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                    <text>AMERIKA DIENST
"VON**

13. August

25

1986

I N H A L T

DOKUMENTATION
Erklärung des amerikanischen Präsidenten zum 25. Jahrestag des
Mauerbaus
Erklärung des amerikanischen AuBenministeriums zum 25. Jahrestag des
Baus der Berliner Mauer
USA setzen Bemühungen um Verringerung der Kernwaffen fort
- 3ericht Präsident Reagans an den Kongreß -

HINTERGRUNDMATERIAL
Bestimmungen der Schlußakte von Helsinki müssen eingehalten werden
- Erklärung Präsident Reagans zur KSZE-Schlußakte Die amerikanische Politik hinsichtlich der Begrenzung von Atomtests
- Sonderbericht des Außenministeriums Moskau muß Verpflichtungen der Schlußakte von Helsinki einhalten
- Von Botschafter Warren Zimmermann -

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VION *

Dokumentation

13. August 1986

25

ERKLXRUNG DES AMERIKANISCHEN PRXSIDENTEN ZUM 25. JAHRESTAG DES MAUERBAUS

WASHINGTON - (AD) - Zum 25. Jahrestag des Baus der Berliner Mauer gab
Präsident Reagan am 12. August 1986 eine Erklärung ab, in der er sie als
einen "tragischen 3eweis für das Versagen totalitärer Regierungen" bezeichnete. Zugleich betonte der Präsident, daß "die Teilung Berlins genauso wenig von Dauer sein kann wie diejenige Europas".
Die Erklärung des Präsidenten hat folgenden Wortlaut:
Vor 25 Jahren wurde eine der Metropolen dieser Welt in zwei Teile zerrissen, ihre Einwohner voneinander getrennt und eine Einheit, die über 700
Jahre lang bestanden hatte, brutal zerstört, über Nacht errichtete Ostdeutschland in abgekartetem Spiel mit der Sowjetunion eine Mauer um die
Westsektoren Berlins. Während Tausende verzweifelt zu fliehen versuchten,
wurden sie von Bewaffneten zurückgehalten und die Ausgänge mit Stacheldraht versperrt. Oft genug warfen die Soldaten selbst die Waffe weg,
sprangen über die ersten, noch unfertigen Hindernisse und entschieden sich
unter Lebensgefahr für die Freiheit im Westen.
Nach 25 Jahren ist die Berliner Mauer immer noch genauso schrecklich
wie zu Beginn: Tag und Nacht von Bewaffneten auf Wachttürmen kontrolliert, der Streifen vor der Mauer grell ausgeleuchtet und von Hunden bewacht. Noch immer versuchen jene, die sich nach Freiheit sehnen und auf
Freiheit drängen, diesen Todesstreifen zu überwinden.
Die 3erliner Mauer

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�Die Berliner Mauer ist ein tragischer Beweis für das Versagen totalitärer Regierungen. Sie ist das sichtbarste Zeichen der unnatürlichen Teilung Deutschlands und Europas, eine Teilung, die auf grausame Weise Ost
von West trennt, Familien trennt, Freunde trennt.
Der Schrecken der Mauer kann uns nur zu leicht überwältigen. Aber
dieser Jahrestag erinnert uns zugleich an die Berliner, die in ihrem Widerstand gegen Tyrannei ihren Mut und ihr leidenschaftliches Eintreten für
die Freiheit unter Beweis stellten - und dies noch immer tun. sie haben
Berlin zu einer blühenden Weltstadt gemacht, zu einem Schaufenster der
Freiheit; die Welt ist eingeladen, im nächsten Jahr am 750. Geburtstag der
Stadt teilzunehmen. Die Vereinigten Staaten sind stolz darauf, zusammen
mit ihren britischen und französischen Verbündeten ihre feierliche Verpflichtung gegenüber den Berlinern und ihrer großartigen Stadt zu erfüllen, stärke und Zusammenhalt des Westens haben 3erlin in der Vergangenheit geschützt; sie sind die einzige Grundlage, auf der künftige Verbesserungen möglich sind. Jene, die die Berliner Mauer errichtet haben und
sie aufrechterhalten, behaupten, sie sei von Dauer. Dem kann nicht sein.
Eines Tages wird sie - zusammen mit allem, was ihr gleicht - einstürzen.
Solang«; die Mauer steht, wird sie nie durchlässig genug sein, um von den
freien Menschen im Westen und den Männern und Frauen im Osten, die sich
nach Freiheit sehnen, toleriert zu werden.
Freiheit, nicht Unterdrückung, ist der Weg der Zukunft. Europa zu
teilen und dem Willen der eigenen Bevölkerung zu trotzen, hat Spannungen,
aber keine Beruhigung mit sich gebracht. Wirkliche Sicherheit für alle
macht es notwendig, daß die Europäer die Möglichkeit haben, ihr eigenes
Geschiok frei zu wählen und an ihrem gemeinsamen Erbe teilzuhaben.
Die Teilung Berlins kann genauso wenig von Dauer sein wie diejenige
Europas. Aber unsere Überzeugung muß mehr sein als eine ferne Hoffnung.
Sie muß ein Ziel sein, auf das wir aktiv hinarbeiten. Verpflichten wir
uns deshalb erneut zu weiteren Anstrengungen, um die Barrieren abzubauen,
die Berlin teilen. Ich hoffe, daß noch vor einem weiteren Jahrestag dieses Problem Thema neuerlicher Überlegung und ernsthafter Diskussion zwischen Ost und West sein kann.

* * * * * *

�AMERIKA DIENST
Dokumentation

13. August 1986

25

ERKLÄRUNG DES AMERIKANISCHEN AUSSENMINISTERIUMS
ZUM 25. JAHRESTAG DES BAUS DER BERLINER MAUER

WASHINGTON - (AD) - In einer Erklärung anläßlich des 25. Jahrestages
des Mauerbaus hat das amerikanische Außenministerium die Mauer als "Zeichen der Verachtung und des Mißtrauens seitens des DDR-Regimes für seine
eigene Bevölkerung" und für die fehlende Bereitschaft, "ganzen Völkern das
Recht auf Selbstbestimmung zuzugestehen" bezeichnet. Gleichzeitig bekräftigt die Erklärung die amerikanischen Verpflichtungen gegenüber Berlin.
Die Erklärung hat folgenden Wortlaut:
Der 13. August 1986 markiert den 25. Jahrestag des Baues der Berliner
Mauer. In einer geheimen nächtlichen Aktion entrollten Tausende von ostdeutschen Soldaten und Angehörige der Miliz Stacheldraht und stellten
Betonblöcke entlang der Grenzen der westlichen Sektoren Berlins auf.
Diese Hindernisse wurden schnell durch eine massive Betonmauer verstärkt,
die den wachsenden Strom von Deutschen aus der DDR, die der politischen
Unterdrückung entfliehen wollten, eindämmen sollte. Die Mauer steht bis
auf den heutigen Tag als eine der traurigsten Schöpfungen der Menschheit.
Diese scheußliche Mauer ist furchterregendes Vermächtnis des Unvermögens der kommunistischen Ideologie, die Loyalität des einzelnen Bürgers
zu gewinnen. Seit Errichtung der Mauer haben Hunderte von Menschen ihr
Leben dabei riskiert, sie zu überwinden, um die Freiheit des Westens zu
erlangen. Viele dieser tapferen Menschen wurden bei ihrem Versuch von

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�ihrem Versuch von ostdeutschen Kugeln getroffen. Die schweren Befestigungsanlagen, die Tausende von Wachposten und ihre Waffen sind ein beunruhigendes Zeichen der Verachtung und des Mißtrauens seitens des DDR-Regimes für seine eigene Bevölkerung. Dieses Mißtrauen wird solange bestehen wie die DDR-Behörden sich weigern, es ihren Bürgern zu erlauben, in
den Genuß grundlegender Menschenrechte zu gelangen, wie sie überall im
Westen bestehen und die durch solch feierlich bekräftigte internationale
Abkommen wie die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte und die Schlußakte von Helsinki anerkannt wurden.
Aber die Berliner Mauer hat eine Bedeutung, die über die Grenzen von
Berlin und Deutschland hinausreicht. Gleich, was der Osten auch immer behauptea mag, die Mauer wurde nicht gebaut, um die DDR gegen eine Invasion
des Westens zu schützen. Weder Berlin oder Deutschland noch Europa sind
geteil., weil der Westen nach Herrschaft über die Sowjetunion oder die
Staatei Osteuropas strebt. Die Vereinigten Staaten und ihre Verbündeten
verfolgen keinen militärische Wettbewerb auf dem europäischen Kontinent.
Wir wollen den Osten weder einschüchtern, noch ist es unser ziel, eine
theoretische militärische Überlegenheit zu erlangen. Unsere Truppen stehen hier, um von einer Aggression abzuschrecken und Fortschritte zu einer
Welt ohne militärische Einschüchterung und ohne Mauern zu ermöglichen.
Es gibt einen einfachen Grund für die Existenz der Mauer und für die
Teilung Europas - fehlende Bereitschaft, ganzen Völkern das Grundrecht auf
Selbstbestimmung zuzugestehen. Die Spannungen, die den Frieden in Europa
bedrohen, entstehen durch diese Unterdrückung menschlichen Strebens, nicht
durch die Existenz von Waffen. An der Berliner Mauer wird geschossen,
weil friedliebende Menschen in Ost-Berlin immer noch der kommunistischen
Herrschaft entfliehen wollen. Das demokratische Ideal lebt bei den Menschen in der DDR und in Osteuropa noch immer weiter - und nirgendwo in
Europa leuchtet dieses demokratische Ideal stärker als in Berlin.
Die Vereinigten Staaten sind stolz darauf, Teil der Geschichte Berlins
zu sein. Zusammen mit unseren britischen und französischen Verbündeten
werden wir unsere Verpflichtungen gegenüber dieser großen Stadt erfüllen.
Unser Ziel ist es, einem Versprechen der Demokratie in ganz Europa und in
der ganzen Welt gerecht zu werden, indem wir die Freiheit und Lebensfähigkeit der westlichen Sektoren Berlins sicherstellen. Um das zu tun, werden
wir die Rechte und Pflichten der Vier Mächte für alle vier Sektoren der
Stadt aufrechterhalten und sicherstellen, daß der Status von Groß-Berlin
nicht bedroht wird.
Die Vereinigten Staaten werden ihre Verpflichtungen aus dem Viermächteabkommen vom 3. September 1971 erfüllen und dafür im Gegenzug die strikte Einhaltung und vollständige Anwendung aller Teile dieses wichtigen Dokuments erwarten, einschließlich derjenigen Bestimmungen, die den östlichen Sektor Berlins betreffen. Das Beispiel des Viermächteabkommens
regt uns an, weitere Verbesserungen der Beziehungen zwischen Ost und West
zu fordern, die für die Menschen in Berlin von Nutzen sein können.
Obwohl wir nach Fortschritt streben, sind wir auch entschlossen, die
Berliner gegen eine militärische Bedrohung von außen oder politischen

�oder politischen Zwang zu schützen. Unsere Soldaten werden in Berlin
stationiert bleiben, bereit, die westlichen Sektoren, wenn nötig mit
militärischen Mitteln, zu verteidigen. Aber es wird ihr Hauptziel sein,
einen ehrenvollen Frieden zu erhalten. Durch die nachdrückliche Demonstration unserer Verteidigungsbereitschaft können wir die Grundlagen zur
Schaffung eines besseren gemeinsamen Lebens schützen, durch das Barrieren
wie die Berliner Mauer zu häßlichen Anachronismen werden - falls es sie
dann überhaupt noch geben sollte.
Um dieses Zieles willen werden wir sicherstellen, daß Berlin niemals
isoliert wird. Obwohl geographisch abgetrennt, ist Berlin vom Geist her
ein Grundbestandteil der westlichen Welt und des westlichen Wertesystems.
Diese Werte bilden die Grundlage unseres Systems der Demokratie wie auch
der Freiheit, alle Möglichkeiten auszuschöpfen. Wir sind davon überzeugt,
daß diesen Werten die Zukunft gehört und sie Bestandteil einer zukünftigen
Welt friedlichen Wettstreits sein werden, an dem alle unsere Völker teilhaben können. Seit 1945 war es das Ziel der Vereinigten Staaten, die Teilung Deutschlands zu überwinden und damit die geographische Isolation
Berlino und die Teilung des deutschen Staates zu beenden. In vier Jahrzehnten der Herausforderung haben Berlin und seine Bürger uns den Weg dazu
gewiesen. Solange die Freiheit Berlin gedeiht, gibt es Hoffnung für uns
alle. Solange Berlin frei bleibt, sind wir zuversichtlich für unsere gemeinsame Zukunft.

- 3 -

�AMERIKA DIENST
Dokumentation

13. August 1986

25

USA SETZEN BEMÜHUNGEN UM VERRINGERUNG DER KERNWAFFEN FORT

- B e r i c h t P r ä s i d e n t Reagans an den Kongreß -

WASHINGTON - (AD) - Es b l e i b t auch w e i t e r h i n Z i e l der amerikanischen
P o l i t i k , " e i n e gemeinsame Grundlage zur Aushandlung umfassender, ausgewogener und v e r i f i z i e r b a r e r Verringerungen der N u k l e a r a r s e n a l e des s t r a t e gischen wie des M i t t e l s t r e c k e n b e r e i c h s zu f i n d e n . "
Diese P o l i t i k f i n d e t i h r e n Niederschlag in P r ä s i d e n t Reagans " B e r i c h t
an den Kongreß über e i n e amerikanische P o l i t i k der v o r l ä u f i g e n Zurückhaltung sowie über d i e entsprechenden sowjetischen und amerikanischen S t r e i t k r ä f t e mit und ohne SALT I und SALT I I . " Der B e r i c h t , der am 5 . August
1986 v e r ö f f e n t l i c h t wurde, i s t d i e offene Version e i n e s v e r t r a u l i c h e n Ber i c h t s , den der P r ä s i d e n t dem Kongreß am 19. J u n i 1986 v o r l e g t e .
Nachstehend der Wortlaut des B e r i c h t e s :
I . Einführung - Die amerikanische P o l i t i k der vorläufigen Zurückhaltung
und die amerikanische Reaktion auf sowjetische Nichteinhaltung
Dieser B e r i c h t i s t e i n e offene Version e i n e s B e r i c h t e s , der dem Kongreß am 19. J u n i 1986 in Reaktion auf d i e E r f o r d e r n i s s e des H a u s h a l t s e r mächtigungsgesetzes ( T i t e l X, S e k t i o n l o o l (b)) des V e r t e i d i g u n g s m i n i s t e riums zur Vorlage e i n e s B e r i c h t s über bestimmte Daten und B e u r t e i l u n g e n

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�und Beurteilungen hinsichtlich der amerikanischen und sowjetischen strategischen Offensivstreitkräfte sowie einer möglichen sowjetischen politischen, militärischen und verhandlungstechnischen Reaktion auf Xnderungen
der amerikanischen Politik der vorläufigen Zurückhaltung zugestellt wurde.
Er wird in Verbindung mit weiterem Material zur Verfügung gestellt, einschließlich der Erklärung des Präsidenten vom 27. Mai sowie eines Faktenpapiers des Weißen Hauses gleichen Datums über die amerikanische Politik
der vorläufigen Zurückhaltung: Die Reaktion auf sowjetische Verletzungen
der Rüstungskontrolle.
Die amerikanische Politik der vorläufigen Zurückhaltung, wie sie vom
Präsidenten im Jahr 1982 angekündigt wurde, besteht darin, daß die Vereinigten Staaten trotz der Unzulänglichkeiten, wie sie den SALT-Abkommen zueigen sind und in dem Bemühen, eine Atmosphäre der gegenseitigen Zurückhaltung zu fördern, welche ernsthaften Verhandlungen über Rüstungsverringerung dienlich sein könnte, sich so lange an das abgelaufene SALT I-Interimsabkommen von 1972 sowie den nichtratifizierten SALT II-Vertrag von
1979 halten würden, als die Sowjetunion die gleiche Zurückhaltung an den
Tag legt.
In drei detaillierten Berichten der Administration über sowjetische
Nichteinhaltung an den Kongreß sowie über diplomatische Kanäle, einschließlich der amerikanisch-sowjetischen Ständigen Konsultativkommission,
hat der Präsident immer wieder verdeutlicht, daß diese amerikanische Politik von einem gleichen sowjetischen Verhalten ausgeht und daß es angesichts anhaltender sowjetischer Aufrüstung und mangelnder sowjetischer
Vertragseinhaltung keine negativen Auswirkungen auf unsere nationalen
Sicherheitsinteressen haben darf.
In Einklang mit der amerikanischen Politik der vorläufigen Zurückhaltung sowie unserer Bemühungen, einen Rahmen echter gegenseitiger Zurückhaltung zu schaffen, haben die Vereinigten Staaten nichts unternommen, was
bestehende Abkommen unterlaufen würde. Wir halten uns auch weiterhin
peinlich genau an alle Rüstungskontrollabkommen - einschließlich der
SALT I- und SALT II-Abkommen. Während die Vereinigten Staaten versuchen,
sich durch ihre Politik der vorläufigen Zurückhaltung an die Struktur von
SALT zu halten, hat die Sowjetunion durch ihre fortgesetzten Verletzungen
die Grundlage dieser Struktur selbst untergraben.
Im Juni 1985 kam der Präsident der anderen Seite noch weiter entgegen.
Er beschloß, ein amerikanisches POSEIDON-Unterseeboot außer Dienst zu
stellen, um der Sowjetunion genug Zeit zu geben, ihre Nichteinhaltung aufzugeben, ihre ungerechtfertigte Aufrüstung einzustellen und bei den Genfer
Verhandlungen ausgewogene und verifizierbare Abrüstungsvereinbarungen anzustreben. Leider hat es die Sowjetunion bislang nicht geschafft, in diesen drei Bereichen konstruktiv voranzukommen.
Trotz der von uns zum Ausdruck gebrachten Vorbehalte und trotz unserer
diplomatischen Bemühungen um korrektive Maßnahmen sowjetischerseits hat
sich an der Nichteinhaltung der Sowjetunion nichts geändert. Hinsichtlich
SALT II nennt der jüngste Bericht des Präsidenten an den Kongreß vom 23.
Dezember 1985 als sowjetische Verletzungen: (1) die Entwicklung der SS-25
- 2 -

�Entwicklung der SS-25-Rakete, eines verbotenen zweiten neuen Typs von Interkontinentalraketen; (2) umfangreiche Verschlüsselung telemetrischer Daten von Flugversuchen mit Interkontinentalraketen, wodurch eine Verifikation behindert wird; (3) Geheimhaltung des Verbindungsmodus zwischen
SS-25 Rakete und ihrer Startanlage während des Versuchsverlaufs; sowie (4)
Ubersteigung der SALT II-Höchstzahl von 2504 strategisch-nuklearen Trägereinheiten. Außerdem nannte der Bericht des Präsidenten drei Bereiche
nicht eindeutigen sowjetischen Verhaltens, bei denen es möglicherweise
Verletzungen oder andere Probleme in bezug auf SALT II gab: (1) Aktivitäten hinsichtlich der Interkontinentalrakete SS-16, (2) die operative
Kapazität des Interkontinentalbombers 3ACKFIRE, sowie (3) die Produktionsrate des 3ACKFIRE. Hinsichtlich SALT I nannte der Bericht des Präsidenten eine Verletzung der Benutzung ehemaliger SS-7-Anlagen durch die Sowjets zur Unterstützung der Dislozierung und Einsatzfähigkeit der mobilen
SS-25. Diese Verletzungen von SALT I und SALT II sowie andere nicht eindeutige Aspekte bezüglich dieser Verträge bleiben auch weiterhin Grund zu
ernster Sorge - genau wie die sowjetische Verletzung des ABM-Vertrags von
1972 und anderer bedeutender Rüstungskontrollvereinbarungen.
Was das Verhalten der Sowjets bezüglich Nichteinhaltung, strategische
Aufrüstung und Mangel an Fortschritt bei den Genfer Verhandlungen anbelangt, so hat die Administration inzwischen eine umfassende Überprüfung
abgeschlossen und umfangreiche Konsultationen mit unseren Verbündeten und
Freunden sowie Mitgliedern des Kongresses durchgeführt. Der Präsident
kündigte daraufhin am 27. Mai an, daß die Vereinigten Staaten ihre Entscheidungen hinsichtlich der struktur ihrer strategischen Streitkräfte von
der Natur und dem Umfang der Bedrohung seitens der strategischen Streitkräfte der Sowjetunion abhängig machen würden, nicht aber von den Maßstäben, wie sie in der fehlerhaften SALT-Konzeption enthalten sind, die durch
die sowjetische Nichteinhaltung erheblich untergraben wurde.
In seiner Ankündigung vom 27. Mai über die amerikanische Politik der
einstweiligen Zurückhaltung und die amerikanische Reaktion auf anhaltende
sowjetische Nichteinhaltung verwies der Präsident darauf, wie unangemessen
es wäre, das SALT II-Abkommen weiter einzuhalten. SALT II hat die fortgesetzte und umfassende Aufrüstung kodifiziert. Eine ganze Reihe von Kritikern, einschließlich des Streitkräfteausschusses des Senats erachtete es
in wichtigen Teilen als unausgewogen und nicht verifizierbar. Es wurde
vom amerikanischen Senat nie ratifiziert und sah ganz offenkundig einer
Abstimmungsniederlage entgegen, als der Vorgänger des Präsidenten den Senat ersuchte, auf eine Abstimmung zu verzichten. Unter SALT II konnten
die Sowjets die Gefechtsköpfe ihrer strategisch-ballistischen Raketen von
rund 5000 auf 9000 fast verdoppeln und unter SALT II konnten sie ganz legal eine weitere erhebliche Aufstockung durchführen. Selbst wenn es zu
einer Ratifizierung von SALT II gekommen wäre, wäre es am 31. Dezember
1985 ausgelaufen.
Schließlich haben die anhaltenden sowjetischen Vertragsverletzungen
das Abkommen trotz wiederholter amerikanischer Aufforderungen nach korrektiven Maßnahmen seitens der Sowjets über mehrere Jahre hinweg untergraben.
(Was SALT I angeht, so lief dieses Abkommen 1977 aus, und seit seiner Unterzeichnung im Jahr 1972 hat die Sowjetunion die Anzahl ihrer strate-

�Anzahl ihrer strategisch-nuklearen Gefechtsköpfe vervierfacht. Was die
Vereinigten Staaten anbelangt, so würden sie, selbst bei weiterer Beibehaltung älterer Systeme, gemäß der laufenden Planungen noch immer technisch die numerischen Begrenzungen von SALT I bis Mitte 1989 einhalten).
Der Präsident stellte in seiner Ankündigung vom 27. Mai klar, daß die
Vereinigten Staaten auch in Zukunft die größtmögliche Zurückhaltung an den
Tag legen würden und ihre Bemühungen um eine Befriedigung ihrer strategischen Bedürfnisse trotz der sowjetischen Aufrüstung auf eine Art und
Weise durchführen wollten, durch die ein Anreiz zu weiterem Ausbau der sowjetischen Offensivkräfte so miminal wie möglich gehalten werde. Der Präsident erklärte, daß wir im Lauf unserer Modernisierung auch weiterhin ältere Systeme in dem Maß abbauen, wie es die Bedürfnisse der nationalen Sicherheit erforderlich machen und wir von keinem nennenswerten numerischen
Anstieg der strategischen Streitkräfte der Vereinigten Staaten augehen.
Er verwies außerdem darauf, daß die Vereinigten Staaten unter der Voraussetzung, daß es während der Durchführung des strategischen Modernisierungsprogramms keine wesentlichen Veränderungen der Bedrohung gibt, der
wir ausgesetzt sind, nicht mehr strategisch-nukleare Trägersysteme oder
zusätzliche Gefechtsköpfe für ballistische Raketen dislozieren werden, als
dies auf sowjetischer Seite der Fall ist.
Der Präsident betonte zudem, daß die Vereinigten Staaten als Ergebnis
des Beschlusses, zwei ältere POSEIDON-Unterseeboote außer Dienst zu stellen, sich technisch noch einige weitere Monate an den Wortlaut des
SALT II-Vertrags halten werden. Er brachte die Hoffnung zum Ausdruck, daß
die Sowjetunion diese zusätzliche Zeitspanne nutzen wird, um die konstruktiven Schritte zu unternehmen, die notwendig sind, um die derzeitige Situation zu ändern. Kollte sie dies tun, so werde man, so der Präsident,
dies in Rechnung stellen.
Es braucht nicht betont zu werden, daß die wichtigste kurzfristige Reaktion auf die sowjetische Nichteinhaltung die Durchführung unseres vollen
strategischen ModernLsierungsprogramms bleibt sowie weiterhin auf Abschreckung zu setzen und das Forschungsprogramm der Strategischen Verteidigungsinitiative fortzuführen, um herauszufinden, ob es möglich ist, für
unsere Sicherheit wie auch die unserer Verbündeten eine sicherere und stabilere Grundlage zu schaffen. Das Programm der strategischen Modernisierung - einschließlich der Dislozierung der zweiten 50 PEACEKEEPER-Raketen
- ist die Grundlage für alle künftigen amerikanischen Optionen bei den Offensivstreitkräften. Es stellt eine solide Grundlage dar, die im Lauf der
Zeit angepaßt werden kann und werden wird, um wirkungsvoll auf die Nichteinhaltung seitens der Sowjetunion zu reagieren. Das SDI-Programm stellt
für uns die größte Hoffnung auf eine Zukunft dar, in der unsere Sicherheit
sich auf den immer höheren Beitrag defensiver Systeme stützen kann, die
niemanden bedrohen.
In seiner Erklärung vom 27. Mai betonte der Präsident, daß eine Politik vorläufiger Zurückhaltung kein Ersatz für ein Abkommen über einschneidende und ausgewogene Verringerungen bei den offensiven Kernwaffen ist,
vorausgesetzt, wir können uns auf Einhaltung sowjetischerseits verlassen.
Derlei Verringerungen genießen für ihn höchste Priorität - und werden dies
- 4-

�und werden dies auch weiterhin tun. Wir hoffen, daß die Sowjetunion dem
Abkommen Substanz verleihen wird, das zwischen dem Präsidenten und Generalsekretär Gorbatschow auf dem Gipfeltreffen im vergangenen November zustandegekommen ist, um bei den Genfer Verhandlungen zu einem baldigen
Fortschritt zu gelangen. Man war dabei übereingekommen, sich insbesondere
auf 3ereiche zu konzentrieren, wo es gemeinsame Grundlagen gibt - einschließlich des Grundsatzes eines 50prozentigen Abbaus der strategischen
Kernwaffen beider Länder, sowie eines Zwischenabkommens über die nuklearen
Mittelstreckensysteme. Wenn die Sowjetunion sich diesem Abkommen anschließt, werden wir zu größerer Stabilität und einer sichereren Welt kommen können.
Der dem Kongreß am 19. Juni übermittelte Geheimbericht enthielt einen
Vergleich des jeweiligen amerikanischen und sowjetischen Abbaus strategischer Waffen, der über die nächsten fünf Jahre hinweg erforderlich wäre,
sollten beide Länder tatsächlich alle quantitativen Begrenzungen von SALT
I und SALT II einhalten. Er zeigte des weiteren die jeweiligen Projektionen der strategischen Offensivwaffen beider Seiten unter der Annahme auf,
daß die Begrenzungen von SALT I und SALT II nicht länger gelten. Schließlich gab er eine Beurteilung möglicher politischer und verhandlungstechnischer Reaktionen der Sowjetunion ab, insofern diese derzeit einsehbar
und vorhersehbar sind. Aus Sicherheitsgründen gibt die vorliegende, offene Version die Informationen über amerikanische und sowjetische Streitkräfte in erheblich verkürzter Form wieder.
Gleich zu Beginn muß darauf verwiesen werden, daß es bei den hier vorgelegten Beurteilungen erhebliche Ungewißheiten gibt. Hinsichtlich der
Daten der sowjetischen Streitkräfte stellen die Projektionen die wesentlichsten Trends, auf Beweise und Vermutungen gegründet, dar und sollen
keine präzisen Vorhersagen sein. Aufgrund bisheriger amerikanischer Erfahrungen ist es unwahrscheinlich, daß die strategischen Streitkräfte der
Sowjetunion in fünf Jahren mit diesen Kräfteprojektionen übereinstimmen
(oder sich ihnen extrem annähern). Dennoch sind wir davon überzeugt, daß
es aufgrund der Daten über laufende Programme, die sich innerhalb dieses
Zeitrahmens nur mit Schwierigkeiten radikal verändern ließen, möglich ist,
die strategischen Streitkräfte der Sowjetunion der nächsten drei bis fünf
Jahre im Wesentlichen zu beschreiben.
Im Gegensatz hierzu sind über Umfang und Zusammensetzung der künftigen
strategischen Streitkräfte der Vereinigten Staaten seitens der Sowjetunion
relativ leichter Aussagen zu machen. Wir müssen uns mit möglichen Ausweitungen der strategischen Programme und Kapazitäten der Sowjetunion auseinandersetzen. Umgekehrt besteht die Hauptquelle der Unsicherheit für die
sowjetischen Planer hinsichtlich des Ausmaßes künftiger strategischer Programme der Vereinigten Staaten aller Wahrscheinlichkeit nach in dem Umfang, in dem künftige amerikanische Programme durch Maßnahmen des Kongresses oder der Exekutive beschnitten werden könnten.
Die hier dargestellten Daten gehen von einer vollständigen Verwirklichung des strategischen Modernisierungsprogramms der Administration aus.
Es ist absolut notwendig, diese Programme auch weiterhin umfassend zu unterstützen. Geschähe dies nicht, so wäre das die schlimmste Reaktion auf

�Reaktion auf die sowjetische Nichteinhaltung. Es wurde sofort und ernsthaft die Position unserer Unterhändler in Genf beeinträchtigen, da ihnen
dadurch der Hebel aus Hand genommen würde, den sie benötigen, um ausgewogene Reduktionen sowohl der amerikanischen wie auch der sowjetischen
Streitkräfte auszuhandeln. Dadurch würde der sowjetischen Führung hinsichtlich der Ernsthaftigkeit und Entschlossenheit bezüglich ihrer Nichteinhaltung ein völlig falsches Signal gegeben. Dadurch würde zugleich unsere Sicherheit in den kommenden Jahren erheblich gefährdet. Unsere
oberste Priorität muß daher die volle Durchführung dieser Programme bleiben.
II. Geplante sowjetische und amerikanische AbbaumaSnahmen
Dieser Teil des Berichts stellt repräsentative Projektionen hinsichtlich einer Verringerung dar, zu der es käme, würden die Begrenzungen von
SALT fortgeschrieben. Sie sollten als Annäherungswerte gesehen werden und
würden Änderungen unterliegen, zu denen es aufgrund politischer Entscheidungen oder Programmanpassungen der jeweiligen Seite kommen könnte. Es
sollte darauf hingewiesen werden, daß - wie im Bericht des Präsidenten an
den Kongreß bezüglich sowjetischer Nichteinhaltung von Rüstungskontrollabkommen vom 23. Dezember 1985 dokumentiert wird - die Zahl der strategisch-nuklearen Trägersysteme der Sowjetunion in Verletzung ihrer politischen Verpflichtung, den Vertrag einzuhalten, über der SALT II-Obergrenze von 2504 liegt.

Repräsentative sowjetischer Abbaumaßnahmen
Die Sowjetunion führt im Augenblick mehrere Programme zur Einführung
neuer strategischer Trägersysteme durch, die ein Abwracken älterer Systeme
notwendig machen würden, wenn die Sowjets ihre gesamten Arsenale auf das
Niveau von SALT begrenzten. Im Rahmen einer Darstellung der Planung solcher Programme, die sich in den nächsten fünf Jahren mit den Beschränkungen von SALT im Einklang befänden, würden die Sowjets eine beträchtliche
Anzahl neuer Trägersysteme stationieren, einschließlich Interkontinentalraketen (IC3M) vom Typ SS-25 und SS-X-24, nukleargetriebener Unterseeeboote (SS3N) der TYPHOON- und DELTA-Klasse, Bombern vom Typ BACKPIRE und Trägern für luftgestützte Marschflugkörper (ALCM).
Wenn die Begrenzungen von SALT I und II eingehalten würden, würden
diese Maßnahmen die Demontage von einigen älteren Systemen der sowjetischen Bestände wie auch das Abwracken einiger neuerer Systeme notwendig
machen. Zu den älteren Systemen zählen ICBMs vom Typ SS-11 und SS-13,
seegestützte ballistische Raketen (SL3M) auf SSBN der Y-Klasse sowie Flugzeuge der Typen BEAR und BISON. Da sich die Sowjets bereits sehr nah an
der durch SALT II gezogenen Untergrenze von 820 Abwurfvorrichtungen für
ICBM mit Mehrfachgefechtsköpfen (MIRV) befinden, würde die Stationierung
der mit MIRV ausgerüsteten SS-X-24 die Demontage bestehender ICMBs mit
MIRV, wahrscheinlich SS-17 und möglicherweise einige SS-19 bedingen, um
innerhalb des Rahmens zu bleiben. Gleichermaßen würde mit der fortgesetzten Stationierung von SLBMs der Typen SS-N-20 und SS-N-23 die Gesamtzahl

�die Gesamtzahl von mit MIRV ausgerüsteten Abschußeinrichtungen innerhalb
von einem oder zwei Jahren den Rahmen von 1 200 überschreiten; sie müßten
dann weitere ICBM mit MIRV oder einige Abschußvorrichtungen für SS-N-18
auf den vergleichsweise neuen SSBNs der D-III-Klasse abwracken, um weiterhin die Gesamtuntergrenze von 1 200 Abschußvorrichtungen für ICBMs mit
MIRV und SLBMs zu beachten. Die Sowjets liegen bereits seit einiger Zeit
an der von SALT I gezogenen Grenze von 62 modernen SSBN, daher würde die
Stationierung neuer SSBN das weitere Abwracken älterer U-Boote erforderlich machen.
Die durch diese Maßnahmen erzielten Demontagen würden sich während der
nächsten fünf Jahre wahrscheinlich auf etwas über 600 strategische nukleare Trägersysteme (SNDV), mit den dazugehörenden etwa 1 000 bis 1 200 Gefechtsköpfen, belaufen. (Zu der Zahl der SNDV zählen auch schwere Bomber,
denen eine Kapazität von etwa 300 Nuklearwaffen zugeschrieben wird.) Einige Abwrackaktionen an älteren Systemen würden letztendlich in jedem Fall
stattfinden, mit oder ohne Beschränkungen durch SALT.
Diese geplanten Abwrackaktionen ziehen jedoch nicht in Betracht, daß
die Sowjets potentiell zusätzliche Täuschungsmanöver durchführen könnten,
obwohl sie nominell die zahlenmäßigen Beschränkungen durch SALT beachten.
Das könnte beabsichtigt sein, um einen ausgleichenden Abbau weiterer
ICBMs, einschließlich solcher mit MIRV, zu vermeiden.

Darstellung von Abbaumaßnahmen der Vereinigten Staaten
Hinsichtlich der Programme und Abbaumaßnahmen der Vereinigten Staaten
würde die volle Anwendung des Programms zur Strategischen Modernisierung
nach SALT fortgesetzte Abwrackaktionen älterer strategischer Systeme notwendig machen, von denen sich die meisten sowohl nach militärischen wie
auch nach wirtschaftlichen Gesichtspunkten dem Ende ihrer Verwendbarkeit
nähern.

III. Geplante strategische Waffen der Sowjets und der Amerikaner
Geplante sowjetische Waffen
Angenommen, daß die durch SALT festgelegten Beschränkungen nicht gelten, sind die oben angesprochenen Vorbehalte hinsichtlich der Annahmen und
Unsicherheiten, denen die Planung unterworfen ist, bei der Planung der
Stationierung sowjetischer strategischer Offensivwaffen relevant.
Wenn man diese Zahlen seit der Unterzeichnung von SALT I im Jahre 1972
in ihre historische Perspektive rückt, so gab es einen vierfachen Anstieg
bei der Anzahl sowjetischer strategischer nuklearer Gefechtsköpfe (Gefechtsköpfe von Raketen und Bomben) und fast eine Verdopplung bei sowjetischen Raketen-Wurfgewichten. Tatsächlich hat sich die Anzahl sowjetischer strategischer Raketengefechtsköpfe seit der Unterzeichnung von
SALT II im Jahre 1979, von etwa 5 000 bis auf mehr als 9 000, fast verdoppelt. Dieser große Anstieg bei den sowjetischen strategischen Waffen ist
- 7 -

�strategischen Waffen ist hauptsächlich durch SALT ermöglicht worden. (Die
Abkommen haben Abschußvorrichtungen begrenzt und sich nur indirekt auf
stationierte Waffen ausgewirkt). Wie bereits bemerkt, hat die Sowjetunion
auch die durch diese Abkommen auferlegten Rüstungskontrollbeschränkungen
verletzt.
Die Sowjetunion hat im Augenblick etwa 10 000 strategische Nuklearwaffen (Gefechtsköpfe von Raketen und Bomben). Die SALT I und II-Verträge
könnten selbst bei ihrer vollständigen Einhaltung keine sehr erhebliche
weitere Zunahme sowjetischer Fähigkeiten verhindern. Sogar wenn man eine
zukünftige sowjetische Einhaltung von SALT II voraussetzt - und keine
fortgesetzte Verletzung durch die Sowjets wie im Augenblick - so werden
stationierte sowjetische Waffen wahrscheinlich in den nächsten fünf Jahren
auf über 12 000 zunehmen. Darüber hinaus könnten die Sowjets bei weiterer
Verletzung der Abkommen im gleichen Zeitraum durchaus eine bescheidene Zunahme von noch mehr Waffen zu ihren Arsenalen vornehmen.
Es ist schwierig, genau vorherzusagen, was die Sowjets bei fehlenden
SALT-3eschränkungen tun würden. Sie würden ihre Waffenarsenale nicht erheblich über die oben genannten Begrenzungen hinaus aufstocken, die bereits sehr weit gefaßt und unserer Ansicht nach mehr als ausreichend sind,
um vernünftigen militärischen Erfordernissen zu entsprechen. Es gäbe,
wenn man die Gesamtzahl der Waffen betrachtet, kaum einen nennenswerten
Unterschied zwischen den Waffen, die die Sowjets mit oder ohne SALT-3eschränkungen stationieren würden. Es ist vernünftig, zu erwarten, daß die
Sowjets bei fehlendem SALT-Vertrag nicht all ihre älteren Systeme so
schnell abwracken würden wie unter SALT. Einige Waffenklassen (wie z.B.
SS3N) würden innerhalb der nächsten fünf Jahre wahrscheinlich überhaupt
nicht abgewrackt, wenn es die Beschränkungen von SALT nicht gäbe. Wenn
man das große Ausmaß des strategischen Modernisierungsprogramms der Sowjets berücksichtigt, hätten jedoch viele dieser älteren Systeme nur geringe Auswirkungen auf die Gesamtbedrohung der Sicherheit der Vereinigten
Staaten.
Die Sowjets haben die Fähigkeit, ihre Streitkräfte noch weiter auszubauen, wenn sie sich dazu aus militärischen oder politischen Gründen entscheiden sollten. Wenn die Sowjetunion wohlüberlegte Anstrengungen unternehmen würde, um ihre strategischen Waffen über die Grenzen von SALT II
hinaus auszubauen, könnte sie ihre Arsenale bis 1991 bis auf etwa 15 000
Waffen erweitern.
Die mit einer solchen Erweiterung der Fähigkeiten verbundenen Kosten,
zusätzlich zu einem sehr aggressiven und teueren Modernisierungsprogramm,
würden solchen sowjetischen Bemühungen jedoch entgegenstehen.
Mit oder ohne SALT werden die Sowjets jedoch wahrscheinlich ihre interkontinentalen nuklearen Angriffswaffen weiter modernisieren, indem sie
die meisten ihrer augenblicklich stationierten land- und seegestützten Raketen und schweren Bomber bis Mitte der neunziger Jahren austauschen.
Dieses eindrucksvolle sowjetische Modernisierungsprogramm, dessen Ergebnis
eine erheblich verbesserte Uberlebensfähigkeit, Flexibilität und Schlagfähigkeit gegen gehärtete Ziele ist, läuft bereits seit langer Zeit.
Geplante Waffen
- 8-

�Geplante Waffen der Vereinigten Staaten
Die Vereinigten Staaten könnten in einem nicht durch SALT geregelten
Umfeld etwa 14 000 Waffen bis zum Finanzjahr 1991 aufbringen, indem sie
das vollständige strategische Modernisierungsprogramm anwenden, ohne die
durch SALT vorgesehenen Abwrackaktionen durchzuführen.

IV. Sowjetische Reaktionen auf politischer und auf Verhandlungsebene
Es ist schwierig, genau vorherzusagen, zu welchen Schritten sich die
Sowjets auf politischer oder auf Verhandlungsebene genau entscheiden werden, um zu versuchen, Kritik oder Druck gegen die Entscheidung des Präsidenten vom 27. Mai auszuüben. Sie haben bereits eine Propagandakampagne
gegen die Entscheidung ins Leben gerufen. Ironischerweise haben sie bereits im Licht laufender sowjetischer Verletzungen von SALT II, zu denen
auch die Verletzung der zahlenmäßigen Begrenzung strategischer nuklearer
Trägersysteme zählt, davor gewarnt, daß sie die Begrenzungen von SALT
überschreiten werden, wenn die Vereinigten Staten dies tun. Obwohl sie
erklärt haben, daß sie die "notwendigen praktischen" Schritte unternehmen
würden, wie z.B. Steigerung bei Raketen und Gefechtsköpfen, ist es dennoch
nicht klar, daß sie ihre Waffenarsenale über die bereits geplanten Zunahmen hinaus erweitern würden, wie schon oben erwähnt. Dennoch werden
sie wahrscheinlich Erweiterungen vornehmen, einschließlich der bereits geplanten, um damit auf Maßnahmen der Vereinigten Staaten zu reagieren.
Die Sowjets könnten sich dazu entschließen, auf politischer oder auf
Verhandlungsebene taktische Schritte zu unternehmen, die die Entscheidung
der Vereinigten Staaten diskreditieren könnten.
Dennoch ist die Entscheidung vom 27. Mai nicht dazu angetan, ihr
grundlegendes Gesamtziel für Verhandlungen oder für ein Gipfeltreffen auf
Dauer zu ändern. Diese Ziele umfassen zunehmenden Widerstand gegen das
Modernisierungsprogramm der Vereinigten Staten, besonders die Strategische
Verteidigungsintitiative und die Schwächung des westlichen Bündnisses.
Wir hoffen, daß die Sowjetunion mit uns zusammen den Rahmen der gemeinsamen Zurückhaltung beachten wird. Die Vereinigten Staaten ihrerseits
werden sich in Zukunft die größtmöglichen Beschränkungen auferlegen und
danach streben, angesichts der fortgesetzten sowjetischen Aufrüstung ihren
strategischen Erfordernise nachzukommen, und das mit Mitteln, die Anreize
für ein anhaltendes Wachstum der sowjetischen strategischen Waffen auf ein
Minimum beschränken. Im Rahmen unserer Modernisierung werden wir weiterhin ältere Waffen abbauen, sowie unsere nationalen Sicherheitserfordernisse dies zulassen. Wenn wir davon ausgehen, daß bei der Bedrohung, der wir
uns gegenübersehen, wenn wir unser strategisches Modernisierungsprogramm
anwenden, keine Veränderung eintreten wird, werden die Vereinigten Staaten
nicht mehr nukleare Trägersysteme oder strategische Raketengefechtsköpfe
stationieren als die Sowjetunion.
Keine Politik einer vorläufigen Zurückhaltung ist ein Ersatz für ein
Abkommen über einen einschneidenden und ausgewogenen Abbau nuklearer Of-

�Abbau nuklearer Offensivwaffen, vorausgesetzt, wir können uns auf die sowjetische Einhaltung verlassen. Wir hoffen, daß die Sowjetunion alles unternehmen wird, um der von Präsident Reagan und Generalsekretär
Gorbatschow beim Genfer Gipfeltreffen im vergangenen November erzielten
Übereinstimmung Gewicht zu verleihen und einen baldigen Fortschritt bei
den Genfer Verhandlungen zu erzielen.
Unsere Ziele in Genf bleiben so bestehen, wie sie beim Gipfel formuliert wurden: es soll eine gemeinsame Basis für Verhandlungen über einen
einschneidenden, ausgewogenen und verifizierbaren Abbau nuklearer strategischer und Mittelstreckenwaffenarsenale geschaffen werden, und wir wollen
mit der Sowjetunion darüber diskutieren, wie wir unsere Abschreckung und
Stabilität verbessern können und uns dabei einer Welt annähern, in der wir
uns nicht mehr ausschließlich auf die Drohung mit nuklearer Vergeltung
verlassen müssen, um den Frieden zu erhalten. Wir hoffen, daß die Sowjets
mit uns ernsthaft über diese wichtigen Zielsetzungen verhandeln werden.

* * * * * *

- 10 -

�AMERIKA DIENST
Hintergrundmaterial

25

13. August 1986

BESTIMMUNGEN DER SCHLÜSSAKTE VON HELSINKI MÜSSEN EINGEHALTEN WERDEN
- Erklärung Präsident Reagans zur KSZE-Schlußakte -

WASHINGTON - (AD) - In einer am 1. August 1986 zum elften Jahrestag
der Unterzeichnung des Abkommens von Helsinki, der Schlußakte zur Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (KSZE), abgegebenen
schriftlichen Erklärung erneuerte Präsident Reagan das Versprechen der
Vereinigten Staaten, sich für die "vollständige Verwirklichung ihrer Ziele
für alle Völker Europas einzusetzen".
Der Präsident wies weiter darauf hin, daß eine Folgekonferenz über die
Einhaltung von Bestimmungen der Schlußakte im kommenden November in Wien
stattfinden werde, auf der die "Regierungen für ihr Verhalten zur Rechenschaft gezogen werden müssen".
Der Text der Erklärung hat folgenden Wortlaut:
Heute vor elf Jahren haben die Vereinigten Staaten, Kanada und 33 europäische Länder in Helsinki die Schlußakte der Konferenz für Sicherheit
und Zusammenarbeit in Europa (KSZE) unterzeichnet. Die Unterzeichnerstaaten machten es sich zur Aufgabe, wichtige internationale Verhaltensmaßstäbe zu beachten und praktische Schritte zu unternehmen, um die Schranken
zwischen West- und Osteuropa abzubauen. Für den Westen ist es von besonderer Bedeutung, daß die Schlußakte grundlegende Menschenrechte und fundamentale Freiheiten bestätigt.
Die Schlußakte

United States Information Service
Embassy of the United States of America

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.: 0228-339 2035
Telex: 8-85432

�Die Schlußakte stellt eindeutig eine Erklärung der Hoffnungen und Ziele dar, mit denen die Vereinigten Staaten völlig im Einklang stehen, weil
ihre Prinzipien in unserer eigenen Philosophie und unseren Traditionen
verwurzelt sind. Die Vereinigten Staaten bleiben der vollständigen Anwendung der Schlußakte und all ihrer Bestimmungen wie auch der Unteilbarkeit
ihrer Dimensionen im humanitären, sicherheitspolitischen und wirtschaftlichen Bereich voll und ganz verpflichtet.
Leider haben die Sowjetunion und ihre osteuropäischen Verbündeten wiederholt zahlreiche in Helsinki abgegebene Versprechungen nicht wahrgemacht. Seit der Unterzeichnung der Schlußakte gab es zwar einen gewissen
Fortschritt, aber die Realität des geteilten Europa bleibt bestehen und
die wichtigsten, vor einem Jahrzehnt abgegebenen Versprechen sind nicht
eingehalten worden. Das war unsere zum zehnten Jahrestag vor einem Jahr
vorgelegte Beurteilung, die auch heute noch ihre Gültigkeit besitzt. Regierungen des Ostblocks behindern auch weiterhin den freien Austausch von
Menschen, Informationen und Ideen. Sie unterdrücken auch weiterhin jene,
die Freiheiten hinsichtlich ihrer Religion, Gedanken, ihres Gewissens und
Glaubens ausüben wollen. Sie mißachten auch weiterhin nach Gutdünken die
Bestimmungen der Schlußakte.
Anläßlich dieses elften Jahrestages sollten wir uns die Hoffnungen für
einen größeren Frieden und mehr Freiheit in Europa ins Gedächtnis zurückrufen, die wir bereits vor einem Jahrzehnt ausgedrückt haben. Die Schlußakte trägt der engen Beziehung zwischen diesen Zielen Rechnung und auch
der Tatsache, daß die Interessen von Individuen einen grundlegenden Anteil
am Fortschritt für Frieden in Europa haben, daß ein stabilerer Friede unter dei Nationen von größerer Freiheit für die Völker Europas abhängt.
Die ehrgeizigen Ziele des Helsinki-Prozesses können nur durch einen ausgewogenen Fortschritt in allen Bereichen erreicht werden.
Das nächste Folgetreffen der Konferenz für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa wird im kommenden November in Wien eröffnet. Eine wichtige
Aufgabe dieses Treffens wird es sein, eine Bestandsaufnahme abgegebener
und eingehaltener Versprechen zu erstellen und das Gleichgewicht zwischen
den verschiedenen Bereichen des Helsinki-Prozesses zu überprüfen. Die Regierungen müssen für ihr Verhalten zur Rechenschaft gezogen werden. Die
Konferenz muß sich auch mit der Herausforderung beschäftigen, einen ausgewogenen Fortschritt zu erzielen, wenn die Schlußakte für das tägliche Leben aller Bürger, deren Regierungen hier Verpflichtungen eingegangen sind,
Bedeutung erlangen soll.
Die Vereinigten Staaten nehmen ihre Verpflichtungen gemäß der Schlußakte ernst und werden sich für die vollständige Verwirklichung ihrer Ziele
für alle Völker Europas einsetzen. Wir fordern die anderen Länder auf,
das Gleiche zu tun. wir werden daran arbeiten, um sicherzustellen, daß
die bevorstehende Konferenz in Wien einen Schritt bedeuten wird, der die
Versprechungen im ersten Jahrzehnt nach Helsinki im zweiten Jahrzehnt
wahrmachen wird.

* * * * * *
- 2 -

�AMERIKA DIENST
^7

Hintergrundmaterial

&lt;#

13. August 198G

25

DIE AMERIKANISCHE POLITIK HINSICHTLICH DER BEGRENZUNG VON ATOMTESTS
- Sonderbericht des Außenministeriums -

WASHINGTON - (AD) - Die Vereinigten Staaten verfolgen eine nationale
Sicher'ieitspolit ik, die sowohl eine starke Abschreckung gegen Aggressionen und ein aktives Streben nach tiefen, gleichgewichtigen und überprüfbaren Verringerungen bei den Sowjetischen und amerikanischen Atomwaffen
als auch wirksame Überprüfungsvereinbarungen für bestehende Begrenzungen
von Atomtests einschließt. Unter den gegenwärtigen Bedingungen würde weder eil umfassendes Versuchsverbot noch ein Moratorium für Atomversuche
die Sicherheit, die Stabilität oder den Frieden stärken. Der vorliegende
Sonderbericht behandelt die Prinzipien, die der amerikanischen Politik
hinsichtlich der Begrenzung von Atomversuchen zugrunde liegen.

Jüngste Entwicklungen
Kurz bevor der vorliegende Sonderbericht in Druck ging, kündigte das
VJeiße Haus an, daß die Vereinigten Staaten und die Sowjetunion sich darauf verständigt haben, Expertentreffen ohne Vorbedingungen abzuhalten, um
Probleme in Zusammenhang mit Atomtests zu diskutieren. Ein erstes Treffen fand Ende Juli in Genf statt.
Wi'2 in diesem Bericht ausgeführt wird, waren die Vereinigten Staaten
seit langem bestrebt, ein Treffen mit den Sowjets zustandezubringen, um
unsere Bedenken hinsichtlich der Verifikationsbestimmungen des Schv/ellen-

United States Information Service
Embassy of the United States of America

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.: 0228-339 2035
Telex: 8-85432

�des Schwellenvertrages (TTBT) und des Vertrages über Atomexplosionen für
friedliche Zwecke (PHET) zur Sprache zu bringen. Dieses Expertentreffen
gibt don Vereinigten Staaten Gelegenheit, ihre Ideen und Bedenken den Sowjets vorzutragen - und sich die sowjetischen Bedenken anzuhören. Die
Verein.gten Staaten sind bereit, ihre Ansichten zu Verbesserungen der
überprüfbariceit in bestehenden Verträgen vorzubringen und zu diskutieren,
die unserer Meinung nach jetzt nötig und möglich sind. Wenn wir bei der
Behandlung dieser Bedenken in bezug auf die Uberprüfbarkeit erfolgreich
sind, /ürden wir bei der Ratifizierung dieser beiden Verträge Fortschritt e mac le n.

Ein kollektives Sicherheitsproblem
Di; Aufrechterhaltung einer starken atomaren Abschreckung garantiert
seit v.er Jahrzehnten die Sicherheit der Vereinigten Staaten und die
Freiheit unserer Verbündeten und Freunde. Obwohl ein umfassendes Versuchsvsrbot weiterhin ein langfristiges Ziel der Vereinigten Staaten
bleibt und obwohl wir uns aktiv der Erforschung von Technologien widmen,
die ei les Tages unsere Abhängigkeit von offensiven Atomwaffen für unsere
Sicher leit reduzieren und letztendlich beseitigen könnten, werden Atomwaffen in absehbarer Zukunft ein Schlüsselelement der Abschreckung bleiben. Cn einer Periode, in der die Vereinigten Staaten und unsere Freunde
und Verbündeten sich zur Abschreckung der Aggression auf Atomwaffen verlassen missen, v/erden Atomversuche auch weiterhin erforderlich sein.
Eil sorgfältig strukturiertes Atomversuchsprogramm ist notwendig um
sicherzustellen, das unsere Waffen sicher, wirkungsvoll, zuverlässig und
überlebensfähig sind. Die Direktoren der Versuchseinrichtungen in Los
Alamos und Livermore haben erklärt, daß die wichtigsten Probleme mit dem
Atomwaffenarsenal nur durch entsprechende Tests aufgedeckt und gelöst
werden, obwohl nichtatomare Versuche bisweilen Probleme bei der atomaren
Komponente von Gefechtsköpfen enthüllen. Sogar eine scheinbar geringfügige HDdifizierung in der Konstruktion einer Waffe könnte das Vertrauen
in ihr» Wirkung untergraben, wenn die modifizierte Konstruktion nicht
vorher durch eine atomare Detonation getestet werden kann. Solche Versuche jrlauben es uns auch, die notwendingen Schritte zur Modernisierung
unserer Streitkräfte zu unternehmen, um der andauernden militärischen
Aufrüstung der Sowjets, besonders bei den offensiven atomaren Fähigkeiten, zi begegnen.
Seit langem versuchen die Vereinigten Staaten, mit der Sowjetunion
eine Übereinkunft über die Begrenzung von Atomwaffenversuchen zu erreichen, die die Sicherheit aller Staaten erhöhen könnte. Im Jahr 1963 ratifizierten beide Seiten den Vertrag zur Begrenzung von Atomwaffenversuchen (LTBT), der atomare Detonationen in der Atmosphäre, im Weltraum
und unter Wasser verbietet. Der LTBT verbietet außerdem die Freisetzung
nuklearer Partikel außerhalb der Grenzen des Staates, der eine Atomexplosion dirchführt. Im Jahr 1974 bzw. 1976 haben die Vereinigten Staaten
und di a Sowjetunion den Schwellenvertrag (TTBT) und den Vertrag über
Atomexplosionen für friedliche Zwecke (PNET) unterzeichnet. Diese Verträge verbieten unterirdische Atomexplosionen mit einem Detonationswert

- 2 -

�einen Detonationswert von mehr als 150 Kilotonnen. Keine Seite hat den
TTBT oder den PHET ratifiziert. Beide haben jedoch erklärt, daß sie das
150-Kt-Limit respektieren würden.

Probleme der überprüfbarkeit und sowjetische Vertragsverletzungen
Gegenwärtig bemühen die Vereinigten Staaten sich nicht um die Ratifizierung von TTBT und PNET, da es uns unmöglich ist, die Einhaltung der
150-Kt -Schwelle für unterirdische Atomexplosionen seitens der Sowjets
wirksam zu überprüfen. Die auf weite Entfernung angewandten seismischen
Techniken, auf die wir gegenwärtig zurückgreifen müssen, um sowjetische
Atomtests zu beobachten, erbringen Schätzungen des Detonationswerts, die
zu ungenau sind, um eine wirksame Kontrolle der Einhaltung sicherzustellen. \uch die im Vertrag enthaltenen Verifikationsbentimmungen sind
nicht geeignet, dieses Problem zu lösen. Der TTBT selbst sieht lediglich
einen Datenaustausch vor. Diese Daten wären für die Verifikation nur von
begrenztem Wert und können isoliert betrachtet in keinem Fall von der
amerikmischen Regierung bestätigt werden. Dies heißt, daß wir z. B.
außersande wären, festzustellen, ob die Sowjets uns Daten für alle geophysikalisch verschiedenen Testgebiete zur Verfügung stellen. Wenn die
Sowjet3 uns jedoch solches Wissen vorenthalten würden, dann könnten sie
Versucne mit hohen Detonationswerten jenseits von 150 Kt durchführen,
die, aas der Perspektive eines seismischen Beobachters außerhalb der Sowjetunion, noch innerhalb der 150-Kt-Begrenzung liegen würden.
Di 2 Verifikationsbestinmungen des PNET-Protokolls würden das Problem
der TT3T-Verifikation ebenfalls nicht lösen, da diese auf Waffenversuche
nicht anwendbar sind. Sie würden bindende Inspektionen vor Ort nur bei
Atomexplosionen für friedliche Zwecke zulassen - und dann nur unter sehr
begrenzten Umständen. Insbesondere sind Inspektionen vor Ort nur im Falle einar Gruppe von Explosionen bindend vorgeschrieben, deren gesamter
Detona:ionswert mehr als 150 Kt beträgt. Tatsache ist, daß seit 1976 die
Sowjets keine Serie von Atomexplosionen von der Größe durchgeführt haben,
die für solche Inspektionen notwendig wäre. Selbst wenn wir also diese
Verträge ratifizierten und ihre Verifikationsbestimmungen heute umsetzten, würden unsere Bedenken hinsichtlich der sowjetischen Einhaltung des
TTBT nicht ausgeräumt.
Im Lichte des von den Sowjets in der Vergangenheit gezeigten Verhaltens ld bezug auf die Nichteinhaltung bestehender Rüstungskontroll Vereinbarungen, einschließlich bestehender Begrenzungen von Atomversuchen, sind
diese Mängel in der Uberprüfbarkeit eine Angelegenheit größter Besorgnis
geworden. Wie im Bericht des amerikanischen Präsidenten an den Kongreß
über die "sowjetische Nichteinhaltung bestehender Rüstungskontrollabkommen" vom Dezember 1985 festgestellt wurde, haben die Versuchspraktiken
der Sowjetunion zur Freisetzung nuklearer Partikel geführt und radioaktive Substanzen in Gebiete außerhalb der Sov/jetunion abgegeben, was eine
Verletzung ihrer Verpflichtungen im Rahmen des LTBT darstellt. Der Bericht stellt fest, daß diese Abgabe nuklearer Partikel an die Außenwelt
in vielen Fällen stattgefunden hat. In seinem Bericht von 1984 resümierte der Präsident, "obwohl die vorhandenen Beweise in Anbetracht der Wi-

- 3 -

�Anbetracht der Widersprüche im sowjetischen Verhaltensmuster bei den
Atomtests und den Unsicherheiten bei der Uberprüfbarkeit widersprüchlich
sind und (obv/ohl) wir nicht in der Lage waren, zu einem definitiven
Schluß zu gelangen, weisen diese Beweise darauf hin, daß die sov/jetischen
atomaren Aktivitäten bei einer Reihe von Versuchen wahrscheinlich eine
Verletzung der rechtlichen Verpflichtungen im Rahmen des TTBT darstellen". In seinem Bericht von 1985 wiederholte der Präsident diese Besorgnis in3em er feststellte, "daß die sowjetischen Atomversuche bei einer
Reihe von Versuchen wahrscheinlich eine Verletzung der rechtlichen Verpflichtungen gemäß des Schwellenvertrages von 1974" darstellt.

Initiativen des amerikanischen Präsidenten
Präsident Reagan befürwortet seit langem einen Dialog mit der Sowjetunion, un die erforderlichen Verbesserungen bei den Uberwachungsmodalitäten zur effektiven Verifikation von TTBT und PNET zu erreichen, die als
erste Schritte notwendig sind, um Fortschritte bei der Begrenzung von
Atomtests zu erzielen. Die Vereinigten Staaten haben die folgenden Initiativen gestartet:
- Bei mehreren Gelegenheiten haben die Vereinigten Staaten im Jahr 1983
erfolglos versucht, die Sowjetunion zu Gesprächen über Verbesserungen
bei der Verifikation dieser Verträge zu bewegen.
- Im September 1984 schlug der Präsident in einer Rede vor den Vereinten Nationen vor, daß die Vereinigten Staaten und die Sowjetunion
nach Wegen suchen sollten, um sowjetischen Experten einen Besuch des
amerikanischen Atomversuchsgebiets zu ermöglichen und im Gegenzug unseren Experten zu erlauben, das sowjetische Testgebiet zu besuchen,
um die Detonationskraft von Kernwaffenversuchen direkt zu messen.
- Im Juli 1985 lud der Präsident sowjetische Experten zum Besuch des
amerikanischen Versuchsgeländes ein, um die Detonationskraft eines
amerikanischen Versuchs mit all den Instrumenten zu messen, die sie
zu diesen Zweck für erforderlich hielten. Es gab dabei keine Bedingungen oder Auflagen für einen Gegenbesuch. Der Präsident beabsichtigte, einen Prozeß der Vertrauensbildung und Zusammenarbeit im Hinblick auf die Begrenzung von Atomtests zwischen unseren Ländern einzuleiten.
In Dezember 1985 schlug der Präsident Generalsekretär Gorbatschow
vor, daß amerikanische und sowjetische Experten für Atomtestbegrenzung
sich im Februar in Genf treffen sollten, um unsere gegenseitigen Verifikationsansätze zu diskutieren und handfeste erste Schritte zur Lösung
dieses Problems anzusprechen.

Der Vorschlag des Präsidenten vom März 1986
In seiner jüngsten Initiative vom 14. Harz 1986 forderte der Präsident die Sowjetunion auf, bilaterale Gespräche zu eröffnen, um Wege für

- 4-

�um Wege für eine Übereinkunft über grundlegende Verbesserungen in der
Verifikation von TTBT und PNET ausfindig zu machen. Der Präsident übermittelte in diesem Zusammenhang eine technische Beschreibung der CORRTEXMethods an Generalsekretär Gorbatschow, die zur exakten Messung des Detonation swertes einer Atomexplosion dient (siehe Anhang 1 ) . Der Präsident
machte weiterhin den einseitigen Vorschlag, Sowjetischen Experten im
April 3en Besuch unseres Versuchsgeländes in Nevada zu gestatten, um Verifikaiionsmethoden zu diskutieren, das CORRTEX-System einer genaueren
Prüfung zu unterziehen und einen geplanten amerikanischen Atomtest zu beobachtin. Der Präsident erklärte, daß, falls die Vereinigten Staaten und
die Sowjetunion Einigung über die Benutzung eines wirksamen Verifikationss/stems unter Einbeziehung von CORRTEX erzielen könnten, die Vereinigten Staaten zu Schritten in Richtung auf die Ratifizierung von TTBT
und PNST bereit seien.
Der Vorschlag den Präsidenten bietet den Sowjets eine Möglichkeit zu
zeigen, daß sie es mit der Begrenzung von Atomtests ernst meinen und erkennen, daß die Einhaltung solcher Vereinbarungen unabdingbar ist. Die
Vereinigten Staaten müssen ihrem Maßstab bei der wirksamen Verifikation
im Hinolick auf den TTBT treu bleiben. Alles andere würde den amerikanischen Sicherheitsinteressen schaden, unsere Fähigkeit, wirksame Verifikation auf anderen Gebieten der Rüstungskontrolle zu verlangen, untergraben und die Ziele des TTBT unterlaufen.

Umfassendes Versuchsverbot
Ein Umfassendes Versuchsverbot (CTB) bleibt weiterhin das langfristige Ziel der Vereinigten Staaten. Solange die Vereinigten Staaten und unsere Freunde und Verbündeten sich zur Abschreckung einer Aggression auf
Atomwaffen verlassen müssen, wird jedoch ein gewisses Maß an Atomtests
erforderlich bleiben. Unserer Meinung nach muß ein solches Versuchsverbot in Zusammenhang mit einer Zeit gesehen v/erden, in der wir nicht mehr
von atomarer Abschreckung zur Sicherung internationaler Sicherheit und
Stabilität abhängig sein werden und in der wir breitangelegte, tiefe und
verifizierbare Rüstungsverminderungen, substantiell verbesserte Verifikationsfähigkeiten, erweiterte vertrauensbildende Maßnahmen und ein stärkeres Gleichgewicht bei den konventionellen Streitkräften erreicht haben
werden. Die Vereinigten Staaten ihrerseits verfolgen energisch Verhandlungen und Gespräche mit der Sowjetunion über konkrete Schritte auf all
diesen Gebieten. Wir haben unsere feste und weiterhin bestehende Ansicht
klargestellt, daß sowjetische Forderungen für ein sofortiges und nichtverifizierbares Atomversuchsmoratorium keine Basis für bedeutsame Fortschritte zu diesem Ziel darstellen.
Gleichzeitig haben die Vereinigten Staaten die internationale Diskussion über Probleme der Verifikation und Einhaltung von Verträgen in Verbindung mit der Begrenzung von Atomversuchen unterstützt.
In den vergangenen Jahren haben Diskussionen auf der Genfer Abrüstungskonferenz (CD) sowohl auf technischem Niveau in ad hoc-Gruppen wissenschaftlicher Experten stattgefunden als auch in der Arbeitsgruppe über

- 5 -

�Arbeitsgruppe über ein Versuchsverbot. Wir unterstützen auch weiterhin
die Einbeziehung von Fragen der Kompetenz, Verifizierung und Einhaltung,
die mit eeinem CTB in Zusammenhang stehen, in diesen beiden Gruppen der
CD.

ANHANG 1

Das CCRRTEX System zur Bestimmung der Sprengkraft
COUVTEX (Continuous Reflectometry for Radius versus Time Experiment)
ist eiie hydrodynamische Heßmethode zur Bestimmung des atomaren Detonationsw^rtes, die die Ausbreitung der unterirdischen Druckwelle einer Explosioi misst. Bei dieser Technik wird ein Koaxialkabel verwandt, das zu
der in einer Vertiefung aufgestellten Versuchsvorrichtung in einer parallel verlaufenden Mulde installiert werden kann. Von der gesamten Kabellänge werden genaue Messungen vorgenommen, indem der Rückfluß von
elektrischen Impulsen, die bis zum Ende des Kabel ausgesandt v/erden und
von dort zurückstrahlen, festgehalten wird. Wenn die atomare Anlage detoniert, läuft eine Druckwelle durch den Boden, drückt das Kabel zusammen
und verkürzt es. Das Ausmaß, in dem sich die Länge des Kabels verändert,
wird durch Messungen der sich verändernden Durchlaufzeit der Impulse aufgezeichnet. Diese Rate bezeichnet die Geschv/indigkeit, mit der sich der
Exploslonsdruck in der Erde fortsetzt, und diese wiederum verweist auf
das Ausmaß der Sprengkraft der Kernexplosion.
CXRRTEX hat sich als nur 15 Prozent weniger genau erwiesen als die
noch genaueren radiochemischen Meßmethoden zur Bestimmung des atomaren
Detonationswertes bei Versuchen zur Bestimmung der Sprengkraft von über
50 Kilotonnen und auch im durchschnittlichen geologischen Umfeld des amerikanischen Testgebietes in Nevada. Die mittels der CORRTEX-Methode gemessenen Sprengkraftwerte müßten im sowjetischen Test gebiet des ShaganFlusses bis auf 30 Prozent genaue Angaben liefern. Die Schätzungen der
Vereinigten Staaten basieren auf der Anwendung von CORRTEX in über 100
Tests mit dem Prüfkabel neben der aufgestellten Anlage und vier Tests mit
Kabeln in einer zweiten, entfernteren Mulde. Die Genauigkeit des Verfahrens ist möglicherweise relativ, aber nicht völlig unabhängig von geologischen Gegebenheiten, vorausgesetzt, die Messungen in der zweiten Mulde
werden in der Region des "starken Drucks" in der Nähe der Explosion der
atomarsn Anlage vorgenommen. Bei größeren Abständen v/erden die Eigenschaften des Bodens zu zunehmend wichtigeren Faktoren. Ein Abstand des
zweiten Erdlochs von 14 Metern (46 Fuß) gilt als angemessen für einen
Test von etwa 105 Kilotonnen.
Die elektronische Schaltanlage zur Steuerung der Zündsignale ist ein
batteriegetriebenes Gerät von der Größe eines Koffers, das ferngesteuert
werden kann. Alle zusätzlichen Teile für Strom, Aufnahme und Datenreduktion können in einem kleinen Anhänger untergebracht werden.

ANHANG 2

�ANHANG 2

Brief Präsident Reagans an den Vorsitzenden der Republikanischen Partei
im Senat, Senator Dole, vom 7. März 1986
Anfang des Jahres 1986 beriet der Kongreß über eine gemeinsame Resolution "Zur Einstellung von Atomversuchen". Der Präsident äußerte seine
Vorbehalte hinsichtlich dieser Resolution in einem Drief vom 7. März 1986
an den Mehrheitsführer im Senat, Robert Dole. Der Präsident wies auf die
Bestimnungen der Resolution hin und bemerkte: "Sie würden die von mir
vorgeschlagenen Initiativen daran hindern, Fortschritt bei Fragen der Begrenzung atomarer Tests zu erzielen und Aussichten auf eine ganze Reihe
von Rüstungskontrollbemühungen behindern, einschließlich der Erreichung
eins einschneidenden, stabilisierenden und verifizierbaren Rüstungsabbaus". Nachfolgend finden Sie den vollen Wortlaut dieses Briefes.

THE WHITE HOÜSE
WASHINGTON
7. März 198

Lieber Bob,
Wi 2 Sie v/issen, hat das Repräsentantenhaus am 26. Februar die gemeinsame Resolution 3 verabschiedet "Zur Einstellung von Atomversuchen", die
jetzt 3em Senat der Vereinigten Staaten vorliegt. Die Resolution fordert
die sofortige Ratifizierung sowohl des Schwellenvertrages (TTBT) als auch
des Vertrages über die Durchführung von Atomexplosionen für friedliche
Zwecke (PNET), jedoch ohne die notwendigen Verbesserungen bei der Verifizierung. Sie fordert ferner die Wiederaufnahme von Verhandlungen mit der
Sowjetunion über einen Vertrag über ein umfassendes Testverbot (CTB),
trotz 3er Tatsache, daß die Regierung der Vereinigten Staaten ihre ernsthaften Vorbehalte deutlich gemacht hat, solch einen Schritt zu den gegenwärtigen Bedingungen zu unternehmen.
Jeüe Beschränkung atomarer Tests muß mit unseren Sicherheitsinteressen im Einklang stehen und wirkungsvoll zu verifizieren sein. Aufgrund
der fortgesetzten Bedrohung, der wir uns jetzt und in absehbarer Zukunft
gegenübersehen, muß die Sicherheit der Vereinigten Staaten und die ihrer
Freund2 und Verbündeten auf eine glaubwürdige und wirkungsvolle nukleare
Abschreckung bauen. Eine begrenzte Anzahl von Versuchen stellt sicher,
daß unsere Waffen sicher, wirkungsvoll, verläßlich und überlebensfähig
sind und sichert ferner unsere Fähigkeit, auf die fortgesetzte nukleare
Aufrüstung der Sowjetunion zu antworten. Solche unterirdisch ausgeführten Versuche sind nach den bestehenden Abkommen über Beschränkungen von
atomaren Tests zulässig, dem TTBT, PNET und auch dem Vertrag zur Begrenzung von Atomversuchen (LTBT) - wobei die Vereinigten Staaten all diese
Verträge uneingeschränkt einhalten.
Ein CBT bleibt ein

�Ein CBT bleibt ein langfristiges Ziel der Vereinigten Staaten. Er
muß jedoch im Zusammenhang damit gesehen v/erden, einen weitreichenden,
einschneidenden und verifizierbaren Abbau nuklearer Waffen wie auch erheblich verbesserte Fähigkeiten zur Verifizierung sowie ein größeres
Gleichgewicht bei den konventionellen Streitkräften zu erzielen - und das
zu einer Zeit, wenn eine nukleare Abschreckung nicht mehr solch einen wesentlichen Bestandteil der internationalen Sicherheit und Stabilität bildet wie im Augenblick.
Ein wichtiger Schritt auf dieses Ziel hin bedeutet zunächst, einen
beiderseitigen und verifizierbaren Rüstungsabbau bei den laufenden Genfer
Verhandlungen über Nuklear- und Weltraumwaffen zu verfolgen. Wir bemühen
uns gleichzeitig um die sowjetische Zustimmung zu verbesserten Verifizierungsmaßnahmon für TTBT und PNET und besprechen Probleme der Verifizierbarkeit für einen CTB bei der Genfer Abrüstungskonferenz. Unsere Befürchtungen werden aber durch die Art und Weise der sowjetischen Nichteinhaltung von Rüstungskontrollverpflichtungen - einschließlich der bestehenden Abkommen zur Begrenzung nuklearer Tests - noch geschürt.
Zu unseren Bemühungen, wesentliche Verbesserungen bei der Verifizierbarkeit zu erlangen, gehören drei Versuche im Jahr 1983, um die Sowjets
wieder zu Diskussionen zu bewegen. 1984 habe ich einen Austausch sowjetischer und amerikanischer Experten vorgeschlagen, um die Sprengkraft bei
Atomversuchen jeweils direkt auf dem Testgelände der Gegenseite zu messen. Mitte 1985 habe ich ohne jegliche Vorbedingungen sowjetische Experten eingeladen, solch einen Test auf dem Versuchsgelände in Nevada mitzuverfolgen und dabei alle gewünschten Heßinstrumente mitzubringen. Im Dezember 1985 habe ich Generalsekretär Gorbatschow vorgeschlagen, daß amerikanische und sowjetische Experten für Fragen der Begrenzung nuklearer
Tests im Februar 1986 zusammentreffen sollten, um unsere jeweiligen Verifizierungsmethoden zu diskutieren und erste greifbare Schritte zur Lösung
dieses Problems zu besprechen.
Bedauerlicherweise hat die Sowjetunion bis jetzt weder auf die ernsthafte Besorgnis der Vereinigten Staaten in diesem Bereich reagiert, noch
auf irgendeine andere unserer Initiativen geantwortet oder diese Sorgen
in einer konstruktiven Art und Weise behandelt.
Die mit der gemeinsamen Resolution 3 des Repräsentantenhauses geforderten Maßnahmen dienen nicht den Interessen der Vereinigten Staaten, unseren Freunden und Verbündeten. Sie würden die Initiativen behindern,
die ich vorgeschlagen habe, um einen Fortschritt bei den Problemen der
Begrenzung von Atomversuchen zu erzielen und die Aussicht auf eine ganze
Reihe von Rüstungskontrollbemühungen behindern, zu denen die Erreichung
eines einschneidenden, stabilisierenden und verifizierbaren Rüstungsabbaus zählen.
Hochachtungsvoll,
Ron.

ANHANG 3

�ANHANG 3

Lektionen des Moratoriums von 1958-61
Di'3 Vereinigten Staaten glauben nicht, daß ein Testmoratorium ein
wohlüberlegter, wirkungsvoller oder konstruktiver Schritt auf dem Weg zu
unseren Ziel einer sicheren Welt ist. Ein Blick zurück auf das Testmoratorium von 1958-61 ze;igt, v/arum die Vereinigten Staaten der Ansicht sind,
daß Moratorien niemals ein annehmbarer Ersatz für verhandelte, beiderseitige uid wirkungsvolle verifizierbare Rüstungskontrollabkommen sein können.
Es gab Ende der fünfziger Jahre drei einseitige, freiwillige Appelle,
die Versuche auszusetzen: die Vereinigten Staaten und Großbritannien
handel:en 1958, gefolgt von der Sowjetunion 1959 (obwohl die Sowjets im
November 1958 mit den Tests ausgesetzt hatten). Diese Unterbrechungen
kamen le facto einem Moratorium gleich. Es gab jedoch kein gemeinsames
formelles Abkommen. Daher stellt sich, wenn man das de facto bestehende
Moratorium der Vereinigten Staaten, Großbritanniens und der Sowjetunion
in Betracht zieht, die Frage: wer hat als erster die Tests wiederaufgenommen ? Das Urteil der Geschichte ist klar: es war die Sowjetunion.
Nachfolgend drucken wir eine Chronologie der wichtigsten Erklärungen
und Ma3nahmen, die mit dem Moratorium von 1958-61 in Zusammenahnag stehen.

1958
31. März. Die Sowjetunion setzt von sich aus nach Abschluß einer
größeren Test reihe mit Versuchen aus, jedoch unmittelbar vor Aufnahme
einer angekündigten Testreihe der Vereinigten Staaten. Die Vereinigten Staaten und Großbritannien v/eisen den sowjetischen Appell zurück,
mit den Tests auszusetzen, aber Präsident Eisenhower schlägt ein Zusammentreffen technischer Fachleute vor, die die praktische Probleme
diskutieren sollen, die die internationale Kontrolle eines gemeinsamen Abrüstungsprogramms betreffen.
1. Juli. Ein Austausch von Briefen zwischen Eisenhower und
Chruschtschow leitet die Einberufung einer Expertenkonferenz in Genf
ein, die die Probleme der Verifizierbarkeit eines Testverbots überprüfen soll.
21. August. Die Expertenkonferenz stellt fest, daß es technisch
machbar ist, ein funktionsfähiges und wirksames System zu erstellen,
das die vorhandenen Möglichkeiten nutzt, um die Einhaltung eines
weltweiten Verzichts auf Atomversuche zu kontrollieren.
22. August. Auf der Grundlage dieses Expertenberichtes schlägt
Eisenhower trilaterale Verhandlungen über ein verifizierbares Versuchsverbot vor. Er bringt zudem die Bereitschaft zum Ausdruck, die
Versuche ab dem 31. Oktober 1958, dem Datum der Eröffnung der Genfer

- 9 -

�Eröffnung der Genfer Konferenz über die Einstellung von Atomwaffenversuchen für ein Jahr einzustellen (wobei eine Fortschreibung möglich sein soll). Großbritannien schließt sich dem an.
23. September.
suchsserie.

Großbritannien beendet die im Mai 1958 begonnene Ver-

30. September.

Die Sowjetunion beginnt wieder mit Versuchen.

30. Oktober. Wie im August zugesagt, stellen die Vereinigten Staaten
ihre Versuche ein. Die Genfer Konferenz über die Einstellung von
Atomwaffenvecsuchen tritt am darauffolgenden Tag zusammen.
3. November.

Die Sowjetunion stellt ihre Versuche ein.

7. November. Eisenhower erklärt, daß die Vereinigten Staaten angesichts der SDWJetischen Versuche noch nach der Eröffnung der Genfer
Konferenz sich nicht mehr an ihre Verpflichtungen gebunden fühlen.
Er fügt hinzu, daß die Vereinigten Staaten dennoch keine weiteren
Versuche unternehmen v/erden und er hoffe, die Sowjetunion werde
Gleiches tun.

1959
5. Januar. Die Vereinigten Staaten werfen die Verifizierungsfrage
erneut auf. Dies geschieht aufgrund der Erkenntnis amerikanischer
Spezialisten, wonach die früheren Aussagen der Genfer Experten hinsichtlich der Verifizierbarkeit unterirdischer Versuche zu optimistisch waren. Die Sowjets weigern sich, die neuen amerikanischen Daten
einer Prüfung zu unterziehen.
26.August. Eisenhower verlängert das amerikanische Moratorium bis
zun Jahresende. Zwei Tage später verpflichten sich die Sowjets dazu,
"keine neuen Atomversuche zu unternehmen,...solange die Westmächte
keine neuen Versuche mit Atom- oder Wasserstoffbomben unternehmen.
Nur bei Wiederaufnahme von Atomwaffenversuchen v/estlicherseits wird
sich die Sowjetunion als von ihrer Verpflichtung entbunden betrachten." Man sollte darauf hinweisen, daß sich angesichts der sowjetischen Betonung des Wortes "Wiederaufnahme" der Ausdruck "Westmächte"
nur auf die Vereinigten Staaten und Großbritannien beziehen kann die einzigen Westmächte, die zu dieser Zeit Versuche unternahmen.
29. Dezember. Eisenhower verweist auf die unnachgiebige Haltung der
sowjetischen Experten in Genf, die sich weigern, über die Unzulänglichkeiten bei seismischen Kontrollen unterirdischer Atomexplosionen
zu sprechen. Er kündigt an, daß "das freiwillige Versuchsmoratorium
am 31. Dezember auslaufen wird. Obgleich wir uns als frei ansehen,
wieder Atomversuche aufzunehmen, werden wir keine Atomwaffenversuche
unternehmen, ohne nicht vorher unsere Absicht einer solchen Wiederaufnahme bekanntzugeben. In der Zeit der freiwilligen Einstellung
von Atomwaffenversuchen v/erden die Vereinigten Staaten auch weiterhin

- 10 -

�au=h weiterhin ihr aktives Programm der Waffenerforschung, -entWicklung und -versuche im Laborrahmen fortsetzen."
30. Dezember. Chruschtschow erklärt, daß die Sowjetunion solange
keine neuen Versuche unternehmen wird, wie dies auch die "Westmächte"
ni:ht tun.

1960
13. Februar. Frankreich, das schon im März 1957 seine Absicht bekanntgegeben hatte, eine Atommacht zu werden, führt seinen ersten
Versuch durch.
1. April.

Frankreich unternimmt einen zv/eiten Versuch.

27. Dezember. Frankreich unternimmt einen dritten Versuch.

1961
25. April.

Frankreich führt einen vierten Versuch durch.

15 Mai. Di3 Sowjetunion erklärt, die Sowjetunion sehe sich zu neuen
Versuchen gezwungen, "falls Frankreich fortfährt", Versuche durchzuführen.
30. August. Obgleich Frankreich inzwischen keinen weiteren Versuch
durchgeführt hat, kündigt die Sowjetunion an, sie werde ihre Versuche
wi »deraufnehmen - im Gegensatz zu ihren Erklärungen vom 28. August
19 39 und vom 15. Mai 1961.
31 August. Chruschtschow teilt einer Gruppe britischer Parlamentsabieordneter, die sich zu einem Besuch in der Sowjetunion aufhalten,
er habe beschlossen, die Versuche mit einer Bombe von bislang ungekaanter Stärke wiederaufzunehmen, um die Westmächte in DeutschlandVerhandlungen zu seinen Bedingungen hineinzutreiben und um sie dazu
zu bringen, seine Forderung zu akzeptieren, wonach die Genfer Verhandlungen über ein Versuchsverbot mit jenen über allgemeine und
vollständige Abrüstung verbunden werden sollten.
1. September.
fort.

