mit der
MTCR haben die Vereinigten Staaten
ein
wirkungsvolles
diplomatisches
Druckmittel - ohne tatsächlich Sanktionen einzusetzen - angewendet, um
die Exporte anderer Staaten zu begrenzen und die Entwicklung besorgniserregender Raketenprojekte zu verzögern. Obwohl ich aus Gründen der
Geheimhaltung hier nicht detailliert
Stellung nehmen kann, möchte ich doch
einige unserer Erfolge kurz ansprechen.
In Zusammenarbeit mit unseren MTCRPartnern ist es uns gelungen, erheblichen Einfluß auf das Raketenprogramm Condor zu nehmen, das von den
Regierungen
Ägyptens, Argentiniens
und des Irak gemeinsam betrieben
wird. Wir haben unsere Besorgnisse
im Hinblick auf die Condor mit hochrangigen Vertretern der beteiligten
Regierungen zur Sprache gebracht und
erreicht, daß konspirative Vertriebsnetze für dieses Programm in Westeuropa zunichte gemacht wurden.
Unsere gemeinsamen Bestrebungen mit
der italienischen und der Bundesregierung hatten Erfolg, da sie Exporte
von Firmen aus diesen Ländern für das
Condor-Programm
beschränkten.
Als
Ergebnis hat die italienische Regie-

rung Maßnahmen ergriffen, um die Beteiligung kleiner und großer italienischer Unternehmen am Condor-Programm zu stoppen.
Italien hat die
strafrechtliche Verfolgung von verschiedenen kleinen Firmen und Personen aufgenommen, die sich daran beteiligt hatten. Senator Bingaman hat
auf diese Maßnahmen in den Kongreßakten verwiesen.
Ebenso wie Senator
Bingaman sind wir mit der Kooperation
der italienischen Regierungen zu diesem Problem zufrieden.
Darüber hinaus haben wir eng mit der
Regierung der Bundesrepulbik Deutschland zusammengearbeitet. Unsere Kooperation hat dazu geführt, daß die
Bundesregierung bei besorgniserregenden Projekten Maßnahmen zur Einschränkung
von Exporten ergreift.
Darauf würde ich in einer nicht-öffentlichen Sitzung gern näher eingehen. Der Deutsche Bundestag arbeitet
an einer strengen staatlich unterstützten Gesetzgebung zur Nichtweiterverbreitung von Raketen, um die
Aktivitäten von Bundesbürgern besser
zu kontrollieren und die Durchführung
der MTCR auf deutscher Seite zu erleichtern.
Vor Juni dieses Jahres hatten wir zu
diesem Thema mehrmals einen sehr produktiven Austausch mit der Volksrepublik China, insbesondere nachdem sie
Raketen des Typs CSS-2 an Saudi-Arabien geliefert hatte. Als Reaktion
auf die von uns geäußerte Besorgnis
haben die Chinesen uns auf eine Art
und Weise geantwortet, die andeutet,
daß sie ihre Mittelstreckenraketen
ausschließlich
nach
Saudi-Arabien
liefern werden.

Perspektiven
In den nur zwei Jahren ihres Bestehen
hat die MTCR bei der Kontrolle der
Weiterverbreitung einen guten Anfang
gemacht. Die von mir bereits angesprochenen
Verbesserungen
bei der
Überprüfung von Fällen zur Raketentechnologie haben zusammen mit den
von unseren Partnern bei MTCR erziel-

�ten Verbesserungen die Vereinbarung
erheblich gestärkt.
Wir haben zusätzliche Maßnahmen zu ihrer weiteren
positiven Entwicklung vorgeschlagen.
Diese Maßnahmen werden gegenwärtig
mit unseren MTCR-Partnern erörtert.
Erstens wollen wir bei MTCR mehr als
die ursprünglich sieben Mitglieder
gewinnen.
Die anstehende Auflösung
von Handelsschranken im Zusammenahng
mit dem Europäischen Binnenmarkt 1992
macht es für die MTCR-Mitglieder
dringend erforderlich, daß sich die
acht übrigen EG-Regierungen der Vereinbarung
anschließen.
Wenn
sie
nicht dafür gewonnen werden, könnte
ein MTCR-Mitglied in der EG nach 1992
nicht in der Lage sein, den Export
eines EG-Landes an ein Nicht-Mitglied
der MTCR zu kontrollieren, und die
Waren konnten von diesem Nicht-MTCRMitglied ihren Weg zu einem für uns
bedenklichen Raketenprogramm nehmen.
Die europäischen MTCR-Partner hegen
wie wir den Wunsch, alle EG-Staaten
einzubeziehen.
Darüber hinaus ist
die Mitgliedschaft bei MTCR oder eine
ähnliche Einschränkung anderer Zulieferländer wünschenswert.
Zweitens arbeiten wir mit unseren
MTCR-Partnern an der Überwindung von
Meinungsverschiedenheiten bei der Interpretation
der
MTCR-Richtlinien.
Die Vereinigten Staaten exportieren
keine Geräte oder Technologie für
Raumfahrtsysteme an Länder mit Programmen
für ballistische Raketen,
weil in den meisten Fällen Raumfahrtsysteme und Gerät sowie Technologie
für militärisch einsetzbare Raketen
austauschbar, wenn nicht identisch
sind. Unserer Ansicht nach ist das
Risiko einer Zweckentfremdung von zivilen Weltraumprogrammen zu Raketenprogrammen nicht akzeptabel .
Andererseits ist sich der Ausschuß
zweifellos der Berichte über einen
geplanten französischen Transfer von
Raumfahrttechnologie in genau so einem Fall bewußt.
Gemäß der MTCRRichtlinien stehen wir mit der französischen Regierung in Konsultationen
über diese Angelegenheit.
Ich kann

Ihnen versichern, daß wir den Franzosen unsere Besorgnis an höchster
Stelle vermittelt haben. Meine Mitarbeiter haben den Ausschuß in einer
nicht-öffentlichen Sitzung über den
Stand dieser Konsultationen informiert.
Schließlich habe ich bereits auf unsere Gespräche mit der Sowjetunion
und der Volksrepublik China hingewiesen. Wir werden sie und andere Zulieferländer ermutigen, ihren Handel
mit Raketen einzuschränken.

Gesetze zur Weiterverbreitung
Wir haben die Gesetzentwürfe zur
Nichtweiterverbreitung
von
Raketen
eingehend verfolgt. Wir haben bestehende Bestimmungen überprüft und sind
zu dem Schluß gekommen, daß kein neues Gestz zur Durchführung unserer Politik der Nichtweiterverbreitung erforderlich ist. Tatsächlich habe ich
Bedenken, Gesetze könnten den gegenteiligen Effekt haben und unsere Fähigkeit zur Reaktion auf die Herausforderung der Weiterverbreitung von
Raketen eher behindern als verbessern. Wir sind in Sorge, daß Gesetze
entscheidende Bestrebungen der internationalen Kooperation im Bereich der
Weiterverbreitung zerstören könnten.
Die Vereinigten Staaten können ihr
Ziel der Nichtweiterverbreitung von
Raketen ohne diese Kooperation nicht
verwirklichen.
Ich habe bereits darauf verwiesen,
daß MTCR unser wichtigster Mechanismus zur Verwirklichung der Nichtweiterverbreitung von Raketen ist. Dabei möchte ich betonen, daß es sich
hierbei um ein freiwilliges Arrangement der Kooperation auf der Grundlage von diplomatischer Konsultation
und
Informationsaustausch
handelt.
Obwohl die neuen Gesetze mehr Bestimmungen über die Verhängung von Sanktionen vorsehen und damit versuchen,
einen größeren Spielraum zu gewähren,
besteht doch das vordringliche Ziel
der meisten Gesetze darin, ausländischen Firmen oder Ländern für nicht

- 5 -

�gerechtfertigte Raketenexporte strenge Sanktionen aufzuerlegen.
Eine
Mußvorschrift über einseitige Sanktionen gegen unsere MTCR-Partner würde dem Geist der Vereinbarung zuwiderlaufen und wahrscheinlich zu Spannungen führen, mit denen die Effektivität der Vereinbarung als kooperativer Mechanismus ernsthaft bedroht
würde.
Das trifft insbesondere für
den gegenwärtigen Zeitpunkt zu, an
dem wichtige Fragen im Rahmen von
MTCR erörtert werden.
Darüber hinaus könnte die Möglichkeit
der Vereinigten Staaten, einseitig
gegen eine ausländische Firma oder
ein anderes Land vorzugehen, die Mechanismen des Informationsaustauschs
innerhalb von MTCR ernsthaft gefährden. Partner, die mit uns Aktivitäten ihrer Firmen im Zusammenhang mit
Raketen erörtern wollen, würden wahrscheinlich davon Abstand nehmen, wenn
dies amerikanische Sanktionen gegen
diese Unternehmen nach sich ziehen
würde.
Auch wenn die Sanktionen
nicht für Aktivitäten verhängt werden, die den Gesetzen des ausländischen Landes nach legal sind, wären
Informationsaustausch und Konsultationen in dem Fall problematisch, wo
die Aktivitäten eines Unternehmens
ein Grenzfall wären. Die Regierung
könnte eine Entscheidung über die Legalität der Aktivitäten abwarten, bevor sie wichtige Informationen weitergibt. Und tatsächlich könnte eine
Entscheidung über die Legalität von
dem Wissen beeinflußt werden, daß eine Feststellung illegaler Aktivitäten
zu amerikanischen Sanktionen fünren
würde.
Damit hätten die Sanktionen
mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit einen dämpfenden Effekt auf die effektive Durchführung
der MTCR.
Ich möchte nochmals betonen, daß es
sich bei MTCR nicht um ein internationales Abkommen handelt, sondern
die Vereinbarung enthält Richtlinien,
an die sich alle Mitgliedern im Einklang mit ihren nationalen Gesetzen
halten sollen. Ihre Stärke liegt in
diplomatischen Konsulationen und In-

formationsaustausch. Da die Gesetzentwürfe wahrscheinlich diesen Informationsaustausch und die damit einhergehenden Konsultationen behindern,
könnten die Gesetze möglicherweise
MTCR auf eine von ihren Anhängern
nicht beabsichtigte Weise beeinflussen und damit erheblich schwächen keineswegs stärken.
Eine Gesetzgebung könnte unsere Bestrebungen zur Erweiterung der Vereinbarung verkomplizieren, wenn sie
sich der Vereinbarung selbst bedient,
um amerikanische
Sanktionen gegen
ausländische Firmen zu verhängen.
Länder, die ihre Mitgliedschaft noch
erwägen, könnte dies abschrecken.
Der Präsident muß sich die Flexibilität zur Entscheidung darüber erhalten, mit welchen Maßnahmen die von
uns angestrebten Ergebnisse am besten
erzielt werden können.
Wir hatten
mit diplomatischem Druck und Überzeugungskraft Erfolge, die wir mit wenig
flexiblen Sanktionen nicht erzielt
hätten. Der Zwang zu Sanktionen würde es unmöglich machen, zwischen
ernsthaften Verstößen - bei denen der
Präsident ohnehin zur Verhängung von
Sanktionen befugt ist - und vergleichsweise geringfügigen Abweichungen zu differenzieren.
Die Nichtweiterverbreitung von Raketen ist lediglich ein Element der Außenpolitik,
und der Präsident muß so flexibel
sein können, die unterschiedlichen
Interessen gegeneinander abzuwägen.
Ein Verzicht darauf oder sogar Bedingungen, die Gelegenheiten einschränken, bei denen Sanktionen verhängt
werden können, lösen dieses zugrundeliegende Problem nicht.
Schließlich brauchen wir keine neue
Gesetzgebung in diesem Bereich. Die
bestehenden Gesetze gewähren genügend
Autorität, um das zu tun, was getan
werden muß. Zum Beispiel würden neue
Gesetzentwürfe im Hinblick auf Exporte amerikanischen Usprungs zumindest
teilweise die bestehenden Strafen
verdoppeln. Mit dem Gesetz zur Kontrolle von Waffenexporten (Arms Export Control Act - AECA) und dem Au-

�ßenhandelsgesetz (Export Administration Act - EAA) sind wir befugt, die
Lieferung amerikanischer Raketentechnologie in Länder oder für Projekte
zu unterbinden, gegen die wir Bedenken
haben.
Beide
Gesetze
sehen
strenge zivilrechtliche, strafrechtliche und Ordnungsstrafen vor.
Darüber hinaus kann im Rahmen von AECA
auch die Verweigerung einer Exportgenehmigung als Sanktion gegen ein Land
- oder Länder, die solche Bestrebungen unterstützen - eingesetzt werden,
das Langstreckenraketen herstellt und
damit amerikanische Sicherheitsinteressen oder die regionale Stabilität
gefährdet.
Auf
internationaler Ebene verfügen
wir über die notwendigen Instrumente
zur
Durchführung
unserer
Politik.
Zusätzlich zu unserer Fähigkeit, amerikanische Exportgenehmigungen vorzubehalten oder zu verweigern, haben
wir Verfahren zur Koordinierung nachrichtendienstlicher
Informationen
eingeleitet und diplomatischen Druck
intensiviert.

und der Bundesrepublik Deutschland, zu beschränken. Wir arbeiten an der Erweiterung von MTCR
und der Abstimmung entsprechender
Maßnahmen.
Schließlich nutzen wir weiterhin
unsere diplomatischen Kanäle, um
andere Zulieferer und Länder mit
besorgniserregenden Projekten vom
Handel abzuhalten.
Aus diesem Grunde hegen wir auf der
Grundlage unserer Prüfung von Gesetzentwürfen ernsthafte Bedenken, ob Gesetze das richtige Mittel sind.
Ich hoffe, meine Ausführungen verdeutlichen
den
Ausschußmitgliedern,
wie die Administration die Weiterverbreitung
von
Raketen
in
Angriff
nimmt. Wir freuen uns auf die Zusammenarbeit für unser gemeinsames Ziel.

* * * * *

Zusammenfassung und Schluß
Ich habe eine Bilanz gezogen, wie wir
unsere Bestrebungen
zur
Bekämpfung
der Weiterverbreitung von Raketen intensivieren.
-

Im Außenministerium rufen wir eine neue Dienststelle ins Leben,
die sich der Nichtweiterverbreitung von Raketen widmet.

-

Wir haben zwei interministerielle
Gruppen eingesetzt, von denen eine Fälle des Außen- und WirtSchaftsministeriums
behandelt,
die andere beschäftigt sich mit
Außenhandel.

-

Wir bauen die Dienststelle
Munitionskontrolle aus.

*

für

Auf internationaler Ebene haben
wir die MTCR eingesetzt, um Exporte für besorgniserregende Projekte, insbesondere aus Italien

7 -

�</text>
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%

^

Sonderdienst

c*

November 15, iyö9

I N H A L T

Bush; Berliner Mauer hat an Bedeutung verloren
- Äußerungen des Präsidenten über die neue Reisefreiheit in der DDR

Baker; Vereinigte Staaten "außerordentlich glücklich" über
Ereignisse in der DDR
- Stellungnahmen des amerikanischen Außenministers -

Walters; Winde der Freiheit wehen aus dem Westen
- Botschafter Vernon Walters im amerikanischen Fernsehen -

* * * * *

United States Information Service
Embassy of the United States of America

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.: 0228-339 2035
Telex: 8-85432

�BUSH: BERLINER MAUER HAT AN BEDEUTUNG VERLOREN
- Äußerungen des Präsidenten über die neue Reisefreiheit in der DDR -

WASHINGTON - (AD) - Präsident Bush zufolge ist die Berliner Mauer angesichts
der Öffnung der Grenze zur DDR nunmehr "nahezu bedeutungslos" geworden.
Der Präsident erklärte am 9. November 1989 im Weißen Haus gegenüber Journalisten, "Ich begrüße die Entscheidung der DDR-Führung, die Grenze für diejenigen
zu öffnen, die ausreisen oder verreisen wollen ... Das ist im Hinblick auf die
Menschenrechte eindeutig eine positive Entwicklung."
Nachfolgend veröffentlichen wir die Äußerungen des Präsidenten im Wortlaut.

Ich möchte ein kurze Erklärung abgeben. Soeben haben mich der Außenminister und der Nationale Sicherheitsberater über die jüngsten Ereignisse
in Deutschland informiert. Natürlich
begrüße ich die Entscheidung der DDRFührung, die Grenze für diejenigen zu
öffnen, die ausreisen oder verreisen
wollen. Diese Maßnahme steht, wenn
sie vollständig realisiert wird, im
Einklang mit der Schlußakte von Helsinki, die von der DDR mitunterzeichnet wurde.
Und wenn die DDR jetzt Fortschritte
macht, wird diese 1961 errichtete
Mauer nahezu bedeutungslos werden.
Das ist im Hinblick auf die Menschenrechte eindeutig eine positive Entwicklung. Und ich muß sagen, daß ich
insbesondere nach meinen Gesprächen

mit dem Außenminister und dem Nationalen Sicherheitsberater sehr erfreut
über diese Entwicklung bin.
Frage:
Herr Präsident, würden die
Vereinigten Staaten jetzt erwägen,
mehr zu tun, um der Bundesrepublik
bei der Unterbringung und Versorgung
der DDR-Bürger zu helfen, die jetzt
dorthin kommen? Können wir noch mehr
tun, um der Bundesrepublik zu helfen

Antwort: Wir haben so enge Beziehungen zur Bundesrepublik, daß wir
eine potentielle Bitte Bundeskanzler
Kohls um Hilfe ernsthaft berücksichtigen würden. Ich weiß noch nicht
genau, was man dort vorhat, denn meiner Ansicht nach ist es bei einer
ganz offenen Grenze schwer vorherzu-

�sehen, wieviele wirklich die DDR verlassen werden. Es ist also eine dynamische Entwicklung, und wir können
nur abwarten. Aber unsere Beziehungen zur Bundesrepublik sind dergestalt, daß wir größtmögliche Hilfe
leisten werden, wenn diese notwendig
wird. Bis jetzt hat die Bundesrepublik hervorragende Arbeit geleistet,
um denjenigen zu helfen, die diesen
neuen Aufbruch einleiten.
Frage:
Haben
Sie
Bundeskanzler
Kohl versichert, daß wir ihn unterstützen werden, wenn er Hilfe braucht?
Antwort:
Ich habe nicht mit ihm
die neuen Entwicklungen erörtert,
weil er sich gegenwärtig in Polen
aufhält.
Ich habe vergangene Woche
mit ihm darüber gesprochen und ihm
klar unsere Auffassung dargelegt, daß
die Bundesrepublik diese Angelegenheit mit großem Einfühlungsvermögen
regelt. Sie trägt dabei eine ungeheure Last. Und ich habe - glaube
ich - bei diesem Gespräche auch gesagt: "Wenn wir helfen können, lassen Sie es uns bitte wissen", aber
ich denke, daß er davon ausgeht.
Frage: Hat er Ihnen gegenüber angedeutet, inwieweit er in der Lage
ist, diesen Flüchtlingszustrom zu bewältigen?
Die Zahl beträgt meines
Wissens jetzt 110 000. Hat er gesagt, bei der Marke von einer Million
werden wir tatsächlich Probleme bekommen?
Antwort: Nein, über Zahlen hat er
nicht gesprochen.
Aber er demonstriert ruhige Zuversicht, daß die
Bundesrepublik
damit
fertig wird.
Ich habe bereits darauf hingewiesen,
daß dort hervorragende Arbeit geleistet wurde. Und in diesem sich rasch
wandelnden Teil der Welt finden neue
Entwicklungen &lt;jtatt, die wir begrüßen
können. Das ist ein dramatisches Ereignis für die DDR und natürlich auch
für die Sache der Freiheit.
Frage:
Ist dies das Ende des Eisernen Vorhangs?

Antwort:
Meiner Ansicht nach kann
kein einzelnes Ereignis das Ende dessen sein, was Sie den Eisernen Vorhang nennen. Aber natürlich ist seit
den schlimmsten Tagen des Eisernen
Vorhangs ein weiter Weg zurückgelegt
worden.
Frage: Herr Präsident, welche Auswirkungen werden sich Ihrer Ansicht
nach für den Warschauer Pakt ergeben? Können wir davon ausgehen, daß
es sich hier um Anzeichen für eine
Öffnung oder sogar eine Auflösung des
Warschauer Pakts handelt?
Antwort
Es kommt darauf an, was
Sie unter dem Warschauer Pakt verstehen. Im Hinblick auf die Reisefreiheit findet natürlich eine Öffnung
statt. Sie steht im Einklang mit der
Schlußakte von Helsinki und ist eine
sehr positive Entwicklung.
Unser Ziel ist ein ungeteiltes und
freies Europa. Haben wir es hier mit
Schritten in diese Richtung zu tun?
Ich würde das bejahen. Gorbatschow
spricht über ein gemeinsames Haus.
Sind dies Schritte in diese Richtung? Wahrscheinlich ja.
Frage:
Welche Anzeichen gibt es
für eine mögliche Einwanderungswelle
in unser Land, Herr Präsident? Denken Sie, daß viele dieser neuen
Flüchtlinge zu uns kommen werden?
Antwort:
Dafür gibt es
zeichen.
Die DDR-Bürger
die Bundesrepublik.

keine Anreisen in

Frage: Besteht die Gefahr, daß die
Ereignisse außer Kontrolle geraten?
Außenminister Baker hat bereits darauf verwiesen, mit welcher Geschwindigkeit sich die Veränderungen in
Osteuropa vollzogen haben.
Niemand
hat damit gerechnet, daß es so
schnell geht. Besteht also die Gefahr, daß sich die Dinge zu stark beschleunigen?
Antwort:
Ich würde nicht sagen,
daß diese Entwicklungen die Dinge zu
stark beschleunigen.
Genau diese

- 2 -

�Entwicklungen haben wir seit langem
durch unsere starke Unterstützung der
Schlußakte von Helsinki gefördert.
Ich würde also nicht die Hypothese
aufstellen,
daß
irgendetwas
zu
schnell geht.
Wir gehen aber auf eine Weise damit
um, die für alle Seiten befriedigend
sein soll. Wir haben Hochachtung vor
denjenigen, die sich zunehmend demokratisieren. Wir fördern das Konzept
eines ungeteilten und freien Europas.

die den Menschen dies garantiert.
Frage:
Sie haben gerade gesagt,
daß wir im Kampf zwischen Ost und
West einen großen Sieg errungen haben, aber das scheint Sie nicht in
Hochstimmung zu versetzen, und ich
frage mich, ob sie an die Probleme
denken ...?
Antwort:
Ich bin in Hochstimmung,
auch wenn man es mir nicht ansieht.
Frage:

Und wir begrüßen diese Entwicklungen.
Aber ich möchte keine Hypothesen aufstellen, ob etwa zuviele oder zu
schnelle
Veränderungen
stattfinden
oder was wir tun würden, wenn etwas
schiefliefe. Ich denke, die Bundesrepublik leistet gute Arbeit, und die
Bürger der DDR - deren Hoffnung auf
Freiheit jetzt der Verwirklichung ein
großes Stück nähergekommen ist - haben unsere Hochachtung.
Frage:
Herr Präsident, denken Sie
angesichts der Entwicklungen in der
DDR, die einen Kurs wie in Polen und
Ungarn nehmen, daß sich die übrigen
Ostblockstaaten dem entziehen können?
Ich spreche von der Tschechoslowakei,
Bulgarien und Rumänien. Werden sie
die nächsten sein?
Antwort:
Meiner Ansicht nach kann
sich niemand - weder in Europa noch
in der westlichen Hemisphäre - dem
entziehen. Das ist auch so wunderbar
an den dynamischen Veränderungen in
Mittelamerika - es finden Bewegungen
in unsere Richtung statt.
Frage: Haben Sie jemals damit gerechnet, daß so etwas geschehen könnte?
Antwort:
Wir haben damit gerechnet, aber ich kann nicht sagen, daß
ich diese Entwicklungen zu diesem
Zeitpunkt vorhergesehen hätte. Vorhergesehen habe ich es nicht, damit
gerechnet schon.
Wenn ich über ein
ungeteiltes und freies Europa spreche, meine ich Freizügigkeit und Beachtung der Schlußakte von Helsinki,

Inwiefern?

Antwort:
Ich freue mich sehr, und
ich freue mich auch über viele andere
Entwicklungen. Ich habe bereits darauf verwiesen, daß der Beitrag, den
die Vereinigten Staaten meiner Ansicht nach dazu leisten - und der
nicht unmittelbar mit dieser Entwicklung heute zusammenhängt - angemessen
geleistet wird, und manche werden
verlangen, daß wir mehr Staub aufwirbeln.
Meiner Ansicht nach handeln
wir angesichts dieser dramatischen
Veränderungen angemessen und gemeinsam mit unseren Verbündeten, mit denen wir engen Kontakt halten. Wir
versuchen, bei den neuen Entwicklungen zu helfen und sowohl politische
als auch wirtschaftliche Reformen zu
fördern.
Frage:
Ich möchte noch eine Frage
zu Ihren Überlegungen stellen: Was
werden wir tun, wenn die Ereignisse
dort eskalieren und alle in den Westen kommen? Der Ansturm derer, die
in die Bundesrepublik reisen, kann
jetzt angesichts der Zahl von 200 000
gut bewältigt werden. Aber wenn die
Zahl auf eine Millionen steigt? Wenn
es zwei Millionen werden?
Antwort:
Ich möchte annehmen, daß
die politischen Veränderungen in der
DDR mit der Liberalisierung Schritt
halten werden. Vor meiner Polen-Reise wurde ich von einem polnischen
Journalisten gefragt, welchen Rat ich
geben würde, wenn ich ein junger Pole
wäre.
Ich habe darauf geantwortet,
mein Rat lautete: Bleibt hier und
beteiligt Euch an diesen dramatischen

- 3 -

�Veränderungen in diesem Land, nehmt
das Gefühl der Macht der Freiheit
auf, die Hinwendung zur Demokratie
und habt daran teil.
Hier handelt es sich um Deutsche, die
ihr Land lieben, und meiner Ansicht
nach sagen sich viele Deutsche, die
eingeschlossen waren und keine Bewegungsfreiheit hatten: Wir können uns
jetzt frei bewegen, aber wäre es
nicht besser, uns an den Reformen zu
beteiligen, die in unserem eigenen
Land stattfinden? Ich denke, es ist
zu früh, um vorhersagen zu können,
daß aufgrund der Freizügigkeit alle
das Land verlassen würden.
Frage: Denken Sie, daß jetzt Ihre
Position im Hinblick auf den Gipfel
im kommenden Monat und ihre Gespräche
mit Präsident Gorbatschow stärker
ist?
Ich meine, ob Ihre Seite gewinnt.
Und werden Sie ihm das zu
vermitteln suchen? Werden Sie davon
Gebrauch machen, um ...?
Antwort:
Er hat bereits sein Interesse an einem gemeinsamen europäischen Haus bekundet. Wir haben es
anders genannt. Wir haben von einem
ungeteilten und freien Europa gesprochen. Und wenn Sie beobachten, daß
Bürger einem Land, in dem sie unterdrückt wurden, entfliehen wollen, ist
dies ein Hinweis, den Gorbatschow
verstehen wird. Er kann das nicht
nur in Osteuropa, sondern in der Sowjetunion selbst beobachten. Ich habe erklärt, wir würden den raschen
Wandel in Osteuropa erörtern, und das
haben wir genau bis zu dem Zeitpunkt
getan, als sie hierher kamen. Wir
haben das Treffen mit Gorbatschow besprochen. Und einer der Punkte, den
wir zu diskutieren entschlossen sind
und den wir bestimmt ansprechen werden, ist dieser Wandel.

nähergerückt?
Antwort: Das kann ich nicht sagen.
Meiner Ansicht nach ist es zu früh,
um darüber zu sprechen.
Ich habe
mich zur Frage der Wiedervereinigung
bereits geäußert. Auch der französische Staatspräsident Mitterand hat
sich dazu geäußert. Ich habe Bundeskanzler Kohls Meinung dazu gehört.
Aber ich weiß nicht, ob die heutigen
Entwicklungen den Tag der Wiedervereinigung
näherrücken
lassen
oder
nicht.
Frage:
Herr Präsident, werden Sie
über die Jackson-Vanik-Beschränkungen
für die DDR diskutieren?
Antwort:
Ich werde sicherlich eine
große Bandbreite dieser Themen mit
den Sowjets erörtern. Ich weiß, daß
sie daran großes Interesse haben.
Wir sind bereit, darüber zu sprechen.
Frage: Werden Sie in den nächsten
Tagen mit Bundeskanzler Kohl sprechen?
Antwort:
Ich möchte bald mit ihm
sprechen, aber er befindet sich gegenwärtig in Polen. Ich werde versuchen, mit ihm in Kontakt zu treten,
aber ich habe erst kürzlich mit ihm
gesprochen.
Wir haben regelmäßig
Kontakt.
Frage: Haben Sie mit anderen westeuropäischen
Spitzenpolitikern
gesprochen? Werden Sie versuchen, Mitterand zu erreichen?
Antwort:
Ich weiß es nicht.
Ich
habe erst vor ganz kürzer Zeit mit ihm gesprochen. Aber es könnte sein,
daß er noch etwas besprechen möchte.

