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                    <text>12. Dezember 1979

47

INHALT

DOKUMENTATION
Menschenrechtsproklamation Präsident Carters
Erklärung von Botschafter Gerard C. Smith auf der 23. Vollkonferenz der
Internationalen Atomenergiebehörde

HINTERGRUNDMATERIAL
Weltwellenkonferenz mit versöhnlichem Aus klang
- Detailregelungen in den achtziger Jahren -

WISSENSCHAFT UND TECHNIK
Virusfeinde im Meerwasser
- Aufsehenerregende Entdeckungen von Forschern in Hawaii
Dunger aus Rauchgasen

Um Übei/endung von
BcIcgcHcmplorcn wir J
gebeten

D5300 Bonn 2

Telex:08-85432

�Dokumentation

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Embassy of the United States of America

12. Dezember 1979

47

MENSCHENRECHTSPROKLAMATION PRÄSIDENT CARTERS

WASHINGTON - (AD) - Präsident Jimmy Carter hat die Woche vom 10. bis 16.
Dezember 1979 zur Woche der Menschenrechte in den Vereinigten Staaten proklamiert. Am 10. Dezember 1948 hat die Vollversammlung der Vereinten Nationen
die Universale Erklärung der Menschenrechte verabschiedet, und am 15. Dezember 1791 wurde die "Bill of Rights", die ersten zehn Verfassungszusätze über
die grundlegenden Freiheiten des Menschen, Teil der Verfassung der Vereinigten
Staaten von Amerika.
Die Proklamation des Präsidenten vom 6. Dezember 1979 hat folgenden Wortlaut:
Tag der "Bill of Rights"
Tag und Woche der Menschenrechte 1979
eine Proklamation
des Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika
Am 15. Dezember 1791 wurde die "Bill of Rights" Teil der Verfassung der
Vereinigten Staaten.

Am 10. Dezember 1948 verabschiedete die Vollversammlung

der Vereinten Nationen die Universale Erklärung der Menschenrechte.

Postfach 20 03 00
D5300 Bonn2

Durch die

Tel: 02221-89 32 40
Telex:08-85432

�h

die Beachtung dieser Jahrestage erneuern wir unsere Hingabe sowohl an unsere
eigenen Freiheiten als auch an die Förderung der Menschenrechte überall auf
der Erde.
In unserer offenen Gesellschaft verbinden sich eine frei gewählte Regierung, eine unabhängige Gesetzgebung, eine freie und starke Presse sowie die
Wachsamkeit unserer Bürger zum Schutz unserer bürgerlichen, politischen, wirtschaftlichen und sozialen Rechte und Freiheiten.
Wir können auf das bisher Erreichte stolz sein. Aber wir können uns
nicht in Zufriedenheit zurücklehnen, solange die "Bill of Rights" keine gelebte Wirklichkeit für jeden einzelnen Menschen in den Vereinigten Staaten ist.
Der Gesetzeszusatz über gleiche Rechte würde dabei helfen, indem er die Grundrechte der amerikanischen Frauen ausdrücklich garantiert.

Ich fordere jeden

Bundesstaat, der dies bisher noch nicht getan hat, dazu auf, diese kluge und
notwendige Maßnahme im kommenden Jahr zu ratifizieren.
Die Universale Erklärung der Menschenrechte setzt weltweite Maßstäbe, die
das gleiche Wunschbild widerspiegeln, das unsere eigene "Bill of Rights" beseelt. Nahezu alle Länder haben dieser Erklärung beigepflichtet. Aber noch
allzu oft wird ihr Versprechen verhöhnt.
Willkürliche Haftung und Gefangenschaft, Massenexekutionen und Folter,
das Verschwinden von Menschen und Akte des Völkermords zerstören noch immer
das Leben von Millionen. Grundlegende Menschenrechte werden fortwährend bedroht, indem politisch Andersdenkende mundtot gemacht werden, durch Diskriminierung auf der Grundlage von Rasse, Religion, ethnischem Ursprung und Geschlecht,
durch die Verletzung der Freiheiten zur öffentlichen Versammlung, zur Vereinigung, zur freien Meinungsäußerung und zur Freizügigkeit sowie durch die Unterdrückung der Gewerkschaften. Und die Gefangennahme und die Mißhandlung der
amerikanischen Botschaftsangehörigen im Iran erinnert uns daran, daß die international geschützten Rechte diplomatischer Vertreter eine grundlegende Vorbedingung für zivilisierte Beziehungen zwischen Staaten sind.
Diejenigen,
- 2 -

�Diejenigen, die anderen Pein zufügen - gleichgültig, ob es die Geheimpolizei von Diktatoren, die gesichtslosen Bürokraten totalitärer Staaten oder
der schreiende Mob revolutionärer Eiferer sind, sollen willen, daß wir nicht
sie verteidigen werden, sondern ihre Opfer.

"Bill of Rights"-Tag sowie Tag und Woche der Menschenrechte sollten gekennzeichnet sein durch verdoppelte Unterstützung der internationalen Anstrengungen für die ganze Bandbreite der Menschenrechte.
Ich erneuere meine Forderung an den Senat, seinen Rat und seine Zustimmung
zur Konvention über Völkermord zu geben, zur Konvention über die Beseitigung
aller Formen der rassischen Diskriminierung, zum Vertrag über bürgerliche und
politische Rechte, zum Vertrag über wirtschaftliche, soziale und kulturelle
Rechte und zur amerikanischen Menschenrechtskonvention.

Ich empfehle dem

außenpolitischen Senatsausschuß,Anhörungen über diese Vertrage abzuhalten, und
ich fordere alle Amerikaner zur Unterstützung ihrer Ratifizierung auf.

Daher erkläre ich, Jimmy Carter, Präsident der Vereinigten Staaten von
Amerika, hiermit den 10. Dezember 1979 zum Tag der Menschenrechte und den 15.
Dezember 1979 zum Tag der "Bill of Rights" und rufe alle Amerikaner dazu auf,
die am 10. Dezember 1979 beginnende Woche der Menschenrechte zu begehen.

Wid-

men wir uns erneut der Förderung der Ideale, wie sie in der "Bill of Rights"
und in der Universalen Erklärung der Menschenrechte enthalten sind, damit sie
eines Tages von allen Menschen auf dieser Erde genossen werden können.

In Bekräftigung dessen unterzeichne ich diese Proklamation an diesem
6. Tag des Dezember im Jahre 1979 unseres Herrn und im 204. Jahr der Unabhängigkeit der Vereinigten Staaten von

Amerika.

(gezeichnet) Jimmy Carter

+ + + + +
- 3 -

�Dokumentation

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12. Dezember 1979

47

ERKLÄRUNG VON BOTSCHAFTER GERARD C. SMITH AUF DER 23. VOLLKONFERENZ
DER INTERNATIONALEN ATOMENERGIEBEHÖRDE

NEU DELHI - (AD) - Der amerikanische Botschafter bei der Internationalen
Atomenergiebehörde (IAEA), Gerard C. Smith, hat am 4. Dezember 1979 in Neu
Delhi auf der 23. Vollkonferenz der IAEA die amerikanische Haltung zu Nutzung
und Problemen der Atomenergie umrissen. In diesem Zusammenhang verlas er auch
eine Botschaft Präsident Carters, die darauf hinwies, daß gerade "schwierige
Herausforderungen oft gewaltige Chancen bieten".
Die Ansprache hat folgenden Wortlaut:
Es ist eine Ehre für mich, heute hier vor Ihnen zu sprechen. Zunächst
möchte ich Ihnen, Herr Dr. Sethna, zu Ihrer Wahl zum Präsidenten gratulieren.
Sie sind seit langem einer der am meisten bewunderten und respektierten Männer
im Zusammenhang mit der Arbeit der Behörde. Ihre Wahl ist ein gutes Zeichen
für den Erfolg dieser Konferenz.
Ich möchte auch der Regierung von Indien unsere Dankbarkeit zum Ausdruck
bringen für ihre Anstrengungen als Gastgeber dieser Konferenz.
Der

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�Der Präsident der Vereinigten Staaten hat mich darum gebeten, Ihnen die
folgende Botschaft zu übermitteln:
"Im Namen des amerikanischen Volkes möchte ich den Teilnehmern der 23.
Vollkonferenz der Internationalen Atomenergiebehörde meine

besten Wünsche

übermitteln.
Atomkraft kann von entscheidender Bedeutung sein bei den gewaltigen Anstrengungen, die wir - einzeln oder gemeinsam - unternehmen müssen, um unsere
Abhängigkeit von der schwindenden und manchmal unsicheren Versorgung mit fossilen Brennstoffen zu vermindern.

Die Beziehungen zu anderen Ländern sind we-

sentliche Elemente bei der Ausweitung der Nutzung von Kernenergie.
Unsere Fähigkeit, hieraus den höchsten Nutzen zu ziehen, hängt von größerem öffentlichen Vertrauen darin ab, daß diese wichtige Energiequelle auf
sichere und wirkungsvolle Weise entwickelt und verwandt wird.

Der Mißbrauch

dieser Technologie würde schwerwiegende Auswirkungen auf die Sicherheit aller
Länder haben, und es ist von entscheidender Bedeutung, unsere gemeinsamen Anstrengungen zu verstärken, um der Ausbreitung von Kernwaffen Einhalt zu gebieten.
Schwierige Herausforderungen bieten oft gewaltige Chancen.

Ich glaube

daran, daß wir durch Zusammenarbeit das Versprechen einer besseren und friedlicheren Welt, das uns das Atom gegeben hat, erfüllen können.
Die Vereinigten Staaten erkennen die zentrale Rolle, die die IAEA bei
diesem Unterfangen spielt.

Es ist unsere Absicht, auch weiterhin den Pro-

grammen der Behörde unsere volle Unterstützung zu gewähren.
Es ist meine Hoffnung und die Hoffnung des amerikanischen Volkes, daß
wir beim Eintritt in die achtziger Jahre unsere Anstrengungen erneuern können,
die Entwicklung der Kernkraft auf harmonische und lohnende Weise zu verfolgen."
Soweit

�Soweit die Botschaft des Präsidenten.
Kernkraft brauchen viele Länder, meines eingeschlossen.
Staaten erkennen diesen Bedarf.

Die Vereinigten

Wir werden unserer Verpflichtung zu fried-

licher Zusammenarbeit im Bereich der Kernkraft nachkommen.

Gleichzeitig müs-

sen wir noch weit mehr tun, um den Herausforderungen zu begegnen, vor denen
die Kernkraftindustrie steht, einschließlich der öffentlichen Bedenken über
Sicherheit, Lagerung des radioaktiven Abfalls, Proliferation und Versorgungsgarantien.
Wir haben uns zur Verbesserung der Reaktorsicherheit verpflichtet. Das
Bedienungspersonal der Reaktoren muß besser ausgebildet werden, Durchführungsbehörden angemessen organisiert werden. Three Mi 1e Island machte Mängel deutlich, verleugnete aber die Kernenergie nicht als eine sichere, verläßliche und
wirtschaftliche Energiequelle. Wir sollten dadurch besser in die Lage versetzt werden, die sichere Handhabung der Kernkraftanlagen zu gewährleisten.
Die Vereinigten Staaten werden auch weiterhin mit der IAEA und ihren Mitgliedstaaten die Ergebnisse ihrer Untersuchungen von Three Mile Island teilen.
Die Lagerung des radioaktiven Mülls ist im gleichen Maß eine gesellschaftliche und institutionelle sowie eine technologische Frage. Wir sollten unsere
gemeinsamen Anstrengungen verstärken, um unseren Mitbürgern die Möglichkeiten
der Lagerung in verschiedenen geologischen Formationen zu zeigen - und sie davon überzeugen.
Wir müssen uns auch wirkungsvoller um die Verwendung der abgebrannten
Brennstäbe kümmern.

Von der Internationalen Arbeitsgruppe zur Bewertung des

Internationalen Kernbrennstoffzyklus (INFCE) und anderen angestellten Untersuchungen sollten uns in dieser Hinsicht zuversichtlicher stimmen.

Eine län-

gere Lagerung wiederaufzubereitender Brennelemente aus den meisten der derzeit gängigen Reaktortypen ist sicher und in wirtschaftlicher Hinsicht gegenüber der Wiederaufbreitung konkurrenzfähig.

Daß die Wiederaufbereitung nicht

die wesentliche Voraussetzung für eine gesicherte und kontrollierte Handha-

�-

Handhabung der Entsorgung ist, wird in zunehmendem Maße anerkannt.

Es stehen

hier mehrere Möglichkeiten zur Wahl.
Die Besorgnis wächst, daß weitere Nationen in den Besitz von nuklearen
Sprengsätzen gelangen könnten.

Wir müssen sicherstellen, daß dies nicht ge-

schieht, da dies eine sehr ernsthafte nachteilige Auswirkung auf den internationalen Handel mit Kernmaterial und auf die internationale Sicherheit und
Stabilität haben könnte.
Die Vereinigten Staaten erkennen die dringende Notwendigkeit der Aufrechterhai tung des Vertrauens in die Abmachungen über die Lieferung von Kernmaterialien
mit jenen Nationen an, die die Bedingungen für eine Nichtweiterverbreitung (Nonproliferation) erfüllen.

Wir verstehen, daß es größere Sicherheit bei der Aus-

gabe von Exportlizenzen und der zu erwartenden Ausübung der nationalen Kontrollen geben sollte.
Wir sind darum bereit, eng mit anderen zusammenzuarbeiten, und bestrebt,
unser Gesetz in einer Weise zur Anwendung zu bringen, die dem dient. Die Abnehmerstaaten tragen auch eine Verantwortung; die Artswie sie die Technologie
nutzen oder mißbrauchen,kann auf das Verhalten der Lieferstaaten eine erhebliche Auswirkung haben. Es besteht die Notwendigkeit, das Uran in adäquater
Weise abzubauen, es zu gewinnen und anzureichern, um die Bedürfnisse der Reaktoren zu decken. Die Vereinigten Staaten sind bereit, anderen bei der Auffindung und Entwicklung ihrer natürlichen Uranvorkommen zu helfen. Nach unserer Ansicht dürfte die Uranindustrie bei entsprechender notwendiger Exploration und Investition in keine ungewöhnlichen Schwierigkeiten bei der Erfüllung dieser Anforderungen gelangen, zumindest bis zum Ende dieses Jahrhunderts.
Offensichtlich ist auch die INFCE hier zu der Schlußfolgerung gelangt, daß
die Anreicherungskapazität ausreichen wird, um die wahrscheinlichen Anforderungen zu erfüllen, zumindest durch die neunziger Jahre. Das ist ermutigend.
Das langfristige Wachstum der Kernkraft wird schließlich auch modernere,
weiterentwickelte Reaktorsysteme erfordern.

- 4 -

Da Verbesserungen in der Nutzung

�Nutzung des Brennmaterials in Wärme-Reaktoren erzielt werden können, könnte
die Kernkraft auch weiterhin nach dem Prinzip der einmaligen Verwendung auf
längere Zeit hinaus genutzt werden.

Eine Plutonium-Rückgewinnung (recycling)

erscheint uns unnötig, wirtschaftlich allenfalls unbedeutend und unklug vom
Standpunkt der Nonproliferation zu diesem Zeitpunkt.

Obwohl einige Nationen in der Forschung und Entwicklung von Brutreaktoren
- was eine Wiederaufbereitung erfordert - weiter vorangehen, bestehen nach
unserer Meinung zwingende Gründe wirtschaftlicher Natur und auch vom Standpunkt der Nichtweiterverbreitung, die Zahl der Wiederaufbereitungsanlagen auf
einige wenige Großanlagen zu begrenzen und die Wiederaufbereitungskapazität
auf den unmittelbaren Plutoniumbedarf für Forschung und Entwicklung von technisch

weiterentwickelten neuartigen Reaktoren einzustellen.
Wenn eine solche Wiederaufbereitung erfolgt, dann wird es außerordentlich

wichtig sein, sicherzustellen, daß das anfallende Plutonium rigorosen internationalen Kontrollen unterliegt.

Daß ein Brutreaktor entwickelt und vorgeführt wird und sich als wirtschaftlich erweist, ist eigentlich nur in solchen Ländern wahrscheinlich, die
über eine hochmoderne Infrastruktur und geeignete Lokalitäten verfügen.

Das

heißt nicht, daß Brüter auf einige Länder beschränkt und anderen verweigert
werden sollen, und es wird Zeit genug sein, ehe man eine bestimmte moderne
Technologie auswählt, um nach verschiedenen Optionen zu blicken und internationale Nonproliferationsabkommen zu modernisieren.

Die Internationale Atomenergiebehörde (IAEA) hat lange als ein Sammelpunkt für nukleare Kooperation gedient.

Wir sind der Meinung, daß sie auch

für die Bewältigung der von mir genannten Aufgaben wichtig sein wird.

Wir unterstützen mit Nachdruck den Vorschlag ihres Generaldirektors, die
von der IAEA in bezug auf die nukleare Sicherheit unternommenen Anstrengungen
zu intensivieren.
Wir
- 5-

�Wir werden weiterhin das lebenswichtige Programm der IAEA über Sicherheitsbestimmungen unterstützen, das für alle Bemühungen um eine Verhinderung der
Weiterverbreitung von Kernwaffen so entscheidend wichtig ist.
Die Vereinigten Staaten haben in diesem Jahr 5,1 Millionen Dollar an Beiträgen für dieses Programm aufgebracht. Wir fordern die anderen auf, ihre Unterstützung dieses Programmes zu erhöhen.

Wir sind der Ansicht, daß Staaten auch

nukleare Anlagen für eine wirkungsvolle Anwendung dieser Sicherheitsbestimmungen
konstruieren sollten.
Weitere Staacen haben sich zur Einhaltung des Nonproliferationsvertrags
verpflichtet, des Vertrages über die Nichtweiterverbreitung von Kernwaffen,
und wir hoffen, daß umfassende Schutzklauseln beim internationalen Handel mit
Kernmaterial zur Norm werden.
Wir gratulieren der IAEA für ihre Rolle, die sie beim Abschluß der Konvention über den physischen Schutz gespielt hat. Die Konvention sollte dazu
beitragen, Terroristen oder andere Nichtstaatengruppen vom Mißbrauch des Kernmaterials abzuhalten.
Die Tätigkeiten der Behörde im Bereich des technischen Beistands helfen
den Entwicklungsländern dabei, Vorteile aus der friedlichen Nutzung der Kernenergie zu ziehen. Die Zustimmung des Kongresses vorausgesetzt, werden wir
unseren freiwilligen Beitrag für das Jahr 1980 über den Umfang des Vorjahres
hinaus erhöhen. Wir beabsichtigen auch, unser Spezialprogramm für technische
Hilfe in die Tat umzusetzen, wie dies kürzlich auf der UN-Sondersitzung über
Abrüstung umrissen wurde. Wir sind der Ansicht, daß sich die Liste unserer
Objekte auf dem Gebiet der Zusammenarbeit in Übereinstimmung mit Artikel 4 des
Nonproliferationsvertrags stets sehen lassen kann. Wir suchen auch weiterhin
nach neuen Wegen, um in noch größerem Maße auf die Bedürfnisse der Entwicklungsländer einzugehen. Wir unterstützen die Studie der Behörde über verbrauchte
Brennstoffe und nehmen regen Anteil an ihrer Untersuchung, ob eine internationale Plutoniumregelung die bestehenden Nonproliferationsmaßnahmen verstärken

�Wir schätzen den Beitrag, den das Sekretariat geleistet hat, um die
Nützlichkeit der INFCE zu gewährleisten.

Wir erwarten von der IAEA, bei den

Nachfolgekonferenzen im Rahmen der INFCE eine wesentliche Rolle zu spielen. Da
INFCE offensichtlich keine wesentlichen technischen Fixierungen bzw. Lösungen
vorwegnimmt, sollten wir auf institutionelle Maßnahmen drängen, um sowohl
eine umfassendere Versorgung als auch Zusicherungen hinsichtlich der Nonproliferation zu ermöglichen.

Tatsächlich wird eine solche Entwicklung durch ame-

rikanisches Recht und amerikanische Politik in Betracht gezogen.

Zusammen-

fassend ist zu sagen, daß die Vereinigten Staaten hoffen, die wesentliche
Rolle der Kernkraft zu erhalten und auszubauen;

jedoch wird dies größere

Zuversicht von Seiten der Öffentlichkeit, der Regierung und der Wirtschaft
sowie internationale Zusammenarbeit erfordern.

Nach dem INFCE-Abschluß müssen wir die noch anstehenden Differenzen ausgleichen und auf einen sichereren Nonproliferationsrahmen hinarbeiten, indem
wir auf den Leistungen der Vergangenheit aufbauen.

Mißbrauch von Technologie und Ausrüstung könnte die Aussichten der Kernkraft ernstlich schädigen.

Dies wäre eine Tragödie, zumal für viele Länder

die Notwendigkeit besteht, sich dieser großartigen Energiequelle zu bedienen,
um ihre Energiesicherheit zu erhöhen.

Ich habe damit begonnen, unsere Abhängigkeit von der Entwicklung der
Kernenergie zu unterstreichen.
enden:

Ich möchte mit einem Anflug von Optimismus

daß nämlich kraft Zusammenarbeit und Disziplin diese großartige

Energiequelle unser sein kann.

+ + + + +

- 7 -

�(Kl-

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Embassy of the United States of America
12. Dezember 1979

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WELTWELLENKONFERENZ MIT VERSÖHNLICHEM AUSKLANG
- Detail rege!ungen in den achtziger Jahren -

- (AD) - Hartes Ringen um Frequenzzuteilungen kennzeichnete die elfwöchige
Weltwellenkonferenz (WARC - World Administrative Radio Conference) von Genf,
die am 5. Dezember 1979 mit der Unterzeichnung eines offiziellen Schlußdokuments
von 1300 Seiten zu Ende ging. Vertreter von 154 Ländern waren zusammengekommen, um die vor 20 Jahren auf der letzten derartigen Plenartagung getroffenen
Abmachungen zu revidieren. Allerdings hatte man in der Zwischenzeit mit improvisierten Verbesserungen dem veränderten Bedarf, den neuen Techniken und nicht
zuletzt speziellen politischen Interessen schon teilweise Rechnung getragen.
Die Zahl der Teilnehmerländer hatte sich gegenüber 1959 um 70 erhöht, was auf
die stark angestiegene Zahl selbständig gewordener junger Nationen als Mitglied
der Internationalen Fernmelde-Union (ITU - International Telecommunication
Union, Dachorganisation der WARC) zurückzuführen ist.
Ursprüngliche Befürchtungen, daß die Klärung der vielen technischen Sachfragen von politischen Problemen zwischen Industrie- und Entwicklungsländern,
West und Ost oder auch unterschiedlichen Interessen der USA und Europas in den

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�den Hintergrund gedrängt werden könnte, bewahrheiteten sich glücklicherweise
nicht.

Vielmehr erwies die Konferenz, wie der US-Chefdelegierte Glen 0. Robinson

erklärte, der ITU einen guten Dienst "mit einem Minimum an politischer Debatte
über allgemeine ideologische Streitfragen...

Wir sehen keine Anzeichen für eine

tiefergehende Unzufriedenheit mit den Ergebnissen".
Die den modernen Gegebenheiten angepaßten Funkbestimmungen treten am
1. Januar 1982 in Kraft.

Es sei

wahrscheinlich, so Robinson, daß es vor der

Jahrtausendwende zu keiner weiteren WARC-Konferenz kommen werde.

Jedoch sind

für die achtziger Jahre Sondertagungen über die Details bei bestimmten Funkaktivitäten und Frequenzbereichen vorgesehen, u.a.:
- Mittelwellenfunk.

Die Vereinigten Staaten hatten eine Ausdehnung des

Mittelwellenbereichs gewünscht, damit die Zahl der Mittelwellensender in den
USA erhöht werden könne.

Insbesondere sollte das Frequenzspektrum von 1605 -

1860 KHz (KHz = Kilohertz mit 1000 Schwingungen pro Sekunde) einbezogen werden.
Dem wurde im wesentlichen, wenn auch nicht in allen Punkten mit dem Beschluß
entsprochen, das 1605 - 1625 KHz-Band ausschließlich dem Mittelwellenrundfunk
zuzuteilen und ihm überdies Priorität gegenüber anderen Benutzern des 1625 1705-KHz-Bandes einzuräumen.

Spätestens im Jahr 1985 wird eine Sonderkonferenz

über einschlägige Fragen Beschlüsse fassen.
- Kurzweilenfunk. Der Kurzweilenempfang dürfte Ende der achtziger Jahre
besser als heute sein, weil die Konferenz die KW-Frequenzen in den wichtigsten
Bandbereichen von 9, 11, 15, 17 und 21 Megahertz (1 Megahertz = 1 000 000
Schwingungen pro Sekunde) um 60 Prozent erweitert hat. Mitte der achtziger
Jahre soll auf einer Kurzwellen-Sonderkonferenz die Realisierung dieser Beschlüsse durchgesetzt und die effiziente und gerechte Nutzung dieser Rundfunkbänder geplant werden.
Die USA hätten gerne eine zusätzliche Ausweitung der
wichtigen Bänder von 6 und 7 MHz gesehen, stießen jedoch vor allem bei den
Entwicklungsländern auf Ablehnung, weil diese nach wie vor diese Bänder für
Fernmeldeaktivitäten wie Telefon, Telex usw. benötigen.
- Mobilfunk.
- 2 -

�- Mobil funk.
Personen usw.).

(Verbindung mit Schiffen, Kraftfahrzeugen, Flugzeugen,

Die Konferenz erweiterte allgemein den Bereich für den Mobil -

funk in der ganzen Welt.

Eine Sonderkonferenz ist für die achtziger Jahre vor-

gesehen.

- Amateurfunk.

Die bisherigen Kurzwellenbänder für den Amateurfunk werden

um drei neue Bänder erweitert, was das Frequenzspektrum um sieben Prozent vergrößert.

Außerdem werden neue Bänder für den Satelliten-Amateurfunk freigegeben

- Satellitenfunk.

WARC erweiterte die Zuteilungen für Fernmeldesatelliten

und genehmigte entsprechend den amerikanischen Vorschlägen getrennte Frequenzbänder für die Fernmelde- und die Rundfunksatelliten im Bereich von 12 Gigahertz (1 GHz = 1 Milliarde Schwingungen pro Sekunde).

Seit 1971 wurde für bei-

de Systeme das gleiche Frequenzband benutzt, was die Zahl der verfügbaren Positionen für geostationäre Satelliten (auf Bahnen in ca. 36 000 km Höhe über
dem Äquator)

begrenzte.

Jetzt ist nicht nur der Weg frei für die Nutzung von

wesentlich*mehr Positionen, sondern für die Länder gibt es auch mehr Flexibilität in der Plazierung von Satelliten in technisch wie wirtschaftlich besonders
effizienten Positionen zur Bedienung bestimmter Gebiete.

Eine Sonderkonferenz

über Nachrichtensatelliten wird im Jahr 1984 abgehalten.

Diese Konferenz wird versuchen, allen Nationen den Zugang zum Weltraum
zu garantieren.

Eine Anzahl von Entwicklungsländern strebte wegen ihrer Be-

fürchtungen, vom Satellitenfunk ausgeschlossen zu werden, die Reservierung von
Frequenzen an, obgleich sie diese in absehbarer Zukunft gar nicht nutzen können.
In der Sicht der Industrieländer und besonders der USA, die dringend neue Frequenzen benötigen, würde dies'zu einer Vergeudung technischer Möglichkeiten
führen.

Statt starrer Vorausplanung drängen deshalb die Industrieländer nicht

zuletzt aus wirtschaftlichen Erwägungen auf "neue dynamische und flexible Wege",
um dem Ziel eines gleichberechtigten Zugangs für alle Nationen gerecht zu werden.

Nach ihrer Meinung sei ein Teil der Probleme auf einfache Weise zu lösen,

indem man die administrativen Maßnahmen für die Frequenzzuteilung verbessert.
Immerhin konnten die WARC-Delegierten insoweit die verschiedenen Standpunkte

- 3-

�Standpunkte klären, daß nunmehr, wie Botschafter Robinson berichtete, private
amerikanische Investoren ihre Pläne zum Start privater Fernmeldesysteme weiterverfolgen können, ohne die Konferenz von 1984 abwarten zu müssen.
' Technische Unterstützung von Entwicklungsländern.

Die Weltwellenkonfe-

renz verabschiedete eine Anzahl von Resolutionen über verstärkte technische
Hilfe für Entwicklungsländer, z.B. bei der Ausbildung von Fachpersonal, für
technische Zusammenarbeit beim Aufbau von Funkverbindungen und für den Technologietransfer im Fernmeldewesen.

•

.

Navigation - Radioastronomie - Satellitenforschung
Ein wichtiges Ziel der Vereinigten Staaten war die Zuteilung von Frequenzen für das neue amerikanische Navigationssatelliten-System mit der Bezeichnung NAVSTAR bzw. GPS (Global Positioning System).

GPS ist ein Funknaviga-

tions-Satellitensystem, das vom US-Verteidigungsministerium entwickelt wird,
um exakte Positionsangaben vor allem für Flugzeuge, Schiffe und militärische
Einheiten zu ermöglichen.

Es besteht gegenwärtig aus sechs Satelliten, soll

schließlich aber mit 24 Satelliten auf polarer Umlaufbahn betrieben werden.
Das Funkmeßsystem wird die Bestimmung der Position des Benutzers, wo immer er
sich auf der Erde befindet, nahezu metergenau erlauben.

Es ist sehr viel exak-

ter als jedes andere Funknavigationssystem.
Die Vereinigten Staaten haben angeboten, das ursprünglich für militärische
Zwecke entwickelte GPS-System weltweit für den nicht-militärischen Gebrauch verfügbar zu machen - ein Vorschlag, der von den Teilnehmern der Weltwellenkonferenz angenommen wurde. Gleichzeitig einigte man sich darüber, dem System ausreichend Frequenzen zuzuteilen.
Zur Funkpositionsbestimmung gehört auch die Funkortung - d.h. Radaranwendung zum Schutz vor Kollisionen, für Erkundungszwecke, Entfernungsmessung,
Kartierung, Start von Raumflugkörpern, Wettervorhersage und Identifizierung von

�von Raumfahrtprojekten.

Die amerikanischen Vorschläge zum Thema Funkortung

basierten auf der Notwendigkeit vermehrter Zuteilung sowohl angesichts der weltweit verstärkten Operationen in der Luft, zur See und zu Lande als auch der
Operationen an Bord von Weltraumplattformen.

Die USA sind der Ansicht, daß einige WARC-Beschlü'sse auf längere Sicht die
Benutzung der Radarortung in einigen Teilen des Hochfrequenzspektrums ungünstig
beeinflussen könnten, weil die Funkortung gezwungen wird, das Spektrum mit anderen Diensten zu teilen.

Ein Schutz dieser anderen Dienste vor einer Störung

durch Radar könnte Probleme aufwerfen.

Für die Radioastronomie haben die Vereinigten Staaten im Verlauf der WARCTagung praktisch alle angestrebten Ziele erreicht.

Die Radioobservatorien or-

ten und messen extrem schwache Signale, die von der Sonne, von Sternen und fernen Galaxien ausgehen.

Die Astronomen müssen die Gewähr für interferenzfreie

"ruhige Zonen" um diese ihre Frequenzen haben, damit sie exakte Messungen machen
können.

Auf der Konferenz wurde eine Anzahl von Methoden zum Schutz der Radio-

astronomie akzeptiert.

Hinsichtlich einiger kritischer Frequenzen gab man der

Radioastronomie den Vorrang vor anderen Aktivitäten.

In anderen Bereichen des

Spektrums werden die Frequenzbenutzer ausdrücklich auf die Belange der Radioastronomie und deren Schutz vor Störungen, beispielsweise durch nahegelegene
Sender, aufmerksam gemacht.

In bezug auf die allgemeine Weltraumforschung wurden alle amerikanischen
Vorschläge angenommen.

Die USA verfügen künftig über bessere Zuteilungen in

vier Frequenzbändern für Zwecke der erdnahen Aktivitäten und für Aktivitäten tief
im kosmischen Raum.

Auch die amerikanischen Vorschläge über die Anwendung von

Mikrowellen in der Satelliten-Fernerkundung mit Übermittlung der Ergebnisse zur
Erde wurden außerordentlich gut aufgenommen.

Die Länder haben inzwischen er-

kannt, wie wertvoll diese Aktivitäten sind, um Klima, Wetter, das Meer und die
damit zusammenhängenden Vorgänge sowie Rohstoffe im Meer, Rohstoffsuche auf dem
Festland und die Qualität der Umwelt besser zu verstehen und zu beurteilen.
Jetzt werden für neu entwickelte Systeme zur Fernerkundung spezielle Frequenzbänder zugeteilt.
+ + + + +
- 5-

�3
I 3

Wi//en/chaft
\H\&lt;) Technik
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12. Dezember 1979

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VIRUSFEINDE IM MEERWASSER
Aufsehenerregende Entdeckung von Forschern in Hawaii -

- (AD) - Mikroorganismen, die Viren vernichten, entdeckte eine Forschergruppe der Universität Hawaii im Meeresgebiet um die Hawaiischen Inseln. Der
Zufall kam den Wissenschaftlern dabei zuhilfe, denn die Aufgabenstellung bei
den Meerwasseruntersuchungen durch das Virologische Umweltforschungsinstitut
war eine ganz andere gewesen: Man wollte herausfinden, welcher Art die Meerwasserverschmutzung durch Kanalisationsabwässer sei. Es sollten die vorhandenen Virus-Typen und ihre Verteilung in den einzelnen Küstenbereichen ermittelt werden. Außerdem wollte man wissen, in welchem Umfang sie Liberleben und
ob es möglich sei, bestimmte Viren wie solche aus menschlichen Exkrementen
aus Proben verseuchten Wassers zu isolieren.
Zu ihrer Überraschung fand die Forschergruppe unter der Leitung von Professor Philip Loh Mikroorganismen, die im Meerwasser als Virenvernichter fungieren. Bei der sorgfältigen Untersuchung zahlreicher und verschiedenartiger
Wasserproben stellte sich heraus, daß Viren inaktiviert werden, und zwar mehr
oder weniger stark. Dieser Umstand gab einen wichtigen Hinweis, aber noch
nicht die Antwort auf die alte Frage, welcher Faktor denn eigentlich die Vermehrung von Viren in Seewasser hemmt. War es ein biologischer Prozeß? Handelte es sich um chemische Reaktionen?
ß .
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Tel: 0 2 2 2 1 - 8 9 32 4 0
Telex:08-85432

�Bei den Labortests wurden lebende Mikroorganismen gefunden, die auf Wärme und gewisse Antibiotika empfindlich reagieren, von anderen antibiotischen
Präparaten dagegen nicht angegriffen wurden.

Sie leben offenbar nur im Meer

- in Süßwasser wie Bächen und Flüssen suchte man vergeblich nach ihnen.
Professor Loh berichtete, daß damit zum ersten Mal Mikroorganismen mit virusfeindlichen Eigenschaften im Pazifik gefunden wurden.

Bisher hatten ein

schwedisches und ein israelisches Laboratorium ähnliche Beobachtungen in der
Ostsee und im östlichen Mittelmeer gemacht. Aber im Gegensatz zu den hawaiischen Wissenschaftlern war es den beteiligten Forschem nicht gelungen, die
antivirale Aktivität der Mikroorganismen im Laboratorium zu erhalten.
Nach den Erfolgen der ersten Experimentierserie bereitet die Gruppe Loh
gegenwärtig Untersuchungen vor, mit denen die Mikroorganismen isoliert und
ihre Merkmale, einschließlich der chemischen Komponenten, bestimmt werden sollen.

Wenn ein Weg gefunden würde, sie im Laboratorium zu züchten, könnte

sich ein breites Anwendungsspektrum für die biologische Bekämpfung von Viren
ergeben, die beim Menschen Erkrankungen verursachen und Seewasser verseuchen.
So wäre es Professor Loh zufolge denkbar, Abwässer noch vor der Einleitung
in freies Wasser entsprechend zu behandeln.

Und der Chemotherapie von Virus-

krankheiten eröffnete sich vielleicht ein neuer Weg.

+ + + + +

�31
3

1

Uli/zen/chnft
und Technik
International Communication Agency
Embassy of the United States of America

12. Dezember 1979

47

DÜNGER AUS RAUCHGASEN

- (AD) - Die bei der Kohleverbrennung entstehenden Rauchgase sind nur
unter erheblichem technischen und finanziellen Aufwand von umweltschä'dl ichen
Beimengungen zu säubern. Die strengen Auflagen der amerikanischen Umweltschutzbehörde zwingen die Betreiber von Kohlekraftwerken zum Einbau von Filteranlagen insbesondere zur Entfernung von Schwefeldioxid, die sehr hohe Kosten
verursachen. In Chicago haben nun zwei Chemieingenieure, Dr. Ralph Peck und
Dr. Ladd Pircon, ein Verfahren entwickelt, mit dem das Schwefeldioxid wirksamer und noch dazu sehr viel billiger aus Rauchgas entfernt und zur Düngemittelproduktion verwendet wird. Außerdem erfordert der Prozeß nur ca. vier
Prozent der Energie, die bei den heute üblichen Filtermethoden verbraucht wird.
Kernstück des Peckschen Verfahrens ist ein sog. heterogener Reaktor, in
dem Schwefeldioxidgas zunächst mit Wasser und Calciumphosphat verbunden wird.
Dann wird Phosphor aus der Verbindung mit Calcium freigesetzt, um sich mit
Ammoniak sowie den beim Verbrennungsprozeß zurückbleibenden Aschen zu einem
Düngemittel zu verbinden.

In

Postfach 20 03 0 0
D5300 Bonn 2

Tel: 02221-89 3240
Telex:08-85432

�In einer kleinen Pilotanlage in Chicago erproben die beiden Ingenieure
das Verfahren seit nunmehr zwei Jahren.

Sie sind überzeugt, daß es auch in

der technischen Anwendung bestehen kann. Und es habe, so die Erfinder, den
Vorteil, daß die Stromversorgungsunternehmen elektrischen Strom sogar billiger als heute abgeben könnten, weil ihnen der als "Nebenprodukt" gewonnene
Dünger zusätzliche Einkünfte verschafft.

+ + + + +

- 2 -

�</text>
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                <text>&lt;strong&gt;1. Dokumentation&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Menschenrechtsproklamation Präsident Carters&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Erklärung von Botschafter Gerard C. Smith auf der 23. Vollkonferenz der Internationalen Atomenergiebehörde&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Hintergrundmaterial&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Weltwellenkonferenz mit versöhnlichem Ausklang&amp;nbsp;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;- Detailregelungen in den achtziger Jahren -&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Wissenschaft und Technik&amp;nbsp;&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Virusfeinde im Meerwasser&lt;br /&gt;&lt;em&gt;- Aufsehenerregende Entdeckungen von Forschern in Hawaii -&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Dünger aus Rauchgasen</text>
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nrormotion
und
Dokumentation
United States Information Service
Embassy of the United States of America

12. Dezember 1984

50
INHALT
DOKUMENTATION

Menschenrechtsverletzungen "Affront gegen das menschliche Gewissen"
- Erklärung Präsident Reagans -

"Solide Fortschritte" in Südafrika
- Pressekonferenz Präsident Reagans Demokratie und Wirtschaftswachstum in der Karibik
- Rede von US-Außenminister Shultz Europäische Abrüstungskonferenz möglicherweise vor Wendepunkt
- Rede des amerikanischen Chefdelegierten Goodby -

USA würdigen demokratische Wahlen auf Grenada
- Erklärung Reagans und des US-Außenministeriums -

HINTERGRUNDMATERIAL
Die Menschenrechtslage in Afghanistan
- Kurzinformation des US-Außenministeriums -

Um Übcr/endung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Postfach 20 03 00 Tel.: 0228-339 2035
D 5300 Bonn 2
Telex: 8-85432

�12. Dezember 1984

50

MENSCHENRECHTSVERLETZUNGEN "AFFRONT GEGEN DAS MENSCHLICHE GEWISSEN"
- Erklärung Präsident Reagans -

WASHINGTON - (AD) - In einer Erklärung, in der er den 10. Dezember
1984 zum Tag der Menschenrechte und den 15. Dezember zum Tag der "Bill of
Rights", der Bürgerrechtsartikel der amerikanischen Verfassung, erklärte,
bezeichnete Präsident Reagan die Menschenrechtsverletzungen

in der So-

wjetunion als "Affront gegen das menschliche Gewissen". Er prangerte auch
Menschenrechtsverletzungen in anderen Ländern der Erde an und vermerkte,
daß "einer der Ursprünge der Spannungen auf der Welt in der Verweigerung
von Menschenrechten beruht, nicht jedoch im Eintreten für diese Rechte".

Die Proklamation des Präsidenten hat folgenden Wortlaut:

Am 15. Dezember 1791 feierten unsere Gründerväter die Ratifizierung
der ersten zehn Zusatzartikel zur Verfassung der Vereinigten Staaten.
Diese Bill of Rights hat dazu beigetragen, sicherzustellen, daß die Freiheiten aller Amerikaner gedeihen konnten.

Zum

erstenmal

in

Postfach 20 03 00 Tel.: 0228-339 2035
D 5300 Bonn 2
Telex: 8-85432

�Zum erstenmal in der Geschichte der Völker erließen unsere Gründerväter eine schriftlich niedergelegte Verfassung mit genau aufgezählten
Rechten.

Diese beruhten auf der Grundannahme, daß das Recht auf Leben

und Freiheit etwas ist, was nicht von der Regierung gewährt wird, sondern
jedem Einzelmenschen als ein grundlegendes Erbe der Menschheit zu eigen
ist.

Die Amerikaner glauben, daß alle Menschen im Besitz dieser unver-

äußerlichen Rechte gleich sind und daß ihnen kraft der hohen Würde und
des Werts jedes Einzelmenschen Achtung zukommt.

Im Bewußtsein dieser

wertvollen Prinzipien entwarfen die Gründerväter ein Regierungssystem,
das der Macht des Staates Grenzen setzt, auf gerechten Gesetzen beruht
und auf die Zustimmung der Regierten gegründet ist.

Als

die

Amerikaner

diesen

ehrenvollen

Versuch

unternahmen,

der

Selbstbestimmung und menschlichen Freiheit zum Durchbruch zu verhelfen,
erschien dies vielen Menschen zunächst als eine utopische, unrealistische
Idealvorstellung.

Bis zum heutigen Tage jedoch hat sich praktisch jede

Nation der Welt eine schriftlich niedergelegte Verfassung gegeben, in der
in unterschiedlichem Maße die grundlegenden Menschenrechte zum Ausdruck
kommen.

157 Jahre nach der Ratifizierung unserer Bill of Rights, nämlich

am 10. Dezember 1948, nahmen die Vereinten Nationen die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte an, in der ein internationaler Konsens über die
Menschenrechte und persönlichen Freiheiten, die wir so hoch schätzen,
festgeschrieben wurde.

36 Jahre nach der Annahme der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte steht jedoch fest, daß dieser Konsens mehr auf dem Papier als in Wirklichkeit anerkannt wird.

Überall auf der Weit gibt es Regierungen, die

sich zwar formell zur Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte bekennen,
gleichzeitig aber weder freie Wahlen noch unabhängige Gewerkschaften, weder ordentliche Gerichtsverfahren noch Religions- und Pressefreiheit zulassen.
Die Vereinigten Staaten fühlen sich in besonderer Weise verpflichtet,
die Ansprüche der Unterdrückten zu verfechten, für das Recht auf Leben
und Freiheit einzutreten, das ein Grundrecht Dildet, aus dem sich alle

�sich alle anderen Rechte herleiten, und das Recht auf Gedanken-, Gewissens- und Religionsfreiheit zu schützen.

Da wir in Freiheit leben, müs-

sen wir unsere Stimme für die erheben, die dies nicht können.

Die Inhaftierung von Männern und Frauen in der Sowjetunion, die versuchen, frei ihre Meinung zu äußern oder das Grundrecht auf Auswanderung
in Anspruch zu nehmen, die brutale Behandlung, die einem der größten
menschlichen Geister unserer Epoche, Andrej Sacharow, widerfährt; die
Verweigerung grundlegender Menschenrechte wie auch des Rechts auf Selbstbestimmung in Osteuropa und in den baltischen Staaten, die Weigerung der
polnischen Behörden, einen echten Dialog mit der freien Gewerkschaftsbewegung im Lande aufzunehmen; die offenkundige Ungerechtigkeit des Apartheidsystems der Rassendiskriminierung

in Südafrika; die Verfolgung der

religiösen Minderheit der Baha'i im Iran, der mangelnde Fortschritt in
Richtung auf eine demokratische Regierungsform in Chile und Paraguay; der
Feldzug gegen die römisch-katholische Kirche in Nicaragua; die Unterdrückung der Freiheit in Kuba und Vietnam; der brutale Krieg, der von sowjetischen Truppen gegen das afghanische Volk geführt wird, und die immer
noch andauernde vietnamesische Besatzungsherrschaft in Kambodscha - all
dies stellt einen Affront gegen das menschliche Gewissen dar.

Wir als

Amerikaner treten all dem nachdrücklich entgegen und streben nach Abhilfe.

Das amerikanische Volk hat erkannt, daß einer der Ursprünge der Spannungen auf der Welt in der Verweigerung von Menschenrechten beruht, nicht
jedoch im Eintreten für diese Rechte.

Wir erinnern uns der Opfer, die

Generationen von Amerikanern zum Schutz und zur Bewahrung der Freiheit
überall auf der Welt gebracht haben.

Allein in diesem Jahrhundert haben

Zehntausende von Amerikanern auf Schlachtfeldern in der Fremde ihr Leben
im Dienst für die Sache der Menschenrechte gelassen.
allen Achtung und halten ihr Andenken in Ehren.

Wir zollen ihnen

Heute gedenken wir in

bleibender Dankbarkeit und Ehrfurcht der großen Gabe der Freiheit, die
sie uns hinterlassen haben.

Während wir uns die Segnungen ins Bewußtsein rufen, derer wir uns als
ein freies Volk erfreuen, wollen wir auch die nicht vergessen, die in al-

�die in aller Welt Opfer von Verletzungen der Menschenrechte geworden sind.

Daher erkläre ich, Ronald Reagan, Präsident der Vereinigten Staaten
von Amerika, hiermit den 10. Dezember 1984 zum Tag der Menschenrechte und
den 15. Dezember 198A zum Tag der Bill of Rights und fordere alle Amerikaner auf, die Woche, die mit dem 10. Dezember 1984 beginnt, als Woche
der Menschenrechte zu begehen.

Gegeben und besiegelt am zehnten Tag des Monats Dezember im Jahre des
Herrn 1984 und im 209. Jahr der Unabhängigkeit der Vereinigten Staaten
von Amerika

gez.
Ronald Reagan

- 4-

�Dokumentation
United States Information Service
Embassy of the United States of America

12. Dezember 1984

50

"SOLIDE FORTSCHRITTE" IN SÜDAFRIKA
- Pressekonferenz Präsident Reagans -

WASHINGTON - (AD) - Auf einer Pressekonferenz im Weißen Haus verwahrte sich Präsident Reagan am 7. Dezember 1984 gegen Kritik an seiner
Südafrikapolitik.

Die sich auf diese Thematik beziehenden Passagen der

Pressekonferenz haben folgenden Wortlaut:

Frage:

Bischof Tutu hat soeben erklärt, daß seine Unterredung mit

Ihnen zwar fruchtbar gewesen sei, daß Ihre Politik aber zu einer Verschlechterung der Lage der Schwarzen in der Republik Südafrika geführt
habe.

Erwägen Sie eine Änderung Ihrer Politik, wirtschaftliche Sanktio-

nen oder irgendwelche härteren Maßnahmen gegen die dortige Regierung?

ANTWORT:

Die Unterredung war in der Tat fruchtbar.

Der Bischof hat-

te eine Reihe von Anregungen und Vorschlägen. Außerdem gab sie uns Gelegenheit, ihm zu erläutern, was wir im Rahmen unserer, wie ich es nennen
möchte, "Diplomatie im Stillen" unternommen haben.
davon hat ihn überrascht.

Ich glaube, vieles

Einiges von dem, was er vorschlug, praktizie-

Postfach 20 03 00 Tel.: 0228-339 2035
D 5300 Bonn 2
Telex: 8-85432"

�vorschlug, praktizieren wir bereits...

In der Einschätzung, daß die Lage

sich verschlechtert habe, kann ich ihm nicht zustimmen. Dem ist nicht so.
Soweit es darum ging, unseren Abscheu vor der Apartheid zum Ausdruck zu
bringen und die südafrikanische Regierung zu Änderungen zu überreden, haben wir erhebliche Fortschritte erzielt.

Wir werden diese Politik fort-

setzen.

Frage:

Das Regime ist aber noch repressiver geworden, und die Inhaf-

tierungen haben sich vermehrt...

Antwort:

Ich weiß, daß es hier und da zu Gewaltausbruchen gekommen

ist, und daß die andere Seite darauf ihrerseits mit Gewalt reagiert hat.
Wir bedauern das. Aber wie ich schon sagte, meine ich, daß unsere Politik solide Fortschritte verbuchen konnte und daß wir sie deshalb fortsetzen sollten.

Wenn ich mich jedoch öffentlich über Einzelheiten äußern

würde, wäre es keine Diplomatie im Stillen mehr...

Ich war immer der

Meinung, daß es nur das Gegenteil bewirken würde, wenn eine Regierung
Schlagzeilen macht und von einer anderen Regierung bestimmte Maßnahmen
fordert.

Diese andere Regierung gerät nämlich in eine praktisch unmög-

liche politische Lage.

Schließlich kann sie sich nicht die Blöße geben,

den Anschein entstehen zu lassen, daß sie auf Forderungen von außen hin
ihren Kurs ändert.

Viele Leute stehen den amerikanischen Investitionen

und der Geschäftstätigkeit amerikanischer Firmen in Südafrika kritisch
gegenüber...

Wer das sagt, weiß nicht, wovon er spricht.