Die Sowjetunion setzt ihre Versuche in der Atmosphäre

5. September. Präsident Kennedy erteilt Erlaubnis zu unterirdischen
Versuchen, die am 15. September beginnen.
4. November. Die Sowjetunion beendet ihre Testserie von über 40 Versuchen - einschließlich der bislang stärksten Explosion, die es je
gegeben hat.
7. November.

�7. November. Sieben Monate nach der sowjetischen Warnung vor weiteren Versuchen, führt Frankreich einen fünften Atomversuch durch.
Dia vorstehende Chronologie zeigt deutlich, daß die Sowjetunion ihre
eigene Zusage wie auch das Moratorium gebrochen hat, das damals noch immer voi den Vereinigten Staaten und von Großbritannien eingehalten wurde.
Zudem widerlegt Chruschtschows ungeschminkte Erklärung vom August 1961
sowie 3er Umfang der darauf folgenden Versuchsserie das Argument, wonach
die französischen Versuche oder Eisenhov/ers Erklärung vom Dezember 1959
auf irgendeine Weise den sowjetischen Bruch des Moratoriums "gerechtfertigt" hätten. Vielmehr waren die sowjetischen Beispiele von Vertragsuntreue 30 eindeutig, daß Kennedy die Erfahrungen in einer Rede an das amerikanische Volk im März 1962 folgendermaßen zusammenfaßte:
"Während die Vereinigten Staaten und Großbritannien in Genf in gutem
Glauben verhandelten, brach die Sowjetunion am 1. September vergangenen
Jahres gleichgültig ihr Moratorium mit einer zv/eimonatigen Serie von über
40 Atonversucher. Die Vorbereitungen für diese Versuche wurden insgeheim
über viele Monate hinweg getroffen. Von neuen Drohungen und neuen Terrortaktiken begleitet, stellten diese Versuche - zumeist in der Atmosphäre durchgeführt - eine gewaltige sowjetische Anstrengung dar, die
Atomwaffen wieder in das Wettrüsten einzubeziehen...
Manche mögen uns darauf drängen, es (ein Moratorium) noch einmal zu
versuchen und dabei unsere Versuchsvorbereitungen stets in Bereitschaft
zu halten. In der Praxis, vor allem in einer Gesellschaft, die immer
wieder Alternativen offenhält, können wir es erstklassigen Wissenschaftlern nicht zumuten, sich auf die Vorbereitungen eines Experimentes zu
konzentrieren, das zu einem ungewissen Zeitpunkt in der Zukunft stattfindet oder eben auch nicht. Umfangreiche technische Laboratorien können
auch nicht abv/artend einsatzbereit gehalten v/erden, bis ein anderer Staat
ein Abkommen bricht. Dies ist nicht nur schwierig oder umständlich - wir
haben diese Alternative genau durchdacht -, sondern es ist einfach undurchführbar."

Die Erklärung des Präsidenten vom 14. März 1986
Ich möchte heute eine Erklärung abgeben hinsichtlich der Frage einer
Begrenzung von Atomversuchen - einem wichtigen Rüstungskontrollbereich,
der Thema einer gesonderten Korrespondenz war, die ich kürzlich mit dem
sowjetischen Generalsekretär Gorbatschow, mit den Führungen von sechs
Staaten, als Neu-Delhi-Gruppe bekannt, sowie dem Vorsitzenden der Mehrheitsfraktion des Senats, Senator Dole, hatte.
Ich habe heute Generalsekretär Gorbatschow einen neuen, sehr spezifischen und weitreichenden Vorschlag bezüglich einer Begrenzung von Atomversuchen unterbreitet - einen Vorschlag, der sofort verwirklicht werden
könnte. In dieser neuen Initiative drängte ich die Sov/jetunion, sich uns
ohne Verzögerungen zu bilateralen Gesprächen anzuschließen, um Wege zu
finden, wie ein Abkommen über entscheidende Verbesserungen bei der Verifizierbarkeit dos Schwellenvertrags (TTBT) und des Vertrags über Atomex-

- 12 -

�über Atomexplosionen für friedliche Zwecke (PNET) zu erreichen seien.
Im Bereich der Atomversuche - wie bei der Rüstungskontrolle insgesamt
- ist eine wirksame Verifikation ein zentrales Element. Es ist auch seit
langem eines der Probleme, die am schwierigsten zu lösen sind. Wir sind
ernsthaft besorgt über die Art und Weise, wie die Sowjetunion in der Vergangenheit ihre Versuche betrieben hat - aber auch über Unsicherheiten
bei der gegenwärtigen Art der Verifikation, und haben herausgefunden, daß
eine Reihe Sowjetischer Versuche wahrscheinlich Verletzungen der Verpflichtungen darstellen, wie sie gemäß des Schwellenvertrags von 1974
eingegangen wurden. Die ünangemessenheit des Überwachungssystems, das in
diesem Abkommen vorgesehen ist, wird auch durch die Fragen der Sowjetunion hinsichtlich der Sprengkraft bestimmter amerikanischer Versuche unterstrichen, wobei tatsächlich alle unter der 150-Kilotonnen-Schwelle angesiedelt waren.
Die Vereinigten Staaten sehen im Bereich der Atomversuche die höchste
Priorität darin, Wege zu finden, um eine wirksame Verifikation von TTBT
und PNET sicherzustellen. Ich habe in dieser Hinsicht der Sowjetunion
bereits mehrere konkrete Vorschläge unterbreitet. Heine neue Initiative
ist ein weiterer Versuch, die notwendige Grundlage für Vertrauen und Zusammenarbeit zwischen unseren Staaten hinsichtlich solcher Begrenzungen
zu schaffen.
Als Him/els auf unsere Entschlossenheit bezüglich eines greifbaren
Fortschrittes habe ich in meinem neuen Vorschlag Herrn Gorbatschow konkrete neue technische Methoden - als CORRTEX bekannt - genannt, von denen
wir überzeugt sind, daß sie sowohl die Vereinigten Staaten als auch die
Sov/jetunion in die Lage versetzen werden, die Verifizierung zu verbessern
und die Einhaltung dieser beiden Verträge sicherzustellen. Es handelt
sich hierbei um eine hydrodynamische Druckmeßtechnik, die die Ausbreitung
der unterirdischen Druckwelle nach einer Kernexplosion mißt. Ich habe
Herrn Gorbatschow eine technische Beschreibung von CORRTEX zukommen lassen, die dazu dienen soll, ihm zu zeigen, wie diese Methode die Verifikationsverfahren verbessern wird.
Um es der Sowjetunion zu ermöglichen, das CORRTEX-System eingehender
zu analysieren, habe ich des weiteren Herrn Gorbatschow vorgeschlagen,
seine Wissenschaftler in der dritten Aprilwoche 1986 auf unser Versuchsgelände nach Uevada zu schicken. Dabei könnten sie auch einen geplanten
amerikanischen Atomwaffenversuch überwachen. Ich hoffe, daß dies unseren
Experten die Möglichkeit geben würde, über Verifikationsraethoden zu diskutieren und auf diese V/eise den Weg zu ebnen, um die ernsten Besorgnisse
zu beseitigen, die in diesem Bereich entstanden sind.
Mit diesem Angebot wies ich Generalsekretär Gorbatschow auch darauf
hin, daß - sollten wir ein Abkommen hinsichtlich der Verwendung eines
wirksamen Verfikationssystems erreichen, das eine Möglichkeit zur Verifizierung des TTBT enthält - ich auch bereit wäre, auf eine Ratifizierung
sowohl des TTBT als auch des PNET zuzugehen.
Was einzigartig an

- 13 -

�Was einzigartig an dieser neuen Initiative ist, ist ihr präziser und
konkre:er Charakter v.ie auch die detaillierte neue technische Information, U e wir der Sowjetunion in dem Versuch zur Verfügung gestellt haben, diese Unsicherheiten der Verifikation aus der Welt zu schaffen. Es
ist wichtig, daß sich die Sowjetunion uns jetzt bei diesem ersten praktische! Schritt zur Verbesserung des Vertrauens anschließt, das beide
Seiten hinsichtlich der Einhaltung des Vertrages bezüglich der 150-Kilotonnen-Schwelle bei unterirdischen Versuchen haben müssen. Sollte es dazu komnen, so sind wir davon überzeugt, daß wir die Aussichten auf eine
Verifiserbarkeit anderer Rüstungskontrollabkommen auch über verbesserte
Verificationssysteme verbessert haben.

* * * * *

�^£°s7&lt;

VON

AMERIKA DIENST
Hintergrundmaterial

&amp;

25

13. August 1986

MOSKAU MOSS VERPFLICHTUNGEN DER SCHLUSSAKTE VON HELSINKI EINHALTEN
- Von Botschafter Warren Zimmermann -

Botschafter Zimmermann ist Vorsitzender
der amerikanischen Delegation beim Wiener
Folgetreffen der Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa, das am
4. November 1986 beginnen wird.

WASHINGTON - (AD) - Es ist jetzt elf Jahre her, daß 35 Länder in
Helsinki ein Dokument unterzeichnet haben, das einer friedensvertraglichen Regelung nach dem Zweiten Weltkrieg so nahe kommt, wie das überhaupt jemals der Fall sein kann - die Schlußakte der Konferenz über
Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa.
Die Schlußakte von Helsinki führte zur Bildung des einzigen Forums,
in dem alle bedeutenden Ost-West-Probleme von allen europäischen Staaten
sowie den USA und Kanada diskutiert werden können. In der Politik unserer europäischen Verbündeten wird sie weiterhin eine wichtige Kraft darstellen. Und sie bleibt außerdem eine Art von Magna Charta für jene mu-

United States Information Service
Embassy of the United States of America

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.: 0228-339 2035
Telex: 8-85432

�jene mutigen Menschen, die in der Sowjetunion und Osteuropa für die Verwirklichung ihrer Menschenrechte kämpfen.
Als Präsident Gerald Ford, Generalsekretär Leonid I. Breschnew und
die Staats- und Regierungschefs von 33 weiteren Ländern sich im von dem
großen finnischen Architekten Alvar Aalto entworfenen Finlandia-Haus versammelten, stellten sie die wichtigste Versammlung von Staatsmännern seit
dem Wiener Kongreß dar, die zu paneuropäischen Themen zusammentrat. Wie
in Wien, hatten sie unterschiedliche Motive für ihre Anwesenheit und die
sechs Sprachen, in denen die Schlußakte abgefaßt war, sind ein Zeugnis
für die Verschiedenheit der Motive und für die Bestrebungen derer, die
sie unterschrieben.
i

Die Sowjetunion ihrerseits zielte auf einen Friedensvertrag ab, der
ihre Nachkriegsgrenzen und die ihrer osteuropäischen Satellitenstaaten
zementieren würde. Obwohl jedoch das Dokument von Helsinki die "Unverletzlichkeit der Grenzen" anerkannte, enthielt es außerdem aber eine
wichtige und oft übersehene Bestimmung, der zufolge Grenzen "durch friedliche Mittel und einvernehmlich" verändert werden können - zum Beispiel
im Fall einer Übereinkunft zur Wiedervereinigung Deutschlands.
Der Sowjetunion gelang es außerdem nicht, den von ihr gewünschten
Friedensvertrag in Helsinki abzuschließen; das Dokument wurde seltsamerweise die "Schlußakte" genannt, um es von einem juristischen Instrument
zu unterscheiden und um zu betonen, daß sie zwar politisch bindend, nicht
jedoch rechtskräftig war. Zusätzlich wollten die Russen ihre vagen und
propagandistischen Sicherheitsvorschläge in das Dokument einbeziehen, die
seit der Sra Chruschtschow noch nie eine hilfreiche Rolle in der europäischen Debatte gespielt haben. Wiederum war ihr Erfolg minimal: in
einem 58seitigen Dokument, das sich hauptsachlioch auf Menschenrechte und
menschliche Kontakte, Wirtschaftsbeziehungen und andere derartige Probleme bezieht, nehmen die Sicherheitselemente der Schlußakte lediglich fünf
Seiten ein.
Die osteuropäischen Verbündeten der Sowjetunion hatten jedoch eine
Tagesordnung, die sich von der Moskaus gründlich unterschied. Sie betrachteten und betrachten Helsinki als eine Gelegenheit, ihre 3indungen
zum Westen unter dem Schutzmantel eines von der Sowjetunion mitunterzeichneten Dokuments zu vermehren. Seither hat es eine dramatische Zunahme der privaten wie offiziellen Beziehungen zwischen Ost- und Westeuropa gegeben. Die wahre Verwirklichung dieses Bestrebens bleibt traurigerweise jedoch nicht mehr als eine Möglichkeit. Trotzdem bildet die
Schlußakte - unter Betonung der Tatsache, daß jeder teilnehmende Staat
souverän ist und mit ihren vielfältigen Anreizen für die Ost-West-Beziehungen - weiterhin einen einzigartigen Rahmen für den Tag, an dem die politischen Verhältnisse eine Heilung der Teilung Europas zulassen werden.
Für die Vereinigten Staaten und die anderen Mitglieder des nordatlantischen Bündnisses bedeutete Helsinki eine Möglichkeit, die Sowjetunion und ihre Verbündeten auf rigorose Menschenrechtskriterien festzulegen. Im Rückblick ist die Schlußakte dadurch außergewöhnlich, daß sie
Verpflichtungen auf individuelle Freiheiten enthält, die zu akzeptieren
- 2-

,

&gt;

�zu akzeptieren die Sowjetunion gedrängt werden konnte, über die Jahre
hinweg sind die Sicherheitsaspekte von Helsinki durch eine ebenso starke
Berücksichtigung der menschlichen Dimension ausgeglichen worden - der Gedanken-, Gewissens- und Religionsfreiheit; dem Zugang zu Informationen;
und der Familienzusammenführung. In der Überzeugung, daß ein Land, das
seine eigenen Bürger bedroht, auch für diejenigen, die jenseits seiner
Grenzen leben, eine inhärente Bedrohung darstellt, besteht der Westen
weiterhin auf diesem lebenswichtigen Gleichgewicht.
Die Gipfelkonferenz von Helsinki hat nicht nur ein Dokument, sondern
auch einen Prozeß zustande gebracht. Erstens entwickelten sich in der
Sowjetunion, der Tschechoslowakei und anderen Ländern spontane Uberwachungsgruppen mit dem Ziel, ihre Regierungen im Hinblick auf die eingegangenen Verpflichtungen beim Wort zu nehmen. Die sowjetische Gruppe
wurde von Jurij F. Orlow gegründet; weitere Gründungsmitglieder waren
Anatolij Schtscharanskij und Jelena Bonner, die Frau von Andrej Sacharow.
Zweitens wurde die Unterzeichnung des Dokuments von Helsinki von zwei
größeren Uberprüfungskonferenzen in 3elgrad und Madrid gefolgt, bei denen
das Verhalten der Sowjets in bezug auf die Menschenrechte einer intensiven und von großem publizistischem Interesse begleiteten Prüfung unterzogen wurde. Ein drittes Folgetreffen wird diesen Herbst in Wien beginnen.
Zusätzlich hat zwischen den Folgekonferenzen eine große Anzahl von
"Expertentreffen" stattgefunden: zu den Menschenrechten in Ottawa, über
kulturelle Zusammenarbeit in Budapest, in Bern über menschliche Kontakte
und in Stockholm über die Reduzierung der Gefahr eines überraschungsangr iffs.
Die Menschenrechtspraxis der Sowjetunion ist abgrundtief von Helsinki
entfernt. Herr Orlow, Herr Schtscharanskij und Frau Bonner sind für ihre
Vertretung der Schlußakte mit langen Gefängnisstrafen oder innerer Verbannung bestraft worden. Viele andere, weniger bekannte Verfechter der
Menschenrechte, wurden auf ähnliche Weise bestraft.
Diese Menschenrechtsverletzungen durch die Sowjetunion haben einige
Beobachter des Helsinki-Prozesses zu der Argumentation veranlaßt, die
Vereinigten Staaten sollten sich ganz davon zurückziehen. Dieses Argument ist falsch. Es ist gleichbedeutend mit der Abschaffung des Strafgesetzbuches, weil es Leute gibt, die die Gesetze brechen. Obwohl der
Helsinki-Prozeß die sowjetischen Übergriffe gegen individuelle Freiheiten
nicht korrigiert hat, hat die Sowjetunion durch den starken Rückgang ihrer Popularität und Glaubwürdigkeit in Europa einen Preis bezahlt. Der
Zeitraum des Madrider Treffens - 1980 bis 1983 - ging einher mit einem
dramatischen Rückgang der prosowjetischen Linken in Frankreich, der Entscheidung der Bundesrepublik Deutschland zur Stationierung neuer Mittelstreckenraketen auf deutschem Boden und einer dauerhaften Unterstützung
für Regierungen in Italien und Großbritannien, die eine starke Bindung an
die Vereinigten Staaten im Sicherheitsbereich befürworteten.
Der Helsinki-Prozeß
- 3-

�Der Helsinki-Prozeß muß und wird fortdauern. Im Rahmen der Wiener
Folgekonferenz wird die Delegation der Vereinigten Staaten auf der Einhaltung von Verpflichtungen bestehen und ein rigoroses Resümee über gemachte und eingehaltene Versprechungen ziehen. Präsident Ford hat in
Helsinki erklärt: "Bloße Erklärungen des guten Willens, vergängliche
Wandlungen der politischen Stimmung von Regierungen, lobenswerte Prinzipienerklärungen sind nicht genug." Die Sowjetunion muß sich heute
darüber klarwerden. Ihre Unnachgiebigkeit hat sich nicht bezahlt gemacht. Ihre neue Führung sollte erkennen, daß es in ihrem eigenen Interesse liegt, den von ihrer Regierung am 1. August 1975 freiwillig eingegangenen Verpflichtungen nachzukommen.

- 4-

�</text>
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Dokumentation

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37

13. September

Inhalt
HINTERGRUND
Genfer Abrüstungskonferenz beendete konstruktive Sitzungsperiode
Von unserem Sonderkorrespondenten Michael Omara
Hanoi stellt sich taub
- Alle Kriegsgefangenen-Appelle verhallen Von unserem Sonderkorrespondenten

WIRTSCHAFT
USA wollen internationale Währungsreform an der Wurzel anpacken
Von Eugene Brake
USA wollen Exportkontrollen weiter abbauen
Von unserem Wirtschaftskorrespondenten

WISSENSCHAFT -UND TECHNIK
Größter Teilchen-Beschleuniger der Welt betriebsbereit
NAL-Anlage in Batavia (Illinois) soll 500 GeV leisten
Giftstoffe in der Natur
Ökologische Untersuchungen zu Nitraten und Quecksilber
Test signalisiert Gefahr von Gehirnblutung

Um Übersendung von Belegexemplaren wird gebeten.

1972

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GENFER ABRÜSTUNGSKONFERENZ BEENDETE KONSTRUKTIVE SITZUNGSPERIODE
Von unserem Sonderkorrespondenten Michael Omara

GENF - (AD) - Die Genfer Abrüstungskonferenz hat auf ihrer diesjährigen
Sitzungsperiode zwar keine neuen Verträge unter Dach und Fach gebracht, aber
die konstruktive Arbeit dieser Sitzungsperiode läßt Hoffnung auf weitere,
künftige AbrüstungsVereinbarungen.
Der amerikanische Delegierte, Botschafter Joseph Martin, zeigte sich
befriedigt über die Fortschritte auf dem Wege zum Verbot chemischer Waffen,
räumte jedoch ein, daß das zweite große Ziel - ein Verbot der unterirdischen
Nuklearversuche - auch weiterhin Schwierigkeiten bereite. Allerdings, so
meinte er, sei es keineswegs unmöglich, hier zu einem Abkommen zu gelangen.
Auch der sowjetische Chefdelegierte, Alexeij A. Roschtschin, erklärte,
während der diesjährigen Sitzungsperiode habe "eine gründliche und nützliche
Erörterung entscheidend wichtiger Abrüstungsprobleme" stattgefunden.

Ein Verbot chemischer Waffen setzt die Klärung einer ganzen Reihe
schwieriger Fragen voraus. Vor allem muß festgelegt werden, was verboten
werden soll. Zahlreiche Chemikalien, deren Verwendung in der Industrie
absolut legitim und nützlich sind,könnten auch für militärische Zwecke
benutzt werden. Weiter muß geklärt werden, wie ein Verbot ohne ungerechtfertigte Einmischung in die inneren Angelegenheiten eines Landes überwacht
werden kann.
Die
- 1 -

�Die Vereinigten Staaten haben am 21. März ein Arbeitsprogramm vorgelegt,
in dem die vielen technischen und wissenschaftlichen Probleme angesprochen
werden, die es zu lösen gilt, ehe die Konferenz zu einem Abkommen über die
Begrenzung chemischer Waffen gelangen könnte. Am 20. Juni haben die USA dann
fünf detaillierte technische Ausarbeitungen unterbreitet, die als Unterlage
für eine sorgfältige Analyse gedacht waren. Ähnliche Schriftstücke wurden
auch von Großbritannien, Schweden, Italien, Japan, Jugoslawien, den Niederlanden und Kanada vorgelegt. Und schließlich reichte auch Finnland, obwohl
nicht Konferenzteilnehmer, ein Arbeitspapier ein.
Am 5. und 6. Juli prüften Experten aus neun Ländern - darunter die USA
und die UdSSR - die technischen Aspekte. Am 8. August schlug Großbritannien
einen Vertrag über das Verbot chemischer Waffen in zwei Stufen vor. In der
ersten Phase sollten die Arsenale an chemischen Waffen vernichtet und die
Produktion, eingefroren werden. In der.zweiten Phase sollte dann die Produktionskapazität beseitigt werden. Der sowjetische Chefdelegierte übte am 5. September
Kritik an diesem Vorschlag, da dabei die Länder ohne Arsenale und Produktionskapazität im Nachteil wären. Botschafter Martin erklärte am 7. September,
die amerikanische Regierung prüfe den britischen Vorschlag.
Was das zweite Problem, das Verbot unterirdischer Kernwaffenversuche,
angeht, so besteht nach wie vor die amerikanisch-sowjetische Meinungsverschiedenheit bezüglich der Verifizierungsmethoden. Nach sowjetischer Auffassung genügen heute nationale Ortungs- und Identifizierungsmethoden, um
eine Einhaltung eines Verbots zu gewährleisten. Die Vereinigten Staaten hingegen räumen zwar ein, daß große technische Fortschritte bei der Verifizierung
mit nationalen Mitteln gemacht worden seien, daß jedoch in bestimmten Fällen
nur eine Inspektion an Ort und Stelle eindeutig klären könne, ob es sich um
eine Nuklearexplosion oder um ein natürliches Beben gehandelt hat.
Botschafter Martin wies am 24. August darauf hin, daß selbst bei der
heutigen modernen seismographischen Technik in manchen Fällen ein Zweifel an
der Ursache eines Bebens bleibe und nur die Möglichkeit einer Inspektion
an Ort und Stelle die Gewähr für die Einhaltung eines Verbotes geben könne.
Die
- 2 -

�I
Die Konferenz hat sich darüber hinaus auch noch in eigener Sache beschäftigt: mit der Frage nämlich, ob sie sich neu organisieren und erweitern
solle. Diese Frage war auf der ersten Sitzung am 29. Februar von Mexiko angeschnitten worden.
Hier geht es im wesentlichen um die Beteiligung Frankreichs - das seinen
ihm reservierten Sitz nie eingenommen hat - und der Volksrepublik China.
Nach Auffassung Mexikos und anderer ist die Voraussetzung für eine Beteiligung
der einzigen beiden Nuklearmächte, die in Genf nicht mit dabei sind, die Ablösung des bisherigen Systems des Ko-Vorsitzes der USA und der UdSSR.
Andere Delegationen, an der Spitze die kanadische, warnten jedoch vor
einer Änderung des bewährten Systems, ehe nicht definitive Zusagen vorliegen,
daß Frankreich und China auch wirklich an den Konferenztisch kommen wollen.
Die Konferenz hat natürlich auch ihren Jahresbericht ausgearbeitet, mit
dem sich jetzt die Vollversammlung der Vereinten Nationen befassen wird. Dazu
gehören auch ein sowjetischer Vorschlag für eine Weltabrüstungskonferenz und
eine Würdigung der amerikanisch-sowjetischen Gespräche über eine Begrenzung
der Strategischen Rüstungen (SALT), die von vielen Delegierten in Genf als
ein Meilenstein auf dem Wege zur Abrüstung bezeichnet wurden.
Was die Weltabrüstungskonferenz angeht, so wird sie von den Vereinigten
Staaten zum richtigen Zeitpunkt als durchaus nützlich angesehen,- sie könnte
nach amerikanischer Auffassung jedoch zum heutigen Zeitpunkt leicht zu einem
Forum der Propaganda und der Polemik werden - im Gegensatz zu den ernsthaften
Verhandlungen in Genf.
UN-Generalsekretär Waldheim hat zu Beginn der diesjährigen Sitzungsperiode der Genfer Abrüstungskonferenz bescheinigt, daß sie sich "als das
wirksamste und produktivste Organ für multilaterale Rüstungskontrollverhandlungen erwiesen hat, über die die internationale Gemeinschaft verfügt."

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HANOI STELLT SICH TAUB
- Alle Kriegsgefangenen-Appelle verhallen Von unserem Sonderkorrespondenten

WASHINGTON - (AD) - Drei Missionare - zwei davon Frauen - waren die
ersten Amerikaner, die von den vietnamesischen Kommunisten während des Krieges
in Südostasien gefangengenommen wurden. Es war am 30. Mai 1962. Seither haben
weder die amerikanische Regierung noch die Familienangehörigen dieser Gefangenen
je ein Wort über ihr Schicksal oder ihren Aufenthaltsort gehört.
Nach der Argumentation des Gegners sind die Missionare als Zivilpersonen
anzusehen, auf die sich das internationale Recht, das Militärpersonen schützt,
nicht erstreckt, so erklärt Frank Sieverts, der Experte des amerikanischen
Außenministeriums für Kriegsgefangenenfragen. Diese drei Amerikaner wurden indessen vor nunmehr bereits mehr als zehn Jahren gefangengenommen und die Liste
derer, die seither dem Gegner in die Hände fielen, ist immer größer geworden.
Ihre Not zeigt den klaren Verstoß Nordvietnams gegen die Bestimmungen der
Genfer Konvention über die Behandlung der Kriegsgefangenen.
Bis zum 26. August verzeichnete das amerikanische Verteidigungsministerium
eine Zahl von 1123 amerikanischen Militär- und Zivilpersonen, die im Indochinakrieg als vermißt gemeldet wurden und 539 in Gefangenschaft geratene Amerik.uu •
insgesamt also 1662 Mann.
Die Freilassung der amerikanischen Kriegsgefangenen ist eines der grundsätzlichen Ziele der amerikanischen Außenpolitik, und man hat in Washington

- 1 -

-

�Washington immer wieder betont, daß die Vereinigten Staaten diese Kriegsgefangenen niemals im Stich lassen würden, um eine politische Lösung des Konflikts erreichen zu können.
Präsident Nixon hat dies vielfach in aller Klarheit ausgesprochen, so
zuletzt am 29. August dieses Jahres. Der Präsident versicherte mit aller Entschiedenheit, daß es solange eine amerikanische Freiwilligen-Streitmacht in
Südvietnam geben werde, "als es noch einen einzigen amerikanischen Kriegsgefangenen in Nordvietnam oder einen Vermißten gibt, über dessen Schicksal nichts
bekannt ist."
Der Präsident unterstrich dabei erneut, daß man Hanoi den "totalen Abzug"
der amerikanischen Streitkräfte aus Südvietnam innerhalb von vier Monaten anbiete - unter der Voraussetzung, daß es zu einer Waffenruhe in Indochina unter
internationaler Überwachung komme und die amerikanischen Kriegsgefangenen freigelassen würden sowie eine Aufklärung über das Schicksal der im Einsatz Vermißten erfolge. Diese Bedingungen waren von Präsident Nixon zum erstenmal in
einer Rede am 8. Mai gestellt worden.
Der amerikanische Präsident verwies außerdem darauf, daß die Vereinigten
Staaten alles Erforderliche tun würden, um zu verhindern, daß "dem südvietnamesischen Volk gegen seinen Willen eine kommunistische Regierung aufgezwungen
wird."
Die gegen die Gebote der Menschlichkeit verstoßende Behandlung der Kriegsgefangenen durch die vietnamesischen Kommunisten hat nicht nur in den Vereinigten
Staaten, sondern in der ganzen freien Welt Proteste hervorgerufen. Die Vereinigten
Staaten haben immer wieder die energischsten Anstrengungen gemacht, um die Freilassung der Kriegsgefangenen zu erreichen. Hanoi aber hat alle auf diesen Zweck
gerichteten Vorschläge konstant abgelehnt.
Wie der amerikanische Außenminister Rogers in seiner Erklärung vom 22.
März hervorhob, sind bisher noch in keinem Krieg, den die Vereinigten Staaten
in ihrer Geschichte geführt haben, amerikanische Soldaten so lange vom Gegner
in Gefangenschaft gehalten worden
Über
- 2-

�Über 130 Staaten, darunter auch Nordvietnam, haben die Genfer Konvention
über die Behandlung von Kriegsgefangenen vom Jahre 1957 unterzeichnet. Nordvietnam argumentiert nun, daß alle amerikanischen Kriegsgefangenen "Kriegsverbrecher" seien und daher keinen Anspruch auf den Status eines Kriegsgefangenen
erheben könnten. Für eine solche Behauptung gibt es im Völkerrecht keine Grundlage - Angehörige der bewaffneten Streitkräfte der Vereinigten Staaten, die
Uniform tragen, haben ohne jeden Zweifel Anspruch auf den Status eines Kriegsgefangenen, wenn sie dem Gegner in die Hände fallen.
Washington betrachtet das Kriegsgefangenenproblem als eine rein humanitäre
Frage. Die Kriegsgefangenen können und dürfen niemals das Objekt eines Kuhhandels werden. Bei den Verhandlungen in Paris wird die Kriegsgefangenenfrage
zwar immer wieder aufgeworfen, aber es wäre nach amerikanischer Auffassung
eine Travestie, wollte man das Schicksal der Gefangenen für politische oder
militärische Ziele einsetzen.
Hanoi erklärt, es werde keinen amerikanischen Gefangenen freilassen, ehe
nicht eine endgültige militärische und politische Beilegung des Krieges erfolgt ist. Die Machthaber in Hanoi räumen ganz offen ein, daß sie die amerikanischen Gefangenen als Faustpfand betrachten - und das ist eine klare Verletzung der Genfer Konvention. Ebenso ist es eine Verletzung dieser Konvention
und jeder humanitären Norm, daß Nordvietnam keine Aufklärung über Gefangene
oder Vermißte gibt. Zu leiden darunter haben die unschuldigen Angehörigen.
Ebenso hat Hanoi auch jeden humanitären Vorstoß Südvi-etnams für den Austausch von verwundeten und kranken Kriegsgefangenen abgelehnt - ja sogar die
einseitige Freilassung von verwundeten Nordvietnamesen einfach nicht zur Kenntnis genommen. Dabei steht in Briefen an diese Gefangenen zu lesen, wie besorgt
man um das Schicksal dieser "heldenhaften" Soldaten sei - man weint ganz offensichtlich Krokodilstränen.
Diese Dinge wurden am 31. August von dem amerikanischen Chefdelegierten
in Paris, Botschafter William Porter,ganz klar ausgesprochen, und er hat Hanoi
sicherlich nicht zu Unrecht der Heuchelei beschuldigt. Auch Porter erinnerte
daran, daß die Vereinigten Staaten niemals vollständig abziehen würden, ehe

- 3-

�ehe nicht die Kriegsgefangenen frei sind.
Im Laufe der Jahre haben die Vereinigten Staaten und Südvietnam eine ganze
Reihe von Vorschlägen für einen Gefangenaustausch gemacht, aber diese verhallten ebenso ungehört wie alle internationalen Appelle. Im Oktober 1970 hatte
Präsident Nixon bereits die Freilassung aller Kriegsgefangenen auf beiden
Seiten vorgeschlagen. Im Dezember folgte Südvietnam mit dem Angebot der Freilassung aller 8500 nordvietnamesischen Gefangenen
alliierten

gegen die Freilassung der

Kriegsgefangenen in nordvietnamesischer Hand,

Im Januar 1971 schlug Südvietnam den Austausch aller verwundeten und
kranken Kriegsgefangenen vor. Im Frühjahr 1971 ging Hanoi schließlich auf
die Freilassung von 570 kranken und verwundeten Nordvietnamesen ein - lehnte
jedoch das Angebot Saigons dann ab, als sich herausstellte, daß nur 13 der
Männer nach Nordvietnam zurückkehren wollten.
Die Mißachtung der Genfer Konvention durch Nordvietnam hat nicht nur in
den Vereinigten Staaten, sondern auch in der ganzen zivilisierten Welt tiefe
Besorgnis ausgelöst. Die Internationale Konferenz des Roten Kreuzes im Jahre
1969 forderte den vollsten Schutz der Gefangenen im Sinne der Konvention und
im Jahre 1971 brachte die Vollversammlung der Vereinten Nationen ihre Besorgnis über das Schicksal der Kriegsgefangenen zum Ausdruck. Zahlreiche Länder
haben sich als neutrale Gewahrsamsmacht angeboten.
Hanoi hat auf all diese Appelle nicht reagiert. Es hat die Genfer Konvention verletzt, indem es keine neutrale Inspektion der Gefangenenlager zuließ; indem es die Namen von Gefangenen nicht sofort mitteilte - und wenn nur unvollständige Angaben machte, indem es keinen regelmäßigen und garantierten
Postverkehr mit den Angehörigen zuließ, indem es die Gefangenen unzulänglich
ernährt, indem es Gefangene jahrelang in Einzelhaft hielt und noch hält.
Hanoi stellt sich taub.

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USA WOLLEN INTERNATIONALE WÄHRUNGSREFORM AN DER WURZEL ANPACKEN
Von Eugene Brake

WASHINGTON - (AD) - Die Vereinigten Staaten hoffen, daß der am 6. September
veröffentlichte Bericht des Internationalen Währungsfonds (IWF) über "die Reform des Internationalen Währungssystems" dazu beitragen wird, die Aufmerksamkeit auf die eigentlichen politischen Fragen zu lenken, die gelöst werden
müssen, wenn eine solche Reform durchgeführt und zum Abschluß gebracht werden
soll.
Nach Ansicht maßgebender amerikanischer Regierungskreise haben die früheren,
vom IWF ausgearbeiteten Entwürfe sich zu sehr mit technischen Fragen befaßt und
den grundlegenden politischen Entscheidungen,die von den einzelnen Regierungen
getroffen werden müssan, zu wenig Aufmerkdamkeit geschenkt. Ein wichtiges Ziel
der USA in den Beratungen des IWF-Direktoriums war es daher, sicherzustellen,
daß der endgültige Entwurf der Studie die politischen Auswirkungen der technischen Alternatiworschläge für die folgenden Erörterungen klar aufzeigt.
Der aus den Beratungen der Exekutivdirektoren hervorgegangene, wesentlich
modifizierte Entwurf ist nicht als endgültige Arbeitsgrundlage für die Reform,
sondern lediglich als ein Versuch zu werten, die Regierungen und die Öffentlichkeit mit den Fragen vertraut zu machen, um die es hier geht.
Eine der wichtigsten Fragen, denen sich die Regierungen gegenübersehen,
ist, wie restriktiv oder flexibel die neuen internationalen Verhaltensregeln
sein sollen und wie sie auf internationaler Ebene durchgesetzt werden können.
-

I

-

�können. Diese Fragen müssen, wie von amerikanischer Seite betont wird, gelöst
sein, bevor die Vereinigten Staaten eine Entscheidung darüber treffen können,
welchem internationalen Währungssystem sie letztlich den Vorzug geben werden.
Wenn die neuen Verhaltensregeln für alle gleich und fair angewandt werden,
wenn sie von allen Ländern akzeptiert worden sind und wenn sie in allen Ländern
durchgesetzt werden können, dann könnten die Vereinigten Staaten sich auch bereit finden, ein System zu akzeptieren, das die Handlungsfreiheit der einzelnen
Regierungen stark einschränkt. Wenn jedoch die Möglichkeit offen bleibt, daß
einzelne Regierungen von den angestrebten Verhaltensregeln abweichen können,
dann würden die Vereinigten Staaten wahrscheinlich ein weniger starres System
bevorzugen.
Der neue IWF-Bericht bestätigt, daß sich zwischen den großen Handelsnationen ein Konsensus hinsichtlich einiger wichtiger Prinzipien für eine Reform
des internationalen Währungssystems herausgebildet hat. Aber hinsichtlich der
Verwirklichung dieser Prinzipien bestehen noch schwerwiegende Meinungsverschiedenheiten und Zweifel.
Es besteht allgemein

Übereinstimmung, daß das neue internationale Währungs-

system symmetrischer sein muß als das alte System von Bretton Woods, an dessen
Stelle es treten soll. Dies bedeutet unter anderem, daß der US-Dollar in stärkerem
Maße die gleiche Behandlung erfahren muß wie die Währungen anderer Länder.
Die meisten Länder müssen, sobald ihre Ausgaben im Ausland ihre Einnahmen
dort übersteigen, das hieraus resultierende Defizit durch Transfer von Reserven seien es Gold, Devisen oder IWF-Sonderziehungsrechte - an andere Regierungen
finanzieren, oder sie müssen sich Devisen beim IWF leihen oder anderweitige internationale Kreditvereinbarungen treffen.
Unter dem alten System konnten die Vereinigten Staaten - da der US-Dollar
von den anderen Ländern in hohem Maße als Reservewährung benutzt wurde - ihre
Zahlungsbilanzdefizite gelegentlich über eine Erhöhung der von den ausländischen
Zentralbanken gehaltenen Dollarbestände finanzieren. Um dieser Asymmetrie ein
Ende zu bereiten,hat der IWF-Bericht die Einführung eines Währungsreserven-

- 2-

�Währungsreserven-Ausgleichsystems (Asset Settlement System), also eine neue
Form der Konvertierbarkeit, vorgeschlagen. Bei einem derartigen System würde
jedes amerikanische Zahlungsbilanzdefizit umgehend - zum Ausgleich - zu einem
Abfluß von Währungsreserven aus den Vereinigten Staaten führen. Gleichzeitig
würde ein neuer Mechanismus geschaffen, der sicherstellt, daß amerikanische
Zahlungsbilanzüberschüsse nicht lediglich - zum Ausgleich -, zu einem Abbau also Rückfluß - von Dollarbeständen des Auslandes führen, sondern den Vereinigten Staaten zusätzliche Reserveguthaben - wie zum Beispiel Sonderziehungsrechte - bringen würden.
Ein solches System des Ausgleichs über die Währungsreserven würde die Vereinigten Staaten sehr schenll dazu zwingen, ein Zahlungsbilanzdefizit direkt
zu bereinigen. Die meisten anderen Länder hingegen hätten, sob ald sie einem
solchen Druck ausgesetzt sind, den Ausweg, den Wechselkurs ihrer Währungen
gegenüber anderen Währungen zu ändern, um so ihr Defizit zu korrigieren. Unter
dem bis zum 15. August letzten Jahres praktizierten Währungssystem (also bevor
Präsident Nixon die Konvertierbarkeit des US-Dollar in Gold aussetzte) hatten
die Vereinigten Staaten praktisch keine Möglichkeit, den Wechselkurs ihrer
eigenen Währung wirksam zu steuern. Der internationale Kurswert des US-Dollar
wurde ausschließlich durch die Wechselkurspolitik der anderen Länder bestimmt,
die den Kurswert ihrer Währungen an dem Dollar orientierten.
Ein "Asset Settlement System", also ein System des Ausgleichs über die
Währungsreserven, das den Vereinigten Staaten nicht erlauben würde, zur Korrektur von Zahlungsbilanzdefiziten ebenfalls den Wechselkurs des US-Dollar zu
ändern, würde unter gewissen Umständen die USA zu einer ungeeigneten Binnenwirtschaftspolitik zwingen, die zu Depression und hoher Arbeitslosigkeit führen
könnte.
Daß die Vereinigten Staaten ebenfalls ein gewisses Maß an Kontrolle über
den Wechselkurs des US-Dollar haben sollten und müßten, ist ein zweiter wichtiger Aspekt der Frage der Symmetrie, über die prinzipielle Übereinstimmung
zu bestehen scheint. Wie in dem Bericht hervorgehoben wird, würde eine wirkliche Symmetrie voraussetzen, daß die Vereinigten Staaten nicht nur das Recht
haben müßten, von sich aus Kurswertänderungen vorzunehmen, sondern daß er-

- 3-

�erforderliche Anpassungen der Dollarparität auch nicht durch defensive Anpassungen des Kurswertes anderer Währungen wieder aufgehoben werden dürften.
Nach amerikanischer Auffassung steht ein solches System für einen Ausgleich
der Zahlungsbilanzen in engem Zusammenhang mit der Frage der Wechselkursanpassungen sowie anderen Problemen. Die Vereinigten Staaten wären möglicherweise
durchaus bereit, ein starres System des Zahlungsbilanzausgleiches über die
Währungsreserven zu akzeptieren, wenn auch auf anderen Gebieten des Währungssystems die Einhaltung fester Regeln ausreichend gewährleistet ist. Dazu gehören feste Vereinbarungen über Anpassungsmaßnamen, die Garantie, daß Länder
mit dauernden Zahlungsbilanzüberschüssen ebenso Anpassungen vornehmen müssen
wie Defizitländer, sowie Mittel und Wege, um die Einhaltung der neuen Regeln
im Notfall erzwingen zu können.
Von amerikanischer Seite wird bezweifelt, ob alle anderen Länder bereit
wären, sich einem solchen Gesamtrahmen von festen Regeln zu unterwerfen, wie
sie ein starres "Asset Settlement System" voraussetzt. Bei den Gesprächen der
Exekutivdirektoren haben die Vereinigten Staaten darauf bestanden, daß diese
und andere Fragen geklärt sein müssen, bevor man iavon ausgehen kann, daß ein
solches System für einen Ausgleich der Zahlungsbilanzen wirklich der beste
Weg ist.
Da all diese Fragen in einem so engen Zusammenhang miteinander stehen,
ist es für die Vereinigten Staaten, wie von amerikanischer Seite unterstrichen
wird, unmöglich, zu irgend einem Aspekt der Reform des internationalen Währungssystems - zum Beispiel den Vorschlägen " ir einen Ausgleich über die Währungsreserven - eindeutig Stellung zu nehmen, so lange sie nicht auch die anderen
Aspekte des neuen Währungssystems kennen.
Und bevor ein solches ineinandergreifendes System von Reformmaßnahmen
akzeptiert werden kann, werden die einzelnen Regierungen einige sehr wichtige
und grundlegende politische Entscheidungen treffen müssen. Sowohl in den Vereinigten Staaten wie auch in den anderen Ländern sind noch längst nicht alle
diese grundlegenden Entscheidungen getroffen worden.
Die

- 4-

�Die Vereinigten Staaten, so betont man in Washington, wollen eine
richtige Reform, und wenn sichergestellt ist, daß sie richtig ist, dann
wollen sie sie auch rasch.

+ + + +

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USA WOLLEN EXPORTKONTROLLEN WEITER ABBAUEN
Von unserem Wirtschaftskorrespondenten

WASHINGTON - (AD) - Die amerikanische Regierung will - mit Billigung und
auf ausdrückliches Verlangen Des Kongresses - ihr Programm zum Abbau der Exportkontrollen für Ausfuhren nach den kommunistischen Ländern weiter beschleunigen.
Bei :er Verlängerung des "Export Administration Act von 1969" hatte der
amerikanische Kongreß im August dieses Jahres einen raschen Abbau aller einseitigen Exportkontrollen gefordert. Ausgenommen sollten nur solche Kontrollen
sein, die aus Gründen der nationalen Sicherheit für notwendig erachtet werden.
Gleichzeitig hatte der Kongreß die Regierung aufgefordert, innerhalb von neun
Monaten einen Bericht darüber vorzulegen, in wie weit die in den USA bestehenden
Exportkontroi:en sich von denen anderer freier Länder unterscheiden. Seitens der
Regierung, die selbst die Verlängerung dieses Gesetzes beantragt hatte, war bei
diesem Anlaß erneut betont worden, daß alles für einen raschen Abbau der Kontrollen für den Warenexport nach der Sowjetunion, der Volksrepublik China und
den übrigen kommunistischen Ländern getan werden wird.
Das Gesetz kennt drei große

^reiche von Exportkontrollen: Erstens, aus

nationalen Sicherheitsgründen verhängte Exportkontrollen, zweitens, aus anderen
außenpolitischen Erwägungen verfügte Exportkontrollen und drittens, Exportkontrollen zur Vermeidung von Warenverknappungen auf dem Binnenmarkt.
Gera !e
- 1 -

�Gerade auf dem ersten, dem nationalen Sicherheitsbereich, sind die Exportkontrollen ständig liberalisiert worden. Zahlreiche dieser Kontrollen waren in
Übereinstimmung mit den NATO-Verbündeten und Japan verhängt worden. Darüber
hinaus gab es eine von den USA aufgestellte Liste von Exportgütern,deren Ausfuhr einer Kontrolle unterliegt. Diese Liste wird laufend überprüft und ist
ständig verkleinert worden. Wie große Fortschritte hierbei gemacht worden sind,
zeigt allein schon die Tatsache, daß die USA 1971 nach der Sowjetunion Waren
im Werte von rund 160 Millionen Dollar - über die Hälfte davon aufgrund von
Sonderlizenzen - exportiert haben, während in diesem Jahr bereits Sonderlizenzen für die Ausfuhren nach der Sowjetunion von Exportgütern mit einem Warenwert
von 1270 Millionen Dollar ausgestellt worden sind. Allerdings muß hierzu bemerkt werden, daß die tatsächlich realisierten Ausfuhren bei weitem nicht diese
Höhe erreichen, da häufig mehrere, sich um den gleichen Auftrag bemühende
Firmen im Voraus eine Lizenz zuerteilt erhalten. Doch dürfte diese Zahl bereits
eindeutig erkennen lassen, in welchem Maße die Ausfuhr nach der Sowjetunion
liberalisiert worden ist. Unabhängig von den erteilten Sonderlizenzen werden
außerdem zahlreiche Güter aufgrund einer allgemeinen Lizenz exportiert, die
nicht mehr als strategisch wichtig erachtet werden und für deren Ausfuhr daher
keine Sonderlizenz mehr erforderlich ist. Dagegen werden nur relativ wenig
Lizenzanträge aus Sicherheitsgründen abgelehnt; im letzten Jahr belief sich ihr
Wert auf noch nicht sechs Prozent der Gesamtexporte, wobei es sich meist um
Waren handelte, die auch für militärische Zwecke verwandt werden

können. Aus-

schlaggebend für eine Lizenzerteilung - auch wenn es sich um strategisch wichtige
Güter handelt - ist, ob vergleichbare Erzeugnisse anderer westlicher Länder verfügbar und ob diese Güter für eine friedliche Verwendung bestimmt sind.
Der Kongreß ist jedoch um eine noch weitergehende Liberalisierung der Kontrollisten bemüht und hat daher das Handelsministerium beauftragt, innerhalb von
neun Monaten weitere Liberalisierungsvorschläge zu unterbreiten. Bei der Entscheidung darüber, welche Kontrollen künftig entfallen können, soll ein Beirat
der Industrie das Handelsministerium beratend unterstützen. Das Handelsministerium, das für die Durchführung der Kontrollen verantwortlich zeichnet, hat bereits angekündigt, daß es an diese Aufgabe "positiv" herangehen werde, und der
Leiter des Amtes für Exportkontrollen hat betont, daß das Ministerium die Aus-

-

I

-

�Ausweitung des Handels zu fördern und die Beschränkungen auf ein Minimum zu
reduzieren trachte. Das Handelsministerium stimme mit der Wirtschaft darin
überein, daß die Lizensierungsbestimmungen weiter liberalisiert werden sollten.
So sind denn auch die Firmen der Raumfahrtindustrie,der elektronischen und
der

caamischen Industrie aufgefordert worden, dem Handelsministerium Vor-

schläge zu unterbreiten, welche Waren aus der Kontrolliste

genommen werden

könnten. Den Erfolg dieser ständigen Bemühungen des Handelsministeriums zeigt
die Tatsache, daß die Zahl der Anträge auf eine Ausnahmegenehmigung, die vor
drei Jahren noch fast 600 pro Tag betrug, heute bereits auf die Hälfte zurückgegangen ist.
Im vorigen Jahre hat Präsident Nixon das Exportembargo für Ausfuhren nach
der Volksrepublik China aufgehoben. Damit gelten jetzt für Ausfuhren dorthin
die gleichen Lizensierungsbestimmungen wie

für Exporte nach der Sowjetunion

und den meisten osteuropäischen Ländern. Dagegen bleibt das Exportembargo
für Ausfuhren nach Kuba, Nordkorea und Nordvietnam weiterhin bestehen. Doch
auch hier hat es verschiedentlich Ausnahmen gegeben. So wurden ein medizinisches
Labor sowie Ausrüstungen zur Bekämpfung der Luftverschmutzung für die Ausfuhr
nach Kuba freigegeben.
Bei dem zweiten Bereich von Exportkontrollen handelt es sich um solche,
die aus außenpolitischen und nicht aus Sicherheitserwägungen verfügt worden
sind. So halten sich die Vereinigten Staaten zum Beispiel an die Resolutionen
des Weltsicherheitsrates über ein Embargo für Warenexporte nach Rhodesien und
für die Ausfuhr militärischer Güter nach Südafrika. Weiter wird von Seiten der
amerikanischen Regierung die Ausfuhr militärischer Güter nach den Ländern des
Nahen Ostens sowie den portugiesischen Besitzungen in Afrika überwacht und
kontrolliert. Aufgrund des Atomsperrvertrages unterliegt ferner die Weitergabe
solcher Güter und technologischen Kenntnisse an andere Länder einer strikten
Kontrolle, die dort für die Entwicklung oder Erprobung nuklearer Waffen verwandt
werden könnten.
In

- 3-

�In den dritten Bereich von Exportkontrollen, um Verknappungen auf dem
amerikanischen Binnenmarkt zu vermeiden, fallen nur wenige Waren. So war in
der Vergangenheit unter anderem die Ausfuhr von Kupfer- und Nickelerzeugnissen
gewissen Beschränkungen unterworfen. Das gleiche galt auch für die Ausfuhr von
Rinderhäuten, doch haben jetzt beide Häuser des Kongresses einem Einspruch der
Viehzüchter stattgegeben, so daß Häute in dem n ?uen Verlängerungsgesetz aus
den Exportkontrollen genommen wurden.

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\T3^ÖSSTER TEILCHEN-BESCHLEUNIGER DER WELT BETRIEBSBEREIT
l/AL-Anlage in Batavia (Illinois) soll 500 GeV leisten

- (AD) - Die technischen Schwierigkeiten, die den Beginn der wissenschaftlichen Arbeit am größten amerikanischen Teilchenbeschleuniger fast ein Jahr
lang verzögerten, sind überwunden. "National Accelerator

Laboratory" (NAL -

Nationales Beschleunigerlaboratorium) heißt die riesige neue Anlage der USAtomenergie-Kommission in Batavia, in der Nähe von Chicago im Bundesstaat
Illinois. Für ihren Betrieb ist ein Universitäten-Konsortium verantwortlich.
Es setzt sich aus den Vertretern 51 amerikanischer Hochschulen und einer kanadischen Hochschule zusammen. Zu dem ca. 1000 Personen umfassenden Mitarbeiterstab des Laboratoriums, das Dr. Robert Wilson leitet, zählen viele bekannte
Hoch nergiephysiker. Auch Spezialisten aus anderen Ländern - so aus Westeuropa,
Australien, Israel, Indien und Japan - stehen lie Institute offen, wenn Experimente unter Höchstenergiebedingungen durchzuführen sind.
Die Beschleunigungsleistung der "Maschine" ist auf 500 Milliarden Elektronenvolt (GeV) berechnet, 300 GeV wurden im Juli 1972 erstmals erreicht. Im Vergleich dazu leistet der bisher stärkste amerikanische Protonenbeschleuniger von
Brookhaven bei New York 33 GeV, der stärkste Beschleuniger in der Sowjetunion
76 GeV. im Prinzip geschieht in Batavia dasselbe wie an anderen großen Maschinen
auch: Protonen (Kerne von Wasserstoffatomen, denen das Elektron entzogen ist),
werden in Magnetfeldern, die 1000 Zwanzig-Tonnen-Magnete erzeugen, auf eine Geschwindigkeit gebracht, die fast der des Lichts entspricht. Zu einem Strahl gebündelt richtet mannu.: die Protonen auf ein "Target", d.h. eine Zielsubstanz, in

-

1 -

�in der viele Atome durch den Aufprall der Protonengeschosse zertrümmert werden.
Diese Wirkungen am Target - die Zertrümmerungsvorgänge, die dabei entstehenden Materieteilchen, die freiwerdenden Energien, die Wechselwirkungen von Materie
und Energie sowie von Materieteilchen - genau zu analysieren ist die Aufgabe der
experimentellen kernphysikalischen Forschung. Nicht alle tatsächlich auftretenden
Reaktionen oder Reaktionsketten sind zu beobachten. Auf viele kann nur indirekt
an Hand von Indizien und Berechnungen geschlossen werden. Die Resultate aber
geben Hinweise auf die Struktur der Atomkerne und auf die in ihnen gebundenen
Kräfte.
Vom NAL hoffen die Physiker unvergleichlich bessere Hinweise als von Experimenten mit Maschinen geringerer Leistung insofern zu bekommen, als hier die
Möglichkeit besteht, den Atomkern nach seiner Feinstruktur auszuloten. Denn
ungeachtet der mehr als 100 subatomaren Teilchen, die bis jetzt als Kernpartikel
identifiziert wurden, gibt es viele Lücken und Fragen in bezug auf die Struktur
der Materie und ihre Grundeinheiten.
Die Bauarbeiten für das Beschleunigerlaboratorium in Batavia begannen im
Jahr 1968. Der ursprünglich dafür bereitgestellte Betrag von 350 Millionen
• lar wurde in der Folgezeit vom US-Kongreß um 100 Millionen Dollar gekürzt.
Dies veranlagte Dr. Wilson, eine Anzahl von Änderungen an der gesamten Auslegung
des Projekts vorzunehmen, um dennoch Wege zu finden, die gestreckten Ziele für
die Wissenschaft zu erreichen. Auf einen 2750 Hektar großen Areal wurden insgesamt drei Beschleunigungsanlagen errichtet - ein als Linearbeschleuniger ausgelegter "Injector" zum Einschießen der Protonen, ein Zwischenbeschleuniger
und der Hauptbeschleuniger. Ihre höchsten Energien erreichen die Protonen auf
der ringförmig angelegten Rennbahn, wo sie durch starke Magnetfelder immer
größere Geschwindigkeiten bekommen und gleichzeitig auf Kurs gehalten werden.
Die Ringanlage allein hat 1,6 km Durchmesser.

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37/1972

GIFTSTOFFE IN DER NATUR
Ökologische Untersuchungen zu Nitraten und Quecksilber

- (AD) - Im Rahmen eines Forschungsauftrags, für den die "National
Science Foundation" (amerikanische Nationalstiftung für die Wissenschaft)
1,2 Millionen Dollar bereitstellte, untersucht eine Gruppe von Wissenschaftlern der Universität Kalifornien (Riverside) die ökologischen Auswirkungen von Stickstoffdünger auf Oberflächen- und Grundwasser im Bereich
künstlich bewässerter Kulturen. Stickstoff, wichtiger Pflanzennährstoff und
praktisch unentbehrlich für die Steigerung der Ernteerträge, kann bei übermäßiger Dosierung zu hohen Nitratkonzentrationen in Bächen und Flußläufen,
Teichen und Seen und selbst in unterirdischen Wasserspeichern führen. Die
Studie, an der 20 Wissenschaftler verschiedener Fachrichtungen beteiligt
sind und die ca. sechs Jahre dauert, wird von Dr. Parker F. Pratt, dem
Direktor des Departments für Bodenforschung und Agrartechnik der kalifornischen
Staatsuniversität in

Riverside

geleitet.

Testareal sind die künstlich bewässerten Gebiete Kaliforniens. Die Ergebnisse werden jedoch für alle 17 West- und Südstaaten der USA von großer
Bedeutung sein. Dort befinden sich landwirtschaftliche Flächen in der Ausdehnung von 17,2 Millionen Hektar unter künstlicher Bewässerung. Sie machen
10 Prozent der Anbauflächen in den Vereinigten Staaten aus; auf die betreffende
Bundesstaaten entfällt ein Viertel der gesamten landwirtschaftlichn Produktion
der USA.
Es

�Es gibt kaum brauchbare Alternativen für die Verwendung von Kunstdänger
auf Stickstoffbasis. Andererseits birgt seine Anwendung jedoch gesundheitliche Gefahren, wenn bestimmte Maximalmengen überschritten werden. Dr. Pratt
verweist insbesondere auf das Risiko des Auftretens einer Blutkrankheit,
der Methämoglobinämie. Dabei kommt es zu einer besonderen Form der Oxydation
des roten Blutfarbstoffs, des Hämoglobins. Es entsteht Hämiglobin, das den
Sauerstoff nicht mehr locker bindet, sondern fest an den Eisenbestandteil
gebunden hält. Unter solchen Bedingungen kann an das Gewebe kein Sauerstoff
abgegeben werden - dies führt zum Erstickungstod. Besonders gefährdet scheinen
Säuglinge im Alter bis zu vier Monaten zu sein, die Flaschennahrung bekommen.
Der Öffentliche Gesundheitsdienst der USA hat angesichts solcher Gefahren bereits seit längerer Zeit die Höchstkonzentration für Nitrate im Trinkwasser
auf 45 ppm ( = Anteile Stickstoff in einer Million Teile Wasser) festgesetzt.
Beim Einschleusen

von Quecksilber in die Nahrungskette und damit auch

in die menschliche Nahrung dürften nach Ansicht von Dr. Dennis Kenney (Universität Wisconsin) festwurzelnde Wasserpflanzen eine Schlüsselrolle spielen.
Sie nehmen in verseuchten Gewässern aus den Ablagerungen am Boden die für den
Menschen besonders gefährlichen organischen Quecksilberverbindungen auf, die
aus Abwässern von Industrie- und Landwirtschaftsbetrieben stammen. Auch aus
dem Wasser vermögen Pflanzen direkt Quecksilber zu absorbieren. Dr. Keeney
hält jedoch die Konzentrationen organischer Quecksilberverbindungen in den
Sedimenten, die durch abgestorbene Wasserpflanzen ansteigen können, für besonders gefährlich. Deshalb sollten in Gebieten, in denen quecksilberhaltige
Sedimente nachgewiesen werden, im Boden wurzelnde Wasserpflanzen entfernt
werden.
Daß eine Anreicherung von Quecksilber in Nahrungsmitteln nicht erst eine
Erscheinung des Industrie- und Technikzeitalters ist, zeigen allerdings Untersuchungen an Überresten von Speisefischen, die man bei Ausgrabungen im amerikanischen Mittelwesten und in Peru gefunden hat. Dr. Edwin Wilmsen, Kurator des
Anthropologischen Museums der Universität Michigan, berichtete kürzlich, daß
gelegentlich die Quecksilberkonzentration in Fischüberresten von Abfallhaufen,
die zu 300 bis 2000 Jahre alten Indianersiedlungen gehörten, durchaus mit jener
zu vergleichen ist, die heutzutage in Fischen ermittelt wird.
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37/1972

TEST SIGNALISIERT GEFAHR VON GEHIRNBLUTUNG

- (AD) - Mit Hilfe eines einfachen Tests, der nicht länger als fünf
Minuten in Anspruch nimmt, lassen sich Strömungsbedingungen in bestimmten
Blutgefäßen des Gehirns erfassen, die auf einen bevorstehenden Schlaganfall
hindeuten. Dr. Herbert I. Machleder und Dr. Wiley F. Barker von der Universitätsklinik der Universität Kalifornien in Los Angeles berichteten auf
der Tagung der "International Cardiovascular Society" im Juni in Carmel
(Kalifornien) über ihre bisherigen Erfahrungen mit dem neuen Test. Er erwies
sich als durchaus brauchbar und aufschlußreich, um solche Patienten ausfindig
zu machen, bei denen die Gefahr einer Gehirnblutung oder einer Unterbrechung
der Blutversorgung gewisser Hirnpartien durch Blockierung der inneren Hirnarterie infolge sklerotischer Prozesse bestand. Die rechtzeitige Einleitung
einer Präventivbehandlung kann in vielen Fällen zum Erfolg führen. Allgemein
angewandt, dürfte der Test nach Meinung der beiden Mediziner viele Schlaganfälle verhindern. In den USA allein werden jährlich ca. 1,5 Millionen
Fälle von Gehirnblutung mit mehr oder minder ernsten Auswirkungen verzeichnet.
Nach der Besch jibung Dr. Machleders wird ein hochempfindliches
elektronisches Gerät wie ein Stethoskop auf die Stirn unmittelbar über dem
Auge aufgesetzt. Es mißt und verstärkt die Schallwellen, die das durch eine
Oberflächen, terie strömende Blut erzeugt. Das mit Hilfe eines DoppierStrömungsmessers gewonnene "Schallmuster", das aufgezeichnet wird, läßt zuverlässige Rückschlü- ;e auf die Strömungsbedingungen in der Aorta carotis
interna und in ihren Hauptästen zu.
+ +++ +

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                <text>&lt;strong&gt;1. Hintergrund&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Genfer Abrüstungskonferenz beendete konstruktive Sitzungsperiode&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Von unserem Sonderkorrespondenten Michael Omara&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Hanoi stellt sich taub&lt;br /&gt;&lt;em&gt;- Alle Kriegsgefangenen-Apelle verhallen -&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Von unserem Sonderkorrespondenten&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Wirtschaft&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;USA wollen internationale Währungsreform an der Wurzel anpacken&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Von Eugene Brake&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;USA wollen Exportkontrollen weiter abbauen&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Von unserem Wirtschaftskorrespondenten&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Wissenschaft und Technik&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Größter Teilchen-Beschleuniger der Welt betriebsbereit&lt;br /&gt;&lt;em&gt;NAL-Anlage in Batavia (Illinois) soll 500 GeV leisten&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Giftstoffe in der Natur&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Ökologische Untersuchungen zu Nitraten und Quecksilber&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Test signalisiert Gefahr von Gehirnblutung</text>
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                    <text>Information
und
Dokumentation

1

*m i

•^

International Communication Agency
Embassy of the United States of America

13. September 1978

22

INHALT

DOKUMENTATION
PRÄSIDENT CARTER:

KOMPROMISSE WERDEN UNAUSWEICHLICH SEIN

- Erklärung Carters vor dem Abflug nach Camp David BOTSCHAFT CARTERS AN UN-KONFERENZ ÜBER TECHNISCHE ZUSAMMENARBEIT
- Wortlaut INFORMATION
USA UND SOWJETUNION WOLLEN GESPRÄCHE ÜBER RADIOLOGISCHE WAFFEN FORTSETZEN
SENATOR KENNEDY BEURTEILT VERHÄLTNIS USA-UdSSR ZUVERSICHTLICH
HINTERGRUNDMATERIAL
SALT UND DAS NUKLEARE GLEICHGEWICHT
- von Senator John C. Culver WISSENSCHAFT UND TECHNIK
VERSUCHE MIT INTERFERON-THERAPIE BEI KREBS UND VIRUSINFEKTIONEN

Belegexemplaren wird
gebeten

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�22

13. September 1978

PRÄSIDENT CARTER: KOMPROMISSE WERDEN UNAUSWEICHLICH SEIN
- Erklärung Carters vor dem Abflug nach Camp David -

WASHINGTON - (AD) - Präsident Jimmy Carter hat am 4. September
vor seinem Abflug zu den Gesprächen mit dem ägyptischen Präsidenten
Sadat und dem israelischen Ministerpräsidenten Begin in Camp David eine
Erklärung abgegeben, die folgenden Wortlaut hat:
Ich fliege jetzt nach Camp David, um mich auf ein sehr wichtiges
Treffen zwischen mir, dem ägyptischen Präsidenten Sadat und dem israelischen
Ministerpräsidenten Begin vorzubereiten. Innerhalb der nächsten Tage
werden von uns in Zusammenarbeit mit unseren drei große Nationen vertretenden Beratern auf der Suche nach Frieden im Nahen Usten, der außerordentlich zur Sicherung des künftigen Friedens auf der ganzen Welt beitragen kann, sehr wichtige Entscheidungen getroffen werden - und durch
den Kongress, der sich in meiner Abwesenheit mit vielen wichtigen Fragen
befassen wird, darunter die Entwicklung einer Energiepolitik für unser
Land.
Bei unserem

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�'

Bei unserem Treffen in Camp David kann niemand eine Garantie für
das Ausmaß des Erfolges geben, der uns vielleicht gewährt sein wird.
Die Fragen sind sehr kompliziert.

Die Meinungsverschiedenheiten sind

tief.
Vier Kriege haben nicht zu einem Frieden in diesem leidgeprüften
Gebiet der Welt geführt.

Es besteht kein Grund für übermäßigen Optimismus,

aber es gibt auch keinen Grund für Verzweiflung.
Der bedeutendste Einzelfaktor, der für mich ermutigend wirkt, ist
mein sicheres Wissen

daß Präsident Sadat und Ministerpräsident Begin auf-

richtig den Frieden wollen.

Sie sind entschlossen, einen Fortschritt

zu machen, und so bin ich es.
Wir werden Ermutigung und die Gebete eines jeden in unserem Staat,
in allen drei Staaten, ja in der ganzen Welt brauchen, der wünscht, daß
unsere Beratungen zu einem Erfolg führen. Kompromisse werden unausweichlich sein. Ohne sie ist mit einem Fortschritt nicht zu rechnen.
Flexibilität wird für unsere Hoffnungen unentbehrlich sein. Und meine
eigene Rolle wird die eines vollen Partners sein, der nicht versucht,
anderen den Willen der Vereinigten Staaten aufzudrängen, sondern der
sich um das Auffinden eines gemeinsamen Bodens bemüht, auf dem Abkommen
erreicht werden können, und der nach einem Austausch von Kompromissen
sucht, die für alle betroffenen Nationen wechselseitig Vorteile bringen.
Ich kenne den Ernst, mit dem Präsident Sadat und Ministerpräsident
Begin in unser Land kommen, und ich habe versucht, mich selbst so gut
ich es nur konnte vorzubereiten, um diese Bemühungen zu einem Erfolg zu
bringen.
Es wird eine gemeinsame Sache sein müssen, und wir alle werden in
diese Gespräche eintreten ohne Vorurteil gegen den anderen, mit einem
Geist des guten Willens und mit dem Wissen um die harten Verantwortungen,

- 2 -

%

�Verantwortungen, die auf uns fallen.
Schließlich möchte ich noch sagen, daß wir nahezu vollständig von
der Presse und der Außenwelt isoliert sein werden. Meine Hoffnung ist,
daß dieser Grad von persönlichem Gedankenaustausch ohne die Notwendigkeit, politisch zu posieren oder eine vorübergehende Haltung oder Überzeugung zu verteidigen, konstruktiv sein wird.
Es wird ein Höchstmaß an Anstrengung gemacht werden, um das gegenseitige Vertrauen zu gewährleisten und zu stärken und sich genauestens
dessen bewußt zu sein, daß wir alle das gleiche Endziel erstreben.
an

Dar-

habe ich keinen Zweifel.

Ich möchte zum Abschluß diesen beiden großen Führern gegenüber
meinen Dank für ihre Bereitschaft zum Kommen zum Ausdruck bringen, wo
die politischen Konsequenzen eines Fehlschlags sehr schwerwiegend sein
könnten und die Aussichten auf einen völligen Erfolg sehr gering erscheinen. Wir werden unser Bestes tun, und ich bitte alle diejedingen
inständig um ihre Unterstützung und ihr Gebet, die mit uns die Hoffnung
teilen, daß wir eine neue Aussicht auf Frieden für den Nahen Osten
bringen könnten.

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I

Dokumentation
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22

13. September 1978

BOTSCHAFT CARTERS AN UN-KONFERENZ ÜBER TECHNISCHE ZUSAMMENARBEIT
- Wortlaut -

WASHINGTON - (AD) - Präsident Carter hat der Konferenz der Vereinten
Nationen über technische Zusammenarbeit zwischen den Entwicklungsländern
eine Botschaft übersandt, die auf der Eröffnungssitzung in Buenos Aires
am 30. August verlesen wurde. Die Botschaft des amerikanischen Präsidenten
hat folgenden Wortlaut:
Ich spreche Ihnen und den Organisatoren der Konferenz der Vereinten
Nationen über technische Zusammenarbeit zwischen den Entwicklungsländern
meine Glückwünsche aus.
Wir leben in einer Zeit, in der weltweit um wirtschaftliche Entwicklung, soziale Gerechtigkeit und politische Unabhängigkeit gekämpft
wird.

Weil ich überzeugt bin, daß der Erfolg dieses Ringens der gesamten

Menschheit zugute kommen wird, fühlt sich meine Administration verpflichtet,
mit den Entwicklungsländern in der Welt in allen Fragen zusammenzuarbeiten,
die mit ihren Arbeitskräften, ihren Rohmaterialien und ihren Erzeugnissen

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�Erzeugnissen in Zusammenhang stehen.

Wir verstehen es, wenn die Ent-

wicklungsländer, eine stärkere Beteiligung an den internationalen Entscheidungen fordern.

Und wir möchten den Entwicklungsländern Hilfe

leisten, wenn sie versuchen, ihre technologische Abhängigkeit von den
Industriestaaten durch Entwicklung eigener Kapazitäten zu verringern.
Dieses letztgenannte Ziel - die Förderung der technologischen
Kapazitäten in den Entwicklungsländern - ist das Ziel dieser Konferenz.
Es ist ein Ziel, das ich voll unterstütze.
Allzulange bestand bei den Entwicklungsländern die Tendenz, sich
in bezug auf ihre eigene Technologie ausschließlich auf die Industriestaaten zu verlassen.

Unser Wunsch aber richtet sich auf eine Welt,

in der die Entwicklungsländer Technologie genau so produzieren wie erwerben können.
Aus drei Gründen unterstützen die Vereinigten Staaten die technische
Zusammenarbeit zwischen den Entwicklungsländern: erstens, die aus den
Entwicklungsbemühungen gewonnenen Lehren können von denen besonders
effektiv weitergegeben werden, die sie soeben erst selbst gelernt haben;
zweitens, die Faktoren der Arbeitskraft, der Erziehung und der Sozialstruktur in einem Entwicklungsland mittleren Wohlstandes könnten sich für
ein ärmeres land als angemessener erweisen als die eines hochindustrialisierten Staates; drittens, das wachsende Selbstvertrauen der Entwicklungsländer kann zur Stärkung ihrer Fähigkeit zur Zusammenarbeit mit den
Industriestaaten bei der Suche nach Lösungen für unsere gemeinsamen
Probleme führen.
Es muß daher in der Zukunft im wachsenden Maße zu einem Transfer
technologischer Kapazitäten - nicht lediglich der Technologie selbst nach den Entwicklungsländern kommen.

Deshalb gründe ich eine Stiftung

für internationale technologische Zusammenarbeit, die - so hoffe ich mit den Institutionen in Ihren Ländern zusammenarbeiten wird, wenn Sie
Ihre eigenen Technologien entwickeln.
Aus all

�Aus all diesen Gründen zollen wir den von Ihnen unternommenen Bemühungen, Brücken über den Süden zu schlagen, Beifall.
Die Vereinigten Staaten begrüßen die Gelegenheit, sowohl Partner
als auch Nutznießer der Aktivitäten dieser Konferenz zu sein.

Wir

freuen uns, bei der Bereitstellung von Dienstleistungen und Expertisen
für die Entwicklungsprojekte mitwirken zu können.

Aber wir sind uns

auch darüber im klaren, daß eine wahre nationale Entwicklung letztlich
davon abhängt, daß in jedem Land die autonomen Fähigkeiten wachsen,
neue Techniken und neues Wissen zu schaffen, den Verhältnissen anzupassen und zu nutzen.
Ihnen, Herr Präsident, und allen hier versammelten Delegierten,
spreche ich meine persönliche Zuversicht aus, daß diese Konferenz ihre
wichtigen Ziele erreichen wird.

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Ki

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USA UND SOWJETUNION WOLLEN GESPRÄCHE ÜBER RADIOLOGISCHE WAFFEN
FORTSETZEN

GENF - (AD) - Die USA und die Sowjetunion sind übereingekommen,
ihre in Genf geführten Gespräche über ein Verbot der radiologischen
Waffen fortzusetzen.

Ein Zeitpunkt für die Wiederaufnahme der Gespräche

wurde noch nicht festgesetzt.
In einer am 11. September in Genf veröffentlichten Erklärung heißt
es dazu:
Die Delegationen der USA und der Sowjetunion sind in Genf vom 19. Juli
bis zum 8. September 1978 zusammengekommen, um die Verhandlungen über das
Verbot radiologischer Waffen sowie neuer Typen und Systeme von Massenvernichtungswaffen fortzusetzen.
Im Verlaufe der Verhandlungen legten die beiden Seiten alternative
Methoden für die Lösung der verschiedenen anstehenden Fragen dar. Sie
setzen die Arbeit an der Formulierung einer möglichen Konvention über das

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�das Verbot radiologischer Waffen fort und erzielten Fortschritte hinsichtlich einer Einigung über einige der grundlegenden Bestimmungen der Konvention.
Die Vertreter der USA und der Sowjetunion bei der Genfer-Abrüstungskonferenz, Botschafter Adrian S. Fisher und Botschafter V.l. Lichatschew,
leiteten die jeweiligen Delegationen.

Beide Seiten kamen überein, die

Verhandlungen zu einem Zeitpunkt, der noch vereinbart werden muß, fortzusetzen.

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3

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13. September 1978

SENATOR KENNEDY BEURTEILT VERHÄLTNIS USA-UdSSR ZUVERSICHTLICH

WASHINGTON - (AD) - Senator Edward M. Kennedy ist zuversichtlich,
daß sich die Beziehungen zwischen der Sowjetunion und den Vereinigten
Staaten verbessern werden und ein Fortschritt bei den amerikanischsowjetischen Abrüstungsgesprächen erzielt werden kann.
Kennedy hatte die Sowjetunion besucht, um an der internationalen
Konferenz für Gesundheitsfürsorge in Alma Ata teilzunehmen, und hatte
anschließend eine Reihe von Unterredungen mit führenden sowjetischen
Regierungsvertretern, darunter ein zweistündiges Gespräch mit dem sowjetischen
Staats- und Parteichef Leonid Breschnew, geführt.
Unmittelbar nach seiner Rückkehr gab der demokratische Senator aus
Massachusetts am 11. September vor der Presse in Washington eine Erklärung
ab, in der er darauf hinwies, daß es trotz verstärkter Spannungen und
Konfrontationsmöglichkeiten im Verhältnis zwischen den Vereinigten Staaten
und der Sowjetunion in den letzten Wochen auch eine Reihe "positiver
Signale" aus der Sowjetunion gegeben habe.
Er habe

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�Er habe bei seinen Gesprächen eine Reihe wichtiger Fragen, vor
allem aber das Problem der Rüstungskontrolle und der Menschenrechte,
erörtert. Als das wohl bemerkenswerteste Ergebnis dieser Unterredungen
bezeichnete Kennedy die Bereitschaft der sowjetischen Regierung, in 18
spezifischen Fällen die Auswanderungswünsche sowjetischer Familien zu
überprüfen.
Auf die Frage eines

Korrespondenten erklärte Kennedy, Breschnew

habe seiner Besorgnis darüber Ausdruck gegeben, daß es nicht gelungen
sei, bei den SALT-Gesprächen zu einer rascheren Lösung bei bestimmten
komplexen Fragen zu gelangen.

Er (Kennedy) glaube jedoch, daß diese

Fragenkomplexe in einer Weise lösbar seien, die mit dem Sicherheitsinteresse der Vereinigten Staaten in Einklang stehe.
Er habe in diesem Zusammenhang den sowjetischen Parteichef darauf
hingewiesen, daß die Haltung des

amerikanischen Senats in der Frage

der Ratifizierung eines SALT-Abkommens nicht nur durch die darin festgelegten Bedingungen bestimmt werde, sondern auch durch die Einstellung
des amerikanischen Volkes zu den sowjetischen Aktionen auf den verschiedensten
Gebieten, darunter auch den Fragen der

sozialen Gerechtigkeit und der

Menschenrechte.

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13. September 1978

SALT UND DAS NUKLEARE GLEICHGEWICHT
- von Senator John C. Culver -

Senator Culver, der als Angehöriger
der demokratischen Partei den Bundesstaat Indiana im US-Senat vertritt,
ist Mitglied des Senatsausschusses
für die Streitkräfte und Berater der
amerikanischen Delegation bei den
SALT-Verhandlungen.
Trotz verbreitet geäußerter Vermutungen, daß die sowjetische Führung
einen Nuklearangriff führen könnte, weil sie selbst nur mit mäßigen
Schäden und wenig Verlusten rechnet, schätzen unsere Nachrichtendienste,
daß durch die amerikanische Vergeltung eines sowjetischen Angriffs mehr
als 100 Millionen Sowjetbürger getötet würden.
Ein neuer vom CIA gebilligter Geheimdienstbericht deutet an, daß das
sowjetische Zivilverteidigungssystem, obgleich es für bemerkenswerte
nationale Anstrengungen spricht, in keiner Weise ausreichend wirksam ist,
um die Sowjets zu ermutigen, die Auslösung eines nuklearen Krieges zu

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�Krieges zu riskieren.
Der Geheimdienstbericht, der die erste umfassende Studie dieses
Themas in nichtgeheimer Form darstellt, besagt, daß eine merkliche Verringerung der sowjetischen Verluste eine massive Evakuierung der Städte
erfordern würde - ein Umstand, der unsere eigenen Streitkräfte in die Lage
versetzte, einen höheren Grad von Bereitschaft und Überlebensfähigkeit zu
erlangen.
Der Bericht zeigt auf, daß die sowjetischen Anstrengungen auf dem
Gebiet der Zivilverteidigung nicht ausreichen, um im

Fall eines nuklearen

Krieges Millionenverluste an Menschen und massive Schäden für die Industrie
zu verhindern.

Kurzum - ein Atomkrieg wäre eine Katastrophe für die

Sowjetunion, da sowjetische Programme nicht genügen, um die strategische
Waagschale zu unseren Ungunsten zu neigen.
Von Zeit zu Zeit hören wir das Argument, daß die Vereinigten Staaten
stärker als die Sowjets sein müßten, weil sie, da wir nicht den ersten
Schlag gegen sie führen würden, einen ersten Schlag gegen uns führen
könnten. Man argumentiert, daß wir nur dann, wenn wir überlegen seien,
nach dem ersten Schlag genügend Kraft für den Gegenschlag hätten.
Die Antwort darauf ist, daß das Streben nach Überlegenheit oder
einseitigem Vorteil in der heutigen Welt, in der beide Seiten über eine
beängstigende Overki11-Kapazität verfügen, in Wirklichkeit Illusion ist.
Ich glaube nicht, daß ein solches Streben mehr Sicherheit brächte. Wir
werden niemals in der Lage sein, die Vorteile wiederzuerlangen, die wir
in den fünfziger und sechziger Jahren hatten. Wenn jedoch die Sowjetunion so unklug wäre, beispielsweise jetzt einen Angriff gegen die
Vereinigten Staaten zu führen, hätten wir den Vorteil der doppelten Abschußkapazität für nukleare Sprengköpfe. Selbst bei einem ersten Schlag
gegen unsere Landbasen gäbe es noch genügend nukleare Gefechtsköpfe an
Bord unserer U-Boote und Bomber, um der Sowjetunion verheerende Schäden

�Schäden zuzufügen.
Die Chefs des gemeinsamen Generalstabs haben dem Kongress wiederholt
versichert, daß die strategischen Streitkräfte der USA ausreichen, um
unsere Vergeltungsziele zu erreichen.

In der Tat besitzen wir mehr als

doppelt so viele nukleare Kampfmittel wie die UdSSR - 9 000 gegenüber
etwas mehr als 4 000. Gleichzeitig ist die Treffsicherheit der unseren
wesentlich größer als die der sowjetischen.
Der nichtgeheimen Studie des Budgetamtes des Kongresses zufolge
würden die Vereinigten Staaten, wenn es in den neunziger Jahren zu einem
Angriff käme, auch danach noch über mehr Gefechtsköpfe für den Gegenschlag
verfügen, als die UdSSR heute besitzt. In dieser Situation des "schlimmsten
Falles" hätten wir, je nach der Vorwarnzeit, zwischen 4 600 und 8 300
Gefechtsköpfe verfügbar. Darüberhinaus würden diese Waffen, so ist zu
erwarten, mehr als 80 Prozent der sowjetischen Industrie und mehr als
90 Prozent der allgemeinen militärischen Ziele zerstören.
Mit der Aussicht auf eine derartige Verwüstung konfrontiert, wäre
es selbstmörderisch für die sowjetische Führung, einen Angriff gegen uns
zu starten.
Die Vereinigten Staaten folgen bei der Modernisierung ihrer strategischen
Streitkräfte einem klugen, doppelgleisigen Weg und sind außerdem bestrebt,
dem Rüstungswettlauf durch einen neuen Vertrag über die Begrenzung strategischer Rüstungen (SALT) die Spitze zu nehmen.
Wir bauen eine neue Generation von TRIDENT-U-Booten mit Raketen
größerer Reichweite auf. Wir verbessern unsere MINUTEMAN-Raketen durch
Erhöhung der Treffgenauigkeit, der Wirksamkeit der Gefechtsköpfe und durch
verstärkte Sicherung der Silos. Außerdem entwickeln wir Marschflugkörper
("Cruise Missiles") nach modernster Technologie, um die kontinuierliche
Stärke unserer Bomberflotte zu gewährleisten. Inzwischen hat der Ober-

- 3 -

�Oberkommandierende des strategischen Luftkommandos zu Protokoll gegeben,
daß "unsere neuesten B-52-Bomber auch weiterhin bis 1987 - und wahrscheinlich
bis in die neunziger Jahre hinein - wirksame Eindringstärke haben werden".
Der SALT II-Vertrag würde für die USA und die UdSSR die stragetischen
Systeme und gewisse Raketentypen auf gleichgroße Zahlen begrenzen und von
den Sowjets verlangen, 250 - 300 Abschlußrampen - mehr als 10 Prozent der
gegenwärtigen Anzahl - zu demontieren.

Während viele schwierige Streitfragen

noch gelöst werden müssen, sind diese grundlegenden Merkmale, durch die das
sowjetische Wachstum begrenzt und gleichzeitig unsere Abschreckungsmacht
erhalten wird, wichtige Schritte zur Verringerung der Gefahr eines nuklearen
Krieges.
Meines Erachtens würde der SALT II-Vertrag die strategische Stabilität
fördern

und dabei den Rüstungswettbewerb in der Zukunft begrenzen.

