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13. April 1983

INHALT

DOKUMENTATION
Botschafter Bennett:

Die NATO ist die echte Friedensbewegung

- Vortrag im Amerika Haus Stuttgart -

HINTERGRUNDMATERIAL
Erläuterungen zum INF-Vorschlag Präsident Reagans
Verteidigungssysteme auf der Basis von Strahlungsenergie
- Erläuterungen zu dem neuen Verteidigungskonzept
Präsident Reagans -

WISSENSCHAFT UND TECHNIK
Schwertransport in den Weltraum
- US-Raumfähre CHALLENGER vom ersten Einsatz zurück
Roboter mit vielen Augen
- Fernerkundung aus dem Weltraum erleichtert
Entwicklungsprojekte -

Um Über/endung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Postfach 20 03 00 Tel.: 0228-339 22 40
D 5300 Bonn 2
Telex: 8-85432

�16

13. April 1983

BOTSCHAFTER BENNETT:

DIE NATO IST DIE ECHTE FRIEDENSBEWEGUNG

- Vortrag im Amerika Haus Stuttgart -

STUTTGART - (AD) - Der ständige Vertreter der Vereinigten Staaten im
Nordatlantikrat, Botschafter W. Tapley Bennett, Jr., hat am 12. April 1983
auf die Bedeutung einer engen Verbindung zwischen Amerika und Westeuropa hingewiesen, die vor einer Aggression aus dem Osten abgeschreckt und den Frieden
in der Nordatlantischen Gemeinschaft seit über einer Generation gesichert hat.
Die NATO, so sagte er in einem Vortrag im Amerika Haus Stuttgart, "ist die
echte Friedensbewegung unserer Zeit".
Die Ausführungen Bennetts haben folgenden Wortlaut:
Seit mehr als 35 Jahren - eine lange Zeit in diesem 20. Jahrhundert leben die Länder Westeuropas in Frieden und in Freiheit. Was immer es an
großen und kleinen Unruhen und Kriegen in anderen Erdteilen (seit 1945 waren
es ungefähr 150) sowie an Unterdrückung und Verletzung der Menschenrechte jenseits der Elbe gab, so erlebte man hier, im Herzen Westeuropas, eine Periode
von Freiheit und friedlicher Entwicklung ohnegleichen.
Ein junger

Postfach 20 03 00 Tel.: 0228-339 22 40
D 5300 Bonn 2
Telex: 8-85432

�Ein junger Journalist - er war etwas über 30 - fragte mich unlängst in
einem Interview:

"Was soll eigentlich all das Gerede über die NATO?

gab es schon immer.

Was ist denn so Besonderes an der NATO?"

seine Generation stimmt das:

Die NATO gab es schon immer.

ration haben immer in Frieden gelebt, weil es die NATO gibt.

Die NATO

Und für ihn und

Er und seine GeneWir hören in die-

sen Tagen viel von Friedensbewegungen; aber ich möchte Ihnen sagen, daß sich
die NATO als die echte Friedensbewegung unserer Zeit erwiesen hat.
Im Westen befinden wir uns heutzutage wieder einmal an einem Zeitpunkt
der Entscheidung.

In den Mitgliedsstaaten des Atlantischen Bündnisses geht

die Debatte darüber hin und her, was wir tun müssen, um den Frieden in Freiheit, den die NATO bis jetzt gesichert hat, weiterhin zu wahren.
Debatte ist in der NATO nichts Neues.

Eine solche

Seit ihrer Gründung ist die Strategie

des Bündnisses immer wieder ein Thema von Analysen und Argumenten gewesen.
Und so soll es auch sein.
Heute erfaßt diese Diskussion mehr Schichten unserer Gesellschaften,
mehr Menschen als je zuvor. Man kann leicht verstehen, warum dies so ist.
Angesichts der heutigen Herausforderung sind die Abschreckung vor einem Krieg
und der Schutz des Friedens dringender als je zuvor. Und es ist richtig und
gut, daß die Öffentlichkeit darauf hingewiesen wird. In unseren Demokratien
kann sich der Bürger nur durch Kenntnis der derzeitigen Weltlage, des Kräfteverhältnisses und der strategischen Erfordernisse ein vernünftiges, verantwortungsvolles Urteil bilden. Und der Bürger hat das Recht, von der politischen
Führung eine ständige, offene und ernsthafte Prüfung der Frage der Sicherheit
zu erwarten, die schließlich die Grundlage für alle anderen Aspekte unseres
Lebens bildet. Ohne grundlegende nationale Sicherheit kann kein anderer Bereich des nationalen Lebens wachsen und gedeihen. Eine Nation ohne Sicherheit
ist eine Nation ohne Stabilität - eine Nation ohne Zukunft unter eigener
Kontrolle. Verliert eine Nation ihre Sicherheit, dann verliert sie zugleich
alle anderen Aspekte ihres Lebens als Nation.
Die notwendige

- 2 -

�Die notwendige Diskussion von Sicherheitsfragen in der Öffentlichkeit
kann nur produktiv sein, wenn die Fragen genau definiert und objektiv angesprochen werden. Eine Debatte, die sich nur auf eine oder einige wenige Aspekte des Problems konzentriert und alle anderen Aspekte außer acht läßt,
wird nicht zur Einsicht der Öffentlichkeit führen, und ebenso wenig wird das
einer Diskussion gelingen, bei der es um Schlagworte und Emotionen statt um
Fakten geht - wie wir das heute oft bei der sogenannten Friedensbewegung erleben.

Die Abschreckungsstrategie der NATO
Es wird oft gesagt, daß die NATO ein Verteidigungsbündnis ist, und das
stimmt selbstverständlich. Die NATO häuft keine überflüssigen Waffen für Angriffskriege an; sie marschiert nicht in Nachbarländer ein, wie die Sowjetunion das in Afghanistan getan hat, und benutzt nicht die Androhung von Waffengewalt für politische Zwecke, wie die Sowjetunion es regelmäßig in der andauernden polnischen Krise getan hat. Die NATO hat immer wieder klar gemacht zum Beispiel in der Bonner Erklärung vom letzten Juni, beim Treffen der führenden Staatsmänner der NATO - daß sie ihre Streitkräfte nur zur Selbstverteidigung als Antwort auf einen Angriff einsetzen würde. Der Nordatlantikvertrag
verweist ausdrücklich auf Artikel 51 der Charta der Vereinten Nationen, der
die Selbstverteidigung gestattet.

Der Zweck des Zusammenschlusses im Bündnis bestand jedoch nicht lediglich darin,für den Fall eines Krieges eine stärkere Verteidigung zu sichern,
sondern in erster Linie den Ausbruch eines Krieges zu verhindern.
ist also im Grunde ein Abschreckungsbündnis.

Die NATO

Indem sie eine mächtige verein-

te Front bildet, hat die NATO wirksam vor einer Aggression gegen irgendeines
ihrer Mitglieder abgeschreckt, weil sie keinen Zweifel daran ließ, daß ein
Aggressor es mit der ganzen kollektiven Streitmacht des Bündnisses aufnehmen
muß und nicht ein Land nach dem anderen einzeln bedrohen kann.
Niemand, der

�r

Niemand, der mit der europäischen Geschichte, mit Geopolitik oder mit
der Koalitionstheorie vertraut war, hätte den außerordentlichen Erfolg der Abschreckungsstrategie der NATO in der Erhaltung des Friedens über mehr als drei
Jahrzehnte voraussagen können.
Ein Kontinent, der fast ständig Kriege erlebte, die in dem barbarischen
Blutbad zweier Weltkriege in der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts gipfelten,
wurde zu einem der friedlichsten und stabilsten Gebiete der Erde.
Westeuropa, dem relativ engen und strategisch schwierigen, vom Meer umgebenen Anhängsel der eurasischen Landmasse - überschattet von der massiven
Größe und Stärke des neuen sowjetischen Imperiums -, ist es dennoch gelungen,
sich militärischer Sicherheit, politischer Freiheit und beispiellosen sozialen
und wirtschaftlichen Fortschritts zu erfreuen.
Die Verbindung zwischen Europa und Nordamerika, zunächst als Vereinbarung
in Kriegszeiten gegen Hitler und Mussolini gedacht, hat wiederholt Krisen und
Streitigkeiten überlebt und hat sich zum dauerhaftesten Bündnis souveräner Staaten in Friedenszeiten in der Geschichte entwickelt.
Das Grundziel der Abschreckungspolitik der NATO hat sich seit 1949 nicht
geändert. Es sind jedoch starke Änderungen in der Zusammensetzung der Streitkräfte und der militärischen Doktrin eingetreten, um den Veränderungen der Bedrohung des Bündnisses gerecht zu werden. Als das Bündnis gegründet wurde,
hatten beispielsweise die Vereinigten Staaten eine überwältigende Führungsstelle
bei Atomwaffen und Trägersystemen inne. Die Androhung einer atomaren Vergeltung wurde deshalb als eine wirksame Abschreckung an sich angesehen. Später,
als die Sowjets ihre Atomwaffen und Trägersysteme entwickelten, erkannte die
NATO, daß eine glaubwürdige Abschreckung nicht einzig und allein auf die Androhung atomarer Vergeltung gegründet werden könne. Es war jetzt vielmehr eine
Fähigkeit notwendig, auf einer Vielfalt von Ebenen antworten zu können, um die
Sowjets vor die Ungewißheit zu stellen, wie der Westen genau antworten würde
- aber vor die Gewißheit, daß die NATO auf eine Weise antworten könnte und würde,
die die Sowjets viel mehr kosten würde, als sie hoffen könnten, aus einer
- 4 -

�aus einer Aggression zu gewinnen.

Diese Strategie hängt von der Verbindung

der konventionellen, taktisch-nuklearen und strategisch-nuklearen Streitkräfte
der NATO untereinander ab. Sie erfordert als wesentlichsten Punkt die unlösbare Verkuppelung der Vereinigten Staaten und Europas, damit die Sowjetunion
nie die Hoffnung hegen könnte, einen Angriff gegen Europa allein richten zu
können.

Die Kritik an der NATO-Strategie
Die NATO-Strategie der flexiblen Antwort ist aus verschiedenen Richtungen angegriffen worden. Keiner dieser Angriffe hat jedoch je eine ernsthafte Alternative geboten, die die Sicherheit und die Freiheit des Westens bewahren würde.
Die Strategie wurde einmal von Leuten angegriffen, die die scheinbare
Klarheit und Automatik der Doktrin der massiven Vergeltung der fünfziger Jahre
vorzogen - und heute noch angeblich vorziehen -, nämlich die Doktrin: "Wenn
du diese Linie überschreitest, wirst du in Flammen aufgehen."

Diese Kritiker

argumentieren, daß es als ein Zeichen der Schwäche angesehen würde, wenn man
konventionelle oder Mittel Streckenoptionen überhaupt nur in Erwägung zöge.

Es

liegt jedoch heute für die meisten Beobachter auf der Hand, daß eine solche
vereinfachte Bedrohung nicht glaubwürdig ist. Die Abschreckung hängt vielmehr
von einer ununterbrochenen Kette von Kapazitäten ab, bei der die Stärke und
Wirksamkeit eines jeden Gliedes die ganze Kette stärkt und ihr Glaubwürdigkeit
verleiht.

Die Vereinigten Staaten spielen auf allen drei Ebenen ihre Rolle

mit über 300 000 Soldaten in Europa; mit der Unterstützung des Doppelbeschlusses
zur Modernisierung und Rüstungskontrolle der nuklearen Mittel Streckensysteme
sowie mit den Anstrengungen, die Überlebensfähigkeit und Wirksamkeit unserer
strategischen Vergeltungsstreitkräfte zu gewährleisten.

Alle anderen Mitglie-

der des Bündnisses haben ebenfalls ihre Rolle zu spielen.
Eine zweite

�Eine zweite Art von Kritik an der NATO-Strategie konzentriert sich auf
die physischen und moralischen Folgerungen des Einsatzes von Kernwaffen.

Diese

Kritiker stellen zurecht fest, daß die Gewalt der Kernwaffen ungeheuer ist und
ihr Einsatz zu massiven Verlusten führen könnte. Das Argument springt dann von
dieser unbestrittenen Tatsache zu der völlig unlogischen Schlußfolgerung, daß
eine Abschreckungsstrategie, zu deren Repertoire diese Waffen gehören, unmoralisch und unannehmbar sei. Dieses Argument läuft praktisch auf die Beschuldigung hinaus, daß unsere führenden Politiker gerne einen Atomkrieg hätten, was
natürlich einfach nicht stimmt. Wie Präsident Reagan schon oft unterstrichen
hat:

Niemand will den nuklearen Konflikt.

flikt muß verhütet werden.

Er muß verhütet werden. Jeder Kon-

Die Frage ist, ob es, wenn wir uns der Kernwaffen

entledigen, dazu beitragen würden,einen gewaltsamen Konflikt zu verhindern, oder
ob es ihn wahrscheinlicher machen würde. Angesichts des großen Übergewichts
der konventionellen Streitkräfte zugunsten der Sowjetunion, und angesichts des
Potentials der Sowjetunion auf der nuklearen Seite ist es offenkundig, daß Kernwaffen im Westen nötig sind, um eine wesentliche, stabilisierende Rolle zu spielen.

Die Entdeckung des Atoms kann nicht wieder rückgängig gemacht werden.

Wir müssen die Macht des Atoms weiterhin beherrschen und durch unsere Abschrekkungspolitik sie zwingen, dem Frieden zu dienen.
Eine dritte Art der Kritik arbeitet mit einem auf den ersten Blick mehr
ausgewogenen Argument. Statt auf Kernwaffen überhaupt zu verzichten, wollen
diese Kritiker einfach auf die Option der NATO verzichten, sie gegen einen
sowjetischen Angriff einzusetzen, wenn die Sowjets nicht selbst als erste Kernwaffen eingesetzt haben: Die "no first use"-Doktrin (Verzicht auf Ersteinsatz).
Nach dieser Auffassung sollte sich die NATO ausschließlich auf ihre konventionellen Streitkräfte verlassen, um vor einem konventionellen sowjetischen Angriff abzuschrecken und, wenn notwendig, ihn niederzuschlagen. Und sie sollte die notwendigen zusätzlichen Mittel aufbringen, um ihre konventionellen
Streitkräfte so weit aufzubauen, daß sie dazu in der Lage sind.
Es stimmt, daß man mehr tun kann und mehr tun sollte, um die konventionellen Streitkräfte der Allianz zu verbessern.

Im Westen entwickeln sich neue

Technologien, die neue konventionelle Waffensysteme in Aussicht stellen - 6 -

�Aussicht stellen - Systeme die, falls von der NATO eingeführt, die Strategie
der Vorneverteidigung viel glaubwürdiger machen würden.

Und wie General Rogers,

der Oberbefehlshaber der Alliierten Streitkräfte in Europa, erklärt hat, haben
die westlichen Verbündeten bestimmt die finanziellen Mittel, um solche Technologien zu vollenden und die daraufhin hergestellten konventionellen Waffen zu
kaufen.

Daraus folgt jedoch nicht, daß wir auf eine mögliche nukleare Option

verzichten können, denn ein solcher Verzicht würde in einem potentiellen Konflikt die Wahl der Strategie den Sowjets überlassen.

Er würde ihnen erlauben,

die Risiken einzuengen, die sie bei jeder Art von Aktion eingehen werden - sei
es eine ausgewachsene Invasion oder ein Schritt zur Erreichung eines begrenzten Zieles, wie etwa die türkischen Meerengen oder Berlin.

Und durch eine Sen-

kung der Risiken könnte eine solche Politik eine Entscheidung der Sowjets zu
militärischem Handeln begünstigen.
tärischen Handelns senken.

Sie würde dadurch die Schwelle des mili-

Wie wir in Afghanistan und anderswo erlebt haben,

hat die sowjetische Bereitschaft, militärisch einzugreifen, wenn die Risiken
gering zu sein scheinen, in den letzten Jahren zugenommen.

Die NATO darf sich

keine sich selbst einschränkenden Politik zulegen, die diese sowjetische Tendenz weiter stärken würde.
Alle Kritiker der Abschreckungsstrategie der NATO sind letztlich an dem
fundamentalen Erfordernis jeder ernsthaften geistigen Anstrengung gescheitert:
Sie haben keine wirksame und glaubwürdige Alternative geboten.

Ein hoher mo-

ralischer Anspruch und persönliche Aufrichtigkeit genügen allein nicht als
Grundlage für eine Sicherheitsstrategie.

Und ebensowenig

können das verein-

fachte Formeln, die mehr die Öffentlichkeit ansprechen als die Wirklichkeit
spiegeln.

Eine Strategie kann nur auf der Basis einer ernsthaften und ständig

auf dem neuesten Stand gehaltenen Prüfung der Lage beruhen.
Maginot-Linie

mußten diese schmerzliche Erfahrung machen.

Die Erbauer der
Und so ging es den

jungen Männern in England, die in den dreißiger Jahren beschlossen, nie mehr
für Gott und das Vaterland zu kämpfen - nur um sich ein Jahr später völlig unvorbereitet im Krieg zu befinden.

Im Atomzeitalter können wir uns solche Irr-

tümer und Illusionen nicht erlauben.
Trotz intellektueller

�Trotz intellektueller und praktischer Unzulänglichkeiten ist die öffentliche Kritik an Doktrin und Position der NATO leider oft in oberflächliche Rezepte für die Rüstungskontrolle umgesetzt worden, die, wenn sie tatsächlich
verwirklicht würden, außerordentlich gefährlich wären.

So gibt es beispiels-

weise Leute, die sich um die Aufrechterhaltung der nuklearen Abschreckung
nicht kümmern oder dagegen sind und die bei verschiedenen Gelegenheiten während der Diskussion über Mittel Streckensysteme darauf drängen, der Westen solle
den wiederholten sowjetischen Vorschlag eines Moratoriums hinsichtlich der
Dislozierung neuer nuklearer Mittel Streckensysteme annehmen - wobei sie schlicht
vergessen, daß dadurch die Sowjets über ein Monopol von Waffen dieser Art verfügen würden - die meisten davon in Richtung Westeuropa aufgestellt.

Heute haben

die Sowjets ungefähr 1300 nukleare Gefechtsköpfe auf landgestützten Mittelstrekkenraketen disloziert, von denen 1053 auf den modernen und mobilen SS-20-Raketen montiert sind,

(Jede SS-20-Rakete hat drei Gefechtsköpfe; bisher haben

die Sowjets 351 dieser Raketen disloziert, mit also insgesamt 1053 Gefechtsköpfen.) Weitere 248 Gefechtsköpfe auf den alten SS-4- und SS-5-Raketen der Sowjets
sind gegen Europa disloziert»
Als der ehemalige Bundeskanzler Helmut Schmidt im Herbst 1977 in seiner
Londoner Rede den Westen zum erstenmal vor den SS-20-Raketen warnte, vor dieser gefährlichen und destabilisierenden neuen sowjetischen Waffe, hatten die
Sowjets in dieser Zeit 27 Gefechtsköpfe disloziert. Im Dezember 1979 war die
Zahl der Gefechtsköpfe - jeder davon mit zwanzigmal der zerstörenden Kraft der
Hiroshima-Bombe - auf 450 gestiegen. Heute, im April 1983, sind es 1053. Die
NATO hat keine vergleichbaren Waffen.
Kein Wunder, daß sie den Vorschlag eines Moratoriums befürworten. Eine
so nachlässige Haltung unsererseits gegenüber den Realitäten würde jedoch die
Aussichten für Rüstungskontrolle untergraben, da die Sowjets keinerlei Anreiz
hätten, über eine Begrenzung oder einen Abbau ihrer Systeme zu verhandeln. Und
was am wichtigsten ist: Sie schwächt ernsthaft die Abschreckung vor einem Krieg,
weil dadurch eine stabile ausgewogene Lösung unmöglich wird.
Die gegenwärtige
- 8 -

�»

Die gegenwärtige Anstrengung der NATO
Im Mai 1982 wurde eine umfassende Studie über die Streitkräfte der NATO
und des Warschauer Paktes für die Öffentlichkeit freigegeben,

Es war das

erste Mal, daß die NATO einen so detaillierten Vergleich veröffentlicht hat.
Die Studie vergleicht die Mannschaftsstärke, die Kampfeinheiten, die Ausrüstung
der Landstreitkräfte, die Flugzeuge, die Flotten und die nuklearen Trägersysteme
beider Bündnisse.
ernüchternd.

Die Lehren, die wir aus diesem Dokument ziehen können, sind

Jeder hat schon immer vage Vorstellungen gehabt, daß die Sowjet-

union in Europa über größere Streitkräfte verfüge als die NATO. Aber wieviele
Leute wissen, daß das Verhältnis an konventionellem Großgerät

sich während der

letzten zehn Jahre, also während der Periode eben der Entspannung und RüstungskontrollVerhandlungen, wesentlich verschlechtert hat, daß das Verhältnis an
Panzern des Warschauer Paktes und an Panzern der NATO sich von 3:1 auf 4:1 zu
Ungunsten der NATO verschoben hat oder daß sich das Verhältnis bei der Artillerie von 2:1 auf 3:1 verschoben hat?

Diese Zahlen sind entmutigend.

Aber die NATO hat gezeigt, daß sie über Mittel und den politischen Willen
verfügt, das Nötige zu tun, um ein Gleichgewicht der Abschreckung aufrechtzuerhalten.

Auf der nuklearen Seite wird der NATO-Doppelbeschluß vom Dezember

1979 ein wichtiges Element des militärischen und politischen Vorteils der
Sowjets beseitigen, indem er entweder zum Abbau der vorhandenen sowjetischen
SS-20-, SS-4- und SS-5-Raketen durch Verhandlungen über eine Null-Option führt
- was wir ganz sicher vorziehen würden - oder zur Dislozierung eines militärischen Gegengewichts. Am liebsten würden wir diese ganze Gattung nuklearer
Waffen beseitigen, wenn die Sowjets schließlich ihre Zustimmung geben.
Bisher haben wir bei westlichen Vorschlägen für echte und praktische
Schritte zur Abrüstung schon so oft erlebt, daß die Sowjets nicht mitmachen.
Bis jetzt haben sie die Null-Lösung abgelehnt.
Wir haben nun, nach engen Beratungen und mit voller Unterstützung unserer
Verbündeten in der NATO, den sowjetischen Verhandlungsführern in Genf einen

- 9 -

�Genf einen neuen Vorschlag unterbreitet.

Wir sagten ihnen, daß wir bereit sind,

über ein Zwischenabkommen zu verhandeln und die Zahl unserer geplanten Dislozierungen zu verringern, wenn die Sowjets ihre entsprechenden Gefechtsköpfe auf
einen gleichen Stand reduzieren.

Unser Vorschlag für Null auf beiden Seiten

besteht natürlich weiter als unser Endziel. Gleichzeitig bleiben wir - wie
schon seit Beginn der Verhandlungen - für jeden ernsthaften Gegenvorschlag offen.
In einer Stellungnahme zu den Verhandlungen erklärte Präsident Reagan
in seiner Rede vom 31. März:

"Ich bedaure daß die Sowjetunion bisher nicht be-

reit war, die völlige Beseitigung dieser Systeme auf beiden Seiten zu akzeptieren.

Die Frage, die ich jetzt der sowjetischen Regierung stelle, ist, auf

welchen gleichen Stand sie zu verringern bereit ist, wenn sie nicht zur Beseitigung bereit ist."
Die sogenannten Friedensmarschierer - und ich benutze das Wort "sogenannte", weil ich keineswegs überzeugt bin, daß diese Gruppen wirklich dazu
beitragen, die Welt dem Frieden in Freiheit näherzubringen, ja,ich befürchte
sogar das Gegenteil - und die Grünen erklären uns laut, daß sie gegen alle
Atomwaffen seien. Warum demonstrieren sie dann nicht für die Null-Lösung?
Warum unterstützen sie nicht diese Friedensbemühung der NATO - die Beseitigung
einer ganzen Kategorie gefährlicher Kernwaffen - einen einfachen, direkten,
moralischen Vorschlag für echte Abrüstung? Warum unterstützen sie nicht wenigstens eine Zwischenlösung der Verringerung?
Diese Leute scheinen mehr besorgt zu sein wegen der Pläne für 572 NATOWaffen, die den Krieg verhindern und den Frieden für diese Generation bewahren sollen - Waffen, die noch nicht einmal produziert sind - als wegen der
doppelten Zahl von sowjetischen Waffen - weit über 1000 - nämlich der tödlichen
nuklearen Gefechtsköpfe auf den SS-20-Raketen, die bereits disloziert und genau auf die Straßen und Plätze gerichtet sind, auf denen sie demonstrieren gegen das Bemühen der NATO, den Frieden zu bewahren. Vergleichen wir doch
ihr Recht zu demonstrieren mit der Lage jenseits der Elbe. Das ist eben die
Freiheit - und der Frieden -, die wir verteidigen.
Die sehr
- 10 -

�Die sehr komplizierte Diskussion über die Strategie der Abschreckung
ist oft gekennzeichnet durch übermäßige Vereinfachung der Tatsachen und durch
Wunschdenken bezüglich der möglichen Ergebnisse von RüstungskontrollVerhandlungen.

Es ist daher angebracht, hier zwei Punkte klarzustellen, die in der

öffentlichen Debatte und in der Behandlung dieser Frage in den Medien offensichtlich sehr durcheinander gebracht werden.
Der erste ist jener Aspekt des NATO-Doppelbeschlusses vom Dezember 1979,
bei dem es um die Modernisierung der nuklearen Mittel Streckensysteme der NATO
geht. Ich möchte mit allem Nachdruck darauf hinweisen, daß es sich bei dieser
Entscheidung für eine Modernisierung um den Ersatz bestehender Verteidigungswaffen durch modernisierte und wirksamere PERSHING-Raketen und Marschflugkörper
handelt, für den Fall, daß ein Fehlschlag der Rüstungskontrollverhandlungen in
Genf dies notwendig macht. Es besteht kein Plan, auch nur eine einzige zusätzliche Waffe hinzuzufügen. Es handelt sich um Ersatz, nicht um zusätzliche
Waffen.
Zum Doppelbeschluß der NATO vom Dezember 1979 gehörte sogar die Verpflichtung, 1000 nukleare Gefechtsköpfe aus Europa abzuziehen.

Dieser Abzug ist be-

endet, aber auf den Plakaten der Friedensmarschierer sieht man leider keine
Anerkennung dieses Abbaus von Kernwaffen durch die NATO.

Müßte man das Moder-

nisierungsprogramm durchführen, dann hätte die NATO am Ende des Programms weniger Kernwaffen in Europa, als sie im Jahr 1976 hatte. Wir arbeiten an einem
Abbau der Kenrwaffen in Europa, keinem Aufbau.
Einen zweiten Punkt will ich klarstellen;
plan eventuell notwendiger Dislozierungen.

er bezieht sich auf den Zeit-

Durch die Debatte in der Öffent-

lichkeit und in den Medien könnte man leicht zu dem Schluß kommen, alle 572
modernisierten PERSHING-Raketen und Marschflugkörper würden plötzlich irgendwie herbeigezaubert, um dann zu Ende dieses Jahres fertig an Ort und Stelle zu
stehen.

Das stimmt einfach nicht, und es war auch nie so gedacht.

Der Ersatz

vollzieht sich - sollte er durch einen Fehlschlag in Genf notwendig werden im Rahmen eines FünfJahresprogramms.
sich um nur wenige Waffen.

Bei der ersten Dislozierung handelt es

Sollte dann später in Genf ein Abkommen erreicht
- 11 -

�Abkommen erreicht werden, würden weitere Dislozierungen der NATO in Übereinstimmung mit dem Abkommen gestoppt.

Spätere Stadien des Dislozierungsprogramms

werden vielleicht nie notwendig sein.

Es wäre zu hoffen, daß ein Abkommen so-

gar den Abzug von bereits stationierten Raketen möglich machen würde.
Wir dürfen nicht vergessen, daß es die Sowjetunion ist - und nicht der
Westen -, die darauf besteht, diese Klasse von nuklearen Mittel Streckenwaffen
beizubehalten.

Die NATO ist voll und ganz für den Abbau dieser Waffengattung.

Präsident Reagan hat angeboten, sich zu jeder Zeit und an jedem Ort mit Generalsekretär Andropow zu treffen, um ein Abkommen zu unterzeichnen, das diese Waffenklasse aus der Welt schaffen würde. Dieses Angebot von Präsident Reagan gilt
noch immer.
Ein weiteres Problem kompliziert das Verständnis der Öffentlichkeit:
Die falschen Informationen und die irreführenden Vorschläge, die die sowjetische Regierung dauernd in diesen Prozeß einbringt. Ein Beispiel dafür ist
Andropows Vorschlag vom 21. Dezember des vergangenen Jahres, der weit publiziert wurde und dessen Ziel es war, die Genfer Verhandlungen zu beeinflussen,
Er erweckte den Anschein, eine Beschränkung der sowjetischen SS-20-Raketen auf
162 - die Gesamtzahl der französischen und britischen Waffen dieses Typs - anzubieten. Zunächst einmal war das sowjetische Angebot äußerst vage; es enthielt zum Beispiel kein konkretes Versprechen, diese gefährlichen Waffen auch
tatsächlich zu zerstören. Mobile Waffen lediglich hinter den Ural zurückzuziehen bedeutet wenig: Dieselben mobilen Waffen könnte man zum Einsatz gegen
den Westen leicht wieder in ihre Stellungen zurückverlegen.
Außerdem gibt es zwei weitere, durchsichtige Fehlinformationen in
Andropows Vorschlag. Die französischen und britischen Waffensysteme sind zum
einen nicht Teil der bilateralen Genfer Verhandlungen zwischen der Sowjetunion
und den USA. Es handelt sich hier um Systeme, die sich Frankreich und Großbritannien letztlich für ihre eigene Verteidigung reservieren. Beide Länder
haben den Einschluß ihrer Systeme in die INF-Verhandlungen in Genf zurückgewiesen. Die Mitglieder der NATO sind - im Gegensatz zu den Staaten des

- 12 -

�Staaten des Warschauer Paktes - völlig souveräne Staaten.

Die Vereinig-

ten Staaten sind einfach nicht in der Lage, über das Eigentum anderer Staaten
zu verhandeln.

Die Russen wissen das genau.

Sogar wenn die Vereinigten Staaten in der Lage wären, Verhandlungen über
die französischen und britischen Waffen zu führen - was sie nicht sind -, enthält das sowjetische Angebot noch eine weitere Enttäuschung.

Wenn die Russen

nämlich vorschlagen, 162 französische und britische Raketen gegen 162 SS-20Raketen aufzuwiegen, so übersehen sie geflissentlich die Tatsache, daß die
meisten der französischen und britischen Raketen nur jeweils einen Gefechtskopf haben. Jede SS-20 aber hat drei Gefechtsköpfe. Laut Vorschlag Andropows
hätten die Sowjets durch diesen Handel also 486 Gefechtsköpfe gegen weniger als
300 britische und französische - und keinen einzigen für die NATO.

Keit schlech-

tes Geschäft für sie!
Noch ein Beispiel sowjetischer Taktik:

Vor fast genau einem Jahr, am

15. März 1982, kündigte Generalsekretär Breschnew ein Moratorium bei der weiteren Dislozierung von SS-20-Raketen an. Disloziert hatten die Russen zu jenem Zeitpunkt etwa 900 SS-20-Gefechtsköpfe.

Jetzt, am 12. April 1983, beträgt

die Anzahl der sowjetischen SS-20-Gefechtsköpfe über 1050. Soviel über das
sowjetische Versprechen, mit ihrer Dislozierung von SS-20-Raketen aufzuhören und all dies fand zur gleichen Zeit statt wie die INF-Verhandlungen in Genf.
Die Sowjets rufen ein Moratorium aus, aber fahren mit der Dislozierung der
SS-20-Raketen fort - und rufen dabei immer wieder nach Abrüstung.
Auf ihrem jüngsten Treffen in Portugal, sagten die Verteidigungsminister
der NATO am 23. März folgendes über die sowjetische Verhandlungsposition in
Genf:

"Die sowjetischen Vorschläge haben sich seit dem Verhandlungsbeginn

grundsätzlich nicht geändert. Tatsächlich hätte der jüngste Vorschlag der
Sowjetunion folgende Konsequenzen.

Er würde der Sowjetunion mehr SS-20-Raketen

lassen, als sie bei Beginn der Verhandlungen hatte; er würde der NATO das Recht
verwehren, ihr Potential zur Abschreckung dieser Bedrohung zu modernisieren;
er würde der Sowjetunion eine unbegrenzte Zahl von mobilen SS-20 ostwärts
des Ural

erlauben, die weiterhin NATO-Europa bedrohen würden; und er würde

fast alle Flugzeuge der Vereinigten Staaten vom europäischen Kontinent ver- 13 -

�Kontinent verbannen, die für die konventionelle Verteidigung der NATO unentbehrlich sind.

Das Ergebnis wäre, daß das sowjetische Monopol bei den land-

gestützten INF-Flugkörpern größerer Reichweite aufrechterhalten bliebe, die
Koppelung zwischen dem strategischen Abschreckungspotential der Vereinigten
Staaten und der Verteidigung NATO-Europas ernsthaft untergraben und das langfristige sowjetische Ziel der Spaltung des Bündnisses gefördert würde."
Die heutige Debatte enthält eine Gefahr.

Es besteht das Risiko, daß das

viele Diskutieren über technische Einzelheiten bei Rüstung und Rüstungskontrolle
- wie Abschußeinrichtungen, Raketen, Gefechtsköpfe und ähnliches - die zentrale
Frage zur Nebensache macht.
nicht geändert.

Diese Frage aber hat sich seit einer Generation

Es geht um das anhaltende sowjetische Bemühen, einen Keil

in die westliche Einheit zu treiben und Amerika von Europa zu trennen.

Die

Sowjetunion, die neue und gefährliche Raketen mit dem Ziel disloziert hat,
Westeuropa einzuschüchtern, versucht jetzt, die Verbindung zwischen den Vereinigten Staaten und ihren NATO-Verbündeten zu zerbrechen - unsere Sicherheit
abzutrennen, um dadurch unsere Freiheit umso leichter anzugreifen.
Das sowjetische Endziel in Europa ist, die Länder Westeuropas zu zwingen, sich dem sowjetischen Interesse zu sowjetischen Bedingungen zu fügen.
Wir alle wissen, wie diese Bedingungen aussehen.

Wir brauchen nur auf die Ge-

biete jenseits der Elbe zu blicken - oder auf die Mauer, die das Herz von
Berlin durchschneidet.

Sie, liebe Zuhörer, werden als Deutsche die sowje-

tischen Bedingungen besser verstehen als viele andere.
Es ist die Verbindung zwischen Amerika und Westeuropa - die Einheit
des Westens - die vor einer Aggression aus dem Osten abschreckt und den Frieden in der nordatlantischen Gemeinschaft seit über einer Generation gesichert
hat. Die NATO ist die echte Friedensbewegung unserer Zeit.
Wie wir wissen, hat der Frieden seinen Preis - keinen niedrigen Preis.
Dean Rusk, Außenminister unter den Präsidenten Kennedy und Johnson, hat darauf hingewiesen:

Die Freiheit gibt es nicht umsonst.

- 14 -

Wir im Westen sind

�Westen sind bereit, einen hohen Preis zu zahlen, um den Frieden mit Freiheit
zu sichern - damit wir uns weiterhin der großen Aufgabe widmen können, eine
bessere Welt für uns und unsere Kinder zu schaffen.

+ + + + +

15

�16

13. April 1983

ERLÄUTERUNGEN ZUM INF-VORSCHLAG PRÄSIDENT REAGANS

WASHINGTON - (AD) - Im Zusammenhang mit der Erklärung des amerikanischen
Präsidenten vom 30. März 1983 über die neue INF-Initiative der Vereinigten
Staaten veröffentlichte das amerikanische Außenministerium folgende Erläuterungen.

Der Präsident kündigte am 30. März 1983 an, daß die Vereinigten Staaten
in Genf einen neuen Vorschlag für ein Zwischenabkommen vorgelegt haben, demzufolge die Vereinigten Staaten ihre geplante Dislozierung von PERSHING II-Raketen und landgestüzten Marschflugkörpern um ein Beträchtliches reduzieren würden, vorausgesetzt, die Sowjetunion verringert die Anzahl ihrer Waffen bei den
INF-Raketen größerer Reichweite auf weltweit gleichen Umfang. Die Vereinigten
Staaten sehen in diesem Vorschlag einen ernsthaften ersten Schritt in Richtung
auf eine vollständige Beseitigung dieser Waffenklasse und hoffen, daß sich die
Sowjetunion dieser unserer Ansicht anschließt.
Im Dezember 1979 kamen die NATO-Staaten in einem Doppelbeschluß hinsichtlich der Problematik nuklearer Mittel Streckensysteme (INF) zu einer Einigung.
In Reaktion auf die zunehmende Bedrohung durch sowjetische INF-Systeme - insbesondere die Dislozierung der neuen sowjetischen SS-20-Raketen - kamen die
Verbündeten überein, 108 PERSHING II-Raketen und 464 landgestützte Marschflug-

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�landgestützte Marschflugkörper (GLCM) in Europa zu dislozieren.

Gleichzeitig

drängten die Verbündeten auf Rüstungskontroilanstrengungen, um diese und vergleichbare sowjetische INF-Raketensysteme zu begrenzen.

Am 18. November 1981 unterbreitete Präsident Reagan nach entsprechenden
Konsultationen innerhalb des Bündnisses einen weitreichenden Vorschlag als
Grundlage der amerikanischen Position bei den INF-Verhandlungen, die am 30.
November 1981 begannen.

Dieser Vorschlag forderte die völlige Beseitigung

der gesamten Klasse amerikanischer sowie sowjetischer landgestützter, weitreichender INF-Raketen - mit anderen Worten:
auf beiden Seiten.

Keinerlei Raketen dieses Typs

Die Vereinigten Staaten sind auch weiterhin der Überzeu-

gung, daß dies das beste und moralischste Ergebnis dieser Verhandlungen wäre.
Dadurch würde sowohl die Sicherheit des Ostens als auch die des Westens erhöht
werden.

Leider unterscheidet sich die sowjetische Haltung in diesen Verhandlungen hiervon sehr.

Die Sowjets weigerten sich bislang hartnäckig, unseren

"Null-Null"-Vorschlag ernsthaft in Erwägung zu ziehen oder mit einer anderen
annehmbaren Alternative zu kommen.

Die sowjetische Position in diesen Ver-

handlungen würde das derzeitige Monopol der Sowjetunion bei diesen Waffen erhalten.

Ihrem jüngsten Vorschlag zufolge würden die Sowjets weiterhin über

486 Gefechtsköpfe auf 162 SS-20-Raketen allein in Europa verfügen, während
die Vereinigten Staaten keine einzige Rakete hätten.

Hunderte von Gefechts-

köpfen auf sowjetischen SS-20-Raketen im Fernen Osten würden keinerlei Begrenzung erfahren.

Das Urteil der NATO über die derzeitige sowjetische Position in Genf
spiegelt sich im Kommunique der Verteidigungsminister der NATO wider, das am
23. März im Anschluß an ihr jüngstes Treffen in Portugal veröffentlicht wurde:

"Im Widerspruch zu kürzlich aufgestellten Behauptungen sowjetischer
Führer haben sich die sowjetischen Vorschläge seit dem Verhandlungsbeginn grundsätzlich nicht geändert.

- 2 -

Tatsächlich hätte der jüngste

�der jüngste Vorschlag der Sowjetunion folgende Konsequenzen.

Er

würde der Sowjetunion mehr SS-20-Raketen belassen, als sie bei Beginn der Verhandlungen hatte; er würde der NATO das Recht verwehren, ihr Potential zur Abschreckung dieser Bedrohung zu modernisieren; er würde der Sowjetunion eine unbegrenzte Zahl von mobilen
SS-20 ostwärts des Ural

erlauben, die weiterhin NATO-Europa be-

drohen würden; und er würde fast alle Flugzeuge der Vereinigten
Staaten vom europäischen Kontinent verbannen, die für die konventionelle Verteidigung der NATO unentbehrlich sind.

Das Ergebnis

wäre, daß das sowjetische Monopol bei den landgestützten INF-Flugkörpern größerer Reichweite aufrechterhalten bliebe, die Koppelung
zwischen dem strategischen Abschreckungspotential der Vereinigten
Staaten und der Verteidigung NATO-Europas ernsthaft untergraben
und das langfristige sowjetische Ziel der Spaltung des Bündnisses
gefördert würde."
Der neue amerikanische Vorschlag wurde nach umfangreichen Konsultationen
mit unseren NATO-Verbündeten und nach Gesprächen mit anderen Freunden, einschließlich Japans, unterbreitet.

Er wurde am 29. März auf der Abschlußsit-

zung dieser Verhandlungsrunde überreicht.

Bei Vorlage dieses Vorschlages

forderten die Vereinigten Staaten die Sowjetunion auf, ihn während der Verhandlungspause sorgfältig in Erwägung zu ziehen,und machten den Vorschlag,
daß die Delegationen ihre Verhandlungen um einige Wochen eher als vorher geplant wieder aufnehmen sollten.

Die Sowjets haben sich zu einer Wiederauf-

nahme am 17. Mai bereiterklärt.
Der neue amerikanische Vorschlag wird den Kriterien gerecht, die der
Präsident für ein Abkommen festgelegt hat:
- Gleiche Rechte und Beschränkungen für die Vereinigten Staaten und die
UdSSR;
- keine Kompensation

�- keine Kompensation für die Waffen von Drittländern;
- weltweite Höchstgrenzen;
- keine negativen Auswirkungen auf die konventionelle Verteidigungskapazität der NATO; und
- wirksame Maßnahmen zur Verifizierung.
Bei den weiteren Diskussionen über diesen Vorschlag werden die Vereinigten Staaten wie bisher so flexibel wie möglich sein, um in Genf zu einem Abkommen zu gelangen, das den oben genannten Kriterien gerecht wird.
Die Vereinigten Staaten sehen den neuen Vorschlag als einen Zwischenschritt in Richtung auf die vollständige Beseitigung der amerikanischen wie
sowjetischen landgestützten INF-Raketensysteme größerer Reichweite an.

Soll-

te ein Zwischenabkommen erreicht werden, so sind die Vereinigten Staaten der
Meinung, daß diese Verhandlungen mit dem Ziel fortgesetzt werden sollten, die
vollständige Beseitigung dieser Systeme zu erreichen.

Mit der Unterbreitung

dieser neuen Initiative bleibt der derzeitige amerikanische Vorschlag für eine
Beseitigung der gesamten Klasse landgestützter INF-Raketen größerer Reichweite
in Genf auf dem Verhandlungstisch.

Die Vereinigten Staaten sind nach wie vor

der Überzeugung, daß keine Raketen auf beiden Seiten das beste Ergebnis dieser
Verhandlungen wären.

+ + + + +

- 4-

�13. April 1983

16

VERTEIDIGUNGSSYSTEME AUF DER BASIS VON STRAHLUNGSENERGIE
Erläuterungen zu dem neuen Verteidigungskonzept Präsident Reagans

- (AD) - Zu dem von Präsident Reagan angekündigten neuen Forschungsund Entwicklungsprogramm für Abwehrsysteme gegen ballistische Waffen gehört
u.a. die Entwicklung von Defensivwaffensystemen mit sogenannter "gerichteter
Energie".

Die beiden wichtigsten Formen gerichteter Energie sind Laser- und

Partikel strahlen hoher Energiedichte.
Bei den Laserstrahlen handelt es sich um Wellen aus dem sogenannten
optischen Bereich des von Funkwellen bis zur Gammastrahlung reichenden elektromagnetischen Spektrums, dem Frequenzen vom Infrarot bis zum Ultraviolett
zugeordnet werden. Nach heutigem Verständnis ist "Licht" sowohl als Korpuskularstrahlung wie als Strahlung mit Wellencharakter zu definieren.
Den Laserstrahl kennzeichnet eine spezielle Form der Ausbildung elektromagnetischer Wellen:

Die als Energieträger fungierenden Lichtquanten

(Photonen) schwingen in gleicher Phase.

Daraus ergeben sich Wellen gleicher

und "reiner"Frequenz, die sich nicht überlagern und somit frei sind von Interferenzen.

Das Licht ist "kohärent", in einem scharf gebündelten Strahl

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�gebündelten Strahl konzentriert und im Strahlquerschnitt außerordentlich
energiereich.
Laser ist ein Kunstwort, gebildet aus den Anfangsbuchstaben von "Light
Amplification by .Stimulated Emission of Radiation", d.h. Lichtverstärkung
durch induzierte Emission von Strahlung.

Ein Lasergerät ist ein Generator,

der Licht erzeugt, welches im Weltraum kaum gestreut wird und blitzartig
riesige Entfernungen überwindet.

Und wie sein Vorläufer, der Maser (d.h. Ver-

stärkung von - niedriger frequenten - Mikrowellen durch induzierte Emission
von Strahlung), ist er geeignet, elektromagnetische Strahlung um ein Vielfaches
zu verstärken.