* * * * *

Frage:
Herr Präsident,
wenn sie
sagen, vielleicht wollten die DDRBürger bleiben und sich am Reformprozeß ihres Landes beteiligen, deuten
sie an, daß bis zur Wiedervereinigung
noch ein weiter Weg ist. Wie stehen
Sie zur Wiedervereinigung?
Ist sie

�BAKER:

VEREINIGTE STAATEN "AUSSERORDENTLICH GLÜCKLICH" ÜBER EREIGNISSE
IN DER DDR
- Stellungnahmen des amerikanischen Außenministers -

WASHINGTON - (AD) In mehreren Interviews hat der amerikanische Außenminister
James Baker am 10. Novemher 1989 zu den Ereignissen in der DDR und Berlin
Stellung genommen. In bezug auf die Öffnung der Berliner Mauer erklärte der
Minister unter anderem, die Vereinigten Staaten "begrüßen dieses bedeutende
und dramatische Ereignis".
Sie seien darüber "außerordentlich glücklich".
Baker verwies ferner auf den "rapiden" und "dynamischen Wandel", der sich gegenwärtig in der DDR vollziehe.
Nachfolgend veröffentlichen wir die Äußerungen des US-Außenministers zu diesem
Thema in ihren wichtigsten Auszügen.

Frage:
Ich weiß nicht, ob Sie in
den vergangenen Wochen Zeit zum Sinnieren hatten, aber sinnieren Sie
doch mit mir ein wenig - denken Sie
einmal sechs Wochen zurück.
Gorbatschow besucht Ostberlin.
Als nächstes tritt Honecker ab.
Und dann
fährt Honeckers Nachfolger nach Moskau. Kurz darauf wird in der DDR alles auf den Kopf gestellt.
Welche
Rolle hat Gorbatschow bei all diesen
Ereignissen gespielt?
Antwort:
Dies ist wirklich ein rapider Wandel.
Und ein sehr dynamischer. Meines Erachtens spielten die
Sowjets dabei eine sehr wichtige Rolle.
Im Verlauf meiner Treffen mit
Außenminister Schewardnadse hat dieser mir gegenüber eindeutig erklärt,
daß die Sowjets den Reformprozeß in

Osteuropa ebenso unterstützen wie die
Reformen in der Sowjetunion.
Ich
denke, sie sind zu dem Schluß gekommen, daß sie erforderlich sind, wenn
sie mit der Perestrojka Erfolg haben
wollen.
Ich habe heute mit Interesse
zur
Kenntnis genommen, daß die Sowjetunion zu den ersten Staaten zählte, die
diese Entwicklung begrüßt haben.
Frage:
Der
Sprecher
des
sowjetischen
Außenministeriums,
Gennadij
Gerassimow, hat erklärt, es würde den
Sowjets noch nicht einmal etwas ausmachen, wenn dort freie Wahlen mit
mehreren Parteien durchgeführt werden, solange die DDR im Warschauer
Pakt bleibe.
Und man gewinnt jetzt
den Eindruck, daß die Sowjets mehr

�getan haben als nur daneben zu stehen
und zu sagen:
'Los, Leute. Macht,
was Ihr wollt.' Denn zunächst wollte
die DDR-Regierung ja hart bleiben.

len, daß die Sowjets keinerlei Bedenken gegenüber dem Gedanken eines wiedervereinigten
Deutschlands
haben.
Können Sie das?

Antwort:
Ja,
meines
Erachtens
wollten sie zunächst eine harte Haltung einnehmen. Das glaube ich auch.
Die Sowjets haben jedoch Reformen ermutigt.
Ich denke, sie sehen genau,
in welche Richtung das Pendel ausschlägt und - wie ich bereits festgestellt habe - betrachten sie Reformen
als Schlüssel zum Erfolg in der Sowjetunion
und
deshalb
auch
als
Schlüssel zum Erfolg in Osteuropa.

Antwort:
Es ist sehr schwer, dies
mit der Vorstellung in Einklang zu
bringen, alles sei in Ordnung, solange man nicht aus dem Warschauer Pakt
austrete. Wie kann es ein wiedervereinigtes Deutschland ohne diesen Austritt geben?
Es wäre wiederum verfrüht, dies jetzt zu erörtern.
Es
hat gerade eine äußerst wichtige Entwicklung stattgefunden, aber dies ist
eigentlich nur ein erster Schritt.
Es haben noch keine freien Wahlen in
der DDR stattgefunden.
Ich hoffe,
daß diese am Ende der Entwicklung
stehen.

Frage:
Erklären Sie mir das.
Warum?
Welchen Nutzen zieht Gorbatschow daraus für seine langfristige
Planung?
Antwort:
Die Frage nach dem Warum
wird durch die Tatsache beantwortet,
daß das alte System gescheitert ist
und sie das erkennen.
Das ist der
Grund. Warum Reformen? Weil das alte System nicht funktioniert.
Frage:
Aber es gibt ein noch grösseres Fragezeichen im Hinblick auf
die DDR.
Und da lautet die Frage,
wenn es eine demokratische DDR gibt,
dann besteht kein Grund mehr für die
Existenz der DDR. Dann könnte es genauso gut ein einziges Deutschland
geben.
Antwort:
Nun, genau
dies
trifft
natürlich auf die DDR zu, und sie ist
in dieser Hinsicht wirklich einzigartig unter den Ländern Osteuropas. Da
haben Sie recht. Und damit kommt man
zu der Frage, wie sich dies mit der
sowjetischen
Vorstellung
verträgt,
daß alles in Ordnung Ist, außer dem
Austritt aus dem Warschauer Pakt.
Und dieses Problem wird irgendwann
gelöst werden müssen.
Wir können
dies
zum
jetzigen
Zeitpunkt
noch
nicht.
Das
wäre
heute
verfrüht.
Aber wir sind uns dieses Problems bewußt und müssen uns darüber Gedanken
machen.
Frage:

Ich

kann mir

nicht vorstel-

Frage:
Ich
weiß
nicht,
welches
Bild Sie benutzen wollen - das von
dem Geist, den man nicht mehr in die
Flasche zwingen kann oder das von der
Zahnpasta, die man nicht mehr zurück
in die Tube bekommt. Könnte die Uhr
wieder zurückgedreht werden?
Antwort:
Ich glaube nicht.
Wenn
die Menschen einmal von den Früchten
der Freiheit gekostet haben, dann
kann man den Geist nicht mehr zurück
in die Flasche verbannen. Meines Ei—
achtens wird sich eine progressive
Entwicklung zu mehr Freiheit vollziehen, und genau das haben wir im Westen seit Jahr und Tag gefordert.
Dies muß nicht Instabilität, Chaos,
Blutvergießen
oder
Gewaltanwendung
bedeuten. Was wir wirklich dort erleben möchten, ist eine Hinwendung
zur Freiheit in allen Staaten Osteuropas, zu den Werten, die uns so teuer sind.
Wir möchten jedoch, daß
dies in Frieden und Freiheit geschieht.
Wir möchten, daß dies in
Frieden und Freiheit geschieht, weil
Instabilität in Form von Blutvergiessen und Gewalt nicht im Interesse
Osteuropas oder der Sowjetunion und
auch nicht im Interesse der Vereinigten Staaten liegt.
Frage:
Aber die Menschen, die ihr
Land heute verlassen, sind nicht die

- 2 -

�Alten.
Sie sind jung, sie sind gut
ausgebildet, sie sind für das überleben einer gesunden DDR absolut lebenswichtig und unerläßlich.
Da muß
man sich doch angesichts der stark
ansteigenden Zahlen von Übersiedlern
die Frage stellen, wieviele verkraftet werden können?
Antwort:
Meines Erachtens besteht
ein Grund für die heutige Ankündigung
darin, daß die Menschen, die ihr Land
verlassen, jung und gut ausgebildet
sind, daß dies Leute sind, ohne die
die DDR nicht auskommen möchte. Das
ist einer der Hauptgründe für diese
Ereignisse.
Nun, ich besitze keine Kristallkugel,
die mir sagt, wieviel Übersiedler aus
der DDR in der Bundesrepublik verkraftet werden können, ohne daß für
beide
Seiten
Probleme
entstünden.
Sicherlich gibt es Fragen in bezug
auf die Aufnahmefähigkeit der Bundesrepublik.
Wir gehen davon aus, daß
es etwa
175 000 Übersiedler gibt.
Ich kann Ihnen aber nicht sagen, bei
welchem Stadium diese Entwicklung Anlaß zu ernsthafter Besorgnis geben
würde.
Frage: Sind Sie als für die amerikanische Außenpolitik
Verantwortlicher nicht etwas beunruhigt über ein
Europa, das sich anschickt, ein vereintes Europa zu werden, möglicherweise
mit
einem
wiedervereinigten
Deutschland in seiner Mitte?
Antwort:
Der Präsident hat dazu in
Mainz während seiner Europareise aus
Anlaß des vierzigjährigen Bestehens
der NATO Stellung genommen, als er
erklärte:
'Wir wollen ein ungeteiltes, freies Europa.'
Und dies ist
weiterhin unser Ziel.
Das ist seit
langem unser Ziel, es ist das Ziel
dieser Administration und wird weiterhin
Ziel
dieser
Administration
sein. Die einzige Bedingung ist die,
daß sich dies friedlich vollzieht.
Wir möchten nicht, daß es in irgendeiner anderen Weise erreicht wird.
Meines Erachtens sollten wir uns darüber keine Sorgen machen. Es ist et- 3

was, das wir begrüßen und für das wir
uns einsetzen sollten.
Frage:
Seit vielen Jahren ist Berlin für uns so etwas wie das Symbol
des kalten Kriegs gewesen, eines geteilten Europas. Es war ein Zankapfel und sogar ein Ort, an dem der
Dritte Weltkrieg
zwischen Ost und
West seinen Ausgang nehmen könnte.
Ist es jetzt nicht nur an der Zeit,
daß die ganze Welt einen Stoßseufzer
der Erleichterung von sich gibt, sondern auch, daß die Uhr, die Atomphvsiker einmal geschaffen haben, um das
Risiko eines Atomkriegs zu messen erinnern Sie sich? - daß diese Uhr
ein wenig zurückgestellt wird?
Antwort:
Es ist an der Zeit, zu
erkennen, daß gerade das beginnt, was
wir seit über 40 Jahren anstreben.
Dies ist wirklich eine außerordentlich bemerkenswerte Entwicklung. Bei
unserem Regierungsantritt haben wir
Reden gehalten, in denen die Abkehr
von der Breschnew-Doktrin gefordert
wurde.
Die Breschnew-Doktrin wurde
im Grundsatz seither von der Sowjetunion widerrufen.
Wir haben davon
gesprochen, die Mauer müsse niedergerissen werden.
Nun ist die Mauer
zwar noch nicht niedergerissen worden, aber sie hat zumindest eine Bresche bekommen.
Und man kann wenigstens symbolisch sagen, daß die Mauer
gefallen ist. Dies sind dramatische
Ereignisse, die wir begrüßen sollten
und die wir in der Tat begrüßen.
Frage:
Wie interpretieren Sie den
Beschluß, achtzehn neue Grenzübergänge zu schaffen und der neuen Reisepolitik Dauerhaftigkeit zu verleihen?
Antwort:
Nun. meines Erachtens bemüht sich die DDR offensichtlich darum, jegliche Zweifel über eine mögliche Umkehrbarkeit dieser Politik zu
zerstreuen.
Es wurden Fragen zur
Durchführung erhoben.
Es gab Fragen
über einen möglichen Rückfall und so
weiter.
Und es scheint, als ob sie
jetzt sagen wollten: 'Seht, wir meinen es wirklich ernst. Das ist von
Dauer. Es hat Bestand.'

�Frage:
worden?

Sind

Sie

davon

überzeugt

Antwort:
Ja.
Ich habe früher bereits festgestellt, daß ich persönlich davon überzeugt bin, daß die. Sowjets nicht die Absicht haben, mit
Truppen in Osteuropa einzumarschieren, um diesen Entwicklungen ein Ende
zu bereiten. Das haben sie uns mitgeteilt, und das haben sie in öffentlichen Erklärungen gesagt.
Ich glaube nicht, daß sich die Ereignisse von 1956 wiederholen werden.
Wir können meines Erachtens nicht mit
absoluter Sicherheit sagen, ob die
Regime in Osteuropa nicht eines Tages
selbst beschließen könnten, an einem
gewissen
Punkt wieder zurückzuweichen.
Ich glaube dies aber nicht.
Man kann jedoch nichts mit absoluter
Sicherheit ausschließen.
Frage:
Aber die Tatsache, daß die
Sowjetunion nichts unternehmen wird,
um dramatisch in die Entwicklung einzugreifen . ..
Antwort:
Genau.
Dies wäre sicherlich nie ohne Duldung und Zustimmung
der Sowjetunion geschehen.
Frage:
Die
Morgenzeitungen,
die
morgendlichen
Fernsehprogramme
und
die Kommentatoren haben ihr Unverständnis darüber ausgedrückt, was sie
als eine kühle Reaktion des Präsidenten - und auch von Ihnen - im Hinblick auf die dramatischen Ereignisse
von gestern betrachten. Gibt es etwas, von dem Sie Kenntnis haben und
der Rest der Welt nicht?
Antwort:
Nein, nicht im mindesten.
Und dabei wird meiner Meinung nach
einiges außer acht gelassen. Es ist
jedenfalls wichtig
wenn wir zeigen,
Haß wir - wie es der Präsident erklärt hat - keine einseitigen Vorteile aus diesen Ereignissen ziehen wollen. Es ist wichtig, daß wir klarstellen, daß Instabilität in Osteuropa oder auch Instabilität in der Sowjetunion nicht im Interesse des Westens liegt. Es liegt nicht im In-

teresse
der
Vereinigten
Staaten.
Meines Erachtens ist den Leuten etwas
entgangen, wenn sie behaupten, wir
reagierten
vorsichtig.
Wir
haben
dies als bemerkenswert, dramatisch,
sehr begrüßenswert und bedeutend charakterisiert.
Ich glaube nicht, daß
dies eine vorsichtige Reaktion ist.
Frage:
Aber würden Sie nicht zustimmen, daß für den Durchschnittsamerikaner die Berliner Mauer - nicht
eine Realität wie für die Deutschen aber ein Symbol der Teilung zwischen
Ost und West...
Antwort:
Frage:

Selbstverständlich.
...des kalten Kriegs ist.

Antwort:
Wie auch wir erklärt haben, ist dies das bedeutendste Ereignis in den Ost-West-Beziehungen der
vergangenen 40 Jahre. Daran gibt es
für uns keinerlei Zweifel.
Frage:
Warum veranstaltet der Präsident dann nicht irgendeine Feier
dazu, oder warum scheint er nicht wenigstens in Feierstimmung zu sein?
Worin
besteht das Problem?
Warum
scheinen Sie alle nicht so glücklich
darüber zu sein?
Antwort:
Wir sind
außerordentlich
glücklich darüber. Wir begrüßen dieses bedeutende und dramatische Ereignis. Und ich möchte Ihnen mitteilen,
daß ich ein sehr bewegendes Telefongespräch mit dem Außenminister der
Bundesrepublik
Deutschland,
Herrn
Genscher, geführt habe. Er rief mich
an.
Ich ging ans Telefon, und seine
Sekretärin war am Apparat, und sie
sagte:
'Einen Moment bitte.
Und
vielen Dank für alles.
Gott segne
Amerika.
Hier ist der Minister.'
Dann sagte der Minister: 'Ich möchte
Sie anrufen, um Ihnen und durch Sie
dem amerikanischen Volk gegenüber unseren Dank zum Ausdruck zu bringen
für das, was Amerika für Deutschland
und insbesondere für das, was Amerika
für Berlin getan hat.'
Ich

-- 4 -

finde

dies

sehr

bewegend.

Er

�sagte weiter:
'Dies ist eine bewegende Stunde für unsere Nation. Aber
ich rufe Sie an, um unseren Dank gegenüber dem amerikanischen Volk zum
Ausdruck zu bringen.' Da treten einem fast Tränen in die Augen. Es war
ein sehr bewegender Moment.
Frage:
War das
schaft an Sie?

seine

einzige

Bot-

Antwort:
Nein, wir haben noch über
andere Dinge gesprochen.
Aber Bundeskanzler Kohl hat den Präsidenten
angerufen und ihm eine sehr ähnliche
Botschaft übermittelt. Jegliche Vorstellung, derzufolge wir in irgendeiner Weise darüber nicht sehr, sehr
erfreut sind und dies nicht begrüßen,
ist völlig falsch.
Frage:
Hatten Sie, als sie diese
Berichte im Fernsehen erlebten, vielleicht ebenso wie ich den Gedanken,
daß der Außenminister oder der Präsident der Vereinigten Staaten am liebsten dort wären, um die Menschen auf
der anderen Seite der Mauer zu begrüßen?
Ich meine nicht offiziell.
Aber haben Sie zu dem Zeitpunkt nicht
daran gedacht?
Antwort:
Ich
möchte
noch
einen
wichtigen Punkt hinzufügen, den wir
klarstellen sollten und auf den Frau
Thatcher angespielt zu haben scheint.
Wir stehen heute an diesem Punkt aufgrund der Entschlossenheit, des Willens und der Stärke des Westens. Und
wir sollten diese Tatsache nicht aus
den Augen verlieren. Das ist meines
Erachtens ein wichtiges Element, und
diese Botschaft kam wohl auch in dem
Telefonanruf
von Minister Genscher
zum Ausdruck.
Frage:
Was würden Sie unseren Zuschauern über das Risiko eines Kriegs
mit der Sowjetunion und ihren Verbündeten im Osten sagen?
Diese Bedrohung ist ja seit 40 Jahren Bestandteil unseres Lebens.
Wie hoch Ist
sie heute?
Antwort:
Vor
nicht
allzu
langer
Zeit habe ich dazu eine Rede vor der

Foreign Policy Association in New
York gehalten. Auch in San Francisco
habe ich über Rüstungskontrolle gesprochen, und ich habe in jener Rede
erklärt, daß wir leider den Krieg
noch nicht geächtet haben und nicht
sicher sein können, daß ein Krieg
nicht doch irgendwo ausbrechen könnte. Es gibt immer noch Schwierigkeiten mit der Sowjetunion im Hinblick
auf ihr Verhalten in regionalen Konflikten überall auf der Welt.
Wir
bemühen uns energisch um Lösungen.
Aber ich hoffe, daß die von uns beim
gesamten Spektrum der mit der Sowjetunion
behandelten
Themen
erzielten
Fortschritte zumindest den Ausbruch
eines Konflikts zwischen den Supermächten immer unwahrscheinlicher machen. Das ist meine Ansicht.
Bis heute stand das Verhalten im allgemeinen mit den öffentlichen Bekundungen im Einklang, nicht so sehr bei
den regionalen Konflikten wie in anderen Bereichen, etwa dem, was wir
heute in der DDR erleben.
Es hätte
niemals ohne Duldung oder Zustimmung
der Sowjetunion geschehen können.
Frage:
Erwägen Sie und der Präsident in der jetzigen Situation unsere
gesamte Politik gegenüber der Sowjetunion und dem Ostblock aufgrund der
Ereignisse der letzten drei Tage zu
überprüfen?
Antwort:
Wir haben unsere Politik
gegenüber dem Ostblock und der Sowjetunion seit den Vorbereitungen für
die Reise des Präsidenten nach Polen
und Ungarn in einer Art und Weise
durchgeführt, die mit den jetzigen
Ereignissen völlig im Einklang steht.
Der Präsident hat meines Erachtens in
seinem Ansatz zu Polen und Ungarn mit
dem Gedanken, daß wir Hilfe leisten
werden, genau den richtigen Standpunkt eingenommen. Wir werden echte
Reformen unterstützen.
Wir möchten,
daß dabei Fortschritte erzielt werden
und daß sie andauern. Wir nehmen die
Sowjetunion beim Wort bis dies nicht
mehr nötig sein wird.
Wir streben
keinen einseitigen Vorteil an, und

- 5 -

�wir werden uns entsprechend verhalten.
Ich möchte dazu sagen, daß wir uns
gegenwärtig mit einigen der Fragen
beschäftigen,
die
unserer
Ansicht
nach in Zukunft auftreten könnten.
Aber das tun wir nicht erst seit heute oder seit gestern. Wir tun dies
schon seit längerer Zeit.
Frage:
Der
sowjetische
Sprecher,
den wir gerade in dem Bericht aus
Moskau gesehen haben, hat ja erklärt,
diese ganze Angelegenheit
sei ein
weiteres interessantes Thema für die
Gespräche im Rahmen des Gipfels von
Malta. Ist das alles?
Antwort:
Sie meinen
das
Treffen
von Malta. Es ist wirklich kein Gipfel.
Frage:
Gipfel.
Ich habe da
schlechten Ausdruck benutzt.

einen

Antwort:
Es handelt sich wirklich
nicht um einen Gipfel. Aber werden
sie über Osteuropa sprechen? Da können Sie drauf wetten. Und das wird
einen herausragenden Stellenwert auf
der Tagesordnung einnehmen, jedoch
nicht in der Weise, als ob sich da
die zwei Supermächte an einen Tisch
setzen würden, um irgendwie über das
Schicksal Osteuropas zu entscheiden.
Frage:

Aber warum denn nicht?

Antwort:
Weil das unangemessen wäre, um das einmal ganz offen zu sagen.
Es wäre erstens unangemessen,
wenn die Vereinigten Staaten dies separat und ohne ihre Bündnispartner
tun würden.
Das hat einen Beigeschmack der Kritik, wie sie bei gewissen Ereignissen der Vergangenheit
geübt worden ist.
Und das ist ja nicht der Zweck dieses
Treffens.
Ich möchte dies klarstellen, damit jeder das versteht.
Frage:
Dann möchte ich die Frage
etwas klarer fassen.
Ist der Präsident - aufgrund dessen, was Sie uns
gegenüber heute abend erklärt haben -

darauf vorbereitet, daß dies Wirklichkeit ist. Viele sind ja der Ansicht - und es sind ja schon zahlreiche derartige Ereignisse eingetreten
-, daß es Gorbatschow und die Sowjetunion ernst meinen. Wir sind Zeugen
geworden, wie sich die Ereignisse im
Ostblock entwickelt haben.
Ist der
Präsident bereit, sich mit Herrn Gorbatschow an einen Tisch zu setzen und
zu sagen:
'Okay. Wir glauben Ihnen
jetzt.
Sie haben uns durch Taten
überzeugt.
Was können wir tun, um
Ihnen dabei zu helfen, auf dieser Basis weiterzumachen und die Demokratisierung voranzutreiben?'
Antwort:
Grundsätzlich besteht unsere Position, die wir gegenüber der
Sowjetunion bei den vergangenen Ministertreffen vertreten haben, darin,
daß wir der Perestrojka Erfolg wünschen.
Und wir möchten positiv handeln. Wir würden gerne da mit ihnen
zusammenarbeiten, wo für beide Seiten
Vorteile winken, um ein stabiles internationales
Umfeld
zu
schaffen.
Denn damit wird man zum Erfolg der
Perestrojka beitragen.
Wir möchten
mit ihnen Konsulationen abhalten, etwa im Hinblick auf Ansätze einer
freien Marktwirtschaft und ähnliche
Dinge.
Und ich bin sicher, daß der
Präsident diese Themen gegenüber Gorbatschow ansprechen wird.
Frage:
Gestern haben Sie und der
Präsident vorsichtigen Optimismus zum
Ausdruck gebracht. Was ist der Grund
für die Vorsicht?
Antwort:
Nun, ich weiß nicht, ob
man es als
vorsichtig
bezeichnen
kann. Ich habe gesagt, die Ereignisse von gestern seien eine positive
Entwicklung.
Es war eine bedeutende
Entwicklung, eine Entwicklung, die
wir begrüßen. Ich weiß nicht, warum
das vorsichtig sein soll. Meines Erachtens vollziehen sich dort sehr bemerkenswerte Dinge.
Dinge, die wir
schon seit langem gefordert haben.
Frage:
Schon
heute
morgen
wird
vielfach die Kritik laut, die BushAdministration sei von der Schnellig-

�keit der Ereignisse "völlig überrumpelt" worden. Trifft das zu?
Antwort:
Ob wir von der Schnelligkeit der Ereignisse überrascht wurden?
Da können Sie drauf wetten.
Und genauso ging es allen anderen,
soweit ich das überblicken kann. Ich
kenne niemanden, der diese Entwicklung vorausgesehen hätte. Es ist eine sehr gute Entwicklung. Ich schäme
mich kein bißchen dafür, daß die
Schnelligkeit uns überrascht hat.
Frage:
Herr Minister, warum
hat
sich die Entwicklung in der DDR so
rasch vollzogen?
Woher kommt dieser
Druck auf Reformen?
Antwort:
Nun, ich glaube, sie werden durch den inneren Druck auf mehr
Freiheit,
Redefreiheit
und
andere
derartige Rechte, der von ihrem eigenen Volk ausgeht, dazu gedrängt. Und
heute sehen wir, daß ihre Regierung
ihnen das Recht auf Freizügigkeit gewährt, ein grundlegendes Menschenrecht.
Ich hoffe, daß sie nun auch
in anderen Bereichen Freiheiten gewähren. Ich hoffe, daß wir eine Entwicklung zu freien und offenen demokratischen Wahlen erleben werden.
Frage:
Minister Baker, haben Sie
in den vergangenen zwei Tagen mit ihrem sowjetischen Amtskollegen Schewardnadse gesprochen?
Antwort:
Nein.
Ich habe in den
letzten Tagen mit dem Bundesaußenminister gesprochen, und ich habe soeben ein Telefongespräch mit unserem
Botschafter in Bonn geführt, der gerade im Auswärtigen Amt mit Vertretern der Bundesregierung sowie der
britischen und der französischen Regierung gesprochen hat.
Frage: Was haben Sie der Bundesrepublik heute morgen versprochen?
Antwort:
Nun, wir haben der Bundesregierung mitgeteilt, daß wir so
hilfreich wie möglich sein werden,
falls sie Hilfe benötigen sollte.
Wie Sie wissen, stellen wir militäri-

sche Hilfe in Form von Unterkünften
und ähnlichem zur Verfügung, um den
Zustrom von Ubersiedlern zu bewältigen.
Ich möchte hinzufügen, daß Botschafter Walters mir heute morgen mitgeteilt hat, daß der Zustrom von Ubersiedlern stark, aber konstant ist.
Er hat ferner berichtet, daß bereits
einige DDR-Flüchtlinge, die gerade
erst in die Bundesrepublik gekommen
waren, wieder in die DDR zurückkehren.
Frage:
Wie können wir Reformen in
der DDR fördern? Werden wir das immer nur über Helmut Kohl tun oder
werden wir auch an die DDR oder die
Sowjetunion herantreten?
Antwort:
Wir haben in bezug auf
die Reformen in Osteuropa schon ziemlich eingehende Gespräche mit der Sowjetunion geführt. Wir haben eindeutig erklärt, daß wir den Reformprozeß
in Osteuropa unterstützen.
Offengestanden, auch die Sowjets haben erklärt, daß sie den Reformprozeß in
Osteuropa unterstützen, und ich möchte hier feststellen, daß dieser nicht
möglich gewesen wäre, wenn die Sowjetunion ihn nicht zugelassen oder
sogar ermutigt hätte.
Frage:
Ich nehme an, Sie werden
die Gespräche darüber bei dem bevorstehenden Gipfeltreffen weiterführen.
Planen Sie gegenwärtig, dabei Geld
anzubieten?
Antwort:
So würde
ich es
nicht
ausdrücken.
Ich möchte hinzufügen,
daß der Zweck dieses Treffens vor dem
eigentlichen
Gipfeltreffen
zwischen
Präsident Bush und Präsident Gorbatschow nicht darin besteht, sich an
einen Tisch zu setzen und Osteuropa
aufzuteilen oder die Zukunft Osteuropas zu regeln.
Er besteht vielmehr
darin, Meinungen und Standpunkte zu
den Ereignissen in Osteuropa auszutauschen.
Frage:
Minister Baker, als Sie im
Jahr 1980 zunächst in die Reagan-Administration eintraten, was betrach-

- 7 -

�teten Sie damals als mögliche Herausforderungen in Osteuropa?
Und was
war zu jener Zeit das Ziel?
Antwort: Nun, wenn Sie sich an jene Tage erinnern, jene Tage des
'Reichs des Bösen', wenn Sie an unser
Verhältnis zur Sowjetunion denken, so
war damals Osteuropa eine geschlossene, abgeschottete Gesellschaft mit
sehr starren, repressiven Regimen in
nahezu allen osteuropäischen Ländern.
Und ich glaube nicht, daß irgendjemand im Jahr 1981 in der Lage war,
die Art von Bewegung und Reformen und
Offenheit zu prognostizieren, wie wir
sie heute in Osteuropa erleben.
Frage:
Es wird heute morgen
so
viel von der Wiedervereinigung gesprochen. Wird dieses Thema umgehend
von den NATO-Partnern behandelt werden?
Antwort:
Ich glaube nicht, daß es
unmittelbar behandelt wird, wenn man
in diesem Zusammenhang bestimmte Maßnahmen meint. Lassen Sie mich sagen,
daß die Wiedervereinigung seit über
40 Jahren Politik der NATO und Politik der
Vereinigten
Staaten
ist.
Wenn wir von Wiedervereinigung sprechen, so ist dabei wichtig
zu verstehen, daß wir diese auf der Grundlage westlicher Werte anstreben. Und
wir sprechen davon, sie in Frieden
und Freiheit zu verwirklichen.
Und
das ist sehr, sehr wichtig, wenn wir
beginnen, über die Wiedervereinigung
zu sprechen.
Ich meine, daß es noch ein wenig verfrüht Ist, den Sprung von der Freizügigkeit in der DDR, der Reiseerlaubnis für die Bürger der DDR zum Thema
Wiedervereinigung zu machen.
Es erscheinen mir bis dahin noch eine Reihe weiterer Schritte notwendig, darunter die freien Wahlen, die ich
vorhin erwähnt habe.