Und wir

müssen berücksichtigen, welches unsere Sicherheitssituation ohne ein Abkommer wäre. Auch kann ich mir bei keinem einzigen Kongressmitglied, geschweige denn beim ganzen Kongress vorstellen, jemals ein Abkommen zu
akzeptieren, das uns in eine unterlegene oder gefährliche Lage bringen
würde.

+ + + + +

- 4 -

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1

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22

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Wi//en/ch&lt;ift
und Technik
International Communication Agency
Embassy of the United States of America

13. September 1978

VERSUCHE MIT INTERFERON-THERAPIE BEI KREBS UND VIRUSINFEKTIONEN

- (AD) - Die amerikanische Gesellschaft für Krebsforschung gab
Pläne bekannt, menschliches Leukozyten-Interferon für die Behandlung
von Krebs im vorgeschrittenen Stadium klinisch erproben zu lassen. Für
dieses Projekt sollen vorläufig zwei Millionen Dollar zur Verfügung gestellt werden. Die Versuche werden von einem Ärztegremium geleitet, an
dessen Spitze Dr. Thomas C. Merigan von der Stanford-Universität und Dr.
Jordan Gutterman von der Tumorklinik des Anderson-Hospitals in Houston
(Texas) stehen.
Interferon ist ein natürliches Körpereiweiß, mit dessen Bildung
die Zellen auf ein Virus oder andere Reize reagieren. Es kann in begrenzten Mengen im Laboratorium gewonnen werden, indem man menschliche
weiße Blutzellen (Leukozyten) oder menschliche Fibroblasten mit SendaiViren oder anderen Reizsubstanzen infiziert,die zur Interferon-Produktion
anregen. Das dabei produzierte exogene Human-Interferon, in erster Linie
Leukozyten-Interferon, wurde bei der Behandlung von Infektionskrankheiten
der Atemwege, bei Keratitis herpetica und chronischer Hepatitis mit recht

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�recht guten Erfolgen erprobt.
Klinische Versuche damit gibt es schon seit geraumer Zeit, vor allem
in Schweden.

Sie wurden inzwischen auf Versuche oder Behandlung be-

stimmter Krebsformen ausgedehnt.

So behandelte man am Karolinska-Institut

in Stockholm einer Mitteilung der

Stanford-Universität zufolge 34 Kinder

und Jugendliche, die von Knochenkrebs befallen waren, mit hohen InterferonDosen.

Die Ergebnisse waren ermutigend:

Die Drei-Jahres-überlebensrate

lag bei 70 Prozent, während sie bei der Beschränkung auf die herkömmliche
chirurgische Behandlung 10 - 30 Prozent beträgt.
In den Vereinigten Staaten hat man die Substanz versuchsweise bei
Brustkrebs (15 Patientinnen des Anderson-Hospitals in Houston) und Lymphom
(sechs Patienten des Klinikums der Stanford-Universität) eingesetzt.

Der

bisherige Therapieverlauf scheint darauf hinzudeuten, daß unter der Wirkung
von hohen Interferondosen Krebsgeschwülste der genannten Art zurückgehen
können.

Die Versuche werden jetzt ausgedehnt.

In einer weiteren Studie untersuchte Dr. Merigan (Stanford) die
Wirkung von Interferon auf Herpes Zoster-Infektionen. In den Versuch
waren 90 Krebspatienten einbezogen. Diese Kranken werden relativ häufig
von Zoster-Virusinfektionen befallen, weil bei ihnen die körpereigenen
Abwehrkräfte durch Chemotherapie oder Strahlenbehandlung sowieso geschwächt sind. Deshalb entwickelt in solchen Fällen Herpes Zoster (Gürtelrose) besonders schwere Verlaufsformen, und die Behandlung ist außerordentlich langwierig.
Die besten Ergebnisse erzielte Dr. Merigan an Patienten, bei denen die
Behandlung schon am ersten oder zweiten Tag nach Ausbruch der Krankheit
begann und mit den höchsten Interferondosen bekämpft wurde.
bis acht Tagen konnte die Therapie abgesetzt werden.

Nach sieben

Es kam nicht, wie

sonst meist beobachtet .wird, zur Ausbreitung von Rötung und Bläschenbildung
auf der Haut, und die schmerkzhafte Periode wurde wesentlich abgekürzt.

- 2 -

�abgekürzt.

Bei den Patienten, die die höchsten Dosen (für die Dosierung

gab es drei verschiedene Stufen) erhalten hatten, wurden auch keine
Komplikationen beobachtet, wie sie sonst an Augen, Lungen oder Gehirn
auftreten können.

Die bei herkömmlicher Behandlung oft nicht zu ver-

meidenden monatelangen Nachwirkungen in der Form schwerer Neuralgien
unterbleiben völlig.
In der Gruppe mit der niedrigsten Behandlungsdosis kam es in einem
Fall zu den bekannten Komplikationen. Dagegen wurden diese in der gleich
großen, mit einem Placebo-Präparat (interferonfreies "Blind"-Präparat)
behandelten Gruppe in sechs Fällen beobachtet.
Die erste Identifizierung von Interferon gelang 1957 dem Engländer
AI ick Isaacs und dem Schweizer Jean Lindenmann. Die Forscher beschrieben es als ein Protein, das von virus-infizierten tierischen Zellen
produziert wird. Sie hatten außerdem beobachtet, daß es offenbar die
Nachbarzellen der infizierten Zelle gegen eine Infektion durch das gleiche
Virus immunisiert.
Die Substanz ist im wesentlichen artspezifisch, d.h., daß zum Beispiel Mäuse-Interferon nur bei Mäusen, Human-Interferon nur beim Menschen
wirksam ist.

Ein Austausch wäre wenig oder überhaupt nicht wirksam.

ist es nicht gelungen, Interferon zu synthetisieren oder jenes Gen zu
isolieren, dem seine Produktion im Körper zuzuschreiben ist.
Lösung beider Probleme wird jetzt intensiv gearbeitet.

+ + + + +

- 3 -

An der

Bisher

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                <text>&lt;strong&gt;1. Dokumentation&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Präsident Carter: Kompromisse werden unausweislich sein&lt;br /&gt;&lt;em&gt;- Erklärung Carters vor dem Abflug nach Camp David -&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Botschaft Carters an UN-Konferenz über technische Zusammenarbeit&lt;br /&gt;&lt;em&gt;- Wortlaut -&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Information&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;USA und Sowjetunion wollen Gespräche über radiologische Waffen fortsetzen&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Senator Kennedy beurteilt Verhältnis USA-UdSSR zuversichtlich&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Hintergrundmaterial&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;SALT und das nukleare Gleichgewicht&lt;br /&gt;&lt;em&gt;- von Senator John C. Culver -&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;4. Wissenschaft und Technik&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Versuche mit Interferon-Therapie bei Krebs und Virusinfektionen</text>
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                    <text>AMERIKA DIENST

34

13. September 1989

•

INHALT

i
DOKUMENTATION

Bush: Drogenbekämpfung muß Im In- und Ausland erfolgen
- Rede des Präsidenten zur neuen Drogenbekämpfungsstrategie Maresca: "Beachtliche Fortschritte" bei VSBM-Gesprächen
- Erklärung des Leiters der amerikanischen Delegation -

HINTERGRUND
Bush; Drogenmißbrauch muß weltweit bekämpft werden
- Internationaler Teil der Drogenstrategie des Präsidenten Bush steht voll und ganz hinter dem Zeitplan für KSE-Phase I
- Interview mit KSE-Chefunterhändler Ledogar -

Ostblock akzeptiert NATO-Zeitplan für KSE
- Pressekonferenz mit Botschafter Ledogar bei den
KSE-Verhandlungen -

Die Verbreitung chemischer Waffen
- Eine Übersicht -

* * * * *

Eine Amerikadienst-Ausgabe Nr. 32 ist nicht erschienen. Auf Nr. 31
folgt also unmittelbar Nr. 33. Wir bitten um Verständnis.

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�AMERIKA DIENST
Dokumentation

'V,oN^

34

13. September 1989
BUSH:

DROGENBEKÄMPFUNG MUSS IM IN- UND AUSLAND ERFOLGEN

- Rede des Präsidenten zur neuen Drogenbekämpfungsstrategie -

WASHINGTON - (AD) - Indem er das Drogenproblem als die gravierendste Bedrohung der Vereinigten Staaten in der heutigen Zeit brandmarkte, umriß Präsident Bush am 5. September 1989 eine vier Punkte umfassende Strategie zur Bekämpfung des Drogenhandels und -konsums in den Vereinigten Staaten und "jenseits unserer Grenzen, wo das Kokain und Crack angebaut und weiterverarbeitet
wird, das auf den Straßen Amerikas gekauft wird".
In einer landesweit übertragenen Fernsehansprache erörterte Bush eine
FünfJahresstrategie, die "gelegentlichem Drogenkonsum überhaupt kein Verständnis entgegenbringt" und die Verpflichtung zu Hilfsleistungen der Vereinigten
Staaten "an die bedrängten Regierungen" der Drogen produzierenden Staaten enthält, die versuchen "die internationale Drogenmafia zu zerschlagen".
Nachfolgend veröffentlichen wir die Ansprache des Präsidenten im Wortlaut.

Seitdem ich meinen Amtseid geleistet habe, hatte ich jetzt zum ersten
Mal das Gefühl, ein Problem sei von
solcher Brisanz und so bedrohlich,
daß ich beschlossen habe, mich direkt
an Sie - die Bürger der Vereinigten
Staaten - zu wenden. Wir sind uns
alle einig, daß die gravierendste Bedrohung, mit der sich unsere Nation
im Inland heute konfrontiert sieht,
das Drogenproblem ist.
Drogen haben unseren Glauben an
unser Justizsystem erschüttert. Unsere Gerichte, unsere Gefängnisse,
unser Rechtssystem stehen kurz vor
dem Zusammenbruch. Aufgrund des Drogenproblems schnellen die Soziallasten in die Höhe. Kurzum: Drogen
zehren am Lebensnerv der Nation.

Schaltet man die Abendnachrichten
ein oder schlägt die Morgenzeitung
auf, so sieht man, womit einige Amerikaner bestens vertraut sind, wenn
sie nur einen Schritt vor die Tür machen:
Unser ernsthaftestes Problem
heute ist Kokain und insbesondere
Crack.
War ist verantwortlich.
es Ihnen geradeheraus sagen.

Ich will

Jeder, der Drogen nimmt.
Jeder, der Drogen verkauft.
Und jeder, der die Augen vor dem
Problem verschließt.
Heute abend werde ich Ihnen aufzählen, wie viele Amerikaner Drogen

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�nehmen. Ich werde Ihnen unsere nationale Strategie erläutern, mit der
wir jeden Aspekt dieser Bedrohung bewältigen wollen. Und ich werde Sie
bitten, sich für das zu engagieren,
was ein sehr schwerer Kampf zu werden
verspricht.
Das ist Crack-Kokain, das vor einigen Tagen von Agenten der Drogenbekämpfungsbehörde
(Diug
Enforcement
Administration, DEA) in einem Park
gegenüber dem Weißen Haus beschlagnahmt wurde. Es hätte genausogut Heroin oder PCP sein können. Es sieht
so unverfänglich aus wie Bonbons,
aber es verwandelt unsere Städte in
Schlachtfelder und ermordet unsere
Kinder. Damit wir uns nicht falsch
verstehen:
Dieser Stoff ist Gift.
Manche haben Drogen als harmloses
Freizeitvergnügen
bezeichnet.
Das
sind sie nicht. Drogen sind eine reale und entsetzlich gefährliche Bedrohung unserer Nachbarschaft, unsere
Freunde und unserer Familien.
Keiner von uns ist in Sicherheit.
Wenn
Vierjährige auf Spielplätzen
spielen, die mit Spritzen und Crackampullen übersät sind - es bricht mir
das Herz. Wenn Kokain - eine der
töd]ichsten und
süchtig machenden
Drogen - Schulkindern zur Verfügung
steht - Schulkindern - so ist das empörend. Und wenn jedes Jahr Hunderttausende von Babies zur Welt kommen,
deren Mütter drogenabhängig sind
Frühgeburten, die unheilbar krank geboren werden - dann sind selbst die
hilflosesten unter uns in Gefahr.
Das sind die Schicksale hinter
der Statistik. Aber auch die Zahlen
sprechen für sich selbst. Ich möchte
Ihnen die Ergebnisse einer kürzlich
erstellten Meinungsumfrage des Bundesinstituts für Drogenmißbrauch (National Institute on Drug Abuse) vorlegen.
Sie stellt einen Vergleich
zwischen dem Drogenkonsum heute und
vor drei Jahren an. Sie teilt uns
einige gute Nachrichten und einige
sehr schlechte Nachrichten mit. Zuerst die gute Nachricht.

Wie Sie der graphischen Darstellung entnehmen können, schätzte die
Regierung im Jahr 1985, daß 23 Millionen Amerikaner "gewohnheitsmäßig"
Drogen einnahmen - das heißt, mindestens einmal im vorausgegangenen Monat. Letztes Jahr verringerte sich
diese Zahl um über ein Drittel. Das
bedeutet, nahezu 9 Millionen weniger
Amerikaner sind gelegentliche Drogenkonsumenten. Gute Nachrichten.
Weil wir unsere Einstellung im
Inland gegenüber Drogen geändert haben, hat der gelegentliche Drogenkonsum abgenommen. Wir haben vielen zu
danken: Unseren mutigen Polizeibeamten, Kirchenführern, Lehrern,
Gemeindevertretern sowie Unternehmern
und Gewerkschaftsfunktionären.
Darüber hinaus sollten wir auch den Medien für ihre umfassende Berichterstattung und Kommentare sowie ihre
Sendezeit und den Raum danken, den
sie den Aufklärungskampagnen über
Drogenmißbrauch gewidmet haben. Und
schließlich
möchte
ich
Präsident
Reagan und seiner Frau meinen Dank
dafür aussprechen, daß sie diese Kampagne in die Wege geleitet haben.
Sie alle haben die Wahrheit gesprochen - Drogenkonsum ist falsch und
gefährlich.
Aber so sehr wir angesichts dieser positiven Bilanz beruhigt sein
könnten, es gibt auch schlechte Nachrichten - sehr schlechte Nachrichten.
Rund 8 Millionen Menschen haben im
vergangenen
Jahr Kokain genommen,
fast 1 Million hat e3 häufig, einmal
pro Woche oder öfter konsumiert.
Das bedeutet, trotz der Tatsache,
daß der Kokainkonsum insgesamt gesunken ist, hat sich der häufige Konsum
in den vergangenen Jahren nahezu verdoppelt. Und aus diesem Grund sind
die gewohnheitsmäßigen Kokainkonsumenten - insbesondere Crackkonsumenten - das vordringlichste Drogenproblem.
Wie also lautet unser Plan? Zunächst verlasse ich mich auf das, was
die Erfahrung lehrt: Keine isolierte

�Maßnahme wird zu einer Abnahme des
Drogenkonsums führen, so spektakulär
oder magisch sie auch klingen mag.
Um den Kampf gegen abhängig machende
Drogen wie Crack gewinnen zu können,
benötigen wir mehr als eine Strategie
auf Bundesebene.
Wir brauchen eine
landesweite Strategie, eine, die jede
Schule, jeden Arbeitsplatz erreicht
und jede Familie einbezieht.
Heute habe ich dieses Dokument,
unsere erste nationale Strategie an
den Kongreß weitergeleitet. Sie wurde dank der intensiven Arbeit unseres
ersten Direktors für Drogenbekäinpfungsmaßnahmen, Bill Bennett, entwikkelt. Während der Erarbeitung dieses
Plans haben wir Gepräche mit Vertretern der Bundesregierung, Einzel Staaten und Gemeinden, Polizeibeamten und
Fachleuten für Bildungswesen, Prävention urd Rehabilitation geführt. Wir
haben mit Eltern und Kindern gesprochen. Wir haben alles, was die Bundesregierung in der Vergangenheit gegen Drogen unternommen hat, einer genauen
Überprüfung
unterzogen:
Was
funktioniert hat und - um ehrlich zu
sein - was schiefgelaufen ist.
Zu
häufig haben die Verantwortlichen in
der Regierung getan, als ob ihr Teil
des Problems - sei es die Bekämpfung
der
Drogenproduktion,
des
Drogenschmuggels oder der Nachfrage nach
Drogen - das einzige Problem sei.
Aber mit Einzelkämpfen wird dieser
Krieg nicht gewonnen, sondern nur in
Gemeinschaftsarbeit.
Heute
abend
kündige
Ich
eine
Strategie an, in der das koordinierte, gemeinsame Engagenment aller Bundesbehörden ihren Niederschlag gefunden hat. Mit anderen Worten: Dieser
Plan ist so umfassend wie das Problem
selbst.
Mit dieser Strategie haben
wir endlich einen Plan an der Hand,
der unsere Ressourcen, unsere Programme und die Menschen koordiniert,
die sie durchführen.
Unsere Waffen in dieser Strategie
sind:
Das
Rechtssystem
und
die
Strafgerichtsbarkeit, unsere Außenpolitik,
unsere
Behandlungsprogramme

sowie unsere Schulen und Präventivprogramme. Die wichtigsten erforderlichen Waffen haben wir also bereits
zur Hand.
Vvas bisher gefehlt hat,
war eine Strategie für Ihren wirksamen Einsatz.
Ich möchte die vier Hauptelemente
unserer Strategie umreißen.
Erstens sind wir zur Durchsetzung
der Gesetze entschlossen, um unsere Straßen
und die Nachbarschaft sicher zu machen. Für den
Anfang schlage ich daher vor, daß
wir die staatliche Unterstützung
für die Strafverfolgung auf Einzelstaaten- und
Gemeindeebene
mehr als verdoppeln.
Amerikaner
haben ein Recht auf Sicherhett in
ihrem Heim und ihrer Umgebung.
Nur wenn wir hart gegen Drogenkriminelle vorgehen - viel härter als
bisher - werden wir eine sichere
Nachbarschaft haben. In manchen Fällen bedeutet dies härtere Strafen.
Aber sehr viel häufiger bedeutet es
nur gerechte und sichere Strafe. Wir
haben alle Geschichten über Drogenhändler gehört, die - wieder und wieder - geschnappt und verhaftet, aber
niemals bestraft werden. Nun, jetzt
haben die Zeiten sich geändert: Wenn
Sie Drogen verkaufen, werden Sie geschnappt.
Und wenn Sie geschnappt
werden, folgt die Anklage. Und wenn
Sie einmal verurteilt sind, werden
Sie Ihre Zeit absitzen. Geschnappt.
Angeklagt. Bestraft.
Darüber hinaus schlage ich vor,
daß wir unsere Strafgerichtsbarkeit
auf allen Ebenen erweitern - auf der
Ebene der Gemeinden, Einzelstaaten
und der Bundesregierung gleichermassen. Wir brauchen mehr Gefängnisse,
mehr Zuchthäuser, mehr Gerichte, mehr
Anklagevertreter.
Aus diesem Grund
bitte ich heute abend um die Aufstokkung der drogenbezogenen Bundesausgaben für Strafverfolgungsmaßnahmen in
Höhe von nahezu 1,5 Milliarden Dollar.
Obwohl wir mit illegalem Drogenkonsum in praktisch jeder Gemeinde

- 3 -

�konfrontiert sind, ist es nirgendwo
schlimmer als in unseren Sozialwohnungen. Wir alle wissen, die Armen
haben es in dieser Welt niemals
leicht gehabt.
Aber bisher wurden
sie auf ihrem Heimweg von der Arbeit
wenigstens nicht überfallen und ausgeraubt. Und ihre Kinder mußten sich
auf dem Schulweg nicht vor Kugeln
ducken. Aus diesem Grund veranschlage ich 50 Millionen Dollar für die
Verbrechensbekämpfung
in
sozialen
Wohnungsbauprojekten - die dazu beitragen sollen, die Ordnung wiederherzustellen und die Drogenhändler für
immer zu vertreiben.
Das zweite Element unserer Strategie ist grenzüberschreitend und
hat die Länder zum Ziel, in denen
das Kokain und Crack angebaut und
weiterverarbeitet wird, das auf
den
Straßen
Amerikas
gekauft
wird. Allein in Kolumbien haben
vom Kokainkartell gedungene Mörder einen führenden Staatsmann
erschossen, fast 200 Richter und
sieben Mitglieder des Obersten
Bundesgerichts ermordet. Die bedrängten Regierungen der Drogen
produzierenden
Länder
schlagen
zurück und kämpfen für die Zerschlagung
der
internationalen
Drogenmafia.
Sicherlich stimmen
Sie wie auch ich dem mutigen
Staatspräsidenten von Kolumbien,
Virgilio Barco, zu, der erklärt
hat, wenn Amerikaner Kokain nehmen, dann bezahlen die Amerikaner
für Mord. Die amerikanischen Kokainkonsumenten müssen begreifen,
daß unser Land dem gelegentlichen
Drogenkonsum überhaupt kein Verständnis
entgegenbringt.
Wir
tragen die Verantwortung, unsere
mutigen Freunde in Kolumbien in
ihrem Kampf nicht im Stich zu
lassen.
Die vor zwei Wochen angekündigten
65 Millionen Dollar an Soforthilfe
waren nur ein erster Schritt bei der
Unterstützung der Andenstaaten in ihrem Kampf gegen die Kokainkartelle.
Kolumbien
hat bereits Lieferanten
verhaftet, Tonnen von Kokain be-

scnlagnahmt und palastähnliche Häuser
der Drogenkönige konfisziert.
Aber
Kolumbien siebt sich einem langen,
harten Kampf gegenüber, und deshalb
müssen wir bereit sein, noch mehr zu
tun.
Im Rahmen unserer Strategie werden für nächstes Jahr über 250 Millionen Dollar an Militärhilfe und polizeiliche Unterstützung für die drei
Andenstaaten Kolumbien, Bolivien und
Peru zur Verfügung gestellt. Das ist
der erste Teil unseres Fünfjahresprogramms, das sich auf 2 Milliarden
Dollar beläuft und die Bekämpfung der
Produzenten, Händler und Schmuggler
zu Ziel hat.
In der vergangenen Woche hatte
ich eine Unterredung mit Präsident
Barco und wir hoffen, mit den Regierungschefs der betroffenen Länder einen in der Geschichte bisher einmaligen Drogengipfel abzuhalten, zur Koordinierung einer interamerikanischen
Strategie zur Bekämpfung der Kartelle. Wir werden mit unseren Verbündeten und Freunden zusammenarbeiten insbesondere mit den Teilnehmern am
Wirtschaftsgipfel - um mehr im Kampf
gegen Drogen zu tun. Ferner werde
ich den Senat bitten, die im Dezember
vergangenen
Jahres
verabschiedete
Drogenkonvention der Vereinten Nationen zu ratifizieren.
Um den Drogenfluß auf dem Weg in
die Vereinigten Staaten zu unterbinden, schlage ich über 1,5 Milliarden
Dollar für Abfangmaßnahmen vor. Bessere behördenübergreifende Zusammenarbeit kann zusammen mit modernsten
nachrichtendienstlichen Erkenntnissen
und der Technologie des amerikanischen Verteidigungsministeriums dazu
beitragen, die Drogen an unseren
Grenzen aufzuhalten.
Unsere Botschaft an die Drogenkartelle lautet:
Die Zeiten haben
sich geändert. Wir werden jeder Regierung helfen, die unsere Hilfe
wünscht. Auf Wunsch werden wir zum
ersten Mal die geeigneten Mittel der
amerikanischen Streitkräfte zur Ver-

�fügung stellen. Wir werden unseren
Kampf gegen Drogenschmuggler auf hoher See, Im internationalen Luftraum
und an unseren Grenzen intensivieren.
Wir werden den Fluß von Chemikalien
aus den Vereinigten Staaten unterbinden, die zur Weiterverarbeitung von
Drogen verwendet werden. Wir werden
internationale
Abkommen
erarbeiten
und durchsetzen, mit denen die Drogendollar bis zu den obersten Bossen
und Geldgebern zurückverfolgt werden
können. Und dann werden wir diesen
Geldwäschern Handschellen anlegen und
sie hinter Gitter bringen - genau wie
jeden Drogenhändler auf der Straße.
Und für die Drogenbosse die Todesstrafe.
Der dritte Teil unserer Strategie
befaßt sich mit der Behandlung
Drogenabhängiger.
Experten zufolge gibt es zwei Millionen Drogenabhängige in den Vereinigten
Staaten, die mit geeigneter Behandlung von der Droge loskommen
können. Gegenwärtig erhalten jedoch nur 40 Prozent wirklich Hilfe. Das ist einfach nicht genug.
Viele, die Behandlung nötig hätten, kümmern sich nicht aus eigenem
Antrieb darum, und einige, die sich
darum bemühen, werden auf Wartelisten
gesetzt. Die meisten Programme wurden für Heroinabhängige entworfen,
aber heute sind die Kokainkonsumenten
das Hauptproblem.
Es ist an der
Zeit, daß wir unsere Behandlungssysteme ausweiten und denjenigen, die
es nötig haben, mehr solcher Hilfen
bereitstellen.
Ich schlage deshalb
heute abend Mehrausgaben des Bundes
von 321 Millionen Dollar für die Behandlung Drogenabhängiger vor.
Mit dieser Strategie werden wir
mehr leisten.
Wir werden mit den
Einzelstaaten zusammenarbeiten.
Wir
werden die Unternehmer ermutigen,
Hilfsprogramme für ihre Beschäftigten
einzurichten, um den Drogenkonsum zu
bekämpfen.
Weil Drogenabhängigkeit
ein solch grausames Erbe ist, werden
wir darüber hinaus die Suche nach
Möglichkeiten intensivieren, um dro-

genabhängigen
helfen.

werdenden

Müttern

zu

Viertens müssen wir den Drogenkonsum verhindern noch bevor er
beginnt. Leider beginnt er schon
früh - bei vielen Kindern schon
vor dem Teenageralter.
Er beginnt jedoch nicht so, wie Sie
vielleicht denken mögen, durch
einen Dealer oder einen Süchtigen, der um den Schulhof herumlungert.
Noch häufiger kommen
unsere Kinder zum ersten Mal
durch Freunde oder durch ältere
Geschwister mit Drogen in Kontakt. Anpassungsdruck trägt zur
Verbreitung
des
Drogenkonsums
bei.
Anpassungsdruck kann auch
dazu beitragen, ihn zu stoppen.
Ich schlage eine Aufstockung der
Bundesmittel für Präventionsprogramme
in Schulen und Gemeinden um 250 Millionen Dollar vor, mit denen jungen
Menschen und Erwachsenen geholfen
werden kann, den Verlockungen zum
Ausprobieren von Drogen zu widerstehen. Darüber hinaus schlage ich noch
etwas vor. Jede Schule, jedes College und jede Universität - und jede
Arbeitsstätte - müssen im Hinblick
auf den Drogenkonsum von Schülern,
Studenten und Arbeitnehmern harte,
aber faire Maßnahmen ergreifen. Diejenigen, die keinerlei Maßnahmen dieser Art einleiten, werden kein Bundesmittel mehr erhalten. Punkt.
Auch dem Privatsektor kommt eine
Rolle zu. Ich habe mit einem Unternehmer namens Jim Burke gesprochen,
der erklärte, er werde von dem Gedanken - eigentlich einem Alptraum
verfolgt, daß irgendwo in den Vereinigten Staaten zu jedem beliebigen
Zeitpunkt ein Mädchen im Teenageralter, das eigentlich in der Schule
sein sollte, stattdessen ein kokainsüchtiges Kind gebärt. Jim hat deshalb gehandelt. Er stellte sich an
die Spitze einer aus privaten Mitteln
finanzierten Partnerschaft zur Drogenbekämpfung, um mit Werbe- und Medienfirmen zusammenzuarbeiten.
Ihre
Partnerschaft ist heute entschlossen,

- 5 -

�mit unserer Strategie zusammenzuarbeiten, indem sie Aufklärungskampagnen im Wert von einer Million Dollar
pro Tag - und das für jeden Tag in
den nächsten drei Jahren - produziert, also eine Milliarde Dollar an
Werbung zur Förderung des Feldzugs
gegen Drogen bereitstellt.

verwirklicht werden - und zwar sofort. Das nächste Haushaltsjahr beginnt in nur 26 Tagen. Ich bitte also heute abend den Kongreß, der uns
bei der Formulierung dieser Strategie
unterstützt hat, uns bei seiner unmittelbaren Verwirklichung zu helfen.
Wir können diesen Kampf gegen
Drogen bezahlen ohne Steuern zu erhöhen oder das Haushaltsdefizit zu vergrößern. Wir haben dem Kongreß unseren Plan zugeleitet, der aufzeigt,
wie er in den Grenzen unserer überparteilichen Haushaltsvereinbarung zu
finanzieren ist.

Als Präsident besteht eine meiner
vornehmsten Pflichten darin, die Aufmerksamkeit der Nation weiter auf unsere Offensive gegen Drogen zu lenken. Ich werde also nächste Woche in
einer besonderen Fernsehansprache den
Feldzug gegen Drogen in die Klassenzimmer tragen und hoffe, daß er jede
Schule und jeden jungen Amerikaner
erreichen wird. Die Erziehung gegen
Drogen beginnt jedoch nicht im Klassenzimmer oder vor dem Fernseher.
Sie muß zu Hause und in der Nachbarschaft beginnen. Eltern und Familien
müssen ein Beispiel für ein drogenfreies Leben geben. Und wenn Familien
auseinanderbrechen,
müssen
Freunde und Nachbarn helfen.

Ich weiß, daß manch einer trotzdem sagen wird, wir gäben nicht genug
aus.
Aber diejenigen, die unsere
Strategie nur nach deren Kosten beurteilen, verstehen einfach das Problem
nicht. Täuschen wir uns nicht: Wir
alle haben in der Vergangenheit gesehen, daß unsere schwierigsten Probleme mit Geld allein nicht zu lösen
sind.

Dies sind die wichtigsten Elemente unserer Strategie zur Drogenbekämpfung. Sie alle sind darauf ausgerichtet, sich gegenseitig zu verstärken und ein umfassendes Ganzes zu
ergeben, um das Problem an allen Ekken und Enden energisch zu bekämpfen.
Dies ist das erste Mal in der Geschichte unseres Landes, daß wir eine
wirklich umfassende Strategie haben.

Unsere Strategie benötigt diese
Mittel, um durchschlagend und wirksam
zu sein. Es gibt jedoch nichts, was
mit einem vereinten Amerika, einem
entschlossenen Amerika und einem zornigen Amerika vergleichbar wäre. Unsere Wut über Drogen vereint uns,
schweißt uns in diesem einen Aktionsplan zusammen, einem Angriff an allen
Fronten.

Wie Sie sich denken können, ist
ein solcher Ansatz nicht billig. Im
vergangenen Februar habe ich im Drogenbudget für das kommende Jahr einen
Zuwachs von 700 Millionen Dollar beantragt. In den letzten sechs Monaten sorgfältiger Untersuchungen haben
wir einen unmittelbaren Bedarf von
weiteren 1,5 Milliarden Dollar festgestellt.
Mit diesen zusätzlichen
2,2 Milliarden Dollar wird unser Drogenbudget im Jahr 1990 nahezu 8 Milliarden Dollar erreichen - dies ist
der stärkste Zuwachs in unserer Geschichte.

Dies ist die schwerste innenpolitische Herausforderung seit Jahrzehnten, und wir müssen uns dieser Herausforderung stellen - nicht als Demokraten oder Republikaner, als Liberale oder Konservative, sondern als
Amerikaner. Der Schlüssel liegt in
einer koordinierten, gemeinsamen Anstrengung. Wir haben auf den Antrag
des Kongresses zur Erstellung der ersten nationalen Strategie zur Drogenbekämpfung aufrichtig reagiert. Ich
werde mich auf die führende Rolle und
die überparteiliche Unterstützung der
demokratischen Mehrheit und unserer
republikanischen Abgeordneten im Kongreß stützen. Unsere Mitbürger ver-

Dieses

Programm

muß

vollständig

�dienen Zusammenarbeit, nicht Konkurrenz, eine nationale Anstrengung,
keinen Parteienstreit.

auf dem Spiel.

Um einen Anfang zu machen, muß
der Kongreß nicht nur zu dieser nationalen Strategie zur Drogenbekämpfung handeln, sondern auch zu unserem
Paket zur Verbrechensbekämpfung vom
letzten Mai. Mit diesem Paket sollen
Strafen verschärft, die Strafverfolgung verstärkt und 24 000 neue Gefängnisplätze geschaffen werden.

Vor nicht allzu langer Zeit las
ich in einer Zeitung die Geschichte
über einen kleinen Jungen namens
Dooney, der bis vor kurzem in einem
Crack-Haus in einem Vorort von Washington labte. In Dooneys Nachbarschaft zucken Kinder beim Geräusch
von Schüssen nicht zusammen, und wenn
sie spielen, tun sie so, als verkauften sie einander kleine weiße Steine,
die sie Crack nennen.

Sie und ich wissen, daß die Bundesregierung dies nicht allein bewältigen kann. Die Einzelstaaten müssen
schärfere Bundesgesetze durch schärfere Staatsgesetze ergänzen - die Bestimmungen für Kautionen, Bewährung,
Hafturlaub und Verurteilungen verschärfen.

Das Leben Zuhause war so grausam,
daß Dooney seine Lehrer bat, auf dem
Boden der Schule schlafen zu dürfen.
Und als man ihn nach der Zukunft
fragte, erwiderte der sechsjährige
Dooney:
"Ich möchte keine Drogen
verkaufen, aber wahrscheinlich muß
ich es tun."

Wir benötigen Ihre Hilfe. Wenn
Menschen in Ihrem Bekanntenkreis Drogen nehmen, helfen Sie Ihnen, davon
loszukommen. Wenn Sie Eltern sind,
sprechen Sie mit Ihren Kindern über
Drogen - noch heute abend.

Nun, Dooney muß keine Drogen verkaufen. Kein Kind in den Vereinigten
Staaten soll so leben müssen. Zusammen, als Volk, können wir diese Kinder retten. Wir haben bereits die
nationale Einstellung der Toleranz in
eine Haltung der Verurteilung verändert. Aber der Krieg gegen Drogen
wird nur nach hartem Kampf gewonnen
werden, Nachbarschaft
um Nachbarschaft, Häuserblock um Häuserblock,
Kind um Kind.

Rufen Sie Ihre lokale Beratungsstelle an. Seien Sie ein großer Bruder oder eine große Schwester für ein
Kind in Not. Beteiligen Sie sich an
Ihrem
nachbarschaftlichen
Uberwachungsprogramm.
Ob Sie Ihre Zeit
oder Ihre Talente einbringen, jeder
zählt.
Jedes Unternehmen, das Drogen vom
Arbeitsplatz verbannt.
Jede Schule, die hart gegen Drogenkonsum vorgeht.
Jede Nachbarschaft, in der Drogen
nicht willkommen sind.

Wenn wir diesen Krieg als geteilte Nation führen, dann haben wir ihn
schon verloren. Aber wenn wir diesem
Unheil als vereinte Nation entgegentreten, wird es nichts als eine Handvoll nutzloser Chemikalien darstellen.
Sieg. Sieg über die Drogen ist
unser Anliegen, eine gerechte Sache,
und mit Ihrer Hilfe werden wir gewinnen.

Am wichtigsten jedoch ist jeder
von Ihnen, der sich weigert, wegzusehen. Jeder von Ihnen zählt.
Natürlich werden für einen Sieg
harte Arbeit und Zeit erforderlich
sein. Aber zusammen werden wir gewinnen - zu viele junge Leben stehen
- 7 -

*****

�^°^&lt;

AMERIKA DIENST
Dokumentation

34

13. September 1989
MARESCA:

"BEACHTLICHE FORTSCHRITTE" BEI VSBM-GESPRÄCHEN

- Erklärung des Leiters der amerikanischen Delegation -

WIEN - (AD) - Bei den Verhandlungen über Vertrauens- und Sicherheitsbildende Maßnahmen (VSBM) sind bereits "beachtliche Fortschritte" erzielt worden,
erklärte der Leiter der amerikanischen Delegation, Botschafter John Maresca,
bei der Eröffnung der dritten Verhandlungsrunde am 8. September 1989 in Wien.
Was die VSBM-Gespräche erreicht haben, hat auch "maßgeblichen und positi- ven
Einfluß auf die Rüstungskontrolle insgesamt gehabt", fügte Maresca hinzu. Dem
Botschafter zufolge können die Verhandlungen jetzt "sehr wohl Fortschritte
machen, aber frühzeitige positive Schlußfolgerungen können nur gezogen werden,
wenn Vorschläge, bei denen voraussichtliche kein Konsens erzielt werden kann,
ausgeklammert werden".
Nachfolgend veröffentlichen wir die Erklärung von Botschafter Maresca im
Wortlaut.

Wie die anderen Redner am heutigen Vormittag möchte auch ich die Befriedigung meiner Delegation zum Ausdruck bringen, zur Eröffnung dieser
dritten Verhandlungsrunde wieder in
Wien sein zu können. Wir sehen weiteren fruchtbaren Sitzungen und der
engen Zusammenarbeit mit Ihnen allen
gerne entgegen.
Herr Vorsitzender, während der
Sommerpause bin ich zu Konsultationen
nach Washington zurückgekehrt.
In
den Gesprächen mit hochrangigen Vertretern des Weißen Hauses, des Aussen- und
Verteidigungsministeriums
sowie anderen Regierungsinstitutionen
habe ich von den beachtlichen Fortschritten berichtet, die wir bei diesen Verhandlungen bisher verzeichnen
konnten. Bei meinen Gesprächen habe

United States Information Service
Embassy of the United States of America

ich den Eindruck gewonnen, daß Washington den VSBM-Verhandlungen zunehmende Bedeutung beimißt.
Die
politisch
Verantwortlichen
meines Landes sind sich der besonderen Bedeutung von Rüstungskontrolle
bei den im Rahmen der KSZE geführten
Verhandlungen voll und ganz bewußt.
Es wird immer deutlicher, daß die zunächst bei den 35 KSZE-Teilnehmerstaaten verzeichneten Erfolge auch
maßgeblichen und positiven Einfluß
auf die Rüstungskontrolle insgesamt
gehabt haben. Helsinki hat die Tür
zur Beobachtung von Übungen geöffnet.
In Madrid wurde zum ersten Mal Einigung über die Zone vom Atlantik bis
zum Ural erzielt. In Stockholm wurde
das Konzept von Ad-hoc-Inspektionen
verabschiedet.
Diese Entwicklungen

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.: 0228-339 2035
Telex: 8-85432

�haben den Weg zu Fortschritten in anderen Bereichen der Rüstungskontrolle
geebnet.
1

Es liegt für mich auf der Hand,
daß diese Vorreiterfunktion auch Einfluß auf die Wiener Verhandlungen gehabt hat. Der reguläre Austausch militärischer Informationen hat meiner
Ansicht nach jetzt auch Eingang in
dieses Forum gefunden. Dies stellt
einen wichtigen Schritt nach vorne
dar, der ausschließlich positive Auswirkungen auf das gesamte Spektrum
der derzeit stattfindenden Rüstungskontrollgespräche haben wird. Natürlich haben wir uns noch nicht auf alle Einzelheiten des Informationsaustauschs geeinigt. Eine Herausforderung liegt in der Erarbeitung eines
Konsenses zu den unterschiedlichen
Ansätzen, die in dem westlichen Vorschlag, dem inoffizellen polnischen
Papier des vergangenen Sommers und
dem von den neutralen und blockfreien
Delegationen unterbreiteten Vorschlag
enthalten sind. Meines Erachtens ist
jedoch mit der grundsätzlichen Zustimmung zu einem solchen Austausch
bereits ein Durchbruch erzielt worden.
Es gibt noch einen anderen Bereich, in dem diese Verhandlungsrunde
den Weg nach vorne weist - und der
besteht in der vorgeschlagenen Erörterung der jeweiligen Militärdoktrin
in Form eines Seminars. Auch hier
scheint sich umfassende Zustimmung
zum Konzept eines solchen Seminars
abzuzeichnen. Ich habe den Eindruck,
daß die Ad-hoc-Arbeitsgruppe, die mit
der Vorbereitung dieses Seminars befaßt ist, jetzt zu einer sachlichen
Erörterung der Tagesordnung und Modalitäten für diese Veranstaltung in
der Lage ist. Wenn unsere Bestrebungen erfolgreich sind, wird diese Verhandlungsrunde zum ersten Informationsaustausch über Militärdoktrin zwischen den jeweiligen Regierungen führen, der je stattgefunden hat. Dialog ist insbesondere in der heutigen
Zeit von vorrangiger Bedeutung und
meine Delegation würde in der Zustimmung zu einem solchen Seminar eine
Errungenschaft von beachtlicher mög- 2

licher Tragweite sehen.
Zusätzlich zu den beeindruckenden
Fortschritten im Hinblick auf den Informationsaustausch und das Seminar
zur Militärdoktrin konnten auch in
anderen Bereichen bedeutende Fortschritte verzeichnet werden.
Unter
der generellen Bezeichnung "Verbesserungen der Stockholmer Maßnahmen" haben sich einige Gemeinsamkeiten abgezeichnet. Es scheint sich jetzt die
umfassende Zustimmung zu dem Gedanken
abzuzeichnen, daß unser Schlußdokument eine Reihe von Verbesserungen
der Stockholmer Maßnahmen enthalten
sollte, die unserer einhelligen Meinung nach zur besseren Verwirklichung
eines Dokuments führen werden, das
bereits als Erfolg der Rüstungskontrolle eingestuft worden ist. Auch
diese Bereiche scheinen reif für weitere Fortschritte im Verlauf dieser
Verhandlungsrunde.
Herr Vorsitzender, bei diesen
Verhandlungen können jetzt sehr wohl
Fortschritte
erzielt werden.
Wir
müssen jedoch auch realistisch sein.
Die Gemeinsamkeiten, die sich in den
ersten beiden Verhandlungsrunden abgezeichnet haben, können nur zu frühzeitigen positiven Schlußfolgerungen
führen, wenn Vorschläge, bei denen
voraussichtlich kein Konsens erzielt
werden kann, ausgeklammert werden.
Das ist zweifelsohne die schwierigste
- wenn nicht sogar schmerzlichste Aufgabe, mit der wir uns konfrontiert
sehen, aber ein Sondierungsprozeß ist
unabdingbar und wir werden uns ihm
stellen.
Meine Delegation ist zur
Zusammenarbeit mit Ihnen allen bereit, um diese Gespräche auf der
Grundlage eines Konsenses voranzubringen. Das ist unser gemeinsames
Ziel für Runde III.

* * * * *

�AMERIKA DIENST
Hintergrundmaterial

' V O N **

13. September 1989

34

BUSH: DROGENKONSUM MUSS WELTWEIT BEKÄMPFT WERDEN
Internationaler Teil der Drogenstrategie des Präsidenten -

WASHINGTON - (AD) - Bei der Formulierung einer amerikanischen Strategie
zur Bekämpfung der weltweiten Verbreitung von Drogen sind Präsident Bush zufolge Programme unabdingbar, mit denen andere Länder zum Kampf gegen die Herstellung und den Handel mit Drogen auf internationaler Ebene ermutigt werden
sollen. In seinem Strategiepapier zur nationalen Drogenbekämpfung betonte
Bush am 5. September 1989, daß die Vereinigten Staaten die Kosten und Verantwortung für die Drogenbekämpfung nicht alleine tragen könnten. Aus diesem
Grund, so Bush, "muß ein Eckpfeiler unserer internationalen Drogenpolitik die
Entschlossenheit sein, mit anderen Ländern zusammenzuarbeiten und sie zur Mobilisierung ihrer Ressourcen im Kampf gegen den Drogenschmuggel zu ermutigen".
Nachfolgend veröffentlichen wir den Teil des Strategiepapiers des Präsidenten, der sich mit internationalen Belangen befaßt, im Wortlaut.
Internationale Prioritäten
Zerschlagung
Drogenmafia.
-

und

Auflösung

Nachrichtenerfassung gegründet.
der

Verringerter
Kokainnachschub.
Den drei Kokain produzierenden
Andenstaaten wird Hilfe bei der
Strafverfolgung sowie militärische und wirtschaftliche Unterstützung gewährt, um die wichtigsten Koka-Anbaugebiete zu isolieren, Lieferungen von zur KokainVerarbeitung verwendeten Chemikalien abzufangen, die Kokain-Hydrochlorid verarbeitenden Labors
zu zerstören und Drogenhändlerringe auszuheben. Im Transitbereich werden die Maßnahmen verstärkt, und im Karibischen Becken
wird ein gemeinsames Zentrum zur

United States Information Service
Embassy of the United States of America

Unterbindung des Heroinnachschubs
durch Bestrebungen, andere Länder
zu überzeugen, auf Opiumanpflanzer einzuwirken und Heroinverarbeitung und -vertrieb abzubauen.
Unterbindung des Marihuananachschubs durch verstärkte Strafverfolgung im Ausland und Vernichtung der Felder sowie durch Bestrebungen, Länder mit geringen
Marihuanaanpflanzungen davon zu
abzuhalten, große Mengen anzubauen.
Unterstützung
der
Vereinigten
Staaten und Ermutigung von Bestrebungen der Europäischen Gemeinschaft und auf multilateraler

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.: 0228-339 2035
Telex: 8-85432

�Ebene, die die Anbau- und Transdtländer, Verteilernetze sowie
den Verbrauch in Europa zum Ziel
haben. Unterstützung der Europäischen Gemeinschaft beim Kampf
gegen die internationale und regionale Drogenmafia.
Andere internationale Ziele:
Das Drogenproblem wird ein Punkt
der bilateralen Außenpolitik.
Ratifizierung der Konvention der
Vereinten Nationen gegen den unerlaubten Verkehr mit Suchtstoffen
und
psychotropen
Stoffen
durch die Vereinigten Staaten zusammen mit anderen noch zu verabschiedenden Verträgen über gegenseitige Rechtshilfe. Andere Länder werden zur Ratifizierung der
Konvention aufgefordert.
Unterstützung des Genehmigungsverfahrens für Auslandshilfe der
Vereinigten
Staaten,
um
eine
wirksamere Einhaltung der amerikanischen
Drogenbekämpfungsziele
in den Anbau- und Transitländern
zu gewährleisten.
Bilaterale und multilaterale Bestrebungen
zur Bekämpfung der
Geldwäsche
auf
internationaler
Ebene.
Internationale Initiativen
Die Herkunft der gefährlichsten
Drogen, die unser Land bedrohen, ist
im wesentlichen auf internationaler
Ebene zu suchen. Wenige ausländische
Bedrohungen sind kostspieliger für
die
amerikanische
Volkswirtschaft.
Keine richtet mehr Schaden an unseren
nationalen Werten und Institutionen
an oder zerstört mehr Leben in den
Vereinigten
Staaten.
Während die
meisten internationalen Bedrohungen
potentiell bestehen, sind die im Drogenhandel resultierenden Schäden und
Gewalttaten alles beherrschende Realität. Drogen sind eine entscheidende Bedrohung unserer nationalen

Sicherheit.
Eine umfassende Drogenkontrollstrategie muß Programme zur wirksamen
Bekämpfung der Herstellung und des
Handels mit Drogen auf internationaler Ebene beinhalten. Diese Programme, die auf die Herstellung von Drogen im Ausland abzielen, unterstützen
die damit einhergehenden Konzepte der
Abschreckung
und
Vernichtung
und
stellen eine Erweiterung der Strafgerichtsbarkeit im Inland dar, indem
die Bekämpfung der multinationalen
Drogenmafia über unsere Grenzen hinausgetragen wird.
Sie tragen dazu
bei, daß wir den Drogenhandel vom Anbau bis zur Ankunft in den Vereinigten Staaten unterbinden können und
das Problem nicht nur auf unseren
Straßen in Angriff nehmen.
Wirksame internationale Bestrebungen gestatten uns, in diesem Kampf
auf die Ressourcen anderer Nationen
zurückzugreifen. Unser Land kann die
Verantwortung oder Kosten der Drogenbekämpfung nicht alleine übernehmen.
Genausowenig können wir erwarten, die
Bedrohung ohne gegenseitige Unterstützung zu bekämpfen. Ein Eckpfeiler unserer internationalen Drogenpolitik muß die Entschlossenheit sein,
mit anderen Ländern zusammenzuarbeiten und sie zur Mobilisierung ihrer
Ressourcen im Kampf gegen den Drogenhandel zu ermutigen. Nur durch umfassende, gemeinsame internationale
Bestrebungen können wir den Drogennachschub aus dem Ausland verringern
und andere Länder ermutigen, uns in
unseren Bemühungen zur Drogenkontrolle zu unterstützen und die Drogengefahr selbst zu bekämpfen.
In den meisten Fällen werden die
Drogen nicht von den Konsumenten ins
Land gebracht - Einzelpersonen, die
genug für den eigenen Bedarf oder den
ihrer Freunde einschmuggeln.
Die
Mehrzahl vor allem der gefährlichsten
Drogen wird von multinationalen Verbrechersyndikaten angebaut, verarbeitet und in die Vereinigten Staaten
verschifft oder geliefert.
Unsere
internationalen Bestrebungen zur Dro-

�genbekämpfung müssen sich daher vornehmlich auf die Gruppen und ihre
Bosse richten, die den Handel gefährlicher Drogen in die Vereinigten
Staaten und andere Länder organisieren und kanalisieren. Jedes einzelne
Element dieser Organisationen muß von
der Herstellung, Verarbeitung, Lieferung, Verteilung bis hin zu den Finanznetzen bekämpft werden. Im Einklang mit unseren und den Gesetzen
anderer Länder müssen wir handeln, um
den internationalen Drogenhandel zu
zerschlagen und aufzulösen, so daß
die Drogenhändler um ihr Geschäft gebracht werden. Darüber hinaus müssen
wir in größtmöglichem Umfang den
Transport und Handel mit Drogen in
den Erzeugerländern vereiteln, da die
Unterbindung des Drogenschmuggels in
die Vereinigten Staaten ein unverhältnismäßig komplizierteres, teureres und weniger wirksames Mittel zum
Abbau des Drogennachschubs in unser
Land ist.

Kokain, Heroin, Marihuana und andere
Drogen
Heute stellen zwei Drogen - Kokain und Heroin - die ernsthafteste Bedrohung der Vereinigten Staaten dar.
Praktisch das gesamte in den Vereinigten
Staaten konsumierte Kokain
stammt von in Peru (60 Prozent), Bolivien (30 Prozent) und Kolumbien (10
Prozent) angebautem Koka. 80 Prozent
des in den Vereinigten Staaten angebotenen Kokains wird in Kolumbien
verarbeitet und verschifft. Zusätzlich zu den Verbrechen und Gewalttaten, die der Kokainhandel in den Vereinigten Staaten mit sich bringt, ist
die Kokain herstellende Industrie direkt für Gewalt, drogenbezogene Korruption und Einschüchterung durch die
Drogenhändler gegenüber Einzelpersonen und Regierungen in den Andenländern verantwortlich, in denen das Kokablatt angebaut wird.
Sie alle
schließen sich zusammen, um die Bemühungen der Regierungen der Andenstaaten bei der Drogenbekämpfung zu vereiteln.

Darüber hinaus ist der Kokainhandel in der Andenregion nur eine von
vielen Bedrohungen.
Wirtschaftliche
Unsicherheit und politische Rebellion
sind ebenso ernsthafte Herausforderungen für demokratische Institutionen und die Stabilität in diesem Gebiet. Diese drei Faktoren gehen Hand
in Hand: die isolierte Bewältigung
eines Problems, ohne gleichzeitig
auch die anderen anzugehen, wird
wahrscheinlich nicht zu einem Abbau
des Kokainnachschubs
führen.
Die
Herausforderung besteht darin, die
Regierungen der Kokain herstellenden
Länder zur Zusammenarbeit mit uns zu
motivieren, um der Kokainindustrie
einem empfindlichen Schlag zu versetzen, während diese Länder gleichzeitig ihre eigenen Programme zur Drogenbekämpfung durchführen. Umfassende und kontinuierliche mehrjährige
Bestrebungen, die wirtschaftliche und
militärische Unterstützung sowie Hilfe bei der Strafverfolgung beinhalten, werden zur Verwirklichung dieses
Ziels in die Tat umgesetzt.
Die
Zielsetzung dieser Bestrebungen muß
folgendermaßen
lauten:
Isolierung
der Hauptanbaugebiete von Koka in Peru und Bolivien, Unterbindung von
Lieferungen der zur Kokainverarbeitung unerläßlichen chemischen Grundstoffe in diesen Ländern, Zerstörung
der Einrichtungen, in denen KokainHydrochlorid verarbeitet wird, Zerschlagung der Drogenhändlerringe sowie Vernichtung der Kokaernte, wenn
dies mit einer wirksamen Strategie
gewährleistet werden kann. Wir können und müssen diese Ziele mit einem
möglichst geringen direkten Einsatz
amerikanischen Personals verwirklichen.
Das ist ein entscheidender
Punkt. Die Länder der Region müssen
die Hauptlast selbst tragen.
Um die regionale Unterstützung
dieser Zielsetzungen zu verbessern,
müssen wir die Zusammenarbeit mit den
Regierungen der Koka anbauenden Länder intensivieren. Dies sollte die
Einberufung einer Drogen-Gipfelkonferenz der Andenstaaten im kommenden
Jahr beinhalten. Unsere Teilnahme an
einer solchen Konferenz würde einen

- 3 -

�umfassenden Gedankenaustausch zu dem
Problem gestatten, uns Gelegenheit
zur Erläuterung unserer angebots- und
nachfrageorientierten Strategien geben und im Idealfall ein Abkommen
zwischen den Vereinigten Staaten und
den Andenstaaten über unsere Hauptziele und Strategien in dieser Region
hervorbringen. Darüber hinaus könnte
die
Koordinierung
der
regionalen
Strafverfolgung unter den Andenstaaten erwogen werden sowie gemeinsame
Maßnahmen zum Abbau der Nachfrage
nach Drogen in diesen Staaten. Zur
weiteren Unterstützung von Kokainbekämpfungs- und
Drogenkontrollprogrammen, die auf Opium und andere Substanzen abzielen, sollten die Vereinigten Staaten diplomatische Initiativen in die Wege leiten, um erweiterte Zusagen für materielle Hilfe
aus anderen Geber- und Verbraucherländern sicherzustellen.
Da die überwiegende Mehrheit der
Kokainlieferungen über Mittelamerika,
Mexiko und die Karibik in die Vereinigten Staaten gelangen, müssen wir
darüber hinaus verstärkt Programme
zur Verbesserung der Drogenbekämpfung
in diesen Transitgebieten entwickeln.
In diesem Zusammenhang hat die jüngste Erweiterung des gemeinsamen Zentrums zur Nachrichtenerfassung, dank
dem die Vereinigten Staaten und die
Regierungen des Karibischen Beckens
nachrichtendienstliche
Erkenntnisse
über Drogenziele sammeln und austauschen konnten, wertvolle Möglichkeiten eröffnet. Mit der verbesserten
Technik können 26 Länder der Karibik
miteinander und mit den amerikanischen Strafvollzugsbehörden über INTERPOL Verbindung aufnehmen, was zu
einer weiteren Verbesserung der Zusammenarbeit in diesem Gebiet beigetragen hat.
Zusätzlich zur Unterstützung dieser Bemühungen können die
Vereinigten Staaten einen entscheidenden Beitrag zu den Strafverfolgungsmaßnahmen der Transitländer leisten, von Ausbildung und technischer
Hilfe bis hin zu operativer Unterstützung der Drogenbekämpfungsmaßnahmen. Auch hier müssen die Organisationen und Personen, die den Drogen-

handel leiten und handhaben, im Mittelpunkt stehen.
Opium und sein gefährlichstes Derivat, Heroin, werfen eine Reihe von
Problemen auf, die ganz anders gelagert sind als bei Kokain. Der Umfang
der weltweiten Heroinproduktion, der
weit über den derzeitigen Konsum in
den Vereinigten Staaten hinausgeht,
wächst weiter an. Mit Ausnahme von
Thailand hat jedes Opium produzierende Land im Jahr 1988 sein bisheriges
Produktionsniveau
aufrechterhalten
oder aufgestockt, und die Gesamtzunahme der Opiumproduktion wird 1989
voraussichtlich
anhalten.
In den
beiden führenden Opium produzierenden
Regionen hat Südostasien die Stelle
von Südwestasien
als Hauptversorgungsquelle für unser Land eingenommen.
Die Vereinigten Staaten haben jedoch keinen zwingenden Einfluß auf
die wichtigsten Opium produzierenden
Länder der Welt. Infolgedessen haben
Bestrebungen zum Abbau des Nachschubs, die regionale und internationale Organisationen
oder Entwicklungshilfe umfassen, wenig Aussicht
auf eine maßgebliche Verringerung der
Opiumernten. Eine Strategie zur Eindämmung des Heroinnachschubs in die
Vereinigten Staaten muß daher ausschließlich auf drei Pfeiler gegründet sein:
Überzeugung der Länder,
die Einfluß auf die Opiumanpflanzer
haben, diesen direkt geltend zu machen und Ermutigung von Strafverfolgung und Erntevernichtungsprogrammen
in den Ländern, in denen die Vereinigten Staaten einen gewissen Einfluß
haben; Ausübung des amerikanischen
Einflusses auf Länder, die Verarbeitungs- und Verteilungszentren sind zum
Beispiel
Malaysia,
Thailand,
Hongkong und China und als wirksamstes Mittel Anwendung von Abfangmaßnahmen an der amerikanischen Grenze,
insbesondere in den Ankunftshäfen.
Bessere strategische und operative
nachrichtendienstliche
Erkenntnisse
(die im folgenden Kapitel behandelt
werden) sind unabdingbar zur Verwirklichung dieser Ziele.

�Kolumbien ist der Hauptlieferant
für in den Vereinigten Staaten konsumiertes Marihuana und stellt rund 40
Prozent des gesamten amerikanischen
Bedarfs.
Mexiko produziert 25 Prozent des Verbrauchs in den Vereinigten Staaten und 10 Prozent kommen aus
anderen Ländern. Der übrige amerikanische Markt - 25 Prozent - wird aus
dem Inland beliefert.
Um die Marihuanalieferungen aus dem Ausland einzudämmen, müssen wir Abkommen mit den
Hauptanbauländern
abschließen,
um
ausländische
Strafverfolgungsmaßnahmen durch Avisbildung, logistische und
nachrichtendienst1iche
Unterstützung
zu verbessern. Darüber hinaus müssen
wir dabei behilflich sein, genaue
Schätzungen des Ernteertrags vorzunehmen, auf die sich mit Drogenkontrolle in Verbindung stehende Aktivitäten gründen.
Ferner müssen wir
Erntevernichtungsprogramme
dort unterstützen, wo sie die beste Anwendung finden.
Ein zweites Hauptmerkmal unserer Strategie muß darauf ausgerichtet sein, noch kleine Cannabisanpflanzer in Mittel- und Südamerika, Ostasien und Afrika davon abzuhalten, führende Marihuanalieferanten
zu werden.
Multilaterale Bestrebungen der Verbraucherländer müssen gemeinsam mit bilateralen Initiativen
und
wirksamer
Öffentlichkeitsarbeit
an die spezifischen Gegebenheiten der
Länder angepaßt werden.
In bestimmten Gebieten und unter
gewissen Umständen könnten Erntevernichtungsmaßnahmen
der
beste
und
wirtschaftlichste Ansatz sein, um den
weiteren Anbau von Pflanzen zu verhindern, aus denen Drogen gewonnen
werden können.
In anderen Ländern
kann es genau das Gegenteil bewirken
und Bauern in die Reihen regierungsfeindlicher Rebellen treiben oder in
andere Gebiete vertreiben, die nicht
so leicht zugänglich sind.
Vernichtungsmaßnahmen
funktionieren
wahrscheinlich am besten in solchen Gebieten, in denen wenig oder kein Widerstand vom Gastland geleistet wird,
wo
Strafverfolgungsmaßnahmen
das
Rückgrat der Schmuggelringe gebrochen
haben und Ernteerträge gesunken sind,

wo die Wahrscheinlichkeit einer Ernteverlagerung - die Anpflanzer verlagern ihre Produktion in andere Gebiete - begrenzt ist und echte Beschäftigungsalternativen
bestehen
oder
leicht geschaffen werden können. Bei
Vernichtungsprogranmen muß sorgfältig
von Fall zu Fall abgewogen werden im Hinblick auf mögliche Auswirkungen
auf die Gesamtproduktion des Landes,
auf Rentabilität und Nutzen im Vergleich zu anderen Drogenbekämpfungsprogrammen im selben Land oder Gebiet
und auf ihre möglichen politischen
Konsequenzen.
Zusätzlich zu Kokain, Opium und
Marihuana bedrohen andere gefährliche
Drogen und Substanzen die Nation.
Die Einfuhr von Grundstoffen zur Herstellung
von Methylamphetaminen in
heimischen Labors stellt ein besonderes Problem in den westlichen und
südwestlichen Staaten dar, das nur
noch von Crack als Hauptdrogenproblem
übertroffen wird.
Die illegale Einfuhr von Ergotamin, das bei der Herstellung von LSD verwendet wird und
der Schmuggel von MDMA ("ecstasy")
sowie von Amphetaminen müssen weitere
Ziele unserer Bestrebungen sein.
Um diese eben genannte Reihe von
Problemen bewältigen zu können, müssen
wir
verhindern,
daß Drogenschmuggler Material im großem Umfang
über die kontrollierten aber meist
nicht genügend bewachten Landgrenzen
oder auf dem Luft- oder Seeweg ins
Land bringen. Dies erfordert erweiterte
Vollstreckungsmaßnahmen
der
Grenzposten,
zusätzliche
Fahrzeugund Containerinspektionen und - im
Falle importierter Chemikalien - Einführung
umfassender
internationaler
Kontrollen
und gemeinsamer Uberwachungs- und Strafverfolgungsprogramme
mit anderen Ländern.

Außenpolitische Initiativen
Wir haben durchgreifende Bemühungen unternommen, um einen internationalen
Konsens
über die
Bedrohung
durch den Drogenhandel zu erreichen.

- 5 -

�Ein bedeutender Meilenstein wurde mit
der am 18. Dezember des vergangenen
Jahres in Wien verabschiedeten Konvention der Vereinten Nationen gegen
den unerlaubten Verkehr mit Suchtstoffen und psychotropen Stoffen erzielt.
Die Konvention fordert die
Bestrafung
von
Produktion, Anbau,
Transport und Handel von Kokain, Heroin, Marihuana und anderen gefährlichen Drogen. Ferner fordert sie, daß
der Handel mit chemischen Grundstoffen sowie die Geldwäsche unter Strafe
gestellt werden und liefert einen
Rahmen für die Beschlagnahme von Vermögen, die Auslieferung von Drogenhändlern, die Abtretung von Strafverfahren, Ausbildungsmaßnahmen und andere Formen der Zusammenarbeit.
Die Konvention ist für wirksame
internationale Zusammenarbeit bei der
Bekämpfung
des
Drogenhandels
von
grundlegender Bedeutung. Die Vereinigten Staaten müssen sie sobald wie
möglich ratifizieren und Durchführungsgesetze erlassen, um sie wirksam
werden zu lassen. Ferner müssen wir
die Ratifizierung durch andere Länder
zu einer vordringlichen Frage in unseren bilateralen Beziehungen machen,
insbesondere mit den wichtigsten Herstellungs- und
Transitländern
für
Drogen.
In anderen Bereichen Von außenpolitischem Interesse bieten gewisse
Länder und Regionen sowohl den internationalen Drogenhändlern als auch
dem Interesse der Vereinigten Staaten
an der Zerschlagung des internationalen Drogenhandels besondere Möglichkelten.
Dazu gehören: Westeuropa,
wo Drogen zunehmend als unmittelbare
Bedrohung betrachtet werden und der
Konsum, insbesondere von Kokain und
Heroin, ständig zunimmt. Die Sowjetunion und Osteuropa, wo innerhalb von
wenigen Jahren asiatisches Heroin und
andere Drogen das soziale Geflecht
durchdrungen haben. Dies führte im
Juni des vergangenen Jahres zur ersten Ostblockkonferenz über Drogenbekämpfung in Taschkent. Begrenzte und
selektive Zusammenarbeit in mehreren
anderen Ländern und Regionen könnte

den Vereinigten Staaten hohen Nutzen
bei der Bekämpfung von Drogenhändlern
und deren Organisationen einbringen.
Die
amerikanischen
Initiativen
müssen auf bestimmte Situationen zugeschnitten sein.
Im Hinblick auf
Europa zum Beispiel wird die amerikanische Strategie vier Ziele verfolgen: Erstens, der Europäischen Gemeinschaft bei der Entwicklung durchschlagender Maßnahmen, Strategien und
Programme zur Reduzierung der Nachfrage mit dem Ziel zu helfen, den europäischen Drogenmarkt auszuhöhlen,
die Profite aus dem Drogenhandel einschneidend zu verringern und den internationalen Drogenhandel zu schwächen. Zweitens, die Europäischen Gemeinschaft bei der Stärkung ihres eigenen Mechanismus zur Reduzierung des
Angebots zu unterstützen, insbesondere bei Strafverfolgungsmaßnahmen sowie Austausch von Aufklärungsergebnissen und Informationen. Drittens,
die Einbindung von Staaten der Europäischen Gemeinschaft in multilaterale Bemühungen mit den Vereinigten
Staaten, um die Produktion, Weiterverarbeitung und den Handel, insbesondere von Kokain und Heroin, in den
Produktions- und Transitländern unter
Kontrolle zu bekommen. Schließlich,
Sicherung der Unterstützung seitens
der EG für Maßnahmen internationaler
und regionaler Organisationen mit Beteiligung der Herstellungsländer und
-gebiete, insbesondere dort, wo die
Vereinigten Staaten über wenig oder
gar keinen direkten Einfluß verfügen.
Wir müssen bereit sein, unser
Wissen und unser Anliegen mit der Sowjetunion und den osteuropäischen
Staaten zu teilen und diese an kooperativen Maßnahmen zur Drogenbekämpfung teilhaben zu lassen.
Ferner
sollten wir willens sein, von anderen
Ländern, zu denen wir minimale oder
gar keine diplomatischen Beziehungen
unterhalten,
angebotene
besondere
Chancen zu nutzen.
So könnte zum
Beispiel Kuba den Transit von Drogenflugzeugen auf dem weg in die Vereinigten Staaten effektiv blockieren,
anstatt ihn zu fördern. Die kubani-

- 6 -

�sehe Regierung hat die Fähigkeit, den
gegenwärtigen Drogenhandel erheblich
zu stören. Es bleibt abzuwarten, ob
sie dies mit dem nötigen Nachdruck
tun wird.
Eine durchgreifende internationale Strafverfolgung ist ein vordringliches Anliegen.
In demselben Umfang, in dem wir ürogenkonsumenten
und Drogenhändler in unserem eigenen
Land für ihre Taten zur Verantwortung
ziehen, müssen wir anderen Staaten
dabei helfen, ihre Fähigkeiten zur
Strafverfolgung sowie ihre gesetzlichen Möglichkeiten zur Bestrafung von
Drogentätern auf deren Territorium zu
stärken. Falls nötig, sollten ausländischen Behörden Fortbildung bei
der Strafverfolgung, besondere Ausrüstung und logistische Unterstützung
gewährt werden. Die Mechanismen zum
Austausch strafrechtlich relevanter
Informationen mit ausländischen Regierungen sollten ebenfalls verbessert werden.
Wir sollten uns um Abkommen mit
den wichtigsten Herkunftsländern von
Drogen bemühen, um die internationale
Zusammenarbeit bei der Strafverfolgung zu verbessern. Solche kooperativen Bemühungen sollten beinhalten:
Gegenseitige Rechtshilfeabkommen, die
amerikanische
Strafverfolgungsbehörden in die Lage versetzen, im Ausland
vor amerikanischen Gerichten verwertbares Beweismaterial zu sammeln und
die ermittlungstechnische und strafrechtliche Unterstützung zwischen den
Vereinigten Staaten und den Vertragspartnern erleichtern würden; Auslieferungsabkommen; Abkommen zur Stärkung der in anderen Staaten bestehenden Gesetze gegen Verschwörung; bedeutende Maßnahmen zur Beschlagnahme
von Vermögen und gezielte finanzielle
Maßnahmen. Die schon seit vielen Monaten dem Senat vorliegenden Rechtshilf eabkommen müssen ratifiziert werden.
Wir sollten ferner auf die Beteiligung der Industriestaaten - darunter die EG-Mitgliedstaaten, Japan,
Australien und Kanada - bei der Bil-

dung einer ständigen Konsultativgruppe zur Unterstützung von Maßnahmen
zur Drogenbekämpfung durch die Herkunftsländer drängen.
Wir müssen weiterhin den Ländern
bei ihren Programmen zur Drogenbekämpfung durch bestehende internationale und
regionale Organisationen
helfen - einschließlich der Vereinten
Nationen. Unsere Unterstützung dieser Organisationen muß jedoch gute
Aussichten für die Verstärkung des
internationalen Engagements zur Drogenbekämpfung in sich bergen.
Die
amerikanische Unterstützung kann kein
Ersatz für die Konzentration und den
Einfluß sein, der durch speziell auf
Drogen ausgerichtete bilaterale und
multilaterale Abkommen
zum Tragen
kommt.
Konzertierte, von den führenden
Politikern der verschiedenen Staaten
geleitete internationale Bemühungen
sind notwendig, um in der Weltmeinung
zum Drogenproblem einen grundlegenden
Umschwung herbeizuführen. Vorrangige
Aufmerksamkeit sollte der baldmöglichen Einberufung eines Drogengipfels
zukommen, auf dem Herkunfts-, Transit- und Verbraucherländer vertreten
sind - jedoch nur nach sorgfältiger
Vorbereitung, einschließlich Konsultationen mit allen beteiligten Staaten sowie nur nachdem wir mit den politisch Verantwortlichen der Andenstaaten zusammengetroffen sind.
Die rechtlich vorgeschriebene Bescheinigung für wichtige Drogenherstellungs- und Transitländer kann zur
Bekämpfung des internationalen Drogenhandels und der Drogenherstellung
eingesetzt werden.
Diese nach der
Verabschiedung
des Gesetzes gegen
Drogenmißbrauch von 1986 in Kraft getretene
Bescheinigungsvorschrift
stellt eine direkte Beziehung zwischen der amerikanischen Unterstützung für wichtige Herstellungs- und
Transitländer von Drogen und deren
positivem Verhalten bei der Drogenbekämpfung her. Der Präsident muß die
Angemessenheit der Bemühungen dieser
Länder zur Unterbindung von unerlaub-

- 7 -

�ter Produktion, Handel und Geldwäsche
oder ihre umfassende Zusammenarbeit
mit amerikanischen Bemühungen zur Bekämpfung des Drogenhandels bescheinigen. Falls der Präsident einem Land
diese Bescheinigung verweigert oder
wenn der Kongreß sein Veto gegen die
Bescheinigung
einlegt, müssen die
Vereinigten Staaten den Großteil ihrer Wirtschafts- und Militärhilfe zurückbehalten. Das gleiche gilt für
die Unterstützung von Krediten durch
die Weltbank oder andere Institutionen. Der Präsident behält die Option, Konzessionen beim Handel zu gewähren.
Die Androhung der Verweigerung
dieser Bescheinigung kann die Beziehungen mit Ländern belasten, in denen
für uns wichtige außenpolitische Interessen auf dem Spiel stehen. Richtig eingesetzt kann sie jedoch ein
wichtiges Instrument darstellen, um
ausländische Regierungen zu motivieren, bei der Bekämpfung des Drogenhandels Hilfe zu leisten. Überdies
unterstützt das Bescheinigungsverfahren unsere Position, daß in demselben
Maße, wie wir uns für die Verringerung der unersättlichen Nachfrage
nach Drogen in unserem Land einsetzen, sich auch jede ausländische Regierung für die Eindämmung des Drogenproblems auf ihrem eigenen Territorium engagieren muß. Kurzum: Regierungen müssen für ihre Leistungen
oder Versäumnisse verantwortlich gemacht werden. In den bilateralen Beziehungen mit Herstellungs- und Transitländern von Drogen müssen die Vereinigten Staaten deshalb die Notwendigkeit der Zusammenarbeit mit unseren Bemühungen zur Drogenbekämpfung
sowie davon unabhängiger effektiver
Maßnahmen zur Unterbindung des Drogenhandels betonen.
Ferner müssen
wir bereit sein, denjenigen Ländern
die Bescheinigung zu verweigern, die
willentlich den Drogenhändlern gestatten, ihre Operationen von deren
Territorium aus durchzuführen.
Um
die Wirksamkeit des Bescheinigungsverfahrens zu stärken, sollten wir
ferner danach streben, mit jedem Herstellungs- und Transitland jährliche

und langfristige Zielvorgaben zu vereinbaren.
Auch in der diplomatischen Öffentlichkeitsarbeit ist ein energisches, koordiniertes Programm unerläßlich, wenn die Vereinigten Staaten
beabsichtigen, die Unterstützung ihrer internationalen Ziele in der Drogenbekämpfung zu verbreitern. In der
Vergangenheit wurden die Programme in
diesem Bereich durch den Mangel an
Bedeutung abgeschwächt, der dem Drogenproblem als außenpolitisches Anliegen von unserem Land beigemessen
wurde. In der diplomatischen Öffentlichkeitsarbeit müssen wir ein breitgefächertes, sinnvolles Programm in
einer Art und Welse entwickeln und
zum Ausdruck bringen, die das Ausmaß
der internationalen Ablehnung gegenüber Drogen verstärkt und staatliche
und private Maßnahmen zur Beseitigung
von Drogenproduktion, -handel und
-verbrauch in der ganzen Welt fördert.
Unsere Programme in der Öffentlichkeitsarbeit
sollten anderen
Ländern dabei helfen, die Nachfrage
nach Drogen zu verringern und sollten
die internationale Unterstützung für
bilaterale und multilaterale Strategien und Programme der Vereinigten
Staaten fördern. Insbesondere sollten sie sich auf die Verbraucherländer konzentrieren. Alle erdenklichen
Anstrengungen
sollten
unternommen
werden, um diesen Ländern die benötigten Informationen über erfolgreiche amerikanische Strategien und Programme zur Senkung der Nachfrage zu
verschaffen.

Die Abzweigung chemischer Grundstoffe und Geldwäsche
Aus dem kommerziellen Handel abgezweigte Chemikalien sind für die
Herstellung von Kokain, Heroin und
Drogen wie Methylamphetamin, PCP and
LSD unerläßlich.
Tatsächlich wird
das meiste in unser Land geschmuggelte Kokain mit Hilfe von Chemikalien
verarbeitet, die von amerikanischen
Unternehmen exportiert wurden, und
fast alle Methylamphetamine, LSD und

- 8 -

�PCP werden mit Hilfe von Chemikalien
amerikanischer Firmen illegal hergestellt. Einige Firmen und Vertreiber
sind unwissentlich darin verstrickt.
Andere sind kriminelle Komplizen. In
beiden Fällen müssen wir versuchen,
den Vertrieb von chemischen Substanzen zu unterbinden, die zur Herstellung von Drogen benutzt werden, ob
sie in das betreffende Land eingeschmuggelt oder dort produziert werden.
Drei Strategien werden benötigt.
Wir müssen strenge Kontrollen für die
Ausfuhr
von Chemikalien einführen,
die zur unerlaubten Herstellung von
Kokain in Südamerika verwendet werden.
Energische Maßnahmen sind vonnöten, um die Abzweigung chemischer
Substanzen zur unerlaubten Herstellung von Drogen innerhalb der Vereinigten Staaten zu unterbinden. Diese
beiden Strategien werden von einem
Eckpfeiler
der Gesetzgebung unterstützt, dem Gesetz über Abzweigung
und Verkehr chemischer Substanzen von
1988 (Chemical Diversion and Trafficking Act), mit dem ein System zur
Identifizierung, Überwachung und Kontrolle chemischer Lieferungen eingeführt wird, die für den unerlaubten
Drogenhandel abgezweigt werden könnten. Ferner müssen wir auf Vereinbarungen
zur
internationalen
Zusammenarbeit dringen, die einschneidende Kontrollen zur Verhinderung der
Abzweigung chemischer Substanzen unterstützen (wie etwa die obengenannte
UNO-Konvention) sowie die Einführung
von Gesetzen im Ausland, die mit unseren
vergleichbar
sind.
Darüber
hinaus müssen wir uns um die Schaffung
von
Ermittlungs- und
Uberwachungsprogrammen in anderen Ländern
bemühen, die eng mit amerikanischen
Strafverfolgungsbehörden
zusammenarbeiten.

Märkte einzudringen - und diese potentiell zu dominieren -, amerikanische und ausländische Beamte zu korrumpieren sowie ausländische Regierungen zu destabilisieren.
Die Lösung dieses Problems erfordert Aufmerksamkeit auf nationaler Ebene, und
die durch einen Erfolg in diesem Bereich zu gewinnenden Vorteile sind
potentiell sehr hoch. Neben unseren
Bemühungen im Inland - die in diesem
Bericht getrennt behandelt werden müssen wir die Fähigkeiten und Ressourcen anderer
Staaten ins Spiel
bringen, um dazu beizutragen, die im
Ausland angelegten Erträge aus Drogengeschäften zu identifizieren, aufzuspüren, einzufrieren
und zu beschlagnahmen.
Wir müssen weiterhin
auf Internationale Abkommen dringen,
wie etwa die UNO-Konvention, mit denen durchgreifende Maßnahmen zur Kriminalisierung
und
Bestrafung
der
Geldwäsche gefördert werden.
In unseren bilateralen Beziehungen werden
wir andere Regierungen drängen, Geldwäsche
durch
Verabschiedung
einschneidender Maßnahmen unter Strafe
zu stellen und gegen diejenigen Sanktionen zu verhängen, die das internationale Finanzsystem mißbrauchen, um
unrechtmäßig erworbene Mittel zu verschleiern und über nationale Grenzen
zu transferieren.

Ein weiterer entscheidender Bereich, der Anlaß zu Besorgnis gibt,
ist die Geldwäsche. Der Umfang ihres
aus
dem
Drogenhandel
erworbenen
Reichtums
verschafft
ausländischen
Drogenhändlern die Fähigkeit sowohl
in rechtmäßige als auch in illegale
- 9 -

* * * * *

�AMERIKA DIENST
Hintergrundmaterial

13. September 1989

34

BUSH STEHT VOLL UND GANZ HINTER DEM ZEITPLAN FÜR KSE-PHASE I
- Interview mit KSE-ChefUnterhändler Ledogar -

WASHINGTON - (AD) - Der amerikanische Chefunterhändler bei den Verhandlungen Über Konventionelle Streitkräfte in Europa (KSE), Botschafter Stephen Ledogar, wird am 7. September 1989 mit dem Auftrag von Präsident Bush in die
Sitzungsrunde in Wien gehen, "auf rasche Fortschritte zu einem verifizierbaren
Abkommen hinzuarbeiten".

Der Präsident steht "voll und
ganz" hinter dem beim NATO-Gipfeltreffen im Mai vorgeschlagenen Zeitplan von 6 bis 12 Monaten, erklärte
Ledogar in einem Interview am 31. August 1989.
Der beim NATO-Gipfeltreffen am
Ende der zweiten KSE-Sitzungsrunde im
Juli in Form eines Rahmenabkommens
unterbreitete Vorschlag "forderte den
Ostblock auf", im Einklang mit dem
vorgeschlagenen Zeitplan auf ein Phase I-Abkommen hinzuarbeiten, so Ledogar.

United States Information Service
Embassy of the United States of America

Obwohl "umfangreiche und detaillierte
Verhandlungen
erforderlich
sind" bevor ein Abkommen erzielt werden kann, "scheint es nach wie vor im
Bereich
des Möglichen", daß der
NATO-Zeitplan
eingehalten
werden
kann, erklärte Botschafter Ledogar.
Bis heute hat sich der Warschauer
Pakt "sehr sachlich und ernsthaft
verhalten", fügte er hinzu. "Es besteht kein Grund zu der Annahme, daß
sich dies ändern wird".
Aber der Westen kann nicht all
die zu bewältigenden Probleme selbst

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.: 0228-339 2035
Telex: 8-85432

�lösen.
"Wir brauchen vernünftige
Partner", erläuterte der Botschafter.
Der
ChefUnterhändler
erklärte,
die Hochrangige Arbeitsgruppe (HLTF)
der NATO sei damit befaßt, Einzelheiten der westlichen Position zu Informationsaustausch, Verifizierung, Stabilisierungs- und
Nichturogehungsmaßnahmen zu erarbeiten. Diese Einzelheiten würden in dem Dokument enthalten sein, das die NATO am 7. September vorlegt, fügte er hinzu.
Eine weitere Frage, die nach wie
vor einen Großteil der Aufmerksamkeit
des Chefunterhändlers erfordern wird,
lautet, wie präzise Definitionen der
fünf "Zähleinheiten" - Waffenkategorien - erarbeitet werden können, mit
denen sich das KSE-Abkommen befaßt.
Im März unterbreitete die NATO
ihren Vorgeschlag zu Obergrenzen bei
Panzern, Schützenpanzern und Geschützen. Im Juli wurden Obergrenzen für
Kampfflugzeuge und Kampfhubschrauber
hinzugefügt.
Gemäß den NATO-Vorschlägen würden beide Seiten jede der
fünf Waffenkategorien auf gleiche Niveaus reduzieren, die unterhalb des
derzeitigen NATO-Stands liegen.
Trotz der Bestrebungen der Sowjetunion werden die Gespräche über
Rüstungskontrolle bei den Seestreitkräften nicht in die KSE-Verhandlungen einbezogen. Darauf einigten sich
alle 23 Mitgliedstaaten der NATO und
des Warschauer Pakts in dem Mandat
vom Januar 1989, mit dem die Verhandlungen ins Leben gerufen wurden, erklärte er.
Ledogar zufolge sind die vorgeschlagenen Obergrenzen bei Panzern
und Schützenpanzern jetzt für die Unterhändler beider Seiten in greifbare
Nähe gerückt, bei Geschützen sind die
Positionen jedoch noch weit voneinan- 2

der entfernt. Dies könnte sich ändern, wenn eine gemeinsame Definition
der Geschütze erarbeitet werden kann,
erklärte er. Der Warschauer Pakt hat
die Zahlen für Kampfflugzeuge und
Hubschrauber noch nicht vorgelegt.
Bis heute haben die Warschauer
Pakt-Staaten die Position vertreten,
nur für Angriffe auf Ziele am Boden
ausgerüstete Flugzeuge - und ihre Definition, welches Gerät in diese Kategorie fällt - sollten in ein KSEAbkommen einbezogen werden. "Meiner
Ansicht nach wissen sie, daß sie eine
unlogische und schwer zu haltende Position vertreten", erklärte der Botschafter. Die Position der NATO ist
"zweifelsohne logischer", fügte er
hinzu.
Wenn der Westen weiterhin das
Prinzip verfolgt "gleich aussehende
Waffen werden gleich gezählt", sollte
es möglich sein, die Unstimmigkeiten
in der Position des Ostblocks zu beheben, erklärte Ledogar. Das Festhalten an dieser Position würde bedeuten, daß alle Flugzeuge des gleichen Typs als solche aufgeführt werden, unabhängig von der jeweiligen
Bauart, mit der die militärischen Fähigkeiten eines Flugzeugs verändert
werden können, stellte der Botschafter fest.

