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Dokumentation

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14. März 1973

11

Inhalt

WIRTSCHAFT:
US-Staatssekretär unterstreicht "gesunden Wert" des Dollar
-Auszüge aus einer Rede Caseys in New YorkBurns: Vertrauen in den US-Dollar wiederherstellen
US-Regierung setzt neue Akzente im Kampf gegen die Inflation
Von Richard P„ Wilson

WISSENSCHAFT UND TECHNIK:
Lotsendienst über den Weltraum
-Satelliten geleiten havariertes Forschungsschiff durchs südliche
EismeerVon G. Weiss
Technische Neuheiten für die Medizin
Staubpartikelgröße ein karzinogener Faktor
Strom aus Müll und Abfallstoffen

Um Übersendung von Belegexemplaren wird gebeten.

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11/1973
,„'J- STAATSSEKRETÄR UNTERSTREICHT "GESUNDEN WERT" DES DOLLAR

-Auszüge aus der Rede Caseys in New YorkHARRIMAN, New York --(AD)-» Der Staatssekretär für Wirtschaftliche Angelegenheiten im amerikanischen Außenministerium, William J. Casey, hat auf
einer Konferenz über Probleme der Weltwährungsreform am 10. März den
"gesunden Wert" des Dollar unterstrichen. In seiner Rede wies der frühere Vorsitzende des amerikanischen Effekten-und Börsenaufsichtsamtes darauf
hin, daß der von Währungsspekulanten gezeigte Mangel an Vertrauen in den
Dollar von einer Fehleinschätzung der "soliden Basis" der amerikanischen
Währung herrühre.
Casey zeigte Wege zur Wiederherstellung des Gleichgewichts der amerikanischen Handels-und Zahlungsbilanz auf und wandte sich vor allem der
Rolle der internationalen Investitionen bei der Stärkung der Zahlungsbilanz™
Position der Vereinigten Staaten zu.
Im folgenden geben wir Auszüge aus der Rede Caseys wieder:
"Ich teile Präsident Nixons Überzeugung, daß der Dollar heute einen
gesunden Wert hat. Sicherlich geben unser Handelsdefizit von sechs Milliarden Dollar und unser Zahlungsbilanzdefizit von 10 Milliarden Dollar Anlaß

~1-

�Anlaß zu ernster Besorgnis. Noch größeren Anlaß zur Besorgnis bieten jedoch
die 70 bis 80 Milliarden expatriierter Dollar, die heute im Ausland stehen
und zwar aufgrund eines Zweifrontenkrieges - einmal in Vietnam uno zum anderen gegen Armut und soziale Übel im eigenen Lande, die beide in ungeeigneter
Form geführt wurden.
Ich bin jedoch der Überzeugung, daß die Probleme des Dollar zum großen
Teil daraus resultieren, daß man die solide Grundlage nicht richtig einschätzt,
die unter dem Ganzen liegt. Die Welt hat den deutlich sichtbaren Verlust der
amerikanischen Position auf den Gebieten der Verbraucherelektronik,der Sportartikel und der Kraftfahrzeuge als einen Niedergang der allgemeinen Technologie angesehen. Eine objektive Analyse würde jedoch feststellen, daß die
Vereinigten Staaten auf den Gebieten der Computer, der Photographie, der
Arzneimittel, der medizinischen Technologie, der Luft-und Raumfahrt, der Kernenergie, des Wohnungsbaues, der Schwerindustrie, der Erdölbohrungen im ShelfGebiet, der allgemeinen Versorgungseinrichtungen usw. noch immer führend
sind.
Wir haben Einkünfte von sieben Milliarden Dollar aus Investitionen,
Tantiemen und Management, stecken einen großen Teil unserer ausländischen Einnahmen wieder in das Geschäft in Übersee und besitzen heute rund 90 Milliarden Dollar - Buchwert - an Direktinvestitionen in Übersee, die in Wirklichkeit
noch sehr viel mehr wert sind. Amerikanische Transportgesellschaften haben im
vorigen Jahr über drei Milliarden Dollar außerhalb der Vereinigten Staaten verdient. Über 100 amerikanische Bankinstitute sind mit fast 6oo Filialen im
Ausland tätig. Etwa 250 Maklerfirmen arbeiten mit über 2000 Vertretern im
Ausland.
Wollen wir uns einmal ein allgemeines Bild machen, wie wir unser Zahlungsbilanzdefizit von 10 Milliarden Dollar korrigieren können. Wir könnten es
allein schon fast ganz beseitigen, wenn wir unsere Touristen, unsere Streitkräfte und unsere Entwicklungshilfe im eigenen Lande ließen. Aber wir können
es uns nicht leisten, uns von der Welt zurückzuziehen. Wir könnten es ferner

�ferner erreichen, indem wir unsere Handelsbilanz von einem Defizit von 6 Milliarden Dollar in einen Überschuß von 4 Milliarden Dollar verkehren. Wenn wir
das ohne eine Verringerung unserer Importe tun wollten, müßten wir über unsere gegenwärtigen Exporte von 43 Milliarden Dollar hinaus fast 25 Prozent mehr
exportieren. Unsere Handelspartner sind über diesen Vorschlag erschreckt.
Sie vergessen jedoch, daß unsere Importe in den letzten zwei Jahren um 40 Prozent angewachsen sind, während unsere Exporte nur um 15 Prozent zunahmen. Wir
brauchten nur dieses Verhältnis umzukehren, um wieder ins Gleichgewicht zu
kommen. Eine Liberalisierung des Handels und der Investitionsbeschränkungen
im Ausland und eine stärker export-orientierte Geschäftswelt könnte zusammen
mit einer abgewerteten Währung und verbesserten Dienstleistungs-und Marketingeinrichtungen im Ausland in wenigen Jahren zu einer Ausweitung unserer
Exporte um 25 Prozent führen.
Werfen wir einen Blick auf unsere Landwirtschaft. Durch ein technologisches Wunder sind fünf Prozent unserer Arbeitskräfte in der Lage, uns alle
hier im eigenen Lande und noch viele Menschen im Ausland zu ernähren. Mit
all dem Brachland, das wir der Erzeugung zugeführt haben, und einer Liberalisierung der Agrarhandelspolitik ist nach unserer Auffassung eine Zunahme der
Agrarexporte um 10 Milliarden Dollar pro Jahr und eine Verbesserung unserer
Agrarhandelsposition um über 7 Milliarden Dollar erreichbar. Dies würde uns
Ersparnisse von 4 Milliarden Dollar pro Jahr an Steuern sowie weitere Ersparnisse in den Lebensmittelgeschäften und Metzgereien im eigenen Lande und im
Ausland bringen, da wir mehr Futtermittel und Vieh exportieren und mehr Molkereiprodukte importieren würden.
Nichts von all dem wird rasch eintreten. Manches mag überhaupt nie eintreten. Wir brauchen nur die Hälfte davon zu erreichen, um unsere Zahlungsbilanz auszugleichen. Ein Drittel davon würde schon unsere Handelsbilanz ausgleichen,
...Der

-3-

�... Der Handel braucht nicht länger die einzige Haupteinnahmeque.: j e unserer Zahlungsbilanz zu sein. Die amerikanischen Auslandsinvestitionen sind so
gewachsen und ihr Potential, sowohl um Gewinne zwecks Kapitalerhöhung einzubehalten als auch um Schulden im Ausland aufzunehmen, ist jetzt so groß, daß der
Teil der Gewinne, der nach den USA repatriiert wird, und die Einnahmen aus
Lizenzen und Patenten der amerikanischen Technologie zu unserem Hauptaktivposten in den kommenden Jahren werden können. Darüberhinaus sind die amerikanischen Wertpapiermärkte zweifellos für einen beträchtlichen Teil der Gelder
attraktiv, die Investoren im Ausland für Sicherheit und Wachstum anlegen möchten. Und vor allem gibt es wesentliche Anreize, die auf ein Anwachsen

der

direkten Auslandsinvestitionen in den Vereinigten Staaten hinwirken.
Wenn wir auf unsere Investitions-und Einkommensaktiva blicken, dann finden wir hier das vielversprechendste Element unserer Zahlungsbilanz. Wir haben
ein Handelsdefizit von 6 Milliarden Dollar und einen Nettozufluß an Dividenden, Zinsen, Tantiemen usw. aus unseren Investitionen im Ausland von 7 Milliarden Dollar. Als ein Land, das einen immer größer werdenden Energie-und Rohstoffbedarf im Ausland decken muß, werden wir im Ausland investieren und den
Zufluß von Investitionserträgen, um solche Investitionen zu rechtfertigen,
vergrößern müssen.
Um diese Investitionen auszugleichen, müssen wir einen Anreiz für Investitionen aus dem Ausland bieten. Wir werden Wertpapiere zu einem Exportposten machen müssen. Wir werden unsere Fähigkeit, in allen Teilen der Welt
wie auch bei uns in den USA Kapital aufzubringen, beibehalten und stärken
müssen...
Halten Sie sich doch bitte vor Augen, daß New York bis 1962 der einzige
wirklich große Kapitalmarkt für Regierungen, internationale Gesellschaften
und andere Institutionen war. Im Juli jenes Jahres führte Präsident Kennedy,
besorgt über den immer größer werdenden Abfluß langfristigen Kapitals , der
von 850 Millionen Dollar im Jahre 1960 auf eine fast doppelt so hohe Jahresrate im Jahre 1963 stieg, die Zinsausgleichssteuer ein. Dieser Maßnahme folgten

-4-

�folgten andere Beschränkungen für Auslandskredite und Kapitalexporte.
Die Nettowirkung war, daß zu Investitionen in Wertpapieren anderer Länder als den Vereinigten Staaten ermutigt wurde, daß Finanzzentren außerhalb
der Vereinigten Staaten entstanden, die von amerikanischen Wertpapieren leben,
daß das Geschäft von amerikanischen Wertpapierbörsen auf ausländische Häuser
verlagert wurde und daß die Kapitalflüsse ganz allgemein verzerrt wurden. Das
Tempo, mit dem sich der Eurodollar-Markt und der Eurobond-Markt entwickelt
haben und die gewaltigen Kapitalmengen auf diesen Märkten sind zumindest zu
einem großen Teil amerikanischen Maßnahmen zuzuschreiben.
Kurz gesagt, der Eurodollar-Markt und der Eurobond-Markt konnten zum
großen Teil deshalb aufblühen, weil amerikanische Kontrollen sie vor der Konkurrenz New Yorks geschützt haben. Die Beseitigung dieser Kontrollen dürfte zu
einer wesentlichen

Verlagerung der Tätigkeit zurück nach New York führen, so-

wohl weil dort reichlichere Mittel und größere institutionale Leistungsfähigkeit vorhanden sind als auch, weil viele Kunden es bequemer finden werden, dort
Gelder aufzunehmen. In dem Maße, wie sich die Anleihetätigkeit zurück nach
New York verlagert, werden die Zinsen für Depositen in London im Verhältnis
zu New York ebenfalls zurückgehen und auch die Depositen selbst werden nach
New York zurückfließen.
Das heißt nicht, daß der Eurodollar-Markt oder der Eurobond-Markt verschwinden werden, wenn die Kontrollen abgeschafft sind. Hier hat sich eine beträchtliche Leistungsfähigkeit entwickelt, und manche Kunden werden es immer
noch bequem finden, auch weiterhin im Ausland Geld aufzunehmen und anzulegen.
Mit einem hohen Grad an Wahrscheinlichkeit wird jedoch eine wesentliche Verlagerung eintreten, wenn die entsprechenden Kostenvorteile anhalten...
Mit der Ankündigung, daß die Kontrollen für den Kapitalexport auslaufen
sollen, ist es für unsere hoch befähigte Finanzwelt von entscheidender Bedeutung,daß sie sich voll und ganz engagieren kann. Es wird einen Abfluß von

-5-

�von Kapital geben, aber dieser dürfte durch eine stärkere Repatriierung
von Gewinnen aus der Auslandstätigkeit ausgeglichen werden und zwar in dem
Maße, wie es leichter wird, je nach Bedarf neues Kapital ins Ausland zu
verbringen, und wie unsere Finanzwelt mit ihrer Heimatbasis nicht länger
mehr von der Welt abgeschnitten ist, so daß sie wieder vermehrt in der Lage
sein wird, Geld für andere Länder aufzubringen....".

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BURNS: VERTRAUEN IN DEN US-DOLLAR WIEDERHERSTELLEN
WASHINGTON --(AD)»- Als ein Nahziel, das alle Länder der Welt angeht, hat
der Vorsitzende des US-Federal Reserve Board - der amerikanischen Notenbank - , Dr. Arthur F. Burns , die Wiederherstellung des Vertrauens in die
Weltwährungen und vor allem in den amerikanischen Dollar bezeichnet.
Vor dem Unterausschuß für Internationale Finanzfragen des amerikanischen Repräsentantenhauses sagte Burns am 7. März wörtlich: "Meines Erachtens müssen wir die Türe für jede weitere Abwertung schließen, denn
wir haben Vertrauen zu schaffen. Wir können das aber nicht, wenn wir an
die Möglichkeit einer weiteren Abwertung denken. Wir müssen unsere Inflation
unter Kontrolle bringen und wir müssen noch mehr als in den letzten Jahren
eine Wirtschaft aufbauen, die so stark und so blühend ist, daß die Leute,
die über Geld verfügen, dieses im eigenen Lande anlegen, statt es ins Ausland zu bringen und dort nach besseren Gewinnmöglichkeiten zu suchen. Und
die Wirtschaft sollte so stark sein, daß die Gewinnaussichten so gut sind,
daß die Ausländer ihr Geld in die USA schicken und dort langfristig anlegen. "
Burns

-1-

�Burns fügte hinzu, daß der Federal Reserve Board jede Maßnahme begrüßen
werde, die der Kongreß zur Stärkung des Vertrauens in den Dollar beschließt.
Dies gelte vor allem auch für das Abwertungsgesetz, durch das die von Präsident Nixon im Februar verkündete Abwertung des Dollar Gesetzeskraft erhalte.
Burns, der auf Fragen der Abgeordneten jede weitere Dollar-Abwertung kategorisch ablehnte, schloß jedoch die Möglichkeit künftiger Interventionen auf
den Devisenmärkten zur Stützung der Dollarparität nicht aus. Auf die Frage,
ob die Vereinigten Staaten sich selbst zur Stützung fester Wechselkurse verpflichten würden, sagte Burns wörtlich: "In dieser Frage will ich mich nicht
festlegen, aber nur deshalb nicht, weil es sich hier um eine Entscheidung
handelt, die die Vereinigten Staaten nicht allein treffen können; dies hängt
sowohl von den anderen Ländern als auch von uns ab, und im Augenblick hängt
dies mehr von den anderen Ländern als von den Vereinigten Staaten ab."
Burns räumte ein, daß ein weiterhin anhaltendes hohes Zahlungsbilanzdefizit der USA eine Änderung der derzeitigen Währungsparitäten bedeuten könne,
betonte jedoch, daß er es nicht als verhängnisvoll betrachte, wenn die USA
auch weiterhin eine negative Zahlungsbilanz hätten. "Ich glaube jedoch", so
sagte er wörtlich, "daß wir dies in den nächsten zwei oder drei Jahren beseitigen können."
Burns unterstrich erneut nachdrücklich die Dringlichkeit einer baldigen
Reform des internationalen Währungssystems, damit immer wieder auflebende Währungskrisen vermieden würden, und erklärte, der anfängliche Plan für eine
Reform des internationalen Währungssystems habe für seine Verwirklichung einen
Zeitraum von zwei bis drei Jahren ins Auge gefaßt. Die Dinge seien jedoch
schon so intensiv besprochen worden, daß er hoffe, die Aufgabe in drei Monaten bewältigt zu sehen.
Burns betonte, er unterstütze generell den Vorschlag, durch eine Ermächtigung zu selektiven Goldverkäufen aus amerikanischen Beständen auf dem

�1

dem Weltmarkt den Druck auf den US-Dollar zu mildern, lehne jedoch jede
lineare Sonderabgabe auf Importe ab. Wörtlich sagte er: "Ich bezweifle sehr,
ob wir überhaupt zu irgendeinem Zeitpunkt eine Sonderimportabgabe auf einer
linearen und einheitlichen Basis für alle Erzeugnisse aller Länder erheben
werden." Sollte es aber zu einer Ermächtigung für eine Sonderabgabe auf
einer temporären Basis kommen, wie dies in dem von Präsident Nixon dem Kongreß
noch vorzulegenden Handelsgesetz vorgeschlagen werde, dann müßten gleichzeitig
entsprechende Garantien gegeben werden, damit die gesamte Welt wisse, daß
die Vereinigten Staaten sich nicht auf eine Ära des Protektionismus hinbewegen.

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11/1973

US-REGIERUNG SETZT NEUE AKZENTE IM KAMPF GEGEN DIE
INFLATION
Von Richard P. Wilson

WASHINGTON --(AD)-- Die Nixon-Administration hat in diesen Tagen angesichts
^er

steigenden Großhandelspreise, die den Erfolg der Phase III des libera-

lisierten Programms für eine Kontrolle von Preisen und Löhnen in den USA
zu gefährden drohen, zwei unerwartete Maßnahmen ergriffen, die Löhne und
Preise in die ihnen gesetzten Schranken verweisen sollen. Gleichzeitig
möchte die Regierung in Washington diese beiden Maßnahmen aber auch als ein
Signal an die amerikanischen Verbraucher und die ausländischen Besitzer von
Dollar-Guthaben verstanden wissen, daß sie nach wie vor entschlossen ist,
den Kampf gegen den inflationistischen Druck auf zahlreichen Fronten fortzusetzen.
Auch wenn sich jetzt ein anderes Bild von der Phase III des Kontrollprogramms ergibt, sollen die Kontrollen doch auch weiterhin flexibel,aber
eben entschlossener gehandhabt werden

So werden die in der Phase II gülti-

gen Normen für Lohnerhöhungen nun auch für die Phase III Gültigkeit behalten.
Zum anderen wurden für die Erdölindustrie, zugleich als Warnung an andere
Industriezweige, für Phase III gesetzlich

bindende Bestimmungen erlassen.

�erlassen. Damit hat Finanzminister George P- Shultz gezeigt, daß er auch
von dem"Knüppel"Gebrauch machen wird, den er, wie er seinerzeit sagte, für
den Fall bereit hält, daß die freiwilligen Kontrollen der Phase III nicht
ausreichten. Doch sind die neuen Maßnahmen nicht als Strafe, sondern vielmehr vorbeugend zu verstehen, um den immer stärker werdenden Druck auf die
Ölpreise zu dämpfen. Schon der Anstieg der Lebensmittelpreise stellt eine
starke Belastungsprobe für das Kontrollprogramm dar, und auch auf anderen
Gebieten scheinen sich erste Warnzeichen bemerkbar zu machen.
So sind die Großhandelspreise in den USA im Februar gegenüber dem Vormonat um 1,9 Prozent (saisonbereinigt um 1,6 Prozent) gestiegen. Vor allem
der Anstieg der Preise für Lebensmittel und Agrarerzeugnisse - 3,9 Prozent
und saisonbereinigt 3,2 Prozent - hat hierzu beigetragen. Und in den letzten
12 Monaten hatten die Preise für Lebensmittel und Agrarerzeugnisse sogar um
19,1

Prozent angezogen, die Großhandelspreise für industrielle Erzeugnisse

dagegen nur um 4,1 Prozent.
Entgegen allen Erwartungen hat daher der Lebenshaltungskostenrat bekanntgegeben, daß die Normen für Lohnerhöhungen der Phase II, denen zufolge

die

Löhne nur um 5,5 Prozent angehoben werden dürfen, nunmehr auch für Phase III
als Maßstab dienen sollen, wobei allerdings bei den in den kommenden Monaten anstehenden TarifVerhandlungen ein größeres Maß an Flexibilität möglich
ist. Die Gewerkschaften hatten bereits höhere Forderungen angemeldet. Sie
argumentieren, daß bei einer Produktivitätssteigerung von 3 Prozent und einem
Anstieg der Lebenshaltungskosten von 3 bis 4 Prozent die Lohnforderungen
eher bei 7 bis 8 Prozent als bei 5,5 Prozent liegen müßten.
Die Wiedereinführung der bindenden Preiskontrollen für die Erdölindustrie ist nicht nur als vorbeugender Schritt gegen ein Ausufern der Erdölpreise zu sehen, sondern wird allgemein auch als Warnung an andere Industriezweige interpretiert. Die 23 größten amerikanischen Erdölgesellschaften werden k'nftig die Preiserhöhungen für ihre meisten Erzeugnisse auf ein Prozent

�Prozent beschränken müssen. Hierunter fallen auch Benzin sowie Heizöl für
die Haushaltungen. Damit soll, wie der Direktor des Lebenshaltungskostenrates, John T. Dunlop, erklärte, dem amerikanischen Verbraucher garantiert
werden, daß stets ausreichende Mengen an Benzin und Heizöl zu angemessenen
Preisen verfügbar sind. Auf die 23 betroffenen Gesellschaften entfallen rund
95 Prozent der Nettoumsätze der amerikanischen Erdölindustrie,und sie erzielen bei den nunmehr wieder kontrollierten Erzeugnissen Einnahmen von über
250 Millionen Dollar jährlich.
Einzelne Kritiker der Regierung meinen, dab die neuen Maßnahmen nicht
ausreichen, und halten ein erneutes Einfrieren von Löhnen und Preisen für
notwendig. Doch Finanzminister Shultz ist weiterhin optimistisch, wobei er
darauf verweist, daß die meisten der gegenwärtigen Probleme in der US-Wirtschaft auf das schnelle Expansionstempo zurückzuführen sind. Die Regierung,
so führte Shultz erst kürzlich vor amerikanischen Industriellen aus, müsse
daher nicht nur in der Ausgaben-und der Währungspolitik Zurückhaltung üben,
sondern auch ihren Apparat für Lohn-und Preiskontrollen aufrechterhalten
und das Lebensmittelangebot durch Steigerung des Imports und der einheimischen Erzeugung verbessern. Darüberhinaus werde die Regierung die Mittel
der Einkommenspolitik nutzen. In der Phase III des Kontrollprogramms, so versicherte der Minister, werde aber nur dort, wo unbedingt notwendig. Zwang angewandt werden; sonst werde sie, wo immer möglich, auf Freiwilligkeit basie«
ren.
Es besteht keinerlei Zweifel daran, daß der Wirtschaftsaufschwung in den
USA weiter anhalten wird. Hat doch gerade erst das Handelsministerium berichtet, daß 12 der wichtigsten Wirtschaftsindikatoren seit 27 Monaten ununterbrochen eine steigende Tendenz aufweisen, und dies deutet auf eine Fortdauer
des Aufschwungs hin. Auch verfügt die Industrie noch über ein reichliches Arbeitskräftereservoir, denn die Arbeitslosenquote liegt immer noch etwas über
5 Prozent. Außerdem hat Finanzminister Shultz unmißverständlich zu verstehen

-3-

�verstehen gegeben, daß die Regierung die Inflation unter Kontrolle halten
wird und fest entschlossen ist, die Phase III zu einem vollen Erfolg zu machen.
Voraussetzung hierfür ist allerdings auch, daß Gewerkschaften und Arbeitgeber
"ein wenig Mäßigung und Zurückhaltung" üben. Die von der Regierung ergriffenen Maßnahmen - die Phase III ihres Kontrollprogramms, Zurückhaltung bei den
Regierungsausgaben, Beachtung der wirtschaftlichen Grundprinzipien und Regulierung des Geldflusses - werden, wie Shultz unterstrich, in ihrer Gesamtheit
dazu führen, daß sich in der Wirtschaft ein allmählicher Übergang zu einer
kontinuierlichen Wachstumsrate vollzieht.

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LOTSENDIENST ÜBER DEN WELTRAUM
-Satelliten geleiten havariertes Forschungsschiff durchs südliche
Eismeer-

Von G. Weiss

--(AD)-- Kapitän Jacques Cousteau kam persönlich nach Washington, um der
NASA für die Rettung seines Schiffes zu danken, das bei der Kollision mit
einem Eisberg schwer beschädigt worden war. Die CALYPSO kreuzte nördlich und
südlich der Palmer-Halbinsel, einem Ausläufer des riesigen antarktischen Kontinents. Cousteau und die Besatzung seines Schiffes machten Wetterbeobachtungen und vor allem meeresbiologische Untersuchungen, um die heutigen Lebensbedingungen für Pflanzen und Tiere in diesen noch vor ein paar Jahrzehnten für
ihre biologische Produktivität berühmten Gebietendes südlichen Eismeers zu
studieren. Die Produktivität ist infolge der rücksichtslosen Wal-und Robbenfangmethoden in den letzten Jahrzehnten erheblich zurückgegangen und wird
jetzt durch die Meeresverschmutzung weiter bedroht.
Täglich wurden die Temperaturen an der Meeresoberfläche, die Planktondichte und damit die Chlorophyllkonzentration sowie die Durchlässigkeit des
Wassers für Licht gemessen und die zu beobachtenden Arten von Meerespflanzen

-l-

�Meerespflanzen und Tieren einschließlich ihrer Häufigkeit bestimmt. Neben
zahlreichen wissenschaftlichen Instrumenten waren für Unterwasser-Expeditionen ein kleines Zwei-Mann-U-Boot, für Aufnahmen aus größeren Höhen ein
Heißluftballon, für die Beobachtung von Treibeisflächen und Eisbergen ein
kleiner Helikopter und für den Funkverkehr mit einem amerikanischen Erdsatelliten Spezialantennen und andere elektronische Ausrüstungen an Bord, Sie
ermöglichten die tägliche Verbindung mit der Außenwelt, insbesondere mit
Forschungsinstituten in den Vereinigten Staaten und in England. Cousteau
übermittelte ihnen

"egelmäßig eine Fülle wissenschaftlicher Meßdaten aus

diesem noch immer schwer zugänglichen Teil der Erde.
Die Untersuchungen sollten helfen, bessere Arbeitsprogramme für die
Erdbeobachtung durch Satelliten und für die Auswertung bezw.. Interpretation
der von ihnen zur Erde gemeldeten Daten zu entwickeln. Denn nur durch die
Einbeziehung der weiten Gebiete außerhalb der üblichen Schiffahrts-und
Flugrouten und außerhalb der vom Menschen bewohnten Kontinente in eine gründliche Erforschung und Kontrolle bestünde Aussicht, die Störungen des ökologischen Gleichgewichts wirksam anzugehen und einer weiteren Dezimierung des
Lebens in diesem Raum wie auch der Verschmutzung Einhalt zu gebieten.
Vom ursprünglichen Walbestand sind, so stellte Cousteau fest, nur noch
sechs Prozent vorhanden. Die riesigen Tiere wie auch die Pinguine, die Robben und die Fische leben in erster Linie von Krill. Und diese Kleinorganismen,
die wiederum auf mikroskopisch kleine Algen angewiesen sind, gibt es noch in
Hülle und Fülle. Übrigens machte Cousteau die für Eiologen und Meeresforscher
außerordentlich interessante Beobachtung, daß über einem teilweise unter
Wasser liegenden vulkanischen Einbruchsgebiet am Deception Island die Chlorophyllwerte bis zu Hundertmal höher sind als an anderen Stellen

Wahrschein-

lich gelangen dort mehr Nährstoffe als anderswo aus der Tiefe an die Oberfläche.
Am

-2-

�Am 12. Februar 1973 wurde die CALYPSO am Heck von einem Eisberg gerammt. Eine der beiden Schrauben fiel aus, ein Propellerschaft des 43 m
langen, aus Holz gebauten Forschungsschiffes brach auseinander. Wenn das
havarierte Schiff und seine Besatzung aus dem stürmischen Seegebiet, wo
immer wieder Treibeismassen und Eisberge auftauchten, überhaupt glücklich
herauskommen sollte, konnten dazu exakte Eismeldungen und Wettervoraussagen
eine Menge beitragen. Und dafür wurde nun zusätzlich zu den Wettersatelliten
NIMBUS 4 und NOAA II, deren Auflösungsvermögen für die Detailbeobachtung von
Eis nicht ausreicht, das ERTS 1-Gerät mit seinen scharfen Fernsehaugen eingesetzt. Normalerweise ist dieser Erdforschungssatellit, der unseren Planeten
auf nahezu polarer Bahn in ca. 910 km Höhe umkreist, über dem antarktischen
Raum abgeschaltet.
Die ERTS-Aufnahmen von der Antarktis wurden im Goddard-Raumfahrtzentrum
bei Washington aufbereitet und sofort an das Wetteramt der US-Marine
(FWF - Fleet Weather Facility) zur Analyse weitergegeben, das seinerseits
über den Satelliten ATS 3, der in 36 000 km Höhe über Brasilien gewissermaßen
ortsfest steht, zweimal täglich die Informationen Cousteau direkt übermittelte. FWF identifizierte beispielsweise sowohl die Masse von Eisbergen und
Eistrümmern (auf einer ca. 22 km weiten Fläche) als auch die Richtung, in
der sie entlang der Route der CALYPSO durch die Drake-Passage dahintrieben.
Mit nur fünf Knoten Geschwindigkeit schlich sich die CALYPSO durch die eisfreien Gebiete voran. Dank des Lotsendienstes über den Weltraum erreichte
das Schiff "ohne ernsten Zwischenfall" Südamerika und lief am 21. Februar
1973 in den Hafen von Ushuaia (Argentinien) ein.

-K+

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TECHNISCHE NEUHEITEN FÜR DIE MEDIZIN
--(AD)-- Alle zwölf Monate erscheint in den Vereinigten Staaten in der
Zeitschrift "Industrial Research" eine Liste der wichtigsten technischen
Produkte des vorangegangenen Jahres. Sie wird im Auftrag der in Chicago
herausgegebenen Zeitschrift von einem Wissenschaftlergremium zusammengestellt, das Tausende neuer Vorrichtungen, Instrumente oder Ausrüstungen
begutachtet und auf ihre Brauchbarkeit bewertet. Einige Neuheiten auf medizinisch-technischem Gebiet seien herausgegriffen:
- VIDA, tragbares Herzschlagmeßgerät: Zwei kleine Sensoren, die am
Brustkorb des Patienten befestigt sind, reagieren auf den Herzschlag und
erfassen selbst die kleinste Unregelmäßigkeit. Bei einer von der Norm abweichenden Herztätigkeit gibt das Taschengerät Alarm. Die Schlagimpulse
können als akustische Signale über ein gewöhnliches Telefon in die Arztpraxis übertragen werden. Hersteller: Cardiodynamics Corporation in
Dublin (Kalifornien).
- DYNATOME: In einer ganzen Serie absichtlich unterbelichteter Röntgenaufnahmen mit nur fünf Sekunden Gesamtbelichtungszeit werden Schichtaufnahmen vom Körper des Patienten angefertigt, die dem Arzt die Inspektion von Gewebe in aufeinanderfolgenden Ebenen bis in jeweils zwei Millimeter Tiefe erlauben. Um von einer Schicht zur anderen überzugehen, braucht
der Arzt nur eine Wählscheibe zu betätigen. Die Bezeichnung des Geräts

-l-

�Geräts ist eine Abkürzung aus "Dynamic Tomograph" (dynamische Schichtaufnahmetechnik). Hersteller: CFC Products Corporation in Ann Arbor (Michigan).
- Blutdruckmessung: Der Patient kann dies selbst tun, indem er einfach
eine Manschette am Handgelenk befestigt. Die Meßwerte werden automatisch
auf einem Papierstreifen aufgezeichnet, so daß sie der Arzt später begutachten kann. Das Gerät (eine gemeinsame Entwicklung der Firmen Sears Roebuck
und Inventure Development Company, Auburndale, Massachusetts) erfaßt auf
elektronischem Wege das Geräusch des durch die Adern strömenden Blutes.
- Blindenbrille: Das Brillengestell enthält winzige elektronische Teile,
die die Funktion eines Senders und Empfängers für unsichtbares Infrarotlicht
haben. Taucht vor dem Blinden ein Hindernis auf, verändert sich das Echo
der ausgesandten Infrarotstrahlung, das in ein akustisches Signal umgesetzt
und von dem Blinden über ein kleines Ohrmikrofon ständig abgehört wird.
Mauerwände sind so aus drei bis vier Metern Entfernung zu identifizieren.
Schlechte Reflektoren wie bestimmte Gewebe werden aus 1,5 m Abstand registriert.
Hersteller: Sensory Aids Research Company in Albuquerque (New Mexico).
- Augeninnendruck: Das sogenannte"N^n-Contact Tonometer" ermöglicht
Messungen des Augeninnendrucks ohne Lokalanaesthesie, weil das Gerät nicht
auf den Augapfel aufgesetzt werden muß. Statt dessen richtet es einen Strahl
von Luftimpulsen von ständig steigendem Druck so lange auf die Hornhaut, bis
diese innerhalb eines bestimmten Bereichs beziehungsweise Durchmessers flachgedrückt wird. Der dafür erforderliche Außendruck ergibt einen indirekten
exakten Maßstab für den Augeninnendruck. Hersteller: American Optical Corporation, Framington Center (Massachusetts).
- Diagnose der Schilddrüsenfunktion: Der sogenannte "Thyroid Scanner"
fertigt unter Umgehung des Radiojod-Cocktails, den der Patient normalerweise
für eine solche Untersuchung trinken muß, ein Bild der Schilddrüse an, aus

-2-

�aus dem ihre Funktionsfähigkeit ersichtlich ist. Für die Aufnahme ist nicht
einmal ein Hundertstel der Energie erforderlich, die eine herkömmliche Röntgenanlage benötigt. Das Gerät liefert ein auf elektronischem Wege abgenommenes und anschließend verbessertes Bild. Hersteller: Kevex Corporation,
Burlingame (Kalifornien).
- Diagnose des Hirnstoffwechsels: Ein winziges Instrument erlaubt zum
ersten Mal die Entnahme von Flüssigkeiten aus dem Gehirn oder die Infiltration von Medikamenten bei vollem Bewußtsein. Es trägt die Bezeichnung
"Transdermal Brain Chemode" und wird an der jeweils kritischen Stelle implantiert. Die Wissenschaftler hoffen, damit schließlich auch chemische Vorgänge im Gehirn bei Patienten, die zu Gewalttätigkeit neigen, untersuchen
zu können. Hersteller: Gulf Energy and Environmental Systems Corporation,
San Diego (Kalifornien).

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11/1973

STAUBPARTIKELGRÖSSE EIN KARZINOGENER FAKTOR

--(AD)-- Die Größe und Form eingeatmeter Partikel - und weniger das Material, aus dem sie bestehen - können ursächliche Faktoren für die Entstehung von Krebsgeschwülsten der Pleura (Brustfell) sein. Dies ist das
Ergebnis einer Studie, die Dr. Mearl F. Stanton vom Nationalen Krebsforschungsinstitut der USA in Verbindung mit zahlreichen Tierversuchen durchführte. So ist nach Ansicht Dr. Stantons der faserigen Struktur des Asbests die
eigentliche karzinogene Wirkung des Asbeststaubs zuzuschreiben.
»

Die Experimente an Ratten wurden unternommen, um herauszufinden, ob
und inwieweit faserige und nichtfaserige Substanzen Krebs der Pleura hervorrufen können. Dabei stellte sich heraus, daß sehr feine Fasern von Asbest,
Glas oder Saphir relativ häufig, grobe Fasern oder fein pulverisiertes Material der gleichen Substanz dagegen nur selten zur Ausbildung von Krebsgeschwülsten führten. Die karzinogenen Fasern waren im Durchschnitt zwischen
0,5 und 5 Mikron dick und weniger als 80 Mikron lang (1 Mikron = ein
Tausendstel Millimeter).
Mesotheliome

�Mesotheliome (Tumoren der Deck-und Bindegewebszellen von Brust-und
Bauchfell) beim Menschen entwickeln sich in erster Linie bei Personen, die
Asbeststaub ausgesetzt sind. Allerdings können Jahre, ja Jahrzehnte vergehen,
bis als Spätfolge des Einatments von Asbeststaub ein Mesotheliom oder andere
Erkrankungen wie Asbestose und Lungenkrebs in Erscheinung treten. (Nach dem
Zigarettenrauchen steht Asbest als Ursache von Lungenkrebs an zweiter Stelle).
In einem im "Journal of the National Cancer Institute" veröffentlichten Bericht beschreibt Dr. Stanton Durchführung und Ergebnisse der Tierversuche.

Demnach wurden unter den insgesamt 450 mit Asbestfasern behandelten

Ratten

- gleichgültig, welche der drei Asbestarten (Krokidolit, Chrysotil

oder Amosit) verwendet wurde - zu 58 bis 75 Prozent Mesotheliome festgestellt. Das Ausmaß der Tumorentwicklung unter der Einwirkung von Asbest
stand in keinem Zusammenhang mit Verunreinigungen, ebensowenig mit zwei
üblichen metallischen Beimengungen, mit denen außerdem auch allein experimentiert wurde. Nach der Behandlung mit pulverisiertem Silikat, dem Hauptbestandteil aller Asbestarten, kam es nur bei einem von 48 Versuchstieren zur Entwicklung von Mesotheliom, während in späteren, noch nicht abgeschlossenen
Versuchen an 150 Tieren mit voll pulverisiertem Asbest, faserfreiem Saphir
(Aluminiumoxyd) oder groben Faserglaspartikeln bisher in keinem einzigen Fall
Krebs entdeckt wurde. Angesichts dieser Ergebnisse sollte nach Meinung
Stantons das Einatmen faseriger Partikel unter allen Umständen vermieden
werden.

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Bonn-Bad

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11/1973
STROM AUS MÜLL UND ABFALLSTOFFEN

--(AD)-- Die guten Erfahrungen, die man in der Bundesrepublik und in einigen anderen europäischen Ländern mit Müllkraftwerken gemacht hat, veranlaßten in zunehmendem Maße zuständige Regierungsstellen und Kommunalverwaltungen in den Vereinigten Staaten, sich um ähnliche Einrichtungen zu
bemühen. Nach Meinung von Vertretern der Bundesbehörde für Umweltschutz
(EPA) könnte diese Methode der Abfallbeseitigung, sofern sie weiter ausgebaut wird, auch zur Lösung des Energieversorgungsproblems beitragen.
Auf jeden Fall dürfte diese Art der MüllVerwertung die Beseitigung
der 360 Millionen Tonnen Abfälle, die jährlich in den USA allein in den
Städten anfallen, erheblich beschleunigen. Die Kosten für das Sammeln,
die Aufbereitung, den Transport und die Deponie von Stadtmüll belaufen
sich derzeit auf ca. 4,5 Milliarden Dollar pro Jahr. Mit großer Energie
treiben die EPA-Sonderabteilung für Feststoffabfälle und das Bundesbergbauamt Projekte voran, die für die Kombination "Müllbeseitigung plus Energieerzeugung" aussichtsreich erscheinen.
In St. Louis (Miss.) ist mit finanzieller Unterstützung der EPA ein
Projekt zur Verbrennung von täglich 300 Tonnen Shreddergut bei der Union
Electric Company angelaufen. In Chicago nimmt eine von deutschen Ingenieuren

-l-

�Ingenieuren erbaute Verbrennungsanlage täglich 1 600 Tonnen Abfälle auf und
liefert Dampf für kommerzielle Zwecke. Nashville (Tennessee) baut ein Müllverbrennungswerk, das sowohl Dampf als auch Kühlmittel für Großbauten produziert. Die Aufnahmekapazität liegt vorläufig bei 7.50 Tonnen Müll pro Tag,
soll jedoch auf 1 500 Tonnen gesteigert werden.
In San Diego (Kalifornien) ist eine Müllverwertungsanlage im Bau, die
aus Abfällen Rohöl erzeugt. Das Öl, das bei dem von einer Tochtergesellschaft
der Occidental Petroleum Corp. entwickelten Verfahren anfällt, hat nur einen
geringen Schwefelgehalt; es wird in einem Heizkraftwerk verfeuert.
Der nächste Schritt wäre die Pyrolyse - die Aufheizung von Festmüll auf
sehr hohe Temperaturen bis zur Verdampfung mit der Abtrennung der organischen Bestandteile und der Produktion von Gas oder synthetischem Ol. Gegenwärtig befindet sich dieses Verfahren in der Demonstrationsphase. In einem
Vergasungskessel zersetzen sich unter Luftzufuhr und großer Hitze in einem
kontrollierten SauerstoffSystem alle organischen Bestandteile; die meisten
werden im gasförmigen Zustand abgeleitet. Die übrigen Abfallstoffe gehen
in den flüssigen Zustand über und sammeln sich in der Schlacke. Der Vergasungskessel nimmt alles auf - von Autoschrott-Teilen bis zu Kunststoffen
aller Art.

++i-

�</text>
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                <text>&lt;strong&gt;1. Wirtschaft&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;US-Staatssekretär unterstreicht "gesunden Wert" des Dollar&amp;nbsp;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;- Auszüge aus einer Rede Caseys in New York -&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Burns: Vertrauen in den US-Dollar wiederherstellen&amp;nbsp;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;US-Regierung setzt neue Akzente im Kampf gegen Inflation&amp;nbsp;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Von Richard P. Wilson&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Wissenschaft und Technik&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Lotsendienst über den Weltraum&lt;br /&gt;&lt;em&gt;- Satelliten geleiten havariertes Forschungsschiff durchs südliche Eismeer -&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Von G. Weiss&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Technische Neuheiten für die Medizin&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Staubpartikelgröße ein karzinogener Faktor&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Strom aus Müll und Abfallstoffen</text>
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                    <text>Information
und
Dokumentation

1

31

I

International Communication Agency
Embassy of the United States of America

14. März 1979

I N H A L T

INFORMATION
US-General Rogers zum neuen Obersten Alliierten Befehlshaber Europa ernannt
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- Erklärung von Präsident Jimmy Carter DOKUMENTATION
Senator Kennedy tritt für SALTJ^I-Vertrag ein
- Rede vor der Gesellschaft für Rüstungskontrolle HINTERGRUNDMATERIAL
Ein Jahrhundertgruß'an Albert Einstein
- Von unserem Korrespondenten Earl N, Mittleman WISSENSCHAFT UND TECHNIK
Jupiter und seine Planetenwelt
- US-Sonde VOYAGER I besucht "entfernte Verwandte" unserer Sonne Lassa-Fieber wird von Mäusen verbreitet

Um Uber/endung von
Belegexemplaren wird
gebeten

Postfach 20 03 0 0
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Tel: 02221-89 32 40
Telex:08-85432

�Information
International Communication Agency
Embassy of the United States of America

14. März 1979

US-GENERAL ROGERS ZUM NEUEN OBERSTEN ALLIIERTEN BEFEHLSHABER
EUROPA ERNANNT
- Erklärung von Präsident Jimmy Carter -

WASHINGTON - (AD) - Der Verteidigungs-Planungsausschuß der NATO hat am
28. Februar 1979 den Stabschef der amerikanischen Armee, General Bernard W.
Rogers, zum Obersten Alliierten Befehlshaber Europa (SACEUR) ernannt.

General

Rogers tritt am 1. Juli dieses Jahres die Nachfolge von General Alexander Haig
an, der im Dezember 1974 zum SACEUR ernannt worden war.

Anläßlich der Ernen-

nung von General Rogers hat das Weiße Haus eine Erklärung von Präsident Jimmy
Carter und einen kurzen Lebenslauf des neuernannten SACEUR veröffentlicht.

Die Erklärung des Präsidenten hat folgenden Wortlaut:

Ich freue mich, heute bekanntgeben zu können, daß der Verteidigungs-Planungsausschuß des Nordatlantikrates General Bernard W. Rogers zum Obersten
Alliierten Befehlshaber Europa als Nachfolger von General Alexander Haig ernannt hat, der diesen wichtigen Posten während der letzten viereinhalb Jahre
mit großer Auszeichnung bekleidete.

Zusätzlich ernenne ich General Rogers

zum Oberbefehlshaber der amerikanischen Streitkräfte in Europa - ein Posten,

Postfach 20 03 00
D5300 Bonn 2

Tel: 02221-89 32 40
Telex:08-85432

�Posten, den General Haig ebenfalls am 30. Juni (1979) freigibt. General Rogers
ist derzeit Stabschef der US-Armee.
Der Wechsel im militärischen Kommando der NATO ist ein geeigneter Zeitpunkt, um sich auf die Bedeutung des Bündnisses für die Vereinigten Staaten,
den gesamten Westen und für die Sache des Weltfriedens zu besinnen.
Vor 30 Jahren haben wir zusammen mit europäischen und kanadischen Freunden
das Nordatlantische Bündnis geschaffen.

Seit jener Zeit ist die NATO der Eck-

pfeiler der amerikanischen Sicherheitspolitik und spiegelt die lebenswichtige
Bedeutung der Sicherheit und des Wohlergehens Westeuropas für die Sicherheit
Nordamerikas wider.

Die NATO hat uns gute Dienste geleistet:

Sie hat dazu bei-

getragen, den Frieden in einem Gebiet zu bewahren, das geschichtlich durch Krieg
belastet war, und sie hat die Völker Europas und Nordamerikas noch enger zusammengeführt.

Zu diesem Zwecke hat das Bündnis starke Streitkräfte aufrechter-

halten und eine einzigartige Praxis der politischen Konsultationen entwickelt.
General Rogers wird einen bedeutsamen Beitrag zu diesen beiden Anstrengungen
leisten und sich dabei auf seine lange und hervorragende Karriere als Staatsmann in Uniform berufen können.
In den letzten Jahren stand das Bündnis vor schwierigen Herausforderungen.
Die wichtigste davon ist das stetige Wachstum und die Modernisierung der Streitkräfte des Warschauer Paktes - und vor allem der Sowjetunion. Wir schließen
uns heute zusammen, um dieser Herausforderung zu begegnen. Es wird uns gelingen. Ich bin zutiefst befriedigt über die Reaktion unserer Verbündeten im Rahmen des Langfristigen Verteidigungsprogramms der NATO - das auf dem NAT0Gipfel hier in Washington im Mai vorigen Jahres verabschiedet wurde - und im
Rahmen der Bemühungen zur Verstärkung der Zusammenarbeit in der Verteidigungsbeschaffung. Es ist von lebenswichtiger Bedeutung für die Sicherheit des Bündnisses, daß die NATO-Mitglieder diese neuen Verpflichtungen erfüllen.
In den Vereinigten Staaten nehmen wir die dringend benötigten Verstärkungen
unserer Verteidigungskapazität vor. Ein Großteil dieser zusätzlichen Stärke

- 2 -

�Stärke wird direkt für die NATO-Verteidigung wirksam.

Wir bleiben das mili-

tärisch, politisch und wirtschaftlich stärkste Land der Welt, und ich bin entschlossen, dafür zu sorgen, daß diese Position nicht untergraben wird.

Diese

Stärke, verbunden mit der unserer NATO-Verbündeten, ist die beste Hoffnung
auf Frieden in Europa und die beste Aussicht für die Begrenzung und Reduzierung
der Waffen des Krieges.
In Zeiten der Veränderung und oft des Aufruhrs in anderen Teilen der Welt
gewinnt die Stärke der NATO eine zusätzliche Dimension.

Sie gewinnt noch mehr

Bedeutung, um Sicherheit und Stabilität in Europa zu garantieren und uns damit
ein zusätzliches Vertrauen in unsere Fähigkeit zu geben, das Anwachsen und die
Ausbreitung des Konflikts zu verhindern, und uns in die Lage zu versetzen, über
den NATO-Bereich hinaus wirksam für den Frieden in der Welt zu arbeiten.
Wegen der anhaltenden Bedeutung der NATO freue ich mich, daß General
Rogers diese neuen und anspruchsvollen Aufgaben übernehmen wird.

Er wird eine

Schlüssel rolle bei der Neubelebung der Verteidigung des Bündnisses und bei der
Stärkung der politischen Bindungen unserer Beziehungen zu Kanada und den europäischen Mitgliedern der NATO spielen.

Seine hervorragende Karriere beweist

seine Fähigkeit zur Übernahme dieser Bürden - und er wird meine volle Unterstützung haben, und, wie ich sicher bin, auch die der amerikanischen Nation.

+ + +

Die vom Weißen Haus herausgegebene Biographie von General Rogers hat
folgenden Wortlaut:
General Bernard W. Rogers wurde am 16. Juli 1921 in Fairview im Staate
Kansas geboren. Er absolvierte im Jahre 1943 die amerikanische Militärakademie in West Point als Leutnant der Infanterie. Von 1947 bis 1950 besuchte er
die Oxford-Universität als Rhodes-Stipendiat.
Im

- 3 -

�Im Jahre 1952 kommandierte Rogers das 3. Batallion des 9. Infanterieregiments in Korea.

Von 1952 bis 1954 war er zum Stab des Oberbefehlshabers

der Vereinten Nationen und des Fernostkommandos in Tokio abgestellt. Anschließend besuchte er 1954/55 die Führungsakademie in Fort Leavenworth
Kansas

im Staate

und wurde dann Kommandeur des 1. Batallions des 23. Infanterieregiments,

2. Infanteriedivision, in Fort Lewis

im Staate Washington.

Im Jahre 1956

wurde er zum Büro des Stabschefs der US-Armee abkommandiert und war zwei Jahre
lang bei der Koordinierungsgruppe und ein Jahr als Chefadjutant des Stabschefs
tätig.
Er besuchte das "War College" der amerikanischen Armee und wurde anschließend als Stabschef zur 24. Infanteriedivision nach Augsburg abgestellt, wo er
von 1961 bis 1962 diente.

In den Jahren 1961 und 1962 war er militärischer Be-

rater des Vorsitzenden des Gemeinsamen Stabes (der US-Streitkräfte) und von
1963 bis 1966 Chef des Büros des Vorsitzenden.
Von 1966 bis 1967 war Rogers Stellvertretender Kommandeur der 1. Infanteriedivision in Vietnam und anschließend bis 1969 Kommandeur der Kadetten in WestPoint. In den Jahren 1969 und 1970 diente er als Kommandierender General der
5. Infanteriedivision (mot.) in Fort Carson im Staate Colorado und war dann
1971/72 Chef des Verbindungsbüros zum Kongreß im Amt des Staatssekretärs für
die Armee (Armeeminister).
Von 1972 bis 1974 war Rogers Stellvertretender Stabschef für Personalfragen im Armeeministerium. Von 1974 bis 1976 war er Kommandierender General
im amerikanischen Armeekommando und seit Oktober 1976 Stabschef der US-Armee.

+ + + + +

�1

Dokumentation

I

International Communication Agency
Embassy of the United States of America

14. März 1979

SENATOR KENNEDY TRITT FÜR SALT II-VERTRAG EIN
Rede vor der Gesellschaft für Rüstungskontrolle -

WASHINGTON - (AD) - Der demokratische Senator Edward M. Kennedy aus
Massachusetts hat in einer vielbeachteten Rede vor der Gesellschaft für
Rüstungskontrolle im Mayflower-Hotel in Washington am 20. Februar 1979 nachdrücklich seine Unterstützung für ein SALT II-Abkommen zum Ausdruck gebracht.
Wir geben die Rede nachfolgend im vollen Wortlaut wieder:
Das Jahr 1977 war ein Jahr der Initiativen und Erwartungen auf dem Gebiet der Rüstungskontrolle.

Präsident Carter trat sein Amt mit dem größten

und ehrgeizigsten Paket an Vorschlägen an, die je eine Administration in der
letzten Zeit vorlegte.

Aber 1978 war ein Jahr der Verzögerung.
neten, kamen nicht zustande.
nicht.

Abkommen, mit denen wir rech-

Durchbrüche, die wir erhofften, vollzogen sich

Vielleicht sind wichtige Chancen verstrichen.

Das Jahr 1979 soll nun ein Jahr des Erfolgs werden.

- Dieses

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�- Dieses Frühjahr sollten wir den erfolgreichsten Abschluß der SALT IIVerhandlungen erleben.
- Später in diesem Jahr sollten wir die Verhandlungen über ein umfassendes Verbot von Kernwaffenversuchen abschließen.
- Wir sollten bei den auf der Stelle tretenden MBFR-Verhandlungen und bei
den Gesprächen über Anti-Satellitenwaffen, über den Transfer konventioneller
Waffen und über den Indischen Ozean die Chancen für einen Fortschritt ergreifen.
Auf solche Weise können wir den Fortschritt früherer Jahre wieder aufnehmen
- ein Fortschritt, der zu einem nicht geringen Teil der Gesellschaft für Rüstungskontrolle und ihren zahlreichen führenden Mitgliedern zu verdanken ist; ein Fortschritt, der durch solche Meilensteine wie den Vertrag über das begrenzte Verbot von Kernwaffenversuchen, den Vertrag über die Nichtweiterverbreitung von
Kernwaffen (Nonproliferationsvertrag) und die SALT I-Abkommen gekennzeichnet
war.
Wir hatten nicht zuletzt Erfolg wegen der traditionellen überparteilichen
Unterstützung in diesem Lande für die Aufrechterhaltung unserer Sicherheit und
die Verringerung der Kriegsgefahr, vor allem die Verhinderung eines Nuklearkrieges, der den Erdball für Generationen verwüsten könnte. Seit dem Einbruch
des Nuklearzeitalters von Hiroshima haben führende Vertreter beider Parteien
und die überwältigende Mehrheit des amerikanischen Volkes erkannt, daß die vordringlichste Aufgabe unserer Außen- und Verteidigungspolitik darin bestehen
muß, eine nukleare Katastrophe zu verhindern und gleichzeitig unsere Sicherheit
und die unserer Freunde zu gewährleisten.
Und das ist der Standpunkt der meisten Amerikaner auch heute. Zahlreiche
Meinungsumfragen haben gezeigt, daß die überwältigende Mehrheit sowohl für SALT
als auch für ein umfassendes Versuchsverbot ist. Sie ist dieser Auffassung,
weil diese Verträge die Gefahr eines Nuklearkrieges verringern. Diese Verträge
mögen verdrießliche politische, wirtschaftliche und sicherheitspolitische Probleme nicht lösen, aber sie geben uns das notwendige gegenseitige Vertrauen,

�Vertrauen, sie in Zukunft wirksamer bewältigen zu können.

Die jüngsten Ereignisse in Vietnam, Kambodscha, Afghanistan und Iran erinnern uns nur zu deutlich daran, daß die Welt nicht friedlicher oder sicherer
geworden ist. Mit unseren Verbündeten sehen wir uns heute mit großen Unruhen
konfrontiert, aber im Gegensatz zur Vergangenheit haben diese Unruhen wenig
mit unserer relativen Stärke oder Schwäche zu tun.

Es handelt sich vielmehr,

wie im Iran, um das Ergebnis eines internen revolutionären Wandels

oder, wie

in Kambodscha oder Vietnam, um Konflikte zwischen kommunistischen Staaten.

Die bedeutsamste Rolle unseres Landes in der Geschichte war die eines
Friedensstifters - eine Rolle, bei der wir mithalfen, Kriege zu beenden und
neue Verhältnisse der Sicherheit und der Prosperität auf der Welt zu schaffen.
Bei der Bewältigung der gegenwärtigen Krisen sollten wir uns unserer fundamentalen Stärke bewußt sein.

Trotz des Energie- und Inflationsproblems, das wir

mit zahlreichen anderen Ländern teilen, sind wir immer noch eine der stärksten
Volkswirtschaften der Welt.

Trotz der Herausforderungen, denen sich freie In-

stitutionen überall gegenübersehen, sind die Vereinigten Staaten nicht nur die
älteste Demokratie der Welt, sondern haben wir auch das am besten funktionierende politische System der Welt.

Trotz der intensiven Debatten über Außen-

und Innenpolitik sind die Vereinigten Staaten immer noch eine starke und elastische Gesellschaft, die jeder Herausforderung begegnen kann, vor die wir uns hier
zuhause oder im Ausland gestellt sehen.

Trotz des militärischen Aufbaus des

Warschauer Paktes und anderer Länder verfügen die Vereinigten Staaten über die
mächstigste militärische Kapazität in der Welt - mit starken und mächtigen Verbündeten in der NATO, im ANZUS-Pakt und mit Japan.

Es gibt keinen Grund, wegen der Rolle der Vereinigten Staaten in der Welt
ernsthaft pessimistisch zu sein.
demokratisches System
andere Völker.

Unsere militärische Macht ist stark.

Unser

ist ein Leuchtfeuer der Hoffnung für andere Länder und

Mit demselben Vertrauen und der Willenskraft, die wir in an-

deren schweren Zeiten in unserer Geschichte aufgebracht haben, können wir auch
auf die gegenwärtigen Krisen wirksam reagieren und aus ihnen stärker als jemals
zuvor hervorgehen.
Heute
- 3 -

�Heute hat die politische und soziale Revolution im Iran dieses Land an
einen Wendepunkt zwischen größerem Blutvergießen und stärkerer Lähmung einerseits und Fortschritten zu Ordnung und einer zivilen Regierung andererseits
gebracht, die auf einer allgemeinen Unterstützung basiert.

Die Politik der

Vereinigten Staaten hat sich schließlich von mehr als einer Dekade der exklusiven politischen Unterstützung und der uneingeschränkten militärischen Versorgung eines repressiven und korrupten Regimes gelöst.

Wir haben jetzt die

Möglichkeit, den Iran zu ermuntern, einen Kurs des Friedens und des Wiederaufbaus zu verfolgen, und ein bilaterales Verhältnis wiederherzustellen, das die
umfassenden politischen, wirtschaftlichen und Sicherheitsinteressen reflektiert,
die unseren beiden Ländern gemeinsam sind.
- Heute ziehen es jedoch parteipolitische Stimmen vor, zu tadeln, statt
anzuerkennen, daß das Versagen gegenüber dem Iran so überparteilich war, wie
es die Anstrengungen heute sein sollten, um unser erschüttertes Verhältnis
wieder aufzubauen.

Parteipolitische Stimmen verkünden, daß sich die Vereinig-

ten Staaten auf dem strategischen Rückzug befänden.

Parteipolitische Stimmen

stellen SALT II so dar, als beschleunigte ein solches Abkommen diesen Rückzug.

Stimmgewaltig und voller Ungestüm unterminieren diese Kreise unsere na-

tionale Sicherheit, indem sie für ein Wettrüsten eintreten statt für eine nukleare Rüstungskontrolle mit der Sowjetunion.
Diese parteipolitischen Stimmen leisten unserem Land einen sehr schlechten
Dienst. Sie übertreiben die wahren Probleme, denen wir uns gegenübersehen,
und sie bieten keine angemessenen Alternativen an. Sie machen schlechte Propaganda für Amerika. Sie würdigen in keiner Weise die politische, wirtschaftliche und militärische Stärke unseres Landes. Sie verringern oder ignorieren
die Schwächen unserer Gegner.
Im Bereich der Rüstungskontrolle kann sich ein sowjetischer Militärplaner
nicht glücklich fühlen.
feindlichen Staaten.

Sein Land ist umgeben von feindlichen oder potentiell

Es sieht sich 9000 amerikanischen Nukleargefechtsköpfen

gegenüber und verfügt selbst nur über 5000.

- 4 -

Es muß mit einer amerikanischen

�amerikanischen Unterseebootflotte sowie mit hunderten zukünftiger Marschflugkörper (Cruise Missiles) leben, gegen die es noch keine Verteidigung gibt.

Wollte man SALT zu einer parteipolitischen Frage machen, würde man die
Geschichte der letzten Jahre einfach ignorieren.

Das geht nicht.

Das amerika-

nische Volk wird nicht vergessen, daß es Präsident Nixon war, der die SALT IVerträge unterzeichnete.

Es erinnert sich auch daran, daß Präsident Ford in

Wladiwostok die Grundlage für das gegenwärtige SALT-Abkommen legte.

Kein ver-

antwortlicher Politiker der einen oder anderen Partei sollte die überparteiliche
Verantwortung und Unterstützung für SALT sowie die tiefgreifende Befürwortung
dieser Abkommen innerhalb des amerikanischen Volkes vergessen.

- Leider geben gewisse andere Kreise SALT keine Unterstützung trotz ihrer
Beteiligung am langen und schwierigen Verhandlungsprozeß.
Dr. Kissinger hält sich in bezug auf SALT II recht zurück. Er erklärt
gegenüber der Zeitschrift Economist, daß SALT II eine gefährliche GegenschlagLücke zwischen den Vereinigten Staaten und der Sowjetunion in Rechnung stellen
müsse.

Diese Theorie ist nicht glaubwürdig.

Sie geht davon aus, daß ein amerika-

nischer Präsident, nachdem er die Zerstörung von 90 Prozent oder mehr unserer
landgestützten Raketen sowie den Tod von 20 Millionen Amerikanern oder darüber
festgestellt hat, zögern würde, mit den 70 Prozent unserer Streitmacht, die auf
See oder in der Luft verbleiben werden, oder mit dem Rest unserer Interkontinentalraketen (ICBM) einen Vergeltungsschlag zu führen.

Mit dieser Streitmacht

wären wir in der Lage, den Großteil der Ziele in der Sowjetunion - militärische
wie zivile, harte wie weiche - zu zerstören.

- Gegner von SALT in anderen Kreisen fordern große Tribute als Preis für
ein jedes Abkommen - Tribute, die unsere Nation zu einer enormen Steigerung
der Verteidigungsausgaben zwingen würden, die auf Vernunftbasis nicht zu rechtfertigen sind und die in einigen Fällen sogar das Wettrüsten destabilisieren
und uns einem Nuklearkrieg näher bringen würden.
SALT
- 5-

�SALT soll Geldmittel für Verteidigungszwecke einsparen und dem Haushalt
nicht neue Erhöhungen bringen - wie die zusätzlichen 2,2 Milliarden Dollar an
militärischen Bewilligungen noch bevor die Militärbewilligungen um 3,1 Prozent
erhöht werden - und zwar nicht nur für die NATO, sondern ganz allgemein.
SALT soll die Gefahr einers Nuklearkrieges weniger wahrscheinlich machen
und uns nicht näher an den Rand eines Krieges bringen, indem neue Waffensysteme
wie die M-X-Rakete entwickelt werden, in der die Sowjets sehr wohl eine Erstschlag-Bedrohung seitens der Vereinigten Staaten sehen könnten.
Wenn wir die ICBM-Verwundbarkeit reduzieren wollen, indem wir sie mobil
gestalten, dann bedarf es dazu nicht einer neuen ICBM.

Die überaus starke

MINUTEMAN könnte zumindest so leicht wie eine neue M-X auf eine mobile Basis
gestellt werden und wäre viel früher verfügbar.

Seit einem Jahrzehnt sind wir

darum bemüht, den Sowjets eine fundamentale strategische Lektion beizubringen
- nämlich daß eine unverwundbare Abschreckungsmacht, eine sichere Vergeltungsstreitmacht, die Stabilität vermehrt, während eine Erstschlag-Kapazität die
Stabilität reduziert. Es ist an der Zeit, daß wir diese Lektion selbst wieder
lernen. Wir sollten uns weigern, die M-X oder irgendeine andere landgestützte
Rakete zu dislozieren, solange wir nicht davon überzeugt sind, daß sie stabiler,
wirtschaftlicher und verifizierbarer sind als ihre Alternativen.
- Und als ob dies alles noch nicht genug wäre: Wir stellen fest, daß
Teile der Exekutive Präsident Carters klare und wichtige Verpflichtungen aktiv
unterhöhlen, alle Kernversuche solange wie möglich zu verbieten und die weltweiten Verkäufe konventioneller Waffen zu reduzieren.
Die für Nukleartests zuständige Bürokratie hat es für richtig erachtet,
daß unsere Unterhändler von einem umfassenden Versuchsverbot auf unbegrenzte
Zeit auf ein fünf- und schließlich auf ein dreijähriges Verbot zurückgingen
- trotz der Tatsache, daß ein umfassendes Versuchsverbot die strategische Stabilität fördern, die amerikanischen Vorteile bei der Waffenentwicklung schützen
und einen wesentlichen Beitrag zu unseren Nonproliferationsanstrengungen leisten

�leisten würde.

Im Rahmen wichtiger "Durchbrüche" im Verlaufe der letzten zwei

Jahre haben die Sowjets zugestimmt, keine sogenannten "friedlichen" Kernexplosionen durchzuführen, und sie haben auch Inspektionen an Ort und Stelle, wie
die Schaffung seismischer Stationen auf ihrem Territorium, akzeptiert.

Lassen Sie uns also auf diesen soliden Erfolgen aufbauen, statt sie weiter
zu verwässern.

Wollen wir doch nicht jenen in der Regierung nachgeben, die

praktisch darauf drängen, die Versuche nach drei Jahren wieder aufzunehmen.
Würden wir in der Öffentlichkeit den Eindruck erwecken, daß wir bereits entschieden hätten, die Versuche nach einem dreijährigen Stopp wieder aufzunehmen,
dann würden wir damit den erklärten Wunsch des Präsidenten Hohn sprechen, dem
nuklearen Wettrüsten ein Ende zu setzen.

Anders als seine Amtsvorgänger hat Präsident Carter den amerikanischen
Waffenverkäufen im Ausland zumindest einige Begrenzungen auferlegt, und er hat
sich um wesentliche multilaterale Unterstützung bemüht, um diese Begrenzungen
wirksam und anhaltend zu machen.

Es wäre tragisch, sollten diese bisher ein-

maligen Anstrengungen fehlschlagen.

Und unglaublicherweise - ja, ich würde

sogar sagen, geradezu lächerlicherweise - würden unsere Unterhändler über die
konventionellen Waffen in Mexiko-Stadt zu der Weigerung gezwungen, über Gebiete
in der Welt zu sprechen, von denen wir einfach nichts hören wollten:

Ostasien

und den Persischen Golf, wo eine geradezu Blanko-Waffenverkaufspolitik die
amerikanische Sicherheit durch eine Verschärfung der Probleme gefährdete, denen
wir uns jetzt im Iran gegenübersehen.

Seit wann haben sich die Vereinigten

Staaten davor gefürchtet, internationale Fragen zu diskutieren, die unsere Interessen und unsere Sicherheit in irgendeinem Teil der Welt berühren könnten?

Aus all dem ergibt sich ein verwirrendes Bild.

Die Befürworter einer

Rüstungskontrolle sind furchtsam und in der Defensive, wo sie doch vertrauensvoll und sicher sein sollten.

Immer mehr nimmt der Druck zu, grundlegende

Entscheidungen über die nationale Sicherheit in erster Linie aus politischen
Überlegungen zu treffen.
zu wichtig

Es gibt eine parteipolitische Betonung in Fragen, die

für die Sicherheit unseres Landes und unserer Verbündeten sind, als

- 7 -

�als daß sie aufgrund von parteipolitischen Gesichtspunkten entschieden werden
könnten.

So war es nicht bei den Entscheidungen über den Versuchsstopp im

Jahre 1963 oder über den Nonproliferationsvertrag von 1968, noch bei SALT I
im Jahre 1972. Und es sollte auch nicht der Fall sein bei den Entscheidungen
des Jahres 1979.
Es gibt eine entscheidende Frage bei jedem Rüstungskontrollabkommen.
Diese Frage lautet, ob es unserer nationalen Sicherheit zuträglich oder abträglich ist.

Deshalb sollten wir das sogenannte Junktim ablehnen.

Konzeption besagt:

Diese

Selbst wenn SALT unsere nationale Sicherheit stärkt, soll-

ten wir dagegen sein, wenn es andere Konflikte in den amerikanisch-sowjetischen
Beziehungen gibt. Als ich im vorigen Jahr mit Andrei Sacharow in Moskau zusammentraf, wies er darauf hin, daß die größte Bedrohung für die Menschlichkeit
und die Menschenrechte in der Drohung eines Nuklearkrieges bestehe.

Sein Ap-

pell an uns ist, SALT zu ratifizieren; nicht nur die Drohung eines Nuklearkrieges
zu verringern, sondern auch das beiderseitige Vertrauen zu schaffen, das nötig
ist, um die anderen wichtigen Fragen zwischen der Sowjetunion und den Vereinigten Staaten zu lösen.
Wir müssen uns gegen jene wenden, die unser gemeinsames überleben vom Wettstreit auf anderen Gebieten abhängig machen möchten. Wie unsere beiden Länder
miteinander wetteifern und zusammenarbeiten, das muß die gesamte Außenpolitik
und Verteidigungspolitik der Vereinigten Staaten berühren. Aber eine Ablehnung
von SALT II wird die Respektierung der Menschenrechte oder eine sowjetische
Zurückhaltung in den verschiedenen Gebieten der Welt nicht vergrößern. Sollen
doch die Befürworter eines Junktims erst einmal erklären, wie der Sache der
Menschenrechte in der Sowjetunion durch eine Weigerung des Senats, SALT zu ratifizieren, gedient wird. Sollen sie doch erklären, wie die Stabilität in Krisengebieten durch eine Ablehnung dieses Vertrages durch das Plenum des Senats gefördert wird. Sollen sie doch erklären, wie die Welt durch eine Nichtratifizierung von SALT und durch die Rückkehr zur Konfrontation des Kalten Krieges
sicherer würde.
Obwohl

�Obwohl verbesserte Beziehungen zwischen den Vereinigten Staaten und der
Sowjetunion die Ratifizierung von SALT durch den Senat erleichtern würden,
darf man nun nicht dem Argument erliegen, daß verschlechterte Beziehungen die
Ratifizierung etwa weniger wünschenswert machen würden.

Wenn SALT II zu un-

serer nationalen Sicherheit beiträgt und die Gefahr eines Nuklearkriegs verringert, dann wird es in einem Klima von verschlechterten Beziehungen noch wichtigeres zu erreichen.als in einem Klima verbesserter Beziehungen.

Was Präsident Kennedy über die anfänglichen Abrüstungsverhandlungen unter
seiner Administration gesagt hat, gilt heute noch genau so:

"Verifizierbare Abrüstungsabkommen sind kein Schönwetter-Phänomen.
die See ruhig ist, dann braucht man keine Kaimauer.

Wenn

Vernünftige, im gemeinsamen

Interesse der Menschheit tief verwurzelte Abrüstungsabkommen müssen als Bollwerk gegen die Sturmfluten des Krieges und ihre Zerstörung dienen.

So möge nie-

mand sagen, daß wir in unruhigen. Zeiten nicht zu solchen Abkommen gelangen
können, denn gerade dann ist der Zeitpunkt, an dem wir ihrer am dringendsten
bedürfen."

Wir müssen uns auch vor jenen hüten, die allzuviel von SALT erwarten.
Für manche Leute muß SALT nicht nur größere Einschränkugnen für die sowjetischen Streitkräfte als für unsere eigenen bringen, es muß auch die Verwundbarkeit unserer MINUTEMAN-Raketensysteme beheben und es muß das militärische
Gleichgewicht in Mitteleuropa wiederherstellen - oder aber es ist wertlos.
Für andere muß SALT die Stärke der Gesamtstreitkräfte dramatisch reduzieren,
es muß die M-X-Rakete und die Mehrfachgefechtsköpfe verhindern und den Rüstungswettlauf um die Marschflugkörper (Cruise Missiles) in Mitteleuropa verbieten
und es muß ferner zu bedeutenden Verringerungen der Regierungsausgaben beitragen - oder aber man braucht es nicht.

Wir müssen uns auch vor denen hüten, die verlangen, daß SALT mehr leisten
müsse, als es in diesem Vertrag derzeit möglich ist.

Wir müssen uns für das

SALT-Verfahren an hohe Normen und Ziele halten, aber wir sollten realistisch
hinsichtlich dessen bleiben, was mit diesem speziellen Vertrag erreicht werden
- 9-

�werden kann.

SALT II stellt einen kleinen aber wesentlichen Schritt in Rich-

tung auf eine wirksamere Kontrolle der nuklearen Rüstung dar.