Die schlichte

Wahrheit ist, daß die meisten der schwarzen Stammesführer dort sich offen
für amerikanische Wirtschaftsinvestitionen ausgesprochen haben, weil die
amerikanischen Firmen, die im Lande

tätig sind, ihre Beschäftigten an-

ders behandeln, als dies südafrikanische Unternehmen tun.

Diese amerika-

nischen Firmen biecen faire Beschäftigungsmöglichkeiten und unterlassen
jede Rassendiskriminierung...

Amerikanische Unternehmen haben bislang

mehr als 10ü Millionen Dollar für Ausbildung und Bildung, Management und
Geschäftsführung und dergleichen mehr aufgewandt...

Wer hier Kritik übt,

weiß über diese Dinge nicht richtig Bescheid, und auch nicht darüber,
wieviel Gewinn sie für die Schwarzen Südafrikas gebracht haben...
* * * * *

- 2-

�12. Dezemoer 1984

50

DEMOKRATIE UND WIRTSCHAFTSWACHSTUM IN DER KARIBIK
- Rede von US-Außenminister Shultz -

MIAMI aus P o l i t i k

(AD) - Vor einem Publikum von prominenten
und P r i v a t w i r t s c h a f t

legte

Persönlichkeiten

der amerikanische

Außenminister

George Shultz am 6. Dezember 1984 i n Miami d a r , daß Demokratie und Wirtschaftswachstum von g l e i c h großer Bedeutung s e i e n , um den Staaten des Karibischen Beckens eine Zukunft
Shultz

in

Freiheit

sprach auf der Achten Jahreskonferenz

und
für

Wohlstand
Handel,

zu

sichern.

Investitionen

und Entwicklung im Karibischen Becken. Seine Rede hat folgenden Wortlaut:

F r e i h e i t und w i r t s c h a f t l i c h e Entwicklung gehen Hand i n hand, a l l e r dings nicht automatisch. Aber jeder unter den h i e r Versammelten - Regierungs- und W i r t s c h a f t s v e r t r e t e r

-

ist

daran i n t e r e s s i e r t ,

diesen Zusam-

menhang herzustellen und zu f e s t i g e n . Genau darum geht es im Rahmen der
amerikanischen P o l i t i k i n Lateinamerika und der K a r i ü i k . Unser E i n t r e t e n
f ü r die Demokratie ergänzt unser E i n t r e t e n f ü r w i r t s c h a f t l i c h e

Entwick-

lung und f r e i e Märkte - und umgekehrt. Wenn man noch das Moment der S i -

Postfach 20 03 00 Tel.: 0228-339 2035
D 5300 Bonn 2
Telex: 8-85432

�Der Sicherheit dazunimmt, dali zum Schutz dieser Elemente notwendig ist,
dann bilden sie ein in sich geschlossenes Ganzes, dessen Bestandteile
sich wechselseitig verstärken.

Die erneute Stärkung und Ausdehnung, die uie Demokratie in den letzten fünf Jahren in Lateinamerika und der Karibik erfahren hat, ist zum
Teil auf das wirtschaftliche Versagen ihrer Feinde zurückzuführen. Die
Menschen wollen Wachstum. Sie wollen Wohlstand. Wenn sie dies nicht bekommen, dann fangen sie an, das Vertrauen in ihre Regierungen und in die
Institutionen, denen diese ihre Macht verdanken, zu verlieren. Die alten
Diktatoren haben sich nicht bewährt: Wenn Ürdnung weder Frieden noch
Wohlstand hervorbringt, dann verliert sie ihre Anziehungskraft. Die neuen
totalitären Regime in Kuba, Nicaragua und bis vor einem Jahr auch in Grenada haben noch Schlimmeres angerichtet: Sie haben sowohl Gewalt als auch
die aus ihrem Versagen erwachsende Unsicherheit über die Grenzen ihrer
eigenen Länder hinausgetragen.

Aber auch Demokratien stehen unter einem inneren Druck zur produktiven Leistung. Wenn der demokratische Trend andauern soll, dann müssen die
Regierungen und

die Privatwirtschaft

nunmehr gemeinsam

selbst tragendes Wirtschaftswachstum sorgen.

für ein sich

Wenn man die Befähigung na-

tionaler Volkswirtschaften zum Wettbewerb auf dem Weltmarkt und zur Einnahme von Devisen verbessert, dann kann dies eine Stärkung der Freiheit
in jedem unserer Länder bewirken.

Wie sind die AussichtenV

Wacistumsaussichten

Ich möchte zunächst die Hemisphäre in ihrer Gesamtheit betrachten und
mich sodann dem Karibischen Becken im besonderen zuwenden.

Seit 20 Jahren hatten die Entwicklungsländer dieser Hemisphäre außer- 2 -

�Hemisphäre außergewöhnliche Wachstumsraten zu verzeichnen. Einige setzten
sogar dazu an, die Lücke im Prokopfeinkommen zwischen ihnen und den Industriestaaten zu verringern. Zwischen 1^60 und 19ts0 wuchsen die Volkswirtschaften Lateinamerikas und der Karibik um eine reale Durchschnittsrate von sechs Prozent jährlich - ein Prozentsatz, der die Zuwachsrate
der Bevölkerungsziffer um mehr als das doppelte übertraf.

Von 1981 bis 193-5 sank das Bruttoinlandsprodukt der Hegion dann wieder. Gemessen pro Kopf der Bevölkerung lag dieses Absinken bei einem Jahresdurchschnitt von etwa vier Prozent. Mit einem Rückgang von b ,7 Prozent
erzielten die Länder der Region im Jahre 19ö3 die schlechteste Leistung
des letzten haloen Jahrhunderts, sodau das Bruttoinlandsprodukt gemessen
pro Kopf der Bevölkerung auf den Stand von 1976 zurückfiel. Obwohl es Anzeichen für ein gewisses Wachstum des Bruttoinlandsprodukts in diesem
Jahr gibt, wird es gemessen pro Kopf der Bevölkerung immer noch negativ
sein.
Woher bezog das Wachstum der Region in den sechziger und siebziger
Jahren seine Dynamik? Was können wir zu ihrer Wiedererlangung tun?

Die hauptsächlichen Triebkräfte ergaben sich aus der Liberalisierung
und Ausweitung des internationalen Handels- und Finanzsystems in der
Nachkriegszeit. Die Öffnung der Märkte der Industriestaaten, die Expansion der internationalen Ströme privaten Kapitals und ein dynamischer, in
beide Richtungen verlaufender Güterverkehr eröffneten nie dagewesene Möglichkeiten zur Diversifizierung und Modernisierung sowie zum Wachstum.
Während dieser Periode lieferte überwiegend das inländische Sparkapital
die Grundlage für den Großteil der Gesamtinvestitionen.

Auslandshilfe trug in den sechziger Jahren eDenfalls wesentlich zur
Anregung des Wachstums Dei. Die 1939 gegründete Interamerikanische Entwicklungsbank und die Allianz für den Fortschritt bildeten besonders nervorzuhebende Hilfsquellen. Staatliche Hilfen umfabten 40 Prozent der Nettozufuhr an Kapital in die Region. Ausländische Direktinvestitionen um-

�Direktinvestitionen

umfabten weitere 40 Prozent. Kommerzielle Kredite

bildeten keinen sehr wesentlichen Faktor.

Im Gegensatz dazu wurde in der zweiten Hälfte der siebziger Jahre die
Finanzierung durch auswärtige Privatbanken zur Hauptquelle von Entwicklungskapital. Der Ülpreisschock von 1^1 z verschaffte der OPEL zwar Überschüsse und den Banken die zur Kreditvergabe nötigen flüssigen Mittel,
erzeugte in den Entwicklungsländern aber eine verzweifelte Nachfrage nach
Krediten zur Begleichung der Kosten der Ölimporte. Und sie nahmen Kredite
auf. Die Auslandsverschuldung wuchs von rund 75 Milliarden Dollar im Jahre 1974 auf schätzungsweise 336 Milliarden Dollar im Jahre 19ö3 an. Die
Gesamtveischuldung schnellte jährlich um fast z'Ü Prozent in die höhe.

Heute ist klar, daß die Aufnahme von Auslandskrediten nicht mehr die
Hauptrolle spielen kann. Die Interamerikanische Entwicklungsbank schätzt,
daß unter den realistischsten Umständen eine Nettokapitalzufuhr von jährlich rund 47 Milliarden Dollar erforderlich wäre, um eine gleichbleibende
jährliche Wachstumsrate von fünf Prozent zu erzielen. Das Finanzsystem
gibt aber schlicht nicht die Mittel her, die für eine Kreditvergabe in
dieser Größenordnung erforderlich wären. Selbst wenn die Mittel vorhanden
wären, würde doch der Schuldendienst ein untragbares Ausmaß erreichen.
Die Auslandsschulden der Region würden sich dann Ende 1989 auf etwa 6'ZU
Milliarden Dollar belaufen - eine Steigerung um öZ Prozent.

Wie steht es mit der Auslandshilfe? Wird sie die beherrschende Rolle
zurückgewinnen, die sie bei der Entwicklungsförüerung einmal gespielt hat?
Die Vereinigten Staaten steigern ihre bilaterale Hilfe für die Länder
des Karibischen Beckens, Wir haben uns zu Hilfe in dem von der Nationalen
Überparteilichen Kommission für Mittelamerika

geforderten Umfang ver-

pflichtet, und aucn unsere Hilfe für die Inselstaaten der Karibik haben
wir kontinuierlich erhöht. Andere Regierungen und internationalen Organisationen teilen unsere Interessen. Nun bewirken staatliche Hilfsleistungen zwar durchaus etwas, aber sie sind nicht umfangreich genug, um eine
- 4 -

�um eine dauerhafte wirtschaftliche Wende einzuleiten.

Letztendlich spielt die Privatwirtschaft die entscheidende Rolle. Nur
durch privatwirtschaftliche Initiative können die zusätzlichen Mittel finanzieller und unternehmerischer Art aufgebracht werden, derer es bedarf,
um die Chancen die die Region bietet, in vollem Umfany zu nutzen. Wie wir
aber alle zu unserem Mißvergnügen feststellen mußten, sind in- wie ausländische Privatmittel bislang nicht in hinreichendem Umfang geflossen.
Hier liegt der Kern des Problems. Wenn wir darin übereinstimmen, daß dies
große Reservoir

an Mittel angezapft

werden muß, dann haben wir die

Pflicht, alles Notwendige zu tun, um dies in die Wege zu leiten.

Ich fordere daher an dieser Stelle eine Revision der auf eine Erschwerung von Importen und Staatsbesitz (an Produktionsmitteln) gerichteten Politik (der betreffenden Länder), Diese Politik hat die privatwirtschaftlichen Agrar- und Industriebetriebe

lähmenden Kontrollmecha-

nismen unterworfen und sie in eine Abhängigkeit von beschränkten Märkten
gebracht. Diese Politik hat ferner an den Staatsgrenzen kostspielige protektionistische Barrieren errichtet und ineffiziente Staatsbetriebe ins
Leben gerufen, die produktiveren Bereichen die Ressourcen entziehen.

Ich fordere stattdessen eine Entwicklurgsstrategie, die sich des Mittels einer offenen Wirtschaft bedient, d.h., einer Wirtschaft, in der
Initiative, Investitionen und Sparsamkeit belohnt werden. Die Strategie,
die ich fordere, sollte die folgenden vier Schlü'sselelemente aufweisen:

- Erstens sollte Wachstum in erster Linie auf der Grundlage der Bildung einheimischen Sparkapitals und einheimischer Investitionen geschaffen werden. Dies setzt naheliegenderweise voraus, daß das einheimische
Kapital im Lande bleibt. Wenn die Menschen für ihre Sparsamkeit belohnt
werden, wird Kapital für Investitionen verfügbar. Wenn ihr unternehmerischer Elan belohnt wird, dann entfalten sie ihre produktiven und innovativen Kräfte.

- Zweitens sollten

�- Zweitens sollten ausländische und einheimische Investoren gleicnermaßen fair behandelt werden. Auslandsinvestitionen können mehr ins Land
bringen, als nur Geldmittel, nämlich Technologien, Ausbildung, Management- und Vertriebstechniken. Im Gegensatz zu Auslandsschulden

werden

Auslandsinvestitionen nicht durch Zinsen, sondern durch Gewinne amortisiert. In guten Zeiten kann man einer stabilen Volkswirtschaft den Rü'cktransfer von Unternehmensgewinnen ins Heimatland des Anlegers zumuten. In
schlechten Zeiten geht dieser Gewinntransfer zurück oder kommt ganz zum
Erliegen. Der Schuloendienst hingegen mub immer aufrechterhalten werden,
gleich, ob die Zeiten gut oder schlecht sind.

- Drittens sollten ausländische Mittel das einheimische Sparkapital
ergänzen, aber nicht ersetzen. Wenn man sich zu stark auf ausländische
Hilfe oder ausländisches Kapital verläßt, so kann dies zur Abhängigkeit
führen und die Produktivität untergraben.

- Viertens muß der Handel den Motor der wirtschaftlichen Entwicklung
bilden. Volkswirtschaften, die sich dem internationalen Itettbewerb öffnen, können den einheimischen Lebensstandard heben.

Die Strategie, die ich empfehle, beruht auf einem einfachen, aber ungemein wirkungskräftigen Prinzip: Lin System, das die produktiven Kräfte
der Menschen und ihrer privat finanzierten Organisationen freisetzt und
ihren Fleiß und ihre Kreativität belohnt, wird wachsen und florieren.

Die Initiative für das Karibische Becken

Die Initiative für das KariDische Becken trägt diesen Fragen, so, wie
sie sich in unserer unmittelbaren Nachbarschaft stellen, auf gleichzeitig
visionäre und praktische Weise Rechnung.

Die Volkswirtschaften der Inselstaaten der Karibik und der Länder der
mittelamerikanischen Landenge waren einem noch ausgeprägteren Wechselbad
- 6 -

�ausgeprägteren Wechselbad von Auf- und Abschwüngen ausgesetzt, als der
Rest der Hemisphäre. Während der sechziger und siebziger Jahre lag das
Realwachstum im Karibischen Becken nahe bei einer Jahresrate von sieben
Prozent. Von 1981 bis 1983 sank das Bruttoinlandsprodukt, gemessen pro
Kopf der Bevölkerung, in den yröüeren Staaten des Karibischen Beckens
dann um durchschnittlich sieben Prozent im Jahr. Die Dominikanische Republik, Panama und Jamaika konnten ein geringfügiges positives Wachstum
verbuchen, aber in Costa Rica, £1 Salvador, Guatemala und Honduras kam es
zu einer ernsthaften Prokopfabnähme. Auch in anderen Ländern, wie z.B.
Barbados, Trinidad &amp; Tobago und Haiti ging das Bruttoinlandsprodukt gemessen pro Kopf der Bevölkerung zurück. In einigen Ländern sank das Bruttoinlandsprodukt gemessen pro Kopf der Bevölkerung wieder auf den Stand
von Anfang der siebziger Jahre.

Die Staaten des Karibischen Beckens müssen auch eine Reihe weiterer
Probleme bewältigen. Erstens sind die meisten von ihnen zu klein, um
Volkswirtschaften von nennenswerter bröüe zu entwickeln. Selbst zusammengenommen hatten die 20 Staaten, für die die Initiative für das Karibische
Becken konzipiert wurde, im Janre 1982 nur ein BruttoinlandsproduKt von
46 Milliarden Dollar.

Zweitens schaffen die geographischen Gegebenheiten einen wirtschaftlichen Teufelskreis: Schiffsfracht aus der Karibik ist teuer, weil die
Ladungen meist klein sind. Höhere Transportkosten dämpfen die nachfrage,
was wiederum bewirkt, daü die Ladungen auch in Zukunft klein bleiben.
Dies führt dazu, daü die Verschiffung von Fracht von Barbados nach Miami
teurer sein kann, als die Frachtraten von Hongkong nach New York.

Drittens leidet die gesamte Region an einem drückenden Mangel an infrastrukturellen Einrichtungen. Es fehlen nicht nur Strafien und Energieversorgungsnetze, sondern auch Schulen, Krankenhäuser und Wohnungen.

Der Wettbewerb mit anderen Exportländern bildet ein weiteres Schlüsselproblem. Beispielsweise bieten sowohl der Ferne Osten als auch Mexiko
gute Standorte für Montagewerke der Exportindustrie. Auch die Vereinigten
- 7 -

�die Vereinigten Staaten, Japan und einige Länder Lateinamerikas bieten
Investoren günstige Bedingungen.

Gesellschaften mit stagnierender oder schrumpfender Volkswirtschaft
sind anfällig für gewaltsame Umstürze. Sicherheitspolitische Zusammenarbeit kann einen gewissen Schutz gegen kommunistisches Abenteurertum Dieten. Aber es muß auch tatsächlich etwas schützenswertes geben.

Als Präsident Reagan vor drei Jahren erstmals die Initiative für das
Karibische Becken (IKB) vorschlug, schwebte ihm mehr als eine Partnerschaft zur Förderung von Handel und xnvestitionen zwischen den Vereinigten Staaten und den Ländern des Karibischen Beckens vor. Er folgte einer
weitergehenden Vision einer friedlichen und prosperierenden Karibik, wo
die Menschen ihre Ambitionen verwirklichen und für sich und ihre Kinder
eine bessere Gesellschaft aufbauen konnten.

Dem Präsidenten war klar, daß ein kurzfristiges Programm, das jedes
Jahr mit einem neuen Wundermittel aufwartete, nicht ausreichen würde. Das
war nicht die Art von praktischer und vertrauensbildender Unterstützung,
die unsere Nachbarn brauchen und von den Vereinigten Staaten erwarten.
Deshalb lieü er die weitgehenden Handelsbestimmungen der Initiative für
das Karibische Becken auf eine Dauer von zwölf Jahren auslegen. Eine solche Verpflichtung hat in der amerikanischen Handelspolitik bislang nicht
ihresgleichen: Den Staaten, die in den Genuß der Initiative für das Karibische Becken kommen, werden für einen so langen Zeitraum einseitige
Freihandelsmöglichkeiten eröffnet, üaü es wirklich ins Gewicht fällt.

Vom amerikanischen Standpunkt aus liegt der Initiative für das Karibische Becken die Prämisse zugrunae, daü diese Hegion von vitaler Bedeutung für unsere Sicherheit und unser soziales und wirtschaftliches
Wohlergehen ist. Tatsächlich bildet sie unsere dritte urenze. Was sich
dort in wirtschaftlicher, sozialer und politischer Hinsicht abspielt, hat
direkte und schwerwiegende Bedeutung für die Vereinigten Staaten.

Es

ist

im

�Es ist im eigenen Interesse der Vereinigten Staaten, ein guter Nachbar zu sein. Wir müssen alles tun, wozu wir realistischerweise imstande
sind, um den Ländern des Karibischen Beckens beim Aufuau stabiler, prosperierender, gerechter und demokratischer Gesellschaften zu helfen. Dies
bedeutet, daß wir uns alle mit der wirtschaftlichen Lage, der wir uns gegenübersehen, realistisch auseinandersetzen müssen.

Die Initiative für das Karibische Decken stellt sich den harten wirtschaftlichen Realitäten dieses Jahrzehnts. Als wir als politisch Verantwortliche mit unseren Nachbarn aus der Karibik und mit Vertretern der
Privatwirtschaft über die Konzipierung dieser Initiative berieten, stimmten wir alle darin überein, daü einheimische und ausländische Investitionen den Schlüssel zu wirtschaftlicher Erholung und zu anhaltendem Wachstum in den achtziger Jahren bilden.

Die Tatsache, daß den Erzeugnisse aller Exportbranchen - von ganz wenigen Ausnahmen abgesehen - der 20 Länder, die bislang zu Nutznießern der
Initiative ausersehen worden sind, zollfreien Zugang zum amerikanischen
Markt gewährt wird, verschafft der Region einen Wettbewerbsvorteil und
regt sowohl die einheimische als auch aie ausländische Investitionstätigkeit an. Solche Investitionen wiederum können Beschäftigung schaffen und
eine Diversifizierung der Produktivkräfte in jedem der begünstigten Länder bewirken.

Neben Zollbefreiungen für den Handel oieten wir Entwicklungshilfe,
deren Ziel es ist, eine materielle Infrastruktur aufzubauen und das Reservoir an unternehmerischer Begabung und Managementfähigkeiten zu entwickeln, das für dynamische Investitionstätigkeit und Handel unerläßlich
ist. Die Vereinigten Staaten haben sich zu umfangreicher Wirtschaftshilfe
für die Region verpflichtet, sowohl bilateral als auch in Zusammenarbeit
mit internationalen Finanzinstitutionen und anderen Geberländern.

Die Initiative für das Karibische Becken ist ein Ausdruck der Erkenntnis, daß in der heutigen Welt keine Alleingänge mehr möglich sind.
- 9 -

�möglich sind.

Wenn Anstrengungen in einem wirklich multilateralen Rahmen

unternommen werden, dann vervielfachen sich die Erfolgsaussichten. Unsere
gemeinsamen Interessen gebieten eine Festigung der politischen und wirtschaftlichen Beziehungen dieser Region mit der Gemeinschaft aller demokratischen Staaten der Welt.

Die bisherigen IKB-Fortschritte

Die Freihandelsbestimmung der Initiative gibt es nun seit 11 Monaten.
Das ist sicher nicht lang genug, um ein 12-Jahres-Programm zu beurteilen.
Wir sollten uns auch davor hüten, alle Fortschritte auf die IKB zurückzuführen, denn viele der positiven Nachrichten dürften auch von der Intensität der wirtschaftlichen Wiederbelebung in den Vereinigten Staaten
selbst herrühren. Aber einige der ersten Indikatoren sind doch sehr vielversprechend.

Die amerikanischen Einfuhren aus den meisten Ländern des Karibischen
Beckens nahmen rasch zu. Vergleicht man die ersten acht Monate des Jahres
1984 mit dem gleichen Zeitraum 1983, so zeigt sich, daß die amerikanischen Einfuhren - Erdöl ausgenommen - aus den IKB-Ländern um fast 34 Prozent anstiegen. Sie liegen damit im Vergleich zu den Gesamtimporten der
Vereinigten Staaten wesentlich günstiger. Einige dieser Länder haben dabei sogar ein wirklich spektakuläres Wachstum zu verzeichnen - Barbados
um 78 Prozent, Belize um 91, Grenada 114 und Jamaika 83 Prozent.

Noch immer gibt es bei Handel und Investitionen grobes Interesse an
der Initiative. So hat zum Beispiel "The Overseas Private Investment Corporation" in diesem Jahr 43 Projekte für dieses Gebiet gebilligt; das
amerikanische Handelsministerium erhält täglich 100 Anfragen über dieses
Programm.

Die Förderung von Investitionen liegt natürlich in erster Linie in
der Hand der dortigen Länder selbst. So hat zum Beispiel Barbados indie-

- 10 -

�in diesem Jahr durch gemeinsame Unternehmungen im Hochtechnologiebereich
mehr als 2000 neue Arbeitsplätze geschaffen. Jamaika hat in den ersten
zwei Jahren seines neuen Investitionsförderungsprogramms
vestitionsprojekte

rund 300 In-

genehmigt. Und die Dominikanische Republik hat In-

vestitionsseminare in den Vereinigten Staaten abgehalten, um für rund 30
Investitionsmöglichkeiten und mehr als 100 Investitionsstudien zu werben.
Die Regionalabteilungen des amerikanischen Handelsministeriums halfen bei
der Abhaltung dieser Seminare und sind bereit, dies auch bei anderen IKBStaaten zu tun.
Ich habe noch mehr gute Nachrichten. Es kamen Klagen von Exporteuren
dieser Staaten hinsichtlich der Zollvereinbarungen, die sich im Zusammenhang mit Erklärungen bei zollfreien Gütern als lästig erwiesen hatten.
Ich kann heute mitteilen, daß diese Verfahren vereinfacht wurden, um derlei Klagen abzufangen.

Ich habe bereits von unserer umfangreichen Wirtschaftshilfe für das
Karibische Becken gesprochen, die das Ziel hat, beim Abbau der strukturellen Hindernisse für ein Wachstum behilflich zu sein.

Während der ersten Amtszeit von Präsident Reagan verdreifachte sich
die amerikanische Wirtschaftshilfe für das Karibische Becken fast. Für
das Haushaltsjahr 1985 stimmte der Kongreß einer Wirtschaftshilfe von
nahezu 1,5 Milliarden Dollar zu. Wir beabsichtigen auch weiterhin eine
beträchtliche Unterstützung der Entwicklung, solange die Notwendigkeit
vorhanden ist und die Länder des karibischen Beckens sich auch weiterhin
ernsthaft darum oemühen, sich selbst zu helfen.

Die amerikanische Politik will die Kooperation und die wirtschaftliche Integration unterstützen, um dabei zu helfen, gegen die Aufsplitterung des Karibischen Beckens in kleine Volkswirtschaften und kleine
Märkte anzugehen. Der Gemeinsame Markt Mittelamerikas (CACM) und CARIC0M
in der Karibik sollten ursprünglich das Wachstum durch eine Zollpolitik
stimulieren, die sich für Importsubstitutionen starkmachte. Als aber die
- 11 -

�aber die Möglichkeiten für diese Art der Expansion abund die makroökonomischen Schwierigkeiten zunahmen, begannen sich jene, die CARICOM und
CACM entworfen hatten, über die Notwendigkeit einer Modernisierung nachzudenken. Die Mitgleider des CACM zum Beispiel erwägen zum Beispiel nunmehr Reduktionen bei ihren Außenzöllen, um den Umfang der Protektion zu
verringern. Dies würde zu effizienteren

Inlandsindustrien

führen, die

besser in der Lage sind, sich der Konkurrenz der Weltmärkte zu stellen.

Wir bieten bilaterale Hilfe, um den CACM wiederzubeleben und eine
Ausweitung der Exporte in Drittländer wie auch zwischen den Mitgliedstaaten selbst zu erleichtern. Das Amt für internationale Entwicklung (AID)
fördert die Handelsexpansion, indem sie Darlehen zur Verfügung stellt,
die von der Carribean Development Bank verwaltet werden und zu denen die
Vereinigten Staaten die größten Beiträge leisten. Andere AID-Programme
unterstützen Handel- und Investitionsförderung durch die Regierungen der
Inselstaaten.

Aber sogar eine völlige regionale Integration wäre nur eine unzureichende Leistung, wenn sie sich auf eine Entwicklungsstrategie gründet,
die nach innen blickt. Kein nationaler oder regionaler Markt hat angesichts der rasch sich wandelnden Technologien dieser Tage ausreichenden
Umfang. Um wettbewerbsfähig zu sein und am weltwirtschaftlichen Wachstum
und am technoJogischen Fortschritt teilzuhaben, gelangen die Staaten zur
Erkenntnis, daß sie sich dem internationalen Wettbewerb öffnen müssen.

Ich bin davon überzeugt, daß es auf der ganzen Welt eine große Menge
Geld und unternehmerisches Talent gibt, das durch verzerrte Wirtschaftspolitik bislang daran gehindert wurde, seinen angemessenen Beitrag zur
Entwicklung zu leisten. Nur wenn sie inländisches und ausländisches Kapital anziehen, nicht aber abstoßen, werden die Regierungen das notwendige
wirtschaftliche Wachstum hervorrufen. Ein gutes Investitionsklima für die
einheimische Wirtschaft wird auch für den internationalen Anleger attraktiv sein. Damit Investitionen tatsächlich wirksam werden können, muß der
inländische wie ausländische Anleger die Spielregeln kennen. Diese aber
- 12 -

�Diese aber müssen widerspruchsfrei, klar und gerecht sein. Sie müssen sichere Vereinbarungen über die Rückführung von Gewinnen, Schutz von Urheberrechten und Patenten sowie beiderseitig zufriedenstellende Mechanismen
der Disputregelung haben. All dies würde zeigen, daß man sich langfristig
für die Aktivitäten des Privatsektors einzusetzen gewillt ist.

Allerdings gibt es noch immer unter einigen Gruppen in einigen Ländern dieser Region Vorurteile gegenüber ausländischen Investitionen. Sie
gibt es auch in den Vereinigten Staaten.

Aber mein Argument ist, daß die

Furcht vor einem sogenannten "Wirtschaftsimperialismus" nie so überholt
war wie heute. Sogar die kleinen Länder haben gelernt, wie man Großfirmen
kontrolliert. Sie wissen, wie man die Gesetze macht und wie man sie anwendet. Und sie haben die Macht, dies auf eine Weise zu tun, die den Investor eher ermutigt als abschreckt. So sagte etwa der ehemalige Präsident von Costa Rica, Jose Figueres über einen Vertrag, den er 1954 mit
einer großen amerikanischen Firma abschloß: "Wir haben nicht versucht,
die Gans zu schlachten, die die goldenen Eier legt. Wir bemühten uns
vielmehr darum, daß sie sie hier in unserem Nest legt."

Mir geht es darum, daß die Art von Gänsen, von denen Präsident Figueres sprach, domestiziert werden können. Die wirtschaftlich erfolgreichsten Staaten der achtziger und neunziger Jahre werden wahrscheinlich diejenigen sein, die das beste Umfeld für produktive Investitionen bereitstellen. Detroit und Chikago fangen an, mit Tokio und Frankfurt in Wettstreit zu treten. Kingston und San Salvador müssen dasselbe im Hinblick
auf Singapur und Bangkok tun.

Die Rolle der Demokratie
Schließlich ist, um zu meinem Ausgangspunkt zurückzukommen, die Integrität des politischen Systems für den Fortschritt lebenswichtig.

Und

hier hat die Region immer mehr zu oieten hinsichtlich demokratischer Regierungen, die auf die Bedürfnisse ihrer Bürger eingehen und gerechte und
- 13 -

�gerechte und gleiche Behandlung anbieten. Starke Demokratien können sehr
geschickt dabei sein, wenn es darum geht, die Probleme der Entwicklung zu
lösen - und gar nicht so schwach, wie manche ihrer Kritiker behaupten.
Ja, ich behaupte, daß es der schlechteste Weg zur Förderung des Wachstums
wäre, wenn eine Elite ihre vielleicht auch gutgemeinten Vorstellungen einer Öffentlichkeit aufzwingen wollte, deren Zustimmung ihr fehlt. Die Geschichte hat zu oft gezeigt, daß in solchen Systemen die Korruption auftritt. Eine Demokratie, die dem Volk über Wahlen verantwortlich ist, kann
die kritischen Fragen der wirtschaftlichen Anpassung und des Wachstums
angehen, weil sie die Zustimmung des Volkes hat - ihre Legitimität entstammt dem öffentlichen Mandat.

Vor einem Jahr sprach der stellvertrendende Außenminister Kenneth Dam
vor der gleichen Gruppe über unsere Sorge, wir in den Vereinigten Staaten
hätten zu langsam begriffen, wie wichtig es ist, die Demokratie im politischen Leben zu verteidigen. Er sprach über die große Notwendigkeit nach
Ausbildung in Demokratie. Und er nannte einige erstaunliche Tatsachen,
die zeigten, daß die Sowjets sehr genau die Bedeutung der "Ausbildung"
der Jugend dieses Teils der Welt erkennen, wie der Anstieg um 500 Prozent
- auf nahezu 4000 - bei den sowjetischen Stipendien für Studenten aus
diesem Gebiet zeigt.

Kenneth Dam brachte unsere Hoffnung zum Ausdruck, daß die neue Nationalstiftung für Demokratie (NED) dabei helfen würde -wie er sagte-, "von
den

kurzfristigen

Rückzügen

oder

der

kostspieligen

Neuschaffung

von

staatlichen Stellen loszukommen und auf konzertierte Weise dafür zu sorgen, daß es Männer und Frauen mit modernen wirtschaftlichen, technischen
und politischen Fähigkeiten gibt." Insbesondere sollten hierbei die Maßnahmen im Rahmen der Karibik-Mittelamerika-Aktion

"eine Schlüsselrolle

spielen, diese Veränderung zu beschleunigen und für Funktionsfähigkeit zu
sorgen."

Ein Jahr später reichen unsere Leistungen in dieser Hinsicht noch
nicht aus. Die NED hat mit ihrer Arbeit angefangen. Programme der NED - 14 -

�der NED - insbesondere jene, um die sich die amerikanische Handelskammer
kümmert - sollten für diese Gruppe von besonderem Interesse sein, denn zu
lernen, wie man sich in einer Wettbewerbssituation

verhält, ist der

Schlüssel zum Erfolg in dem weltweiten wirtschaftlichen Wettbewerb, den
ich beschrieben habe. Dies gilt für Studenten der Wirtschaftswissenschaften genau wie für Inhaber von Stellen im öffentlichen Leben. Das neue
Zentrum der Handelskammer für internationale Privatunternehmen arbeitet
bereits mit vielen von Ihnen zusammen.
Aber wir kommen zu langsam voran. Es gibt nicht genug öffentliche
Mittel und Programme. Private Mittel müssen die Lücke füllen. Ich weiß,
daß Karibik-Mittelamerika-Aktion bestimmte Programme mit NED diskutiert.
Aber hat die Aktion genug getan? Könnten Sie nicht ein umfassenderes Programm für Stipendien, Austausch und andere Formen der Ausbildung anregen?
Ist diese Investition in Menschen - künftige Unternehmer genau wie Professoren der Wirtschaftswissenschaften oder Finanzminister - nicht diese
Anstrengung werd? Ich meine, ja.

Auf dem Weg der wirtschaftlichen - und politischen - Erholung

Trotz der vielen Hindernisse bei der Entwicklung des Karibischen
Beckens ist bereits ein oetrachtlicher Fortschritt erzielt worden. Es
gibt einige sehr positive externe Faktoren - wie etwa die weltwirtschaftliche Erholung und die Anreize der IKB. Noch wichtiger ist, wie ich meine, das zunehmende Bewußtsein, daß der mit Abstand wichtigste Faktor, der
Wachstum und Entwicklung beeinflußt, die Innenpolitik ist - politische
Stabilität in Verbindung mit den angemessenen wirtschaftlichen Anreizen
zum Sparen und zum Investieren.

Langsam aber sicher wendet sich das

Blatt in Richtung auf einen wirtschaftlichen Konsens zugunsten der Förderung des zum Privatsektor orientierten, vom Export bestimmten Wachstums.

Wir sind auf dem richtigen Weg. Wir müssen auf ihm bleiben.

Die IKB ist daher ebenso Symbol wie Programm. Sie ist eine politische
- 15 -

�1

eine politische Verpflichtung der Vereinigten Staaten. Sie sagt: Wir werden unseren Teil zu den Lösungen beitragen, die ich umrissen habe. Präsident Reagan hat diese Verpflichtung gerade wieder bekräftigt. Er hat die
entsprechenden Mitglieder des Kabinetts und andere hochrangige Regierungsvertreter angewiesen, den das Karibische Becken betreffenden Programmen ihre persönliche Aufmerksamkeit zu schenken und die für deren Erfolg notwendige institutionelle Unterstützung zu gewähren. Der Präsident
betonte, daß "die IKB von persönlicher Bedeutung für mich und bedeutend
für die Zukunft unserer Nation ist."

Die IKB ist eine Verpflichtung, die über diese Administration wie
auch über jede einzelne Situation der amerikanischen Politik hinausreichen wird. Sie ist Folge der Bindungen zwischen dem Karibischen Becken
und den Vereinigten Staaten, und sie wird an Kraft gewinnen, gleich, wer
in den jeweiligen Ländern an der Regierung ist.

Auch im politischen wie im sicherheitspolitischen

Bereich gab es

Fortschritte. Demokratisch gewählte Regierungen sind auf dem Vormarsch,
die bereit sind, echte politische und wirtschaftliche Reformen durchzuführen. Das kubanische und sowjetische Abenteurertum hat schwere Rückschläge erlitten.

Vor einem Jahr ersuchten uns sieben Regierungen in der Karibik, sich
ihnen bei einer Rettungsmission in Grenada anzuschließen. Seither hat
sich die Sicherheitslage und das generelle Vertrauen in der östlichen Karibik stark verbessert. Am vergangenen Montag wählte die Bevölkerung von
Grenada eine neue Regierung, die den demokratischen Grundsätzen und der
Schaffung besserer, freierer Lebensbedingungen verpflichtet ist. Dies ist
eine bedeutsame Leistung - auf die sie stolz sein sollte.

In Mittelamerika bemühen sich die demokratischen Staaten mit Geduld
um die Suche nach Frieden, während sie gleichzeitig daran arbeiten, gegen
die Propaganda und die Subversion einheimischer und ausländischer Kommunisten anzugehen. Auch hier verbessert sich die Situation langsam.
In
- 16 -

der

Karibik

�r

In der Karibik wie in ganz Mittelamerika ist es Ziel der amerikanischen Politik, die Politik der Freiheit, des freien Unternehmertums, der
wirtschaftlichen Initiative, der politischen Möglichkeiten und der Hoffnung zu unterstützen. Die Reaktion, die wir erkennen - eine Reaktion, die
sich an dem Selbstvertrauen messen läßt, das an der Wahlurne und auf den
öffentlichen Foren zum Ausdruck kommt -, signalisiert, daß wir uns auf
dem rechten Weg befinden. Wir sollten auf ihm bleiben.

- 17 -

�12. Dezember 1984

50

EUROPÄISCHE ABRÜSTUNGSKONFERENZ MÖGLICHER WIISE VOR WINDEPUNKT
- Rede des amerikanischen Chefdelegierten Goodoy -

PARIS - (AD) - Die Bereitschaft der Sowjetunion, auf der Stockholmer
Konferenz für Vertrauensbildende Maßnahmen und Abrüstung in Europa (.KVAt)
die anstehenden Sachfragen gemeinsam mit den anderen Teilnehmern im Rahmen eines neuen Arbeitsverfahrens anzugehen, könnte nach Meinung des amerikanischen Chefdelegierten bei der Konferenz, Botschafter James Goodby,
bedeuten, daß nun "ernsthafte und detaillierte Verhandlungen" möglich
sind und daß die Konferenz vor einem "Wendepunkt" steht. Der Botscnafter
sagte dies am 3. Dezember 1984 in einer Rede vor dem Institut Francais
Des Relations Internationales in Paris.
Seine Ausführungen haben folgenden Wortlaut:

I. Was auf dem Spiel steht

Im Juli dieses Jahres schrieb Pierre Lellouche vom Institut Francais
Des Relations Internationales in dem amerikanischen Nachrichtenmagazin
Newsweek, daß "die Sowjets dabei sind, das Stockholmer Forum klammheimlich in eine tödliche Maschinerie zu verwandeln, mittels derer sie die

Postfach 20 03 00 Tel.: 0228-339 2035
D 5300 Bonn 2
Telex: 8-85432

�sie die politische und strategische Ordnung Europas, wie sie in der Nachkriegszeit entstanden ist, zu ihrem Vorteil zu verändern versuchen". Lellouche meinte weiter, die Methode der Sowjets bestehe darin, die öffentliche Meinung des Westens durch "leere, aber gefällig klingende Erklärungen" zu beeinflussen, ihr Ziel sei die Errichtung eines "gesamteuropäischen Sicherheitssystems, von dem die Vereinigten Staaten letztlich ausgeschlossen sein würden". Nach seiner Auffassung ist es "die Schwäche des
Westens, ... die den beständigen Erfolg der sowjetischen Strategie ermöglicht" .

Es wird zu selten zur Kenntnis genommen, daß es auf der Stockholmer
Konferenz in Wirklichkeit um Fragen geht, aus denen sich grundlegende
Veränderungen in dem gegenwärtig in Europa bestehenden Sicherheitssystem
ergeben könnten. Da auf der Konferenz einige der fundamentalsten Probleme
der Sicherheit des Westens auf der Tagesordnung stehen, ist es nicht
übertrieben, zu sagen, daß es in Stockholm im wesentlichen um die künftige politische und strategische Ordnung Europas yeht. Stockholm ist ein
Teilschauplatz des Kampfes zwischen rivalisierenden Zukunftsvisionen. Die
Ideen, die dort diskutiert werden, müssen daner unbedingt als potentielle
Beiträge zum Erfolg der einen oder anderen dieser Visionen verstanden
werden.

Die sowjetische Vision kennen wir zur Genüge. So, wie sie in der Vergangenheit in die Tat umgesetzt worden ist, läuft sie auf eine Begrenzung
der Souveränität der Nachbarländer der OdSSR hinaus. Sie beruht auf der
Annahme einer endlosen Konfrontation und beinhaltet einen Drang zur Hegemonie, die letztendlich als Bedingung für Sicherheit aufgefaßt wird. Die
Vision des Westens hingegen beinhaltet die Hoffnung, dab ungeachtet tiefgreifender und anhaltender ideologischer Gegensätze die Mauer, die immer
noch die Gemeinschaft der europäischen Völker teilt, durch ein System ersetzt werden kann, das mehr Raum für Unterschiedlichkeit läßt, und dab
Gleichgewicht und Zurückhaltung zur Grundlage von Sicherheit gemacht werden können. Wir sprechen hier natürlich von langfristigen historischen
Prozessen, und die Stockholmer Konferenz bildet natürlich nur einen der
Schauplätze, auf denen dieser "lange Kampf im Zwielicht" ausgefochten
wird. Wenn man aber von der scheinbar trivialen Debatte hört, die in

�die in Stockholm über obskure oder unverständliche Fragen geführt wird,
dann tut man gut daran, sich, wie Herr Lellouche, daran zu erinnern, daß
dort letzten Endes doch sehr viel auf dem Spiel steht.

II. Die Bilanz

Wenn es bei diesem "groben Spiel" um so schicksalsschwere Einsätze
geht, dann müssen wir uns darüber Rechenschaft ablegen, was die Sowjets
unternommen haben, um eine neue strategische Ordnung in Europa zu errichten, und wieviel Erfolg sie dabei verzeichnen konnten. Wie Pierre Lellouche meinte, handelt es sich bei einigen der sowjetischen Vorschläge in
Stockholm um "leere, aber gefällig klingende Erklärungen". Andere waren
inhaltlich bedeutsamer, aber aarauf angelegt, den Westen in eine nachteilige Position zu bringen. Wieder andere Vorschläge, wie z.B. die über
chemische Waffen und Rüstungsausgaben, würden nützliche und vielversprechende Ansätze, die andernorts bearbeitet werden, beeinträchtigen. In
diese Kategorie fallen aie folgenden sowjetischen Vorschläge: Verpflicntung zum Verzicht auf Ersteinsatz von Atomwaffen, atomwaffenfreie Zonen,
Einfrieren und Kürzen der Verteidigungshaushalte una Verbot von chemischen Waffen in Europa. Herr Lellouche meinte denn auch, diese Vorschläge
könnten unter Umständen das globale Machtgleichgewicht verändern.

Tatsächlich bewegt sich die Grundströmung in Stockholm aber keineswegs in Richtung auf eine Unterstützung dieses sowjetiscnen Programms
oder einzelner Teilvorschläge. Die neutralen und blockfreien Staaten haben eine Reihe von Vorschlägen eingebracht, die sich in ihrer Grundtendenz vom sowjetischen Ansatz ganz erheblich unterscheiden. Oie Staaten
des Atlantischen Bündnisses ihrerseits naben geduldig die Mängel jedes
dieser sowjetischen Vorschläge dargelegt. Niemand kann glaubwürdig behaupten, daß es den Sowjets gelungen sei, Stockholm in ein Forum für Propaganda und Täuschung der öffentlichen Meinung zu verwandeln. Die Presse
hat im Rahmen ihrer Berichterstattung über Stockholm klugerweise bemerkt,
daß das sowjetische Standardrepertoire nicht sonderlich interessant ist.
Moskau hat nach Kräften versucht, den Gang der Konferenz in Ricntung auf
eine polemische Atomwaffendebatte zu lenken. Da die Sowjets aber diejenigen waren, die es im vergangenen Jahr für richtig befunden haben, den
- 3 -

�haben, den Kernwaffenverhandlungen den Rücken zu kehren, mangelte es ihrer Argumentation doch sehr an Schlüssigkeit.

Nunmehr sollten wir uns der Frage zuwenden, was in Stockholm aus den
Vorstellungen des Westens geworden ist. Der Norweger Johan Holst schrieb
unlängst, daß "vertrauensbildende Maßnahmen als Teilaspekte eines friedlichen W&amp;ndlungsprozesses der politischen Nachkriegsordnung in Europa in
Richtung

auf offenere, gerechtere und

stärker

kooperationsorientierte

Strukturen verstanden werden sollten". In diesen Worten werden die graueren Ziele elegant zusammengefaßt, die das Atlantische Bündnis mit den
Vorschlägen verfolgt, die es in Stockholm eingebracht hat.

Der Westen ist der Meinung, daß Stockholm ein Schauplatz ernsthafter
Rüstungskontrollbemühungen sein kann und daß diese auf der Grundlage der
gleichberechtigten

Zusammenarbeit

aller

Teilnehmer

unternommen

werden

sollten. Ein Ansatz, der auf Vertrauensbildung zum allseitigen, und nicht
nur einseitigen Vorteil sowie auf die Erlangung gröberer Stabilität gerichtet ist, verlangt Beziehungen zwischen allen Völkern Europas, die einem Streben nach Hegemonie strikt entgegenstehen. Die Vorschläge des Atlantischen Bündnisses betonen unter anderem, dalö es notwendig ist, daß
die militärischen Operationen zugrunde liegenden Absichten allseits richtig eingeschätzt werden, weil dies sowohl Fehlkalkulationen vorbeugen als
auch eine abschreckende Wirkung gegen Überraschungsangriffe ausüben kann.
Dieses Ziel erfordert positive Zusammenarbeit, da es dabei darum geht,
der anderen Seite zu versichern, daß sie sich nicht in Gefahr befindet.
Dies bedeutet mehr Offenheit oder, wie es der belgische Delegierte in
Stockholm treffend ausdrückte, die "Entmystifizierung" militärischer Unternehmungen auf dem europäischen Kontinent.

Während das, was die Sowjets in der Annahme, uaß es sich um spektakuläre Vorstöße handele, einbrachten, nur höfliche, aber ziemlich indifferente Reaktionen auslöste, trafen die handfesteren Vorstellungen, die von
den Ländern der Atlantischen Allianz unterbreitet wurden, die auf der
Konferenz vorherrschende Grundströmung. Die Gruppe

aer Neutralen und

Blockfreien hat sehr ähnliche Vorschläge vorgelegt. Die Debatten auf der
Konferenz naben sich hauptsächlich um die Frage bewegt, wie die prakci- 4 -

�die

praktischen

vertrauensbildenden

Maßnahmen, die

erstmals

in

der

Schlußakte von Helsinki aus dem Jahre 1975 entwickelt wurden, mit mehr
Leben erfüllt werden könnten. Die westeuropäische Presse sieht den Zweck
der Stockholmer Konferenz einhellig darin, die Kriegsgefahr durch Durchführung praktischer Schritte zur Krisenverhütung und Stärkung Konkreter
Formen der Zusammenarbeit zu vermindern. Kurzum: Die Vorstellungen des
bestens und die Methoden zu ihrer Ausführung scheinen in Stockholm als
den Kern der Sache treffend akzeptiert zu werden.

Ich wende mich nun der Darstelluny einiger der speziellen westlicnen
Vorschläge und Ziele in Stockholm und einiger besonders wichtiger Entwicklungen in diesem, sich nun dem Ende zuneigenden Jahr zu.

III. Ein neuer rüstungskontrollpolitischer Ansatz

In Stockholm geht es nicht nur um politische Visionen, sondern auch
und am unmittelbarsten um einen neuen rüstungskontrollpolitischen Ansatz.
Im letzten ViertelJahrhundert hat es nur sehr wenige rüstungskontrollpolitische Bemühungen gegeben, die naheliegenasten Ursachen von Kriegen,
also z.B. fehlwahrnehmungsbedingte Krisen, zu beseitigen. Bei Rüstungskontrollverhandlunyen ging es im Normalfall darum, tatsächlich wahrgenommene Gefahren zu verringern, sei es die Bedrohung, die im Verständnis
der Menschen von den Arsenalen an atomaren Gefechtsköpfen nerrührt, oder
sei es die, die vom Umfang der konventionellen Streitkräfte in Europa
ausgeht. Die wenigen Bemühungen, im Rahmen der Rüstungskontrolle die "unmittelbaren" Ursachen von Kriegen zu erfassen, waren zwar wichtig, aber
nach Trayweite und Zielen oegrenzt; der "Heibe Draht" zwischen Moskau und
Washington und das amerikanisch-sowjetische Abkommen zur Vermeidung von
Zwischenfällen auf Hoher See bilden zwei Beispiele. Bislang ist es nicht
gelungen, im Rahmen umfassender Verhandlungen Vorkehrungen zu vereinbaren, deren Ziel darin besteht, Krisen vorzubeugen oder sie einzudämmen
oder beizulegen, falls sie dennoch auftreten. Genau dies ist jedoch das
Ziel der in Stockholm vertretenen westlichen Nationen. Wenn wir im Hinblick auf dieses Ziel einen Erfolg verbuchen könnten, so würde sich dies
aucn förderlich

für unbefangene und

normale Beziehungen zwischen den

Staaten ganz Europas auswirken.
Unter einem

�Unter einem anderen Blickwinkel könnte man den Unterschied zwischen
der "klassischen" Rüstungskontrolle und den neuen Ideen, die in Stockholm
erörtert werden, dahingehend beschreiben, daß sich erstere mit der zahlenmäßigen Stärke von Streitkräften befaßt, während im Mittelpunkt der
letzteren die Operationen von Militärstreitkräften stehen, in "klassischen" Rüstungskontrollverhandlungen wird im Normalfall versucht, langfristige Stabilität zu sichern, indem man beispielsweise mehr Überschaubarkeit hinsichtlich der Arten und der Anzahl von strategischen Waffen
herstellt, die während eines bestimmten Zeitraumes in der Zukunft existieren werden. In Stockholm jedoch dringen die Verbündeten auf Abkommen
zur Sicherung kurzfristiger Stabilität, d.h., Stabilität in Phasen dynamischer und möglicherweise turbulenter internationaler politischer Entwicklungen, die äußerste Aufmerksamkeit erfordern können. Das Ziel besteht darin, Vorkehrungen zu treffen, mittels derer sich Mißverständnisse
vermeiden lassen, die zu einer gefänrlichen Eskalation führen könnten,
bzw. Vorkehrungen, die es den beteiligten Nationen erleichtern würden,
potentiell gefährliche Situationen unter Kontrolle zu behalten. Wie gut
es dem Westen gelungen ist, um Unterstützung für diesen Gesichtspunkt zu
werben, möge der folgende Überblick über andere in Stockholm unterbreitete Vorschläge zeigen.