* * * * *

�AMERIKA DIENST
"VON

Hintergrundmaterial

4

34

13. September 1989

OSTBLOCK AKZEPTIERT NATO-ZEITPLAN FÜR KSE
- Pressekonferenz mit Botschafter Ledogar bei den KSE-Verhandlungen -

WIEN - (AD) - Der Warschauer Pakt hat Botschafter Stephen Ledogar, dem
amerikanischen ChefUnterhändler bei den Verhandlungen über Konventionelle
Streitkräfte in Europa (KSE) zufolge die "Herausforderung" des sechs- bis 12raonatigen Zeitplans der NATO zum Abschluß eines Phase I-Abkommens angenommen.
Bei einer Pressekonferenz in der Wiener Hofburg erklärte Ledogar am 7. September 1989, die Zustimmung des Ostblocks zu dem Zeitplan sei "eine sehr positive
Entwicklung". Weder der Warschauer Pakt noch die NATO haben bei der Eröffnung
der dritten Runde der Gespräche Vorschläge unterbreitet. Ledogar verwies jedoch darauf, daß er einen Vorschlag des Bündnisses "recht bald" erwarte.
Nachfolgend veröffentlichen wir die Pressekonferenz mit Botschafter Ledogar 1m Wortlaut.

Heute wurde die dritte Runde der
Verhandlungen
über
Konventionelle
Streitkräfte in Europa (KSE) eröffnet.
Heute vormittag war eine Plenarsitzung anberaumt, die im Hinblick
auf
den
allgemeinen
Tenor
sehr
fruchtbar verlaufen ist und von einer
positiven Einstellung gekennzeichnet
war.
Bei den Einzelheiten ließ sie
jedoch noch zu wünschen übrig.
Wir
haben es begrüßt, daß der Ostblock
die Herausforderung der NATO angenommen hat, die am 30. Mai 1989 von den
Staats- und Regierungschefs der NATO
formuliert wurde und die ein erstes
KSE-Abkommen binnen 6 bis 12 Monaten
und die Durchführung des Abkommens
bis 1992 oder 1993 zum Ziel hat.
Dies ist eine sehr positive Entwicklung. Wie ich bereits erwähnt habe,
war die Atmosphäre sehr freundlich,

United States Information Service
Embassy of the United States of America

mit einer Reihe von Absichtserklärungen, Fortschritte erzielen zu wollen,
es wurden jedoch keine Vorschläge unterbreitet.
Heute nachmittag findet
eine
Arbeitsgruppensitzung
statt.
Nun bin ich gerne zur Beantwortung
von Fragen bereit.

Frage:
Warum hat die NATO heute
keine
Stabilisierungsvorschläge
unterbreitet?
Antwort:
Nun, sie
ganz ausformuliert.

waren

noch

nicht

Frage:
Besteht
eine
Möglichkeit,
daß morgen oder in Kürze Stabilisierungsmaßnahmen vorgeschlagen werden?
Antwort:

Die

Konsultationen

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

und

Tel.: 0228-339 2035
Telex: 8-85432

�Verhandlungen dauern auch untereinander noch an und ich möchte daher auf
die Probleme nicht im einzelnen eingehen. Es gibt jedoch einen offensichtlichen Schuldigen, der unsere
Bestrebungen in vielen Bereichen kontinuierlich erschwert, und das ist
die geographische Realität.
Frage: Wer ist das?
Antwort:
Es handelt sich hierbei
nicht um eine Person. Die Schwierigkeit liegt im BUndnisgebiet selbst,
das sich wie eine schmale Sichel in
der Form des Neumonds um den riesigen
Kreis
des
Warschauer
Paktgebiets
krümmt.
Wenn
man versucht, die
Streitkräfte des Ostblocks aus Mitteleuropa zu verbannen, lassen sich
Probleme für die Verbündeten nur
schwer vermeiden, die an unseren sogenannten Flanken stationiert sind.
Frage: Wo liegen die größten Probleme bei diesen Verhandlungen?
Antwort:
Wie ich bereits erwähnt
habe, möchte ich auf die Probleme
nicht im einzelnen eingehen, aber der
Aspekt der Geographie sollte im Auge
behalten werden. Es ist eine Tatsache, daß von unseren 16 BUndnisstaaten einige vollständig innerhalb und
andere größtenteils oder ganz außerhalb des Anwendungsbereichs liegen.
Dies
führt
zu
unterschiedlichen
Sichtweisen bestimmter Themenkomplexe. Wir sind uns jedoch meiner Ansicht nach zu 98 Prozent einig, nicht
nur im Hinblick auf die Stabilisierungsmaßnahmen, sondern auch bei allen vier Abschnitten des Kapitels, an
dem wir den ganzen Sommer gearbeitet
haben. Ich erwarte also, daß hier
binnen Kürze etwas in Bewegung gerät.
Frage:
Besteht
die
Möglichkeit,
daß das Paket, das sie heute unterbreiten sollten, morgen oder nächste
Woche vorgelegt wird?
Antwort: Für morgen ist keine Plenarsitzung anberaumt. Man könnte eine einberufen, nehme ich an. Wir bemühen uns jedoch, nicht mit dem Ab-

lauf der anderen hier in Wien abgehaltenen Verhandlungen in Konflikt zu
geraten.
Die nächste Plenarsitzung
findet am kommenden Donnerstag statt.
Frage:
Wo
liegen
die
größten
Schwierigkeiten bei den Verhandlungen?
Antwort: Ich möchte nicht über die
Schwierigkeiten
sprechen,
sondern
vielmehr die Chancen hervorheben, da
wir bei diesen Verhandlungen mit
atemberaubender Geschwindigkeit vorgegangen sind, wenn man es einmal mit
unseren bisherigen Erfahrungen bei
der konventionellen Rüstungskontrolle
vergleicht und sich vor Augen führt,
daß wir dieses Unterfangen erst am 9.
März 1989 begonnen haben. Wir hatten
nur 10 oder 12 Sitzungswochen und haben ganz enorme Fortschritte erzielt.
Aus diesem Grund würde ich es vorziehen, die Betonung auf die Chancen zu
legen. Es trifft sicherlich zu, daß
es Bereiche gibt, in denen wir im Augenblick noch sehr weit voneinander
entfernt sind. In einigen dieser Bereiche können meiner Ansicht nach die
Meinungsverschiedenheiten
ausgeräumt
werden, und wir arbeiten derzeit an
neuen Initiativen unsererseits, die
dazu beitragen können, diese Differenzen zu überbrücken.
Wir warten
jedoch auch auf Initiativen der anderen Seite, die ihrerseits zu Lösungen
beitragen könnten.
Frage:
Grinewski zufolge sind die
Definitionen das schwierigste Problem. Stimmen Sie dem zu?
Antwort: Ja, in dem Sinne, daß das
Problem, das wir als erstes lösen
wollen, die Definitionsfrage ist.
Sie ist der Baustein, ohne den keine
wirksamen Fortschritte bei einer Reihe anderer Themen erzielt werden können. Wir müssen genau wissen, was
man unter einem Panzer oder einem
Schützenpanzer versteht, damit dieses
Fahrzeug bei der Gesamtbewertung entsprechend gezählt wird. Das klingt
ganz einfach, ist in Wirklichkeit jedoch sehr schwer. Aber wir machen
Fortschritte.

- 2 -

�Was die anderen Definitionsfragen
anbetrifft, stellen Flugzeuge zum
jetzigen Zeitpunkt die größte Herausforderung dar. Bei Kampfpanzern und
Schützenpanzern haben wir uns angenähert.
Im Hinblick auf Geschütze
sieht es auch nicht allzu schlecht
aus und wir haben bereits Vorstellungen, wie das Ungleichgewicht behoben
werden kann.
Die Definition der
Flugzeuge wird schwierig sein. Wir
sind nach wie vor optimistisch, aber
wir sind auch realistisch, weil es
sich um eine schwierige Aufgabe handelt.
Frage:
Sollten die landgestützten,
nuklearfähigen Flugzeuge der Sowjetunion Ihrer Ansicht nach in diese
oder die START-Verhandlungen einbezogen werden?
Antwort:
Unsere
Definition
der
Flugzeuge schließt Nuklearfähigkeit
nicht aus, sondern würde zahlreiche
Typen
von
Mehrzweckkampfflugzeugen
einbeziehen. Eine Vielzahl von Flugzeugtypen würden unserer Definition
nach von diesen Verhandlungen abgedeckt. Andere würden in den Rahmen

Antwort:
Wir werden Ihren neuen
Vorschlag einer Überprüfung unterziehen. Es gab Anzeichen, daß sie ein
bißchen weitergehen würden, als wir
als "vernünftig" bei diesem Themenkomplex bezeichnen würden. Wir erachten eine Position, die unter dem
Strich die Hälfte ihrer Luftstreitkräfte ausschließen, aber alle unsere
Luftstreitkräfte einbeziehen würde,
als unvernüftige Position. Ich möchte hier jedoch keine hypothetischen
Fragen beantworten und mit Ihnen Verhandlungen aufnehmen. Ich bedauere,
dies sagen zu müssen, aber ich brauche offizielle Verhandlungspartner,
die die Meinung der Sowjets und des
Warschauer Vertrags vertreten, bevor
ich alternative Positionen erörtere.
Frage:
Die NATO hat erklärt, sie
erwarte eine Antwort des Warschauer
Pakts auf ihren am 13. Juli 1989 unterbreiteten Vorschlag zu Flugzeugen.
Grinewski hat jedoch gesagt, der Ostblock habe bereits geantwortet. Können Sie das bitte klären. Trifft es
also zu, daß die NATO Mehrzweckkampfflugzeuge einbezogen hat, aber nicht
beabsichtigt, sie zu reduzieren?

der Genfer Verhandlungen fallen.

Frage: Sehen Sie Probleme zwischen
diesen beiden Verhandlungsrunden?
Antwort: Nein, ich sehe keine Probleme voraus.
über Munition wird
beispielsweise nicht im Rahmen der
KSE-Gespräche
verhandelt.
Während
der Mandatsgespräche kam dem Problem
bei den Mehrzweckkampfflugzeugen besondere Bedeutung zu. Es hat außerordentlich viel Zeit und Mühe erfordert, aber wir haben es bewältigt.
Zwischen den beiden Seiten bestehen
keine Meinungsverschiedenheiten bezüglich der Grenzlinie bei Mehrzwecksystemen mehr. Im Rahmen dieser Verhandlungen sprechen wir nicht über
Nuklearwaffen.
Frage: Teilen Sie den sowjetischen
Einwand gegen die Einbeziehung ihrer
Luftverteidigungsflugzeuge
in
die
Verhandlungen?

Antwort:
Zunächst zum Thema Flugzeuge - ich kenne Botschafter Grinewskis Aussage nicht im einzelnen,
habe aber gehört, was er Ihnen zufolge gesagt hat. Wenn die Sowjets weiterhin darauf bestehen, daß bestimmte
Flugzeugtypen aufgrund ihrer spezifischen Rolle
ausgeschlossen werden
müssen, bedarf das einer detaillierten Analyse und wir werden uns damit
zum gegebenen Zeitpunkt befassen.
Solche Ausgrenzungen müßten natürlich
auf beide Seiten gleichermaßen anwendbar sein. Wir werden keine Vereinbarungen akzeptieren, bei denen
das Kriterium für Einbeziehung westlicher Flugzeuge die Fähigkeit ist,
wohingegen das Kriterium für die Einbeziehung östlicher Flugzeuge angeblich Rolle und Mission ist. Äpfel
sind Apfel und Birnen sind Birnen das gilt für beide Seiten. Das ist
meiner Ansicht nach eine vernünftige
Position.

- 3 -

�Zu Ihrer zweiten Frage kann ich
nur zwei Punkte wiederholen. Erstens
macht keine Seite die vorgeschlagenen
Definitionen der Zähleinheiten publik, noch beantworten wir spezifische Fragen darüber, welche Gerätetypen auf beiden Seiten unter diese Definitionen fallen würden. Ich kann
also das Vertrauen hier nicht brechen
und über bestimmte Flugzeuge sprechen. Ich kann bestätigen, daß auf
beiden Listen eine Reihe von Mehrzweckkampfflugzeugen aufgeführt sind,
die zusätzliche zur konventionellen
Fähigkeit auch nuklerfähig sind. Ich
kann mir kaum ein Flugzeug vorstellen, das nuklearfähig, aber nicht
gleichzeitig auch konventionell einsetzbar ist. Wie sollte man sonst
ausbilden? Wie man nun die Reduzierungen aufteilt, die sich aus einem
Abkommen ergeben - das ist keine Frage zwischen Ost und West. Diese Frage ist dem jeweiligen Bündnis vorbehalten. Aus diesem Grund haben wir
eine vereinbarte Obergrenze für Flugzeuge, die Reduziereungen auf der
Seite der NATO erforderlich machen
und wir werden dann Verhandlungen untereinander aufnehmen, wie diese vorgenommen werden. Einige der Verbündeten haben bereits angedeutet, daß
sie Kürzungen bei ihren Kategorien
sicherlich ablehnend gegenüberstehen
würden - aber dies ist eine Angelegenheit, die nur die NATO betrifft.
Ein Großteil dessen kann dank der generellen
Flexibilität
verwirklicht
werden, über die wir 16 bei den Reduzierungen - sollten sie beschlossene
Sache sein - verfügen.
Frage:
Gerüchten
aus
Washington
zufolge verlassen Sie diesen Posten
bald. Haben Sie eine Kommentar dazu
abzugeben?
Antwort:
Tut mir leid, kein Kommentar.
Es ist das Vorrecht des
Weißen Hauses, solche Ankündigungen
zu machen. Ich bin Berufsdiplomat im
auswärtigen Dienst und unterstehe dem
Präsidenten. Ich werde hingehen, wohin immer und wann immer es ihm beliebt.

Frage:
Botschafter
Grinewski hat
die amerikanische Position zu leichten Panzern kritisiert. Können Sie
einen Kommentar zur westlichen Position abgeben?
Antwort:
Ich möchte lieber nicht
ins Detail gehen. Ich kann nur sagen, bei diesen Verhandlungen fühlen
wir uns durch die nüchterne und
ernsthafte Einstellung unserer Verhandlungspartner aus dem Ostblock ermutigt.
Wenn es Probleme gab, so
hatten sie bisher einen bestimmten
realistischen und logischen Grund.
Wir überprüfen diesen Themenkomplex
zur Zeit um herauszufinden, ob wir
zur Beilegung der Differenzen nicht
die Definitionen der Arbeitsgruppen
einbringen können. Neue Technologien
sind ein realistischer Aspekt. Andererseits wollten wir nicht in die Position geraten, schwere Panzer zugunsten der leichteren Panzer zerstören
zu müssen, die einige von uns für bestimmte Zwecke benötigen, die nicht
notwendigerweise in den Rahmen der
europäischen
Gegebenheiten
fallen.
Wir arbeiten daran.
Frage:
Bedeutet die Tatsache, daß
Sie heute keinen NATO-Vorschlag unterbreiten konnten, daß es eine tiefe
Spaltung innerhalb der NATO gibt?
Antwort:
Nein - das trifft ganz
und gar nicht zu. Es bestehen noch
Probleme und dabei handelt es sich um
ernsthafte und komplexe Themenbereiche. Wir sind weiterhin entschlossen, unsere fertiggestellten Kapitel
in dieser Verhandlungsrunde so bald
wie möglich vorzulegen, aber keiner
von uns möchte etwas festlegen, das
nicht richtig ist und nicht von allen
unterstützt wird. Ich möchte die bestehenden
Meinungsverschiedenheiten
nicht bagatellisieren, aber es handelt sich hierbei um kontinuierliche
Verhandlungen innerhalb des Bündnisses. Selbst während wir verhandeln,
arbeiten wir an diesen Fragen und wir
werden letzte Hand an diese vier Kapitel legen und sie so bald wie möglich vorlegen. Damit meine ich: In
dieser Verhandlungsrunde.

- 4 -

�Frage:
Können Sie etwas über die
vertrauensbildenden Maßnahmen sagen,
die sie Ihrem Vorschlag zufolge bald
einfuhren wollen?
Antwort: Nein, lieber nicht. Vertrauensbildende Maßnahmen ist eigentlich ein Begriff, der auf die anderen
Verhandlungen zutrifft. Wir bezeichnen sie als stabilisierende Maßnahmen, nicht nur zur Unterscheidung,
sondern auch, weil die Maßnahmen, mit
denen wir uns befassen, sehr eng mit
Reduzierungen verbunden sind und ihr
Zweck darin besteht, die Wirkung der
Reduzierungen im Hinblick auf verbesserte Stabilität und Sicherheit zu
erweitern.
Ich möchte hier aber
wirklich nicht zu einzelnen Maßnahmen
zitiert werden. Eine Reihe von Maßnahmen ist vorlagereif. Ich bin sicher, einige von Ihnen sind bestens
unterrichtet und wenn ich Ihnen jetzt
die fertiggestellten nenne, werden
einige von Ihnen sofort in der Lage
sein, die Maßnahme auszumachen, mit
der wir noch ein kleines Problem haben - und dann bin ich in Schwierigkeiten.
Frage:
Können Sie sagen, ob es
sich nur um eine oder zwei oder um
mehrere handelt?
Antwort:
Es sind nicht nur eine
oder zwei, sondern auch nur ein oder
zwei Wörter oder eine oder zwei Zahlen in diesen Maßnahmenpaketen.
Frage:
Botschafter
Grinewski zufolge sind eines der Hauptprobleme
die stationierten Truppen. Was meinen Sie dazu?
Antwort: Dazu hätte ich gerne weitere Einzelheiten und auch heute bestand ein Teil des Problems darin,
daß wir nur allgemeine Fakten vorliegen hatten. Erstens hat der Ostblock
darauf bestanden, Fragen der Mannschaftsstärke in diese Verhandlungen
miteinzubeziehen. Unsere ursprüngliche Position, die immer noch sehr
viel für sich hat, lautete, daß Personal logischerweise Zug um Zug mit
dem Gerät reduziert wird. Aber der

Ostblock sagte "nein", es muß bestimmte Grenzen geben. Unserer Ansicht nach müßten diese Grenzen verifizierbar sein und wir können sowjetische Streitkräfte in der Sowjetunion nicht mit einem vernüftigen Maß an
Vertrauen verifizieren. Und wir können die Streitkräfte des Ostblocks
aufgrund der Fragen bezüglich paramilitärischer
Streitkräfte,
Grenzschutzposten, Milizen usw. nicht mit
einem hohem Maß an Vertrauen verifizieren.
Unsere Konzession war folgende:
Da wir der Ansicht sind, daß wir
großes Vertrauen in unsere Fähigkeit
zur Verifizierung der sowjetischen
Truppen in Osteuropa setzen können,
sollten wir uns darauf konzentrieren.
Es erscheint uns also logisch, gleiche Obergrenzen zu haben, und es erscheint uns logisch, daß wir über die
Streitkräfte der beiden Supermächte
sprechen, die außerhalb ihrer Heimatländer stationiert sind. Deshalb haben wir den Vorschlag in der vorliegenden Form gestaltet. Unseres Erachtens ist er in sich schlüssig.
Wenn Herr Grinewski besondere Vorstellungen bezüglich der niederländischen, belgischen, kanadischen, französischen und britischen Streitkräfte
hat, so sollte er seine Vorschläge
erläutern, seine Zahlen vortragen und
seine Sprachregelung vorlegen.
Der
klarere Weg in bezug auf die Frage
der Mannschaftsstärke ist jedoch der,
den wir vorgeschlagen haben.
Frage: Trifft es zu, daß die Positionen Norwegens und der Türkei heute
die Haupthindernisse auf dem Weg zu
Fortschritten sind?
Antwort:
Nein, das trifft nicht
zu. Ich muß leider noch einmal wiederholen, daß ich mich nicht darauf
einlassen werde, bestimmte Länder
herauszugreifen, die besondere Haltungen einnehmen.
Ich habe ferner
bereits erklärt, daß viele Probleme
aus der Tatsache herrühren, daß unterschiedliche geographische Gegebenheiten die Suche nach einem einfachen
Weg zu einer Lösung erschweren, die

- 5-

�von allen Teilnehmern getragen wenien
kann.
Zu diesen unterschiedlichen
geographischen Voraussetzungen gehört
die Tatsache, daß die Vereinigten
Staaten und Kanada nur mit Streitkräften beteiligt sind, nicht mit ihrem Territorium. Wenn Sie versuchen,
komplexe Maßnahmen auf eine Art and
Weise anzuwenden, die Schwerpunktbildungen auf verschiedenen Teilen Europas vermeiden - was zu getrennten
Verhandlungen über den Norden, den
Süden oder die Mitte führen würde und sich um allgemeingültige Maßnahmen bemühen, mit denen jeder leben
kann, dann ist zumeist die Geographie
die Wurzel allen Übels. Das bedeutet
nicht, daß die Vereinigten Staaten,
die Türkei oder Norwegen das Prob Lern
sind. Es bedeutet, daß die Geographie Probleme verursacht.
Frage:
Wie lange wird die NATO
brauchen, um einen Vorschlag zu präsentieren?
Antwort:
Ich weiß es nicht. Aufgrund meiner Kenntnis der gegenwärtig
unternommenen Bemühungen gehe ich davon aus, daß dies schon bald der Fall
sein wird. Ich hoffe es.
Frage:
Ihren vorherigen Bemerkungen entnehme ich, daß Sie eine Vorlage dieses Papiers vor dem nächsten
Donnerstag ausschließen?
Antwort: Das ist die nächste planmäßige Gelegenheit. Ich schließe die
Möglichkeit
der Einberufung einer
außerplanmäßigen Plenarsitzung nicht
aus, aber sage auch keine vorher.
Frage:
Wie sehen die amerikanischen Wünsche im Hinblick auf die
Überwachung der Produktionseinrichtungen aus, und ist dies ein Problem
innerhalb des Bündnisses?
Antwort:
Die Frage der Produktionsstätten muß, wie auch Botschafter
Grinewski anscheinend erklärt hat, in
Betracht gezogen werden.
Wie man
dies nun genau tut, ist eine schwierige Frage.
Diejenigen unter uns,
die in Europa keine Produktionsstät-

ten besitzen, neigen dazu, die Vorteile einer einschneidenden Überwachung östlicher Produktionseinrichtungen zu betonen. Diejenigen unter
uns, die in Westeuropa Produktionsstätten besitzen, neigen zu Besorgnis
über den Umfang der Rechte, die dem
Osten auf Gegenseitigkeit eingeräumt
würden.
Frage: Wäre es für die UdSSR nicht
leicht, bei jedem START-Vertrag zu
betrügen, indem sie einige ihrer
strategischen Bomberstreitkräfte dem
KSE-Reglement unterwirft?
Antwort:
Wir sind nicht der Ansicht, daß es für sie leicht wäre,
auf diese Weise zu betrügen. Wir befassen uns hier mit konventionellen
Fähigkeiten. Und ich sehe eigentlich
nur wenige - einige würden sogar sagen keine - Flugzeuge, die rein nuklear sind. Wenn es eine konventionelle Fähigkeit gibt, dann wird sie
In diese Verhandlungen einbezogen.
Ich möchte versuchen, Ihnen das folgendermaßen zu erklären:
Es gibt
keine rein nuklearen Kanonen. Jedes
einzelne Artilleriegeschütz über ein
Kaliber von etwa 152 mm hinaus ist
heute nuklearfähig.
Ob ein großes
Geschütz wirklich dafür eingerichtet,
ob die Bedienungsmannschaft dazu ausgebildet und ob dieses Geschütz für
eine nukleare Rolle vorgesehen ist,
können wir in bezug auf die andere
Seite nicht immer sagen. Was unsere
Seite betrifft, so wissen wir, daß
nur einige unserer Bedienungsmannschaften für 155mm und 8 Inch-Geschütze in den Vereinigten Staaten
für eine mögliche nukleare Fähigkeit
vorgesehen
und
ausgebildet
sind.
Wenn die Waffe selbst nuklearfähig
ist, dann besitzt sie also eine doppelte Fähigkeit - eigentlich eine
dreifache, wenn Sie chemische Munition berücksichtigen oder wenn Sie noch
hinzufügen wollen, daß sie Leuchtmunition verschießen kann, dann besitzt
sie eine Mehrfachfähigkeit. Wir denken also nicht über nukleare Kanonen
nach.
Ebensowenig denken wir über
rein nukleare Flugzeuge nach.

�Frage:
Wenn
einige
jedoch
Langstreckenflugzeuge
in den START-Gesprächen abhandeln, wie können diese
dann auch in Ihre einbezogen werden?

kräfte werden ausgeklammert, und das
ist in dem Mandat für die Gespräche
so vorgesehen. Ich erwarte in diesem
Zusammenhang keine Probleme.
Vielen
Dank.

Antwort:
Ich stelle fest, daß Sie
sich sehr stark mit diesem Problem
beschäftigen. Mir bereitet es keine
Schwierigkeiten.
* * * * *
Frage:
Aber die
Schwierigkeiten?

Franzosen

macnen

Antwort:
Auch
hier
möchte
ich
nicht die Liste der französischen
Flugzeuge durchgehen, die in unserer
Definition enthalten sind.
Ich kann
Ihnen sagen, daß auf unserer Liste
der Flugzeuge, die in diese Verhandlungen einbezogen werden sollen, einige französische Flugzeuge stehen,
die der französischen Planung zufolge
strategische Rollen haben.
Frage:
Beide Bündnisse haben Probleme damit, daß durch die Einführung
neuer Waffensysteme Bestimmungen umgangen werden. Können Sie dazu Stellung nehmen?
Antwort:
Nein, das kann ich nicht.
Offensichtlich sind Sie über die internen Konsultationen im Osten weit
besser informiert als ich. Was aber
die westlichen angeht, so enthält Ihre Frage Informationen, die nur Eingeweihten bekannt sind. Ich kann das
bestätigen.
Ich möchte jedoch nicht
weiter gehen, denn ich müßte dann
einzelne NATO-Partner herausgreifen,
die besonders starke Positionen haben.
Auch diejenigen, die nicht in
Europa sind, aber Ausrüstung nach Europa bringen, müssen angemessen berücksichtigt werden.
Darüber möchte
ich nicht hinausgehen.
Frage:
Werden die
Seestreitkräfte
unter den NATO-Mitgliedern überhaupt
besprochen?
Antwort:
Nein, das ist nicht der
Fall - außer insoweit, daß landgestützte Marinefliegerkräfte in unsere
Definition der Kampfflugzeuge einbezogen werden.
Aber die Seestreit- 7 -

�AMERIKA DIENST
'VON

Hintergrundmaterial

4

13. September 1989

34

DIE VERBREITUNG CHEMISCHER WAFFEN
- Eine Übersicht -

(Die folgende Übersicht über die Verbreitung chemischer Waffen wurde im
September von der amerikanischen Delegation bei der Internationalen Konferenz
von Regierungen und Industrieunternehmen gegen chemische Waffen veröffentlicht, die vom 18. bis 22. September 1989 in Canberra stattfinden wird.)
Im Jahr 1984, als der damalige
amerikanische Vizepräsident Bush bei
der Genfer Abrüstungskonferenz einen
Vertragsentwurf einbrachte, der die
vollständige
Verbannung
chemischer
Waffen aus den Arsenalen aller Länder
vorsah, besaßen Schätzungen zufolge
nur fünf Staaten chemische Waffen.
Bis heute ist diese Zahl auf etwa 20
angestiegen, und noch mehr Länder unternehmen Anstrengungen, um chemische
Waffen zu beschaffen. Viele dieser
Staaten befinden sich in instabilen
Weltregionen. Eine Reihe von Faktoren hat die Verbreitung chemischer
Waffen gefördert: sie sind relativ
preiswert, erfordern zu ihrer Herstellung wenig technisches Know-how,
und sie werden im allgemeinen auf der
Grundlage von chemischen Wirkstoffen
und Technologien hergestellt, die le-

United States Information Service
Embassy of the United States of America

gitimen industriellen Zwecken dienen.
Die weitverbreitete Verfügbarkeit von
mehrfach
verwendbaren
chemischen
Wirkstoffen und Geräten hat die Beschaffung chemischer Waffen erleichtert und das Problem ihrer Kontrolle
verschärft.
Die Verbreitung chemischer Waffen
erhöht das Risiko ihres Einsatzes beträchtlich, der eine Verletzung des
Genfer Protokolls von 1925 darstellt,
das den Einsatz chemischer Waffen
verbietet. Sowohl der Irak als auch
der Iran haben im Golfkrieg chemische
Waffen eingesetzt.
Zusätzlich hat
der Irak im vergangenen Jahr chemische Waffen gegen seine eigenen kurdischen
Staatsbürger
eingesetzt.
Trotz des gegenwärtigen Waffenstillstands bemühen sich beide Seiten wei-

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.: 0228-339 2035
Telex: 8-85432

�ter um die Beschaffung von Bestandteilen zur Herstellung chemischer
Waffen. Das Problem geht jedoch über
Iran und Irak, hinaus.
Mit Hilfe
westlicher Unternehmen und Arbeitskräften aus den Entwicklungsländern
hat der libysche Revolutionsf iihrer
Muammar Gadhafi die größte Produktionsstätte für chemische Waffen in der
Dritten Welt geschaffen.
Berichten
zufolge hat Libyen chemische Waffen
im Tschad eingesetzt. Leider ist Libyen jedoch nicht das einzige Land,
das geheime chemische Fabriken in der
Wüste oder abgelegenen Gebieten versteckt.
Neben der Verbreitung chemischer
Waffen war die in jüngster Zeit beobachtete Verbreitung von Trägersystemen eine weitere beunruhigende Entwicklung.
Eine wachsende Zahl von
Staaten besitzt oder entwickelt Mittelstreckenraketen, die in erheblichem Umfang chemische Waffen transportieren können. Damit wird dem gefährlichen Problem der Verbreitung
chemischer Waffen eine neue Dimension
hinzugefügt.
Schätzungen
zufolge
werden bis zum Jahr 2000 mindestens
15 Entwicklungsländer ihre eigenen
ballistischen Raketen herstellen.
Chemische Waffen sind ein weltweites Problem.
Die beschleunigte
Verbreitung und Anwendung chemischer
Waffen sind Bedrohungen für die Sicherheit aller Mitglieder der internationalen
Staatengemeinschaft
und
gefährden die Verwirklichung unseres
gemeinsamen Ziels - den Abschluß eines weltweiten Vertrags zur Beseitigung dieser gesamten Waffenkategorie.
Die
internationale
Staatengemeinschaft muß energische Maßnahmen ergreifen, um der gefährlichen Verbreitung und dem rechtswidrigen Einsatz
dieser Waffen Einhalt zu gebieten.
Sowohl die Regierungen und als auch
die Industrie müssen sich gemeinsam
darum bemühen.

* * * * *

- 2

�</text>
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Herausgeber: U.S. Information Service
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13. Oktober 1993

41

SOMALIA

USA STREBEN POLITISCHE LOSUNG
IN SOMALIA AN
Christopher und Aspin lehnen
Einsatz von Militär ab

AUSSENPOLITIK

EHEMALIGER AUSSENMINISTER BAKER
ZU HERAUSFORDERUNGEN DES WESTENS
Rede in München,
Treffen mit Holbrooke in Bonn

UMWELTVERTRÄGLICHE ENTWICKLUNG
UND NATIONALE SICHERHEIT:
NEUE ELEMENTE DER
AMERIKANISCHEN AUSSENPOLITIK
Rede von Timothy Wirth

RUSSLAND

KRITISCHE ZEITEN FÜR DIE
RUSSISCHE POLITIK
Rede von Botschafter Talbott

FRAUEN

FRAUENRECHTE HABEN IN AMERIKA
HOHE PRIORITÄT
Erklärung Shattucks vor Kongreßausschuß

DEUTSCH-AMERIKANISCHER
TAG

DEUTSCH-AMERIKANISCHER TAG 1993
Proklamation des Präsidenten

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Deichmanns Aue 29
D 53170 Bonn

Tel.:0228-339 23 72
Fax:0228-33 41 02

�SOMALIA
13. Oktober 1993

USA STREBEN POLITISCHE LÖSUNG IN SOMALIA AN
Christopher und Aspin lehnen Einsatz von Militär ab
WASHINGTON - (AD) - Außenminister Christopher
und Verteidigungsminister Aspin haben erklärt, daß in
Somalia eine mit Hilfe der afrikanischen Nachbarstaaten herbeigeführte politische Versöhnung erforderlich
ist und nicht eine militärische Kampagne von seiten der
Vereinigten Staaten.

auf verantwortungsbewußte und besonnene Weise
verlassen", äußerte er.

Die Vereinigten Staaten bitten insbesondere Äthiopien, zur Erlangung eines Waffenstillstands beizutragen und eine unabhängige internationale Kommission
zur Ermittlung von Gewaltakten gegen gesetzestreue
Die beiden Minister äußerten am 7. Oktober 1993 im UNO-Truppen zu gründen, die dem somalischen Volk
Weißen Hausvorjournalisten, die nurwenige Minuten geholfen haben. Äthiopien werde ferner um die Fördezuvor von Präsident Clinton skizzierte Politik - ein- rung einer politischen Lösung gebeten, erklärte Chrischließlich der von ihm gesetzten Frist bis zum 31. stopher.
März 1994 für die Herbeiführung einer politischen
Lösung in Somalia mit Hilfe amerikanischer Streitkräf- Die Vereinigten Staaten strebten darüber hinaus die
te - erfordere erneute diplomatische Anstrengungen Zusammenarbeit mit der Organisation für Afrikanische
und Änderungen in dem unterstützenden militärischen Einheit (OAE) an, um die "Fraktionen in Somalia
zusammenzubringen", so Christopher. Die amerikaniUmfeld.
sche Politik bestehe darin, "eine afrikanische Lösung
"Wir haben uns sehr stark auf den militärischen Weg für ein afrikanisches Problem zu finden".
konzentriert und den politischen Weg aus den Augen
verloren", erklärte Christopher. "Wir bitten jetzt die In der Zwischenzeit werden die Vereinigten Staaten
Vereinten Nationen, sich erneut auf den politischen Christopher zufolge "den Druck" auf die Fraktionen in
Weg zu konzentrieren und sich um eine nationale Somalia "aufrechterhalten", die in die humanitäre Arbeit
Versöhnung in Somalia zu bemühen, damit dieses der Vereinten Nationen eingreifen. Die amerikaniLand wieder zu Leben und Wohlergehen zurückfin- schen Streitkräfte würden den Haftbefehl der Vereinten Nationen gegen den somalischen Kriegsherrn
det."
Mohamed Farah Aidid vollstrecken, falls sich die GeGleichzeitig stellte er fest: "Wir senden eine Botschaft legenheit ergebe.
an 30 Staaten, die verschiedene Arten von Unterstützung für die UN-Operation in Somalia UNOSOM lei- Aspin stellte jedoch eindeutig klar, daß die "Militärmissten und bitten sie, ihre Truppen in dem Land zu sion ... der Unterstützung der politischen Tagesordnung dient". Der Verteidigungsminister fügte hinzu,
lassen, bis es sicher ist."
"eine militärische Lösung dieses Problems würde ...
"Die Vereinigten Staaten tragen in Somalia die größte ein Engagement ... erfordern, das alle vernünftigen
Last. Jetzt bitten wir bestimmte andere Länder, die Erwartungen übersteigt".
Zahl ihrer Streitkräfte dort zu erhöhen, um die Arbeit zu
Aspin erläuterte ferner die von Präsident Clinton angebeenden", fuhr er fort.
kündigte Stationierung weiterer amerikanischer TrupObwohl der amerikanische Part der humanitären Auf- pen in Somalia. Der Präsident entsandte zusätzlich
gabe in Somalia "äußerst erfolgreich" durchgeführt 1.700 Soldaten und 104 gepanzerte Fahrzeuge - Panzer
wurde, so Christopher, "ist die Zeit gekommen, die sowie Mannschaftstransportwagen - der US-Armee
Last mit anderen zu teilen".
nach Mogadischu und ordnete an, daß der
Flugzeugträger USS Abraham Lincoln und zwei
"Der Präsident ist entschlossen, anderen die größt- Landungsverbände mit 3.600 US-Marineinfanteristen
mögliche Gelegenheit zurTeilnahme an diesem Unter- vor der Küste Position beziehen. Er betonte, daß sie
nehmen zu geben, und aus diesem Grund... ziehen wir alle amerikanischem Kommando, nicht dem der Verunsere Truppen nicht sofort ab. Wir wollen das Land einten Nationen, unterstehen.
AMERIKA DIENST 41

Seite 1

�Die Stationierung weiterer Truppen werde in dreifacher Weise "Auswirkungen auf die Sicherheitslage in
Somalia" haben, erklärte Aspin:

Bereitstellung von Luftstreitkräften in Form von
zusätzlichen bewaffneten Hubschraubern und
Flugzeugen von der Abraham Lincoln.

Verlegung der bereits in Somalia stationierten "Damit können die Vereinigten Staaten die Mission
Rangers der US-Armee von den täglichen Ope- militärisch mit größerer Präsenz durchführen", stellte
rationen zur Unterstützung der UNOSOM zu- Aspin fest,
rück zu ihrer ursprünglichen Mission als SchnelE i n Tei1 d e r
le Eingreiftruppe in Reserve,
Streitkräfte könnte vor dem 31. März
abgezogen werden, wenn die Umstände dies erlauVerdoppelung der Schnellen Eingreiftruppe mit ben, so der Verteidigungsminister.
Marineinfanteristen vor der Küste,
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AMERIKA DIENST 41

�AUSSENPOLITIK
13. Oktober 1993

EHEMALIGER AUSSENMINISTER BAKER ZU
HERAUSFORDERUNGEN DES WESTENS
Rede in München, Treffen mit Holbrooke in Bonn

MÜNCHEN - (AD) - Dem ehemaligen Außenminister
James Baker zufolge ist die Konsolidierung der freien
Marktwirtschaften und demokratischen Regierungen
in Osteuropa und der früheren Sowjetunion eine der
wichtigsten außenpolitischen Herausforderungen, mit
denen sich die Nationen des Westens heute konfrontiert sehen.
Als weitere Herausforderungen nannte Baker:
Eindämmung und Lösung regionaler Konflikte,
Unterbindung der Verbreitung moderner Waffentechnologie,
Öffnung und Stärkung des Weltwirtschaftssystems und
Erneuerung des westlichen Bündnisses.
Baker sprach am 5. Oktober 1993 vor vollbesetztem
Auditorium in der Universität München aus seinerSicht
über die von der Bush-Administration erziehen Leistungen und vermittelte Einblicke in die aktuelle Außenpolitik der Vereinigten Staaten.

Stiftung. Die Einführungsworte wurden vom BMWVorstandsvorsitzenden Dr. Eberhard von Kuenheim
gesprochen.
Baker traf auch in Bonn mit dem amerikanischen Botschafter in der Bundesrepublik Deutschland, Richard
C. Holbrooke, zur Erörterung der deutsch-amerikanischen Beziehungen zusammen.
Botschafter Holbrooke brachte im Namen der ClintonAdministration seinen Dank für Bakers Bemühungen
zur Förderung der deutsch-amerikanischen Verständigung und Zusammenarbeit zum Ausdruck und insbesondere für die Unterstützung der Bush-Administration beim Prozeß der deutschen Vereinigung.
"Die Unterstützung beider Parteien stellt seit vielen
Jahrzehnten ein wichtigtes Element der amerikanischen Außenpolitik dar", bemerkte der Botschafter.
"Die Clinton-Administration baut aktiv auf die feste
Grundlage unserer bilateralen Beziehungen zu Deutschland auf, die durch Mr. Bakers Bestrebungen als
Außenminister maßgeblich verstärkt wurden", erklärte
Botschafter Holbrooke.

Veranstalter des Vortrags war die dem deutschen
Automobilhersteller BMW nahestehende Herbert Quandt

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�AUSSENPOLITIK
13. Oktober 1993

UMWELTVERTRÄGLICHE ENTWICKLUNG UND
NATIONALE SICHERHEIT:
NEUE ELEMENTE DER AMERIKANISCHEN
AUSSENPOLITIK
Rede von Timothv Wirth
BONN - (AD) - Auf der Veranstaltung des Gesprächskreises Sicherheit und Abrüstung der Friedrich-EbertStiftung am 6. Oktober 1993 erläuterte erstmals in Deutschland ein hochrangiger Vertreter der ClintonAdministration Elemente der außenpolitischen Tagesordnung der Regierung.
Der Redner ist in der Funktion eines Staatssekretärs dem Außenminister direkt verantwollich und im USAußenministerium für "globale Angelegenheiten' zuständig. Sein Verantwortungsbereich umfaßt Themen wie
internationalen Umweltschutz, demographische Entwicklungen sowie die Bekämpfung des organisierten
Verbrechens und des Terrorismus.
Nachfolgend veröffentlichen wir den vorbereiteten Text der Rede von Staatssekretär Wirth.

Herzlichen Dank für Ihre freundliche Einladung, vor Der Präsident umriß drei zentrale Themen:
diesem auserlesenen Publikum sprechen zu dürfen.
Friedenssicherung,
Die Friedrich-Ebert-Stiftung hat einen maßgeblichen
Beitrag zur Stärkung demokratischer Institutionen und
nukleare Nichtverbreitung
der Rechtsstaatlichkeit geleistet, und auf dieses sowie
andere Modelle haben wir unsere Nationale Stiftung
und umweltverträgliche Entwicklung.
für Demokratie (National Endowment for Democracy)
Diese drei Oberbegriffe decken die wesentlichen Elegegründet.
mente der amerikanischen Außenpolitik ab und weiUnd obwohl wir heute abend keine parteipolitischen den uns bei unseren Beratungen und Ausgaben in den
Intentionen oder Programme verfolgen, möchte ich kommenden Monaten und Jahren leiten.
meine persönliche Freundschaft zu Rudolph Scharping erwähnen, den ich zu meinem Vergnügen vor Den ersten beiden Bereichen - Friedenssicherung und
zwei Jahren dem Senat der Vereinigten Staaten vor- nuklearer Nichtverbreitung - wurde in den Medien die
größte Aufmerksamkeit gewidmet, und sie ähneln den
stellen durfte.
traditionelleren diplomatischen und militärischen DefiAnfang vergangener Woche hat Präsident Clinton eine nitionen der nationalen Sicherheit am meisten:
bahnbrechende außenpolitische Rede vor der GeneDie Agonie in Bosnien ist jeden Abend ein fast
ralversammlung der Vereinten Nationen gehalten.
vertrautes Bild auf den Fernsehschirmen, und
Ebenso wie andere Nationen arbeiten die Vereinigten
das sich in Somalia stellende Dilemma wird oeStaaten darauf hin, ihre Außenpolitik an die Realitäten
dauerlicherweise ebenso offenkundig.
der Welt nach dem Kalten Krieg anzupassen. Mit
anderen Worten: Welche Kombination politischer
Unsere Verpflichtung zur Demokratie und StärInitiativen wird an die Stelle von Containment treten,
kung
demokratischer Regierungen findet in
der erfolgreichen und vorrangigen Priorität, die unsere
unserer
uneingeschränkten Unterstützung für
Politik in den vergangnen 45 Jahren beherrschte?
AMERIKA DIENST 41

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�die Reformen von Boris Jelzins demokratisch
gewählter Regierung ihren Niederschlag.

Welt. Sie definierte unsere Ziele und uns selbst,
unsere nationalen Prioritäten und unser Privatleben.

Präsident Clinton hat unserer tiefen Enttäuschung überdie Entscheidung der chinesischen
Regierung zur Wiederaufnahme der Atomtests
mit ihren gefährlichen Auswirkungen auf die
Verbreitung von Nuklearwaffen in Asien Ausdruck verliehen.

Wir können die Notwendigkeit dieses langen schwierigen Kampfes - ohne Krieg errang die Unnachgiebigkert
des Westens einen der größten Siege der Geschichte
für die Freiheit des Menschen - nicht verleugnen. Wir
haben wenig Spielraum und keine Zeit zu entspannen
und nachzudenken.

Weniger vertraut ist die äußerst hohe Priorität, die
meine Regierung den einzelnen Elementen der umweltverträglichen Entwicklung beimißt, und auf diese
möchte ich heute abend meine Aufmerksamkeit richten. Zusammengefaßt läßt sich sagen: Die von mir
erörterten Themen und Initiativen sind wichtige Bausteine der von Präsident Clinton bei den Vereinten
Nationen dargelegten umweltverträglichen Entwicklung und ein sich abzeichnender sowie zunehmend
bedeutender Teil jeder Definition der nationalen Sicherheit.

Die Veränderungen und Entscheidungen, mit denen
sich die Vereinigten Staaten, Europa und die Wertgemeinschaft heute konfrontiert sehen, sind in jeder
Hinsicht so herausfordernd wie die uns seit dem Zweiten
Weltkrieg bekannten. Ihr Charakter, ihre Vielfalt und
das Tempo ihrer Verbreitung zwingen uns jedoch zu
ernsthaftem Umdenken, einem neuen Verständnis der
Bedeutung und des Charakters der nationalen Sicherheit sowie der Rolle von Nationalstaaten bei der
Bewältigung neuer Herausforderungen und der Gestaltung einer neuen Welt.

Wir kommen in einer Zeit tiefgreifenden Wandels für
unsere Länder und die Welt zusammen. Gemeinsam
sehen wir uns mit einem breiten Spektrum ungewohnter Herausforderungen konfrontiert in einer Welt, die
sich selbst fast bis zur Unkenntlichkeit verändert hat.
Wir versuchen heute, eine Reihe neuer Probleme in
dem unsicheren Umfeld unentrinnbarer, desorientierender, schnellebiger globaler Veränderungen in den
Griff zu bekommen.

Der große Philosoph Isaias Berlin warnte, daß man "zu
Zeiten der Verwirrung und inneren Schwäche" in der
Geschichte der Menschheit regelmäßig "den Wunsch,
unsere Verantwortung abzugeben" beobachten kann
und sich in eine größere Idee zu flüchten, sei es Rasse,
Klasse oder die Evolution der Gesellschaft. Dies ist ein
Verzicht auf intellektuelle und moralische Verantwortung, dem widerstanden werden sollte.

Ich war von einigen dieser Veränderungen quasi persönlich betroffen. Im August 1961, als die Berliner
Mauer errichtet wurde, diente ich als gemeiner Soldat
in der US-Armee, der Kalte Krieg war eine allumfassende Realität, und wir dachten, wir würden binnen
Kürze in einen Krieg nach Europa entsandt.
Dreißig Jahre später saßen meine Kinder und ungefähr 750.000 andere junge Menschen aus ganz Europa auf den Überresten der Mauer und lauschten der
Musik von Pink Fbyd. Der Kalte Krieg war für ihre
Generation Geschichte.

Tatsache ist, daß die Nationen der Welt bereits den
entscheidenden Übergang zu einer Neufestsetzung
ihrer Prioritäten begonnen haben. Es wurden schon
Chancen für umfassendere Formen internationaler
politischer Zusammenarbeit ergriffen, die vor wenigen
Jahren noch undenkbar gewesen wären, wie größere
multilaterale Friedensmissionen und kooperative
Bestrebungen zur Verankerung der Demokratie und
zum Wiederaufbau der Volkswirtschaften in Osteuropa.

Dies sind jedoch nicht die einzigen oder die am schwersten definierbaren Herausforderungen für die Welt
oder das individuelle und kollektive Wohlergehen der
Ebenso stand ich vor drei Wochen auf dem Rasen des Nationen. Eine Reihe neuer, teuflisch komplexer und
Weißen Hauses und wurde Zeuge eines unvorstellba- sich überschneidender Trends ersetzen die Ost-Westren Händedrucks zwischen den Vertretern Israels und Konfrontation als neue Determinanten der globalen
der Palästinensischen Befreiungsorganisation. Die- Sicherheit.
ser außergewöhnliche Anlaß diente als Metapher für
die Geschehnisse auf der Welt, während alte Ideen Der internationale Drogenhandel ist ein Beispiel - er
und Annahmen rasch über Bord geworfen werden, als ruiniert das Leben junger Menschen weltweit und
seien sie Relikte eines vergangenen Zeitalters.
beraubt sie ihrer Zukunft. Die Verbreitung von Betäubungsmitteln ist zur großen Bedrohung der bürgerliWährend der etwas mehr als 40 Jahre des Kalten chen Gesellschaft in den Großstädten des Nordens
Krieges, die diesen Durchbrüchen vorangingen, wurde und den ländlichen Gebieten Afrikas, Lateinamerikas
Sicherheit in Begriffen wie der Fähigkeit des Westens und Südostasiens geworden. Der massive internatiodefiniert, den militärischen und politischen Dimensio- nale Strom illegaler Drogen und Dollars - der sich in
nen des Tot alitarismus zu widerstehen. Dies war keine einem Jahrzehnt mehr als verdoppelt hat - gefährdet
einfache Angelegenheit - sie bedurfte des kollektiven demokratische Institutionen und die Justiz.
Intellekts - und der nationalen Finanzen - der freien

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AMERIKA DIENST 41

�Die Auswirkungen des blühenden Drogenhandels und
anderer Aspekte des organisierten Verbrechens in
Osteuropa und der ehemaligen Sowjetunion sind hier
wohlbekannt. Diese neue Mafia führt nicht nur zu
vermehrter Kriminalität auf Ihren Straßen, sondern
unterminiert in den Augen ihrer Bürger auch die Legitimität der entstehenden Demokratien im Osten. Die
daraus resultierende Instabilität wird unweigerlich
Auswirkungen auf Deutschland und die anderen Länder Europas haben. Ich freue mich, daß die Bundesrepublik bei der Lösung dieses Problems bereits eine
Führungsrolle übernommen hat und die Vereinigten
Staaten mit Ihnen an gemeinsamen Programmen
zusammenarbeiten, um Mitarbeiter von Strafverfolgungsbehörden in Osteuropa auszubilden und zu
unterstützen. Kurzum, Drogen sind ein Alptraum für
Nationen und Einzelpersonen gleichermaßen und stellen
heute eine Sicherheitsbedrohung für uns alle dar.
Auch Terroranschläge, die ebenso leicht in Berlin wie
in Bombay verübt werden können, sind ein Problem
der gemeinsamen Sicherheit. Internationaler Terrorismus, der teils aus steigendem nationalistischem und
religiösem Druck resultiert, nährt diesen ebenso. Die
Wert ist kleiner und auch verletzbarer für gezielte,
kleinere, vernichtende Anschläge, die die bürgerliche
Gesellschaft zersplittern, die Rechtsstaatlichkeit unterminieren, lokale Konflikte globalisieren sowie Haß
und Feindschaft säen.
Subtiler und am tiefgreifendsten ist die sich abzeichnende Krise der Umweltzerstörung. Der vielschichtige
Angriff auf die globale Gemeinschaft gefährdet zweifelsohne die globale Sicherheit durch die alimähliche
Zerstörung der das Leben auf unserem Planeten erhaltenden Systeme.

Konzept in eine Realität der internationalen Hilfsprogramme umzuwandeln.
Ebenso wie die Umweltverschmutzung respektieren
transnationale Gesundheitsprobleme keine Grenzen.
AIDS - vor einem Jahrzehnt noch unbekannt - birgt die
Gefahr einer so verheerenden Katastrophe für die
Menschheit wie die Seuchen des Mittelalters.
Kernstück dieser Besorgnis bildet die Spirale des
Bevölkerungswachstums. Wenn wir diesem Planeten
alle 10 Jahre soviele Menschen wie die Einwohnerzahl
Chinas hinzufügen, wird sich die Bevölkerung bis zum
Ende des nächsten Jahrhunderts von heute 5,5 Milliarden auf nahezu 15 Milliarden verdreifachen.
Tatenlos zuzusehen und dies geschehen zu lassen,
hieße, nicht nur die Natur, sondern auch die Menschheit der Verdammnis preiszugeben. Unkontrolliertes
Bevölkerungswachstum wird jegliche Hoffnung auf
wirtschaftlichen Fortschritt in den Entwicklungsländern und jedes humanitäre Unternehmen zunichte
machen.
Rasches Bevölkerungswachstum ist bereits ein zu
gewalttätiger Unordnung und massenhafter Auswanderung aus ressourcenarmen Gesellschaften beitragender Faktor. Einige dieser Migranten sind unsere
unmittelbaren Nachbarn. Andere - um Aufnahme
ersuchende Flüchtlinge - setzen vehement das Gefüge der sozialen und politischen Stabilität der Wert unter
Druck.

Bevölkerungswachstum, Umweltzerstörung, Verstädterung, die Verbreitung von Kommunikationsmitteln
und die Verfügbarkeit von Transportmitteln auf globaler Basis tragen zur brennendsten Frage unserer Zeit
bei - internationaler Migration. Das Schreckgespenst
Der Verlust von Land und Boden überbeansprucht verzweifelter Menschen, die verlorener Hoffnung oder
unsere Fähigkeit, selbst für die heutige Bevölkerung politischer Unterdrückung entfliehen, ist auf tragische
ausreichend Nahrungsmittel zur Verfügung zu stellen. Weise vertraut auf Haiti, im Sudan, in China und
Die Menschheit hat 10 Prozent des Ackerlands der entlang des Rio Grande. Eine starke öffentliche und
Welt zerstört, und die Zerstörung schreitet in alarmie- politische Reaktion auf Migration ist ein weiteres Schreckrendem Tempo fort. Die Dezimierung unserer Wälder gespenst, das in Kalifornien, Japan und hier in Europa
und Artenvielfalt auf der ganzen Wert ist nicht nur ein zunehmend umgeht. Die Migrationsfrage - die in
Verlust unseres ererbten genetischen Versprechens, steigendem Maße nicht nur Einzelpersonen, sondern
sondern auch eine schuldhafte Vernachlässigung ganze Gruppen betrifft - untergräbt das traditionelle
unserer Pflicht als Hüter der Erde. Am auf schlu ßreich- liberale Engagement für Flüchtlinge.
sten ist jedoch vielleicht der erhöhte Kohlendioxidgehalt der Atmosphäre als Barometer dessen, wie wir All diesen gefährlichen Trends - Zunahme der Bevölunsere Umwelt und unsere Welt verändern.
kerung und des Drogenkonsums, Schwächung des
Völkerrechts und des ökologischen Gleichgewichts Diese umweltpolitischen Herausforderungen erfordern ist gemeinsam, daß sie die Nationen der Wert gleichunsere sofortige Aufmerksamkeit. Sie in Deutschland zeitig aufeinander zu und auseinander treiben.
haben bereits ausführliche Diskussionen über den
Schutz der Regenwälder und anderer für das Ökosy- Die Kräfte der Integration und Desintegration können
stem der Erde lebenswichtigen Gebiete geführt sowie als Druck von oben und von unten charakterisiert
darüber, der zunehmenden Versteppung und Ausbrei- werden. Druck von oben, weil die Lösung nicht in
tung von Ödland Einhalt zu gebieten. Zusammen bilateralen Initiativen, sondern verstärkten multilateramüssen wir mutig nach pragmatischen Wegen su- len Bestrebungen liegt. Lösungen müssen wie die
chen, um "umweltverträgliche Entwicklung" aus einem Probleme selbst nationale Grenzen überschreiten.

AMERIKA DIENST 41

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�Der Druck von unten kommt von der Basis, wo die auf
lokaler Ebene geschaffenen Verbindungen zwischen
Umweltschützern, Demokraten und nichtstaatlichen
Organisationen weltweit schlagartig zunehmen. Wir
müssen diese Kräfte verstärken, selbst während wir in
größeren Strukturen denken, die vertraute Grenzen
überschreiten.
In einergrenzenloseren, interdependenten Welt, in der
globale Themen zur Definition unserer gemeinsamen
Zielsetzung beitragen, wird unsere Fähigkeit zur Anpassung unserer Institutionen auf die Probe gestellt.
Der unbeirrte und verwirrende Charakter sich überschneidender globaler Probleme demonstriert, daß
Sicherheit nicht länger allein in Wohlstand oder Macht
begründet liegt. Langfristige Zusammenarbeit zwischen allen Nationen ist das Gebot.
Ich schlage vor, daß diese Generation von Politikern
sich mit der Tatsache vertraut macht, daß globale
Bedrohungen an die Stelle der Konfrontation des Kalten Krieges treten als unsere vordringlichste Herausforderung und als bester Katalysator unserer gemeinsamen Zielsetzung. Am Ende dieses Jahrhunderts
werden wir daran gemessen werden, wie gut wir den
Übergang gemeistert, unsere nationalen Bestrebungen umdirigiert und unsere knappen Ressourcen neu
verteilt haben.
In den verbleibenden Jahren des 20. Jahrhunderts ist
es erforderlich, daß wir die für die Organisation der
kooperativsten Bestrebungen in der Weltgeschichte
erforderliche Leitung und Klugheit anbieten. Die Verlangsamung des Bevölkerungswachstums, der Kampf
gegen die Zerstörung der Umwelt, die Bereitstellung
neuer Technologien und die Neuerfindung des Wirtschaftswachstums, damit die Chancen nicht im illegalen Drogenhandel, sondern in alternativen Entwicklungen liegen, sollten einen Großteil unserer gemeinsamen Ziele in den neunziger Jahren bestimmen.

Entwicklung) auf unserer Tagesordnung für weltweite
Zusammenarbeit an oberster Stelle stehen - die Stabilisierung der Weltbevölkerung läßt alle anderen Prioritäten zweitrangig erscheinen. 300 Millionen Paare
weltweit haben den Wunsch nach Familienplanung,
aber ihnen fehlen die Mittel. Diesen bisher ungedeckten Bedarf zu erfüllen und das Angebot von Geburtshilfe und Gesundheitsdiensten auf der ganzen Welt zu
erweitern, wäre der größte Beitrag, den wir jemals zum
21. Jahrhundert leisten könnten. Um diese Kluft zu
überbrücken, müssen energisch gemeinsame Anstrengungen in die Wege geleitet werden, um bis zum Jahr
2000 Einrichtungen zur freiwilligen Familienplanung
bereitstellen zu können. Gleichzeitig müssen wir im
Westen unsere kollektive Unterstützung für die sozialen, politischen und wirtschaftlichen Rechte der Frau
bekräftigen und unser Engagement für Geburtshilfe,
Versorgung der Neugeborenen und sichere Mutterschaft sowie andere Determinanten der Fruchtbarkeit
beträchtlich verstärken. Der Ertrag dieser Initiativen in
Form von Stabilität, Qualität der Umwelt und wirtschaftlicher Produktivität wird die Kosten für jede
Generation aufwiegen.
In ähnlicher Weise würde die Bereitstellung elementarer Gesundheitsdienste eine kluge Investition der
Völkergemeinschaft mit relativ geringen Kosten für alle
darstellen. Die Bekämpfung von vier weitverbreiteten
Krankheiten, denen leicht vorgebeugt werden kann Masern, Tetanus, Keuchhusten und Polio -, die Beseitigung von Jod- und Vitamin A-Mangel sowie die
weltweite Bereitstellung von oraler Rehydrationstherapie sind bis Anfang des kommenden Jahrhunderts
möglich. Eine erfolgreiche Umsetzung dieser Maßnahmen würde jährlich allein 3 bis 4 Millionen Menschenleben retten, unvorstellbares und unnötiges Leiden
mildern und eine wichtige Erleichterung für große
Familien darstellen.

Die Einbeziehung umweltpolitischer und wirtschaftlicher Gebote auf nationaler Ebene ist eine dritte AufgaIn unserem Land im Alleingang und in Abstimmung mit
be. Die Nationen, einschließlich der Vereinigten Staader internationalen Staatengemeinschaft müssen wir
ten, können nicht länger annehmen, daß wir keinen
anderen ein Beispiel geben und die zur Förderung
Preis für die Verschmutzung der Luft oder die Ausbeueiner umweltverträglichen Entwicklung erforderlichen
tung unserer Ressourcen zahlen müssen. Wir müsRessourcen einsetzen.
sen vielmehr diese Kosten verinnerlichen und den
freien
Kräften des Marktes gestatten, die wirksamsten
Was können wir realistisch gesehen bis zum Ende des
Mittel
zur
Erreichung unserer umweltpolitischen Ziele
Jahrtausends zu erreichen erhoffen? Sieben Jahre
zu
bestimmen.
sind schließlich genug Zeit, um substantiellen Wandel
zuzulassen, liegen jedoch auch greifbar nahe. Ich
möchte einige Vorschläge machen. Diese Prioritäten Die ersten Monate der Administration von Präsident
stellen weder die Lösung für alle globalen Probleme Clinton haben dazu beigetragen, den Amerikanern die
lange ausstehenden Informationen über die wirtschaftdar noch definieren sie unsere gesamte Tagesordnung. Wenn wir jedoch diese Herausforderungen lichen Aspekte des Umweltschutzes sowie die Beziehungen zwischen Führung im Umweltschutzbereich
bewältigen könnten, würden wir einen wichtigen Anund
globalem Einfluß zu geben. Letzte Woche sahen
fang machen und eine Welt hinterlassen, die sich stark
wir
hierfür
einen deutlichen Beweis, als der Präsident
von der heutigen unterscheidet.
und seine Administration zusammen mit der AutomoErstens muß die Bevölkerungsfrage (und die für 1994 bilindustrie eine Partnerschaft zwischen dem öffentliin Kairo anberaumte Konferenz über Bevölkerung und chen und dem Privatsektor ins Leben riefen, um inner-

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AMERIKA DIENST 41

�halb eines Jahrzehnts ein sauberes Auto herzustellen. An fünfter Stelle steht die Herausforderung einer ReWir haben mit dem öffentlichen und dem Privatsektor form der Kreditvergabe der Weltbank zur besseren
ähnliche Partnerschaften ins Leben gerufen, wodurch Förderung von umweltverträglicher Entwicklung und die Unterschrift der Vereinigten Staaten unter dem noch wichtiger - zur Bereitstellung von PrivatinvestitioVertrag über die Artenvielfalt möglich wurde sowie die nen für umweltverträgliche wirtschaftliche Fortschritte.
Verpflichtung Amerikas zur Stabilisierung seiner Treibhausgasemissionen bis zum Jahr 2000, wie in der Die Weltbank, der wichtigste öffentliche Motor für
Konvention über Klimaveränderungen gefordert. Bei Entwicklung, wird eine zentrale Rolle bei der Fördeuns und in anderen Ländern kann und muß mehr getan rung des Übergangs zu umweltverträglicher Entwicklung spielen. Bedauerlicherweise befinden wir uns
werden.
immer noch in der Position, daß wir zu Änderungen
Ich weiß, daß die deutsche Öffentlichkeit ein ebenso der Praxis der Darlehensvergabe ermutigen müssen,
großes Interesse am Umweltschutz hat wie die übrige damit diese mit unserem Verständnis der globalen
Wert. Ihre frühe Erfahrung mit der Reduzierung der Herausforderungen Schritt halten.
Luftverschmutzung durch Marktmechanismen ist für
andere Länder ein sehr nützliches Vorbild gewesen. Ihrer hochfliegenden Rhetorik zum Trotz hat die WeltDa ich mit AI Gore viele Jahre im Senat zusammen- bank nicht genug getan, um die Verfahren zur Darlegearbeitet habe und das jetzt in der Clinton/Gore- hensvergabe zu ändern, und allzu oft unterstützt sie
Administration wieder tue, freue ich mich feststellen zu weiterhin destruktive Projekte, die zu kurzfristigen
können, daß sein Buch "Wege zum Gleichgewicht" wirtschaftlichen Vorteilen führen. Unvollständige Einhier weiterhin an der Spitze der Bestsellerlisten steht. beziehung externer Faktoren sowie andere UnterlasDie Amerikaner sind in den gesamten Vereinigten sungen im Bereich des Umweltschutzes haben dazu
Staaten darauf bedacht, die Natur zu schützen und zu geführt, daß zu viele Projekte entweder langfristig
erhalten. Auch in Washington, wo unsere Administra- nicht gewinnbringend sind oder tatsächliche wirtschafttion Ihr Bemühen um Umweltschutz teilt, hat sich ein liche und umweltpolitische Verluste verursachen. Wir
Wandel vollzogen. Durch Zusammenarbeit können können führend dabei sein, diese Institutionen zur
unsere Länder sicherstellen, daß diese drängenden Einhaltung ihres Versprechens aufzufordern, größere
Angelegenheiten weiterhin an oberster Stelle auf der Betonung auf kleinere, dezentralisierte Projekte zur
Förderung alternativer Entwicklung zu legen, die Umwelt
weltweiten Tagesordnung bleiben.
zu schützen und die Rechte der örtlichen Bevölkerung
Wir können mit der Energiefrage beginnen. Die Ener- zu gewährleisten.
gie und ihre weltweite Nutzung ist ein übergeordneter
Determinant des wirtschaftlichen Wohlstands und des Sechstens muß die Bekräftigung unserer VerantworUmweltschutzes. Energie, Umweltschutz und die tung für die Menschenrechte und ihre Unterstützung bei der Weltbank und im Rahmen unserer BeziehunWirtschaft sind untrennbar verbunden.
gen zu anderen Staaten - das Kernstück unserer
Aufgrund des herkömmlichen Energieverbrauchs wird Tagesordnung bleiben. Die Menschenrechte und eine
geschätzt, daß sich der weltweite Verbrauch von Pri- Beteiligung des Volkes an der Regierungsführung sind
märenergie in den nächsten 30 Jahren verdoppeln die Grundlage für Erfolg beim Umgang mit den globawird - der Großteil davon entfällt auf die Entwicklungs- len umweltpolitischen, wirtschaftlichen und sozialen
länder. Abgesehen von den Auswirkungen auf die Prioritäten. Eine besondere Errungenschaft wäre die
Umwelt sind die finanziellen Erfordernisse für eine Einrichtung des Amtes eines Hochkommissars für
solche Ausweitung enorm - sie reichen von 70 Milliar- Menschenrechte bei den Vereinten Nationen, wie auf
den Dollar jährlich bis zu über 140 Milliarden Dollar im der diesjährigen Weltkonferenz in Genf vorgeschlaersten Viertel des kommenden Jahrhunderts. Wir gen. Die Vereinten Nationen müssen die ihnen zukomkönnen es uns nicht leisten, die Konsequenzen dieser mende Aufmerksamkeit erhalten sowie die Autorität,
Erhöhung für die Umwelt zu ignorieren. Wenn wir die die sie zur Förderung der Achtung der fundamentalen
globale Umwelt schützen und umweltverträgliches Menschenrechte benötigen.
Wachstum fördern wollen, muß sich die kreative Zusammenarbeit auf die Suche nach alternativen Ener- Schließlich glaube ich, daß wir unsere individuelle und
giequellen für die Entwicklungsländer konzentrieren, gemeinsame Verpflichtung zur Bekämpfung von interdamit ihnen nicht dieselben kostspieligen Fehler unter- nationalem Drogenhandel, Terrorismus und Kriminalität erneuern müssen. Geldwäsche, Waffenschmuglaufen wie uns.
gel, Banknotenfälschung und Terroranschläge sind
Die Entwicklung von Energiequellen und ihr effizienter meistens eng miteinander verbunden. Unsere VerEinsatz, erneuerbare Energiequellen und alternative pflichtung zur Förderung einer alternativen LandwirtBrennstoffe müssen bei der partnerschaftlichen Zu- schaft, zur Bekämpfung von Kriminellen - seien es
sammenarbeit der Nationen auf der Wert eine Priorität Einzelpersonen oder Nationen - sowie zur Verbessedarstellen.
rung des Justizwesens im Ausland wird unsere
Demokratien stärken und beim Aufbau und der Förderung neuer Demokratien von Nutzen sein.
AMERIKA DIENST 41

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�Diese Ziele - die alle ehrgeizig sind - können nicht
kostenlos und zweifellos nicht ohne die Überwindung
von Hindernissen erreicht werden. Sie würden jedoch
auf alle Nationen, Volkswirtschaften und - was am
wichtigsten ist - das Leben heutiger und künftiger
Generationen positive Auswirkungen haben. Unser
Vermächtnis hängt in hohem Maße von unserer Fähigkeit ab, diese neuen sicherheitspolitischen Grundsätze zu verstehen und darauf zu reagieren. Bedrohlicher
formuliert, ist die Bewohnbarkeit und Stabilität der Welt
in der Schwebe. Auf diese Weise ist der Schutz der
Erde ein Ausdruck unserer Erkenntnis, daß sich eine
neue, interdependente Weltordnung vor uns entfaltet.
Deutschland scheint der richtige Platz für die Eröffnung des transatlantischen Dialogs über diese neuen
sicherheitspolitischen Ziele zu sein. Sie haben heroisch die Frontlinien im Kalten Krieg bemannt; jetzt
öffnen Sie das Tor zum Osten. Da die Hinterlassenschaft der alten kommunistischen Regime sozusagen
in Ihrer unmittelbaren Nachbarschaft liegt, betreffen
einige dieser neuen transatlantischen Herausforderungen Sie eher als andere. Beispielsweise führt das
Fehlen eines effektiven Justizwesens in den aufstrebenden Demokratien zu organisiertem Verbrechen
und seinen möglichen Verbindungen zu Terrorismus in
Ihren Städten. In ähnlicher Weise hat die jahrzehntelange Mißachtung des Wohlergehens der Menschen
zu der heutigen Umweltverschmutzung und den Sicherheitsmängeln bei Kernreaktoren direkt neben den
neuen Grenzen der Bundesrepublik geführt. Ganz
offensichtlich haben die Vereinigten Staaten, Deutschland und das übrige Europa viel Arbeit vor sich.

1948, als die Erforschung des Weltraums noch Science Fiction war, erklärte der Astronom Fred Hoyle:
"Wenn erst einmal eine im All aufgenommene Fotografie der Erde verfügbar ist... wird eine in der Geschichte
beispiellose Idee freigesetzt."
Zwanzig Jahre später, als die Raumfahrt Realität
wurde, waren die Astronauten selbst ein machtvolles
Zeugnis für Hoyles Verständnis von der Einheit der
Welt. Ich möchte die von dem amerikanischen Astronauten James Irwin gemachten Äußerungen zitieren:
"Dieses wunderschöne, warme, lebende Objekt
sah so zerbrechlich aus, so zart, daß eine
Berührung mit dem Finger es zerstören würde."
Und ein russischer Kosmonaut sagte: "Nachdem eine orangerote Wolke, die sich infolge
eines Sandsturms über der Sahara gebildet
hatte, die Philippinen erreichte und dort zusammen mit dem Regen niederging, begriff ich, daß
wir alle in demselben Boot sitzen".
In dieser letzten Dekade des Jahrtausends haben wir
die Macht und die enorme Verantwortung, dieses Boot
sorgfältig zu steuern. Wir besitzen jetzt auch die
Fähigkeit, den Wandel zum Wohle der ganzen Welt zu
gestalten. Ich vertraue darauf, daß Sie alle sich dieser
Herausforderung stellen und diese Macht mit Energie
und Klugheit einsetzen. Zweifellos hängt unsere Zukunft
davon ab.
Ich danke Ihnen.

* * * * *

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AMERIKA DIENST 41

�RUSSLAND
13. Oktober 1993

KRITISCHE ZEITEN FÜR DIE RUSSISCHE POLITIK
Rede von Botschafter Talbott
WASHINGTON - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede von Strobe Talbott, Außerordentlicher und
Bevollmächtigter Botschafter und Sonderberater des Außenministers für die neuen unabhängigen Staaten der
ehemaligen Sowjetunion vor dem Unterausschuß für Europa und den Nahen Osten des Auswärtigen Ausschusses des Repräsentantenhauses in wesentlichen Auszügen.
Die gekürzten Passagen, in denen Talbott auf die jüngsten Entwicklungen in der Ukraine, Kasachstan,
Aserbaidschan sowie regionale Stabilität und Sicherheit eingeht, sind ausführlich in der Rede von Botschafter
Talbott vor dem Auswärtigen Ausschuß des Senats vom 7. September 1993 enthalten, die wir im Amerika
Dienst 37 vom 15. September 1993 veröffentlicht haben.

Herr Vorsitzender, meine letzte Rede vor Ihnen und
Ihren Kollegen am 21. September endete in ziemlicher
Aufregung. Ihnen und mir wurden von unseren Mitarbeitern Zettel mit der Nachricht überreicht, daß Präsident Jelzin gerade die Auflösung des russischen Parlaments und die Anberaumung von Wahlen im Dezember bekanntgegeben hatte. Die seitdem vergangenen
zwei Wochen waren die spannendsten und wichtigsten im Drama der russischen Politik seit August 1991,
als Boris Jelzin selbst im "Weißen Haus" unter Belagerung war. Ich möchte meine Anhörung mit der Analyse
der Administration dieser letzten Episode beginnen
und ihren Zusammenhang mit unserer Politik der
Unterstützung von Reformen darlegen.
Vor der derzeitigen Krise war der russische Staat fast
gelähmt. Exekutive und Legislative waren unfähig, die
Krise der Regierungsform und Legitimität zu lösen.
Das Parlament hatte sich die Praxis zu eigen gemacht,
Gesetze und Resolutionen zu verabschieden, die darauf
ausgerichtet zu sein schienen, die Fähigkeit der Regierung Jelzin zur Regierungsführung zunichte zu machen, die Probleme der russischen Volkswirtschaft zu
verschärfen und die schlimmsten Ängste der russischen Nachbarstaaten zu bestätigen. Darüber hinaus
schien es wenig Chancen zu geben, daß Präsident
Jelzin und das Parlament sich auf eine neue Verfassung einigen, die die aus den Zeiten Leonid Breschnews stammende ersetzt, oder auf Wahlen fü r eine
neue Legislative anstelle derjenigen, die 19 Monate
vor dem Ende der Sowjetunion das Amt antrat. Im
Verlauf meiner letzten Rede hier, Herr Vorsitzender,
brachten mehrere Ihrer Kollegen tiefe Besorgnis über
diesen Zustand zum Ausdruck. Sie fragten sich, ob die
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Reform - die das Ziel der amerikanischen Unterstützung ist - Fortschritte machen könnte. Präsident Jelzin
war zweifelsohne über dasselbe beunruhigt, und das
ist im wesentlichen der Grund, warum er so vorging,
um die Pattsituation mit dem Parlament zu durchbrechen.
Ich möchte jetzt die Frage ansprechen, warum Präsident Clinton so reagierte, mit einer eindeutigen Erklärung zur Unterstützung von Jelzin. Diese Erklärung
wurde rasch abgegeben, binnen weniger Stunden
nach Erhalt der Nachrichten aus Moskau - sie kam
jedoch nicht automatisch oder als Reflex. Präsident
Clinton, Außenminister Christopher und andere Mitglieder der Administration haben die Sache sorgfältig
erwogen. Amerikaner haben schließlich nicht die
Angewohnheit, der Auflösung von Parlamenten oder
Aufhebung von Verfassungen zu applaudieren. Der
Präsident und der M inister gelangten zu der Schlu ßfolgerung, daß die Umstände in diesem Fall außergewöhnlich waren: Erstens, aufgrund von Ursprung und
Natur des fraglichen Parlaments und der Verfassung
(sie sind Relikte der kommunistischen Vergangenheit)
und zweitens, weil Präsident Jelzin wieder einmal, wie
im Frühjahr, einen Weg gefunden hatte, die Angelegenheit vor das russische Volk zu bringen und es über
seine Zukunft entscheiden zu lassen.
Am 21. September wurden wir um die Beurteilung
gebeten, ob das Vorgehen Präsident Jelzins "verfassungsmäßig", "legal" und "legitim" war. Das gleiche
hatte man uns am 20. März gefragt, als er über die
Köpfe der Parlamentsmitglieder hinweg das Referendum vom 25. April einberief. In beiden Fällen antworteten wir, daß sich zur Zeit in Rußland alles um die
Seite 1

�Verfassungsmäßigkeit, Legalität und Legitimität drehe; wir seien der Ansicht, daß das russische Volk
selbst diese Angelegenheiten entscheiden sollte. Für
uns war die wichtigste Frage - deren Antwort das
Ausmaß unserer Unterstützung bestimmt - ob Präsident Jelzin bei seinen Bemühungen um eine Lösung
der Krise zu demokratischen Mitteln greifen würde.
Die Antwort in beiden Fällen - im März sowie gestern
vor zwei Wochen - lautete Ja.
Uns schien es von besonderer Bedeutung zu sein, daß
in dem Referendum vom 25. April eine große Mehrheit
der Bevölkerung dem Wunsch nach frühzeitigen Parlamentswahlen Ausdruck verlieh. Präsident Jelzin hat
sie für den 11. Dezember anberaumt und auch Präsidentenwahlen ein halbes Jahr später zugestimmt.
Unserer Meinung nach mußte noch ein weiteres Kriterium erfüllt werden, bevor diese Administration das
Vorgehen Präsident Jelzins vom 21. September unterstützen konnte. Wir mußten sicher sein, daß er alles
in seiner Macht Stehende tun würde, damit die nächste
Stufe dieses Dramas friedlich ablaufen und Gewalt
soweit wie möglich vermieden würde; wir wollten auch
darauf vertrauen können, daß die Wahlen offen, frei
und fair sind. Als Präsident Clinton Präsident Jelzin am
Nachmittag des 21. September anrief, wollte er vor
allem Zusicherungen dieser Art erhalten. Jelzin gab
diese Zusicherungen mit offensichtlicher Überzeugung und Entschlossenheit. Vor diesem Hintergrund
gab Präsident Clinton dann seine Erklärung zur Unterstützung von Präsident Jelzin ab.
Während der zwölf Tage zwischen dem 21. September und dem letzten Sonntag hielt Präsident Jelzin
Wort. Er und seine Regierung demonstrierten wiederholt, daß sie eine friedliche Lösung der festgefahrenen
Situation anstreben. Sie begannen unter der Schirmherrschaft des russischen Patriarchen Verhandlungen
mit den führenden Parlamentsmitgliedern; sie machten deutlich, daß sie sich möglichst nicht auf Gewalt,
sondern auf legale Sanktionen gegen diejenigen stützen würden, die nach Ablauf des Ultimatums vom
letzten Montag weiterhin in dem Parlamentsgebäude
blieben.
Während dieses Zeitraums bekräftigte die russische
Regierung, sie werde sich solange der Androhung
oder des Einsatzes von Gewalt enthalten, wie es keine
größere Provokation der anderen Seite gebe, die zu
Blutvergießen führte. Die offiziellen Erklärungen sowohl in der Öffentlichkeit als auch in diplomatischen
Kreisen - stellten die gleiche Bedingung; wir hofften,
daß Präsident Jelzin eine friedliche Lösung der Krise
gelingen würde, waren uns aber auch bewußt, daß
seine Fähigkeit dazu von der Zurückhaltung - und
einem gewissen Maß an zivilisiertem Benehmen - auf
Seiten seiner Gegner abhängig war, von denen viele
unseres Wissens gut bewaffnet und innerhalb des
Parlaments in zunehmend schlechter Stimmung waren.
Seite 2

Dann kam natürlichderblutigeSonntag am3. Oktober.
Der Ausbruch von Gewalt kam für die Welt - und mit
Sicherheit für die russische Obrigkeit - überraschend.
Das war großenteils darauf zurückzuführen, daß nur
wenige erkannt hatten, mit welcher Boshaftigkeit und
Schamlosigkeit die Herren Ruzkoi und Chasbulatow
ihre schlechter-ist-besser-Strategie verfolgten. Es
war für uns alle ein mit Bedauern und Sorge erfüllter
Tag. In den späten Stunden des Sonntag wurde
jedoch offensichtlich, daß die Jelzin-Regierung zur
Wiederherstellung der Ordnung sowie zu möglichst
geringem Einsatz von Gewalt entschlossen war. Jelzin wies seine vor dem Parlament und der Fernsehstation stationierten Truppen an, nur zu schießen, wenn
auf sie geschossen würde. Im Namen von Außenminister Christopher hielten Botschafter Pickering und
ich in den frühen Morgenstunden des Montag Kontakt
zu Vertretern der russischen Regierung, als die Truppen einmarschierten. Uns wurde erklärt, daß Präsident Jelzin zwei Optionen habe: Die schnelle und
schmutzige - wie eine Gangsterbande mit gezogener
Waffe das Gebäude zu stürmen - und die langsame,
stufenweise und allmähliche Zurückerobert]ng des
Gebäudes, wodurch die Besetzer die größtmögliche
Chance zur Aufgabe erhielten. Wir halten es für
bedeutsam und ermutigend, daß sich Präsident Jelzin
für die zweite Option entschied, obwohl auch diese zu
beträchtlichen Verlusten von Menschenleben führte.
Herr Vorsitzender, diese ganze tragische Episode
unterstreicht in gewisser Weise, daß wir in den letzten
Tagen in Rußland Zeugen eines großartigen Kampfes
waren. Auf der einen Seite standen die Kräfte der
Vergangenheit, der alten Sowjetunion und des alten
sowjetischen Systems, die sich auf Terror sowie die
Androhung und den Einsatz von Gewalt verließen.
Indem er den bewaffneten Mob zur Erstürmung des
Kreml und der Fernsehstation aufrief, zeigten Ruzkoi
und seine fanatischeren Anhänger ihr wahres Gesicht.. Auf der anderen Seite standen die Kräfte des
neuen Rußland, verkörpert durch Präsident Jelzin, die
sich der Demokratie, Reformen, der Achtung des
menschlichen Lebens und des bürgerlichen Friedens
verschrieben haben, die eine notwendige Voraussetzung für den Aufbau einer bürgerlichen Gesellschaft
und die Respektierung der Bürger- und Menschenrechte sind.
Obwohl in den letzten Wochen trotz der Bemühungen
der Jelzin-Regierung ein tragisches Moment vorherrschte, sind wir zuversichtlich, daß sie zur Entspannung
führen und eine Periode erneuter Verpflichtung auf
seiten des russischen Volkes zum Demokratisierungsprozeß einleiten werden. Wir sind deutlich daran
erinnert worden, für was die Truppen von Ruzkoi und
Chasbulatow wirklich standen; und sie haben wiederum die Führungsrolle ihres Präsidenten bekräftigt.
Präsident Clinton und Außenminister Christopher haben
beide in ihren öffentlichen Erklärungen am Montag
unserer Hoffnung Ausdruck verliehen, daß die jetzt

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�begonnene Wahlperiode Teil eines Prozesses der
Heilung und nationalen Versöhnung sein wird.

in den letzten Wochen unsere Fähigkeit zu einer
solchen Beständigkeit unter Beweis gestellt.