Es ist kein

Riesenschritt zum Frieden oder zu einer Lösung der vielen komplizierten Sicherheitsprobleme, vor die sich unsere Nation in der modernen Welt gestellt sieht.
Es wird uns nicht der Pflicht entheben, jedes Problem für sich zu seiner Zeit
und um seiner selbst willen anzugehen und schwierige Entscheidungen für die Zukunft zu treffen.
Wir wollen daher die Argumente all derer zurückweisen, die SALT II zu
Fall bringen möchten, indem sie es mit unrealistischen Forderungen belasten.
Zu gleicher Zeit aber sollten wir auch weder schüchtern noch verschämt in bezug auf das sein, was es leistet.

Amerika wird sich für SALT II später nicht

zu entschuldigen brauchen, denn Präsident Carter wird ein SALT-Abkommen, das
nicht zu unserer nationalen Sicherheit beiträgt und das keinen bedeutsamen
Schritt darstellt auf unserem Weg zur Kontrolle der nuklearen Rüstung, nicht
unterzeichnen, und der Senat der Vereinigten Staaten wird es nicht ratifizieren.
Auf wenigstens achtfache und sehr substantielle

Weise wird SALT II die

Sicherheit der Vereinigten Staaten erhöhen:
- Erstens, es wird in bisher einmaliger Weise die Höchststärken für die
strategischen nuklearen Streitkräfte der beiden Supermächte festlegen.

Es

spiegelt damit die Richtlinie des Kongresses vom Jahre 1972 wider und baut auf
dem von Präsident Ford Erreichtem weiter auf, der das Prinzip der Gleichgewichtigkeit in Wladiwostok im Jahre 1972 durchsetzte.
- Zweitens, es wird die Sowjets zwingen, rund 250 Nuklearsysteme abzubauen, wohingegen wir nicht ein einziges operatives System auszuschalten
brauchen.
- Drittens, es wird eine Reihe von gleichen Untergrenzen bei verschiedenen
Waffenkategorien mit Mehfachgefechtsköpfen festsetzen, mit dem spezifischen
direkten Effekt einer Begrenzung des bedrohlichsten sowjetischen Programms
- der Interkontinentalraketen mit Mehfachgefechtsköpfen.
- 10 -

_ \7,-er+-ens

�- Viertens, es wird jedes Land auf nur einen neuen Typ von Interkontinentalraketen beschränken, und damit zum erstenmal das Tempo der Waffenmodernisierung unter Kontrolle bringen und dabei den Sowjets eine einschneidendere praktische Grenze setzen, wenn man berücksichtigt, wie stark sie sich gerade auf
die Interkontinentalraketen stützen.
- Fünftens, es wird die Zahl der Gefechtsköpfe begrenzen, die auf eine bestimmte Rakete gesetzt werden können,und damit die Sowjets daran hindern, ihre
schweren Raketen voll auszunutzen, indem sie tausende von Gefechtsköpfen gegen
die Vereinigten Staaten dislozieren.
- Sechstens, es wird die Dislozierung von mobilen Interkontinentalraketen
während des Zeitraums des Protokolls untersagen, was wiederum eine schwerwiegendere Beschränkung für die Sowjets bedeutet, die heute bereits eine mobile Interkontinentalrakete in Stellung bringen könnten.
- Siebtens, es wird unsere Fähigkeit schützen, zu verifizieren, was zu verifizieren wichtig ist.
- Und schließlich achtens, SALT II wird die Optionen sichern , die nach
Auffassung des Verteidigungsministeriums notwendig sind, um den Bestand unserer
Abschreckungs-Triade aufrechtzuerhalten - der Trident-Unterseeboote und der
weitreichenden aus der Luft gestarteten Marschflugkörper auf unseren B-52Bombern. Ja, es sichert uns sogar solche Optionen, die gar nicht zum Tragen
kommen sollten, wie beispielsweise das M-X-Raketensystem.
Was durch SALT II aber vor allem erreicht werden wird, ist die Stärkung
des strategischen Gleichgewichts, das - wie uns die Fakten und nüchternen
Analysen zeigen - bereits besteht.

Es wird dadurch eine endlose, unkontrollierte

Eskalation des strategischen Wettrüstens verhindert.

Mit ihm wird der Prozeß

einer Rüstungsreduzierung beginnen, um den man sich lange bemüht hat. Und es
wird beide Länder zur Fortführung des SALT-Prozesses verpflichten und zu einer
weiteren zahlenmäßigen Verringerung und einer qualitativen Begrenzung für die
Zukunft.
M ,
Nehmen
- 11 -

�Nehmen wir an, es gäbe kein SALT. Was dann?

Unser Nachrichtendienst

schätzt, daß die Sowjets, mit dem Tempo, in dem sie ihr derzeitiges Programm
durchführen, bis 1985 etwa 500 weitere Trägersysteme dislozieren könnten.

Das

bedeutet, daß durch SALT verhindert werden könnte, daß etwa 750 nukleare Systeme
- und damit bis zu zehntausend weitere nukleare Gefechtsköpfe - auf die Vereinigten Staaten gerichtet werden.
Sicher könnten wir dieser potentiellen sowjetischen strategischen Bedrohung begegnen.

Aber um das zu tun, müßten wir unsere geschützten Trident-

Unterseeboote und Raketenabschußrampen verdoppeln.
oder mehr M-X-Raketen dislozieren.
Generation schwerer Bomber bauen.

Wir müßten ferner 300

Wir könnten durchaus auch eine ganz neue
Und der Preis für

eine solche schranken-

lose neue Runde des Wettrüstens läge dann um 100 Milliarden Dollar - bei derzeitigen Preisen - über dem, was wir unter SALT II aufwenden würden.
Aber was viel schlimmer als die Dollarkosten ist, die Gefahr eines Nuklearkriegs würde sich mit einer weiteren Drehung in der Spirale des strategischen
Wettrüstens vergrößern. Eine Welt ohne SALT wäre eine Welt, in der jede Seite
sich gezwungen fühlte, im Wettrüsten vorn zu liegen. Es wäre eine Welt, in
der es weitaus schwieriger wäre, die strategischen Dislozierungen der Sowjets
zu erkunden. Eine Kombination von gesteigertem Wettrüsten, Ungewißheit und
Furcht über die Kräfte der anderen Seite ist ein Rezept für eine nukleare
Katastrophe, das jeder Senator oder jeder für die Gestaltung der Zukunft Verantwortliche ablehnen sollte.
Über seine Beiträge, die es zur nationalen Sicherheit leistet, hinaus
und von den unannehmbaren Alternativen, die es ausschließt, einmal ganz abgesehen, sollte man SALT II auch im Zusammenhang mit den anderen Fragen sehen,
die auf der Tagesordnung der Rüstungskontrolle stehen - und auch beachten, wie
es in die Gesamtstruktur unserer Beziehungen zu unseren Verbündeten und zur
Sowjetunion eingelassen ist.
Der Erfolg von SALT II wird dem weiten Bereich von Rüstungskontrollverhandlungen, die wir auf anderen Gebieten führen, wichtigen Auftrieb geben.
- 12 -

�geben.

Würde SALT andererseits nicht ratifiziert werden, dann wird dies zweifel-

los einen Rückschlag für unser gesamtes Rüstungskontroilprogramm und damit
auch für die langfristige Sicherheit unserer Nation und unserer Verbündeten bedeuten.

Unsere engsten Verbündeten haben im vorigen Monat auf Guadeloupe ihre
nachhaltige Unterstützung für SALT II bekundet, das ihre Sicherheit stärken
und eine

Fortsetzung seit langem bestehender Modelle der Verteidigungszusam-

menarbeit gestatten würde.

Wenn wir auf SALT II blicken, dann ist es wichtig,

daß ein Wettrüsten auf dem Gebiet der Gefechtsfeld-Nuklearwaffen in Europa verhindert wird.

Der Westen wird vielleicht auf die sowjetische Rakete vom Typ

SS-20 und den Backfire-Bomber mit einer modifizierten Pershing-Rakete, landgestützten Marschflugkörpern (Cruise Missiles) oder sogar noch mit einer anr
deren ballistischen Rakete reagieren - über die bestehenden britischen und
französischen Nuklearkapazitäten und unsere eigenen vornstationierten Flugzeuge
hinaus.
Ein neues Gefechtsfeld-Nuklearwettrüsten in Europa würde keine Seite
sicherer machen.

Es kann genau so wie die M-X-Rakete ein Hindernis für wesent-

liche Fortschritte bei SALT II sein.

Um den Verhandlungen eine Chance zu ge-

ben, sollten wir uns um sowjetische Zurückhaltung bei der Dislozierung von
SS-20-Raketen bemühen zusätzlich zu den Zusicherungen, die uns die Sowjets
schon im Hinblick auf ihren Backfire-Bomber zu geben bereit sind.

Wir sollten

entsprechende Zurückhaltung bis zur Aufnahme von Verhandlungen zur Verbesserung
des nuklearen Gefechtsfeld-Gleichgewichtes anbieten.

Diese beiderseitige Zu-

rückhaltung würde uns die Zeit geben, die Interessen aller betroffenen Staaten
ins Kalkül zu ziehen und die vielfache Asymmetrie auf dem Gebiete der Waffen in
Rechnung zu stellen.

Wir erwarten also von SALT II, daß es den Weg ebnet für wesentlichere
Nuklearwaffen-Reduzierungen im Rahmen von SALT III. Aber wir erwarten auch
von SALT II, daß es einen Nuklearkrieg weniger wahrscheinlich macht, nicht nur
durch eine Festigung der strategischen Stabilität, sondern auch - wenn möglich durch eine Reduzierung der Impulse, auch nur die Option eines Nuklearkrieges zu
- 13 -

�zu erwägen.

Ich habe keinen Zweifel daran, daß eine Nichtratifizierung von

SALT II der Möglichkeit einer zukünftigen amerikanisch-sowjetischen Zusammenarbeit einen schweren Schlag versetzen würde. Andererseits würde die Ratifizierung von SALT II es ermöglichen, daß die Sowjets und wir an unsere anderen
beiderseitigen Probleme in einer Atmosphäre vermehrter Sicherheit und Hoffnung
für die Zukunft herangehen können. Wir sollten nicht überrascht sein, wenn
unsere Interessen miteinander in Konflikt geraten, aber wir sollten an alle Meinungsverschiedenheiten mit einem neuen Sinn der Ausgewogenheit und der Zuversicht bei unserem so entscheidend wichtigen bilateralen Verhältnis herangehen.
Ich stimme nachdrücklich mit dem überein, was Präsident Carter heute morgen in Georgia gesagt hat:
"Jede Krise, jede Konfrontation, jeder Konfliktpunkt - so ernsthaft er an
sich schon sein mag - würde ein zusätzliches Maß an Bedeutung und eine weitere
Dimension der Gefährlichkeit erhalten. Denn er würde sich dann in einem Klima
ungezügelten strategischen Wettrüstens und nachlassender strategischer Stabilität ereignen. Gerade weil wir fundamentale Differenzen mit der Sowjetunion haben, sind wir entschlossen, diese äußerst gefährliche Dimension unseres militärischen Wettstreits unter Kontrolle zu bekommen."
Vor nahezu 16 Jahren hatte unser Land die Ambition, den Pragmatismus und
das Vertrauen, den ersten Schritt zur nuklearen Rüstungskontrolle zu ergreifen.
Wir konnten damals mit Erfolg einen Vertrag über ein Versuchsverbot aushandeln.
Wir haben damals erreicht, was wir erreichen wollten.
Ohne Frage haben wir seither so viel mehr über unsere Gegner, unsere Verbündeten und auch über uns selbst gelernt, daß wir auch diesmal mit Ambition,
Pragmatismus und Vertrauen an diesen nächsten Schritten SALT II, herangehen
können - und zwar mit dem Blick auf SALT III und auf unsere anderen wichtigen
Rüstungskontroilbemühungen. Dann kann man heute über SALT II das sagen, was
Präsident Kennedy 1963 über den Vertrag über ein begrenztes Versuchsverbot gesagt hat:
Er
- 14 -

�Er wird dem Krieg kein Ende setzen.
nicht beseitigen.

Er wird die grundlegenden Konflikte

Er wird nicht die Freiheit für alle sicherstellen.

Aber

er kann ein Hebel sein, und Archimedes soll bei der Erläuterung des Gesetzes
des Hebels seinen Freunden gesagt haben:

"Gebt mir einen Punkt, auf dem ich

stehen kann, und ich werde die Welt aus ihren Angeln heben."

+ + + + +

- 15 -

�International Communication Agency
Embassy of the United States of America

14. März 1979

EIN JAHRHUNDERTGRUSS AN ALBERT EINSTEIN
Von unserem Korrespondenten Earl N. Mittleman

WASHINGTON - (AD) - Welch ein bedeutsameres Datum könnte es für die Vereinigten Staaten und viele andere Länder geben als den 14. März 1979, den hundertsten Geburtstag eines der größten Revolutionäre des 20. Jahrhunderts.

Dieser Revolutionär, der so viel zur Um- und Neugestaltung der Welt getan
hat, in der wir leben, hatte niemals eine Waffe in der Hand und verabscheute
Gewalt und Krieg mehr als alles andere.

Er liebte d"&gt;e Stille und Beschaulich-

keit, die Musik; er liebte es, zu Fuß oder mit dem Fahrrad die Landschaft zu
durchstreifen, und er segelte gerne.

Er half Kindern gerne bei den Mathematik-

aufgaben - und brachte oft falsche Ergebnisse heraus.

Aber dieser heiter-

gelassene und doch so engagierte Mann hat durch seine abstrakte geistige Macht
die Physik umwälzend verändert und den Anbruch des Atomzeitalters mitbewirkt.

Sein Name ist Albert Einstein.

In den Vereinigten Staaten, deren Bürger er im Jahre 1940 wurde, beginnt
mit seinem Geburtstag ein Gedenkjahr, das Werk und Leben dieses großen Mannes
herausstellen wird.

Am "Institute for Advanced Studies" - dem Institut für

Postfach 20 03 00
D5300 Bonn 2

Tel: 02221-89 3240
Telex:08-85432

�für Fortgeschrittene Studien - in Princeton, New Jersey, an dem Einstein
viele Jahre gearbeitet hat, wird eine Reihe der bedeutendsten Physiker unserer
Zeit in einer einwöchigen Feier die Beiträge würdigen, die Einstein zur Wissenschaft geleistet hat.

Eine Ausstellung, die vom amerikanischen Institut für

Physik vorbereitet wurde, wird während des Gedenkjahres in ganz Amerika gezeigt
werden.

Ein speziell für die Jahrhundertfeier gegründetes Komitee hat Pläne

für zahlreiche Vorträge und Vorlesungen ausgearbeitet, durch die in amerikanischen Städten und Gemeinden die Bedeutung Einsteins der amerikanischen Bevölkerung nahegebracht werden soll.
In Washington hat das Smithsonian-Institut eine während des ganzen Jahres
geöffnete Ausstellung zusammengestellt, in der Einsteins wissenschaftliche
Leistungen dem Besucher vor Augen geführt werden.
den großen Physiker mit einer Sondermarke.

Die amerikanische Post ehrt

Eine fast vier Meter hohe Statue

Einsteins von Robert Berks wird im April in Washington enthüllt werden.

Außer-

dem wird ein Film über Leben und Werk Einsteins im Verlauf des Jahres von den
amerikanischen Fernsehstationen ausgestrahlt.
Die geistigen Leistungen Einsteins haben allgemein Staunen und Bewunderung
erregt, und man hat einmal scherzhaft gesagt, daß seinerzeit nur drei Menschen
auf der Welt seine Relativitätstheorie wirklich verstanden hätten. Doch Einstein
selbst schrieb eine populäre Darstellung seiner speziellen und allgemeinen Relativitätstheorie, in der er auf knapp hundert Seiten seine wissenschaftlichen
Erkenntnisse für einen jeden verständlich machte, der über die an höheren Schulen vermittelten mathematischen Kenntnisse verfügt.
Als Einstein im Jahre 1905 seine spezielle Relativitätstheorie veröffentlichte, war die Physik zu einem Stillstand gekommen. Newtons Gesetze der Mechanik mit ihrem absoluten Raum und ihrer absoluten Zeit waren nicht mehr in
der Lage, auf viele der neuen Probleme eine Antwort zu geben, die aus einer
Reihe von immer weiter verfeinerten und ausgeklügelten Experimenten erwachsen
waren. Die Arbeit Einsteins jedoch, zusammen mit seiner 1916 veröffentlichten
allgemeinen Relativitätstheorie, lösten viele der so aufgetretenen Schwierigkeiten.
.

�In einfachster Form besagen die wichtigsten Entdeckungen Einsteins folgendes:

- Die Lichtgeschwindigkeit - 300 000 Kilometer pro Sekunde - ist konstant,
unabhängig von der Schnelligkeit,mit der sich die Lichtquelle bewegt.

Anders

als bei anderen Gegenständen gibt es beim Licht keine Zunahme oder Abnahme der
Geschwi ndi gkei ten.

- Die Schnelligkeit, mit der sich ein Objekt bewegt, bestimmt Zeit und
Länge.

Das heißt, eine Uhr, die durch den Raum mit einer weitaus höheren Ge-

schwindigkeit als eine andere Uhr auf der Erde fliegt, wird einen langsameren
Zeitverlauf anzeigen.

Es gibt im Universum keine absolute Zeit.
2

- Energie und Masse sind austauschbar.

Einsteins Gleichung: e=mc

(Ener-

gie gleich der Masse eines Gegenstandes mal dem Quadrat der Lichtgeschwindigkeit) bildete die Voraussetzung für die Arbeiten, durch die die Energien in
kernreaktiven Prozesses freigesetzt wurden.
Seine Theorien schufen auch die Basis für die Theorie des sich ausdehnenden Weltalls.

Dieser "Urknall"-Theorie zufolge entstand das Universum in einer

gigantischen Explosion vor einigen zehn Milliarden Jahren.

Wer den jungen Einstein kannte, hatte es sich wohl kaum vorstellen können,
daß er einmal einer der größten Geister unseres Zeitalters werden sollte.
wurde in Ulm geboren.
München über.

Er

Bald nach seiner Geburt siedelten seine Eltern nach

Der kleine Albert, um es milde auszudrücken,war ein langsames Kind,

Erst mit drei Jahren lernte er sprechen und war ein so schlechter Schüler, daß
sein Lehrer auf die Frage des Vaters, welchen Beruf der Junge einmal einschlagen
sollte, erklärte, das sei egal, er würde es doch nirgendwo zu etwas bringen.

Mit seinem freien, unabhängigen Geist, der sich gegen die Autorität auflehnte und das studierte, was ihm Spaß machte und sich um das, was er nicht
mochte, wenig kümmerte, wurde Albert von der Oberschule mit der Begründung verwiesen, daß seine "Gegenwart störend wirkt und die anderen Schüler beeinträchtigt."
Bei
- 3 -

�Bei der Aufnahmeprüfung für das Schweizer Polytechnikum in Zürich fiel
er beim erstenmal durch, weil er - wie er freumütig zugab - sich überhaupt
nicht vorbereitet hatte. Auch nachdem er im Jahre 1896 seine Aufnahmeprüfung
bestanden hatte, änderte sich wenig in seinem, die Autoritäten in Frage stellenden, ja zuweilen frech-herausfordernden Verhalten.

Einer seiner Professoren

nannte ihn einen "faulen Hund", während sein Physikprofessor meinte, ob es
nicht besser wäre, wenn er Medizin, Jura oder Philologie studierte.

Nach sei-

nem Abschlußexamen im Jahre 1900 war er der einzige aus seiner Klasse, der
keine Anstellung im Polytechnikum erhielt.
Nur durch die Intervention von Freunden gelang es ihm, eine Anstellung
als technischer Sachverständiger (3. Klasse) im Schweizer Patentamt zu erhalten.

Inzwischen hatte er die schweizerische Staatsbürgerschaft erworben.

Hier aber im Patentamt fand er die Muße, in seiner Freizeit seine wissenschaftlichen Arbeiten vorzubereiten, die ihm Weltruhm bringen sollten.
Seine Schrift von 1905 über die Relativität, eine von drei Arbeiten,
die er in diesem Jahr veröffentlichte, beendete seine Tätigkeit im Patentamt und
führte ihn zurück in die akademische Welt. Nach einer Reihe kürzerer Tätigkeiten kehrte er im Jahre 1912 an seine alte Schule als Professor für theoretische Physik zurück und wurde ein Jahr später an die Preussische Akademie
der Wissenschaften nach Berlin berufen.
Sein Ruhm aber durchdrang dann die ganze Welt, als im Jahre 1919 eine
Gruppe britischer Wissenschaftler seine allgemeine Relativitätstheorie bestätigte, indem sie nachwiesen, daß das Licht beim Vorbeigang an der Sonne abgelenkt
wurde.
Im Jahre 1921 erhielt er den Nobel-Preis, nicht für seine Arbeit über
die Relativitätstheorie, sondern für seine Theorie vom photo-elektrischen
Effekt.

Diese Theorie besagte, daß das Licht sowohl als Welle als auch als

Teilchen angesehen werden kann, und beendete damit eine langjährige Debatte

- 4 -

�Debatte zwischen den Verfechtern des jeweiligen Standpunktes.

Politisch war Einstein ein ausgesprochener Verfechter des Sozialismus,
des Internationalismus, Pazifismus, Zionismus und der allgemeinen Menschenliebe.

Aber in seinem Denken schied er streng zwischen seiner wissenschaft-

lichen Arbeit und seinen politischen Neigungen.

"Meine wissenschaftliche Arbeit," so sagte er einmal, "wird bestimmt von
einem unwiderstehlichen Verlangen, die Geheimnisse der Natur zu verstehen,
und von keinem anderen Gefühl sonst.

Meine Gerechtigkeitsliebe und mein Stre-

ben, zur Verbesserung der menschlichen Verhältnisse beizutragen, sind ganz
unabhängig von meinen wissenschaftlichen Interessen."

Ein Mensch mit solchen politischen Vorstellungen, vor allem als Jude,
mußte in dem Deutschland Hitlers in eine unhaltbare Position geraten.

So nahm

er im Jahre 1933 die Einladung dankbar an, am Institut für Fortgeschrittene
Studien in Amerika mitzuarbeiten.

Von diesem Zeitpunkt an bis zu seinem Tode

im Jahre 1955 war er mit seinen ausgebeulten Hosen, seinem Pullover, seinem
zerzausten Haar und seiner Pfeife eine vertraute Figur auf den Straßen von
Princeton.

Im Jahre 1939 wurde er von zwei Kollegen aus seinem Fachbereich, die Berichte über Experimente der Nazis gelesen hatten, welche zur Entwicklung einer
Atombombe führen konnten, gedrängt, etwas zu unternehmen.

Er schrieb an Prä-

sident Roosevelt und forderte diesen mit Nachdruck auf, die Versuche der Vereinigten Staaten auf diesem Gebiet voranzutreiben.

Mit zunehmendem Alter lehnte Einstein einige der späteren Entwicklungen
in der Physik ab.

Er sah das physikalische Universum als einen Ort, an dem ge-

setzmäßige Ordnung herrscht, und er war der Überzeugung, daß es die Aufgabe
des Wissenschaftlers sei, die Gesetze zu entdecken, nach denen sich diese Ordnung richtet.

Die neue Welt der Unbestimmbarkeit - in der unser Wissen über

das physikalische Universum nur eine statistische Wahrscheinlichkeit sein

- 5-

�sein kann - widersprach völlig seinen geistigen Vorstellungen.
"Gott würfelt nicht mit dem Universum", pflegte er immer wieder zu sagen.
In seinem späteren Leben versuchte er, eine einheitliche Feldtheorie zu entwickeln, in der unter einem Satz von Gleichungen, Schwerkraft und Elektromechanismus zusammengefaßt werden sollten.

Es gelang ihm nicht.

Obwohl er diesen großen Abschluß seines Lebenswerkes nicht fand, ist er
als die monumentale Figur in der modernen Physik anerkannt - als ein Mann, der
selbst im hohen Alter seinen, jugendlichen Schwung nicht verlor.
Mit dem älteren Einstein zusammenzukommen bedeutete, wie es der britische
Physiker und Autor C.P. Snow ausdrückte, einen alttestamentarischen Patriarchen
zu treffen, der "sich Spuren der Ausgelassenheit, der erfrischend einfachen
Menschlichkeit erhalten und es aufgegeben hat, Socken zu tragen."

+ + + + +

�Wi//en/chaft
und Technik
International Communication Agency
Embassy of the United States of America

14. März 1979

JUPITER UND SEINE PLANETENWELT
US-Sonde VOYAGER I besucht "entfernte Verwandte" unserer Sonne
- Von G. Weiss -

- (AD) - Noch bis zum 9. April 1979 wird die amerikanische Forschungssonde VOYAGER I die rätselhafte Welt des Jupiter beobachten.

Dann nimmt der

816 kg schwere Roboter mit seinen 10 Instrumenten, der am 5. September 1977
am Kap Canaveral (Florida) gestartet wurde, Kurs auf sein nächstes Ziel, den
Saturn, wo er im November 1980 eintreffen wird.

Auch Saturn scheint, ähnlich

wie der ebenfalls zu den äußeren Planeten zählende Jupiter, eine Mittelstellung zwischen einem Stern und einem Planeten einzunehmen.
Ihrer chemischen Zusammensetzung nach entsprechen die beiden größten
Planeten unseres Sonnensystems (Jupiter mit der 318-fachen Masse der Erde,
142 700 km Äquatordurchmesser und 1,33 g/cem Dichte, Saturn mit 95-facher
Erdmasse, 116 820 kg Äquatordurchmesser und 0,69 g/cem Dichte) eher einem
"Stern" wie z.B. der Sonne (Dichte: 1,41 g/cem). Ihre Hauptbestandteile
sind Wasserstoff, Helium sowie andere leichte Gase und Elemente. Und im
Gegensatz zu den sonnennahen Festkörperplaneten wie Merkur (Dichte: 5,3),
Venus (Dichte: 4,95), Erde (Dichte: 5,52) und Mars (Dichte: 3,95), die über
eine ausgeglichene Energiebilanz verfügen, geben sie 1,9 bzw. 2,6 Mal mehr
Energie an den Weltraum ab, als sie von der Sonne empfangen. Anders als die

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�die sog. inneren Planeten scheinen der von (vermutlich 14) Satelliten begleitete Jupiter und der Saturn mit seinem Ringsystem über bedeutsame innere
Wärmequellen zu verfügen.

So fragen sich die Forscher mit Recht, ob für den

Entwicklungsgang dieser Himmelskörper seit Entstehung unseres Sonnensystems
vor ca. 4,6 Milliarden Jahren eher der eines Sterns als der eines gewöhnlichen
Planeten anzunehmen sei.
Die US-Raumfahrtbehörde NASA erwartet von ihrem Programm VOYAGER I und
II, daß die mit den Vorläufern PIONIER 10 und 11 im Dezember 1973 und 1974
gewonnenen Erkenntnisse über den Jupiter und seine Umwelt erheblich ausgeweitet
und vervollständigt werden können.

Daß die Erwartungen nicht zu hoch gegriffen

sind, zeigen die auf dem Höhepunkt des ersten Teils der Mission übermittelten
Meßdaten und Fotos. VOYAGER I nahm sie während der letzten 400 Millionen
Kilometer der weit über eine Milliarde Kilometer langen Anflugstrecke, vor
allem aber unmittelbar vor, während und nach seiner größten Annäherung an den
Jupiter (277 000 km Abstand) am 5. März 1979 auf.

Ihm folgt in Kürze die

Schwestersonde VOYAGER II, die am 20. August 1977 gestartet wurde.

Sie beginnt

am 24. April 1979 ihr volles Beobachtungsprogramm und wird am 9. Juli 1979 ihre
größte Jupiternähe erreichen.
Auch VOYAGER II setzt seinen Flug zum Saturn fort, trifft dort jedoch erst
1981, fast ein Jahr nach VOYAGER I, ein. Man hofft, daß die Sonde anschließend
ihren Weg zum Planeten Uranus, vielleicht auch weiter bis zum Planeten Neptun
nehmen kann. Die "aktive Lebensdauer" einer solchen Forschungssonde wird davon
bestimmt, aus welcher Entfernung zur Erde ihre Signale noch zu empfangen sind.
Die beiden Vorläufer, PIONIER 10 und 11, die sich dem Jupiter seinerzeit bis
auf 131 400 bzw. 42 000 km näherten, melden sich noch immer. PIONIER 10 verläßt unser Sonnensystem, nachdem er 1976 die Bahn des Saturn kreuzte und in
diesem Jahr (1979) die Uranus-Bahn, 1983 die des Planeten Neptun und 1987 die
Bahn des Pluto, des nach heutiger Kenntnis äußersten Planeten unseres Sonnensystems, passieren wird. PIONIER 11 aber wird das erste von Menschenhand geschaffene Objekt sein, das - und zwar im September 1979 - dem Planeten Saturn
einen Besuch abstattet. Die Flugleit- und Beobachtungszentralen der NASA für
interplanetare Sonden haben jedenfalls in diesem Jahr Hochbetrieb.
Fremdartige

�Fremdartige Welten auf dem Fernsehschirm

Selbst Wissenschaftler wie die seit zwei Jahrzehnten ständig mit Neuem
konfrontierten Weltraumforscher haben das Staunen noch nicht verlernt.

Die

Beobachter im Aufnahmezentrum des Jet Propulsion Laboratory in Pasadena
(Kalifornien) brachen in wahre Begeisterungsstürme aus, als die VOYAGER-Nahaufnahmen von den größten Trabanten des Jupiter und von dem Planetenriesen
selbst auf dem Bildschirm erschienen.

Klar und deutlich, in einem nie zuvor

gesehenen Farbenspiel, kamen sie ins Bild - und dies, obgleich die Funksignale,
mit denen sie übermittelt wurden, jeweils 37 Minuten brauchten, bis sie die
670 Millionen km entfernte Erde erreichten.

Schon Monate zuvor hatte es ein eindrucksvolles Gruppenbild der vier Großmonde Jo, Europa, Ganymed und Kallisto mit ihrem Mutterplaneten gegeben.

Von

diesen ersten Testaufnahmen wußte man auch, daß VOYAGER einen Jupiter antreffen werde, dessen Wolken- und Wirbel strukturen sich im Vergleich zur Zeit der
Beobachtungen durch die beiden PIONIER-Sonden merklich verändert hatten. Aber
zunächst konzentrierte sich das Interesse aller auf die vier größten der
mindestens 13 Satelliten.

Jo wurde zunächst vor dem Planeten aus nur 20 000

km Abstand, und später noch einmal auf der Rückseite des Jupiter sondiert.
An Ganymed flog VOYAGER I in 115 000 km, an Kallisto in 126 100 und an Europa
in 732 000 km Entfernung vorbei, um spezielle Meßdaten zu bekommen und zu fotografieren.

Zuvor war bereits Amalthea, der nur 200 km große innerste Jupiter-

mond, aus 417 000 km Abstand ins Bild gekommen - ein längsgestrecktes, seltsames Gebilde, das selbst mit den leistungsstärksten Teleskopen nur gelegentlich, und dann als winziger Lichtpunkt zu sehen ist.

VOYAGER hatte u.a. den

Auftrag, nach Anzeichen für das Vorhandensein einer Atmosphäre zu forschen.

Die inneren fünf Jupitermonde, die auf Bahnen in 182 000 km (Amalthea),
360 000 km (Jo) bis 1,8 Millionen km (Kallisto) Abstand um den Planeten kreisen, haben es den Wissenschaftlern besonders angetan.

Denn sie sind - zu-

mindest teilweise - mit den inneren Planeten unseres Sonnensystems vergleichbar.

Wie diese weisen sie entsprechend ihrem größeren Abstand zum Mutterge-

stirn eine niedrigere Dichte auf.

Bei Jo beträgt sie noch 3,5 g/ccm, was der
- 3 -

�der des Mars

oder unseres Erdmondes nahekommt, bei Europa 3,07, bei Ganymed

1,93 und bei Kallisto 1,65 g/ccm.

Drei der vier schon von Galilei im Jahr

1610 entdeckten Hauptmonde sind größer als der Erdmond, während Ganymed sogar
den sonnennächsten Planeten Merkur noch an Größe übertrifft.
Endlich hatte man greifbar nahe, was zuvor der Interpretation undeutlicher
Aufnahmen von stationäeren Teleskopen oder der beiden PIONIER-Sonden unterworfen war. Aufgrund von Radar- und Spektral Untersuchungen waren allerdings
schon wichtige Fakten hinsichtlich Beschaffenheit und Oberflächengestalt der
Galileiisehen Monde bekannt:
Eine Radaruntersuchung des Ganymed durch Dr. Richard Goldstein im Jahre
1975 hatte gezeigt, daß die Oberfläche rauher ist als die sämtlicher innerer
Sonnenplaneten, einschließlich unseres Erdmondes. Auch konnte es sich nicht
wie zuvor angenommen, nur um einen riesigen Eisklumpen handeln.
11-Aufnahmen ließen Krater und mareähnliche Gebilde vermuten.

Schon PIONIER
Die Radarsondie-

rung ergab, daß Gesteins- und metallisches Material in die Eiskruste eingebettet oder darunter vorhanden sein müsse.

Auf den VOYAGER-Bildern leuchtet

Ganymed braun, von hellen gelben Strukturen spinnwebartig durchsetzt.
Aufnahmen zeigen deutlich zahlreiche Krater.

Die

Goldstein hatte vermutet, daß

als Quelle für das Gesteins- und Metallmaterial Meteoriten in Frage kämen.

Jo - Star unter den Jupitermonden
Jo erwies sich als das Starmodell unter den Jupitermonden.

Schon bei der

ersten Aufnahmeserie machte VOYAGER von ihm mehr als 100 Fotos. Seine Oberfläche, vornehmlich in allen Schattierungen der Farben Orange bis Rot, zeigt
große Ähnlichkeit mit unserem Erdmond.

Dr. L. Soderblom vom Geologischen

Bundesamt der USA beschreibt ihn als "einen der eigenartigsten Körper des ganzen Sonnensystems".

Sein Durchmesser beträgt ca. 3200 km, für einen Umlauf

benötigt er 42 Stunden.

Auf seiner Oberfläche ist jedes nur denkbare geolo-

gische Merkmal zu finden - ausgedehnte Steilhänge, Fließrinnen, Einbrüche und
Bodenspalten, auch ein fast 1600 km langer Gebirgszug mit Erhebungen von einige

�einigen Tausend Metern Höhe. Kreisförmige Einbrüche haben zum Teil riesige
Ausmaße. Auf einem der Fotos war ein Gebilde zu erkennen, das an einen erloschenen Vulkan erinnert. Einige Krater sehen aus, als seien sie aufgefüllt.
An anderer Stelle hat man den Eindruck, als sei Sand über die Oberfläche geweht, die, von den markanten Unebenheiten abgesehen, überraschend "glatt" erscheint. Jedoch sei, so Dr. Soderblom, auf dem Mond Jo kein Wind von solcher
Kraft denkbar. Dennoch müsse es einen Erosionsprozeß geben, der möglicherweise
durch die starke Strahlung nahe am Jupiter verursacht wird.
Spektral Untersuchungen hatten schon 1974 vermuten lassen, daß auf der JoOberflä'che gewöhnliches Kochsalz (Natriumchlorid) in größeren Mengen vorhanden
sein könne. Man beobachtete damals einen durch leuchtende Natriumatome gebildeten "Hof", der den Trabanten mit einem bis zu 320 000 km weiten Strahlenkranz
umgibt. Nach den jetzigen Erkenntnissen scheint auch Schwefel an der Oberfläche reichlich vorhanden zu sein. Im übrigen deutet manches auf den Fotos
darauf hin, daß aus den Spalten in der Oberfläche zeitweise eine Flüssigkeit
ausquillt und dann wieder eingesogen wird. Man glaubt jedoch nicht, daß es
sich um Wasser handelt - wenn sich die Flüssigkeit zurückzieht, scheinen Rückstände, z.B. Salze, an der Oberfläche zu bleiben. Während der zweiten Aufnahmeserie erschien Jo in etwas anderem Licht - dieses Mal herrschten senf-, orangefarbene und weiße Töne vor, das Rot war zurückgedrängt. Weiß und hellbraun
gefärbte Rundbecken auf der Oberfläche schienen von hellgelben Kreisstrukturen
umgeben.
Auf den Farbaufnahmen von Europa und Kallisto, die noch eingehend analysiert werden, herrschen blaßgelbe und hellbraune bzw. dunkler braune und
fleckförmig erscheinende gelbe Farbtöne vor. Auf Kallisto hatte PIONIER 11
einen eisbedeckten Südpol entdeckt. Die jetzt sondierten Monde sind Teil eines
Tr.abantensystems, von dem bis 1951 insgesamt 12 Monde bekannt waren. Im Jahr
1974 fand der amerikanische Astronom Charles Kowal mit Hilfe des großen MountPalomar-Teleskops Mond Nr. 13, "Leda" genannt, einen Satelliten von 8 km Durchmesser. Eine weitere Entdeckung Kowals von 1975, die auf das Vorhandensein
eines 14. Mondes von 6,5 km Durchmesser schließen ließ, konnte bisher nicht bestätigt werden.
c.
Em
- 5-

�Ein "Tumult von Farben"
Am 10. Februar 1979 war VOYAGER I "offiziell" in das JupiterrSystem eingedrungen, als er die Bahn des äußersten Mondes "Sinope" (gelegentlich auch
"Cerberus" genannt) kreuzte.

Dieser ist 24 Millionen km von seinem Zentralge-

stirn entfernt und benötigt für einen einzigen Umlauf 25 Monate. Aber schon
mehr als ein Jahr zuvor war für VOYAGER I die Spur seines ersten Zieles nicht
zu verfehlen.

Radioemissionen auf weitaus mehr als den bisher bekannten Fre-

quenzen machten immer stärker auf Jupiter aufmerksam.

Mit seinen Instrumenten

zur Messung von Radio- und Plasmawellen nahm VOYAGER I Ausstrahlungen in der
Bandbreite von 1,2 Kilohertz bis 40 Megahertz auf.
Die Ursachen für diesen Radiolärm sind noch nicht klar, auch wenn bekannt
ist, daß Strahlungsausbrüche bis in Bereiche der Umlaufbahn des Merkur und
jenseits der des Saturn vordringen. Die Kräfte, die im Innern des riesigen
Gasballs Jupiter am Werk sind, der sich in 10 Stunden einmal um die eigene
Achse dreht, scheinen weitaus komplexer zu sein als bisher angenommen. Neuere
Daten lassen z.B. darauf schließen, daß Jupiter - im Gegensatz zur Erde als
dem einzigen bisher bekannten Planeten mit bemerkenswertem Magnetfeld - nicht
nur einen, sondern mehrere "Generatoren" in der Form von Ringströmen im Innern
besitzt. Der magentische "Mantel" des Jupiter verändert kontinuierlich Form
und Ausdehnung. Vermutlich haben die Monde einen erheblichen Einfluß auf Form
und Dichte der Magnetosphäre, wobei Jo eine Schlüsselrolle zu spielen scheint.
Seltsamerweise passen übrigens nur acht der Monde in bezug auf Bahnebenen und
Umlaufrichtung in das Bild eines "Miniatur-Sonnensystems". Vier der äußeren
Monde umkreisen den Jupiter gegenläufig und auf Ebenen, die zum Äquator stark
geneigt sind. Sie scheinen nicht mit dem Planetenriesen entstanden, sondern
erst später von ihm eingefangen worden zu sein.
Als "einen Tumult von Farben" in allen Regenbogenschattierungen bezeichnete einer der VOYAGER-Projektwissenschaftler, was vom Jupiter selbst auf den
Bildschirmen erschien.

In den schon bekannten, nunmehr aber nach Farben und

Strukturen innerhalb von vier Jahren veränderten Bändern kochte es regelrecht
von Wellen, Wirbeln und riesigen Strömungszentren.
- 6 -

Große Aufmerksamkeit galt

�galt naturgemäß dem Großen Roten Fleck, der jetzt weniger intensiv leuchtet
und an den Rand eines hellen Bandes, das ihn früher völlig einschloß, gewandert zu sein scheint.

Ein Bildermosaik, aufgenommen von einer wesentlich ver-

besserten Kamera, zeigte mindestens fünf riesige Wirbel, entgegen dem Uhrzeiger
sinn rotierend, innerhalb des Roten Flecks.

Die Analyse und Interpretation der

Flut von neuen Daten, die über Strahlung und Strahlungsgürtel, die JupiterAtmosphäre und deren Zusammensetzung, über elektrische und mechanische Kräfte,
Monde, Staubmassen und leuchtende Gase in dieser fremdartigen Jupiterwelt von
VOYAGER I gesammelt wurden, werden die Wissenschaftler lange beschäftigen.

Der

Kommentar eines Wissenschaftlers: "Bisher produktivste unbemannte Raumfahrtmission der Vereinigten Staaten", war gewiß keine Übertreibung.

- 7 -

�3

I

1

UUi//cn/choft
vnd Technik
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14. März 1979

LASSA-FIEBER WIRD VON MÄUSEN VERBREITET

- (AD) - Die heute als Lassa-Fieber bezeichnete Infektionskrankheit wurde
1969 zum ersten Mal beschrieben. Sie wird von einem Virus verursacht und führt
beim Menschen in durchschnittlich 40 Prozent der Erkrankungen zum Tode. Seit
einem Jahrzehnt bemühen sich Wissenschaftler nicht nur um die bestmöglichen
Therapieverfahren, sondern sie suchen auch nach Mitteln und Wegen, um die Kette
der Übertragung wirksam zu unterbrechen.
Eine Gruppe amerikanischer Forscher hält sich seit einiger Zeit in der Nähe
des Dorfes Konia im afrikanischen Staat Sierra Leone auf, unter dessen 500 Einwohnern das Lassa-Fieber besonders häufig zuschlägt. Inzwischen wurde herausgefunden, daß eine ganz bestimmte Mäuseart als Überträger in Frage kommt. Die
infizierten Tiere scheiden die Erreger mit Exkrementen und Urin aus. Die Wahrscheinlichkeit ist groß, daß die Krankheit dann mit Staub und Wind, Getreide
und anderen Nahrungsstoffen verbreitet wird und auf diesen Wegen den Menschen
erreicht.
Wie Dr. Brian Robbins von der amerikanischen Forschungsorganisation
"Smithsonian Institution" in Konia ermittelte, gibt es in diesem Gebiet von der
in Frage kommenden Mäuseart (Multimammate) zwei in Farbe und Form einander sehr

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�sehr ähnliche Erscheinungsformen - nur mit dem großen Unterschied, daß die
eine Lassa-Virus-Träger ist, die andere nicht.

Untersuchungen im Feldlabor,

an denen auch Dr. John Krebs mit einer Gruppe von Mitarbeitern beteiligt ist,
ergaben, daß die gegen Lassa-Viren anfälligen Mäuse 32, die immunen Tiere dagegen 38 Chromosomen besitzen.

Außerdem ist der Schädel der letztgenannten

Gruppe von geringfügig anderer Form und Größe.
dieser Species eigene

Lebensgewohnheiten.

Vermutlich entwickelte jede

Denn die Virenträger sind fast

nur im Dorf und in seiner nächsten Umgebung, die von Lassa-Viren praktisch
freien Mäuse dagegen auf den weiterab gelegenen Feldern zu finden.
Für vergleichende Untersuchungen müssen die Mäuse lebend gefangen werden.
Dr. John Krebs, der Feldzoologe für das Projekt, hat in bestimmter netzähnlicher Verteilung 144 Fallen in und um Konia installiert. Ein zweites Netz
befindet sich auf den Feldern. Mit Gummihandschuhen und Atemmasken ausgerüstet,
sammeln die Wissenschaftler regelmäßig die Mäuse mitsamt der Falle ein, um im
Feldlabor Blutproben und anderes Untersuchungsmaterial zu entnehmen und die Tiere zu messen und zu wiegen. Am Ohr wird dann eine Marke angebracht, die bei
nochmaligem Einfangen helfen soll, Erkenntnisse über den Aufenthaltsbereich zu
bekommen. Denn nach Abschluß der Untersuchungen werden die Mäuse wieder dorthin zurückgebracht und freigelassen, wo die Falle aufgestellt war. Jeweils
eine Blutprobe von jedem Exemplar wird per Flugzeug, in Trockeneis eingefroren,
an das amerikanische Zentralinstitut für Seuchenbekämpfung (Center for Disease
Control - CDC) in Atlanta (Georgia) geschickt, die zweite von Dr. Krebs im
Feldlabor untersucht.
Interessanterweise zeigte sich, wie Dr. Robbins berichtet, bei den virenanfälligen Mäusen eine Infektionsrate von fast 40 Prozent, was nahezu dem Prozentsatz der Infektionen unter der Bevölkerung entspricht. Die Wissenschaftler
hoffen aufgrund der bisher gewonnenen Erkenntnisse, durch eine wirksame Bekämpfung der Überträger in einem ausgesprochenen Seuchengebiet die Krankheit eindämmen und zumindest von dieser Seite her besser unter Kontrolle bringen zu
können.
+ + + + +

- 2 -

�</text>
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und
Dokumentation

I

International Communication Agency
Embassy of the United States of America

14. März 1979

10
INHALT

DOKUMENTATION
Erklärung Präsident Carters vor seinem Abflug nach dem Nahen Osten
- Wortlaut Carter:

Alle müssen für den Frieden arbeiten

- Wortlaut der Ankunftserklärung in Kairo Gemeinsame amerikanisch-ägyptische Erklärung in Alexandria
- Wortlaut Ansprache Präsident Carters vor dem ägyptischen Parlament
- Wortlaut Erklärung Carters nach Absc hluß seines Ägypten- Besuchs
- Wortlaut Ankunftserklärung Carters in Israel
- Wortlaut Ansprache Präsident Carters vor dem israelischen Parlament
- Wortlaut Erklärung Carters vor seinem Abflug aus Israel
- Wortlaut Erklärung Carters vor dem Abflug aus Kairo
- Wortlaut Erklärung Präsident Carters bei seiner Rückkehr nach Washington
- Wortlaut -

Um Über/endung von
Belegexemplaren wird
gebeten

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�Dokumentation
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14. März 1979

ERKLÄRUNG PRÄSIDENT CARTERS VOR SEINEM ABFLUG NACH DEM NAHEN OSTEN
- Wortlaut -

WASHINGTON - (AD) - Vor seinem Abflug am 7. März 1979 nach Ägypten und
Israel hat Präsident Carter in Washington eine Erklärung abgegeben, die folgenden Wortlaut hat:
Ich trete heute eine neue Mission im Dienste des ältesten Traumes der
Menschheit an - des Traumes vom Frieden.
Nirgendwo ist die Hoffnung auf den Frieden stärker und lebendiger, als
im Nahen Osten; nirgendwo ist der Weg zu seiner Verwirklichung schwieriger,
nirgendwo könnte der Preis, der für einen Fehlschlag zu zahlen wäre, schrecklicher sein.
Der Friede bleibt das Ziel von Präsident Sadat und von Ministerpräsident
Begin sowie der großen Völker Ägyptens und Israels.

Ich weiß, daß sie meine

Entschlossenheit teilen, daß diese Verhandlungen Früchte tragen.
Der Nahe Osten hat zu viel und zu lange unter Krieg und Kriegsfurcht gelitten. Araber und Israelis müssen jetzt in gleicher Weise begreifen, daß

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�daß Blutvergießen, Entbehrung und Tod niemals ihre Meinungsverschiedenheiten
lösen und niemals der Weg zur Erneuerung und zur Hoffnung sein können.
Zum erstenmal innerhalb einer Generation ist der Friede im Nahen Osten
in Reichweite gerückt.

Präsident Sadats Besuch in Jerusalem und der herzliche

Empfang, der ihm durch Ministerpräsident Begin zuteil wurde, haben den Weg geöffnet.

In Camp David waren wir dann gemeinsam bemüht, einen politischen Rah-

men zu schmieden, innerhalb dessen ihre Meinungsverschiedenheiten beigelegt
werden können.
Unsere Verhandlungen basieren auf der Idee, daß der Friede nur erreicht
werden kann, wenn wir den berechtigten Ansprüchen aller entsprechen, die von
dem Konflikt betroffen sind.

Der wahre Friede wird nicht durch einen einzel-

nen Vertrag realisiert werden - so wichtig dies auch sein würde. Aber ein Vertrag zwischen Ägypten und Israel ist ein unverzichtbarer Schritt zu einem weit
umfassenderen Frieden, den wir alle anstreben.
Verhandlungen sind ein langer und mühsamer Prozeß. Aber es gibt Zeiten,
da der Friede mehr Mut verlangt als der Krieg. Ich bin der Überzeugung, daß
Präsident Sadat und Ministerpräsident Begin jene besondere Art von Mut haben
und daß sie auch über den Weitblick und die staatsmännische Fähigkeit verfügen,
um die große Hoffnung zu verwirklichen, die zu schaffen sie mitgewirkt haben.
Daher reise ich mit Hoffnung - Hoffnung, die durch Realismus gedämpft wird.
Als Freund Ägyptens und Israels werden wir unser Bestes tun, um ihnen bei der
Schaffung des Friedens zu helfen, für den sie so oft und immer wieder in Blut
bezahlt haben. Wenn wir dies tun und dabei versuchen, die Grundlagen für einen
stabilen und friedlichen Nahen Osten zu schaffen, dienen wir auch unseren eigenen tiefsten nationalen Interessen und den Interessen aller Völker der Welt.
Ich weiß, daß mich bei diesem Vorhaben die Gebete und guten Wünsche des
amerikanischen Volkes begleiten. Bei der vor mir liegenden schwierigen Arbeit
wird mir Ihre Unterstützung Kraft und Stärke verleihen.
+ + + + +

- 2 -

�Dokumentation
International Communication Agency
Embassy of the United States of America

10

14. März 1979

CARTER: ALLE MÜSSEN FÜR DEN FRIEDEN ARBEITEN
- Wortlaut der Ankunftserklärung in Kairo -

KAIRO - (AD) - Der amerikanische Präsident Jimmy Carter hat am 8. März
1979 bei seiner Ankunft in Kairo erneut den Friedenswillen der USA unterstrichen und betont, daß die Vereinigten Staaten mit allen Parteien zusammenarbeiten würden, die sich den Prinzipien eines echten Friedens und der Sicherheit im Nahen Osten verpflichtet fühlten.
Auf eine herzliche Begrüßung des ägyptischen Staatspräsidenten Sadat
erwiderte Präsident Carter im Kubbeh-Palast in Kairo wörtlich:
Salam Aleikum (Friede sei mit Euch)
Hunderttausende von Ägyptern haben heute nachmittag die Straßen gesäumt,
um ihre tiefsten Gefühle zum Ausdruck zu bringen - nicht einer persönlichen
Freundschaft oder Bewunderung für mich oder ihren noblen und geliebten Staatsmann, Präsident Sadat. Ihre tiefsten Gefühle, die schon unsägliche Male zum
Ausdruck gebracht wurden, galten vielmehr dem echten Wunsch nach Frieden.

Das

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Telex: 0 8 - 8 5 4 3 2

�Das Bekenntnis zum Frieden hat für uns alle heute eine besondere und
dringende Bedeutung.
dens.

Herr Präsident, ich komme zu Ihnen im Geiste des Frie-

Wir kommen zusammen, um die heilige Arbeit zum Aufbau des Friedens

wieder aufzunehmen.
Für mich und meine Frau und für die vielen anderen Freunde, mit denen
wir in den vergangenen Monaten so angelegentlich zusammengearbeitet haben,
ist dies eine Ehre.
Es ist für mich ein Vergnügen, heute wieder mit Ihnen in Kairo zusammenkommen zu können. Wir überbringen den Respekt und die guten Wünsche für
Staatspräsident Sadat und das ägyptische Volk von den Millionen von Menschen,
die in den Vereinigten Staaten von Amerika leben.
Ich bin in den Nahen Osten gekommen, um die Sache des Friedens zwischen
Ägypten und Israel zu fördern. Ein Vertrag zwischen diesen beiden großen Nationen wäre ein Anfang, nicht ein Ende. Er würde uns dem großen von uns angestrebten Ziel sehr viel näher bringen - einem wahren Frieden, einem umfassenden Frieden, einem Frieden, der die berechtigten Ansprüche all derer widerspiegeln würde, die während der letzten 30 Jahre des Konfliktes, der Feindschaft und des Krieges so sehr gelitten haben.
Er wäre auch der Anfang eines neuen Kapitels in der langen Geschichte
Ägyptens, wo die Energien aller Ägypter endlich mit allem Nachdruck auf die
humane Aufgabe gelenkt werden können, eine Zukunft der Würde und der Hoffnung
aufzubauen.
Ich weiß aus Erfahrung, wie sehr Präsident Sadat eine solche Zukunft
wünscht. Aus unseren stundenlangen Gesprächen respektiere ich ihn als einen
Mann großen Mutes mit einer wahren Leidenschaft für den Frieden. Er hat sich
mit Nachdruck dafür ausgesprochen, aber was noch wichtiger ist, er hat auch
kühn und entschlossen in diesem Sinne gehandelt.

Mit

�Mit seiner aufrüttelnden Reise nach Jerusalem im November 1977 hat Präsident Sadat sich voll und ganz dem Ziel eines gerechten und dauerhaften Friedens verschrieben.

Das war auch unser Ziel in Camp David, wo Präsident

Sadat, Ministerpräsident Begin und ich uns über einen Rahmen für einen umfassenden Frieden sowie über die Unrisse eines Vertrages zwischen Ägypten
und Israel einigten.

Und das ist auch das Ziel der Gespräche, die heute fort-

geführt werden.
Es ist unsere Hoffnung, ein Abkommen zu erreichen, das ehrenhaft und gerecht ist und das jeder verhandelnden Partei Sicherheit bietet.

Aber vor allem

anderen ist es unser Ziel, einen Frieden zu erreichen, der von Dauer ist.
Wenn die Verheißung des Friedens für das israelische und das ägyptische
Volk voll realisiert werden soll, dann müssen andere ermutigt werden, sich an
dem Prozeß der Lösung der Differenzen durch Verhandlungen und durch Anpassung
zu beteiligen.
Die Vereinigten Staaten werden mit jeder Partei und mit allen Parteien
zusammenarbeiten, die den Prinzipien eines echten Friedens und einer echten
Sicherheit verpflichtet sind.
Wenn die Beziehungen zwischen uns vertieft werden, dann können wir alle
wirksamer zusammenarbeiten, um dem Nahen Osten als Ganzem Stabilität zu bringen.
Präsident Sadat hat einmal geschrieben - und ich zitiere - "daß kein
Problem jemals als unüberwindlich angesehen werden sollte."

In den letzten

Monaten haben wir manche Probleme bewältigt, die einmal unüberwindlich schienen.
Ich hoffe zutiefst, daß wir mit Gottes Hilfe die noch verbleibenden Hindernisse
für den Abschluß eines Friedensvertrages zwischen Ägypten und Israel aus dem
Weg räumen und die Verhandlungen über andere Fragen mit großer Entschlossenheit
und in Übereinstimmung mit den Vereinbarungen von Camp David fortsetzen können.
Die wichtigste Bedingung für einen Erfolg ist erfüllt worden - nämlich die
ehrliche Überzeugung auf beiden Seiten, daß der Frieden dem Krieg vorzuziehen

�vorzuziehen ist, daß Meinungsverschiedenheiten besser durch die Anwendung
von Vernunft als durch das Vergießen von Blut geregelt werden können.
Das ägyptische Volk hat viel Blut vergossen.

Und besonders in den Augen

der Frauen, die während der letzten Minuten die Straßen säumten und auf den
Baikonen standen, haben wir den Wunsch, das Verlangen und die Bitte gesehen,
daß ihre Söhne und Männer niemals mehr unter Kampf und Krieg leiden sollten.
Präsident Sadat und ich haben uns auf unserer Fahrt das Wort gegeben,
nicht diese Menschen hier, in Israel, unter den Palästinensern und in den
Ländern zu enttäuschen, die sich gegenwärtig in einem Kriegszustand befinden
und von uns und anderen abhängen, damit dieses Gebiet den seit so langer Zeit
unverwirklichten, aber so sehr gewünschten Zustand des Friedens erhält.
Wie Sie, Herr Präsident, bin ich der Sache des Friedens verpflichtet.
Wie Sie, Herr Präsident, bin ich entschlossen, in diesem Bemühen nicht nachzulassen.

Unser gemeinsamer Einsatz, unsere gemeinsame Entschlossenheit wur-

zelt in gemeinsamer religiöser Wahrheit.
"Wir glauben an Gott."
ben an das Vertrauen.

Viele Plakate trugen die Inschrift:

Sie und ich, Herr Präsident glauben an Gott. Wir glauDieses Vertrauen hat vielfache Formen, aber die ihm zu

Grunde liegende Botschaft ist dieselbe.

Es ist eine Botschaft der Liebe, des

Glaubens und des Friedens.
Wollen wir, da wir in den jetzt beginnenden entscheidenden Gesprächen zusammenarbeiten, Gott mit den Worten des Evangeliums bitten, unsere Füße auf
den Weg des Friedens zu lenken.
Ich danke Ihnen.

+ + + + +

- 4-

�14. März 1979

10

GEMEINSAME AMERIKANISCH-ÄGYPTISCHE ERKLÄRUNG IN ALEXANDRIA
- Wortlaut -

ALEXANDRIA - (AD) - Nach den Gesprächen zwischen Präsident Jimmy
Carter und dem ägyptischen Staatspräsidenten Anwar Sadat wurde am 9. März 1979
in Alexandria eine gemeinsame Erklärung veröffentlicht, die folgenden Wortlaut hat:
Präsident Sadat und Präsident Carter haben ihre Gespräche über den
Friedensprozess und andere Fragen von gemeinsamem Interesse fortgesetzt.
Die Gespräche dauerten von 19:05 bis ?0:00 Ortszeit und wurden in einer
Atmosphäre der Freundschaft und der Offenheit geführt.
Folgende Persönlichkeiten nahmen an dem Treffen teil:
Auf amerikanischer Seite:
Präsident Carter
Außenminister Cyrus Vance
Verteidigungsminister Harold Brown

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�Zbigniew Brzezinski, Berater des Präsidenten für Fragen der nationalen
Sicherheit
Haroid Saunders, Unterstaatssekretär für nahöstliche und südasiatische Fragen
Botschafter Herman Eilts
Sonderbotschafter Roy Atherton
Bill Quandt, Stab des Nationalen Sicherheitsrates
Auf ägyptischer Seite:
Präsident Sadat
Ministerpräsident Mustafa Khalil
Vizepräsident Husni Mubarak
General Hassan Ali, Verteidigungsminister
Ahmed al-Sayegh, Wirtschaftsminister
Botschafter Asraf Ghorbal
Hassan Kamel, Protokollchef
Butrus Ghali, der ägyptische Außenminister, Außenminister Vance
und Ministerpräsident Khalil trafen heute nachmittag von 15:30 bis 17:00
(Kairoer Zeit) im Palestine-Hotel zusammen.

Ihre Gespräche konzentrierten

sich auf die ungelösten Fragen in den Verhandlungen über einen Friedensvertrag.

Die beiden Präsidenten werden morgen (10. März) an einem Arbeits-

essen im Mena House in der Nähe von Kairo teilnehmen, dem sich zusätzliche
Gespräche anschießen werden.
Präsident Carter wird morgen abend (10. März) nach Israel abreisen.

+ + + + +

�HöHi
I

Dokumentation

CO

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14. März 1979

10

ANSPRACHE PRÄSIDENT CARTERS VOR DEM ÄGYPTISCHEN PARLAMENT
- Wortlaut -

KAIRO - (AD) - Präsident Jimmy Carter hat am 10. März 1979 vor dem
ägyptischen Parlament (Volksversammlung) seine Friedensziele für den Nahen
Osten noch einmal in aller Eindringlichkeit dargelegt. Die Ausführungen
des Präsidenten haben folgenden Wortlaut:
Ich trete heute auch im Namen Gottes als Partner vor Sie hin, zusammen
mit meinem großen und guten Freund, Ihrem Präsidenten Anwar al-Sadat, um
über die Mitglieder dieser Volksversammlung zum ägyptischen Volk zu sprechen.
Wenn ich jetzt vor Ihnen stehe, geht mir das Herz über.
Ich empfinde eine tiefe Achtung vor dem ägyptischen Volk und vor Ihrem
Führer, Präsident Sadat - einem Mann, der seine starke Hand ausgestreckt
hat, um das Steuer der Geschichte herumzuwerfen. Und ich verspüre auch ein
tiefes Gefühl der Hoffnung, wenn ich an die Zukunft denke, die sich vor uns
auftun wird, wenn wir den Willen und den Glauben haben, den Frieden herbeizuführen - und wir haben diesen Willen und diesen Glauben, und wir werden den
Frieden herbeiführen.

Als
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�Als Junge habe ich wie andere Schulkinder in der Welt die ägyptische
Kultur kennengelernt.

In den letzten Tagen habe ich endlich das Erbe dieser

großen Kultur mit meinen eigenen Augen gesehen.

Als Bürger eines sehr jungen

Landes kann ich das 7000jährige Erbe des ägyptischen Volkes, das Sie hier vertreten, nur staunend bewundern.
Während des größten Teils der letzten 500 Jahre litt Ägypten unter Fremdherrschaft.

Aber Ägypten hat seinen Platz unter den unabhängigen Nationen

der Welt wieder eingenommen

und stand an der Spitze des Wiederaufschwungs der

arabischen Völker auf einen führenden Platz unter den Nationen der Welt.

Ich

bin sehr stolz auf diese große Leistung, die Sie vollbracht haben.
Tragischerweise war diese Generation des Fortschritts auch eine Generation
des Leidens.

Immer wieder sind die Energien der Völker des Nahen Ostens durch

die Konflikte unter ihnen ausgelaugt worden - und vor allem durch die heftigen
Konfrontationen zwischen Arabern und Israelis.
Vier Kriege haben ihren Zoll an Blut und Gut gefordert, an entwurzelten
Familien und jungen Leben, zu früh verloren.

Dann stand vor 16 Monaten ein

Mann auf - Anwar al-Sadat - und erklärte: "Genug des Krieges."
und sagte: "Genug des Krieges. Es ist Zeit zum Frieden."

Er stand auf

Diese außergewöhnliche Reise Präsident Sadats nach Jerusalem setzte den
Prozeß in Gang, der mich heute hierher geführt hat. Ihr Präsident hat die
Macht des menschlichen Mutes und des menschlichen Weitblicks unter Beweis gestellt, Hoffnung zu wecken, wo es bisher nur Verzweiflung gab.
Die durch Präsident Sadats Initiative in die Wege geleiteten Verhandlungen
waren lang und beschwerlich.

Das konnte ja auch nicht anders sein.

Die Fragen, um die es geht, sind komplex und sie sind in einem Netz starker Emotionen verfangen.

Aber wiederum für das ägyptische Volk und das israe-

lisce Volk gilt in gleicher Weise, daß die mächtigste Emotion nicht die Feindseligkeit ist.

Es ist nicht der Haß.

Es ist der Wille zum Frieden.

- 2 -

Und in

�in einem Jahr des miteinander Redens ist mehr erreicht worden

als in 30

Jahren des Krieges.

Wie sich der Friedensprozeß vorwärts bewegte - manchmal reibungslos, aber
öfter unter Schmerzen und Schwierigkeiten - wurde die Regierung Ägyptens von
fähigen Diplomaten vertreten, voll und ganz auf die nationalen Interessen
Ägyptens eingestellt, aber sich auch ständig der Verantwortung Ägyptens für
die übrige arabische Welt bewußt.

Im September vorigen Jahres führte der Kurs der Verhandlungen den Präsidenten Ägyptens und den Ministerpräsidenten Israels nach Camp David in den
bewaldeten Hügeln in der Nähe der Hauptstadt der Vereinigten Staaten von
Amerika.
Aus unseren Gesprächen dort entstanden zwei Abkommen: Ein Rahmen»innerhalb dessen ein Frieden zwischen Israel und all seinen Nachbarn erreicht werden könnte und die legitimen Rechte jenes palästinensischen Volkes verwirklicht
werden könnten - und auch ein Entwurf für einen Friedensvertrag zwischen
Ägypten und Israel im Rahmen eines umfassenden Friedens für den Nahen Osten.

Diese Abkommen wurzelten in der Resolution 242 des Sicherheitsrates der
Vereinten Nationen, in der eine Grundgleichung zwischen einer arabischen
Friedensverpflichtung und einem israelischen Abzug im Zusammenhang mit der
Sicherheit aufgestellt wurde.

Der Vertrag, über den derzeit zwischen Ägypten und Israel verhandelt wird,
spiegelt diese Grundsätze wider.

Seit die beiden Abkommen unterzeichnet wurden,

arbeiten wir daran, sie zum Tragen zu bringen.

Die Vereinigten Staaten waren als Vermittler tätig, sie haben an der Lösung von Problemen gearbeitet - sie wollten keine Seite dazu drängen, Bestimmungen zu akzeptieren, die ihren grundlegenden Interessen zuwiderliefen.
Bei diesen Verhandlungen ging es in einer entscheidenden Frage um die Beziehung zwischen einen ägyptisch-israelischen Vertrag und dem weitergesteckten
- 3 -

�weitergesteckten Frieden, wie man ihn sich in Camp David vorgestellt und zu
dem man sich verpflichtet hatte.
Ich glaube, dieses Gremium hier und das ägyptische Volk haben ein Recht
zu erfahren, was ich über dieses Thema denke.

Wenn zwei Nationen einen Ver-

trag miteinander schließen, dann haben sie jedes Recht zu erwarten, daß die
Bestimmungen dieses Vertrages getreulich und unerschütterlich erfüllt werden.
Gleichzeitig kann kaum ein Zweifel daran bestehen, daß die beiden in
Camp David erreichten Abkommen - zusammen ausgehandelt und zusammen unterschrieben - miteinander in Beziehung stehen

und daß ein umfassender Frieden

ein gemeinsames Ziel bleibt.
Gerade in den letzten Tagen haben Ministerpräsident Begin in Washington
und Präsident Sadat hier in Ägypten sich erneut verpflichtet, alle in Camp
David gemachten Zusagen zu halten.

Beide Führer bekräftigten, daß sie keinen

Separatfrieden zwischen ihren beiden Ländern wollen.

Daher stellen unsere ge-

genwärtigen Bemühungen, den Vertrag zum Abschluß zu bringen, nicht das Ende
eines Prozesses dar, sondern den Anfang - denn ein Vertrag zwischen Ägypten
und Israel ist ein unerläßlicher Bestandteil eines umfassenden Friedens.
Ich verspreche Ihnen heute, daß ich mich auch weiterhin persönlich verpflichtet fühlen werde, zu Verhandlungen überzugehen, die das Westufer und
den Gaza-Streifen und andere Fragen von Interesse für die Palästinenser betreffen - und zu künftigen Verhandlungen - und auch zu künftigen Verhandlungen
zwischen Israel und all seinen Nachbarn.
Ich fühle eine persönliche Verpflichtung in dieser Hinsicht.
Nur der Weg der Verhandlung und der Schlichtung kann zur Erfüllung der
Hoffnungen des palästinensischen Volkes auf friedliche Selbstverwirklichung
führen.

Die in den Abkommen von Camp David vorgeschlagenen Verhandlungen

werden ihnen die Gelegenheit bieten, an der Bestimmung ihrer eigenen Zukunft
mitzuwirken.

Wir appellieren an die Vertreter der Palästinenser, an diesen
- 4 -

�diesen Verhandlungen teilzunehmen.
Wir sind bereit, mit jedem zusammenzuarbeiten, derwillens ist, über den
Frieden zu reden.

Jene, die diese Bemühungen angreifen, wenden sich gegen

die einzige realistische Aussicht, die dem Nahen Osten echten Frieden bringen
kann.
Möge sich niemand täuschen. Die Auswirkungen ihrer kriegerischen Schlagworte und ihre Wortwahl macht sie in Wirklichkeit zu Verfechtern des Status
quo und nicht des Wandels; zu Verfechtern des Krieges, nicht des Friedens; zu
Verfechtern weiteren Leidens, nicht der Menschenwürde, die den Menschen dieser
Region zusteht, die so lange gelitten haben.
Der Abschluß eines Friedensvertrages zwischen Israel und Ägypten wird
Ihre Regierung in die Lage versetzen, ihre Ressourcen nicht für den Krieg, sondern für ein besseres Leben für jeden Ägypter einzusetzen.
Ich weiß, wie sehr sich Präsident Sadat diesem Streben verpflichtet fühlt.
Und ich bin überzeugt, daß die Erreichung dieses Ziels letztlich sein größtes
Vermächtnis an das Volk sein wird, dem er so gut dient.
Meine Regierung ihrerseits ist mit der vollen Macht und dem ganzen Einfluß der Vereinigten Staaten von Amerika bereit, die Bürde dieser Verpflichtung
zusammen mit Ihnen zu tragen. Die Ergebnisse, die wir uns erhoffen, werden
nicht rasch und nicht leicht zu erreichen sein, aber sie werden kommen.
Der Abschluß des Friedensvertrages, über den wir sprechen, wird die Zusammenarbeit zwischen Ägypten und den Vereinigten Staaten auf andere Weise
stärken.
Ich stehe voll hinter der Überzeugung von Präsident Sadat und unterstütze
sie, daß in der Welt die Stabilität aufrechterhalten werden muß, selbst wenn
ein konstruktiver Wandel aktiv gefördert wird.
Und
- 5 -

�Und ich bin mir auch darüber im klaren, daß die Sicherheit dieser lebenswichtigen Region in Frage gestellt wird.

Ich begrüße seine Entschlossenheit,

sich dieser Herausforderung zu stellen, und meine Regierung wird hinter ihm
stehen.
Unsere Politik geht davon aus, daß jede Nation die Fähigkeit haben soll,
sich selbst zu verteidigen, damit sie für ihre Sicherheit nicht von Bündnissen
mit anderen abhängig zu sein braucht.

Die Vereinigten Staaten streben für

sich keine Sonderstellung an.
Wenn wir in unseren Bemühungen Erfolg haben, einen umfassenden Frieden zu
standezubringen,

dann wird er, jedes seiner Elemente, diesem Gremium hier

sicherlich zur Ratifizierung vorgelegt werden.
Es liegt in der Natur der Verhandlungen, daß kein Vertrag,vom ägyptischen
oder vom israelischen Standpunkt aus gesehen, ganz ideal oder vollkommen sein
kann.
Die Frage jedoch, vor der wir immer gestanden sind, ist nicht, ob ein
Vertrag, den wir aushandeln, die unmittelbaren Wünsche der einen oder der
anderen Partei erfüllt, sondern ob er die lebenswichtigen Interessen beider
Parteien schützt und ob er der Sache des Friedens für alle Staaten und alle
Völker dieser Region dient. Das ist die grundlegende Zielsetzung und die
schwierigste Frage, auf die wir eine Antwort finden wollen.
Ein solcher Vertrag, ein solches Abkommen,!iegt in unserer Reichweite.
Wir sollten die Gelegenheit nutzen, solange sie uns geboten wird.
Wir, die wir uns in diesem großen Werk, dem Werk des Friedens, engagiert
haben, sind verschiedenen religiösen Glaubens.

Einige von uns sind Moslems,

einige von uns sind Juden, einige von uns sind Christen.
Glaubens sind unterschiedlich.

Wir beten jedoch

Die Formen unseres

denselben Gott an.

die Botschaft der Vorsehung ist immer dieselbe gewesen.
Ich
- 6 -

Und

�Ich möchte die Worte des heiligen Korans zitieren: "Wenn Dein Gegner
zum Frieden neigt, dann neige Dich auch dem Frieden zu - und vertraue auf
Gott, denn er ist allwissend und allweise."
Und ich möchte die Worte aus dem Alten Testament zitieren:
vom Bösen und tue Gutes, suche den Frieden und lebe danach."