Beim Laser geschieht dies durch direkte Wechselwirkungen mit

fester, flüssiger oder gasförmiger Materie.
Photonen bewegen sich im Vakuum mit fast 300 000 km pro Sekunde - der
größten in der Natur zu beobachtenden Geschwindigkeit.

Diese Lichtgeschwin-

digkeit verringert sich infolge Streuung oder Brechung beim Durchgang durch
ein Medium, z.B. die irdische Atmosphäre, und Absorptionsprozesse schwächen
dabei die Intensität des Lichts. Photonen haben keine Ruhemasse - im Gegensatz zu den Energieträgern von Partikelstrahlen wie Elektronen, Protonen
oder Ionen, die außerdem elektrische Ladung besitzen.

Wenn solche Partikel-

strahlen hohe Energie gewinnen sollen, müssen sie beschleunigt werden, wie
es z.B. in Teilchenbeschleunigern mit Hilfe von Magnetfeldern geschieht. Dabei werden Werte erreicht, die der Lichtgeschwindigkeit sehr nahe kommen.
Die große Fortbewegungsgeschwindigkeit bedeutet, daß der Laser- oder
Partikel strahl einer Abwehrwaffe - im letztgenannten Fall vorzugsweise Elektronenstrahl - sein Ziel blitzartig und nahezu augenblicklich erreicht.
überwindet 1000 Meter in einer 3,7-millionstel Sekunde.

Er

Ein mit doppelter

Schallgeschwindigkeit fliegender feindlicher Bomber käme in dieser Zeit kaum
mehr als 2 Millimeter voran.

Selbst eine mit sechsfacher Schallgeschwindig-

keit sich bewegende Feindrakete hätte, bis ein in 1600 km Entfernung ausgelöster Laserblitz sie träfe, höchstens 2,7 Meter zurückgelegt.
Da die

�Da die Strahlung von Laserwaffensystemen von der Erdanziehungskraft praktisch unbeeinflußt bleibt, könnte sie mit extremer Präzsion auf Ziele gerichtet
werden und diese mit großer Genauigkeit treffen.

Wenn solche Abwehrwaffen-

systeme erst einmal voll entwickelt sind, wäre es möglich, selbst aus einer
Gruppe nicht-feindlicher Objekte einzelne, sich dazwischen bewegende Feindobjekte herauszusuchen und zu vernichten.

Auch könnte man davon ausgehen, eine

große Zahl von Ziel Objekten vernichten zu können, selbst wenn diese aus allen
Richtungen kämen.
Für jeden "Schuß" mit einem Laser- oder Partikel strahl wird verhältnismäßig wenig "Brennstoff" verbraucht, weshalb in einem Waffensystem eine Vielzahl von "Schüssen" gespeichert werden könnte. Da außerdem der Laserstrahl
durch bewegliche Spiegel gesteuert würde, wäre durch ein solches Waffensystem
die Möglichkeit gegeben, über einen weiten Sichtbereich hinweg rasch hintereinander ein Feindobjekt nach dem anderen abzuwehren.
Im Weltraum hätten Laserstrahlen nahezu unbegrenzte Reichweite. In geringeren Höhen über der Erde würden sie jedoch, wie jedes Licht, durch Wolken
und Nebel gestreut und mehr oder weniger stark absorbiert. Partikel strahlen
wiederum würden vom Erdmagnetfeld und der Gravitation beeinflußt. Jedoch soll
es bereits Forschungs- und Entwicklungsprojekte für Partikel strahl-Waffensysteme mit Wasserstoffgas geben, bei denen diese Einflüsse weniger problematisch wären.
Eine militärische Laserstation im Weltraum könnte gegnerische Raketen
großer Reichweite schon während ihres Aufstiegs ausmachen und vernichten. Sie
besäße eine wesentlich größere Effektivität als jedes bodengestützte Abwehrsystem. Ein Laserstrahl muß sein Zielobjekt mit höchster Präzision erfassen,
aber auch lange genug im Visier behalten, um sich durch die Hülle zu brennen
und wesentliche Teile wie das Leitsystem zu zerstören oder den Gefechtskopf
oder Treibstoff zur Explosion zu bringen. Ein mit hoher Geschwindigkeit auf
das Ziel auftreffender Partikel strahl würde die Metall hülle durchdringen und
dabei einen großen Teil seiner Energie auf das Zielobjekt übertragen. Zu Beginn

- 3 -

�Zu Beginn würde die Elektonik funktionsunfähig werden, dann würden - infolge
der Energieübertragung - Treib- und Explosivstoffe gezündet und Zerstörungen
am Raketenkörper verursacht.
Obgleich solche Abwehrsysteme noch nicht existieren, halten es Forscher
in privaten und regierungseigenen Instituten offenbar für möglich, daß ihre
Entwicklung in 20 bis 25 Jahren durchführbar wäre.

+ + + + +

�16

13. April 1983

SCHWERTRANSPORT IN DEN WELTRAUM
US-Raumfähre CHALLENGER vom ersten Einsatz zurück

- (AD) - Beim Einschweben über Kalifornien von den Kameras zunächst als
dunkler Schatten erfaßt, rollte wenig später eine leuchtend weiße CHALLENGER
auf der für sie vorgesehenen Betonpiste des Edward-Luftstützpunktes in der
Mojavewü'ste aus. Der erste Weltraumeinsatz der amerikanischen Raumfähre
Nummer Zwei war kurz vor Vollendung der 81. Erdumrundung am 9. April 1983
um 20.54 Uhr MEZ nach fünf Tagen, 23 Minuten und 42 Sekunden beendet.
Kommandant Paul Weitz brachte den Raumgleiter schon ca. 2 000 Meter nach
dem Aufsetzen auf der Rollbahn zum Stehen. Er und Kopilot Karo! Bobko sowie
die beiden Missionsspezialisten Story Musgrave und Donald Peterson wurden
begeistert empfangen. Am Ende des nächsten Fluges, der für Mitte Juni vorgesehen ist, soll CHALLENGER als erster Raumtransporter auf einer neu angelegten,
4,8 km langen Betonbahn nahe dem Startplatz auf dem Kennedy-Raumfahrtzentrum
in Florida landen.
Experten der NASA (US-Amt für Luft- und Raumfahrt) äußerten sich außerordentlich befriedigt über den Verlauf und die bisher zu übersehenden Ergebnisse der Mission, die sich wegen der beim Durchprüfen entdeckten technischen
Mängel um mehr als zwei Monate (vom 20. Januar bis 4. April) verzögert hatte.

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�verzögert hatte. Mit der Lösung eines Problems sind allerdings Ingenieure
in der neuen Bodenstation White Sands (New Mexico) noch beschäftigt: Es
geht um das weitere "Anheben" des von der CHALLENGER-Besatzung im Weltraum
abgesetzten TDRS-Nachrichtensatelliten auf eine Kreisbahn, die in
ca. 36 000 km Höhe über dem Äquator liegt, und schließlich um das Einsteuern
des 2,2 Tonnen schweren Roboters auf seinen vorgesehenen Standort über der
Nordostspitze von Brasilien.
Das Absetzen dieses neuartigen Nachrichtensatelliten etwa zehn Stunden
nach dem Start war eine der wichtigsten Aufgaben beim Unternehmen STS-6.
TDRS ("Tracking and Data Relay Satellite" - Satellit für Bahnbeobachtung
und Datenübermittlung) ist das erste Gerät eines Dreiersystems, das für den
Funkverkehr mit bemannten Raumschiffen eine Reihe von Bodenstationen rund um
die Erde überflüssig macht und die Kontaktmöglichkeiten mit der Besatzung
von 15 auf über 80 Prozent der für einen Erdumlauf benötigten Zeit erweitert.
Außerdem können TDRS-Satelliten die Daten von 40 unbemannten Satelliten
abfragen und Funkbefehle an sie übermitteln, wobei 26 Satelliten gleichzeitig "bedient" werden.

Der gesamte Funkverkehr läuft, wenn das mit

2,2 Milliarden Dollar entwickelte System erst einmal komplett ist, über
die Hauptstation White Sands mit ihren mehr als 400 Mitarbeitern.

Die

Projektwissenschaftler und Techniker für die in das System einbezogenen
unbemannten Satelliten erhalten so ständigen Kontakt mit "ihrem" Gerät und
brauchen nicht zu warten, bis es wieder in Sichtweite einer Bodenstation
kommt.
- Dramatische Rettungsaktion Die Aufregung war groß, als etwa sechs Stunden nach dem problemlosen
Absetzen von TDRS plötzlich der Funkkontakt mit dem Nachrichtensatelliten
abriß. Für die Funkbefehle zur Aktivierung seiner beiden Antriebsstufen
(IUS, Gewicht ca. 15 Tonnen) war eine Bodenstation der US-Luftwaffe in
Kalifornien zuständig. Die erste Stufe hatte normal gezündet. Jetzt sollte

- 2 -

�Jetzt sollte die Oberstufe zum zweiten Mal gezUndet werden, um den
Satelliten aus seiner elliptischen Aufstiegsbahn in die kreisförmige
Umlaufbahn in 36 000 km Höhe zu bringen.
Die Leute in White Sands setzten das für diesen Fall (wie für alle
erdenklichen anderen Störfälle) vorbereitete Rettungsprogramm in Gang.
Als erstes mußte festgestellt werden, ob die Oberstufe des IUS-Systems
Liberhaupt ein zweites Mal gezündet hatte und abgesprengt worden war.
Das Kontroll personal schickte "blind" Funksignale ins All, um zu versuchen,
die Verbindung mit dem Satelliten wieder aufzunehmen und seine Position zu
ermitteln.

Darüber verging nur kurze Zeit - "aber es war, als hätte es

Stunden gedauert", meinte George Harris, Flugdirektor für TDRS in White
Sands.

Ergebnis der Sondierung: Der Satellit war ins Taumeln geraten.

Auch dafür war eine über Funkbefehle zu bewerkstelligende "Kur" vorbereitet.

Es gelang den Satelliten zu stabilisieren, seine Sonnenenergie-

Kollektoren (Leistung: 1700 Watt) auszufahren, die Tests mit den drei verschiedenen Antennen durchzuführen, ihn auf Herz und Nieren durchzuprüfen,
und schließlich seine Position zur Sonne

zu fixieren.

Bei diesen

Operationen wurde das Team in White Sands von Kollegen im Goddard Space
Flight Center in der Nähe von Washington unterstützt.

Ein Rätsel ist nach

wie vor die Ursache der Störung im IUS-System, die dafür verantwortlich ist,
daß dem bisher größten Nachrichtensatelliten der Welt, der im geostationären
Orbit in 36 000 km Höhe ca. 10 Jahre lang arbeiten soll, etwa 640 km an
Höhe fehlen.
Gegenwärtig wird mit Hilfe seiner Steuerungsdüsen, die eigentlich nur
für Positionskorrekturen im Orbit gedacht sind, versucht, ihn allmählich
doch noch in die vorgesehene Bahn zu bringen.

Harris schätzt, daß darüber

Tage, vielleicht sogar ein paar Wochen vergehen und von den 585 kg flüssigen
Hydrazintreibstoff an Bord etwa 405 kg verbraucht werden.

- 3 -

Der verbleibende

�Der verbleibende Treibstoff dürfte dennoch ausreichen, um die auf zehn
Jahre angesetzten normalen Operationen durchzuführen.

Bei ihrem über-

nächsten Flug (STS-8) soll CHALLENGER den zweiten Schwertransport vornehmen.

Das Gesamtgewicht der 11 m langen Kombination TDRS-IUS beträgt

immerhin 18 Tonnen.

Für TDRS-2 ist ein Standort über Hawaii vorgesehen.

- Astronauten an der Leine Am vierten Flugtag (7. April) unternahmen Musgrave und Peterson eine
Exkursion. Mit den neuentwickelten Schutzanzügen hielten sie sich drei
Stunden und vierzig Minuten außerhalb der Druckkabine auf - verrichteten
Arbeiten mit und ohne Werkzeug, inspizierten die 18 m lange offene Ladebucht, wo der TDRS-Satellit verstaut war, und einen Teil der Außenwände
ihres Raumtransporters, über Rollen laufende 15 m lange Sicherungsleinen
am Rand der Ladebucht, an denen sie angehakt waren, bewahrten sie vor dem
Abdriften in der Schwerelosigkeit.
Vier Fernsehkameras an der CHALLENGER, dazu je eine am Schutzhelm
montierte Minikamera, übertrugen den Verlauf der Exkursion, zeigten gestochen scharf die Bewegungen der Astronauten. Aus der Druckkabine filmte
und fotografierte Kopilot Bobko den Ausflug der beiden. Er diente der
gründlichen Erprobung der (im Vergleich zu den zuletzt vor neun Jahren im
APOLLO- und SKYLAB-Programm benutzten) leichteren und sehr viel mehr
Bewegungsfreiheit gebenden Schutzanzüge. Sie sollen eine Lebensdauer von
mindestens 15 Jahren haben. Jeder hat im Tornister Vorräte an Sauerstoff,
Batteriestrom und Kühlmittel für einen Außenaufenthalt von sieben Stunden.
Der 112 kg schwere, 2,15 Millionen Dollar teure Anzug mit gut beweglichen
Hand-, Finger-, Ellbogen, Knie- und Fußgelenken besteht aus mehreren, teilweise auch aluminisierten Schichten von Teflon, Nylon, Polyurethan und
anderen Kunstfasern. Der Innendruck beträgt nur knapp ein Viertel des in
der Raumtransporterkabine herrschenden Normaldrucks. Und während dort die

- 4 -

�dort die Astronauten Luft einer an der Erdoberfläche üblichen Zusammensetzung
atmen, gibt es im Schutzanzug nur reinen Sauerstoff.

Dies erforder vor allem

vor der Exkursion ein Umstellen des Organismus auf Sauerstoffatmung, wobei
im mehrstündigen Aufenthalt in einer Luftschleuse das Blut von Stickstoff
frei gemacht werden muß.
Im Schutzhelm gibt es einen kleinen Beutel mit Trinkwasser, dazu mit
dem Mund leicht zu erreichende Happen mit Trockenfrüchten.

Jeder Raumanzug,

von dem aus auch ständiger Funksprechverkehr mit der Pilotenkabine geführt
wird, hat seinen eigenen Mikroprezessor-Computer, der alle lebenswichtigen
Funktionen überwacht. Stimmt etwas nicht, alarmiert er sofort den Träger
und kann auch Anweisungen zur Korrektur eines Problems geben.

Der erste

"Großeinsatz" für die neuen Raumanzüge ist beim Flug STS-13 im April 1984
vorgesehen, wenn ein 1980 gestarteter, nicht mehr voll funktionsfähiger
Satellit zur Sonnenbeobachtung repariert werden soll.
- Wichtige Neuerungen Die Raumfähre CHALLENGER ist um mehr als 1,1 Tonnen leichter als das
Schwesterschiff COLUMBIA!

Die Schleudersitze für den Notfall in der Start-

phase wurden samt Schienen entfernt, ebenso eine Anzahl von Testinstrumenten.
Außerdem hat der große Außentank 4,5 Tonnen weniger Gewicht, ebenso wurden
die beiden großen Feststoffraketen um 1,8 Tonnen "erleichtert". Gleichzeitig ist die Motorleistung der Haupttriebwerke vier Prozent größer als
bei der COLUMBIA.

Dadurch wurde die Aufnahmekapazität der COLUMBIA für

Nutzlasten erheblich vergrößert.
- Wissenschaftliches Programm Das schon seit einigen Raumfährenflügen laufende Elektrophorese-Projekt
zur Erprobung von Verfahren für die Gewinnung hochreiner Medikamente und
Impfstoffe in Schwerelosigkeit wurde fortgesetzt.

- 5 -

Dabei handelt es sich um

�sich um ein Gemeinschaftsunternehmen der Firmen McDonnell Douglas Aeronautics
Company und Ortho Pharmaceutical Corporation.

Drei biologische Substanzen -

Albumin, Blut und eine Blutzellenkultur - werden im elektrischen Feld bei
sogenannter Mikrogravitation getrennt. Der erzielte Reinheitsgrad ist um
ein Vierfaches höher, als er unter den an der Erdoberfläche herrschenden
Bedingungen erreicht werden kann. Außerdem ist nach bisherigen Erfahrungen
die Mengenkapazität für eine Verarbeitung im Weltraum 5000 Mal größer.
Auch die Experimente zur Herstellung einheitlich winziger Latex-Kügelchen
als Träger für bestimmte Substanzen in Medikamenten liefen beim Flug STS-6
weiter - ein Gemeinschaftsversuch von Wissenschaftlern der NASA und der
Lehigh-Universität.
Die Astronauten machten Fotos von Blitzen und Gewittern als Beitrag
zur Verbesserung von Wettersensoren in Satelliten und zur Verbesserung der
Wettervorhersage. Bei einem der drei "Getaway-Specials" (genormte Kanister
mit Experimenten von NASA-Kunden) ging es um uas Sammeln von Erfahrungen
über die Einwirkung von Schwerelosigkeit, Temperaturveränderungen und
kosmischen Strahlung auf 46 verschiedene Arten von pflanzlichen Samen ein Experiment der Fa. George W. Park Seed Company, das für die Gebühr
von 3 000 Dollar mitgenommen wurde. Am 19. April, wenn CHALLENGER nach
Florida zurücktransportiert wird, ist auch der Kanister an Bord, um von
der Fa. Park in Empfang genommen zu werden. Die Samen sollen sofort eingesetzt, ihr Keimen und das Wachsen der Pflänzchen vor allem unter dem
Gesichtspunkt von möglichen Mutationen,beschleunigtem oder verzögertem
Wachstum beobachtet werden.

+ + + + +

�16

13. April 1983

ROBOTER MIT VIELEN AUGEN
Fernerkundung aus dem Weltraum erleichtert Entwicklungsprojekte

- (AD) - Mindestens 45 Entwicklungsländer machen von der Beobachtung
und Fernerkundung ihres Gebietes durch amerikanische LANDSAT-Satelliten Gebrauch.

Dem ersten im Jahr 1972 gestarteten Gerät dieses Typs folgten in-

zwischen drei weitere, zuletzt LANDSAT 4 im Juli 1982 mit einem hochempfindlichen neuartigen Sensor an Bord.

Der sogenannte "Thematic Mapper" arbeitet

auf sieben Spektralbändern (im Gegensatz zum Multispektral-Scanner, bei dem
die aufgefangenen Lichtbündel auf vier Sensoren aufgeteilt werden) und liefert erstmals Erdaufnahmen in natürlichen Farben.

Demgegenüber sind zur Her-

stellung von Farbbildern aus den Meßdaten seiner Vorläufer Farbfilter für die
Umsetzung der Original-Schwarz-Weiß-Aufnahmen und spezielle Kopiertechniken
erforderlich.

Dank des hohen Bildauflösungsvermögens des neuen Instruments

kann man (aus 700 km Höhe) Objekte von 30'm,in Einzelfällen sogar von 12 m
Durchmesser ausmachen, während die Bildauflösung der ersten drei LANDSATSatell iten bei ca. 80 m liegt.

Auch das Unterscheidungsvermögen für Hellig-

keitsstufen ist viermal größer - allerdings befindet sich der "mapper" noch
in der Erprobung.
Für den

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�Für den regulären Bilderdienst stehen die Aufnahmen von LANDSAT
allen interessierten Ländern zur Verfügung.

1-3

Die Geräte registrieren und mes-

sen die Energie (Licht- oder Wärmestrahlung), die von der Vegetation, von Landflächen und landnahen Gewässern reflektiert oder ausgesandt wird.

Welche wich-

tigen und z. T. überraschenden Erkenntnisse Entwicklungsländer durch die Auswertung von LANDSAT-Aufnahmen erzielten, wurde kürzlich auf einer internationalen Konferenz an der Columbia-Universität in New York (4. - 5. Februar 1983)
erörtert:
- In den sechziger Jahren hatte das US-Amt für Internationale Entwicklung
(AID) ein ehrgeiziges Kartierungs-Projekt der thailändischen Regierung
mittels Luftaufnahmen unterstützt. Zehn Jahre später ergab die Auswertung der LANDSAT-Bilder, daß das Land in einem einzigen Jahrzehnt 20
Prozent seines Waldbestandes verloren hatte. Strenge Gesetze und spezielle Schutzvorkehrungen sollen nunmehr die Wälder erhalten helfen.
- Professor Klaus Itten von der Universität Zürich berichtete aus Sri
Lanka, daß zwischen 1956 und 1979 etwa 50 Prozent der Wälder durch Rodungen für Reisfelder vernichtet worden waren.

LANDSAT-Fotos (die Aus-

wertung wurde mit Unterstützung schweizer Wissenschaftler vorgenommen)
hatten die Regierung alarmiert, die sich jetzt um Maßnahmen zur Verbesserung des ökologischen Gleichgewichts

bemüht. Auch Vorhersagen für

Reisernte-Erträge seien durch Fernerkundung möglich geworden.
- Weniger als 18 Prozent der Landmassen Lateinamerikas seien zuverlässig
kartiert, erklärte Pierre Adrien von der Interamerikanischen Entwicklungs
bank. So bereite die Durchführung von Entwicklungsprojekten Schwierigkeiten, weil man die vorhandenen Ressourcen nicht kenne. Von den Landflächen Perus seien 60 Prozent, von Costa Rica 40 Prozent unzureichend
kartographisch aufgenommen. In Bolivien habe sich nach Anfertigung einer
Karte für die Bodennutzung gezeigt, daß weniger als ein Prozent des kultivierbaren Bodens regulär bebaut werde. Bodenschätze: Mit der Fernerkundungstechnik seien in diesem Land u.a. Lithium- und Kaliumvorkommen

- 2 -

�und Kaliumvorkommen ausgemacht worden.

- In Pakistan wurden LANDSAT-Daten für die Suche nach einem geeigneten
Gebiet für die Anlage eines neuen Hafens in Kasin herangezogen, um den
Hafen von Karachi zu entlasten.

In vielen (.ändern bestehe dringender Bedarf an der Nutzbarmachung von
Fernerkundungstechniken zur Auffindung von Ressourcen, jedoch gelten Erziehungs- und Gesundheitswesen noch immer als vorrangig, erklärte der Syrer Abd
Al-Wahab Kabakibo.
bereits ausgiebig

Manche Länder, z. B. Indien und Brasilien, nutzen jedoch
die technischen Möglichkeiten zur Auswertung und Nutzung

der via Satelliten erlangten Bildinformationen.

Sie haben Spezialisten aus-

bilden lassen und eigenständige Programme entwickelt, die Computer-Datenverarbeitung und Pläne für eigene Satelliten umfassen.

AID gibt seit 1973 jährlich mehr als sieben Millionen Dollar für die
Unterstützung von Fernerkundungsprojekten in der Dritten Welt aus.

Alles in

allem investierten Argentinien, Brasilien, die Bundesrepublik Deutschland,
Frankreich, Italien, Japan, Kanada, Schweden und die Vereinigten Staaten in
den zehn Jahren seit Beginn des LANDSAT-Programms zwei Milliarden Dollar, um
in der ganzen Welt geeignete Projekte, u.a. unter Einschaltung von AID, Weltbank, UN-Entwicklungsprogrammen, Interamerikanischer Entwicklungsbank und FAO
(UN-Organisation für Ernährung und Landwirtschaft), auf- und auszubauen.

Einige europäische Länder erweitern gegenwärtig eigene Programme und
bieten sie gemeinsam mit den USA Entwicklungsländern an.

So wird Frankreich

im Jahr 1984 den Fernerkundungssatelliten S.P.O.T. starten.

Mitte der acht-

ziger Jahre werden der kanadische RADARSAT, ein Fernerkundungssatellit der
europäischen Raumfahrtorganisation ESA für die Rohstoffsuche und zwei japanische Satelliten hinzukommen.

Auch Indien, Brasilien, China und die UdSSR

sind dabei, entsprechende eigene Satellitensysteme zu entwickeln.

Daß die

Radar-Sondierung aus dem Weltraum sogar für die Archäologie Bedeutung haben
kann, zeigten Resultate mit einem Gerät, das die Raumfähre COLUMBIA an Bord

�an Bord hatte:

Im Jahr 1981 wurden damit unbekannte, in einigen Tausend

Jahren unter Wüstensand verschwundene Wasserläufe in der Sahara entdeckt, im
vergangenen Jahr reiche Silber- und Molybdänvorkommen auf der mexikanischen
Halbinsel Niederkalifornien.
LANDSAT 4 gibt der Fernerkundung der Erde eine neue Dimension.

Seine

besondere Stärke ist die Fähigkeit, kontinuierlich Panorama-Aufnahmen von der
Oberfläche mit sehr hohem Auflösungsvermögen zu liefern.

Da ein bestimmtes

Gebiet jeweils alle 16 Tage unter gleichen Aufnahmebedingungen überflogen und
abgetastet wird, werden z.B. Veränderungen erkennbar, die sich - etwa bei der
Vegetation durch Trockenheit und Schädlinge oder in der Belastung der Umwelt
mit Schadstoffen - in der Zwischenzeit ergeben haben oder sich gerade anbahnen.
Vincent V. Salomonson, NASA-Projektwissenschaftler für LANDSAT 4, verweist u.a.
auf die neuen Möglichkeiten infolge der Einbeziehung des mittleren Infrarotbereichs in das "thematic mapper"-Instrument.

Dank der so gewonnenen Daten sei

man jetzt in der Lage, nicht nur zwischen Wildvegetation und bebauten Feldern,
sondern zwischen Getreide- und Feldfruchtr.rten wie Mais und Reis, Reis und
Sojabohnen zu unterscheiden und deren jeweiligen Gesundheits- und Reifezustand
zu analysieren.
Im Jet Propulsion Laboratory (Pasadena, Kalifornien) sind Wissenschaftler z. Zt. dabei, LANDSAT 4-Aufnahmen und Meßciaten mit Computern unter geologischen Gesichtspunkten aufzubereiten und auszuwerten.

Die bessere Bildauf-

lösung (z. B. lassen sich Unterschiede in der Bodenart erkennen oder Asphalt
von Beton, städtische von ländlichen Baugebieten unterscheiden) will man für
die Auffindung von tonführenden Schichten nutzen.
wichtige Mineral vorkommen leichter zu lokalisieren.
industrie wäre dies von großer Bedeutung.

Wenn dies gelingt, sind
Für die Mineral- und Öl-

Zunächst gehe es aber, wie Salomonson

erklärte, noch um die Entwicklung optimaler Programme für die Auswertung und
die Interpretation

der Bilder.

Ein zweites LANDSAT-Gerät des neuen Typs soll 1935 nestartet werden.
Der Betrieb der LANDSAT-Satelliten wurde im Januar 1933 von der NASA (US-Amt
für Luft- und Raumfahrt) an die NOAA (U; -Amt für See und Atmosphäre) abgegeben,
- 4 -

�abgegeben, die auch für die amerikanischen Wetterbeobachtungssatelliten zuständig ist. Von der US-Regierung wird derzeit erwogen, beide Programme
zu privatisieren.

Einer der Interessenten ist das Unternehmen COMSAT, das

die kommerziellen amerikanischen Nachrichtensatelliten betreibt.

+ + + + +

- 5 -

�</text>
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                <text>&lt;strong&gt;1. Dokumentation&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Botschafter Bennett: Die NATO ist die echte Friedensbewegung&lt;br /&gt;&lt;em&gt;- Vortrag im Amerika Haus Stuttgart -&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Hintergrundmaterial&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Erläuterungen zum INF-Vorschlag Präsident Reagans&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Verteidigungssysteme auf der Basis von Strahlungsenergie&lt;br /&gt;&lt;em&gt;- Erläuterungen zu dem neuen Verteidigungskonzept Präsident Reagans -&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Wissenschaft und Technik&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Schwertransport in den Weltraum&lt;br /&gt;&lt;em&gt;- US-Raumfähre CHALLENGER vom ersten Einsatz zurück -&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Roboter mit vielen Augen&lt;br /&gt;&lt;em&gt;- Fernerkundung aus dem Weltraum erleichtert Entwicklungsprojekte -&lt;/em&gt;</text>
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                    <text>13. April 1988

15

INHALT
DOKUMENTATION
Reagan;

Vereinigte Staaten stimmen Afghanistan-Vereinbarung zu

- Erklärung des Präsidenten -

HINTERGRUNDMATERIAL
Reagan;

SDI noch aussichtsreicher durch technische Fortschritte

- Interview mit "Strategie Defense" (Copyright (c) 1988 by Phillips Publishing, Inc.)
Sowjetische Desinformation dauert trotz Glasnost unvermindert an
- Auszüge aus USIA-Studie über sowjetische aktive Maßnahmen DIE WAHLEN IN AMERIKA 1988
Die demokratischen Kandidaten und der "Schmelztiegel" New York
- Vorschau auf die Vorwahl im Staat New York -

WISSENSCHAFT UND TECHNIK
Neuer Supercomputer
- Lösung komplexer Probleme in kürzester Zeit möglich -

* * * * * *

United States Information Service
Embassy of the United States of America

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.: 0228-339 2035
Telex: 8-85432

�AMERIKA DIENST
Dokumentation

VIQN &amp;
15

13. April 1983

REAGAN:

VEREINIGTE STAATEN STIMMEN AFGHANISTAN-VEREINBARUNG ZU
- Erklärung des Präsidenten -

WASHINGTON - (AD) - Einer am 11. April 1988 veröffentlichten Erklärung
Präsident Reagans zufolge stimmen die Vereinigten Staaten der in Genf erzielten Afghanistan-Übereinkunft zu, die den Weg für einen Abzug der sowjetischen
Truppen freimacht. Reagan erklärte außerdem, daß er Außenminister Shultz nach
Genf entsenden wird, um für die Vereinigten Staaten als Garantiemacht die Vereinbarungen zu unterzeichnen.
Nachfolgend bringen wir die Erklärung des Präsidenten im Wortlaut:

Ich wurde soeben von meinen nationalen Sicherheitsberatern über den
Inhalt der in Genf ausgehandelten
Afghanistan-Vereinbarungen
informiert, die den vollständigen Abzug
der
sowjetischen
Besatzungstruppen
aus diesem Land vorsehen. Meiner Ansicht nach können die Vereinigten
Staaten sich nun der Sowjetunion als
Garantiemacht für die Genfer Vereinbarungen anschließen.
Ich habe deshalb Außenminister
Shultz gebeten,
uns bei der feierlichen Unterzeichnung dieser historischen Übereinkunft
zu vertreten, die Ende dieser Woche
in Genf stattfinden soll.
Diese Entwicklung wäre ohne den
heldenhaften Kampf des afghanischen
Volkes zur Befreiung seines Landes
von
ausländischer
Besetzung
nicht

United States Information Service
Embassy of the United States of America

möglich gewesen. Wir sind stolz darauf, dem afghanischen Volk bei der
Erringung dieses Triumphs beigestanden zu haben, und es kann auch weiterhin auf unsere Unterstützung zählen.
Auch die Regierung und das Volk
von Pakistan, die Millionen afghanischer
Flüchtlinge während
dieser
Zeit
der sowjetischen
Beherrschung
Afghanistans so großzügig aufgenommen
haben, versichern wir unserer weiteren Freundschaft und Unterstützung.

* * * * *

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.: 0228-339 2035
Telex: 8-85432

�: e°

ST&gt;

AMERIKA DIENST
Hintergrundmaterial

13. April 1988

15

REAGAN:

SDI NOCH AUSSICHTSREICHER DURCH TECHNISCHE FORTSCHRITTE
- interview mit "Strategie Defense" -

Abgedruckt mit Genehmigung
(Copyright (c) 1988 by Phillips Publishing, Ine
von Strategie Defense, Redaktion, 1850 M. St., N.W., Suite 810, Washington
D.C. 20036.)
WASHINGTON - (AD) - In einem Interview mit dem Informationsblatt "Strategie Defense" hat Präsident Reagan zum Stand der strategischen Verteidigungsinitiative Stellung genommen.
Wir bringen dieses Interview nachfolgend in
voller Länge.

Frage:
vor fünf Jahren, am 23.
März 1983, haben Sie der Nation eine
"Vision der
Zukunft, die Hoffnung
bietet", das Endziel einer Beseitigung der von den strategischen Atomraketen
dargestellten
Bedrohung in
Aussicht gestellt - Ihr Programm der
Strategischen
Verteidigungsinitiative. Ist diese Vision nach fünfjährigen Bemühungen Ihrer Administration
ebenso aussichtsreich oder noch aussichtsreicher als damals, oder haben
die technischen und/oder politischen
Schwierigkeiten dieses Ziel in weite
Ferne gerückt? Wie stellen sich die
Errungenschaften dieser fünf Jahre in
Ihren Augen dar?
Antwort:
Die von mir im Jahr
1983 in meiner Rede umrissene Vision
ist, davon bin ich überzeugt, heute

United States Information Service
Embassy of the United States of America

noch aussichtsreicher, was auf zahlreiche
dramatische
und
aufregende
technische Durchbrüche zurückzuführen
ist, die wir in den vergangenen fünf
Jahren erlebt haben.
Solche Errungenschaften sollten niemanden überraschen, da einige der fähigsten Wissenschaftler unseres Landes an dem
Problem
arbeiten, wie ballistische
Raketen nach dem Abschuß und vor Erreichen des Ziels vernichtet werden
können. Während eines Besuchs in einem Industriebetrieb, der sich mit
SDI-Forschung beschäftigt, habe ich
vor kurzem aus erster Hand einige der
aussichtsreichen Technologien kennengelernt, die, wie wir hoffen, SDI
bald Wirklichkeit werden lassen.
Zum
zweiten
Teil
Ihrer
Frage
möchte ich Folgendes sagen.
Erstens

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.: 0228-339 2035
Telex: 8-85432

�glauben
viele Amerikaner
fälschlicherweise, die Vereinigten
Staaten
hätten ein aktives System zur Raketenabwehr schon in Stellung gebracht.
Kurz
und bündig:
das haben wir
nicht. Es sind die Sowjets, die heute das einzige einsatzfähige ABM-Syscem der Welt besitzen, das um Moskau
zum Schutz der sowjetischen Führung
stationiert ist.
zweitens befürworten die meisten Amerikaner ein Programm zur Entwicklung und Stationierung von SDI. Leider hat der von den
Demokraten kontrollierte Kongreß die
von uns beantragten Haushaltsmittel
in jedem jähr seit der Schaffung des
Programms reduziert. ich den Kongreß
jedoch auch weiterhin nachdrücklich
zur Unterstützung des SDI-Programms
aufrufen, wie dies das amerikanische
Volk tut.
SDI ist entscheidend für unsere
Bemühungen, den Frieden zu stärken
und langfristig ein sicheres und stabiles strategisches Gleichgewicht zu
sichern.
Es ist lebenswichtig für
die Zukunft dieser Nation, daß das
SDI-Programm die volle Unterstützung
des Kongresses erhält.
Frage:
Trotz ihres ehrenwerten
Ziels hat die Strategische Verteidigungsinitiative
wahrscheinlich
mehr
Kritik vom Kongreß und den großen Medien auf sich gezogen als jedes andere Verteidigungsprogramm Ihrer Administration,
sind Sie der Meinung,
daß diese Kritik im großen und ganzen
gerechtfertigt war oder glauben Sie,
daß sie auf mangelnder Information
beruhte oder einfach politisch motiviert war? Wie haben sich die aufgrund der Opposition im Kongreß vorgenommenen einschneidenden Budgetkürzungen für SDI auf das SDI-Programm
ausgewirkt?
Antwort:
Erstens
möchte
ich
sagen, daß ich jede konstruktive Kritik zu SDI oder anderen Themen begrüße. Solche Kommentare und Empfehlungen sind nützlich für unsere stetige Überprüfung des SDI-Programms,
die eine angemessene Strukturierung
sicherstellen soll, damit wir unser

Ziel erreichen. Dieser Prozeß stellt
sicher, daß die verantwortlichen für
dieses Programm in ihren Bemühungen
nicht nachlassen. Leider gibt es andere, die SDI politisieren wollten,
um es auszuhöhlen. Ich bin nicht der
Meinung, daß wir unsere Zukunft auf
immer und ewig an Atomwaffen und die
Drohung
gegenseitiger
Vernichtung
verpfänden müssen.
Ich glaube, daß
wir die uns zur Verfügung stehende
Technologie benutzen müssen, um eine
Alternative für unsere Zukunft und
die Zukunft unserer Kinder zu suchen,
in meiner Rede von 1983 habe ich die
Frage gestellt: Gibt es keinen besseren Weg zur Sicherung des Friedens,
als
die Androhung
des
nationalen
Selbstmords?
Wäre es nicht besser,
Menschenleben zu retten, als sie zu
rächen?
Ich bleibe diesem Ziel verpflichtet und bin über die Fortschritte erfreut, die bei SDI gemacht
wurden.
Zu den Auswirkungen der Budgetkürzungen
hat
Generalleutnant
Abrahamson
festgestellt, daß hierdurch eine Verzögerung von ein bis
zwei Jahren im Terminkalender des Gesamtprogramms verursacht würde.
Ich
werde mich mit ganzer Kraft beim
Kongreß für die Bewilligung der für
das Haushaltsjahr 1989 für SDI beantragten Mittel (etwa 4,5 Milliarden
Dollar) einsetzen.
Angesichts der
Haushaltsengpässe, mit denen wir uns
kontrontiert
sehen,
wurde
dieser
Haushaltsansatz von der Administration schon so weit wie möglich beschnitten.
Jegliche weitern Kürzungen wären unverantwortlich.
Frage:
Die
Hauptkritikpunkte
an SDI sind dessen möglicherweise
enorme Kosten, die einige schätzen
sie auf bis zu 1 oder 2 Billionen
Dollar schätzen.
Des weiteren wird
vorgetragen, es
sei
technisch
zu
schwierig, von einem Gegner leicht zu
überwinden und würde auf die Sowjetunion destabilisierend und bedrohlich
wirken. Was antworten sie auf diese
Kritikpunkte?
Antwort:

Die

Kostenschätzungen

�von 1 oder 2 Billionen Dollar wurden
von Gruppen oder Einzelpersonen vorgebracht, die als Gegner des Programms bekannt sind.
Solche Schätzungen
entbehren
jeder
Grundlage.
Die Kosten von SDI, wie auch von anderen Großprogrammen sind sicherlich
eine wichtige Frage, die sorgfältiger
und ständiger Prüfung bedarf.
Ein
künftiger Präsident und ein künftiger
Kongreß werden zu entscheiden haben,
ob SDI stationiert werden soll, und
die Gesamtkosten werden dabei sicherlich ein wichtiger Gesichtspunkt sein.
Ich habe wiederholt erklärt, daß
SDI militärisch wirksam, überlebensfähig und kosteneffektiv sein muß,
wenn
es
stationiert
werden
soll.
Dies sind stets meine Kriterien gewesen.
Was
die technische
Machbarkeit
angeht, so ist es es im jetzigen Stadium des Programms noch zu früh, endgültig zu bestimmen, ob das ziel von
SDI erreicht werden kann. Die gewaltigen technischen Fortschritte, die
wir in den vergangenen fünf Jahren
erlebt haben, bieten Grund zum Optimismus. Sie wissen, wie schnell die
Technologie
während
meines
Lebens
fortgeschritten
ist; ich habe gelernt, mein Schicksal nicht denen anzuvertrauen,
die
sagen
"Das
geht
nicht", sondern denjenigen, die sagen
"Ich zeige Ihnen, wie es geht".

zu sichern, und es ist zunehmend
deutlich geworden, daß wir nicht in
der Lage sein werden, dies dadurch zu
erreichen, daß wir ausschließlich auf
eine offensiv ausgerichtete Abschrekkung vertrauen.
SDI stellt eine unmittelbare Antwort nicht nur auf die wachsende Bedrohung
durch
sowjetische
strategische Offensivkräfte, sondern auch
auf die andauernden und intensiven
sowjetischen Bemühungen zur strategischen Verteidigung dar.
Das SDIProgramm liefert eine notwendige und
mächtige
Abschreckung
gegen
jeden
kurzfristigen
Ausbruch der
Sowjets
aus dem ABM-Vertrag.
Dies ist für
sich schon eine entscheidende Aufgabe.
Die langfristige Bedeutung von
SDI besteht jedoch darin, daß es die
Möglichkeit zur Umkehrung der gefährlichen militärischen Trends bietet,
die wir in den vergangenen zwei Jahrzehnten festgestellt haben, indem es
zu einer glaubwürdigeren und stabileren langfristigen Grundlage für die
Abschreckung führt und indem es der
Sowjetunion neue und zwingende Anreize bietet, ernsthaft über Reduzierungen der bestehenden Offensivarsenale
zu verhandeln.

Alle Konzeptionen für die Auslegung des Systems, auch "Architektur"
genannt, beinhalten eine detaillierte
Analyse der Gegenmaßnahmen, die von
den Sowjets vernünftigerweise erwartet werden können, um das Verteidigungssystem zu überwinden oder durcheinander zu bringen.
Wiederum bin
ich zuversichtlich, daß ein militärisch wirksames, überlebensfähiges
und
kosteneffektives
System gebaut
werden kann.

Die Vereinigten Staaten streben
bei ihrer Erforschung des Potentials
moderner
Verteidigungssysteme
streben
weder nach Überlegenheit noch
nach einseitigen Vorteilen.
Stattdessen könnten die destabilisierenden
Merkmale
der gegenwärtigen strategischen
Gleichgewichts
korrigiert
werden, wenn die Aussichten des SDIProgramms bewiesen sind.
Des weiteren würde die Abschreckung erheblich
gestärkt und auf eine solidere Grundlage gestellt, indem die Rolle ballistischer Raketen reduziert wird und
man sich verstärkt auf niemanden bedrohende Verteidigungssysteme konzentriert.

Was die Behauptung anbelangt, SDI
könne "destabilisierend" wirken, bin
ich gänzlich anderer Meinung. im Gegenteil, wir sind entschlossen, die
strategische
Stabilität
langfristig

Frage:
Ihre
Abrüstungsgespräche mit Generalsekretär Gorbatschow
kommen scheinbar trotz der außerordentlich erfolgreichen Unterzeichnung
des INF-Vertrages immer wieder auf

- 3 -

�die sowjetischer Seite erhobene Forderung zurück, die Vereinigten Staaten sollten Entwicklung und Erprobung
des SDI-Programms aufgeben. Dies beinhaltet die selbstverständliche Folgerung, einen weiteren Durchbruch in
der Rüstungskontrolle - einschließlich eines Vertrages über den Abbau
der strategischen Waffen (START)
könne es vorbehaltlich ihrer Zustimmung zu dieser Forderung nicht geben.
Glauben Sie, noch in diesem Jahr eine
Einigung über ein START-Abkommen mit
Herrn Gorbatschow erzielen zu können,
und ist dies auch an Beschränkungen
für SDI gekoppelt?
Und wie erklären
Sie den vehementen Widerstand der Sowjets gegen SDI?
Handelt es sich
hierbei schlicht um Angst vor hochentwickelter amerikanischer Technologie, oder könnte es ihrer Meinung
nach Teil einer generellen sowjetischen Strategie sein, Vorteile im
militärischen Bereich anzustreben, in
diesem Fall durch das Blockieren eines
amerikanischen
Programms
bei
gleichzeitiger heimlicher Fortsetzung
eines eigenen ganz ähnlichen Programms?

Gorbatschow hat das jetzt verstanden.

Antwort:
Die
Sowjets
wollten
Fortschritte in der Rüstungskontrolle
an ein Abkommen koppeln, das unser
SDI-Programm
lahmlegt.
sie werden
sich
erinnern, daß Generalsekretär
Gorbatschow
in
Reykjavik
versucht
hat, ein Junktim zwischen allen Reduzierungen im Bereich der Offensivwaffen - sogar bei INF - und Beschränkungen unserer SDI-Forschung herzustellen,
ich habe dies aus gutem
Grund abgelehnt:
ein schlechtes Rüstungskontrollabkommen ist schlechter
als überhaupt kein Abkommen. Während
unserer
Gipfelgespräche
in
Genf,
Reykjavik
und
zuletzt
hier
in
Washington habe ich Herrn Gorbatchow
gegenüber erklärt, daß SDI kein Verhandlungsgegenstand ist. Es ist für
unsere
zukünftige Sicherheit unerläßlich.

Frage:
Warum hat die amerikanische Regierung sich nicht stärker
bemüht, die von den Sowjets erzielten
Fortschritte
bei der
strategischen
Verteidigung herauszustellen, um so
für ihr eigenes SDI-Programm mehr Unterstützung zu gewinnen? Den meisten
Amerikanern war beispielsweise
die
Existenz eines sowjetischen strategischen Verteidigungsprogramms bis zu
dem Interview von NBC-Korrespondent
Tom
Brokaw
mit
Generalsekretär
Gorbatschow vor dem Washingtoner Gipfel unbekannt.
Hätte man nicht auf
die lange zeit und enormen Gelder,
die der Kreml für strategische Verteidigungsprogramme verwandt hat, in
der Öffentlichkeit
deutlicher aufmerksam machen können?