Im Verlaufe des Jahres 1984 wurden auf der Stockholmer Konferenz fünf
Vorschlagspakete eingebracht. Außer den Staaten des Atlantischen Bündnisses unterbreiteten auch Rumänien, die Gruppe der Neutralen und Blockfreien, die Sowjetunion und Malta Vorschläge.

Die Vorschläge Rumäniens waren aus einer Reine von Gründen wichtig,.
Diese Vorschläge enthielten zwar Elemente, die auf den politischen Vorstellungen des Warschauer Pakts fußten, aber auch interessante Ansätze,
die darauf abzielten, die in der Schlußakte von Helsinki niedergelegten
vertrauensbildenden Maßnahmen zu verbessern. Auch bei einem der sowjetischen Vorschläge ging es um Verbesserungen bei den vertrauensbildenden
Maßnahmen "nach Art von Helsinki". Die von den neutralen und blocKfreien
Staaten eingebrachten Vorschläge verdienen besondere Aufmerksamkeit, weil
sie bei der Bestimmung des "Schwerpunktes" der Stockholmer Konferenz von
Nutzen sind. Neun der zwölf Vorschläge, die diese Initiative umfaßt,
- 6 -

�Initiative umfaßt, ähneln denen, die auch von den Verbündeten vorgetragen
worden sind. Die drei restlichen gehen insofern über den von der Allianz
gesteckten Rahmen hinaus, als sie darauf abstellen, die Art der Stationierung von Streitkräften bestimmten Begrenzungen oder Beschränkungen zu
unterwerfen. In diesem Zusammenhang Destimmten die Neutralen eine "ürauzone", die zwischen den auf Stabilität abzielenden Vorschlägen des Bündnisses und den Rüstungsverminderungszielen der "klassischen" Rüstungskontrolle liegt. Dieser Ansatz sollte - und wird - ernsthaft geprüft.

Aus all dem ergibt sich eines mit völliger Klarheit: zwischen all
diesen Vorschlägen und denen des Bündnisses besteht ein bemerkenswertes
Maß an 'Übereinstimmung.

IV. Die Mechanismen vertraglich vereinbarter Stabilität
Gemeinsamer Ausgangspunkt

der Staaten des Atlantischen

Bündnisses

sind die vertrauensbildenden Maßnahmen der Schlußakte von Helsinki aus
dem Jahr 1973.

Diese Maßnahmen waren bescheidene Experimente und bedurf-

ten einer beträchtlichen Verbesserung.

Daher bemühen sich die westlichen

Länder in ihren Vorschlägen, Abkommen auszuhanaeln, die unter anderem auf
den anfänglichen Benachrichtigungs- und Beobachtungsverfahren aufbauen,
wie sie in der Schlußakte von Helsinki niedergelegt sind. Schon durch ihr
Mandat geht die Stockholmer Konferenz erheblich über die Schlußakte hinaus:

In Stockholm geht es, und hierüber haben alle Staaten Einigkeit er-

zielt, um ganz Europa - vom Atlantik bis zum Ural -, während die Schlußakte das meiste des europäischen Teils der Sowjetunion ausnahm.

Die Staaten des Atlantischen Bündnisses sind bestrebt, die Informationen über Manöver auszuweiten, wobei Alarme, amphibische Operationen
und Mobilisierungen mit eingeschlossen werden sollen.

Sie drängen dar-

auf, militärische Einheiten - besonders die Division - zur Grundlage von
Notifikationen zu machen - und nicht allgemeine Angaben über die Zahl der
Soldaten.

Sie schlagen einen Informationsaustausch vor, der als Maßstab

dienen kann, um die Bedeutung militärischer Aktivitäten außerhalb der Kaserne zu Deurteilen.

Vor-Drt-Inspektionen zur Klärung von Fragen, die
- 7 -

�Fragen, die sich aus der Verwirklichung dieser Vereinbarung ergeben, sowie zur Behebung potentieller Krisen sollten Teil eines strafferen Systems sein, um die Stabilität zu erhöhen. Mittel für eine Kommunikation
zwischen den Beteiligten in dringlichen Fällen könnten gleichfalls dazu
dienen, Krisen abzuwenden oder zu bereinigen. Die Verbündeten wünschen
eine noch frühere Benachrichtigung hinsichtlich militärischer Aktivitäten
sowie Informationen bereits auf einem niedrigeren Niveau, als dies in der
Schlußakte von Helsinki vorgesehen war. Außerdem schlagen die westlichen
Länder vor, jährliche Vorhersagen von militärischen Operationen innerhalb
der Zone auszutauschen. Diese jährlichen Vorhersagen hätte eine begrenzende Wirkung, da es schwieriger wäre, zum Zweck politischer Einschüchterung plötzlich eine Militärübung in die Wege zu leiten. Zusammen mit der
vertraglich zugesicherten Beobachtung aller angesagten Militäraktivitäten
würden diese Maßnahmen die Stabilität in Europa stärken. Durch die Festlegung von Normen bei militärischen Aktivitäten für Militäroperationen in
Europa und durch Arrangements für eine gemeinsame Reaktion auf Situationen außerhalb dieser "Normen" würden Bedingungen geschaffen , die die Lösung potentieller Krisen erleichtern könnten.

Johan Holst hat vorgeschlagen, "vertrauensbildende Maßnahmen als Instrumente anzusehen, die den Zweck haben, den Druck der Waffen auf den
politischen Prozeß in Friedenszeiten sowie auf die Entscheidungsfindung
in Krisen und Krieg zu verringern." Die Vorschläge des Bündnisses wollen
genau dies. Wenn ein System geschaffen werden kann, das die Stabilität
fördert, potentielle Krisen drosselt, vom Einsatz militärischer Gewalt
zwecks politischer Einschüchterung abrät und in dem Krisen eingedämmt und
rasch gemeistert werden können, werden wir in der Tat "den Druck der Waffen auf den politischen Prozeß verringern".

V. Ein Blick auf das Jahr 1984
Die Außenminister der 35 Teilnehmerstaaten eröffneten die Konferenz
im Januar 1984, zu einer Zeit, die - im Rückblick gesehen - den Beginn
einer Wandlung der sowjetisch-amerikanischen Beziehungen darstellte. Am

�darstellte. Am 16. Januar hielt Präsident Reagan eine der wichtigsten Reden zum Thema der sowjetisch-amerikanischen Beziehungen; unmittelbar danach kam es zu Gesprächen zwischen Außenminister Shultz und seinem sowjetischen Amtskollegen Gromyko. Obgleich die eisigen Winde aus dem Osten
die Temperaturen allerorts zum Sinken brachten, wurde doch zu diesem
Zeitpunkt die Saat für kommende Verhandlungen gelegt.

Den vielleicht wichtigsten politischen Anstoß, den die Stockholmer
Konferenz in diesem Jahr erhielt, war die Rede von Präsident Reagan am 4.
Juni in Dublin. In dieser Rede ging der Präsident im Grunde schon auf die
Form eines späteren Abkommens ein, als er die Möglichkeit erwähnte, einen
sowjetischen Gewaltverzichtsvorschlag zu diskutieren, sobald auch die Sowjets bereit wären, über konkrete, vertrauensbildende Maßnahmen zu verhandeln - wie etwa jene, für die sich das Bündnis und die neutralen Staaten einsetzten.

Auf den vier Sitzungen, die 1984 stattfanden, zeigten die Sowjets jedoch wenig Neigung, die Einladung des Bündnisses zu Verhandlungen anzunehmen. Allerdings stimmten am 3. Dezember alle Teilnehmer, einschließlich der Sowjetunion, einer Arbeitsstruktur zu, die zu ernsthaften und
detaillierten Verhandlungen ermuntern dürfte. Dies könnte ein Wendepunkt
sein. Mehr denn je gibt es nunmehr die Gelegenheit für den "flexiblen
Verhandlungsprozeß des Gebens und Nehmens", den Präsident Reagan im September gefordert hatte. Die Zeichen werden immer günstiger, und wir hoffen, daß die Sowjets diese neue Gelegenheit nutzen werden, um Abkommen
auszuhandeln,

die

sich

auch

wirklich

auf

Verhandlungsvorschläge

von

Stockholm gründen. Es gibt seit einiger Zeit bereits einen konkreten
"Ausgangspunkt" für Verhandlungen, den viele Delegationen bereits erkannt
haben. Nunmehr steht den Verhandlungspartnern eine Struktur zur Verfügung, die einen detaillierten Vergleich der Vorschläge erleichtert und
durch die mit dem Unterfangen begonnen werden kann, die noch bestehende
Kluft zu überbrücken.

Man sollte darauf hinweisen, daß viele Delegationen erkannt haben,
daß man sich unmöglich in Stockholm mit all den Problemen auseinander-

�Problemen auseinandersetzen kann, denen die einzelnen Staaten hohe Priorität beimessen. Aber auch diese bleiben dadurch nicht unbeachtet, ganz
im Gegenteil. So unterbreitete Präsident Reagan im Verlauf seiner Rede
vor den Vereinten Nationen am 24. September mehrere Vorschläge, die zur
Bildung von Vertrauen zwischen den Vereinigten Staaten und der Sowjetunion beitragen würden. Es ist offensichtlich, daß die Stockholmer Konferenz
nicht alles sein kann. Viele Dinge können auch auf bilateralem Weg oder
in anderen Foren angegangen werden, um das Vertrauen zwischen den Staaten
zu verbessern; dadurch wiederum könnten Maßnahmen verstärkt werden, zu
denen man sich in Stockholm entschlossen hat.

VI. Zusammenfassung

Während wir uns nunmehr dem Ende des ersten Jahres dieser Konferenz
nähern, hat es den Anschein, der Westen stehe - gemessen an der Grundthese von Pierre Lellouche - gar nicht so schlecht da. Die Schwäche, von
der er spricht, ist nicht zu erkennen. Vielleicht dürfen wir sogar sagen,
daß die Wiederherstellung des Gefühls für Stärke, Zielsetzung und Vertrauen in Amerika etwas hiermit zu tun hat.

Die Konferenz scheint ein westliches Konzept der Sicherheit akzeptiert zu haben. Viele östliche Erklärungen wurden vorgetragen, aber die
Mehrheit der Konferenzteilnehmer scheint fest zu ernsthaften Verhandlungen über praktische Maßnahmen entschlossen zu sein, durch die die Stabilität in Europa verbessert werden kann. Ein konsensschaffender Prozeß hat
stattgefunden, der ein Ergebnis möglich erscheinen läßt, das zweierlei
miteinander verbindet: Die erneute Bekräftigung des Verzichts auf Gewalt
mit praktischen, vertrauensbildenden

Maßnahmen in der Absicht, diesem

Prinzip einen realen Ausdruck zu verleihen. Und auch der Gedanke eines
offeneren Kontinents ist verwurzelter denn je.

Selbst wenn sich die Sowjets der neuen Arbeitsstruktur bedienen, mit
der ein Konsens herbeigeführt werden soll, so werden sie doch auch weiterhin dem Westen für Europas Sicherheitsprobleme Allheilmittel vorschla- 10-

�Allheilmittel vorschlagen, die ihnen selbst dienen. Es wird stets die
Versuchung bleiben, auf Kosten sinnvoller Ergebnisse zu raschen Resultaten zu kommen, und dies wird stets, wenn möglich, zum Nachteil des
Westens ausgenützt werden. Aber das erste Jahr der Gespräche deutet auch
darauf hin, daß in Stockholm sinnvolle Ergebnisse möglich sind, wenn der
Westen einig bleibt.

Das Treffen zwischen Außenminister

Shultz und seinem Amtskollegen

Gromyko im Januar wird hoffentlich zu einem gemeinsamen Verständnis hinsichtlich des Themas und des Ziels von Verhandlungen über eine ganze
Bandbreite von Nuklearthemen führen. Es ist auch zu hoffen, daß die an
der Stockholmer Konferenz beteiligten Staaten in diesem selben Geist in
der Lage sein werden, auch im Lauf des Jahres 1985 Fortschritte in Richtung auf stabilere und kooperativere Beziehungen zu machen und den Konfrontationscharakter

im militärischen

Bereich abzuschwächen.

Wie groß

auch immer die Erfolge bei anderen Verhandlungen zur Verringerung der
Waffen und der Mannschaftsstärken sein mögen, es wird noch für eine lange
Zeit eine gewaltige und potentiell vernichtende militärische Macht geben.
Während unsere Staaten sich darum bemühen, das Ausmaß der Rüstungen zu
verringern, müssen wir in Stockholm

auch versuchen, die Gefahr eines

Krieges, den niemand wünscht, so gering wie nur irgend möglich zu halten.

Als die Stockholmer Konferenz vor mittlerweile fast einem Jahr zusammentrat, sprach Präsident Reagan von den sowjetisch-amerikanischen Beziehungen auf eine Weise, die, wie ich meine, die amerikanische Haltung gegenüber diesem Unterfangen zusammenfasst. Er sagte:

"Stärke und Dialog gehen Hand in Hand. Wir sind entschlossen, uns mit
unseren Differenzen friedlich und durch Verhandlungen auseinanderzusetzen. Wir sind bereit, die Probleme zu besprechen, die uns trennen, und
auf praktische, gerechte Lösungen auf der Grundlage eines wechselseitigen
Kompromisses hinzuarbeiten. Wir werden uns nie von Verhandlungen zurückziehen."
# * * * #

- 11-

�1

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3
1

4

\

Dokumentation
United States Information Service
Embassy of the United States of America

^m

L'/L. Dezember 1^134

i&gt;0

USA MJRDIGEN DEMOKRATISCHE WAHLEN AUF GRENADA
- E r k l ä r u r g Reagans und des uS-Auüenministeriums

WASHINGTON Grenada
tät

zu der

(Aü)

-

Präsident

Ronald Reagan hat d i e Bevölkerung

f r i e d l i c h e n und demokratischen Ausübung

ihrer

b e i den Wahlen vom J&gt;. Dezember 1984 beglückwünscht.

amerikanische P r ä s i d e n , daß d i e s d i e

erste

marxistisch-leninistischer

befreites

Herrschaft

V.ahl war,
Land

von

Souveräni-

I n einer

Dezember 1964 vom Weinen Haus v e r ö f f e n t l i c h t e n t r k l ä r u n g

rückgekehrt

-

am 4 .

unterstricn

durch d i e

der

ein

von

&lt;:ur ü e m o k r a t i e

zu-

sei.

Der s t e l l v e r t r e t e n a e Sprecher des S t a t e D e p a r t m e n t , A l a n Romberg, b e glückwünschte d i e Neue N a t i o n a l p a r t e i , d i e b e i den Wahlen e i n e n ü b e r w ä l t i g e n d e n Sieg d a v o n t r u g , und
mit

der

neuen Regierung

auf

f ü g t e h i n z u , dab d i e
der K a r i b i k i n s e l

bei

Reagan-Administration
der

Bewältigung

ihrer

Probleme zusammenarbeiten werde.

D i e E r k l ä r u n g P r ä s i d e n t Reagans hat f o l g e n d e n W o r t l a u t :

Am

Montag,

den

Postfach 20 03 00 Tel.: 0228-339 2035
D 5300 Bonn 2
Telex: 8-85432"

�Am Montag, den 3. Dezember 1984, hat die Bevölkerung auf Grenada ihre
erste demokratische Kahl seit 1976 abgehalten.

Diese Wahl stellt einen

Erfolg von historischer Bedeutung dar - es war das erstemal, daii ein Land
zur Demokratie zurückkehrte, nachdem es von marxistisch-leninistiscner
Herrschaft befreit wurde.

Die Vereinigten Staaten sind stolz darauf, daß sie an dieser Rückkehr
der Demokratie nach Grenada Anteil hatten. Am 25. Oktober 19ö3 beteiligten sich die Vereinigten Staaten auf Ersuchen des Gouverneurs von Grenada
und der Organisation Ostkaribischer Staaten an der Rettungsmission, aurcn
die das grenadische Volk von chaotischer und brutaler Mitoherrschaft befreit wurde.

Diese Aktion führte zur Einsetzung einer Interimsregierung

unter Nicholas Brathwaite, die große Verdienste an der Ausführung des
Versprechens hatte, die Verwaltung des Landes durch freie und faire Wahlen wieder in die Hand des Volkes zurückzulegen.

Die Interimsregierung

verdient ebenfalls Bewunderung für die Menschlichkeit und die Respektierung des Rechts, die sie bei der Behandlung jener ausgeübt hat, die in
Diensten der früheren grenadischen Regierung standen.

Wir beglückwünschen die Bevölkerung Grenadas zu der frieulichen, ordnungsgemäßen und echt demokratischen Ausüoung der Souveränität des Volkes
am :&gt;. Dezember und sehen einer engen Zusammenarbeit mit der neuen Regierung von Grenada entgegen.

* * *

Die Erklärung des US-Außenministeriums hat folgenden Wortlaut:
Die Vereinigten Staaten bewerten mit Befriedigung die yestrigen Wahlen auf Grenada.

Die Unterstützung der Demokratie und des demokratischen

Prozesses, wie sie bei diesen Wahlen zum Ausdruck kam, ist einer der entscheidenden Punkte der Außenpolitik der USA.
Erste

Berichte

�Erste Berichte lassen erkennen, daß ein hoher Prozentsatz der registrierten Wähler Grenadas in dieser ersten Wahl seit 1^76 an die Wahlurnen trat. Die Stimmabgabe erfolgte in friedlicher Weise in den IJO Wahllokalen, die auf die 13 parlamentarischen Wahlbezirke des Landes verteilt
waren.

Durch ihre enthusiastische Beteiligung

naben uie

Wahlberechtigten

Grenadas einen einjährigen ProzeB erfolgreich aogeschlossen, der darauf
abzielte, Grenada fest auf einen demokratischen Weg zurückzuführen.

Genpralgouverneur Sir Paul Scoon und die Interimsregierung unter Führung von Nicholas Brathwaite müssen zu ihrer Behutsamkeit und ihrer Entschlossenheit beglückwünscht werden, die sie bei der Vorbereitung einer
Rückkehr des ..arides zu einer demokratisch gewählten Regierung gezeigt haben.
Die Interimsregierung nat eine bemerkenswert erfolgreiche Kegistrierungskampagne geführt, durch die mehr als &gt;Ü Prozent der Wahlberechtigten
erfaüt wurden.

Sie schuf ferner die Bedingungen für einen wirklich frei-

en und demokratischen Wahlkgmpf, wozu Redefreiheit, Presse- und Versammlungsfreiheit sowie Freiheit der politischen Koalition gehörten.

Kandi-

daten aller Richtungen konnten sich beteiligen - und taten dies auch -,
wobei den Wählern eine volle Bandoreite der politischen Möglichkeiten geboten wurde.

Die Vereinigten Staaten beglückwünschen die Neue nationalpartei, die
von der überwältigenden Mehrheit der Stimmberechtigten Grenadas gewählt
wurde.

Wir sehen der Zusammenarbeit mit der neuen Regierung bei üer Be-

wältigung der zahlreichen verbleioenden Probleme, insbesondere auf dem
wirtschaftlichen Sektor, entgegen.

* * *

Die

Neue

�Die Neue Mationalpartei, die sich aus drei verschiedenen politischen
Gruppierungen zusammensetzt und als gemäßigt gilt, konnte 14 der insgesamt 15 Sitze desrtepräsentantennausesgewinnen.

Von den 40 121 Wahlbe-

rechtigten oeteiligten sich über 8!&gt; Prozent an der Stimmabgabe.

»

- 4 -

�XI. Dezember 19U4

50

DIE MENSCHENRECHTSLAGE IN AFGHANISTAN
Kurzinformation des US-Auüenministeriums -

WASHINGTON - (AD) - Im Dezember 1964 veröffentlichte das amerikanische Außenministerium das nachstehende Informationspapier über die Lage
der Menschenrechte im sowjetisch besetzten Afghanistan:
HINTERGRUND:
ein.

Im Jahr 1979 marschierten die Sowjets in Afghanistan

Seitdem halten sie das Land besetzt und versuchen, dem afghanischen

Volk ein ihm wesensfremdes politisch-soziales System aufzuzwingen.

In-

folgedessen zählt Afghanistan heute zu den Ländern der Welt, in denen es
um die Menschenrechte am schlechtesten bestellt ist.

Das leidenscnaft-

lich unabhängigkeitsliebende und zutiefst moslemische Volk Afghanistans
hat sich seit Jahrhunderten jeder Form von Fremdherrschaft widersetzt.
Nach dem marxistisch-leninistischen Staatsstreich vom April 1978, der zur
Ausrufung der Demokratischen Republik Afghanistans führte, stieb das Regime sehr bald auf Widerstand, der nach und nach das gesamte Land erfaßte.

In dem Bestreben, den Sturz eines kommunistischen Regimes in einem

Nachbarland zu verhindern, marschierten die Sowjets am 2.1. Dezember 1979

Postfach 20 03 00 Tel.: 0228-339 2035
D 5300 Bonn 2
Telex: 8-85432

�27. Dezember 1^7y in Afghanistan ein, liquidierten den marxistischen Ministerpräsidenten und setzten das Marionettenregime des Babrak Karmal ein.

Nach fünf Jahren einer immer orutaler werdenden Besatzungsnerrscnaft
beherrschen die vom Volke unterstützten Widerstandskämpfer, die sich Mujahedin ("Streiter im Heiligen Krieg") nennen, die ländlichen Gebiete Afghanistans und halten sowjetische Streitkräfte in Stärke von lli&gt; ÜÜO Mann
in Schach.

Die Sowjets und ihre afghanischen Verbündeten, zu denen auch

die berüchtigte, nach dem Vorbild des sowjetischen KGB organisierte afghanische Geheimpolizei KHAD zählt, hoffen immer noch, den Widerstandswillen der Mujahedin und der sie unterstützenden Zivilbevölkerung brechen
zu können.

Durch gnadenlosen Terror und Unterdrückung versuchen sie, in

Afghanistan schließlich doch noch einen fügsamen, totalitären, kommunistischen Staat zu errichten.

MEhiSCHENRECHlSVERLETZUIMGEN:

Die Akte der Brutalität, oie von den So-

wjets in Afghanistan begangen werden, umfassen Morde im Rahmen von Vergeltungsaktionen, Folter und Verstümmelung von politischen Gefangenen sowie die Zerstörung von Ernten, Viehbeständen und anderem Eigentum.

Seit

197b&gt; haben sich die Berichte über die willkürliche Ermordung afghanischer
Zivilisten durch sowjetische Truppen ständig vermehrt.

Für jeden Angriff

der Mujahedin auf sowjetische Truppen üben die Sowjets automatisch Vergeltung an Dörfern, von denen sie annehmen, daB sie die Widerstandsbewegung unterstützen.

Alles, was über diese Vergeltunysschläge bekannt ist, legt den Schluid
nahe, daü dabei vielfach unschuldige Frauen, Kinder und Greise getötet
werdpn. Darüber hinaus bedienen sich die Sowjets auch der Taktik des Abwurfs von Mienen, die oftmals als Gebrauchsgegenstände oder Spielzeug getarnt sind.

Diese Sprengkörper sind dazu bestimmt, afghanische Zivi-

listen zu verwunden und zu verstümmeln. Auf diese Weise soll die die Mujahedin unterstützende Bevölkerung demoralisiert und in Angst und Schrekken versetzt werden.

Eine weitere Taktik besteht in der vorsätzlichen

Zerstörung von Gehöften und ernten in Gebieten, in denen die Mujahedin
Unterstützung finden.

Hierdurch soll die Bevölkerung zur Flucht gezwun- 2 •-

�Flucht gezwungen werden.

Auch Flächenbombardements gegen ganze Dörfer

wurden von den Sowjets durchgeführt. Die Bombardierungen, Morde und weitreichenden Zerstörungen, die diese Taktiken mit sich brachten, haben über
3,5 Millionen Afghanen (fast 25 Prozent der Vorkriegsbevölkerung) zur
Flucht nach Pakistan oder in den Iran veranlagt.

Weitere Hunderttausende

von Menschen sind auf der Flucht vor dem Krieg in die Städte, besonders
nach Kabul, geströmt.

Das Regime von BabraK Karmal nat politische Gefangene nach öffentlichen Schauprozessen hinrichten lassen.

Um Informationen zu erlangen,

Gefangene zu bestrafen und die Bevölkerung einzuschüchtern, bedient sich
die KHAD in großem Umfang des Mittels der physischen und psychischen Folter. Überlebende Insassen afghaniscner Gefängnisse berichten von Elektroschockbehandlungen, Schlägen, Ausreißen der Fingernägel und anderen barbarischen Praktiken.

Oftmals sind dabei sowjetische "Berater" zugegen.

Verscniedene Quellen, darunter auch Amnesty International, haben zumindest acht von der KHAD unterhaltene Zentren identifiziert, wo Menscnen
gefangengehalten und gefoltert werden.

In den vom Regime beherrschten Gebieten leben die Menschen in Angst
vor willkürlicher Verhaftung und Inhaftierung durch die Geheimpolizei.
Haftbefehle sind nicht üblich, und bis zur Anklageerhebung können Monate
vergehen, falls es überhaupt dazu kommt.

Nach langer Haft werden poli-

tische Gefangene im allgemeinen in Geheimprozessen abgeurteilt, wobei die
KHAD eine Hauptrolle spielt.

Wenn überhaupt ein Prozeß stattfindet, geht

man dabei von Anfang an davon aus, daß der Gefangene schuldig ist, verweigert ihm einen

Rechtsbeistand und erlaubt ihm nur selten, die Zeugen

der Anklage ins Kreuzverhör zu nehmen. Freisprüche gibt es kaum.

BÜRGERRECHTE:

In den vom Karmal-Regime und den Sowjets beherrschten

Gebieten gibt es keine Rede- , Presse- oder Versammlungsfreineit und auch
kein Recht auf Freizügigkeit.

Die Medien befinden sich im Besitz und un-

ter der Kontrolle des Regimes und spiegeln dessen Politik sowie die der
Sowjets wider.

Der
- 3 -

Vollzug

aer

�Der Vollzug der den Bürgern Afghanistans auferlegten Beschränkungen
obliebt der KHAD, der rund 20 000 Bedienstete angehö'rden und deren Einfluß in den von der Regierung kontrollierten Gebieten Afghanistans alle
Lebensbereiche durchdringt. Unter anderem unterhält die KHAD ein ausgedehntes Netz von Informanten. Infolgedessen achten die Afgnanen sehr
darauf, was sie sagen, damit sie nicht von KHAD-Beamten regimefeindlicher
Äußerungen beschuldigt werden können. Da sich die Reihen der Streitkräfte des Regimes durcn Desertion gelichtet haben, ist die KHAD dazu übergegangen, sie durch Zwangsrekrutierung wieder aufzufüllen. Auf der Suche
nach Rekruten streifen Geheimkommandos durch die Basars und werden ganze
Blocks Haus für Haus durchkämmt.

'

Wegen der Beschädigung von Strafen und Brücken und der Kämpfe zwischen den sowjetischen Streitkräften und den Mujahedin ist der Inlandsreiseverkehr extrem schwierig geworden. Auslandsreisen unterliegen strikten Beschränkungen und sind Personen vorbehalten, von denen das Regime
annimmt, daß sie auch zurückkommen werden. Trotz dieser Erschwernisse
ist zumindest jeder fünfte Afghane aus seiner Heimat geflohen, um der sowjetischen Besatzungsherrschaft zu entgehen.
POLITISCHE RECHTE: Seit 1979 erhalten die sowjetischen Streitkräfte
in Afgnanistan eine totalitären Staatsapparat aufrecht. Die Mitgliedschaft in der Demokratischen Volkspartei Afghanistans, der einzigen zugelassenen Partei, ist für jede höherrangige Position im Beruf oder öffentlichen Leben obligatorisch. Seit 1978 gibt es keinerlei Gesetzgebung
oder Wahlen mehr. Jas Regime regiert vielmehr durch Erlasse.
DIE AMERIKANISCHE POSITION: Diese massiven Verletzungen der Menschenrechte des afghanischen Volkes sind eine direkte Folge der sowjetischen Entscheidung, das Land zu besetzen, und des Versuchs, es zu unterwerfen. Der Einmarsch ist von den Vereinten Nationen, regionalen und islamischen Organisationen und zahlreichen Menschenrechtsorganisationen wie
z. B. Amnesty International und der 'Überwachungsorganisation für die Einhaltung der Schlußakte von Helsinki, wiederholt und in scharfer Foprm
verurteilt worden. Diese Frage hat die Beziehungen zwischen dem testen
- 4 -

*

�dem Westen und der Sowjetunion insofern erheblich beeinträchtigt, als sie
nachdrücklich gezeigt hat, daß die Sowjets entschlossen sind, ihren Willen gegebenenfalls auch mit Gewalt durchzusetzen, und daß sie die Menschenrechte geringschätzen.
tung eindeutig umrissen:

Präsident Reagan hat die amerikanische Hal-

"Wir streuen den Abzug der sowjetischen Streit-

kräfte an, damit das afghanische Volk in Freiheit in seinem Lande leben
kann und in der Lage ist, seinen Lebensstil und seine Regierungsform
selbst zu wählen."

- 5 -

�</text>
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U.S. Information Service
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Deichmanns Aue 29

5300 Bonn 2

12. Dezember 1990

49

GOLFKRISE

BAKER FORDERT HUSSEINS
UNVERZÜGLICHEN RÜCKZUG AUS KUWAIT
Erklärung des Außenministers vor Senatsausschuß

GATT-

LANDWIRTSCHAFT WEITERHIN SCHLÜSSEL
ZUM ERFOLG BEI GATT-GESPRÄCHEN
Pressekonferenz der US-Delegation in Brüssel

MENSCHENRECHTE

SCHIFTER: DEMOKRATIE IM AUFWIND
Rede zum Tag der Menschenrechte

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.:0228-3392366
Telex: 8-85432

�GOLFKRISE
12. Dezember 1990

BAKER FORDERT HUSSEINS UNVERZÜGLICHEN
RÜCKZUG AUS KUWAIT
Erklärung des Außenministers vor Senatsausschuß
WASHINGTON - (AD) - In einem Appell an den Kongreß und das amerikanische Volk forderte Außenminister
Baker am 5. Dezember 1990, dem irakischen Präsident Saddam Hussein ein unmißverständliches Signal zu
senden, "sich jetzt aus Kuwait zurückzuziehen oder alles zu riskieren".
"Bis heute deuten alle verfügbaren Erkenntnisse darauf hin", daß die vom Sicherheitsrat der Vereinten Nationen
verhängten Wirtschafts- und Handelssanktionen gegen den Irak "Saddam Husseins Neigung zum Abzug kaum
beeinflußt haben", erklärte Baker in einer Anhörung vor dem Auswärtigen Ausschuß des Senats. Der
Außenminister forderte kontinuierliche Unterstützung der militärischen Vorbereitungen, "um die Option einer
Offense zur Befreiung Kuwaits glaubwürdig zu machen".
Saddam Hussein müsse demonstriert werden, daß "die Zeit gegen ihn arbeitet", so Baker. "Selbst wenn er
glaubt, den Sanktionen trotzen zu können - und diese Überzeugung mag zutreffen - mu ß er wissen, daß wir ihm
gegebenenfalls durch den Einsatz von Gewalt einen noch höheren Preis abverlangen können und werden."
Außenminister Bakers Rede hat folgenden Wortlaut.

Ich stehe heute zum dritten Mal seit der Besetzung
Kuwaits durch den Irak am 2. August vor Ihnen.
Ich möchte Sie heute erneut konsultieren, weil ein - bis
an die Zähne bewaffneter - außerordentlich gefährlicher Diktator eine äußerst wichtige Region in einem
entscheidenden Augenblick der Geschichte bedroht.
Ihm muß Einhalt geboten werden - mit friedlichen
Mitteln, wenn möglich und mit Gewalt, falls nötig.
Mein Manuskript konzentriert sich auf drei Aspekte der
Situation:
Erstens die Erläuterung der Strategie des Präsidenten,
zweitens die detaillierte Begründung dafür, daß die
Vorbereitungen für den möglichen Einsatz von Gewalt
- und in der Tat die Bereitschaft zur Gewaltanwendung,
falls erforderlich - zur Erlangung einer friedlichen Lösung
unabdingbar sind, und
drittens die Darlegung des zwingenden Interesses,
das wir daran haben, die brutale Aggression Saddam
Husseins zunichte zu machen.

AMERIKA DIENST 49

Strategie
Von Anfang an hat die internationale Staatengemeinschaft vier Zielsetzungen verfolgt:
Erstens den unverzüglichen, uneingeschränkten und
bedingungslosen Abzug des Irak aus Kuwait,
zweitens die Wiedereinsetzung der rechtmäßigen
Regierung Kuwaits,
drittens die Freilassung aller Geiseln, und
viertens die Verpflichtung zu Sicherheit und Stabilität
am Persischen Golf.
Der Präsident hat wiederholt festgestellt, daß wir diese
Ziele mit friedlichen Mitteln erlangen wollen. Er hat
auch klargestellt, daß wir sie mit den geringsten Kosten für uns und die anderen Mitglieder der internationalen Koalition erreichen wollen.
Von Anfang an bestand unsere Strategie zur Verwirklichung dieser Ziele darin, Saddam Hussein einen
solch hohen Preis für seine Aggression abzuverlan-

Seite 1

�gen, daß erzürn Rückzug aus Kuwait veranlaßt würde.
Wir zielten darauf ab, Saddam für seine Aggression
zahlen zu lassen, indem wir den Druck und die Schmerzgrenze immer weiter erhöht haben - politisch, wirtschaftlich und militärisch. Wirtschaftssanktionen und
militärische Vorbereitungen bilden hierzu keine Alternative, sondern verstärken und beschleunigen diese
Strategie.
Trotz unseres Wunschs nach Frieden haben wir von
Anfang an in dem Bewußtsein gehandelt, daß wir
angesichts der auf dem Spiel stehenden lebenswichtigen Interessen zum Einsatz von Gewalt bereit sein
müssen, wenn diese Ziele nicht mit friedlichen Mittin
erreicht werden können.
Aus diesem Grund hat die von den Vereinigten Staaten
angeführte internationale Koalition dem Irak vom 2.
August an Kosten für seine Aggression auferlegt.
Am Tag der Invasion hat der Sicherheitsrat Resolution
660 verabschiedet, die den unverzüglichen Abzug des
Irak aus Kuwait fordert. Als diese Bestrebungen und
die diplomatischen Bemühungen der Arabischen Liga
von Saddam Hussein uneingeschränkt abgelehnt
wurden, verhängte der Sicherheitsrat am 6. August
obligatorische Wirtschaftssanktionen, um den Druck
auf den Irak zu verstärken und ihm höhere Kosten für
seine Aggression abzuverlangen, in der Hoffnung, daß
Saddam Hussein sich aufgrund der politischen und
wirtschaftlichen Isolierung zurückziehen werde.
Gleichzeitig mit diesen diplomatischen und wirtschaftlichen Maßnahmen wurden zur Abschreckung weiterer Aggression und als Unterstützung der Resolutionen
des Sicherheitsrats Streitkräfte in der Region stationiert. Bis heute haben sich 27 Nationen dieser wahrlich einmaligen multinationalen Streitmacht angeschlossen.
Bis heute konnte die internationale Koalition beachtliche Fortschritte bei der Isolierung des Irak verzeichnen und hat ihn für seine Besetzung Kuwaits zahlen
lassen. Wir bedauern die Leiden, die den unschuldigen Bürgern des Irak damit zugefügt werden - einem
Volk, mit dem wir nicht im Streit liegen.
Wir sehen uns jedoch jetzt mit der Frage konfrontiert,
ob die Saddam Hussein in Form von Sanktionen
auferlegten Kosten allein hoch genug sein werden, um
ihn zum friedlichen Rückzug aus Kuwait zu bewegen.
Wir müssen uns der Tatsache bewußt sein, daß in
diesem seit vier Monaten andauernden Konflikt keine
unserer Bemühungen irgendein Anzeichen eines Sinneswandels in Saddam Hussein bewirkt hat. Er macht
keinerlei Anstalten, auch nur eine der Resolutionen
des Sicherheitsrats zu befolgen.
Statt dessen scheint er seinen Einsatz zu verdoppeln.
Er hat durch systematische Ausplünderung und Entrechtung eines souveränen arabischen Staats ver-

Seite 2

sucht, Kuwait zu einem Teil des Irak zu machen. Er hat
die Bevölkerung terrorisiert, indem seine Soldaten
unerhörte Verbrechen gegen unschuldige Kuwaitis
verübt haben. Er hat den Sturz von König Fahd und
Präsident Mubarak gefordert. Er hat mit Terror und
Massenvernichtung seiner arabischen Nachbarn und
Israels gedroht. Er hat mit Geiseln und ihren Familien
und auch mit unseren Diplomaten in Kuwait ein grausames Spiel getrieben.
Vorbereitung auf den Krieg, um Frieden zu erlangen
Nach ernsten und nüchternen Konsultationen verabschiedete der UN-Sicherheitsrat am vergangenen
Donnerstag mit überwältigender Mehrheit eine zwölfte
Resolution - die alle notwendigen Mittel, einschließlich
der Anwendung von Gewalt, zuläßt, um Saddam Hussein
nach dem 15. Januar 1991 aus Kuwait zu vertreiben.
Mit der Verabschiedung dieser Resolution gibt die
internationale Staatengemeinschaft Saddam Hussein
eine weitere - in der Tat seine letzte - Chance, zur
Besinnung zu kommen.
Mit der Verabschiedung der Resolution vom vergangenen Donnerstag übermittelt die internationale Staatengemeinschaft Saddam Hussein die folgende eindeutige Botschaft: "Wir streben weiterhin eine diplomatische Lösung an. Der Friede ist Ihre einzige vernünftige
Option. Sie können den Frieden wählen, indem Sie
den Willen der internationalen Staatengemeinschaft
respektieren. Tun Sie das jedoch nicht, so werden Sie
alles aufs Spiel setzen. Sie haben die Wahl."
Um zu gewährleisten, daß Saddam Hussein diese
Wahl versteht, hat der Präsident den irakischen Außenminister nach Washington eingeladen und mich
angewiesen, nach Bagdad zu reisen.
Offengestanden ist dies die letzte Chance für eine
friedliche Lösung. Wenn wir dabei irgendeine Aussicht
auf Erfolg haben wollen, so muß ich mit der uneingeschränkten Unterstützung des Kongresses und des
amerikanischen Volkes für die Botschaft der internationalen Staatengemeinschaft nach Bagdad reisen.
Ich möchte eines klarstellen: Dieses Treffen wird keine
Aufnahme von Verhandlungen über die Bedingungen
der UNO-Resolutionen bedeuten. Diese Bedingungen
sind eindeutig: vollständiger, unverzüglicher und
bedingungsloser Abzug des Irak, Wiedereinsetzung
der rechtmäßigen Regierung Kuwaits und Freilassung
aller Ausländer.
Dies ist auch nicht der Beginn von Verhandlungen über
Themen, die nichts mit der brutalen irakischen Besetzung Kuwaits zu tun haben. Ich werde weder über das
Palästina-Problem noch über den Bürgerkrieg im Libanon verhandeln. Saddam ist nicht in Kuwait eingefallen, um den Palästinensern zu helfen. Er tat dies, um
seine eigene Macht zu vergrößern. Wie Eduard Sche-

AMERIKA DIENST 49

�wardnadse sagte, versklavt man nicht ein Volk, um ein
anderes zu befreien.
Meine Mission in Bagdad ist lediglich der Versuch,
Saddam die ihm zur Verfügung stehende Wahl zu
verdeutlichen: Erfüllung der Ziele des Sicherheitsrats
oder das Risiko eines Desasters für den Irak.
Um diese Worte zu untermauern, hat der Präsident
den Verteidigungsminister, den Vorsitzenden der
Vereinigten Stabschefs und mich angewiesen, mit den
anderen Mitgliedern der internationalen Koalition zusammenzuarbeiten, um die multinationale Streitmacht
am Golf zu verstärken und ihre Bemühungen zu koordinieren. Unser Ziel besteht darin zu gewährleisten,
daß eine Anwendung von Gewalt gegebenenfalls
überraschend, massiv und entscheidend durchgeführt
wird.
Bedeuten die Truppenverstärkungen und die Resolution des Sicherheitsrats, daß ein Krieg unvermeidlich
ist? Sicherlich nicht. Ein friedlicher Ausgang ist
möglich - ein Ausgang, der Aggression nicht belohnt und jeder, einschließlich Saddam Husseins, weiß, wie
er aussieht. Er kann den Frieden wählen, indem er sich
bedingungslos aus Kuwait zurückzieht und alle Geiseln freiläßt.
Erwird diese Wahl fürden Frieden jedoch nicht treffen,
wenn er nicht versteht, daß die Alternative zur friedlichen Einhaltung darin besteht, zur Einhaltung gezwungen zu werden. Das ist die Botschaft, die wir ihm zu
vermitteln versuchen. Das ist die Bedeutung der
Schritte, die von der internationalen Staatengemeinschaft im Verlauf des vergangenen Monats getroffen
wurden. Dies ist keine neue Strategie, sondern eine
Fortsetzung und Festigung der von uns seit August
verfolgten Strategie.
Ich weiß, daß einige hier und im ganzen Land ein
ungutes Gefühl im Hinblick auf die Möglichkeit eines
Kriegs haben. Niemand von uns wünscht einen Krieg.
Sie nicht, der Präsident nicht und ich nicht. Niemand
von uns wollte diesen Konflikt, und wir unternehmen
alles in unserer Macht Stehende, um dies friedlich
beizulegen, ohne den Aggressor zu beschwichtigen.
Ich kenne die Argumente derer, die der Ansicht sind,
Zeit und das Wirtschaftsembargo allein würden die
friedliche Lösung dieses Konflikts herbeiführen. Wir
müssen den Tatsachen jedoch ins Auge blicken.
Wenn die Sanktionen erfolgreich sein sollen, dann
müssen sie mehr bewirken, als den Irak lediglich
wirtschaftlich zu schwächen. Sie müssen Saddam
soviel Schaden zufügen, daß er sein Verhalten ändert
und aus Kuwait abzieht. Das ist das Kriterium für den
Erfolg, an dem die Sanktionen gemessen werden
müssen.
Wenn wir die Rolle der Sanktionen in unserer Strategie
betrachten, müssen wir uns folgende Fragen stellen:

AMERIKA DIENST 49

Können Wirtschaftssanktionen allein einen
Diktator vom Schlage Saddams zwingen, die
politisch schwierige Entscheidung zum Abzug
aus Kuwait zu treffen?
Wird Saddam ohne eine glaubwürdige militärische Bedrohung die Maßnahmen des Sicherheitsrats ernst nehmen?
Gibt es im bisherigen Verhalten Saddam Husseins irgendwelche Anhaltspunkte dafür, daß
Sanktionen allein ihn aus Kuwait vertreiben
werden?
Ich möchte versuchen, diese Fragen aufgrund der
bisher gewonnenen Erkenntnisse zu beantworten. Nach
vier Monaten eines durchgreifenden Embargos haben
die Sanktionen zweifelsohne Auswirkungen auf die
irakische Wirtschaft. Wir müssen jedoch der Tatsache
ins Auge blicken, daß niemand sagen kann, daß
Sanktionen allein jemals in der Lage sein werden,
Saddam einen Preis abzuverlangen, der hoch genug
ist, um ihn zum Abzug zu veranlassen. Bis heute
deuten alle verfügbaren Erkenntnisse darauf hin, daß
sie seine Neigung zum Abzug kaum beeinflußt haben.
Das ist teilweise darauf zurückzuführen, daß Saddam
in beträchtlichem Maß entscheiden kann, wer im Irak
unter den Sanktionen zu leiden hat. Sie können darauf
wetten, daß die irakische Bevölkerung als erste und
am einschneidendsten darunter zu leiden hat - nicht
das irakische Militär oder Saddam selbst. Saddam ist
seit jeher dafür bekannt, daß er dem irakischen Volk
große Opfer und großes Leid abverlangt. Es ist für ihn
nichts Neues, dem irakischen Volk große Opfer aufzuerlegen, um seine eigenen ehrgeizigen Pläne zu
verwirklichen.
Wir müssen uns der Tatsache erinnern, wen wir aus
Kuwait vertreiben wollen. Saddam ist ein rücksichtsloser Diktator. Er hat eine übersteigerte Einschätzung
der Macht des Irak und eine hohe Schmerzschwelle.
Saddam geht zweifelsohne davon aus, daß er Wirtschaftssanktionen überdauern kann. Sicherlich versteht er jedoch die Folgen militärischer Gewaltanwendung besser.
Ein weiteres Abwarten gibt Saddam nicht nur Zeit, die
Sanktionen zu durchbrechen, sondern erlegtauch uns
Kosten auf.
Während wir abwarten, wird Saddam weiterhin Kuwait
foltern und es als Nation vernichten.
Während wir abwarten, wird er weiterhin sein Spiel mit
den Geiseln treiben und damit versuchen, die Koalition
zu spalten.
Während wir abwarten, wird er weiterhin Kuwait zur
Festung ausbauen, chemische und biologische Waffen herstellen und an der Erlangung von Atomwaffen
arbeiten.

Seite 3

�Während wir warten, rechnet er damit, daß unsere
Aufmerksamkeit von anderen Ereignissen abgelenkt,
unsere Entschlossenheit geschwächt und die internationale Koalition aufgelöst werden.
Während wir warten, lastet die Bürde von Saddams
Verbrechen immer schwerer auf der Welt.
Das ist der Grund, weshalb wir unseren Vorbereitungen für den Einsatz von Gewalt Glaubwürdigkeit verleihen müssen.
Die internationale Staatengemeinschaft hat eindeutig
zugestimmt, daß vor dem 15. Januar nächsten Jahres
keine Gewalt angewandt wird, wenn Saddam keine
Reaktion provoziert. Demnach müssen wir uns vor
Augen führen, daß bis jetzt niemand eine Entscheidung zugunsten eines Krieges getroffen hat. Vielmehr
hat der Präsident mit seiner Bitte an mich, nach
Bagdad zu reisen, deutlich gemacht, daß er die nächsten sechs Wochen zur Ausschöpfung aller diplomatischen Möglichkeiten nutzen wird.
Der Präsident hat jedoch auch unterstrichen, daß wir
zur Förderung dieser diplomatischen Bemühungen
weiterhin Unterstützung für unsere militärischen Vorbereitungen erhalten müssen, um die Option einer
Offensive zur Befreiung Kuwaits glaubwürdig zu machen.
Ohne die Entscheidung über eine potentielle Gewaltanwendung nach dem 15. Januar vorwegnehmen zu
wollen, kann ich doch unmißverständlich sagen, daß
sich mindestens drei gefährliche Konsequenzen ergeben werden, wenn wir die Vorbereitungen nicht fortsetzen.
Erstens würde unser diplomatischer Einfluß unterminiert, indem die Alternative für einen friedlichen Abzug
- Gewaltanwendung - beseitigt wird. Damit würde dem
Irak die falsche Botschaft vermittelt: "Versuchen Sie
nur weiter, Zeit zu gewinnen. Sie werden genug davon
haben, weil die Resolutionen des Sicherheitsrats nur
ein Bluff sind. Die internationale Koalition zieht die
Option der Gewaltanwendung nicht einmal in Betracht,
geschweige denn, daß sie diese in die Tat umsetzen
würde." Genau diese Botschaft dürfen wir nicht vermitteln.
Wir müssen Saddam zeigen, daß die Zeit nicht für ihn
arbeitet. Selbst wenn er glaubt, den Sanktionen trotzen zu können - und diese Überzeugung könnte zutreffen - mu ß er wissen, daß wir ihm gegebenenfalls durch
den Einsatz von Gewalt einen noch höheren Preis
abverlangen werden.
Zweitens würden nicht durchgeführte Vorbereitungen
für die glaubwürdige Option einer militärischen Offensive höchstwahrscheinlich den Status quo bestätigen
und für einige die brutale Besetzung legitimieren, die
Saddam jetzt Kuwait und seinen Bewohnern aufzwingt.
Drittens würde das Versäumnis angemessener Vorbereitungen zum gegenwärtigen Zeitpunkt bedeuten,

Seite 4

daß wir im Falle eines Konflikts in verantwortungsloser
Weise größere Verluste riskieren würden und damit
das Leben der jungen Amerikaner, die bereits an den
Frontlinien am Persischen Golf stehen, mehr als nötig
gefährden. Der Präsident wird das nicht vertreten.
Und das amerikanische Volk auch nicht.
Was auf dem Spiel steht
Wir schlagen diesen Weg nicht ein, ohne uns der damit
verbundenen Gefahren und Risiken bewußt zu sein.
Aber es darf kein Zweifel daran bestehen, daß der
Erfolg dieses Unternehmens - hoffentlich auf friedlichem Wege, gegebenenfalls durch Gewalt - eindeutig
im Interesse des amerikanischen Volks liegt.
Oftmals werden Stimmen laut, daß keine klare Antwort
auf die Frage erfolgt ist, warum wir am Golf sind. Das
ist vielfach die Folge der Suche nach einem einzigen
Grund für unser Engagement, einem einzigen Grund,
den der Präsident anführen könnte, um zu erklären,
warum das Leben amerikanischer Soldaten in der
arabischen Wüste, auf See oder in der Luft aufs Spiel
gesetzt werden soll.
Diese Suche sollten wir beenden. Wir sollten uns
selbst und anderen gegenüber aufrichtig sein. Es gibt
vielfältige Gründe, Gefahren und Bedrohungen. Jeder
einzelne von ihnen ist zwingend. Insgesamt betrachtet
ist das Problem überwältigend.
Um es deutlich zu sagen: Ein sehr gefährlicher Diktator bedroht - bis an die Zähne bewaffnet - in einem
entscheidenden Augenblick der Geschichte eine wichtige Region.
Es ist die Kombination dieser Gründe - wer unsere
Interessen bedroht, welche Fähigkeiten er hat und
entwickelt, wo er seine Aggression durchführt und
welchen Zeitpunkt er dafür gewählt hat - die dazu
führen, daß wir alle einen hohen Preis zahlen müssen.
Ich möchte Ihnen das erläutern.
Strategisch betrachtet ist Saddam ein unberechenbarer Diktator, dessen Machtgelüste so maßlos sind wie
seine Brutalität, mit der er sie zu befriedigen sucht. Er
hat zwei Nachbarstaaten besetzt, gewährt Terroristen
Unterschlupf und vernichtet Kuwait jetzt systematisch.
Saddam setzt Giftgas ein - sogar gegen sein eigenes
Volk, entwickelt tödliche Chemikalien und ist unermüdlich bestrebt, sich Atombomben zu beschaffen. Er hat
die sechstgrößte Armee der Welt aufgebaut, verfügt
über die fünftgrößte Panzertruppe der Welt und hat
ballistische Raketen stationiert.
Geographisch betrachtet hat Saddams Aggression in
einem politischen Pulverfaß stattgefunden, das an drei
Kontinente grenzt. Sein Erfolg würde lediglich mehr
Hader, mehr Konflikte und möglicherweise einen Krieg
für mehr Länder bedeuten. Es bestünde nur wenig
Hoffnung für Bestrebungen um einen Frieden im Nahen
Osten.
AMERIKA DIENST 49

�Wirtschaftlich betrachtet gefährdet Saddams Aggression die ungehinderte Ölversorgung der Welt, es besteht die Gefahr einer Rezession und Depression hier
und im Ausland, die insbesondere die schwachen
Demokratien treffen würde, die damit am wenigsten
fertigwerden würden. Seine Aggression ist der Versuch, den wirtschaftlichen Aufschwung der Welt nach
dem kalten Krieg an die Launen eines einzelnen Mannes
zu verpfänden.

i

Moralisch gesehen müssen wir so handeln, daß das
Völkerrecht und nicht das Unrecht von Verbechern die
Welt nach dem kalten Krieg regiert. Wir müssen so
handeln, daß Recht und nicht Macht den Erfolg in der
Welt nach dem kalten Krieg bestimmen. Wir müssen
so handeln, daß unschuldige Männer, Frauen und
Diplomaten in der Welt nach dem kalten Krieg geschützt und nicht als Geiseln genommen werden.
Historisch gesehen müssen wir dem kuwaitischen
Volk beistehen, so daß die Annexion Kuwaits nicht die
erste Realität wird, die uns den Blick auf eine neue
Weltordnung trübt. Wir müssen mit der internationalen
Staatengemeinschaft fest zusammenstehen, damit
die Vereinten Nationen nicht den Weg des Völkerbunds gehen.
Politisch gesehen, müssen wir zur amerikansichen
Führungsrolle stehen, nicht weil wir sie anstreben,
sondern weil niemand anders sie übernehmen kann.
Und wir haben nicht vierzig Jahre Einigkeit demon-

*

AMERIKA DIENST 49

* *

striert, um den kalten Krieg zu einem friedlichen Ende
zu führen und dann die Welt Leuten wie Saddam
Hussein zu überlassen.
Dies alles steht auf dem Spiel.
Wenn Saddam jetzt nicht Einhalt geboten wird, wenn
seine aggressiven Pläne nicht - wenn möglich, mit
friedlichen Mitteln, falls nötig mit Gewalt - durchkreuzt
werden, werden wir später alle einen höheren Preis
zahlen müssen.
Ebenso wie der Sicherheitsrat dies vergangenen
Donnerstag getan hat, müssen dieser Kongreß und
das amerikanische Volk Saddam Hussein gegenüber
durch Wort und Tat unmißverständlich zum Ausdruck
bringen:
"Verlassen Sie Kuwait unverzüglich oder Sie riskieren
alles."
Wir müssen jetzt - mehr als zu irgendeinem anderen
Zeitpunkt dieser Krise - mit der internationalen Staatengemeinschaft bei der uneingeschränkten Unterstützung der Resolutionen des Sicherheitsrats Einigkeit demonstrieren.
Einfach gesagt, ist dies eine Entscheidung zwischen
richtig und falsch.
Meiner Meinung nach haben wir den Mut und die
Stärke, das Richtige zu wählen.