"Weiche ab

Und ich möchte auch noch die Worte Jesu aus der Bergpredigt zitieren:
"Gesegnet sind die Friedliebenden, denn sie werden Kinder Gottes genannt."
Meine Freunde, meine Brüder, laßt uns das vor uns liegende Werk vollenden.
Laßt uns Frieden miteinander finden.
Ich danke Ihnen.

- 7 -

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Dokumentation

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14. März 1979

ERKLÄRUNG CARTERS NACH ABSCHLUSS SEINES ÄGYPTEN-BESUCHS
- Wortlaut -

KAIRO

- (AD) - Nach Abschluß seiner Besprechungen mit Präsident

Sadat im Mena House und vor seinem Weiterflug nach Israel gab Präsident
Carter folgende Erklärung ab:
Präsident Sadat und ich möchten einige Worte über diesen Besuch
sagen.

Zunächst möchte ich im Namen des amerikanischen Volkes und auch

für mich sprechend Präsident Sadat und dem ägyptischen Volk meinen tief
empfundenen Dank ausdrücken für einen Emfang, der mich sehr beglückt hat
und den ich niemals vergessen werde.
Wir haben mehrere Stunden über den Frieden gesprochen.

Für mich

ist es ganz klar, daß das ägyptische Volk - das wird schon aus dem überwältigenden Willkommen für mich und Präsident Sadat deutlich - echt den
Frieden wünscht.
Für mich ist ebenso klar, daß Präsident Sadat und das ägyptische

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�ägyptische Volk sowie Israel entschlossen sind, alle Bestimmungen, alle
in Camp David getroffenen Vereinbarungen auszuführen, nicht nur für den
Frieden zwischen Israel und Ägypten, sondern auch für einen vollen und
umfassenden Frieden, der die Verwirklichung der Rechte jener beinhaltet,
die seit so langer Zeit gelitten haben, sowie ein schrittweises Vorankommen auf dem Wege zum Frieden zwischen Israel und allen seinen Nachbarn.
Wir haben hier einige schwierige Fragen gelöst.

Weitere schwierige

Fragen müssen noch geregelt werden.
Ich werde heute nachmittag von hier nach Israel reisen, um mit
Ministerpräsident Begin sowie mit den Vertretern der israelischen Regierung
zusammenzutreffen.

Ich hoffe, daß die Meinungsverschiedenheiten, die noch

bestehen, gelöst werden können.
Ich danke Ihnen.

+ + + + +

�fiTiTOi im

Dokumentation

I

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14. März 1979

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ANKUNFTSERKLÄRUNG CARTERS IN ISRAEL
- Wortlaut -

TEL AVIV

- (AD) - Präsident Jimmy Carter gab bei seiner Ankunft

auf dem Ben Gurion-Flughafen in Tel Aviv am 10. März 1979 eine Erklärung
ab, die folgenden Wortlaut hat:
Als gewählter Führer und Vertreter des amerikanischen Volkes fühle
ich mich geehrt und bin erfreut, den Boden des freien Staates Israel betreten zu dürfen.
Friedens.
deutet.

Ich komme zu Ihnen als Mitarbeiter an der Sache des

Ich weiß, wieviel diese Sache für das Volk dieses Landes beKein Volk in der Geschichte hat mehr unter Gewalttaten gelitten

als das jüdische Volk.

Der Staat Israel

vor dieser Gewalt geschaffen.

wurde als eine Zufluchtsstätte

Doch nach vier Kriegen innerhalb von drei

Jahrzehnten weiß jeder israelische Bürger immer noch aus erster Hand, was
es heißt, um einen geliebten Gefallenen oder um einen Freund zu trauern.
Als ich die Reihen der Vertreter Ihrer Streitkräfte abschritt und sie gehören zweifellos zu den besten Soldaten der Welt- sprach ich

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�ich ein feierliches Gebet zu Gott, daß keiner dieser Männer oder ihrer
Landsleute jemals wieder ihr Leben im Kriege lassen möge.
Wie Ministerpräsident Begin es schon so oft erklärt hat.wünscht
Israel wirklich den Frieden.

Daran kann kein Zweifel bestehen, und ich bin

nach meinen Erfahrungen der letzten drei Tage absolut sicher, daß auch
das ägyptische Volk diesen Wunsch nach Frieden voll und ganz teilt.
Während dieser letzten drei Tage habe ich viele Stunden mit Präsident
Sadat darüber gesprochen, wie die endgültigen Einzelheiten eines Friedensvertrages im Zusammenhang mit einem umfassenden Frieden für das gesamte
Gebiet aussehen könnten.
Ministerpräsident Begin und ich werden in Kürze mit der Erörterung
dieser Einzelheiten beginnen, wobei wir dasselbe Ziel vor Augen haben,
nämlich in der gegenwärtigen Situation nach den Mitteln und Wegen sowie
nach der Willenskraft zu suchen, diesen nächsten, entscheidend wichtigen
Schritt zu einem gerechten und dauerhaften Frieden im Nahen Osten zu
gehen.
Wir sind einander sehr weit entgegengekommen und haben dabei vielleicht
eine größere Entfernung zurückgelegt, als viele von uns erträumt haben.
Unter der starken und mutigen Führung von Ministerpräsident Begin war die
Regierung Israels bereit, schwierige Entscheidungen zu treffen - und zwar,
wie Ihr Präsident gerade erklärt hat - auf der ganzen Linie. Ich brauche
nicht hinzuzufügen, daß es eine Tragödie wäre, wenn wir uns - nachdem wir
so weit gelangt sind - jetzt vom Wege des Friedens abwenden würden. Ich
habe guten Grund zu der Hoffnung, daß das Ziel jetzt erreicht werden kann aber natürlich liegen die letzten Entscheidungen dort, wo sie immer gelegen
haben: bei den gewählten Vertretern des Volkes, das seit so vielen Jahren
direkt unter Zerstörung und Blutvergießen gelitten hat.
Ich sehe dem Abschluß der so dringenden und brennenden Angelegenheiten

- 2 -

�Angelegenheiten während dieses kurzen Besuches entgegen.

Ich überbringe

die besten Wünsche des amerikanischen Volkes und die Grüße von Präsident
Sadat, den ich erst vor einer Stunde verlassen habe, sowie die Hoffnungen
der gesamten Welt.

Die Aufgabe, die zu lösen wir uns gemeinsam bemühen,

verlangt mehr als Vernunft, mehr sogar als Willenskraft.

Sie verlangt

Vertrauen - denn in jedem Falle ist die Aufgabe des Aufbaus des Friedens
eine heilige Aufgabe.

Um mit den Worten des Midrasch (der jüdischen Auslegung

des Alten Testamentes) zu sprechen, "ist der Frieden wichtig, denn Gottes
Name ist Shalom (Frieden)".

Lasst und Frieden finden, laßt uns gemeinsam

Frieden stiften.

+ + + + +

- 3 -

�Dokumentation
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14. März 1979

ANSPRACHE PRÄSIDENT CARTERS VOR DEM ISRAELISCHEN PARLAMENT
- Wortlaut -

JERUSALEM - (AD) - Präsident Jimmy Carter hat am 12. März 1979 in einer
Ansprache vor dem israelischen Parlament - der Knesset - noch einmal in aller
Eindringlichkeit seinen Friedensappell an Israel und Ägypten wiederholt. Die
Ansprache Carters hat folgenden Wortlaut:
Herr Präsident, Herr Ministerpräsident, Sprecher des Hauses, hochverehrte
Mitglieder der Knesset!
Während der letzten 24 Stunden habe ich diese Rede mehrmals umgeschrieben.
Ich habe aus ihr die Verzweiflung herausgelassen und ich habe auf frohe Kunde
und Lobpreis verzichtet. Ich habe mich vielmehr entschlossen eine Rede der Besorgnis, der Vorsicht und Hoffnung zu halten.
Es ist für mich eine Ehre, in dieser Versammlung freier Männer und Frauen
zu weilen, in der sich ein großes und altehrwürdiges Volk und zugleich eine
junge und mutige Nation repräsentiert. Ich überbringe alle guten Wünsche und
den Gruß des amerikanischen Volkes, das mit dem Volk von Israel die Liebe zu
Freiheit, Gerechtigkeit und Frieden teilt.
Und

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�Und es ist für mich auch eine Ehre, in Jerusalem, dieser heiligen Stadt,
zu weilen, die Jesajas als einen Platz der Ruhe beschreibt, deren Mauern die
Stätte des Ursprungs der Brüderlichkeit und des Friedens für so viele Menschen
auf der Welt in sich birgt.
Die Sache der Brüderlichkeit und des Friedens ist es, um deretwillen ich
hier bin.

Ich bin nach Kairo und hier nach Jerusalem gegangen, um zu versuchen,

die kühnen, tapferen und historischen Bemühungen von Präsident Sadat und Ministerpräsident Begin zu fördern und zu demonstrieren, daß die Vereinigten
Staaten von Amerika genau so entschlossen sind wie diese beiden führenden Staatsmänner, einen Frieden und eine Freundschaft von Dauer zwischen Ägypten und
Israel zu schaffen und dem Krieg und der Kriegegefahr im gesamten Gebiet des
Nahen Ostens ein Ende zu setzen.
Kein Volk wünscht und verdient den Frieden mehr als das jüdische Volk.
Kein Volk hat ihn so lange ersehnt, keines von ihm in so beredter Weise gesprochen und keines durch sein Ausbleiben so sehr gelitten.

Von Pogrom zu

Pogrom und von Krieg zu Krieg hat Israel seine Söhne und seine Töchter begraben müssen.
Gestern vormittag habe ich in Yad Vashem tiefe Trauer empfunden angesichts
der furchtbaren Zeugnisse der Vergangenheit und der Schrecken dieser Blutopfer.
Das moderne Israel entstand in der Zeit, die sich unmittelbar diesem
historischen Verbrechen anschloß, dessen Ungeheuerlichkeit menschliche Fassungskraft nahezu übersteigt. Ich weiß, daß Israel sich über alles verpflichtet und entschlossen fühlt, daß etwas derartiges auf Erden niemals wieder geschehen darf.
Amerika respektiert diese Entschlossenheit und teilt sie voll und ganz
mit Ihnen und Amerika ist sich dessen bewußt, daß Sorge und größte Vorsicht
für die Juden seit Jahrhunderten und für Israel seit seiner Unabhängigkeit
eine praktische und moralische Notwendigkeit für das überleben gewesen sind.
Und
- 2 -

�Und dennoch haben Sie in den vergangenen Monaten gewaltige Opfer gebracht und große Risiken für den Frieden auf sich genommen.

Diese gläubige

Hingabe an den Frieden, wie sie in Jerusalem und Kairo hervortrat, hat
Männern und Frauen überall auf der Welt ein erneutes Gefühl der Hoffnung gegeben, daß menschliche Vernunft, guter Wille und Glaube erfolgreich sein und
die Barrieren zwischen Völkern niederreißen können, die zu unsern Lebzeiten
nur den Krieg gekannt haben.
Wie Ministerpräsident Begin nach dem Gipfeltreffen in Camp David sagte,
zeigten die erzielten Übereinkommen, daß jedes Problem gelöst werden kann,
wenn nur etwas - und er wiederholte "etwas" - Weisheit da ist. Das sind wahre
und zugleich beruhigende Worte. Ich weiß aus meiner intensiven persönlichen
Beteiligung an diesen Verhandlungen, daß Präsident Sadat und Ministerpräsident
Begin niemals an ihrem oft zum Ausdruck gebrachten unbedingten Eintreten für
den Frieden irre geworden sind.
Präsident Sadat sagte in Kairo, daß nach seinem Willen nichts dem von
uns gemeinsam verfolgten Ziel in den Weg treten soll, einen Friedensvertrag
zwischen Israel und Ägypten zum Abschluß zu bringen und dies zu einem lebendigen Zeugnis der Freundschaft zwischen den beiden benachbarten Staaten zu
machen.
Ich glaube ihm und ich weiß in meinem Herzen, daß Ministerpräsident Begin
und die israelische Regierung mit nicht weniger Hingabe dem gleichen edlen
Ziel verschrieben sind.
Aber wir sind unserer Herausforderung noch nicht voll gerecht geworden.
Trotz unserer unermüdlichen Anstrengungen, trotz des außerordentlichen Fortschritts der letzten sechs Monate sind wir noch immer nicht am Ziel.
Für uns alle besteht nun die ernste Aufgabe und Pflicht, noch einmal all
unsere Energien und all unsere Vorstellungskraft aufzubieten, um die Tragödie
eines Versagens zu bedenken und andererseits das berechtigte Frohlocken, wenn
wir den Frieden bringen.

n.

3

Die
- 3 -

�Die Unterstützung durch die Mitglieder der Knesset wird bei dieser Bemühung natürlich von entscheidender Bedeutung sein.

Unser Weitblick muß so

groß wie unser Ziel seih. Weisheit und Mut werden von uns allen gefordert
- und genauso praktischer Sinn und Realismus.
Wir dürfen diesen entscheidenden Augenblick nicht preisgeben, wir müssen
beten, als hinge alles von Gott ab, und wir müssen handeln, als hinge alles von
uns selbst ab.
Was für einen Frieden erstreben wir?

Spinoza sagte, Frieden sei nicht

das bloße Schweigen der Waffen, sondern er sei eine Tugend, ein Geisteszustand,
die Fähigkeit zum Wohltun, zum Vertrauen und zur Gerechtigkeit.
Auch Amerika teilt diese Vision und wird Israel zur Seite stehen, um sicherzugehen, daß sich diese Vision erfüllt.

Den lebendigen Beweis für diese tiefe

Friedenssehnsucht sah ich in Ägypten bei dem ägyptischen Volk, bei Millionen
von ihnen. Aber wie Sie sind sie besorgt wegen der Ungewißheiten dieses
ersten entscheidenden Stadiums bei der umfassenden Aufgabe, aus den Schwertern
im Nahen Osten Pflugscharen zu schmieden.

Wie Sie hoffen sie, die Feinschaft

für immer zu verbannen, die zwischen den Nachbarn, den Nachbarn seit eh und jeh,
Israel und Ägypten bestanden hat.
Meine Freunde, aus meiner eigenen Erfahrung als Präsident der Vereinigten
Staaten verstehe ich nur zu gut, daß historische Entscheidungen selten leicht
und selten ohne Schmerzen zu treffen sind. Benjamin Franklin, der den Friedensvertrag zwischen England und Amerika nach unserem eigenen Unabhängigkeitskrieg
aushandelte, sagte, daß er keinen Friedensabschluß kenne - und sei es der vorteilhafteste - den man nicht als unangemessen gerügt habe.
Während des Friedensprozesses haben beide, Israel und Ägypten eingesehen,
daß kein Friedensvertrag jedes Ziel beider Nationen einschließen kann. Was
ein Vertrag aber leisten kann, was er weitaus besser als der zerbrechliche
Status quo und unendlich viel besser als die tückischen Spannungen leisten kann,
die entstehen würden, wenn wir mit unseren Anstrengungen weiterhin nicht von
- 4 -

�von der Stelle kommen oder gar scheitern, das ist die lebenswichtigen Interessen sowohl Israels als auch Ägyptens zu schützen und die Möglichkeiten für
einen Frieden für alle Staaten und alle Völker dieses he"mgesuchten Gebietes
zu eröffnen.

Zweifel ist der Stoff, aus dem große Entscheidungen gemacht werden, aber
das gilt auch für Träume.

Wir stehen heute unmittelbar an der Schwelle, um

Israels ewigen Traum von Frieden Wirklichkeit werden zu lassen.

Ich will nicht

so tun, als ob diese Wirklichkeit frei von jeder weiteren Herausforderung sein
werde.

Das wird nicht der Fall sein.

Und das jüdische Volk weiß besser als

jedes andere, daß das Leben selten leicht ist.

Aber wir müssen diesen Anfang machen.

Wir müssen diese kostbare Gelegen-

heit ergreifen.
Vor 57 Jahren hat sich der Kongreß der Vereinigten Staaten von Amerika
der Schaffung eines jüdischen Heimatlandes verschrieben.

Dann hat 26 Jahre

später Präsident Harry S. Truman den neuen Staat Israel anerkannt, nur elf
Minuten nachdem Ihre Nation geboren war.

Sieben Präsidenten haben daran ge-

glaubt und gezeigt, daß die Beziehung Amerikas zu Israel mehr ist als nur eine
besondere Beziehung.
ziehung.

Es handelte und es handelt sich um eine einmalige Be-

Und es handelt sich um eine Beziehung, die unzerstörbar ist, weil

sie in dem Gewissen und der Moral und in der Religion und den Überzeugungen
des amerikanischen Volkes selbst verwurzelt ist..

Lassen Sie mich wiederholen, was ich im vorigen Jahr auf dem Rasen des
Weißen Hauses zu Ministerpräsident Begin am Jahrestag der Gründung des modernen Staates Israel gesagt habe, und ich zitiere:

"Dreißig Jahre lang sind

wir an der Seite der stolzen und unabhängigen Nation Israel gestanden.

Ich

kann als Präsident der Vereinigten Staaten ohne jede Einschränkung sagen, daß
wir das auch weiterhin tun werden, nicht nur weitere dreißig Jahre, sondern
für immer."

Wir
- 5-

�Wir sind uns der Vorteile dieser Partnerschaft für die Vereinigten Staaten
bewußt.

Sie wissen, daß Amerika zutiefst den Frieden zwischen Israel und

Ägypten wünscht, und daß wir alles tun werden, um den Frieden zu ermöglichen.
Die Völker der beiden Länder sind heute zum Frieden bereit.

Die Führer

haben noch nicht unter Beweis gestellt, daß wir genügend zum Frieden bereit
sind, um etwas zu riskieren.

Wir dürfen nicht nachlassen.

Aber mit oder ohne

Friedensvertrag, die Vereinigten Staaten werden immer an der Seite Israels
stehen.
Wenn wir hier in dieser Halle der Freiheit zusammenkommen, dann erinnert
uns das daran, daß wir mehr als durch alles andere durch bestimmte gemeinsame
Ideale und gemeinsame Verpflichtungen und Überzeugungen verbunden sind.

Diese

Knesset selbst ist ein Tempel des Grundsatzes und der Praxis der offenen Debatte.

Demokratie ist ein wesentliches Element der staatlichen Existenz Israels

wie auch der Vereinigten Staaten.
Sie haben unter Beweis gestellt, daß Demokratie auch in einem Land großer
Vielfalt und in einer Zeit der Gefahr und der Instabilität eine stabile Regierungsform sein kann. Aber Israel und die Vereinigten Staaten wurden von
Pionieren geformt. Meine Nation ist auch eine Nation der Einwanderer und
Flüchtlinge, von Menschen, die sich - in beiden Ländern - aus vielen Ländern
zusammengefunden haben, von Träumern, die, und ich zitiere, "durch ihrer Hände
Arbeit und im Schweiße ihres Angesichts" ihre Träume in die Wirklichkeit der
nationalen Existenz verwandelt haben.
Wir haben gemeinsam das Erbe der Bibel, der Anbetung Gottes, der Freiheit des einzelnen, und wir haben gemeinsam den Glauben an kooperative Anstrengungen, selbst angesichts unüberwindbar erscheinender Hindernisse.
In Ländern der Welt, in denen Regierungen diese Werte vorenthalten, blicken
Millionen auf uns und erwarten, daß wir das Recht der Redefreiheit, der Pressefreiheit, das Recht auszuwandern, das Recht auf Ausdruck seiner politischen
Überzeugung, das Recht auf Freizügigkeit, das Recht auf Fami1ienzusammenführung,
- 6 -

�Familienzusammenführung, das Recht auf einen anständigen materiellen Lebensstandard aufrechterhalten.
Das ist die Art unzerreißbarer Bande, die Israel und die Vereinigten Staaten verbinden.

Das sind die Werte, die wir der ganzen Welt zu bieten haben.

Unsere beiderseitige Hingabe an diese Ideale ist eine unversiegbare Quelle in
unserem Streben nach Frieden.
Der Vertrag zwischen Israel und Ägypten, von dem wir hoffen, daß er Ihnen
zur Billigung vorgelegt werden möge, verspricht der Eckstein eines umfassenden
Friedensgebäudes für diese gesamte Region zu werden.
Wir sind uns alle darüber im klaren, daß dieses Gebäude unfertig bleiben
wird, bis der Frieden so weit ausgedehnt werden kann, daß er alle Völker einschließt, die an diesem Konflikt beteiligt sind. Ich kenne und begreife durchaus die Sorgen, die Sie sich machen, wenn Sie an den gewaltigen Umfang der Probleme denken, die selbst nach dem Abschluß eines Friedensvertrages zwischen
Israel und Ägypten noch verbleiben werden. Und wenn die Zeit kommt, die Entscheidungen über die Lösung dieser Probleme zu treffen, dann erinnern Sie sich
an das Versprechen, das ich Ihnen heute erneut gebe: Die Vereinigten Staaten
werden niemals ein Abkommen oder eine Maßnahme unterstützen, das die Sicherheit
Israels gefährden würde.
Wir müssen mit angemessener Vorsicht vorgehen.
klaren.

Darüber bin ich mir im

Aber wir müssen vorgehen.

Es ist übrigens noch kaum zwei Jahre her, da wären die Schritte, die heute
bereits getan worden sind, noch undenkbar gewesen. Wir wissen, daß Konfrontation die Differenzen größer erscheinen läßt. Aber der Prozeß der Verhandlung
umschreibt die Differenzen, definiert die Differenzen, isoliert sie von den
größeren Bereichen gemeinsamer Interessen und macht so die Klüfte, die bestehen,
überbrückbarer. Den Beweis dafür haben wir in den letzten 16 Monaten erlebt.

In

�In Camp David schmiedeten Ministerpräsident Begin und Präsident Sadat
zwei Rahmen für das Gebäude eines umfassenden Friedens.

Das Geniale dieser

Leistung besteht darin, daß die Verhandlungen innerhalb dieser Rahmen unabhängig voneinander weitergehen können, ohne jedoch die offensichtliche Beziehung zwischen ihnen zu zerstören.
Sie sind darauf angelegt, sich gegenseitig zu bestärken mit all der inneren Flexibilität, die notwendig ist, um den umfassenden Frieden zu fördern, den
wir alle wünschen.

Beide Rahmen werden nur ausgefüllt werden, wenn andere

Ihrer arabischen Nachbarn dem visionären Beispiel von Präsident Sadat folgen,
wenn sie alte Animositäten hinter sich lassen und sich bereit erklären, wie
Sie es wünschen, wie Sie es bereits mit Präsident Sadat getan haben, über eine
ehrenhafte Beilegung der Differenzen mit Ihnen zu verhandeln.
Es ist wichtig, daß die Tür zu all den am Konflikt beteiligten Parteien
offen bleibt, einschließlich der Palästinenser, mit denen Israel vor allem ein
gemeinsames Interesse hat, in Frieden und in gegenseitiger Achtung zu leben.
Der Frieden im Nahen Osten, der schon immer für die Sicherheit der gesamten
Region wichtig war, ist in den letzten Wochen ein noch dringlicheres Anliegen
geworden.
Die Sicherheit Israels wird nicht nur davon abhängen, wie die Verhandlungen
die Situation an Ihren Grenzen berühren, sondern auch davon, wie sie die Kräfte
der Stabilität und der Mäßigung jenseits Ihrer Grenzen beeinflussen.
Ich bin überzeugt, daß auf lange Sicht nichts mehr zur Schaffung einer
aufgeschlossenen Atmosphäre bei jenen entfernteren Kräften beitragen kann, als
ein gerechter Friedensvertrag zwischen Israel und Ägypten.
Die Risiken des Friedens zwischen Ihnen und Ihren ägyptischen Nachbarn
sind real.

Aber Amerika ist bereit, jedes Risiko zu verringern und alle Risi-

ken im Rahmen unserer Stärke und unseres Einflusses auszugleichen.
Ich
- 8 -

�Ich bin als Vertreter des stärksten Landes der Erde nach Israel gekommen.
Und ich kann Ihnen versichern, daß die Vereinigten Staaten von Amerika die Absicht haben, diese Macht im Sinne eines stabilen und friedlichen Nahen Ostens
einzusetzen.
.

•

•

Wir haben ein zentrales Engagement in dieser Region und wir werden politisch, wirtschaftlich und militärisch engagiert bleiben.
Freunden beistehen.

Wir werden unseren

Wir sind bereit» unsere Stärke Israel zur Seite zu stellen,

wenn Sie dies wollen, um die Sicherheit und das Wohlergehen Israels zu gewährleisten.
Wir kennen die Sorgen Israels in vielen Fragen.
um eine ausreichende Ölversorgung.

Wir kennen Ihre Sorge

Im Zusammenhang mit dem Frieden sind wir

bereit, diese Versorgung zu garantieren.
Ich habe, wie Sie wissen, unsere Nation erst vor einigen Tagen in meinem
eigenen Lande auf diese Verpflichtung neu verpflichtet. Wir wissen, daß sich
Israel Sorgen macht, daß der Preis für den Frieden mit Ägypten eine bereits
schwierige wirtschaftliche Situation noch verschärfen und noch mehr erschweren
könnte, die wesentlichen Sicherheeitserfordernisse Ihres Landes zu erfüllen.
Im Zusammenhang mit dem Frieden sind wir bereit, dafür zu sorgen, daß
die wirtschaftlichen und militärischen Beziehungen Israels zu den Vereinigten
Staaten neue, starke und bedeutsamere Dimensionen annehmen als sie bereits
existieren.
«

Wir werden nicht nur daran arbeiten, den Frieden zu erreichen, sondern
auch den Frieden zu erhalten - in der Erkenntnis, daß dies eine ständige Aufgabe unserer Zeit ist.
Wir werden uns erneut den Idealen verschreiben, die unsere Völker gemeinsam haben.

Diese Ideale sind nicht nur die Quelle unserer Stärke, sondern auch

unserer Selbstachtung als Nationen, als

Führer und als einzelne.
Ich

- 9 -

�Ich stehe heute hier um zu bekräftigen, daß die Vereinigten Staaten immer
die beiderseitigen Vorteile der Stärke und der Sicherheit Israels anerkennen,
schätzen und achten werden.

Und ich stehe hier, um meine tiefempfundene und

leidenschaftliche Hoffnung zum Ausdruck zu bringen, daß wir erfolgreich zusammenarbeiten werden, um diesen Frieden zustande zu bringen.
Der Midrasch (die jüdische Auslegung des Alten Testaments) sagt uns, und
ich zitiere:

"Frieden ist das Strohbund, das die Garbe der Wohltaten bindet."

Aber das Strohbund ist, wie wir wissen, empfindlich und leicht zu zerreißen.
Laßt uns zu Gott beten, daß er unsere Hand lenke. Millionen von Männern,
Frauen und Kindern in Israel und Ägypten und darüber hinaus in dieser Generation
und in kommenden Generationen verlassen sich auf unser Können und verlassen
sich auf unseren Glauben.
Lassen Sie mich mit den Worten eines Sabbath-Gebetes sagen: "Möge der,
der Frieden in den Höhen des Himmels regieren läßt, den Frieden auf uns herabkommen lassen, auf ganz Israel und auf die ganze Welt."

+ + + + +

- 10 -

�Dokumentation

I 1

t

International Communication Agency
Embassy of the United States of America

14. März 1979

10

ERKLÄRUNG CARTERS VOR SEINEM ABFLUG AUS ISRAEL
- Wortlaut -

TEL AVIV

- (AD) - Vor seinem Abflug aus Israel hat Präsident Carter

am 13. März 1979 eine Erklärung abgegeben, die folgenden Wortlaut hat:
Herr Präsident, Herr Ministerpräsident, Freunde,
wenn wir jetzt nach Kairo fliegen und von dort in mein eigenes Land
zurück, möchte ich Ihnen im Namen meiner Frau Rosalynn, in meinem eigenen
Namen sowie im Namen der gesamten amerikanischen Delegation unseren Dank
für die Gastfreundschaft der Regierung Israels und des israelischen Volkes
sowie für Ihre Freundlichkeit aussprechen.
Ich kam hierher im Dienste einer Sache, die uns alle verbindet
und die Israel, Ägyptern und die Vereinigten Staaten von Amerika vereint:
in der heiligen Sache des Friedens. Wir haben während der letzten drei
Tage über diese Sache gesprochen und diskutiert. Wir sprachen als Freunde
miteinander, und unsere Gespräche wurden durch die Offenheit, die Ehrlichkeit

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Tel: 02221-89 3 2 4 0
Telex:08-85432

�Ehrlichkeit und den gegenseitigen Respekt und die beiderseitige Sorge
charakterisiert, die von einer wahren Freundschaft verlangt werden.
Wir haben uns in unseren Gesprächen auf die Meinungsverschiedenheiten konzentriert, die im Prozess des Friedens immer noch zwischen
Ägypten und Israel vorhanden sind - Meinungsverschiedenheiten, die jetzt
im Vergleich zu den weitaus größeren Gebieten der Übereinkunft sehr klein
sind.
Es wurden gute Fortschritte erzielt.

Es bestehen jetzt weniger

Meinungsverschiedenheiten als vor meiner Ankunft, und die Differenzen,
die immer noch verbleiben, sind wesentlich eingeengt worden.
Gestern abend fanden weitere intensive Gespräche zwischen den Mitgliedern des israelischen Kabinetts und der Delegation der Vereinigten
Staaten über die zwei oder drei schwierigsten Fragen statt, und heute
vormittag - aufbauend auf diesen Gesprächen - konnten Ministerpräsident
Begin und ich weitere wesentliche Fortschritte erzielen.
Ich fliege jetzt nach Kairo, um mit Präsident Sadat die hier geführten Gespräche sowie den Fortschritt zu erörtern, den wir gemeinsam
erzielen konnten.
Wenn ich jetzt abreise, so möchte ich noch einmal wiederholen, was
ich gestern in der Knesset erklärt habe.
und Israel ist mehr als stark.

Die Freunschaft zwischen Amerika

Sie ist unzerstörbar.

In den letzten drei Tagen war ich zutiefst beeindruckt von den
ungewöhnlichen Zeugnissen des Glaubens und Ausharrens angesichts der
Not, wie sich Israel in seiner Geschichte darstellt.
Präsident Sadat, Ministerpräsident Begin und ich sind weiterhin

�weiterhin entschlossen, alles uns zur Verfügung Stehende einzusetzen,
um die Friedensverhandlungen zu einem erfolgreichen Abschluß zu bringen,
Wir werden es schaffen.
Ich danke Ihnen sehr.

+ + + + +

- 3 -

�Dokumentation
International Communication Agency
Embassy of the United States of America

10

14. März 1979

ERKLÄRUNG CARTERS VOR DEM ABFLUG AUS KAIRO
- Wortlaut -

KAIRO
(AD)
Präsident Carter hat am 13. März 1979 auf dem Flughafsn von Kairo nach einem längeren Gespräch mit Präsident Sadat kurz vor
seinem Abflug nach Washington folgende Erklärung abgegeben:
Ich habe eine Erklärung abzugeben, die ich für außerordentlich
wichtig halte.

Ich habe Präsident Sadat soeben einen umfassenden Bericht

über meine Gespräche in Israel gegeben.
Während dieses Besuchs haben die Vereinigten Staaten Vorschläge zur
Lösung einer Reihe noch offenstehender Probleme unterbreitet - Vorschläge,
die von Ministerpräsident Begin und seinem Kabinett angenommen wurden.
Auch Präsident Sadat hat diese Vorschläge nun angenommen.
Auf der Grundlage der Gespräche in Ägypten und Israel habe ich ferner
Präsident Sadat und Ministerpräsident Begin Vorschläge der Vereinigten

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Tel: 02221-89 32 40
Telex:08-85432

�Vereinigten Staaten für eine Lösung der noch wenigen verbleibenden Probleme
vorgelegt.
Heute früh hat Ministerpräsident Begin sich einverstanden erklärt,
diese Vorschläge seinem Kabinett zur Erörterung vorzulegen.

Das wird

so bald wie möglich geschehen.
Präsident Sadat hat all diese noch verbleibenden Probleme sorgfältig
geprüft und hat dieselben Vorschläge akzeptiert.
Ich habe soeben Ministerpräsident Begin telefonisch von der Annahme
der Vorschläge durch Präsident Sadat unterrichtet.
Ich bin überzeugt, daß wir jetzt all die Hauptkomponenten des Friedensvertrages zwischen Israel und Ägypten definiert haben, der ein Eckpfeiler
einer umfassenden Friedenslösung für den Nahen Osten sein wird.

+ + + + +

�Dokumentation
International Communication Agency
Embassy of the United States of America

10

14. März 1979

ERKLÄRUNG PRÄSIDENT CARTERS BEI SEINER RÜCKKEHR NACH WASHINGTON
- Wortlaut -

WASHINGTON

- (AD) - Präsident Jimmy Carter hat zum Abschluß seiner

Nahost-Friedensmission vom 7. bis 14. März 1979 nach seiner Rückkehr auf
dem Luftwaffenstützpunkt kurz nach Mitternacht (13. auf 14. März Ortszeit;
0630 Uhr 14. März MEZ) die Hoffnung ausgesprochen, daß der Grundstein
zu einer umfassenden Friedensregelung gelegt sei. Er hat an die führenden
Politiker in aller Welt appelliert, Ägypten und Israel in ihren Friedensanstrengungen zu unterstützen.
Die Erklärung des Präsidenten hat folgenden Wortlaut:
Ich danke für den Empfang. Ich möchte Außenminister Vance bitten,
hier neben mich auf das Podium zu kommen.
Vizepräsident Mondale, Sprecher O'Neill, Senator Bird, Mitglieder
des Kongresses - die Sie in einer so zahlreichen Gruppe hier sind Mitglieder meines Kabinetts, Freunde und Mitbürger,
Sie sehen

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D5300 Bonn2

Tel: 02221-89 32 40
Telex:08-85432

�Sie sehen einen müden aber dankbaren Mann,
Alle, die wir diese Reise unternommen haben, schätzen die Gelegenheit, die wir hatten, etwas im Dienste des Friedens zu tun.

Jetzt ist

die Reise zu Ende, und wir sind glücklich, wieder daheim in unserem
eigenen Lande, unseren geliebten Vereinigten Staaten von Amerika, zu sein.
Es ist schön, so viele vertraute und willkommene Gesichter zu sehen,
und ich möchte Ihnen danken, daß Sie mitten in der Nacht hierher gekommen
sind, um uns zu begrüßen und uns einen der besten Empfänge zu bereiten,
die ich je erlebt habe.

Ich danke Ihnen von ganzem Herzen.

Wie Sie wissen, sind wir nicht nach Ägypten und Israel gegangen, um
etwas zu bestätigen, was bereits als garantiertes Ergebnis feststand.
Wir gingen dorthin, um unseren Einfluß und unsere guten Dienste geltend
zu machen, um den Führern jener beiden großen Nationen zu helfen, entscheidende Schritte zu dem Frieden zu tun, der von den von ihnen vertretenen
Völkern so heiß ersehnt wird.
Es waren Risiken damit verbunden - viele Leute haben mich auf sie
hingewiesen - politische Risiken für mich als Präsidenten und damit
vielleicht sogar ein Risiko für das Prestige der Vereinigten Staaten.
Glücklicherweise brachte unsere Arbeit ein glückliches Ergebnis. Aber
ich möchte unterstreichen, daß die Sache auch ohne Rücksicht auf das
Ergebnis der Reise der Mühe wert gewesen wäre. Das Risiko eines Fehlschlages sollte uns niemals von dem Streben nach einem Ziel abhalten,
das es wert ist, und kein Ziel ist höher als das eines echten Friedens.
Im Kriege setzen wir unser Leben selbstverständlich aufs Spiel, und wir
dürfen bei dem Streben nach Frieden nicht weniger wagemutig, nicht
weniger standhaft sein.
Seit über 30 Jahren befanden sich die ägyptische und die israelische

�israelische Nation - die immer Nachbarn gewesen sind und immer Nachbarn
bleiben werden - in einem ständigen Stadium der Feindseligkeit.

Diese

Feindseligkeit hat sich vier Mal in einem Krieg entladen, und jeder
dieser Kriege hat Leid und Schmerz, den Verlust von Leben, erneute Furcht
und erneuten Haß und große Gefahren für die gesamte Region und darüber
hinaus für die Welt mit sich gebracht.

Aber in den letzten 16 Monaten

hat sich endlich der Weg zum Frieden eröffnet.

Als ich mich zu dieser

Reise entschied, schienen die Friedensverhandlungen - wie Sie wissen auf einem toten Punkt angekommen zu sein.

Nach viel stündigen Gesprächen

in Ägypten und Israel wurden Vorschläge zur Beilegung aller noch offenstehender Fragen ausgearbeitet.
Alle diese Fragen, bis auf zwei, sind mit Ministerpräsident Begin
und dem israelischen Kabinett bereinigt. In weniger als drei Stunden,
von jetzt an gerechnet, wird der Ministerpräsident die verbleibenden
Vorschläge dem israelischen Kabinett zur Behandlung vorlegen. Ich habe
Anweisung gegeben, mich zu wecken, wenn die Nachrichten gut sind - und
ich bin überzeugt, daß sie gut sein werden.
Wie Sie wissen,hat Präsident Sadat bereits alle Vorschläge akzeptiert.
Wir haben also jetzt die wichtigen Komponenten eines Friedensvertrages
zwischen dem größten und mächtigsten arabischen Land - Ägypten - und
seinem Nachbarn und früheren Gegner - Israel - definiert. Es mag hitzige
innenpolitische Debatten geben, bevor dieser Prozess abgeschlossen ist,
aber der daraus entstehende Vertrag kann der Eckpfeiler einer umfassenden
Lösung sein, einer Lösung, die allen Völkern, die unter dem lang andauernden Konflikt im Nahen Osten gelitten haben, die Segnungen des
Friedens bringen kann.
Die Führer Ägyptens und Israels wagen es heute, den Automatismus
von Bitterkeit und Krieg zu durchbrechen.

- 3 -

Sie folgen dem Rat des Bibel -

�Bibelspruches:

"Wenn jemands Wege dem Herrn Wohlgefallen, so macht er

auch seine Feinde mit ihm zufrieden."

Indem sie den Frieden wählen, machen

sich Präsident Sadat und Ministerpräsident Begin zu einer Reise ins Ungewisse auf, aber sie wissen, daß die Vereinigten Staaten von Amerika an
ihrer Seite stehen werden, wenn sie damit beginnen, den Frieden zu einer
lebendigen Wirklichkeit für ihre eigenen Völker werden zu lassen.
Ich bin dankbar, daß die Freundschaft zwischen ihren Ländern, beiden
Ländern, und den Vereinigten Staaten jetzt noch stärker werden wird, da
selbst unsere beiden Freunde miteinander befreundet sind.

Durch private

Botschaften und öffentliche Erklärungen - viele dieser Botschaften wurden
von der Air Force One (dem Flugzeug des Präsidenten) auf der Rückreise
von Ägypten ausgesandt - appelliere ich an alle anderen Führer der Welt,
das zu unterstützen, was Ägypten und Israel getan haben, denn es bietet
Hoffnung für alle, die den Frieden überall auf der Welt lieben.
Meine Freunde, lassen Sie mich Ihnen erneut danken, daß Sie zu unserer
Begrüßung gekommen sind.

Ich glaube, Gott hat unsere Gebete erhört.

+ + + + +

- 4 -

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                    <text>14. März 1984

11
I N H A L T

DOKUMENTATION
Präsident Reagan:

USA bleiben den NATO-Zielen weiterhin verpflichtet

- Erklärung zum 35. Jahrestag der NATO Weinberger:

Abzug amerikanischer Truppen würde freie Welt ernsthaft

schwächen
- Auszüge aus einem EURONET-Fernsehinterview Das transatlantische Verhältnis - Eine langfristige Perspektive
- Von Lawrence Eagleburger -

HINTERGRUNDMATERIAL
El Salvador und Nicaragua:

Unterschiedliche Einstellung zur Wahl

WISSENSCHAFT UND TECHNIK
Leistungsfähigere Mikrochips

Um Über/endung von
Belegexemplaren
wird gebeten

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Dokumentation
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14. März 1984

11

PRÄSIDENT REAGAN: USA BLEIBEN DEN NATO-ZIELEN WEITERHIN VERPFLICHTET
Erklärung zum 35. Jahrestag der NATO -

WASHINGTON - (AD) - In einer am 7. März 1984 in Washington erlassenen
Proklamation gedachte Präsident Reagan des 35. Jahrestages der Gründung des
Nordatlantischen Bündnisses und unterstrich darin vor allem die Tatsache, daß
es "einen Krieg zwischen der NATO und dem Warschauer Pakt verhindert und die
längste Zeit des Friedens und des Wohlstands in der modernen Geschichte ermöglicht" hat.
Die Erklärung hat folgenden Wortlaut:
Vor 35 Jahren - am 4. April 1949 - wurde in Washington der Nordatlantikvertrag unterzeichnet.

Das NATO-Bündis

- geschaffen im Gefolge des zer-

störerischsten aller Kriege, die die Welt je erlebt hatte - repräsentiert die
lebende Verpflichtung der Nationen des Westens zu Verteidigung von Demokratie
und Freiheit des einzelnen.

Durch diese Art der Vereinigung zwischen Europa

und Nordamerika hat es über dreieinhalb Jahrzehnte hinweg einen Krieg zwischen der NATO und dem Warschauer Pakt verhindert und die längste Zeit des
Friedens und Wohlstands in der modernen Geschichte ermöglicht.
Dieser Erfolg

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�Dieser Erfolg war nicht ohne Anstrengung möglich.

Während seines bis-

herigen Bestehens war das NATO-Bündnis immer wieder von der militärischen
Macht und den politischen Ambitionen der Sowjetunion herausgefordert.

Und

doch standen die Staaten des Bündnisses in jedem dieser Jahrzehnte zusammen,
um durch ihre gemeinsame Stärke und Entschlossenheit den Frieden zu bewahren.
Auf der Grundlage dieser Stärke und Einheit haben die Staaten des Bündnisses
zudem die Initiative dabei ergriffen, konstruktivere Beziehungen zur Sowjetunion anzustreben.
über die Jahre hinweg wuchs die NATO über ihre ursprünglichen 12 Mitglieder hinaus und umfaßt nunmehr auch Griechenland, die Türkei, die Bundesrepublik Deutschland und - seit jüngster Zeit - Spanien.

Sie hat die Fähig-

keit bewiesen, sich den veränderten politischen und sicherheitspolitischen
Herausforderungen anzupassen und die sich wandelnden Bedürfnisse ihrer Mitglieder zu befriedigen.

Die Verpflichtung des Bündnisses zu kollektiver

Sicherheit wurde bei gleichzeitiger und umfassender demokratischer Achtung
vor der souveränen Unabhängigkeit eines jeden Mitglieds beibehalten.
Ich verpflichte mit Stolz die Vereinigten Staaten erneut auf die Ideale
und Verantwortlichkeiten unseres Bündnisses. Im Mai werden die Vereinigten
Staaten in Washington Gastgeber des Frühjahrstreffens der NATO-Außenminister
sein. Dies wird eine besondere Gelegenheit sein, den 35. Jahrestag unseres
gemeinsamen Unterfangens zu begehen und über die künftigen Herausforderungen
nachzudenken, vor denen die transatlantische Partnerschaft stehen wird. Ich
rufe den Kongreß und das Volk der Vereinigten Staaten dazu auf, sich mir im
Ausdruck unserer Unterstützung für eine Verbindung anzuschließen, die uns
über die Jahre hinweg so gut gedient hat und die auch weiterhin für unser
künftiges Wohlergehen von entscheidender Bedeutung sein wird.
Daher lenke ich, Ronald Reagan, Präsident der Vereinigten Staaten von
Amerika, die Aufmerksamkeit der Nation auf diesen 35. Jahrestag der Unterzeichnung des Nordatlantikvertrags und rufe die Gouverneure der Bundesstaaten
und die Vertreter der kommunalen Behörden auf, während dieses Gedenkjahres

- 2 -

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des Härz,. Jahre unseres „err„ 1 „

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Zum Zeugnis dessen habe ich dies? p , n n a m , f

der Vereinigten Staaten von Amerika.

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�Dokumentation

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14. März 1984

11

WEINBERGER: ABZUG AMERIKANISCHER TRUPPEN WÜRDE FREIE WELT
ERNSTHAFT SCHWÄCHEN
- Auszüge aus einem EURONET-Fernsehinterview -

WASHINGTON - (AD) - Der amerikanische Verteidigungsminister Caspar
Weinberger hat am 8. März 1984 mit Nachdruck unterstrichen, daß ein Abzug
amerikanischer Truppen aus Europa zu einer ernsthaften Schwächung der freien
Welt fuhren würde.

Er traf diese Feststellung in einem vom US-Informations-

amt (USIA) organisierten Interview (EURONET), das mittels Satellit acht europäische Hauptstädte und Washington verband.

Neben NATO-Fragen wurden auch

die strategische Verteidigungsinitiative, die Wiener MBFR-Gespräche, die
sowjetischen SALT-Verletzungen, die Situation im Persischen Golf sowie andere verteidigungspolitische Themen angesprochen.
Die Teile des Interviews, die NATO-Fragen, die strategische Verteidigungsinitiative sowie den Persischen Golf betrafen, haben folgenden Wortlaut:
FRAGE: Ich

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�FRAGE:

Ich würde gerne wissen, inwieweit Sie mit den Ansichten parallel

laufen, die kürzlich US-Staatssekretär Eagleburger darlegte und mit denen er
bestimmte Aspekte europäischer Politik kritisierte, die das Bündnis aufzulösen drohten; und was halten Sie von den Ansichten Dr. Kissingers, der praktisch sagte, die amerikanischen Truppen in Europa sollten drastisch verringert werden?
ANTWORT:

Ich stimme keiner dieser beiden Erklärungen zu.

Was Staats-

sekretär Eagleburger meiner Meinung nach sagte, war, daß es in vielen europäischen Staaten eine starke Strömung in der öffentlichen Meinung gibt, die
große Vorbehalte hinsichtlich der Notwendigkeit zum Ausdruck bringt,

eine

angemessene Abschreckung gegen die Streitkräfte zu unterhalten, welche die
Sowjetunion dislozieren kann.
Ich habe jedoch nicht gesehen, daß diese Ansicht auch von den europäischen
Regierungen oder gar den Verteidigungsministern geteilt würde.

Ich glaube,

es gibt immer Teile der öffentlichen Meinung, die lieber nicht die sehr schwere Aufgabe übernehmen würden, unsere Länder durch den Aufbau einer ausreichenden Abschreckungsstreitkraft zu verteidigen.

Das gibt es auch bei uns in den

Vereinigten Staaten.
Was Henry Kissingers Argument hinsichtlich der Verringerung der amerikanischen Truppenstärke in Europa angeht, so würde ich ganz sicher hier anderer
Meinung sein. Denn das würde nur die Sowjets dazu ermutigen, zu glauben, sie
könnten einen erfolgreichen Angriff unternehmen. Und dies würde für uns alle
nicht nur eine viel gefährlichere Welt bedeuten, sondern uns weit rascher in
einen Konflikt treiben.
Amerika kann nicht in einer Welt leben, in der Europa überrannt werden
kann, und unser Interesse an einer Verteidigung und an einer Hilfe zur Verteidigung Europas ist praktisch identisch mit unserem Interesse daran, uns
selbst zu verteidigen.
FRAGE:

Eine

�FRAGE:

Eine Frage zur sogenannten "strategischen Verteidigungs-Initia-

tive" Ihrer Regierung.
re -:

In einem kürzlichen Interview sagten Sie - ich zitie-

"Und ich kann mir keinen destabilisierenderen Faktor für die Welt vor-

stellen als den, daß die Sowjets eine voll verläßliche Verteidigung gegen Raketen haben, bevor uns dies gelingt."

Nun könnte ich mir vorstellen, daß Herr

Ustinow, Ihr sowjetischer Kollege, auf eine solche Frage das gleiche antworten würde.

Bedeutet dies nicht:

Um ein Wettrüsten zu verhindern und um die

Abschreckung stabil zu halten, müßten solche Initiativen für eine strategische
Verteidigung dann nicht in enger Zusammenarbeit mit der Sowjetunion ergriffen
werden?

ANTWORT:

Nun, die strategische Verteidigungs-Initiative dürfte durch-

aus in enger Zusammenarbeit mit der Sowjetunion durchgeführt werden - und
nicht einmal so sehr aus freien Stücken, sondern weil die Sowjets schon so
viel länger daran arbeiten und bereits beträchtliche Fortschritte erzielt
haben.

Und die von Ihnen zitierte Erklärung zielte darauf ab, daß wir eine

schrecklich destabilisierende Situation hätten, würden sie es zuerst bekommen, denn sie haben eine Strategie - nach all dem, was sie publizieren, nach
all ihren Waffensystemen, nach all ihren Handlungen, nach den Schritten bei
der Härtung ihrer Silos, bei ihrer Zivilverteidigung -, die auf einen Erstschlag hindeuten läßt.

Wir haben eine solche nicht.

Eine solche Weltanschau-

ung plus strategischer Verteidigungs-Initiative, bevor wir eine haben:

Dies

wäre schrecklich destabilisierend.

Was der Präsident möchte, ist, daß wir weiterarbeiten und den Versuch
machen, eine strategische Verteidigung zu entwickeln und zu dislozieren - wir
wissen nicht, ob es uns gelingt -, die unter allen Umständen absolut verläßlich wäre, denn all dies wäre etwas, was die Sowjets ebenfalls - oder in Kürze - hätten - und somit wäre es durchaus möglich, daß wir uns darin teilten.

Würde man das tun, so könnte man die Drohung dieser Atomraketen beseitigen, dieser Interkontinentalraketen, dieser Mittelstreckenraketen - man
könnte all diese Drohungen aus der Welt schaffen, diesen Schatten, der über

- 3 -

�der über der Welt hängt.
Dagegen gibt es eine Menge Opposition - die sich zumeist auf konventionelle Überlegungen stützt, darauf, daß es besser sei, Menschen zu zerstören als
Waffen.

Der Präsident nun meint, es sei besser, unser Volk zu schützen, wie

alle Völker der Welt - und nicht einfach nur den Versuch zu machen, sie zu
rächen.
Aber wir geben in keinster Weise unsere Abschreckung auf, unsere Versuche, das strategische Abschreckungsäquivalent zu erlangen, das wir brauchen,
während wir den Versuch machen, diese strategische Verteidigung zu entwickeln.
FRAGE:

Bei der laufenden Debatte über die künftige Rolle des Bündnisses

hat der frühere Außenminister Kissinger einige interessante, wenn auch kontroverse Thesen aufgeworfen.

Ich möchte mich auf eine davon konzentrieren.

Sollte die Rolle des Bündnisses nicht auf die Verteidigung Europas und
Nordamerikas beschränkt bleiben, oder sollte die Rolle der NATO in den neunziger Jahren die globale Verteidigung der Interessen der westlichen Demokratien in der ganzen Welt sein?
Nun ist die derzeitige politische Einstellung der kommunistischen Parteien und der linksgerichteten Sozialisten in mehreren NATO-Staaten die folgende: "Wir unterstützen loyal das Bündnis - aber nur für die Verteidigung
Europas." Mit anderen Worten: Sie wollen freie Hand dabei haben, die Revolution in Asien, im Nahen und Mittleren Osten, in Afrika und in Lateinamerika
zu unterstützen.
Dies hat die Politik vieler NATO-Regierungen stark beeinflußt - nicht
nur in Südeuropa.

Deshalb stehen wir hier vor einem Dilemma.

Wenn wir die

Rolle des Bündnisses umdefinieren als weltweite Verteidigung freier Nationen
gegen den Totalitarismus - wie wir dies wahrscheinlich tun sollten -, dann
werden wir viele Regierungen in NATO-Staaten innenpolitisch in überaus große

- 4 -

�überaus große Schwierigkeiten bringen.

Wo sehen Sie deshalb, Herr Minister,

hier einen Ausweg?
ANTWORT:

Nun, ich glaube, wir müssen uns zunächst einmal daran erin-

nern, daß die große Stärke der NATO in ihrer Einigkeit liegt - wie sie dies
ja auch immer wieder demonstriert hat, etwa erst im vergangenen Jahr, als sie
trotz gewaltigen Druckes bei ihrer so notwendigen Entscheidung blieb, in Reaktion auf die sowjetischen SS-20-Raketen ein Gegengewicht zu dislozieren.
Daß die Hauptaufgabe der NATO darin besteht, Europa zu verteidigen, wird,
wie ich glaube, niemand bestreiten.
man Europa am besten verteidigt.

Was wir uns überlegen müssen, ist, wie

Und ich glaube, was Kissinger kürzlich mein-

te,war, daß man manchmal darüber nachdenken sollte, wie Europa am besten verteidigt werden kann, wie die Freiheiten am besten verteidigt werden können,
die wir alle so schätzen und die in der Sowjetunion nicht existieren, nämlich
mit der, wie wir es im Militärjargon nennen, "Vorne-Verteidigung".

Das heißt,

wie ich es sehe, beispielsweise, daß die NATO außerordentlich an den Folgen
eines sowjetischen Handelns interessiert sein muß, das darauf hinauslaufen
könnte, dem Westen den Zugang zu den ülfei d e m zu verwehren.
Das soll nicht heißen, daß die NATO-Truppen im Nahen Osten oder sonstwo stationieren sollte.

Aber es soll heißen, daß die NATO Planungen vorneh-

men sollte für mögliche Aktivitäten außerhalb des Vertragsgebietes, die sich
auf die Verteidigung Europas richteten, aber auf eine wirksamere Verteidigung
Europas als einfach entlang der Grenzen der europäischen Länder, die der NATO
angehören.
Ich meine, wir müssen uns einfach überlegen, welches die wirkungsvollste
Methode ist, Europa zu verteidigen und die Freiheit zu verteidigen.

Und wir

in den Vereinigten Staaten sind uns durchaus bewußt, daß die Verteidigung
Europas nicht nur von entscheidender Bedeutung für Europa selbst, sondern
auch von entscheidender Bedeutung für die Verteidigung der Vereinigten Staaten und für die Verteidigung der Freiheit ist.
Was Kissinger

�Was Kissinger also nach meiner Meinung sagen wolllte - und ich freue
mich, daß Sie einen Teil seiner Ausführungen zitiert haben, mit dem ich zumindest grundsätzlich einverstanden sein kann -, ist:
Europa verteidigen.

Jawohl, wir müssen

Aber wo verteidigt man Europa am besten?

wir uns doch alle möglichen Wege der Verteidigung überlegen.

Und wollen
Das ist genau

das, was wir der NATO klarzumachen versuchen, daß man vielleicht gelegentlich
sich überlegen muß, vielleicht sogar planen muß, etwas außerhalb des NATO-Gebietes zu tun, um Europa wirksamer verteidigen zu können.
FRAGE:

Die Sowjetunion hat gestern die Vereinigten Staaten beschuldigt,

durch die Dislozierung dieser Flotte im Persischen Golf den internationalen
Frieden zu gefährden.

Glauben Sie, daß eine wirkliche Möglichkeit besteht,

daß es zu einer amerikanischen Intervention im Golf kommt?
ANTWORT: Zunächst einmal kann man bezüglich der sowjetischen Erklärung
sagen, daß sie etwas Erheiterndes hat, denn die Sowjets haben selbstverständlich Schiffe in diesem und um dieses ganze Gebiet, und das seit vier Jahren.
Es handelt sich um internationale Gewässer, und unser Interesse und unsere
Maßnahmen, von denen wir gesprochen haben, sind Maßnahmen, die einfach dazu
dienen sollen, diese internationalen Gewässer offen zu halten - frei für die
Schiffahrt aller Nationen. Das ist immer unsere Politik gewesen und wird
weiterhin unsere Politik sein. Das sind unsere Interessen im Nahen und Mittleren Osten, und das sind die gleichen Interessen, wie sie die Sowjetunion
hat oder haben sollte.
Aber die Maßnahmen, die notwendig sind, um internationale Gewässer generell offen zu halten, bestehen darin, sicherzustellen, daß niemand sie
vermint oder sie zu sperren versucht.

Und das, was wir zu tun gedenken und

zusammen mit unseren Verbündeten besprechen, wären Maßnahmen, die notwendig
sind, um sicherzustellen, daß diese Gewässer offen bleiben und Zugang zu den
ölfeldern besteht, die von entscheidender Bedeutung für den Fortbestand des
Westens sind.
FRAGE:

- 6 -

Es hat

�FRAGE:

Es hat

in letzter Zeit einige Vorschläge gegeben, daß die euro-

päischen Länder sehr viel mehr für die gemeinsame Verteidigung der NATO tun
sollten.

Stimmen Sie dem zu, und wenn ja, was sollten diese Länder nach ihrer

Meinung tun, was sie jetzt nicht tun?
ANTWORT: Ich meine, wir sollten alle mehr tun - die Vereinigten Staaten
und alle NATO-Mitglieder. Ich glaube, die Regierungen und die Verteidigungsminister aller NATO-Mitglieder sind sich darüber einig. Das Problem besteht
natürlich darin, die Öffentlichkeit zu überzeugen und ihre Unterstützung zu
gewinnen.
Was wir tun sollten? Nun, ich glaube, wir sollten unsere konventionellen
Streitkräfte stärken. Ich meine, wir sollten darauf hinarbeiten, eine besser
ausgewogene Abschreckung zu erreichen, weil es, wie ich bereits gesagt habe,
für uns alle sehr viel gefährlicher würde, wenn das Gleichgewicht so sehr aus
den Fugen gerät und die Sowjets anfangen, sich die Vorstellung zu machen, daß
sie gar nicht vor Angriffen abgeschreckt würden, weil sie eine Schwäche des
Westens zu erkennen glauben.
Aber ich glaube, die Stärkung unserer konventionellen Streitkräfte, die
Verbesserung ihrer Einsatzbereitschaft, sie so zu modernisieren, wie die Sowjets
es getan haben, das sind alles Dinge von wesentlicher Bedeutung.
Das andere, was wir natürlich tun könnten, ist, so geduldig, nachdrücklich und gekonnt wie nur möglich an einer großen Verringerung der Waffen zu
arbeiten, damit wir diese Abschreckung auf einem sehr viel niedrigeren Stand
aufrechterhalten könnten. Aber das ist natürlich schwierig zu erreichen, wenn
die Verhandlungssäle verlassen sind und wenn uns niemand auf der anderen Seite
des Tisches gegenübersitzt. Aber wir wollen weiterhin solche Verhandlungen.
Aber in der Zwischenzeit müssen wir meiner Überzeugung nach unsere Verteidigungs- und Abschreckungsstärke erhalten, und das ist, wie ich betonen
möchte, keineswegs nur die Aufgabe von Europa allein.

- 7 -

Es ist eine Aufgabe,

�eine Aufgabe, die uns allen gestellt ist, und das schließt sicherlich auch
die Vereinigten Staaten ein.
FRAGE:

Die NATO hat beschlossen, in Westeuropa 572 neue Flugkörper zu

stationieren.

Wenn wir einmal davon ausgehen, daß es wieder Verhandlungen

mit der Sowjetunion geben wird - da es jetzt ungewiß ist, ob die Sowjetunion
an den Verhandlungstisch zurückkehren wird -, glauben Sie, daß das Bündnis
dann an dem, wie wir sagen, Minimum von 572 festhalten sollte, oder sollte
es die Zahl verringern, um eine Wiederaufnahme der Verhandlungen zu erleichtern?
ANTWORT:

Ich kann nicht sehen, wie eine Verringerung der Zahl oder

eine Einstellung der Dislozierungen eine Wiederaufnahme der Verhandlungen
erleichtern könnte.

Ich glaube, wir sollten an dem ursprünglichen Plan der

NATO festhalten; aber ich meine auch, daß wir immer wieder betonen sollten,
wie es unsere Politik ist, daß wir nicht nur bereit, sondern sehr interessiert sind, die Verhandlungen wiederaufzunehmen.

Wenn es den Sowjets gelänge,

die Dislozierungen aufzuhalten, indem sie einfach den Verhandlungstisch verlassen, dann hätten sie eine Situation erreicht, in der sie es mit keinerlei
Abschreckung mehr vor der Dislozierung ihrer Waffen zu tun hätten.

Die Dis-

lozierung der SS-20-Raketen ist übrigens während all dieser Gespräche, all
dieser Verhandlungen weitergegangen; sie ist bis auf den heutigen Tag weitergegangen, und heute sind über 380 dieser Waffen disloziert, und jede hat drei
Gefechtsköpfe.
Aber wenn wir, wenn der Westen seine sehr bescheidenen Gegenmaßnahmen
gegen diesen gewaltigen Aufmarsch an Mittel Streckenwaffen einstellt, dann
hätte das, wie ich meine, keinerlei Einfluß darauf, ob sie (die Sowjets) an
den Konferenztisch zurückkehren oder nicht.
geplanten Dislozierungen fortsetzen.

Ich meine, wir sollten unsere

Aber ich hoffe trotzdem sehr, daß die

Sowjets an den Verhandlungstisch zurückkehren und sich einige der Vorschläge
des Präsidenten anhören werden.
Wie Sie

�Wie Sie sich erinnern, ist der erste W ^ C M
PräSldenten
wir heute noch sind, der gewesen daß u
'
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gewesen, daß auf beiden Seiten Null sein sollt»
wenn d,. Sowjets de» zusti«en werden, dann würden wir gern
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was wir bereits disloziert haben, und jede „eitere Disl
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Un
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Wenn s e . , „ . gleichen Stand von 200 oder 300 Z usti r a e n wolle
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e l n e m derer ,gen Vorschlag, dann würden wir gerne darüber
handeln - aber i-er mit de» Ziel der idealen Null-Option

+ + + + +

- 9-

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14. März 1984

11

DAS TRANSATLANTISCHE VERHÄLTNIS - EINE LANGFRISTIGE PERSPEKTIVE
- Von Lawrence Eagleburger -

Der Staatssekretär für politische Angelegenheiten im amerikanischen Außenministerium,
Lawrence Eagleburger, hat am 7. März 1984
in Washington vor dem amerikanischen Zeitungsverlegerverband (National Newspaper
Association) eine programmatische Rede über
das Verhältnis zwischen den Vereinigten
Staaten und Europa gehalten, die folgenden
Wortlaut hat:

Vor einigen Wochen habe ich, wie manche Leute meinen, den Fehler gemacht,
vor einem Auditorium laut über die Herausforderungen des transatlantischen
Verhältnisses für den Rest des zwanzigsten Jahrhunderts nachzudenken. In
Presseberichten wurden meine frei gesprochenen Bemerkungen als Kritik an unseren westeuropäischen Verbündeten bezeichnet, was wiederum zu einer Fülle
negativer Bemerkungen einer Reihe von hohen europäischen Regierungsvertretern
und sogar ein oder zwei Oppositionspolitikern bezüglich meiner Intelligenz,
Urteilskraft und Erfahrung geführt hat.

In einem der freundlicheren Kommentare

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�freundlicheren Kommentare bemerkte (die französische Zeitung) Le Monde,
ich hätte "nicht einmal die Ausrede, einer dieser Kalifornier zu sein".
Und deshalb möchte ich es heute noch einmal versuchen.

Meine Absicht

ist, die Herausforderungen - und ich glaube, daß es welche gibt - der Fortsetzung eines starken transatlantischen Verhältnisses für den Rest des zwanzigsten Jahrhunderts zu untersuchen.

Ich vertrete nicht die These, daß das

Nordatlantische Bündnis heute in einer Krise steckt.

Ich gehe davon aus,

daß die letzten 15 Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts Jahre eines wesentlichen, vielleicht tiefgreifenden Wandels sein werden und daß es jetzt für
jene, die wie ich daran glauben, daß eine starke transatlantische Partnerschaft für die Aufrechterhaltung von Frieden und Stabilität wesentlich ist
und bleibt, an der Zeit ist, sich zusammen darüber klar zu werden, was sich
voraussichtlich ändern wird und wie wir diese Veränderungen am besten verkraften können.
Das Problem, wie ich es sehe, ist folgendes: Das Atlantische Bündnis
ist und bleibt unser wichtigstes politisches und sicherheitspolitisches Interesse. Jedoch werden in den kommenden Jahrzehnten die Gebote unserer globalen Außenpolitik in zunehmendem Maße unsere Aufmerksamkeit, unsere Zeit und
unseren Einfallsreichtum erfordern. Wir können, wie ich glaube, weiterhin
von einer nicht wankenden amerikanischen Verpflichtung zur Verteidigung Europas ausgehen. Wir können ebenso von der Fortsetzung einer europäischen Verpflichtung zu unseren Bündnispartnern ausgehen. Wovon wir jedoch nicht ausgehen können - oder zumindest sollten - ist, daß Regierungen auf der einen
oder anderen Seite des Atlantik sich immer bereitwillig veränderten Umständen anpassen werden. Sicherlich wird eine Anpassung vorgenommen, aber wie
zureichend und wie leicht diese Anpassung vorgenommen wird, wird ganz wesentlich davon abhängen, wie bald der Westen - kollektiv - begreift, daß neue
Zeiten anbrechen.
Engere amerikanische

- 2 -

�Engere amerikanische Beziehungen zu Asien

Lassen Sie mich mit der Beschreibung einiger der wichtigen Veränderungen
beginnen, mit denen ich in den kommenden Jahren rechne.

Einige sind einfach

und liegen auf der Hand; andere sind nicht so einfach und nicht so leicht zu
erkennen.

Demographische Veränderungen in den Vereinigten Staaten sind bei-

spielsweise leicht erkennbar.

Wir haben seit 1819 eine pazifische Küste, und

seit unserer ersten Volkszählung hat sich unser

demographischer Mittelpunkt

nach Westen verlagert - ein Prozeß der anhalten und auch eine anhaltende Verlagerung unseres politischen Schwerpunktes mit sich bringen wird.

Aber selbst

diese Tatsache läßt die Bedeutung unserer Westküste nicht voll erkennen.

Kali-

fornien beispielsweise hätte, wenn es ein unabhängiger Staat wäre, eines der
höchsten Bruttosozialprodukte der Welt.

Wachsende, dynamische Städte wie Los

Angeles oder San Diego, das Gebiet der Bucht von San Franzisko, Seattle und
Portland fordern die Städte der Ostküste, wie New York, Bosten, Philadelphia
und Baltimore, als Handelszentren heraus oder übertreffen sie.

Ebenso logisch ist, daß das wirtschaftliche und handelspolitische Wachstum
unserer Westküste für uns die Bedeutung eines Teiles der Welt erhöht, der mit
den heutigen Kommunikationsmitteln praktisch vor unserer Haustür liegt.

Dabei

ist die jüngste Geschichte der pazifischen Wirtschaftsdynamik keineswegs nur
ein amerikanisches Phänomen.
den blühendsten der Welt.

Die Volkswirtschaften Asiens gehören heute zu

Japans Autos, Stahl und elektronische Geräte wer-

den in der ganzen Welt verkauft.

Dynamische Marktwirtschaften in den ASEAN-

Ländern, in Südkorea, Taiwan und Hongkong stellen Qualitätserzeugnisse zu
Preisen her, die es ihnen ermöglichen, auf den Weltmärkten zu konkurrieren.
Wenn China seine Wirtschaft der Welt öffnet, bietet es ein gewaltiges Potential.

Es wurde wenig bemerkt, obwohl es eine bemerkenswerte Tatsache ist, daß
wir seit 1978 mit dem Pazifischen Becken mehr Handel getrieben haben als mit
Europa:

Im Jahr 1982 betrug allein der Unterschied rund 13 Milliarden Dollar.

Die Volkswirtschaften Amerikas und Japans bringen allein rund ein Drittel des
Bruttosozialproduktes der Welt auf.

Im vorigen Jahr war Japan - nach Kanada -

- 3 -

�nach Kanada - der zweitgrößte Abnehmer amerikanischer Waren - und dabei nur
einer von mehreren immer wichtiger werdenden asiatischen Handelspartnern.
Darüber hinaus treten die Vereinigten Staaten und Japan - zumindest für
die nächste Zukunft - als die beiden wichtigsten Akteure auf dem Gebiet der
hochtechnologischen Entwicklung hervor - ein Gebiet, das für die schnelle
wirtschaftliche Entwicklung und Prosperität in den kommenden Jahren von entscheidender Bedeutung sein dürfte. Wenn wir in das einundzwanzigste Jahrhundert eintreten werden, dann dürften die Vereinigten Staaten und Japan entweder die größten wirtschaftlichen Konkurrenten oder die wichtigsten wirtschaftlichen Partner sein.
Wir werden in den kommenden Jahren vor der Herausforderung stehen, institutionelle Bindungen mit asiatischen Freunden zu schaffen, die ihren und
unseren Ansprüchen genügen.

Diese Bindungen werden nicht mit denen identisch

sein, die wir mit unseren europäischen Freunden geschmiedet haben, da sie die
Unterschiede in den Beziehungen erkennen lassen werden.

Engere Beziehungen

zu Asien können beispielsweise nicht das gleiche sein wie unser breites historisches Verhältnis zu Europa. Aber unsere zunehmend gemeinsamen wirtschaftlichen, politischen und sicherheitspolitischen Anliegen in Asien werden mit
ziemlicher Sicherheit die Schaffung neuer institutioneller Vereinbarungen mit
sich bringen, um diese Anliegen wirksamer bewältigen zu können.

Bewahrung der amerikanisch-europäischen Partnerschaft
Ich habe bereits erwähnt, daß einige Veränderungen - wie etwa in der
Demographie der Vereinigten Staaten - unschwer erkennbar und ihre Folgen auch
relativ leicht abschätzbar sind. Andere wiederum liegen nicht derart zutage.
So kann man die Natur der transatlantischen Beziehungen über die nächsten 15
Jahre hinweg zu diesem Zeitpunkt nur umrißhaft ausmachen.
Das NATO-Bündnis, das im nächsten Monat seinen 35 Jahrestag begeht, hat

�begeht, hat dadurch in Europa über eine Generation lang den Frieden bewahrt
- allein dies schon in der europäischen Geschichte des zwanzigsten Jahrhunderts ein außergewöhnliches Phänomen -, daß Freund wie Feind immer wieder
darauf hingewiesen wurden, daß wir einen Angriff auf unsere Freunde als einen
Angriff auf uns selbst betrachten.

Diese Verpflichtung wurde erst kürzlich

von Präsident Reagan erneut bestätigt, indem in Einklang mit unseren Verbündeten eine neue Generation nuklearer Mittelstreckenraketen disloziert wurde,
die die Kette der Abschreckung vervollständigen und zugleich sicherstellen
wird, daß die Sicherheit Westeuropas auch weiterhin mit unserer eigenen verkoppelt bleibt.
Ich muß hier unterscheiden, daß die amerikanische Einsicht, wonach die
Verteidigung Westeuropas zugleich auch die Verteidigung unseres eigenen Landes darstellt, einen revolutionären Wandel in unserer Außenpolitik darstellte.

Sie war zunächst nicht ein Faktum, mit dem die Amerikaner völlig ein-

verstanden waren.

Für viele - wie mich selbst -, die im Mittleren Westen

aufgewachsen waren, bedeutete es, daß unser Schicksal und unser Gefühl für
persönliche und nationale Sicherheit unwiderruflich von weit über unsere natürlichen Grenzen hinausreichenden Entwicklungen mitbestimmt würde.