Meine Position steht fest:
Wir
werden SDI erforschen und entwickeln;
und wenn SDI fertig ist, werden wir
es stationieren.
Ich glaube, Herr
- 4

Was den sowjetischen Widerstand
gegen SDI betrifft, so ist folgendes
klar:
Sie halten nach Möglichkeiten
Ausschau, SDI auszuschalten ohne ihre
eigenen strategischen Verteidigungsprogramme aufgeben zu müssen - Programme, für die sie in den vergangenen zehn Jahren annähernd 200 Milliarden Dollar ausgegeben haben.
Dies
steht in krassem Gegensatz zu unseren
Ausgaben in Höhe von weniger als 13
Milliarden
Dollar
in
fünfjähriger
SDI-Forschung.
Meines Erachtens sind die Sowjets
- genau wie schon bei INF - vor allem
besorgt darüber, ihr faktisches Monopol bei der strategischen Verteidigung zu verlieren.
Es kann auch
sein, daß sie über die technologische
Herausforderung besorgt sind, die SDI
darstellt. Zweifellos haben sie auch
die anderen militärischen Anwendungsmöglichkeiten
oder
"Nebenprodukte"
unserer Forschungs- und Entwicklungsarbeiten im Zusammenhang mit SDI erkannt und sind darüber besorgt.

Antwort:
Ich sehe, worauf Sie
abzielen. Darum ergreife ich persönlich jede passende Gelegenheit, diese
Tatsachen dem amerikanischen Volk zu
vermitteln.
Darum hat meine Regierung auch umfangreiches Material über

�die sowjetischen strategischen Verteidigungs- und
Weltraumprogramme
veröffentlicht.
Ich kann Ihnen versichern, daß wir auch weiter über die
massiven - und jahrelangen - Investionen der Sowjets in die strategische Verteidigung berichten werden.
Wir wissen beispielsweise, daß sie
viele derselben Technologien erforschen, an denen wir in unserem SDIProgramm arbeiten. unseren Schätzungen zufolge beschäftigen sie 10 000
hochqualifizierte Flugwissenschaftler
und -ingenieure und geben allein für
ihr militärisches Laserprogramm annähernd eine Milliarde Dollar pro Jahr
aus.
Ich begrüße, daß der Generalsekretär endlich die Existenz eines eigenen SDI-ähnlichen Programms zugegeben hat. Wir haben es die ganze Zeit
gewußt und versucht, die Öffentlichkeit davon so umfassend wie möglich
zu informieren, aber wir müssen dabei
auch gleichzeitig sicherstellen, daß
unsere nachrichtendienstlichen Quellen und Methoden nicht bekannt werden.
Wir haben darüber hinaus öffentlich auf die sowjetische Nichteinhaltung früherer Rüstungskontrollverträge und -abkommen hingewiesen, wozu
auch der ABM-Vertrag von 1972 gehört.
Im Hinblick auf das Radar von Krasnojarsk habe ich mich immer wieder dafür ausgesprochen, daß hier Abhilfe
geschaffen
und der Radar abgebaut
werden muß. Leider haben die Sowjets
auf unsere Bedenken nicht reagiert.
Frage:
Einige
Kritiker
des
SDI-Programms verbuchen schon den Erfolg einschneidender
Kürzungen des
SDI-Haushalts in den vergangenen Jahren auf ihrer Seite und erklären, das
Programm würde vom nächsten Präsidenten gestrichen.
Was wird Ihr Nachfolger ihrer Ansicht nach aus dem
SDI-Programm
machen?
Welchen
Ratschlag für die Zukunft der Strategischen Verteidigungsinitiative werden sie dem nächsten Präsidenten geben, sei er nun Republikaner oder Demokrat?

Antwort:
Die
Maßnahmen
des
nächsten Präsidenten sind natürlich
nicht vorhersehbar.
Bestimmten Empfehlungen für SDI würde ich jedoch
anbieten;
die zukünftige Sicherheit
des Westens ist keine Frage der Parteipolitik, sondern unabdingbar für
unsere nationale Sicherheit und so
sollte sie auch behandelt werden.
Mein Ratschlag an meinen Nachfolger lautet: Lassen Sie nicht zu, daß
die Sowjets infolge der innenpolitischen Diskussion in den Vereinigten
Staaten oder infolge der Haushaltskürzungen etwas erreichen, das viel
zu wertvoll ist, um es in Verhandlungen aufzugeben. Darüber hinaus möchte ich erneut meiner Auffassung Nachdruck verleihen, daß SDI die Hoffnung
auf eine bessere Zukunft darstellt,
für uns, unsere Kinder und unsere Enkelkinder.
Frage:
Glauben
Sie, daß
der
von seinen Kritikern in den Medien
und im Kongreß im Zusammenhang mit
SDI
geprägte
Ausdruck
"Krieg
der
Sterne" dem Programm in den Augen der
Öffentlichkeit geschadet hat?
Antwort:
Meines Erachtens hatte es auf gewisse Weise diese Wirkung.
Uns sind Meinungsumfragen bekannt, die belegen, daß die Menschen
bei dem Ausdruck "Krieg der Sterne"
Unbehagen empfinden, obwohl sie unsere Idee einer stragetischen Verteidigung nachdrücklich befürworten. Dies
war ganz sicher das Ziel derjenigen,
die das SDI-Programm mit diesem Etikett behaftet haben.
Sie hofften,
dieses wichtige und wirklich entscheidende Konzept in den Augen der
amerikanischen Öffentlichkeit zu bagatellisieren.
Aber ich traue dem
amerikanischen Volk mehr zu.
SDI ist keine Phantasie. Es ist
ein vielschichtiges
und herausforderndes
Programm
wissenschaftlicher
Forschung und Entwicklung bis hin zur
Verwirklichung einer wirksamen Verteidigung gegen ballistische Raketen.
Und trotz der Bemühungen der Kritiker, die öffentliche
Unterstützung

- 5 -

�für das Programm zu untergraben und
dessen Rolle für unsere zukünftige
Sicherheit zu bagatellisieren, indem
sie es mit phantasieausdrücken beschreiben, bin ich im Interesse unserer zukünftigen Sicherheit entschlossen, das Programm weiter fortzusetzen.
Frage:
Welche
Haltung
nimmt
die Regierung zu den jüngsten Vorschlägen des Vorsitzenden des Streikräfteausschusses im Senat, Senator
Sam Nunn ein, der die Aufmerksamkeit
des Pentagons auf die Entwicklung eines sogenannten Systems zum Schutz
vor
irrtümlichen
Raketenabschuß
(ALPS) lenkte?
Sollte ein solches
System angesichts der schon von der
SDI-Gruppe unternommenen Forschungsarbeiten ernsthaft in Erwägung gezogen werden?
Sehen sie dies als eine
Umleitung von ohnehin schon knapp bemessenen Mitteln in ein noch enger
gefaßtes
Gebiet
der
Verteidigung,
oder ist es andererseits vielleicht
als akzeptabler anzusehen, weil es
zumindest eine Weiterentwicklung auf
dem Gebiet der möglichen Stationierung einer strategischen Verteidigung
darstellt?

senden Verteidigung erreicht werden
kann. Die erste Phase einer solchen
Stationierung
sollte uns natürlich
diesem Endziel näherbringen.
Der Bedrohung durch einen versehentlichen Raketenstart muß zweifelsohne ebenso Rechnung getragen werden,
wie einem absichtlichen Angriff mit
ballistischen Waffen durch ein verbrecherisches
Regime.
Gleichzeitig
dürfen wir uns nicht von unserem
Hauptziel einer wirkungsvollen Verteidigung ablenken lassen, die unseren Kriterien der Stationierung gerecht wird.
Solche Verteidigungssysteme müssen in Phasen gebaut werden,
einschließlich der im Weltraum stationierten Elemente.
Jedes System,
das zum Schutz gegen versehentliche
Raketenstarts
gebaut
wurde,
kann
nicht nur Selbstzweck sein;
es muß
vielmehr ein weiterer Schritt auf dem
Weg zu einem strategischen Umfeld
sein, in dem Abschreckung in zunehmendem Maße auf Verteidigung statt
auf Angriff basiert.

Antwort:
Die Vorstellung einer
begrenzten strategischen Verteidigung
ist nicht neu. Ich habe im Laufe der
Jahre eine Vielzahl von Vorschlägen
dieser Art erhalten, selbst von den
energischsten Befürwortern von SDI im
Kapitol.
Die Erklärung von Senator
Nunn, strategische Verteidigung könne
eine nützliche Rolle bei der Verbesserung der Abschreckung und der Minderung der Risiken und Gefahren eines
Krieges spielen, habe ich mit Interesse gelesen. Jede Erklärung diesen
Inhalts ist ein willkommener Beitrag
zu der Diskussion über SDI.
Im Verteidigungsministerium gibt
es ein formelles Gefüge zur Überprüfung der vorgeschlagenen Änderungen
am SDI-Programm:
den Verteidigungsbeschaffungsrat. wie Sie wissen haben wir ja das Konzept einer stufenweisen Stationierung übernommen, in
der
Erkenntnis, daß dadurch unser
höchstes ziel einer wirklich umfas- 6 -

* * * * *

�AMERIKA DIENST
Hintergrundmaterial

'^r/oN

15

13. April 1988

SOWJETISCHE DESINFORMATION DAUERT TROTZ GLASNOST UNVERMINDERT AN
- Auszüge aus USIA-Studie über sowjetische aktive Maßnahmen -

WASHINGTON - (AD) - Die sowjetische Desinformationstaktik dauert einer
amerikanischen Studie zufolge trotz anderslautender Beteuerungen des sowjetischen Parteichefs Gorbatschow und trotz seines Bekenntnisses zu "Glasnost"
unvermindert an. Der vom US-Informationsamt (USIA) am 6. April 1988 veröffentlichte Bericht mit dem Titel "Sowjetische aktive Maßnahmen In der Ära von
Glasnost" kommt unter anderem zu dem Ergebnis, daß es derzeit zwölf wesentliche sowjetische Desinformationskampagnen gibt, von denen zwei erst im vergangenen Jahr angelaufen sind. Eine davon bringt den amerikanischen Geheimdienst CIA fälschlicherweise mit dem Jonestown-Massaker im Jahr 1978 in Verbindung, die andere behauptet, amerikanische Bürger hätten Babies aus Südamerika zu dem Zweck adoptieren wollen, sie für Organspenden "zu zerstückeln".
Nachstehend geben wir den Bericht in seinen wesentlichen Auszügen wieder.

Bei aktiven Maßnahmen handelt es
sich um sorgsam erarbeitete - oftmals
geheime oder irreführende - Einflußoperationen, die von den Sowjets neben herkömmlichen diplomatischen und
Informationsaktivitäten
zur
Unterstützung ihrer Außenpolitik angewandt
werden.
Sie reichen von Grobheiten
bis zu hahnebuchenem Unsinn, von bösartigen antiamerikanischen Desinformationen und Täuschungen bis hin zu
raffinierten besänftigenden Einflußoperationen. Sowjetische aktive Maßnahmen sind insbesondere:
- "Schwarze" KGB-Aktivitäten, wie
beispielsweise Desinformation und
Täuschung, der Einsatz von Einflußagenten und geheime Medienmanipulationen;
"Graue"

von

der

Abteilung (ID) der sowjetischen
kommunistischen
Partei
durchgeführte Aktivitäten, die folgende
Bereiche umfassen:
Planung von
Aktionen
durch
die kommunistischen Parteien vor Ort, durch
sowjetisch gesteuerte internationale Frontorganisationen und vermeintlich unabhängige sowjetische
Freundschaftsvereinigungen, sowie
durch "Massenorganisationen" und
im außenpolitischen Bereich tätige akademische Institute.
"Weiße"
Medienberichterstattung
über diese Aktivitäten und die
Themen der aktiven Maßnahmen unter Leitung der Propagandaabteilung
des
Zentralkomitees
durch nicht geheime Elemente des
sowjetischen Apparats zur Ver-

Internationalen

United States Information Service
Embassy of the United States of America

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Tel.: 0228-339 2035
Telex: 8-85432

�breitung aktiver Maßnahmen:
die
Presseagenturen TASS und Nowosti,
Radio Moskau und Radio Frieden
und Fortschritt, anderen Elementen der sowjetischen Presse und
den
Informationsabteilungen
der
sowjetischen Botschaften im Ausland.
Diese
"weißen" Elemente
liefern außerdem eine Tarnung für
Agenten von KGB und ID.

Jüngste Entwicklungen
Seit dem Genfer Gipfel im Jahr
1985 hat es erhebliche Verlagerungen
im Hinblick auf die Taktik "grauer"
sowjetischer
aktiver Maßnahmen und
ihre Leitung gegeben.
Das Konzept
einer so breit wie möglich angelegten
"Vereinigten
Front" zum Widerstand
gegen die Strategische Verteidigungsinititive und zur Untergrabung amerikanischer Verhandlungspositionen zur
Rüstungskontrolle
ist
mittlerweile
die wichtigste
Stoßrichtung sowjetischer aktiver Maßnahmen im Westen
geworden. Dies hat die Sowjets dazu
veranlaßt, wesentlich sanftere Töne
als in der Vergangenheit anzuschlagen:
- Die sowjetisch gesteuerten Internationalen
Frontorganisationen,
wie beispielsweise der Weltfriedensrat, haben sich versöhnlichere Methoden mit dem Ziel zu eigen
gemacht, um bei "Friedens"-Aktivisten aller Schattierungen Anklang zu finden.
- Vermeintlich
unabhängige
sowjetische
"Massenorganisationen",
wie
beispielsweise
das
Sowjetische
Friedenskomitee,
haben
zahlreiche direkte Kontakte mit
dem Westen aufgenommen, in der
Hoffnung, diese Kanäle zu benutzen, um die Menschen im Westen
von der Logik sowjetischer Ansichten über SDI und Abrüstung zu
überzeugen.
- In ihrem Bemühen zur Öffnung anderer Kanäle zur Beeinflussung
westlicher Eliten nehmen die Sowjets ebenfalls eine Spitzenposi-

tion bei der Organisation neuer
internationaler
"Friedens"-Foren
und Gruppen ein, die sich größtenteils aus Akademikern, Wissenschaftlern, prominenten
Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens und Geschäftsleuten zusammensetzen.
Auf allen Gebieten basiert die
derzeitige sowjetische Taktik auf der
Pflege eines offeneren Images und dem
Versuch, positive westliche Auffassungen über den Prozeß von "Glasnost"
und
"Perestrojka" zum
sowjetischen
Vorteil auszunutzen.
Diese
aktiven Maßnahmen werden
von einem neuen und begabten Leiter
der
Internationalen
Abteilung
des
Zentralorgans der sowjetischen kommunistischen Partei koordiniert, dem
früheren sowjetischen Botschafter in
den
Vereinigten
Staaten,
Anatoli
Dobrynin.
Im Laufe von Dobrynins
Amtszeit sind die sowjetischen "grauen" aktiven Maßnahmen wesentlich anspruchsvoller und subtiler geworden.
Auf der Ebene des KGB waren jedoch keine wesentlichen Änderungen in
der Handhabung sowjetischer aktiver
Maßnahmen
festzustellen.
Bösartige
antiamerikanische
Desinformationen
und Täuschungen dauern ebenso unvermindert an wie die massiven sowjetischen Bemühungen, die Presse insgeheim zu manipulieren. Einer der bemerkenswertesten
Züge
der
sowjetischen aktiven Maßnahmen in jüngster
Zeit war die Hartnäckigkeit, mit der
diese Aktivitäten zur gleichen Zeit
durchgeführt wurden, in der die Sowjets eine anspruchsvolle Einflußoperation
inszenierten, die sich auf
"Glasnost"
und
"neues
politisches
Denken" in den bilateralen Beziehungen mit dem Westen konzentriert.
Diese Aktionen dauerten trotz der
Erklärung
des sowjetischen
Parteichefs
Michael
Gorbatschow
beim
Washingtoner Gipfel an, die da lautete:
"Keine weiteren Lügen.
Keine
weitere Desinformation."

- 2 -

�Desinformationstechniken
Sowjetische
Desinformationsberichte sind nicht einfach wahllos zusammengesetzte
ungenaue
Reportagen
von nachlässigen sowjetischen Korrespondenten.
Es handelt sich vielmehr
um absichtliche Lügen oder Entstellungen,
die
von
Spezialisten
im
Dienstbereich A der Ersten Hauptverwaltung
des
KGB
erstellt
wurden.
Dann werden diese Lügen von der Internationalen Abteilung des Zentralorgans
der sowjetischen kommunistischen Partei, der Propagandaabteilung, von der sowjetischen Presse,
dem Rundfunk und den Nachrichtenagenturen, den kommunistischen Parteipublikationen im Ausland, den Informationsabteilungen bei den sowjetischen
Botschaften im Ausland und KGB-Agenten in aller Welt verbreitet.
Ein
Desinformationsbericht
wird
von den Sowjets oftmals in einer obskuren
Dritte-Welt-Zeitung
plaziert,
anschließend von einer sowjetischen
Publikation aufgegriffen und dann von
sowjetischen Nachrichtenagenturen erneut um die ganze Welt verbreitet.
Damit können die Sowjets behaupten,
sie würden lediglich solche in der
ausländischen Presse bereits erschienene Berichte wiederholen.
Um weiterhin jegliche Verantwortlichkeit für diese Berichte von sich
weisen zu können, haben die sowjetischen Behörden stur ihr Recht verteidigt, jede auch noch so absurde
Behauptung zu veröffentlichen, solange sie in der ausländischen Presse
abgedruckt wurde.
Oft sind die von
ihnen zitierten "ausländischen" Quellen Publikationen sowjetisch gesteuerter kommunistischer Parteien oder
vom KGB inspirierte Veröffentlichungen.

die Ansichten solcher Personen und
Organisationen von hiermit vertrauten
Leuten
zurückgewiesen
werden, wenn
sie von Organisationen wie etwa TASS
behandelt werden, als seien sie Vertreter
ernstzunehmender
Meinungen,
mag mancher sensationsgierige Redakteur in anderen Ländern wohl kaum die
Zeit haben oder die Neigung verspüren, die Angelegenheit näher zu prüfen. Auf diese Weise widmet der sowjetische Desinformationsapparat den
Ansichten
antiamerikanischer
Randgruppen und Extremisten breiten Raum
und verschafft ihren häufig gehässigen Botschaften ein weltweites Publikum.
Die sowjetischen Desinformationsspezialisten benutzen auch häufig die
Technik, legitime Quellen und Einzelpersonen zu zitieren, deren Kommentare jedoch absichtlich so aus ihrem
Kontext herauszunehmen, daß dadurch
der Sinn ihrer Aussagen wesentlich
entstellt wird. Auf diese Weise können unbedachte und später zurückgenommene Äußerungen, aus dem Stehgreif
abgegebene Bemerkungen sowie harmlose
Kommentare respektabler Personen und
Organisationen Wasser auf die Mühlen
sowjetischer Desinformation leiten.

Wichtige Kampagnen der
gangenheit

jüngsten

Ver-

Einige der kürzlich von sowjetischen und sowjetisch beeinflußten
Medien verbreiteten wichtigen Desinformationskampagnen
bringenten
fälschlicherweise Behauptungen in Umlauf, wonach die amerikanische Regierung

Außerdem prüfen die Sowjets die
nichtkommunistische Presse gründlich
auf Material, das sie für Desinformationszwecke umarbeiten können.
Oft
bringen sie die konfusen Ansichten
von Extremisten in Umlauf, wenn diese
ihren Zwecken dienlich sind.
Obwohl
- 3 -

- das AIDS-Virus
in
einem
Forschungslabor
der
amerikanischen
Streitkräfte geschaffen habe,
- eine sogenannte "ehtnische Waffe"
entwickelt habe, die nur Nichtweiße tötet,
- im Jahr 1978 das Jonestown-Massaker in Guayana begangen habe,

�- massive und anhaltende Bemühungen
in biologischer Kriegführung unterhalte,

zerstückeln und ihre einzelnen Organe
zu Transplantationszwecken zu verkaufen.

- den afghanischen Mudjahedin chemische und biologische Waffen sowie
"Spielzeugbomben"
geliefert
habe,

All diese Behauptungen über Aktivitäten der amerikanischen Regierung
sind unwahr und weder die Regierung
noch Privatorganisationen oder Enthüllungsjournalisten waren in der Lage, irgendeinen Beweis für den Handel
mit Säuglingsorganen zu erbringen.

-

an der Ermordung, angeblichen Ermordung oder versuchten Ermordung
von Olof Palme. Papst Johannes
Paul II., Indira Gandhi, Martin
Luther King, Aldo Moro, Samora
Machei, Omar Torrijos, Samantha
Smith
und
anderer
prominenter
Persönlichkeiten beteiligt gewesen war,
- den Staatsstreich auf den Fidschi-Inseln im Jahr 1987 begangen
habe,
- die Ermordung führender Oppositioneller in Nicaragua plane, um
danach
die Sandinisten hierfür
verantwortlich zu machen und dies
als Vorwand für eine Aggression
in Mittelamerika zu benutzen,
- protestierende
Frauen
außerhalb
des
amerikanischen
LuftwaffenStützpunkts
Greenham
Common in
England
gefährlicher
Strahlung
aussetze,
- plane, die Sender der Stimme Amerikas auf Sri Lanka zur Kommunikation mit amerikanischen Kriegsschiffen im Indischen Ozean zu
benutzen,
- zahlreiche
Ausbildungslager
für
Terroristen
auf
amerikanischem
Territorium unterhalte,
- den Flug 007 von Korean Airlines
über sowjetischem Territorium als
absichtliche
Provokation
veranlaßt habe.

Einer weiteren sowjetische Desinformationskampagne zufolge importieren Amerikaner - wenn auch nicht die
amerikanische Regierung - Babies aus
Lateinamerika, um sie anschließend zu

Wirkung
Obwohl die Wirkung der sowjetischen
Desinformationskampagnen
schwer zu messen ist, ist die Hartnäckigkeit der sowjetischen Bemühungen, absurde Lügen über die Vereinigten Staaten zu verbreiten, ein wesentliches Anzeichen für die Bedeutung, die ihnen von den Sowjets beigemessen wird.
Die sowjetische Einschätzung
ihres Nutzens wurde von
Ladislaw
Bittman,
dem
ehemaligen
Stellvertretenden Leiter der Desinformationsabteilung des nach sowjetischem Vorbild
aufgebauten
tschechoslowakischen
Geheimdienstes
beschrieben.
Er verglich die Wirkung
der Desinformationsberichte mit der
Wirkung von Gifttropfen, die einem
Menschen ständig eingeflößt werden.
Während die Wirkung eines einzelnen
Tropfens für gewöhnlich nicht wahrgenommen wird, kann die Gesamtwirkung
tödlich sein.

Desinformation und "Glasnost"
Es soll nicht verschwiegen werden, daß trotz "Glasnost" mehrere der
wichtigsten sowjetischen Desinformationskampagnen während der Amtszeit
von Michail Gorbatschow als Generalsekretär der sowjetischen KP gestartet wurden, darunter die Kampagnen
über Jonestown und die Babyorgane aus
Lateinamerika, die beide im Jahr 1987
begannen.
Auch die Desinformationskampagne in Zusammenhang mit AIDS begann ernsthaft erst unter Gorbatschow
im Oktober 1985.

- 4 -

�Während des Washingtoner Gipfeltreffens im Dezember 1987 versicherte
der Generalsekretär dem Direktor der
USIA, Charles Wick, es werde "keine
Lügen, keine Desinformation mehr" geben. Trotz dieser Erklärung hat die
sowjetische Desinformation weiter angehalten.

* * * * *

- 5

�AMERIKA DIENST
'4-

^

Hintergrundmaterial

Ä&lt;

13. April 1988

15

DIE WAHLEN IN AMERIKA 1988
DIE DEMOKRATISCHEN KANDIDATEN UND DER "SCHMELZTIEGEL" NEW YORK
- Vorschau auf die Vorwahl im Staat New York -

ALBANY, NEW YORK - (AD) - Eines der aufregendsten und wichtigsten Elemente
des "Schmelztiegels" New York ist die Politik. Dies gilt um so mehr dieses
Jahr, da die drei noch im Rennen befindlichen Präsidentschaftskandidaten der
Demokratischen Partei - Michael Dukakis, Jesse Jackson und Albert Gore - sich
um den Sieg in der Vorwahl am 19. April bewerben. Die politischen Beobachter
bemühen sich gegenwärtig intensiv darum, das Gewicht der verschiedenen ethnischen Ingredienzen dieses Schmelztiegels richtig einzuschätzen.
Wenn Amerikaner an New York denken, dann denken sie für gewöhnlich
an die Stadt New York - die größte,
meistbeachtete und bekannteste Stadt
der Vereinigten Staaten - den "Big
Apple", so genannt, weil vor ca. 40
Jahren ein Jazzmusiker die Stadt als
"größten Apfel am Baum" beschrieb.

ein. Weitere neun Millionen Menschen
leben im nördlichen Teil des Staates
New York - einem Gebiet, das sich
westlich vom Hudson-River bis zu den
Niagara-Fällen und den Großen Seen
erstreckt und aus Farmen, kleineren
Industriestädten sowie auch Großstädten wie Buffalo und Syracuse besteht.

Da etwa acht Millionen Menschen
in dieser Metropole des Finanz- und
Kommunikationswesens und der Kultur
leben, widmen politische Kandidaten
der Stadt New York ein Hauptaugenmerk, insbesondere wegen der dort ansässigen
großen
Blöcke
jüdischer,
schwarzer und hispanischer Wähler.

Die Bewohner dieses nördlichen
Landesteils haben ihre eigenen politischen, wirtschaftlichen und sozialen Anliegen, und ihre Ansichten unterscheiden sich vielfach von denen
ihrer Landsleute in der Stadt New
York.

Doch trotz ihrer Größe und Vielfalt ist die Stadt New York nicht repräsentativ für den ganzen Staat oder
nimmt gar eine dominierende Stellung

United States Information Service
Embassy of the United States of America

Die
dominierende
Stellung
New
Yorks im 19. Jahrhundert, die zum Bau
des Erie-Kanals und später der Eisenbahnlinien führte, brachte "alle Arten von Wandel..., sozial und indu-

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Telex: 8-85432

�striell" hervor, wie Bern Rottman,
der Sprecher des Ministeriums für
wirtschaftliche
Entwicklung
dieses
Staates erklärt.
Mit dem Anschwellen des Handelsstroms von den Binnenstädten zum Hafen von New York begannen die Menschen, aus der großen Stadt abzuwandern, um den enormen Bedarf an Arbeitskräften im nördlichen Teil des
Staates zu befriedigen, und die Konzentration
ethnischer Gruppen nahm
dort zu.
"Die Bewohner des nördlichen Landesteils sind seßhafter und mögen
traditionell die Dinge so, wie sie
sind, im Gegensatz zur Stadt New
York, die ein Zentrum des Wandels
ist," meint Rottman.
In Wahlen ist daher häufig der
nördliche Teil des Staates New York
das Zünglein an der Waage, in dem
mehr republikanische Wähler angesiedelt sind als in der vorwiegend demokratisch wählenden Stadt.
Bei demokratischen Vorwahlen entfallen auf die Wähler im nördlichen
Teil des Staates ca. 25 Prozent der
Stimmen, die eher gemäßigt bis konservativ wählen. Dem Hauptgeschäftsführer des Demokratischen Ausschusses
im Staat New York zufolge sind es
"die in den Städten im nördlichen
Teil wohnenden weißen Wähler der Arbeiterklasse, die wahrscheinlich eine
Schlüsselposition" bei den diesjährigen Vorwahlen am 19. April einnehmen
werden.
"Das vorrangige und alles andere
in den Schatten stellende Thema im
nördlichen Teil des Staates ist die
wirtschaftliche Entwicklung", erklärt
der Stellvertretende Gouverneur des
Staates New York, Stan Lundine, und
fügt hinzu, er würde den drei demokratischen Präsidentschaftskandidaten
empfehlen, ihren Ausführungen über
die
Wirtschaftslage
einen
persönlichen Anstrich zu verleihen, indem
sie so viele Städte des Nordens besuchen wie möglich.

Alle Kandidaten haben sich vorgenommen, bei ihren Veranstaltungen vor
der Stimmabgabe die Wähler im Norden
entscheidend zu beeinflussen. Natürlich haben sie auch eine Veranstaltung in der Stadt New York im Programm, um dort die einzelnen rassischen und ethnischen Gruppierungen
für sich zu gewinnen.
In der Stadt New York, wo die Demokraten den Republikanern haushoch
überlegen
sind, ist "die demokratische Vorwahl außerordentlich entscheidend", erklärt der Politikwissenschaftler Alan Chartok. "Die Partei setzt sich vorwiegend aus Ideologen zusammen, und sie sind es, die
hauptsächlich bei den Vorwahlen ihre
Stimmen abgeben", fügt der Professor
an der Universität des Staates New
York und Radio- und Fernsehkommentator hinzu.
Von den acht Millionen eingetragenen Wählern in diesem Staat sind
3,8 Millionen Demokraten, 2,6 Millionen Republikaner, 1,4 Millionen ohne
Parteizugehörigkeit und die übrigen
entfallen auf kleinere Parteien, wie
etwa die konservative oder liberale
Partei.
Ethnisch gesehen sind 12
Prozent der wahlberechtigten Bevölkerung im Staat Schwarze, neun Prozent
Juden, acht Prozent Hispano-Amerikaner und zwei Prozent Amerikaner asiatischer Abstammung.
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts
spielte
die
Einwanderungsbewegung
beim Bevölkerungswachstum des Staates
New York eine entscheidende Rolle,
und diese zugewanderten Amerikaner,
von denen viele in der Stadt New York
seßhaft wurden, förderten Wohlstandsreformen, die dazu beitrugen, den
Staat zu einem der liberalsten des
ganzen Landes zu machen. Viele ihrer
Nachkommen, die aus den Städten in
die Vororte zogen, tendierten jedoch
zu einer konservativeren Einstellung.
Sie versuchen, einige Bereiche des
Wohlfahrtsstaates ihrer Vorfahren zu
bewahren, jedoch mit strengeren Kontrollmechanismen.
* * * * *

- 2

&gt;

%

�AMERIKA DIENST
VI

"V

A

Wissenschaft und Technik
13. April 1988

15

NEUER SUPERCOMPUTER
- Lösung komplexer Probleme in kürzester Zeit möglich -

WASHINGTON - (AD) - Im Sandia National Laboratory (New Mexico) wird zusammen mit Wissenschaftlern der NCUBE Corporation (Oregon) ein neuer Supercomputer entwickelt, der sich durch eine bisher nie erreichte Arbeitsgeschwindigkeit auszeichnet. Sie wird durch Verknüpfung von mehr als 1 000 kleinen, leistungsfähigen Mikroprozessoren erreicht, die in Parallelverarbeitung auf Teilaspekte eines bestimmten Problems angesetzt werden. Jeder Prozessor besteht
aus einem Silikon-Mikrochip entsprechend der Kapazität eines herkömmlichen
Computers. Wenn, wie in diesem Fall, mehr als Tausend Prozessoren verknüpft
werden, spricht man von "massiver Parallelverarbeitung".
Mit Hilfe dieser
Technik können Probleme in weniger als einem Tausendstel der Zeit gelöst werden, die ein herkömmlicher Computer mit nur einem Prozessor benötigen würde.

Der erste Leistungstest für den
neuen Computer bestand darin, Kräfte
nach Art, Richtung und Wirkungsmechanismus zu berechnen, die bei einem
Metallträger unter Belastung freigesetzt werden.
Die Maschine brauchte
dazu eine Woche.
Ein gewöhnlicher
Computer hätte etwa 20 Jahre benötigt.
Nach Ansicht von John Gustafson
vom Sandia-Laboratorium könnten derartige Computer zur Lösung äußerst
schwieriger Probleme benutzt werden beispielsweise für die langfristige
Wettervorhersage,
bei der Tausende
sich ständig ändernder Phänomene berücksichtigt werden müssen. Die neuen Verfahren der Parallelverarbeitung
schaffen jene zusätzliche Leistungskapazität, die erforderlich ist, um
"zu neuen Durchbrüchen in der Computerwissenschaft
zu kommen", meinte

United States Information Service
Embassy of the United States of America

Sandia-Mitarbeiter Gilbert Weigand.
Bisher hatten die meisten Computer-Spezialisten angenommen, daß ungeachtet der Anzahl parallel - und
dabei unabhängig voneinander - arbeitender Prozessoren die Geschwindigkeit für die Problemlösung bestenfalls auf das 50- bis lOOfache eines
einzelnen Prozessors gesteigert werden könne. Jetzt wurde mehr als das
Tausendfache erreicht.
Experimentelle Computer mit bis zu 256 Prozessoren existierten bereits.
Aber mit
keinem wurden auch nur annähernd höhere
Arbeitsgeschwindigkeiten
entsprechend der Anzahl von Prozessoren
wie jetzt bei dem Sandia-Computer erzielt.
Eine der Schlüsselaufgaben
besteht in der Entwicklung von Methoden für den gleichzeitigen Betrieb

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Telex: 8-85432

�von tausend und mehr hochleistungsfähigen Kleinprozessoren, die alle so
programmiert sind, daß sie zur gleichen Zeit an verschiedenen Teilsaspekten
ein- und desselben
Problems
arbeiten.
Wie Gary Montry berichtete, sei
dies den Forschern u.a. dadurch gelungen, daß sie Probleme bisher unbekannter Größenordnung in Angriff nahmen. Der Supercomputer arbeite am besten, "wenn man die Problemgröße entsprechend der Zahl von Prozessoren
wachsen läßt."
Dadurch komme es zu
der dramatischen tausendfachen Steigerung
der
Arbeitsgeschwindigkeit.
Eine weitere, bei dem neuen Supercomputer benutzte Technik ist die
Verbindung der Prozessoren in einem
komplexen
"Hyperkubus".
Bei einem
gewöhnlichen Kubus säße jeweils ein
Prozessor an einer der acht Ecken,
verbunden über Leitungen entlang jeder Kante.
Ein Huperkubus besteht
aus einer beliebigen Zahl von ineinandergeschachtelten Kuben, wobei jede
Ecke eines Innenkubus mit der nächstgelegenen Ecke des nächsten, nach
außen führenden Kubus verbunden ist.
Die Wissenschaftler nehmen an, daß
der neue Supercomputer pro Sekunde
mehr als 500 Millionen Rechenoperationen durchführen und über eine Milliarde Wörter speichern kann.
Einer der bisher leistungsstärksten
Computer
steht
im Arnes-Forschungszentrum der NASA (US-Behörde
für Luft- und Raumfahrt); er dient
der aeronautischen Forschung. Dieser
Supercomputer vom Typ Cray-2,der 1987
in Betrieb genommen wurde, hat eine
Speicherkapazität von 256 Millionen
Wörtern und kann pro Sekunde 250 Millionen
Rechenoperationen
ausführen.
Gegenwärtig wird er für die Entwicklung der geeignetsten Konfiguration
des Raumflugzeuges benutzt, das wie
ein Flugzeug horizontal startet und
mit verbesserten Düsenantriebssystemen in die Erdumlaufbahn eintritt.
Außerdem arbeiten NASA-Ingenieure mit
dem Caray-2-Computer an einem Rettungssystem
für die Besatzung des
Raumtransporters sowie an einer lei-

stungsfähigeren Konstruktion
biter-Haupttriebwerke .

der Or-

Am Ultrafast Electronics Laboratory der Stanford-UniversitMt entwikkelte inzwischen eine Forschergruppe
auf der Basis von Galliumarsenid einen Chip mit integrierten Schaltkreisen von 3,5 Picosekunden Arbeitsgeschwindigkeit
bei
Raumtemperatur.
Das sind 3,5 Billionstel einer Sekunde.
Damit sind wichtige Voraussetzungen für den Bau von Meßinstrumenten zur Prüfung der neuen Computer
geschaffen worden.

* * * * * *

�</text>
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                <text>&lt;strong&gt;1. Dokumentation&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Reagan: Vereinigte Staaten stimmen Afghanistan-Vereinbarung zu&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Erklärung des Präsidenten&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Hintergrundmaterial&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Reagan: SDI noch aussichtsreicher durch technische Fortschritte&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Interview mit "Strategie Defense" &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;(Copyright (c) 1988 by Phillips Publishing, Inc.)&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Sowjetische Desinformation dauert trotz Glasnost unvermindert an&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Auszüge aus USIA-Studie über sowjetische aktive Maßnahmen&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Die Wahlen in Amerika 1988&lt;br /&gt;Die demokratischen Kandiaten und der "Schmelztigel" New York&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Vorschau auf die Vorwahl im Staat New York&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;/em&gt;&lt;strong&gt;3. Wissenschaft und Technik&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Neuer Supercomputer&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Lösung komplexer Probleme in kürzester Zeit möglich&lt;br /&gt;&lt;/em&gt;</text>
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                    <text>AMERIKA DIENST
\ ü N

Sonderdienst

4

13. April 1988

DIE SICHERHEITSPOLITIK DES BÜNDNISSES
IM ZEITALTER SICH WANDELNDER OST-WEST-BEZIEHUNGEN

Rede von
Botschafter Richard R. Burt
gehalten vor den Delegierten heim außenpolitischen Kongreß der CDU
"FREIHEIT, SICHERHEIT, ZUSAMMENARBEIT"

Sperrfrist;

Donnerstag, 14. April 1988, 10.45 MESZ

United States Information Service,
Embassy of the United States of America

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.: 0228-339 2035
Telex: 8-85432

�BONN - (AD) - Dem amerikanischen Botschafter Richard R. Burt zufolge sind
Konzepte, die eine "Sicherheitspartnerschaft" mit dem Warschauer Pakt, eine
Entnuklearisierung Europas, eine "defensive Verteidigung" oder die Entamerikanisierung der westlichen Verteidigung propagieren, mit gravierenden Mängeln
behaftet und unnötig. Während er eine konstruktive Debatte über alternative
Strategien und Strukturen der NATO befürwortete, vertrat Burt in einer am 14.
April 1988 in Bonn vor den Delegierten beim außenpolitischen Kongreß der CDU
über "Freiheit, Sicherheit, Zusammenarbeit" gehaltenen Rede die Auffassung,
daß keines der in jüngster Zeit vorgebrachten Konzepte eine gültige Alternative zur heutigen Struktur der westlichen Sicherheit biete. Der Botschafter
sicherte die Unterstützung der Vereinigten Staaten für ein Gesamtkonzept zu,
dessen Formulierung heute schon innerhalb der NATO Gestalt annehme.
Die Rede des amerikanischen Botschafters hat folgenden Wortlaut (es gilt
das gesprochene Wort):

Wir befinden uns in einer interessanten
und
vielversprechenden
Phase der Ost-West-Beziehungen. Dies
gilt ganz besonders für die Rüstungskontrolle. Nach einem von Fehlstarts
und Stagnation gekennzeichneten Jahrzehnt haben wir jetzt ein Abkommen
von großer Tragweite unterzeichnet den INF-Vertrag.
Ferner haben wir
beträchtliche Fortschritte im Hinblick auf ein Abkommen über den Abbau
strategischer Waffen erzielt; wir
sind mit der Aushandlung von Einzelheiten eines Verbots chemischer Waffen befaßt, und wir werden gegebenenfalls in Kürze eine neue Gesprächsrunde über das konventionelle Gleichgewicht mit dem Osten aufnehmen.
Die Chancen für Fortschritte in
den Ost-West-Beziehungen sind natür-

lich nicht auf Rüstungskontrolle allein begrenzt. Die Sowjetunion hat
dem Abzug ihrer Truppen aus Afghanistan zugestimmt.
Ein das gesamte
Spektrum der regionalen Probleme umfassender
Dialog
ist
zwischen
Washington und Moskau zustandegekommen. Und beflügelt durch Perestrojka
und Glasnost im eigenen Land ist der
Klimawechsel - wenn auch noch eher
zögerlich - in der gesamten Sowjetunion allmählich spürbar. Den Völkern Europas bieten sich nun in zweifacher Hinsicht Chancen: der Osten
könnte sein Schicksal selbst in die
Hand nehmen - und der Westen einen
schrittweisen Abbau der Schranken anstreben, die den europäischen Kontinent weiterhin teilen.
Angesichts

dieses

sich

abzeich-

�nenden Wandels sollte es nicht überraschen, daß man sich im Westen - und
insbesondere in der Bundesrepublik
Deutschland - zunehmend damit auseinandersetzt, wie die Sicherheit des
Westens in Zukunft besser gestaltet
werden sollte. Die in weiten Teilen
Europas inzwischen verbreitete Auffassung, die Sowjetunion stelle keine
ernsthafte
militärische
Bedrohung
mehr dar, hat diesen Trend ebenso begünstigt wie die Fortschritte, die
wir bereits im Bereich der atomaren
Rüstungskontrolle erzielt haben. So
konnten wir in der öffentlichen Diskussion eine Reihe von neuen Ansätzen
zum Thema westliche Sicherheit beobachten - einige eher radikal, andere
mit einem gemäßigten Unterton, aber
dennoch mit Schwierigkeiten behaftet.
Einige dieser neuen Ansätze würden das derzeitige Fundament der
westlichen Sicherheit maßgeblich verändern, wenn nicht sogar vollständig
ins Wanken bringen.
Einem - dem
vielleicht radikalsten - dieser Ansätze zufolge würden wir unser traditionelles Vertrauen auf militärische
Einsatzbereitschaft und die gefestigte Struktur des Bündnisses zugunsten
einer sogenannten "Sicherheitspartnerschaft" mit dem Warschauer Pakt
und einer vagen Politik gegenseitiger
Beteuerungen des Verzichts auf Aggressionen aufgeben.
Diesem Ansatz
liegt anscheinend der Gedanke zugrunde, die Europäer in Ost und West sähen sich einer gemeinsamen Gefahr
ausgesetzt - der Bedrohung durch
Krieg und Vernichtung - und sollten
versuchen, diese Gefahr durch gemeinsame politische Maßnahmen zu überwinden statt durch die Beibehaltung der
Streitkräfte. Militärische Bündnisse
und die Aufrechterhaltung der Einsatzbereitschaft - so die Behauptung
weiter - sind weit davon entfernt,
den Frieden zu sichern und tragen nur
dazu bei, Mißtrauen und Unsicherheit
zu nähren.
Eine zweite Kategorie der neuen
Vorschläge
zur Sicherheit fordert
zwar keine Abkehr vom Bündnis, aber
einen radikalen Wandel der bestehen-

den NATO-Doktrin und Struktur. Einem
solchen Vorschlag zufolge würde die
atomare Komponente des Verteidigungspotentials der NATO abgebaut, wohingegen die konventionelle Truppenstruktur weitgehend unberührt bliebe.
Dieser Vorschlag scheint sich aus der
irrigen Auffassung abzuleiten, der
INF-Vertrag
stelle
einen
ersten
Schritt in Richtung auf die unvermeidliche Entnuklearisierung Europas
dar, und könnte vielleicht in Verbindung mit einer einschneidenden Reduzierung der strategischen Waffen zur
vollständigen Abschaffung der nuklearen Abschreckung selbst führen. Er
geht davon aus, daß eine stabile konventionelle Verteidigung auf der Ebene eines annähernden Gleichgewichts
zwischen Ost und West Aggressionen
ebenso erfolgreich abschrecken kann,
wie dies in den vergangenen 40 Jahren
mit Nuklearwaffen möglich war.
Einer Spielart dieses Ansatzes
zufolge sollte der Westen gleichzeitig mit dem Verzicht auf nukleare Abschreckung auch seine konventionellen
Streitkräfte umstrukturieren und ihnen die Fähigkeit zu Offensivoperationen nehmen. Aufgrund dieser Theorie der "defensiven Verteidigung"
sind
Struktur
und Rüstungen
der
Streitkräfte beider Bündnisse heutzutage vorwiegend auf raumgreifende Offensiven ausgerichtet. Damit tragen
sie zur Verfestigung von Bedrohungsvorstellungen auf beiden Seiten sowie
einer Verstärkung des Risikos bei,
daß eine politische Krise zwischen
Ost und West einen vernichtenden bewaffneten Konflikt zur Folge haben
könnte.
Bei dem Versuch, jegliche
Fähigkeit zu Offensivaktionen abzubauen, würden die Befürworter der
"defensiven Verteidigung" die einsatzbereiten Truppen verringern und
den Bestand an Panzern, Artillerie
und Strike-Flugzeugen erheblich abbauen - falls erforderlich durch Verhandlungen mit dem Osten, oder im
Falle des Scheiterns solcher Verhandlungen, einseitig.
Sie planen eine
Streitkräftestruktur, die vorwiegend
aus ausschließlich "defensiv" bewaffneten Reservisten besteht und auf

- 2 -

�Barrikaden und andere passive Mittel
zurückgreift, um den Vormarsch des
Feindes aufzuhalten. Falls erforderlich würde eine Strategie der Guerilla-Kriegführung
angewendet, um die
Invasoren zu schwächen und schließlich zu vertreiben.
Einer dritten Kategorie neuer Ansätze im Bereich der Sicherheit zufolge würde das Atlantische Bündnis
politische Veränderungen
in seiner
Struktur erfahren.
Vorrangig unter
diesen Ansätzen
ist der Vorschlag
einer Entamerikanisierung des Bündnisses und der vollständigen Übernahme
der
eigenen
Verteidigungslast
durch die Europäer.
Dieser Ansatz
fordert die Beibehaltung der derzeitigen Militärstrategie des Bündnisses
und beständiges Vertrauen auf nukleare Abschreckung.
Dadurch würde die
durch den Abzug amerikanischer Truppen entstandene Kluft im konventionellen Bereich mit europäischen und
insbesondere
französischen
Streitkräften
überbrückt,
wobei
Großbritannien und Frankreich die Rolle
der Vereinigten Staaten als nuklearer
Garantiemacht übernehmen würden.
Eine fruchtbare Diskussion über
alternative Strategien und Strukturen
im Bündnis sollte begrüßt und gefördert werden. Selbst wenn sich diese
Alternativen
als nicht
praktikabel
erweisen
sollten, zwingt
uns
die
bloße Tatsache ihrer Erwägung zum
überdenken
unserer
derzeitigen Sicherheitspolitik, um deren Gültigkeit
erneut zu bekräftigen oder die unseres Erachtens erforderlichen Anpassungen
vorzunehmen.
Unter Berücksichtigung all dieser Faktoren sollten wir zu einer genauen Überprüfung
jedes einzelnen dieser in letzter
Zeit
erörterten
Sicherheitskonzepte
bereit sein. Wir sollten jedoch auch
willens sein, in der Öffentlichkeit
das Augenmerk auf die gravierenden
Mängel zu lenken, die sich bei genauer Überprüfung ergeben haben. Ebenso
wie das Befürworten eines Arguments
ist seine Widerlegung elementarer Bestandteil jeder fruchtbaren und konstruktiven Debatte.