Hauptthemen der amerikanischen Außenpolitik

Neben den gelegentlichen Unruhen in Moskau selbst
sehen wir alle die Vielzahl anderer Schwierigkeiten, mit
denen Rußland, die Ukraine und die anderen neuen
unabhängigen Staaten konfrontiert sind. Wir wissen,
daß es innerhalb dieser Staaten und zwischen ihnen
Spannungen gibt und befassen uns mit den Belastungen und der Uneinigkeit, die zwischen Ihnen und uns
bestehen. Dennoch, Herr Vorsitzender, ist es weiterhin die Überzeugung der Clinton-Administration, daß
die allgemeine Tendenz in diesem großen Teil der Welt
günstig ist und daher die Grundlage unserer Politik
stabil bleibt.

Herr Vorsitzender, ich möchte nun auf die Grundlage
unserer Politik zu sprechen kommen. Seit seiner
Amtsübernahme hat Bill Clinton deutlich gemacht, daß
die Unterstützung der Reformen in der GUS die oberste Priorität der außenpolitischen Tagesordnung seiner Administration sein werde. Seines Erachtens stellt
der Zusammenbruch des sowjetischen Systems und
der Sowjetunion eine historische Umgestaltung unserer Welt - hauptsächlich zum Positiven - dar. Er ist sich
jedoch auch bewu ßt, daß das neue Zeitalter nach dem
Kalten Krieg zweifellos neue Unsicherheiten, neue
Sorgen und neue Herausforderungen an die Führungsrolle Amerikas beinhalten wird. Nur mit internationaler Hilfe können Rußland, die Ukraine und die
anderen Republiken der ehemaligen Sowjetunion den
Übergang vom Totalitarismus zur Demokratie und von
einer zentralen Kommandowirtschaft zu einer Marktwirtschaft vollziehen.

Viele der erschreckenden und ominösen Schlagzeilen
von heute propagieren, was man als die Kehrseite
eines Höhepunktes der Geschichte bezeichnen könnte. Jahrhundertealte nationale und ethnische Spannungen und Konflikte sind aus eben dem Grund aufgeflammt, weil das sowjetische Gefängnis zusammengebrochen ist. Es gibt lautstarken Zank zwischen
Präsidenten und Parlamenten eben weil echte Politik
Anfangs sahen viele Amerikaner vor allem das auf mit freien Wahlen und geheimer Stimmabgabe Autodem Spiel stehen, was wir anstreben. Wir wollen nicht, kratie und Terror abgelöst haben. Sehnt sich wirklich
daß die wirtschaftlichen Schwierigkeiten und die poli- irgend jemand zu den Tagen der perfekten Harmonie
tischen Unruhen einen Bürgerkrieg entfachen, der elf zwischen dem Kreml und dem Obersten Sowjet zuZeitzonen umfassen könnte; wir wollen kein atomares rück, als der Kreml der Sitz absoluter Macht und der
Jugoslawien im Herzen Eurasiens; wir wollen nicht das Oberste Sowjet ein bloßes Werkzeug war?
Entstehen einer neuen Diktatur, die ihre eigenen Bürger unterdrückt, ihre Nachbarn bedroht und von den Komplizierte Wirtschaftsprobleme wie etwa die KonVereinigten Staaten und ihren Verbündeten eine trolle von Inflation und Haushaltsdefiziten konfrontieRückkehr zum Zustand des Kalten Krieges verlangt.
ren Regierungen, eben weil sie die Zwangsjacke der
Kommandowirtschaft abgelegt haben. Obwohl die
Präsident Clinton hatte jedoch eine positivere Vision Bürger der ehemaligen Sowjetunion bei ihrem Experials Grundlage unserer Politik im Kopf: In Rußland, der ment mit Marktwirtschaften einen langen Weg zurückUkraine und mehreren anderen neuen unabhängigen legen müssen, haben sie bereits eine große EntferStaaten hat die nationale Wiedergeburt begonnen. nung bewältigt, indem sie mit dem alten System gebroGroße Nationen und gute Menschen unternehmen chen haben, das die Verarmung von Nationen zur
endlich den Versuch, sich der politischen und wirt- Foge hatte, die Umwelt verschmutzte und unbegrenzschaftlichen Kultur der Industriestaaten anzuschlie- te Aufrüstung schürte. Der Rubel ist noch weit von
ßen.
einer stabilen konvertierbaren Währung entfernt, aber
auch er hat einen weiten Weg von dem Spielgeld der
Als ich am 21. September zu Ihnen sprach, habe ich
sowjetischen Ära mit einem vom Staat festgesetzten
bereits betont, daß die Ereignisse in der ehemaligen
absolut künstlichen Wert und von geringem Nutzen in
Sowjetunion zwar verwirrend und bisweilen bestürden leeren Läden zurückgelegt.
zend sind - einschließlich jenes Tages, wie sich später
herausstellte - sie jedoch einem Schema folgen, das in Mein Argument lautet, Herr Vorsitzender, daß die
die richtige Richtung weist: Die Entwicklung einer Ereignisse in der ehemaligen Sowjetunion in die richGemeinschaft moderner Staaten, die in Frieden mit tige Perspektive gerückt uns nicht entmutigen und
sich und mit anderen leben, die produktiv, wohlhabend sicherlich nicht in Versuchung führen sollten, uns
und in die Weltwirtschaft integriert sind, eine Quelle zurückzuziehen oder langsamer zu treten. Im Gegenvon Rohstoffen und Fertigwaren, ein Markt für ameri- teil, sie sollten unsere Hoffnung, unser Engagement
kanische Güter und Dienstleistungen, ein Partner für und unsere Unterstützung nähren.
die amerikanische Diplomatie bei der Sicherung des
regionalen und des Weltfriedens.
Die russische Politik vor einer schwierigen Phase
Herr Vorsitzender, es war von Anfang an die Prämisse
unserer Politik, daß die Reformen in der GUS ein
Langzeitprojekt sind und von uns Weitsicht und Beständigkeit verlangen. Wir haben unseres Erachtens
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Herr Vorsitzender, ich möchte kurz auf Rußland eingehen, den größten und mächtigsten der neuen unabhängigen Staaten. Die Ereignisse dort werden große,
vielleicht entscheidende Auswirkungen auf die Zukunft
Seite 3

�der Reformen in allen anderen ehemaligen Republiken Bürde, die mit dem Übergang von einer Kommandohaben.
zu einer Marktwirtschaft einhergeht.
Wenn es Präsident Jelzin gelingt, Rußland seine erste
postkommunistische Verfassung und sein erstes
postkommunistisches Parlament zu geben, wird er
immer noch auf Opposition stoßen, und die zunehmend selbstbewußten Regionen Rußlands werden
möglicherweise weiterhin als Gegenleistung für ihre
Unterstützung des konstitutionellen Wandels immer
mehr Autonomie von Moskau fordern. Und das wird
noch lange Zeit so weitergehen. Das ist jedoch nicht
überraschend, denn unsere eigenen Gründerväter
benötigten ein Jahrzehnt, um ihre Vision eines besseren Staates auszuarbeiten.
Während sich die russische Politik weiterentwickelt,
müssen wir auf allen Ebenen des politischen Spektrums offene Kommunikationswege haben. Auch in
der jetzigen Krise unterhalten Botschafter Pickering
und unsere Botschaft in Moskau ständigen Kontakt zu
den Schlüsselfiguren auf beiden Seiten der Kluft zwischen Exekutive und Legislative in Moskau ebenso
wie es unsere Kongreßabgeordneten bei ihren Besuchen in Moskau getan haben, und unsere besonderen
Bemühungen zur Erweiterung und Vertiefung der
Kontakte zu den russischen Regionen werden durch
die ausgezeichnete Arbeit verkörpert, die unsere
Konsulate in St. Petersburg und Wladiwostok leisten
sowie durch unsere Initiative zur Eröffnung eines neuen
Konsulats in Jekaterinburg. Wir sind zur Aufrechterhaltung von Kommunikationsverbindungen zu allen
rechtmäßigen und verantwortungsvollen Gruppen und
Fraktionen entschlossen.

Dennoch gab es im Frühjahr und Frühsommer eine
gute Periode, als die Regierung Rußland vor der
drohenden Hyperintlation bewahren und dem Haushalt sowie der Vergabe von Krediten an ineffiziente
Staatsbetriebe eine gewisse grundlegende Disziplin
auferlegen konnte. Als Reaktion darauf konnte der
Internationale Währungsfonds die erste Hälfte einer
Fazilität in Höhe von 3 Milliarden Dollar freigeben, die
Rußland bei der Erlangung makroökonomischer Stabilisierung behilflich sein soll.
Seitdem hat es jedoch Rückschläge bei der Steuerund Geldpolitik gegeben. Ein weiterer Schlag kam mit
der Ankündigung der Zentralbank, sie würde die vor
1993 ausgegebenen Rubel konfiszieren - ein Schritt,
der das Vertrauen der russischen Verbraucher und der
internationalen Finanzinstitutionen untergrub.
Diesen Entwicklungen-deremeuten Inflation und dem
Rubeldebakel - wurde ein Großteil der Aufmerksamkeit gewidmet, was zu der Fehleinschätzung einer in
Auflösung begriffenen Volkswirtschaft führte. Das ist
jedoch in keiner Weise das Gesamtbild. Aus unserer
Sicht ist der bisherige Erfolg der Regierung von ebensolcher Bedeutung, den Angriffen des Parlaments auf
ihre äußerst wichtigen Privatisierungsbestrebungen
den Wind aus den Segeln zu nehmen.

Wir sind uns natürlich bewußt, daß Privatisierung allein
nicht genug ist. Sie muß von den richtigen makroökonomischen Maßnahmen begleitet sein, um zu funktionieren. Dennoch berührt die Privatisierung den Kern
der
Entkommunisierung des alten Systems. Unseres
Herr Vorsitzender, in diesem Zusammenhang möchte
Erachtens
ist Privatisierung zusammen mit Demokraich betonen, daß die Entwicklungen der letzten beiden
tisierung
eine
der beiden wichtigsten Manifestationen
Wochen unsere uneingeschränkte Unterstützung für
der
Reformen.
Daher ist sie eines der beiden wichtigPräsident Jelzin keinesfalls schmälern. Ganz im
sten
Ziele
unserer
eigenen Hilfsprogramme. Inder Tat
Gegenteil: Diese Unterstützung ist wichtiger denn je
sind
wir
der
Überzeugung,
daß Privatisierung und
zuvor. Er ist der einzige Präsident Rußlands. Eristder
Demokratisierung
sich
gegenseitig
verstärken. Esgibt
erste gewählte Vertreter Rußlands seit tausend Jaheine
Synergie
zwischen
den
beiden:
Je mehr Menren. Das russische Volk hat sein Vertrauen in ihn bei
schen
in
Privatunternehmen
tätig
sind,
desto eher
den Wahlen im April bekräftigt. Und er bringt Maßnahwerden
sie
sich
am
demokratischen
Prozeß
beteiligen
men voran, die, wenn sie Fuß fassen, die Umgestalund
für
Kandidaten
stimmen,
die
wirtschaftliche
ebenso
tung Rußlands in ein starkes, demokratisches, wohlwie
politische
Freiheit
unterstützen.
habendes Land gewährleisten, mit einer Regierung,
die die Größe des russischen Volkes widerspiegelt und Obwohl der Rubel wild fluktuiert und in tiefste Tiefen
aus freien und fairen Wahlen hervorgegangen ist.
gefallen ist, wurde die Privatisierung kontinuierlich
fortgesetzt. Bis zum Ende dieses Jahres werden in
Rußland zwischen 16.000 und 20.000 private Einzelhandelsgeschäfte gegründet. Seit Dezember wurden
Das wirtschaftliche Bild Ru ßlands war insbesondere in über 2.300 mittelständische Unternehmen durch Verden vergangenen Monaten weder klar noch schön. steigerungen privatisiert. Mehr als 4 Millionen ArbeitDies ist zum Teil auf die Pattsituation zwischen Regie- nehmer sind jetzt in Rußland in Privatunternehmen
rung und Parlament zurückzuführen. Präsident Jelzin beschäftigt. Das ist 1 Prozent. Die Übergabe von
wird sein gesamtes Wirtschaftsreformprogramm nicht staatlich kontrolliertem Eigentum an einzelne Aktionädurchführen können, bisereine Legislative hat, mit der re ist also eindeutig auf dem Vormarsch und wird zu
er arbeiten kann. In der Zwischenzeit leidet die russi- einem Lebensstil.
sche Wirtschaft unter der zwangsläufig zunehmenden
Die russische Wirtschaft: Gute und schlechte
Nachrichten

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AMERIKA DIENST 41

�Es gibt noch andere gute Nachrichten. Die Abnahme
der Industrieproduktivität hat sich in den vergangenen
12 Monaten beträchtlich verlangsamt. Die Subventionen für Grundnahrungsmittel und andere Agrarprodukte wurden weiter abgebaut, und es gibt Anzeichen
einer Verbesserung des russischen Lebensstandards.
Die Vereinigten Staaten können diese positiven Entwicklungen in zweifacher, sich gegenseitig beeinflussender Weise ermutigen: Erstens durch unser bilaterales Reformunterstützungsprogramm und zweitens
durch das Paket multilateraler makroökonomischer
Maßnahmen, das wir durch die Gruppe der sieben
führenden Industrienationen ins Leben gerufen haben.
Ein Dogma der Politik Präsident Clintons war von
Anfang an: Wir werden alles in unserer Macht Stehende tun um zu helfen, aber wir werden es nicht alleine
tun. Wir werden die Initiative ergreifen - Führungsstärke zeigen - aber wir werden dies vornehmlich tun, um
sehr viel größere Geldsummen von den internationalen Finanzinstitutionen und den anderen Industrieländern loszueisen.

jetzige Krise dazu geführt, daß der Wert des Rubels
gegenüber dem Dollar um ungefähr 20 Prozent gesunken ist. Zudem hat Präsident Jelzin die Gehälter für
verschiedene Regierungsangestellte erhöht. In politischer Hinsicht ist das zweifellos gerechtfertigt, wird
jedoch nicht zu dem wichtigen Ziel einer Kontrolle der
Inflation beitragen. Wirdringenbeiden Russen weiterhin darauf, ihr Haushaltsdefizit in den Griff zu bekommen.

Die zweite Tranche der Fazilrtät des Internationalen
Währungsfonds für die Umgestaltung des Systems
(Systemic Transformation Facility) in Höhe von 1,5
Milliarden Dollar für Rußland sollte im Prinzip in naher
Zukunft ausgezahlt werden. Das ist jedoch nur möglich, wenn Rußland weiterhin Fortschritte macht und
bei der Eindämmung der Inflation sowie der Kontrolle
von Subventionen und Krediten an sonst bankrotte
Industrien wieder an Boden gewinnt und auch sonst
direkt Schritte zur Lösung der makroökonomischen
Krise unternimmt. Man hat mir jedoch versichert, daß
Rußland diese Anstrengungen auf sich nehmen wird.
Kurz vor der jetzigen politischen Krise sendete PräsiIn der Zwischenzeit arbeiten wir mit unseren russi- dent Jelzin ein klares Signal seiner Intentionen, als er
schen Partnern an der Erweiterung des Handels- und den ehemaligen Ministerpräsidenten Gaidar, den
Investitionsflusses zwischen den beiden Ländern. Das Architekten der Reformen, bat, als Stellvertretender
bedeutet den Abbau von Hemmnissen auf beiden Ministerpräsident mit Zuständigkeit für die Wirtschaft
Seiten, einschließlich der unseren: Wir müssen sehr wieder in seiner Regierung mitzuarbeiten.
viel mehr tun, um der GUS die westlichen Märkte zu
öffnen. Ein Meilenstein dieser unerläßlichen Bestrebung war letzte Woche die äußerst erfolgreiche erste
Sitzung der amerikanisch-russischen Kommission für Schlußfolgerung: Eine Investition in unsere Zuwirtschaftliche und technologische Zusammenarbeit kunft
unter Vorsitz von Vizepräsident Gore und Ministerpräsident Tschernomyrdin. Die russische Regierung und Herr Vorsitzender, abschließend möchte ich die Logik
wir sehen die Gore-Tschernomyrdin-Kommission als und Strategie unserer Politik zusammenfassen - und
Beweis unserer Entschlossenheit, dem neuen Schlag- erläutern, warum das Programm, um dessen Finanziewort in den russisch-amerikanischen Beziehungen - rung wir Sie ersuchen, dieser Strategie dienlich ist.
Partnerschaft - Bedeutung und Substanz zu verleihen. Unsere Politik gründet sich auf vier Prinzipien:
In diesem Zusammenhang ist es meines Erachtens 1.
von Bedeutung, daß Energieministerin O'Leary und
NASA-Direktor Goldin, die der Kommission GoreTschernomyrdin unterstellten Unterausschüssen vorstehen, während der jüngsten Unruhen nach Moskau
entsandte Delegationen geleitet haben. Sie konnten
wichtige Verhandlungen führen und die Entschlossen- 2.
heit unter Beweis stellen, mit der unsere Regierung
das business as usual fortsetzen wird.
Wie der parlamentarische Staatssekretär im Finanzministerium Summers Ihnen am 21. September darlegte, Herr Vorsitzender, als er und ich hier eine Rede 3.
hielten, machen die Russen gute Fortschritte bei der
Bekämpfung ihrer makroökonomischen Probleme, aber
es mu ß noch mehr getan werden. Obwohl die Zentralbank auf der Seite Präsident Jelzins stand, bleiben
immer noch Fragen offen über ihren Wunsch und ihre
Fähigkeit, die Geldmenge zu kontrollieren. Nach
mehrmonatiger Stabilität der Wechselkurse hat die 4.

AMERIKA DIENST 41

Uneingeschränkte Unterstützung für politische
Reformen und den Aufbau dauerhafter Institutionen zur Förderung von Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und dem Schutz der Menschenrechte.
Die Bereitschaft zur Zusammenarbeit mit allen
Ländern der Gemeinschaft Unabhängiger Staaten beim Aufbau von Marktwirtschaften und der
Förderung von Privatunternehmen, Handel und
Investitionen.
Die Verpflichtung zur uneingeschränkten Durchsetzung des Lissaboner Protokolls (Ratifizierung von START I und Beitritt zum NW) als
einzig akzeptablem Ansatz zur Lösung der durch
den Zusammenbruch der UdSSR geschaffenen
Kernwaffenprobleme.
Die Bereitschaft zur Beteiligung an internationalen Bestrebungen zur Konfliktlösung und zum

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�Aufbau regionaler Sicherheit auf der Grundlage
der Charta der Vereinten Nationen und der
Schlußakte von Helsinki.

tors, Handel und Investitionen, Aufbau der Demokratie, humanitärer Hilfe sowie Energie und Umwelt wider.

Herr Vorsitzender, unsere Ziele sind der Aufbau von
Demokratie und Marktwirtschaft, die Nichtverbreitung
sowie die Förderung des regionalen Friedens. Wenn
wir diese Ziele in allen unabhängigen Staaten voranbringen können, werden wir die Chancen beträchtlich
verbessert haben, daß sie auf der ganzen Weh vorherrschen.

Unser Hilfspaket für die GUS wurde sorgfältig erarbeitet um sicherzustellen, daß unsere Unterstützung der
Reformen an breiter Front erfolgt und nicht vom Erfolg
oder Scheitern einer bestimmten Maßnahme seitens
der russischen Regierung oder einer Regierung der
GUS abhängt. Angesichts der Unwägbarkeiten des
Reformprozesses ist dieser flexible, breitgefächerte,
basisorientierte Ansatz unerläßlich.

Zu Beginn meiner Ausführungen habe ich das Argument vorgebracht, daß es ein Muster und eine Richtung der Ereignisse in der ehemaligen Sowjetunion
gibt, die uns Hoffnung machen und unser Engagement
bestärken sollten. In diesem Glauben hat Präsident
Clinton am 1. April das Ziel verkündet, mit der Zeit ein
"strategisches Bündnis mit den postkommunistischen
Reformen" zu erarbeiten. Strategische Bündnisse
sind per definitionem auf Dauer angelegt. Sie sollen
den negativen Auswirkungen gegenläufiger und gegensätzlicher Entwicklungen standhalten und sie erfordern die Investition nationaler Ressourcen.

Darüber hinaus sind die von uns vorgeschlagenen
Programme darauf ausgerichtet, sich gegenseitig zu
verstärken und eine kumulative Wirkung zu entfalten.
Beispielsweise hängt die Entwicklung des Privatsektors wesentlich von der Entwicklung von Handel und
Investitionen ab, so daß privatisierte Firmen Märkte für
ihre Produkte und Dienstleistungen haben. Erweiterte
Austauschprogramme, humanitäre Hilfe und die Rückführung der Offiziere sind Investitionen in Humankapital, die das Wachstum des Privatsektors sowie die
Zunahme von Handel und Investitionen ankurbeln
werden.

Dies war der Grund für Präsident Clintons Entscheidung, bei seinem ersten Treffen mit Präsident Jelzin
am 3. und 4. April in Vancouver 1,6 Milliarden Dollar zur
Unterstützung der Reformen bereitzustellen. Zur Initiative von Vancouver zählten Pionierkonzepte wie der
russisch-amerikanische Unternehmensfonds, Unterstützung der Privatisierungsbestrebungen in Rußland
und ein Programm für die Rückführung russischer
Offiziere von Posten im Ausland. In Anbetracht von
Präsident Clintons fester Entschlossenheit zur raschen und effektiveren Durchführung wurden über 90
Prozent der Mittel des Vancouver-Pakets bereits
zugewiesen.

Unsere Programme für die nichtrussischen neuen
unabhängigen Staaten werden es uns gestatten,
Demokratie und Marktwirtschaft unter den Nachbarstaaten Ru ßlands zu fördern. Dadurch wird die Wahrscheinlichkeit verringert, daß Instabilität in diesen
Ländern die Reformen in Rußland selbst behindern
wird.

Nach Vancouver beschloß der Präsident, daß mehr
getan werden muß. Die zweite Phase von Präsident
Clintons Plan zur Unterstützung von Reformen in der
Gemeinschaft Unabhängiger Staaten (GUS) war das
vor kurzem vom Kongreß als Teil der Bewilligungsvorlage für Operationen im Ausland verabschiedete Hilfspaket für die GUS in Höhe von 2,5 Milliarden Dollar.
Diese Programme bauen auf das in Vancouver gelegte
Fundament auf und spiegeln die Betonung auf unverzügliche Förderung von Entwicklung des Privatsek-

Seite 6

Herr Vorsitzender, es war für den Präsidenten und
seine Administration nicht leicht, dieses Paket in einer
Zeit ernsthafter Haushaltsengpässe vorzulegen. Wir
sind uns bewußt, daß es für Sie und Ihre Kollegen
ebenso schwer ist, dafürzu stimmen. Der Präsident ist
entschlossen sicherzustellen, daß jeder Dollar, den wir
für die Unterstützung der Reformen ausgeben, deutliche und positive Auswirkungen für die Gemeinschaft
Unabhängiger Staaten hat.
Abschließend kann ich Ihnen versichern, daß Hilfsleistungen dieser Größenordnung - Hilfe, die diese Ziele
verfolgt - zu keiner entscheidenderen Zeit für die
kontinuierliche Entwicklung von Demokratie und freiem Unternehmertum in Rußland und den anderen
neuen unabhängigen Staaten kommen könnte.

AMERIKA DIENST 41

�FRAUEN
13. Oktober 1993

FRAUENRECHTE HABEN IN AMERIKA
HOHE PRIORITÄT
Anhörung Shattucks vor Kongreßausschuß
WASHINGTON - (AD) - "Die Förderung der Rechte der Frau ist eine der höchsten Prioritäten auf der Menschenrechtstagesordnung von Präsident Clinton", erklärte John Shattuck, Abteilungsleiter für Menschenrechte und
humanitäre Angelegenheiten im US-Außenministerium.
In einer Anhörung des Kongresses am 29. September 1993 über die Verletzung der Menschenrechte der Frau
äußerte sich Shattuck zuversichtlich, daß wir "die Maßnahmen zur Bekämpfung von geschlechtsspezifischem
Mißbrauch auf der Welt verstärken können".
Ihm zufolge ist es "eine Schande, daß im Jahr 1993 Frauen auf der ganzen Welt noch immer belastenden und
diskriminierenden Beschränkungen solch fundamentaler Freiheiten unterworfen sind wie dem Wahlrecht, dem
Recht zu heiraten, zu reisen, vor Gericht auszusagen, zu erben und Besitz zu haben sowie das Sorgerecht für
Kinder zu erhalten".
Ein großer Sieg für die Frauenrechte wurde Shattuck zufolge auf der jüngsten Weltkonferenz über Menschenrechte errungen, "auf der eine sehr aktive amerikanische Delegation eng mit Frauengruppen zusammenarbeitete, um eine substantielle Tagesordnung für Frauenrechte zu fördern".
Ein weiteres Anzeichen für die neuesten Fortschritte ist die Tatsache, daß die Vereinigten Staaten die Vereinten
Nationen in ihren Bemühungen unterstützen, einen UN-Sonderberichterstatter für Gewalt gegen Frauen zu
ernennen, erklärte er vor dem Unterausschuß für internationale Sicherheit, internationale Organisationen und
Menschenrechte des Auswärtigen Ausschusses des Repräsentantenhauses.
Nachfolgend veröffentlichen wir den vorbereiteten Redetext der Anhörung Shattucks.

Herr Vorsitzender, sehr geehrte Mitglieder dieses
Unterausschusses, es ist mir eine Ehre, heute vor
Ihnen sprechen zu dürfen. Ich begrüße es, daß Sie
diese Anhörung über das wichtige Thema der Verletzung von Menschenrechten der Frau abhalten. Die
Förderung der Rechte der Frau ist eine der höchsten
Prioritäten auf Präsident Clintons Menschenrechtstagesordnung und von zentraler Bedeutung für die Arbeit
der Abteilung für Menschenrechte und humanitäre Angelegenheiten. Durch seine Anhörungen hat dieser
Unterausschuß dazu beigetragen, die Aufmerksamkeit auf entscheidende Aspekte der Frauenrechtstagesordnung zu lenken, und ich freue mich, zu diesen
Bemühungen beitragen zu können. Ich bin zuversichtlich, daß wir durch Zusammenarbeit die Maßnahmen
zur Bekämpfung von geschlechtsspezifischem Mißbrauch auf der Welt verstärken können.

von Frauen unzureichende Auf merksamkeit gewidmet
wird. Ich hätte damals dieser Einschätzung zugestimmt, und freue mich, daß seitdem, und insbesondere während der letzten Monate, bedeutende Fortschritte erzielt wurden.

Ein großer Sieg für die Frauenrechte wurde auf der
jüngsten Weltkonferenz über Menschenrechte errungen, auf der eine sehr aktive amerikanische Delegation eng mit Frauengruppen zusammenarbeitete, um
eine substantielle Tagesordnung für Frauenrechte zu
fördern. Frauengruppen gehören zu den am besten
organisierten und effektivsten der Hunderten von nichtstaatlichen Organisationen, die auf der Konferenz
vertreten waren. Mutige Überlebende geschlechtsspezifischer Gewalt aus allen Ländern der Welt ergriffen bei dem Frauentribunal der Konferenz das Wort
und bekräftigten, wieviel Wahrheit in dem einfachen,
jedoch
oft mißachteten Slogan steckt: "Frauenrechte
Als dieser Unterausschuß vor drei Jahren seine erste
sind
Menschenrecnte".
Der amerikanische AktionsAnhörung über dieses Thema abhielt, verliehen Anweplan
für
die
Konferenz,
der
in großen Teilen in der
sende ihrer Besorgnis Ausdruck, daß dem Mißbrauch

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�Schlußerklärung der Konferenz übernommen wurde,
forderte die systematische Einbeziehung von Frauenangelegenheiten in die Menschenrechtsprogramme
der Vereinten Nationen, die Ausbildung der UN-Mitarbeiter, damit sie geschlechtsspezifischen Mißbrauch
mit Feingefühl und kompetent behandeln können sowie
die Ernennung von mehr Frauen in verantwortungsvolle Ämter in der UNO.

Nationen beschränkt. In vielen Fällen sind Frauen
nominell vor dem Gesetz Männern gleichgestellt, die
Regierungen diskriminieren sie jedoch bei der Auslegung und Umsetzung der Gesetze.

Es ist eine Schande, daß im Jahr 1993 Frauen auf der
ganzen Welt noch immer belastenden und diskriminierenden Beschränkungen solch fundamentaler Freiheiten unterworfen sind wie dem Wahlrecht, dem Recht
Ein weiteres Anzeichen für die neuesten Fortschritte zu heiraten, zu reisen, vor Gericht auszusagen, zu
ist die Tatsache, daß die Vereinigten Staaten die erben und Besitz zu haben sowie das Sorgerecht für
Vereinten Nationen in ihren Bemühungen unterstüt- Kinder zu erhalten. Allzuoft müssen Mädchen und
zen, einen UN-Sonderberichterstatter für Gewalt gegen Frauen erleben, daß der Zugang zu Erziehung und
Frauen zu ernennen, sowie die Annahme einer UN- Bildung, Beschäftigung, Gesundheitsfürsorge und sogar
Deklaration über Gewalt gegen Frauen. Zusätzlich Nahrung aufgrund ihres Geschlechts beschränkt wird.
haben wir unsere weltweite Überwachung der Einhal- Gewalt in der Familie betrifft Frauen in allen Ländern
tung von Frauenrechten fortgesetzt und verstärkt. der Welt. Handel mit entweder betäubten oder zur
Beispielsweise enthalten unsere jährlichen Länderbe- Prostitution gezwungenen Frauen greift in Asien und
richte über Menschenrechtspraktiken in zunehmen- andernorts um sich. In unserem jüngsten Menschendem Maße Einzelheiten über geschlechtsspezifische rechtsbericht wird beispielsweise festgestellt, daß
Fragen. Amerikanische Botschaften wurden angewie- Tausende von Frauen und Kindern von dem Sextourissen, genauer über jeden Beweis für systematischen mus in Thailand betroffen sind; viele werden zur Prokörperlichen Mißbrauch von Frauen zu berichten sowie stitution gezwu ngen oder unter falschen Versprechu nüber die Einstellung der jeweiligen Regierung zu die- gen angelockt und sind praktisch Gefangene der Borsem Mißbrauch und ihre dagegen ergriffenen Maß- dellbesitzer. Bedauerlicherweise sind einer kürzlichen
nahmen. Obwohl Verletzungen der Menschenrechte Washingtoner Umfrage zufolge einige Frauen aus
der Frau in diesen Berichten nie ignoriert wurden, Osteuropa die jüngste Ergänzung in der Reihe der
werden sie jetzt bedeutend stärker hervorgehoben.
Frauen, die zum finanziellen Vorteil anderer sexuell
ausgebeutet werden.
Die Clinton-Administration unterstützt entschieden die
Konvention über die Abschaffung aller Formen von Spezifische Beispiele für die Zurücksetzung von FrauDiskriminierung der Frau (Convention on the Elimina- en auf einen niedrigeren Status sind in vielen Teilen der
tion of All Forms of Discrimination Against Women - Welt zu finden. In unserem jüngsten MenschenrechtsCEDAW) zur Förderung der Gleichberechtigung der bericht stellten wir beispielsweise fest, daß "Frauen in
Frau und zur Beseitigung geschlechtsspezifischer Saudi-Arabien nur wenige entscheidende politische
Diskriminierung. Außenminister Christopher gab auf und soziale Rechte haben und keine gleichberechtigder Weltkonferenz über Menschenrechte bekannt, daß ten Mitglieder der Gesellschaft sind. Einige Saudis
die Administration den Senat bitten wird, als erstes die entschuldigen die strenge Disziplinierung der Frau,
Konvention über die Beseitigung aller Formen von einschließlich physischer Gewaltanwendung, als Teil
rassischer Diskriminierung (Convention on the Elimi- einer richtigen Ehe. Einschränkungen der Rechte von
nation of All Forms of Racial Discrimination) zu ratifi- Frauen sind überall vorhanden und reichen von strikzieren. Nachdem der Senat sich mit dieser Konvention ten Kleidervorschriften bis zur Beschränkung der Reibefaßt hat, werden wir uns der Ratifizierung der Kon- sefreiheit. Frauen, einschließlich der Ausländerinnen,
vention über Frauen widmen, die im Jahr 1980 unter- dürfen nicht am Steuer eines Autos sitzen, und ihre
zeichnet und an den Senat weitergeleitet wurde, seit- Nutzung öffentlicher Einrichtungen ist Beschränkundem jedoch anhängig ist. Wir sind der Ansicht, daß gen unterworfen, wenn Männer anwesend sind."
unser schrittweiser Ansatz im Hinblick auf die Ratifizierung des Vertrags über die Menschenrechte, der in Im Iran werden Frauen schikaniert, gefangengenomKonsultation mit interessierten Stellen des Senats men oder physisch angegriffen, wenn sie sich in der
entwickelt wurde, eine breite und parteiübergreifende Öffentlichkeit in Kleidern zeigen, die die offiziellen
Untertützung des Ratifizierungsprozesses für den Hüter der öffentlichen Moral nicht für sittsam genug
halten. In Saudi-Arabien, Kuwait und einigen anderen
Vertrag am ehesten sicherstellt.
Golfstaaten sind weibliche Hausangestellte nicht vor
Wie Sie wissen, überwacht die Abteilung für Men- Mißbrauch und Gewaltanwendung geschützt. In Kuwait
schenrechte die Verletzung von Menschenrechten in wurden im Zeitraum von April 1991 bis Juli 1992 72
allen Ländern der Welt. Die Verletzung der Frauen- Fälle von physischem Mißbrauch oder Vergewaltigung
rechte kennt keine geographischen Grenzen. Wäh- von Hausangestellten berichtet.
rend Frauen in einigen Ländern zweifellos unter größerer Diskriminierung und Marginalisierung leiden als in In einigen der aufstrebenden Demokratien Osteuroanderen, ist das Problem nicht auf einige wenige pas und der ehemaligen Sowjetunion waren die Frau-

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�en oft überdurchschnittlich von Entlassungen und
Arbeitslosigkeit aufgrund von wirtschaftlicher Umstrukturierung betroffen.
In vielen Ländern Afrikas und Asiens sind Frauen zwar
nominell vor dem Gesetz gleichberechtigt, ihr Zugang
zu Erziehung und Bildung, Gesundheitsfürsorge und
wirtschaftlicher Unabhängigkeit ist in der Praxis jedoch
oftmals beschränkt. Der mangelnde Zugang der Frauen zu Bildung und Einkommen trägt oft zu ihrer Verletzlichkeit und Ausbeutung bei. Das Amt für internationale Entwicklung (Agency for International Development
- A.I.D.) führt Programme durch, um den Zugang der
Frauen zu Erziehung und Bildung, Gesundheitsfürsorge und Einkommen zu verbessern. Die Vielzahl von
Aktivitäten des Amtes umfassen Rechtserziehung sowie
andere grundlegende Dienstleistungen für Frauen.
Die schreckliche Sitte der Verstümmelung weiblicher
Genitalien ist in vielen Ländern Afrikas weit verbreitet
und kommt auch im Jemen und Oman vor, wie in
unseren Menschenrechtsberichten festgestellt wird.
Schätzungen zufolge sind weltweit mehr als 70 Millionen Frauen von der Verstümmerlung der weiblichen
Geschlechtsorgane betroffen. Dieses Ritual kann in
seinen extremsten Formen zu Blutungen, Schock,
Infektionen, Unfähigkeit zum Vollzug der Ehe, Infektionen des Harntrakts, Bauchfellentzündung, Unfruchtbarkeit, psychologischem Trauma, erhöhter Müttersterblichkeit und Tod führen. Die Vereinigten Staaten
halten die Verstümmelung der weiblichen Genitalien

In vom Krieg verwüsteten Gebieten werden Frauen
häufig von vandalisierenden Soldaten vergewaltigt.
Bisher gingen solche Massenvergewaltigungen straflos aus. Das Kriegsverbrechertribunal der Vereinten
Nationen über das ehemalige Jugoslawien, bei dessen
Gründung die Vereinigten Staaten eine führende Rolle
gespielt haben, hat jetzt die Chance, dieser schändlichen Praxis mit der Ermittlung und Verfolgung von
Verletzungen der Genfer Konvention durch das Tribunal ein Ende zu setzen. Obwohl alle Seiten im bosnischen Konflikt Vergewaltigungen begangen haben,
waren die bosnischen Serben bei weitem die Schlimmsten, die systematisch sexuellen Mißbrauch von Frauen und Mädchen als Kriegswaffe eingesetzt haben.
Als integralen Bestandteil ihrer Kampagne der "ethnischen Säuberung" haben Militäreinheiten und Gefängniswärter der bosnischen Serben massiv systematische Vergewaltigung eingesetzt, um die muslimische
Bevölkerung einzuschüchtern. Muslimische Frauen
und Mädchen wurden in "Vergewaltigungslager" getrieben. In einigen Fällen wurden Frauen und Mädchen wiederholt vergewaltigt, bis sie schwanger wurden, und dann monatelang gefangengehalten, um sie
vom Abbruch ihrer Schwangerschaft abzuhalten, womit
sie gegen ihren Willen zum Austragen der Kinder
gezwungen wurden.

Einige Regierungen entschuldigen die Tatsache, daß
Frauen einen geringeren Status als Männer haben,
indem sie auf Kultur und Tradition verweisen. Kultur
und Tradition können jedoch nicht schwere und systefür gesundheitsschädlich und eine Verletzung des
matische Menschenrechtsverletzungen entschuldigen.
Rechts der Frau auf körperliche Unversehrtheit. Die Eines unserer Hauptziele bei der Weltkonferenz über
Abschaffung dieser mißbräuchlichen Praktiken wird Menschenrechte bestand in der Betonung des univerdurch die Tatsache verhindert, daß es sich hier oft um sellen Charakters der Menschenrechte. Um Au ßenmitiefverwurzelte Traditionen handelt. Wir unterstützen nister Christopher aus seiner Rede bei der Konferenz
die Arbeit der Weltgesundheitsorganisation, durch zu zitieren: "Wir dürfen nicht zulassen, daß kultureller
Aufklärung und medizinische Hilfe die Abschaffung Relativismusdas letzte Mittel der Unterdrückung wird."
dieser Praxis in den Ländern herbeizuführen, die das Wir dürfen nicht zulassen, daß Frauen vom grundlezulassen. Das Amt für Internationale Entwicklung genden Prinzip der Universalität von Menschenrechunterstützt auch Untersuchungen zum besseren Ver- ten ausgenommen werden. Die Vereinigten Staaten
ständnis der soziokulturellen und wirtschaftlichen bekräftigen das Prinzip der kulturellen Vielfalt, vertreBedingungen, die zur Verstümmelung der weiblichen ten jedoch nicht die Auffassung, daß kulturelle IntoleGeschlechtsorgane beitragen und finanziert eine Rei- ranz eingesetzt werden sollte, um den Mißbrauch von
he von Aktivitäten im Zusammenhang mit Gesundheit Menschenrechten zu rechtfertigen. Unseres Erachund Bevölkerung in Somalia zur Bekämpfung dieser tens sollten wir zur Förderung der Bestrebungen lokaPraxis.
ler Frauengruppen beitragen, den Status der Frau zu
verbessern, und wir sollten den Regierungen gegenFrauen werden auch Opfer von Menschenrechtsverüber weiterhin klarstellen, daß wir über systematische
letzungen aufgrund ihrer politischen Überzeugung,
Gewalt aufgrund des Geschlechts und schwere Diskriihres kulturellen Hintergrunds oder ihrer Beziehungen
minierung besorgt sind. Regierungen, die die Augen
zu einem Mann, der verfolgt wird. Frauen werden allzu
vor Gewalt aufgrund des Geschlechts verschließen
häufig während der Haft von Regierungsvertretern
oder diese fördern, verweigern grundlegende Menvergewaltigt, weil ihre Mitgift als unzulänglich erachtet
schenrechte.
wird ermordet, oder ungesühnt von eifersüchtigen
Ehemännern umgebracht, deren Verbrechen nicht Die Clinton-Administration sieht die Förderung der
bestraft werden, weil ihre "männliche" Ehre betroffen Rechte von Frauen als Schlüsselelement ihrer gesamist. Flüchtlingsfrauen sind besonders verletzlich, wer- ten Menschenrechtspolitik. Den Mißbrauch von Frauden oft Opfer von Vergewaltigungen und Ausbeutung en anzusprechen, ist eine komplexe und schwierige
als Gegenleistung für Hilfsgüter oder Hilfe bei der Be- Aufgabe, und wir verpflichten uns, in folgenden spezischaffung von Ausweispapieren.
fischen Bereichen Schritte zu unternehmen:
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Seite 3

�1.

2.

3.

indem wir die Ratifizierung der Konvention über
die Abschaffung der Diskriminierung von Frauen unterstützen, stellen wir unter Beweis, wie
ernst wir unsere internationalen Rechtsverpflichtungen zum Schutz der Rechte von Frauen
nehmen. Dieser Vertrag erfordert von den
Parteien, auf die Abschaffung der Diskriminierung von Frauen hinzuarbeiten und diese zu
verurteilen. Zusätzlich zu anderen Maßnahmen
müssen die Staaten das Prinzip der Gleichheit
von Mann und Frau in ihren Verfassungen und
Gesetzen verankern, Gesetze und andere
Maßnahmen verabschieden (einschließlich
gegebenenfalls Sanktionen), jegliche Diskriminierung von Frauen verbieten und Maßnahmen 4.
zur Abschaffung der Diskriminierung von Frauen durch Personen, Organisationen oder Unternehmen ergreifen. Die Staaten müssen femer
handeln, um die uneingeschränkte Entwicklung
und Förderung von Frauen im politischen, sozialen, wirtschaftlichen und kultureilen Bereich
sicherzustellen.
Während wir auf die Verwirklichung der Empfehlungen der Weltkonferenz über Menschenrechte drängen, werden wir besonderes Augenmerk auf die Tagesordnung für Rechte der
Frauen lenken. Wir sind erfreut, daß die Ab- 5.
schlußerklärung der Konferenz die im Menschenrechts-Aktionsplan der Vereinigten Staaten vertretenen Positionen unterstützt. Die Wiener
Deklaration fordert darüber hinaus die Integration der Menschenrechte von Frauen in die alle
Systeme erfassenden Aktivitäten der Vereinten
Nationen und unterstreicht die Bedeutung der
Arbeit zur Abschaffung von Gewalt gegen Frauen, sexueller Belästigung, Ausbeutung von Frauen
und Mädchenhandel, Bevorzugung aufgrund
des Geschlechts in der Rechtsprechung und
schädlichen traditionellen Praktiken. Die Deklaration fordert femer die universelle Ratifizierung 6.
der CEDAW bis zum Jahr 2000, bekräftigt das
Recht von Frauen auf zugängliche und angemessene Gesundheitsfürsorge sowie das breiteste Spektrum von Dienstleistungen zur Familienplanung und fordert die Regierungen auf,
den Zugang von Frauen zum Entscheidu ngsf indungsprozeß zu erleichtern. Eine weitere wichtige Verfügung fordert die Ernennung eines
Sonderberichterstatters für Gewalt gegen Frauen durch die UN-Menschenrechtskommission.
Nicht zuletzt drängt die Deklaration darauf, daß
die Menschenrechte der Frauen bei den Diskussionen der Weltkonferenz über Frauen im Jahr
1995 eine entscheidende Rolle spielen.
Die Weltkonferenz über Menschenrechte forderte darüber hinaus die Einrichtung eines Hochkommissars der Vereinten Nationen für Menschenrechte. Die Vereinigten Staaten Unter-

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stützen diesen Vorschlag uneingeschränkt und
aktiv und sind der Auffassung, daß die Schaffung dieser Position die Integration von Frauenfragen in den gesamten Menschenrechtsapparat der Vereinten Nationen verbessern wird. Wir
werden ferner die Vorlage von Resolutionen bei
der Generalversammlung der Vereinten Nationen, der Kommission über den Status der Frau
und der Menschenrechtskommission in Erwägung ziehen um Fragen anzusprechen, die bei
den Anhörungen zu den Menschenrechten von
Frauen in diesem Unterausschuß gestellt wurden.
Während das Kriegsverbrechertribunal Schritte
zur Verfolgung der im ehemaligen Jugoslawien
begangenen Verbrechen unternimmt, werden
die Vereinigten Staaten auf das Sammeln von
Beweismaterial drängen, um systematische
Vergewaltigung als Kriegsverbrechen und ein
Instrument ethnischer Säuberung zu verfolgen.
Wir freuen uns, daß die amerikanische Kandidatin für einen der elf Richterposten des Tribunals, Richterin Gabrielle Kirk McDonald, in das
Tribunal gewählt wurde und mehr Stimmen erhielt
als jeder andere Kandidat.
Die Abschaffung von Mißbrauch und Diskriminierung der Frau wird ein wichtiger Faktor bei
unseren generellen Erwägungen der Bilanz von
Menschenrechtsverletzungen der Länder sein,
die an amerikanischer Hilfe und Handelsvorteilen interessiert sind. Unsere Bestrebungen zur
Unterstützung von Demokratie, die das Justizwesen und die breite Beteiligung der Bürger am
sozialen und politischen Leben einbezieht, werden
ein entscheidendes Instrument zur Förderung
der Rechte von Frauen in neuen aufstrebenden
Demokratien auf der ganzen Welt sein.
Wie ich bereits festgestellt habe, ist integraler
Bestandteil unserer Menschenrechtsberichte,
zu prüfen, auf welche Weise Frauen geschlechtsspezifischer Diskriminierung und Mißbrauch
ausgesetzt sind. Darüber hinaus berichten unsere
Botschaften im Ausland das ganze Jahr über
den Status der Frau in den Gastländern. Die
diesjährigen Anweisungen an die Vertretungen
in Übersee zur Erstellung der Menschenrechtsberichte für 1993 betonen, daß der Bericht in
dem entsprechenden Kapitel den Mißbrauch
von Frauen aufnehmen soll. Beispielsweise
würde Vergewaltigung durch Regieru ngsvertreter unter das Kapitel über Folterungen fallen,
Restriktionen des Wahlrechts unter das Kapitel
über das Recht auf die Wahl der Regierung und
so weiter. Die Anweisung enthält auch einen
getrennten Absatz mft der gezielten Forderung,
daß unsere Botschaften und Konsulate über
Mädchenhandel berichten.

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�7.

Die Vorschläge von Repräsentantenhaus und nochmals AußenministerChristopher aus seiner Rede
Senat zur Schaffung einer Ganztagsstelle in der vor der Weltkonferenz über Menschenrechte zu zitieAbteilung für Menschenrechte zu Frauenfragen ren: 'Gewalt und Diskriminierung gegen Frauen machen
sind mir bekannt. Ich möchte darauf verweisen, nicht nur den einzelnen zum Opfer. Sie verhindern den
daß eine Angestellte der Abteilung die Rechte Fortschritt ganzer Gesellschaften, indem sie das
von Frauen stets in ihren Arbeitsbereich einbe- menschliche Potential der halben Bevölkerung bezogen hat. Unabhängig vom Resultat des Vor- schränken. Frauen ihre Menschenrechte zu garantieschlags von Senat und Repräsentantenhaus ren, ist ein menschliches Gebot. Es ist ferner eine
kann ich Ihnen versichern, daß ich die Absicht Investition, die ganze Nationen stärker, fairer und
habe, jemanden zur Bearbeitung dieser Fragen besser macht." Wir sehen der Zusammenarbeit mit
vollzeit einzustellen.
dem Kongreß bei der Verwirklichung dieses gemeinsamen Ziels erwartungsvoll entgegen. Jetzt bin ich
Die Förderung von Gleichberechtigung der Frauen ist gerne zur Beantwortung Ihrer Fragen bereit.
eine wesentliche Komponente der Menschenrechtsund Demokratiepolitik dieser Administration. Um
* * * *

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Seite 5

�DEUTSCH-AMERIKANISCHER

TAG
13. Oktober 1993

DEUTSCH-AMERIKANISCHER TAG 1993
Proklamation des Präsidenten
WASHINGTON - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die Proklamation Präsident Clintons zum DeutschAmerikanischen Tag am 6. Oktober 1993.

Die Vereinigten Staaten von Amerika sind sehr vielfältig, ein reich durchwirkter Teppich verschiedener Kulturen und ethnischer Herkunft, fremdländischer und
pulsierender aufgrund seiner Vielfalt. Die deutsche
Kultur leistet einen substantiellen Beitrag zu dem amerikanischen Mosaik, und die Deutschamerikaner haben unserer Nation im Bereich der Künste, Wissenschaft, Wirtschaft, Geisteswissenschaft und Regierungsführung viel gegeben. Es ist angemessen, diese
unzähligen Beiträge zu unserer großen Nation zu
feiern, indem wir den 6. Oktober zum "Deutsch-Amerikanischen Tag" erklären.

und der Konfrontation des Kalten Krieges gepflegt.
Diese Freundschaft ist gediehen, bestärkt durch die
Vorteile friedlichen Handels und gestärkt durch die
Vielzahl persönlicher Beziehungen zwischen Deutschen und Amerikanern.

Die ersten deutschen Siedler kamen vor 310 Jahren in
Amerika an - als Vorhut der über sieben Millionen, die
ihnen folgten. Deutsche Einwanderer haben in Amerika Erfolg gehabt; die Politik und Wirtschaft unserer
Nation waren fruchtbarer Boden für die Sicherung des
unveräußerlichen Rechts auf Leben, Freiheit und das
Streben nach Glück für sie und ihre Kinder. Heutzutage stellen die Bürger deutscher Herkunft die größte
ethnische Gruppe in den Vereinigten Staaten dar.

Mit der gemeinsamen Entschließung 121 des Senats
hat der Kongreß den 6. Oktober 1993 zum "DeutschAmerikanischen Tag" erklärt und den Präsidenten
ermächtigt und ersucht, zur Würdigung dieses Tages
eine Proklamation zu erlassen.

Die Vereinigten Staaten und die Bundesrepublik Deutschland sehen sich im Zeitalter nach dem Kalten Krieg mit
enormen Herausforderungen konfrontiert - Herausforderungen, denen wir mit verstärkter Zuversicht begegnen, da wir durch gemeinsame demokratische Werte
vereint sind.

Aufgrund dessen erkläre ich, William J. Clinton, Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika, hiermit den
6. Oktober 1993 zum Deutsch-Amerikanischen Tag.
Ich rufe alle Amerikaner dazu auf, mehr über den
Die Deutschamerikaner blicken heute mit Stolz auf ein Beitrag deutscher Einwanderer zu den Vereingten
freies und vereinigtes Deutschland als lebendes Symbol Staaten in allen Bereichen menschlicher Bestrebundes Besten in ihrem Erbe. Die Amerikaner schauen gen zu lernen und diesen Tag mit angemessenen
mit Zufriedenheit auf die dauerhafte Freundschaft Feiern und Veranstaltungen zu begehen.
zwischen der Bundesrepublik Deutschland und den Unterzeichnet am 5. Tag des Oktober, im Jahre des
Vereinigten Staaten von Amerika. Diese Freundschaft Herrn 1993 und im 218. Jahr der Unabhängigkeit der
wurzelt in der langen Reihe von Einwanderern, wurde Vereinigten Staaten von Amerika.
auf den Ruinen des Zweiten Weltkrieges wiederaufgebaut und während der Stürme der Teilung des Landes

* * * *

AMERIKA DIENST 41

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�</text>
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                <text>&lt;strong&gt;1. Tibet&amp;nbsp;&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Und weiter dreht sich das Rad ...&amp;nbsp;&lt;br /&gt;Von Heinrich Harrer&amp;nbsp;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Aus "The New York Times Magazine"&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Die Welt der Frau&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Frauenstudium in den USA&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Ein geschichtlicher Überblick&amp;nbsp;&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Von Kunst und Künstlern&amp;nbsp;&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Vergangenheit und Gegenwart des amerikanischen Theaters (II)&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Experimentierfreudiges Theater - Am Broadway wie Anderswo -&lt;br /&gt;&lt;em&gt;2. Folge einer Serie von 4 Artikeln&amp;nbsp;&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;4. Filmnotizen&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Cinemagic, ein neues Filmverfahren&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;"Lady L" mit Gina Lollobrigida und Tony Curtis&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Musik-Komödie "Fanny" (Osborn) verfilmt&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Inge-Premiere "A Loss of Roses"&amp;nbsp;</text>
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und
Dokumentation
United States Information Service
Embassy of the United States of America

13. November 1985

45

INHALT

DOKUMENTATION
Ansprache von US-Präsident Reagan an das sowjetische Volk
- Wortlaut -

Interview von Präsident Reagan mit sowjetischen Journalisten
- Vollständiger Wortlaut -

INFORMATION

Reagan nominiert neuen US-Gesundheitsminister

* * * * *

Um Über/endunQ von
Belegexemplaren
wird gebeten

Postfach 20 03 00 Tel.: 0228-339 2035
D 5300 Bonn 2
Telex: 8-85432

�13. November 1985

45

ANSPRACHE VON US-PRÄSIDENT REAGAN AN DAS SOWJETISCHE VOLK
- Wortlaut -

WASHINGTON - (AD) - Präsident Ronald Reagan hat im Rahmen seiner regelmäßigen Rundfunkansprachen an das amerikanische Volk am 9. November
1985 die Gelegenheit benutzt, um über die Stimme Amerikas (Voice of America - VOA) direkt zum sowjetischen Volk zu sprechen.

Die Ansprache, zu

der ausnahmsweise auch das amerikanische Fernsehen zugelassen war, wurde
über das internationale

Fernsehprogramm

des US-Informationsamtes (U.S.

Information Agency - USIA) "Worldnet" an 50 Länder der Erde ausgestrahlt.
Reagan betonte, die Bevölkerung der Sowjetunion und das amerikanische
Volk müßten in Frieden zusammenleben, die Kernwaffen beseitigen, gemeinsam gegen

den Terrorismus kämpfen

und regionale Konflikte

lösen.

Ein

Atomkrieg, so unterstrich der amerikanische Präsident erneut, könne niemals gewonnen und dürfe niemals geführt werden.

Das Ziel sei eine siche-

rere Welt, in der die Menschen vor Nuklearraketen geschützt seien.

Von

seinem Treffen mit dem sowjetischen Generalsekretär Gorbatschow erhoffe
er sich bessere Beziehungen zwischen beiden Regierungen.
Die Ansprache

Postfach 20 03 00 Tel.: 0228-339 2035
D 5300 Bonn 2
Telex: 08-85432

�Die Ansprache des Präsidenten hat folgenden Wortlaut:

Meine amerikanischen Mitbürger,

wir erweitern

heute das Format unserer Rundfunkansprache.

In den

nächsten zehn Minuten werde ich über die Stimme Amerikas zu den Bürgern
der Sowjetunion über das kommende Gipfeltreffen in Genf sprechen.

Meine

Worte sind an sie gerichtet, aber ich möchte, daß auch Sie hier hören,
was ich sage.

Meine Ansprache wird auch über das Fernsehnetz "Worldnet"

in über 50 Länder übertragen.

Also guten Abend.

Aus Washington spreche ich, Ronald Reagan, Präsi-

dent der Vereinigten Staaten zu Ihnen über mein bevorstehendes Treffen
mit Generalsekretär Gorbatschow in Genf und meine Hoffnungen auf ein besseres Verhältnis zwischen unseren beiden Regierungen.

Ihre Führer können sich frei im amerikanischen Rundfunk und Fernsehen
äußern und sich von unseren Zeitschriften und Zeitungen interviewen lassen.

Ich bin sehr dankbar für meine kürzliche und seltene Gelegenheit,

mit Vertretern der sowjetischen Presse zu sprechen.

Ich schätze das zwar

sehr, aber in der Iswestija wurden nur Teile des Interviews abgedruckt,
und vieles von dem, was weggelassen wurde, halte ich für wichtig.

Und so möchte ich mich persönlich als Ehemann, Vater und Großvater an
Sie wenden, die Sie unsere tiefsten Hoffnungen teilen - daß alle unsere
Kinder in einer Welt des Friedens leben und gedeihen können.

Ich bin in einer kleinen Stadt im Herzen Amerikas aufgewachsen, wo
Werte wie Glaube an Gott, Freiheit, Familie, Freunde und die Sorge um den
Nachbarn von allen geteilt werden - Werte, die auch Sie teilen.

Während

meiner Schulzeit habe ich in den Ferien gearbeitet; eine Zeitlang auf dem
Bau und dann mehrere Sommer lang als Rettungsschwimmer in einem Schwimmbad an einem Fluß.

Nach Beendigung meiner Ausbildung wurde ich Sportre-

porter beim Rundfunk und über diese Tätigkeit kam ich als Schauspieler
nach Hollywood, wo ich zum Vorsitzenden unserer Schauspielergewerkschaft
- 2 -

�unserer Schauspielergewerkschaft gewählt wurde.

Ich bin der einzige Prä-

sident der Vereinigten Staaten, der auch Präsident einer Gewerkschaft war.

Zunächst hatte ich nicht die Absicht, mich in der Politik meines Landes zu engagieren.
Möglichkeiten.

Aber Amerika ist ein großes Land voller Chancen und

In den späteren Jahren, einschließlich meinen Jahren als

Gouverneur des Bundesstaates Kalifornien und als Präsident, habe ich niemals die Werte vergessen, die ich als Kind kennengelernt hatte.

Und mei-

ne amerikanischen Mitbürger haben sie ebenso wenig vergessen.

Ich weiß wohl, daß in Ihrer Presse viel über die feindseligen Absichten Amerikas gegen Sie geschrieben worden ist.
rungen zurück.

Ich weise diese Verzer-

Wir Amerikaner sind ein friedliebendes Volk.

hen Ihr Land nicht und werden es nie bedrohen.

Wir bedro-

Das amerikanische Volk

ist tolerant, nicht leicht erregbar, aber unerschütterlich in der Verteidigung seiner Freiheiten und - wie Sie - in der Verteidigung seines Landes.

Mehr als einmal haben sich unsere beiden Länder gegen einen gemeinsamen

Feind

zusammengeschlossen.

Während

unseres

Unabhängigkeitskrieges

hat Rußland die fernen amerikanischen Kolonisten unterstützt.

Anderthalb

Jahrhunderte später vereinten wir uns, um den gemeinsamen Feind Faschismus zu besiegen.

Davor waren wir im Ersten Weltkrieg Verbündete.

Schon bevor wir in den Zweiten Weltkrieg eintraten, lieferte Amerika
gewaltige Mengen an Nahrungsmitteln und Ausrüstung an jene, die gegen die
Nazis kämpften.

Wir versorgten Ihre Streitkräfte mit 14 795 Flugzeugen,

7056 Panzern, mehr als eine halbe Million Fahrzeugen und mehr als sechs
Millionen Tonnen an Lebensmitteln und Nachschub.

Amerika wird niemals den Heldenmut, den Schmerz und schließlich die
Siegesfreude vergessen, die unsere Völker gemeinsam hatten.

Ich erinnere

mich noch, wie Präsident Roosevelt das Heldentum des russischen Volkes
pries.

Wie kann heute einer von uns, der es erlebt hat, das schreckliche

Jahr 1941 vergessen, als die Nazis vor den Toren Moskaus zurückgeworfen
- 3 -

�Moskaus zurückgeworfen wurden; den Mut der Leningrader während der 900tägigen Belagerung, den Sieg von Stalingrad und unser historisches Zusammentreffen an der Elbe 1945?

Amerikaner haben vier Jahre lang an allen Fronten gekämpft und viele
liegen in Nordafrika, Europa, Burma, China, auf den Pazifischen Inseln
und auf dem Boden des Meeres begraben.

Einige liegen auch in sowjeti-

scher Erde - in dem heldenhaften Murmansk, wohin sie kostbaren Nachschub
über die gefährliche Geleitzugsroute gebracht hatten.

Und auch nach dem Sieg haben Amerikaner großzügig geholfen, die vom
Krieg

verwüsteten

Länder wieder aufzubauen, selbst die Länder unserer

früheren Gegner, denn wir hatten den Krieg gegen eine bösartige Ideologie
und nicht gegen ein Volk geführt.
len,

indem

wir

rasch

Und wir bewiesen unseren Friedenswil-

demobilisierten.

Ende

1945

verfügten wir über

Streitkräfte von fast 12 Millionen Mann; 1948 hatten wir diese Zahl auf
weniger als 1,5 Millionen verringert.

Wir waren das einzige Land, das Kernwaffen besaß.

Wir schlugen vor,

diese Waffen völlig einer internationalen Behörde zu unterstellen, damit
kein Land über eine solche zerstörerische Gewalt verfügen könnte.

Wie

schade, daß diese Idee keinen Anklang fand.

Heute stehen wir gemeinsam vor der Herausforderung, die Kernwaffen
aus der Welt zu schaffen.
wieder:

Ich habe es oft gesagt und sage es Ihnen heute

Ein Atomkrieg kann nicht gewonnen werden und darf niemals ge-

führt werden.

Ich bete zu Gott, daß wir die Welt von diesen gefährlichen

Waffen befreien können, nicht zuletzt dadurch, daß wir eine verläßliche
Verteidigung gegen sie finden.

Unsere Unterhändler in Genf bemühen sich mit Nachdruck darum, einen
Durchbruch zu erzielen.

Ich bin erfreut darüber, daß die Sowjetunion

schließlich doch auf unsere ursprünglichen Vorschläge reagiert hat.
haben

diese Reaktion sorgfältig studiert und rasch geantwortet.

Wir
Dies

sind komplizierte Verhandlungen und befriedigende Ergebnisse werden langer, schwerer Arbeit bedürfen.
Lassen Sie

�Lassen Sie mich hinsichtlich unseres Forschungs- und Testprogramms im
Rahmen der Technologien einer strategischen Verteidigung deutlich sein.
Unser Ziel ist es, die Welt durch die Entwicklung eines nichtnuklearen
Sicherheitsschildes sicherer zu machen, das die Menschen dadurch schützt,
daß es den Waffen unmöglich wird, ihre Ziele zu erreichen und hoffentlich
die ballistischen Raketen überflüssig macht.

Ihre eigene Regierung führt

seit langem bei ihren Verteidigungssystemen umfangreiche Programme durch,
modernste Forschung eingeschlossen.

Die Vereinigten Staaten stehen gerade am Anfang eines langen Prozesses der Analyse dieser Verteidigungsmöglichkeiten.

Sollte unsere For-

schung den Beweis erbringen, daß ein Verteidigungsschild gegen Atomraketen möglich ist, dann sollten, so meine ich, unsere beiden Staaten und
jene, die gleichfalls über Atomraketen verfügen, zusammenkommen und eine
Übereinkunft dahingehend treffen, wie die offensiven Kernwaffen Schritt
für Schritt beseitigt werden können, während wir unser Verteidigungssystem allen verfügbar machen.

Ja, wir sollten anfangen, über diesen Pro-

zeß bei den Genfer Rüstungskontrollgesprächen zu reden.
Wir müssen miteinander in Frieden leben.

Die ganze Geschichte Ameri-

kas ist voll des Bemühens um Frieden und um Chancen für den einzelnen
- von Pionieren, die frei sein wollten, nicht zuletzt auch frei von der
alten europäischen Ordnung.

Wir sind stolz auf die Russen, die Ukrainer,

die Juden, die Armenier und die vielen anderen, die an unserer Freiheitsstatue vorübersegelten und an unseren Küsten vor Anker gingen.
Die Vielfalt ist eine unserer größten Stärken.

Dies ist zum Teil

auch der Grund, warum wir auf andere so verwirrend wirken.

Unsere Regie-

rung wird vom Volk gewählt; sie steht weder über dem Volk noch über dem
Gesetz.

Wir sind der Überzeugung, daß man die Wahrheit durch Debatte und Diskussion findet.
nicht im Wasser."

"Die Wahrheit verbrennt nicht im Feuer und sie ertrinkt
Unser System ist oft genug für die gewählten Vertreter

unbequem, denn eine der Institutionen, auf die wir am stolzesten sind,
- 5 -

�stolzesten sind, ist die freie Presse.

Die Presse kritisiert mich, und

manchmal schmerzt das, aber dies ist ihre Rolle - unangenehme Fragen aufzuwerfen und die an der Macht Befindlichen dem Volk gegenüber rechenschaftspflichtig zu machen.

Aber niemand sollte unsere Freiheiten für

Schwäche halten.

Wir sind für den freien und offenen Dialog - nicht nur für uns Amerikaner, sondern für alle Völker.
nen.

Wir glauben an die Freiheit des einzel-

Die Glaubensfreiheit, die Redefreiheit, die Pressefreiheit

sind

- wie es unsere Unabhängigkeitserklärung besagt - unveräußerliche Rechte
aller Menschen.

Vor zehn Jahren unterzeichneten die Vereinigten Staaten und die Sowjetunion

zusammen mit

33 anderen Staaten

die

Helsinki-Übereinkommen.

Wir alle verpflichteten uns dazu, die Menchenrechte zu achten, unseren
Bürgern zu erlauben, frei zu reden und ungehindert zu reisen und die Kommunikation zwischen den Völkern der Signatarstaaaten zu verbessern.

Ame-

rika fordert die Führer der Staaten auf, sich an das zu halten, wozu sie
sich selbst verpflichtet haben.

Als die beiden mächtigsten Nationen der Erde sind wir es den Menschen
aller anderen Staaten schuldig, nicht nur unser Wort zu halten, sondern
dabei behilflich zu sein, friedliche Lösungen für lokale und regionale
Konflikte zu finden - in Afghanistan, in Afrika, in Lateinamerika und andernorts.
Wir müssen auch gegen den Terrorismus gemeinsam angehen.

Es gibt in

einer zivilisierten Welt keinen Raum für Morde, terroristische Bombenanschläge und andere sinnlose Gewalt.

Ich ersuche Sie und Ihre Regierung

mit Nachdruck darum, sich uns bei der Bekämpfung des Terrorismus anzuschließen und sicherzustellen, daß kein Land den Terroristen Hilfe anbietet oder Schutz gewährt.

Wir haben viel voneinander zu lernen.
hervorragenden

Persönlichkeiten

Wir Amerikaner wurden von den

Ihrer Kultur
- 6 -

um so vieles bereichert.

�vieles bereichert.
Tschechow

Mit den Werken von Tolstoi, Dostojewski, Turgenjew,

und Pasternak

Universitäten

- genau

beschäftigt

wie

man sich an vielen

amerikanische

Autoren,

von

amerikanischen
James

Fenimore

Cooper, Mark Twain, Jack London bis hin zu Ernest Hemingway und William
Faulkner in Ihrem Land populär sind.

Ich möchte erweiterte Kontakte zwischen unseren beiden großen Gesellschaften, woimmer ein gegenseitiges Interesse besteht.

Ich bin insbeson-

dere an einem verstärkten Austausch zwischen den jungen Menschen interessiert, denn sie sind unsere Zukunft.

Wir sollten einen Dialog zwischen

unseren Nationen beginnen, damit die Führungen beider Länder die gleiche
Chance hätten, sich über das Fernsehen an die Bevölkerung des jeweils anderen Landes zu wenden.

Wenn mehr Ihrer Bürger uns besuchten, würden Sie

sehen, daß unser Volk den Frieden genau so inständig wünscht wie Sie
selbst.

Ich hoffe, daß meine Gespräche mit Herrn Gorbatschow in Genf Früchte
tragen und zu weiteren Treffen in der Zukunft führen werden.

Wir erstre-

ben den Frieden nicht nur um unserer selbst willen, sondern für all jene,
die auf diesem kleinen Planeten leben.

Wir haben gemeinsame Grenzen mit drei Ländern - Mexiko, Kanada und
der Sowjetunion.

Wir sind stolz auf unsere freundschaftlichen Beziehun-

gen und auf die offenen
Nachbarn.

Grenzen mit unseren beiden

nordamerikanischen

Und ich hoffe, daß der Tag kommen wird, wenn die enge Insel-

kette, die sich von Alaska bis hin zu der Ostküte Sibiriens erstreckt,
zum Symbol der Bande zwischen unseren beiden großen Völkern sein wird
- und nicht mehr der Distanz, die zwischen uns besteht.

Jedes Ding hat seine Zeit.

Hoffen wir, während Weihnachten und das

Neue Jahr heranrücken, daß dies die Zeit des Friedens sein wird.
danke Ihnen, daß Sie mich hier bei Ihnen zu Hause empfangen haben.

Gott schütze Sie.
* * * * *

- 7-

Ich

�13. November 1985

ENTERVIEW VON PRÄSIDENT REAGAN MIT SOWJETISCHEN JOURNALISTEN
- Vollständiger Wortlaut-

WASHINGTON -• (ADi - Präsident Ronald Reagan hat am 31. Oktober 1985
vier sowjetischen Jojrnalisten im Weißen Haus ein Interview gegeben, das
air Ttontag, dem 4. November in gekürzter Form in der Regierungszeitung
Iswestija erschienen ist.

Ein genauer Vergleich des vollständigen Wortlauts und der von der sowjetischen Zeitung wiedergegebenen Fassung zeigt, daß unter anderem ausgelassen wurden
- der Appell des Präsidenten, sich ihm in der Suche nach einer defensiven, nicht zerstörerischen Abschreckung

vor einem Atomkrieg anzu-

schließen, und sein Angebot, den Sowjets und der Welt liesbezügliche
Forschungsergebnisse zur Verfügung zu stellen;

- sein Hinweis auf die Tatsache, daß den Völkern Osteuropas niemals die
Selbstbestimmung zugestanden wurde, die ihnen in Jalta zugesagt worden war;
- seine Beschuldigung,

Postfach 20 03 00 Tel.:0228-339 2035
D 5300 Bonn 2
Telex: 8-85432

�- seine Beschuldigung, daß die afghanische Regierung, die die Sowjets
nach Afghanistan eingeladen habe, von der Sowjetunion eingesetzt und
später, als die Sowjets mit ihr unzufrieden waren, durch ein neues
Marionettenregime ersetzt worden sei;

- seine Feststellung, daß sich keine amerikanischen Truppen mehr auf
Grenada befinden und das Land sich selbst regiere;

- seinen Vergleich der gegenwärtigem Lage in Grenada mit der in Afghanistan nach der sechsjähr igen Besatzungsherrschaft der Sowjets;

- seinen Appell an die Sowjetunion, amerikanische Vorschläge für eine
Abschaffung der chemischen Waffsn, die Lösung regionaler Konflikte
und die Ausweitung der Kontakte zu prüfen;

- sein Hinweis, daß die Einhaltung der Menschenrechte in der Sowjetunion keine "innere Angelegenheit" sei, sondern eine Sache der Einhaltung vertraglicher Verpflichtungen;

- sein Hinweis darauf, daß die Vereinigten Staaten offen über das strategische Veiteidigungsforschungsprogramm

sprechen, während

die So-

wjetunion aus ihren Verteidigung£programmen ein Geheimnis mache;

- sein Hinweis auf die einseitigen konventionellen und nuklearen Abrüstungsmaßaihmen der Vereinigten Staaten nach dem Kriege.
Schließlich gab die Iswestija ihren Lesern auch keinen Hinweis, daß
das Interview gekürzt worden war.

Nachfolgend der vom Weißen Haus veröffentlichte vollständige Wortlaut
des Interviews:

Der Präsident:
gen.

Darf ich Sie alle begrüßen, es ist mir ein Vergnü-

Ich freue mich sehr über die Gelegenheit, in gewisser Weise zu der

Bevölkerung Ihres Landes sprechen zu können.

Ich war immer der Überzeu-

�der Überzeugung, daß viele Übel dieser Welt verschwinden würden, wenn die
Menschen mehr miteinander reden würden statt übereinander.

Ich freue

mich also auf unsere Zusammenkunft und werde Ihre Fragen gerne beantworten.

FRAGE:

Herr Präsident, wir begrüßen diese Gelegenheit sehr, Ihnen

persönliche Fragen stellen zu können, nachdem Sie freundlicherweise unsere schriftlichen Fragen beantwortet haben.

Wir hoffen, daß sie instruk-

tiv sein werden und - nun, den Erfolg Ihres kommenden Treffens mit unserem Führer erleichtern werden.

ANTWORT:

loh freue mich auf dieses Treffen.

Ich bin hoffnungsvoll

und optimistiscli, daß wir vielleicht einige konkrete Erfolge zustande
br ingen werden.

FRAGE:

Wir möchten unsere Fragen auf Russisch stellen.

Ich hoffe,

Sie haben nichts dagegen.

ANTWORT: Nein.
FRAGE:

Herr Präsident, wir haben uns mit den Antworten vertraut ge-

macht, die Sie uns auf unsere schriftlichen Fragen gegeben haben.

Sie

spiegeln im wesentlichen die alten amerikanischen Vorschläge wider.

Sie

sind ausgewertet worden - sie sind durch die sowjetische Seite als unausgewogen und einseitig zugunsten der amerikanischen Seite bewertet worden.

Und sie haben nicht auf den neuen sowjetischen Vorschlag geantwor-

tet.

Eine Antwort auf den neuen sowjetischen Vorschlag wäre jedoch vor

dem Treffen in Genf von größtem Interesse.

ANTWORT:

Wenn dieses Interview vorbei ist, werde ich eine Erklärung

vor unserer eigenen Presse - vor der ganzen Presse - dahingehend abgeben,
daß wir den sowjetischen Vorschlag geprüft haben, und morgen (1. November) wird unsere Verhandlungsdelegation in Genf auf der Abrüstungskonferenz unsere Antwort unterbreiten, bei der es sich um einen Vorschlag handelt, der erkennen läßt, was wir von dem ursprünglichen Vorschlag gehal- 3 -

�Vorschlag gehalten haben, aber auch von diesem jüngsten (Vorschlag) halten.

Die Antwort wird zeigen, daß wir einige der Zahlen akzeptieren, die

in dem Gegenvorschlag des Generalsekretärs enthalten sind.
Es gibt einige Punkte, in denen wir Kompromisse zwischen einigen Ihrer und einigen unserer Zahlen angeboten haben.

Aber alle diese Zahlen

werden morgen (1. November) vorliegen, und ich möchte heute einfach nur
erklären, daß dies morgen in Genf stattfinden wird.
um einen

detaillierten

Gegenvorschlag

Aber es; handelt sich

- um einen Gegenvorschlag, der

- wie das in Verhandlungen angebracht ist - zeigen wird, dal.; wir, wie ich
gesagt habe, unsererseits einiges von diesem jüngsten Vorschlag akzeptieren und darüber hinaus auch Kompromisse bezüglich frühere: Zahlen, die
wir vorgeschlagen haben.

FRAGE:

Ich möchte Ihnen, Herr Präsident, eine andere Frage stellen.

Nach einer Umfrage der Washington Post und der Fernsehgesellschaft ABC am
Dienstag (29. Oktober) wurde festgestellt, daß 74 Prozent des amerikanischen Volkes - gegenüber 20 Prozent - erklärten, daß sie wollten, daß die
Vereinigten Staaten und die Sowjetunion ihre nuklearen Arsenale verringern und daß die Vereinigten Staaten keine Weltraumwaffen entwickeln.
Das scheint die Wahl zu sein, die das amerikanische Volk qetroffen hat.
Es scheint klar zu sein, daß es ohne Beendigung der Entwicklung von Waffen im Weltraum keine Verringerung der Kernwaffen geben kann.

Das ist

der Standpunkt der sowjetischen Seite. Wie werden Sie also, Herr Präsident, auf diese von der amerikanischen Öffentlichkeit zum Ausdruck gebrachte Meinung reagieren?

ANTWORT:
lung.

Zunächst einmal basiert das auf einer falschen Vorstel-

Die Verwendung des Begriffes "Krieg der Sterne" ist entstanden,

als eine politische Persönlichkeit in Amerika ihn benutzte, um das zu beschreiben, was wir erforschen und prüfen, dann griff ihn unsere Presse
auf, und er fand weltweite Verbreitung.
einem Krieg der Sterne.

Wir reden überhaupt nicht von

Wir reden davon, daß wir prüfen wollen, ob es

nicht eine defensive Waffe gibt, die nicht Menschen tötet, sondern die es
einfach unmöglich macht, daß Nuklearraketen, wenn sie aus ihren Silos ab-

�Silos abgefeuert sind, ihre Ziele treffen, d.h., daß wir diese Waffen abfangen können.

Nun ist es auch richtig, daß - um zu zeigen, daß dies eine falsche
Vorstellung seitens der Menschen ist, wenn Sie den falschen Begriff benutzen - vor nicht allzu langer Zeit eine Umfrage bei unserer Bevölkerung
vorgenommen und die Menschen nach dem "Krieg der Sterne" befragt wurden.
Und ähnlich wie bei der Reaktion auf die genannte Umfrage waren nur etwa
30 Prozent der Menschen in unserem Lande dafür und der Rest dagegen.
Aber in der gleichen Umfrage wurde dann dargestellt, wie ich es darzustellen versucht habe, um was es sich bei unserer Forschung handelt - um
einen strategischen Schutzschild, der keine Menschen tötet, sondern uns
eines Tages - uns alle - in die Lage versetzen wird, die Kernwaffen zu
verringern - sie abzuschaffen.

Und über 90 Prozent des .amerikanischen

Volkes waren dafür, daß wir mit einem solchen Programm voranschreiten.

Das ist. eines der Dinge, über die wir sprechen werden.

Wir sind

- und zwar seit Jahren - für eine Verringerung der Zahl der Kernwaffen
eingetreten.

Es ist einfach unzivilisiert seitens unser aller, daß wir

hier sitzen und die einzige Abschreckung vor einem Krieg offensive Kernwaffen sind, und zwar in solchen Mengen, daß wir beide der Gegenseite Tod
und Verderben von Millionen und Abermillionen von Menschen im jeweils anderen Lande androhen können.

Das ist also die Abschreckung, die uns daran hindern soll, diese Raketen auf einander abzuschießen.

Wäre es nicht sehr viel sinnvoller,

wenn wir herausfinden könnten, daß es - wie es in der Geschichte immer
der Fall war - für jede Waffe eine Abwehrwaffe gibt?
richtige Ausdruck für das, was wir erforschen.

Waffe ist nicht der

Wir forschen nach etwas,

das, wie ich sage, es diesen Raketen praktisch unmöglich machen würde,
ihre Ziele zu erreichen.

Und wenn wir so etwas finden, dann geht mein

Vorschlag dahin, daß wir es der ganzen Welt zur Verfügung stellen.

Wir

wollen es nicht nur zu unserem eigenem Vorteil behalten.

FRAGE:

Herr

�FRAGE:

Herr Präsident, so wie die Lage heute auf der internationalen

Bühne aussieht, werden Versuche, einen solchen Weltraumschild zu schaffen, unweigerlich zu dem Argwohn auf der anderen Seite führen, daß das
Land, das einen solchen Weltraumschild schafft, in der Lage sein wird,
einen Erstschlag zu führen.
schen zustimmen.

Das ist eine Argumentation, der viele Men-

Es sieht nun so cius, daß das amerikanische Volk seine

Wahl verkündet hat, daß es, wenn es zu einer Wahl zwischen der Schaffung
eines

solchen

Weltraumsystems

und

einer

kommt, den Abbau der Kernwaffen vorzieht.

Verringerung

der

Kernwaffen

Das scheint eine realistische

Bewertung seitens des amerikanischen Volkes zu sein.

Und ich möchte nun

fragen, wie die amerikanische Regierung auf die Gefühle des amerikanischen Volkes in dieser Hinsicht reagiert?

ANTWORT:

Zunächst einmal sage ich Ja.

Wenn jemand ein solches Ver-

teidigungsSystem, entwickeln würde und es dann mit seinen eigenen Kernwaffen - offensiven Kernwaffen - verbinden würde, dann könnte ihn das in die
Lage versetzen, in der er versucht sein könnte, einen Erstschlag zu Wägern. Aber Ihr Land, Ihre Regierung, hat schon Jahre, bevor wir überhaupt
angefangen haben daran zu arbeiten, an dieser gleichen Art von Plan zu
arbeiten begonnen, was, wie ich meine, darauf hinweist, daß wir vielleicht ein bißchen argwöhnisch sein sollten, ob Sie es nicht für sich
selbst haben wollen.

Aber ich habe erklärt, und ich bin bereit das auf dem Gipfeltreffen
zu erklären, daß für den Fall, daß eine solche Waffe möglich ist und unsere Forschung dies aufzeigt, wir den Schritt unternehmen würden, aller
Welt mitzuteilen:

"Hier, es steht zur Verfügung". Wir würden diese Waf-

fe oder dieses System - dieses Verteidigungssystem - niemals verwirklichen, ehe wir nicht unsere Nuklearraketen, unsere offensiven Raketen abgeschafft haben.

Vielmehr werden wir es anderen Ländern zur Verfügung

stellen, einschließlich der Sowjetunion, um ein gleiches zu tun.

Nun, wie sieht es denn aus - wer immer von uns zuerst mit diesem Verteidigungssystem herauskommt, die Sowjetunion oder wir oder sonst jemand
- wenn wir dann sagen, niemand solle ein Monopol darauf haben.
- 6 -

Und wir

�Und wir machen dieses Angebot jetzt.

Es wird für die Sowjetunion ebenso

zur Verfügung stehen wie für uns selbst.

Selbst wenn die Sowjetunion und die Vereinigten Staaten beide erklären, daß sie ihre Offensivwaffen abschaffen werden, werden wir diese Verteidigung verwirklichen - nur für den Fall, daß irgendwo in der Welt ein
Verrückter eines Tages versuchen wird, diese Waffen - Kernwaffen - wieder
zu bauen, c'ienn, vergessen wir das nicht, wir wissen heute, wie sie hergestellt werden.
ben.

Man kann diese Kenntnisse also nicht beiseite schie-

Aber vir wären alle sicher in dem Wissen, daß für den Fall, daß je-

mals jemand ein solches Wahnsinnsprojekt versuchen würde, es keinen gäbe,
der sich nicht selbst dagegen verteidigen könnte.

Ich kann Ihnen also versichern, daß wir nicht verbuchen werden, uns
ein Monopol zu verschaffen, wenn eine solche Waffe entwickelt ist, und
aich keine Hrstschlagsfähigkeit.
FRAGE:

Herr Präsident, ich möchte Sie etwas über einige der Dinge

fragen, die mit gegenseitigem Argwohn und Mißtrauen zu tun haben.

Sie

haben in Ihrer Rede vor den Vereinten Nationen zu erkennen gegeben, daß
die Vereinigten Staaten sich nicht ausdehnen, daß sie keine Truppen in
arderen Ländern haben - aber sie haben welche - und daß sie keine anderen
Länder besetzt hätten. Aber es stehen 550 000 amerikanische Soldaten außerhalb der Vereinigten Staaten.
Stützpunkte.

In 32 Ländern gibt es 1500 militärische

Damit kann man also erkennen, welches Land es ist, das um-

zingelt ist. Und Sie haben zugestimmt, daß die Sowjetunion das Recht habe.', für die Interessen ihrer eigenen Sicherheit zu sorgen.

Und es ist

unvermeidlich, daß sich die Sowjetunion über diese Stützpunkte Sorgen machen muß,die um sie herum liegen.

Die Sowjetunion hingegen hat nicht das gleiche getan,

wie stellen

S:.e es sich also in dieser Hinsicht vor, dieses Gleichgewicht der Sicherheit zu schaffen, von dem Sie gesprochen haben?

ANTWORT:

Ich

�ANTWORT:

Ich kann Ihnen zu den Zahlen, die Sie genannt haben, keine

genaue Antwort geben.
Zahlen sind.

