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Herausgeber. U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

Z12462 C

15. Januar 1998

01

AUSSENPOLITIK

US-AUSSENPOLITIK 1997 UND 1998
Rede von Madeleine Albright

BOSNIEN

BOSNIER SOLLEN NEUES JAHRHUNDERT
MIT DER MUSIK DES FRIEDENS BEGINNEN
Besuch von Präsident Clinton in Sarajevo

BOSNIEN BENOTIGT WEITERHIN
INTERNATIONALE SCHUTZTRUPPE
Bericht der Senatoren Levin und Reed

USA-EUROPA

BERLIN UND DIE VERVOLLSTÄNDIGUNG
EUROPAS
Rede von Botschafter Kornblum

HANDEL

SANKTIONEN GEGEN INVESTITIONEN
IM IRAN WEITERHIN IN KRAFT
Rede von Staatssekretär Stuart Eizenstat

NATO

DIE AUSWIRKUNGEN DER NATO AUF
DEMOKRATISCHE UND WIRTSCHAFTLICHE
INSTITUTIONEN
von Joshua Muravchik

Informationen über die Politik der US-Regierung und
die Vereinigten Staaten im allgemeinen können
auf der Home Page von USIS-Deutschland
im World Wide Web des Internet unter
http://www.usia.gov/posts/bonn.html
abgerufen werden.
Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Deichmanns Aue 29
D 53170 Bonn
Tel.: 0228-339 2372

Fax: 0228-333 138
e-mail: bbsbonn@usia.gov
internet: http://www.usia.gov/posts/bonn.html

�AUSSENPOLITIK
14.Januar 1998

US-Außenpolitik 1997 und 1998
Rede von Madeleine Albright

WASHINGTON - (AD) - 1997 war US-Außenministerin Madeleine Albright zufolge "ein sehr gutes Jahr" für die
amerikanische Außenpolitik. Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede, in der sie am 13. Januar 1998 im Center
for National Policy eine Bilanz ihres ersten Jahrs als Außenministerin zieht.

Da dies meine erste Rede im neuen Jahr ist, möchte
ich eine Vorschau der außenpolitischen Agenda der
Vereinigten Staaten für 1998 geben. Zuvor möchte ich
jedoch das Jahr 1997 Revue passieren lassen. Ich
kann kaum glauben, daß erst zwölf Monate vergangen
sind, seit ich auf meine Bestätigung als Außenministerin durch den Senat gewartet habe.
Für mich war dies ein ganz besonderes Jahr: Nicht
nur, weil ich mich jetzt ganz der Diplomatie widmen
kann; sondern auch, weil ich in Baltimore die Baseballsaison eröffnete, in Asien erstmals seit meiner Schulzeit in der Öffentlichkeit singen durfte und erst letzten
Monat von einer amerikanischen Zeitschrift auf die
Liste der 25 interessantesten Leute gesetzt wurde zusammen mit einem geklonten Schaf.
Ich machte auch die Erfahrung, Briefe wie den zu
erhalten, der kürzlich in der The Washington Post
erwähnt wurde - von einer hochschwangeren Engländerin, die begeistert Kreuzworträtsel löste und nicht
wußte, wie Amerikas Außenministerin heißt. Und die
während der schmerzhaften Wehen plötzlich schrie,
ich hab's, es ist Madeleine Albright.
Glücklicherweise gab es auch viele Höhepunkte.
Denn trotz Enttäuschungen und Rückschlägen war es
ein sehr gutes Jahr für unsere Außenpolitik.
Dank der Unterstützung beider Parteien traten die
Vereinigten Staaten der Chemiewaffenkonvention als
Gründungsmitglied bei. Und angesichts der jüngsten
Ereignisse am Golf erweist sich unsere Führungsrolle
im Kampf gegen die Verbreitung von Massenvernichtungswaffen als lebenswichtig.

AMERIKA DIENST 01

In Europa lud die NATO neue Mitglieder zum Beitritt
ein und bereitete sich auf neue Missionen vor, während sie gleichzeitig eine historische Partnerschaft mit
Rußland und der Ukraine einging. In Bosnien verstärkten wir unsere Bestrebungen zur Umsetzung des
Daytoner Abkommens, damit der schwer verdiente
Friede Bestand hat und unsere Investitionen und Opfer
nicht vergeblich waren.
In Asien unterzeichneten wir mit Japan neue Verteidigungsrichtlinien. Wir begannen Vierparteiengespräche
zur Erlangung eines dauerhaften Friedens auf der
koreanischen Halbinsel. Wir intensivierten den Dialog
mit China, erzielten dabei Fortschritte bei Wirtschaftsund Sicherheitsfragen und beharrten weiterhin auf
unseren Grundsätzen bei den Menschenrechten, bei
denen Peking mehrere positive Schritte unternommen
hat, einschließlich der Freilassung von Wei Jingsheng.
Bei der Vorbereitung geplanter Besuche des Präsidenten in diesem Jahr eröffneten wir neue Kapitel in
unseren Beziehungen zu Lateinamerika, der Karibik,
Südasien und Afrika. Wir unternahmen einen entscheidenden ersten Schritt zu einer globalen Übereinkunft zur Bekämpfung des Klimawandels. Wir setzten
uns für die Verbesserung des Status der Frau ein und
stellten diese Anstrengungen in den Mittelpunkt der
amerikanischen Außenpolitik, wo sie hingehören. Wir
schufen die Grundlage für die dringend benötigte
Neuorganisation unserer außenpolitischen Institutionen. Und wir machten Fortschritte bei der Wiederherstellung eines überparteilichen Konsenses über die
Führungsrolle der Vereinigten Staaten bei internationalen Angelegenheiten, wie die seit Jahren erste
Aufstockung der für internationale Programme vorgesehenen Mittel zeigt.

Seite 1

�Wir beginnen 1998 also aus einer Position der Stärke
heraus. Unsere Wirtschaft boomt, unsere Bündnisse
sind stark, unser Militär ist das beste, und unsere
demokratischen Werte werden von mehr Menschen
auf der Welt übernommen als je zuvor.
Die Erfahrung warnt uns jedoch, daß der Lauf der
Ereignisse weder vorhersehbar noch reibungslos ist.
Und angesichts der Schnelllebigkeit unseres Zeitalters
wissen wir, daß neue Bedrohungen unserer Sicherheit
und unseres Wohlstands mit der Geschwindigkeit des
21. Jahrhunderts entstehen können.
Entsprechend müssen und werden wir unsere Wachsamkeit am Golf aufrechterhalten, damit Saddam
Hussein nie wieder die irakischen Nachbarn mit
Aggression oder die Welt mit Massenvernichtungswaffen bedrohen kann. Bevor ich heute Morgen
hierher kam, rief mich Außenminister Primakow an, um
mit mir über die Vorgänge im Irak zu sprechen. Es ist
von elementarer Bedeutung - der Präsident äußerte
das gestern, und wir werden nicht müde, es zu
wiederholen - daß der UN-Sicherheitsrat letzten Endes
den bedingungslosen Zugang der UNSCOM erreicht.
Es ist absolut unerläßlich, daß Saddam Hussein die in
den Resolutionen des Sicherheitsrats enthaltenen
Verpflichtungen erfüllt und in Bezug auf Massenvernichtungswaffen wahrheitsgemäße Angaben macht.
Wir müssen wissen, welche Waffen er hatte und
welche Potentiale er hat, und wir müssen Zugang dazu
erhalten. Die UNSCOM muß bedingungslosen und
ungehinderten Zugang zu allen Lagerstätten erhalten.
Meiner Ansicht nach dürfen wir nicht vergessen, daß
das vom Sicherheitsrat unterstützte Regime und die
verhängten Sanktionen das umfassendste Sanktionsregime in der Weltgeschichte darstellen. Es hat nicht
zum Ziel, das irakische Volk zu bestrafen. Dieses liegt
uns am Herzen, und tatsächlich haben wir eine
Resolution eingebracht die sicherstellt, daß Saddam
Hussein dem irakischen Volk humanitäre Hilfe und das
Lebensnotwendige zukommen läßt.
Es ist jedoch unabdingbar, daß Saddam Hussein seine
Verpflichtungen erfüllt und keine Bedrohung der
Region darstellt. Aus diesem Grund werden wir
weiterhin wachsam und entschlossen sein und keine
Option ausschließen.
Im Nahen Osten werden wir darauf hinarbeiten, daß
dieses Jahr entscheidende Schritte zu dauerhaftem
Frieden unternommen werden. Ich weiß, daß der
Präsident das bei seinen Treffen kommende Woche
mit Ministerpräsident Netanjahu und dem PLO-Vorsitzenden Arafat deutlich machen wird.
Wir werden nach Gelegenheiten Ausschau halten,
unsere wichtigsten bilateralen Beziehungen in jeder
Region und auf jedem Kontinent zu stärken. Und wir
werden weiterhin mit den betroffenen Regierungen,

Seite 2

dem IWF, der internationalen Staatengemeinschaft und
dem Privatsektor an der dringenden Wiederherstellung
des erschütterten Vertrauens in die geplagten Volkswirtschaften Ostasiens zusammenarbeiten.
Angesichts der engen Verflechtung der Weltwirtschaft
liegt die Wiederherstellung von Vertrauen und Finanzstabilität in Asien in unserem langfristigen Wirtschaftsund Sicherheitsinteresse. Aus diesem Grund hat der
Präsident auf die derzeitige Finanzkrise mit der
entschiedenen Unterstützung der jüngsten Initiativen
des IWF in Asien und der Verpflichtung reagiert,
gemeinsam mit anderen Mitgliedern der internationalen
Gemeinschaft notfalls einen Eventualfonds bereitzustellen.
Wir haben betont, daß die erfolgreiche Wiederherstellung des Vertrauens in die Märkte sowie zukünftiges Wachstum und Entwicklung in Ostasien von der
entschlossenen und dauerhaften Durchführung von
Wirtschaftsreformen abhängen.
Diese Reformen
umfassen Maßnahmen zur Marktöffnung, die Umstrukturierung des Finanzsektors und größere Transparenz bei Investitionen.
In der kommenden Woche werde ich mich eingehender mit diesen und anderen Fragen befassen. Heute
Morgen möchte ich jedoch vier Fragen ansprechen,
die dieses Jahr die amerikanische Führungsrolle im
Kapitol auf die Probe stellen werden. 1998 wird ein
Jahr der Entscheidungen, und die von uns in Zusammenarbeit mit dem Kongreß getroffenen Entscheidungen werden viel dazu beitragen, unseren
Kurs für das nächste Jahrhundert festzulegen.
Eine Entscheidung betrifft die Frage, ob der Kongreß
die fortgesetzte Implementierung des Daytoner
Abkommens unterstützen wird. Kurz vor Weihnachten
reiste ich mit Präsident Clinton, Senator Dole und
Mitgliedern des Kongresses nach Bosnien, um unsere
Truppen zu besuchen und offene Gespräche mit den
Politikern vor Ort zu führen. Wir fanden eine Nation
vor, die weiterhin tief gespalten ist, seit den Tagen der
ethnischen Säuberungen und des ständigen Artilleriefeuers jedoch große Fortschritte gemacht hat. Die
Infrastruktur des Friedens nimmt langsam Gestalt an,

und der Versöhnungsgedanke faßt Fuß.
Das bosnische Volk und seine Partner haben für
dieses Jahr eine lange Tagesordnung: Stärkung der
multiethnischen Institutionen, die jetzt zu funktionieren
beginnen; Hilfe für die heimkehrenden Flüchtlinge;
Förderung der örtlichen Wirtschaft, die sich jetzt zu
erholen beginnt; Unterstützung des Kriegsverbrechertribunals, das im Dienste der Gerechtigkeit und der
Wahrheitsfindung Präsenz zeigt.
Während die Elemente eines neuen Bosniens zusammengefügt werden, mehren sich die Anzeichen,
daß der Frieden erhalten wird, wenn wir dort bleiben.

AMERIKA DIENST 01

�Wenn wir jedoch jetzt abziehen, wie manche fordern,
wird das Vertrauen, das wir aufbauen, ausgehölt,
werden die auf tönernen Füßen stehenden Institutionen der Demokratie unter Beschuß geraten, die den
Haß Schürenden ermutigt, und eine Rückkehr zu Krieg
und möglicherweise erneutem Genozid wird wahrscheinlich.
Das würde die Fortschritte zunichte machen, bei
denen die Amerikaner den Bosniern geholfen haben
und die Opfer abwerten, die von unseren Soldaten,
Diplomaten und Privatleuten gebracht wurden. Es
würde die amerikanische Führungsrolle in der NATO
unterminieren, die für unsere nationale Sicherheit von
entscheidender Bedeutung ist. Und es würde diejenigen in ganz Bosnien im Stich lassen, die an die
Demokratie glauben und ihr Vertrauen in die Vereinigten Staaten setzen.
Es ist nicht die amerikanische Art, sich einfach davonzumachen. Die Mission in Bosnien sollte den Zeitplan
bestimmen, nicht umgekehrt. Und wie der Präsident
vergangenen Monat darlegte, muß diese Mission
erfüllbar sein und konkrete Bezugsgrößen statt einem
Stichtag haben. Wir wollen in Partnerschaft mit
unseren Verbündeten und in Zusammenarbeit mit den
Menschen in Bosnien alles in unserer Macht Stehende
unternehmen, um ein Klima dauerhafter Sicherheit zu
schaffen, damit unsere Truppen, wenn sie Bosnien
verlassen, das für immer tun.
Die Bestrebungen zur Schaffung von Frieden in
Bosnien unter der Schirmherrschaft der NATO stellen
einen zweiten wichtigen Test für 1998 dar. Der Senat
muß der vorgeschlagenen Erweiterung des Bündnisses zustimmen - vielleicht dem treuesten Freund,
den der Frieden je hatte.
Die NATO erweist sich seit fünf Jahrzehnten nicht als
Instrument des Krieges - obwohl ihre Fähigkeit zur
Abwehr von Aggression weiterhin einzigartig ist sondern als Garant des Friedens. Seit der Gründung
der NATO hat es keine Nation gewagt, ein NATOMitglied in Europa anzugreifen. Durch die Aufnahme
von Polen, Ungarn und der Tschechischen Republik in
das Bündnis werden wir das Gebiet in Europa vergrößern, in dem es einfach keine Kriege gibt. Und wir
werden drei neue Verbündete in den Dienst des
Friedens stellen, die den Grundsätzen der NATO
verpflichtet und bereit sind, einen Beitrag zu Frieden
und Sicherheit auf dem Kontinent zu leisten.
Wir werden auch weiterhin einen starken Anreiz für die
Nationen Zentral- und Osteuropas bieten, echte
Demokratien aufzubauen, Menschenrechte zu respektieren und seit langem schwelende ethnische und
territoriale Streitigkeiten beizulegen.

Rumänen und Ungarn nach Jahrhunderten der
Feindschaft Freunde werden, wenn ich sehe, wie
Polen, Ukrainer und Litauer gemeinsame Militäreinheiten bilden, wenn ich sehe, wie Tschechen und
Deutsche Jahrzehnte des Mißtrauens überwinden und
Zentraleuropäer ihre politischen und wirtschaftlichen
Beziehungen zu Rußland verbessern, dann weiß ich,
daß die Strömungen der Geschichte in eine Richtung
gehen, die uns alle mehr Sicherheit geben wird.
Die vom Senat in diesem Frühjahr zu treffende Entscheidung ist, ob die NATO-Erweiterung abgelehnt
werden und man das Bündnis so belassen soll, daß es
einen Feind bekämpfen kann, der nicht länger existiert;
oder ob die amerikanische Führungsrolle in einer
neuen NATO bekräftigt werden soll - gestützt durch
neue Demokratien, von dauerhaften Prinzipien getragen und auf die Abwehr und Bekämpfung neuer
Bedrohungen ausgerichtet.
Ich hoffe und glaube, daß der Senat mit der Unterstützung der Politiker beider Parteien und mit der Ermutigung durch das amerikanische Volk die richtige
Entscheidung treffen wird - und die Fortsetzung der
NATO-Erweiterung gestattet.
Der dritte Test für die Legislative im Jahr 1998 ist die
Frage, ob wir unsere Schulden bei den Vereinten
Nationen und dem Internationalen Währungsfonds
bezahlen. Das ist wichtig, denn die Vereinigten
Staaten können nicht jedes uns betreffende Problem
alleine lösen - noch wollen wir es versuchen. Wir
nutzen internationale Organisationen zur Bewältigung
von Herausforderungen, die weit über unsere Grenzen
hinausgehen und um sicherzustellen, daß andere
einen gerechten Anteil der Kosten und Risiken tragen.
Und es besteht kein Zweifel, daß wir in diesen Organisationen ernsthaft tätig sind.
Während wir reden, versuchen UN-Inspektoren die
Täuschungs- und Behinderungsmanöver bezüglich
des irakischen Programms für Massenvernichtungswaffen zu überwinden. Der IWF spielt eine zentrale
Rolle bei den Bemühungen zur Beendigung der
Finanzkrise in Ostasien. Und um Erfolg zu haben,
benötigt der IWF die erforderlichen Ressourcen zur
Einführung von Reformen, Wiederherstellung der
Stabilität und Ankurbelung erneuten Wachstums.
Gleichzeitig versuchen internationale Organisationen
auf der ganzen Welt, Landminen zu räumen, Völkermord zu bestrafen, Menschenrechte zu fördern,
Krankheiten zu verhindern, die Hungernden zu
ernähren, die Ausbeutung von Kindern zu beenden,
frühzeitig vor Wirbelstürmen zu warnen und sicherzustellen, daß die Rechte und Sicherheit derjenigen
gewahrt werden, die reisen oder Geschäfte in Übersee
tätigen.

Ich bin sowohl ein Produkt als auch eine Studentin der
europäischen Geschichte. Und wenn ich sehe, wie

AMERIKA DIENST 01

Seite 3

�Die Tatsache, daß wir mit unseren Zahlungen an diese
Organisationen so weit im Rückstand sind, schadet
den Vereinigten Staaten. Sie erschwert es ihnen, die
Programme durchzuführen, die unseren Interessen
dienen, sie unterminiert unsere Vorschläge, diese
Programme effizienter zu machen. Und sie ist eine
Einladung für potentielle Gegner, Amerika schlecht zu
machen.
Aus diesem Grund waren wir sehr erfreut, als wir im
vergangenen Jahr die Unterstützung beider Parteien
für eine Gesetzesvorlage erhielten, die der Erfüllung
unserer Verpflichtungen entgegengekommen wäre.
Bedauerlicherweise wurde die endgültige Verabschiedung des Gesetzentwurfs von einer kleinen Gruppe
von Mitgliedern des Repräsentantenhauses blockiert nicht weil sie gegen die Gesetzesvorlage waren oder
glaubwürdige Argumente gegen sie vorbringen
konnten, sondern weil sie ein Faustpfand der Legislative haben wollten. Und als Preis für die Freigabe des
Faustpfands und die Zustimmung zu dem Gesetzentwurf bestanden sie darauf, daß die Administration
ihrer damit überhaupt nicht in Zusammenhang stehenden Position zu internationalen Bevölkerungsprogrammen zustimmt.
Das Opfer dieser Erpressung der Legislative ist das
amerikanische Volk. Denn wenn wir unsere Schulden
bei den Vereinten Nationen nicht bezahlen, unterminiert das unseren Stand ebenso wie das Infragestellen
der Befugnis des Sicherheitsrats durch Saddam
Hussein. Und es schadete unserer Glaubwürdigkeit
gerade dann, als die Generalversammlung über einen
Plan abstimmte, der unsere vom UN-System festgesetzten Beiträge um rund 100 Millionen Dollar pro Jahr
hätte verringern können.
1998 werden wir auf der Freigabe des Faustpfands
bestehen, damit die Mitglieder zu diesem Thema um
seiner selbst willen abstimmen können. Schließlich ist
das beste Amerika eine Führungsmacht, nicht ein
Schuldner. Als Mitglieder einer Organisation, an deren
Aufbau wir beteiligt waren, haben wir eine Verpflichtung, die Vorschriften einzuhalten, die wir mit verfaßt
haben sowie die Ziele von Rechtsstaatlichkeit, Frieden
und Wohlstand zu fördern, die Amerikaner aus tiefstem
Herzen unterstützen.
Als ich diesen Teil der Rede nochmals gelesen habe,
kam mir das Ganze so absurd vor, daß ich mir nicht
vorstellen kann, diesen Plan weiterhin als Faustpfand
zu halten und Amerika damit weiterhin zu schaden. Es
ist wirklich lachhaft.
Ein vierter Test der außenpolitischen Führungsrolle in
diesem Jahr ist, ob der Kongreß dem vorgeschlagenen
Gesetz über Wachstum und Chancen in Afrika zustimmt. Hierbei handelt es sich um eine von der
Administration unterstützte Initiative des Kapitols, mit

Seite 4

der ein neuer amerikanischer Ansatz zu einem neuen
Afrika formuliert werden soll.
Während meines jüngsten Besuchs auf diesem
Kontinent war ich beeindruckt von den Möglichkeiten,
die sich für eine Integration Afrikas in die Weltwirtschaft, für den Aufbau von Demokratie, die Überwindung der schrecklichen Konflikte, die die Region
heimsuchen und die gemeinsame Reaktion auf globale
Bedrohungen ergeben haben.
Die afrikanischen Länder, die unseres Erachtens
unsere Hilfe am meisten verdienen, sind diejenigen,
die das meiste tun, um sich selbst zu helfen. Und die
nützlichste Hilfe, die wir bieten können, ist die Art von
Hilfe, die es den Volkswirtschaften ermöglicht, dank
offener Märkte, größeren Investitionen, zunehmendem
Handel und der Aneignung der Qualifikationen des 21.
Jahrhunderts auf eigenen Füßen zu stehen.
Dies ist offensichtlich keine vollständige Liste der
außenpolitischen Tests, mit denen sich der Kongreß
und die Administration in den kommenden Monaten
konfrontiert sehen. Wir werden versuchen, die
erforderlichen Mittel zu erhalten, um den Amerikanern
die diplomatische Führung zu geben, die sie verdienen, indem wir Programme unterstützen, die von der
Inspektion nordkoreanischer Nukleareinrichtungen
über die Bekämpfung des Drogenhandels bis zur
Ausbildung von Freiwilligen des Peace Corps für den
Schutz der globalen Umwelt reichen.
Wir werden mit dem Kongreß zusammenarbeiten um
sicherzustellen, daß der Präsident die nötigen Instrumente zur Förderung von Wohlstand in den
Vereinigten Staaten durch die Öffnung von Märkten
und den Abbau von Handelshemmnissen hat. Wir
werden den Kongreß bitten, dem Gesetz über die
Beteiligung der Vereinigten Staaten an der Chemiewaffenkonvention zuzustimmen, und den Senat, Verträge
wie den über ein umfassendes Atomtestverbot, die
Seerechtskonferenz und die Konvention zur Abschaffung aller Formen von Diskriminierung der Frau
zu verabschieden.
Wir werden versuchen zu gewährleisten, daß das
gesamte Spektrum amerikanischer Interessen durch
Gesetze geschützt wird, die entscheidende Beziehungen wie die zu Rußland und China betreffen. Wenn
nötig, werden wir um die Zustimmung des Kongresses
zu unseren außenpolitischen Reorganisationsplänen
bitten. Vor allem werden wir darauf hinarbeiten, die
überparteiliche Unterstützung für eine gezielte amerikanische Führungsrolle mit hohen Grundsätzen zu
erhalten.
Der Geist der Überparteilichkeit in der amerikanischen
Außenpolitik war vielleicht nie sichtbarer und lebenswichtiger als 1948 - vor genau einem halben Jahrhundert. Es war ein äußerst politisches Jahr, in dem

AMERIKA DIENST 01

�ein erbitterter Präsidentschaftswahlkampf stattfand.
Dennoch kamen in jenem Jahr ein demokratischer
Präsident und ein republikanischer Kongreß zusammen, um den Marshallplan zu genehmigen, das
Fundament der NATO zu legen, zur Gründung der
Organisation Amerikanischer Staaten beizutragen, den
neugegründeten Staat Israel anzuerkennen, Griechenland und der Türkei bei ihrem Kampf behilflich zu sein,
auf der Seite der Freiheit des Eisernen Vorhangs zu
bleiben und während der Berlin-Blockade mit der
Luftbrücke rund um die Uhr Hilfsgüter zu liefern.
Außenminister Marshall bezeichnete diese Bilanz als
eine brillante Demonstration der Fähigkeit des amerikanischen Volkes, der großen Verantwortung seiner
neuen Position in der Welt gerecht zu werden.
Einige sagen, die Amerikaner hätten sich verändert,
wir seien jetzt zu sehr mit uns selbst beschäftigt und zu
selbstgefällig, um eine vergleichbare Verantwortung zu
übernehmen. Im Jahr 1998 haben wir die Chance zu
beweisen, daß die Zyniker Unrecht haben. Und ich bin
sicher, daß wir das tun werden.
Von den Straßen Sarajevos über die koreanische
entmilitarisierte Zone bis zu den Dorfplätzen in Afrika,
den Klassenzimmern in Zentralamerika, den Sitzungssälen in Zentraleuropa und den Gerichtssälen in Den
Haag wird der Einfluß der amerikanischen Führungsrolle in der Welt so stark gespürt wie eh und je. Das ist

*

AMERIKA DIENST 01

nicht das Resultat einer bestimmten außenpolitischen
Theorie. Es ist ein Spiegelbild des amerikanischen
Charakters.
Wir Amerikaner haben einen enormen Vorteil vor
vielen anderen Ländern, weil wir wissen, wer wir sind
und was wir glauben. Wir haben ein Ziel. Und wie die
Piloten eines Flugzeugs, die aus Erfahrung wissen,
daß ihre Instrumente sie nach Hause zurück geleiten,
und wie der Glaube eines Bauern, daß der Regen
seine Saat wachsen läßt, glauben wir, daß wir Erfolg
haben werden, wenn wir unseren Prinzipien treu
bleiben.
Lassen Sie uns dann diesem Glauben Ehre erweisen.
In diesem Jahr der Entscheidungen wollen wir der
Versuchung der Selbstgefälligkeit widerstehen und nicht mit Klagen, sondern Begeisterung - die von
unseren Vorfahren geschaffene Führungsrolle übernehmen. Lassen Sie uns Macher, nicht Zweifler sein.
Lassen Sie uns zuversichtlich sein, daß die Werte die
richtigen sind, die Amerikaner von Valley Forge bis zur
Operation Wüstensturm überleben ließen. Daß wir die
Versprechungen unserer Zukunft verwirklichen werden
und frei und respektiert, wohlhabend und in Frieden in
das neue Jahrhundert eintreten, wenn wir dem Vermächtnis unserer Vergangenheit gerecht werden.
Ich verspreche, das Meine dazu beizutragen, und bitte
Sie, das Ihre zu tun. Ich danke Ihnen.

* * * *

Seite 5

�BOSNIEN
14.Januar 1998

Bosnier sollen neues Jahrhundert
mit der Musik des Friedens beginnen
Besuch von Präsident Clinton in Sarajevo

SARAJEVO - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die von Präsident Clinton bei seinem vorweihnachtlichen
Kurzbesuch in Bosnien am 22. Dezember 1997 im Nationaltheater gehaltene Rede an die Bevölkerung von
Sarajevo.

Meine Damen und Herren, ich danke dem Philharmonieorchester von Sarajevo, den Präsidenten Izetbegovic und Zubak, den Mitgliedern der bosnischen
Regierung, den hier anwesenden Religionsvertretern,
den Mitgliedern von zivilen und Freiwilligenorganisationen aus der ganzen Welt, den amerikanischen
Delegationsmitgliedern, Senator Dole und seiner
Gattin, den amerikanischen Kongreßabgeordneten,
den Generälen Shelton, Clark und Shinseki, den
Einwohnern von Sarajevo und den Bürgern von
Bosnien.
Für uns Amerikaner ist es eine große Ehre, hier zu
sein und uns nach langer Dunkelheit in der Morgendämmerung zu versammeln. Für uns ist dies eine
festliche Zeit, und wir sind dankbar, daß der Wunsch
nach Frieden über die Waffen des Krieges triumphiert
hat. Am Vorabend des 21. Jahrhunderts fassen wir
hier den Beschluß, ein neues Zeitalter zu gestalten,
das frei von den schlimmsten Momenten des 20.
Jahrhunderts und voller wunderbarer Chancen ist.
Was meine Familie, meine Delegation und ich auf den
Straßen von Sarajevo gesehen haben, hat uns tief
bewegt. Vor wenig mehr als zwei Jahren mußten
Männer, Frauen und Kinder bei ihrer verzweifelten
Suche nach Wasser zwischen Heckenschützen und
Granaten Spießruten laufen. Jetzt gehen sie in
Sicherheit zur Arbeit und zur Schule. Damals war fast
jedes Fenster mit einer Plastikfolie abgedeckt, während man jetzt vorwiegend Glas sieht und Plastik
selten ist. Damals lebten die Menschen in den Ruinen
ihrer ausgebombten Häuser. Jetzt haben sie ein Dach
über dem Kopf, Heizung, Strom und fließendes
Wasser. Damals war Sarajevo vor Zerstörung erstarrt.

AMERIKA DIENST 01

Jetzt kommt dank unserer Anstrengungen erneut
Bewegung in die Stadt, und sie beginnt, unter der
Sonne des Friedens wieder zu wachsen.
Damals waren die Geschäfte und Cafes leer. Jetzt gibt
es in den Geschäften wieder Lebensmittel, und die
Cafes sind mit lebhaftem Stimmengewirr erfüllt. Meine
Frau, meine Tochter und ich haben gerade ein anregendes Gespräch geführt. Und dazu wurde uns sehr
guter Kaffee serviert. Wir kommen gerade aus einem
Cafe, wo wir uns mit jungen Menschen jeder ethnischen Herkunft unterhalten haben, die hier arbeiten
und studieren - Menschen, die entschlossen sind, eine
gemeinsame Zukunft zu gestalten und die zerstörerische Vergangenheit hinter sich zu lassen. Ich ging um
den Tisch herum und hörte mir an, was jeder von ihnen
zu sagen hatte. Und dann fragte ich diese Menschen,
was das Wichtigste ist, das die Vereinigten Staaten tun
können, um sie zu unterstützen. Und sie sagten
unisono: Länger zu bleiben.
Dann war es für uns an der Zeit, hierherzukommen.
Hillary, Chelsea und ich verließen das Cafe und sahen
direkt auf der gegenüberliegenden Straßenseite eine
wunderschöne Kirche. Vor der Kirche standen drei
US-Soldaten, die einer Einheit aus Richmond, Virginia,
angehören. Wir gingen auf die andere Straßenseite
und schüttelten den Soldaten die Hand. Und einer von
ihnen sagte: Wir sind so froh, hier zu sein; hier leben
gute Menschen, und wir dienen einer guten Sache.
Wir in den Vereinigten Staaten sind stolz auf unsere
Rolle beim Neuanfang in Bosnien. Betrachten Sie sich
unsere Regierungsdelegation: die Außenministerin,
drei Viersternegeneräle, 10 Kongreßabgeordnete,

Seite 1

�herausragende Mitglieder des Kongresses aus beiden
Parteien, mein verehrter Widersacher der letzten
Präsidentschaftswahlen, Senator Dole und seine
Gattin. Den Amerikanern liegt Bosnien am Herzen,
ungeachtet ihrer Parteizugehörigkeit und ihrer politischen Differenzen. Ihnen liegen die Menschen am
Herzen.
Es sind auch herausragende Bürger hier, die mit
nichtstaatlichen Organisationen zusammenarbeiten.
Sie sind Bestandteil der erstaunlichen internationalen
Kraft menschlicher Bestrebungen, die in diesem
bemerkenswerten Land seit einigen Jahren zum
Tragen kommt. Menschen aus aller Welt führen mit
Ihnen einen täglichen Kampf um Erneuerung. Wir sind
stolz, Ihnen geholfen zu haben, die Waffen zum
Schweigen zu bringen und die Truppen zu entflechten,
Straßen und Fabriken wiederaufzubauen, Kinder und
Eltern wieder zusammenzuführen, Flüchtlinge in ihre
Häuser zurückkehren zu lassen, demokratische
Wahlen zu überwachen, den Äther für die Stimmen der
Toleranz zu öffnen und mutmaßliche Kriegsverbrecher
zur Rechenschaft zu ziehen.
Wir sind hier, weil Sie beschlossen haben, dem Leiden
und Gemetzel ein Ende zu setzen, und weil wir die
Aussicht auf einen erneuten sinnlosen Krieg im Herzen
Europas ablehnten. Und weil den Menschen auf der
ganzen Welt aufgrund Ihres Leidens buchstäblich das
Herz brach und sie entschlossen waren, Ihre Not zu
lindern.
Jedem, der sich an IFOR und SFOR sowie zivilen
Projekten kleineren und größeren Umfangs beteiligt
hat, möchte ich ein einfaches Dankeschön sagen.
Gott segne Sie für alles, was Sie getan haben und tun
werden, um das Gesicht und die Zukunft Bosniens zu
verändern.
Meine Botschaft richtet sich vor allem an diejenigen, in
deren Händen die Zukunft Bosniens liegt - seine
führenden Politiker und seine Bürger. Denn letzten
Endes entscheiden Sie über die Zukunft - nicht die
Amerikaner, nicht die Europäer, kein anderer.
Vor zwei Jahren trafen die führenden Politiker von
Bosnien-Herzegowina, Kroatien und Serbien in
Dayton, Ohio, eine schicksalsschwere Entscheidung
für den Frieden. Aber ihre Verantwortung und die Ihre,
meine Damen und Herren, endete nicht an jenem Tag.
Tatsächlich fing sie damals erst an. Es ist Ihre Pflicht,
die in Dayton unterzeichneten Dokumente Realität
werden zu lassen und das Versprechen zu erfüllen,
Bosnien als ein Land mit zwei multiethnischen Einheiten zu einen, die ein gemeinsames Schicksal
haben. Wer dieser Pflicht nachkommt, hat die volle
Unterstützung der Vereinigten Staaten und der
internationalen Staatengemeinschaft.
Wer davor
zurückschreckt, isoliert sich selbst. Die Welt, die
weiterhin in Ihren Frieden investiert, erwartet zu Recht,

Seite 2

daß Sie Ihrerseits etwas beitragen. Vor allem erwarten
die Menschen in diesem Land Ergebnisse und verdienen sie auch.
Sie haben viel erreicht, aber es bleibt noch viel mehr
zu tun. Sie haben die gemeinsamen Institutionen der
Demokratie errichtet. Jetzt müssen Sie innerhalb
dieser Institutionen zusammenarbeiten und dabei
sowohl die Macht als auch die Verantwortung teilen.
Sie haben zugesagt, die während des Krieges Vertriebenen wieder in ihrer Heimat willkommen zu
heißen. Jetzt müssen Sie für das Rückkehrerprogramm stimmen, damit diese Menschen wirklich
zurückkehren können und dann größeren Minderheitenschutz genießen und mehr Arbeitsplätze vorfinden.
Sie arbeiten am Wiederaufbau der bosnischen Wirtschaft. Jetzt müssen Sie Gesetze ausarbeiten, um
Hilfe und Investitionen anzuziehen und Korruption
abzuschaffen, die das Vertrauen in die Volkswirtschaft
unterminiert.
Sie haben begonnen, die Medien von einem Instrument des Hasses in eine Kraft für Toleranz und
Verständnis umzuwandeln. Jetzt müssen Sie sie den
internationalen Objektivitäts- und Zugangsnormen
anpassen und der unabhängigen Presse freie Entfaltungsmöglichkeiten geben. Sie entziehen den Kriegsherren die Kontrolle über die Polizei. Jetzt müssen Sie
bei der Reform, Ausbildung und Ausrüstung einer
demokratischen Truppe helfen, die Sicherheit, nicht
Angst fördert. Sie haben versprochen, mutmaßliche
Kriegsverbrecher zu isolieren und festzunehmen. Jetzt
müssen Sie dieser Verpflichtung nachkommen sowohl um der Gerechtigkeit willen als auch um eines
dauerhaften Friedens willen.
Vor allem schulden die hier anwesenden Politiker es
Ihrem Land, das Beste der Menschen zum Vorschein
zu bringen, in Übereinstimmung zu handeln, Konflikte
zu vermeiden, Hindernisse zu überwinden anstatt sie
zu schaffen, sich über kleinliche Streitigkeiten hinwegzusetzen anstatt sie anzufachen. Letztlich müssen in
einer Demokratie die führenden Politiker das Beste im
Menschen hervorbringen. Letzten Endes dienen sie
den Menschen, die sie in dieses Amt gesetzt haben.
Daher sage ich den Menschen in Bosnien heute: Sie
müssen den Führern aller Volksgruppen Ihren Wunsch
nach Frieden und einer gemeinsamen Zukunft deutlich
machen. Sie müssen ihnen Ihre uneingeschränkte
Unterstützung geben, die sie benötigen, um die harten
Entscheidungen für eine gemeinsame Zukunft zu
treffen. Die Menschen in Bosnien können das. Das
Beispiel, das ganz normale Bürger in ihrer Wohngegend gegeben haben, die Standards, die Sie von
Ihren Politikern erwarten - das alles wird das Schicksal
dieser Nation bestimmen.
Nach einem derart erbitterten Krieg ist es schwierig,
sich aggressiv für den Frieden einzusetzen. Viele

AMERIKA DIENST 01

�haben ihre Mütter und Väter, Ehefrauen und -männer,
Söhne und Töchter verloren. Viele Wunden sind noch
tief und Narben noch frisch. Vielleicht sind die Menschen ausgelaugt - zu einem Zeitpunkt, an dem
außergewöhnliche Willensstärke vonnöten ist, um sich
von der Vergangenheit zu lösen und die Gestaltung
einer gemeinsamen Zukunft zu beginnen. Wie viele
Menschen, denen großes Leid widerfahren ist, können
sich klar und eindeutig für die Sache des Friedens und
eine gemeinsame Zukunft einsetzen? Um erfolgreich
zu sein, müssen das viele tun. Viele von Ihnen
versuchen das in religiöser und bürgerlicher Umgebung jeder Art. Ich danke allen, die organisierte
Bestrebungen zur Gestaltung einer gemeinsamen
Zukunft unternehmen, insbesondere jenen, die Frauen
mobilisieren, denn diese haben die leidvolle Erfahrung
gemacht, wie wichtig Versöhnung und Wiederaufbau
für Ihre Familien und die Zukunft Ihrer Kinder sind.
Ich möchte, daß Sie heute alle zu der Überzeugung
gelangen, daß Sie Ihre Ziele erreichen können. Von
Guatemala bis Südafrika, von El Salvador bis Nordirland gehen die Menschen derzeit von Konflikt auf
Versöhnung über. Dennoch ist der Impuls zu trennen,
wenn nicht sogar aufgrund ethnischer, religiöser oder
rassischer Unterschiede zu kämpfen und zu töten
weltweit tief in der menschlichen Rasse verwurzelt. Er
scheint in der Angst vor jenen begründet, die anders
sind als wir, sowie in einem falschen Gefühl der
Überlegenheit und Sicherheit, das anscheinend durch
Teilung und das Streben nach Vorherrschaft hervorgerufen wird.
In den Vereinigten Staaten hat eine Rasse lange Zeit
eine andere Rasse versklavt. Erst nach dem blutigsten Krieg in unserer Geschichte wurden die Ketten
der Knechtschaft abgeschüttelt, und es dauerte mehr
als 100 Jahre, um die Auswirkungen zu beseitigen.
Und wir arbeiten immer noch daran. Wir werden
jedoch immer stärker, je mehr unserer Ängste und
Vorurteile wir abbauen. Während wir zusammen
leben, arbeiten und lernen, erkennen wir immer
stärker, daß unsere Gemeinsamkeiten viel wichtiger
sind als unsere Unterschiede. Über all diese Unterschiede hinweg bekräftigen wir unseren Einsatz für
Glaube und Familie. Wir wollen Chancen für alle und
Verantwortung aller. Wir sind der Überzeugung, daß
ein geeintes Amerika viel stärker ist als eine Kollektion
geteilter, feindlicher Lager. Und dieser Punkt ist für Sie
besonders wichtig. Die Betonung unserer Einheit gibt
uns die Sicherheit, unsere Unterschiede nicht nur zu
respektieren, sondern zu feiern.
In den Vereinigten Staaten nennen am Vorabend des
neuen Jahrhunderts Menschen aus mehr als 180
verschiedenen rassischen und ethnischen Gruppen
Amerika ihre Heimat. Wir haben einen umfassenden
nationalen Dialog zwischen diesen Gruppen begonnen, wie wir im neuen Jahrtausend leben und prosperieren können. Ich fordere Sie alle dazu auf, hier

AMERIKA DIENST 01

dasselbe zu tun - mehr Chancen an der Basis zu
finden und um Ihrer Kinder und Ihrer Zukunft willen
Trennlinien zu überwinden. Ich weiß, daß es insbesondere den jungen Menschen unter Ihnen als sehr
große Kraftanstrengung erscheinen muß, in Ihrer
Vielfalt Stärke zu finden.
Viele junge Menschen haben nur wenige Erinnerungen
an die Zeit vor dem Krieg. Ein Teenager aus Sarajevo
erklärte kürzlich, es gehe nicht nur darum, neu anzufangen, man sei eben auch gerade erst am Anfang.
Meines Erachtens ist aber wichtig, daß Sie alle nicht
vergessen und auch weitergeben, daß der Krieg nicht
nur dem bosnischen Volk Gewalt zugefügt hat,
sondern auch seiner Geschichte und seiner Tradition
der Toleranz. Ganz in der Nähe befinden sich nur
wenige Meter voneinander entfernt eine Moschee, eine
orthodoxe Kirche, eine katholische Kirche und eine
Synagoge, was uns daran erinnert, daß Generationen
von Muslimen, orthodoxen Christen, Katholiken und
Juden hier Seite an Seite gelebt haben, die Welt durch
ihr Beispiel bereicherten und Schulen, Bibliotheken
und wunderbare Gotteshäuser errichteten. Ein Teil
dieser Bevölkerung ruhte Freitags, ein anderer
Samstags, wieder ein anderer Sonntags. Ihr Leben
war jedoch durch Heirat und Kultur, Arbeit, eine
gemeinsame Sprache und den gemeinsamen Stolz auf
etwas verbunden, das sie alle Heimat nannten. An
diese Vergangenheit sollte man sich erinnern. Und Sie
sollten alles in Ihrer Macht Stehende unternehmen, um
sie zu einem Prolog zu machen. Die Geschichte kann
Ihr Verbündeter sein, nicht Ihr Feind.
Nach fünf Jahren im Amt bin ich überzeugt, daß die
wirklichen Unterschiede weltweit nicht zwischen Juden
und Arabern, Protestanten und Katholiken, Muslimen,
Kroaten und Serben bestehen. Die echten Unterschiede gibt es zwischen denen, die den Frieden
befürworten und denjenigen, die ihn zerstören möchten; zwischen denjenigen, die in die Zukunft blicken
und denen, die an der Vergangenheit festhalten;
zwischen denjenigen, die ihre Arme öffnen und denen,
die entschlossen sind, ihre Faust zu ballen; zwischen
denjenigen, die überzeugt sind, daß Gott uns alle
gleich geschaffen hat und denen, die dumm genug
sind zu glauben, daß sie anderen nur aufgrund ihrer
Hautfarbe, ihrer Religion oder ihrer ethnischen Herkunft überlegen sind. Dies ist eine sehr kleine Nation
auf einem immer kleiner werdenden Planeten. Keiner
von uns hat das moralische Recht, auf andere herabzusehen, und wir sollten das unterlassen.
Ich war begeistert, als das Symphonieorchester von
Sarajevo spielte, bevor ich das Wort ergriff. Sein
Violinist und sein Cellist, sein Schlagzeuger und sein
Flötist hatten vor dem Krieg zusammen gespielt,
blieben während des Krieges zusammen und beantworten die Bomben und Granaten mit dem Klang der
Musik. Sieben Orchestermitglieder wurden getötet Muslime, Kroaten und Serben. Nun, sie sind immer

Seite 3

�noch hier, sie sind immer noch Muslime, Kroaten und
Serben. Und ganz offen gesagt: Ich kenne den
Unterschied zwischen Tubaspieler und Violinist, aber
ich kann nicht sagen, ob jemand Muslim, Kroate oder
Serbe ist. Ich höre die Harmonie ihrer unterschiedlichen Instrumente. Das erinnert mich an das Beste der
Vergangenheit Bosniens, und das sollte der Trompetenstoß für Ihre Zukunft sein.
Hier, am Vorabend des neuen Jahrtausends, sollten
wir uns daran erinnern, daß das bald zu Ende gehende
Jahrhundert mit dem Klang des Geschützfeuers in
Sarajevo begann. Und wir wollen schwören, das neue
Jahrhundert in Sarajevo mit der Musik des Friedens
einzuleiten.

Den Menschen in Bosnien sage ich: Sie haben
gesehen, was der Krieg verursacht hat; jetzt wissen
Sie, was der Frieden bringen kann. Ergreifen Sie die
vor Ihnen liegende Chance. Sie können die Vergangenheit nicht ändern, aber Sie können sie hinter sich
lassen und alles tun, um eine Zukunft aufzubauen. Die
Welt sieht Ihnen zu, und die Welt steht Ihnen zur Seite.
Aber die Entscheidung liegt bei Ihnen. Mögen Sie die
richtige treffen.
Ich danke Ihnen, und Gott segne Sie.

* * * * *

Seite 4

AMERIKA DIENST 01

�BOSNIEN
14. Januar 1998

Bosnien benötigt weiterhin internationale Schutztruppe
Bericht der Senatoren Levin und Reed

WASHINGTON - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir einen am 8. Januar 1998 herausgegebenen Bericht der
Senatoren Carl Levin und Jack Reed nach ihrer Rückkehr von einem Kurzbesuch in Bosnien.

Wir besuchten Bosnien vom 2. bis 4. Januar. Vor
unserer Ankunft in Sarajevo hatten wir ein Treffen mit
General Wesley Clark, dem Obersten Alliierten
Befehlshaber Europa (SACEUR) der NATO, der uns
über die jüngsten Entwicklungen in Bosnien und die
Pläne der NATO für eine Nachfolgetruppe der SFOR
informierte. In Sarajevo trafen wir den amerikanischen
Botschafter Richard Kauzlarich, General Eric Shinseki,
den Befehlshaber der SFOR und seinen internationalen Stab, sowie den Stellvertretenden Hohen
Repräsentanten, Botschafter Jacques Klein. In Tuzla
kamen wir mit Generalmajor Lany Ellis, dem amerikanischen Befehlshaber der multinationalen Division
Nord und seinem Stab zusammen. Wir besuchten
Camp Demi in der Nähe von Kladanj, sprachen mit
Oberstleutnant Mark Littel, Befehlshaber 2. Bataillon, 2.
bewaffnetes Kavallerieregiment, und hatten die
Möglichkeit, uns mit einigen Männern und Frauen aus
diesem Bataillon und seinen Unterstützungseinheiten
zu unterhalten. Schließlich reisten wir nach Banja
Luka, wo wir die Präsidentin der Republika Srpska,
Biljana Plavsic, Generalmajor Andrew Pringle, den
britischen Befehlshaber der multinationalen Division
Südwest und seinen Stab sowie Mira Lolic von Television Banja Luka der Republika Srpska trafen.
Der Vergleich der jetzigen Situation mit der, die wir bei
unserer Bosnienreise im Januar 1997 vorfanden, zeigt,
daß beträchtliche Fortschritte gemacht wurden. Das
wird offensichtlich am physischen Zustand des
Landes, an der Stimmung praktisch aller Menschen,
mit denen wir sprachen, größerer Freizügigkeit, in
einigen Fällen stärkerem Warenaustausch zwischen
den konstituierenden Einheiten, der Beteiligung von
ungefähr 85 Prozent der Wahlberechtigten an den
landesweit veranstalteten Kommunalwahlen sowie von

AMERIKA DIENST 01

75 Prozent der Wahlberechtigten an den Wahlen zur
Nationalversammlung in der Republika Srpska.
Die SFOR übt weiterhin die entscheidende Kontrolle
über die Streitkräfte der früheren Kriegsparteien aus.
Deren Waffen wurden eingelagert und werden routinemäßig mindestens einmal pro Monat inspiziert.
Truppenbewegungen und Übungen bedürfen der
Genehmigung durch die SFOR. Verletzungen der
durch die SFOR/das Daytoner Abkommen erlassenen
Vorschriften für das Militär wird prompt und entschieden nachgegangen. Es besteht anscheinend nur
eine geringe Möglichkeit für eine Rückkehr zum Krieg,
solange die SFOR in Bosnien bleibt.
Bei der Umsetzung der zivilen Aspekte des Daytoner
Abkommens wurden jedoch nur unzureichende
Fortschritte erzielt. Beispielsweise gibt es noch keine
Übereinkunft über einheitliche Kfz-Kennzeichen, Pässe
und eine gemeinsame Währung. (Die jüngsten
Maßnahmen des Hohen Repräsentanten zur Durchsetzung von Entscheidungen auf bestimmten Gebieten, zum Beispiel beim Gesetz über Staatsbürgerschaft
und einem Gesetz über Zolltarifpolitik, könnten diesen
Prozeß sicher beschleunigen.) Nach mehr als zweijährigem Bestreben zur Durchsetzung des Daytoner
Abkommens ist die fortgesetzte Unfähigkeit zur
Einführung gemeinsamer Symbole der Souveränität
wie Nummernschilder ein anschauliches Beispiel für
die unzureichenden Leistungen im Bereich der zivilen
Aufgaben. Eine lange Litanei zusätzlicher, nicht
umgesetzter Aspekte von Dayton kann schnell aufgestellt werden. Die Integration des Föderationsheeres
ist noch nicht beendet; die erneute Ansiedlung von
Vertriebenen und Flüchtlingen geht nur im Schneckentempo voran; die Umstrukturierung und Ausbildung der
örtlichen Polizei im Einklang mit demokratischen

Seite 1

�Standards, insbesondere in der Republika Srpska,
steckt noch in den Anfängen; die Wirtschaftsentwicklung ist beschränkt; Kriegsverbrecher sind nicht nur
auf freiem Fuß, sondern haben in der Republika
Srpska - wo die politische Macht zwischen Banja Luka
und Pale aufgeteilt ist - sogar noch Einfluß; außerdem
findet zwischen Kroaten und Bosniaken in Mostar nur
eingeschränkte Zusammenarbeit statt.

der Kongreß konsultiert und ihm Bericht erstattet
werden.

In der gegenwärtigen Situation würde der Abzug der
NATO-Truppen im Juni, einschließlich der amerikanischen Soldaten, die im Bündnis eine Führungsrolle
innehaben, mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit zu einem Wiederaufflammen des
Krieges führen. Die Teilung Bosniens nach Volksgruppen und die Abkehr von den Daytoner Vereinbarungen würden wahrscheinlich ebenfalls zu Gewalt
führen. Die einzige Option zur Verhinderung des
Wiederaufflammens eines Krieges und des dadurch
verursachten menschlichen Leidens wird noch auf
Jahre hinaus in der Fortsetzung der internationalen
Präsenz zur Implementierung des Daytoner Abkommens bestehen.

Jede realistische Erfolgschance erfordert den vollständigen Austausch von Politikern im Rahmen des
demokratischen Prozesses, die sich Dayton widersetzen oder nur Lippenbekenntnisse dafür abgeben. Die
Gemeinschaft muß den Regierungsmitgliedern und
Institutionen wirksame Hilfe geben, die zur Unterstützung von Dayton bereit sind. Während unseres
Besuchs hörten wir allzu oft von unerfüllten Hilfszusagen. Wirtschaftsentwicklung, Arbeitsplätze und
die Aussicht auf eine bessere Zukunft für die Kinder
werden die Öffentlichkeit zur Unterstützung von
Dayton motivieren.

Um diesen Punkt zu erläutern: Wir sind der Überzeugung, daß es in Bosnien noch geraume Zeit Bedarf an
einer bewaffneten internationalen Truppe geben wird.
Wir sind jedoch nicht der Ansicht, daß es ein unbeschränktes Engagement der amerikanischen Bodentruppen geben sollte. Die weltweiten Verpflichtungen
der Vereinigten Staaten und die Notwendigkeit, daß
unsere Streitkräfte selbst in Friedenszeiten auf vielen
Gebieten Präsenz zeigen, um unseren Einfluß zu
sichern und unsere Interessen zu schützen, verhindert
langfristig eine Präsenz amerikanischer Bodentruppen
vor Ort in Bosnien. Eine Frist zu setzen, ist kein
effektives Mittel zur beschleunigten Erfüllung der
Mission und zur Erlangung eines zügigen Abzugs
unserer Kampftruppen.
Die Spezifizierung des
gewünschten Endzustands als Alternative zur Festsetzung eines Datums für den Beginn des Abzugs ist
ebenfalls problematisch, da dadurch unsere Beteiligung zu stark von den Aktionen anderer abhängig
gemacht wird und kein effektives Mittel zur Messung
periodischer Fortschritte geboten wird.
Entsprechend unterstützen wir die Beteiligung amerikanischer Bodentruppen an einer Nachfolgetruppe für
einen angemessenen Zeitraum nach dem Juni 1998
mit noch von uns zu spezifizierenden Qualifikationen.
Unserer Ansicht nach sollte die Administration umgehend Einigung innerhalb der NATO über eine Reihe
von Meilensteinen oder Leistungen mit einem Zeitplan
für ihre Erfüllung erzielen. Ferner sind wir der Überzeugung, daß die bei der Erreichung dieser Meilensteine gemachten Fortschritte regelmäßig beurteilt
werden sollten und bei nicht rechtzeitiger Erfüllung
eine offizielle Überprüfung innerhalb der NATO und
der Administration zu erfolgen hat. Zusätzlich sollte

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Ferner sind wir der Meinung, daß die internationale
Staatengemeinschaft, insbesondere Europa, dem ein
Scheitern von Dayton am meisten schadet, den
Löwenanteil der erforderlichen Mittel bereitstellen
sollte, um Dayton größere Erfolgschancen zu geben.

Unseres Erachtens ist die wichtigste und vordringlichste Aufgabe die Einrichtung einer effektiven örtlichen
Polizei innerhalb eines vernünftigen Zeitrahmens. Die
Bürger von Bosnien müssen sich in ihren Häusern
sicher fühlen, wenn Dayton Erfolg haben soll. Die
Umstrukturierung und Ausbildung der örtlichen Polizei
muß beschleunigt werden. Das erfordert mehreres.
Die Übertragung der Oberaufsicht über die internationale Polizei (International Police Task Force - IPTF)
auf die NATO sollte ernsthaft in Erwägung gezogen
werden, sei es durch General Clark oder eine parallele
zivile Befehlsstruktur der NATO. Es sollten Schritte
unternommen werden, um einen strengen Auswahlprozeß für die Angehörigen der internationalen Polizei
sicherzustellen. Nur Polizisten mit den höchsten
Qualitätsstandards sind für die außerordentlichen
Anforderungen in Bosnien geeignet. Wir haben immer
wieder gehört, daß über ein Drittel der IPTF für die
Ausübung ihrer Pflichten ungeeignet war. Solange die
Angehörigen der internationalen Polizei nicht dieselbe
hohe Qualität wie die NATO-Soldaten haben, wird
Dayton scheitern. Die Leistungen der IPTF sollten
überwacht und bewertet werden und diejenigen, die
die Kriterien nicht erfüllen, sollten nach Hause geschicktwerden. Die Gehälter der örtlichen Polizei sind
extrem niedrig, und die zumindest vorübergehende
Zahlung zusätzlicher Gehälter durch die internationale
Gemeinschaft sollte in Betracht gezogen werden, um
den schlechten Einfluß korrupter und undemokratischer Beamter einzuschränken und die Korruption zu
verringern.
Solange sich die Politiker in Bosnien nicht zu Dayton
verpflichten und solange die örtliche Polizei nicht
entsprechend demokratischer Standards arbeitet, muß
Druck ausgeübt werden, um die Polizei zum richtigen
Handeln zu zwingen. Effektive Sicherheit für alle
Bürger Bosniens ist die Grundlage aller Fortschritte bei

AMERIKA DIENST 01

�der Verwirklichung von Dayton, besonders im Zusammenhang mit der erneuten Ansiedlung von
Flüchtlingen. Es besteht eine Kluft zwischen den
SFOR-Aufgaben und -Fähigkeiten und den notwendigen Aufgaben und Fähigkeiten der örtlichen Polizei,
die von einem nationalen Sektor zum anderen variiert.
Die SFOR hat eindeutig die Kontrolle über das Militär
in Bosnien übernommen, indem sie ihre Fähigkeiten
und ihre Entschlossenheit zu deren Einsatz unter
Beweis gestellt hat. Die örtliche Polizei hat nicht die
Fähigkeit zur Erfüllung ihrer Aufgabe demonstriert,
andauernde Polizeifunktionen zu übernehmen.
Darüber hinaus variiert die Unterstützung der SFOR
für die örtliche Polizei und ihre Zusammenarbeit mit ihr
von einem nationalen Sektor zum anderen. Eine
einheitliche Politik aktiverer Unterstützung sollte von
der NATO verabschiedet und in allen Sektoren
angewendet werden. Trotz aggressiverer Unterstützung und Zusammenarbeit wird es jedoch immer eine
Kluft geben. Die Stationierung einer internationalen
Gendarmerie unter NATO-Kontrolle sollte ernsthaft in
Erwägung gezogen werden, um diese Kluft zu überbrücken. Eine Gendarmerie könnte auch ein Weg
sein, mit der Zeit die internationale Militärpräsenz zu
verringern und letztlich zu beenden.
Wir verpflichten uns weiterhin dem Ziel von Dayton,
eine multiethnische, demokratische und geeinte
bosnische Nation zu gründen. Das sehen wir als ein
langfristiges Ziel. Solange sich das bosnische Volk
nicht sicher fühlt und die Wirtschaftsentwicklung die
Arbeitslosigkeit nicht auf ein erträgliches Maß gesenkt
hat, bezweifeln wir, daß eine beträchtliche Zahl
Vertriebener und Flüchtlinge bereit sein wird, die
Rückkehr in ihre ehemaligen Häuser zu riskieren. Erst
wenn diese Bedingungen erreicht sind, wird eine
wirkliche nationale Aussöhnung möglich sein. Man
muß berücksichtigen, daß das frühere Jugoslawien
jahrzehntelang als kommunistischer Staat regiert
wurde, und alte Gewohnheiten legt man schwer ab.
Wir glauben nicht, daß die amerikanischen Bodentruppen in Bosnien bleiben können, bis alle Ziele von
Dayton vollständig verwirklicht sind. Das könnte
Jahrzehnte dauern. Wir sollten jedoch bereit sein,
über Juni 1998 hinaus eine vernünftige Zeit lang zu
bleiben, vorausgesetzt, daß in der NATO Einigung
erzielt wird, welche Meilensteine in welchem Zeitraum
erreicht werden müssen. Die Administration und der
Kongreß sollten unsere Beteiligung regelmäßig
überprüfen.
Die regelmäßige Überprüfung würde mindestens
folgendes beinhalten:

*

AMERIKA DIENST 01

*

das Maß, in dem europäische Beiträge zu
Ressourcen und Personal einen angemessenen Anteil der Ausgaben ausmachen im
Einklang mit der unmittelbaren Sicherheitsbedrohung, der sich Europa durch Bosnien
gegenübersieht;
die Fähigkeit der Vereinigten Staaten zur
Erfüllung ihrer weltweiten Verpflichtungen und
ihrer Reaktion auf Spannungsfälle;
die Auswirkungen, die die Kosten der amerikanischen Beteiligung auf unser Streitkräftemodernisierungsprogramm haben:
die Fortschritte, die bei der Erlangung der von
der NATO vereinbarten Meilensteine und den
Zeiträumen zur Erlangung dieser Meilensteine
erzielt wurden.
Wir sind der festen Überzeugung, daß die Notwendigkeit zum Übergang zu einer Situation besteht, in der
die amerikanischen Bodentruppen nicht länger in
Bosnien stationiert sind. Die Einrichtung einer effektiven Polizei würde diesen Übergang ebenso erleichtern
wie die Auswechslung einer ausschließlich europäischen Bodentruppe. In dieser Hinsicht vertreten wir
die Auffassung, daß die Administration auf die Beschleunigung der Implementierung der Europäischen
Sicherheits- und Verteidigungsidentität in der NATO
hinarbeiten sollte.
Wir haben eine begrenzte Überprüfung des Status und
der Moral der in Bosnien stationierten amerikanischen
Streitkräfte durchgeführt. Wir haben keine Beweise für
einen Mangel an Nachschub oder Gerät gefunden und
stellten fest, daß die Moral sehr gut ist. Wir sind
jedoch besorgt, daß der andauernde Einsatz unserer
europäischen stationierten Streitkräfte zu einer
Verringerung der Bereitschaft und Moral dieser Truppe
führen wird, da mehrere Einheiten und zahlreiches
Personal mehrfache Entsendungen nach Bosnien
mitgemacht haben. Wir empfehlen in Betracht zu
ziehen, die Einteilung für die Bosnien-Mission einem
speziellen Heer anstatt dem europäischen Kommando
des Heeres zu übertragen.
Vor allem waren wir jedoch zutiefst beeindruckt von
dem Engagement und der Professionalität der amerikanischen Streitkräfte, mit denen wir in Kontakt kamen.
Sie sind von ihrer Mission und der Hoffnung überzeugt,
die sie den Menschen in Bosnien bringt. Sie verdienen
den tiefempfundenen Dank aller Amerikaner und
friedliebenden Menschen auf der ganzen Welt.

*

*

Seite 3

�USA-EUROPA
14. Januar 1998

Berlin und die Vervollständigung Europas
Rede von Botschafter Kornblum

BERLIN - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede, die der Botschafter der Vereinigten Staaten von
Amerika in der Bundesrepublik Deutschland, John C. Kornblum, am 6. Januar 1998 in der Freien Universität
Berlin hielt.

Heute Abend geht es um Geschichte. Die Geschichte
einer großartigen Universität. Die Geschichte einer
großartigen Stadt. Es geht auch um die Geschichte
eines Ideals - dem Ideal der Demokratie, für das diese
großartige Universität steht. Vor 50 Jahren war Berlin
ein einsamer Außenposten der Demokratie. Und wie
ihr Name schon besagt, war die Freie Universität ein

demokratischen Friedens in Europa. Unsere nächste
Aufgabe besteht darin sicherzustellen, daß diese
Ideale ebenso erfolgreich für diejenigen angewandt
werden, denen die Freiheit so viele schmerzliche Jahre
verweigert wurde.

Außenposten akademischer Freiheit. Heute befindet

erlebt. Sie wurde wegen ihrer Leistungen bewundert

sich Berlin im Zentrum eines demokratischen Europas.
Intellektuelle Freiheit ist ein gemeinsames Ziel, das
von allen auf diesem Kontinent angestrebt wird.

und wegen ihrer Konfrontationen verunglimpft. Aber
zu jeder Zeit war sie ein Symbol für diejenigen, die
Gedankenfreiheit und Bildung anstreben. Während sie
jetzt ihr sechstes Jahrzehnt antritt, wird diese Tradition
der Vielfalt und Offenheit eines der unerläßlichen
Elemente Ihrer Rolle in dem neuen Zeitalter sein.

Durch die Verteidigung eines Ideals haben Sie auch
zur Veränderung der Geschichte beigetragen. Ohne
die Standhaftigkeit von Berlin hätte die totalitäre
Herrschaft wahrscheinlich in Europa Fuß gefaßt. Ihre
Beseitigung wäre sehr viel schwieriger geworden.
Nach dem Alptraum des Dritten Reichs war es besonders angebracht, daß die Botschaft der Demokratie
von ihrer Hauptstadt aus gesendet werden sollte.
Heute, nach der endgültigen Befreiung dieser Stadt
von der Diktatur, ist es ebenso wichtig, daß Berlin der
Katalysator für den endgültigen Sieg der Demokratie in
ganz Europa ist.
Unser Thema heute Abend dreht sich daher ebenso
um die Zukunft wie um die Vergangenheit. Es geht um
die im Werden begriffene Geschichte. Aber die Ideale,
die die Grundlage dieser Institution bildeten, sind in
ganz Europa oder der ganzen Welt noch nicht gesichert. Jahrzehntelang blickte die Welt auf Berlin für die
Botschaft des Wandels. Berlin hat jetzt die Chance,
diese Solidarität zurückzugeben, indem es die Botschaft des Wandels an die übrige Welt sendet. Ihre
Institutionen, Ihr Intellekt und Ihr Engagement spielen
eine entscheidende Rolle beim Aufbau eines wirklich

AMERIKA DIENST 01

Die Freie Universität hat harte und großartige Zeiten

Ihre Geschichte, Ihr Standort und Ihr prosperierendes
Erbe der Vielfalt sind prädestiniert, Berlin und diese
Universität zu einem Katalysator für die große Aufgabe
des neuen Jahrhunderts - der Vervollständigung
Europas - zu machen.
Ich bin stolz auf die Rolle, die die Vereinigten Staaten
in der Geschichte der Freien Universität gespielt
haben. Ich bin in der Heimatstadt von Henry Ford
geboren, dessen Name eines der wichtigsten Gebäude
dieser Universität ziert. Ich war ein enger Freund von
Shephard Stone, dessen Arbeit sowohl der Freien
Universität als auch der Stadt Berlin in vielerlei Hinsicht
geholfen hat. Und ich war in Berlin während entscheidender Zeiten in den siebziger und achtziger
Jahren tätig, als die Zukunft der Demokratie manchmal
auf dem Spiel stand.
Seit den heroischen Tagen der Luftbrücke oder den
dunklen Monaten nach dem Bau der Berliner Mauer ist
viel geschehen. Es gab Zeiten, in denen ein amerika-

Seite 1

�nischer Regierungsvertreter - selbst der Präsident der
Vereinigten Staaten - Mühe hatte, über den Lärm der
Proteste in Berlin und an der Freien Universität gehört
zu werden. Aber unser Vertrauen in diese Institution
und ihre Pflicht zur Bewahrung der Vielfalt wankte nie.
Gemeinsam haben wir nicht nur die Freiheit in Berlin
verteidigt, sondern auch die Teilung dieser Stadt und
dieses Landes überwunden. Die Wiedervereinigung
Deutschlands war ein wichtiges Ziel der Vereinigten
Staaten. Unser Glaube an Ihre Zukunft war unerschütterlich.
Unser Beitrag zur Verwirklichung
unserer gemeinsamen Vision war stark und entschlossen.
Die Grundlage unserer gemeinsamen Vision könnte
nicht stärker sein. Deutschland und Amerika sind in
der Tat in einer unentbehrlichen Partnerschaft verbunden. Diese Grundlage gestattet uns die erneute
Zusammenarbeit, um eine neue strategische Vision zu
definieren - die Vision eines zum ersten Mal in seiner
Geschichte in Demokratie und Frieden vereinten
Europas. Die Vision einer Welt, die durch die Methoden und Überzeugungen der Demokratie geeint ist.
Durch Toleranz, Vielfalt und Offenheit. Einer Welt, in
der den vielfältigen Herausforderungen der Gesellschaft und Technologie mit offenem demokratischem
Austausch begegnet wird. Einer Welt, in der die Völker
das Recht haben, ihre eigene Zukunft in Sicherheit und
Zusammenarbeit in die Hand zu nehmen.
Das ist die Vision, die Präsident Clinton in seiner
historischen Rede im Januar 1994 in Brüssel darlegte.
Der Präsident forderte die Integration ganz Europas in
eine demokratische Völkergemeinschaft. Er sagte
voraus, daß die Gemeinschaft mit den Vereinigten
Staaten zusammenarbeiten würde, um eine euroatlantische Gemeinschaft von Nationen und Völkern zu
bilden, die sich der Bewahrung der Errungenschaften
von Demokratie und der Befreiung Europas von der
ständigen Angst vor Konflikt verschrieben hatte, die die
Geschichte dieses Kontinents einen Großteil dieses
Jahrhunderts kennzeichneten.
Damit diese Vision nicht unrealistisch oder sogar
romantisch klingt, sollten wir uns daran erinnern, wie
skeptisch viele bezüglich unserer Bestrebungen zur
Überwindung der Teilung Europas waren. Sogenannte
Realisten gab es auf beiden Seiten des Atlantiks
zuhauf. Das Ziel schien oft unerreichbar. Aber Berlin
war unerschütterlich. Die Stadt war häufig das
Gewissen einer Welt, die der Konfrontation müde war.
Was wäre mit der Freiheit in Europa und der Welt
geschehen, wenn Berlin gewankt hätte? Was wäre
das Schicksal der akademischen Freiheit in Deutschland gewesen, wenn die mutigen Gründer der Freien
Universität nicht 1948 nach Dahlem gekommen wären,
um ihre Ideale am Leben zu erhalten?
In gewisser Weise ist die Aufgabe heute schwieriger
als 1948. Wie groß die Bedrohung auch war - unsere

Seite 2

Vorgänger hatten wenig zu verlieren. Der Krieg hatte
einen Großteil Europas zerstört. Die Aufgabe des
Wiederaufbaus war so vordringlich, daß es wenige
Alternativen gab.
Heute leben der westliche Teil Europas und die
Vereinigten Staaten in beispiellosem Wohlstand.
Unsere Herausforderungen sind nicht die des Überlebens, sondern die der Bewahrung und Erweiterung
des höchsten Lebensstandards, der je erreicht wurde.
Neue Probleme wie Technologie, Überalterung und
der neue, modische Begriff "Globalisierung" scheinen
unsere Errungenschaften zu bedrohen.
In Europa und den Vereinigten Staaten gleichermaßen
steht der Herausforderung des Wandels häufig die
Furcht vor Veränderungen gegenüber. Jeder neue
Horizont wird durch die Furcht vor Verlust einer alten
Gewißheit aufgewogen. Die Besorgnis konzentriert
sich auf die Einzelheiten lokaler Interessen statt auf
strategische Visionen. An die Stelle der großen
Themen Demokratie und Vereinigung treten die
Probleme des Agrarhandels, der sozialen Sicherheit
und Steuerreform. Die Beseitigung externer Bedrohungen hat nicht zur transatlantischen Konfrontation geführt, wie manche befürchteten. Manchmal
scheinen sie in gegenseitigem Desinteresse resultiert
zu haben. Unser Leben ist so sicher und so ähnlich
geworden, daß es wenig gibt, das die Begeisterungsfähigkeit hervorruft, die vor 50 Jahren so groß war.
Ich bin fest davon überzeugt, daß dieser Mangel an
Begeisterungsfähigkeit nur von kurzer Dauer sein wird.
Ich vertrete nicht die Ansicht, daß die westliche Welt
zur Domäne von Selbstbedienungsmaterialisten
geworden ist. Deutschland ist nicht zu einem Land der
Steuerhinterzieher oder Langzeitarbeitslosen geworden. Die Vereinigten Staaten sind nicht in eine
unilaterale Isolation von der übrigen Welt und ihren
Problemen geraten.
Richtig ist, daß die Vision für das nächste Jahrhundert
noch nicht entwickelt worden ist. Wir scheinen so
erschöpft von den Problemen des alten Jahrhunderts
zu sein, daß uns wenig Zeit bleibt, über die Herausforderungen nachzudenken, die mit dem Erfolg
einhergehen.
Wie gehen Demokratien mit dem Mangel an
externen Herausforderungen - seien sie
wirtschaftlicher oder militärischer Natur - um?
Wie können in einer alternden Bevölkerung
Vitalität und Innovationsfähigkeit bewahrt
werden?
Was sind die Auswirkungen wirtschaftlicher
Instabilität in den sogenannten weniger entwickelten Ländern?

AMERIKA DIENST 01

�Was ist das Wesen von Arbeit und Leistung in
einer Gesellschaft, in der mit immer weniger
Arbeitskräften produziert werden kann? Was
ist das Wesen der "Arbeit" in einer wissensgestützten Wirtschaft, in der das Wissen der
Arbeitnehmer die Produktionsmittel sind?
Wir stellen allmählich eine Agenda solcher Fragen auf.
Sie werden wahrscheinlich die entscheidenden
Themen unserer Zeit sein. Unsere Antworten auf
diese Herausforderungen werden in den kommenden
Jahrzehnten den Erfolg unserer Demokratien bestimmen. Ferner werden sie entscheidend für unsere
Fähigkeit sein, die großen weltweiten Herausforderungen zu bewältigen, mit denen wir immer noch konfrontiert sind.
Regierungen, Vereinigungen und Universitäten auf
beiden Seiten des Atlantiks arbeiten hart daran,
Antworten auf diese Herausforderungen zu finden.
Nach mehr als zwei Jahrzehnten leidvollen Wandels
verfolgen die Vereinigten Staaten einen stetigen Kurs
von Wirtschaftswachstum und sozialen Verbesserungen. Unsere Arbeitslosenquote ist die niedrigste seit
25 Jahren. Unsere Bundesregierung und die meisten
unserer Bundesstaaten prognostizieren jetzt für das
nächste Jahr einen Haushaltsüberschuß.
Europa hat für viele seiner drängenden Probleme noch
keine Antwort gefunden. Verwirrung über soziale
Prioritäten hat in einigen Ländern zu Stagnation, in
anderen zu Arbeitslosigkeit geführt. Der gesicherte
Wohlstand eines geteilten Europas scheint von der
Unsicherheit und Kakophonie der Vielfalt bedroht zu
sein. Diese Vielfalt scheint ganz plötzlich zu Herausforderungen für genau die Identität geworden zu sein,
die während der vergangenen 50 Jahre so sorgfältig
geschaffen wurde.
Niemand hat ein Erfolgsmodell. Ich empfehle die
Vereinigten Staaten ganz sicher nicht als Modell für
Europa. Unser Erfolg basiert auf der besonderen
Natur der amerikanischen Gesellschaft. Er kann nicht
direkt auf andere Länder übertragen werden.
Ich bin jedoch überzeugt, daß unsere gemeinsamen
Erfolge der vergangenen 50 Jahre, insbesondere in
Berlin, uns eine Lektion lehren, die uns in Zukunft gute
Dienste erweisen wird:
Die erste Lektion liegt vielleicht auf der Hand. Demokratie und Vielfalt, Offenheit und Pluralismus sind
wesentliche Elemente erfolgreicher Gesellschaften.
Das 20. Jahrhundert war in vielerlei Hinsicht ein Kampf
gegen den Totalitarismus. Das 21. Jahrhundert wird
erleben, wie sich der Pluralismus endgültig behauptet.
Das moderne Leben kann nicht kontrolliert werden.
Frieden und Wohlstand müssen auf Demokratie fußen.

AMERIKA DIENST 01

Auch die Solidarität sollte eine entscheidende Rolle
spielen. Damit meine ich nicht nur Solidarität innerhalb
von Gesellschaften oder zwischen Partnern wie den
Vereinigten Staaten und Deutschland. Ich meine auch
Solidarität mit denen, die sich um den Aufbau von
Demokratie bemühen - wo immer sie auch leben
mögen. Oder Solidarität mit denjenigen, die eine
Diktatur bekämpfen, selbst wenn sie weit von unseren
Küsten entfernt leben. Es war diese Solidarität, die
beispielsweise in Berlin die Demokratie rettete.
Solidarität bedeutet, Verantwortung zu übernehmen,
auch wenn das nicht einfach ist.
Schließlich möchte ich die Bedeutung von Visionen
hervorheben. Das Leben kann nicht auf die Aufgaben
beschränkt werden, die auf der Tagesordnung stehen.
Die Zukunft kann nicht nur einfach die Projektion
unseres Kontostands sein. Visionen müssen dargelegt
und entwickelt werden. Präsident Clintons Vision von
einem wirklich integrierten Europa hat die Richtung
gewiesen. Wir arbeiten seit fünf Jahren zusammen,
um ihr Form und Inhalt zu geben. Aber es gibt noch
viel mehr zu tun.
Was haben wir bislang getan? Wir haben die Grundlage für unsere neue Vision geschaffen, indem wir die
demokratischen Institutionen gestärkt haben, die in
den Jahren der Konfrontation unsere Freiheit bewahrten. Wir haben uns durch die NATO-Erweiterung an
die veränderten Umstände angepaßt. Die Europäische Union wird vertieft und erweitert. Und wir haben
einen neuen Rahmen für die Beziehungen zu einem
demokratischen Rußland, der Ukraine und den
anderen neuen Demokratien in Europa geschaffen.
Außerdem arbeiten wir eng zusammen, um die neuen
Herausforderungen unseres Zeitalters in eine umfassende euroatlantische Vision zu integrieren - Herausforderungen wie ethnische Konflikte und Terrorismus
und die Notwendigkeit, neue Methoden der Konfliktverhütung zu finden. Ebenfalls von sehr großer
Bedeutung sind die Probleme, die neuen unabhängigen Staaten in das internationale System zu integrieren.
Darüberhinaus gibt es die Probleme der übrigen Welt.
Sogenannte verbrecherische Staaten strapazieren den
Konsens zwischen uns oft über Gebühr. Probleme wie
Hunger und Konflikte in den Entwicklungsländern sind
weiterhin sehr wichtig.
Auch innerhalb unserer Länder gibt es große Herausforderungen. Die dritte technologische Revolution
verlangt unseren Volkswirtschaften und Gesellschaften
viel ab.
Es ist wichtiger denn je, daß wir die deutsch-amerikanische Partnerschaft einsetzen, um die Herausforderungen in jedem unserer Länder besser bewältigen zu können.

Seite 3

�Aus diesem Grund ist die deutsch-amerikanische
Partnerschaft von entscheidender Bedeutung. Wie ich
dem Senat bei meiner Anhörung im Sommer letzten
Jahres sagte, werden die Vereinigten Staaten in den
kommenden Jahren praktisch kein wichtiges Ziel
verfolgen, das nicht mit Deutschland in Zusammenhang steht, und dasselbe gilt für Deutschland. Wir
haben gemeinsame Sorgen und eine Vielzahl gemeinsamer Interessen. Bei unseren gegenseitigen Bestrebungen zur Stabilisierung der Situation in der Ukraine,
in Bosnien und vielen anderen Gebieten verlassen
sich Deutschland und Amerika auf ihre einzigartige,
selbstverständliche Partnerschaft. Meines Erachtens
kann diese Partnerschaft in den kommenden Jahren
noch mehr erreichen.

Obwohl die Bilanz des Wandels unter den neuen
Demokratien positiv war, gab es auch negative
Beispiele des Wandels. Ich denke dabei an Bosnien,
ein Land, das von einer Aggression erfaßt wurde, wie
sie Europa seit dem Zweiten Weltkrieg nicht erlebt
hatte. Das Atlantische Bündnis stellte sich der Herausforderung, der Aggression ein Ende zu setzen. Der
Fall Bosnien zeigt jedoch, wie schnell Stabilität Unordnung und Blutvergießen weichen kann.
Wir
müssen unsere Methoden der Konfliktverhütung
verbessern und perfektionieren. Die OSZE ist eine
Ressource, die besser genutzt werden kann und sollte.
Sie sollte darauf hinarbeiten, den Ausbruch ethnischer
Spannungen und Gebietseroberungen zur Vergangenheit werden zu lassen.

Wir haben bereits damit begonnen, die Grundlagen für
die Zukunft zu legen - durch unsere Bestrebungen zur
Erweiterung der NATO und der Europäischen Union.
Hinzu kommt die Erfüllung des Versprechens der
Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in
Europa. Diese Schritte erfolgten nicht automatisch.
Denken Sie nur an einige der Debatten zu Beginn der
neunziger Jahre: "NATO, was nun?" war damals eine
gängige Frage. Die Entscheidung zur Erweiterung
wurde erst getroffen, nachdem diese schwierige
Diskussion zu dem Schluß gelangte, daß eine erweiterte NATO bei weitem das vielversprechendste
Instrument sei, um die Stabilität und Sicherheit Europas zu bewahren.

Das ist natürlich keine geringe Herausforderung. Aber
eine solche Denkweise gründet auf Prinzipien, die
allen Mitgliedern der transatlantischen Gemeinschaft
gemein sind. Aggression, Terrorismus und Aktionen
außerhalb der internationalen Normen sind Dinge, die
jedes Land verabscheut und ablehnt. Daher ist es
nicht weit hergeholt oder abstrakt, die Organisationen,
denen unsere Länder die wichtigsten Prinzipien
beimessen, vor solch eine Herausforderung zu stellen.

Ebenso wie die NATO hat die Europäische Union die
Notwendigkeit erkannt, die neuen Demokratien
einzubeziehen. So wie die Aussicht der NATOErweiterung die Länder Zentraleuropas veranlaßt hat,
sich gegenseitig als potentielle Verbündete statt als
Gegner zu sehen, hat auch die Aussicht auf die EUMitgliedschaft diese Länder ermutigt, die erforderlichen
und manchmal schmerzlichen politischen Schritte zu
unternehmen, um ihre neuen Marktwirtschaften und
Rechtssysteme auf den richtigen Weg zu bringen.
Eine Orientierung nach außen wird der EU in den
kommenden Jahren am besten dienen. Das gilt nicht
nur für Zentraleuropa, sondern auch für die Türkei - ein
Land, das die strategische Entscheidung, sich zum
Westen zu orientieren, Anfang dieses Jahrhunderts
getroffen hat. Die Türkei und die EU haben gleichermaßen ein Interesse an der Stärkung ihrer Beziehungen. Und wir alle haben ein Interesse an der Entwicklung der Türkei als einem starken, wohlhabenden,
säkularen und demokratischen Staat.
Das letzte Jahrzehnt hat die unterschiedlichen Arten
aufgezeigt, wie sich Länder umgestalten können. Im
Falle dessen, was wir einstmals als Osteuropa bezeichneten, haben wir gesehen, wie autoritäre Systeme demokratisch wurden - Länder, in denen die
Regierungen durch normale, demokratische Mittel
abgelöst werden.