- 3

Lassen Sie mich zunächst zum Konzept einer "Sicherheitspartnerschaft"
mit dem Osten Stellung nehmen.
Sicherlich sollten wir mehr Offenheit
in den Ost-West-Beziehungen anstreben:
Jede Seite sollte in der Lage
sein, die eigenen besonderen Sicherheitsinteressen mit der anderen zu
besprechen, die ihrerseits wiederum
bereit sein sollte, sie konstruktiv
zu behandeln.
Genau dies versuchen
wir derzeit mit der Sowjetunion zu
erreichen. Von Offenheit zu Partnerschaft überzugehen hieße jedoch, die
grundlegende Tatsache zu ignorieren,
daß zumindest nach dem heutigen Stand
nur eine geringe Übereinstimmung der
Sicherheitsinteressen in Ost und West
vorliegt.
Das Atlantische
Bündnis
wurde als ein freier Zusammenschluß
demotcratischer Staaten zu dem Zweck
geschaffen, ihre territoriale Integrität und ihre Lebensweise gegen
ausländische Aggression zu verteidigen.
Dies ist auch weiterhin der
Fall.
Trotz "Glasnost" bleibt der
Warschauer Pakt ein Instrument zum
Erhalt des sowjetischen Imperiums in
Osteuropa - und damit der unnatürlichen Teilung des Kontinents.
Wir
müssen klar erkennen, daß sich die
sowjetische
militärische
Bedrohung
gegenüber
Westeuropa
unter
Gorbatschow nicht gewandelt hat. Das
wesentliche Problem europäischer Sicherheit ist auch weiterhin die Tatsache, daß Kampfkraft, Doktrin und
Ausbildung des Warschauer Pakts auf
die Führung eines Offensivkrieges auf
westeuropäischem
Territorium
ausgerichtet sind. Es kann keine wirksame
Strategie für den Westen geben, die
diese zentralen
Punkte außer acht
läßt. Wir sollten ferner in Erinnerung behalten, daß eine Sicherheitspartnerschaft mit einer Sowjetunion,
die ihre Besetzung Osteuropas aufrechterhält, uns die Last der Mitverantwortung für diese Besetzung auferlegen würde.
Das Konzept einer "Sicherheitspartnerschaft"
hat
außerdem
den
schwerwiegenden Mangel, daß es die
Ost-West-Beziehungen
lediglich
auf
ihre militärische Dimension verrin-

�gert.
Es ignoriert die Hauptursache
für die Spannungen in Europa und wendet sich lediglich den Symptomen zu.
Wie Präsident Reagan in seiner Rede
vor dem Brandenburger Tor im vergangenen Juni bemerkte:
"Ost und West
mißtrauen sich nicht, weil wir bewaffnet sind. Wir sind vielmehr bewaffnet, weil wir einander mißtrauen.
Und unsere Differenzen beziehen sich
nicht auf Waffen, sondern auf Weltanschauungen."
Selbstbestimmung
und
Menschenrechte sind ebenso Bestandteil der Sicherheit zwischen Ost und
West wie militärische Stärke und Fähigkeiten.
Bis zur Überwindung der
unnatürlichen Teilung Europas ist jeder Gedanke an die Schaffung einer
"Sicherheitspartnerschaft"
mit
dem
Osten, gelinde gesagt, verfrüht.
Obwohl damit zumindest die Grundstruktur
des
Bündnisses
erhalten
bliebe, ist auch das Konzept der
"konventionellen
Abschreckung"
im
Grunde ebenso wenig durchführbar wie
das
der
"Sicherheitspartnerschaft".
Immer wieder - und am verheerendsten
im Jahr 1914 - hat die Existenz eines
konventionellen
Gleichgewichts
den
Ausbruch eines Krieges nicht verhindern können, und es gibt keinen Grund
zu der Annahme, daß diese historischen Abläufe in absehbarer Zukunft
eine Umkehrung erfahren können. Nur
eine glaubhafte Androhung des Einsatzes nuklearer Waffen kann einen möglichen Angreifer wirklich abschrecken
und somit den Frieden erhalten. Die
nukleare Abschreckung hat uns in den
vergangenen 40 Jahren gute Dienste
erwiesen, und dies sollte so bleiben.
Wir sollten daher die Gipfel-Erklärung der NATO vom März dieses Jahres
begrüßen, in der eine deutliche Bestätigung für die Beibehaltung der
nuklearen Abschreckung sogar für den
Fall enthalten ist, daß wir auf dem
Verhandlungswege zu einem Gleichgewicht bei den konventionellen Streitkräften in Europa gelangen.
"Defensive
Verteidigung"
verstärkt lediglich die Nachteile der
"konventionellen Abschreckung".
Sie
würde der NATO die Beweglichkeit neh-

men, die zur Erwiderung einer Offensive des zahlenmäßig überlegenen Gegners notwendig ist.
Sie würde uns
dazu zwingen, unsere Strategie der
Vorneverteidigung
zugunsten
einer
Verteidigung in der Tiefe aufzugeben
- eine Strategie, die von Generationen politisch und militärisch Verantwortlicher im Westen einstimmig abgelehnt wurde.
Innerhalb der engen
Grenzen Mitteleuropas ist die Verteidigung in der Tiefe gleichbedeutend
mit einer Aufforderung zum Rückzug an
den Rhein.
Sie hätte die völlige
Verwüstung eines Großteils der Bundesrepublik
Deutschland
zur Folge,
eine Verwüstung, die schlimmer als
die des Zweiten Weltkrieges wäre.
Anhänger
der "defensiven Verteidigung" behaupten, ein schwer bewaffneter und zahlenmäßig überlegener Angreifer könne von Partisanen besiegt
werden, die mit
Panzerabwehrwaffen
und ähnlichem ausgerüstet sind.
Die
öffentliche Meinung in Großbritannien
hat diese bizarre Vorstellung ganz
richtig als Scherz abgetan, als diese
vergangenes Jahr im Wahlkampf vorgebracht wurde.
Kein Kenner militärischer Strategien kann dies ernst
nehmen. Kann sich jemand einen Guerillakämpfer vorstellen, der - nur
mit einer Panzerfaust bewaffnet
massivem Artilleriebeschuß widersteht
und dann sowjetische Panzerformationen im Teutoburger Wald oder in den
Straßen
Hamburgs
systematisch
ausschaltet?
Das letzte dieser neuen Konzepte
- die Entamerikanisierung der westlichen Sicherheit - basiert auf einem
grundlegenden Mißverständnis über die
Rolle der amerikanischen Streitkräfte
in Europa sowie über die Auswirkungen
des INF-Vertrages. Die amerikanische
Präsenz in Europa kann nicht lediglich als zahlenmäßige Größe bewertet
werden, als eine gewisse Anzahl von
Personalstellen, die genausogut von
Europäern
besetzt
werden
könnten.
Sie ist vielmehr elementarer Bestandteil einer Strategie, mit der die
Verteidigung Europas und der Vereinigten Staaten aneinander gekoppelt
sind. Es liegt auf der Hand, daß eu-

- 4 -

�ropäische Soldaten diese Rolle nicht
übernehmen können.
Die Befürworter
einer Entamerikanisierung des Bündnisses - auf beiden Seiten des Atlantiks - liegen außerdem schlicht
falsch mit ihrer Annahme, die Beseitigung amerikanischer Mittelstreckenraketen würde letzten Endes zu einem
vollständigen
Abzug
amerikanischer
Truppen aus Europa führen. Amerikanische Streitkräfte bleiben so lange in Europa, wie die Europäer dies
wünschen. Dies möchte ich hier unmißverständlich zum Ausdruck bringen.
Die
Entamerikanisierung
wirft
darüber hinaus eine Reihe weiterer
sehr heikler Fragen auf. Würden die
europäischen Nationen wirklich die
Reihen
der abziehenden Amerikaner
füllen, indem sie den Umfang ihrer
Armeen und ihrer Verteidigungshaushalte vergrößern?
Meiner Meinung
nach könnte ein Abzug amerikanischer
Truppen keinen stimulierenden, sondern eher einen demoralisierenden Effekt haben, der die Europäer dazu
veranlaßt, weniger anstatt mehr zu
tun. Wären Großbritannien und Frankreich darauf vorbereitet, ihren nuklearen Schutz auf die nicht atomar
bewaffneten Länder Westeuropas auszuweiten?
Das bezweifle ich.
Und
schließlich, wie würden letztere an
Entscheidungen zu nuklearen Fragen
teilhaben, wenn Großbritannien und
Frankreich tatsächlich die nuklearen
Garantiemächte für Westeuropa würden?
Unter solchen Umständen würde ich ein
fast unlösbares Problem der Handhabung nuklearer Fragen vorhersehen.
Abgesehen von diesen Argumenten
stellt sich uns die entscheidende
Frage, ob im Gegensatz zu den Erfahrungen zweier Weltkriege das europäische Gleichgewicht nun ohne einen
amerikanischen Beitrag aufrechterhalten werden kann. Wenn die Demokratien Westeuropas glauben, ohne amerikanische Unterstützung in Frieden und
Freiheit leben zu können, würden die
Amerikaner diese Last gerne ablegen.
Wir müssen uns jedoch davor hüten,
beim amerikanischen Kongreß den Eindruck zu erwecken, Europa halte unse-

ren Beitrag für überflüssig, wenn er
dies in Wirklichkeit nicht ist.
Meine Schlußfolgerung aus diesem
kurzen Überblick lautet, daß keines
dieser neu vorgeschlagenen Konzepte
für die Gestaltung der westlichen Sicherheit eine vernünftige Alternative
bietet.
Alle sind mit gravierenden
Mängeln behaftet. Außerdem sind sie
unnötig. Die bloße Tatsache, daß wir
in eine dynamische Phase der OstWest-Beziehungen
eingetreten
sind,
macht nicht zwangsläufig die Preisgabe oder Umstrukturierung des Atlantischen Bündnisses und einen Vorstoß
ins Ungewisse - mit all den damit
einhergehenden Risiken - erforderlich.
Struktur und Strategie des
Bündnisses, wie sie sich in den vergangenen 40 Jahren herausgebildet haben, behalten im Kern heute wie auch
in Zukunft ihre Gültigkeit. Dies war
die zentrale Aussage des NATO-Gipfels
im März. Mit anderen Worten, wie ich
zu sagen pflege: "Wenn etwas nicht
kaputt ist, soll man nicht daran
herumreparieren." Dies ist - meiner
Ansicht nach - der Ausgangspunkt des
von der Christlich Demokratischen
Union am 18. Februar vorgelegten Diskussionsentwurfs zur Außen-, Sicherheits-,
Europa- und
Deutschlandpolitik.
Wie gesagt - das Festhalten an
der Grundstruktur und -Strategie des
Bündnisses schließt andererseits evolutionäre
Anpassungen
nicht
aus.
Tatsache ist, daß die Geschichte der
NATO eine Geschichte stetiger Anpassung an neue technologische und politische Möglichkeiten ist. Zwei dieser gegenwärtig stattfindenden Anpassungsvorgänge sind im Hinblick auf
ihr Potential für eine Stärkung der
Fähigkeiten und des Zusammenhaltes
des Bündnisses besonders bedeutsam.
Erstens ist die weitere Europäisierung des Bündnisses - wiewohl wir
einer Entamerikanisierung entgegentreten sollten - strategisch und politisch sehr wohl sinnvoll. Die Vereinigten Staaten unterstützen die
Stärkung des europäischen Pfeilers

- 5 -

�voll und ganz. Wir begrüßen die Wiederbelebung der WEU, den Ausbau und
die Intensivierung der deutsch-französischen Sicherheitsbeziehungen sowie die Diskussionen über Sicherheitsfragen im Rahmen der europäischen
politischen
Zusammenarbeit.
Diese Bemühungen zur Konsolidierung
des europäischen Pfeilers zielen - so
wie es sein sollte - darauf ab, die
amerikanische Beteiligung am Bündnis
zu ergänzen anstatt sie zu ersetzen.
Neben
den potentiellen
praktischen
Vorteilen
im militärischen
Bereich
haben diese Bemühungen zwei bedeutende politische Vorzüge. Erstens wird
in dem Maße, in dem sich Europa mit
der eigenen Verteidigung identifizieren kann - so daß die NATO nicht lediglich als amerikanische Institution
betrachtet wird - die Unterstützung
für das Bündnis in der europäischen
Öffentlichkeit
wachsen.
Zweitens
wird die Stärkung des europäischen
Pfeilers dazu beitragen, die Amerikaner - und insbesondere skeptische
Kongreßabgeordnete - zu überzeugen,
daß die Europäer der Verteidigung Europas genauso verpflichtet sind wie
sie selbst.
Die zweite Anpassung ist die Neueinschätzung der nuklearen Notwendigkeiten und der Rüstungskontrollprioritäten des Bündnisses, wie sie - zumindest hier in der Bundeshauptstadt
- unter dem Begriff "Gesamtkonzept"
verstanden
wird.
Die
Vereinigten
Staaten unterstützen die Entwicklung
eines
solchen Gesamtkonzepts.
Der
NATO-Gipfel im März hat uns mit der
Verabschiedung
einer
ausführlichen
Erklärung zur konventionellen Stabilität auf diesem Weg einen bedeutenden Schritt vorangebracht.
Die Arbeit hat bereits begonnen: Die Hochrangige Beratergruppe und die Nukleare Planungsgruppe der NATO untersuchen die Anforderungen an die NATO
nach dem INF-Vertrag und die Ständigen Vertreter in Brüssel wurden beauftragt,
ein
weitreichendes
Rüstungskontrollkonzept
auszuarbeiten,
das auf dem Kommunique von Reykjavik
vom Juni 1987 fußt.

Bei der Formulierung eines Gesamtkonzepts wird das Bündnis die besonderen Interessen seiner Mitgliedstaaten
berücksichtigen
müssen.
Zweifellos nimmt die Bundesrepublik
Deutschland mit Blick auf ihre exponierte
geographische
Lage,
ihren
nichtnuklearen Status und als Teil
der gespaltenen deutschen Nation eine
besondere Stellung ein.
Die durch
diese besondere Stellung auferlegten
Lasten können jedoch nicht durch die
Beseitigung
der amerikanischen nuklearen Präsenz auf deutschem Boden
gemindert werden.
Eine Entnuklearisierung würde diese Lasten noch erhöhen.
Die Antwort auf die besondere
Stellung der Bundesrepublik Deutschland ist vielmehr, die Konzeption der
nuklearen Risikoteilung innerhalb des
Bündnisses zu bewahren. Für die Vereinigten Staaten bedeutet Risikoteilung die Absage an das Konzept der
Begrenzung eines Atomkrieges auf europäisches Gebiet; für die Bundesrepublik bedeutet es die Ablehnung der
Entnuklearisierung ihres Territoriums.
Natürlich wird nicht nur in Europa Druck zur Neueinschätzung und Revidierung
der
Grundstruktur
und
-Strategie der NATO ausgeübt.
Der
gleiche Druck besteht auch in den
Vereinigten Staaten in Form von vage
definierten Vorschlägen, denenzufolge
wir
uns
der
internationalen
Verpflichtungen entledigen und in eine
Art von Festung Amerika zurückziehen
sollten.
Manch einer in den Vereinigten Staaten möchte unseren nuklearen Schutzschild abbauen und unsere strategischen Streitkräfte nur
zu unserer eigenen Verteidigung reservieren.
Andere möchten die Zahl
der in Europa stationierten amerikanischen Truppen drastisch reduzieren
- bis hin zu einem vollständigen Abzug. Und wieder andere möchten denjenigen Verbündeten, die nicht "genug" für die Verteidigung ausgeben wie immer man dies definieren mag -,
hohe Strafzölle auferlegen.
Glücklicherweise
werden
diese
Gedanken
weiterhin vom amerikanischen Wähler
abgelehnt.
In den Vereinigten Staaten besteht immer noch ein breiter

- 6 -

�r

Konsens zugunsten der beständigen Unterstützung des Atlantischen Bündnisses und der amerikanischen Verpflichtung für die Verteidigung Europas.
Vor kurzem schlug Außenminister
Shultz als Parole des Bündnisses in
der gegenwärtigen Phase des Wandels
im Ost-West-Verhältnis "auf geradem
Kurs" vor. Dieser aus der Seefahrt
entlehnte Begriff trifft meiner Meinung nach insbesondere auf die Herausforderungen und Chancen zu, mit
denen wir uns heute konfrontiert sehen. Wir müssen einen aktiven Dialog
mit dem Osten führen, der auf die Beseitigung der Ursachen von Spannungen
und auf die Reduzierung der RUstungsniveaus - nuklear und konventionell abzielt. Gleichzeitig müssen wir jedoch Schritte zur Sicherung der weiteren Lebensfähigkeit, Glaubwürdigkeit und Wirksamkeit unserer konventionellen und nuklearen Streitkräfte
in die Wege leiten. Nur ein Bündnis,
das dem heutigen in Beschaffenheit
und Struktur in etwa entspricht, kann
diese beiden unerläßlichen Aufgaben
erfüllen.

- 7 -

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                <text>Die Sicherheitspolitik des Bündnisses im Zeitalter sich wandelnder Ost-West-Beziehungen&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede von Botschafter Richard R. Burt gehalten vor den Delegierten beim außenpolitischen Kongreß der CDU&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;"Freiheit, Sicherheit, Zusammenarbeit"&lt;/em&gt;</text>
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                <text>&lt;strong&gt;1. FBI - Die Bundeskriminalpolizei der USA (V)&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Direktor Hoover und seine G-Männer&amp;nbsp;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;5. Folge einer Serie von sechs Artikeln&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Leben in den USA&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Wie wählt man in den USA? (II und Schluss)&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Auch bei der Kandidatenaufstellung kann der Wähler mitreden&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Von Richard M. Scammon&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Von Kunst und Künstlern&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Die eigentliche Story ist die Musik selbst&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Die Situation der Neuen Musik in den USA&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Von Russel Smith&lt;/em&gt;</text>
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                <text>&lt;strong&gt;1. Dokumentation&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Haig: Die NATo und die Wiederherstellung der amerikanischen Führung&lt;br /&gt;&lt;em&gt;- Rede des US-Außenministers in Syracuse -&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Pressekonferenz des amerikanischen Außenministers in Rom&lt;br /&gt;&lt;em&gt;- Wachsende Bedenken Haigs über die Risikobereitschaft der Sowjetunion -&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Weinberger umreißt Verteidigungspolitik der Reagan-Administration&amp;nbsp;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;- Rede des US-Verteidigungsministers vor Zeitungsverlegern -&lt;/em&gt;</text>
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                    <text>AMERIKA DIENST

1 3 . Mai 1987

18

I N H A L T

DOKUMENTATION

Reagan sieht "9olide Basis" für START-Abkommen
- Erklärunq des Präsidenten zum amerikanischen Vertraqsentwurf -

Weinberger:

Amerika "optimistisch" über Abschluß eines INF-Abkommens

- Rede bei Seminar der Euroqroup -

Amerikanischer Vertragsentwurf fordert einschneidenden Abbau von
Offensivwaffen
- Pressekonferenz mit Botschafter Lehman -

WIRTSCHAFT

USA erneuern Forderung nach wirtschaftlichen Impulsen durch Japan und
die Bundesrepublik Deutschland
- Rede von Finanzminister Baker bei OECD-Ministertreffen -

* * * * * *

United States Information Service
Embassy of the United States of America

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.: 0228-339 2035
Telex: 8-85432

�AMERIKA DIENST
Dokumentation

V O N **

13. Mai 1987

18

REAGAN SIEHT "SOLIDE BASIS" FÜR START-ABKOMMEN
Erklärung des Präsidenten zum amerikanischen Vertragsentwurf -

WASHINGTON - (AD) - Präsident Reagan zufolge liefert der am 8. Mai 1987
bei den Verhandlungen über die Verringerung strategischer Rüstungen (START) in
Genf vorgelegte amerikanische Vertragsentwurf "eine solide Grundlage für die
Schaffung eines fairen und dauerhaften Abkommens". In seiner schriftlichen
Erklärung teilte der Präsident außerdem mit, er werde keine Beschränkungen für
das SDI-Programm gegen ein Abkommen zu den strategischen Waffen eintauschen;
SDI sei "lebenswichtig für die künftige Sicherheit" der Vereinigten Staaten
und ihrer Verbündeten.
Die Erklärung des Präsidenten hat folgenden Wortlaut:

Ich
habe
den
amerikanischen
START-Unterhändler
bei
den Genfer
Verhandlungen
über
Kern- und Weltraumwaffen (NST) angewiesen, bei dem
heutigen Treffen der START-Verhandlungsgruppe
einen
Vertragsentwurf
vorzulegen, der eine 50prozentige Reduzierung der amerikanischen und sowjetischen
strategischen
offensiven
Atomwaffen vorsieht.
Der Text des
amerikanischen Vertragsentwurfs spiegelt die grundlegenden Bereiche der
Übereinstimmung bezüglich der Reduzierung strategischer Waffen wider,
die von Generalsekretär Gorbatschow

United States Information Service
Embassy of the United States of America

und mir während unseres Treffens in
Reykjavik
im
vergangenen
Oktober
festgelegt wurden.
Unser Vertragsentwurf sieht vor,
daß beide Seiten über einen Zeitraum
von sieben Jahren nach Inkrafttreten
eines solchen Vertrags Reduzierungen
bis auf 1 600 strategische Trägerwaffen und 6 000 Gefechtsköpfe vornehmen, mit angemessenen Untergrenzen.
Er liefert eine solide Grundlage für
die Schaffung eines fairen und dauerhaften Abkommens.

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.: 0228-339 2035
Telex: 8-85432

�Zusätzlich zu allgemeinen Obergrenzen
gewährleistet der
amerikanische Vorschlag besondere Beschränkungen
bezüglich der
destabilisierendsten und gefährlichsten nuklearen
Systeme,
insbesondere der schnellfliegenden ballistischen Raketen. Er
beinhaltet
detaillierte
Regelungen
mit dem Ziel, jedwede Unklarheit über
das Vereinbarte auszuschließen sowie
umfangreiche Verifizierungsbestimmungen, um sicherzustellen, daß jede
Seite darauf vertrauen kann, daß die
andere Seite das Abkommen vollständig
einhält. Der Vertrag ist das Ergebnis intensiver Bemühungen aller zuständigen Behörden der amerikanischen
Regierung, ich habe den Vertrag eingehend überprüft, und er hat meine
Zustimmung.
Mit der Vorlage dieses Textes
streben die Vereinigten Staaten danach, auf den bedeutenden bei START
erzielten
Fortschritten
aufzubauen
und ein Mittel bereitzustellen, um
die
verbleibenden
Meinungsverschiedenheiten beizulegen.
Wenn die Sowjets bereit sind, mit uns bei den
noch ausstehenden Problemen zusammenzuarbeiten, insbesondere bei der Notwendigkeit - um die strategische Stabilität zu gewährleisten - von Untergrenzen bei den Gefechtsköpfen auf
ballistischen
Raketen, dann werden
wir in der Lage sein, einen wichtigen
Schritt in Richtung auf eine sicherere und stabilere Welt zu unternehmen.

Maßnahmen, die im Falle ihrer Akzeptierung durch die Vereinigten Staaten
SDI
ernstlich
beschränken
würde.
Dies ist unannehmbar.
ich kann und
werde
keine Maßnahmen
akzeptieren,
die
unser
SDI-Programm
verstümmeln
oder beseitigen würden.
Angesichts
der andauernden sowjetischen offensiven Aufrüstung, die mit den seit langem bestehenden sowjetischen Aktivitäten zur strategischen Verteidigung
einhergeht, ist das SDI-Programm lebenswichtig für die künftige Sicherheit der Vereinigten Staaten und unserer Verbündeten.
Wenn wir nun in detaillierte Gespräche mit den Sowjets über unseren
Vertragsvorschlag eintreten, sind wir
dazu entschlossen, unseren Teil dazu
beizutragen, um zum ersten Mal in der
Geschichte
echte Reduzierungen
bei
den strategischen Offensivwaffen zu
erreichen.
Ich hoffe, die Sowjets
werden eine ähnliche Entschlossenheit
zeigen und mit uns auf der Grundlage
unseres Vertragsentwurfs zusammenarbeiten, um die in Reykjavik erzielten
Bereiche der Übereinstimmung in konkrete Reduzierungen umzusetzen.

Obwohl
die Präsentation
dieses
Vertrags ein bedeutsamer Hinweis auf
unseren Wunsch nach möglichst baldiger Erreichung weitgehender, gleichgewichtiger und verifizierbarer Reduzierungen bei den strategischen Waffen ist, möchte ich die noch der Lösung bedürfenden schwierigen Probleme
nicht verharmlosen, insbesondere das
sowjetische Beharren auf einem Junktim zwischen einem START-Abkommen und
- 2 -

�AMERIKA DIENST
r

^7

"""""

Dokumentation

C&amp;

13. Mai 1987

18

WEINBERGER: AMERIKA "OPTIMISTISCH" ÜBER ABSCHLUSS EINES INF-ABKOMMENS
- Rede bei Seminar der Eurogroup -

WASHINGTON - (AD) - Verteidigungsminister Weinberger ging in seiner Rede
anläßlich eines Seminars der Eurogroup am 7. 1987 Mai auf die Besorgnis vieler
Europäer ein, ein Abkommen über Mittelstreckenraketen (INF) verstärke das Problem des konventionellen Ungleichgewichts in Europa. Weinberger bemerkte, er
sei "optimistisch" daß die Vereinigten Staaten und die Sowjetunion ein "gutes
Abkommen" über INF erzielen könnten, das den "Sicherheitserfordernissen" des
NATO-Bündnisses gerecht wird.
Nachfolgend drucken wir den Redetext im Wortlaut:

Wie Sie wissen, treffen wir hier
an einem für unser NATO-Bündnis einmaligen
Augenblick
zusammen.
Und
ironischerweise ist es unser Erfolg nicht etwa Versagen -, der einige
traditionelle
Probleme
der
NATO
schärfer
hervortreten
läßt.
Ich
möchte zu Beginn auf unsere Fortschritte in Richtung auf ein INF-Abkommen eingehen und Ihnen meine Ansicht zu dessen Bedeutung für das
NATO-Bündnis darlegen.
Diese Frage
leitet direkt zu Überlegungen bezüglich der Abschreckung im Bündnis über
und der bemerkenswert schlecht vor-

United States Information Service
Embassy of the United States of America

stellbaren Auffassung, Amerika solle
seine Truppenstärke in Europa abbauen.
Zum Schluß werde ich gern auf
Ihre Fragen antworten.
Seit der Amtsübernahme Präsident
Reagans haben wir versucht, unsere
Denkweise über Rüstungskontrolle zu
verändern.
Eine Art und Weise zum
Verständnis dieses Wandels besteht im
einfachen Ersetzen des Wortes "Kontrolle" durch "Abbau". Der Präsident
hat darauf bestanden - und wenn ich
das hinzufügen darf: gegen erheblichen Widerstand darauf bestanden -,

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.: 0228-339 2035
Telex: 8-85432

�daß wir nicht lediglich eine Obergrenze akzeptieren, die zahlenmäßig
über dem heutigen Niveau liegt, uns
dabei keine Gedanken um wirkungsvolle
Verifizierung machen und dies dann
wahrhafte
Rüstungskontrolle
nennen.
Dies ist bei SALT I und II geschehen.
Dieses Abkommen vermittelte uns das
"Gefühl" des Fortschritts, aber dadurch wurden
lediglich
dramatische
Zunahmen im Arsenal der sowjetischen
Offensivraketen
vertraglich
festgelegt.
Allein nach SALT II haben die
Sowjets die Anzahl der Wiedereintrittsflugkörper in ihrem Arsenal von
Offensivraketen verdoppelt. Anstelle
einer
Pseudo-Rüstungskontrolle
hat
sich dieser unser Präsident für wirkliche Reduzierungen ausgesprochen.
Nach nunmehr sechs Jahren kontrovers geführter Verhandlungen, die die
Sowjets einmal verließen und der Drohung einer dauernden Einstellung der
START-Gespräche, stehen wir nun vor
einem Abkommen über die Abschaffung
einer gesamten Kategorie von Nuklearwaffen in Europa - eine wahrhaft
historische Leistung, wenn es dazu
kommt. Und es wäre ein noch besseres
Abkommen, wenn dadurch alle sowjetischen SS-20 in Europa und Asien abgeschafft würden.
unser Ziel waren
immer echte und umfassend verifizierbare Abkommen, die einschneidende Reduzierungen
hervorbringen
sollten,
bis hin zum Gleichstand auf beiden
Seiten, und wir stehen möglicherweise
vor dem Abschluß eines solchen Abkommens. Schließlich gibt es keine geringere Größe als Null.
Dies bedeutet also ebenso wie die
Art von Reduzierungen, für die wir
uns aussprechen, einen wirklichen Abbau des Niveaus der strategischen
Waffen.
Wenn es zum Abschluß eines
INF-Abkommens kommt, werden wir mehr
tun als zum vormaligen Status quo zurückzukehren, als Moskau im Jahr 1977

unnötigerweise und rücksichtslos mit
der Stationierung der SS-20 begann.
Wir werden uns unter dem Niveau der
sowjetischen Bedrohung in der Kategorie der Mittelstreckenraketen längerer Reichweite (LRINF) vom Jahr 1977
befinden, weil die sowjetischen SS-4
mit
dem
Abschluß
eines
Abkommens
ebenfalls
abgeschafft würden.
Wir
hoffen, mittels dieses Abkommens die
Abschaffung von mehr als 1 400 sowjetischen Gefechtsköpfen auf LRINF
zu erreichen wie auch die Sicherung
eines weltweiten Gleichstandes bei
den Gefechtsköpfen auf Mittelstrekkenraketen
kürzerer
Reichweite
(SRINF). Im Austausch dazu wird der
Westen von seiner vorgesehenen Stationierung von 572 Mittelstreckenwaffen absehen. Dies ist trotz der Einwände unserer Kritiker potentiell ein
sehr gutes Abkommen - ich sage "potentiell", weil wir es noch nicht abgeschlossen haben.
Es steht außer Frage, daß es noch
schwierige Verhandlungen geben wird,
sowie wir wichtige Aspekte dieses Abkommens wie etwa die Verifizierung
angehen.
wir werden kein Abkommen
unterzeichnen, das unseren sehr klar
umrissenen Erfordernissen im Bereich
der Verifizierung nicht gerecht wird.
Dies zu tun, wäre nicht nur unklug,
sondern vielleicht sogar selbstmörderisch.
Wir sind jedoch optimistisch, daß ein gutes Abkommen - das
den
Sicherheitserfordernissen
des
Bündnisses entspricht - erzielt werden kann.
Eine der ersten Reaktionen auf
die Möglichkeit eines INF-Abkommens
bestand in einer größeren Sorge um
das Ungleichgewicht der konventionellen Streitkräfte in Europa.
Manche
Kritiker
erheben den Vorwurf, ein
INF-Abkommen
würde
das
wichtigste
Standbein
unserer
Abschreckung
Nuklearwaffen - beseitigen und Stabi-

�lität nur auf konventionelle Streitkräfte stützen, bei denen wir erheblich übertroffen werden.
Ich nehme an, daß so etwas dramatisches wie die Aussicht auf ein
wichtiges Abkommen zum Rüstungsabbau
notwendig ist, damit einige das anerkennen, was die meisten von uns seit
den Anfängen des Bündnisses wissen.
Denjenigen, die sich zum ersten Mal
um das Ungleichgewicht bei den konventionellen Streitkräften in Europa
sorgen, kann ich nur entgegenhalten,
daß es gut ist, Sie hier zu haben.
Es ist müßig, dies zu sagen, aber das
Gleichgewicht
der
Streitkräfte
in
Europa war immer ein Problem.
Den
einzigen Wandel, den ein mögliches
INF-Abkommen im konventionellen Bereich hervorgebracht hat, ist die Sicherung eines geschärften Bewußtseins.
Tatsache ist, daß das Gleichgewicht der konventionellen Streitkräfte in Europa mit oder ohne INF-Abkommen ein wirkliches Problem darstellt.
Wir müssen die konventionelle Verteidigung der NATO verbessern - mit oder
ohne Abkommen, und wir müssen unser
Ziel der dreiprozentigen Zuwachsrate
im Verteidigungshaushalt aufrechterhalten - mit oder ohne INF-Abkommen.
Trotzdem stimme ich zu, daß das Ungleichgewicht im konventionellen Bereich angesichts der sich vor uns eröffnenden Aussichten einer Reduzierung von Nuklearwaffen größere Bedeutung
erlangt hat.
Dies
ist ein
Grund, warum wir so fest an das Programm der NATO zur Verbesserung der
konventionellen Verteidigung glauben,
warum wir so hart am Aufbau eines Munitionsvorrates
arbeiten und warum
wir andere Schritte zur Verbesserung
unseres Durchhaltevermögens unternehmen und warum wir uns die Unterstützung des Kongresses erhoffen, anstatt
daß dieser einen einseitigen Abbau
von Nuklearwaffen
fordert und uns

gleichzeitig
angemessene
Finanzierungsmittel für die notwendige Modernisierung und unsere Stärke im konventionellen Bereich verweigert.
Unsere
europäischen
Verbündeten
können an diesem Punkt einen besonders wichtigen Beitrag zur Sicherheit
im Bündnis leisten, wenn sie ihre erhöhte Besorgnis um ein Ungleichgewicht im konventionellen Bereich zum
Anlaß für neue Schritte nehmen, um
dies zu beheben.
Es scheint notwendig zu sein,
manche Leute kontinuierlich daran zu
erinnern, daß sich die harte Wirklichkeit der sowjetischen Macht nicht
verändert hat. Moskaus Zielsetzungen
und seine militärische Stärke, wie
sie in jüngster Zeit ihren Niederschlg in der von uns herausgegebenen
Veröffentlichung "Die sowjetiche Militärmacht 1987" fanden, bleiben als
vordringlichste Bedrohung für Frieden
und Freiheit in der Welt bestehen.
Zusammen mit unseren NATO-Verbündeten hat die Reagan-Administration
große Anstrengungen zur Stärkung der
konventionellen Abschreckung in Europa unternommen. Einhergehend mit der
konventionellen Stärke gibt es jedoch
noch andere unerläßliche Maßnahmen,
die von uns vorgenommen werden müssen, um sicherzustellen, daß die Abschreckung stark bleibt.
Und auch
hier müssen diese Schritte mit oder
ohne Abkommen unternommen werden.
Ein solcher Schritt besteht in
weiteren, energischen Bemühungen bei
der strategischen Verteidigung.
Es
wird häufig außer acht gelassen, daß
seit Beginn unseres SDI-Programms die
Verteidigung unserer Verbündeten ein
grundlegender Gesichtspunkt der gesamten Bemühungen gewesen sind. Unser
strategisches
Verteidigungsprogramm ist immer darauf angelegt gewe-

- 3 -

�sen, Verteidigung gegen Mittelstrekken- wie auch gegen Interkontinentalraketen zu gewährleisten. Die Gründe
für eine Verteidigung gegen strategische Nuklearwaffen - daß sie die
Abschreckung stärken wird, daß sie
eine Sicherung gegen sowjetischen Betrug bei Rüstungskontrollvereinbarungen bildet - können ja gerade auf die
Raketenbedrohung Europas vollständig
angewendet werden.
Wenn wir ein INF-Abkommen schließen, dann müssen wir uns vergegenwärtigen, daß Europa und die Vereinigten
Staaten weiterhin gegen Atomraketen
verwundbar bleiben. Was wir mit SDI
zu erreichen versuchen, ist die Entdeckung eines Weges, um diese Verwundbarkeit zu überwinden und damit
die Abschreckung zu stärken. Die erfolgreiche Stationierung selbst eines
nur teilweise wirksamen ATBM-Systems
zu irgendeinem Zeitpunkt in der Zukunft, das mit der stufenweisen Stationierung eines strategischen Verteidigungssystems einhergeht, könnte
einen unschätzbaren Beitrag zur Abschreckung in Europa leisten.
Trotzdem bin ich mir dessen bewußt, daß die Möglichkeit einer INFUbereinkunft hier und in Europa Fragen nach dem grundsätzlichen Engagement der Vereinigten Staaten für
das Bündnis hervorgerufen hat. Subtilere Kritiker
scheinen sogar zu
glauben, daß ein INF-Abkommen einen
Abkoppelungseffekt
für das Bündnis
haben könnte.
Wir sollten uns daran erinnern,
daß das amerikanische Engagement für
die NATO schon fast 40 Jahre vor der
Stationierung
von
Pershing II
und
Marschflugkörpern
überdauert
hat.
Und diese Stationierung bildete lediglich ein Gegengewicht gegen 1 400
Gefechtsköpfe auf sowjetischen SS 20Raketen. Weshalb sollte die Beseiti-

gung der Pershings und Marschflugkörper dieses Engagement verändern, insbesondere, wenn die Masse gerade der
Waffen, die zur Stationierung führten
- der sowjetischen SS 20-Raketen
ebenfalls beseitigt würde?
Mit der
Abschreckungspolitik der NATO, vielmehr mit der Strategie der flexiblen
Reaktion, wurde nicht erst im Jahr
1983 begonnen, und beide werden sicherlich auch nach Erzielung einer
INF-Vereinbarung Bestand haben.
Die Beseitigung der Mittelstrekkenraketen
längerer
Reichweite auf
beiden Seiten würde Amerika mitnichten von der Verteidigung Europas abkoppeln. Die Anbindung der Vereinigten Staaten an die Sicherheit Europas
würde weiterhin von unseren umfangreichen
konventionellen
Streitkräften, unseren verbleibenden Atomwaffen
und dem Engagement unserer strategischen Atomstreitkräfte gemäß unserer Strategie der flexiblen Reaktion
gewährleistet werden. Vor allem aber
sind wir mit der europäischen Sicherheit durch die einfache aber unabweisbare Tatsache verbunden, daß die
Vereinigten Staaten nicht in einer
Welt leben könnten, in der Europa von
den Sowjets überrannt und in Besitz
genommen wäre.
Wenn wir eine Übereinkunft zu INF
verwirklichen, sollten wir uns nicht
vor
einer
"Abkoppelung"
fürchten,
sondern wir sollten weiterhin genau
wie Europa aktiv und wirksam daran
arbeiten, unsere Verteidigung und Abschreckung stark, modern und leistungsfähig zu erhalten. Wir müssen
gegenüber den Bedrohungen, denen wir
ausgesetzt sind und gegenüber den Erfordernissen zur Bewältigung dieser
Bedrohungen vor oder nach Rüstungskontrollvereinbarungen eine realistische Einstellung bewahren.
Es

ist

deshalb

höchst

bedauer-

�lieh, daß wir zu einer Zeit, in der
wir ein neuerwachtes Interesse an einem realen konventionellen Gleichgewicht
in Europa festellen können,
ebenfalls zunehmend Unterstützung unter den Isolationisten in den Vereinigten Staaten für den Abzug amerikanischer Truppen aus Europa sichtbar
wird. Es werden eine Menge von Gründen dafür angeführt - die Europäer
sollten einen höheren Beitrag zu ihrer eigenen Verteidigung leisten, unsere Truppen in Europa kosten uns zu
viel Geld, es gibt andere Regionen in
der Welt, in denen unsere Truppen
dringender benötigt werden usw.
In Reden, Aussagen und Artikeln
habe ich unzählige Male auf diese
Kritik geantwortet, und ich brauche
mich dieser Gruppe gegenüber, die im
Bereich der Öffentlichkeitsarbeit so
viel unternommen hat, kaum zu wiederholen.
Lassen Sie mich lediglich
feststellen, daß diese hübsche Behauptung, die Vereinigten Staaten gäben zuviel für die Verteidigung Europas aus, nicht nur falsch, sondern
auf gefährliche Weise falsch ist. In
den siebziger Jahren erhöhten sich
zum Beispiel die Militärausgaben unserer NATO-Partner jährlich real um
zwei Prozent.
Im gleichen Zeitraum
verringerten sich die Militärausgaben
der Vereinigten Staaten real um 20
Prozent. Ich könnte viele Tatsachen
anführen, die das Ausmaß der NATOBeiträge seitens unserer Verbündeten
aufzeigen. Wir sehen uns in den Vereinigten
Staaten
jedoch mit einem
neo-isolationistischen Eifer konfrontiert, dessen Argumentation auf angestaubten Vorstellungen über überzogene Militärausgaben unsererseits in
Europa und auf politisch begründeten
Forderungen beruht, daß wir mehr für
politisch populäre Programme ausgeben
sollten. Ich weiß nicht, welche Bedeutung Fakten für diese Isolationisten besitzen. Vielfach suchen sie

nur nach einer Entschuldigung, um weniger für die nationale Sicherheit
auszugeben oder um einen Hebel für
Steuererhöhungen zu finden. Und warum Politiker
die Steuern erhöhen
wollen, ist nur eine der bizarren
Fragen, die der Kongreß uns zu stellen zwingt.
Weit davon entfernt, Truppen aus
der NATO abziehen zu wollen, hat Präsident Reagan den Kongreß gebeten,
die vom Kongreß eingeführte Obergrenze für die Truppenstärke in Europa
abzuschaffen. Wir sind nicht nur der
Überzeugung, daß die wachsende militärische Stärke des Warschauer Pakts
eine angemessene Reaktion der NATO
erfordert, sondern wir glauben auch,
daß der Präsident die Flexibilität
zur Anpassung der Truppenniveaus benötigt.
Und
wir
müssen
unsere
Streitkräfte vorne stationieren, wo
sie die Vereinigten Staaten am besten
verteidigen können.
Vergessen Sie nicht, daß selbst
die Andeutung, wir würden einen größeren einseitigen Truppenabzug
aus
Europa in Erwägung ziehen, der amerikanischen Führungsrolle in Europa und
sogar in der gesamten Welt Schaden
zufügt.
Es ist jetzt an der Zeit,
unsere Entschlossenheit
zur Unterstützung unserer Verbündeten zu bekräftigen und nicht, unsere grundsätzliche Verpflichtung für die Zukunft
Europas
zu
schwächen,
die
schließlich
auch
eine
feste Verpflichtung für die Zukunft der Vereinigten Staaten ist.
Lassen Sie mich schließen, indem
ich noch einmal wiederhole, was meiner Überzeugung nach die grundlegende
Wahrheit über das westliche Bündnis
ist. Es sind nicht einfach Territorium oder wirtschaftliches Wohlergehen, die durch unsere Verteidigungsaufwendungen erhalten werden sollen,

- 5 -

�sondern es ist die Freiheit für uns
und die westliche Zivilisation. Wir
sollten uns fragen, warum die NATO
geschaffen wurde.
Würden wir nicht
im Ausland
durch
die
sowjetische
Ideologie herausgefordert, die die
Idee der Freiheit an sich als Täuschung und Bedrohung betrachtet, dann
hätten wir den heutigen Tag mit anderen Dingen verbringen können, als
über das NATO-Bündnis zu diskutieren.
Wenn wir nicht im Inland von den
Kräften der Vergeßlichkeit, Unwissenheit
und Demagogie
herausgefordert
würden, dann könnten wir uns alle den
Luxus des Ausspannens gönnen.
Aber
diese Bedrohungen existieren, und sie
weisen mich darauf hin, daß der einzige Weg zur Bewahrung all dessen,
was die westliche Zivilisation uns
gegeben hat, in der Bereitschaft zur
Verteidigung dieser Ideen der Freiheit und der Gleichheit bestehen muß,
welche die Demokratie möglich machen,
genauso wie diese von all unseren
Vorfahren verteidigt wurden - die uns
das hinterließen, was viele zerstören
würden.
Verteidigung ist in einer Demokratie niemals populär, und sie ist
sicherlich nicht billig.
Aber wenn
Sie der Meinung sind, die Verteidigung sei teuer, dann denken sie einen
Augenblick lang an die Kosten einer
Niederlage.
Verteidigung wird von
uns verlangt, und ich danke Ihnen allen für Ihren Beitrag dazu, daß die
Freiheit in dieser gefährlichen Welt
überlebt.