Ich habe das nicht so genau parat, wie hoch die

Aber wir sprechen von zwei verschiedenen Dingen - wir reden

davon, ein Land mit ausländischen Truppen zu besetzen, wie wir erleben,
daß es die Sowjetunion in Afghanistan tut, und es gibt noch andere Länder
- Angola, SüdJemen, Äthiopien.

Sicherlich haben wir Truppen in Stützpunkten.

Der Großteil davon ge-

hört zu den Streitkräften der NATO - dem Bündnis in Europa entlang der
NATO-Linie.

Sie stehen dort als Antwort auf noch überlegenere Zahlen von

Soldaten des Warschauer Paktes, die dort gegen sie aufgestellt sind. Und
die Vereinigten Staaten tragen als ein Mitglied des Bündnisses Truppen zu
den NATO-Streitkräften bei.

Das gleiche gilt für Korea, wo wir auf Einladung der südkoreanischen
Regierung Truppen stehen haben, um den Koreanern dort zu helfen wegen der
Entmilitarisierten Zone und der bedrohlichen Natur Nordkoreas, das Südkorea ohne Warnung angegriffen hatte.

Und das war kein amerikanischer

Krieg, obwohl wir den größten Teil der Truppen stellten.
wurde unter der Flagge der Vereinten Nationen geführt.

Dieser Krieg

Die Vereinten Na-

tionen haben Nordkorea der Aggression unter Verletzung der Charta der
Vereinten Nationen für schuldig befunden.
digt und Nordko.rea schließlich besiegt.

Und so wurde Südkorea verteiAber es hat weiterhin eine be-

trächtliche und bedrohliche Offensivstreitmacht aufrechterhalten.

Was andere Orte angeht: Wir haben Stützpunkte im fernen Pazifik; wir
haben sie seit vielen Jahren auf den Philippinen.
die wir gepachtet haben.

Das sind Stützpunkte,

Wir haben sogar einen Stützpunkt auf Kuba, den

wir gepachtet haben und der bestand, lange bevor es einen Castro auf Kuba
gab - einen Flottenstützpunkt.

Aber das hat, so meine ich, wirklich

nichts mit der Besetzung eines anderen Landes zu tun - einschließlich der
Länder des Warschauer Paktes.

Ihnen wurde niemals die Selbstbestimmung

zugestanden, die in den Übereinkommen von Jalta am Ende des Zweiten Weltkrieges vereinbart worden war.
Ich

glaube

also,

�Ich glaube also, daß meine Erklärung durchaus richtig ist, daß ein
Unterschied besteht zwischen einer Besetzung und dem Unterhalt von Stützpunkten dort, wo nicht gekämpft wird, und wo viele von den Gastländern
dies ausdrücklich gewünscht haben.

FRAGE:

Wenn es eine Volksabstimmung gäbe und dös kubanische Volk

entscheiden würde, daß der Stützpunkt Guantanamo geräumt werden sollte
- würde er dann geräumt?

ANTWORT

Nein, weil der Pachtvertrag vor vielen Jahren abgeschlossen

wurde und nach viele Jahre läuft, und unser Recht, dort zu sein, ist völlig legal.

Der Stützpunkt ist abgezäunt.

Es besteht keinerlei Kontakt

zur Bevölkerung oder dem Hauptteil der Insel.

FRAGE:

Herr Präsident, Sie haben Afghanistan erwähnt.

Ich möchte

segen, daß die sowjetischen Truppen in Afghanistan dort auf Einladung der
afghanischen Regierung stehen, um die afghanische Revolution gegen die
Einmischung von Streitkräften aus dem Ausland zu verteidigen, die von den
Vereinigten Staaten finanziert und unterstützt werden.

Vor den Vereinten Nationen und in Ihren schriftlichen Antworten auf
ursere Fracen haben Sie angedeutet, daß die Vereinigten Staaten nicht
versucht haoen, Gewalt anzuwenden, sondern den Prozeß der Demokratie mit
friedlichen Mitteln fördern wollten.

Wie stimmt diese Antwort mit der

Anwendung von Gewalt durch die Vereinigten Staaten in vielen Ländern
überein - angefangen mit Vietnam, wo sieben Millionen Tonnen Bomben abgeworfen wurden - sieben Millionen Tonnen mehr als im Zweiten Weltkrieg;
und wie steht es mit Grenada?

Ich frage das nicht, um in der Vergangen-

heit herumzuwühlen, sondern einfach, um Dinge richtigzustellen.

ANTWORT:

Und die können richtiggestellt werden, jawohl.

Was zunächst einmal Afghanistan angeht, so hat die Regierung, die die
sowjetischen Truppen eingeladen hat, keine andere Wahl gehabt, denn diese
Regierung war von der Sowjetunion eingesetzt worden und zwar mit der Waf-

�der Waffengewalt, um den Erfolg zugarantieren.

Und der Mann, der an der

Spitze dieser Regierung stand, war bereits zweite Wahl.

Der erste war

nicht zur Zufriedenheit der Sowjetunion, und so marschierten die Sowjets
mit Streitkräften ein, stürzten ihn und setzten ihre zweite Wahl ein, den
Mann, der noch an der Regierung ist.

Im übrigen kämpfen keine Kräfte von außen dort.

Aber es gibt dort

einige Ding2, die, wenn sie allgemeiner bekannt würden, jeden Menschen in
der Welt schockieren würden.

So besteht beispielsweise eine der Waffen,

die gegen die Menschen In Afghanistan eingesetzt werden, aus Spielzeugen
- Puppen, Spielzeugautos, Dinge, die Kindern gefallen.
der Luft abgeworfen.

Aber wenn die Kinder sie aufheben, dann werden ih-

nen die Hände abgerissen.
- Fallen.

Sie werden aus

Sie sind, wie wir es nennen, Booby-traps

4ie wirken wie Landminen.

Das ist kaum mit der Art bewaffne-

ter Kriegführung in Einklang zu bringen, wie sie zwischen Staaten geübt
worden ist.

Vietnam?

Ja, als Vietnam - oder sagen wir besser Französisch Indo-

china - als; Kolonie aufgegeben wurde, hat ein internationales Forum in
Genf - das in Genf zusammenkam - ein Nordvietnam und ein Südvietnam gebildet.

Nordviotnam wurde bereits durch eine kommunistische Gruppe re-

giert und hatte bereits eine Regierung während der japanischen Besetzung
Französisch-Indochinas.

Südvietnam mußte neu anfangen und eine Regierung

bilden.

Wir wurden dort eingeladen - mit Beratern, um ihnen beim Aufbau von
etwas zu helfen, was sie zuvor niemals hatten, eine Armee. Unsere Berater kamen in Zivil.

Sie kamen mit ihren Familien.

Und sie begannen in

einem Land, das keine militärischen Ausbildungsstätten hatte oder Dinge
dieser Art, um Streitkräfte für die Regierung von Südvietnam aufzubauen.

Sie wurden von Anfang an von Terroristen gestört.
mußten die Familien nach Hause geschickt werden.
diert.

Und schließlich

Schulen wurden bombar-

Es kam sogar die Praxis auf, Bomben den Mittelgang eines Kinos

hinunter zu rollen, und es wurden zahllose Menschen getötet, die sich nur
- 10 -

�sich nur übar einen Film freuen wollten.

Und schließlich wurden die Din-

ge dahingehend geändert, daß es unseren Leuten erlaubt wurde, zu ihrem
eigenen Schitz Waffen zu tragen.

Und dar.n, das ist wahr, hat Präsident Kennedy eine Truppeneinheit
entsandt, um Schutz zu bieten.
kelt.

Da:; hat sich zum Vietnam-Krieg entwik-

Zu keinem Zeitpunkt hat die verbündete Streitmacht - und es war

eine verbündete Streitmacht, denn es waren nicht nur amerikanische Truppein dort - zu keinem Zeitpunkt haben wir einen Sieg angestrebt.
leicht war gerade das faLsch.

Viel-

Wir versuchten lediglich, eine entmilita-

risierte Zcne zwischen Nord- und Südvietnam aufrechtzuerhalten.

Und wir

wissen, was heute daraus geworden ist.

Und heute gibt es einen Staat Vietnam.

Er wurde unter Verletzung ei-

nes Vertrages erobert, der in Paris zwischen Nord- und Südvietnam unterzeichnet wurde.

Wir haben Südvietnam verlassen und Nordvietnam überroll-

te es, hat das Land erobert, wie ich sagte, unter Verletzung eines Vertrages.

Aber das gilt für fast alle anderen Orte, die Sie erwähnt haben. Ich
habe jetzt so lange geredet, daß ich die anderen Beispiele vergessen habe), die Sie erwähnten.

FRAGE:

Grenada.

ANTWORT:

Grenada.

Nun, wir hatten dort einige hundert junge ameri-

kanische Medizinstudenten.

Unser Nachrichtendienst fand heraus, daß sie

als potentielle Geiseln tedroht waren, und die Regierung von Grenada bat
um Hilfe, nilitärische Hilfe, nicht nur von den Vereinigten Staaten, sondern von den anderen Ländern des Commonwealth - Inselnationen in der Karibik - von Jamaica, von Dominica und einigen anderen.

Diese haben das

Ersuchen an uns weitergeleitet, weil sie keine Streitkräfte besaßen.

Jawohl, und dann sind wir gelandet.

Und wir fanden Lagerhallen voll

mit Waffen, und sie waren sowjetischer Herkunft. Wir fanden Hunderte von
- 11 -

�Hunderte von Kubanern dort.
die Insel.

Es gab ein kurzes Gefecht.

Wir befreiten

Und nach kurzer Zeit kehrten unsere Truppen nach Hause zu-

rück, nachdem sie unsere Studenten gerettet, nachdem sie die Insel gerettet hatten.

Heute stehen dort keine amerikanischen Truppen mehr. Grena-

da hat eine Demokratie errichtet und regiert sich aufgrund einer Wahl,
die kurz danach von der Bevölkerung abgehalten wurde, und bei der wir
keinerlei Rolle gespielt haben.

Und das ist der Kontrast:

Die sowjetischen Truppen stehen jetzt seit

sechs Jahren in Afghanistan und haben seither ständig gekämpft.

Wir ha-

ben getan, woruri wir gebeten wurden - auf Ersuchen der Regierung von Grenada - und sind wieder nach Hause zurückgekehrt.

FRAGE:

Herr Präsident, bezüglich des ABM-Verträges, der 1972 unter-

zeichnet wurde, so heißt es in Artikel V dieses Vertrages, und ich zitiere, daß "Keine Seite antiballistische Raketenteile oder Systeme, die seegestützt,

luftgestützt,

weltraumgestützt

oder

beweqlich

sind, entwickeln, erproben oder dislozieren wird."

landgestützt

Nun, einige Vertreter

der Administration sagen, der Vertrag laute so, daß er all diese Dinge
erlaube - cie Entwicklung, die Erprobung und die Dislozierung von ABM-Systemen.

Eine

solche

Interpretation

dieses Vertrages

kann sicherlich

nicht dazu beitragen, zu einem Übereinkommen zu gelangen.

Welches

ist der wahre Standpunkt der amerikanischen Administration

bezüglich der Interpretation dieses Vertrages?

Werden sich die Vereinig-

ten Staater; an den Vertrag halten oder nicht?

Die Ergebnisse Ihres Tref-

fens mit Generalsekretär Gorbatschow werden sicherlich zu einem großen
Teil davon abhängen.
ANTWORT:
ges.

Es gibt zwei unterschiedliche Interpretc.tionen des Vertra-

Es gibt einen zusätzlichen Artikel in dem Vertrag, der etwas libe-

raler zu £.ein scheint als Artikel V.

Auf der anderen Seite haben wir

eindeutig zu verstehen gegeben, daß wir uns an eine strikte Auslegung des
Vertrages halten werden.

Was wir auf dem Gebiet der Forschung tun - und

dazu würde Erprobung gehören - liegt im Rahmen des Vertrages.
Was
- 12 -

nun

die

�Was nun die Dislozierung angeht, so gilt, was ich bereits gesagt habe:

Nein.

Wir tun das, was im Rahmen des Vertrages liegt und was die

Sowjetunion schon seit geraumer Zeit tut - die gleiche Art von Forschung
und Entwicklung.

Aber was nun die Dislozierung angeht, so weiß ich nicht, was die Sowjetunion tun würde, wenn oder falls ihre Forschung eine solche Waffe
entwickeln würde, oder wenn sie sie entwickelt.
tun werden, und das habe ich bereits gesagt.

Aber ich weiß, was wir

Wir würden nicht dislozie-

ren - ich habe nicht die Absicht, zu dislozieren - bevor wir uns nicht
mit den anderen Nationen der Welt ;:usammengesetzt haben, und jenen, die
über Nukleerarsenale verfügen, und geprüft haben, ob wir nicht zu einem
Übereinkommen gelangen können, nach dem es eine Dislozierung nur dann
gibt, wenn wir die Kernwaffen abgeschafft haben.

Nun mögen Sie fragen, warum wir die Verteidigung Drauchen, wenn wir
die Kernwaifen abschaffen.

Ich möchte das wiederholen, was ich bereits

gesagt habe. Wir alle wissen, wie die Waffen hergestellt werden, und daß
es möglich ist, daß eines Tages ein Verrückter in der Welt aufstehen
könnte -

wir waren beide Verbündete in einem Krieg, der wegen eines sol-

chen Verrückten entstanden ist - und deshalb wäre es wieder so wie in
Genf nach 3em Ersten Weltkrieg, als die Länder alle zusammentrafen und
erklärten:

Nie mehr Giftgas - aber wir alle behielten die Gasmasken.

Nun diese Waffe wäre, wenn sie entwickelt werden könnte, die Gasmaske von
heute.

Aber wir wollen, daß alle eine besitzen, und die Bedingung, um

sie zu erhalten, und die Bedingung für unsere eigene Dislozierung wäre
die Beseitigung der Offensivwaffen - eine Veränderung zur Aufrechterhaltung von Vertrauen und Frieden unter uns durch den Besitz von Verteidigungssystemen - daß einer den andern mit Kernwaffen vernichten würde.

Wir weiden also diesen Vertrag niemals verletzen, weil, wie ich sagte, wir nicht die Absicht haben, mit einer Dislozierung zu beginnen, wenn
sich eine solche Waffe als praktikabel erweisen sollte.
FRAGE:

Herr Präsident, unsere Zeit ist praktisch abgelaufen, wenn

Sie nicht roch abschließend eine Erklärung abgeben wollen.
ANTWORT:

Nun,

�ANTWORT:

Nun, wir haben nicht alle Fragen behandelt - ich glaube,

ich habe auf zu viele dieser Fragen hier mit langatmigen Antworten die
Zeit hinausgezogen.

Ich weiß, daß Sie noch mehr Fragen haben.

Es tut

mir leid, daß wir keine Zeit mehr dafür haben.

Aber ich möchte nur sagen, daß die Sowjetunion und die Vereinigten
Staaten - ,nun nicht die Sowjetunion, sagen wir, Ruß Luid und die Vereinigten Staaten in zwei Kriegen Verbündeten waren; die Sowjetunion und die
Vereinigten Staaten waren Verbündeten in einem, dem letzten und größten
Krieg, dem Zweiten Weltkrieg.

Amerikaner und Russen starben Seite an

Seite im Kampf gegen den gleichen Gegner.

Amerikaner sind auf sowjetischen Boden beerdigt, und es scheint mir
- und das möchte ich bei diesem Treffen mit dem Generalsekretär zur Sprache bringen - daß die Völker keine Kriege beginnen, sondern Regierungen.
Ich habe hier einen kleinen Ausschnitt, den ich mir dieser Tage aus einem
Artikel abgeschrieben habe, und der Autor dieses Artikels hat eine sehr
große Wahrheit ausgesprochen:
sie bewaffnet sind.

"Nationen mißtrauen einander nicht, weil

Sie bewaffnen sich, weil sie einander mißtrauen."

Nun, ich hoffe, daß wir auf dem Gipfeltreffen vielleicht Mittel und Wege
finden können, daß wir durch Taten und nicht durch Worte, sondern durch
Taten beweisen können, daß es keinen Grund zum Mißtrauen zwischen uns
gibt.

Und dann können wir aufhören, unsere Völker dadurch zu bestrafen,

daß wir unsere Mittel dazu benutzen, diese Waffenarsenale aufzubauen,
statt mehr Dinge für das Wohlergehen der Menschen zu tun.

FRAGE: Wir danken Ihnen sehr, Herr Präsident.
ANTWORT:

Danke schön.

(Ende des formellen Interviews)

Wortlaut des
- 14 -

�Wortlaut des informellen Gesprächs
FRAGE:

Es ist ein Jammer, Sir, daß nicht genug Zeit bleibt, um Ihre

Antworten aif all unsere Fragen zu bekommen.

ANTWORT:

Nun, schon gut.

FRAGE: Wir danken Ihnen, Herr Präsident.

FRAGE:

Herr President, wir körnen leider nicht mehr mit Ihnen über

d;e Geschichte der Fragen sprechen, die wir bereits gestellt haben, weil
wir gelegentlich eine ganz andere Einstellung dazu haben.

Aber wir haben

keine Zeit.
Wie Sie wissen, es gibt eben Unterschiede in dieser Welt.

ANTWORT:

Ich habe auf eine Frac,e gewartet, die es mir erlaubt hätte,

darauf hin-.uweisen, daß im Rahmen der Entspannung, die wir vor einigen
Jahren

hatten, während

die SALT J- und

SALT Il-Verträge

unterzeichnet

wurden, die Sowjetunion ihrem Arsenal über 7000 Gefechi-.sköpfe hinzugefügt
hat.

Und wir haben heute weniger als wir 1969 besaßen.

(sowjetischen Gefechtsköpfe)

Und 3800 dieser

wurden dem Arsenal nach der Unterzeichnung

von SALT 13 hinzugefügt.

FRAGE:

Aber Sie besitzen immer noch mehr Gefechtsköpfe.

ANTWORT:

FRAGE:

Herr Präsident -

ANTWORT;

FRAGE:

Nein, das stimmt nicht.

Nein, das stimmt nicht.

Jawohl, Sie haben an die 12 000.
Sie wissen,

�Sie wissen, daß das ein interessantes Phänomen ist, weil im Jahr 1979
nach sieben Jahren sehr ernsthafter - wie ich sagen möchte - Erforschung
in SALT II Präsident Carter und andere Spezialisten erklärten, daß eine
strategische und militärische Parität bestünde.

Und dann kamen Sie an

die Macht, und Sie sagten, daß es so aussehe, daß die Sowjetunion weit
voraus sei.

Und dann sagten Sie erst kürzlich im September fast das

gleiche, obwohl die Chefs des Gemeinsames Stabes Ihnen mitgeteilt haben,
daß eine Parität besteht. Ist das nicht ein Widerspruch?

ANTWORT:

Nein, wirklich nicht.

Jemand könnte das sagen in dem Sin-

ne, daß wir genug haben für eine Abschreckung, daß wir mit anderen Worten
genug hätten, um es ungemütlich zu inachen, wenn uns jemand angreifen würde.

Aber Ihr Arsenal ist dem unseren zahlenmäßig weit überlegen.

FRAGE:

Manche Leute sagen - die Generäle - Ihre Generäle sagen, daß

sie Ihr Arsenal nicht mit dem unserer Generäle tauschen wollten.

FRAGE:

Ich möchte mit Ihnen auch über diese Geschichten über Puppen

in Afghanistan sprechen. Ich war etwas in Afghanistan - .

DER SPRECHER DES WEISSEN HAUSES:

Vielleicht wird sich wieder einmal

eine Gelegenheit bieten.

FRAGE: Wir hoffen das.
SPEAKES:

Und der Präsident muß jetzt gehen und dem Generalsekretär

durch unsere Presse mitteilen, was er tun wird.

FRAGE:
sicherlich

Wir danken Ihnen sehr Herr Präsident, und wir wünschen Ihnen
Erfolg

und

gute

Ergebnisse

bei

Ihrem

Treffen

mit Herrn

Gorbatschow. Darauf hoffen wir.
ANTWORT:

Ich danke Ihnen.

(Ende des informellen Gesprächs)
SCHRIFTLICHE ANTWORTEN
- 16 -

�SCHRIFTLICHE ANTWORTEN AUF VORAB SCHRIFTLICH EINGEREICHTE FRAGEN

FRAGE 1:

Die bevorstehende Zusammenkunft zwischen Generalsekretär

Gcrbatschow und Ihnen, Herr Präsident, wird aus offenkundigen Gründen als
ein Ereignis von besonderer Bedeutung angesehen.

Beide Seiten haben die

Atsieht bekundet, sich um eine Verbesserung der Beziehungen zwischen unseren beiden Ländern zu bemühen, um die internationale Lage insgesamt zu
verbessern.

Die Sowjetunion hat über einen längeren Zeitraum hinweg eine

gcnze Reihe konkreter Vorschläge vorgelegt und in verschiedenen Bereichen
einseitige Schritte getan, die unmittelbar auf dieses Ziel gerichtet waren. Was werden die Vereinigten Stajten ihrerseits tun?

ANTWORT

Ich stimme der Auffassung, daß meiner Bixjegnung mit Gene-

rclsekretär Gorbatschow besondere Bedeutung zukomme, voll und ganz zu,
urd ich sehe dieser Zusammenkunft persönlich mit großen Interesse entgegen.

Ich hoffe aufrichtig, daß es uns gelingen wird, den Beziehungen

zwischen unseren beiden Ländern eine Wendung in Richtung auf mehr Sicherheit und Stabilität zu geben.

Ich für meinen Teil weede gewiß tun, was

ich kann, uii dies möglich zu machen.

Wir prüfen natürlich

jeden sowjetischen Vorschlag

sorgfältig, und

wenn wir ihn vielversprechend finden, bringen wir dies auch gern zum Ausdruck.

Wenn wir ihn jedoch für einseitig in seinen Auswirkungen halten,

dann erklären wir, was uns zu dieser Auffassung bringt.

Außerdem haben

auch wir konkrete Vorschläge gemacht - und zwar Dutzende -, die ebenfalls
jeden Aspekt unserer Beziehungen erfassen, von der Beseitigung der chemischen Waffen und der Lösung regionaler Konflikte bis hin zur Erweiterung
von Kontakten und wechselseitigen Begegnungen, und wir hoffen, daß diesen
Vorschlägen die gleiche Sorgfalt und Aufmerksamkeit zuteil wird, die wir
denen der Sowjetunion zollen.

Ich möchte Ihnen einige Beispiele nennen.

Eine Sache, die in den

vergangenen Jahren enorme Spannungen in den amerikanisc:h-sowjetischen Beziehungen hervorgerufen hat, waren Versuche, Probleme überall auf der
- 17 -

�auf der Welt mittels Waffengewalt zu lösen.

Der Gebrauch von Waffenge-

walt, ob in Afghanistan, Kambodscha oder Afrika, hat uns weder dem Frieden noch einer Lösung der vor Ort bestehenden Probleme näher gebracht,
sondern die Menschen dieser Regionen nur in weiteres Leid gestürzt.

Dies

ist außerdem gefährlich, und wir müssen daher einen Weg finden, Versuchen, Probleme gewaltsam zu lösen, Einhalt zu gebieten.

Ich habe deshalb vorgeschlagen, daß unsere beiden Staaten die an diesen Konflikten beteiligten Parteien dazu anhalten sollten, die Waffen
niederzulegen und über Lösungen zu verhandeln; ferner, daß, falls diese
Parteien hisrzu bereit wären, unsere beiden Staaten eine Möglichkeit finden sollten, sich auf die Unterstützung einer friedlichen Regelung zu einigen, und daß sie den kämpfenden Parteien keine Militärhilfe gewähren
sollten.

Und falls tatsächlich Friede hergestellt werden könnte, würden

die Vereinigten Staaten im Rahmen einer internationalen Bemühung um die
Wiederherstellung vom Kriege zerrütterter Volkswirtschaften einen großzügigen Beitrag leisten - genau wie nach dem Zweiten Weltkrieg, als wir zum
Wiederaufbai befreundeter Länder wie auch vormaliger Feindstaaten gleichermaßen beigetragen haben, und darüber hinaus in zahllosen anderen Fällen.

Unsere beiden Regierungen stimmen darin überein, daß unsere Kernwaffenarsenale viel zu groß sind.
stungsabbau.

Wir wünschen beide einen radikalen Rü-

Die Vereinigten Staaten haben im Hinblick auf einen solchen

Abbau konkiete Vorschläge unterbreitet:

die Zahl der Gefechtsköpfe auf

ballistischen Raketen auf 5 000 für jede Seite zu senken und eine ganze
Waffenkategorie, nämlich die der Mittelstreckenraketen, überhaupt aus unseren Arsenalen zu streichen.

Diese Vorschläge beruhen nicht auf dem

Grundsatz ^on "Entweder - Oder".

Wir sind zu Verhandlungen bereit, da

wir wissen, daß Verhandlungen notwendig sind, wenn wir eine Lösung herbeiführen wollen, die dafür sorgt, daß keine Seite sich bedroht fühlt.
Wir sind dazu bereit, unsere Trümpfe aus der Hand zu geben, wenn Sie das
gleiche tun.

Worauf es ankommt, ist, die Verminderung dieser schreckli-

chen Waffen in einer Weise in Angriff zu nehmen, die beiden Seiten ein
Gefühl der Sicherheit verschafft, und dann diesen Prozeß fortzuführen,
bis wir diese Waffen völlig abgeschafft haben.
Die Ereignisse
- 18 -

�Die Ereignisse der letzten 10 - 15 Jahre haben das Mißtrauen zwischen
unseren beiden Staaten erheblich vertieft. Wenn wir die Grundprobleme in
unseren Beziehungen lösen wollen, dann müssen wir etwas unternehmen, um
das Vertrauen im Umgang miteinander wiederherzustellen.

Dies erfordert

bessere Kommunikation, vermehrte Kontakte und erhöhte Aufmerksamkeit, um
sicherzustellen, daß beide Parteien die bereits erzielten Abkommen erfüllen.

Deshalb haben wir sage und schreibe 40 bis 50 Vorschläge gemacht,

um unsere Arbeitsbeziehungen zu verbessern, die Kommunikation auszubauen
und Vertrauen zu schaffen.

Beispielsweise haben wir ein Abkommen über

Zusammenarbeit bei der friedlichen Nutzung des Weltraums vorgeschlagen.
Das gemeinsame Apollo-SojJs-Unternehmen aus dem Jahre 1975 war ein großer
Erfolg, und wir sollten versuchen, diese Art der Zusammenarbeit zu erneuern.

Wir haben auch mehrere Vorschläge im Hinblick auf mehr direkte Kon-

takte zwischen unseren Militärs unterbreitet.

Wenn sie mehr miteinander

sprächen, dann könnten sie vielleicht feststellen, daß zumindest einige
ihrer Befürchtungen unbegründet sind.

Vor all^m aber sollte es mehr Kontakte zwischen den einfachen Bürgern
beider

Länder geben, insbesondere zwischen unseren »Jugendlichen, denn

schließlich gehört ihnen die Zukunft.

Ich möchte, daß wir jedes Jahr

Tausende von Schülern und Studenten in das Land des anderen schicken, damit sie einander kennenlernen, voneinander lernen und vor allem begreifen, daß wir ungeachtet unserer unterschiedlichen Weltanschauungen miteinander in Frieden leben können und müssen.

Es liegt auf der Hand, daß wir nicht in der Lage sein werden, bei einer einzigen Begegnung all die zwischen uns bestehenden Gegensätze zu lösen, aber wir möchten einige konkrete Schritte vorwärts tun.

Vor allem

hoffe ich, daß unsere Zusammenkunft einen echten Prozeß der Problemlösung
in Gang bringen wird und daß wir uns auf einen Weg einigen können, der
uns in eine Welt führen wird, die für alle sicherer ist - und zu wachsender Zusammenarbeit zwischen unseren beiden Staaten.

FRAGE 2:

Die Sowjetunion tritt für friedliche Koexistenz zwischen

Ländern mi: unterschiedlichen Gesellschaftssystemen ein, also auch mit
- 19 -

�auch mit den Vereinigten Staaten.

In einigen Ihrer Erklärungen haben sie

argumentiert, daß es ungeachtet der Unterschiede zwischen unseren Ländern
notwendig sei, eine militärische Konfrontation zu vermeiden. Mit anderen
Worten, wir müssen lernen, in Frieden zu leben.

Beide Seiten erkennen

also die Tatsache an, daß die Frage der Rüstungsbegrenzung und -Verminderung bestimmend für unsere Beziehungen ist und bleiben wird.
sondere Verantwortung

der Vereinigten

Die be-

Staaten und der UdSSR für das

Schicksal d?r Welt ist eine objektive Tatsache. Was läßt sich nach Ihrer
Meinung bei ihrer Begegnung mit Gorbatschow im Bereich der Sicherheit erreichen?

ANTWORT:

Nun, zunächst einmal würde ich sagen, daß wi: glauben, daß

alle Staaten miteinander in Frieder, leben sollten, ganz gleich, ob sie
gleiche oder unterschiedliche Gesellschaftssysteme haben.

Selbst wenn

gleichartige Gesellschaftssysteme bestehen, sollte dies keinem Land das
Recht geben, gegen ein anderes Gewalt anzuwenden.

Aber Sie haben völlig recht, wenn Sie sagen, daß wir lernen müssen,
in Frieden zu leben.

Wie ich schon oft erklärt habe, ist ein Atomkrieg

nicht zu gewinnen und darf niemals geführt werden.

Dies wiederum bedeu-

tet, daß unsere Länder keine Art von Krieg führen dürfen.

Sie haben weiterhin recht, wenn Sie sagen, daß unsere Staaten eine
besondere Verantwortung für die Welt tragen.

Dies ist nicht nur deshalb

so, weil wir enorme Kernwaffenarsenale besitzen, sondern auch, weil wir
Großmächte sind und unser Beispiel und unsere Handlungen all die anderen
um uns herum berühren, ob uns dies gefällt oder nicht.
In unseren Beziehungen geht es nicht nur darum, neue Abkommen auszuhandeln, sondern auch darum, geschlossene Abkommen zu erfüllen.

Ihr Land

beschuldigt uns oft der Einmischung in "innere" Angelegenheiten in Fragen
wie z.B. der der Menschenrechte, aber genau das ist ein entscheidender
Punkt.

Vor zehn Jahren haben wir beide die Schlußakte von Helsinki un-

terzeichnet

und

uns

bestimmten Verhaltensmaßregeln

unterworfen.

Wir

selbst halten uns an unsere Verpflichtungen und erwarten das auch von an- 20 -

�von anderen.

Darüber hinaus berühren die sowjetisch-amerikanischen Be-

ziehungen auch regionale Konflikte, die politischen Beziehungen zwischen
unseren Freunden und Verbündeten und viele andere Gebiete.

Die Tatsache, daß unsere Länder über die größten und zerstörerischsten Kernwaffenarsenale verfügen, verpflichtet uns nicht nur dazu, sicherzustellen, daß sie nie zum Einsatz kommen, sondern ajch dazu, die
Welt auf den Weg zur Beseitigung dieser furchtbaren Waffen zu führen.

Ich meine, daß meine Begegnung mit Generalsekretär Gorbatschow uns
auf den Weg zu dem Ziel bringen kann, das sich unsere Länder gesetzt haben:

radikale Verminderung der Kernwaffen und Schritte ir Richtung auf

ihre völlige Beseitigung.

Wir können dies tun, indem wir konkrete Mittel

und Wege zur Überwindung von Hindernissen im Verhandlungsprozeß finden
und dadurch unseren Unterhändlern einen wirklichen Anstoß geben.

Wir

werden uns natürlich auch mit anderen Problemen auseinandersetzen müssen,
weil es sehr schwierig sein dürfte, bei der Rüstungskontrolle große Fortschritte zu machen, wenn es uns nicht außerdem gelingt, Spannungen abzubauen, den Gebrauch and die Androhung von Gewalt einzudämmen und Vertrauen in unsere Fähigkeit zum konstruktiven Umgang miteinander aufzubauen.

FRAGE 3:

Es ist: allgemein bekannt, daß die Vereinigten Staaten und

die Sowjetunion sich im Januar dieses Jahres in Genf dahingehend verständigt haben, daß die Verhütung eines Rüstungswettlaufs im Weltraum bei der
neuen Verhandlungsrunde an der Spitze der Dringlichkeitsliste stehen müsse.

Heute versucht jedoch die amerikanische Delegation in Genf, die Ge-

spräche auf eine Erörterung der Frage der Kernwaffen zu begrenzen, und
ist nicht geneigt, über die Verhütung eines Rüstungswettlaufs im Weltraum
zu reden,

/tfie sollen wir diese amerikanische Position verstehen?

ANTWORT:
richtig.

Ihre Beschreibung der Übereinkunft vom Januar ist nicht

Tatsächlich kamen unsere Außenminister überein, "wirksame Ab-

kommen aus2uarboiten, um einen Rüstungswettlauf im Weltraum zu verhüten
und ihn au)' der Erde zu beenden, um die Kernwaffen zu begrenzen und zu
vormindern und um die strategische Stabilität zu festigen".
- 21 -

Weiterhin

�festigen".

Weiterhin kamen sie überein, daß "Gegenstand der Verhandlun-

gen ein Komplex von Fragen bezüglich der Weltraum- und Kernwaffen - strategischer und mittlerer Reichweite - sein wird, wobei all diese Fragen in
ihrem wechselseitigen Zusammenhang erörtert und gelöst werden sollen".

Da in Ihrer Frage ein falsches Verständnis der Position der Vereinigten Staaten zum Ausdruck kommt, möchte ich Ihnen diese nochmals verdeutlichen:

Erstens glauben wir, daß die badrohlichsten Waffen, denen sich die
Menschheit heute gegenübarsieht, die nuklearen Massenvernichtungswaffen
sind.

Es handelt sich dabei um Offensivwaffen, und es gibt sie bereits,

und zwar in einer Anzahl, die viel zu hoch ist. Unsere dringlichste Aufgabe besteht daher darin, mit ihrer radikalen Verminderung zu beginnen
und die Bedingungen zu schaffen, die ihre schließliche Beseitigung ermöglichen.

De: die meisten dieser Waffen auf dem Weg zu ihren Zielen den

Weltraum durchqueren, ist ihre Verminderung im Sinne der Verhütung eines
Rüstungswettlaufs im Weltraum genauso wichtig wie im Sinne der Beendigung
des Wettrüstens auf der Erde.

Wie ich schon bemerkte, haben wir zu diesem Zweck konkrete und präzise Vorschläge gemacht.

Ihre Regierung hat vor kurzem endlich einige Ge-

genvorschläge vorgelegt, und wir werden sie im Geiste echter Kompromißbereitschaft beantworten und uns bemühen, praktische Lösungen anzustreben,
die für beide Länder tragbar sind.
Zweitens glauben wir, daß ein enger Zusammenhang zwischen Offenstund Defensivsystemen besteht und daß diese Fragen daher gemäß der Übereinkunft unserer Außenminister auch als zusammenhängend behandelt werden
sollten.

Unsere Vorschläge stimmen mit dieser Sichtweise vollständig

überein.

In diesem Augenblick streben wir mit den sowjetischen Unter-

händlern ir Genf eine gründliche Erörterung der Frage an, wie sich ein
Gleichgewicht von Offensiv- und Defensivsystemen herstellen ließe und wie
- falls Wissenschaftler in der Zukunft wirksame Abwehrmittel zu entwikkeln vermöchten - wir beide sie nutzen könnten, um unsere Länder und Ver- 22 -

�und Verbündeten zu schützen, ohne den anderen zu bedrohen.

Und falls es

uns jemals gelingen sollto, die Kernwaffen zu beseitigen, dann werden die
Staaten dennoch eine Abwehrmöglichkeit gegen sie brauchen, nämlich für
den Fall, daß irgendein Verrückter einige in die Hand bekommt und versucht, andere Staaten zu erpressen.

Im einzelnen haben wir vorgeschlagen:

- Bei den strategischen Kernwaffen eine Verminderung der Anzahl der Gefechtsköpfe auf ballistischen Raketen auf 5000 für jede Seite.

Dies

wäre eine äußerst drastische Senkung des Rüstungsniveaus, und zwar in
einer Weise, die die strategische Stabilität erhebLich festigen würde.

Wir haben außerdem Verhandlungen über eine strikte Begrenzung

anderer Waffenarten angeboten.

Da die Streitkräftestruktur beider

Seiten unterschiedlic l ist und da die Sowjetunion sicn darüber beschwert hat, daß sie ihre Streitkräfte umstrukturieren müsse, haben
wir angeboten, Abkommen anzustreben, die einen Ausglsich zwischen
diesen unterschiedlichen

Bereichen

amerikanischer

und

sowjetischer

Stärke schaffen würden.

- Im Hinblick auf die nuklearen Mittelstreckenwaffen glauben wir, daß
es am besten wäre, c'iiese gesamte Waffenkategorie zu beseitigen, zu
der die 441 von der Sowjetunion aufgestellten SS 20-Raketen und unsere Pershing II und landgestützten Marschflugkörper gehören.

Für den

Fall, daß dies nicht sofort akzeptabel ist, haben wir außerdem ein
Interimsabkommen angeboten, das auf dem niedrigstmöglichen Niveau eine gleich hohe Anzahl von Gefechtsköpfen auf den amerikanischen und
sowjetischen Raketen dieser Kategorie vorsehen würde.

- Im Weltraum- und Defensivwaffenbereich sind wir bestrebt, mit den sowjetischen Unterhändlern die Möglichkeit zu erörtern, daß neue Technologien es beiden Seiten erlauben könnten, den Übergang zu einem
Konzept zu vollziehen, in dem Defensivwaffen eine größere Rolle spielen, d.h., in dem Sicherheit nicht mehr auf nuklearen Offensivwaffen
beruht.
Um bezüglich

�Um bezüglich unseres Forschungsprogramms im Bereich neuer Defensivsysteme - das in voller Übereinstimmung mit dem ABM-Vertrag durchgeführt
wird

- Mißverständnisse auszuschließen, habe

Forschungsprogramms

für

die

Strategische

ich den Direktor unseres

Verteidigung

nach

schickt, um die sowjetischen Unterhändler ins Bild zu setzen.

Genf geLeider ha-

ben wir keinen vergleichbaren Überblick über Ihre Forschungsarbeiten auf
diesem Gebiet erhalten, obwohl wir wissen, daß diese seit langem laufen
und recht umfangreich sind.

Es fällt mir, offen gestanden, schwer zu verstehen, warum einige Leute unsere Position mißverstehen und mißdeuten.

Die Forschungsarbeiten

für die strategische Verteidigung, die wir in den Vereinigten Staaten
durchführen, bewegen sich in genau den gleichen Bereichen, wie die Forschungsarbeiten, die in der Sowjetunion laufen.
schiede:

Es gibt nur zwei Unter-

Erstens führt die Sowjetunion in vielen dieser Bereiche schon

länger als wir solche Arbeiten durch und liegt daher in einigen davon
vorn.

Zwe tens wird unser Programm offen diskutiert, da unser politi-

sches System eine offene Debatte verlangt, bevor Entscheidungen getroffen
werden.

Diese Unterschiede in der politischen Entscheidungsfindung soll-

ten jedoch nicht zu irrigen Schlußfolgerungen verleiren.

Beide Seiten

führen ähnliche Forschungsarbeiten durch, und daran ist auch nichts auszusetzen .

Diese Tatsache macht es uns je3och schwer, zu verstehen, warum man
uns aller möglichen aggressiven Absichten beschuldigt., wenn wir nichts
anderes tun als Sie auch.

Uns erscheint es wichtig, diese Fragen frei-

mütig zu erörtern.

Kurzum:

Was wir anstreben, ist ein ausgewogenes, faires und verifi-

zierbares /abkommen - oder auch eine Reihe von Abkommen -, das uns in die
Lage versetzt, das durchzuführen, worauf wir uns im Januar in Genf geeinigt hatten:

Das Wettrüsten auf der Erde beenden und ein Wettrüsten im

Weltraum verhindern.

Die Vereinigten Staaten haben keine "gezinkten Kar-

ten" im Ärnel, und wir v/ollen die Sowjetunion bestimnt nicht in irgendeiner Weise bedrohen.

Offen gesagt, wenn die Sowjetunion eine vergleich- 24 -

�eine vergleichbare Haltung einnähme, dann könnten wir sehr rasch Fortschritte in Richtung auf ein Abkommen erzielen.

FRAGE 4:

Herr Präsident, Vertreter Ihrer Regierung behaupten, daß

die Vereinigten Staaten im Rahmen ihrer internationalen Beziehungen für
die Kräfte der Demokratie eintreten.

Wie vereinbaren sich solche Erklä-

rungen mit dem tatsächlichen Verhalten der Vereinigten Staaten?

Wenn man

ein beliebiges Beispiel aus dem Zeitgeschehen herausgreift, dann gewinnt
man eher den Eindruck, da3 immer dann, wenn ein Land von seinem Recht auf
unabhängige Entwicklung Gebrauch machen will - sei es im Nahen Osten, im
südlichen Afrika, in Mittelamerika o3er in Asien -, vor allen anderen die
Vereinigten Staaten jene unterstützen, die sich gegen die Volksmehrheit
und eine rechtmäßige Regierung stemmen.

ANTWORT:

Ihre Behauptungen über das Verhalten der Vereinigten Staa-

ten entbehren jeglicher Grundlage.

Wenn man Ihre Frag? hört, könnte man

meinen, daß die Vereinigten Staaten in einen Krieg in irgendeinem anderen
Land verwickelt seien und sich dabei in Gegensatz zu (. iner Volksmehrheit
gebracht hätten, die Selbstbestimmung wünscht.
chern, daß dies nicht der Fall ist.

Ich kann Ihnen versi-

Wie alle Amerikaner bin ich stolz

darauf, da£ nirgendwo auf der Welt auch nur ein einziger amerikanischer
Soldat im Kampfeinsatz steht. Wenn alle Länder dies von sich sagen könnten, dann Lebten wir wahrhaft in einer Welt mit weniger Spannungen und
Gefahren.

Ja, die Demokratie liegt uns sehr am Herzen.

Sie bildet die Grundla-

ge unseres politischen Systems und unserer gesamten Weltanschauung.

Im

Gegensatz r.u vielen anderen Staaten wurde unsere Nation nicht auf der
Grundlage einer bestimmten ethnischen Gruppe oder Kultur errichtet, sondern auf dar Grundlage des demokratischen Ideals.

So glauben wir zum

Beispiel, daß Regierungen nur dann rechtmäßig sein können, wenn sie vom
Volk eingesatzt sind, und daß sie dem Volk unterworfen sind, das in freien Wahlen diejenigen bestimmt, von denen es regiert wird.

Demokratie be-

deutet jedcch noch mehr als Wahlen, bei denen alle kandidieren können,
die dies wünschen.

Nach unserer Überzeugung gibt es viele Dinge, die so- 25 -

�die sogar eine ordnungsgemäß gewählte Regierung nicht tun darf.

Keine

amerikanische Regierung kann die Freiheit der Rede oder der Religion einschränken, und keine amerikanische Regierung kann den Menschen ihres Landes vorschreiben, wo sie wohnen müssen oder ob sie das Land verlassen
dürfen oder nicht. Diese und die übrigen in unserer Verfassung enthaltenen Freiheiten des einzelnen bilden das kostbarste Geschenk, das unsere
Vorfahren uns hinterlassen haben, und wir werden diese Freiheiten verteidigen, solange wir als Nation bestehen.

Das bedeutet jedoch nicht, daß wir uns für vollkommen halten.
sind wir natürlich nicht.

Das

Wir haben über 200 Jahre damit verbracht, zu

versuchen, gemäß unseren Idealen zu leben und Fehler .n unserer Gesellschaft zu beheben, und das versuchen wir immer noch.

Eies alles bedeutet

auch nicht, daß wir meinen, das Recht zu haben, unser System anderen aufzunötigen.

Das ist nicht so, denn wir glauben, daß jede Nation das Recht

haben sollte, über ihre eigene Lebensform zu bestimmen.

Wenn wir jedoch

sehen, daß andere Nationen von äußeren Mächten bedroht werden, die ihre
Freiheiten zerstören und ihnen die Herrschaft einer M.nderheit mit Waffengewalt aufzwingen wollen, dann werden wir ihnen, wo immer wir können,
helfen, sich dem zu widersetzen.

Wir würden unseren demokratischen Idea-

len nicht gerecht, wenn wir dies nicht täten.

Mit Gewalt reagieren wir nur, wenn sie das äußerste Mittel ist und
wenn wir aier

unsere Verbündeten zu Opfern von Aggression werden.

Im

Zweiten Weltkrieg beispielsweise haben wir uns energisch und in vollem
Umfang an dem erfolgreichen Kampf gegen das Hitlerreg:.me beteiligt, obwohl die Nazis nicht in unser eigenes Land eingedrungen sind.

Wir erin-

nern uns imner noch unseres Bündnisses aus Kriegszeiten und auch des Heldentums, das die Völker der Sowjetunion in jenem Kampf an den Tag gelegt
haben.

Wir erinnern uns auch, daß wir die Tatsache, daß wir eine der

Siegermächte waren, nicht dazu benutzt haben, Territorium zu vereinnahmen
oder zu versuchen, andere zu beherrschen.

Vielmehr haben wir geholfen,

die verwüsteten Länder wiederaufzubauen - und zwar gleichermaßen die Länder unserer Freunde und unserer vormaligen Feinde - und die Demokratie
dort voranzubringen, wo zuvor der Totalitarismus geherrscht hatte. Pro- 26 -

�hatte.

Profitieren wir nicht alle davon, daß Japan und die Bundesrepu-

blik Deutschland heute blühende Demokratien und starke Pfeiler einer stabilen und hijmanen Weltordnung sind?

Nun, das Hauptverdienst hieran kommt

dem deutsch?n und dem japanischen Volk zu, aber wir glauben, daß wir geholfen haben, den Gang der Dinge in diese Richtung zu lenken.

In den Gebieten, die Sie erwähnt haben, sind Trends zu verzeichnen,
von denen \\ir uns ermutigt fühlen, obwohl immer noch viele Unruhegebiete
bleiben.

V\as das südliche Afrika anbelangt, so ist Angola vom Bürger-

krieg zerrissen, abec wir haben beschlossen, keiner Seite Waffen zu liefern und aif eine friedliche Regelung zu dringen.

Was die Republik Süd-

afrika angeht, so ist das System der Apartheid allen Amerikanern ein
Greuel, aber auch hier streben wir eine friedliche Lösung an, und seit
vielen Jahrsn weigern wir uns, der Regierung Südafrikas Waffen oder Polizeiausrüstuig zu liefern.

In Lateinamerika sind beim Übergang von auto-

ritären zu demokratischen Gesellschaftssystemen

große Foitschritte er-

zielt worden, so daß es heute auf jenem Kontinent nur noch vier Staaten
gibt, die keine demokratisch gewählten Regierungen haben.

Seit 1979 ha-

ben sieben lateinamerikanische Staaten beim Übergang /on autoritären zu
demokratischen Systemen große Fortschritte gemacht. Wir sind seit Jahren
einer der nachdrücklichsten Fürsprecher der Entkolonialisierung, und wir
haben unseren Einfluß bei unseren engsten Freunden und Verbündeten geltend gemacht, um diesen Prozeß voranzutreiben.

Der nahezu abgeschlossene

Piozeß der Entkolonialisierung erfüllt uns mit Befriedigung, und wir sind
stolz auf die Rolle, die wir dabei gespielt haben.

Ich möchte betonen, daß unser Ziel darin besteht, den Demokratisierungsprozeß mit friedlichen Mitteln zu fördern. Nicht nur die amerikanische Regierung, sondern das amerikanische Volk insgesamt unterstützt diesen Prozeß mit Wort und Tat.
Die amerikanische Gesellschaft ist schon seit langer Zeit durch ihren
Geist des Freiwilligen Engagements und durch ihr Mitgefühl für die weniger Glücklichen gekennzeichnet.

Was unser eigenes Land angeht, so sind

w.r stolz auf unsere Leistungen bei der Unterstützung jener, die nicht
- 27 -

�die nicht selbst für sich sorgen können. Es ist nicht einfach die Regierung, sondern vielmehr das amerikanische Volk selbst, das durch eine
Vielzahl von freiwilligen Organisationen den in Not Befindlichen Hilfe
leistet, d.h., den Opfern von Überschwemmungen und Brandkatastrophen wie
auch den ALten, Kranken und Behinderten.

Wenn es darum geht, anderen

Völkern zu geben, dann sind die Amerikaner nicht weniger großzügig.

Ich

erinnere an die Arbeit Herbert Hcovers bei der Organisation der ameiikanischen Hilfsanstrengungen zur Ernährung der Opfer der Hungersnot in der
Sowjetunion von 1920.

Solche Anstrengungen machen wir bis. zum heutigen

Tage, seier es Lebensmittel für die Opfer der Hungersnot in Äthiopien
oder Lebensnittel für die Opfer von Erdbeben in Mexiko.

FRAGE

5:

Die

Schritte getan.

Sowjetunion

hat

einseitig

eine

Reihe

bedeutsamer

Sie hat gelobt, nicht als erste Kernwaffen einzusetzen.

Sie hat ein Moratorium für jede Art von Nukleartests ausgesprochen.

Sie

hat die Aufstellung von Mittelstreckenraketen im europäischen Teil ihres
Hoheitsgebists gestoppt und die Zahl dieser Raketen sogcir verringert.
Warum haben die Vereinigten Staaten nichts Vergleichbares getan?

ANTWORT:

Tatsächlich haben wir häufig Schritte unternommen, um Span-

nungen abzubauen und unseren guten Willen zu zeigen, aber vir haben selten eine Gegenleistung bekommen.

Unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg,

als wir das einzige Land waren, das Kernwaffen besaß, haben wir vorgeschlagen, sie allesamt einer internationalen Behörde zu überantworter, so
daß keinem einzelnen Land ein derartiges Vernichtungspotential zur Verfügung stünde. Welch ein Jammer, daß diese Idee nicht akzeptiert wurde.

Wir haben unser Nuklearmonopol nicht nur nicht gegen andere genutzt,
sondern auch unsere

friedlichen Absichten bekundet, indem wir unsere

Streitkräfte mit außerordentlicher Geschwindigkeit demobilisiert haben.
Bei Kriegsende im Jahre 1945 hatten wir 12 Millionen Mann unter Waffen.
Anfang 194B hatten wir unsere Streitkräfte auf ein Zehntel dieser Zahl
verringert, d.h., auf 1,2 Millionen Mann.

Seit den sechziger Jahren ha-

ben wir unser Kernwaffenarsenal einseitig abgebaut.

Wir besitzen heute

wesentlich weniger Waffen als im Jahre 1969 und nur ein Drittel des Vernichtung spctentials von damals.
Die Vereinigten

�Die Vereinigten Staaten und die NATO-Verbündeten haben wiederholt zu
verstehen gegeben, daß sie ihre konventionellen wie auch ihre nuklearen
Waffen niemals gebrauchen werden, es sei denn, wir werden angegriffen.

Ich möchte etwas hinzufügen, was in der Sowjetunion vielleicht nicht
allgemein bekannt ist.

In Übereinstimmung mit den NATO-Partnern haben

die Vereinigten Staaten seit 1979 aus Europa weit über 1000 Nukleargefechtsköpfe abgezogen.

Wenn alle unserer diesbezüglichen Vorhaben ab-

geschlossen sind, wird sich die Gesamtzahl der abgezogenen Gefechtsköpfe
auf mehr als 2400 belaufen.

D.h., für jede Mittelstreckenrakete, die wir

aufzustelle! beabsichtigen, werden wir dann fünf andere NukLearwaffen abgezogen haben.

Dies; wird unsere NJklearstreitkräfte in Europa auf den

niedrigsten Stand seit rund 20 Jahren bringen.

Eine vergleichbare Zu-

rückhaltung seitens der Sowjetunion war bisher nicht zu verzeichnen.

Wenn die Sowjetunion heute ihre Mittelstreckenraketen in Europa verringert, sc» ist dies ein längst überfälliger Schritt.

Die Sowjetunion

hat zum gegenwärtigen Zeitpunkt 441 Raketen des Typs SS-20 in Stellung,
jede davon mit drei Gefechtsköpfen, was insgesamt 1323 Gefechtsköpfe ergibt.

Ich muß Sie nicht daran erinnern, daß diese sowjetischen Waffen-

stationierungen zu einem Zeitpunkt begannen, als die NATO in Europa 1-eine
vergleichbaren Systeme besaß. Wir versuchten zunächst, diese Systeme auf
dem Verhandlungswege

zu beseitigen, aber da kein Abkommen zu erzielen

war, ging cie NATO zu einer begrenzten Reaktion über, die nun Schritt für
Schritt abgewickelt tfird. Heute besitzt die Sowjetunion bei Gefechtr.köpfen auf bereits aufgestellten Raketen einen Vorsprung von 7:1.
Position bleibt so, wie sie schon immer war:

Unsere

Es wäre besser, all diese

Raketenarten auf dem Verhandlungswege zu beseitigen.

Aber selbst dann,

wenn unsere Hoffnungen auf ein Abkommen enttäuscht würden und die NATO
ihre eigenen Rüstungspläne in vollem Umfang durchführen müßte, würde dies
lediglich zur Aufstellung von maximal 572 Raketen mit Einzelgefechtskopf
führen.

Darüber hinaus ließ Präsident Carter im Jahre 1978 die Programme für
die Neutronenwaffe und den B-l-Bomber einstellen, ohne daß die Sowjet- 29 -

�die Sowjetunion sich zu einem entsprechenden Schritt bereit gefunden hätte.

Auf die Frage, welche RüstungsVerminderungen die Sowjetunion im Ge-

genzug vornehmen würde, erwiderte einer Ihrer Regierungsvertreter sogar:
"Wir sind keine Philanthropen."

In den Jahren 1977 und 1978 versuchten

die Vereinigten Staaten außerdem, auf dem Verhandlungswege ein Verbot der
Entwicklung

von Antisatollitenwaf fen

herbeizuführen.

Die

Sowjetunion

lehnte ein solches Verbot ab und betrieb die Entwicklung und Erprobung
einer Antisatellitenwaffe weiter.

Nachdem die Sowjetunion nun ein ein-

Sc.tzfähiges Antisatellitensystem aufgebaut hat, schlägt sie heute einen
"Küstungsstop" vor, bevor die Vereinigten Staaten ihr eigenes System erproben könren.

Diese Art von "Rüstungsstop" erscheint uns aus nahelie-

genden Gründen nicht sehr fair, und wenn die RollenverteiLung umgekehrt
wäre, würde Ihnen das auch nicht sehe fair vorkommen.

Die zwischen unseren beiden Staaten anstehenden Fragen sind derart
wichtig, dcß die Standpunkte jeder der beiden Regierungen den Menschen
beider Länder korrekt dargelegt werden sollten. Hierbei kommt den Medien
beider Ländar eine bedeutsame Rolle zu. Wir sollten nicht versuchen, gegeneinander "Punkte zu vorbuchen".

Und die Medien sollten unsere Stand-

punkte nicht verzerrt wiedergeben. Wir sind entschlossen, jeden sowjetischen Vorschlag sorgfältig zu prüfen und nach Möglichkeit Gerneinsamkeiten
zu finden.

Es ist wichtig, daß die sowjetische Regierung das gleiche im

Hinblick auf unsere Vorschläge tut.

Worauf es ankommt, ist, daß wir uns beide ernsthaft mit den Vorschlägen der Gegenseite auseinandersetzen und uns ehrlich bemühen, unsere? Gegensätze in einer Weise zu überbrücken, die den Interessen beider Länder
und denen der ganzen Welt dient.

Genau in diesem Geiste werde ich in

meine Begegnung mit Generalsekretär Gorbatschow hineingehen.

* * * * *

- 30 -

�13. November 1985

45

REAGAN NOMINIERT NEUEN US-GESUNDHEITSMINISTER

WASHINGTON - (AD) - Präsident Ronald Reagan hat am 7. November 1985
den früheren Gouverneur des amerikanischen Bundesstaates Indiana, Otis
Bowen, zum neuen Minister für Gesundheit und Sozialdienste nominiert.
Bowen tritt die Nachfolge von Margaret Heckler an, die im vorigen Monat
zur Botschafter in der Vereinigten Staaten in Irland ernannt worden war.
Die Ernennung von Bowen bedarf noch der Bestätigung durch den amerikanischen Senat.

Otis Bowen wurde am 26. Februar 1918 in Richland Center im Staate Indiana geboren.

Er besuchte die Indiana University in Bloomington bis

1939 und legte dann an der dortigen Medizinischen Fakultät im Jahr 1942
sein Staatsexamen ab.

Als Kleinstadtarzt begann Bowen seine Karriere.

Bis zu seiner Beru-

fung nach Washington war er Professor für Familienmedizin und Direktor
des Instituts für Familienberatung an der Universität, an der er studierte.

Bowen hat in zahlreichen Veröffentlichungen zu medizinischen Fragen

Postfach 20 03 00 Tel.:0228-339 2035
D 5300 Bonn 2
Telex: 8-85432

�medizinischen Fragen Stellung genommen und ist für seine Beiträge auf dem
Gebiet der öffentlichen Gesundheit mehrfach ausgezeichnet worden.

Der Politik wandte sich Bowen in den fünfziger Jahren zu und wurde
1957 als Abgeordneter in das Repräsentantenhaus von Indiana gewählt, wo
er von 1967 bis 1972 das Amt des Sitzungspräsidenten innehatte. Von 1973
bis 1981 war er Gouverneur des Staates Indiana.

Daneben war er in zahl-

reichen Kommissionen und Ausschüssen auf Bundesebene tätig, darunter im
Beirat für die Sozialversicherung, dem Präsidialausschuß für Wissenschaft
und Technologie und dem Präsidialausschuß für Föderalismus.

Bei der Nöminierung erklärte Präsident Reagan vor der Presse, er habe
Bowen ausgewählt, weil "er alle Qualifikationen im Übermaß hat."

* * * * *

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&lt;o

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dienet

U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

%rION ^

45

5300 Bonn 2

13. November 1991

USA-EUROPA

BUSH: WESTEN MUSS LETZTES KAPITEL
DES KALTEN KRIEGS SCHREIBEN
Rede des Präsidenten in Den Haag

NATO-GIPFEL

BUSH: NATO-STREITKRAFTE SOLLTEN
"SCHLAGKRÄFTIG, AGIL, UNERREICHT" SEIN
Rede des Präsidenten beim NATO-Gipfel in Rom

KSE

KSE-VERTRAG EIN MEILENSTEIN DER
SICHERHEITSVERHANDLUNGEN
Bartholomew vor dem Streitkräfteausschuß

WAHLEN IN DEN USA

DIE WAHLEN VOM 5. NOVEMBER 1991
Amerikanische Pressestimmen

ERWACHSENENBILDUNG

DAS NEUE GESICHT AMERIKANISCHER
UNIVERSITÄTEN
von Carol B. Aslanian

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.:0228-339 2372
Telex: 8-85432

�USA - E U R O P A
13. November 1991

BUSH: WESTEN MUSS LETZTES KAPITEL
DES KALTEN KRIEGS SCHREIBEN
Rede des Präsidenten in Den Haag
DEN HAAG - (AD) - Präsident Bush hat am 9. November 1991 bei einem vom niederländischen Ministerpräsidenten Ruud Lubbers gegebenen Mittagessen in Den Haag erklärt, die Vereinigten Staaten und die Europäische
Gemeinschaft müßten den Staaten Mittel- und Osteuropas helfen, um die von ihnen errungenen Freiheiten zu
sichern, die dazu beitragen werden, "das letzte Kapitel des kalten Kriegs zu schreiben".
Dabei warnte Bush vor "kurzsichtigen" Isolationisten in den Vereinigten Staaten sowie vor der Gefahr, daß die
"Verbündeten des kalten Kriegs die wirtschaftlichen Gegner von morgen werden - kalte Krieger, die sich in
Wirtschaftskrieger verwandeln".
Unfaire Handelsschranken zwischen den Nationen würden zu "wirtschaftlichem Ruin" führen und die Staaten in
eine Rivalität treiben, wie sie während der Großen Depression geherrscht habe. "Als Präsident ist es Teil meiner
Verantwortung gegenüber dem amerikanischen Volk, Wirtschaftswachstum und Chancen sicherzustellen. In
einer Weltwirtschaft bedeutet dies, auf freiem und fairem Handel zu bestehen."
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede Präsident Bushs in Den Haag im Wortlaut.

Herr Ministerpräsident, Präsident Dolors, Außenminister van den Broek, verehrte Gäste,

unfreien Nationen Osteuropas die ersten Anzeichen
des Wandels.

ich möchte Ihnen allen danken. Mein Dank gilt insbesondere Ihrer Majestät, der Königin, für die außergewöhnlich warmherzige, aufrichtige Gastfreundschaft,
die uns heute hier entgegengebracht wurde und die
Barbara und ich auch in der Vergangenheit als ihre
Gäste genie ßen durften. Es ist mir eine Freude, wieder
einmal hier sein zu können.

In der Steinkirche von Leiden sprach ich von dem
neuen Geist, der auf diesem Kontinent lebendig, von
der neuen Welt, die in greifbarer Nähe sei. Und heute,
da wir uns in diesem historischen Rittersaal versammelt haben, ist Europa umgewandelt. Eine neue Welt
erstreckt sich vor uns, eine Welt, die vom Versprechen
der Freiheit belebt wird.

Ich freue mich, mit Ihnen am Ende dieser ersten
Zusammenkunft von politisch Verantwortlichen der
Vereinigten Staaten und der EG auf europäischem
Boden zusammenzutreffen. Daß dies auf niederländischem Boden geschieht, macht diesen Moment noch
bedeutsamer, denn nirgends ist das moralische Rückgrat unserer Atlantischen Gemeinschaft stärker.

Erst vor zwei Jahren fegte die Revolution jenes kalte
und düstere Symbol der europäischen Teilung hinweg,
und die Mauer wurde in Trümmer gelegt. Aber die
Geschichte läßt wenig Zeit zum Feiern.

Ich habe meinen ersten Besuch in Den Haag als
Präsident vor zwei Jahren am Vorabend der Revolution von 1989 gemacht. Zu jenem Zeitpunkt standen
wir in einem Konflikt verhaftet, dem bewaffneten und
unbehaglichen Frieden, den wir als kalten Krieg bezeichneten. Und doch bemerkte die Welt sogar in den

AMERIKA DIENST 45

Mit dem Wandel kommen neue Herausforderungen,
neue Herausforderungen für alte Verbündete, die einen
gemeinsamen Kurs in dem Frieden festlegen müssen,
der dem kalten Krieg folgt. Neue Herausforderungen
für alte Gegner-hier in Europa, die gewährleisten, daß
die Staaten des Ostens von ihren westlichen Nachbarn
Hilfe bei der Sicherung ihrer schwer errungenen Freiheiten erwarten können.

Seite 1

�Wenn wir uns der Zukunft stellen, dürfen wir die
Irrtümer der Vergangenheit nicht wiederholen. Auf
meiner Seite des Atlantiks haben einige das Ende des
kalten Kriegs mit einem Chor des "Komm nach Hause,
Amerika" begrüßt.
Für sie bedeutete der Zusammenbruch des Kommunismus, daß das Engagement der Vereinigten Staaten
in Europa beendet war. Nichts könnte kurzsichtiger
sein - für Europa, für die Vereinigten Staaten und für
die Welt.
Wir müssen die schwer erkämpften Lektionen dieses
Jahrhunderts beherzigen, wenn wir die neuen Chancen im nächsten ergreifen wollen.
Wir sollten künftigen Historikern darüber hinaus keinen
Grund liefern, um 1991 als Wiederholung von 1919 zu
betrachten, ein Zeitalter des naiven Isolationismus, in
dem die großen Demokratien der Welt entzweit und
verwirrt waren, Europa zwischen Siegern und Besiegten geteilt und blind gegenüber unerwarteten Gefahren war. Dieses erste Zeitalter der Naivität machte die
Schrecken Hitlers, gefolgt von dem lang anhaltenden
kalten Krieg erst möglich. Ich denke, wir sind uns einig,
daß die Welt für diesen ersten Flirt mit der Verblendung
teuer bezahlt hat. Der Krieg kostete Millionen Menschenleben. Unschuldige Generationen verloren den
Traum der Freiheit.
Die Frage, der wir uns heute ausgesetzt sehen, unterscheidet sich nicht wesentlich von der Frage, die
unsere Vorfahren im Jahr 1919 zu lösen hatten. In
unserem Falle wußten wir, wie man den kalten Krieg
führt. Aber wissen wir, wie man den Frieden gestaltet?
Wir müssen mit der Einsicht beginnen, daß die NATO
nicht nur ein militärisches Gebilde ist, das sich zusammenschloß, um einer gemeinsamen Bedrohung entgegenzutreten. Wir müssen erkennen, daß unser
Atlantisches Bündnis in der instabilen Welt von heute
ebenso lebenswichtig ist wie vor Jahren, als Europa
durch Stalins Armee bedroht wurde.
Von Anbeginn war unser Bündnis und ist auch heute
noch eine Allianz freier Nationen, Demokratien und
durch den Lauf der Geschichte und das gemeinsame
Erbe verbundener Länder. Wie wir seit einem halben
Jahrhundert beobachten konnten, sind Europa und
Amerika heute Partner im Frieden. Heute sind wir
auch Partner im Wohlstand mit starken Handelsverbindungen, die unsere Völker bereichern, neue Möglichkeiten eröffnen und Wachstum fördern.
Es besteht kein Zweifel, daß sich die NATO verändern
wird. In Rom haben wir die Art und Weise verändert,
in der das Bündnis die gemeinsame Verteidigung
gewährleistet, wie wir mit unseren ehemaligen Gegnern und mit uns selbst umgehen. Unsere neue
Verteidigungsdoktrin wird sicherstellen, daß jeder
Verbündete vor jeder Bedrohung sicher ist - Sicherheit,
die durch hochmobile, multinationale, einschneidend

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im Umfang reduzierte aber in ihrer menschlichen und
technologischen Qualität unübertroffene Streitkräfte
glaubwürdig wird.
Unser neues NATO-Liaisonprogramm für die jüngsten
Demokratien Europas - Polen und Ungarn, die Tschechoslowakei und andere - wird ihnen helfen, ihren
Militärapparat von einer Waffe des Staates zu einem
Garant freier Menschen umzugestalten. Und schließlich wird die Förderung einer europäischen Verteidigungsidentität durch das Bündnis - der lange angestrebte "europäische Pfeiler" - unseren europäischen
Verbündeten mehr Verantwortung beim Schutz gemeinsamer vitaler Interessen, hochgehaltener Ideale
und Rechtsstaatlichkeit übertragen.
Mein Land und die Nationen dieses Kontinents schmieden eine neue atlantische Partnerschaft. Blicken Sie
auf die Zeit vor vierzig Jahren zurück, die Tage der
Berlinblockade und des Marshallplans. Praktisch ganz
Europa lag in Ruinen, die Hälfte seiner Völker in Ketten
gefangen. Und heute steht Westeuropa als Modell für
das, was Demokratie, freie Märkte und Zusammenarbeit bieten können. Über 300 Millionen Menschen, die
insgesamt ein Fünftel der Wirtschaftsproduktion der
Welt ausmachen, Nationen, die unter den führenden
und am besten ausgebildeten der Welt stehen.
Diese Ära des Wohlstands der Nachkriegszeit hat
Europa für größere Verantwortung vorbereitet. Wir
werden heute Zeuge eines neuen Europas in Aktion das gemeinsam mit uns den Bürgern Mittel- und Osteuropas hilft, ihre Systeme, Gesellschaften und ihr
Leben umzugestalten. Im Nahen Osten ist die Europäische Gemeinschaft unser Partner im Streben nach
Frieden. Wir sehen das neue Europa bei der Arbeit in
seiner unmittelbaren Nachbarschaft, beim Streben
nach Beendigung des Kriegs in Jugoslawien mit ungewissen Aussichten.
Wir begrüßen das Entstehen des neuen Europas auf
dem Weg der Europäischen Gemeinschaft zu einem
Binnenmarkt und einer politischen Union, im Wiederaufleben der Westeuropäischen Union, in den neuen
Abkommen der EG mit der EFTA. Die Wiederbelebung der Atlantischen Allianz und der Aufbau einer
Europäischen Union gehen Hand in Hand. Beide
können zu einem sicheren, wohlhabenden Europa und
einer humanen Weltordnung beitragen. Eine kontinuierliche Rolle Amerikas in Europa kann Integration
erleichtern und damit Stabilität fördern. Ein vertrauensvolleres und geschlosseneres Europa wird unseres Erachtens wünschen, daß die Vereinigten Staaten
voll und ganz engagiert bleiben.
Aus diesem Grund hoffen wir auf dauerhafte Fortschritte beim bevorstehenden EG-Gipfel in Maastricht,
weil die Vereinigten Staaten in der Beschleunigung der
Einheit Europas eine natürliche Entwicklung zu unserem gemeinsamen Ziel sehen: einen Staatenbund
freier Nationen, die im Einklang arbeiten, eine neue

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�Welt, in der mehr und mehr Nationen in den sich
erweiternden Kreis der Freiheit eintreten.
In den kommenden Monaten und Jahren wird dieser
Staatenbund gefordert sein, gleichzeitig geduldig und
standhaft, resolut und handlungsbereit zu sein. Aber
zuerst müssen wir das Schlußkapitel des kalten Kriegs
schreiben. Wir müssen den Nationen des Ostens bei
der Sicherung der Freiheiten helfen, die sie errungen
haben. In Mittel- und Osteuropa hat sich die Euphorie
von 1989 gelegt. Diese Länder kämpfen jetzt mit dem
Aufbau funktionierender freier Märkte aus den Ruinen
des sozialistischen Systems und der Wiederbelebung
des für eine demokratische Gesellschaft unabdingbaren Gefühls von Vertrauen.
Diese Nationen bedürfen unserer Hilfe. Sie benötigen
Zugang zu westlichen Märkten, finanzielle und technische Unterstützung zur Erleichterung des Übergangs.
40 lange Jahre haben die gefangengehaltenen Nationen des Ostens auf den Westen für ein Zeichen der
Hoffnung geblickt und es ist jetzt an der Zeit, diesen
neuen Demokratien zu sagen: "Wir werden Euch
helfen." Nach einer solchen kalten und andauernden
Isolierung ist es darüber hinaus für uns an der Zeit,
ihnen ein warmes Willkommen in diesem Bund der
Freiheit zu entbieten.
Und dennoch sehen einige in dem Triumph der Freiheit
eine bittere Ernte während die dringliche Arbeit des
Aufbaus von Demokratien und Marktreformen voranschreitet. Aus ihrer Sicht hat der Zusammenbruch des
Kommunismus eine Büchse der Pandora alter ethnischer Haßgefühle, Ressentiments und selbst der
Rachsucht geöffnet. Einige fürchten, die neuen Freiheiten der Demokratie würden nicht verwendet, um
neues Vertrauen aufzubauen sondern alte Rechnungen zu begleichen. Ganz Europa blickt der Gefahr
eines alten Feindes ins Auge, einem von Haß geschürtem und höheren Zielen unberührtem Nationalismus.
Niemand braucht gesunden Nationalstolz zu fürchten,
die eindeutigen und prägenden Traditionen, die lebende Geschichte, die Völkern und Nationen das Gefühl
der Identität, der Prinzipien und des Zwecks vermitteln. Wir müssen uns jedoch gegen einen Nationalismus der düstersten Sorte wappnen, der auf alte, starre
Vorurteile aufbaut, Menschen Intoleranz, Mißtrauen
und sogar Rassismus und Antisemitismus lehrt, der
Nation gegen Nation, Bürger gegen Bürger aufhetzt.
Für diese alten Animositäten darf es in dem neuen
Europa keinen Platz geben.
Die Antwort besteht nicht darin, die dunklen Impulse,
die Nationen zerstören, zu unterdrücken sondern sie
zu überwinden und einen Geist demokratischer Toleranz und friedlicher Veränderungen zu kultivieren, ein
Konzept der Mehrheitsregierung, die Rechte von
Minderheiten respektiert. Demokratie ist nicht die
Ursache der Kämpfe in Osteuropa und der Sowjetunion sondern deren Lösung. Westeuropa liefert das

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Beispiel, daß der Geist der Demokratie im Zeitraum
von etwas mehr als einer Generation Jahrhunderte der
Rivalitäten, Kriege und nationaler Fehden überwinden
kann.
In Jugoslawien beobachten wir, wie der stolze Begriff
Nationalismus ein Land in einem blutigen Bürgerkrieg
spalten kann. Amerika unterstützt - voll und ganz - die
Bestrebungen der Europäischen Gemeinschaft, diesem Konflikt ein Ende zu bereiten.
Wir würdigen Lord Carrington für seine unermüdlichen
Bestrebungen und fordern alle Parteien auf, der Gewalt
Einhalt zu gebieten und ein unverzügliches Ende des
Leidens mit friedlichen Mitteln anzustreben. Wir sind
bereit, gemeinsam mit der EG diejenigen in Jugoslawien zur Verantwortung zu ziehen, die diese Verbrechen begehen und deren engstirnigen Ambitionen
diese Agonie fortbestehen lassen.
Zweitens müssen wir die Gelegenheiten noch weiter
im Osten ergreifen, um die demokratische Umgestaltung in der Sowjetunion und ihren Republiken zu
fördern. Darauf hat Ministerpräsident Lubbers hingewiesen. Der vereitelte Staatsstreich im August hat die
Entschlossenheit der Reformer erhöht, demokratische
Veränderungen zu institutionalisieren und echte marktwirtschaftliche Reformen einzuführen.
Wir im Westen müssen darauf reagieren, indem wir
humanitäre Hilfe anbieten, unsere Märkte für Waren
aus jeder Republik öffnen, Investitionen fördern sowie
wirtschaftliche Beratung und Know-how anbieten. Meiner
Ansicht nach wollen die Völker in diesem ganzen
weiten Land Veränderungen. Aber keine schnelle
Lösung kann ihnen Leiden und Not ersparen, da sie
sich von über 70 Jahren der Mißwirtschaft befreien.
Ein harter Winter und harte Zeiten liegen vor uns.
Verzweifelte Zeiten bringen Demagogen hervor. Amerika
und Europa haben ein gemeinsames Interesse am
Erfolg der Reformen in der Sowjetunion, und wir müssen
gemeinsam handeln, um die Kräfte der Freiheit,
Demokratie und freien Unternehmertums in dieser
geplagten Region zu fördern.
Schließlich müssen wir uns gegen die Gefahr wappnen, daß die alten Verbündeten des kalten Kriegs die
wirtschaftlichen Gegner von morgen werden - kalte
Krieger, die sich in Wirtschaftskrieger verwandeln.
Offen gesagt gibt es zu beiden Seiten des Atlantiks
Anzeichen dafür, daß dies geschehen könnte. Schrille
Stimmen auf beiden Seiten befürworten Protektionismus als Weg zu Wohlstand.
Meiner Ansicht nach führt dieser Weg in den wirtschaftlichen Ruin und ist das Rezept, um uns in die Art
von Armut nach sich ziehenden Rivalitäten zu stürzen,
die unsere Wirtschaft während der Großen Depression heimgesucht haben.

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�Als Präsident ist es Teil meiner Verantwortung gegenüber dem amerikanischen Volk, Wirtschaftswachstum
und Chancen sicherzustellen. In einer Weltwirtschaft
bedeutet dies, auf freiem und fairem Handel zu bestehen.

Aus diesem Grunde freue ich mich, heute berichten zu
könen, daß die Vereinigten Staaten und die EG in den
letzten Tagen Fortschritte erzielt und gelobt haben,
keine Mühen zu scheuen, um die noch ausstehenden
ebenso wichtigen Probleme zu lösen.

In Nordamerika wie in Europa sind große Fortschritte
beim Abbau von Handelsschranken erziolt worden,
aber dieser Fortschritt bedeutet wenig, wenn sich die
Welt in streitbare Handelsblöcke spaltet. Das Prinzip
des freien Handels muß in der Uruguay-Runde eine
Feuerprobe bestehen. Ein positives Ergebnis, das das
GATT-System bestätigt und erweitert, wird beweisen,
daß die Vereinigten Staaten und die Europäische
Gemeinschaft als wirtschaftliche Zugpferde in der
Welt zuversichtlich sind, entschlossen in ein neues
Zeitalter freien und offenen Handels eintreten zu können sowie Arbeitsplätze und Chancen zu beiden Seiten des Atlantiks zu schaffen.

Hilfe für die aufstrebenden Demokratien Osteuropas,
Förderung demoraktischer Reformen in der Sowjetunion und auch in ihren Republiken, Förderung freieren Welthandels -jede dieser Herausforderungen stellt
eine Feuerprobe dar. Jede birgt eine Chance, unsere
Bindungen über den Atlantik hinweg zu stärken, unseren Staatenbund freier Nationen allen zu öffnen, die
Freiheit lieben und Frieden anstreben.

*

Seite 4

Ich danke Ihnen. Gott schütze die Niederlande und die
freien Völker Europas.

*

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�NATO-GIPFEL
13. November 1991

BUSH: NATO-STREITKRÄFTE SOLLTEN
"SCHLAGKRÄFTIG, AGIL, UNERREICHT" SEIN
Rede des Präsidenten beim NATO-Glpfel in Rom
ROM - (AD) - Trotz einer geringeren sowjetischen Bedrohung sollte die NATO Truppen stationieren, die
"schlagkräftig, agil und unerreicht in der Qualität ihres Personals und ihrer Technologie" sind. Dies erklärte
Präsident Bush am 7. November 1991 beim Gipfeltreffen der NATO in Rom.
In seiner Ansprache versicherte der Präsident seinen Partnern, daß die Vereinigten Staaten "ihre Pflichten, ihre
Interessen und ihren Platz in Europa nicht aufgeben" werden. Er bekräftigte, daß Washington im Bündnis
niemals "ein Übergewicht angestrebt" habe und fügte hinzu: "Wir versuchen gewi ß nicht, es aufrechtzuerhalten."
Bush stellte fest, das an Osteuropa ausgesprochene "Liaison"-Angebot - darunter eine Einladung an Vertreter
aus Osteuropa, dem Baltikum und der Sowjetunion zur Teilnahme am Treffen des Nordatlantikrats in Brüssel
am 20. Dezember - "ist nicht das beste sondern das mindeste, was wir tun können. Wir müssen die ausgestreckte
Hand der Völker festhalten, deren Freiheit schließlich durch ihren Mut und unsere Entschlossenheit errungen
wurde."
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede von Präsident Bush im Wortlaut.
Der Rat tritt zum zweiten Mal an einem historischen
Wendepunkt zusammen. Der erste war der Tag, an
dem das Bündnis geboren wurde. Damals war die
Welt geteilt. Die eine Hälfte wurde unterdrückt, die
andere war voller Furcht. Dean Acheson erklärte
damals, unsere Aufgabe bestehe darin, eine halbfreie
Welt zu schaffen.

In Nordamerika, in Westeuropa und sogar im Osten
wird das Bündnis zu Recht als Kern europäischer - und
sogar weltweiter - Stabilität angesehen. Als seinen
Sachwaltern obliegt es uns, dem Bündnis eine Richtung zu geben und seine herausragenden Stärken für
edle Ziele einzusetzen. Um dies zu tun, müssen wir
Antworten auf vier definierende Fragen geben:

Meine Freunde, wir haben mehr getan, als die Freiheit
der halben Welt zu bewahren. Wir haben dazu beigetragen, eine neue Welt zu schaffen. Heute müssen wir
uns mit den Kräften des Wandels auseinandersetzen,
die durch unseren Erfolg freigesetzt wurden - Kräfte,
die mächtig, aufregend, ungewohnt und voller Gefahren und Chancen sind. Die Herausforderungen dieser
Welt sind ebenso beängstigend wie Stalins Armee vor
vierzig Jahren bedrohlich war.

Erstens: Wie können wir in dieser unsicheren
Welt sicher sein, daß jeder Verbündete gegen
jede Art von Bedrohung geschützt ist?

Wie damals ist dies eine Zeit der Entscheidung für das
Bündnis. Wir sollten klug entscheiden, denn wir tragen
eine furchteinflößende und unentrinnbare Verantwortung nicht nur für die Menschen sondern auch für die
Zukunft. Um klug zu entscheiden, müssen wir freimütig sprechen. Ich werde nicht von Brücken, Säulen
oder Eckpfeilern sprechen. Wir sind nicht als Ingenieure sondern als politisch Verantwortliche und Treuhänder der Demokratie hier anwesend.

Und letztens: Wie sollen wir uns auf dem Weg
Europas zu einer Union verhalten?

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Zweitens: Wie sollen wir die Anträge der neuen
Demokratien Europas auf Beitritt zur NATO beantworten?
Drittens: Wie sollen wir auf den Zerfall der
sowjetischen Macht reagieren?