Seite 4

Diese Prinzipien gelten auch für die Erweiterung des
freien Handels und die Schaffung neuer Möglichkeiten
auf unserem transatlantischen Markt. Wir arbeiten auf
gleiche Chancen hin, indem wir die internationale
kommerzielle Bestechung abzuschaffen versuchen,
eine Praxis, die eben die Prinzipien unterminiert, für die
unsere Länder stehen. Wir haben Fortschritte dabei
erzielt, die Duplizität von Testverfahren abzubauen, so
daß die Produkte für den Verbraucher weniger teuer
werden. Und beim Klimagipfel in Kyoto haben wir den
ersten bedeutenden Schritt zur Bekämpfung des
Klimawandels vereinbart.
Innovation und neue Technologien sind die treibende
Kraft bei dem, was jetzt als die "neue Weltwirtschaft"
bezeichnet wird - ein Begriff, der Globalisierung
umfaßt, aber sich auch auf den neuen Kontext bezieht,
in dem Unternehmen auf der ganzen Welt Geschäfte
tätigen.
Die Veränderungen bei Handel und Technologie
haben jedoch nicht nur Auswirkungen auf unsere
Geschäftsbeziehungen. Sie beeinflussen auch unsere
Gesellschaften. Das Internet ist überall. Vor zwanzig
Jahren hätten die meisten sich nur sehr schwer
vorstellen können, daß wir heute von unserem Wohnzimmer aus Verbindung zu Computern auf der ganzen
Welt aufnehmen können. Heute hingegen ist es
schwierig, sich vorzustellen, daß wir nicht die E-mail
benutzen oder im Web surfen können. Es ist Teil
unserer sozialen Interaktion geworden - integraler
Bestandteil des Studentenalltags.

AMERIKA DIENST 01

�Daß unser Planet immer kleiner wird, hat auch Auswirkungen auf die Arbeit von jemandem wie mir.
Einmal können Informationen natürlich Grenzen
überschreiten und den Weg durch geschlossene
Gesellschaften nehmen. Wie jemand einmal sagte:
Wir sprechen nicht mehr von einer Revolution von
oben oder unten, sondern von einer Revolution von
außerhalb. Eine weitere Auswirkung ist, daß die
Bedrohungen der nuklearen Weiterverbreitung, die
Aktionen verbrecherischer Staaten und der Terrorismus ebenfalls näherrücken.
Diese Dinge bedrohen nicht nur einzelne Länder,
sondern die gemeinsame Lebensweise vieler Länder.
Die beste Verteidigung besteht darin, sich der Konstruktion zu bedienen, die die Lebensweise und
Interessen Deutschlands, der Vereinigten Staaten und
der übrigen transatlantischen Gemeinschaft verkörpert. Dieses Gebilde besteht aus Organisationen wie
der NATO, der OSZE, der neuen transatlantischen
Agenda sowie einer Vielzahl bilateraler und persönlicher Beziehungen und Freundschaften, die im Lauf der
Jahrzehnte aufgebaut wurden.
An diesem 50. Jahrestag der Gründung der Freien
Universität Berlin und der Berliner Luftbrücke wollen
wir uns einen Moment Zeit nehmen: Wir wollen uns
selbst zu unserer Fähigkeit beglückwünschen, die
Demokratie zu feiern. Und als historische Fußnote
möchte ich hinzufügen: Der Ausdruck "Kalter Krieg"
wurde ebenfalls 1948 geprägt, und ich freue mich, daß
er seinen 50. Jahrestag nicht erlebt.
Im Juni 1963 erklärte John F. Kennedy in seiner Rede
vor dieser Universität: "Diese Lehrstätte hat kein
Interesse daran, nur Syndikusse und vereidigte
Buchprüfer auszubilden. Woran sie Interesse hat, und
das gilt für jede Universität, ist die Ausbildung von
Weltbürgern - Menschen, die schwierige und heikle
Aufgaben meistern, vor denen wir als freie Männer und
Frauen stehen, sowie Menschen, die bereit sind, ihre
Kraft in den Dienst des Fortschritts einer freien Gesellschaft zu stellen."
Kennedys Worte inspirieren uns sogar noch heute -

*

AMERIKA DIENST 01

1998 - während wir den Jahrestag unseres Engagements für Demokratie und Freiheit feiern. Wir erneuern unser Engagement, damit in ganz Europa Demokratie, Frieden, Stabilität und Freiheit herrschen.
Berlin hat in diesem neuen Europa einen ganz besonderen Platz. Es ist nicht nur die Hauptstadt des
wiedervereinigten Deutschlands. Es ist seit Jahrzehnten ein Zentrum der Vielfalt und ein Magnet für die
Kreativen und Entrechteten. Keine Stadt in Europa hat
sich während des vergangenen Jahrzehnts stärker
verändert als Berlin. Keine Stadt kann dramatischere
neue Herausforderungen erwarten als Berlin.
Die Freie Universität und die anderen großartigen
Stätten des Lernens in Berlin werden sich dem Druck
des Wandels ebenfalls nicht entziehen können. Sie
werden am Scheideweg eines neuen Europas stehen,
das sich wahrscheinlich stark von der Welt unterscheidet, die wir in den vergangenen 50 Jahren
kennengelernt haben.
Die Vereinigten Staaten werden weiterhin ein zentrales
Element in dem neuen Europa sein, das wir gemeinsam aufbauen. Unser Ziel besteht darin, ganz Europa
zu helfen, der euroatlantischen Gemeinschaft von
Nationen beizutreten, die Präsident Clinton beschrieben hat. Unsere Rolle wird jedoch anders sein. Wir
werden Berlin und Westeuropa nicht länger vor einer
Bedrohung schützen. Wir werden in zunehmendem
Maße zu einem Partner bei den gemeinsamen Bestrebungen werden, die Gesundheit unserer Gesellschaften zu gewährleisten und die Vorteile der Demokratie auszuweiten.
Wenn wir nach einer Vision suchen, brauchen wir nur
auf Berlin zu schauen. Die Vervollständigung Europas
begann vor 50 Jahren in dieser Stadt. Das Signal für
eine wahrhaft friedliche euroatlantische Welt wird am
besten gehört, wenn Berlin es so laut und klar wie
möglich sendet. Damit kann Berlin die Phantasie
derjenigen anregen, die die Wunder der Vergangenheit
wiederholen möchten. Sie können wahrhaft dazu
beitragen sicherzustellen, daß Europa eines Tages frei
und ungeteilt sein wird.

* * * *

Seite 5

�HANDEL
14.Januar 1998

Sanktionen gegen Investitionen im Iran
weiterhin in Kraft
Rede von Staatssekretär Stuart Eizenstat

WASHINGTON - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede, die der Staatssekretär für wirtschaftliche,
unternehmerische und landwirtschaftliche Angelegenheiten im US-Außenministerium, Stuart Eizenstat, am 7.
Januar 1998 bei der vom nordamerikanischen Komitee (North American Comittee - NAC) des nationalen
Politikverbandes veranstalteten Konferenz im National Press Club in Washington gehalten hat.

Einleitung
Ich möchte dem Präsidenten des nordamerikanischen
Komitees, Malcolm R. Lovell, für die Organisation der
heutigen Veranstaltung danken. Auch möchte ich
Roger Noriega nicht unerwähnt lassen, der den
Ausschuß für auswärtige Angelegenheiten des Senats
vertritt.
Meines Erachtens hat die Sitzung von heute Morgen
zum Thema Sanktionen Denkanstöße vermittelt, und
ich bedauere, daß ich nicht dabei sein kann, wenn die
unterschiedlichen Gedankengänge und Meinungen zu
diesem Thema erörtert werden. Ich freue mich jedoch
auf die eingehende Diskussion im Anschluß an meine
heutigen Ausführungen.
Ich werde heute zwei aktuelle und wichtige Punkte
erörtern: Die besten Geschäftsprinzipien und die
Verhängung von Sanktionen. Obwohl dies zwei
getrennte Themen zu sein scheinen, können sie
ausschlaggebende Instrumente bei der Erlangung
unserer außenpolitischen Ziele sein.
In meinem Ausführungen werde ich mich auf zwei
aktuelle Beispiele konzentrieren: Das Libertad-Gesetz
- auch bekannt als Helms-Burton-Gesetz - und das
Gesetz über Sanktionen gegen Iran und Libyen besser bekannt als ILSA (Iran Libya Sanctions Act).
Diese Gesetze haben die Betonung auf das Thema
Sanktionen verlagert und eine Reihe von Studien und
Diskussionen wie die heutige über die Effektivität von
Wirtschaftssanktionen ausgelöst. Meiner Ansicht nach

AMERIKA DIENST 01

sind die Diskussionen, Debatten und Analysen
konstruktiv, und wir begrüßen die Ideen und den Input
des Privatsektors, des Kongresses, von Wissenschaftlern und Nichtregierungsorganisationen (NGOs),
die zur Verbesserung der Effektivität unserer Maßnahmen beitragen sowie die Ziele und logische
Grundlage dieser Aktionen verdeutlichen können.
Das Konzept der Sanktionen ist nicht neu. Historiker
zitieren Beispiele, die in das antike Griechenland 432
v. Chr. zurückreichen. Anfang des 19. Jahrhunderts
verhängten die Vereinigten Staaten als Vergeltung für
britische Versuche zur Begrenzung des amerikanischen Handels mit Frankreich ein Embargo gegen
Großbritannien. Die Vereinigten Staaten wandten
sowohl im Ersten als auch im Zweiten Weltkrieg
Embargos auf Verkäufe nach Japan an. Als Präsident
Carters innenpolitischer Berater nahm ich persönlich
an dem Entscheidungsprozeß teil, der 1979 nach der
sowjetischen Invasion in Afghanistan zur Verhängung
von Sanktionen gegen die Sowjetunion führte.
Die Vereinigten Staaten haben seit dem Ersten
Weltkrieg insgesamt 115 Mal Sanktionen aus außenpolitischen Gründen auferlegt.
Den Zahlen des
Exportrats des Präsidenten zufolge wurden 104 nach
dem Zweiten Weltkrieg verhängt und 61 zwischen
1993 und 1996. Die Zahlen beinhalten nicht die
Anwendung von Sanktionen auf bundesstaatlicher und
kommunaler Ebene, die zugenommen hat. In einigen
Kreisen hat die Zunahme der Verhängung von Sanktionen Anlaß zu berechtigter Sorge gegeben.

Seite 1

�Die Vereinigten Staaten stehen mit dem vermehrten
Einsatz von Sanktionen nicht allein. Der UN-Sicherheitsrat hat zwischen 1945 und 1990 nur zweimal
Sanktionen angewandt - gegen Rhodesien und
Südafrika. In beiden Fällen sollte die Verweigerung
von Menschenrechten und innenpolitischer Machtmißbrauch angesprochen werden, nicht die Abwehr
traditioneller Bedrohungen des internationalen Friedens und der Sicherheit. Seit 1990 haben die Vereinten Nationen Sanktionen gegen acht Länder
verhängt: Irak, Serbien, Libyen, Somalia, Liberia,
Ruanda, Haiti und Sierra Leone.
Die EU, Japan, Kanada und die Vereinigten Staaten
haben Sanktionen gegen Burma verhängt. Die EU hält
Hilfe für Kenia zurück, solange dieses Land mit den
Problemen der Korruption und manipulierten Wahlen
zu tun hat. Die ostafrikanischen Staaten haben
Burundi Sanktionen auferlegt, und die Wirtschaftsgemeinschaft westafrikanischer Staaten Sierra Leone.
Wie diese Beispiele demonstrieren, werden Sanktionen aus einer Vielzahl von Gründen angewandt: Um
das Verhalten eines Ziellandes zu ändern; um die
Ablehnung des Verhaltens einer Regierung zu signalisieren; um den Aktionsspielraum eines Zielstaates
einzuschränken und die Kosten eines inakzeptablen
Verhaltens zu erhöhen; um Unterstützung für Menschenrechte, Demokratie, Terrorismusbekämpfung
und andere Maßnahmen zu demonstrieren.
Sanktionen sind nicht kostenlos. Der Exportrat des
Präsidenten hat kürzlich beispielsweise die direkten
Kosten von Wirtschaftssanktionen für die amerikanische Wirtschaft im Jahr 1995 auf 15-19 Milliarden
Dollar an verlorenen Exportverkäufen und bis zu
250.000 Arbeitsplätzen geschätzt. Er argumentierte
ferner, daß Sanktionen einen indirekten Effekt durch
die Aushöhlung des Vertrauens in die Zuverlässigkeit
amerikanischer Lieferanten haben. Darüber hinaus
machen sie geltend, daß die Kosten für die amerikanische Wirtschaft und die Wettbewerbsfähigkeit der
Vereinigten Staaten gemessen an den erzielten
Ergebnissen unverhältnismäßig hoch sein können.
Sanktionen der Bundesstaaten und Kommunen
können mit unseren internationalen Verpflichtungen in
Konflikt kommen und unseren außenpolitischen Zielen
zuwiderlaufen.
Es gibt jedoch Fälle, in denen Sanktionen ihr erklärtes
Ziel erreicht haben. In Südafrika trugen Sanktionen
zur Abschaffung der Apartheid bei; im Irak vereitelten
Sanktionen die Versuche Saddam Husseins zum
Wiederaufbau seiner Kriegsmaschinerie und - was
noch schlimmer gewesen wäre - zur Beschaffung von
Massenvernichtungswaffen; in Libyen mußte Gaddhafi
wegen der Sanktionen einen hohen Preis dafür
bezahlen, daß er die des Bombenanschlags auf
PanAm-Flug 103 Angeklagten nicht auslieferte;
Sanktionen halfen, Serbien in Dayton an den Verhand-

Seite 2

lungstisch zu bringen. Alle Sanktionen stellen multilaterale Bestrebungen vieler Länder dar. Der Erfolg
unilateraler Sanktionen ist gemischter - es gibt aber
dennoch eine Rolle für sie, wie im Falle von Sudan und
Burma.
Aber sind Sanktionen effektiv? Die Antwort ist nicht
leicht, und viele würden argumentieren, daß die Bilanz
nicht eindeutig ist. Die von einer von Verkäufen in
Burma abhängigen Firma vorgeschlagenen Normen
weichen sicherlich von denen eines engagierten
Menschenrechtsaktivisten ab, der jede Interaktion mit
dieser Regierung als unmoralisch ansehen würde.
Befürworter von Sanktionen glauben, daß sie sowohl
effektiv als auch symbolisch sind, da sie die Führungsrolle der Vereinigten Staaten demonstrieren und
andere Regierungen zu Reformen veranlassen.
Kritiker von Sanktionen argumentieren jedoch, daß
unilaterale Sanktionen für gewöhnlich das Zielland und
seine Politiker verfehlen, selbst wenn amerikanische
Unternehmen Verträge und Arbeitsplätze verlieren häufig für immer.
Das US-Außenministerium überprüft den Einsatz
dieses kontroversen Instruments. Der erste Schritt
besteht darin, unser eigenes Haus in Ordnung zu
bringen. Daher haben wir ministeriumsintern ein
"Sanktionsteam" eingerichtet, das eine Reihe von
Prinzipien und politischen Optionen erarbeiten soll, um
Wirtschaftssanktionen als Instrument der Außenpolitik
effektiver zu machen. Dieses "Sanktionsteam" wird
auch bessere Wege zur Durchsetzung von Sanktionen
finden und dabei direkt mit dem Kongreß, Nichtregierungsorganisationen und anderen zusammenarbeiten. Gesetzlich vorgeschriebene Sanktionen im
Zusammenhang mit Nichtverbreitung und Waffentransfers werden weiterhin gemäß bestehender Verfahren
angewandt und wären nicht Bestandteil dieser neuen
Bestrebungen.
Mehrere Prinzipien sollten die Suche nach einem
besseren, effektiveren Weg zur Integration von
Sanktionen in die Außenpolitik leiten.
Wir sollten nur auf Sanktionen zurückgreifen,
nachdem andere diplomatische Optionen
vollständig ausgeschöpft wurden und gescheitert sind.
Wir sollten internationale Unterstützung für
alle Sanktionsregime und die Beteiligung
daran anstreben, bevor wir unilaterale Maßnahmen ergreifen. Internationale oder multilaterale Sanktionen - selbst wenn sie nicht so
streng sind, wie wir es vorziehen würden könnten sich tatsächlich als effektiver erweisen als von den Vereinigten Staaten
eingeleitete unilaterale Maßnahmen.

AMERIKA DIENST 01

�Wir sollten die Sanktionen sorgfältig ausarbeiten, damit das Zielland den Schmerz fühlt
und unnötige Härten für die Unschuldigen
vermieden werden.

Vereinigten Staaten und der EU diskutiert als Ergebnis
der Vereinbarung, die Sir Leon Brittan und ich im April
ausgehandelt haben.
ILSA

Wenn unsere Maßnahmen effektiv sein sollen,
müssen wir zusammenarbeiten - Administration, Kongreß, Bundesstaaten und Kommunen, Unternehmen, NGOs - um sicherzustellen, daß der Einsatz der Sanktionen
angemessen, konsequent, innenpolitisch
befürwortet und in der Lage ist, internationale
Unterstützung zu gewinnen.
Bevor ich auf den Einsatz von Sanktionen im Hinblick
auf den Iran, Libyen und Kuba eingehe, möchte ich
kurz auf die Anwendung des Begriffs sekundäre
Boykotte eingehen. Bei unseren Diskussionen mit
Regierungen und dem Privatsektor haben wir festgestellt, daß es keine generell akzeptierte Definition
des Begriffs "sekundäre Boykotte" gibt. Einige haben
ihn auf amerikanische Gesetze, einschließlich des
Libertad-Gesetzes und des ILSA angewandt. Es
wurde vorgeschlagen, daß der Begriff sich auf jede
Maßnahme eines Staates bezieht, der Entscheidungen
ausländischer Firmen im Hinblick auf deren Geschäfte
in einem dritten Land beeinflussen könnte und alle
solche Maßnahmen jetzt illegal sind oder sein sollten.
Als Reaktion auf solche Behauptungen hat die Regierung der Vereinigten Staaten darauf verwiesen, daß
eine Vielzahl von Maßnahmen, die zur Förderung der
Politik eines Staates ergriffen wurden, das Potential
zur Beeinflussung ausländischer Firmen haben.
Beispielsweise hätte ein Importverbot der EU für Pelze
von in Tellerfallen gefangenen Tieren genau eine
solche Wirkung. Wir haben auch darauf verwiesen,
daß es absolut legitim für einen Staat ist, auf Bedrohungen wie Weiterverbreitung und Terrorismus mit
Sanktionen zu reagieren, die Bedingungen für kommerzielle Hilfsprogramme stellen, beispielsweise die
im Rahmen des ILSA genehmigten der Export-Import
Bank.
Ich glaube nicht, daß wir die Effektivität unserer
Reaktion auf solche Bedrohungen verbessern oder
Spannungen verringern werden, die sich aus völlig
unvereinbaren Maßnahmen ergeben, indem wir den
Begriff "sekundärer Boykott" wie ein Warnschild
hochhalten. Statt dessen vertrete ich die Auffassung,
daß die Vereinigten Staaten und ihre Verbündeten
größere Anstrengungen unternehmen sollten, um die
Zusammenarbeit bei der Entwicklung konzertierter
Antworten auf Bedrohungen ihrer gemeinsamen
Interessen zu verbessern. Durch erweiterte Konsultationen auf hoher Ebene zu diesen Themen können die
Beteiligten versuchen, völlig unvereinbare Maßnahmen
zu vermeiden, einschließlich unilateraler Aktionen, die
ihren jeweiligen Interessen zuwiderlaufen könnten.
Ihre Ideen werden zur Zeit vehement zwischen den

AMERIKA DIENST 01

Die Unterstützung des Iran für Terrorismus, seine
Bestrebungen zur Beschaffung von Massenvernichtungswaffen und Raketenträgersystemen sowie
seine Anstrengungen, den Friedensprozeß im Nahen
Osten zu stören, bedrohen unsere Freunde, Verbündeten und Interessen am Persischen Golf, im Nahen
Osten und darüber hinaus. Wir haben auf einen
multilateralen Konsens hingearbeitet, der die Bestrebungen des Iran zur Beschaffung von Massenvernichtungswaffen vereiteln und die Unterstützung von
globalem Terrorismus abschrecken soll. Es besteht
generelle Übereinstimmung mit unseren Verbündeten
über die Bedrohung, die der Iran darstellt, aber
weniger Einigung über die angemessenen Maßnahmen zur Abwehr dieser Bedrohung.
Wir führen einen andauernden Dialog mit unseren
Verbündeten, um unsere Maßnahmen im Hinblick auf
den Iran aneinander anzugleichen und multilateralen
Druck der Art anzuwenden, die eine Änderung des
Verhaltens des Iran am wahrscheinlichsten bewirkt.
Das ILSA enthält eine Aufforderung an den Präsidenten, "auf die Einführung eines multilateralen
Sanktionsregimes gegen den Iran hinzuarbeiten",
einschließlich Bestimmungen, die die Entwicklung von
Ölressourcen begrenzen und die Bestrebungen des
Iran "zur Unterstützung von Terrorismus und Beschaffung von Massenvernichtungswaffen verhindern". Ein
solcher Ansatz birgt die größten Chancen zur Erlangung dieser außenpolitischen Ziele. Aber was auch
immer das Ergebnis dieser Bestrebungen sein mag wir müssen gegebenenfalls zu unilateralem Handeln
bereit sein, wenn entscheidende nationale Interessen
auf dem Spiel stehen.
Gleichzeitig setzen wir unsere Überprüfung der South
Pars- und Balal-Investitionen fort um festzustellen, ob
sanktionierbare Aktivitäten gemäß ILSA stattfinden.
Wir beeilen uns, unsere Arbeit zu beenden, haben
jedoch noch keine Entscheidung in diesen Fällen
getroffen. Ich möchte hervorheben, daß es uns ernst
mit der Durchführung dieses Gesetzes ist und wir
keine Optionen ausgeschlossen haben. Sanktionen
sind in beiden Fällen weiterhin eine reale Option, wenn
sich diese Aktivitäten als sanktionierbar erweisen.
Bei einer Analyse der Sanktionsgesetzgebung muß
man bezüglich der Auswirkungen und Grenzen der
Aktionen sachlich und genau sein. Beispielsweise sind
bindende Auflagen bei der Ex-Im-Finanzierung im
Rahmen des ILSA im wesentlichen die Zurücknahme
einer Vergünstigung der Vereinigten Staaten für ein
ausländisches Unternehmen, das "durch große

Seite 3

�Investitionen direkt und in beträchtlichem Maße die
Fähigkeit des Iran zur Entwicklung von Ölressourcen
erhöht hat". Es ist keine Aktion gegen eine ausländische Regierung.
Das Libertad-Gesetz
Die gegen Kuba verhängten Sanktionen verdeutlichen
eines der wichtigsten Ziele von Wirtschaftssanktionen Druck auf grundlegenden Wandel in einem Regime
auszuüben, das international unbestritten schlechtes
Benehmen an den Tag gelegt hat und sein eigenes
Volk brutal unterdrückt. Auch wenn unsere Verbündeten und wichtigsten Handelspartner nicht mit unserem
gegen Kuba verhängten Embargo übereinstimmen
mögen und die Bestimmungen des Libertad-Gesetzes
ablehnen, sind sie mit uns einer Meinung, daß das
Hauptziel die Förderung von Demokratie und Menschenrechten in Kuba ist.
Unsere derzeitige Politik gegenüber Kuba reflektiert
unser Engagement für einen konzertierten multilateralen Ansatz, in Kuba grundlegenden Wandel herbeizuführen. Sanktionen sind nur ein Element dieses
weitaus umfassenderen Ansatzes. Im vergangenen
Jahr leitete der Präsident erstmals in den 38 Jahren
seit der Machtübernahme Castros umfassende
Bestrebungen zur Förderung der Demokratie in Kuba
auf multinationaler Ebene ein. Die Initiative des
Präsidenten basiert auf einer jahrelangen überparteilichen Politik gegenüber Kuba. Nach monatelangen
Bemühungen, eingehenden Konsultationen mit dem
Kongreß und der kubanisch-amerikanischen Gemeinschaft und nachdem viele engagierte Menschen und
ich Tausende von Meilen zurückgelegt haben, gelang
uns die Einleitung einzigartiger, multilateraler Bestrebungen zur Veränderung der Kategorien, in denen
über Kuba gesprochen wird.
Wie bei jedem Gesetz, das ausländische Unternehmen
betrifft, ist Genauigkeit hinsichtlich des Inhalts und
Umfangs der Aktionen von großer Bedeutung. Ein Teil
unserer Anstrengungen zur Einbeziehung unserer
Freunde und Verbündeten bestand darin, falsche
Annahmen und Mißverständnisse über das HelmsBurton-Gesetz auszuräumen. Helms-Burton ist ein
gezieltes Gesetz, das keine Bestrafung von Handel
und Investitionen in Kuba darstellt. Vielmehr bezieht
es sich nur auf die Unternehmen, die direkt mit enteignetem Eigentum umgehen, das amerikanischen
Staatsbürgern von der Castro-Regierung abgenommen wurde. Bei der Klärung dieser Mißverständnisse
und der direkten Beantwortung von Fragen ausländischer Regierungen über dieses Gesetz konnten wir
in gewisser Weise den Schwerpunkt von unseren
Differenzen auf unser gemeinsames Ziel verlagern die Förderung der Demokratie in Kuba.
Diese multinationalen Bemühungen zur Förderung des
demokratischen Wandels in Kuba beinhalten nicht nur

Seite 4

staatliche Aktionen. Auch Nichtregierungsorganisationen leisten in dieser Sache einen wachsenden und
wesentlichen Beitrag. Im vergangenen Jahr veranstaltete die führende niederländische NGO - Pax
Christi - eine große Konferenz europäischer Nichtregierungsorganisationen über die Notwendigkeit
verstärkter Zusammenarbeit bei Programmen, die auf
die Entwicklung einer bürgerlichen Gesellschaft sowie
die Förderung von Menschenrechten und Demokratie
in Kuba abzielen. Und im April letzten Jahres organisierten die führenden politischen Parteien der Niederlande eine Konferenz über Menschenrechte und einen
friedlichen Übergang zur Demokratie in Kuba. Bei
dieser Konferenz koordinierten und förderten etablierte
politische Parteien und Nichtregierungsorganisationen
gemeinsam Programme zur Förderung von Demokratie und Menschenrechten in Kuba, forderten die
Freilassung politischer Gefangener und appellierten an
die kubanische Regierung, einen "friedlichen Übergang zu einer demokratischen, auf Rechtsstaatlichkeit
basierenden Gesellschaft" zuzulassen.
Auf Regierungsebene unternehmen die lateinamerikanischen Staaten wachsende Anstrengungen zur
Ermutigung demokratischen Wandels in Kuba.
Führende Politiker Argentiniens, Nicaraguas und El
Salvadors haben die kubanische Regierung in Erklärungen aufgerufen, einen Demokratisierungsprozeß
einzuleiten und sich an die Verpflichtung zu Demokratie und Menschenrechten zu halten, die Castro beim
iberoamerikanischen Gipfel 1996 eingegangen ist. Die
EU entwickelte eine "gemeinsame Position" - eine
historische, rechtlich bindende Verpflichtung aller 15
Mitgliedstaaten und der Europäischen Kommission zur
Ausübung stärkeren Drucks auf Menschenrechte und
demokratischen Wandel in Kuba. Diese "gemeinsame
Position" diente als Sprungbrett für die Übereinkunft
vom 11. April, die beide Seiten erneut zu verstärkten
Aktionen zur Förderung von Demokratie in Kuba und
zur Ermutigung anderer Länder verpflichtet, ebenso zu
handeln.
Als Teil der Übereinkunft mit der EU vom 11. April über
das Libertad-Gesetz setzen wir uns für bindende
Disziplinen bei nicht im Einklang mit dem Völkerrecht
stehenden Investitionen in enteignetes Eigentum sowie
für die Beilegung von Kompetenzstreitigkeiten, einschließlich Sanktionen, ein. Dies hätte Vorteile auf
beiden Seiten des Atlantiks, darunter verstärkter
Schutz für amerikanische und europäische Investoren
- und würde den Druck auf die kubanische Regierung,
Wandel herbeizuführen, stark erhöhen.
Aus diesem Grund haben wir bei unseren Gesprächen
mit der EU intensivierte Konsultationen auf hoher
Ebene vorgeschlagen, die ich bereits erwähnt habe.
Engere Zusammenarbeit mit unseren internationalen
Partnern bei der Reaktion auf Bedrohungen durch sich
den internationalen Normen widersetzende Staaten
tragen wirksamer zur Änderung inakzeptablen Verhal-

AMERIKA DIENST 01

�tens bei und verringern die Wahrscheinlichkeit gegenläufiger Maßnahmen, die unsere jeweiligen Interessen
unterminieren.
Jetzt werde ich mich den besten Geschäftsprinzipien
zuwenden. Zuerst möchte ich feststellen, daß die
Vereinigten Staaten Investitionen in Kuba entmutigen.
Wir sind nicht der Ansicht, daß Investitionen unter den
derzeitigen Umständen zu einer Förderung des
Wandels beitragen. Wir sind uns jedoch bewußt, daß
einige Unternehmen weiterhin Investitionsmöglichkeiten in Kuba suchen. Daher ist die Unterstützung
der besten Geschäftsprinzipien ein wesentliches
Element der Initiative des Präsidenten zur Entwicklung
eines multilateralen Ansatzes zur Förderung der
Demokratie in Kuba. Meines Erachtens ist dies ein
historischer Augenblick bei den Bestrebungen, die
international besten Geschäftsprinzipien zu entwickeln,
die auf Kuba Anwendung finden. Ganz unterschiedliche Gruppen mit verschiedenem Hintergrund und
Anliegen befassen sich mit dieser Frage.
Beste Geschäftsprinzipien
Die Idee ist nicht neu, daß der Privatsektor Schritte zur
Unterstützung grundlegender Menschen- und Arbeitnehmerrechte unternimmt. Die auf Südafrika angewandten "Sullivan-Grundsätze", die "McBride-Grundsätze" für Nordirland und die "OECD-Richtlinien für
multinationale Unternehmen" sind allesamt wichtige
Bezugspunkte für das Konzept der "besten Geschäftsprinzipien". In den neunziger Jahren wurden Grundsätze entwickelt, um in die Sowjetunion investierende
Unternehmen zur Förderung grundlegender Menschenrechte zu veranlassen.
In den Vereinigten Staaten werden Arbeitnehmerrechte
im Zusammenhang mit Programmen wie der Gesellschaft für Privatinvestitionen in Übersee (OPIC) und
dem Allgemeinen Präferenzsystem (General System of
Preferences - GSP) bestimmt. 1996 gab Präsident
Clinton eine Initiative bekannt, im Ausland tätige
amerikanische Unternehmen zur Förderung von
Menschen- und Arbeitnehmerrechten zu ermutigen.
Auf internationaler Ebene veröffentlichte ein Zusammenschluß kanadischer Unternehmen im September einen "internationalen Verhaltenskodex für kanadische Unternehmen". Kuba war in der Vergangenheit
Gegenstand besonderer Aufmerksamkeit; Anfang der
neunziger Jahre wurden die "Arcos-Prinzipien"
entwickelt - benannt nach dem führenden kubanischen
Dissidenten Gustavo Arcos.
In den letzten Monaten wurden bedeutende Schritte
unternommen. Der transatlantische Wirtschaftsdialog
(Trans-Atlantic Business Dialogue - TABD) setzte bei
seiner Konferenz in Rom von 6.-7. November die im
vergangenen Jahr begonnene Arbeit fort. Diese
jährlich stattfindende Konferenz amerikanischer und
europäischer Wirtschaftsvertreter forderte die Unter-

AMERIKA DIENST 01

nehmen auf, sich an den "besten Geschäftsprinzipien"
jedes Landes zu orientieren, in dem sie tätig sind und
verlieh der Unterstützung für die "Ziele der Förderung
von Demokratie, Bekämpfung des Terrorismus und
Schutz der grundlegenden Menschenrechte" Ausdruck. In meiner Ansprache bei dieser Konferenz
unterstrich ich die Anwendung dieser Grundsätze auf
Kuba.
Andere Organisationen aus dem Privatsektor fordern
ebenfalls beste Geschäftsprinzipien. Im Dezember
1996 unterstützte die Organisation, die ungefähr 90
Prozent der niederländischen Arbeitgeber vertritt
(VNO/NCW), öffentlich die Erklärung des TABD über
Geschäftsprinzipien. Der britische Arbeitgeberverband
(Confederation of British Industries) befürwortete
ebenfalls eine aussagekräftige Erklärung über beste
Geschäftsprinzipien.
Das nordamerikanische Komitee baute bei der Aufstellung einer Reihe konstruktiver Geschäftsprinzipien
für Kuba auf diesen vorherigen Bestrebungen auf. Ich
habe bei meinen Besuchen in Kanada und Mexiko vor
einem Jahr das Konzept der Geschäftsprinzipien mit
Wirtschaftsvertretern dieser beiden Länder erörtert,
unter anderem mit Miguel Jauregui, der heute hier ist.
Die Prinzipien beschreiben Grundkonzepte der
Menschen- und Arbeitnehmerrechte. Vor dem Hintergrund der von der kubanischen Regierung geäußerten
Forderung, daß internationale Investoren Löhne in
Dollar direkt an den Staat zahlen, während der Staat
den Arbeitnehmern nur einen winzigen Teil in nationaler Währung auszahlt, haben die Autoren besonderen Bezug auf das Recht eines Unternehmens
genommen, Arbeitnehmer direkt einzustellen, sowie
auf das Recht des Einzelnen, selbst einen Arbeitsvertrag abzuschließen.
Im November erhielt die wachsende Bewegung
innerhalb des Privatsektors zur Förderung der besten
Geschäftsprinzipien in Kuba durch die Nichtregierungsorganisationen entscheidenden Auftrieb. Pax
Christi brachte verschiedene europäische NGOs zur
Gründung der "europäischen Plattform für Demokratie
und Menschenrechte in Kuba" zusammen. Nach einer
im November in Rom veranstalteten Konferenz fordert
das Kommunique der Plattform europäische Investoren in Kuba dazu auf, "die Arcos-Prinzipien, die
auch eine Garantie von Arbeitnehmerrechten enthalten, freiwillig zu unterschreiben und zu befolgen".
All dies zeigt einen wachsenden Konsens in der
großen Gemeinschaft von NGOs, Religionsgruppen
und Aktivisten, die sich für Menschenrechte in Kuba
einsetzen. Diese Organisationen sind unabhängig und
lassen sich nicht von Parteipolitik beeinflussen. Um es
ganz einfach auszudrücken: Sie werden von niemandem kontrolliert.

Seite 5

�Das stellt eine Chance und eine Herausforderung dar,
die Aktivitäten unterschiedlicher Gruppen, die sich mit
Geschäftsprinzipien für Kuba befassen, in koordinierte
Bestrebungen umzuwandeln, die die Durchsetzung der
Grundsätze des nordamerikanischen Komitees und
der Arcos-Prinzipien ermutigen. Meines Erachtens ist
eine Kombination von Mitteln und Ergebnissen erforderlich: Die Wirtschaft sollte sich am Idealismus und
den Fähigkeiten der Nichtregierungsorganisationen
orientieren - vielleicht durch die Bildung einer Arbeitsgruppe zur Prüfung der besten Geschäftsprinzipien für
Kuba.
Ich ermutige alle hier Anwesenden zu überlegen, was
Sie oder Ihre Organisation zur Förderung dieser Ideen
unternehmen könnten. Wir sind uns bewußt, daß es
sich hier um eine Angelegenheit handelt, bei der
Nichtregierungsorganisationen und der Privatsektor nicht die Regierung - die Führungsrolle übernehmen
sollten und müssen.
Konzertierte Aktionen für die besten Geschäftsprinzipien können wünschenswerte Ergebnisse
erzielen:

*

Seite 6

*

Verstärkte Zusammenarbeit zwischen Regierungen sowie zwischen Regierungen und dem
Privatsektor zur Ausarbeitung und Umsetzung
der besten Geschäftsprinzipien, die einen
wesentlichen Beitrag zur Förderung grundlegenden Wandels in Kuba leisten können.
Solche aktionsorientierte Zusammenarbeit
könnte in anderen Situationen als Modell
dienen und als Beitrag zu einem umfassenden
multilateralen Ansatz die Sanktionspolitik
beeinflussen.
Am Vorabend eines neuen Jahrtausends besteht
unsere Herausforderung in der Ausarbeitung wirksamer Maßnahmen, um die Welt sicherer zu gestalten
und Demokratie und Menschenrechte überall zu
fördern. Wir müssen weiterhin gemeinsam an der
Entwicklung der wirksamsten Mittel zur Erreichung
dieser umfassenden und hehren Ziele arbeiten. Ich
danke Ihnen und freue mich, jetzt Ihre Kommentare
und Fragen zu diesen wichtigen Themen zu hören.

*

*

AMERIKA DIENST 01

�NATO
14. Januar 1998

Die Auswirkungen der NATO auf demokratische
und wirtschaftliche Institutionen
von Joshua Muravchik

(AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir einen Artikel von Joshua Muravchik, Gastdozent am American Enterprise
Institute, Dozent am Washington Institute on Near East Policy und außerordentlicher Professor am Institute of
World Politics. Er ist Mitglied des Redaktionsstabs von World Affairs, dem Journal of Democracy und Orbis.

Als der US-Senat 1949 den Nordatlantikvertrag
ratifizierte, der die NATO ins Leben rief, konzentrierte
sich die Debatte vornehmlich auf die militärische
Schwäche der möglichen Verbündeten der Vereinigten
Staaten.
Die europäischen Staaten hatten gerade erst begonnen, sich von der Zerstörung des Zweiten Weltkriegs
zu erholen. Sie hatten wenig zu der Aufgabe der
gegenseitigen Verteidigung beizutragen, es sei denn,
die Vereinigten Staaten würden die Kosten ihrer
Wiederbewaffnung tragen, die viele Senatoren damals wie heute etatbewußt - nur sehr widerwillig
übernehmen wollten. Diese Befürchtungen wurden
äußerst effektiv in einem Artikel des renommierten
Militärstrategen Bernard Brodie zerstreut, der erstaunlich relevant für die heutige Debatte über die
NATO-Erweiterung ist.
In seinen Ausführungen in der Yale Review vom
Dezember 1949 räumte Brodie ein, daß "der Nordatlantikvertrag kurzfristig unter militärischen und
Versorgungsaspekten eine Verpflichtung ist. Zur Zeit
gibt es in Westeuropa niemanden, der mit den sowjetischen Armeen fertigwerden kann." Von einem militärischen Standpunkt aus "gab es eine gewisse
Hemmungslosigkeit in der Art und Weise, in der wir
Nationen zum Beitritt einluden - ziemlich ungeachtet
ihrer Größe, Macht oder exponierten Stellung".
Dennoch beurteilte Brodie den Vertrag als ein gutes
Geschäft für die Vereinigten Staaten, weil "militärische
Erwägungen sekundär waren".
Wie konnte das sein? Der Vertrag war von der
Bedrohung der sowjetischen Aggression inspiriert.

AMERIKA DIENST 01

Brodie nahm diese Bedrohung ernst, argumentierte
jedoch, daß "nichtmilitärische Formen der Aggression",
mit anderen Worten Subversion, die wahrscheinlichsten Mittel waren, mit denen das sowjetische Imperium
nach Westeuropa ausgeweitet werden konnte. Der
Schlüssel zur Verhinderung des sowjetischen Eindringens - in welcher Form auch immer - war der
Wiederaufbau der westeuropäischen Gesellschaften.
"Insofern als der Vertrag der Gesundung Europas dient
und sie stimuliert", erklärte Brodie, werden die sowjetischen Machenschaften "ihrer Bedrohung beraubt".
Daher, argumentierte er, "war der Wert des Vertrags
für die Vereinigten Staaten eher politischer als militärischer Natur... da die westeuropäischen Staaten
nur durch das in ihm enthaltene Versprechen der
Sicherheit die erforderlichen Anstrengungen für ihre
gesellschaftliche, politische und wirtschaftliche Rettung
unternehmen konnten."
Brodies Analyse war vorausschauend. Unter der
Schirmherrschaft der NATO wurden die westeuropäischen Volkswirtschaften neu aufgebaut, ebenso wie
die Institutionen der bürgerlichen Gesellschaft und
stabile politische Parteien. Die NATO war natürlich nur
ein Faktor, der zur wirtschaftlichen Wiedergeburt
Europas beitrug. Der Marshallplan war ein direkterer.
Im Verlauf von vier Jahren leisteten die Vereinigten
Staaten Hilfe in Höhe von rund 13 Milliarden Dollar für
das Projekt zur Förderung der wirtschaftlichen Gesundung in bestimmten europäischen Ländern nach dem
Zweiten Weltkrieg. Der amerikanische Beitrag würde
heute 88 Milliarden Dollar entsprechen. So beträchtlich diese Summe auch war, vertreten die meisten
Wirtschaftshistoriker jedoch die Auffassung, daß ihr
direkter Ertrag weniger wichtig war als die psychologi-

Seite 1

�sehen Auswirkungen. Die durch den Marshallplan
genährte Hoffnung und die durch die NATO gebotene
Sicherheit schufen gemeinsam ein Klima, das die
Europäer zum Arbeiten, Sparen und Investieren
motivierte, bis sie für sich selbst einen nie zuvor
gekannten Wohlstand geschaffen hatten.

Diese Ängste waren unbegründet. Im Gegensatz zu
der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg schlug die Demokratie in den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg
in ganz Westeuropa tiefe Wurzeln. Viele Faktoren
trugen zum politischen Erfolg bei, und der große
Einfluß der NATO war dabei nicht der geringfügigste.

Amerika hat Europa viel an wirtschaftlicher Hilfe und
militärischem Schutz gegeben, erhielt aber auch sehr
viel zurück, obwohl das von den Amerikanern manchmal nicht erkannt wurde. Als Europa wohlhabend
wurde, begannen einige Amerikaner Europa eher als
Konkurrent denn als Partner zu sehen. Das war
jedoch eine engstirnige Sichtweise. Obwohl europäische Firmen mit amerikanischen konkurrierten, bot
Europas erneuter Wohlstand Märkte, Waren und
Kapital, der Amerikas eigenes kontinuierliches Wirtschaftswachstum förderte.

Die von der NATO gebotene Sicherheit war ein Faktor
an sich, denn die Angst vor ausländischen Bedrohungen bietet oft einen Vorwand für die Machtergreifung
durch Möchtegerndiktatoren. Darüber hinaus weckte
die NATO ein Gemeinschaftsgefühl zwischen den
nordatlantischen Staaten, in denen ehemalige erbitterte Feinde zu Partnern wurden. Die NATO war nicht die
einzige Kraft, die die Staaten des nordatlantischen
Raums zusammenhielt.
Handel und Tourismus
spielten ebenso wie andere Institutionen eine Rolle.
Den Kern der Beziehungen bildeten jedoch das
Versprechen gegenseitiger Verteidigung und die
Verpflichtung, unter Einsatz des eigenen Lebens für
den anderen einzustehen.

Europas wirtschaftliche Erholung kann man als
"Wunder" bezeichnen, aber seine politische Erholung
war noch bemerkenswerter. Heute sehen die meisten
Amerikaner und wahrscheinlich die meisten Europäer
Demokratie in Westeuropa als selbstverständlich an.
Aber vor dem Zweiten Weltkrieg war Demokratie ein
zartes Pflänzlein auf dem europäischen Kontinent
gewesen. In den meisten Ländern hatte sie entweder
kurz vor oder nach dem Ersten Weltkrieg richtig
Wurzeln geschlagen und war dann in den turbulenten
zwanziger und dreißiger Jahren Diktaturen gewichen.
Infolge dessen hatten gut unterrichtete Beobachter
böse Vorahnungen bezüglich der Chancen der
Demokratie außerhalb der angelsächsischen Kultur.
Diese Vorahnungen ähnelten stark denen, die wir
heute über Demokratie in den Entwicklungsländern
hören. Diese Zweifel sind heute vielleicht ebenso
unbegründet wie damals.
Der große Historiker Arnold Toynbee schrieb in den
dreißiger Jahren, Italiens Ruf einer "Demokratie (im
konventionellen Sinne) habe es zu einer offenen Frage
gemacht, ob diese politische Pflanze in irgendeinem
Land außer dem eigenen wirklich dauerhaft Wurzeln
schlagen kann". Ein Jahrzehnt später schrieb der
Romancier und Akademiker Waldo Frank in Foreign
Affairs, die "Bedrohung [der Demokratie] wird Hitler
überdauern, da der Faschismus lediglich ein Endprodukt tiefverwurzelter antidemokratischer Kräfte
innerhalb des modernen europäischen Gedankenguts
ist". Und 1952, als das Ende der Besatzung Deutschlands durch die Alliierten näherrückte, besuchte der
renommierte Politologe Heinz Eulau seine Heimat und
berichtete pessimistisch: "Trotz der veränderten
Kulisse und des neuen Ensembles erscheint die
Bonner Republik auf vielerlei Weise wie eine zweite
Aufführung der Weimarer Republik ... die deutsche
Politik gründet nicht auf demokratischer Erfahrung,
sondern auf starker Emotionalität."

Seite 2

Diese Beziehungen wurden teilweise aufgrund gemeinsamer Ängste, aber auch eines gemeinsamen
demokratischen Ethos geknüpft. In der Präambel des
Nordatlantikvertrags ist es folgendermaßen formuliert:
"Die Parteien ... sind entschlossen, die Freiheit, das
gemeinsame Erbe und die Zivilisation ihrer Völker, die
auf den Grundsätzen von Demokratie, Freiheit des
einzelnen und der Rechtsstaatlichkeit beruhen, zu
gewährleisten."
Das Bündnis bot auch einen Rahmen, der zur Sozialisierung der führenden Militärs im Zeitalter nach dem
Zweiten Weltkrieg beitrug. Das beinhaltete, sich einen
starken Glauben an die zivile Überlegenheit zu eigen
zu machen. Während in den zwanziger und dreißiger
Jahren der Fall der Demokratie in vielen europäischen
Ländern von den Militärs initiiert wurde, waren solche
Episoden in den NATO-Staaten selten. Die dramatischste Ausnahme war Griechenland, wo 1967 ein
Militärcoup die Demokratie für sieben Jahre abschaffte.
In der Türkei stürzte das Militär mehrmals demokratisch gewählte Regierungen, wobei jedesmal innerhalb
ungefähr eines Jahres die Kontrolle wieder in zivile
Hände gelangte. Diese Vorfälle zeigen, daß der
Einfluß der NATO zugunsten ziviler Herrschaft nicht
allmächtig war, aber angesichts der Spaltungen im
Staatswesen Griechenlands und der Türkei scheint die
Frage berechtigt, ob die Beeinträchtigung der Demokratie in diesen Ländern nicht länger gedauert hätte,
wenn diese nicht in die NATO eingebettet gewesen
wären.
Portugal hat eine ähnlich problematische Geschichte.
Trotz seiner korporativen Diktatur zählte es aufgrund
der vermeintlichen strategischen Bedeutung der
Azoren zu den Gründungsmitgliedern der NATO. 25
Jahre später wurde durch eine Kette von Ereignissen,
bei denen Militärs und die Verbündeten Portugals in

AMERIKA DIENST 01

�der NATO eine Schlüsselrolle spielten, die Diktatur
gestürzt und die Demokratie wiederhergestellt.
Heute wird die Erweiterung der NATO oft als Ausdehnung des Sicherheitsschirms auf Zentraleuropa
bezeichnet. Aber ebenso wie es Brodie bei den
ursprünglichen NATO-Mitgliedern voraussah, geht es
bei der Sicherheit möglicherweise weniger um Verteidigung vor militärischen Bedrohungen als um die
Gewährleistung von Stabilität durch die Stärkung von
demokratischen Institutionen und dem für Wirtschaftswachstum wichtigen Vertrauen.
Militärs aus in die NATO aufgenommenen Staaten und
sogar aus denen, die nur der Partnerschaft für den
Frieden angehören, werden einen Großteil ihrer
Ausbildung durch ihre amerikanischen und westeuropäischen Kollegen erhalten. Damit verinnerlichen
sie sich die Botschaft ziviler Kontrolle. Dieser Einfluß

*

AMERIKA DIENST 01

wird jedoch nicht nur auf das Militär ausgeübt. Der
NATO-Beitritt bedeutet einen Beitritt zum Westen, für
den demokratische Werte noch wesentlicher sind als
McDonald's und MTV.
Die NATO ist ein angesehener Club. Ihre Mitglieder
erfreuen sich der Dinge, die sich alle wünschen:
Freiheit, Wohlstand und Sicherheit. Dadurch ist die
NATO in der Lage, Maßstäbe zu setzen, die großen
Einfluß auf neue Mitgliedstaaten und andere, die
Mitgliedschaft anstrebende Länder haben oder sogar
auf diejenigen, die lediglich freundschaftliche Beziehungen zum Bündnis anstreben. Obwohl die gegenseitige Verteidigungsverpflichtung der NATO den Kern
des Bündnisses darstellt und ihm Gewicht gibt, könnte
sich der psychologische Einfluß der NATO auf die
politische und wirtschaftliche Entwicklung in Europa
letztlich als ihre wichtigste Funktion erweisen.

* * * *

Seite 3

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                <text>&lt;strong&gt;1. Außenpolitik&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;US-Außenpolitik 1997 und 1998&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede von Madeleine Albright&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Bosnien&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Bosnier sollen neues Jahrhundert mit der Musik des Friedens beginnen&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Besuch von Präsident Clinton in Sarajevo&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Bosnien benötigt weiterhin internationale Schutztruppe&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Bericht der Senatoren Levin und Reed&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. USA-Europa&lt;/strong&gt; &lt;br /&gt;Berlin und die Vervollständigung Europas&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede von Botschafter Kornblum&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;4. Handel&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Sanktionen gegen Investitionen im Iran weiterhin in Kraft&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede von Staatssekretär Stuart Eizenstat&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;5. NATO&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Die Auswirkungen der NATO auf demokratische und&amp;nbsp; wirtschaftliche Institutionen&lt;br /&gt;&lt;em&gt;von Joshua Muravchik&lt;/em&gt;</text>
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                    <text>Information
und
Dokumentation
United States Information Service
Embassy of the United States of America
15. Februar 1984
INHALT

DOKUMENTATION
Reagan fordert Neubeginn im amerikanisch-sowjetischen Verhältnis
- Rundfunkansprache des Präsidenten nach dem Tode Andropows Erklärung des Weißen Hauses zum Tode Andropows
Vizepräsident Bush zur Lage des Atlantischen Bündnisses
- Redetext für die Wehrkundetagung in München -

HINTERGRUNDMATERIAL
Die Wahlen in Amerika 1984
- Politische Willensbildung durch Vorwahl und Versammlung

WISSENSCHAFT UND TECHNIK
Astronauten im freien Flug
- CHALLENGER-Mission leitet neue Phase der Raumfahrt ein
NASA-Studie für 1985: Fast 7,5 Milliarden Dollar
- Vorstudien für die bemannte Raumstation -

BERICHTIGUNG

Um Über/enduno, von
Belegexemplaren
wird gebeten

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

T

&amp;-- 0228-339 2035
Telex: 8-85432

�15. Februar 1984

REAGAN FORDERT NEUBEGINN IM AMERIKANISCH-SOWJETISCHEN VERHÄLTNIS
- Rundfunkansprache des Präsidenten nach dem Tode Andropows -

SANTA BARBARA, KALIFORNIEN - (AD) - Präsident Ronald Reagan erklärte
in seiner wöchentlichen Rundfunkansprache am 11. Februar 1984 in Santa Barbara
in bezug auf den Tod des sowjetischen Staats- und Parteichefs Juri Andropow,
"wir könnten die Grundlage für ein starkes gegenseitiges Verständnis und für
konstruktive Zusammenarbeit schaffen, und es gibt für eine solche Anstrengung
in gutem Glauben keinen besseren Zeitpunkt als jetzt."
Die Ansprache des Präsidenten hat folgenden Wortlaut:
Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger.

Ich möchte zu Ihnen über ein Thema

sprechen, das uns Amerikaner stets beschäftigt, das aber heute angesichts des
Todes des sowjetischen Staats- und Parteichefs Juri Andropow von besonderer
Bedeutung ist:

unsere Beziehungen zur Sowjetunion.

Veränderungen in der Führung hat es in der Sowjetunion nicht oft gegeben. Juri Andropow war in den 66 Jahren seit der russischen Revolution erst
der sechste Mann an der Spitze der Kommunistischen Partei. In den letzten

Postfach 20 03 00 Tel.: 0228-339 2035
D 5300 Bonn 2
Telex: 8-85432

�In den letzten Monaten war er völlig den Blicken der Öffentlichkeit entzogen, so daß sein Tod für die Welt keine Überraschung war. Dennoch läßt die
Bedeutung der amerikanisch-sowjetischen Beziehungen sein Ableben zu einem
Ereignis werden, an dem erneut über die Richtung nachgedacht werden sollte,
m die diese Beziehungen gehen.

Die Veränderungen in Moskau sind eine Gelegenheit für beide Nationen,
den derzeitigen Zustand unserer Beziehungen genau zu überprüfen und über die
Zukunft nachzudenken. Wir wissen, daß unsere Beziehungen nicht so sind,
wie sie sein sollten. Wir haben weder aus unserer Haltung, noch aus den
Gründen dafür, ein Hehl gemacht. Was beide Seiten jetzt tun sollten.ist,
sich hinzusetzen und Wege zu finden, um einige der Probleme zu lösen, die
uns trennen.

Während ich Andropows Familie und der sowjetischen Regierung gegenüber mein Beileid zum Ausdruck brachte, betonte ich erneut Amerikas Wunsch
nach echter Zusammenarbeit zwischen unseren beiden Ländern. Gemeinsam können wir dazu beitragen, die Welt zu einem besseren und friedlicheren Ort zu
machen. Dies war auch meine Botschaft an das sowjetische Volk in meiner
Rede im vorigen Monat, in der ich auf die sowjetisch-amerikanischen Beziehungen einging. In dieser Rede - ebenso wie in meiner vertraulichen Korrespondenz mit dem verstorbenen Vorsitzenden Andropow - unterstrich ich unsere
Verpflichtung zu einem ernsten und intensiven Dialog mit der Sowjetunion,
der darauf abzielen sollte, eine konstruktivere amerikanisch-sowjetische
Beziehung aufzubauen.

Es bleibt dies eine feste Verpflichtung, und Vizepräsident Bush wird
unsere Delegation nach Moskau zu Andropows Begräbnis anführen. Er wird begleitet vom Fraktionsführer der Mehrheit im Senat, Howard Baker, und unserem
Botschafter in Moskau, Arthur Hartman. Ich hoffe, daß sich für den Vizepräsidenten die Gelegenheit ergeben wird, mit dem neuen Generalsekretär zusammenzutreffen. Beim Eintritt in die Diskussion mit der sowjetischen Führung sind
wir uns der grundlegenden Unterschiede hinsichtlich unserer Werte und unserer

�t
*

und unserer Sicht in vielen internationalen Fragen bewußt. Wir müssen realistisch sein und dürfen nicht erwarten, daß diese Unterschiede weggezaubert
werden könnten. Aber Realismus sollte uns auch daran erinnern, daß unsere
beiden Völker gemeinsame Bande und Interessen teilen. Wir sind beide relativ
junge Nationen mit reichen ethnischen Traditionen und einer Pionier-Philosophie. Wir haben beide das schreckliche Trauma des Krieges erlebt. Wir
haben Seite an Seite bis zum Sieg über Nazi-Deutschland gekämpft. Und unsere
Söhne und Töchter haben nie gegeneinander gekämpft - auch wenn unsere Regierungen sehr unterschiedliche Ansichten haben. Wir müssen sicherstellen, daß
dies auch niemals geschieht.
Die Verhütung eines Krieges und die Verringerung der Waffen ist ein Ausgangspunkt für unser Verhältnis zur Sowjetunion.
Aber wir streben noch mehr an. Mit gutem Glauben auf beiden Seiten
sollte es meiner Meinung nach möglich sein, daß die Vereinigten Staaten und
die Sowjetunion damit beginnen könnten, über das Mißtrauen und die Abneigung
hinauszuwachsen, die unsere Beziehungen überschatten. Wir könnten die Grundlage für ein stärkeres gegenseitiges Verständnis und für konstruktive Zusammenarbeit schaffen, und es gibt für eine solche Anstrengung in gutem Glauben
keinen besseren Zeitpunkt als jetzt.
In dieser Zeit des Übergangs in der Sowjetunion sollten unsere beiden
Nationen in die Zukunft blicken. Wir sollten Möglichkeiten der Zusammenarbeit finden, um der Herausforderung, den Frieden zu bewahren, gerecht zu
werden. Unser Leben in diesem Atomzeitalter macht es zur Pflicht, daß wir
miteinander sprechen, unsere Meinungsverschiedenheiten erörtern und Lösungen
für die vielen Probleme suchen, die uns trennen.
Amerika ist dazu bereit. Wir würden Verhandlungen begrüßen. Und ich
wiederhole heute, was ich schon zuvor gesagt habe. Wir sind bereit, den
Sowjets bei der Suche nach beiderseitig annehmbaren Abkommen auf halbem Wege
entgegenzukommen. Ich hoffe, daß die Führung der Sowjetunion mit uns im
- 3 -

�uns im gleichen Geist zusammenarbeiten wird.

Ich lade sie dazu ein, die Ge-

legenheit zu ergreifen, die sich aus den Umständen ergibt, um ein stabileres
und konstruktiveres Verhältnis zu schaffen.

Wenn die sowjetische Regierung

Frieden möchte, dann wird es Frieden geben.
In den vergangenen Tagen wurden Millionen Menschen in der Sowjetunion,
in den Vereinigten Staaten und in allen anderen Ländern dieser Welt durch ein
großartiges Ereignis, die Olympischen Winterspiele, zusammengeführt.

Der

Wettkampf wird hart geführt,und wir setzen uns für die Männer und Frauen unserer jeweiligen Mannschaften ein.

Aber wir können - und sollten - die Siege

aller Athleten feiern, die sich im echten Geist der Sportlichkeit auseinandersetzen und die alle ihr Bestes geben.
Und wenn dann alle Veranstaltungen vorüber sind und unsere Mannschaften
in Freundschaft aufeinander zugehen, dann erinnern wir uns sicher daran, daß
wir eigentlich eine einzige Familie von Nationen sein sollten.
Wir, die wir an der Spitze von Regierungen stehen, sind dazu verpflichtet, uns ebenso stark um Zusammenarbeit zu bemühen, wie dies umgekehrt auch
unsere Athleten tun, die sich um den höchsten Lohn all der Anstrengungen ihres
Lebens bemühen. Wenn die sowjetische Regierung sich uns in diesem Geist anschließen würde, könnten wir gemeinsam eine sicherere und weit bessere Welt
für die Menschenfamilie schaffen - nicht nur für heute, sondern für viele kommende Generationen.

+ + + + +

- 4 -

�Dokumentation
United States Information Service
Embassy of the United States of America

15. Februar 1984

ERKLÄRUNG DES WEISSEN HAUSES ZUM TOD ANDROPOWS

WASHINGTON - (AD) - Präsident Ronald Reagan hat anläßlich des Todes
des sowjetischen Staats- und Parteichefs Juri Andropow

seinen Wunsch nach

"Zusammenarbeit zwischen beiden Ländern in der Suche nach einer friedlicheren
Welt" bekräftigt.

In einer am 10. Februar 1984 herausgegebenen Erklärung

des Sprechers des Weißen Hauses, Larry Speakes, heißt es, das amerikanische
und da.s sowjetische Volk hätten ein gemeinsames Interesse an der Verhinderung eines Krieges sowie an der Verminderung der Rüstungen.
Auch Außenminister Shultz unterstrich in einer Erklärung, daß die Vereinigten Staaten sich um einen konstruktiven und realistischen Dialog mit der
Sowjetunion bemühten.
Die Erklärung des Weißen Hauses hat folgenden Wortlaut:
Der Präsident hat anläßlich des Todes von Staats- und Parteichef Andropow
ein Beileidstelegramm an den amtierenden sowjetischen Staatschef Kusnetzow
gesandt.

In dieser Botschaft bekräftigte der Präsident gegenüber dem sowje-

tischen Volk und der sowjetischen Regierung seinen Wunsch nach Zusammenarbeit zwischen beiden Ländern in der Suche nach einer friedlicheren Welt.
Wie der

Postfach 20 03 00 Tel.: 0228-339 2035
D 5300 Bonn 2
Telex: 8-85432

�Wie der Präsident in seiner Ansprache vom 16. Januar nachdrücklich
unterstrichen hat, haben sich die Vereinigten Staaten - und sie werden es
weiterhin tun - um einen konstruktiven und realistischen Dialog mit der
Sowjetunion bemüht, der darauf abzielt, ein produktiveres und stabileres
Verhältnis zu schaffen.

Unser Ziel ist nicht der Dialog um seiner selbst

willen, sondern ein Dialog, der echte Lösungen für die zahlreichen, uns trennenden Probleme hervorbringt.
Ohne Frage gibt es fundamentale Unterschiede zwischen dem amerikanischen
und dem sowjetischen System und unseren entsprechenden politischen Überzeugungen.

Aber das amerikanische Volk und das sowjetische Volk haben ein gemein-

sames Interesse an der Verhinderung eines Krieges und der Verminderung der
Rüstungen.

Diese Notwendigkeit der Wahrung und Stärkung des Friedens ist

Kernstück der amerikanischen Politik.
Die Politik des Präsidenten gegenüber der Sowjetunion will Fortschritte
auf drei weitgefaßten Gebieten erreichen:

die Entwicklung von Mitteln und

Wegen, um die Anwendung und Androhung von Gewalt in den internationalen Beziehungen zu beseitigen; eine bedeutsame Reduzierung der gewaltigen Rüstungsvorräte in der Welt, insbesondere der Nuklearwaffen, und die Schaffung eines
besseren Arbeitsverhältnisses mit Moskau, das durch eine größere Zusammenarbeit und eine bessere Verständigung gekennzeichnet ist und sich auf gegenseitige Zurückhaltung und Achtung stützt.
In dieser Zeit des üoerganges in der Sowjetunion sollten unsere beiden
Nationen in die Zukunft schauen, um Mittel und Wege zur Realisierung dieser
Ziele zu finden.

Im Atomzeitalter gibt es keine Alternative zum Dialog.

Die Vereinigten Staaten hoffen, daß die sowjetische Führung mit uns in
diesem Geist zusammenarbeiten und die sich bietenden Möglichkeiten nutzen
wird, um gemeinsame Grundlagen zu finden und ein beiderseitig nützliches Verhältnis zu schaffen.

+ + +

_

2

-

Die Erklärung

�Die Erklärung von Außenminister Shultz hat folgenden Wortlaut:
Der Präsident hat der sowjetischen Führung zum Tode von Staats- und
Parteichef Andropow sein persönliches Beileid ausgesprochen, und ich habe
eine entsprechende Botschaft an Außenminister Gromyko gesandt.
Lassen Sie mich in dieser Zeit des Überganges in Moskau das Grundprinzip unserer Politik gegenüber der Sowjetunion bekräftigen.

Wir sind weiter-

hin zu einem konstruktiven und realistischen Dialog mit der Sowjetunion bereit.

In diesem Atomzeitalter werden die Vereinigten Staaten daran arbeiten,

ein stabileres und positiveres Verhältnis zu schaffen.
Wie der Präsident betont hat, suchen wir nach Lösungen für die wahren
Probleme, nicht nur nach einer Verbesserung der Atmosphäre unserer Beziehungen.

Dies trifft insbesondere auf die Aufgabe zu, gerechte und verifizier-

bare Abkommen für eine Rüstungsverminderung und eine Verringerung der Kriegsgefahr zu erreichen.
Der Präsident hat gegenüber dem sowjetischen Volk und der sowjetischen
Regierung seinen Wunsch nach einer konstruktiven Zusammenarbeit bei der Suche
nach Frieden deutlich gemacht.

Wir fordern die sowjetische Führung auf, mit

uns auf dieses Ziel hin zusammenzuarbeiten.

Die Chancen sind gegeben. Lassen

Sie uns die gemeinsamen Grundlagen finden und die Welt zu einem sichereren
Ort machen.

- 3 -

�ä

mIER

J 1 1 kl

1Dl Ell

Dokumentation
United States Information Service
Embassy of the United States of America

15. Februar 1984

VIZEPRÄSIDENT BUSH ZUR LAGE DES ATLANTISCHEN BÜNDNISSES
- Redetext für die Wehrkundetagung in München MÜNCHEN - (AD) - Der amerikanische Vizepräsident George Bush hat für
die Tagung der Gesellschaft für Wehrkunde in München für den 11.
Februar 1984 eine Rede vorbereitet, die folgenden Wortlaut hat:

Ich freue mich sehr über die Einladung der Gesellschaft für
Wehrkunde, über einige der fundamentalen Herausforderungen zu
sprechen, vor denen die transatlantische Partnerschaft heute steht.
Vor allem möchte ich Baron von Kleist danken, dessen Einsatz,
Einfallsreichtum und jahrelange harte Arbeit so viel dazu
beigetragen haben, dass diese Konferenz zu dem geworden ist, was sie
heute bedeutet. In drei Jahrzehnten ist diese Einrichtung zu einem
Symbol der

Postfach 20 03 00 Tel.: 0228-339 2035
D 5300 Bonn 2
Telex: 8-85432

�Symbol der westlichen Zusammenarbeit und geistigen Kreativität
geworden. Sie hat auf beiden Seiten des Atlantik das Bewusstsein
und das Verständnis der Öffentlichkeit für die Notwendigkeit unserer
gemeinsamen Verteidigung geweckt. Wir alle, die wir den Beitrag
dieser Konferenz schätzen, haben auch eine grosse Dankesschuld
gegenüber einem grossen Amerikaner und einem grossen Befürworter des
Atlantischen Bündnisses, einem Mann, der starke Führung und grossen
Weitblick in der Stärkung der Sicherheit der westlichen Welt
aufgebracht hat: Senator John Tower.
Diese Konferenzen haben sich immer als ein empfindliches
Barometer für den Zustand des Bündnisses und den Stand der
Ost-West-Beziehungen erwiesen.
Das ist auch heute so. Die dringendsten Fragen, an die heute
jeder denkt, betreffen die Stärke unseres Bündnisses, den Stand der
Ost-West-Beziehungen und die Aussichten für die Zukunft.
Das Bündnis hat heute dank des Mutes und der Überzeugung der
Völker Westeuropas einen guten Stand. Trotz einer unablässigen
sowjetischen Propagandakampagne hat die NATO ihre eigene, 1979
getroffene Entscheidung erfolgreich ausgeführt, nukleare
Mittelstreckensysteme (INF) in Europa zu stationieren, wenn es nicht
gelinge, durch Verhandlungen die Drohung zu beseitigen, die die
unnachgiebige, einseitige Aufrüstung der Sowjetunion mit eigenen
INF-Waffen darstellt. Die Entscheidung für die Stationierung hing
von der Entschlossenheit von Millionen von Bürgern Europas ab.
Der Mut Ihrer Führer und Ihrer Bürger hat die NATO in die Lage
versetzt, erneut ihre Stärke und Vitalität zu beweisen.
Wie Präsident Reagan im vorigen Monat dem amerikanischen
Kongress und dem amerikanischen Volk erklärt hat, war 1983 ein Jahr
des politischen Mutes. Dank des Funktionierens der demokratischen
Systeme, die die NATO verteidigt, hatte die Bevölkerung eines jeden
der ursprünglichen Stationierungsländer im Jahre 1983 die
Möglichkeit, ihre Regierung zu wählen. In der Bundesrepublik
Deutschland, in Grossbritannien und in Italien haben sich die
neugewählten Regierungen
- 2-

�neugewählten Regierungen nachhaltig für die Durchführung der
NATO-Politik verpflichtet -- eine Politik, die -- wenn möglich -ein Rüstungskontrollabkommen anstrebt, die aber -- wenn notwendig -mit den Dislozierungen fortfährt, die notwendig sind, um das
Gleichgewicht wiederherzustellen und unsere Sicherheit zu schützen.
Und ich möchte mit allem Nachdruck sagen, dass in diesem Jahr
niemand mehr Mut gezeigt hat, als Bundeskanzler Kohl, Aussenminister
Genscher und Verteidigungsminister Wörner, der heute hier unter uns
ist.
Ich habe im vorigen Jahr drei Europareisen unternommen, die mir
eine einmalige persönliche Gelegenheit boten, mit führenden
Persönlichkeiten des Bündnisses zu sprechen und die öffentliche
Debatte über INF direkt zu beobachten. Ich war ungeheuer beeindruckt
von der Intensität, mit der sich alle Seiten diesem Thema zuwandten,
und von der Fähigkeit der Regierungen der Bundesländer, ihren
Völkern erfolgreich die komplexen Sicherheitsfragen und politischen
Probleme klarzumachen, um die es ging.
Während meiner Besuche habe ich immer wieder die Verpflichtung
der Vereinigten Staaten unterstrichen, gemeinsam mit unseren
Verbündeten in Genf auf ein Abkommen hinzuwirken, das die nuklearen
Mittelstreckensysteme auf den niedrigst möglichen Stand verringern
würde -- am liebsten auf Null; d.h. die Beseitigung dieser ganzen
Waffenkategorie überhaupt, das eigentliche moralische Ziel.
Ich möchte heute, da diese Dislozierungen begonnen haben, erneut
bekräftigen, dass das, was ich vor einem Jahr erklärt habe, auch
heute noch gilt: In dieser Erklärung steckt unsere feste Hoffnung,
dass die Sowjetunion an den Verhandlungstisch zurückkehren wird.
Wir sind bereit und willens, mit der Sowjetunion über den ganzen
Bereich der Rüstungskontrolle und Rüstungsverminderung zu verhandeln
Jetzt, da die ersten INF-Dislozierungen sowohl unsere
Abschreckung als auch unsere Verhandlungsposition gestärkt haben,
müssen wir unsere Aufmerksamkeit dem entscheidenden Problem der
weiteren Stärkung der konventionellen Verteidigungskapazität der
NATO zuwenden,

�NATO zuwenden, die eine unerlässliche Ergänzung unserer nuklearen
Abschreckung darstellt. Ebenso wenig wie die NATO ein
destabilisierendes sowjetisches INF-Monopol akzeptieren könnte,
können wir es zulassen, dass die Sowjetunion auf dem Gebiet der
konventionellen Streitkräfte eine solche Überlegenheit erlangt, dass
sie zu einem konventionellen Angriff versucht sein könnte.
Und wenn die Sowjets, trotz unserer besten Anstrengungen, aus
einer falschen Überzeugung heraus einen konventionellen Angriff
beginnen sollten, dann müssen die konventionellen Streitkräfte der
NATO stark genug sein, eine glaubwürdige Verteidigung zu stellen,
damit die NATO nicht sofort vor der Entscheidung einer Eskalation
steht. Kurz gesagt, wir müssen die Nuklearschwelle hoch halten. Es
ist schon fast zu einem NATO-Klischee geworden, aber es muss immer
wieder gesagt werden: Die NATO braucht das ganze Spektrum der
Abschreckung vor allen möglichen Formen des Angriffs.
Wenn wir unsere konventionellen Streitkräfte stärken, dann
müssen sich unsere Anstrengungen auf beiden Seiten des Atlantik
gegenseitig unterstützen -- vor allem in den wirtschaftlich schweren
Zeiten, von denen sich mein Land, und auch das Ihrige, jetzt
erholen. Die Amerikaner haben nicht vergessen, dass die Vereinigten
Staaten einen viel höheren Prozentsatz ihres Bruttosozialproduktes
für die Verteidigung aufwenden als unsere NATO-Verbündeten. Die
Amerikaner haben festgestellt, dass in den letzten paar Jahren unser
Verteidigungsbeitrag um ein Mehrfaches der dreiprozentigen
jährlichen Steigerungsrate gestiegen ist, die die
NATO-Regierungschefs im Jahre 1978 vereinbarten, während mehr und
mehr unserer Verbündeten dahinter zurückgeblieben sind. Es liegt
auf der Hand, dass das Bündnis als Ganzes zu der Anstrengung
beitragen muss, die notwendig ist, um das konventionelle Element der
NATO-Triade zu stärken.
Wir sind uns über die schwierigen wirtschaftlichen Probleme
vieler unserer Verbündeten im klaren, und die NATO hat noch nie
verlangt, dass ihre Mitglieder Unmögliches leisten. Aber als
Politiker kann ich Ihnen sagen, dass weitere Erhöhungen des

-4 -

amerikanischen Beitrags

�amerikanischen Beitrags zur NATO-Verteidigung nur möglich sein
werden, wenn man sieht, dass die Anstrengung von beiden Seiten kommt.
Aber ich möchte hier kein düsteres Bild zeichnen. Wir sind
ermutigt über den konkreten Fortschritt, den wir als Bündnis auf
einer ganzen Reihe von Gebieten machen, wo ergänzende
Verteidigungsanstrengungen unerlässlich sind. Das Abkommen, das
Bundesverteidigungsminister Manfred Wörner mit Verteidigungsminister
Weinberger erreicht hat und das die Verantwortlichkeiten und Lasten
der Modernisierung der Luftverteidigung mit dem amerikanischen
Patriot-Raketensystem und dem europäischen Roland-Abwehrsystem in
vernünftiger und fairer Weise verteilt, ist ein grosser Schritt
vorwärts.
Dieses neuartige Abkommen überwindet zusammen mit unserem
jüngsten Abkommen mit den Niederlanden über das
Patriot-Raketensystem eine Reihe von wirtschaftlichen Hindernissen
und modernisiert gleichzeitig die Luftverteidigung der NATO.
Dies ist ein wichtiges Beispiel innovativer Zusammenarbeit.
Aber wenn diese Programme ganz effektiv werden sollen, dann müssen
sich auch andere Verbündete daran beteiligen. Und wir werden uns um
Abkommen auch mit ihnen bemühen.
Wir sind ferner ermutigt über die Initiative der NATO auf dem
Gebiet neuentstehender Technologien, wie sie auf dem Bonner Gipfel
im Jahre 1982 gebilligt wurde. Diese Initiative wird, wie wir
hoffen, nicht nur die konventionelle Verteidigung der NATO stärken,
indem neuentstehende Spitzentechnologie auf die
Verteidigungsherausforderungen angewandt wird, vor denen wir stehen,
sondern auch die industrielle Basis der Verteidigung auf beiden
Seiten des Atlantik stärken und zu einer ausgeglicheneren
"Zweibahnstrasse" in der Verteidigungsbeschaffung beitragen.
Obwohl wir durch diese Erfolge ermutigt sind, wissen wir doch,
dass eine Vielfalt von Verbesserungen der konventionellen
Verteidigung ansteht, die unsere unmittelbare Aufmerksamkeit
- 5 -

erfordert.

So

�erfordert. So müssen wir beispielsweise grössere Anstrengungen
darauf verwenden, ausreichende Vorräte an konventioneller Munition
für die verbündeten Armeen in Europa zu gewährleisten, vor allem an
höchst wirksamer moderner Munition. Wir müssen daran denken, unsere
jährlichen beiderseitigen Beiträge zur Finanzierung der ewig
hinausgeschobenen Infrastrukturprojekte der NATO zu erhöhen. Und
wir müssen gemeinsam sorgfältiger überlegen, wie die Mitglieder der
NATO mehr dazu beitragen können, um Sicherheitsprobleme zu
bewältigen, die das Bündnis ausserhalb seines traditionellen
Verantwortungsbereichs berühren.
Das sind nur einige wenige Beispiele, aber sie führen alle zu
einer Schlussfolgerung: Wir können und müssen zusammenarbeiten, um
die konventionelle Verteidigung der NATO stark zu halten, wenn wir
weiterhin vor einem Krieg in Europa abschrecken wollen -- und vor
allem vor einem Atomkrieg.
Im vergangenen Monat hielt Präsident Reagan eine
richtungsweisende Rede über das Thema der amerikanisch-sowjetischen
Beziehungen. Darin legte er die massgeblichen Prinzipien -Realismus, Stärke und Dialog -- fest, die bei dem Bemühen Anwendung
finden sollten, drei grosse Ziele anzustreben:
-- Verringerung und schliesslich Beseitigung von Androhung und
Anwendung von Gewalt bei der Lösung internationaler Streitigkeiten;
-- Verringerung der umfangreichen Waffenlager auf der Welt; und
-- Schaffung eines besseren Arbeitsverhältnisses zur Sowjetunion.
In der Rede des Präsidenten wurde dessen volle Unterstützung der
Brüsseler Erklärung vom vergangenen Dezember zum Ausdruck gebracht,
in der die Aussenminister der NATO einen umfassenden politischen
Dialog mit der Sowjetunion forderten.
Die Hindernisse für bessere Ost-West-Beziehungen sind gewaltig,
und rascher Fortschritt in den Problembereichen, die der Präsident
nannte, ist realistischerweise nicht zu erwarten. Aber die
-6-

Ost-West-Beziehungen

�Ost-West-Beziehungen können erst dann auf eine solidere und
konstruktivere Grundlage gebracht werden, wenn es in allen diesen
Bereichen echten Fortschritt gibt.

Wir sind zu einem solchen

Fortschritt bereit, und wir würden die Sowjetunion nur zu gern auf
neue Weise herausfordern -- unsere Herausforderung und unsere
Einladung an sie lautet, sich uns bei einer verstärkten Suche nach
einem dauerhaften Frieden anzuschliessen.
Es war dies die Einstellung von Aussenminister Shultz, als er in
Stockholm über fünf Stunden lang mit Aussenminister Gromyko -- zwei
Tage nach der Rede Präsident Reagans -- zusammentraf.

Diese

Gespräche hatten die ganze Bandbreite der uns trennenden Probleme
zum Thema.

Die Gespräche waren, wie Aussenminister Gromyko sagte,

"notwendig", und wir sind der Ansicht, sie waren nützlich.

Wir

möchten, dass ernsthafte und sachliche Diskussionen dieser Art auch
weiterhin stattfinden.
In seiner Botschaft über die Lage der Nation vom 25. Januar
unterstrich Präsident Reagan erneut seine Verpflichtung -- unsere
Verpflichtung --, eine konstruktivere Beziehung zur Sowjetunion
herzustellen, sobald die Sowjetunion bereit ist, uns auf halbem Wege
entgegenzukommen.
Wir wissen nicht, wie die Sowjetunion reagieren wird.
Sowjetische Sprecher sagen lediglich, ihre Position würde überprüft.
Aber ich kann nur sagen, dass wir in den Vereinigten Staaten
wissen, wo wir stehen.
stark sein;

Wir werden realistisch sein;

wir werden

und wir werden zu echten Verhandlungen bereit sein.

Wir wollen Dialog mit Substanz, einen Dialog, bei dem die Interessen
beider Seiten in Rechnung gestellt werden, und einen Dialog, aus dem
ausgewogene Abkommen hervorgehen, die dazu beitragen, die Welt zu
einem sichereren und friedlicheren Ort zu machen.
Es gibt in meinem Land und in allen Ihren Ländern Leute, die die
derzeitige Weltlage als angespannter und gefährlicher beschreiben

- 7-

möchten, als

�möchten, als wir sie seit vielen Jahren gehabt hätten.
diese Darstellung aus zweierlei Gründen zurück.