* * * * *

�^° s ^

AMERIKA DIENST
Dokumentation
13. Mai 1987

18

AMERIKANISCHER VERTRAGSENTWURF FORDERT EINSCHNEIDENDEN ABBAU
VON OFFENSIVWAFFEN
- Pressekonferenz mit Botschafter Lehman GENF - (AD) - Nach der Vorlage des amerikanischen Vertragsentwurfs bei
den Verhandlungen über die Verringerung strategischer Rüstungen (START) am 8.
Mai 1987 erklärte der amerikanische Chefunterhändler, Botschafter Ronald
Lehman, die Vereinigten Staaten wünschten, gemeinsam mit der Sowjetunion Anstrengungen zu unternehmen, um einen endgültigen Vertrag "auszuarbeiten und
dann abzuschließen", der bis Ende des Jahres zu einer SOprozentigen Reduzierung strategischer Offensivwaffen führen würde. Der Vertrag umfaßt Botschafter Lehman zufolge "die verschiedenen, bereits bekannten Bereiche, in denen
entweder Übereinstimmung oder Uneinigkeit besteht, befaßt sich jedoch ausführlich mit Regeln für eine Zählweise, mit Definitionen, Verifizierung und zusätzlichen Beschränkungen".
Nachfolgend drucken wir den Text der Eingangserklärung Botschafter Lehmans
sowie die darauffolgende Pressekonferenz im Wortlaut:
LEHMAN: Wie Präsident Reagan am
Montag betonte, räumen die Vereinigten Staaten der Erlangung bedeutender
und stabilisierender Reduzierungen in
den Arsenalen nuklearer Offensivwaffen sowohl der Vereinigten Staaten
als auch
der
Sowjetunion
höchste
Priorität ein. Sie werden sich daran
erinnern, daß die Vereinigten Staaten
kürzlich einen Vertragsentwurf vorgelegt haben, der sich mit nuklearen
Mittelstreckenraketen
beschäftigte.
Wir haben jetzt gemäß den Anweisungen
des Präsidenten hier und heute in
Genf einen Vertragsentwurf vorgelegt,

United States Information Service
Embassy of the United States of America

der eine 50prozentige Reduzierung der
strategischen
Offensivwaffen
beider
Seiten vorsieht. Die Vorlage dieses
Vertragsentwurfs zur Reduzierung und
Beschränkung von Nuklearwaffen interkontinentaler Reichweite bedeutet für
die Verhandlungen über die Verringerung
strategischer
Rüstungen
einen
wichtigen Schritt nach vorn.
Im Verlauf der letzten Runde der
START-Verhandlungen
haben die Vereinigten Staaten und die Sowjetunion
erfolgreich damit begonnen, für die
Schlüsselelemente
eines
zukünftigen

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.: 0228-339 2035
Telex: 8-85432

�START-Vertrages
eine
gemeinsame
Sprachregelung
zu
entwerfen.
Die
Grundzüge eines START-Vertrages sind
beiden Seiten klar.
Jetzt ist die
Zeit gekommen, um den Vertrag selbst
auszuhandeln, wir haben bereits viel
erreicht.
Wir
unterschätzen nicht
die noch bestehenden Schwierigkeiten
oder die zu überwindenden Hindernisse.
Sie liefern uns umso mehr einen
Grund zur Verdopplung unserer Bemühungen um eine Beilegung der verbleibenden Differenzen.
Das wichtigste dieser noch bestehenden Probleme ist das der besonderen Beschränkungen für Gefechtsköpfe
auf ballistischen Raketen, die notwendig sind, damit einschneidende Reduzierungen auf sichere Art und Weise
stattfinden können.
Die Vereinigten
Staaten haben eine Reihe solcher Beschränkungen vorgeschlagen, die den
von der Sowjetunion bei diesen Verhandlungen unterbreiteten ähneln, von
ihr aber im vergangenen Herbst wieder
zurückgezogen wurden.
Ein Vertrag,
der solche besonderen Beschränkungen
für Gefechtsköpfe ballistischer Raketen vorsähe, läge im Interesse beider
Seiten.
Die Vereinigten Staaten sind der
Ansicht, daß ein START-Vertrag zur
Verbesserung der Sicherheit der gesamten Menschheit noch vor Ende dieses Jahres ausgehandelt werden könnte. Wir blicken auf die Sowjetunion,
daß sie jetzt gemeinsam mit uns einen
endgültigen START-Vertrag ausarbeitet
und dann abschließt, der bis Ende des
Jahres zu einer wirkungsvoll verifizierbaren
50prozentigen
Reduzierung
strategischer
Offensivwaffen
führen
würde.
FRAGE:
Wenn es noch vor Ende
des Jahres zu einem Vertrag kommt,
was wird dann mit der Strategischen
Verteidigungsinitiative (SDI) gesche-

hen?
ANTWORT:
Wie Sie wissen, werden die mit SDI im Zusammenhang stehenden Fragen von Botschafter Kampelman und seinem Vertreter, Botschafter
Cooper, im Rahmen der Gespräche über
Verteidigungs- und
Weltraumwaffen
verhandelt. Bei diesen Verhandlungen
haben wir neue Vorschläge unterbreitet und versucht, auf sowjetische Anliegen einzugehen.
Aber, wie Sie
wissen, sind wir der Ansicht, daß
diese wichtigen und stabilisierenden
Reduzierungen strategischer Offensivwaffen nicht als Geisel für andere
Verhandlungen dienen sollten.
FRAGE:
Aber die Sowjets koppeln weiterhin die beiden Bereiche,
Verhandlungen über strategische Waffen und SDI.
ANTWORT:
Und
daraus
erwuchs
ein Hindernis.
Aber wir versuchen,
auf ihre Anliegen einzugehen.
Botschafter Kampelman hat einen neuen
Vorschlag eingebracht, aber wir glauben, daß es einen umfangreichen Komplex von internationalen und von Vertragsgesetzen gibt, die sich mit Verteidigungssystemen befassen. Aber wo
sind die bestehenden Verträge, die
sich mit Offensivwaffen beschäftigen?
Wir brauchen einschneidende Reduzierungen bei Offensivwaffen - das ist
unsere höchste Priorität. Wir glauben, daß die sowjetische Besorgnis
ungerechtfertigt
ist,
bemühen
uns
aber trotzdem, auf ihre Anliegen einzugehen.
FRAGE:
Haben die Sowjets heute
irgendeine Reaktion gezeigt, nachdem
Sie den Entwurf vorgelegt haben?
ANTWORT:
Sie haben eine Stellungnahme abgegeben.
Ich glaube, es
wäre nicht angebracht, meinerseits
einen Kommentar zu ihrer Stellungnah-

- 2 -

�me abzugeben. Aber es war eine sehr
konstruktive
und
produktive
erste
formelle Zusammenkunft unserer Gruppe.

FRAGE:
In
welche
Kategorie
fallen nun die SS-18 und SS-19?

FRAGE:
Die
Zahlen
in
Ihrem
Vertrag - stimmen sie mit den von
Präsident Reagan in seiner Erklärung
von Montag erwähnten überein?

ANTWORT:
Sie fallen unter die
Zahl der 1 650, jedenfalls die SS-18;
die SS-19 fällt unter die 3 300,
nicht unter die 1 650.

ANTWORT:
Ja, das tun sie. Der
Vertrag umfaBt die verschiedenen, bereits bekannten Bereiche, in denen
entweder Übereinstimmung oder Uneinigkeit besteht, befaßt sich jedoch
ausführlich mit Regeln für eine Zählweise, mit Definitionen, Verifizierung und zusätzlichen Beschränkungen.
Grundsätzlich ist vorgesehen, daß es
nicht mehr als 1 600 Trägersysteme
für strategische Waffen und nicht
mehr als 6 000 Gefechtsköpfe der betreffenden
Kategorie geben sollte.
Und wir haben vorgeschlagen, daß es
Untergrenzen geben sollte von 4 800
Gefechtsköpfen auf ballistischen Raketen, 3 300 Gefechtsköpfen auf Interkontinentalraketen
(ICBM)
und
1 650
Gefechtsköpfen
auf
schweren
ICBMs und anderen gefährlichen und
mit
Mehrfachgefechtsköpfen
ausgerüsteten ICBMs.

FRAGE:
Wie sieht
der Vereinigten Staaten
Abschaffung aus?

FRAGE:
Könnten Sie die untergrenzen, besonders bei der letzten
Kategorie, erklären?
ANTWORT:
Es
sind
die
klassischen Untergrenzen, wie sie allgemein bekannt sind;
sie wurden, wie
Sie sich erinnern werden, im SALT IIVertrag auf Trägersysteme angewandt.
Das heißt hier, es gibt eine Anzahl
von 6 000, von denen nicht mehr als
4 800 auf Gefechtsköpfe ballistischer
Raketen, nicht mehr als 3 300 auf
ICBMs und nicht mehr als 1 650 auf
diese gefährlichen
ICBMs entfallen
dürfen. So sieht der Prozeß aus. Er
ist dem von SALT II und auch dem in
SALT I vereinbarten Prozeß ähnlich.

die Haltung
zur völligen

ANTWORT:
Beide
Seiten
haben
als Ergebnis unseres Treffens in Moskau vereinbart, jetzt im Moment die
Frage von Reduzierungen beiseite zu
stellen, die höher als 50 Prozent
liegen und sich vielmehr auf Reduzierungen von 50 Prozent zu konzentrieren,
ich möchte bemerken, daß ein
Abbau von 50 Prozent eine beträchtliche Leistung ist, und ich glaube,
daß dies ein Bereich ist, über den
wir sicher vor Ende des Jahres verhandeln könnten.
FRAGE:
Wie viele Seiten umfaßt
der amerikanische Vertragsentwurf?
ANTWORT:
Das hängt vom Format
ab, aber es sind ungefähr 40 Seiten.
In der Form, wie wir ihn übergeben
haben, vielleicht etwas weniger.
FRAGE:
Es tut mir leid, daß
ich nochmals auf diesen Punkt zurückkomme, aber wie können Sie angesichts
der festen sowjetischen Haltung zu
SDI optimistisch darüber sein, daß
sie diese bis Ende des Jahres überwinden werden?
Ziehen sie die Möglichkeit in Betracht, diesen Bereich
möglicherweise
mit
den
Gesprächen
über Verteidigungs- und Weltraumwaffen in Zusammenhang zu bringen?
ANTWORT:
Nein, ich glaube, wir
wären dafür, daß ein Abkommen, wenn
es in einem Bereich erzielt wird, an-

- 3 -

�gewandt werden sollte; wenn es in
zwei Bereichen erzielt wird, sollte
es angewandt werden, und wenn es in
drei Bereichen von beiden Seiten Zustimmung findet, sollte es dort angewandt werden.
Aber wir sind nicht
der Ansicht, daß eine Gruppe als Geisel für eine andere benutzt werden
sollte.
Ich würde vorschlagen, daß
Sie beim nächsten Mal, wenn Sie mit
Botschafter
Kampelman
oder
seinem
Stellvertreter, Botschafter
Cooper,
zusammentreffen,
sprechen
sollten.
Aber im Bereich der Verteidigungsund Weltraumwaffen wurden beträchtliche Fortschritte erzielt. Wir sind
von der wesentlichen Frage aber noch
weit entfernt, die lautet, ob ein lebensfähiges, erfolgreiches und dynamisches
SDI-Programm
weiterbestehen
kann oder nicht. Wie Sie wissen, hat
die Sowjetunion einen Vorschlag unterbreitet, der im wesentlichen die
gesamte Forschung im Bereich des SDIProgramms abwürgen würde, d.h., im
wesentlichen die gesamte Forschung,
die im Rahmen des SDI-Programms Erfolg zeitigt.
Das geht über alles
weit hinaus, was im ABM-Vertrag vereinbart wurde, nach jedweder Definition.
FRAGE:
Sind Sie zu
chen Konzessionen bereit?

irgendwel-

ANTWORT:
Ich denke, Sie sollten mit Botschafter
Kampelman und
Botschafter Cooper sprechen. Ich bin
bereit, auf einige dieser Bereiche
einzugehen, aber ich würde es vorziehen, unseren Schwerpunkt auf die Gespräche über strategische Waffen zu
legen, weil dies mein Gebiet ist.
FRAGE:
Haben Sie
irgendwelche
Hinweise von sowjetischer Seite, daß
sie
einen
eigenen
Vertragsentwurf
vorlegen werden?
ANTWORT:

Wir

haben

sie

aufge- 4

fordert, gemeinsam mit uns beim Prozeß der Ausarbeitung eines Vertragsentwurfs zu arbeiten, und sie standen
dem nicht negativ gegenüber.
FRAGE:
Ist der Entwurf vollständig oder gibt es noch Lücken?
ANTWORT:
Wie immer gibt es einige Bestimmungen, bei denen man mit
der
anderen
Seite
zusammenarbeiten
möchte, als Teil des Verhandlungsprozesses. Das war immer in allen bisher
niedergelegten
Verträgen
der
Fall. Es gibt Dinge - zum Beispiel
die Nachfolgedokumente, wie etwa Protokolle - die wir noch nicht in Angriff genommen haben. Wie Sie wissen, haben wir bei den Verhandlungen
über
Mittelstreckenwaffen
erst
in
jüngster Zeit die zu diesem Vertrag
gehörenden Protokolle und Memoranda
vorgestellt.
FRAGE:
Hier
in dieser
Übersicht heißt es, daß die 50prozentigen
Reduzierungen
bis Ende 1991 abgeschlossen sein sollten.
Sie haben
gesagt, dies würde im Zeitraum von
sieben Jahren geschehen; die Sowjets
sagen, innerhalb von fünf Jahren.
Wenn ich bei 1987 anfange zu zählen,
komme ich auf vier Jahre. Können Sie
das erklären?
ANTWORT:
Sie haben Recht.
Der
ursprüngliche amerikanische Vorschlag
für den Zeitabschnitt der Reduzierung
wurde vor einigen Jahren unterbreitet
- als er acht Jahre umfaßte. Aber
danach hielten wir Verhandlungen ab,
bei denen beide Seiten über die Möglichkeit von zwei Phasen sprachen:
einem ersten Zeitabschnitt von fünf
Jahren und einer zweiten Phase von
fünf Jahren.
Wir haben vorgeschlagen, daß wir uns auf die ersten fünf
Jahre konzentrieren sollten und, daß
wir, um es beiden Seiten einfacher zu
machen, diesen Zeitabschnitt der Re-

�duzierung auf sieben Jahre ausdehnen
sollten. Wie Sie wissen, ist einer
der beide Seiten entzweienden Schlüsselbereiche das Problem der Untergrenzen von Gefechtsköpfen auf ballistischen
Raketen.
Offen
gesagt
glauben wir, daß sie ihre Vorschläge
aus taktischen Gründen zurückgezogen
haben. Trotzdem versichern sie, daß
unsere untergrenzen, obwohl sie den
vorherigen
sowjetischen
Vorschlagen
sehr ähnlich sind, bei ihnen Probleme
der Strukturierung aufwerfen.
Wenn
dadurch
innerhalb von fünf Jahren
Probleme in der Strukturierung entstehen, sollte es innerhalb von sieben Jahren für sie einfacher sein,
diese beizulegen.
Ich glaube, daß
dies nützlich für beide Seiten ist.
Natürlich haben uns die Sowjets, als
wir vor einiger Zeit acht Jahre vorschlugen, bedeutet, daß dies sehr zufriedenstellend sei.
FRAGE:
Es tut mir leid, wenn
ich diese Zahlen nur schwer verstehe...
Die schweren
landgestützten
Interkontinentalraketen, die die Vereinigten Staaten als einen der gefährlichsten Bestandteile der sowjetischen Streitkräfte ansehen - meinen
Sie die, wenn sie von Untergrenzen
sprechen; bilden sie das Kernstück
des Problems?
ANTWORT:
Im
Augenblick
haben
wir Fortschritte in diesem Bereich
erzielt. Die Sowjetunion hat der untergrenze bei Gefechtsköpfen auf ballistischen Raketen bei den Gefechtsköpfen auf schweren ICBMs nicht zugestimmt, aber sie war grundsätzlich
einverstanden, ihre schweren ICBMs um
die Hälfte abzubauen.
Daraus würden
sich unserer Ansicht nach 1 500 Gefechtsköpfe auf schweren ICBMs ergeben. Wir sind bereit, ihnen mehr zuzugestehen - 1 650. Aber diese Untergrenze würde nicht nur ihre derzeitigen schweren ICBMs, die SS-18,

betreffen, sondern auch
ihre, mit
zehn
Gefechtsköpfen
ausgestatteten
neuen SS-X-24, wenn diese stationiert
sind. Aber unsere Untergrenze würde
auch
die amerikanische
PEACEKEEPER
oder MX-Rakete betreffen.
Ihre Untergrenze wäre also etwas niedriger,
beträfe aber nur den einen Typ der
SS-18; unsere träfe sowohl auf ihre
SS-18 und SS-X-24, aber auch auf unsere
eigenen
MX-Raketen
vom
Typ
PEACEKEEPER zu.
FRAGE:
erwähnt?

Wird

die

Verifizierung

ANTWORT:
Sicher.
Wenn Sie den
letzten Satz anschauen, heißt es dort
"wirkungsvoll
verifizierbar".
Und
lassen Sie mich sagen, daß sich ein
wichtiger Teil des Vertrages mit wirkungsvoller
Verifizierung
beschäftigt, und zahlreiche Dokumente, zu
denen es Fragen gab und die später
vorqelegt werden - die weniger unerläßlichen, aber immer noch sehr wichtigen Dokumente, wie Protokolle und
Vereinbarungen - gehen ebenfalls auf
Einzelheiten der Verifizierung ein.
FRAGE:
Verifizierung
auf
selbe Art und Weise wie bei INF?

die-

ANTWORT:
Das
ist nicht
ganz
dasselbe, aber es gibt Ähnlichkeiten.
In unserem Vertrag gibt es viele Ähnlichkeiten mit dem INF-Vertrag.
Ich
würde annehmen, daß INF und START
sich in nächster zeit in ungefähr
demselben
fortgeschrittenen
Stadium
befinden werden.
FRAGE:
U-Boote
und Verifizierung - ist dies nicht eher schwieriger?
ANTWORT:
Ja, das stimmt, obwohl wir über die Jahre hinweg Verfahren entwickelt haben, mit denen
wir U-Boote in ihren Häfen beobach-

- 5 -

�ten.
Wenn sie sich einmal auf See
befinden, dann sehen wir - beide Seiten - sie natürlich nicht mehr. Wir
versuchen aber, die U-Boote in ihren
Häfen zu beobachten.
Sie haben jedoch Recht damit, daß wichtige Verifizierungsprobleme
bestehen,
die
nicht nur U-Boote sondern auch andere
Fragen betreffen, und wir haben mit
diesem Vertragsentwurf einige innovative Vorschläge unterbreitet.
FRAGE:
Erlaubt Ihr Vertrag unangekündigte Inspektionen vor Ort zur
Vermeidung jeglichen Betrugs?
ANTWORT:

Ja.

FRAGE:
Nach
Reykjavik
haben
die Vereinigten Staaten in Wien die
Sowjetunion beschuldigt, ihre Zustimmung bei den Untergrenzen zurückzunehmen. Sind Sie heute der Meinung,
daß die Russen sich auf dem Weg zurück zu den Vereinbarungen von Reykjavik befinden, oder hat das letzte
Zusammentreffen
in Moskau gezeigt,
daß sie immer noch ihre Positionen
von Wien vertreten?
ANTWORT:
Sie haben ihre Position etwas verdeutlicht. Lassen Sie
mich dies erklären.
In den ersten
Wochen nach Reykjavik war keine Rede
von einer Absage an die untergrenzen;
erst am 7. November 1986 erfuhren wir
durch ihren neuen Vorschlag, daß sie
ihre beiden hauptsächlichen Vorschläge zu den untergrenzen fallengelassen
hatten. Erst dann erfuhren wir - eigentlich zwei Tage davor -, daß sie
während
des
Shultz-SchewardnadseTreffens in Wien behaupteten, wir
hätten diese Untergrenzen in Reykjavik fallengelassen. Und selbstverständlich
erklärten wir, daß dies
nicht stimmt; diese Behauptung kam
für uns völlig überraschend. In Moskau behaupteten sie, daß wir sie tatsächlich
nicht
nur
fallengelassen

hätten, sondern auch, daß wir dies
deshalb getan hätten, um die Zählweise von Bombern durchzusetzen, wie sie
in Reykjavik vereinbart wurde. Nun,
dies ist eine neue Variante des Arguments, die gleichermaßen falsch ist.
Wir haben unseren Vorschlag von Untergrenzen in Reykjavik nicht fallengelassen; es war ja gerade der Fortschritt bei den Untergrenzen, der zu
Reykjavik führte. Und wir haben sie
nicht einseitig oder als Teil eines
Kompromisses oder Tauschhandels fallengelassen.
Meiner
Meinung
nach
weiß die Sowjetunion, was sie zur Erreichung eines START-Abkommens zu tun
hat.
FRAGE:
Sie
haben
früher
gesagt, daß die Möglichkeit bestünde,
einen Vertrag in diesem Jahr auszuhandeln.
Könnten Sie das etwas genauer ausführen - worauf gründet sich
Ihr Gefühl, daß Sie bis zum Ende des
Jahres 1987 einen Vertrag aushandeln
könnten?
ANTWORT:
Die zentralen noch zu
lösenden Probleme, wie etwa die Untergrenzen, sind nicht so zahlreich.
Was die letzte Runde und unsere Erfahrungen bei der gemeinsamen Arbeit
am Entwurf angeht, so muß ich meinen
sowjetischen Kollegen ein Kompliment
aussprechen. Gerade in dieser Runde
haben , sie
eine
sehr
nüchtern-geschäftsmäßige
Haltung gezeigt, und
wir waren in der Lage, eine Reihe der
bei einem solchen Entwurf auftretenden
Schwierigkeiten
auf geschäftsmäßige und effiziente Weise zu lösen.
Das hat uns davon überzeugt, daß die
Zeit für den Entwurf eines Vertrages
gekommen war; es war der logische
nächste Schritt. Das heißt, daß wir
jetzt noch eine Reihe großer Probleme
und vieles die Sprachregelung des
Vertrags
Betreffende lösen müssen,
aber wir sind davon überzeugt, daß
dies sowohl bei INF wie auch bei

�START möglich ist. Und obwohl tatsächlich einige wichtige Unterschiede
zwischen INF und START bestehen, gibt
es auch sehr viele Ähnlichkeiten.
Und deshalb werden Fortschritte in
einem auch Fortschritte im anderen
Bereich nach sich ziehen. Wenn wir
einen INF-Vertrag zuerst abschließen
- schön. Wenn wir einen START-Vertrag zuerst fertigstellen - schön.
Wenn wir beide zugleich fertigstellen
- auch schön. Das ist unsere Politik.
FRAGE:
Glauben
Sie, daß auch
nur die Möglichkeit besteht, einen
START-Vertrag vor einem INF-Vertrag
auszuhandeln?
ANTWORT:
Das hängt davon ab wir sollten anerkennen, daß mein Kollege, Botschafter Glitman, einige Wochen länger an diesem Prozeß arbeitet
und und daran erinnern, daß seine
Verhandlungen etwa sechs oder acht
Monate eher begonnen haben. Trotzdem
haben sich die Unterschiede enorm
verringert und könnten in den kommenden Wochen und Monaten weiter reduziert werden. Am Ende könnte es meiner Meinung nach von den speziellen
Problemen abhängen, wodurch jede dieser Verhandlungen
verzögert werden
könnte.
FRAGE:
Könnten
Sie irgendwelche Probleme nennen, die Ihrer Meinung nach beim Vertragsentwurf für
START, wie gegenwärtig bei INF, zu
Kontroversen
mit
den
europäischen
NATO-Verbündeten führen werden?
Ich
denke dabei speziell an die Frage, ob
den Russen Raum für eine Einbeziehung
der britischen und französischen Abschreckungspotentiale
und
ihre Anrechnung
bei
den
Gesprächen
über
strategische Waffen gegeben wird?
ANTWORT:
Ich glaube, bei START
haben wir die Frage der britischen
und französischen Streitkräfte ein-

deutig hinter uns gelassen. ich unterschätze aber nicht Talent und Fähigkeiten
der
sowjetischen
Seite,
Probleme erneut aufzuwerfen und Keile
zwischen uns und unsere Verbündeten
zu treiben. Lassen Sie mich aber erklären, daß ich gegenwärtig keinerlei
Probleme beim START-Vertrag sehe, die
speziell
bei
unseren
europäischen
Verbündeten große Sorgen hervorrufen
könnten.
Aber vergessen Sie nicht,
daß insgesamt die Debatte über INF
mit der Frage der Koppelung zusammenhängt. Und die Menschen sollten sich
fragen: Woran sind Sie angekoppelt?
Und die Antwort lautet: Sie sind an
den amerikanischen nuklearen Schutzschild angekoppelt, und bei START
verhandeln
wir
über
den
amerikanischen nuklearen Schutzschild. Deshalb glaube ich, daß unsere Verbündeten wünschen, daß wir ein gutes, solides
START-Abkommen
erzielen, und
ich habe von all unseren NATO-Verbündeten, mit denen wir gesprochen haben, nur die stärkste Unterstützung
erhalten.
FRAGE:
Wenn Sie so optimistisch über den START-Vertrag denken,
warum haben Sie dann mit den Verhandlungen nicht früher begonnen, am 23.
April, wie dies die Sowjets wollten?
Warum haben Sie erst am 5. Mai angefangen?
ANTWORT:
Dafür
gab
es
eine
Reihe von Gründen, von denen nicht
alle inhaltlicher Art sind.
Zu den
Gründen gehörte, daß wir am STARTVertrag arbeiteten und dann mittendrin plötzlich nach Moskau reisen
mußten.
Und dann treffen Sie die
Wahl: Sollte ich nach Moskau reisen
oder zuhause bleiben und an meinem
START-Vertrag
arbeiten?
ich
entschied mich dafür, nach Moskau zu
fahren.
* * * * * *

�reo s&gt;

VON

AMERIKA DIENST
Wirtschaft

*

13. Mai 1987

18
USA ERNEUERN FORDERUNG NACH WIRTSCHAFTLICHEN IMPULSEN
DURCH JAPAN UND DIE BUNDESREPUBLIK DEUTSCHLAND

Rede von Finanzminister Baker bei OECD-Ministertreffen -

PARIS - (AD) - Dem amerikanischen Finanzminister James Baker zufolqe könnten Japan und die Bundesrepublik Deutschland mehr tun, um der Weltwirtschaft
Impulse zu geben.
In einer Rede beim Min ister treffen der Organisation für
wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) in Paris erklärte Baker
am 12. Mai 1987, daß "Länder mit geringer oder gar keiner Inflation und niedrigen privaten Investitionsraten vielleicht ihre Geldpolitik lockern sollten,
um das Binnenwachstum anzukurbeln". Industrieländer, die das Gleichgewicht im
Haushaltsbereich wiederhergestellt haben, insbesondere Japan und die Bundesrepublik, "sollten ihre Sparpolitik einer Überprüfung unterziehen".
Bakers Rede hat folgenden Wortlaut:

Herr Vorsitzender, Generalsekretär Paye, verehrte Kollegen:
Beurteilung der Fortschritte
Als ich vor zwei Jahren zum ersten Mal die Ehre hatte, vor dieser
Gruppe zu sprechen, schlug ich eine
Partnerschaft
des
Wachstums
vor.
Heute, so glaube ich, kann diese
Partnerschaft schon auf mehrere Leistungen
zurückblicken.
Sicherlich
bleibt uns noch mehr zu tun - und ich
werde mich mit diesen Punkten gleich
auseinandersetzen -, aber lassen Sie
uns zuerst eine Bestandsaufnahme dessen vornehmen, was wir erreicht haben.

United States Information Service
Embassy of the United States of America

Das Wichtigste zuerst: Die OECDLänder befinden sich heute im fünften
Jahr des wirtschaftlichen Wachstums und damit ist dies eine der längsten
wirtschaftlichen Erholungsphasen der
Nachkriegszeit. Wir sollten uns auch
dadurch ermutigt fühlen, daß die Entwicklungsländer, insbesondere diejenigen, die kein öl exportieren, nun
ebenfalls an diesem Wachstum teilhaben,
im vorigen Jahr entwickelten
sich diese Entwicklungsländer durch-

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.: 0228-339 2035
Telex: 8-85432

�schnxttlich um 50 Prozent schneller
als der OECD-Durchschnitt, und die
Aussichten
sind
weiterhin vielversprechend.
Ebenfalls haben wir unsere Fortschritte gegenüber der Inflation konsolidiert.
Im vergangenen Jahr war
die Inflationsrate in den OECD-Staaten die niedrigste seit den sechziger
Jahren - und den Prognosen zufolge
werden die Preise in diesem und dem
nächsten Jahr nur zwischen 3 und 3,5
Prozent steigen. Wir dürfen uns jedoch nicht auf unseren Lorbeeren ausruhen. Wir können es uns nicht leisten, unsere hart erkämpften Fortschritte wieder
preiszugeben.
Ich
meine aber, daß noch vor einigen Jahren nur wenige unter uns daran geglaubt haben, daß wir solch große
Fortschritte gegen die Inflation erzielen würden, wie dies der Fall war.
Weiterhin sehen wir heute handfeste Beweise dafür, daß wir begonnen
haben, die außenwirtschaftlichen Ungleichgewichte zwischen den wichtigsten Industrieländer zu beseitigen.
Wir alle haben die Schlagzeilen vor
Augen, die sich mit nominellen Handelszahlen
beschäftigen.
Und doch
zeigen die Zahlen des tatsächlichen
Handelsvolumens, daß die Importe der
Bundesrepublik Deutschlands und Japans im vergangenen Jahr wesentlich
schneller wuchsen als ihre Exporte,
und daß ihre gegenwärtigen Leistungsbilanzüberschüsse real gesunken sind.
Was die Vereinigten Staaten angeht, so sind unsere Außenhandelsdefizite langsamer zurückgegangen als
wir erhofft hatten, aber das Handelsbilanzdefizit scheint sich im Verlauf
des vergangenen Jahres stabilisiert
zu haben, wenn man den Wert zugrundelegt.
Beim Handelsvolumen haben wir
bereits einen Umschwung festgestellt.

Auch beim Abbau des Haushaltsdefizits
machen
wir
Fortschritte
mehr, wenn ich das sagen darf, als
andere Länder dies bei der Förderung
des Wachstums tun. Unser Bundesdefizit betrug im Haushaltsjahr 1983 6,3
Prozent des Bruttosozialprodukts. Im
jetzigen Haushaltsjahr wird es voraussichtlich
3,9
Prozent betragen,
mit einem Rückgang von 40 Milliarden
Dollar
gegenüber
dem
vergangenen
Jahr.
Und im nächsten Jahr werden
wir voraussichtlich weitere Einsparungen vornehmen - Einsparungen von
mindestens
20
Milliarden
Dollar,
selbst wenn wir die Ausgabenkomponente der von den Demokraten unterbreiteten Haushaltsvorschläge zugrundelegen.
(Ich sage Ausgabenkomponente,
weil unserer Meinung nach Steuererhebungen kein Weg zur Verringerung unseres Defizits sind.) Und dies gilt
nur für den schlimmsten Fall.
Ich möchte außerdem darauf verweisen, daß unser allgemeines Staatsdefizit - einschließlich der Überschüsse
für die
Sozialversicherung
sowie die Regierungen der Bundesstaaten und Gemeinden - schon heute noch
niedriger liegen, als diese Zahlen
für das Bundesdefizit andeuten.
Das
allgemeine Defizit wird dieses Jahr
voraussichtlich
auf
lediglich
2,5
Prozent
des
Bruttosozialproduktes
fallen, eine Summe, die unter dem
OECD-Durchschnitt liegt.
Diese Kombination aus Defizitabbau und solidem Binnenwachstum steht
in scharfem Gegensatz zu den Vorgängen
in
den
Hauptüberschußländern,
Diese Staaten haben ebenfalls ihre
Haushaltsdefizite
verringert,
aber
sie haben währenddessen bei Binnenproduktion und Beschäftigun nur ein
träges Wachstum aufrechterhalten. Das
OECD-Sekretariat und der Internationale Währungsfonds (IWF) haben übereinstimmend
errechnet, daß während
die
amerikanische
Haushaltspolitik

�amerikanische
Haushaltspolitik
das
Binnenwachstum anqekurbelt hat, der
Abbau der Defizite in der Bundesrepublik Deutschland und Japan das Wachstum in den vergangenen vier bis fünf
Jahren behinderte.
Lassen Sie mich also erklären,
daß die Vereinigten Staaten eine umfassende Steuerreform sowie Reduzierungen der Spitzensteuersätze eingeführt haben, wodurch die Anreize, zu
arbeiten, sparen und investieren, gewachsen sind.
Obwohl einige wenige
unter den hier Anwesenden ebenfalls
Steuerabbau oder -reform in Erwägung
gezogen haben, ist es eindeutig, daß
auf der Angebotsseite ebenfalls noch
viel mehr getan werden kann und sollte.
Lassen Sie mich schließlich noch
die Fortschritte erwähnen, die wir
bei der internationalen wirtschaftlichen Zusammenarbeit erzielt haben.
In den vergangenen zwei Jahren haben
sich die Wechselkursrelationen zwischen den wichtigsten Währungen so
verschoben, daß sie heute die wirtschaftlichen Grunddaten besser widerspiegeln - und wir erwarten, daß diese Veränderungen zu unseren gemeinsamen Bemühungen zum Abbau der außenwirtschaftlichen
Ungleichgewichte
beitragen werden.
(Lassen Sie mich
ebenso erklären, was ich schon früher
gesagt habe:
Alle der in der G-7Gruppe
zusammengeschlossenen
Länder
sind der Überzeugung, daß ein weiterer Fall des Dollar gegenüber den
wichtigsten anderen Währungen kontraproduktiv sein könnte.)
Wir haben
uns ebenfalls dafür eingesetzt, unsere Vorkehrungen zur besseren Koordinierung
unserer
Wirtschaftspolitik
weiter zu entwickeln. Das Louvre-Abkommen
bedeutete
einen
wichtigen
Fortschritt in diesem Prozeß.
Tatsächlich

werden

auf

dem

noch

in diesem Frühjahr in Venedig stattfindenden Wirtschaftsgipfel die Finanzminister der G-7 den Staatschefs
über
ihre übereinstimmende
Haltung
bezüglich eines Prozesses zur Durchführung der politischen Koordinierung
Bericht erstatten.
Der Bericht wird
die mittelfristigen Ziele und Einschätzungen umreißen und damit als
Grundlage für die Bewertung von Politik und Leistung dienen. Er wird Indikatoren, einschließlich der Wechselkurse, vorleqen, die angewendet
werden sollen, um zu bestimmen, ob
die
gegenwärtigen
wirtschaftlichen
Entwicklungen im Einklang mit diesen
Zielen stehen, und der Bericht wird
grundlegende Regeln fixieren, um zu
entscheiden, wann Konsultationen zur
Absprache von Abhilfemaßnahmen notwendig sind.

Anstehende Aufgaben
Die von uns weiterhin zu bestehenden
Herausforderungen
müssen
im
gleichen Geist der Zusammenarbeit angegangen werden. Unsere Tagesordnung
ist eindeutig: Beschleunigung unserer
Fortschritte bei der Korrektur außenwirtschaftlicher
Ungleichgewichte,
weitere Behandlung der Schuldenprobleme der Entwicklungsländer und Widerstand
gegen
protektionistischen
Druck. Ich werde jeden dieser Punkte
für sich ansprechen.
Ich glaube, wir sind alle der
Meinung, daß die Vereinigten Staaten
nicht länger der übrigen Welt wirtschaftliche Impulse geben können, indem sie immer qrößere Leistungsbilanzdefizite
auftürmen.
Der
nun
schon seit 54 Monaten anhaltende Aufschwung in den Vereinigten Staaten
geht auf die Binnennachfrage zurück.
Dieses Jahr erwarten wir ein langsameres Wachstum der Nachfrage aus binnenwirtschaftlichen
Quellen.
Das

- 3 -

�amerikanische
Wirtschaftswachstum
wird sich zunehmend auf ein verstärktes Nettowachstum der Exporte gründen
müssen.
Für die Weltwirtschaft lautet die
Fraqe: Wenn die Vereinigten Staaten
nicht weiterhin den Löwenanteil am
Weltwachstum tragen können, wer wird
dann an ihre Stelle treten? Mein eigenes Denken in dieser Frage wird von
mehreren Gesichtspunkten geleitet.
Länder mit geringer oder gar keiner Inflation und niedrigen privaten
Investitionsraten sollten vielleicht
ihre Geldpolitik lockern, um das Binnenwachstum anzukurbeln.
Ich meine,
daß dies getan werden kann, ohne der
Inflation neuen Auftrieb zu verleihen. Industrieländer, die das Gleichgewicht im Haushaltsbereich wiederhergestellt haben, sollten ihre Sparpolitik einer Überprüfung unterziehen. Insbesondere Japan und die Bundesrepublik Deutschland haben erhebliche Fortschritte beim Abbau der
Haushaltsdefizite erzielt und besitzen jetzt breiten Raum zur Expansion.
Ich werde von den unlängst erfolgten
Erklärungen Japans ermutigt, wonach
dieses Land beabsichtigt, seine Wirtschaft anzukurbeln und größere Verantwortung bei der Aufrechterhaltung
des Wachstums der Weltwirtschaft zu
übernehmen.
Eine Reform der wirtschaftlichen
Struktur - auf die ich später näher
eingehen werde - kann ebenfalls dazu
beitragen,
indem
sie
künstliche
Schranken
zum
Wachstum
abbaut.
Steuerreformen sowie die Liberalisierung des Arbeits- und des Finanzmarktes sind drei Bereiche, in denen dies
angebracht wäre.
Die neuen Industrieländer (newly
industrialized
countries
NICs)
Asiens sind jetzt ebenfalls bereit,

mehr
Verantwortung
für
das Wirtschaftswachstum und das Handelssystem
zu übernehmen.
Sie sollten dafür
sorgen, daß ihre Währungen besser die
Grundzüqe der Wirtschaft widerspiegeln, und sie sollten ihren Verbrauchern einen größeren Anteil an ihrem
wirtschaftliche Erfolg zukommen lassen, indem sie ihre Märkte dem Außenhandel und Investitionen öffnen.
Der
Definition
nach
erfordert
eine Partnerschaft in Richtung auf
ein Wachstum gemeinsames Handeln und
gemeinsame Verantwortung. Keiner von
uns kann diese Dinge allein leisten.
Indem wir die Last der Anpassung auf
internationaler Ebene teilen, können
wir unsere Aufgabe auf politischer
Ebene
im Inland erleichtern.
Als
Mitglieder der Industrienationen haben wir alle die Pflicht, einen Beitrag zu leisten. Es gibt, um es offen zu sagen, keinen Ersatz für unsere Führungsrolle und unsere Zusammenarbeit .

Das internationale Schuldenproblem
Ich glaube, daß wir in den vergangenen Jahren auch erhebliche Fortschritte gemacht haben, was die Erleichterung
der
internationalen
Schuldenlast angeht. Sicherlich müssen wir noch mehr tun, und ich verstehe die Anstöße von manchen für
allumfassende
Lösungen.
Aber
ich
glaube, daß es eine solche allumfassende Lösunq nicht gibt.
Ein Problem, das sich über viele Jahre hinweg entwickelt hat, kann nur in vielen Jahren gelöst werden - und dies
nur mit Geduld und unter beständigen
Anstrengungen.
Das Programm für ein anhaltendes
Wachstum
bleibt die beste und am
besten anwendbare Strategie zur Erleichterung der Schuldenlast, und ich

�glaube, daß hier bereits beträchtliche
Fortschritte
erzielt
worden
sind. Am meisten fällt auf, daß die
Schuldnerländer
selbst eine marktorientierte
Reformpolitik
anwenden,
staatliche Unternehmen dem Wettbewerb
aussetzen, Preiskontrollen aufheben,
ihre Rücklaqen erhöhen und ein Umfeld
schaffen, in dem die Kapitalflucht
eingedämmt wird.
Tm vergangenen Jahr belief sich
das Wachstum in den Hauptschuldnerländern durchschnittlich auf 3,5 Prozent, die beste Rate der
letzten
sechs Jahre. Die Inflation ist seit
1985 um mehr als die Hälfte gefallen.
Die Kapitalflucht ist in vielen Ländern entweder zurückgegangen oder hat
sich umgekehrt.
Neun der 15 Hauptschuldnerländer erhielten oder verbesserten im Jahr 1986 ihr Verhältnis
der Schulden zum Bruttosozialprodukt.
Dies ist ein guter Anfang, aber
es bleibt noch mehr zu tun. Und ich
kann nicht genug auf die Reformen
hinweisen, die die
Schuldnerländer
selbst durchführen müssen. Diese Reformen bilden die unerläßliche Grundlage des zukünftigen Wachstums. Nur
Länder, die Möglichkeiten im Inland
schaffen, werden in der Lage sein,
Investitionen und Kapital zu gewinnen, die für ein Wachstum unerläßlich
sind.
Wir glauben, daß die Industrienationen weiter wachsen und ihre Märkte
offen halten müssen.
Der erhebliche
Rückgang der Zinssätze seit 1984 hat
in großem Maße dazu beigetragen, aber
die verhaltenen Aussichten für das
Wachstum der OECD und der steigende
Druck
des
Protektionismus
liefern
Grund zur Sorge. Ein stärkeres Wachstum der OECD bildet einen Schlüssel
für weitere Fortschritte, und nur,
indem wir offene Märkte erhalten,
können wir den Schuldnern helfen, ih-

re Schulden zu begleichen.
Der Internationale Währungsfonds
und die Weltbank leisten ebenfalls
den Regierungen, die eine Reformpolitik durchführen wollen, wichtige Hilfe.
Auch der Pariser Club und die
Handelsbanken haben in den vergangenen 18 Monaten Mittel zur Finanzierung bereitgestellt.
Ich erkenne natürlich, daß das
Tempo der Finanzierung durch die Geschäftsbanken Anlaß zu Kritik gegeben
hat.
Und im letzten Jahr waren die
Kredite
der
Banken
enttäuschend.
Aber der Fortschritt der letzten Wochen gibt uns erneut das Vertrauen,
daß wir auf dem richtigen Weg sind,
mit der Aussicht, den Hauptschuldnern
in diesem Jahr erhebliche neue Finanzierungsmittel
gewähren
zu können.
Jüngste Abkommen umfaßten neue Finanzierunqsmechanismen,
die
verdeutlichen, daß alle Seiten die Fähiqkeit
zu Innovation und Flexibilität besitzen.
Wir glauben, daß die Geschäftsbanken sich auf diese neuen Mechanismen
stützen
können.
Insbesondere
möchten wir sie ermutigen, bei den
Mitteln eine Liste alternativer Optionen
auszuarbeiten, aus der sie
wählen können, um die weitere finanzielle Unterstützung der Reformen in
den Schulderländern sicherstellen zu
helfen.