*

*

Seite 5

�GATT
12. Dezember 1990

LANDWIRTSCHAFT WEITERHIN SCHLÜSSEL ZUM
ERFOLG BEI GATT-GESPRÄCHEN
Pressekonferenz der US-Delegation in Brüssel
BRÜSSEL - (AD) - In einer Pressekonferenz nach der Vertagung der Handelsgespräche im Rahmen der
Uruguay-Runde bekräftigten die amerikanischen Unterhändler am 7. Dezember 1990 in Brüssel, daß ihrer
Meinung nach der Reform des Agrarhandels weiterhin eine Schlüsselfunktion bei der Liberalisierung des
gesamten Welthandels zukomme.
So erklärte die US-Handelsbeauftragte Carla Hills, "ohne eine grundlegende Reform der Landwirtschaft wird
man diejenigen Länder, denen es nur um die Landwirtschaft geht, nicht einbeziehen können". Diese Staaten
würden im Gegenzug für Reformen im Agrarbereich ihre Märkte für Dienstleistungen öffnen, den Schutz
geistigen Eigentums gewährleisten und Hemmnisse für Investoren beseitigen.
Hills zufolge "verschwenden" die Industriestaaten jährlich etwa 250 Milliarden Dollar für protektionistische Maßnahmen in der Landwirtschaft "und entziehen den Entwicklungsländern damit Marktchancen, was wiederum
wirtschaftliche Verluste für sie zur Folge hat und vielleicht Instabilität sät".
Neben Hills nahmen an der Pressekonferenz, die wir nachfolgend im Wortlaut veröffentlichen, US-Landwirtschaftsminister Clayton Yeutter, Wirtschaftsminister Robert Mosbacher und der Stellvertretende Arbeitsminister
Roderick DeArment teil.

&gt;

*&gt;

Hills: Die Vereinigten Staaten sind mit der Bereitschaft nach Brüssel gekommen, ehrgeizige, marktöffnende Vereinbarungen in allen 15 Bereichen der Uruguay-Runde auszuhandeln. Wir haben diese Woche
sichtbare Fortschritte in vielen dieser Bereiche erzielt.
In einigen wurden die Meinungsverschiedenheiten sogar
wesentlich verringert.
Es tritt jedoch nun eindeutig zutage, daß das Patt im
Agrarbereich hier in Brüssel nicht durchbrochen werden kann. Der Vorsitzende der Landwirtschaftsgruppe
hat einen kreativen Vorschlag unterbreitet, der eine
Grundlage für den erfolgreichen Abschluß der Verhandlungen lieferte. Leider wurde dieser Vorschlag
von einigen wenigen, wirtschaftlich starken Ländern
abgelehnt, die nicht bereit waren, durchgreifende
Agrarreformen auszuhandeln. Dies war umsomehr
enttäuschend angesichts der äußerst konstruktiven
Haltung, die im Verlauf der Runde von zahlreichen
Entwicklungsländern eingenommen wurde.

AMERIKA DIENST 49

Wir müssen uns der Einsicht anschließen, daß eine
Verlängerung des Brüsseler Treffens keinem sinnvollen Zweck dienen kann. Mit der Vertagung trägt der
Vorsitzende Gross-Espiell lediglich dieser Tatsache
Rechnung. Wir ermutigen die Teilnehmer, sich diese
Chance zunutze zu machen und ihre Positionen auf
höchster politischer Ebene zu überdenken. Darüber
hinaus unterstützen wir den Vorschlag von Generaldirektor Dunkel, unter geeigneten Bedingungen seine
guten Dienste in Anspruch zu nehmen, um mit den
Teilnehmern Differenzen abzubauen.
Ich spreche für den Präsidenten, wenn ich sage, daß
sich die Vereinigten Staaten weiterhin der Aufrechterhaltung und Stärkung des multilateralen Handelssystems sowie einem positiven und raschen Abschluß
der Uruguay-Runde verpflichtet fühlen. Wir werden
alles in unserer Macht Stehende unternehmen, um
dieses Ergebnis zu erlangen. Gleichzeitig werden wir
jedoch darauf bestehen, daß die Vereinbarungen wirk-

Seite 1

�lieh den Handel liberalisieren. Wenn feststeht, daß es
eine Grundlage für den erfolgreichen Abschluß dieser
Runde gibt, werden die Vereinigten Staaten an den
Verhandlungstisch zurückkehren. Zusammen mit
meinen Kollegen werde ich nun gerne Ihre Fragen
beantworten.
Frage: (unverständlich)
Hills: Das Gesetz, das wir als Beschleunigungsvereinbarung bezeichnen, existiert bereits. Es schreibt
vor, daß dem Kongreß zum 1. März eine Mitteilung
zugehen muß, wenn wir das Recht zur Beschleunigung in Anspruch nehmen wollen. Das heißt - für
diejenigen unter Ihnen, die mit unserer Gesetzgebung
nicht so vertraut sind -, daß der Kongreß lediglich über
ein Paket von Handelsvereinbarungen abstimmen muß,
daß wir dies bis zum 1. März beantragen müssen und
das Abkommen bis zum 1. Juni unterzeichnet werden
muß. Uns steht also nicht mehr viel Zeit zur Verfügung,
wenn wirdiese beschleunigte Behandlung in Anspruch
nehmen wollen.
Frage: Sicherlich wissen Sie, daß unter allen Regierungen der Europäischen Gemeinschaft die britische
seit jeher die kritischste Haltung zu einzelnen Elementen der Gemeinsamen Agrarpolitik einnimmt. Heute
und diese Woche haben britische Minister jedoch Ihre
Verhandlungstaktik als empörend beschrieben. Sie
ärgerten sich darüber, wie der weltgrößte Handelsblock vom zweitgrößten angegangen wurde und erklärten im allgemeinen, daß Ihre Ziele völlig unrealistisch seien. Sind Sie wirklich schon mit dem Wissen
hierhergekommen, daß eine Agrarvereinbarung unerreichbar war?
Und zweitens möchte ich Sie bitten, den weiteren nicht
mit Handelsfragen verbundenen politischen Schaden
einzuschätzen, der von diesem Patt verursacht wird.
Hills: Wie ich bereits am Tag unserer Ankunft erklärte,
sind wir mit der festen Absicht angereist, die UruguayRunde hier in Brüssel abzuschließen. Wir sind bei den
Verhandlungen über durchgreifende Agrarreformen
auf enorme Hindernisse gestoßen. Ich möchte darauf
verweisen, daß die Mehrzahl der hier versammelten
Staaten grundlegende Agrarreformen befürworteten,
die in allen drei Bereichen spezifische Verpflichtungen
erfordern, also Reduzierung der Exportsubventionen,
Reduzierung der Schutzmaßnahmen an den Grenzen
und Reduzierung der Beihilfen im Inland, die mit handelsverzerrenden Auswirkungen verbunden sind. Wir
werden weiterhin über durchgreifende Agrarreformen
verhandeln. Wir hoffen, daß wir bei Verhandlungen,
die in gutem Glauben für hohe Prinzipien und eine
Liberalisierung des Handels geführt werden, mehr
anstatt weniger Ruhe zwischen den großen Handelspartnern gewährleisten können. Wir hoffen, daß wir
unsere Ziele durch Verhandlungen in gutem Glauben
verwirklichen können.

Seite 2

Frage: Frau Hills, in den vergangenen Jahren waren
Sie sehr erfolgreich bei der Abwehr von Druck seitens
des Kongresses sowie der Privatwirtschaft, Sie zu
Maßnahmen gemäß 301 und anderer Mechanismen
zu veranlassen. Wie lange können Sie diesem Druck
angesichts des Zustands dieser multilateralen Gespräche noch standhalten?
Hills: Der Kongreß betrachtet den Einsatz einseitiger
Maßnahmen gemäß 301 als Mittel zum Abbau von
Handelsschranken, die uns vom Handel im Rahmen
des internationalen Handelssystems abhalten. Solange wir keine vereinbarten multilateralen Regeln haben,
ist es sehr schwierig ,den gewählten Vertretern unseres Volkes zu erklären, daß sie die nationalen Interessen nicht schützen dürfen. Wir werden mit dem
Kongreß zusammenarbeiten, wir werden sehr regelmäßig Konsultationen mit dem Kongreß abhalten, und
wir werden Maßnahmen zu ergreifen versuchen, die
im Einklang mit der Bewahrung und dem Ausbau des
multilateralen Systems stehen, während wir gleichzeitig unsere nationalen Interessen schützen.
Frage: ... einige der Cairns-Länder, die zur Gruppe
der Agrarprodukte exportierenden Entwicklungsländer gehören, werden nicht nach Genf zurückkommen,
wenn die EG im Bereich der Landwirtschaft keine
Fortschritte erzielt? Ich weiß, daß Sie sich in der
Vergangenheit besorgt darüber geäußert haben, daß
sich einige dieser Länder ganz zurückziehen könnten.
Hills: Ich glaube nicht, daß eine Verringerung der
Meinungsverschiedenheiten in den anderen 14 Verhandlungsgruppen möglich ist, ohne daß die Verhandlungen in der Landwirtschaftsgruppe fortgesetzt werden, und die lateinamerikanischen Länder haben
zusätzlich zu den aktiven Mitgliedern der Cairns-Gruppe ziemlich deutlich gemacht, daß sie eine grundlegende Reform der Landwirtschaft benötigen, wenn sie
mit den Verhandlungen fortfahren sollen. Ich hoffe
also, daß diese Botschaft die höchsten politischen
Kreise erreicht und wir in der Lage sein werden, die
Verhandlungen in der Landwirtschaft fortzuführen.
Frage: Zwei Frage, die erste an Frau Hills. Kann ich
Ihrer Eingangserklärung entnehmen, daß die Vereinigten Staaten nicht bedingungslos der Rückkehr an
den Verhandlunstisch in Genf verpflichtet sind? Zweitens
eine Frage für Minister Yeutter. Vor vier Jahren wurde
allgemein vorausgesagt, daß die Vereinigten Staaten
genau diesen Ausgang riskierten, indem sie eine
maximalistische Haltung bei den Exportbeihilfen einnahmen. In welchem Umfang fühlen sich die Vereinigten Staaten für dieses Ergebnis verantwortlich, indem
sie diese Voraussagen ignorierten?
Hills: Zu Ihrer ersten Frage: weder die Vereinigten
Staaten noch irgendein anderes Land werden nach
Genf zurückkehren, um die Gespräche fortzuführen,
bis der Generaldirektor bei seinen Sondierungen zu

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�dem Schluß gekommen ist, daß die Bedingungen
geeignet und solche Gespräche vorteilhalft und effektiv für die Verwirklichung unserer Ziele sind. Wir hoffen
zutiefst, daß diese Bedingungen schon bald zutage
treten, aber ich habe keine Gewähr, daß dies der Fall
sein wird.
Yeutter: Ich möchte darauf eingehen und vielleicht
noch etwas zu der früheren Frage sagen, derzufolge
die Vereinigten Staaten eine unrealistische Haltung
einnahmen. Ich stimme dem ganz uns gar nicht zu,
und diese Meinung wird auch von der überwiegenden
Zahl der Länder nicht geteilt. Wenn irgendjemand von
Ihnen gestern abend oder die ganze Woche über bei
den Gesprächen anwesend gewesen wäre, dann wäre
ihm das klar geworden. Es erhebt sich die Frage, ob
sich die Gemeinschaft in bezug auf die Agrarhandelspolitik von der Realität entfernt hat oder ob dies für den
Rest der Welt gilt. Und es saßen eine Reihe von
Delegierten in dieser Woche an den Verhandlungstischen, die einheitlich und generell der Ansicht waren,
daß sich die Gemeinschaft in diesem Bereich von der
Realität entfernt hat.
Im Hinblick auf die Exportbeihilfen im besonderen wird
mich niemand jemals davon überzeugen können, daß
wir, die Vereinigten Staaten oder wir, die Exportländer
- darunter die gesamte Cairns-Gruppe - mit dem
Vorschlag eines Abbaus der Exportsubventionen eine
unrealistische Haltung eingenommen haben. Denn:
Exportsubventionen bieten keinerlei Vorteile. Jeder
versteht das. Ich glaube nicht, daß man in der ganzen
Welt einen Praktiker der Handelspolitik finden wird, der
mit dieser Behauptung nicht einverstanden ist. Die
Frage lautet also, wie weitgehend und wie schnell.
Tatsache ist, daß die Vereinigten Staaten von Anfang
an dazu bereit waren, ein vernünftiges Ergebnis bei
dieser Frage auszuhandeln. Wir waren diese Woche
bereit, das zu tun, und wir deuteten unsere Bereitschaft dazu ebenfalls im Kontext des Hellstrom-Vorschlags vom gestrigen Abend an. Zu keinem Zeitpunkt
diese Woche hat die Europäische Gemeinschaft einen
Vorschlag unterbreitet, der irgendwelche spezifischen
Verpflichtungen zur Reduzierung oder zum Abbau der
Exportbeihilfen in der Landwirtschaft enthielt. Es gab
lediglich die Verpflichtung, über dieses Thema zu
sprechen, aber niemals in all diesen vier Tagen wurde
ein spezifischer Vorschlag unterbreitet.
Frage: Vertreten die Vereinigten Staaten die Auffassung, daß die EG die Hellstrom-Vorschläge im weitesten Sinne - sei es im Hinblick auf die Anzahl oder das
Konzept - akzeptieren müssen, um darauf aufzubauen, damit eine klare Basis für die Wiederaufnahme der
Gespräche geschaffen wird?
Hills: Es sollte deutlich geworden sein, daß der
Vorsitzende DeZeeuw bei der Unterbreitung seines
Berichts als Vorsitzender der Arbeitsgruppe in Genf
erklärt hat, sowohl Exportsubventionen als auch Schutz
der Grenzen und nationale Beihilfen seien für eine
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grundlegende Reform unabdingbar. Der Vorsitzende
Hellstrom, der hier in Brüssel wirklich sehr gute Arbeit
geleistet hat, hat genau dasselbe gesagt. Und darüber
hinaus hat Minister Yeutter deutlich darauf hingewiesen, eine grundlegende Agrarreform sei unmöglich,
wenn nicht Exportsubventionen angesprochen würden, die wirklich eine Form wirtschaftlicher Kriegführung gegen die Nachbarn darstellen. Man exportiert
seine Probleme in andere Länder und fordert von
ihnen, für sie zu bezahlen, und das ist für die Mehrheit
der Länder auf der Welt unannehmbar.
Frage: Frau Hills, Sie haben zu Beginn erklärt, einige
Länder mit erheblichem wirtschaftlichem Potential hätten
Hellstroms Vorschläge zurückgewiesen. Besteht nicht
die "Realpolitik" dieser Zusammenkunft darin, daß
diese Länder beim Mißerfolg der Uruguay-Runde weniger
zu verlieren haben als die Vereinigten Staaten oder die
Cairns-Gruppe? Wenn die ganze Sache sich als Flop
erweist, werden die EG und Japan - unter dem Strich,
in Dollars und Cents - in geringerem Maße benachteiligt sein als Sie oder irgendjemand anders. Ist dies
nicht das Ergebnis des Treffens dieser Woche?
Hills: Nein. Wir alle verlieren durch ein Scheitern der
Uruguay-Runde viel. Und dabei spielt es keine Rolle,
ob es sich um Europa, die Vereinigten Staaten oder die
Entwicklungsländer handelt - alle verpassen die Chance zum Wachstum - das für die Weltwirtschaft in den
neunziger Jahren um über 4 Billionen Dollar höher
liegen könnte. Man verzichtet auf die Gelegenheit,
mehr Harmonie und wirtschaftlichen Frieden unter den
Handelspartnern der Welt zu schaffen. Und was
vielleicht noch egoistischer und schlimmer ist - man
macht die Hoffnungen der Entwicklungsländer auf
wirtschaftliche Gewinne zunichte. Dadurch erleiden
wir also alle Verluste, weil dieser letzte Punkt bedeutet,
daß politische Instabilität wahrscheinlicher ist als politische Stabilität. Und meiner Ansicht nach muß deshalb in allen Ländern der Welt auf höchster Ebene der
politische Wille aufgeboten werden, um diese Probleme zu lösen, die uns entzweien. Und eines davon hat
sich als grundlegend erwiesen.
Frage: Würden Sie sagen, daß diese Position der
Gemeinschaft signalisiert, welche Haltung Europa von
nun an einnehmen wird? Sehen wir uns insgesamt der
Schaffung zweier neuer wirtschaftlicher Blöcke gegenüber? Haben wir jetzt diese zwei wirtschaftlichen
Blöcke, die sich gegenüberstehen?
Hills: Wir müssen nicht zu dem Schluß kommen, daß
die Welt sich infolge des Brüsseler Treffens auf der
Stelle in zwei Blöcke spaltet. Ganz und garnicht. Wir
haben immer noch die Möglichkeit, die Uruguay-Runde zu einem erfolgreichen Abschluß zu bringen. Und
die Vereinigten Staaten werden nichts unversucht
lassen, um dieses Ziel zu erreichen. Und ich hoffe, daß
sich andere Länder der Welt uns dabei anschließen
werden - einige haben bereits Zustimmung demonstriert.

Seite 3

�Frage: Frau Hills, den Vereinigten Staaten gegenüber
verhält sich die Europäische Gemeinschaft widerspenstig und unfähig, auf die Liberalisierungsimpulse
zu reagieren. Würden die Vereinigten Staaten Disziplinierungsmaßnahmen wie etwa Super 301 oder Ausgleichszölle in Erwägung ziehen?
Hills: Meiner Ansicht nach ist dies kaum der Augenblick für eine Bitte an den Kongreß, seine Maßnahmen
zum Schutz nationaler Interessen aufzugeben, und wir
haben kein Konzept für multilaterale Regeln zum Schutz
nationaler Interessen erarbeitet. Natürlich werde ich
meine ganze Energie für den erfolgreichen Abschluß
der Uruguay-Runde aufbieten.
Frage: Um nochmals auf die Frage meines Kollegen
zurückzukommen - wenn man die Schärfe in den
Gesprächen dieser Woche gehört hat, ist es nur schwer
vorstellbar, daß die Vereinigten Staaten und die EG
Verbündete sind. Können Sie uns sagen, wie sich die
Vereinigten Staaten und die EG nächsten Monat bei
einer möglichen Golfkrise verhalten werden, wenn
dies Damoklesschwert über dem Bündnis hängt?
Hills: Zunächst einmal haben Sie von mir bestimmt
keine scharfen Bemerkungen gehört, und ich arbeite
ungeachtet unserer Meinungsverschiedenheiten sehr
effektiv mit meinen EG-Kollegen zusammen. Ich
hoffe, die Ergebnisse des Brüsseler Treffens und das
offensichtliche Ergebnis einer Mehrheit aller Länder
der Welt mit dem Wunsch nach einer grundsätzlichen
Reform der Landwirtschft sowie Regeln in dem einen
Drittel des Handels, für das wir noch keine Regeln
haben, werden bei der EG den politischen Willen
auslösen, Agrarreformen anzusprechen. Es bedarf
also nicht der Schärfe. Und tatsächlich gibt es unter
meinen Kollegen keinen einzigen, der Schärfe gegenüber der EG oder irgendeinem anderen Land befürworten würde. Wir wollen ganz einfach eine Grundsatzreform unseres Handelssystems und die Chance,
einen potentiellen wirtschaftlichen Aufschwung anzufachen, wenn wir den Marktzugang schaffen, wie ihn
mein Kollege - der die Uruguay-Runde vor vier Jahren
initiierte - für möglich gehalten hat.
Frage: Ich möchte eine Frage an Minister Yeutter
richten, der, wie Sie sagten, die Uruguay-Runde vor
vier Jahren ins Leben gerufen hat. Haben Sie Ihrer
Ansicht nach einen Fehler gemacht, indem Sie die
Grundsatzreform der Landwirtschaft so aggressiv
vorangetrieben und so viele Bereiche eingebracht
haben, die ursprünglich nicht Bestandteil des GATT
waren?
Yeutter: Botschafter Hills kann Ihnen das näher
erläutern. Natürlich glaube ich nicht, daß es ein Fehler
war, der Landwirtschaft in der Uruguay-Runde die
Priorität einzuräumen. Das war seit langem fällig. Sie
wissen sehr wohl, daß Landwirtschaft in früheren
Runden der Handelsverhandlungen erörtert wurde,
aber daraus ist überhaupt keine Arbeitsgrundlage

Seite 4

entstanden. Mit anderen Worten, aus praktischen
Erwägungen ist die Landwirtschaft seit mehr als 40
Jahren von den GATT-Regeln unberührt geblieben,
obwohl sie eine der wichtigsten Aktivitäten des Welthandels darstellt. Es liegt also an uns, ob wir erwarten,
in dieser Welt eine politische Führungsrolle zu spielen
und ob wir erwarten, eine Institution wie das GATT
weiterzuentwickeln, die dies leisten kann. Es ist unsere Pflicht, die wichtigsten Probleme des Welthandels
von heute zu lösen. Das betrifft auch die Landwirtschaft. Die Landwirtschaft ist in den vergangenen
vierzig Jahren der Geschichte des GATT im wesentlichen ignoriert worden. Sie darf aber nicht außer acht
gelassen werden - dafür ist sie für den Welthandel zu
wichtig. Wir müssen also effektive Regeln für den
Agrarhandel erarbeiten. Deshalb steht er auf der
Tagesordnung der Uruguay-Runde. Er verdient diesen Stellenwert. Es ist bedauerlich, daß wir noch keine
Vereinbarung für umfangreiche Reformen des Agrarhandels erzielen konnten. Er ist heute der Sektor, der
den Welthandel am stärksten verzerrt. Es gibt zweifellos mehr Handelsverzerrungen in der Landwirtschaft
als in irgendeinem anderen Bereich des Handels.
Deshalb sehen wir uns mit diesem Problem unmittelbar konfrontiert. Das gilt ebenso für Botschafter Hills
wie für mich und jeden anderen Wirtschafts- und
Landwirtschaftsminister auf der Welt. Es wird nicht
verschwinden, ungeachtet der Ereignisse hier in Brüssel oder anderswo in der Uruguay-Runde. Aber wir
sollten nicht davon ausgehen, daß wir diese grundsätzliche Reform in der Uruguay-Runde nicht erzielen
können. Zeit für dieses Urteil ist beim Abschluß der
Uruguay-Runde, nicht heute. Wir haben diese Reformen nicht hier in Brüssel erzielt.
Frage: Mit dem Abschluß dieses Treffens geht für die
meisten Teilnehmer auch das Gefühl für die Dringlichkeit verloren, nicht jedoch in den Vereinigten Staaten,
weil man dort diesen Termin des 1. März gesetzt hat.
Müssen Sie nicht angesichts der Tatsache, daß die
Unmittelbarkeit für die meisten anderen nicht mehr
besteht, den Kongreß um Verlängerung des gesetzlich
verfügten Mandats zur beschleunigten Behandlung im
Kongreß bitten? Wenn Sie das tun, glauben Sie, daß
der Kongreß Ihnen unter diesen Umständen diese Verlängerung gewähren wird?
Hills: Zunächst möchte ich auf diese Prämisse eingehen . Ich glaube schon, daß die 107 Nationen sehr wohl
das Gefühl der Dringlichkeit haben, und ich kann nicht
darüber spekulieren, wie schnell - oder ob überhaupt wir unsere Meinungsverschiedenheiten in den Bereichen verringern, die heute das Problem darstellen. Ich
hoffe, wir werden das tun. Wenn wir - nach dem Monat
März - um ein Mandat zur beschleunigten Behandlung
im Kongreß bitten müssen, werde ich mit dem Kongreß eingehende Konsultationen führen müssen. Meiner
Ansicht nach liegen Sie richtig mit der Meinung, daß
dies ohne nachweisbare Fortschritte sehr schwierig
sein wird. Gegenwärtig gibt es keine nachweisbaren

AMERIKA DIENST 49

�Fortschritte, so daß es uns allen nützt, wenn wir schnell
handeln, damit wir keine unmöglichen Hindernisse
überwinden müssen.

gen des Vorsitzenden Hellstrom zur Landwirtschaft
sehr konstruktiv. Zu Ihrer zweiten Frage, wie meine
Hoffnungen ...

Frage: Was werden Sie den Befürwortern der Runde
in den Bereichen Dienstleistungen und geistiges Eigentum sagen oder denjenigen mit anderen Interessen als der Landwirtschaft? Worauf sollten Sie Ihre
Hoffnungen richten, welchen Anlaß für Optimismus
haben sie bei einem erfolgreichen Abschluß der Uruguay-Runde, wenn man das zugrundelegt, was hier
passiert?

Frage: Wie haben sich die Hoffnungen zerschlagen?

Hills: Natürlich sollen sie ihre Hoffnungen nicht aufgeben. Und sie werden ihr Ausmaß an Optimismus
selbst bestimmen müssen. Die Grundsatzfrage, in der
wir nicht übereinstimmen, lautet, ob wir das Problem
Landwirtschaft lösen können, das Minister Yeutter
zufolge seit über 30 Jahren ansteht und immer noch
nicht gelöst ist. Dies ist der Schlüssel, um die Entwicklungsländer davon zu überzeugen, daß sie diese Fragen über Dienstleistungen, Investitionen und Schutz
geistigen Eigentums ansprechen müssen - Bereiche,
die Sie genannt haben. Ob man in der verarbeitenden
Industrie oder in der Hochtechnologie tätig ist oder
ganz einfach nur Farmer in Nebraska - man muß eine
grundsätzliche Reform in der Landwirtschaft anstreben. Denn ohne eine grundlegende Reform der Landwirtschaft wird man diejenigen Länder, denen es nur
um die Landwirtschaft geht, nicht einbeziehen können,
die aber als Gegenleistung Zugang zu Dienstleistungen, Schutz geistigen Eigentums und Abbau der
Restriktionen für Investoren gewähren. Und genau
darum geht es bei den Verhandlungen. Wir wollen
Zugang für Unternehmer aus allen Bereichen. Und
dazu ist eine Beteiligung von 107 und nicht einer
Elitegruppe von nur einigen wenigen erforderlich. Damit
alle am Verhandlungstisch bleiben, wie wir das gestern
abend beobachten konnten, muß eine grundlegende
Reform der Landwirtschaft stattfinden.
Frage: Botschafter Hills, ich möchte Sie fragen, ob
diese Woche Ihrer Ansicht nach ein Mi ßerfolg war, und
zweitens hegte jeder gestern bestimmte Hoffnungen,
die im Laufe des gestrigen Abends zerstört wurden.
Was ist genau geschehen?
Hills: Meiner Ansicht nach war diese Woche kein
Mißerfolg. Wir haben 107 Wirtschaftsminister veranlaßt, sich sehr intensiv mit Problemen zu beschäftigen,
die die meisten vorher nicht so eingehend behandelt
hatten. Ich glaube, wir konnten Meinungsverschiedenheiten in einigen Gruppen abbauen. Der Vorsitz
war effektiv, und er hat Vorsitzende von sieben verschiedenen Gruppen ernannt, die bestimmte Themen
bearbeiten sollten. Er hat ferner die zwischen den
einzelnen Ländern bestehenden Differenzen herausgestellt und Annäherung in vielen Bereichen der Dienstleistungen, Schutz geistigen Eigentums und handelsbezogener Investitionsmaßnahmen (TRIMs) erzielt.
Und meiner Meinung nach waren auch die Bestrebun-

AMERIKA DIENST 49

Hills: Der Vorsitzende Hellstrom hat einen Vorschlag
unterbreitet, der jeden der drei Bereiche behandelt
hätte, in denen wir grundlegende Agrarreformen für
notwendig erachten, und die Gemeinschaft war nicht
bereit, auf bestimmte Verpflichtungen einzugehen, die
in den Bereichen Exportsubventionen und Marktzugang erforderlich sind. Minister Yeutter hat an den
Gesprächen teilgenommen, und vielleicht können Sie
erläutern, was Ihrer Meinung nach gestern abend
geschehen ist, das unsere Hoffnungen des vergangenen Tages zunichte gemacht hat.
Yeutter: Nur eine kurze Bemerkung hierzu. Natürlich
zeichnete sich gestern nach Andeutungen der Gemeinschaft, sie sei - wie von Botschafter Hills umrissen
- zur Erwägung spezifischer Verpflichtungen in jedem
dieser drei Bereiche bereit, Hoffnung ab. Dies war ein
beachtlicher Schritt nach vorn, und wir hoffen, er wird
noch über Brüssel hinaus Wirkung zeitigen. Eine
solche Verpflichtung haben wir seit vielen Monaten
von der Gemeinschaft erwartet. In Weiterführung
dieser guten Nachrichten entwickelte der Vorsitzende
Hellstrom einen bestimmten Vorschlag - ein Arbeitspapier-, das allen anwesenden Mitgliedstaaten zur Erörterung vorgelegt wurde und von vielen Seiten einschließlich der Vereinigten Staaten großen Beifall erhielt.
Es zeichnete sich ab, daß die Gemeinschaft - allerdings nur unter bestimmten Bedingungen - zu gewissen Verpflichtungen in diesen drei Bereichen bereit
war. Diese Bedingungen wurden seit langem nicht nur
von den Vereinigten Staaten sondern auch von den
übrigen Nationen für inakzeptabel erklärt. Als nun
deutlich wurde, daß sich diese Voraussetzung für
Verhandlungen nicht geändert hatte, wurde ebenfalls
deutlich, daß wir alle nur unsere Zeit vergeuden,
zumindest im Hinblick auf das Brüsseler Treffen. Wir
hoffen, daß sich die Situation in Zukunft ändern wird.
Ich möchte noch eine Bemerkung hinzufügen. In der
verfügbaren Zeit möchte ich nicht nur über Landwirtschaft sprechen, aber wie Sie wissen, haben Anfang
der Woche 30 000 Bauern demonstriert und damit
ihrer Sorge über die Agrarhandelsreform Ausdruck
verliehen. Ich möchte jedoch insbesondere diesen
Bauern durch die europäische Presse mitteilen lassen,
daß wir alle das Einkommen unserer Bauern erhöhen
und Bedingungen schaffen wollen, die zu größerer
Lebensqualität für diese Bauern führen. Das steht hier
überhaupt nicht zur Debatte. In der Uruguay-Runde
versuchen wir nicht, die Agrareinkommen in Westeuropa zu schmälern. Weder in dem amerikanischen
Vorschlag noch in dem der Cairns-Gruppe war diesbezüglich etwas enthalten.
Frage: Botschafter Hills, in den vergangenen zwei bis
vier Jahren sind zugunsten eines erfolgreichen AbSeite 5

�Schlusses der Uruguay-Runde eine Reihe von Beschwerden amerikanischer Interessengruppen abgewiesen worden. Als Handelsbeauftragter hat Herr
Yeutter eine von Reisbauern gegen Japan erhobene
Beschuldigung bezüglich gewisser Handelspraktiken
aufgrund der ausdrücklichen Versicherung der Japaner abgewiesen, daß sie konstruktiv an dieser Runde
mitarbeiten würden. Mit Europa und Korea bestehen
heute Probleme bei verschiedenen Themen. Was wird
in den nächsten Monaten mit diesen Problemen geschehen?
Hills: Die mir vorliegenden Petitionen werden im
Rahmen der Gesetze geprüft, entsprechend der von
uns bei Amtsübernahme eingegangenen Verpflichtung.
Frage: Vor dem EG-Gipfeltreffen im Oktober sind der
Präsident und der Außenminister bei den EG-Staats und
Regierungschefs vorstellig geworden, um sie zur Aufhebung des Patt zu bewegen. Können Sie vor dem
EG-Gipfel am kommenden Wochenende weitere Aktionen für diese Woche vorhersagen, und sind Sie zweitens - der Auffassung, daß die Abwesenheit der
politischen Führung Deutschlands und insbesondere
Japans in dieser Woche die Verhandlungen unterminiert haben?
Hills: Präsident Bush hat den erfolgreichen Abschluß
der Uruguay-Runde und den Aufbau eines starken
multilateralen Handelssystems zur ersten Priorität im
Handel erklärt. Und bei der Verwirklichung dieses
Ziels war er effektiver und energischer als irgendein
Präsident vor ihm. Er hat dieses Ziel an die erste Stelle
seiner Tagesordnung beim Gipfeltreffen in Houston
gesetzt, er ist sogar noch weitergegangen und hat mit
allen politisch Verantwortlichen intensive Gespräche
über die Notwendigkeit zur Modernisierung und zum
Ausbau eines guten Handelssystems geführt. Meines
Erachtens bleibt er diesen Zielen verpflichtet. Die hier
aufgetretenen Probleme sind sattsam bekannt und
werden den Staats- und Regierungschefs weltweit
dank Ihrer Berichterstattung noch besser verdeutlicht.
Wir hoffen, sie alle werden Führungsstärke beweisen
und versuchen, Maßnahmen zu ergreifen, die uns zu
einem erfolgreichen Abschluß dieser Runde verhelfen. Ich bin nicht hier, um auf irgendeine Regierung
oder irgendeinen Staatschef mit dem Finger zu zeigen
und seine mangelnde Führungsstärke der Vergangenheit zu kritisieren. Was wir von allen 107 benötigen, ist
starke Führung - jetzt und in Zukunft.
Frage: (unverständlich)
Hills: Wir haben niemals den Vorschlag zu einem
zweijährigen Moratorium unterbreitet und ich würde
dies auch zum jetzigen Zeitpunkt nicht empfehlen.
Frage: (unverständlich)
Hills: Das Papier des Vorsitzenden Hellstrom wird
zumindest den Arbeitspapieren gleichgesetzt, die Teil
Seite 6

des Protokolls dieser Sitzung sind. Meines Erachtens
war dies ein außerordentlich kreativer und konstruktiver Versuch, zukünftigen Verhandlungen einen Rahmen geben zu wollen. Das Problem im Agrarbereich,
nicht aber in den anderen 14 Bereichen ist, daß es
keinen vereinbarten Rahmen für die Verhandlungen
gibt. Es ist absolut unerläßlich, daß wir in den Bereichen Exportsubventionen, Stützmaßnahmen im Inland und Schutz der Grenzen Verhandlungen führen.
Auch die anderen Vorsitzenden haben meiner Meinung nach wertvolle Beiträge geleistet. Die schwedische Vorsitzende Gradin war Leiterin der TRIMsGruppe und ich glaube, sie ist bei ihren bi- und multilateralen Gesprächen auf größere Unterstützung für
TRIMs und geringere Meinungsverschiedenheiten
gestoßen. Dasselbe gilt für handelsbezogenes geistiges Eigentum (TRIPs).
Frage: (unverständlich)
Yeutter: Ich befürworte Marktaufteilung in keiner
Weise. Das läuft meiner eigenen Wirtschaftsphilosophie und der Präsident Bushs sowie den Grundregeln
des GATT und der Uruguay-Runde zuwider. Nichts
dergleichen ist in irgendeinem der Verhandlungsvorschläge, die ich gesehen habe, enthalten, und ich
bezweifle, daß es in Zukunft erwogen wird. Es ist
unabdingbar, daß wir bei Exportsubventionen extreme
Disziplinen greifen lassen. Das ist der Kern der Sache.
Es geht nicht um die Höhe des Geldes, das jeder von
uns für Exportsubventionen ausgibt, denn diese variieren je nach Marktlage, verfügbarem Angebot, der
Nachfrage und einer ganzen Reihe anderer Faktoren.
Das Problem bei Exportsubventionen ist die Größenordnung, in der Produkte auf den Weltmarkt geworfen
werden und damit die Marktlage verzerren und stören.
Wir müssen also anfangen, das Volumen subventionierter Produkte zu verringern, die von den jeweiligen
Nationen durch unterschiedliche Mechanismen auf
den Markt gebracht werden. Volumendisziplinen sind
entscheidend, es besteht jedoch überhaupt keine
Notwendigkeit, sie in eine Vereinbarung bezüglich
Marktaufteilung münden zu lassen. Tatsächlich wird
genau das Gegenteil der Fall sein, wenn diese Disziplinen greifen. Immer mehr der auf den Weltmarkt
gebrachten Produkte werden auf der Grundlage freien
und offenen Handels bewegt, und dies ist genau das
Gegenteil von Marktaufteilung.
Frage: Wie sind die Aussichten für das amerikanische
Exporterweiterungsprogramm angesichts der Tatsache, daß das Patt im Agrarsektor anhält und sehen Sie
für die kommenden Monate und Jahre Agrarhandelskriege voraus?
Yeutter: Meines Erachtens sollte keiner von uns im
Anschluß an Brüssel oder zu irgendeinem anderen
Zeitpunkt mit Handelskriegen drohen. Mir scheint, der
internationale Handel ist für alle von uns zu wichtig, um
dies geschehen zu lassen.

AMERIKA DIENST 49

�Gleichzeitig müssen wir der Tatsache Rechnung tragen, daß wir uns heute aufgrund einiger verzerrender
Kriterien der Handelspolitik verschiedener Nationen,
die wir heute morgen erörtert haben, beim Agrarhandel
in einem äußerst kontroversen Umfeld bewegen. Mit
anderen Worten, im Agrarbereich ist das System defekt und muß repariert werden. Und bis es repariert ist,
wird dies ein kontroverses und umstrittenes Thema
bleiben. Das ist genau das, womit sich dieser Aspekt
der Uruguay-Runde befaßt. Aus diesem Grund wird
dem Agrarbereich in der Uruguay-Runde ein so hoher
Stellenwert beigemessen, und aus diesem Grund
müssen wir letztlich ein Abkommen erzielen. Wie ich
bereits gesagt habe, sollten wir die Verhandlungen
nicht aufgeben, und wenn wir in absehbarer Zukunft
Fortschritte und ein erfolgreiches Abkommen erzielen,
wird die von Ihnen gestellte Frage irrelevant. Wenn
nicht, werden wir natürlich weiterhin in dieser Situation
großen Belastungen ausgesetzt sein. Ich habe bei
meinen Reisen durch Europa häufig den Eindruck
gewonnen, daß große Sorge besteht, erfolgreiche
Argrarverhandlungen würden der europäischen Landwirtschaft einen enormen politischen und wirtschaftlichen Preis abverlangen. Ich bin fest davon überzeugt,
daß ein Scheitern der Agrarverhandlungen einen noch
höheren Preis fordern wird, und das sollte in dieser
Woche hier in Brüssel deutlich geworden sein. Wir
hoffen also, daß dies im Laufe der Zeit eine geänderte
Einstellung bewirken wird.
Frage: Mr. Mac Sharry und Mr. Andriessen haben
erklärt, die Erwartungen der Vereinigten Staaten und
anderer Länder seien viel zu hoch, und die Verhandlungen gingen um Geben und Nehmen, davon sei in
dieser Woche jedoch von Ihrer Seite nichts zu spüren
gewesen.
Hills: Meines Erachtens waren unsere Positionen seit
einigen Wochen flexibel und konstruktiv. Sie von der
Presse und unsere Kollegen bei der Brüsseler Sitzung
haben in der Tat geänderte Positionen bei einer ganzen Bandbreite von Themen festgestellt. Mr. Mac
Sherry und Mr. Andriessen verwechseln wohl das
Problem, daß wir einen Vorschlag für eine tiefgreifende Reform unterbreitet haben, der sich mit Exportsubventionen befaßt. Sie haben auf diesen Vorschlag

* *

AMERIKA DIENST 49

nicht reagiert. Sie haben uns mitgeteilt, sie hätten im
Hinblick auf Exportsubventionen kein Verhandlungsmandat. Praktisch jede Nation der Welt glaubt, die
Exportsubventionen müßten abgebaut werden, oder
es gibt keine durchgreifende Reform der Landwirtschaft. Und ohne eine grundlegende Reform der
Landwirtschaft werden diese die Mehrheit bildende
Nationen nicht konstruktiv über andere Themen verhandeln. Der Schlüssel für unseren jeweiligen Erfolg
- den von Mr. Andriessen und unseren Erfolg - liegt
daher in einer tiefgreifenden Reform der Landwirtschaft, die Verhandlungen über Exportsubventionen
erfordert.
Frage: (unverständlich)
Hills: Wir haben einen unseres Erachtens absolut
soliden Vorschlag unterbreitet. Der Vorsitzende der
Agrargruppe in Genf hat einen Vorschlag eingebracht,
der unserm Vorschlag bis zu einem gewissen Grad
folgt. Zumindest behandelt er Exportsubventionen.
Der Vorsitzende Hellstrom hat gestern abend einen
Vorschlag unterbreitet - ein Arbeitspapier - der in vieler
Hinsicht von unsererm Vorschlag abweicht, jedoch im
Hinblick auf Exportsubventionen eine tiefgreifende
Reform fordert. Unserer Meinung nach ist die Feststellung realistisch, daß sich die Europäische Gemeinschaft mit Exportsubventionen befassen muß. Aufgrund von Protektionismus im Agrarbereich verschwenden die wohlhabenden Nationen 250 Milliarden Dollar
pro Jahr und entziehen den Entwicklungsländern damit
Marktchancen, was wiederum wirtschaftliche Verluste
für sie zur Folge hat und vielleicht Instabilität sät. Aus
dieem Grund müssen wir dieses Thema ansprechen.
Ich denke, unsere Erwartungen sind realistisch, und
die Frage lautet: "Reicht der politische Wille unserer
Verhandlungspartner in Europa aus, um sich mit dieser höchst augenfälligen Notwendigkeit auseinanderzusetzen?"
Yeutter: Ich möchte dem nur einen Satz hinzufügen.
Ich möchte darauf verweisen, daß die Europäische
Gemeinschaft bisher keine definitiven Disziplinen zu
Exportsubventionen für auch nur eine Tonne oder ein
Pfund irgendeines Produkts angeboten hat. Unseres
Erachtens deutet dies wohl kaum auf Reformwillen hin.

* *

*

Seite 7

�MENSCHENRECHTE
12. Dezember 1990

SCHIFTER: DEMOKRATIE IM AUFWIND
Rede zum Tag der Menschenrechte
WASHINGTON - (AD) - Dem Abteilungsleiter für Menschenrechte und humanitäre Angelegenheiten im
amerikanischen Außenministerium zufolge befindet sich die Demokratie trotz einiger Rückschläge im Bereich
der Menschenrechte weltweit seit dem vergangenen Jahr "im Aufwind".
In seiner Rede bei einer Konferenz des US-Außenministeriums zum Tag der Menschenrechte am 10. Dezember
1990 würdigte Schifter den Fortschritt in Osteuropa bis zu den beispiellosen von der sowjetischen Führung
unternommenen Schritten, ihren Staatsbürgern "die Chance, sich in einem völlig neuen Klima der Meinungsfreiheit zu bestätigen", zu gewähren.
Schifter erklärte, auch in Chile, Nicaragua und Benin hätten positive Veränderungen stattgefunden, und in
Südafrika "werden echte Fortschritte bei der Beendigung der Apartheid erzielt".
Nachfolgend veröffentlichen wir Schifters Ansprache im Wortlaut.

In seinen Jahren als Abgeordneter des District of
Columbia war Richter Skelly Wright für seine unbeugsame Haltung bei der Bekämpfung von Rassendiskrimierung und Rassentrennung bekannt. Er war aus
Louisiana hierher gekommen, wo er zunächst Befürworter der Rassentrennung gewesen war. Auf die
Frage, wie er zum Verfechter gleicher Rechte für
Schwarze und Weiße geworden sei, deutete Richter
Wright auf seinen Kopf und erwiderte: "Hier oben hat
es eines Tages einfach 'klick' gemacht."

machte der Präsident der Sowjetunion folgende Aussage über die Entwicklungen in seinem Land: "Es ist
allgemein anerkannt, daß der historische Wandel in
der Sowjetunion eine der tiefgreifendsten Veränderungen in der Welt darstellt, einen Wandel von Totalitarismus zu Freiheit und Demokratie, vom bürokratischen
Kommandosystem zu Rechtsstaatlichkeit und politischem Pluralismus, vom wirtschaftlichen Staatsmonopol zu gerechter Verteilung von Besitz und Marktbeziehungen..."

In den vergangenen 35 Jahren hat es bei ziemlich
vielen Amerikanern beim Thema Gleichberechtigung
'geklickt'. Rückblickend ist Richter Wrights einfache
Erklärung einleuchtend. War sein Land nicht auf das
Prinzip gegründet worden, daß alle Menschen gleich
sind? Und stellten nicht Sklaverei und Rassendiskriminierung einen eklatanten Verstoß gegen dieses fundamentale Gebot dar? Der Wandel, der sich in unserem
Land in der letzten Generation vollzogen hat, zielte
darauf ab, unsere Praktiken mit unserer in der Unabhängigkeitserklärung verankerten grundlegenden
Verpflichtung in Einklang zu bringen.

Diese Charakterisierung des in der Sowjetunion vollzogenen Wandels ist keine leere Rhetorik. Die Worte
Präsident Gorbatschows beschreiben zutreffend und
präzise den massiven politischen Umbruch in der
Sowjetunion der letzten Jahre, einen Umbruch, der
das Ende des von Lenin geschaffenen Einparteiensystems herbeigeführt hat.