Ich weise

Erstens bin ich davon überzeugt, dass die grössere Stärke des
Westens - wie sie sich im Wiederaufbau der Streitkräfte Amerikas und
in der Durchführung des INF-Beschlusses der NATO zeigt - die Welt
nicht zu einem gefährlicheren, sondern zu einem sichereren Ort
macht. Es ist nur natürlich, dass die Sowjets murrend ihren Ärger
hierüber zum Ausdruck bringen, aber wir dürfen uns durch diese
Reaktion nicht bange machen oder abschrecken lassen. Die
sowjetische Führung besteht aus zähen Leuten, die es vorgezogen
hätten, sich mit einem geschwächten Amerika und einem sich in
Unordnung befindlichen Bündnis auseinanderzusetzen. Die sowjetische
Führung ist aber auch realistisch, und ich bin überzeugt, dass sie
in der Erkenntnis, dass unsere Bemühungen um ein besseres
Arbeitsverhältnis zu ihr ernstgemeint sind, mit der Zeit auf unsere
ersten Schritte in Richtung auf einen verbesserten Dialog und ein
besseres Verständnis entsprechend reagieren wird.
Der zweite Grund dafür, dass ich die heute so oft gehörten
Klagelieder der Pessimisten zurückweise, liegt in meiner direkten
Kenntnis Ronald Reagans. Ich kenne ihn gut - sowohl als Präsident
der Vereinigten Staaten wie auch als Menschen. Ich weiss, warum er
Stärke anstrebt: Eben darum, dass er umso wirksamer den Frieden
anstreben kann. Hören Sie diese Worte aus seiner Rede:
"Die Abschreckung Amerikas ist heute glaubwürdiger, und sie
macht die Welt zu einem sichereren Ort.
Stärke und Dialog gehen Hand in Hand...Wir werden niemals vor
Verhandlungen davonlaufen.
Mein Traum ist es, den Tag zu erleben, an dem alle Atomwaffen
vom Antlitz dieser Erde verbannt sind."
Dies wurde öffentlich gesagt, vor einer weltweiten Zuhörerschaft. Ich höre dieselben Worte - im Privaten gesprochen - von
einem Mann,

�einem Mann, den ich jeden Tag sehe. Ronald Reagans sehnlichster
Wunsch ist eine stabile und friedliche Welt.
Er ist nicht bestrebt, der Sowjetunion - aus einer Position der
militärischen Überlegenheit heraus - Konzessionen abzuringen. Er
ist bestrebt, mit den Sowjets nüchtern über die vielen Probleme zu
sprechen, vor denen alle Völker stehen - dem unmittelbaren Problem
des Friedens, und darüberhinaus über die drohend aufragenden Fragen
der Bevölkerungsdichte der Welt, der Nahrungsmittelproduktion und
der Erhaltung dieser zerbrechlichen und schönen Welt, in der wir
alle leben.
Vor v/enigen Tagen hat Ronald Reagan seine Kandidatur für eine
zweite Amtsperiode als Präsident angekündigt. Mit Interesse sah ich
die weltweiten Reaktionen auf diese Ankündigung, die aus praktisch
allen Ländern der Erde kamen. Die meisten Pressereaktionen waren
so, wie man sie erwartet hatte. Was mich jedoch am meisten
beeindruckte, waren die positiven Reaktionen in der Presse der
neutralen Länder aller Erdteile. Die Zeitungen in Ländern wie
Indonesien, Brasilien, der Schweiz und Österreich -- sie alle
begrüssten diese Ankündigung. Sie nannten die Leistungen, die er
bei der Wiedergewinnung der Stärke Amerikas und dem neuen
Sebstvertrauen erreicht hatte, und sie erwähnten anerkennend den
Beitrag, den all dies zur Stabilität der Welt leistet. Diese Länder
sahen Ronald Reagan so, wie man ihn sehen sollte -- sicherlich als
einen Mann der Stärke, aber in einem noch tieferen Sinn als einen
Mann des Friedens.
Während ich heute zu dieser distinguierten Zuhörerschaft
spreche, ist mein unmittelbarstes Gefühl das des Optimismus. Ich
bin sicher, dass Sie grundsätzlich die Hauptgedanken dessen
verstehen und akzeptieren, was ich Ihnen darlege. Ich bin indessen
weniger sicher, dass die jungen Menschen in unseren Ländern ebenso
reagieren. Sie haben den Zweiten Weltkrieg und die tragische Zeit
davor nie erlebt. Ich habe mittlerweile gelernt -- aus Gesprächen
mit meinen Kindern und ihren Freunden --, dass die Lehren der
Vergangenheit rein theoretisch nur schwer zu vermitteln sind. Jede

- 9-

Generation möchte

�Generation möchte ihre eigenen Lehren ziehen. Ich stimme dem
durchaus zu, solange diese neuen Lektionen dadurch gelernt werden,
dass man sich wissend mit den grossen Fragen des Tages beschäftigt.
Deshalb sage ich zu den jungen Menschen in Westeuropa und in
Amerika: Sie alle haben die Freiheit, zur Stärke des Westens
beizutragen, die sich aus seinen politischen Institutionen, seinem
technologischen Fortschritt, seinem Glauben an die Rechte des
einzelnen und seine Verpflichtung zu Freiheit und Demokratie
ergibt. Jenen jungen Leuten, die konkretere Aufgaben suchen,
empfehle ich die drei grossen Ziele in der Rede des Präsidenten -Verringerung der Drohung eines Waffeneinsatzes, die Verringerung der
Waffenlager und die Entwicklung eines besseren Arbeitsverhältnisses
zur Sowjetunion.
All dies sind Ziele, die es wert sind, dass man sich ein Leben
lang für sie einsetzt. Aber wenn man sich auf verantwortungsvolle
Weise daranmacht, diese Ziele zu erreichen, dann muss zu Beginn die
ehrliche Einsicht stehen, dass die Ost-West-Probleme eine ganz
entscheidende sowjetische Komponente haben. Daher werden Vorschläge
für gänzlich einseitige Lösungen einfach nicht funktionieren. Eine
verantwortungsbewusste, durchdachte Haltung hinsichtlich des
Erreichens dieser Ziele macht es erforderlich, sich konkret auch mit
der sowjetischen Komponente auseinanderzusetzen.
Erfolg in diesen Bereichen bedeutet, dass die jungen Menschen
von heute an ihre Kinder eine Welt weitergeben können, die sicherer
ist als jene, die sie ererbt haben. Ein solches Ziel bedarf der
Pflichterfüllung, nicht des Wehklagens, des kraftvollen Bemühens und
nicht der Schwäche. Ist es erst einmal erreicht, so bringt es mit
sich das unbezahlbare und befriedigende Gefühl, etwas geleistet zu
haben -- und nicht jenes der Traurigkeit, weil eine Chance
ausgelassen wurde.
Warum dränge ich auf diese Anstrengungen bei der Verteidigung
der NATO, bei der Rüstungsverringerung und bei den
Ost-West-Beziehungen? Ich werde Ihnen sagen, warum. Nie wurde ich
auf dramatischere
- 10 -

�auf dramatischere Weise daran erinnert, dass wir den Frieden
verteidigen und die Freiheit fördern müssen, als bei meinem Besuch
eines bayerischen Dorfes vor einem Jahr. Gottmannsgrün, dieser
schöne kleine Ort, der so typisch für diese malerische Gegend ist,
wird durch die grausame Grenze getrennt, die noch immer das deutsche
Volk teilt. Die Einwohner der anderen Seite wurden umgesiedelt, so
dass der östliche Teil des Ortes praktisch verödet ist. Der
westliche Teil, obgleich so klein, gedeiht. Dazwischen gibt es
Hunde, Wachttürme und Minen, damit die Menschen im Osten nicht in
die Freiheit auf der anderen Seite gelangen können. Es ist
tragisch, dass wir noch immer solch lebende Beispiele für die
grundlegenden Unterschiede haben, die es zwischen den Prinzipien
gibt, die die westlichen Gesellschaften inspirieren, und jenen, die
die Systeme des Ostens antreibt.
Die westliche
Freizügigkeit von
hat, diese Ideale
abhängig sind, um
nicht davonläuft.

Gesellschaft gedeiht, weil sie für die
Menschen und Ideen eintritt und weil sie den Mut
gegenüber jenen zu verteidigen, die von Mauern
das Volk einzusperren und von Polizei, damit es

Sie gedeiht, weil sie Kreativität auf allen Gebieten begrüsst
und fördert, und weil sie dafür kämpft, die Rechte des einzelnen zu
schützen, von denen aller politische und soziale Fortschritt abhängt.
Und sie gedeiht, weil die Staaten des Bündnisses sich zur
Zusammenarbeit verpflichtet haben, um Frieden in Freiheit zu
sichern, während sie gleichzeitig ihre Individualität und
Souveränität bewahren.
Diese gemeinsamen westlichen Werte geben unseren Gesellschaften
ihre Stärke und Dynamik.

Sie geben unserem gemeinsamen Bemühen eine

Zielsetzung, die unsere Einheit bewahrt und den Erfolg unseres
gemeinsamen Unterfangens sicherstellt.
Das Bündnis

�Das Bündnis ist durch eine Zeit der Prüfung hindurchgegangen.
Die Durchsetzung des INF-Beschlusses vom Dezember 1979 brachte
ernste Spannungen. Aber obgleich Institutionen -- genau wie
Menschen -- unter einem Druck zerbrechen können, dem sie nicht
standzuhalten vermögen, werden sie durch Druck gestärkt, den sie
erfolgreich ertragen. 1983 war ein Jahr der Herausforderungen, der
erfolgreich gemeisterten Herausforderungen. 1984 wird ein Jahr
grosser Gelegenheiten sein. Wir sind mit der Herausforderung
fertiggeworden. Ergreifen wir jetzt diese Gelegenheiten.

+ + + + +

- 12 -

�7
15. Februar 1984

DIE WAHLEN IN AMERIKA 1984
Politische Willensbildung durch Vorwahl und Versammlung
( 1)

- (AD) - Der Prozeß der Wahl eines Präsidenten der Vereinigten Staaten
beginnt etwa zehn Monate vor
dem Wahltan &lt;pihc+- D •. .
Maaten
ar des Wahliahr0c + * or °em Wahltag selbst. Bereits im Januar und Februn a
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Kandidaten für die Parteikonvente aufzustellen.
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ihre Kandidatur angemeldet haben Hü^f+a * k 4
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und d,. ,. Ausland lebenden D e k a t e n sollen per Bnefvorwahl die MbglichkeU

Postfach 20 03 00 Tel.: 0228-339 2035
D 5300 Bonn 2
Telex: 8-85432

�die Möglichkeit erhalten, die Kandidaten für den Parteikonvent - vom 16. bis
20. Juli in San Franzisko - zu nominieren.

In den anderen Staaten wird es

ebenfalls zu Partei Versammlungen kommen. Aussichtsreichster Bewerber bei den
Demokraten ist gegenwärtig der ehemalige Vizepräsident Walter Mondale.
Die ersten Partei Versammlungen der Demokraten sind für den 20. Februar
im Staate Iowa angesetzt.

Die erste Vorwahl findet traditionsgemäß im Staate

New Hampshire statt; in diesem Jahr am 29. Februar.
Das Caucus-System, d.h. die Abklärung der Kandidaten auf innerparteilichen Versammlungen - nach den Statuten der Partei und von Einzel Staat zu
Einzel Staat leicht verschieden - wurde bereits vor über 200 Jahren in den USA
praktiziert.

Bis 1928 wurden alle Präsidentschaftskandidaten auf diesem Weg

ermittelt, wobei die Nominierungsversammlung, der Caucus, meist aus den Kongreßmitgliedern der jeweiligen Partei bestand.

Dieses System wurde

dann so weit

ausgebaut, daß zunächst die Parteimitglieder auf örtlicher Ebene - die Zahl
kann von einem Dutzend bis zu über 100 reichen - ihre "Vorliebe" für ihren
Kandidaten zum Ausdruck bringen.

Aus dieser Versammlung auf Ortsebene gehen

die Delegierten für die Nominierungsversammlungen auf Kreisebene und aus diesen die Vertreter für den "Caucus" des Gesamtstaates hervor.

Diese Delegier-

ten sind - mehr oder weniger - durch ein Mandat der Parteimitglieder gebunden,
für diesen oder jenen Kandidaten zu stimmen.

So ergibt sich dann für den na-

tionalen Parteikonvent eine Delegation der einzelnen Staaten, die praktisch
auf einen Kandidaten festgelegt ist. Auf dem Nominierungskonvent, dem "Abschluß-Caucus", können jedoch ebenfalls noch Verschiebungen eintreten, wenn
zu viele Kandidaten und damit keine klare Mehrheiten vorhanden sind.
Dieses System der Demokratie "von der Wurzel", das nach den Gesetzen
der Partei abläuft, zeigte jedoch auch gewisse Nachteile. Anfang des 20. Jahrhunderts geriet das System in Verruf, da der Vorwurf erhoben wurde, die ParteiBosse manipulierten diese Nominierungsversammlungen, indem sie nur die ihnen
genehmen und ihren Plänen dienlichen Mitglieder zuließen.

Die Reformer ge-

wannen an Boden,und im Jahr 1908 wurde zum ersten Mal nach einzelstaatlichem
- 2 -

�nach einzelstaatlichem Gesetz eine Vorwahl abgehalten, bei der jedes Parteimitglied in geheimer Abstimmung seine Präferenz für einen Kandidaten oder Delegierten zum Ausdruck bringen kann.

Trotzdem blieb das Caucus-System - bis 1976 - die Hauptmethode der Kandidatenauswahl. Beide großen Parteien, Demokraten wie Republikaner, haben das
System in den letzten Jahren grundlegend reformiert, so daß eine repräsentativ
Vertretung aller Mitglieder und Gruppen gewährleistet und eine einigermaßen
klare Festlegung der Delegierten auf einen Kandidaten je nach dem Abstimmungsergebnis der Nominierungsversammlungen gesichert ist. Dabei muß bei den Demokraten beispielsweise ein Kandidat mindestens 15 Prozent der Stimmen auf sich
vereinen, wenn er weiterkommen will.

Die Verfechter des Caucus sind der Auffassung, daß bei diesen Nominierungsversammlungen das einzelne Parteimitglied seinen Einfluß bei der Debatte
in die Waagschale werfen kann und sich eine echte politische Willensbildung
vollzieht.

Die Vorwahl

Auch das System der Vorwahlen ist nicht in allen Staaten, in denen es
praktiziert wird, einheitlich. Auf jeden Fall beruht es jedoch auf einem vom
Parlament des jeweiligen Staates verabschiedeten Gesetz und ist also damit dem
unmittelbaren Zugriff der Parteien entzogen.

In diesem Zusammenhang kommt auch die künftige Entwicklung der Parteien
ins Spiel. Es ist die Frage, ob die Demokratische Partei - oder auch die
Republikanische - auf Bundesebene weiterhin ein loser Zusammenschluß von Parteien der Einzel Staaten (und deren gesetzlichen Bestimmungen) sein oder sich zu
einem starken Verband entwickeln wird, der den Staaten die Regeln vorschreibt.

Bis 1912

�Bis 1912 waren bereits 12 Staaten zum Vorwahlsystem übergegangen, jedoch zeigte sich auch da schon eine Schwäche dieses Systems.

Der Kandidat

der Republikaner, der frühere Präsident Theodore Roosevelt, gewann zwar in
neun der 12 Staaten die Vorwahlen, der auf dem Parteikonvent dann gewählte
Kandidat war jedoch der (noch im Amt befindliche) Präsident Howard Taft.
Roosevelt kandidierte dann für eine neugeschaffene Progressive Partei, aber er
verlor ebenso wie Taft gegen den demokratischen Gegenspieler Woodrow Wilson.
Mit der Zeit kühlte sich die Begeisterung der Kandidaten für das Vorwahl-System etwas ab, da es sich als recht kostspielig und zeitraubend erwies.
Nach dem Kriege, als politische Persönlichkeiten, die bei der Parteiführung nicht unbedingt vollen Beifall fanden, den Weg ins Weiße Haus suchten, kam das Vorwahl-System zu neuer Blüte. Männer wie Harold Stassen (1948),
Estes Kefauver (1952) oder Barry Goldwater (1964) wurden durch Vorwahlen populär, wenn sie dann auch den Wahlsieg nicht schafften, wie es John F. Kennedy
(1960), Richard M„ Nixon "(1968) und Jimmy Carter (1976) gelang.
Das System hat, wie alle vom Menschen erdachten politischen Systeme
auch noch andere Schwächen» So kann beispielsweise nach der republikanischen
Regel, daß der Kandidat mit den meisten Stimmen die gesamten Delegiertenstimmen eines Staates erhält, bei drei oder mehr Kandidaten ein Mann auf den Schild
gehoben werden, der nicht die absolute Mehrheit der Stimmen hat. Die Demokraten haben die "winner-take-call"-Regel untersagt und praktizieren eine "proportionale Repräsentation", wobei ein Kandidat allerdings mindestens 15 Prozent
der Stimmen erhalten muß, um berücksichtigt zu werden.
Im Grunde bleibt einem Kandidaten nichts anderes übrig, als sich bei
den Vorwahlen zu engagieren und die Nominierungsversammlungen nicht zu vernachlässigen - Primary und Caucus in all ihren Varianten sind und bleiben
von Bedeutung,

+ + + + +

_ 4_

�15. Februar 1984

7

ASTRONAUTEN IM FREIEN FLUG
CHALLENGER-Mission leitet neue Phase der Raumfahrt ein -

- (AD) - "Ein wunderbarer Flug über einer wunderbaren Erde" - so faßte
Vance Brand (52), Kommandant der Raumfähre CHALLENGER, die Eindrücke von acht
Tagen Aufenthalt im All zusammen.
nischen Raumtransporters.

Es war der zehnte Einsatz eines amerika-

Die fünfköpfige Besatzung an Bord, der außer Brand

Robert Gibson (37) als Kopilot und die drei Missionsspezialisten Bruce McCandless (46), Ronald McNair (33) und Robert Stewart (41) angehörten, hatte
seit dem 3. Februar 1984 die Erde umkreist.

Am 11. Februar 1984, wenige Mi-

nuten nach Sonnenaufgang am Kap Canaveral, kehrte die Raumfähre bei idealem
Wetter zurück.
Von Westen kommend, hatte CHALLENGER im letzten Teil der Abstiegsbahn
die Halbinsel Florida und den Landebereich an deren Ostseite mit fast dreifacher Schallgeschwindigkeit überflogen.

Draußen über dem Atlantik zog sie

eine Schleife, wobei die Fluggeschwindigkeit weiter verringert wurde, und
kam dann von Nordosten her zurück.

Mit 340 Stundenkilometern setzte

sie auf der neu angelegten, 4500 Meter langen Betonpiste auf, rollte aus wie
ein normales Passagierflugzeug und kam nach 3000 Metern zum Stehen.

Zum ersten

Postfach 20 03 00 Tel.: 0228-339 2035
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Telex: 8-85432

�Zum ersten Mal war eine amerikanische Raumfähre am Kap Canaveral gelandet,
nur acht Kilometer von dem Punkt entfernt, an dem sie acht Tage zuvor gestartet worden war.
schleppt.

Schon wenige Stunden später wurde CHALLENGER zum Hangar ge-

Die Ingenieure und Techniker haben zusätzliche acht Tage für die

Inspektion, für Wartungsarbeiten und die Vorbereitung des nächsten Einsatzes
gewonnen - acht Tage, die bisher für den Rücktransport des Raumgleiters vom
kalifornischen Landeplatz zum Kennedy-Raumflugzentrum in Florida benötigt
wurden.

Mit Manövriergerät im freien Raum
Ein ganz wichtiger Programmpunkt des jüngsten Unternehmens war die Erprobung des Manövriertornisters, mit dem sich Astronauten frei im Raum bewegen können.

Bruce McCandless und Robert Stewart entfernten sich mit dem

über dem Schutzanzug durch Einrast-Mechanismen leicht anzulegenden "Rucksack"
bis etwa 100 Meter vom Mutterschiff CHALLENGER,mit dem sie nicht einmal mehr
durch eine Sicherheitsleine verbunden waren.

Sie wurden so zu selbständigen

Satelliten der Erde - "die kleinsten bemannten Satelliten, die es bisher gab",
meinte McCandless.
Die mit Stickstoffgas betriebenen 24 Düsen des Manövriergeräts ermöglichen eine sehr exakte und weiche Impulsdosierung. Aus zwei Kaltgas-Tanks
werden je 12 Düsen in einer Aufteilung gespeist, die selbst bei Ausfall einer
Treifstoffeinheit die Bewegungsfähigkeit und Flugsicherheit des Astronauten
gewährleistet. Die Annäherungsgeschwindigkeit an ein Objekt im Weltraum kann
sehr niedrig gehalten werden, z.B. mit einer Fortbewegung von wenigen Zentimetern pro Sekunde. Eine Beschleunigung auf maximal 18 Meter pro Sekunde ist
zur Oberwindung größerer Strecken möglich. Der Astronaut betätigt am vorderen
Ende der verstellbaren Armstützen mit leichtem Druck einen Steuerungshebel.
Mit der rechten Hand wird die Fluglage gesteuert, wobei drei Kreisel (je
einer für Bewegungsmomente in der Längs-, Seiten- und Höhenachse) das Einhalten der Position im freien Raum sichern und gleichzeitig den Verbrauch von
- 2 -

�Verbrauch von Stickstoffgas auf einem Minimum halten.

Der mit der linken

Hand betätigte Hebel aktiviert jene Düsen, die die Impulse zum Bewegen von
Punkt zu Punkt geben - vorwärts, rückwärts, seitwärts, nach oben und unten.
Insgesamt 729 Befehlskombinationen für die Fortbewegung im Raum sind berücksichtigt.

Der Astronaut braucht sich nicht darum zu kümmern, welche der Kalt-

gasdüsen "feuern".

Entsprechend der Eingabe über den Handsteuerungshebel be-

sorgt dies die Elektronik des Systems. Als Energiequelle dienen zwei 16,8Volt-Silber-Zins-Batterien.

Sie liefern genug Strom für eine Arbeitsdauer von

sechs Stunden im Weltraum.
Das Gerät allein hat mit Treibstoff eine Masse von 136 kg, ist 120 cm
hoch, 81 cm breit und, mit ausgefahrenen Armen, 110 cm tief. Jeder Tank
(25 x 76 cm groß) faßt 5,6 kg Stickstoff. Mit einem Kostenaufwand von über
50 Millionen Dollar wurde das Manövriergerät von der Fa. Martin Marietta in
Denver (Colorado) unter intensiver Mitarbeit von Bruce McCandless entwickelt.
Stückpreis: 10 Millionen Dollar. Die praktische Erfahrung im Weltraum bestätigte, was sich bereits beim Training zeigte, daß es sehr einfach zu handhaben ist.
Vorerst wird der Antriebstornister gebraucht, wenn z.B. während eines
Raumtransporterfluges ein reparaturbedürftiger unbemannter Satellit an Bord
geholt werden soll.

Selbstverständlich müssen seine Bahndaten die Voraus-

setzungen für ein "Rendezvous" mit dem innerhalb gewisser Grenzen manövrierbaren "Space Shuttle" erfüllen.

Dies trifft für den Satelliten SOLAR MAXIMUM

zu, der im Februar 1980 für Aufgaben der Sonnenforschung gestartet wurde, jedoch seit zweieinhalb Jahren nicht mehr funktioniert.

Die Kosten für das

Einholen und Reparieren sowie erneutes Absetzen des SOLARMAX
werden auf 45 Millionen Dollar geschätzt.

im Weltraum

Bereitstellung und Start eines

neuen Satelliten dagegen würde ca. 200 Millionen Dollar kosten.

So werden

zwei Astronauten beim nächsten CHALLENGER-Flug im April versuchen, das defekte
Forschungsgerät an Bord zu holen.
Als Generalprobe

- 3 -

�Als Generalprobe dafür war eine Reihe von Aufgaben gedacht, die McCandless und Stewart während ihres je sechsstündigen Außenaufenthalts am
fünften und siebenten Flugtag erfüllen sollten.
war ein voller Erfolg.

Der erste Tag im freien Raum

Beim zweiten Ausstieg ergaben sich Probleme mit der

Einhaltung des Programms, weil das "Handgelenk" des 15 m langen, mehrgliedrigen Hebe- und Greifarms plötzlich nicht mehr zu bewegen war.

So mußte auf

Arbeiten mit Werkzeug auf einer am Kranende montierten Plattform und auf das
Andocken an einem rotierenden Obungsobjekt, das der Greifarm in den Weltraum
hinaushalten sollte, verzichtet werden.

Aber an Bord wurde improvisiert, die

beiden Missionsspezialisten fanden genügend anderes zu tun.

Als McCandless

eine gerade ins All entschwebende Fußhaiterung entdeckte, die sich im Laderaum gelöst hatte, ergab sich eine unerwartete Gelegenheit, das Einfangen
und Bergen eines

Objektes zu üben.

Kommandant Brand manövrierte den Orbiter

so exakt und vorsichtig auf dieses zu, daß der Astronaut, mit einer Hand am
Führungsseil im rückwärtigen Teil der Ladebucht, es greifen und hereinholen
konnte.
NA

Später, beim Aufbau und Betrieb von Raumstationen, werden Marvivriertornister eine besonders wichtige Rolle spielen. So sind beispielweise freifliegende unbemannte Plattformen als Instrumententräger vorgesehen, -\\e mit
der Raumstation um die Erde kreisen. Es müssen Filmkassetten gewechselt
Batterien ausgetauscht und Kameralinsen gesäubert werden. Dies werden Astronauten von der Raumstation besorgen. Auch ließe sich auf diese Weise der
Start von Satelliten im Kundenauftrag von Bord des Orbiters verbilligen.
"Bei vielen dieser Satelliten werden Solarzellen-Platten, Radar- und Funkantennen durch Aktivierung kleiner Motoren automatisch ausgefahren. Würden
dies die Astronauten tun, ließen sich die teuren Motoren einsparen", meint
Keith Hudkins von der NASA-Abteilung für Raumfährenprojekte.
Auch das Auftanken eines Satelliten wurde am Modell geprobt.

Man will

bei einem späteren Unternehmen (Oktober 1985) versuchen, den Erderkundungssatelliten LANDSAT 4 zu bergen, zu reparieren und aufzutanken. Statt des
gefährlichen hypergolisehen Treibstoffs wurde beim jetzt im Laderaum durch- 4 -

�Laderaum durchgeführten ersten Versuch allerdings nur gefärbte Freon-Flüssigkeit benutzt.

Es ging vor allem darum, zu beobachten, ob und wie sich eine

Flüssigkeit unter Schwerelosigkeit umfüllen läßt. Allein durch die Versorgung mit neuem Treibstoff, der für die Lageregelung und Flugstabilisierung
benötigt wird, ließe sich die "aktive

Lebensdauer" eines unbemannten Satel-

liten um Jahre verlängern.

Wissenschaftliche Experimente
Zu den zahlreichen Experimenten an Bord der CHALLENGER gehörte auch
eine von Dan Weber, Student an der Cornell-Universität, entwickelte Versuchseinheit, mit der an Ratten die Auswirkung von Schwerelosigkeit auf Gelenkerkrankungen studiert wurde.

Und wie schon bei vier früheren Einsätzen wurde

erneut der Monodispersionsrekator mitgeführt, mit dem Latex-Kügelchen ganz
bestimmter Größe als Träger für Medikamente erzeugt werden.

Im Weltraum ist

es möglich, große Mengen davon im Größenbereich zwischen fünf und 20 Mikron
(ein Mikron entspricht einem Tausendstel Millimeter) herzustellen, während
der Schwerkrafteinfluß auf der Erde die Größe stark variieren läßt.

Das

"National Bureau of Standards"(NBS) benutzt bereits die 10-Mikron-K'ügelchen
aus dem Weltraum zum Eichen bei medizinischen und wissenschaftlichen Ausrüstungen.

Dem US-Amt für Luft- und Raumfahrt gab NBS den Auftrag, in vier

späteren Orbiter-Einsätzen, von denen der erste 1985 stattfinden soll, Partikel in den Größenbereichen von 30 bis 100 Mikron herstellen zu lassen.
Mit einem neuen Typ von Elektrophorese-Experiment (der sog. isoelektrischen Fokusierung) sollten biologische Substanzen beim Passieren eines
elektrischen Feldes entsprechend ihrer elektrischen Ladung an der Oberfläche
voneinander getrennt werden.

Das Experiment wird 1984 im Auftrag von For-

schungsinstituten zweimal geflogen, wobei es um die Trennung von Eiweißverbindungen geht.

Einige der fünf "Getaway Specials", Experimente in genormten

Kanistern, enthielten Material zur Untersuchung des Verhaltens und der Bewegung von Flüssigkeiten und der Kristallisation von Proteinen.
- 5 -

Letzteres ist

�Letzteres ist für die Röntgen-Kristallographie zur Aufklärung der Struktur
komplizierter Bio-Moleküle sehr wichtig.

Und ein Experiment sollte klären

helfen, ob und welchen Einfluß die Formgebung bei einer Lichtbogenlampe auf
deren Wirkungsgrad besitzt.
Mit zwei Spezialkameras filmten die Astronauten während der acht Tage
Erde und Weltraum für eine spätere Projektion auf die Kuppel eines Planetariums.

Das neue Filmsystem ("Cinema-360") dokumentiert in einer halbstündi-

gen Vorführung den Ablauf der CHALLENGER-Mission und gibt dem Betrachter das
Gefühl, den Flug im All selbst mitzuerleben.

Fehlstart der Nachrichtensatelliten
Das Einschießen von zwei Nachrichtensatelliten in eine geostationäre
Umlaufbahn (36 000 km Höhe) mißlang. Daß WESTAR VI und PALAPA-B2 nur elliptische und viel zu niedrige Bahnen erreichten, hat jedoch weder mit dem Raumtransporter etwas zu tun, noch ist dies den Astronauten oder der NASA anzulasten. Offenbar versagten die Antriebseinheiten der beiden Satelliten.
Sie wurden von der Firma McDonnell Douglas entwickelt und tragen die Bezeichnung "Payload Assist Module - PAM". Bei vorangegangenen Starts von Satelliten aus dem Orbit funktionierten sie einwandfrei. Jetzt werden die drei
noch nicht eingesetzten Antriebseinheiten aus einem Produktionssatz von insgesamt fünf PAM von der Herstellerfirma zusammen mit NASA-Spezialisten untersucht. Der nächste Start eines Satelliten mit einem solchen Triebwerk von
Bord des Orbiters ist für Juni 1984 vorgesehen.

+ + + + +

- 6-

�15. Februar 1984

NASA-STUDIE FÜR 1985: FAST 7,5 MILLIARDEN DOLLAR
- Vorstudien für die bemannte Raumstation -

- (AD) - Im Haushaltsplan Präsident Reagans für das Finanzjahr 1985
(1. Oktober 1984 - 30. September 1985) sind für das amerikanische Amt für
Luft- und Raumfahrt (NASA) 7,491 Milliarden Dollar vorgesehen. Das bedeutet eine Erhöhung des NASA-Etats um vier Prozent (274 Millionen Dollar) gegenüber dem laufenden Haushaltjahr.
Etwa 2,4 Milliarden Dollar (32 Prozent) entfallen auf Forschung und
Entwicklung - 375 Millionen mehr als im Jahr 1984. Für vorbereitende Studien zur Entwicklung einer bemannten Raumstation sind 150 Millionen Dollar
eingeplant,für Anwendungssatelliten und Forschungsgeräte 1,371 Milliarden
Dollar.

Dazu zählen u.a. Projekte wie das Hubble-Weltraumteleskop, das

GALILEO-Programm zur Erforschung des Planeten Jupiter und die Radar-Kartierung des Planeten Venus. Auch sind erste Entwicklungsphasen für einen
Forschungssatelliten berücksichtigt, der aus einer Umlaufbahn um den Mars
eine Sondierung des Planeten nach geologischen, geophysikalischen und klimatologischen Gesichtspunkten ermöglicht.
gestartet werden.

Dieser Orbiter soll im Jahr 1990

Er wird das erste einer Serie relativ kostengünstiger Ge-

räte für die Planetenbeobachtung sein; man erhofft sich von ihnen Hinweise

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Telex: 8-85432

�ihnen Hinweise auf die geologische und klimatologische Entwicklung bei anderen Himmelskörpern im Sonnensystem.
Für Bau, Betrieb und Beobachtung von Raumtransportern sowie die Erfassung von Daten aus den Raumflugzeugen sind insgesamt 3,6 Milliarden
Dollar vorgesehen (175 Millionen weniger als 1984).

Mit den im Haushalts-

jahr 1985 verfügbaren Weltraumfähren sind 11, im Jahr darauf 16 Einsätze
geplant. Auch der zweite und dritte Flug des Weltraumlabors SPACELAB, die
Vervollständigung der Raumfährenflotte durch das vierte Gerät, den Orbiter
ATLANTIS, im Dezember 1984, und die Weiterentwicklung des SchlepP-Satellitensystems für die Durchführung von Experimenten in größerem Abstand vom Orbiter während eines Space-Shuttle-Fluges (Gemeinschaftsprojekt der USA und
Italiens) fallen in diese Sparte.
Im NASA-Etat 1985 sind außerdem Mittel für den Start des zweiten und
dritten TDRS-Satelliten bereitgestellt. Diese besonders leistungsfähigen
Relaisstationen auf der geostationären Umlaufbahn (ca. 36 000 km Höhe), die
für die Bahnbeobachtung und den ständigen Funkverkehr mit dem Orbiter sowie
für die Übertragung der Flut von Meßdaten aus bemannten und unbemannten
Satelliten benötigt werden, bilden ein Kernstück im Nachrichtensystem der
NASA. Als Schwerpunkte für die Entwicklung bemannter Raumstationen gelten
vorerst Studien über ausbaufähige Stromversorgungssysteme, große Systeme
mit hohem Nutzeffekt für die Temperaturkontrolle und über die Anpassung herkömmlicher Datensysteme für eine flexible Anwendung bei den jeweiligen Aufgaben und beim Ausbau bzw. der Vergrößerung einer Raumstation.

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- 2 -

�BERICHTIGUNG:

In unsere™ Artikel «Artistik 1. Weltraum (Afrika Dienst-Ausgabe Nr. 3,
8. Januar 1984, m u ß es auf Seite 2, dritter Absatz, vierte Z e i U richtig
heißen:
...Driftgeschwindigkeit von 60 cm/sec..."

�</text>
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                <text>&lt;strong&gt;1. Dokumentation&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Reagan fordert Neubeginn der amerikansich-sowjetischen Verhältnisse &lt;br /&gt;&lt;em&gt;- Rundfunkansprache des Präsidentennach dem Tode Andropows&lt;/em&gt;&amp;nbsp;-&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Erklärung des Weißen Hauses zum Tode Andropows &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Vizepräsident Bush zur Lage des atlantischen Bündnisses &lt;br /&gt;&lt;em&gt;- Rede für die Wehrkundetagung in München&lt;/em&gt;&amp;nbsp;-&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Hintergrundmaterial&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Wahlen in Amerika&lt;br /&gt;&lt;em&gt;- 1984 Politische Willensbildung durch Vorwahl und Versammlung&lt;/em&gt;&amp;nbsp;-&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Wissenschaft und Technik&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Astronauten im freien Flug&lt;br /&gt;&lt;em&gt;- CHALLENGER-Mission leitet neue Phase der Raumfahrt ein&lt;/em&gt;&amp;nbsp;-&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;NASA-Studie für 1985: fast 7,5 Milliarden Dollar&lt;br /&gt;&lt;em&gt;- Vorstudien für die bemannte Raumfahrt&lt;/em&gt;&amp;nbsp;-&lt;br /&gt;</text>
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                    <text>AMERIKA DIENST
^7

C&amp;

15. Februar 1989

INHALT
\

DOKUMENTATION

Bush fordert Wettbewerbsfähigkeit als Schwerpunkt
- Die Rede des Präsidenten zur Haushaltsvorlage -

Mäßige sowjetische Fortschritte bei Menschenrechten
- Richard Schifters Rede vor dem Kongreß -

WISSENSCHAFT UND TECHNIK

Der Drogenkrieg geht weiter
- Polizeimaßnahmen notwendig - aber Erziehung wichtiger

* * * * * *

United States Information Service
Embassy of the United States of America

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Telex: 8-85432

�AMERIKA DIENST
"VON

Dokumentation

^

15. Februar 1989

BUSH FORDERT WETTBEWERBSFÄHIGKEIT ALS SCHWERPUNKT
- Die Rede des Präsidenten zur Haushaltsvorlage -

WASHINGTON - (AD) - Arn 9. Februar 1989 forderte Präsident Bush den Kongreß
auf, gemeinsam mit der Administration am Entwurf eines Haushalts zu arbeiten,
der das Wachstum und die Wettbewerbsfähigkeit der Vereinigten Staaten fördert:,
dem illegalen Drogenhandel Einhalt gebietet und Umweltprogramme ausbaut. Bush
erläuterte ferner die Veränderungen seiner Administration zu dem von der
Reagan-Regierung im Januar vorgelegten Haushalt.
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede im Wortlaut:

Vor weniger als drei Wochen habe
ich auf der Westseite dieses Gebäudes
gestanden und Ihnen - mit dem Blick
auf die Denkmäler unserer stolzen
Vergangenheit
- meine Hand ausgestreckt, um das nächste Kapitel der
amerikanischen Geschichte mit einer
Chronik
anhaltenden Wohlstands und
Friedens zu füllen. Heute abend bin
ich hierhergekommen, um Ihnen meine
Plana dazu zu unterbreiten. Die Hand
bleibt ausgestreckt, die Ärmel sind
hochgekrempelt, Amerika wartet, und
wir müssen jetzt zur Tat schreiten.
Zusammen
können
wir
ein
besseres
Amerika aufbauen.
Es ist tröstlich, in diese geschichtsträchtige Kammer zurückzukehren.
Vor 22 Jahren habe ich hier
meine Hand zum Eid auf die Verfassung

United States Information Service
Embassy of the United States of America

erhoben. Heute abend kommt es mir so
vor, als ob ich zu Freunden heimkehre.
Und ich beabsichtige, Ihnen in
den kommenden Monaten und Jahren das
zukommen zu lassen, was Freunde verdienen: Offenheit, Respekt und mein
bestes Wissen über Mittel und Wege
zur Verbesserung von Amerikas Zukunft.
Im Gegenzug bitte ich um echtes
Engagement für unsere gemeinsame Mission des Fortschritts. Wenn wir die
Chancen auf dem vor uns 1 legenden Weg
ergreifen, werden wir alle davon profitieren.
Die Menschen haben uns
nicht
hierhergeschickt,
damit
wir
streiten.
Es ist an der Zeit, daß
wir regleren.

in

Viele Präsidenten haben sich hier
Zeiten schwerer Krisen - Krieg,

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Telex: 8-85432

�Depression, Verlust des Nationalstolzes - eingefunden.
Vor acht Jahren
habe ich auf diesem Stuhl dort gesessen, als Präsident Reagan von der
sträflichen Inflation und den verheerend hohen Zinssätzen, den Arbeitslosen und dem verlorenen Vertrauen in
Amerika sprach. Wir sehen uns einer
anderen Herausforderung gegenüber.
Wir haben Glück - uns stellt sich
heute abend ein anderes Bild.
Ich
schlage also nicht vor, den Kurs zu
ändern.
Wir sind auf dem richtigen
Weg. Aber wir dürfen nicht ausruhen.
Wir sind ein Volk, dessen Energie und
Dynamik unseren Aufstieg zur Größe
angefacht haben. Wir sind eine Nation, die den Blick nach vorn richtet
- sowohl großzügig als auch ehrgeizig
- nicht im Hinblick auf uns selbst,
sondern auf die Welt. Gleichgültigkeit ist uns ein fremder Wesenszug tn ier Vergangeneheit, Gegenwart und
Zukunft.
Heute abend müssen wir an Amerikas Stärke denken - und es noch besser machen.
Wir müssen sehr reale
Probleme bewältigen. Wir müssen sehr
klare Prioritäten setzen.
Und wir
müssen unser Defizit im Bundeshaushalt ganz erheblich abbauen.
Manche mögen dieses Programm unmöglich finden. Aber ich lege Ihnen
heute abend einen realistischen Plan
zu seiner Bewältigung vor. Mein Plan
stellt sich in vier Grundzügen dar:
Beachtung wichtiger Prioritäten, Investitionen für die Zukunft, Inangriffnahme des Defizits und keine
neuen Steuern.
Dieser Haushalt ist ein Abbild
meines bestens Wissens darüber, wie
wir unsere Prioritäten im Einklang
mit ier Auffassung der Menschen angehen können. Es gibt viele Bereiche,
in denen wir alle mehr ausgeben wollen, als ich vorschlage, aber das
können wir nicht tun, bis wir unseren
finanziellen Überbau in Ordnung gebracht haben.
\llein im kommenden Jahr wird die

Bundesregierung dank des Wirtschaftswachstums und ohne Gesetzesänderungen
mehr als 80 Milliarden Dollar mehr
einnehmen haben als in diesem Jahr.
Ganz richtig - mehr als 80 Milliarden
Dollar Mehreinnahmen ohne Steuererhöhungen. Unsere Aufgabe ist es, diese
neuen Mittel klug zu verteilen.
Wir können es uns leisten, die
Ausgaben zu erhöhen - in bescheidenem
Ausmaß, aber dennoch ausreichend, um
in wichtige Prioritäten zu investieren und dennoch das Defizit in einem
Jahr um fast 40 Prozent abzubauen.
Damit können wir die im Gramm-RudmanHollings-Gesetz gesteckten Ziele erfüllen.
Aber um das zu tun, müssen wir
erkennen, daß ein Wachstum, das höher
ist als die Inflation, in Bundesprogrammen nicht zwangsläufig ist und
daß nicht alle Ausgabeposten für die
Ewigkeit ausgelegt sind.
Ich bitte Sie heute abend: Meine
Mitarbeiter und ich sind zur Zusammenarbeit mit dem Kongreß, zur Bildung einer Führungsgruppe, zu Verhandlungen nach bestem Wissen und Gewissen, zur Arbeit Tag und Nacht wenn das erforderlich sein sollte bereit, um die Ziele des Haushalts zu
erfüllen und einen Haushalt rechtzeitig vorzulegen.
Wir können nicht zur Tagesordnung
übergehen.
Eine Regierung, die von
immer neuen Resolutionen abhängig ist
- und eine Regierung in der Krise wird das nicht tun.
Ich bitte den Kongreß heute abend
um seine Zustimmung zu verschiedenen
Maßnahmen,
die
eine
vernünftigere
Haushaltsführung erlauben.
Wir würden Zeit sparen und rationeller arbeiten, wenn wir einen Haushalt für
zwei Jahre verabschieden würden.
43
Gouverneure haben das Recht auf ein
selektives Veto. Es sollte auch den
Präsidenten zugestanden werden.
Zumindest sollte der Kongreß über
Vorschläge des Präsidenten zur An-

�fechtung von Bundesausgaben abstimmen
müssen - und sie nicht durch Untätigkeit zunichte machen dürfen.
Und ich fordere den Kongreß auf,
den Wünschen der Öffentlichkeit durch
die Verabschiedung eines Verfassungzusatzes Rechnung zu tragen, der einen ausgewogenen Haushalt fordert.
Ein solcher Zusatz würde, wenn er
einmal eingeführt ist, sowohl den
Kongreß als auch die Exekutive disziplinieren.
Verschiedene Prinzipien umschreiben das Amerika, das ich mit Ihrer
Hilfe in den kommenden Jahren zu
schaffen hoffe.
Wir werden uns nicht erlauben
können, den leichtfertigen und verschwenderischen Ansatz zur Problemlösung anzuwenden - weil höhere Ausgaben und höhere Steuern das Wirtschaftswachstum gefährden werden.
Wirtschaftswachstum
schafft Arbeitsplätze
und
Hoffnung.
Wirtschaftswachstum versetzt uns in die.
Lage, Sozialprogramme zu finanzieren.
Wirtschaftswachstum erhöht die Sicherheit des Landes.
Und niedrige
Steuern schaffen Wirtschaftswachstum.
Ich glaube daran, daß wir den
Amerikanern mehr Freiheit und bessere
Wahlmöglichkeiten geben sollten - und
ich werde an den Wahlmöglichkeiten
für amerikanische Familien arbeiten,
ob für ihre Wohnungssituation, bei
den Schulen, in die sie ihre Kinder
schicken oder bei der Betreuung, die
sie ihren Kindern zuteil werden lassen.
Meiner Ansicht nach haben wir
eine Verpflichtung gegenüber den Bedürftigen, aber die Regierung sollte
nicht die erste Zuflucht für solche
Dinge sein, die der Privatsektor besser leisten kann.
Ich glaube an eine Gesellschaft,
die von Diskriminierung und Bigotterie frei ist. Ich werde daran arbeiten, um die Schranken niederzureißen,
- 3

die Diskriminierungen in der Vergangenheit errichtet haben und eine tolerantere Gesellschaft zu schaffen,
die
verhindern
kann, daß solche
Schranken jemals neu errichtet werden.
Ich glaube daran, daß Familie und
Religion die moralische Richtschnur
der Nation sind - und werde daran arbeiten, um sie zu stärken, weil schon
Benjamin Franklin gesagt hat: "Wenn
kein Spatz vom Himmel fallen kann,
ohne daß Gott es sieht, wie (kann)
eine (große Nation) ohne Seine Hilfe
zur Größe gelangen?"
Und ich glaube daran, daß die
Menschen die Macht haben sollten, um
ihr eigenes Leben durch Wachstum und
Chancen besser zu gestalten. Gemeinsam sollten wir die Macht in die Hand
des Volkes legen.
Vor drei Wochen haben wir den
200. Jahrestag der Amtseinführung des
ersten
Präsidenten gefeiert.
Und
wenn Sie zurückschauen, beeindruckt
eine Tatsache in der Art, wie die
Gründerväter Amerika gesehen haben.
Sie redeten nicht über sich selbst.
Sie redeten über die Nachwelt, über
die Zukunft. Ebenso müssen wir über
uns selbst hinausschauen
Wir müssen heute die Taten vollbringen, die ein besseres Morgen garantieren. Wir müssen die amerikanische Führungsrolle in der Technologie ausbauen, langfristige Investitionen ermutigen, unser Bildungssystem verbessern und die Produktivität
steigern.
Dies sind die Schlüssel
zum Aufbau einer besseren Zukunft.
Ich gebe
lungen:

dazu

folgende

Empfeh-

- Ich schlage die Bewilligung von
2,2 Milliarden Dollar für die National
Science Foundation zur
Förderung der Grundlagenforschung
vor.
- Ich schlage die dauerhafte Gewährung von Steuernachlässen für
Forschung und Entwicklung vor.

�- Ich habe Vizepräsident Quayle zum
Vorsitzenden einer neuen Arbeitsgruppe zur Wettbewerbsfähigkeit
bestimmt.
- Ich fordere Mittel für die NASA
und ein starkes Weltraumprogramm
- eine Erhöhung um fast 2,4 Milliarden Dollar im laufenden Haushaltsjahr. Wir müssen eine bemannte
Raumstation
einrichten,
ein
gesichertes
Raumfährenprogramm und die kommerzielle Nutzung des Weltraums ausbauen. Das
Weltraumprogramm
sollte
"mit
Volldampf" betrieben werden - das
ist nicht nur unser Ehrgeiz, sondern unser Schicksal.
Ich schlage vor, daß wir die
Höchstsätze der Kapitalertragssteuer
senken, um langfristige Investitionen
zu ermutigen. Die Geschichte zeigt
es deutlich: damit werden die Einnahmen gesteigert, Einsparungen gefördert und neue Arbeitsplätze geschaffen.
Wir werden nicht konkurrenzfähig
werden, wenn wir in Amerika ganze
Sektoren außer acht lassen. In diesem Jahr sollten wir städtische Gewerbegebiete schaffen und Hoffnung in
unsere Innenstädte bringen.
Aber das wichtigste Programm zur
Steigerung der Wettbewerbsfähigkeit
ist das amerikanische Bildungsprogramm. Wenn einige unserer Schüler
Schwierigkeiten haben, Amerika auf
einer Weltkarte zu lokalisieren, ist
es an der Zeit, daß wir im Bildungswesen neue Methoden finden.
Wir müssen Leistung belohnen und
Bürokratie abbauen. Wir müssen den
Schulen helfen, die unsere Hilfe am
nötigsten brauchen. Wir müssen Eltern, Schülern, Lehrern und Direktoren Wahlmöglichkeiten einräumen. Und
wir müssen alle Beteiligten zur Verantwortung ziehen. Im Bildungswesen
dürfen wir keine Mittelmäßigkeit zulassen.

Ich möchte die Zahl der vorzeitigen Schulabgänger verringern und das
Analphabtentum in Amerika verringern.
Es läuft alles auf eines hinaus: je
mehr Schulabgänger mit abgeschlossener Ausbildung wir heute haben, umso
weniger Arbeitslose werden wir morgen
haben.
Heute abend schlage ich die folgenden Initiativen vor:
- die Aufnahme eines Programms im
Umfang von 500 Millionen Dollar,
um Schulen in Amerika auszuzeichnen und "beste Schulen" zu finden,
- die Einrichtung von besonderen,
vom Präsidenten verliehenen Auszeichnungen für den besten Lehrer
jedes Bundesstaats - weil sich
Leistung lohnen soll,
- die Einführung eines neuen Programms für Forschung im Dienste
des Landes - ein Wissenschaftler
in jedem Jahr für jeden Abgeordneten in Senat und Repräsentantenhaus - um dieser Schülergeneration einen besonderen Anreiz
zu bieten, sich in Naturwissenschaften und Mathematik auszuzeichnen,
- die
vermehrte
Schaffung
von
Schwerpunktschulen, die Familien
und Schülern mehr Auswahlmöglichkeiten bieten sollen.
- und ein neues Programm zur Ermutigung
"alternativer
Zulassungen", die qualifizierte Bewerber
aus allen Gebieten zum Unterrichten befähigen.
Ich habe erklärt, daß ich der
"Bildungspräsident"
sein
möchte.
Heute abend bitte ich Sie, mir dabei
behilflich zu sein, indem sie zu
einem "Bildungskongreß" werden.
In der vergangenen Woche erhielt
ich einen Brief von einer Mutter aus
Pennsylvania, die von meiner Antrittsrede
sehr
beeindruckt
war.
"Knapp 12 Stunden zuvor", schrieb

�sie, "erhielten mein Mann und ich die
Nachricht, daß unser Sohn kokainsüchtig ist. Er hatte alles, was man
sich nur wünschen kann. Er ist intelligent, begabt, sympathisch..., er
hätte alles aus seinem Leben machen
können. Er hat sich für Kokain entschieden" .
Und sie fuhr fort, "Ich flehe Sie
an, einen Weg zu finden, den Kokainhandel zu stoppen. Hart gegen die
Händler
vorzugehen.
Unser
Sohn
braucht Ihre Hilfe."
Meine Freunde - diese um Hilfe
flehende Stimme könnte die Stimme Ihres Nachbarn sein. Ihres Freundes.
Ihres Sohnes.
Im vergangenen Jahr
nahmen über 23 Millionen Amerikaner
Drogen ein - was für unser Land
schwindelerregende Kosten verursacht
hat.
Diese Zeit sollte als das Zeitalter in die Geschichte eingehen, in
dem Amerika sich erhoben und "No" zu
Drogen gesagt hat. Die Geißel "Droge" muß überwunden werden.
Heute
abend bitte ich um eine Aufstockung
von fast 1 Milliarde Dollar aus den
Hanshaltsmitteln, um den Kampf gegen
Drogen
zu
beschleunigen.
Dieser
Kampf wird an allen Fronten geführt.
Unser neuer
"Drogenzar", Bill
Bennett, und ich werden Seite an Seite an der Bewältigung dieser Aufgabe
arbeiten.
Ein Teil des Geldes wird dazu
verwendet, die Hilfe für Bedürftige
und junge Mütter zu verbessern. Damit wird vielen unschuldigen Drogenopfern die helfende Hand dargeboten ebenso wie den Tausenden von Kindern,
die aufgrund der Drogenabhängigkeit
ihrer Mutter bereits drogenabhängig
oder AIDS-infiziert geboren werden.
Ein weiterer Teil der Mittel
dient der Verkürzung von Wartezeiten
für Therapieplätze. Ein Teil ist für
jene städtische Schulen gedacht, bei
denen die Probleme am größten sind.
Und ein Großteil des Geldes dient dem
- 5

Schutz unserer Grenzen, mit Unterstützung der KUstenwache, der Zollbehörden, des Außen- und Justizministeriums und nicht zuletzt des amerikanischen Militärs.
Ich bin entschlossen, mit aller
Härte gegen die Drogenkriminalität
vorzugehen.
Lassen Sie mich dies
eindeutig klarstellen: Dieser Präsident wird diejenigen unterstützen,
die ihr Leben jeden Tag aufs Spiel
setzen - unsere Polizeibeamten.
Meine
Haushaltsvorlage
fordert
verschärftes Vorgehen und Bekämpfung
des organisierten Verbrechens sowie
die Verhängung harter Urteile - und
für die mächtigen Hintermänner bedeutet dies die Todesstrafe.
Ich möchte auch sicherstellen,
daß die Zelle bereits auf ihn wartet,
wenn ein Drogenhändler verurteilt
wird. Er sollte nicht in Freiheit
bleiben, nur weil die Gefängnisse
überfüllt sind.
Verbreitet die Nachricht:
Wenn
Ihr gefaßt und verurteilt werdet,
dann werdet Ihr eure Zeit absitzen.
Aber bei allem, was wir mit
Strafvollzug, Unterbrechung des Nachschubs und Therapie tun können, werden wir diesen Kampf gegen Drogen
niemals gewinnen, wenn wir nicht aufhören, nach Drogen zu verlangen.
Ein Teil der aufgestockten Mittel
dient dazu, die Jugendlichen über die
Gefahren von Drogen zu unterrichten.
Wir müssen Eltern und Lehrer einbeziehen.
Wir müssen die Gemeinden
einbeziehen.
Und, meine Freunde wir müssen uns einbeziehen.
Wir müssen unser Augenmerk und
Mitgefühl vertärkt auf ein Problem
richten, das mit Drogenmißbrauch Hand
in Hand geht. Es handelt sich um die
schreckliche Krankheit AIDS.
Ich
fordere 1,6 Milliarden Dollar für
Aufklärungskampagnen und für die Forschung zur Heilung dieser Krankheit.

�Wenn wir unsere Zukunft schützen
wollen, benötigen wir eine andere
Einstellung gegnüber unserer Umwelt.
Wir müssen die Luft reinhalten, die
wir atmen. In Kürze werden ich Ihnen
einen Entwurf für neues, wirksameres
Gesetz zur Reinhaltung der Luft vorlegen. Es enthält einen Plan mit dem
bis zum Tage X die Emissionen verringert werden sollen, die den sauren
Regen verursachen, denn die Zeit der
Erforschung und Prüfung ist verstrichen - jetzt ist es an der Zeit, zu
handeln.
Wir müssen saubere Kohle verwenden. In meiner Haushaltsvorlage ist
die vollständige und fristgerechte
Finanzierung des Abkommens mit Kanada
über eine neue Technologie für saubere Kohle enthalten. Wir haben die
Absicht, dieses Abkommen einzuhalten.
Wir dürfen unsere Parks nicht
vernachlässigen. Daher bitte ich im
Rahmen des Fonds zur Erhaltung von
Boden und Gewässern um die Beschaffung neuen Geländes.
Wir müssen unsere Meere schützen.
Ich befürworte neue Strafen für diejenigen, die medizinische Abfälle und
sonstigen Müll in unserem Ozean entsorgen.
Das Zeitalter der Injektionsnadel am Strand muß enden.
In einigen Fällen lassen die Gewässer vor unseren Küsten auf Öl- und
Erdgasreserven hoffen, die unser Land
sicherer und weniger abhängig von
ausländischem
Öl
machen
könnten.
Wenn die vielversprechendsten Quellen
sicher erschlossen worden sind - wie
es beim Alaska National Wildlife Refuge fast immer der Fall war - sollten wir weitermachen. Aber wir müssen vorsichtig vorgehen und unsere
Umwelt respektieren.
Heute abend bitte ich um den Aufschub von drei Leasingverkäufen auf
unbestimmte Zeit, die beunruhigende
Fragen aufgeworfen haben - es handelt
sich um zwei Gebiete vor der kalifornischen Küste und eines, das die
Everglades in Florida bedrohen könn-

te. Ein weiteres Vorgehen bezüglich
dieser drei Leasingverkäufe wird erst
erfolgen, wenn eine speziell zur Erforschung der möglichen Umweltschaden
eingesetzte
Arbeitsgruppe
ihre
Schlußfolgerungen vorgelegt hat.
Ich wende mich an den Justizminister und den Direktor der Umweltschutzbehörde, alles in ihrer Macht
stehende zu tun, um die Durchführung
von Gesetzen gegen die Entsorgung von
Giftmüll zu beschleunigen und zu verschärfen. Ich möchte, daß Umweltverschmutzungen schneller beseitigt und
die Schuldigen härter bestraft werden.
Zusätzlich zu der Sorge um unsere
Zukunft müssen wir uns um unsere Mitbürger kümmern. Eine anständige Gesellschaft zeigt Mitgefühl für die
Jugendlichen, Alteren, Schwachen und
Armen.
Unsere erste Pflicht gilt den
Schwächsten - Kleinkindern, bedürftigen Müttern, Kindern, die in Armut
leben - und meine Haushaltsvorlage
wird dem gerecht. Ich bitte um die
vollständige Finanzierung von MEDICAID - dies bedeutet eine Aufstockung
um über drei Milliarden Dollar - sowie die Einbeziehung von an der Armutsgrenze lebenden schwangeren Frauen in das Programm.
Meiner Ansicht nach sollten wir
erwerbstätigen Familien bei der Bürde
der Kinderbetreuung behilflich sein.
Unsere Unterstützung sollte auf diejenigen abzielen, die sie am meisten
benötigen - einkommensschwache Familien mit kleinen Kindern. Ich befürworte die Einführung eines Steuerfreibetrages für Kinderbetreuung, der
sich auf eben diese Familien erstreckt, ohne eine Benachteiligung
der Mütter, die es vorziehen, ihre
Kinder zu Hause zu betreuen.
Ich weiß, daß unterschiedliche
Vorschläge unterbreitet wurden. Aber
Sie sollten sich folgendes vor Augen
führen: Das Gros der Kinderbetreuung
im Vorschulalter erfolgt heute bei
Verwandten und Nachbarn, in kirch-

�liehen und kommunalen Einrichtungen.
Familien, die sich für diesen Vorschlag entscheiden, sollten ihre Unterstützung
anbieten.
Den Eltern
sollte die Wahl überlassen bleiben.
Im Falle von unerwünschten Kindern, Waisenkindern oder Kindesmißhandlungen sollten wir die Adoption
ermutigen. Ich schlage die Wiedereinführung der Steuerabzüge für Adoptionskosten und die Verdoppelung dieses Betrages auf 3 000 Dollar vor.
Wir sollten es diesen Kindern erleichtern, von liebenden Eltern aufgenommen zu werden.
Gegenüber unseren altern Mitbürgern haben wir eine moralische Verpflichtung.
Meine Haushaltsvorlage
sieht die vollständige Finanzierung
der
Sozialversicherung
vor, einschließlich einer Anpassung an die
Lebenshaltungskosten in voller Höhe.
Wir müssen diese Verpflichtung einhalten.
Wir müssen uns um diejenigen "auf
der Schattenseite des Lebens" kümmern, und wie viele Amerikaner bin
Ich zutiefst besorgt über die Misere
der Obdachlosen. Obdachlosigkeit hat
viele Ursachen, ihre Geschichte ist
lang, aber das moralische Gebot, zu
handeln, ist unleugbar.
Dank der überwältigenden Großzügigkeit, von der unser großartiges
Land gekennzeichnet ist, tragen bereits zahlreiche Organisationen zur
Unterstützung bei. Aber wir in der
Regierungsverantwortung dürfen nicht
beiseite stehen.
In meinem Haushaltsentwurf fordere Ich größere Unterstützung für Notunterkünfte und
Verteilung von Nahrungsmitteln an die
Obdachlosen, für Gesundheitsdienste
und Maßnahmen gegen Arzneimittelmißbrauch sowie psychiatrische Kliniken
- und ich schlage eine neue Initiative vor, die das gesamte Spektrum der
Regierungsbehörden einbezieht.
Wir
müssen diese nationale Schmach in den
Griff bekommen.
Ich habe beschlossen, heute abend

ein weiteres Thema zur Sprache zu
bringen. Lange Zeit war ich der Auffassung, die Puertoricaner sollten
das Recht haben, selbst über ihre politische Zukunft zu entscheiden. Ich
persönlich befürworte die Eigenstaatlichkeit. Aber ich bitte den Kongreß
zur
Veranlaßung
der
notwendigen
Schritte, damit die Entscheidung vom
Volk getroffen werden kann.
Als Folge von Jahrzehnten unvernünftiger Praktiken bedrohen einige
Probleme das Wohlergehen und die Sicherheit unseres Volkes. Wenn wir
sie vernachlässigen, werden sie sich
nur verschlimmern - aber heute können
wir sie in den Griff bekommen.
Zu Beginn der Woche habe ich meine Unterstützung eines Planes zur
Wiederherstellung
der
finanziellen
und moralischen Integrität unserer
Sparbanken angekündigt.
Ich bitte
den Kongreß, unsere Reformvorschläge
binnen 45 Tagen zu verabschieden.
Die gegenwärtige Situation ist unhaltbar.
Zweifelsohne müssen die Spareinlagen der Amerikaner weiterhin gesichert sein - versicherte Einleger
sind weiterhin in vollem Umfang geschützt. Aber jeder Plan zur Refinanzierung des Systems muß von einer
umfassenden Reform begleitet sein.
Dank unserem Vorschlag wird sich eine
solche Krise nicht wiederholen. Die
beste Antwort darauf ist sicherzustellen, daß eine solche Geschichte
nicht wieder vorkommt.
Die Mehrzahl der Sparbanken in
den Gemeinden dieses Landes haben in
aufrichtiger Absicht gehandelt; sie
haben eine wichtige Rolle dabei gespielt, den Familien bei der Verwirklichung ihres Traumes vom Eigenheim
zu helfen.
Aber seien Sie versichert: Diejenigen, die korrupt sind,
die das Gesetz brechen, müssen sich
auf einen Rausschmiß gefaßt machen
und mit Gefängnis rechnen.
Wir sehen uns mit der enormen
Aufgabe konfrontiert, den Atommüll zu

- 7 -

�entsorgen, der in Jahrzehnten der
Vernachlässigung in den Produktionsstätten
für Kernwaffen angefallen
ist. Zweifelsohne müssen wir diese
Anlagen modernisieren und sicher betreiben. Das ist unumstritten - unsere nationale Sicherheit hängt davon
ab.

opfern, und ich werde die Stärke der
Vereinigten Staaten nicht aufs Spiel
setzen.

Aber darüber hinaus müssen wir
den alten Müll beseitigen, der hinterlassen wurde - und in dieser Haushaltsvorlage habe ich mich dazu verpflichtet, unsere Anstrengungen mehr
als zu verdoppeln. Dies wird uns in
die Lage versetzen, zum Kern des jeweiligen Problems vorzudringen und es
zu bewältigen - und dazu sind wir
entschlossen.

Die eingesparten Mittel müssen
entsprechend der Prioritäten bei
unseren
Zukunftsinvestitionen
eingesetzt werden, über die ich
heute abend gesprochen habe.

In den vergangenen acht Jahren
ist es uns gut ergangen. Die Vereinigen Staaten stehen heute besser
da als im Jahr 1980. Die Moral unserer Streitkräfte
ist wiederhergestellt. Unsere Entschlußkraft wurde
unter Beweis gestellt.
Unsere Bereitschaft wurde verbessert. Wir haben Frieden. Es besteht kein Zweifel
mehr daran, daß der Frieden durch
Stärke sicherer gemacht worden ist.
Wenn die Vereinigten Staaten stärker
sind, ist die Welt sicherer.
Die meisten Menschen machen sich
nicht klar, daß nach der erfolgreichen
Wiederherstellung
unserer
Stärke der Verteidigungshaushalt in
jedem der vergangenen vier Jahre in
realen Zahlen abgebaut worden ist.
Weitere Kürzungen können wir nicht
hinnehmen.
Angesichts der zwingenden Notwendigkeit zur Senkung des Defizits unterstütze ich jedoch das Einfrieren
des Verteidigungshaushalts für ein
Jahr - wie ich es vergangenen Herbst
im Rahmen meines Plans flexibler Einfrlerungen vorgeschlagen habe.
Dieses Einfrieren wird nur für
ein Jahr gelten - danach werden Zuwächse über die Inflationsrate hinaus
erforderlich sein.
Ich werde die
amerikanische Kampfbereitschaft nicht

Ich möchte die Bedingungen, an
die meine Empfehlung für das kommende
Jahr gebunden ist, folgendermaßen erläuern:

Das Einfrieren der Verteidigungsausgaben muß Teil einer umfassenden Haushaltsübereinkunft sein,
die den im Gramm-Rudman-HollingsGesetz verankerten Zielen ohne
Steuererhöhungen entspricht und
Reformen
im
Haushaltsbewilligungsverfahren beinhaltet.
Ich habe den Nationalen Sicherheitsrat angewiesen, unsere Sicherheits- und
Verteidigungspolitik
zu
überprüfen und mir innerhalb von 90
Tagen Bericht zu erstatten, um sicherzustellen, daß unsere Fähigkeiten
und Mittel unseren Verpflichtungen
und Strategien entsprechen.
Ferner werde ich das Verteidigungsministerium beauftragen, einen
Plan zur Verbesserung des Beschaffungsverfahrens und der Verwaltung im
Pentagon auszuarbeiten - damit soll
der Bericht der Packard-Kommission
vollständig in die Praxis umgesetzt
werden»
Viele Veränderungen können
nur mit Beteiligung des Kongresses
durchgeführt werden - ich bitte also
um Ihre Hilfe.
Wir brauchen einen Abbau von Vorschriften. Wir brauchen weniger Bürokratie.
Wir brauchen mehrjährige
Beschaffungsprojekte und einen Zweijahreshaushalt. Und offen gestanden
benötigen wir weniger "Mikromanagement" des Kongresses in bezug auf
die Verteidigungspolitik unseres Landes.
Die

Sicherung

des

Weltfriedens

�ist die vielleicht vordringlichste
Aufgabe, zu der ich mich heute abend
äußern möchte. Wir kommen in einer
Zeit außergewöhnlicher Hoffnungen zusammen. Niemals in diesem Jahrhundert waren unsere Werte der Freiheit,
Demokratie und wirtschaftlichen Möglichkeiten eine solch mächtige politische und geistige Kraft in der ganzen Welt. Niemals zuvor war unsere
Führungskraft von solch entscheidender Bedeutung, denn während die Augen
der Vereinigten Staaten in die Zukunft gerichtet sind, ruhen die Augen
der Welt auf den Vereinigten Staaten.
Dies ist eine Zeit großer Veränderungen in der Welt - insbesondere
in der Sowjetunion. Vernunft und gesunder Menschenverstand zwingen uns,
den Versuch zu unternehmen, die volle
Bedeutung des dort stattfindenden
Wandels zu verstehen, unsere Politik
sorgfältig zu überdenken und Vorsichtig walten zu lassen. Ich habe Generalsekretär Gorbatschow jedoch persönlich versichert, daß wir nach Abschluß dieser Überprüfung zu Fortschritten bereit sind.
Wir werden
keine Gelegenheit ungenutzt lassen,
um für den Frieden einzutreten.
5s bleibt eine grundlegende Tatsache, daß die Sowjets eine sehr
mächtige
militärische
Maschinerie
aufrechterhalten, die Zielen dient,
die immer noch allzu oft mit den unseren in Konflikt stehen. Laßt uns
also die neue Offenheit ernst nehmen.
Laßt uns einen Schritt nach vorn machen, um zu verhandeln.
Laßt uns
aber auch realistisch sein, und laßt
uns stets unsere Stärke bewahren.
Es gibt einige vordringliche Fragen, die wir angehen müssen:
Ich
werde die Strategische Verteidigungsinitiative energisch weiterverfolgen.
Die Verbreitung und selbst der Einsatz hochmoderner Waffen bedroht die
weltweite Stabilität wie nie zuvor.
Chemische Waffen müssen vom Antlitz
der Welt verbannt werden und nie wieder zum Einsatz kommen. Dies wird
nicht leicht sein. Die Verifizierung
wird schwierig sein.
Zivilisation

-9

und menschlicher Anstand erfordern
jedoch, daß wir darauf hinarbeiten.
Auch der Verbreitung von Kernwaffen muß Einhalt geboten werden. Ich
werde mich bemühen, den Einfluß der
Internationalen Atomenergiebehörde zu
stärken. Unsere Diplomatie muß Tag
für Tag gegen die Verbreitung von
Kernwaffen eintreten.
Weiterhin müssen wir auf der ganzen Welt der Freiheit bester Freund
sein. Wir müssen an der Selbstbestimmung und Demokratie für Mittelamerika festhalten - einschließlich
Nicaraguas. Denn wenn dem Volk die
Möglichkeit gegeben wird, wird es unweigerlich für eine freie Presse, Religionsfreiheit
und
nachweislich
freie und faire Wahlen eintreten.
Wir müssen das Bündnis der demokratischen Industrieländer stärken die beständigste Kraft für den Frieden, die die Welt je gekannt hat.
Dieses Bündnis entstand durch die
Macht unserer Ideale, nicht durch die
Kleinlichkeit
unserer
Meinungsverschiedenheiten.
Laßt uns also den
Blick nach vorn richten - um statt
über Hormone in Rindfleisch zu streiten gemeinsam an einer besseren Zukunft zu arbeiten, um vom Protektionismus zum Fortschritt zu gelangen.
Ich habe den Außenminister beauftragt, nächste Woche Europa zu besuchen und mit den Europäern die ganze Bandbreite der uns gemeinsam betreffenden Herausforderungen und Möglichkeiten zu erörtern - einschließlich der Ost-West-Beziehungen.
Und
ich sehe dem baldigen Zusammentreffen
mit unseren NATO-Partnern gerne entgegen.
Auch ich werde schon bald eine
Reise antreten - an den äußeren Rand
des Pazifischen Beckens, an dem die
Winde der Demokratie neue Hoffnung
entfachen und die Macht der freien
Marktwirtschaft neue Kräfte freisetzt.
Als ich vor nur 14 Jahren als
Vertreter der Vereinigten Staaten in

�China war, hätten sich nur sehr wenige das Ausmaß der von uns seither beobachteten Veränderungen vorstellen
können. Bei der Vorbereitung auf die
kommende Reise wurde mir durch einen
chinesischen
Schriftsteller
etwas
ganz deutlich bewußt. Er sprach von
seinem Land vor einigen Jahrzehnten seine Worte berühren jedoch jeden von
uns in Amerika heute abend.
"Heute", so schrieb er, "fürchten
wir uns vor einfachen Worten wie
Rechtschaffenheit, Mitleid und Güte."
Meine Freunde, wenn wir als Nation
Erfolg haben wollen, müssen wir diese
Worte wiederentdecken.
In drei Tagen werden wir den Geburtstag Abraham Lincolns begehen des Mannes, der unsere Union rettete
und dem Begriff "Möglichkeit" neuen
Inhalt verlieh. Lincoln hat einmal
gesagt:
"Ich bin der Überzeugung,
daß es zeit seines Lebens die Pflicht
des Menschen ist, nicht nur seine eigenen Lebensbedingungen zu verbessern, sondern dazu beizutragen, die
der gesamten Menscheit zu vervollkommnen."
Es ist die Beteiligung an dieser
umfassenderen Aufgabe, zu der ich alle Amerikaner aufrufe. Denn zur Definition eines erfolgreichen Lebens
muß auch der Dienst an der Gemeinschaft gehören.
Den jungen Menschen in Amerika,
die sich bisweilen ausgeschlossen
fühlen, sage ich:
Ich bitte Euch
heute abend darum, uns an Euren Talenten und Energien durch ein neues
Programm mit dem Namen "YES" (Youth
Entering Service to America) teilhaben zu lassen.
Den Männern und Frauen im Wirtschaftsleben - denken Sie an das Endziel Ihrer Tätigkeit - ein besseren
Produkt herzustellen, ein besseres
Leben zu schaffen. Ich bitte Sie,
langfristig zu planen und der Versuchung von kurzfristigen und leicht
erzielten Profiten, die nur auf dem
Papier stehen, zu widerstehen.

Den tapferen Männern und Frauen,
die die Uniform der Vereinigten Staaten von Amerika tragen, sage ich:
Ich danke Ihnen. Sie erfüllen ein
ehrenvolle Aufgabe: als Verteidiger
und Garanten der Freiheit. Ich möchte, daß Sie wissen, daß die Nation
für Ihren Dienst dankbar ist.
Den Bauern in Amerika sage ich:
Wir wissen die von Ihnen bereitgestellten Gaben zu schätzen. Wir werden uns bemühen, die ausländischen
Märkte für amerikanische Agrarprodukte zu öffnen.
Den Eltern Amerikas: Ich bitte
Sie, sich für die Schulbildung Ihrer
Kinder zu engagieren. überprüfen Sie
ihre Schularbeiten. Gehen Sie in die
Schule, treffen Sie die Lehrer, nehmen Sie Anteil daran, was dort geschieht. Es steht nicht nur die Zukunft Ihrer Kinder auf dem Spiel,
sondern die Zukunft Amerikas.
Den Kindern in unseren Städten:
Gebt die Hoffnung nicht auf. Sagt
nein zu Drogen. Bleibt in der Schule. Und "haltet die Hoffnung leben1| •
Den 37 Millionen Amerikanern, die
in der einen oder anderen Weise behindert sind: Sie sind ein fester
Bestandteil
unseres
Wirtschaftslebens. Wir brauchen ihr Talent auf
dem
Arbeitsmarkt
der
Vereinigten
Staaten. Die behinderten Amerikaner
müssen zu vollwertigen Partnern in
der amerikanischen Gesellschaft der
Möglichkeiten werden.
Den
Familien
der
Vereinigten
Staaten, die Sie uns heute von Ihren
Wohnzimmern aus zuschauen:
Halten
Sie an Ihren Träumen fest, denn
letztlich liegt die Zukunft Amerikas
in Ihren Händen.
Und zu meinen Freunden in dieser
Kammer: Ich bitte um Ihre Zusammenarbeit, um das Wachstum der Vereinigten Staaten zu erhalten, während wir
das Defizit senken.
Das ist nur
recht und billig für diejenigen, die

- 10 -

�heute noch nicht wählen können - die
folgenden Generationen.
Sie sollen einmal zurückblicken
und sagen können, daß wir die Weitsicht besaßen, zu verstehen, daß eine
Zeit des Friedens und Wohlstands keine Zeit zum ausruhen ist, sondern
eine Zeit, um auf Fortschritte zu
drängen. Eine Zeit, um in die Zukunft zu investieren.
Und alle Amerikaner sollten daran
denken, daß kein von Menschen gemachtes Problem zu groß ist, als daß es
durch die Genialität und Energie des
Menschen und durch die unermüdliche
Hoffnung des menschlichen Geistes
nicht überwunden werden könnte. Ich
glaube daran. Ich hätte mich nicht
darum beworben, Ihr Präsident zu
sein, wenn ich dies nicht täte.
Morgen beginnt die Debatte über
den von mir vorgelegten Plan. Ich
bitte den Kongreß, seine eigenen Vorschläge zu unterbreiten, wenn diese
sich von meinen unterscheiden. Lassen Sie uns nicht die Motive des anderen in Zweifel ziehen. Lassen Sie
uns debattieren. Lassen Sie uns verhandeln.
Aber lassen Sie uns das
Problem lösen.
Jahrestage in Erinnerung zu rufen, mag nicht gerade meine Spezialität bei Reden sein - heute abend aber
gibt es einen solchen Anlaß. Am 9.
Februar 1941, heute abend vor genau
48
Jahren,
sprach
Sir
Winston
Churchill in einer Stunde der Gefahr
für Großbritannien über den Rundfunk.
Er hatte von Präsident Roosevelt
einen persönlichen Brief erhalten, in
dem Longfellow's berühmtes Gedicht
zitiert wurde: "Sail on, Oh Ship of
State. Sali on, Oh Union, strong and
great. Humanity with all its fears,
with all the hopes of future years,
Is hanging breathless on thy fate."
Churchill
antwortete an jenem
Abend in einer Rundfunkansprache an
eine Nation im Krieg, aber er richtete seine Worte an Roosevelt. "Wir
- 11

werden weder aufgeben noch wanken",
sagte er. "Wir werden weder schwach
noch müde werden. Gebt uns die Mittel, und wir werden die Arbeit zu Ende bringen."
Heute, nahezu ein halbes Jahrhundert später, mag die Gefahr, in der
wir uns befinden, weniger bedrohlich
sein, aber Hartnäckigkeit und klarsichtige Standhaftigkeit sind ebenso
notwendig.
Damals wie heute gibt es manch
einen, der meint, es werde nicht gelingen. Es gibt Stimmen, die behaupten, die besten Tage Amerikas seien
vorüber.
Denn wir seien von Beschränkungen eingeschnürt, von Problemen bedrängt, von Unruhen umringt,
die unsere Fähigkeit zu hoffen einschränkten.
Nun, heute abend bin ich voll der
Hoffnung
Wir Amerikaner haben unsere Mission der Rechtschaffenheit und
Größe erst begonnen.
Und an jene
ängstlichen Seelen gewandt, wiederhole ich die Bitte - gebt uns die Mittel, und wir werden die Arbeit zu Ende bringen.

* * * * *

�AMERIKA DIENST
Dokumentation
15. Februar 1989

MASSIGE SOWJETISCHE FORTSCHRITTE BEI MENSCHENRECHTEN
- Richard Schifters Rede vor dem Kongreß -

WASHINGTON - (AD) Der Abteilungsleiter im amerikanischen Außenministerium für Menschenrechtsfragen und humanitäre Angelegenheiten, Richard
Schifter, erklärte am 8. Februar 1989 vor dem Auswärtigen Ausschuß des Senats,
die Sowjetunion "muß noch einen weiten Weg zurücklegen, bevor ihr die Einhaltung der Schlußakte von Helsinki" über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa
"zuerkannt werden kann".
Schifter nahm im Rahmen seiner Anhörung zum Jahresbericht seines Ministeriums an den Kongreß über die Wahrung der Menschenrechte in Ländern Stellung,
die Hilfe von den Vereinigten Staaten erhalten oder Mitglied der Vereinten Nationen sind. Der Bericht über die Menschenrechtssituation in 169 Ländern wurde am 8. Februar 1989 veröffentlicht.
Nachfolgend veröffentlichen wir Schifters Rede in Auszügen:

Was die positiven Entwicklungen
anbelangt, so konnten wir in der Sowjetunion die Hinwendung zu einer offeneren Gesellschaft beobachten. Unseres Wissens ist seit mehr als zwei
Jahren niemand mehr nach den Paragraphen des sowjetischen Strafrechts
angeklagt oder verurteilt worden, denen zufolge sogenannte "anti-sowjetische
Agitation
und
Propaganda",
"staatsfeindliche
Äußerungen"
oder
nicht genehmigte religiöse Aktivitäten
schwere Verbrechen darstellen,
die mit Jahren im Gulag geahndet werden können.
Alle nach diesen Paragraphen verurteilten
Personen sind
freigelassen
worden.
Die
sowjetischen Behörden haben uns informiert, daß die von uns als Mißbrauch
der Psychiatrie erachteten Praktiken
nicht mehr angewandt werden und alle

United States Information Service
Embassy of the United States of America

ungerechtfertigt eingelieferten Personen entlassen worden sind.
Uns
liegen darüber abweichende Berichte
vor, die wir zu prüfen beabsichtigen.
Die Störung ausländischer Rundfunksender hat aufgehört.
Beeinträchtigungen nehmen erheblich zu.
Rechtmäßige Wahlen werden bald stattfinden
und dem sowjetischen Durchschnittsbürger
zumindest
eine
Möglichkeit
einräumen, seine Präferenz für einen
Kandidaten zu bekunden.
Obwohl sich im Jahr 1988 in der
Sowjetunion ein Wandel vollzogen hat,
den wir vor nur drei Jahren nicht so
schnell für möglich gehalten hätten,
müssen wir uns doch vor Augen führen,
daß die Sowjetunion noch einen weiten
Weg zurücklegen muß, bevor ihr die
Einhaltung der Schlußakte von Helsin-

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

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�ki zuerkannt werden kann.
Sie ist
immer noch ein Einparteienstaat. Die
Geheimpolizei spielt immer noch eine
wichtige Rolle bei der Unterdrückung
von Dissidenten.
Rechtsstaatlichkeit
ist eine geäußerte Zielsetzung, keine
Realität.
Die Medien sind in der
Hand des Staates und werden von ihm
kontrolliert.
Religion wird ebenfalls vom Staat kontrolliert.

kung erhob sich das Volk mit der Forderung nach Freiheit und Demokratie
gegen das Militärregime.
Die Erhebung wurde brutal niedergeschlagen.
Die genauen Zahlen werden niemals bekanntwerden, aber es wurden sicherlich mehrere Hundert wenn nicht Tausende Zivilisten getötet, als die
burmesische Armee ihre Gewehre auf
die Demonstranten richtete.

Wir müssen uns darüber hinaus
vergegenwärtigen, daß der Erfolg derjenigen, die um Reformen bestrebt
sind, nicht garantiert ist. Eindeutig ist, daß die sowjetische Führung
zum ersten Mal seit vielen Jahren
nicht
länger
einen
einheitlichen
Block bildet. Es bestehen eindeutig
Unterschiede zwischen denjenigen, die
eine Weiterentwicklung des Landes in
Richtung auf politische und wirtschaftliche
Freiheit anstreben und
denjenigen mit der Auffassung
die
neue Politik sei bereits zu weit gegangen und eine Beschränkung notwendig.

In Afghanistan wird es lange dauern, bis sich das Land von den tragischen Konsequenzen einer fast 10jährigen sowjetischen Besatzung erholen wird. Auch im Jahr 1988 erhielten wir Berichte über zahlreiche politische Morde und Fälle von Folter.
Eine der wichtigsten Fragen für die
internationale
Staatengemeinschaft
lautet heute, wie wir Afghanistan
helfen können, nach dem sowjetischen
Truppenabzug die geschlagenen Wunden
zu heilen, und wie der Achtung der
Menschenrechte in einem Umfeld Geltung verschafft werden kann, das in
solch starkem Maß von den Gewaltakten
der
sowjetischen
Besatzungstruppen
und ihres Marionettenregimes brutalisiert wurde.