Dieses

Faktum hat sich als das grundlegende Bindeglied zwischen den Vereinigten
Staaten und Europa erwiesen.
In der Geschichte des Bündnisses gab es in periodischen Abständen Krisen hinsichtlich der Frage, wie unsere beiderseitige Sicherheit erhöht werden
könne; und es wird davon sicherlich in Zukunft gleichfalls welche geben.
So dürfte es zwischen uns und diesem oder jenem unserer europäischen Verbündeten Meinungsverschiedenheiten darüber geben, wie denn nun genau diese
Bande verkoppelt oder verstärkt werden könnten - aber die entscheidende Prämisse, wonach der Frieden in der westlichen Welt unteilbar ist, wurde zu keiner Zeit in Frage gestellt. Und gleich, welches Waffensystem auch immer
installiert werden mag: Es kann kein Ersatz für diese fundamentale Tatsache
sein.
Aber Europas

�\

s
Aber Europas Bedeutung für uns geht über unsere Sicherhei\sbedürfnu.se
allein hinaus. Wir teilen auch eine Kultur, eine Geschichte unwahrere
Sprachen.

Ideen überqueren den Atlantik in beiden Richtungen so r&gt;v:h, da!.1.

es schwer ist auszumachen, auf welcher Seite ihr Ursprung zu findensvvt.

V

v\

Schließlich gibt es da noch den politischen Aspekt unserer transatlantischen Kultur.

Es mag Variationen in unseren Regierungssystemen geben,

\\

aber die Nationen Westeuropas sind genau wie wir den Grundsätzen liberaldemokratischer Prägung verpflichtet, die die Freiheit und Würde des Einzel-

\s
Sj.

menschen sichern und eine Regierung auf der Grundlage der Zustimmung durch
das Volk garantieren. Wir haben diese Werte von Westeuropa übernommen, und
wir haben zu ihrem überleben und zu ihrer Lebensfähigkeit in einer oftmals
feindlichen Umwelt beigetragen.
Europa und die Europäer hatten - und haben noch immer - einen entscheidenden Einfluß auf unser politisches Denken. Und hier kommen wir auf die
Bedeutung des transatlantischen Dialoges zurück. Obgleich unsere Diplomatie
niemals unsere europäischen Freunde gänzlich zufriedenstellen kann - wie die
ihre auch aus unserer Sicht es nicht tun kann -, so ist der europäische Einfluß auf unsere Außenpolitik doch weit tiefgreifender, als dies gemeinhin
den Eindruck hat. Dies hat insgesamt über die Jahre hinweg zu einer weit
nuancierteren, weit durchdachteren Methodik unsererseits geführt, als dies
je der Fall gewesen wäre, wären wir voll und ganz auf uns allein gestellt
gewesen. Es ist dies ein Einfluß, der sich am wirkungsvollsten hinter verschlossenen Türen bemerkbar machte - beim NATO-Rat, beim jährlichen Gipfeltreffen der sieben Staaten, bei den regelmäßigen Treffen zwischen dem amerikanischen Präsidenten und europäischen Regierungschefs sowie bei der Vielzahl
von Treffen zwischen amerikanischen und europäischen Regierungsmitgliedern,
die nahezu täglich stattfinden. Es ist dies ein Prozeß, der deshalb funktioniert, weil wir auf der Grundlage gemeinsamer Werte und Ziele, gemeinsamer
Interessen und Hoffnungen sowie gemeinsamer Gefahren und Opfer tätig sind.

Dies ist

�Dies ist ein kostbares Kapitel - eine einzigartige Quelle für die transatlantische Partnerschaft, die Amerikaner wie Europäer zu bewahren suchen
müssen für die kommenden Generationen.

Und da ich der Meinung bin, daß wir

in den achtziger und neunziger Jahren Gefahr laufen, manches von dieser Vertrautheit zu verlieren, so ist jetzt und hier die Zeit gekommen, darauf zu
achten, daß sie bewahrt wird.

Ich sage "jetzt und hier", obwohl das Bündnis

- wie ich schon erwähnt habe - derzeit nicht in einem Zustand der Krise ist.
Ja, das Gegenteil ist wahr:

Wir haben die meisten der schwierigen Fragen

zwischen uns im vergangenen Jahr überlebt, überwunden und gelöst - und das
Klima der Beziehungen ist derzeit herzlich und leistungsfähig.

Meinungsverschiedenheiten innerhalb des Bündnisses:

Folgerungen für die

Zukunft
Lassen Sie mich deshalb diese Zeit relativer Ruhe im Bündnis dazu verwenden, Ihnen etwas über die Probleme zu sagen, die ich vor uns sehe - Probleme, die an Komplexität und Konsequenzen zunehmen könnten, würde man zulassen, daß sie unbeachtet und unbehandelt blieben.

Vor 30 Jahren sahen die Atlantiker ein geeintes Europa voraus, das
seine jahrhundertealten Widersprüche überwinden würde, um in der Nähe der
Supermächte - wenn nicht gar neben ihnen- eine globale Rolle zu spielen.
Die Bevölkerung Westeuropas insgesamt überstieg die unserige wie die der
Sowjetunion.

Eine wiederaufgebaute industrielle Grundlage würde Garant sei-

ner Prosperität sein; seine Politiker und Intellektuellen würden die Probleme
mit Zuversicht und in dem Geiste angehen, ein neues und vom bisherigen unterschiedlichen Europa aufzubauen.

Die Amerikaner - aufgrund dieses erwachenden

Riesen womöglich etwas wachsam - begrüßten die Prosperität Westeuropas und
die Aussicht auf seine größere Einbeziehung in die Weltpolitik, da wir wußten, daß wir kein Monopol an Weisheit haben, und wir mit den Westeuropäern
die gleichen Werte und Ziele teilten.

Es war viel mehr, was uns verband,

als was uns trennte.
Heute jedoch

�Heute jedoch sehen wir ein Europa, das sich seiner Zukunft nicht mehr
so sicher ist, das unsicher ist hinsichtlich der Klugheit seiner Nachkriegspolitik, das sich auf seine eigenen Probleme konzentriert und daher weniger
bereit ist, auf die Welt als Ganzes zu sehen.

Zudem stellt ein guter Teil

der jüngeren Generation in Europa augenscheinlich in immer größerem Maß den
Nutzen vieler Institutionen und Instrumente in Frage, die für das Atlantische
Bündnis bislang von so grundlegender Bedeutung gewesen sind.
Die Vereinigten Staaten waren für mehr als eine Generation Europäer
ein Land ihrer Träume, ein Land, wo das Unmögliche möglich war.

Das sind

sie für viele auch heute noch. Aber wahrscheinlich gilt auch, daß es ein gehöriges Maß an Desillusionierung und an Bitternis gibt - am deutlichsten unter
den jungen Leuten -, weil weder Amerika im besonderen noch die westlichen Institutionen im allgemeinen in der Lage sind, all diese Hoffnungen und Träume
zu erfüllen.

Und was am unglücklichsten ist:

Manchmal geht diese Desillusio-

nierung über die Jungen hinaus - zu den nicht mehr so jungen Führungspersonen,
die genug Erfahrung haben, um es eigentlich besser zu wissen.
Diese Bitternis und Desillusionierung gibt es - zu einem gewissen Grad auf beiden Seiten des Atlantik. Nur allzu oft geben politische Parteien - die
nicht die Regierung stellen - politische Erklärungen über die Außenpolitik
ab, die in die laufende Debatte die Frage werfen, ob auf dieser oder jener
Seite des Atlantik noch Übereinstimmung herrsche. Mit einigem Trost kann man
jedoch erkennen, daß man - ist man politisch nicht mehr "out", sondern "in" dazu tendiert, sich wieder der Realität anzunähern und die übergreifenden Gebote des Atlantischen Bündnisses erneut zu bekräftigen.
Läßt sich denn auch argumentieren, daß meine Sorgen hinsichtlich der
Einstellung der jungen Europäer und der Unberechenbarkeiten oppositioneller
Politiker aus der Welt zu schaffen sind - da der Alterungsprozeß allgemein
und die Verantwortung der Macht insbesondere dazu tendieren, die Perspektiven
zu verändern -, so ist es weniger einfach, Sorgen zu verdrängen hinsichtlich
dessen, was ich als die sich wandelnden transatlantischen Einstellungen in

- 8 -

�Einstellungen in bezug auf das weltpolitische Geschehen ansehe.

Ich habe oft mit europäischen Freunden über die unterschiedlichen Erfordernisse einer Nation mit globaler Verantwortung gegenüber jenen mit mehr regionalen Anliegen gesprochen.
gemeint.

Dabei ist das Wort "global" gar nicht arrogant

Und es soll auch nicht verleugnet werden, daß mehrere europäische

Staaten noch immer ein Interesse an Weltgegenden haben, die außerhalb ihres
Kontinentes liegen.

Aber allein schon der Umfang an amerikanischen Inter-

essen zwingt uns in ein anderes Maß der Perspektiven und Gebote.

Ich bin

sicher, daß - trotz periodischer Widersprüche (hauptsächlich auf unserer Seite)
und trotz noch häufigerer Krisen der politischen Meinungsverschiedenheit (die
oft der europäischen Seite entstammen) - die Mitglieder des Bündnisses noch
immer hinsichtlich der meisten Fragen von Tragweite zu einem starken Konsens
gelangen können.

Wie der Warschauer Pakt so deutlich zeigt, ist eine Partner-

schaft ohne sichtbare Meinungsunterschiede keine Partnerschaft zwischen Gleichgestellten; und es ist auch keine Partnerschaft, die die dynamischen Qualitäten besitzt, die so nötig sind, um die erforderlichen Anpassungen an die sich
wandelnden Umstände

zu erreichen.

Aber von einem Bündnis, bei dem es Ero-

sion hinsichtlich des Verständnisses über die Gründe für diese Meinungsverschiedenheiten gibt - einschließlich insbesondere Toleranz in bezug auf die
Notwendigkeiten der Geographie und der Verantwortung - kann man nicht erwarten, daß es die Tatkraft von heute auch noch angesichts der Herausforderungen
von morgen beibehält.

Die Europäer bringen oft das Argument - und sie haben dafür Beweise -,
daß die Entspannung in ihrem europäischen Kontext in großem Maße erfolgreich
war.

Und sicherlich sehen auch die Amerikaner deutlich, daß die Spannungen

im Herzen Europas - Berlin ist dabei nur ein Beispiel - beträchtlich abgenommen haben.

Wir können auch nicht einfach die europäischen Anstrengungen

ignorieren, die wirtschaftliche, politische und kulturelle Teilung Europas
zu überbrücken, und wie entscheidend diese Anstrengungen aus europäischer
Sicht für die langfristige Überlegung hinsichtlich der Sicherheit Westeuropas
sind.
Aber diese
_ 9-

�Aber diese Überlegungen sind nur einige der Elemente der amerikanischen
Gesamtpolitik - und müssen dies sein. Wir sehen die Ost-West-Rivalitä't in
einem breiteren Zusammenhang.

Selbst eine nur flüchtige Analyse der jüngsten

Ereignisse in Afghanistan, im Nahen Osten, im südlichen Afrika oder in Lateinamerika zeigt uns, daß die Entspannung in Bereichen außerhalb Europas kein Erfolg war. Aus unserer Sicht hat die Rolle der Sowjets in diesen Gebieten um es milde auszudrücken - nicht zur Entspannung beigetragen.
Aus den zahlreichen Gesprächen,die ich mit Europäern geführt habe und
bei denen es um unsere jeweiligen Ansichten bezüglich der Sowjetunion und um
unsere Beziehungen zu ihr ging, habe ich ersehen, daß sie die Natur des
sowjetischen Systems keineswegs ignorieren und auch nicht ignorieren wollen.
Allerdings gibt es häufig einen beträchtlichen Unterschied hinsichtlich der
Bewertung der sowjetischen Bedrohung.

Im Bündnis gibt es eine grundsätzliche

Übereinstimmung in bezug auf die Vermeidung eines Krieges; es gibt aber auch
verschiedene und unterschiedliche Stimmen innerhalb der europäischen Mitgliedsstaaten darüber, wie man das Niveau der Spannungen verringern sollte.

Diese

Meinungsunterschiede können entweder zu einer Polarisierung unserer Positionen
führen, oder sie können ein Beispiel dafür sein, wie Unterschiede im Bündnis
im Rahmen einer einheitlichen Politik ausgeglichen werden können.

Wenn sie

dem letzteren Ziel dienen sollen, dann ist es sowohl für die Europäer als auch
für die Amerikaner notwendig, sich darüber im klaren zu sein, daß es legitime
Gründe der Geographie und der Verantwortlichkeit gibt, die häufig nuancierte
Unterschiede in der Haltung gegenüber denselben generellen Zielen erforderlich machen.
Andere Arten transatlantischer Meinungsverschiedenheiten hinterlassen
leider verletztere Gefühle und zeigen vielleicht das Maß auf, in dem wir und
unsere europäischen Verbündeten begonnen haben, in grundlegenden Fragen zu
divergieren.

Vor zwei Jahren stellte das britische Bemühen, die Falkland-

Inseln wiederzuerlangen, die Vereinigten Staaten vor eine schwierigere Entscheidung als die meisten Europäer es - auch.heute noch - wahrhaben wollten.
doch haben wir unsere Entscheidung damals getroffen.

Und

Vor einigen Monaten hatte

ich Veranlassung, an diese Entscheidung zu denken, als wir nämlich die Erfah- 10 -

�die Erfahrung machen mußten - und zwar mit tiefem Bedauern -,

daß unsere

europäischen Freunde bei der Landung unserer Marineinfanteristen auf Grenada
schnell und öffentlicht bei der Hand waren, diese Aktion zu verurteilen.

Daß

die Europäer die Befreiung Grenadas mit weniger Enthusiasmus sehen als Amerikaner oder Grenadier, liegt - das räume ich ein - völlig im normalen und akzeptablen Bereich der Meinungsunterschiede innerhalb des Bündnisses.

Aber

wo war zu diesem Zeitpunkt die Solidarität des Bündnisses, die uns ein Jahr
zuvor noch so viel bedeutet hatte?

Wo war die Erkenntnis, daß die Vereinig-

ten Staaten vielleicht gerechtfertigt handelten, als sie das schützten, was
ihrer Meinung nach ihre nationalen Interessen waren?

Hätten unsere Freunde

nicht zumindest mit ihrem Urteil warten können, bis die sich abzeichnende Situation klarer wurde?
Im Falle Grenadas handelten wir in Übereinstimmung mit karibischen Ländern, die die Bedrohung ihrer eigenen Sicherheit durch das Regime auf Grenada
erkannten.

Die Vereinigten Staaten sind sich seit dem Ende des Zweiten Welt-

krieges in wachsendem Maße des Fluches aller Großmächte - Unilateralismus bewußt geworden und haben sich bemüht, dieser Versuchung zu widerstehen.

Wir

haben schon vor langer Zeit herausgefunden, daß eine sehr feine Linie besteht
zwischen Unilateralismus einerseits und Führung andererseits, und waren überaus bestrebt, das eine zu vermeiden und das andere uns zu eigen zu machen.
Aber es wird zunehmend schwieriger, diese Unterscheidung zu wahren, wenn unsere wichtigsten Freunde und Verbündeten nicht anerkennen, daß die Breite
unserer Interessen uns manchmal zu einer anderen Beurteilung von Bedrohungen
für diese Interessen führt, als dies bei anderen der Fall ist.
Der Ministerpräsident der jüngsten Demokratie Europas, Felipe Gonzalez
aus Spanien, hat kürzlich ein anderes, hiermit im Zusammenhang stehendes Problem angesprochen, das einige Amerikaner in letzter Zeit bekümmert hat.
"Manchmal", so sagte er, "haben wir Spanier das Gefühl, daß wir mehr auf das
Schicksal Europas vertrauen als andere Länder, die bereits in die europäischen
Institutionen integriert sind.

Tatsache ist", so fügte er hinzu, "daß Europa

zu einem großen Ausmaß von seinen eigenen Problemen besessen ist.

- 11 -

Das muß

�Das muß einfach überwunden werden."
Die Gefahr dieser wachsenden Tendenz, nach innen zu schauen, ist, daß
dies unter Umständen die potentiellen negativen Konsequenzen verstärkt, die
sich aus den sich wandelnden transatlantischen Vorstellungen von der Welt ergeben können, welche ich zuvor beschrieben habe. Es ist schwierig genug, jeder
dieser Tendenzen für sich allein entgegenzuwirken.

Wenn sie sich jedoch ver-

einen und sich gegenseitig verschärfen, dann könnten sie sich schon als ein
teufliches Gebräu erweisen.
Daß Europa von seinen internen Sorgen so sehr in Anspruch genommen wird,
ist in großem Maße eine Folge der gegenwärtigen wirtschaftlichen Verhältnisse
in Europa.

Das wird hoffentlich wieder besser, wenn die Prosperität zurück-

kehrt. Aber die Tendenz, die Schuld für die Rezession weitgehend den Vereinigten Staaten und unseren hohen Zinssätzen anzulasten, bildet eine andere Art
von Problem.

Was in diesem transatlantischen Dialog über Wirtschaftsfragen

vermieden werden muß, ist eine zu leichte Zufluchtnahme zu dem "Gebt Amerika
zuerst die Schuld"-Syndrom.

Denn wenn man das tut, dann verschleiert man die

fundamentaleren Mängel, die dem wirtschaftlichen Wideraufschwung im Wege stehen.

Letztlich müssen die Europäer, die über ein größeres Bruttosozialprodukt

verfügen als die Vereinigten Staaten, sich dann fragen, ob es wirklich wahr
sein kann, daß ihr wirtschaftlicher Wiederaufschwung hauptsächlich vom Leitzins in den Vereinigten Staaten abhängt.

Wir brauchen ein "klügeres" Verhältnis
Ich habe diese Probleme angeführt, weil ich zutiefst der Überzeugung bin,
daß unter Freunden über sie gesprochen werden muß, solange sie noch lösbare
Probleme sind.

Ich bin nicht der Meinung, daß sie eine grundsätzliche Kluft

zwischen den beiden Seiten des Atlantik aufzeigen, noch glaube ich, daß sie
unüberwindbar sind.

Gerade die Art und Weise, wie wir unsere Meinungsverschie-

denheiten über Sanktionen gegen die (sowjetische) Erdgasleitung hinter uns

- 12 -

�hinter uns gebracht haben, beweist das Gegenteil.

Ich habe sie nur genannt,

weil ich befürchte, daß diese Trends, wenn wir nichts gegen sie tun - zusammen mit unserer eigenen immer stärkeren Beschäftigung mit unseren Angelegenheiten in anderen Teilen der Welt, sei es in Mittelamerika, im Pazifik oder
im Nahen Osten, um nur einige zu nennen-,mit der Zeit die Bedeutung des transatlantischen Verhältnisses schwächen könnten.

Und das wäre eine Tragödie,

denn ein starkes Bündnis ist heute - und für die nächsten Jahrzehnte - der
Eckpfeiler unserer eigenen Sicherheit und Stabilität und der des Westens.

Es ist also jetzt der geeignete Augenblick für uns alle - Europäer und
Amerikaner -,uns neu zu überlegen, wohin wir zusammen gehen sollten und wie
wir dort ankommen sollten.

Vielleicht sollten wir, wie kürzlich im Wall

Street Journal zu lesen war, auf die traditionellen Alternativen zwischen
weniger oder mehr Engagement verzichten und uns stattdessen
res" (smarteres) Engagement konzentrieren.

auf ein "klüge-

Die beiden Säulen eines "klügeren"

Verhältnisses sind nach meiner Meinung:

- verstärkte Achtung der Meinungsverschiedenheiten in unserem Bündnis,
und

- eine koordiniertere Behandlung - insgesamt - aller politischen, wirtschaftlichen und sicherheitspolitischen Fragen mit unseren europäischen
Verbündeten.

Ich bin der erste, der zugibt, daß ich keine Zauberformel für die Auflösung der Belastungen habe, die in den nächsten Jahrzehnten sicherlich auf
uns zukommen werden.

Ich bin jedoch der Überzeugung, daß der Beginn des

Dialogs der Schlüssel dafür ist, daß schließlich Antworten gefunden werden.
Die Tagesordnung muß weit gesteckt sein; der Institutionen, in denen sie behandelt werden kann, gibt es viele.

Und wenn man mich bitten würde, einige

der Themen zu nennen, über die man sprechen sollte, dann würde ich sagen:

Erstens, wie

- 13 -

�Erstens, wie können wir die transatlantische Zusammenarbeit in der Entwicklung der Hochtechnologie fördern? So schmerzlich und kostspielig es auch
sein mag, wir müssen erkennen, daß, falls ein Teil unseres Bündnisses auf diesem Gebiet längere Zeit ernsthaft hinter einem anderen Teil herhinkt dies die
Gesamtleistungsfähigkeit ernsthaft schwächt.
Zweitens, es ist wichtig, daß wir jetzt zu einer Ausweitung der Beschaffungspolitik des Bündnisses kommen.

Die Vereinigten Staaten - und vor allem

der Kongreß - haben ihre Verbündeten schon zu lange gedrängt, mehr von den
Lasten der gemeinsamen Verteidigung zu übernehmen, ohne dabei gleichzeitig
einzusehen, daß die europäische Industrie - wenn dies geschehen soll - voll
an der Herstellung von Verteidigungsgerät beteiligt sein muß.
Drittens, wie kann die Industriewelt wirksamer mit den großen, dringenden und bisher nicht zu bewältigenden Fragen der Entwicklung in der Dritten
Welt fertig werden?
Viertens, wie können wir die zunehmenden Forderungen nach Protektionismus
auf beiden Seiten des Atlantik und in Japan überwinden? Um es konstruktiver
auszudrücken, wie können die großen Handelsnationen der Welt die Schranken
gegen einen freieren Handel zwischen uns abbauen?
Dies sind nur einige wenige der vielen Fragen, an die wir gemeinsam herangehen sollten. Aber wie auch immer unsere Tagesordnung aussehen mag, so
muß ihr Ziel und Zweck darin bestehen, beide Seiten der Partnerschaft zusammenzubringen, um die Probleme zu lösen; Trends umzukehren, die, wenn man ihnen nicht begegnet, uns auseinanderreißen werden; und - im letzten Sinne beide Seiten des Atlantik zu einer größeren Gleichheit der Anstrengungen, Erwartungen und Stärke zu bewegen. Um noch einmal das Wall Street Journal zu
zitieren: "Eine echte Supermacht braucht keinen hegemonistischen Einfluß auf
eine Ansammlung von Satellitenstaaten, sondern ein echtes Bündnis mit anderen
großen Nationen."
Die Größe
- 14 -

�Die Größe ist auf beiden Seiten des Atlantik vorhanden. Unsere Aufgabe ist es, die Mittel und Wege zu finden, um sie zum Gedeihen zu bringen,

+ + + + +

- 15 -

�14. März 1984

11

EL SALVADOR UND NICARAGUA: UNTERSCHIEDLICHE EINSTELLUNG ZUR WAHL

SAN SALVADOR - (AD) - Wer heute von der nicaraguanischen Hauptstadt
Managua nach San Salvador kommt, ist erstaunt über den Unterschied, mit dem
die Wahlen in beiden Ländern vorbereitet werden.

Während die Sandinisten sich

offensichtlich bemühen, möglichst wenig aus den Wahlen in Nicaragua zu machen,
wird in El Salvador alles daran gesetzt, um eine Beteiligung möglichst aller
Bürger herbeizuführen.

Armando Rodriguez Eguizabal, der Präsident des fünf-

köpfigen Zentralen Wahlrates, betont, daß die Parteiinteressen hintangestellt
werden, denn die Wahlen "sind eine Frage von nationalem Interesse".
Die Wahlen in Nicaragua am 25. März 1984 werden nicht nur nach amerikanischer Ansicht der dortigen Regierung eine stärkere demokratische Grundlage
geben und der Kritik im amerikanischen Kongreß und in Teilen der amerikanischen
Öffentlichkeit die Grundlage entziehen.

Im amerikanischen Außenministerium

wird darauf hingewiesen, daß der neue Präsident der erste freigewählte Präsident in 50 Jahren sein werde.

Damit könne auch ein Reformprogramm durchgeführt

und eine Versöhnung mit der Guerilla angestrebt werden.
Der Zentrale

Postfach 20 03 00 Tel.: 0228-339 2035
D 5300 Bonn 2
Telex: 8-85432

�Der Zentrale Wahlrat, der aus Vertretern der fünf in der Nationalversammlung vertretenen Parteien besteht, arbeitet mit rund 800 Angestellten
und über 150 Computerterminals fieberhaft an der Erstellung einer kompletten
Wählerliste.

Das Gerät wurde mit Hilfe eines nichtrückzahlbaren Kredites

des amerikanischen Amtes für Internationale Entwicklung (AID) in den Vereinigten Staaten gekauft.

Bisher wurden rund 14 Millionen Dokumente - Geburts-

und Sterbeurkunden - auf Mikrofilm aufgenommen.

Damit läßt sich die Gültig-

keit der für den Wahl gang erforderlichen Personalausweise - Cedulas - sofort
kontrollieren.
Der von der Nationalversammlung eingesetzte Zentrale Wahl rat - unter
der Leitung von Rodriguez, der der Nationalen Koalitionspartei angehört ist völlig unabhängig,und seine Arbeit steht jedermann zur Einsicht frei.
Täglich kommen Hunderte von Personen, um die Gültigkeit ihres Personalausweises überprüfen und sich, wenn notwendig, einen neuen ausstellen zu lassen.
Im Gegensatz zu Nicaragua, wo ein Staatsrat, der von einer überwältigenden Mehrheit der Sandinisten beherrscht wird, offensichtlich alles daransetzt, die Guerilla von den Wahlen am 4. November auszuschließen, wird in
El Salvador alles versucht, alle Bürger an die Wahlurne zu bringen.

"Ich

bin erst kürzlich mit einem Vertreter der Guerilla in Kolumbien zusammengetroffen", berichtet Rodriguez, "und habe sie zur Teilnahme aufgefordert".
Die Antwort?

"Die beste Antwort, die ich bekam, war die, daß sie sich nicht

in die Wahlen einmischen werden.

Ich hoffe, sie halten ihr Wort."

Die Regierung in El Salvador hat immer wieder versucht, die Guerilla
zu einer Aufgabe des Kampfes und einer Integration in den demokratischen Prozeß zu bewegen. Der provisorische Präsident Alvaro Magana hat diese Absicht
erst in einem Interview am 22. Februar wieder bekräftigt.
Noch immer versucht der Zentrale Wahlrat die Tür für die Guerilla offen
zu halten, obwohl der Wahltermin rasch näher rückt.
Gesetzesänderung vorschlagen.

"Ich würde sogar eine

Ich würde versuchen, einen Weg zu finden", so

- 2 -

�finden", so betont Rodriguez. Nach seiner Auskunft hat der Rat zu den Wahlen Beobachter aus 55 Ländern, der Organisation der Amerikanischen Staaten,
der Vereinten Nationen, von Amnesty International und anderen internationalen Organisationen eingeladen.
"Wichtig ist", so erklärte Rodriguez, "daß nach einer Umfrage in jüngster
Zeit 95 Prozent der Wahlberechtigten den Wunsch geäußert haben, am 25. März
zu wählen. Wir dürfen sie nicht enttäuschen."

Es wird etwa 7000 Wahllokale

im ganzen Lande geben -• doppelt so viel wie 1982. Damit dürfte die Wahl
rascher über die Bühne gehen,und es wird keine langen Schlangen vor den Wahllokalen mehr geben. Die Auszählung erfolgt durch drei Wahlleiter in Gegenwart der Vertreter der politischen Parteien, und es werden mehrere Kopien des
Wahlergebnisses gemacht.

Das Original wird an den Zentralen Wahl rat in San

Salvador, Durchschläge an die KreisVerwaltungen und die Parteien gesandt.
Es könnte auch Versuche der Guerilla geben, die Wahlen zu stören, obwohl sie das Gegenteil zugesagt hat. Präsident Magana erklärte jedoch, daß
die Regierung in der Lage sei, die Sicherheit der Wähler zu garantieren.

In

diesem Zusammenhang hat die Reagan-Administration in Washington betont, daß
El Salvador zusätzliche Militärhilfe brauche, um die Armee in die Lage zu
versetzen, einen echten Schutzschild für die Wähler zu gewähren.
Während in El Salvador trotz eines Belagerungszustandes wegen der
Guerilla zahlreiche Partei Versammlungen und Kundgebungen stattfanden, war
in Nicaragua trotz der Versprechungen der Sandinisten davon nichts zu spüren.

Obwohl die Wahlen nur noch acht Monate entfernt sind, haben die San-

dinisten nicht einmal ein Wahlgesetz ausgearbeitet.

Offensichtlich soll die

Zeit eines möglichen Wahlkampfes möglichst kurz bemessen werden, um der
Opposition keine Chance zu geben, sich zu profilieren.
Oppositionspolitiker und westliche Diplomaten in Managua glauben, daß
die Sandinisten eine Wahl mit sicherem Ausgang - ihrer Bestätigung - zu inszenieren versuchen, während man in El Salvador dem Willen der Wähler freien
Lauf geben will.
+ + + + +
- 3 -

�Wi//en/chcift
und Technik

i

United States Information Service
Embassy of the United States of America

11

14. März 1984

LEISTUNGSFÄHIGERE MIKROCHIPS

- (AD) - Die herkömmlichen Speicherchips für Computer enthalten "nur"
64 000 Informationseinheiten.

Diese Kapazität ließe sich mit verbesserten

Produktionsverfahren für RAM-Chips schließlich auf eine Million Bits steigern,
meinen Fachleute der Mikroelektronik.

Der Wettlauf zwischen Hochtechnologie-

Ländern ist bereits in vollem Gang, allerdings dürfte das Traumziel von
1 000 000 Bits noch in weiter Ferne liegen.

Zur Zeit wird nach wirtschaft-

lichen Verfahren gesucht, mit denen die Schaltzellendichte auf gleicher
Fläche auf mindestens 256 000, vielleicht auch auf 512 000 Bits erhöht werden kann.

(RAM ist die Abkürzung von "random access memory - frei programmier-

barer Schreib- und Lesespeicher.)
Wie die "National Science Foundation" (NSF), die Nationale Forschungsstiftung der Vereinigten Staaten, kürzlich mitteilte, konnten Wissenschaftlergruppen von der Universität Utah in Salt Lake City und der Firma IBM in
San Jose, Kalifornien, durch die Kombination einer neuen Belichtungstechnik
mit einem in seiner Zusammensetzung entsprechend veränderten lichtempfindlichen Lack auf der Siliziumscheibe einen Weg zur Herstellung leistungsfähiger
Chips ohne nennenswerte Steigerung der Produktionskosten aufzeigen.
Das Grundmaterial

Postfach 20 03 00 Tel.: 0228-339 2035
D 5300 Bonn 2
Telex: 8-85432

�Das Grundmaterial für Chips sind Scheiben von Silizium-Einkristallen.
Diese Scheiben werden mit einer dünnen lichtempfindlichen Lackschicht
(Polymer-Material) überzogen.

Von den vorgezeichneten Leiterbahnen, einer

komplizierten Straßenkarte ähnlich, fertigt man Fotomasken an, deren Abbild
sich durch optische Verfahren auf die lichtempfindliche Schicht übertragen
läßt.

Beim Entwickeln werden bestimmte Partien herausgeätzt, so daß sich,

wie Dr. Josef Michl von der Universität Utah sagt, "eine ganz flache Oberfläche in eine reliefartige Oberfläche verwandelt.

Das 'Netzwerk' von Tä-

lern und Höhen wird letztlich von der im Silizium enthaltenenen Struktur bestimmt."

In den freiliegenden Regionen kann das Silizium durch Behandlungs-

prozesse, z.B. Dotierung mit Fremdatomen oder Oxydation, in seinen elektrischen
Eigenschaften verändert werden.

Die Scheiben werden schließlich zu Chips ge-

schnitten, die nach ihrer Funktionsprüfung einsatzbereit sind.
Mehr Informationen ließen sich nach Überzeugung Michls in die Chips
packen, wenn die Reliefelemente kleiner gehalten werden könnten.

Und da

die Chip-Herstellung hauptsächlich mit optischen Projektionsverfahren erfolgt, ist die Wellenlänge des zur Belichtung verwendeten Lichtes eines der
Kriterien, die die kleinsten noch druckfähigen Dimensionen der Struktur bestimmen.

Gegenwärtig geschieht die Belichtung hauptsächlich durch Licht aus

dem Spektralbereich des sichtbaren Lichtes.

Theoretisch wäre aber bei Ver-

wendung von Licht aus dem mittleren Ultraviolett-Bereich eine bessere Auflösung zu erreichen.
Die derzeit größte technische Schwierigkeit ergibt sich aus der Tatsache, daß die meisten kommerziell verfügbaren Lacke den besten Wirkungsgrad bei Belichtung im sichtbaren Licht erreichen und unter Einwirkung von
Licht kürzerer Wellenlängen unempfindlicher sind.

Um maximale Empfindlich-

keit herauszuholen, muß das Material in seinen spektralen Eigenschaften auf
die Wellenlänge zugeschnitten sein, die man anwenden will.
Mit Hilfe quantenmechanischer Berechnungen gelang es Dr. Michl und
Dr. John W. Downing, beide theoretische Chemiker an der Universität Utah,

- 2 -

�Universität Utah die Auswirkungen von Strukturveranderungen des lichtabsor
s e n d e n Moleküls 1. Lackstoff auf sein Absorptionsspekt um vo h

= -;.

**. -en. ^ *^si rsr r-

y theseverfa ren zur Herstellung der Schlüsselkomponenten, die s
w1hen als vielversprechend in zwei „ eU en lichtempfindlichen Lacken r I n
erw1e
'Ein Beispiel dafür, wie theoretische Vorhersaoer „i„ &lt;: • ,.
«n.
bringen können«, »eint Dr. Mich! »Da
Synt e S e p r o g r a m r a ,„ Gang
uas spart
.,
. J
ungemein viel Zeit und Mühe
ei »an Ja andernfalls Dutzende von Verbindungen synthetisieren müßte, M s
endlich ein annehmbarer Kandidat gefunden ist."
Dr. Hichl zufolge lassen sich mit den modifizierten Fotolacken Drucke
in leinenen Abmessungen bei geringerer Belichtungszeit herstellen Dies
sol te die Produktion von mikrochips ermöglichen, in die unter Weiterverwendung der vorhandenen lithographischen DruckausrUstungen eine sehr viel
größere Dichte an Informationseinheiten verpackt „erden könnte. Die Forschung befaßt sich bereits mit der Frage, wie Licht noch kürzerer wellenlangen, u.a. Röntgenstrahlen, mit geeigneten Lackmaterialien zu kombinieren
wäre.

+ + + + +

-3

�</text>
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                    <text>cimcrikci
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U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

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14. März 1990

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ABRÜSTUNG

VEREINIGTE STAATEN:
CHANCEN IN DER RÜSTUNGSKONTROLLE: "BEISPIELLOS"
Rede von ACDA -Direktor Lehman
im Senat

NATO

GALVIN BEKRÄFTIGT NATO-STRATEGIE,
HÄLT JEDOCH ÄNDERUNGEN FÜR MÖGLICH
Erklärung vor Unterausschuß
des Senats

UMWELT

ERNEUERBARE ENERGIEN SOLLEN
ERWÄRMUNG BREMSEN
Die Forschung nach alternativen
Betriebsstoffen

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Postfach 20 0300
D 5300 Bonn 2

Tel.:0228-33923 66
Telex: 8-85432

�ABRÜSTUNG
14. März 1990

VEREINIGTE STAATEN: CHANCEN IN DER
RÜSTUNGSKONTROLLE "BEISPIELLOS"
Rede von ACDA-Direktor Lehman Im Senat
WASHINGTON - (AD) - Die Ereignisse der vergangenen Monate in Osteuropa "eröffnen der amerikanischen
Rüstungskontrollpolitik in absehbarer Zukunft beispiellose Chancen", erklärte Ronald F. Lehman II am 7. März
1990 im auswärtigen Ausschuß des Senats.
Die Bush-Administration erkennt diese Chancen und sucht aufgrund dessen die Rüstungskontrollverhandlungen nicht nur voranzutreiben und zu intensivieren, sondern sie hat dem Leiter des Amts für Rüstungskontrolle
und Abrüstung (ACDA) zufolge darüber hinaus die Tagesordnung erweitert.
Die Rüstungskontrollbestrebungen der Vereinigten Staaten sind "entscheidend, um in einem Zeitalter großer
Veränderungen und damit einhergehender großer Unsicherheit und Instabilität die beiden Grundsätze der
Stabilität und des friedlichen Wandels zu fördern", erklärte Lehman.
Nachfolgend veröffentlichen wir Lehmans Rede im Wortlaut.

Es wird noch viel Zeit vergehen, bis wir Abstand
gewonnen haben und die Tragweite der Ereignisse
überblicken können, die in den vergangenen Monaten
die Welt in Atem gehalten haben, vom Fall der Berliner
Mauer bis zum Sturz kommunistischen Machthaber in
Osteuropa und jetzt auch in Mittelamerika. Wir können
jedoch hoffen, daß - wie Präsident Bush in seiner Rede
zum Amtsantritt erklärte -"... das Zeitalter der Diktaturen zu Ende geht und die alten Ideen wie Blätter von
einem toten Baum abfallen".

cherheitsinteressen der Vereinigten Staaten und ihrer
Verbündeten dienen und einen dauerhaften und stabilen Frieden hervorbringen wird.

Diese Ereignisse bedeuten für die heutige Zeit eine
politische Revolution. Sie eröffnen der amerikanischen Rüstungskontrollpolitik in absehbarer Zukunft
beispiellose Chancen. Die Bush-Administration erkennt diese Chancen und sucht aufgrund dessen die
Rüstungskontroll verhandlungen nicht nur voranzutreiben und zu intensivieren, sondern sie hat darüber
hinaus die Tagesordnung erweitert.

Der Gang der Ereignisse hat die Welt - im übertragenen Sinne - "auf den Kopf gestellt". Wer hätte vor
einem Jahr damit gerechnet, daß der Außenminister
im Internationalen Ausschuß des Obersten Sowjets,
der wichtigsten Institution der Legislative in der Sowjetunion, auftreten würde - innerhalb der Kremlmauern?
Am 10. Februar 1990 hat Außenminister Baker genau
das getan und "Zeugnis abgelegt" von den amerikanischen Ansichten zu Veränderungen in der Sowjetunion. Solche dramatischen und beispiellosen Ereignisse
stärken unsere Hoffnungen, daß wir die Chancen der
Revolution nutzen müssen. Aber wir dürfen nicht die
Orientierung verlieren. Diesen Ereignissen sind Jahrzehnte geduldiger Anwendung wichtiger strategischer
und politischer Grundsätze vorausgegangen.

Die Chancen geben zu vorsichtigem Optimismus Anlaß. Wir sind optimistisch, daß größere Meinungsverschiedenheiten bei Verträgen oder Abkommen in einigen miteinander verknüpften Bereichen gelöst werden
können. Gleichzeitig erkennen wir, daß nur ein gesunder politischer und strategischer Realismus den Si-

Die Stärke des Westens hat den Frieden gesichert.
Die Fähigkeiten und die Geschlossenheit in der NATO
haben in Europa seit mehr als vierzig Jahren - und
damit dem längsten Zeitraum in seiner Geschichte den Frieden erhalten. Diese Entschlossenheit müssen wir beibehalten. Welchen Weg die Veränderun-

AMERIKA DIENST 10

Seite 1

�gen in der Welt auch nehmen mögen, die nuklearen
und konventionellen Streitkräfte der Sowjetunion bleiben eine beträchtliche Bedrohung für die Vereinigten
Staaten und ihre Verbündeten. Diese Streitkräfte
bleiben auch nach Durchführung der vorgesehenen
Rüstungskontrollabkommen eine ernstzunehmende
Bedrohung.
Geographie ist an keine Zeit gebunden. Die Sowjetunion ist und bleibt die größte Macht auf der eurasischen
Halbkugel, auch wenn sie ihre konventionellen Streitkräfte erheblich reduziert. Im Gegensatz dazu sind die
Vereinigten Staaten durch einen Ozean von ihren
Verbündeten in Europa und Asien getrennt. Und die
aus Europa abgezogenen amerikanischen Streitkräfte
fallen deshalb als Teil des militärischen Gleichgewichts Eurasiens kaum ins Gewicht. Darum muß die
Präsenz der Vereinigten Staaten in Europa aufrechterhalten werden.
Moralisch sind amerikanische und sowjetische Streitkräfte in Europa nicht miteinander vergleichbar. Bei
den in Osteuropa stationierten sowjetischen Streitkräften handelt es sich um Besatzungstruppen. Im Gegensatz dazu wurden die konventionellen und nuklearen Streitkräfte der Vereinigten Staaten als Bestandteil
der NATO in Westeuropa stationiert, im Rahmen eines
Bündnisses freier Nationen und um der offensiven
Bedrohung aus dem Osten mit einem Schild entgegenzutreten, hinter dem die Demokratien in Westeuropa
gedeihen konnten. Präsident Bush hat am 4. Dezember 1989 in Brüssel nach dem Gipfel mit Präsident
Gorbatschow in Malta erklärt: "Ich verspreche heute,
daß die Vereinigten Staaten weiterhin umfangreiche
Streitkräfte in Europa stationieren werden, solange die
Verbündeten unsere Präsenz als Teil gemeinsamer

Verteidungsbestrebungen wünschen."
Wenn wir mit unseren Verbündeten in ein Zeitalter
eintreten, in dem wir Containment überwinden und ein
kooperativeres Verhältnis zur Sowjetunion herstellen
können, gewinnt der Bereich Rüstungskontrolle zunehmend an Bedeutung. Die neue Phase der internationalen Beziehungen, insbesondere der politischen
Veränderungen in Osteuropa bringt sowohl beträchtliche Unsicherheit und Risiken als auch die Verheißung
von Freiheit und Demokratie mit sich. Die potentiellen
Vorteile von Rüstungskontrollabkommen, mit denen
Offenheit bei militärischen Aktivitäten und Berechenbarkeit bei militärischer Planung gefördert und damit
Risiken falscher Einschätzungen oder Fehlplanungen
verringert werden, können größere Bedeutung erlangen als das im Zeitalter der bekannten politischen
Parameter der Fall war. Unsere Rüstungskontrollbestrebungen sind entscheidend, um in einem Zeitalter
großer Veränderungen und damit einhergehender großer
Unsicherheit und Instabilität die beiden Grundsätze
der Stabilität und des friedlichen Wandels zu fördern.

Seite 2

Wichtige Ziele und Kriterien für Rüstungskontrole
Die im ersten Jahr der Bush-Administration zu beobachtenden intensivierten Rüstungskontrollbestrebungen entstanden aus dem Blickwinkel heraus, daß
Rüstungskontrolle nicht in einem politischen Vakuum
stattfindet und daß sie zwar einen wichtigen Beitrag
zur nationalen Sicherheit leistet, aber kein Ziel an sich
ist.
Waffen und Wettrüsten sind Symptome und nicht
Ursachen der zugrundeliegenden politischen Meinungsverschiedenheiten. Wir hoffen, daß "Glasnost", wie es
jetzt in der sowjetischen Innen- und Außenpolitik zutage tritt, die politischen Voraussetzungen für dauerhafte und strategisch bedeutungsvolle Rüstungskontrollabkommen, ein Ende militärischer Bedrohungen, aggressiver Absichten und totalitärer Praktiken schaffen
kann. Wir konnten in dieser Hinsicht einige positive
Anzeichen entdecken und suchen diese sehr vorsichtig zu fördern.
Die amerikanische Verteidigungspolitik der Abschrekkung dient zusammen mit Rüstungskontrollabkommen dem gemeinsamen Ziel, das Risiko eines Kriegsausbruchs - nuklear oder konventionell - zu verringern,
Aggression abzuschrecken und die Stabilität auf niedrigeren Streitkräfteniveaus zu erhöhen. Wir werden
jedes Rüstungskontrollabkommen und alle Bestimmungen eines potentiellen Abkommens nicht nur nach
der Zahl der reduzierten Waffen beurteilen, sondern an
diesen Maßstäben messen, bei denen uns drei Kriterien als Leitlinie dienen:
Wird Abschreckung beibehalten oder gestärkt?
Wird Stabilität bei den regionalen und strategischen Gleichgewichten verbessert?
Ist das Abkommen wirksam verifizierbar?
Der Erfolg der Rüstungskontrollstrategie der Administration
Unser ehrgeiziger Zeitplan spiegelt die bereits erzielten Fortschritte wider. Wir engagieren uns für einen
strikten Zeitplan von Verhandlungen, werden aber
zugunsten der Einhaltung von Terminen weder unsere
Maßstäbe herunterschrauben noch von unserem
Hauptziel abrücken. Angesichts rascher Veränderungen und gro ßer Unsicherheiten müssen wir manchmal
Vorsicht watten lassen. Bei anderer Gelegenheit müssen
wir schnell reagieren und die Führung übernehmen.
Wir haben das richtige Maß gefunden. Unsere Strategie war erfolgreich.
Unser Rüstungskontrollprogramm ist umfangreich und
unser Zeitplan ehrgeizig, weil der Erfolg unserer Strategie beispiellose Chancen eröffnet. Zum Beispiel hat
unser Beharren auf gleichzeitigen Fortschritten bei

AMERIKA DIENST 10

�Menschenrechten und Rüstungskontrollverhandlungen sowohl im Kontext der KSZE als auch in anderen
Foren Fortschritte in beiden Bereichen hervorgebracht.
Rüstungskontrolle schafft bei Symptomen von Spannungen Abhilfe während politische Reformen ihre
Ursachen beseitigen.
Verhandlungen über Sicherheitspolitik und politische
Reformen in Europa gehen Hand in Hand und bauen
aufeinander auf. Rüstungskontrollverträge, vertrauensbildende Vorschläge wie "Offene Himmel" fördern,
begleitet von strikten Verifizierungsmaßnahmen und
detailliertem Datenaustausch, Glasnost im militärischen Bereich, wodurch wiederum Glasnost im politischen Bereich Vorschub geleistet wird.
Im Januar dieses Jahres besuchte der Vorsitzende der
Vereinigten Stabschefs, General Colin Powell, in Wien
die erste historische Zusammenkunft von Offizieren
und Verteidigungsexperten aus 35 europäischen
Ländern und NATO-Mitgliedstaaten. In Gesprächen
über Militärdoktrin und Verteidigungshaushalte erklärte General Powell unseren Prozeß offener Debatten,
der den Verteidigungscharakter unserer Politik garantiert.
General Powell stellte heraus, daß die Vereinigten
Staaten nicht mehr für ihre Verteidigung ausgeben als
unbedingt erforderlich, aber dennoch die Verteidigung
im erforderlichen Maße aufrechterhalten. Wir werden
weder unsere Sicherheit aufs Spiel setzen noch unsere Verpflichtungen gegenüber den Verbündeten vernachlässigen. Unsere Streitkräfte in Europa werden
so lange dort bleiben wie sie benötigt werden und
erwünscht sind - aber auch wirklich nur solange. General
Powell erinnerte die Welt daran, daß unsere Streitkräfte an eine demokratische Verfassung gebunden und
dem Rechtsstaat verpflichtet sind. Sie dienen der
Verteidigung der Freiheit, nicht deren Unterdrückung.
Nirgendwo auf der Welt sind die Streitkräfte der Vereinigten Staaten Besatzungstruppen.
Beim Prozeß des Gebens und Nehmens in den Rüstungskontrollverhandlungen haben wir Flexiblität
bewiesen, wo immer dies erforderlich war, um den
berechtigten Sicherheitsinteressen aller Parteien entgegenzukommen, sind aber unseren Prinzipien treu
geblieben und haben unsere Interessen und die unserer Verbündeten hartnäckig verteidigt. Wir bestehen
auch weiterhin auf tragfähigen militärischen Abkommen, die wirksam verifizierbar sind, militärische Stabilität fördern und das Klima für echte politische Reformen in Osteuropa und auch in der Sowjetunion verbessern.
Leistungen Im ersten Jahr der Bush-Administration
Im ersten Jahr hat unsere Administration in der Rüstungskontrolle bereits beachtliche Leistungen erzielt.
Wir konnten eine Reihe neuer Abkommen mit der

AMERIKA DIENST 10

Sowjetunion schließen, etwa über:
die Verhinderung gefährlicher militärischer Aktivitäten,
vorherige Benachrichtigung über strategische
Übungen,
Klärung des Rechts der Durchquerung von
Territorialgewässern,
eine Regierungsvereinbarung über einen Datenaustausch zu chemischen Waffen und ein
Verifizierungsexperiment,
eine Vereinbarung über die Durchführung von
Verifizierungsbestimmungen des INF-Vertrags,
ein Rahmenabkommen über versuchsweise
Verifizierung und Stabilitätsmaßnahmen für die
Verhandlungen über die Verringerung strategischer Rüstungen (START).
ein Abkommen zur Durchführung gegenseitiger
Demonstrationen der vorgeschlagenen Verfahren jeder Seite zur Verifizierung von Gefechtsköpfen auf ballistischen Raketen,
ein Abkommen zur gegenseitigen Vorführung
strategischer Bomber zur Erleichterung der
Verifizierung und
ein Abkommen zur Demonstration vorgeschlagener "einzigartiger Identifikationsmerkmale"
("tags") für die Verifizierung ballistischer Raketen.
Wir denken, daß dies erst der Anfang ist.
Offene Himmel
Der Vorschlag über Offene Himmmel ist das Ergebnis
einer Initiative, die Präsident Bush am 12. Mai 1989 in
einer Rede bei der Texas A and M University erläutert
hat. Sein vordringliches Ziel besteht darin, unbewaffneten Flugzeugen von NATO und Warschauer Pakt
den Überflug des jeweils anderen Gebiets zu gestatten. Die Idee wurde erstmals 1955 von Präsident
Eisenhower vorgetragen, von der Sowjetunion aber
abgelehnt. Doch haben sich die Zeiten seit dem Ende
der Stalin-Ära drastisch verändert. Heute, da die
Revolution in Osteuropa in vollem Gange ist, ist die
Zeit reif für diese Idee.
Es ist zwingend erforderlich, daß wir heute bestrebt
sind, ein neues und dauerhaftes Sicherheitssystem für
Europa aufzubauen - die militärische Seite dieser
Gleichung - um die dramatischen Veränderungen bei
den Regierungen zu vervollständigen - die politische
Seite der Gleichung. Solche Chancen werden sich
vielleicht so bald nicht mehr ergeben. Wenn wir
Abkommen zur Stabilisierung militärischer Beziehungen aushandeln, legen wir damit im Zeitalter der

Seite 3

�Revolutionen strategische Veränderungen fest, die
sich in einem nachrevolutionären Zeitalter nur schwer
rückgängig machen lassen. In dieser Hinsicht gehen
Rüstungskontroll- und politische Veränderungen Hand
in Hand und ergänzen sich gegenseitig.

Das Abkommen wird Bestimmungen über das
Recht auf Durchführung von Beobachtungsflügen mit unbewaffneten Flugzeugen und Geräten enthalten, die dem Ziel der Vereinbarung
nicht entgegenstehen.

Im neuen Europa sind "Offenheit", "Transparenz" und
"Berechenbarkeit" für die gemeinsame Sicherheit
unabdingbar. Wir müssen militärische Aktivitäten für
Inspektionen zugänglich machen, um Zwischenfälle,
Fehleinschätzungen und sogar vorsätzliche Überraschungsangriffe zu verhindern. Geheimhaltung muß
durch Treu und Glauben, Mißtrauen durch Vertrauen
und Unwissenheit durch Informationen ersetzt werden.

Die bloße Idee, daß 23 unabhängige Staaten darüber
verhandeln, ob sie ihren Luftraum zur Beobachtung
freigeben, ist ein bemerkenswerter politischer und in
der Geschichte beispielloser Akt, aber dies sind bemerkenswerte Zeiten.

Wir machen in diesem Bereich bei unseren Wiener
KSE- und den KSZE-Verhandlungen große Fortschritte. Diese bleiben wichtigste Bestandteile unserer
Mittel zur Stabilisierung der zentralen Front im neuen
Europa. Offene Himmel ergänzt und vervollständigt
diese Verhandlungen.
Im Gegensatz zu KSE handelt es sich bei Offene
Himmel um eine vertrauensbildende Maßnahme. Im
Rahmen unseres Vorschlags über Offene Himmel
werden die Teilnehmerstaaten militärische Aktivitäten
anderer Länder unabhängig von Tageszeit oder Witterungsbedinungen beobachten können. Offene Himmel erstreckt sich darüber hinaus auf die Territorien
aller 23 Teilnehmerstaaten - einschließlich Nordamerikas, Europas und Asiens. Offene Himmel entspricht
unserer Zeit und ist sicherlich die revolutionärste und
ehrgeizigste vertrauensbildende Maßnahme, die jemals vorgeschlagen wurde.
Auf Einladung der kanadischen Regierung sind die
Außenminister und Regierungsvertreter von 23 Ländern vom 12. bis 14. Februar 1990 in Ottawa zusammengetreten, um Verhandlungen über diesen Vorschlag aufzunehmen. Das Konzept stieß auf positive
Resonanz, die noch bestehenden Meinungsverschiedenheiten müssen im Frühjahr in Budapest ausgeräumt werden.
Im frühen Stadium dieser Verhandlungen möchte ich
die Ergebnisse hervorheben, die bei dieser bahnbrechenden Initiative erzielt wurden. Erstens wurde
Übereinstimmung erzielt, daß wir 1990 und vorzugsweise bei den Verhandlungen in Budapest versuchen
sollten, einen Konsens zu einer Initiative Offene Himmel zu erzielen.
Es wurde vereinbart, daß Offene Himmel auf
der Basis von Gegenseitigkeit und Gerechtigkeit die Interessen eines jeden Teilnehmerstaates schützen soll.
Jeder Teilnehmerstaat wird auf der Basis jährlich festgesetzter Quoten das Recht haben, Beobachtungsflüge durchzuführen und die Pflicht,
diese zuzulassen.
Seite 4

Bevor wir zu euphorisch werden, möchte ich darauf
verweisen, daß wir uns noch im Verhandlungsstadium
befinden und Ost und West immer noch wichtige
Meinungsverschiedenheiten überwinden müssen. Die
wichtigsten sind die Differenzen zwischen dem vorgeschlagenen NATO-Konzept einer nationalen Durchführung von Überflügen und dem Ansatz des Warschauer Pakts, einen "Pool" von Flugzeugen einzurichten, der von allen Teilnehmerstaaten verwaltet
wird. Darüber hinaus sind wir uns noch nicht über die
Arten der Sensoren einig, die erlaubt oder verboten
sein sollen.
Trotz dieser Probleme ist die Bedeutung von Offene
Himmel als vertrauensbildendem Vorschlag von revolutionärer Dimension nicht zu unterschätzen. Die Idee
birgt ein gewaltiges Potential zur Gestaltung positiverer Ost-West-Beziehungen.
KSE
Die Fortschritte bei den Verhandlungen über Konventionelle Streitkräfte in Europa (KSE) erhielten Auftrieb
durch die gemeinsamen Bestrebungen des Präsidenten und anderer NATO-Politiker im Mai vergangenen
Jahres und durch den Bericht des Präsidenten zur
Lage der Nation. Diese Fortschritte sollten Ende
dieses Jahres den Abschluß eines Abkommens mit
einschneidenden Reduzierungen auf gleiche Niveaus
in wichtigen Bereichen der umfangreichen Streitkräfte
in Europa möglich machen. In Ottawa konnten wir uns
auf eine Obergrenze von 195 000 amerikanischen und
sowjetischen Soldaten der Land- und Luftstreitkräfte
im Bereich Europa Mitte einigen, wobei die Zahl der
andernorts stationierten US-Streitkräfte lediglich 30 000
betragen soll. Obwohl ein KSE-Abkommen insbesondere im Hinblick auf die Definition von Panzern, gepanzerten Kampffahrzeugen, Flugzeugen und Hubschraubern noch Hindemisse zu überwinden haben wird,
könnte der Abschluß eines Vertrages, wie er uns in
nahezu zwei Jahrzehnten der Verhandlungen vorschwebte, in greifbare Nähe gerückt sein.
Der KSE-Prozeß ist zentraler Bestandteil der amerikanischen Strategie, insbesondere angesichts der bahnbrechenden Veränderungen in Mittel- und Osteuropa.
Er repräsentiert ferner die komplexesten Verhandlungen, die jemals in der Geschichte der Diplomatie
stattgefunden haben. Dennoch wird in allen Lagern -

AMERIKA DIENST 10

�in Ost und West, öffentlich wie privat - die Auffassung
vertreten, daß 1990 der Abschluß der Verhandlungen
und die Unterzeichung eines umfassenden und verifizierbaren Vertrags zur Reduzierung von Waffen und
Truppen in Europa erfolgen soll.
Ein KSE-Vertrag ist genau jetzt entscheidend, weil wir
Zeugen des Zusammenbruchs eines politischen Systems in Osteuropa werden, das, solange wir denken
können, einen großen Teil Europas beherrscht hat.
Dies ist ein Zeitalter großer Hoffnungen und ebenso
großer Unsicherheit. In diesem Kontext müssen wir
uns vor Augen führen, daß die Sowjetunion ungeachtet ihrer Führung eine militärische Supermacht bleiben
wird. Die westliche Grenze der Sowjetunion ist lediglich 960 Kilometer von der Grenze der Bundesrepublik
entfernt. Auch mit den geplanten Truppenreduzierungen wird die Sowjetunion die im konventionellen Bereich überragendste Militärmacht auf dem Kontinent
sein. Angesichts einer Zeit anhaltender Instabilität, die
noch eine Weile bestehen kann, ist ein dauerhafter
Rahmen im militärischen Bereich eine Voraussetzung
für den politischen Prozeß der Demokratisierung.
Ein KSE-Vertrag ist für diesen Prozeß unabdingbar.
Er wird ein Eckpfeiler einer neuen politischen Ordnung
in einem stabilen und sicheren Europa mit niedrigeren
Streitkräfteniveaus sein.
Wir brauchen ein Vertragswerk für die international bindenden Verpflichtungen für eine neue
militärische Ordnung.
Wir brauchen ein Vertragswerk, um sicherzustellen, daß Reduzierungen und Beschränkungen, insbesondere wo sie das Territorium der
Sowjetunon betreffen, verifizierbar sind.
Wir brauchen ein Vertragswerk, das Zerstörung
und Demobilisierung von abgezogenen oder reduzierten Streitkräften zur Pflicht erhebt.
Schließlich kann nur ein vertragliches Regime
die Stabilität formalisieren und der in einem
wahrhaft demokratischen politischen Staatswesen in Osteuropa unerläßlichen militärischen
Offenheit und Transparenz einen institutionellen Rahmen geben.
Ich bleibe in dieser Hinsicht vorsichtig optimistisch.
Die KSE-Verhandlungen haben in der konventionellen
Rüstungskontrolle bereits zu revolutionären Veränderungen geführt und in weniger als einem Jahr geleistet,
was ihr Vorläufer (die Gespräche über beiderseitige
und ausgewogene Truppenreduzierungen - MBFR) in
nahezu 16 Jahren (1973 - 1989) nicht annähernd
zustande bringen konnten. Noch vor einem Jahr wäre
der jüngste amerikanische Vorschlag von 195 000
Mann auf beiden Seiten undenkbar gewesen. Im Falle
seiner Verwirklichung würde er bei den Sowjets eine
Verringerung um über 370 000 Mann in Ostmitteleuro-

AMERIKA DIENST 10

pa bewirken, während die Vereinigten Staaten in der
gleichen Region etwa 80 000 Mann abziehen würden.
In anderen Bereichen hat die KSE ebenfalls große
Veränderungen bewirkt. Dies gilt für den Informationsaustausch und Vor-Ort-Inspektionen, für die Kategorien zu reduzierender Streitkräftekomponenten (fünf
Waffenkategorien sowie amerikanische und sowjetische Soldaten) und die Arten der einzuführenden
Begrenzungen (Stationierungen im gesamten jeweiligen Bündnis, in einzelnen Ländern und im Ausland).
Wir haben die KSE jedoch noch nicht zum Abschluß
gebracht. In Ottawa stellten die Minister auch fest, daß
"noch viel zu tun bleibt, insbesondere zur Entwicklung
eines effektiven Verifizierungsregimes". Wir arbeiten
in der Regierung, mit unseren Verbündeten und mit
dem Osten schon sehr lange an diesem Problem. Um
die Verhandlungen voranzubringen, hat der Westen in
der vergangenen Woche den Entwurf eines Inspektionsprotokolls und zweier Vertragsartikel vorgelegt.
Wir hoffen, zu Beginn der nächsten Runde in drei
Wochen eine Antwort darauf zu bekommen.
Der Prozeß wird andauern - nicht nur bei den Wiener
KSE- und VSBM-Gesprächen, sondern auch in den
umfassenderen KSZE-Gesprächen. Diese Gespräche behandeln die Menschenrechte und damit zusammenhängende Fragen sowie Sicherheitspolitik.
START
Im vergangenen Jahr wurden erhebliche Fortschritte
bei START erzielt. Wir nähern uns dem erfolgreichen
Abschluß von Verhandlungen, die im Jahr 1982 begannen. Es stehen noch wichtige Probleme an, aber
die bei mehreren noch zu lösenden Fragen erzielten
Fortschritte prädestinieren START für einen baldigen
Verhandlungsabschluß. Eine Vereinbarung über die
wichtigsten Fragen bis zum Gipfeltreffen im Juni 1990
ist wahrscheinlich.
An einer breiten, beide Seiten betreffenden Front
schreiten wir kontinuierlich voran, um die Fragen zu
lösen, die uns noch von einer START-Vereinbarung
trennen. Diese Verhandlungen werden die strategische Stabilität für beide Seiten verbessern. Wir bewegen uns auf ein neues Zeitalter beiderseitiger Sicherheit auf der strategischen Ebene zu. Gleichzeitig
machen wir historische Schritte zu strengen Verifizierungsmaßnahmen vor Abschlu ß eines Vertrags. Dies
wurde durch den Vorschlag des Präsidenten zur Entwicklung von Verifizierungs- und Stabilitätsmaßnahmen noch vor Beendigung der START-Verhandlungen
ermöglicht.
Dazu gehören insbesondere:
- Inspektionen der schweren Bomber: Die Vereinigten
Staaten und die UdSSR haben sich verständigt, gegenseitig Vorführungen bestimmter strategischer (i.e.
"schwere") Bomber durchzuführen. Bei diesen Vor-

Seite 5

�führungen werden diejenigen Merkmale gezeigt, die
als Träger atomar bestückter, luftgestützter Marschflugkörper (ALCMs) ausgerüstete Bomber von anderen Bombern unterscheiden.
Dieser am 29. Januar 1990 erzielten Vereinbarung
zufolge wird jede Seite die Gelegenheit erhalten, ihren
Ansatz zur Unterscheidung schwerer Bomber vorzuführen. Gruppen von bis zu 10 Beobachtern werden
die operativen Luftwaffenstützpunkte der jeweils anderen Seite besuchen können, um die Fähigkeiten von
Bombern tatsächlich festzustellen und sich auf diesen
Luftwaffenstützpunkten umzusehen.
Die erste Vorführung wird von der Sowjetunion zur
Demonstration der TU-95 (BEAR) durchgeführt. Im
Gegenzug werden die Vereinigten Staaten sowjetischen Inspektoren verschiedene Varianten des B-1B
vorführen.
Danach werden beide Seiten die gewonnenen Erfahrungen anwenden, um das Inspektionsprotokoll für
den abzuschließenden START-Vertrag fertigzustellen.
- Demonstrationen zur Identifizierung: Um Präsident
Bushs Vorschlag vom Juni 1989 zu verwirklichen, sind
die Vereinigten Staaten und die UdSSR übereingekommen, einzigartige Identifikationsmerkmale für ballistische Raketen einzusetzen (das sogenannte "tagging), ein Verfahren, bei dem die Rakete selbst einer
besonderen Identifizierungsmethode unterworfen wird,
um ihren Typ zu bestimmen. Der Vereinbarung zufolge müssen diese "Abzeichen" strengen Verifizierungsnormen entsprechen - Lesbarkeit, Haltbarkeit, NichtÜbertragbarkeit und so weiter. Das sowjetische

SLBM vom Typ Trident II beginnen, die Sowjets mit
ihrer ICBM vom Typ SS-18 und der SLBM vom Typ
SS-N-23.
Dies sind herausragende Beispiele für die bei den
Maßnahmen zur nuklearen Rüstungskontrolle in jüngster Vergangenheit erzielten Erfolge. Vergleicht man
dies mit der länger zurückliegenden Vergangenheit, so
sind die heute erzielten Fortschritte wahrhaft bemerkenswert.
Die Verhandlungen über strategische Waffen sind in
ein neues Stadium eingetreten und schreiten mit neuem
Tempo voran. Als Ergebnis von drei hochrangigen
Treffen, die im September 1989 in Wyoming, im Dezember 1989 vor Malta und im Februar 1990 in Moskau
stattfanden, liegt ein START-Abkommen heute in
greifbarer Nähe. In Malta kamen Präsident Bush und
Präsident Gorbatschow überein, bei den START-Verhandlungen die Suche nach Lösungen der wichtigen
noch ausstehenden Fragen bis zum Juni 1990 zu
beschleunigen. Außenminister Baker hat erklärt, es
könnte noch sechs Monate dauern, bis alle Einzelheiten geklärt seien, aber die Hoffnung auf einen Vertrag
in diesem Jahr sei realistisch.
Bei dem unlängst in Moskau erfolgten Außenministertreffen wurden in der Tat wichtige Fortschritte auf dem
Weg zu diesem Ziel gemacht.
- Bei den luftgestützten Marschflugkörpern wurde ein
Gesamtansatz im Hinblick auf Zählweise, Umrüstung
und Definitionen schwerer Bomber vereinbart. Ähnliche Vereinbarungen zur Zahl von Gefechtsköpfen auf
nuklear bestückten Marschflugkörpern, Behandlung
von nur mit konventionellen Bomben bestückten

"Abzeichen" ist dem amerikanischen Prototyp sehr

Bombern sowie Unterscheidung zwischen nuklearund

ähnlich - ein eindeutiges Plastikmaterial, in das reflektierende Kristalle eingearbeitet sind, um eine Unterscheidung von anderen Objekten oder anderen Raketen zu ermöglichen.

konventionell bestückten ALCMs wurden ebenfalls
abgeschlossen. Über die Reichweite der ALCMs muß
jedoch noch verhandelt werden.

- RV-lnspektionen: Die Vereinigten Staaten und die
UdSSR haben ferner am 22. Januar 1990 eine Vereinbarung zur gegenseitigen Vorführung unserer jeweiligen Verfahren unterzeichnet, um zu bestimmen, daß
die zulässige Zahl der Wiedereintrittskörper ("RVs")
auf einer ballistischen Rakete nicht überschritten wird.
Mit diesen Versuchsinspektionen gestatten die Vereinigten Staaten und die Sowjetunion zum ersten Mal in
der Geschichte gegenseitige Vor-Ort- Inspektionen unter
Einbeziehung der nuklearen Gefechtsköpfe auf den
jeweiligen ballistischen Raketen. Solche Inspektionen
sind auch in den Vorschlägen Präsident Bushs vom
Juni 1989 enthalten, vor der Vertragsunterzeichnung
beiden Seiten das Sammeln praktischer Erfahrungen
bei Verifikation und Stabilitätsmaßnahmen zu gestatten. Der Vereinbarung zufolge wird jede Seite die
Verfahrensweise bei zwei ihrer Raketen vorführen,
einer ICBM und einer SLBM. Die Vereinigten Staaten
werden mit der ICBM vom Typ Peacekeeper und der

Seite 6

- Bei den seegestützten Marschflugkörpern (SLCMs)
ergab das Moskauer Treffen die Entwicklung einer
parallelen, bindenden Erklärung, die außerhalb eines
formellen Vertrags von beiden Seiten abgegeben werden
soll.
- Zu nichtstationierten ballistischen Raketen (NDMs)
verständigten sich beide Seiten auf zahlenmäßige
Obergrenzen und nahmen eine Zuordnung von Gefechtskopfgrenzen für ICBMs vor, die von mobilen
Abschuß Vorrichtungen aus im Flug erprobt werden.
Die anderen Kategorien nichtstationierter Marschflugkörper und schwerer Bomber würden davon nicht
erfaßt. Darüber hinaus wurde eine Regelung zur
Definition von Standort und Verlegung nichtstationierter ballistischer Raketen getroffen.
- Zur Verweigerung von Daten (DD) erzielten wir bei
wichtigen Elementen Übereinstimmung, um die Übermittlung telemetrischer Daten bei der Flugerprobung
von ballistischen Raketen, die unter den STARTAMERIKA DIENST 10

�Vertrag fallen, zu gewährleisten. Diese Punkte werden
in den START-Vertrag einbezogen werden. Ihre
Anwendung wird jedoch durch einen Schriftwechsel
schon früher beginnen.
Fortschritte dieser Art werden immer mehr zu einem
Charakterzug unserer Zeit. Wir haben bei START
große Fortschritte gemacht, aber es bleibt noch viel zu
tun. In Moskau haben die Vereinigten Staaten zum
Beispiel neue Vorschläge im Hinblick auf Verifizierung
mobiler ICBMs, Vertragsdauer, zeitliche Abfolge der
Reduzierungen und Zuordnung von Gefechtsköpfen
gemacht. Die Sowjets legten ihrerseits neue Vorschläge auf den Tisch, die eine Umgehung der Vereinbarungen verhindern sollen.
Über diese und andere ausstehende Fragen muß in
Genf noch verhandelt werden. Ernste Meinungsverschiedenheiten bleiben bestehen, aber ich bin davon
überzeugt, daß der Weg zu einem Vertrag weiterhin
offen ist.
Wir sollten uns daran erinnern, daß ein START-Vertrag nur ein Element in der nationalen Sicherheitsstrategie der Vereinigten Staaten ist. Er wird weder
traditionelle geopolitische, wirtschaftliche oder ideologische Gegensätze ausräumen noch den "Geist" des
Atomzeitalters wieder in die Flasche zwingen können.
Atomwaffen, Luft- und Seestreitkräfte werden bestehen bleiben, und sowohl die Sowjetunion als auch die
Vereinigten Staaten werden als militärische Großmächte weiterhin in ihren Beziehungen zueinander mit
Schwierigkeiten konfrontiert sein. Der Krieg ist immer
noch nicht aus unserem Gedächtnis verschwunden,
aber wenn wir Erfolg haben, sollte er in Zukunft weit in
den Hintergrund treten. Das ist unser Hauptziel bei
unseren strategischen Verhandlungen mit der Sowjetunion - die Sicherheit beider Staaten zu verbessern
und im Zuge dessen einer Welt, die bereits viel zu stark
durch Waffen und Spannungen belastet ist, ein gewisses Maß an Ordnung und Stabilität zu verleihen.
Weltraumverteidigung
Wir haben die Absage der Sowjetunion an ein Junktim
zwischen einem START-Vertrag und einem ebenfalls
zur Verhandlung stehenden Vertrag über Weltraumverteidigung begrüßt. Wir haben in Genf einen neuen
Entwurf für einen Vertrag über Weltraumverteidigung
vorgelegt, der dieser Tatsache Rechnung trägt, und
wir werden unsere Bemühungen fortsetzen.
Ein Hauptziel der Vereinigten Staaten bei den Gesprächen über Weltraumverteidigung besteht darin, die
Verhandlungen über vertrauensbildende Maßnahmen
im Hinblick auf eine Verteidigung gegen ballistische
Raketen zu erleichtern und damit ein notwendiges
Element gegenseitiger Berechenbarkeit und Stabilität
bereitzustellen. Auf Einladung Außenminister Bakers
besuchte eine Gruppe von 10 sowjetischen Experten
die ALPHA-Lasereinrichtung der Firma TRW in Kali-

AMERIKA DIENST 10

fornien und die mit neutralen Teilchenstrahlen operierende Einrichtung für das raketengestütze Strahlenexperimet (Beam ExperimentAboardRocket-BEAR)
des Los Alamos National Laboratory (14. -19. Dezember). Mit diesen Besuchen erhielt die Sowjetunion eine
Gelegenheit, zu untersuchen, wie die von den Vereinigten Staaten vorgeschlagenen vertrauensbildenden
Maßnahmen funktionieren würden. Der sowjetischen
Gruppe wurde also ein einzigartiger Einblick in die
amerikanischen Forschungsmaßnahmen zu künftigen
Waffen gestattet, und zwar Jahre vorderen möglichem
Auftreten als stationierte Systeme.
In den Gesprächen über Weltraumverteidigung (DST)
mit der Sowjetunion in Genf streben die Vereinigten
Staaten weiterhin nach einer Vereinbarung über einen
kooperativen Übergang zu einem stabileren nuklearen
Gleichgewicht, das sich zunehmend auf strategische
Verteidigungssysteme stützen würde, falls diese sich
als machbar erweisen sollten, und gleichzeitig danach,
die Optionen der Vereinigten Staaten zur Stationierung solcher strategischer Verteidigungssysteme zu
bewahren, wenn diese einsatzbereit sind. Zu diesem
Zweck haben die Vereinigten Staaten im Dezember
1989 einen überarbeiteten Entwurf für einen Vertrag
über Weltraumverteidigung vorgelegt. Dieser Entwurf
bewahrt die zentralen Elemente der beim Washingtoner Gipfel im Dezember 1987 erzielten Übereinkunft
und spiegelt die Ergebnisse des Ministertreffens in
Wyoming im September 1989 wider. Der neue amerikanische Vorschlag beinhaltet femer den Entwurf für
ein Protokoll über Maßnahmen zur Verbesserung der
Berechenbarkeit, den amerikanischen Vorschlag über
weltraumgestützte Sensoren und die amerikanische
Initiative über Weltraumerprobung.
Weiterhin bestehen jedoch zwischen den Vereinigten
Staaten und der Sowjetunion grundsätzliche Meinungsverschiedenheiten über Fragen der Weltraumverteidigung. Die Sowjets möchten der Strategischen Verteidigungsinitiative (SDI) Beschränkungen auferlegen.
Sie favorisieren überdies ein Protokoll zum ABMVertrag anstelle eines neuen Vertrags über Weltraumverteidigung als Mittel zur Lösung von Fragen der
Weltraumverteidigung. Beim Ministertreffen in Wyoming erklärten die Sowjets, sie ließen ihr Junktim
zwischen dem Abschluß eines START-Abkommens
und einem Vertrag über Weltraumverteidigung fallen.
Die Vereinigten Staaten begrüßen dies und sind der
Ansicht, daß die Verträge über START und Weltraumverteidigung unabhängig voneinander betrachtet werden müssen.
TTBT und PNET
Beim äußerst erfolgreichen Treffen zwischen den
Außenministern Schewardnadse und Baker in Wyoming wurde ein Durchbruch bei den Verhandlungen
über Verifizierungsprotokolle zum Schwellenvertrag
(TTBT) und zum Vertrag über Atomexplosionen zu
friedlichen Zwecken (PNET) erzielt. Die Minister verSeite 7

�einbarten, daß hydrodynamische und seismische
Messungen sowie Vor-Ort- Inspektionen als Verifizierungsinstrumente bei den unterirdischen Atomtests
beider Länder Anwendung finden sollen. Beim Ministertreffen in Moskau wurden Vereinbarungen über die
Standorte der drei in jedem Land zu schaffenden
Meßstationen getroffen. Eine solche Vor-Ort-Messung von Atomtests ist einmalig in der Geschichte der
Rüstungskontrolle.