* * * * *

- 8 -

�WALTERS: WINDE DER FREIHEIT WEHEN AUS DEM WESTEN
- Botschafter Vernon Walters im amerikanischen Fernsehen WASHINGTON - (AD) - Dem Botschafter der Vereinigten Staaten von Amerika in
der Bundesrepublik, Vernon Walters, zufolge werden die "Winde der Freiheit"
bald in allen Ländern Osteuropas, auch in Bulgarien und der Tschechoslowakei
wehen, und "sie wehen aus dem Westen".
Der Botschafter gab am 12. November 1989 im amerikanischen Fernsehen Interviews bei CBS ("Face the Nation") und CNN ("Newsmaker Sunday"), in denen er
seine Erwartung zum Ausdruck brachte, Veränderungen in der Tschechoslowakei
würde sich - ähnlich denen in Polen, Ungarn und jetzt der DDR - innerhalb "weniger Wochen" vollziehen. Walters erklärte ferner, die Öffnung der Berliner
Mauer mache es "völlig klar, daß die Ereignisse nicht mehr rückgängig zu machen sind".
Den Siegeszug demokratischer Ideen in Osteuropa führte er auf die Tatsache zurück, daß "wir es erreicht haben, weil wir stark waren."
Nachfolgend veröffentlichen wir eine Zusammenstellung dieser Interviews.
Frage: Was wird als nächstes geschehen, Herr Walters?
Antwort: Als nächstes wird in der
DDR die Forderung nach freien Wahlen
laut werden. Wenn es freie Wahlen
gibt, kann das deutsche Volk unmittelbar entscheiden, ob es sich als
Ganzes oder in einer anderen Form zusammenschließen
will.
Aber
das
bleibt ihm überlassen. Und das kann
natürlich nicht ohne Zustimmung der
Sowjets geschehen, die 16 Divisionen
- schätzungsweise 480 000 Soldaten in der DDR stationiert haben.
Aber meiner Ansicht nach nehmen auch
die wirtschaftlichen Probleme in der
Sowjetunion - ich denke, Gorbatschow
hat erkannt, daß es keine gewinnträchtigen Kriege geben kann - eine

Richtung, bei der wir Fortschritte
machen können und die in Zukunft so
aufsehenerregend sein werden wie die
Ereignisse der Vergangenheit.
Frage: Wie sieht es mit dem übrigen Osteuropa aus? Was wird aufgrund
Ihrer Erfahrungen und der Berichte
Ihrer Nachrichtendienste zum Beispiel
in der Tschechoslowakei geschehen?
Antwort:
Wenn Sie eine Karte betrachten, werden Sie feststellen, daß
es von Polen, Deutschland und Ungarn
umschlossen wird. Und wenn Sie näher
hinschauen, sieht es - geographisch
betrachtet - aus wie der Kopf im Maul
eines Löwen. Ich kann mir nicht vorstellen, wie sie sich diesem Druck
länger entziehen können. Jeder wußte
meiner Ansicht nach, daß die DDR eine

�harte Nuß war - die härteste im gesamten Ostblock.

über ihr eigenes Schicksal bestimmen
zu können.

Bulgarien wurde zum Beispiel von allen als gefälligster Verbündeten der
Sowjets betrachtet. Sogar Bulgarien
bricht jetzt auf.
Die Winde der
Freiheit wehen, und sie wehen aus dem
Westen. Und wer das nicht versteht,
wird vom Winde verweht werden.

Frage: Was können und sollten die
Vereinigten Staaten tun, um den sich
nunmehr vollziehenden Prozeß der Veränderungen zu fördern?

Frage:
Sie denken also, daß die
Tschechoslowakei eher früher als später den Kurs der DDR und anderer Länder einschlagen wird?
Antwort:
Das
ist, was man in
Deutschland
"Wunschdenken"
nennt.
Ich denke, daß es dazu kommen wird.
Frage: Wird es Wochen, Monate oder
Jahre dauern?
Antwort: Wochen.
Frage:
Haben wir das beobachten
können, was wir erwartet haben?
Antwort:
Teilweise.
Ich
würde
nicht sagen, daß eine so abwartende
Haltung eingenommen wird. Der Präsident hat diese Veränderungen sehr
herzlich begrüßt und auch deren Bedeutung hervorgehoben.
In den ersten Tagen der Öffnung der
Mauer befürchtete man, daß es sich
hierbei um ein Mißverständnis auf der
anderen Seite oder lediglich um eine
Teilmaßnahme handeln könnte.
Jetzt
ist jedoch ganz klar, daß die Ereignisse nicht rückgängig gemacht werden
können und die Deutschen beider Teile
Berlins zusammenkommen können. Gestern habe ich bereits den Deutschen
erklärt, daß es nicht nur ein großer
Tag für sie sondern auch für ihre
Freunde ist.
Wir sollten uns vor Augen führen, wie
wir das erreicht haben. Wir haben
das erreicht, weil wir stark waren.
Wir haben es erreicht, weil wir Entschlossenheit gezeigt haben, und wir
haben es erreicht, weil wir die freie
Wahl der Menschen unterstützt haben,

Antwort:
Ich denke, bis jetzt haben wir alles getan.
Wir ähneln
vielleicht einer europäischen Fußballmannschaft, die zur Halbzeit mit
10 zu 1 führt, und ich denke nicht,
daß wir eine oder mehrere Strategien
entwerfen sollten, um etwas besser zu
machen.
Ich denke, bis jetzt haben wir alles
getan. Wenn Sie sich erinnern wollen, so sind seit Reykjavik erst
zweieinhalb Jahre vergangen, seit die
Sowjets erklärt haben, wenn ihr SDI
nicht aufgebt, sind wir am Ende. Wir
haben SDI nicht aufgegeben, und sie
haben herausgefunden, wie teuer es
wäre, mit uns gleichzuziehen und entschlossen sich, einen anderen Weg
einzuschlagen. Dies ist der andere
Weg.
Frage: Heute morgen wurde am Potsdamer Platz ein neues Loch in die
Mauer geschlagen. Gestern wurde die
Glienicker Brücke geöffnet. Für viele von uns sind das lediglich Namen.
Aber welche Bedeutung haben diese Orte für das deutsche Volk?
Antwort:
Der Potsdamer Platz war
vor dem Krieg der Times Square von
Berlin.
Dort traf man sich, dort
pulsierte das Leben genau wie am
Times Square.
Auf der Glienicker
Brücke fand oftmals ein Austausch von
Spionen statt. Ich war gestern dort.
Und ich habe nie zuvor mehr erwachsene Männer mit Tränen in den Augen gesehen als gestern auf dieser Brücke.
Frage: Wie schätzen Sie die Gefühle der Deutschen ein?
Antwort:
Es herrscht Festtagsstimmung. Das deutsche Volk sieht Licht.
Die lange Nacht ist vorbei. Aber dafür muß die Mauer - unmittelbar vor

- 2 -

�dem Brandenburger Tor - endgültig und
tatsächlich
niedergerissen
werden,
und ich brauche ihnen nicht zu sagen,
daß das Brandenburger Tor für die
Deutschen zugleich Magnet und Symbol
ist.
Ich war vergangene Nacht um
Mitternacht dort und mit mir etwa
5 000 Menschen, von denen viele sagten: "Die Mauer muß weg".
Zunächst ist die Mauer vor dem Brandenburger Tor kein besonders schöner
Anblick. Aber für die Deutschen ist
sie irgendwie ein Symbol für die Einheit der Stadt. Und wann immer sie
bei Tag oder bei Nacht dorthin kommen, befinden sich dort Tausende von
Menschen.
Gestern Nacht waren es
insbesondere junge Leute, es herrschte eine Atmosphäre wie auf einem Fußballplatz, aber in dem Gefühl, daß
die lange Nacht zuende gehen und sich
die Tore öffnen würden.
Sie haben den Potsdamer Platz erwähnt. Heute morgen hat man ein Loch
in die Mauer am Potsdamer Platz geschlagen, und die beiden Bürgermeister von Ostund West-Berlin haben
sich dort getroffen. Das ist ein bedeutungsvoller Schritt.
Frage: Die Ereignisse dieser Woche
haben die unvermeidliche und für manche hier in Europa unliebsame Aussicht einer Wiedervereinigung beider
Teile Deutschlands aufgeworfen. Sehen sich Ost und West - ebenso wie
die DDR sich Forderungen nach Demokratisierung und Freizügigkeit gegenübersieht - jetzt den Forderungen des
deutschen Volkes nach einer Wiedervereinigung ihres Landes ausgesetzt?
Antwort:
Ich denke, daß dieser
Druck besteht. Meiner Ansicht nach
werden sie dabei vorsichtig vorgehen
müssen.
Aber ich glaube, niemand,
der sich als Freund Deutschlands bezeichnet, kann sich der freien Wahl
des deutschen Volkes widersetzen, wie
immer sie auch aussehen mag.
Frage:
Viele Menschen in Deutschland haben mir erklärt, daß sie einen
Zusammenschluß des Landes befürworten

würden, nicht in Ost oder West, sondern mit einem neutralen Status, wie
ihn etwa Österreich hat. Könnten Sie
sich das auch so vorstellen?
Wie
könnten beide Seiten diesen "neutralen Staat", wie Sie es genannt haben,
zwischen anderen Ländern verwirklichen?
Antwort: Das hängt zu einem großen
Teil natürlich vom allgemeinen Zustand der Beziehungen zwischen der
Sowjetunion und den Ländern des NATOBündnisses ab und davon, wie sie sich
entwickeln. Meiner Ansicht nach ist
ein neutrales Deutschland nicht realistisch.
Für ein kleineres Land
könnte dies realistisch sein, aber
für ein Land von der Größe Deutschlands
wäre
das
sehr
schwierig.
Deutschland
ist
nicht
Finnland.
Deutschland
ist nicht Österreich.
Deutschland ist sehr groß - bevölkerungsmäßig das größte Land Europas.
Es ist wirtschaftlich das stärkste
Land. Und meiner Ansicht nach ist es
nicht realisitisch, sich vorzustellen, das Land könnte in einem Vakuum
existieren.
Aber als Mitglied des NATO-BUndnisses
stellt Deutschland
meiner Ansicht
nach für niemanden eine Bedrohng dar.
In den zehn Jahren meiner Amtszeit im
NATO-Hauptquartier habe ich niemals
einen Angriffsplan dort gesehen. Und
ich denke, daß dies auch die andere
Seite weiß.
Frage: Besteht das Risiko, daß wir
uns zu weit vorwagen und die DDR-Führung im Hinblick auf Veränderungen zu
stark bedrängen? Ist es an der Zeit,
Vorsicht walten zu lassen?
Antwort:
Ich denke, wir stehen an
der Schwelle zu einem neuen Zeitalter, aber wir müssen vosichtig sein.
Unter Gorbatschow haben die Sowjets
zwei wichtige neue Raketensysteme
stationiert und die schwersten ihrer
Systeme - die SS-18 - modernisiert,
zu denen uns das Gegenstück fehlt.
Wir müssen solange Vorsicht walten
lassen, bis wir statt Worten Taten
sehen.

- 3 -

�Hier in Deutschland haben wir viele
Taten gesehen. Aber auf der anderen
Seite müssen wir insgesamt noch mehr
Taten sehen, bevor wir das Gefühl haben können, daß es sich wirklich um
eine fortschrittliche Politik handelt. Wir hoffen, daß das zutrifft
und wahrscheinlich ist es auch so.
Aber wir warten noch auf bessere Beweise.
Wir wollen keinen Truppenabzug aus
dem Gefühl der Panik heraus. Wir
müssen
ausgehandelte
Reduzierungen
durchsetzen, mit denen die Fähigkeit
zur Invasion in Europa abgebaut werden kann. Und diese Invasionsfähigkeit in Europa gäbe es nicht mehr,
wenn gemäß dem Vorschlag des Präsidenten eine Reduzierung auf 275 000
Soldaten auf beiden Seiten akzeptiert
würde. Und darüber wird in Wien verhandelt, und ich bin optimistisch.
Ich denke, wir werden es schaffen.
Frage:
Mit welcher Geschwindigkeit
wird sich der Wandel Ihrer Ansicht
nach vollziehen? Sehen Sie eine Verzögerung voraus?
Antwort:
Offen gesagt, kann man
sich kaum vorstellen, daß es mit dieser Geschwindigkeit weitergeht. Das
ist wie das Fahren auf deutschen Autobahnen, und ich weiß nicht, wie
lange es noch in diesem Tempo weitergeht, aber all meine Vorhersagen über
eine Verlangsamung sind nicht eingetroffen. Wenn überhaupt, so hat eine
Beschleunigung stattgefunden.
Für jemanden, der die Luftbrücke in
Berlin und den Mauerbau erlebt hat,
ist es außergewöhnlich, hier zu sein,
und zu sehen, wie Löcher in die Mauer
geschlagen werden.

* * * * *

- 4

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                <text>Bush: Berliner Mauer hat an Bedeutung verloren&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Äußerungen des Präsidenten über die neue Reisefreiheit in der DDR&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Baker: Vereinigte Staaten "außerordentlich glücklich" über Ereignisse in der DDR&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Stellungnahmen des amerikanischen Außenministers&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Walters: Winde der Freiheit wehen aus dem Westen&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Botschafter Vernon Walters im amerikanischen Fernsehen&lt;br /&gt;&lt;/em&gt;</text>
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                    <text>AMERIKA DIENST
^roN^

42

22. November 1989

INHALT

DOKUMENTATION
Bush: Malta ist nicht Jalta
- Rundfunkinterview des Präsidenten in Auszügen Veränderungen in Osteuropa belegen die Macht von Informationen
- Eagleburger bei der RFE/RL-Konferenz Yeutter; Reformen im Agrarbereich können zur Beseitigung des Hungers
beitragen
- Auszüge aus einer Rede vor der FAO-Konferenz in Rom -

HINTERGRUND
Die Verhandlungen über Kern- und Weltraumwaffen:
Sowjetische Vorschläge
- Eine Übersicht des ACDA -

Amerikanische und

* * * * *

United States Information Service
Embassy of the United States of America

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.: 0228-339 2035
Telex: 8-85432

�AMERIKA DIENST
VON

Dokumentation

4

22. November 1989

42
BUSH: MALTA IST NICHT JALTA

- Rundfunkinterview des Präsidenten in Auszügen Washington - (AD) - Präsident Bush zufolge wird sein für den 2. und 3. November anberaumtes Treffen mit dem sowjetischen Staats- und Parteichef Gorbatschow "ein breitgefächertes, allgemeines Treffen" sein, das nicht als zweites
Jalta charakterisiert werden sollte. "Es kommt den Vereinigten Staaten und
der Sowjetunion nicht zu, Dinge aufzuteilen, Grenzen zu verändern oder Schritte der Art zu unternehmen, wie dies (in Jalta) der Fall war", erklärte der
Präsident in einem Rundfunkinterview, dessen Text am 18. Januar 1989 vom weißen Haus veröffentlicht wurde.
Nachfolgend veröffentlichen wir das Interview des Präsidenten in Auszügen:
Frage: Ich möchte mit einigen außenpolitischen Fragen beginnen. Was
wird bei Ihrem Treffen mit Staatsund Parteichef Gorbatschow vor Malta
das wichtigste Thema sein?
Antwort:
Sicherzustellen, daß keine unnötigen Mißverständnisse zwischen uns aufkommen. Ich möchte dies
am Beispiel zweier Schiffe verdeutlichen, die in der Nacht aneinander
vorbeifahren ohne voneinander Notiz
zu nehmen. Das möchte ich vermeiden. Ich möchte, daß wir soweit wie
möglich die gleiche Wellenlänge haben. Das Treffen wird also darauf
abzielen, daß die beiden Schiffe
nicht aneinander vorbeifahren, weil
sie keine Positionslichter gesetzt
haben.

United States Information Service
Embassy of the United States of America

Frage:
Aber welches Thema werden
Sie als erstes zur Sprache bringen?
Antwort: Nun, wie ich bereits erklärt habe, haben wir keine Tagesordnung festgelegt.
Sicherlich werde
ich daran interessiert sein, Gorbatschows Ansichten zu den dynamischen
Veränderungen in Osteuropa zu erfahren. Wir werden detaillierte Gespräche über seine Wirtschaft führen, und
ich werde gerne bereit sein, ihm die
unsrige zu erläutern. In diesen beiden Bereichen wird es also ausführliche Gespräche geben, aber ich werde
auch Probleme unserer Hemisphäre zur
Sprache bringen, etwa die Unterstützung für Nicaragua, Afghanistan und
andere Bereiche, in denen sowjetische
Interessen sich nicht mit den ameri-

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.: 0228-339 2035
Telex: 8-85432

�kanisehen decken, und ich erwarte,
daß er bereit sein wird, auf diese
regionalen Spannungen einzugehen.
Frage: Sie haben ihm in Beantwortung seines früheren Telegramms eine
Botschaft übermittelt, in der Sie erneut ihre Unterstützung für die gegenwärtig in seinem Land und Osteuropa stattfindenden Reformen zum Ausdruck bringen. Geht Ihre Unterstützung so weit, daß Sie auch Finanzmittel bereitstellen und den Sowjets zur
Förderung
dieser
Reformen
Wirtschaftshilfe gewähren werden?
Antwort:
Nun, ich bin gerne bereit, über Wirtschaftsreformen und
die sowjetischen Vorstellungen bezüglich westlicher Wirtschaftshilfe zu
sprechen, aber ich habe mit großem
Interesse Herrn Schewardnadses Antwort auf eine ähnliche Frage zur
Kenntnis genommen - er sagte: "Wir
sind nicht auf der Suche nach Hilfe.
Wir möchten nicht, daß irgendjemand
uns aus der Klemme hilft." Und das
ist gut so. Sie sind ein souveräner
Staat. Sie sind sehr stolz, aber sicherlich werden wir über die Sowjetunion betreffende Wirtschaftsfragen
sprechen.
Frage: Wenn Sie erklären, wie Sie
das diese Woche in einer Rede taten,
daß der Gipfel von Malta, das Treffen
von Malta, wie Sie es lieber bezeichnen, nicht dazu dient, über die Zukunft Europas zu entscheiden, was
meinen Sie damit? Nehmen Sie da etwas vom Tisch?
Antwort:
Nein.
Ich meine damit,
daß wir kein zweites Jalta vor uns
haben.
Frage:

In welcher Hinsicht?

Antwort:
In der Hinsicht, daß es
den Vereinigten Staaten von Amerika
und der Sowjetunion nicht zukommt,
Dinge aufzuteilen oder Grenzen zu
verändern oder Schritte der Art zu
unternehmen, wie dies bei dem Treffen

der Fall war, auf das Sie gerade Bezug nahmen. Wir werden dies nicht
tun. Es handelt sich um ein breitangelegtes, allgemeines Treffen.
Wir
würden dies auf keinen Fall tun.
Frage:
Ist die Wiedervereinigung
der beiden deutschen Staaten unvermeidlich?
Antwort:
Ich habe meine Meinung
dazu bereits kundgetan und erklärt,
darüber zu entscheiden sei Sache der
beiden deutschen Staaten. Dies ist
für die Sowjetunion eine äußerst
heikle Angelegenheit, und deshalb ist
es besser, sie zunächst nicht weiterzuverfolgen.
Frage: Aber wenn Sie die dortigen
Ereignisse betrachten, ist es nicht
Ihrer Meinung nach unvermeidlich?
Antwort:
Das ist eine sehr hypothetische Frage, denn da können noch
so viele Dinge geschehen, und ich
möchte doch wiederum sagen, daß diese
Entscheidung Sache des deutschen Volkes ist.
Frage:
Viele Menschen schauen in
die Geschichtsbücher und machen sich
über diese Zukunftsperspektive Sorgen. Ist diese Sorge berechtigt?
Antwort: Wir haben darüber mit anderen Ländern gesprochen, die sich
aufgrund gewisser historischer Geschehnisse darüber Sorgen machen,
aber ich bin nicht der Meinung, daß
sich die Geschichte wiederholen muß,
wenn es zu einem vereinigten Deutschland kommen sollte. Aber das ist eine Frage, die in der Zukunft liegt
und gegenwärtig nicht aktuell ist.
Ich wiederhole, daß diese Entscheidung Sache der Deutschen ist.
Frage:
Einige
Kongreßmitglieder
betrachten diese Lage in Europa und
meinen, nun sei die Zeit reif für Erörterungen über eine Reduzierung des
Verteidigungshaushalts, für beträchtliche Kürzungen. Erachten Sie dies
für sinnvoll?

�Antwort:
Nein,
nicht sinnvoll.

das

ist

für

mich

Frage:
Was halten Sie von einer
Reduzierung der Streitkräfte der NATO
und des Warschauer Pakts dort? Eine
Menge Leute denken...

schrauben. Das wird in Malta nicht
geschehen, denn die Einzelheiten sind
noch nicht in dem multilateralen Forum, in Wien, gelöst worden. Es wird
noch nicht so weit sein.

Antwort:... (unverständlich) - Vorschläge. Wir haben einen kühnen Vorschlag gemacht, einen Vorschlag unter
Führung der Vereinigten Staaten, der
die umfassende Unterstützung unserer
Verbündeten genießt, der genau dies
zum Ziel hat.
Frage:
Wird dieser Vorschlag
Malta auf den Tisch gelegt werden?
Antwort:
Tisch.

in

Er liegt bereits auf dem

Frage: Was geschieht, wenn Gorbatschow kommt und sagt: "Warum kommen
wir nicht hier zu einer Einigung?"
Viele Experten - ich weiß nicht, ob
Ihre Berater auch zu diesen Leuten
gehören - behaupten, daß er genau
dies tun wird.
Antwort:
Er hat diesem Vorschlag
im Prinzip schon zugestimmt.
Das
Prinzip der von uns vorgeschlagenen
Reduzierungen steht eigentlich nicht
mehr zur Debatte. Das Problem besteht eher darin, die vielen Detailfragen zu lösen, und das kann nicht
in Malta geschehen, sie müssen vielmehr in einem multilateralen Forum
gelöst werden. Ich bin jedoch sehr
erfreut darüber, daß die Sowjets sich
gegenüber dieser US/NATO-Initiative
sehr positiv verhalten haben.
Frage: Wären Sie bereit, das Treffen von Malta als Rahmen für die Unterzeichnung eines solchen Abkommens
zu betrachten?
Antwort:
Das können wir streichen
ich möchte die Erwartungen der
Weltöffentlichkeit nicht in die Höhe
- 3 -

* * * * *

�reo ST&gt;

AMERIKA DIENST
Dokumentation

22. November 1989

42

VERÄNDERUNGEN IN OSTEUROPA BELEGEN DIE MACHT VON INFORMATIONEN
- Eagleburger bei der RFE/RL-Konferenz WASHINGTON - (AD) - Dem stellvertretenden US-Außenminister Lawrence S. Eagleburger zufolge legen die gegenwärtig in Osteuropa stattfindenden Veränderungen
"Zeugnis ab von der Macht von Informationen und dem Einfluß von Ideen".
Eagleburger machte diese Äußerungen am 15. November 1989 in seiner Rede bei
der internationalen Konferenz unter der Leitung von Radio Freies Europa und
Radio Liberty (RFE/RL) über "Den Niedergang des Kommunismus' und die Reaktion
des Westens" in Washington.
Eagleburger erklärte ferner: "Unserer Ansicht nach ... wird ein demokratisches Europa ein friedliches und stabiles Europa hervorbringen ... und ein demokratisches Deutschland auch ein friedliches Deutschland sein wird, das als
Eckpfeiler eines dauerhaften Friedens In Europa dienen wird."
Nachfolgend veröffentlichen wir Eagleburgers Rede im Wortlaut:
Es ist mir eine Ehre, heute hier bei
Ihnen zu sein. Aber um ehrlich zu
sein, muß ich Ihnen sagen, daß ich
zögerte, bevor ich meine Zustimmung
dazu gab, heute hier eine Eröffnungsansprache zu halten.
Ich zögerte,
weil ich wußte, daß ich gegenüber
RFE/RL die gegenwärtigen Ereignisse
in Osteuropa und der Sowjetunion würde ansprechen müssen. Instinktiv befürchtete ich, mein Vortrag hätte
heute abend bereits keine Gültigkeit
mehr oder sei bereits veraltet. So
schnell vollzieht sich heute der Wandel. Tatsächlich gehe ich heute das
Risiko ein, der Nostalgie nicht für
den kalten Krieg, sondern bereits für
die vergangene Woche bezichtigt zu
werden.