Wir müssen diese Fragen jetzt beantworten, und zwar
richtig.
Gespräche über Militärstrategie sind gelegentlich
ungemütlich für Politiker, die sich als Männer des
Friedens rühmen. Unsere erste Verantwortung be-

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�steht jedoch darin, jeden Zweifel darüber auszuräumen, daß unsere Völker, ihr Zuhause und ihre vitalen
Interessen sicher sind. Die Geschichte lehrt uns, daß
angemessene militärische Stärke eine Voraussetzung
für politisches Vertrauen und die Verwirklichung der
Zusammenarbeit ist.
Heute sollten wir eine grundlegend neue strategische
Doktrin verabschieden. Unsere Streitkräfte werden
schlagkräftig, agil und unerreicht in der Qualität ihres
Personals und ihrer Technologie sein. Keine Ecke des
Bündnisgebiets wird ungeschützt sein. Und wir werden - lassen Sie mich dies eindeutig klarstellen - eine
glaubwürdige aber drastisch reduzierte nukleare Abschreckung aufrechterhalten. Wer daher je eine
Aggression gegen einen Bündnispartner in Erwägung
zieht, wird sich mit der Macht eines vereinten Bündnisses mit einer ganzen Bandbreite von Optionen konfrontiert sehen. Ohne Zweifel hat der Abzug sowjetischer Truppen aus dem Herzen Europas generell
unsere Sicherheit erhöht. Dies ist jedoch noch immer
eine gefährliche Welt, und der oberste Grundsatz
dieses Bündnisses hat noch immer Gültigkeit: Eine
Bedrohung gegen einen Verbündeten ist eine Bedrohung gegen alle.
Im Osten wollen die unfreiwilligen Verbündeten unseres ehemaligen Gegners jetzt unsere Verbündeten
werden. Ihr Wunsch sollte uns weder überraschen
noch alarmieren. Ich gestehe ein, daß das vorgeschlagene "Liaison"-Programm nicht das beste sondern das
mindeste ist, was wir tun können. Wir müssen die
ausgestreckte Hand der Völker festhalten, deren Freiheit schließlich durch ihren Mut und unsere Entschlossenheit errungen wurde.
Wenn wir hier an diesem Tisch über Instabilität in der
Sowjetunion besorgt sind, sollten wir überlegen, wie
die Welt unseren europäischen Mitbürgern erscheinen
muß, die am Rande leben. Rufen Sie sich die Zeit ins
Gedächtnis, als wir am Rande lebten. Vor vierzig
Jahren lauteten die Namen Ernest Bevin, Robert
Schuman, Paul Henri Spaak. Heute heißen sie Lech
Walsa, Vaclav Havel, Josef Anfall.
Die Sicherheit für diese Nationen besteht niciü in
neuen juristischen Konstruktionen sondern in der
Unterstützung der Umgestaltung ihrer Länder. Es ist
unsere Pflicht - und liegt in unserem Interesse - ihnen
zu helfen, ihren Militärapparat von einer Waffe des
Staats zu einem Garant eines freien Volkes umzugestalten. Das "Liaison"-Programm wird eine unerläßliche Rolle in einer sehr viel umfassenderen Strategie
spielen und all unsere Institutionen einbeziehen. Wir
können diese Nationen nicht in unserer Wertegemeinschaft willkommen heißen und sie auf Armlänge von
unseren Angelegenheiten entfernt halten. Vierzig
Jahre lang haben wir gesagt, wir hören sie, obwohl ihre
Stimmen durch Tyrannei zum Schweigen gebracht
wurden. Können wir uns nun, da diese Stimmen frei
sind, taub stellen?
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Wir und die Europäer im Osten von uns sind den
Entwicklungen, die sich noch weiter östlich vollziehen,
verhaftet - dem Raum, der einstmals das Refugium
einer Macht war, die unsere Interessen und Werte
bedrohte - eine Macht, deren Armeen mehr als einmal
durch Europa marschiert sind. Obwohl wir nicht ausschließen können, daß trotz all unserer Wünsche und
Bestrebungen eines Tages erneut eine Bedrohung in
diesem Raum entstehen wird, können wir in absehbarer Zukunft andere mächtige revolutionäre Kräfte am
Werk beobachten:
einen mutigen Kampf zur Schaffung einer rechtmäßigen Regierung und
den raschen Zerfall der Autorität dessen, was
einstmals ein immens mächtiger Zentralsstaat
gewesen ist.
Männer mit Grundsätzen - Gorbatschow, Jelzin, Nasarbajew und andere - versuchen, durch diesen gefährlichen Übergang zu manövrieren, und sie verdienen unser Verständnis und unsere Unterstützung.
Europa und Amerika können auf diese Situation nicht
getrennt reagieren. Wir müssen unsere Einschätzungen teilen, unsere Strategien abstimmen und gemeinsam handeln. Das Bündnis war seit seiner Gründung
bei der Erarbeitung einer gemeinsamen Politik gegenüber der UdSSR unverzichtbar, und das gilt auch
heute noch. Aus diesem Grund haben wir eine Intensivierung der Konsultationen im Nordatlantikrat vorgeschlagen. Wir sollten uns in diesem Augenblick über
unsere Prinzipien im klaren sein und das Bündnis
benutzen, um sie in der Praxis umzusetzen.
Damit komme ich zur vierten Frage: Wie gehen wir
miteinander um? Lassen Sie mich dazu die amerikanische Meinung darlegen.
Erstens werden - und können - die Vereinigten Staaten
ihre Pflichten, ihre Interessen und ihren Platz in Europa
nicht aufgeben. Wir haben eine der schmerzlichsten
Lektionen dieses blutigen Jahrhunderts gelernt.
Zweitens wird behauptet, die Vereinigten Staaten wollten
im Bündnis Anhänger, aber was wir wollen, sind Partner. Das Bündnis ist keine amerikanische Initiative
oder ein Instrument amerikanischer Macht. Wir haben
niemals ein Übergewicht angestrebt, und wir versuchen gewiß nicht, es aufrechtzuerhalten. Wir nehmen
auch kein Monopol für Ideen zum Bündnis in Anspruch. Wenn wir das täten, säße niemand von uns
heute hier, weil die Idee des Washingtoner Vertrags
aus Europa kam.
Drittens waren, sind und werden de Vereinigten Staatenein bereitwilliger Befürworter des Ziels und Prozesses europäischer Integration sein. Die starke amerikanische Unterstützung erstreckt sich auf die Aussicht
einer politischen Union ebenso wie auf das Ziel einer
Verteidigungsidentität.

AMERIKA DIENST 45

�•
*

Viertens wird - was uns betrifft und soweit wir das
beurteilen können - selbst die Verwirklichung einer
europäischen Union die Notwendigkeit für die NATO
nicht verringern. Wir sehen nicht, wie es einen Ersatz
für das Bündnis als Garant unserer Verteidigung und
der Sicherheit Europas geben könnte. Wir unterstützen die Entwicklung der WEU, weil sie das Bündnis
ergänzen und die Rolle Europas in ihm stärken kann.
Sie kann Europa und Nordamerika helfen, sich gemeinsam den Bedrohungen für wichtige Interessen
außerhalb Europas zu stellen. Aber wir betrachten die
WEU nicht als europäische Alternative für das Bündnis. Wir gehen davon aus, daß die amerikanische
Rolle bei der Verteidigung und den europäischen
Angelegenheiten durch eine europäische Union nicht
überflüssig wird.
Und schließlich können zu einer Zeit, da unsere Gesellschaften nach einer Friedensdividende verlangen,
redundante Fähigkeiten nur auf Kosten der bereits
bestehenden aufgebaut werden. Wenn wir uns aufein-

ander verlassen können - und ich zweifle nicht daran,
daß wir dies können - sollte unsere Interdependenz ein
für alle Male befriedigend und redundante Fähigkeiten
unnötig sein.
Mit diesem Gedanken möchte ich schließen. Das
Bündnis war erfolgreicher als irgendjemand von uns zu
träumen gewagt hätte. Es war geplant, unsere Freiheit
zu verteidigen, aber tatsächlich hat es über Totalitarismus triumphiert. Was wir aufgebaut haben, ist kein
militärischer Pakt sondern eine Gemeinschaft der Werte
und des Vertrauens - einmalig in der Geschichte,
dauerhaft und unabdingbar für die neue Ordnung. Es
gibt keine Wegweiser für die neue Welt, keine Möglichkeit zu wissen, was das neue Jahr - ganz zu schweigen
vom nächsten Jahrhundert - bringen wird. Aber unsere
Fähigkeit, die Zukunft zu bewältigen - sie tatsächlich zu
gestalten - wird unverhältnismäßig größer sein, wenn
wir morgen bei der Abreise ein erneuertes Bündnis
geschaffen haben.

* * * * *

AMERIKA DIENST 45

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�KSE
13. November 1991

KSE-Vertrag ein Meilenstein der
Sicherheitsverhandlungen
Bartholomew vor dem Streitkräfteausschuß
WASHINGTON - (AD) - Der Staatssekretär für internationale Sicherheitsfragen im US-Außenministerium,
Reginald Bartholomew, hielt am 4. November 1991 eine Rede vor dem Streitkräfteausschuß des Senats, die wir
nachfolgend im Wortlaut veröffentlichen.

Außenminister Baker hat Ihnen in seinem Brief vom
12. Oktober 1991 dargelegt, daß die Regierung sich
weiterhin voll und ganz für die baldige Ratifizierung und
vollständige Durchführung des Vertrags über Konventionelle Streitkräfte in Europa einsetzt. Die Präsidenten Bush und Gorbatschow haben dies vergangene
Woche bei ihrer Zusammenkunft in Madrid bekräftigt
und die Notwendigkeit rascher Fortschritte bei der
Ratifizierung betont.
Der KSE-Vertrag ist ein Meilenstein in der Geschichte
der Sicherheitsverhandlungen. Nach seinen Bestimmungen werden die konventionellen Streitkräfte in
Europa auf ihren niedrigsten Stand der letzten fast
fünfzig Jahre reduziert. Die Reduzierungen sind für die
Vereinigten Staaten und ihre Verbündeten von ungeheurem Vorteil. Darüber hinaus wird das Gerät dieser
Streitkräfte dauerhaft begrenzt, weil überschüssiges
Gerät zerstört wird und strenge Regeln für die Konzentration und Bewegung der Streitkräfte gelten. Diese
Bestimmungen sind extrem wichtig, weil sie einen
international sanktionierten Schutzwall gegen Willkürpolitik oder militärische Übergriffe bieten.
Diese Bestimmungen werden ferner durch ein strenges Verifizierungs- und Inspektionsregime untermauert. Durch ein verknüpftes System des Informationsaustauschs, Vor-Ort-Inspektionen, Verifizierung der
Zerstörung oder Umwandlung von Gerät und Verdachtsinspektionen zusammen mit nationalen nachrichtendienstlichen Mitteln haben wir großes Vertrauen, daß der KSE-Vertrag effektiv verifzierbar ist. Durch
die KSE-Bedingungen für den Datenaustausch werden wir auch erheblich besseren Zugang zu Informationen über konventionelle Streitkräfte in Europa haben.

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Angesichts der in Europa stattfindenden bahnbrechenden Ereignisse wird der Wert dieses Vertrags
immer offenkundiger. Veränderung und Umgestaltung werden in absehbarer Zukunft die Regel sein. Der
KSE-Vertrag wird ein Regime liefern, dem zufolge ein
Land über seine Maßnahmen gemäß dem Völkerrecht
Rechenschaft ablegen muß. Die Sicherheit durch
niedrigere Niveaus beim Gerät und eine berechenbare, international anerkannte konventionelle Sicherheitsstruktur wird letztlich Stablität in Europa fördern.
Unsere europäischen Verbündeten, die Signatarstaaten Ost- und Mitteleuropas und die neuen Sowjetrepubliken sind sich dieser Vorteile lebhaft bewußt. Sie
haben uns gedrängt, schnell zu handeln, um den
Vertrag in Kraft zu setzen, damit sie in einer Atmosphäre geringerer Spannungen planen und handeln können. Die vollständige Durchführung des KSE-Vertrags
wird dazu beitragen, in dieser Zeit des politischen
Wandels Rivalitäten oder einer neuen Aufrüstung
zuvorzukommen.
Die Auswirkungen der Lage in Jugoslawien sind niemandem entgangen und haben die Dringlichkeit noch
verstärkt, mit der die Verwirklichung des KSE-Vertrags
betrachtet wird. Unsere europäischen Partner sind mit
uns der Meinung, daß KSE ein hervorragendes Modell
für verantwortliche und vorteilhafte multilaterale Interaktion bietet. Die erfolgreichen Verhandlungen vom
vergangenen Herbst zwischen den sechs früheren
Mitgliedstaaten des Warschauer Pakts über ihre Bestände und Kontingente war ein anschauliches Beispiel dafür, wie effektiv die Mechanismen des KSEVertrags für Gespräche und Entscheidungsfindung
sein können.

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�Darüber hinaus wird zunehmend ersichtlich, daß der
KSE-Vertrag selbst ein flexibles Instrument ist, das
sogar die epochalen Veränderungen in der Sowjetunion bewältigen kann, die wir unlängst beobachtet haben. Er wurde in einer Zeit der Ungewi ßheit ausgehandelt und ist darauf zugeschnitten, neue politische
Entwicklungen eher als wahrscheinlich anzusehen
anstatt sich dagegen zu stemmen. Theoretisch befinden wir uns deshalb in einer hervorragenden Ausgangsposition, um mit der Ratifizierung und Verwirklichung des Vertrags in seiner vorliegenden Form fortzufahren.
Ein gutes Beispiel für die Anpasungsfähigkeit des im
KSE-Vertrag festgelegten Regimes bietet die vor
wenigen Wochen in Wien erzielte Vereinbarung über
den Status der sowjetischen Streitkräfte im Baltikum.
Die Vertragsparteien einigten sich auf eine rechtsverbindliche Erklärung, derzufolge das sowjetische Gerät
im Baltikum allen Bestimmungen des Vertrags unterliegt, daß darüber als Teil der sowjetischen Bestände
Informationen geliefert werden und sie auf die sowjetische Verpflichtung zur Reduzierung angerechnet
werden. Darüber hinaus wird festgelegt, daß die
baltischen Staaten uneingeschränkte Souveränität
genießen und die Inspektionen auf ihren Territorien
nur mit ihrer Zustimmung stattfinden können. Die
Vereinbarung wurde relativ komplikationslos durch die
Gemeinsame Konsultativgruppe erzielt, ein Gremium,
in dem alle Unterzeichnerstaaten des Vertrags vertreten sind. Die Inspektion der sowjetischen Streitkräfte
im Baltikum wird durch gegenwärtig im Entwicklungsstadium befindliche getrennte Nebenvereinbarungen
mit diesen Regierungen geregelt.
Die Schaffung der Gemeinsamen Konsultativgruppe
ist an sich schon einer der vielen Vorteile des Vertrags,
und diese wird weiterhin einen wirksamen Mechanismus für die Behandlung von Fragen und Problemen
bieten, die im Hinblick auf die Durchführung der Vertragsbestimmungen auftreten könnten. Nach Prüfung
einer großen Bandbreite möglicher Ergebnisse ist die
Administration jedoch zu dem Schluß gekommen, daß
höchstwahrscheinlich lediglich technische Fragen etwa die Fortschreibung der Namen der Vertragsparteien - als Ergebnis der jüngsten Entwicklungen in der
Sowjetunion erforderlich würden. Durchführungsbedingungen - wie die Neubestimmung sowjetischer
Ausrüstungsansprüche, falls sich aus dem Territorium
der UdSSR neue Staater. bilueii und diese dann beschließen, dem Vertrag beizutreten - wären von den
bestehenden Vertragsbestimmungen gedeckt.
Um die Integrität des Vertragsregimes aufrechtzuerhalten, wäre es für all die Republiken, die bedeutende
Mengen von vertraglich erfaßtem Gerät behalten,
sicherlich notwendig, dem KSE-Vertrag beizutreten.
Glücklicherweise sind die Erklärungen russischer,
ukrainischer, sowjetischer und anderer offizieller Vertreter im Hinblick auf die Erfüllung der KSE-Bestim-

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mungen ermutigend. Wir werden weiterhin mit ihnen
zusammenarbeiten, um die Tragfähigkeit des Vertrags zu gewährleisten.
Die Regelungen des KSE-Vertrags liefern mehrere
wirksame Möglichkeiten, um solche Situationen in den
Griff zu bekommen. Die bereits erwähnte Gemeinsame Konsultativgruppe ist eine entscheidende, da sie
einen Mechanismus für die Anpassung des Vertrags
liefert, ohne den beschwerlichen Prozeß der Änderung
des Vertrags erforderlich zu machen.
Die Tatsache, daß Entscheidungen über nationale
Zuwendungen auch außerhalb der Vertragsstruktur
getroffen werden, gestattet die erforderlichen Anpassungen aufgrund von Veränderungen der politischen
oder militärischen Situation sowie die Erweiterung
oder Reduzierung der Zahl von Vertragsparteien,
wiederum ohne Rückgriff auf Vertragszusätze. Die
Bestimmung zur Einberufung außerordentlicher Sitzungen bietet noch ein weiteres Mittel zur Schlichtung
von Streitfällen oder zur Feinabstimmung des Vertrags
ohne ihn neu verhandeln zu müssen.
Wir sind der festen Überzeugung, da ß die Ratifizierung
zügig erfolgen sollte. Es besteht kein Zweifel, daß der
KSE-Vertrag von großem Vorteil für die Vereinigten
Staaten und ihre Verbündeten ist. Seine zahlreichen
Vorteile werden jedoch nicht vor seiner Ratifizierung
und Durchführung verwirklicht werden. Es ist angebracht, jetzt Schritte zu unternehmen, unsere Führungsrolle in diesem Prozeß fortzusetzen, die Vorteile
des KSE-Vertrags festzuschreiben und uns weiterhin
für ein wirklich ungeteiltes, freies - und sicheres Europa zu engagieren.
Die Ratifizierung und Durchsetzung des KSE-Vertrags

ist ein Schlüsselelement zur Sicherstellung einiger der
wichtigsten außenpolitischen Zielsetzungen der Vereinigten Staaten. Wir würden es begrüßen, wenn Europa noch geschlossener und stabiler würde. Wir möchten ein berechenbares Muster militärischer Arrangements, damit die sicherheitspolitischen Angelegenheiten zuversichtlich gehandhabt sowie Aufmerksamkeit
und Energie auf die Entwicklung von Demokratie und
freien Marktwirtschaften konzentriert werden können.
Wir möchten nach wie vor genau die Art von multilateraler Kooperation und Planung fördern, die von der
KSE so anschaulich verkörpert wird. Dieser Vertrag
wurde häufig - zu Recht - als der Eckpfeiler der neuen
europäischen Sicherheitsstruktur bezeichnet. Wir
müssen diesen Eckpfeiler jedoch richtig plazieren,
wenn wir darauf aufbauen wollen. Dies können wir
nicht, solange der KSE-Vertrag nicht ratifiziert und
durchgesetzt ist.
Drei Nationen - die Tschechische und Slowakische
Föderative Republik, Ungarn und Bulgarien - haben
den Vertrag bereits ratifiziert. Einige andere Nationen
sind damit befaßt. Eine Reihe von Signatarstaaten,
einschließlich der Sowjetunion, haben sich zur Ratifi-

AMERIKA DIENST 45

�zierung vordem 19. November 1991 verpflichtet, wenn
die vorläufige Anwendung von bestimmten Bereichen
des Vertrags die Erweiterung erforderlich machen
würde. Die Entschlossenheit und das Tempo, mit dem
die Vereinigten Staaten die Ratifizierung angehen,
werden maßgebliche Auswirkungen auf den von anderen Hauptstädten eingeschlagenen Kurs haben. Ebenso
wie wir während des gesamten Verhandlungsprozesses die Führungsrolle übernommen haben, werden
alle anderen Teilnehmer bei der Ratifizierung und
Durchsetzung des Vertrags auf uns blicken. Ein

*

AMERIKA DIENST 45

*

Zögern unsererseits könnte die zahlreichen Vorteile
des KSE-Vertrags aufs Spiel setzen, ebenso wie eindeutiges Vorgehen zweifelsohne die Ratifizerungsbestrebungen andernorts und das Inkrafttreten des Vertrags beschleunigen würde.
Herr Vorsitzender,
ich fordere Sie und Ihre Kollegen auf, so bald wie
möglich Ihre Zustimmung zur Ratifizerung des KSEVertrags zu geben.

*

*

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�WAHLEN

IN DEN

USA
13. November 1991

DIE WAHLEN VOM 5. NOVEMBER 1991
Amerikanische Pressestimmen
WASHINGTON - (AD) - Die Wahlen in den Vereinigten Staaten vom 5. November 1991 wurden in einer Reihe
amerikanischer Zeitungen eingehend kommentiert. Nachfolgend veröffentlichen wir wesentliche Auszüge aus
Leitartikeln.

Kolumnist Robin Toner von der New York Times
Das Weiße Haus hat den Alarmknopf gedrückt. Die
Demokraten haben in einigen Bundesstaaten frohlockt, in anderen getrauert und landesweit bekundeten
die Wähler, daß sie schlechter Laune sind und die
Amtsinhaber sie nur auf eigene Gefahr hin ignorieren
sollten.
Beide Parteien versuchten heute, gute Miene zu einem
gemischten Ergebnis zu machen, aber es gab jede
Menge Vorhersagen und Alarmsignale angesichts der
siechenden Wirtschaft und der öffentlichen Meinung,
die sich vehement mit Gesundheitswesen, Rassenfragen und Steuern befaßt, während sich die Nation auf
dem Weg zu den Präsidentschaftswahlen des Jahres
1992 befindet.
Präsident Bush, der noch vor wenigen Wochen unbestritten die Wiederwahl anzusteuern schien, entdeckte
diese Woche, daß die politische Landschaft mit Minenfeldern versetzt ist. Der überraschende Sieg der
Demokraten bei den Senatswahlen in Pennsylvania
und die unsichere Reaktion des Weißen Hauses darauf - die Absage der Auslandsreise am Wahltag und
das Dementi, dies stehe mit den Wahlergebnissen in
Zusammenhang - setzten ein eindeutiges Signal für
die Republikaner, daß ihr politisches Vorgehen überarbeitet und ihre Botschaft umgeschrieben werden muß...
Pennsylvania könnte eine weitere Auswirkung auf die
Kampagne des nächsten Jahres haben: Einige
Demokraten erklären, dies könnte Gouverneur Mario
M. Cuomo aus New York anspornen, ins Rennen zu
gehen, und dies wäre ein weiteres schmerzliches
Anzeichen der Verletzbarkeit der Republikaner.
Die Bedeutung von Pennsylvania wurde noch unterstrichen durch die Reaktion des Weißen Hauses darauf. Mit Eintreffen der Ergebnisse gab das Weiße
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Haus bekannt, daß Präsident Bush eine für Ende des
Monats geplante Reise in den Fernen Osten absagen
werde. Demokraten, die Präsident Bushs Reisepläne
schadenfroh zum Symbol für seine Vernachlässigung
der innenpolitischen Tagesordnung zu machen versuchen, konnten kaum an sich halten. Sie verteilten die
ganze Woche T-Shirts mit der Auf schritt "George Bush
ist nach Rom gereist und alles, was ich bekommen
habe, ist diese lausige Rezession"...
Für Präsident Bush mu ßte die Wahl bestätigen, wieviel
seine politische Mannschaft seit dem Wahlkampf 1988
verloren hatte, als er sich auf James Baker, heute
Außenminister und Lee Atwater, der Anfang dieses
Jahres an einem Gehirntumor verstarb, verlassen
konnte.
Aber die Repubklikaner faßten Mut aufgrund ihrer
Siege andernorts. Vor einem Jahr, als die Bundesstaaten mit Haushaltsengpässen und all den schweren
Entscheidungen zu kämpfen hatten, die sie erforderlich machen, bestraften die Wähler zahlreiche ihrer
Gouverneure bei der Stimmabgabe. In diesem Jahr
scheinen sie den Trend fortzusetzen, indem der
Demokrat Maybus in Mississippi den Sieg davontrug
und sie ihrem Unmut über die Regierung in Virginia und
New Jersey Luft machten, wo die Republikaner große
Stimmvorteile zu verzeichnen hatten.
Kolumnist David Broder von der Washington Post
Abgesehen von der Niederlage seines ehemaligen
Kabinettmitglieds DickThomburgh bei den Schlagzeilen machenden Senatswahlen in Pennsylvania enthalten die Wahlen von 1991 zwei weitere Warnungen für
Präsident Bush. Und auch für die Demokraten leuchteten einige Warnsignale auf, wenn sie sie in ihrem
Jubel nicht übersehen.
Seite 1

�Angefangen bei Bush ist das deutlichste Signal des
Tages, daß eine kränkelnde Wirtschaft, die Mittelklassewähler über ihre Zukunft besorgt macht, politischen
Ärger für die Politiker birgt, die sich dafür verantwortlich fühlen sollten. Und diese Bedrohung ist noch
größer, wenn der Politiker an seinem Mangel an Grundüberzeugungen Verrat begeht...
Mit Ambitionen für ein nationales Amt in einer Partei,
die nach rechts abdriftet, wurde Thornburgh wiederholt zum Apologeten einer Politik, die er nicht vertrat.
Als er zum ersten Mann der Bestrebungen der Administration wurde, die Bürgerrechte als "Quotenregelung" zu brandmarken und verfassungsmäßigen Schutz
für willkürliche Suche und Ansprüche aufzugeben,
konnte man den Mann, der er einstmals gewesen war,
kaum noch erkennen.
Dasselbe Schicksal könnte George Bush ereilen. Trotz
all der Prinzipien, die er in der Außenpolitik erkennen
ließ, scheint auch er ohne feste eigene Überzeugungen in der Innen- und Wirtschaftspolitik. Als Skeptiker
bezüglich der angebotsorientierten Wirtschaftspolitik
als er erstmals für die Präsidentschaft kandidierte
schluckte er lange Zeit seine Zweifel und gab dann
seine Haltung gegenüber Steuerhöhungen auf, um im
Jahr 1990 einen Haushalt verabschieden zu können.
Die ganze Zeit war er unschlüssig bei Themen wie
Abtreibung, Umweltgesetzen und einer Reihe von
Fragen wie Arbeitsmarkt und Bildung, die echte Anliegen der Wähler sind. Von Nachteil ist, daß er nicht das
Gefühl vermittelt, wirklich zu wissen, wie er nicht nur
die andauernde Rezession in Griff bekommen will,
sondern das, was die Wähler eindeutig als den langfristigen Niedergang der amerikanischen Wettbewerbsfähigkeit ansehen.
Aber bevor die Demokraten frohlocken, sollten sie sich
besser eine andere Botschaft der Wahlergebnisse
vom Dienstag (5. November) zu Herzen nehmen. In
einer rückläufigen Wirtschaft sind Steuerhöhungen
tödlich, und es herrscht wenig Toleranz gegenüber
reinen Umverteilungsmaßnahmen wie sie Gouverneur
Jim Florio (Demokrat) aus New Jersey mit seiner
Reform der Schulfinanzierung versuchte.
Auch Sozialausgaben sind ein unpopuläres Thema in
Zeiten wie diesen, und wie der Wahlkampf der Gouverneure in Mississippi erneut demonstrierte, haben die
Demokraten noch keine wirksame Antwort auf die
rassistisch verbrämten Botschaften der republikanischen Rechten gegen Sozialhilfe gefunden.
Boston Globe
Was Dick Thornburghs Niederlage im Kampf um den
Sitz im Senat für Demokraten so aufregend machte,
war ihre Eindeutigkeit. Bei den Wählern bestand keine
Verwirrung darüber, worum es bei dieser Wahl ging um eine Präsidentschaft, die für die destruktiven
Auswirkungen der Rezession auf Amerikas Familien
blind ist und nicht begreift, wie anfällig sie für den
Seite 2

Verlust von Arbeitsplätzen und den finanziellen Ruin
aufgrund von Krankheiten sind.
Sogar Präsident Bush hat die Botschaft begriffen klipp und klar. Trotz der Dementis, daß er von der
Niederlage in Pennsylvania überrascht war, beeilt sich
Bush, sich erneut als Präsident darzustellen, der sich
angemessen um die nachlassende amerikanische
Wirtschaft kümmert.
Der Demokrat und Oppositionelle Harris Wofford, ein
polternder und blasser 65jähriger Demokrat ohne
hervorstechende Eigenschaften, begann die Kampagne als höchst unwahrscheinlicher politischer Held. Er
war nicht einmal die erste Wahl der Demokraten
seines Bundesstaates.
Aber Wofford hatte Großes vor - er wollte den Amerikanern mit mittlerem Einkommen die Illusionen über
eine Regierung rauben, die ihre wirtschaftliche Not
ignoriert. Und Wofford hat ganz richtig bemerkt, daß
die angestaute Frustration der Wähler darin zum
Ausdruck kam, daß die Regierung zum Thema Gesundheitswesen nichts Hilfreiches getan hat.
Acel Moore vom Philadelphia Inquirer
Es ist schon von Bedeutung, daß Thornburgh als
Verfechter der Reagan-Bush-Linie mit mehr als 10
Prozent gegen den Außenseiter Wofford verloren hat.
Woffords Sieg ist eine Botschaft an das Weiße Haus,
daß die Menschen sich über das Fehlen einer Innenpolitik ärgern und sich Sorgen über den wirtschaftlichen Niedergang machen, mit dem wir uns alle konfrontiert sehen.
Wofford hatte eine brilliante Kampagne, die offensichtlich viele Menschen ansprach, Republikaner und
Demokraten gleichermaßen.
In mehreren Zeitungen erschienener Artikel des
Kolumnisten Mark Shields
Noch vor Ende der Stimmenauszählung spiegelten
sich die Ergebnisse in der Erklärung des Weißen
Hauses wider, der Präsident werde eine zweiwöchige
Reise in den Orient absagen und zugunsten der Innenpolitik auf Auslandsreisen verzichten.
Aber es liegen keine schlüssigen Beweise dafür vor,
daß die nationale Führung der Demokraten die Bedeutung des Wunders von Harris Wofford begriffen hat.
Es ist ganz einfach: Wofford hat das angesprochen,
worüber die Menschen täglich reden. Wofford hat
nicht als liberaler Demokrat kandidiert, er hat als
demokratischer Mittelklassepopulist gewonnen.
Kolumnist Tom Wicker von der New York Times
Der Umschwung in Pennsylvannia hat dje Demokraten
mindestens zwei Lektionen gelehrt. Eine lautet, daß
sie im nächsten Jahr"das Programm festlegen", wie es
Wofford bereits getan hat, als er das Gesundheits-

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�wesen und wirtschaftliche Erholung zu vordringlichen
Themen erklärte. Die andere, damit zusammenhängende Lektion lautet, der demokratische Präsidentschaftskandidat sollte Bush bei diesen und anderen
populären Fragen anzugreifen suchen und ihm nicht
gestatten, ihn in die Defensive zu drängen.
Es war zu beobachten, daß Woffords Kampagne in
den letzten Wochen an Dynamik gewonnen hat, und
damit war sein Sieg nicht das überraschendste Wahlergebnis von 1991. Dieser Titel fällt der Ablehnung
einer radikalen Maßnahme im Staat Washington zu,
die Amtszeiten der Parlamentarier in den Bundesstaaten und der Bundesregierung zu begrenzen. Bei einer
Verabschiedung der Beschränkungen hätten diese
rückwirkend gegolten, so daß alle Kongreßabgeordneten des Staates 1994 hätten abtreten müssen.
Umfragen vor den Wahlen haben gezeigt, daß 60
Prozent der Wähler in Washington für eine Begrenzung der Amtszeiten sind, aber nach einer starken
Kampagne der Opposition unter Leitung des Sprechers Tom Foley und anderer wurde dieser Vorschlag
mit 54 zu 46 Prozent abgeschmettert. Dieser entscheidende Rückschlag scheint das zu bändigen, was eine
steigende politische Flut zu sein schien, die in etwa 17
Staaten im nächsten Jahr Maßnahmen zur Begrenzung der Amtszeit nach sich gezogen hätte. In Oklahoma, Kalifornien, Colorado und einigen Stadtverwaltungen gilt für Amtszeiten bereits eine gewisse Beschränkung.
Gegner der Beschränkung von Amtszeiten argumentieren in Washington und andernorts, dieser drastische Schritt würde der Exekutive (auf nationaler Ebene und in den Bundesstaaten) Macht übertragen, gute
Abgeordnete durch schlechte ersetzen und die Freiheit der Wähler beschneiden, Amtsinhaber wiederzuwählen. Es heißt, die Bewegung repräsentiere im
Grunde die Absicht der Republikaner, die Vorherrschaft der Demokraten im Kongreß und in Parlamenten der Bundesstaaten zu brechen.
&gt;

*

Das Ergebnis in Washington deutet auch auf etwas
hin, das weniger oft erwähnt wird - die Begrenzung von
Amtszeiten würde die Macht im Kongreß von den
kleinen Bundesstaaten auf die großen übertragen. Ein
kleiner Bundesstaat übt oftmals Macht aus, weil einer
seiner Abgeordneten im Repräsentantenhaus lange
im Amt ist und Vorsitzender eines Ausschusses wird.
Das wäre bei einer Begrenzung von Amtszeiten nicht
möglich, weil die Macht im Kongreß allein von der Zahl
der Abgeordneten großer Staaten abhinge.
Philadelphia Inquirer
Während die Wähler im Staat Washington eine Initiative ablehnten, mit der die Amtszeiten der Abgeordneten dort begrenzt worden wären, haben die Wähler in
New Jersey bewiesen, daß es immer noch möglich ist,
die Amtszeiten auf altmodische Weise zu begrenzen indem man die Falschen rauswirft.
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Die Wähler haben dem Gouverneur Florio ihre Meinung zu verstehen gegeben, indem sie Dutzende von
langjährigen demokratischen Abgeordneten hinauswarfen, die für seine 2,8 Milliarden-Erhöhung der Einkommens- und Umsatzsteuer gestimmt hatten. Sie
scheinen zwei Dinge vermittelt zu haben - sie mögen
Florios Anmaßung nicht, und sie wollen keine höheren
Steuern.
Jetzt kommt der schwierige Teil.
Die Republikaner, von denen viele versprochen hatten, die Erhöhung der Umsatz- und Einkommenssteuer rückgängig zu machen, werden ihre Chance bekommen, das zu tun, weil sie über allen Vetos standhaltende Mehrheiten im Parlament und im Senat verfügen.
Kolumnist Robert Turner vom Boston Globe
Das trifftigste Argument zugunsten genereller Amtszeitbegrenzungen - daß die Amtsinhaber zu stark sind,
um Herausforderern eine vernünftige Chance einzuräumen - wurde von den Wählern untergraben, die den
einzigen Senator abwählten, der sich zur Wiederwahl
stellte, nämlich Ray Maybus aus Mississippi. Das
gleiche traf auf andere Amtsträger zu, vom Oberbürgermeister Houstons bis zu 20 Bürgermeistern und
Ersten Stadtverordneten in Connecticut und vier Bürgermeistern in Massachusetts.
Wall Street Journal
Im Fall Mississippis ist der gewählte Gouverneur Kirk
Fordice ein republikanischer Geschäftsmann, der seinen Wahlkampf mit Themen führte, die von Bush
abgelehnt oder ignoriert wurden. Dazu gehören eine
Reform der Sozialhilfe, Quoten für Minderheiten und
Amtszeitbegrenzungen. Der Sieg von Fordice zeigt,
daß diese Fragen legitim und immer noch durchschlagend sind, wenn man sie von Gestalten wie David
Duke, dem Scharlatan aus Louisiana trennt. Wir
waren beglückt, als Bush gestern Duke ablehnte, aber
sein jüngster "Kompromiß" zu den Bürgerrechten hat
Duke einen Spielraum gelassen, um vernünftig zu
erscheinen.
Hinter all diesen Resultaten steht eine Öffentlichkeit,
die mit dem Status quo des politischen Patts unzufrieden ist. Der Kongreß ist ebenso sehr ein potentielles
politisches Opfer wie Bush selbst: Der Sprecher des
Repräsentantenhauses, Tom Foley, errang einen
persönlichen Sieg, als er dazu beitrug, das Referendum über eine Amtszeitbegrenzung im Bundesstaat
Washington abzuweisen, aber dazu mußte er Amtsinhaber aus anderen Bundesstaaten (Kalifornien) kritisieren. Diese Stimmung unter den Wählern bietet all
den Politikern beider Parteien Vorteile, die Ideen zur
Verbesserung der Wirtschaftslage sowie Reform und
Abbau staatlicher Tätigkeit vorlegen. .

Seite 3

�Washington Post
Die Wähler leisteten in den Wahlen vom Dienstag
Außergewöhnliches, von der Niederlage DickThornburghs und der Abwahl anderer favorisierter Amtsinhaber bis zu der Entscheidung im District of Columbia
(Bundeshauptstadt Washington), die Hersteller halbautomatischer Waffen für die mit diesen Waffen angerichteten Verwüstungen schadenersatzpflichtig zu
machen. Selbst wenn ihre ungewöhnlicheren Initiativen scheiterten, haben sie doch ein nachdrückliches
Ausrufezeichen gesetzt.
Im Bundesstaat Washington zum Beispiel, wo die
einschneidende Initiative zur Begrenzung der Amtszeiten glücklicherweise abgelehnt wurde, erhielt die
Verliererseite sehr viele Stimmen. Die Meinungsumfragen, in denen die Initiative favorisiert wurde, zeigten
in den letzten Wochen ein Abbröckeln der enormen
Mehrheit für die Begrenzung. Mehrere Faktoren haben
angeblich zu diesem Ergebnis beigetragen, darunter
die Ankündigungen einiger prominenter Politiker, sie
würden sich nicht zur Wiederwahl stellen, was den
Vorschlag aus den Sphären der Abstraktion auf den
Boden der Realität zurückholte. Eine weitere möglicherweise wichtige Tatsache war das Argument, daß
der Staat Washington im Hinblick auf die Vertretung
seiner Interessen im Kongreß sozusagen eine mehr
oder weniger einseitige Abrüstung betreiben würde.
Dieser Theorie zufolge würden andere Bundesstaaten
weiterhin ihre altgedienten Amtsinhaber als Ausschußvorsitzende und erfahrene Repräsentanten haben, um
die Rosinen aus dem Kuchen herauszupicken, bevor
die Novizen aus dem "reformierten" Staat Washington
zum Zuge kämen. Was auch immer der Grund für das
Scheitern der Initiative gewesen sein mag:

es ist

bemerkenswert, wie viele Stimmen sie erhielt. Nahezu
die Hälfte derjenigen, die in einer Wahl mit außergewöhnlich hoher Beteiligung abstimmten, sprachen sich
für die Amtszeitbegrenzung aus. Der Vorschlag wurde
eindeutig abgelehnt, aber trotzdem wurde eine Botschaft der Unzufriendenheit vermittelt.
New York Times
Vielleicht hört Bush jetzt endlich, was die Meinungsumfragen schon seit Wochen andeuten: Wie bewundernswert seine Leistungen im Ausland auch sein
mögen, scheint er doch den Problemen im Inland
*

Seite 4

ausgesprochen teilnahmslos gegenüberzustehen. Dies
ist wahrscheinlich die wichtigste Botschaft, die von den
Wählern am Dienstag ausgesandt wurden. Es wäre
gut für ihn, wenn er sie sich zu Herzen nähme.
Baltimore Sun
Der Präsident hat Glück. Er hat ein ganzes Jahr Zeit,
um etwas im Hinblick auf die Wirtschaft, das Gesundheitswesen und andere innenpolitische Fragen zu
unternehmen. Tut er dies nicht, riskiert er, der dritte
Amtsinhaber unter den letzten vier Präsidenten zu
werden, der abgewählt wurde. Es wird mehr als die
Absage von Auslandsreisen und die gerade abgegebenen Erklärungen erforderlich sein, er kümmere sich
um die Innenpolitik, um sich selbst zu retten. Die
Amerikaner wollen eindeutig Taten und Ergebnisse
sehen.
Christian Science Monitor
Zweifellos wird Bush innenpolitischen Themen mehr
Aufmerksamkeit widmen müssen. Er hat bereits eine
Reise nach Asien abgesagt. Er kann nicht erklären,
der Wirtschaft gehe es gut, wenn dies nicht zutrifft.
Bushs Rezept für die Wirtschaft - die Amerikaner
sollten zur Tat schreiten und ein neues Haus und ein
Auto kaufen - scheint direkt aus der Eisenhower-Ära zu
stammen. Mehr Führungskraft bei den schwierigen
Problemen von Rasse, Verbrechen, Bildung, Umwelt,
Gesundheitswesen und Kinderbetreuung ist vonnöten. Dies sind die Fragen, bei denen er die Ärmel
aufkrempeln muß.
Im Vergleich dazu können Telefongespräche mit ausländischen Staats- und Regierungschefs, Reisen in
weit entfernte Gegenden der Welt sowie Tischreden

für Diplomaten der Öffentlichkeit als Elitebeschäftigung wichtigtuerischer Internationalisten erscheinen,
die den Alltagsproblemen des Durchschnittsbürgers
entrückt sind.
Trotzdem läuft die Frage Außenpolitik oder Innenpolitik Gefahr, Opfer einer Demagogik zu werden, die sich
Ignoranz und Isolationismus zunutze macht. Die
Außenpolitik ist wichtig. Die Welt ist heute ein zerbrechliches Gefüge. Bedeutende strukturelle Veränderungen vollziehen sich in Europa, Afrika und Asien.
Die Ergebnisse sind noch nicht abzusehen. Die verbleibende Supermacht hat erhebliche Pflichten.

*

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�ERWACHSENENBILDUNG
13. November 1991

DAS NEUE GESICHT AMERIKANISCHER
UNIVERSITÄTEN
von Carol B. Aslanian
Der nachfolgende Artikel erschien erstmalig im Mai 1991 in USA TODAY. Copyright (c) 1991, the Society for
the Advancement of Education.
Die Autorin ist Leiterin des Büros für Erwachsenenbildung, The College Board, New York. Der Artikel wurde unter
Mitarbeit von Natalie Green verfaßt.

Für die achtziger Jahre wurde angesichts der kontinuierlich sinkenden Zahl von High School-Absolventen
pro Jahr generell eine Abnahme von College-Immatrikulationen vorhergesagt. Trotz aller Spekulationen
nahm die Zahl jedoch zu und als sie ihren Höhepunkt
erreicht zu haben schien, stieg sie noch weiter.
In den siebziger Jahren verdoppelten sich die CollegeImmatrikulationen nahezu von rund 8 Millionen auf ungefähr 12 Millionen. Abwohl in den achtziger Jahren 25
Prozent weniger Studenten ihren Abschluß an der
High School machten, stieg die Zahl der CollegeImmatrikulationen von 12 Millionen auf 13,5 Millionen
- was einem Gesamtzuwachs von 12,5 Prozent ent
spricht.
Einzelne Colleges ziehen mehr Schüler aus den oberen High-School-Klassen an als andere und verleiben
sich so den größeren Anteil eines kleineren Marktes
ein. Obwohl dies eine vernünftige Erklärung ist, trägt
sie der landesweiten Zunahme an Immatrikulationen
nicht Rechnung. Nicht jedes College kann seinen
Anteil bei einer abnehmenden Schülerzahl aufrechterhalten oder vergrößern.
Tatsache ist, daß der Markt nicht kleiner wird, trotz der
unleugbar kontinuierlichen Abnahme der Anzahl von
High School Seniors, die jedes Jahr ihren Abschluß
machen. Er wird vielmehr größer. Wir führen dies auf
die Erwachsenen zurück - per definitionem die ab
25jährigen - die in größerer Zahl als je zuvor Colleges
besuchen.
In den vergangenen zwanzig Jahren hat sich der Anteil
erwachsener Studenten ständig erhöht, von rund 30
Prozent im Jahr 1970 auf 40 Prozent 1980 und 45
Prozent im Jahr 1987 (anhand der jüngsten vorliege-

nen Statistiken). Das bedeutet, auf jeden CollegeStudenten unter 25 kommt ein älterer Student.
Eine Studie des College Board gelangte zu dem Schluß,
daß sich jeder 25. Amerikaner über 25 Jahre für ein
Seminar oder ein Studienzielprogramm am College
einschreibt - was über 6 Millionen erwachsene Studenten jährlich zur Folge hat. (Diese Zahlen stehen nur für
Erwachsene, die einen akademischen Abschluß anstreben. Fügt man die Zahl derjenigen hinzu, die das
College als Gasthörer oder zu Fortbildungszwecken
besuchen, beläuft sich die Zahl auf mindestens 12
Millionen). Die Annahme, nur 18- bis 24jährige aus
Mittelklassefamilien strebten weiterführende Bildung
an, ist fast ebenso falsch wie die Überzeugung, die
amerikanische Durchschnittsfamilie bestünde aus Vater
(Ernährer), Mutter (Hausfrau) und 2,3 Kindern. Die
Studie des College Board erstellte Statistiken über die
Studenten über 25, die im vergangenen Jahr ans
College zurückgekehrt waren, um einen akademischen Abschluß zu erwerben. Die Daten ergaben
unterschiedliche Muster:
Als Erwachsene studieren mehr Frauen als
Männer. Frauen leisten später im Leben, was
einige Männer in jüngeren Jahren tun konnten.
Dies ist auf eine unterschiedliche Lebensplanung zurückzuführen. Unseres Erachtens werden
die Frauen jedoch wahrscheinlich den Vorsprung
der Männer wettmachen, so daß sie im Alter von
50 Jahren beide auf dieselbe Anzahl von Studienjahren zurückblicken können. Da die Zahl
der Frauen derjenigen der Männer entspricht,
die sich nach dem High School-Abschluß am
College einschreiben und da mehr Frauen als
Männer im Erwachsenenalter das College be-

Seite 1

�suchen, werden Frauen darüber hinaus mehr
Jahre am College verbringen als Männer und
damit den Trend der vergangenen Jahre umkehren.
Im Hinblick auf rassische und ethnische Zusammensetzung dominieren die Weißen den Markt
für Erwachsenenbildung - rund 90 Prozent der
Immatrikulationen entfallen auf sie. Dem Bericht zufolge "schreiben sich junge Schwarze
und Hispanier unmittelbar nach der High School
nicht im Verhältnis zu ihrem Bevölkerungsanteil
am College ein; und im Verhältnis zu ihrem
Anteil an der Bevölkerung noch weniger erwachsene Schwarze und Hispanier. Im Gegensatz zu weiblichen Erwachsenen gehen schwarze und hispanische Erwachsene nicht aufs
College, wenn sie dies in jüngeren Jahren nicht
getan haben."
Der Anteil von Erwachsenen am College nimmt
mit zunehmendem Alter ab. Im Alter gibt es
weniger Lebensphasen, die Lernen erfordern.
Im Leben älterer Erwachsener finden weniger
Veränderungen statt. Der Druck, neues Wissen
zu erwerben, um mit Ereignissen Schritt zu
halten, nimmt entsprechend ab. Beispielsweise
finden weniger Veränderungen im Berufsleben
oder am Arbeitsplatz statt. Da der Großteil der
Erwachsenenbildung arbeitsbezogen ist, bedeuten weniger Wechesl des Arbeitsplatzes weniger Studien.
Eine überwältigende Mehrheit (85 Prozent) der
erwachsenen Studenten arbeitet, die meisten
von ihnen ganztags an ihrem Arbeitsplatz oder
zu Hause. Die meisten Erwachsenen sind sehr
beschäftigt und jonglieren zwischen Arbeit, Familie
und Studium.
Einige andere für erwachsene Studenten typische
Kriterien sind überraschender. Nachfolgend einige
Vorurteile über ihr Studium und die Tatsachen, die sie
widerlegen:
Vorurteil: Sie studieren nur abends. Tatsache: 50
Prozent aller erwachsenen Studenten belegen Kurse
vor 17.00 Uhr, vorwiegend in den Morgenstunden.
Vorurteil: Sie nehmen ihr Studium nicht ernst. Tatsache: Genau 60 Prozent wollen einen akademischen
Abschluß erwerben. Vier von fünf Erwachsenen, die
einen Abschluß machen, erwerben ihn in einem vielversprechenden Berufszweig.
Vorurteil: Sie haben nicht viel Zeit zum Studium.
Tatsache: 25 Prozent aller erwachsenen Studenten
sind Vollzeitstudenten.
Andere Muster bei der Untersuchung von erwachsenen Studenten und solchen im normalen Studienalter
helfen zu erklären, warum sich junge und ältere Studenten an den Universitäten mit jedem Jahr eher
Seite 2

ähneln als unterscheiden. Bei Teilzeitstudenten denken wir gemeinhin an ältere Studenten. Dennoch
beobachten wir ein Teilzeitstudium zunehmend bei
jüngeren Studenten, die auf eine Art und Weise lernen,
die man im allgemeinen mit Erwachsenen verbindet.
Jüngere Studenten besuchen das College zeitweise
abends oder am Wochenende, auch mehrere Colleges. Sie setzen ihr Studium für ein Semester oder ein
Jahr aus, schreiben sich als Gasthörer ein, belegen
berufsbildende Kurse, fahren täglich zur Universität
statt in den Wohnheimen zu leben, leisten Teilzeitarbeit, sind verheiratet oder leben zusammen, besitzen
Autos und ziehen Kinder groß.
Ein weiteres klares und zunehmendes Verhaltensmuster - viel weniger augenfällig als das erste, aber in
gewisser Weise genauso wichtig - ist das Vollzeitstudium älterer Studenten, vor allem tagsüber. Wie ist
das zu erklären? Die Antwort ist so schwierig wie das
Muster klar ist. Es gibt Hypothesen, wer diese Erwachsenen sein mögen, die ebenso wie junge Studenten
studieren. Es sind zum Beispiel geschiedene Frauen
mit genug finanzieller Unterstützung, um sich ein Vollzeitstudium leisten zu können, verheiratete Frauen,
die ab 4 Uhr nachmittags zu Hause bei ihren kleinen
Kindern sein wollen oder verheiratete Frauen mit
erwachsenen Kindern, deren Collegegebühren bezahlt sind und die dieses Geld jetzt für sich selbst
ausgeben können. Es können Personen sein - Männer
oder Frauen - die ihre Arbeitsplätze verloren (oder sie
gekündigt) haben und wieder ein Vollzeitstudium aufnehmen, um etwas Neues zu lernen.
Zum Schluß noch ein Blick auf das Universitätsstudium (nach dem B.A.). Die Mehrzahl der graduierten
Studenten (55 %) sind 30 Jahre oder älter. Man kann
deshalb davon ausgehen, daß alle Universitäten in den
Vereinigten Staaten Institutionen der Erwachsenenbildung sind. Wenn alle Studenten über 25 morgen ihr
Studium abbrechen würden, müßte fast jede Universität in Amerika schließen. Die wenigen, die noch
geöffnet wären, würden über die Hälfte ihrer Studenten
verlieren.
Eine Möglichkeit, um die Gegenwart oder die Zukunft
zu verstehen, besteht darin, die Vergangenheit zu
untersuchen. Zurück zu den zwanziger Jahren dieses
Jahrhunderts. Die meisten Leute besuchten keine
High School - nur etwa 25 %, 75 % gingen nach der
achten Klasse ab. 1940 gingen bereits 70 % zur High
School. Die Veränderung reichte aus, um den Charakter der weiterführenden Schulbildung in Amerika in nur
20 Jahren zu verändern.
Was trieb diese jungen Menschen in die High School?
Die primäre Ursache war die Große Depression -1922
gab es für 15jährige viel zu tun, 1932 nicht. Wenn
Amerikaner ihre Arbeitsplätze verlorengingen sie zur
Schule. Als es Ende der dreißiger Jahre wieder
Arbeitsplätze für junge Menschen gab, hatten sie sich
verändert. Sie erforderten mehr Fähigkeiten, was
AMERIKA DIENST 45

�bedeutete, daß dazu mehr Schulbildung erforderlich
war.
In den neunziger Jahren erkennen wir dasselbe Muster, aber dieses Mal in den Colleges statt in den High
Schools. Dabei gibt es viele Parallelen. Die achtziger
Jahre in Amerika lassen sich mit den dreißiger Jahren
vergleichen. Viele Arbeitsplätze verschwanden - einige für junge Leute, aber mehr noch für Erwachsene.
Die neuen Jobs erfordern mehr Schulbildung. Viel
mehr junge Leute und Erwachsene entscheiden sich
für das College - manche Erwachsene zum ersten Mal,
andere kehren zum zweiten oder dritten Mal zurück.
Die Arbeitgeber haben ihre Anforderungen an Bildung
und Ausbildung aus drei Gründen erhöht: die neuen
Arbeitsplätze waren komplexer und erforderten mehr
Fähigkeiten. Die Bewerber für diese Arbeitsplätze
verfügten bereits über mehr Bildung, und deshalb
waren die an sie gestellten Erwartungen noch höher.
1920 stammten die High-School-Absolventen - gemessen an ihren intellektuellen Fähigkeiten - aus den
oberen 20 % der Bevölkerung, und diese verfügten
vielleicht auch über die nötige Energie und das nötige
Engagement. In den neunziger Jahren stammt ein
Absolvent des Colleges nach vierjährigem Studium
nicht unbedingt aus diesen obersten 20 Prozent der
Bevölkerung. Heute muß ein Arbeitgeber schon einen
College-Absolventen einstellen, wenn er das Äquivalent von einem High-School-Absolventen des Jahres
1920 haben will.
Der Arbeitsmarkt verändert sich, und das wird auch für
den Rest des Jahrhunderts gelten. Der Verlust von
Arbeitsplätzen, deren Veränderung und die Schaffung
neuer Arbeitsplätze sind für Erwachsene die primären
Auslöser, um wieder ein College zu besuchen. Nationale Untersuchungen zeigen, daß 85 Prozent aller
über 25jährigen studieren, weil sich ihr Leben im
Umbruch befindet. Sie müssen neue Fähigkeiten
lernen und neues Wissen erwerben, um mit den Veränderungen in ihrem Berufsleben Schritt zu halten.
Erwachsene sprechen über das Lernen, wenn sie
ihren ersten Arbeitsplatz finden, befördert werden oder
auf einem Arbeitsplatz etwas leisten wollen, auf den
sie bereits befördert wurden oder wenn sie nach dem
Verlust eines Arbeitsplatzes einen anderen Berufsweg
einschlagen wollen. Kein anderer Bereich des Lebens
- Familie, Gesundheit oder Freizeit - scheint so turbulent zu sein oder soviel Lernen zu erfordern wie ein
Wechsel des Berufswegs. Infolgedessen besuchen
manche Erwachsene zum ersten Mal ein College.
30 % dieser Erwachsenen verfügen über keinen HighSchool-Abschluß, und etwa 50 % haben sich nicht
unmittelbar nach der High School für das College
entschieden. Manche erwachsenen Studenten kehren zurück, um das zu vollenden, was sie früher einmal
begonnen haben. Jüngsten Berichten des nationalen
Verbandes unabhängiger Colleges und Universitäten
zufolge erwerben lediglich 15 % der Studenten ihren

Abschluß in vier Jahren. Dies basiert auf den Ergebnissen einer nationalen Untersuchung von High-SchoolAbsolventen, die am College ein vierjähriges Vollzeitstudium aufnehmen. Manche Erwachsene kehren
regelmäßig zurück, um auf dem laufenden zu bleiben.
Nahezu ein Drittel aller Rückkehrer besitzen bereits
den Abschluß eines Colleges. Dieses Bild erklärt die
Erwachsenenbildung in den siebziger und achtziger
Jahren. Was wird die Zukunft bringen?
Vorbereitung auf das 21. Jahrhundert
Veränderungen in der beruflichen Laufbahn haben den
Entschluß Erwachsener zur Aufnahme eines CollegeStudiums entscheidend beeinflußt. Dies wird sich
beim Eintritt in das 21. Jahrhundert verstärkt fortsetzen und immer mehr Erwachsene dazu bewegen,
mehrmals in ihrem Leben ein College oder eine Universität zu besuchen. Dies hat folgende Gründe:
In den neunziger Jahren und darüber hinaus
wird es mehr Arbeitsplätze als Arbeitnehmer
geben. Die Dienstleistungsindustrie wird nahezu alle neuen Berufe und den Löwenanteil des
neuen Wohlstands hervorbringen. Diese Arbeitsplätze werden zusätzliche Fähigkeiten erfordern. Es werden nur sehr wenige für Personnen geschaffen werden, die weder lesen noch
Anweisungen folgen oder rechnen können.
Da die Angehörigen der geburtenstarken Jahrgänge älter werden und die Vertreter der geburtenschwachen Jahrgänge ins Berufsleben eintreten, wird sich das Durchschnittsalter der
Erwerbsbevölkerung von heute 36 auf 39 im
Jahr 2000 erhöhen. Die Anzahl junger Arbeitnehmer zwischen 16 und 24 Jahren wird sich um
nahezu 2 Millionen oder 8 Prozent verringern.
Ältere Arbeitnehmer werden über die neuesten
Entwicklungen in ihrem Berufszweig auf dem
laufenden gehalten werden müssen, sie werden
Anreize zur Verlängerung ihres Erwerbslebens
oder Ausbildung für völlig neue Berufe benötigen.
Noch mehr Frauen werden ins Erwerbsleben
eintreten. Über 60 Prozent der neuen Erwerbstätigen werden Frauen sein. Im Jahr 2000
werden 60 Prozent der Frauen im arbeitsfähigen Alter erwerbstätig sein. Frauen werden
kontinuierlich für den Einstieg oder Neueinstieg
ins Berufsleben aus- und weitergebildet werden
müssen, da sie versuchen, Erwerbstätigkeit und
Familie zu meistern.
Angehörige von Minderheiten werden einen
größeren Anteil der Berufsanfänger ausmachen.
Bis zum Jahr 2000 werden bis zu 30 Prozent der
neuen Erwerbstätigen Nichtweiße sein - eine
Verdoppelung ihres gegenwärtigen Anteils. Da
zahlreiche Arbeitnehmer aus Minderheiten heute

Seite 3

�noch nicht bereit sind, werden Colleges und
Arbeitgeber bei Einstellung, Aus- und Fortbildung dieser Arbeitskräfte enger zusammenarbeiten müssen.
Einwanderer werden den größten Anteil am
Wachstum der ErwerbsbevölKerung seit dem
Ersten Weltkrieg darstellen. Selbst mit den
neuen Gesetzen werden bis zum Ende des
Jahrhunderts Jahr für Jahr 600.000 legale und
illegale Einwanderer ins Land kommen. Diese
Menschen werden zunächst Alphabetisierung
und die Ausbildung in grundlegenden Fähigkeiten benötigen, um Arbeitsplätze zu bekommen,
die auf ihre Talente angewiesen sind.
Im Gegensatz zu allen bisherigen Zeitaltem wird das
21. Jahrhundert hohe Anforderungen an unser Humankapital stellen, da wir in einen Zeitraum rascher
sozialer, technologischer und ökonomischer Schwankungen eintreten. Das soll nicht heißen, das 20.
Jahrhundert habe stagniert - ganz im Gegenteil. Die
vergangenen Jahrzehnte waren aufgrund von Veränderungen in Arbeit, Familienleben, Wirtschaft, Rolle
von Minderheiten und Frauen sowie Demographie
turbulent. Es ist zu erwarten, daß sich solche Umbrüche im nächsten Jahrhundert noch rascher vollziehen
werden. Mit gesellschaftlichen Veränderungen Schritt
zu halten, wird viel Energie und ungewöhnlichen Einfallsreichtum seitens der meisten Amerikaner erfordern.

Frühere Forschungsarbeiten zur Erwachsenenbildung
haben festgestellt, daß die Periode rascher sozialer
Veränderungen mit einem entsprechenden Anstieg in
der Erwachsenenbildung einherging. Veränderungen
der Lebensumstände stellen eine Herausforderung
dar und zwingen den Menschen, sich weiterzuentwikkeln und anzupassen, um den Anforderungen neuer
Rollen gerecht zu werden. Dies ist das Umfeld, das die
große Beteiligung Erwachsener an Bildungsprogrammen und den Anstieg dieser Beteiligung in den Jahrzehnten des ausgehenden 20. Jahrhunderts erklärt,
und es wird ferner ihre anhaltend große Beteiligung an
Bildungsprogrammen in den kommenden Jahren erklären.
Das Weiße Haus hat in den von ihm vorgelegten
"nationalen Bildungszielen" folgendes erklärt: "Heute
ist ein neuer Standard für eine gebildete Bevölkerung
erforderlich, der dem nächsten Jahrhundert angemessen ist. Unsere Bevölkerung muß ebenso kenntnisreich, gut ausgebildet, kompetent und erfinderisch
sein wie die jedes anderen Landes. Alle unsere
Bürger, nicht nur einige wenige, müssen in der Lage
sein, ihren Lebensunterhalt mit dem Kopf zu sichern,
sich an Veränderungen ihres Umfelds anzupassen
und die Welt um sie herum zu verstehen. Sie müssen
die Verantwortung und Pflichten von Bürgern verstehen und akzeptieren. Sie müssen während ihres
gesamten Lebens kontinuierlich lernen und neue
Fähigkeiten erwerben. Wir müssen erkennen, daß
Bildung eine lebenslange Bestrebung ist, nicht nur ein
Unterfangen für unsere Kinder."

* * * *

Seite 4

*

AMERIKA DIENST 45

�</text>
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                <text>&lt;strong&gt;1. USA-Europa&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Bush: Westen muss letztes Kapitel des Kalten Krieges schreiben&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede des Präsidenten in Den Haag&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. NATO-Gipfel&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Bush: NATO-Streitkräfte sollten "schlagkräftig, agil, unerreicht" sein&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede des Präsidenten beim NATO-Gipfel in Rom&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. KSE&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;KSE-Vertrag ein Meilenstein der Sicherheitsverhandlungen&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Bartholomew vor dem Streitkräfteausschuß&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;4. Wahlen in den USA&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Die Wahlen vom 5. November 1991&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Amerikanische Pressestimmen&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;5. Erwachsenenbildung&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Das neue Gesicht amerikanischer Universitäten&lt;br /&gt;&lt;em&gt;von Carol B. Aslanian&lt;/em&gt;</text>
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•ff

^ro^ ^

amcrika
dienet

Herausgeber: U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

Z12462 C

13. November 1996

22

WAHLEN '96

CLINTON BEDANKT SICH FÜR SEINE
WIEDERWAHL
Rede des Präsidenten in seinem
Heimatstaat Arkansas
AMERIKA AUF DER REISE INS
21. JAHRHUNDERT
Ansprache von J.D. Bindenagel

USA - RUSSLAND

AMERIKA UND RUSSLAND IN EINER
SICH WANDELNDEN WELT
Rede des Stellvertretenden Außenministers

WIRTSCHAFT

ZUKUNFTSPERSPEKTIVEN DER
AMERIKANISCHEN VOLKSWIRTSCHAFT
Pressekonferenz mit führenden
Wirtschaftsberatern
ERÖFFNUNG DER DEUTSCH-AMERIKANISCHEN WIRTSCHAFTSKONFERENZ
IN POTSDAM
Ansprache von J.D. Bindenagel
im Filmstudio Babelsberg
DAS WIRTSCHAFTLICHE ENGAGEMENT
DER USA IN DEN NEUEN BUNDESLÄNDERN
Eröffnungsansprache von J.D. Bindenagel
DEUTSCH-AMERIKANISCHE
WIRTSCHAFTLICHE ZUSAMMENARBEIT
Schlußwort von J.D. Bindenagel

bitte wenden

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Deichmanns Aue 29
D 53170 Bonn

Tel.: 0228-339 2372

Fax: 0228-333 138
e-mail: bbsbonn@usia.gov
internet: http://www.usia.gov/posts/bonn.html

�PORTRAT

BANKIER WIRD NEUER STABSCHEF DES
WEISSEN HAUSES
Porträt von Erskine Bowles

Informationen über die Politik der US-Regierung und
die Vereinigten Staaten im allgemeinen können
auf der Home Page von USIS-Deutschland
im World Wide Web des Internet unter
http://www.usia.gov/posts/bonn.html
abgerufen werden.

�WAHLEN

'9 6
13. November 1996

Clinton bedankt sich für seine Wiederwahl
Rede des Präsidenten in seinem Heimatstaat Arkansas

LITTLE ROCK - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede, die Präsident Clinton in den frühen
Morgenstunden des 6. November 1996 in Little Rock, Arkansas, im Old State House hielt, um den
amerikanischen Wählern für seinen überwältigenden Sieg zu danken.

Meine amerikanischen Mitbürger, vielen Dank, daß Sie
hier sind. In vier Jahren beginnen wir ein neues
Jahrhundert großer Herausforderungen und unbegrenzter Möglichkeiten. Wir müssen jetzt eine Brücke
bauen, und ich bin dazu bereit, wenn Sie es sind.
Heute hat das amerikanische Volk gesprochen. Es hat
unseren Kurs bekräftigt. Es hat uns aufgetragen,
weiterzumachen. Amerika hat jedem einzelnen von
uns - Demokraten, Republikanern und Unabhängigen laut und deutlich mitgeteilt, daß es an der Zeit ist,
politische Auseinandersetzungen hinter sich zu lassen
und gemeinsam die für Amerikas Zukunft erforderliche
Arbeit zu leisten.
In den letzten vier Jahren haben wir beachtliche
Fortschritte gemacht, aber in unseren Schulen,
unseren Familien, an unserem Arbeitsplatz und in
unseren Gemeinden sind wir noch nicht am Ziel
unserer Reise. Meine amerikanischen Mitbürger, vor
uns liegt Arbeit, und genau darum ging es bei diesen
Wahlen.
Ich möchte allen hier Anwesenden und dem ganzen
amerikanischen Volk sagen, daß Worte nicht ausreichen, um die Dankbarkeit auszudrücken, die ich
heute über die mir zuteil gewordene Ehre empfinde.
Es ist eine Ehre, die vielen gebührt - zunächst einmal
meiner Familie, meiner wunderbaren Frau, mit der ich
seit 21 Jahren verheiratet bin und die mich seit
unserem ersten Zusammentreffen gelehrt hat, daß
man ein Dorf braucht, um unsere Kinder aufzuziehen
und unsere Zukunft zu gestalten. Und unserer Tochter
Chelsea, die Verständnis für unsere gemeinsame
Arbeit und die damit verbundenen Belastungen
aufbringt.

AMERIKA DIENST 22

Heute habe ich meine Stimme bei der letzten Wahl
abgegeben, bei der ich zur Wahl stehe. Und wie bei
jeder Wahl seit ihrer Geburt habe ich Chelsea mitgenommen. Und als wir uns zusammen den Stimmzettel anschauten und politische Themen erörterten,
dankte ich Gott, daß ich als Amerikaner geboren
wurde.
Ich danke den Mitgliedern meiner wunderbaren
Familie, die heute hier sind - meinem Stiefvater Dick
Kelley, meiner großartigen Schwiegermutter Dorothy
Rodham und allen anderen. Und ich danke meiner
geliebten Mutter, die von dort oben lächelnd herunterschaut und die damals sagte: "Ich hatte nie Zweifel.
Ich wußte schon immer, daß es so kommen würde."
Ich danke meinen langjährigen Freunden. Sie sind mit
mir durch dick und dünn gegangen, sie gingen mit mir
in die Grundschule, die weiterführende Schule, aufs
College und begleiteten mich alle nachfolgenden
Jahre. Es sind Freunde, die mich und meine Träume
kennen und sich als mächtige Kraft denjenigen
entgegenstellten, die den Fortschritt in Amerika mit der
Politik persönlicher Zerstörung bremsen wollten. Ich
danke Euch, liebe Freunde, für das, was Ihr für
Amerika getan habt.
Ich danke den Menschen in meinem geliebten Heimatstaat. Ich möchte heute Nacht nirgendwo anders sein.
Vor diesem wunderbaren alten Kapitol, das so viel von
meinem Leben und der Geschichte dieses Bundesstaates gesehen hat, danke ich Ihnen, daß Sie mich so
lange begleitet haben, daß Sie nie aufgaben und daß
Sie immer wußten, wir können es besser machen.

Seite 1

�Ich danke dem besten Vizepräsidenten, den dieses
Land je gehabt hat. Dank AI Gore haben wir stärkere
und sicherere Beziehungen zu einem demokratischen
Rußland; wir entdecken die Wunder neuer Technologien zum Nutzen Amerikas, wir schützen unsere
Umwelt und wir haben die amerikanische Regierung
umstrukturiert, damit sie dank unserer Führung mit
weniger Mitteln mehr bewirken kann. Das ist ein in der
Geschichte dieser Republik einzigartiges Vermächtnis.
Ich danke Tipper für ihre Freundschaft, ihren Kampf für
unsere Kinder und die geistige Gesundheit unseres
Volkes und dafür, daß sie uns zusammen mit ihren
Kindern und ihrer Familie immer zur Seite gestanden
hat.
Ich danke den Mitgliedern unserer Administration - den
Kabinettsmitgliedern und den Mitarbeitern des Weißen
Hauses. Ich danke allen ständigen Mitarbeitern des
Präsidenten im Weißen Haus und den medizinischen
Betreuern. Insbesondere danke ich meinen Sicherheitsbeamten, die sich mit einem Präsidenten, der sich
nicht vom amerikanischen Volk isolieren lassen will,
großen Herausforderungen gegenübersehen.
Ich danke unseren Wahlkampfmitarbeitern, allen, die
an diesen Wahlen mitwirkten, für die geleistete Arbeit.
Ich danke unseren Parteiführern im Kongreß und den
Parlamenten der Bundesstaaten. Ich danke allen, die
bei den heutigen Wahlen für das eintraten, an das wir
glauben - denen, die gewonnen, und denen, die nicht
gewonnen haben. Sie haben Amerika einen Dienst
erwiesen, indem Sie die Fragen ansprachen, an die wir
glauben. Ich danke Ihnen allen und wünsche Ihnen
viel Glück.
Ich möchte den Mitarbeitern der Bundesregierung
danken. Sie mußten beachtliche Arbeit leisten. Wir
haben unsere Regierung so verschlankt, daß sie die
kleinste seit der Zeit Präsident Kennedys ist, und
dennoch haben ihre Mitarbeiter dem Volk jahrein,
jahraus immer besser gedient. Sie mußten das
zeitweise angesichts enormer Herausforderungen und
offenen Hasses tun. Sie mußten mit dem Grauen von
Oklahoma City und den damit einhergehenden
Schwierigkeiten leben. Die Menschen, die uns dienen,
verdienen unseren Dank. Und ich danke ihnen.
Ich danke denjenigen, die dieser Administration und
unserer Sache gedient haben und nicht mehr unter
uns weilen. Einem muß ich ganz besonders danken meinem Freund und Bruder Ron Brown. Sie schauen
auf uns herunter, und ich weiß, daß sie dabei lächeln.
Ganz persönlich möchte ich meinem Pastor, Rex
Hörne, danken, der mit mir gebetet hat, bevor ich
heute hierherkam, sowie allen Geistlichen und Menschen Gottes, die während dieser vergangenen vier
Jahr mit mir und für mich gebetet haben. Es gab ein
paar - und sie wissen genau, wen ich meine - die in

Seite 2

guten wie in schlechten Zeiten immer wieder ins Weiße
Haus kamen. In schlechten Zeiten erinnerten sie mich
daran, daß Gott dem heiligen Paulus einen Dorn ins
Fleisch gab, damit er keine zu hohe Meinung von sich
selbst hatte, was für mich in den schlechten Zeiten
zweifellos nicht schwierig war. In guten Zeiten erinnerten sie mich daran, daß Bescheidenheit einem
Präsidenten immer ansteht, denn wir sehen in diesem
Leben nur einen Ausschnitt und kennen nicht die
ganze Wahrheit oder die Motive unserer Gegner. Ich
danke ihnen allen, daß sie mich Gott und der ewigen
Weisheit nähergebracht haben, ohne die ein Präsident
nicht dienen kann.
Ich möchte ein besonderes Wort des Dankes an
Senator Dole richten und bitte sie, ihm gemeinsam mit
mir für seinen lebenslangen Dienst an den Vereinigten
Staaten zu applaudieren.
Und ich danke Jack Kemp für seinen Dienst an
Amerika und seinen Einsatz dafür, daß in diesem Land
jeder die Chance haben sollte, in Freiheit und Gleichheit zu leben und Erfolg zu haben.
Ich habe mit Senator Dole ein gutes Gespräch geführt,
kurz bevor er seine Ansprache hielt. Ich habe ihm für
seine Vaterlandsliebe und seine langjährigen Dienste
gedankt. Ich applaudierte dem Wahlkampf, den er bis
zu letzten Minute so heroisch geführt hat. Ich habe
ihm für die Arbeit gedankt, die wir zusammen zur
Förderung der gemeinsamen Sache Amerikas geleistet haben. Im Namen aller Amerikaner wünsche ich
ihm alles Gute und viel Glück.
Vor vier Jahren brachen wir auf dieser Treppe zu einer
Reise auf, um den Kurs Amerikas zum Besseren zu
ändern, um den Amerikanischen Traum für jeden am
Leben zu halten, der dafür zu arbeiten bereit ist, um
Amerika auch in Zukunft zur weltweit stärksten Kraft für
Frieden, Freiheit und Wohlstand zu machen, um als
amerikanische Gemeinschaft zusammenzukommen.
Es war eine Zeit von weitverbreiteter Frustration und
Zweifeln angesichts unserer wirtschaftlichen und
sozialen Probleme sowie unserer Fähigkeit zum
Umgang mit dem sich vollziehenden tiefgreifenden

Wandel. Der Umfang und die Geschwindigkeit dieses
Wandels waren für viele von uns bedrohlich, und
unsere Werte schienen von allen Seiten unter Beschuß zu stehen.
Aber Sie und ich haben geschworen, gemeinsam den
Kurs unseres Landes zu ändern - mit einer Strategie
zur Bewältigung unserer Herausforderungen und zum
Schutz unserer Werte: Chancen für alle, Verantwortung aller, eine amerikanische Gemeinschaft aller
Amerikaner.
Wir haben hart daran gearbeitet, der Politik ein Ende
zu setzen, die sich nur auf Beschuldigungen beschränkt. Statt dessen fragen wir uns, was wir tun

AMERIKA DIENST 22

�können, um Amerika zu einem besseren Land zu
machen. Heute Nacht verkünden wir, daß das Wesen
Amerikas lebendig und gesund ist. Es sind die
Gemeinsamkeiten, auf deren Grundlage wir Fortschritte gemacht haben. Heute ist unsere Wirtschaft
stärker, unsere Straßen sind sicherer, unsere Umwelt
ist sauberer, die Welt ist sicherer und Gott sei Dank ist
unsere Nation geeinter.
Allen Männern und Frauen in diesem Land, die unsere
Arbeitsplätze schaffen, unsere Kinder unterrichten,
unsere Straßen bewachen und Amerika sicher halten,
sage ich: Der Erfolg Amerikas ist Ihr Erfolg, dieser Sieg
ist Ihr Sieg. Ich danke Ihnen von ganzem Herzen.
Meine amerikanischen Mitbürger, ein langes neues
Jahrhundert liegt vor uns. Es wird eine Zeit mit mehr
Chancen für die Menschen sein, ihre Träume zu
verwirklichen, als zu jedem anderem Zeitpunkt in der
Geschichte der Menschheit. Wir haben uns in dieser
Nacht verpflichtet, unsere Reise fortzusetzen, die harte
Arbeit zu erledigen, mit der unsere Brücke ins 21.
Jahrhundert gebaut wird, und all den jungen Menschen
hier und in ganz Amerika das Amerika zu geben, das
sie und ihre Kinder und Kindeskinder verdienen.
Aber es gibt viel zu tun. Wir müssen darauf hinarbeiten, daß unsere Volkswirtschaft stetig und stark
wächst, indem wir den Haushalt ausgleichen, während
wir unsere Pflicht gegenüber unseren Familien,
unseren Eltern und unseren Kindern erfüllen - und
unsere Pflicht, unseren Kindern die Welt zu hinterlassen, die Gott uns gegeben hat. Wir müssen darauf
hinarbeiten, daß wir allen unseren Kindern das
Geschenk der Bildung machen können und sicherstellen, daß alle achtjährigen lesen, sich alle "^jährigen ins Internet einloggen und alle 18jährigen in
diesem Land eine Collegeausbildung haben können,
wenn sie dafür zu arbeiten bereit sind.
Wir müssen darauf hinarbeiten, daß die Unterschicht in
diesem Land der Vergangenheit angehört, die Abhängigkeit unserer armen Mitbürger von Sozialhilfe
beendet wird und sie dem Stolz und der Würde der
Arbeit zugeführt werden. Wir müssen darauf hinarbeiten, unsere Familien zu stärken, unseren Eltern
zum Erfolg zu Hause und bei der Arbeit zu verhelfen,
unsere Kinder vor Schaden in der Schule, auf der
Straße, in ihrem Zuhause und in ihren Gemeinden zu
bewahren. Wir müssen die Umwelt schützen, damit
unsere Kinder in der Nähe von Parks, nicht Gift
aufwachsen. Wir müssen ihnen sagen, daß Drogen
falsch und illegal sind und sie töten können. Wir
müssen ihnen beibringen, Recht von Unrecht zu
unterscheiden.
Meine amerikanischen Mitbürger, ich werde alles in
meiner Macht Stehende tun, um diese Anliegen
voranzubringen. Aber alle unsere Mitbürger müssen
ihren Teil beitragen, um die persönliche Verantwortung

AMERIKA DIENST 22

weiter zu stärken, die in den vergangenen vier Jahren
die Verbrechensrate auf ein Rekordtief gesenkt, die
Unterhaltszahlungen auf Rekordhöhe gebracht und die
Abhängigkeit von Sozialhilfe verringert hat. Werden
Sie mir helfen, das zu tun? Wir müssen es gemeinsam
tun.
Wir müssen unsere Demokratie stärken, indem wir
eine realistische, überparteiliche Reform der Wahlkampffinanzierung einführen. Reden ist nicht mehr
genug, wir müssen handeln, und zwar jetzt. Und das
amerikanische Volk wird die Politiker beider Parteien
beobachten und sehen, wer bereit ist, nicht nur zu
reden, sondern zu handeln. Ich bin bereit zu handeln.
Und ich bitte die anderen, es mir gleich zu tun.
Wir müssen Amerika weiterhin zur unerläßlichen
Nation der Welt machen - die ungelösten Fragen des
Kalten Krieges beantworten, neue Bedrohungen
unserer Sicherheit durch Terrorismus und die Verbreitung gefährlicher Waffen bewältigen und diese
außerordentlichen Chancen ergreifen, um unsere
Werte von Frieden, Demokratie und Wohlstand zu
verbreiten.
Jeder hier heute abend anwesende Amerikaner und
jeder Amerikaner, der mich hört, kann stolz auf die
Tatsache sein, daß in diesen letzten Jahren zum
ersten Mal in der Geschichte eine Mehrheit von
Menschen auf dieser Erde in Demokratien lebt, die
vom Volk regiert werden.
Die uns konfrontierenden Herausforderungen sind
keine demokratischen oder republikanischen Herausforderungen - es sind amerikanische Herausforderungen. Was wir aus den Haushaltsdebatten der vergangenen zwei Jahre und dem bemerkenswerten Erfolg
dieses Kongresses in den letzten beiden Wochen
gelernt haben, ist die Lektion, die wir die letzten 220
Jahre gelernt haben - was wir als Amerikaner an
dauerhaft Gutem erreichten, haben wir durch Zusammenarbeit erreicht.
An die Führer der Demokratischen Partei und an die
Führer der Republikanischen Partei gewandt, sage ich:
Es ist an der Zeit, das Land vor die Partei zu stellen.
Wir kennen das endgültige Ergebnis der Kongreßwahlen noch nicht, aber wir wissen eines: Es ist ein
Kopf-an-Kopf-Rennen, das amerikanische Volk war in
gleiche Lager gespalten. Was immer auch geschieht der Kongreß wird in gleiche Lager gespalten sein. Er
sendet uns eine Botschaft: Arbeitet zusammen,
meistert die Herausforderungen, überwindet die Politik
der Teilung und baut gemeinsam Amerikas Gemeinschaft auf.
In dieser wunderschönen Nacht, in der wir soviel
Freude, Musik, Vergnügen und soviel Stolz miteinander teilen, kann ich kaum glauben, daß 23 Jahre
vergangen sind, seit ich die Menschen in Arkansas

Seite 3

�zum ersten Mal um ihre Unterstützung gebeten habe.
Das Dauerhafteste und Wichtigste, das ich in diesen
wie im Fluge vergangenen Jahren gelernt habe, ist:
Wenn wir gespalten sind, besiegen wir uns selbst.
Aber wenn wir uns die Hände reichen und unsere
Familien, Gemeinden und unser Land aufbauen, wird
Amerika immer gewinnen. Wir müssen die Arbeit für
Amerika so leisten, wie wir versuchen, unsere Kinder
zu erziehen, unsere Arbeit zu erledigen und unsere
religiösen und kommunalen Institutionen zu unterstützen. Wenn wir einfach nur Amerikaner sind und
alle unsere anderen Rollen ausfüllen, kann man
Amerika nicht aufhalten. Die besten Tage liegen noch
vor uns.
Und so sage ich, wenn wir in uns gehen und uns
fragen, was für das amerikanische Volk und die
Zukunft unserer Kinder richtig ist, wenn wir unsere
Differenzen beilegen und auf unseren gemeinsamen
Werten von Vertrauen, Familie und Arbeit aufbauen,
wenn wir die Ärmel hochkrempeln und zusammenarbeiten, wird Amerika immer gewinnen. Und, meine
amerikanischen Mitbürger, Amerika wird in diesen
nächsten vier Jahren weiterhin gewinnen.
Wie Sie alle hier aus meinem Heimatstaat wissen,
glaube ich daran und habe versucht, danach zu leben,
weil es keinen Menschen in Amerika gibt, dem mehr
geschenkt wurde als mir. Es gibt heute abend keinen
Menschen in Amerika, der angesichts dieses Sieges
mehr Demut empfindet als ich. Vor 50 Jahren, als ich
als Kind einer verwitweten Mutter in einer stürmischen
Sommernacht in einer kleinen Stadt im südwestlichen
Teil unseres Bundesstaats auf die Welt kam, war es
unvorstellbar, daß jemand wie ich je Präsident des
großartigsten Landes in der Geschichte der Menschheit werden könnte. Für mich war es eine bemerkenswerte Reise, nicht frei von Fehlem, aber voller Abenteuer, Wunder und Gnade. Ich habe hart gearbeitet
um zu dienen, aber ich habe es nicht allein so weit
gebracht.
Bei jedem Schritt auf diesem Weg in den vergangenen
23 Jahren und lange davor gab es einen Lehrer, einen

*

Seite 4

*

Arzt, einen Nachbarn, ein Elternteil, einen Freund, eine
Frau und ein Kind, die immer Zeit hatten, sich um mich
zu kümmern, die immer versucht haben, mir Anleitung
und Ermutigung zu geben, und die nie aufgegeben
haben. Ich stehe heute abend hier, meine amerikanischen Mitbürger, weil Amerika mir eine Chance
gegeben hat.
Das verdienen alle Kinder Amerikas. Unser Volk muß
ihnen das Handwerkszeug geben - keine Garantie,
aber eine reelle Chance - ihrem von Gott gegebenen
Potential gerecht zu werden. Und ich bitte Sie, diese
Verpflichtung gemeinsam mit mir einzugehen. Jedes
Kind verdient die große Chance, die mir gegeben
wurde.
Und so sage ich nochmals, laßt uns beschließen,
unser Land so zu führen, wie wir versuchen, unser
Leben zu führen. Ob Sie der Partei von Thomas
Jefferson oder der Partei von Abraham Lincoln
angehören, ob Sie unabhängig oder parteilos sind,
erinnern Sie sich daran, daß wir alle der großartigsten
Nation der Geschichte angehören. Uns wurde viel
gegeben, und es wird noch viel von uns erwartet. Wir
müssen der Herausforderung gerecht werden, diese
Brücke ins 21. Jahrhundert zu bauen.
Die heutige Nacht ist nicht nur eine Nacht der Freude
für uns hier, sondern für alle Amerikaner. Zum 53. Mal
in unserer Geschichte hat unser Volk seine stille und
wohlüberlegte Wahl getroffen. Es hat seiner mächtigen Stimme Gehör verliehen und seinen Willen zum
Ausdruck gebracht. Heute Nacht feiern wir das
Wunder Amerikas. Morgen begrüßen wir den Tag und
beginnen unsere Arbeit aufs Neue.
Ich bin dankbarer, als ich sagen kann. Sie haben mir
eine Chance gegeben und eine Verantwortung
auferlegt, die wenigen Menschen zuteil wird. Ich
werde mein Bestes geben. Und gemeinsam werden
wir diese Brücke ins 21. Jahrhundert bauen.
Ich danke Ihnen. Gute Nacht. Gott schütze Amerika.

*

*

AMERIKA DIENST 22

�WAHLEN

'9 6

13. November 1996

Amerika auf der Reise ins 21. Jahrhundert
Ansprache von J.D. Bindenagel

BONN - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die Ansprache, die J.D. Bindenagel, Charge d'Affaires ad interim
der Botschaft der Vereinigten Staaten von Amerika in der Bundesrepublik Deutschland, beim "Election Breakfast"
am Morgen des 6. November 1996 im Embassy Club nach Bekanntgabe des Wahlergebnisses hielt.