Administration auch in bilateralen Verhandlungen mit
der Sowjetunion aktiv. Beim Moskauer Ministertreffen
haben beide Seiten bekräftigt, daß chemische Waffen
weltweit beseitigt werden müssen. Sie verständigten
sich auf einen Rahmen, um dieses Ziel zu erreichen,
darunter Verhandlungen über ein bilaterales Abkommen zur Vernichtung chemischer Waffen, das beim
Gipfeltreffen im Juni unterzeichnet werden soll.
Nichteinhaltung

In Malta bekräftigten die Präsidenten Bush und Gorbatschow ihren Wunsch nach Unterschriftsreife der
Protokolle zu TTBT und PNET bis zum Gipfeltreffen im
Juni 1990. Dieser Punkt wurde von den Außenministem Baker und Schewardnadse bei ihrem Moskauer
Treffen erneut bestätigt.
Dies sind wichtige Maßnahmen auf dem Weg zur
Verbesserung der beiderseitigen Stabilität auf der
strategischen Ebene. Dies bedeutet jedoch nicht das
Ende der Atomtests. Die Vereinigten Staaten müssen
in der Tat Atomtests durchführen, solange sie eine
entscheidende Rolle für die nationale Sicherheit spielen.

Bevor ich zum Schluß komme, möchte ich dem Ausschuß ins Gedächtnis rufen, daß der Präsident am 23.
Februar 1990 dem Kongreß die geheime und die
freigegebene Fassung des siebten Berichts über die
sowjetische Nichteinhaltung von Rüstungskontrollvereinbarungen zugeleitet hat. Dies bleibt ein wichtiges
Element unseres Gesamtansatzes zur Rüstungskontrolle. Nicht nur ist dies eine andauernde Erinnerung
an die zentrale Bedeutung der Einhaltung als conditio
sine qua non jedes bedeutenden Vertrags, sondern es
unterstreicht ferner der Sowjetunion wie auch der
Öffentlichkeit im Westen gegenüber die entscheidende Bedeutung, die diese Administration der Einhaltung
beimißt.

Chemische Waffen
Im Jahr 1984 legte der damalige Vizepräsident Bush in
Genf einen amerikanischen Vertragsentwurf vor, der
Entwicklung, Produktion, Lagerung, Weitergabe und
Einsatz chemischer Waffen weltweit untersagt. Dieses Jahr verfolgte der Präsident sein persönliches
Engagement für ein solches Verbot weiter, indem er
der UNO-Generalversammlung Vorschläge präsentierte, um ein solches Abkommen zu beschleunigen,
darunter die Vernichtung sämtlicher C-Waffenbestände nach Beitritt aller C-waffenfähigen Staaten zu diesem Vertrag.
Der Vertragsentwurf ist zur Zeit Verhandlungsgegenstand bei der Genfer Abrüstungskonferenz, an der 40
Staaten teilnehmen. Nach fast sechsjährigen Verhandlungen gibt es immer noch Bereiche, in denen
große Meinungsverschiedenheiten bestehen. Eine
wirksame Verifizierung ist entscheidend und bildet
zugleich das schwierigste zu lösende Problem.
Da chemische Waffen relativ preiswert, leicht herzustellen und zu verbergen sind, kommen sie besonders
für Machenschaften von Lieferanten und Herstellern in
Frage, die - häufig auf verschlungenen Pfaden über
Mittelsmänner und Schmuggler - versuchen, den
Charakter ihrer Transaktionen zu verschleiern. Die
Umgehung von Exportkontrollen ist deshalb relativ
einfach und schwer zu verhindern. Trotzdem bleiben
die Vereinigten Staaten das führende Land bei den
Bemühungen zur Beendigung dieser gefährlichen
Aktivitäten. Unsere Bemühungen werden noch intensiviert.
Neben unseren multilateralen Anstrengungen war die

Seite 8

Ich kann diesem Ausschuß versichern, daß die Administration weiterhin auf die peinlich genaue Einhaltung
aller Abkommen seitens der Sowjets drängen wird und
daß mit dem Näherrücken mehrerer neuer und entscheidender Verträge die Vertragseinhaltung weiterhin unser zentrales Anliegen sein wird. Dies gilt sowohl
für die neuen als auch für die bereits bestehenden
vertraglichen Regelungen.
Ein Regime sich ergänzender Verträge
Wir befinden uns inmitten einer umfassenden Entwicklung in Richtung auf ein Regime von Rüstungskontrollabkommen, die sich auf einer Reihe verschiedener
militärischer Ebenen gegenseitig ergänzen: START,
KSE, Offene Himmel, Offene Länder, Maßnahmen zur
Berechenbarkeit, bilaterale Reduzierungen und ein
multilaterales Verbot chemischer Waffen, neue Vertrauens- und sicherheitsbildende Maßnahmen in Europa, effektive Verifizierung zweier Verträge über
Atomtests. Wenn diese Verträge letztlich abgeschlossen sind und wiederum neue sich bereits abzeichnen,
werden sie - in Zusammenhang mit früheren wie dem
INF-Vertrag, dem Zentrum zur Verringerung des nuklearen Risikos, dem Stockholmer Abkommen über
die Inspektion militärischer Übungen in Europa und
anderen - ein sich wechselseitig ergänzendes Geflecht
von Vereinbarungen bilden, das auf die Verbesserung
der Sicherheit in Europa, den Vereinigten Staaten und
Kanada gerichtet ist. Wenn dieses immer dichtere
Geflecht von Rüstungsbeschränkungen auf mehr
Freiheit und Offenheit in den Staaten Osteuropas und
der Sowjetunion trifft, können wir wahrlich sagen, daß
wir in ein neues Zeitalter der internationalen Beziehun-

AMERIKA DIENST 10

�gen nach dem kalten Krieg eingetreten sind. Wir
versprechen keine Utopien, noch werden wir den
Charakter des Menschen oder das internationale
Staatensystem ändern. Aber wir bewegen uns ständig
und umsichtig auf realistische Ziele strategischer
Stabilität auf erheblich reduzierten Streitkräfteniveaus
zu.
Sorgen über Weiterverbreitung dürfen nicht vernachlässigt werden
Im Hinblick auf Freiheit und Sicherheit in anderen,
krisengeschüttelten Regionen der Welt haben wir noch
einen weiten Weg zurückzulegen. In vielen Regionen
beobachten wir die fortschreitende Verbreitung chemischer Waffen und ballistischer Raketen, zusammen
mit echter Besorgnis über die zusätzliche Weiterverbreitung nuklearer Waffen. Während wir in derzweiten
Hälfte dieses Jahrhunderts den Frieden in Europa
bewahrt haben, beobachteten wir im gleichen Zeitraum einen Rüstungswettlauf in anderen Bereichen
und über einhundert bewaffnete Konflikte mit Millionen
Toten und Verwundeten.
Wir bemühen uns darum, dieser gefährlichen Form der
Verbreitung von Waffen Einhalt zu gebieten. Wir
erkennen an, daß ein erfolgreicher Abschluß dieser
Bemühungen einen langen Prozeß erfordert und daß
viele dieser Konflikte ihre Wurzeln in traditionellen
religiösen und ethnischen Faktoren haben. In diesem
Zusammenhang macht der schockierende Einsatz
chemischer Waffen im Mittleren Osten in einem einzigen Augenblick jegliches Erfolgsgefühl beim Versuch

*

AMERIKA DIENST 10

* *

zunichte, den Einsatz chemischer Waffen zu verbieten
und ihre Ausbreitung zu verhindern. Gleichzeitig führen uns diese Beispiele des andauernden Einsatzes
chemischer Waffen vor Augen, warum wir bei dieser
schwierigen, mühsamen Aufgabe nicht nachlassen
dürfen. Die Staaten Europas, einschließlich der Mitglieder von NATO und Warschauer Pakt, haben bedeutende Fortschritte dabei erzielt, die Fragen der
gegenseitigen Sicherheit in den Griff zu bekommen.
Die Zeit ist nun reif für andere Staaten in der ganzen
Welt, ein vergleichbares Engagement und ähnliche
Leistungen unter Beweis zu stellen.
Wir streben eine sicherere Welt für die nächste Generation an. In vielen Bereichen haben wir Fortschritte
erzielt, aber unsere Arbeit dauert an. Der Kampf für
eine vollständig freie und sichere Welt wird niemals
aufhören. Wir haben eine Strategie für Frieden und
Freiheit, sie funktioniert, und das wird auch weiterhin
so sein.
Als Direktor des ACDA bin ich stolz, sagen zu können,
daß wir unsere Anstrengungen bei der Rüstungskontrolle verdoppeln. Wir konzentrieren unsere Bemühungen noch stärker auf die in allen Bereichen vor uns
liegenden Aufgaben. Wir nutzen unsere spärlichen
Mittel auf das Beste. Die Moral ist hervorragend,
insbesondere seit wir uns der Tatsache bewußt sind,
daß unsere Behörde wahrscheinlich nie zuvor solch
wertvolle Beiträge erbringen konnte wie dies heute der
Fall ist.

*

*

Seite 9

�NATO
14. März 1990

GALVIN BEKRÄFTIGT NATOMSTRATEGIE, HÄLT
JEDOCH ÄNDERUNGEN FÜR MÖGLICH
Erklärung vor Unterausschuß des Senats
WASHINGTON - (AD) - In einer Erklärung vor einem Senatsunterausschuß für auswärtige Angelegenheiten
bekräftigte der Oberste Alliierte Befehlshaber Europa, General John Galvin, am 7. März 1990 seine Unterstützung für die Strategie der flexiblen Reaktion und der Vorneverteidigung, schloß jedoch die Möglichkeit
"bahnbrechender Veränderungen in der Zukunft" nicht aus.
Galvin erklärte, die künftige NATO-Strategie sei stark von den noch bevorstehenden Entwicklungen in Europa,
insbesondere der Wiedervereinigung Deutschlands, abhängig. Aufgrund der Unsicherheit und potentiellen
Instabilität in Europa "müssen wir unsere gegenwärtige Strategie aufrechterhalten und weiter unterstützen".
Nachfolgend veröffentlichen wir die Erklärung General Galvins im Wortlaut.

Herr Vorsitzender, verehrte Ausschußmitglieder, ich
danke Ihnen für die Möglichkeit, hier eine Erklärung
abgeben und die Zukunft der amerikanischen Militärpräsenz in Europa sowie den künftigen Weg der NATO
aus einer militärischen Perspektive beleuchten zu
können.
Die Veränderungen, die sich im vergangenen Jahr in
Europa ergeben haben, entziehen sich nahezu unserer Vorstellungskraft. Nie zuvor haben sich Regierungen und politische Systeme so rasch verändert. Seit
letzten Oktober gab es in Rumänien und der Tschechoslowakei je zwei Regierungen, in Bulgarien drei
und in der DDR vier. Dies ist jedoch möglicherweise
nur ein Vorgeschmack kommender Ereignisse. Bis
Juni sind Wahlen in den baltischen Republiken, in
Ungarn, Jugoslawien, Rumänien, Bulgarien und der
Tschechoslowakei angesetzt. Wahlen sind jedoch
nicht das einzige Anzeichen des sich in Europa vollziehenden Übergangs. In der Sowjetunion kam es zu
ernsten politischen Unruhen, die in einigen Fällen mit
Gewalt und Blutvergießen einhergingen. Es gab große Streiks von Arbeitern in der Ukraine und Sibirien,
Proteste in der Moldau-Republik, Gewalt in Georgien,
Forderungen nach Autonomie und sogar Unabhängigkeit der baltischen Republiken, Unruhen in Kasachstan, das Wiederaufleben ultrakonservativer Kräfte in
Rußland und praktisch Bürgerkrieg in Aserbaidschan
und Armenien. Diese tiefgreifenden Veränderungen
haben eine Reihe von Fragen im Hinblick auf die
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Zukunft der amerikanischen Militärpräsenz in Europa
und des Atlantischen Bündnisses aufgeworfen.
An diesem Wendepunkt ist es wichtiger denn je, daß
wir uns über unser Ziel und den Weg dorthin klar sind.
Meines Erachtens haben wir bereits eine Vision des
Friedens in Europa- eines beschützten Friedens -, der
auf einem Geflecht unterzeichneter, verifizierter und
unumkehrbarer Verträge aufbaut. Diese Vision ist
nicht neu, sie ähnelt dem Traum Woodrow Wilsons
vom Völkerbund und den Hoffnungen Franklin Roosevelts im Hinblick auf die Vereinten Nationen. Der
grundsätzliche Unterschied besteht heute darin, daß
wir ein besseres Verständnis dessen besitzen, was für
die Verwirklichung dieser Vision nötig ist.
Im Jahr 1947, als die Hoffnungen auf eine Nachkriegsordnung im Schwinden begriffen waren, entwickelten
westliche Staatsmänner ein Konzept für die Zukunft,
das auf politischen und wirtschaftlichen Realitäten
basierte - auf der Kunst des Möglichen. Sie bauten
Europa mit Hilfe des Marshall-Plans wieder auf, sie
unterstützten mit den Vorläufern der Europäischen
Gemeinschaft die politische Integration, und mit der
Gründung der NATO trugen sie dazu bei, militärischen
Schutz zu gewährleisten. Aufgrund der Weitsicht
dieser Staatsmänner sind wir der Verwirklichung unserer Vision einen Schritt nähergekommen. Sie haben
jedoch mehr getan, als uns voranzubringen, sie haben
uns eine Lehre erteilt. Sie lehrten uns, daß zum
Seite 1

�Erreichen unseres Ziels Geduld, Ausdauer und Opferbereitschaft erforderlich sind.
Die in Osteuropa und derSowjetunion erfolgten Veränderungen haben unleugbar die vom Warschauer Pakt
ausgehende militärische Bedrohung verringert. Aber
Instabilität ist ein zweischneidiges Schwert. Während
sie die vom Osten ausgehende Gefahr verringerte, hat
sie die Zukunft unberechenbar gemacht. Vor fünf
Jahren wäre es nahezu unmöglich gewesen, die Ereignisse von 1989 vorauszusagen. Heute ist es nahezu
ebenso schwierig, die Ereignisse des nächsten Jahres
zu prognostizieren. Ob die kommenden Jahre zu
Konflikten oder Konfrontationen führen, hängt großenteils von den Entscheidungen ab, die wir heute fällen.
Indem wir im Bereich der Rüstungskontrolle energische Anstrengungen unternehmen, sind wir dabei, ein
Fundament für die Zukunft zu legen. Gegenwärtig
verwirklichen wir mehrere Abkommen. Im Jahr 1988
begannen wir mit der Durchführung der Bestimmungen des INF-Vertrags. Heute haben wir nahezu 50
Prozent des Wegs bis zum Abzug einer gesamten
Kategorie nuklearer Waffen aus Europa zurückgelegt.
Gleichzeitig halten wir uns an die im Jahr 1986 unter
dem Schirm der Konferenz für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa abgeschlossenen Vereinbarungen. Bis heute haben die NATO-Länder 39 Inspektionen und Beobachtungsreisen zu östlichen Manövern
durchgeführt, während der Osten 42 Manöver bei uns
inspiziert und beobachtet hat. Diese Vereinbarungen
sind nicht nur um ihrer selbst willen bedeutungsvoll,
sondern auch deshalb, weil sie unser Vertrauen in die
Bereitschaft des Ostens gestärkt haben, Rüstungskontrollvereinbarungen einzuhalten und umgekehrt
wahrscheinlich auch das Vertrauen des Ostens in uns.
Die wichtigsten der laufenden Verhandlungen sind die
derzeit in Wien stattfindenden Gespräche über konventionelle Streitkräfte in Europa. Mit der Zustimmung, Millionen Tonnen von Kampfgerät zu zerstören,
stellen die Sowjets ihre zukünftige Sicherheitspolitik
und ihre Bereitschaft unter Beweis, ein Mitglied der
internationalen Staatengemeinschaft zu werden. In
diesem Tenor verspricht das Ergebnis dieser Verhandlungen zum entscheidendsten Abkommen im
Bereich der konventionellen Rüstungskontrolle zu
werden, das je erzielt wurde. Gleichzeitig hoffen wir
auf Fortschritte bei der 50prozentigen Reduzierung
der strategischen Nuklearstreitkräfte, Gesprächen in
bilateralen und multilateralen Foren über die Verringerung chemischer Waffen, verstärktem Vertrauen in die
andere Seite durch "Offene Himel" und die VSBMVerhandlungen sowie bei den Vorbereitungen für einen zukünftigen Sicherheitsrahmen durch kontinuierliche Teilnahme am KSZE-Prozeß.
Sobald ein KSE-Abkommen ausgehandelt, unterzeichnet und verwirklicht worden ist, können wir einen
Vertrag über Kurzstreckensysteme (SNF) in Erwägung ziehen. Eine landgestützte kriegsschauplatzge-

Seite 2

«•

bundene Abschreckung wird weiterhin erforderlich und
nach wie vor integraler Bestandteil unserer Strategie
sein. Dennoch könnten wir unsere Bestände auf
niedrigere Niveaus reduzieren.
Insgesamt gesehen, bieten diese Rüstungskontrollinitiativen größere Aussicht auf ein sicheres Europa als
irgendeine andere Initiative im zwanzigsten Jahrhundert. Ausgehandelte Verträge sind sehr viel wünschenswerter als einseitige Reduzierungen. Ohne
einen bindenden Vertrag und die damit einhergehenden Verifizierungsmaßnahmen können einseitige
Reduzierungen rückgängig gemacht werden. Wir
könnten in die unangenehme Lage geraten, unsere
Streitkräfte abzuziehen, ohne daß die von der anderen
Seite vorgenommenen Reduzierungen von Dauer sind.
Eine Reihe von Sicherheitsexperten hat das Argument
vorgebracht, die politische Situation in Europa habe
sich bereits grundlegend gewandelt und damit auch
unsere Verteidigungserfordernisse. Zusätzlich zu dem
offensichtlichen Umschwung in Ost- und Mitteleuropa
verweisen sie auch auf die ihrer Ansicht nach neue
militärische Situation, die durch den einseitigen Abzug
von sechs sowjetischen Divisionen aus Osteuropa und
Moskaus Zustimmung, die Streitkräfte aus Ungarn
und der Tschechoslowakei abzuziehen, entstanden
ist. Sie stellen ferner die beachtlichen Auswirkungen
der asymmetrischen Reduzierungen fest, die als Ergebnis des KSE-Abkommens erfolgen werden. Es
besteht kein Zweifel daran, daß sich die Situation in
Europa grundlegend gewandelt haben wird, wenn alle
diese politischen und militärischen Maßnahmen verwirklicht worden sind.
Diese Veränderungen haben jedoch noch nicht stattgefunden. Bis heute hat die Perestrojka die Sowjetunion noch nicht erfaßt; Demokratie und freies Unternehmertum müssen in Osteuropa noch institutionell verankert werden, und die Bedingungen einer Vereinigung der beiden deutschen Staaten sind noch nicht
ganz klar. Bis dahin bleibt die Sowjetunion die stärkste
Land- und Luftstreitmacht der Welt und produziert
weiterhin mehr militärisches Gerät als irgendeine andere
Nation. Die UdSSR hat über 185 aktive Divisionen,
von denen rund 125 auf Europa ausgerichtet sind.
Ungefähr 75 dieser Divisionen verfügen über 50 Prozent ihrer vollen Schlagkraft und 40 über 75 Prozent
und mehr.
Während die Sowjets die angekündigten einseitigen
Reduzierungen in einem vernünftigen Zeitrahmen
vorgenommen haben, ist ihre Kampffähigkeit durch
Modernisierung, Umstrukturierung und Stationierung
der verbleibenden Streitkräfte in keiner Weise eingeschränkt worden. Obwohl beispielsweise im vergangenen Jahr drei Panzerdivisionen aus der DDR und
der Tschechoslowakei abgezogen wurden, sind dort
immer noch entscheidende Elemente dieser Einheiten
stationiert. Die Panzer wurden abgezogen, aber die
Anzahl moderner Artilleriesysteme auf Selbstfahrlafet-

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�te, gepanzerter Truppenfahrzeuge und Schützenpanzer ist gleich geblieben und hat sich in einigen Fällen
noch erhöht. Darüber hinaus wurde die Qualität dieser
Systeme zusammen mit der Luftverteidigung und den
Führungsfähigkeiten verbessert und modernisiert.
Kurzum: Die Sowjets strukturieren ihre Streitkräfte in
einer solchen Weise, daß sich das Kampfpotential pro
Einheit seit 1988 nur geringfügig verringert hat.
Eine große Gefahr beim Nachdenken über die zukünftige Planung besteht darin, anzunehmen, wir seien
bereits am Ziel angekommen. Das ist nicht der Fall.
Die Instabilität in Osteuropa und die militärische Situation auf dem Kontinent stellen immer noch eine große
Herausforderung für den Westen dar. Abschreckung
eines Krieges und gegebenenfalls die Verteidigung
des Bündnisgebiets muß in Europa unser Hauptziel
bleiben. Die NATO-Strategien der Vorneverteidigung
und flexiblen Reaktion könnten in der Zukunft einige
bahnbrechende Veränderungen erfahren, aber sie sind
nach wie vor der beste Weg, sicherzustellen, daß
unsere Zielsetzungen erfüllt werden. Eine herausragende Qualität dieser Strategie besteht in der Fähigkeit, sich an veränderte Situationen anzupassen. Sie
gestattet uns, den Frieden zu bewahren und jede Krise
mit dem geeigneten Maß an Reaktion zu bewältigen,
das zu unserer Verteidigung erforderlich ist. Im wesentlichen stützt sie sich auf eine mobile Verteidigung
mit Unterstützung von Nuklearwaffen, die uns nicht nur
unter den heutigen Bedigungen dient, sondern sich
auch beim Übergang zu einer Zeit nach KSE als angemessen erweisen wird.
Wir müssen unsere derzeitige Strategie aufrechterhalten und weiterhin unterstützen. Als Supermacht und
einzige Nation, die zu einem Ausgleich der sowjetischen Militärmacht fähig ist, haben die Vereinigten
Staaten in dieser Hinsicht eine besondere Verantwortung. An erster Stelle steht hierbei die Anforderung,
eine glaubwürdige Abschreckung auf dem europäischen Kontinent aufrechtzuerhalten.
Wie viele Truppen benötigen wir zur Aufrechterhaltung
dieser Abschreckung? Bis heute bildet das Korps den
Grundstein derStreitkräftestrukturdes Bündnisses. In
der Region Europa Mitte hat jeder NATO-Mitgliedstaat
(mit Ausnahme von Kanada) einschließlich kleiner
Länder wie Belgien und der Niederlande mindestens
ein Korps stationiert. Solange flexible Reaktion und
Vorneverteidigung Bestandteil unserer Strategie sind,
müssen die Vereinigen Staaten das Minimum eines
Heereskorps mit einer ausreichenden Anzahl von
Luftwaffen-Geschwadern in Europa aufrechterhalten,
um sowohl die Sowjetunion als auch unsere europäischen Verbündeten daran zu erinnern, daß wir unsere
Interessen auf dem Kontinent verteidigen werden.
Wenn man die speziellen nachrichtendienstlichen
Einheiten, die Führungsfähigkeiten und das für die
Logistik zuständige Personal hinzuzählt, die im Falle
einer Krise zur Verstärkung erforderlich wären, beliefe

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sich die Anzahl der von uns in Europa benötigten
Truppen auf rund 195 000 Mann in der Region Europa
Mitte und weitere 30 000 an den Flanken.
Wird die Anzahl der erforderlichen Soldaten, Seeleute,
Piloten und Marineinfantristen durch eine längere
Vorwarnzeit beeinflußt? Jüngste nachrichtendienstliche Analysen kommen zu dem Schluß, daß die bei
einem größeren sowjetischen Angriff auf Westeruopa
zu erwartende Vorwarnzeit länger geworden ist. Es ist
einleuchtend, daß Mobilisierung und Stationierung eher
entdeckt und länger dauern würden, wenn die Sowjets
ihre Streitkräftestruktur abbauen und ihre Verbündeten im Warschauer Pakt weniger zuverlässig werden.
Aber bei einer Rückschau in die Geschichte stellen wir
fest, daß die Vereinigten Staaten die Zukunft nicht
immer richtig vorhergesagt haben. Es traf uns überraschend in Pearl Harbor 1941, bei der Ardennenschlacht
1944, beim Angriff Nordkoreas im Juni des Jahres
1950 und im November desselben Jahres bei der
Intervention der Chinesen. Es traf uns überraschend
1956 in Ungarn, 1968 in der Tschechoslowakei und
1979 in Afghanistan. Wir wurden ebenfalls vom Bau
der Berliner Mauer 1961 und ihrem Abriß 1989 überrascht. Zwar trifft es zu, daß wir heute über bessere
nachrichtendienstliche Methoden verfügen als je zuvor, aber die sowjetischen Streitkräfte werden immer
geschickter, wenn es um die Verschleierung ihrer
Absichten geht. Die Behauptung, unsere Techniken
der Entdeckung seien besser als ihre Täuschungsmanöver, sei dahingestellt.
Aber auch wenn uns die Nachrichtendienste warnen
würden, hätte das kaum Bedeutung, wenn wir nicht
zeitig reagieren könnten. Wir sollten deshalb vermeiden, in Anbetracht einer eventuell längeren Vorwarnzeit die Streitkräfte oder ihre Einsatzbereitschaft zu
reduzieren. Die Nachrichtendienste können uns vielleicht die Situation darlegen, in der sie den Präsidenten
möglicherweise vor dem Ausbruch eines Krieges warnen
würden, aber sie können uns nicht sagen, wieviele
Beweise er fordern wird, bis er die Entscheidung zur
Mobilisierung trifft. Wenn wir unsere schnelle Stationierungsfähigkeit aufgeben, geben wir damit auch die
gewonnene längere Vorwarnzeit auf.
Die Reaktionszeit der Vereinigten Staaten - die für uns
erforderliche Zeit zur Mobilisierung oder Entsendung
von Verstärkungstruppen nach Europa - wird nach
KSE eine wichtige Rolle spielen. Antizipierte Veränderungen in der militärischen Situation werden unseren
Bedarf an glaubwürdiger Reaktionsfähigkeit nicht
verringern. Wenn wir Abschreckung und bessere
Stabilität (vor uns nach KSE) aufrechterhalten wollen,
dürfen wir den Sowjets keine Gelegenheit zu der
Annahme geben, daß sie den Mobilisierungswettlauf
gewinnen können.
Wenn Einheiten aufgelöst, Fähigkeiten für Luft- und
Seebrücken abnehmen und die Einsatzbereitschaft

Seite 3

�nicht aufrechterhalten wird, benötigen wir zusätzliche
Reaktionszeit zur Aktivierung der Streitkräfte. Die
Vereinigten Staaten sind nicht in der Lage, ihre gegenwärtigen Verpflichtungen zur Verstärkung in der NATO
zu erfüllen. In einem Umfeld nach KSE besteht die
Möglichkeit, daß wir etwas mehr Zeit zur erneuten
Stationierung von Streitkräften in Europa haben, damit
aber kaum dem natürlichen Vorteil der Sowjets, Verstärkungen nach Europa zu entsenden, entgegenwirken können. Die sowjetischen Verstärkungstruppen
sind 600 Kilometer von Westeuropa entfernt, unsere
dagegen 6 000 Kilometer. Wir benötigen eine schnelle
Verstärkungsfähigkeit, um die kürzeren Informationswege des Feindes wettzumachen. Wenn wir - bei einer
Befürwortung dieser Politik - Streitkräfte mit einer
geringeren Einsatzbereitschaft mobilisieren müssen,
dann wäre diese Aufgabe noch schwieriger.
Wie sollten unsere Truppen ausgerüstet sein? In den
vergangenen zehn Jahren haben die Sowjets 28 500
Panzer produziert. Wenn sie im Gebiet zwischen
Atlantik und Ural ihr modernstes Gerät dislozieren,
wäre der älteste auf Europa gerichtete Panzer zwischen fünf und zehn Jahre alt. Der älteste Panzer im
NATO-Arsenal wäre dagegen fast zwanzig Jahre alt.
Dasselbe gilt für das meiste andere wichtige Gerät.
Um diesen Nachteil auszugleichen, müssen wir uns
auf andere Bereiche konzentrieren. Unsere Soldaten
müssen hochmotiviert und gut ausgebildet sein. Wir
müssen unsere Abriegelungsfähigkeit mit FOFA-Technologien verbessern. Generell müssen wir unsere
Einheiten mit modernstem Gerät ausrüsten.
Darüber hinaus müssen wir eine landgestützte nukleare Abschreckung auf dem Kontinent aufrechterhalten.
Die NATO will eine Aggression mit fähigen konventionellen Streitkräften abschrecken, die von überlebensfähigen glaubwürdigen Nuklearfähigkeiten unterstützt
werden. Wichtige Verbindung zu den strategischen

*

Seite 4

Streitkräften der Vereinigten Staaten sind die kriegsschauplatzgebundenen Streitkräfte. Wenn die konventionellen Streitkräfte in Europa einen Angriff nicht
abwehren können, wäre es kaum glaubwürdig, daß die
Eskalation zu strategischen Streitkräften der nächste
Schritt wäre - und ohne diese Glaubwürdigkeit ist die
Abschreckung geschwächt.
Die Sowjets haben ihre kriegsschauplatzgebundenen
Streitkräfte ständig modernisiert. Die Rakete des Typs
FROG ist durch die SS-21 ersetzt worden. DieSS-N21 wurde eingeführt. Bei nuklearfähiger Artillerie werden
die Sowjets gegenüber der NATO einen Vorteil von 4
zu 1 haben, bei Raketenabschußeinrichtungen von 16
zu 1. Zur Aufrechterhaltung einer glaubwürdigen
nuklearen Abschreckung ist daher die Modernisierung
unserer eigenen kriegsschauplatzgebundenen Streitkräfte unerläßlich.
Solange die sowjetische Militärmacht so groß und
gefährlich ist wie jetzt, müssen flexible Reaktion und
Vorneverteidigung weiterhin Grundlage unserer Strategie sein. Diese Strategie müssen wir mit in Europa
stationierten Truppen unterstützen. Diese Soldaten
müssen mit modernstem Gerät ausgerüstet sein.
Mittelfristig sollten wir eine Basis unterzeichneter,
verifizierbarer und unwiderruflicher Verträge anstreben, um Stabilität und Sicherheit zu fördern. Auf diese
Weise werden wir unser Endziel - einen geschützten
Frieden - erreichen können.
Herr Vorsitzender, ich danke Ihnen für die Gelegenheit, in diesem Ausschu ß meine Ansichten darlegen zu
können. Ich wollte vor allem darauf hinweisen, daß wir
in diesen Zeiten der Veränderungen, die zugleich
Chancen und Risiken bergen, Stabilität und Augenmaß in den Vordergrund stellen müssen. Ich hoffe in
diesem Sinne auf eine gute Zusammenarbeit.

*

AMERIKA DIENST 10

�UMWELT
14. März 1990

ERNEUERBARE ENERGIEN SOLLEN ERDERWÄRMUNG
BREMSEN
Die Forschung nach alternativen Betriebsstoffen

WASHINGTON - (AD) - Wissenschaftlern zufolge
werden alternative Energien zur Stromversorgung und
zum Betrieb von Kraftfahrzeugen schon bald eine
größere Rolle spielen. Ferner können sie einen großen Beitrag zu einer Reduzierung des Risikos einer
unkontrollierten Erwärmung der Erde leisten.
"Erneuerbare Energien werden dazu beitragen, die
Vermehrung von Treibhausgasen zu vermindern", erklärt
der leitende Direktor des amerikanischen Solar Energy
Research Institute, Harold Hubbard. "Viele dieser
Technolgien, darunter Photovoltaik, Windenergie, mit
Wasserkraft und Sonnenenergie betriebene Kraftwerke produzieren überhaupt keine Treibhausgase. Andere,
wie etwa aus Biomasse gewonnenes Äthanol produzieren zwar Treibhausgase, tragen aber nicht zu deren
Akkumulierung bei.
"Darüber hinaus werden Forschung und Entwicklung
in diesem Bereich Auswirkungen auf pharmazeutische
Produkte, Kunststoffe, Kleidung, Nahrungsmittel,
Computer, Laser, Kältetechnik und viele andere Bereiche haben. Ein neues technologisches Zeitalter wird
uns eröffnet werden."
Wissenschaftler sind der Ansicht, daß die Emissionen
von Kohlendioxid und anderen bei der Verbrennung
fossiler Brennstoffe wie Öl und Kohle entstehenden
Gasen zu einer kontinuierlichen Erwärmung der Atmosphäre führen, indem sie die Sonnenstrahlung in einem Prozeß, der den Vorgängen in einem Treibhaus
ähnelt, abfangen.
Von Forschet n wird jedoch betont, daß die erneuerbaren Ressourcen Sonnenstrahlung, Wind, fließendes
Wasser und Biomasse in ihrem Ausmaß ein immenses
Potential für eine Reduzierung der weiteren Ansammlung von Treibhausgasen darstellen. Einer neuen
Studie des amerikanischen Energieministeriums zufolge sind allein in den Vereinigten Staaten die in den

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nächsten 30 Jahren nutzbaren Energien größer als
eine Menge von 105 Trillionen Faß ö l . Der größte
Anteil davon entfällt auf Sonnenenergie und Biomasse.
Die neuen Energietechnologien machen sich diese
Ressourcen unmittelbar zunutze. Bei PhotovoltaikSystemen werden Halbleiter eingesetzt, um Sonnenstrahlung in Strom zu verwandeln, bei Sonnenheizkraftwerken werden Spiegel verwendet, um die Sonnenstrahlen zu bündeln und Hitze zu produzieren, bei
Windanlagen werden Propeller auf hohen Türmen
installiert, um Strom zu erzeugen und Biomasse besteht aus Holz, Agrarprodukten und anderen Naturprodukten, die zur Treibstofferzeugung genutzt werden.
Einem Bericht des Worldwatch Institute, einer gemeinnützigen Forschungsorganisation, zufolge vermindert
der in den vergangenen 15 Jahren beobachtete verstärkte Einsatz emeuerbarer Energien den jährlichen
Ausstoß von Kohlendioxidemissionen weltweit um 580
Millionen Tonnen. Das Oak Ridge National Laboratory
berichtet, daß weltweit durch die Verbrennung fossiler
Treibstoffe im Jahr 1988 etwa 19 Milliarden Tonnen
Kohlendioxid produziert wurde.
In seinem Vortrag bei einer Zusammenkunft der
amerikanischen Gesellschaft für die Förderung der
Wissenschaft erklärte Hubbard vor kurzem, einige der
heute eingesetzten Technologien zur Nutzung erneuerbarer Energien hätten noch Mitte der siebziger Jahre, als die Bundesregierung nationale Forschungsund Entwicklungsprogramme zu erneuerbaren Energien ins Leben rief, in den Kinderschuhen gesteckt.
Die Photovoltaik zum Beispiel war in den frühen siebziger Jahren eine exotische und teure Technologie,
deren Anwendungsbereich sich auf die Raumfahrt
beschränkte. Seit Beginn des Bundesprogramms hat
sich jedoch eine Revolution ereignet.

Seite 1

�"Die Kosten haben sich bis um das 20fache verringert
... und in naher Zukunft werden die Kosten allein durch
wirtschaftlichere Produktion noch einmal halbiert werden", meint Hubbard. "Wir haben Dutzende neuer
photovoltaischer Materialien entdeckt und entwickelt,
von denen einige sehr vielversprechend sind. Heute
werden schon Zehntausende von Systemen für verschiedenste Zwecke von der Wasserförderung über
die Elektrifizierung von Dörfern bis zur zentralen Elektrizitätsgewinnung eingesetzt."
Photovoltaik-Systeme bestehen aus Sonnenkollektoren, die auf Dächern montiert oder in großer Zahl als
Kraftwerke in Wüstengebieten installiert werden können. Der jährliche Weltmarkt für Photovoltaik hat sich
von nahe Null in den siebziger Jahren zu einer Größenordnung von über 400 Millionen Dollar und 40 Megawatt im Jahr 1988 entwickelt, wobei die Kosten bei
etwa 25 Cent pro Kilowattstunde liegen. Im Vergleich
dazu kostet die Energiegewinnung aus Kohle, Erdöl
oder Erdgas zwischen zwei und fünf Cent pro Kilowattstunde. Der Einsatz in der Dritten Welt steigt rapide an,
und aus Indien wird berichtet, daß bereits 6 000 Systeme in Dörfern installiert wurden.
Das Solar Energy Research Institute schätzt, daß
neue Technologien zur Entwicklung von PhotovoltaikSystemen führen könnten, die gegen Ende der neunziger Jahre gegenüber herkömmlichen Energien konkurrenzfähig sind. Dies könnte allein in den Vereinigten Staaten bis zum Ende dieses Jahrzehnts eine
Leistung von 1 000 Megawatt erbringen. Im Vergleich
dazu beträgt die aus Kohle gewonnene Energie in den
Vereinigten Staaten heute über 294 000 Megawatt.
Hubbard zufolge ist der Markt für Sonnenheizenergie,
der zu Beginn des Bundesforschungsprogramms noch
nicht existierte, heute größer als der Markt für Photovoltaik, und er wächst weiter. Seit 1984 wurden allein
in Kalifornien Anlagen mit einer Gesamtleistung von
etwa 200 Megawatt installiert. Diese bestehen aus mit
Spiegeln ausgekleideten Mulden, die das Sonnenlicht
auf mit ö l gefüllte Rohre bündeln. Damit wird das ö l
erhitzt, das sich ausdehnt und entweder durch eine
Turbine fließt, die einen stromerzeugenden Generator
antreibt. Oder es wird weitergepumpt, um Wohnungen
zu heizen.
Der Hersteller dieses Systems, die Firma Luz International, will in der Wüste Kaliforniens weitere 300 bis
500 Megawatt installieren und sondiert die Möglichkeit
größerer Projekte im Staat Nevada und in Brasilien.
Das Unternehmen erwartet einen Preis für Sonnenenergie von etwa 8 Cents pro Kilowattstunde.
Hubbard zufolge ist die Windenergie, bei der die
mechanische Energie des Windes Strom erzeugt, auf
dem Vormarsch und macht den Solarzellen ihren Rang
streitig. Heute sind weltweit mehr als 20 000 Windanlagen mit einer Kapazität von etwa 1 600 Megawatt im
Einsatz. Die meisten davon befinden sich in Kalifor-

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nien und Dänemark, obwohl es inzwischen auch
Windkraftwerke in Indien, der Bundesrepublik und
anderen Ländern gibt. Windenergie ist beim Preis von
6 bis 8 Cents pro Kilowattstunde wettbewerbsfähig
geworden.
Experten prognostizieren, daß Windenergie bis zum
Jahr 2030 mehr als 10 Prozent des weltweiten Energiebedarfs decken und entsprechende Kraftwerke im
Westen der Vereinigten Staaten, in Nordeuropa, Nordafrika, Indien und der Sowjetunion gebaut werden
könnten.
"Die Technologie macht in allen Bereichen große
Fortschritte, vom Design der Flügel und Turbinen über
das bessere Verständnis vom Wind als Energiequelle
bis zur Kostruktion besserer Türme," erklärt Hubbard.
"Infolgedessen haben Windanlagen eine längere
Lebensdauer, produzieren mehr Elektrizität und sind
zuverlässiger. Diese Fortschritte haben dazu beigetragen, daß winderzeugte Elektrizität relativ preiswert
ist."
Eine der bekannesten Quellen erneuerbarer Energie
ist die Wasserkraft, die bereits ein Fünftel des Weltenergiebedarfs deckt und der in Zukunft eine noch
größere Verbreitung vorhergesagt wird. China hat
zum Beispiel erst etwa ein Zehntel und Afrika ein
Zwanzigstel seiner Potentiale ausgschöpft.
Darüber hinaus gibt es Energie aus Erdwärme, bei der
die Hitze des Erdinneren zur Energiegewinnung freigesetzt wird. Dem Worldwatch Institute zufolge könnte die Nutzung der Erdwärme in den Vereinigten Staaten bis zum Ende dieses Jahrzehnts zwischen 4 200
Megawatt (das doppelte des gegenwärtigen Niveaus)
und 18 700 Megawatt betragen, wobei die Kilowattstunde etwa 4 bis 8 Cents kosten würde. Andere
Regionen, in denen diese Energie Verbreitung finden
könnte, sind Mittelamerika, Neuseeland, die Philippinen und die Sowjetunion, weil jedes dieser Länder über
viele Heißwasserreservoirs unter der Erde verfügt, in
denen natürlicher Druck vorhanden ist.
Die Technologien für erneuerbare Energien, mit denen
sich höchstwahrscheinlich die Emission der Treibhausgase am ehesten eindämmen lassen, sind Techniken zur Herstellung von Treibstoffen wie etwa Äthanol. Jedes Jahr stoßen die etwa 400 Millionen Autos
auf der Erde ungefähr 1,8 Millionen Tonnen Kohlendioxid in die Atmosphäre aus. Das entspricht 10 Prozent
der Menge, die bei der Verbrennung fossiler Brennstoffe freigesetzt wird. Prognosen zeigen, daß diese
Emissionen zusammen mit der Zahl der Kraftfahrzeuge bis zum Jahr 2010 um 75 Prozent steigen werden.
Experten des Energieministeriums vertreten die Ansicht, daß Äthanol am besten aus Holz und Rückständen gewonnen wird, die in Einfachzucker umgewandelt und dann zu Äthanol fermentiert werden. In den
vergangenen Jahren konnnte die Holz-in-Äthanol-

AMERIKA DIENST 10

�c

&gt;

Umwandlung von weniger als 40 Prozent auf mehr als
70 Prozent gesteigert werden. Damit sind die Kosten
von über einem Dollar pro Liter auf etwa 36 Cents pro
Liter gesunken. Schätzungen zufolge könnten die
Vereinigten Staaten 912 Milliarden Liter Äthanol pro
Jahr aus Holz gewinnen.

Grenzen hat.

Gegenwärtig hat Brasilien das größte Programm zur
Herstellung von Alkoholtreibstoffen, wobei das aus
Zuckerrohr gewonnene Äthanol 62 Prozent des Treibstoffbedarfs für Kraftfahrzeuge deckt. Die Vereinigten
Staaten sind mit 20 Millionen Barrel pro Jahr zweitgrößter Hersteller von Alkoholtreibstoff, der hier vor
allem aus Mais gewonnen wird. Aber einem Bericht
der Forschungsabteilung des Kongresses zufolge führt
die Äthanol-Gewinnung in den Vereinigten Staaten nur
zu einer 63prozentigen Verringerung der Kohlendio xidemissionen, weil bei der Herstellung fossile Brennstoffe verwendet werden. Bei den Berechnungen
werden Energieeinheiten zugrundegelegt.

Der Direktor des Center for Building Science beim
Lawrence Berkeley Laboratory in Berkeley (Kalifornien) - das dem amerikanischen Energieministerium
angeschlossen ist -, Arthur Rosenfeld, berichtet, daß
trotz einer Steigerung des Bruttosozialprodukts um 35
Prozent in den Jahren 1973 bis 1986 keine Steigerung
des Energieverbrauchs und eine jährliche Senkung
um 1,2 Prozent beim Verbrauch von ö l und Gas
festgestellt wurde. Wenn die Vereinigten Staaten sich
noch auf dem Stand von 1973 befänden, hätten sie
1986 50 Prozent mehr Kohlendioxid, Schwefeldioxid
und Stickoxid in die Atmosphäre eingeleitet.

Wissenschaftler berichten, da ß zunehmende Energieeinsparungen und effizientere Verwendung fossiler
Brennstoffe die Entstehung von Kohlendioxid und
anderen Treibhausgasen verringern wird.

Rosenfeld führte als Beispiel für die Tendenz zur
besseren Nutzung von Energie an, daß der durchschnittliche Treibstoff verbrauch neuer Autos von 16,8
Liter pro 100 Kilometer im Jahr 1976 auf 8,4 Liter pro
100 Kilometer im Jahr 1989 gesenkt werden konnte.

Hubbard berichtet, daß der zunehmende Einsatz von
Atomkraft jährlich die Kohlendioxidemissionen weltweit um etwa 5 Prozent verringert. Er fügte jedoch
hinzu, daß der Einsatz von Atomkraft im Hinblick auf
Verfügbarkeit, Entsorgung, Image und Kosten seine

* *

AMERIKA DIENST 10

*

Seite 3

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und
Dokumentation
International Communication Agency
Embassy of the United States of America

14. April 1982

15
INHALT

DOKUMENTATION
t/

Botschafter Burns nimmt zum deutsch-amerikanischen Verhältnis Stellung

INFORMATION
Karitative Spenden in den USA erreichen neuen Höchststand

HINTERGRUND
USA erläutern neuen Vorschlag für Beziehungen zu Nicaragua
- Von unserer Korrespondentin Mildred Sola Neely -

k

J

WISSENSCHAFT UND TECHNIK
Gewichtseinsparung bei Raumfähren-Startraketen

Um Übei/endung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.: 0228-339 22 40
Telex: 08-85432

�Dokumentation
International Communication Agency
Embassy of the United States of America

15

14. April 1982

BOTSCHAFTER BURNS NIMMT ZUM DEUTSCH-AMERIKANISCHEN VERHÄLTNIS STELLUNG

WASHINGTON - (AD) - Der Botschafter der Vereinigten Staaten von Amerika
in der Bundesrepublik Deutschland, Arthur F. Burns, hat am 5. April 1982
vor dem Unterausschuß für Europa und den Nahen Osten des Außenpolitischen
Ausschusses des Repräsentantenhauses zum deutsch-amerikanischen Verhältnis
Stellung genommen. Seine Ausführungen vor dem Unterausschuß haben folgenden
Wortlaut:
Meine Botschaft heute ist ganz einfach: Es gibt zwar Probleme in unseren
Beziehungen zur Bundesrepublik Deutschland, aber die Mehrheit der Deutschen
tritt weiterhin für die Vereinigten Staaten ein und ist sich des weiten Bereiches der Werte und Zielsetzungen bewußt, die wir gemeinsam haben.
Ich möchte mich hier einigen unserer Probleme zuwenden. Beschwerden
auf beiden Seiten des Atlantik lassen ein Anwachsen der Spannungen erkennen.
Die Amerikaner waren enttäuscht über das Zögern der Bundesrepublik, sich nach
der sowjetischen Invasion Afghanistans für einen Boykott der Olympischen
Spiele in Moskau zu entscheiden. Sie fragen immer wieder, warum Bonn zu

Postfach 20 03 00 Tel.: 0228-339 22 40
D 5300 Bonn 2
Telex: 08-85432

�Bonn zu zögern scheint, mehr für die Verbesserung der Kasernen für amerikanische Truppen in Deutschland zu bezahlen. Sie waren beunruhigt, daß die
Führer der Bundesrepublik zunächst zögerten, die sowjetische Rolle bei der
militärischen Machtübernahme in Polen öffentlich anzuerkennen. Sie wundern
sich über die deutsche Kritik an der amerikanischen Politik bezüglich von
El Salvador und Nicaragua. Auf der anderen Seite, um nur einige Beispiele
zu nennen, haben sich die Deutschen in den letzten Jahren über einen Zickzackkurs der amerikanischen Außenpolitik beklagt und erkennen lassen, daß
sie sich eine stärkere amerikanische Führung wünschten. Jetzt machen sich
viele Deutsche Sorgen über eine, wie sie meinen, kriegerische Einstellung
in Washington und eine Überbetonung militärischer Lösungen.
Bei der Reibung zwischen unseren beiden Ländern haben zwar auch wirtschaftliche Probleme eine Rolle gespielt, aber sie ist doch weitgehend das
Ergebnis politischer und psychologischer Kräfte.
In der deutschen Öffentlichkeit, vor allen Dingen unter jungen Menschen,
herrscht eine wachsende Besorgnis über die Welt, in der sie leben. Der
Ursachen dieser Besorgnis gibt es viele. Viele Deutsche glauben, daß ihr
Land ein Faustpfand in dem Kampf um die Vormacht zwischen den beiden
Supermächten - der Sowjetunion und der Vereinigten Staaten - geworden ist.
Weit verbreitet herrscht die Angst, daß ein Atomkrieg auf deutschem Boden
ausgetragen werden könnte. Umweltsorgen, vor allem hinsichtlich der Zuverlässigkeit von Nuklearbrennstoff, sind deutlich zu erkennen. Jetzt herrschen
auch Befürchtungen bezüglich einer härteren wirtschaftlichen Umwelt und
eines nachlassenden Netzes der sozialen Sicherheit. Ferner herrscht unter
jungen Menschen wie auch unter Interlektuellen aller Altersgruppen ein
Gefühl der Entfremdung, das aus Besorgnissen hinsichtlich der Rolle der
Technologie und großer unpersönlicher Organisationen in ihrer Gesellschaft
herrührt. Und schließlich sind viele junge Menschen zu der Überzeugung gelangt,
daß es moralisch schlecht sei, in Überfluß zu leben, weil Millionen Menschen
in der Dritten Welt hungern. Ganz allgemein gesprochen glauben viele Deutsche
heute, daß das Leben für sie seinen Sinn zu verlieren beginnt.
Da die

�Da die Vereinigten Staaten häufig mit den Dingen identifiziert werden,
die viele Deutsche beunruhigen - besonders Rivalität der Supermächte, alles
niederwalzende Technologie und Militarismus - ist in der Bundesrepublik
Besorgnis bezüglich der internationalen Rolle Amerikas entstanden, ganz
besonders hinsichtlich unserer Fähigkeit, die Ost-West-Beziehungen klug
zu gestalten. Die Sowjetunion hat es natürlich nützlich gefunden, die Furcht
der Europäer vor den Rüstungen auszuschlachten. Sie hat dies mit Geschick
und Energie getan, vor allem in der Bundesrepublik. Die sowjetische Propaganda stellt die Vereinigten Staaten als eine rastlose kriegerische Macht
dar, der es an echtem Wunsch nach Frieden mangelt und die bereit ist, die
nukleare Zerstörung Europas zu riskieren. Gleichzeitig versteht es die
Sowjetunion, sich so darzustellen, als arbeite sie unermüdlich für den
internationalen Frieden und die internationale Ordnung. Die von den Sowjets
gestartete massive Friedensoffensive versucht, einen Keil zwischen uns und
unsere europäischen Verbündeten zu treiben - ein Unterfangen, bei dem sie
bis zu einem gewissen Grade erfolgreich sind. Ich muß jedoch feststellen,
daß die Konzentration der Medien auf einen "Antiamerikanismus" in Westdeutschland mir übertrieben und keineswegs treffend zu sein scheint. Die
grundlegenden nationalen Interessen der Vereinigten Staaten und der Bundesrepublik Deutschland sind seit vielen, vielen Jahren sehr ähnlich, und
dies wird von einer Mehrheit des deutschen Volkes anerkannt. Wir haben
in Deutschland einen festen Verbündeten. Trotzdem erfordern die deutschen
Befürchtungen und die unterschiedlichen Auffassungen, die zwischen uns und
der Bundesrepublik existieren, eine sorgfältige Beachtung auf beiden Seiten
des Atlantik, wenn wir unsere gemeinsamen Interessen erfolgreich fördern
wollen.
Bevor ich mich diesen Fragen zuwende, möchte ich die Notwendigkeit
unterstreichen, daß wir unser wirtschaftliches Haus in Ordnung bringen. Das
Element der Reibung zwischen den Vereinigten Staaten und der Bundesrepublik
wird durch wirtschaftliche Schwierigkeiten in unseren beiden Ländern verschärft. Die knappen Mittel sind im wesentlichen daran Schuld, daß die
Bundesrepublik derzeit wenig geneigt ist, die Verteidigungsausgaben zu

- 3 -

�Verteidigungsausgaben zu erhöhen. Trotzdem sieht es selbst heute so aus, daß
in der deutschen Bereitschaft, zusätzliche Mittel für die NATO-Infrastruktur
bereitzustellen, ein gewisser Fortschritt erzielt werden wird. Zum Teil wegen
unserer eigenen wirtschaftlichen Probleme wollen wir, daß die Deutschen einen
größeren Anteil am Unterhalt der amerikanischen Streitkräfte in der Bundesrepublik und bei der Hilfeleistung für gemeinsame Verbündete, wie die Türkei,
leisten. Aber die Bundesrepublik hat genug mit eigenen Schwierigkeiten zu
tun - hohe Zinssätze, steigende Arbeitslosigkeit und Haushaltsschwierigkeiten
- die, wenn auch weniger intensiv als unsere wirtschaftlichen Probleme, für
das deutsche Volk recht beunruhigend sind. Die Bonner Regierung ist mit einer
gewissen Berechtigung der Überzeugung, daß Deutschland während der letzten
10 Jahre einen stetigen, wesentlichen Beitrag für die NATO-Verteidigung geleistet hat, während die Vereinigten Staaten ihre Verteidigungsprioritäten
senkten. Bonn spürt, daß es jetzt den Gürtel enger schnallen muß. Wir sollten
diese Bemühung unterstützen und zu begreifen versuchen, daß eine gesündere
deutsche Wirtschaft die Bundesrepublik in die Lage versetzen wird, in Zukunft
den größeren Anteil an den Verteidigungslasten zu tragen, der nach unserer
Auffassung angemessen ist.

Politisch gesehen müssen wir uns stärker bemühen, die Interessen zu
begreifen, die die Bundesrepublik motivieren. In unsere Bewunderung für den
Wiederaufschwung Deutschlands nach dem Kriege, für seine wirtschaftliche
Stärke und für seine wachsende Rolle in Europa vergessen wir gelegentlich
die Grenzen zu erkennen, die die Deutschen so deutlich spüren - ihren
Status als geteilte Nation mit Millionen von Familien, die Verwandte oder
enge Freunde in Ostdeutschland haben; ihre Rolle als ein europäisches Land
mit begrenzten weltpolitischen Verantwortlichkeiten; ihre Abhängigkeit von
dem guten Willen der Vereinigten Staaten als nukleare Schutzmacht, deren
Zuverlässigkeit durch Vietnam, Watergate und gelegentlich widersprüchliche
Erklärungen der Politik aus Washington in Frage gestellt worden ist. Darüber
hinaus sind die Deutschen durch ihre geographische Nähe zur Sowjetunion und
die Risiken, die mit dem einsamen Außenposten Berlin verbunden sind,
beunruhigt.
Wegen solcher

�Wegen solcher Faktoren nimmt die Bundesrepublik eine andere Hältung
zur Entspannung ein als wir. Für uns war die Entspannung einer der Wege, wie
man die alte Frage des Umgangs mit den Sowjets lösen könnte - ein Weg, der
uns letztlich wenig einbrachte. Die Deutschen hingegen sind der Auffassung,
daß die Entspannung zu einer Verminderung der Spannungen in Europa und zu
einer stabilisierten politischen Lage in und um Berlin geführt habe. Darüber
hinaus haben die Deutschen durch die Entspannung engere Kontakte zu ihren
Landsleuten im Osten gewonnen sowie verbesserte Handelsbeziehungen und ein
besseres Schicksal für die 17 Millionen Deutschen, die in der Deutschen
Demokratischen Republik leben.
Sicherlich hat die Entspannung, wie wir alle wissen, die Sowjets nicht
veranlaßt, ihr außenpolitisches Abenteurertum oder ihre militärische Aufrüstung einzustellen. Die sowjetische Aggression in Afghanistan und die
Machtübernahme der Militärs in Polen mußten unausweichlich die Grundlage der
Entspannung und die Zukunft der Ostpolitik in Frage stellen. Glücklicherweise
hat die Reagan-Administration wesentliche Schritte unternommen, um unsere
Antwort auf sowjetische Aktionen zu korrigieren. Im allgemeinen billigt die
Regierung der Bundesrepublik Deutschland unsere Entscheidung in dieser
Hinsicht. Sie glaubt an Festigkeit im Umgang mit den Sowjets, aber sie glaubt
auch, daß Festigkeit mit einem ständigen Dialog verbunden sein muß, um
Spannungen abzubauen und zu verhüten, daß die Gewinne der Ostpolitik in
Gefahr geraten. Sie glaubt ferner, vielleicht naiverweise, daß wir im
Westen durch einen Prozeß freundlicher Kommunikation im Laufe der Zeit die
Sowjets ermutigen, die Menschenrechte zu achten und in ihrem internationalen
Verhalten eine gewisse Zurückhaltung zu üben.
In der geopolitischen Rolle der Vereinigten Staaten und der Bundesrepublik gibt es wichtige Unterschiede, die die Weltanschauung jedes dieser
Länder beeinflussen. Deutschland ist im wesentlichen eine Regionalmacht. Die
Vereinigten Staaten hingegen haben globale Interessen und Verantwortlichkeiten.
Wir müssen in zahlreichen Fragen, an denen das direkte Interesse der Bundesrepublik ziemlich begrenzt ist, harte Entscheidungen treffen. Viele Deutsche

- 5 -

�Viele Deutsche und Amerikaner scheinen diesen Unterschied nicht zu erkennen.
Gelegentlich führt dieser Mangel zu einem deutschen Ressentiment bezüglich
unserer Haltung gegenüber ihrem Lande und einem Gefühl, daß wir deutsche
Interessen ignorierten. Auf der anderen Seite erwarten nicht wenige Amerikaner
großzügige wirtschaftliche Beiträge zu den von uns getragenen Projekten in
Asien, im Nahen und Mittleren Osten, in Lateinamerika und anderenorts von
einem Land, das noch nicht davon überzeugt ist, daß es eine globale Verantwortung habe.
Es wäre klug, wenn die Deutschen sorgfältiger überlegen würden, vor
wie komplexen Problemen die Vereinigten Staaten oft stenen, wenn sie im
Bündnis Führung ausüben und Maßnahmen in anderen Gebieten der Welt treffen.
Vom amerikanischen Standpunkt war die Bundesregierung in einigen Fragen, bei
denen es direkt und nachhaltig um amerikanische Interessen ging, wie im Fall
El Salvador, nicht sehr hilfreich. Die amerikanische Regierung ist der Auffassung, daß Deutschland zusammen mit anderen Verbündeten mehr tun müsse,
um sein Mißfallen über die von den Sowjets in Polen veranlaßte Unterdrückung
zu zeigen. Wir sind auch etwas beunruhigt über die Zurückhaltung der Bundesrepublik, sich in einigen Problemen außerhalb der NATO-Grenzen, vor allem
im Gebiet des Persischen Golfes, zu engagieren. Wir meinen, daß die Bundesrepublik, die in großem Umfang von Importen von Rohöl im Mittleren Osten
abhängig ist, bei der Unterstützung der amerikanischen Politik in diesem
Gebiet eine größere Rolle spielen sollte. Unsere Regierung neigt auch zu der
Auffassung, daß die deutsche Führung einen größeren Anteil an der politischen
Verantwortung für die Erläuterung der vereinbarten Bündnispolitik gegenüber
ihrer eigenen Öffentlichkeit übernehmen sollte.
Die Vereinigten Staaten und die Bundesrepublik können nur durch umfassende und wirksame Konsultationen ein besseres gegenseitiges Einvernehmen
auf der politischen Ebene erzielen. Die Einstellung zu den Rüstungskontrollverhandlungen in Genf ist ein Beispiel dafür, welchen Wert gute Konsultationen
mit unseren NATO-Verbündeten haben. Aus unseren häufigen Gesprächen mit den

- 6 -

�mit den Deutschen während der Vorbereitungszeit haben wir wichtige Einsichten gewonnen, die uns geholfen haben, unsere Verhandlungen mit den
Sowjets zu planen. Ich glaube, daß es für die deutsche Öffentlichkeit und nicht nur für jene, die an der Friedensbewegung beteiligt sind - wichtig
ist zu erkennen, daß ihre Regierung bei der Formulierung der Bündnispolitik
über Rüstungskontrolle eine echte Stimme gehabt hat und noch hat. So wie
wir es bei den Rüstungskontroll Verhandlungen getan haben, so müssen unsere
beiden Regierungen nach einem verbesserten Dialog in anderen politischen
Fragen streben. Um es etwas genauer auszudrücken, wir sollten einander schon
in einem frühen Stadium auf entstehende Probleme aufmerksam machen und damit
jene Art von Mißverständnis verringern, die entsteht, wenn eine Seite glaubt,
sie konsultiere die andere, und die andere Seite der Ansicht ist, sie werde
lediglich informiert, nachdem die Entscheidung gefallen ist. Wir sollten
sicherlich Situationen vermeiden, in denen unsere Bemühungen um echte
Konsultation von den Deutschen als eine erneute Bewährungsprobe ihrer
Loyalität mißverstanden wird.
Es liegt auf der Hand, daß die Administration bei der Gestaltung
unserer Beziehungen zur Bundesrepublik eine führende Rolle spielen muß,
aber es gibt auch vieles, was der Kongreß tun könnte. Dies gilt besonders
für das Gebiet der Verbesserung des Verständnisses grundlegender politischer
Auffassungen und Interessen unserer beiden Länder. Ein Weg, auf dem dieses
erreicht werden kann, ist der im Zusammenhang mit der neu geschaffenen Gruppe
im Bundestag. Ich appelliere an Sie, deren Anstrengung zu unterstützen.
Lernen Sie Ihre deutschen Kollegen kennen. Rufen Sie sie, wenn notwendig,
an, um ihre Auffassung zu Fragen einzuholen, die hier behandelt werden, und
übermitteln Sie ihnen Ihre Auffassungen zu Themen von Interesse für die
Vereinigten Staaten, die in Deutschland erörtert werden. Deutsche Parlamentarier haben mir versichert, daß sie höchst interessiert sind, eng mit
Mitgliedern unseres Kongresses zusammenzuarbeiten.
Eine Frage, über die wir derzeit mit der Bundesregierung sprechen, ist
die Bemühung der Administration, den Fluß öffentlicher Kredite nach der

- 7 -

�nach der Sowjetunion einzudämmen. Wir machen uns Sorgen, daß europäische
und einige andere Regierungen durch Gewährung von Krediten in liberalem
Umfang das wirtschaftliche Potential der Sowjetunion gestärkt und dadurch
indirekt dazu beigetragen haben, daß die Sowjets ihre Militärmaschine in gewissem Maße ausbauen konnten. Der private Markt erkennt heute die finanziellen
Schwierigkeiten, vor denen der Sowjetblock steht, und schränkt daher seine
Kreditgewährung scharf ein. Die gegenwärtige amerikanische Initiative soll
als Parallele zu dieser Verringerung privater Kredite dienen, indem eine
Zurückhaltung bei amtlich subventionierten Krediten und Exportkreditgarantien
angestrebt wird. Die Verringerung von Krediten und Kreditgarantien wird entweder zu einer Verringerung der sowjetischen Importe aus dem Westen führen
oder wird erfordern, daß die Sowjets für das, was sie gerne kaufen möchten,
in harter Währung bezahlen.
Unsere Bemühungen, die Kredite an die Sowjetunion

einzuschränken, wird

von manchen Leuten in Deutschland und anderswo als "Wirtschaftskrieg" verstanden. Die Administration hat keineswegs die Absicht, einen solchen zu führen.
Wir streben, was die Sowjets angeht, lediglich

danach, daß die internationalen

Finanzmärkte ohne ungerechtfertigte Einmischung durch Finanzinstitutionen der
Regierungen arbeiten. Natürlich besteht unser Ziel darin, das Angebot vorteilhafter Finanzierung an die Sowjets zu verringern, um nicht unsere Anstrengungen zur Stärkung der gemeinsamen Verteidigung zu unterminieren. Ich
bitte Sie, diese Bemühung der Administration richtig zu verstehen und zu
helfen, sie Ihren deutschen Kollegen zu erläutern.
Wir müssen auch versuchen, dem wachsenden Mangel an Einvernehmen
zwischen unseren beiden Ländern zu steuern, der darin zum Ausdruck kommt,
daß junge Menschen von etwas wegtreiben, was früher eine gemeinsame Überzeugung von unserem gemeinsamen moralischen und kulturellen Erbe gewesen ist.
Eltern, Lehrer, Journalisten und Parlamentarier auf beiden Seiten des
Atlantik haben ihre Aufgabe vernachlässigt, die neue Generation von Amerikanern
und Europäern darauf vorzubereiten, die Zügel der Macht zu übernehmen. Die
Führer dieser aufkommenden "Nachfolger"-Generation in unseren beiden Ländern

- 8 -

�beiden Ländern sind oft uninformiert oder, was noch schlimmer ist, falsch
informiert über ihre jeweiligen politischen Führer. Ich kann beispielsweise bei jungen Deutschen einen Mangel an Interesse für das Studium der
Ge'schichte feststellen - daher ihr Mangel an Verständnis dafür, wie die
Welt zu dem geworden ist, was sie heute ist. Und ich stelle bei jungen
Amerikanern einen Mangel an Interesse für das Studium fremder Sprachen
und Kulturen fest. Eines der wichtigen Ziele der öffentlichen Politik in
unseren beiden Ländern muß daher eine Ausweitung und Vertiefung der geistigen
Kontakte zwischen den jungen Menschen unserer jeweiligen Gesellschaften sein,
um das Gefühl der richtigen Einschätzung der Werte und der historischen Erfahrungen des anderen wiederzuerwecken und damit ein besseres Verständnis
unserer geistigen, wirtschaftlichen und politischen Interdependenz hervorzurufen.
Wir verfügen bereits über ein umfangreiches und erfolgreiches akademisches Austauschprogramm - das Fulbright-Programm -, das deutsche Lehrer
und Universitätsstudenten in die Vereinigten Staaten bringt und entsprechende
Amerikaner in die Bundesrepublik. Ich bin überzeugt, daß dieses Programm ein
lebenswichtiges Element unserer langfristigen bilateralen Beziehung ist. Ich
möchte vorschlagen, daß wir jetzt zusätzliche Aufmerksamkeit auf ein Austauschprogramm verwenden, das junge Menschen im Entwicklungsalter erfaßt das heißt, noch bevor sich ihre Vorurteile eingegraben haben. Ich habe immer
wenig Neigung gezeigt, Erhöhungen unseres Bundeshaushaltes vorzuschlagen,
und ich tue es auch hier nur zögernd. Aber ich bin sicher, daß ein Ausdruck
der Absicht und Unterstützung des Kongresses, vielleicht durch eine Umleitung
einiger der bereits für unsere Informations- und Kulturprogramme in Übersee
verfügbaren Mittel, und ein konzertierter Appell an den Privatsektor um
Unterstützung dieses Programms eine lohnende Investition für unser Land
sein werden. Die Erfahrung hat gezeigt, daß ein langfristiger Austausch
junger Menschen, wie er vom American Field Service und Youth for Understanding
durchgeführt wird, lebenslange Dividenden an Verständnis und Wertschätzung
der Kultur und der moralischen Werte des Landes und der Menschen, die man
besucht hat, bringt. Ich appelliere daher an Sie, dem deutsch-amerikanischen

- 9 -

�dem deutsch-amerikanischen Jugendaustausch angemessene Unterstützung zu
bieten.
Ich bin überzeugt, daß sich dies als eine gute Investition erweisen wird,
nicht nur weil die Bundesrepublik ein entscheidend wichtiges Land in Europa
ist, sondern auch weil sie ein loyaler und verläßlicher Verbündeter ist, dessen
grundlegende Interessen und Werte im wesentlichen unseren eigenen entsprechen.
Diese Tatsache kam erneut in einer kürzlich veröffentlichten Umfrage zum
Ausdruck, in der die Westdeutschen hohes Vertrauen in und Wertschätzung für
die Vereinigten Staaten zum Ausdruck gebracht haben. Ich glaube, daß mit
einem größeren Einfühlungsvermögen unsererseits und einem besseren Verständnis seitens der Deutschen unsere beiden Länder weiterhin wirksam zusammenarbeiten können bei der Förderung der moralischen, wirtschaftlichen
und kulturellen Werte, die das Wesen der westlichen Zivilisation ausmachen.