United States Information Service
Embassy of the United States of America

Auf der anderen Seite bietet sich mir
die großartige Gelegenheit, Organisationen zu würdigen, die zu einem
nicht geringen Teil für die aufregenden augenblicklichen Ereignisse verantwortlich sind, denn die gegenwärtig in Osteuropa stattfindenden Veränderungen legen Zeugnis ab von der
Macht von Informationen und dem Einfluß von Ideen.
Ich habe nie zu denjenigen gehört,
die die Auffassung vertraten, die
Spannungen des Kalten Krieges seien
das Ergebnis des Wettrüstens zwischen
den Vereinigten Staaten und der Sowjetunion gewesen. Vielmehr hat der
kalte Krieg so lang gedauert, weil
wir im Westen uns vor sowjetischen

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�Waffen und die Sowjets sich vor westlichen Ideen fürchteten.
Der Stalinismus mit all seinen Folgen
war bis zur Machtübernahme Gorbatschows - mit zeitweiligen Ausnahmen
in der Ära Chruschtschow - ein System, das auf Lügen und Repressalien
basierte.
Er funktionierte solange
die Grenzen geschlossen, Luftwege
blockiert und die Gedankenwelt der
Menschen vom Gedanken der Freiheit
unberührt blieben. Aber sogar in den
dunkelsten Stunden des kalten Krieges
waren Radio Freies Europa und Radio
Liberty für die Osteuropäer ein Fenster zur Realität, und durch dieses
Fenster kam genug frische Luft, um zu
verhindern, daß der Stalinismus die
Hoffnung auf Freiheit und Wahrheit
ein für allemal ersticken konnte.
Und
dann fanden zwei Ereignisse
statt, die der heute in Osteuropa
stattfindenden demokratischen Erneuerung den Weg bereiteten. Das erste
war die Unterzeichnung der Schlußakte
von Btlainkl im Jahr 1975. Sie werden sich sicherlich daran erinnern,
daß die Ford-Administration Kritik
aus vielen Lagern einstecken mußte,
weil sie angeblich den Status quo der
Nachkriegszeit
für
Osteuropa
für
rechtmäßig erklärte und im Gegenzug
nur auf dem Papier abgegebene Versprechen über die Beachtung zivilisierter Verhaltensmaßregeln erhielt.
Die Länder des Warschauer Pakts hatten natürlich nicht die Absicht, ihre
in Helsinki eingegangenen Verpflichtungen zur Achtung der Menschenrechte, Freizügigkeit und freiem Fluß von
Ideen einzuhalten. Aber sie hatten
sich verrechnet. Es wurden Maßstäbe
aufgestellt, an denen diese Regierungen nicht nur vom Westen, sondern
auch von ihren eigenen Bürgern gemessen wurden.
Zweitens wurde 1980 die Gewerkschaft
Solidarität ins Leben gerufen. Die
kommunistische Partei hatte ihr Monopol auf die Wahrheit, wenn nicht sogar auf die Macht, verloren. Radio
Freies Europa spielte in diesem Au-

gust eine wichtige Rolle, indem es
die Polen über Ereignisse in verschiedenen Landesteilen informierte
und damit verhinderte, daß die Regierung Protestkundgebungen isolierte,
wie sie das in der Vergangenheit getan hatte.
Das Kriegsrecht wurde
ausgerufen, aber die Glaubwürdigkeit
und Legitimation des kommunistischen
Regimes war unwiederbringlich erschüttert.
Wir wissen, was dann geschah. In der
ausgehenden Ära Breschnew befand sich
das Land im Sumpf der Stagnation, war
in Gefahr, die postindustrielle Revolution vollständig zu verpassen und
unwiderruflich hinter den Westen zurückzufallen.
Niemand glaubte mehr
den alten Grundsätzen, aber diese
Dogmen standen allen echten Bemühungen zur Bekämpfung des Untergangs im
Ostblock entgegen.
Dann kam Michail Gorbatschow und erklärte, Staat und Partei hätten nicht
mehr das Monopol auf die Wahrheit.
Alles, was danach kam, eischließlich
der nahezu vollzogenen Öffnung der
Berliner Mauer am vergangenen Donnerstag, ist eine unvermeidliche Konsequenz dieser ursprünglichen Absage
an die Unfehlbarkeit.
Die Abschaffung des Monopols auf die
Wahrheit und Zerstörung des Eisernen
Vorhangs sind zwei Seiten derselben
Medaille. Wenn man einmal anfängt,
die Dinge beim Namen zu nennen, kann
man die sich im Nachhinein daraus ergebenden Entwicklungen nicht aufhalten. Alle Schranken, auch in Verruf
geratene
Ideologien,
fehlgeleitete
politische und wirtschaftliche Systeme und die künstliche Teilung eines
ganzen Kontinents werden am Ende von
der Macht der Wahrheit hinweggefegt
werden.
Präsident
Bush hat erklärt, wir
wünschten Perestrojka den Erfolg.
Glasnost und der damit einhergehende
Prozeß der Liberalisierung sind Anlaß
für erste Hoffnungen In der Nachkriegszeit, daß die Sowjetunion und
die Länder der westlichen Welt eines

- 2 -

�Tages in einer Gemeinschaft gemeinsamer Werte verbunden sein werden.
Im letzten Monat hat Außenminister
Baker in New York erklärt, die Vereinigten Staaten könnten nunmehr mit
der Sowjetunion Bereiche von gemeinsamem Interesse abstecken. Vor Gorbatschow bestand unsere einzige Gemeinsamkeit darin, daß wir beide den
Wunsch hatten, einen Atomkrieg und
die Zerstörung des Planeten zu vermeiden.
Heute haben wir ein gemeinsames Interesse, daß Freiheit sich in ganz Osteuropa und In der Sowjetunion selbst
verbreitet und Erfolg hat.
Das Ausmaß der jetzt von Gorbatschow
ermutigten Offenheit ist mehr als erstaunlich. Wer hätte gedacht, daß
sowjetische Hörer bei Radio Liberty
anrufen könnten oder Regierungsvertreter aus Ostblockstaaten sich von
Journalisten von Radio Freies Europa
oder Radio Liberty interviewen lassen
würden?
Natürlich ist Gorbatschow zu der Erkenntnis gelangt, daß das wirtschaftliche und politische überleben der
Sowjetunion davon abhängt, daß sowjetische Bürger aus der seit Generationen vorherrschenden Apathie und dumpfen Passivität erwachen. Und er erkennt auch, daß dazu die Information
der Sowjetbürger und ihre Teilnahme
am politischen Prozeß erforderlich
ist. Es ist verfrüht zu prognostizieren, wohin all diese Veränderungen
führen werden, aber es kann nicht in
Abrede gestellt werden, daß eine Revolution von historischer Tragweite
stattfindet.
Offensichtlich stehen der Perestrojka
einige große Hindernisse im Weg.
Aber die Tatsache, daß die Probleme
bei den Reformen nahezu vollständig
das Ergebnis diskreditierter Doktrinen und Maßnahmen der Vergangenheit
sind, ist für uns kein Grund, die
Miene der Überlegenheit aufzusetzen,
der von den Sowjets gerade abgelegt
wird. Wir haben unsere eigenen Pro-

bleme, und niemand hat je behauptet,
eine demokratische Regierung sei einfach. Sie ist, wie Winston Churchill
einmal gesagt hat, die am wenigsten
schlechte Staatsform.
Eine Voraussetzung der Demokratie ist
jedoch, daß man Probleme nicht lösen
kann, bevor man ihre Existenz anerkennt und bereit ist, sie entschlossen im Licht aller Fakten zu untersuchen. Und In einem System, das bis
vor kurzem noch auf systematischer
Lüge und Vermeidung der Wahrheit beruhte, kann selbst das destabilisierend wirken.
In Gesellschaften, in denen die
Gleichheit als kleinster gemeinsamer
Nenner über lange Zeit die höchste
Tugend war, mag es auch schwer sein,
sich an die Freiheit zu gewöhnen.
Jede Veränderung ist beunruhigend,
und es nimmt nicht wunder, daß in einem Vielvölkerstaat der Übergang von
totalitärer Herrschaft zu einem in
gewisser Hinsicht offenen politischen
System ein schmerzlicher und risikoreicher Prozeß ist.
Was wir tun können, und was Radio
Freies Europa und Radio Liberty beitragen können, ist, den Kräften und
dem Prozeß des Wandels im Osten zur
Seite zu stehen. Die gegenwärtig in
dieser Region herrschende Offenheit
bedeutet nicht, daß die beiden Sender
ihren Auftrag erfüllt haben. Vielmehr ist die Tatsache, daß ihre Programme nicht mehr gestört werden,
teilweise ein Beweis für das offizielle Eingeständnis, daß sie als Katalysatoren für weitere positive Veränderungen im Osten wirken können.
Schon ihre Präsenz im Xther bietet
einen Anreiz zu offenerer und objektiverer Berichterstattung.
Sie ist
darüber hinaus eine Versicherungspolice gegen die Bemühungen der weiterhin vorhandenen Feinde von Glasnost.
Ferner können sie durch kreative Programmgestaltung zum Erfolg der Perestrojka beitragen, indem sie den Hörern die Techniken und Elemente des
Systems der freien Marktwirtschaft

�und demokratischer politischer Institutionen näherbringen.
Natürlich können wir uns nicht der
Tatsache verschließen, daß Glasnost
jahrhundertealte ethnische Rivalitäten freigesetzt hat, die von der totalitären
Herrschaft
unterdrückt,
aber niemals ausgeräumt wurden. Es
gibt in der Sowjetunion und in Osteuropa zahlreiche Völker und Volksgruppen, die sich kaum jemals durch eine
friedliche Koexistenz ausgezeichnet
haben und von denen wir hoffen, daß
sie lernen, freiwillig und aufgrund
gemeinsamen Interesses an der sich
entwickelnden demokratischen Ordnung
zusammenzuleben.
Ihre die höchsten
Normen von Fairness und Wahrheitstreue
erfüllende
Berichterstattung
über diese und andere Themen wird dazu beitragen, daß die Herausforderungen der Gegenwart nicht mit den Methoden der Vergangenheit bewältigt
werden.
Die Welt soll wissen, daß die Vereinigten Staaten von Selbstbestimmung
und Veränderungen auf friedlichem Wege überzeugt sind. Wir sollten niemals ein Prinzip auf Kosten eines anderen aus den Augen verlieren.
Ich weiß, daß Sie mich nicht gehen
lassen werden, ohne daß ich ein paar
Worte zur gegenwärtigen Lage in Osteuropa gesagt habe. Die Ereignisse
der letzten Wochen scheinen zu beweisen, daß die Entwicklung zu mehr Demokratie unwiderstehlich ist. Wenn
der
Führungswechsel
in
Bulgarien
letzte Koche einen Schritt in die
Richtung von Reformen bedeutet, dann
bleiben nur noch Rumänien und die
Tschechoslowakei Zuschauer bei der
gegenwärtig stattfindenden historischen Entwicklung.
Aber auch sie
können nicht mehr lange danebenstehen.
Es ist meines Erachtens wichtig, Präsident Bushs Erklärung zu wiederholen, wonach wir die gegenwärtigen Ereignissen in Osteuropa nicht zum
Nachteil der Sowjetunion ausnutzen
werden.
Eine entvölkerte DDR, zum
Beispiel, würde niemandes Interessen

dienen. Aber eine DDR, die echte demokratische
Reformen
verwirklicht,
würde zur Sicherheit ganz Europas Ost und West - beitragen. Unserer
Ansicht nach wird ein demokratisches
Europa auch ein friedliches und stabiles Europa hervorbringen.
Ich möchte ferner eindeutig klarstellen, daß nach Ansicht der Vereinigten
Staaten ein demokratisches Deutschland auch ein friedliches Deutschland
sein wird, ein Deutschland, das als
Eckpfeiler eines dauerhaften Friedens
in Europa dienen wird. Es überrascht
uns nicht, daß die sich in der DDR
vollziehenden raschen Veränderungen
vielerlei Fragen und Spekulationen
über abstrakte Fragen hervorgebracht
haben, etwa über die Zukunft Deutschlands, die Zukunft der NATO und die
Zukunft des Warschauer Pakts. Dies
sind enorm komplexe Themen, die über
einen längeren Zeitraum behandelt
werden müssen.
Unser heutiges Anliegen besteht jedoch darin, daß der Prozeß der Reform
und Demokratisierung in Osteuropa und
der Sowjetunion ausgebaut und vertieft wird. Dieser Prozeß hat gerade
erst begonnen. Des weiteren sollten
wir darauf vertrauen, daß das deutsche Volk Antworten auf die Herausforderungen findet, mit denen es konfrontiert ist. Es ist sich der Gefahren des Unilateralismus besser bewußt als wir alle zusammen, und es
weiß ebenso, daß die Beständigkeit
westlicher Entschlußkraft
und die
Stärke der westlichen multilateralen
Institutionen zum großen Teil für die
gegenwärtig im Osten stattfindenden
Veränderungen verantwortlich waren.
Dieselbe Beständigkeit und Solidarität werden unerläßlich sein, damit
die gegenwärtige Übergangsperiode mit
einem Erfolg endet, und die Regierung
der Bundesrepublik Deutschland ist
sich dessen bewußt. Durch die Erweiterung der von uns errichteten kooperativen Strukturen, die eine sich
vergrößernde Gemeinschaft demokratischer Staaten aufnehmen sollen, können wir mit der Zeit ein Haus erbau-

- 4 -

�en, das seinen Dimensionen nach weder
europäisch noch westlich sondern ein
wahrhaft universelles, auf die allgemeinen demokratischen Werte gegründetes Haus ist.

* * * * *

- 5 -

�AMERIKA DIENST
^7

^

Dokumentation

C&amp;

22. November 1989

42
YEUTTER:

REFORMEN IM AGRARBEREICH KÖNNEN ZUR BESEITIGUNG
DES HUNGERS BEITRAGEN

- Auszüge aus einer Rede vor der FAO-Konferenz in Rom

-

ROM - (AD) - Bei der Eröffnung der alle zwei Jahre zusammentretenden Vollkonferenz der Welternährungsorganisation (FAO) hat US-Landwirtschaftsminister
Yeutter am 14. November 1989 in Rom erklärt, die Förderung privatwirtschaftlicher Initiativen in der Landwirtschaft solle als Mittel zur Bekämpfung des
Hungers in der Welt eingesetzt werden. "Es ist kein Zufall, daß Länder, die
sich einer marktorientierten Agrarpolitik zuwenden, den größten Erfolg bei der
Steigerung ihrer Produktivität in der Landwirtschaft und in der Industrie haben", stellte der Minister fest.
Nachfolgend veröffentlichen wir Yeutters Rede vor der FAO-Konferenz in Auszügen:
Ich gehöre seit vielen Jahren zu den
Förderern der FAO und kenne zahlreiche ihrer Spitzenvertreter persönlich. Ich glaube an ihre Ziele, ihre
Programme und ihre Fähigkeit, einen
tiefgreifenden und positiven Einfluß
auf die Landwirtschaft in der ganzen
Welt auszuüben.
Wir haben heute ein produktives Welternährungssystem, das zu dem Zeitpunkt, als die erste Gruppe von Staaten die Vereinten Nationen gründete,
noch
unvorstellbar
gewesen wäre.
Selbst in den seit der Welternährungskonferenz vergangenen 15 Jahren
hat sich unser Ernährungssystem erheblich verändert.
Diese Konferenz im Jahr 1974 wurde
von einer Weltuntergangs- und Krisen-

United States Information Service
Embassy of the United States of America

stimmung überschattet. Die Propheten
des Unheils erklärten, daß bis zur
Mitte der achtziger Jahre - spätestens aber bis 1990 - weite Teile des
Erdballs von Hungersnöten heimgesucht
würden. Zum Glück hatten sie unrecht.
Aufgrund der Marktnachfrage steigern
die Landwirte ihre Erträge weiter.
Die
landwirtschaftliche
Produktion
ist seit den sechziger Jahren um über
60 Prozent gestiegen, während für den
Verbraucher die Nahrungsmittelpreise
inflationsbereinigt seit über 40 Jahren nach unten gerichtet sind.
In den 15 Jahren seit der Welternährungskonferenz
wurden
erstaunliche
Fortschritte in der Fähigkeit der
Entwicklungsländer zur Ernährung ihrer Bevölkerung erzielt, und ich wage

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�die Vorhersage, daß die landwirtschaftliche Produktivität in der ganzen Welt in den nächsten 15 Jahren
noch größere Fortschritte machen wird.
Damit möchte ich jedoch nicht sagen,
daß unser Welternährungssystem perfekt ist oder daß wir in Zukunft keine Herausforderungen zu bewältigen
haben - denn es gibt diese Herausforderungen.
Das Welternährungssystem ist bei weitem kein voller Erfolg. In Ländern
wie Bangladesh, dem Sudan und Äthiopien gehören Hunger und Unterernährung weiterhin zu den Ursachen für
den Tod von schätzungsweise 35 000
Kindern täglich.
Dies ist absolut untragbar. Wir müssen zusammenarbeiten, um die landwirtschaftliche Produktivität in den
Ländern zu erhöhen, die sie am nötigsten haben, und wir müssen den
Schlüssel finden, um ein dauerhaftes
Wirtschaftswachstum in allen Entwicklungsländern freizusetzen.
Viele Antworten müssen durch politische Reformen in Handel und Landwirtschaft gegeben werden. Verschwenderische Maßnahmen und Handelsbeschränkungen im Agrarbereich kosten Verbraucher und Steuerzahler heute 165
Milliarden Dollar jährlich. Dieselben Maßnahmen müssen die Entwicklungsländer mit jährlichen Verlusten
bei den realen Einnahmen in Höhe von
26 Milliarden Dollar bezahlen. Auch
dies ist eine untragbare Situation.

Sicherstellung
telversorgung

der

Weltnahrungsmit-

Bevor ich auf diese beiden Grundprobleme unseres Welternährungssystems anhaltender Hunger und zweifelhafte
politische Maßnahmen - eingehe, möchte ich kurz zum umfassenderen Problem
der Ernährungssicherung Stellung nehmen.
In jüngster Zeit ist viel über den
Rückgang der Weltnahrungsmittelreser-

ven geschrieben worden.
Es trifft
zu, daß die Getreidevorräte heute die
niedrigsten seit Mitte der siebziger
Jahre sind, aber die Bedingungen sind
heute gänzlich verschieden. Die heutigen geringen Lagerbestände an Getreide sind auf politische Entscheidungen der Getreideanbauländer zur
Drosselung der Produktion zurückzuführen und nicht auf die Unfähigkeit
der Landwirte zur Erhöhung der Produktion.
In den Vereinigten Staaten wurde eine
Anbaufläche von 70 Millionen Morgen
brachgelegt - und auch in der Europäischen Gemeinschaft und anderen Getreideexportländern wurde der Getreideanbau verringert. Die Weltgetreidevorräte
könnten
im
Bedarfsfall
schnell erhöht werden, wenn diese Anbauflächen wieder genutzt würden.
Gegenwärtig weist die Entwicklung in
diese Richtung.
In den Vereinigten
Staaten haben wir die zulässige Anbaufläche für das Jahr 1990 bereits
angepaßt, um den Landwirten zu gestatten, mehr Weizen anzubauen. Ich
erwarte, daß unsere nächste Weizenernte um etwa 60 bis 70 Millionen
Scheffel höher ausfallen wird. Dies
wird uns dabei helfen, unsere Grundnahrungsmittelreserve nach zwei Dürrejahren wieder aufzustocken - und
sicherstellen, daß wir genügend Weizen bereithalten, um unseren Verpflichtungen im Rahmen der Nahrungsmittelhilfe nachzukommen.
Wir hoffen, daß andere Länder ebenso handeln
werden. Es ist unklug, daß die Vereinigten Staaten einen solch hohen
Anteil an den Weltnahrungsmittelreserven besitzen.

Das Problem des Hungers
Der Hunger ist ein außerordentlich
komplexes Problem mit zahlreichen Dimensionen:
politischen, soziologischen, wirtschaftlichen und landwirtschaftlichen. Aus gutem Grund habe
ich die landwirtschaftlichen an den
Schluß dieser Aufzählung gestellt.
Die Hauptursachen der Hungerproblema-

- 2 -

�tik bestehen nicht in einer Unfähigkeit, ein ausreichendes Nahrungsmittelangebot zu produzieren. Ein Großteil der schlimmsten Vorfälle von
Hunger und Unterernährung ereignen
sich heute in Ländern, die bereits
ein ausreichendes Nahrungsmittelangebot oder die Ressourcen zu dessen
Produktion besitzen.
Die ernstesten Hungerprobleme, die
wir heute feststellen, sind das Ergebnis gescheiterter politischer Maßnahmen, gescheiterter wirtschaftlicher Maßnahmen und gescheiterter sozialer Maßnahmen. Viele der Hungernden in der Welt sind heute Flüchtlinge und Opfer von Kriegen. Im Jahr
1980 gab es weltweit 7 Millionen
Flüchtlinge.
Heute hat sich diese
Zahl auf 14 Millionen verdoppelt.
Neben diesen von akutem Hunger betroffenen Opfern leiden schätzungsweise 500 Millionen Menschen unter
nicht ausreichender Ernährung. Viele
dieser 500 Millionen sind stark unterernährt. Viele sind Kinder. Viele sind Hausfrauen und Mütter. Alle
sind arm. Vielfach sind sie Opfer
von politischer und wirtschaftlicher
Diskriminierung.
Während
Nahrungsmittel- und
Wirtschaftshilfe dieses Leid lindern können, sind sie doch keine Dauerlösung. Die lokalem Nahrungsmittelmangel und der damit einhergehenden Unterernährung zugrundeliegenden Ursachen müssen erörtert und beseitigt
werden.
Etwa 90 Prozent der weltweit verzehrten Nahrungsmittel werden in den Ländern verbraucht, in denen sie produziert werden.
Letztlich muß jeder
Staat seine Hungerprobleme selbst in
den Griff bekommen, indem er seinen
eigenen Agrarsektor stärkt und den
Handel mit anderen Staaten entwickelt.
Politischer Wille sowie ein Geist der
Innovation
und
Initiative
sind
Schlüssel zum Erfolg in der Landwirtschaft wie in jedem anderen Wirtschaftszweig. Selbst Länder, in de-

nen das jährliche Pro-Kopf-Einkommen
unter 400 Dollar liegt, wie China und
Sri Lanka, haben bei der Bekämpfung
des Hungers im vergangenen Jahrzehnt
erhebliche Fortschritte erzielt.
Die Schlacht gegen den Hunger kann
gewonnen werden.
Wir besitzen das
Wissen, das ökonmische Know-how und
die Ressourcen, um diese Schlacht zu
gewinnen. Was häufig fehlt, ist der
politische
Wille, dieses
Problem
ernsthaft anzugehen.
Nationale Maßnahmen zur Förderung von
Investitionen und der Entwicklung des
Privatsektors können enorm positive
Auswirkungen
haben.
Entscheidende
Maßnahmen zur Bezwingung des Hungers
sind die Bereitstellung von Anreizen
für Farmer, Vertrauen auf Marktmechanismen und eine vorrangige Stellung
für die landwirtschaftliche Infrastruktur.
Ein weiterer wichtiger Bereich, den
es abzuhandeln gilt, ist die Schuldenkrise
der
Entwicklungsländer.
Wenn umfangreiche finanzielle Ressourcen in den Schuldendienst fließen
müssen, kann ein Land nicht dringend
benötigtes Kapital und andere Waren
importieren, um seine Wettbewerbsfähigkeit zu verbessern. Es kann auch
keine Spareinlagen im Inland bilden,
um notwendige Investitionen zu tätigen. Trotz aller Sparmaßnahmen wird
sich seine wirtschaftliche Situation
eher verschlechtern als verbessern.
Wir können alle etwas tun, um die
Schwierigkeiten vieler stark schuldenbelasteter Länder zu verringern.
Wir hoffen, daß durch den Brady-Plan
und die gemeinsamen Anstrengungen öffentlicher und privater Finanzinstitute bald greifbare Fortschritte erzielt werden.
In der Vergangenheit haben wir mit
Entwicklungshilfeprogrammen zu helfen
vrsucht. Die Vereinigten Staaten haben mehr als 40 Milliarden Dollar
Nahrungsmittelhilfe und Zehntausende
Millionen Dollar an technischer Hilfe, für Ausbildung und Kapitalinve-

�stitionsfonds in den Entwicklungsländern gewährt. Wir werden weiterhin
unseren Beitrag leisten.
Aber als
treibende Kraft für anhaltendes Wirtschaftswachstum ist Handel weit wichtiger als Entwicklungshilfe.

Land- und Forstwirtschaft und im
Fischereiwesen
Internationale Pflanzenschutzkonvention
Wiederaufforstung und Aktionsplan
für den tropischen Regenwald
Verhaltenskodex für Verbreitung
und Einsatz von Pestiziden.

Dazu folgendes Beispiel.
1987 haben die OECD-Länder den Entwicklungsländern Hilfe im Umfang von
41 Milliarden Dollar geleistet. Im
Vergleich dazu kauften die Vereinigten Staaten im vergangenen Jahr von
diesen Ländern Waren im Wert von 178
Milliarden Dollar. Mit diesem Warenhandel wurde weit mehr zur Schaffung
von Arbeitsplätzen und Einkommen in
diesen Ländern geleistet als durch
Entwicklungshilfe.
Aber wenn Handel das Wirtschaftswachstum ankurbeln soll, muß er so
fair und offen sein wie möglich. Und
das ist heute in der Landwirtschaft
nicht der Fall.
Willkürliche Agrarpolitik und Handelsschranken reduzieren das Sozialprodukt der Entwicklungsländer gegenwärtig um mehr als 20 Milliarden Dollar jährlich. Für solche institutionellen Fehler gibt es keine Entschuldigung. Sie hätten bereits vor Jahren korrigiert werden müssen.
Die Rolle der FAO
Ich bin optimistisch über die Zukunft
der Welt-Agrarwirtschaft und über unsere Fähigkeit, die Ernährung aller
Menschen - heute und für künftige Generationen - zu verbessern.
Die FAO kann eine zunehmend wichtige
Rolle spielen, damit dies der Fall
ist. Diese Organisation leistet bereits einen wertvollen Beitrag in
vielen Bereichen der Agrarwirtschaft
und des Agrarhandels:
Codex Alimentarius
Weltweite Frühwarnung
Seuchenkontrolle
Statistische
Arbeit

in

der

Ich fordere die FAO auf, der Rolle,
die der Marktwirtschaft und dem privaten Unternehmertum bei der Entwicklung der Landwirtschaft zukommt, größere Aufmerksamkeit zuzuwenden. Länder, in denen diese Entwicklungen
nicht stattgefunden haben, sehen sich
heute großen wirtschaftlichen Umwälzungen gegenüber.
Es ist kein Zufall, daß Länder, die
sich einer marktorientierten Agrarpolitik zuwenden, den größten Erfolg
bei der Steigerung ihrer Produktivität in der Landwirtschaft und in der
Industrie haben. Freies Unternehmertum mit Anreizen für Gewinne funktioniert.
Wir würden es begrüßen, wenn die FAO
die Entwicklung des Privatsektors in
der Landwirtschaft und auch Joint
Ventures zwischen staatlichen und
privaten Firmen in Ländern mit kaum
entwickeltem Agrarsektor tatkräftiger
fördern würde.
Die Vereinigten Staaten vertreten die
Auffassung, daß sich die Mitgliedstaaten der FAO weiterhin für Reformen engagieren sollen. Diese Ansicht
teile ich mit dem Vorsitzenden und
anderen anwesenden Ministern.
Wir
begrüßen die Bestrebungen des Generaldirektors zur Senkung der Verwaltungskosten als Prozentsatz des gesamten Haushalts während seiner Amtszeit.
Wir gehen davon aus, daß angesichts
dieser angespannten Haushaltslage eine Politik des realen Nullwachstums
für die FAO angemessen ist. Alle
Teilbereiche der Vereinten Nationen
müssen angesichts konkurriender Prioritäten
schwierige
Entscheidungen
treffen.