Eine Bilanz der Entwicklungen im
Jahr 1988 läßt den Schluß zu, daß Zusammenstöße
ethnischer
Minderheiten
zur größten Zahl von Todesopfern geführt und oftmals die schrecklichsten
Menschenrechtsverletzungen
mit
sich
gebracht hat.
In diesem Zusmmenhang sollten wir
unser Augenmerk auf das Schicksal der
zahlreichen Kurden im Irak lenken.
Zweifellos haben sich wichtige Gruppierungen der irakischen Kurden gegen
die Regierung des Irak erhoben. Aber
die Art und Weise, wie die irakische
Regierung im Hinblick auf ein Ende
des Krieges mit dem Iran darauf reagiert hat, war wahrhaft schockierend.
Wenn es eines Beweises für die
Tatsache bedarf, daß die in unserer
Unabhängigkeitserklärung
verankerten
Normen staatlichen Verhaltens nicht
an eine bestimmte Kultur gebunden,
sondern universell gültig sind, können die Ereignisse des Jahres 1988 in
Burma als Beispiel genommen werden.
Nach Jahrzehnten totaler Unterdrük-

Ich wende mich nun zwei weiteren
Problemfeldern zu, die - wie eine
Analyse der Fakten zeigen wird nicht in die Kategorie
schwerster
Menschenrechtsverletzungen
fallen,
wie ich sie gerade angesprochen habe.
Ihnen wurde stattdessen aufgrund der
guten Beziehungen zwischen den fraglichen Ländern und den Vereinigten
Staaten besondere Aufmerksamkeit zuteil. Die erste Situation dieser Art
besteht in den von Israel besetzten
Gebieten.
In den vergangenen Monaten habe
ich zahlreiche Briefe mit der Aufforderung erhalten, einen ausgewogenen
Bericht zu den besetzten Gebieten zu
veröffentlichen.
Es wurde angedeutet, wir könnten in diesem Fall besonders nachsichtig verfahren.
Das
Gegenteil
ist
jedoch
der
Fall.
Selbstverständlich tun wir unser Bestes, um bei der Erstellung unserer
Berichte einheitliche Normen anzule-

�gen. Zweifellos sind jedoch unsere
Berichte über offene Gesellschaften,
über di'p wir eine Vielzahl von Informationen erhalten, unvermeidlich umfassender und detaillierter als die
über
verschlossene
Gesellschaften,
über die wir wesentlich weniger Informationen erhalten.
überdies ist
es sicherlich eine ganz natürliche
Tatsache, daß im Falle Israels ein
höherer Maßstab angelegt wird als bei
anderen Ländern. Die in unserem Länderbericht über die besetzten Gebiete
detailliert
dargelegten
Praktiken
würden
in anderen Länderberichten
entweder kurz zusammengefaßt oder
gänzlich ausgelassen.
Was nun die Substanz angeht, unterscheidet sich dieser Fall von allen anderen in der Hinsicht, daß wir
es hier nicht mit den Handlungen einer Regierung zu tun haben, die in
besetzten Gebieten sowohl zivile als
auch militärische Gesetze anwendet.
Das zugrundeliegende Problem betrifft
die Frage der Erlangung einer Friedensregelung. Vor diesem Hintergrund
haben wir in unserem Bericht über die
besetzten Gebiete die Bereiche unserer Besorgnis dargelegt. Diese konzentrieren sich auf die von den
israelischen Streitkräften getroffenen Maßnahmen, um die Welle ziviler
Unruhen zu unterdrücken, die seit dem
Dezember 1987 diese Gebiete ergriffen
hat. Wir erkennen an, daß die von
den Militärs getroffenen harten Maßnahmen von Akten wie dem Werfen von
Steinen und Molotow-Cocktails, dem
Verbrennen von Reifen und der Errichtung von Barrikaden provoziert wurden.
Unserer Ansicht nach war die Reaktion darauf jedoch eher übertrieben
denn gemäßigt, forderte zahlreiche
Verletzte, und im Verlauf des Jahres
1988 waren 366 Tote unter den Palästinensern zu beklagen. Sorge bereiteten uns ferner solche Praktiken wie
Bestrafung durch Deportation und die
Sprengung der Wohnhäuser von Personen, die der Gewaltakte beschuldigt
werden. Schließlich mußten wir feststellen, daß die gegen israelische
Soldaten wegen der Verletzung der
- 3

Verhaltensmaßregeln ergriffenen Disziplinarmaßnahmen entschieden zu mild
sind.
Der zweite Fall in dieser Gruppe
ist El Salvador. Wenn man Menschenrechtsverletzungen in diesem Land anprangert, so ist es von vorrangiger
Bedeutung, zwischen Fakten und Desinformation zu unterscheiden.
Der Hintergrund
der Menschenrechtsprobleme ist hier in der kommunistischen Rebellion zu suchen, die
bereits über ein Jahrzehnt andauert.
Im Verlauf der Jahre hat die FMLN,
die zuvor eine ernste Bedrohung für
das Überleben der salvadorianischen
Regierung darstellte, an Boden verloren. Die FMLN benutzt jedoch nach
wie vor die Ermordung gewählter Regierungsvertreter und Terroranschläge
in den Städten, um Instabilität zu
verursachen.
Es besteht kein Zweifel, daß sie
jegliche Anziehungskraft, über die
sie vielleicht einmal verfügt hat,
für das Gros der Bevölkerung verloren
hat.
Ihre politischen Verbündeten
nehmen an den Präsidentschaftswahlen
teil, werden derzeit jedoch von höchstens zehn Prozent der Bevölkerung
unterstützt.
Im Verlauf des Jahres 1988 belief
sich die Zahl der politisch motivierten Morde auf durchschnittlich 20 pro
Monat. Obwohl jeder einzelne Todesfall eine Tragödie für die betroffene
Familie ist, sollte man sich vor Augen führen, daß diese Zahl verglichen
mit den vergangenen Jahren nicht angestiegen ist... Ich möchte hier unsere Überzeugung bekräftigen, daß die
gewählte Regierung von El Salvador
für diese Morde nicht verantwortlich
ist. Ebensowenig sind wir der Auffassung, daß es irgendeinen Beweis
für die Schuld der militärischen Führung gibt. Das Problem ist auf der
unteren Ebene des Militärs sowie darin zu suchen, daß es der obersten
Führung nicht gelingt, scharf gegen
die
der
Menschenrechtsverletzungen
Schuldigen vorzugehen und insbeson-

�dere Offiziere anzuklagen.
Damit komme ich zu dem Problem
der
salvadorianischen
Gerichtsbarkeit, das damit Hand in Hand geht.
Ich bedauere, sagen zu müssen, daß
die Straftaten mit politischen Auswirkungen von der salvadorianischen
Gerichtsbarkeit
schlicht
umgangen
wurden, gleichgültig, ob der Angeklagte mit der politischen Rechten
oder Linken in Verbindung steht. Ich
muß hinzufügen, daß El Salvador nicht
das einzige Land ist, das in diese
Kategorie fällt. Starke, unabhängige
Rechtssysteme sind weltweit noch rarer als demokratisch gewählte Regierungen.

* * * * *

�«fc°s&gt;&lt;

Sr IO N #

AMERIKA DIENST
Wissenschaft und Technik
15. Februar 1989

DER DROGENKRIEG GEHT WEITER
- Polizeimaßnahmen notwendig - aber Erziehung wichtiger -

WASHINGTON - (AD) - "Diese Geißel wird gestoppt werden", erklärte Präsident George Bush in seiner Antrittsrede. Jedoch sei die Lösung in erster Linie in der Drosselung der Nachfrage, nicht in Polizei- und Justizmaßnahmen
oder Schließung der Grenzen zu suchen. Der gesamte private Sektor und die
Schulen müßten in die Erziehungskampagnen einbezogen werden, erläuterte Bush
später auf einer Pressekonferenz.

Dem Berater des Senatsunterausschusses für Ermittlung und Fahndung,
John Sopko zufolge wäre es eine Illusion, anzunehmen, daß sich die Vereinigten Staaten mit ihren mehr als
10 000 km langen Festlandsgrenzen gegen das Einschleusen von Rauschgift
abschotten könnten.
Das neue AntiDrogengesetz konzentriere sich deshalb auf die Entwicklung von Programmen, die der Nachfrage entgegenwirken, eine wirksame Vorbeugung ermöglichen und die Bürger davon abbringen, sich Drogen überhaupt in Erwägung zu ziehen.
An der Spitze des 1988 vom Kongreß geschaffenen Amtes für Drogenbekämpfung (Office of Drug Control Policy) steht William J. Bennett, der
in der Regierung Reagan von 1985 bis

United States Information Service
Embassy of the United States of America

September 1988 das Amt des Bildungsministers innehatte.
Schon als Präsident des "Nationalen Zentrums für
Geisteswissenschaften"
in Nordkarolina (1979 bis 1981) ging ihm der Ruf
voraus, für "Gewährenlassen" und undiszipliniertes Verhalten nichts übrig zu haben. In seinen philosophischen Vorlesungen an der Universität
North Carolina wie in seinen Veröffentlichungen aus jener Zeit betonte
er stets den konservativen Standpunkt.
Nicht zuletzt aufgrund der reichen Erfahrungen, die Dr. Bennett
während seiner Tätigkeit in Regierungsämtern sammelte, wurde ihm die
Leitung des Amtes für Drogenbekämpfung übertragen.
Der "Drogenzar",
wie man ihn bereits nennt, hat Kabinettsrang, ist aber nicht dessen Mitglied.

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�Der neue Justiznrinister Richard
Thurnburgh stimmt mit Bennett darin
überein, daß zur Verbesserung der Situation
im Zusammenhang mit dem
Rauschgiftproblem die Justiz allein
wenig ausrichten kann, wenn es nicht
gleichzeitig zu einem grundlegenden
Umdenken in der Gesellschaft kommt.
Die Nachfrage nach Drogen müsse durch
umfassendere Aufklärungsprogramme unbedingt eingedämmt werden. Es seien
wirksamere Anstrengungen in den Bereichen Therapie und Rehabilitation
erforderlich.
Aber
nicht
minder
wichtig seien andere Wertmaßstäbe und
Standpunkte bei großen Teilen der Bevölkerung, um einer Anfälligkeit für
Drogen vorzubeugen.
Nach dem neuen Drogenbekämpfungsgesetz stehen derzeit 1,4 Milliarden
Dollar für den Kampf gegen illegale
Rauschmittel zur Verfügung. Strafen
wurden verschärft, der Rechtsvollzug
wird strikter gehandhabt. Zum ersten
Mal sind 55 Prozent des Budgets für
erweiterte Therapie, Rehabilitation
und Aufklärung vorgesehen. Ab September 1989 müssen Personen, die in
den Vereinigten Staaten eines Drogenvergehens überführt wurden, auch wegen des Besitzes von Drogen mit hohen
Geldstrafen
rechnen.
Schüler und
Studenten verlieren den Anspruch auf
Darlehen und andere Formen staatlicher Unterstützung.
Von den zu erwartenden Maßnahmen
der 107 übrigen Länder, die im Dezember 1988 in Wien gemeinsam mit den
USA
internationale
Zusammenarbeit
vereinbarten, um den Drogenhandel zu
unterbinden und Händlern das Handwerk
zu legen, versprechen sich die Vereinigten Staaten auch eine größere
Effektivität ihrer Drogenbekämpfungspolitik im Inland. Der Ausgang der
Konferenz bedeutete "einen enormen
psychologischen Auftrieb für jene,
die im Drogenkrieg in den Schützengräben
stehen", sagte jetzt Ann
Wrobleski, Staatssekretärin im amerikanischen Außenministerium für das
Ressort Internationale Suchtstoffangelegenheiten, in einem Interview.

Sie ist sich jedoch im klaren
darüber, daß der härteste Teil der
Aufgaben noch bevorsteht, wenn die
einzelnen Länder mit der Ratifizierung der Konvention auch entsprechende Gesetze zu ihrer Durchführung verabschieden müssen. "Papier ist geduldig", sagte sie. "Wir werden erleben, daß manche Länder in ihren
Parlamenten Schwierigkeiten bekommen
und sich sogar großangelegten Einschüchterungskampagnen
gegenübersehen." Die Drogenkartelle dürften erhebliche Geldmittel
aufbieten, um
Entscheidungen in ihrem Sinne durchzusetzen. Auch gebe es noch manche
unangenehme Streitfragen wie zum Beispiel die Kontrolle von chemischen
Stoffen, die zur Drogenherstellung
gebraucht werden oder Zwischenprodukte sind. Diese Kontrolle stelle ein
großes Problem in Ländern dar, die
als wichtige Chemie-Produzenten gelten.
Der UN-Konvention zufolge, die am
19. Dezember 1988 von der Konferenzversammlung
angenommen wurde, ist
Drogenhandel als eine "internationale
kriminelle Aktivität" anzusehen. Sie
verpflichtet jedes Land, Handlungen
im Zusammenhang mit der Produktion,
dem Handel und dem Verkauf illegaler
Drogen ebenso wie mit Geldwäsche als
verbrecherisch einzustufen. Die Konvention befaßt sich außerdem mit Gesetzen zum Bankgeheimnis und der Beschlagnahme von Erträgen aus Drogenhandel. Sie verpflichtet die Länder,
Drogenhändler auszuliefern oder gerichtlich zu verfolgen. Die Konvention tritt in Kraft, wenn sie von 20
der 108 Signatarstaaten ratifiziert
worden ist. Sie ist die erste, die
"ausschließlich auf das grenzühergreifende Verbrechen des Drogenhandels abgestellt ist", sagte Wrobleski.
Die Idee äußerte als erster
Jaime Lusinchi, der Präsident von Venezuela. Er machte darauf aufmerksam, daß Drogenhandel - im Gegensatz
zur Drogenproduktion - ein Verbrechen
ist, das die Grenzen vieler Länder
überschreite und deshalb eine Körperschaft wie die Vereinten Nationen berechtigt und zuständig für entspre-

�chende Untersuchungen sei. Fast kein
Land bleibe vom Drogenhandel unberührt, meinte die Staatssekretärin.
Zur Ratifizierung der Konvention
beretten das amerikanische Außenministerium und andere Behörden für den
amerikanischen Senat eine Dokumentation vor, die jeden Punkt der Übereinkunft samt der rechtlichen Auswirkungen und Nebeneffekte erklärt und
erläutert.
Sie soll noch in diesem
Jahr dem Senat zugeleitet werden.
Allerdings sei der Zeitpunkt der Ratifizierung durch den Senat nicht abzusehen.

* * * * * *

- 3 -

�</text>
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dienet

Herausgeber: U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

Z12462 C

15. Februar 1995

06

NATO

EINE NATO FÜR GANZ EUROPA,
EINSCHLIESSLICH RUSSLANDS
Rede von Verteidigungsminister Perry

USA-DEUTSCHLAND

PERSPEKTIVEN DER POLITISCHEN UND
WIRTSCHAFTLICHEN BEZIEHUNGEN
ZWISCHEN DEUTSCHLAND UND DEN
VEREINIGTEN STAATEN
Rede des Gesandten J.D. Bindenagel

FULBRIGHT

DER GRUNDER DES WELTWEITEN
STIPENDIENPROGRAMMS
Zum Tod von Senator J. William Fulbright

PORTRAT

DER NEUE CIA-DIREKTOR IN DER ZEIT
NACH DEM KALTEN KRIEG
Porträt von Michael Carns

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Deichmanns Aue 29
D 53170 Bonn

Tel.: 0228 - 339 23 72
Fax: 0228 - 33 41 02

�NATO
15. Februar 1995

EINE NATO FÜR GANZ EUROPA,
EINSCHLIESSLICH RUSSLANDS
Rede von Verteidigungsminister Perry
MÜNCHEN - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir den vorbereiteten Text der von US-Verteidigungsminister
William J. Perry bei der Münchner Konferenz über Sicherheitspolitik am 5. Februar 1995 gehaltenen Rede.

Vor einem Jahr bestieg ich weniger als 24 Stunden
nach meiner Vereidigung als Verteidigungsminister
der Vereinigten Staaten das Flugzeug, das mich zur
Wehrkundetagung nach München brachte. Damit
wollte ich die zentrale Bedeutung des transatlantischen Bündnisses für die amerikanische Sicherheitspolitik unter Beweis stellen. Diese hat sich nicht
geändert. Heute möchte ich jedoch darüber sprechen, wie unser Bündnis sich gewandelt hat und
noch weiter wandeln muß.
Wir haben eine dauerhafte, aber auch dynamische
Beziehung.
In den vergangenen 45 Jahren waren die Vereinigten Staaten und Westeuropa durch die mit einer
bipolaren Welt einhergehenden Verpflichtungen
verbunden. Obwohl unsere Nationen eine Geschichte politischer, wirtschaftlicher und kultureller Bande
haben, war die NATO während des Kalten Krieges
keine Bruderschaft. Sie stellte ein praktisches,
pragmatisches Sicherheitsarrangement dar, deren
Kern ein Militärbündnis bildete.
Unsere Beziehungen fußten auf gegenseitigen
Eigeninteressen. Die Stationierung amerikanischer
Streitkräfte in Europa war keine Gefälligkeit den
Europäern gegenüber. Wir waren hier, weil die
vitalen amerikanischen Interessen dies verlangten.
Gleichzeitig begrüßte Westeuropa die Anwesenheit
der Amerikaner - nicht weil es gerne ausländische
Truppen auf seinem Territorium hatte, sondern weil
die amerikanische Präsenz ein Schutzschild gegen
sowjetische Aggression darstellte.
Man könnte
sagen, wir sind aufeinander angewiesen.
Heute sind wir nicht aufeinander angewiesen. Nach
dem Ende des Kalten Krieges ist die bipolare Welt
zusammen mit ihren Verpflichtungen zusammengebrochen. Die Vereinigten Staaten und Europa

AMERIKA DIENST 06

benötigen einander nicht länger zur Verteidigung
gegen eine Bedrohung durch den Warschauer Pakt.
Keiner von uns sieht mehr sein nationales Überleben
bedroht, aber wir alle - Nordamerikaner und Europäer
gleichermaßen - sind zu dem Entschluß gelangt, daß
wir den Unsicherheiten und sicherheitspolitischen
Herausforderungen der Zukunft am besten gemeinsam begegnen.
Aber selbst ein solcher Zusammenschluß beinhaltet
Pflichten für seine Mitglieder. Beim NATO-Gipfel im
Januar 1994 bekräftigte Präsident Clinton, die Vereinigten Staaten würden mit einer beträchtlichen
militärischen Präsenz von 100.000 Soldaten in
Europa stationiert bleiben. Die Anwesenheit der
Amerikaner in Europa und unser Engagement für die
europäische Sicherheit bringen jedoch eine wichtige
Verpflichtung mit sich: Wir benötigen sowohl in
Europa als auch in den Vereinigten Staaten die
Unterstützung der Öffentlichkeit.
Wir können diese Unterstützung nicht als selbstverständlich hinnehmen. Tatsächlich wurden mehrere
Fragen über die Zukunft der NATO gestellt - sogar ob
das Bündnis überhaupt eine Zukunft haben sollte.
Meines Erachtens rühren diese Fragen großenteils
von einem Informationsvakuum her, aufgrund der
Unfähigkeit, unserem Volk deutlich zu sagen, warum
die NATO wertvoll, sogar entscheidend ist, und wohin
sie steuert.
Wir müssen dieses Informationsvakuum füllen. Zu
diesem Zweck müssen wir uns meines Erachtens mit
vier Schlüsselfragen befassen: Erstens. Was ist der
Zweck der NATO heute? Zweitens. Wohin steuern
wir, insbesondere im Hinblick auf die Erweiterung.
Drittens. Wie halten wir den Konsens im Bündnis
aufrecht? Und schließlich, wie sollten die Beziehungen der NATO zu Rußland gestaltet sein?

Seite 1

�Im Hinblick auf die erste Frage möchte ich die
Beobachtung anstellen, daß sich der Zweck des
Bündnisses in den letzten Jahren dramatisch gewandelt hat. Erstmals seit einem halben Jahrhundert
sieht sich Westeuropa als Ganzes keiner einzigen,
vorrangigen Bedrohung gegenüber. Dies bedeutet
jedoch nicht, daß für die Mitgliedstaaten der NATO
keine Bedrohungen bestehen.
Obwohl wir uns auf Rußland und den Osten konzentrieren müssen, sind im Süden reale, direkte Herausforderungen für die Bündnismitglieder aufgetreten.
Im Mittelmeerraum, in Südwestasien, auf dem
Balkan und in Nordafrika sind Brennpunkte entstanden. Wir alle müssen mit den Bedrohungen
unserer Interessen durch wachsende Instabilität und
Extremismus in Nordafrika und andernorts umgehen.
Dies ist nicht nur ein südeuropäisches Problem. Der
Konflikt in Bosnien beispielsweise droht, Südeuropa
durch einen Flüchtlingsstrom oder eine Ausweitung
der Kämpfe zu destabilisieren. Und die aggressive
Haltung des Irak und des Iran bedroht die Türkei.
Die NATO hat sich diesen Herausforderungen bis
heute nicht wirksam gestellt.
Die Verteidigungsminister der NATO-Staaten trafen
im vergangenen September in Sevilla und im Dezember in Brüssel zusammen. Wir erörterten die
Krise in Bosnien. Bei unserem Treffen im Dezember
unterbreiteten wir den Vorschlag eines konkreten
Vorgehens zur Stärkung der UNPROFOR in Bosnien, der jedoch bisher nicht in die Tat umgesetzt
wurde. In Sevilla erörterten wir auch Sicherheitsfragen des Mittelmeerraums. Wir konnten uns
jedoch nicht darüber einigen, was die NATO, wenn
überhaupt, in dieser Hinsicht unternehmen sollte.
Einige Verbündete stellen nur ungern die ohnehin
knappen Mittel zur Verfügung. Anderen widerstrebt
es, das Bündnis in nichttraditionelle militärische
Bedrohungen zu verwickeln.
Die Ausbreitung von Instabilität im Mittelmeerraum
gefährdet nicht nur befreundete Staaten in Nordafrika und die Aussicht auf einen umfassenden
Frieden im Nahen Osten. Sie stellt auch eine
Bedrohung Europas in Form neuer sozialer und
sicherheitspolitischer Probleme dar, beispielsweise
Terrorismus und die Weiterverbreitung von Massenvernichtungswaffen. Ich fordere die Mitglieder des
Bündnisses dringend dazu auf, sich bei unserem
nächsten Ministertreffen auf den Mittelmeerraum zu
konzentrieren und eine Reihe von Fragen zu erörtern.
Ich möchte einige dieser Fragen ansprechen, die
meiner Ansicht nach bei unseren Planungen eine
zentrale Rolle spielen:

Seite 2

Wie sollte die NATO die verantwortlichen Staaten
Nordafrikas in einen Sicherheitsdialog und entsprechende Beziehungen einbinden? Einige Staaten
unterhalten bereits bilaterale Sicherheitsbeziehungen
zu den Ländern Nordafrikas. Wie können wir sie am
effektivsten auf die NATO ausweiten?
Mehrere Nationen im Pulverfaß Balkan und an seiner
Peripherie sind der Partnerschlaft für den Frieden
beigetreten. Wie können wir in der NATO diesen
Kanal möglichst gut zur Intensivierung unseres
Engagements in diesen Staaten sowie zur Verbesserung ihrer Beziehungen untereinander nutzen?
Das Bündnis hat bereits eine bedeutende neue
Initiative zur Bekämpfung der globalen Weiterverbreitung von Waffen begonnen. Wie können wir
besondere Betonung auf die Weiterverbreitung in der
südlichen Region legen?
Und können wir - näher vor unserer Tür - weiterhin
die NATO zum Aufbau von Vertrauen und zur Verbesserung der Beziehungen in der Ägäis nutzen, wo
Differenzen zwischen Griechenland und der Türkei
ein zusätzliches Risiko für die Stabilität auf dem
Balkan darstellen?
All diese Fragen wurzeln in der traditionellen Rolle
der NATO zur Gewährleistung der Sicherheit ihrer
Mitglieder. Sie reflektieren aber auch die wichtige
neue Rolle des Bündnisses im Zeitalter nach dem
Kalten Krieg.
Wir sprechen beiläufig von der NATO als dem
erfolgreichsten Militärbündnis der Welt aufgrund ihres
Erfolgs bei der Abwehr der sowjetischen Bedrohung.
Im Lauf der Zeit haben wir jedoch etwas Großartigeres aufgebaut. Heute ist die NATO eine große,
geeinte Kraft für Stabilität in einer zersplitterten,
instabilen Welt.
Die Mitgliedschaft in der NATO hat die Möglichkeit
eines Krieges zwischen ihren Mitgliedstaaten, darunter einige Erzfeinde, stark reduziert, wenn auch
nicht ganz beseitigt. Dank der NATO ist ein Großteil
der Welt eine "Stabilitätszone", die für ihre eigene
Bevölkerung oder die übrige Welt keine Bedrohung
darstellt.
Wir benötigten 45 Jahre zur Schaffung dieser Stabiiitätszone und richteten uns dabei nach vier grundlegenden Prinzipien:
Erstens kollektive Verteidigung. Artikel 5 bedeutet
einer für alle und alle für einen. Noch wichtiger ist
jedoch, daß jeder einzelne von uns über die Streitkräfte und integrierte Struktur zur Verteidigung eines
und aller Staaten verfügt.

AMERIKA DIENST 06

�Das zweite wichtige Prinzip ist Demokratie. Die
NATO besteht nicht einfach nur aus 16 Nationen,
sondern aus den 16 stärksten, erfolgreichsten
Demokratien der Welt. Wir halten Frieden und
Freiheit in Ehren. Wir achten die Menschenrechte
innerhalb unserer Grenzen, respektieren außerhalb
unserer Grenzen die Souveränität anderer und
streben friedliche Beziehungen zu unseren Nachbarn
an. Wir haben Erfolg durch freies Unternehmertum.
Und unsere Streitkräfte unterstehen ziviler Kontrolle.
Der dritte Grundsatz ist Konsens. Eine NATOEntscheidung repräsentiert einhellige Übereinstimmung der 16 Nationen, von denen jede ihre eigene
stolze Geschichte, Kultur und Tradition hat. Wir
stimmen nicht in jeder Hinsicht überein. Aber wenn
wir uns zusammensetzen, bügeln wir unsere sicherheitspolitischen Differenzen aus und bilden
einen Konsens.
Der vierte Grundsatz ist kooperative Sicherheit.
Unsere Streitkräfte üben und planen gemeinsam.
Wir legen unseren jeweiligen Verteidigungshaushalt
offen, haben eine gemeinsame Doktrin und teilweise
dieselben Waffen. Da wir unsere Streitkräfte effektiv
gemeinsam einsetzen können, wird unsere Fähigkeit
zur Verteidigung des Bündnisses nur von wenigen in
Frage gestellt.
Dies sind die Eckpfeiler der Stabilitätszone. Und
diese Zone ist der Grund dafür, daß so viele Nationen so schnell der von der NATO ins Leben gerufenen Partnerschaft für den Frieden beitraten, darunter
alle Staaten des ehemaligen sowjetischen Imperiums
mit einer Ausnahme. Heute sind über der Partnerschaftskoordinierungszelle in Mons 40 Flaggen
gehißt, darunter auch die russische.
Aus diesem Grund sind die Streitkräfte der NATOMitgliedstaaten so effektiv, wenn sie sich zusammenschließen. Wir sahen das an der Operation Wüstensturm. Wir sahen das im Nordirak, wo wir die
Kurden vor der Aggression Saddam Husseins
schützten. Und wir sehen es jetzt in Bosnien, wo
durch die Aktionen der NATO Gewalt und Blutvergießen beträchtlich eingeschränkt wurden, obwohl es
nicht gelang, diesem Land Frieden zu bringen.
Bosnien ist ein Beispiel für die Herausforderungen
des Bündnisses in der Welt nach dem Kalten Krieg
und für das, was wir erreichen können.
Als wir im vergangenen Jahr hier zusammentrafen,
führte ein Angriff mit Mörsergranaten auf den Zentralmarkt in Sarajevo zu lauten Forderungen nach
internationalen Aktionen. Aufbauend auf dem Erfolg
der Flugverbotszone stellte die NATO umgehend ein
Ultimatum zur Einstellung der Bombardierung

AMERIKA DIENST 06

Sarajevos sowie des Abzugs der schweren Waffen
und drohte andernfalls mit Luftangriffen. Das Ultimatum hatte Wirkung. Dies war der Fall, weil wir
einsatzbereit waren, über die Fähigkeiten und die
notwendige Entschlossenheit verfügten, und alle
Parteien das wußten. Und es lehrte uns eine wichtige, positive Lektion: Eine präzise Definition der
gewünschten Ergebnisse, unterstützt durch erreichbare militärische Missionen, kann der NATO sogar
bei Friedenssicherungsbestrebungen Einfluß verschaffen.
Wir haben aber auch negative Lehren aus Bosnien
gezogen. Bihac steht dabei für eine machtvolle
Mahnung zur Vorsicht.
Die Vereinten Nationen
waren nicht in der Lage, ein Ende der Kämpfe um
Bihac herbeizuführen. Mehrere Wochen gelang es
ihnen sogar nicht einmal, Nachschub für die belagerten Blauhelme aus Bangladesh in der Region bereitzustellen. Dennoch wurde die NATO nicht zum
Handeln aufgefordert, da die UNO fürchtete, Luftangriffe würden zu Vergeltungsmaßnahmen gegen
ihre Soldaten am Boden führen. Obwohl das Zweischlüsselabkommen mit den Vereinten Nationen aus
verständlichen politischen Gründen entworfen wurde,
hat die Glaubwürdigkeit der NATO stark darunter
gelitten, daß das grundlegende militärische Ziel von
gemeinsamem Kommando und Kontrolle verletzt
wurde.
Die aus dieser Erfahrung gelernte

umfassendere

Lektion steht im Zusammenhang damit, wohin wir die
NATO führen und wozu wir sie verpflichten, entweder
bei begrenzten Militäroperationen oder der Ausweitung von Sicherheitsgarantien.
Dies führt mich zu meiner zweiten Frage: Welchen
weiteren Kurs schlägt die NATO ein, insbesondere
bei der Frage ihrer Erweiterung?
Viele Nationen der Partnerschaft für den Frieden
erklären ihre Bereitschaft zum NATO-Beitritt. Das
Bündnis begrüßt eine Erweiterung. Wie Präsident
Clinton festgestellt hat, lautet die Frage nicht, ob die
Erweiterung stattfindet, sondern wann und wie. In
diesem Jahr konzentriert sich das Bündnis auf das
Wie und hat eine Studie zur Beantwortung dieser
Frage in die Wege geleitet. Bis Ende des Jahres
erwarten wir die Vorlage der Ergebnisse für die
Länder, die an einem NATO-Beitritt interessiert sind,
und die Länder, die nur den künftigen Kurs der NATO
wissen wollen.
Während wir die Frage der Erweiterung erörtern,
müssen wir meines Erachtens auf die von mir gerade
erwähnten vier Prinzipien zurückgreifen, die die
NATO zum stärksten und erfolgreichsten Bündnis der

Seite 3

�Geschichte gemacht haben und diese im Auge
behalten.
Wenn wir jetzt diese vier Prinzipien auf die Frage
der Erweiterung anwenden, gelangen wir zu folgender Analyse:
Erstens müssen die neuen Mitglieder zur Verteidigung des Bündnisses bereit sein und dazu fähige,
professionelle Streitkräfte haben. Es darf keine
Trittbrettfahrer geben. Gleichzeitig muß die NATO
zur Verteidigung aller neuen Mitglieder bereit sein.
Das ist kein abstraktes Konzept. Es ist ein Einsatz
von Leben und Gut. Und für mich beinhaltet dies,
daß die neuen Mitglieder sich zum Beitritt zur integrierten Militärstruktur der NATO verpflichten müssen. Die Erweiterung darf keine Beeinträchtigung
der Wirksamkeit des Bündnisses bedeuten.
In Anwendung des zweiten Prinzips müssen die
neuen Mitglieder für Demokratie und freies Unternehmertum eintreten, die Freiheit und Menschenrechte innerhalb ihrer Grenzen schützen und die
Souveränität außerhalb ihrer Grenzen respektieren.
Und ihre Streitkräfte müssen ziviler Kontrolle unterstehen.
In Anwendung des dritten Prinzips muß die NATO
selbst mit einer erweiterten Mitgliedschaft weiterhin
konsensfähig sein. Neue NATO-Mitglieder müssen
nicht allem zustimmen. Aber sie müssen die stolze
Geschichte, Kultur und Traditionen aller Mitglieder
respektieren. Und sie müssen zur Behebung von
Differenzen bei Sicherheitsbelangen in einem Geist
der Zusammenarbeit bereit sein. Wir dürfen keine
Instabilität in das Bündnis importieren.
Und viertens müssen die Streitkräfte der neuen
Mitglieder zu gemeinsamen Operationen mit den
NATO-Streitkräften fähig sein. Das bedeutet die
Offenlegung der Verteidigungshaushalte und -plane,
Übereinstimmung mit der NATO-Verteidigungsdoktrin
und Übereinstimmung bei Gerät, insbesondere bei
Kommunikationsgerät.
Diese Prinzipien sollten nicht als Hürden für die
NATO-Mitgliedschaft angesehen werden. Sie sind
vielmehr Garantien, daß das Bündnis unabhängig
von seiner Größe seine Wirksamkeit, militärischen
Fähigkeiten und politischen Zusammenhalt bewahrt.
Eben aufgrund unserer Verpflichtung zu diesen
Prinzipien wollen wir, daß die neuen Demokratien
Europas die Vorteile der Partnerschaft für den
Frieden uneingeschränkt nutzen.
Die Partnerschaft bezieht die Nachbarn der NATO
enger in das Bündnis ein und bietet ihnen eine

Seite 4

Chance, sich den gewohnheitsmäßigen Konsens und
die militärische Zusammenarbeit der NATO zu eigen
zu machen. In der Zwischenzeit kann ihr Militär
zusammen mit den NATO-Streitkräften für friedenssichernde und andere nicht dem Kampfeinsatz
dienende Missionen üben. Die Partnerschaft liefert
den Nationen konkreten Beweis für die Besorgnis der
NATO bezüglich ihrer Sicherheit. Dies alles wird zum
Aufbau von Vertrauen und Stabilität in der Region
beitragen.
Die Partnerschaft hat in ihrem ersten Jahr viel
geleistet. Das Hauptquartier wurde eingerichtet und
hat die Arbeit aufgenommen. Die drei Übungen
zwischen der NATO und den Partnernationen im
vergangenen Jahr waren ein Erfolg, und wir haben
für dieses Jahr weitere 20 geplant. Aber diese
Aktivitäten kosten Geld. Die Partnernationen müssen
einen Großteil der Rechnung übernehmen, viele von
ihnen haben jedoch Ressourcenprobleme und
benötigen Hilfe.
Präsident Clinton hat den amerikanischen Kongreß
um die Zuweisung von 100 Millionen Dollar als Hilfe
für unsere Partner gebeten, damit sie die Chancen
der Partnerschaft uneingeschränkt nutzen können.
Wir fordern unsere Verbündeten zur Bereitstellung
vergleichbarer bilateraler Hilfe auf. Dies ist eine
lohnende Investition in die europäische Sicherheit.
Und für die Nationen, die eine NATO-Mitgliedschaft
anstreben, ist die Partnerschaft ein wichtiges
Sprungbrett.
Dies führt zu meiner dritten Frage: Wie können wir
in Anbetracht der Tatsache, daß die NATO über 16
Nationen hinauswachsen wird, den Konsens des
Bündnisses bewahren?
Selbst mit 16 Nationen, die sich einer monolithischen
Bedrohung gegenübersahen, mußten wir manchmal
hart arbeiten, um Einstimmigkeit über einen Aktionskurs zu erzielen. Man muß nicht Mathematiker sein
um festzustellen, daß sich das Problem der Einstimmigkeit mit zunehmender NATO-Mitgliederzahl
vergrößert. Und in Zukunft werden die Sicherheitsbedrohungen Europas wahrscheinlich weder so direkt
und klar sein, noch die NATO-Mitglieder mit der
Aussicht eines direkten Angriffs konfrontieren. Damit
werden einstimmige Entscheidungen noch schwerer
zu erzielen sein.
Wir müssen diese Konsensfrage prüfen. Ein Weg,
dieses Problem anzusprechen, besteht jetzt in der
Vervollständigung des Konzepts alliierter Streitkräftekommandos (Combined Joint Task Forces - CJTF).
Dies wird der WEU oder einer Koalition bereitwilliger
Mitglieder den Zusammenschluß, die Nutzung der

AMERIKA DIENST 06

�Ressourcen und Verfahren der NATO sowie die
Reaktion auf Eventualfälle wie Krisenmanagement,
Friedenssicherung und humanitäre Missionen gestatten. Das CJTF-Konzept ist jedoch vor dem Hintergrund des Prinzips trennbarer, aber nicht getrennter
Streitkräfte entscheidend für die Zukunft der NATO,
und wir sollten es in diesem Jahr weiterentwickeln.
Aber keine Diskussion über die Zukunft der NATO
kann heute meine vierte Frage ignorieren: Was
bedeutet dies für die Beziehungen zu Rußland?
Bei der Behandlung dieser Frage müssen wir vor
allem die Interessen und Belange Rußlands berücksichtigen. Rußland ist für den Aufbau einer stabilen
Zukunft Europas entscheidend. Wir haben ein
enormes Interesse am Ergebnis der Umgestaltung
Rußlands in der postsowjetischen Ära und müssen
die russischen Reformen weiterhin unterstützen.
Unser dringlichster Wunsch ist ein freies, stabiles,
demokratisches Rußland in Europa.
Dies ist ein Grund, warum wir - abgesehen von der
menschlichen Tragödie - über die russische Taktik in
Tschetschenien empört waren. Diese Taktik ist ein
Rückschritt. Obwohl wir die territoriale Integrität der
Russischen Föderation anerkennen, fordern wir die
russische Regierung zur Respektierung der Menschenrechte auf. Und wir unterstützen die Bestrebungen der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) und anderer Gremien
zur Förderung einer friedlichen Beilegung des Konflikts.
Wir müssen Rußland gegenüber klar und offen über
unsere Intentionen für die NATO sein. Russische
Regierungsvertreter haben beispielsweise die Frage
gestellt, warum sie die Erweiterung einer Organisation begrüßen sollen, die ursprünglich zur Bekämpfung ihres Landes konzipiert war. Wir müssen
Rußland versichern, daß die NATO - obwohl stets
ein Verteidigungsbündnis - den Kalten Krieg hinter
sich gelassen hat und zur Bewältigung eines neuen
Zeitalters übergegangen ist. Wir müssen Rußland
gegenüber klarstellen, was die NATO der Zeit nach
dem Kalten Krieg ist und was nicht.
Die NATO ist ein der Gewährleistung von mehr
Sicherheit und Stabilität in ganz Europa verpflichtetes Verteidigungsbündnis, und das schließt Rußland
ein. Die NATO ist kein gegen Rußland gerichtetes
Bündnis. Wir fordern Rußland auf, die NATO
anhand ihrer grundlegenden Prinzipien zu beurteilen:
Kollektive Verteidigung, Demokratie, Konsens und
kooperative Sicherheit. Rußland sollte die NATO
aufgrund dessen beurteilen, was sie heute ist, nicht
durch das Prisma des Kalten Krieges.

AMERIKA DIENST 06

Wir haben einen Dialog mit Rußland über die Rolle
des Landes für die europäische Sicherheit und seine
Beziehungen zur NATO aufgenommen.
Dieser
Dialog zwischen der NATO und Rußland erfolgt auf
einer parallelen Schiene zu dem Dialog der NATO
über ihre Zukunft, und das ist eine ernste Priorität.
Der Dialog zwischen der NATO und Rußland ergänzt
die Schiene der NATO-Erweiterung, auch wenn er
unabhängig vom Thema der Erweiterung ist.
Um diese parallele Schiene verfolgen zu können,
müssen wir mit Rußland in den kommenden Monaten
das Was, Wie und Warum längerfristiger Beziehungen zur NATO definieren. Im Augenblick erwartet eine Reihe von Plänen für die Zusammenarbeit
Rußlands innerhalb und außerhalb der Partnerschaft
für den Frieden die Unterschrift des Landes. Wir
sollten auf diese Pläne aufbauen. Wir könnten
beispielsweise ein formelles - vielleicht eines Tages
in einer Regierungsvereinbarung oder einer Charta
kodifiziertes - Arrangement für eine Reihe kooperativer Unternehmungen haben.
Diese Arrangements könnten einen kontinuierlichen
Dialog über eine Vielzahl von Themen enthalten wie:
Nichtverbreitung, Zusammenarbeit bei Rüstungstechnologie, Transparenz der Verteidigungspolitik,
Krisenmanagement sowie Friedenssicherungsdoktrin
und -taktik.
Es wäre nützlich, eine Art von Ständigem Konsultationsausschuß für die formale Struktur der Beziehungen zwischen der NATO und Rußland zu gründen.
Unsere Konsultationen sollten Einfluß auf den Entscheidungsprozeß des jeweils anderen Landes
haben, und wir sollten bei der Umsetzung unserer
Entscheidungen zusammenarbeiten. Dabei würden
wir natürlich stets die Unabhängigkeit des anderen
respektieren.
Die Konsultationen könnten damit beginnen, einige
der Verhaltensregeln für europäische Sicherheit zu
bekräftigen. Wir könnten gemeinsam das europäische Sicherheitsumfeld bewerten oder einen Konsultationsmechanismus für künftige Krisen des Typs
Bosnien einrichten.
Dieser Prozeß würde den
Beziehungen zwischen der NATO und Rußland einen
offizielleren, regulären Status verleihen. Alle NATOVerbündeten, einschließlich der Vereinigten Staaten,
müssen auch ihren bilateralen Dialog mit Rußland
vertiefen.
Was immer wir entscheiden - die NATO verpflichtet
sich zur vollständigen Information Rußlands. Es wird
keine Überraschungen geben, und Rußland wird nicht
isoliert werden. Wir fordern Rußland zur uneingeschränkten Beteiligung an diesem Dialog und der

Seite 5

�Partnerschaft für Frieden auf. Und wenn Rußland
dies tut, wird das Land sehr viel deutlicher sehen,
daß die NATO - weit davon entfernt, neue sicherheitspolitische Trennlinien in Europa zu ziehen - die
verbleibenden Linien ausradieren möchte.
Dies ist eine entscheidende Zeit in der Geschichte
des Bündnisses. Die Zeiten haben sich geändert.
Die Grundlage der NATO hat sich verändert. Wir
sind nicht länger in gemeinsamer Verteidigung
gegen einen einzigen gemeinsamen Feind verbunden. Aber wir sehen uns immer noch realen
Bedrohungen ausgesetzt, sowohl unmittelbaren als
auch am Horizont drohenden. Wir haben jedoch
eine historische Chance zur Erweiterung der Sicherheitszone in Europa. Während wir Europa (die
NATO) auf das nächste Jahrhundert vorbereiten,
müssen wir uns mit durch unsere neuen Beziehungen aufgeworfenen schwierigen Fragen und Problemen befassen.
Auf dem Tisch hinter meinem Schreibtisch im Pentagon befindet sich eine amerikanische Flagge, das
letzte Sternenbanner, das über den Clay Barracks

*

Seite 6

*

- dem Hauptquartier der amerikanischen Streitkräfte
in Berlin - wehte. Diese Flagge wurde mir im vergangenen Herbst überreicht, nachdem sie während
einer Feierstunde aus Anlaß des Abzugs der amerikanischen Streitkräfte aus den Clay Barracks und der
Stadt, die sie so viele Jahre lang als ihre Heimat
bezeichnet hatten, eingeholt worden war.
Die Feierlichkeiten zur Beendigung der Präsenz der
Alliierten in Berlin waren historisch, denkwürdig und
zutiefst bewegend. Ich kann mich an keine Zeit der
Geschichte erinnern, in der die Bürger einer "besetzten" Stadt Tränen vergossen, als die Besatzungstruppen abzogen. Die Flagge in meinem Büro ist
eine lebhafte Erinnerung an die Rolle, die Amerika für
die Sicherheit und Freiheit Europas sowie die Freunde gespielt hat, die wir noch auf dem Kontinent
haben.
Die Flagge erinnert mich jedoch auch daran, daß sich
die Zeiten geändert haben, sich die Basis unserer
Beziehungen verändert hat und wir zusammen diesen
Augenblick nutzen müssen, um die NATO ins nächste
Jahrhundert zu führen.

*

*

AMERIKA DIENST 06

�USA-DEUTSCHLAND
15. Februar 1995

PERSPEKTIVEN DER POLITISCHEN UND
WIRTSCHAFTLICHEN BEZIEHUNGEN ZWISCHEN
DEUTSCHLAND UND DEN VEREINIGTEN STAATEN
Rede des Gesandten J. D. Bindenagel
MÜNCHEN - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die vom Gesandten der Amerikanischen Botschaft, J. D.
Bindenagel, am 13. Februar 1995 in der Bayerischen Staatskanzlei gehaltene Rede.

Meine sehr verehrten Damen und Herren,
es ist mir ein Vergnügen, heute mit Ihnen über die
bilateralen Beziehungen zwischen der Bundesrepublik Deutschland und den Vereinigten Staaten
zu sprechen. Gerade die Frage, wie sich das enge
Verhältnis unserer beiden Staaten in Zukunft entwikkeln wird, ist von großer Aktualität.
Einleitung
Oft kann man in der Zeitung lesen oder in Fernsehkommentaren hören, daß die transatlantische
Partnerschaft keine Selbstverständlichkeit mehr ist,
daß die Beziehungen sich schleichend verschlechtern, weil die jeweiligen Regierungen sich allzusehr
mit den innenpolitischen Problemstellungen beschäftigen. Dies ist nicht der Fall!
Manche Kommentatoren machen sich kein Bild
davon, wie eng die politische Zusammenarbeit und
wie intensiv der Austausch zwischen den jeweiligen
Regierungsstellen ist, wie sehr sich das Volumen der
Wirtschafts- und Handelsbeziehungen vergrößert hat
und wie zahlreich die kulturellen Kontakte geworden
sind.
Es gibt keine "wohlwollende Indifferenz" zwischen
unseren beiden Ländern, andernfalls würden meine
Kollegen in der Botschaft und ich unserem Land
einen schlechten Dienst erweisen. Es gibt vielmehr
eine kompliziert gewordene internationale Entwicklung mit vielfältigen Krisen und großen Herausforderungen. Um diese zu bewältigen, bedarf es einer
noch engeren und noch stärker aufgefächerten

AMERIKA DIENST 06

Zusammenarbeit, als dies in der Zeit des Kalten
Krieges selbstverständlich war. Und daran arbeiten
wir mit unserer ganzen Kraft.
Der in der Themenstellung formulierte Gegensatz
kann angesichts der Gemeinsamkeiten und Interessen beider Staaten bei einer erfolgreichen Bewältigung der derzeitigen und künftigen Herausforderungen nicht zum Tragen kommen.
Um das Offensichtliche vorwegzunehmen: Wirtschaftliche Konkurrenz und strategische Partnerschaft
schließen einander nicht aus. Im Gegenteil, sie
bedingen einander und tragen zur Festigung der
politischen, kulturellen und persönlichen Beziehungen
zwischen dem deutschen und amerikanischen Volk
bei.
Wie sich die Vereinigten Staaten die Zukunft der
bilateralen Beziehungen vorstellen, wurde im letzten
Jahr deutlich. Nicht nur während des Präsidentenbesuchs in Bonn und Berlin, sondern auch anläßlich der
Verabschiedung der Westalliierten aus Berlin im
September '94. Wir hatten aus diesem Anlaß Vertreter des öffentlichen Lebens beider Staaten zu einer
Konferenz "New Traditions" eingeladen.
Vor dem Hintergrund der profunden Veränderungen
im internationalen System, die auch das deutschamerikanische Beziehungsgeflecht betrafen, haben
wir gemeinsam über die Zukunft der bilateralen
Beziehungen nachgedacht. Richard Holbrooke, der
damalige US-Botschafter in Deutschland, brachte die
neue Aufgabenstellung auf den Punkt:

Seite 1

�"Nachdem in den letzten fünf Dekaden die Beziehungen durch militärische Erwägungen bestimmt
waren, stehen jetzt die Handels- und Wirtschaftsbeziehungen im Vordergrund."
Vizepräsident AI Gore, der sich über Satellit an der
Konferenz beteiligte, ergänzte dies, indem er auf die
politische Bedeutung guter und ausgewogener
Wirtschaftsbeziehungen für die wirtschaftliche Sicherheit hinwies.
Nicht Generälen, sondern Unternehmern und Geschäftsleuten fällt dabei die Aufgabe zu, durch
Investitionen staatliche Handelsanreize zu nutzen,
um Wohlstand und Arbeitsplätze zu schaffen. Dies
vollzieht sich auf einem Markt, der durch das
Konkurrenzverhalten der Akteure bestimmt ist.
Renaissance der Wirtschaftsbeziehungen
Wirtschaftlicher Wettbewerb ist per se kein Argument, das gegen eine strategische Partnerschaft
spricht. Worauf es ankommt, ist ein verläßlicher,
von allen Beteiligten akzeptierter Rahmen von Wettbewerbsbedingungen. Dies läßt sich allerdings nur
im guten Einvernehmen auf politischer Ebene
erreichen.
Die wichtigsten wirtschaftspolitischen Entscheidungsträger in beiden Ländern haben die gleichen wirtschaftspolitischen Grundauffassungen:
Unterstützung für freien Handel, für offene nichtdiskriminierende Investitionsbeziehungen und für
faire Wettbewerbsregeln. Beide Regierungen sehen
den Privatsektor als den wichtigsten Motor für
Wachstum und Innovation an.
Trotz dieser Übereinstimmung in wirtschaftpolitischen
Grundauffassungen sind unsere bilateralen Wirtschaftsbeziehungen nicht immer ganz konfliktfrei.
Große Volkswirtschaften wie die Bundesrepublik und
die Vereinigten Staaten mit ihren unterschiedlichen
politischen Strukturen, unterschiedlichen Regulierungs- und Ordnungsansätzen, unterschiedlichen
Marktsstrukturen und Unternehmertraditionen entwikkeln Reibungs- und Konfliktpunkte.
Häufig komplizieren die Beziehungen der Vereinigten
Staaten zur Europäischen Union die Wirtschaftsbeziehungen zu Deutschland. Nicht alle EU-Mitgliedsstaaten teilen uneingeschränkt die deutsche
Aufassung von Freihandel und Wettbewerb. Sehr
oft sehen wir uns mit einem Nord-Süd-Konflikt
innerhalb der EU konfrontiert. Die südlichen Länder
neigen zu einem eher interventionistischen und
protektionistischen Ansatz, während der Norden
Offenheit und Freihandel propagiert.

Seite 2

Wir verlassen uns häufig darauf, daß Deutschland für
eine offene europäische Wirtschaftsidentität eintritt,
die auf einem transparenten und verläßlichen Entscheidungsrahmen beruht. Wir wissen natürlich, daß
Deutschland häufig Solidarität mit den anderen EUMitgliedsstaaten üben muß und Entscheidungsgrundlage meistens der kleinste gemeinsame Nenner
ist.
Diese institutionelle Einbindung und Integration
Deutschlands, die wir vorbehaltlos unterstützen, weil
wir an einem starken Europa interessiert sind,
schließt allerdings eine deutsch-amerikanische
Kooperation bei wichtigen Fragen nicht aus.
Deutschland und die Vereinigten Staaten haben eng
zusammengearbeitet, um die Uruguay-Runde zu
einem erfolgreichen Abschluß zu bringen. Beide
Verhandlungsdelegationen haben wichtige Überzeugungsarbeit für die Durchsetzung der Einsicht
geleistet, daß die Liberalisierung des Welthandels
allen Ländern in der EU zugute kommt.
Deutschland und die Vereinigten Staaten ziehen an
einem Strang, wenn es darum geht, restriktive
Quotenregime bei audio-visuellen Dienstleistungen
wie etwa bei interaktiven Diensten abzuwehren.
Beide Länder gehen davon aus, daß derartige
Beschränkungen zu technologischer Rückständigkeit
führen und den freien Informationsfluß behindern.
In der Frage der außereuropäischen Bananenimporte
in die EU, die für amerikanische Importeure zu
Problemen geführt haben, verfolgen Deutschland und
die Vereinigten Staaten gemeinsame Interessen.
Gleiches gilt auch bei den Bestrebungen nach einer
partiellen Liberalisierung von Beschaffungen der
öffentlichen Hand.
Bilaterale Probleme, wie sie beispielsweise im letzten
Jahr bei der Aushandlung eines neuen Luftverkehrsabkommens entstanden waren, konnten durch eine
tragfähige Zwischenlösung entschärft werden. Das
"code sharing" zwischen deutschen und amerikanischen Fluggesellschaften und die Allianz zwischen
Lufthansa und United Airlines hat finanzielle Vorteile
für die Beteiligten und günstigere Tarife für die
Reisenden gebracht.
Die deutsch-amerikanischen Handelsbeziehungen
laufen reibungslos und im großen und ganzen
unbehindert von strukturellen Handelshemmnissen.
Gegenwärtig ist aufgrund der unterschiedlichen
konjunkturellen Entwicklung ein leichtes amerikanisches Handelsdefizit festzustellen. Während des
Booms infolge der Vereinigung wies die Bundesrepublik ein Defizit auf.

AMERIKA DIENST 06

�Die Vereinigten Staaten sind nach der Europäischen
Union der größte Handelspartner Deutschlands, was
auch im umgekehrten Verhältnis stimmt: Deutschland ist für die USA der größte Handelspartner. Die
amerikanischen Exporte nach Deutschland beliefen
sich 1993 auf über 40 Milliarden Dollar. Das ist
mehr als unsere Exporte nach Japan.
Wie eng und ausgeglichen die Wirtschaftsbeziehungen sind, sieht man auch an den jeweiligen Investitionen. Die deutschen Direktinvestitionen belaufen sich auf fast 60 Milliarden D-Mark. Amerikanische Unternehmen investieren etwa den gleichen
Betrag in Deutschland.
Mittlerweile sind rund
600.000 Deutsche in amerikanischen Unternehmen
tätig, während deutsche Firmen schätzungsweise
eine halbe Million Amerikaner beschäftigen.
Symbolisch für die ökonomische Interdependenz
sind die Entscheidungen führender Automobilhersteller Deutschlands, Produktionsstätten in den Vereinigten Staaten zu errichten, sowie die Investitionen
von Unternehmen wie Dow Chemicals, General
Motors und der Boston Investment Company in den
neuen Bundesländern.
Die wachsende Interdependenz der transatlantischen
Handelspartner durch zunehmende Handelsströme
und Direktinvestitionen führt aber auch zu einem
erhöhten staatlichen Regulierungsbedarf in den
jeweiligen Volkswirtschaften. Dieser Bedarf läßt sich
nur auf zwischenstaatlicher Ebene decken, so daß
trotz aller wirtschaftlichen Konkurrenz eine immer
enger werdende bilaterale Verflechtung entsteht.
Die amerikanische Außenwirtschaftspolitik
Seit Beginn ihrer Amtszeit im Januar 1993 hat die
Clinton-Administration den Handel und die Außenwirtschaftspolitik ins Zentrum ihrer innen- und
außenpolitischen Aktivitäten gerückt. Dies war eine
Entscheidung, die politisch wie ökonomisch sinnvoll
war. Die Neuordnung der internationalen Beziehungen nach dem Zerfall der Sowjetunion und der
gewachsene Wettbewerb auf dem Weltmarkt haben
Marktchancen eröffnet, die es zu nutzen galt.
Dabei geriet der europäische Binnenmarkt automatisch ins Blickfeld amerikanischer Unternehmer und
Investoren, die sich schnell von den Vorteilen eines
europaweiten Marktes mit einheitlichen Regeln und
Normen überzeugen ließen.
Während des Kalten Krieges hatten die Vereinigten
Staaten eine Unterordnung der Handelspolitik unter
eine außenpolitische Gesamtstrategie vorgenommen,
um unsere westeuropäischen Verbündeten in der
Abwehrfront gegen die Sowjetunion zu stärken. Mit

AMERIKA DIENST 06

dem Ende des Kalten Krieges haben wir diese
Unterordnung aufgeben und drängen auf einen
Abbau unliberaler und diskriminierender Handelspraktiken der Europäischen Union und anderer
Länder.
Das Freihandelsabkommen mit Kanada und Mexiko,
der APEC-Gipfel, der Abschluß der Uruguay-Runde
sowie das gesamtamerikanische Gipfeltreffen im
Dezember letzten Jahres sind ökonomische Erfolge,
die alle in die gleiche Richtung weisen. Die Vereinigten Staaten sind auf dem Wege, die amerikanische Volkswirtschaft den Erfordernissen des Weltmarktes und der immer größer werdenden Vernetzung anzupassen, um sich auf die Herausforderungen der Jahrtausendwende einzustellen.
Konkret bedeutet dies eine konsequente Durchführung der neuen "National Export Strategy".
Deren Ziel ist es, die Wettbewerbsfähigkeit der
amerikanischen Volkswirtschaft zu verbessern, indem
die Schul- und Berufsausbildung gefördert und
nachhaltige Investitionen in Zukunftstechnologien
gemacht werden.
Des weiteren fördert die Administration auf vielfältige
Weise die weltweiten Geschäftsinteressen amerikanischer Unternehmen.
Systematisch werden die
Export- und Wirtschaftsaktivitäten amerikanischer
Unternehmen durch das Handelsministerium und
weitere staatliche Behörden und Agenturen unterstützt. Den amerikanischen Auslandsvertretungen
kommt dabei eine besondere Bedeutung zu. Sie
haben die Aufgabe, amerikanische Unternehmen bei
Ihren Aktivitäten und der Einhaltung einer fairen Wettbewerbssituation beratend und gegebenenfalls
intervenierend zur Seite zu stehen.
Was ist darunter zu verstehen? Von staatlicher Seite
werden die Verhandlungen zum Abschluß von
Freihandelsabkommen geführt. Dann die bilateralen
Gespräche mit Japan zum Abbau des Handelsdefizits, unfairer, protektionistischer Handelsschranken und -zolle. Des weiteren setzen wir uns - der
Handelskonflikt mit China zeigt es - für den Schutz
von Patenten, Copyright und dem Schutz von geistigem Eigentum ein. Auch führen wir branchenspezifische Verhandlungen, angefangen von Bank- und
Finanzgeschäften bis zur Luft- und Raumfahrt, um
eine größere Markttransparenz zu erzielen.
Wir nennen dieses Program "advocacy". Gleiche
Wettbewerbsbedingungen für unsere Produzenten
sichern amerikanische Arbeitsplätze und tragen
letztlich auch zu einer Erweiterung des wirtschaftspolitischen Einflusses der Vereinigten Staaten bei.

Seite 3

�Machtfaktoren wie das militärische Potential sind
nach wie vor wichtig, doch sie spielen heute nicht
mehr die maßgebliche Rolle bei dem Vergleich der
führenden Industrienationen. Ein Land wie die Vereinigten Staaten könnte seinen politischen Einfluß
nur bedingt wahrnehmen, wenn es wirtschaftlich im
internationalen Vergleich zurücklallen würde. Dies
kann nicht in unserem Interesse sein!
Die Vereinigten Staaten bleiben auch weiterhin eine
Weltmacht mit Führungsanspruch. Ein Anspruch,
der sich auf der Grundlage einer wettbewerbsfähigen
Volkswirtschaft realisieren läßt.
Die Volkswirtschaft der Vereinigten Staaten ist im
vergangenen Jahr so stark gewachsen wie seit 1984
nicht mehr. So stieg das Bruttoinlandsprodukt um 4
Prozent an. Trotz des anhaltenden Booms hielt sich
die Teuerung in Grenzen. Im letzten Jahr lag sie bei
2,7 Prozent - dies ist der niedrigste Wert seit 1983.
Mit einem gewissen Abflauen des Wirtschaftsbooms
wird erst gegen Ende des Jahres gerechnet.
Neben der erheblichen Reduzierung des Haushaltsdefizits sind dies erfreuliche Zahlen, die eine gute
Voraussetzung für die Untermauerung unseres
Führungsanspruchs bilden.
Perspektiven der deutsch-amerikanischen Beziehungen
Es ist offensichtlich, daß wir Partner brauchen, um
künftige politische und ökonomische Herausforderungen gemäß unseren gemeinsamen Wertvorstellungen und Prinzipien anzugehen. Die epochalen
Veränderungen am Ende dieses Jahrhunderts sind
nur gemeinsam zu bewältigen. Wir müssen nicht
nur unsere Rolle neu bestimmen, sondern auch die
Strukturen und Inhalte unserer diplomatischen
Beziehungen überprüfen.
Die Bundesrepublik Deutschland ist inzwischen der
wichtigste Verbündete der Vereinigten Staaten in
Europa. Dies liegt nicht nur an der geopolitischen
Lage Deutschlands, sondern auch an der nachhaltigen politischen, wirtschaftlichen und finanziellen
Unterstützung des Demokratisierungsprozesses in
Osteuropa und den Staaten der ehemaligen Sowjetunion.
Die deutsche Politik gegenüber den früheren Ostblockstaaten entspricht den amerikanischen Vorstellungen von "safe for democracy". Es hat den
Eindruck, daß Deutschland und die Vereinigten
Staaten die einzigen Länder innerhalb der Atlantischen Allianz sind, die ein Gespür für die Bedürfnisse der aufstrebenden Staaten in Ost- und Mitteleuropa entwickelt haben. Beide Regierungen haben

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verstanden, daß eine dauerhafte Teilung Europas in
Arm und Reich nicht möglich ist, ohne einen hohen
Preis dafür zu bezahlen.
In der Tat ist Deutschland der größste Beitragszahler
der Hilfsleistungen für osteuropäische Staaten. Nach
Angaben der OECD hat Deutschland für die zentraleuropäischen Staaten im Jahre 1992 über 3,9 Milliarden Dollar zur Verfügung gestellt, das ist fast die
Hälfte der OECD-Hilfe. Die USA liegen mit ihrer Hilfe
im Umfang von 700 Millionen Dollar an zweiter Stelle.
Die amerikanische Deutschlandpolitik ist deshalb weit
mehr als die Bewältigung bilateraler Angelegenheiten.
Hier geht es tatsächlich um strukturbildende Prozesse, die durch die Übereinstimmung der Interessen
zustande kommen. Das heißt aber nicht, daß uns
Frankreich oder Großbritannien weniger wichtig
wären. Die Vereinigten Staaten veranstalten kein
Nullsummenspiel mit diplomatischen Beziehungen.
Strategische Partnerschaft
Unsere Beziehungen zu Deutschland haben eine
neue Bedeutung erlangt: Die Vereinigten Staaten
müssen nicht länger die territoriale Integrität der
Bundesrepublik schützen; Deutschland befindet sich
so gesehen nicht mehr in einem sicherheitspolitischen Abhängigkeitsverhältnis. Dies ist begrüßenswert, nicht weil wir die Bundesrepublik nicht mehr
verteidigen wollen, sondern weil das Ende des Kalten
Krieges uns die Möglichkeit bietet, unsere bilateralen
Beziehungen partnerschaftlicher zu gestalten.
Eine Partnerschaft, wie sie schon vom ehemaligen
Präsidenten George Bush im Frühjahr 1989 angeregt
worden war, weil partnerschaftliche Beziehungen
schlichtweg zeitgemäß sind. Die parlamentarische
Demokratie in der Bundesrepublik ist von der Bevölkerung angenommen worden, sie hat sich in den
letzten Jahrzehnten als belastbar erwiesen. Die
Revolution in der DDR - bescheiden als Wende
deklariert - ist friedlich verlaufen, und Deutschland
macht große Fortschritte bei der Vollendung der
inneren Einheit, ohne dabei die europäische Integration zu vergessen.
Man wirft ja nicht nur in diesem Land den Politikern
immer wieder vor, allzu kurzsichtig eine Politik zu
betreiben, die nur bis zum nächsten Wahltag konzipiert ist. Daß dies gerade in der Außenpolitik fatal
sein kann, brauche ich nicht weiter auszuführen.
Doch die Anregung von Präsident Bush - "Partnership
in leadership" - setzte eine Debatte in Gang, die sich
trotz gewisser Rückschläge positiv auf das eigene
Rollenverständnis beider Staaten ausgewirkt hat.

AMERIKA DIENST 06

�Ohne das Engagement der Bundesregierung sind
heute Fortschritte bei der Vertiefung und Erweiterung
der Europäischen Union nicht denkbar.
Als viertgrößte Wirtschaftsmacht nimmt die Bundesrepublik in manchen Technologiebereichen eine
Spitzenstellung ein. Das vielfach in der Presse
verwendete Bild eines Wirtschaftsriesen, der politisch
wie ein Zwerg agiert, stimmt schon lange nicht mehr.
Deutschland hat gemeinsam mit seinen Verbündeten
in vielen politischen Bereichen eine wichtige Vorreiterrolle übernommen und damit Führung gezeigt.
Die Vereinigten Staaten unterstützen diesen Prozeß
einer größeren Wahrnehmung internationaler Verantwortung durch Deutschland. Wir sind uns darüber im klaren, daß es in der deutschen Bevölkerung und auch in Teilen der politischen Elite Vorbehalte gegen eine bedeutendere Rolle Deutschlands bei der Lösung internationaler Krisen gibt.
Und wir wissen auch, daß Deutschland eine schwierige Geschichte hat.
Die Frage, ob Deutschland sich an internationalen
Auslandseinsätzen beteiligen soll, bestimmt noch
immer die politische Diskussion. Das Bundesverfassungsgericht hat im Juli letzten Jahres entschieden, daß Auslandseinsätze der Bundeswehr möglich
sind. Die diversen humanitären Einsätze in Kambodscha, Somalia und Ruanda sowie die Beteiligung
an der Überwachung der UNO-Sanktionen gegenüber dem ehemaligen Jugoslawien erfolgten nicht
nur in einem rechtlich einwandfreien Rahmen,
sondern auch in der Erkenntnis, daß Deutschland
als souveräner Staat - wie andere Staaten auch Verantwortung zu tragen hat. Verantwortung gegenüber jenen, die zu Opfern einer gewalttätigen Politik
werden.
Ich will hier keiner Überbewertung der militärischen
Dimension das Wort reden, doch gibt es Situationen,
die einen Einsatz von Streitkräften erforderlich

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AMERIKA DIENST 06

machen, um den politischen Zielen zum Durchbruch
zu verhelfen. Wir können uns in manchen Krisen
nicht immer nur auf unsere Diplomatie verlassen;
manchmal ist der Einsatz militärischer Macht nicht zu
vermeiden. Eine Entscheidung für einen militärischen
Einsatz im Rahmen einer international legitimierten
Friedensmission kann niemals leicht getroffen werden, wenn das Risiko besteht, daß eigene Soldaten
ums Leben kommen können. Es muß klar sein,
welche Interessen bei einem Einsatz verfolgt werden
und wie groß dessen Erfolgsaussichten sind. Restriktive nationale Einsatzoptionen können aber kein
Grund sein, um nicht an einer vom UN-Sicherheitsrat
sanktionierten Friedensmission teilzunehmen.
Die vorbehaltlose Wahrnehmung von Rechten und
Pflichten ist natürlich auch die Voraussetzung für
Deutschlands Ansinnen, einen festen Sitz in diesem
Gremium der UNO zu erhalten. Wir unterstützen
dieses Vorhaben, weil wir Vertrauen in die politische
Stabilität der Bundesrepublik Deutschland haben.
Unsere Vorstellung von "partners in leadership"
beruht auf der Überzeugung, daß Deutschland neben
seiner ökononischen Leistungsfähigkeit auch die
Möglichkeit hat, konstruktiv zur Bewältigung von
internationalen Krisen und Konflikten beizutragen.
Lassen Sie mich zum Schluß meiner Ausführungen
kommen. Die Konkurrenzsituation auf dem Weltmarkt, der sich amerikanische und deutsche Unternehmen ausgesetzt sehen, ist kein Hindernis für die
kooperative Gestaltung des bilateralen Beziehungsgeflechts. Ich habe keinen Zweifel daran, daß die
deutsch-amerikanische Freundschaft, die auf den
gemeinsamen Idealen der Freiheit, Menschenrechte,
Demokratie und Gerechtigkeit basiert, auch künftig
einen wichtigen Beitrag für Frieden, Stabilität und
Wohlstand leisten wird.
Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit!

* * *

*

Seite 5

�FULBRIGHT
15. Februar 1995

DER GRÜNDER DES WELTWEITEN
STIPENDIENPROGRAMMS
Zum Tod von Senator J. William Fulbright
WASHINGTON - (AD) - Die Erinnerung an Senator
J. William Fulbright, der am 9. Februar 1995 verstarb, lebt durch die Tausenden Stipendiaten auf der
ganzen Welt fort, die an den von ihm ins Leben
gerufenen und vom Kongreß 1946 gesetzlich verankerten internationalen Austauschprogrammen
teilgenommen haben.
"Wir haben einen fürsorgenden Propheten, einen
führenden Politiker, einen Patrioten und einen guten
Menschen verloren, der auf eine bessere Welt
hinarbeitete", erklärte Dr. Joseph Duffey, Direktor
des für das Fulbright-Austauschprogramm zuständigen US-Informationsamts (United States Information
Agency - USIA).

als Senator jung waren... Unser Land steht in seiner
Schuld."
Bei einer gemeinsamen Pressekonferenz mit Bundeskanzler Kohl fügte der Präsident hinzu: "Ich bin
heute mit tiefem Dank erfüllt für die Gedanken, die er
(Fulbright) mir vermittelte, als ich ein junger Mann
war: Daß wir Frieden mit der Welt schließen können,
wenn wir besseres Verständnis anstreben, wenn wir
Jugendaustauschprogramme fördern und wenn wir
die Sache der weltweiten Bildung voranbringen."
Im Jahr 1993 verlieh Präsident Clinton Fulbright die
Presidential Medal of Freedom, die höchste zivile
Auszeichnung des Landes.

Fulbright erlag im Alter von 89 Jahren zuhause in
Washington einem Herzinfarkt. Er war drei Wochen
zuvor mit Lungenentzündung ins Krankenhaus
eingeliefert worden.

Fulbright wurde 1942 in den Kongreß gewählt und
war dort über 30 Jahre lang ohne Unterbrechung
tätig, bis er 1974 in den Ruhestand trat. Danach war
er Sozius in einer Washingtoner Anwaltskanzlei.

Fulbright, Demokrat aus Arkansas, war 16 Jahre
lang - länger als jeder andere vor oder nach ihm Vorsitzender des Auswärtigen Ausschusses des
Senats während der turbulenten sechziger und
frühen siebziger Jahre, als sich die Aufmerksamkeit
der Nation und eines Großteils der Welt auf die
Situation in Vietnam konzentrierte.

Vor seiner Wahl in den Kongreß hatte Fulbright zwei
Jahre lang das Amt des Rektors der University of
Arkansas inne.

Fulbright war ein vehementer Gegner des amerikanischen Engagements im Vietnamkrieg und nutzte den
Ausschuß als Forum zur Verurteilung des Krieges,
nachdem er Präsident Lyndon Johnson ärgerlich
beschuldigt hatte, ihn über den Zwischenfall im Golf
von Tongking 1964 irregeführt zu haben, der die
Vereinigten Staaten in Kampfhandlungen in Vietnam
einbezog.

Clintons damaliger Zimmergenosse, Tom Campell,
erklärte kürzlich in einem Interview, der Senator sei
für Clinton ein Vorbild gewesen. "Fulbright kam aus
einer kleinen Stadt in Arkansas, wurde an der Ostküste ausgebildet, war ein Rhodes-Stipendiat, kam
dann nach Arkansas zurück und hatte dort Erfolg"
bevor er ebenso wie Clinton landesweit Prominenz
erlangte.

Präsident Clinton äußerte gegenüber Journalisten im
Weißen Haus, Fulbright habe "einen außergewöhnlichen Beitrag zum Leben unseres Landes und
natürlich unseres Heimatstaats Arkansas geleistet.
Und er hat Abertausende inspiriert, die zu seiner Zeit

Fulbright war auf das Programm, das bis heute über
120.000 ausländische Besucher zum Lehren oder
Lernen in die Vereinigten Staaten brachte - von
einigen Monaten bis zu einem Studienjahr oder
länger - stolzer als auf alles in seinem Leben Gelei-

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Clinton war in den sechziger Jahren während seiner
Studienzeit an der Georgetown University als Assistent für Senator Fulbright tätig.

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�stete, und im Rahmen des Programms gingen
weitere 90.000 Amerikaner mit einem ähnlichen
Auftrag ins Ausland. Der Leiter von Pembroke
College (Oxford) bezeichnete dies einmal als "die
größte und bedeutendste Bewegung von Wissenschaftlern weltweit seit dem 15. Jahrhundert".
Viele der Fulbright-Stipendiaten wurden intellektuelle
Persönlichkeiten ihres Landes und wichtige Mitglieder der jeweiligen Regierungen. Einige, wie der
Generalsekretär der Vereinten Nationen, BoutrosGhali, erlangten national und international Ruhm.
Zu den amerikanischen Fulbright-Stipendiaten
zählen die Universitätsrektoren Derek Bok und
Hanna Gray, der Wirtschaftswissenschaftler Milton
Friedman, der Historiker Henry Steele Commager,
die Autoren John Updike und Eudora Welty, der
Musiker Aaron Copland, der Politiker Daniel Patrick
Moynihan und viele andere.
Niemand weiß genau, wieviele Millionen Studenten
in anderen Ländern Kurse bei amerikanischen
Professoren belegt haben, die an ihren Universitäten
dank eines Fulbright-Stipendiums unterrichteten.
Fulbright erklärte, als er das Programm unmittelbar
nach dem Zweiten Weltkrieg ins Leben rief: "Ich
wollte etwas beginnen, das einen Gegenpol zu der
Gewalt bildete, die wie eine andauernde Infektion
zwischen Nationen ausbricht."

*

Seite 2

*

In seinem 1987 veröffentlichten Buch The Prlce of
Empire schrieb Fulbright: "Es ist ein bescheidenes
Programm mit einem unbescheidenen Ziel - der
Verwirklichung eines zivilisierteren, rationaleren und
menschlicheren internationalen Systems... Ich habe
an diese Möglichkeit geglaubt, als ich begann. Das
tue ich immer noch."
Fulbright wurde 1905 geboren. Er lebte auf einer
Farm, bis sein Vater eine kleine Bank in einer Stadt
kaufte. Die Bank florierte, und sein Vater erwarb
auch einen Zeitungsverlag. Fulbright führte seinen
Forschungsdrang auf seine Mutter zurück, die die
Zeitung leitete.
Fulbright machte 1925 seinen Abschluß an der
University of Arkansas, wo er Football-Star und
Präsident der Studentenvereinigung war. Nach dem
Examen erhielt er in einem äußerst strengen Auswahlverfahren ein Rhodes-Stipendium an der Oxford
University, wo er drei Jahre moderne Geschichte am
Pembroke College studierte. Im Anschluß daran
verbrachte er für Deutsch- und Französischstudien
ein Jahr in Österreich und der Schweiz.
Nach der Rückkehr in die Vereinigten Staaten setzte
er sein Studium fort und legte 1934 sein juristisches
Staatsexamen an der George Washington University
ab. In dieser Zeit heiratete er seine erste Frau, die in
den sechziger Jahren starb. Das Ehepaar hat zwei
Töchter. 1991 heiratete er erneut.

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�PORTRAT
15. Februar 1995

DER NEUE CIA-DIREKTOR IN DER ZEIT
NACH DEM KALTEN KRIEG
Porträt von Michael Carns
WASHINGTON - (AD) - Der pensionierte Luftwaffengeneral Michael Carns, die Wahl Präsident Clintons
für das Amt des neuen Chefs des amerikanischen
Nachrichtendienstes, wird sich der Herausforderung
gegenübersehen, in einer Zeit haushaltspolitischer
Engpässe und weniger leicht identifizierbarer Sicherheitsbedrohungen eine tragfähige Rolle für den
CIA zu finden.

des Wandels unseren Nachrichtendienst zu leiten", so
der Präsident. Er bezeichnete Carns als "bewährten
Neuerer", der offen für neue Vorgehensweisen und
skeptisch gegenüber Binsenweisheiten sei. "Er ist

Clinton entschied sich für Carns als Direktor des
amerikanischen Nachrichtendienstes CIA und damit
als Leiter der Satellitenaufklärung sowie der Analyse
von Daten über die Fähigkeiten und Intentionen
anderer Staaten.

Carns tritt die Nachfolge von James Woolsey an, der
vergangenes Jahr als Direktor des amerikanischen
Nachrichtendienstes zurückgetreten war. Woolseys
nahezu zweijährige Amtszeit war gekennzeichnet von
Konflikten mit dem Kongreß: Einige Abgeordnete
kritisierten ihn wegen seiner Nachsichtigkeit gegenüber CIA-Mitarbeitern, die bei der Aufdeckung des
Spionagefalls Aldrich Arnes versagt hatten, sowie
wegen seiner angeblichen Täuschung des Kongresses im Zusammenhang mit den Baukosten für
neue CIA-Einrichtungen in Washington.

Bei der Bekanntgabe der Nominierung am 8. Februar 1995 erklärte Präsident Clinton: "General Carns
wird mit einer Herausforderung konfrontiert, deren
Schwierigkeit nur ihrer Bedeutung gleichkommt. Der
Kalte Krieg ist vorüber, aber an seine Stelle sind
viele neue Gefahren getreten."
Zu diesen Gefahren zählen dem Präsidenten zufolge
"regionale sicherheitspolitische Bedrohungen, die
Weiterverbreitung von Massenvernichtungswaffen,
Terroranschläge im Herzen unserer Großstädte,
Drogenhandel und internationales Verbrechen".
Obwohl diese Bereiche nicht alle zu den Prioritäten
des CIA zählen, äußerte Clinton, "sind die entscheidenden Vorteile des amerikanischen Nachrichtendienstes für dieses Land so wichtig wie eh und je".
Im Zusammenhang mit der über den Nachrichtendienst geführten kontroversen Diskussion stellte der
Präsident fest, die Amerikaner erführen selten etwas
über die Erfolge des Nachrichtendienstes oder die
Krisen, zu deren Vermeidung er beiträgt, sondern
nur "über seine gelegentlichen Rückschläge".
Aufgrund seiner "großen Erfahrung und außergewöhnlichen Qualitäten" sei Carns "die geeignete
Person, in dieser Zeit der Herausforderungen und

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sich der großen Bedeutung nachrichtendienstlicher

Tätigkeit bewußt, weil er sich darauf verlassen mußte,
als das Leben von Amerikanern und die Sicherheit
unseres Landes auf dem Spiel standen."