- 10 -

�mIER1KH

p

Dl El11STJ
15

Information
International Communication Agency
Embassy of the United States of America

14. April 1982

KARITATIVE SPENDEN IN DEN USA ERREICHEN NEUEN HÖCHSTSTAND

WASHINGTON - (AD) - Die karitativen Spenden in den USA haben im Jahre
1981 den neuen Höchststand von 53 Milliarden Dollar erreicht. Wie die
"American Association of Fund-Raising Counsel", eine auf diesem Gebiete
führende Privatinstitution, am 8. April 1982 mitteilte, stellt dieser Betrag,
der sich aus Spenden von Einzelpersonen, Firmen und Stiftungen zusammensetzt, eine Steigerung um 12,3 Prozent gegenüber der Summe des Jahres 1980
dar.
Die Erhöhung dieser Beiträge war größer als die durchschnittliche
Inflationsrate des letzten Jahres von 8,9 Prozent. Dies sei die erste
reale Steigerung der Spendenbeträge in den USA in den letzten drei Jahren
gewesen, heißt es in der Mitteilung der Washingtoner Institution.
Nach Auffassung von Vertretern dieser Hilfsorganisation kommt in dieser
erheblichen Steigerung das Bemühen der amerikanischen Öffentlichkeit zum
Ausdruck, einen Teil der Verantwortung für die Weiterführung der Gesundheits-,

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Telex: 08-85432

�der Gesundheits-, Wohlfahrts- und Ausbildungsprogramme zu übernehmen, die
durch die Kürzungen der Regierungszuwendungen betroffen sind. Präsident
Reagan hat das amerikanische Volk und die amerikanische Wirtschaft aufgefordert, durch private Initiativen einige der gekürzten Bundesprogramme zu
unterstützen. Privates Kapital sei in diesem Zusammenhang wertvoller als
öffentliche Mittel.
Der größte Teil der Spenden - insgesamt 44,5 Milliarden Dollar wurde von Einzelpersonen aufgebracht; 3 Milliarden Dollar kamen von Firmen.
Von der Gesamtsumme flössen 24,8 Milliarden (46 Prozent) religiösen
Organisationen zu; rund 7,5 Milliarden entfielen auf Ausbildungsprogramme.
An nächster Stelle standen Gesundheitsprogramme sowie soziale Dienstleistungen.
+++++

�14. April 1982

15

USA ERLÄUTERN NEUEN VORSCHLAG FÜR BEZIEHUNGEN ZU NICARAGUA
- Von unserer Korrespondentin Mildred Sola Neely -

WASHINGTON - (AD) - Das State Department hat am 9. April 1982 die acht
Punkte eines

neuen Vorschlages der USA zu den amerikanisch-nicaraguanischen

Beziehungen erläutert. Dieser Vorschlag war am Tage zuvor den zuständigen
Stellen Nicaraguas vom amerikanischen Botschafter in Managua, Anthony
Quainton, überreicht worden. Die Hauptpunkte des Vorschlages sind die Aufforderung an Nicaragua, seine Unterstützung der Aufständischen in benachbarten Ländern, vor allem in El Salvador, einzustellen, sowie die Zusage der
USA, die direkte Wirtschaftshilfe wiederaufzunehmen und freundschaftliche
Beziehungen zu pflegen.
Der neue Vorschlag wurde von einem Vertreter des amerikanischen
Außenministeriums in einem Hintergrundgespräch erläutert und als Versuch
bezeichnet, "einen Prozeß des anhaltenden Dialogs" mit den Sandinisten
in Nicaragua zu beginnen.
Im einzelnen

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Telex: 08-85432

�Im einzelnen sehen die acht Punkte des neuen Vorschlages nach den
Worten des amerikanischen RegierungsVertreters folgendes vor:
1. Die Einstellung der Unterstützung Nicaraguas für die Aufständischen
in den Nachbarländern. "Wir weisen besonders darauf hin, daß wir zu diesem
Punkt Ergebnisse sehen müssen, bevor es zu Resultaten hinsichtlich anderer
Aspekte des Vorschlages kommt", sagte der RegierungsVertreter. Dies sei das
"sine qua non".
2. Eine Erklärung, die sich mit den Aktivitäten nicaraguanischer
Exilanten in den USA befaßt. Dies wäre praktisch eine politische Erklärung,
die sich mit den Besorgnissen Nicaraguas befaßt.
3. Eine amerikam'sch-nicaraguanisehe Erklärung über freundschaftliche
Beziehungen. In dieser Erklärung würden sich beide Länder verpflichten,
sich nicht in die Angelegenheiten des anderen oder anderer Staaten in dieser
Region einzumischen.
4. Einen Vorschlag für eine Begrenzung von Waffen und Streitkräften.
Er sieht ein regionales Verbot für die Einführung von schweren Offensivwaffen
vor. Die Vereinigten Staaten schlagen ferner vor, daß die Zahl ausländischer
Militärberater in dieser Region auf ein niedriges Niveau herabgeschraubt
wird und die militärischen Sicherheitskräfte auf einem Stand gehalten werden,
der den Sicherheitserfordernissen entspricht.
5. Einen Vorschlag für eine internationale Verifizierung. Nicaragua
würde im Rahmen eines regionalen Abkommens seine Flughäfen, militärischen
Einrichtungen, Seehäfen, Grenzen und sensitiven Zonen Vertretern der
Organisation Amerikanischer Staaten (OAS) oder anderer regionaler Organisationen zugänglich machen.

6. Einen Vorschlag

�6. Einen Vorschlag für wirtschaftliche Zusammenarbeit im Rahmen eines
Gesamtabkommens. Er sieht eine Beteiligung Nicaraguas an dem amerikanischen
Teil der "Initiative für das Karibische Becken", einschließlich der Handelsund Investitionsvorhaben der USA, vor. Die amerikanische Regierung würde
dem Kongreß ferner die Wiederaufnahme der direkten Wirtschaftshilfe vorschlagen.
7. Einen Vorschlag für einen kulturellen Austausch, um Vertrauen
zwischen beiden Ländern zu schaffen.
8. Die Bekräftigung einer kürzlichen Verpflichtung Nicaraguas gegenüber
der COPAL, einer Organisation linksgerichteter lateinamerikanischer Parteien,
die die Grundsätze des politischen Pluralismus, einer gemischten Wirtschaft
und der Blockfreiheit stärken soll. "Dies - wie auch die schon früher gegenüber der OAS ausgesprochene Verpflichtung zu freien Wahlen -wären wichtige
politische Richtpunkte für unsere zukünftigen Beziehungen", sagte der
amerikanische Regierungsvertreter.
Der jüngste amerikanische Vorschlag, so erklärte er weiter, unterscheide
sich von dem früheren Vorschlag der USA, den Unterstaatssekretär Thomas
Enders unterbreitet hatte, indem er mehr auf die Besorgnisse Nicaraguas
bezüglich einer Invasion aus den Vereinigten Staaten eingehe und auch bezüglich der wirtschaftlichen Beziehungen weitreichender sei. Ein neuer
Aspekt sei auch das Verifizierungselement, das sich auf eine Empfehlung des
Außenministers von Honduras vor der OAS stützt.
Der Vertreter des State Department weigerte sich, zu spezifischen
Einzelheiten bezüglich der Reduzierung der ausländischen Militärberater
einzugehen. Den USA bereiteten die 2 000 kubanischen Militärberater in
Nicaragua Sorge, sagte er. Er wies ferner darauf hin, daß sich auch noch
sowjetische und osteuropäische Berater in dem mittel amerikanischen Land
befänden.
Nachdrücklich unterstrich

- 3 -

�Nachdrücklich unterstrich der Regierungsvertreter, daß über jeden
Punkt des amerikanischen Vorschlages verhandelt werden könne. Die USA
hofften auf Gegenvorschläge. "Je früher wir unsere Beziehungen zu Nicaragua
normalisieren können, desto glücklicher werden wir sein." Er wies ferner
darauf hin, daß die neue Reihe von Vorschlägen die Bemühungen Mexikos
widerspiegele, einen Dialog zwischen den Vereinigten Staaten und Nicaragua
in Gang zu bringen.
+++++

�15

14. April 1982

GEWICHTSEINSPARUNG BEI RAUMFÄHREN-STARTRAKETEN

- (AD) - Acht von den 11 Metall Segmenten des Motorgehäuses der beiden
Feststoffraketen, die beim Start des wiederverwendbaren Raumtransporters
zuerst zünden, sollen durch vier Segmente aus Faserverbundmaterial ersetzt
werden. Diesen Plan verfolgt z. Zt. das US-Amt für Luft- und Raumfahrt (NASA),
um das Eigengewicht der Raumfähren-Kombination beim Start zu verringern.
Dadurch würde, sofern der Abschuß in Kap Canaveral erfolgt, die
Kapazität für die Mitnahme von Nutzlasten um 2 720 kg erhöht. Startet der
Raumtransporter jedoch von der amerikanischen Westküste (Vandenberg Air Force
in Kalifornien ist ebenfalls als künftiger Abschußplatz vorgesehen), so ist
ohnehin eine höhere Energiekapazität bzw. ein entsprechender Ausgleich durch
geringeres Eigengewicht des Flugkörpers erforderlich. Denn von der Westküste
aus ist nur der Start in eine pol nahe Umlaufbahn möglich. Dabei entfällt
jedoch die zusätzliche Beschleunigung, die einem Raumflugkörper durch die
Erdrotation erteilt wird, wenn er, wie von Kap Canaveral aus, in eine zur
Äquatorebene mehr oder weniger stark geneigte Erdumlaufbahn gebracht und in
östlicher Richtung gestartet wird.
Die NASA

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Telex: 08-85432

�Die NASA hat inzwischen von der Industrie Vorschläge zur Konstruktion
eines Motorgehäuses in Faserwicklung aus geeignetem Verbundmaterial angefordert. Das neue Motorgehäuse soll gegen Ende 1985 einsatzbereit sein. Ober
die Bewilligung bzw. den Transfer der erforderlichen Geldmittel aus anderen
Programmen muß noch entschieden werden.
+++++

�</text>
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cimcrikG
dienet

U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

Embassy

cl - ^

sew.ces

Deichmanns Aue 29

5300 Bonn 2
14. April 1993

15

KONGRESS

DAS NEUE GESICHT DES KONGRESSES
von Joseph D. Kirschten

MARTIN LUTHER KING

LEBEN UND ZEIT MARTIN LUTHER KINGS
von Kathryn Johnson
WIEDERHOLUNG VON KINGS MARSCH
AUF WASHINGTON VON 1963 GEPLANT
Coretta King nennt 28. August als Datum

WISSENSCHAFT

WISSENSCHAFTLER UNTERSUCHEN
MÖGLICHKEITEN, DIE LEBENSERWARTUNG DES MENSCHEN ZU
VERLÄNGERN
Schlüsselrolle von Eßgewohnheiten
und Vitaminen

MEDIEN

CNN: EIN SCHLÜSSEL FÜR WELTWEITE
NACHRICHTENÜBERMITTLUNG
von Daniel B. Wood, aus The Christian
Science Monitor

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.:0228-339 2372
Fax:0228-33 41 02

�KONGRESS
14. April 1993

DAS NEUE GESICHT DES KONGRESSES
von Joseph D. Kirschten
Die Wahlen des Jahres 1992 brachten im Hinblick auf Geschlecht, ethnische Zugehörigkeit und Alter der
Kongreßmitglieder einen eindrucksvollen Wandel hervor. Damit trägt der Aktivismus der Vorgängergeneration
in bezug auf Bürgerrechte und Frauenfragen Früchte. In dem nachfolgenden Artikel erläutert der Verfasser
Einzelheiten zur neuen Zusammensetzung des Kongresses und geht dabei auf einzelne neue Abgeordnete ein.
Joseph D. Kirschten ist Mitherausgeber des National Journal in Washington.

Immer noch sind zahlreiche Machtpositionen des
amerikanischen Staates von älteren weißen Männern
besetzt, aber es sind heute nicht mehr annähernd so
viele wie noch vor einem Jahr.

Amerika erklettert hatten, standen bereits in den Startlöchern.

Sowohl zahlenmäßig als auch demographisch sind die
Veränderungen im Kongreß bemerkenswert: Im
Die erdrutschartigen Wahlen von 1992, die den Repräsentantenhaus mit seinen 435 Sitzen ist eines
46jährigen Bill Clinton zum Präsidenten machten - und von vier Mitgliedern ein Neuling, während es im Senat
den 22 Jahre älteren Amtsinhaber aus dem Amt ver- bei 100 Sitzen 12 Neuzugänge gibt. Heute sitzen im
drängten - brachten auch eine Rekordzahl von Frauen Kongreß 53 Frauen, was eine Zunahme von 77 Pround Angehörigen von Minderheiten in die marmornen zent bedeutet, und die Angehörigen ethnischer und
Säle des US-Kapitols.
rassischer Minderheiten sind um nahezu 60 Prozent
stärker vertreten. Dabei stieg die Zahl afroamerikaniClinton hat als Kandidat versprochen, eine Administra- scher Abgeordneter von 25 auf 39, die der hispanition zu führen, die "mehr wie Amerika aussehen" schen von 11 auf 17 und die der Amerikaner asiatiwerde, eine Nation, in der rassische und ethnische scher Abstammung von fünf auf sechs.
Minderheiten heute ein Viertel und Frauen über die
Hälfte der Bevölkerung bilden. Bei der Berufung von Jedoch sind nur sehr wenige der neuen Parlamentarier
Kabinettsmitgliedern und Spitzenberatern hat er sich neu im politischen Geschäft. Insbesondere die Frauen
peinlich genau bemüht, dieses Versprechen zu erfül- und Angehörigen von Minderheiten unter ihnen brinlen.
gen umfassende Erfahrung und Qualifikation für ihre
neuen Arbeitsplätze mit. Praktisch alle der 47 neuen
Aber gerade im Kongreß kommt die zunehmende Abgeordneten, die weiblich sind, Minderheiten angeVielfalt - nach Geschlecht, ethnischer Zugehörigkeit hören oder beides, bekleideten bereits ein politisches
und Alter - am auffälligsten zum Ausdruck. Die Verän- Amt. Die Hälfte von ihnen war bereits in Parlamenten
derungen in der Zusammensetzung der Legislative der Bundesstaaten vertreten.
spiegeln die Tatsache wider, daß die Bürgerrechtsund Frauenbewegungen, die vor über zwei Jahrzehn- Was die Parteien anbelangt, so war der Zuwachs an
ten begannen, nun Früchte tragen.
demographischer Vielfalt im Kongreß ein Segen fürdie
Demokratische Partei, die die Mehrheit stellt. Von den
Die Kombination aus der alle zehn Jahre vorgenom- 63 schwarzen, hispanischen, asiatischen oder indianimenen Neuanpassung der Wahlkreisgrenzen sowie schen Abgeordneten sind lediglich fünf keine DemoRessentiments der Wähler gegen die Amtsinhaber kraten. Im Vergleich sind von den 53 weiblichen
trug 1992 zu einem ungewöhnlich starken Umschwung Mitgliedern des Kongresses 13 nicht Mitglied der
im Kongreß bei. Eine große Zahl politisch erfahrener Demokratischen Partei.
weiblicher und Minderheitenkandidaten, die kontinuierlich die unteren Stufen der politischen Leiter in Abgesehen von der Parteizugehörigkeit teilen Frauen
und Angehörige von Minderheiten die Erfahrung eines
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�harten Kampfes, um in einem lange Zeit von weißen
Männern beherrschten politischen System Fuß zu
fassen. Würden sie sich bei einem Thema zusammenschließen, könnten die Gruppen erheblichen Einfluß
geltend machen. Diese Aussicht veranlaßte den
demokratischen Kongreßabgeordneten Jose E. Serrano aus New York, der die Gruppe der hispanischen
Abgeordneten leitet, zu versuchen, ein Bündnis von
Schwarzen, Hispaniern und - wie er es ausdrückte "anderen progressiven Gruppen" im Repräsentantenhaus zu bilden.

temperamentvolle Aktivistin im Repräsentantenhaus
tätig.

Die erste schwarze Senatorin, Carol Moseley Braun,
vertritt mit Illinois den sechstgrößten Bundesstaat.
Wie kaum ein anderer Kandidat bestimmte Braun mit
ihrem überraschenden Sieg über den langjährigen
Senator Alan J. Dixon in der Vorwahl der Demokratischen Partei in Illinois im März 1992 den Ton für den
Kongreßwahlkampf. Ihr Sieg war nicht nur ein Zeichen
für die Verwundbarkeit der Amtsinhaber, sondern auch
Ausdruck des Zorns der Frauen über die schwache
Der Zugang von 110 neuen Mitgliedern im Repräsen- Reaktion des Senats auf die Beschuldigungen der
tantenhaus - die größte Zahl neuer Abgeordneter seit sexuellen Belästigung, die 1991 in den Anhörungen
1949 • hat darüber hinaus einen Kongreß mit frischem des für das Oberste Bundesgericht nominierten SchwarBlut versorgt, der aufgrund seiner hohen Zahl vom zen Clarence Thomas erhoben wurden. (Thomas
langjährigen Amtsinhabern kontinuierlich gealtert war. wurde schließlich bestätigt.)
Die Abgeordnete Cleo Fields (30), eine Demokratin
aus Louisiana, ist Vorsitzende der Gruppe junger Als Dixon, eine populäre Figur, die seit 40 Jahren
Abgeordneter im Repräsentantenhaus, wo die Hälfte keinen Wahlkampf mehr verloren hatte, für die Bestäder Neumitglieder unter 45 Jahre alt ist. Im Senat trug tigung von Thomas stimmte, beschloß Braun - eine
der 39jährige Demokrat Russell D. Feingold aus Wis- relativ unbekannte Landkreisbeamtin aus Chicago -,
consin dazu bei, das Durchschnittsalter dieser Kam- gegen ihn zu kandidieren. Ihr knapper Sieg in der
mer auf 58 zu senken, als er gegen einen 11 Jahre Vorwahl, an der sich drei Kandidaten beteiligten, katapultierte sie als symbolische Anführerin einer nationaälteren Amtsinhaber gewann.
len Protestbewegung gegen die Vorherrschaft weißer
Obwohl der neue Kongreß immer noch zu 90 Prozent Männer im politischen System in das Rampenlicht der
aus Männern und zu 88 Prozent aus Weißen besteht, Medien.
hat der sprunghafte Anstieg bei weiblichen und Minderheitenvertretem starke Aufmerksamkeit in der Presse Obwohl sie nicht in ganz Illinois bekannt war, hatte die
hervorgerufen und Gruppen Auftrieb verliehen, die 45jährige Braun bereits Erfahrungen in der Politik
stärkere Vielfalt in der öffentlichen Entscheidungsfin- gesammelt. Bevor sie 1988 Grundbuchbeamtin von
dung fordern. "Man kann durchaus behaupten, dies Cook County wurde, war sie 10 Jahre lang Abgeordnesei das Jahr der Frau, fest steht jedoch, daß es das te im Parlament von Illinois gewesen und hatte eine
Jahr des Afroamerikaners ist", betonte der Washingto- Zeitlang das Amt einer Stellvertretenden Fraktionsvorner Direktor der Nationalen Vereinigung für die Förde- sitzenden inne. Nach ihrem mit bescheidenen Mitteln
rung von Farbigen (National Association forthe Advan- geführten Vorwahlkampf erhielt sie im allgemeinen
cement of Colored People - NAACP), Wade Hender- Wahlkampf gegen den republikanischen Rechtsanwalt und leitenden Angestellten Rieh Williamson großson, in einem Interview nach den Wahlen.
zügige finanzielle Unterstützung.
Insbesondere der Senat hat einen Kulturschock erlebt.
Das aus 100 Mitgliedern bestehende Gremium wurde Braun - Tochter eines Polizisten und einer medizitraditionell wie ein ausschließlich Männern vorbehalte- nisch-technischen Assistentin - legte ihr Juraexamen
ner Club betrieben - bereit zur Toleranz, jedoch nicht an der University of Chicago ab und begann ihre
zur vollständigen Akzeptanz gegenüber gelegentli- öffentliche Laufbahn als Assessorin der Bundesanchem Damenbesuch. Die Wahl von vier Frauen im waltschaft von 1973 - 1977. In ihrem SenatswahlNovember 1992 verdreifachte jedoch die weibliche kampf versprach sie, in Washington werde sie das
Mitgliederzahl, und hastig wurde - zum ersten Mal - Bildungswesen und die Schaffung von Arbeitsplätzen
eine Toilette ausschließlich für Senatorinnen einge- zu ihren Hauptanliegen machen. Sie unterstützt eine
allgemeine Krankenversicherung, das Recht auf
richtet.
Schwangerschaftsabbruch und Kontrollen für den
Bedeutsamer ist die Tatsache, daß den neuen weibli- Waffenbesitz.
chen Mitgliedern des "Clubs" von ihren Wählern erhebliche Autorität verliehen wurde. Der bevölkerungs- Sie wurde in den Justizausschuß des Senats berufen,
reichste und politisch einflußreichste Bundesstaat der dessen Mitgliedschaft bei den Anhörungen von Richter
USA, Kalifornien, schickte mit Dianne Feinstein und Thomas zu 100 Prozent aus weißen Männern beBarbara Boxer für die neue Amtsperiode zwei Frauen stand. Um sich Anliegen widmen zu können, die für
in den Senat. Feinstein, die neun Jahre lang Bürger- ihre Wählerin Illinois vondirektem Belang sind, sichermeisterin von San Francisco gewesen war, verfehlte te sie sich einen Platz in den Senatsausschüssen, die
1990 den Sieg in der Gouvemeurswahl des Staates für das Bankwesen sowie kleine und mittelständische
um lediglich drei Prozent, und Boxer war seit 1982 als Unternehmen zuständig sind.
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AMERIKA DIENST 15

�Ein weiteres neues Element der Vielfalt im Senat findet
sich in Gestalt von Ben Nighthorse Campbell, einem
Demokraten aus Colorado und Mitglied des Stammes
der Cheyenne-Indianer. Campbell, der bereits sechs
Jahre im Repräsentantenhaus vertreten war, ist seit
1929 der erste Indianer im Senat. (Senator Daniel K.
Akaka aus Hawaii stammt teilweise von den Ureinwohnern dieses Inselstaates ab.)

Ciayton, 58, die 1992 von der Gruppe der demokratischen Kongreßabgeordneten, die erstmals in das
Parlament einzogen, zur Präsidentin gewählt wurde,
ist Symbol dafür, daß sich die vor einem Vierteljahrhundert errungenen Siege der Bürgerrechtsbewegung
im Bereich der Legislative letztlich auszahlen. Im Jahr
1968 hatte sie sich als Jurastudentin und Aktivistin
erfolglos um ein Mandat im Kongreß bemüht, indem
sie den Vorsitzenden der ganz aus Weißen bestehenIn der demokratischen Vorwahl vom August 1992 den Abordnung ihres Bundesstaates im Kongreß hersiegte der 59jährige Campbell mit einer komfortablen ausforderte. In den Jahren danach hatte sie sich in
Mehrheit über Richard D. Lamm, der bereits drei ihrem ländlichen Gebiet um die Verbesserung der
Amtszeiten als Gouverneur gedient hatte und als Gesundheitsfürsorge und anderer Dienstleistungen
Umweltschützer bekannt war. In der allgemeinen bemüht, warvon 1977-1980 als WirtschaftsbeauftragWahl schlug er dann den republikanischen Geschäfts- te ihres Bundesstaates tätig und seit 1982 die höchste
mann und ehemaligen StaatssenatorTerry Considine. gewählte Beamtin ihres Landkreises.

Campbell bringt ungewöhnliche Voraussetzungen in
sein Amt ein. Nachdem er vorzeitig die Schule verlassen und in der US-Luftwaffe gedient hatte, verdiente er
als Lastwagenfahrer das Geld für sein Collegestudium
und wurde dann Pferdezüchter und -Zureiter, Viehzüchter und Hersteller von zeitgenössischem indianischem Schmuck. Nebenher gewann er bei den Olympischen Spielen von 1964 eine Goldmedaille im Judo.
Der neue Senator ist wesentlich konservativer als der
Mann, dessen Stelle er einnimmt, des Demokraten
Timothy Wirth, der seinen Senatssitz aufgab. Als
Kongreßabgeordneter verteidigte Campbell die Interessen von Ranchern und Bergarbeitern gegen die
Kritik von Umweltschützern. Er versteht sich als
sozialer Liberaler und als steuerpolitischen Konservativen. Er hat versprochen, ein Gesetz zur Bewahrung
von Naturschutzgebieten zu unterstützen und hat die
Abschaffung der Kapitalertragssteuer des Bundes
gefordert. Als Senator wird er sich um Energie- und
Agrarfragen kümmern, die für die Wirtschaft seines
Bundesstaates lebenswichtig sind. Ferner ist er Mitglied des Senatsausschusses für indianische Angelegenheiten.
Viele der Veränderungen im Repräsentantenhaus
erfolgten aufgrund der Neufestlegung von Wahlkreisgrenzen, um den bei der Volkszählung des Jahres
1990 vorgefundenen demographischen Veränderungen Rechnung zu tragen.
Folglich mu ßten mehrere Staaten aufgrund des Wahlrechtsgesetzes von 1965 (ein Bürgerrechtsgesetz)
Wahlbezirke schaffen, in denen Minderheitengruppen
die Mehrheit der Bevölkerung stellen. "Die Vorteile des
Bürgerrechtsgesetzes traten 1992 zutage", kommentierte Henderson, der Vertreter der NAACP.
Zu den neuen Kongreßabgeordneten, die von der im
Wahlrechtsgesetz vorgeschriebenen Neueinteilung der
Wahlbezirke profitierten, gehören Eva M. Ciayton aus
North Carolina, Lincoln Diaz-Balart aus Florida und
Nydia M. Velasquez aus New York.

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Der Wahlkreis mit den neugezogenen Grenzen, den
Ciayton jetzt im Kongreß vertritt, hat eine zu 55 Prozent aus Schwarzen bestehende Bevölkerung und ist
ganz oder teilweise über 28 Landkreise verteilt. Er
umfaßt gering besiedeltes Farmland und hat nur vier
Städte mit einer Einwohnerzahl über 50.000. Das
Gebiet ist in hohem Maße vom Tabakanbau abhängig,
eines (angesichts zunehmender Befürchtungen in den
Vereinigten Staaten und im Ausland über die Gefahren
des Rauchens) Produkts mit ungewisser Zukunft.
Ciayton bezeichnete die Verbesserung der Ausbildungsmöglichkeiten als ihr Hauptziel. Sie stellt fest,
daß "die Fähigkeiten, die dieses Gebiet konkurrenzfähig machen könnten, unter der arbeitenden Bevölkerung nicht vorhanden sind." Ihrer Ansicht nach beeinflussen große landwirtschaftliche Vereinigungen die
Bundespolitik zum Nachteil der Kleinbauern, die "nicht
dieselbe Anerkennung erhalten".
Als Mitglied der Ausschüsse des Repräsentantenhauses für die Landwirtschaft sowie für kleine und mittelständische Unternehmen erklärte Ciayton, sie werde
Unterstützungsprogramme für den Tabakanbau verteidigen, "solange der Anbau legal ist". Gleichzeitig will
sie jedoch die Entwicklung alternativer landwirtschaftlicher Erzeugnisse vorantreiben, die für Kleinbauern
lohnend sind, einschließlich biologisch-dynamisch
angebauter Gemüsesorten.
Auch die Partei der Republikaner profitierte von der
Neufestlegung der Wahlkreisgrenzen zur Verbesserung der Stellung von Minderheiten. Diaz-Balart, der
kubanischer Abstammung ist, wurde in einem neuen
Wahlkreis in Miami, der zu 69 Prozent von Hispaniern
- großenteils politisch konservativen Amerikanern
kubanischer Herkunft - bewohnt wird, gewählt. Der
38jährige Diaz-Balart machte sich fast sofort einen
Namen als Organisator eines Gipfeltreffens neuer
Mitglieder, die ein Interesse an einer Änderung des
Systems der auf dem Dienstalter begründeten Hierarchie im Repräsentantenhaus haben. "Ich glaube an
die Gleichberechtigung aller Wähler, ob sie nun in

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�einem Wahlkreis leben, der von einem Amtsinhaber
mit mehr als 30jähriger Diensterfahrung vertreten wird
oder in einem neugeschaffenen Wahlkreis wie dem
meinen", erklärte er vor Reportern.

Velasquez verfolgt die Absicht, sich bei ihrer Arbeit im
Repräsentantenhaus auf Erziehungs- und Bildungsfragen zu konzentrieren, die in ihrem Wahlkreis von
Bedeutung sind, beispielsweise Programme zur Erhöhung der Sicherheit in öffentlichen Schulen und zur
Der Gipfel vom November 1992, der in Omaha (Ne- Reduzierung der Zahl der Schulabbrecher. "Ich gebraska) abgehalten wurde, war jedoch kein Erfolg. Nur wann mit Hilfe der Unterstützung einer breiten Koali14 der 110 frischgebackenen Mitglieder der Legislative tion verschiedener Gruppen in meinem Wahlkreis erschienen - ausschließlich Republikaner. Die Spon- Frauen, Afroamerikaner und andere - die ich noch
soren hatten auf eine Teilnehmerzahl von über 100 ausbauen möchte", erklärte sie.
Mitgliedern beider Parteien gehofft.
Ein neues Mitglied der Minderheitspartei im Kongreß,
Diaz-Balart verfolgt die Absicht, nicht nur entschieden das seine Wahl nicht dem Wahl rechtsgesetz vet dankt,
auf eine Reform des Kongresses zu drängen, sondern ist Jay C. Kim, ein Republikaner aus Korea und das
auch auf die Befreiung seines Heimatlandes. Obwohl erste Kongreßmitglied koreanischer Abstammung. Er
eine seiner Tanten mit Fidel Castro verheiratet war, bat vertritt einen neu eingeteilten Wahlkreis in den Randseine Familie, als er vier Jahre alt war, in den Vereinig- bezirken von Los Angeles, in dem die Weißen bei den
ten Staaten um Asyl - nachdem ihr Haus in Havanna in Wahlen eine Mehrheit darstellen und dessen BevölkeBrand gesteckt worden war.
rung asiatischer Abstammung lediglich 10 Prozent
beträgt. Kim, der kurze Zeit als Mitglied des Stadtrates
Der in Amerika aufgewachsene Diaz-Balart ist Rechtsund Bürgermeister von Diamond Bar tätig war, eines
anwalt und ehemaliges Parlamentsmitglied des Bunbesseren Wohnviertels mit 60.000 Einwohnern, trug
destaates Florida; von 1987-1989 diente er im Repräbei den Vorwahlen seiner Partei im Juni 1992 übersentantenhaus und von 1989 bis zu seiner Wahl zum
raschend den Sieg über zahlreiche Konkurrenten davon.
Kongreßabgeordneten im Senat von Florida. Als
Nach seiner Nominierung gewann er mühelos die
Mitglied des Ausschusses des Repräsentantenhauallgemeinen Wahlen in diesem vorwiegend republikases für auswärtige Angelegenheiten hofft er, das
nisch beherrschten Wahlkreis.
Embargo gegen Kuba verschärfen und den Fall des
Castro-Regimes beschleunigen zu können.
Wie viele Einwanderer kam Kim als Student in die
In New York hatte die Schaffung eines hispanischen
Wahlkreises erstaunliche politische Konsequenzen.
Velasquez, eine Demokratin aus dem Stadtbezirk
Brooklyn und ehemaliges Mitglied des New Yorker
Stadtrates, trug den Sieg davon. Die 39jährige Tochter
eines Zuckerrohrschneiders ist die erste Frau puertoricanischer Abstammung im Kongreß. Ihre Wahl ist
vor allem deshalb besonders interessant, weil sie die
sich wandelnde politische Dynamik vieler amerikanischer Großstädte illustriert, in denen die Weißen von
Schwarzen und einer Vielzahl von neuen Einwanderern abgelöst wurden. Obwohl Velasquez sich in
einem Wahlkreis zur Wahl stellte, der insbesondere
die hispanische Bevölkerung vertreten soll, mußte sie
gegen den großzügig mit Geldmitteln ausgestatteten
bisherigen Amtsinhaber Stephen J. Solarz antreten,
einen Kandidaten, dessen ehemalige überwiegend
aus Juden bestehende Wählerschaft dem Wahlkreis
eines rivalisierenden Kongreßabgeordneten zugeordnet wurde.

Vereinigten Staaten und erhielt später auf der Grundlage der von ihm erworbenen Qualifikationen die Erlaubnis, in Amerika seinen ständigen Wohnsitz zu
nehmen. Als er 1961 im Alter von 22 Jahren dort
ankam, sprach er kein Englisch und arbeitete zunächst
in Restaurants und als Zeitungsbote. Nachdem er
seinen Abschluß als Diplomingenieur erworben hatte,
gründete er zunächst ein Unternehmen, Jaykim Engineers Inc., das Entwürfe für den Bau von Autobahnen,
Wasseraufbereitungsanlagen und anderen Projekten
erstellt. Da das Unternehmen den Großteil seiner
Arbeit als Auftragsnehmer der amerikanischen Regierung durchführt, bereitet er sich darauf vor, es zu
verkaufen, um sich seiner Arbeit im Kongreß widmen
zu können.

Kim ist der Ansicht, daß die jüngsten Reibungen in Los
Angeles zwischen koreanischen Händlern einerseits
und Schwarzen und Hispanoamerikanem andererseits von der geringen Wirtschaftskraft dieser Gegend
herrühren. "Wenn es viele Arbeitsplätze gäbe, hätten
diese
Unruhen nicht stattgefunden", erklärte er. Er
Velasquez schlug auch drei andere hispanische Kanhegt
jedoch
wenig Sympathie für illegal dort lebende
didaten, von denen einer von der mächtigsten Zeitung
Ausländer,
die
an den Plünderungen teilnahmen, und
der Stadt, der New York Times unterstützt wurde. Der
ist
der
Ansicht,
sie sollten abgeschoben werden.
Schlüssel zu ihrem Sieg war die Unterstützung von
selten einer aus Mitgliedern vieler Rassen bestehen- Kim erklärte, in Washington werde sein Ziel darin
den Allianz, zu der der Bürgermeister von New York, bestehen, seinem Wahlkreis zu helfen, und nicht
David N. Dinkins (ein Afroamerikaner) und der einflußSprachrohr für die Amerikaner koreanischer Abstamreiche hispanische Arbeiterführer Dennis Rivera, ein
mung zu sein. Während seines Wahlkampfes setzte
Anhänger von Dinkins, gehörten.
er sich für steuerliche Anreize für Unternehmen ein, die

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�Arbeitslose einstellen und ausbilden, sowie für Steuerermäßigungen auf Kapitaleinkünfte und den Abbau
der Verwaltungsbürokratie durch Privatisierung der
öffentlichen Dienstleistungsunternehmen. Er ist in
Ausschüssen tätig, die sich mit Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen und Kleinunternehmen befassen.
Kim befürwortet auch eine Begrenzung der Amtszeit
von Kongreßabgeordneten und vertritt die Ansicht,
wenn er seine Ziele nicht in sechs bis acht Jahren
verwirklichen könne, verdiene er es nicht, im Amt zu
bleiben.
Aufgrund der zunehmenden Vielfalt im Kongreß will
dieser eine Verfahrensreform einleiten, die den Einf lu ß
von Minderheitengruppen in diesem Haus weiter verstärkt. Im Dezember 1992 stimmten die Demokraten
im Kongreß in einer außergewöhnlichen Aktion dafür,
den fünf Abgeordneten des Repräsentantenhauses

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ohne Stimmrecht zum ersten Mal die Erlaubnis zur
Teilnahme an Abstimmungen zu geben. Obwohl der
Vorschlag diesen nicht das Recht auf Teilnahme an
den endgültigen Abstimmungen über einen Gesetzesvorschlag gibt, erhalten sie dadurch ein Mitspracherecht an entscheidenden Auseinandersetzungen um
Gesetzeszusätze.
Diese Abgeordneten - die die Gebiete von Amerikanisch Samoa, Guam und Puerto Rico vertreten durften früher lediglich in Ausschußberatungen ihre
Stimme abgeben. Von den fünf Abgeordneten sind
zwei asiatischer und zwei hispanischer Herkunft; die
weibliche Abgeordnete ist eine Schwarze.
Diese verschiedenen Trends des Wandels, die im
Kongreß spürbar sind, machen die Legislative der
Vereinigten Staaten zu einer repräsentativeren Institution.

*

*

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�MARTIN

LUTHER

KING
14. April 1993

LEBEN UND ZEIT MARTIN LUTHER KINGS
von Kathryn Johnson
Martin Luther King Jr. wurde auf der ganzen Wert als "bedeutende führende Persönlichkeit seines Volkes"
bekannt, so die Autorin des vorliegenden Artikels. "Sein internationales Image war das eines Nobelpreisträgers,
eines Mannes mit Zugang zum Weißen Haus und zum Vatikan und eines Helden für die dem Kolonialismus
entronnenen afrikanischen Staaten." Kathryn Johnson arbeitet als Journalistin für CNN (Cable News Network)
und wohnt in Atlanta. In dem folgenden Artikel gibt sie einen Überblick über das Leben des führenden
Bürgerrechtlers.

Jedes Jahr feiern die Amerikaner den Geburtstag
Martin Luther Kings. Sie ehren ihn und gedenken
seines Lebens und seiner Tätigkeit in der Bürgerrechtsbewegung.

mus entronnenen afrikanischen Staaten. In seinem
eigenen Land stand der in Georgia geborene Bürgerrechtler oft zwischen schwarzen und weißen Extremisten, als während der sechziger Jahre die Spannungen zwischen den Rassen in vielen Städten zu SchieFür Millionen Amerikaner schwarzer Hautfarbe war ßereien, Brandstiftung und Plünderungen führten.
King der Prophet, der ihrem Kampf für rassische "Brenn", Baby, brenn'" - das war der Ruf der militanten
Gleichberechtigung eine überzeugende Stimme gab. Schwarzen, die argumentierten, nur durch GewaltanEr war das Sprachrohr für ihren Schmerz, ihr Schlacht- wendung und Rassentrennung könnten sie Macht,
ruf beim Kampf um die Menschenwürde, der Mann, der Gleichberechtigung und Selbstachtung erlangen. Oft
für sie eine neue, wirkungsvolle taktische Waffe - begegneten sie King mit Verachtung und wiesen seigewaltlosen Protest - fürdie Bekämpfung der Rassen- nen leidenschaftlichen Einsatz für Gewaltlosigkeit als
trennung schmiedete. "Gewartloser Protest ist die eine andere Form der Unterwürfigkeit gegenüber den
effektivste Waffe eines unterdrückten Volkes", war die Weißen zurück.
Maxime Martin Luther Kings angesichts jeglicher Provokation. In den Augen von Millionen weißer Amerika- Was die Weißen betraf, wurden Kings Taktiken, die in
ner gehörte dieser Mann zu einer Gruppe führender vielen Städten zu Protestmärschen der Schwarzen
Persönlichkeiten, die die Kommunikation zwischen führten, von weißen Verfechtern der Rassentrennung
den Rassen aufrechterhielten, als Mitte der sechziger scharf kritisiert und von den Gemäßigten aus den
Jahre die Vereinigten Staaten von Rassenkämpfen Südstaaten vielfach in Frage gestellt.
bedroht wurden.
Als Symbol der Integration wurde King zum Objekt
Im Jahr 1964 wurde King als "konsequentem Verfech- unbarmherziger Angriffe. Er war mehrfach im Gefängter des Prinzips der Gewaltlosigkeit" der Friedensno- nis. Auf sein Haus wurde ein Bombenanschlag verübt.
belpreis verliehen. Er war der erste Schwarze, der Er wurde bespuckt und verspottet. Er wurde geschlazwölfte Amerikaner und der jüngste Mensch, der jemals gen und getreten. Und eine geistesgestörte Schwarze
den Friedensnobelpreis erhielt. Bei der Entgegennah- versetzte ihm eine beinahe tödliche Stichwunde. Trotz
me des Preises in Oslo erklärte King, er tue dies im all dieserSchmähungen blieb King seinem Glauben an
Namen von Millionen Amerikanern schwarzer Hautfar- passiven Ungehorsam treu. Er hatte seinen Kreuzzug
be, die "ein Ende der langen Nacht rassischer Unge- im Alter von 26 Jahren begonnen, als er als junger
Baptistenpfarrer in freier Anlehnung an Mahatma Gandhi
rechtigkeit" anstrebten.
aus Indien für Protestdemonstrationen und "passiven
King wurde auf der ganzen Welt als bedeutende füh- Widerstand" eintrat.
rende Persönlichkeit seines Volkes gefeiert. Sein
internationales Image war das eines Nobelpreisträ- King begann sein Streben nach Gleichberechtigung
gers, eines Mannes mit Zugang zum Weißen Hausund der Rassen, indem er den Süden der Vereinigten
zum Vatikan und eines Helden für die dem Kolonialis- Staaten von der Rassentrennung zu befreien suchte.
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�Aufgrund gesetzlicher Bestimmungen und starrer
Gebräuche waren die Rassen in öffentlichen Einrichtungen - beispielsweise Imbißstuben, Trinkbrunnen
und Toiletten - durch Schilder wie "Nur für Weiße" und
"Schwarze im hinteren Teil" getrennt. Die Rassentrennung war zwar in den Südstaaten am stärksten vertreten, wurde aber in ganz Amerika, wenn auch auf
subtilere Art und Weise, praktiziert. King war entschlossen, diese rassische Ungerechtigkeit überall zu
bekämpfen. Er schwor damals: "Ich werde nicht
ruhen, bis die Rassentrennung in Amerika abgeschafft
ist."

Immer wieder fesselte King die Menschen mit seinem
leidenschaftlichen Ruf nach Gerechtigkeit und Gleichheit für alle. 1964 lauschten Männer und Frauen auf
der ganzen Welt bewegt seiner Rede bei der Entgegennahme des Friedensnobelpreises. "Ich weigere
mich, die Idee zu akzeptieren, daß der Mensch nur
Treibgut im ihn umgebenden Fluß des Lebens ist",
erklärte er. "Ich weigere mich, die Ansicht zu akzeptieren, daß die Menschheit so tragisch an die stemenlose
Mittemacht des Rassismus und des Krieges gebunden ist, daß der helle Tagesanbruch von Frieden und
Brüderlichkeit niemals Realität werden kann. Ich weigere
mich, die zynische Vorstellung zu akzeptieren, daß
eine Nation nach der anderen die militaristische Treppe in die Hölle der thermonuklearen Zerstörung hinunterfallen muß. Ich glaube, daß unbewaffnete Wahrheit
und bedingungslose Liebe in der Realität das letzte
Wort haben werden. Deshalb ist das Recht, wenn
auch zeitweise besiegt, stärker als das triumphierende
Böse."

Seine Strategie der Gewaltlosigkeit wurde 1966 intensivem Druck ausgesetzt, als sich einige Gruppen von
Schwarzen im Gefolge der Bürgerrechtsmärsche in
Mississippi und Unruhen in den Städten des Nordens
den Slogan "Black Power" zu eigen machten. King
wies diese Idee zurück und vertrat die Ansicht: "Der
Neger braucht den Weißen, um ihn von seinen Ängsten zu befreien. Der Weiße braucht den Neger, um
ihn von seiner Schuld zu befreien. Die Doktrin der King wurde am 15. Januar 1929 in Atlanta an der
Vorherrschaft der Schwarzen ist ein ebensolches Übel Aubum Avenue, in einem der bekanntesten Schwarwie die Doktrin von der Vorherrschaft der Weißen."
zenviertel der Vereinigten Staaten geboren. Das geistliche Amt war eine Bestimmung, der er sich schon als
Kings Überzeugungen wurzelten in seinem tiefen Baby nicht entziehen konnte. Sein Vater, der GeistliGlauben an das Gute im Menschen - und an das che Martin Luther King Sr., war Pastor der Ebenezer
enorme Potential der amerikanischen Demokratie. Im Baptist Church an der Auburn Avenue, und sein GroßAugust 1963 waren Millionen Amerikaner vor ihren vater mütterlicherseits, A.D. Williams, war 27 Jahre
Fernsehschirmen Zeugen des demokratischen Pro- lang als Geistlicher tätig gewesen. Williams hatte sich
zesses in Aktion, als mehr als 200.000 Menschen an Anfang des Jahrhunderts auch in der Nationalen Vereinem friedlichen Marsch auf Washington teilnahmen. einigung für die Förderung von Farbigen (National
Die Teilnehmer an dem Marsch - von denen minde- Association forthe Advancement of Colored People stens 50.000 weißer Hautfarbe waren - demonstrier- NAACP), einer Bürgerrechtsvereinigung, engagiert.
ten für die Annahme eines Bürgerrechtsgesetzes durch
den Kongreß, das allen Amerikanern gleiche Rechte Als Kind trug Martin wie sein Vater den Namen Michael
gewähren würde. Die Demonstration näherte sich Luther King. Zu Ehren des protestantischen Reformabereits ihrem Ende als King, der für seine rednerischen tors änderte sein Vater ihre beiden Namen legal in
Fähigkeiten wohlbekannt war, ans Rednerpult trat und Martin Luther King um. Martin war der älteste Sohn seine Rede hielt. Kings Überzeugung verlieh seiner sein Vater sprang vor Freude in die Luft, bis er die
Rede Leidenschaft, eine Mischung aus intellektuellem Decke berührte, als er hörte, daß sein zweites Kind ein
Inhalt und der Metaphorik eines alten Südstaatenpre- Junge war. Martins ältere Schwester, Christine, wurde
digers. An jenem Tag schlug er seine Zuhörer mit Lehrerin am Spelman College (einer.Mädchenschule
seiner Vision eines neuen Amerika in seinen Bann. für Schwarze) in Atlanta. Die beiden hatten einen
"Ich träume davon", sprach King, "daß sich diese jüngeren Bruder, A.D., der ebenfalls baptistischer
Nation eines Tages erheben und gemäß der wahren Geistlicher wurde.
Bedeutung ihres Bekenntnisses leben wird: 'Wir halten diese Grundsätze für selbstverständlich, daß alle Im Haushalt der Kings gab es wenig oder keine wirtMenschen gleich erschaffen worden sind.' Ich träume schaftliche Not. Die Mutter, Alberta, war Lehrerin und
davon, daß eines Tages auf den roten Hügeln Geor- hatte das College besucht. "Daddy" King, der Sohn
gias die Söhne früherer Sklaven und die Söhne ehe- eines armen Farmpächters, hatte das College bemaliger Sklavenhalter dazu fähig werden, sich ge- sucht, wurde Prediger und heiratete die Tochter des
meinsam an den Tisch der Brüderlichkeit zu setzen. Mannes, der beim Aufbau der Ebenezer Church geholIch träume davon, daß eines Tages sogar der Staat fen hatte. Er war entschlossen, seine Kinder nicht in
Mississippi, ein Staat, in dem die Glut der Ungerechtig- derselben Armut aufwachsen zu lassen, unter der er
keit und Unterdrückung schwelt, in eine Oase der gelitten hatte.
Freiheit und Gerechtigkeit verwandelt wird. Ich träume, daß meine vier kleinen Kinder eines Tages in einer Der junge Martin war der Sohn eines Mannes, der in
Nation leben, in der sie nicht nach ihrer Hautfarbe, seiner Gemeinschaft Prestige genoß, und abgesehen
von der schwarzen Hautfarbe hätte man sein Familiensondern nach ihrem Charakter beurteilt werden."
leben als das einer typischen amerikanischen MittelSeite 2

AMERIKA DIENST 15

�Standsfamilie bezeichnen können. Als er die weiterführende Schule besuchte, hatte Martin bereits beträchtliche Erfahrungen mit Diskriminierung und Rassentrennung gemacht. Ein Zwischenfall ereignete
sich, als er und einige schwarze Schüler mit dem Bus
von einem Protestmarsch in einer anderen Stadt zurückkehrten.
Der Bus hielt häufig an, und als immer mehr Weiße
einstiegen, füllte sich der den Weißen vorbehaltene
Teil des Busses. Der Fahrer wies die Schwarzen in
den vorderen Sitzen an, nach hinten zu gehen. Neben
Martin standen einige Schwarze auf, aber er blieb
sitzen. Der Busfahrer drohte, die Polizei zu rufen.
Diese Warnung jagte Martins Lehrerin Angst ein, und
sie kam nach vorne und flüsterte ihm zu, um ihretwillen
aufzustehen. Erfolgte ihrer Bitte, aber im hinteren Teil
des Busses hielt er sich an einem Griff fest und blieb
während der restlichen Fahrt trotzig stehen.

Jahr wurde eine schwarze Näherin, Rosa Parks, verhaftet, als sie sich weigerte, der Anordnung eines
Busfahrers in Montgomery Folge zu leisten und ihren
Sitz einem weißen Fahrgast zu überlassen. Parks
wurde der Verletzung einer städtischen Verordnung
beschuldigt.
Ihre einfache Tat war nicht die erste dieser Art. Aber
ihr entschiedenes "Nein" löste unter den 50.000 Schwarzen in Montgomery - einem Drittel der Bevölkerung der
Stadt - erfolgreich massiven Widerstand aus, der
schließlich die Aufmerksamkeit des ganzen Landes
erregte.
Prominente Schwarze eilten Rosa Parks zu Hilfe und
organisierten die Montgomery Improvement Association, um den Boykott städtischer Busse zu planen.
King, der zum Präsidenten der Organisation gewählt
wurde, führte den Boykott an. Er war 26 Jahre alt.

Martin besuchte die öffentliche Schule in Atlanta und King dramatisierte den Busboykott, indem er ihn vor
erwarb sein Bakkalaureat am Morehouse College von den Augen der Nation zum Prüfstand für seinen GlauAtlanta, einer renommierten Bildungsinstitution für ben an gewaltlosen Protest machte. Als er anhand
eines selten angewandten Gesetzes verhaftet wurde,
Schwarze.
erklärte King:
1948 wurde er als Pfarrer ordiniert. Bevor er jedoch
seine eigene Kirche hatte, vertiefte er seine Studien "Auch wenn wir jeden Tag verhaftet werden, wenn wir
am Theologischen Seminar Crozier in ehester (Penn- jeden Tag ausgebeutet werden, wenn wir jeden Tag
mit Füßen getreten werden - laßt Euch niemals von
sylvania).
jemanden so sehr erniedrigen, um ihn zu hassen. Wir
King war einer von sechs Schwarzen unter den rund müssen die Waffe der Liebe einsetzen. Wir müssen
100 Studenten in Crozier. Er wurde der erste schwar- Mitgefühl und Verständnis für diejenigen haben, die
ze Klassensprecher. Er wurde zum herausragendsten uns hassen. Wir müssen uns vor Augen führen: So
Studenten seiner Abschlußklasse ernannt und erhielt vielen Menschen wird beigebracht, uns zu hassen,
ein Promotionsstipendium für eine Universität seiner daß sie nicht allein für ihren Haß verantwortlich sind.
Wahl. 1951 schrieb er sich am Boston College ein. Aber wir befinden uns in der dunkelsten Stunde des
Während seiner Zeit am Boston College belegte er Lebens und stehen stets an der Schwelle zu einer
auch Kurse in Harvard und an der University of Penn- neuen Dämmerung."
sylvania. Während er an seiner Promotion arbeitete,
traf er Coretta Scott. In Marion (Alabama) geboren, Während ihrer Zeit in Montgomery gebar Coretta Yohatte Coretta ihr Examen am Antioch College mit einer landa, das erste ihrer vier Kinder. Als im Verlauf des
Boykotts ein Bombenanschlag auf ihr Haus verübt
Abschlußarbeit in Musik abgelegt.
wurde, war King verreist. Er eilte voller Angst um seine
Als King in ihr Leben trat, dachte Coretta an Musik, Frau und das Baby nach Hause zurück. Sie waren
nicht an ein geistliches Amt. Aber das änderte sich. nicht verletzt, aber als er das bescheidene Pfarrhaus
1953 heirateten sie im Garten von Corettas Eltern- ereichte, hatten sich Übertausend Schwarze in schwehaus. Kings Vater hielt die Feier ab. Die Jungvermähl- lender Stimmung versammelt.
ten kehrten nach Boston zurück und King dachte über
die Zukunft nach. Er erhielt ein Angebot, Pastor der Die im Eingang von Kings Haus stehenden Polizisten
Dexter Avenue Baptist Church in Montgomery (Alaba- hatten eine Heidenangst, aber King wandte sich mit
ma) zu werden. Nachdem er und Coretta erörtert den Worten an die Menge: "Wir müssen Gewalt mit
hatten, ob sie in den Süden zu den Demütigungen der Gewaltlosigkeit vergelten. Wir müssen Haß mit Liebe
Segregation zurückkehren sollten, entschloß sich King, vergehen." Die Menge löste sich schweigend auf.
das Pastorat anzunehmen.
381 Tage lang gingen die Schwarzen in Montgomery
Im Jahr 1954, als der neue junge Pfarrer seine Arbeit zu Fuß zur Arbeit oder fuhren zu mehreren mit sorgfälin der Kirche aufnahm, war der Süden von Spannun- tig eingeteilten Taxis oder Autos. Sie beendeten ihren
Boykott erst, nachdem das Oberste Bundesgericht der
gen zwischen den Rassen gekennzeichnet.
Vereinigten Staaten die Entscheidung einer unteren
Eine Entscheidung des Obersten Gerichtshofes der Instanz bestätigt hatte, daß Rassentrennung in BusVereinigten Staaten aus jenem Jahr untersagte Ras- sen verfassungswidrig sei.
sentrennung in öffentlichen Schulen. Im folgenden
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Seite 3

�Kurz nach der Entscheidung des Obersten Gerichtshofes gründeten King und einige andere Bürgerrechtsaktivisten - vornehmlich schwarze Geistliche - im Jahr
1957 die Southern Christian Leadership Conference
(SCLC). Unter Kings Führung wurde die aus der
Montgomery Improvement Association hervorgegangene Organisation gebildet, um die wirtschaftlichen,
politischen und sozialen Bedingungen der Schwarzen
in 16 Süd- und Grenzstaaten zu verbessern.
1959 besuchten Martin und Coretta Indien und trafen
mit Gandhis berühmestem Schüler, Premierminister
Jawaharlal Nehru zusammen. King hielt in ganz Indien
Reden und war zutiefst bewegt von der Armut, die er
sah.
Bei ihrer Rückkehr entschied King sich für eine Erweiterung seiner Kampagne im Süden und zog mit seiner
Familie nach Atlanta, wo er zusammen mit seinem
Vater Pastor von Ebenezer wurde.
Als im Oktober 1960 Sit-ins vor Imbißstuben veranstaltet wurden, war King einer der 52 verhafteten Demonstranten. Alle außer King wurden freigelassen. Der
Bürgerrechtler wurde einem Richter vorgeführt und
der Verletzung seiner Bewährung einer früheren Anklage für schuldig befunden, als er sich geweigert
hatte, seinen in Alabama ausgestellten Führerschein
nach dem Umzug nach Atlanta auf Georgia umschreiben zu lassen.
Das Urteil: Vier Monate Gefängnis. Dem sprachlosen
King wurden Handschellen angelegt und er wurde in
die Strafvollzugsanstalt von Georgia nach Reidsville
geschafft. Seine Familienangehörigen und Anhänger
leiteten aus Sorge, was King in der Haftanstalt geschehen könnte, ein gerichtliches Verfahren zu seiner
Freilassung ein.
Die Verhaftung erfolgte weniger als einen Monat vor
den Präsidentschaftswahlen von 1960. Vizepräsident
Nixon, der republikanische Präsidentschaftskandidat,
gab keine öffentliche Stellungnahme zu Kings Inhaftierung ab. Aber der demokratische Kandidat, Senator
John F. Kennedy, rief Coretta an und brachte sein
Mitgefühl zum Ausdruck.
Sein Bruder, Robert F. Kennedy, rief den Richter an
und fragte ihn, ob oder wie eine Kaution gestellt
werden könnte. Der Richter, ein Demokrat, hatte einen
Sinneswandel. Die Kaution wurde auf 2.000 Dollar
festgesetzt. Sie wurde sofort hinterlegt und King
freigelassen.
King lehnte es ab, Kennedy im Wahlkampf zu unterstützen, aber sein Vater hatte keine solchen Vorbehalte. Er kündigte an, er werde in Kennedys Lager
überwechseln. Kennedy gewann knapp, und es wurde
viel spekuliert, ob das King-Drama entscheidend dazu
beigetragen hatte.

Seite 4

Im gesamten Süden arbeiteten King und seine Helfer
für die Wählerregistrierung und Bewegungen zur
Überwindung der Rassentrennung. Er nahm an einem
großen Protestmarsch gegen die Segregation in Albany (Georgia) teil und mußte wieder mit Hunderten
anderer Schwarzer ins Gefängnis.
King konnte sowohl die rassische als auch die intellektuelle Kluft zwischen den analphabetischen Baumwollpflückern des Südens und amerikanischen Präsidenten überbrücken. In einer Kirche in Alabany sagte er
zu den Armen und Ungebildeten:
"So hört auf mich, Ihr Kinder: Zieht Eure Wanderschuhe an, werdet nicht müde, auch wenn der vor uns
liegende Weg dunkel und schwer sein mag - wir
marschieren für die Freiheit, Kinder."
Auf dem Höhepunkt der Demonstrationen in Alabany
saß King im Büro des Polizeichefs - der King zweimal
verhaftet hatte - und führte freundschaftliche Gespräche.
Als die Alabany-Kamapgne zu einem Jahr der Unruhen ausuferte, machte King aus seiner Gefängniszelle
heraus eine Prophezeiung: "In den nächsten Monaten
werden wir Zeuge des mächtigsten Aufstands gegen
Rassentrennung, den der Süden je erlebt hat."
Als sich seine Prophezeiung erfüllt hatte, ging sie über
den Süden hinaus. Sein Kreuzzug nahm revolutionäre
Ausmaße an.
Anfang 1963 begann Kings SCLC den "großen Schlag"
in Birmingham (Alabama) mit einer Kampagne von Sitins vor Imbißstuben, Streikposten und Protestmärschen.
Das Wahlrecht traf den Kern rassistischer Furcht im
Süden. Die amerikanische Bürgerrechtskommission
war zu dem Schluß gekommen, daß Schwarze in
Teilen des Südens jahrzehntelang systematisch von
den Wahlurnen femgehalten worden waren. Die SCLC
und King verstärkten den Druck auf Alabama als
Testfall für eine konzentrierte Registrierung von Wählern.
Zu Tausenden verließen Kirchenlieder singende
Demonstranten in feierlicher Prozession die Sixteenth
Street Baptist Church, um auf die Straße zu gehen.
Die friedlichen Märsche eskalierten bald zu gewalttätigen Ausschreitungen und Aufruhr. Unter der Führung von Eugene "Bull" Connor hetzte die Polizei
zähnefletschende Schäferhunde auf die Demonstranten und setzte Wasserwerfer gegen sie ein. Dutzende
wurden von dem Wasserstrahl zu Boden geworfen.
Im Zorn drohten einige, Kings oberstes Gebot zu
verletzen und zurückzuschlagen. Also ging King auf
die Straße, in Cafes und Billardsäle. Er sah den
Schwarzen ins Gesicht, hielt eine braune Papiertüte
hoch und forderte sie auf, ihre Waffen abzugeben. Sie

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�taten es und warfen Pistolen, Messer und Dosenöffner in einer diffusen Masse und begann, sich zu verteilen
und über die Brücke zurückzufluten. Einige wehrten
in die Tüte.
sich mit Steinen und Flaschen. Aber sie wurden brutal
Über 3.000 Schwarze - darunter auch King - wurden mit Tränengas und Knüppeln zurückgetrieben. Der als
festgenommen und 900 Kinder in Schulbussen ins "Schwarzer Sonntag" bekannte Vorfall wurde im FernGefängnis gebracht. Für den Geistlichen war es die sehen übertragen. Selma war nicht länger eine Stadt,
17. Festnahme im Rahmen seines Kreuzzugs, und sondern ein Symbol.
während er im Gefängnis saß, schrieb er einen langen
Brief - den berühmten "Brief aus einem Gefängnis in King eilte nach Selma, um einen zweiten Marsch
Birmingham".
anzuführen und wurde von einem Weißen mit Faustschlägen und Fußtritten traktiert, als er sich in Selma
Die Zeitungen hatten einen Appell von acht Priestern, als erster Schwarzer in das Register eines hundert
Rabbis und Pfarrern aus Alabama mit der Aufforde- Jahre alten Hotels eintrug. Er erklärte, er hoffe, daß
rung an die schwarze Gemeinde veröffentlicht, den andere, besonders amerikanische Geistliche, sich ihm
Bürgerrechtsdemonstrationen ihre Unterstützung zu bei dem Marsch anschließen würden. Das Echo war
entziehen. Die Geistlichen erklärten, sie seien "über- überwältigend. Über 300 Geistliche aller Glaubenszeugt, daß diese Demonstrationen unklug und unzeit- richtungen verließen die Kanzel, um auf die Straße zu
gemäß sind". Kings Brief war seine Antwort an diese gehen.
Geistlichen. Darin stellte er fest: "Ich kann nicht
untätig in Atlanta sitzen und mich nicht darum küm- King führte den historischen Marsch auf Montgomery
mern, was in Birmingham geschieht. Ungerechtigkeit an, der mit rund 350 Menschen begann und auf 25.000
irgendwo ist eine Bedrohung der Gerechtigkeit über- angeschwollen war, als er das Kapitol des Bundesall..."
staates erreichte. Von den Stufen des historischen
Gebäudes forderte King weitere Märsche - zu den
Er erklärte ihnen, ihr Ruf nach Verhandlungen sei völlig Wahlurnen, gegen rassisch getrennte Schulen und
berechtigt. King erläuterte dies folgendermaßen: "Mit Armut "bis die rassistischen Hetzer aus der politischen
gewaltfreien direkten Aktionen wird versucht, eine Arena verschwinden".
solche Krise herbeizuführen und eine solch kreative
Spannung zu erzeugen, daß eine Gemeinschaft, die Zwei weiße Demonstranten wurden bei ZwischenfälVerhandlungen konstant verweigert hat, gezwungen len in Zusammenhang mit dem Marsch getötet. Aber
wird, sich dem Problem zu stellen. Es wird angestrebt, die alte Ordnung veränderte sich. Bald nach Selma
das Problem so zu dramatisieren, daß es nicht länger sprach Präsident Lyndon Johnson zum Kongreß und
ignoriert werden kann." Er fuhr fort:
der Nation über ein neues Wahlrechtsgesetz.
"Ich bin fast zu der bedauerlichen Schlußfolgerung
gelangt, daß für den Neger das große Hindernis auf
dem Weg zur Freiheit nicht der weiße Stadtratsabgeordnete oder das Mitglied des Ku-Klux-Klan ist, sondern der gemäßigte Weiße, der sich mehr für Ordnung
als für Gerechtigkeit engagiert, der einen negativen
Frieden - die Abwesenheit von Spannungen - einem
positiven Frieden - der Anwesenheit von Gerechtigkeit
- vorzieht." Der Brief führte zu einer Kontroverse unter
den Weißen und entfremdete einige Sympathisanten,
die meinten, King sei zu aggressiv.

Eines der härtesten Schlachtfelder in Kings Kampf für
die Bürgerrechte war die älteste Stadt der Vereinigten
Staaten, St. Augustine in Florida. 1964 marschierten
Demonstranten in dieser Stadt alter Gebäude, moosbedeckter Eichen und Palmen, die sich vordem Hintergrund einer blauen Bucht wiegen, vor die Fäuste eines
Mobs und sangen dabei das Lied "We love everybody".

Tag für Tag marschierten Schwarze in einer stillen
Prozession hinter ihrem Anführer auf den alten Platz
des Sklavenmarkts, wo sie geschlagen und getreten
wurden. Dann zogen sie zurück zu der alten Kirche, wo
Während eines nächtlichen Marsens in der Nähe von sie auf den Bänken heulten und weinten und zusamSelma (Alabama) wurde ein Schwarzer von einem menbrachen, während King flüsterte: "Hab' ZuverPolizisten getötet. Wütende Aktivisten planten danach sicht, Bruder, hab' Zuversicht, Schwester, Gott ist mit
einen großen Marsch auf das 80 Kilometer entfernte uns..."
Montgomery, wo sie hofften, Gouverneur George
Der enorme Einfluß von Kings Stimme in dem turbuWallace zur Rede stellen zu können.
lenten Rassenkonflikt reichte bis in den Norden. Er
Sechshundert Marschierer, darunter auch Weiße, begab sich auf eine Goodwill-Mission nach New York,
begannen, die Pettus Bridge in Selma zu überqueren. nachdem Unruhen in Hartem, Brooklyn und anderen
Auf der anderen Seite stand in Khakiuniformen geklei- Stadtteilen mit großem schwarzen Bevölkerungsanteil
dete berittene Polizei.
ausgebrochen waren. King erklärte damals, der Norden sei potentiell noch explosiver als der Süden und
Die Marschierer hielten an, dann knieten sie nieder, um zunehmende rassische Gewalt sei unvermeidlich, wenn
zu beten. Die Polizei kam näher, und Tränengasgra- die großen Städte nicht rasch die schwarzen Ghettos
naten explodierten. Schreie und Flüche durchbrachen sanierten.
die Stille. Der Teppich kniender Schwarzer erhob sich
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Seite 5

�Mitte der sechziger Jahre erkannte King immer mehr,
daß die neuen Ziele der Bewegung wirtschaftlicher
Natur sein mußten - bessere Arbeitsplätze und bessere Wohnungen. Es war klar, daß die Ziele schwer
erreichbar sein würden, und erwählte Chicago als Ziel
für eine Kampagne gegen die Lebensbedingungen in
den Slums aus.

Am nächsten Tag, dem 4. April, wurde er von der Kugel
eines Heckenschützen getroffen, während er auf dem
Balkon des Lorraine Motels in Memphis stand. Er war
39 Jahre alt.
Zum Zeitpunkt seiner Ermordung engagierte sich King
für den "Marsch der Armen", einen Plan, die Notlage
der Armen in den Vordergrund zu rücken und den
Kongreß zu bewegen, den Schwarzen zu helfen.

Mit seiner Familie mietete er eine Wohnung in einem
Slumbezirk und führte offene Märsche für bessere
Wohnungen in rassisch sensiblen Gebieten durch, die Sein Tod führte zu blutigen Unruhen im ganzen Land,
in Gewalt ausuferten. "Ich habe niemals solchen Haß einschließlich der amerikanischen Hauptstadt. Aber
Kings Heimatstadt Atlanta bewahrte Frieden, Würde
erlebt", sagte King über seine Reise nach Chicago.
und Respekt. Ihre Bewohnerund andere, die aus aller
King kritisierte als einer der ersten das Engagement Welt angereist waren, bildeten einen endlosen Zug,
der Vereinigten Staaten in Vietnam. Sein starker um King die letzte Ehre zu erweisen.
Glaube an Gewaltfreiheit machte ihn zu einem führenden Gegner des Krieges. Er bezeichnete ihn als Zwei braune Maultiere zogen einen wackeligen Bauungerecht und "einen der grausamsten und sinnlose- ernkarren mit dem Leichnam des ermordeten Bürgerrechtlers durch die Straßen Atlantas. Die Trauergesten Kriege der Geschichte".
meinde in der Ebenezer Church, zu der die führenden
Als Erwachsener wurde er immer wieder mit dem Tode Persönlichkeiten Amerikas gehörten, verharrte reglos,
bedroht. Als 1957 in Montgomery zwölf Stangen nicht als eine Tonbandaufzeichnung von einer der letzten
detonierten Dynamits auf seiner Veranda gefunden Predigten Kings den Raum mit der bekannten Stimme
wurden, sprach er Worte aus, die mit denen am erfüllte, die Tausende bewegt hatte:
Vorabend seines Todes im Jahr 1968 nahezu iden"Wenn Ihr sagen wollt, ich sei ein Trommler gewesen,
tisch waren.
so sage ich, daß ich ein Trommler für Gerechtigkeit
Er war nach Memphis in Tennessee gekommen, um war. Ich sage, daß ich ein Trommler für Freiheit war.
Märsche zur Unterstützung der streikenden städti- Ich sage, daß ich ein Trommler für Frieden war."
schen Müllarbeiter anzuführen und hielt am Abend des
3. April 1968 eine Rede bei einer Demonstration. Seine Stimme wurde über Lautsprecher an Tausende
Kings Gedanken schienen an jenem Abend um den übertragen, die sich dicht an dicht in den Straßen um
Tod zu kreisen. Es habe Drohungen gegeben, sagte die aus roten Backsteinen errichtete Kirche versammelt hatten, wo er und sein Vater die Lehren der
er. Er wisse nicht, was noch geschehen werde.
Menschenwürde und Gewaltlosigkeit verbreitet hat"Wir haben schwierige Tage vor uns. Aber das macht ten.
mir wirklich nichts mehr aus, denn ich habe auf dem
Berggipfel gestanden... Ein langes Leben hat seinen "Ab und zu denke ich an mein eigenes Begräbnis",
Wert. Aber daran denke ich jetzt nicht. Ich will nur erklang es von dem Tonband. "Sagt ihnen, sie sollen
Gottes Willen erfüllen. Und Er hat mir gewährt, diesen nicht erwähnen, daß ich den Friedensnobelpreis erhalBerggipfel zu besteigen. Ich habe hinuntergesehen, ten habe. Das ist nicht wichtig... Erwähnt, daß Martin
Luther King versucht hat, sein Leben zu geben...
und ich habe das Gelobte Land geschaut..."
versucht hat, jemanden zu lieben... daß ich versucht
"Deshalb bin ich heute Abend glücklich! Ich mache mir habe, die Menschheit zu lieben und ihr zu dienen."
überhaupt keine Sorgen. Ich fürchte keinen Menschen: Meine Augen haben die Herrlichkeit des Herrn
gesehen!"
* *

Seite 6

s

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�MARTIN

LUTHER

KING
14. April 1993

WIEDERHOLUNG VON KINGS MARSCH AUF
WASHINGTON VON 1963 GEPLANT
Coretta King nennt 28. August als Datum

Unterstützung des Ereignisses zugesagt hatten, darunter: die Gruppe der schwarzen Kongreßabgeordneten, die nationale Frauenorganisation, das American
Friends Service Committee, die Gewerkschaft der
Automobilarbeiter (UAW) sowie die Dichterin Maya
Angelou, die Schauspieler Bill Cosby und Paul New"Wir dürfen nicht aufgeben, wenn ... wir Dr. Kings man sowie die Sänger Harry Belafonte und Stevie
Traum und unseren Traum von einem besseren Amerika Wonder.
verwirklichen wollen", erklärte seine Witwe, Coretta
Scott King, vor Journalisten im National Press Club am Sie erinnerte daran, der Marsch von 1963 habe "alle
8. April 1993.
Arten von Menschen - schwarze und weiße, Christen
und Juden, junge und alte, reiche und arme - in einem
"Wir sind 1963 erfüllt von Jubel und Hoffnung nach beispiellosen Forum zusammengebracht, um für die
Washington gekommen", stellte Coretta King fest. Schaffung von Arbeitsplätzen, für Freiheit und die
"1983 sind wir mit einem Gefühl der Dringlichkeit Einführung des Bürgerrechtsgesetzes zu demonstriezurückgekommen, unsere Nation zu einer Neufestset- ren".
zung ihrer Prioritäten zu veranlassen, und am 28.
August 1993 werden wir wiederum zurückkehren, um Obwohl in den Jahren 1964 und 1965 epochale Bürden 30. Jahrestag unseres großen Marsches auf gerrechtsgesetze verabschiedet wurden, sind die
Washington zu begehen."
Probleme der Rassendiskriminierung und der Freiheit
von Mangel "für uns heute noch gegenwärtig", erklärte
Das Ziel besteht Coretta King zufolge darin, "Gruppen King vor Journalisten.
von Menschen zusammenzubringen, die ein gemeinsames Ziel, ein gemeinsames Band und eine gemein- Sie äußerte die Hoffnung, daß bis zu 700 Organisatiosame Mission haben und Organisationen, die wissen, nen und 500.000 Menschen an der Veranstaltung
daß Arbeitsplätze plus Freiheit plus Frieden mit Ge- teilnehmen würden, zu der Workshops über Harmonie
zwischen den Rassen sowie wirtschaftliche Selbstänrechtigkeit gleichzusetzen sind."
digkeit ebenso wie Unterhaltung gehören sollen.
Kings Witwe, die selbst zu einer Aktivistin für soziale
Belange und Rassenfragen geworden ist, äußerte, sie Lowery erklärte, die Marschierer "werden eine erneusei am Vortag mit zwei ehemaligen Beratern ihres erte Verpflichtung zu Vollbeschäftigung und Ausbau
Mannes zusammengetroffen - Reverend Joseph Lowery, der wirtschaftlichen Chancen fordern", da "sinnvolle
Präsident der Southern Christian Leadership Confe- Arbeitsplätze mit angemessener Bezahlung die Eckrence, und Reverend Jesse Jackson, dem Vorsitzen- pfeiler einer gesunden Zivilisation bilden". Ein Hauptden der Regenbogenkoalition. Sie erklärte, sie hätten ziel des Marsches sei es, "ein soziales und politisches
die Gründung einer neuen Koalition sozialer Interes- Klima zu schaffen, das die Durchführung der von der
sengruppen zur Organisierung des Marsches erörtert. neuen Administration angebotenen progressiven
Maßnahmen und Programme erleichtert".
Coretta King überreichte den Journalisten eine Liste
von Organisationen und Einzelpersonen, die ihre

WASHINGTON - (AD) - Veteranen der Bürgerrechtsbewegung der sechziger Jahre beabsichtigen im
Gedenken an den 30. Jahrestag eine Wiederholung
des Marsches auf Washington von 1963, der von
Reverend Martin Luther King angeführt wurde.