- 4 -

�Ich kann Ihnen versichern, daß die
Bush-Administration entschlossen ist,
die volle Finanzierung aller Behörden
der Vereinten Nationen, einschließlich der FAO, zu unterstützen und unsere ausstehenden Beiträge zu entrichten.
Die FAO ist für Amerika wichtig. Sie
ist für mich wichtig. Als Landwirtschaftsminister wünsche ich mir engere und für beide Seiten fruchtbare
Beziehungen zwischen der FAO und den
Vereinigten Staaten. Beim Besuch von
Generaldirektor Saouma letzten Monat
in Washington habe ich mein Engagement für eine diesbezügliche Zusammenarbeit bekundet.
In der Landwirtschaft sehen wir uns
großen Herausforderungen gegenüber.
Jedes Jahr steigt die Weltbevölkerung
um 90 Millionen Menschen. Wir müssen
tatkräftig zusmmenarbeiten, damit ihre Ernährung sichergestellt wird und
sie genügend Beschäftigungsmöglichkeiten haben.
Wir verfügen über die Fähigkeit und
die Ressourcen, innerhalb der nächsten 25 Jahre den Hunger von der Erde
zu verbannen. Aber das wird nicht
automatisch erfolgen.
Wir müssen
nachhelfen.
Weniger zu tun, würde
bedeuten, Millionen Menschen unnötigen Härten und Leiden auszusetzen.
*****
- 5 -

�AMERIKA DIENST
"VON

Hintergrundmaterial

4

22. November 1989

42

DIE VERHANDLUNGEN ÜBER KERN- UND WELTRAUMWAFFEN:
UND SOWJETISCHE VORSCHLÄGE

AMERIKANISCHE

- Eine Übersicht des ACDA -

(Die folgende Übersicht wurde am 15, November 1989 vom Amt für RUstungskontrolle und Abrüstung veröffentlicht.)
START - Gespräche über die Begrenzung strategischer Rüstungen
Allgemeine Haltung
Vereinigte Staaten
Stufenweise Reduzierung der strategischen Offensivwaffen auf gleiche Niveaus, durchzuführen in zwei Phasen
innerhalb von sieben Jahren nach Inkrafttreten des Vertrags, wobei nach
Phase 1 gleiche Obergrenzen gelten
müssen.
Sowjetunion
Reduzierung der strategischen Offensivwaffen auf gleiche Niveaus, durchzuführen in zwei Phasen innerhalb von
sieben Jahren nach Inkrafttreten des
Vertrags, wobei nach Phase 1 gleiche
Obergrenzen gelten müssen.

United States Information Service
Embassy of the United States of America

Vereinigte Staaten
Abschluß eines START-Abkommens nicht
abhängig von einer Einigung über Fragen der Weltraumverteidigung.
Sowjetunion
Abschluß des START-Vertrags nicht abhängig von einer Einigung über Weltraumverteidigung. Die Sowjets stehen
jedoch auf dem Standpunkt, daß sie
ein Recht zur Kündigung eines STARTVertrags besitzen, wenn sie zu dem
Schluß kommen sollten, daß die Vereinigten Staaten den ABM-Vertrag verletzen, wie er von den Sowjets interpretiert wird.
Vereinigte Staaten
Es können keine weiteren Rüstungskontrollverträge mit der Sowjetunion abgeschlossen werden, solange diese

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�nicht die Verletzung des ABM-Vertrags
mit Hilfe des Radars von Krasnojarsk
in einer verifizierbaren Weise einstellt, die amerikanischen Kriterien
entspricht.
Sowjetunion
Die Sowjets haben sich bereiterklärt,
das Radar von Krasnojarsk vollständig
abzubauen.

Trägersysteme
Vereinigte Staaten
Eine Obergrenze von 1 600 strategischen Trägersystemen (SNDVs) in Form
von stationierten Interkontinentalraketen (ICBMs) und deren Abschußvorrichtungen, stationierten U-Boot-gestützten
ballistischen
Raketen
(SLBMs) und deren Abschußvorrichtungen sowie schweren Bombern.
Sowjetunion
Etwa gleiche Haltung wie die Vereinigten Staaten. Es bestehen jedoch
weiterhin Unterschiede bei der Zählweise.

Gefechtsköpfe
Vereinigte Staaten
Obergrenze von 6 000 Gefechtsköpfen,
einschließlich der stationierten Gefechtsköpfe auf ICBMs und SLBMs sowie
atomar bestückter ALCMs (luftgestützter Marschflugkörper) großer Reichweite; jeder nur mit atomaren Freifallbomben und Angriffsraketen kurzer
Reichweite
(SRAMs)
ausgerüstete
schwere Bomber zählt als ein Gefechtskopf.
Sowjetunion
Identisch mit US-Position.
Einige
Unterschiede bei der Zählweise der
ALCM-Gefechtsköpfe bleiben bestehen.

Untergrenzen bei Gefechtsköpfen
Vereinigte Staaten
Untergrenzen von 4 900 Gefechtsköpfen
auf Raketen und 3 000 - 3 300 Gefechtsköpfen auf ICBMs.
Sowjetunion
Untergrenze von 4 900 Gefechtsköpfen
auf ballistischen Raketen. Im Falle
einer Untergrenze von 3 300 Gefechtsköpfen auf ICBMs muß eine ebensolche
Untergrenze von 3 300 Gefechtsköpfen
auf SLMBs eingeführt werden. Untergrenze von 1 100 Gefechtsköpfen auf
schweren Bombern.

Schwere ICBMs
Vereinigte Staaten
Begrenzung von 1 540 Gefechtsköpfen
auf 154 stationierten schweren ballistischen Raketen. Verbot von Produktion, Flugerprobung oder Modernisierung neuer oder bestehender Typen
schwerer ICBMs.
Sowjetunion
Begrenzung von 1 540 Gefechtsköpfen
auf
154
stationierten
schweren
ICBMs.
Produktion,
Flugerprobung
oder Modernisierung bestehender Typen
schwerer ICBMs zulässig.
Entwicklung, Erprobung und Stationierung
neuer Typen schwerer ICBMs verboten.

Wurfgewichte
Vereinigte Staaten
Die Wurfgewichte der sowjetischen
ICBMs und SLBMs zusammengenommen werden um 50 Prozent des am 31. Dezember
1986 bestehenden Wurfgewichts reduziert. Während der Dauer des Vertrags wird keine Seite dieses Niveau
überschreiten.

- 2 -

�Sowjetunion
Im Prinzip identisch mit der US-Position, aber Reduzierung von dem bei
Unterzeichnung des Vertrags bestehenden Niveau der Wurfgewichte.

Gefechtsköpfe
keten

auf

ballistischen

Ra-

Vereinigte Staaten
Jeder Gefechtskopf auf ballistischen
Raketen zählt als ein Gefechtskopf
unter der Obergrenze von 6 000. Für
die bestehenden Typen wird eine Quote
von Vor-Ort-Inspektionen festgesetzt,
um zu verifizieren, daß die beim Washingtoner Gipfel für stationierte
Raketen deklarierte und vereinbarte
Zahl von Gefechtsköpfen nicht überschritten wird.
Für künftige Typen sowie Veränderungen in der Zahl von Gefechtsköpfen
auf bestehenden Typen müssen die Verfahrensweisen noch festgelegt werden.
Sowjetunion
Bei den bestehenden Typen identisch
mit der US-Position

Mobile ICBMs
Vereinigte Staaten
Die Vereinigten Staaten haben - unter
der Voraussetzung, daß der Kongreß
Mittel für mobile ICBMs in den Vereinigten Staaten bewilligt - das Verbot
von mobilen
ICBMs fallengelassen.
Die START-Unterhändler müssen jetzt
die Einzelheiten für die Anwendung
der Begrenzungen auf mobile ICBMs sowie wirksame Verifizierungsmaßnahmen
ausarbeiten.
Sowjetunion
Zulässig mit zahlenmäßigen Begrenzungen für Abschußvorrichtungen und Gefechtsköpfe.

strategisches
Trägersystem
(SNDV).
Jeder nur für Freifallbomben und Angriffsraketen kurzer Reichweite ausgerüstete schwere Bomber würde im
Rahmen der Obergrenze von 6 000 als
ein Gefechtskopf zählen. Eine vereinbarte Zahl von schweren Bombern
könnte durch Umrüstung zu rein konventionellen Systemen von der SNDVObergrenze von 1 600 ausgenommen werden.
Sowjetunion
Identisch mit der US-Position, außer
in der Frage, daß eine sowjetische
Zustimmung zur Umrüstung von schweren
Bombern zu rein konventionellen Systemen von der amerikanischen Zustimmung zur sowjetischen Position über
Reichweite und Zuordnung von ALCMs
abhängig gemacht wird.
ALCMs
Vereinigte Staaten
ALCMs werden als luftgestützte, nuklear bestückte Marschflugkörper mit
einer Reichweite von über 1 500 Kilometern definiert.
Eine vereinbarte
Zahl von ALCMs (10) sollen jedem für
ALCMs ausgerüsteten Typ schwerer Bomber zugerechnet und auf die Obergrenze von 6 000 Gefechtsköpfen angerechnet werden.
Sowjetunion
ALCMs
werden
als
luftgestützte
Marschflugkörper mit Reichweiten über
600 Kilometern definiert. Die Zahl
der einem ALCM-fähigen schweren Bomber zugerechneten ALCMs soll maximal
so hoch sein wie die Zahl, für die
der jeweilige Typ ausgerüstet ist.
Die Anzahl der nuklear bestückten
ALCMs soll im Rahmen der vorgeschlagenen Untergrenze von 1 100 Gefechtsköpfen auf schweren Bombern begrenzt
werden.

SLCMs
Schwere Bomber
Vereinigte Staaten
Jeder schwere Bomber zählt als ein

Vereinigte Staaten
Beide Vertragsparteien werden eine
für beide Seiten annehmbare Lösung in

- 3 -

�der Frage einer Begrenzung der Stationierung von nuklear bestückten
SLCMs (seegestützten Marschflugkörpern) größerer Reichweite erarbeiten. Eine solche Begrenzung bedeutet
keine Anrechnung dieser SLCMs im Rahmen der Obergrenzen von 6 000 Gefechtsköpfen und 1 600 strategischen
Trägersystemen.
Beide Seiten verpflichten sich zur Schaffung von
Obergrenzen für diese Flugkörper und
zur Erarbeitung von beiderseits annehmbaren und wirksamen Methoden der
Verifizierung solcher Begrenzungen.
Dazu zählen Nationale Technische Mittel (NTM), kooperative Maßnahmen und
Vor-Ort-Inspektionen. Bisher konnten
die Vereinigten Staaten keinen wirksamen Ansatz zur Verifizierung von
SLCMs erkennen.
Angesichts eines
fehlenden Plans für die wirksame Verifizierung haben die Vereinigten
Staaten vorgeschlagen, daß beide Seiten nicht-bindende Erklärungen zur
Anzahl der nuklear bestückten SLCMs
abgeben.
Die Vereinigten Staaten haben sich
bereiterklärt, sowjetische Vorschläge
zur Ausklammerung aller mit SLCM in
Zusammenhang stehenden Fragen aus den
START-Verhandlungen zu prüfen.
Die
Vereinigten Staaten lehnen Gespräche
über die Begrenzung seegestützter
Waffen ab.
Sowjetunion
Die Sowjets akzeptieren grundlegende
Prinzipien.
Besondere Begrenzungen
auf 400 nuklear bestückte und 600
konventionell bestückte SLCMs werden
vorgenommen. Die Sowjets haben bisher jedoch noch keine wirksamen Verifizierungsmaßnahmen erarbeitet. Der
sowjetische Ansatz würde ferner die
amerikanische
Politik
untergraben,
die Präsenz von Atomwaffen an einem
bestimmten Ort weder zu bestätigen
noch zu dementieren. Dieses Konzept
bildet einen bedeutenden Stützpfeiler
der Abschreckungspolitik.
Die Sowjets haben vorgeschlagen, entweder das gesamte Problem der SLCMs
aus den START-Verhandlungen auszunehmen und in einem umfassenderen Kom-

plex seegestützte Waffen zu behandeln
oder START auf die Verifizierung von
SLCM zu konzentrieren und die Frage
der SLCM-Begrenzungen in einem separaten - aber mit START in Zusammenhang stehenden -, bindenden Abkommen
abzuhandeln. In beiden Fällen würden
die Sowjets verbindliche, verifizierbare SLCM-Begrenzungen für den Abschluß eines START-Vertrags voraussetzen.

Verifizierung der Einhaltung
Vereinigte Staaten
Die Bestimmungen müssen mindestens
folgende Punkte enthalten: Datenaustausch vor und nach der Durchführung
von Reduzierungen; Vor-Ort-Inspektionen zur Verifizierung von Daten und
zur Beobachtung der Beseitigung der
Waffen; kontinuierliche Vor-Ort-Uberwachung von Zugängen und Gelände der
entscheidenden
Produktionsstätten;
kurzfristig anberaumte Inspektionen
von Standorten, an denen vertraglich
begrenzte Systeme sowohl während als
nach dem Reduzierungszeitraum stationiert sind. Inspektionen von Standorten, an denen eine Vertragspartei
die geheime Produktion, Lagerung, Instandsetzung oder Stationierung vermutet.
Recht auf kurzfristig anberaumte Inspektionen von "verdächtigen Standorten". Recht zur Beantragung von Inspektionen von anderen "verdächtigen
Standorten". Falls die beschuldigte
Partei die Inspektion verweigert, muß
sie sich aufrichtig um die Ausräumung
der Anschuldigungen bemühen.
Die Vereinigten Staaten haben vorgeschlagen, daß beide Seiten vereinbaren, ihre Bestrebungen zu beschleunigen und sobald wie möglich mit der
Durchführung von Maßnahmen zur Verifizierung und Stabilisierung zu beginnen, um praktische Erfahrung zu
sammeln und Fragen der Verifizierung
schneller zu lösen. Zu den vorgeschlagenen Maßnahmen zählen: die Aufnahme von Vor-Ort-Inspektionen im Umkreis und an den Zugängen zu bestimm-

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�ten Raketenproduktionsstätten, Datenaustausch über die strategischen Nuklearstreitkräfte beider Seiten, Verbot der Zurückhaltung von Daten, einschließlich der Verschlüsselung telemetrischer Daten, über alle Abschüsse
bestimmter ICBMs und SLBMs, Demonstrationen von Inspektionsverfahren
für Wiedereintrittsflugkörper, Erörterung des Problems von SLBMs mit
kurzer Flugzeit und Experimente über
die
Identifizierung
von
Raketen
("Tagging").
Mit den Sowjets wurde eine Vereinbarung zur vorherigen Benachrichtigung
über eine wichtige strategische Übung
mit strategischen Bombern pro Kalenderjahr getroffen.
Sowjetunion
Die Sowjets haben den größten Teil
der amerikanischen Haltung zur Verifizierung - insbesondere im Bereich
der Verifizierung mobiler ICBM - akzeptiert, obgleich es noch viele Detailfragen zu lösen gilt.
Die Sowjets haben das Prinzip von
Maßnahmen zur Verifizierung und Stabilität akzeptiert, einige eigene
Vorschläge unterbreitet und sich bereiterklärt, die amerikanischen Vorschläge in Genf eingehender zu prüfen.
Mit den Vereinigten Staaten
wurde eine Vereinbarung zur vorherigen Benachrichtigung über eine strategische Übung mit schweren Bombern
pro Jahr getroffen.

Verteidigung im Weltraum
Anmerkung: Beim Außenministertreffen
in Wyoming vom 22. und 23. September
1989 haben die Vereinigten Staaten
und die Sowjetunion vereinbart, daß
der Abschluß und die Durchführung eines START-Vertrages nicht vom Abschluß eines Abkommens über Verteidigung im Weltraum abhängt. Beide Seiten haben vereinbart, die Verpflichtung zum Nichtrücktritt vom ABM-Vertrag von 1972 fallenzulassen.
Die
Sowjets haben jedoch angedeutet; daß
sie sich ein RUcktrittsrecht vom

START-Vertrag vorbehalten, wenn sie
herausfinden, daß die Vereinigten
Staaten den ABM-Vertrag großzügiger
ausgelegt haben als die sowjetische
Definition das zuläßt. Bei der gegenwärtigen Verhandlungsrunde in Genf
werden die Vereinigten Staaten Einzelheiten der neuen sowjetischen Position zu ergründen suchen. Bis zur
Klärung der sowjetischen Position
werden davon unter Umständen betroffene Beschreibungen der amerikanischen und sowjetischen Vorschläge zur
Verteidigung im Weltraum im folgenden
unverändert dargestellt, aber mit einem (U) markiert.

Allgemeine Haltung
Vereinigte Staaten
Die Vereinigten Staaten streben einen
leichteren gemeinsamen Übergang zu
einem stabilisierenden Gleichgewicht
bei den offensiven und defensiven
Streitkräften an, wenn sich eine effektive Verteidigung gegen strategische ballistische Raketen als machbar
erweist.
Die Vereinigten Staaten
wollen sich darüber hinaus die Option
erhalten, in angemessenem Umfang und
auf kooperative Art und Weise moderne
Verteidigungssysteme
zu
entwickeln
und zu stationieren, wenn diese einst
bereit sind. Fragen der Verteidigung
im Weltraum sollten in einem neuen
Vertrag behandelt werden, der auf der
Sprachregelung der Gemeinsamen Gipfelerklärung von Washington aufbaut
und diese erläutert, um die unzweifelhafte Bedeutung von Verpflichtungen zu gewährleisten, die in künftigen Verträgen eingegangen werden.
Sowjetunion
Fragen der Verteidigung im Weltraum
sollten in einem neuen separaten Abkommen abgehandelt werden, das die
Gemeinsame Gipfelerklärung von Washington ohne substantielle Erläuterungen durchführt. Die Sowjets weigern sich, einen gemeinsamen Vertragsentwurf auszuarbeiten.
Vereinigte Staaten
Mit der Sowjetunion kann kein weite-

- 5 -

�rer Vertrag über strategische Rüstungskontrolle geschlossen werden,
wenn sie nicht ihre Verletzung des
ABM-Vertrags - das Radar von Krasnojarsk - auf verifizierbare Art und
Weise und nach amerikanischen Kriterien korrigiert.
Die Vereinigten
Staaten sich befriedigt über die sowjetische
Ankündigung
ausgedrückt,
daß sie die Radarstation von Krasnojarsk vollständig abbauen werden.
Sowjetunion
Die Sowjets haben zugestimmt, die Radarstation von Krasnojarsk vollständig zu beseitigen.

Verpflichtung zum Nichtrücktritt vom
ABM-Vertrag
Vereinigte Staaten
Beide Seiten haben vereinbart, den
Ansatz einer Verpflichtung zum Nichtrücktritt vom ABM-Vertrag fallenzulassen.
Sowjetunion
Beide Seiten haben vereinbart, den
Ansatz einer Verpflichtung zum Nichtrücktritt vom ABM-Vertrag fallenzulassen.

(U) Aktivitäten in der Phase des
Nichtrücktritts
Vereinigten Staaten
Die Vereinigten Staaten haben Initiativen vorgeschlagen, um die Bedeutung
der
Sprachregelung
"erforderliche
Forschung, Entwicklung und Erprobung
wie im ABM-Vertrag gestattet" klären
zu helfen.
Sowjetunion
Die Sowjets streben Übereinstimmung
über nach dem ABM-Vertrag erlaubte
und verbotene Aktivitäten an, in Form
eines Zusatzprotokolls zum ABM-Vertrag. Die Sowjets würden Aktivitäten
auf eine Interpretation des ABM-Vertrags zbegrenzen, die restriktiver
ist als beide Parteien dies 1972 vereinbart haben und möglicherweise noch

restriktiver als die "enge Interpretation".
Vereinigte Staaten
Um zu demonstrieren, daß die amerikanische Erprobung weltraumgestützter
Komponenten von ABM-Systemen, die auf
"anderen physikalischen Prinzipien"
beruhen und die Fähigkeit haben, eine
ABM-Abfangrakete zu ersetzen - was
nach dem ABM-Vertrag erlaubt ist nicht mit der Stationierung solcher
Komponenten gleichzusetzen ist, sind
die Vereinigten Staaten bereit, diese
erlaubte Erprobung nur von bestimmten
ABM Test-Satelliten aus durchzuführen.
Die Vereinigten Staaten sind
der Ansicht, daß die Anzahl der
gleichzeitig in der Erdumlaufbahn befindlichen Satelliten nicht die Zahl
überschreiten soll, bei der man gemeinhin bereits von einer Fähigkeit
zur Stationierung ausgehen würde.
Den Vereinigten Staaten zufolge liegt
die Zahl 15 weit unter dieser Grenze.
Sowjetunion
Die Sowjets haben die Initiative der
Vereinigten Staaten zur Erprobung im
Weltraum (ABM Test-Satelliten) und
auch den Vorschlag über weltraumgestützte Sensoren zurückgewiesen und
geltend gemacht, sie liefen dem ABMVertrag und der Gemeinsamen Gipfelerklärung von Washington zuwider.
Vereinigte Staaten
Die Benachrichtigung über die Erprobung von Raketenabwehrsystemen in
Weltraum würde im Protokoll über die
Berechenbarkeit (siehe unten) Eingang
finden.
Die Vereinigten Staaten haben darüber
hinaus vorgeschlagen, daß keine Partei auf der Grundlage des ABM-Vertrags der Entwicklung, Erprobung oder
Stationierung weltraumgestützter Sensoren der anderen Seite widersprechen
darf. Demgemäß kann jede Seite uneingeschränkt weltraumgestutzte Sensoren entwickeln, erproben oder stationieren.
Dieser Vorschlag wurde
erarbeitet, um künftige Probleme mit
der Verifizierung auszuschließen.

- 6 -

�(U)

Inkrafttreten/Dauer/Koppelung

Vereinigten Staaten
Dieses Abkommen wäre abhängig vom Inkrafttreten des START-Abkommens. Ein
Vertrag über Verteidigung im Weltraum
wäre von unbegrenzter Dauer, wobei
die Länge eines "näher zu bezeichnenden Zeitraums" des Nichtrücktritts
vom ABM-Vertag noch ausgehandelt und
der ABM-Vertrag während dieses Zeitraums und bis jede Seite das Recht
zur Stationierung wahrnimmt, eingehalten werden müßte.
Der Vertrag
über Verteidigung im Weltraum muß unabhängig
sein.
Ein START-Vertrag
sollte nicht an den Abschluß eines
Vertrags über Verteidigung im Weltraum gekoppelt sein.
Sowjetunion
Dieses Abkommen würde gleichzeitig
mit dem START-Vertrag in Kraft treten. Das Abkommen wird am Ende des
Nichtrücktrittszeitraums
auslaufen,
vorbehaltlich
anderer
Vereinbarungen.
Ein START-Vertrag kann nicht
ohne Lösung von Fragen der Verteidigung im Weltraum abgeschlossen werden. Das START-Abkommen würde außer
Kraft getzt, wenn irgendeine Partei
den ABM-Vertag oder dieses Abkommen
verletzt.

(U) RUcktrittsrechte
Vereinigte Staaten
Die Vereinigten Staaten bestehen darauf, daß den Beteiligten die aufgrund
des Völkerrechts zuerkannten Rechte
zum Rücktritt vorbehalten bleiben etwa solche, die im Fall der Gefährdung höchster Interessen einer Seite
wahrgenommen werden könnten - sowie
das Recht auf Kündigung und vorläufige Aufhebung, wenn der Vertrag tatsächlich gebrochen wird.
Sowjetunion
Die Sowjets schlagen eine "bedingungslose"
Verpflichtung
für
den
Nichtrücktritt vor, derzufolge eine
Partei keine Gründe für den Rücktritt
vom Vertrag geltend machen kann.

(U)
System
nach
trittszeitraum

dem

Nichtrück-

Vereinigte Staaten
Gemäß der Vereinbarungen beim Washingtoner Gipfel werden eingehende
Gespräche über strategische Stabilität spätestens drei Jahre nach Ende
des näher bezeichneten Nichtrücktri-ttszeitraums beginnen, nachdem vorbehaltlich anderer Vereinbarungen
beider Parteien - jede Seite den weiteren Kurs ihrer Vorgehensweise frei
bestimmen kann. Jede Seite wird nach
diesem Zeitraum das Recht haben, eine
strategische Raketenabwehr J,.ÜWL ditf
Einrschränkungen des ABM-Vertrags hinan*. Izu stationieren, wenn sie die andere Partei sechs Monate vorher von
dieser Absicht schriftlich unterrichtet.
Sowjetunion
Eingehende Gespräche über strategische Stabilität werden spätestens
drei Jahre vor Ende des Nichtrücktrittszeitraums aufgenommen, nach dem
- vorbehaltlich anderslautender Vereinbarungen beider Seiten - jede Seite ihre weitere Vorgehensweise frei
bestimmen kann.
(Dem sowjetischen
Vorschlag zufolge würde jedoch das
Abkommen über Verteidigung im Weltraum am Ende des Nichtrücktrittszeitraums enden und damit wäre das RUcktrittsrecht wiederum vom ABM-Vertrag
abhängig). Die Sowjets schlagen vor,
daß diese Gespräche sich mit den
"Problemen der ABM-Verteidigung (beschäftigen) und dabei die neue Situation berücksichtigen, die sich aus
Reduzierungen bei den strategischen
Streitkräften ergibt". Wenn bei diesen Gesprächen keine anderslautenden
Vereinbarungen getroffen werden, wird
nach Ablauf des Abkommens über Verteidigung im Weltraum
jede Seite
selbst ihre weitere Vorgehensweise im
Hinblick auf den ABM-Vertrag und den
START-Vertrag bestimmen können, wenn
sie dabei die entsprechenden Modalitäten dieser Verträge einhält. Die
Sowjets vertreten daher die Auffassung, daß beim Washingtoner Gipfel
kein "Stationierungsrecht" vereinbart

�«k

wurde, jedoch die nach dem ABM-Vertrag
vorgesehenen
RUcktrittsrechte
nach dem Nichtriicktrittszeitraum wieder gelten.

Berechenbarkeit
Vereinigte Staaten
Die Beteiligten werden Möglichkeiten
erörtern, um die Berechenbarkeit in
der Entwicklung der amerikanisch-sowjetischen Beziehungen im strategischen Bereich unter der Bedingung
strategischer Stabilität zur Reduzierung des Risikos eines Nuklearkrieges
zu gewährleisten. Im Rahmen vertrauensbildender Maßnahmen und um für die
strategischen
Verteidigungsprogramme
der jeweils anderen Seite Berechenbarkeit für alle Beteiligten sicherzustellen, haben
die
Vereinigten
Staaten die folgenden Maßnahmen im
Bereich der strategischen Verteidigung gegen ballistische Raketen vorgelegt, die auf Grundlage von Gegenseitigkeit, Vergleichbarkeit und auf
freiwilliger Basis verwirklicht werden sollen: jährlicher Austausch von
programmatischen Daten und Expertentreffen, Informationsgespräche, Besuche von Labors und Beobachtung von
Versuchen.
Die Vereinigten Staaten
haben darauf verwiesen, daß die von
den Sowjets vorgeschlagenen Verifizierungsmaßnahmen nicht durchführbar
sind und die Sicherheit der Vereinigten Staaten und ihrer Verbündeten gefährden könnten. Beide Seiten arbeiten am Entwurf eines Protokolls zu
diesen Punkten.
Sowjetunion
Die Beteiligten sollen Möglichkeiten
erörtern, um Berechenbarkeit bei der
Entwicklung eines amerikanisch-sowjetischen Verhätnisses im strategischen
Bereich zu gewährleisten und damit
das Risiko eines Atomkrieges vermindern.
Vereinigte Staaten
Die Vereinigten Staaten haben sowjetische Regierungsvertreter zum Besuch
zweier amerikanischer Einrichtungen
eingeladen, in denen Forschung über
- 8

eine strategische Verteidigung gegen
ballistische
Raketen
durchgeführt
wird.
Sowjetunion
Die Sowjets haben einige amerikanische Konzepte für vertrauensbildende
Maßnahmen akzeptiert, einschließlich
Datenaustausch, Expertentreffen und
Beobachtung von Tests. (Die Sowjets
haben nicht den amerikanischen Vorschlag akzeptiert, demzufolge Maßnahmen zur Berechenbarkeit Forschungsaktivitäten einschließen, die nicht mit
nationalen technischen Mitteln zu erfassen sind.) Dennoch würden die Sowjets solche Maßnahmen obligatorisch
machen, um die Einhaltung des ABMVertrags und die Aushandlung des Abkommens über Verteidigung im Weltraum
zu gewährleisten.
Darüber hinaus
schlagen sie einen Informationsaustausch vor, um zweifelhafte Situationen zu klären, ferner die Durchführung zwingender Vor-Ort-Inspektionen
bei bestimmten Einrichtungen, die Anlaß zur Besorgnis geben sowie die Lösung von Fragen der Einhaltung beim
Ständigen Konsultativausschuß. Beide
Seiten arbeiten am gemeinsamen Vertragsentwurf eines Protokolls zu diesen Fragen.
Die Sowjets haben zugestimmt, in Genf
die Einladung der Vereinigten Staaten
für Besuche sowjetischer Regierungsexperten bei zwei amerikanischen Einrichtungen zu erörtern, die Forschung
über strategische Verteidigung gegen
ballistische Raketen betreiben.