Protektionismus
Ich denke, wir alle wissen, daß
sich der protektionistische Druck in
den
Vereinigten
Staaten
verstärkt
hat.
Ein solcher Druck bedroht das
Welthandelssystem mehr, als dies in
den vergangenen 40 Jahren der Fall
war.
Wir haben diesem Druck widerstanden - und wir werden ihm auch

- 5 -

�weiterhin widerstehen - trotz des hohen politischen Preises.
Aber unsere Aufgabe wird sicherlich leichter, wenn wir Fortschritte
beim Abbau von Handelsschranken auf
internationaler Ebene erzielen können.
Wir können nicht den freien
Handel verteidigen, wenn andere Nationen darauf bestehen, ihre eigenen
Handelsschranken aufrecht zu erhalten. Das GATT-System - und die neue
Uruguay-Runde der Handelsgespräche bieten die beste Gelegenheit zur Lösung von Konflikten in Wirtschaft und
Handel. Die Stärkung von GATT sollte
bei uns allen einen hohen Stellenwert
haben.
Um uns dem Protektionismus in den
Vereinigten Staaten zu widersetzen,
brauchen wir auch auf internationaler
Ebene Fortschritte beim Abbau des Ungleichgewichts im Handel und in der
Leistungsbilanz.
Änderungen
der
Wechselkurse können dazu einen Beitrag
leisten, aber
sie
erfordern
Zeit, um sich auf Handelsstrukturen
auszuwirken, und
wir
wissen, daß
Wechselkurse allein das nicht leisten
können. Wir müssen ebenfalls gemeinsam - und frühzeitig - etwas unternehmen, um in anderen Ländern das
Wachstum zu stimulieren und Schranken
zu beseitigen.
Ich sollte hinzufügen, daß angesichts der Politik des Protektionismus eine Strategie, die sich des
langsamen Wachstums oder einer Rezession in den Vereinigten Staaten bedient, um das amerikanische Handelsbilanzdefizit abzubauen, ganz einfach
nicht funktionieren wird.
Ebensowenig würden wir dies als annehmebare
Handlungsweise betrachten.
Die Lösung liegt in stärkerem Wirtschaftswachstum, nicht
in weiteren wirtschaftlichen Opfern.

Zusammenfassung
Lassen Sie mich zusammenfassend
sagen, daß mir der Tenor dieser Diskussionen Mut macht. Ich glaube, daß
wir bereits Fortschritte erzielt haben, und ich denke, daß wir an einem
Konsens arbeiten, um weiter gehen zu
können.
Jeder von uns muß dabei eine
Funktion übernehmen.
Die Uberschußländer müssen eine Politik verfolgen,
die das Wachstum im Inland stimuliert.
Den NICs mit großen Überschüssen in Asien fällt eine neue
Verantwortung
zur
Erhaltung
eines
freien und offenen Handelssystems zu.
Die Hauptschuldnerländer sehen sich
der Herausforderung gegenüber, weiterhin eine Reformpolitik zu verfolgen, die ihre Länder zu Anziehungspunkten für Investitionen und Möglichkeiten machen. Und die Vereinigten Staaten müssen - und wollen weiterhin Fortschritte dabei erzielen, ihr Haushaltsdefizit abzubauen.
Es gibt wirklich keinen Ersatz für
unsere gemeinsame Führungsrolle.
Vielen Dank.

* * * * * *

�</text>
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dienet

U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

19

13. Mai 1992

5300 &amp;°°n

USA-EUROPA

DIE TRANSATLANTISCHEN BEZIEHUNGEN:
EINE STABILE GRUNDLAGE FÜR DIE ZUKUNFT
EUROPAS
Rede von Botschafter Kimmitt

KSZE

USA FORDERN EINSTWEILIGEN AUSSCHLUSS
SERBIENS AUS DER KSZE
Rede von Botschafter Kornblum beim
KSZE-Folgetreffen

UNRUHEN IN LOS ANGELES

BUSH: NACH AUSSCHREITUNGEN IN
LOS ANGELES "EHRLICHE AUSSPRACHE"
ERFORDERLICH
Videokonferenz mit Zeitungsverlegern
- Auszüge -

MEINUNGSUMFRAGEN ZUM KING-URTEIL
Große Mehrheit von Weißen und Schwarzen
gegen Freispruch

UMWELT

KLIMAKONVENTION FÜR GIPFEL
IN RIO VERABSCHIEDET
Abkommen soll Erderwärmung aufhalten

WAHLEN '92

ZWISCHENBERICHT ZU DEN WAHLEN '92
Anzahl der Delegierten und Ergebnisse
der Vorwahlen

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.:0228-3392372
Telex: 8-85432

�USA-EUROPA
13. Mai 1992

DIE TRANSATLANTISCHEN BEZIEHUNGEN:
EINE STABILE GRUNDLAGE FÜR
DIE ZUKUNFT EUROPAS
Rede von Botschafter Kimmitt
BONN - (AD) - In einer Rede vor der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität erörterte der Botschafter der
Vereinigten Staaten von Amerika in der Bundesrepublik Deutschland, Robert M. Kimmitt, am 6. Mai 1992 die
historische Übergangsphase, in der sich die transatlantische Gemeinschaft heute befindet und ging auf die
Institutionen, die die neue Sicherheitsarchitektur bilden, den Wiederaufbau der ehemaligen Sowjetunion und
Osteuropas sowie das amerikanische Engagement in den neuen Bundesländern ein.
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede von Botschafter Kimmitt im Wortlaut.

Einleitung
Es ist mir eine große Freude, heute die Rheinische
Friedrich-Wilhelms-Universität mit ihrer langen und
reichen Tradition herausragender akademischer Leistungen besuchen zu dürfen, und ich fühle mich geehrt, daß Sie mich eingeladen haben, heute abend
einen Vortrag zu halten. Das Nordamerika-Programm
dieser Universität genießt verdientermaßen den Ruf,
einer der besten Fachbereiche für Amerikanistik in
Deutschland zu sein. Professor Hönnighausen und
allen mit diesem wichtigen Programm betrauten Dozenten gebührt Lob. Ich möchte jedoch auch die
Studenten beglückwünschen, die ihr Examen im Rahmen
des Nordamerika-Programms ablegen. Wir wissen
die von Ihnen zur Vertiefung des Verständnisses meines
Landes geleistete Arbeit au ßerordentlich zu schätzen,
und Sie können unserer weiteren Unterstützung Ihrer
Bestrebungen versichert sein.
Für gewöhnlich halte ich Reden vor einem deutschen
Publikum in deutscher Sprache. Angesichts Ihres
besonderen Interesses an Nordamerika und Ihrer
Vertrautheit mit unserer Kultur und Sprache haben
Ihre Dozenten und meine Mitarbeiter mich jedoch
überzeugt, daß es angemessener wäre, meine Rede
heute abend auf englisch zu halten.
Einer der ersten und größten Philosophen und Staatsmänner meines Landes, Thomas Jefferson, war ein
beredter Befürworter der Bildung in einer Demokratie.
Jefferson war der dritte amerikanische Präsident und
Hauptverfasser unserer Unabhängigkeitserklärung einem der wichtigsten Dokumente der Menschheit zu
den Menschenrechten. Er war auch der Gründer einer
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unserer renommiertesten öffentlichen Universitäten,
der University of Virginia in meinem Heimatstaat. Als
Verfechter von Bildung als Grundstein politischer Freiheit
schrieb Jefferson, daß Freiheit und Ignoranz unvereinbar sind. Bildungsinstitutionen wie in Charlottesville
(Virginia) und Bonn sind daher das Kernstück unserer
jeweiligen demokratischen Systeme.
Bildungsinstitutionen sind auch das Kernstück unserer
Beziehungen als Nationen zueinander. Die jüngsten
deutschen Initiativen unter der Schirmherrschaft von
Bundeskanzler Kohl und Professor Werner Weidenfeld ermutigen amerikanische Studenten, mehr über
Deutschland und die Europäische Gemeinschaft zu
lernen. Zu diesen Initiativen zählen das Bundeskanzler-Stipendium, mit dem junge amerikanische Dozenten an deutsche Universitäten eingeladen werden und
die kürzlich an den drei führenden amerikanischen
Universitäten Harvard, Georgetown und der University
of California eingerichteten Centers of Excellence for
European Studies. Die Vereinigten Staaten begrüßen
Bildungsprogramme wie diese, denn sie führen uns
über die Ereignisse und Klischees des Alltags in die
höheren Sphären von Verständnis und Erfahrung.
Länder wie Deutschland und Amerika sind vielfältig
und komplex, häufig scheinbar widersprüchlich. Man
kann Länder und zahllose Fakten darüber kennen, sie
jedoch immer noch nicht verstehen. Verstehen erfordert Bemühungen und Studien, nicht nur der Sprache
eines Landes, sondern auch seiner historischen Entwicklung, der politischen und wirtschaftlichen Strukturen, philosophischer Traditionen, künstlerischer Leistungen und des sozialen Gefüges.

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�Die jüngsten Ausschreitungen in Los Angeles sind ein
anschaulicher - wenn auch tragischer - Beweis dieser
Tatsache. Sie demonstrieren, wie wir in den Vereinigten Staaten immer noch lernen, unsere unterschiedliche ethnische Herkunft mit unseren Grundrechten und
Pflichten als Bürger in Einklang zu bringen. Eines
unserer höchsten Ideale ist soziale Gleichberechtigung unabhängig von der Rasse, das wir sowohl in der
Praxis als auch im Grundsatz erzielen wollen.
Im Idealfall wird internationales Verständnis auch durch
die Erfahrung des Studiums, der Arbeit und des Aufenthalts in einem anderen Land erzielt, das heißt,
durch das Erlebnis neuer kultureller Voraussetzungen
und Verhaltensweisen über einen längeren Zeitraum
hinweg. Ich schätze mich glücklich, die Gelegenheit zu
solch einer Erfahrung in Deutschland in einer frühen
und formenden Phase meines Lebens gehabt zu haben.
Als junger Mann habe ich hier mehrere Jahre gelebt,
während mein Vater in den sechziger Jahren als
Offizier der US-Armee hier diente, und ich bin sehr
stolz, als Vertreter meines Landes hierhin zurückgekommen zu sein.
Heute abend möchte ich mit Ihnen die historische
Übergangsphase erörtern, in der sich unsere transatlantische Gemeinschaft jetzt befindet, die Institutionen, die die neue Sicherheitsarchitektur bilden, den
Wiederaufbau der ehemaligen Sowjetunion und Osteuropas und das amerikanische Engagement in den
neuen Bundesländern.
Zeit des Übergangs
Seit über vier Jahrzehnten arbeiten Westeuropa und
die Vereinigten Staaten zur Gewährleistung ihrer Sicherheit zusammen. Unsere Bestrebungen haben
mehr Früchte getragen, als die meisten von uns je zu
träumen gewagt hätte.
In der unmittelbaren Nachkriegszeit haben die Vereinigten Staaten Westeuropa gegen seine drängendsten Gegner verteidigt: "Hunger, Armut, Verzweiflung
und Chaos", wie es der damalige Außenminister George
C. Marshall bezeichnete, als er 1947 seinen berühmten Plan darlegte. Diese Rede wurde in der ältesten
Institution für Hochschulbildung der Vereinigten Staaten, der Harvard University, gehalten, eine Tatsache,
die das Beziehungsgeflecht in unserem demokratischen System zwischen Bildung, Freiheit und humanitärer Anteilnahme für die Bedürftigen unterstrich.
Der Marshallplan war die Saat der bemerkenswerten
Erholung Europas und insbesondere Westdeutschlands. Aufgrund der enormen Kreativität im Westen
Ende der vierziger und in den fünfziger Jahren wurden
Programme und Institutionen geschaffen, die frische
Wunden heilten, einen ehemaligen Gegner zu einem
starken Verbündeten machten und die stabile Grundlage der transatlantischen und Europäischen Gemeinschaft schufen. Im gesamten Verlauf des kalten

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Krieges haben sich die Vereinigten Staaten und ihre
westlichen Verbündeten standhaft dagegen gewehrt,
daß der Kommunismus sein Einflußgebiet ausweitete.
Ereignisse historischen Ausmaßes begannen im
November 1989 mit der Öffnung der Berliner Mauer
und erreichten ihren Höhepunkt im vergangenen Herbst,
als das kommunistische System in der Sowjetunion
zusammenbrach. Demokratische Werte triumphierten, gemeinsam haben wir den kalten Krieg gewonnen.
Jetzt stehen wir an einem besonders wichtigen Scheideweg in der Geschichte, da sowohl Europa als auch
die Vereinigten Staaten erwägen, wie sie am besten
bei der Gewährleistung unserer gemeinsamen Sicherheit, Freiheit und unseres Wohlstands für die Zukunft
zusammenarbeiten können. Die Herausforderungen,
mit denen wir uns heute bei der Umstrukturierung der
Sicherheitsordnung nach dem kalten Krieg konfrontiert sehen, sind unterschiedlicher Art, aber nicht weniger
wichtig oder einschneidend als diejenigen, denen sich
unsere Vorgänger nach dem Zweiten Weltkrieg gegenübersahen. Dieselbe Art der Kreativität wie nach
dem Zweiten Weltkrieg ist jetzt beim Aufbau der neuen
Institutionen erforderlich, die in der euro-atlantischen
Gemeinschaft von Vancouver bis Wladiwostok reichen werden. Wie am Ende des Zweiten Weltkriegs
müssen wir jetzt unsere ehemaligen Gegner in unsere
Gemeinschaft einbeziehen, indem wir ihnen und uns
gegenüber die Notwendigkeit betonen, unsere gemeinsamen Werte anzunehmen: Demokratie, Respekt für den einzelnen und Rechtsstaatlichkeit sowie
freie Marktwirtschaften.
Dennoch ist die Situation nicht identisch mit der in den
vierziger Jahren. Im Gegensatz zur unmittelbaren
Nachkriegszeit halten die Vereinigten Staaten weder
50 Prozent des Bruttosozialprodukts der Welt, noch
sind wir weltweit die einzige Atommacht. Unser bevorzugter Ansatz zur Verwirklichung dieses Ziels ist daher
eine Politik des kollektiven Engagements - die Länder
vereinigen ihre Ressourcen und Talente beim gemeinsamen Streben nach einer besseren Welt in Europa
und darüber hinaus.
Die wirklichen Bedrohungen der Sicherheit kommen in
diesem Jahrzehnt nicht von der klassischen Konfrontation zwischen Supermächten, sondern von der sich
aus dem Zusammenbruch des sowjetischen Imperiums, Revolutionen andernorts, der Weiterverbreitungvon Kernwaffen, Drogenhandel und - wie wir es im
Golfkrieg beobachten konnten - Umweltterrorismus
ergebenden Instabilität. Um uns gegen solche Gefahren zu wappnen, müssen wir alte multinationale Institutionen wie NATO, KSZE, die Europäische Gemeinschaft und die Vereinten Nationen mit neuem Leben
erfüllen und mögliche neue wie den Nordatlantischen
Kooperationsrat entwickeln. Wir müssen uns auch vor
Augen führen, daß die kulturellen, wirtschaftlichen und

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�handelspolitischen Aspekte unserer Beziehungen in
den kommenden Jahren zunehmend an Bedeutung
gewinnen, währen die transatlantischen Sicherheitsverbindungen so wichtig wie zuvor bleiben.
Institutionen für die neue Sicherheitsarchitektur
Wir haben heute das Glück, daß im Gegensatz zu vor
45 Jahren die Institutionen, die das Bollwerk unserer
multilateralen Bestrebungen bilden werden, bereits
existieren und erprobt sind, obwohl sie offensichtlich
an neue Gegebenheiten angepaßt werden müssen.
In gewissem Sinne kann die Konferenz für Sicherheit
und Zusammenarbeit in Europa, die KSZE, mit Stolz
für sich in Anspruch nehmen, den Rahmen für Ideale
zu bilden, in dem die Institutionen eher technischer
Natur richtig funktionieren können. Im Einklang mit
den Veränderungen in Europa setzten sich die Vereinigten Staaten neben anderen an führender Stelle
dafür ein, die KSZE von einem schlichten Prozeß zu
einer Institution umzuwandeln. Sie ist die einzige
paneuropäische und gleichzeitig transatlantische Institution mit 51 Nationen als Mitgliedern, die sich von
Vancouver bis Wladiwostok erstreckt.
Bei der Eröffnung des KSZE-Folgetreffens in Helsinki
im März legte der Stellvertretende Außenminister
Lawrence Eagleburger die amerikanische Sichtweise
unserer vier Punkte umfassenden Zielsetzung für die
KSZE in der Zeit nach dem kalten Krieg dar:
als Maßstab für die Bewertung der Einhaltung
von Demokratie und Menschenrechten zu dienen,
ein Forum für politische Konsultationen und
konzertierte Aktionen zur Bewältigung des
Wandels bereitzustellen,
als wichtigstes Forum für Gespräche über konventionelle Rüstungskontrolle in Europa zu dienen und
die Arbeit zum Aufbau demokratischer Institutionen und marktwirtschaftlicher Reformen zu
unterstützen.
Damit verkörpert die KSZE die von der euro-atlantischen Gemeinschaft angenommenen Werte und Ideale. Alleine ist die KSZE jedoch nicht in der Lage, auf all
die heute in Europa bestehenden Sicherheitsbedürfnisse einzugehen. Aus diesem Grund müssen wir uns
auf einen alten und erprobten Freund verlassen, die
Organisation des Nordatlantikvertrags.
Die NATO bildet nach wie vor den Eckpfeiler der
europäischen Sicherheit und spielt weiterhin eine
Schlüsselrolle bei der Stabilisierung ganz Europas.
Darüber hinaus ist die NATO die Verkörperung der
transatlantischen Verbindung zwischen Nordamerika

AMERIKA DIENST 19

und Europa, eine Verbindung, die in den kommenden
Jahrzehnten ebenso wichtig sein wird wie in der Vergangenheit.
Präsident Bush hat eindeutig klargestellt, daß die
Vereinigten Staaten eine europäische Macht sind und
bleiben werden. Als Reaktion auf das verbesserte
Sicherheitsumfeld in Europa reduzieren wir die amerikanischen Streitkräfte hier um die Hälfte. Wir werden
jedoch einsatzfähige amerikanische Streitkräfte in
Europa und Deutschland stationiert lassen, solange
unsere Verbündeten dies wünschen. Und obwohl es
in den Vereinigten Staaten in diesem Wahljahr eine
Debatte über die Zahl der verbleibenden Streitkräfte
geben könnte, wird eine glaubwürdige amerikanische
Präsenz in Europa von beiden Häusern des Kongresses nachhaltig unterstützt. Trotz der offenkundigen
Priorität, die amerikanische Wähler innenpolitischen
Problemen beimessen, machen sie deutlich, daß die
Vereinigten Staaten nicht in Isolationismus verfallen
dürfen, denn um zu Hause stark sein zu können,
müssen wir im Ausland stark sein.
Aus diesem Grund wird die NATO nicht nur die politischen Mechanismen und die militärische Hardware
zur Aufrechterhaltung einer starken und glaubwürdigen Verteidigung bereitstellen, sondern dank der ihr
eigenen Stärke die Führungsrolle übernehmen, um
maßgeblich zur Bewältigung des friedlichen Wandels
in Europa beizutragen. In diesem Zusammenhang
möchte ich einen starken Befürworter der NATO zitieren, der das Bündnis als "reine Verteidigungsgemeinschaft" beschrieben hat, "die dazu beigetragen hat
sicherzustellen, daß dieser Kontinent für nahezu ein
halbes Jahrhundert von Krieg verschont blieb". Diese
Worte stammen weder von einem Amerikaner, noch
einem Deutschen oder einem anderen NATO-Mitglied. Es sind vielmehr die Worte von Vaclav Havel,
dem Präsidenten der Föderation der Tschechischen
und Slowakischen Republik.
Einer der Hauptindikatoren der Fähigkeit der NATO,
sich an veränderte Gegebenheiten anzupassen, war
die Reaktion des Bündnisses auf den Wunsch der
Staaten des ehemaligen Warschauer Pakts und der
Sowjetunion, Verbindungen zur NATO aufzunehmen.
Auf der Grundlage einer von Außenminister Genscher
und seinem Amtskollegen Baker ins Leben gerufenen
Initiative gründete die NATO im vergangenen Herbst
den Nordatlantischen Kooperationsrat oder NAKR.
Der NAKR dient als Treffpunkt zwischen Ost und
West, um sowohl umfassende Sicherheitsfragen als
auch spezifische Verteidigungsangelegenheiten anzusprechen. Am 1. April dieses Jahres kamen die
Verteidigungsminister der NAKR-Staaten zum ersten
Mal zusammen, um einen Arbeitsplan für die Zukunft
zu entwerfen. Zu den wichtigsten Elementen des
Arbeitsplans zählt die Konversion der Rüstungsindu-

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�strie für zivile Zwecke sowie Hilfe bei der Integration
des Militärs in demokratische Gesellschaften in den
aufstrebenden Staaten Ost- und Mitteleuropas und
der ehemaligen Sowjetunion.
Ein anderer Weg, mit dem die NATO und damit die
europäische Sicherheit verbessert werden kann, besteht in der Stärkung einer europäischen Sicherheitsidentität. Die Vereinigten Staaten waren seit langem
ein Verfechter der europäischen Integration und haben
die Ergebnisse des Maastrichter Gipfeltreffens vom
vergangenen Dezember begrüßt. Eines der Schlüsselelemente des Integrationsprozesses ist die Entwicklung einer gemeinsamen Außen- und Sicherheitspolitik in der Europäischen Gemeinschaft.
Das NATO-Ministertreffen in Kopenhagen, der NATOGipfel in Rom und das Treffen in Maastricht haben die
Absicht Europas bekräftigt, die NATO als wichtigste
Sicherheitsorganisation in Europa aufrechtzuerhalten.
Die Vereinigten Staaten und die Europäische Gemeinschaft stimmen überein, daß die Entwicklung eines
starken europäischen Sicherheitspfeilers die NATO
ergänzen, nicht mit ihr konkurrieren sollte. Bei der
Verfolgung dieses gemeinsamen Ziels müssen wir
eine Nullsummenanalyse entschieden zurückweisen,
ein Konzept, das fälschlicherweise davon ausgeht,
eine stärkere europäische Sicherheitsidentität könne
sich nur auf Kosten der NATO ergeben. Unser Ziel ist
sowohl ein stärkeres Europa als auch eine stärkere
NATO.
Aufbau des Ostens
Wir verfolgen dieses gemeinsame Ziel, weil das Schicksal der Vereinigten Staaten eng mit dem Europas
verbunden ist. Amerikas demokratische Prinzipien
wurden auf europäischem Boden entworfen, gelangten auf unserem Kontinent zur Reife und beeinflussen
heute alle anderen Demokratien einschließlich der
jetzt in Osteuropa und der Gemeinschaft Unabhängiger Staaten - GUS - entstehenden in hohem Maße. In
seiner Rede vor dem amerikanischen Kongreß 1990
sprach Präsident Havel beredt davon, wieviel Anregung er und zahlreiche andere durch die amerikanischen Verfassung und die Bill of Rights erhalten haben.
Wohlstand, Technologie und die politische Kultur der
Vereinigten Staaten und Westeuropas zusammengenommen sind voll und ganz zur Bewältigung der Herausforderungen der Zeit nach dem kalten Krieg in der
Lage. Für die internationale Sicherheit ist es von
entscheidender Bedeutung, daß sich politisch legitime, stabile Demokratien in Osteuropa und der GUS
entwickeln. Wir alle in der transatlantischen Gemeinschaft teilen eine besondere Verpflichtung, diesen
aufstrebenden Demokratien bei ihren Bemühungen
zur Entwicklung freier Institutionen und Marktwirtschaften zur Seite zu stehen.

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Im September vorigen Jahres definierte Außenminister Baker fünf Prinzipien, von denen sich die amerikanische Politik gegenüber den neuen Mitgliedstaaten
der GUS leiten läßt. Wir möchten, daß sie das
Selbstbestimmungsrecht ihrer Völker achten, demokratische und rechtsstaatliche Prinzipien einhalten, die
Menschenrechte, einschließlich des Schutzes von
Minderheiten gewährleisten, bestehende Grenzen
achten und ihre Veränderung nur mit friedlichen Mitteln
sowie mit Zustimmung der anderen Seite anstreben
und schließlich, daß sie internationale Verpflichtungen
und die Normen des Völkerrechts einhalten, insbesondere die Bestimmungen der Schlußakte von Helsinki
und der Charta von Paris.
Im wirtschaftlichen Bereich leisten die Vereinigten
Staaten Osteuropa und der ehemaligen Sowjetunion
umfassende und mannigfaltige Hilfe. Die amerikanische Unterstützung für die GUS beläuft sich bis heute
auf 5 bis 6 Milliarden Dollar. Darüber hinaus helfen wir
Osteuropa. In den Jahren 1990 und 1991 betrug diese
Unterstützung insgesamt 2 Milliarden Dollar. Im vergangenen Jahr lieferten die Vereinigten Staaten 18
Millionen Tonnen Nahrungsmittel, außerdem Bekleidung, Unterkünfte und medizinische Hilfsgüter in die
Sowjetunion. Darüber hinaus leisten die Vereinigten
Staaten die größten Kapitalbeiträge eines einzelnen
Landes zu den für Osteuropa und die GUS eingerichteten Investitionsfonds von Weltbank, Internationalem
Währungsfonds und der Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung.
Mit Geld alleine lassen sich unsere gemeinsamen
Ziele jedoch nicht verwirklichen. Darüber hinaus müssen
wir direkt auf die Bürger zugehen. Eingedenk dieses
Ziels haben wir Botschaften in allen Staaten der GUS
eröffnet. Erst gestern hat der Direktor des amerikanischen Peace Corps in Washington angekündigt, daß
bis zum Jahr 1993 etwa 500 Freiwillige des Peace
Corps in der GUS tätig sein sollen. Im Weißen Haus
werden Präsident Bush und der ukrainische Präsident
Krawtschuk ein Abkommen über die Entsendung von
Freiwilligen des Peace Corps in die Ukraine unterzeichnen. Diese werden hauptsächlich in den Bereichen wirtschaftliche Entwicklung und Englischunterricht tätig werden. Zu ihnen zählt der Präsident eines
Stahluntemehmens ebenso wie ein ehemaliger Vorstandsvorsitzender einer Vertriebsfirma für Nahrungsmittel. Die Freiwilligen erhalten für ihre Arbeit keinerlei
Gehalt, sondern lediglich die Kosten für Unterkunft und
Verpflegung werden vergütet. Wir sind sehr stolz auf
diese Amerikaner, die unsere Tradition freiwilligen
Dienstes in der ehemaligen Sowjetunion unter Beweis
stellen werden.
Die Vereinigten Staaten begrüßen voll und ganz alles,
was die Bundesrepublik Deutschland getan hat und
weiterhin tut, um den aufstrebenden Demokratien
Europas zu helfen. Deutschland stand bei den Bestre-

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�bungen an vorderster Front, die neuen Staaten Osteuropas in europäische Organisationen wie die KSZE
einzugliedern und sie durch den Nordatlantischen
Kooperationsrat enger an die NATO heranzuführen.
Die Deutschen haben ferner erhebliche Summen für
bilaterale Unterstützung und humanitäre Hilfe aufgebracht, und die Bundesrepublik Deutschland hat eine
führende Rolle übernommen, um andere Staaten zur
Beteiligung an dieser Hilfe zu veranlassen.
In diesem Geist der Zusammenarbeit kündigten Bundeskanzler Kohl und Präsident Bush letzten Monat
einen multilateralen Hilfsplan der Gruppe der sieben
führenden Industrieländer für Rußland im Gesamtumfang von 24 Milliarden Dollar an. Die Vereinigten
Staaten werden etwa 25 Prozent dieser Summe aufbringen. Die G-7 unternahm diesen Schritt, um ihre
Unterstützung für die anhaltenden Reformbemühungen Rußlands zu unterstreichen. Weitere Formen
westlicher Hilfe für die GUS und Osteuropa werden
beim Weltwirtschaftsgipfel von München im Juli auf
der Tagesordnung stehen. Wir müssen zusammenarbeiten, um sozialen Unruhen und wirtschaftlicher Instabilität in dieser Region Einhalt zu gebieten und bei
den Menschen Vertrauen in die demokratischen Institutionen aufzubauen. Die Vereinigten Staaten engagieren sich weiterhin dafür, ganz Europa Einheit und
Freiheit zu bringen, denn wir sind uns der Tatsache
bewußt, daß ein vereinigtes Europa einen positiven
Einf lu ß auf Stabilität, Demokratie und Wohlstand in der
ganzen Welt haben wird.
Die neuen Bundesländer
Nirgendwo sind die Herausforderungen - und Chancen
- für die neuen Demokratien und Marktwirtschaften
offenkundiger als in dem Gebiet, das die ehemalige
Deutsche Demokratische Republik umfaßt. Seit der
politischen Vereinigung am 3. Oktober 1990 haben
sich Politiker und Bürger dieses Landes mit den beispiellosen Herausforderungen der Integration zweier
verschiedener Gesellschaften auseinandergesetzt.
Diese Herausforderungen gehen auch die Amerikaner
an. Tatsächlich spielen die wirtschaftlichen und kulturellen Aspekte der deutschen Vereinigung heute eine
Schlüsselrolle in der bilateralen Tagesordnung.
Ohne ihre alten Freunde im Westteil Deutschlands zu
vernachlässigen, richten die Vereinigten Staaten ihre
Aufmerksamkeit heute vorrangig auf die fünf neuen
Bundesländer. Im wirtschaftlichen Bereich sind nahezu 150 amerikanische Firmen tätig, und die fünf führenden Unternehmen haben über 2 Milliarden DM
investiert und über 20.000 Arbeitsplätze geschaffen
oder erhalten. Im Jahr 1991 haben der Treuhand
zufolge amerikanische Unternehmen zusätzliche Investitionen von 1,5 Milliarden DM in Treuhandunternehmen zugesagt. Diese Firmen vertreten die Bauindustrie, Elektronik, Automobilindustrie, Pharmazeutik,
Telekommunikation, Bankwesen, Einzelhandel und
die Reisebranche. Diese amerikanischen Unterneh-

AMERIKA DIENST 19

men tragen dazu bei, die Infrastruktur Ostdeutschlands zu erneuern, seine Technologie zu modernisieren, seine Arbeitnehmer umzuschulen und den Lebensstandard in Ostdeutschland zu heben.
Die Botschaft übernimmt eine führende Rolle dabei,
noch mehr amerikanische Firmen zu einem Engagement zu ermutigen. Unsere Handelsabteilung berät
amerikanische Unternehmen bei Investitionen in Ostdeutschland - und zwar sowohl durch direkte Beratung
als auch durch Information von Firmen in den Vereinigten Staaten über spezifische Investitionsmöglichkeiten. Wir helfen interessierten Unternehmen, die richtigen Kontakte bei derTreuhand, Gemeindeverwaltungen und Landesregierungen sowie ostdeutschen Firmen herzustellen. Wir vergrößern unseren wirtschaftlichen Mitarbeiterstab in Berlin, und wir haben nun
auch einen wirtschaftlichen Berater in Leipzig. Im
Rahmen von 'Trade Days" in Sachsen, SachsenAnhalt und Thüringen haben wir Geschäftspartner
miteinander in Kontakt gebracht. Wir nutzen westliche
Industrie- und Handelsmessen, insbesondere die in
Hannover, um ostdeutsche und amerikanische Wirtschaftsvertreter miteinander bekannt zu machen. Die
amerikanisch-deutsche Wirtschaftszusammenarbeit in
den neuen Ländern stellt eine beispielhafte wirtschaftliche Partnerschaft dar. Sie stellt unser gemeinsames
Engagement für die freie Marktwirtschaft als besten
Weg unter Beweis, um die wirtschaftliche Wiederbelebung in den neuen Bundesländern zu verwirklichen.
Für dieses akademische Publikum ist jedoch wahrscheinlich der kulturelle Aspekt des Einigungsprozesses von größter Bedeutung. Die Vereinigten Staaten
engagieren sich in einem anhaltenden Prozeß dafür,
den Ostdeutschen die demokratischen Werte zu vermitteln, die unsere beiden Staaten gemeinsam haben.
Obenan auf unserer Prioritätenliste stehen Programme, die der akademischen und intellektuellen Freiheit
gewidmet sind, der Pressefreiheit und dem politischen
Wahlprozeß. Während wir unsere seit langem bestehenden Austauschprogramme und Fortbildungsseminare in den westlichen Ländern fortsetzen, gilt ein
Hauptaugenmerk der Botschaft heute der Einrichtung
und Aufrechterhaltung von Kontakten mit Bürgern der
ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik. Seit
der Vereinigung Deutschlands haben wir an mehreren
wichtigen Programmen gearbeitet, um dieses Ziel zu
verwirklichen. Dazu gehören folgende Aktivitäten:
Anfang Juli werden wir ein neues Amerika Haus
in Leipzig eröffnen. Wie unsere anderen Kulturzentren weltweit wird es eine umfangreiche
Bibliothek mit amerikanischen Büchern und
Zeitschriften aufweisen, und seine Programme
werden als Fenster zur zeitgenössischen amerikanischen Gesellschaft dienen. Darüber hinaus wird es mit unserem modernstes Computersystem zur Informationsrecherche ausgestattet
sein.

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�In Zusammenarbeit mit deutschen Institutionen
erweitern wir unser Programm für den Englischunterricht sowie Amerikanistikstudien in den
neuen Bundesländern. Insbesondere arbeiten
wir mit dortigen Englischlehrern zusammen, um
sie mit modernen Methoden des Englischunterrichts und der Amerikanistik bekannt zu machen. Jahrzehntelang wurden Lehrer und Schüler dort lediglich mit Propaganda und Falschinformationen abgespeist. Wir haben in den neuen
Bundesländern einen echten Hunger nach Informationen über Amerika festgestellt und tun
unser Bestes, um ihn zu befriedigen.
Unser internationales Besucherprogramm wurde mit zusätzlichen Mitteln aufgestockt und
erweitert. Dieses Programm ermöglicht jüngeren Aufsteigern aus verschiedenen Berufssparten einmonatige intensive Studienreisen in die
Vereinigten Staaten. Über fünfzig Deutsche
aus den neuen Bundesländern haben seit der
deutschen Vereinigung an diesem Programm
teilgenommen, und diese Zahl wird weiter steigen.
Ein neues von den Regierungen der Vereinigten
Staaten und Deutschlands gemeinsam unterstütztes Programm ermöglicht es Gruppen von
Parlamentariern, Journalisten und Lehrkräften
aus den neuen Bundesländern, die Vereinigten
Staaten zu besuchen und wichtige Kontakte in
ihren Tätigkeitsbereichen herzustellen.
Bundeskanzler Kohl und Präsident Bush haben
die Gründung der RIAS-Kommission angekündigt, die die Förderung von Kontakten zwischen
Medienvertretern in den neuen Ländern und
den Vereinigten Staaten zum Ziel hat.
Das parlamentarische Patenschaftsprogramm
Kongreß/Bundestag wurde auf die fünf neuen
Länder ausgedehnt. Dieses Programm, das
heute nahezu zehn Jahre alt ist, bietet deutschen und amerikanischen Schülern die Gelegenheit, ein ganzes Jahr im jeweils anderen
Land zu verbringen, dort bei Gastfamilien zu
leben, die Schule zu besuchen und dauerhafte
Freundschaften zu schließen. Die erste Gruppe
junger Ostdeutscher, die an diesem Programm
teilnahm, reiste im Jahr 1990 in die Vereinigten
Staaten. Darüber hinaus haben wir auch junge
Amerikaner in die neuen Bundesländer geschickt.
Mit der Schließung einiger amerikanischer Stützpunkte in Westdeutschland werden englischsprachige Bibliotheksbestände akademischen
Zuschnitts von diesen Stützpunkten an Universitäten und andere Institutionen in den neuen
Ländern übergeben. Bis heute waren zehn
ostdeutsche Universitäts-, Regional- und Stadtbibliotheken Empfänger von Beständen im
Gesamtumfang von über 130.000 Bänden.
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Besonders eingehen möchte ich auf das Fulbright-Programm in Deutschland, das größte
staatlich geförderte binationale Austauschprogramm der Welt. Seit seiner Gründung vor 40
Jahren haben 12.000 Deutsche an dem Programm teilgenommen, von denen einige vielleicht heute abend hier anwesend sind. Dieses
Programm wurde auf die neuen Ländern ausgedehnt, um ostdeutsche Universitäten und Intellektuelle mit ihren Kollegen in den Vereinigten
Staaten in Kontakt zu bringen. Im nächsten
akademischen Jahr wird ein Viertel aller deutschen Fulbright-Stipendiaten aus Ostdeutschland kommen. Um diese verstärkte Einbeziehung ostdeutscher Professoren und Studenten
zu erleichtern, haben die Vereinigten Staaten
dieses Jahr ihre Mittel für das Programm um
nahezu eine Million Dollar aufgestockt. Die
bilaterale Fulbright-Kommission, die die Stipendiaten auswählt, wird von Fulbright-Kommissionen in derganzen Welt als Vorbild betrachtet, an
dem sich alle anderen messen lassen müssen.
Die amerikanisch-deutsche Kommission fördert
neben Austauschstipendien eine Reihe von
Sonderprojekten. Ein Beispiel ist die vor genau
einem Monat in Berlin veranstaltete Konferenz
für Fulbright-Stipendiaten aus ganz Europa. Diese
Konferenz wurde durch die Anwesenheit des
Programmgründers, Senator William Fulbright,
besonders geehrt. Er verlieh den ersten Fulbright-Preis für hervorragende Leistungen im
Fach Amerikanistik, eine unlängst von der Fulbright-Kommission in Deutschland gestiftete
Auszeichnung. Sie wird jedes Jahr an einen
deutschen Doktoranden verliehen, dessen Dissertation dem Urteil eines wissenschaftlichen
Gremiums zufolge einen herausragenden Beitrag im Fachbereich Amerikanistik geleistet hat.
Die Kommission hofft, daß dieser Preis Deutsche zu weiterer wissenschaftlicher Beschäftigung mit den politischen, wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Dimensionen der Vereinigten Staaten ermutigen wird.
Die Liste offizieller amerikanischer Aktivitäten in den
neuen Bundesländern endet hiermit nicht. Wir untersuchen Wege zum Ausbau kooperativer Vorhaben in
den Bereichen Bildung und Kultur, und wir begrüßen
Ihre Anregungen zu diesen Bemühungen. Insbesondere sind wir bereit, mit dem Bundesbildungsministerium sowie den Kultusministerien, Universitätsrektoren, Dekanen, Professoren und akademischen Vereinigungen zusammenzuarbeiten, um Amerikanistikprogramme - vorrangig in den neuen Bundesländern - zu
entwickeln, aber wir sind ebenfalls begierig, auch mit
westdeutschen Institutionen zu kooperieren. Unser
Ziel bei der Entwicklung dieser Programme besteht
darin, das deutsch-amerikanische Verständnis in der
gesamten Bundesrepublik zu verbessern.

AMERIKA DIENST 19

�In diesem Geist ist es mir heute abend eine große
Freude, die Einrichtung eines weiteren Preises unter
meiner Schirmherrschaft zu verkünden, der der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität gewidmet ist des Ambassador's American Studies Award. Vom
Herbst dieses Jahres an wird der Ambassador's Award
jährlich für die beste Magister- oder Doktorarbeit im
Fachbereich Amerikanistik an der Bonner Universität
verliehen. Ich freue mich darauf, im Oktober zur
Eröffnungsfeier des Wintersemesters den ersten Preisträger bekanntzugeben. Der Ausgezeichnete wird als
Gast der amerikanischen Regierung in die Vereinigten
Staaten reisen, um an einem besonderen einmonatigen Studienprogramm teilzunehmen, das sich schwerpunktmäßig auf die verschiedenen Aspekte des Lebens
in Amerika und der dortigen Gesellschaft konzentriert.
Mit der Schaffung dieses Preises hofft die Botschaft,
einen greifbaren Beitrag zum interdisziplinären Amerikanistikprogramm dieser Universität zu leisten und
junge Deutsche zu fördern, die in den ersten Jahren
ihrer beruflichen Laufbahn mehr über die Vereinigten
Staaten erfahren möchten.
Wenn künftige Regierungsvertreter, wirtschaftliche
Führungskräfte, Journalisten und andere, die an der
Ausgestaltung der deutsch-amerikanischen Beziehungen mitwirken, effektiv miteinander kommunizieren
und die Maßnahmen und Ziele des jeweils anderen
zutreffend bewerten sollen, benötigen sie ein tiefes
Verständnis der jeweils anderen Gesellschaft. Wir
gehen davon aus, daß all diese Bildungs- und Kulturinvestitionen in Deutschland und seine künftigen Entscheidungsträger auf viele Jahre hinaus zur transatlantischen Zusammenarbeit beitragen werden. Wie
Bundeskanzler Kohl erklärt hat, werden diese Programme auf der transatlantischen Brücke zwischen
unseren beiden Ländern in der Tat eine neue Fahrspur
eröffnen - und sie dadurch breiter, tragfähiger und - wie
wir hoffen - in der Zukunft noch frequentierter machen.
Schlußbemerkung
Denken Sie abschließend an unser Glück, in dieser
Zeit historischer Veränderungen, Herausforderungen
und Chancen leben und arbeiten zu können. Den
Vereinigten Staaten, Deutschland und anderen Mitgliedern der transatlantischen Gemeinschaft bietet
sich heute eine einmalige Gelegenheit, ihre demokratischen Werte und Traditionen mit Ländern zu teilen,

*

AMERIKA DIENST 19

die nie zuvor unter demokratischen Regierungen gelebt haben. Ich hoffe und glaube, daß die Geschichte
diesen Abschnitt als größte Stunde unserer Gemeinschaft verzeichnen wird. Um dieses Ziel zu erlangen,
müssen wir weiterhin die politischen Institutionen stärken, die unsere Sicherheit verbessern werden. Und
wir müssen den neuen Demokratien Europas weiterhin die technische und finanzielle Hilfe gewähren, die
sie zum Erfolg benötigen. Durch Zusammenarbeit
können wir diese Herausforderungen meistern und ein
neues Zeitalter des Wohlstands und Friedens für alle
einleiten.
Im Hinblick auf unsere speziellen deutsch-amerikanischen Beziehungen bieten unsere beiden Nationen für
die ganze Welt ein anschauliches Beispiel dafür, wie
ehemalige Gegner Partner und Freunde werden können. Als Botschafter der Vereinigten Staaten von
Amerika in der Bundesrepublik Deutschland gedenke
ich alles in meiner Macht Stehende zu tun, um zu
gewährleisten, daß Frieden und Wohlstand, die wir
über vier Jahrzehnte lang geteilt haben, Bestand haben.
Bundeskanzler Kohl, Präsident Bush, Außenminister
Genscher, Außenminister Baker und viele andere
Amerikaner und Deutsche stehen ebenfalls zu dieser
Verpflichtung. Aber wenn wir Erfolg haben wollen,
benötigen wir die Hilfe aller hier Anwesenden, insbesondere die der akademischen Gemeinde. Als Wissenschaftler und Lehrer können Sie dazu beitragen,
den Lauf der Geschichte zu bestimmen, denn Sie sind
in einer einzigartigen Position, um Herz und Verstand
der jüngeren Generation Ihres Landes zu erreichen.
Sie können bei den künftigen Entscheidungsträgern
Deutschlands die geistigen Charakteristika und Qualitäten kultivieren, die der Demokratie und der deutschamerikanischen Zusammenarbeit Dauerhaftigkeit
verleihen: eine Leidenschaft für die Wahrheit, die
kritische Untersuchung von Ideen, rationale Auseinandersetzung, Respekt für die Ansichten anderer und
eine unstillbare Neugier im Hinblick auf die Welt, in der
wir alle leben. Sie können für künftige Generationen
die notwendige Verbindung zwischen politischer und
geistiger Freiheit erhellen, zwei grundlegenden Menschenrechten, die die Freiheit des menschlichen Geistes fördern.
Ich danke Ihnen für diese Gelegenheit und freue mich,
beim Empfang mit vielen von Ihnen persönlich zusammentreffen zu können.

* * *

*

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�KSZE
13. MaM992

USA FORDERN EINSTWEILIGEN AUSSCHLUSS
SERBIENS AUS DER KSZE
Rede von Botschafter Kornblum beim KSZE-Folgetreffen
HELSINKI - (AD) - In einer Rede vor der Plenarsitzung am 6. Mai 1992 erläuterte der amerikanische Delegierte beim KSZE-Folgetreffen in Helsinki, Botschafter John C. Kornblum, die Lage in Bosnien-Herzegowina und
forderte, das Töten müsse ein Ende haben und die KSZE "über ihre am 15. April und 1. Mai abgegebenen
Erklärungen hinausgehen und Sanktionen gegen Serbien verhängen".
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede von Botschafter Kornblum im Wortlaut.
Herr Vorsitzender, wir sind heute hier zum dritten Mal
in drei Wochen zusammengekommen, um die tragische Situation in Bosnien-Herzegowina zu erörtern.
Dieser stolze Staat ist ein Mikrokosmos von Problemen, die das Gefüge der ehemaligen jugoslawischen
Republik zerrissen haben. Wie meine Regierung seit
Beginn der Krise eindeutig klargestellt hat, liegt diesen
Problemen nicht nur eine Ursache zugrunde. Es gibt
nicht nur eine schuldige Partei und kein Patentrezept
für die Bewältigung der Katastrophe, die die Völker
dieses stolzen und historischen Teils von Europa
heimgesucht hat.
Die Vereinigten Staaten bekräftigen in deutlichster
Form die Forderung, daß alle für diesen Konflikt und
die Gewalt verantwortlichen Parteien aufrichtig und
unermüdlich zum Erfolg des von der Europäischen
Gemeinschaft eingeleiteten Friedensprozesses beitragen sollen. Die gesamte Menschheit leidet unter
Ihren Aktionen! Das Töten muß eine Ende haben!
Die Erkenntnis der Komplexität des Konflikts spricht
die für Aggression Verantwortlichen nicht von der
Schuld für ihre Taten frei. Wir haben im vergangenen
Jahr Hunderte von Stunden damit verbracht, die Ereignisse zu erörtern, die Ursachen herauszufinden und an
diejenigen heranzukommen, die dem Töten ein Ende
bereiten können.
Es ist genug geredet worden. Wir sind uns der
Vielschichtigkeit der Lage bewußt. Wir sehen auch,
daß weiterhin unschuldige Menschen sterben. Historische Städte und wertvolle Relikte der westlichen
Kultur zerfallen in Schutt und Asche.