Als wir im letzten Jahr zusammenkamen, war Rumänien noch eine totalitäre Diktatur. Heute ist Albanien
das einzige europäische Land, das noch dem Leninismus anhängt. Beim jüngsten Pariser Gipfeltreffen
AMERIKA DIENST 49

Anhänger des Leninismus zu sein, war nicht leicht. Es
bedeutete die Akzeptanz eines komplexen Gefüges
von Überzeugungen. Es bedurfte mehr als eines
einfachen 'Klicks' in den Köpfen der Menschen, um
diesen Übergang zu vollziehen. Vielleicht bedurfte es
einer Vielzahl von 'Klicks' - aber zumindest fand dieser
'Klick' statt. Wie Präsident Gorbatschow zu Recht
feststellte, ist die Welt nicht mehr das, was sie noch vor
zwei Jahren war.
Seite 1

�Vor vierzig Jahren gaben sechs renommierte Schriftsteller - Arthur Koestler, Andre Gide, Ignazio Silone,
Louis Fischer, Richard Wright und Stephen Spender einen Band von Essays heraus, in dem sie ihre Gründe
dafür darlegten, warum sie ihrer Überzeugung oder
ihrer Sympathie für den Kommunismus abgeschworen
hatten. Das Buch trug den Titel "The God That Failed".

erhebliche Bewegung im Sinne der Demokratie statt.
In Südafrika werden echte Fortschritte bei der Beendigung der Apartheid erzielt, die, wie wir hoffen, zu einem
demokratischen Vielparteienstaat ohne Rassenschranken führen werden. Und in Asien vollzog sich eine
Entwicklung zur Demokratie in der Mongolei und in
Nepal.

In den siebziger und achtziger Jahren folgten Millionen
in Osteuropa diesen Vorreitern eines früheren Zeitalters. Diejenigen, die in jüngster Zeit ihre Ansichten
geändert haben, waren von den gleichen Gründen,
den gleichen Denkprozessen beeinflußt wie die Autoren von "The God That Failed" bei ihrer Abkehr von
leninistischer Überzeugung oderSympathisantentum.
Aber dieses Mal gab es einen Unterschied. Die
Menschen, die in jüngster Zeit ihre Ansicht änderten,
waren keine einzelnen Literaten am Rande der internationalen kommunistischen Bewegung. Die Menschen,
die dieses Mal ihre Sichtweise änderten, waren die
Menschen im Herzen der Bewegung. In diesem
Zusammenhang hat Margot Honecker angeblich zu
ihrem Mann gesagt: "Wer hätte gedacht, daß die
Konterrevolution in Moskau beginnen würde?"

Das soll nicht heißen, daß es nicht auch Rückschläge
gegeben hat, denn wir haben das Ende der Geschichte
noch nicht erreicht. Über das Problem repressiver
staatlicher Maßnahmen hinaus erleben wir heute in
vielen Teilen der Welt die Unmenschlichkeit des
Menschen gegenüber anderen Menschen in Zusammenhang mit Konflikten zwischen einzelnen Volksgruppen. Unsere Länderberichte zu den Menschenrechten, die in etwa 60 Tagen veröffentlicht werden,
werden zahlreiche ernste und andauernde Probleme
im Bereich der Menschenrechte aufführen.

Wenn wir über das heutige Europa nachdenken, müssen
wir in erster Linie derjenigen gedenken, die in den
Jahren der Unterdrückung den Mut besaßen, für die
Sache der Freiheit zu sprechen und damit ihre Einkerkerung, die Einweisung in psychiatrische Anstalten
oder sogar ihr Leben riskierten.
Wir können jedoch die Tatsache nicht außer acht
lassen, daß im Jahr 1989 und seither noch ein anderer
Faktor zum Tragen kam, ein Faktor, der diesen Umbruch um den Preis eines Minimums an Menschenleben ermöglichte. Es war der grundlegende Wandel,
auf den sich Präsident Gorbatschow in seiner Pariser
Rede bezog. Für die von der sowjetischen Führung in
den vergangenen Jahren ergriffenen Maßnahmen
scheint es keinen Präzedenzfall zu geben. Nachdem
sie absolute Macht ererbt hatten, traten Präsident
Gorbatschow und seine Berater diese freiwillig und
bewu ßt ab und gaben dem Volk die Möglichkeit, seinen
Einfluß in einer völlig neuen Atmosphäre der Redefreiheit geltend zu machen.
Die Hinwendung zu einer offenen, demokratischen
Gesellschaft fand nicht nur auf einem Kontinent, in
Europa, statt. Auch andernorts ist die Demokratie im
Aufwind. In der westlichen Hemisphäre sind wir 1990
Zeugen der Einführung einer demokratisch gewählten
Regierung in Chile sowie des Wahlsiegs der demokratischen Kräfte in Nicaragua geworden. In anderen
lateinamerikanischen Staaten hat der friedliche Wechsel von einer demokratischen Regierung zur nächsten
bewiesen, daß die demokratischen Fortschritte der
vergangenen Jahre konsolidiert werden.
Darüber hinaus hat in Benin eine demokratische
Regierung ihr Amt angetreten, und in ganz Afrika fand

Seite 2

Heute möchten wir uns jedoch dem positiven Aspekt,
dem Triumph der Sache der Freiheit in so vielen Teilen
der Welt zuwenden.
Was hat den Dissidenten in Osteuropa die Kühnheit
verliehen, öffentlich Stellung zu beziehen ? Was hat die
sowjetische Führung dazu veranlaßt, seit langem
bestehende Doktrinen und Praktiken zu überdenken?
Was bewirkte den Umschwung zur Demokratie in
Benin und in der Mongolei? Ein wichtiger Faktor bei
der Beantwortung der ersten Frage war zweifelsohne
der unauslöschliche Freiheitsdrang des Menschen.
Die Antwort auf die zweite Frage lautet, daß die
sowjetische Führung jenen Instinkt anerkannte und
begrüßte.
Und nun zur Antwort auf die dritte Frage. In diesem
Zeitalter der grenzüberschreitenden Kommunikation
erreichten Gedanken und Ideen aus dem Westen den
Osten und andere Teile der Welt mit zunehmender
Häufigkeit. Sie erreichten den Mann auf der Straße,
aber auch die herrschenden Eliten, und sie beeinflußten beide.
Es wäre unnötige und unangebrachte Bescheidenheit,
wenn ich an dieser Stelle unerwähnt ließe, daß es die
Vereinigten Staaten waren, die bei diesen Bemühungen die führende Rolle spielten. Der Einsatz für die
Sache der Freiheit ist bei uns eine seit langem bestehende Tradition. Unsere Unabhängigkeitserklärung
versuchte - wie ich vorhin bereits sagte - die allgemeine
Wahrheit zu formulieren, wonach "alle Menschen gleich
geschaffen sind". Wir haben unsere Bill of Rights seit
jeher als Vorbild betrachtet, dem alle Regierungen bei
ihrem Verhalten gegenüber ihren Bürgern nacheifern
sollten. Wir haben ausländische Regierungen weniger
nach ihrer Haltung gegenüber den Vereinigten Staaten
sondern nach ihrer Behandlung ihrer eigenen Staatsbürger beurteilt. Unsere Betrachtungsweise ausländischer Regierungen im Licht ihrer Maßnahmen gegenüber ihren eigenen Bürgern hat sich - obwohl auf

AMERIKA DIENST 49

�Idealismus gegründet - als äußerst praktisch erwiesen. Die Geschichte hat immer wieder gezeigt, daß
eine Regierung, die für ihre eigene Bevölkerung eine
Bedrohung darstellt, letztlich zur Bedrohung für ihre
Nachbarn wird. Die Regierung Saddam Husseins, die
seit vielen Jahren wahllos ihre eigenen Staatsbürger,
seien sie Araber oder Kurden, Schiiten oder Sunniten,
ermordet, ist lediglich das jüngste Beispiel für die
Gültigkeit dieser Behauptung.
Es nimmt nicht wunder, daß es nach Gründung der
Vereinigten Staaten eine Amerikanerin - Eleanor
Roosevelt - war, die die Kampagne für die Verabschie-

*

AMERIKA DIENST 49

*

düng der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte
anführte. Ferner ist es auch nicht überraschend, daß
diese Erklärung eine enge Verwandtschaft mit der Bill
of Rights und anderen Prinzipien aufweist, die in
unserer Verfassung, unseren Grundgesetzen verankert sind. Es ist deshalb besonders passend und
angemessen, daß wir bei dieser Gelegenheit, dem 42.
Jahrestag der Verabschiedung der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte, auch des Beginns der
Zweihundertjahrfeier unserer Bill of Rights gedenken
und dabei die Ehre haben, den Obersten Richter
Burger in unserer Mitte zu wissen.

*

*

Seite 3

�</text>
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und
Dokumentation
International Communication Agency
Embassy of the United States of America

13. Januar 1982
• .

I N H A L T

DOKUMENTATION
Polen und die Zukunft Europas
- Rede des US-Außenministers vor der Internationalen Presse
in Brüssel Haig-Pressekonferenz zum Besuch von Bundeskanzler Schmidt
- Wortlaut -

INFORMATION
Walter J. Stoessel, Jr. wird Stellvertretender Außenminister

HINTERGRUNDMATERIAL
Dokumentation der sowjetischen Einmischung in Polen

WISSENSCHAFT UND TECHNIK
Mesquit - der Vielzweckstrauch aus der Wüste
- Quelle für Nahrung, Stickstoffdünger und Energie

Um Übcf/cnJung von
ßclcgcxcmplorcn
wird gebeten

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.: 0228-339 22 40
Telex: 08-85432

�mIERlIKt\
1Dl El ST3

Dokumentation
International Communication Agency
Embassy of the United States of America

13,Januar 1982

POLEN UND DIE ZUKUNFT EUROPAS
- Rede des US-Außenministers vor der Internationalen Presse in Brüssel -

BRÜSSEL - (AD) - Der amerikanische Außenminister Alexander M. Haig, Jr.
hat am 12. Januar 1981 vor der internationalen Presse in Brüssel noch einmal
die Haltung der Vereinigten Staaten in der Polenkrise erläutert. Die Rede
hat folgenden Wortlaut:
Der Anfang eines neuen Jahres ist immer ein Augenblick der Besinnung und
des Vorsatzes. Wenn wir im Westen über unsere Gesellschaften nachdenken und
uns vornehmen, sie zu verbessern, dann sollten wir uns an die Grundsätze erinnern, die unsere Regierungen, unser Recht und unser Verhalten gegenüber anderen tragen. Unsere Idee einer gerechten Gemeinschaft ist auf der Achtung vor
den Rechten des einzelnen gegründet, einschließlich der Redefreiheit, der Freiheit der Wahl und der Versammlungsfreiheit.
Wir glauben

Postfach 20 03 00 Tel.: 0228-339 22 40
D 5300 Bonn 2
Telex: 08-85432

�Wir glauben an die Rechte freier Menschen, die schöpferische Kraft der
Zivilisation zum Tragen zu bringen. Kunst, Wissenschaft und Technologie des
Westens gedeihen, weil schöpferische Talente sich ungehindert entfalten können. Und unsere gewaltige materielle Fülle entspringt den kooperativen Anstrengungen freier Männer und Frauen, die zusammenarbeiten.
Ein Weiser des Altertums schrieb einst, daß "Geschichte aus Beispielen
gewonnene Philosophie ist". Die Philosophie der Freiheit, die die Gemeinschaft
der westlichen Nationen vereint, ist ein immer wiederkehrendes Thema der europäischen Geschichte. Bereits in diesem Jahrzehnt hat Polen - eine Nation,in
Tausend Jahren europäischer Kultur groß geworden - uns ein Beispiel der Verbindung von Freiheit und schöpferischem Geist geliefert. Das polnische Volk
strebte nach der Würde des Arbeitsplatzes durch freien Zusammenschluß in ihrer Gewerkschaft Solidarität, um mit seinen wachsenden wirtschaftlichen Problemen fertig zu werden. Solche Würde bedeutet vor allem Achtung vor dem einzelnen, seinen Talenten und seinem Recht auf eine gerechte Entlohnung für
seine Arbeit.
Das polnische Streben nach Reform war eine friedliche Bewegung. Die Solidarität achtete sowohl die geographische Lage Polens als auch die Gebote des
sozialen Fortschritts. Dieses Beispiel friedlichen Wandels auf dem am schwersten bewaffneten Kontinent der Welt, hätte sicherlich zu einer legitimeren
und sichereren internationalen Ordnung beigetragen.
Nach 18 Monaten der Leistung wird die Solidarität jetzt gewaltsam unterdrückt. In einer grotesken Parodie ihrer eigenen Propaganda wenden jetzt die
kommunistischen Behörden die Polizeimacht des Staates an, um genau die Arbeiter zu unterdrücken, die zu schützen sie verpflichtet sind, überall hat sich
Furcht verbreitet. Tausende sind in Gefängnissen, zehntausende werden gezwungen, ihr Gewissen zu beugen, eine Praxis, die seine Heiligkeit der Papst
als "den schmerzlichsten Schlag gegen die Menschenwürde" bezeichnet hat. Wieder einmal kündigt das Klopfen an der Tür das Eintreffen der Geheimpolizei an.
Polen heute ist ein Beispiel des historischen Versagens des Kommunismus

- 2 -

�Kommunismus sowjetischer Prägung, sowohl Brot oder Freiheit zu bringen.
Polens Zukunft ist heute in der Schwebe. Wird es dort Reform oder Reaktion geben; eine Erneuerung der Hoffnung oder eine Vertiefung der Verzweiflung?

Diese Frage geht nicht nur Polen allein an. Schiller schrieb einst,

"die Weltgeschichte ist das Weltgericht".

Die geschichtlichen Ereignisse

in Polen mit ihren weitreichenden Auswirkungen verlangen ein Urteil des Westens.
Wir dürfen unser Urteil nicht durch vier Märchen über Polen verwirren
lassen: Erstens, daß die Solidarität durch übertriebene Ambitionen ihre eigene
Unterdrückung herbeigeführt habe; zweitens, daß die Sowjetunion in Polen nicht
interveniert habe und daher nicht verantwortlich sei; drittens, daß die Machthaber Polens aus begrüßenswerten nationalen Überlegungen handelten; und viertens, daß der Westen nichts tun könne und sollte, weil das., was in Polen vorgehe, eine strikt interne Angelegenheit sei. Jede dieser Behauptungen wird
durch die Wirklichkeit widerlegt.
Das erste Märchen ist, daß die Brutalität, die am 13. Dezember begann,
durch die Exzesse der Solidarität selbst provoziert worden sei. Die Wirklichkeit sah anders aus. Monate vor der plötzlichen Verhängung des Kriegsrechts
arbeitete die Solidarität unermüdlich daran, um Streiks Einhalt zu gebieten
und ein Chaos zu verhindern. Lech Walesa reiste von Stadt zu Stadt, von Fabrik
zu Fabrik, und rief die Menschen auf, an ihren Arbeitsplatz zurückzukehren.
Sein Appell wurde gehört. Nach März 1981 haben die Streiks in Polen niemals
mehr als einen kleinen Teil der arbeitenden Bevölkerung erfaßt. Nach August
1981 haben die eigenen Statistiken der polnischen Regierung eine steigende
Produktion verzeichnet.
Das Streben der Solidarität nach Stabilität wurde nicht entsprechend
honoriert.

Die Regierung Jaruzelski hatte einen anderen Kurs geplant. Ihr

einziger Beitrag zu der Forderung nach einem nationalen Dialog war die Einführung eines Gesetzes, das Streiks verbot und damit die Konfrontation unaus-

- 3 -

�Konfrontation unausweichlich machte.
Der Kontrast zwischen den Opfern und den Verschwörern könnte nicht größer sein. Die Führer der Solidarität, die einen freien Zusammenschluß von
freien Arbeitern repräsentierten,auf der einen Seite wurden praktisch intakt
in einem einzigen Gebäude gefangengenommen. Auf der anderen Seite war eine
Regierung, die vorgibt, die Arbeiter zu schützen, so gut auf die Verhängung
des Kriegsrecht vorbereitet, daß ihre Pläne in der Sowjetunion selbst genau
richtig als

"brillant angezettelt" bezeichnet wurden.

Das zweite Märchen ist, daß die Sowjetunion in Polen nicht interveniert
habe und deshalb nicht verantwortlich gemacht werden könne. Die Wirklichkeit
sah anders aus. Nach August 1980 war Polen einer ständigen Kampagne und dem
Druck, der Drohung und der Einschüchterung seitens Moskaus ausgesetzt - einschließlich militärischer Manöver. Alle diese Maßnahmen waren ausdrücklich
darauf ausgerichtet, dem Prozeß der Reform Einhalt zu gebieten.
Die geheimen Vorbereitungen waren sogar noch übler. Es ist bekannt, daß
die Sowjets bereits im März vorigen Jahres sich für die Verhängung des Kriegsrechts aussprachen und bereits im September die Anschläge für das Kriegsrecht
selbst in der Sowjetunion gedruckt wurden. Der Befehlshaber der Streitkräfte
des Warschauer Paktes, ein sowjetischer Marschall, befand sich vor und während dieser Verhängung des Kriegsrechtes in Polen.
Kann jemand ernsthaft über die Rolle der Sowjets überrascht sein? Haben wir frühere Episoden in Polen, Ostdeutschland, Ungarn und der Tschechoslowakei vergessen? Die Anwendung von Gewalt in einem landesweiten Ausmaß
gegen das polnische Volk heute findet nur statt, weil die Sowjetunion dazu n
angestiftet hat, und sie unterstützt und ermutigt.
Das dritte Märchen ist, daß wir einen polnischen Versuch erlebten, Recht
und Ordnung herzustellen in der Hoffnung, einer sonst unausweichlichen sowjetischen militärischen Intervention zuvorzukommen. Es ist in grausamer

- 4 -

�in grausamer Weise paradox, wenn man uns glauben machen will, daß das Kriegsrecht, wie die Solidarität selbst, ein rein nationales Phänomen sei, das einer
hohen nationalen Zielsetzung diene, und daß deshalb daraus folgere, daß wir irgendwie bereit sein müßten, das, was in Polen heute geschieht, zu akzeptieren,
weil es das geringere Übel sei.
Die Wirklichkeit sieht anders aus. Was auch immer die Motivation sein mag,
so unterdrückt ein sowjetisch ausgebildetes Militär sein eigenes Volk unter dem
Zwang der Sowjetunion. Wie die polnischen Bischöfe es ausgedrückt haben: "Unser
Leiden ist das der ganzen Nation, die durch militärische Macht terrorisiert wird."
Der Verlust der Freiheit wird in Polen nicht weniger hart verspürt, weil
ein polnischer General statt eines sowjetischen Generals den Befehl führt.
Das vierte Märchen ist, daß die Mißgeschicke Polens eine rein innere Angelegenheit seien und daß der Westen kein Recht habe, die Situation zu beurteilen
oder irgendeine Maßnahme zu treffen, die sich auf sie auswirken könnte. Die
Wirklichkeit sieht anders aus. Die Sowjetunion und Polen haben beide die Schlußakte von Helsinki von 1975 unterzeichnet. Alle Signatarstaaten wurden verpflichtet, Bedingungen der Freiheit und Vielfalt zu fördern und dadurch unsere Völker zu ermutigen, die Probleme zu lösen, die Europa spalten. Die in Helsinki
aufgestellten Normen der Freiheit und Vielfalt sind verletzt worden. Der in
Helsinki eingeleitete Prozeß ist in Frage gestellt worden. Wir haben sowohl ein
Recht als auch die Pflicht, auf diese Gefahr hinzuweisen.
Jahrhunderte lang haben die Polen die Bitternis der Aggression erfahren.
Auf Drängen, mit der Hilfe und mit der Förderung der Sowjetunion findet heute
die Unterdrückung des Strebens Polens nach sozialer Gerechtigkeit statt. Wieder
einmal bestimmt das Diktat einer fremden Macht das Geschick der polnischen Gesellschaft.
Die Menschen in Polen blicken jetzt auf den Westen. Wir müssen ihnen den
klaren und eindeutigen Beweis unserer Unterstützung liefern. Aber unsere Politik

- 5 -

�unsere Politik muß praktisch sein und auch die polnischen und sowjetischen
Realitäten in Rechnung stellen. Wir wollen echten Fortschritt, nicht nur leere Gebärden.
Mein Präsident und andere westliche Führer haben aus diesem Grund klargestellt, daß wir ein Ende des Kriegsrechts und der Unterdrückung, die Befreiung der politischen Gefangenen und die Wiederherstellung der in der Schlußakte
von Helsinki zugesagten Rechte anstreben, die die Unabhängigkeit der Gewerkschaftsbewegung und der Kirche schützen.

Nur auf diese Weise kann wieder

die Grundlage für Versöhnung innerhalb der polnischen Gesellschaft auf dem
Verhandlungsweg geschaffen werden.
Das Ergebnis solcher Verhandlungen ist eine Angelegenheit des polnischen
Volkes.

Nichtsdestoweniger müssen wir gemäß der Übereinkommen von Helsinki

dem äußeren und inneren Druck entgegenwirken, der die Versöhnung und die Reformen verhindert, die von den polnischen Bürgern so dringlich gewünscht werden.
Dies alles sind realistische Zielsetzungen, gegründet auf die Lage in
Polen und auf die Ost-West-Beziehungen. Der Wunsch nach Würde am Arbeitsplatz, wie er von der Solidarität versinnbildlicht wird, kann nicht ausgerottet werden. Die brutale Unterdrückung der ersten freien Gewerkschaft in
Polen hat in der ganzen polnischen Gesellschaft die höchste Entrüstung hervorgerufen. Es gibt Widerstand.
Die polnische Volkswirtschaft kann nicht ohne die Mitarbeit des polnischen Arbeiters wiederbelebt werden, auf dem die Hauptlast der Unterdrückung
ruht. Und die wachsenden Probleme Polens können nicht allein gelöst werden.
Die polnische Regierung sollte von uns keine Hilfe erwarten, solange die Unterdrückung andauert. Auch Moskau können die Vorteile der Zurückhaltung deutlich
gemacht werden. Weder die Übernahme der polnischen Wirtschaftslasten noch
eine militärische Intervention sind leichte Entscheidungen für eine Sowjetunion, die solche Probleme wie eine sich abschwächende Volkswirtschaft und
einen Krieg in Afghanistan mit sich herumträgt. Es ist deutlich, daß Moskau

- 6 -

�daß Moskau wirtschaftliche und andere Elemente der Zusammenarbeit mit dem
Westen aufrechterhalten will.
Kluge westliche Führung kann dabei helfen, ein größeres Maß an Mäßigung
in Polen zu erzielen, damit der notwendige Reformprozeß fortgesetzt werden
kann. Angesichts dessen hat Präsident Reagan ernsthafte Schritte unternommen, um sowohl die polnische als auch die sowjetische Regierung von unseren
Besorgnissen wissen zu lassen.

Er hat sich zudem weitere Maßnahmen vorbe-

halten, in der Hoffnung, dadurch vor weiterer Unterdrückung und sowjetischer
Intervention abzuschrecken.
- Bis zu weiterem Fortschritt werden dem polnischen Regime jegliche
künftigen Kredite sowie Hilfe von Regierung zu Regierung verwehrt. Gleichzeitig allerdings werden die Vereinigten Staaten auch weiterhin Nahrungsmittel, Arzneimittel und andere humanitäre Hilfe durch Privatorganisationen und
auf anderem Wege bereitstellen, damit eine Auslieferung an das polnische Volk
und nicht an das Regime gesichert wird.

Der Präsident hat außerdem erklärt,

daß wir bereit sind, beträchtliche weitere Hilfe zu leisten, wenn der Weg
der Versöhnung und der Reform gewählt und verfolgt wird - natürlich mit wirksamen Maßnahmen und nicht nur durch leere Gesten, um den Westen zu täuschen.
- Präsident Reagan hat Präsident Breschnew unsere grundlegenden Bedenken
zur Kenntnis gebracht; die Antwort war negativ. Deshalb haben die Vereinigten
Staaten eine Reihe von Maßnahmen ergriffen - hauptsächlich im wirtschaftlichen
Bereich -, die zum Nachteil der Sowjetunion sind. Der Präsident ist bereit,
falls nötig, noch weiter zu gehen. Gleichzeitig wurde Moskau über unseren
Wunsch informiert, einen konstruktiveren Weg einzuschlagen, wenn die Sowjetunion zu Gleichem bereit ist.
Die Vereinigten Staaten stehen nicht allein. Gestern verurteilte der
Nordatlantikrat die Entwicklung in Polen.

In einer ministeriellen Sonder-

erklärung wurde klargestellt, daß sowohl die Sowjetunion als auch die polnische Regierung die Schlußakte von Helsinki und andere internationale Maßstäbe verletzt haben.

Die Verbündeten ließen keinen Zweifel daran, daß die
- 7 -

�daß die Unterdrückung in Polen die Grundlagen des West-Ost-Fortschrittes
untergräbt.
Die Vereinigten Staaten und ihre Partner haben erklärt, daß die derzeitige
Situation in Polen ihre Wirtschaftsbeziehungen sowohl mit Polen als auch mit
der Sowjetunion beeinflussen muß.

Sie betonten die Bedeutung der bereits von

Präsident Reagan angekündigten Maßnahmen.

In diesem Geist beschlossen die

Mitglieder des Rates, die Wirkung der Maßnahmen gegenseitig nicht zu untergraben.

Und sie kamen überein, zum Zweck der Aktion auf breiter Front ange-

messene nationale Möglichkeiten ausfindig zu machen - einschließlich einer
Prüfung des Kurses künftiger wirtschaftlicher und kommerzieller Beziehungen
zur Sowjetunion.
So ist deutlich, daß die Ereignisse in Polen über das tragische Geschick
dieses Landes hinaus Bedeutung haben.
der Stabilität in Europa.

Ein unterdrücktes Polen ist kein Faktor

Nur Respekt für international anerkannte Rechte

kann die Grundlage für nationale Versöhnung und Reform bilden, um Polen vor
einem Abgrund der Hoffnungslosigkeit zu retten.
Die Ereignisse in Polen haben wieder einmal einen Webfehler in der politischen Geographie des Ostens enthüllt. Wieder einmal ist eine Ideologie in
Verruf geraten. Die grundlegende Mißachtung individueller Rechte hat ein
elementares Versagen sozialer Kreativität mit sich gebracht. Der Versuch,
diese offenkundige Schwäche des Kommunismus sowjetischer Prägung durch Rückgriff auf Gewalt zu ignorieren, stellt im Nuklearzeitalter eine Quelle großer
Gefahr dar.
Die Reform im Osten steht

keineswegs im Widerspruch zu konstruktiven

Ost-West-Beziehungen, sondern ist vielmehr die Grundlage größerer Legitimität,
Stabilität und Sicherheit in ganz Europa.
Die Lage in Polen stellt aber auch eine Herausforderung an die Glaubwürdigkeit des Westens dar. Wir stehen vor einem Scheideweg. Wollen wir eine
Welt, gekennzeichnet durch wachsende Freiheit, Zusammenarbeit und Sicherheit
- 8 -

�und Sicherheit - oder wachsende Unterdrückung, Konfrontation und Furcht?
Werden wir freie Nationen erleben, deren Handeln zur größeren Freiheit und
zu größerem Frieden beiträgt, oder wird der internationale Wandel durch totalitäre Kräfte beherrscht werden?
Seit über einem Jahr hat das Bündnis erklärt, daß es ernsthafte Folgen haben würde, wenn die Sowjetunion interveniere, um einen völlig friedlichen Dialog in Polen in das Gegenteil zu verkehren.

Die sowjetische Ver-

antwortung für die gegenwärtigen Ereignisse ist klar. Würde der Westen
nicht handeln, dann würde dies nicht nur die Unterdrückung des polnischen Volkes fördern, sondern auch das Vertrauen in unsere Reaktionen auf künftige Ereignisse in Polen und anderswo in der Welt vermindern.

Stabile Beziehungen

zwischen Ost und West hängen von dem ab, was Bundeskanzler Schmidt "Berechenbarkeit" genannt hat.

Die Sowjets müssen wissen, daß es negative oder posi-

tive Konsequenzen geben kann - je nachdem, welches Verhalten sie an den Tag
legen.

Polen ist ein Testfall,und die europäische Geschichte lehrt, daß der

größte Fehler im Umgang mit schwer bewaffneten Aggressoren der ist, deren
Verletzungen internationaler Abkommen zu ignorieren und so zu tun, als wäre
nichts geschehen.
über das Schicksal Polens und über die Ost-West-Beziehungen hinaus müssen
wir uns letztlich fragen, was diese Entwicklungen für unsere Selbstachtung
bedeuten, wenn wir nicht gemeinsam reagieren. Der Westen wird oft beschuldigt, eine reine Ansammlung von Konsumgesellschaften zu sein. Sind wir so
übersättigt oder so eingeschüchtert, daß wir Angst haben, die Werte zu verteidigen, die unser Leben lebenswert machen?
Die Sowjetunion erklärt seit vielen Jahren, daß es keinen Widerspruch
gäbe zwischen dem Streben nach Entspannung und einem ideologischen Wettstreit.
Und Moskau hat immer die Verbreitung des Marxismus-Leninismus unterstützt.
Sind denn Freiheit und Demokratie kein Teil unserer Politik mehr? Bilden wir uns ein, daß wir den Frieden durch Schweigen und Untätigkeit erkaufen können? Polen sollte uns daran erinnern, daß im Kampf um den Geist der
- 9 -

�Geist der Menschen die besten Argumente auf unserer Seite sind.

Die Existenz

erfolgreicher demokratischer Industriestaaten im Westen ist eine überzeugende
Bloßstellung des Kommunismus sowjetischen Stils.

Unsere ständigen Fortschrit-

te bedeuten - bei all unseren Fehlern -, daß das sowjetische System weder nötig noch unausweichlich ist.
Schließlich wollte das polnische Volk nicht mehr als einen freien Zusammenschluß, die Würde der Arbeit und die Respektierung des einzelnen - Rechte, die wir im Westen manchmal schon für selbstverständlich halten.
Polen sollte uns auch veranlassen, unsere Vorstellungen von weltpolitischen Angelegenheiten zu ändern.

Seit über 60 Jahrei wurde jedes neue mar-

xistisch-leninistische Regime von einigen Leuten im Westen mit neuen Hoffnungen und Erwartungen begrüßt.

Wenn dann die Forderungen nach sozialer Gerech-

tigkeit und Freiheit, die solche Regime mit an die Macht gebracht hatten, unterdrückt wurden, setzte die Enttäuschung ein.

Es waren mehr als 20 Jahre

des Stalinismus nötig, bis viele Beobachter im Westen die Realität der Sowjetunion erkannten.

Es bedurfte nur eines Jahres nach der Machtübernahme Nord-

vietnams in Südvietnam

und in Kampuchea, um uns über dieses angeblich pro-

gressive Regime aufzuklären.

Wir erfahren immer noch mehr über diese Art des

Totalitarismus, da die Beweise für den Terror des gelben Regens in Südostasien und die sowjetische Komplizenschaft ständig wachsen.

Manche Leute be-

greifen immer noch nicht, was in Nicaragua geschieht und was in El Salvador
auf dem Spiele steht.
Die größte Gefahr für den Westen ist heute vielleicht die Tendenz, zwei
verschiedene Verhaltensmaßstäbe an den Osten und an den Westen anzulegen.
Wieviel kommunistische Unterdrückung, wieviele sowjetische Atomraketen, wieviele Beispiele wie Afghanistan und Polen es auch geben mag - manche Leute
möchten immer noch Druck auf den Westen ausüben, die Beziehungen mit der
Sowjetunion zu verbessern, statt von Moskau eine Mäßigung seines Verhaltens
zu verlangen.
Die Vernunft
- 10 -

�Die Vernunft unserer Bürger weist diese zweierlei Maßstäbe zurück.
Aber vor allem hat das Verbrechen gegen das polnische Volk die Arbeiter
der Welt empört.

Ein Staat, der sich angeblich auf die Arbeiterbewegung

stützt, unterdrückt aktiv eine Arbeiterbewegung, die zehn Millionen Menschen
zählt.

Der polnische Arbeiter ist das Ziel und das Opfer.

ist zum Schweigen gebracht worden.
liegen gebracht worden.

Seine Stimme

Seine produktiven Energien sind zum Er-

Seine Gewerkschaftsbewegung ist unterdrückt worden.

Seine gewählten Führer sind inhaftiert worden.

Seine Hoffnungen sind geop-

fert worden, weil sie nicht in die sowjetischen Pläne für eine Aufrechterhai tung der absoluten Kontrolle über die Länder Osteuropas passen.
Es ist daher nur angebracht, daß unsere Gewerkschaften zusammen mit den
Kirchen und den privaten Gruppen die Führung übernehmen, um das polnische
Volk am 30. Januar zu ehren.

Diese

Geste der Massensolidarität wird ein

wichtiger Ausdruck unserer moralischen Unterstützung sein.

Sie wird ferner

den Sowjets und ihren Freunden vor Augen führen, daß die Unterdrückung der
Menschenrechte nicht ignoriert wird.
Unterstützung ist genauso wichtig

Ein solcher Ausdruck der moralischen

wie eine Feier für die Freiheit.

Mein Land ist ein Kind der europäischen Kultur.

Das amerikanische Volk

teilt Ihre Empörung über das Niedertrampeln einer Nation im Herzen Europas,
weil es seine europäische Einstellung behauptet hat.

Wir können verschiedener

Meinung darüber sein, welche Ereignisse in der Welt von zentraler Bedeutung
für die Sicherheit des Bündnisses und welche peripher für seine Zielsetzungen sind - aber ohne Frage kann es keine Meinungsverschiedenheiten darüber
geben, daß die Ereignisse in Polen an den Kern des Gewissens des Bündnisses
rühren.
Wir haben mit einer Stimme über diese Ereignisse gesprochen. Gestern
haben wir einen klaren und einheitlichen Rahmen für Maßnahmen gelegt. Jetzt
müssen wir handeln.
Wenn wir
- 11 -

�Wenn wir keine Schritte ergreifen können, die mit unseren Worten übereinstimmen, was soll dann noch von unserer Selbstachtung bleiben und der
Achtung anderer für unsere Werte, unsere Rechte und unsere Zielsetzung?
Winston Churchill hat einmal festgestellt, daß "die Welt aufgeteilt ist
in Völker, denen die Regierungen zu eigen sind, und in Regierungen, denen die
Völker zu eigen sind." Polen fordert uns heraus, uns unserer Werte zu besinnen und für sie einzutreten.

Letzten Endes sind nur wir - die Völker der

Welt, denen die Regierungen zu eigen sind - die Garanten sowohl des Friedens
als auch der Freiheit.

- 12 -

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DlEl71

1 VI
V

Dokumcnlolion
International Communication Agency
Embassy of the United States of America

13. Januar 1982

HAIG-PRESSEKONFERENZ ZUM BESUCH VON BUNDESKANZLER SCHMIDT
- Wortlaut -

WASHINGTON - (AD) - Der amerikanische Außenminister Alexander Haig hat
auf einer Pressekonferenz am 6. Januar 1982 betont, Präsident Reagan und
Bundeskanzler Schmidt seien auf ihrem vorangegangenen Treffen zu einer
"gemeinsamen Beurteilung" der Ereignisse in Polen gelangt. Beide seien
sich darüber einig, daß die Sowjetunion eine "schwere Verantwortung" für
das habe, was sich heute in Polen abspiele.
Die Pressekonferenz des amerikanischen Außenministers, die dieser mit
einer Erklärung einleitete, hat folgenden Wortlaut:
Haig: Guten Morgen, meine Damen und Herren. Ich möchte diese Gelegenheit benutzen, um Ihnen einen uneingeschränkt zur Verfügung stehenden Überblick über den gerade abgeschlossenen Besuch von Bundeskanzler Schmidt mit
besonderem Nachdruck auf das Verhältnis dieses Besuches im Hinblick auf die
gegenwärtigen Ereignisse in Polen zu geben und diesen Besuch für Sie zusam-

Postfach 20 03 00 Tel.: 0228-339 22 40
D 5300 Bonn 2
Telex: 08-85432

�Sie zusammenzufassen und Ihre Fragen bezüglich der Lage in Polen, wie sie
sich heute zeigt, und damit zusammenhängender Ereignisse zu beantworten.
Erstens, ich glaube, es ist wichtig, daß wir erkennen, daß der Besuch
des Kanzlers, der vor der Polenkrise anberaumt wurde und der nach seinen
eigenen Ausführungen dazu dienen sollte, mit Präsident Reagan einen Meinungsaustausch über die internationale Wirtschaftslage zu führen, natürlich angesichts der Krise in Polen einen anderen Charakter annahm und daß
sich daher ein großer Teil der Gespräche zwischen den beiden Staatsmännern
auf die Lage Polens konzentrierte.
Zum Abschluß wurde gestern eine gemeinsame Erklärung von Präsident
Reagan und Bundeskanzler Schmidt herausgegeben, die, wie ich meine, in sehr
detaillierter Weise den Gesamtcharakter der Gespräche und die enge Übereinstimmung umreißt, zu der beide Staatsmänner gelangt sind.
Sicherlich, das erste und wichtigste, was mit dem allgemeinen Begriff
"Übereinstimmung" bezeichnet werden kann, war eine gemeinsame Beurteilung
dessen, was sich in Polen abspielt und warum es sich abspielt, sowie eine
gemeinsame Ansicht beider Staatsmänner, daß die Sowjetunion eine schwere
Verantwortung für die heutige Situation in Polen trägt.
Es war ein glücklicher Umstand, daß das Treffen der beiden Politiker
zu einem Zeitpunkt stattfand, an dem eine Konferenz der Zehn in Europa abgehalten wurde, an der Außenminister Genscher teilnahm, der die Bundesrepublik Deutschland vertrat; und der Außenminister flog von dieser Konferenz
(der Zehn) direkt nach Washington und legte Präsident Reagan und dem Bundeskanzler einen detaillierten Bericht über das Ergebnis der Konferenz vor.
Diese Konferenz selbst brachte ein sehr positives Ergebnis und gab
einer allgemeinen Übereinstimmung der Zehn bezüglich der Lage in Polen
und der Verantwortlichkeit der Sowjetunion Ausdruck und stimmte, wie ich
meine, dem von Präsident Reagan und Bundeskanzler Schmidt eingenommenen

- 2-

�eingenommenen Standpunkt - einem gemeinsamen Standpunkt - zu, was heute in
Polen notwendig sei, um den derzeitigen unbefriedigenden Stand der Dinge zu
beheben:
Erstens, eine sofortige Aufhebung des Kriegsrechts; zweitens, Freilassung der Gefangenen; drittens, nationale Versöhnung durch Kompromiß und Verhandlung zwischen Solidarität, der Kirche und der Regierung und der Partei.
Die Gespräche zwischen dem Präsidenten und dem Kanzler berührten auch
das Thema wirtschaftlicher Sanktionen, beziehungsweise politischer Maßnahmen,
gegenüber der Regierung Polens auf der einen Seite und der Sowjetunion auf
der anderen Seite; und beide kamen überein, intensive Konsultationen über
dieses Thema auf bilateraler Ebene wie auch kollektiv in den bestehenden
Gremien zu führen.
Wie Sie wissen, wird am 11. Januar in Brüssel eine NATO-Außenministerkonferenz stattfinden, auf der ich die Regierung der Vereinigten Staaten vertreten werde. Ich hatte die Gelegenheit, während des sich ergebenden Besuches von Außenminister Genscher hier über diese Konferenz zu sprechen, auf
der wir hoffen, den westlichen Standpunkt zur Polenfrage weiter zu konsolidieren und zu einigen.
Ich möchte nicht weiter auf die gemeinsame Erklärung eingehen, die gestern nachmittag veröffentlicht wurde, aber ich möchte hoffen, daß Sie dieser Erklärung große Beachtung schenken. Ich hoffe, daß Sie alle ein Exemplar
besitzen.
Ich glaube, daß ich generell und zusammengefaßt für Präsident Reagan
spreche, wenn ich sein starkes Gefühl der Bedriedigung über das Ergebnis
dieses Besuches unterstreiche sowie über die Beziehung, die seit Beginn seiner Amtsperiode bestand und die er mit Bundeskanzler Schmidt hergestellt hat,
und sein Gefühl des Vertrauens, daß die westliche Einheit, die westliche

- 3 -

�die westliche Solidarität, der wesentliche Aspekt des Ergebnisses der Polenkrise bleiben und daß das, was wir wirklich erleben - und wir müssen diese
Tatsache bei unseren Analysen und Beobachtungen ständig im Auge behalten ein totales Versagen im Osten und nicht Verwirrung im Westen ist.
Ich beantworte jetzt gerne Ihre Fragen.
FRAGE: Herr Minister, der Präsident sagte nach seinem Zusammentreffen
mit dem Bundeskanzler gestern, daß sich die schwerwiegendsten Konsequenzen
für die internationalen Beziehungen ergeben würden, wenn das Bündnis es nicht
fertigbringt, darauf zu bestehen, daß die Sowjetunion ihren direkten und indirekten Druck auf Polen aufgibt.
Könnten Sie dazu etwas sagen?
ANTWORT: Ich glaube, diese Worte waren sehr sorgfältig gewählt, und sie
drücken genau das aus, was sie im Zusammenhang der Verpflichtung der Sowjetunion bedeuten sollen, nicht wie bisher ein Befürworter öffentlicher und
offizieller Unterdrückung in Polen zu sein. Sie sind zugleich die gemeinsame Beurteilung, daß die sowjetische Führung eine Verpflichtung hat, die Bestimmungen der Schlußakte von Helsinki einzuhalten - ganz gleich, ob solche
Verletzungen sich innerhalb dessen zutragen, was man die westlich? Htlt oder
die östliche Welt nennt.
FRAGE: Herr Minister, Bundeskanzler Schmidt hinterließ in seiner gestrigen Pressekonferenz den Eindruck, daß die Vereinigten Staaten heute in einer
Woche wieder an den Gesprächen über INF-Systeme in Genf teilnehmen werden,
selbst wenn die Situation in Polen weiterhin so bleibt, wie sie heute ist.
Ist dieser Eindruck richtig?
ANTWORT: Dies war ein Punkt, der zwischen Präsident Reagan und Bundeskanzler Schmidt mit besonderer Sorgfalt besprochen wurde. Beide sind der
Überzeugung, daß diese INF-Gespräche eine ganz besondere Kategorie der Ost-

- 4 -

�der Ost-Westbeziehungen darstellen und daß sie als solche außerhalb des Kontextes dessen behandelt werden müssen, was man als die normaleren Ost-Westbeziehungen bezeichnen könnte, da es grundlegende Vorteile sowohl für den Westen als auch für den Osten bei der Fortsetzung eines Dialogs gibt, der die
Kontrolle der nuklearen Rüstungen anstrebt.
Ich möchte es so sagen: Beide Staatsmänner kamen zu der Schlußfolgerung,
daß der Dialog fortgesetzt werden sollte, außer unter den außergewöhnlichsten
Umständen, und hierzu zähle ich die derzeitige Situation nicht.
FRAGE: Kurz dazu noch: Was ist mit Ihrem Treffen mit Außenminister Gromyko?
Ist das auch noch planmäßig?
ANTWORT: Dieses Treffen ist für den 27. dieses Monats in Genf vorgesehen,
und wir analysieren es im Kontext der gegenwärtigen Lage und der Ereignisse,
die sich bis dahin zutragen werden, sehr sorgfältig. Ich möchte aber auch die
Position von Präsident Reagan in e^'nem kürzlichen Interview unterstreichen,
in dem er nach der Bedeutung von Gipfeltreffen gefragt wurde. Ich weiß, daß
der Präsident zutiefst davon überzeugt ist, daß etwa in Krisenzeiten die
Kommunikation zwischen den Regierungen eher von größerer als von kleinerer
Bedeutung ist, und wir beabsichtigen, diese Kommunikation aufrechtzuerhalten.
Dies bedeutet nicht mit absoluter Sicherheit, daß es zu dem Treffen kommt,
denn wir stehen bei Polen vor einer ganzen Reihe von Ungewißheiten, die eine
Auswirkung auf diese Entscheidung haben könnten. Derzeit ist die Tendenz jedoch, daß die Kommunikationslinien sicherlich aufrechterhalten werden.
FRAGE: Herr Minister, könnten Sie uns den Grund für das Einsetzen eines
hochrangigen Sonderkoordinators für amerikanisch-deutsche Beziehungen im Gegensatz zu den amerikanisch-französischen oder amerikanisch-italienischen
nennen?
ANTWORT: Beide Regierungen haben den Eindruck, daß Generationslücken
manchmal zu einem Mangel an angemessener Kommunikation beitragen, besonders

- 5 -

�besonders bei unseren jungen Menschen, und wir versuchen - der Präsident hat
einem Vorschlag der Bundesrepublik zugestimmt -, eine neue Einstellung zu einer
ganzen Reihe deutsch-amerikanischer Aktivitäten, sowohl privater als auch von
der Regierung unterstützter Natur, zu gewinnen, um sicherzugehen, daß die historische

und traditionelle Freundschaft und das Verständnis zwischen dem

deutschen und dem amerikanischen Volk, insbesondere unter der Jugend,erleichtert und gefördert werde. Das ist im wesentlichen der Zweck des ganzen. Als
Ergebnis gemeinsamer Beurteilung kam man schon vor diesem Treffen in dieser
Hinsicht überein, und in der gemeinsamen Erklärung wurde es formell bekräftigt.. .
FRAGE: Herr Minister, angesichts dessen, was wir von dem wissen, was
Bundeskanzler Schmidt vor seinem Treffen mit Präsident Reagan gesagt hat: Inwiefern können Sie sagen, daß es zu einem Wandel der westdeutschen Position
hinsichtlich Polens und der Sowjetunion gekommen ist? Hat es irgendwelchen
Wandel seit dem Treffen gegeben?
ANTWORT: Ich möchte Sie zu allererst auf die gemeinsame Erklärung verweisen. Sie spricht für sich selbst und bringt eine gemeinsame Ansicht hinsichtlich einer Reihe von sehr speziellen Fragen zum Ausdruck, die die Quelle
ziemlich übertriebener Pressespekulationen vor dem Besuch waren. Wie dies bei
allen Besuchen solcher Art und bei solchen Gesprächen der Fall ist, ergeben
sich die Ansichten der Beteiligten aus dem stattfindenden Meinungsaustausch.
Andererseits ist in diesem Fall ebenso deutlich, daß einige der Meinungsverschiedenheiten, über die es vor dem Besuch Spekulationen gab, von vornherein
gar nicht existierten.
In dieser Hinsicht wäre es sehr gut, auf die Erklärung des Bundeskanzlers vor dem Bundestag und die Entschließung des Bundestages zurückzugreifen. Liest man diese sehr sorgfältig, so erkennt man eine sehr, sehr enge
Beziehung zwischen deutschen und amerikanischen Ansichten seit Beginn dieser
Krise.
FRAGE:

- 6 -

�FRAGE:

Herr Minister, wenn wir über Kommunikation sprechen: Die deutsche

Regierung versucht offensichtlich, die Verwirklichung der drei in dem Kommunique erwähnten Grundsätze durch Kontakte mit der polnischen Führung zu erreichen - etwa dem Besuch von Herrn Rakowski bei Herrn Genscher in der Bundesrebublik. Erwägt die amerikanische Regierung ebenfalls die Möglichkeit, diesen
Kanal zu benutzen und jetzt direkte Kontakte auf hoher Ebene zwischen Ihrer
Regierung und der polnischen Führung aufzubauen?
ANTWORT: Ich weiß nichts von irgendwelchen Vorurteilen gegenüber einer
solchen Kommunikation hier; andererseits haben uns die Kontakte unseres Botschafters Meehan mit dem Ministerpräsidenten und dem Außenminister in Warschau
sehr genützt.Er hatte mehrere und längere Zusammentreffen. Er kam im Anschluß
an das Treffen der Zehn mit dem Ministerpräsidenten zusammen, und es kam dabei
zu einem ähnlichen Meinungsaustausch.
Wichtig für uns ist, in dieser Hinsicht zu begreifen, daß die Konsequenzen der Maßnahmen der gegenwärtigen Regierung oder der herrschenden Junta die, soviel ich weiß, aus vier Militärs und vier Zivilisten besteht - bei
einem Andauern zu einer Verschlechterung ihrer Beziehungen zur westlichen
Welt insgesamt und zu den Vereinigten Staaten insbesondere führen werden.
Hinsichtlich der Politik des Westens gegenüber Polen selbst gibt es
meiner Meinung nach eine deutliche Konvergenz der Ansichten in bezug auf
die gegenüber Polen zu ergreifenden Maßnahmen wie weitere Kredite, Hilfe
von Regierung zu Regierung, die derzeit alle gefährdet sind. Es gibt außerdem die gemeinsam von allen westlichen Führungspersönlichkeiten erkannte
Notwendigkeit, einzusehen, daß wir eine Verpflichtung haben, uns der humanitären Aspekte dieser Krise anzunehmen, und dies auf eine Weise tun, daß wir
sicher sein können, daß diese westliche Hilfe an das Volk von Polen gelangt
und nicht an ein unterdrückerisches Regime, das durch eine solche Hilfe nur
gestärkt würde.
FRAGE:

�FRAGE: Herr Minister, ich habe zwei Fragen: einmal, erwarten Sie irgendwelche konzertierte Aktionen oder parallele Aktionen der Verbündeten hinsichtlich Sanktionen gegenüber der Sowjetunion - sei es auf dem NATO-Treffen oder
im.erhalb dieses Zeitraums? Und zweitens, ist es möglich, die Hinweise im
Kommunique auf ein Treffen im Rahmen der KSZE-Konferenz auf der Ebene der
Außenminister zu konkretisieren und die polnische Frage im Rahmen der Vereinten Nationen aufzuwerfen?
ANTWORT: Hinsichtlich des bevorstehenden NATO-Treffens auf Außenministerebene möchte ich sagen, daß wir auf eine Konvergenz der Urteile hoffen etwa, wie dies in einem bilateralen Sinn bei dem Besuch des Bundeskanzlers
und unseren früheren Gesprächen der Fall war. Ich hoffe auf eine nachdrückliche, kraftvolle und realistische gemeinsame Einschätzung am Montag. Hinsichtlich Polens und unserer Beziehung-1 zur polnischen Regierung würde ich
Joch eine beträchtliche Konvergenz der Ansichten erhoffen.
Hinsichtlich der Frage nach Wirtschaftssanktionen gegenüber der Sowjetunion ist klar, daß jede Regierung des Bündnisses vor einer völlig unterschiedlichen Problemlage und einem unterschiedlichen Maß an Möglichkeiten steht, wie
sie mit dieser Frage fertig werden kann. Ich würde bei dieser sehr schwierigen
Frage kein uniformes Ergebnis erwarten.
Ich erwarte jedoch eine sehr deutliche Sprache hinsichtlich der sowjetischen Verantwortung für die Ereignisse und der sowjetischen Verpflichtung,
mit diesen Ereignissen fertig zu werden, sowie eine klare Bekräftigung der
Konsequenzen einer sowjetischen Beteiligung an noch größerer und weiter andauernder Unterdrückung.
Sie haben noch zwei andere Aspekte angesprochen, auf die ich antworten
möchte, denn der eine hatte mit der KSZE-Folgekonferenz und der Forderung der dringlichen Forderung - zu tun, die wir unterstützen und die der Präsident und der Bundeskanzler besprochen haben und die auf der Konferenz der