* * * * *

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                <text>&lt;strong&gt;1. Dokumentation&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Bush: Malta ist nicht Jalta&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rundfunkinterview des Präsidenten in Auszügen&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Veränderungen in Osteuropa belegen die Macht von Informationen&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Eagleburger bei der RFE/RL-Konferenz&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Yeutter: Reformen im Agrarbereich können zur Beseitigung des Hungers beitragen&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Auszüge aus einer Rede vor der FAO-Konferenz in Rom&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Hintergrund&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Die Verhandlungen über Kern- und Weltraumwaffen:&lt;br /&gt;sowjetische Vorschläge&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Eine Übersicht des ACDA&lt;br /&gt;&lt;/em&gt;</text>
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                    <text>AMERIKA DIENST
^7

C&amp;

29. November 1989

43
•

INHALT

DOKUMENTATION
Walters: Gorbatschow bleibt an der Macht
- Fersehtnterview mit dem amerikanischen Botschafter Bush strebt sowjetische Zusage zur Fortsetzung der Reformen an
- Ansprache des US-Präsidenten zum amerikanischen Erntedankfest
Bush; In Malta keine Überraschungen zu erwarten
- Gespräch mit Reportern im Weißen Haus -

HINTERGRUND
US-Delegation stellt sich in Polen den Herausforderungen der
Geschichte
- von Landwirtschaftsrainister Clayton Yeutter Der Schlüssel zum Handel mit Osteuropa
- von Robert A. Mosbacher Malta leitet neues Kapitel der Nachkriegsgeschichte ein
- Hintergrundartikel zum Treffen von Malta -

* * * * *

United States Information Service
Embassy of the United States of America

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.: 0228-339 2035
Telex: 8-85432

�AMERIKA DIENST
Dokumentation

VON**

29. November 1989

43
WALTERS:

GORBATSCHOW BLEIBT AN DER MACHT

- Fernsehinterview mit dem amerikanischen Botschafter WASHINGTON - (AD) - In einem Fernsehinterview der Sendung "John McLaughlin's
One-on-One" erklärte der Botschafter der Vereinigten Staaten von Amerika in
der Bundesrepublik Deutschland, Vernon Walters, am 26. November 1989, der sowjetische Präsident Gorbatschow werde nicht gestürzt, denn "es gibt keine annehmbare Alternative für ihn". (...)
"Man hat es mit dem alten System versucht, und es funktioniert nicht, Er ist die einzige Hoffnung", erklärte Walters.
Zu dem für den 2. und 3. Dezember vorgesehenen Treffen der Präsidenten Bush
und Gorbatschow vor der Küste Maltas bemerkte Walters, Gorbatschow werde wahrscheinlich eine Reduzierung amerikanischer und sowjetischer Streitkräfte in
Europa "auf etwa 200 000" vorschlagen.
Nachfolgend veröffentlichen wir das Interview in Auszügen.
Frage:
Hat
die
Bundesrepublik
jetzt, da sich die Sowjets aus Osteuropa zurückziehen, in Frieden das
Ziel erreicht, das von Deutschland in
zwei Kriegen angestrebt wurde - die
Vorherrschaft in Europa? Bringt ein
wiedervereinigtes
ungeteiltes
Deutschland dem Land den Status einer
Supermacht?
Ist die Bundesrepublik
heute, zumindest in wirtschaftlicher
Hinsicht, bereits eine Supermacht?
Was sagt ein amerikanischer Botschafter dazu, der sich mit den Deutschland betreffenden Fragen auskennt?
Präsident Bush hat gerade in einer
Rede eine neue Partnerschaft mit der
Sowjetunion beschrieben.
Sie sind
relativ konservativ und haben viel
Geschichte miterlebt.
Denken Sie,
daß wir jetzt an dem Punkt sind, wo

United States Information Service
Embassy of the United States of America

der Präsident der Vereinigten Staaten
über eine Partnerschaft mit der Sowjetunion, nicht mehr nur als Alliierte - er geht eindeutig darüber
hinaus - sprechen sollte?
Antwort: Das hängt ganz davon ab,
wie Sie "Partnerschaft" definieren
und was der Präsident damit meint.
Für ihn bedeutet es Zusammenarbeit
mit den Sowjets in einer Reihe von
Bereichen. Zunächst den Truppenabzug
in den Nachbarstaaten. Die Wiederherstellung der Demokratie der Osteuropa. Unterstützung für einen Meinungsumschwung bei den Chinesen. Dabei haben wir viel zu gewinnen.
Partnerschaft bedeutet nicht, daß man
unbedingt gleiche Wertvorstellungen
hat. Partnerschaft bedeutet, daß man
in bestimmten Bereichen zusammenar-

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.: 0228-339 2035
Telex: 8-85432

�beitet. Zum Beispiel haben wir mit
den Sowjets zu meiner Zeit als Botschafter bei den Vereinten Nationen
im Bereich der Verbreitung von Kernwaffen eng zusammengearbeitet.
Es
geschehen viele Dinge.
Aber der
Punkt ist, daß eine Partnerschaft,
die es vorher nicht gab, ermöglicht
wird, weil unser System nicht in
Zweifel gezogen wird. Im Gegensatz
zum System in der Sowjetunion.
Frage:
Sie haben kürzlich - vor
vier Monaten - die Sowjetunion besucht.
In welchem Zustand befindet
sich das Land?
Antwort:

In Unordnung.

Frage: Sprechen Sie von einem zerbröckelnden Imperium?
Antwort: Ich spreche von Menschen,
die ehemals überzeugt waren, sie seien die tapfersten, die kühnsten, die
besten, stärksten, die klügsten, die
Zukunft gehöre unweigerlich ihnen und
die nunmehr zu der Erkenntnis gelangen, daß sie in großen Schwierigkeiten sind und Hilfe brauchen, wenn sie
sich daraus befreien wollen.
Frage: Denken Sie, daß die Vereinigten Staaten ihnen helfen werden?
Antwort:
In
einigen
Bereichen
schon, aber meiner Ansicht nach ist
das nicht unsere Aufgabe. Es kann
ihnen nur dadurch geholfen werden,
daß sie ihr System ändern.
Frage: Es ist die Rede davon, daß
wir ihnen Kohle und Nahrungsmitteln
liefern sollen. Halten Sie das für
eine gute Idee?
Antwort: Ich weiß nicht. Ich müßte die Umstände näher kennen, unter
denen wir diese Hilfe leisten.
Frage:
Was denken Sie über die
Wiedervereinigung
beider
Teile
Deutschlands? Ist sie wahrscheinlich
oder möglich?
Antwort:

darauf verwiesen - und ich habe im
Juni erklärt-, daß es den Vereinigten
Saaten entgegenkäme, wenn sie friedlich vollzogen würde und alle Menschen
dahinterstünden.
Friedlich
heißt mit Zustimmung der Sowjetunion. Sie haben 16 Divisionen in der
DDR stationiert, und man muß eine Einigung mit ihnen erzielen. Sind wir
auf dem Weg in die richtige Richtung? Ich denke schon. Was die Zustimmung des Volkes angeht, so bin
ich der Ansicht, daß jeder, der die
Szenen gesehen hat, die sich in den
letzten Wochen in Berlin abspielten,
erkennen konnte, in welchem Verhältnis die Deutschen zueinander stehen.

Der Präsident hat im Mai

Frage: Treibt uns die Wiedervereinigung Deutschlands in die Richtung
der Entmilitarisierung von NATO und
Warschauer Pakt? Mit anderen Worten,
wenn es ein ungeteiltes Deutschland
gibt, wie kann dann der Eckpfeiler
des Warschauer Pakts mit seinen taktischen Atomwaffen es auf eine Machtprobe mit seinem wiedervereinigten
Nachbarn, der Bundesrepublik als dem
Eckpfeiler der NATO, ankommen lassen? Sicherlich müssen diese beiden
Blöcke entmilitarisiert werden, bevor
es zu einer Wiedervereinigung kommen
kann. Ist das richtig?
Antwort: Nein. Ich denke, Sie haben das Pferd vom Schwanz her aufgezäumt. Das müssen wir nicht. Entmilitarisierung steht am Ende und nicht
am Anfang des Prozesses. Die Bundesrepublik strebt die Europäische Gemeinschaft partnerschaftlich mit den
anderen Ländern Europas an. Die anderen Länder Europas wollen diese Gemeinschaft unter allen Umständen bilden. Für sie ist es ein Schutz vor
einem sehr mächtigen Deutschland.
Und alle, die nachdenken, verstehen,
daß sie uns brauchen, und daß die
einzige Möglichkeit, uns und die in
Europa beteiligten Kanadier zu behalten die NATO weder marode noch überholt ist.
Frage:
Finden Sie nicht, daß die
Deutschen im Hinblick auf ihre Wiedervereinigung
recht
schizophren

- 2 -

�sind? Sie streben sie an, aber nicht
jetzt.
Sie wollen sie nicht, bis
zwischen der DDR und der Bundesrepublik ein Zustand vernünftigen wirtschaftlichen Gleichgewichts besteht.
Sonst wird die Bundesrepublik aus der
DDR eine wirtschaftliche Kolonie machen. Die DDR wird der Sozialhilfeempfänger der Bundesrepublik werden.
Wie denken Sie darüber?
Antwort: Ich denke nicht, daß sich
daran etwas ändern wird. Ich denke
nicht, daß das richtig ist. Die DDR
kann mit ihrem gegenwärtigen System
keinen
Zustand
wirtschaftlichen
Gleichgewichts erreichen.
Frage:
Wann wird
Ihrer Ansicht
nach die Wiedervereinigung stattfinden?
Antwort:
Dazu
möchte
nicht endgültig äußern ...

ich

mich

Frage: Nun, Sie haben vor vier Monaten eine Vorhersage gewagt und sie
ist eingetroffen. Wann wird sie also
stattfinden?
Antwort:
Die mir gestellte Frage
lautete, ob sie in absehbarer Zukunft
stattfinden würde. Das habe ich bejaht und erklärt, meiner Ansicht nach
fände sie in absehbarer Zukunft unter
den vom Präsidenten näher erläuterten
Bedingungen statt. Sie kann friedlich und mit Zustimmung aller Menschen vollzogen werden. Nun muß die
Zustimmung aller eingeholt werden.
Es muß in der DDR eine freie Regierung geben, die freie Wahlen abhalten
wird.
Und wenn diese freien Wahlen abgehalten werden, werden in diesem Jahr
auch Wahlen in der Bundesrepublik
stattfinden. Es wird zwei neue Parlamente geben. Sie werden vielleicht
entscheiden, was sie tun wollen, aber
erkennen, daß sie nichts tun können,
wenn sie nichts zu den 16 sowjetischen Divisionen in der DDR unternehmen. Die Sowjets werden also einbezogen werden müssen, sonst gibt es
keine Möglichkeiten.
Und sie sind

bereit, dafür einen
Preis zu zahlen.

ziemlich

hohen

Frage:
Aber
die Sowjets wollen
keine Wiedervereinigung zwischen Ost
und West. Sie wollen keine Neufestsetzung der politischen Grenzen.
Antwort: Es gibt viele Dinge, die
die Sowjets in Osteuropa nicht zulassen wollen. Denken Sie, sie wollten
die Ereignisse in Polen zulassen?
Oder in der DDR?
Oder sie freuen
sich über das, was in der Tschechoslowakei geschieht? Oder mit Schiwkow in Bulgarien? Sicherlich nicht.
Frage:
Wie Sie sicherlich wissen,
gibt es in Washington Gerüchte, denen
zufolge die Sowjets die nicht reformorientierte Führung Jakes in der
Tschechoslowakei auf Reformkurs bringen wollen.
Antwort: Die Sowjets erkennen, daß
Reformen weitreichender sein müssen
als ihre normale Auffassung von der
systemimmanenten Reform.
Wenn in
Prag 500 000 Menschen auf die Straße
gehen, muß sich sehr viel ändern.
Aber das ist nicht mein Problem, denn
ich bin nicht der amerikanische Botschafter in der Tschechoslowakei.
Frage:
Wie
beurteilen Sie Genschers Äußerungen zur NATO? Er hat
erklärt, die Stationierung - oder Modernisierung - der Kurzstreckenraketen sei "lächerlich".
Wenn er es
nicht selbst gesagt hat, dann einer
seiner engsten Mitarbieter. Wie denken Sie darüber?
Antwort:
Meines Erachtens ist es
nicht richtig. Einer seiner Mitarbeiter hat das gesagt. Ich habe das
nicht aus seinem Mund gehört. Er hat
erklärt, wenn wir ein Abkommen darüber erzielen, soll es 1992 wieder
erörtert werden. Bis dahin bleiben
die Kurzstreckenraketen in der Bundesrepublik. Und das Thema wird 1992
wieder aufgenommen werden.
Frage:
Wenn in einer Woche der
Gipfel stattfindet, wird Gorbatschow

- 3 -

�Ihrer Ansicht nach einen konkreten
Vorschlag unterbreiten, den er ja immer auf Lager hat. Und wie wird dieser Vorschlag aussehen?
Antwort:
Ich weiß nicht genau,
aber ich würde vorschlagen, weit über
das hinauszugehen, was heute im Hinblick auf die Reduzierung konventioneller Streitkräfte im Gespräch ist,
weil er weiß, daß er sie nur über die
Weichsel bringen muß, während wir sie
über den Atlantischen Ozean transportieren müssen, was ein großer Unterschied ist.
Frage:
Präsident Bush fordert ein
Niveau von 275 000 Soldaten, was bei
den US-Streitkräften eine Reduzierung
von 30 000 Soldaten bedeuten würde.
Antwort: Bei den Sowjets wären es
hingehen mehrere hunderttausend. Die
Sowjets haben sehr viel mehr Soldaten
als wir.
Frage: Allein in der DDR haben sie
400 000. Denken Sie, daß Gorbatschow
dem zustimmen und auf einen Stand von
etwa 200 000 reduzieren wird?
Antwort:
Das
ist wohl richtig.
Sein Vorschlag könnte lauten, auf etwa 200 000 zu reduzieren, aber das
ist meinerseits reine Spekulation.
Darüber liegen mir keine Informationen vor, aber das sähe ihm ähnlich.
Frage:
Welche anderen Vorschläge
könnte er Ihrer Ansicht nach unterbreiten?
Antwort
Er
könnte
eine
engere
WirtSchaftszusammenarbeit
anstreben,
die er dringend benötigt. Wir haben
über viele Jahre hinweg das Bruttosozialprodukt der Sowjetunion maßlos
überschätzt.
Sie unterhält umfangreichere Streitkräfte als wir und erwirtschaftet ein Bruttosozialprodukt,
daß nicht einmal halb so groß ist wie
unseres. Da bleibt nur wenig für die
Zivilbevölkerung übrig, und er ist
darüber sehr besorgt und möchte etwas

dagegen unternehmen. Wenn er klug
ist, unternimmt er auch etwas dagegen.
Frage:
Ist es Ihrer Ansicht nach
nicht seine Strategie, die Länder des
Ostblocks abzukoppeln, so daß sie in
ihren Volkswirtschaften Marktmechanismen entwickeln, mit denen sie wieder auf den rechten Weg finden und
die Konsumgüter produzieren können,
die er zum überleben braucht?
Antwort:
Nein.
Meiner
Ansicht
nach geht es ihm vor allem um den Zugang zu westlicher Technologie, die
er nur in einem weniger spannungsgeladenen Umfeld erhalten kann.
Sie
haben, indem sie sie gestohlen oder
ausspioniert haben, herausgefunden,
daß sie westliche Technologie nicht
befriedigend kopieren können. Um das
zu tun, brauchen sie einen besseren
Zugang. Und den bekommen sie nur,
wenn es weniger Spannungen gibt.
Darüber hinaus herrscht bei ihnen
dieselbe Haltung vor wie im Britischen Weltreich nach Kriegsende: daß
das Imperium zu teuer wird. Und wenn
sie eine ausgedünnte Armee haben,
wird ihnen das mehr Mittel zur Entwicklung des Landes verschaffen. Zum
Beispiel verlangt ihr Fünf jahresplan,
daß noch etwa 112 000 Straßenkilometer gebaut werden, was bis jetzt noch
nicht geschehen ist. Es gibt mehr
ausgebaute Kilometer Autobahn in Belgien als in der Sowjetunion. Und wie
gelangen die Nahrungsmittel zur Bevölkerung, wenn keine Straßen gebaut
werden? Straßen kosten Geld.
Frage: Sind Sie zufrieden, daß der
kalte Krieg beendet ist?
Antwort:
Meiner Ansicht nach ist
er noch nicht beendet, aber der Vorteil liegt ganz klar bei uns. Ein
Deutscher hat es so formuliert, daß
der lange Konflikt zwischen Karl Marx
und Ludwig Erhardt zugunsten Ludwig
Erhardts entscheiden wurde, der in
Deutschland als Begründer der Marktwirtschaft gilt. Meiner Ansicht nach

- 4 -

�ist der Marxismus ein Phänomen dieses
Jahrhunderts, das mit dem Ende des
Jahrhunderts verschwinden wird.
Frage:
Freuen Sie sich über die
enge Beziehung zwischen George Bush
und Helmut Kohl?
Antwort: Enge Beziehung? Die Bundesrepublik ist - ebenso wie Frankreich und Großbritannien ein gleichberechtigter Bündnispartner.
Viele
verstehen nicht, daß die NATO nicht
nur ein militärisches Bündnis zum
Zweck der Abwehr eines Angriffs ist.
Es ist vielmehr ein Bündnis von Völkern mit gleichen Wertvorstellungen.
Frage:
Die Bundesrepublik Deutschland ist das wirtschaftlich stärkste
Land in Europa. Ihr Bruttoinlandsprodukt beläuft sich auf 1,4 Billionen Dollar, die Hälfte des japanischen. Wenn wir uns mit Fragen der
Europäischen Gemeinschaft beschäftigen, so neigen wir eher dazu, uns der
Bundesrepublik anzunähern - weg von
Margaret Thatcher mit ihrer anti-europäischen Haltung. Erkennen Sie die
enorme Machtverlagerung
in dieser
Hinsicht?
Antwort:
Nun, das Bruttosozialprodukt der Vereinigten Staaten ist höher als das der Bundesrepublik, Japans und der Sowjetunion zusammengenommen.
Wir
sind
keine
kleine
Macht.
Wir müssen uns über diese
Länder, deren BSP ein Viertel oder
ein Fünftel des unsrigen beträgt,
keine Sorgen machen. Im Hinblick auf
die wirtschaftliche Gefahr übertreiben Sie.
Frage: Ja, aber wir sind auch noch
mit 2,8 Billionen Dollar verschuldet. Beeindruckt Sie das überhaupt
nicht?
Antwort: Es beeindruckt mich schon
etwas, aber im Verhältnis zu unserem
Bruttosozialprodukt liegt diese Verschuldung niedriger als in den meisten anderen Ländern.

Frage:
Herr Botschafter, der Eckpfeiler der von Präsident Bush vorgeschlagenen neuen Partnerschaft zwischen den Vereinigten Staaten und der
Sowjetunion ist Michail Gorbatschow.
Michail Gorbatschow war die treibende
Kraft hinter den Veränderungen in der
sowjetischen Innen- und Außenpolitik
und damit auch hinter dem Wiederaufleben der Freiheit in Osteuropa, aber
in diesem Winter hat er harte Zeiten
vor sich und könnte vielleicht sogar
an den Rand einer Katastrophe steuern. In der Sowjetunion besteht nahezu überall ein Mangel an Heizöl und
Nahrungsmitteln.
Ethnische und nationalistische Unruhen sowie Arbeitskämpfe greifen um sich. Die Perestrojka führt nicht schnell genug zu
Ergebnissen, was diesen Monat zu einer
Sonderkonferenz
sowjetischer
Wirtschaftsexperten geführt hat, um
die Wirtschaftsreformen wiederzubeleben.
Wird Gorby durchhalten?
Antwort: Ja.
Frage: Warum?
Antwort: Weil es für ihn keine annehmbare Alternative gibt.
Jedenfalls nicht für diejenigen, die in
der Sowjetunion Einfluß haben.
Es
gibt keine annehmbare Alternative.
Man hat es mit dem alten System versucht, und es funktioniert nicht. Er
ist die einzige Hoffnung.
Frage: Ligatschow.
Antwort:
Was hat er anzubieten?
Zu den alten Methoden zurückzukehren,
die sie dahin gebracht haben, wo sie
jetzt sind? Nein.
Frage:
Die
bremsen.
Antwort:
Frage:

- 5 -

Entwicklung

etwas

zu

Nein, nein.
Sie

sind

überzeugt

davon,

�daß er durchhalten wird?
Antwort:
Es gibt eine Wellenbewegung in der Geschichte.
Die Geschichte hat ein solches Tempo angenommen, daß sie nicht mehr aufzuhalten ist. Innerhalb von Wochen geschehen Dinge, die vormals Jahre oder
Monate in Anspruch nahmen. Und die
Veränderungen in der Sowjetunion werden tiefgreifend sein, weil Gorbatschow eine lebensfähige Wirtschaft
will. Er möchte ein Land schaffen,
das ein Bruttosozialprodukt in der
Höhe erwirtschaftet, wie wir es einmal fälschlicherweise angenommen haben.
Frage: Als Reagan Gorbatschow sah,
schätzte er diesen Mann ein. Und es
ist Ronald Reagans Verdienst, eine
Wende um 180 Grad gemacht zu haben.
Er erkannte damals, daß Gorbatschow
tun könnte, was Reagan von ihm wollte, und er hat darauf reagiert. Meines Erachtens ist noch nicht ausreichend gewürdigt worden, wie sehr er
Gorbatschow verstanden hat. Empfinden Sie es nicht als bemerkenswertes
Phänomen, wie sehr es Reagan gelungen
ist, sich in Gorbatschow hineinzuversetzen?
Antwort:
Nein.
Aber er hat sich
auf vor die Mauer gestellt und erklärt: "Herr Gorbatschow, reißen Sie
diese Mauer nieder." Meiner Meinung
nach ereignete sich in Reykjavik
nocht etwas wesentlich bedeutsameres. Gorbatschow versuchte, uns zu
übertölpeln, damit wir SDI aufgeben
würden, von dem viele in den Vereinigten Staaten annahmen, es werde
ohnehin nicht funktionieren. Das ist
nicht so wichtig. Was zählte, war
die Tatsache, daß Gorbatschow dachte,
es würde funktionieren. Und als er
nach Hause zurückkehrte und erklärte,
die Vereinigten Staaten würden es
nicht aufgeben, was werden wir tun was wird es uns kosten, mit ihnen
Schritt zu halten? Da entnahm er den
Antworten, daß ihm nicht so viel Geld
zur Verfügung stand. Und das ist einer der Gründe, warum wir heute an
dLesem Punkt stehen. Dies resultiert

aus unserer Standhaftigkeit, aus der
Geschlossenheit des Bündnisses, aus
40 Jahren der Einmütigkeit, daraus,
daß 16 Länder über 40 Jahre hinweg
alle wichtigen Entscheidungen einmütig gefällt haben. Und sie sind sich
darüber im klaren, daß sie es mit
starken Vereinigten Staaten von Amerika zu tun haben, die ihr Verteidigungspotential erneuert haben und
nicht unter Druck gesetzt werden können.
Frage:
Ja, aber leider hat
NATO jetzt ihren Nutzen verloren.

die

Antwort:
Das ist eine Illusion.
Das wird jetzt vielfach behauptet.
Ich gehörte zur ursprünglichen Gruppe, die mit Eisenhower nach Europa
ging. Das waren 11 Personen im Jahr
1951. Und seither haben Leute versucht, die Beerdigung der NATO zu
feiern.
Frage:
Der
einzige
unmittelbare
Vorteil der NATO besteht darin, daß
sie dem Warschauer Pakt seine Berechtigung liefert, was von Gorbatschow
derzeit benötigt wird, um seinen
rechten Flügel ruhigzustellen.
Er
kann auf Ungarn verweisen und sagen
"Ungarn ist ein Mitglied des Warschauer Pakts". Er kann auf Polen
mit seinem demokratischen Oberkomando
verweisen und sagen, daß Polen Mitglied des Warschauer Pakts ist. Er
wird auch sagen, daß die DDR im Warschauer Pakt ist. Und damit wird er
gegenüber seinem rechten Flügel Zeit
gewinnen.
Das ist gegenwärtig der
Vorteil der NATO - Gorbatschow zu erlauben, dies zu tun und den Prozeß zu
verlangsamen, um ihn in den Griff zu
bekommen. Was halten Sie davon?
Antwort: Meines Erachtens ist diese Ansicht unrealistisch. Jedermann
weiß, daß der Warschauer Pakt ein
künstliches Gebilde war, dem niemand
außer der Sowjetunion freiwillig beigetreten ist. Das gilt nicht für die
NATO.
Die Länder des Warschauer
Pakts teilen nicht die gleichen Werte. Die Länder der NATO tun dies.
Menschen mit den gleichen Werten nei-

- 6 -

�gen dazu, über einen längeren Zeitraum zusammenzuhalten. Engländer und
Portugiesen waren über 600 Jahre lang
verbündet, und die Briten haben dies
im Zweiten Weltkrieg geltend gemacht,
um Stützpunkte auf den Azoren zu bekommen. Wenn man ein solches Bündnis
hat, möchte man daran festhalten.
Die NATO ist ein unerläßliches Bindeglied, um nach Verwirklichung des europäischen Binnenmarkts die Vereinigten Staaten und Kanada mit Europa zu
verbinden.
Frage:
Der europäische Binnenmarkt
im Jahr 1992 wird die NATO noch überflüssiger machen. Was sagen Sie dazu?

Frage:
Nehmen wir einmal an, Sie
hätten die Möglichkeit, George Bush
zu beraten, was sie ja auch zweifelsohne häufig tun, und George Bush würde fragen: "Was meinen Sie, Vernon?
Soll ich daraus ein Junktim machen?
Mit anderen Worten: Gorbatschow erklärt mir gegenüber, er benötige Nahrungsmittel und Kohle.
Sollte ich
ihm entgegnen, daß wir ihnen mit
Technologietransfer aus der Patsche
helfen, falls sie sich nicht länger
in Belange unserer nationalen Sicherheit einmischen, und der Preis dafür
wäre die Einstellung der Hilfe für
Ortega und Castro? Würden Sie mir
dazu raten?" Ist das die Art von Rat,
den sie ihm geben würden?