AMERIKA DIENST 19

Unsere heutige Aufgabe besteht darin, unser Augenmerk auf die Hauptverantwortlichen dieser Tragödie
zu lenken. Wir müssen erneut versuchen, der Gewalt
Einhalt zu gebieten, indem wir in deutlichen Worten
unsere kollektive Entrüstung über diese von den
Aggressoren an den Tag gelegte offenkundige Mißachtung der KSZE-Verpflichtungen und menschlicher
Verhaltensnormen zum Ausdruck bringen.
Herr Vorsitzender, aus der ganzen Komplexität tritt
eine eindeutige Tatsache zutage: Die Rolle der politisch Verantwortlichen in Serbien und der sogenannten jugoslawischen Bundesarmee ändert sich nicht.
Es gibt ein festes Verhaltensmuster. Jedes Mal, wenn
ein weiterer Teil derehemaligen jugoslawischen Republik abgetrennt wurde, haben die serbischen Politiker
und die Bundesarmee erneut auf Gewalt zur Verfolgung ihrer politischen Ziele zurückgegriffen. Jedes
Mal, wenn ein historischer Konflikt zu gären begann,
sind die Bundesarmee, serbische Freischärler und
serbisches Material auf dem Schauplatz aufgetaucht.
Das Ziel bestand in der Herbeiführung politischer
Fakten durch Gewalt statt durch Verhandlungen.
Die Vereinigten Staaten bringen ihr tiefempfundenes
Mitgefühl für alle Opfer dieser Tragödie zum Ausdruck.
Wir trauern um die vielen serbischen Opfer dieses
Konflikts. Wir hegen keinen Groll gegen die serbische
Nation oder ihr Volk. Im Gegenteil - unsere Verbindungen zu Serbien bestehen seit langer Zeit. Zehntausende unserer Bürger haben ihre Wurzeln in Serbien.
Darüber hinaus wissen wir die von Serbien im Rahmen
der aktiven Beteiligung Jugoslawiens am KSZE-Prozeß übernommene Rolle zu schätzen.

Seite 1

�Unser Konzept im Hinblick auf die KSZE war stets eher
inklusiv als exklusiv. Die Vereinigten Staaten vertreten
weiterhin die Ansicht, daß die KSZE der Sache des
Friedens am besten als Forum dienen kann, in dem
das Verhalten anhand der in der Schlußakte von
Helsinki festgelegten Normen beurteilt wird. Die KSZE
ist ein Ort des Dialogs. Verletzer dieser Normen
sollten sich die KSZE-Tradition von Überprüfung und
Empfehlung zu eigen machen.

operieren, ist die Bundesarmee die übermächtige
Streitmacht. Es liegt in der Macht der Bundesarmee
und der politisch Verantwortlichen in Serbien, einen
positiven Beitrag zum Frieden zu leisten. Hätten sie
ihre Versprechungen ernst genommen, hätten sie
bereits vor langer Zeit begonnen, einen Waffenstillstand in Bosnien-Herzegowina durchzusetzen. Statt
dessen wurde die Unterstützung von Gewalt und damit
der Einsatz von Gewalt intensiviert.

Trotz dieser Tradition hat meine Regierung vor drei
Wochen als erste den Vorschlag unterbreitet, Serbien
vorübergehend von der Mitgliedschaft in der KSZE
auszuschließen, wenn seine Rolle in dem Konflikt
andauert. Wir haben diesen Schritt unternommen,
weil der Grad der Verletzungen von KSZE-Verpflichtungen wirklich tragische Ausmaße angenommen hatte.
Unseres Erachtens sollte der KSZE Gehör geschenkt
werden. Wir konnten uns keinen besseren Weg denken, der serbischen Führung eine persönliche Botschaft zukommen zu lassen. Eine Schockbehandlung
war erforderlich.

Unsere Verantwortung für die Bewältigung dieser Situation liegt auf der Hand. Das KSZE-Folgetreffen
sollte die Erörterung der Einzelheiten der jugoslawischen Krise fortsetzen, die meine Delegation in dieser
Woche in Arbeitsgruppen vorgeschlagen hat. Bedauerlicherweise standen wir in den meisten Fällen ziemlich alleine da. Diejenigen, die den Dialog als Hauptinstrument der KSZE unterstützen, sollten sich beteiligen. Sonst wird dieses Instrument nutzlos.

Eine Zeitlang sah es so aus, als ob unsere Botschaft
vernommen worden sei. In der vergangenen Woche
wurden wir Zeuge mehrerer Absichtserklärungen. Wir
erörterten die Implikationen eines von Serbien und
Montenegro ausgerufenen neuen Staats. Meine
Regierung hat sich ihre Stellungnahme zum Status
dieser neuen Republik vorbehalten. Wir stimmten
jedoch überein, wenn Bosnien-Herzegowina sich durch
unverzügliche Vollmitgliedschaft in der KSZE ebenfalls an dem Dialog beteiligen könnte, würde es sich als
nützlich erweisen, den serbischen Vertretern den
Verbleib zu gestatten, trotz der unsicheren Rechtsgrundlage für ihre Anwesenheit.
Beim Treffen des Ausschusses Hoher Beamter am 1.
Mai brachten alle Teilnehmerstaaten ihre kollektive
Entschlossenheit zur Intensivierung der Konsultationen und einer detaillierten Überprüfung der Lage in
Bosnien-Herzegowina zum Ausdruck. Wir erklärten
unsere eindeutige Absicht, diese Überprüfung zu
benutzen, um den der Aggression Schuldigen unsere
kollektive Entschlossenheit zu verdeutlichen, der
Aggression Einhalt zu gebieten.
Herr Vorsitzender, das ist unsere heutige Aufgabe.
Die Handlungen seit dem 1. Mai haben den politisch
Verantwortlichen in Serbien und der Bundesarmee
unseren Tadelsbeschluß eingebracht. Es kann nicht
länger irgendein Zweifel an den von diesen politisch
Verantwortlichen begangenen eindeutigen, groben und
nicht behobenen Verletzungen der Schlußakte bestehen. Die Luftangriffe auf Sarajevo, der Beschuß von
den Bergen und die Geiselnahme des Präsidenten von
Bosnien-Herzegowina durch die Bundesarmee haben
den Konflikt noch verschärft.
Obwohl es widersprüchliche Berichte darüber gibt, wer
die Kämpfe an diesem Wochenende begonnen hat
und obwohl auch andere Streitkräfte in der Region
Seite 2

Dieser Dialog sollte jedoch auch in die Praxis umgesetzt werden. Wir sollten diese Überprüfung weiterhin
als Grundlage unserer kollektiven Aktionen im Ausschuß Hoher Beamter benutzen.
Beim Treffen des AHB heute nachmittag sollten wir die
Verantwortung für die Aufgabe übernehmen, die uns
auferlegt wurde. Wir sollten unter Beweis stellen, daß
die KSZE in der Tat das Gremium zur Bewältigung des
Wandels sein kann, das wir in ihr sehen möchten.
Wenn es uns nicht gelingt, uns der heutigen Herausforderung zu stellen, kann kein noch so phantasievolles
Gefüge neuer Strukturen und Mechanismen, ganz zu
schweigen von Visionen komplexer und obligatorischer Rechtsverfahren unser politisches Zögern wettzumachen.
Bei der Sitzung heute nachmittag werden die Vereinigten Staaten die Verabschiedung einer Erklärung vorschlagen, die endgültig zu dem Schluß gelangt, daß
ein Muster eindeutiger, grober und andauernder Verletzungen der KSZE-Verpflichtungen vorliegt. Die
jüngsten Ereignisse lassen keinen Zweifel an der
Existenz solch gravierender Verletzungen. Uns vor
der Verantwortung der Artikulierung dieser offenkundigen Tatsache zu drücken, hieße, die Glaubwürdigkeit
des gesamten Prozesses in Frage zu stellen.
Diese Schlußfolgerung sollte in eine Erklärung aufgenommen werden, die folgende Forderungen umfaßt:
Die unverzügliche Beendigung der Gewalt und
Einhaltung des Waffenstillstands durch alle
Parteien.
Sofortige Beendigung der Unterstützung aller
paramilitärischen Streitkräfte durch die Nachbarländer von Bosnien-Herzegowina.
Unverzüglicher Rückzug der Bundesarmee aus
Bosnien-Herzegowina oder Unterstellung unter
eine rechtmäßige bosnische Regierung.

AMERIKA DIENST 19

�Bereitstellung humanitärer Hilfe für die Bevölkerung von Bosnien-Herzegowina und die Flüchtlinge in der betroffenen Region.

seinen Namen und seinen Sitz in der KSZE erhebt,
erfüllt in keiner Weise die Normen oder Verpflichtungen der KSZE.

Einrichtung sicherer Land-, See- und Luftkorridore zur Sicherstellung, daß wichtige Lebensmittel und unerläßliche medizinische Versorgungsgüter einschließlich der von den Spendern bereitgestellten die betroffene Bevölkerung erreichen.

Bis er dies tut, ist unseres Erachtens noch nicht einmal
die am 1. Mai vereinbarte vorläufige Beteiligung länger
gerechtfertigt. Die serbischen Vertreter sollten von
allen KSZE-Aktivitäten ausgeschlossen werden, bis
wir einen Konsens über ihre erneute Aufnahme erzielen.

Ernsthafte Beteiligung am von der Europäischen Gemeinschaft eingeleiteten Friedensprozeß und uneingeschränkte Unterstützung
der UN-Friedenstruppen sowie der EG-Beobachtermission. In diesem Zusammenhang sprechen die Vereinigten Staaten der Regierung des
Königreichs Belgien ihr aufrichtiges Beileid zum
Tod eines belgischen Mitglieds der EG-Mission
aus. Er war ein echter Diener des Friedens.

Hoffentlich wird unsere Botschaft gehört. Unsere
Überprüfung sollte fortgesetzt werden, sowohl beim
Folgetreffen als auch bei der vor dem 18. Mai anberaumten Sitzung des Ausschusses Hoher Beamter.
Verbessert sich die Situation, sollten wir dies zum
Ausdruck bringen. Falls nicht, sollten wir noch drastischere Maßnahmen in Erwägung ziehen.

Sobald diese Botschaft eindeutig formuliert ist, müssen wir den nächsten logischen Schritt unternehmen.
Die blo ße Wiederholung der Forderung nach Maßnahmen hat sich als nicht ausreichend erwiesen. Es ist an
der Zeit für die Teilnehmerstaaten zu beweisen, daß
sie angesichts von Aggression nicht die Hände in den
Schoß legen. Wir müssen über unsere am 15. April
und 1. Mai abgegebenen Erklärungen hinausgehen
und Sanktionen gegen Serbien verhängen.
Wir vertreten weiterhin die Auffassung, daß die einstweilige Aufhebung der KSZE-Mitgliedschaft den deutlichsten Beweis unserer Entschlossenheit darstellen
würde. Das alte Jugoslawien ist von der Landkarte
verschwunden. Der Staat, der jetzt Ansprüche auf

*

AMERIKA DIENST 19

Herr Vorsitzender, dies sind tragische und enttäuschende Tage für diejenigen, die an die Prinzipien der
KSZE glauben. Es ist deutlich geworden, daß das
Ende der militärischen und ideologischen Konfrontation in Europa die Gefahr ernsthafter Konflikte nicht
beseitigt hat. Jede Minute, die die Krise in Jugoslawien
andauert, ist eine Tragödie für uns. Jeder Tag des
Konflikts schwächt die Vision, die nach wie vor die
grö ßte Hoffnung für dauerhaften Frieden in Europa ist.
Wir dürfen diese Hoffnung nicht aufgeben. Wir dürfen
nicht die Hände in den Schoß legen, während unsere
Prinzipien eindeutig und grob verletzt werden. Die
KSZE kann diese Probleme nicht alleine lösen. Ihre
Mittel sind begrenzt. Aber wir sind die Bewahrer der
Hoffnungen und Werte, die uns stark machen. Auch
dies ist eine wichtige Rolle. Wir dürfen sie in diesem
Augenblick der Krise nicht vernachlässigen.

* * *

*

Seite 3

�UNRUHEN

IN LOS

ANGELES
13. Mai 1992

BUSH: NACH AUSSCHREITUNGEN IN LOS ANGELES
"EHRLICHE AUSSPRACHE" ERFORDERLICH
Videokonferenz mit Zeitungsverlegern - Auszüge
WASHINGTON- (AD)- Präsident Bush hat am 6. Mai 1992 erklärt, nach den schweren Ausschreitungen in Los
Angeles, die im Anschluß an die Entscheidung eines kalifornischen Geschworenengremiums zum Freispruch
von vier weißen Polizisten vom Vorwurf der Mißhandlung des schwarzen Autofahrers Rodney King ausgebrochen waren, sei nun eine "ehrliche Aussprache" erforderlich.
Alle Amerikaner teilten den Wunsch, daß sich "das, was in Los Angeles geschehen ist, niemals wiederholt",
erklärte Bush in einer Videokonferenz beim Kongreß des Verbandes amerikanischer Zeitungsverleger. "Wir alle
möchten die Probleme lösen. Dies ist nicht die Zeit für Schuldzuweisungen. Es ist Zeit für eine ehrliche
Aussprache."
Der "einzige Weg nach vorn" ist Bush zufolge "eine offene nationale Diskussion über Familie, über Werte, über
staatliche Politik und über Rasse. ... Und genau dies gedenke ich in den kommenden Tagen zu tun."
Nachfolgend veröffentlichen wir die Ausführungen des Präsidenten in wesentlichen Auszügen.

Entschuldigen Sie bitte die kurze Verzögerung. Ich
komme gerade von einer unerwartet langen Pressekonferenz mit dem ukrainischen Präsidenten Krawtschuk. Übrigens hatten wir ein wichtiges Treffen, das
meiner Meinung nach sehr erfolgreich verlief. Die
Beziehungen zwischen den Vereinigten Staaten und
der Ukraine entwickeln sich weiter, und diese Beziehungen sind sehr wichtig. Ich werde in zwei Stunden
erneut mit ihm zusammentreffen.
Bevor ich auf Ihre Fragen antworte, möchte ich Ihnen
einen kurzen Überblick zum neuesten Stand der Ereignisse in Los Angeles geben. Wenn ich heute auf meine
Ansprache an das amerikanische Volk von Freitag
abend (1. Mai) zurückblicke, denke ich an den Eid, den
ich als Präsident abgelegt habe und den Verfassungsauftrag, die Ruhe im Land aufrechtzuerhalten. Das
eine weiß ich: Wir können und dürfen Gewalt niemals
billigen, denn ohne Frieden kann es keine Hoffnung
geben.
Wir alle sind dankbar dafür, daß unsere Maßnahmen
die Ruhe in Los Angeles wiederhergestellt haben. Die
Kinder gehen wieder zur Schule. Die Stadtbusse
fahren wieder. Das Ausgehverbot wurde aufgehoben.
Und nach dem Schock und Spektakel der vergangenen Woche fühlen wir uns durch die Willenskraft der
Menschen von Los Angeles ermutigt, die sich zusammenschlössen, um ihre Gemeinde in Ordnung zu
bringen.
AMERIKA DIENST 19

Ich möchte kurz darauf eingehen, was wir auf Bundesebene tun, um in Zusammenarbeit mit dem Gouverneur und dem Bürgermeister beim Wiederaufbau zu
helfen. Da ich die Stadt zum Katastrophengebiet
erklärt habe, wird das Bundesamt zur Bewältigung von
Notständen (Federal Emergency Management Agency - FEMA) Einzelpersonen, Familien sowie Stadt und
Landkreis Los Angeles Hilfsmittel zur Verfügung stellen. Einer vorläufigen Schätzung zufolge wird sich
diese Hilfe auf etwa 300 Millionen Dollar belaufen.
Wir werden den am stärksten von der Gewalt betroffenen Menschen direkte Beihilfen gewähren, und zwar
persönliche Beihilfen von bis zu 11.500 Dollar, um
dringenden Bedarf an Nahrungsmitteln, Kleidung und
Medikamenten zu decken. Diese Beihilfen werden
darüber hinaus zur Bereitstellung von Notunterkünften
eingesetzt. Dazu gehören Gelder zur Versorgung mit
Wohnraum für maximal 18 Monate für Familien, die
ihre Wohnung verloren haben oder Geld für die Reparatur gering beschädigter Häuser. Darüber hinaus
helfen wir mit Krisenberatung sowie Arbeitslosenhilfe
für diejenigen, die infolge der Katastrophe ihren Arbeitsplatz verloren haben.
Vor Ort in Los Angeles wurde bereits eine Katastrophendienststelle eingerichtet. Über die gebührenfreie
Rufnummer des FEMA können Gesprächspartner in
englischer, spanischer, chinesischer, thailändischer,

Seite 1

�koreanischer und laotischer Sprache erreicht werden.
Darüber hinaus wird das FEMA dem Staat Kalifornien
und der Gemeindeverwaltung helfen, um die für das
tägliche Leben unerläßlichen öffentlichen Dienstleistungen wie Wasser- und Stromversorgung wiederherzustellen. Dies ist ein gemeinsames Programm,
ein Programm der Zusammenarbeit zwischen Bundesregierung, Bundesstaat und Gemeinde.
Neben diesen Notbeihilfen werden wir durch das Amt
für mittelständische Unternehmen Katastrophendarlehen von bis zu 500.000 Dollar für geschäftliche Verluste gewähren, die von den Versicherungen nicht
übernommen werden sowie bis zu 100.000 Dollar für
Eigenheimbesitzer und Mieter für nichtgedeckte Schäden. Vorläufigen Schätzungen zufolge werden Darlehen von etwa 300 Millionen Dollar im Gebiet von Los
Angeles vergeben werden.
Schließlich hat das Landwirtschaftsministerium die
Lieferung von über 2.000 Kisten Frühstückskost, über
2.000 Kisten Babynahrung sowie nahezu 250 Kisten
Magermilchpulver veranlaßt und wird weiterhin den
Nahrungsmittelbedarf in Los Angeles beobachten.
Insgesamt beläuft sich die gesamte Bundeshilfe zur
beschleunigten wirtschaftlichen Erholung in Los Angeles auf schätzungsweise 600 Millionen Dollar.
Ich werde heute abend nach Kalifornien reisen, um
mich aus erster Hand über die Lage in Los Angeles zu
informieren. Ich werde dort mit Mitgliedern der Gemeinde zusammentreffen, um zu erörtern, wie wir
weiter am Aufbau einer Zukunft der Hoffnung, des
Verständnisses und der Toleranz arbeiten können einer Zukunft, in der kein Platz für Haß ist. Das ist eine
Geschichte, die wir alle sicherlich gedruckt sehen
möchten.
Ich möchte folgendes zu dem Wunsch aller Amerikaner sagen, daß sich das, was in Los Angeles geschehen ist, niemals wiederholt. Wir alle möchten die
Probleme lösen. Dies ist nicht die Zeit für Schuldzuweisungen. Es ist Zeit für eine ehrliche Aussprache.
Und Tatsache ist, daß in den vergangenen Jahrzehnten die Ausgaben gestiegen sind, die Zahl der Programme gewachsen ist, aber trotzdem, seien wir ehrlich: das hat nicht viele der grundlegenden Probleme
gelöst, die unsere Städte plagen. Wir brauchen eine
ehrliche, offene nationale Diskussion über Familie,
über Werte, über staatliche Politik und über Rasse.
Das ist der einzige Weg nach vorn. Und genau dies
gedenke ich in den kommenden Tagen zu tun.
Ich werde niemals vergessen, wie mich Bürgermeister
Bradley von Los Angeles mit anderen Bürgermeistern
vor wenigen Monaten besuchte. Und wie alle anderen
- Bürgermeister von Klein- und Großstädten - verwies
er darauf, daß der Zerfall der Familie, die Auflösung
der amerikanischen Familie, den Problemen zugrundeliegt, mit denen die Städte konfrontiert sind. Und wir
müssen Wege finden, um die amerikanische Familie

Serie 2

zu stärken. Barbara tut dies, indem sie Eltern dazu
ermutigt, ihren Kindern vorzulesen, und wir versuchen
dies durch unser Bildungsprogramm zu tun sowie
durch die Überholung des Sozialhilfesystems, das in
der Vergangenheit Familien ermutigt hat, getrennt zu
leben. Aber die Familie ist bei all dem von Bedeutung.
Und schließlich, so möchte ich noch anmerken, gilt das
auch für den Privatsektor. Peter Ueberroth hat mir
gestern mit großem Optimismus erläutert, wie der
Privatsektor sich jetzt in einigen dieser Gebiete engagieren kann, um Arbeitsplätze zu schaffen, die ihnen
Hoffnung fürdie Zukunft geben werden, nicht nur einen
Mechanismus zum Kitten der Probleme, sondern echte
Hoffnung für die Zukunft.
Ich gehe also mit Optimismus an die Arbeit. Ich weiß,
daß wir mehr leisten müssen. Das ganze Land muß
mehr leisten. Und ich freue mich darauf, dorthin zu
reisen und dann dem Land einige Empfehlungen über
die zu treffenden Maßnahmen zu unterbreiten.
Frage: Die New York Times behauptet in ihrem
heutigen Leitartikel, daß die Ausgaben für Direkthilfe
an die Städte inflationsbereinigt seit 1981 um 60 Prozent zurückgegangen sind. Erstens, wie erklären Sie
diese Statistik den Menschen in Los Angeles, die Sie
bald treffen werden? Und zweitens, wenn viele von
ihnen im letzten Jahrzehnt einen drastischen Rückgang ihrer wirtschaftlichen Chancen erlebt haben,
dann werden sie sicherlich wissen wollen, ob die
jüngsten Ereignisse Sie davon überzeugt haben, Ihre
Strategien in bezug auf Bundeshilfen für die Städte zu
überdenken.
Antwort: Nun, erstens würde ich den Leitartikel der
New York Times gern selbst sehen. Ich habe den
Direktor des Haushaltsbüros (OMB) gebeten, mir die
Summen zu nennen, um die die Bundesausgaben
erhöht wurden, und sie wurden drastisch erhöht. Wir
werden vielleicht danach beurteilt, ob man Geld in
diese hoffnungslosen Projekte aus Ziegeln und Mörtel
stecken sollte, wie wir sie zum Beispiel in St. Louis
verkommen sahen und die jedermann der Menschenwürde berauben.
Wenn Sie ein solches Programm herausgreifen und
sagen, daß die Ausgaben gesunken sind, so haben Sie
Recht. Was wir versucht haben, war, sie auf unterschiedliche Weise zur Geltung zu bringen. Wir haben
es mit ungebundenen Zuschüssen versucht, die es
den einzelnen Gemeinden gestatten, es selbst besser
zu machen. Aber insgesamt kann ich Ihnen versichern, daß die Ausgaben gestiegen sind. Ich müßte
also genau sehen, wovon die New York Times da
spricht.
Wie lautete der zweite Teil Ihrer Frage?
Frage: Der zweite Teil lautete, daß viele Menschen in
Los Angeles im vergangenen Jahrzehnt tatsächlich
erhebliche Einbußen ihrer wirtschaftlichen Chancen
AMERIKA DIENST 19

�hinnehmen mußten. Diese Menschen werden sicherlich wissen wollen, ob die jüngsten Ereignisse Sie
davon überzeugt haben, Ihre Strategien zur Vergabe
von Bundeshilfen an die Städte zu überdenken.

Ich werde alles tun, was die Bundesregierung vermag,
um die örtliche Polizei, die Bürgermeister, die Gouverneure bei ihren Hilfsanforderungen zur Bewahrung
des Friedens zu unterstützen. Das ist ein Punkt.

Antwort: Wir sollten sicherlich den Status quo der
Bundeshilfen an die Städte überdenken. Und das war
ein Gesichtspunkt, als wir den Menschen das HOPEProgramm zum Eigenheimerwerb (Home Ownership
for People Everywhere) oder die Einrichtung von
Gewerbezonen anboten, um Gewerbebetriebe in den
Gemeinden anzusiedeln. Wie ich bereits sagte, ist
dies meines Erachtens nicht die Zeit für Schuldzuweisungen. Es ist vielmehr eine Zeit, umzudenken und
zur Bewältigung der Probleme der Städte einige neue
Ideen auszuprobieren. Wir alle sind doch wohl der
Meinung, daß es nicht funktioniert hat. Es hat in den
vergangenen 10 Jahren nicht funktioniert, und dasselbe gilt auch für die vergangenen 30 Jahre.

Und dann der andere: Was sollen wir tun,, um die
Probleme zu lösen? Wie bringen wir Hoffnung dorthin,
wo Hoffnungslosigkeit herrschte? Meine Aufgabe
besteht nun darin, ein Paket von Antworten zu finden,
die diesen Menschen, von denen Sie sprechen, die
Chance geben, etwas Neues zu versuchen. Und da
bin ich nicht pessimistisch. Ich bin wirklich der Ansicht,
daß in unserem Land aus Verzweiflung oder Düsternis
manchmal echte Chancen erwachsen. Und deshalb
werde ich in diesem Sinne an das Problem herangehen, ohne Groll in meinem Herzen, und alles in unserer
Macht Stehende tun, um zu helfen.

Wir müssen also alles in unserer Macht Stehende tun.
Ich muß jedoch wegen meiner Besorgnis über das
erschreckende Defizit im Bundeshaushalt stets im
Auge behalten, wie viele Dollar in der Gemeinde zur
Geltung kommen können. Und das ist einer der
Gründe dafür, daß mir die Ausführungen Peter Ueberroths gefallen - worüber wir zu sprechen versucht
haben bei den Punkten des Lichts, Menschen, Nachbarn, die anderen Nachbarn helfen, bei ungebundenen
Zuschüssen und dem Abbau gesetzlich vorgeschriebener Programme.
Einer der Punkte, bei denen ich neben anderen mit den
Leitartikeln der New York Times nicht übereinstimme,
betrifft das Konzept vorgeschriebener Programme.
Wissen Sie, jeder Gouverneur kommt nach Washington und sagt, bitte schreiben Sie nicht noch mehr
Programme vor. Bitte verabschieden Sie keine Programme, die mir als Gouverneur oder meinen Bürgermeistern vorschreiben, wie sie das Geld auszugeben
haben. Wir haben also einen Vorschlag für einen
erheblichen ungebundenen Zuschuß, der seit einiger
Zeit im Kongreß anhängig ist, und vielleicht ist es jetzt
an der Zeit, sich zu besinnen und diesen aufzugreifen.
Ich würde ihnen also sagen: Ich bin mit dem Status quo
nicht zufrieden, und sicherlich sind auch Sie mit dem
Status quo unzufrieden, also laßt uns ein paar neue
Ideen ausprobieren. Laßt uns Veränderungen versuchen. Und dies ist nicht die Zeit für Demagogie oder
Schuldzuweisungen. Meines Erachtens ist es Zeit, die
Situation sensibel und vernünftig zu analysieren, zu
tun, was ich hier vorgeschlagen habe, also die Ressourcen des Bundes bei diesem Problem zur Geltung
zu bringen und dann zu sagen: Laßt uns eine neue
Seite aufschlagen und sehen, was gesunden wird.
Dabei sollten wir stets im Gedächtnis behalten, da ß wir
Gesetzlosigkeit und Gewalt nicht in Kauf nehmen
dürfen. Wir können dies also trennen.

AMERIKA DIENST 19

Und ich muß Ihnen sagen, daß ich über die Reaktion
des Gouverneurs und des Bürgermeisters auf die
Antwort der Bundesregierung hocherfreut bin. Es ist
nicht leicht, wenn man die Bundesregierung als Partner wünscht, denn man möchte verhindern, daß sie
eine dominierende Stellung einnimmt. Ich gehe davon
aus, daß wir bei der Beendigung der Gewalt richtig
gehandelt haben, und ich hoffe, wir werden auch bei
unserer Hilfe für die Menschen richtig handeln, die
ihrer dringend bedürfen.
Frage: Sie haben angedeutet, daß unser heutiges
Sozialhilfesystem einige grundlegende Schwächen hat
und diese mit der Krise in Los Angeles in Zusammenhang stehen. Welche präzisen Ideen haben Sie zur
Reform der Sozialhilfe, und wie werden diese sich auf
die Krise auswirken?
Antwort: Die beste Antwort zur Reform der Sozialhilfe
besteht darin, den Bundesstaaten mehr Spielraum für
Innovationen zu geben. Und genau dies haben wir
gerade im Staat Wisconsin getan. Wir haben andere
Staaten aufgefordert, ebenfalls Anträge zu stellen,
damit auch sie Innovationen einführen können.
Die Rolle des Bundes besteht also hauptsächlich
darin, den Staaten die erforderliche Flexibilität zu
geben. Meiner eigenen Philosophie liegt jedoch der
Gedanke zugrunde, Anreize zum Arbeiten und Anreize zum Lernen zu geben. Und bei diesem Programm
sollten wir wirklich Fortschritte machen, denn darin
liegt meines Erachtens die Antwort. Ich glaube nicht,
daß sich von Washington aus eine allgemeingültige
Sozialhilfegesetzgebung entwickeln läßt. Wir müssen
diese Haltung überwinden. Und gerade in einem
Wahljahr ist es schwierig, wenn man all die Versprechen großartiger Pläne hört, die nur zu Mehrausgaben
des Bundes führen.
Es tut mir leid, aber ich glaube nicht, daß die zentralisierten Antworten des Bundes funktionieren, und ich
glaube nicht, daß sie von den Menschen unterstützt

Seite 3

�werden sollten, die in der Zukunft darunter zu leiden
hätten. Bei der Sozialhilfe versuchen wir es also mit
diesem breiteren, dezentralisierten Ansatz, dem die
Philosophie zugrundeliegt, die ich Ihnen gerade erläu-

tert habe. Ich glaube, er wird beim amerikanischen
Volk auf positive Resonanz stoßen, und ich wünsche
denjenigen in Wisconsin, die gerade auf dieser Grundläge zu arbeiten beginnen, Erfolg mit diesem Ansatz.

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Seite 4

AMERIKA DIENST 19

�UNRUHEN

IN

LOS

ANGELES
13. Mai 1992

MEINUNGSUMFRAGEN ZUM KING-URTEIL
Große Mehrheit von Weißen und Schwarzen gegen Freispruch
WASHINGTON - (AD) - Einer am 6. Mai 1992 veröffentlichten Meinungsumfrage der Los Angeles Times
zufolge und laut nationalen Erhebungen, die nach dem
Urteil im Rodney-King-Prozeß durchgeführt wurden,
lehnt eine klare Mehrheit weißer und schwarzer Amerikaner den Beschlu ß der Geschworenen eindeutig ab,
die weißen Polizisten vom Vorwurf der schweren
Mißhandlung freizusprechen. Die Mehrheit für die
Kritiker war jedoch bei Weißen geringer als bei Schwarzen.
In nach dem Urteilsspruch durchgeführten getrennten
Umfragen erklärten über 90 Prozent der Afro-Amerikaner und über 60 Prozent der weißen Amerikaner, sie
lehnten den Geschworenenspruch ab. Eine Mehrheit
der Weißen und Schwarzen meinte ferner, das USJustizministerium solle die weißen Polizisten wegen
Verletzung der Bürgerrechte von Rodney King anklagen.
Den amerikanischen Gesetzen zufolge ist dies eine
getrennte Anklage, die vom Bund erhoben wird. Die
Polizeibeamten würden nicht erneut der Mißhandlung
von Rodney King angeklagt, da diese Beschuldigung
bereits von dem kalifornischen Gerichtshof behandelt
wurde. Statt dessen würde vor einem Bundesgericht
Anklage wegen der Verletzung von Rodney Kings
Bürgerrechten erhoben. Einer der Polizeibeamten
könnte erneut wegen eines Anklagepunkts belangt
werden, bei dem sich die Geschworenen des kalitonischen Gerichts nicht einigen konnten.

2. Gallup/Newsweek: "Glauben Sie aufgrund dessen,
was Sie über den Mißhandlungsfall Rodney King wissen, daß der Freispruch der weißen Polizisten gerechtfertigt war oder nicht?"
Weiße Schwarze
Ungerechtfertigt

73%

92%

Gerechtfertigt

12%

4%

Keine Meinung

15%

4%

3. ABC/Washington Post: "Meinen Sie aufgrund
dessen, was Sie wissen, daß man die Polizisten im Fall
Rodney King eines Verbrechens schuldig hätte sprechen sollen, oder wissen Sie nicht genug, um das zu
sagen?"
Weiße

Schwarze

64%

92%

Unschuldig

5%

1%

Weiß nicht

31%

7%

Schuldig

Neue Anklage
1. Gallup/Newsweek: "Die Bundesregierung könnte
den Bürgerrechten zufolge weitere Schritte gegen die
an dem Fall beteiligten Polizisten unternehmen. Würden
Sie solche Schritte begrüßen?"
Weiße Schwarze

Nachfolgend die Resultate nationaler Meinungsumfragen im einzelnen:

Ja

77%

91%

Das Urteil

Nein

17%

6%

1. Time-CNN/Yankelovich: "Wie hätten Sie abgestimmt, wenn Sie Mitglied der Jury gewesen wären?"

Keine Meinung

6%

3%

Weiße Schwarze
Schuldig

62%

92%

4%

2%

34%

6%

Nicht schuldig
Unsicher

AMERIKA DIENST 19

Seite 1

�2. ABC/Washington Post: "Meinen Sie, das USJustizministerium sollte diese Polizeibeamten wegen
der Verletzung der Bürgerrechte von Rodney King
belangen oder nicht?"
Weiße Schwarze
Sollte belangen

63%

97%

Sollte nicht

17%

1%

Weiß nicht

20%

2%

Die nationalen Daten ähneln denen, die sich in der
Meinungsumfrage der Los Angeles Times für das
Gebiet von Los Angeles ergaben. Die Zeitung berichtete am 6. Mai 1992, daß 7 1 % der Bewohner von Los
Angeles den Urteilsspruch ablehnten - 58% der Weißen und 93% der Schwarzen. Nahezu drei Viertel
gaben an, zu der Jury von Skni Valley hätten auch
Schwarze gehören sollen. Rund 90% der Befragten
begrüßten die Entscheidung des US-Justizministeriums zu ermitteln, ob die Polizisten die Bürgerrechte
Rodney Kings verletzt haben.

* * * * *

Seite 2

AMERIKA DIENST 19

�UMWELT
13. Mai 1992

KLIMAKONVENTION FÜR GIPFEL
IN RIO VERABSCHIEDET
Abkommen soll Erderwärmung aufhalten
NEW YORK - (AD) - Unterhändler aus über 140
Staaten haben am 9. Mai 1992 eine Konvention über
Klimaveränderungen verabschiedet, die ein Programm
zur Reduzierung von Treibhausgasemissionen umta ßt und die Industriestaaten verptlichtet, den Entwicklungsländern bei der Erarbeitung von Plänen tür
umweltverträgliches Wirtschaftswachstum zu helfen.
Dem Stellvertretenden Abteilungsleiter im US-Außenministerium, Robert Reinstein, zufolge spiegelt die
Konvention "grundsätzlich wider, wo wir heute wissenschaftlich, technisch, wirtschaftlich und politisch stehen. Es ist der richtige Start für langfristige Bemühungen. Meines Erachtens werden wir diese Fragen
besser verstehen, wenn wir diesen Weg weiterverfolgen."
Der Text der Konvention, der im Rahmen der UNKonferenz über Umwelt und Entwicklung in Rio de
Janeiro im Juni zur Unterzeichnung ansteht, wurde am
Ende eines 10tägigen Sitzungsmarathons aufgrund
einer Konsensentscheidung verabschiedet und mit
starkem Applaus begrüßt. Die New Yorker Konferenz
hatte versucht eine Formel zu entwickeln, die trotz der
unterschiedlichen Interessen von Industriestaaten und
Entwicklungsländern für alle annehmbar ist.
Binnen Minuten nach der Verabschiedung bezeichnete Malaysia den Text als "grundsätzlich fehlerhaft" und
erklärte, es könne sich an keinen Maßnahmen beteiligen, die aus dieser Konferenz resultierten. Dagegen
bot Deutschland an, das erste Treffen der Vertragsparteien auszurichten.
Der amerikanische Chefunterhändler Reinstein geht
davon aus, daß die Konvention ein effektives Mittel
darstellt, um das Problem der Erderwärmung zu behandeln.
"Es ist ein äußerst ausgewogenes Paket", erklärte er.
"Es spiegelt nicht den Konsens aller Parteien wider,
das wissen wir alle, aber es stellt einen hervorragenden Versuch dar, die verschiedenen Ansichten gegeneinander abzuwägen."

AMERIKA DIENST 19

"Grundsätzlich handelt es sich um eine prozeßorientierte Konvention", stellte Reinstein fest. "Diese Konvention umreißt ein Programm, demzufolge die Länder
Berichte darüber vorlegen, was sie tun, um die Klimaveränderungen in den Griff zu bekommen - entweder
durch Reduzierung der Nettoemissionen oder durch
Anpassung ... Sie sieht Überprüfungen und Bewertung dieser Bemühungen durch die anderen Länder
vor."
Das Ziel des Abkommens ist die Stabilisierung der
Konzentrationen von Treibhausgasen in der Atmosphäre auf einem Niveau, das gefährliche künstliche
Eingriffe in das Klimasystem verhindern würde. Dieses Niveau sollte "innerhalb eines Zeitrahmens erreicht werden, der so gesteckt ist, daß er den Ökosystemen die natürliche Anpassung an die Klimaveränderungen gestattet, um sicherzustellen, daß die Nahrungsmittelproduktion nicht gefährdet ist und zu gewährleisten, daß wirtschaftliche Entwicklung in umweltverträglicher Weise voranschreitet", so der Text.
Die Industriestaaten werden verpflichtet, bei der
Modifizierung künstlich produzierter Emissionen von
Kohlendioxid und anderen Treibhausgasen die Führungsrolle zu übernehmen. Dabei wird anerkannt, daß
ein Einfrieren dieser Emissionen auf dem Stand von
1990 zur Stabilisierung beitragen würde.
Die Konvention stellte ein fein austariertes Gleichgewicht zwischen Industriestaaten, Ländern der dritten
Welt und Ländern her, deren Volkswirtschaften sich im
Übergang befinden, wie etwa in Osteuropa. Verschiedene Interessengruppen hatten versucht, auf die
Unterhändler Einfluß zu nehmen, darunter Umweltschützer, die einen schärferen Vertrag mit Obergrenzen für Emissionen wollten sowie einige Industriebranchen, die am liebsten gar keinen Vertrag gehabt hätten.
Der Vorsitzende des Verhandlungskomitees, Jean
Ripert, erklärte, die Konvention sei "ein Schritt, nur ein
Schritt, aber ein entscheidender". Er erkannte an, daß
die Konvention Umweltschützer mit "einer Vision",

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�nicht befriedigen werden, die eine Beschleunigung des
Prozesses wünschten. Er argumentierte jedoch, daß
"über 100 Regierungen eine konkrete Zusammenarbeit ... einleiten werden, nicht nur durch Unterzeichnung und Verabschiedung von Erklärungen, sondern
durch Beteiligung an einem Aktionsprozeß".
Auf Fragen über die Sprachregelung der Konvention,
die der Frage von Emissionszielen für das Jahr 2000
ausweicht, antwortete Ripert, der Text weise "konstruktive Mehrdeutigkeiten" auf, die komplexe wissenschaftliche Phänomene, wirtschaftliche Erwägungen,
unterschiedliche Bedingungen und nationale Empfindlichkeiten berücksichtigten.
"Das Ziel sind nicht Richtwerte", erklärte er. "Letztlich
ist wichtig, daß nicht nur Europäer und Amerikaner,
sondern auch die Japaner und andere in die gleiche
Richtung blicken."
Reinstein zufolge betrachten die Vereinigten Staaten
die Erwähnung der Emissionswerte von 1990 als die
Art von Bezugsgröße, die erforderlich ist, "wenn man
aktiv werden, nationale Maßnahmen ergreifen und
entsprechende Schritte unternehmen will".
Die Zahl von 1990 wird benutzt werden um festzustellen, "ob wir im Vergleich zu dieser Bezugsgröße Fortschritte gemacht haben. Es handelt sich nicht um eine
rechtliche Verpflichtung, genau zu diesem Niveau
zurückzukehren", stellte er fest.
Reinstein nannte die Konvention "ein Paket (mit) einer
Interdependenz aller Elemente", das "dem Rest der
Welt die Botschaft übermittelt, daß wir ... bei der
Bewältigung des Klimawandels zu Fortschritten bereit
sind".
"Es ist einem Kartenhaus vergleichbar", erklärte er.
"Wir haben es geschafft, es aus individuellen nationalen Positionen zusammenzusetzen, die ziemlich verschieden waren. Trotz der Differenzen, mit denen wir
hier anreisten, haben wir ein bemerkenswertes Maß
an Übereinstimmung zu der Art von Kompromiß erreicht, der aus den Verhandlungen hervorgehen kann."
Reinstein wies Behauptungen zurück, daß die Konvention mit den amerikanischen Forderungen übereinstimme.
"Wir sind einige Kompromisse eingegangen", stellte er
fest. "Der Text... beinhaltet Kompromisse der Vereinigten Staaten ebenso wie seitens der meisten anderen Länder. Der Text wird kaum der Position irgendeines Landes entsprechen. Die Länder kamen mit einer
Vielzahl von Positionen zu einer Vielzahl von Aspekten
an den Verhandlungstisch ... Wir haben versucht, ein
Gleichgewicht bei den Emissionszusagen, den Finanzierungszusagen, der Berichterstattung, Überprüfung
und so weiter zu finden."

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Eine der wichtigsten Stärken des Vertrags ist der
Folgeprozeß, der systematische Überprüfungen sowie einen Dialog zwischen Wissenschaftlern, politischen Entscheidungsträgern und Wirtschaft vorsieht.
Der Exekutivsekretär des Verhandiungskomitees,
Michael Zammit Cutajar, erklärte, der Vertrag sei "ein
Kompromiß, der breite Beteiligung an dem eingeleiteten Prozeß gestartet, und Beteiligung ist das Wesentliche. Meines Erachtens werden so alle wichtigen
Parteien einbezogen."
Die Konvention sieht ein Leitungsgremium sowie einen langfristigen Prozeß zur ständigen Überprüfung
von Maßnahmen und die Einbeziehung neuer wissenschaftlicher Daten vor. Die erste Konferenz würde
sechs Monate nach Inkrafttreten des Vertrags veranstaltet. (Der Vertrag tritt drei Monate nach seiner
Ratifizierung durch mindestens 50 Staaten in Kraft.)
Eine zweite offizielle Konferenz würde demnach im
Jahr 1998 stattfinden, um die von den einzelnen Ländern erzielten Fortschritte zu erörtern. Sie würde
darüber hinaus eine Gelegenheit bieten festzustellen,
welche weiteren Beschlüsse oder Vereinbarungen
angesichts des größeren technischen Verständnisses
der Klimaveränderungen und der wirtschaftlichen Folgen
von Reaktionen darauf erforderlich sein könnten.
Obwohl keine spezifische Summe für die Hilfe an
Entwicklungsländer festgesetzt wird, verpflichtet der
Vertrag die Industriestaaten dazu, die Entwicklungsländer bei der Überprüfung ihrer Lage, Entwicklung
von Plänen und Durchführung von Maßnahmen zu
unterstützen, die bei der weltweiten Reaktion auf die
Klimaveränderungen hilfreich wären. In der Februarrunde der Verhandlungen über den Vertrag sagten die
Vereinigten Staaten 25 Millionen Dollar zu, um den
Ländern bei der Erstellung nationaler Berichte zu
helfen sowie weitere 50 Millionen Dollar für die globale
Umweltfazilität (GEF) von Weltbank, UN-Entwicklungsprogramm und UN-Umweltprogramm.
Die Delegierten waren außerstande, in der vor Rio zur
Verfügung stehenden Zeit die Differenzen darüber
auszuräumen, wie die Industriestaaten langfristig finanzielle und technische Hilfe leisten sollen. Die
vorgeschlagene Konvention sieht vor, die Einzelheiten
bei der ersten Konferenz der Vertragsparteien auszuarbeiten. In der Zwischenzeit wird die Finanzierung
durch die GEF erfolgen. Die Industriestaaten können
ferner auf bilateraler oder regionaler Basis sowie durch
andere multilaterale Kanäle Hilfe bereitstellen.
Darüber hinaus wurde eine Resolution für die im
September beginnende 47. Sitzungsperiode der
Generalversammlung erarbeitet. Sie würde ein Adhoc-Sekretariat ins Leben rufen, das vor Inkrafttreten
des Vertrags die Arbeit aufnehmen soll. Das Sekreta-

AMERIKA DIENST 19

�riat würde sich mit den Durchführungsverfahren, den
Mitteln für die Einbeziehung wissenschaftlicher Daten
und anderen Aufgaben beschäftigen, die der ersten
Konferenz der Vertragsparteien die Arbeitsaufnahme
erleichtern würden.
Diese Übergangsmechanismen sind Reinstein zufolge notwendig, da "es für die bereits zugesagten Gelder
sonst keine Möglichkeit gibt ... unmittelbar in den
Entwicklungsländern wirksam zu werden. Ansonsten
müßten wir vielleicht drei, vier oder sechs Jahre warten."
Bei einer Pressekonferenz zum Ende der Verhandlungen wies Reinstein ferner Anschuldigungen zurück,
die Vereinigten Staaten hätten die Führungsrolle beim
Umweltschutz abgegeben, die sie 1972 innehatten.
"Wir haben immer noch den Idealismus, der zur ersten
Umweltkonferenz in Stockholm führte", erklärte er.
"Aber heute besitzen wir 20 Jahre Erfahrung und die
Erkenntnis, daß Umwelt kein abstraktes Ideal an und
für sich ist, sondern ein integraler Bestandteil der
gesamten menschlichen Erfahrung in Zusammenarbeit mit unserem Zuhause, der Erde und all den
anderen Geschöpfen, mit denen wir sie teilen."