* * * * *
AMERIKA DIENST 15

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�WISSENSCHAFT
14. April 1993

WISSENSCHAFTLER UNTERSUCHEN
MÖGLICHKEITEN, DIE LEBENSERWARTUNG
DES MENSCHEN ZU VERLÄNGERN
Schlüsselrolle von Eßgewohnheiten und Vitaminen
WASHINGTON - (AD) - Vor nahezu 500 Jahren scheiterte der spanische Entdecker Ponce de Leon bei
seiner Suche nach dem sagenhaften Jungbrunnen.
Dagegen könnten die Wissenschaftler von heute mehr
Glück haben, wenn sie neue Einsichten in die biologischen Grundlagen des Alterns gewinnen und Wege
suchen, um die Lebenserwartung drastisch zu steigern.
So haben die Forscher herausgefunden, daß verringerte Nahrungsaufnahme die Lebenserwartung verlängern kann, weil dadurch das Auftreten chronischer
Krankheiten mit tödlichem Ausgang reduziert werden
kann, daß bestimmte Vitamine vorbeugend gegen
Krebs, Herzkrankheiten und andere mit dem Altern
verbundene chronische Krankheiten wirken können
und daß sportliche Betätigung die Körperfunktionen im
After verbessern, den allgemeinen Alterungsprozeß
verlangsamen und sogar die Wahrscheinlichkeit verringern kann, an bestimmten Arten von Krebs zu
erkranken.
Das Ziel der Forschungsarbeiten in diesem Bereich "ist
es, ein gesünderes, längeres Leben mit weniger Krankheiten zu führen", erklärt der Chemiker Richard Cutler
vom gerontologischen Forschungszentrum des National Institute on Aging (NIA) in Baltimore.

schen funktional unabhängig sein und eine höhere
Lebensqualität genießen werden."
Demographen zufolge ist die durchschnittliche Lebenserwartung im Lauf der Zeit bereits dramatisch gestiegen. Zur Jahrhundertwende hatte ein Durchschnfttsbürger der Vereinigten Staaten eine Lebenserwartung
von 47 Jahren. Heute kann ein 1993 geborenes Kind
ein nahezu 60 Prozent höheres After - rund 75 Jahre erreichen. Diese Verbesserung wird Ursachen wie
Impfungen im Kindesalter, besserer öffentlicher Gesundheitsvorsorge und einem gesunderen Lebensstil
zugeschrieben.
Viele Wissenschaftler gehen davon aus, daß bahnbrechende neue Erkenntnisse in den nächsten Jahrzehnten die Lebenserwartung auf 90 bis 100 Jahre oder
sogar noch weiter steigern werden. Sie lehnen die von
einigen Gerontologen verfochtene These ab, der
menschliche Körper werde von einer biologischen Uhr
kontrolliert, die trotz intensivster Bemühungen des
Menschen zu einem gewissen Zeitpunkt stehenbleibe.
So haben die Forscher beispielsweise herausgefunden, daß eine Diät starke Auswirkungen auf das Altern
haben kann. Verschiedene Untersuchungen an Mäusen
und Ratten ergaben, daß die Verringerung der Nahrungsaufnahme zwischen 30 und 70 Prozent bei gleichzeitiger unverminderter Zufuhr der wichtigsten Nährstoffe ihre Lebenserwartung drastisch verlängern kann.

'Trotz der von uns festgestellten ungeheuren Komplexität des Alterungsprozesses besteht echte Hoffnung,
daß... viele der mit dem Altern verbundenen Krankheiten hinausgeschoben werden können, wenn wir einige In der umfassendsten Untersuchung in diesem Bereich stellten Wissenschaftler des NIA fest, daß Tiere
primäre Prozesse in den Griff bekommen."
bei strikter Diät nicht nur 29 Prozent länger lebten,
"Wir sprechen heute von Menschen, die bis zum Alter sondern daß bei Mäusen mit beschränkter Kalorienzuvon über 70 Jahren relativ gesund sind und deren fuhr darüber hinaus wesentlich weniger Anzeichen für
Zustand sich dann verschlechtert", so Dr. Anna McGor- Krankheiten und kanzerogene Tumoren auftraten.
mick, eine leitende Wissenschaftlerin des NIA-Programms "Biologie des Alterns". "Mit den von uns "Was uns bei dieser Studie verblüffte, war die Tatsadurchgeführten Forschungsarbeiten werden wir die- che, daß jede Art von Tumor und nahezu jede Form
sen Prozeß meines Erachtens bis in ein After von 80 krankhafter Veränderungen verzögert wurden", erklärt
oder 90 Jahren verlagern können, in dem die Men- Richard Sprott, einer der Leiter des NIA-Programms
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Seite 1

�"Biologie des Alterns".
Die Untersuchung des NIA ist Teil eines 1987 aufgenommenen, auf 10 Jahre angelegten Forschungsvorhabens zur Bestimmung von Veränderungen - von
grauen Haaren bis zu Krebs -, die mit dem Altem
einhergehen. Das 30 Millionen Dollar umfassende
Programm wird von Forschungsteams in den Vereinigten Staaten und Kanada durchgeführt.
"Aufgrund dieser Tiermodelle wird uns langsam klar,
daß Altern im chronologischen Sinn nicht notwendigerweise mit einem schlechten Gesundheitszustand einhergeht", äußert sich Roderick Bronson von der veterinärmedizinischen Fakultät der Tufts University in
Boston. "Diese Ergebnisse zeigen: Wenn Krankheiten wie Krebs verzögert oder beseitigt werden können,
kann man das Leben in vorgerücktem Alter bei diesen
Tieren erheblich verbessern."

nen und anderen Stoffen, die die Aktivität sauerstofffreier Radikale aufhalten und menschliche Zellen reparieren.
Während jede Zelle Sauerstoff benötigt, um Energie
zu produzieren, liefert ihr Stoffwechsel freie Radikale,
die die DNS, das genetische Material in den Zellen,
schädigen können.
Bruce Arnes, Biochemiker an der University of California in Berkeley, untersuchte anhand von Urinproben
die Nebenprodukte der Oxidation und fand heraus,
daß der durch Sauerstoff verursachte Schaden in den
Zellen alter Ratten doppelt so groß ist wie bei jungen
Ratten. "Es findet eine enorme Abnutzung statt, die
mit wachsendem Alter langsam zunimmt", so Arnes.

Zahlreiche Untersuchungen kommen zu dem Ergebnis, daß in Obst und Gemüse enthaltene Oxidationshemmer, insbesondere Vitamin C und E sowie BetaDer Mechanismus einer beschränkten Kalorienzufuhr Karotin, ein Derivat von Vitamin A, vor einer ganzen
ist unklar, aber einige Wissenschaftler nehmen an, Reihe von Krebsformen, Herzkrankheiten und sogar
daß eine geringere Energieaufnahme die Effizienz des grauem Star schützen.
Stoffwechsels in den Körperzellen steigert und die
Aktivität der sogenannten freien Radikale schwächt - Die jüngsten Studien, die im März von Forschern auf
toxischer Nebenprodukte des normalen Stoffwech- der Jahresversammlung der American Heart Associasels, von denen angenommen wird, daß sie Zellen tion vorgestellt wurden, kamen zu dem Ergebnis, daß
schädigen und eine Rolle beim Alterungsprozeß spie- Frauen, die viel Obst und Gemüse essen, das Risiko
eines Schlaganfalls um 54 Prozent senken und daß bei
len.
Männern, die eine vitaminreiche Kost zu sich nehmen,
Untersuchungen an Affen wurden begonnen, die dem das Risiko, an einer Herzkrankheit zu sterben, um 30
Menschen ähnlicher sind, aber sie werden bis zu 40 Prozent niedriger ist.
Jahre alt. Das bedeutet eine lange Wartezeit, bis
"Es deutet immer mehr darauf hin, daß OxidationsErgebnisse vorliegen.
hemmer einen wirklichen Schutz gegen kardiovaskuDie meisten Forscherglauben nicht, daß Kalorienbe- läre Krankheiten" wie Herzinfarkt oder Schlaganfall
schränkungen beim Menschen funktionieren. Ein darstellen, so Dr. Joann Manson von der Harvard
Wissenschaftler drückte es folgendermaßen aus: "Man Medical School, Autorin der Studie über Frauen und
würde ständig Hunger haben." Aber sie gehen davon Schlaganfall.
aus, daß es sich um ein hervorragendes Modell handelt, um die Biologie des Alterns zu studieren, und Die Grundlagenforschung zeigt, daß Vitamin C und E
wenn seine Mechanismen erst einmal verstanden sowie Beta-Karotin anscheinend einen Schutz gegen
werden, könnte es neue Wege aufzeigen, um Krank- Herzkrankheiten darstellen, da sie die Oxidation von
heiten, die mit dem Altern in Verbindung gebracht Cholesterin blockieren. Nach der Oxidation wird
Cholesterin chemisch in einen ranzigen Stoff umgewerden, zu beseitigen oder zu verlangsamen.
wandelt, der andere Zellen anzieht und überstürzt eine
"Die Senkung der Kalorienzufuhr ist die einzige uns Serien von Reaktionen in Gang setzt, die einen Belag
bisher bekannte Manipulation, die die Lebenserwar- bilden können, der die Adern verstopfen kann.
tungverlängert", erklärt McCormick. "Was wir herauszufinden hoffen, sind die dafür ursächlichen Mechanis- Im Rahmen einer neuen NIA-Studie weiden 2 Milliomen. Und dann möchten wir Eingriffsmöglichkeiten nen Dollar für die Analyse des Einflusses menschlicher
finden, die den Alterungsprozeß tatsächlich verlang- Wachstums- und Geschlechtshormone auf den Altesamen, damit die Menschen zum Beispiel bis in ein rungsprozeß aufgewendet. Diese Hormone nehmen
Alter von über 90 Jahren voll funktionsfähig sind und mit zunehmendem Alter ab, was zu brüchigen Knoihre Muskelkraft nicht verlieren, nicht gebrechlich und chen und verringerter Körperkraft führt.
weniger anfällig für Herzkrankheiten sein würden."
Bei einer neueren, in Milwaukee u nd Chicago durchgeführten
Studie wurden gesunden Männern im Alter
Ein weiterer erfolgversprechender Ansatz für die Verzwischen
61 und 81 Jahren Wachstumshormone verhinderung mit dem Altern in Verbindung stehender
abreicht.
Durch die Behandlung wurde ihre fettfreie
degenerativer Erkrankungen ist die zunehmende ForKörpermasse
erhöht, Fett abgebaut, und sie bekamen
schung zu Oxidationshemmern - bestimmten Vitami-

Seite2

AMERIKA DIENST 15

�allgemein ein jugendlicheres Aussehen. Diese Änderungen nahmen wieder ab, nachdem die Hormonzufuhr eingestellt worden war.
Die Forscher beschäftigten sich auch mit der körperlichen Aktivität als einem Mittel, sich vor chronischen
Krankheiten, die mit zunehmendem Alter auftreten, zu
schützen. Forscher von der Yale School of Medicine
haben eine auf fünf Jahre angelegte, vom NIA finanzierte Studie mit Bewohnern eines Altersheims in
Southbury (Connecticut) begonnen. Als Teil der Studie werden mehrere Hundert Teilnehmer an Instrumente angeschlossen, die während körperlicher Übungen die biologischen Veränderungen messen.
"Wir versuchen ernsthaft, Beweise für die Idee zu
bringen, daß ein Großteil des von uns als Altem
bezeichneten Prozesses auf mangelnde Aktivität zu-

rückzuführen ist", so Ethan Nadel, ein Forscher von
Yale.
Im Rahmen eines anderen Forschungsprojektes fanden Absolventen von Harvard und der University of
Pennsylvania heraus, daß Menschen mit einer sportlichen Betätigung, die zwei Stunden Joggen oder
Tennisspielen pro Woche entspricht, ein um 50 Prozent verringertes Darmkrebsrisiko tragen. Darmkrebs
ist in den Vereinigten Staaten die zweithäufigste Todesursache bei Krebskrankheiten.
Bahnbrechende Technologien zur Verlängerung des
Lebens sind dem NIA zufolge vielleicht erst in einigen
Jahren zu erwarten, aber kluge Maßnahmen zur körperlichen Betätigung, Verzicht auf Tabakkonsum und
Gewichtskontrolle können die Chance auf ein längeres
Leben entscheidend erhöhen.

* * * * *

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�MEDIEN
14. April 1993

CNN: EIN SCHLÜSSEL FÜR WELTWEITE
NACHRICHTENÜBERMITTLUNG
von Daniel B. Wood, aus The Christian Science Monitor
CNN (Cable News Network), der erste Fernsehkanal der Welt, der 24 Stunden täglich Nachrichten sendet,
existiert seit 10 Jahren und spielt dem Autor zufolge im internationalen Fernsehjournalismus eine wichtige Rolle.
Daniel B. Wood ist Mitarbeiter von The Christian Science Monitor.
Nachdruck mit freundlicher Genehmigung von The Christian Science Monitor, (c) 1990 The Christian Science
Publishing Society. Alle Rechte vorbehalten.

Als CNN zum ersten Mal ausgestrahlt wurde, bezeich- einen bedeutenden Teil der weltweiten Berichterstatneten Kritiker den Sender als "leichte Kost". Zehn tung darstellen."
Jahre später aber hat die Konkurrenz bereits schwer
CNN, das 55 Millionen Amerikaner per Kabel erreichen
daran zu schlucken.
kann, wird allabendlich in 219.000 bis 284.000 HausEin Jahrzehnt nachdem am 1. Juni 1980 der erste hatten eingeschaltet. Im Vergleich dazu wird "World
Fernsehkanal, der 24 Stunden täglich Nachrichten News Tonight" von ABC in 10,2 Millionen Haushalten
ausstrahlt, ins Leben gerufen wurde, wird Cable News gesehen.
Network (CNN) mit Sitz in Atlanta, Georgia, nicht nur
eine wichtige Rolle im weltweiten Fernsehjournalis- Von der gesamten Zeit, die Amerikaner im ersten
mus zugebilligt, sondern übt darüber hinaus großen Quartal des Jahres 1990 mit der Verfolgung von FernEinfluß auf die Gestaltung von Fernsehprogrammen sehnachrichten verbrachten, entfielen laut A.C. Nielsen 27 Prozent auf CNN, 28,3 auf ABC, 27,5 auf CBS
aus.
und 17,2 auf NBC. (ABC, CBS und NBC sind kommerTrotz seiner relativ geringen Zuschauerzahl und anhal- zielle Sendergruppen).
tender Kritik an der angeblich oberflächlichen Berichterstattung halten viele Beobachter den Sender CNN Unter Hinweis auf das Erdbeben von San Francisco,
für einen Motor der weltweiten Revolution im Informa- die amerikanische Intervention in Panama und die
tionswesen, für eine Kraft, die zu dem Dominoeffekt Demonstrationen in China stellte Don Tomlinson,
beim Zusammenbruch des Kommunismus in Osteuro- Journalismusprofessor an der A &amp; M University von
Texas fest: "CNN ist stets an vorderster Front, wenn
pa beitrug.
es darum geht, den nächsten Krisenherd auszuma"CNN ist zur ersten Adresse geworden, an die man chen und hat bereits in vielen Fällen die anderen
sich wendet, wenn man Neuigkeiten von weltumspan- Sender in große Verlegenheit gebracht."
nender Bedeutung hören will", so Benjamin Bagdikian,
Medienkritiker und Professor an der University of CNN, das außerhalb der Vereinigten Staaten 10 MillioCalifornia, Berkeley. "Sie haben der Welt einen rund nen Haushalte sowie 250.000 Hotels, Botschaften,
um die Uhr sendenden Nachrichtenkanal gegeben, Unternehmen und Börsen per Kabel erreicht, ist für
von dem niemand gedacht hätte, daß er funktionieren Entscheidungsträger in 90 Ländern zu einer wichtigen
neuen Quelle geworden. Zu den regelmäßigen Zuwürde, und hatten damit Erfolg."
schauern zählen bekanntermaßen Lech Walesa in
"CNN ist vielleicht die interessanteste Erfolgsstory des Polen, Fidel Castro in Kuba, der ehemalige UNOKabelfernsehens", erklärt Howard Stringer, Präsident Generalsekretär Perez de Cuellar, König Hussein von
der CBS Broadcast Group. "Es hat sich selbst eine Jordanien und Muammar Ghaddafi in Libyen.
unverkennbare Nische geschaffen und wird auf Dauer
AMERIKA DIENST 15

Seite 1

�"Die alte Vorstellung, daß den Sendern eine Geschichte gehört und nur sie sie veröffentlichen dürfen, ist
veraltet, da CNN für die Zuschauer unstrittig die erste
Anlaufstelle ist", so Stinger von CBS. "Das bedeutet
für uns, daß die Rolle unseres Senders viel stärker
darin besteht, Hintergrundinformationen und Auswertung hinzuzufügen."
Selbst diejenigen, die nie CNN gesehen haben, können den wachsenden Einfluß dieses Senders auf die
Berichterstattung aller Sender beobachten:
Femsehmoderatoren, die in alle Teile der Welt
fliegen;

Jahr 1981 über den Abschuß des koreanischen Verkehrsflugzeugs, den Bombenanschlag auf das Hauptquartier der amerikanischen Marineinfanterie in Beirut
und die amerikanische Invasion in Grenada. CNN war
der einzige Sender, der den Start von Challenger
filmte, als die Raumfähre explodierte.
"CNN hat die Erwartungen, die wir an das Fernsehen
stellen, geändert", so Conrad Kottak, Autor einer anthropologischen Analyse von Fernsehen und Kultur.
"Wir wollen uns jetzt einfach zu jedem beliebigen
Zeitpunkt ins Programm einschalten können, anstatt
uns wie vorher üblich an einen Zeitplan halten zu
müssen".

Das Drängen auf tiefgründigere, enthüllende
und mit Kommentaren versehene Berichte;

CNN stellt nicht nur für die Zuschauer eine alternative
Nachrichtenquelle dar, sondern verkauft auch NachMehr Auslandsberichterstattung bei den lokalen richten aus dem Ausland an lokale Fernsehstationen
und beraubt damit die großen Fernsehsender ihrer
Fernsehsendern;
Haupteinkommensquelle und in gewissem Ausmaß
Öftere Unterbrechungen des Unterhaltungspro- ihrer Identität. "Wir mußten uns wirklich anstrengen,
um unsere Dienste für die angeschlossenen Stationen
gramms für neueste Berichte;
zu verbessern", so Bob McFarland, stellvertretender
Umfassende Kosteneinsparung bei den Sen- Direktor von NBC Nightly News. "Die Sender räumen
dern, einschließlich Personaleinsparungen und CNN" bei einigen Ereignissen "in zunehmendem Maße
der Schließung von Büros auf der ganzen Welt. die Exklusivberichterstattung ein", stellt Bemard Shaw,
Moderator von The World Today fest.
"Als NBC von General Electric aufgekauft wurde,
wollte die Unternehmensleitung wissen, warum wir CNN beschäftigt 1.700 Angestellte, hat 23 Büros und
nicht so kostengünstig wie CNN arbeiten können", erzielte 1989 einen Betriebsgewinn von 134 Millionen
erinnert sich Lawrence Grossman, ehemaliger Präsi- Dollar. Es verfügt über Zweigorganisationen und eine
dent von NBC News, zur Zeit Honorarprofessor am unter dem Namen Newsource bekannte NachrichtenGannett-Zentrum für Medienforschung, das der Co- agentur, die unabhängig allgemeine Berichte ohne das
lumbia University in New York angehört.
CNN-Logo anbietet.
Andere Änderungen im Bereich der Sender beinhalten, daß alles - von den Daten, die durch Befragung
von Wählern unmittelbar nach der Stimmabgabe
gewonnen werden bis zur Filmberichterstattung über
die jüngste Geiselbefreiung - allen zugänglich gemacht wird, sowie Ankündigungen, wie die Mitte des
Jahres 1990 von NBC gemachte, es werde seine 209
(schrumpfenden) angeschlossenen Femsehstationen
rund um die Uhr mit Nachrichten versorgen.

Larry King Live und CNN Sports Tonig ht gehören zu
CNNs beliebtesten Serien. World Report, der ungeänderte Berichte von 120 ausländischen Fernsehanstalten sendet, fand großes Lob. Moneyline, eine
Sendung mit Nachrichten aus der Geschäftswelt, hat
ein treues Fernsehpublikum.

Trotz der zahlreichen Stärken und Innovationen von
CNN bleiben einige Schwächen bestehen. "Die Sender haben etwas, über das CNN nicht verfügt: eine
CNN hatte vor über 10 Jahren seine Premiere, indem Reihe von renommierten und erfahrenen Korrespones vor einem potentiellen Publikum von 1,7 Millionen denten", so Stringer von CBS.
Haushalten seinen ersten Werbespot unterbrach, um
das Neueste über die versuchte Ermordung des "Es besteht ein großer Unterschied zwischen Reportaamerikanischen Bürgerrechtlers Vernon Jordan zu ge und Berichterstattung", kommentiert ein ehemaliger leitender Mitarbeiter eines großen Nachrichtenberichten.
senders, der nicht namentlich genannt werden möchSeitdem konnte der Sender eine eindrucksvolle Reihe te. "Es stimmt, daß CNN die Technik beherrscht,
von sensationellen Erstmeldungen und Meilensteinen Schlüsselereignisse mit der Kamera einzufangen, aber
verzeichnen: Liveberichte über Anhörungen im ame- es muß noch viel lernen, um die Bedeutung dieser
rikanischen Senat, Berichte über die Attentatsversu- Ereignisserichtigeinschätzen zu können". CNN stützt
che auf Präsident Reagan und den Papst, die Hochzeit sich vielleicht nicht auf ein Spitzensystem - hochkaräim englischen Königshaus, die Ermordung des ägyp- tige Fernsehmoderatoren und Persönlichkeiten -, aber
tischen Präsidenten Anwar Sadat.
Beobachtern zufolge liegt das daran, daß die quantitativ hohen Anforderungen und die geringe Bezahlung
CNN erhielt den Peabody Award und den Preis des der Mitarbeiter der Qualität und der Loyalität nicht
Overseas Press Club für seine Berichterstattung im förderlich sind.
Seite 2

AMERIKA DIENST 15

�"Viele unserer Mitarbeiter haben die ersten Jahre ihres
Berufslebens damit verbracht, bei CNN Erfahrung zu
sammeln", so McFarland von NBC. CNN kommt beim
Kampf um die Einschaltquoten häufig nicht über die
0,7-Prozent-Marke hinaus. Um die Zahl der Zuschauer zu erhöhen, rief der Sender sowohl The World
Today als Gegenstück zu den Abendnachrichten als
auch Special Assignment, eine Enthüllungsserie, ins
Leben.

zeilen gemacht. "Es wird mindestens zwei Jahre
dauern, bis wir für The World Today eine treue
Zuschauerschaft haben", prophezeit er. 35 Jahre lang
haben sich die großen Drei (CBS, ABC und NBC) die
Schlacht um Einschaltquoten geliefert", so Professor
Tomlinson von Texas A &amp; M. "CNN hat uns eine
lebensfähige vierte Kraft gegeben - und das ist für
jedermann von Vorteil".

Bisher hat Ed Turner, dem leitenden Nachrichtenredakteur zufolge keine der beiden Sendungen Schlag•

AMERIKA DIENST 15

*

Seite 3

�</text>
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                <text>&lt;strong&gt;1. Kongress&lt;/strong&gt; &lt;br /&gt;Das neue Gesicht des Kongresses&lt;br /&gt;&lt;em&gt;von Joseph D. Kirschten&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Martin Luther King&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Leben und Zeit Martin Luther Kings&lt;br /&gt;&lt;em&gt;von Kathryn Johnson&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Wiederholung von Kings Marsch auf Washington von 1963 geplant&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Coretta King nennt 28. August als Datum&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Wissenschaft&lt;/strong&gt; &lt;br /&gt;Wissenschaftler untersuchen Möglichkeiten, die Lebenserwartung des Menschen zu verlängern&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Schlüsselrolle von Essgewohnheiten und Vitaminen&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;4. Medien&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;CNN: ein Schlüssel für weltweite Nachrichtenübermittlung &lt;br /&gt;&lt;em&gt;von Daniel B. Wood, aus The Christian Science Monitor&lt;/em&gt;</text>
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und
Dokumentation

1
»

International Communication Agency
Embassy of the United States of America

14. Mai 1980

24

I N H A L T

DOKUMENTATION
Carter: Weltstabilität erfordert starke amerikanische Führung
- Rede des US-Präsidenten in Philadelphia Erklärung von Vizepräsident Mondale in Belgrad
- Wortlaut HINTERGRUNDMATERIAL
Gedenktag zum Ende des Zweiten Weltkriegs erinnert an 35 Jahre
der Zusammenarbeit im Bündnis
- Von George S, Vest, Unterstaatssekretär
Giftmüll und gefährliche Substanzen
- US-Umweltschutzbehörde veröffentlicht neuen Vorschriftenkatalog
"Kleinar-beit" für die Nutzbarmachijng der Erdwärme
WISSENSCHAFT UND TECHNIK
Diagnoseihilfe für die Beobachtung Frühgeb orener

Um Uber/endung von
Belegexemplaren wird
gebeten

Postfach 20 03 0 0
D 5 3 0 0 Bonn 2

Tel: 02221-89 32 40
Telex:08-85432

�Dokumentation

I 1

International ^ommunication Agency
Embassy ot the United States of America

24

14. Mai 1980

CARTER: WELTSTABILITÄT ERFORDERT STARKE AMERIKANISCHE FÜHRUNG
- Rede des US-Präsidenten in Philadelphia -

PHILADELPHIA - (AD) - Präsident Jimmy Carter hat am 9. Mai 1980 in einer
Rede vor dem Rat für Weltpolitik (World Affairs Council) in Philadelphia die
Notwendigkeit einer starken amerikanischen Führung betont, wenn die Welt zu
einer globalen Zusammenarbeit und zum Frieden kommen solle.

Eine solche Welt-

gemeinschaft, so führte Carter vor dem Rat - einer privaten Organisation aus, müsse auf der Achtung der Menschenrechte beruhen .

Die Rede des Präsidenten hat folgenden Wortlaut:

Es ist mir ein Vergnügen, in Philadelphia zu sein - denn die Stadt, in
der unsere Nation geboren wurde, ist ein besonders geeigneter Ort, um über die
künftige Außenpolitik dieser Nation zu sprechen.

Und es ist mir ein besonderes Vergnügen, vor dem Rat für Weltpolitik in
Philadelphia zu sprechen.

Ich kenne die gute Arbeit, die Sie geleistet haben,

um Philadelphia zu einer wahrhaft internationalen Stadt zu machen und das Motto
Ihrer Organisation zu erfüllen:

"In einer Demokratie ist es nicht wesentlich,

Postfach 20 03 00
D5300 Bonn 2

Tel: 02221-89 32 40
Telex:08-85432

�wesentlich, daß man sich immer einig ist, sondern daß man mitmacht."

Und ich

möchte hinzufügen, daß auch die informierte Kenntnis wesentlich ist.
Während der letzten sechs Monate fand all unser politisches Handeln im Ausland im Scheinwerferlicht zweier Krisen statt: dem Festhalten der amerikanischen Geiseln im Iran und der brutalen Invasion der Sowjetunion in Afghanistan.
Wenn wir mit diesen Krisen fertig werden wollen, dann müssen wir unsere
Taktiken mit den sich ändernden Umständen ebenfalls ändern.

Aber unsere Ziele

werden immer die gleichen bleiben:
Wir werden nicht ruhen, bis unsere amerikanischen Mitbürger, die im Iran
im Gegensatz zu allen Gesetzen von Recht und Anstand festgehalten werden, sicher
und frei sind.
Zusammen mit anderen Ländern, die die sowjetische Aggression verurteilt
haben, werden wir der Sowjetunion weiterhin einen wirtschaftlichen und politischen Preis auferlegen, bis sie ihre Streitkräfte zurückzieht und die Unabhängigkeit Afghanistans wiederherstellt.
Diese beiden Krisen unterstreichen die Tatsache, daß unsere Welt ein
gefährlicher Ort ist. Aber was ich heute herausheben möchte, ist, daß inmitten
der Krisen des Augenblicks die Grundsätze der amerikanischen Außenpolitik mit
Stärke und Entschlossenheit hochgehalten werden.
Die zentrale Realität, vor der Amerika heute steht, ist die einer komplexen
Welt - einer Welt, die turbulent ist, weil sie zum erstenmal in ihrer gemeinsamen
Geschichte politisch erwacht ist.
Unsere Welt ist eine Welt der widersprüchlichen Hoffnungen,Ideologien und
Mächte.

Es ist eine Welt, die eine vertrauensvolle, stabile und mächtige amerika-

nische Führung braucht, um die Tendenz der Geschichte zu wenden - weg von dem
Gespenst der Aufspaltung hin zu dem Versprechen einer echten weltweiten Zusammenarbeit und einem echten weltweiten Frieden.
Wir
- 2 -

�Wir müssen in unserer Außenpolitik also danach streben, die Verpflichtung
zu hohen Idealen mit einer nüchternen Berechnung unserer eigenen Lebensinteressen zu verbinden.

In diesem komplexen Zeitalter muß unsere Außenpolitik diese beiden Hauptströme des traditionellen amerikanischen Denkens zu einer stetigen Handlungsweise verbinden, die geeignet ist, in einem revolutionären Zeitalter

eine ver-

nünftigere Welt zu gestalten.
Für dieses unruhige Zeitalter sind unveränderliche amerikanische Ideale
relevant.

Unsere Gesellschaft ist immer für politische Freiheit, soziale Ge-

rechtigkeit und Pluralismus eingetreten.

Diese unsere Werte haben eine echte

Bedeutung in einer Welt, die nicht mehr von einigen Imperien beherrscht wird,
die eine gerechtere Verteilung der politischen und wirtschaftlichen Macht fordert.

Aber in dieser Zeit des revolutionären Wandels haben auch die Chancen für
Gewalt und Konflikt zugenommen.

Die Macht Amerikas muß stark genug sein, um

mit dieser Gefahr fertig zu werden, diese Ziele voranzutreiben und seine nationalen Interessen zu verteidigen.

Darum muß unsere Außenpolitik - die Politik, die wir in den letzten drei
Jahren gestaltet haben - gleichzeitig auf dem Primat bestimmter moralischer
Grundsätze - Grundsätze, die auf der Verwirklichung der Menschenrechte beruhen wie auch auf der Erhaltung einer militärischen Stärke Amerikas basieren, die
hinter niemandem zurücksteht.

Die Verschmelzung von Grundsatz und Macht ist

der einzige Weg, um weltweite Stabilität und weltweiten Frieden zu sichern und
uns gleichzeitig der Realität des weltweiten Wandels und Fortschritts anzupassen.

Die Komplexität miteinander zusammenhängender und manchmal beunruhigender
Ereignisse und Umstände erfordert, daß wir in Amerika das Maß an öffentlicher
Einsicht und Unterstützung erhöhen.

Die Außenpolitik konzentriert sich nicht

mehr auf einen einzigen und einfachen Punkt, wie den Sieg über die Nazi-Aggres-

- 3 -

�Nazi-Aggression oder die Abwehr einer monolithischen Stalinschen Bedrohung.
Wir Amerikaner brauchen heute vielmehr die Reife, zu erkennen, daß wir gleichzeitig

stark sein und uns anpassen müssen - daß wir unsere Interessen mit

Nachdruck schützen und ehrenhafte Wege finden müssen, um denjenigen gerecht zu
werden, die neue Ansprüche auf wirtschaftliche und politische Macht anmelden.
Es gibt zwei Vorbedingungen für eine wirksame amerikanische Außenpolitik,
die auf der Hand liegen:

eine starke Volkswirtschaft und eine starke Vertei-

digung.
Darum habe ich dem Ausbau einer nationalen Energiepolitik die höchste
Priorität eingeräumt.

Darum müssen wir den Kampf gegen die Inflation gewinnen.

Der Kongreß und ich arbeiten entschlossen auf dieses Ziel hin.
lich alle Amerikaner an.

Das geht wirk-

Diese gemeinsame Anstrengung erfordert einige Opfer,

und ich werde dafür sorgen, daß diese Opfer fair aufgeteilt werden.

Die Ant-

wort unserer Demokratie auf die wirtschaftlichen Herausforderungen wird ausschlaggebend sein, ob wir mit der Herausforderung anderer weltweiter Verantwortlichkeiten in den achtziger Jahren und darüber hinaus fertig werden können.
Obwohl es nicht leicht sein wird, werden die angeborenen Vorteile des natürlichen Reichtums unseres Landes und der gemeinsame Einsatz unseres Volkes die
Garanten unseres Erfolges sein.
Wir müssen auch militärisch stark sein. Tatsache ist, daß die Sowjetunion
ihre militärischen Fähigkeiten seit 15 Jahren weit über das Maß ihrer echten
Verteidigungserfordernisse hinaus ausgebaut hat. Im gleichen Zeitraum waren
unsere Verteidigungsausgaben meist rückläufig. Wenn dieser negative Trend angehalten hätte, dann hätten wir uns in einer Situation befunden, in der wir vor
einem schweren militärischen Ungleichgewicht gestanden hätten - einem Ungleichgewicht, das wegen der wachsenden Unruhe in der ganzen Welt noch bedrohlicher
gewesen wäre. Darum habe ich eine Modernisierung unserer strategischen und
konventionellen Streitkräfte auf breiter Basis in die Wege geleitet und an der
Stärkung unserer Bündnisse gearbeitet. Wir und unsere Verbündeten haben uns zu
einer anhaltenden realen Erhöhung unserer jährlichen Verteidigungsausgaben verpflichtet.

�Es ist unsere Aufgabe, eine wahrhaft kooperative Weitgemeinschaft aufzubauen, ein weltumspannendes Mosaik zu schaffen, das den Reichtum und die Vielfalt der Völker, Kulturen und Religionen dieser Welt umfaßt.

Die philosophische

Grundlage einer solchen Gemeinschaft müssen Achtung vor den Menschenrechten
sowie die Unabhängigkeit der Staaten sein.
Um die Aussichten auf diese Zeit des Friedens zu fördern, werden wir den
beständigen Kurs beibehalten, zu dem wir uns in diesen vergangenen dreieinhalb
Jahren verpflichtet haben.
Wir verfolgen fünf Hauptziele:
- Erstens:

Nicht nur vermehrte wirtschaftliche, sondern auch politische

Solidarität zwischen den Industriedemokratien.
- Zweitens: Aufbau eines wirklich kooperativen Verhältnisses zur Dritten
Welt.
- Drittens:

Standhaftigkeit bei unseren Anstrengungen, dem Nahen Osten

und anderen Unruhegebieten dieser Welt Frieden zu bringen.
- Viertens:

Verteidigung unserer strategischen Interessen, besonders der-

jenigen, die derzeit in Südwestasien bedroht sind.
- Fünftens: Förderung der Rüstungskontrolle, vor allem durch Begrenzung
der strategischen Waffen in Übereinkunft mit der Sowjetunion sowie Aufrechterhaltung eines standhaften und ausgewogenen Verhältnisses zur Sowjetunion.
Unser erstes Ziel - Solidarität mit unseren Verbündeten - ist der Prüfstein unserer Außenpolitik.

Ohne diese Solidarität können die Weltwirtschaft

und die internationale Politik durchaus in Unordnung geraten.
Aus

- 5 -

�Aus diesem Grund haben wir die Nordatlantische Verteidigungsgemeinschaft
angeführt, als es um das Programm der Verbesserung ihrer konventionellen Streitkräfte ging.
rischer

Und letzten Winter kam die NATO in einer Entscheidung von histo-

Tragweite überein, in Antwort auf den Ausbau der sowjetischen Raketen-

streitmacht ihre Atomraketen in Europa zu verstärken.
Im nächsten Monat werden die sieben führenden Industriedemokratien in
Venedig ein Gipfeltreffen abhalten.

Wir alle haben die Absicht, dieses Gipfel-

treffen nicht nur zu einem weltweiten Meilenstein weltwirtschaftlicher Zusammenarbeit zu machen, sondern auch unsere politische und strategische Solidarität
zu fördern.
Zweitens werden wir unsere Anstrengungen fortführen, die Bandbreite unserer
Zusammenarbeit mit den neuerwachten Staaten der Dritten Welt zu erweitern.
Gegen Ende dieses Jahrhunderts werden 85 Prozent der Weltbevölkerung in Lateinamerika, Asien und Afrika leben.

In den vergangenen Jahren haben wir durch die

Panamakanal-Verträge, durch unsere Verpflichtung zum Mehrheitswahlrecht in
Afrika und durch die Normalisierung der Verhältnisse mit China die Beziehungen
der Vereinigten Staaten mit diesen Regionen gewaltig verbessert.

Wir können

stolz auf das Erreichte beim Bau stabiler neuer Brücken zur Welt der sich entwickelnden Länder sein.
Die Vereinigten Staaten respektieren den Wunsch der Entwicklungsländer
nach echter Blockfreiheit, und sie respektieren die Bewegung der Blockfreien
als Ausdruck dieses Wunsches. Staaten, die ihre eigene Unabhängigkeit schätzen, widerstehen bereits heute den Anstrengungen, die Bewegung der Blockfreien
zu untergraben und sie zu einem Werkzeug sowjetischer Außenpolitik zu machen.
Die Vereinigten Staaten sind bereit, mit solchen Staaten bei der Lösung von
Konflikten und bei der Förderung größerer sozialer Gerechtigkeit auf der ganzen Welt zusammenzuarbeiten.
Drittens werden wir auch weiterhin für den Frieden im Nahen Osten arbeiten. Ein solcher Friede ist für alle Beteiligten von entscheidender Bedeutung.

- 6 -

�Bedeutung.

Israel verdient ihn, und Israel braucht ihn für sein langfristiges

überleben.

Die arabischen Staaten brauchen Frieden, um die legitimen Rechte

der Palästinenser zu befriedigen und um sicherzustellen, daß ihre eigene soziale Entwicklung ohne Unterbrechung und ohne äußere Einmischung weitergehen kann.
Der Westen braucht Frieden im Nahen Osten oder er läuft die ernste Gefahr, daß
die Radikalisierung dieser Region auch Außenstehende in seine explosiven Konflikte hineinzieht.

Der Friedensprozeß von Camp David hat bereits zum ersten Friedensvertrag
geführt, den es jemals zwischen Israel und einem arabischen Staat gab. Wir
sind entschlossen, eine noch umfassendere Regelung zu erreichen; wir werden
uns von diesem Ziel nicht ablenken lassen.

Während wir unsere Anstrengungen im Nahen Osten fortsetzen, erfüllt mich
zugleich ein gewisser Stolz über die Beiträge, die wir in anderen Bereichen
geleistet haben - wie etwa beim Panamakanal-Vertrag und der Erzielung eines
Friedens in Zimbabwe.

Dies sind bedeutsame Leistungen - nicht nur zum Wohl

der Menschen, um die es dort unmittelbar geht, sondern auch zum Wohl unseres
Nationalinteresses.

Viertens muß der Westen seine strategischen Interessen überall dort verteidigen, wo sie bedroht sind.
Seit 1945 sind die Vereinigten Staaten zur Verteidigung unserer Hemisphäre
und Westeuropas, aber auch des Fernen Ostens - vor allem von Japan und Korea verpflichtet.

In den letzten Jahren ist deutlich geworden, daß das Wohlergehen dieser
lebenswichtigen Regionen von dem Frieden, der Stabilität und der Unabhängigkeit
des Nahen Ostens und der Region um den Persischen Golf abhängt.

Aber die

sowjetische Invasion Afghanistans und die fortschreitende Disintegration des
Iran gefährden die Sicherheit dieser Region entscheidend.

Ich
- 7 -

�Ich möchte noch einmal unterstreichen, was ich am 23. Januar in meiner
Botschaft über die Lage der Nation gesagt habe:
"Unser Standpunkt muß absolut klar sein:
Ein Versuch durch eine Macht von außen, die Kontrolle über die Region
des Persischen Golfes zu erlangen, wird als ein Angriff auf die lebenswichtigen Interessen der Vereinigten Staaten betrachtet werden. Und
solch

ein Angriff wird durch den Einsatz aller notwendigen Mittel, ein-

schließlich militärischer Macht, zurückgewiesen werden."
Die Maßnahmen, die wir unsererseits und in Zusammenarbeit mit anderen
ergreifen, umfassen komplizierte Unternehmungen, beträchtliche

Ausgaben und

ein sorgfältiges Gleichgewicht zwischen dem Drang der kollektiven Sicherheitsinteressen der Region und ihren politischen Realitäten.
schritte.

Wir machen gute Fort-

Wir müssen - und wir werden - noch mehr erzielen.

Die Notwendigkeit zu gemeinsamer Handlung in dieser Region wird absolut
nicht von irgendwelcher Kriegslüsternheit seitens der friedliebenden Staaten
diktiert, sondern von der eindeutigen strategischen Bedrohung, die von der
sowjetischen Invasion Afghanistans herrührt.

Die Unfähigkeit, eine überzeu-

gende Antwort auf diesen verächtlichen Akt der Aggression zu finden, würde
nur zu seiner Wiederholung einladen.
über die Gewalt hinaus, die der Unabhängigkeit und dem Volk von Afghanistan
angetan wird, nehmen die Truppen der Roten Armee, die ihre dortige Position
konsolidieren, zudem eine Stellung ein, von denen aus der sowjetische Imperialismus sich tiefgreifender und gefährlicher auf die Politik in diesem lebenswichtigen Gebiet auswirken könnte. Afghanistan war lange Zeit ein Puffer gegen
Außenseiter, die jene Region zu beherrschen suchten. Dies ist die historische
Rolle, die Afghanistan zurückgegeben werden muß. Ein Erfolg der Sowjets dort
- sogar zu dem hohen Preis an Blut und Ansehen, den Moskau derzeit zahlt - könnte Afghanistan von einer Barriere gegen Aggression in eine Startrampe für weitere Überfälle umwandeln.
Dies
- 8 -

�Dies würde Pakistan und den Iran - aber nicht nur diese Staaten allein bedrohen.

Die sowjetische Aggression in Afghanistan konfrontiert - solange

ihr nicht Einhalt geboten wird - die ganze Welt mit der schwerwiegendsten
langfristigen strategischen Herausforderung seit Anfang des Kalten Krieges.
Den Umfang dieser Herausforderung zu unterschätzen würde einen historischen
Irrtum bedeuten - einen Irrtum mit wahrscheinlich historischen Folgen,

Die Haltung Amerikas ist klar.

Auch steht sie in Einklang mit den Inter-

essen unserer Verbündeten, deren Wohlergehen - zusammen mit unserem eigenen eng mit der Sicherheit und der Unabhängigkeit dieser strategisch gesehen lebenswichtigen Region verbunden ist.

Daher müssen vi^r uns gemeinsam der Heraus-

forderung stellen, vor der wir alle stehen.

Innerhalb der Region selbst müs-

sen die Nationen auch erkennen, daß unsere Bestrebungen den ihrigen entsprechen
- zusammenzuarbeiten, um die Unabhängigkeit und Stabilität der Region zu erhalten.

Fünftens, diese Administration hat sich mit Nachdruck für die Rüstungskontrolle, vor allem für die Begrenzung der strategischen Rüstung und die Aufrechterhaltung eines festen und ausgewogenen Verhältnisses zur Sowjetunion
eingesetzt und bleibt diesen Zielen verpflichtet.

Unsere Entschlossenheit,

dieses Ziel weiter zu verfolgen, bleibt so stark wie je.

Rüstungskontrolle und die Begrenzung der strategischen Rüstung sind von
entscheidender Bedeutung für uns und alle anderen Völker.
men

ist eine große Leistung meiner Administration.

Das SALT II-Abkom-

Es trägt direkt zu un-

serer nationalen Sicherheit bei, und wir werden uns an die Bedingungen des
Vertrags halten, solange die Sowjetunion sich auch nach ihnen richtet.

Natür-

lich werden wir uns um seine Ratifizierung, sobald die Zeit dafür gegeben ist,
bemühen.

Aber auch der Zeitpunkt rückt rasch näher, an dem wir über SALT II hinaus
denken müssen - um weitere, umfassendere Abkommen auszuhandeln, die sowohl neue
Kategorien strategischer Waffen wie auch Waffen von geringerer als kontinenta-

- 9 -

�kontinentaler Reichweite betreffen.

Wenn die achtziger Jahre nicht zu einem

Jahrzehnt der Gewalt werden sollen, dann müssen wir erneute Anstrengungen
machen, um das Wettrüsten zu stabilisieren und den Bereich der Rüstungskontroi 1abkommen zu erweitern.

Nach engen Beratungen mit unseren Verbündeten und der

Sowjetunion wollen wir diese erweiterten Anstrengungen fortsetzen.
Unser Ziel bleibt die Entspannung mit der Sowjetunion. Aber eine solche
Entspannung muß auf dem festen Fundament der Abschreckung gegründet sein. Die
Sowjets müssen begreifen, daß sie nicht rücksichtslos den Weltfrieden bedrohen,
daß sie keine Aggression begehen und dennoch die Früchte einer Zusammenarbeit
mit dem Westen genießen können.

Sie müssen begreifen, daß ihre Invasion

Afghanistans einen tiefen abträglichen Effekt auf das Verhalten und die Einstellung der amerikanischen Öffentlichkeit gehabt hat.
Angesichts der Aggression kann es nicht so weitergehen, als wäre nichts
geschehen. Die Sowjets werden auch keinen Erfolg bei ihren Bemühungen haben,
das Bündnis zu sprengen oder uns in den falschen Glauben einzulullen, daß Europa irgendwie eine Insel der Entspannung sein könnte, während die Aggression anderswo durchgeführt wird.
Aber ich möchte genauso klarstellen, daß der Weg zu verbesserten Beziehungen offen ist, wenn die Sowjets ihr Verhalten ändern. Das ist der Weg, den
wir vorziehen.
Zusammengenommen sind die von mir umrissenen Ziele die Kompaßpunkte, die
Amerikas Kurs in dieser Welt des Wandels und der Herausforderung bestimmen.
Sie verknüpfen unsere spezifischen Aktionen miteinander, mit der Vergangenheit
und der Zukunft.
Unsere Außenpolitik ist so gestaltet, daß sie dem revolutionären Zeitalter, in dem wir leben, entspricht.

Um wirksam zu sein, muß sie das kluge

Verständnis und die weite Unterstützung des amerikanischen Volkes haben.

Das

hängt davon ab, daß die Öffentlichkeit begreift, daß Außenpolitik nicht eine

�eine Sache von Augenblickserfolgen ist. Wir müssen mit über längere Zeiten
sich hinziehenden Handhabungen von allem Anschein nach unlösbaren Situationen
und oft auch sich widersprechenden Realitäten rechnen.
Um diese historische Rolle des Schutzes unserer Interessen und der Bewahrung des Friedens zu spielen, müssen die Vereinigten Staaten stetig und beständig sein.

Unsere Verpflichtung gegenüber den amerikanischen Idealen muß un-

wandelbar und unsere Macht glaubwürdig sein.
Wir werden auch weiterhin jede Anstrengung machen, wenn möglich mit friedlichen Mitteln, und durch eine kollektive Maßnahme mit unseren Verbündeten, um
die Freilassung unserer Landsleute zu erlangen. Und wir werden den führenden
Männern im Iran zum Bewußtsein bringen, daß die Integrität und Unabhängigkeit
ihres Landes nur Schaden nehmen kann durch eine Politik wie der ihren, die zur
internationalen Isolierung und zum inneren Zerfall führt. Wir leben nicht in
einem permanenten Streit mit dem iranischen Volk. Wir wollen ein würdevolles
Verhältnis zum Iran gestalten, sobald wir einmal diese illegale Aktion werden
hinter uns gebracht haben.
Unsere Nation hat auch weiterhin verantwortungsbewußt und in gutem Glauben gegenüber dem Volk und den Führern des Iran gehandelt.
Unser Rettungsversuch war eine Hilfs- und Befreiungsaktion - und nicht ein
militärischer Überfall. Sein einziges Ziel war es, unschuldige Opfer aus der
Gewalt terroristischer Ausbeuter zu befreien. Ich bedauere nur, daß er ohne
Erfolg blieb und daß acht tapfere Männer bei dem Unfall sterben mußten, als der
Rettungstrupp seinen Sammelplatz in der Wüste verließ.
Unser Eintreten für eine Welt, die die Menschenrechte repräsentiert, ist
von der ganzen Welt vernommen worden - von den freien Menschen und von denen,
die unterdrückt sind.

Der ungestüme Wunsch einer großen Zahl von Kubanern,

aus ihrem Land zu fliehen, ist ein beredtes Zeugnis für das Versagen des CastroRegimes.
Wir
- 11 -

�Wir müssen sicherstellen, daß die Kubaner, die in unser Land kommen, mit
all der Menschlichkeit und dem Mitgefühl behandelt werden, das wir anderen
Gruppen und einander entgegengebracht haben.

Um dem Leiden und dem Tod auf

hoher See ein Ende zu machen und um uns die Möglichkeit zu geben, die knappen
Mittel des Bundes so gut wie möglich einzusetzen, muß sich der Prozeß in geordneter Form und in Einklang mit unseren Gesetzen abwickeln.
Auf der Konferenz in Costa Rica arbeiten wir energisch mit weiteren 16
Staaten und internationalen Organisationen zusammen, um Möglichkeiten zu entwickeln, die eine sichere und geordnete Evakuierung der ausreisewilligen Kubaner
erlauben.

Was uns anbelangt, so werden wir der Zusammenführung von Familien

die oberste Priorität einräumen, wobei auf Kuba selbst oder in einem dritten
Land - etwa Costa Rica - eine erste Überprüfung stattfinden sollte.
Die Außenpolitik Amerikas muß stets das widerspiegeln, was wir als Volk
sind.

Wir sind ein starkes Volk, und wir sind ein Volk, das sich um andere

sorgt.

Wir sorgen uns um die Menschenrechte; wir sorgen uns um einen anstän-

digen Lebensstandard; wir sorgen uns um die Unabhängigkeit der Staaten und die
Rechte des Individuums.

Wir verfügen über eine nüchterne verantwortungsbe-

wußte Erkenntnis dessen, daß die Macht Amerikas gerade in einer unruhigen Welt
besonders wichtig ist, wo andere von uns abhängen, was ihre Sicherheit und ihre
Freiheit anbelangt.
Unsere Interessen und unsere Ideale dienen einander.

Unsere Macht muß

zum Dienst beider verwendet werden.
Der Kurs, den ich heute gesteckt habe, ist weder einfach noch anspruchslos, aber es ist ein sicherer und solider Kurs, den wir zu verfolgen haben.
Unsere Außenpolitik verdient Ihr Verständnis und Ihre Unterstützung,
nicht nur zum Zweck der Sicherheit unseres eigenen Landes, sondern auch, damit
die Menschen überall in der Welt die Gewißheit haben können, daß sich Amerika

- 12 -

�Amerika dazu verpflichtet hat, seine gewaltige Macht zu einem klaren, standhaften und beständigen Zweck zu verwenden:

für die gesamte Menschheit eine

Zukunft in Fortschritt, Freiheit und Frieden zu finden.

- 13 -

�Dokumentation

I

International Communication Agency
Embassy of the United States of America

14. Mai 1980

24

ERKLÄRUNG VON VIZEPRÄSIDENT MONDALE IN BELGRAD
- Wortlaut -

BELGRAD - (AD) - Der amerikanische Vizepräsident Walter Mondale, der am
7. Mai 1980 an der Beisetzung des verstorbenen jugoslawischen Staatspräsidenten
Josip Broz Tito teilnahm, gab am gleichen Tag in Belgrad eine Erklärung ab, in
der er betonte, daß sich an der Unterstützung der Vereinigten Staaten für
Jugoslawien nichts geändert habe.

Die Erklärung hat folgenden Wortlaut:

Der Präsident hat mich und diese Delegation ersucht, ihn bei diesem
feierlichen Anlaß zu vertreten und Ihnen und dem jugoslawischen Volke das Beileid des amerikanischen Volkes und der Regierung der Vereinigten Staaten zum
Ausdruck zu bringen. Wir sind hier, um zusammen mit Ihnen einer großen Gestalt
der Weltpolitik, einem Helden des Zweiten Weltkrieges und einem der mutigsten
und einfallsreichsten Staatsmänner der Nachkriegsjahre einen letzten' Tribut
zu zollen.
Präsident Josip Broz Tito hatte sich den Prinzipien der Unabhängigkeit,
Gleichheit und Nichteinmischung in innere Angelegenheiten verschrieben. Als
einer der Gründer der blockfreien Bewegung hat Präsident Tito einen gewaltigen

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�gewaltigen Beitrag zur Förderung der Annahme dieser Prinzipien durch die ganze
internationale Gemeinschaft geleistet.

Er war der ganzen Welt Inspiration und

Beispiel.
Die Bevölkerung der Vereinigten Staaten fühlt mit Ihnen den Verlust. Ich
bin heute hier, um Ihnen zu versichern, daß die Beziehungen der Freundschaft
und der gegenseitigen Verständigung, die Präsident Tito zwischen unseren beiden
Ländern aufzubauen half, auch in Zukunft aufrechterhalten und verstärkt werden.
Unsere Unterstützung der Unabhängigkeit, territorialen Integrität und Einheit
Jugoslawiens hat mehr als 30 Jahre überdauert. Sie hat sich mit dem Ableben
Ihres großen Führers nicht geändert.

Wir versichern Ihnen unsere weitere Unter-

stützung.
Die Vereinigten Staaten vertrauen darauf, daß das jugoslawische Volk die
Ziele erfolgreich weiterverfolgen wird, denen Präsident Tito sein Leben gewidmet
hat - die Förderung eines stabilen und gedeihenden Jugoslawiens und eine sichere
Welt in Frieden. Die Vereinigten Staaten stehen wie immer bereit, mit Ihnen zusammenzuarbeiten.
Im Namen des Präsidenten und des ganzen amerikanischen Volkes möchte ich
heute Ihnen und dem jugoslawischen Volk und der jugoslawischen Regierung nicht
nur unser tiefes Beileid, sondern auch unser Vertrauen in die Zukunft Jugoslawiens
als der stolzen, unabhängigen und friedlichen Nation zum Ausdruck bringen, für
die Präsident Tito sein ganzes großes Leben lang so tapfer und unermüdlich gekämpft hat.

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�24

14. Mai 1980

GEDENKTAG ZUM ENDE DES ZWEITEN WELTKRIEGS ERINNERT AN 35 JAHRE
DER ZUSAMMENARBEIT IM BÜNDNIS
Von George S. Vest, Unterstaatssekretär

Der nachfolgende Artikel von George S. Vest,
Unterstaatssekretär im amerikanischen Außenministerium, wurde in Erinnerung des 35.
Jahrestages jenes 8. Mai 1945 geschrieben,
an dem nach Jahren der blutigen Konfrontation
der Zweite Weltkrieg in Europa zu Ende ging
und eine Periode konstruktiver Zusammenarbeit
begann.

Der 8. Mai 1980 bedeutet für Europa den 35. Jahrestag des Ende des Zweiten Weltkriegs.

In Europa und in den Vereinigten Staaten verbindet man mit

diesem Jahrestag das Ende des zerstörerischsten Krieges der modernen Zeit.

Es

war ein Krieg, der ganz Europa und schließlich sogar die ganze Welt in den Abgrund stürzte, der viel von jener europäischen Kultur zerstörte, wie sie die
Welt bis dahin kannte&gt;und der auf beiden Seiten unerhörtes menschliches Leiden
verursachte.

Aber die 35 Jahre seither bedeuten zugleich mehr als eine ganze Generation
von menschlicher Arbeit und Fortschritt, von Problemen und Herausforderungen, von

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�von Erfolgen und Niederlagen,

über die Hälfte der derzeitigen Bevölkerung

Europas und Nordamerikas war zur Zeit des Zweiten Weltkrieges noch nicht einmal geboren; noch weniger Bürger nahmen aktiv an jenen Geschehnissen teil, die
1945 zum Sieg der Alliierten führten.
Für diese Bürger und für die führenden Persönlichkeiten, die dabei halfen,
ihre Geschicke in den vergangenen 35 Jahren zu lenken, ist es weitaus wichtiger, diesen Jahrestag als einen Anfang zu betrachten, als einen Ausgangspunkt
für eine neue Welt der Nachkriegszeit, denn als den letzten Tag für das, was
vorher kam.

Der 8. Mai 1945 stellt den Beginn eines neuen Systems der Bezie-

hungen zwischen den Staaten Europas und Nordamerikas dar.

Er ermöglichte die

Neuordnung der Beziehungen zwischen alten Widersachern und leitete über in eine
Periode noch nie dagewesener Freiheit und Prosperität für die Länder im westlichen Teil des europäischen Kontinents.

Die Welt der Nachkriegszeit
Die Situation, wie sie sich am 8. Mai 1945 darbot, bildete die Grundlage
für die Welt, in der wir heute leben.

Es ist tragisch, daß die Hoffnungen des

Jahres 1945 sich nicht in ganz Europa verwirklichen ließen.

Nahezu die Hälfte

der Völker des Kontinents ist noch immer nicht in der Lage, ihr Schicksal selbst
zu bestimmen.

Diese Völker kamen nicht in den Genuß jener demokratischen Prin-

zipien, von denen die Führer aller Länder in Ost und West sprachen, als das
Feuer vor 35 Jahren eingestellt wurde.
Nicht weniger betrüblich ist die anhaltende Trennung von Menschen, die auch
weiterhin Familien und ganze Nationen inmitten des Kontinents auseinanderreißt.
Die fortbestehende Teilung der deutschen Nation ist ein flagranter Verstoß gegen die von den siegreichen Alliierten getroffenen Kriegs- und Nachkriegsabkommen.

Allgemein gesehen werden durch diese Trennungen fundamentale Prinzi-

pien der Menschenrechte mißachtet, darunter auch das Recht auf Selbstbestimmung,
zu denen sich alle Länder bekannt haben.
Trotz
- 2 -

�Trotz dieser schmerzlichen und drückenden Probleme können die Länder Westeuropas und Nordamerikas stolz auf die im Verlauf der vergangenen 35 Jahre erzielten Erfolge sein.

- Die Zerstörung und totale wirtschaftliche Lähmung am Ende des Zweiten
Weltkrieges sind völlig überwunden.
tionsstand und einen

Westeuropas Wirtschaft hat einen Produk-

Wohlstand erreicht wie nie zuvor in der Geschichte.

- Stabile demokratische Systeme sind in jedem der westeuropäischen Länder
geschaffen worden.

Wenn auch der Kampf um die Bewahrung der Demokratie nicht

immer leicht gewesen ist, so können die westlichen Länder doch stolz auf die
durch ihre Regierungen gewährleisteten Garantien der fundamentalen Menschenrechte und der Freiheiten des Individuums sein.
- An die Stelle von alten Feindschaften zwischen den Ländern in Westeuropa
ist Einheit und Zusammenarbeit getreten.

Die Europäische Gemeinschaft bietet

den europäischen Rahmen für gemeinsame Anstrengungen zur Aufrechterhaltung der
westlichen Lebensform.

Umfassende

Organisationen wie die OECD, der IWF und

die IBRD helfen mit, um eine enge Zusammenarbeit zwischen den industriellen
Demokratien in der ganzen Welt zu sichern.

- Die militärische Zusammenarbeit zwischen den westlichen Ländern, am
direktesten durch das NATO-Bündnis, hat den Schutzschrtld geschaffen, der unseren
Gesellschaftsformen die Möglichkeit gab, sich frei zu entwickeln.

Im Verlauf

der Jahre hat sich die NATO zu einem Forum für eine echte politische Konsultation zwischen den Ländern der atlantischen Welt erweitert.

Solche Konsultationen

werden immer dringender notwendig werden, wenn unsere Gesellschaftssysteme sich
den Herausforderungen der achtziger Jahre stellen,

- Ein Anfang wurde mit dem Versuch gemacht, die tiefgreifenden Unterschiede,
die Ost von West trennen, zu überwinden.

Das Viermächte-Abkommen über Berlin

half mit, ein Problem zu entschärfen, das in der Vergangenheit die Welt an den
Rand eines nuklearen Krieges geführt hatte.

- 3 -

Bilaterale Anstrengungen zum Ab-

�•

Abbau der Spannungen durch Länder wie Frankreich, die Bundesrepublik Deutschland und die Vereinigten Staaten führten zu beachtlichen Fortschritten auf
politischem und militärischem Feld.

Und schließlich gaben umfassende multi-

laterale Bemühungen, wie die Wiener Verhandlungen über beiderseitige und ausgewogene Truppenreduzierungen (MBFR) und die Konferenz über Sicherheit und
Zusammenarbeit in Europa (KSZE), der Hoffnung Raum, daß alle Länder in Ost
und West eine gemeinsame akzeptable Basis finden würden, um die schmerzlichen
menschlichen Trennungen zu beseitigen, die den Kontinent auch weiterhin entstellten.

Die Rolle der Vereinigten Staaten
Eine der vielleicht bedeutsamsten Entwicklungen in den Jahren nach 1945
war das ständige Engagement der Vereinigten Staaten auf dem europäischen Kontinent.
Vor 1945 hatten die Amerikaner abgeschirmt und sicher auf ihrem Kontinent
gelebt und eine ständige Beteiligung an den, wie sie meinten, unerfreulichen
"Machtpolitiken" Europas abgelehnt. Viele Amerikaner meinten, dem Frieden der
Welt würde am besten gedient, wenn man es den Europäern überließe, sich mit
ihren eigenen Konflikten zu befassen. Die Mehrzahl der Amerikaner schien zu
glauben, die Sicherheit ihres Landes werde von den Ereignissen in der Alten
Welt nicht betroffen.
•

Diese Ansicht hat sich während des Zweiten Weltkrieges grundlegend gewandelt. Noch während die Kämpfe in Europa weiter tobten, kamen führende Männer
in Amerika zu der Überzeugung, daß ein Frieden niemals gewährleistet sein würde,
wenn die Vereinigten Staaten, die zum stärksten Land der Welt geworden waren,
Europa wieder den Rücken kehrten. Als der Krieg sich seinem Ende näherte,
entwickelte sich in den Vereinigten Staaten ein starker Konsens zugunsten eines
vollen und ständigen Engagements in weltpolitischen Angelegenheiten, einschließlich der Angelegenheiten Europas. Ein wesentlicher Faktor dabei war die auf

�auf breitester Ebene vorhandene Anerkennung der Tatsache, daß die Sicherheit
Amerikas nicht länger mehr einfach dadurch gewährleistet werden könnte, daß wir
unsere eigenen Grenzen verteidigten.

Es wurde klar, daß die Verteidigung

Amerikas bereits weit vor unseren eigenen Küsten, in Europa, begann.

Im Verlauf der Jahre 1944 und 1945 wurden die Vorbereitungen für ein
Engagement der Vereinigten Staaten in der Welt der Nachkriegszeit fortgesetzt.
Das Abkommen von Bretton Woods aus dem Jahr 1944 brachte die Gründung des Internationalen Währungsfonds (IWF) mit sich sowie die Internationale Bank für Wiederaufbau und Entwicklung (IBFR) = Weltbank.

Die Vereinigten Staaten machten

sich für die Unterstützung dieser Institutionen in Anerkennung der Tatsache
stark, daß Frieden und Demokratie nie ohne eine solide wirtschaftliche Grundlage gedeihen können.

Die Anstrengungen zur internationalen Zusammenarbeit

kamen 1945 einen weiteren Schritt voran, als die Charta der Vereinten Nationen
unterzeichnet wurde.

Ein wichtiges amerikanisches Ziel beim Aufbau der Verein-

ten Nationen war es, für die Vereinigten Staaten eine ständige Mitgliedschaft
in dieser weltumspannenden Körperschaft sicherzustellen - und somit unser Engagement für die internationalen Angelegenheiten zu garantieren.

Gegen die Sowjetmacht in Europa

Die Ideale, die die Charta der Vereinten Nationen enthielt, verblichen
rasch, als die Sieger begannen, gegen die durch den Krieg verursachte Unordnung und Zerstörung anzukämpfen.

Die Gewehrläufe waren kaum abgekühlt, da fin-

gen die Realitäten von Geographie und Machtpolitik an, auf die Hoffnungen nach
Frieden und Zusammenarbeit in der Welt der Nachkriegszeit einzuwirken.

Besondere Sorge bereitete dabei die Herausforderung durch die expandierende
sowjetische Militärmacht, die ihren Einfluß auf den europäischen Kontinent ausdehnte.

Als deutlich wurde, daß die Sowjetunion nicht bereit war, sich an die

Abkommen aus der Kriegszeit zu halten, die eine gemeinsame Verwaltung für ganz
Deutschland vorgesehen hatten, zog sich langsam eine Linie zwischen die beiden
Teile des Kontinents.

Diese Linie erhielt einen noch permanenteren Charakter,
- 5-

�Charakter, als in den Staaten Osteuropas Regierungen eingesetzt wurden, die
gegenüber der sowjetischen Führung loyal waren.
.

Diese Herausforderung führte zu einer klaren Antwort seitens aller Bereiche
des amerikanischen politischen Spektrums.

In Reaktion auf dringende Bitten un-

serer Freunde in Europa entwarfen Präsident Truman und Außenminister George
Marshall eine Politik, die Amerikas Verpflichtung zur Verteidigung Westeuropas
stärkte und eine noch nie dagewesene Bereitschaft zur Teilnahme am wirtschaftlichen Wiederaufbau des Kontinents zu erkennen gab.
Diese Politik half bei der Entwicklung einer Interessengemeinschaft zwischen
den Vereinigten Staaten und Kanada auf der einen
auf der anderen Seite.

und den Ländern Westeuropas

Ereignisse wie die Verpflichtung Präsident Trumans zur

Verteidigung Griechenlands und der Türkei (die "Truman-Doktrin" von 1947), das
Europäische Wiederaufbauprogramm (der "Marshallplan") von 1947 und die Gründung
der Nordatlantischen Verteidigungsgemeinschaft von 1949 verfestigten die Bindungen zwischen der Alten und der Neuen Welt.

Die Geburt der "Atlantischen Ge-

meinschaft" freier Gesellschaften war eine Entwicklung von historischem Ausmaß.

Fortdauer der amerikanischen Verpflichtungen in Europa
Sicherlich ebenso bedeutsam war die breite Unterstützung, die sich in der
politischen Führung und bei der Bevölkerung der Vereinigten Staaten für die
ständige Beteiligung der USA an den Vereinbarungen im Sicherheits- und Wirtschaftsbereich breitmachte, welche die Grundlage dieser Atlantischen Gemeinschaft bildeten. Die "überparteiliche Außenpolitik" Präsident Trumans wurde
durch ebenso standhafte Verpflichtungen Präsident Eisenhowers und dessen Nachfolger abgelöst.
Die amerikanische Politik gegenüber Europa wurde während der gesamten
Nachkriegszeit durch drei grundlegende Überlegungen geleitet:

�- Es herrscht

die Einsicht, daß die Prinzipien der pluralistischen Ge-

sellschaft die Grundlage für die Stärke der westlichen Gesellschaft in Europa
und Nordamerika bilden.

Eine Bedrohung der Freiheit in Westeuropa ist eine

Bedrohung der Freiheit der Vereinigten Staaten.

- Wie eng auch immer die Beziehungen zwischen den Vereinigten Staaten
und Westeuropa sein mögen, so können die Interessen der Länder auf beiden Seiten des Atlantik nur dann umfassend geschützt werden, wenn alle Partner die
unterschiedlichen Interessen der einzelnen Länder der Atlantischen Gemeinschaft
würdigen.

Die Vielfalt unserer Gesellschaften und unserer Völker muß sich in

der Vielfalt unseres Bündnisses widerspiegeln.

- Schließlich hängt die Überlebensfähigkeit unserer Lebensweise von den
fortgesetzten Anstrengungen ab, die Trennungen im menschlichen Bereich zu überwinden, die Europa noch immer quälen.

Unsere militärische Verteidigung muß

durch Anstrengungen ergänzt werden, die Ursachen der Spannung zu überwinden,
die zur Teilung des Kontinents beitragen.

Trotz der Ost-West-Spannungen, die einen Großteil der ersten Nachkriegszeit charakterisierten, haben die einzelnen amerikanischen Präsidenten versucht, all diese Prinzipien auf die amerikanische Verpflichtung gegenüber
Europa anzuwenden.

- Im Verlauf der fünfziger Jahre verband Präsident Eisenhower amerikanische
Standfestigkeit in Bereichen wie etwa Berlin mit konkreten Anstrengungen, Gespräche über die Begrenzung von Kernwaffen zu beginnen.

Einige Treffen mit der

sowjetischen Führung waren jedoch zum Scheitern verurteilt wegen der Instabilität Osteuropas und wegen der grundlegenden Unvereinbarkeit des sowjetischen
Ehrgeizes in Europa mit der Entschlossenheit der westlichen Verbündeten zur
Sicherung ihrer Lebensweise.

- In den sechziger Jahren begannen die Präsidenten Kennedy und Johnson
mit konkreten Anstrengungen in Richtung Entspannung durch Verhandlungen über
den Atomwaffensperrvertrag und das Teststoppabkommen.
- 7 -

In diesem Zeitraum unter-

�unterstützten die Vereinigten Staaten auch die Entwicklung des Gemeinsamen
Marktes als europäischen Beitrag zur westlichen Einheit.

Konfrontationen wie

dem Bau der Berliner Mauer und der Raketenkrise um Kuba wurde mit Entschiedenheit entgegengetreten, aber die Vereinigten Staaten schlössen nicht die Tür zu
ehrlichen Anstrengungen bei der Verminderung von Spannungen.
- In den siebziger Jahren übernahmen die Vereinigten Staaten die Führung
bei der Suche nach konkreten Fortschritten beim Abbau von Spannungen in Europa.
In enger Zusammenarbeit mit unseren europäischen Verbündeten halfen wir bei
der Errichtung eines breiten politischen Rahmenwerks für die amerikanische Präsenz in Europa, was konkrete Fortschritte bei der Verringerung des Umfangs politischer und militärischer Konfrontation auf dem Kontinent zur Folge hatte.
Die Regierung Präsident Carters hat diese überlieferten Bestandteile amerikanischer Politik zu einem umfassenden Netzwerk verwoben, um den Herausforderungen der achtziger Jahre gerechtzuwerden.
- Der grundlegenden Struktur des westlichen Bündnisses verpflichtet, schlug
Präsident Carter auf den Gipfeltreffen von London (1977) und Washington (1978)
ein weitgespanntes Programm politischer und militärischer Zusammenarbeit zwischen
den Mitgliedern der NATO vor.