�Konferenz der Zehn ebenfalls vorgeschlagen wurde. Sie wissen sicherlich, daß
es bei solchen Konferenzen nicht nur um die westlichen Nationen geht - die
Zehn oder die NATO-Familie - hier sind auch die Blockfreien beteiligt und
ist die Sowjetunion beteiligt.
Es ist unmöglich, heute vorauszusagen, ob eine solche Konferenz stattfinden wird oder nicht. Ich bin jedoch der Überzeugung, daß es, wenn sich die
Sowjetunion weigert, daran teilzunehmen, ein sehr deutliches Signal für die
Welt ist, sich ein Urteil zu bilden im Zusammenhang mit ihrer Einhaltung des
Geistes von Helsinki und der anhaltenden Diskussionen hinsichtlich der
Schlußakte wie auch ihrer gegenwärtigen Einstellung zur Krise in Polen.
Und nun als letztes, der Hinweis auf die Vereinten Nationen in der gemeinsamen Erklärung von gestern war nicht auf ein spezifisches Gremium der
Vereinten Nationen bezogen, sondern war allgemein gedacht, daß Wir zürn geeigneten Zeitpunkt bereit wären, uns einer Anstrengung anzuschließen, die Aufmerksamkeit des Weltgremiums auf die Polenkrise zu lenken. Und ob sich das
auf humanitärem Gebiet und in den beiden mit humanitären Fragen befaßten
Gremien abspielen würde, bleibt abzuwarten, aber ich möchte annehmen, daß
dies der Fall wäre.
FRAGE: Herr Minister, wollen zum

gegenwärtigen Zeitpunkt die Vereinig-

ten Staaten, daß die Bundesrepublik Deutschland wirtschaftliche Sanktionen
gegen die Sowjetunion verhängt?
ANTWORT: Ich möchte sagen, daß die Antwort auf diese Frage darin besteht,
daß wir uns bewußt sind, daß die Bundesregierung von einer ganz anderen Basis
aus operiert, was die wirtschaftliche Auswirkung von Maßnahmen anbetrifft,
die sie gegenüber der Sowjetunion ergreifen könnte oder nicht. Was wir anstreben, ist eine klare Erkenntnis der sowjetischen Verantwortung und Verpflichtungen im Zusammenhang mit den Ereignissen in Polen und daß das Gesamtverhältnis zwischen den westlichen Regierungen und der Sowjetunion letztlich

- 9 -

�Sowjetunion letztlich von dem sowjetischen Verhalten in dieser Krise bestimmt
sein wird - eine Erkenntnis, die meiner Ansicht nach der Besuch des Bundeskanzlers bestätigte.
Sie wissen, daß eine Reihe von Gesichtspunkten vorgebracht wurde» daß
die Sowjets nicht verantwortlich wären, daß dies ausschließlich eine innere
Angelegenheit Polens sei. Die Tatsachen und die gemeinsamen Einschätzungen
tragen zu dem genau gegenteiligen Schluß bei. Und zu dieser Einsicht kam man
hier bilateral, obwohl ich nicht glaube, daß es einer besonderen Überzeugungskraft seitens des einen oder anderen der beiden Führer bedurfte. Ich glaube,
sie kamen schon mit dieser Auffassung zu dem Treffen.
FRAGE: Ich möchte hier nachstoßen. Wenn ich Sie richtig verstehe, dann
sagen Sie, daß wir mit den Russen nicht so weiter verkehren wollen, als ob
nichts geschehen sei, und daß wir nichts dagegen haben, wenn die Deutschen
das tun?
ANTWORT: Das habe ich überhaupt nicht gesagt. Was ich sagte, war, daß
wir bei den unterschiedlichen Ausgangslagen nicht verlangen, daß dieses Problem im "Gleichschritt" behandelt wird. Wir möchten hoffen, daß unter keinerlei Umständen bei dem gegenwärtigen Klima so getan wird, als ob nichts geschehen sei. Und ich meine, die gestrige Erklärung ist alles andere als eine
Bestätigung eines Zustandes, als ob nichts geschehen sei.
FRAGE: Können Sie uns das erklären: Als wir genau hier in diesem Raum
eine Presseunterrichtung hatten über die Unterschiede der Art und Weise, wie
die Sowjets mit uns und mit den Deutschen verkehren, und über die Tatsache,
daß es eine Kluft gäbe in der Betrachtungsweise dieses Ereignisses durch die
Bundesregierung, obwohl wir die gleichen drei Forderungen stellten - daß ihre
(die deutsche) Analyse ganz anders sei als unsere. Was ist passiert? Haben wir
von Schmidt etwas gelernt, oder hat Schmidt von uns etwas gelernt? Was brachte
die große Übereinstimmung zwischen beiden Staatsmännern?
ANTWORT:

- 10 -

�ANTWORT: Ich hoffe, daß wir beide etwas von einander gelernt haben. Ich
weiß, daß das immer so ist.
Lassen Sie mich zuerst darauf hinweisen, daß wir tatsächlich eine größere
Einsicht in die Haltung von

Bundeskanzler Schmidt in dieser Polenkrise gewon-

nen haben. Und ich glaube, wir haben alle etwas aus seinen Ausführungen hier
und seinem Hinweis auf seine Rede im Bundestag gelernt, die, wie er sich und meiner Meinung nach zurecht - bitterlich beklagte, in der westlichen Presse
und in der amerikanischen Presse auf eine Wolke davongeschwebt und verschwunden zu sein schien, und er brachte seine Enttäuschung darüber zum Ausdruck, daß
niemand in der amerikanischen Presse von dieser Rede sehr eingehend Kenntnis
genommen zu haben scheint. Ich glaube, in dieser Hinsicht verdienen wir hier
nicht nur in der westlichen Presse und in der amerikanischen Presse, sondern
auch hier im amerikanischen Außenministerium berechtigte Kritik. Es gibt immer
gewisse Unterschiede in den Nuancen auf verschiedenen Ebenen des Kontakts, und
das macht es so wertvoll, daß zwei Staatsmänner sich zusammensetzen. Und in diesem Zusammenhang glaube ich, daß sowohl der Präsident als auch Bundeskanzler
Schmidt ihre eigenen Auffassungen durch den Meinungsaustausch modifizierten
und klärten.
Im Falle von Bundeskanzler Schmidt weiß ich nicht, ob man das den Gesprächen hier oder einer Klärung seiner Auffassungen, die schon erfolgte, ehe er
hierherkam, zuschreiben soll. Ich glaube, seine Rede im Bundestag würde sicherlich die letztere Theorie rechtfertigen - daß er bereits jene Auffassungen hatte.
FRAGE: Kann ich hier noch einmal mit einer bestimmten Sache genauer nachfragen? Er schien gestern anzudeuten, daß eines der Dinge, die er von Präsident
Reagan erfahren habe, die Tatsache sei, daß dieser eine außerordentliche Abneigung habe, ein Getreideembargo zu verhängen. Hat ihm der Präsident mitgeteilt, daß wir grundsätzlich kein Getreideembargo verhängen? Und wenn nicht,
welche bestimmten Maßnahmen können wir nächste Woche in Brüssel erwarten?

ANTWORT:

- 11 -

�ANTWORT: Nein, ich glaube nicht, daß der Präsident auch nur einen Augenblick angedeutet hat, daß es in der kommenden Zeit nicht möglich sein könnte,
den ganzen Bereich der amerikanisch-sowjetischen Beziehungen über das hinaus
zu überprüfen, was bereits berührt wurde im Sinne der Dinge, die zu erörtern
wären. Aber ich glaube, beide Staatsmänner brachten die Auffassung zum Ausdruck, daß wirtschaftliche Sanktionen an sich einige Verpflichtungen mit sich
bringen und eine begrenzte Wirkung haben, wenn in den Hauptstädten politische
Entscheidungen getroffen werden. Sie können von ihnen nur kurzfristig gesehen
solche politische Entscheidungen erwarten.
Sie kennen die Auffassung,die der Präsident bezüglich der Getreidelieferung selbst seit langem hat - daß er nämlich der Ansicht ist, daß es nicht
konstruktiv wäre, ein Segment unserer Wirtschaft zu isolieren und einem Segment der amerikanischen Gesellschaft eine Last aufzuerlegen, wenn es um die
Frage wirtschaftlicher Sanktionen geht, sondern er möchte die Dinge im Sinne
einer Sanktion sehen, die auf einer möglichst breiten Basis ruht.
In diesem Zusammenhang müßte sich die Situation natürlich noch so entwickeln, daß eine solche Schlußfolgerung nach Auffassung des Präsidenten
oder nach meiner Auffassung angemessen wäre; und ich glaube,

Bundeskanzler

Schmidt teilt diese Einstellung. Aber beide sind sich der außerordentlichen
Bedeutung von Getreide als Wirtschaftssanktion in den amerikanisch-sowjetischen Beziehungen bewußt.
FRAGE: Aber es klingt so, als ob beide das gleiche tun, was Rüssel Long
bezüglich der Steuern gesagt hat. "Besteure nicht dich, besteure nicht mich,
besteure den Kerl dahinten." Und daß in jedem Falle jeder sagen wird, ich
möchte nicht mein Einkommen aufgeben, ich möchte nicht meine wirtschaftliche
Bedeutung verlieren; tu du es oder laßt uns nur darüber reden.
ANTWORT: Nein, ich glaube, so ist es ganz und gar nicht. Ich glaube, man
muß die Grenzen der Maßnahmen sehen - man muß sehen, daß die Sache zwei Seiten
hat. Man muß erkennen, daß ein Land allein, wie wir das bei dem Getreideembargo

- 12 -

�Getreideembargo nach Afghanistan erfahren haben, so begrenzt wie es war - und
es war begrenzt - es nicht schaffen kann, wenn man die Dinge nicht entweder
national auf breiter Front angeht - und im Falle von Getreide ist es vielleicht
noch wichtiger sogar international - daß andere Getreideerzeuger die Aktion
nicht unterstützen - daß die Maßnahme auf lange Sicht über ihre eigenen Füße
fallen wird wegen all der Widersprüchlichkeiten und Unvereinbarkeiten, die
damit verbunden sind.
FRAGE: Herr Außenminister, der Bundeskanzler hat mehrfach darauf hingewiesen, daß die amerikanische Presse seine Bundestagsrede und den Bundestagsbeschluß nicht berichtet habe, und Sie haben diese Frage ebenfalls angesprochen. Sie haben einige eigene Gedanken hinzugefügt. Ich möchte Sie fragen, ob
hier jemand nachgeforscht hat. Sowohl die Bundestagsrede als auch der Beschluß
waren das Hauptthema eines längeren Artikels in der "Washington Post" am folgenden Tag

und in der "New York Times" - zwei Zeitungen, die man, wie ich

annehme, hier in der Botschaft liest - und obwohl das zwar nicht die amerikanische Presse an sich darstellt, so handelt es sich doch sicherlich um wichtige Zeitungen.
Warum wird das getan, warum wird das gesagt?
ANTWORT: Einfach, weil es so gesagt wurde, und ich habe es Ihnen so dargelegt, wie es gesagt wurde.
FRAGE: Aber über diese Ereignisse wurde in der "Washington Post"
berichtet.
ANTWORT:

Ich glaube, der Hauptpunkt, den der Bundeskanzler hervorzu-

heben suchte - und mit einiger Berechtigung -, ist der, daß es eine bestimmte
Tendenz gibt - und ich schreibe diese nicht der Presse allein zu; ich schreibe
sie jenen zu, die zur Presse sprechen, jenen, die sich sehr stark bezüglich
der Lage in Polen engagiert haben und die besorgt sind - und es gibt bei uns
gelegentlich gewisse

masochistische Tendenzen, die Ereignisse in Polen dem

- 13 -

�Polen dem Versagen des Westens zuzuschreiben. Die fundamentale Realität Polens
ist das Versagen des marxistisch-leninistischen Systems. Und wenn wir das in
ein Versagen des westlichen Systems umfunktionieren, dann wäre dies ein Mißbrauch unserer eigenen gemeinsamen Interessen - und auch irgendeine falsche
Darstellung der Realität - und ich möchte damit nicht sagen, daß es hier Meinungsverschiedenheiten gegeben hätte. Es hat immer unerwartete oder nicht vorgesehene internationale Ereignisse gegeben, und ich reihe dies nicht einmal in
diese Kategorie ein, weil wir seit langem gegenseitige Konsultationen bezüglich
der Möglichkeit einer Krise in Polen geführt haben, ganz bestimmt während des
vergangenen Jahres.
Verstehen Sie bitte nicht falsch, was ich gesagt habe, oder was nach meinen Worten der Bundeskanzler seinerseits gesagt hat. Der Punkt ist, daß er
glaubt - und,|rie ich meine,mit Berechtigung - daß er bereits früh zu der Polenkrise - sechs Tage, nachdem die Krise eintrat - einen ziemlich festen Standpunkt
eingenommen habe

und daß er einer der ersten westlichen Staatsmänner gewesen

sei, die ihre Stimme erhoben. Er war vielleicht ein bißchen empfindlich - wie
ich es an seiner Stelle auch gewesen wäre - gegenüber viel Kritik, daß er keine
feste Haltung eingenommen habe.
Mag das nun sein, wie es mag, darum geht es nicht. Heute geht es darum:
"Wo stehen wir heute?" Und wir stehen heute, wie es in der gestern veröffentlichten gemeinsamen Erklärung niedergelegt ist, an einem Punkt, der, wie ich
meine, in der Polenfrage ein hohes Maß an Einigkeit zwischen den Vereinigten
Staaten und Deutschland erkennen läßt.
FRAGE: Wenn das marxistisch-leninistische System, wie Sie es jetzt sagen,
ein solcher Fehlschlag ist, warum bieten die Vereinigten Staaten die Aussicht
auf Hilfe, wenn sich die Dinge bessern?
ANTWORT: Ich glaube,es ist außerordentlich wichtig zu erkennen, daß es in
den westlichen Gesellschaften Werte gibt, die nicht beiseite geschoben werden

- 14 -

�geschoben werden können selbst im Zusammenhang mit fundamentalen Interessen.
Und einer dieser Werte ist, Menschen, die vor Hunger und Elend stehen, zu
helfen, und in diesem Zusammenhang sprechen wir davon, daß solche Hilfe von
Bedingungen in verschiedener Hinsicht abhängig gemacht werden sollte - wobei
eine

der Bedingungen in diesem Zusammenhang ist, daß sichergestellt sein muß,

daß die Hilfe die Bevölkerung erreicht und nicht zu einem Hilfsmittel weiterer
Unterdrückung durch die Regierung wird, und zweitens, daß sichergestellt sein
muß, daß es ein Beitrag ist zu dem Prozeß oder zu dem Ergebnis, das wir im
Sinne der Aufrechterhaltung der Freiheit der Solidarität, des Einflusses und
der Autonomie der Kirche und einer Versöhnung anstreben, von der wir hoffen,
daß sie den Prozeß der inneren Erneuerung Polens fortsetzen wird.
FRAGE: Herr Minister, bedeutet der zweite Absatz auf Seite drei der gemeinsamen Erklärung, daß Westdeutschland trotz der amerikanischen Einwendungen an
dem Röhrenprojekt mit Rußland festhalten wird?
ANTWORT: Nun, wie Sie wissen, haben die Regierungen, um die es geht, bisher in dieser im wesentlichen privatwirtschaftlichen Unternehmung keine Einwände gegen eine Fortsetzung des Projekts gemacht. Ich mache kein Geheimnis
aus der Tatsache, daß die amerikanische Regierung dieses Projekt mit großer
Skepsis und Besorgnis betrachtet. Wir haben diese Besorgnis wiederholt zum
Ausdruck gebracht. Wir haben andere Alternativen vorgeschlagen - die bisher
nicht sehr überzeugt haben - und wir werden uns weiterhin bezüglich unserer
Besorgnisse über diese Rohrleitung konsultieren.

- 15 -

�13. Januar 1982

WALTER J. STOESSEL, JR. WIRD STELLVERTRETENDER AUSSENMINISTER

WASHINGTON •• (AD) - Das Weiße Haus gab am 8. Januar 1982 bekannt, daß
Walter J. Stoessel, Jr., bisher Staatssekretär für politische Angelegenheiten
im amerikanischen Außenministerium, zum Nachfolger des bisherigen Stellvertretenden Außenministers, William Clark, ernannt wird, der seinerseits von Präsident Reagan ersucht wurde, als Sicherheitsberater die Nachfolge des aus dem
Amt scheidenden Richard Allen anzutreten.

Die Ernennung Walter Stoessels

muß noch vom Senat bestätigt werden.
Der Berufsdiplomat Walter Stoessel war von 1976 bis Anfang 1981 Botschafter der Vereinigten Staaten von Amerika in der Bundesrepublik Deutschland,
nachdem er von Januar 1974 bis September 1976 sein Land in Moskau vertreten
hatte.
Am 24. Januar 1920 in Manhattan im Staate Kansas geboren, erwarb Stoessel
1941 an der Stanford University in Kalifornien den Grad eines Bachelor of Arts
und trat im darauffolgenden Jahr in den Auswärtigen Dienst der Vereinigten
Staaten ein. Er erhielt nach kurzer Einweisung seine erste Auslandsberufung
nach Caracas, Venezuela. Der Zweite Weltkrieg unterbrach seine Diplomatenlaufbahn vorübergehend.

Von 1944 bis 1946 leistete er Kriegs- und Wehrdienst

Postfach 20 03 00 Tel.: 0228-339 22 40
D 5300 Bonn 2
Telex: 08-85432

�und Wehrdienst bei der US-Marine.
Nach Kriegsende und dem Ausscheiden aus der Marine kehrte Stoessel in
das Außenministerium zurück, das ihn 1947 für zwei Jahre nach Moskau entsandte, wo er zunächst das Konsulat leitete und später in der Politischen Abteilung
der Botschaft arbeitete.

Im Anschluß an die Moskauer Tätigkeit studierte er

von 1949 bis 1950 am Russischen Institut der New Yorker-Columbia-Universität.
Die Jahre 1950 bis 1952 leitete er ein politisches Ressort bei der Amerikanischen Hochkommission für Deutschland in Bad Nauheim.

Im weiteren Verlauf

des letzteren Jahres übernahm er die Leitung des Rußland-Büros in der Zentrale
in Washington - eine Funktion, die er bis zu seiner Abstellung als Referent
des außenpolitischen Beraters des Präsidenten im Jahr 1956 ausübte.
Noch im gleichen Jahr erfolgte jedoch Stoessels Versetzung an die Botschaft in Paris, an der er bis 1959 in der Politischen Abteilung tätig war.
Anschließend erhielt er Gelegenheit, sein politisches Wissen am Institut für
Außenpolitische Fragen der Harvard-Universtität (Harvard Center for International Affairs) weiter zu vertiefen. Von Harvard zurück, stand er 1960 bis
1961 an der Spitze des Exekutivsekretariats des State Department.

Im Jahr

1961 wurde Stoessel dem Hauptquartier der Alliierten Oberbefehlshabers in
Europa (SHAPE) in Paris als politischer Berater zugeteilt.
Von dort aus ging Stoessel 1963 als Gesandter und stellvertretender
Missionschef an die amerikanische Botschaft in Moskau. Zwei Jahre darauf,
1965, wurde Stoessel zum Stellvertretenden und 1972 - nach fast vierjährigem
Wirken als Botschafter in Polen von 1969 bis 1972 - zum Unterstaatssekretär
für Europäische Angelegenheiten und Leiter der Europa-Abteilung im US-Außenministerium berufen. Im Januar 1974 schließlich kehrte er wiederum nach Moskau
zurück, um das Amt des Botschafters der Vereinigten Staaten in der Union der
Sozialistischen Sowjetrepubliken zu übernehmen - den letzten Posten vor seiner
Berufung nach Bonn, wo er am 20. Oktober 1976 die Nachfolge von Botschafter
Martin J. Hillenbrand antrat.
+ + + + +
- 2 -

�13. Januar 1982

DOKUMENTATION DER SOWJETISCHEN EINMISCHUNG IN POLEN

WASHINGTON - (AD) - Das amerikanische Außenministerium hat eine Chronologie über die direkte und indirekte Einmischung der Sowjets in die Polenkrise veröffentlicht. Die Chronologie enthält die wichtigsten Ereignisse in
der Entwicklung der Krise in Polen wählend der 18 Monate vom Juli 1980 bis
Ende Dezember 1981. Sie hat folgenden Wortlaut:
Chronologie der öffentlichen sowjetischen Einmischung und der indirekten
Einmischung der Sowjets in die Polenkrise.
Juli 1980 - November 1981
Juli
2.

Arbeiter protestieren gegen eine Erhöhung der Fleischpreise.

August
14.

Die Unruhe unter den Arbeitern wächst.

In Danzig treten mehr als 50 000

Arbeiter in den Streik.
15.

TASS gibt Manöver der Warschauer-Pakt-Truppen an der Ostsee und in der
DDR bekannt.

20.

Die UdSSR beginnt wieder mit Störungen von Sendungen der Stimme Amerikas
und anderer westlicher Sender.
27. In der

Postfach 20 03 00 Tel.: 0228-339 22 40
D 5300 Bonn 2
Telex: 08-85432

�27.

In der ersten Kritik, die die Sowjets direkt an den streikenden Polen
üben, beschuldigt TASS "anti-sozialistische Kräfte" des Versuchs, "den
Sozialismus in Polen zu unterminieren" und es "von dem Weg, den es gewählt hat" abzubringen, "... der die lebenswichtigen Interessen des
ganzen polnischen Volkes verkörpert."

September
1.

In dem von "Petrow" verfaßten Leitartikel kritisiert die Prawda die polnische Lösung. Sie erwähnt mit keinem Wort ein Abkommen oder die Zulassung freier Gewerkschaften, und weist statt dessen die "politischen"
Forderungen "anti-sozialistischer

Elemente" entschieden zurück, die

dem Sozialismus "direkten Schaden" zufügten und die entscheidende Verbindung zwischen Partei und Arbeiterklasse "verletzten".

Sie erinnert

Polen an seine Verpflichtungen gegenüber dem Warschauer Pakt und dem RGW.
Die Iswestija greift außerdem die Dissidenten Jacek Huron und Adam
Michnik an.
2.

TASS und das Moskauer Fernsehen kritisieren Carters und Reagans Ansprachen zum amerikanischen

Tag der Arbeit, weil sie sich in die inne-

ren Angelegenheiten Polens einmischten; sie kritisieren außerdem, daß
im Westen Geld zur Unterminierung des polnischen Sozialismus gesammelt
würde.
8.

Rund 40 000 Mann starke Truppen des Warschauer Pakts beginnen ein viertägiges Manöver in der DDR.

10.

Der Stellvertretende Ministerpräsident Polens, Jagielski, leitet eine
Regierungsdelegation von Wirtschaftsexperten bei einem zweitägigen Besuch in Moskau und trifft mit dem Chefideologen des Kreml, Suslow, und
anderen maßgeblichen Vertretern der Regierung zusammen.

18.

Ein Bericht von William Beecker im Boston Globe (den der Washington Star
am 19. September veröffentlicht) deutet an, daß westliche Nachrichtendienste in den letzten Tagen Zeichen für ungewöhnlich starke militärische
Aktivitäten in der DDR und der UdSSR erkennen konnten, die an eine mögliche Invasion in Polen denken lassen oder an eine symbolische Machtdemonstration zu Einschüchterungszwecken.
19. In einem

�19.

In einem weiteren Artikel von "Petrow" warnt die Prawda den Westen in
gebieterischem Ton vor einer Einmischung

25.

in polnische Angelegenheiten.

Die Prawda druckt eine "Buchrezension", in der Lenins scharfe Kritik an
jeglicher "Arbeiteropposition" in einem sozialistischen Land zitiert
wird, die er als "anarchischen Syndikalismus" bezeichnet, welcher "die
führende Rolle der Partei" bedrohe.

Oktober
7.

Die täglich erscheinende Moskauer Gewerkschaftszeitung Trud behauptet
in einer Meldung aus Danzig, daß es Versuche gegeben habe, die offiziellen polnischen Gewerkschaften zu diskreditieren und warnt vor dem
"ernst

Charakter" der Versuche, Gewerkschaftsreformen eine "anti-sozia-

listische Tendenz" zu verleihen.
30.

Der polnische Parteivorsitzende Kania und Ministerpräsident Pinkowski
statten Moskau einen überraschenden "Arbeitsbesuch" zu Gesprächen mit
Breschnew und anderen sowjetischen Führern ab. Das Kommunique erwähnt
Kania nicht persönlich, aber das Vertrauen in die polnische Partei wird
ausgedrückt.
Die DDR unterbindet "vorübergehend" den visafreien Verkehr zwischen der
DDR und Polen, bis laut Nachrichtenagentur der DDR eine"fortschreitende
Stabilisierung" in Polen eingetreten sei.

November
8.

Radio Warschau berichtet, daß Einheiten der polnischen Armee und der Nördlichen Sowjetischen Streitkräfte Manöver in Polen durchführen.

Das

Warschauer Fernsehen sendet darüber einen Dokumentarfilm.
24.

Der für Rundfunk und Fernsehen verantwortliche Abteilungsleiter des
Zentralkomitees der Kommunistischen Partei, Josef Klasa, behauptet in
einem Interview mit der New York Times, dem Figaro und der Londoner
Financial Times, daß der Solidarität nahestehende "Elemente" auf die wirtschaftliche Anarchie hinarbeiteten und daß die Solidarität sich politischen Zielen verschreiben wolle und ihre Forderungen ins Unermeßliche
stiegen.

Er behauptet, daß Kania Walesa während eines Treffens vor zwei

- 3 -

�vor zwei Wochen gesagt habe, daß eine Konfrontation zwischen der Partei
und der Solidarität eine Katastrophe bedeute und daß die Sowjets Gründe
zur Besorgnis hätten.
Eine TASS-Meldung aus Warschau warnt davor, daß ein angedrohter Eisenbahner-Streik in Polen "die Interessen der Nation und der der Verteidigung Polens berühren könnten" und beschuldigt den Dachverband von Solidarität des Versuches, "die angespannte Lage im Land aufrechtzuerhalten.
25.

"Tribuna Ludu" erklärt (offensichtlich als Antwort auf die Besorgnis seitens der Sowjets), daß es Probleme in der Arbeiterschaft "niemals unmöglich machen würden, daß Polen seinen Export- und Transitverpflichtungen
nachkomme."

27.

In ihrem bisher stärksten Angriff behauptet "Rüde Prawo", daß es für die
Aktivitäten der Solidarität Grenzen gäbe und zieht eine bedeutungsschwere Parallele zum Aufstand von 1968 in der Tschechoslowakei, der mit einer
Invasion des Warschauer Paktes niedergeschlagen wurde.
;

Dezember 1980
1. - Presseberichte über Truppenbewegungen der Sowjets in westlichen Militär5.
gebieten und über eine beträchtliche Mobilisierung von Reserven deuten
auf eine verstärkte militärische Bereitschaft hin.
Die während des Höhepunktes der Arbeiterunruhen im Sommer eingezogenen
sowjetischen Reservisten bleiben weiterhin in Bereitschaft.
3.
Ein offizieller Sprecher der Partei erklärt auf einer Pressekonferenz,
daß polnische Kommunisten "das Recht und die Pflicht" hätten, um sowjetische Unterstützung zu bitten, wenn der Sozialismus in Gefahr sei.
4.
Ein sowjetischer Sprecher des Außenministeriums behauptet, daß die Erklärungen des Westens zu Polen die Situation verschlimmerten; in einem
sowjetischen Fernsehkommentar werden Präsident Carter und andere amerikanische Beiamte der psychologischen Kriegsführung gegen die polnische Regierung bezichtigt.
5.
Auf einem Sonder-Gipfeltreffen in Moskau tringendie Warschauer-Pakt-Staaten ihr Vertrauen darin zum Ausdruck, daß Polen in der Lage sein werde,
seine derzeitigen Probleme zu überwinden und verpflichten sich der festen
brüderlichen Solidarität und Unterstützung" für Polen, das "immer ein

�"immer ein sozialistisches Land war, ist und sein wird."
7.

In einer Erklärung des Weißen Hauses heißt es:

"Die Vorbereitungen für

eine mögliche Invasion in Polen scheinen abgeschlossen."
8.

Die polnische Nachrichtenagentur Interpress und der örtliche Solidaritätsverband in Kielce dementieren einen TASS-Bericht, demzufolge "konterrevolutionäre Gruppen" innerhalb der Solidarität des Elektrizitätswerkes Iskra
in Kielce offizielle Gewerkschaftsvertreter ihres Amtes enthoben hätten
und diese durch Personen ersetzt hätten, "die sich offen zu ihrer AntiHaltung gegen die Regierung bekennen."
(Medien in der Tschechoslowakei, der DDR und Bulgarien hatten Meldungen
ähnlichen Inhalts gebracht.) Zu beachten ist, daß es sich hier um einen
vorsätzlich gefälschten TASS-Bericht handelt, der nach den polnischen
Dementis in der sowjetischen Presse nicht erschien. Er stellte eine Warnung dar, der ähnliche Falschmeldungen ins Gedächtnis ruft, die einen
Teil der Vorbereitungen der Sowjets für den Einmarsch von 1968 in die
Tschechoslowakei ausmachten.)

18.

Die Prawda wirft der NATO vor, sie enthalte der polnischen Führung das
Recht vor, sich an Verbündete zu wenden, und sie um Hilfe bei der Beilegung der Krise zu bitten.

25. -Außenminister Czirek macht einen "offiziellen, freundschaftlichen Besuch"
26.

in Moskau, wo er mit Breschnew und Gromyko zusammentrifft.

Er versichert,

daß Polen "ein sozialistisches Land war, ist und bleiben wird, eine
feste Bindung in der gemeinsamen Familie sozialistischer Staaten."
6.

Die Polnisch-Sowjetische Freundschaftsgesellschaft ruft ihre Mitglieder
dazu auf, "die politischen Kräfte zu bekämpfen, die versuchen, die Erneuerung in einen... anti-sowjetischen Trend umzukehren."

13.

Der Oberbefehlshaber des Warschauer Paktes, Viktor Kulikow, stattet
Warschau einen überraschenden Besuch ab, und trifft mit Kania und polnischen Verteidigungsexperten zusammen.

Der Vorsitzende der Polnisch-

Sowjetischen Freundschaftsgesellschaft trifft in Moskau ein.
14.- Eine Delegation unter der Leitung von Leonik Samjatin, dem Leiter der
21.

Internationalen Informationsabteilung des Zentralkomitees der KPdSU
trifft sich mit Redaktionen polnischer Medien und bringt sein Mißfallen
- 5 -

�sein Mißfallen über die polnische Berichterstattung über die Entwicklung
seit August zum Ausdruck.
23.

"Krasnaja Swesda" berichtet über jüngste Truppenübungen, die sowjetische
und polnische Streitkräfte gemeinsam in Polen durchführen, es werden jedoch keine genaueren Orts- oder Zeitangaben gemacht.

Polnische Militärs

bestreiten, daß Übungen stattfinden.
28.

"Kraspaja Swesda" wirft der NATO vor, Polen vom Warschauer Pakt lösen
zu wollen.

29.

In der polnischen Regierungserklärung wird so gut wie offen mit der
Ausrufung des Notstandes oder des Kriegsrechts gedroht.

Zur selben Zeit

meldet TASS aus Warschau, daß oppositionelle anti-sozialistische Kräfte
seit dem 24. Januar in Polen aktiver geworden seien und daß Solidarität
"nach rechts abrückt und die Bemühungen des PZPR des Zentralkomitees und
der polnischen Regierung zur Normalisierung der Situation und zur Wahrung der wichtigen Interessen des Volkes ablehnt."

Führer und extremisti-

sche Elemente von Solidarität bedienten sich angeblich der Erpressung,
der Provokation und der physischen Gewalt, und sie stellten

immer mehr

politische Forderungen und trieben Solidarität somit in die Opposition
zu staatlichen und parteilichen Behörden.
Februar
2.
Laut TASS erwarten viele Polen, daß "Maßnahmen ergriffen werden", um
8.10.
17.
23.
24.

die Konterrevolution zu stoppen.
Pentagon und Nachrichtendienste melden, daß die im Dezember wegen der
Krise alarmierten sowjetischen Truppen (insgesamt 26 Divisionen) nach
wie vor in höchster Alarmbereitschaft an der polnischen Grenze stehen.
Jaruzelski trifft die Botschafter der Sowjetunion und des Warschauer
Paktes in Polen.
Breschnew spricht vor dem Kongreß der KPdSU und erreicht die Annahme
der Breschnew-Doktrin.
Kania sagt vor dem Parteitag der KPdSU, daß die polnische Führung willens
und in der Lage sei, "eine Konterrevolution in Polen zu verhindern."
Er fügt hinzu, daß die Lage in und um Polen in direktem Zusammenhang mit
der Sicherheit aller sozialistischen Staaten steht. Die sozialistische

�Die sozialistische Gemeinschaft ist unauflösbar, und ihre Verteidigung
ist nicht nur die Angelegenheit eines jeden Staates, sondern auch des
gesamten Bündnisses."
24.- Massivste Angriffskampagne sowjetischer Medien, die in der Behauptung
28.

gipfelt, daß Solidarität Radiostationen übernommen, Autobahnen blockiert
und andere illegale Maßnahmen getroffen habe, um die Machtübernahme
vorzubereiten.

März
4.

Kania, Jaruzelski und andere Mitglieder der polnischen Führung halten
in Moskau Gespräche mit Breschnew und anderen maßgeblichen Mitgliedern
des sowjetischen Politbüros ab.

Im Kommunique heißt es, die Sowjets er-

warteten von den Polen, daß sie "den Lauf der Dinge abwenden."

Weiter-

hin wird die Verteidigung des Sozialismus als eine Angelegenheit des "gesamten sozialistischen Bündnisses" bezeichnet.
5.

Die UdSSR gibt bekannt, daß für März Manöver der Warschauer Pakt-Truppen
geplant sind, die sich von der polnisch-tschechischen Grenze bis zum
Norden an der Ostsee hinziehen sollen.

19.

Der Stellvertretende Ministerpräsident Rakowski teilt Führern der
Solidarität mit, daß die Übung "Sojus-81" der Warschauer-Pakt-Truppen
wegen der"Situation in Polen" verlängert wird.

Er warnt Solidarität da-

vor, daß ihre Tätigkeit sowjetische Panzer in das Land bringen könnte.
29.

Die Minister Haig und Weinberger beschreiben den "erhöhten Stand der Bereitschaft" der in der Nähe von Polen stationierten sowjetischen Truppen.

April
2.-

Die westliche Presse bringt mehr Berichte über die militärischen Bewe-

3.

gungen in und um Polen.

Während dessen erscheint ein sowjetischer Zei-

tungskommentar, der eine mögliche Aktion der Sowjets rechtfertigen soll.
6.

Präsident Husak bestätigt das Recht des Warschauer Pakts,

einzugreifen,

um das sozialistische System Polens aufrecht zu erhalten.
7.

Militärische Aktivitäten, Verstärkung der sowjetischen Truppen nahe
Polens, Errichtung eines sowjetischen Fernmelde-

und Kommandosystems

und von Versorgungslagern in Polen.
9.

Am 3. März

�9.

Am 3. März werden Hubschrauber, Flugzeuge, Piloten und Techniker in die
militärischen Hauptquartiere der Sowjets in Südwest-Polen eingeflogen.

10.

In einer Ansprache vor der Sejm plädiert Jaruzelski für eine 2-monatige
Aufhebung des Streikrechts.

Er sagt, daß sich die derzeitige Chance

für Polen, seine Probleme allein zu lösen, "nicht wieder bietet."
10.

Das State Department berichtet, daß die UdSSR sogar noch weitere Transportflugzeuge nach Polen entsandt hat.

11.

Auf dem Parteitag der DDR erklärt Parteichef Honecker, daß Polen "sozialistisch war, ist und bleiben wird."

23.- Der Ideologe des sowjetischen Politbüros, Michail Suslow, trifft uner24.

wartet in Warschau zu Gesprächen mit Mitgliedern des polnischen Politbüros ein. Die polnische Nachrichtenagentur PAP berichtet, in den Gesprächen sei die Notwendigkeit betont worden, "die Errungenschaften des
Sozialismus zu bewahren."

25.

TASS greift "revisionistische Elemente" innerhalb der polnischen Partei
an; die erste Beschuldigung dieser Art in den sowjetischen Medien, die
verdeutlicht, wie wenig erfolgreich Suslows Besuch war.

Mai
4.

Nach einem Bericht des Solidaritäts-Bulletins vom 29. April, daß sowjetische Truppen am 22. April in Südwest-Polen "gelandet" seien, entdecken
westliche Militärs,daß die sowjetischen Truppen in dieser Region militärische Fernmeldeverbindungen herstellen.

28.

Das Organ der Parteijugend, Sztandar Mlodich, veröffentlicht den Aufruf
eines obskuren "Kattowitzer Parteiforums" zu "entschiedenem Handeln"
der Führung Polens gegen die "Konterrevolution" und den "Revisionismus".
(Obwohl in polnischen Partei kreisen weitestgehend verurteilt, wird der
Aufruf vom tschechischen Radio am 31. Mai, von TASS am 1. Juni und von
der Prawda und vom sowjetischen Fernsehen am 2. Juni übernotamen.

30. Kania und Jaruzelski treffen in Warschau mit dem Oberbefehlshaber der
Warschauer Pakt-Truppen, Marschall Kulikow, in, wie es heißt, "freundlicher" Atmosphäre zusammen.
Juni

- 8 -

�Juni
5.

Die KPdSU sendet einen siebenseitigen "Warnbrief" in bezug auf die
strenge Kritik seitens des Kattowitzer Forums an Kanias Politik; TASS
berichtet lange und positiv über das Forum.

9.-

Das 11. Plenum des Zentralkomitess der polnischen Partei trifft zu Be-

ll,

ratungen über den Brief der KPdSU vom 5. Juni zusammen; es kommt zu
einem offenen Machtkampf zwischen Kania und seinen gemäßigten Gefolgsleuten und den von Moskau unterstützten Linientreuen unter Grabski.
Kania übersteht die Herausforderung, gibt jedoch zu, daß die Besorgnis
der Sowjets über die Entwicklungen in Polen "vollkommen gerechtfertigt"
sei.

14.- Walesa bricht zu einer Kampagne auf, um Solidaritätsverbände davon abzu16.

halten, Konfrontationen zu suchen; sie werden sich vielmehr auf Aktivitäten innerhalb der Gewerkschaft beschränken.

Gleichzeitig wird ein

sowjetisches Kriegsdenkmal enthüllt, was er als eine Provokation rügt,
die die Solidarität mit einbeziehen und die schon angespannte Situation
weiter destabilisieren solle.
20.

Der sowjetische Regierungssprecher Samjatin erklärt im sowjetischen Fernsehen, daß für die polnische Führung "die Zeit für entschiedenes Handeln gekommen ist, um eine nationale Katastrophe abzuwenden."

22.

Die sowjetische Militärzeitung Krasnaja Swesda druckt Marschall Kulikows
Artikel, in dem polnische"konterrevolutionäre Kräfte" verurteilt
werden.

23.

Die Prawda schreibt, daß jede Veränderung des Status in Polen eine entscheidende Verbindung innerhalb des Warschauer Paktes schwächen würde
und eine Bedrohung für das Gleichewicht im Nachkriegseuropa darstelle.
TASS wirft der Solidarität vor, sie versuche, so viele Delegierte wie
möglich in den polnischen Parteikongreß zu entsenden, die den marxis. . tiich-leninistischen Charakter der Partei anzufechten suchten.

25.

Die polnische Nachrichtenagentur PAP berichtet über gemeinsame Manöver
der polnischen und sowjetischen Truppen in Schlesien.

29.

Das polnische Fernsehen berichtet, daß die polnisch-sowjetischen Militärübungen auf den Nordwesten der Provinz Pommern ausgedehnt wurden.
30. "Neues
- 9 -

�30.

"Neues Deutschland" berichtet von Militärmanövern in der DDR.

Juli
3.-

Am Vorabend des 9. Kongresses der PZPR konferiert Gromyko mit der pol -

5.

nischen Führung.

3.

Wie aus Moskauer Quellen zu erfahren ist, nehmen sowjetische Truppen
in der Westukraine an der polnischen Grenze eine zweitägige intensive
Übung zur totalen Mobilisierung auf.

7.

Westliche Quellen berichteten, daß die UdSSR eine weitere Militärübung in der Nähe Polens plant.

19.

Breschnew sendet ein kurzes Glückwunschschreiben an Kania zu seiner
Wiederwahl.

Es enthält weder Lob noch eine Vertrauenserklärung in

I

21.

Kanias Führung.
Breschnewund Tichonow senden Glückwunschtelegramme anläßlich des Feiertages zum Bestehen der Volksrepublik Polen. Die Mitteilung beinhaltet,
daß der Parteikongreß "sich die Aufgabe gesetzt hat, die Situation
zu stabilisieren" und daß die polnische Partei "in der Lage-ist, das
gesamte arbeitende Volk zusammenzuhalten... und Anarchie und Konterrevolution energisch zurückzuschlagen."

August
13.

Die Sowjetunion gibt bekannt, daß sie von 4. bis 12. September

umfangreichere Land- und Seemanöver im Westen der UdSSR abhalten werde.
14.- Die polnischen Führer Kania und Jaruzelski fliegen zu einem "kurzen Ar15. beitsbersuch" mit Breschnew und anderen hochgestellten sowjetischen
Führern auf die Krim.
September
4.12.

In der UdSSR findet die Militärübung "Sapad-'81" statt.

8.

Verteidigungsminister Ustinow sowie die Verteidigungsminister der
Warschauer Pakt-Staaten, Kubas, der Mongolei, und Vietnams nehmen an
der Übung "Sapad-'81" in der UdSSR teil.
10. Die polnische
- 10 -

�10.

Die polnische Nachrichtenagentur PAP berichtet, daß Kania den sowjetischen
Botschafter Aristow empfängt, der, wie angenommen wird, Kania einen warnenden Brief des Kreml überreicht, (siehe 17. September)

17.

Nach der Meldung, daß der sowjetische Botschafter Aristow von den Staatschefs Kania und Jaruzelski empfangen wurde, enthüllt die polnische Nachrichtenagentur PAP, daß die sowjetische Führung Warschau in einem Schreibin daran erinnert, daß "das Ausmaß an Anti-Sowjetismus in Polen...
gefährlich gestiegen "sei und fordert die Ergreifung resoluter Maßnahmen
gegen derlei Aktivitäten.

22.

Der sowjetische General Gibkow, Generalstabschef der Vereinigten Streitkräfte des Warschauer Paktes, trifft den polnischen Ministerpräsidenten
Jaruzelski, um "Probleme der Ausbildung und Kampfbereitschaft der abkommandierten (polnischen) Truppen, die einen Teil der Vereinigten Streitkräfte darstellen", zu erörtern.

22.- Der Stellvertretende sowjetische Ministerpräsident und Chefplaner
26.

Bajbakow erörterte in Warschau polnisch-sowjetische Wirtschaftsbeziehungen, während Gerüchte umgehen, daß die Sowjets erwägen, Warschau mit
wirtschaftlichen Sanktionen zu* Raison zu bringen.

23.

Am Vorabend der zweiten Sitzung des Solidaritäts-Kongresses (26. September) kritisiert TASS die polnische Führung, weil diese nichts gegen die
Gewerkschaftsführer unternimmt und die, wie sie es nennt, Vorbereitungen
für eine Machtübernahme

26.

nicht aufhält.

TASS kritisiert indirekt die polnische Führung, indem sie einen Aufruf
des linientreuen "Marxistisch-leninistischen Seminars" in Kattowitz verbreitet, wonach Warschau "alle bestehenden Mittel anwenden" soll, um den
Sozialismus zu verteidigen.

Oktober
13.

Die Prawda enthält einen Kommentar von "A. Petrow", der Solidarität kritisiert, weil sie die Zerstörung des polnischen Sozialismus und die
Machtübernahme wolle.

In dem Artikel wird damit gedroht, daß eine Inter-

vention nicht ausgeschlossen ist.
14.

In einer Ansprache betont Suslnw, daß "imperialistische" Versuche zur
Schwächung des polnischen Soz.iolismus durch offene und verdeckte Unter- 11 -

�verdeckte Unterstützung der "konterrevolutionären" Kräfte unternommen
werden.

Er versichert Polen der "brüderlichen Solidarität und Unter-

stützung der Sowjetunion und anderer Mitglieder des Warschauer Paktes."
Ministerpräsident Jaruzelski wird Nachfolger von Kania als Chef der
Kommunistischen Partei.
November
27.- Der Sechste Parteitag in Polen nimmt eine Resolution an, die die Regie28.

rung dazu ermächtigt, Ermächtigungsgesetze in der Sejm zur Wiederherstellung des sozialen Friedens einzubringen, einschließlich besonderer
Notstandsgesetze.
Anfang November: Pressel4richten zufolge warnen die Sowjets die Polen, daß
die sowjetischellirtschaftshilfe reduziert würde und daß Moskau auf einem
Handelsausgleich ab 1982 bestünde.

Dezember
7.
Die polnische Presse intensiviert ihre Kritik an Solidarität, indem sie
Auszüge von Tonbandaufnahmen von Solidaritätstreffen in Radom veröffentlicht; TASS wiederholt die polnischen Angriffe.
11.

In einer ihrer schärfsten Angriffe seit längerer Zeit bemängelt TASS,
daß konterrevolutionäre Kräfte ihren Kampf gegen die polnische Partei
ausgedehnt haben; sie erwähnt mehrere extreme Aktionen, die "das sowjetische Volk zu Recht verärgern."

13.

Ein weiterer TASS-Bericht greift Solidarität an und unterstellt, daß,
"patriotische Kräfte" zur Einführung militärischer Unterdrückung förmlich eingeladen hätten.

13.

Radio Moskau berichtet von der Verhängung des Kriegsrechts in Polen,
der Verhaftung von "Extremisten" der Solidarität, der Bildung eines
militärischen Regierungsrates und von der Festigung der polnisch-sowjetischen Beziehungen.

14.

Eine TASS-Erklärurig bezeichnet das Kriigsrecht als "reine innere Angelegenheit."
23. Präsident
- 12 -

�23.

Präsident Reagan verurteilt den Druck, den die Sowjets offen und heimlich auf Polen ausüben.

Er gibt außerdem bekannt, daß sich Marschall

Kulikow und andere hohe Offiziere der Roten Armee zum Zeitpunkt der Verhängung des Kriegsrechts in Polen befunden haben und daß die 10 Tage
zuvor angeschlagene Proklamation des Kriegsrechts bereits im Oktober
in Moskau gedruckt worden war.
Ende Dezember.

Ein sowjetischer Dozent behauptet während eines Vortrages

vor der sowjetischen Öffentlichkeit kurz nach der Erklärung des Kriegsrechts, daß das Kriegsrecht bereits seit einem Monat vorbereitet gewesen
sei (d.h. lange vor der Forderung der Solidarität nach freien Wahlen
am 3. Dezember - dem angenommenen Grund für die Verhängung des Kriegsrechts) und daß die Sache "ausgezeichnet angezettelt" worden sei.

- 13 -

�13. Januar 1982

MESQUIT - DER VIELZWECKSTRAUCH AUS DER WÜSTE
Quelle für Nahrung, Stickstoffdünger und Energie
Von G. Weiss

- (AD) - Ein lästiges Unkraut, dem man bisher im Südwesten der Vereinigten
Staaten mit Bulldozern und chemischen Pflanzenvernichtungsmitteln zu Leibe
rückte, könnte in weiten Teilen der Welt große Bedeutung für die Nahrungsproduktion erlangen.

Dies brachten seit zwei Jahren laufende Untersuchungen von

Wissenschaftlern der Universität Kalifornien (Riverside) an Mesquitsträuchern
zutage.

Zusammen mit Kollegen der Washington-Universität in St. Louis be-

fassen sie sich mit der Physiologie und der Fähigkeit zur Stickstoffassimilation einer Vielzahl von Wüstenpflanzen im Rahmen eines Projekts, das von
der "National Science Foundation" (Nationale Forschungsstiftung der USA) gefördert wird.
Beim Mesquitstrauch (aus der Gattung Prosopis) sind nach Ansicht von
Wesley Jarrell und Ross Virginia (Riverside, Kalifornien) die Voraussetzungen
gegeben, um z.B. bei der Kultivierung unfruchtbaren Landes und der Regeneration
ausgelaugter Böden eine wichtige Rolle zu spielen.

Die beiden Forscher wiesen

nach, daß Mesquitpflanzen, die in den Trockengebieten Amerikas, Afrikas und

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D 5300 Bonn 2
Telex: 08-85432

�Afrikas und Südasiens zu Hause sind, den Boden äußerst ergiebig mit Stickstoff
anreichern.

Im Gebiet des Salton-Sees (Südkalifornien) führen sie ihm sogar

so viel zu, daß dadurch der Düngerbedarf für den Anbau von Mais auf fünf Jahre
gedeckt wird.
Die knorrigen, harten Prosopisgewächse, von denen man etwa 25 Arten
kennt, gehören zu den Leguminosen. Ähnlich wie Klee, Lupinen, Erdnußpflanzen,
Alfalfa oder Sojabohnen leben sie mit Wurzelknöllchenbakterien in Symbiose,
die Luftstickstoff in eine für die Pflanze verwertbare Form von Stickstoff umwandeln.