*

AMERIKA DIENST 19

*

Reinstein zufolge geht es bei der bevorstehenden
Konferenz in Rio de Janeiro "nicht nur um die Umwelt,
sondern darum, wie wir unsere Umweltideale mit all
den anderen Aspekten in Einklang bringen, mit denen
wir uns hier auseinandersetzen müssen - das heißt
Wirtschaft, Nahrungsmittel, Bekleidung, Unterkunft,
Armut, wirtschaftliche Entwicklung".
"Was die Vereinigten Staaten nach Rio mitbringen, ist
eine beachtliche Erfahrung bei dem Versuch, diese
Integration in den Vereinigten Staaten durchzuführen
und der Erkenntnis, daß es nicht immer so einfach ist,
sich für ein umweltpolitisches Ziel einzusetzen ohne zu
berücksichtigen, daß es in das Gesamtbild von Gehaltsschecks und Essen auf dem Tisch eingeordnet
werden muß", erklärte er.
Reinstein mahnte die Reporter, die amerikanische
Haltung nicht als sorglos zu interpretieren: "Meines
Erachtens sehen die Leute einen gewissen Pragmatismus, der mit Verschleppungstaktik verwechselt wird."
Reinstein fügte hinzu: "Wir müssen in die Zukunft
blicken. Wir haben hier etwas für die Zukunft geschaffen, für künftige Generationen, das viele Möglichkeiten
zur Partnerschaft zwischen allen Staaten bietet."

*

*

Seite 3

�WAHLEN

'9 2
13. Mai 1992

ZWISCHENBERICHT ZU DEN WAHLEN '92
Anzahl der Delgierten und Ergebnisse der Vorwahlen
WASHINGTON - (AD) - Die nachfolgend veröffentlichte inoffizielle Übersicht zeigt die Anzahl der Delegierten,
über die jeder Kandidat zum gegenwärtigen Zeitpunkt (7. Mai) des US-Wahlprozesses verfügt sowie die
Ergebnisse der Vorwahlen vom 5. Mai in North Carolina, Indiana und District of Columbia.

Demokraten (zur Nominierung erforderlich: 2.1 45)

Indiana

Clinton

Demokraten

Prozentsatz der Stimmen

1.665

Nicht gebunden

627

Clinton

63

Tsongas

526

Brown

21

Brown

349

Tsongas

12

Republikaner (zui' Nominierung erforderlich: 1 .105)

Sonstige

4

Bush

Republikaner

Prozentsatz der Stimmen

Bush

80

Buchanan

20

1.211
68

Buchanan
Nicht gebunden

8

Ergebnisse der Vorwahlen vom 5. Mai

District of Columbia

Die nachfolgende Übersicht zeigt den Prozentsatz der
Stimmen, die jeder Kandidat bei den Vorwahlen am 5.
Mai erhalten hat.

Demokraten

Prozentsatz der Stimmen

Clinton

74

North Carolina

Brown

7

Demokraten

Prozentsatz der Stimmen

Tsongas

10

Clinton

64

Unentschieden

Brown

10

Republikaner

Prozentsatz der Stimmen

9

Tsongas

8

Bush

81

Sonstige

3

Buchanan

19

Unentschieden
Republikaner

15
Prozentsatz der Stimmen

Bush

70

Buchanan

10

Unentschieden

20

AMERIKA DIENST 19

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                <text>&lt;strong&gt;1. Die kernphysikalische Forschung&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Neue Theorien amerikanischer Wissenschaftler zum Problem der kontrollierten Kernverschmelzung&amp;nbsp;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Fernkurse in Kerntechnik&amp;nbsp;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Tritium als Strahlenquelle in wissenschaftlichen Instrumenten&amp;nbsp;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Wissenschaft&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Hundert Jahre amerikanische Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaften (AAAS)&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Das Parlament der amerikanischen Naturwissenschaftler&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Kurznachrichten&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Elektronenhirne verdrängen Routinearbeit&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;4. Von Kunst und Künstlern&amp;nbsp;&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Beseelter Draht&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Mobiles von Alexander Calder in der Corcoran-Galerie - zum 60. Geburtstag A. Calders am 22. Juli 1958&amp;nbsp;&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;5. Anhang&amp;nbsp;&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Eisenhower: die höchste Aufgabe des Offiziers ist die Verhinderung des Krieges&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Wortlaut-Auszüge aus der Ansprache Präsident Eisenhowers vor den Absolventen der US-Marineakademie in Annapolis (Maryland) vom 4. Juni 1958&lt;/em&gt;</text>
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13. Juni 1973

Nummer 22

Inhalt

INFORMATION:
Laird erhielt Großkreuz des Bundesverdienstordens
-Ansprache des neuen PräsidentenberatersRogers unterstreicht Notwendigkeit regionaler Bündnisse
Von Marie H. König

HINTERGRUNDMATERIAL:
USA halten an realistischer Abschreckungsmacht der NATO fest
-Schlesinger in BrüsselRush umreißt weltweite Verpflichtungen der USA
-Auszüge aus der Rede des Stellvertretenden Außenministers am 5.Juni-

WIRTSCHAFT:
US-Finanzministerium rechnet mit steigendem Dollar-Kurs für die
kommenden Monate
Von Eugene Brake

Um Übersendung von Belegexemplaren wird gebeten.

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22/1973

LAIRD ERHIELT GROSSKREUZ DES BUNDESVERDIENSTORDENS
-Ansprache des neuen Präsidentenberaters-

BONN--(AD)-- Der neuernannte Berater des Weißen Hauses für Innenpolitische Angelegenheiten und frühere amerikanische Verteidigungsminister,
Melvin R. Laird, hat am 12. Juni aus der Hand von Bundesverteidigungsminister Georg Leber das Großkreuz des Verdienstordens der Bundesrepublik
Deutschland erhalten. An dem Essen zu Ehren von Laird nahmen unter anderem
der amerikanische Staatssekretär für die Marine (Marineminister) John W„
Warner - ebenfalls zu Besuch in der Bundesrepublik -;Bundesfinanzminister
Helmut Schmidt; der deutsche Botschafter bei der NATO, Franz Krapff; der
Generalinspekteur der Bundeswehr, Admiral Armin Zimmermann; der amerikanische Botschafter in Bonn, Martin J. Hillenbrand

und der Chef der amerika-

nischen Beratergruppe für Militärhilfe, Generalmajor Jack J. Wagstaff, teil.
Die Dankadresse Lairds anläßlich seiner Auszeichnung hat folgenden
Wortlaut:
Herr Verteidigungsminister Leber, Herr Finanzminister Schmidt,
meine Herren!
Sie haben mir und meinem Lande an diesem Abend eine große Ehre mit der
Verleihung dieser Auszeichnung erwiesen, die unsere Partnerschaft und unsere
Stärke symbolisiert, wenn wir jetzt auf eine Ära der Verhandlungen für den

�den Frieden zuschreiten, Sie erinnern mich aufs lebhafteste an unsere enge
Konsultation und Zusammenarbeit im Interesse des Weltfriedens während der
letzten Jahre,
Wir haben bei vielen Gelegenheiten freimütig und offen miteinander gesprochen - bei einzelnen, bilateralen Gesprächen als Verteidigungsminister
oder auch als Minister und geschätzte Freunde - während der NATO~Konferenzen
Unsere Zusammenkünfte waren stets harmonisch, getragen von einer Bereit»
schaft, unsere Probleme auf einer realistischen Basis gemeinsam anzupacken
sowie in einem wahren Geist deutsch-amerikanischer Partnerschaft im Rahmen
des großen NATO-Bündnisses.
In unseren Zusammenkünften spiegelte sich der stetige Fortschritt wi der, nach dem unsere beiden Nationen in ihrem Ringen um eine realistische
Abschreckung strebten, wie sie für einen dauerhaften Weltfrieden notwendig
und erforderlich ist. Die Bundesrepublik hat in der Tat bemerkenswerte Beiträge zu den für die Erreichung dieses Zieles notwendigen Maßnahmen geleistet. In den letzten vier Jahren, in denen ich die Haltung der Bundesrepublik genau verfolgen konnte, wurden Verträge mit der Sowjetunion und Polen
ausgehandelt und ratifiziert. Es wurden ferner Maßnahmen getroffen, um in
konstruktiver Weise die Situation zu verbessern, der sich die Bewohner der
Westsektoren Berlins gegenübersahen, und um die Zusammenarbeit mit der gesamten deutschen Nation zu verbessern.
Wir haben unsererseits mit den Besuchen Präsident Nixons in Peking und
Moskau Schritte unternommen, um die Beziehungen mit den Führern und der Bevölkerung der kommunistischen Welt zu verbessern. Inzwischen hat auch die
zweite Phase der Gespräche über die Begrenzung der Strategischen Rüstungen
begonnen.
Gemeinsam gehen wir als entschlossene Verbündete weiter auf dem Weg zu
einer Entspannung über die Stationen der Konferenz über Sicherheit und Zu=
sammenarbeit in Europa (KSZE) in Helsinki und die Gespräche über eine

-2-

�eine Gemeinsame und Ausgewogene Reduzierung der Streitkräfte (MBFR) in Wien.
Der jüngste Besuch von Parteichef Breschnew hier in Bonn ist ein weiteres
Beispiel für den Wunsch der Bundesrepublik, mit Begeisterung die neuen Wege
einer internationalen Verständigung zu beschreiten.
Meine eigenen Erfahrungen während meiner vierjährigen Tätigkeit im Verteidigungsministerium und während der vielen Jahre, die ich als Mitglied
des amerikanischen Kongresses tätig war, haben mir gezeigt - und wie ich
glaube auch dem amerikanischen Volk - daß Ihre Nation und meine eigene auch
weiterhin zusammen für den Weltfrieden eintreten können und werden. Unsere
beiden Nationen sind sich bewußt, daß dieser Friede auf der Grundlage der
Partnerschaft und der Stärke beruhen muß.

Um ein Beispiel zu nennen: Ich

begrüße die Schaffung einer Ständigen Seestreitmacht Mittelmeer der NATO,
in der auch die Bundesrepublik vertreten sein wird.
Ich kann Ihnen, meine geschätzten Freunde, versichern, daß ich an der
Verteidigung und an der kontinuierlichen Stärke, Vitalität und dem Zusammenhalt des großen atlantischen Bündnisses und unserer beiden Nationen ein nicht
nachlassendes Interesse habe und weiterhin behalten werde.
Ich grüße Sie und danke Ihnen von ganzem Herzen für die Ehre, die Sie
mir und meinem Lande heute abend erwiesen haben.

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22/1973

ROGERS UNTERSTREICHT NOTWENDIGKEIT REGIONALER BÜNDNISSE
Von Marie H. König

TEHERAN --(AD)-- Der amerikanische Außenminister William P. Rogers hat
erneut die Notwendigkeit regionaler Bündnisse - wie CENTO, NATO und SEATO unterstrichen.
Auf einer Pressekonferenz im Anschluß an die zweitägige Ministerratssitzung der Zentralpaktorganisation (CENTO)betonte der amerikanische Außenminister am 11. Juni, daß derartige regionale Zusammenschlüsse trotz der
Verminderung der Ost-West-Spannungen auch weiterhin wichtig seien. Der
Zentralpal-torganisation gehören der Iran, die Türkei, Pakistan und Großbritannien als Vollmitglieder an, während die Vereinigten Staaten an den
Ratstagungen nur als Beobachter teilnehmen, in den wichtigen CENTO-Ausschüssen jedoch aktiv mitarbeiten.
Rogers, der am 14. und 15. Juni an der Ministerratstagung der NATO in
Kopenhagen teilnimmt, betonte, daß die Vereinigten Staaten die Bemühungen
um eine Entspannung realistisch und nicht euphorisch sehen, und er warnte
vor der Auffassung, Bündnisse als nicht mehr so wichtig zu betrachten, da
die Welt sich in Richtung auf eine Entspannung bewege. Bündnisse wie
CENTO, NATO und SEATO hätten erst die Stärke und Stabilität geschaffen,
die eine Verbesserung der Beziehungen zwischen den Ländern des Ostens und
des Westens ermöglichten. Rogers zeigte sich in diesem Zusammenhang beson-

-1-

�besonders von der wachsenden Zusammenarbeit zwischen den Ländern am Persischen Golf beeindruckt und betonte, daß gerade dieses Gebiet in den kommenden Jahren mehr und mehr an Bedeutung gewinnen werde.
Auf den Absatz des CENTO-Kommuniques angesprochen, daß die Außenminister
entschlossen seien, den subversiven Bedrohungen mit allen ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln zu begegnen, erklärte Rogers, nachdem die Gefahr eines
dritten Weltkrieges oder eines Atomkrieges immer mehr zurückgehe, sei die
Subversion zu einem Mittel zur Ausbreitung von Ideologien geworden. Auch
die Subversion gehöre zu den Punkten, die den Ländern dieses Raumes Sorge
bereiteten, doch sei dies nur eine der Gefahren, vor denen sie auf der Hut
sein müßten. Und noch deutlicher wurde Rogers in einer Ansprache vor Angehörigen der amerikanischen Botschaft, als er betonte, daß die Subversion in
einer Atmosphäre der Entspannung bis hart an die Grenze eines Krieges gehen
könne.
Zu der bekundeten Bereitschaft der Vereinigten Staaten, dem Iran und
Saudi-Arabien militärische Ausrüstungen, darunter auch Phantom-Düsenjäger,
zu liefern, sagte Rogers, die USA glaubten nicht, daß eine Stärkung der iranischen Streitkräfte oder der Wunsch Saudi-Arabiens nach Stärkung seines militärischen Potentials irgendwelche Gefahren heraufbeschwören würden. Im
Gegenteil könnten sich derartige Maßnahmen stabilisierend auswirken.
Der amerikanische Außenminister wies in diesem Zusammenhang darauf hin,
daß die Sowjetunion ernsthaft bestrebt sei, ihre Beziehungen zu den Vereinig,
ten Staaten wie auch zu den westeuropäischen Ländern zu verbessern. Die USA
seien darüber erfreut, doch lasse sich daraus noch keineswegs folgern, daß
Moskau seine Weltanschauung geändert habe. Und man dürfe daraus auch nicht
den Schluß ziehen, daß die Sowjets künftig nicht mehr versuchen würden, ihren
Einfluß auf andere Gebiete der Welt auszudehnen oder daß sie militärische
Stärke für unwichtig hielten. Genau das Gegenteil sei der Fall. Wörtlich
fügte Rogers hinzu: "Daß wir unsere Beziehungen zu ihnen verbessern konnten,

-2-

�konnten, ist gerade darauf zurückzuführen, daß wir stark sind und daß wir
starke Bündnisse haben."
Bereits in seiner Rede zu Beginn der Ministerratssitzung hatte der
amerikanische Außenminister unterstrichen, daß an Stelle der Konfrontation
nunmehr Verhandlungen treten müßten, um ein weltweites Gebäude des Friedens
zu errichten. Alle Länder, die großen wie die kleinen, könnten hierzu beitragen. Für die Situation im Nahen Osten, so hatte Rogers in diesem Zusammenhang betont, sei es von äußerster Wichtigkeit, daß die Araber und die
Israelis nunmehr ernsthafte Verhandlungen aufnehmen. Die Vereinigten Staaten würden beide Parteien auch weiterhin dabei unterstützen, Fortschritte
in Richtung auf einen Frieden zu machen, der den legitimen Interessen
aller Betroffenen in diesem Raum gerecht wird.

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22/1973

USA HALTEN AN REALISTISCHER ABSCHRECKUNGSMACHT DER NATO FEST

-Schlesinger in Brüssel»

BRÜSSEL —(AD)--

Die Vereinigten Staaten haben ihre NATO-Verbündeten auf-

gerufen, gemeinsam mit ihnen an einer realistischen Abschreckungsmacht des
Bündnisses festzuhalten, um den Frieden auch weiterhin zu sichern. Die
Haltung der USA legte der designierte amerikanische Verteidigungsminister
Dr. James R. Schlesinger am 8. Juni vor dem NATO-Ausschuß für Verteidigungs«
planung (DPC) auf dessen Halbjahrestagung im Hauptquartier in Brüssel dar.
Dr. Schlesinger, dessen Bestätigung als Verteidigungsminister durch den
Senat noch aussteht, erhielt für seine Reise den Status eines Sonderbeauftragten des Präsidenten.
Wie aus amerikanischen Quellen im Anschluß an die vertrauliche Tagung
zu erfahren war, hat Dr. Schlesinger die NATO-Verteidigungsminister davor
gewarnt, die gegenwärtige Phase der Verhandlungen mit dem Osten bereits als
die Entspannung selbst zu betrachten. Nach diesen Berichten hat Dr. Schlesinger darauf hingewiesen, daß gegenwärtig zwar ein "milder Wind" aus dem
Osten wehe, daß dieser Wind jedoch auch sehr rasch umschlagen und wieder
"rauh" werden könne. Unter solchen unsicheren Bedingungen müsse die seit
so langer Zeit aufgebaute Verteidigung des Westens erhalten und verstärkt
werden. Wie freundlich die Atmosphäre zur Zeit auch scheinen möge, so sei

�sei die eigentliche - nukleare und nicht-nukleare - Bedrohung keineswegs
verschwunden. Dr. Schlesinger soll weiter betont haben, daß der Westen
nicht aus einer Position der Schwäche heraus erfolgreich verhandeln könne.
Nach amtlicher amerikanischer Darstellung hat Dr. Schlesinger drei
Aspekte der amerikanischen Politik hervorgehoben:
1. Die Vereinigten Staaten werden weiterhin eine wesentliche Rolle in
der Weltpolitik spielen. Sie werden vor allem an ihrer militärischen Verpflichtung in Europa festhalten. Bei entsprechendem partnerschaftlichem
Verhalten der europäischen Verbündeten werden die USA, wie dies Präsident
Nixon wiederholt zugesagt hat, ihre Streitkräfte in Europa aufrechterhalten
und verbessern. Eine Verringerung kann und wird nur im Rahmen eines verifizierbaren MBFR-Abkommen erfolgen.
2. Die Zeit ist vorbei, da die Vereinigten Staaten sich um alle Probleme überall auf der Welt kümmern können.
3. Die europäischen Nationen sind heute militärisch und wirtschaftlich
stärker als je zuvor und daher in der Lage, eine größere Verantwortung für
die gemeinsame Verteidigung zu übernehmen. Dr. Schlesinger soll in diesem
Zusammenhang die Hauptrolle der USA in der nuklearen Abschreckung bestätigt
und zugesichert haben. In einer Ära der nuklearen Parität komme jedoch der
konventionellen Stärke nur eine relativ größere Abschreckungswirkung und damit Bedeutung zu.
Wie von amtlicher amerikanischer Seite unterstrichen wird, hat Dr.
Schlesinger großen Nachdruck auf die Aufrechterhaltung der konventionellen
Stärke des Bündnisses gelegt. Es würde für die Vereinigten Staaten schwierig, ihre Zusage in den kommenden Jahren erfüllen zu können, wenn einige
ihrer Partner in Europa die Einsatzkraft ihrer konventionellen Streitkräfte
verringern. Jeder der Beteiligten müsse seinen Anteil an der Gesamtlast
tragen.
Dr.

-2-

�Dr. Schlesinger hat, wie von amtlicher Seite berichtet wird, die
pessimistische Auffassung abgelehnt, dis NATO werde in den kommenden Jahren
keine wirksame konventionelle Abschreckung aufrechterhalten können. Die
NATO habe heute eine ausreichende konventionelle Abschreckungsstärke und
verfüge über die Mittel und die Kapazität, sie in Zukunft aufrechtzuerhalten.
Aus amtlichen amerikanischen Kreisen verlautet in diesem Zusammenhang,
daß die USA hier an bestimmte Verbesserungen auf konventionellem Gebiet
denken. Einige dieser Ziele gehören in den Rahmen des vor zwei Jahren vereinbarten Programms für die Verbesserung der Verteidigung in den siebziger
Jahren -AD-70.
Bezüglich der NATO-Strategie hat Dr. Schlesinger nach Aussagen amerikanischer Quellen betont, daß die Vereinigten Staaten Vertrauen in die
Strategie der abgestuften Antwort (flexible response), der Vorne-Verteidigung und der realistischen Abschreckung hätten, und die Hoffnung ausgesprochen, daß sich das Bündnis auch in Zukunft von den eigentlichen Prioritäten
leiten lassen werde.
Wie aus amtlichen Quellen verlautet, hat Dr. Schlesinger ferner ein
multilaterales Programm der Verbündeten für den Ausgleich der hohen amerikanischen Ausgaben im Rahmen der NATO-Verteidigung angeregt. Spezifische
Vorschläge seien jedoch nicht unterbreitet worden. Die USA warteten auf
Vorschläge seitens der Verbündeten, und die Reaktion auf die Bemerkung
Dr. Schlesingers bezüglich der Lastenteilung sei durchaus verständnisvoll
gewesen.
Der NATO-Ausschuß für Verteidigungsplanung nahm ferner die vorangegangenen Beratungen von zehn europäischen Verteidigungsministern, der sogenannten "Euro-Gruppe" zur Kenntnis, die sich vor allem mit einer stärkeren
Zusammenarbeit auf dem Gebiet der Rüstung befaßt hatte. Die Minister be-

-3-

�begrüßten im Zusammenhang mit der einhelligen Zielsetzung, die Sicherheit
auch weiterhin zu gewährleisten, die Zusicherung Dr. Schlesingers ganz besonders, daß die USA an ihren Verpflichtungen in Europa festhalten wollen.

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22/1973

RUSH UMREISST WELTWEITE VERPFLICHTUNGEN DER USA
-Auszüge aus der Rede des Stellvertretenden Außenministers am 5.Juni-

WASHINGTON — ( A D ) — Der Stellvertretende Außenminister der Vereinigten Staaten und frühere amerikanische Botschafter in Bonn, Kenneth Rush, hat am
5. Juni vor der Führungsakademie der US-Streitkräfte die weltweiten Aufgaben und Verpflichtungen der USA unterstrichen. Die Rede Rushs hat in
wesentlichen Auszügen folgenden Wortlaut:
"Präsident Nixon hat bei seiner Amtsübernahme eine große Zahl internationaler Verpflichtungen übernommen, die vor ihm eingegangen worden sind.
Er hat, wie versprochen, an diesen Verpflichtungen festgehalten. Aber die
Vereinigten Staaten haben noch zwei weitere Dinge getan:
Erstens, wir haben unsere Partner ermutigt, selbst mehr zu tun. So
haben wir beispielsweise in Vietnam mit Erfolg das Vietnamisierungsprogramm
abgeschlossen. In Europa übernehmen unsere Verbündeten einen größeren Anteil an der Verteidigungslast und stellen heute 90 Prozent der Truppen
für die NATO.
Zweitens, wir haben hart und erfolgreich daran gearbeitet, die Art
unserer Beziehungen zum kommunistischen China und zur Sowjetunion zu ändern.
Heute tritt die Konzeption an die Stelle der Konfrontation, die unsere Beziehungen kennzeichnete, als Präsident Nixon sein Amt übernahm.

Ich

�Ich möchte ein paar Worte über dieses zweite Element sagen, da unsere
veränderten Beziehungen zu unseren früheren Gegnern manche Leute veranlaßt
haben, den Wert unserer fortdauernden Verpflichtungen gegenüber unseren Verbündeten in Frage zu stellen.
Für mich liegt es auf der Hand, daß der Fortschritt, den wir mit der
Sowjetunion und China erzielt haben, nur möglich war, weil sie und unsere
Verbündeten an unsere Aufrichtigkeit und Zuverlässigkeit geglaubt haben.
Sowohl Freund wie Gegner wußten, daß wir zu unseren Verpflichtungen stehen
würden. Aufgrund dieser Tatsache waren wir in der Lage, mit der Sowjetunion
und mit China zu verhandeln, ohne das Vertrauen unserer Verbündeten zu untergraben oder den Respekt unserer Gegner vor unserer Entschlossenheit zu mindern.
Während meiner Zeit als Botschafter in Deutschland hatte ich das Privileg, mit über das Berlin-Abkommen zu verhandeln, durch das diese Stadt aufhörte, eine Quelle ständiger Spannungen in den Ost-West-Beziehungen zu sein.
Es war für mich während dieser ganzen Verhandlungen klar, daß die Zuverlässigkeit unserer Verpflichtungen gegenüber der NATO ein wesentlicher Faktor für
den erfolgreichen Abschluß der Gespräche war.
Während des letzten Viertel Jahrhunderts haben die Vereinigten Staaten den
Nuklear-Schirm gestellt, von dem die Sicherheit Europas abhing. Daß wir das
taten, war in unserem beiderseitigem Interesse. Wenn dieser Nuklear-Schirm abgezogen würde, hätten die europäischen Nationen nur die Wahl, ihre eigene
Nuklearkapazität enorm auszubauen oder sich mit der Sowjetunion zu arrangieren. Diese Alternativen liegen weder in unserem eigenen Interesse noch im
Interesse unserer Verbündeten. Die Sowjetunion würde jedoch einen Abbau unserer Bindungen mit Westeuropa begrüßen - eine Entwicklung, die in ihren Augen
die sowjetische Hegemonie in Osteuropa fördern und ihren Einfluß in Westeuropa stärken würde.
Die

-2-

�Die gleiche unannehmbare Wahl zwischen verstärkter Nuklearkapazität und
Anpassung würde den europäischen Ländern aufgezwungen, wenn sie das Vertrauen
in unsere Verpflichtungen gegenüber dem Prinzip verlieren würden, daß europäische Sicherheit und amerikanische Sicherheit unteilbar sind. Wenn wir uns
einseitig von unseren Verpflichtungen in Westeuropa zurückziehen würden, dann
würde dies fast mit Sicherheit zu einem solchen Verlust des Vertrauens führen.
Wir versuchen daher vielmehr, die Spannungen im ganzen Kontinent abzu»
bauen,ohne die Verteidigung Europas zu schwächen. So wird Außenminister Rogers
nächsten Monat mit den Außenministern von 32 anderen europäischen Staaten und
Kanada an der Konferenz für die Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa teilnehmen. Unser Ziel und das unserer Verbündeten besteht darin, die Freizügigkeit von Menschen, Informationen und Ideen über den Kontinent hinweg zu
steigern und die souveräne Gleichberechtigung jedes europäischen Landes zu
bekräftigen und zwar ohne Rücksicht auf seine Zugehörigkeit zusammen mit
anderen zum gleichen sozialen oder politischen System. Ferner sind Vorbereitungsgespräche für eine beiderseitige und ausgewogene Verringerung der Streit"
kräfte im Gange, die sich in Mitteleuropa gegenüberstehen. Diese beiden Gesprächsrunden sind entscheidende Elemente in unserem Streben, weiter von der
Konfrontation weg zu Verhandlungen in Europa zu kommen. Wenn diese Gespräche
Erfolg haben sollen, müssen sowohl unsere Verbündeten als auch die Sowjetunion
weiterhin hohen Respekt vor unserer Entschlossenheit haben, zu unseren Verpflichtungen zu stehen.
Ein wichtiges Element in der Vorstellung der Welt von unserer Zuverlässigkeit ist unsere anhaltende Stärke. Auf nuklearem Gebiet gesehen bedeutet das
im wesentlichen die Gleichwertigkeit der Nuklearstreitkräfte der Vereinigten
Staaten und der Sowjetunion. Und genau diese Art von Gleichwertigkeit streben
wir in der gegenwärtigen Runde der SALT-Gespräche auch an. Und wenn wir bei
diesen Verhandlungen danach streben, eine weitere Begrenzung der strategischen Rüstungen herbeizuführen, dann müssen wir weiterhin von einer starken
Kondition aus verhandeln.
In

-3-

�1

1
In Asien entwickelt sich eine neue Beziehung unter all den beteiligten
Nationen. Wir sind eine pazifische Macht und werden es auch weiterhin bleiben. Heute, da wir verantwortungsvoll unsere Rolle bei der Entwicklung eines
friedlicheren und kooperativeren Asiens spielen wollen, müssen wir unsere
dortigen Verpflichtungen peinlich genau einhalten. Es muß in diesem Zusammenhang gesagt werden, daß wir unsere Verpflichtungen gegenüber Taiwan nicht
geopfert haben, als wir unsere Beziehungen zu Peking verbesserten. Ja es
ist sogar so, daß unsere Entschlossenheit, zu diesen Verpflichtungen zu
stehen, zur friedlichen Entwicklung in Asien beigetragen hat.
Das Berlin-Abkommen, die Reisen des Präsidenten nach Moskau und Peking,
SALT I, das Ende des Krieges in Vietnam und der kommende Besuch von Parteichef Breschnew in den Vereinigten Staaten lassen das Ausmaß und die Richtung
der Veränderungen in der Weltpolitik erkennen. Aber sie zeigen auch eine gemeinsame Lehre: Fortschritt ist nur in einer Welt möglich, in der andere Nationen von der Voraussetzung ausgehend vertrauensvoll handeln, daß die Vereinigten Staaten das tun werden, wozu sie sich verpflichtet haben. Wo eine
solche Vertrauensbasis fehlt, ist es beinahe unmöglich, konstruktive Beziehungen zwischen Nationen aufzubauen - und es zeigt sich gerade im Nahen
Osten, daß die Verhandlungen lahmgelegt sind, weil es den Beteiligten an diesem Vertrauen mangelt.
Der Ruf der Vereinigten Staaten für ihre stabilen, zuverlässigen Verpflichtungen ist im Laufe vieler Jahre entstanden und teuer erkauft worden,
Wir können und werden nicht zulassen, daß dieses kostbare Gut von Jenen
verschleudert wird, die glauben, daß wir unsere Verpflichtungen hinter uns
lassen könnten, daß jetzt die offensichtliche Bedrohung unserer Sicherheit
geringer geworden sei.
Es liegt natürlich auf der Hand, daß unsere Verpflichtungen in einem
Verhältnis zu der Art und dem Ausmaß der Bedrohung und den Kosten stehen
müssen, um dieser Bedrohung entgegenzutreten. In dem Maße, in dem sich die
Bedrohung ändert, müssen sich unsere Mittel und Wege ändern, ihr zu begegnen. So beurteilen wir unsere strategische Bedrohung heute anders als wir

-4-

-,

�wir es vor SALT I taten. Und unsere Beurteilung wird sich erneut ändern,
wenn SALT II zu langfristigen Abkommen führt, durch die strategische Waffensysteme begrenzt werden.
Wenn die Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa und
die Verhandlungen über beiderseitige und ausgewogene Truppenverringerungen
in Mitteleuropa zwischen der NATO und dem Warschauer Pakt Erfolg haben,
werden wir die Stabilität in Europa gestärkt haben. Die Situation in Asien
entwickelt sich ebenfalls rasch und erfordert eine genaue Prüfung, wie
wir unsere Interessen am besten verfolgen und schützen können. Bei unserer
Feststellung, wie sich veränderte Umstände auf unsere Verpflichtungen auswirken, werden wir weiterhin in engem Kontakt mit unseren Verbündeten bleiben. Wir werden zusammen mit ihnen erneut prüfen, wie wir unsere gegenseitigen Verpflichtungen am besten gestalten können, damit sie weiterhin unseren beiderseitigen Interessen dienen.
In der Vergangenheit haben wir Verpflichtung hauptsächlich in Begriffen unserer Verteidigungserfordernisse definiert. Wir werden - wie ich bereits erklärt habe - zu unseren gegenseitigen Verteidigungsverpflichtungen
stehen. Wir rechnen jedoch nicht damit, neue militärische Verpflichtungen
einzugehen.
Wir werden vielmehr dem Begriff Verpflichtung neue Dimensionen hinzufügen. Eine dieser Dimensionen muß sich auf unsere entstehenden Beziehungen zu
China und zur Sowjetunion erstrecken. Beinahe täglich kommt in unserem produktiven Verhältnis zu Moskau und Peking etwas Neues hinzu. Diese neuen Mittel und Wege des Engagements stellen praktisch eine neue Art gegenseitiger
Verpflichtungen dar, die wir gegenüber ihnen und sie gegenüber uns übernehmen.
Die Gipfeltreffen im vorigen Jahr in China und in der Sowjetunion erbrachten eine Verpflichtung unsererseits und seitens jeder der kommunistischen Mächte gegenüber den allgemeinen Prinzipien, die für die Beziehungen
zwischen den Vereinigten Staaten und jeder dieser Macht gelten sollen. Wir
und sie haben uns seither von diesen Konzeptionen leiten lassen. Und seit

-5-

�seit jenen Gipfeltreffen hat das durch jene Prinzipien geschaffene Gerüst
beträchtlich an Gestalt gewonnen. So haben wir beispielsweise im vorigen
Jahr mehr Abkommen mit der Sowjetunion unterzeichnet als in irgendeinem
Jahr seit 1933, dem Jahr, in dem wir wieder diplomatische Beziehungen aufgenommen haben. Und wer hätte noch vor 15 Monaten die Kühnheit besessen, sich
vorzustellen, daß im Mai 1973 China und die Vereinigten Staaten Vermittlungsbüros eingerichtet haben.
Es liegt auf der Hand, daß unser strategisches Nuklearverhältnis zur
Sowjetunion von uns weiterhin ein enges und anhaltendes Engagement in unseren internationalen Angelegenheiten verlangen wird. Die Unmittelbarkeit der
nuklearen Bedrohung mag etwas verringert worden sein, aber sie ist noch
keineswegs aufgehoben - und diese Aussicht liegt noch in der Ferne.
Aber selbst wenn es keine nukleare Bedrohung gäbe, werden die Vereinig»
ten Staaten unausweichlich mehr und mehr in die globalen Verhältnisse ver»
wickelt werden. Dieses Engagement fügt der Konzeption der Verpflichtung einen
weiteren Aspekt hinzu.
Internationale Beziehungen werden in zunehmendem Maße komplexer und die
Welt wird in zunehmendem Maße interdependent. Es ist unmöglich, unsere nationalen Interessen - wie ich sie vorhin beschrieben habe - zu bewahren und uns
gleichzeitig von der Welt abzuschließen. Das gilt deshalb, weil:
-- keine Nation, die allein handeln will, in der Lage sein wird, eine
annehmbare Qualität des Lebens für ihre Bürger aufrechtzuerhalten;
-- keine Nation allein die Reformen des Welthandels und des Währungssystems herbeiführen kann, von denen eine expandierende und gerechte Weltwirtschaft abhängen;
-- keine Nation unabhängig in der Lage sein wird, die Schätze der Ozeane
zu einer Quelle der Zusammenarbeit statt des Konfliktes unter Nationen zu
machen;
-- keine Nation allein in der Lage sein wird, zu garantieren, daß die
begrenzten Energievorräte der Welt zureichend und gerecht und zu einem fairen

-6-

�fairen Preis für den Erzeuger an den Verbraucher verteilt werden; und
-- keine Nation allein in der Lage sein wird, ihre Umwelt von der Bedrohung durch Verschmutzung zu retten.
Konzertierte Aktion von Nationen mit gleichen Ideologien oder gleichen
politischen Systemen wird nicht ausreichen. Ebensowenig werden Versuche
nützen, Industrienationen gegen Entwicklungsländer oder Rasse gegen Rasse auszuspielen. Eine auf solchen negativen Einstellungen basierende Politik wäre
natürlich leichter zu verwirklichen als schöpferische internationale Anstrengungen zur Zusammenarbeit. Aber sie würden kaum mehr als eine sterile Konfrontation hervorbringen. Die Welt verlangt stattdessen, sich über Unterschiede
hinweg die Hand zur konzertierten Aktion zur Erreichung gemeinsamer Ziele zu
reichen.
Die Vereinigten Staaten müssen sich an den Bemühungen beteiligen, konstruktive internationale Mittel und Wege zur Lösung globaler Fragen zu finden. Sonst werden unseren Interessen ernsthafte Schwierigkeiten erwachsen.
Und wenn wir uns beteiligen sollen und wollen, dann müssen wir auch bereit
sein, neue klar umrissene Verpflichtungen einzugehen, denn es kann ohne solche Verpflichtungen unsererseits und anderer keine Lösungen für die großen
Aufgaben des 20. Jahrhunderts geben.
Alle Fragen auf der internationalen Tagesordnung verlangen die eine Verpflichtung seitens der Weltgemeinschaft - die Verpflichtung zur gegenseitigen
Anpassung und Zurückhaltung. Von keiner Nation wird erwartet, daß sie ihre
grundsätzlichen nationalen Interessen opfert. Aber alle Nationen müssen nach
dem Prinzip handeln, daß die Aufrechterhaltung zuverlässiger Beziehungen
wichtiger ist als der Triumph in irgendeiner speziellen Frage. Dies sind die
Qualitäten, die die Oberhand behalten müssen, ob es sich um die Frage der Umweltverschmutzung oder um Rüstungsbeschränkungsabkommen zwischen den Vereinigten Staaten und der Sowjetunion handelt. Wenn sich die internationale Gemeinschaft durch Flexibilität, Zurückhaltung und vernünftige Anpassung unter
ihren Mitgliedern leiten läßt,dann wird die kooperativere und friedlichere
Welt, die wir anstreben, näher gebracht worden sein."

+++
-7-

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22/1973

US-FINANZMINISTERIUM RECHNET MIT STEIGENDEM DOLLAR-KURS FÜR
DIE KOMMENDEN MONATE
Von Eugene Brake

WASHINGTON --(AD)— Wesentliche Fakten deuten auf eine Festigung des DollarKurses in den kommenden Monaten hin. In amerikanischen Regierungskreisen
ist man daher über die gegenwärtige Schwäche des US-Dollar auf den ausländischen Devisenmärkten etwas überrascht. So erklärte der stellvertretende
Staatssekretär für Währungsfragen im US-Finanzministerium, Jack Bennett,
dieser Tage vor dem Finanzausschuß des amerikanischen Senats, er rechne
nicht mit einem weiteren wesentlichen Nachgeben des Dollar-Kurses. Vielmehr
glaube er, daß sich der Dollar-Kurs in den kommenden Monaten - insgesamt gesehen - wieder nach oben bewegen werde.
Bennett verwies in diesem Zusammenhang auf die Verbesserung der amerikanischen Handelsbilanz in den letzten Monaten und betonte, daß das hohe
Zahlungsbilanzdefizit der USA im ersten Quartal dieses Jahres zum großen Teil
auf spekulative Geldtransaktionen vor der zweiten Dollarabwertung und dem
Floaten der wichtigsten Weltwährungen zurückzuführen gewesen sei. Bereits in
der ersten Märzwoche habe die amerikanische Zahlungsbilanz wieder einen Überschuß ausgewiesen und für das zweite Quartal dieses Jahres könne insgesamt
ebenfalls mit einem Überschuß gerechnet werden.
Mit

-1-

�Mit ein Grund für die verbesserte Zahlungsbilanzsituation der Vereinigten Staaten ist die rasche Zunahme der ausländischen Investitionen in den
Vereinigten Staaten. So erreichte der Fluß von Investitionskapital nach den
USA im ersten Quartal dieses Jahres seinen bisher höchsten Stand und, wie
Bennett betonte, dürfte er auch in den kommenden Monaten hoch sein. Es sei
sowohl mit einer Zunahme der Direktinvestitionen als auch der sonstigen Geldanlagen in den Vereinigten Staaten zu rechnen.
Ferner haben die hohe Inflationsrate in einigen anderen Ländern und der
relativ geringere Preisauftrieb in den Vereinigten Staaten der amerikanischen
Industrie einen Kostenvorteil verschafft. Wie Bennett vor dem Senatsausschuß
betonte, hätten ihm zahlreiche Industrielle bei seinen Gesprächen in Europa
erklärt, daß eine Herstellung von Gütern in den USA gegenüber der Erzeugung
in Europa heute einen Wettbewerbsvorteil biete und sie daher die Errichtung
neuer Produktionsanlagen in den Vereinigten Staaten erwägen würden.
Auch Finanzminister Shultz sowie der Berater Präsident Nixons und Vorsitzende des Rates für Internationale Wirtschaftspolitik, Peter M. Flanigan,
zeigten sich erstaunt über die jüngsten Entwicklungen auf den internationalen
Devisenmärkten. Flanigan wies darauf hin, daß die Bekämpfung der Inflation
in den Vereinigten Staaten erfolgreicher gewesen sei als zum Beispiel in
Deutschland oder Japan und daß diese Entwicklung nach Auffassung der amerikanischen Regierung wie auch der Privatwirtschaft andauern werde. Damit werde
sich die Wettbewerbsfähigkeit

amerikanischer Erzeugnisse auf den Weltmärkten

weiter verbessern.

In amerikanischen Regierungskreisen wird allerdings ein deutlicher Unterschied zwischen den Entwicklungen auf den ausländischen Devisenmärkten und
denen auf dem privaten Goldmarkt gemacht. So betonte Bennett, daß der Goldpreis in den letzten Tagen nicht nur gegenüber dem Dollar, sondern gegenüber
allen Währungen stark angezogen habe. Dagegen sei der Rückgang des DollarKurses gegenüber den anderen Währungen weitaus geringer gewesen. Und Flanigan
verwies auf das nur begrenzte Goldangebot auf den Weltmärkten, dem von Seiten

-2-

�Seiten der Industrie wie auch aus Währungsgründen eine steigende Nachfrage
gegenüberstehe. Das Anziehen des Goldpreises sei daher leichter zu verstehen
als die gegenwärtige Schwäche des Dollar-Kurses.
Dies ist auch der Grund, warum der Staatssekretär für Währungsfragen im
US-Finanzministerium, Paul Volcker, bei zahlreichen Anlässen immer wieder
betont hat, die starken Schwankungen des Goldpreises unterstrichen nur, daß
Gold als Grundlage eines internationalen WährungsSystems ungeeignet sei und
seine relative Bedeutung für dieses System daher verringert werden sollte.
Bennett wies in diesem Zusammenhang auf das rasche Ansteigen des Silberpreises in den Vereinigten Staaten gerade zu dem Zeitpunkt hin, als die USA die
Verwendung von Silber für Währungszwecke einstellten.Damals hätten sich zahlreiche Spekulanten in den USA die Finger verbrannt.
Für Washington ist entscheidend, daß die in den letzten Monaten eingeführten flexiblen internationalen Währungsabmachungen ihre Bewährungsprobe
bestanden haben, und es zu keiner wirklichen Krise gekommen ist. Bennnettbetonte, daß es keine Krise gebe, die den Handel oder Währungstransaktionen erschwere. Vielmehr hätten sich die Veränderungen der Wechselkurse allmählich
vollzogen und es bestehe keine Notwendigkeit für sofortige Zusammenkünfte der
Finanzminister oder eine eventuelle Schließung der Devisenbörsen.
Bereits am 29. Mai hatte Finanzminister Shultz auf einem vom Weißen Haus
veranstalteten Wirtschaftsseminar erklärt: "Meines Erachtens hat sich die
Flexibilität unseres derzeitigen Währungssystems gerade in der letzten Woche
wie auch in der vorangegangenen Woche recht gut bewährt, als wir ein gewisses Wiederaufleben der Spekulation gegen den Dollar und das Gold hatten.
Hätten wir ein festes System gehabt, in dem Länder feste Wechselkurse zu
verteidigen suchen, dann hätten wir, dessen können Sie sicher sein, wieder
eine internationale Währungskrise erlebt. Sie hat nicht stattgefunden. Das
System hat die Entwicklung grundsätzlich im Griff gehalten und ließ sich
durch diese Entwicklungen nicht aus dem Gleichgewicht bringen."

-3-

�</text>
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