Das Ziel bestand darin, die konventionelle Ver-

teidigung des Bündnisses zu stärken, die politische Konsultation zwischen den
Bündnismitgliedern auszuweiten und neue Möglichkeiten zur Verminderung von Spannungen zwischen Ost und West auszuloten.

Die Erklärung von Washington im Jahr

1978 stellte einen umfassenden Entwurf der atlantischen Zielsetzungen in den
achtziger Jahren dar.
- Aus der Überzeugung heraus, daß die amerikanische Außenpolitik die Ideale
unserer Gesellschaft hervorheben muß, formulierte Präsident Carter mit neuer
Klarheit das amerikanische Eintreten für Menschenrechte und für die Grundfreiheiten in der ganzen Welt.

Dadurch machte der Präsident deutlich, daß das ame-

rikanische Menschenrechtsanliegen sich nicht auf eine bestimmte Gesellschaft
oder ein bestimmtes Gesellschaftssystem bezog und daß es nicht unser Ziel war,
sich in die inneren Angelegenheiten anderer Länder einzumischen.

Er stellte

jedoch klar, daß die Vereinigten Staaten gegenüber Verletzungen der Menschenrechte in anderen Teilen der

�der Welt nicht die Augen verschließen konnten.

- Entschlossen, die Anstrengungen zur Verminderung der Spannungen zwischen
Ost und West fortzusetzen, entwarf Präsident Carter ein umfassendes Programm
zur politischen und militärischen Entspannung.

Mit neuer Kraft setzte er die

Verhandlungen zur Begrenzung der strategischen Rüstung (SALT) mit der Sowjetunion fort.

Die Vereinigten Staaten schlugen außerdem eine Reihe von Verhand-

lungen über die Begrenzung der Weiterverbreitung konventioneller Waffen und
zum Abschluß eines Abkommens über das Verbot aller Kernwaffenarsenale vor.

Im

politischen Bereich setzten sich die Vereinigten Staaten für die Weiterentwicklung der bilateralen Beziehungen zur Sowjetunion und zu den Ländern Osteuropas
ein und bemühten sich darum, die umfassende Verwirklichung der KSZE-Schlußakte
sicherzustellen.

In Wien blieb der Erfolg der MBFR-Verhandlungen ein grundle-

gendes Ziel Amerikas.

Blick in die Zukunft

Wie die Ereignisse der letzten neun Monate gezeigt haben, kann der Westen den
Fortxhritt der vergangenen 35 Jahre nicht

einfach für selbstverständlich halten.

Unsere Freiheit und unser Wohlergehen werden durch politische Instabilität in
vielen Teilen der Welt und durch die zunehmende Unsicherheit hinsichtlich der
Versorgung mit Rohstoffen herausgefordert, die die Grundlage der modernen Industriegesellschaft bilden.

Ein besonders schmerzlicher Aspekt dieser Instabi-

lität ist die unannehmbare Lage im Iran, wo unsere Geiseln auch weiterhin unter
Verletzung aller Grundsätze des Völkerrechts und des zivilisierten Verhaltens
gefangengehalten werden.

Die europäische Unterstützung unserer Position wird

von allen Amerikanern sehr gewürdigt.

Die beklagenswerte Invasion Afghanistans durch die Sowjets beweist, daß
die Verringerung der Ost-West-Spannungen in der unsicheren Welt der achtziger
Jahre ebenfalls schwieriger werden wird.

Angesichts zunehmender wirtschaftlicher

Schwierigkeiten und des ungewissen Führungsproblems wird die Sowjetunion im
Lauf dieses Jahrzehnts wahrscheinlich ein immer schwierigerer Verhandlungs- 9-

�Verhandlungspartner werden.

Es besteht die Möglichkeit, daß die westliche

Welt sich erneut einer Herausforderung durch die Sowjetmacht stellen muß, die
so gefährlich sein könnte wie jene der Zeit unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg.
•

.

Noch ist nicht klar, wie sich diese Herausforderungen entwickeln werden
und auf welche Weise die westliche Welt sich ihnen stellen wird.

Deutlich

ist jedoch, daß die Interessengemeinschaft, die sich zwischen den Staaten der
atlantischen Welt im Verlauf der letzten 35 Jahre entwickelt hat, wichtiger
denn je sein wird.

Es gibt keine "nationalen" Lösungen mehr für die Probleme,

vor denen wir stehen.

Ein Land oder eine Gruppe von Ländern kann sich nicht

mehr von Ereignissen in anderen Teilen der Welt abkapseln.

Die Vereinigten

Staaten bleiben den gemeinsamen Lösungen für unsere gemeinsamen Probleme verpflichtet, wobei die Interessen aller Mitglieder der Atlantischen Gemeinschaft
in Rechnung gestellt werden.

Nur durch eine solch gemeinsame Handlungsweise

können wir sicherstellen, daß unsere demokratische Lebensform gesund überleben
wi rd.

+ + + + +

�24. Mai 1980

24

GIFTMÜLL UND GEFÄHRLICHE SUBSTANZEN
US-Umweltschutzbehörde veröffentlicht neuen Vorschriftenkatalog

- (AD) - Die amerikanische Umweltschutzbehörde EPA veröffentlichte Anfang
Mai 1980 einen 2000 Seiten starken neuen Vorschriftenkatalog zur Behandlung
und Beseitigung von gefährlichen Abfällen.

Für insgesamt 512 Substanzen - bis

Ende des Jahres wird sich diese Zahl auf mehr als 575 erhöhen - sind darin alle
Aspekte von der Produktion und dem Transport solcher Stoffe bis zu ihrer Beseitigung behandelt.

Mengenmäßig rechnet man mit 40 Millionen Tonnen pro Jahr, die

nunmehr ständiger Kontrolle unterworfen werden.
Als "gefährlicher Abfall" gilt jeder Stoff, der bei nicht sachgemäßer Behandlung oder Beseitigung Umweltbelastungen oder gesundheitliche Probleme verursacht.

Bis Mitte August 1980 müssen alle Industrieunternehmen über Produk-

tion, Transporte und Beseitigung aller gefährlichen Abfälle Berichte vorlegen
und bis Mitte November den Gesetzen und Vorschriften entsprechende Maßnahmen
getroffen haben.

Danach werden Verstöße mit Geldbußen oder Gefängnisstrafen

geahndet werden.
Entgegen einem Vorschlag Präsident Carters fallen "Sünden der Vergangenheit",
wie ein Sprecher der EPA die bereits vorhandenen Deponien für gefährliche Abfälle
bezeichnete, nicht unter die neuen Vorschriften zur Giftmüllbeseitigung. Der

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�Der Katalog wird fortlaufend überprüft und ergänzt werden, um neu hinzukommende Substanzen sofort einbeziehen zu können. Alle Unternehmen, die gefährliche
Abfälle produzieren, transportieren und beseitigen, werden ebenso erfaßt wie
die für den Transport benutzten Verkehrswege bis hin zum jeweiligen Standort,
Zielpunkt und zur Absicherung einer bestimmten Ladung.

Exporteure von Gift-

müll sind gehalten, der EPA vier Wochen vor dem Abgang der ersten Sendung deren
Art samt Empfängerland zu melden, woraufhin dieses über diplomatische Kanäle
verständigt wird.
Für Betriebe, in denen als gefährlich geltende Abfälle anfallen, sind einfache Tests vorbereitet worden, mit denen weitere Materialien, die sich möglicherweise entzünden oder die von korrosiver, reaktiver oder toxischer Wirkung
sind, identifiziert werden können.

Organisatorische und technische Vorschrif-

ten für Unternehmen, die gefährliche Abfälle lagern, behandeln oder beseitigen,
sollen einen sicheren Betriebsablauf gewährleisten.

Dazu gehören auch regel-

mäßige Inspektionen, Personalschulung, Pläne für den Katastrophenfall, Grundwasser-Überwachung und regelmäßige Berichte an die Bundesbehörde für Umweltschutz EPA.

Kleinunternehmen wie Installateure oder Elektriker, die insgesamt

nur ein Prozent der Abfälle verursachen, wurden ausgenommen.

Jedoch müssen alle

Betriebe in den USA,die gefährliche Abfälle weiterverwerten, Berichte an die EPA
geben.
Die Gesamtkosten für die Industrie als Folge dieser neuen Vorschriften
werden auf eine Milliarde Dollar pro Jahr beziffert (dies entspricht weniger
als zwei Promille des Umsatzes). Bei 86 der 4200 bisher durch die EPA überprüften Unternehmen besteht die Gefahr, daß sie aufgrund der neuen Bestimmungen
schließen müssen - insbesondere Textil-, Gerberei-, Elektroplattier- und Chemiebetriebe. Dadurch würden ca. 5000 Arbeitsplätze verloren gehen. Gleichzeitig
werden jedoch, wie EPA-Administrator Douglas M. Costle ausführte, mit der Einrichtung von mehr als 100 neuen,technisch einwandfrei geführten Giftmülldeponien
viele Tausende neuer Arbeitsplätze geschaffen werden.
+ + + + +

- 2 -

�14. Mai 1980

24

"KLEINARBEIT" FÜR DIE NUTZBARMACHUNG DER ERDWARME

- (AD) - Die Möglichkeiten der Erschließung von relativ oberflächennahen
Wärmezentren unserer Erde für die Energieproduktion finden in vielen Teilen
der Welt immer größeres Interesse.

Allerdings bestehen nach wie vor erhebliche

technische Hindernisse, um diese weitgehend regenerative Energie in größerem
Umfang nutzen zu können.

Für Aufgaben von Forschung und Entwicklung auf diesem

Gebiet stellte das US-Energieministerium im laufenden Haushaltjahr 150 Millionen Dollar zur Verfügung.

In enger Zusammenarbeit mit Fachleuten und Orga-

nisationen in anderen Ländern bemühen sich amerikanische Ingenieure und Geologen, geeignete Förderplätze und wirtschaftliche Produktionsverfahren zu finden.
Im Rahmen von Projekten der Internationalen Energie-Agentur (IEA) erproben die Vereinigten Staaten derzeit gemeinsam mit Italien, Neuseeland und Mexiko
neuartige Ausrüstungen bei Feldversuchen, u.a. einen besonders robusten und
transportablen Generator. Die Bundesrepublik Deutschland beteiligt sich mit
einer Million Dollar an einem deutsch-amerikanischen Gemeinschaftsprojekt, bei
dem heißes Trockengestein in der Tiefe eines Experimentierfeldes bei Los Alamos
(Neu-Mexiko) die Energiequelle darstellt. Im Gegensatz zu bisher in Anspruch
genommenen Quellen, wo heißes Wasser oder sogar Dampf aus der Erde strömt, gibt

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�gibt es bei den durch unterirdische Magmakammern aufgeheizten Formationen von
Trockengestein kein natürliches Transportmedium für die gespeicherte Wärmeenergie.

Es wird durch Einpumpen von Wasser und Ausleiten des "künstlichen

Thermalwassers" geschaffen.

Mit dem Projekt von Los Alamos hoffen die beiden

Länder, Verfahren zu entwickeln, um auf wirtschaftliche Weise diese Wärmequelle
für die Energieproduktion anzuzapfen.

Von der Auslandsabteilung des US-Energieministeriums verlautet, daß kürzlich eine IEA-Studie über die Nutzung von Trockengestein abgeschlossen wurde,
an der neben den USA die Bundesrepublik, Schweden, die Schweiz und Großbritannien
beteiligt waren.

Die USA hofften jetzt auf Anschlußexperimente ihrer europäischen

Partner, um an geeigneten Plätzen Entwicklungsprojekte für die neue Technik zur
Nutzung von heißem Trockengestein in Gang zu bringen.

In zwei bilateralen Vereinbarungen zwischen den Vereinigten Staaten und
Italien geht es vor allem um Austausch von Informationen und Spezialisten, gemeinsame Projekte zur Verbesserung der Thermalwasserförderung, Nutzung stark
mineralhaltigen Thermalwassers hoher Temperatur.

Tiefbohrungen, physikalische

Probleme im Zusammenhang mit Thermal wasservorkommen, Wärmetransport, Umwelttechnologie sowie um den Austausch von wissenschaftlichen Unterlagen über Quellen
und größere unterirdische Heißwasservorkommen, die mit Computern erarbeitet
werden.

Die umfangreichen Erfahrungen und Meßwerte, die italienische Fachleute

im Gebiet der Thermalquellen von Lardarello gesammelt haben, kommen inzwischen
beiden Ländern bei der Erschließung geothermischer Energiespeicher zugute.
In den Vereinigten Staaten sind neben dem US-Energieministerium 20 weitere
Bundesbehörden und Unternehmen der Privatwirtschaft an geothermisehen Projekten
beteiligt.

In der Abteilung "Erdwärme" des Energieministeriums, das für die

einschlägigen Programme der Bundesregierung federführend ist, hofft man, daß
die kommerzielle Nutzbarmachung leicht zugänglicher und von der Wasserzusammensetzung her wenig

problematischer Thermal wasservorkommen bis 1985, unter hohem

Druck stehender Vorkommen bis 1995 und von heißem Trockengestein etwa um die Jahrhundertwende in die Wege geleitet werden kann.
Ungefähr
- 2-

�Ungefähr 75 Prozent der im US-Energieministerium dafür zur Verfügung
stehenden Mittel gehen an die Industrie, die eine Schlüsselrolle bei der Konzipierung und Durchführung von Entwicklungsaufgaben spielt. Als wichtigste
Ziele des Geothermie-Programms werden genannt 1) Auffindung geeigneter Gebiete
und ihre Überprüfung durch Suchbohrungen und Ergiebigkeitstests; 2) Entwicklung der wirtschaftlichsten Technologien für die Stromerzeugung aus Erdwä'rme
sowie für die direkte Erdwärme-Nutzung; 3) Untersuchungen zur Umweltbelastung
als Folge der Anwendung dieser neuen Technologien, und 4) Bau von Demonstrationsanlagen verschiedener Größenordnung und mit verschiedenen Arbeitssystemen.
(Bei einigen dieser Projekte ist bereits im Laufe dieses Jahres damit zu rechnen, daß sie entscheidende Betriebsphasen erreichen.)

Als Standorte für Kraft-

werke mit 50 Megawatt elektrischer Leistung sind Valles Caldera (Neu-Mexiko)
und Heber (Kalifornien) vorgesehen, während in Malta (Idaho) und in Hawaii
kleinere Anlagen, u.a. mit transportablen Generatoren für den Einsatz direkt
an der Thermalquelle, erprobt werden.

Sie sollen zur Stromversorgung kleiner

Abnehmergruppen insbesondere in abgelegenen Gegenden dienen.

Bei einer Aus-

wahl anderer Experimentieranlagen geht es zunächst einmal um die Erprobung
von Ausrüstungen und Arbeitssystemen für die Nutzbarmachung sehr heißen, stark
korrodierenden Salzwassers aus dem Untergrund.

/'

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- 3 -

�31
I 3

Wi//en/chaft
und Technik
International Communication Agency
Embassy of the United States of America

14. Mai 1980

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DIAGNOSEHILFE FÜR DIE BEOBACHTUNG FRÜHGEBORENER

- (AD) - Blutungen im Schädelinnern sind die häufigste Ursache für Krankheit und Tod Frühgeborener. Mit Hilfe einer Ultraschallsonde (das Verfahren
wurde von Radiologen der Stanford-Universität in Kalifornien entwickelt) können
solche Blutungen bereits in einem Stadium entdeckt werden, in dem noch gar
keine klinischen Symptome wie Krampfanfälle oder unregelmäßige Atmung und Atemstillstand darauf hindeuten. Der Arzt erhält so die Möglichkeit, das unreife
Neugeborene auf Anzeichen für die Bildung zunehmender Flüssigkeitsmengen im
Gehirn - eine Folgeerscheinung von Blutungen - zu beobachten und den Hydrocephalus
zu behandeln, noch ehe irreparable Schäden eingetreten sind.
Wie Dr. David London von der School of Medicine der Stanford-Universität
berichtet, könne man mit diesem Verfahren in 40 - 70 Prozent der Fälle von Frühgeborenen mit weniger als 1500 Gramm Körpergewicht, bei denen es zu Blutungen
kommt, entscheidende Hilfe leisten. Gegenwärtig überlebt höchstens die Hälfte
von ihnen.
Das Ultraschallinstrument war ursprünglich von Dr. Alan Susal, Assistenzprofessor für Augenheilkunde, und Elektronikingenieuren der Stanford-Universität
für diffizile Augenuntersuchungen entwickelt worden. Dr. Dieter Enzmann und

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�und Dr. Barbara Carroll von der Abteilung für diagnostische Radiologie verwendeten es versuchsweise für verschiedene andere diagnostische Zwecke und
ließen dann entsprechende Anpassungen vornehmen.
Bei Frühgeborenen mit hohem Unreifegrad wird eine Sonde mit dünnem Ultraschall strahl an der Fontanelle angesetzt und auf die mit Liquor gefüllten
Hirnkammern gerichtet.

Es zeigte sich, daß mit Ultraschall Regionen, in denen

Blutungen auftreten, genauso exakt wie mit der Computer-Tomographie-Methode
erfaßt und abgegrenzt werden können.

Das neue Verfahren ist jedoch sehr viel

vorteilhafter, weil es am Inkubator in der Intensivstation durchzuführen ist
und das Baby zur Untersuchung nicht in den Tomographieraum gebracht werden muß.
Außerdem, so Dr. Enzmann, vermeidet man Risiken, die mit der Einwirkung ionisierender Strahlung verbunden sind.

"Bei den von uns angewandten Energiestufen

sind keine schädlichen Ultraschallwirkungen bekannt", erklärte Dr. Enzmann.
Das Verfahren ist auch billiger als die Computer-Tomographie (CT), denn die
Ultraschall-Apparatur kostet nur etwa ein Zehntel dessen, was für einen CTScanner aufgewendet werden muß. Allerdings bietet dieser die Möglichkeit,
Differentialdiagnosen durchzuführen und bei Vorliegen ähnlicher Krankheitsbilder
zu klären, was als Ursache in Frage kommt.
Die genaue Ursache intrakranieller Blutungen bei Frühgeborenen ist, wie
Prof. Enzmann erklärte, nicht bekannt. Sie treten in einem Bereich des Gehirns
auf, der beim normal entwickelten Neugeborenen bereits umgebildet ist. Dies
lasse darauf schließen, daß in der noch unreifen Hirnregion unter den Bedingungen einer vorzeitigen Geburt Blutungsneigung bestehe. Die Statistiken über
die Häufigkeit von Hirnblutungen bei Frühgeborenen weisen große Schwankungen
auf - schon allein deshalb, so Enzmann, weil es den Ärzten erst seit kurzem
möglich ist, mit Hilfe der CT-Methode zu exakten Befunden zu kommen.
Solange man nicht genau weiß, wann und unter welchen Umständen intrakranielle Blutungen bei unterreifen und unreifen Frühgeborenen auftreten, ist
kaum eine vorbeugende Behandlung möglich.

Werde jedoch eine Hirnblutung ent-

deckt, könne man, so Enzmann, das Baby mittels Ultraschall sorgfältig auf An-

- 2 -

�Anzeichen einer ödembildung am Hirnventrikel beobachten und sie mit Lumbalpunktur behandeln.

Enzmann bedauert, daß es noch nicht möglich ist, jedes

unterreife Frühgeborene in der Intensivstation auf Anzeichen einer Blutung
zu untersuchen.

Jetzt soll eine Studie in Angriff genommen werden, um genau

herauszufinden, wo es bei diesen Babies zu Blutungen kommt und wie sich anschließend Ödeme im Gehirn entwickeln.

Für die neurologische und geistige

Entwicklung von Babies, bei denen intrakranielle Blutungen diagnostiziert
wurden, hat das Frühgeborenen-Forschungszentrum der Stanford-Universität ein
langfristiges Beobachtungsprogramm in Angriff genommen.

+ + + + +

- 3 -

�</text>
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                <text>&lt;strong&gt;1. Dokumentation&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Carter: Weltstabilität erfordert starke amerikanische Führung&lt;br /&gt;&lt;em&gt;- Rede des US-Präsidenten in Philadelphia -&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Erklärung von Vizepräsident Mondale in Belgrad&lt;br /&gt;&lt;em&gt;- Wortlaut -&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Hintergrundmaterial&amp;nbsp;&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Gedenktag zum Ende des Zweiten Weltkriegs erinnert an 35 Jahre der Zusammenarbeit im Bündnis&amp;nbsp;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;- Von George S. Vest, Unterstaatssekretär -&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Giftmüll und gefährliche Substanzen&amp;nbsp;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;- US-Umweltschutzbehörde veröffentlicht neuen Vorschriftenkatalog -&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;"Kleinarbeit" für die Nutzbarmachung der Erdwärme&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Wissenschaft und Technik&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Diagnosehilfe für die Beobachtung Frühgeborener&amp;nbsp;</text>
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                    <text>AMERIKA DIENST
'VON

*

18

1 4 . Mai 1986

I N H A L T

DOKUMENTATION

Wahrer Fortschritt in Genf möglich - wenn Sowjets dazu bereit sind
- Erklärung Präsident Reagans zur neuen Runde von NST -

Konsequentes Programm zur Bekämpfung des Terrorismus notwendig
- NBC-Interview mit Außenminister Shultz -

Gipfel unterstreicht Bedeutung wirtschaftlicher Zusammenarbeit
- AbschluSkommunique des Tokioter Wirtschaftsgipfels -

WISSENSCHAFT UND TECHNIK

NASA untersucht Fehlstart der DELTA-Rakete
- Senator Gore fordert politische und technische Überprüfung des
Raumfahrtprogramms -

Bessere Wirbelkanal-Diagnostik bei Kernspintomographie
- Ausweitung medizinisch-biologischer Forschungen mit der kernmagnetischen Resonanzmethode -

* * * * *

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�AMERIKA DIENST
V,DN

4

Dokumentation

14. Mai 1986

18

WAHRER FORTSCHRITT IN GENP MÖGLICH - WENN SOWJETS DAZU BEREIT SIND
- Erklärung Präsident Reagans zur neuen Runde von NST -

WASHINGTON - (AD) - Der im Weißen Haus am 7. Mai 1986 zur Eröffnung
der 5. Runde der Verhandlungen über Kern- und Weltraumwaffen (NST) abgegebenen Erklärung Präsident Reagans ist zu entnehmen, daß die Vereinigten
Staaten generell "ernsthafte und entschlossene Anstrengungen unternehmen,
um das beim Gipfeltreffen im November abgegebene Versprechen einzulösen".
Laut Präsident Reagan ist ein wahrer Fortschritt beim Abbau von Nuklearwaffen im Rahmen der Genfer Verhandlungen "ganz sicher greifbar", "wenn
die Sowjets mit uns in diesen entscheidenen Bemühungen gleichziehen".
Die Erklärung Präsident Reagans hat folgenden Wortlaut:
Der morgige Tag zeichnet sich durch die Eröffnung der 5. Runde der
Verhandlungen über Kern- und Weltraumwaffen (NST) aus. Bei diesen Verhandlungen wird der Erzielung eines einschneidenden, beiderseitigen und
verifizierbaren Abbaus der Nuklearwaffen sowohl auf seiten der Vereinigten
Staaten als auch der' Sowjetunion sowie der Stärkung unserer strategischen
Stabilität eine überragende Priorität eingeräumt. Mit Hilfe von Abkommen
über einen solchen Abbau versuchen wir, eine sicherere Welt zu schaffen
und unserem Endziel, der Abschaffung aller nuklearen Waffen, entgegenzuarbeiten.
Die morgen

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�Die morgen beginnende Sitzung ist sehr wichtig. Im vergangenen November sind Generalsekretär Gorbatschow und ich in Genf darin übereingekommen, die Verhandlungen über Kern- und Weltraumwaffen zu beschleunigen, besonders in den schon bekannten Bereichen, in denen es eine gemeinsame Basis gibt. Dazu gehören das Prinzip der 50prozentigen, angemessen durchgeführten Verringerung von Kernwaffen wie auch das Ziel eines Interimsabkommens, das Mittelstreckenraketen-Systeme (INF) begrenzt. Leider wurden
während der jüngsten Verhandlungsrunde kaum Fortschritte erzielt, was auf
fehlende Taten der Sowjetunion zurückzuführen war, die ihren in der Gemeinsamen Erklärung vom 21. November eingegangenen Verpflichtungen nicht
nachgekommen ist.
Im Januar hat Herr Gorbatschow der öffentlichkeite einen "Plan" vorgelegt, in dem die Abschaffung aller Kernwaffen bis zum Ende des Jahrhunderts gefordert wird. Obwohl wir uns darüber freuen, daß die Sowjetunion
im Prinzip unserem Ziel einer Abschaffung aller Kernwaffen zustimmt, so
glauben wir doch, daß dieses Ziel durch eine Folge praktischer Maßnahmen
erreicht werden muß. Unser vordringliches Augenmerk sollte auf die baldige Erzielung erster Schritte in diesem Prozeß gerichtet bleiben - eines
50prozentigen Abbaus strategischer Kernwaffen und eines Interimsabkommens
zu INF - wie auch im vergangenen November in Genf vereinbart.
Bis jetzt haben die Vereinigten Staaten faire und ausgewogene Vorschläge in allen drei Bereichen der Verhandlungen über Kern- und Weltraumwaffen vorgelegt. Unsere neuen Vorschläge über strategische Waffen
(START) verfolgen das Konzept einer 50prozentigen Reduzierung der nuklearen Arsenale der Vereinigten Staaten und der Sowjetunion und versuchen,
die Stabilität zu fördern, indem sie eine Erstschlagsfähigkeit verringern.
Diese neuen Vorschläge beziehen sowohl die von der Sowjetunion ausgedrückte Besorgnis ein, wie sie auch auf Bereichen, in denen wir mit der jeweils
anderen Haltung übereinstimmen, aufbaut.
Im Forum über Verteidigung im Weltraum wollen wir mit den Sowjets einen Dialog über die entscheidende Beziehung zwischen strategischem Angriff
und strategischer Verteidigung einleiten. Darüber hinaus schlagen wir als
Demonstration unserer friedfertigen Absichten einen Informationsaustausch
über unsere jeweiligen Forschungsprogramme zur strategischen Verteidigung
vor, wie auch gegenseitige Besuche amerikanischer und sowjetischer Experten in Laboratorien, die mit einer solchen Forschung befaßt sind.
Unglücklicherweise haben die Sowjets
nuar noch in ihrer Stellungnahme in Genf
sere Vorschläge sowohl zu START als auch
Weltraum geliefert. 'Wir hoffen, daß sie

weder in ihrer Erklärung vom Jaeine konstruktive Antwort auf unzum Bereich der Verteidigung im
das in dieser Runde tun werden.

Andererseits schien Herrn Gorbatschows Erklärung auf einen möglichen
Fortschritt im Bereich der Mittelstreckenraketen (INF) hinzudeuten. Vor
diesem Hintergrund habe ich ein weiteres Angebot der Vereinigten Staaten
unterbreitet: einen konkreten, schrittweise durchführbaren Plan zur weltweiten Abschaffung dieser gesamten Kategorie amerikanischer und sowjetischer Raketen bis zum Ende des Jahrhunderts. Dieser neue Vorschlag, der
in enger Zusammenarbeit mit unseren Verbündeten in Europa und Asien ent-

�Asien entwickelt wurde, baut auf denjenigen Bereichen auf, in denen es eine gemeinsame Basis gibt - wie dies auch in der Gemeinsamen Erklärung beim
Gipfeltreffen gefordert wurde. Unsere früheren Vorschläge zu INF liegen
weiterhin auf dem Tisch.
Im Rahmen von INF schlagen wir sehr konkrete Maßnahmen zur Verifizierung vor. Nachdem sich die Sowjetunion seit Jahren den Vorschlägen der
Vereinigten Staaten zur Verifizierung widersetzt hat, proklamiert sie nun
in ihren öffentlichen Erklärungen, daß sie unser Interesse an einer wirksamen Verifizierung teilt. Wir möchten diese sowjetischen Erklärungen am
Verhandlungstisch auf die Probe stellen. Darüber hinaus ist im Hinblick
auf die unglücklichen Umstände der letzten Woche der Bedarf an wirksamen
Maßnahmen zur Verifizierung deutlicher hervorgetreten als jemals zuvor.
Zusammengenommen lauten unsere Schlüsselziele für die Genfer Verhandlungen: einschneidende Verringerungen, keinen Vorteil eines Erstschlags,
Weiterführung der defensiven Forschung, weil Verteidigung sicherer ist als
Angriff, und kein Betrug.
Wir unternehmen ernsthafte und entschlossene Anstrengungen, um das
beim Gipfeltreffen im November abgegebene Versprechen einzulösen, und die
Anweisungen, die ich den Botschaftern Kampelman, Glitman und Lehman vor
ihrer Rückkehr nach Genf gegeben habe, statten sie mit der notwendigen
Flexibilität aus, um alle vielversprechenden Ansätze für ein Abkommen zu
erforschen.
Es ist jetzt höchste Zeit für die Sowjetunion, zur Sache zu kommen,
indem sie mit uns in Genf ernsthaft die praktische Anwendung der gemeinsamen Verpflichtungen angeht, die Herr Gorbatschow und ich beim Gipfel
eingegangen sind. Wenn die Sowjets mit uns in diesen entscheidenen Bemühungen gleichziehen, wird ein wahrer Fortschritt beim Abbau von Kernwaffen
ganz sicher greifbar werden.
Ich möchte hier schließen und gleichzeitig betonen, daß der Weg zum
Fortschritt über den Verhandlungstisch in Genf führt, in der vertraulichen
Atmosphäre, in der diese Verhandlungen stattfinden. Ich fordere daher die
Sowjetunion auf, diese praktischen und trotzdem weitreichenden Vorschläge
der Vereinigten Staaten sorgfältig zu prüfen und in einer gleichermaßen
konkreten und konstruktiven Art und Weise am Verhandlungstisch darauf zu
antworten. Nur dadurch wird die Art von Dialog hergestellt, die zum Fortschritt führen kann.

* * * * * *

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�AMERIKA DIENST
Dokumentation

14. Mai 1986

18

KONSEQUENTES PROGRAMM ZUR BEKXMPFUNG DES TERRORISMUS NOTWENDIG
- NBC-Interview mit Außenminister Shultz -

WASHINGTON - (AD) - Der amerikanische Außenminister George Shultz betonte in einem Interview im Rahmen der "Today Show" der amerikanischen
Rundfunkgesellschaft NBC, in dem er auch auf das Thema Philippinen einging, es gebe für den Terrorismus keinerlei Entschuldigung, "und es bedarf
zu seiner Beseitigung eines sehr starken und tatkräftigen Programms."
Das Interview hat folgenden Wortlaut:
FRAGE: Wir haben der philippinischen Regierung 150 Millionen Dollar
an Hilfe angeboten; sie hat uns um zwei Milliarden gebeten. Wie sehen die
Probleme dort wirklich aus?
ANTWORT: Frau Aquino und ihre Regierung haben von Präsident Marcos
ein ordentliches Durcheinander übernommen. Die Wirtschaft dort ist in erheblichen Schwierigkeiten. Es werden Schritte unternommen - meiner Meinung nach die richtigen Schritte -, um damit fertigzuwerden; aber das wird
Zeit brauchen. Man reformiert dort das Militär auf eine Weise, die uns
durchaus die richtige zu sein scheint. Man versucht also, die übernommenen Probleme zu lösen, aber es sind dies wirklich sehr konkrete Probleme
und deshalb bedarf es der Hilfe. Vielleicht sollte ich sagen, daß unsere
Hilfsvorstellung nicht bei 150 Millionen Dollar liegt. Wenn wir die 150

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�Wenn wir die 150 Millionen vom Kongreß bekommen - und davon gehe ich aus
-, so werden wir insgesamt in einer Größenordnung von 500 Millionen Dollar
liegen. Aber man braucht dort mehr; darüber besteht kein Zweifel.
FRAGE:

Wie wird es dann dort weitergehen?

ANTWORT: Man wird versuchen müssen, auch über andere Länder Hilfe zu
erhalten - von Japan, den europäischen Staaten, Australien, die auch bereit sind, Geld zu geben, sowie von den verschiedenen internationalen Finanzinstitutionen sowie aus dem Privatbereich. Man kann dort ein gutes
Klima für Investitionen schaffen und dadurch werden die Leute dort auch
hingehen wollen. Wir müssen dabei helfen, und wir möchten gern mehr Mittel von hier bekommen, aber die Situation im Kongreß, die Haushaltssituation sollte ich vielleicht sagen, scheint derlei einfach nicht zu erlauben.
FRAGE: Erschwert Marcos immer noch Frau Aquino die Lage?
sich immer noch in die Angelegenheiten der Philippinen ein?

Mischt er

ANTWORT: Ja - obgleich es interessant war, ihren Pressesprecher zu
hören, der hinsichtlich der Demonstrationen und derlei für Marcos befragt
wurde. Er sagte nämlich: "Die Töne, die Sie hören, sind die Töne der Demokratie." Ich meine daher, man hat dort diesbezüglich eine sehr erfrischende Haltung. Aber er macht Arger, und einiges davon geht über das
reine Argumentieren hinaus.
FRAGE:

Aber er wird hier in den Vereinigten Staaten bleiben?

ANTWORT: Er ist willkommen, in den Vereinigten Staaten zu bleiben.
Er hat gesagt, daß er nicht hier in den Vereinigten Staaten sein wolle,
und staatlicherseits ist es unsere Überzeugung, daß wir niemanden hier haben möchten, der nicht hier sein will. Zum jetzigen Zeitpunkt gibt es jedoch kein anderes Land, das ihn aufzunehmen bereit ist.
FRAGE: Sie haben über den Kongreß und finanzielle Probleme gesprochen. Sie haben dabei gesagt, daß Sie nach Ihrer Rückkehr in die Vereinigten Staaten alles andere zurückstellen würden, um für den Haushalt Ihres Außenministeriums zu kämpfen, darunter 1,4 Milliarden Dollar für die
Sicherheit amerikanischer Botschaften und Diplomaten im Ausland. Was wird
geschehen, wenn der Kongreß Mittel streicht?
ANTWORT: Dieses Programm ist sehr gründlich durchdacht worden. Die
Empfehlungen sind sorgfältig von einem Ausschuß unter Leitung von Admiral
Bob Inman und unter Beteiligung eines Vertreters des Repräsentantenhauses
und eines Senatsvertreters ausgearbeitet worden. Diese Maßnahmen sind für
den Schutz und die Sicherheit unseres im Ausland dienenden Personals notwendig. Darüber kann es keinerlei Zweifel geben.
FRAGE: Während sie sich im Ausland aufhielten, haben sich neue Erkenntnisse über terroristische Aktivitäten ergeben, und zwar dieses Mal
hinsichtlich einer Beteiligung der Syrer. Sowohl in Großbritannien als
auch in der Bundesrepublik Deutschland wurde eine Verwicklung Syriens der syrischen Regierung - deutlich. Was werden Sie in dieser Hinsicht un-

�Hinsicht unternehmen?

Dies betrifft unsere Diplomaten, unsere Botschaften.

ANTWORT: Diese beiden Fälle werden sorgfältig untersucht. Wir beobachten sie gründlich, und ich denke, es ist eine sehr ernste Angelegenheit, wenn ein Staat in terroristische Aktivitäten verwickelt ist.
FRAGE: Sie scheinen aber hinsichtlich Syriens ziemlich zurückhaltend
zu sein. In bezug auf Libyen haben Sie sehr hart reagiert, während Syrien
leicht davongekommen zu sein scheint, als ob es verschiedene Maßstäbe gebe, einen für Libyen - das kein starkes Militärpotential besitzt - und einen anderen für Syrien - das in der Lage ist, Israel zu bedrohen und dies
auch tut. Gibt es nicht die Erkenntnis, daß dort ein Unterschied besteht?
ANTWORT: Im Falle Libyens hatten wir einen Staat, der sich mit dem
Terrorismus brüstete. Wir hatten eindeutige Beweise für seine Verwicklung
in den Terrorismus, die sehr umfassend waren, und deshalb haben wir diplomatisch, wirtschaftlich und letztendlich militärisch harte Maßnahmen ergriffen. Unsere Erklärungen zum Terrorismus in anderen Ländern, wie Syrien oder Iran, waren genauso eindeutig; beide Länder stehen auf unserer
Terrorismusliste.
FRAGE: Eine letzte Frage; besonders was das Terrorismusthema anbetrifft, sind Sie in letzter Zeit zunehmend kämpferisch geworden. Einige
meinten sogar, daß wir einen neuen George Shultz sähen, daß Ihre Ansichten
bestimmenden Einfluß haben, daß Sie aggressiver werden und mehr Selbstbewußtsein entwickeln, wenn Sie so wollen. Stimmt das? Sehen wir da einen
neuen George Shultz?
ANTWORT: Eigentlich nicht. Ich bin immer noch der, der ich immer
schon war, und ich habe meine Meinung über den Terrorismus nicht geändert.
Er ist eine Bedrohung, und wir müssen uns dessen bewußt sein. Wir müssen
erkennen, daß es für Terrorismus keine Entschuldigung gibt, und es bedarf
zu seiner Beseitigung eines sehr starken und tatkräftigen Programms. Wir
kommen diesem Ziel immer näher, und ich bin sehr froh, dies sagen zu können.

* * * * * *

- 3 -

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AMERIKA DIENST
Dokumentation

14. Mai 1986

18

GIPFEL UNTERSTREICHT BEDEUTUNG WIRTSCHAFTLICHER

ZUSAMMENARBEIT

- Abschlußkommunique des Tokioter Wirtschaftsgipfels -

TOKIO - (AD) - Die Teilnehmer des Wirtschaftsgipfels von Tokio betonten im Abschlußkommunique, das am 6. Mai 1986 veröffentlicht wurde und offiziell die Bezeichnung "Wirtschaftserklärung von Tokio" trägt, ihre Absicht, die Koordination ihrer nationalen Volkswirtschaften noch stärker zu
intensivieren und in die bevorstehende neue Runde der Handelsverhandlungen
auch Themen einzubeziehen, die bislang dort nicht behandelt worden waren:
"Die neue Runde sollte sich unter anderem mit Fragen des Handels im
Dienstleistungsbereich sowie handelsbezogenen Aspekten der Rechte des geistigen Eigentums und der direkten Auslandsinvestitionen befassen."
Das Abschlußkommunique hat folgenden Wortlaut:
Wir, die in Tokio zum 12. Wirtschaftsgipfel versammelten Staats- bzw.
Regierungschefs von sieben großen Industriestaaten sowie die Repräsentanten der Europäischen Gemeinschaft, haben die Entwicklung der Weltwirtschaft seit unserem Treffen in Bonn vor einem Jahr einer Überprüfung unterzogen und bringen unsere anhaltende Entschlossenheit zur Zusammenarbeit
zum Ausdruck, um Wohlstand und Wohlergehen der Menschen in unseren eigenen
Ländern, die Unterstützung der Entwicklungsstaaten bei ihrem Bemühen um
Förderung ihres Wirtschaftswachstums und ihres Wohlergehens sowie die
Funktionsfähigkeit des Weltwahrungs- und Welthandelssystems zu sichern und
zu verbessern.
Die Entwicklung

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�Die Entwicklung seit unserem letzten Zusammentreffen spiegelt die
Wirksamkeit unserer Politik wider, zu der wir uns bei den verschiedenen
Wirtschaftsgipfeln der vergangenen Jahre verpflichtet haben. Die Volkswirtschaften der Industriestaaten befinden sich nunmehr in ihrem vierten
Jahr der Expansion. In allen unseren Staaten geht die Inflationsrate zurück, über den Weg einer klugen Steuer- und Währungspolitik ist es uns
dadurch ermöglicht worden, die Zinsen erheblich zu senken. Im Gefüge der
Wechselkurse gab es eine beträchtliche Verschiebung, durch die sich die
grundlegenden wirtschaftlichen Bedingungen besser widerspiegeln. Den Industriestaaten wie auch der gesamten Weltwirtschaft wird der jüngste Rückgang der ölpreise dabei helfen, trotz der Schwierigkeiten, die dies für
bestimmte ölförderländer mit sich bringt, ihr nichtinflationäres Wachstum
beizubehalten und das Volumen des Welthandels auszuweiten.
Insgesamt gesehen bietet diese Entwicklung bessere Aussichten für die
Zukunft der Weltwirtschaft und erhöht auch das Vertrauen in sie.
Dennoch sieht sich die Weltwirtschaft noch immer einer Reihe von
schwierigen Herausforderungen gegenüber, die ein anhaltendes Wachstum gefährden könnten. Dazu gehören die hohe Arbeitslosigkeit, erhebliche interne und externe Zahlungsbilanzverzerrungen, Ungewißheit über die kommende Entwicklung der Wechselkurse, anhaltender protektionistischer Druck,
die bestehenden Schwierigkeiten vieler Entwicklungsländer und erhebliche
Schuldenprobleme bei einigen von ihnen sowie Ungewißheit hinsichtlich der
mittelfristigen Aussichten für das Niveau der Energiepreise. Wenn man zuläßt, daß es zu lange bei Unausgewogenheiten und anderen Verzerrrungen
bleibt, so werden diese in zunehmendem Maß eine Bedrohung des Wachstums
der Weltwirtschaft und des offenen multilateralen Handelssystems darstellen. Wir können es uns nicht leisten, in unseren Anstrengungen nachzulassen. Bei der Ausformulierung unserer Politik müssen wir mittel- und langfristig denken und den wechselseitigen Bezug und strukturellen Charakter
der derzeitigen Probleme beachten.
Wir betonen die Notwendigkeit einer wirksamen, strukturellen Anpassungspolitik in allen Ländern in der ganzen Bandbreite wirtschaftlicher
Maßnahmen zur Förderung des Wachstums, der Beschäftigung und der Integration der Volkswirtschaft einzelner Länder in die Weltwirtschaft. Zu einer
solchen Politik gehören technologische Innovation, Anpassung der Industriestruktur sowie Ausweitung von Handel und direkten Auslandsinvestitionen.
In jedem unserer Länder muß es auch weiterhin im Rahmen einer angemessenen mittelfristigen Steuer- und Währungspolitik eine straffe Kontrolle
der öffentlichen Ausgaben geben. In einigen unserer Staaten gibt es auch
weiterhin übermäßige Haushaltsdefizite, zu deren schrittweisem Abbau die
betroffenen Regierungen entschlossen sind.
Seit unserem letzten Zusammentreffen gab es einen gewissen Erfolg bei
der Schaffung neuer Arbeitsplätze, um der steigenden Zahl an Neuzugängen
auf dem Arbeitsmarkt gerecht zu werden, aber die Arbeitslosigkeit ist in
vielen unserer Länder noch übermäßig hoch. Ein nichtinflationäres Wachstum bleibt der wichtigste Beitrag zu einer Begrenzung und Verringerung
- 2 -

�und Verringerung der Arbeitslosigkeit, muß jedoch durch eine Politik unterstützt werden, die zur Schaffung von Arbeitsplätzen ermutigt, insbesondere in den neuen und hochtechnologischen Industrien und im mittelständischen Gewerbe.
Gleichzeitig ist eine enge und ständige Koordination der Wirtschaftspolitik der sieben Gipfelstaaten notwendig. Wir begrüßen die jüngsten
Beispiele der verbesserten Koordination zwischen den Finanzministern und
Zentralbankräten der Gruppe der Fünf, die dazu beitrug, bestehende Wechselkurse zu verbessern und die Zinsen auf einer geordneten und nichtinflationären Grundlage zu senken. Wir sind jedoch zugleich der Meinung, daß
weitere Maßnahmen getroffen werden müßten, um sicherzustellen, daß die
Verfahrensweisen zu einer wirksamen Koordination der internationaeln Wirtschaftspolitik weiter gestärkt werden. Zu diesem Zweck
- kommen die Staats- bzw. Regierungschefs überein, eine neue Gruppe der
Finanzminister der Sieben - einschließlich Italien und Kanada - ins
Leben zu rufen, die in den Perioden zwischen den jährlichen Gipfeltreffen enger und häufiger zusammenarbeiten werden;
- werden die sieben Finanzminister aufgefordert, ihre eigenen wirtschaftlichen Zielsetzungen und Prognosen gemeinsam mindestens einmal
jährlich einer Überprüfung zu unterziehen und dabei die nachstehend
spezifizierten Indikatoren besonders im Hinblick auf die Analyse ihrer
gegenseitigen Kompatibilität zu verwenden;
Mit den Repräsentanten der Europäischen Gemeinschaft:
- erklären sie, daß das Ziel verbesserter Koordination ausdrücklich die
Förderung eines nichtinflationären Wirtschaftswachstums, die Stärkung
marktorientierter Anreize für Beschäftigung und produktive Investitionen, die Öffnung des internationalen Handels- und Investitonssystems
sowie die Förderung größerer Stabilität bei den Wechselkursen beinhalten sollte;
- bekräftigen sie erneut ihr Unterfangen vom Gipfeltreffen in Versailles
im Jahr 1982 zur Zusammenarbeit mit dem Internationalen Währungsfonds
bei der Stärkung der multilateralen Überwachung - insbesondere bei den
Ländern, deren Währungen die Sonderziehungsrechte darstellen - und
fordern, daß bei der Durchführung einer solchen Überwachung und in
Verbindung mit dem Leitenden Direktor des Internationalen Währungsfonds deren einzelne wirtschaftliche Voraussagen geprüft werden sollten, wobei Indikatoren wie Bruttosozialprodukt, Wachstumsraten, Inflationsraten, Zinssätze, Arbeitslosenzahlen, Haushaltsdefizitraten, laufende Zahlungs- und Handelsbilanzen, Geldzuwachsraten, Reserven und
Wechselkurse in Rechnung gestellt werden;
- laden sie die Finanzminister und Chefs der Zentralbanken dazu ein,
multilaterale Überwachungen durchzuführen, damit alles getan wird, um
zu einer Einigung hinsichtlich angemessener Maßnahmen zu gelangen, wo
immer es zu erheblichen Abweichungen von einem beabsichtigten Kurs
kommt und um zu Empfehlungen zu gelangen, sich zu allererst auf die

�auf die entsprechende grundlegende Politik zu beziehen; dabei sollte
die Verpflichtung von Williamsburg aus dem Jahr 1983 verwirklicht werden, in die Devisenmärkte zu intervenieren, wenn es nützlich ist, dies
zu tun.
Die Staate- bzw. Regierungschefs
- fordern die Finanzminister der Gruppe der Fünf auf, Kanada und Italien
in ihre Treffen einzubeziehen, wann immer Management oder Verbesserung
des internationalen Währungssystems und entsprechender wirtschaftspolitischer Maßnahmen diskutiert und beschlossen werden sollen;
- laden die Finanzminister ein, beim nächsten Wirtschaftsgipfel über
Fortschritte zu berichten.
Diese Verbesserungen bei der Koordination sollten von ähnlichen Anstrengungen innerhalb der Gruppe der Zehn begleitet werden.
Die Verfolgung dieser Politik durch die Industriestaaten wird den Entwicklungsstaaten insofern helfen, als sie die Weltwirtschaft stärkt, Bedingungen für niedrigere Zinsen schafft, die Möglichkeit verstärkter Finanzströme in die Entwicklungsstaaten bietet, den Transfer von Technologie
unterstützt und den Zugang zu den Märkten der industrialisierten Staaten
verbessert.
Gleichzeitig können sich Entwicklungs-, besonders aber Schuldnerländer
darauf vorbereiten, durch eine wirksame Politik der strukturellen Anpassung, sowie durch Maßnahmen, um die inländischen Sparguthaben zu mobilisieren, den Kapitalrückfluß anzuregen, das Umfeld für Auslandsinvestitionen zu verbessern und eine offenere Handelspolitik zu fördern, eine größere Rolle in der Weltwirtschaft zu spielen. Im Bewußtsein der schwierigen
Lage der in bezug auf ihre Rohstoffe stark exportabhängigen Länder stimmen
wir der weiteren Unterstützung ihrer Bemühungen zu, ihre Produkte weiterzuverarbeiten, ihre Wirtschaft zu diversifizieren, und wir berücksichtigen
ihre Exportproblematik bei der Ausformulierung unserer eigenen Handelsund Innenpolitik.
Die Finanzierung über den Privatsektor wird auch weiterhin eine erhebliche Rolle dabei spielen, ihrem Entwicklungsbedarf entgegenzukommen. Wir
bestätigen unsere Bereitschaft, die Finanzierung von offizieller Seite an
die Entwicklungsländer, sowohl auf bilateraler als auch auf multilateraler
Ebene, aufrechtzuerhalten und, wenn nötig, zu erweitern. In diesem Zusammenhang messen wir einer baldigen und kräftigen Kapitalaufstockung der Internationalen Entwicklungsorganisation und einem Kapitalnachtrag für die
Weltbank, sofern erforderlich, große Bedeutung bei. Wir warten auf eine
zunehmende Aktivierung der Multilateralen Investmentgarantie-Behörde.
Wir bestätigen die anhaltende Bedeutung eines fallspezifischen Ansatzes beim internationalen Schuldenproblem. Wir begrüßen den Fortschritt,
den die Entwicklung einer gemeinsamen Schuldenstrategie mit sich gebracht
hat, die besonders auf die initiative der Vereinigten Staaten aufbaut.
Die Rolle der internationalen Finanzierungsorganisationen, zu denen die

�zu denen die multilateralen Entwicklungsbanken zählen, wird weiterhin zentral sein, und wir begrüßen Bewegungen hin zu einer engeren Zusammenarbeit
dieser Institutionen, besonders zwischen dem Internationalen Währungsfonds
(IWF) und der Weltbank. Für fundierte Anpassungsprogramme bedarf es der
erneuten Kreditvergabe durch kommerzielle Banken, wie auch der Flexibilität bei der Neufestsetzung des Schuldenstandes, bei einem angemessenen Zugang zu Exportkrediten.
Wir begrüßen die in der Ernährungssituation Afrikas eingetretene Verbesserung. Trotzdem benötigt eine Reihe afrikanischer Länder auch weiterhin Notfallhilfe, und wir sind bereit, hier Beistand zu leisten. Allgemein formuliert heißt das, daß wir weiterhin die hohe Priorität anerkennen, die einer Befriedigung der Bedürfnisse Afrikas zukommt. Die in dem
Bericht über Hilfe für Afrika, der uns von unseren Außenministern vorgelegt wurde, genannten Maßnahmen sollten kontinuierlich ergriffen werden.
Entsprechende Hilfe sollte besonders auf die mittel- und langfristige
Wirtschaftsentwicklung dieser Länder gerichtet sein. In diesem Zusammenhang messen wir der anhaltenden Zusammenarbeit mittels der Sondereinrichtung für afrikanische Länder südlich der Sahara sowie der baldigen Inkraftsetzung der im Rahmen des IWF neu geschaffenen Einrichtung für die
Strukturelle Anpassung und dem Gebrauch der IDA große Bedeutung bei. Wir
beabsichtigen, an der bevorstehenden Afrika-Sondersitzung der Vereinten
Nationen aktiv teilzunehmen, um den Grundstein für die langfristige Entwicklung der Region zu legen.
Das offene multilaterale Handelssystem ist ein Schlüssel zur Leistungsfähigkeit und Expansion der Weltwirtschaft. Wir bestätigen unser
Bestreben, dem Protektionismus Einhalt zu gebieten sowie Handelsschranken
zu verringern und abzubauen. Wir unterstützen die Stärkung des Systems
und der Funktionsfähigkeit des Allgemeinen Zoll- und Handelsabkommens
(GATT), seine Anpassung an neue Entwicklungen im Welthandel sowie an das
internationale wirtschaftliche Umfeld und die Behandlung neuer Probleme im
internationalen Rahmen. Die neue Runde sollte sich unter anderem mit Fragen des Handels im Dienstleistungsbereich sowie handelsbezogenen Aspekten
der Rechte des geistigen Eigentums und der direkten Auslandsinvestitionen
befassen. Die weitere Liberalisierung des Handels ist unserer Ansicht
nach für die Entwicklungsländer nicht weniger wichtig als für uns selbst,
und wir setzen uns für den vorbereitenden Prozeß des GATT im Hinblick
darauf voll ein, bald eine neue Runde multilateraler Handelsverhandlungen
ins Leben rufen zu können. Wir werden bei dem im September stattfindenden
Ministertreffen daran arbeiten, einen entscheidenden Fortschritt in dieser
Richtung zu erzielen.
Wir stellen mit Besorgnis fest, daß im Augenblick für einige wichtige
Agrarprodukte ein weltweiter struktureller Überschuß besteht, der teilweise durch technologische Verbesserungen entstanden ist, teilweise durch
Veränderungen der Situation auf dem Weltmarkt und zum Teil durch eine seit
langem betriebene Politik inländischer Subvention und Protektion der Landwirtschaft in all unseren Ländern. Hierdurch wird die Wirtschaft bestimmter Entwicklungsländer beeinträchtigt und das Risiko eines größeren protektionistischen Drucks erhöht. Das ist ein Problem, das wir alle teilen
und nur durch Zusammenarbeit lösen können. Wir alle erkennen die Bedeu-

�die Bedeutung der Landwirtschaft für das Wohlergehen ländlicher Gemeinden,
aber wir sind übereingekommen, daß bei vorhandenen Überschüssen Maßnahmen
notwendig werden, um die entsprechende Politik zu ändern und die Struktur
der landwirtschaftlichen Produktion der Weltnachfrage anzupassen. Wir
kennen die Bedeutung des Verständnisses dieser Fragen und drücken unsere
Entschlossenheit aus, die Arbeit der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) in dieser Hinsicht voll zu unterstützen.
I

Vor dem Hintergrund der Tatsache, daß der jüngste Rückgang der ölpreise der von uns in den letzten zehn Jahren verfolgten gemeinsamen Energiepolitik viel verdankt, erkennen wir die Notwendigkeit der Weiterführung
einer Politik, mit der langfristig eine Stabilität des Marktes und Gewährleistung der Versorgung erreicht werden. Wir weisen darauf hin, daß die
momentane Situation auf dem ölmarkt einige Länder in die Lage versetzt,
ihre Vorräte zu erhöhen.
Wir bestätigen die Bedeutung von Wissenschaft und Technologie für das
dynamische Wachstum der Weltwirtschaft und nehmen den Schlußbericht der
Arbeitsgruppe zu Technologie, Wachstum und Beschäftigung zustimmend zur
Kenntnis. Wir begrüßen den mit Hilfe des bemannten Weltraumsprogramms der
Vereinigten Staaten erzielten Fortschritt sowie den Fortschritt durch die
selbständige Arbeit der Europäischen Weltraumbehörde (ESA). Wir betonen
die Bedeutung einer wahren Partnerschaft und eines angemessenen Austauschs
von Informationen, Erfahrungen und Technologie unter den Teilnehmerländern. Wir bemerken mit Befriedigung die Ergebnisse des Symposiums über
Neurowissenschaft und Ethik, das diesmal auf Einladung der Bundesrepublik
Deutschland stattfand, und wir begrüßen die Entscheidung der kanadischen
Regierung, das nächste Zusammentreffen abzuhalten.
Wir bestätigen unsere mit anderen Regierungen geteilte Verantwortung,
die natürliche Umwelt zu bewahren und messen der internationalen Zusammenarbeit zur wirksamen Verhinderung und Kontrolle der Umweltverschmutzung
und des Umgangs mit natürlichen Ressourcen große Bedeutung bei. In dieser
Hinsicht weisen wir auf die Arbeit der Umweltexperten zur Verbesserung und
Harmonisierung von Techniken und Praktiken zur Gewinnung von Umweltdaten
hin und bitten sie, uns so schnell wie möglich Bericht zu erstatten. Wir
erkennen auch die Notwendigkeit, im Bereich der Umwelt die Zusammenarbeit
mit den Entwicklungsländern zu verstärken.
Wir sind übereingekommen, uns im Jahr 1987 wieder zu treffen und haben
die Einladung des Präsidenten des Rats der italienischen Regierung angenommen und als Ort des Zusammentreffens Italien gewählt.

* * * * * *

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AMERIKA DIENST

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Wissenschaft und Technik
14. Mai 1986

18

NASA UNTERSUCHT FEHLSTART DER DELTA-RAKETE
Senator Gore fordert politische und technische Überprüfung des
Raumfahrtprogramms -

WASHINGTON - (AD) - Ein massiver Kurzschluß in der ersten Stufe war
die Ursache für den Fehlstart einer DELTA-Rakete am 3. Mai 1986, die einen
Wetterbeobachtungssatelliten auf eine erdsynchrone Bahn in 36 000 km Höhe
hätte bringen sollen. Dies gab Lawrence Ross, der Leiter der von der NASA
eingesetzten Kommission zur Untersuchung des Vorfalls, auf einer Pressekonferenz in Washington bekannt. Die Kommission soll ihren Bericht bis
zum 2. Juli vorlegen. Senator Albert Gore, Mitglied des Senatsunterausschusses für Angelegenheiten der US-Behörde für Luft und Raumfahrt (NASA),
forderte angesichts des DELTA-Fehlstarts eine komplette Überprüfung des
amerikanischen Raumfahrtprogramms in bezug auf politische Gesichtspunkte,
Prioritäten und Qualitätskontrollen.
Nach Angaben der NASA galt bisher die 42 Millionen Dollar teure
DELTA-Rakete als die erfolgreichste Trägerrakete der Welt. Seit 1977 war
jeder der in der Zwischenzeit vorgenommenen Starts erfolgreich verlaufen.
Von weiteren 134 Starts in den Jahren davor, zwischen 1960 und 1977, waren
neun gescheitert. Bei dem Fehlstart vom 3. Mai 1986 bewirkte der Kurzschluß in der mit Flüssigtreibstoff arbeitenden Grundstufe einen vorzeitigen Brennschluß und die Blockierung der Steuerungsventile. Der Träger
verlor plötzlich an Energie, kam vom Kurs ab und mußte durch Funkbefehl
zerstört werden.
Neun Feststoffraketen

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�Neun Feststoffraketen umgeben den unteren Teil der 35 m langen DELTARakete. Fünf zünden beim Abheben, vier weitere später, um die Schubkraft
der Grundstufe während des Aufstiegs zu erhöhen. Die zweite und dritte
Stufe werden zum Einschießen in die Umlaufbahn benutztt.
Herstellerfirma der Feststoffrakete ist Morton Thiokol Inc., das
gleiche Unternehmen, das auch die zusatzträger für die Raumtransporter
baut. Jedoch gibt es im Gegensatz zu den Shuttle-Zusatzraketen bei den
DELTA-Feststoffraketen keine Einzelsegmente und damit auch keine Abdichtungsprobleme für Verbindungsstellen. Für den letzten Fehlstart einer
DELTA-Rakete im Jahr 1977 wurde das Durchbrennen eines FeststoffraketenBehälters infolge fehlerhafter Treibstoffmasse verantwortlich gemacht.
Folge des Durchbrennens war eine Explosion des Tanks für die flüssigen
Treibstoffe der Grundstufe.

* * * * * *

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AMERIKA DIENST

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4

Wissenschaft und Technik
14. Mai 1986

18

BESSERE WIRBELKANAL-DIAGNOSTIK BEI KERNSPINTOMOGRAPHIE
- Ausweitung medizinisch-biologischer Forschungen mit der
kernmagnetischen Resonanzmethode -

- (AD) - Statt einer Röntgen-Darstellung des Wirbelkanals samt Rückenmark und Nervenansätzen durch die Injektion von Luft oder einem Kontrastmittel (Myelographie) für diagnostische Zwecke wird am Klinikum der
Stanford-Universität (Kalifornien) jetzt regelmäßig das Verfahren der
Kernspintomographie angewandt. Dr. Dieter Enzmann, Professor für Radiologie und Direktor der Abteilung für Kernspintomographie an der Universität,
hält es für denkbar, daß die in Stanford entwickelten Verbesserungen dazu
führen werden, Myelographie immer seltener anwenden zu müssen. Denn dieses invasive Verfahren ist für den Patienten meist sehr unangenehm und
kann schwerwiegende Nebenwirkungen haben.
Die Kernspintomographie ("Magnetic Resonance Imaging" - MRI) basiert
darauf, daß die Kerne der Zellatome im Körper magnetisch geladene Partikel
enthalten, die unter der Einwirkung eines starken Elektromagneten veranlaßt werden können, selbst elektromagnetische Signale abzugeben. Diese
Signale lassen sich elektronisch erfassen und ergeben bei der Auswertung
durch besonders programmierte Computer "Schnittbilder" der untersuchten
Körperpartie. Diese zeigen sehr viel mehr Einzelheiten als Aufnahmen, die
durch die Anwendung anderer moderner Darstellungsverfahren wie RöntgenComputertomographie oder Sonographie gemacht werden. Unterschiede zwischen den Geweben werden besser "herausgearbeitet".
Unzulänglichkeiten der

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�Unzulänglichkeiten der MR-Aufnahmen vom Wirbelkanal konnten inzwischen
ausgemerzt werden. Es waren vor allem Unscharfen, z.T. aber auch scheinbare Abbildungsfehler, die man sich zunächst nicht erklären konnte.
Schließlich fanden Dr. Enzmann, sein Kollege Dr. Jeremy Rubin und Dr.
Allan Wright (Radiologe für Herz- und Gefäßuntersuchungen) heraus, daß die
MR-Datenaufnähme exakt mit der Herzfrequenz abgestimmt werden muß. Wird
diese Voraussetzung erfüllt und konstant eingehalten, erhält man scharfe,
ungemein detailreiche Schnittbilder. Die Kosten für MR-Schichtaufnahmen
der Wirbelsäule liegen zwischen 600 und 800 Dollar; Darstellungen mittels
Myeolographie kosten zwischen 525 und 900 Dollar.
Gegenwärtig wird das verbesserte MR-Verfahren nur in Stanford angewandt. Bis andere amerikanische Institute geeignete Computer und die entsprechende Software vorbereitet haben, um ebenfalls Wirbelkanal-Schnittbilder nach der Stanford-Methode durchzuführen, dürften nach Ansicht Dr.
Enzmanns noch Monate vergehen. Am 18. Mai wird im Klinikum ein Seminar
über das neue Verfahren veranstaltet.
Das Prinzip der kernmagnetischen Resonanz ("nuclear magnetic resonance" - NMR) versucht man an der Stanford-Universität für medizinischbiologische Forschungen zunehmend in anderen Spezialgebieten nutzbar zu
machen. So arbeitet gegenwärtig eine Gruppe von Pathologen unter der Leitung von Prof. Steven Quay daran, die charakteristischen Resonanzprofile
der verschiedenen Gewebstypen des menschlichen Körpers sowie der Zelltypen
von Tumoren, die in den einzelnen Geweben entstehen können, aufzunehmen
und zu katalogisieren. Wie Prof. Quay auf der Jahrestagung der Internationalen Akademie für Pathologie (März 1986 in New Orleans) berichtete,
stehe bereits fest, daß zum Beispiel Karzinome und Sarkome spektrographisch voneinander zu unterscheiden seien. Außerdem seien auch bestimmte Typen von Infektionen zu identifizieren. "Wir bekamen ein sehr
charakteristisches Signal bei Lungenentzündung", sagte Quay. Ziel dieser
Untersuchungsreihe sei es, an Hand winziger Gewebeproben beispielsweise
während einer Operation rasch eine vorläufige Analyse vornehmen zu können.
Sie dürfte sogar genauer sein als die heute übliche mikroskopische Untersuchung. Während bei dieser "die Pathologen nach Mustern für anomales Gewebewachstum oder anomales Zellverhalten suchen, könnten sich aus dieser
neuen Methode vielleicht sogar völlig neue Einsichten in die Zellorganisation ergeben", meinte Quay.
Die Forscher verwenden für die Gewebsanalysen eine relativ sehr kleine
Apparatur, die für den speziellen Zweck aber genauere Informationen als
die große MRI-Maschine liefert. Sie könne, so Quay, überaus feine Unterschiede zwischen Gewebstypen erfassen, was zum Beispiel bei der Kernspintomographie, bei der ja große Körperpartien untersucht werden, nicht
möglich sei. Allerdings befinde man sich erst im Anfangsstadium eines
Projekts, das vermutlich noch drei bis vier Jahre in Anspruch nehme, ehe
es ausgereift sei. Erst dann könne man beurteilen, in welchem Umfang es
sich für die Praxis als nützlich erweise. Die dafür erforderlichen Ausrüstungen seien klein und kostengünstig genug, um auch kleineren Kliniken
und Instituten für pathologische Untersuchungen die Anschaffung zu erlauben.
Biologische und
- 2 -

�Biologische und physiologische Studien mittels der MRI-Methode sollen
erheblich ausgeweitet werden. Für diesen Zweck gaben kürzlich unter anderem die Medizinischen Bundesforschungsanstalten der USA (NHI) einen Zuschuß von 1,25 Millionen Dollar an das MR-Laboratorium der Stanford-Universität. Dort hatten sich bisher die meisten Studien auf chemische Untersuchungen konzentriert. Erfaßt und gemessen werden dabei Signale, die
von Wasserstoffatomen und ihrer "chemischen Umgebung" ausgehen und unter
der Einwirkung eines starken Elektromagneten erzeugt werden. Jetzt will
man versuchen, nicht nur von oberflächennahem Gewebe, sondern auch von
tieferen Regionen, zum Beispiel aus zentralen Partien des Gehirns, sowohl
detaillierte als auch exakte anatomische Informationen zu bekommen.
Das kernmagnetische Resonanzverfahren basiert auf einer Entdeckung,
die Ende der vierziger Jahre von Felix Bloch (Stanford-Universität) und
E.M. Purcell (Harvard-Universität) fast gleichzeitig gemacht wurde. Die
Unterschiede zwischen den von den magnetisch geladenen Atomkernen im Körper ausgesandten Signalen geben heute dem Wissenschaftler die Möglichkeit,
exakte Rückschlüsse darauf zu erzielen, aus welcher Art von Gewebe sie
kommen, woraus das betrefffende Organ besteht und wie dieses Organ selbst
in Verbindung mit anderen Organen funktioniert. Die Informationen werden
in spektroskopischen Kurven mit sehr hoher Auflösung dargestellt. Typische Linien zeigen genau an, wie Substanzen im Körper verarbeitet werden. Die in den letzten Jahren entwickelte Methode der röntgenbildähnlichen Darstellung ("Kernspintomographie" - MRI) läßt, ohne Strahlenbelastung für den Patienten, auch weiches Gewebe gut erkennen. Während es
jedoch einfach sei, so Dr. Oleg Jardetzky, Direktor des MR-Laboratoriums
der Stanford-Universität, ein Spektrum vom Kopf eines Versuchstieres, auch
vom Arm oder vom Bein eines Menschen zu bekommen, sei es außerordentlich
schwierig, die Signalorte im Körper exakt zu lokalisieren. Erst wenn das
gelingt, sei der Medizin ein neues, sehr weites Feld eröffnet. Beispielsweise ließe sich dann die Chemie des Gehirns als eine Funktion von Signalen studieren, die von einem Sinnesorgan zur Hirnrinde weitergeleitet werden. Dem heute üblichen Elektroenzephalogramm (EEG) wäre eine solche Methode nach Umfang und Aussagekraft weit überlegen.
Drei Pilotprojekte des MR-Laboratoriums ebneten, wie Jardetzky, Professor für Pharmakologie, erklärt, den Weg für neue Anwendungsmöglichkeiten: 1. Studium des Stoffwechsels bestimmter Pflanzen (Dr. Justin
Roberts, jetzt Universität Kalifornien in Riverside), 2. Veränderung des
Stoffwechsels von Schildkröten unter Wasser, die dabei lange Zeit ohne
Sauerstoffzufuhr auskommen können. Diese Studie von Prof. Eugene Robin
(innere Medizin und Physiologie) ermöglichte die exakte Definierung der
Aufeinanderfolge chemischer Vorgänge in den Körperzellen der Schildkröte,
die sie befähigen, sich unter Wasser aufzuhalten. Mit der dritten Studie
schließlich, die der Herz- und Gefäßchirurg Prof. Stuart Jamieson durchführte, wurde exakte ermittelt, wie lange ein Herz außerhalb des Körpers
gehalten werden und dennoch funktionsfähig sein kann, wie es am besten zu
konservieren sei und wie groß seine Kapazität ist, verlorene Energie wieder aufzubauen. Solche Informationen seien ungemein wichtig für die
Transplantationschirurgie.
Jardetzky zufolge
- 3 -

�Jardetzky zufolge werde man aber auch künftig die Arbeiten auf makromolekularem Gebiet fortsetzen, in die eine Reihe anderer Departments der
Universität (Biochemie, biologische Wissenschaften, Chemie und Pharmakologie) sowie Institute der Staatsuniversitäten von Kalifornien und Wisconsin
eingeschaltet seien. Eine weitere neue Forschungsrichtung ergebe sich aus
der Zusammenarbeit mit dem Stanford-Department für Computerwissenschaften.
Sie umfasse u.a. ein Programm aus dem Gebiet der sogenannten künstlichen Intelligenz mit der Bezeichnung PROTEAN und dessen Entwicklung zu
einem Instrument, um Daten über die magnetische Resonanz bei Proteinen zu
interpretieren. Vier Wissenschaftler befassen sich zur Zeit damit, die
Stärken und Grenzen des PROTEAN-Programms im Zusammenhang mit Protein-Molekülen bekannter und unbekannter Struktur auszuloten. "Wir entwickelten
bereits eine ganz neue Methode, um aufgrund der magnetischen Resonanzdaten
die Strukturen von Proteinen zu ermitteln", sagte Jardetzky. Unter den
Ausrüstungen befinden sich gegenwärtig Spektrometer für 500, 360 und 100
Megahertz (MHz - 1 MHz bedeutet 1 Million Schwingungen pro Sekunde). Ein
viertes Instrument für den 100 MHz-Bereich, das von der Fa. Bruker aus der
Bundesrepublik Deutschland geliefert wird, soll hauptsächlich für kernmagnetische Resonanzstudien an lebenden Organismen und die Entwicklung von
Methoden dienen, um Spektren in tiefen Strukturen zu lokalisieren.

* * * * * *

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                <text>Herausgeben U.S. Information &lt;br /&gt;Service Embassy of the United States of America</text>
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                <text>Amerikadienst 14.05.1986</text>
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                <text>&lt;strong&gt;1. Dokumentation&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Wahrer Fortschritt in Genf möglich - wenn Sowjets dazu bereit sind&lt;br /&gt;&lt;em&gt;- Erklärung Präsident Reagans zur neuen Runde von NST -&amp;nbsp;&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Konsequentes Programm zur Bekämpfung des Terrorismus notwendig&lt;br /&gt;&lt;em&gt;- NBC-Interview mit Außenminister Shultz -&amp;nbsp;&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Gipfel unterstreicht Bedeutung wirtschaftlicher Zusammenarbeit&amp;nbsp;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;- Abschlusskommunique des Tokioter Wirtschaftsgipfels -&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Wissenschaft und Technik&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;NASA untersucht Fehlstart der DELTA-Rakete&lt;br /&gt;&lt;em&gt;- Senator Gore fordert politische und technische Überprüfung des Raumfahrtprogramms -&amp;nbsp;&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Bessere Wirbelkanal-Diagnostik bei Kernspintomographie&lt;br /&gt;&lt;em&gt;- Ausweitung medizinisch-biologischer Forschungen mit der kernmagnetischen Resonanzmethode -&amp;nbsp;&lt;/em&gt;</text>
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