Die im amerikanischen Südwesten und in Mexiko weit verbreiteten

Mesquitarten Prosopis juliflora und Prosopis glandulosa sorgen mit ihren farnähnlichen Blättern, die sie im Herbst abwerfen, für die so wichtige "Gründüngung".

Die dichten Sträucher erreichen etwa 2,5 m Durchmesser.

Mancher-

orts entwickeln sie sich aber auch zu Bäumen, die fast sieben Meter hoch
werden können.

Die bis zu 20 cm langen Hülsenfrüchte sind begehrtes Vieh-

futter in der Region.

Die Hülsenfrüchte der Prosopis pubescens, wegen ihrer

gewundenen Form auch Schraubenbohne genannt, verwenden Indianer und Teile
der Landbevölkerung Mexikos als Nahrung.

Allerdings werden die Bohnen dieser

subtropischen Wüstenpflanze kaum größer als 3,5 cm.

Die nektarhaltigen Blüten-

stände sind übrigens für die Bienen von großer Bedeutung.
Die Wüstenböden Kaliforniens enthalten fast gar keinen Stickstoff; nur
wenig günstiger ist die Lage bei den Böden, die als Farmland, Gemüse- und
Obstplantagen genutzt werden. Der größte Teil des Obstes und Getreides aus
Südkalifornien kommt von künstlich bewässertem und stark mit Kunstdünger angereichertem Wüstenland. Dies aber erfordert, wie Jarrell betont, einen hohen
Aufwand an Kapital und an Energie. Mesquitpflanzen könnten, richtig eingesetzt, "eine neue Art von Agrarwirtschaft schaffen - und zwar eine Agrarwirtschaft auf der Basis perennierender Pflanzen, die sich harten Umweltbedingungen angepaßt haben".
Mesquitpflanzen wachsen auf Böden, wo die Oberflächentemperatur bis auf
60 Grad Celsius ansteigen kann und das verfügbare Wasser in der Erde den Salzgehalt von Meerwasser erreicht. Die jährliche Regenmenge in den betreffenden
- 2 -

�den betreffenden Gebieten beträgt oft nicht mehr als 7,5 cm.

Aber das Wur-

zelwerk reicht z.T. mehr als 18 m in die Tiefe, um Feuchtigkeit aus dem Grundwasser oder der unmittelbar über dem Grundwasserspiegel liegenden Schicht zu
holen.

So sind MesquitpfTanzen auch wichtige Indikatoren zum Auffinden von

Reservoiren mit Grundwasser.

Die Phreatophyten-Pflanzen, die Wasser im Unter-

grund suchen - verdunsten übrigens insgesamt größere Mengen an Wasser, als
Quellen aus dem Boden zutage fördern.
Nach Meinung von Jarrell und Mitarbeitern sollten Mesquitsträucher nicht
nur in ihrer angestammten Heimat, sondern in geeigneten Klimazonen überall
auf der Welt auf Trockenböden, Brach- und Wüstenland angebaut werden.
sie können nicht nur Nahrung, sondern auch Energie liefern.

Denn

Die Forscher-

gruppe schlägt vor, Wurzelknöllchenbakterien der Mesquitpflanzen auf andere
Leguminosen zu überimpfen, um deren Produktivität zu verbessern.

Die Toleranz

von Mesquit gegenüber salzhaltigen Böden ist ein wichtiger Punkt, die Pflanze
zu Regenerationszwecken einzusetzen.
Jahrhundertelang haben Indianer im Südwesten des nordamerikanischen
Kontinents gut sechs der zwölf Monate eines Jahres vom Mesquitstrauch gelebt.
"Sie haben die Hülsen gegessen und vergoren, haben aus den Samen Mehl gewonnen und Brotfladen damit gebacken", sagt Jarrell.

"Sie haben Werkzeuge und

Balken für den Hüttenbau aus dem harten Holz gefertigt und Zweige und Holzabfälle zum Kochen und Heizen genutzt."

Die Hülsen enthalten bis zu 50 Pro-

zent Zucker, die Samen etwa 25 Prozent Eiweiß.
Aus den Hülsen ließe sich Ethylalkohol gewinnen, der für die Herstellung
des Mischkraftstoffs GASOHOL Benzin zugesetzt werden könnte.
von hoher Dichte und besitzt deshalb großen Heizwert.

Das Holz ist

In Mexiko wird es be-

reits regelrecht "geerntet" und als Holzkohle an südkalifornische Restaurants
verkauft.

Und Gummi aus Mesquitsamen findet vielfältige Verwendung in der

Industrie.
+ + + + +

- 3 -

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                <text>&lt;strong&gt;1. Dokumentation&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Polen und die Zukunft Europas&lt;br /&gt;&lt;em&gt;- Rede des US-Außenministers vor der Internationalen Presse in Brüssel -&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Haig-Pressekonferenz zum Besuch von Bundeskanzler Schmidt&amp;nbsp;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;- Wortlaut -&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Information&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Walter J. Stoessel, Jr. wird Stellvertretender Außenminister&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Hintergrundmaterial&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Dokumentation der sowjetischen Einmischung in Polen&amp;nbsp;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;4. Wissenschaft und Technik&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Mesquit - der Vielzweckstrauch aus der Wüste&lt;br /&gt;&lt;em&gt;- Quelle für Nahrung, Stickstoffdünger und Energie -&lt;/em&gt;</text>
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                    <text>AMERIKA DIENST
'VON

^

13. Januar 1988

I N H A L T

DOKUMENTATION
Reagan;

Technologie schafft weltweite "Wirtschaft der Zukunft'

- Rede des Präsidenten vor dem City Club in Cleveland -

INFORMATION
Hoher Offizier und Abrüstungsexperte als Leiter der ACDA nominiert
- Kurzbiographie von William Burns -

WISSENSCHAFT UND TECHNIK
Eldorado der biomedizinischen Forschung
- "National Institutes of Health" - Magnet für Wissenschaftler
aus aller Welt -

* * * * * *

United States Information Service
Embassy of the United States of America

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.: 0228-339 2035
Telex: 8-85432

�AMERIKA DIENST
'VON

Dokumentation

4

2

13. Januar 1988
REAGAN:

TECHNOLOGIE SCHAFFT WELTWEITE "WIRTSCHAFT DER ZUKUNFT"

- Rede des Präsidenten vor dem City Club in Cleveland WASHINGTON - (AD) - Präsident Reagan ist der festen Überzeugung, daß eine
neue weltweite "Wirtschaft der Zukunft" im Entstehen begriffen ist, in der
"der Intellekt die Materie ersetzt" und "Erfindungen des Menschen Rohstoffe
überflüssig machen".
In einer Ansprache vor dem City Club in Cleveland erklärte Reagan am 11.
Januar 1988, diese neue Wirtschaft werde durch das explosionsartige Anwachsen
technologischer Erfindungen angetrieben, die durch ein weltweites Netz von Investitionen und Kommunikationsmitteln verbunden werden. Im neuen Zeitalter
des Informationswesens seien die weltweiten Investitionsströme dorthin gerichtet, wo die größte Stabilität und die meisten Chancen bestehen, und "in überwältigendem Maß fließen diese in die Vereinigten Staaten".
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede des Präsidenten in leicht gekürz
ter Fassung:

Ich möchte zu Ihnen über einen
Bereich sprechen, für den Freiheit
ebenso unabdingbar ist wie für die
Rede, einen Bereich, in dem sie mit
den Jahren ständig an Bedeutung gewinnen wird. Hiermit meine ich die
sich entwickelnde Wirtschaft der Zukunft, eine Wirtschaft voll großer
Herausforderungen und noch größerer
Chancen, wenn wir nur den Mut haben,
sie anzunehmen, die Vorurteile und
Engstirnigkeit der Vergangenheit über
Bord zu werfen und uns der wirtschaftlichen Freiheit in der ganzen
weit zu öffnen.

United States Information Service
Embassy of the United States of America

Ich sprach soeben von der Wirtschaft der Zukunft, dabei nimmt diese
schon heute in Geist und Vorstellungen von Unternehmern rund um den Globus Gestalt an.
Sie entsteht in
kleinen und großen Unternehmen, in
Fabriken und Universitäten, in Forschungs- und
Entwicklungszentren.
Angetrieben vom explosionsartigen An
wachsen technologischer Erfindungen
und verbunden durch ein weltweites
Netz von Investitionen und Kommunika
tionsmitteln, verwandelt sie unser
Leben mit solch atemberaubender Ge
schwindigkeit, daß der sogenannte

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D 5300 Bonn 2

Tel.: 0228-339 2035
Telex: 8-85432

�"gesunde
Menschenverstand"
kaum
Schritt halten kann.
Die dramatischen Veränderungen, deren Zeugen
wir bisher geworden sind, stellen jedoch lediglich eine schwache Andeutung dessen dar, was noch folgen wird.
Ich werde sogleich auf die praktischen und unmittelbaren Auswirkungen auf unsere Wirtschaft zu sprechen
kommen, zunächst muß man jedoch verstehen, daß diese technologische Revolution in grundlegender Weise auch
eine moralische Revolution bedeutet.
Im Kern bedeutet sie eine Absage an
die Ratschläge der Verzweiflung, wie
wir sie in den siebziger Jahren so
häufig gehört haben.
Erinnern Sie sich noch an die
siebziger Jahre? Eine Zeit grassierender Inflation, exzessiver Besteuerung und wahnwitziger Zinsen, eines
Einbruchs beim Produktivitätswachstum
und stetiger Erosion der Investitionsanreize.
Aber noch übler als die Statistiken war eine Art Zusammenbruch des
Vertrauens.
In jenen Jahren machte
der Westen eine Erfahrung, die sich
nur als Vertrauenskrise im Hinblick
auf seine grundlegendsten Werte beschreiben läßt.
Zunehmend war von
einer sogenannten "Konvergenz" zwischen freier Welt und kommunistischem
Block die Rede. Manche behaupteten,
unsere Freiheiten seien ein Luxus,
den wir uns nicht mehr leisten könnten. Experten sprachen von begrenzten Ressourcen in einer schrumpfenden
Welt. In dieser Zukunft der Knappheit, so wurde uns gesagt, müßten die
freien Nationen einen zunehmenden
Teil ihrer wirtschaftlichen und politischen Freiheiten opfern und ein Anwachsen staatlicher Kontrolle hinnehmen.

Das amerikanische Volk erteilte
diesem Rat der Verzweiflung eine Abfuhr.
Es erkannte, daß die Krise
nicht die Werte betraf, sondern die
Führung, die nicht mehr an sie glaubte. Und es verlangte die Rückkehr zu
unseren Grundprinzipien - jenen Prinzipien der Freiheit und des Unternehmertums -, die dieses Land immer so
groß gemacht hatten.
Nun, der Weg zurück ist heute gut
dokumentiert: Wir senkten die Steuern, bezwangen die Inflation und befreiten unsere Wirtschaft von einschränkenden Vorschriften - und setzten dadurch die schöpferischen Energien des amerikanischen Volkes frei.
Das Ergebnis hätten sich die "Experten" vor acht Jahren niemals träumen
lassen:
etwa 14,5 Millionen neuer
Arbeitsplätze - mehr Arbeitsplätze
als in Europa und Japan zusammengenommen. Allein im vergangenen Jahr
wurden drei Millionen neuer Arbeitsplätze geschaffen.
Das Beschäftigungsniveau, der Prozentsatz aller
beschäftigten Amerikaner über 16 Jahre, befindet sich auf Rekordhöhe.
Gerade hier in Cleveland fiel unter
Bürgermeister Voinovich die Arbeitslosenrate von 15 Prozent im Jahr 1979
auf unter zehn Prozent. Landesweit
stieg
die
Beschäftigungsrate
der
Schwarzen seit November 1982 um 26
Prozent, mehr als das Doppelte der
Zunahme unter den Weißen. Der Wirtschaftskolumnist Warren Brookes betrachtete diese Bilanz und kam zu
folgendem Schluß: "An jeder Front Arbeitsplätze,
Einkommen,
selbst
Wohlstand der Haushalte - waren diese
Jahre 1981 bis 1986 wirtschaftlich
die besten fünf Jahre in der Geschichte der Schwarzen."
Die Gründung neuer Unternehmen
erlebt weiterhin einen starken Aufschwung.
Die Arbeitsproduktivität,
ein Maßstab für die Solidität der

- 2 -

�Wirtschaft, hat den Rückgang der
siebziger Jahre überwunden und erreicht jetzt historische Zuwächse:
durchschnittlich fünf Prozent jährlich seit 1982 - mehr als das Anderthalbfache des Durchschnitts der Nachkriegszeit.
So eindrucksvoll diese
Zahlen auch sein mögen, so tragen sie
doch mehr zur Vernebelung als zur Erhellung dessen bei, was den wahren
Charakter unserer Fortschritte ausmacht. Der Wandel, ist qualitativer,
nicht quantitativer Natur. Wir beschleunigen nicht lediglich die Prozesse der Industriellen Revolution wir gestalten sie grundlegend um.
Lassen Sie mich Ihnen nur ein
Beispiel nennen, den Halbleiter oder
Computer-Chip.
Ein Wissenschaftler
stellt den folgenden Vergleich an:
Wäre die Technologie im Automobilbau
in den vergangenen 20 Jahren so rasch
vorangeschritten wie die Halbleitertechnologie, so würde ein Rolls Royce
heute weniger als drei Dollar kosten,
mit einer Gallone Treibstoff drei
Millionen Meilen weit fahren, genügend Kraft entfalten, um einen Ozeandampfer anzutreiben, und sechs davon
fänden auf dem Kopf einer Stecknadel
Platz.
Dies ist mehr als ein explosionsartiges Anwachsen der Produktivität mit Operationen in der geheimnisvollen Welt der Quantenphysik signalisieren die Computer von heute einen
Quantensprung in der Weltwirtschaft.
Mit hoher Geschwindigkeit bewegen wir
uns von der Wirtschaft der Industriellen Revolution - einer Wirtschaft, die aus den Rohstoffen der
Erde gespeist wird und an diese gebunden ist - zur, wie es ein Wirtschaftswachswissenschaftler im Titel
seines Buches ausdrückte, Wirtschaft
des Geistes, in der menschliches Vorstellungsvermögen und schöpferische
Freiheit die kostbarsten Rohstoffe

sind.
Denken Sie noch einmal an diesen
kleinen Computer-Chip.
Jene Chips,
die treibende Kraft der modernen
Wirtschaft, werden aus dem in Sand
enthaltenen Silikon hergestellt, einer der weitverbreitetsten Substanzen
der Erde. Ihr Wert rührt nicht vom
Material her, aus dem sie bestehen,
sondern von der mikroskopisch kleinen
Architektur, zu der sie durch genialen menschlichen Intellekt geformt
wurde.
Zunehmend ersetzt in dieser neuen
Wirtschaft der Intellekt die Materie,
machen Erfindungen des Menschen Rohstoffe überflüssig.
Denken Sie zum
Beispiel an eine typische per Satellit übertragene Fernsehsendung, wie
etwa das Spiel der Browns vom Samstag. Dieser Satellit - ein Produkt
menschlichen Erfindergeistes - ersetzt Tausende von Tonnen Kupfer, die
aus der Erde geschürft und zu Draht
verarbeitet werden müssen.
Anstatt in einer Welt schrumpfender Rohstoffe eingesperrt zu sein,
sind wir im Begriff, über diese hinauszuwachsen, in ein neues Zeitalter
scheinbar grenzenloser Horizonte einzutreten.
Dies ist eine gute Nachricht für
die Menschheit - jedoch eine schlechte Nachricht für die Planwirtschaft.
Der zentral gelenkte Staat kann Me
talle abbauen oder Öl aus der Erde
pumpen.
Zwar weniger effizient als
eine freie Wirtschaft, kann er doch
große Fabriken und Fertigungsbänder
betreiben. Er kann jedoch nicht den
Unternehmergeist freisetzen. Er kann
nicht die Produkterprobung
freier
Märkte nachahmen, die Fülle von Experimenten, die Wissen und Fortschritt
erbringt. Keine Regierung kann den
Unternehmer hervorbringen oder diesen

- 3 -

�Funken des Erfindergeistes entzünden.
Alles, was Regierungen tun können,
ist, ihren Bürgern den Weg zu ebnen ihnen die Freiheit des Intellekts zu
geben.
Eine kürzlich erschienene Ausgabe
des Magazins "Fortune" faßte dies in
einem Beitrag mit dem Titel "Der Tod
des Sozialismus" zusammen.
Selbst
sozialistische Regierungen in Westeuropa senken heute die Steuern, während die Sowjetunion in dem Versuch,
nicht noch weiter zurückzufallen,
nach Wirtschaftsreformen strebt.
Vor über einem Jahrhundert prophezeite der englische Wirtschaftswissenschaftler und Philosoph John
Stuart Mill, der Wettbewerb zwischen
sozialistischen und freien Marktwirtschaften würde letztlich dadurch entschieden, welches System "im Einklang
mit dem größten Maß an menschlicher
Freiheit und
Spontaneität" stehe.
100 Jahre danach kennen wir das Ergebnis.
Sozialistische und kommunistische Systeme haben ihre Freiheiten aufgegeben, und alles was sie mit
ihrem Opfer erkauft haben, sind Stagnation und Leid.
Anstatt Konvergenz stellen wir
also eine zunehmende Divergenz zwischen Freien und Unfreien fest. Dirigistische Wirtschaftssysteme stagnieren, während die Länder des freien
Marktes und der niedrigen Steuern mit
Riesenschritten in ein neues Zeitalter des Wachstums eintreten - in eine
neue Weltwirtschaft.
Noch stärker als in der Vergangenheit ist diese neue Weltwirtschaft
die Wirtschaft einer Welt.
Unter
Führung der Amerikaner haben Unternehmer ein weltweites elektronisches
Netz geschaffen, das 24 Stunden täglich einsatzbereit ist und annähernd
mit
Lichtgeschwindigkeit
Kapital,

Ideen, Waren und Dienstleistungen
rund um die Welt in Bewegung hält.
Forschung, Entwicklung, Produktion,
Marketing und Investitionstätigkeit
finden heute auf weltweitem Niveau
statt.
Nehmen Sie zum Beispiel die Firma
Boeing.
Mit Hauptsitz in Seattle
baut sie den Rumpf ihrer neuen 76 7
mit Komponenten aus Japan und Ita
lien, die Triebwerke werden von ame
rikanischen Arbeitnehmern in Ohio mit
Teilen aus Schweden, Frankreich, der
Bundesrepublik Deutschland und Italien zusammengebaut. Oder nehmen Sie
zum Beispiel Honda. Das Unternehmen
baut heute Automobile in Marysville,
Ohio, die in Taiwan verkauft werden,
und prüft gegenwärtig die Möglichkeit, seine in den Vereinigten Staaten hergestellten Automobile in Japan
zu verkaufen.
In dieser neuen Weltwirtschaftsordnung werden nationale Grenzen zunehmend überflüssig. In diesem neuen
internationalen Zeitalter des Informationswesens folgen Unternehmer dem
Fluß ihrer Investitionen und diese
fließen dorthin, wo die größte Stabilität herrscht, sich die besten Möglichkeiten abzeichnen - in überwältigendem Maße fließen sie in die Vereinigten Staaten.
Wir sind uns der Diskussion über
das Handelsdefizit bewußt, sollten
uns jedoch vor einfacher Buchführung
hüten.
Die Habenseite belegt, daß
dank
der
wachsenden,
dynamischen
Wirtschaft der Vereinigten Staaten
159 Milliarden Dollar an ausländischem Kapital ins Land geflossen
sind. Handelsdefizite und der Zufluß
ausländischen Kapitals
sind nicht
notwendigerweise ein Anzeichen wirtschaftlicher Schwäche.
Während der
ersten 100 Jahre der Geschichte unse
rer Nation, als wir uns von einer Ag-

- 4 -

�rarkolonie zur industriellen Führungsmacht der Welt entwickelten,
hatten die Vereinigten Staaten ein
Handelsdefizit zu verzeichnen. Heute, da wir die führende Stellung in
dem weltweiten Wandel vom Industriezum Informationszeitalter einnehmen,
ziehen wir immer noch Investitionen
aus der ganzen Welt an.

Mexiko hat einen Handelsüberschuß bei
Waren zu verzeichnen. Der Handel der
Vereinigten Staaten, die stets eine
Lokomotivfunktion bei der Ankurbelung
der Wirtschaft erfüllt haben, befindet sich in den roten Zahlen, da wir
dank unserer wachsenden Wirtschaft in
der Lage sind, die Waren der anderen
zu kaufen.

Einige bezeichnen dies als Verschuldung. Dieser Denkweise zufolge
wäre jedoch jede Gelegenheit, bei der
ein Unternehmen Aktien verkauft, ein
Anzeichen von Schwäche und es wäre
sehr viel besser, ein Unternehmen zu
leiten, in das niemand investieren
möchte als eines, in das jeder investieren will. Nehmen wir zum Beispei 1 die Hochtechnologie und das
schnelle Wachstum
in Kalifornien.
Milton Friedman zufolge stellt die
Verschuldung Kaliforniens gegenüber
anderen Bundesstaaten und dem Ausland
die Auslandsverschuldung der Vereinigten Staaten mit an Sicherheit
grenzender Wahrscheinlichkeit weit in
den Schatten. Ist dies ein schlechtes Omen für Kalifornien? Im Gegenteil, man könnte sagen, es ist ein
Anzeichen von Stärke.

Diese
Ungleichgewichte
sollten
jedoch im Verlauf der Zeit reduziert
werden, und hier bieten sich zwei
Möglichkeiten an: Wir können uns wie
die anderen verhalten oder sie wie
wir. Wir können die Steuern erhöhen,
erneut Wirtschaftsbeschränkungen einführen und eine protektionistische
Gesetzgebung der Art verabschieden,
wie sie jetzt im Kongreß erörtert
wird.
Solche Maßnahmen werden das
Wachstum dieser Nation wirksam verlangsamen und
den internationalen
Handel lähmen. Wir werden die Produkte der anderen nicht kaufen können
und zweifelsohne wird niemand den
Wunsch hegen, Investitionen in unserem Land zu tätigen. Die Weltwirtschaft kann dann gemeinsam schrumpfen
und wir können uns schon jetzt auf
die Rufe der Experten gefaßt machen,
die dann zum wiederholten Male "Konvergenz" und die "Grenzen des Wachstums" predigen.

Historisch gesehen haben schnell
wachsende Wirtschaften häufig ein Defizit der Leistungsbilanz bei gleichzeitigen
Nettokapitalinvestitionen
aus dem Ausland zu verzeichnen. Dieser vorhersehbare und bis zu einem
gewissen Grad wünschenswerte Prozeß
ist durch das langsame Wachstum in
einigen Teilen Europas und die Notwendigkeit der hochverschuldeten Länder der Dritten Welt, für ihren
Schuldendienst Handelsüberschüsse zu
erwirtschaften, noch verschärft worden. Die Bundesrepublik Deutschland
hat in den vergangenen zehn Jahren
eine halbe Million Arbeitsplätze verloren und dennoch im Warenhandel einen Überschuß zu verzeichnen. Auch

Die andere Lösung wäre, daß sie
sich wie wir verhalten und eine Politik der niedrigen Steuern und der
Wachstumsförderung
verfolgen.
Den
Handel ermutigen, statt zu entmutigen
- ihn freier, fairer und vielfältiger
gestalten. Gemeinsam mit den anderen
Nationen an einem kooperativen Aufwärtstrend des Wachstums mitzuarbeiten, an dem alle teilhaben. Die Möglichkeiten der neuen Weltwirtschaft
ausschöpfen.
In der Tat können wir dies bereits beobachten. Einige der führen-

- 5 -

�den Industrienationen sind dem Beispiel der Vereinigten Staaten gefolgt
und haben zur Ankurbelung des Wachstums die Grenzsteuersätze gesenkt.
Diese Änderungen und andere Marktkräfte haben schon jetzt eine starke
Nachfrage nach amerikanischen Exporten ausgelöst - bei erwartetem anhaltendem Wachstum.
Ich möchte damit nicht behaupten,
daß es keine Probleme gibt - das Problem, das selbst ein Blinder ausmachen kann, ist das amerikanische
Haushaltsdefizit. Dieses Defizit ist
peinlich und bedauerlich und vielleicht am gefährlichsten, weil es den
vollständigen Zusammenbruch einer der
grundlegendsten Funktionen der Regierung der Vereinigten Staaten signalisiert.
Wir haben jedoch bereits einige
Fortschritte erzielt. Zum ersten Mal
in 14 Jahren hat die amerikanische
Regierung im letzten Jahr verglichen
mit dem Vorjahr in realen Zahlen weniger ausgegeben. Wir haben das Defizit des vergangenen Jahres um 75
Milliarden Dollar verringert und beide Häuser des Kongresses haben mit
mir einen Zweijahresplan zur Reduzierung
des
Defizits
unterzeichnet.
Dies sind Schritte in die richtige
Richtung, die einen ausgeglichenen
Haushalt zur Folge haben werden und
zwar ohne die Härten der linearen
Kürzungen des Gramm-Rudman-Ho11ingsGesetzes.
Aber es bleibt noch viel zu tun.
Wenn wir uns nicht vorsehen, werden
wir erneut in die Fehler der Vergangenheit verfallen - gebrochene Versprechen und ungebremste Ausgaben.
Es ist Zeit, die Wurzel des Problems
anzugehen - es ist an der Zeit, den
funktionsunfähigen
Haushaltsprozeß
wieder in Ordnung zu bringen.

Kurz vor Weihnachten hat der Kongreß ein großes Paket an meiner Tür
abgeliefert. Es war die 1 000 Seiten
umfassende
Haushaltsfortschreibung,
die alle Ausgaben der amerikanischen
Regierung bewilligt. Zum zweiten Mal
nacheinander hat der Kongreß keinen
einzigen der 13 Einzeletats rechtzeitig verabschiedet. Er hat sie nur zu
einer Billionen-Dollar Goldgrube aufgeschüttet .
Wie wäre es mit einem Vorsatz für
das neue Jahr:
ein Haushalt, der
glaubwürdig und zuverlässig ist. Ein
Ausgabenplan, der rechtzeitig vorliegt und durchführbar ist und die
Regierung nicht an den Rand des
Scheiterns bringt. 13 handliche Einzelhaushalte und nicht ein gigantisches Sammelsurium. Ich werde die
sen Vorsatz fassen und hoffe, die 535
Abgeordneten, die Ihre Vertreter im
Kongreß der Vereinigten Staaten sind,
werden sich dies ebenfalls zum Vorsatz machen.
Es gibt noch weitere Änderungen,
mit denen dieser Prozeß erneuert werden kann.
Die Verfassung verleiht
dem Präsidenten das Recht, ein Veto
einzulegen, und dem Kongreß die Be
fugnis, dieses Veto aufzuheben. Als
unsere Vorväter dieses historische
Dokument entwarfen, waren sie sich
des Dilemmas sicherlich nicht gewahr,
in dem sich der Präsident heute be
findet - entweder sein Veto gegen ein
für die Wahrnehmung der Regierungsge
Schäfte notwendiges Haushaltsgesetz
einzulegen oder ein Gesetz zu unterzeichnen, das wenig zur Förderung des
nationalen Wohlstands beiträgt.
Lassen Sie mich einige der bevorzugten Themen des Kongresses aufzählen:
Selbst in dieser Zeit von
Gramm-Rudman, in der unser Verteidigungshaushalt bis aufs äußerste ge
kürzt wird, hat der Kongreß entschie
6 -

�den, daß die Spargelforschung von
vordringlicher nationaler Notwendigkeit ist. Auch für Kernobst wurden
großzügig Mittel bereitgestellt, aber
das große Geld floß in die politisch
kalkulierten Projekte wie Straßen,
Autobahnen, Staudämme.

•

Kein Präsident sollte mit dem Angebot "Alles oder Nichts" konfrontiert werden. Es ist an der Zeit,
dem Präsidenten dasselbe Recht zu gewähren wie den 43 Gouverneuren - ein
selektives Veto. Bis dies geschieht,
wird der Kongreß die Verantwortung
dafür übernehmen müssen, daß ungerechtfertigte Zusatzartikel nicht zum
Bestandteil der notwendigen Gesetze
werden, die mir vorgelegt werden.
Im Verlauf dieser Jahre hat sich
unser Land zur Feier des Jahrestages
der Unterzeichnung und Ratifizierung
unserer Verfassung versammelt.
Je
mehr ich über dieses erhabene Dokument nachdenke, desto eher gelange
ich zu derselben Schlußfolgerung wie
George Washington, daß es sich hierbei um mehr als ein Produkt menschlichen Erfindungsgeistes handelt
daß auch, wie Washington glaubte, die
göttliche Vorsehung ihre Hand dabei
im Spiel hatte.

,

»

Zweihundert Jahre später dient
dieses Dokument nicht nur unserer Nation, sondern der ganzen Welt als
Leitfaden, da wir ins 21. Jahrhundert
eintreten.
Gelegentlich
vergessen
wir, daß der ursprüngliche Zweck der
verfassunggebenden Versammlung darin
lag, eine Lösung für die Handelskonflikte zu finden, die zu jener Zeit
die Vereinigten Staaten entzweiten.
Im Jahr 1787 warnte die Connecticut
Gazette, die Handelskonflikte zwischen Georgia und Virginia könnten zu
einer "Verarmung oder dem verhängnisvollen Zusammenbruch" des Handels in
Virginia führen.
Zwischen einigen

Staaten waren tatsächlich Kämpfe ausgebrochen. Blut war vergossen worden.
Die neue politische Einheit,
die in Philadelphia erzielt wurde,
war vielleicht ebenso bedeutend wie
der wirtschaftliche Durchbruch - die
Grundsätze, die Amerika zur größten
Freihandelszone der Welt machen sollten, zu einer kontinentalen Wirtschaft.
Als die Verfassung niedergelegt
wurde, dauerte es länger von Washington nach Richmond in Virginia zu reisen als heute von Washington nach
Tokio.
Die Anforderungen der neuen
Weltwirtschaft
überschreiten
politische Grenzen. Wie vielen von Ihnen
bekannt sein dürfte, haben Premierminister Mulroney und ich am Wochenende
nach Neujahr ein historisches Freihandelsabkommen zwischen den Vereinigten Staaten und Kanada unterzeichnet - ein Abkommen, das meinen im Innersten gehegten Hoffnungen zufolge
den Weg zu dieser neuen Weltwirtschaft ebnen wird, in der nationale
Grenzen wie die Grenze zwischen den
Vereinigten Staaten und Kanada werden: eher ein Treffpunkt denn eine
Trennungslinie.
Die sich wandelnden wirtschaftlichen Realitäten - deren Produkte
zunehmend in Informationen bestehen,
die mit Lichtgeschwindigkeit um die
Welt übermittelt werden können - diese neuen wirtschaftlichen Realitäten
diktieren die Weltwirtschaft.
Aufgrund unserer Erfahrungen mit der
kontinentalen Wirtschaft sind wir in
einzigartiger Weise dafür geschaffen,
die Welt in ein neues Zeitalter der
wirtschafliehen
Zusammenarbeit
zu
führen und diese "Stadt auf dem Hügel", die Amerika ist, zu einer universellen Stadt zu machen.
Die Losung dieses neuen Zeitalters heißt Freiheit - freies Unter-

- 7-

�nehmertum, freier Handel, Freizügigkeit, die Freiheit zur Emigration.
Freiheit - die Freisetzung der kreativen Energien aller Menschen auf der
Welt. Das ist die Herausforderung,
die sich uns in den achtziger Jahren
stellt. Wir brauchen nur den Mut,
ihr zu begnen.

* * * * *

- 8 -

�AMERIKA DIENST
Information
13. Januar L988

HOHER OFFIZIER UND ABRÜSTUNGSEXPERTE ALS LEITER DER ACDA NOMINIERT
- Kurzbiographie von William Burns -

WASHINGTON - (AD) - Der von Präsident Reagan als neunter Direktor des USAmts für Rüstungskontrolle (ACDA) nominierte Generalmajor Willi.im Btrns jilt
vreithin als Verfechter eines pragmatischen Kurses In der Rüsttngskontrolle.
Gegenwärtig ist Burns zweiter Mann im Büro für militärisch-politische Angelegenheiten im amerikanischen Außenministerium und hat das Amt a'.s Leiter der
Unterabteilung für Rüstungskontrolle inne.

Im Falle seiner Bestätigung durch
den Senat würde Burns der Nachfolger
von Kenneth Adelman als Direktor der
ACDA.
Adelman hatte seinen Posten
nach dem Washingtoner Gipfel vom Dezember abgegeben.
Allgemein gilt Burns im Vergleich
zti seinem Vorgänger als gemäßigter
und weniger umstritten als einige der
wichtigsten Beteiligten am Prozeß der
Rüstungskontrolle.
Burns war an den Verhandlungen
über den von Präsident Reagan und Generalsekretär Gorbatschow während des
Washingtoner Gipfels im vergangenen

United States Information Service
Embassy of the United States of America

Jahr unterzeichneten IN?-Vertrag beteiligt.
Aus diesem G-und erwartet
man, daß er die Bemühungen der Administration um die Ratif izieiung dieses Vertrags durch den Senat wesentlich unterstützen wird. Die Anhörungen zur Ratifizierung beginnen am 25.
Januar.
Auf dem Capitol Hil L sind Spekulationen laut geworden, denen zufolge
die Nominierung von Burns auf Widerstand
konservativer Mitglieder des
Kongresses
wie
etwa
des
Senators
Jesse Helms treffen könnte.
Demgegenüber erklärte jedoch der Sprecher
des Weißen Hauses Marlin Fitzwater:

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.: 0228-339 2035
Telex: 8-85432

�"Wir sind zuversichtlich, daß er bestätigt wird." Er beschrieb den Nominierten überdies als "hervorragenden Kandidaten".
Senator Clairborne Pell, Vorsitzender des Auswärtigen Ausschusses
des Senats, der über die Nominierung
von Burns abstimmen wird, äußerte die
Meinung, die zivile Rüstungskontrollbehörde solle nicht von einem Militär
geleitet werden. Burns wird jedoch
vor seinem Amtsantritt als Leiter der
ACDA seinen Abschied von der Armee
nehmen und auf seinen militärischen
Rang verzichten.
Dies wird jedoch
nicht vor seiner Bestätigung durch
den Senat geschehen.
Burns wird ebenfalls einen Beitrag zu den weiteren Verhandlungen
zwischen den Vereinigten Staaten und
der Sowjetunion zur Reduzierung der
strategischen Waffen (START) leisten,
wodurch die Zahl der Langstreckenraketen in den Arsenalen der beiden Supermächte verringert werden soll.
Diese Verhandlungen werden am 14. Januar in Genf wiederaufgenommen, wobei
die Unterhändler hoffen, einen zweiten Rüstungskontrollvertrag im Rahmen
des
für
das
Frühjahr
geplanten
Reagan-Besuchs zur Unterzeichnung in
der Sowjetunion vorbereiten zu können.
Im Rahmen seiner bisherigen Verwendungen hat Burns die von Präsident
Reagan 1983 Ins Leben gerufene Strategische Verteidigungsinitiative unterstützt. Mit dem SDI-Programm, das
sich gegenwärtig noch im Forschungsstadium befindet, soll die Bedrohung
durch
ballistische
Raketen abgeschafft werden.
Von November 1981 bis Juni 1984
war der designierte Leiter des US-Rüstungskontrollamtes Delegierter der
Vereinigten Stabchefs bei den INFVerhandlungen in Genf.

Davor hatte er von 1984 bis 1985
erneut eine Verwendung als stellvertretender Kommandant der Carlisle Kaserne in Pennsylvania beim US-Army
War College inne.
Im Februar 1985 kehrte er als Delegierter der Vereinigten Stabschefs
bei der INF-Verhandlungsgruppe
in
Genf ins Pentagon zurück und blieb
bis Dezember 1986 in dieser Position.
General Burns hatte von 1954 bis
heute verschiedene Funktionen im amerikanischen Heer inne; von 1981 bis
1982 war er Direktor der Sondergruppe
für Waffensysteme zur Truppenunterstützung in Fort Sill, Oklahoma; von
1980 bis 1981 diente er als stellvertretender Kommandant der Feldartillerie^chule
der
amerikanischen
Streitkräfte in Fort Sill, von 1978
bis
1980
in
der
Bundesrepublik
Deutschland als Verbindungsoffizier
beim U.S. Army Training and Doctrine
Command in Bonn; von 1976 bis 1978
war er Kommandeur der 42. Field Artillerie Group bei der U.S. Army
Europe und von 1972 bis 1976 Direktor
der wirtschaftspolitischen Abteilung
beim Institut für Studien zur nationalen und internationalen Sicherheit
am Army War College der Carlisle Käse rne.
General Burns schloß sein Studium
am LaSalle College im Jahr 1954 mit
dem B.A. ab; 1969 erwarb er den Magister für internationale Studien von
der Woodrow Wilson School of Public
and International Affairs an der Universität Princeton.
Burns wurde am 23. Juni 1932 in
Scranton, Pennsylvania, geboren. Er
ist verheiratet und hat vier Kinder.
Sein Wohnort ist Fort Myer, Virginia.

- 2 -

* * * * *

�ceoST&gt;

V,DN #

AMERIKA DIENST
Wissenschaft und Technik
13. Januar 1988

ELDORADO DER BIOMEDIZINISCHEN FORSCHUNG
'National Institutes of Health" - Magnet für Wissenschaftler
aus aller Welt -

WASHINGTON - (AD) - Die Freiheit, zu forschen, und ein Arbeitsklima, das
den einzelnen fordert und fördert zugleich, sind offenbar ganz wichtige Voraussetzungen für überragende wissenschaftliche Leistungen. Die Entwicklung
der "National Institutes of Health" (NIH), der Biomedizinischen Forschungsan
stalten der Vereinigten Staaten in Bethesda (Maryland), und die Erfolge ihrer
Mitarbeiter haben dies in den letzten Jahrzehnten überzeugend demonstriert.

An
der. "Gesundheitsinstituten"
sind heute etwa 14 000 Personen beschäftigt. Mehr als 3000 sind Wissenschaftler - aber fast zwei Drittel
von ihnen gehören nicht den medizinischen Fachrichtungen an, sondern
sind Biologen, Biochemiker und Mikrobiologen verschiedenster Spezialisierung. Neuerdings zählen auch Ökologen und Sozialwissenschaftler zur
Kollegenschaft.
Sie alle wissen um
die Besonderheit und um die Vorzüge
ihrer Arbeitsstätte. Zwar locken erheblich besser dotierte Positionen in
der Industrie und an Universitäten.

United States Information Service
Embassy of the United States of America

Aber die meisten ziehen die Atmosphä
re dieser "vollkommensten Form einer
Alma Mater" vor.
So
jedenfalls
charakterisierte
Dr. Roy Vagelos, ehemaliger NIH-Stipendiat, jetzt Vorstandsvorsitzender
der Fa. Merck &amp; Co., die "National
Institutes of Health" auf der Eröffnungsveranstaltung zu den Hundertjahrfeiern im vergangenen Jahr. Die
se zogen sich bis Ende 1987 hin meist waren es Begegnungen mit ehema
ligen
Kollegen,
insbesondere
mit
Gastforschern aus aller Welt.
Die

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.: 0228-339 2035
Telex: 8-85432

�Veranutaltungen hatten aber auch »um
Ziel, der Öffentlichkeit die Schwerpunkte der hier betriebenen Forschungsarbeit und ihre Bedeutung für
die Erhaltung und Wiederherstellung
der Gesundheit zu erläutern. Junge
Menschen bekamen Gelegenheit, sich
über Karrieren in den vielfältigen
Fachgebieten zu informieren, sich
vielleicht auch von der Begeisterung
der "Aktiven" anstecken zu lassen.
Dieses in seiner Art wohl einzigartige Zentrum nahe der Bundeshauptstadt Washington bildet heute einen
der Hauptpfeiler für die Führungsposition Amerikas in der biomedizinischen Forschung.
Es wird ausschließlich mit Bundesmitteln finanziert, ist in der Verwendung der Gelder aber autonom. Und NIH-Direktor
Dr. James B. Wyngaarden wacht mit dem
Verwaltungsgremium darüber, Versuche
zu bürokratischem "Mikromanagement"
von draußen schon im Ansatz abzuwehren.
Die
wissenschaftliche
Aus- und
Weiterbildung von gut einem Drittel
aller Jungakademiker, die sich in den
USA für die immer stärker aufgefächerten Sektoren der Biomedizin spezialisieren, wird von hier aus gefördert.
Wer zumindest zeitweise in
Bethesda arbeiten will, muß durch besondere Leistungen während des Studiums und durch Publikationen bereits
aufgefallen sein. Aus den Instituten
selbst kommen Jahr für Jahr etwa
2 000 neue wissenschaftliche Berichte.
Fast 70 Amerikaner, die seit
1939 mit dem Nobelpreis für Medizin
und Physiologie ausgezeichnet wurden,
erhielten für ihre Arbeiten Unterstützung durch die "National Institutes of Health". Aus den Instituten
in Bethesda selbst sind vier dieser
Laureaten hervorgegangen.

Kur etwa ein Fünftel des Jahresetats, der derzeit 6,2 Milliarden
Dollar beträgt (und den der Kongreß
in der Regel großzügiger bemißt als
die Regierung in ihren Haushaltsansätzen), verbleibt in der Zentrale.
Mit den übrigen Mitteln werden Forschungsvorhaben
einzelner
Wissenschaftler und Laboratorien in anderen
Instituten im Lande, aber auch im
Ausland gefördert. So gehen von den
70 Millionen Dollar, die NIH jährlich
für internationale Aktivitäten bereitstellt, mehr als 30 Prozent an
ausländische Forscher. Das "Fogarty
International Center" fördert die Zusammenarbeit amerikanischer Wissenschaftler mit Kollegen in der ganzen
Welt. Derzeit sind die "National Institutes of Health" an 57 bilateralen
Abkommen mit 32 Ländern beteiligt.
Gastforscher aus dem Ausland und vorübergehend in den USA tätige Wissenschaftler aus mehr als 70 Ländern
leisten gegenwärtig Beiträge zu Untersuchungen auf nahezu jedem Gebiet
der Biomedizin.
Wanda Pifer, die Leiterin der
Auslandsabteilung, berichtet, daß zur
Zeit etwa 1600 ausländische Forscher
in den Laboratorien von Bethesda tätig seien und zwischen einem Jahr und
drei Jahren in den Vereinigten Staaten blieben. Seit 1969 nahmen mehr
als 130 ausländische Gelehrte von internationalem Ruf an dem Programm
"Scholars-in-Residence"
teil,
das
sich als besonders produktiv erwiesen
habe.
So veröffentlichte ein indischer Gelehrter in den letzten zwei
Jahren in Zusammenarbeit mit Forschern in den USA und Indien eine Anzahl wissenschaftlicher Berichte über
die Entwicklung von Lepra-Impfstoffen.
Ein britischer Forscher koordinierte die Arbeit einer internationalen Gruppe zur Entwicklung einer experimentellen Vakzine gegen die erworbene Immunschwächekrankheit AIDS.

- 2 -

�*

*

,
»

Dr. Robert
Gallo vom Nationalen
Krebsinstitut, in dessen Laboratorium
zum ersten Mal HIV-Kulturen gezüchtet
und damit Möglichkeiten zum Studium
der AIDS-Erreger und zur Entwicklung
von Antikörper-Tests geschaffen wurden, firmiert mt seinen Mitarbeitern
als die ":Regenbogen-Koalition" - so
bezeichnet wegen der zahlreichen Nationalitäten, die in der Gruppe vertreten sind.
Zwölf Fachinstitute, mit modernsten Laboratorien und technischen
Hilfsmitteln ausgestattet, dazu eine
Klinik mit 540 Betten, sind Kernelemente der "National Institutes of
Health".
Ihre Bibliothek verfügt
über die umfassendste Literatur der
Welt, was die biomedizinischen Wissenschaften angeht.
Schon in den
sechziger Jahren wurden Datenbanken
für die fortlaufende Aktualisierung
des "Index medicus"-Katalogs benutzt.
Und modernste Mittel der Nachrichtentechnik, einschließlich Satelliten,
werden eingesetzt, um Forschern in
aller Welt jederzeit Zugang zu den in
Bethesda gespeicherten Informationen
zu ermöglichen.
NEH arbeitet mit
1300 ausländischen Forschungszentren
eng zusammen. Für die Auswahl, technische Vorbereitung und Koordinierung
eigener
Studienprojekte
sind
in
Bethesda vier Sonderabteilungen eingerichtet.
In den "klassischen" NIH-Instituten befaßt man sich mit dem Studium
von Krebs unter allen nur erdenklichen Gesichtspunkten, von Herz-,
Lungen- und Blutkrankheiten, von Skelett- , Gelenk- und
Stoffwechselerkrankungen, von Allergien und Infektionen, neurologischen und muskulären
Erkrankungen, von Nieren-, Harnwegsund Hautkrankheiten, von endokrinen
Störungen und solchen der Nahrungsverwertung, mit der Erforschung von
Störungen des Hör-, Sprech- und Seh-

vermögens , mit der menschlichen Entwicklung und der Reproduktionsmedizin. Die Institute für Gerontologie,
die Untersuchung der Gesundheitsbeeinträchtigung durch Umweltbelastungen (dieses Institut ist in Research
Triangle Park, North Carolina, ansässig) und das Nationale Zentrum für
Pflegeforschung kamen erst in jüngerer Zeit hinzu.
Über die meisten
Ausbildungsplätze (fast dreimal mehr
als z.B. im Herz- oder Krebsinstitut)
verfügt das Institut für allgemeine
medizinische Forschung, wo man sich
mit Grundlagenproblernen befaßt - von
der Zellbiologie über Genetik und
Pharmakologie bis zu systemischen Re
aktionen des menschlichen Organismus
auf traumatische Einwirkungen und auf
Anästhesie.
In das Krankenhaus werden Patienten ausschließlich unter Gesichtspunkten der Forschung aufgenommen.
In den Instituten erarbeitet« Therapien für schwer behandelbare oder
seltene
Erkrankungen
werden
hier
erstmals erprobt. Nur durch die Vermittlung ihres Arztes können Patienten aus den USA oder anderen Ländern
nach Bethesda kommen, sofern ihre Erkrankung in den Rahmen der jeweils
laufenden
Forschungsprojekte
paßt.
Ist dies der Fall, können sie mit
kontinuierlicher Betreuung durch ihre
NIH-Ärzte rechnen.
NIH-Forschungsergebnisse
führten
z.B. zur Verringerung von Todesfällen
infolge Herzerkrankungen, Krebs und
Schlaganfall. Die hier entwickelten
Programme zur Gesundheitserziehung,
in denen Rauchen, hoher Cholesterinspiegel und Bluthochdruck als Risikofaktoren erklärt und herausgestellt
sind, führten im Verein mit besserer
medizinischer Versorgung und Vorbeugung bereits zu einem Rückgang der
Todesfälle durch Herzkrankheiten in
Nordamerika um 30 Prozent, in Belgien

- 3 -

�und Japan um 25 Prozent.
Laut Dr. Peter Frommer vom Nationalen Herzinstitut steigt jedoch in
vielen anderen Teilen der Welt die
Sterblichkeitsrate durch Herzkrankheiten eher an. Dies gelte vor allem
für Entwicklungsländer und Länder des
pazifischen Raumes, die mehr und mehr
den westlichen Lebensstil übernähmen.
Japan bilde hier allerdings eine Ausnahme. Auf dem Gebiet der Therapie
haben amerikanische Forscher, wie
Frommer weiter berichtete, den Weg
zur Ausrottung rheumatischer Herzerkrankungen gewiesen. In den USA gebe
es sie so gut wie nicht mehr. Jedoch
zählten sie z.B. in Indien, Ägypten
und vielen Ländern der Dritten Welt
noch immer zu der häufigsten Form von
Herzkrankheiten.
Die Pionierarbeit,
die in Amerika auf dem weiten Feld
der Herzchirurgie geleistet wurde,
bedarf eigentlich gar keiner Erwähnung.
Das 1981 in Angriff genommene
Programm zur beschleunigten Entwicklung neuer Vakzine am Institut für
Allergie
und
Infektionskrankheiten
ist derzeit auf zehn Impfstoffe konzentriert. Sie gelten in erster Linie der Bekämpfung der Malaria, von
Typhus, Streptokokken-Pneumonie und
Infektionen mit Rotaviren. Streptokokken-Pneumonie hat in den letzten
Jahren in den Entwicklungsländern
zahlreiche Todesfälle bei Kindern
verursacht.
Ein Impfstoff für Erwachsene wurde in den USA bereits zugelassen. Aber er ist bei kleinen
Kindern wenig wirksam. Auf dem Gebiet der Rotaviren arbeiten amerikanische und japanische Forscher besonders intensiv. Die Erreger sind für
etwa 50 Prozent viraler Durchfallerkrankungen verantwortlich, die in der
Dritten Welt vielen Kleinkindern den
Tod bringen.

Wissenschaftler der "National Institutes of Health" und japanische
Forscher erzielten außerdem wichtige
Fortschritte
zur
Entwicklung
von
Schluckimpfstoffen
gegen
Cholera.
Bei Versuchen an Freiwilligen zeigte
sich, daß sie immun machen, jedoch
eine leichte Durchfallerkrankung auslösen. Jetzt sucht man nach Möglichkeiten, unerwünschte Nebenwirkungen
auszuschalten.
Cholera, Typhus und
andere, durch die Passagiere von Einwandererschiffen
eingeschleppte
Krankheiten waren übrigens im Jahr
1887 der Anlaß für die Einrichtung
eines kleinen Hygienelabors in einer
Mansarde
des
Marinehospitals
auf
Staten Island (New York), der "Urzelle" der Gesundheitsinstitute.
300
Dollar standen damals Joseph Kinyoun
zur Verfügung, der gerade von einem
Studienaufenthalt in Europa zurückge
kehrt war. Dort hatte er u.a. bei
Robert Koch, dem Begründer der expe
rimentellen Bakteriologie und Entdek
ker der Tuberkulose- und Cholera-Erreger, gearbeitet. Im Jahr 1891 wurde das Labor nach Washington verlegt,
1938
konnten
die
Institute
in
Bethesda bezogen werden.
AIDS ist gegenwärtig ein besonde
rer Schwerpunkt, und Forschungen ame
rikanischer Wissenschaftler, insbe
sondere von der "National Institutes
of Health", zu dieser Krankheit sind
in der ganzen Welt im Gang. Beispielsweise wurde auch der Einsatz
von AZT (Azidothymidin), des ersten
und bisher einzigen Medikaments, das
zur Behandlung AIDS-Kranker entwikkelt und zugelassen ist, an den NIH
erprobt. Aber das heißt nicht, daß
nun andere, als wichtig erkannte Aufgaben in den Hintergrund träten.