Antwort: Unsinn.
Frage: An der Spitze der kommunistischen Partei in der DDR steht Egon
Krenz. Wird er den 15. Dezember politisch überleben - oder wird er auch
noch in einem Jahr im Amt sein?
Antwort:
Er kann heilfroh
wenn er dann noch im Amt ist.

sein,

Frage:
Wird Ministerpräsident Hans
Modrow in einem Jahr noch im Amt sein?
Antwort:
Er kann heilfroh
wenn er dann noch im Amt ist.

sein,

Frage:
Schließen
Sie aus Ihren
Quellen, daß Gorbatschow Präsident
Bush versichern wird, daß er die Lieferungen von Waffen oder anderen Ressourcen an Daniel Ortega und Castro
einstellen wird?

Antwort:
Nun, zunächst einmal berate ich ihn nicht über Fragen in
dieser Region.
Mein Spezialgebiet
ist Deutschland. Wenn ich aber darüber (mit Gorbatschow) sprechen würde, so würde ich Ihm wahrscheinlich
sagen - natürlich weiß ich nicht, was
Präsident Bush ihm sagen wird -, aber
ich würde sagen: "Also, wenn Sie gute Beziehungen mit mir wünschen, dürfen Sie mir keine Schwierigkeiten in
Regionen bereiten, die für mich wichtig sind. Wenn Sie so etwas wie eine
neue Partnerschaft anstreben, müssen
Sie in diesem Bereich flexibel sein.
Und wenn Sie nicht flexibel sind, ist
es sehr schwierig für mich, flexibel
zu sein."

* * * * *

Antwort:
Gorbatschow ist ein sehr
gut informierter Mann. Meines Erachtens weiß er, daß ein Problem, das
diese Partnerschaft vergiften kann,
eine Fortführung der Schwierigkeiten
wäre, die in einer für uns lebenswichtigen - und für sie völlig unwichtigen - Region aus rein ideologischen Gründen zu einem Zeitpunkt geschaffen werden, an dem meiner Meinung nach ihre Ideologie zusammenbricht.
- 7 -

�AMERIKA DIENST
^7

^

£*

Dokumentation

43

29. November 1989
BUSH STREBT SOWJETISCHE ZUSAGE ZUR FORTSETZUNG DER REFORMEN AN
- Ansprache des US-Präsidenten zum amerikanischen Erntedankfest -

WASHINGTON - (AD) - Präsident Bush hat am 22. November 1989, dem Vorabend des
amerikanischen Erntedankfestes, in einer landesweit von Rundfunk und Fernsehen
ausgestrahlten Rede erklärt, er strebe bei seinem Treffen mit dem sowjetischen
Staats- und Parteichef Gorbatschow am 2. und 3. Dezember eine feste Zusage der
Sowjets für die Fortführung des Reformprozesses in Osteuropa an. Die Vereinigten Staaten stünden diesem historischen Prozeß wohlwollend gegenüber.
"Wir werden ihm zusichern, daß die Vereinigten Staaten die Reformen nicht als
Gegner begrüßen, der seinen Vorteil sucht, sondern als Volk, das Hilfe anbietet."
Nachfolgend veröffentlichen wir die Ansprache des Präsidenten im Wortlaut.
Wie viele von Ihnen werde ich den
morgigen Tag im Familienkreis verbringen. Wir werden ein Dankgebet
sprechen, den Truthahn teilen und
Gott für seine vielen Segnungen danken - und für unser großartiges Land.
An diesem Feiertag unterbricht auch
der Kongreß seine Sitzungen. Ich habe mit dem Kongreß zusammengearbeitet
- meine Hände über Parteigrenzen hinweg ausgestreckt und Gesetzentwürfe
vorangetrieben, die der auf unseren
Straßen herrschenden Furcht vor Verbrechen und Drogen ein Ende setzen
sollen. Wir haben Methoden zur Reinigung von Luft, Wasser und Boden
vorgeschlagen. Wir haben uns mit den
Gouverneuren zusammengeschlossen, um
einen historischen Vertrag zur Verbesserung unserer Schulen zu verab-

United States Information Service
Embassy of the United States of America

schieden. Was mir jedoch besonders
zu Herzen geht, ist die Tatsache, daß
so viele Amerikaner dem Ruf zum
Dienst an der Gemeinschaft - den tausend Punkten des Lichts - gefolgt
sind, ihre Ärmel aufgekrempelt und
sich für diejenigen eingesetzt haben,
die alle Hoffnung verloren haben, für
die Hilflosen - jeder Freiwillige ist
ein Licht der Hoffnung für jemanden,
der den Halt verloren hat.
Dies wird ein ganz besonderes Erntedankfest sein.
Es bezeichnet ein
außergewöhnliches Jahr. Bevor jedoch
unsere Familien sich am morgigen Tag
zu Tisch begeben, werden wir noch aus
einem
anderen Grund Dank sagen:
überall auf der Welt werden morgen
neue Pilger auf einer Reise zur Freiheit sein, und für viele von ihnen

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.: 0228-339 2035
Telex: 8-85432

�ist dies nicht eine Reise an irgendeinen weit entfernten Ort, sondern in
eine von ihnen selbst geschaffene
Welt.
An anderen Erntedankfesten lebte die
Welt im Schatten der Wachttürme,
Wachhunde und Maschinengewehre. Viele unter Ihnen waren noch nicht geboren, als im Jahr 1961 die Berliner
Mauer errichtet wurde. Heute aber
sehen wir ein neues Bild von der
Welt, das eine neue Realität widerspiegelt, das Bild von Deutschen aus
Ost und West, die einander auf die
Berliner Mauer helfen - eine menschliche
Brücke
zwischen
Nationen.
Ganze Völker gehen überall in Osteuropa mutig auf die Straße und fordern
Freiheit, reden von Demokratie. Dies
ist nicht das Ende des Buches der Geschichte, aber es ist das Ende eines
der traurigsten Kapitel seiner Geschichte.
Schon bald nach Öffnung der Mauer
rief mich Bundeskanzler Kohl an und
bat mich, Ihnen, dem amerikanischen
Volk, seinen Dank auszusprechen. Er
erklärte, daß dieser bemerkenswerte
Wandel in Osteuropa ohne die standhafte Unterstützung der Vereinigten
Staaten nicht stattgefunden hätte.
Dies ist ein passendes Lob von einem
guten Freund. 40 Jahre lang haben
wir in unserem Engagement für die
Freiheit nicht nachgelassen.
Wir
danken unseren Männern und Frauen in
Uniform. Ebenso sollten wir unseren
führenden Nachkriegspolitikern danken. Sie haben mit dem Marshall-Plan
zum Wiederaufbau
eines Kontinents
beigetragen, und wir haben einen
Schild - die NATO - geschaffen, hinter dem sich Europäer und Amerikaner
eine Zukunft in Freiheit aufbauen
konnten.
In vielen dieser 40 Jahren wurde die
Probe der Entschlossenheit des Westens, des Wettstreits zwischen Freien und Unfreien, von einer Insel der
Hoffnung hinter dem Eisernen Vorhang
symbolisiert: Berlin.
In den vierziger Jahren blieb West-

Berlin frei, weil Harry Truman erklärte: Hände weg. In den fünfziger
Jahren verlieh Eisenhower diesen Worten Nachdruck. In den sechziger Jahren schöpften die Berliner Mut, als
Präsident Kennedy erklärte: Ich bin
ein Berliner. In den siebziger Jahren unterstützten die Präsidenten
Nixon, Ford und Carter Berlin - indem
sie an der NATO festhielten. Und in
den achtziger Jahren besuchte Ronald
Reagan Berlin, um auszurufen: Reißt
diese Mauer nieder.
Heute stehen wir an der Schwelle der
neunziger Jahre. Zu Beginn dieses
neuen Jahrzehnts möchte ich Präsident
Gorbatschow die Hand reichen und ihn
auffordern, mit mir zusammenzuarbeiten, um die letzten Schranken gegen
eine neue Welt der Freiheit zu beseitigen. Laßt uns die Politik des Containment überwinden und den kalten
Krieg ein für allemal beenden.
Wir können ein solch kühnes Unternehmen in Angriff nehmen, weil die Vereinigten Staaten stark sind und 40
Jahre der Hartnäckigkeit und Geduld
sich endlich auszahlen. In jüngster
Zeit hat die stille Diplomatie, die
Arbeit hinter den Kulissen, zu Ergebnissen geführt. Wir können uns heute
eine neue Welt mit einem neuen Europa
vorzustellen wagen, die auf dem Fundament der Demokratie aufbaut.
Diese neue Welt nahm gerade Konturen
an, als meine Präsidentschaft mit
diesen Worten begann: "Die Tage der
Diktatoren sind gezählt." Im Laufe
des Frühjahrs und Sommers haben wir
den Völkern der Welt erklärt, an was
die Vereinigten Staaten glauben und
wie die Vereinigten Staaten sich die

Zukunft vorstellen. Die Vereinigten
Staaten glauben, daß "in Osteuropa
die Zeit für die Idee der Freiheit
reif ist". Die Vereinigten Staaten
wünschen den Erfolg von Präsident
Gorbatschows Reformen, die wir unter
dem Begriff der Perestrojka kennen.
Und die Vereinigten Staaten möchten,
daß die Sowjets sich uns auf dem Weg
"über die Politik des Containment
hinaus" zu einer neuen Partnerschaft

- 2 -

�anschließen. Einige haben sich gefragt, ob all dies realistisch sei.
Nun, obwohl wir uns noch immer auf
dem im vergangenen Frühjahr eingeschlagenen Kurs befinden, entwickeln
sich die Dinge schneller, als irgendjemand sich hätte vorstellen oder
vorhersagen können.

*

Schauen Sie sich in der Welt um - in
den Entwicklungsländern fordern die
Menschen Freiheit. Polen und Ungarn
sind heute Demokratien in den Kinderschuhen - Polen hat eine nichtkommunistische Regierung, und in Ungarn
werden bald freie Wahlen abgehalten.
In der Sowjetunion schaffen die Reformkräfte unter Michail Gorbatschow
beispiellose Offenheit und Veränderungen.
Aber nirgends auf der Welt von heute
- oder selbst in der Geschichte der
Menschheit - haben die Herzen der
Menschen so rasch - so sicher - über
kalten Stein triumphiert wie in Berlin, ja sogar in ganz Deutschland.
Um die Worte des großen Dichters Robert Frost zu umschreiben: Es gibt
sicherlich in uns etwas, das Mauern
verabscheut.
Als ich im vergangenen Mai in Mainz
zum deutschen Volk sprach, habe ich
den Abbau der Grenzen zwischen Ungarn
und Österreich begrüßt und erklärt:
"Berlin muß die nächste Station
sein." Und das Volk der Bundesrepublik Deutschland schloß sich uns bei
der Forderung nach einem ungeteilten,
freien Europa an.
Erst gestern überreichte mir der Bundesaußenminister ein Stück der Berliner Mauer - es liegt jetzt auf meinem
Schreibtisch als Erinnerung an die
Macht der Freiheit, Mauern zwischen
den Menschen niederzureißen.
Ich erinnerte mich wieder an die Zeit
vor sieben Jahren, als ich die kleine
deutsche Stadt Modlareuth besuchte,
die auch Klein-Berlin genannt wird.
Es ist eine geteilte Stadt, deren
kopfsteingepflasterte
Straßen
mit
Stacheldraht und Beton verbarrika-

diert sind - auf der einen Seite
Freiheit, auf der anderen Verzweiflung. Ich sprach nicht einmal 150
Meter von den bewaffneten Wachposten
auf ihren Türmen entfernt mit einigen
Einwohnern. Eines Tages möchte ich
nach Klein-Berlin zurückkehren, um zu
sehen, daß Familien wieder vereinigt
zu werden und sich einstmals getrennte Nachbarn wieder treffen.
Der Wandel vollzieht sich rasch. Und
mit diesem Wandel die dramatische Bestätigung der wirtschaftlichen und
politischen Institutionen des freien
Europa. Das jetzt neuentstehende Europa wird auf dem Fundament demokratischer Werte errichtet und muß darauf
errichtet
werden.
Aber je
schneller die Geschwindigkeit, umso
reibungsloser muß der Ablauf erfolgen. Dies ist schließlich eine ernste Angelegenheit.
Der von uns aufgebaute Frieden muß
sich von dem harten, freudlosen Frieden zwischen zwei bewaffneten Lagern
unterscheiden, mit dem wir soviel Erfahrung haben. Die Narben des Konflikts, der vor fünfzig Jahren begann, ziehen sich quer über den Kontinent. Die vor uns liegende historische Aufgabe besteht darin, diese
alte Wunde zu heilen.
Unser Besuch in Polen und Ungarn im
vergangenen Juli hat mich in der Auffassung bestärkt, daß wir auf dem
richtigen Weg sind - daß endlich die
Möglichkeit für grundlegende Veränderungen besteht. Ich konnte Akte der
Wiedergutmachung und Aussöhnung unmittelbar beobachten.
In Warschau
habe ich bei meinem Diner für General
Jaruselski und die Führer der Gewerkschaft Solidarität eine Frau getroffen, die unter großem Risiko für ihre
Person an der Freilassung inhaftierter Mitglieder der Solidarität gearbeitet hatte.
Sie wurde gefragt:
"Wie ist es möglich, sich nach so
kurzer Zeit mit den Männern an einen
Tisch zu setzen, die diese Verhaftungen angeordnet haben - ganz ohne Bitterkeit?"
Sie antwortete darauf:
"Unsere Freude über die Ereignisse

- 3 -

�heute ist stärker als die Erinnerung."
Ich wünsche mir, Sie hätten das erleben können, denn es war außerordentlich. Die alten Gegensätze schmolzen
dahin, als sich einstige Gegner oftmals mit Tränen in den Augen erhoben
und ihr Glas auf die Zukunft erhoben.
Unsere Gäste wußten, daß die Geschichte sie danach beurteilen würde,
wie gut sie zusammenarbeiten. Ganz
Europa steht nunmehr im Zeichen der
Kooperation, und das Ergebnis tritt
klar zutage: Polen und Ungarn wandeln sich.
Sie verdienen unsere Unterstützung,
und sie werden sie bekommen. Wir haben unseren Worten Taten folgen lassen. Mit neuen Krediten und Förderprogrammen sowie amerikanischen Expertengruppen wollen wir helfen, den
Übergang zu einer freien Marktwirtschaft zu vollziehen und amerikanischen Investitionen sowie dem Handel
mit Polen und Ungarn den Weg zu bereiten. Jetzt können die Menschen In
diesen Ländern erwarten, daß sie
durch harte Arbeit ein besseres Leben
erwirtschaften.
Dieselben Winde der Veränderung fegen
über unsere Hemisphäre hinweg, und
Demokratie verwandelt auch den amerikanischen Kontinent mit erstaunlicher
Geschwindigkeit.
Bedauerlicherweise
gibt es noch Ausnahmen - Panama, Nicaragua und Kuba.
Und die beiden
letztgenannten halten die Stellung
gegen ihr eigenes Volk nur aufgrund
der massiven Unterstützung mit Waffen
und Nachschub von ihren kommunistischen Verbündeten. Wenn ich Präsident Gorbatschow treffe, werde ich
ihn bitten, gemeinsam mit uns allen
Menschen Lateinamerikas Freiheit und
Demokratie zu bringen.
Wenn wir also die Ereignisse in Osteuropa feiern, sollten wir daran denken, daß es zwischen Ost und West immer noch Mauern gibt. Es sind die
unsichtbaren Mauern des Mißtrauens.
Die Mauern des Zweifels, der Mißverständnisse und Fehleinschätzungen.

Es war vergangenen Sommer in Osteuropa, als ich den Entschluß faßte, mich
persönlich dafür einzusetzen, daß
diese letzten Schranken fallen.
Im vergangenen Mai habe ich fünf
Punkte entworfen, die Präsident Gorbatschow erfüllen sollte, wenn wir
dieses neue Denken ernst nehmen sollen: Erstens die Reduzierung der sowjetischen Streitkräfte, zweitens Unterstützung der Selbstbestimmung in
Osteuropa,
drittens
Zusammenarbeit
mit uns an der Beendigung regionaler
Konflikte, viertens Erlangung eines
dauerhaften Pluralismus' und die Achtung der Menschenrechte und fünftens
die gemeinsame Lösung weltpolitischer
Probleme, einschließlich des internationalen Drogenhandels und der Gefahren für die Umwelt. Es gibt immer
noch ernstliche Probleme, insbesondere regionale Konflikte. Die Sowjetunion hat in diesen fünf Bereichen
Fortschritte erzielt. Das ist unbestreitbar.
Ich habe Präsident Gorbatschow eingeladen, mich in - von heute ab - zehn
Tagen zu treffen. Dies ist ein erstes Treffen - zur Sondierung. Es
ist kein Treffen für eingehende RUstungskontrollverhandlungen, die am
besten beim Gipfel im kommenden Jahr
erörtert werden.
Ich möchte, daß Präsident Gorbatschow
die Position der Vereinigten Staaten
genau kennt. Um es nochmals klarzustellen - Amerika steht zu Freiheit
und Demokratie.
Wir treffen nicht
zusammen, um die Zukunft Europas
festzulegen - schließlich bestimmen
die Völker Europas selbst über ihre
eigene Zukunft. Obwohl unseren Verbündeten kaum Überraschungen bereitet
werden dürften, werden wir keine Gelegenheit auslassen, um Frieden und
Freiheit zu fördern. Und diejenigen,
die unsere überlegte Vorgehensweise
In Zweifel ziehen, müssen verstehen,
daß eine Zeit historischer Veränderungen nicht die Zeit für Rücksichtslosigkeit ist.
Der Frieden, die
Freiheit und die Sicherheit unserer
Freunde in Europa sind uns viel zu

�wichtig.
Wir werden uns um Präsident Gorbatschows Zusicherung bemühen, daß dieser Reformprozeß in Osteuropa anhalten wird. Und wir werden ihm zusichern, daß die Vereinigten Staaten
Reformen nicht als Gegner begrüßen,
der seinen Vorteil sucht, sondern als
Volk, das Hilfe anbietet. Unser Ziel
besteht darin, daß sich dieser historische Vormarsch der Freiheit ausbreitet, vertieft und - dauerhaft
ist. Ihr friedlichea Vorrücken und
ihre Akzeptanz in der Sowjetunion ermutigen uns sehr. Wir dürfen nun
auch bei anderen Problemen hoffen unserer Umwelt, unserem gemeinsamen
Kampf gegen Drogen wie auch bei Menschenrechten und den noch bestehenden
regionalen Konflikten.
Unmittelbar nach meinem Treffen mit
Präsident Gorbatschow werde ich mich
zu Konsultationen mit unseren NATOPartnern nach Brüssel begeben - zu
dem Bündnis, das dem Westen 40 Jahre
Freiheit garantiert hat. Ich werde
ihnen versichern, daß ungeachtet der
Dramatik des Wandels in Osteuropa
oder in der Sowjetunion selbst die
Vereinigten Staaten weiterhin fest zu
ihren Freunden und Verbündeten stehen.
Denn in einem neuen Europa kann sich
die Rolle der Vereinigten Staaten
zwar der Form nach, nicht aber in ihren Grundsätzen ändern. Schließlich
stationiert die Sowjetunion weiterhin
Hunderttausende Soldaten in ganz Osteuropa. Sehen Sie sich nur Karten an
und betrachten Sie die Geschichte:
dann werden Sie sehen, daß diese Präsenz, mit dem natürlichen geographischen Vorteil der Sowjets, nicht ausser acht gelassen werden darf. Auch
wenn also auf beiden Seiten die
Streitkräfte erheblich reduziert werden - in der Tat ein nobles Ziel werden wir in Europa bleiben, so lange unsere Freunde dies wünschen und
brauchen.
Vor Malta werden Michail Gorbatschow
und ich die Arbeit von Jahren aufnehmen. Wir können den Völkern Osteuropas zu einem neuen Schicksal in einem
friedlichen, ungeteilten und freien

Europa verhelfen. Ich werde Präsident Gorbatschow, dem dynamischen sowjetischen Reformpolitiker gegenüber
den Wunsch der Vereinigten Staaten
zum Ausdruck bringen, daß das sowjetische Volk seine Bestimmung erfüllt.
Und ich werde ihm versichern, daß es
keinen größeren Befürworter der Perestrojka gibt als den Präsidenten der
Vereinigten Staaten.
Unser Treffen wird auf Schiffen
stattfinden, die in einer Meerenge
vor Anker liegen, die seit mehr als
zweitausend Jahren ein Schiffahrtsweg
für den Handel war und in der viele
Konflikte stattgefunden haben. Dieser Hafen wurde von Cäsaren und Sultanen, Kreuzrittern und Königen erobert. Seine Festungsanlagen und Aussichtstürme zeigen ein Meer, das zum
Grab der Schiffe verlorener Imperien
geworden ist - Sklavengaleeren, Galeonen, Schlachtschiffe und Zerstörer
liegen. Diese Schiffe sollten einstmals dauerhafte Imperien schützen.
Sie liegen jetzt auf dem Grund des
Meeres und wachen über die Korallenriffe.
Wenn die Jahrtausende uns also eine
Lektion erteilen, dann vielleicht
diese: Echte Sicherheit wird nicht
durch Imperien oder Dominanz erzielt.
Echte Sicherheit kann nur durch das
zunehmende Vertrauen freier Menschen
hervorgebracht werden.
Es ist gesagt worden, Frieden sei
nicht das Werk eines einzelnen Tages
oder das Ergebnis einer einzigen Tat.
Dennoch trägt jede konstruktive Maßnahme dazu bei, jede Unterlassung
verhindert ihn. Es wird am Ende so
sicher Frieden geben wie ein Kind
heranwächst - langsam, bis wir eines
Tages mit ungläubigem Staunen feststellen, daß das Kind nahezu erwachsen ist.
Wir hegen die Hoffnung, daß Malta eine solche konstruktive Maßnahme ist die Pilger auf ihrer Reise in eine
neue Welt der Freiheit führt.

- 5 -

* * * * *

�AMERIKA DIENST
r

^?

^

Dokumentation

Jy

29. November 1989

43
BUSH:

IN MALTA KEINE ÜBERRASCHUNGEN ZU ERWARTEN

- Gespräch mit Reportern im Weißen Haus WASHINGTON - (AD) - Präsident Bush zufolge wird das Treffen mit Präsident Gorbatschow vor Malta "die ganze Bandbreite von Themen" abdecken, aber keine für
die Verbündeten der Vereinigten Staaten überraschenden Ergebnisse bringen. In
einem kurzen Pressegespräch mit Journalisten im Weißen Haus versuchte Bush am
28. November 1989 Spekulationen zu zerstreuen, wonach seine Gespräche substantielle Verhandlungen über die Reduzierung der konventionellen Streitkräfte in
Europa und andere RUstungskontrollthemen werden könnten.
Nachfolgend veröffentlichen wir die Fragen und Antworten in leicht gekürzter
Fassung:
Frage: Wie steht es mit dem Gipfeitreffen, Herr Präsident?

und sein
möchten.

Antwort:
Ich bin froh, daß Sie
mich danach gefragt haben. Als ich
meine Absichten definiert habe, habe
ich erklärt, daß keine feste Tagesordnung besteht, daß ich bereit bin,
über die ganze Bandbreite von Themen
zu sprechen. Und genau das wird geschehen. Und nun gibt es alle Arten
von völlig aus der Luft gegriffenen
Spekulationen, wonach alles anders
sein soll. Ich bin also froh über
diese Frage, denn ich kann sagen, daß
wir ein gutes, solides Team versammelt haben, um mit Präsident Gorbatschow über alles zu sprechen, was er

Dabei wird jedoch kein Abkommen herauskommen, das unsere Verbündeten
überraschen würde. Wir sind Teil eines Bündnisses, und dieses Bündnis
ist sehr stark. Und es wird auch
nach dem Treffen stark sein, weil ich
unsere Partner nicht überraschen werde. Die Überraschung wird vielleicht
für manche darin bestehen, daß es
keine geben wird.

United States Information Service
Embassy of the United States of America

fähiges

Team

anschneiden

Frage:
Nein.
Die Frage lautet:
Sie haben die Einschränkung gemacht,
daß Sie die NATO informieren werden,
aber gehen Sie nicht dorthin mit ir-

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Tel.: 0228-339 2035
Telex: 8-85432

�gendetwas Konkretem in der Hand? Ich
meine, werden Sie sich nur dort hinsetzen und zuhören?
Antwort: Nein. Es gibt ein breites Spektrum von Bereichen, in denen
wir die Beziehungen verbessern können. Ich bin sehr besorgt über die
Vorgänge in Mittelamerika, und ich
werde Gorbatschow auffordern, zu tun,
was schon lange hätte getan werden
müssen - die Unterstützung für diejenigen einzustellen, die die Revolution schüren und sie in diese Hemisphäre exportieren.
Zufälligerweise erhielt ich heute einen Telefonanruf von Präsident Arias
aus Costa Rica, und ich werde auf
Wunsch von Arias gegenüber Gorbatschow zur Sprache bringen, daß die
Sowjetunion ihre Unterstützung für
Fidel Castro einstellt,* der Arias zufolge durch seine Unterstützung der
FMLN unmittelbar für den Export der
Revolution verantwortlich ist. Und
das war eine offene Bitte des Friedensnobelpreisträgers.
Wir werden also auf jeden Fall auch
unsererseits andere Themen aufwerfen. Ich werde mit meinen eigenen
Ideen dorthin reisen und dabei das
weiterführen, was der Außenminister
in sehr konstruktiver Weise bei seinen Gesprächen mit Schewardnadse getan hat.
Frage: Wird es angesichts des raschen Wandels zu Truppenreduzierungen
kommen?
Antwort:
Wir möchten unsere Verbündeten nicht übergehen. Verteidigungsminister Cheney überprüft gegenwärtig die Anforderungen für die Verteidigung - aber das ist ein gutes
Thema, denn ich werden kein Rüstungskontrollabkommen abschließen.
Wenn wir uns also im allgemeinen mit
den politisch Verantwortlichen der
Sowjetunion über unsere Bestrebungen
für ein Verteidigungssystem unterhalten wollen, wie es vielleicht in zehn
Jahren aussieht, so werden wir das

natürlich tun. Wir möchten, daß weit
weniger als 15 Prozent oder 17 Prozent des sowjetischen Bruttosozialprodukts für Verteidigung aufgewendet
werden.
Selbstverständlich
werden
wir darüber sprechen. Es ist sehr
wichtig, daß wir darüber sprechen.
Aber das meine ich gar nicht, wenn
ich von übersteigerten Erwartungen in
bezug auf irgendeine Vereinbarung
spreche. Es wird keine Vereinbarung
solcher Art geben. Zu einer Vereinbarung gehören zwei Partner.
Frage: Besteht eine der Ideen, die
sie zum Gipfel mitnehmen - Sie sprachen gerade von Ideen - darin, wesentlich einschneidendere Reduzierungen bei den konventionellen Streitkräften vorzunehmen als diejenigen,
die Sie in Brüssel vorgeschlagen haben?
Antwort: Wie ich schon sagte, gehören zu einer Vereinbarung zwei
Partner. Wir müssen dorthin reisen
und seine Pläne mit ihm besprechen
und dürfen das Bündnis nicht durch
einseitige Verpflichtungen festlegen.
Frage: Aber Sie sind bereit, über
einschneidendere Kürzungen zu sprechen als früher?
Antwort: Ich bin bereit, über alles zu reden. Darin liegt ja der
Sinn dieses Treffens. Deshalb habe
ich es ja als Treffen bezeichnet, bei
dem wir ohne feste Tagesordnung über
alles sprechen können.
Frage: Die Ereignisse in Osteuropa
scheinen sich weitgehend selbständig
zu entwickeln. Meinen Sie, daß Sie
als Präsident eine größere Rolle bei
der Gestaltung dieser Entwicklungen
spielen sollten, oder denken Sie, daß
Europa hier die Führungsrolle übernehmen sollte?
Antwort: Meines Erachtens wird die
Führungsrolle von den Völkern dieser
Länder übernommen. Und ich habe bereits mit allen Staats- oder Regierungschefs der NATO-Partner gespro-

- 2 -

�chen. Ohne mich hier selbst in den
Vordergrund schieben zu wollen, haben
mir nahezu alle versichert, daß sich
ihres Erachtens die Vereinigten Staaten in dieser Situation richtig verhalten. Wir wissen die Haltung der
Vereinigten Staaten gegenüber diesen
Veränderungen, den umsichtigen Ansatz, zu schätzen.
Und das wurde
wiederholt zum Ausdruck gebracht.
Ich habe mit jedem Staats- oder Regierungschef der NATO-Partner telefoniert. Ich bin also davon überzeugt,
daß sie unsere Haltung unterstützen.
Was gegenwärtig in der Tschechoslowakei geschieht, was in Polen geschehen
ist und weiterhin geschieht, die Ereignisse in der DDR und in Ungarn,
all das geht von der dortigen Bevölkerung aus. Es kommt nicht von irgend jemandem auf der anderen Seite
der Welt, der diktiert, wie schnell
der Wandel sein sollte oder was dazu
gehören sollte.
Wir haben in zahlreichen Reden eine
breite Perspektive davon entwickelt,
welche Entwicklung die Welt unserer
Meinung nach nehmen sollte. Wir haben schon vor Monaten darüber gesprochen, und es wurde kaum zur Kenntnis
genommen.
Aber unsere Verbündeten
haben es verstanden. Sie verstanden
sehr wohl, wenn wir von einem ungeteilten, freien Europa sprachen oder
als ich in einem Interview mit David
Frost erklärte, daß die Berliner Mauer noch während meiner Präsidentschaft fallen werde.
Ich denke also, daß unsere Haltung
gegenüber der gegenwärtigen Entwicklung korrekt ist. Und ich sage dies
aufgrund der Reaktionen unserer Verbündeten. Wir sind Teil eines Bündnisses, und dieses Bündnis wird weiterhin Bestand haben.
Und es ist
sehr wichtig, daß die Bündnispartner
wissen, daß ich mich dort nicht aus
dem Fenster lehnen und sie überrollen
werde, indem ich sie auf irgendetwas
verpflichte. Auf diese Weise bleibt
ein Bündnis nicht stark und kann ein
dauerhafter Wandel nicht bewirkt werden.