Teilweise als Ergebnis seiner Unzufriedenheit mit
Woolsey rief der Kongreß einen hochrangigen
Ausschuß zur Überprüfung des amerikanischen
Nachrichtendienstes ins Leben, zu dessen Vorsitzenden Präsident Clinton seinen ehemaligen Verteidigungsminister Les Aspin ernannte. Der Präsident
wies darauf hin, Carns könne zusammen mit diesem
Ausschuß und dem Kongreß "einen starken Konsens
über die Wiederbelebung des amerikanischen Nachrichtendienstes bilden, damit dieser klare Prioritäten
setzt und seine Ressourcen für die entscheidenden
Missionen einsetzt, die unserer Nation auch in
Zukunft den zeitgemäßesten, wichtigsten und ehrlichsten Nachrichtendienst der Welt bieten".
Laut Carns muß ein Ziel des Nachrichtendienstes
weiterhin Bestand haben: "Äußerst hochwertige
Informationen, Einschätzungen und Beurteilungen zu
liefern", mit deren Hilfe die Entscheidungsträger
"unsere nationale Sicherheit schützen und fördern
können". Carns will eigenen Angaben zufolge die

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�bemerkenswerten Fähigkeiten auf nachrichtendienstlichem Gebiet "verbessern und anpassen", um die
neuen Herausforderungen anzugehen.
Obwohl der Nachrichtendienst aufgrund haushaltspolitischer Kürzungen schlanker wird, "werden wir in
wichtigen Fragen noch mehr unternehmen".
Einem hochrangigen Regierungsvertreter zufolge
paßt Carns gut in die Parameter Clintons für den
Posten an der Spitze des Nachrichtendienstes. Der
Präsident suchte einen Kandidaten, der nicht aus
der Welt der Nachrichtendienste stammt. Aufgrund
seines militärischen Hintergrunds entspricht Cams
der Vorstellung Clintons von einem CIA-Direktor, der
versteht, was der Nachrichtendienst in Konfliktsituationen leisten kann, fügte der Regierungsvertreter
hinzu. Ferner wünschte sich der Präsident für
diesen Posten eine Person mit Führungsqualitäten,
mit Erfahrung im Kommandobereich und der erwiesenen Fähigkeit, behördenübergreifende Operationen zu planen.
Die ersten Reaktionen von Seiten des Kongresses
und des Nachrichtendienstes waren positiv. Senator
Arien Specter bezeichnete Cams als "soliden Kandidaten". Specter, der Vorsitzende des Geheimdienstausschusses des Senats, stellte fest, die Nation
befinde sich an einem wichtigen Scheideweg, an
dem die Zukunft des Nachrichtendienstes beschlossen werde, und Carns, der Präsident und der
Kongreß sähen sich einigen äußerst harten Entscheidungen gegenüber.
Robert Gates, der unter Präsident Bush CIA-Direktor
war, hält Carns für einen "phantastischen Kandidaten. Er nutzte den Nachrichtendienst und versteht
sehr viel von der Beschaffung nachrichtendienstlicher Informationen." Gates kennt Carns seit einem
Jahrzehnt und arbeitete in dieser Zeit mit ihm
zusammen.
Im Falle seiner Bestätigung durch den Senat wird
Carns der erste Militärangehörige im Amt des CIADirektors seit den siebziger Jahren, als Admiral
Stansfield Turner die Beschaffung und Analyse
nachrichtendienstlicher Erkenntnisse leitete. Ebenso

*

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wie Turner wird Cams schwierige Entscheidungen
über eine Verkleinerung des CIA treffen müssen, der
größten ihm unterstehenden nachrichtendienstlichen
Einrichtung.
Carns wird mit einem vom Präsidenten eingesetzten
Ausschu ß zusammenarbeiten, der eine grundlegende
Überprüfung des Nachrichtendienstes im Zeitalter
nach dem Kalten Krieg vornehmen soll. Dieser
Ausschuß wurde nicht nur als Konsequenz des
Spionagefalls Aldrich Arnes eingesetzt, sondern auch
als Reaktion auf seit langem vom Kongreß gestellte
Forderungen, eine Duplizität nachrichtendienstlicher
Funktionen zu vermeiden sowie nach Konsolidierung
anderer nachrichtendienstlicher Aktivitäten. Kritiker
aus dem Kongreß behaupten, die Nominierung
Michael Carns für das Amt des CIA-Direktors sei
irreführend, da er keine Macht habe, über den CIA
hinausgehende Aktivitäten zu leiten.
Carns, ein ehemaliger Kampfpilot, flog mehr als 200
Kampfeinsätze in Vietnam, diente über drei Jahrzehnte in der US-Luftwaffe, koordinierte humanitäre
Hilfseinsätze in Bosnien und Ruanda und half bei der
Organisation des erfolgreichen Lufteinsatzes gegen
die Streitkräfte Saddam Husseins, als eine Koalition
der Alliierten die irakische Invasion in Kuwait abwehrte.
Carns verließ die Luftwaffe im letzten Jahr nach
dreijähriger Tätigkeit als Stellvertretender Stabschef.
Seit letzten September ist er in Kalifornien als Unternehmensberater tätig. Vorher war er Stellvertretender Kommandeur des amerikanischen Pazifikkommandos und wirkte an der Aushandlung des Washingtoner Abkommens mit den Philippinen über die
Schließung militärischer Stützpunkte mit.
Unter General Colin Powell war er von 1989 bis 1991
Personaldirektor bei den Vereinigten Stabschefs und
an der Ausarbeitung der Operation Wüstensturm
gegen den Irak beteiligt.
Carns ist der Sohn eines pensionierten Heeresgenerals. Sein Sohn dient derzeit in der Luftwaffe, seine
Tochter ist Kadett an der Luftwaffenakademie.

* * *

*

AMERIKA DIENST 06

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                    <text>AMERIKA DIENST
'VON

*

15. März 1989

11

y

I N H A L T

INFORMATION

Cheney bringt reichen Erfahrungsschatz In sein Amt mit
- Porträt des designierten Verteidigungsministers Richard Cheney

DOKUMENTATION

Ost-West-Gespräche_über_ konventionelle Waffen gut gestartet
- Pressekonferenz von Botschafter Ledogar USA__flir feste, angemessene Maßnahmen gegen Irans^jJrjqhungeji
- Erklärung von Alvin Adams vor Senatsunterausschuß Vereinigte Staaten wollen "Mauer des Mißtrauens" in Europa abbauen
- Ansprache von John Maresca -

WISSENSCHAFT UND TECHNIK

Muskeldystrophie, Typ Duchenne
- Erster Erfolg zur Defektkorrektur im Tierversuch Tabak als Droge einstufen
- Nationaler Krebsbeirat fordert Kampagnen gegen das Rauchen -

* * * * *

United States Information Service
Embassy of the United States of America

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.: 0228-339 2035
Telex: 8-85432

�AMERIKA DIENST
Information

15. März 1989

11

CHENEY BRINGT REICHEN ERFAHRUNGSSCHATZ IN SEIN AMT MIT
- Porträt des designierten Verteidigungsministers Richard Cheney -

WASHINGTON - (AD) - Der am 10.
März 1989 als Verteidigungsminister
nominierte Richard B. Cheney hat
trotz seines vergleichsweise jugendlichen Alters von 48 Jahren sowohl in
der Legislative als auch in der Exekutive unschätzbare Erfahrungen gesammelt .
Cheney ist seit 1978 als einziger
Abgeordneter seines Heimatstaates Wyoming im Repräsentantenhaus aktiv.
Er hat in Ausschüssen wichtige Aufgaben übernommen und wurde im vergangenen Dezember einstimmig zum Fraktionsgeschäftsführer der Republikaner
im Repräsentantenhaus, der zweitwichtigsten
Führungsposition
innerhalb
der republikanischen Minderheit, gewählt .

United States Information Service
Embassy of the United States of America

Zu Beginn und Mitte der siebziger
Jahre hatte Cheney, der seine politische Laufbahn als Referendar in der
gesetzgebenden Körperschaft von Wyoming begann, in den Administrationen
von Nixon und Ford eine Reihe von
Führungsaufgaben inne.
Im Jahr 1975 wurde er von Präsident Ford zum Stabschef des Weißen
Hauses ernannt und damit Nachfolger
von Donald Rumsfeld, der diese Stelle
aufgab, weil er Verteidigungsminister
wurde.
Präsident Bush nominierte Cheney
nur 24 Stunden nachdem der Senat den
vorher von ihm für den Posten im Pentagon ausgewählten Senator John Tower
abgelehnt hatte. Er bezeichnete den
Abgeordneten aus Wyoming als "einen

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.: 0228-339 2035
Telex: 8-85432

�allgemein
respektierten
Mann
mit
Grundsätzen" und erklärte: "Ich bin
überzeugt davon, daß er ein großartiger Führer der Streitkräfte unseres
Landes sein wird."
Dick Cheney's Wahl in die Führungsspitze der Republikaner im Repräsentantenhaus
verweist auf die
jüngste Tendenz der Partei, jüngeren
Mitgliedern wichtige Ämter zu übertragen. Dem Abgeordneten gelang der
Aufstieg, nachdem er sich seit Mitte
des Jahres 1987 in seiner Eigenschaft
als Vorsitzender der Konferenz der
Republikaner
im
Repräsentantenhaus
für eine "sehr aggressive" Arbeitsweise einsetzte, um der Partei zur
Mehrheit zu verhelfen.
Darüber hinaus rückte der designierte Verteidigungsminister 1987 als
Mitglied des Kongreßausschusses, der
die Iran-Contra Affäre untersuchte,
ins Blickfeld der Öffentlichkeit. Er
stellte sich bei den landesweit im
Fernsehen
übertragenen
Anhörungen
ausdrücklich auf die Seite Präsident
Reagans.

Cheney arbeitete zunächst im Büro
des Abgeordneten von Wisconsin, William Steiger, und ging dann ins Weiße
Haus, um sich unter dem damaligen Direktor des Büros für Wirtschaftsförderung, Rumsfeld, den Beziehungen mit
dem Kongreß zu widmen.
In den Amtsjahren von Nixon war
er bis 1973 stellvertretender Leiter
der Arbeit des Rates für die Lebenshaltungskosten und trat später zeitweise in ein Wirtschaftsberatungsunternehmen ein.
Bei der Amtsübernahme Präsident
Fords im Jahr 1974, arbeitete Cheney
in dessen Ubergangsteam und wurde im
September desselben Jahren stellvertretender persönlicher Referent des
Präsidenten. Im November 1975 wurde
der dann dessen persönlicher Referent
und Stabschef des Weißen Hauses.
Cheney ist mit Lynne Ann Vincent
verheiratet und hat zwei Töchter.
Zusammen mit seiner Frau schrieb er
ein 1983 veröffentlichtes Buch über
das Repräsentantenhaus, Kings of the

Hill.
In seiner Laufbahn hat Cheney
konservative Meinungen vertreten und
sich bei zahlreichen Gelegenheiten
für eine Beibehaltung starker Streitkräfte ausgesprochen.
Zum Beispiel
warnte er bei seinem Auftritt anläßlich einer Zusammenkunft republikanischer Gouverneure zu Beginn der Reagan-Administration davor, daß innenpolitische Programme nicht auf Kosten
des Verteidigungshaushalts ausgebaut
werden sollten.
Cheney wurde am 30. Januar 1941
in Lincoln, Nebraska geboren und
schloß 1959 in Casper, Wyoming seine
Schulausbildung ab. Nach einem kurzen Zwischenspiel in Yale machte er
an University of Wyoming Examen.
Nachdem er dort auch seinen Magister erworben hatte, promovierte er
an der University of Wisconsin und
kam 1968 über ein Stipendium der American Political Science Association
nach Washington.

- 2-

* * * * *

-

�AMERIKA DIENST
Dokumentation

VION &amp;

15. März 1989

11

OST-WEST-GESPRÄCHE ÜBER KONVENTIONELLE WAFFEN GUT GESTARTET
- Pressekonferenz von Botschafter Ledogar WIEN - (AD) - Bei einer nach der ersten Plenarsitzung der VSBM-Verhandlungen abgehaltenen Pressekonferenz in der Wiener Hofburg bezeichnete Botschafter
Stephen J. Ledogar es am 9. März 1989 als "ermutigend", daß Ost und West offensichtlich in vielen Bereichen dieselben Ziele anstrebten. Dem westlichen
Vorschlag zufolge würde die Konzentration der Streitkräfte "vom Atlantik bis
zum Ural" erheblich reduziert und in einer Weise aufgelockert, die keine negativen Auswirkungen auf die Sicherheitsinteressen der an den VSBM-Verhandlungen
teilnehmenden Staaten des Warschauer Pakts und der NATO hätte.
Nachfolgend veröffentlichen wir die Pressekonferenz von Botschafter Ledogar im Wortlaut:
Wir hatten heute ein nützliches
erstes Treffen im Rahmen der neuen
Verhandlungen. Ich würde es als guten Beginn charakterisieren.
Der
Osten hat uns seine Ideen in Form eines konzeptionellen Rahmens mitgeteilt.
Meines Erachtens ist die
Presse über vieles davon informiert
worden, aber ich bin nicht ganz sicher.
Dieser
"konzeptionelle
Rahmen"
enthält unserer Ansicht nach nichts
entscheidend Neues. Er geht auf den
"Budapester Appell" von 1986 zurück.
Er enthält auch nicht die Art von Details, wie sie für den Vorschlag der
NATO charakteristisch sind. Es mangelt ihm an verwertbarem Zahlenmaterial, und er beinhaltet auch keine
spezifischen Unterregionen etc.

United States Information Service
Embassy of the United States of America

Es ist jedoch festzustellen, daß
West und Ost vielfach dieselben Ziele
anzustreben scheinen, und das ist ermutigend:
A. Wir sind daran interessiert,
die Vorteile und Asymmetrien die destablisierenden Elemente zu reduzieren;
B. Wir wollen die Waffensysteme
definieren, die Anlaß zu Besorgnis geben. Es bestehen bei unseren Listen einige Gemeinsamkeiten
- aber es gibt auch wesentliche
Differenzen;
C. Der Osten möchte die offensiv
ausgerichteten Einheiten reduzieren - auch wir sind daran interessiert;

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Telex: 8-85432

�D. Wir möchten Übereinstimmung
über obligatorische Verifizierung
erlangen. Was ich heute über die
Vorstellungen des Ostens zur Verifizierung, wie etwa die Inspektionsmethoden, gehört habe, war
recht ermutigend.
Selbstverständlich bestehen weiterhin einige Meinungsverschiedenheiten, die bereits heute offen zutage
getreten sind:
A. Der Zeitpunkt der Behandlung
von Flugzeugen und deren Definition;
B. Die Behandlung der Personalstärken - aber dies stellt meines
Erachtens kein so schwerwiegendes
Problem dar, wie man erwarten
könnte;
C. Das Ausmaß der Reduzierungen
in der ersten Phase;
D. Die Behandlung des Problems
der Lagerung von Waffensystemen;
E. Wir haben erhebliche Zweifel
an dem Versuch, Rüstungskontrolle
durch Verhandlungen über die Verteidigungshaushalte anzustreben.
Insgesamt gesehen haben wir jedoch meines Erachtens einen guten Anfang gemacht. Ich werde jetzt gern
ihre Fragen beantworten.
Frage:
Herr Botschafter, Botschafter Grinewski hat heute morgen erklärt, die erste Reduzierungsphase
könne bis 1994 abgeschlossen sein.
Halten Sie dies für machbar oder
könnte es sogar schon zu einem früheren Zeitpunkt der Fall sein?
Und
zweitens, warum möchte der Westen gegenwärtig nicht über die Truppenstärken sprechen?
Antwort:
Unser Vorschlag enthält
keine Zeitangaben. Wir halten dies
nicht für einen Mangel. Wenn wir
breite Übereinstimmung über Umfang
und Form eines ersten Abkommens erzielt haben, wird es an der Zeit

sein, über den zeitlichen Rahmen zu
sprechen.
Zur zweiten Frage sind wir der
Überzeugung, daß die destabilisierendsten Elemente der konventionellen
Streitkräfte massierte Feuerkraft und
gepanzerte Kräfte, schnell bewegliche
Ausrüstung und Truppen sind. Wir behandeln die Truppen anfangs im Rahmen
der Frage gepanzerter Mannschaftstransportwagen.
Vereinzelte Behauptungen, wir strebten nicht nach Truppenreduzierung, treffen nicht zu.
Wenn wir die Begrenzungen und Reduzierungen bei den von uns spezifizierten Kategorien - Panzer, Artillerie, gepanzerte Mannschaftstransportwagen - behandeln, würde auch die damit zusammenhängende Personalstärke
gesenkt.
Wenn Sie einmal unseren
Vorschlag genau studieren, werden sie
feststellen, daß wir diese Frage im
Abschnitt über Informationsaustausch
ansprechen. Die Informationen würden
nicht nur Ausrüstung sondern auch
Truppen betreffen.
Zum Thema der
Truppen bin ich nicht der Meinung,
daß unsere Differenzen ebenso groß
sind. Es ist eine Frage der Gewichtung.
Frage:
Herr Botschafter, besteht
innerhalb der NATO Uneinigkeit darüber, daß Zone 4 dasselbe ist wie die
alte MBFR-Zone?
Antwort: Die Antwort ist Nein, es
herrscht keine Uneinigkeit. Wir ziehen es vor, dies als Gebiete oder Regionen zu bezeichnen.
Ich möchte
versuchen, Ihnen dies besser zu erläutern.
(Der Botschafter bittet
seinen Assistenten, einige Landkarten
zu präsentieren.)
Das Mandat geht davon aus, daß
der Anwendungsbereich der Verhandlungen "vom Atlantik bis zum Ural"
reicht. Wir mußten das definieren.
Wir mußten die Tatsache berücksichtigen, daß es bestimmte Inselterritorien gab, die nicht unbedingt von jedermann als Teil des europäischen
Kontinents verstanden wurden. Natürlich ist Island einer der Teilnehmer,

�und wir haben Spitzbergen und andere
spezifiziert, darunter die Azoren,
die Kanarischen Inseln etc.
Auch
über die Frage, welcher Teil der
asiatischen Türkei in die Gespräche
einbezogen werden sollte, haben wir
lange verhandelt.
Das ist also das Gebiet "vom Atlantik bis zum Ural". Diese erste
Karte zeigt das Gesamtgebiet. Und
Sie werden feststellen, daß unsere
Maßnahme 4, Unterabschnitt 1, dieses
gesamte Gebiet betrifft.
Ich werde nun versuchen, aufzuzeigen, wie wir konzentrische Regionen definiert haben und wie wir mit
abnehmender Größe innerhalb dieser
Regionen Untergrenzen festlegen. Wir
reduzieren einige der Streitkräfte.
Wenn Sie eine Untergrenze haben, dann
kann in jeder Unter-Region nicht mehr
als ein bestimmter Anteil der zugelassenen
Gesamtstärke
stationiert
sein.
Die Logik unseres Vorschlags lautet folgendermaßen:
In Nummer eins, Regel eins,
sprechen wir über Gesamtbegrenzungen
für beide Seiten.
- In Nummer zwei behandeln wir
das Problem, daß kein einzelner Teilnehmer auf seiner Seite dominieren
sollte. Regel zwei besagt, daß kein
Teilnehmer mehr als 30 Prozent der
Gesamtstärke besitzen darf.
- In Nummer drei haben wir immer
noch das Problem, wie viel außerhalb
der Grenzen eines Teilnehmerstaats
stationiert sein darf, also besagt
Regel drei, daß kein Bündnis zusammen
eine bestimmte Gesamtstärke der ausserhalb der Grenzen der Entsenderstaaten stationierten Truppen überschreiten darf.
Nun zu Regel vier - da wir immer
noch nicht das Problem der destablisierenden Konzentrationen gelöst haben. Regel vier betrifft eine Reihe
miteinander verknüpfter Regionen, die

dazu führen, bestimmte Streitkräfte
zu verdrängen, wenn diese vier Untergrenzen in einem Schritt eingeführt
werden. Ich möchte dies klarstellen
- das Endergebnis besteht in der obligatorischen Verteilung der Streitkräfte über das gesamte Verhandlungsgebiet.
Dies ist also Unterregel 4, Paragraph 2. Wir haben abgebaut und damit fallen auf der Westflanke Norwegen und Island heraus, die sowjetischen Militärbezirke im Norden und
an der Südflanke Griechenland und die
Türkei, ebenso der Trans-Kaukasus,
der Kaukasus und die Militärbezirke
von Kiew.
Als nächstes behandeln wir Regel
4, Unterregion 3, und hier sehen Sie,
daß wir auf der anderen Achse Beschränkungen vorgenommen haben, die
erfordern, daß bestimmtes zusätzliches Territorium und weitere Streitkräfte ausgenommen werden. Die unter
diesem Punkt erlaubten Zahlen liegen
Ihnen vor, und dies erfordert die
Auflockerung
bestimmter
anderer
Streitkräfte. Sie werden sehen, daß
es die Iberische Halbinsel auf der
westlichen Seite und die sowjetischen
Militärbezirke - zwischen ihren westlichen Bezirken und dem Ural - im
Osten sind.
Schließlich wenden wir uns der in
Regel 4, Unterregion 4 beschriebenen
Bereich zu. Dieser Bereich betrifft
genau den Punkt, der bereits Gegenstand
anderer
Verhandlungen
war.
Aber diese Zusmmentreffen hat nichts
hiermit zu tun, außer in bezug auf
die militärischen Gegebenheiten, die
es notwendig machen.
Es bestehen
überhaupt keine politischen Beziehungen.
Vergleiche mit MBFR hinken,
wenn man dies zu verstehen sucht,
weil diese vier miteinander verknüpften Unterregionen alle gleichzeitig
in Kraft treten. Wir konzentrieren
uns nicht insbesondere auf irgendeine
dieser Zonen und wenden ihnen keine
besondere Aufmerksamkeit
zu.
Wir
schlagen ein Netz von Regionen vor,
die alle zusammen den Effekt erbrin-

- 3 -

�gen, daß
werden.

die

Streitkräfte

verteilt

Ich bedaure, daß ich so detailliert darauf eingehen muß, aber meiner Ansicht nach bestanden hierbei
eine Reihe von Mißverständnissen.
Frage:
Herr Botschafter, der sowjetische Vertreter hat erklärt, er
würde ein erstes Abkommen vor 1992,
dem Datum der nächsten Konferenz in
Helsinki, befürworten.
Stimmen Sie
dem zu? Meine zweite Frage zielt darauf ab, daß Sie in einem WorldNetInterview im Februar erklärt haben,
im Verlauf der Verhandlungen könnten
Flugzeuge einbezogen werden.
Wann
könnte das Ihrer Ansicht nach möglich
sein?
Antwort:
Wir im Westen sind sehr
vorsichtig in bezug auf die Festlegung von Terminen.
Meiner Ansicht
nach wäre es verfrüht, Termine zu
setzen, und es ist unklug, ein wichtiges Thema wie die konventionellen
Streitkräfte unter dem Druck von Terminen zu verhandeln. Dies ist auch
einer der Gründe, warum wir dieses
besondere Verhältnis zum KSZE-Prozeß
haben - wir haben unser Mandat so
vorsichtig
vorbereitet,
daß
der
KSZE-Zeitplan nicht gegen uns arbeitet.
Was die Vorschläge des sowjetischen Vertreters im Hinblick auf
1992 betrifft, so ist meine Reaktion
darauf: Warum nicht eher?
Es ist
möglich, daß wir mehr Zeit benötigen
werden, aber ich hoffe, wir werden
weniger Zeit brauchen.
Wie Sie beim Mandat gesehen haben, schließen wir Flugzeuge nicht
aus. In unserem Vorschlag legen wir
jedoch dar, daß die drei gezählten
Kategorien Panzer, schwere Artillerie
und gepanzerte Mannschaftstransportfahrzeuge erste Priorität haben sollten. Unserer Ansicht nach sind dies
die Waffen, die direkteste Auswirkungen auf die in den ersten Abschnitten
des Mandats und des Vorschlags niedergelegten Zielsetzungen haben.

Frage:
Herr Botschafter, gibt es
im Hinblick auf Flugzeuge Umstände,
unter denen sie diese in die erste
Phase einschließen würden?
Antwort:
Sie haben die Position
des Bündnisses vernommen. Meine Meinung dazu lautet, wenn wir die Flugzeuge und ihre Zahl genau festlegen,
würden die Sowjets ihre Forderung
nach einer Betonung der Flugzeuge zurückziehen. In genau diesem Bereich
spielt der Osten unglücklicherweise
das alte Spiel "was mir gehört, behalte ich, und was Euch gehört, kann
ausgehandelt werden."
Sie wollen
mehr als die Hälfte der Flugzeuge des
Ostens beseite nehmen und ihnen dann
eine rein defensive Rolle zuweisen.
Nachdem sie also 7 000 ausgenommen
haben, erklären sie, die NATO sei ihrer Zählweise zufolge im Vorteil, und
wir sollten eine Reduzierung vornehmen. Wenn wir uns also meiner Ansicht nach zunächst der Frage zuwenden, über welche Art von Flugzeugen
wir sprechen und wessen Flugzeuge
ausgenommen werden, wird das Problem
gelöst.
Frage:
Herr Botschafter, die Sowjetunion hat klar herausgestellt,
daß Nuklearwaffen zwar kein Teil dieser Verhandlungen sind, sie aber dennoch einer Modernisierung dieser Raketen in Europa nicht zustimmen. In
welchem Maße sind davon diese Verhandlungen hier betroffen?
Antwort: Das Mandat besagt eindeutig, daß Kernwaffen nicht Gegenstand
dieser Verhandlung sind. Das Mandat
besagt ferner ganz klar, daß vielfältig einsetzbaren Waffensystemen keine
besondere
Aufmerksamkeit
zugewandt
wird. Als Ergebnis davon wird die
schwere Artillerie, mit der auch nukleare Munition abgefeuert werden,
nur im Hinblick auf ihre konventionelle
Fähigkeit
behandelt
werden
kann. Wenn diese abgebaut wird und
das auch zu einer Reduzierung der nuklearen Fähigkeiten führt, ist dies
eine zwangsläufige und keine gewollte
Entwicklung.

�Soviel zum Hintergrund. Um etwas
genauer auf Ihre Frage einzugehen, so
hat Schewardnadse bei seinem Besuch
im Januar zum Abschluß des KSZE-Folgetreffens und erneut vor drei Tagen
erklärt, daß die mit diesen Verhandlungen abgezogenen sowjetischen Einheiten ihre taktischen Nukelarwaffen
mitnehmen würden.
Das ist nicht
überraschend.
Alle zum Abzug bestimmten Einheiten werden ihre schwere Artillerie mitnehmen, die unter
Umständen in der Lage sein kann, nukleare Munition abzufeuern.
Der wahre Grund für diese sowjetische Gewichtung ist der Wunsch nach
Verschärfung eines in Brüssel behandelten Problems der NATO, und ferner
soll in unsere Gespräche hier die
Frage eingebracht werden, wann, ob,
wie und wo man von INF zu dem gelangen kann, was wir SNF nennen, das
heißt, zu Verhandlungen über nukleare
Systeme mit Reichweiten von 500 oder
weniger Kilometern. Es bestehen keine Unstimmigkeiten unter den 16 Verbündeten darüber, daß Nuklearsysteme
von den Verhandlungen ausgenommen
sind. Dazu gibt es einen Konsens.
Fragen darüber, ob, wo und wann nukleare Kurzstreckensysteme in anderen
Verhandlungen
abgehandelt
werden,
sind Fragen, die NATO-Vertretern in
Brüssel oder in den Hauptstädten der
NATO-Länder gestellt werden sollten.
Frage: Wenn wir die Zahlen und die
Zonen betrachten, die uns die NATO
bietet, sieht es so aus, daß sich in
der Bundesrepublik und der Türkei die
Streitkräfte konzentrieren und in anderen Teilen in geringerem Maße vorhanden sind. Die Bundesrepublik wird
stärker militarisiert sein als andere
Bereiche des Bündnisses.
Antwort:
Das ist sicherlich nicht
unsere Absicht, und das ist nicht die
Interpretation aller 16 Länder im
Hinblick auf diesen Vorschlag. Die
Auswirkung unseres Vorschlags ist genau das Gegenteil. Er will die Konzentration der Streitkräfte in der
Mitte Europas verringern, dies aber
auf eine Weise tun, die die Sicher-

heitsinteressen keiner Partei - und
sicher nicht die Sicherheitsinteressen eines NATO-Landes wie die Türkei,
Norwegen, Griechenland, Spanien und
Portugal - verletzt. All dies ist
sehr sorgfältig erarbeitet worden.
Es ist ein ausgeklügelter Vorschlag,
in den viele Überlegungen eingeflossen sind, und ich wünsche mir, wir
hätten bei vorangegangenen Verhandlungen diese Art der Arbeitsweise angewandt.
Ich denke, wenn Sie die
Möglichkeit haben, dies eingehend zu
studieren, werden sie sehen, daß diese Verhandlungen genau das Gegenteil
von dem tun, was sie andeuten.
Frage:
Ich habe eine Frage über
die Detailliertheit bei der NATO-Position. Die Haltung der NATO scheint
detaillierter zu sein als die Position der Sowjets. Erwarten Sie mehr
Details von sowjetischer Seite?
Antwort: Darauf hoffen wir sicherlich. Aber meiner Ansicht nach gibt
es genügend Gemeinsamkeiten, auf denen wir aufbauen können. Am Montag
werden wir anfangen, die Punkte der
Übereinstimmung
festzulegen.
Wir
werden uns gegenseitig Fragen stellen, weiter ausholen und sicherstellen, daß wir die Vorschläge der anderen Seite verstehen. Wie Sie ausführten, fehlen der östlichen Seite
die Einzelheiten, die wir in unseren
Vorschlägen darlegen, aber ich denke
nicht, daß dies eine Hindernis für
eine baldige Bewegung bildet.
Frage:
Obwohl beide Seiten ihre
Zufriedenheit über einen guten Anfang
bekundet haben und auf die gleichen
Ziele zuzustreben scheinen, gibt es,
wie Sie und Herr Grinewski betonten,
zahlreiche Komplikationen. Bei welchen Themen der KSE-Verhandlungen wäre Ihrer Ansicht nach eine Einigung
am schwierigsten zu erzielen?
Antwort: Das erinnert mich an die
Frage des Optimisten und des Pessimisten: Ist das Glas halb voll oder
halb leer? Ich möchte keine Durchbrüche oder schnellen Fortschritte
vorhersagen.
Ich möchte auch keine

- 5 -

�bevorstehenden Sackgassen prognostizieren. Ich habe in meiner Eröffnungsansprache daruf verwiesen, daß
es eine Reihe von Bereichen der Übereinstimmung gibt, aber dennoch einige
Punkte, die möglicherweise Schwierigkeiten bereiten werden. Ich möchte
den hier dargelegten Punkten nicht
vorgreifen.
Zu Ihrer Erinnerung:
ich habe
einige Bereich angeschnitten, in denen Unstimmigkeiten bestehen - ihre
Zählweise unterscheidet sich von unserer, etwa bei den Hubschraubern und
Flugzeugen
und
den Soldaten, es
bleibt unklar, wie weit die Reduzierungen in einer ersten Phase gehen
sollten und wie das Problem der Lagerung von Waffen und der Militärhaushalt behandelt werden sollten.
Vielen Dank.

* * * *

�:e° S&gt;.

AMERIKA DIENST
Dokumentation

15. März 1989

11

USA FÜR FESTE, ANGEMESSENE MASSNAHMEN GEGEN IRANS DROHUNGEN
- Erklärung von Alvin Adams vor Senatsunterausschuß WASHINGTON - (AD) - Angesichts der terroristischen Todesdrohung des Iran
gegen den britischen Autor Salman Rushdie sowie Verlage und Buchhandlungen
verfolgen die Vereinigten Staaten dem stellvertretenden Koordinator für Terrorismusbekämpfung im US-Außenministerium, Alvin Adams, zufolge eine Politik der
Festigkeit und der angemessenen Reaktion. Vor dem Unterausschuß des Senats
für Terorismus, Drogenhandel und Internationale Operationen gab Adams die folgende Erklärung ab, die wir im Wortlaut veröffentlichen:
Ich begrüße diese Gelegenheit,
mit Ihnen und den Mitgliedern Ihres
Unterausschusses
über
die
Affäre
Rushdie zu sprechen.
Diese Affäre
ist mit ihrer eigentümlichen Verwicklung innen- und außenpolitischer Elemente äußerst komplex und entzieht
sich angesichts der von ihr berührten
hochbrisanten politischen und religiösen Aspekte jeglicher Berechenbarkeit.
Wir möchten von Anfang an klarstellen, daß wir energisch für die
Meinungsfreiheit eintreten, die wir
als grundlegendes Menschenrecht betrachten. Dieses Recht steht allen
Menschen in der Welt zu. Des weiteren wird es für Amerikaner ausdrücklich in unserer Verfassung bekräftigt. Wir - alle, die wir hier ver-

United States Information Service
Embassy of the United States of America

treten sind und die anderen Mitglieder der Bundesregierung - werden alles in unserer Macht Stehende tun, um
dieses Recht zu schützen.
Wir nehmen die von Teheran in Zu^
sammenhang mit Salman Rushdies Buch
"Die satanischen Verse" ausgesprochenen Drohungen sehr ernst. Die Reaktionen auf das Buch haben in Südasien
bereits zu erheblichen Ausschreitungen geführt und könnten auch das Motiv für die Brandanschläge auf zwei
Buchläden in Berkeley sowie auf The
Riverdale Press in New York liefern.
Wir betrachten die Drohungen gegen
Rushdie und sein Buch als Aufforderung zur Ausführung eines terroristischen Anschlags, die in den internationalen Beziehungen unserer Zeit ihresgleichen sucht. Die Aufforderun-

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Telex: 8-85432

�gen zur Ermordung Rushdies seitens
der iranischen Führung erscheinen vor
dem Hintergrund der ausgesetzten hohen Belohnungen noch abstoßender.
Bei der Beschäftigung mit diesen
Drohungen müssen wir zugleich jedoch
einen klaren Kopf bewahren, ihren
Charakter kühl bewerten und eine
wirksame Reaktion darauf ausarbeiten.
Dies ist nicht das erste Mal, daß wir
ernsthaften Drohungen
seitens des
Iran oder anderer, den internationalen Terrorismus unterstützender Staaten ausgesetzt sind, und es wird auch
nicht das letzte Mal sein.
Was wir tun müssen, und was wir
auch tun, ist, die seit langem bestehenden Prinzipien und Taktiken anzuwenden, die zur Abwehr terroristischer Drohungen entwickelt wurden.
Dazu gehören Festigkeit angesichts
von Einschüchterungsversuchen sowie
eine angemessene, mit unseren Freunden abgestimmte Reaktion, die sich an
einer wirksamen und realistischen
Strategie orientiert.
Von unserer Seite gibt es mehrere
unterschiedliche Reaktionen auf die
Affäre Rushdie. Im folgenden möchte
ich diese behandeln und danach auf
die Entstehung der Drohung eingehen.
Unsere Reaktionen werden von folgenden Grundsätzen geleitet:
1. Ungeachtet des literarischen
Werts dieses Buches stellte die
Drohung gegen Rushdie, seine Verleger und den Buchhandel ein
gänzlich unannehmbares Verhalten
seitens des Führers eines Staates
dar.
2. Obwohl die genauen Auswirkungen dieser Drohungen und der öffentlich ausgesetzten Belohnung
für den Mord noch ungewiß waren,
haben wir diese Drohungen ernst
genommen.
3. Angesichts der Drohungen gegen
Amerikaner in Pakistan waren unsere Reaktionen im Hinblick auf
Diplomatie und Sicherheit ange-

messen.
4. Unsere Reaktionen gründeten
sich zunächst auf Konsultationen
mit anderen Ländern, die noch unmittelbarer als wir bedroht waren, insbesondere Großbritannien,
da Rushdie britischer Staatsbürger ist und dort seinen Wohnsitz
hat.

Öffentliche Reaktionen
Was den Beginn der Affäre betrifft, so hat der Ajatollah Khomeini
seine berüchtigte Erklärung, in der
er das Buch "Die satanischen Verse"
verurteilte und den Tod Rushdies verlangte, am 14. Februar 1989 abgegeben. Die Erklärung enthielt allgemeinere Drohungen gegen Unternehmen
in Großbritannien und den Vereinigten
Staaten, die das Buch verlegten und
verkauften. Khomeinis Erklärung erfolgte nachdem das Buch wesentlich
früher schon von anderen betroffenen
Moslems verurteilt worden war und
nach den schweren Unruhen in Islamabad.
Angesichts der von dieser Affäre
betroffenen
äußerst
empfindlichen
Elemente der westlichen und islamischen Werte, dem verworrenen Zustand
der iranischen Politik und der enormen Herausforderung durch diese Affäre haben wir zu Beginn versucht, die
Ereignisse in Teheran zu analysieren
und eine Bestätigung für Khomeinis
Drohungen zu erhalten.
Unsere Reaktion hat unsere scharfe Ablehnung dieser Drohungen klargestellt. Im Rahmen einer Pressekonferenz hat der Sprecher des US-Außenministeriums, Charles Redman, am 16.
Februar 1989 die folgende formelle
Erklärung abgegeben:
"Wir sind über die vom Ajatollah
Khomeini gegen Salman Rushdie ausgesprochenen Todesdrohungen sowie über
die danach ausgesetzte Belohnung für
seine Ermordung entsetzt. Drohungen
dieser Art sind vollkommen verantwor-

- 2 -

�tungslos und unvereinbar mit den
grundlegenden Normen des internationalen Verhaltens."
In Luxemburg bekräftigte Außenminister Baker am selben Tag unsere Ablehnung der Todesdrohung und fügte
hinzu: "Die Vereinigten Staaten stehen fest zu ihrer Verpflichtung der
Bekämpfung des Terrorismus, insbesondere des staatlich geförderten Terrorismus."
Ebenfalls am 16. Februar 1989
verabschiedete
das
Europaparlament
eine Resolution, in der die Drohungen
verurteilt und der Europarat aufgefordert wurde, im Falle von deren
Ausführung Sanktionen gegen den Iran
zu verhängen. In den darauf folgenden Tagen wurden widersprüchliche
Äußerungen iranischer Vertreter bekannt. Einige meinten, der Iran werde die Todesdrohung zurückziehen,
wenn Rushdie sich für die Beleidigung
des Islam entschuldige. Am 19. Februar 1989 jedoch wurde in einer dem
Ajatollah
Khomeini
zugeschriebenen
Erklärung die Drohung in unmißverständlichen Worten bekräftigt, und
bald darauf hatte sich die gesamte
iranische Führung dem Chor derer angeschlossen, die Rushdies Tod forderten. Als Reaktion hierauf verurteilten die Außenminister der Europäischen Gemeinschaft, die sich am 20.
Februar in Brüssel eingefunden hatten, einmütig das Verhalten des Iran.
In einer bemerkenswerten Demonstration der Einigkeit beschlossen sie,
ihre höchsten Diplomaten aus Teheran
zurückzuberufen.
Innerhalb weniger
Tage hatten alle das Land verlassen.
Am 19. Februar bekräftigte Außenminister Baker in einem Fernsehinterview seine Verurteilung der Todesdrohung und der für Rushdies Ermordung
ausgesetzten Belohnung sowie die allgemeine Ablehnung
des Terrorismus
durch die amerikanische Regierung.
Er fügte hinzu: "Wenn der Iran es
mit dem Wiedereintritt in die Gemeinschaft zivilisierter Staaten ernst
meint, dann ist dies nicht die Art
von Verhalten, die dazu führt."

Am 21. Februar 1989 gab Präsident
Bush die folgende Erklärung ab:
"Ich unterstütze voll und ganz
die Erklärung der 12 EG-Staaten im
Hinblick auf die iranischen Drohungen
gegen Rushdie. Wie beleidigend das
Buch auch sein mag, so sind die Anstiftung zum Mord und die Aussetzung
von Belohnungen für dessen Durchführung eine Beleidigung der Normen zivilisierten Verhaltens. Unsere Haltung zum Terrorismus ist bestens bekannt. Im Lichte der vom Iran betriebenen Aufwiegelung kann die iranische Regierung im Falle irgendwelcher Handlungen gegen amerikanische
Interessen davon ausgehen, daß sie
dafür zur Verantwortung gezogen wird."
Am 22. Februar erklärte der Sprecher des US-Außenministeriums im Hinblick auf die Forderung führender
iranischer Politiker nach Ermordung
Rushdies:
"Diese Erklärungen stellen eine
Anstiftung zur Ausführung eines terroristischen Akts dar, und diese wird
durch das Angebot einer Belohnung für
die Ermordung Rushdies noch abstoßender...
Dies ist ein direkter Anschlag auf die Freiheit der Meinungsäußerung, die ein grundlegendes Menschenrecht ist."
Am 28. Februar erklärte der Präsident nach den Brandanschlägen auf
zwei Buchhandlungen in Berkely und
die Zeitungsredaktion in New York:
"Obwohl Einzelheiten zu diesen Anschlägen und die Motive derjenigen,
die sie begangen haben, noch unbekannt sind, ist es meines Erachtens
wichtig, bei dieser Gelegenheit zu
erklären, wo die Regierung der Vereinigten Staaten und - davon bin ich
überzeugt - das amerikanische Volk in
der Frage der Gewaltanwendung und unserer Rechte stehen.
Dieses Land
wurde auf den Prinzipien der Redefreiheit und der religiösen Toleranz
gegründet. Während unserer gesamten
Geschichte haben wir für die Bewahrung dieser Prinzipien gekämpft. Ich
möchte unmißverständlich klarstellen,

- 3 -

�daß die Vereinigten Staaten keinen
Anschlag auf diese Rechte amerikanischer Bürger hinnehmen werden."
Der Präsident fügte hinzu, falls
sich herausstellen sollte, daß durch
diese
Brandanschläge
Bundesgesetze
verletzt wurden, habe er Justizminister Dick Thornburgh aufgefordert
"alle Mittel des FBI und alle anderen
angemessenen Instrumente dieser Regierung einzusetzen, um die Verantwortlichen zu identifizieren und ihrer gerechten Strafe zuzuführen."
"Wir wissen noch nicht", erklärte
der Präsident weiter, "ob diese Anschläge mit dem Buch 'Die satanischen
Verse' in Zusammenhang stehen. Ich
möchte jedoch eines deutlich machen jeder, der Akte der Einschüchterung
oder der Gewalt gegen den Autor, die
Verleger oder die Händler des Buches
begeht, wird mit der vollen Schärfe
des Gesetzes verfolgt werden. Sicherlich mag sich mancher Anhänger
des Islam durch das Buch tief beleidigt fühlen, und ich habe dafür gewiß
Verständnis.
Aber wir können und
werden Gewalt und Gesetzlosigkeit in
diesem Land nicht hinnehmen, und die
Bürger unseres Landes sollen wissen,
wie ernst es mir mit dieser Haltung
ist.

lems, ist völlig ungerechtfertigt.
Ich möchte betonen, daß keine andere
Regierung und kein anderer Führer der
islamischen Welt - außer Gadhafi diese Todesdrohung
gutheißt.
Der
Scheich der Al-Azhar-Universität von
Kairo, einer führenden Institution
der
islamischen
Geisteswelt, hat
trotz seiner Verurteilung des Buches
Khomeinis Todesdrohung zurückgewiesen
und erklärt, diese stünde mit dem islamischen Rechtssystem nicht im Einklang .
Herr Vorsitzender,
es ist viel
über innenpolitische
Faktoren als
Gründe für Khomeinis Drohungen und
deren Unterstützung durch andere führende Politiker des Iran gesprochen
worden. Dies trifft sicherlich zu.
Wenn wir uns bemühen, das Verhalten
des Iran zu verstehen, dürfen wir jedoch nicht den Fehler begehen, dieses
Verhalten zu rechtfertigen.
Obwohl
sie dies mit unterschiedlicher Intensität getan haben, haben sich alle
führenden Politiker des Iran hinter
die Erklärungen Khomeinis gestellt.
Die gesamte Regierung des Iran ist
für dieses Verhalten verantwortlich die sogenannten Gemäßigten und die
Radikalen gleichermaßen.

Diplomatische Reaktionen
Am 3. März erklärte Justizminister Thornburgh einer Delegation amerikanischer Verleger, daß die amerikanischen Polizeibehörden alle erdenklichen Vorkehrungen treffen würden, um Verleger und Buchhändler vor
Drohungen und Gewaltakten zu schützen, die durch die Kontroverse ausgelöst würden.
Herr Vorsitzender, die Haltung
der Vereinigten Staaten steht außer
Frage. Khomeinis Erklärungen stellen
eine Anstiftung zur Ausführung eines
terroristischen Akts dar. Die Aussetzung einer Geldsumme für die Ermordung Rushdies macht dieses Verhalten noch rücksichtsloser und brutaler. Rushdies Buch hat gewiß viele
Moslems beleidigt, aber Khomeinis Behauptung, er spreche für alle Mos-

Die öffentlich abgegebenen Erklärungen sind nicht unsere einzige Reaktion auf die Drohungen gegen Rushdie. Wir haben uns mit diesem Problem auf mehreren Ebenen auseinandergesetzt, ebenso wie wir andere terroristische Bedrohungen mittels einer
Kombination von öffentlichen diplomatischen
Schritten,
diplomatischen
Verhandlungen hinter verschlossenen
Türen und Sicherheitsmaßnahmen begegnet sind.
Zusätzlich zu unserer öffentlichen Verurteilung des Vorfalls arbeiten wir eng mit Freunden zusammen,
die direkter bedroht sind und wenden
uns an andere Länder, die engere Beziehungen mit Teheran unterhalten als
wir und die daher ihrer Entrüstung

- 4 -

�wirksamer Druck verleihen können.
Unser Ziel besteht darin, andere
Staaten zu ermutigen, sich für diese
Sache einzusetzen und die sich in ihren Beziehungen mit dem Iran ergebenden Möglichkeiten auszuschöpfen, um
ihrer Mißbilligung konkret Ausdruck
zu verleihen.
Wir haben den Fall Rushdie in
mehreren Ländern angesprochen - zum
Beispiel auch in Japan und der Sowjetunion - und sie gebeten, ihre Ablehnung dieses Verhaltens klar und
deutlich zu artikulieren.
Unsere
Botschaften auf der ganzen Welt sind
mit Material über diesen Fall für Gespräche mit dem jeweiligen Gastland
versorgt worden.
Wir stellen fest, daß die westeuropäischen Länder zusammenarbeiten
und ihr Vorgehen koordinieren. Die
Europäische Gemeinschaft
hat beispielsweise ihre Botschafter aus dem
Iran abgezogen und hochrangige Besuche bis auf weiteres verschoben. Wie
bereits erwähnt, hat der Europarat
die iranischen Drohungen schärfstens
verurteilt. Präsident Bush hat seine
Unterstützung dieses Vorgehens zugesichert. Wir beabsichtigen, noch in
dieser Woche eine Erklärung bei der
Sitzung der Menschenrechtskommission
der Vereinten Nationen in Genf abzugeben.
Die Kommission weiß, daß die Vereinigten Staaten ihre diplomatischen
und wirtschaftlichen Beziehungen mit
dem Iran bereits zahlreichen Restriktionen unterworfen haben. Das amerikanische Verbot, militärisch verwendbare Produkte an den Iran zu verkaufen bleibt ebenso fest bestehen wie
das nahezu vollständige Embargo gegen
iranische Exporte in die Vereinigten
Staaten. Nach wie vor versuchen wir,
den Verkauf von Waffen aus Drittländern an den Iran zu unterbinden. Wie
Sie bereits wissen, sind wir in Iran
nicht offiziell vertreten und die zu
den Vereinten Nationen in New York
entsandten iranischen Diplomaten unterliegen weiterhin Reisebeschränkungen. Wir haben strikte Sicherheits-

vorschriften, die einzuhalten sind,
bevor ein Visum gleich welcher Art an
einen iranischen Staatsbürger erteilt
wird.
Bedrohungsanalyse
Auch auf anderer Ebene setzen wir
uns mit den Sicherheitsaspekten der
iranischen
Bedrohung
auseinander,
versuchen die politische Bedrohung
umfassender zu analysieren und gegebenenfalls die entsprechenden Vorkehrungen zu treffen. Aus den vom Iran
abgegebenen Erklärungen lassen sich
zwei Dimensionen dieser Bedrohung
entnehmen. Die eine besteht in möglichen Aktionen von Einzelpersonen,
die zwar von sich aus, jedoch ermutigt durch die Bekundungen des Iran
und die in Aussicht gestellte Belohnung für die Ermordung des Autors auf
die Ausführungen in Rushdies Buch reagieren.
Die zweite Dimension der
Sicherheitsbedrohung ergibt sich aus
der Möglichkeit vom Iran organisierter
professionellerer
Operationen
oder ähnlichem, falls die Organe der
iranischen Regierung selbst aktiv die
Morddrohung verfolgen.
Bei einer Analyse der Bedrohungen
ist Mr. Rushdie eindeutig das offensichtlichste Ziel. Sein Leben ist in
Gefahr; sowohl er als auch die britischen Behörden müssen davon ausgehen,
daß man versuchen wird, die gegen ihn
gerichtete Drohung in die Tat umzusetzen.
Aufgrund
der
britischen
Staatsbürgerschaft von Mr. Rushdie
und seinem Wohnsitz in Großbritannien
sind die britischen Interessen wahrscheinlich das nächstliegende Ziel,
zumindest aus der Sicht von Einzelpersonen, die auf die iranischen
Drohgebärden reagieren.
Angesichts
der Demonstrationen, die bereits gegen kulturelle Einrichtungen der Vereinigten Staaten in Islamabad stattgefunden haben und einer Reihe von
Drohungen, die gegen Einzelpersonen
und Unternehmen in den Vereinigten
Staaten ausgestoßen wurden, sind auch
wir ein potentielles Ziel. Im Hinblick auf die Einrichtungen in Über-

- 5 -

�see hat das Außenministerium alle diplomatischen Vertretungen in den am
meisten gefährdeten Gebieten von der
Möglichkeit antiamerikanischer Aktivitäten in Kenntnis gesetzt. Die diplomatischen Vertretungen wurden angewiesen, dem Außenministerium über
Reaktionen vor Ort auf den Fall Rushdie Bericht zu erstatten. Die amerikanische Flugsicherheit ist bereits
aufgrund des Bombenanschlags auf Pan
Am-Flug 103 erhöht worden und weitere
Drohungen werden nach wie vor sorgfältig ausgewertet.
Mit Blick auf die Zukunft ist es
schwierig, eine Beurteilung der Weiterentwicklung dieser Situation abzugeben, ob die Drohungen des Iran und
die von ihm heraufbeschworenen Gewaltakte sich in nichts auflösen oder
ob es tatsächlich in Verbindung mit
iranischen Regierungsbehörden weitere
Anschläge geben wird. Für den letzteren Fall hat Präsident Bush bereits
eindeutig klargestellt, daß der Iran
dafür zur Verantwortung gezogen wird.
Solange die iranische Regierung
weiterhin absolut gewissenlos und unverantwortlich handelt, muß sich Teheran zumindest auf heftige Kritik
und Isolation gefaßt machen. Dieser
Vorfall ist nicht das einzige Ereignis, das den Iran isoliert und ihn
von normalen Beziehungen mit der
übrigen Welt ausschließt. Die iranische Regierung setzt ihre Politik der
Unterstützung
des
internationalen
Terrorismus fort, einschließlich der
Terroristen, die die Geiseln im Libanon gefangenhalten.
Wir erachten
diese Politik als verabscheuungswürdig und inakzeptabel. Sie muß ein
Ende haben, wenn der Iran ein Mitglied der internationalen Staatengemeinschaft werden will.
Herr Vorsitzender - viele Moslems
fühlen sich von diesem Werk beleidigt.
Aber kein Mensch hat das
Recht, einen Mordanschlag auf einen
anderen für das, was er denkt und
schreibt, auszuüben. Der Islam ist
ebenso wie das Christen- und Judentum
eine der größten monotheistischen Re-

ligionen der Welt, die dem menschlichen Leben tiefe Verehrung erweisen.
Der vielleicht traurigste Aspekt dieser tieftraurigen Angelegenheit ist,
daß durch sie einige der Grundüberzeugungen des Islam in Mißkredit gebracht werden können.
Noch ein letzter Punkt: In unserer Entrüstung über das Verhalten des
Iran ist es doch von Bedeutung, daß
wir nicht fälschlicherweise annehmen,
es handele sich um einen grundsätzlichen Konflikt zwischen islamischen
und westlichen Werten. Das Buch "Die
satanischen Verse" verwendet islamische Thesen und Symbole für fiktive
und künstlerische Zwecke. Damit hat
der Autor viele Moslems und auch andere Menschen beleidigt.
Aber der
Konflikt hier besteht nicht zwischen
denjenigen, denen das Buch gefällt
und denjenigen, die es nicht mögen.
Noch liegen wir im Streit mit dem Islam. Wir befinden uns im Streit mit
denjenigen im Iran, die offensichtlich der Überzeugung sind, daß sie im
Namen des Islam das Recht haben,
Mordanschläge
anzustiften und die
sich durch dieses abstoßende Verhalten von der Mehrheit der Moslems und
der Menschheit isoliert haben.
Abschließend möchte ich nochmals
betonen, Herr Vorsitzender, daß die
verantwortungsbewußten Mitglieder der
internationalen
Staatengemeinschaft
in ihrer Verurteilung und ihrer Entrüstung über die Anstiftung zum Mord
und der Bedrohung von Buchhandlungen
und Verlegern und der Redefreiheit an
sich vereint sind. Senator Moynihans
Resolution (S. Res. 69) hebt diese
Tatsache besonders hervor. Wir werden und können Morddrohungen und Versuche, uns bei der Ausübung unserer
Grundrechte zu hindern, nicht tolerieren.
Wir hoffen, daß die iranische
Führung schnell erkennt, daß Anstiftung zur Gewalt den eigenen langfristigen Interessen des Iran in höchstem Maße zuwiderläuft, sein internationales Ansehen zerstört und ein
ernstzunehmendes Risisko für seine

- 6 -

�Beziehungen mit anderen Ländern bedeutet.
Unsererseits werden wir die Situation sorgfältig überwachen und unsere Verpflichtung zum Schutz der
amerikanischen Bürger und Rechte bekräftigen. Darüber hinaus werden wir
weiterhin alles in unserer Macht Stehende tun, jeden davon abzuhalten,
Bedrohungen zu weiteren Gewaltakten
eskalieren zu lassen.

*

* * * * *

- 7

�AMERIKA DIENST
'VON

4

Dokumentation

11

15. März 1989
VEREINIGTE STAATEN WOLLEN "MAUER DES MISSTRAUENS" IN EUROPA ABBAUEN
- Ansprache von John Maresca -

WIEN - (AD) - Dem Leiter der amerikanischen Delegation bei den Verhandlungen über Vertrauens- und sicherheitsbildenden Maßnahmen in Europa (VSBM), John
J. Maresca, zufolge betreffen die von den Vereinigten Staaten und ihren westlichen Verbündeten vorgeschlagenen Maßnahmen "den Kern des Vertrauensproblems
in den europäischen Militärangelegenheiten". Bei der ersten Plenarsitzung
schlug Maresca einen jährlichen Informationsaustausch zwischen Ost und West
über die in Europa stationierten konventionellen Streitkräfte und Waffensysteme vor, um die in den vergangenen vier Jahrzehnten errichtete "Mauer des Mißtrauens" abzubauen.
Nachfolgend veröffentlichen wir die Ansprache des amerikanischen Delegationsleiters im Wortlaut:
Herr Vorsitzender, verehrte Delegierte,
zunächst möchte ich mich meinen
Vorrednern anschließen und die Dankbarkeit meiner Regierung gegenüber
unseren österreichischen Gastgebern
dafür zum Ausdruck bringen, daß sie
diesen herrlichen Rahmen für unsere
Verhandlungen zur Verfügung gestellt
und uns in den vergangenen Tagen
solch großartige Gastfreundschaft erwiesen haben. Wir können nur hoffen,
daß diese historische Umgebung uns
alle zu höchsten Zielen und staatsmännischen Leistungen inspirieren möge.
Bei den von uns heute eröffneten
Verhandlungen geht es um Sicherheit.
Wenn wir nun unsere gemeinsamen Bemü-

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hungen aufnehmen, tun wir gut daran,
alle Teile dieses Konzepts im Auge zu
behalten. Wenn uns die Erfahrung der
KSZE irgend etwas gelehrt hat, dann,
daß die Sicherheit der Nationen durch
militärische
Mittel
allein
weder
vollständig gemessen noch vollkommen
verwirklicht werden kann. Die militärische Konfrontation, die Europa
seit nunmehr vierzig Jahren belastet,
ist tatsächlich Auswirkung und nicht
Ursache, der politischen und gesellschaftlichen Teilung des Kontinents.
Wie Außenminister Baker in seiner
Rede am Montag erklärt hat, kann echte und dauerhafte Sicherheit in Europa nur auf einer Grundlage des Vertrauens begründet werden, des Vertrauens der Nationen gegenüber ihren
Nachbarn und des Vertrauens der Bür-

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�ger gegenüber ihren Regierungen.
Der von den Mitgliedstaaten des
Nordatlantischen
Bündnisses
heute
eingebrachte Vorschlag stellt einen
bedeutenden Schritt zum Aufbau dieser
Art von Vertrauen im Bereich der militärischen Angelegenheiten dar. Aus
diesem Grund wird er von der Regierung der Vereinigten Staaten voll und
ganz unterstützt.
Es kann nicht erwartet werden,
daß die Nationen ihre Streitkräfte
verringern, wenn sie nicht in gewissem Maß darauf vertrauen können, daß
ihre Nachbarn keinerlei feindselige
Absichten gegen sie hegen. Die massiven Stationierungen von Streitkräften mit offensiven Fähigkeiten seitens der Sowjetunion und des Warschauer Pakts in ganz Mitteleuropa
sowie an den Flanken des europäischen
Kontinents lassen kein Vertrauen aufkommen. Fügt man dem noch die geschlossenen Grenzen, die Unterdrückung politischer und gewerkschaftlicher Bewegungen sowie die erdrückende
Geheimhaltungspraxis hinzu, mit deren
Hilfe praktisch alle militärischen
Angelegenheiten des Warschauer Pakts
verschleiert werden, dann nimmt es
nicht wunder, daß der Westen seit
vier Jahrzehnten seine Nachbarn im
Osten mit Mißtrauen und Furcht betrachtet.
Unser Vorschlag ist darauf ausgelegt, weiter am Abbau dieser Mauer
des Mißtrauens zu arbeiten. Die von
uns und unseren Verbündeten vorgeschlagenen Maßnahmen betreffen den
Kern des Vertrauensproblems in den
europäischen militärischen Angelegenheiten. Mit einfachen Worten: Wir
schlagen vor, daß alle europäischen
Staaten auf jährlicher Basis vollständige Informationen darüber austauschen sollten, welche konventionellen Streitkräfte und Waffensysteme
sie auf dem europäischen Kontinent
stationiert haben und wo diese stationiert sind. Um unser Vertrauen in
die erhaltenen Informationen zu vertiefen, werden wir das Recht fordern,
diese direkt auszuwerten.

Ferner schlagen wir und unsere
Verbündeten vor, die bestehenden Regelungen zur Inspektion und Beobachtung
militärischer
Handlungen
zu
stärken, um unsere Einschätzung von
Fähigkeiten und Absichten zu verbessern. Wie Sir Geoffrey Howe am Montag erklärt hat: "Eine gute Idee ist
es wert, daß man sie verbessert."
Des weitern haben wir ein innovatives neues Forum vorgeschlagen, auf
dem Vertreter des militärischen Establishments unmittelbar ihre Meinungen
und
Anliegen
austauschen
können.
Meines Erachtens können wir im Hinblick auf die Aussichten für Fortschritte in Richtung auf eine stabilere und sicherere Zukunft Europas
wirklich optimistisch sein. Das Klima der Ost-West-Beziehungen ist heute
Fortschritten bei der Tagesordnung
von Frieden und Sicherheit vielleicht
förderlicher als zu irgendeinem Zeitpunkt der vergangenen vierzig Jahre.
Das "neue Denken" in der Sowjetunion
und in einigen Staaten Osteuropas
birgt in sich die Möglichkeit des
Wandels in der Haltung jener Regierungen gegenüber ihren Nachbarn und
Bürgern.
Unser Optimismus sollte jedoch
von Realismus und Klugkeit gezügelt
werden. Ebenso wie Chancen bestehen,
die wir verfolgen müssen, gibt es Realitäten, die wir nicht außer acht
lassen dürfen. Der Kalte Krieg war
keine Fata Morgana. Er war eine reale internationale Lage mit eindeutigen Merkmalen, der politischen Teilung Europas, der Militarisierung der
Ost-West-Beziehungen und dem Wettbewerb zwischen zwei weitgehend unvereinbaren
Gesellschafts- und
Wirtschaftssystemen. Alle diese Merkmale
existieren
in mehr oder weniger
scharfer Form auch heute noch.
Trotzdem müssen wir keine Gefangenen einer unglücklichen Vergangenheit oder einer komplizierten Gegenwart sein.
Kein Aspekt der OstWest-Beziehungen ist vor dem Wandel
zum Besseren gefeit. In dieser Hinsicht begrüßen wir den neuen Wind aus

�dem Osten. Glasnost und Perestrojka
sind Begriffe, die Hoffnung in den
Herzen von Millionen Europäern geweckt haben.
Unsere Hoffnungen auf eine stabilere und
friedlichere europäische
Ordnung sind jedoch in der Vergangenheit enttäuscht worden. Wir im Westen sehen erwartungsvoll den Taten
entgegen, die den Schlagworten Bedeutung und Substanz verleihen.

t
*

Wir begrüßen die Gelegenheit zu
Gesprächen über unsere konventionellen Streitkräfte - dies sind defensive Streitkräfte, und sie haben niemals eine Bedrohung für die Sicherheit irgendeines Staates auf diesem
Kontinent
dargestellt.
Wir
sind
gleichermaßen bereit, die Ausweitung
der Offenheit in militärischen Angelegenheiten zu diskutieren.
Offenheit bedeutet für die westlichen Demokratien keine Herausforderung, sie
ist ein natürliches Merkmal unserer
freien Gesellschaften.
Gleichzeitig werden wir jedoch
alle im Rahmen dieser Gespräche unterbreiteten Vorschläge mit den gleichen strengen Maßstäben messen, die
wir an die von uns und unseren Verbündeten heute eingebrachten Maßnahmen gelegt haben. Der Erfolg unseres
Unterfangens kann nur mit der Dimension verbesserter Sicherheit für alle
hier vertretenen Staaten gemessen
werden, Wir werden in diesen Verhandlungen auf keine Vereinbarungen
eingehen, mit denen die Fähigkeit des
Westens zur Selbstverteidigung ausgehöhlt werden.
Die vor uns liegende Aufgabe der Ausbau von Offenheit und Vertrauen in militärischen Angelegenheiten ist wichtig. Wie ich jedoch schon
vorhin festgestellt habe, sind unsere
Bemühungen lediglich Teil eines umfassenderen Prozesses. Die von uns
in militärischen Angelegenheiten angestrebte Sicherheit und Offenheit
muß sich also auch auf das Verhältnis
zwischen Regierungen und Regierten in
ganz Europa erstrecken.
- 3

Nur wenn Ideen, Menschen und Informationen die Grenzen ungehindert
passieren können und der Einzelne in
allen Ländern ein Mitspracherecht an
Entscheidungen besitzt, die sein Leben betreffen, werden wir In der Lage
sein, ein Europa zu schaffen, das
wahrhaft stabil und sicher ist,
Diese Gedanken sind vielen von
uns lieb und teuer, für andere eine
attraktive Alternative. Leider werden sie jedoch von einigen immer noch
als Bedrohung empfunden. Wie man sie
jedoch betrachten mag, diese einfachen Ideen verkörpern die Zukunft.
Wir hoffen aufrichtig, daß das von
uns heute im Bereich der militärischen Vertrauensbildung begonnene Unterfangen dazu dienen wird, diese umfassendere Vision der Offenheit und
Freiheit für alle Europäer zu fördern.

* * * * *

�AMERIKA DIENST
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Wissenschaft und Technik

15. März 1989

11

Muskeldystrophie, Typ Duchenne
Erster Erfolg zur Defektkorrektur im Tierversuch

(AD) - Knapp ein Jahr nach der
Entdeckung eines als "Dystrophin" bezeichneten Proteins, dessen Ausfall
im Organismus
zu fortschreitendem
Muskelschwund mit schwerer Behinderung und Tod meist schon in jungen
Jahren führt, haben Forscher im Tierversuch einen Weg gefunden, um den
Abbau der Muskelzellen zu stoppen.
Sie injizierten dystrophen Mäusen unreife Muskelzellen, woraufhin der
tierische Organismus begann, Dystrophin zu produzieren. Dies mag ein
erster, aber sehr bedeutsamer Schritt
sein, um endlich eine Therapie entwickeln zu können.

Folge einer genetischen Störung, die
die Produktion des Proteins Dystrophin verhindert. Bereits im ersten
Lebenjahr macht sie sich bemerkbar
und schreitet dann sehr rasch fort.
Nur wenige Patienten haben eine Chance, das dritte LebensJahrzehnt zu erleben.
In den Vereinigten Staaten
beträgt
die Häufigkeit
bei ausschließlich männlichen Neugeborenen
1:3500. Noch nicht allzu lange ist
bekannt,daß das dafür verantwortliche
Gen auf dem X-Chromosom liegt, sehr
groß ist und etwa ein Zweitausendstel
des menschlichen Genoms (d.H. der
Genmasse im Chromosomensatz) ausmacht.

Die Rede ist von infantiler progressiver Muskeldystrophie, "Typ Duchenne" (in der englischen Terminologie mit DMD abgekürzt). Sie ist die

Obgleich die exakte Funtkion des
bei DMD-Patienten fehlenden Proteins
noch nicht bekannt ist, lassen die
Ergebnisse von neuen Studien vermu-

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�ten, daß es die Wand der Muskelzelle
stützt. Bei der Untersuchung extrem
dünner Schnitte von Muskelgewebe unter dem Elektronenmikroskop fand man
das durch spezielle Nachweisverfahren
sichtbar gemachte Dystrophin an der
Innenseite der Plasmamembrane.
Bei
dieser handelt es sich um die die
Zelle nach außen abschließende Wandung, die eine wichtige Funktion für
Transportvorgänge beim Stoffaustausch
zwischen Zelle und Außenmedium erfüllt. Dystrophin scheint Teil des
Zellskeletts zu sein, eines Netzwerks
von Proteinen, das die Zellstruktur
aufrechterhält.
Nach Meinung der
Forscher könnten somit Zellen, denen
Dystrophin fehlt, der normalen Muskelarbeit nicht
standhalten.
Sie
würden durch sie aufgerissen und zerstört.
Der amerikanische Genetiker Louis
Kunkel vom "Howard Hughes Medical Institute" In Boston (Massachusetts),
der die Tierexperimente mit Mäusen
leitete, bezeichnet die neuen Ergebnisse als "Voraussetzung für erste
Schritte zur Entwicklung therapeutischer Präparate für die Behandlung
von DMD". Weitere Experimente mit
Mäusen wurden und werden an der "Charing
Cross
and
Western
Medical
School" in London sowie am Neurologischen Institut von Montreal (Kanada)
durchgeführt. Dr. Donald Wood, Direktor für Forschung der Amerikanischen Gesellschaft für Muskeldystrophie, sagte kürzlich in Washington,
daß noch im Laufe dieses Jahres erste
Experimente an DMD-Patienten geplant
seien. (DMD ist die häufigste Form
von Erkrankungen im Zusammenhang mit
Muskeldystrophie.)
Diese
Studien,
für die einzelne Muskelstränge und
wenige Muskelgruppen ausgewählt würden, könnten den Anfang größerer Studien am Menschen bilden. Aber es sei
viel zu früh, sich dazu zu äußern,
wann Injektionen - sollten sie sich
als nützlich erweisen - im größeren
Umfang verfügbar werden.
Frühere Arbeiten hatten übrigens
auch gezeigt, daß Dystrophin, ofgleich es nur ein Fünfzigtausendstel

Anteil an den Muskelproteinen besitzt, offenbar eine wichtige Rolle
bei der Erhaltung des Calcium-Gleichgewichts spielt.
Calcium wird als
Elektrolyt für die normale Muskelerregung
und
Muskelkontraktion
gebraucht. Dr. Eric Hoffman von "Children's Hospital" in Boston vermutet,
daß durch die Störung des Calciumgleichgewichts ein Enzym aktiviert
wird, das Muskelfasern auflöst. Und
im Versuch des Organismus, dem gegenzusteuern, komme es zur Fibrose der
Skelettmuskulatur, d.h. zu einem Verhärtungsprozeß, der die Muskelfunktion beeinträchtigt.
Forschungsberichte
israelischer
Wissenschaftler besagen, daß Dystrophin, allerdings in anderer Form,
auch
von
Gehirnzellen
produziert
wird. Diese Entdeckung könnte möglicherweise erklären helfen, weshalb
bei manchen DMD-Patienten geistige
Retardierung beobachtet wird.
Etwa
30 bis 50 Prozent der Patienten sind
in sehr leichter bis mäßiger Form davon betroffen.
* * * * *

�AMERIKA DIENST
r

V,oN^

Wissenschaft und Technik

15. März 1989

11

TABAK ALS DROGE EINSTUFEN
Nationaler Krebsbeirat fordert Kampagnen gegen das Rauchen

(AD) - Mit ca. 576 000 Krebstoten
pro Jahr haben die Vereinigten Staaten nach Schätzungen von Wissenschaftlern des "National Cancer Institute" (Krebsforschungsistitut der
Medizinischen Bundesforschungsanstalten der USA) bis zum Jahr 2000 zu
rechnen.
Das hieße, mehr als ein
Viertel aller Todesfälle wären auf
Krebs zurückzuführen. In den gegenwärtigen Krebsstatistiken falle auf,
so der Direktor des Instituts Dr. Samuel Broder, daß etwa ein Drittel aller Todesfälle durch Krebs auf Rauchen zurückzuführen sei. Er nennt es
"eine traurige Tatsache, daß in unseren Schätzungen für 1989 Lungenkrebs
bei Frauen den Brustkrebs als häufigste Todesursache bei Krebserkrankungen überholt hat. Bei Männern macht
er 35 Prozent der Krebserkrankungen

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mit Todesfolge aus".
Der Nationale Krebsbeirat (National Cancer Advisory Board - NCAB),
dessen Mitglieder vom amerikanischen
Präsident ernannt werden und der das
Nationale Krebsforschungsinstitut berät, setzte sich kürzlich für verstärkte Anstrengungen ein, um Tabakrauchen ganz auszuschalten. Außerdem
sollten in verstärktem Maße Krebsvorsorgeuntersuchungen in Anspruch genommen werden. Die Empfehlungen basieren u.a. auf den Ergebnissen öffentlicher Anhörungen, die in den
vergangenen zwei Jahren in fünf grossen amerikanischen Städten landesweit
durchgeführt wurden.
In ihrem Bericht fordert das
NCAB-Gremium mehr Druck und Aktivitä-

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�ten der Behörden und anderer öffentlicher Stellen, um Rauchen und Tabakgenuß in den Vereinigten Staaten bis
zum Jahr 2000 völlig zu eliminieren.
Auch solle der US-Kongreß Tabak als
eine Droge klassifizieren, so daß er
unter die von der US-Behörde für Nahrungs- und Arzneimittel (FDA) erlassenen Bestimmungen falle.
In den
Passagierflugzeugen aller Fluglinien
und in allen übrigen Transportmitteln, am Arbeitsplatz, in öffentlichen und privaten Schulen und Hochschulen und in allen öffentlichen Gebäuden solle Rauchen verboten werden.
Krebsvorsorgeuntersuchungen, insbesondere auf Brust-, Gebärmutterhalsund Darmkrebs, sollten weit
mehr als bisher wahrgenommen werden.
Zwar seien in der Bevölkerung die
verschiedenen Methoden zum Aufspüren
von Krebs wie z.B. die Mammographie
bereits recht gut bekannt, aber es
werde zu wenig Gebrauch davon gemacht.
Noch bleibe viel zu tun,
heißt es im NCAB-Bericht, um Erkenntnisse und Wissen zu verbessern. Das
gelte auch für den Zugang zu qualitativ guten und preiswerten Testverfahren. Diese sollten "aggressiver" als
bisher eingesetzt werden.
Als "gute Nachricht" bezeichnete
Dr. Broder die Fortschritte der letzten Jahre in der Erforschung genetischer und molekularer Grundlagen von
Krebserkrankungen. Dazu gehöre auch
die Identifizierung regelrechter Familien von Genen, die eine Entwicklung von Krebs beschleunigen oder
verzögern können. Dennoch sehe man
sich noch gewaltigen Problemen gegenüber. "Bis heute verfügen wir noch
nicht über lückenlose Kenntnisse, um
auf molekularer Basis Krebs erklären
zu können. Nicht jeder Krebspatient
kann mit den verfügbaren Therapien
geheilt werden. Und häufig wird das,
was wir genau wissen, zu wenig ernst
genommen."

* * * * *

�</text>
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amcrika
dienet

Herausgeber: U.S. Information Service
Embassy of the United States of America
^TioN

^

Z 12462 C

10

15. März 1995

NW

NICHTVERBREITUNGSVERTRAG ENTSCHEIDENDER ALS JE ZUVOR
Rede von Verteidigungsminister Perry

USA-DEUTSCHLAND

PERSPEKTIVEN DER DEUTSCHAMERIKANISCHEN BEZIEHUNGEN GEMEINSAM VOR NEUEN HERAUSFORDERUNGEN
Rede des Gesandten J.D. Bindenagel

KLIMAKONFERENZ

USA BEFÜRWORTEN ABKOMMEN ZUR
REDUZIERUNG VON TREIBHAUSGASEMISSIONEN
Erklärung von Timothy E. Wirth

TAG DER ERDE

ENTWURF EINER UMWELTVERTRÄGLICHEN
ZUKUNFT - EIN ÜBERBLICK
von Lester R. Brown

PORTRAT

DESIGNIERTER CIA-DIREKTOR IST
INNOVATIVER DENKER
Porträt von John Deutch

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Deichmanns Aue 29
D 53170 Bonn

Tel.:0228-339 23 72
Fax:0228-33 41 02

�NW
15. März 1995

Nichtverbreitungsvertrag entscheidender als je zuvor
Rede von Verteidigungsminister Perry
CHICAGO - (AD) - Aufgrund der "derzeitigen Lockerung des Zugangs zu Nukleartechnologie ist der
Nichtverbreitungsvertrag entscheidender als je zuvor", erklärte Verteidigungsminister Perry am 8. März 1995
in einer Rede vor dem Chicago Council on Foreign Relations.
Nachfolgend veröffentlichen wir die Ansprache des Verteidigungsministers in wesentlichen Auszügen.

Die Vereinigten Staaten haben eine Führungsrolle
bei den Bestrebungen für die unbegrenzte und
bedingungslose Verlängerung des Nichtverbreitungsvertrags (NW) übernommen. Am Montag war der
25. Jahrestag des N W .
Und im vergangenen
Vierteljahrhundert hat dieser Vertrag verhindert, daß
ein unbeschreiblicher Rüstungswettlauf in Regionen
auf der ganzen Welt ausgebrochen ist. Angesichts
der derzeitigen Lockerung des Zugangs zu Nukleartechnologie ist der Nichtverbreitungsvertrag entscheidender als je zuvor. Die NW-Mitgliedstaaten
sind sich bewußt, daß die Verfolgung der Nuklearoption ihre nationale Sicherheit unterminieren statt
schützen kann. Wir wollen, daß die Nichtmitgliedstaaten des N W diese Erkenntnis verinnerlichen
und auf die Nuklearoption verzichten.
Beispielhaft für Nichtverbreitungsbestrebungen war
das von uns mit Nordkorea im vergangenen Sommer
erzielte Rahmenabkommen über die Einstellung des
Nuklearwaffenprogramms des Landes. Nordkorea
hat in der Tat zugestimmt, weit über die Erfordernisse des Vertrags hinauszugehen und sein Nuklearprogramm abzubauen. Zweifelsohne wird dieses
Abkommen schwierig umzusetzen sein, aber mit
jedem von Nordkorea unternommenen Schritt zu
seiner Verwirklichung nimmt die potentielle atomare
Bedrohung in dieser Region weiter ab.
Diplomatie umfaßt auch Rüstungskontrolle. Beispielhaft für Rüstungskontrolle ist im Augenblick das
START Il-Abkommen mit Rußland, das dem Senat
zur Ratifizierung vorliegt. Es ist im Eigeninteresse
der Vereinigten Staaten, die Nukleararsenale des
Kalten Krieges zu reduzieren, unabhängig vom
Ergebnis des Wandels in Rußland - selbst wenn er
negativ ist. START II wird auch die bedrohlichsten
Waffen beseitigen - Interkontinentalraketen mit
Mehrfachgefechtsköpfen. Über die Abschaffung von

AMERIKA DIENST 10

Waffen hinaus wird START II uns das weitere Engagement für die führenden Politiker in Rußland gestatten. Die Beschleunigung dieses Abkommens ist das
Beste, was die Vereinigten Staaten und Rußland tun
können, um unsere beiden Länder sicherer zu
machen.
Wie ich gerade ausgeführt habe, kann Diplomatie die
Nukleararsenale reduzieren und ihre Verbreitung
verhindern helfen. Aber solange Diplomatie Nukleararsenale nicht beseitigen kann, werden die Vereinigten Staaten eine starke nukleare Verteidigungshaltung bewahren. Das Verteidigungsministerium hat
drei Richtlinien der nuklearen Verteidigung aufgestellt.
Die erste Richtlinie besteht in der Verringerung der
Bedrohung. Die zweite ist die Abschreckung der
Bedrohung. Und wenn alles andere scheitert, müssen wir schließlich zur Verteidigung gegen die
Bedrohung bereit sein.
Ich möchte auf jeden dieser Punkte näher eingehen.
Erstens, was können wir zur Verringerung der nuklearen Bedrohung tun? Es erfordert Phantasie, harte
Arbeit und sogar Geld. Die Phantasie haben die
Senatoren Nunn und Lugar mit ihrem 1991 entworfenen Programm entwickelt, das den ehemaligen
sowjetischen Staaten bei der Beseitigung der noch
auf ihrem Boden befindlichen Nukleararsenale
behilflich ist. Die harte Arbeit wird vom Verteidigungsministerium in Zusammenarbeit mit unseren
Amtskollegen in Rußland, Belarus, Kasachstan und
der Ukraine geleistet. Das Geld kommt vor allem aus
diesen Nationen. Und dank des Nunn-Lugar-Programms kann das Verteidigungsministerium bis zu
400 Millionen Dollar pro Jahr für die Zerstörung
dieser Nukleararsenale aufwenden.
Mit dem Nunn-Lugar-Programm wird die nukleare
Bedrohung Rakete um Rakete, Fabrik um Fabrik und

Seite 1

�Person um Person reduziert. Es hat bereits dazu
beigetragen, 2.600 Gefechtsköpfe von Raketen oder
Bomber-Stützpunkten sowie 750 Raketen von ihren
Trägersystemen zu entfernen und nahezu 600
Trägersysteme und Bomber zu zerstören. Dabei
haben die Nunn-Lugar-Projekte eine Brücke des
Vertrauens und der Zusammenarbeit mit den ehemaligen Sowjetrepubliken geschaffen. Der Gewinn
ist real - beispielsweise wurde die Ukraine durch die
Nunn-Lugar-Hilfe zur Unterzeichnung des Nichtverbreitungsvertrags ermutigt. Infolgedessen ist der
START I-Vertrag in Kraft getreten, der ein Drittel der
amerikanischen und sowjetischen strategischen
Nuklearwaffen eliminieren wird. Das Nunn-LugarProgramm hat wesentlich zur Aufhebung der Pattsituation bei START I beigetragen.
Das Programm hilft den ehemaligen sowjetischen
Staaten bei der Konversion von Rüstungsfabriken zu
kommerzieller Produktion, der Umschulung von
Arbeitnehmern und Wissenschaftlern für die Produktion zu friedlichen Zwecken und der Pensionierung
von Raketenfachleuten.
Kritikern zufolge sind die Projekte nicht geeignet zur
Verwendung von Verteidigungsmitteln. Ich bin
anderer Meinung. Der Abbau der Waffeninfrastruktur ist ebenso wichtig wie die Zerlegung der Waffen
selbst. Die Menschen und Einrichtungen hinter den
Waffen haben eine Schlüsselrolle in der Volkswirtschaft und Gesellschaft dieser Länder gespielt. Um
die Waffen zu beseitigen, müssen wir uns also mit
den wirtschaftlichen und sozialen Konsequenzen
befassen.
Um bei der Konversion sowjetischer Rüstungsfabriken zu nichtmilitärischer Produktion behilflich zu
sein, stellt das Nunn-Lugar-Programm Kontakte zu
amerikanischen Unternehmen her, mit denen Jointventures gegründet werden. Ein zusätzlicher Vorteil
dieser Joint-ventures ist, daß sie beim Aufbau der
russischen Wirtschaft behilflich sind und es amerikanischen Unternehmen ermöglichen, Fuß in einem
wachsenden neuen Markt zu fassen.
Dank des Nunn-Lugar-Programms finden die erfahrensten Atomwissenschaftler Arbeit in der zivilen
Forschung, damit sie nicht versucht sind, das Land
zu verlassen und Starthilfe beim Aufbau der Nuklearprogramme im Iran oder Irak zu geben. Statt
dessen könnte ihre nichtmilitärische Forschung zu
kommerziellen Projekten und Geschäften zwischen
Amerikanern und Russen beitragen.
Das Nunn-Lugar-Programm stellt auch Wohnraum
für die Offiziere bereit, die diese Raketen bedienen
und überwachen. Es sind dieselben Offiziere, die
uns bei der Schließung der ehemaligen sowjetischen

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Stützpunkte helfen. Ohne Wohnungen kann die
Ukraine diese Offiziere nicht aus dem Dienst entlassen, und wir können die Stützpunkte nicht schließen.
Wir haben daher 20 Millionen Dollar der Nunn-LugarMittel für den Aufbau von zwei amerikanisch-russischen Geschäftspartnerschaften zugewiesen, um
Fertighäuser in der Ukraine herzustellen. Die Ukrainer stellen die Fabriken zum Bau dieser Häuser
bereit - Fabriken, die einstmals sowjetische Marineschiffe und Raketensilos produzierten. Die Amerikaner liefern den Entwurf und das Know-how für die
Herstellung der Fertighäuser. Nachdem die Häuser
für die Offiziere gebaut worden sind, beabsichtigt die
Partnerschaft den Bau von Häusern für den kommerziellen Markt in der Ukraine als gewinnbringendes
Unternehmen. Dieses Programm ist ein Gewinn für
die Sicherheit der Vereinigten Staaten. Es ist ein
Gewinn für die Stabilität der Ukraine. Und es ist ein
Gewinn für die amerikanische Industrie.
In den Vereinigten Staaten argumentieren einige
Kritiker, das Nunn-Lugar-Programm sei ein Trick der
Russen zum Erhalt ihrer Rüstungsindustrie. In
Rußland sagen die Kritiker, Nunn-Lugar sei eine
Verschwörung zum Abbau der russischen Rüstungsindustrie. Beide Lager haben unrecht. Für die
Vereinigten Staaten ist das Nunn-Lugar-Programm
eine Verteidigung mit anderen Mitteln, ein kostengünstiger Weg zur Reduzierung der potentiellen nuklearen Bedrohung. Für Rußland und seine Nachbarn
mit Atomwaffen ist das Programm eine Form der
Unterstützung bei der Zerlegung von Atomwaffen und
bei Wirtschaftsreformen. Für die Vereinigten Staaten
und Rußland trägt das Nunn-Lugar-Programm zur
Durchführung der nuklearen Abrüstungsabkommen
bei und baut eine nationale und wirtschaftliche
Partnerschaft auf. Es ist ein Programm, bei dem es
auf beiden Seiten der Welt nur Gewinner gibt.
Das Nunn-Lugar-Programm wird die Welt eindeutig
von Nuklearwaffen befreien. Aber solange es Nuklearwaffen auf der Welt gibt, müssen die Vereinigten
Staaten in die nukleare Abschreckung investieren.
Die Erfordernisse an unsere Abschreckung haben
sich seit den Tagen des Kalten Krieges enorm
verändert. Damals lautete unsere nukleare Doktrin
gegenseitig zugesicherte Abschreckung (Mutual
Assured Deterrence - MAD). Bei diesem Konzept
waren die Vereinigten Staaten und die Sowjetunion
zwei Männern vergleichbar, die 10 Meter voneinander
entfernt standen und die beide einen Revolver auf
den Kopf des anderen gerichtet hielten. Beide
Revolver waren geladen, der Abzug gespannt, und
mit zitternden Fingern am Abzug schleuderten sich
die Männer Beleidigungen entgegen. Dieses Gleichgewicht des Schreckens bildete die Grundlage der
amerikanischen Abschreckungspolitik während des

AMERIKA DIENST 10

�Kalten Krieges. Heute sind die Revolver in ihren
Halftern. Die beiden Männer arbeiten in Bereichen
von gegenseitigem Interesse zusammen.
Und
obwohl sie manchmal Meinungsverschiedenheiten
haben, werfen sie sich keine Beleidigungen an den
Kopf. Statt dessen stimmen sie überein, ihre Pistolenkugeln zu reduzieren und zusammenzuarbeiten,
damit ihre Kugeln nicht in die Hände anderer Parteien gelangen.
Zur Anpassung an diese Welt nach der gegenseitig
zugesicherten Abschreckung haben wir eine umfassende Bestandsaufnahme der nuklearen Abschreckungsstreitkräfte der Vereinigten Staaten
vorgenommen. Diese Überprüfung des nuklearen
Einsatzkonzepts umfaßte das gesamte Spektrum
von Politik über Doktrin, Streitkräftestruktur, Operationen, Sicherheit, Zuverlässigkeit bis zu Rüstungskontrolle. Sie bestätigte unseren Verdacht, daß
Nuklearwaffen eine andere und kleinere Rolle in
unserer nationalen Sicherheitsstrategie spielen
werden.
Zunächst ergab diese Überprüfung, daß die Vereinigten Staaten ihre Nuklearstreitkräfte stark reduzieren können. Und das haben wir getan. In den
vergangenen sechs Jahren wurde unser gesamter
aktiver Nuklearbestand um nahezu 60 Prozent
verringert. Verglichen mit damals haben wir heute
nur halb soviele strategische Gefechtsköpfe und nur
10 Prozent der taktischen Gefechtsköpfe. START II
wird unser Nukleararsenal noch weiter abbauen.
Aber angesichts der unsicheren Zukunft Rußlands
und der noch vorhandenen Nuklearwaffen auf der
Welt empfahl unsere Überprüfung des nuklearen
Einsatzkonzepts eine "Strategie der Vorsicht", falls
erneut eine nukleare Bedrohung auftritt. Der Verteidigungshaushalt für 1996 sieht rund 7 Milliarden
Dollar für unsere nukleare Triade vor, um diese
Vorsicht zu gewährleisten. Es stimmt, 7 Milliarden
Dollar sind kein Almosen. Aber es ist nur ein Drittel
des Betrags, den wir im Rahmen der MAD-Doktrin
für Abschreckung ausgaben.
Das ist die gute Nachricht - wir benötigen weniger
nukleare Abschreckung. Die schlechte Nachricht ist,
daß Abschreckung in diesem Zeitalter vielleicht nicht
einmal die kalte Bequemlichkeit wie während des
Kalten Krieges bietet. Wir könnten uns mit Terroristen oder verbrecherischen Regimen mit ballistischen Raketen und Nuklearwaffen konfrontiert
sehen.
Sie werden die Abschreckungstheorie
wahrscheinlich nicht annehmen.
Sie könnten
verrückter als die MAD-Doktrin sein.
Die Operation Wüstensturm war ein Alarmsignal.
Saddam Hussein hatte ballistische Raketen. Er war

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ohne Rücksicht auf die herkömmlichen Regeln des
Krieges zu ihrem Einsatz bereit und tat dies, indem er
SCUD-Raketen auf israelische Städte abfeuerte. Wir
hatten Glück - großes Glück - daß er keine nuklearen
Gefechtsköpfe hatte.
Falls die Abschreckung versagt, besteht unsere dritte
Richtlinie in der Verteidigung gegen die nukleare
Bedrohung. Aus diesem Grund entwickeln wir eine
Verteidigung mit ballistischen Raketen. Wir konzentrieren uns jedoch vornehmlich auf eine gefechtsfeldgebundene Verteidigung, weil dies die reale,
mittelfristige Bedrohung ist.
Zur Zeit sind über 25 Nationen im Besitz von nuklearen, chemischen oder biologischen Waffen oder mit
ihrer Entwicklung befaßt. Mehr als 15 Nationen
verfügen über ballistische Trägerraketen.
Und
ballistische Raketen werden zu alltäglichen Waffen
auf dem Schlachtfeld. Wie der Irak demonstrierte,
sind mobile ballistische Raketen schwer zu lokalisieren und zu zerstören.
Gefechtsfeldgebundene
ballistische Raketen stellen gegenwärtig eine Bedrohung unserer in Übersee oder zur Verteidigung
eines Verbündeten stationierten Streitkräfte dar.
Daher verfolgen wir ein klar definiertes Programm - in
Höhe von 2 Milliarden Dollar pro Jahr - um bis zum
Ende dieses Jahrhunderts eine gefechtsfeldgebundene Verteidigung zu entwickeln und zu dislozieren.
Auf einer anderen Schiene bereiten wir uns auch auf

die Stationierung einer Raketenverteidigung in den
Vereinigten Staaten vor, falls eine strategische
Bedrohung unserer Nation entstehen sollte. Gegenwärtig sind nur Rußland und China im Besitz von
Interkontinentalraketen, die uns erreichen könnten.
Ein absichtlicher, versehentlicher oder nicht genehmigter Abschuß ist unwahrscheinlich. Aber andere
Nationen könnten in Zukunft ihre eigenen Interkontinentalraketen entwickeln. Aus diesem Grund haben
wir ein "technologisches Bereitschaftsprogramm" für
eine nationale Raketenverteidigung in einem "dreiplus-drei" Zeitrahmen eingeführt. Das heißt, drei
Jahre für die Entwicklung und Erprobung eines
Systems für die Produktion und weitere drei Jahre
für seine tatsächliche Stationierung.
Hierbei handelt es sich nicht um ein weltraumgestütztes Abfangsystem wie die Strategische Verteidigungsinitiative. Der einzige weltraumgestützte Teil unseres
Systems wären die Frühwarnsensoren. Und im
Gegensatz zu SDI wäre dies eine "dünne" Verteidigung gegen vielleicht ein Dutzend Gefechtsköpfe und
kein Schutzschild gegen einen massiven Angriff.
Dieses System wäre sehr viel einfacher, kostengünstiger und auf die Bedrohung der nuklearen Weiterverbreitung zugeschnitten.
Es stünde auch im
Einklang mit dem ABM-Vertrag. Insgesamt geben wir

Seite 3

�also rund 3 Milliarden Dollar pro Jahr für Verteidigungsprogramme mit ballistischen Raketen, für
gefechtsfeidgebundene Verteidigung und für die
nationale Verteidigung aus.