Seit 1789 haben wir Amerikaner alle vier Jahre einen
Präsidenten der Vereinigten Staaten gewählt - ein
manchmal lautes Spektakel, an dem Sie, die Mitglieder
unserer transatlantischen Gemeinschaft, so großes
Interesse haben.
Unsere Präsidentschaftswahlkämpfe sind wie ein
Familienstreit, den man mit Fernsehkameras und
Videorekordern durch das Wohnzimmerfenster
verfolgt. Es gibt viel Zurschaustellung, viel Rhetorik
und sogar eine Reihe von substantiellen Themen oder zumindest einige.
Das geht schon ziemlich lange so. Seit über zweihundert Jahren haben wir bei Wind und Wetter, Krieg
oder Frieden, Wohlstand oder Wirtschaftskrisen
Wahlen abgehalten. Und das Erstaunliche ist, daß die
amerikanische politische Familie zusammensteht.
In den vergangenen Wochen und Monaten haben wir
viel darüber gehört, wie unpopulär die Kandidaten
sind, daß wir kaum eine Wahl haben. In der Tat waren
die meisten Präsidenten nie sehr populär. Vor einem
Jahrhundert definierte Ambrose Bierce in seinem
Devil's Dictionary den amerikanischen Präsidenten
als "die führende Figur einer kleinen Gruppe von
Männern, von denen man definitiv weiß, daß eine
riesige Zahl ihrer Mitbürger keinen von ihnen als
Präsidenten haben möchte".
Auch die Frage des Charakters, über die wir in diesem
Jahr so viel gehört haben, ist nicht neu. George
Washington - jetzt als "Vater seines Landes" verehrt wurde in den Medien seiner Zeit als der "schlimmste
Flucher und Gotteslästerer", als "Tyrann" und "Verführer einer Nation" verunglimpft.

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Meines Erachtens sind Präsident Clinton und Senator
Dole in der Presse vergleichsweise glimpflich davongekommen.
Es gereicht Präsident Washington zur Ehre, daß er
sich den Übergriffen stellte. Er erklärte: "Diese Art von
Berichterstattung ist ein Übel, das den unendlichen
Vorzügen einer freien Presse entgegengehalten
werden muß."
Ich möchte das Argument vorbringen, daß unsere
Präsidentschaftswahlkämpfe Meilensteine auf der
langen Reise der amerikanischen Geschichte sind.
Als Nation sind - und waren wir - stets in Bewegung.
Wahlen sind eine Möglichkeit, uns selbst zu zeigen, wo
wir waren und wohin wir gehen. Sie liegen im Innersten unseres Wesens.
In der amerikanischen Geschichte und Literatur ist
überall von Reisen die Rede - von Huck Finn, der den
Mississippi hinabreist, bis Captain Ahab auf seiner
Suche nach dem Weißen Wal (an den hier in Bonn das
Rheinschiff "Moby Dick" erinnert) bis zu Jack Kerouacs
Buch On the Road. Die Menschen zogen auf der
Suche nach Arbeit, Gold oder Freiheit über unseren
riesigen Kontinent.
Präsident Kennedy machte diese Reisemetapher
explizit, als er über die "New Frontier" sprach. Die
Metapher für Bewegung und Suche hat sich in den
letzten Wochen als sehr lebendig erwiesen. Präsident
Clinton erklärte, er wolle eine "Brücke in die Zukunft"
bauen, und Bob Dole führte seine heldenhafte 96stündige Odyssee über unseren gesamten Kontinent.
Dieser jugendliche amerikanische Geist der Mobilität

Seite 1

�ist selbst bei einem 73jährigen Kandidaten noch sehr
lebendig.
Ein anderer Aspekt unserer Reise ist das Bild der
Führungspersönlichkeit als Außenseiter, als Fremder,
der in eine Stadt kommt, um Ordnung zu schaffen. In
jüngster Zeit haben alle Kandidaten diese Rolle
gespielt und sind gegen Washington und die Regierung angetreten.
Der Wunsch nach Wandel ist eng mit dem tiefverwurzelten Mißtrauen gegen Ideologien verbunden. Der
Name unseres Spiels ist Pragmatismus. Spontaneität
und mangelnde Planung zählen zu unseren Charakterzügen. Der Bill Clinton, der sich mit dem Spruch, das
Zeitalter des "big government" sei vorüber, zur Wiederwahl stellte, und der Bob Dole, der umfassende
Steuersenkungen vorschlug, sind Beispiele dafür,
welch unerwartete Umwege wir Amerikaner auf
unserer Reise zu einem unbekannten Ziel machen.

Der amerikanische Präsident muß ebenso wie die
Nation, der er dient - in der Tat wie alle Nationen lernen, unsere nationalen Mythen mit den entstehenden globalen Realitäten in Einklang zu bringen. Es
muß eine neue Art von Reise geben und eine neue
Vision, die nicht nur Amerika, sondern die ganze Welt
umfaßt.
Was für Amerika gilt, gilt am Vorabend des dritten
Jahrtausends auch für die ganze Welt. Wir sind nicht
dazu geboren anzukommen, sondern zu reisen.
Ich möchte Sie alle heute morgen hier sehr herzlich
begrüßen und lade Sie ein, uns auf dieser Reise zu
begleiten.
Jetzt möchte ich einen Toast auf den Mann ausbringen, der gewählt wurde, bei dieser Reise eine
wichtige Führungsrolle zu übernehmen - Präsident Bill
Clinton.

* * * * *

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�USA-RUSSLAND
13. November 1996

Amerika und Rußland in einer sich wandelnden Welt
Rede des Stellvertretenden Außenministers

NEW YORK - (AD) - In einer Rede zum 50jährigen Bestehen des Harriman Institute am 29. Oktober 1996 forderte
der Stellvertretende Außenminister Strobe Talbott Rußland auf, das Mißtrauen und die Vorbehalte gegenüber der
NATO-Erweiterung aufzugeben und betonte, die NATO wird "ein positiver Faktor bei der Förderung von
Demokratie und regionalem Frieden sein", während sie ihre Mission und Mitglieder an politische Veränderungen
anpaßt.
Nachfolgend veröffentlichen wir den vorbereiteten Redetext des Stellvertretenden Außenministers unwesentlich
gekürzt.

Die größte Veränderung der Welt in den vergangenen
25 Jahren ist der Wandel, für den sich Rußland
entschieden hat. Wenn diese Umgestaltung andauert,
wird sie Amerika und Rußland im 21. Jahrhundert die
Zusammenarbeit dabei ermöglichen, diesen Wandel
zu einer besseren Welt fortzusetzen.
Das 21. Jahrhundert steht vor der Tür. Es beginnt in
genau drei Jahren, zwei Monaten, zwei Tagen und
sieben Stunden. Rußland wird sehr viel länger
brauchen, seine Wiedergeburt zu vollenden. Eine
sichere Annahme ist, daß es eine Generation oder
mehr dauern wird, teils genau aus Generationserwägungen heraus. Die Vollendung des sich jetzt in
Rußland vollziehenden Prozesses erfordert das
Abtreten von der Bühne derjenigen, die die sowjetische Art, Dinge zu tun oder nicht zu tun, zu gut gelernt
haben. Sie erfordert das Ableben derjenigen, die
verbittert über den Verlust sind, den Rußland ihres
Erachtens zwischen 1989 und 1991 erlitten hat - einer
Ideologie; eines politischen und wirtschaftlichen
Systems, das über 70 Jahre lang herrschte; eines
Viertels des Territoriums und der Hälfte der Bevölkerung des Staates, dessen Zentrum Rußland bildete,
und eines Bündnisses, in dem die Sowjetunion der
Erste unter Ungleichen war. Diese Generation muß
einer neuen Generation weichen, die von dem Verständnis dessen erfüllt ist, was Rußland in diesen
vergangenen Jahren gewonnen hat - mit einem Wort:
Freiheit. Und etwas ausführlicher: Die Chance für
Rußland, dank seines enormen Potentials an Land und

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Leuten sowohl einen Beitrag zu einer zunehmend
interdependenten globalen Wirtschaft zu leisten als
auch von ihr zu profitieren.
Während diese Umgestaltung andauert, sieht sich
Rußland mit einer Vielzahl alternativer Zukunftsaussichten konfrontiert, von denen einige so häßlich und
gefährlich sind wie die Vergangenheit des Landes.
Eine realistische Einschätzung, wie weit Rußland
gehen muß, wie lange es dauern wird und wie leicht es
scheitern kann, sollte jedoch eine andere Erkenntnis
nicht überschatten: Wie weit Rußland in außerordentlich kurzer Zeit gekommen ist - im wesentlichen in die
richtige Richtung. Um dieses grundsätzlich positive,
wenn auch vorläufige Urteil zu untermauern, möchte
ich drei Bereiche ansprechen: Politik, Wirtschaft und
die Beziehungen zu den anderen Republiken der
ehemaligen UdSSR.
Erstens Politik - das bedeutet vor allem Demokratisierung. Dieser Prozeß vollzieht sich kontinuierlich und
im ganzen Land. Die Menschen in Rußland - die
angeblich apathischen und autoritären Massen beweisen, daß sie es zu schätzen wissen, die entscheidende Stimme bei der Wahl ihrer Führung zu
haben.
Ein wesentlicher Bestandteil der Demokratisierung ist
Dezentralisierung. Die politische Macht überträgt sich
aus dem Kreml nach unten und von Moskau nach

Seite 1

�außerhalb. Natürlich bedeutet diese Dynamik, daß es
über die Weite Rußlands hinweg sehr viel Ungleichheit
und Anomalien geben wird - oder das, was die Marxisten als Widersprüche bezeichneten. Einige Teile des
Landes werden als Oasen wirtschaftlicher und politischer Liberalisierung prosperieren, während andere,
zumindest eine Zeitlang, Bastionen der Reaktion
bleiben werden. Insgesamt hat die Übertragung der
Macht jedoch die Regierung in Rußland für den
Durchschnittsbürger bereits rechenschaftspflichtiger
gemacht; sie hat größeren Pluralismus und ^inen
stärkeren Ideenwettbewerb hervorgebracht.
Diese willkommenen Anzeichen sind auch in den
Zeitungen und im Fernsehen wahrzunehmen. Eine
Meßlatte für die von Rußland gemachten Fortschritte
ist, daß den Medien vor einigen Monaten vorgehalten
wurde, dem kommunistischen Kandidaten in einem
Präsidentschaftswahlkampf mit mehreren Gegenspielern nicht genügend Sendezeit und ausgewogene
Berichterstattung eingeräumt zu haben. Die Parteinahme der Presse während des Wahlkampfs war
offenkundig, aber kaum überraschend: Viele Journalisten, Redakteure und Sender fürchteten, daß ein Sieg
der Kommunisten zu einem scharfen Vorgehen
gegenüber der freien Presse geführt hätte. Und
unmittelbar nach der Wahl übten zahlreiche Medien
erneut massive Kritik an der Regierung.
Was den Kommunismus selbst anbetrifft, so ist die
nicht wiederaufgebaute, militant rückschrittliche
Gruppe um Viktor Anpilow eine verbrauchte Kraft. Die
amorphere, anpassungsfähigere Kommunistische
Partei der Russischen Föderation erreichte wahrscheinlich mit Gennadij Sjuganows starkem Aufritt in
der ersten Wahlrunde im Juni ihren Höhepunkt.
Sjuganow und seine Genossen scheinen zu erkennen,
daß der Breschnewismus, ganz zu schweigen vom
Stalinismus, nicht länger ein lebensfähiges Modell für
den russischen Staat ist. Sie hatten Schwierigkeiten,
ihre Anziehungskraft über eine grauhaarige Basis von
Rentnern und älteren Mitbürgern hinaus zu erweitern.
All das heißt, daß es in dem Drama der russischen
Politik in den vergangenen Jahren viel zu applaudieren
gab - einschließlich der Tatsache, daß ein Großteil der
Handlung mitten auf der Bühne, im Rampenlicht, bei
offenem Vorhang stattfand.
Es wird jedoch noch mit großer Spannung erwartet,
was im nächsten Akt und dem danach geschehen
wird. Obwohl Rußland die Autokratie abgeschafft und
sich der Idee der Demokratie zusammen mit vielen
ihrer Formen verschrieben hat, konnte das Land
unmöglich über Nacht eine in früheren Jahrzehnten
und Jahrhunderten verwurzelte politische Kultur
verändern. Das wird Zeit, Geduld und Durchhaltevermögen erfordern - von den Russen und von uns.
In Rußland sollten wir auf das hoffen, was russische
Demokraten und Reformer selbst gegen alle Widrig-

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keiten und gegen starken Widerstand versuchen
herbeizuführen: Ein System der gegenseitigen Kontrolle und gemeinsamen Verantwortung von Parlament
und Regierung, eine erweiterte, geschützte Rolle der
Legislative und Judikative, vollständige Respektierung
der Gesetze sowie uneingeschränkte Rechte für alle
Bürger und ethnischen Minderheiten.
Ebenso sollten wir das ablehnen, was die russischen
Demokraten und Reformer ablehnen. In den vergangenen zwei Jahren bedeutete das vor allem die
Verrohung Tschetscheniens. Wir sollten uns den
vielen Russen anschließen, die entschlossen sind
sicherzustellen, daß diese Tragödie zu einem grotesken Irrtum wird, aus dem das Zentrum die richtigen
Lektionen für den Umgang mit den Regionen lernen
muß.
Ich möchte mich nun der russischen Wirtschaft
zuwenden. Auch hier ist das Glas mindestens halb
voll. Die Rudimente von Einzelhandel, Marktmechanismen und einer finanziellen Infrastruktur sind jetzt
vorhanden. Das politische Monopol der wirtschaftlichen Ressourcen ist Vergangenheit. Der größte
Transfer von Vermögenswerten der Geschichte hat
nahezu 70 Prozent des russischen Bruttoinlandsprodukts dem Privatsektor zugeführt. Am wichtigsten
ist jedoch vielleicht, daß Rußland auf dem Weg zur
Bekämpfung der Hyperinflation zu sein scheint, die ein
echter Killer von Reformen und eine tödliche Bedrohung der Lebensfähigkeit des Staates ist.
In der russischen Wirtschaft findet jedoch ebenso wie
in der politischen Arena ein Kampf statt - nicht nur
zwischen Altem und Neuem, sondern zwischen
konkurrierenden Versionen des Neuen, von denen
einige lobenswert und gesund, andere widerlich und
destruktiv sind. Der Kampf um die Privatisierung wird
zwangsläufig mit besonderer Heftigkeit geführt. Die
russischen Reformer und die ausländischen Experten
sind gleichermaßen besorgt, daß es zu viele Verlierer
geben wird, wenn es zu wenige Spielregeln gibt. Es ist
ein Warnzeichen, wenn die Bürger "Markt" als ein
Schimpfwort ansehen und das Wort "Mafia" im modernen Russisch geläufiger ist als in Italienisch oder
amerikanischem Englisch.
Verbrechen und Korruption - nicht nur in den im
Übergang befindlichen Gesellschaften, sondern auch
in den entwickelten nur zu bekannt - drohen die
Reformen zu diskreditieren und sogar zu vereiteln. Sie
stellen diese Gefahr dar, weil sie das Vertrauen des
russischen Volkes in die Regierung und die Demokratie selbst unterminieren und als Vorwand für die
Wiedereinführung von wirkungslosen staatlichen
Kontrollen dienen könnten. Das beste Mittel gegen
Korruption ist in der Tat weniger staatliche Intervention
in die Wirtschaft - und eine größere Verpflichtung des
Staates zum Schutz von Eigentumsrechten und der
Durchsetzung der Gesetze.

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�Ich möchte einen weiteren wirtschaftlichen Mißstand
hervorheben, weil er unsere Fähigkeit zur Unterstützung der russischen Reformen behindert. Rußland
benötigt dringend eine unverzügliche und massive
Überholung seines Steuereinnahmesystems. Das
Versagen der russischen Regierung, Geld einzunehmen, setzt weitere Kredite des Internationalen Währungsfonds aufs Spiel. Dieses Versagen hat dringend
benötigte ausländische Investitionen abgeschreckt und
die Flucht von russischem Kapital ins Ausland stimuliert, die ein weiteres Hindernis für Wachstum ist.
Die gute Nachricht ist, daß die führenden Politiker in
der russischen Führung sich dieser Probleme akut
bewußt sind. Sie haben auch solide persönliche und
institutionelle Kanäle zu den wichtigsten Regierungen
und Institutionen im Westen geschaffen. Unsere
eigene Regierung ist besonders aufgeschlossen und
zur Unterstützung bereit. Die amerikanisch-russische
gemeinsame Kommission für wirtschaftliche und
technische Zusammenarbeit, die zweimal pro Jahr
unter dem gemeinsamen Vorsitz von Vizepräsident
Gore und Ministerpräsident Tschernomyrdin zusammenkommt, ist zu einem außerordentlich effektiven Instrument für die Arbeit an schwierigen Wirtschaftsfragen zum Nutzen beider Länder geworden.
Der dritte Bereich, den ich ansprechen möchte, sind
die Beziehungen Rußlands zu seinen Nachbarn. Dies
ist bei weitem das herausragendste Thema der
russischen Außenpolitik, sowohl für Rußland selbst als
auch für die übrige Welt. Viele in der russischen
politischen Elite fühlen den Verlust des Imperiums wie
den Phantomschmerz an einem amputierten Glied. 25
Millionen gebürtige Russen leben heute außerhalb der
Grenzen Rußlands, in jetzt separaten Ländern. Zu
Recht wollen sie gleichberechtigte Bürger toleranter,
integrierender Demokratien sein. Alle Beschwerden,
die sie zu Recht oder Unrecht vorbringen, spielen in
die Hände der Ultranationalisten in Rußland.
Bisher gereicht es Rußland jedoch zur Ehre, daß es
irredentistische Impulse im Großen und Ganzen unter
Kontrolle gehalten hat. Nicht allzu lange nach dem
Zusammenbruch der UdSSR traf Boris Jelzin eine
historische Entscheidung: Er bestätigte die alten
Grenzen zwischen den Republiken als die neuen
internationalen. Bei mehreren wichtigen Gelegenheiten hat er die kriegerischen Ambitionen seiner neugierigeren Gegner zurückgewiesen. Erst in der vergangenen Woche lehnte er eine aufwiegelnde Duma-Resolution zu den heiklen Themen Krim und Schwarzmeerflotte ab.
Mit anderen Worten: Wir sollten auf Warnzeichen
achten, aber wir sollten auch auf die Hunde hören, die
heute in der ehemaligen UdSSR nicht bellen. Stellen
Sie sich vor, wie anders und wieviel katastrophaler es
gewesen wäre, wenn das postsowjetische Rußland
sich so verhalten hätte wie das postjugoslawische

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Serbien und Kroatien mit dem Einsatz von Gewalt, um
Grenzen nach ethnischer Zugehörigkeit zu verändern.
Stellen Sie sich die jüngsten Greueltaten auf dem
Balkan in Eurasien vor, über elf Zeitzonen hinweg mit
30.000 Nuklearwaffen in einer volatilen und gewalttätigen Mischung.
Zweifelsohne gibt es noch viele Fragen - und unter den
Nachbarn Rußlands viele Ängste - darüber, wie
Moskau seine Beziehungen zu den anderen Mitgliedern der NUS gestalten wird. Ob diese Gruppierung von Staaten überlebt und prosperiert, wird in
hohem Maße davon abhängen, ob diese sich in einer
Weise entwickeln, die den Namen rechtfertigt - das
heißt, ob sie sich zu einem echten Staatenbund
wirklich unabhängiger Länder entwickeln. Wenn nicht
- wenn ihr größtes Mitglied versucht, den "Staatenbund" zu einem Euphemismus für den Übergriff auf
die Unabhängigkeit der anderen zu machen - dann
verdienen es die NUS, gemeinsam mit der ehemaligen
UdSSR auf dem Scherbenhaufen der Geschichte zu
landen.
Präsident Clinton formulierte es von zweieinhalb
Jahren kurz und bündig. Während seines ersten
Moskaubesuchs als Präsident stellte er bei einem im
Fernsehen übertragenen Treffen mit den Bürgern einer
Stadt dem russischen Volk - und der russischen
Führung - eine grundlegende Frage: "Wie definieren
Sie Ihre Rolle als Großmacht? Definieren Sie sie vom
Standpunkt der Vergangenheit aus oder von dem der
Zukunft?" Er erklärte, Rußland habe "die Chance zu
zeigen, daß eine Großmacht Patriotismus ohne
Expansionismus fördern kann, daß eine Großmacht
nationalen Stolz ohne nationale Vorurteile haben kann.
Meines Erachtens wird Ihre künftige Größe daran
gemessen, ob der große Nachbar Rußland auch ein
guter Nachbar sein kann", so Präsident Clinton.
Ich möchte hier zusammenfassend von den Fortschritten berichten, die Rußland in den fünf Jahren
gemacht hat, seit über dem Kreml Hammer und Sichel
durch die weiß-blau-rote Fahne ersetzt wurden: In
dieser Zeit traf Rußland eine Reihe grundlegender,
schwieriger, mutiger und - sowohl von seinem als
auch unserem Standpunkt aus gesehen - richtiger
Entscheidungen. Aber auf jedem der drei von mir
erwähnten Gebiete - Politik, Wirtschaft und Außenpolitik- ist die Neudefinition der russischen Souveränitätein andauernder Prozeß; die Russen müssen noch
weitere schwierige Entscheidungen treffen.
Jetzt möchte ich auf die Politik der Vereinigten Staaten
gegenüber Rußland zu sprechen kommen. Präsident
Clinton ist der Ansicht, daß auch wir bedeutende
Entscheidungen treffen müssen - die einen wichtigen
Einfluß darauf haben werden, wie Rußland mit seinen
Problemen und Schwierigkeiten, seinen Chancen und
Versuchungen umgeht.

Seite 3

�Eine uns konfrontierende Entscheidung ist die Frage,
ob wir weiterhin in die russischen Reformen - und
somit in unsere eigene langfristige Sicherheit - investieren sollten. Hier haben wir ein großes Problem
mit dem Kongreß, der nicht genügend Mittel für unsere
Außenpolitik im allgemeinen und unsere Hilfsprogramme für die neuen unabhängigen Staaten im besonderen bewilligt. Unsere Unterstützung für die neuentstehenden Demokratien Eurasiens ist seit 1994 um 75
Prozent gesunken, unsere Unterstützung für den
russischen Reformprozeß um 94 Prozent. Wenn der
105. Kongreß im Januar zusammentritt, muß er sich,
wie Außenminister Christopher in seiner Rede in West
Point am vergangenen Freitag erklärte, mit den
Auswirkungen der Ausgabenkürzungen des 104.
Kongresses auseinandersetzen.
Eine andere uns dauerhaft konfrontierende Aufgabe die andere Frage, bei der wir jedes Mal wieder eine
richtige Entscheidung treffen müssen - besteht darin,
unsere Führungsrolle in den verschiedenen regionalen
und internationalen Organisationen zur Sicherstellung
zu nutzen, daß sie ihre Türen für Rußland und die
anderen neuen unabhängigen Staaten offenhalten,
solange diese sich in Richtung von Reformen und
verantwortungsbewußtem internationalen Verhalten
bewegen.
In den letzten Jahren ist Rußland verschiedenen, ganz
unterschiedlichen Organisationen beigetreten - dem
Europarat, dem Raketentechnologiekontrollregime
(MTCR) und der Partnerschaft für den Frieden. Vor
kurzem wurde das Land Gründungsmitglied der
Nachfolgeorganisation des COCOM, die internationalen Handel mit Waffen und sicherheitsempfindlichen Technologien regeln will. Die Gruppe der sieben
führenden Industrieländer, G-7, nahm Rußland in ein
neues politisches Gremium auf, das einfach als "die
Acht" bezeichnet wird. Und wir arbeiten mit Rußland
zusammen, damit sich das Land für die Aufnahme in
die Welthandelsorganisation (WTO) qualifiziert.
Wir müssen die Aufnahme Rußlands in möglichst viele
dieser Organisationen, seine Beteiligung oder zumindest die Assoziierung mit ihnen weiterhin ermutigen
und fördern, denn gemeinsam stellen sie die größere
Gemeinschaft der Demokratien dar, in der wir Rußland
gerne als vollwertiges Mitglied sähen.
In diesem Zusammenhang möchte ich kurz auf eine
internationale Organisation zu sprechen kommen, mit
der sich heute jeder befaßt: Die NATO. Die NATO
war, ist und bleibt ein gegenseitiges Verteidigungsbündnis. Aber sie ist weitaus mehr - und war das auch
immer. Während des Kalten Kriegs förderte die NATO
neben ihrer Hauptaufgabe - Abschreckung der Sowjetunion und des Warschauer Pakts - die Konsolidierung
der unter ziviler Kontrolle stehenden Demokratie in
Spanien und half bei der Wahrung des Friedens
zwischen Griechenland und der Türkei. Während das

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Bündnis seine Aufgaben an neue Gegebenheiten
anpaßt und seine Mitgliedschaft erweitert, um neue
Herausforderungen zu bewältigen und neue Chancen
zu ergreifen, wird es zu einem positiven Faktor bei der
Förderung von Demokratie und regionalem Frieden.
Allein die Aussicht auf eine Aufnahme im Bündnis hat
eine Reihe zentraleuropäischer Staaten bereits zur
Beschleunigung ihrer internen Reformen und Verbesserung der Beziehungen zu ihren Nachbarn
veranlaßt. Rußland, das aufgrund von Instabilität in
Zentraleuropa bereits zweimal in diesem Jahrhundert
zu Schaden kam, hat ein sicherheitspolitisches
Interesse an diesen positiven Trends.
Die Russen sehen die NATO-Erweiterung offensichtlich noch längst nicht in diesem günstigen Licht.
Unsere Fähigkeit zum Umgang mit den Meinungsverschiedenheiten bei dieser Frage und letztlich ihrer
Beilegung wird die amerikanisch-russischen Beziehungen auf eine wichtige Probe stellen. Vergangene
Woche setzte Präsident Clinton den 50. Jahrestag des
Bestehens der NATO 1999 als Frist für die Aufnahme
der ersten neuen Mitglieder des Bündnisses. Dieser
Zeitplan ist fest in unserem Gedächtnis verankert. Er
gibt uns jedoch Zeit, parallel zum Erweiterungsprozeß
die Bedingungen für kooperative und sich gegenseitig
verstärkende Beziehungen zwischen der NATO und
der Russischen Föderation auszuarbeiten. Außenminister Christopher hat sich sehr intensiv mit dieser
Frage befaßt und unter anderem vor sechs Wochen
hier in New York Gespräche mit Außenminister
Primakow geführt. Und es gibt kein Thema, für das ich
mich selbst mehr eingesetzt habe.
Wir sind überzeugt, daß ein Modus vivendi zwischen
der NATO und Rußland nicht nur wünschenswert,
sondern auch möglich ist. Das setzt jedoch auf beiden
Seiten den politischen Willen und die Überwindung der
noch aus dem Kalten Krieg stammenden Klischees
voraus. Bei uns sehen einige selbsternannte "Realisten" das heutige Rußland genauso wie die Sowjetunion von vor 15 Jahren, lediglich verschlankt und mit
einer pseudodemokratischen Verkleidung.
Sie
bezeichnen die russische Demokratie verächtlich als
Motor für Expansion, der von tiefverwurzelten neoim-

perialistischen Überzeugungen angetrieben wird.
Die Ansicht, räuberisches Verhalten sei auf irgendeine
Weise in den russischen Genen verankert, ist eine
grobe Verfälschung der russischen und sowjetischen
Geschichte. Sie verdient eine schlechte Benotung
durch jedes Mitglied dieser Fakultät. Tatsache ist, daß
einer Ihrer ehemaligen Kollegen, Steve Sestanowitsch
von der Carnegie-Stiftung für internationalen Frieden in
der neuesten Ausgabe von The National Interest dem
Konzept des genetischen Expansionismus wirksam
seinen Nimbus nimmt, wobei er sich - davon bin ich
überzeugt - auf das hier vor 24 Jahren Gelernte stützt.
Es war jedoch lan Buruma, der in seinem Buch The
Wages of Guilt diese Ansicht definitiv widerlegte. Er

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�schrieb über zwei andere große Nationen - Deutschland und Japan - deren Menschen vor nicht allzu
langer Zeit als inhärent militaristisch gefürchtet und
sogar gehaßt wurden. Buruma schrieb: "Es gibt keine
gefährlichen Völker, sondern nur gefährliche Situationen, die nicht von Natur- oder historischen Gesetzen
oder nationalem Charakter, sondern von politischen
Vereinbarungen herrühren."
Wenn man Burumas Beobachtungen auf das vorliegende Thema anwenden will, würde ich vorschlagen,
daß die amerikanische Politik gegenüber Rußland die
richtigen politischen Vereinbarungen hervorbringen
muß. Dieses Prinzip steht hinter der amerikanischen
Außenpolitik als Ganzem und bedeutet, wir sollten
Beziehungen knüpfen und Anreize schaffen, die
Rußland ermutigen, sich zu einem demokratischen,
sicheren, stabilen und prosperierenden Staat zu
entwickeln, der mit seinen Nachbarn in Frieden lebt
und in eine Gemeinschaft gleichgesinnter Staaten
integriert ist.
Hierzu muß Amerika jedoch eine Herausforderung
bewältigen, die offen gesagt in der Überwindung
russischen Mißtrauens, russischer Verschwörungstheorien und überkommenen russischen Gedankenguts besteht. Genauer gesagt meine ich, daß die
Russen selbst sich dieser Herausforderung stellen
müssen; sie müssen ihre aus der Zeit des Kalten
Krieges verbliebenen Klischeevorstellungen von
Amerika überwinden. Viele von ihnen haben deutlich
gemacht, daß ihres Erachtens Amerikas wirkliche
Strategie - tatsächlich die wirkliche Strategie dieser
Administration - in der Schwächung und sogar Spaltung Rußlands besteht. Es ist für sie keine Beruhigung, wenn wir sagen, daß wir Rußland in seiner
vollen "Größe" sehen wollen. In ihren Ohren klingt
dieses Wort sentimental, unaufrichtig und sogar falsch
- als würden wir über das kulturelle Genie von Tolstoi
und Tschaikowski, und nicht die größere Brillanz von
Kutuzow und Zukow sprechen.
Diese Voreingenommenheit Moskaus bezüglich
unserer Absichten ist das Spiegelbild der - in einigen
Kreisen der Vereinigten Staaten derzeit modernen Vorurteile, Rußland sei eine verkrüppelte Sowjetunion,
der es in den Fingern jucke, wieder zu ihrer damaligen
Größe und ihrem früheren verhaßten Verhalten
zurückzufinden. Wir haben während des Kalten
Krieges viel Erfahrung mit solchem spiegelbildlichen
Verhalten gesammelt und sollten uns jetzt vor einer
Wiederholung hüten. Insbesondere wäre es wenig
hilfreich, wenn die schlimmsten Annahmen auf Seiten
der außenpolitischen Elite Rußlands zur treibenden
Kraft der Politik der russischen Regierung würden.
Lassen Sie mich etwas genauer über meine Besorgnis
sprechen. Wenn die Russen allzu sehr ihrem fehlgeleiteten Mißtrauen, wir wollten sie kleinhalten, frönen,
dann werden Worte wie Partnerschaft und Kooperation

AMERIKA DIENST 22

im Russischen zu Synonymen für Beschwichtigung,
Unterwürfigkeit und Erniedrigung durch den Westen.
Das könnte dazu führen, daß wir bei genau den
Fragen weniger zusammenarbeiten und mehr konkurrieren, wo verstärkte Zusammenarbeit und weniger
Konkurrenz in unserem gemeinsamen Interesse
liegen: Rüstungskontrolle, Umweltschutz, Terrorismus,
regionale Konflikte und die Weiterverbreitung von
Massenvernichtungswaffen.
Diese unwillkommene Aussicht ist Anlaß zu einer
weiteren, damit zusammenhängenden Besorgnis.
Russische Politiker - insbesondere diejenigen, die das
Verhältnis zwischen ihrem Land und den Vereinigten
Staaten für im wesentlichen feindselig halten - könnten
den Fehler begehen, alles als in ihrem nationalen
Interesse liegend zu definieren, was uns verärgert
oder uns Probleme bereitet. Wenn dieser Reflex, in
einem Nullsummenspiel gegen uns Punkte zu machen,
praktisch zu einem festen Bestandteil der russischen
Politik wird, ruft er bei uns lediglich Mißtrauen hervor.
Mißtrauen hinsichtlich der Motive des anderen könnte
dann schließlich gerechtfertigt sein, und pessimistische
Prognosen über die Zukunft unserer Beziehungen
könnten sich bestätigen.
Um es noch einmal zu wiederholen: Wir haben
während des Kalten Krieges genug von dieser Art
Teufelskreis gesehen, um jetzt keine Entschuldigung
für seine erneute Entstehung zu haben. Das wäre von
Nachteil für alle, aber zweifelsohne insbesondere für
die Russen selbst. Sie würden riskieren, zumindest
einige der Fehler zu wiederholen, die neun Zehntel des
20. Jahrhunderts für sie zu einer solchen Katastrophe
werden ließen. Zu diesen Fehlern zählen die Definition
ihrer Sicherheit auf Kosten aller anderen sowie eine
falsche Definition von Sicherheit als kostspielige und
verschwenderische Fähigkeit zum Zerstören und
Einschüchtern. Seine menschlichen und natürlichen
Ressourcen - nicht einfach nur seine militärische
Macht - werden Rußland im kommenden Jahrhundert
zu echter Sicherheit und Einfluß verhelfen.
Das russische Volk und die russische Führung
müssen davon überzeugt sein. Ferner müssen sie
wissen, daß auch wir davon überzeugt sind und
unsere heutige Politik ihnen gegenüber von unserem
Glauben an zukünftige Unterstützung geleitet wird.
Ebenso wie bei den uns konfrontierenden spezifischeren Fragen müssen wir mit den Russen viel
Arbeit leisten.
Aber ebenso wie bei den anderen schwierigen Fragen
haben wir etwas Zeit. Wir werden von den richtigen
Ideen geleitet und haben - die Anwesenden ausdrücklich eingeschlossen - die richtigen Menschen, die die
Entwicklung dieser Ideen gewährleisten und sie
umsetzen. Trotz der vor uns liegenden Schwierigkeiten gibt es folglich allen Grund zur Zuversicht, daß
wir den Herausforderungen im Zeitalter nach dem

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�Kalten Krieg ebenso gewachsen sind wie denen des
Kalten Krieges - nicht zuletzt, weil das Harriman Insti-

tute - und seine Ehemaligen - uns dabei in den kommenden 50 Jahren helfen werden.
Ich danke Ihnen.

* * * * *

Seite 6

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�WIRTSCHAFT
13. November 1996

Zukunftsperspektiven der amerikanischen
Volkswirtschaft
Pressekonferenz mit führenden Wirtschaftsberatern

WASHINGTON - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir eine vom Pressesprecher des Weißen Hauses, Mike
McCurry, dem Vorsitzenden des Rats der Wirtschaftsberater, Dr. Joseph Stiglitz, und der nationalen
Wirtschaftsberaterin des Präsidenten, Dr. Laura Tyson, am 30. Oktober 1996 im Weißen Haus gegebene
Pressekonferenz in Auszügen.

McCurry: Guten Morgen, meine Damen und Herren.
Heute geben wir Ihnen neue Informationen zur Wirtschaft. Wie immer freuen wir uns, unsere herausragenden Wirtschaftsexperten bei uns zu haben - Dr.
Joseph Stiglitz, den Vorsitzenden des Rats der
Wirtschaftsberater und die nationale Wirtschaftsberaterin des Präsidenten, Dr. Laura Tyson. Sie
werden heute unter anderem über Wirtschaftswachstum und die Zukunft der amerikanischen Volkswirtschaft sprechen.
Herr Dr. Stiglitz, Frau Dr. Tyson, herzlich willkommen.
Dr. Stiglitz: Vielen Dank. Die Wirtschaftszahlen dieser
Woche zeigen weiterhin eine bemerkenswert starke
Wirtschaft mit einer niedrigen Inflationsrate an. Der
heutige Bericht über das Bruttoinlandsprodukt unterstreicht die von großen Investitionen und der Aktivität
des Privatsektors angeführte Fortsetzung der gesunden wirtschaftlichen Expansion.
Die Zahlen des Bruttoinlandsprodukts schwanken von
Quartal zu Quartal, und die heutigen Zahlen ergeben
meines Erachtens am meisten Sinn, wenn sie in einer
längerfristigen Perspektive betrachtet werden. Sie
zeigen, daß das Bruttoinlandsprodukt 1996 real um
nahezu drei Prozent gestiegen ist.
Die jährliche Inflationsrate tendiert schwächer bei 2,1
Prozent. Seit Anfang 1996 ist die Aktivität des Privatsektors um robuste 3,5 Prozent jährlich angestiegen. Seit Anfang 1993 nahm die Aktivität des Privatsektors jährlich um 3,2 Prozent zu. Die Aus-

AMERIKA DIENST 22

rüstungsinvestitionen haben sich seit Anfang 1993 um
44 Prozent erhöht - das ist ein fünfmal schnellerer
Anstieg als während der vergangenen vier Jahre.
Jetzt möchte ich näher auf die Einzelheiten im Bericht
für dieses Quartal eingehen. Im dritten Quartal stieg
das Bruttoinlandsprodukt jährlich real um 2,2 Prozent,
der Privatsektor wuchs jährlich um 3 Prozent, und die
Ausrüstungsinvestitionen erhöhten sich um erstaunliche 19 Prozent jährlich.
Die Einkommen wuchsen schnell. Das reale verfügbare Einkommen - das inflationsbereinigte reale
Einkommen nach Abzug der Steuern - stieg im dritten
Quartal erneut um beeindruckende 4,9 Prozent
gemessen am Jahressatz.
Währenddessen ist die Inflationsrate weiterhin sehr
niedrig. Der Preisindex des Bruttoinlandsprodukts, der
ein umfassenderer Maßstab für die Inflation des
Verbraucherpreisindexes ist, stieg im dritten Quartal
nur um einen Jahressatz von 1,9 Prozent. Ein so
großes Wachstum des Privatsektors und der Investitionen ist ein gutes Vorzeichen für weitere Einkommenszunahmen und niedrige Inflationsraten. Die
Wirtschaftspolitik der Administration, der Abbau des
Haushaltsdefizits, Investitionen im Bildungswesen und
Bestrebungen zur Erschließung von Märkten im Inund Ausland haben für die Zukunft eine solide Grundlage für stärkeres Wirtschaftswachstum und einen
höheren Lebensstandard geschaffen.

Seite 1

�Dr. Tyson: Ich freue mich, wieder hier zu sein und
über einige gute Nachrichten für die amerikanische
Volkswirtschaft sprechen zu können. Wir haben einen
Bericht über das Bruttoinlandsprodukt, der jedoch nur
einen von mehreren diese Woche herausgegebenen
Berichten darstellt, und meines Erachtens ist es
wichtig, alles in einen Zusammenhang zu bringen. Es
gab diese Woche einen Bericht über das Haushaltsdefizit, den wir bereits erörtert haben. Meiner Ansicht
nach ist es wichtig zu erinnern, daß Präsident Clinton
vor vier Jahren eine Verringerung des Haushaltsdefizits um 50 Prozent zugesagt hat. Es wurde um 63
Prozent abgebaut. Das waren 290 Milliarden Dollar
1992 und sind heute 107 Milliarden Dollar. Das ist
eine echte Leistung dieser Administration.
Die Republikaner haben ebenfalls ihren Teil zum
Haushaltsausgleich beigetragen, aber Präsident
Clintons Wirtschaftsplan für 1993 gebührt tatsächlich
der Hauptteil des Verdienstes für den Abbau des
Haushaltsdefizits, was wiederum die Grundlage für
einen gesunden und prosperierenden Privatsektor
darstellt.
Wenn Sie sich anschauen, wie sehr die Ausgaben
noch unterhalb des vom Präsidenten beantragten
Haushalts gekürzt wurden, gebühren den Republikanern unseren Schätzungen zufolge nur zwei bis drei
Prozent des Verdienstes für den Abbau des Defizits im
vergangenen Jahr. Das Wirtschaftsprogramm 1993
und seine positiven wirtschaftlichen Auswirkungen
haben zu etwa drei Vierteln zum Abbau des Haushaltsdefizits beigetragen. Wenn wir Ihnen also Monat um
Monat gute Wirtschaftszahlen präsentieren, spiegeln
wir damit in gewisser Weise wider, daß die Wirtschaft
wie erhofft auf das Wirtschaftspaket des Präsidenten
von 1993 reagiert hat. Eine weitere gute Nachricht
diese Woche - die unbedingt hervorgehoben werden
sollte - ist das Vertrauen der Verbraucher. Vor vier
Jahren war das Vertrauen der Verbraucher im Sinken
begriffen, heute ist es auf dem höchsten Stand seit
sechs Jahren.
Im Oktober 1992 lag der Index für das Vertrauen der
Verbraucher bei 56, während er heute mit 102 fast das
Doppelte beträgt. Das ist zufällig genau dasselbe Maß
an Verbrauchervertrauen wie zu der Zeit, als Präsident
Ronald Reagan erklärte, in Amerika sei ein neuer
Anfang gemacht worden. Es gibt also tatsächlich
zuversichtliche Verbraucher in unserem Land, und
wenn Sie sich das Wachstum des privaten, verfügbaren, realen Einkommens um 4,9 Prozent anschauen
und die Arbeitslosenquote, die seit 25 Monaten unter
sechs Prozent liegt - die niedrigste seit 7,5 Jahren -,
sind das meiner Meinung nach die Faktoren, auf die
die Verbraucher reagieren: Sie reagieren auf Einkommenszuwachs, Nettozuwachs des Realeinkommens und auf eine dauerhaft niedrige Arbeitslosenquote.

Seite 2

Abschließend möchte ich noch betonen, daß wir uns
für diese Art von Veranstaltung normalerweise unsere
eigenen Gesprächsnotizen machen und über die
Wirtschaft sprechen, wie wir sie sehen. Wir haben
jedoch den Vorteil, daß zahlreiche überparteiliche,
unparteiische, objektive Wirtschaftsexperten zu dem
Schluß gekommen sind, daß die Wirtschaftsentwicklung in den Vereinigten Staaten sehr positiv ist. Ich
möchte meine Ausführungen mit einem Zitat von Alan
Sinai, einem der führenden Ökonomen Amerikas,
abschließen. Er erklärte, die amerikanische Wirtschaft
sei in ausgezeichneter Verfassung, und "dieser
Konjunkturzyklus wird im Vergleich zu anderen
Wirtschaftsaufschwüngen in der Zeit nach dem
Zweiten Weltkrieg als bester in die Geschichte eingehen".
Wir haben eine solide Wirtschaftsexpansion. Ihr
Fundament ist fiskalische Solidität und Vertrauen des
Privatsektors, sowohl in der Wirtschaft als auch bei
den Verbrauchern. Wir haben eine von niedrigen
Inflationsraten begleitete Expansion - genau die Art
von Expansion, die auch im 21. Jahrhundert noch
fortbestehen kann.
Frage: Frau Dr. Tyson, wenn das Vertrauen der
Verbraucher so groß ist, was erklärt dann die Tatsache, daß die Gesamtausgaben der Verbraucher nur
um 0,4 Prozent zunahmen, was den geringsten
Anstieg seit nahezu fünf Jahren darstellt.
Dr. Tyson: Wir gehen davon aus, daß auf Grundlage
der Zahlen über Einkommenszuwächse, der Zahlen für
das Wachstum verfügbarer Einkommen und der
Zahlen über das Verbrauchervertrauen die Verbraucherausgaben hoch bleiben. Ich weiß nicht, wie
es bei Ihnen ist, aber ich gebe von Monat zu Monat
unterschiedlich viel Geld aus, was nichts über das von
mir in die Wirtschaft gesetzte Vertrauen aussagt.
Wir nehmen also an, daß die Ausgaben der Verbraucher sich, wie es traditionell der Fall war, im
Verhältnis zum Wachstum des verfügbaren Realeinkommens und der Beschäftigungsmöglichkeiten
entwickeln.
Dr. Stiglitz: Ja. Und es gibt einen anderen Faktor, der
meines Erachtens das Wachstum der Gesamtausgaben der Verbraucher beeinflußt: Die Tatsache, daß
das Verhältnis von Netto- zu Bruttoeinkommen besser
ist als seit den sechziger Jahren, so daß es den
Haushalten bilanzmäßig wirklich sehr gut geht.
Frage: Warum sprechen die Kolumnisten der The
Washington Post wie Glassman und andere von
einer "anämischen Wirtschaft"?
Dr. Tyson: Das müssen Sie sie selbst fragen. Meiner
Meinung nach bekommen Sie ein besseres Gefühl für
die Wirtschaftslage, wenn Sie den Experten von

AMERIKA DIENST 22

�außerhalb zuhören. Betrachten Sie sich beispielsweise einen Artikel, der vor einigen Monaten im
Baron's Magazine erschien und im wesentlichen
verschiedene Arten von Konjunkturaufschwüngen
unter Einbeziehung einer Vielzahl von Indikatoren Wirtschaftswachstum, Arbeitslosenquote, Inflationsrate
und Zinssätze - vergleicht. Wenn Sie diese Vielfalt von
Indikatoren betrachten, erkennen Sie ganz klar, daß es
der Volkswirtschaft unter Präsident Clinton besser geht
als unter jeder anderen Administration der Demokraten
seit 30 Jahren.
Frage: Welche Zahlen führt Dole an?
Dr. Stiglitz: Man kann die Statistiken immer neu
interpretieren, und abhängig vom eigenen Blickwinkel
versucht man Dinge hervorzuheben, die den einen
oder anderen Standpunkt untermauern. Eine Tendenz
besteht darin, von der 1983er Talsohle auszugehen.
Von dort aus gesehen wuchs die Wirtschaft sehr
schnell. Man darf jedoch auch nicht vergessen, daß
dies die schlimmste Rezession seit der Weltwirtschaftskrise war.
Die Arbeitslosenquote lag zum damaligen Zeitpunkt
über der 10 Prozentmarke. Wenn man aus dieser
Talsohle herauskommt, verzeichnet man - scheinbar ein schnelles Wirtschaftswachstum. Aber kein Ökonom würde auf der Grundlage dieser Talsohle Konjunkturvergleiche anstellen. Wenn man das umfassendere Bild ansieht, wie das Wachstum des Bruttoinlandsprodukts im Privatsektor, betrug es in den acht
Jahren unter der Reagan-Administration drei Prozent,
im bereits vergangenen Teil dieses Jahres 3,5 Prozent
und während der gesamten Clinton-Administration 3,2
Prozent. Im Vergleich zur Bush-Administration lag es
bei 1,3 Prozent.
Wenn Sie sich den historischen Verlauf betrachten mit meinen Studenten gehe ich immer anhand einer
Kurve vor - ist unsere Wirtschaft tatsächlich sehr stark.
Und sie ist besonders stark, wenn zwei andere
Faktoren einbezogen werden - wie die anderen großen
Volkswirtschaften wachsen: Es geht uns weitaus
besser als ihnen allen, teilweise weil wir so viel
unternommen haben, um unser Haushaltsdefizit unter
Kontrolle zu bringen. Und zweitens ist es typischerweise und historisch gesehen der Fall, daß bei Sparmaßnahmen der Regierung eine Finanzbremse
gezogen wird, weil wir weniger ausgeben. Und weil
wir es auf eine Art und Weise getan haben, die
Vertrauen in die Wirtschaft erweckte - und eine
Senkung der Zinssätze bewirkte - führte sie tatsächlich
zu einem enormen Wachstum des Privatsektors.
Frage: Eine Zahl im Bericht dieser Woche, die Sie
nicht erwähnten und die nicht besonders positiv ist,
bezieht sich auf die Gesundheitsfürsorge für ältere
Menschen - Medicare. Ich frage mich, wie die Ad-

AMERIKA DIENST 22

ministration im nächsten Jahr das System der Anspruchsberechtigung reformieren will.
Dr. Tyson: Meines Wissens war der jüngste Bericht
über die Situation des Medicare-Treuhandfonds
besser, nicht schlechter als erwartet. Das ist der erste
Punkt. Aber der zweite Punkt ist, daß wir meines
Erachtens hier ein sehr eindeutiges Signal gesetzt
haben. Wir haben gesagt, in dem Haushaltsausgleich
des vergangenen Jahres ist ein Vorschlag enthalten,
mit dem die Lebensdauer des Treuhandfonds um
ungefähr ein Jahrzehnt verlängert würde, und das ist
genau der Zeitraum, um den der Treuhandfonds nach
dem Plan der Republikaner verlängert worden wäre.
Wir sind uns bewußt, daß wir es längerfristig mit einer
sich verändernden demographischen Situation zu tun
haben, und wir sehen hierbei der Zusammenarbeit mit
dem Kongreß auf überparteilicher Ebene erwartungsvoll entgegen.
Man sollte jedoch erwähnen, daß der Präsident bei
diesem Thema eine Führungsrolle übernommen und
tatsächlich als Teil des von den Republikanern
abgelehnten Wirtschaftspakets für 1993 den Treuhandfonds aufgestockt hat. Senator Dole schlug vor,
diese spezielle Erhöhung des Fonds rückgängig zu
machen. Der Präsident hat beim Thema Medicare von
Anfang an verantwortungsvoll gehandelt.
Wir möchten die Zuwachsrate von Medicare verlangsamen und zwar so, daß die Qualität des Programms
erhalten bleibt, und wir können das tun. Als erstes
sollten wir die Zustimmung beider Parteien zu einem
ausgeglichenen Haushalt erhalten, damit das Problem
des Treuhandfonds kurz- bis mittelfristig im nächsten
Jahrzehnt gelöst wird.
Frage: Dr. Tyson, die Unternehmensinventare haben
im dritten Quartal ungefähr fünfmal schneller zugenommen als im zweiten Quartal. Alarmiert Sie diese
steigende Zahl nicht verkaufter Inventare?
Dr. Stiglitz: Nein. Tatsache ist, daß das Gefälle
zwischen den Inventaren und den Verkäufen im
zweiten Quartal sehr gering war und jetzt die Inventare
etwas aufgestockt wurden.
Verglichen mit den
Verkäufen befinden sich die Inventare jedoch auf
einem sehr gemäßigten Niveau.
Frage: Der Zuwachs im zweiten Quartal betrug 4,7
Prozent und verlangsamte sich dann auf 2,2 Prozent was ist die Ursache dieser Verlangsamung und gibt es
einen Grund für die Annahme, daß er sich im nächsten
Quartal noch weiter verlangsamen wird?
Dr. Stiglitz: Wie ich bereits sagte, gibt es eine Reihe
von Faktoren, die beim vierteljährlichen Bruttoinlandsprodukt zum Tragen kommen. Von Quartal zu Quartal
sind sehr große Fluktuationen zu verzeichnen. Ein
Faktor - über den wir vor einigen Minuten gesprochen

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�haben - ist, daß die Verbraucherausgaben relativ
niedrig waren. Und es gibt gute Gründe für die
Annahme, daß die Verbraucherausgaben wieder
zunehmen aufgrund der Tatsache, daß das Vertrauen
der Verbraucher groß ist und das reale verfügbare
Einkommen - das Geld, das die Leute ausgeben
können - um 4,9 Prozent gestiegen ist. Und das
Verhältnis zwischen Netto- und Bruttoeinkommen ist
das beste seit den sechziger Jahren.
Ein weiterer Faktor ist, daß die Exporte nicht so hoch
waren wie man es gerne gehabt hätte. Das ist vor
allem darauf zurückzuführen, daß unsere Volkswirtschaft schneller als die vieler unserer Handelspartner
gewachsen ist. Und immer wenn unsere Volkswirtschaft schneller wächst, importieren wir mehr - sind
unsere Importe höher als unsere Exporte. Die Exporte
können in den vergangenen drei Jahren insgesamt
eine beachtliche Bilanz aufweisen. Sie sind um mehr
als 30 Prozent gestiegen, und das ist besonders
beeindruckend angesichts der Tatsache, daß unsere
Volkswirtschaft schneller gewachsen ist als andere.
Es sieht jedoch so aus, als ob sich das Wachstum in
einigen europäischen Ländern erholt, und das wird
auch diesen Teil des Bruttoinlandsprodukts stärken.
Dr. Tyson: Darf ich noch etwas hinzufügen. Ich
möchte betonen, daß es sich hier um einen Quartalsbericht handelt. Wir müssen uns vor Augen halten,
daß wir im Grunde Prognosen für das Jahr machen.
Das Wirtschaftswachstum belief sich in diesem Jahr
auf durchschnittlich 2,9 Prozent, sogar etwas mehr.
Das liegt beträchtlich über unseren Vorhersagen für
das Jahr, die 2,2 Prozent betrugen, und sehr viel höher
als die Prognosen des Haushaltsbüros des Kongresses von 2,0 Prozent.
Der Kongreß machte eine Vorhersage von 2,0 Prozent
in der Annahme, sein Vorschlag für einen Haushaltsausgleich würde angenommen. Diese Volkswirtschaft
ist stark, stärker als die Prognosen, und ich möchte
betonen, daß die Administration auf eine Rekordbilanz
verweisen kann, in der die Volkswirtschaft jedes Jahr
besser als die Vorhersagen abgeschnitten hat. Und
während wir in die nächste Runde der Haushaltsgespräche gehen, muß man die Notwendigkeit
konservativer Schätzungen hervorheben, aber auch
die Erkenntnis, daß eine Prognose nichts über ein Ziel
oder darüber aussagt, wie sich die Wirtschaft langfristig verhält. In diesem Jahr verzeichnet die Wirtschaft einen Zuwachs von durchschnittlich 2,9 Prozent.
Dr. Stiglitz: Kann ich einen weiteren Aspekt hinzufügen? Es gibt einige wichtige Probleme bei den
Angaben zur Wirtschaft. In den vergangenen sieben
Quartalen wurde die Wirtschaft auf zweierlei Weise
gemessen - einmal von der Einkommensseite, zum
anderen am Output. Jedem Lehrbuch zufolge sollen
sie gleich sein, tatsächlich gibt es jedoch große
Diskrepanzen zwischen beiden.

Seite 4

Die Tatsache, daß das reale verfügbare Einkommen in
diesem Quartal so hoch ist - 4,9 Prozent - legt die
Vermutung nahe, daß diese Diskrepanz anhält, wobei
der Einkommenszuwachs ein sehr viel stärkerer
Indikator der Wirtschaft ist als die Seite des Bruttoinlandsprodukts. Und wie ich bereits erwähnte, hatte
diese Diskrepanz eine Größenordnung von einem
halben bis einem Prozentpunkt.
Frage: Welche Garantien gibt es, daß die Administration bei dem Plan zum Abbau des Defizits bleibt? Es
scheint, daß der Präsident mehr über Steuersenkungen und Ausgabenvorschläge als über den Ausgleich
des Haushalts spricht.
Dr. Tyson: Der Präsident hat jedesmal, wenn er einen
Vorschlag für eine gezielte Steuersenkung oder ein
bestimmtes Programm erörterte, wie etwa das Projekt
zum Bau von Schulen, über das ich vor einigen
Monaten mit Ihnen gesprochen habe, eindeutig
dargelegt, wie sie finanziert werden. Die Mittel wurden
stets im Rahmen eines ausgeglichenen Haushalts
bereitgestellt, und wir haben immer das Ziel des
Haushaltsausgleichs eingehalten. Sowohl unsere
Bilanz beim Defizitabbau, die Tatsache, daß wir dem
Kongreß einen Plan zum Ausgleich des Haushalts
vorgelegt haben, als auch die Tatsache, daß wir genau
spezifiziert haben, wie jede neue Initiative bezahlt wird,
beweisen meines Erachtens unser Engagement für
das Ziel kontinuierlicher fiskalpolitischer Verantwortung.
Frage: Ich habe ein Fax von der Konferenz der
Republikaner im Repräsentantenhaus, in dem ein
Bericht der The Washington Post zitiert wird. Dort
heißt es: "Der Börse droht der Zusammenbruch, wenn
die Demokraten die Mehrheit im Kongreß gewinnen."
Sie sagen, die Furcht macht sich auf dem Markt breit,
und wenn die Republikaner die Mehrheit im Repräsentantenhaus verlieren, droht der Börse der
Ausverkauf. Wenn sie die Mehrheit im Repräsentantenhaus und im Senat verlieren, wird es einen Börsencrash geben. Was sagen Sie dazu?
Dr. Stiglitz: Nun, erstens geben wir ebensowenig
einen Kommentar zur Börse ab wie zur Zentralbank.
Nachdem ich das gesagt habe, möchte ich aber doch
einen Kommentar abgeben. Tatsache ist, daß die
Wirtschaft sehr stark ist. Und wenn Sie jeden einzelnen der Indikatoren betrachten, über die wir gesprochen haben, sind die Investitionen hoch. Die Menschen würden nicht in solchen Maße investieren - die
realen Investitionen steigen um 19 Prozent - wenn sie
kein Vertrauen in die Wirtschaft hätten.
Die reinen Gewinne beim Bruttoinlandsprodukt
beliefen sich unseren letzten Angaben zufolge auf 8,7
Prozent - das ist der höchste Prozentsatz seit 28
Jahren. Die Zinssätze sind niedrig, sie sind diese
Woche als Reaktion auf den Defizitabbau beträchtlich

AMERIKA DIENST 22

�gesunken, die von uns heute genannten Inflationszahlen sinken - wie Sie wissen, liegen sie bei 1,9
Prozent des Preisindexes des Bruttoinlandsprodukts.
All diese Faktoren bedeuten, daß das der Wirtschaft
zugrundeliegende Fundament eben sehr stark ist.
Unsere von Dr. Tyson erwähnte absolute Verpflichtung
zum Defizitabbau und weitere Fortschritte dabei geben
Grund zu der Annahme, daß es so bleibt.
Dr. Tyson: Darf ich eine Tatsache hinzufügen, die wir
uns merken sollten? Es waren die Republikaner, die
1993 prognostizierten, das Wirtschaftsprogramm des
Präsidenten würde dazu führen, daß die Wirtschaft
den Bach 'runter geht, würde zu einer Zunahme der
Arbeitslosenrate sowie einer Zunahme des Defizits
führen, und einige sagten, es würde zu einer Rezession führen. Meines Erachtens sind die hellseherischen Fähigkeiten einiger auf der republikanischen
Seite des Kongresses im Hinblick auf die Wirtschaft
zweifelhaft. Ich würde diese Prognose nicht ernst
nehmen.
Frage: Vor ungefähr einem Jahr wurde eine größere
Anpassung des Indexes der Verbraucherpreise als
möglicher Faktor einer endgültigen Vereinbarung
angesehen. Sie hatten ein Jahr Zeit, das zu prüfen.
Könnte dies im nächsten Jahr Bestandteil eines Paktes
sein - ist das politischer Selbstmord?
Dr. Tyson: Zu diesem Thema müssen das Büro für
Arbeitsstatistik, eine Reihe versierter Ökonomen und
Statistiker, die sich ihr Leben lang damit befassen, wie

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AMERIKA DIENST 22

die Angaben zur Inflation und die Angaben zum
Lebensstandard verbessert werden können, technische Entscheidungen treffen. Und sie tun es, sie
haben es zahllose Male getan, während wir hier
Anpassungen vorgenommen haben, Qualitätsanpassungen bei verschiedenen wichtigen Produkten des
Verbraucherpreisindexes, und meines Erachtens
sollten wir dieses Thema nicht politisieren.
Frage: Vor einigen Minuten erwähnten
offizielle Prognose für die Zuwachsrate des
landsprodukts für dieses Jahr sei 2,2 Prozent
in den ersten neun Monaten bei 2,9 Prozent.
ren Sie diese Prognose jetzt?

Sie, die
Bruttoinund läge
Revidie-

McCurry: Wir sind an der Vorbereitung unserer
Prognose für den nächsten Haushaltszyklus. Wir sind
uns natürlich der Tatsache bewußt, daß die Wirtschaftslage besser als unsere Vorhersagen ist. Wir
haben bei unseren Prognosen für Haushaltsvorlagen
stets gesagt, das sind nicht unsere Wunschzahlen,
sondern absichtlich gewählte konservative Zahlen, so
daß die Zahlen für den Defizitabbau, wenn sie vorliegen, immer sehr viel höher sind als wir zunächst
vorhergesagt haben.
McCurry: Und der Grund hierfür ist meiner Ansicht
nach, daß das Vertrauen in unsere Strategie zum
Defizitabbau vorhanden sein muß, so daß wir bei
unseren neuen Prognosen natürlich die offensichtlichen Erfolge berücksichtigen, die die Wirtschaft in
den vergangenen neun Monaten zu verzeichnen hatte.

* * *

*

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�WIRTSCHAFT
13. November 1996

Eröffnung der deutsch-amerikanischen
Wirtschaftskonferenz in Potsdam
Ansprache von J.D. Bindenagel im Filmstudio Babelsberg

POTSDAM - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die von J.D. Bindenagel, Charge d'Affaires ad interim der
Botschaft der Vereinigten Staaten von Amerika in der Bundesrepublik Deutschland, am 8. November 1996 beim
Eröffnungsabendessen der deutsch-amerikanischen Wirtschaftskonferenz "Connecting the New Länder to the
World" im Studio Babelsberg gehaltene Ansprache. Die Konferenz ist die letzte einer 1994 begonnenen Serie
und wurde von der American Chamber of Commerce in Germany und der US-Botschaft gemeinsam veranstaltet.

Ich freue mich, Sie alle heute abend hier begrüßen zu
dürfen. Das Studio Babelsberg ist eine wunderbare
Kulisse für unsere Konferenz mit amerikanischen
Wirtschaftsvertretern.
Hier wurde Filmgeschichte
gemacht, hier wurden Träume für die Welt fabriziert.
Wir spüren immer noch den Glamour und wissen, daß
Träume wahr werden können.
Dieses Studio hat auch eine Verbindung zu Amerika.
Die Namen der Filmlegenden - Regisseure, Stars,
Drehbuchautoren, die in den glorreichen Jahren, als
die Filmindustrie noch jung war, gemeinsam in Babelsberg und Hollywood tätig waren - sind zu zahlreich, um
hier aufgeführt zu werden. Aber sie sind uns im
Gedächtnis.
Später verließen natürlich viele von ihnen Babelsberg
und kehrten nie mehr zurück. Ihr persönliches Schicksal führte jedoch zu einer unschätzbaren Bereicherung
der Vereinigten Staaten. Sie gaben der amerikanischen Filmindustrie ihre Kunst und ihre Empfindungen. Sie leisteten einen Beitrag zum Amerikabild der
Welt. Aber auch ein Teil Deutschlands war in dieser
Vision enthalten - vom düsteren Unterton der Filme
aus der "Schwarzen Serie" über die ironische Komödie
Billy Wilders bis zu einer neuen Beschäftigung mit
sozialen Belangen.
Die Magie von Babelsberg überlebte sogar die langen,
grauen Dekaden des real existierenden Sozialismus.
Selbst in jenen Tagen wurden hier einige gute Filme
gemacht, und man fand in den starren DDR-Strukturen
Nischen für künstlerische Ausdrucksweise.

AMERIKA DIENST 22

Jetzt wird Babelsberg wieder zu vollem Leben erweckt.
Der derzeitige Umbau des Studios hat eine neue Ära
der Größe zum Ziel. Das wäre für uns alle wunderbar.
Zu Beginn unserer Konferenz "Connecting the New
Länder to the World" feiern wir die Bande, die uns
einen: Nicht nur im Bereich des Handels, sondern
auch in bezug auf Kultur und Werte. Wir wollen nicht
nur die wichtige Rolle amerikanischer Investitionen in
diesem Teil Deutschlands hervorheben, sondern auch
das Netz menschlicher Verbindungen zwischen
Amerika und Deutschland.
Ebenso wie Babelsberg ist Volker Schlöndorff Bestandteil der deutsch-amerikanischen Verbindung.
Als europäischer Kulturschatz, der neue Maßstäbe für
einfallsreiche künstlerische Gestaltung, Inszenierung
und Schneiden setzte, fühlt er sich auf der anderen
Seite des Atlantiks ebenfalls zu Hause, wie seine lange
Schaffenstätigkeit in den Vereinigten Staaten beweist.
Hollywood erkannte schon vor langer Zeit seine
meisterhafte Arbeit mit einem Oskar für "Die Blechtrommel" an.
Herr Schlöndorff, wir freuen uns sehr, daß Sie hier
sind. Es ist uns eine Ehre, daß Sie unsere gemeinsamen Bestrebungen mit den Vertretern der amerikanischen Wirtschaft unterstützen und sich die Zeit
genommen haben, hierherzukommen und eine
Ansprache zu halten.

Seite 1

�WIRTSCHAFT
13. November 1996

Das wirtschaftliche Engagement der USA
in den neuen Bundesländern
Eröffnungsansprache von J.D. Bindenagel

POTSDAM - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die von J.D. Bindenagel, Charge d'Affaires ad interim der
Botschaft der Vereinigten Staaten von Amerika in der Bundesrepublik Deutschland, am 9. November 1996 bei der
Eröffnung der deutsch-amerikanischen Wirtschaftskonferenz in Potsdam gehaltene Rede.

Vielen Dank, Fred. Es ist mir eine große Freude, Sie
alle heute morgen begrüßen zu dürfen. Ich möchte der
American Chamber of Commerce und ihren herausragenden Mitarbeitern für ihre große Unterstützung
und ihren fachmännischen Rat bei der Organisation
dieser Konferenz mit amerikanischen Wirtschaftsvertretern danken.
Diese Konferenz demonstriert das starke amerikanische Engagement in den neuen Ländern. Sie ist die
dritte einer Serie, die vor mehr als zwei Jahren - im
September 1994 - mit einer Wirtschaftskonferenz in
Berlin begann. Diese Konferenzen sind Teil unserer
"Neuen Traditionen" - "neu", weil wir nach dem Ende
des Kalten Krieges neue Bande mit Deutschland insbesondere diesem Teil Deutschlands - knüpfen.
Den Amerikanern und dem Westen wurde zwei
Generationen lang der Zugang zu diesem Teil
Deutschlands verwehrt, aber seit der deutschen
Vereinigung haben wir mit den neuen Bundesländern
an der Planung und Gestaltung dieses wichtigen
Bestandteils der transatlantischen Verbindung zusammengearbeitet.

Commerce aktiv unterstützt und ermutigt werden. Die
amerikanischen Investitionen in den fünf neuen
Ländern und Berlin belaufen sich auf mehr als 8
Milliarden Dollar (12 Milliarden D-Mark) mit steigender
Tendenz.
Diese Investitionen haben mindestens 55.000 Arbeitsplätze in Bereichen geschaffen oder gesichert, die von
der Produktion über die Nahrungsmittelbranche, das
Bankwesen und den Wohnungsbau bis zu Beratungsdiensten und Umwelttechnologie reichen.
Die Projekte, an denen die Amerikaner beteiligt sind,
variieren in bezug auf ihre Größe: Von Dow Chemical,
Praetor &amp; Gamble und der Opel AG bis zu kleinen und
mittelständischen Unternehmen mit weniger als 100
Angestellten. Diese Konferenz beweist, daß wir noch
mehr zu Ermutigung weiterer Investitionen unternehmen wollen.
Unsere Aktivitäten hier sind jedoch nicht nur wirtschaftlicher Natur. Sie spiegeln unser Engagement für
die Zukunft dieses Kontinents wider - eine auf den
Werten Demokratie und freie Marktwirtschaft basierende Zukunft.

Der Blick auf Brandenburg und das übrige Ostdeutschland zeigt interessante Möglichkeiten für amerikanische Unternehmen - ein erfahrenes, hart arbeitendes
Arbeitskräftepotential, einen innovativen und offenen
Geist sowie eine immer modernere Infrastruktur.

Nach dem Kalten Krieg haben wir die einzigartige
Chance, die Grundlagen für ein neues, integriertes
Europa zu schaffen. Ein Europa, in dem alle Nationen
unabhängig, demokratisch und wohlhabend sind.

Diese Gegebenheiten haben amerikanische Unternehmen beeindruckt. Sie sind der Hauptgrund für ausländische Investitionen in den neuen Bundesländern, die
von der US-Botschaft und der American Chamber of

Denken Sie einen Augenblick darüber nach, was es
bedeutet, heute morgen hier in dieser Stadt zu sein.
Noch vor sieben Jahren wäre diese Zusammenkunft
von Amerikanern und Deutschen undenkbar gewesen.

AMERIKA DIENST 22

Seite 1

�Die Kräfte der Unterdrückung standen zwar auf
wackeligen Beinen, hatten aber noch alles unter
Kontrolle. Die Berliner Mauer stand noch, wie es seit
mehr als einer Generation der Fall gewesen war.
Aber dann - wie durch ein Wunder - erhoben sich die
hinter dem Eisernen Vorhang gefangengehaltenen
Völker Ostdeutschlands und anderer Länder und
veränderten nachhaltig die Welt für uns alle. Wir
schulden es den an dieser friedlichen Revolution
Beteiligten - und uns selbst - diese historische Errungenschaft in dauerhaften Wohlstand umzuwandeln.
Wir erneuern die dauerhaften Bande, die zwischen
unseren Ländern bestehen. Jetzt haben die Menschen in Brandenburg und andernorts in den neuen
Ländern - und in den zentraleuropäischen Nachbarstaaten - die Freiheit, ihre Meinung zu sagen, zu
schaffen, zu bauen, zu prosperieren.
Bei unseren heutigen Gesprächen sollten wir diese
enorme Leistung nicht aus den Augen verlieren.
Selbst wenn wir nüchterne Unternehmer, Politiker und
Akademiker sind, können wir hoffentlich trotzdem ab
und zu eine Pause einlegen und uns voll Staunen
fragen, wie dieser Wandel möglich war - und es als
Privileg ansehen, daß wir daran teilhaben.
Jetzt habe ich die Ehre, einen Mann vorzustellen, der
einen wichtigen Beitrag zu diesem historischen
Wandel geleistet hat - den brandenburgischen Ministerpräsidenten Manfred Stolpe.
Als ich Herrn Stolpe 1989 zum ersten Mal traf, war ich
amerikanischer Gesandter in der DDR. Ostdeutschland befand sich in Aufruhr. Wir sahen eine Gelegenheit für die Vereinigten Staaten, freie, pluralistische
Wahlen zu unterstützen - Wahlen, die die damalige
Regierung von Hans Modrow den Deutschen in der
DDR versprochen hatte.
Ich ermutigte unseren Botschafter in Ostdeutschland,
Richard Barkley, Außenminister James Baker nach
Potsdam einzuladen. Am 12. Dezember 1989 traf der
Außenminister hier in Potsdam mit führenden Vertretern der DDR zusammen. Er forderte grundlegende
wirtschaftliche und politische Reformen - und freie
Wahlen. Er unterstrich unmißverständlich, daß die
Vereinigten Staaten die Vereinigung Deutschlands
unterstützen.
Außenminister Baker beschränkte sich bei seinen
Zusammenkünften nicht nur auf die ostdeutschen
Behörden. Er wollte mit den Vertretern der Kirche
sprechen, die einen maßgeblichen Beitrag zu der
friedlichen Revolution geleistet hatten, die den Wandel
bewirkte. An jenem Tag traf er in der Nikolaikirche mit
verschiedenen protestantischen Geistlichen sowie
dem Laienvertreter der Evangelischen Kirche, Manfred
Stolpe, zusammen.

Seite 2

Herr Stolpe erzählte ihm von der Empörung des
Volkes über die Korruption und Brutalität des Regimes.
Er sprach über den wachsenden Wunsch nach
Vereinigung mit dem Westen. Er betonte den Wunsch
der Ostdeutschen nach wirtschaftlichem Wohlergehen.
Die Antwort des Außenministers war unmißverständlich: Die Amerikaner unterstützen die friedliche
demokratische Revolution und die deutsche Vereinigung. Diese Unterstützung bestand von jenem Tag
bis heute fort - während der Verhandlungen am
Runden Tisch, der freien Wahlen am 18. März 1990,
die Angleichung der Währung am 1. Juli desselben
Jahres und - was am wichtigsten ist - bei der deutschen Vereinigung am 3. Oktober 1990.
Ebenso bedeutend wie die Unterstützung durch die
US-Regierung war das starke Engagement amerikanischer Unternehmen. Brandenburg unterhielt bereits
interessante und fruchtbare Beziehungen zu amerikanischen Unternehmen. Um nur einige Beispiele zu
nennen: Praetor &amp; Gamble stellt Punica Fruchtsaft in
Werder ganz in der Nähe von Potsdam her; General
Atomics führt in Lübben, Spreewald und Lauchhammer
Projekte zur Entsorgung der Altlasten und zur Umstellung der Produktion durch; EDS errichtete Datenverarbeitungszentren in Eisenhüttenstadt, Cottbus und
Frankfurt an der Oder; und Allstate Insurance plant die
Einrichtung einer Geschäftsstelle in Teltow.
Manfred Stolpe war ein starker und engagierter
Partner bei der Schaffung von Freiheit und Wohlstand.
Als Mann der Kirche weiß er, daß Politik und Wirtschaft
zwar wichtig, aber den grundlegenden menschlichen
Beziehungen untergeordnet sind.
Ich möchte ein persönliches Beispiel für das anführen,
was ich meine. Als in South Dakota Geborener freue
ich mich über die Städtepartnerschaft von Potsdam
und Sioux Falls - eine der zahlreichen neuen Städtepartnerschaften, die unsere zunehmende Präsenz in
den neuen Ländern unterstreicht. Während eines
Besuchs des Kirchenchors von Sioux Falls hier im Juni
1990 war ich dabei, als die deutschen Gastgeber und
ihre amerikanischen Besucher zusammenkamen und
über die Freiheit sprachen, die wir Amerikaner genossen und die die Ostdeutschen anstrebten.
Meine Landsleute waren äußerst beeindruckt, als sie
aus erster Hand von dem Kampf der Deutschen für
Freiheit und Menschenwürde erfuhren.
Unsere
historischen Bande wurden an jenem Tag auf besondere Art und Weise erneuert.
Manfred Stolpe war sich immer der historischen
Freundschaft zwischen Brandenburg und den Vereinigten Staaten bewußt. Schließlich unterzeichnete
das Königreich Preußen im Jahr 1787 als erstes Land
einen Schifffahrts- und Handelsvertrag mit unserer
jungen Republik.

AMERIKA DIENST 22

�Im November 1994 feierte und bekräftigte Herr Stolpe
diese langjährige Freundschaft, indem er die Statue
des großen deutsch-amerikanischen General von
Steuben wieder an ihren angestammten Platz in dieser
Stadt zurückbringen ließ. Die Statue war vor langer
Zeit ein Geschenk des amerikanischen Kongresses als
Ausdruck der Dankbarkeit für die Rolle Deutschlands
bei der Unterstützung unseres Kampfs für die Freiheit
in unserem Unabhängigkeitskrieg.

Heute helfen wir Deutschland ebenso wie im letzten
halben Jahrhundert bei der Sicherung seiner Freiheit
und seines Wohlstands. Darum geht es bei dieser
Konferenz. Und wir haben bei diesem Bestreben
keinen besseren Partner als den brandenburgischen
Ministerpräsidenten Manfred Stolpe.

* * * * *

AMERIKA DIENST 22

Seite 3

�WIRTSCHAFT
13. November 1996

Deutsch-amerikanische wirtschaftliche Zusammenarbeit
Schlußwort von J.D. Bindenagel

POTSDAM - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir das von J.D. Bindenagel, Charge d'Affaires ad interim der
Botschaft der Vereinigten Staaten von Amerika in der Bundesrepublik Deutschland, am 9. November 1996 im
Schloß Cecilienhof, dem Schauplatz der Potsdamer Konferenz von 1945, gehaltene Schlußwort bei der deutschamerikanischen Wirtschaftskonferenz.

Herr Ministerpräsident, herzlichen Dank für Ihre
Gastfreundschaft. Es ist kaum zu glauben, daß heute
Abend vor sieben Jahren, am 9. November 1989, die
Freiheit, deren wir uns im Westen seit so langem
erfreuten, den Eisernen Vorhang durchbrach und die
Berliner Mauer zu Fall brachte. Obwohl das deutsche
Geschichte ist, kann ich sagen: "Ich war dabei."
Binnen weniger Monate vertrieben aufgebrachte
Deutsche, Bürger der DDR, das SED-Regime aus dem
Amt, führten Demokratie ein, traten für die Vereinigung
ein und beendeten die Existenz der DDR.
Das zentrale Element dieser Revolution - der erfolgreichsten demokratischen Bewegung in der deutschen
Geschichte - war der Mut derjenigen, die die Demokratie im Osten wiederherstellten. Sie, Herr, Ministerpräsident, waren unter ihnen, und Ihnen gebührt Ehre
dafür.
Infolgedessen hat sich Deutschland unwiederbringlich
verändert.
Präsident Herzog erfaßte das Wesen des neuen
Deutschland am 8. Mai 1995 mit folgenden Worten:
"Heute steht die deutsche Demokratie
auf zwei gleich starken Beinen: auf
der geduldigen Aufbauarbeit und der
Lernfähigkeit der Westdeutschen seit
1948 und auf der ostdeutschen Revolution von 1989."

Katastrophe für Europa voraus, wenn die Vereinigung
käme. Andere fürchteten, daß der desolate Zustand
der schwachen und nicht wettbewerbsfähigen alten
ostdeutschen Wirtschaft den Westen über Gebühr
belasten würde. Es gab auch Experten, die die zur
Vollendung der inneren deutschen Einheit erforderliche
Arbeit und Zeit unterschätzten und damit falsche
Hoffnungen weckten.
Die Arbeit an der Freiheit ist nicht leicht. Der Aufbau
von Wohlstand benötigt Disziplin und Verantwortungsbewußtsein, über die Sie reichlich verfügen. Er
erfordert Zeit und Geduld. Und er erfordert Investitionen. Aber wir Amerikaner hegen keinen Zweifel - in
der Tat haben wir profundes Vertrauen - daß dieser
Teil Deutschlands eine große Zukunft hat.
In den vergangenen beiden Tagen sind wir hier
zusammengekommen, um die Rolle zu unterstreichen
- und zu verbessern - die Amerika bei der Umgestaltung der ostdeutschen Wirtschaft spielt. Wir Amerikaner möchten gemeinsam mit Ihnen zur Überwindung
der Teilung in Deutschland und Europa beitragen. Aus
den in diesem Jahrhundert gemachten Erfahrungen
wissen wir, daß die amerikanische und europäische
Sicherheit nicht teilbar sind.
Dieses Wissen veranlaßte uns, während des Kalten
Krieges unsere unerschütterliche Haltung zu bewahren, die Demokratie in der alten Bundesrepublik zu
unterstützen und an der Seite der Deutschen in der
DDR zu stehen, als 1989 bei Ihrem Streben nach
Freiheit der Augenblick der Wahrheit kam.

Aber 1989 teilten nicht alle diese Ansicht. Einige
fürchteten ein vereintes Deutschland und sagten eine

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�Heute stehen wir in der Berliner Republik an Ihrer
Seite.

Osten blickte und erklärte: "Amerika steht an Ihrer
Seite, jetzt und für immer."

Präsident Clinton gab unser Versprechen am Brandenburger Tor, als er dort mit dem Kanzler stand und nach

Ich möchte einen Toast auf die deutsch-amerikanische
Freundschaft ausbringen.

* * * * *

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�PORTRAT
13. November 1996

Bankier wird neuer Stabschef des Weißen Hauses
Porträt von Erskine Bowles

WASHINGTON - (AD) - Präsident Clinton gab am 8. November 1996 bekannt, daß Erskine Bowles die Position
des nach Kalifornien zurückkehrenden Leon Panetta als Stabschef des Weißen Hauses übernimmt.
Nachfolgend veröffentlichen wir den vom Weißen Haus herausgegebenen offiziellen Lebenslauf von Bowles.

Erskine Bowles, der ehemalige Leiter des US-Amts für
mittelständische Unternehmen und Stellvertretende
Stabschef des Weißen Hauses, blickt auf eine aktive
Laufbahn im öffentlichen und Privatsektor zurück. Im
Januar 1996 gründete Bowles zusammen mit seinem
langjährigen Freund Nelson Schwab III die Handelsbank Carousel Capital, die sich auf die Akquisition
mittelständischer Unternehmen im Südosten der
Vereinigten Staaten konzentriert.
Vor der Gründung von Carousel Capital war Bowles
persönlicher Referent des Präsidenten und von
Oktober 1994 bis Dezember 1995 Präsident Clintons
Stellvertretender Stabschef.
Als Stellvertretender
Stabschef war er zuständig für das Büro für Planung,
Management und Verwaltung des Weißen Hauses,
dem auch das Militärbüro des Weißen Hauses, das
Personal des Präsidialamts und die Operationen des
Oval Office unterstehen.
Von Mai 1993 bis September 1994 war Bowles Leiter
des US-Amts für mittelständische Unternehmen. In
dieser Funktion überwachte er umfassende Programme und Dienstleistungen zur Förderung und Erweiterung amerikanischer mittelständischer Unternehmen. Während seiner Zeit als Leiter verschlankte und
modernisierte er die Organisationsstruktur des Amts,
überarbeitete die Programme und richtete das Amt auf
den Dienst am Kunden aus - die Besitzer mittelständischer Unternehmen. Bowles war auch votierendes
Mitglied des nationalen Wirtschaftsrats.

well Conner &amp; Co., einer von ihm 1975 gegründeten
Investmentbank mit Sitz in Charlotte. Unter Bowles
Leitung erlangte Bowles Hollowell Conner &amp; Co. den
Ruf einer der führenden Investmentbanken des
Landes, die sich auf mittelständische Transaktionen
spezialisiert hatte.
Vor der Gründung von Bowles Hollowell Conner &amp; Co.
war Bowles bei Morgan Stanley &amp; Co. in New York in
der Finanzgruppe des Unternehmens tätig. Er war
außerdem Vizepräsident für Unternehmensfinanzierung bei der Interstate Securities Corporation in
Charlotte. Von 1975 bis 1976 arbeitete er als Dozent
für Finanzwesen an der University of North Carolina in
Charlotte.
Bowles erwarb ein Bakkalaureat der Naturwissenschaften in Betriebswirtschaft an der University of
North Carolina und den Master of Business Administration an der Graduate School of Business der
Columbia University, wo er McKinsey Scholar war.
Neben seiner Aufsichtsratstätigkeit für mehrere
Unternehmen war Bowles Präsident der Stiftung für
jugendliche Diabetiker in New York sowie Mitglied des
Beratergremiums der University of North Carolina, des
Davidson College und der Johnson C. Smith University.
Bowles, 51, ist mit Crandall Close Bowles verheiratet,
die Vizepräsidentin von Spring Industries ist. Sie
haben drei Kinder: Sam, Anne und Bill im Alter von 22,
20 und 19 Jahren.

Vor seiner Laufbahn in der Regierung war Bowles
Vorsitzender und Geschäftsführer von Bowles Hollo-

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