Frage:
Herr Präsident, Sie haben
gesagt, in Malta wird es keine Vereinbarung geben. Es hat aber Berichte gegeben, wonach Sie Präsident Gorbatschow eine Unterschreitung der
Obergrenze von 275 000 Mann für die
Vereinigten Staaten und die Sowjetunion vorschlagen werden.
Antwort:
gesehen.
Frage:
heit?

Ich

habe

Entsprechen

solche

sie

Berichte

der

Wahr-

Antwort: Nein. Ich habe Ihnen erklärt, daß wir nicht mit spezifischen
Vorschlägen dorthin reisen. Wenn wir
irgend etwas derartiges besprechen
wollen, werden wir es tun. Aber das
möchte ich ja gerade klarstellen. Es
gibt keine Rüstungskontrollvorschläge. Ich habe Herrn Gorbatschow handschriftlich versichert - höchstpersönlich, damit er weiß, daß das von
mir kommt und nicht von der Bürokratie -, daß dies nicht der Gipfel für
ein Rüstungskontrollabkommen ist.
Wir haben ein Treffen vereinbart, einen Gipfel, auf dem wir nach Konsultationen
mit
unseren
Verbündeten
Fortschritte erzielen möchten.
Es
kann darüber also meines Erachtens
keine Mißverständnisse geben.
Ich habe etwas darüber
einer der sowjetischen
klärt hat, und daraus
daß wir ziemlich auf
Wellenlänge liegen.

gelesen, was
Sprecher erentnehme ich,
der gleichen

Frage:
Was ist Ihre Reaktion auf
den Kohl-Vorschlag zur Wiedervereinigung?
Antwort:
Ich werde bald mit ihm
sprechen und möchte doch gern bis dahin abwarten und von ihm genaueres
darüber erfahren.
Frage:
Sie haben Ihre Besorgnis
über die Vorgänge in Mittelamerika
erwähnt. Sie haben von den Sowjets
Zusicherungen erhalten, sie würden
den Waffennachschub abschneiden.

- 3 -

�Antwort:
Sie haben die Waffenlieferungen an Kuba nicht eingestellt.
Und wie Präsident Arias sagte, gibt
es einen bestimmten Hauptverantwortlichen für die Unterstützung der
FMLN, der versucht, die Demokratie in
Mittelamerika im Keim zu ersticken,
El Salvador die Demokratie vorzuenthalten - und das ist Fidel Castro.
Und der hat Ortega in diese Strategie
einbezogen.
Wir müssen diese Probleme also behandeln, und ich gehen davon aus, daß
die Sowjets dazu bereit sind. Wenn
Sie einen Gesprächspunkt wollen, wenn
sie eine Erklärung des Präsidenten
wollen, so bin ich nicht die Art von
Mann, der dorthin fährt und dies verweigern würde. Jetzt haben Sie eine
Schlagzeile.
Frage: Nun, sind Sie ein Mann, der
gegen die Angriffe auf Kirchen in El
Salvador protestieren wird?
Antwort: Ich bin ein Mann, der zunächst die Fakten anfordert.
Und
wenn dort in irgendeiner Weise die
Rechte von Amerikanern beeinträchtigt
werden, werde ich dagegen scharf protestieren. Und wenn Amerikaner sich
an Versuchen beteiligen sollten, eine
Regierung mit Waffengewalt zu stürzen, werde ich auch dies nicht mit
Wohlwollen betrachten. Ich werde also auf die Einhaltung der Menschenrechte und die Tatsache achten, daß
jeder Amerikaner von den Behörden
rechtlich
einwandfrei
behandelt
wird. Versuche, eine frei gewählte
Regierung zu stürzen, werde ich jedoch nicht unterstützen. In dieser
Hemisphäre findet eine Entwicklung
zur Demokratie statt, und dieser Anruf von Oscar Arias hat mich sehr
stark beeindruckt.

* * * * *

�AM
Hintergrundmaterial

29. November 1989

43

US-DELEGATION STELLT SICH IN POLEN DEN HERAUSFORDERUNGEN DER GESCHICHTE
- Von Landwirtschaftsminister Clayton Yeutter -

WASHINGTON - (AD) - Vor zwei Wochen
bereiteten der amerikanische Kongreß
- und mit ihm die amerikanische Öffentlichkeit - dem Führer der polnischen Gewerkschaft Solidarität, Lech
Walesa, einen "ruhmreichen Empfang".
Die Ovationen galten natürlich der
Persönlichkeit des Mannes und dem,
was er getan hat, um die Reformen
einzuleiten, die sich heute mit so
großer Geschwindigkeit in ganz Osteuropa vollziehen.
Aber in gewissem
Sinne wurde damit auch dem polnischen
Volk Beifall gezollt, das nicht zuließ, daß ihm durch Totalitarismus
das Rückgrat gebrochen wurde oder das
Feuer der Demokratie und Freiheit erlöschen konnte.
Die Vereinigten Staaten haben traditionell enge Beziehungen zu Polen -

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Abstammung, Kultur und gemeinsame
Werte verbinden uns.
Aus diesem
Grund nehmen wir an den gegenwärtigen
Ereignissen in Polen großen Anteil und engagieren uns auf nationaler
Ebene, um die Hoffnungen des polnischen Volkes auf größere politische
Unabhängigkeit
und
wirtschaftliche
Freiheit erfüllen zu helfen.
Der Delegation, die morgen unter meiner Leitung nach Polen reist, gehören
auch die Minister Dole und Mosbacher
sowie der Vorsitzende des Rates der
Wirtschaftsberater, Boskin, an.
Es
handelt sich dabei im wesentlichen um
eine
Untersuchungskommission,
die
sich auf die Wirtschaftsreformen der
neuen Regierung konzentrieren wird und darauf, wie Programme und Investitionen der Regierung und des Pri-

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�vatsektors der Vereinigten Staaten
die Reformen unterstützen können.
Alle Mitglieder der Delegation engagieren sich für den Übergang der polnischen Wirtschaft von einem von
Planwirtschaft gelähmten System zu
einer Volkswirtschaft, die dem freien
Unternehmertum und der Kreativität
des polnischen Volkes Spielraum verschafft. Zentrale Planung kann es,
selbst wenn sie sich größter und modernster Computer bedienen sollte,
niemals mit einem Markt aufnehmen, in
dem das Angebot den sich wandelnden
Bedürfnissen des Verbrauchers gerecht
wird. Unsere Delegation wird insbesondere Wirtschaftssektoren untersuchen,
auf
denen
amerikanisches
Know-how und amerikanische Erfahrungen viel bewirken können - die Landwirtschaft, Unternehmensführung, Industrie und Finanzwesen.
Ich möchte insbesondere auf den großen Anteil von Fachleuten aus der
Privatwirtschaft an dieser Delegation
hinweisen.
Mit uns reisen zwanzig
Vertreter aus Gewerkschaft und Industrie, Wirtschaftswissenschaftler und
andere FUhrungskräfte des Privatsektors, etwa von den Banken und aus der
Agrarwirtschaft.
Wir werden unmittelbar nach unserer Ankunft in Polen
Arbeitsgruppen bilden, um festzustellen, inwieweit die Reformen und Verbesserungen in verschiedenen Sektoren
einander beeinflussen und in welchem
Verhältnis sie zum strukturellen, makroökonomischen und Preisreformprogramm Polens insgesamt stehen.
Dieser ersten Reise werden weitere
Besuche amerikanischer Fachleute folgen, die einzelne Sektoren der polnischen Wirtschaft untersuchen sollen.
Darüber hinaus prüfen Ökonomen der
Regierung die strukturellen Herausforderungen in der Wirtschaft, denen
sich Polen jetzt und in den kommenden
Jahren stellen muß, damit die Vereinigten Staaten so effektiv wie möglich helfen können.
Die Delegation tritt ihre Reise an
einem wichtigen Punkt in der Ge-

schichte Osteuropas - und der Welt
schlechthin - an. Dessen sind sich
alle Delegationsmitglieder bewußt und nehmen diese Herausforderung an.
Wir wissen, wie Lech Walesa dem amerikanischen Kongreß vor zwei Wochen
mitteilte, daß "jetzt der Zeitpunkt
gekommen ist, an dem Osteuropa Investitionen erwartet", die in etwa die
Form des Marshallplans haben könnten,
mit dem die Volkswirtschaften Westeuropas nach dem Zweiten Weltkrieg wiederaufgebaut wurden.
Der Marshallplan war tatsächlich etwas Besonderes und mehr als nur materielle Hilfe. Allein als solche wäre
er ein kolossaler Fehlschlag geworden.
Sein ungeheurer Erfolg kann
darauf zurückgeführt werden, daß er
Anreize geschaffen hat, Schranken in
Europa abzubauen, die wirtschaftliche
Aktivitäten und Wachstum hätten behindern können. Es war der Marshallplan, der den Regierungen Europas den
Antrieb gab, zusammenzuarbeiten, den
grenzüberschreitenden Fluß von Handelswaren und Ressourcen zuzulassen,
Verkehrssysteme und Stromnetze zu
verbinden und wirtschaftliche und politische Beziehungen zu entwickeln,
die dem Fortschritt Auftrieb verleihen würden.
Die von mir geleitete Polen-Delegation ist natürlich nicht mit einem
Marshallplan - nicht einmal mit dem
Bruchteil eines Marshallplans - zu
vergleichen. Wir sind eine Untersuchungskommission. Aber wir werden in
der polnischen Wirtschaft nach denselben Verbindungen suchen, mit denen
der Marshallplan seine Wirkung erzielt hat.
Was Polen leistet, hat im wahrsten
Sinne des Wortes historischen Charakter. Es birgt nicht nur die Hoffnung
auf einen friedlichen Übergang zu einer demokratischen Regierung in diesem einen Land, sondern auf den Anfang vom Ende der Teilung Europas hin
zu einem ungeteilten und freien Europa.
Das ist beispiellos.
Niemals
zuvor hat ein Land eine erfolgreiche
Umwandlung von einem staatlich kon-

�trollierten wirtschaftlichen und politischen System zu einem System des
politischen Pluralismus, der Demokratie und freien Marktwirtschaft vollzogen.
Unsere Delegation tritt morgen ihre
Reise nach Polen an, und wir fühlen
uns geehrt, die Möglichkeit zu haben,
bei dieser Umwandlung helfen zu können.

* * * * *

- 3 -

�hmisu&amp;xMtuMliSi
Hintergrundmaterial

43

29. November 1989

DER SCHLÜSSEL ZUM HANDEL MIT OSTEUROPA
von Robert A. Mosbacher -

Der Autor des nachstehenden Artikels, der am 27. November 1989 in der Washington Post erschien, ist Wirtschaftsminister der Vereinigten Staaten von
Amerika.
Erst kürzlich bin ich von Sondierungen in Osteuropa zurückgekehrt. Dabei habe ich die Überzeugung gewonnen, daß der Schlüssel zu einer Verbesserung der Ost-West-Handelsbeziehungen in sechs Grundvoraussetzungen
liegt:
- Das Wachstum des Ost-West-Handels
muß sich auf solide wirtschaftliche
Entscheidungen gründen. Wir können
amerikanische Unternehmen nicht zwingen, im Osten wirtschaftlich tätig zu
werden, und es ist Aufgabe der dortigen Regierungen, attraktive und profitable Rahmenbedingungen zu schaffen.
Nur aufgrund solcher Ermutigung
wird es zu realen Investitionen und
in deren Gefolge zur Schaffung von

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Arbeitsplätzen, Bildung von Kapital
und Erhöhung des Lebensstandards kommen.
- Investitionen, darunter auch Gemeinschaftsunternehmen, müssen eine
Schlüsselrolle bei der Entwicklung
der
Wirtschaftsbeziehungen
einnehmen.
Die wirksamste langfristige
Hilfe, die von den Vereinigten Staaten angeboten werden kann, sind Direktinvestitionen amerikanischer Unternehmen.
Die Beteiligung des
Privatsektors bringt
schaftliches Know-how
rische Dynamik ein chen Elemente für den

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amerikanischen
Kapital, wirtund unternehmedie unerläßliÜbergang zu ei-

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�ner Marktwirtschaft westlichen Stils.
Das kürzlich von General Electric angekündigte
Gemeinschaftsunternehmen
mit der ungarischen Tungsram Co. im
Volumen von 150 Millionen Dollar ist
ein herausragendes Beispiel für die
Chancen privatwirtschaftlicher Partnerschaften in Osteuropa.
- Um Investitionen zu fördern, müssen
Polen und andere osteuropäische Länder ihr Rechts-, Rechnungs- und Bankwesen dem heutigen Stand angleichen.
Zum Beispiel können Unternehmen in
Polen gegenwärtig keine Akkreditive
erhalten.
Girokonten, wie wir sie
kennen, existieren nicht, und das
Rechnungswesen ist mit dem internationalen Zahlungssystem, wie es von
allen
Industriestaaten
verwendet
wird, nicht vereinbar. Dies sind nur
einige Probleme, die wir mit einem
Wirtschafts- und Handelsabkommen zu
lösen hoffen.
- Für die Entwicklung von Märkten benötigen Käufer und Anbieter Zugang zu
korrekten Wirtschaftsdaten. Die Vereinigten Staaten können Hilfe anbieten, um Statistiken über Verbraucherpreise, Handel und Arbeitslosigkeit
korrekt und rasch zu erstellen.
- Unser Engagement für die Menschenrechte ist integraler Bestandteil unserer Handelspolitik. Politische und
wirtschaftliche Freiheit gehen Hand
in Hand, und grundlegende Verbesserungen im Ost-West-Handel werden solange anhalten, wie der Fortschritt
bei den Menschenrechten andauert.
- Während wir ein starkes Wachstum
des nichtstrategischen Handels begrüßen,
ermutigen
und
unterstützen,
bleiben
die
Sicherheitsbedürfnisse
des Westens jedoch von übergeordneter
Bedeutung.
Wir werden mit unseren
Verbündeten zusammenarbeiten, um sicherzustellen, daß nur lebenswichtige
Technologien der Kontrolle unterliegen. Die Exportkontrollen für solche
Güter werden bestehen bleiben.

Innerhalb dieses Rahmens werden wir
Osteuropa dabei helfen, ein wettbewerbsfähiges ,
marktwirtschaftlich
orientiertes Wirtschaftsystem - den
Schlüssel zur Integration in die
Weltwirtschaft - zu entwickeln. Wir
werden ferner dazu beitragen, amerikanischen Unternehmen neue Investitions- und Exportchancen zu eröffnen.
Bei seinem Gespräch im amerikanischen
Wirtschaftsministerium vor einer Woche hat Lech Walesa die amerikanischen Unternehmer aufgefordert, Vorschläge für eine Zusammenarbeit zu
unterbreiten, die für beide Seiten
vorteilhaft ist. Dies ist eine Herausforderung, die bewältigt werden
kann und muß.

* * * * *

�AMERIKA DIENST
Hintergrundmaterial

'VON**

29. November 1989

43

MALTA LEITET NEUES KAPITEL DER NACHKRIEGSGESCHICHTE EIN

- Hintergrundartikel zum Treffen von Malta WASHINGTON - (AD) - Der Beginn eines
neuen Kapitels in der Geschichte der
Nachkriegszeit wird formell eingeleitet, wenn die Präsidenten Bush und
Gorbatschow am 2. und 3. Dezember
1989 in Malta zusammentreffen.
Die beiden Präsidenten werden sich
auf Kriegsschiffen vor Malta einfinden, um über Frieden zu sprechen und
neue Prioritäten ihrer jeweiligen außenpolitischen Konzepte zu erörtern,
um damit das Werk der unbeugsamen Polen, Ungarn, DDR-Bürger und der Menschen in der Tschechoslowakei, Litauen, Estland, Lettland, der Ukraine
und Rußland zu vollenenden. Sie werden über das Zeitalter des Wandels
sprechen, in dem Krieg zunehmend
schwerer vorstellbar und Demokratie
zum Kredo des ausgehenden 20. Jahr-

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hunderts wird. Weitere Themen werden
Rüstungskontrollverhandlungen
und
auch die Frage sein, ob die Verhandlungsspositionen insbesondere bei den
Gesprächen
über
konventionelle
Streitkräfte nicht von den Ereignissen überholt worden sind.
Das erste der insgesamt fünf Gespräche wird am 2. Dezember auf dem sowjetischen Kreuzer Slava stattfinden,
der mit Atomwaffen bestückt werden
kann, für weitere Gespräche steht der
amerikanische Lenkwaffenkreuzer USS
Belknap zur Verfügung. Beide Schiffe
liegen bei Marsaxlokk vor Anker. In
Anwesenheit
ihrer engsten Berater
werden beide Präsidenten ein zweistündiges Gespräch führen und sich
dann zu einer einstündigen privaten
Unterredung zurückziehen.
Vor dem

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�Mittagessen in der Offiziersmesse ist
ein Spaziergang an Deck der Slava
vorgesehen. Programmgemäß soll Bush
daraufhin auf die Belknap zurückkehren, um sich zurückziehen zu können,
bevor er sich zu weiteren Gesprächen
wieder auf der Slava einfindet. Bush
wird Gorbatschow und seine Delegation
zu einem Arbeitsessen an Bord der
Belknap einladen.
Am 3. Dezember
wird Gorbatschow sich zur dritten Gesprächsrunde auf der Belknap einfinden. Vor dem Mittagessen ist eine
Besichtigung des Schiffes vorgesehen. Geplant ist eine zweite private
Unterredung, worauf eine gemeinsame
Presseerklärung folgen soll. Zum Abschluß der zweitägigen Gespräche wird
jeder der beiden Präsidenten eine
Pressekonferenz geben.
Als Ort der Gespräche wurde ein Land
ausgewählt, in dem stumme Zeugen von
der Sinnlosigkeit
der Zwangsherrschaft künden. Malta wurde bereits
in vorchristlicher Zeit von den Phöniziern erobert, später kamen dann
die Römer, die Araber, die Normannen,
Franzosen und die Briten. Türken und
Nazis unternahmen entsprechende Versuche, die Malta jedoch abwehren
konnte. Präsident Bush hat bereits
darauf verwiesen, daß beide Schiffe
über den Wracks von Sklavengaleeren
und Galeonen, Schlachtschiffen und
Zerstörer liegen, die "einstmals dauerhafte Imperien schützen" sollten,
jetzt aber nur noch " über die Korallenriffe wachen".
Das lehrt uns dem Präsidenten zufolge
eine einfache Lektion:
"Echte Sicherheit wird nicht durch Imperien
oder Dominanz erzielt. Echte Sicherheit kann nur durch das zunehmende
Vertrauen freier Menschen hervorgebracht werden."
Im Mittelpunkt der Gespräche wird der
Übergang von der so unsicher mit Armeen aus Panzern und Raketen durch
Pufferstaaten konstruierten Sicherheit zu der Sicherheit stehen, die
durch den frei fließenden Austausch
von Ideen, Kultur, Menschen und Waren
gekennzeichnet ist.
Bush wird si-

cherlich Gorbatschow gegenüber dessen
Toleranzspielraum zu den Veränderungen in Osteuropa und innerhalb der
Sowjetunion ansprechen.
Es heißt,
daß Gorbatschow Bush um Zusicherung
bitten wird, daß der Westen die Zeit
des Wandels nicht für seine eigene
Machterweiterung
ausnutzt und auf
Bushs Worte zurückkommen, daß die
Vereinigten Staaten
"die Reformen
nicht als Gegner begrüßen, der seinen
Vorteil sucht, sondern als Volk, das
Hilfe anbietet."
Der sowjetische
Präsident könnte ferner um Hilfe für
seine marode Wirtschaft bitten, aber
eher in Form von Know-how als Entwicklungshilfegeldern.
Bush hat seit dem letzten Frühjahr
vorsichtig - oder wie er sagt, wohlüberlegt - an Washingtons Umgang mit
den Veränderungen gearbeitet und auch
in einer Reihe von Reden zu den außenpolitischen Grundsätzen seiner Administration Stellung genommen. Zunächst erklärte er gegenüber polnischstämmigen
Amerikanern
im
Hamtramck (Michigan), die Vereinigten
Staaten würden mit moralischer Unterstützung und Direktinvestitionen Polen und Ungarn bei der Durchführung
ihrer Wirtschaftsreform helfen. Bush
bekräftigte beide Versprechen be*
seinen Reisen in beide Länder im Sommer dieses Jahres.
Der Präsident hat nicht nur Pakete
der Wirtschaftshilfe für jedes Land
geschnürt, sondern auch beim Pariser
Weltwirtschaftsgipfel die Zustimmmung
der westlichen Industriestaaten für
gemeinsame Maßnahmen der westlichen
Welt eingeholt, um Warschau und Budapest beim Übergang von der Planwirtschaft zur freien Marktwirtshaft zu
helfen.
Zumindest in Polen riefen
Bushs Versprechen zur Hilfe eine Beschleunigung
der
politischen
und
wirtschaftlichen Reformen hervor, und
früher als erwartet übernahm die Gewerkschaft Solidarität Aufgaben in
der Regierung.
In mehreren der im Frühjahr gehaltenen Reden, unter anderem in der unvergeßlichen Rede in der Mainzer

- 2 -

�Rheingoldhalle verlieh Bush der amerikanischen Hoffnung Ausdruck, daß
Europa wieder ungeteilt sein, in einer freien Staatengemeinschaft leben
und die Narben des Krieges und der
Teilung beseitigt und Freizügigkeit
auf dem Kontinent wieder an der Tagesordnung sein mögen.
In Budapest erhielt Bush erste Beweise dafür, daß diese Hoffnung Wirklichkeit werden könnte - Teile des
Stacheldrahts, die einstmals Ungarn
und Österreich voneinander getrennt
hatten. Die Ungarn hatten als Beitrag zum Zeitalter der Veränderungen
ihren Teil des Eisernen Vorhangs aufgerollt, der sich von Stettin an der
Ostsee bis nach Triest an der Adria
erstreckt hatte. Und erst vor einigen Tagen übergab Bundesaußenminister
Genscher Bush ein Stück aus der Berliner
Mauer,
des
schrecklichsten
Teils des Eisernen Vorhangs.
Schließlich hat Bush auch bei der A
and M University von Texas und gerade
erst in seiner Rede an die Nation zum
Erntedankfest erneut Amerikas einhellige Unterstützung für die Reformbestrebungen Gorbatschows bekräftigt.
Wie Bush am 22. November erklärte,
gibt es keinen größeren Befürworter
der Perestrojka als den Präsidenten
der Vereinigten Staaten.
Das Zeitalter der Veränderungen ist
jetzt schon längere Zeit im Gange ob man von seinen Anfängen - beim
Gipfel in Reykjavik - oder von einem
späteren Zeitpunkt an - der Öffnung
der Berliner Mauer - rechnet. In
Reykjavik waren das Weiße Haus und
der Kreml der Vereinbarung über ein
Verbot aller ballistischen Atomwaffen
sehr nah. Die Öffnung der Berliner
Mauer signalisierte die Erkenntnis
eines der strengsten kommunistischen
Regime, daß es sich dem Willen des
Volkes, zumindest dieses Mal, nicht
widersetzen kann - weder mit Peitschen, noch mit Gummiknüppeln oder
Panzern.

Die Tatsache, daß ein neues Zeitalter
begonnen hat, liefert den Beweis dafür,
daß
diplomatische
Theorien
manchmal verwirklicht werden können.
Die. Theorie wurde vor mehr als 40
Jahren von einem früheren amerikanischen Botschafter in Moskau aufgestellt. Als George Kennan die Welt
der späten vierziger Jahre betrachtete, sah er eine stalinistische Sowjetunion, die den Geist und den
Buchstaben des Abkommens von Jalta
zerschlagen hatte. Stalin hatte die
in Osteuropa versprochenen freien
Wahlen durch Gewehre und Kugeln ersetzt und schien die Absicht zu haben, seinen Einfluß auf Griechenland
und die Türkei auszudehnen. Es wurde
sogar befürchtet, er habe Pläne mit
Westeuropa.
Aber Kennan konnte auch beobachten,
daß Stalin zwar über eine Planwirtschaft herrschte, die Waffen liefern
konnte, um Völker zu unterdrücken und
Nachbarn zu bedrohen, sein System
aber nicht imstande war, dem Volk
langfristig das Lebensnotwendigste zu
liefern.
Kennan riet im Westen zu Geduld. Er
war davon überzeugt, daß der Kommunismus scheitern und Opfer seiner eigenen innenpolitischen Widersprüche
werden würde. Seine Aggression sollte von westlichen Ländern im Zaum gehalten werden, die über Mittel zur
Kriegführung verfügten, auch wenn ihr
Bestreben der Frieden war, gestützt
vom Zusammenhalt der gemeinsamen politischen Ziele, die zu verteidigen
man bereit war und mit einem gemeinsamen Drang nach Freiheit ausgerüstet, das man als Recht und die Bestimmung der Menschheit ansah.
Auf der Grundlage dieser Politik des
Contaiment wurde der Nordatlantikvertrag geschlossen, und die Vereinigten
Staaten und ihre Freunde haben - zumeist erfolgreich - versucht, einen
Damm gegen die Flut der kommunistischen Bedrohung zu errichten.

- 3-

�Und genau wie Kennan vorhersagte,
wurde der Kommunismus von Praktikern
beurteilt und für mangelhaft befunden, erst in der Sowjetunion und China, jetzt in Ungarn und Polen.
Es ist die Aufgabe von Bush und Gorbatschow - und die Aufgabe aller Länder und Völker in Ost und West - die
jetzt mit der Berliner Mauer und dem
Eisernen Vorhang in Schutt und Asche
liegende alte Ordnung durch eine
"neue Partnerschaft" zu ersetzen, die
sich den wichtigen Problemen unserer
Zeit widmet: Umwelt, Erwärmung des
Erdklimas, Drogen, Hunger, Krankheit
und Menschenrechte.

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