Die nukleare Bedrohung hat sich seit dem Ende des
Kalten Krieges dramatisch verringert. Aber vielleicht
wird es uns nie gelingen, die Büchse der Pandora zu
schließen, die vor 53 Jahren nur wenige Kilometer
von hier entfernt geöffnet wurde. Wir können die
Erfindung der Atombombe nicht rückgängig machen.
Wir können E=mc2 nicht außer Kraft setzen. Aus
diesem Grund müssen wir all unsere Bestrebungen
der Kontrolle dieser furchtbaren Waffen widmen.

* * * * *

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AMERIKA DIENST 10

�USA-DEUTSCHLAND
15. März 1995

Perspektiven der deutsch-amerikanischen Beziehungen gemeinsam vor neuen Herausforderungen
Rede des Gesandten J.D. Bindenagel
FRANKFURT - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die vom Gesandten der Amerikanischen Botschaft, J.D.
Bindenagel, am 13. März bei der Steuben-Schurz-Gesellschaft in Frankfurt gehaltene Rede.

Meine sehr verehrten Damen und Herren,
es ist mir ein großes Vergnügen, heute abend mit
Ihnen über die deutsch-amerikanischen Beziehungen
sprechen zu dürfen. Ich komme gerne nach Frankfurt, nicht nur weil ich die Gelegenheit zu einem
Gedankenaustausch mit Ihnen schätze, sondern
auch, weil die Steuben-Schurz-Gesellschaft einen
maßgeblichen Beitrag zur Vertiefung der deutschamerikanischen Beziehungen leistet.
Einleitung
Bei der Vorbereitung auf diese Rede habe ich
natürlich etwas über den Lebensweg von Frederick
William Augustus von Steuben - wie er sich in
meinem Heimatland nannte - gelesen. Was mich,
abgesehen von seinen Erfolgen beim Aufbau schlagkräftiger Streitkräfte am meisten beeindruckt hat und
damals auch den amerikanischen Kongreß, waren
von Steubens Anstellungsbedingungen bei der
Continental Army. Neben der Begleichung seiner
Kosten erbat er ein vom Kongreß festzusetzendes
Ertolgshonorar. Im Falle seines Scheiterns wollte er
dagegen keine weitergehenden Ansprüche stellen.
Der Rest der Geschichte ist bekannt.
Der zweite, nicht minder bedeutende Namensgeber
Ihrer Gesellschaft, Carl Schurz, hatte auch ein
aufregendes und abwechslungsreiches Leben.
Angesichts der Absicht der Clinton-Administration,
den Regierungsapparat zu reformieren, haben mich
die innovativen Gedanken von Carl Schurz zum
Thema "öffentlicher Dienst" überrascht.
Beide Persönlichkeiten haben einen bedeutenden
Beitrag zur Gestaltung des Staates und der Entwicklung einer politischen Kultur in den Vereinigten
Staaten geleistet.

AMERIKA DIENST 10

Die deutsche Steuben-Schurz-Gesellschaft hält die
Erinnerung an diese beiden Männer wach: Ihre
kulturellen Aktivitäten, ihre zahlreichen Veranstaltungen und nicht zu vergessen die Vergabe von Stipendien sind Ausdruck einer tiefen Verbundenheit mit
dem amerikanischen Volk. Es freut mich besonders,
daß es Institutionen und Organisationen gibt wie die
Ihrige, die abseits der staatlich geförderten Kulturpolitik die Beziehungen pflegen.
Die Bekämpfung des Haushaltsdefizits in den Vereinigten Staaten hat nach den Kongreßwahlen im
November letzten Jahres eine neue Aktualität erlangt.
So hat die Debatte über eine Gesetzesvorlage, die
einen ausgeglichenen Staatshaushalt vorschreibt,
allen Beobachtern deutlich gemacht, wie prekär die
Haushaltslage ist. Dies hat auch Auswirkungen auf
das Budget für auswärtige Angelegenheiten. Einsparungen, die auch unsere kulturellen Aktivitäten in
Deutschland betreffen, werden sich im kommenden
Finanzjahr wiederum nicht ganz vermeiden lassen.
Die Steuben-Schurz-Gesellschaft wie auch andere
deutsch-amerikanische Verbände und Organisationen
bilden deshalb eine wichtige, tragfähige Brücke
zwischen dem deutschen und amerikanischen Volk,
die erfreulicherweise ohne staatliche Zuschüsse
auskommt.
Wechselwirkungen im Beziehungsgeflecht
Immer wenn ich nach Frankfurt komme, erinnere ich
mich an die Rede des damaligen Präsidenten John F.
Kennedy in der Paulskirche am 25. Juni 1963.
Damals verwies er auf die vielfältigen Impulse, die
1848 von Frankfurt ausgingen und ihren Widerhall im
amerikanischen Unabhängigkeitskrieg fanden. Damit
wollte er zu Recht auf die schon im letzten Jahrhundert entstandene Interdependenz zwischen beiden
Völkern aufmerksam machen.

Seite 1

�Obgleich sich die Zeiten erheblich gewandelt haben
- und ich glaube im Namen aller hier Versammelten
sprechen zu dürfen, wenn ich sage, "erfreulicherweise" - gelten die Worte des Präsidenten noch heute,
als er über die Beziehungen zwischen Deutschland
und den Vereinigten Staaten sprach:
"We are partners for peace - not in a narrow
bilateral context but in a framework of Atlantic
partnership".
Wenig später nennt er gemeinsame Ziele, deren
Gültigkeit außer Frage stehen:
"Peace and freedom for all men, for all time, in a
world of abundance, in a world of justice."
Im zeitgeschichtlichen Vergleich mit der politischen
Situation vor 32 Jahren hat sich in dieser Richtung
vieles getan. Wir können nach dem Fall der Berliner
Mauer, der friedlichen Umgestaltung Osteuropas und
dem Zerfall der Sowjetunion mit Fug und Recht
behaupten, einen epochalen Wandel zu erleben.
Wie schon Dean Acheson, seines Zeichens amerikanischer Außenminister von Januar '49 bis Januar '53
einmal treffend bemerkte, als er über die Gestaltung
der Nachkriegsordnung befragt wurde: "Ich war
dabei." Angesichts der Live-Übertragungen in Funk
und Fernsehen können wir Gleiches behaupten.
Was aber bedeutet dieser epochale Wandel gegen
Ende des Jahrhunderts für das Selbstverständnis
unserer Staaten und die gegenseitigen Beziehungen? Wie gehen wir mit diesen Veränderungen um
und wie gestalten wir sie, wenn wir dazu Gelegenheit haben?
Der Clinton-Administration wird vielfach nachgesagt,
sie würde sich von Europa abkehren, weil sie den
Versuch unternimmt, innenpolitische Reformen zu
initiieren und ihre außenwirtschaftlichen Interessen
auch im asiatisch-pazifischen Raum zu artikulieren.
Sie tut dies, ohne aber von der einzigartigen Kontinuität amerikanischer Überzeugungen Abstand zu
nehmen, wie sie schon Präsident Kennedy in seiner
Frankfurter Rede hervorgehoben hat. Nicht nur, daß
er pragmatisch vom Wandel als Bestandteil jeder
Entwicklung gesprochen hat - "change is the law of
life" -, er traf auch die noch heute gültige Feststellung, unsere Zukunft liege in der Atlantischen Allianz.
Die NATO als transatlantisches Bindeglied
In der Tat, die NATO bleibt das zumindest aus
amerikanischer Sicht wichtigste Bindeglied zwischen
den Vereinigten Staaten und Europa. Die Allianz
dokumentiert, daß die Vereinigten Staaten eine

Seite 2

europäische Macht sind und dies auch bleiben wollen.
Die Atlantische Allianz hat sich auf die neue strategische Lage eingestellt. Die transatlantischen Beziehungen sind schon seit geraumer Zeit aus dem
engen Korsett der reinen verteidigungspolitischen
Vorsorge des Kalten Krieges hervorgetreten. Im
Laufe ihrer Existenz entwickelte sich das Bündnis zu
einer Wertegemeinschaft, die weit mehr als nur ein
multinationales Verteidigungsbündnis darstellt. Und
die NATO hat sich als anpassungsfähig erwiesen, wie
unschwer an der Reform der Streitkräftestruktur und
den Initiativen zu enger militärischer Zusammenarbeit
mit den Staaten des ehemaligen Ostblocks zu sehen
ist.
Die Attraktivität der Atlantischen Allianz wird durch
Beitrittswünsche einiger Staaten Osteuropas unterstrichen: Sie ist ein wirksamer Zusammenschluß
gleichgesinnter Staaten zum Schutz vor militärischen
Gefahren und für Stabilität in Europa. Diese Stabilität
wird allerdings nicht mehr nur durch die NATO
gewährleistet, sondern auch durch die Europäische
Union und andere europäische Institutionen wie die
OSZE.
Die militärische Zusammenarbeit im Rahmen der
NATO bleibt ein wirksames Instrument gegen Tendenzen einer Renationalisierung der europäischen
Sicherheitspolitik. Die amerikanischen Streitkräfte in
Europa unterstreichen auf glaubwürdige Weise, wie
wichtig wir unseren Beitrag zur Beibehaltung eines
sicheren Europas nehmen.
Neue Herausforderungen nach dem Ende des
Kalten Krieges
In Zeiten großer Transformationen gibt es immer
wieder Stimmen, die für eine Abkehr von der Geschichte plädieren. Geschichtliche Lektionen lassen
sich aber nicht einfach ad acta legen. Und eine
bedeutende Lehre spricht Präsident Kennedy in
seinen Ausführungen an: Eine Gefährdung der
Freiheit Europas bedroht auch immer die Freiheit
Amerikas.
Ist aber unsere Freiheit bedroht? Sicherlich nicht,
wenn wir die jetzige Situation mit der Bedrohung
durch das Militärpotential der damaligen Sowjetunion
vergleichen. Die Gefahren für Sicherheit und Stabilität sind allerdings nicht weniger geworden in einer
Welt, die aus dem Schwarzweißschema des Kalten
Krieges herausgewachsen ist.
Das Ende des weltumspannenden Ost-West-Konflikts
hat nicht per se eine neue stabile internationale
Ordnung geschaffen, die in der Lage wäre, eine
gewaltfreie Konfliktbewältigung sicherzustellen.

AMERIKA DIENST 10

�Lassen Sie mich einige Gefahren aufzählen, die
nicht nur der amerikanischen Regierung Kopfzerbrechen bereiten:
-

Aggression, Tyrannei und Intoleranz unterminieren immer wieder die politische Stabilität und wirtschaftliche Entwicklung wichtiger Regionen der
Welt.

-

Nicht nur wir Amerikaner sehen uns einer wachsenden Bedrohung durch die Weiterverbreitung
von nuklearen und chemischen Massenvernichtungswaffen, internationalem Terrorismus, Drogenhandel und Geldwäsche gegenüber.

-

-

Einst entfernt erscheinende Probleme wie die
Zerstörung von Lebensgrundlagen, das ungebremste Bevölkerungswachstum, daraus resultierende Armut, Migration und Flüchtlingskatastrophen haben direkte Auswirkungen auf die Stabilität der betroffenen Regionen. Und damit letztlich
auch auf uns.
Wie schon zu einem früheren Zeitpunkt in diesem
Jahrhundert bestimmen an der Peripherie Europas ethnische Konflikte, territoriale Streitkeiten
und irregeleiteter Nationalismus die politische
Tagesordnung. Eine Obsession macht sich breit,
reales oder eingebildetes historisches Unrecht
wiedergutzumachen.

Neben dem Auftreten von neuen und alten Konflikten, die zu einer Gefahr für die allgemeine Stabilität in Europa werden können und folglich politischer
Aufmerksamkeit bedürfen, möchte ich aber auch auf
eine weitere Konsequenz des Endes des Kalten
Krieges hinweisen, die vielfach kritisiert wird.
Prioritäten amerikanischer Außenpolitik
Meines Erachtens ist es durchaus verständlich, wenn
sich die amerikanische Politik nach dem Ende einer
so langen ideologischen Auseinandersetzung nun
stärker mit innenpolitischen Fragestellungen beschäftigt.
In Zeiten einer immer intensiver werdenden Konkurrenzsituation auf den Weltmärkten und einem
gewissen Nachholbedarf sind Maßnahmen zur
Verbesserung der nationalen Wettbewerbsfähigkeit
ein Gebot der Stunde. Das Wohlergehen und der
Lebensstandard der eigenen Bevölkerung ist wohl
ein legitimer Maßstab für staatliches Handeln!
Wie Sie alle wissen, hat sich inzwischen ein Sicherheitsbegriff durchgesetzt, der eben nicht nur das
Militärpotential eines Landes berücksichtigt, sondern

AMERIKA DIENST 10

auch demokratisch legitimierte Regierungssysteme
und wirtschaftliche Prosperität inkorporiert.
Die Clinton-Administration widmet folglich der Verwirklichung außenwirtschaftlicher Interessen hohe
Aufmerksamkeit, um die ökonomische Leistungsfähigkeit der amerikanischen Volkswirtschaft zu
stärken. Neben ökonomischen Impulsen, die nicht
nur amerikanischen Interessen entsprechen, läßt
Präsident Clinton keinen Zweifel daran, daß er die
internationale Führungsrolle der Vereinigten Staaten
aufrechterhalten will.
Anläßlich seines Staatsbesuchs im letzten Monat in
Kanada hat der Präsident den amerikanischen
Führungsanspruch bekräftigt. Eine Abkehr von der
Philosophie des Engagements und der Führungsaufgabe, die für die amerikanische Außenpolitik seit dem
Ende des Zweiten Weltkrieges charakteristisch war,
wird es mit diesem Präsidenten nicht geben.
Gerade in Zeiten des Übergangs, in Zeiten des Wandels und der Chancen, den politischen Prozeß
strukturbildend zu gestalten, ist es wichtig, Führung
zu übernehmen. Die letzten Jahre haben deutlich
gezeigt, wie wichtig es nach wie vor ist, mit Vorschlägen und Initiativen das internationale System zu
unser aller Nutzen zu beeinflussen. Und dies nicht in
einem hegemonistischen Sinne - wie Kritiker immer
wieder hervorheben - sondern als Reflex auf die sich
uns stellenden globalen Aufgaben und Herausforderungen.
Anders formuliert: Aufgrund der immer größer werdenden Verflechtung können wir uns keine Politik des
Isolationismus oder Unilateralismus leisten. Eine
solche Politik wäre angesichts der Risiken und
Gefahren nicht empfehlenswert. Diese Einstellung
teilt auch der amerikanische Kongreß trotz der
heftigen Debatte über "Multilateralismus".
Die deutsch-amerikanische Partnerschaft
Nun werden Sie sich fragen, was meine Ausführungen mit den deutsch-amerikanischen Beziehungen zu
tun haben. Sehr viel, wenn man berücksichtigt, wie
sich das außenpolitische Engagement der Vereinigten
Staaten den neuen Gegebenheiten nach dem Ende
des Kalten Krieges angepaßt hat. Außenminister
Warren Christopher hat den Maßstab für unser
außenpolitisches Engagement auf einen Nenner
gebracht: Gemeinsam wenn möglich, im Alleingang
wenn nötig.
Die Bewahrung partnerschaftlicher Beziehungen zu
unseren engsten Verbündeten (Europa und Japan)
bleibt ein zentrales Element der amerikanischen
Außenpolitik. Darüber hinaus wollen wir konstruktive

Seite 3

�Beziehungen zu den mächtigsten Nationen der Welt,
China und Rußland, unterhalten.
Deutschland ist nicht erst seit der Herstellung der
staatlichen Einheit zu einem engen Freund und
starken Verbündeten der Vereinigten Staaten geworden.
Mit der nachhaltigen politischen, wirtschaftlichen und
finanziellen Unterstützung des Demokratisierungsprozesses und des Aufbaus von Marktwirtschaften in
Osteuropa und den Staaten der ehemaligen Sowjetunion leistet die Bundesrepublik einen enormen
Beitrag zur Stabilisierung dieser Region.
Deutschland ist innerhalb der Europäischen Union
ein gewichtiger Machtfaktor. Das europapolitische
Engagement Deutschlands ist die Voraussetzung für
Fortschritte bei der europäischen Integration. Oder
wie es Vizepräsident AI Gore schon mehrmals
geäußert hat: Deutschland ist zum Motor der europäischen Integration geworden, die wir nachhaltig
unterstützen.
Die Vereinigten Staaten brauchen zuverlässige
Partner wie die Bundesrepublik, um in vertrauensvoller Kooperation die gegenwärtigen Herausforderungen des ausgehenden zwanzigsten Jahrhunderts zu
bewältigen. Das Verhältnis zwischen den Vereinigten Staaten und der Europäischen Union spielt dabei
- wie angedeutet - eine nicht unerhebliche Rolle.
Gemeinsam stehen wir vorder Aufgabe, die Strukturen Europas zu gestalten und ein tragfähiges Beziehungsgeflecht zwischen Ost und West aufzubauen.
Wie können wir gemeinsam gewährleisten, daß
Stabilität und Sicherheit auch in Zukunft erhalten
bleiben? Wie können wir die NATO erweitern, ohne
neue Grenzlinien in Europa zu ziehen?
Die NATO-Erweiterung
Für dieses Jahr hat sich die Allianz vorgenommen,
Antworten auf das "Wann" und "Wie" einer NATOErweiterung zu finden. Leitmotiv ist die Verteidigung
der Bündnisinteressen und die Förderung der
europäischen Stabilität. Der Erweiterungsprozeß
muß allmählich, überlegt und transparent erfolgen,
um nicht den Eindruck zu erwecken, die NATO wolle
neue Grenzen ziehen. Darüber hinaus soll ein
großes Maß an Flexibilität diesen Prozeß bestimmen
und folglich kein Zeitplan oder eine Liste für Beitrittskandidaten festgelegt werden. Jeder Beitrittswunsch
wird individuell behandelt. Und die Entscheidung,
welches Land der NATO beitritt und zu welchem
Zeitpunkt, wird einzig und allein von den Mitgliedstaaten der NATO getroffen. An ein Vetorecht durch
einen Drittstaat ist nicht gedacht.

Seite 4

Welche Kriterien müssen die Beitrittsstaaten erfüllen?
Eine Grundvoraussetzung sind demokratische Strukturen, eine marktwirtschaftlich organisierte Volkswirtschaft sowie der politische Wille und die finanzielle
Fähigkeit, zur gemeinsamen Sicherheitspolitik und
zum Bündnis einen eigenen Beitrag leisten zu können.
Die gegenwärtige Diskussion über die NATO-Erweiterung steht in engem Zusammenhang mit der
Erweiterung der Europäischen Union. Beide Prozesse unterliegen anderen Mechanismen, verfolgen aber
mehr oder weniger die gleiche Zielsetzung. Derzeit
ist die Europäische Union mit der Aufnahme von vier
neuen Mitgliedern befaßt; und im nächsten Jahr steht
die Maastrichter Überprüfungskonferenz bevor.
Die transatlantische Gemeinschaft
Gleichzeitig hat die Debatte über die Zukunft der
transatlantischen Gemeinschaft an Dynamik gewonnen. Europäische Politiker wie der britische Verteidigungminister Malcolm Rifkind, sein französischer
Amtskolle Alain Juppö und Volker Rühe haben
Vorschläge ventiliert, wie die transatlantischen
Beziehungen vertieft werden könnten. Ob nun ein
"transatlantischer Vertrag" anvisiert wird oder eine
"euro-amerikanische Gemeinschaft", wie sie der
niederländische Premierminister vorgeschlagen hat alle Vorschläge haben gemein, die transatlantische
Zusammenarbeit thematisch aufzufächern und zu
vertiefen.
Dies ist prinzipiell begrüßenswert und sicherlich auch
zweckmäßig, wenn es darum geht, kooperativ,
vertrauensvoll und effizient die anstehenden politischen und wirtschaftlichen Probleme zu lösen.
Es ist durchaus vorstellbar, daß die im November
1990 in der "transatlantischen Erklärung" genannten
Bereiche der Zusammenarbeit zwischen der Europäischen Union und den Vereinigten Staaten ausgedehnt werden.
Regelmäßige Konsultationen zwischen der Europäischen Union und den Vereinigten Staaten wurden im
vergangenen Jahr in Berlin vereinbart. Es wurden
Studiengruppen eingerichtet, um zentrale Fragen zu
erörtern, wie die Einbindung der osteuropäischen
Staaten oder die Bekämpfung des Drogenhandels,
Geldwäsche und des organisierten Verbrechens. Ein
transatlantischer Dialog über Wirtschafts- und Handelsfragen hat sich schon etabliert.
Was sich aus amerikanischer Sicht an Fragen stellt,
ist schnell aufgezählt:

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�Hilft ein neuer transatlantischer Vertrag dem europäischen Integrationsprozeß, fördert oder behindert er
die Entwicklung einer gemeinsamen Außen- und
Sicherheitspolitik der Europäischen Union? Wie
groß ist der substantielle Zugewinn an Zusammenarbeit, der vielleicht auch durch eine pragmatisch
geprägte Vorgehensweise zu erreichen wäre? Und
welche Themen tragen zu einer Vertiefung der
transatlantischen Gemeinschaft bei?
Angesichts der engen und intensiven deutsch-amerikanischen Beziehungen stellt sich auch die Frage,
wie diese sich in einer transatlantischen Gemeinschaft entwickeln würden.

•

AMERIKA DIENST 10

Bevor wir uns auf Vertragsverhandlungen einlassen,
sollten wir ernsthaft prüfen, ob unsere Beziehungen
tatsächlich eine Aufwertung durch einen Vertrag
brauchen. Wie Sie wissen, neigen wir Amerikaner
eher zu Pragmatismus.
Einen Pragmatismus, wie ihn auch Friedrich Wilhelm
von Steuben an den Tag gelegt hat, als er für seine
Dienste als "Drillmeister" der amerikanischen Truppen
nur ein Erfolgshonorar erbat.
Ich danke Ihnen.

* * * *

Seite 5

�KLIMAKONFERENZ
15. März 1995

USA BEFÜRWORTEN ABKOMMEN ZUR
REDUZIERUNG VON TREIBHAUSGASEMISSIONEN
Erklärung von Timothy E. Wirth
BONN - (AD) - Die Vereinigten Staaten werden bei der vom 28. März bis 7. April 1995 anberaumten
internationalen Klimakonferenz in Berlin ein Abkommen zur Aufnahme von Verhandlungen über die
Reduzierung der Treibhausgasemissionen nach dem Jahr 2000 anstreben. Im Vorfeld der Konferenz gab der
Staatssekretär für globale Angelegenheiten im US-Außenministerium, Timothy E. Wirth, bei einer
Pressekonferenz in Bonn am 10. März 1995 die nachfolgende Erklärung ab, die wir im Wortlaut veröffentlichen.

eines Landes) für die zweite Phase dieser Umstrukturierung zugesagt.
Die Clinton-Administration und der Klimawandel:
2 Jahre des Fortschritts
Aktionsplan für den Klimawandel: Die US-Administration hat einen Plan mit über 50 Maßnahmen
entwickelt, der das Versprechen des Präsidenten zur
Reduzierung der Treibhausgasemissionen in den
Vereinigten Staaten bis zum Jahr 2000 auf das
Niveau von 1990 erfüllen soll.
Nachfolgend einige Beispiele:
Ermutigung kostengünstiger Planung in den
Vereinigten Staaten,
vermehrte Nutzung erneuerbarer Ressourcen bei
der nationalen Energieversorgung,
Verbesserung der Normen für energieeinsparende Haushaltsgeräte,
Vergrößerung der Kohlesenken,
Methanentsorgung aus Deponien.
Bilaterale Hilfe: Die Clinton-Administration hat ein
gezieltes Programm in Höhe von 330 Millionen
Dollar an bilateraler Hilfe zur Unterstützung der
Entwicklungsländer bei der Reduzierung von Treibhausgasemissionen im Energie- und Forstbereich
entworfen.
Multialterale Hilfe: Die Vereinigten Staaten waren
bei der Umstrukturierung der Umweltfazilität behilflich
und haben 430 Millionen Dollar (der höchste Beitrag

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Entwicklung von Umwelttechnologien und Zusammenarbeit: Die Clinton-Administration hat eine
neue Initiative für Umwelttechnologien in die Wege
geleitet (die sich auf über 1 Milliarde Dollar beläuft),
um modernste Umwelttechnologien zu entwickeln und
zu verbreiten.
Initiative sauberes Auto: Die Clinton-Administration
ist eine beispiellose Partnerschaft mit der Automobilindustrie eingegangen, um gemeinsam die Entwicklung einer neuen Generation von Fahrzeugen zu
erforschen, die dreimal so sparsam sind wie die
heutigen Autos.
Wissenchaftliehe Forschung: Präsident Clinton hat
die Mittel für wissenschaftliche Forschung der Vereinigten Staaten zum globalen Klimawandel auf über
2 Milliarden Dollar erhöht.
Landesstudien: Die Vereinigten Staaten haben
Landesstudien mit 30 Millionen Dollar finanziert, die
den Entwicklungsländern und Ländern mit Volkswirtschaften im Übergang bei einer Bestandsaufnahme
der Treibhausgasemissionen und der Erarbeitung
technologischer Optionen für die Begrenzung der
Emissionen behilflich sein sollen.
Gemeinsame Umsetzung des Pilotprogramms:
Die Vereinigten Staaten haben das erste Pilotprogramm der Welt in die Wege geleitet, um die Möglichkeit einer gemeinsamen Umsetzung zu prüfen
(das heißt, die Industrienationen fördern die Reduzierung von Treibhausgasemissionen in den Entwicklungsländern).

Seite 1

�Der zweite Schritt
In nur zwei Jahren haben Präsident Clinton und
Vizepräsident Gore beeindruckende Schritte unternommen um sicherzustellen, daß die Vereinigten
Staaten die in der Rahmenkonvention über Klimawandel als erste Schritte festgesetzten Ziele erreichen.
Die Vereinigten Staaten sind der Ansicht, es sei an
der Zeit für den zweiten Schritt, da die Konvention
unseres Erachtens unzureichend ist. Dieser zweite
Schritt wird das Hauptthema für die Teilnehmer der
Berliner Konferenz sein. Die Vorbereitungen für
Berlin haben ein breites Meinungsspektrum erkennen lassen:

leistung erforderliche Koalition zu bilden, daß wir die
nächsten Schritte mit einem Gefühl der Dringlichkeit
und Entschlossenheit unternehmen.
Die Bundesregierung hat als Gastgeber dieses
historischen Treffens bemerkenswerte Arbeit geleistet, um sich durch das Minenfeld der oben geschilderten unterschiedlichen Meinungen zu manövrieren.
Die Vereinigten Staaten wollen alles in ihrer Macht
Stehende tun, um die Führungsrolle Deutschlands bei
dem Kampf um die Formulierung eines klaren Mandats für unter dem Vertrag zu ergreifende nächste
Schritte zu unterstützen.
Die Formulierung eines solchen Mandats ist das
oberste Ziel der Berliner Konferenz.

1. Einige stellen die wissenschaftliche Grundlage
der Belange in Frage und vertreten das Argument, es sollte nichts getan werden. Eine Handvoll skeptischer Wissenschaftler - von denen viele
noch immer gegen das seit langem abgeschlossene Thema des Abbaus der Ozonschicht kämpfen - nähren bei der Industrie, den Medien und
Politikern Zweifel.

Mittelfristig hat dies weniger damit zu tun, Undefinierte
politische Versprechungen zu machen als damit,
unmißverständlich einen Schritt weiterzugehen indem die Nationen artikulieren, was sie unternehmen
wollen, um auf dem ersten Schritt aufzubauen und
den Trend des Emissionsabbaus auch nach dem
Jahr 2000 fortzusetzen.

2. Am anderen Ende des Spektrums sind diejenigen, die sich zu Recht ernsthafte Sorgen über
die Zunahme wissenschaftlich fundierter Beweise
machen. Sie befürworten weitreichende politische Verpflichtungen zum gegenwärtigen Zeitpunkt, ohne über einen genauen Plan für das
weitere Vorgehen zu verfügen.

Erlangung eines Berliner Mandats
Ein erfolgreiches Mandat

3. Viele Entwicklungsländer zögern noch, zusätzliche Schritte zu unterstützen. Sie fürchten, sie
könnten um die Verringerung der Emissionen
gebeten werden, was ihrem offenkundigen
Entwicklungsbedarf zuwiderlaufen würde.
4. Kleine Inselstaaten, die sich die größten Sorgen
über den dramatischen Klimawandel und seine
Auswirkungen machen, fordern von anderen
entschiedene und unverzügliche Aktionen.
Und innerhalb dieses breiten Meinungsspektrums
gibt es endlose Varianten, die von verschiedenen
Nationen vertreten werden.
Die Herausforderung Berlin und die Führungsrolle Deutschlands

fordert ein neues Ziel, um die nationalen Bestrebungen unmittelbar nach dem Jahr 2000 zu leiten,
definiert durch genaue Analysen die Bandbreite
verfügbarer konkreter Maßnahnmen zur Erlangung
des neuen Ziels,
trägt den gemeinsamen, aber unterschiedlichen
Pflichten aller Parteien Rechnung und definiert
sie,
zieht besseren Nutzen aus dem Einfallsreichtum
nichtstaatlicher Organisationen und des Privatsektors, um Fortschritte zum obersten Ziel des Vertrags zu fördern,
produziert spätestens bis 1997 Ergebnisse,
anerkennt die Bedeutung und Chancen mittel- und
langfristiger Aktionen,
soll als "Das Berliner Mandat" bekannt werden.

Da jetzt 120 Nationen Partei des Vertrags sind, wird
es in Berlin schwierig sein, die für die Gewähr*

Seite 2

* * *

*

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�TAG

DER

ERDE
15. März 1995

Entwurf einer umweltverträglichen Zukunft ein Überblick
von Lester R. Brown
Der nachfolgende Beitrag behandelt die Fortschritte sowie die bisher unzulänglich behandelten Probleme bei
der Erlangung einer umweltverträglichen Wirtschaft auf unserem Planeten - einer Wirtschaft, die so beschaffen
ist, daß sie "heutigen Bedürfnissen gerecht wird ohne die Zukunft künftiger Generationen aufs Spiel zu setzen".
Während Brown zufolge der Abbau der Ozonschicht und die Kohlenstoffemissionen in der Atmosphäre
möglicherweise bereits ihren Höchststand erreicht haben, setzt sich gleichzeitig jedoch der Artenschwund in
alarmierendem Tempo fort, und das potentielle Nahrungsmittelangebot der Fischgründe, landwirtschaftlich
nutzbare Flächen, Wasserressourcen und Düngemitteleinsatz können mit dem rapiden Bevölkerungswachstum
nicht Schritt halten. Die Erweiterung friedenssichernder Operationen der Vereinten Nationen biete den Staaten
der Erde eine Chance, weniger Mittel für militärische Sicherheit und mehr für eine umweltpolitisch gesicherte
Zukunft aufzuwenden.
Lester R. Brown ist Präsident des Worldwatch Institute und hat für das Institut und andere Foren bereits
zahlreiche Beiträge veröffentlicht.
Nachdruck aus Vital Signs 1994, S. 15-21. Veröffentlichung und Übersetzung mit freundlicher Genehmigung
des Worldwatch Institute, Washington, D.C.

Als Ed Koch noch Bürgermeister von New York war,
stellte er Passanten auf der Straße gerne die Frage:
"Wie schneiden wir ab?" Vital Signs wurde ins
Leben gerufen, um diese Frage für die Welt insgesamt zu beantworten. Insbesondere wird untersucht, wie wir bei der Schaffung einer umweltverträglichen Wirtschaft abschneiden, die unseren
heutigen Bedürfnissen gerecht wird ohne die Zukunft
künftiger Generationen aufs Spiel zu setzen.
Beim Umweltgipfel in Rio de Janeiro einigten sich
die Regierungen der Welt darauf, die UNO-Kommission für nachhaltige Entwicklung zu gründen - ein
Beleg für die wachsende Sorge, daß das bestehende Wirtschaftssystem nicht umweltverträglich ist. Im
Juni 1993 rief Präsident Clinton den Rat für nachhaltige Entwicklung ins Leben. Ähnliche Maßnahmen
in rund 70 Ländern, die alle einen Weg hin zu
umweltverträglicher Entwicklung aufzeigen sollen,
sind ein ermutigendes Zeichen.
Der von führenden Politikern auf Bundesebene
ebenso wie von Umweltschützern verwendete Begriff
der "nachhaltigen Entwicklung" hat ökologische

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Ursprünge und beruht auf einer soliden wissenschaftlichen Grundlage.
Eine in bezug auf die
Belange der Umwelt tragfähige Entwicklung folgt den
Grundprinzipien oder Gesetzen der Umweltverträglichkeit - Prinzipien, die so real sind wie die der
Aerodynamik oder Thermodynamik. So muß jeder,
der beispielsweise ein Flugzeug entwirft, die Prinzipien der Aerodynamik beachten, indem er eine
bestimmte Menge an Schub oder Auftrieb schafft, da
das Flugzeug ansonsten nicht fliegen wird. Ebenso
muß ein umweltpolitisch tragfähiges System den
Gesetzen der Umweltverträglichkeit folgen, da es
ansonsten nicht lebensfähig ist. Die grundlegenden
Gesetze oder Prinzipien der Umweltverträglichkeit
sind ebenso feststehend wie die Gesetze der Aerodynamik.
Eine Gesellschaft kann diese Gesetze
kurzfristig verletzen, nicht jedoch langfristig. So
können Fischgründe zum Beispiel kurzfristig ohne
langfristigen Schaden überfischt werden, wenn man
anschließend für deren langfristige Erholung sorgt.
Werden sie aber ohne zeitliche Begrenzung überfischt, werden sie schließlich kollabieren und verschwinden. Ebenso wie ein Flugzeug kurzfristig an
Höhe verlieren kann ohne abzustürzen, kann die

Seite 1

�Wirtschaft die Prinzipien der Umweltverträglichkeit
kurzfristig verletzen ohne zusammenzubrechen.
Zu den Gesetzen der Umweltverträglichkeit gehören:
Der Artenschwund darf langfristig nicht größer sein
als die Artenevolution; die Bodenerosion darf die
Bodenneubildung nicht übertreffen; es dürfen nicht
mehr Wälder zerstört werden als nachwachsen
können; die Kohlenstoffemissionen dürfen nicht
höher sein als die Fähigkeit zur Kohlenstoffixierung;
die Menge der gefangenen Fische darf die Regenerationsfähigkeit der Fischgründe nicht übertreffen,
und die Geburtenrate darf nicht höher sein als die
Sterberate.
Die Folgen der Verletzung dieser Prinzipien liegen
im allgemeinen auf der Hand. Wenn beispielsweise
der Artenschwund die Evolutionsrate übertrifft,
werden schließlich ganze Ökosysteme zusammenbrechen. Wenn die Menge der gefangenen Fische
in einem Fischfanggebiet dessen Regenerationsfähigkeit übertrifft, wird der Fischgrund zerstört.
Obwohl es schwieriger ist, Umweltverschmutzung
ebenso plastisch zu demonstrieren, gilt: Wenn
Schadstoffe die Aufnahmefähigkeit eines Systems
überfordern, wird das System verändert. Im Fall der
Fluorchlorkohlenwasserstoffe führt dies zum Abbau
des stratosphärischen Ozons. Bei den Kohlenstoffemissionen bedeutet es die Ansammlung von
Kohlendioxid in der Atmosphäre und Veränderungen
im Wärmehaushalt der Erde. Im Fall der Schwefelemissionen bedeutet es sauren Regen und die
Schädigung von Wäldern, Seen und Ernteerträgen.
Der Artenschwund
Aufgrund seiner Unumkehrbarkeit stellt der Artenschwund für alle Regierungen eine grundlegende
Herausforderung dar. Über längere Zeiträume der
Erdgeschichte hinweg lag die Zahl neuentstehender
Arten höher als die der aussterbenden. Dies führte
zu dem von uns geerbten außerordentlichen biologischen Reichtum. Seit einigen Jahrzehnten verläuft
dieser Prozeß jedoch umgekehrt, indem die Zerstörung von Lebensräumen und die Umweltverschmutzung Arten mit atemberaubender Geschwindigkeit vernichten.
Ein Hindernis bei der Überwachung des Artenschwunds besteht darin, daß es niemals eine
Bestandsaufnahme der Pflanzen- und Tierarten auf
der Erde gegeben hat. Da unbekannt ist, wieviele
Arten es gibt, ist es schwierig genau zu bestimmen,
wieviele verlorengehen.
Trotz dieser fehlenden Informationen können wir
einige der sichtbareren Lebensformen, wie etwa
Vögel, untersuchen, bei denen eine vollständige

Seite 2

Liste der vorhandenen Arten existiert. Von den 9.600
bekannten Vogelarten sind die Populationen von rund
3.000 stabil oder vermehren sich, während sie bei
6.600 Arten im Schwinden begriffen sind. Von
letzterer Gruppe sind die Populationen von etwa
1.000 Vogelarten so weit zurückgegangen, daß sie
vom Aussterben bedroht sind.
Die Hauptgründe für die Dezimierung der Vogelpopulationen sind Zerstörung der Lebensräume, Umweltverschmutzung und Jagd. Mit der Brandrodung
von Regenwäldern oder Trockenlegung von Feuchtgebieten zum Ausbau der Nahrungsmittelproduktion
hat sich der Lebensraum von Vögeln verkleinert. In
Nordamerika ist die Population von 10 Entenarten
von 37 Millionen im Jahr 1955 auf 26 Millionen im
Jahr 1992 gesunken. Dies ist teilweise auf die
Zerstörung der Hälfte aller US-Feuchtgebiete zurückzuführen, die von den Enten dieser Region zur
Paarung, zum Ausruhen und zur Nahrungssuche in
Anspruch genommen werden. Bei Zugvögeln, die
lange Strecken zurücklegen - etwa von Europa nach
Afrika - kann sich die Zerstörung des Lebensraumes
an beiden Enden der Zugstrecke oder an dazwischenliegenden Ruheplätzen als Bedrohung erweisen.

«

Seit Anbruch des Industriezeitalters sind etwa 150
Arten und Unterarten von Vögeln verschwunden.
Dazu gehören die 1920 ausgestorbene nordamerikanische Wandertaube, einst eine der am häufigsten
anzutreffenden Vogelarten auf der Welt, der mexikanische Kaiserspecht, der 1958 zum letzten Mal
gesichtet wurde und der guatemaltekische Atitlantaucher, der 1987 ausstarb.
Umweltexperten konzentrieren sich auf die Zahl
bedrohter Vögel, weil sie einer der am besten meßbaren Indikatoren für die Gesundheit des Ökosystems
sind. Die für das Überleben der Vögel notwendigen
Systeme werden zerstört, aber diese Systeme dienen
auch unserem eigenen Überleben. Von allen zur
Verfügung stehenden Indikatoren könnte dieser das
eindringlichste Gefühl vom Gesundheitszustand der
Erde oder davon vermitteln, ob das bestehende
Wirtschaftssystem umweltverträglich ist oder bereits
jetzt die Saat für seinen eigenen Untergang ausbringt.

Die Rettung der Ozonschicht
Wenige Entwicklungen der letzten Jahre haben unter
den Wissenschaftlern soviel Besorgnis ausgelöst wie
das "Loch" in der stratosphärischen Ozonschicht. Die
von den Fluorchlorkohlenwasserstoffen ausgehende
potentielle Bedrohung dieses Schutzfilms wurde zum
ersten Mal 1974 erkannt, als zwei Atmosphärenfor-

AMERIKA DIENST 10

&gt;

'

�scher der University of California, Sherwood Rowland und Mario Molina, davor warnten, die Freisetzung dieser Substanzen in die Atmosphäre könne
die Ozonschicht abbauen, die alles Leben auf der
Erde vor schädlichen ultravioletten Strahlen schützt.
Im Jahr 1985 berichtete ein von Joseph Farman
geleitetes Foschungsteam der britischen Antarktisexpedition von einem immer wiederkehrenden Loch
in der Ozonschicht über der Antarktis, das jedes
Frühjahr auftrete. Die Wissenschaftler wußten, daß
bei einer Ausbreitung dieses massiven Abbaus auf
andere Teile des Planeten, was eine Zunahme der
ultravioletten Strahlung auf der Erde zur Folge hätte,
nahezu alle Lebensformen zu Lande und im Meer
Schaden erleiden könnten.
Die Besorgnis über die potentiellen Auswirkungen
der FCKW führten zu dem im Oktober 1987 in
Montreal ausgehandelten internationalen Abkommen
zur Reduzierung der FCKW-Herstellung. Wissenschaftliche Forschungen, die FCKW und andere
ozonschädigende Substanzen mit dem Ozonloch
über der Antarktis in Zusammenhang brachten,
führten 1990 in London und 1992 in Kopenhagen zu
weiteren Abkommen. Diese Abkommen erfordern
die völlige Einstellung der Produktion von FCKW und
anderen ozonschädigenden Stoffen.
Zwischen
1988, als die FCKW-Herstellung ihren Höhepunkt
erreichte, und 1993 ging die FCKW-Produktion
weltweit um 60 Prozent zurück. Viele Industriestaaten engagieren sich für den völligen Ausstieg aus
der FCKW-Herstellung bis Ende 1994 oder 1995.
Seit der Entdeckung des Lochs über der Antarktis im
Jahr 1985 wurde durch weitere Forschungsarbeiten
festgestellt, daß die Ozonschicht über allen Regionen außerhalb der Tropen dünner wird, wobei sich
die stärkste Abnahme um die Pole konzentriert.
Der stratosphärische Anteil freien Chlors, des
ozonschädigenden Stoffes, der sich entwickelt, wenn
FCKW nach ihrer Freisetzung in der Atmosphäre
nach oben steigen, scheint sich Mitte der neunziger
Jahre bei einem Volumen von etwa 4 ppbv (Part per
Billion by Volume) zu stabilisieren. Wenn die
FCKW-Produktion wie vorgesehen stufenweise
eingestellt wird, steigt die Menge freien Chlors voraussichtlich bis zum Jahr 2000 weiter an, um dann
bis etwa 2055 langsam zu sinken. Zu jenem Zeitpunkt würde der Anteil wieder den vor Auftreten des
Ozonlochs bestehenden Stand von 2 ppbv erreichen.
Diesem Szenarium zufolge würden die
schwersten Schäden an pflanzlichem und tierischem
Leben durch ultraviolette Strahlung um das Jahr
2000 auftreten, in dem dann die Erholung einsetzen
würde. Ein gewisser Ozonabbau wird jedoch bis
etwa zur Mitte des nächsten Jahrhunderts anhalten.

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Die genauen langfristigen Auswirkungen der zunehmenden ultravioletten Strahlung auf die Ernteerträge
sowie die Gesundheit von Menschen und anderen
Spezies sind unbekannt. Obwohl die Umkehrung des
Ozonabbaus in der Stratosphäre ein langfristiges
Vorhaben ist, wurde zumindest der Prozeß zur
Erlangung dieses Ziels eingeleitet und bildet somit ein
Modell internationaler Zusammenarbeit im Umweltschutz.

Die Stabilisierung des Klimas
Wenige Faktoren beeinflussen die Bewohnbarkeit der
Erde so unmittelbar wie die Menge des Kohlendioxids
in der Atmosphäre. Zuviel Kohlendioxid, und die
Erde wird zum Treibhaus vergleichbar etwa mit der
Venus; zuwenig, und die Erde vereist wie der Saturn.
Seit Beginn der Revolution in der Landwirtschaft vor
etwa 10.000 Jahren bis zum Beginn der Industriellen
Revolution war die Kohlendioxidmenge in der Atmosphäre bemerkenswert stabil.
Seit Beginn der
Industriellen Revolution begann sie jedoch anzusteigen, als die Verbrennung von Kohle und später
anderen fossilen Brennstoffen die Menge der Emissionen über die natürliche Kohlendioxidfixierungsund Aufnahmefähigkeit wachsen ließ.
Zwischen dem Einsetzen des Industriezeitalters und
dem Jahr 1959, dem Beginn regelmäßiger Luftuntersuchungen auf den Kohlendioxidgehalt, stiegen die
Kohlendioxidkonzentrationen um 13 Prozent, von
geschätzten 280 ppm (Parts per Million) auf 316 ppm.
Von 1959 bis 1993 stieg der Gehalt von 316 ppm auf
357 ppm, wiederum um 13 Prozent. In nur 34 Jahren
nahm die Konzentration von Kohlendioxid in der
Atmosphäre also ebenso stark zu wie während der
vorhergehenden zwei Jahrhunderte. Im Falle eines
weiteren - wenn auch etwas verlangsamten - Anstiegs wird das Ergebnis mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit ein wirtschaftlich verheerender
Klimawandel sein.
Die Hauptquelle der steigenden Kohlendioxidkonzentrationen in der Atmosphäre - die jährlich nahezu 6
Milliarden Tonnen durch die Verbrennung fossiler
Brennstoffe emittierten Kohlenstoffe - scheint sich
aufgrund wachsender Produktivität im Energiesektor,
der weltweiten Hinwendung zu nichtfossilen Energieträgern und insbesondere des in den letzten Jahren
verzeichneten sinkenden Energieverbrauchs in der
ehemaligen Sowjetunion und Osteuropa auf einem
stabilen Niveau einzupendeln. Da sich die Regierungen nahezu aller Industriestaaten dazu verpflichtet
haben, bis zum Jahr 2000 die Treibhausgasemissionen auf das Niveau von 1990 zu begrenzen, besteht
Hoffnung, den Trend letztlich umkehren zu können.

Seite 3

�Mit Ausnahme von zwei Einbrüchen aufgrund von
Erhöhungen des Ölpreises - das erste Mal Mitte der
siebziger Jahre und danach in den frühen achtziger
Jahren - sind die Kohlenstoffemissionen von der
Mitte des Jahrhunderts bis 1991 fast jedes Jahr
gestiegen. Seit 1992 fielen sie real um 2 Prozent,
von 6,03 Milliarden auf 5,90 Milliarden Tonnen. Dies
war teilweise die Folge einer weltweiten Rezession
einschließlich des teilweise drastischen gesunkenen
Energieverbrauchs in der ehemaligen Sowjetunion in
Zusammenhang mit den Wirtschaftsreformen. Aber
ebenso kommt darin wachsende Effizienz in der
Energieausnutzung zum Ausdruck. So hat der
zunehmende Einsatz von besonders energiesparenden kompakten Glühbirnen seit 1990 den Energieverbrauch so stark reduziert, um Jahr für Jahr acht
große Kohlekraftwerke stillzulegen.
Die verstärkte Benutzung des Fahrrads anstelle von
Autos für Kurzstrecken als Weg zur Beibehaltung
von Mobilität ohne die Verbrennung fossiler Treibstoffe trägt ebenfalls zur Eindämmung der Kohlenstoffemissionen bei. Im Jahr 1993 lag die Weltfahrradproduktion mit 108 Millionen Stück rund dreimal
so hoch wie die Zahl der produzierten Autos, ein
neuer Rekordstand. In den beiden bevölkerungsreichsten Ländern der Erde, China und Indien, ist
das Fahrrad das Haupttransportmittel, das Autos,
Busse und Eisenbahn völlig in den Schatten stellt.
Dichtbesiedelte Industriestaaten wie etwa Japan, die
Niederlande und Dänemark setzen im Kurzstreckenverkehr und als Teil eines Fahrrad-EisenbahnNahverkehrskonzepts verstärkt auf das Fahrrad. In
den Vereinigten Staaten, wo sich der Einsatz des
Fahrrads als Kurzstreckenverkehrsmittel in den
letzten zehn Jahren verdreifacht hat, verfügt das USVerkehrsgesetz von 1991 die Einsetzung eines
Koordinators für den Fahrradverkehr in jedem
Bundesstaat.
Neben der Reduzierung der Kohlenstoffemissionen
aufgrund von Effizienzsteigerungen vollzieht sich im
Muster des weltweiten Energieverbrauchs ein radikaler Umbruch, der ebenfalls zur Senkung des Kohlenstoffausstoßes führt.
Nach einer sechsfachen
Zunahme zwischen 1950 und 1979 hat sich der
Ölverbrauch auf stabilem Niveau eingependelt und
zwischen 1979 und 1993 sogar um 7 Prozent
abgenommen. Die Kohleförderung, die seit Mitte
des Jahrhunderts nahezu stetig gestiegen war, ist
seit dem Spitzenjahr 1989 um über 5 Prozent
gesunken. Dagegen nimmt der Verbrauch von
Erdgas zu. Dieses Wachstum wird sowohl durch
den Preis als auch durch die Reinheit der Verbrennung, insbesondere im Vergleich zu Kohle und ö l ,
angefacht. In den kommenden Jahren wird die
steigende Inanspruchnahme von Erdgas den Einsatz

Seite 4

von Kohle übertreffen und diesem Energieträger
somit den zweiten Platz hinter Erdöl sichern.
Im Hinblick auf die Kohlenstoffemissionen ist dieser
Wandel ein großes Plus, da nicht nur die Schwefelemissionen und der saure Regen abgebaut werden,
sondern auch, weil Erdgas wesentlich weniger
Kohlenstoff pro produzierter Energieeinheit emittiert
als Kohle oder Öl.
Daneben ist auch bei anderen nichtfossilen Energieträgern ein rapides Wachstum zu verzeichnen. So
wird beispielsweise die Gewinnung elektrischer
Energie aus Windkaft immer beliebter, weil es sich
um eine reine Energiequelle handelt und die Kosten,
auch im Vergleich zu den billigsten Kohlekraftwerken,
konkurrenzfähig sind. Im Jahr 1993 erreichte die
Kapazität der Energieerzeugung aus Windkraft
nahezu 3.000 Megawatt. Das neuerwachte Interesse
von Regierungen und Energieversorgern an der
Windenergie bildet die Grundlage für das rasche
Wachstum dieser Energiequelle in den kommenden
Jahren.
Obwohl die zunehmende Effizienz des Energieverbrauchs und die Verlagerung von Kohle und Öl zu
Erdgas zur Reduzierung der Kohlenstoffemissionen
beitragen, werden sie das Klima nicht stabilisieren.
Wenn die Welt eine wirtschaftlich verheerende
Erwärmung des Erdklimas vermeiden möchte, wird
sie den Einsatz der meisten fossilen Energieträger
ebenso nach und nach einstellen müssen wie sie
heute den Einsatz der FCKW beendet.

Boden, Wasser und Düngemittel
Die dramatische Verlangsamung des weltweiten
Ertrags der Getreideernten während des letzten
Jahrzehnts ist hauptsächlich auf die begrenzte
Verfügbarkeit produktiven neuen Ackerlands und
Süßwassers zur Erweiterung der Bewässerungsflächen sowie auf das nachlassende Ansprechen von
Anbauprodukten auf zusätzlichen Düngemitteleinsatz
zurückzuführen. Die Zunahme in der Getreideanbaufläche, die sich seit der Mitte des Jahrhunderts
drastisch verlangsamt hatte, hielt bis zum Spitzenjahr
1981 an. Seither ist sie leicht zurückgegangen.
Infolgedessen sank die Getreideanbaufläche pro Kopf
von 0,23 ha auf 0,13 ha.
Inzwischen nahmen die Bewässerungsflächen von
1950 bis 1978 rasch zu - um durchschnittlich 2,8
Prozent pro Jahr. Von 1978 bis 1991 betrug die
Zunahme lediglich 1,4 Prozent jährlich und konnte
somit nicht mit dem Bevölkerungswachstum Schritt
halten. Infolgedessen ging die bewässerte Fläche
pro Kopf von 1978 bis 1991 um über 5 Prozent

AMERIKA DIENST 10

�zurück, so daß die Bauern nicht nur mit einer geringeren Anbaufläche pro Kopf, sondern auch mit einer
sinkenden Fläche bewässerten Landes pro Kopf
konfrontiert waren.
Der Einsatz von Düngemitteln, das dritte wichtige
physische Hilfsmittel zur Steigerung der Nahrungsmittelproduktion, stieg von 14 Millionen Tonnen im
Jahr 1950 auf 146 Millionen Tonnen im Jahr 1989.
Aufgrund der Einstellung staatlicher Subventionen
und des nachlassenden Ansprechens der Anbauprodukte auf zusätzlichen Düngemitteleinsatz ging
die Gesamtmenge 1993 auf geschätzte 126 Millionen Tonnen zurück. Der Pro-Kopf-Verbrauch von
Düngemitteln fiel somit von 28 Kilogramm im Jahr
1989 auf unter 23 Kilogramm im Jahr 1993, ein
Rückgang von 19 Prozent.
Aufgrund der verringerten Anbaufläche pro Kopf, der
sinkenden Bewässerungsflächen pro Kopf und des
nachlassenden Düngemitteleinsatzes pro Kopf
erstaunt es nicht, daß die Getreideproduktion pro
Kopf ebenfalls abnimmt.

Nahrungsmittelversorgung unter Druck
Jedes der drei Nahrungsmittelversorgungssysteme
steht unter dem wachsenden Druck menschlicher
Anforderungen - Anforderungen, die in einigen
Fällen nicht mehr umweltverträglich sind. In bezug
auf die Fischgründe führen die steigenden Ansprüche des Menschen nahezu überall zu einer Überforderung.
Nach einem Höchststand von 100
Millionen Tonnen im Jahr 1989 ist die Weltfischfangmenge seither bis auf 98 Millionen Tonnen im
Jahr 1993 gesunken. Zusammen mit dem anhaltenden Bevölkerungswachstum hat dieser Schwund
innerhalb von fünf Jahren zu einem 9prozentigen
Rückgang beim Pro-Kopf-Angebot von Meerestieren
geführt, und dieser Zustand wird sich in absehbarer
Zukunft fortsetzen.
Die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der
Vereinten Nationen (FAO), die Fischfangmenge und
Fischbestände überwacht, gibt an, daß der Fischfang
in allen 17 wichtigen Fischgründen der Weltmeere
heute seine Kapazitätsgrenze erreicht oder bereits
überschritten hat. In neun Fischgründen gehen die
Fischbestände bereits zurück. Dies bedeutet nicht
nur einen drohenden Schwund des Angebots an
Meerestieren sondern auch den Verlust von Arbeitsplätzen in der Fischereibranche. Kurzum: der
heutige Umfang des Fischfangs in vielen Fischgründen ist unter Umweltgesichtspunkten nicht
aufrechtzuerhalten.

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Auch die Weideflächen der Welt, die Lebensgrundlage für Rinder, Schaf- und Ziegenherden bilden,
beginnen an ihre Grenzen zu stoßen. Wie im Falle
der Fischgründe, hat auch die Nutzung der Weideflächen nahezu überall ihre Kapazitätsobergrenze
erreicht oder bereits überschritten. Wo der Viehbestand die Belastbarkeit übersteigt, verwandelt sich
Weideland nach und nach in Ödland. Dies tritt am
augenfälligsten in den ländlich geprägten Volkswirtschaften Afrikas und Mittelasiens zutage, wo die
Verödung von Weideflächen die Hirten ihres Lebensunterhalts beraubt und viele von ihnen dazu zwingt,
in die Städte oder in Lager abzuwandern, in denen
sie mit Nahrung versorgt werden.
Auch der Druck auf die Anbauflächen der Welt, von
denen zwei Drittel der Getreideproduktion dienen,
wird in zahlreichen Ländern unerträglich und führt zu
ausgedehnter Bodenerosion. Zwischen 1950 und
1984 stieg die Weltgetreideproduktion um das 2,6fache, und der Pro-Kopf-Verbrauch an Getreide erhöhte
sich um 40 Prozent. In den neun Jahren danach
stieg dieser um weniger als ein Zehntel, woraus sich
eine Abnahme der Getreideproduktion pro Kopf um
rund 12 Prozent ergibt. Obwohl Umweltverträglichkeit
ein wissenschaftlich begründetes Konzept ist, hat die
Nichtbeachtung ihrer Gesetze wirtschaftliche und
gesellschaftliche Folgen. So führt beispielsweise das
Versäumnis, die Nachfrage nach Meerestieren an
den langfristig vertretbaren Ertrag der Fischgründe
anzupassen zu deren Kollaps und zum Rückgang
des weltweiten Pro-Kopf-Verbrauchs von Fisch.
Dieselbe Aussage kann für die Weideflächen getroffen werden. Bei Anbauflächen führen die begrenzte
Verfügbarkeit fruchtbaren Ackerlandes, das im
Rahmen des Wasserkreislaufs vorhandene begrenzte
Wasserdargebot sowie das begrenzte Ansprechen
auf Düngemittel zu einem Rückgang des Pro-KopfVerbrauchs von Nahrungsmitteln. In einigen Fällen
ist er unter das überlebensnotwendige Maß gesunken.
Eine Wirtschaft, die Umweltverträglichkeit außer acht
läßt, wird zwangsläufig verfallen und schließlich
zusammenbrechen. Die Nichtbeachtung der Prinzipien der Umweltverträglichkeit kann deshalb letztlich
auch einen Tribut an Menschenleben fordern.

Getreidevorräte und -preise
Zwischen 1993 und 1994 werden die Überschußbestände an Getreide, also die Menge, die zu Beginn
der neuen Ernte noch vorhanden ist, voraussichtlich
von 351 Millionen auf 294 Millionen Tonnen sinken.
Dieser Rückgang wurde lediglich im Jahr 1989
übertroffen, als der Schwund 93 Millionen Tonnen
betrug. Am Tagesverbrauch gemessen, werden die

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�Vorräte von 76 Tagen im Jahr 1993 auf 62 Tage im
Jahr 1994 fallen - den niedrigsten Stand seit Mitte
der siebziger Jahre.
Die Vorräte sind bei allen Getreidesorten geschrumpft, aber am dramatischsten verlief diese
Entwicklung beim Reis, wo sie nur noch für 41 Tage
ausreichen. In jedem der vergangenen drei Jahre
lag der weltweite Reisverbrauch über der produzierten Menge, so daß die Vorräte abgebaut wurden.
Da die Überschußbestände im Jahr 1994 den Bedarf
erwartungsgemäß nur geringfügig übersteigen
werden, ist die Konkurrenz um das für Ausfuhren
verfügbare Angebot hart geworden. Infolgedessen
haben sich die Weltmarktpreise für Reis zwischen
Ende August 1993 und Mitte November verdoppelt.
Für einkommensschwache Personen in Reisimportländern, die bereits 70 Prozent ihres Einkommens
für Nahrungsmittel aufwendeten, ist die Erhaltung
der Umwelt zu einer sehr persönlichen Angelegenheit geworden.
Für das Jahr 1994 lautet die große Frage, ob die
Reisbauern in Asien, wo neun Zehntel dieser Frucht
angebaut werden, die Erträge soweit steigern können, daß sie nicht nur mit der weltweit steigenden
Nachfrage Schritt halten, sondern sie soweit übertreffen können, um wieder Vorräte anzulegen.
Gelingt ihnen dies nicht, werden hohe Reispreise
möglicherweise ebenso wie hohe Fischpreise Teil
der wirtschaftlichen Szenerie werden.

Eine tragbare Weltbevölkerung
Auf vielfältige Art und Weise besteht die Hauptbedrohung einer umweltverträglichen Zukunft für die
meisten Länder in der Zunahme der Weltbevölkerung um nahezu 90 Millionen Menschen jährlich.
Dies ist am augenfälligsten in der Dritten Welt, wo
rund 94 Prozent dieses Zuwachses stattfinden und
wo die vor Ort bestehenden Systeme zur Sicherung
des Überlebens bereits im Verfall begriffen sind.
Tatsächlich ist es heute schwierig, irgendein Entwicklungsland zu finden, in dem die Anforderungen
durch den Menschen die langfristig vertretbare
Nutzung von Wäldern und Weideflächen nicht
übertreffen.
Wassermangel breitet sich aus und führt zur Konkurrenz zwischen Industrie, Wohnungssektor und
Landwirtschaft um das immer unzureichendere
Angebot. In einigen Fällen hat die Abzweigung von
Brauchwasser für nichtlandwirtschaftliche Zwecke
eine reduzierte Nahrungsmittelproduktion zur Folge.

Seite 6

Die Welt tritt in eine neue Phase des durch rapides
Bevölkerungswachstum gekennzeichneten Zeitalters
ein, in der Fischer und Bauern die Erträge nicht mehr
in dem Maß steigern können, um mit der Bevölkerungszahl Schritt zu halten. Dies bedeutet, daß der
Bedarf der Jahr für Jahr nahezu 90 Millionen zusätzlichen Menschen nur durch die Reduzierung des
Verbrauchs unter der bereits vorhandenen Bevölkerung gedeckt wird. Der Tag wird kommen, an dem
sich diese neue Realität ihren Platz auf der Tagesordnung der Weltpolitik erkämpft, und dies wird zu
einem verstärkten Interesse an Bevölkerungspolitik,
Familienplanung sowie Umverteilung und Gerechtigkeit führen als heute.

Ausgaben für den Frieden
In den letzten Jahren haben wir eine rasche Ausweitung von friendenssichernden Maßnahmen der
Vereinten Nationen erlebt. Im Jahr 1993 erreichten
die einst nach Millionen Dollar bemessenen Ausgaben 3 Milliarden Dollar und haben sich damit seit
1987 nahezu verdreizehnfacht.
In diesen Jahren wurde die friedenssichernde Rolle
der Vereeinten Nationen mit dem sprunghaften
Wachstum von Zahl, Umfang und Komplexität ihrer
Friedensmissionen mit Leben erfüllt. Die drei größten
friedenssichernden Interventionen (Kambodscha, das
ehemalige Jugoslawien und Somalia) wurden in
diesem Zeitraum eingeleitet.
Die erweiterte Rolle der Vereinten Nationen bei der
Bewahrung des Friedens in den neunziger Jahren
kommt den Vorstellungen ihrer Begründer stärker
entgegen. Friedenssicherung ist häufig politisch
komplex und deshalb schwierig zu bewältigen.
Darüber hinaus ist sie mit Finanzierungsproblemen
verbunden, und die Mitgliedstaaten waren bei der
Bezahlung ihres Anteils an den geschätzten Kosten
säumig, so daß die Vereinten Nationen 1993 ausstehende Zahlungen von 993 Millionen Dollar verzeichneten, gelinde gesagt eine prekäre Situation.
Das Verhältnis zwischen den Ausgaben, die von den
Regierungen für ihre nationalen Streitkräfte aufgewendet werden und den Beiträgen für friedenssichernde Maßnahmen der Vereinten Nationen, das vor
wenigen Jahren noch etwa 2000 zu 1 betrug, liegt
heute ungefähr bei 250 zu 1. Der große Vorteil einer
internationalen Sicherheitsstreitmacht der Vereinten
Nationen liegt darin, daß sie nationalen Regierungen
den Abbau der Militärausgaben erleichtern und damit
Mittel freisetzen könnte, um auf die neue Bedrohung
der Sicherheit zu reagieren - die fortschreitende
Schädigung der Umwelt auf unserem Planeten.

AMERIKA DIENST 10

�PORTRAT
15. März 1995

Designierter CIA-Direktor ist innovativer Denker
Porträt von John Deutch
WASHINGTON - (AD) - John Deutch, Präsident
Clintons Wahl für den Leiter des US-Geheimdienstes CIA, ist ein aggressiver Technokrat, der sowohl
im Regierungsapparat als auch im Privatsektor zu
Hause ist.
Deutch demonstriere auch "die Art von innovativem
Denken, das wir zur Bewältigung der neuen Herausforderungen der Zeit nach dem Kalten Krieg benötigen", stellte Präsident Clinton bei der Bekanntgabe
der Nominierung von Deutch am 11. März 1995 fest.
Vorbehaltlich seiner Bestätigung durch den Senat
wird Deutch, zur Zeit Stellvertretender Verteidigungsminister, die Leitung der Central Intelligence Agency
übernehmen - einer Organisation, die ihre Rolle in
einer neuen, von den Realitäten des Kalten Krieges
weit entfernten Welt zu definierten versucht. Nach
dem Spionageskandal um Aldrich Arnes ist das Amt
mit Ermittlungen befaßt, wie die CIA-Beschäftigten
die Warnsignale für das ignorieren konnten, was sich
als schlimmster Verrat in der Geschichte des CIA
entpuppte. Die Behörde kämpft gegen die demoralisierenden Auswirkungen des Personalabbaus an,
versucht eine Entscheidung bezüglich der Rolle zu
treffen, die sie in einer multipolaren Welt spielen
wird, und sieht sich einer gründlichen Überprüfung
durch mehrere Überwachungsausschüsse des
Kongresses ausgesetzt, die mit der Entscheidung
über die Zukunft der Geheimdienste in den Vereinigten Staaten beauftragt sind.

ment eindeutig unter Beweis zu stellen, werde er
Deutch als CIA-Direktor "im Falle seiner Bestätigung
in mein Kabinett berufen".
Aufgabe des CIA-Direktors - der nominell die Geheimdienste des US-Militärs und der Nationalen
Sicherheitsbehörde überwacht - ist das Erstellen und
Analysieren von Daten sowie deren Vorlage im
Weißen Haus, im Nationalen Sicherheitsrat und
Außenministerium.
Im Pentagon entwickelte Deutch enge Beziehungen
zu Präsident Clinton und übernahm eine führende
Rolle bei der Überprüfung des Einsatzkonzepts der
Nuklearstreitkräfte der Vereinigten Staaten und der
Modernisierung der Waffensysteme. Der Präsident
erklärte, Deutch habe sich "mit der Arbeit der Geheimdienste äußerst vertraut gemacht", indem er
einen Plan zur Beseitigung von Duplizität zwischen
zivilen und militärischen Geheimdienstoperationen
ausarbeitete. Dem Präsidenten zufolge demonstriert
diese Leistung auch die Art von innovativem Denken,
das wir zur Bewältigung der neuen Herausforderungen der Zeit nach dem Kalten Krieg benötigen.

Der Präsident kündigte an, Deutch werde als CIADirektor Kabinettsrang erhalten und nachrichtendienstliche Erkenntnisse besser in die Formulierung
der nationalen Sicherheitspolitik einbeziehen. Das
ist außergewöhnlich für den Direktor der Central
Intelligence Agency - nur der inzwischen verstorbene
Direktor William Casey hatte eine vergleichbare
Position in der Regierung inne.

Deutch war Chemieprofessor an der Princeton
University, Provost des Massachusetts Institute of
Technology (M.I.T.), Staatsminister im Energieministerium unter der Carter- Administration, Mitglied des
Beratungsgremiums für Auslandsgeheimdienste in
der Bush-Administration sowie Staatssekretär im
Verteidigungsministerium und Stellvertretender
Verteidigungsminister unter Präsident Clinton. Ferner
hatte Deutch Funktionen bei der National Science
Foundation und beim Museum of Fine Arts in Boston
inne. Er war Treuhänder des Wellesley College und
Mitglied der Trilateral Commission. Deutch machte
seinen Abschluß am Amherst College und erwarb
einen akademischen Grad in Industriechemie und
physikalischer Chemie am M.I.T.

Präsident Clinton äußerte, er messe der Verbesserung der Fähigkeit des Landes zur Erstellung und
Analyse nachrichtendienstlicher Daten "höchste
persönliche Priorität bei", und um dieses Engage-

Deutch ließ sich nur zögernd von seiner Nominierung
als CIA-Direktor überzeugen und hatte Präsident
Clinton gegenüber bereits zuvor erklärt, er bevorzuge
es, im Verteidigungsministerium zu bleiben. Berich-

AMERIKA DIENST 10

Seite 1

�ten zufolge stimmte er zu, die Position anzunehmen,
als sie ihm das zweite Mal angeboten und ihm der
Kabinettsrang zugesichert wurde.
Der Pressesprecher des Weißen Hauses, Mike
McCurry, äußerte vor Journalisten am 13. März,
Deutch werde mit "den besten verfügbaren Fakten
und ... Analysen" am Entscheidungsprozeß teilhaben, die "ausschlaggebend für die Bewältigung der
Herausforderungen sind, mit denen sich die Vereinigten Staaten in dieser neuen Welt konfrontiert
sehen".
McCurry fügte hinzu, der Präsident vertrete die
Auffassung, der Kabinettsrang werde "der Position
im Geheimdienst bei außenpolitischen Erörterungen
zusätzliche Bedeutung verleihen".
Dem Pressesprecher zufolge hat Clinton beschlossen, den Posten in Kabinettsrang zu erheben, "um
das Sammeln nachrichtendienstlicher Erkenntnisse
in die außenpolitische Diskussion im Weißen Haus
einzubeziehen. Darin spiegele sich die Ansicht des
Präsidenten wider, daß in der neuen Informationswelt, in der wir leben, die richtigen Entscheidungen
zu treffen äußerst wichtig wird, und Dr. Deutch als
Chefanalyst dieser Informationen Beiträge zu den
laufenden Gesprächen aus dieser Perspektive
leisten kann."

Der Präsident entschied sich für Deutch, nachdem
der pensionierte Luftwaffengeneral Michael Carns
seine Bewerbung zurückgezogen hatte. Clintons
Wahl war nach dem Rücktritt von James Woolsey als
CIA-Direktor auf Carns gefallen. Mit der Aussage, er
wolle seine Familie nicht Vorwürfen in der Presse
aussetzen, zog Carns seine Kandidatur zurück,
nachdem bekanntgeworden war, daß er unabsichtlich
das amerikanische Einwanderungsgesetz gebrochen
hatte, indem er einem Verwandten eines ehemaligen
Angestellten bei der Einreise in die Vereinigten
Staaten behilflich gewesen war.
"Die traurige Wahrheit", erklärte Präsident Clinton bei
der Annahme von Carns Rücktrittsgesuch, "ist, daß
wir in einer Zeit leben, in der selbst die beispielhaftesten Personen vom Dienst in der Regierung aus
Angst abgehalten werden, ihre Karriere könnte
Schaden nehmen ... ihre Leistungen ignoriert und ...
ihre Familien während des Bestätigungsprozesses
verleumdet werden."
McCurry stellte fest, Deutch haben den Anhörungsprozeß des Senats in den vergangenen Monaten
zweimal durchlaufen, das letzte Mal im vergangenen
Jahr bei seiner Bestätigung als zweithöchster Beamter im Verteidigungsministerium, "so daß das
meiste Material und die Hintergrundinformationen
relativ aktuell sind und erst vor kurzem in den Händen des Senats waren. Eventuell zusätzlich erforderliche Informationen werden wir erstellen."

* * * * *

Seite 2

AMERIKA DIENST 10

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l

31
3

Information
und
Dokumentation

I

United States Information Service

15. A p r i l 1977
INHALT

DOKUMENTATION
Erklärung Präsident Carters zur Kernenergiepolitik vom 7. April 1977
- Wortlaut Carter erläutert seine Kernenergiepolitik
- Pressekonferenz vom 7. April 1977 INFORMATION
Interhospital '77
- US-Gemeinschaftsschau vom 7. bis 10. Juni 1977 WIRTSCHAFT
Blumenthal: Mindestens drei Jahre Prosperität
- Interview mit dem amerikanischen Finanzminister HINTERGRUNDMATERIAL
Die Begrenzung der Kernwaffen: Ein 30jähriges Bemühen
Von Alexander M. Süllivan

Um Über/endung von
Belegexemplaren uilrd
gebeten

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�Dokumentation

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United States Information Service

8/1977

ERKLÄRUNG PRÄSIDENT CARTERS ZUR KERNENERGIEPOLITIK
VOM 7. APRIL 1977
- Wortlaut -

WASHINGTON - (AD) - Präsident Carter hat am 7. April 1977 eine Erklärung zur Kernenergiepolitik der Vereinigten Staaten abgegeben, die ein
Sieben-Punkte-Programm enthält.

Die Erklärung hat folgenden Wortlaut:

"Es gibt heute kein schwerer zu lösendes Dilemma als das im Zusammenhang
mit der Anwendung der Kernkraft. Viele Länder betrachten die Kernenergie
als die einzige reelle Chance, zumindest in diesem Jahrhundert, die Abhängigkeit ihres wirtschaftlichen Wohlergehens vom ausländischen öl zu
verringern - eine Energiequelle von unsicherer Verfügbarkeit, steigenden
Preisen und schließlicher Erschöpfung. Die Vereinigten Staaten verfügen
im Gegensatz dazu über eine große einheimische Energiequelle - Kohle aber ihre Verwendung hat auch ihre Nachteile, und auch unsere Pläne sehen
die Verwendung von Kernkraft als einen Anteil an unserer Energieproduktion
vor.
Die

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�r

Die Vorteile der Kernenergie sind also sehr real und praktisch.

Aber

die weltweite Verwendung von Kernkraft ist mit einem ernsthaften Risiko
verbunden - dem Risiko, daß Komponenten des Kernkraftprozesses dazu
verwandt werden, Atomwaffen herzustellen.
Wir haben einen wichtigen Schritt zur Verringerung des Risikos der
Ausweitung des Besitzes von Atomwaffen durch den Atomwaffensperrvertrag Nonproliferationsvertrag - unternommen, in dem über 100 Nationen übereingekommen sind, keine solchen Sprengkörper herzustellen.
noch weiter gehen.

Aber wir müssen

Die Vereinigten Staaten sind zutiefst besorgt über die

Folgen einer weiteren Ausbreitung von Kernwaffen oder der Fähigkeit zu
ihrer Herstellung für alle Nationen. Wir sind der Überzeugung, daß diese
Risiken durch eine weitere Verbreitung sensitiver Technologien, die den
direkten Zugang zu Plutonium, hochangereichertem Uran oder anderem für
die Waffenherstellung verwendbarem Material nach sich ziehen, gewaltig
erhöht werden.

Die Frage, mit der ich mich seit meinem ersten Tag im

Amt befaßt habe, ist die, wie das erreicht werden kann, ohne auf die greifbaren Vorteile der Kernkraft zu verzichten.
Wir stehen vor dem Abschluß einer überaus gründlichen Überprüfung all
der Fragen, die in Bezug auf die Nutzung der Kernkraft relevant sind.

Wir

sind zu dem Schluß gekommen, daß die bedenklichen Konsequenzen einer Proliferation und die direkten Auswirkungen auf Frieden und Sicherheit - aber
auch gewichtige wissenschaftliche und wirtschaftliche Gründe - folgende
Schritte erfordern:
- Eine wesentliche Umgestaltung der amerikanischen Kernenergiepolitik
und Kernenergieprogramme im eigenen Lande, und
- die vereinte Anstrengung aller Nationen, bessere Antworten auf die
Probleme und Risiken zu finden, die sich mit einer verstärkten Nutzung
der Kernkraft ergeben.
Ich
- 2 -

_-

�Ich gebe heute einige meiner Entscheidungen bekannt, die sich aus dieser
Untersuchung ergeben haben.
Erstens, wir werden die kommerzielle Wiederaufbereitung und Wiederverwendung des in den amerikanischen Kernkraft-Programmen erzeugten Plutoniums
auf unbestimmte Zeit aufschieben.

Aus unserer eigenen Erfahrung sind wir

zu dem Schluß gekommen, daß ein funktionsfähiges und wirtschaftliches
Kernkraftprogramm ohne eine solche Wiederaufbereitung und Wiederverwendung
in Gang gehalten werden kann.

Die Anlage bei Barnwell (Slid-Karolina) wird

vom Bund weder Unterstützung noch finanzielle Hilfe für ihren Ausbau als
Wi ederaufbereitungsanlage erhalten.
Zweitens, wir werden das amerikanische Programm für Brutreaktoren umgestalten, um Alternativvorschlägen für Brutreaktoren Priorität einzuräumen
und den Zeitpunkt hinauszuschieben, an dem Brutreaktoren kommerziell genutzt
werden.
Drittens, wir werden die Finanzierung der amerikanischen Kernforschungsund Entwicklungsprogramme so abändern, daß unsere auf alternative Kernbrennstoffzyklen gerichteten Forschungsbemühungen, die keinen direkten Zugang
zu für Kernwaffen verwendbaren Materialien bieten, beschleunigt werden.
Viertens, wir werden die amerikanische Produktionskapazität für angereichertes Uran steigern, um Kernbrennstoffe für den eigenen Bedarf und für
den Bedarf des Auslandes ausreichend und rechtzeitig verfügbar zu machen.
Fünftens, wir werden die notwendigen legislativen Maßnahmen vorschlagen,
um den Vereinigten Staaten die Möglichkeit zu geben, Kontrakte über die
Lieferung von Kernbrennstoffen anzubieten und die Lieferung dieser Kernbrennstoffe an andere Länder zu garantieren.
Sechstens

�/-

Sechstens, wir werden das Embargo für den Export von Ausrüstungen und
Technologien, die die Anreicherung von Uran und die chemische Wiederaufbereitung ermöglichen würden, weiterhin beibehalten.
Siebtens, wir werden sowohl mit den Liefer- als auch den Empfängerländern weiterhin über einen weiten Bereich internationaler Konzeptionen
und Systeme diskutieren, die es allen Nationen gestatten werden, bei
gleichzeitiger Verringerung der Weiterverbreitung der Möglichkeit zur Herstellung nuklearer Sprengstoffe ihre Ziele in der Energiepolitik zu erreichen.
Unter anderem werden wir die Möglichkeiten für die Erstellung eines Auswertungsprogrammes für Kernbrennstoffzyklen sondieren, das auf die Entwicklung alternativer Brennstoffzyklen und eine Reihe unterschiedlicher
internationaler und amerikanischer Maßnahmen abzielt, die all den Nationen
den Zugang zu Kernbrennstoffvorräten und der Lagerung von verbrauchtem
Brennmaterial gewährleisten sollen, die gemeinsam die Ziele der Nonproliferation teilen.
Wir werden weiterhin mit einer Reihe von Regierungen sehr enge Konsultationen über die wünschenswertesten multilateralen und bilateralen
Abmachungen führen, durch die sichergestellt wird, daß die Kernenercie in
schöpferischer Weise für friedliche wirtschaftliche Ziele mobilisiert wird.
Es ist unser Ziel, durch systematische und gründliche Konsultationen eine
umfassendere internationale Zusammenarbeit hinsichtlich dieser lebenswichtigen Frage zu entwickeln."

+ + + + +

- 4 -

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Dokumentation

ö

United States Information Service

8/1977

CARTER ERLÄUTERT SEINE KERNENERGIEPOLITIK
- Pressekonferenz vom 7. April 1977 -

WASHINGTON - (AD) - Präsident Carter hat auf einer Pressekonferenz am
7. April 1977 seine kurz zuvor veröffentlichte Erklärung zur KernenergieDolitik der Vereinigten Staaten näher erläutert.

In einer einleitenden

Erklärung ging er zunächst kurz auf sein Konjunkturprogramm für die
amerikanische Wirtschaft ein, um dann zur Nuklearpolitik überzuleiten.
Die Pressekonferenz hat folgenden Wortlaut:
"Guten Morgen, ich möchte heute auf zwei Punkte eingehen und bin dann
bereit, einige Fragen zu beantworten.
Der eine Punkt bezieht sich auf die Wirtschaft und die Notwendigkeit,
das Konjunkturprograr"1 weiterhin mit Nachdruck zu verfolgen.

Nach allen uns

gegenwärtig zur Verfügung stehenden Unterlagen werden wir für das laufende
Haushaltsjahr - das Haushaltsjahr 1977 - zusammengenommen ein Ausgabenminus
plus einem Einnahmeneingang über den erwarteten Betrag von rund 10 Milliarden
Dollar hinaus haben.

Mit anderen Worten, wir haben 1977 etwa 10 Milliarden

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�•

Milliarden Dollar mehr vom amerikanischen Steuerzahler eingenommen, als
wir an Ausgaben angesetzt haben.
Ich bin unbedingt der Meinung, daß dieses Geld an den amerikanischen
Steuerzahler zurückfließen sollte. Wir brauchen es, damit die Wirtschaft
ihre gegenwärtige Stärke aufrechterhalten kann, und der einzige gerechte
Weg, den ich sehe, wäre die bereits vorbereitete Steuerrückzahlung von
im Durchschnitt 50 Dollar pro Person.

Das wären, wie ich bereits früher

gesagt habe, rund 30 Prozent der Einkommensteuer für das Jahr 1976 für
eine Familie mit einem Einkommen von rund 10 000 Dollar pro Jahr.
Der zweite Punkt, den ich anführen möchte, ehe ich Fragen beantworte,
betrifft die Bemühungen der Vereinigten Staaten, die Ausbreitung der Fähigkeit zur Herstellung von Kernsprengstoffen unter Kontrolle zu bringen.
Bereits vor 30 Jahren machte unsere Regierung bei den Vereinten Nationen
den Vorschlag, strikte internationale Kontrollen über Kernbrennstoffe
auszuüben - vor allem aber über solche, aus denen man Sprengstoffe herstellen könnte.
Während des Präsidentschaftswahl kämpfes forderten wir beide, ich und
Präsident Ford, strikte Kontrollen über Kernbrennstoffe, um eine Weiterverbreitung - eine weitere Proliferation - der Fähigkeit zur Herstellung
von Kernsprengstoffen zu verhindern.
Das schwierigste Dilemma, dem wir heute gegenüberstehen, ergibt sich im
Zusammenhang mit der Anwendung der Atomkraft. Viele Länder sehen in der
Atomkraft ihre einzige reale Chance, um mit den schwindenden öl beständen,
dem steigenden öl preis und der schließlichen Erschöpfung der öl- und Erdgasvorkommen fertig zu werden.
Unser Land ist da in einer etwas besseren Lage. Wir haben unsere
eigenen Ölvorkommen, und wir besitzen sehr umfangreiche Kohlenreserven.
Aber auch die Kohle hat ihre Grenzen. So werden auch wir weiterhin die
- 2 -

�die Atomkraft als Beitrag zu unserer Gesamtenergieerzeugung verwenden.
Die Vorteile der Kernkraft, vor allem für einige ausländische Staaten,
die weder über eigenes öl noch eigene Kohle verfügen, sind sehr konkret und
entscheidend wichtig.

Aber mit der Verwendung von Kernbrennstoffen ist

ein schwerwiegendes Risiko verbunden - das Risiko, daß Komponenten dieses
Energieerzeugungsprozesses dazu verwandt werden, Sprengstoffe oder Atomwaffen zu erzeugen.
Wir haben vor einigen Jahren mit der Durchsetzung des Atomwaffensperrvertrages (NonproliferationsVertrages), der inzwischen von annähernd 100
Staaten unterzeichnet wurde, einen wichtigen Schritt zur Verringerung dieses
Risikos getan. Aber wir müssen noch weitergehen.
Wir haben vor kurzem erlebt, daß Indien einen Sprengsatz entwickelte,
der aus einer friedlichen Kernkraftanlage gewonnen wurde, und wir wissen,
daß einige andere Staaten sehr bald ebenfalls zu den Mächten gehören werden,
die über Kernsprengstoffe verfügen.
Die Vereinigten Staaten sind tief besorgt über die Folgen der unkontrollierten Weiterverbreitung dieser Kapazität zur Erzeugung von Kernwaffen. Wir können anderen Ländern nichts vorschreiben. Aber wir sind
der Ansicht, daß diese Risiken durch eine weitere Verbreitung von Wiederaufbereitungsanlagen für den verbrauchten Kernbrennstoff, aus dem Sprengstoffe gewonnen werden können, gewaltig vergrößert werden würden.
Plutonium ist besonders giftig, und natürlich können angereichertes
Uran, Thorium und andere Metalle ebenfalls verwendet werden.
Wir stehen jetzt vor dem Abschluß einer äußerst gründlichen Überprüfung
unseres eigenen Kernkraftprogrammes. Wir sind zu dem Schluß gekommen, daß
sich aus unserer eigenen Nachlässigkeit im Umgang mit diesen Materialien
und der Weiterverbreitung ihrer Anwendung durch andere Länder sehr schwer- 3 -

�schwerwiegende Konsequenzen ergeben können, und wir sind überzeugt, daß
es gewichtige wissenschaftliche und wirtschaftliche Gründe dafür gibt, daß
die Zeit für eine Änderung gekommen ist.
Daher werden wir in der Kernenergiepolitik und den Kerneneroieprogrammen
der Vereinigten Staaten im eigenen Lande eine wesentliche

Änderung vornehmen,

die ich heute bekanntgebe.
Wir werden gemeinsam mit allen anderen Ländern eine konzertierte
Anstrengung unternehmen, um bessere Antworten auf die Probleme und Risiken
der nuklearen Proliferation zu finden, und ich möchte hier einige Dinge
aufzählen, die wir speziell vorhaben.
Als erstes werden wir die kommerzielle Wiederaufbereituno und Wiederverwendung des in den amerikanischen Kernkraftprogrammen erzeugten
Plutoniums auf unbestimmte Zeit aufschieben.

Aus unserer eigenen Erfahrung

sind wir zu dem Schluß gekommen, daß ein funktionsfähiges und wirtschaftliches Kernkraftprogramm auch ohne eine solche Wiederaufbereitung und
Wied'"Verwendung von Plutonium au1rechterhalten werden kann.

So wird

beispielsweise die Anlage in Barnwell (Sud-Karohna) vom Bund weder
Unterstützung noch finanzielle Hilfe für ihren Ausbau als Wiederaufbereitungsanlage erhalten.
Zweitens, wir werden das amerikanische Programm für Brutreaktoren umgestalten, um Alternativen, d. h. Brutreaktoren, die nicht mit Plutonium
arbeiten, größere Priorität einzuräumen und den Zeitpunkt hinauszuschieben.
an dem Brutreaktoren kommerziell genutzt werden.
Wir werden die Forschung und Entwicklung nicht erstellen, aber wir
werden uns vom Plutonium abwenden u?id die Abhängigkeit vom Brutreaktor für
kommerzielle Zwecke hinausschieben,
Drittens

�Drittens, wir werden die Finanzierung der amerikanischen Kernforschungs- und Entwicklungsprogramme so lenken, daß unsere auf alternative Kernbrennstoffzyklen gerichtete Forschungen, die keinen direkten
Zugang zu für Kernwaffen verwendbaren Materialien bieten, beschleunigt
werden.
Viertens, wir werden die amerikanische Produktionskapazität für
Kernbrennstoffe, vor allem für angereichertes Uran, steigern, um andere
Länder, die sie brauchen, ausreichend und rechtzeitig mit Kernbrennstoffen versorgen zu können, damit sie es nicht notwendig haben oder ermutigt werden, ihre eigenen Materialien wieder aufzubereiten.
Fünftens, wir werden dem
Schritte vorschlagen, die es
zu unterzeichnen und anderen
verfügen, das Verlangen nach
abzunehmen.

Kongreß die notwendigen gesetzgeberischen
uns erlauben, diese Versorgungsve^träge
Ländern, die nicht über diese Fähigkeiten
Wiederaufbereitung von Kernbrennstoffen

Sechstens, wir werden das Embargo für den Export von Ausrüstungen
oder Technologien, die die Anreicherung von Uran und die chemische
Wiederaufbereitung ermöglichen würden, weiterhin beibehalten.
Siebtens, wir werden sowohl mit den Liefer- als auch mit den Empfängerländern weiterhin über einen weiten Bereich internationaler Konzeptionen
und Systere diskutieren, die es allen Nationen gestatten werden, bei gleichzeitiger Verringerung der Weiterverbreitung der Möglichkeit zur Entwicklung nuklearer Sprengstoffe ihren eigenen Energiebedarf zu decken.
Ein weiterer Punkt, der im Rahmen internationaler Verhandlungen
festgehalten werden müßte, ist die Tatsache, daß wir dazu beitragen
müssen, Mittel und Wege für die Lagerung von verbrauchtem Kernbrennstoff zu
finden, der hochexplosiv und hoch radioaktiv ist.
Ich

�Ich habe sehr eng und persönlich mit einigen der führenden ausländischen Staatsmänner zusammengearbeitet, die in die von uns getroffenen
Entscheidungen stark involviert sind.

Wir versuchen nicht, solchen

Ländern wie Japan, Frankreich, Großbritannien und der Bundesrepublik
Deutschland, die bereits über Wiederaufbereitungsanlagen in Betrieb
verfügen (oder bald verfügen werden), unseren Willen aufzuzwingen.
Sie haben einen besonderen Bedarf, den wir nicht haben, weil ihnen
keine eigenen Erdölprodukte zur Verfügung stehen.

Wir hoffen .iedcch, daß

sie sich uns anschließen werden, und ich bin überzeugt, daß sie sich
uns anschließen werden, wenn es gilt, eine weltweite Einsicht zu
schaffen, daß die weitere Ausbreitung der Fähigkeit zur Herstellung
nuklearer Sprengstoffe eine außerordentliche Gefahr mit sich bringt.
Ich bin jetzt gerne bereit, einige Fragen zu beantworten.
Frage: Die vorige Administration hat einen Vorschlag gemacht,
regionale Aufbereitungsanlagen einzurichten. Manche Leute glauben, hier
werde der Nachdruck auf die falsche Sache gelegt. Bedeutet das, daß
Sie nicht für regionale AufbereitungsZentren eintreten, und zweitens, wären
Sie gewillt, die Versorgung eines Landes, das die nukleare Schwelle überschreitet, mit jeder Art von nuklearem Material einzustellen?
Antwort: Ich kann heute beide Fragen noch nicht beantworten.

Ich

habe in den letzten Tagen eingehende Gespräche "n't Ministerpräsident
Fukuda, mit Bundeskanzler Schmidt und auch mitPrenierminister Callaghan
geführt, wie diese Art Probleme gemeinsam in Angriff genommen werden
könnten.
Es liegt auf der Hand, daß die kleineren Länder, diejenigen, die heute
arbeitende Atomkraftwerke haben, einen Ort brauchen, wo sie ihren abgebrannten Brennstoff lagern oder wiederaufbereiten lassen können.

Und ich

glaube, wir werden sehr wahrscheinlich eine Aufrechterhaltung der Wieder-

�Wiederaufbereitungskapazität in ienen Ländern erleben, die ich oerade
genannt habe, und vielleicht auch in anderen.
Wir haben in unserem eigenen Lande diese Erfordernisse nicht.

Es ist

eine Option, die wir noch auf viele, viele Jahre in die Zukunft werden
prüfen müssen.
Aber ich hoffe, daß wir durch dieses einseitige Handeln eine Norm
setzen können und daß jene Länder, die heute ni H über Wiederaufbereitungsanlagen verfügen, diese Kapazität in Zukunft nich erwerben
werden.
Regionale Anlagen unter strikter internationale Kontrolle sind
offensichtlich eine Option, die wir erwägen würden.
Darüber ist noch keine Entscheidung gefallen.

Wenn wir zu der

R

Überzeugung gelangen sollten, da die Lieferung von Atombrennstoff an
ein Land erfolgt, das nicht unsere Verpflichtung zur Nonproliferation
teilt, dann würden wir diesen Brennstoff nicht liefern.
Frage: Herr Präsident, dies beinhaltet die Zusicherung - und Sie hatten
vorhin davon gesprochen - einer qarantierten und angemessenen Lieferung angereicherten Urans anstelle des benötigten Plutoniums. Denken Sie dabei
auch an irgendeine Art von Preisgarantien für Entwicklungsländer und für
ärmere Nationen, damit die Lieferungen nicht nur sichergestellt wären,
sondern auch zu einem vernünftigen Preis erfolgten für den Fall, caf
aus fehlender Wiederaufbereitung die Preise steigen würden?
Antwort: Ich weiß nicht, wie die Uranpreise in Zukunft sein werden.
Zum gegenwärtigen Zeitpunkt wird etwa ein Drittel des von uns produzierten
angereicherten Urans exportiert, ein Drittel etwa fließt in unseren eigenen
Verbrauch und etwa ein Drittel wird gelagert.
In
- 7 -

�In den letzten Jahren wurden die Planungen hinsichtlich des Baus
von Atomkraftwerken in unserem 'ande in etwa fortgeführt. Andere üinder
allerdings gehen immer stärker den Weg zu Atomkraftwerken.

Aber zum

gegenwärtigen Zeitpunkt kann ich Ihnen nicht sagen, daß wir einen Preis
für Uranbrennstoff garantieren werden, der unter unseren eigenen Produktionskosten liegt; das wäre eine Frage von Verhandlungen - vielleicht
sogar auf der Basis von Verhandlungen mit den einzelnen Ländern.
Meiner Meinung nach wäre ein Standardpreis vorzuziehen; aber wir
könnten sehr wohl auch einem bestimmten Land, das nicht über die erforderlichen Mittel verfügt oder sehr eng mit uns befreundet ist oder
mit uns in dieser Angelegenheit zusammengearbeitet hat, irgendeine
finanzielle Unterstützung gewähren, um den Ankauf zu erleichtern.
Frage: C!e haben während des vergangenen Jahres wiederholt erklärt,
daß Sie eine Wel -energiekonferenz einzuberufen hofften, auf der diese
Frage wie auch andere Angelegenheiten erörtert werden könnten.

Rechnen

Sie damit, daß dies fn absehbarer Zeit der Fall sein könnte?
Antwort: Die Frage der Atomkraftwerke, die Handhabung abgebrannter
Kernbrennstoffe sowie die Begrenzung der Möglichkeit, da': neue Ländedie Kapazität erwerben, nukleare Explosivstoffe zu entwickeln,werden
auf der Tagesordnung der Gespräche stehen, die Anfang Mai in London
stattfinden. Und dies wird für uns ein kontinuierlicher Prozeß sein.
Ich darf hinzufügen, daß Außenminister Vance diese Frage auch
während seines jüngsten Besuches in Moskau mit den sowjetischen Stellen
erörtert und sie ersucht hat, sich uns in dem Bemühen anzuschließen, die
Konzeption der Nichtweiterverbreitunn zu fördern.

Ihre Antwort war

günstig. Abei dies wird längerer Verhandlungen bedürfen, und ich kann
nicht voraussagen, was die rrneDnisse. solcher Verhandlungen sein werden.
Natürlich hoffen wir, daß sie auf alle Länder der Welt anwendbar sein
werden.
Frat;c.
- 8 -

�Frage: Bedeutet die Änderung unseres einheimischen Pro'&lt;rammes, daß
Sie den Bau des Brutreaktors am Clinch River in Tennessee nicht
genehmigen werden?
Antwort: Der Clinch River-Brutreaktor wird als solcher nicht
fertiggestellt.

In meinen Haushaltsempfehlungen an den Kon&lt;iref&lt; haben

wir - ich erinnere mich nicht an die ronaue Zahl • das Plutonium-Brutreaktorprogramm, das Flüssigmetall-Schneilbrüterpronramn, um etwa
250 Millionen Dollar gekürzt.
Ich b-»n der Meinung, wir sollten mit dem Brutreaktor-Pronramm auf einer
experimentellen Basis fortfahren - Forschung und Entwicklung - aber unr
nicht annähernd so schnell auf irgendeine Art kommerzieller Nutzung
zu bewegen.
Natürlich sind wir auch besorgt über die nachteilicen wirtschaftlichen
Auswirkungen dieser Änderungen. In den Gebieten, in denen derzeitig
bestehende Arbeitsmöglichkeiten verloren gehen, werden wir im Zune
der Ausweitung unserer Kapzitäten zur Brennstoffherstellung mittels
neuer technischer Verfahren statt des bisherigen Gas^usionsprozesses etwa durch Verwendung von Zentrifugen und Laserstrahlen -- bemüht sein,
die entsprechenden Anlagen im Laufe der Zeit dort anzusiedeln.
Dies ist ein sehr langsamer Prozeß wie im Raum von Clinch River, wo
diese nachteiligen Auswirkungen auftreten könnten.
Frage: Herr Präsident, heißt das, daß Kanada, das Kernkrafteinrichtungen
an Frankreich und andere verkauft, und Frankreich, das ebenfalls an
andere verkauft - heißt das, daß wir diese anderen Länder beliefern
werden, damit sie nicht mehr Kraft(anlagen) herstellen?
Antwort:

�Antwort: Ich möchte meinen, daß die beiden Länder, die sich den
von uns ausgesprochenen Verpflichtungen am meisten nähern und uns
auf diesem Gebiet sogar noch voraus sind, Kanada - vielleicht wegen
der unglücklichen Erfahrung mit Indien - und Australien gewesen sind.
Beide Länder besitzen, so wie wir, selber beträchtliche Kernbrennstoffvorräte.
Ich möchte hoffen, daß wir mit anderen Ländern eine enge wechselseitige Beziehung entwickeln können, um den Aspekt der Konkurrenz aus
der Frage der Wiederaufbereitung auszuschalten.

Offensichtlich wird

es weiterhin einen Wettbewerb zwischen unserem eigenen Land, Kanada,
Frankreich, Deutschland und England beim Verkauf von Atomkraftanlagen
als solchen geben.

Es müßte eine klare Unterscheidung getroffen werden

zwischen der legitimen und notwendigen Verwendung von Uran und anderen
angereicherten Brennstoffen zur Elektrizitätserzeugung einerseits und
dem Verbot der Verwendung dieser Brennstoffe für Sprengstoffe andererseits.
Wir wären schlecht beraten, und es wäre für uns auch unmöglich und
unergiebig, wollten wir versuchen, andere Länder daran zu hindern, die
Kapazität zur Erzeugung von Elektrizität aus Atomkraft, die sie
brauchen, zu erlangen. Aber ich möchte hoffen, daß wir und andere
Länder eine Allianz bilden könnten, die in dieser Hinsicht doch recht
uniform sein könnte. Ich weiß, daß all die anderen Länder diese Hoffnung
mit uns teilen.
Die eine Differenz, die sehr empfindlicher Natur gewesen ist, soweit
es sich auf - sagen wir - Deutschland, Japan und andere bezieht,
besteht darin, daß sie meinen, unsere einseitige Aktion im Verzicht auf
die "iederaufbereitung verbrauchter Brennstoffe zur Produktion von
Plutonium könnte bedeuten, daß wir ihnen mit Verboten kommen oder
sie sehr ernsthaft wegen ihres eigenen Bedarfs an Wiederaufbereitungsverfahren kritisieren könnten. Das ist nicht der Fall. Sie haben voll

�voll und ganz das Recht, weiter voranzuschreiten und ihre Versuche zur
Wiederaufbereitung fortzuführen.

Wir hoffen aber, daß sie sich

gemeinsam mit uns bemühen werden, in Zukunft auszuschließen, daß es
weitere Länder gibt, die möglicherweise eine solche Kapazität zu
entwickeln im Stande wären.
Frage:Herr Präsident, sind Sie der Ansicht, daß einige der
kleineren Nationen, die sich jetzt um die Technologie der Wiederaufbereitung bemühen, dies tun, um eine Kernwaffenkapazität zugleich mit
der Befriedigung ihres legitimen Energiebedarfs oder noch zusätzlich
zu dieser zu erlangen?
Antwort: Ohne in Einzelheiter zu gehen - ich möchte nicht beginnen, Namen zu nennen - g'iaube ich, daß es auf der Hand liegt, daß
einige der Länder, über die wir uns Sorgen machen, ihre Kernkraftanlagen
dazu benutzt haben, eine eigene Kapazität zur Sprengstoffherstrllung
zu entwickeln.
Darüber gibt es keiner. Zweifel.

Indien, eine im Grunde frier" icho

Nation - zumindest ist dies die weltweit verbreitete Meinung, hat aus
den Lieferungen, die es von Kanada und von uns erhalten hat, die
Fähigkeit zur Sprengstoffherstellung entwickelt.
Wir sind überzeugt, daß es noch andere Nationen gibt, die bereits
über die potentiell^ Kapazität verfügen, Sprengstoffe zu entwickeln.
Aber wir versuchen sicherzustellen, d-'ß von diesem Zeitpunkt an die
wachsende Zahl von Staaten, die sich dem Kreis der Nuklearmächte zugesellt hätten, drastisch verringert wird. Wir können die Fehler, die
in der Vergangenheit gemacht wurden, nicht auf einmal ungeschehen
machen. Aber ich glaube, daß dies ein Schritt in der richtigen
Richtung ist.
+ + +

- 11 -

�I

Information

I

United States Information Service

8/1977

INTERHOSPITAL '77
US-Gemeinschaftsschau vom 7. bis 10. Juni 1977

Zur INTERHOSPITAL '77, die vom 7. bis 10. Juni 1977 in Hannover stattfindet, haben sich rund 35 Aussteller für den US-Gemeinschaftsstand angemeldet.

Diese Firmen sind bis auf zwei Ausnahmen in Deutschland und im übrigen

Europa noch nicht vertreten, zählen auf ihren Gebieten jedoch in den meisten
Fällen zu den bedeutendsten Lieferanten in den USA. Ihre Erzeugnisse sind
auch für den europäischen Markt teilweise neu - auf jeden Fall aber interessant.

So wird zum Beispiel ein Körperpflegesystem für bettlägerige Patien-

ten angeboten, das aus einer Spezialwanne, in der der Wascheffekt durch Wasserverwirbel ung hervorgerufen wird, besteht.
ein Spezialsitz sowie ein Spezialrollstuhl.

Ebenfalls zum System gehören
Damit wird nicht nur der Pflege-

und Personal aufwand wesentlich herabgesetzt, sondern eine wirksamere und
hygienischere Pflege erzielt.
Spezialventile für Herz-Lungen-Maschinen, Krankenhaus- und Laboreinrichtungsgegenstände, Ultraschallreinigungsanlagen, Muskelstimulatoren,
Bandagen, Kryoextraktoren für die Ophtalmologie gehören ebenso zum Ausstellungsprogramm der Amerikaner wie neuartige Impfpistolen zur nadellosen Ver-

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�«

Verabreichung von Impfungen und Injektionen (Diabetiker), wobei das Medikament durch die Kraft des Strahls in die Haut injiziert wird.
Einen breiten Raum nimmt natürlich die Elektronik ein. Hier werden unter anderem gezeigt: ein elektronisch gesteuertes Beatmungsgerät mit einstell
baren Parametern, neuartige Diagnosegeräte für extrakraniale Karotisokklusionen, ein Prozeßsteuergerät für die Laboranalysatoren Technicon SMA 12/60
und 6/60 auf Minicomputer-Basis, neuentwickelte Blutüberwachungsgeräte für
Neugeborene, Kinder und Erwachsene sowie tragbare Röntgengeräte, Spektrometer
und automatische EKG-Geräte.
Ebenfalls interessant ist ein vollständiges System für die Kryochirurgie
sowie kryochirurgische Geräte für Urologie, Proktologie, Gynäkologie, Neurochirurgie, Dermatologie, Ophtalmologie, etc.
Weitere Informationen und komplette Ausstellungsprogramme durch:
B. von Tobien
c/o J. Walter Thompson Public Relations GmbH
Siesmayerstraße 15
6000 Frankfurt a.M.
Tel.: 0611/ 75 10 76

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Wirt/choft

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8/1977

BLUMENTHAL: MINDESTENS DREI JAHRE PROSPERITÄT
- Interview mit dem amerikanischen Finanzminister -

Copyright (c) 1977, U.S. News and World Report, Inc.

Der amerikanische Finanzminister W.
Michael Blumenthal hat in einem Interview mit dem Nachrichtenmagazin U.S.
News and World Report in der Ausgabe
vom 11. April einen umfassenden Oberblick über den Stand und die Aussichten der Wirtschaft in den Vereinigten
Staaten gegeben. Nachfolgend ein Nachdruck in deutscher Übersetzung.

FRAGE: Herr Minister, wie lange wird die heutige Prosperität dauern?
ANTWORT: Es gibt keinen Grund, warum wir keine stetige Verbesserung der
wirtschaftlichen Verhältnisse auf lange Sicht hinaus haben könnten - mit
einem Rückgang der Arbeitslosigkeit und der Inflation und einem steigenden
Lebensstandard für alle Amerikaner.

FRAGE: Steuern wir auf einen Boom zu?
ANTWORT:

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ANTWORT: Ich glaube nicht, daß sich auf irgendeinem Gebiet der Wirtschaft ein Boom im Sinne eines nicht haltbaren Anstiegs abzeichnet.

Der

Einzelhandel läuft gut, aber nicht in einem Ausmaß, daß man von einem Boom
sprechen könnte, und das ist auch für die absehbare Zukunft nicht zu erwarten.
Immerhin rechne ich aber für das Jahr 1978, ja sicherlich für die nächsten drei Jahre, mit Aufschwung und Wachstum,

über diesen Zeitraum hinaus

kann man keine sinnvollen Voraussagen machen.
FRAGE: Wird das stetige Wachstum zu stärkerer Inflation führen?
ANTWORT: Es besteht keine Notwendigkeit, daß die Inflation schlimmer
wird.

Ja, es ist sogar so, daß wir eine gute Chance haben, die Inflations-

rate zu senken.

Wir sollten uns nicht durch die Ereignisse irgendeines be-

stimmten Monats - oder zweier Monate - hypnotisieren lassen - wie beispielsweise durch das sehr kalte Wetter, das im Februar eine außergewöhnliche Preiserhöhung für Zitrusfrüchte und Frischgemüse gebracht hat.
Auf längere Sicht gesehen ist es so, daß die Tatsache, daß wesentliche
Elemente der Wirtschaft untergenutzt sind, zu dem Schluß führt, daß es auf
Grund unseres Konjunkturprogramms für die Wirtschaft keine Beschleunigung
der Inflation zu geben braucht.
Wenn es zu einer starken Erhöhung des ölpreises kommt, dann wird das
eine Auswirkung haben, aber dagegen können wir nicht allzuviel tun. Aber
es gibt eine Menge interner Faktoren, die wir beeinflussen können, um die Inflation zu senken: inflationäre und übertriebene Regierungsverordnungen, Handelspolitik und Farmprogramm und unwirtschaftliche Auflagen, die die Unternehmen viel Geld kosten und das Gegenteil von dem bewirken, was sie bewirken
sollen.
Wir können Arbeitnehmer und Arbeitgeber zu überzeugen versuchen, daß
die Politik der Carter-Administration Schritt für Schritt und verantwortungsbewußt vorgehen wird; daß den Regierungsausgaben ein strenger Zügel angelegt
wird, um den Haushalt bis 1981 auszugleichen. Wenn wir auf diese Weise Ver- 2 -

�Vertrauen schaffen können und ein gemäßigtes Programm haben, um eine lebendigere und effektivere Wirtschaftstätigkeit herbeizuführen, dann werden wir
nach meiner Meinung die Inflation wesentlich senken können.
FRAGE: Wie weit?
ANTWORT: Es gab einmal eine Zeit, als die Inflationsrate in diesem Lande
1 oder 2 Prozent pro Jahr betrug, und es besteht kein Grund, warum wir mit
einer vernünftigen Politik nicht im Laufe der Zeit wieder dahin zurückkommen
könnten. Der Präsident ist absolut entschlossen, in diese Richtung zu gehen.
FRAGE: Was können Sie gegen die hohe Arbeitslosigkeit tun?
ANTWORT: Wenn unser Konjunkturprogramm Erfolg hat, dann dürften wir bis
Ende des Kalenderjahres 1977 die Arbeitslosenrate auf 7 Prozent oder darunter
gesenkt haben - von 8 Prozent im November vorigen Jahres. Und 1978 sollte es
uns sicherlich gelingen, die Rate auf etwa 6 Prozent zu drücken.
FRAGE: Wird sich die Wirtschaftstätigkeit voraussichtlich verlangsamen,
wenn die Wirkung des Steuernachlasses von 50 Dollar abklingt?
ANTWORT: Wir haben versucht, ein Programm zu entwickeln, das dieses Problem in Rechnung stellt - und einen Anreiz über einen langen Zeitraum hinweg
bietet. Der Steuernachlaß ist das eine Mittel, um im Jahre 1977 mehr Kaufkraft in die Wirtschaft zu bringen. Andere Elemente des Anreiz-Paketes Carters
werden in späteren Zeitabschnitten greifen.
So wird beispielsweise eine ständige Steuersenkung für diejenigen, die
den Standardfrei betrag in Anspruch nehmen, in dem am 1. November (1977) beginnenden Haushaltsjahr 5,7 Milliarden Dollar in die Wirtschaft pumpen.

Das

wird zu einer Minderung der Steuereinnahmen von rund 4 Milliarden Dollar pro
Jahr in den späteren Jahren führen.
steuer

Die Vorschläge für die Körperschafts-

werden der Wirtschaft weitere rund 2,5 Milliarden Dollar in Form einer

Erhöhung der Investitionssteuerabschreibung oder einer Abschreibung für die
Schaffung von Arbeitsplätzen zukommen lassen.
FRAGE:

�FRAGE: Welches sind die wesentlichen Bedrohungen einer anhaltenden
Prosperität?
ANTWORT: Die große Gefahr für die Wirtschaft liegt darin, daß sich die
Unternehmer bei den Investitionen zurückhalten, wenn wir die Wirtschaft auf
einem zu niedrigen Stand weiterlaufen lassen.
keine Verbesserung der Produktivität

Das würde langsames Wachstum,

und einen verstärkten inflationären

Druck auf die Wirtschaft bedeuten, sowie höhere Löhne gefordert werden.

Wenn

man die Dinge zusammen nimmt - steigende Preise, keine Steigerung der Produktivität, nicht genug Beschäftigte, nicht genügend Produktion - dann hat man
eine neue Rezession. Aber ich halte das nicht für wahrscheinlich.
FRAGE: Warum können Sie Arthur Burns, den Präsidenten des Federal
Reserve Board (US-Bundesbank), nicht zu einer Zustimmung zu dem Steuernachlaß von 50 Dollar bewegen?
ANTWORT: Ich glaube, die grundlegende Meinungsverschiedenheit besteht
darin, daß Dr. Burns die Notwendigkeit eines Anreizes bezweifelt. Wir sind
der Oberzeugung, daß ein Anreiz notwendig ist. Fast alle Wirtschaftler, die
sich zu diesem Thema geäußert haben, angefangen von Walter Heller bis zu
Paul McCracken, den früheren demokratischen und republikanischen Vorsitzenden
des Wirtschaftsbeirates (des Präsidenten), haben geraten, daß mehr getan werden sollte, um die Wirtschaft anzuregen.
Das allererste, was ich tat, als ich in das Finanzministerium kam, war,
mich mit Unternehmern und Wirtschaftlern zusammenzusetzen, und mit einer oder
zwei Ausnahmen stimmten alle darin überein, daß etwas getan werden müßte.
FRAGE: Sollte die Regierung mehr tun, um die Investitionen in der Wirtschaft entweder durch eine Steuerreform oder durch andere Mittel zu ermutigen?
ANTWORT: Zunächst einmal muß die Wirtschaft erkennen können, daß diese
Regierung eine folgerichtige und vorhersehbare Politik verfolgt; daß die Administration in ihrer Ausgabenpolitik sehr vorsichtig ist und daß wir uns
darüber im klaren sind, daß die Lösung der großen wirtschaftlichen Probleme
- 4 -

�«

V

Probleme von der Schaffung von mehr privaten Arbeitsplätzen abhängt - und um
das zu bewirken, müssen wir die Investitionen in Betriebe und Ausrüstungen
und eine höhere Produktivität fördern.
Die grundlegende Steuerreform, die wir im Herbst empfehlen werden,wird
diese Absicht unterstreichen. Und die umfassende Energiepolitik, die der
Präsident am 20. April vorlegen will, wird zeigen, daß wir endlich umfassende,
integrierte Mittel und Wege gefunden haben, um die Energieprobleme anzupacken
- dazu werden manche Dinge gehören, die nicht allen Amerikanern gefallen werden.
Nehmen Sie diese Dinge zu dem Anreiz, den wir für den Einzelhandel bieten, dann erkennen Sie jene Art von Steigerung der Investitionen, die wir
brauchen.
FRAGE: Wie sehen die Steuerreformen aus, die Sie planen?
ANTWORT: Es gibt drei Ziele:
Das erste ist eine Vereinfachung des Steuersystems, damit die Menschen
nicht vor diesem unglaublich komplizierten System stehen, bei dem sie zum
Steuerberater gehen müssen, um herauszufinden, wieviel Steuern sie zu bezahlen haben und wie sie ihre Steuererklärung ausfüllen müssen.
Zweitens wollen wir das Steuergesetz so gerecht wie möglich machen - was
bedeutet, noch verbliebene Schlupflöcher und Sondervorteile zu beseitigen,
die keinerlei sozial nützlichem Zweck dienen.
Und drittens wollen wir versuchen, unterschiedliche Quellen des Einkommens so weit wie möglich in gleicher Weise zu besteuern und viele der heutigen
Sonderbehandlungen zu beseitigen.
FRAGE: Heißt das, daß Kapitalerträge wie normales Einkommen behandelt
werden?
ANTWORT: Das ist nur ein Beispiel. Wir werden uns auch mit der Doppelbesteuerung von Körperschaftsgewinnen befassen und mit der Unterscheidung zwischen nicht verdienten und verdienten Einkommen von Einzelpersonen und mit
- 5 -

�mit Marginal raten sowohl für die Körperschaftssteuer als auch für die Einkommensteuer, damit wir das Problem in den Griff bekommen, welches Steuersystem am besten geeignet ist, Menschen zu Innovation sowie dazu anzuregen,
Geld in den Wertpapiermarkt und in andere Investitionen zurückfließen zu
lassen.
Die ganze Frage, wie die Kapitalbildung in den Vereinigten Staaten beschleunigt werden kann, ist einer der Schlüssel für ein langfristiges Wachstum
sowie dafür, wie wir uns im Verhältnis zu anderen Ländern leistungsfähig und
wettbewerbsfähig machen können.
FRAGE: Sehen Sie mit der wachsenden Forderung nach Importrestriktionen
für Zucker, Schuhe, Fernsehgeräte und andere Erzeugnisse die Gefahr eines
Handelskrieges?
ANTWORT: Der Präsident steht in den nächsten Monaten vor einigen außerordentlich schwierigen Fragen, und die Welt wird ihn sehr genau beobachten.
Wenn es sich herausstellen sollte, daß wir im wesentlichen eine protektionistische Richtung einschlagen, dann wird dieses Signal von anderen Ländern aufgegriffen werden, und sie werden ohne Frage unserem Beispiel folgen.
Wenn wir Schranken gegen Produkte aus Ländern aufrichten, die im Rahmen des
Allgemeinen Zoll- und Handelsabkommens (GATT) das Recht zur Vergeltung haben,
dann besteht immer die Gefahr, daß sie von diesem Recht Gebrauch machen. Man
kann sich also eine Situation vorstellen, in der übereilte Maßnahmen unsererseits zu Gegenmaßnahmen führen und sich zu einem Handelskrieg auswachsen könnten.
FRAGE: Wie groß ist dieses Risiko?

ANTW0R T : i c n glaube nicht, daß Präsident Carter je zulassen wird, daß
dies eintritt. Er ist voll und ganz von der Überzeugung getragen, daß der
Weltfrieden auf politischem Gebiet von der Zusammenarbeit auf wirtschaftlichem
Gebiet abhängt. Und das Konzept für ein wirtschaftliches Gipfeltreffen im Mai,
auf dem die führenden Männer der wichtigen Länder zusammenkommen, um über die
Zusammenarbeit auf wirtschaftlichem Gebiet zu sprechen, läuft genau darauf
&lt;• 6 -

�darauf hinaus, großen einseitigen Maßnahmen entgegenzuwirken, die uns in die
entgegengesetzte Richtung führen würden.
Ich glaube also, daß der Präsident sehr, sehr vorsichtig sein wird selbstverständlich mit der Erkenntnis, daß in ganz bestimmten Fällen Maßnahmen getroffen werden müssen, wenn alle anderen Möglichkeiten erschöpft
sind und kein anderer Ausweg besteht.
FRAGE: Wie können die Vereinigten Staaten ihre Industrie schützen, ohne
Handelsschranken zu errichten oder einschränkende Quoten einzuführen?
ANTWORT: Erstens möchte ich einen wichtigen Unterschied zwischen ausländischer Konkurrenz und unfairer Konkurrenz machen.
Ich meine, es gibt geeignete und ausreichende Bestimmungen im Gesetz,
um die amerikanische Industrie und die amerikanischen Arbeiter gegen unlauteren Wettbewerb - Dumping, ruinöse Preisgestaltung, Überschwemmung des
Marktes mit einem bestimmten Erzeugnis, um den Markt zu ruinieren - zu schützen. Wir haben im Finanzministerium alle möglichen Verfahren, um mit diesen
Problemen fertig zu werden. Wir haben die Internationale Handelskommission,
die sich mit Fragen der Schädigung befaßt.
Ein ganz anderes Problem ist es, wenn eine Konkurrenz auftritt, die uns
zwar schadet, die aber nicht unfair ist. Es gibt einen Wettbewerb, der daraus entsteht, daß die Industrie irgendeines anderen Landes leistungsfähiger
ist als unsere eigene. Dieser Wettbewerb kommt dem amerikanischen Verbraucher
zugute, denn er hält die Preise niedrig und versetzt das exportierende Land
in die Lage, sich die Devisen zu verdienen, mit denen es Waren von uns kaufen kann.
Wir sollten alles daran setzen, um die amerikanische Industrie und die
amerikanischen Arbeiter vor unlauterem Wettbewerb zu schützen, aber nicht vor
normalem Wettbewerb. Wenn ein Industriezweig nicht in der Lage ist, gegen
diese normale Konkurrenz zu bestehen, dann gibt es verschiedene Dinge, die
man tun kann.
Die
- 7 -

�Die Regierung kann dem betroffenen Industriezweig verschiedene Arten von
Hilfe gewähren, damit er leistungsfähiger wird.

Die sogenannte Anpassungs-

hilfe hat in der Vergangenheit nicht allzu gut gewirkt, und wir müssen uns
Mittel und Wege einfallen lassen, um sie effektiver zu gestalten, um kleineren
Unternehmen Zugang zu Computern, moderner Technologie, modernen ManagementMethoden und ausreichendem Kapital zu verschaffen, damit sie moderne Anlagen
bauen, mit denen sie gegen internationalen Druck konkurrieren können. Das
wäre besser, als einen Zoll oder eine Quote zu forcieren, die das Randunternehmen zwar am Leben, aber weiterhin leistungsunfähig erhalten und die Preise
für alle hochhalten und damit zum inflationären Druck beitragen.
FRAGE: Für was wird die Anpassungshilfe gegenwärtig verwandt?

ANTWORT: Für die Schulung, als Übergangshilfe für Arbeiter, die einen anderen Beruf suchen, und auch als finanzielle Unterstützung für Betriebe, um
ihre Schließung zu verhindern.
FRAGE: Was kann noch getan werden, um solchen Firmen zu helfen?

ANTWORT: Manchmal ist es uns möglich, mit einem oder zwei Ländern, die
ein bestimmtes Problem verursachen, zu einem freiwilligen Obereinkommen zu
gelangen - wie beispielsweise mit Japan im Fall der Fernsehgeräte.
Es gibt einen ganzen Bereich von Maßnahmen, die hinsichtlich der Zölle
und Quoten ergriffen werden können. Einige davon sind sehr restriktiv und
auf eine Senkung der Einfuhren ausgerichtet; andere sollen versuchen, die Importe auf dem gegenwärtigen Stand zu halten. Einige dieser Maßnahmen haben
eine direkte Auswirkung auf die Preise und treffen daher alle Verbraucher.
Andere berühren die Produkte mit niedrigen Preisen nicht, sondern nur die am
oberen Ende der Preisskala.
In diesem weiten Bereich muß der Präsident eine Entscheidung treffen,
und jeder einzelne Fall ist ein Fall für sich. Die Lage auf dem Zuckermarkt
ist eine ganz andere als bei den Schuhen und bei den Farbfernsehgeräten. Die
Fernsehgeräte sind im Grunde ein japanisches Problem. Wenn es sich nur um
ein Land handelt, dann ist es nicht allzu schwer, zu einem Übereinkommen zu
- 8-

�zu gelangen.

Wenn es sich um 20 Exportländer handelt, wie im Falle der

Schuhe, dann ist die Sache sehr viel komplizierter.

FRAGE: Würden protektionistische Maßnahmen nicht Ihren Bemühungen um
eine Senkung der I nf latlonsrate zuwiderlaufen?.
ANTWORT: Sicherlich! Die größte Zunahme der Schuhimporte ist bei billigen Schulen zu verzeichnen - der Art von Schuhen, wie man sie im Sonderangebot erhält.

Wenn man diese Einfuhren stoppt oder wesentlich reduziert,

dann werden die Leute am Ende Schuhe kaufen müssen, die einige Dollar teurer sind.

Das ist Inflation ...

Internationale Finanzprobleme

FRAGE: Wie sieht es mit den internationalen Finanzprob lernen aus? Was
kann beispielsweise getan werden, um schwächeren Ländern zu helfen, das benötigte Öl zu bezahlen, da die Araber den Preis so stark erhöht haben?
ANTWORT: Das ist eines der wichtigen Themen für den Wirtschaftsgipfel
in London im nächsten Monat.

Natürlich kann die Welt nicht zusehen, wie

sich in den Händen einiger weniger Länder weiterhin Überschüsse anhäufen
und andere gewaltige Defizite haben - vor allem viele der Entwicklungsländer und von den Privatbanken erwarten, daß sie das ganze Risiko tragen.

Das ist

einfach zu viel.
In Zusammenarbeit der wichtigsten Länder muß noch etwas Zusätzliches
getan werden.

Eine Lösung wird wahrscheinlich darauf hinauslaufen, daß sich

die ölexportierenden Länder mit Überschüssen - nicht alle ölexportierenden
Länder haben nämlich Überschüsse - daran beteiligen, durch den Internationalen Währungsfonds (IWF) oder andere Einrichtungen Mittel zur Verfügung stellen.

FRAGE: Warum sollten die Araber Geld in den IWF stecken?
Antwort:
- 9 -

�ANTWORT: Ich meine, sie haben ein Interesse an einer gesunden Weltwirtschaft.
FRAGE: Zeigen sie großes Interesse?
ANTWORT: Es gibt Anzeichen, daß Länder mit Oberschüssen, wie Saudi arabien und Kuwait, sich dieses Problems durchaus bewußt und interessiert
sind, mit uns an Lösungen zu arbeiten.
FRAGE: Wären Sie bereit, Ihnen ein größeres Stimmrecht im IWF einzuräumen, wenn sie mehr Mittel zur Verfügung stellen, die der IWF braucht, um
die Defizite der schwächeren Länder finanzleren zu helfen?
ANTWORT: Es ist nur recht und billig, daß sie eine Stimme haben sollen,
die der wichtigen Rolle entspricht, die sie spielen - in Grenzen. Darüber
muß verhandelt werden, aber es ist klar, daß sie, wenn sie wesentliche Mittel
zur Verfügung stellen, auch bei der Verwendung dieser Mittel ein Mitspracherecht haben sollten.
FRAGE: Machen Sie sich generell Sorgen über die Höhe der Anleihen, die
unsere Großbanken den Entwicklungsländern gewährt haben?
ANTWORT: Nein! Bisher hat es keine Probleme gegeben.
Anleihen ist sehr gut. Es hat keine Insolvenzen gegeben.

Die Erfahrung mit
Die Leute haben

ihre Schulden bezahlt.
Die Anleihen an die weniger entwickelten Länder sind weder im Prozentsatz des Gesamtvermögens noch des Anleihegeschäfts der Banken übertrieben
hoch. Aber wenn sich diese Anleihetätigkeit in Zukunft fortsetzt, dann könnte es bei einigen der Schuldnerländer Probleme geben. Wir müssen vorsichtig
sein und die Finanzierung den Rückzahlungsfähigkeiten der Schuldnerländer
entsprechend gestalten.

Bekämpfung

�Bekämpfung der Bestechung durch Firmen

FRAGE: Treten Sie für strengere Gesetze gegen die Bestechung durch
Firmen ein?
ANTWORT: Selbstverständlich! Derzeit gibt es kein Gesetz, das die Bestechung eines Regierungsvertreters eines anderen Landes zu einem Verbrechen
in unserem Lande machen würde.

Wenn Sie versuchen, die Zahlung von Ihrer

Einkommensteuer abzusetzen,oder wenn Sie börsenfähige Emissionen begeben und
die Zahlung nicht angeben, dann haben Sie natürlich ein Problem.
Handlung an sich ist per se nichts Kriminelles.

Aber an der

Es kann eine strafbare Hand-

lung in dem Land sein, in dem die Zahlung gemacht wird, aber nicht hier in
den USA.
Wenn sich also die Frage stellt, ob solche Zahlungen als eine strafbare
Handlung nach amerikanischem Recht angesehen werden sollten oder licht, dann
sagen wir, daß sie als solche angesehen werden sollte, denn sie sind mit
nichts entschuldbar.

Bestechu; g durc'" Firmen ist unnötig.

Es gibt keinerlei

Entschuldigungsgründe, und wenn wir solche Zahlungen als ungesetzlich erklären, dann würden wir jene amerikanischen Firmen,die das noch betreiben, darin
bestärken, davon abzulassen.

FRAGE: Wie würden Sie die Einhaltung eines solchen Gesetzes gewährleisten
können?
ANTWORT: Das wäre sicherlich keine einfache Sache.

Wenn es gilt, Anklage

zu erheben und eine Strafverfolgung einzuleiten, dann werden sich schon einige Probleme ergeben.

So könnte beispielsweise in einem Fall im Lande X ein

Staatsangehöriger des Landes Y verwickelt sein.

Das ist einer der Gründe,

warum wir den Abschluß eines internationalen Anti-Korruptionsabkommens in den
Vereinten Nationen so aktiv betreiben.

Aber ich meine, es ist auch schon aus

phychologisehen Gründen wichtig, daß die Vereinigten Staaten selbst klipp und
klar erklären, daß sie derartige Dinge nicht dulden.
FRAGE:
- 11 -

�FRAGE: Wollen Sie damit sagen, daß die Geschäftsmoral nicht an den
Grenzen haltmachen darf?
ANTWORT: Genau das! Ich hatte dieses Problem, als ich die Bendix
Corporation leitete.

Wenn ein ausländischer Vertreter zu uns kam und sagte:

"Wenn ihr einen Kontrakt wollt, dann kostet das so und so viel", dann erklärten wir ihm: "in diesem Falle wollen wir keinen Kontrakt."
FRAGE: Was würden Sie Geschäftsleuten sagen, die Ihnen erklären, daß
amerikanische Unternehmen im Ausland keinen Fuß auf den Boden bekommen, wenn
sie nicht ein bißchen Geld unter dem Tisch zustecken?
ANTWORT: Ich sage Ihnen: "Wenn das der einzige Weg ist, wie Sie ins Geschäft kommen können, dann lassen Sie das Geschäft", und weiter: "Ich glaube
nicht, daß Sie so Ihre Geschäfte machen müssen."
FRAGE: Nehmen Sie diesen Standpunkt aus moralischen Gründen ein oder
aus praktischen Überlegungen heraus?
ANTWORT: Es ist eine Kombination aus beidem.

Einmal ist der Präsident

klar und deutlich der Meinung, daß es unmoralisch, unethisch und falsch ist,
so etwas zu tun.

Weiter besteht die Auffassung, daß es unnötig ist und uns

- in wirtschaftlichen Vorteilen ausgedrückt - nicht sehr viel einbringt. Und
schließlich dürften die politischen Risiken am Ende alle möglichen Vorteile
bei weitem überwiegen.
FRAGE: Aus wievielen Ländern mußte sich Bendix wegen Ihrer Haltung zurückziehen?
ANTWORT: Nicht aus einem einzigen!

Wenn Sie ein gutes Erzeugnis ver-

kaufen, einen guten Service bieten, gute Technologie verwenden und schließlich einen guten Preis machen, dann können Sie auch Erfolg haben.

Die Vor-

stellung, man könne nur Geschäfte machen, wenn man einige Hände wasche, oder
man gehe pleite, ist eine gewaltige Übertreibung.
FRAGE:
- 12 -

�FRAGE: Warum halten Sie es für so wichtig, daß die Vereinigten Staaten
bei dem Verbot von Bestechungen eine klare Haltung einnehmen?
ANTWORT: Aus mehreren Gründen!
Einmal verdient das amerikanische Volk, daß es Vertrauen in unser Wirtschaftssystem haben kann.

Und es gibt genug Hinweise, daß die Bevölkerung,

wenn man sie nach Firmen fragt, eine recht zynische Einstellung hat - und
einiges von diesem Zynismus geht auf das Gefühl der Unmoral zurück.

Die Be-

stechungen durch Firmen untergraben also unser gesamtes System.
Zweitens führt es zu riesigen Komplikationen zwischen uns und anderen
Ländern, wenn die Sache herauskommt.- Es kann Regierungen zu Fall bringen
und unsere Investitionen.in anderen Ländern gefährden.

Es kann zu Beschrän-

kungen für andere amerikanische Firmen führen, die mit solchen Praktiken
nichts zu tun haben.
FRAGE: Die amerikanische Geschäftswelt scheint mit Präsident Carter noch
immer nicht ganz glücklich zu sein. Warum?
ANTWORT: Ich glaube, das hängt damit zusammen, daß viele amerikanische
Geschäftsleute zur Republikanischen Partei tendieren und automatisch davon
ausgehen, jeder demokratische Präsident werfe das Geld zum Fenster hinaus.
Sie setzen automatisch unausgeglichene Haushalte mit Inflation gleich, und
sie neigen zu Prophezeiungen, die ihr Eintreffen selbst herbeiführen. Wenn
sie glauben, ein Konjunkturprogramm führe zur Inflation, dann neigen sie zu
Präventivmaßnahmen - nämlich einer raschen Erhöhung der Preise- was wirklich
Inflation schafft. So werden aus Erwartungen Realitäten.
FRAGE: Wie stark sind die Inflationserwartungen gegenwärtig?

ANTWORT: Es besteht eine wachsende Furcht vor der Inflation. Es gibt
hier und dort einen inflationistischen Druck, der nichts mit der Politik der
Regierung zu tun hat, aber vielleicht in der ganzen Aufregung untergegangen
ist.
Anstieg
- 13 -

�Anstieg der Energiekosten
*

m

l

I |

FRAGE: Wird die Administration eine Erhöhung der Benzinsteuer vorschlagen?
ANTWORT: Ich weiß noch nicht, obwohl durchaus die Möglichkeit besteht.
Aber ich weiß eines: Ich kann mir nicht vorstellen, wie wir eine Energiepolitik haben können, die überhaupt etwas darstellt, ohne daß der Preis für
Energie generell steigt.
Eine nationale Energiepolitik - die wir unbedingt brauchen und die unserem Lande auf lange Sicht viel Gutes bringen würde - wird sicherlich einen
Anstieg der Preise für Erdgas, öl, Kohle und alle anderen Energiequellen bedeuten.

Dessen bin ich mir ziemlich sicher.

FRAGE: Warum?
ANTWORT: Weil es notwendig sein wird, Energie einzusparen, und man spart
leichter Energie ein, wenn sie teurer ist. Darüber hinaus werden wir Geld aufbringen müssen, um eine Verlagerung von einer Energieart auf eine andere zu
untersuchen und zu fördern.
FRAGE: Hätte das nicht inflationäre Folgen?
ANTWORT: Nicht notwendigerweise. Es wird nicht billig und einfach werden,
aber wir werden Mittel und Wege finden, um etwas von den höheren Steuern an
die Bevölkerung zurückzugeben.
FRAGE: Mehr Steuerrückzahlungen?
ANTWORT: Es gibt viele Mittel und Wege!
FRAGE: Was geschieht mit der Automob!Iindustrie, wenn das Benzin teurer
wird?
ANTWORT: Sie wird kleinere Autos bauen!
+ ++ ++
- 14 -

�8/1977

DIE BEGRENZUNG DER KERNWAFFEN: EIN 30JÄHRIGES BEMÜHEN
Von Alexander M. Sullivan

WASHINGTON - (AD) - Präsident Carters Vorschlag eines "völligen Neubeginns" bei der Begrenzung der Kernwaffen ist der jüngste Schritt in dem 30jährigen Bemühen der Vereinigten Staaten, eine Kraft unter Kontrolle zu
bringen, die ihre eigenen Wissenschaftler einst als erste freigesetzt haben.
Die USA begannen mit der Entwicklung des Atoms in den ersten Jahren des
Zweiten Weltkrieges, als Albert Einstein den damaligen amerikanischen Präsidenten Franklin D. Roosevelt über die Arbeiten von Kollegen unterrichtete,
die seit der Jahrhundertwende im Gange waren.

Er wies dabei warnend darauf

hin, daß es theoretisch möglich sei, die Grundstruktur eines Elementes wie
Uran aufzuspalten, wobei eine gewaltige Zerstörungskraft freigesetzt werde.
In einem Wettlauf gegen die Zeit und gegen die Furcht, daß eine der "Geheimwaffen", von denen Hitler häufig sprach, eine Atomwaffe sein könnte, riefen die Amerikaner ihr "Manhattan-Projekt" ins Leben, ein Notprogramm zur
Entwicklung dieser Waffe, bevor Hitler an sie herankam.

Diese Anstrengungen

gipfelten in dem ersten Atomwaffenversuch in Alamogordo im Staate New Mexico

Postfach 300,
D 5300 Bonn-Bad Godesberg 1
Tel: 02221-893240 Telex:08-85432

�r-

»»

Mexico am 16. Juli 1945 - einer Explosion, die der Explosivkraft von etwa
19 000 Tonnen des herkömmlichen Sprengstoffes TNT entsprach.
Präsident Harry S. Truman sah in der neuen Waffe ein Mittel, um den Krieg
ohne eine großes Blutvergießen fordernde Invasion Japans zu beenden. Er warnte zunächst die Japaner vor der furchtbaren Zerstörungskraft dieser neuen Waffe
und befahl, als seine Forderung nach Kapitulation zurückgewiesen wurde, den
Abwurf der Atombombe auf Hiroshima am 6. August 1945.
Fast unverzüglich danach begannen die USA mit dem Versuch, diese entsetzliche Waffe zu internationalisieren und die Atomkraft ausschließlich der friedlichen Verwendung zuzuführen.
Eine Sonderkommission der Vereinten Nationen empfahl am 31. Dezember
i.946 der Welt die Annahme des .&gt;aruch Hlanes - so benannt nach seinem Urheber,
dem Berater des amerikanischen Präsidenten, Bernard Baruch - der eine internationale Kontrolle aller Nükleafranlac i vorsah.
Die Sowjetunion stellte sich dem entgegen und legte im Juni des folgenden Jahres ihren eigenen Plan vor, der sich vom Baruch-Plan weitgehend unterschied.

Der sowjetische Plan sah nur begrenzte Inspektionsrechte vor, wo-

durch ein Schlupfloch offen blieb, das es den Nationen ermöglichte, heimlich
Atomwaffen zu bauen.
Am 22. Juni 1948 verhinderte die Sowjetunion durch ihr Veto im Weltsicherheitsrat die Durchführung des Baruch-Plars.und obwohl die Vollversammlung der Vereinten Nationen am 4. November 1S48 ir.it 40 gegen 6 Stimmen für
seine Annahme stimmte, verhinderte die sowjetische Opposition die Verwirklichung der vorgesehenen Kontrollmechanismen.
Im September 1949 gab Präsident Truman bekannt, daß in der Sowjetunion
eine Atombombe zur Explosion gebracht worden war.

Großbritannien zündete

seine erste Bombe im Jahre 1952, Frankreich im Jahre 1960, die Volksrepublik
- 2 -

�Volksrepublik China im Jahre 1964 und schließlich Indien im Jahre 1974.
Nachdem die Sowjetunion nunmehr auch über die Atombombe verfügte, ordnete Präsident Truman am 31. Januar 1950 einen weiteren Ausbau der Rüstung
an und wies die Wissenschaftler der Vereinigten Staaten an, eine noch weitaus stärkere Waffe - die Wasserstoffbombe oder H-Bombe - zu bauen, deren
Sprengkraft nicht aus der Spaltung, sondern der Verschmelzung der Atome gewonnen wird.
Die Vereinigten Staaten führten den ersten H-Bombenversuch am 16. November 1952 auf dem Eniwetok-Atoll im Pazifik durch. Am 21. Mai 1956 wurde
dann die erste amerikanische H-Bombe in der Luft gezündet, bei der eine
Sprengkraft erzeugt wurde, die der von 10 Millionen Tonnen des herkömmlichen
TNT-Sprengstoffs entsprach.
Im folgenden Jahr zündete die Sowjetunion ihre erste Wasserstoffbombe»
und am 29. Oktober 1961 wurde in der Sowjetunion eine Bombe zur Explosion
gebracht, deren Gewalt der Sprengkraft von 50 Millionen Tonnen TNT entsprach
und die die größte in der Welt jemals ausgelöste Detonation war.
Großbritannien zündete seine erste H-Bombe im Jahre 1957, die Volksrepublik China im Jahre 1967 und Frankreich im Jahre 1968.
Während der fünfziger Jahre wurden von so vielen Staaten eine derart
große Zahl von Kernsprengsätzen gezündet, daß es schwierig war, die Zahl der
Explosionen festzuhalten.

Eine Folge davon war der sogenannte "fall-out"

- radioaktive Rückstände der Explosionen, die sich mit der Luftströmung über
die Erde verbreiteten.

Strontium-90 und Jod-131 - beides radioaktive Ele-

mente - zeigten sich in der Milch und anderen Nahrungsmitteln.

Die Furcht

vor einer Verseuchung der Menschen mit krebserzeugenden Agentien führte dazu, daß die Vereinigten Staaten, Großbritannien und die Sowjetunion im Jahre
1958 ihre Atomwaffenversuche in der Atmosphäre informell einstellten.
Dieser
- 3 -

�f

Dieser informelle Versuchsstop - Moratorium - wurde von Moskau im Jahre
1961, als Frankreich sein nukleares Testprogramm begann, gebrochen,und
Washington und London nahmen im darauffolgenden Jahr ihre Versuche in der
Atmosphäre ebenfalls wieder auf.

Im Jahre 1963 erzielten dann jedoch die

Vereinigten Staaten, Großbritannien und die Sowjetunion ein Übereinkommen
über einen Vertrag, der alle Atomwaffenversuche in der Luft, am Boden oder
unter Wasser verbot.

Unterirdische Versuche waren jedoch auch weiterhin zu-

gelassen.
Diesem Vertrag folgte der Vertrag, durch den die Weiterverbreitung von
Kernwaffen verboten wurde - der sogenannte Nonproliferations-Vertrag.

Seine

Bestimmungen verpflichten all die Staaten, die keine Kernwaffen besitzen und
sich dem Vertrag angeschlossen haben, auf die Produktion aller nuklearen
Sprengstoffe zu verzichten.

Der Vertrag wurde 1968 zur Unterzeichnung ausge-

legt und trat im März 1970 in Kraft.
Am 11. Februar 1971 wurde dann der Vertrag zur Unterzeichnung ausgelegt,
durch den der Einsatz von Massenvernichtungswaffen auf dem Meeresboden verboten wurde. Der Vertrag trat am 18. Mai 1972 in Kraft.
Die derzeitige Phase im Ringen um die Rüstungskontrolle geht auf die Gespräche zwischen Präsident Johnson und dem sowjetischen Ministerpräsidenten
Kossygin bei ihrem Zusammentreffen in Glassboro (New Jersey) im Juni des Jahres 1968 zurück. Sie führten zu einer beachtlichen neuen Initiative in dem
Bemühen, die moderne Technologie in der Waffenentwicklung unter Kontrolle zu
halten.
Präsident Johnson war es, der in Glassboro seinem sowjetischen Gesprächspartner gegenüber das Thema ansprach, von der Entwicklung eines neuartigen
Waffensystems zur Abwehr ballistischer Raketen, des sogenannte ABM-SystemS,Abstand zu nehmen.

Dieses System, so hatten seine Fürsprecher erklärt, könne

die nuklearen Sprengköpfe gegnerischer Raketen noch im Flug vernichten, ehe
sie ins Ziel gelangten.
Präsident
- 4 -

»,

�Präsident Johnson wies darauf hin, daß damit das Gleichgewicht der
Kräfte erschüttert würde. Wenn die eine Seite das ABM-System installierte,
dann wäre die andere gezwungen, entsprechende Maßnahmen zu ergreifen oder
sich mit einer Verschiebung des strategischen Gleichgewichts zu ihren Ungunsten abzufinden.
Das ABM-System wurde daraufhin zuerst stark reduziert und schließlich
durch die 1972 und 1974 in Moskau unterzeichneten Abkommen

praktisch eli-

miniert.
Im November 1974 in Wladiwostok einigten sich dann der sowjetische
Parteichef Breschnew und Präsident Ford im Prinzip auf eine Zahl von offensiven Raketen, die jeder der beiden Seiten gemäß dem ständigen Übereinkommen
über Offensivwaffen zustehen sollte. Jede Seite sollte 2400 Raketen auf Abschußrampen zu Land, zur See und in der Luft dislozieren dürfen, von denen
1320 mit Mehrfachgefechtsköpfen ausgerüstet sein dürfen.
Zur Zeit der Abkommen von 1972 wies Kissinger warnend darauf hin, daß
die Zeit verrinne und der Mensch Gefahr laufe, die Kontrolle über die Technologie zu verlieren.
Ein Beispiel dafür waren die Mehrfachgefechtsköpfe. Im Jahre 1972 gehörten sie noch nicht zu den spezifizierten Punkten des Abkommens. Aber
schon knapp zwei Jahre später wurden sie zum Kernstück des Übereinkommens
von Wladiwostok. Im Verlauf dieser beiden Jahre hatten die USA die Technik
dieser neuen Waffen vervollkommnet und begonnen, ihre Raketen mit mehreren,
voneinander unabhängig ziel programmierten Gefechtsköpfen, den sogenannten
MIRV's,auszurüsten. Damit war eine einzige Rakete imstande, während des
Flugs bis zu acht oder zehn Gefechtsköpfe auf verschiedene Ziele abzuschießen.
Die Installierung der MIRV's ließ sich nicht stoppen, aber man erzielte
in Wladiwostok ein Übereinkommen über die Kontrolle der Zahlen der auf beiden Seiten verfügbaren Waffen dieser Art.
Nach
- 5 -

�J~

Nach Wladiwostok brachte die technische Weiterentwicklung der Waffensysteme neue Probleme.

Die Sowjets entwickelten einen neuen Bomber - der

im Westen "Backfire-Bomber" genannt wird.

Von sowjetischer Seite wurde be-

hauptet, dieser Bomber habe nur eine mittlere Reichweite und sei keine strategische Waffe.

Er könne Ziele in den Vereinigten Staaten nicht erreichen.

Die amerikanischen Militärexperten wandten dagegen jedoch ein, daß durch die
neuen Auftanktechniken in der Luft der Back-fire-Bomber leicht von einer
taktischen zu einer strategischen Waffe verwandelt werden könnte.
Auch die Vereinigten Staaten entwickelten seit Wladiwostok eine neue
Waffe - die allerdings noch nicht in Produktion gegangen ist - den sogenannten Marschflugkörper (Cruise Missile).

Auch er kann sowohl als taktische

als auch als strategische Waffe angesehen werden.

Nach Presseberichten hat

der eine Typ dieser neuen Waffe - die vom Fli'okörper aus abgeschlossene Version - eine Reichweite von 3200 Kilometern.
Vom militärischen Standpunkt ist die Cruise Missile eine außerordentlich interessante Neuentwicklung, weil sie gegenüber den ballistischen Raketen gewaltige Vorteile besitzt.

Eine ballistische Rakete ist nach ihrem

Abschuß bis zum Flug ins Ziel den Gesetzen der Physik unterworfen genau so
wie eine Artilleriegranate.

Der Marschflugkörper dagegen ist praktisch ein

Flugzeug ohne Pilot, das vom Start bis ins Ziel durch ein Leif-system in sehr
niedriger Höhe gesteuert werden kann.
Das mit diesen beiden neuen Waffensystemen entstandene Problem stand
dem Abschluß des Wladiwostok-Abkommens im Wege.
Präsident Carter hat die Wladiwostok-Formel bei den jüngsten Gesprächen
in Moskau als eine "Auffang-Position" bezeichnet und erklärt, daß er bereit
wäre, das Abkommen von Wladiwostok abzuschließen und das durch den BackfireBomber und die Marschflugkörper entstandene Problem künftigen Erörterungen
zu überlassen, wenn Moskau den Vorschlag zu einer drastischen Reduzierung
der Trägersysteme - dem Carter den Vorzug gibt - zurückweisen sollte.
Moskau
- 6 -

^

�Moskau hat beide Vorschläge Carters zurückgewiesen.
der Dinge - zumindest für den gegenwärtigen Zeitpunkt.

+ + + + +

- 7

Das ist der Stand

�</text>
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                <text>&lt;strong&gt;1. Dokumentation&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Erklärung Präsident Carters zur Kernenergiepolitik vom 7. April 1977&lt;br /&gt;&lt;em&gt;- Wortlaut -&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Carter erläutert seine Kernenergiepolitik&lt;br /&gt;&lt;em&gt;- Pressekonferenz vom 7. April 1977 -&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Information&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Interhospital '77&lt;br /&gt;&lt;em&gt;- US-Gemeinschaftsschau vom 7. bis 10. Juni 1977 -&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Wirtschaft&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Blumenthal: Mindestens drei Jahre Prosperität&amp;nbsp;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;- Interview mit dem amerikanischen Finanzminister -&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;4. Hintergrundmaterial&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Die Begrenzung der Kernwaffen: Ein 30jähriges Bemühen&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Von Alexander M. Sullivan&lt;/em&gt;</text>
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                <text>&lt;p&gt;&lt;strong&gt;1. Information&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Reagan: Ein neues Zeitalter der Raumfahrt hat begonnen&lt;br /&gt;&lt;em&gt;- Glückwunschtelegramm des Präsidenten an die Astronauten -&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;USA sagen 285 Millionen Dollar für afrikanische Flüchtlingsprogramme zu&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Dokumentation&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Senator Byrd: Die Welt darf sowjetische Invasion Afghanistans nicht vergessen&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;USA betrachten Abschreckung als Grundelement für Stabilität und Frieden&lt;br /&gt;&lt;em&gt;- Erklärung des US-Botschafters auf der Genfer Abrüstungskonferenz -&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Wirtschaft&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Reagan-Administration erstrebt ausgewogenen Geldmengenzuwachs&amp;nbsp;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;- US-Unterstaatssekretär vor Kongressunterausschuss -&amp;nbsp;&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;4. Hintergrundmaterial&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;USA stehen zum Ölzuteilungsprogramm der IEA&amp;nbsp;&lt;/p&gt;</text>
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                    <text>AMERIKA DIENST
"VON**

15. April

14

1987

I N H A L T

DOKUMENTATION
Reagan;

Amerikanisch-sowjetische Beziehungen kommen voran

- Ansprache vor dem Los Angeles World Affairs Council -

Kommission zur Untersuchung der Sicherheit in Moskauer Botschaft
eingesetzt
- Stellungnahme Präsident Reagans -

Glasnost und der Konsens im Westen
- Ansprache des amerikanischen Botschafters in Berlin -

WIRTSCHAFT
Amerikanisch-japanische Gespräche über Halbleiter ohne Ergebnis
- Erklärung des Büros des amerikanischen Handelsbeauftragten -

WISSENSCHAFT UND TECHNIK
Hautkrebsrisiko wächst
- Vorsorgliche Maßnahmen gegen Ozonabbau dringendes Gebot

* * * * * *

United States Information Service
Embassy of the United States of America

Postfach 20 03 00
D 5300 f onn 2

Tel.: 0228-339 2035
Telex: 8-85432

�AMERIKA DIENST
V,oN^

Dokumentation

15. April 1087

14

REAGAN: AMERIKANISCH-SOWJETISCHE BEZIEHUNGEN KOMMEN VORAN
- Ansprache vor dem Los Angeles World Affairs Council LOS ANGELES - (AD) - Präsident Reagan zufolge kommen die amerikanischsowjetischen Beziehungen voran "ohne Grund für große Begeisterung oder für
große Besorgnis" zu bieten.
In einer Ansprache vor dem Los Angeles World
Affairs Council erklärte der Präsident am 10. April 1987, er habe Außenminister Shultz beauftragt, im Rahmen seines Besuchs in Moskau "ein breites
Spektrum von Problemen zwischen unseren beiden Ländern" anzusprechen.
Dazu
gehörten der Abzug der sowjetischen Truppen aus Afghanistan, Fortschritte für
ein Abkommen über Mittelstreckenraketen, ein beiderseitiger 50prozentiger Abbau der strategischen Atomwaffenarsenale, das Streben nach einem sichereren
strategischen Gleichgewicht durch verstärktes Vertrauen auf defensive Systeme
sowie die Lösung der Auswanderungsfrage.
Nachfolgend bringen wir die Rede des Präsidenten im Wortlaut:

Ich freue mich, heute hier vor
Ihnen über den gegenwärtigen Stand
der sowjetisch-amerikanischen Beziehungen sprechen zu können. Bevor ich
dies tue, möchte ich jedoch zu den
jüngsten
Enthüllungen
über sowjetische Spionageaktivitäten gegen die
amerikanische
Botschaft
in
Moskau
Stellung nehmen.
Es gibt keinerlei
Entschuldigung für das, was die Sowjets getan haben oder für die Art
und Weise, in der das Sicherheitsproblem in Moskau behandelt wurde.
Nun, denjenigen, die meinen, daß

United States Information Service
Embassy of the United States of America

diese jüngsten Ereignisse ein neues
Licht auf die sowjetisch-amerikanischen Beziehungen werfen, sage ich:
'Wo sind Sie denn gewesen?1
Jeder,
der mit dem Charakter des sowjetischen Regimes, seiner Ideologie und
seiner Absichten vertraut ist, weiß,
daß solche Handlungen der Sowjets
keine Überraschung darstellen.
Seit den frühesten Tagen dieser
Administration habe ich darauf bestanden, daß unsere Beziehungen mit
den Sowjets auf Realismus anstatt Illusionen
beruhen müssen.
Ja, die

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.: 0228-339 2035
Telex: 8-85432

�Grundlage unserer Außenpolitik hat ja
seit Anbeginn gerade darin bestanden,
bei der Beschreibung der amerikanisch-sowjetischen
Beziehungen
kein
Blatt vor den Mund zu nehmen - und
klar zu verstehen zu geben, wofür unserer Ansicht nach die Sowjets eintreten und wofür wir selbst eintreten.
Das
mag
einleuchtend
klingen,
aber als wir im Jahr 1981 die Regierungsgeschäfte
übernahmen,
bestand
die klare Notwendigkeit, dies erneut
zu erklären.
Lassen Sie mich heute
diese Ansichten darlegen und die Beziehungen
zwischen
unseren
Ländern
einer Überprüfung unterziehen.
Wir haben einen Rahmen für die
Auseinandersetzung
mit den
Sowjets
geschaffen; wir haben darauf bestanden, daß Fortschritte in vier entscheidenden Bereichen vorangetrieben
werden müssen:
Erstens, das Streben nach verifizierbarer
und stabilisierender
Rüstungskontrolle mit Betonung auf verifizierbar; zweitens, auf dem Verhandlungsweg
erzielte Lösungen
für
regionale
Konflikte; drittens, die
Förderung
der Menschenrechte
sowie
viertens, erweiterte Kontakte zwischen unseren Völkern.
Diese Tagesordnung verkörpert eine konsequente und langfristig angelegte Politik, in der sich unsere moralischen Werte, unsere strategischen
Interessen und unsere Verpflichtungen
gegenüber unseren Freunden und Verbündeten widerspiegeln.
Sie beruht
nicht auf falschen Hoffnungen oder
Wunschdenken bezüglich der Sowjets;
sie beruht auf einer freimütigen Einschätzung sowjetischer Handlungen und
einem langfristigen Verständnis ihrer
Absichten.

in
einigen
Bereichen
dieser
vier
Punkte Bewegung und Fortschritte erlebt haben. Nehmen Sie zum Beispiel
die Rüstungskontrolle.
Im Verlauf
unserer beiden Treffen - unserem Kamin-Gipfel in Genf und unseren Gesprächen im Hofdi-Haus in Reykjavik haben Herr Gorbatschow und ich bedeutende Schritte nach vorn unternommen.
Wir haben Hindernisse aus dem Weg geräumt und uns historischen Abkommen
zur
Reduzierung
der
strategischen
Atomwaffen und der atomaren Mittelstreckenraketen angenähert.
In den
Monaten
nach
Reykjavik
waren
die
Fortschritte langsamer als ich erhofft hatte, aber in den letzten Wochen haben die Sowjets eine neue
Ernsthaftigkeit gezeigt.
Es besteht
jetzt die klare Möglichkeit für einen
Durchbruch
in den Gesprächen über
Mittelstreckenraketen.
Nun zur Frage der Menschenrechte.
Auch hier haben wir einige positive
Entwicklungen festgestellt. Die Verbannung von Andrej Sacharow wurde
aufgehoben und er darf jetzt seine
Meinung frei äußern. Einige politische Gefangene wurden entlassen. Die
Auswanderungszahlen für März und April sind bis jetzt gestiegen.
Es
wird über Änderungen sowjetischer Gesetze gesprochen.
Ein weniger zentralistischer Ansatz für die sowjetische Wirtschaft ist im Gespräch, wodurch der Initiative des Einzelnen
mehr Raum gegeben würde. Wir werden
sehen, ob diese Diskussionen zu irgendetwas führen werden.
Im Bereich des bilateralen Austauschs, haben wir Einigung über erweiterte
sowjetisch-amerikanische
Kontakte erzielt. Austauschprogramme
in den Bereichen Kultur und Wissenschaft sowie zwischen den Bürgern
beider Länder sind seit Genf drastisch vermehrt worden.

Ich kann Ihnen berichten, daß wir
- 2 -

�Aber all dies aufzuzählen heißt
nicht, da3 man unrealistisch sein
oder die weiteren Zusammenhänge außer
acht lassen soll. Weiterhin bestehen
ernsthafte Probleme.
Bei den Rüstungsverhandlungen
zum
Beispiel
bleibt die Verifizierung wegen der
ungenügenden Einhaltung früherer Abkommen durch die Sowjets ein entscheidendes Problem.
Die
Sowjets
haben
auch
ihre
grundsätzliche Strategie nicht aufgegeben, diese Verhandlungen
zu dem
Versuch zu benutzen, unsere Verbündeten und Freunde in Europa und Asien
und die Vereinigten Staaten zu entzweien. Die Sorgen unserer Verbündeten sind von zentraler Bedeutung.
Wir können es beispielsweise nicht
zulassen, daß der Gewinn der Reduzierung von Mittelstreckenraketen längerer Reichweite durch ein weiterbestehendes Ungleichgewicht bei den Mittelstreckenraketen kürzerer Reichweite untergraben oder umgangen wird,
bei denen die Sowjets einen enormen
Vorteil besitzen.
Lassen Sie mich
noch einmal erklären: die Vereinigten
Staaten werden weiterhin enge Konsultationen mit ihren Verbündeten vornehmen und wir werden ihre vitalen
Interessen nicht preisgeben, nur um
ein Abkommen zu unterzeichnen.
Leider versuchen die Sowjets auch
weiterhin, die Strategische Verteidigungsinitiative zunichte zu machen.
Ich habe einige sehr entgegenkommende
Vorschläge
dergestalt
unterbreitet,
daß für eine gewisse Zeitspanne keine
strategischen
VerteidigungsSysteme
stationiert würden - während wir und
die Sowjets Verhandlungen über einen
kooperativen tibergang zu einer neuen
Art strategischen Gleichgewichts führen, bei denen die Abschreckung auf
dem Schutz von Menschenleben anstatt
ihrer Bedrohung beruht.

Herr Gorbatschow selbst hat unlängst das "Gleichgewicht des Schrekkens" als Strategie der Friedenserhaltung kritisiert und gefordert, die
Nukleardoktrinen wahrhaft defensiv zu
gestallten. Nun, ich stimme ihm zu.
Ein Friede, der auf strategischen
Verteidigungssystemen beruht, die einen Angriff abfangen und neutralisieren können - einhergehend mit radikalen Reduzierungen der Offensivraketen
-, dies ist der sicherste Weg von allen .
Wie ich schon nach dem Genfer
Gipfeltreffen
sagte, sind
Treffen
zwischen unseren höchsten politischen
Vertretern kein Gefallen, den eine
Seite der anderen tut.
Sie können
aber hilfreich sein. Und in diesem
Zusammenhang erkläre ich, daß meine
Einladung an Herrn Gorbatschow zu einem Besuch in den Vereinigten Staaten
weiterhin Bestand hat. Der Willkommensteppich bleibt ausgerollt.
Im
Bereich
der
Menschenrechte
sind unsere Sorgen ebenfalls grundlegender Natur. obwohl wir die Lösung
einiger weithin bekannter Einzelfälle
begrüßen, suchen wir nach Anzeichen,
daß die Sowjetunion beabsichtigt, ihren Verpflichtungen gegenüber allen
ihren Bürgern gemäß ihren eigenen Gesetzen und gemäß den Vereinbarungen
von Helsinki gerecht zu werden. Ein
System, das Europa
in künstlicher
Teilung beläßt, die Religion und religiöse Kontakte unterdrückt, weiterhin Radiosendungen stört und amerikanische Journalisten unter erlogenen
Anschuldigungen
verhaftet, bedeutet
ein Problem für andere Staaten. Keine Nation wird mit ihren Nachbarn in
Frieden leben, wenn sie nicht auch
Frieden mit ihren eigenen Bürgern
schließt.
Die
Menschenrechte
sind
also
nicht nur eine "innere" Angelegen-

- 3 -

�heit. Sie sind in Wirklichkeit eine
Frage des Friedens. Andrej Sacharow
hat dies sehr gut zum Ausdruck gebracht als er erklärte: "Ich bin davon
überzeugt, daß
internationales
Vertrauen, gegenseitiges Verständnis,
Abrüstung und internationale Sicherheit undenkbar sind ohne eine offene
Gesellschaft
mit
Informations- und
Gewissensfreiheit, der Freiheit zu
veröffentlichen und dem Recht zu reisen und das Land zu wählen, in dem
man leben möchte".
Leider sind die Nachrichten über
den noch verbleibenden Punkt auf unserer Tagesordnung nicht gut.
Ich
spreche von dem Problem der militärischen Konflikte in Regionen der Dritten Welt - wo die Tatsachen sowjetischen Vorgehens brutal, eine Gefahr
für den Frieden und unsere zukünftigen Beziehungen sind. Trotz des angeblichen Wunschs nach
friedlicher
Beilegung dieser Konflikte, trotz Ankündigungen
von
Waffenstillständen
und Reden über
"nationale Versöhnung",
führen
sowjetische
Truppen
weiterhin einen schrecklichen Krieg
gegen das Volk von Afghanistan.
Die militärische Bedrohung
des
mit uns befreundeten Pakistan eskaliert in einem Maße, daß sie das Risiko einer größeren Konfrontation in
sich birgt. In Äthiopien, Angola und
Kampuchea unterstützt die Sowjetunion
weiterhin die brutalen Kriege leninistischer Regime gegen ihre eigenen
Völker. In Nicaragua können wir eine
ebensolche Kampagne an unseren eigenen Küsten beobachten, mit der drohenden Destabilisierung ganz Mittelamerikas und der Verweigerung des
Rechts des nicaraguanischen Volkes
auf die Bestimmung seiner eigenen Zukunft.
Die Welt wird diese Politik des
globalen Expansionismus nicht länger

hinnehmen.
In den vergangen Jahren
konnten wir eine neue Tendenz beobachten - die Ausbreitung der Demokratie von Lateinamerika bis hin zu den
Philippinen, die von einer weltweiten
Revolutionierung des Wirtschaftsdenkens begleitet wurde - die Tendenz zu
politischer
und
wirtschaftlicher
Freiheit als Mittel, Wirtschaftswachstum und menschlichen Fortschritt in
der sich entwickelnden Welt zu fördern. Die Vereinigten Staaten stehen
zu ihrer Verpflichtung, diese Entwicklung
zu
größerer
persönlicher
Freiheit und nationaler Selbstbestimmung weiterhin zu unterstützen - und
jeglicher Versuchung nach einer Umkehrung derselben zu widerstehen.
In
der
jüngsten
Vergangenheit
machten sich Anzeichen bemerkbar, daß
die Sowjetunion nach diplomatischen
Wegen zu einer Beendigung ihres Krieges mit Afghanistan suchen könnte.
Die Sowjetunion sollte wissen, daß
die Vereinigten Staaten keinen strategischen vorteil in Afghanistan suchen.
Sie sollte aber auch wissen,
daß eine politische Beilegung des
Konflikts solange nicht durchführbar
sein wird, bis die Sowjetunion ihre
Truppen unverzüglich und vollständig
abzieht und dem afghanischen Volk
echte Selbstbestimmung gewährt.
Das
Widerstandsbündnis nimmt eine zunehmend bedeutendere Rolle ein und wir
werden
es
weiterhin
unterstützen.
Wir werden jede gerechte Beilegung
unterstützen, die ein wahrhaft unabhängiges
und neutrales Afghanistan
schaffen wird, das den Bedürfnissen
des freien afghanischen Volkes gerecht wird.
Desgleichen erreichte die Militär- und Wirtschaftshilfe des sowjetischen Blocks an das sandinistische
Regime in Nicaragua im vergangenen
Jahr noch nie dagewesene Summen in
Milliardenhöhe; Anzahl und Entwick-

�lungsstand der Waffenlieferungen haben ein gefährliches Ausmaß erreicht.
Wir haben das Recht und in der Tat
auch die Pflicht, unsere Freunde in
dieser Hemisphäre gegen eine solche
eklatante Intervention zu unterstützen.
Das sowjetische Verhalten wird
hier die Feuerprobe unserer Beziehung
bestehen müssen.
Auch in Angola können wir eine
Eskalation des sowjetischen und kubanischen
militärischen
Engagements
in dem vergeblichen Streben nach einem militärischen
Sieg beobachten.
Hier fordern wir eine politische Lösung und den raschen Abzug von Fidel
Castros 35 000 kubanischen Söldnern
aus Angola.
Kampuchea ist ein weiteres tragisches Beispiel der von Vietnam auferzwungenen und von der UdSSR unterstützten
Aggression
und Besetzung.
Das Volk von Kampuchea hat genug gelitten; es ist Zeit für wahrhafte
Selbstbestimmung
und
Frieden
in
Kampuchea.
Was steht also heute auf unserer
Tagesordnung?
Lassen Sie mich dies
im einzelnen ausführen.
Erstens muß die blutende Wunde
Afghanistan
geheilt
werden.
Ich
möchte die Aufforderung an die UdSSR
richten, noch im Verlauf dieses Kalenderjahres ein Datum festzusetzen,
an dem sie mit dem zügigen Abzug der
sowjetischen Truppen beginnt.
Zweitens fordere ich die Sowjets
auf, mit uns gemeinsam ein Abkommen
über
Raketen
mittlerer
Reichweite
voranzutreiben, das die Sicherheit
insgesamt und die militärische Stabilität verbessert. Die Themenkomplexe
der Verifizierung
und der flittelstreckensysteme
kürzerer
Reichweite
müssen auf eine Weise gelöst werden,

daß
die
Sicherheitsinteressen
Verbündeten gewahrt bleiben.

der

Drittens fordere ich die Sowjets
auf, mit uns gemeinsam eine 50prozentige Kürzung
unserer
strategischen
nuklearen Arsenale in der Form vorzunehmen, daß sie zu einer Stärkung der
Stabilität beiträgt.
Unser SDI-Programm sollte einer solchen Kürzung
nicht im Wege stehen - ebensowenig
wie die seit langem bestehenden sowjetischen
strategischen
Verteidigungsprogramme dieser Kürzung im Wege
stehen.
Viertens fordere ich die Sowjets
auf, mit uns gemeinsam ein sicheres
strategisches Gleichgewicht anzustreben, indem man sich weniger auf gegenseitige offensive Bedrohungen und
mehr auf defensive Systeme verläßt,
die niemanden bedrohen.
Und schließlich ist es an der
Zeit, das Thema Auswanderung zu lösen
- und zwar endgültig.
Es ist Zeit
für eine entschieden liberalisierte
Auswanderungspolitik
und
größere
Freiheiten
für
diejenigen
Juden,
Christen und Völker anderen Glaubens,
die in der Sowjetunion bleiben möchten. Wenn dies geschieht, werden wir
darauf antworten.
Wenn
ich
die
amerikanisch-sowjetischen Beziehungen mit einem Wort
umreißen müßte, so würde ich sagen,
sie kommen voran. Dies ist weder ein
Grund für große Begeisterung, noch
für große Besorgnis. Und vielleicht
sollte man die Beziehungen mit seinen
Gegnern auf diese Weise charakterisieren.
Wir haben Hoffnungen, und
wir sind entschlossen, und wir kommen
voran. Um diesen Prozeß in Gang zu
halten, habe ich Außenminister George
Shultz beauftragt, nach Moskau zu
reisen und ein breites Spektrum von
Themen zu besprechen, die unsere bei-

- 5 -

�den Länder betreffen.
Wenn ich mir die sowjetisch-amerikanischen Beziehungen der vergangenen sechs Jahre betrachte, sollten
Sie wissen, daß ich dabei an die Antwort erinnert werde, die Harry Truman
gab, als jemand zu ihm sagte: "Mach
ihnen die Hölle heiß, Harry" und er
erwiderte:
"Ich habe niemals absichtlich
irgendjemandem
die Hölle
heiß gemacht. Ich sage ihnen nur die
Wahrheit...und sie denken, das ist
die Hölle".
Als die Vereinigten Staaten ihre
Bündnisse
und
militärische
Stärke
wiederaufbauten und den Sowjets gegenüber eine feste Haltung einnahmen,
erachteten einige dies als provokativ. Als die Vereinigten Staaten umfassende Vorschläge zum Abbau von
Waffen machten, sagten andere, unsere
Weigerung, sie sofort aufzugeben zeige Kompromißlosigkeit. Als die Vereinigten Staaten sich für die Freiheit aussprachen und an das Gewissen
der Menschheit angesichts totalitärer
Aggression oder Menschenrechtsverletzungen appellierten, kritisierten einige diese Beteuerungen als Gefährdung der heiklen Verhandlungen. Als
wir unsere Haltung zu SDI klarmachten
und in Reykjavik an ihr festhielten,
gab es wieder andere, die das Ende
der Abrüstungsbemühungen befürchteten.
Ich denke, was uns die letzten
sechs Jahre gelehrt haben - und daran
müssen wir uns jetzt erinnern, denke
ich - ist, daß die Schaffung eines an
Spannungen ärmeren Umfelds Realismus
und die Bereitschaft erfordert, im
Angesicht von Bedrohungen, Protesten
und sorgenvollen Vorhersagen für unsere Werte und Verpflichtungen einzutreten.
Wir müssen uns auch daran
erinnern, daß die Stimmen der Panikmacher oder der Beschwichtiger das
sorgsame Streben nach Frieden stören,

wenn sie in ihrer Hast, ein Abkommen
zu unterzeichnen oder einen Vertrag
in die Wege zu leiten, Gerechtigkeit
und weltweite Freiheit als Ziele der
amerikanischen Außenpolitik aus den
Augen verlieren.
Ich bin daher davon überzeugt,
daß der von uns in Verhandlungen erzielte Fortschritt darauf zurückgeführt werden kann, daß wir in unseren
öffentlichen
Erklärungen
aufrichtig
waren. Bei meinem Amtsantritt und im
weiteren
Verlauf
der
vergangenen
sechs Jahre habe ich meine Meinung
über die sowjetische Ideologie und
deren Absichten stets freimütig zum
Ausdruck gebracht.
Ich wollte nicht
unnötig
antagonistisch
sein,
ich
wollte mich nur zu einer der schwerwiegendsten Lektionen der Geschichte
bekennen: daß das erste Ziel aggressiver Mächte darin liegt, den Willen
der möglichen Gegner zu brechen - und
so die freien Nationen zu dem Gedanken zu verleiten, daß öffentliche Äußerungen der Wahrheit oder moralische
Proteste gegen Aggressionen in sich
selbst Akte kriegerischer Handlungen
sind.
Und die Geschichte lehrt, daß,
wenn - im Namen des Friedens - freie
Nationen solche subtilen Einschüchterungen
stillschweigend
hinnehmen,
dies den Zusammenbruch ihrer eigenen
Selbstachtung und Freiheit unmittelbar nach sich zieht. Die Geschichte
zeigt immer wieder, daß Konflikte aus
den
Fehleinschätzungen
aggressiver
Mächte entstehen, die den Willen demokratischer Nationen zum Widerstand
falsch einschätzen.
Freimut und Realismus gegenüber
den Sowjets haben dem Friedensprozeß
geholfen -i denn sie sind nicht nur
die unerläßliche Bestätigung unserer
eigenen moralischen Stärke, sondern
auch ein Signal an unsere Sowjet-

�ischen Gegenspieler, daß man jeglicher Versuchung der Ausbeutung westlicher
Illusionen widerstehen muß,
weil solche Illusionen nicht länger
existieren.
Heine Damen und Herren, ich habe
von der Zukunft oft als dem frischen
und stärker werdenden Wind der Zukunft gesprochen. In diesem Bild zu
sprechen bedeutet nicht, ein Volk
oder eine Nation zu bedrohen, sondern
nur, die heiligste Hoffnung und den
ältesten Traum der Menschheit zu erneuern: Fine Welt, in der materielle
Wünsche erfüllt und menschliche Freiheit bewahrt werden und Frieden und
Brüderlichkeit unter den Völkern vorherrschen.
Diese Ziele sollten gefeiert und diese Wahrheiten sollten
ohne Entschuldigungen gegenüber irgendjemandem verfolgt werden.
Abschließend möchte ich Ihnen von
einer kleinen Begebenheit berichten,
die ich gestern den Jugendlichen in
Purdue erzählt habe. Ich erhielt einen Brief, in dem ein Mann sagte, daß
man nach Japan gehen und dort leben
könne und nicht Japaner werden könne.
Daß man in die Türkei gehen und dort
leben könne und nicht Türke werde,
oder
nach
Griechenland
und
nicht
Grieche v/erde, oder nach Frankreich
und nicht Franzose werde.

Teil
men
ist
alle

Aber jeder, gleich von welchem
der Welt, kann nach Amerika komund Amerikaner werden.
und es
vielleicht an der Zeit, daß wir
dies begreifen.

- 7 -

�AMERIKA DIENST
Dokumentation
15. April 1987

14
KOMMISSION ZUR UNTERSUCHUNG DER SICHERHEIT
IN MOSKAUER BOTSCHAFT EINGESETZT
- Stellungnahme Präsident Reagans -

WASHINGTON - (AD) - In einer Stellungnahme vor Journalisten hat Präsident
Reagan am 7. April 1987 seiner Besorgnis "über die Verletzung der Sicherheit
in unserer Moskauer Botschaft" Ausdruck verliehen.
Er kündigte die Einsetzung von Arbeitsgruppen der Regierung an, die innerhalb von 90 Tagen einen Bericht über die Hintergründe der Affäre vorlegen sollen. Gleichzeitig erklärte er, daß die Vereinigten Staaten ihr neues Botschaftsgebäude in Moskau nur dann beziehen werden, wenn sie von seiner Sicherheit überzeugt sind.
Nachstehend drucken wir die Erklärung des Präsidenten im Wortlaut:

Ich bin heute hierher gekommen,
um Ihnen mitzuteilen, daß ich über
die Verletzung der Sicherheit in unserer Moskauer Botschaft äußerst besorgt bin. Obwohl uns noch nicht alle Fakten bekannt sind, ist deutlich
erkennbar,
daß
die
Angelegenheit
weitreichende
Konsequenzen
für die
Sicherheit haben wird und daß ein
schnelles Handeln erforderlich ist,
um weiteren Schaden für unsere nationale Sicherheit abzuwenden.

Lage

Als vor zwei Wochen der Ernst der
klar wurde, habe ich eine Sit-

United States Information Service
Embassy of the United States of America

zung meiner nationalen Sicherheitsberater einberufen und Frank Carlucci
aufgefordert, unverzüglich mit einer
internen Bewertung des Schadens zu
beginnen. Und heute möchte ich einige zusätzliche Maßnahmen ankündigen.
Die Vereinigten
Staaten werden
ihr neues Botschaftsgebäude in Moskau
nur beziehen, wenn ich mich vergewissert habe, daß wir gefahrlos in ein
abgesichertes Botschaftsgebäude einziehen können.
Ebenso wird es der
Sowjetunion solange nicht gestattet
sein, ihre neuen Einrichtungen in

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.: 0228-339 2035
Telex: 8-85432

�Washington zu beziehen, bis ein Umzug
beider Länder zur gleichen Zeit möglich ist.

wiederum
umfassende Emfehlungen zu
Spionageabwehr und Sicherheitsmaßnahmen, Vorgehensweisen und Verantwortlichkeiten vorlegen soll.

Ich habe den Außenminister angewiesen, die Sicherheit von Botschaften zum einem Haupttagesordnungspunkt
seiner
bevorstehenden Gespräche in
Moskau zu machen, und ich habe den
ehemaligen Verteidigungsminister Mel
Laird gebeten, den Vorsitz über eine
Arbeitsgruppe zu übernehmen, die im
Verantwortungsbereich
des
Außenministers steht und zur Überprüfung und
Bewertung der Lage dienen soll. Außerdem habe ich die Vorsitzende meines Beirates für die Auswertung von
Auslandsnachrichten
(PFIAB),
Botschafterin Anne Armstrong, damit beauftragt, die Abläufe und Maßnahmen
zu überprüfen, die weltweit in unseren Botschaften angewandt werden, um
amerikanische Einrichtungen zu schützen. Ich habe darum gebeten, daß mir
diese beiden Berichte vom Außenminister und vom PFIAB innerhalb von 90
Tagen übergeben werden.
Insbesondere sind sowohl der Außenminister wie auch der PFIAB damit
beauftragt worden, den derzeitigen
Zustand unseres neuen Gebäudes zu beurteilen und gleichzeitig festzustellen, ob das Gebäude jemals wieder sicher sein wird, oder ob ein vollständiger Abriß und Wiederaufbau nötig
ist.
Schließlich habe ich den Außenminister und den Verteidigungsminister
beauftragt, mir Empfehlungen auszuarbeiten, wie man in Zukunft das Sicherheitspersonal an der amerikanischen Botschaft in der Sowjetunion
und in anderen Ländern im Hinblick
auf die Dauer der Dienstzeiten, die
Auswahl der Mitarbeiter und deren Beaufsichtigung handhaben soll.
Diese
Berichte werden mit dem Nationalen
Sicherheitsrat
abgestimmt, der mir
- 2 -

* * * * * *

�AMERIKA DIENST
r

1*

^

ckS

Dokumentation
15. April 1987

14
GLASNOST UND DER KONSENS IM WESTEN

- Ansprache des amerikanischen Botschafters in Berlin BERLIN - (AD) - In seiner Ansprache anläßlich der 14. Deutsch-Amerikanischen Konferenz der Atlantik Brücke in Berlin hat Botschafter Richard R. Burt
am 11. April 1987 erklärt, der Westen müsse sich sowjetischen Bestrebungen widersetzen, ein von Atomwaffen freies Europa zu schaffen. "Insbesondere müssen
wir Einigung darüber erzielen, daß es eine Grenze gibt, jenseits derer das
Bündnis der Erweiterung der Null-Lösung in der nuklearen Rüstungskontrolle ein
klares 'Nein' entgegenstellen wird." Es müßten "deutliche Verbindungen zwischen den konventionellen und nuklearen Verhandlungen in Europa" hergestellt
werden und weitere Reduzierungen bei den Atomwaffen könnten "nur im Kontext
neuer Fortschritte in Richtung auf ein Gleichgewicht bei den konventionellen
Streitkräften erfolgen".
Die Ansprache von Botschafter Burt hat folgenden Wortlaut:
Ein gutes Mittagessen bietet jedem Redner
eine Herausforderung
insbesondere die, jedermann wachzuhalten. Es ist ebenso eine Gelegenheit, Dinge zu äußern, die ohne eine
Grundlage von gutem Essen und gutem
Wein etwas schwer verdaulich wären.
Meiner Ansicht nach gibt es einige
wichtige Dinge, die gerade jetzt zu
den deutsch-amerikanischen und europäisch-amerikanischen Beziehungen gesagt werden sollten, und ich möchte
Richard Perle versichern, daß ich dabei nicht um den heißen Brei herumreden werde.

United States Information Service
Embassy of the United States of America

Ich
könnte
meine
Ausführungen
kaum an eine geeignetere Zuhörerschaft richten. Sie nehmen als Hüter
der deutsch-amerikanischen Beziehungen an dieser 14. Jahreskonferenz der
Atlantik Brücke teil. Sie sind diejenigen, die in oder außerhalb der
Regierung entscheidenden Einfluß darauf ausüben, was zwischen unseren
beiden Ländern vorgeht.

Ein neues Zeitalter für die OstWest-Beziehungen

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.: 0228-339 2035
Telex: 8-85432

�Wir treten in einen neuen Zeitabschnitt der Ost-West-Beziehungen ein,
mit dem sich eine Reihe wichtiger
Herausforderungen und Chancen eröffnen.
Herrn Gorbatschows "Glasnost"Politik weist auf die Möglichkeit
wichtiger Entwicklungen innerhalb der
sowjetischen
Gesellschaft
hin.
Gleichzeitig haben die Sowjets positiv auf eine seit langem bestehende
Rüstungskontrollinitiative
des
Westens reagiert.
Es besteht jedoch kein Grund zu
der Annahme, daß Gorbatschow versucht, die Sowjetunion in eine Demokratie nach" westlichem Muster umzuwandeln. Es gibt keinen Beweis für
einen Wandel in der geopolitischen
Strategie der Sowjets, keinen Abbau
der
sowjetischen Unterstützung
für
die Diktaturen in Kuba, Nicaragua und
Vietnam, keine Lockerung der Besetzung Afghanistans, keine Auflösung
des osteuropäischen Reiches. Gorbatschow schafft seinem Volk neue Anreize und etwas mehr Preiraum, um die
sowjetische Gesellschaft gefestigter,
effizienter und produktiver zu machen
- so daß die Sowjetunion wirkungsvoller mit dem Westen konkurrieren kann.

die der Westen nutzen kann, wenn wir
uns in den kommenden Monaten über unsere Ziele und Taktiken einigen und
einen
Konsens darüber
herbeiführen
können, wie diese durchzuführen sind.
Meiner Ansicht nach werden wir jedoch
neue Möglichkeiten zur Schaffung einer
sichereren
und
kooperativeren
Grundlage für die Ost-West-Reziehungen
verschenken,
wenn
wir
nicht
schädliche Differenzen bei der Sicherheitsund
Wirtschaftspolitik
ausräumen, die die Zusammenarbeit im
Westen untergraben.
Heute möchte ich über drei Bereiche sprechen, in denen der westliche
und besonders der deutsch-amerikanische Konsens unerläßlich ist, wenn
wir uns die sich durch das neue Zeitalter der Ost-West-Beziehungen bietende Gelegenheit zunutze machen wollen. In solch einem vielversprechenden Moment
können wir
uns
keine
Kirchturmpolitik,
keinen
Provinzialismus
und
keinen
Protektionismus
leisten, wie sie auf beiden Seiten
des Atlantiks zunehmend in Mode kommen.

Wenn "Glasnost" bedeutet, daß der
Wettbewerb zwischen Ost und West auf
eine zivilisiertere Art und Weise
durchgeführt wird als in der Vergangenheit, sollten wir Gorbatschows Bemühungen begrüßen. Aber wie zivilisiert der Wettbewerb auch betrieben
werden mag, es wird dabei dennoch um
Grundsätzliches gehen.
Veränderungen in der Sowjetunion
zwingen westlichen Regierungen eine
Reihe neuer
Dilemmas und Probleme
auf, zu denen Entscheidungen getroffen werden müssen. Die gegenwärtigen
Veränderungen
in
der
Sowjetunion
scheinen eine Gelegenheit zu bieten,
- 2 -

- Erstens müssen wir uns dem Drängen
für
ein
atomwaffenfreies
Westeuropa
widersetzen
und uns
Rüstungskontrollabkommen
entgegenstellen, deren Ergebnis es wäre, Europa de facto in eine atomwaffenfreie Zone umzuwandeln.
- Zweitens müssen wir
uns gegen
mangelhaft durchdachte Vorschläge
für einen erheblichen Abbau amerikanischer Kampftruppen auf europäischem
Boden
wenden
und
gleichzeitig
romantische
Ideen
zurückweisen,
westeuropäische
Streitkräfte rein defensiv umzurüsten.
- Drittens müssen wir auch dem zunehmenden Druck für einen wirt-

�schaftlichen Protektionismus entgegentreten, der verheerende Auswirkungen auf den Welthandel hätte
und
ernstliche
politische
Spannungen hervorbringen würde.

Jenseits der Null-Lösung; Ein
sicherheitspolitisches Konzept für
Europa

Ich persönlich glaube und habe
auch schon an anderer Stelle darauf
hingewiesen, daß die Abschaffung aller
SS-20,
Pershing-Raketen
und
Marschflugkörper in Europa sowie die
Reduzierung der SS-20 in Asien westlichen Interessen entgegenkommen würde:

Lassen Sie mich zunächst auf das
Problem
der
Atomwaffen
eingehen.
Zwei Generationen von Amerikanern und
Europäern haben ein System der Sicherheit
errichtet und verbessert,
das Westeuropa seit vierzig Jahren
Stabilität und Freiheit geboten hat.
Es hat viele Umwälzungen gegeben,
aber die Grundlage dieses Systems ist
immer noch das anhaltende Engagement
der amerikanischen atomaren und konventionellen Macht in Europa.
Diese Grundlage könnte durch eine
kluge sowjetische Rüstungskontrollpolitik sowie durch mangelnde Einheitlichkeit im strategischen Denken des
Westens untergraben werden.
Wie jede Rüstungskontrollverhandlung und wie auch jeder Handel mit
einem Gegner waren die Verhandlungen
über Mittelstreckenwaffen umstritten
und sind dies umso mehr, je näher sie
ihrem Abschluß entgegen gehen.
Als Präsident Reagan im November
1981
die
"Null-Lösung"
vorschlug,
wurde dies von manchen als kluger Eröffnungszug zu komplexen Verhandlungen bejubelt und von anderen als Behinderung des Fortschritts verdammt.
Nur dadurch, daß die Sowjets dieses
Konzept als Grundlage für ein Abkommen akzeptiert haben, hat die NullLösung als Basis einer neuen strategischen Realität in der Öffentlichkeit zu Diskussionen Anlaß gegeben.

- 3 -

- Solch ein Abkommen wird, wenn
auch in geringem Maße, die Gefahr
eines Atomkrieges abbauen, Spannungen zwischen Ost und West lindern und die Aussichten auf einen
zukünftigen Rüstungsabbau verbes-'
sern.
- Der mit solch einem Handel einhergehende Austausch ist für den
Westen günstig.
Die NATO würde
572 noch nicht vollständig stationierte Pershings und Marschflugkörper im Austausch für die
Zerstörung von 1224 gegenwärtig
stationierten Gefechtsköpfen auf
SS-20 Raketen aufgeben. Bei einem
fehlenden Abkommen
könnten
die
Sowjets
ihre Stationierung
von SS-20 und deren Nachfolgesystemen verstärkt fortsetzen.
- Eine "Null-Lösung" wird wirkungsvoll die Fähigkeit der Sowjets
beschneiden, Europa mit atomarer
Zerstörung von einem sowjetischen
Sanktuarium aus zu bedrohen. Die
Sowjetunion
wird eine wichtige
militärische Option und ein politisches Instrument verlieren - es
wird ihr das Ziel verweigert werden, für das sie die SS-20 zunächst gebaut und stationiert hat.
- Schließlich wird der Abschluß einer solchen Übereinkunft das Vertrauen der Öffentlichkeit in die
Fähigkeiten
des Bündnisses zur
Handhabung der Ost-West Beziehungen erheblich stärken.
Er wird
die Unterstützung für die atlan-

�tischen Beziehungen erhöhen. Er
wird
diejenigen
rechtfertigen,
die sich, wie Präsident Reagan,
Bundeskanzler Kohl und Premierministerin Thatcher ernsthaft für
die europäisch-amerikanische Zusammenarbeit einsetzen und die in
den schwierigen frühen achtziger
Jahren für das Bündnis einstanden. Er wird den Beweis erbringen, daß wir nur ein Gleichgewicht durch Rüstungskontrolle erlangen können, wenn wir uns auch
- falls erforderlich - dazu bereit finden, ohne Rüstungskontrolle auszukommen. Das alte Paradoxon, daß wir "rüsten müssen,
um abzurüsten" wird sich als berechtigte Politik bestätigen.
Die Null-Lösung beinhaltet jedoch
auch Risiken.
Die NATO gibt damit
sowohl Waffen als auch militärische
Optionen auf - Waffen und Optionen,
bei denen wir bedeutende finanzielle
und erhebliche politische Investitionen vorgenommen haben.
Gleichzeitig
erhöht jedes Rüstungskontrollabkommen
mit seinem Abschluß die Bedeutung
dessen, was keiner Kontrolle unterliegt. Im Falle eines INF-Abkommens
erlangt das bestehende Ungleichgewicht bei den
Kurzstreckensystemen
sowie den konventionellen Streitkräften und chemischen Waffen zunehmende
Bedeutung. Aus diesem Grunde hat der
auf der Null-Lösung basierende Ansatz
für ein INF-Abkommen zu einer Reihe
von Einwänden
seitens aufmerksamer
und besorgter Beobachter Anlaß gegeben.
- Erstens besteht die Befürchtung,
der Abzug amerikanischer Pershing
II und Marschflugkörper aus Europa könnte die Verknüpfung zwischen
amerikanischer
strategischer Abschreckung und der Verteidigung Europas schwächen.

- Zweitens wurde die Sorge geäußert, die Strategie der flexiblen
Reaktion des Bündnisses sei ohne
die durch amerikanische Raketen
gebotene Fähigkeit zur Eskalation
nicht mehr realisierbar.
- Drittens besteht weitverbreitete
Besorgnis darüber - und dies ist
vielleicht der wichtigste Punkt
-, daß die Erlangung einer NullLösung bei Mittelstreckenraketen
längerer Reichweite in Europa unweigerlich zu einer Null-Lösung
bei allen Atomwaffen in Europa
führen könnte.
Durch die atomwaffenfeindliche Haltung zu beiden Seiten des Atlantiks könnten
westliche
Regierungen
so unter
Druck gesetzt werden, daß sie
weitere Abkommen schließen, die
Europa
gänzlich ohne nukleares
Abschreckungspotential
beließen.
Und die Sowjets könnten sehr wohl
bereit sein, ihre Kurzstreckensysteme aufzugeben und sich auf ihre Überlegenheit im konventionellen Bereich zu verlassen, um einen atomwaffenfreien Kontinent zu
beherrschen.
Diese Sorgen sind berechtigt und
ich teile sie. Aber ich glaube, daß
ein Abkommen über eine Null-Lösung
bei den INF-Raketen längerer Reichweite ein Risiko darstellt, das einzugehen sich lohnt. Gleichzeitig ist
es ein Risiko, das sorgfältige Überlegung und vorausschauende Vorbereitung
unsererseits
erfordert.
Wir
könnten uns bald einer neuen strategischen und politischen Situation gegenübersehen, die durch den Abzug
amerikanischer und sowjetischer Raketen längerer Reichweite aus Europa
hervorgerufen würde. Bevor diese Situation eintritt, müssen wir im Bündnis ein gemeinsames Konzept erarbeitet haben, wie wir diesen veränderten
Umständen gerecht werden und was wir

�als nächstes tun sollen.
Bevor wir
uns von der öffentlichen Meinung und
dem Druck seitens der Sowjetunion zur
Schaffung eines atomwaffenfreien Europa hinreißen lassen, müssen wir uns
auf eine alternative Strategie und
die Sicherung öffentlicher Unterstützung für diese sowie auf eine Reihe
alternativer
Zielsetzungen
für die
RüstungskontrollVerhandlungen einigen.
Bei Inangriffnahme dieser Aufgabe
sollten wir uns fragen, warum Gorbatschow die Null-Lösung bei INF überhaupt akzeptiert hat.
Die Antwort
besteht zum Teil darin, daß das Bündnis
angesichts
des
sowjetischen
Drucks und des öffentlichen Protests
Entschlossenheit gezeigt hat, als es
darum ging, die Stationierung von Raketen voranzutreiben.
Die sowjetische Kampagne der Angst, die das
Bündnis von der Stationierung der
INF-Systeme
abbringen
sollte, hat
nicht funktioniert. Aber wir sollten
uns nichts vormachen.
Wie ich bereits angedeutet habe, könnte Gorbatschows Entscheidung auch den bewußten
ersten Schritt
in einer
Strategie
darstellen, der NATO ihre nukleare
Abschreckung zu entziehen und somit
Europa den überlegenen konventionellen Streitkräften der Sowjets als
Geisel zu überlassen.
Das Bündnis
braucht daher nicht nur eine eigene
Strategie für zukünftige Verhandlungen, sondern auch politischen Mut Mut, um der unvermeidlichen Euphorie
zu widerstehen, die mit einem neuerlichen INF-Abkommen einhergehen wird.
Soweit ich das für die Zukunft
beurteilen kann, wird sich die Sicherheit des Westens auf nukleare Abschreckung
verlassen
müssen.
Das
wird bestimmt solange der Fall sein,
wie die Sowjets eine überwältigende
Überlegenheit bei den konventionellen
Streitkräften und chemischen Waffen
haben und solange, wie die sowjet-

ische Regierung weiterhin Gewalt und
die Androhung von Gewalt als Instrumente internationaler Politik anwendet.
Wenn der Westen sich weiterhin
auf Abschreckung verlassen muß, muß
Europa - und hier besonders die Bundesrepublik Deutschland - weiterhin
seine Sicherheitspolitik auf die erweiterte
Abschreckung
stützen, das
heißt, auf den nuklearen Schirm der
Vereinigten Staaten.
Meiner Ansicht nach hängt die
Glaubwürdigkeit
der
amerikanischen
nuklearen
Garantie
letztlich
immer
noch von der Stationierung umfangreicher
konventioneller
und strategischer
Streitkräfte der Vereinigten
Staaten in Europa ab.
Insbesondere
kann nur die Stationierung einer bedeutenden Anzahl und Vielfalt amerikanischer Atomwaffen in Europa die
unerläßliche Verbindung zwischen den
konventionellen Fähigkeiten des Bündnisses auf der einen und dem amerikanischen strategischen Abschreckungspotential
auf
der
anderen
Seite
schaffen. Und wenn wir nicht den politischen Willen besitzen, diese Waffen auf dem Territorium in Stellung
zu bringen, das zu verteidigen sie
bestimmt sind, wie könnte dann irgend
jemand glauben, daß wir entschlossen
sind, sie auch zu benutzen? Wir müssen George Shultz' Konzeption von einer "weniger nuklearen Welt" im Licht
dieser grundlegenden Prinzipien verstehen - sie ist keine Formel für ein
von Atomwaffen freies Europa.
In der Welt nach der Null-Lösung
werden eine erweiterte Abschreckung
und die flexible Reaktion weiterhin
ihre Gültigkeit als strategische Konzeptionen besitzen. Wir können diese
Konzeptionen mit einer geringeren Anzahl von Atomwaffen anwenden als wir
zur Zeit besitzen - dies ist aber nur

- 5 -

�dann möglich, wenn die strategische
Verpflichtung Amerikas in einer anhaltenden nuklearen Präsenz der Vereinigten Staaten in Europa verankert
bleibt.
Die Haltung des Westens bei den
RüstungskontrollVerhandlungen
muß
auch nach der Erreichung der "NullLösung" in den Verhandlungen über
Mittelstreckenraketen von der Notwendigkeit einer Aufrechterhaltung der
erweiterten
Abschreckung
bestimmt
sein.
Das Bündnis muß umgehend zu
einem Konsens über die Führung dieser
Anschlußverhandlungen kommen und einen
konzeptionellen
Rahmen entwikkeln, der es uns gestatten wird, alle
möglichen
Ergebnisse
auszuwerten.
Insbesondere müssen wir Einigung darüber erzielen, daß es eine Grenze
gibt, jenseits derer das Bündnis der
Erweiterung der Null-Lösung in der
nuklearen Rüstungskontrolle ein klares "Nein" entgegenstellen wird.
Zusätzlich müssen wir die Beziehung zwischen Verhandlungen über nukleare Streitkräfte in Europa und Bemühungen untersuchen, auf dem Verhandlungswege Reduzierungen der konventionellen Streitkräfte zu erreichen.
Diese Gespräche sollten sich
auf die Streitkräftekategorien
mit
offensiven Fähigkeiten konzentrieren,
besonders auf gepanzerte Kräfte und
Artillerie.
Wir
sollten deutliche
Verbindungen zwischen den konventionellen und nuklearen Verhandlungen in
Europa in Betracht ziehen und klarstellen, daß es einen Punkt gibt, an
dem wir nicht zu weiteren Reduzierungen der nuklearen Kräfte der NATO bereit sind, außer im Kontext neuer
Fortschritte
in
Richtung
auf
ein
Gleichgewicht bei den konventionellen
Streitkräften.

Die Herausforderung der konven-

tionellen Verteidigung
Damit komme ich zu der zweiten
Gruppe von Herausforderungen, denen
wir uns stellen müssen. Das Engagement der amerikanischen Nuklearmacht
ist nur eine Dimension der westlichen
Strategie. Das Engagement amerikanischer
konventioneller
Streitkräfte
ist ebenso unverzichtbar - und mit
der Annäherung an eine weniger nukleare Welt wird es noch wichtiger werden.
Es ist deshalb beunruhigend, das
Entstehen
einer
unheiligen Allianz
zwischen Elementen der europäischen
Linken
und
einigen
amerikanischen
Konservativen zu beobachten, die den
Abbau der amerikanischen Truppenpräsenz in Europa zum Ziel hat.
Auf
der
amerikanischen
Seite
gründet sich die Argumentation für
einen erheblichen oder totalen Abzug
amerikanischer Truppen aus Europa auf
drei schwerwiegende Trugschlüsse:
Erstens, daß wir dadurch enorme
Finanzmittel einsparen würden. Einige behaupten, die amerikanische Verpflichtung für die NATO koste uns bis
zu 150 Milliarden Dollar jährlich.
Sie meinen, wir könnten dieses Geld
einfach durch den Abzug aus Europa
einsparen - ein leichter und politisch schmerzloser Ausweg aus unseren
Haushalts- und Handelsbilanzdefiziten.
Nun, dies ist wirklich ökonomischer Voodoo-Zauber . Wir würden diese Einsparungen nicht vornehmen können, wenn aus Europa abgezogene Truppen in die Vereinigten Staaten oder
andere Regionen verlegt würden. Ja,
eine Verlegung würde letzten Endes
wahrscheinlich mehr kosten als wir
heute ausgeben.
Die

- 6

Vereinigten

Staaten

werden

�nur dann beträchtliche Einsparungen
erzielen, wenn die aus Europa abgezogenen Truppen demobilisiert werden.
Wenn dies der dahinterstehende Gedanke ist, dann sollten diejenigen, die
ihn unterstützen, offen kundtun, daß
sie einen ungeheuren Schritt einseitiger Abrüstung anstreben.
Der zweite Trugschluß kommt in
der
Behauptung
zum Ausdruck, die
strategische Bedeutung Westeuropas im
Vergleich zu anderen Regionen sei im
Schwinden
begriffen.
Zbigniew
Brzezinski
hat darauf hingewiesen,
daß die amerikanischen Interessen in
Regionen wie dem Persischen Golf,
Südwestasien und Mittelamerika direkt
bedroht sind.
Er argumentiert, daß
eine Truppenverminderung
in Europa
uns besser in die Lage versetzt, auf
Krisen in diesen und anderen Regionen
zu reagieren.
Leider teilen die Sowjets Zbigs
Einschätzung nicht.
Sie betrachten
Europa weiterhin als den entscheidenden strategischen Gewinn.
Die meisten, am besten ausgerüsteten und
ausgebildeten
sowjetischen
Streitkräfte sind gegen Westeuropa aufgestellt.
Diese
Streitkräfte
sind
ständig
stärker
geworden,
nicht
schwächer. In dem Ausmaß, in dem wir
Bedrohungen in anderen Regionen ausgesetzt sind, müssen wir uns diesen
stellen. Aber wenn wir dies nur dadurch versuchen, daß wir Truppen aus
Europa abziehen, machen wir es lediglich wahrscheinlicher, daß Konflikte
andernorts auf Europa überspringen,
wo wir nach einem Truppenabzug ernstlich im Nachteil wären.
Der dritte Trugschluß bezüglich
eines Truppenabzugs ist der schlimmste von allen. Er manifestiert sich
in dem Argument, daß sich die Europäer zusammenreißen und mehr für sich
selbst tun würden, wenn die Amerika-

ner weniger für Europa täten.
In
dieser Idee zeigt sich ein grundsätzliches Mißverständnis der
heutigen
Realitäten in Europa.
Teilweise ist gerade durch die
von der amerikanischen Truppenpräsenz
in Europa gewährte Stabilität die
allmähliche Annäherung Westeuropas an
wirtschaftliche und politische Einheit ermöglicht worden.
Die Befürworter eines amerikanischen Rückzugs
können nicht erklären, wie ihre Politik einen Antrieb für die noch stärkere Einheit bilden könnte, die für
die Entwicklung
eines
integrierten
westeuropäischen VerteidigungsSystems
notwendig ist. Selbst die Franzosen
erklären, daß die amerikanische Militärpräsenz
noch
unersetzlich
ist.
Sie sagen offen, daß sie nicht in der
Lage wären, die amerikanische Sicherheitsgarantie für die Bundesrepublik
Deutschland durch eine eigene zu ersetzen .
Natürlich
leisten die Europäer
schon jetzt eine großen Beitrag zur
Verteidigung der NATO.
Die meisten
unter Ihnen wissen zum Beispiel, daß
in Mitteleuropa über die Hälfte der
NATO-Truppen, 60 Prozent ihrer Kampfpanzer und 30 Prozent ihrer Kampfflugzeuge von den Deutschen gestellt
werden.
Die
Bundesrepublik
zahlt
über ein Viertel des NATO-Infrastrukturprogramms , fast so viel wie die
Vereinigten Staaten. Sie leistet bedeutende Militärhilfe
an Griechenland, die Türkei und Portugal. Ein
erweiterter
Blick auf das Bündnis
zeigt, daß die Europäer 90 Prozent
der Landstreitkräfte, 75 Prozent der
Seestreitkräfte und 50 Prozent der
Luftstreitkräfte der NATO in Westeuropa stellen.
Die "unaufrichtigen"
europäischen Verbündeten stationieren
Hunderte von amerikanischen mobilen
Raketen auf ihrem Boden während wir
Amerikaner noch nicht einmal eine

- 7 -

�einzige landgestützte mobile
in Stellung gebracht haben.

Rakete

Bei
Berücksichtigung
des
proKopf-Beitrags stellen die Amerikaner
mehr Geld, die Europäer mehr menschliches Potential für die gemeinsame
Verteidigung zur Verfügung. In einer
idealen Welt würde man sich vielleicht ein größeres europäisches Verteidigungsbudget und die Wehrpflicht
in Amerika wünschen, aber die heutige
Realität ist das Produkt einer historischen Entwicklung, die nur allmählich überwunden werden kann.
insgesamt gibt es keinen Grund
anzunehmen, daß eine Verminderung der
amerikanischen
Bemühungen hier
die
Europäer stimulieren würde, mehr für
die Verteidigung auszugeben, genausowenig wie man annehmen könnte, daß
Kürzungen in den europäischen Verteidigungshaushalten
die
Vereinigten
Staaten
zur
Wiedereinführung
der
Wehrpflicht veranlassen würden.
Ich
bin davon überzeugt, daß eine Verminderung der amerikanischen Truppenpräsenz genau den gegenteiligen Effekt
hätte.
Amerikanische Truppenverminderungen
würden
gerade
diejenigen
entmutigen, die sich für verstärkte
europäische
Verteidigungsbemühungen
einsetzen. Ein Abzug würde die Linken in Europa stärken, die behaupten,
die Vereinigten Staaten seien ein unzuverlässiger Verbündeter und die einer einseitigen Abrüstung als Mittel
zur Erzielung einer Verständigung mit
der Sowjetunion das Wort reden.
Somit spielen konservative Kritiker des Bündnisses in den Vereinigten
Staaten den linken Gegnern der NATO
in Europa in die Hände. Hier entspringt das Gerede von einer "Europäisierung
Europas" einer Neigung,
die Präsenz und Haltung der amerikanischen
und
sowjetischen
Truppen
gleichzusetzen und diese Präsenz als

Ursache anstatt als Symptom der Teilung Europas anzusehen. Entgegen allen historischen Erfahrungen besteht
Sympathie für die Ansicht, die Sowjets seien in Osteuropa verblieben,
weil die Amerikaner im Westen geblieben seien und daß sie abziehen würden, wenn wir das gleiche täten.
Die Endziele der amerikanischen
Unilateralisten und der europäischen
Linken sind einander entgegengesetzt.
Dies bedeutet aber nicht, daß sie bei
der Erreichung ihres Nahziels erfolglos sein werden - der Schwächung der
amerikanischen Verpflichtung für Europa.
Diejenigen unter uns, die an
die fortdauernde Bedeutung der atlantischen Bindung glauben - und ich
hoffe, daß dazu alle der heute hier
Versammelten gehören - sollten diese
Möglichkeit besser erkennen.
Die von mir angebotenen Rezepte
sind leichter auszusprechen als zu
verwirklichen.
Während wir uns auf
eine weniger nukleare Welt zubewegen,
muß Europa mehr, nicht weniger, für
seine
konventionelle
Verteidigung
tun.
Es muß sicherlich einäugigen
Vorschlägen
widerstehen, durch die
die europäischen Streitkräfte jeglicher Fähigkeit zur Durchführung offensiver Operationen beraubt würden.
In der Zwischenzeit muß der Kongreß
davon überzeugt werden, daß der langsame aber in den vergangenen beiden
Jahrzehnten stetige Aufwärtstrend bei
den
europäischen
Verteidigungsanstrengungen nur dann aufrechtzuerhalten ist, wenn die Vereinigten Staaten
weiterhin ihren Beitrag leisten.
Das Bündnis muß auch zu einem
besseren Verständnis der Sicherheitszusammenarbeit außerhalb Europas gelangen, wodurch die Vereinigten Staaten in die Lage versetzt werden, ihre
hier stationierten Streitkräfte wirkungsvoller für mögliche Einsätze au-

�ßerhalb ihres eigentlichen Stationierungsgebiets zu verwenden. Die Europäer selbst sollten mehr Verantwortung für den Schutz und die Förderung
westlicher Interessen in Gebieten der
Dritten Welt von entscheidender Bedeutung übernehmen. Wenn Europa dies
tut, sollten die Vereinigten Staaten
bereit
sein, engere
Konsultationen
durchzuführen und einseitige Lösungen
zu vermeiden.
Letzten Endes läuft alles auf das
folgende hinaus: zu einer Zeit, in
der wir
unser nukleares Abschrekkungspotential
reduzieren und über
gegenseitige Reduzierungen der konventionellen Streitkräfte verhandeln,
wäre ein einseitiger Abzug amerikanischer Truppen aus Europa bestenfalls
ein Hasardspiel.
Leider scheint es auf beiden Seiten des Atlantiks zu viele Möchtegernspieler
zu
geben.
Wir
haben
jetzt eine bedeutende Chance, unsere
Zusammenarbeit im Bereich der konventionellen Verteidigung zu festigen.
Es wäre eine Schande, wenn sich die
zu erwartenden politischen Dividenden
eines historischen Rüstungskontrollabkommens im nuklearen Bereich in gegenseitigen Beschuldigungen oder in
der Zurückweisung romantischer Phantasien auflösen würden anstatt dafür
verwendet zu werden, die Unterstützung der Öffentlichkeit für die Erfordernisse unserer gemeinsamen Verteidigung zu gewinnen.

Die wirtschaftliche Dimension der
westlichen Sicherheit
Ebenso wäre es eine Schande, wenn
wir wirtschaftliche Differenzen ausufern ließen.
Wir neigen dazu, die wirtschaftliche Dimension der Sicherheit außer

acht zu lassen oder zumindest herunterzuspielen.
Nach vier Jahrzehnten
des Wohlstands haben wir vergessen,
daß Wirtschaftspolitik ein integraler
Bestandteil
der
Sicherheitspolitik
ist. In einem neuen Buch mit dem Titel "Economic Security and the Origins of the cold War" weist Robert
Pollard, der gegenwärtig Mitarbeiter
in unserem Münchner
Konsulat ist,
darauf hin, daß "die politisch Verantwortlichen
in
den
Vereinigten
Staaten die Wirtschaftspolitik gegenüber dem Ausland von 1945 bis zum
Vorabend des Korea-Krieges als Hauptinstrument der amerikanischen Sicherheit benutzten" und daß "die wirtschaftliche Zusammenarbeit der wichtigsten
nichtkommunistischen
Mächte
nach dem Zweiten Weltkrieg die Aussichten für eine politische und militärische
Partnerschaft
grundlegend
verbesserte".
Heute, genau wie in der unmittelbaren Nachkriegszeit gilt, daß die
wirtschaftliche, politische und militärische
Partnerschaft
Teil
eines
Ganzen sind und daß, wie Pollard
feststellt, "wirtschaftliche Spannungen dem Bündnis irreparablen Schaden
zufügen könnten, wenn sie nicht eingedämmt werden".
Lassen Sie mich betonen, daß ich
damit nicht ein "Junktim" von sicherheitspolitischen und wirtschaftlichen
Themen in manipulativer Weise andeuten möchte.
Es wäre unverantwortlich, den amerikanischen
nuklearen
Schutzschild oder die amerikanischen
Truppen
in Europa als Druckmittel
einzusetzen, um unseren Verbündeten
wirtschaftliche Konzessionen abzugewinnen.
Es steht jedoch eine der herausragendsten Errungenschaften der Nachkriegszeit, die Schaffung eines offenen westlichen
Handelssystems, auf

- 9 -

�dem Spiel. Auf beiden Seiten des Atlantiks können wir ein Wiederaufleben
Protektion istischer
Einstellungen,
wirtschaftlicher Kirchturmpolitik und
wirtschaftlicher Alleingänge beobachten.
Es ist das gewaltige amerikanische Handelsbilanzdefizit, das zur
Zeit
zur
größten
Besorgnis
Anlaß
gibt.
Das amerikanische Handelsbilanzdefizit
würde
natürlich
stark
verringert, wenn wir eine wirtschaftliche Rezession oder einen Sturz des
Dollars erleben würden. Entwicklungen dieser Art, die den Vereinigten
Staaten kurzfristig zu einer etwas
ansehnlicheren Handelsbilanz verhelfen könnten, würden jedoch alle treffen - nicht nur die Amerikaner, sondern auch die Europäer.
Die
Reagan-Administration
beabsichtigt, ihre Bemühungen zur Reduzierung des Haushalts- und Handelsbilanzdefizits
fortzuführen
und eine
solide Wirtschaftspolitik zu verfolgen, die auf die Aufrechterhaltung
eines vernünftigen Maßes an nichtinflationärem
Wachstum
ausgerichtet
ist.
Dies wird nur möglich sein,
wenn die freien Industrienationen bei
der weiteren Öffnung der Weltwirtschaft zusammenarbeiten können.
Schnelleres
Wachstum
außerhalb
der Vereinigten Staaten bildet einen
wesentlichen Bestandteil dieser Öffnung. Politische Maßnahmen, die eine
Verlangsamung
des
Wirtschaftswachstums und Unterdrückung der Gesamtnachfrage zur Folge haben, verhindern
Importe beinahe ebenso wirksam wie
Zölle und Quoten. In den vergangenen
Jahren hat Amerika die gesamte Weltwirtschaft mit sich gezogen.
Zwischen 1980 und 1982 belief sich das
Weltwirtschaftswachstum
im
Durchschnitt auf weniger als 1,5 Prozent
und verdoppelte sich in den nächsten

drei Jahren hauptsächlich weil sich
die Importe der Vereinigten Staaten
aufgrund der schnell wachsenden amerikanischen Wirtschaft um nahezu 40
Prozent
erhöhten.
Die Vereinigten
Staaten nahmen vom Zuwachs der Exporte der Entwicklungsländer mehr auf
als die gesamte übrige Welt.
Die Industrieländer profitierten
ebenfalls enorm von der wachsenden
amerikanischen Nachfrage.
Von 1983
bis 1986 wurden die Exporte der Bundesrepublik in die Vereinigten Staaten nahezu verdoppelt.
Da die Inlandsnachfrage in der Bundesrepublik
jedoch sehr viel langsamer anstieg
als in den Vereinigten Staaten, hielten die Importe nicht Schritt. Der
Überschuß
der
Bundesrepublik
beim
Handel mit den Vereinigten Staaten
belief sich auf mehr als 800 Prozent
und im vergangenen Jahr machte dieser
Überschuß mehr als ein Viertel des
gesamten deutschen Handelsüberschusses aus.
In dem Maße, in dem es den Vereinigten Staaten gelingt, ihr Handelsbilanzdefizit zu verringern, sehen sich die Exportländer gezwungen,
einen Ausgleich für die durch das
amerikanische Handelsbilanzdefizit in
der Vergangenheit bedingte Nachfrage
zu schaffen - oder sie sehen sich
ernsthaften
Schwierigkeiten
gegenüber.
Weltwirtschaftswachstum
ist
der einzige Weg, diese Nachfrage zu
wecken. Daher ist die Förderung des
ausgewogenen
und
anhaltenden,
auf
stabile währungs-, Steuer- und strukturpolitische
Maßnahmen
gegründeten
Wachstums durch die jeweiligen Länder
unerläßlich.
Wachsende Märkte haben jedoch nur
für diejenigen einen Wert, die Zugang
zu diesen Märkten haben. Der Marktzugang
ist elementarer
Bestandteil
eines offenen
internationalen Han-

- 10 -

�delssystems
- und
einer
wirksamen
wirtschaftlichen
Partnerschaft
zwischen den westlichen Staaten.
Inzwischen sollten bereits jedem
Kind die Folgen des Protektionismus
bekannt sein. Dem freien Handel entgegengestellte
Hemmnisse
- einschließlich künstlicher Exportsubventionen
- führen
zu
einer
unwirtschaftlichen
Nutzung
knapper Wirtschaftsressourcen
und
verlangsamen
damit das Wirtschaftswachstum, hemmen
Innovationen und behindern die Verbreitung neuer Technologien. Protektionismus verringert die Produktivität.
Durch Protektionismus werden
mehr Arbeitsplätze zerstört als neue
geschaffen.
Er führt zu einer Verzerrung der Märkte, Wechselkurse und
Kapitalflüsse.
Eine protektionistische Politik ist selten nützlich für
das Land als Ganzes, sondern nur für
einzelne
Interessengruppen.
Und
selbst "geschützte" Produzenten verlieren
häufig mehr Verkaufsanteile
auf ausländischen Märkten als sie auf
heimischen Märkten gewinnen.

Politischer Druck zur Bewältigung von
Inflation und Arbeitslosigkeit, die
sich wandelnde internationale Wettbewerbsstruktur
und
die
Forderungen
einzelner Interessengruppen drohen zu
einer immer protektionistischeren Politik auf beiden Seiten des Atlantiks
zu führen.
In
den
Vereinigten
Staaten
herrscht die weitverbreitete Ansicht,
daß die anderen Länder amerikanische
Exporte nicht so sehr nach den Regeln
des redlichen Wettbewerbs behandeln,
wie dies mit deren Exporten in die
Vereinigten
Staaten der Fall ist.
Das
hohe
Handelsbilanzdefizit
der
Vereinigten Staaten wird von den Amerikanern als ein Beweis dieses Arguments angesehen.

Um die möglichen Folgen des Protektionismus
in
seiner
extremsten
Form auszumachen, brauchen wir uns
nur die sowjetische Wirtschaft anzusehen.
Parteichef Gorbatschow ringt
wie jeder sowjetische Parteiführer in
den vergangenen 30 Jahren mit einem
Wirtschaftssystem, das - abgeschirmt
von der Konkurrenz von außen - nicht
in der Lage ist, genügend Wohlstand
zu erzeugen, um dem sowjetischen Volk
einen annehmbaren Lebensstandard zu
geben.

Der Präsident hat bis heute dem
Ruf nach mehr Protektionismus mit
großem politischem Mut widerstanden.
Im vergangenen Jahr verhinderte er
neue Bestrebungen nach Schutzzöllen
für die Produkte der Textil-, Druckund der heimischen Schuhindustrie.
Es wird schwieriger werden, diesen
Grundsatz in diesem Jahr beizubehalten. Viele der neuen Kongreßmitglieder haben in ihren Wahlkreisen Unterstützung für von Importen verdrängte
Arbeitnehmer und Industrien versprochen.
Und jetzt, da die Wahlkampfvorbereitungen
für
die
Präsidentschaftswahl im Jahr 1988 getroffen
werden, ergreifen einige Kandidaten
schon Partei für eine protektionistische Gesetzgebung
als ein Mittel,
sich die Unterstützung der Öffentlichkeit zu sichern.

Wir in der westlichen Welt legen
Lippenbekenntnisse für die Vorteile
des freien Handels ab. Aber wir alle
scheinen
unsere eigenen nationalen
Entschuldigungen für einmal getroffene Entscheidungen zu haben, die das
offene Welthandelssystem untergraben.

Protektionismus - und, als Spiegelbild
dessen,
Exportsubventionen
und Ausfuhrkredite - sind nicht die
einzigen Ursachen des amerikanischen
Handelsbilanzdefizits.
Wie ich bereits ausgeführt habe, spielt das
schnelle
amerikanische
Wirtschafts-

- 11 -

�kaum weiterbestehen könnten.

Wachstum eine große Rolle.
Und es
trifft ebenfalls zu, daß die mit einem sehr großen heimischen Absatzmarkt gesegneten amerikanischen Firmen
ihre Exportmöglichkeiten
nicht
entsprechend oder schnell genug entwickelt haben. Es ist jedoch unehrlich, wenn Deutsche behaupten, daß
die amerikanische Wirtschaft nicht
wettbewerbsfähig sei und dies zu einem Zeitpunkt, zu dem sie die Schutzmaßnahmen der Bundesrepublik für Kohle und Stahl, Schiffswerften, Fluglinien und Flugzeugindustrie, Telekommunikations- und
Rüstungsindustrie
und die Bauern vehement verteidigen.
Dem Verkauf amerikanischer Produkte
werden in Europa zunehmend Hemmnisse
in den Weg gelegt und zwar genau in
den Bereichen, in denen sie am wettbewerbsfähigsten sind.
Lassen Sie mich einige Beispiele
hierzu anführen.
- Die gemeinsame Agrarpolitik fördert den subventionierten Wettbewerb mit den amerikanischen Bauern sowohl auf den heimischen europäischen als auch auf den ausländischen Märkten und dies mit
einem
gewaltigen
Kostenaufwand
für den europäischen Steuerzahler.
- Umfangreiche und strikte Zulassungs- und Wettbewerbsregeln verhindern den Verkauf von ausländischem Telekommunikationsgerät und
den damit verbundenen Dienstleistungen in Europa. Regierungseigene
Telekommunikationsmonopole
kaufen
überwiegend
inländische
Produkte.
- Die europäischen Regierungen haben Millarden von D-Mark, Francs
und Pfund in Programme zum Bau
von
zivilen
Transportflugzeugen
investiert, die ohne diese Subventionen
höchstwahrscheinlich

- In weiten Bereichen der Rüstungsindustrie werden mit kostenintensiven europäischen Entwicklungsprogrammen
Fähigkeiten
erneut
entwickelt, die bereits von Anbietern in den Vereinigten Staaten geliefert werden.
Ich bin
ein Befürworter der deutsch-französische Zusammenarbeit auf dem
Gebiet der Sicherheit. Aber ist
es wirklich sinnvoll, wenn diese
beiden Länder Milliarden für die
Entwicklung eines neuen Angriffshubschraubers ausgeben, der nicht
vor Ende des nächsten Jahrzehnts
einsatzbereit sein wird, wenn ein
vergleichbares amerikanisches System bereits jetzt zur Verfügung
steht?
Wenn die Handelspartner der Vereinigten Staaten den Fluß der amerikanischen Handelsgüter genau dort umleiten, wo sie am wettbewerbsfähigsten sind, müssen sie sich nicht wundern, wenn der Ruf lauter wird, dasselbe mit ihren Handelsgütern vorzunehmen, ich bin kein Verfechter dieses Kurses. Ebensowenig ist der Präsident ein Verfechter dieses Kurses.
Es bedarf jedoch nicht viel Phantasie, sich seine Anziehungskraft für
eine Wählerschaft vorzustellen, die
davon überzeugt ist, ungerecht behandelt zu werden.

Auf dem Weg zu einer neuen internationalen Zusammenarbeit
Die Aufrechterhaltung eines lebensfähigen nuklearen Abschreckungspotentials, das anhaltende Engagement
amerikanischer
konventioneller
Streitkräfte in Europa, der Schutz
des offenen Handelssystems - dies alles ist von vorrangiger Bedeutung für
unsere Sicherheit.
Wie ich heute

- 12 -

�schon betont habe, sieht sich jedoch
unsere Fähigkeit, einen Konsens über
eine durchführbare Politik auf diesen
Gebieten zu erzielen, von der wachsenden Neigung zu amerikanischem Alleingang und europäischer Kirchturmpolitik bedroht.
Wie die diesjährige Veröffentlichung der jährlich vom Chicagoer Rat
für Auswärtige Beziehungen durchgeführten Meinungsumfrage über die amerikanische Außenpolitik belegt, ist
sich die Mehrzahl der Amerikaner der
weltweiten Verantwortung ihres Landes
bewußt und versteht die Notwendigkeit
von Konsultationen. Aber die Amerikaner hören nicht immer auf ihre
Freunde. Wir neigen dazu, ungeduldig
und nach schnellen Lösungen bestrebt
und nicht bereit zu sein, die Verzögerungen und Vielschichtigkeiten hinzunehmen, die ein gemeinsames Vorgehen mit sich bringt.
Die Europäer messen den engen Beziehungen, die sie im Bereich des
Handels und der Kultur untereinander
und mit den anderen Ländern der Welt
haben, einen hohen Wert bei.
Sie
ziehen es jedoch vor, ihre Bemühungen
bei der Bewältigung politischer und
sicherheitsrelevanter
Probleme
auf
Europa zu beschränken und unangenehme
Probleme andernorts anderen zu überlassen - gewöhnlich den Vereinigten
Staaten. Diese Tendenzen nähren und
verschärfen sich gegenseitig.
Während Europa versucht, sich von äußeren Bedrohungen zu isolieren, versucht Amerika, sie ohne angemessene
Beratung und Zusammenarbeit mit anderen zu bewältigen.
Der amerikanische Alleingang und
die europäische Kirchturmpolitik werden in den Vorschlägen sichtbar, Europa durch die Abkoppelung vom amerikanischen nuklearen Abschreckungspotential "atomwaffenfrei" zu machen.

Diese Einstellungen liegen auch den
Vorschlägen beider Seiten über einen
Abzug amerikanischer Truppen aus Europa zugrunde. Es ist diese Denkweise, die wir hinter den amerikanischen
Klagen über "europäische Schwächlinge" und die europäische Besorgnis
über die "Rambomanie" ausmachen können. Und natürlich führen sowohl Alleingänge als auch diese Kirchturmpolitik zu einem sehnsüchtigen Verlangen nach wirtschaftlicher Autarkie dünn verschleiert mit dem Argument,
daß protektionistische Lösungen die
unmittelbar anstehenden Wirtschaftsprobleme bewältigen könnten.
Meine Vision der Zukunft - und
auch Ihre, hoffe ich - räumt der
Partnerschaft
zwischen
Europa
und
Amerika einen zentralen Platz ein.
Die Nachkriegszeit ist vorüber. Europa hat sich vollständig von der
Verwüstung
erholt, die der Zweite
Weltkrieg für Menschen und Volkswirtschaften
brachte.
Die europäische
Wirtschaftsmacht hat wieder an Bedeutung in der Welt gewonnen. Die europäischen
Verteidigungsfähigkeiten
entsprechen denen einer Supermacht.
Europäische Entscheidungen haben einschneidende Auswirkungen auf die Menschen überall auf der Welt, nicht nur
die Europäer.
Dies alles bedeutet, daß Amerikaner wie Europäer lernen müssen, ihre
Beziehung neu zu überdenken und über
neue Formen der Zusammenarbeit nachzudenken, mit denen sie den Herausforderungen einer neuen Welt begegnen
können.
Es reicht nicht mehr aus,
daß wir unsere Beziehung "verwalten"
- nur die Äußerlichkeiten zurechtbasteln, während alles Wesentliche unverändert bleibt.
Wenn
es wirklich
eine
"reife
Partnerschaft" zwischen den Vereinigten Staaten und Europa geben soll,

- 13 -

�muß sie auf einen Konsens gegründet
sein - den Konsens darüber, wie die
Sicherheit in einer weniger nuklearen
Welt aufrechterhalten
werden kann,
wie die Abkoppelung
amerikanischer
Stärke von Europa verhindert werden
kann, wie ein offenes internationales
Handelssystem angesichts neuer Technologien und neuer Konkurrenten beibehalten und erweitert werden kann.
Eine sich wandelnde Welt eröffnet
neue Möglichkeiten, aber sie unterzieht unsere Beziehung auch neuen
Prüfungen.
Ob wir diese Prüfungen
erfolgreich bestehen werden, wird in hohem Mäße - von den heute hier
Anwesenden abhängen.
Ich danke Ihnen.

* * * * * *
- 14 -

�AMERIKA DIENST
Wirtschaft

^rION

15. April 1987

14

AMERIKANISCH-JAPANISCHE GESPRÄCHE ÜBER HALBLEITER OHNE ERGEBNIS
- Erklärung des Büros des amerikanischen Handelsbeauftragten WASHINGTON - (AD) - Das Büro des amerikanischen Handelsbeauftragten (USTR)
hat am 10. April 1987 eine Erklärung veröffentlicht, wonach die zweitägigen
Gespräche zwischen Handelsexperten der Vereinigten Staaten und Japans die Vereinigten Staaten nicht dazu bewegen konnten, die Anhebung der Zölle für japanische Halbleiter-Produkte auszusetzen. Die lOOprozentige Anhebung der Zölle
für eine Reihe japanischer Halbleiter-Produkte soll am 17. April 1987 in Kraft
treten, da Japan sich nicht an die Vereinbarung gehalten hat, Halbleiter auf
Drittmärkten nicht unter den Herstellungskosten zu verkaufen. Ein weiterer
Teil der Vereinbarung, der den verbesserten Zugang amerikanischer HalbleiterProdukte zum japanischen Markt vorsah, ist amerikanischen Vertretern zufolge
ebenfalls nicht erfüllt worden.
Die Erklärung hat folgenden Wortlaut:

Die
Vereinigten
Staaten
haben
zweitägige Konsultationen mit Vertretern der japanischen Regierung über
das amerikanisch-japanische Halbleiter-Abkommen beendet.
Diese Gespräche waren von der japanischen Regierung gemäß den Bestimmungen dieses
Abkommens erbeten worden, die schnelle Konsultationen in besonderen Situationen vorsehen.
Im Verlauf dieser Konsultationen brachte die amerikanische Delegation erneut die Überzeugung der Vereinigten Staaten zum
Ausdruck, daß die Vereinbarung nicht
erfüllt worden ist.
Die amerikani-

United States Information Service
Embassy of the United States of America

sche Delegation
erklärte
außerdem,
daß konkrete Beweise für die Tatsache
benötigt werden, daß Halbleiter auf
Drittmärkten nicht
länger
zu Dumping-Preisen verkauft werden und daß
der japanische Markt für amerikanische Exporte geöffnet wird, bevor die
Delegation Präsident Reagan empfehlen
würde, seine Absicht zur Verhängung
von Sanktionen gegen japanische Exporte
zu ändern.
Unserer
Ansicht
nach haben die Konsultationen keine
Grundlage geliefert, um die Korrektheit der Daten bezüglich des Marktzugangs oder des Dumpings in Drittlän-

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.: 0228-339 2035
Telex: 8-85432

�d e m in Frage zu stellen, auf denen
die Entscheidung des Präsidenten vom
27. März 1987 beruhte. Wie von der
Administration
wiederholt
erklärt
wurde, sind die Vereinigten Staaten
davon überzeugt, daß das Abkommen zur
Sicherstellung des fairen Handels mit
Halbleitern notwendig ist. Die Vereinigten Staaten möchten das Abkommen
nicht
kündigen.
Wir
werden
von
jüngst getroffenen Maßnahmen Japans
ermutigt, die eine Änderung der Handelspraktiken
im
Halbleiterbereich
zum Ziel haben und hoffen, daß dies
zur Einhaltung des Abkommens durch
japanische "nternehmen führen wird.

* * * * * *

�AMERIKA DIENST
r/

^7

^

&lt;£

Wissenschaft und Technik
15. April 198 7

14

HAUTKREBSRISIKO WÄCHST
- Vorsorgliche Maßnahmen gegen Ozonabbau dringendes Gebot -

- (AD) - über die Zunahme von Hautkrebs in "nahezu epidemieartigem Ausmaß"
in den Vereinigten Staaten berichtete kürzlich Dr. D. Rigel (Klinikum der Universität New York) einem Unterausschuß des amerikanischen Repräsentantenhauses.
Das Komitee hatte für Anhörungen zum Problem "Gefährdung der Ozonschicht" Vertreter von Regierung und Industrie sowie Wissenschaftler verschiedener Fachrichtungen geladen.

Dr. Darrel Rigel äußerte angesichts der Entwicklungen in den letzten Jahren u.a. die Vermutung, daß
wohl jeder siebente Amerikaner früher
oder später von Hautkrebs befallen
werde.
Zwar gehe es dabei zunächst
noch in begrenztem Umfang um die gefährlichste Form, das "maligne Melanom".
Dieser von den pigmentbildenden Zellen der Haut ausgehende Tumor
kann, wenn nicht rechtzeitig eingegriffen wird, Metastasen im ganzen
Körper
herbeiführen.
Die
meisten
Hautkrebsarten seien glücklicherweise
leichter in den Griff zu bekommen und

United States Information Service
Embassy of the United States of America

führten selten zum Tode,
rechtzeitig
erkannt
und
werden.

wenn sie
behandelt

Dr. Rigel zufolge nehmen aber gerade Erkrankungen an malignem Melanom
erschreckend zu - allein in den letzten sieben Jahren um 83 Prozent.
Noch vor fünf Jahren wurde angenommen, daß das Risiko bei 1:250 läge
und vielleicht bis zum Jahr 2000 auf
1:150 ansteigen werde. Dieser letztgenannte Schätzwert mußte inzwischen
jedoch auf 1:90 korrigiert werden.
Für mindestens 75 Prozent der Todes-

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.: 0228-339 2035
Telex: 8-85432

�fälle an Hautkrebs sei, so Dr. Rigel,
das maligne Melanom verantwortlich zu
machen, das sich immer rascher ausbreite.
Derzeit
sei
eine
noch
schnellere Häufigkeitszunahme nur für
Lungenkrebs bei Frauen zu erkennen.
Noch vor fünf Jahren wurde Hautkrebs bei Personen unter 40 Jahren
selten diagnostiziert. Heute dagegen
erkrankten, wie Rigel berichtete, immer häufiger Zwanzig- bis Dreißigjährige. Viele Mediziner schrieben dies
u.a. der Tatsache zu, daß ungeachtet
der Warnungen von ärztlicher Seite
immer mehr Menschen, und gerade junge
Leute, ihren Körper mehr als früher
intensiver Sonnenbestrahlung aussetzten.
Solche Warnungen hätten aber
umso mehr Gewicht, als inzwischen so
gut wie erwiesen ist, daß die Ozonschicht in der Lufthülle unseres Planeten durchlässiger für ultraviolette
Strahlung geworden ist.
Bei normaler Dichte wird die für
alles Leben auf der Erde gefährliche
Ultraviolettstrahlung von der Sonne
durch die Ozonschicht zu mehr als 90
Prozent
zurückgehalten.
Die
als
"Ozon" bezeichneten dreiatomigen Sauerstoffmoleküle natürlichen Ursprungs
sind in der Stratosphäre in Höhen
zwischen etwa 12 und 50 km in unterschiedlichen
Konzentrationen
verteilt.
Die Gesamtmenge ist jedoch
gering.
Sie ergäbe, würde man das
Gas sammeln können, nur eine wenige
Millimeter dicke Schicht.
Aufgrund
der
Daten
von
Forschungssatelliten und vom Boden aufgelassenen Meßsonden wurde die Anfang
der siebziger Jahre von zwei amerikanischen Wissenschaftlern aufgestellte
Theorie, daß bestimmte Chemikalien,
vor allem Fluorchlorkohlenwasserstoffe (FKW), an dieser lebenswichtigen
Schutzhülle in der Erdatmosphäre nagten, zumindest in bezug auf die "Ver-

dünnung" des Ozons bestätigt.
Wissenschaftler in den Vereinigten Staaten und in Europa befaßten sich eingehend damit, die dabei wirksamen
chemischen und physikalischen Prozesse aufzuklären und zu berechnen. Es
wurden Modelle erarbeitet, denenzufolge jetzt mindestens vier denkbare
Mechanismen
zur Diskussion stehen.
Aber die Materie erweist sich als so
komplex, daß man von schlüssigen Antworten noch weit entfernt ist.
Nach
Ansicht
von
Dr.
Robert
Watson, Chefwissenschaftler der NASA
für das Projekt "Lebensraum Erde"
("Global
Habitability
Project") ,
dürfte keiner der vier angenommenen
Hauptfaktoren allein für den Ozonabbau verantwortlich sein. Sicherlich
spielen anthropogene, also vom Menschen verursachte Einflüsse, eine wesentliche
Rolle, ebenso meteorologische Vorgänge, wahrscheinlich auch
die Sonnenaktivität.
Material
von
Vulkanausbrüchen und in die Lufthülle
einsickerndes Methan aus natürlichen
Quellen komplizieren zusätzlich Berechnungen für chemische Prozesse in
der
Atmosphäre, die
speziell
der
Stickstoff- und
Chlorchemie
gelten.
Man weiß z.B. inzwischen, daß ein
einziges FKW-Molekül, das in die Atmosphäre gelangt, etwa 10 000 Ozonmoleküle zerstören kann.
Neue Fragen werfen jüngste Forschungsergebnisse aus der Antarktis
auf, wo amerikanischen Wissenschaftlergruppen von August bis Oktober
1986 das berüchtigte "Ozonloch" studierten,
(über der Antarktis kommt
es, bisher sehr viel massiver als
über Skandinavien, im Frühjahr zu einer auffallenden Ausdünnung des stratosphärischen Ozons.)
Forscher von
der Universität Wyoming fanden nämlich bei Messungen* bis 30 km Höhe
heraus, daß u.a. zwischen 12 und 20
km der Ozonverlust insgesamt 35 Pro-

�zent betrug. Gleichzeitig waren aber
im Bereich zwischen 14 und 18 km mehr
als 70 Prozent und in einer weiteren
1 bis 5 km dicken Luftschicht sogar
90 Prozent gegenüber den Anfangswerten im August verloren gegangen. Für
die relativ enge "Schichtung" mit
ganz unterschiedlichen Ozonkonzentrationen gibt es noch keine Erklärung.
Interessanterweise
enthält
aber
das Ozonloch über der Antarktis, wie
Dr. Susan Solomon mit Kollegen von
der Bundesbehörde für Meeres- und Atmosphärenforschung
(NOAA) entdeckte,
das 20- bis SOfache der erwarteten
Werte für ein bestimmtes Chlormolekül
(0 Cl 0 ) . Dieses Molekül wird mit
den in der Atmosphäre außerordentlich
langlebigen FKW-Verbindungen in Zusammenhang gebracht.

&gt;

«

Aber nicht nur der Abbau von Ozon
in der Stratosphäre, sondern auch die
Anreicherung von Ozon in der Troposphäre schafft Probleme. Dieses unterste Stockwerk der Lufthülle reicht
von der Erdoberfläche bis etwa 12 km
Höhe
(Mittelwert).
Hier wird die
Ozonbildung unter Mitwirkung von Sonnenenergie in erster Linie durch photochemische Umsetzungen von Abgasen
und andere, durch menschliche Aktivitäten in die Luft eingebrachte Stoffe
ausgelöst bzw. gefördert.
Auch bestimmte natürliche Gase sind an den
Prozessen
beteiligt.
Dieser
eher
"künstliche" Ozon in der Troposphäre
ist Gift im Lebensraum der pflanzenund Tierwelt wie des Menschen. Mittel und Wege, ihn zu vermindern, sind
ebenso wenig bekannt wie eine Möglichkeit, Ozon in der Stratosphäre
anzureichern, um so die Erdoberfläche
besser gegen ultraviolette Sonneneinstrahlung (UV-Strahlung) zu schützen.

auf
auf

Die Auswirkungen von UV-Strahlung
die menschliche Gesundheit und
natürliche Ökosysteme zu Lande

wie im Wasser waren und sind Gegenstand zahlreicher Studien. So konnte
in den Vereinigten Staaten z.B. die
Hautkrebshäufigkeit unter dem Einfluß
von UV-Strahlung als eine Funktion
sowohl der geographischen Breite als
auch der Höhe über dem Meeresspiegel
recht gut dokumentiert werden.
Und
neuerdings scheint manches dafür zu
sprechen, daß Komponenten des UVLichtes auch das menschliche Autoimmunsystem hemmen. Dies erwähnte Botschafter Richard Benedick, der die
Vereinigten Staaten auf der jüngsten
Verhandlungsrunde der Partnerstaaten
des UN-Umweltprogramms in Wien vertrat, gegenüber europäischen Wissenschaftlern und Journalisten auf einer
Fernseh-Pressekonferenz.
Die Wiener Tagung im Februar 1987
brachte die Bemühungen vor allem der
Vereinigten Staaten um das Zustandekommen eines Protokolls zur "Konvention über den Schutz der Ozonschicht"
nun doch ein gutes Stück näher. Dabei geht es um die Einschränkung der
Produktion
und Emission ozonschädlicher Chemikalien, die bis in die
Stratosphäre gelangten. Entsprechende erste Maßnahmen haben die USA und
die skandinavischen Länder mit dem
Verbot von Treibgasen in Sprühflaschen schon vor Jahren getroffen.
Europäische Länder, Japan und die Sowjetunion
weigerten
sich
jedoch,
gleichzuziehen,
solange
nicht
die
wissenschaftlichen Fragen im Zusammenhang mit dem Ozonabbau
in der
Stratosphäre geklärt sind. Der Verlust beträgt inzwischen, weltweit gesehen, ca. drei Prozent. Somit wäre
Vorsorge auch ohne ausreichende wissenschaftliche Belege angebracht.
Eine weitere Verminderung der gegensätzlichen Meinungen insbesondere
von
Produktion
und Anwendung
von
FluorchlorkohlenwasserStoffen
erhofft
man sich nun von der Wiederaufnahme

�der Gespräche über das Ozonprotokoll
in Wien am 22. April. Diesen Gesprächen soll eine große diplomatische
Konferenz in Montreal vom 14. - 18.
September
folgen.
Botschafter
Benedick zeigte sich außerordentlich
beeindruckt von der Haltung einiger
Entwicklungsländer wie Ägypten, Argentinien, Brasilien oder Kenia, die
das Protokoll - und damit erhebliche
Einschränkungen für FKW-Stoffe in ein
paar Jahren - unterstützen. Denn die
Anwendung von Ersatzstoffen ist auch
eine wirtschaftliche Fragen.

* * * * * *

�</text>
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          <description>The Dublin Core metadata element set is common to all Omeka records, including items, files, and collections. For more information see, http://dublincore.org/documents/dces/.</description>
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                <text>&lt;strong&gt;1. Dokumentation&amp;nbsp;&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Reagan: Amerikanisch-sowjetische Beziehungen kommen voran&lt;br /&gt;&lt;em&gt;- Ansprache vor dem Los Angeles World Affairs Council -&amp;nbsp;&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Kommission zur Untersuchung der Sicherheit in Moskauer Botschaft eingesetzt&lt;br /&gt;&lt;em&gt;- Stellungnahme Präsident Reagans -&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Glasnost und der Konsens im Westen&lt;br /&gt;&lt;em&gt;- Ansprache des amerikanischen Botschafters in Berlin -&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Wirtschaft&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Amerikanisch-japanische Gespräche über Halbleiter ohne Ergebnis&lt;br /&gt;&lt;em&gt;- Erklärung des Büros des amerikanischen Handelsbeauftragten -&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Wissenschaft und Technik&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Hautkrebsrisiko wächst&lt;br /&gt;&lt;em&gt;- Vorsorgliche Maßnahmen gegen Ozonabbau dringendes Gebot -&lt;/em&gt;</text>
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