* * * * * *

�</text>
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AMERIKA DIENST
Sonderdienst

V O N **

13. Januar 1989

REAGAN BETONT FRIEDEN UND HOFFNUNGEN FÜR DIE ZUKUNFT
- Abschiedsrede des Präsidenten -

United States Information Service
Embassy of the United States of America

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.: 0228-339 2035
Telex: 8-85432

�REAGAN BETONT FRIEDEN UND HOFFNUNGEN FÜR DIE ZUKUNFT
- Abschiedsrede des Präsidenten -

WASHINGTON - (AD) - In seiner am 11. Januar vom 'Oval Office' des Weißen
Hauses gehaltenen Abschiedsrede erklärte Präsident Reagan, seine Wirtschaftspolitik habe "den längsten Aufschwung in Friedenszeiten" in der Geschichte der
Vereinigten Staaten mit sich gebracht während die Modernisierung der amerikanischen Streitkräfte den "Jahren der Schwäche und Konfusion" ein Ende bereitet
habe.
Er verwies ferner auf die komplexen Herausforderungen, denen sich die Vereinigten Staaten gegenübersehen, "weil wir ein großes Volk sind. Das wird immer so sein. Aber solange wir unserer Grundsätze gedenken und an uns selbst
glauben, wird uns die Zukunft gehören."
Nachfolgend veröffentlichen wir den Text der Abschiedsrede im Wortlaut:
Meine amerikanischen Mitbürger,
ich spreche heute zum 34. und letzten
Mal zu ihnen aus dem Oval Office.
Wir haben jetzt acht Jahre zusammen
verbracht, und bald wird es Zeit für
mich sein, zu gehen. Aber bevor ich
gehe, möchte ich Ihnen einige meiner
Gedanken darlegen, die mir zum Teil
schon lange durch den Kopf gehen.

f

»

Es war für mich die wichtigste
Ehre meines Lebens, Ihr Präsident zu
sein. So viele von Ihnen haben mir
in den vergangenen Wochen geschrieben, um mir Dank zu sagen, aber ebenso muß ich Ihnen danken. Nancy und
ich sind Ihnen dankbar für die Gelegenheit, daß wir Ihnen dienen durften.
Eine Besonderheit der Präsidentschaft ist es, daß man sich immer et-

was ausgeschlossen fühlt. Als ob man
zu schnell in einem Auto fährt, das
jemand anders steuert, und die Menschen draußen durch getönte Scheiben
betrachtet - die Eltern, die ein Kind
hochhalten und das zu spät erkannte
Winken, das nicht erwidert werden
konnte. Und so oft wollte ich anhalten, hinter dem Glas hervortreten und
die Verbindung herstellen.
Vielleicht gelingt mir das heute abend.
Ich werde gefragt, wie ich mich
bei meinem Abschied fühle und bekanntlich "hat Abschied eine positive
und eine negative Seite". Die positive Seite heißt Kalifornien und meine Ranch und mehr Freiheit. Die negative? Natürlich 'Auf Wiedersehen'
sagen und diesen schönen Ort zu verlassen.

�Wie Sie wissen, befindet sich
quasi gegenüber von diesem Büro der
Teil des Weißen Hauses, wo der Präsident mit seiner Familie wohnt. Es
gibt dort ein paar Fenster, an die
ich gerne trete und früh morgens hinausschaue. Man blickt dort über die
Wiesen hinweg auf das Washington Monument, die Mall und das Jefferson
Memorial.
Aber morgens, wenn die
Luft noch klar ist, kann man an Jefferson vorbei auf den Fluß Potomac
und das Ufer von Virginia sehen. Jemand hat einmal gesagt, dies sei genau die Aussicht, die Lincoln hatte,
als er den Rauch der Schlacht von
Bull Run sah. Ich sehe prosaischere
Dinge: das Gras am Ufer, den morgendlichen Verkehr, wenn die Menschen zur
Arbeit fahren und dann und wann ein
Segelboot auf dem Fluß.
An diesem Fenster kamen mir einige Gedanken. Ich habe darüber nachgedacht, was mir diese vergangenen
acht Jahre bedeutet haben und jetzt
bedeuten.
Und das wiederholt vor
meinem inneren Auge erscheinende Bild
kommt aus der Seefahrt - eine kleine
Geschichte über ein großes Schiff
einen Flüchtling und einen Matrosen.
Anfang der achtziger Jahre auf
dem Höhepunkt des Problems der ' Boat
People' arbeitete ein Matrose an Deck
der 'Midway', die im Südchinesischen
Meer patroullierte. Der Seemann war
wie die meisten amerikanischen Soldaten jung, klug und ein scharfer Beobachter. Die Besatzung machte am Horizont ein leckes kleines Boot aus voll besetzt mit Flüchtlingen aus Indochina, die ihren Weg nach Amerika
zu finden hofften.
Die 'Midway'
sandte ein Rettungsboot aus, um sie
an Bord und in Sicherheit zu bringen.
Als die Flüchtlinge ihren Weg über
das rauhe Meer nahmen, erblickte einer von ihnen den Seemann an Deck,
stand auf und schrie: "Hallo, amerikanischer Matrose - Hallo, Mann der
Freiheit".
Ein winziger Moment von großer
Bedeutung und ein Augenblick, der dem
Matrosen, der ihn in einem Brief

festhielt, nicht aus dem Kopf ging.
Als ich dies las, ging es mir ebenso.
Genau das bedeutete es in den
achtziger Jahren Amerikaner zu sein:
Wir standen für Freiheit. Ich weiß,
daß wir das immer taten, aber die
Welt - und vielleicht auch wir selbst
- haben es in den letzten Jahren wiederentdeckt.
In den letzten zehn Jahren haben
wir eine große Strecke zurückgelegt
und in stürmischer See fest zusammengehalten. Und am Ende erreichen wir
zusammen unser Ziel.
Tatsache ist, daß wir von Grenada
bis zu den Gipfeltreffen von Washington und Moskau, von der Rezession der
Jahre 1981 und 1982 bis zu dem Aufschwung, der im Jahr 1982 seinen Anfang nahm und bis heute fortdauert,
Zeichen gesetzt haben.
Wie ich es sehe, haben wir zwei
große Triumphe errungen, zwei Dinge,
auf die ich am stolzesten bin. Eine
davon ist der wirtschaftliche Aufschwung, im Rahmen dessen das amerikanische Volk 19 Millionen Arbeitsplätze geschaffen - und ausgefüllt
hat. Die andere ist die Wiederherstellung unserer Moral: Amerika wird
in der Welt wieder respektiert und
bekommt eine Führungsrolle zugewiesen.
Eines meiner Erlebnisse in den
vergangenen Jahren spiegelt etwas davon wider. Im Jahr 1981 habe ich an
meinem ersten großen Wirtschaftsgipfel teilgenomen, der damals in Kanada
stattfand.
Der Tagungsort ist abwechselnd einer der Mitgliedsstaaten.
Das Eröffnungstreffen war ein Diner
der Staats- und Regierungschefs der
sieben Industrieländer. Ich saß dort
wie ein Erstkläßler und hörte zu, wie
man sich mit Francois und Helmut anredete. Sie ließen die Titel weg und
nannten sich beim Vornamen, warauf
ich in die Unterhaltung eingriff und
mich als "Ron" vorstellte.
In diesem Jahr haben wir die Maßnahmen
ergriffen, von denen wir

- 2 -

�glaubten, daß sie den wirtschaftlichen Aufschwung hervorbringen würden:
Steuersenkungen und Abbau von Vorschriften, Einschränkung der Ausgaben.
Bald darauf begann der Aufschwung.
Zwei Jahre später fand ein weiterer Wirtschaftsgipfel in etwa derselben Besetzung statt. Beim großen Eröffnungstreffen trafen wir uns alle
wieder und ich bemerkte, daß mich einen Augenblick lang alle ansahen.
Dann durchbrach einer von ihnen das
Schweigen:
"Erzählen Sie uns vom
amerikanischen Wunder", bat er.
Als ich 1980 für die Präsidentschaft kandidierte, war alles anders.
Einige Experten sahen uns mit unseren
Programmen in die Katastrophe schlittern. Unsere Ansichten zur Außenpolitik würden in einen Krieg münden,
unsere Wirtschaftspläne die Inflation
in die Höhe treiben und zu einem Zusammenbruch der Wirtschaft führen.
Ich erinnere mich sogar daran, daß
ein hochangesehener Wirtschaftswissenschaftler 1982 erklärte: "Die Motoren des Wirtschaftswachstums sind
hier und auf der ganzen Welt zum
Stillstand gekommen und sie werden
auch in den nächsten Jahren stillstehen ..."
Nun, er hatte - wie auch die anderen "Meinungsmacher" Unrecht. Was
sie als "radikal" ansahen, erwies
sich als "richtig", was sie für "gefährlich" hielten, war "dringend erforderlich".
In der ganzen Zeit erwarb ich einen Spitznamen - "Der große Kommunikator". Aber ich habe niemals geglaubt, daß dies auf meinen Stil oder
die von mir verwendeten Worte zurückzuführen war - es war vielmehr der
Inhalt. Ich war kein großer Kommunikator, sondern ich hatte wichtige
Dinge zu vermitteln, nicht so mir
nichts dir nichts entstanden sind,
sondern einer großen Nation aus dem
Herzen sprachen - sie entsprangen unserer Erfahrung, unserer Weisheit und
unserem Vertrauen in die Prinzipien,

die uns zwei Jahrhunderte
lenkt haben.

lang ge-

Man hat es als Reagan-Revolution
bezeichnet, was ich akzeptiere, aber
mir kam es vor wie eine bedeutende
Wiederentdeckung: Eine Wiederentdekkung unserer Werte und unseres gesunden Menschenverstandes.
Der
gesunde
Menschenverstand
lehrt uns, daß die Menschen ein Produkt in geringerem Umfang produzieren, wenn es hoch besteuert wird.
Deshalb haben wir die Steuersätze gesenkt und die Menschen haben mehr als
je zuvor produziert. Die Wirtschaft
blühte wie eine Strauch, der zurückgeschnitten worden war und jetzt
schneller und stärker wachsen konnte.
Unser Wirtschaftsprogramm
hat den
längesten Aufschwung in Friedenszeiten in der Geschichte der Vereinigten
Staaten mit sich gebracht: das Familieneinkommen ist gestiegen, die Zahl
der Armen gesunken, Unternehmensgründungen erleben einen Boom und
Forschung und neue Technologien nehmen rapide zu. Wir exportieren mehr
als je zuvor, weil die amerikanische
Industrie wettbewerbsfähiger geworden
ist und wir gleichzeitig auf nationaler Ebene den gemeinsamen Willen haben, protektionistische Schranken im
Ausland niederzureißen statt sie im
Inland zu errichten.
Der gesunde Menschenverstand hat
uns darüber hinaus gelehrt, daß wir
zur Erhaltung des Friedens nach Jahren der Schwäche und Konfusion wieder
stark werden mußten. Deshalb haben
wir unsere Verteidigung aufgebaut und zum Neuen Jahr auf die neue Friedensbereitschaft auf der ganzen Welt
angestoßen.
Die Supermächte haben
nicht nur tatsächlich mit dem Abbau
ihrer Nuklearwaffenarsenale begonnen
- und wir dürfen dabei auf weitere
Fortschritte hoffen - sondern die
weltweiten und bedenklichen regionalen Konflikte werden zunehmend eingestellt. Der Persische Golf ist kein
Kriegsschauplaz mehr, und die Sowjets
ziehen aus Afghanistan ab, die Vietnamesen bereiten ihren Abzug aus Kam-

- 3 -

�bodscha vor und dank einer von den
Amerikanern vermittelten Vereinbarung
werden bald 50 000 kubanische Soldaten aus Angola abziehen.
Dies alles hat uns gelehrt, daß
unsere
Herausforderungen
komplex
sind, weil wir ein großes Volk sind.
Das wird immer so sein.. Aber solange wir unserer Grundsätze gedenken
und an uns selbst glauben, wird uns
die Zukunft gehören.
Und wir haben noch etwas anderes
gelernt. Wenn man etwas in Bewegung
bringt, kann man es nicht so einfach
aufhalten. Wir wollten eine Nation
verändern und wir haben stattdessen
die Welt verändert.
Länder auf der ganzen Welt wenden
sich der freien Marktwirtschaft und
der Freiheit der Rede zu - und von
den Ideologien der Vergangenheit ab.
Für sie war die große Wiederentdekkung der 80er Jahre die Tatsache, daß
die moralische Art zu regieren die
praktische Art zu regieren ist. Die
grundsätzlich gute Demokratie ist
ebenfalls grundsätzlich produktiv.
Wenn man an den Punkt kommt, wo
man seinen 39. Geburtstag feiert,
lehnt man sich manchmal zurück, läßt
das Leben vorüberziehen und sieht den
Rest vor sich liegen. Für mich war
es wie die Gabelung eines Flusses und
bezeichnete genau die Mitte meines
Lebens.
Ich wollte nie in die Politik gehen - diese Absicht hatte ich nicht,
als ich jung war. Aber ich wuchs in
der Überzeugung auf, daß man das Gute, was man erhält, zurückgeben muß.
Ich war mit meiner Karriere in der
Unterhaltungsbranche zufrieden, aber
ich ging schließlich in die Politik,
weil ich etwas Wertvolles schützen
wollte.
Unsere Revolution hat als erste
in der Geschichte der Menschheit der
Regierung eine neue Richtung gegeben,
und dies mit nur drei Worten: "Wir,
das Volk."

"Wir, das Volk" sagen der Regierung, was sie tun soll, nicht umgekehrt.
"Wir, das Volk" sind die
treibende Kraft - und die Regierung
ist das ausführende Organ. Und wir
entscheiden, wohin sie sich wenden
soll, auf welchem Weg
und wie
schnell. Fast alle Verfassungen auf
der ganzen Welt sind Dokumente, in
denen die Regierungen den Menschen
ihre Privilegien zuteilen.
Unsere
Verfassung ist ein Dokument, in dem
"Wir, das Volk" der Regierung sagen,
was sie tun darf. "Wir, das Volk"
sind frei.
Dieses Prinzip war die Grundlage
all dessen, was ich In den vergangenen acht Jahren zu tun versucht habe.
Aber als ich in den sechziger
Jahren anfing, hatte ich den Eindruck, daß wir die Ordnung der Dinge
umzukehren begonnen hatten - daß uns
die Reierung durch immer mehr Vorschriften, Regeln und ruinöse Steuern
immer mehr Geld abnahm, unsere Möglichkeiten und unsere Freiheit einschränkte. Ich bin auch in die Politik gegangen, um meine Hand zu erheben und "Stop" sagen zu können. Ich
war ein politisch bewußter Bürger und
das schien mir für einen Bürger angemessen zu sein.
Meiner Ansicht nach haben wir
vieles gestoppt, was gestoppt werden
mußte. Und ich hoffe, daß wir den
Menschen nochmals vor Augen geführt
haben, daß der Mensch nicht frei ist,
wenn der Regierung keine Beschränkungen auferlegt werden. Hier besteht
ganz klar ein Verhältnis von Ursache
und Wirkung, so eindeutig und vorhersehbar wie ein physikalisches Gesetz:
wenn sich die Regierung ausbreitet,
nimmt die Freiheit ab.
Nichts ist unfreier als Kommunismus in seiner reinsten Form und dennoch haben wir in den vergangenen
Jahren eine zufriedenstellende neue
Annäherung
zur Sowjetunion hergestellt. Ich bin gefragt worden, ob
dies kein gewagtes Spiel ist, aber
die Antwort darauf lautet nein, weil

�wir unsere Handlungsweise nicht auf
Worte sondern auf Taten stützen.
Die Entspannung der siebziger
Jahre stützte sich nicht auf Taten,
sondern auf Versprechungen. Sie haben versprochen, ihr eigenes Volk und
die Menschen auf der ganzen Welt besser zu behandeln, aber der Gulag war
immer noch der Gulag, der Staat verfolgte immer noch eine expansionistische Linie und führte Stellvertreterkriege in Afrika, Asien und Lateinamerika.

*

Dieses Mal ist bis jetzt alles
anders:
Generalsekretär Gorbatschow
hat innenpolitische demokratische Reformen eingeleitet und mit dem Abzug
aus Afghanistan begonnen. Er hat Gefangene befreit, deren Namen ich ihm
bei jedem Besuch genannt habe.
Aber das Leben erinnert einen in
der Regel mit Kleinigkeiten an große
Dinge. Einmal während der hektischen
Tage des Moskauer Gipfels trafen
Nancy und ich eines Nachmittags die
Entscheidung, uns von unseren Begleitern zu entfernen und die Geschäfte
der Arbatstraße nahe der Haupteinkaufsgegend Moskaus zu besuchen.

^

Obwohl unser Besuch nicht geplant
war, erkannte uns jeder Russe dort
sofort, nannte uns beim Namen und
schüttelte uns die Hand. Wir waren
gerührt über die Freundlichkeit - man
konnte die Möglichkeiten in all dieser Freude spüren.
Aber innerhalb
von Sekunden bahnte sich eine Einheit
des KGB ihren Weg zu uns und begann
die Menschenmenge aufzulösen.
Das
war interessant zu sehen. Das zeigte
mir, daß der Mann auf der Straße sich
nach Frieden sehnt, die Regierung das heißt, ihre Vertreter - jedoch
kommunistisch ist und deshalb betrachten wir Themen wie Freiheit und
Menschenrechte aus ganz verschiedenen
Blickwinkeln.
Wir müssen wachsam sein - aber
wir müssen auch weiterhin zusammenarbeiten, um Spannungen und Mißtrauen
abzubauen.

Ich vertrete die Auffassung, daß
Generalsekretär Gorbatschow sich von
früheren sowjetischen Staatschefs unterscheidet.
Meiner Ansicht nach
kennt er die Schwachstellen seiner
Gesellschaft und sucht sie auszuräumen.
Dazu wünschen wir ihm viel
Glück. Und wir werden weiterarbeiten, um sicherzustellen, daß die aus
diesem Prozeß möglicherweise hervorgehende Sowjetunion weniger bedrohlich ist.
Es läßt sich alles auf einen
Punkt bringen: Ich möchte, daß die
neue Offenheit anhält. Und das wird
sie tun, wenn wir klarstellen, daß
wir in einer bestimmten Weise handeln
werden, wenn sie aufgeschlossen bleiben. Wenn sie das nicht tun, werden
wir uns zunächst zurückhalten. Wenn
sie insistieren, müssen wir den Kontakt abbrechen.
Es heißt immer noch: Vertrauen
ist gut, Kontrolle ist besser.
Das Spiel geht weiter: aber die
Karten müssen ehrlich gemischt werden.
Es gilt immer noch, wachsam zu
sein - aber wir dürfen vor dem, was
wir sehen, keine Angst haben.
Ich bin gefragt worden, ob ich
etwas bedaure. Das tue ich.
Zum Beispiel das Defizit. Darüber habe ich in letzter Zeit viel
geprochen, aber heute abend ist nicht
der Zeitpunkt, um zu argumentieren,
und deshalb werde ich das Thema nicht
anschneiden.
Nur eine Beobachtung: Ich hatte
meinen Teil an Siegen im Kongreß,
aber nur wenige haben bemerkt, daß
ich niemals etwas gewonnen habe, was
Sie nicht für mich gewonnen haben.
Sie sahen niemals meine Soldaten,
Reagans Regimenter.
Das amerikanische Volk hat jede Schlacht mit jedem
Telephonanruf und jedem Brief mit der
Bitte um Taten gewonnen.

- 5 -

�Nun, Handeln ist immer noch notwendig. Wenn wir die Arbeit zu Ende
führen wollen, dann müssen die Regimenter Reagans die Brigaden Bushs
werden. Bald wird er an der Spitze
stehen, und er wird Ihre Hilfe ebenso
benötigen wie ich dies tat.
Schließlich gibt es beim Abschied
von Präsidenten noch die große Tradition, Warnungen auszusprechen, und
ich habe hier eine, die mich schon
seit einiger Zeit beschäftigt.
Merkwürdigerweise beginnt sie jedoch mit einer Errungenschaft der
vergangenen acht Jahre, auf die ich
am stolzesten bin: mit der Wiedergewinnung unseres nationalen Stolzes,
die ich als "den neuen Patriotismus"
bezeichnet habe. Dieses Nationalgefühl ist gut, aber es wird nicht viel
zählen und nicht lange anhalten, wenn
es sich nicht auf Nachdenken und Wissen gründet.
Was wir erreichen möchten, ist
ein informierter Patriotismus. Und
bemühen wir uns wirklich ausreichend
darum, unsere Kinder zu lehren, was
Amerika ist und was es in der langen
Geschichte der Welt darstellt?
Diejenigen unter uns, die älter
sind als 35, sind in einem anderen
Amerika großgeworden. Uns wurde sehr
direkt beigebracht, was es heißt,
Amerikaner zu sein, und wir nahmen
fast mit der Atemluft eine Liebe für
das Land und Dankbarkeit für seine
Institutionen in uns auf. Wenn man
diese Dinge nicht in der Familie vermittelt wurden, dann von der Nachbarschaft, von dem Vater am anderen Ende
der Straße, der in Korea gekämpft
hatte oder der Familie, die ein Mitglied in Anzio verloren hatte. Oder
man konnte sich einen Sinn für Patriotismus in der Schule erwerben.
Und wenn alles andere fehlschlug,
wurde einem der Patriotismus vielleicht über die Populärkultur vermittelt. In den Spielfilmen wurden demokratische Werte gefeiert und ausdrücklich der Gedanke verstärkt, daß
Amerika etwas Besonderes darstellte.

Bis Mitte der sechziger Jahre war
dies auch im Fernsehen der Fall.
Aber heute stehen wir an der
Schwelle zu den neunziger Jahren, und
einiges hat sich verändert. Jüngere
Eltern sind sich nicht mehr so sicher, daß sie den Kindern von heute
eine ungeschmälerte Bewunderung der
Vereinigten Staaten beibringen sollten. Und für diejenigen, die Populärkultur schaffen, ist wohlbegründeter Patriotismus nicht mehr in Mode.
Unser Geist ist zurückgekehrt,
aber wir haben ihn nicht wieder institutionalisiert.
Wir müssen uns
erfolgreicher darum bemühen, die Botschaft zu verbreiten, daß Amerika
Freiheit bedeutet - Redefreiheit, Religionsfreiheit ,
unternehmerische
Freiheit - und daß Freiheit ein besonderes und rares Gut ist. Sie ist
zerbrechlich, und sie benötigt Schutz.
Wir müssen Geschichte nicht auf
der Grundlage dessen vermitteln, was
gerade in Mode ist, sondern aufgrund
dessen, was wichtig ist: Warum die
Pilgerväter hierher kamen, wer Jimmy
Doolittle war und was jene 30 Sekunden über Tokio bedeuteten... Wie Sie
wissen, las ich vor 4 Jahren, am 40.
Jahrestag der Landung in der Normandie, den Brief einer jungen Frau an
ihren verstorbenen Vater, der am Omaha Beach gekämpft hatte. Ihr Name
war Lisa Zanatta Henn und sie sagte,
wir würden uns immer daran erinnern,
wir würden niemals vergessen, was die
Männer in der Normandie getan haben.
Nun, wir sollten ihr helfen, Wort zu
halten.
Wenn wir vergessen, was wir getan
haben, werden wir nicht wissen, wer
wir sind. Ich warne vor einer Auslöschung der Erinnerung, die letzlich
zur Erosion des amerikanischen Geistes führen könnte.
Lassen Sie uns mit einigen grundsätzlichen Dingen anfangen - indem
wir der Geschichte Amerikas mehr Aufmerksamkeit schenken und staatsbürgerliche Rituale stärker betonen.
6 -

X

\
'

^

(

�Als erste Lektion über Amerika möchte
ich Ihnen folgendes sagen:
Alle
großen Veränderungen in den Vereinigten Staaten beginnen am Eßtisch. Ich
hoffe also, daß nun morgen abend in
der Küche die Gespräche einsetzen
werden. Und, Kinder, wenn Eure Eltern Euch nicht gelehrt haben, was es
heißt, Amerikaner zu sein - laßt es
sie wissen und nagelt sie fest. Das
wäre eine sehr amerikanische Reaktion.

/

Das ist so ungefähr alles, was
ich heute abend zu sagen habe. Nur
noch eines:
Als ich in den letzten Tagen an
jenem Fenster im Obergeschoß stand,
habe ich ein wenig über die leuchtende "Stadt auf dem Hügel" nachgedacht.
Dieses Bild wurde von John Winthrop
benutzt, um das Amerika zu beschreiben, wie er es sich vorstellte. Was
er sich ausmalte war wichtig, weil er
einer der ersten Pilger war - ein
"Mann der Freiheit" der ersten Stunde. Er benutzte für seine Reise nach
hier ein Gefährt, das wir heute als
kleines hölzernes Boot bezeichnen
würden. Wie die anderen Pilger suchte er nach einer Heimat, die frei
sein sollte.

&lt;
\

Und wie steht es um diese Stadt
am heutigen Winterabend?
Sie ist
wohlhabender, sicherer und glücklicher als vor acht Jahren. Aber mehr
noch: nach 200 Jahren, zwei Jahrhunderten, steht sie immer noch stark
und unverrückbar an diesem Grat aus
Granit, und ihr Leuchten hat alle
Stürme überdauert. Und sie ist immer
noch ein Leuchtfeuer, ein Magnet für
alle, die frei sein müssen, für all
die Pilger von den verlorenen Orten,
die durch die Dunkelheit nach Hause
eilen.
Wir haben unseren Beitrag geleistet. Und wenn ich mich jetzt anschicke, in die Straßen der Stadt zu
gehen, möchte ich noch ein letztes
Wort an die Männer und Frauen der
Reagan-Revolution richten - die Männer und Frauen in den ganzen Vereinigten Staaten, die acht Jahre lang
die Arbeit getan haben, mit der Amerika zu neuer Größe gelangt ist:
Meine Freunde, wir haben es geschafft. Wir haben nicht nur einem
Zeitabschnitt unseren Stempel aufgedrückt, wir haben etwas bewegt. Wir
haben die Stadt stärker gemacht - wir
haben die Stadt freier gemacht - und
wir haben sie in gute Hände gegeben.

Ich habe in meinem gesamten politischen Leben von der leuchtenden
Stadt
gesprochen, aber
ich weiß
nicht, ob ich jemals genau das vermittelt habe, was ich sah, wenn ich
darüber sprach. In meinen Gedanken
war sie eine hoch aufragende stolze
Stadt, die auf Felsen stärker als
Ozeane gebaut, von Winden umtost, von
Gott gesegnet war und von Menschen
aller Art bewohnt, die in Eintracht
und Frieden lebten - eine Stadt mit
freien Häfen, die voller Handel und
Kreativität waren, und falls diese
Stadt Mauern benötigte, hatten diese
Mauern Tore, und diese Tore standen
jedermann offen, der den Willen und
die Kraft hatte, dorthin zu gelangen.
So sah ich es, und so sehe ich es
immer noch.

- 7 -

�</text>
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U.S. Information Service
Embassy oftoe&lt;ÜtöftedStates of America
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13. Januar 1993

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MILITÄRMACHT

AMERIKANISCHE MILITÄRMACHT MUSS
FRIEDEN FÖRDERN
Rede von Präsident Bush vor Militärakademie

AUSSENPOLITIK

EAGLEBURGER SIEHT FORTSCHRITTE,
WARNT VOR KÜNFTIGEN HERAUSFORDERUNGEN
Rede vor dem Council on Foreign Relations

CHEMISCHE WAFFEN

DIE KONVENTION ÜBER CHEMISCHE
WAFFEN
Eine Übersicht des Weißen Hauses

BOSNIEN

ERMORDUNG DES BOSNISCHEN VIZEPREMIERS ALS "KALTBLÜTIGEN
MORD" BEZEICHNET
Völlige Verachtung der UNO durch
bosnische Serben

IRAK

VEREINIGTE STAATEN FORDERN IRAK
AUF, WARNUNG DER UNO ERNST ZU
NEHMEN
Einsatz von Gewalt nicht ausgeschlossen

SOMALIA

AMERIKANISCHE STREITKRÄFTE
BESCHLAGNAHMEN WAFFEN AUF MARKT
IN MOGADISCHU
Führer der Bürgerkriegsparteien
unterzeichnen Abkommen nicht

PORTRAT

CLINTON WÄHLT ERFAHRENEN MANN
FÜR VETERANENMINISTERIUM AUS
Porträt von Jesse Brown

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.:0228-339 2372
Telex: 8-85432

�MILITÄRMACHT
13. Januar 1993

AMERIKANISCHE MILITÄRMACHT MUSS
FRIEDEN FÖRDERN
Rede von Präsident Bush vor Militärakademie
WASHINGTON - (AD) - Präsident Bush bot seinem Nachfolger am 5. Januar 1993 eine Reihe von Richtlinien
für den Einsatz amerikanischer Streitkräfte im Ausland an und betonte die Notwendigkeit, Flexibilität zu zeigen
und gegebenenfalls auch im Alleingang zu handeln.
Bush erklärte vor dem Kadettenkorps der Militärakademie, gerne würde er sagen, "mit dem Ende des Kalten
Krieges wird die Inanspruchnahme der Vereinigten Staaten abnehmen. Das kann ich jedoch nicht." Der
Präsident sagte eine von Gewalt, Chaos, Aggression und Terrorismus gekennzeichnete Welt für den Fall
voraus, daß die Vereinigten Staaten sich in den Isolationismus zurückziehen würden.
"Es ist die Rolle der Vereinigten Staaten", stellte er fest, "ihre moralischen und materiellen Ressourcen zur
Förderung eines demokratischen Friedens einzusetzen".
Washington soll sich ihm zufolge zwar um internationale Unterstützung für die amerikanischen Aktionen
bemühen, diese dürfe aber keine "Vorbedingung ...sein. Manchmal muß eine Großmacht im Alleingang handeln."
Er äußerte, die Vereinigten Staaten sollten ihre Militärmacht einsetzen, wenn sie im Inland dafür Unterstützung
erhielten, die Aufgaben klar umrissen und die Kriterien für den Abzug bereits im voraus festgelegt seien.
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede von Präsident Bush im Wortlaut.
Jeder Präsident erfüllt verschiedene Funktionen. Er ist
das Sprachrohr der Nation und spricht zu ihr. Er ist
verpflichtet, die Gesetze getreulich in die Tat umzusetzen. Und er muß führen.

nigten Staaten abnehmen. Das kann ich jedoch nicht.
Wir alle würden wohl zugeben, daß das Ende des
Kalten Krieges ein Segen ist. Es ist eine äußerst
vielversprechende Zeit. Nie zuvor gab es so viele
demokratische Regierungen. Was vor zwei oder drei
Keine Funktion des Präsidenten ist jedoch meines Tagen in Moskau geschah, wäre in den Tagen des
Erachtens wichtiger als seine Rolle als Oberbefehlsha- Kalten Krieges nicht möglich gewesen. Dank historiber der Streitkräfte. Denn in dieser Eigenschaft wird scher Verträge, wie der gerade mit Rußland abgeder Präsident mit Entscheidungen konfrontiert und hat schlossene START-Il-Vertrag, ist die Wahrscheinlichsolche zu fällen, die auf die eine oder andere Weise keit eines atomaren Holocaust enorm gesunken.
das Leben jedes einzelnen in diesem Land sowie in
vielen anderen Ländern der Welt berühren.
Das bedeutet jedoch nicht, daß das Gespenst des
Krieges nun verschwunden wäre und wir mit keinen
Ich hatte zahlreiche Gelegenheiten, diese wichtigste Bedrohungen mehr rechnen müssen. Wir sehen bealler Rollen des Präsidenten auszuüben. In den letzten reits beunruhigende Anzeichen dafür, wie diese neue
vier Jahren waren die Männer und Frauen, die stolz Welt aussehen könnte, falls wir passiv und distanziert
und mutig die Uniformen der Streitkräfte der Vereinig- sind. Wir würden das Risiko des Entstehens einer
ten Staaten getragen haben, aufgerufen, sich dem neuen Welt auf uns nehmen, die von Gewalt und
Übel entgegenzustellen - und sie haben die ihnen Chaos gekennzeichnet ist, in der Diktatoren und Tyauferlegte Aufgabe ehrenvoll und professionell erfüllt. rannen ihre Nachbarn bedrohen, von MassenvernichIch wünschte, ich könnte sagen, solche Forderungen tungswaffen strotzende Waffenlager anlegen und das
gehören der Vergangenheit an und mit dem Ende des Wohlergehen ihrer eigenen Bürger - Männer, Frauen
Kalten Krieges wird die Inanspruchnahme der Verei- und Kinder - au ßer acht lassen. Und wir würden einen

AMERIKA DIENST 2

Sehe 1

�entsetzlichen Anstieg des internationalen Terrorismus sollte auch gar nicht so sein. Wir würden uns erschöpbeobachten, womit amerikanische Bürger sich in grö- fen und dabei die wertvollen Mittel verschwenden, die
ßerer Gefahr befänden als je zuvor.
wirfürdie Lösung der Probleme bei uns und in anderen
Ländern benötigen, die wir nicht ignorieren dürfen.
Wir können und dürfen nicht zulassen, daß das geschieht. Es muß unser Ziel sein, die sich nach dem Nach dem Kalten Krieg, in einer Welt, in der wir die
Ende des Kalten Krieges ergebende einzigartige Ge- einzige verbleibende Supermacht sind, ist es jedoch
legenheit zu ergreifen: Darauf hinzuarbeiten, dieser die Rolle der Vereinigten Staaten, ihre moralischen
neuen Welt eine neue Weltordnung zu geben, mit und materiellen Ressourcen zur Förderung eines
demokratischen, toleranten Regierungen, die wirtschaft- demokratischen Friedens einzusetzen. Es liegt in
lichen Freiraum im Inland haben und allgemein der unserer Verantwortung und es ist unsere Chance, die
friedlichen Lösung der unvermeidbaren Differenzen Führungsrolle zu ergreifen. Es gibt niemanden sonst,
ohne Androhung oder Anwendung von Gewalt ver- der das tut.
pflichtet sind.
Eine Führungsrolle kann nicht einfach geltend geLeider hat sich nicht jeder diesen Prinzipien verschrie- macht oder gefordert werden. Man muß sie unter
ben. Es gibt immer noch führende Politiker, die die Beweis stellen. Das erfordert, daß man hehre Ziele
grundlegenden Menschenrechte nicht anerkennen und formuliert, andere von deren Wert überzeugt und
sichungeacht et der damit verbundenen menschlichen seinen Teil zu den gemeinsamen Anstrengungen beiOpfer Land zu eigen machen. Nein, eine Völkerge- trägt. Führung erfordert Zeit, Gedult und Arbeit.
meinschaft, die im Einklang mit diesen fortdauernden
Prinzipien lebt, die Amerika schon vor so langer Zeit für Ein Teil dieser Arbeit muß hier zu Hause geleistet
so viele Menschen zu einem Land der Hoffnung wer- werden. Der Kongreß hat eine verfassungsmäßige
den ließen, entsteht nicht einfach so. Man muß daran Rolle zu spielen. Führung bedeutet infolgedessen
auch, mit dem Kongreß - und dem amerikanischen
arbeiten.
Volk - zusammenzuarbeiten, um die für die Erfüllung
Vor zweihundert Jahren warnte ein anderer scheiden- der militärischen Verpflichtungen der Vereinigten Staader Präsident vor den Gefahren sogenannter "verstrik- ten notwendige Unterstützung im Inland zu erhalten.
kender Bündnisse". Er schlug den zum damaligen
Zeitpunkt in der Geschichte richtigen Kurs ein. Was Genau das hat unsere Administration, die Bushjedoch zur Zeit von Präsident Washington "verstrik- Administration, versucht. Als Saddam Hussein in
kend" war, ist heutzutage lebenswichtig. Aus diesem Kuwait einmarschierte, waren es die Vereinigten StaaGrund sprach ich vor einigen Wochen vor Texas A&amp;M ten, die den Sicherheitsrat der Vereinten Nationen zum
von der Torheit des Isolationismus and der morali- Handeln veranlaßten und die dann die erfolgreiche
schen, wirtschaftlichen und strategischen Bedeutung Koalition auf dem Schlachtfeld mobilisierten. In Somalia
des Engagements der Vereinigten Staaten in interna- war die Situation ähnlich: Die Vereinigten Staaten
tionalen Angelegenheiten. Wir müssen uns engagie- betonten, wie wichtig es ist, die wachsende Tragödie
ren, wenn eine neue Weltordnung - die stärker im abzumildern, und anschließend organisierten wir
Einklang mit unseren Werten steht und sich mit unse- humanitäre Hilfsmaßnahmen, um den Menschen
ren Interessen deckt - entstehen soll. Noch wichtiger Hoffnung, Nahrungsmittel und Frieden zu bringen.
ist jedoch, daß wir eine führende Rolle übernehmen.
Manchmal erfordert wirkliche Führung die Bereitschaft
Eine Führungsrolle kann verschiedene Formen an- zum Einsatz militärischer Gewalt. Und diese kann den
nehmen. Es kann sich um politische oder diplomati- nützlichen Hintergrund für die Diplomatie bilden, sie
sche, wirtschaftliche oder militärische, moralische oder ergänzen oder gegebenenfalls zeitweise eine Alternageistige Führung handeln. Eine Führungsrolle kann tive hierzu darstellen.
jede dieser Formen annehmen oder eine Kombination Als Oberbefehlshaber der Streitkräfte habe ich die
dessen sein.
schwierige Entscheidung für den Einsatz militärischer
Gewalt getroffen. Ich entschied, wir dürfen nicht
zulassen, daß Saddams Streitkräfte Kuwait verwüsten
und diese wichtige Region mit vorgehaltener Waffe in
Schach halten. Damals war ich der Ansicht - und bin
es auch heute noch - daß der Einstz militärischer
Gewalt zur Durchsetzung der Resolutionen des UNOSicherheitsrates im Interesse der Vereinigten Staaten
und der Völkergemeinschaft lag. Die Notwendigkeit
des Einsatzes von Gewalt ergab sich auch nach dem
Nein, die Vereinigten Staaten sollten nicht nach der Golfkrieg, als wir den Völkern sowohl im Norden als
Rolle des Weltpolizisten streben. Hierfür finden wir auch im Süden des Irak zu Hilfe kamen. Und wie Sie
weder im In- noch im Ausland Unterstützung. Und das alle sicher wissen, entschied ich vor kurzem, daß nur

Führung sollte nicht mit Unilateralismus oder Universalismus verwechselt werden. Wir müssen nicht auf
jede gewalttätige Ausschreitung reagieren. Die Tatsache, daß Amerika handeln kann, bedeutet nicht, daß
es dazu verpflichtet ist. Der Sinn einer Nation für
Idealismus muß nicht mit ihren Interessen kollidieren.
Und Prinzipien können kein Ersatz für kluges Handeln
sein.

Seite 2

AMERIKA DIENST 2

�der Einsatz von Gewalt die menschliche Tragödie in
Somalia eindämmen könnte.
Die Vereinigten Staaten sollten nicht tatenlos zusehen, wenn so viele Menschenleben auf dem Spiel
stehen und ein begrenzter Einsatz amerikanischer
Streitkräfte, verstärkt durch die Streitkräfte anderer
Länder und mit voller Ermächtigung der Vereinten
Nationen dazu führt, daß man unverzüglich einen
dramatischen Unterschied bewirkt - und das ohne allzu
große Risiken und Kosten. Die Operationen "Provide
Comfort" und "Southern Watch" im Irak und die Operation "Restore Hope" in Somalia sind der Beweis für
die Richtigkeit des selektiven Einsatzes von Gewalt für
ausgewählte Zwecke.
Manchmal ist die Entscheidung, keine Gewalt einzusetzen, sich zurückzuhalten, ebenso schwierig wie die
Entscheidung, unsere Soldaten in die Schlacht zu
schicken. Im ehemaligen Jugoslawien entstand eine
solche Situation. Wir alle wissen, daß dort wichtige
humanitäre und strategische Interessen auf dem Spiel
stehen. Aber bis heute hat sich nicht gezeigt, daß ein
begrenzter Einsatz militärischer Gewalt von seifen der
Vereinigten Staaten oder ihrer traditionellen Freunde
und Verbündeten die angesichts der Natur und der
Komplexität der Situation erwünschten Auswirkungen
haben würde.

In ähnlicher Weise können wir nicht immer im voraus
sagen, welche Interessen den Einsatz militärischer
Gewalt erfordern. Die relative Bedeutung der einzelnen Interessen ist hier nicht hilfreich: Militärische
Gewalt ist vielleicht nicht der beste Weg, etwas Lebenswichtiges zu schützen, während der Einsatz von Gewalt
vielleicht die beste Möglichkeit ist, wichtige, aber eben
nicht lebenswichtige Interessen zu schützen.
Die Warnung vor der vergeblichen Suche nach starren, schnell verfügbaren Regeln für den Einsatz militärischer Gewalt impliziert nicht, daß wir uns bei unserer
Entscheidungsfindung nicht an einige Prinzipien halten. Solche Leitlinien können nützlich für die Entscheidung über den Umfang unserer Streitkräfte und in der
Tat bei ihrer Strukturierung sein und uns beim Nachdenken über diese Schlüsselfrage helfen.
Der Einsatz militärischer Gewalt als politische Maßnahme ist sinnvoll, wenn viel auf dem Spiel steht, der
Einsatz von Gewalt wirksam sein kann, andere politische Maßnahmen sich als unwirksam erweisen, ihre
Anwendung in bezug auf Umfang und Zeit eingeschränkt ist und wenn die möglichen Vorteile die
möglichen Kosten und Opfer rechtfertigen.

Wenn wir sicher sind, daß der Einsatz von Gewalt
sinnvoll ist, müssen wir mit der größtmöglichen Unterstützung handeln. Die Vereinigten Staaten können
Unsere Einschätzung der Situation im früheren Jugo- und sollten eine führende Rolle spielen, aber wir wollen
slawien könnte sich sehr wohl ändern - falls und je mit anderen zusammen handeln, falls möglich mit den
nachdem wie sich die Situation dort ändert. Es könnte Vereinten Nationen oder anderen multinationalen
immer mehr auf dem Spiel stehen; der Konflikt könnte Gruppierungen. Die Vereinigten Staaten können und
sich ausweiten. Tatsächlich bewerten wir unsere sollten entsprechend unserem Wohlstand und unserer
Optionen ständig neu und führen Gespräche mit ande- Stärke an dem gemeinsamen Unternehmen beteiligt
ren über mögliche Schritte zur Eindämmung der Kämpfe, sein. Aber auch andere sollten einen militärischen
zum Schutz der Bestrebungen im humanitären Be- Beitrag leisten, sei es durch die Bereitstellung von
reich und um Serbien um die Früchte seiner Aggres- Kampf- oder Unterstützungstruppen, Zugang zu Einrichtungen oder Militärstützpunkten oder Überflugrechsion zu bringen.
te. Und in ähnlicher Weise sollten andere einen
Militärische Gewalt sollte nie leichtfertig oder allge- wirtschaftlichen Beitrag leisten. Man kann nicht erwarmein als Werkzeug eingesetzt werden. Unter man- ten, daß die Vereinigten Staaten die ganze finanzielle
chen Umständen ist sie vielleicht notwendig, unter Last einer Intervention tragen, wenn für andere Natioanderen kontraproduktiv. Ich weiß, daß viele Men- nen ebenfalls viel auf dem Spiel steht.
schen gerne ein Patentrezept finden würden - das
einfach anzuwenden ist und genau vorschreibt, wann Der Wunsch nach internationaler Unterstützung darf
und wo wir mit militärischer Gewalt intervenieren soll- jedoch nicht die Vorbedingung für das Handeln sein.
ten. Jeder, der nach etwas wissenschaftlich Fundier- Manchmal muß eine Großmacht im Alleingang hantem sucht, wird eine Enttäuschung erleben. In der deln. Ich habe die äußerst schwierige Entscheidung
komplexen neuen Welt kann es nicht ein einziges, getroffen - ich könnte vielleicht sagen, auf Anraten
einfaches Rezept für den Einsatz von Gewalt geben. unserer ausgezeichneten Militärs, die jeder der hier
Die Frage einer militärischen Intervention erfordert Anwesenden so gut kennt - in Panama militärische
unweigerlich Urteilskraft, denn jeder Fall ist auf seine Gewalt einzusetzen, als das Leben von Amerikanern
Weise einzigartig. Hier starre Kriterien anzulegen und die Sicherheit der Kanalzone von Geächteten
würde unweigerlich zu Fehlern führen, die amerikani- bedroht wurde, die im Angesicht von freien Wahlen die
sche Interessen und Menschenleben bedrohen wür- Macht an sich rissen. Und in ähnlicher Weise haben
den. Und das würde auch den potentiellen Störenfrie- wir schnell gehandelt, um die Demokratie auf den
den einen Plan für ihre eigenen Aktionen liefern. Es Philippinen zu schützen.
könnte unseren Freunden und Verbündeten signalisieren, daß man sich auf unsere Unterstützung nicht In jedem Fall eines Einsatzes von Gewalt ist es jedoch
unabdingbar, eine eindeutige und durchführbare Misverlassen kann.
AMERIKA DIENST 2

Seite 3

�sion, einen realistischen Plan zur Verwirklichung des
Auftrags und ebenso realistische Kriterien für den
Abzug der amerikanischen Streitkräfte zu haben, sobald
die Mission erfüllt ist. Nur wenn wir uns diese Prinzipien vor Augen führen, kann das potentielle Opfer
erklärt und gerechtfertigt werden. Wir dürfen niemals
vergessen, daß der Einsatz von Gewalt nicht irgendeine politische Abstraktion, sondern eine reale Verpflichtung unserer Väter und Mütter, Söhne und Töchter,
Brüder und Schwestern, Freunde und Nachbarn ist.
Wir müssen ihn unter humanitären Bedingungen betrachten.
Um jedoch überhaupt eine Wahl zu haben, müssen
uns geeignete Streitkräfte zur Verfügung stehen, die
auf ein breites Spektrum von Eventualfällen einschließlich der Friedenssicherung zugeschnitten sind. Die
Bestrebungen zur Verwirklichung einer neuen Weltordnung erfordern in der Tat ein modernes, fähiges
Militär und in einigen Bereichen mehr statt weniger
Verteidigungsausgaben.

Es ist auf schlu ßreich, sich vor Augen zu führen, warum
dies so ist. Im Grunde ihres Herzens gründet sich eine
Freiwilligenarmee auf eine Entscheidung - Sie alle
wissen das -, die freie, von jungen Männern und
Frauen getroffene Entscheidung, den Streitkräften
beizutreten und die Entscheidung reiferer Männer und
Frauen, bei den Streitkräften zu bleiben. Die Institution
der Streitkräfte ist außerdem an der Verpflichtung
gereift, vorzügliche Leistungen zu erbringen und zu
fördern. Es ist eine Leistungsgesellschaft in Aktion.
Rasse, Religion, Wohlstand, Herkunft zählen nicht. In
der Tat bietet das Militär zahlreiche Beispiele für die
übrige Gesellschaft, indem es beweist, was getan
werden kann, um die Geißel des Drogenhandels zu
bekämpfen, die Schranken der Rassendiskriminierung niederzureißen und Frauen gleiche Chancen
anzubieten.
Dies ist nicht nur eine Folge der Auswahl. Es spiegelt
auch das Engagement des Militärs für Aus- und Fortbildung wider. Wie Sie wissen, spricht man von der
Konversion der Rüstungsindustrie, dem Prozeß, mit
dem die Rüstungsindustrie für zivile Zwecke umgerüstet wird. Nun, die Konversion beim Militär dauert seit
Jahren an. Es ist der konstante Prozeß der Aus- und
Weiterbildung, den das Militär so ausgezeichnet meistert, der es dem einzelnen gestattet, mit dem neuesten Stand der Technologie vertraut zu sein, herausforderndere Verwendungen anzunehmen und sich auf
ein Leben als Zivilist vorzubereiten.

Als Präsident habe ich erklärt, daß mir die Entsendung
von Streitkräften aufgrund der Wahrung amerikanischer Interessen im Ausland möglich war, weil frühere
Präsidenten - und ich möchte hier meinen Vorgänger
Ronald Reagan besonders hervorheben - und frühere
Verteidigungsminister ein starkes Militär beibehalten
haben. In diesem hehren Vertrauen erfüllt es mich mit
Stolz, meinem Nachfolger, dem neugewählten Präsidenten Clinton, ein einzigartiges Militär übergeben zu
können. Wir haben nur die Besten.
Aus dieser Kultur von Leistung und Konkurrenzkampf
sind Hunderttausende höchst qualifizierter Männer
Und dennoch muß man sich vor Augen führen, daß - und Frauen mit echtem Selbstvertrauen hervorgeganso wichtig diese Faktoren auch sein mögen - jedes gen. Sie verfügen über eine spezielle Mischung von
Militär mehr ist als nur die Summe seiner Waffen oder Disziplin, eine Bereitschaft, Führung zu akzeptieren
der Stand seiner Technolgie. Was Streitkräfte wirklich und das Vertrauen - die Bereitschaft - Verantwortung
effektiv macht, ist die Qualität ihrer Führung, die Qualität zu übernehmen. Zusammengenommen bieten Disziihrer Ausbildung, die Qualität ihrer Menschen.
plin und Vertrauen die Grundlage für den Erfolg und
dafür, gute Arbeit zu leisten.
Wir haben im Ausland nicht zuletzt wegen unserer
Menschen in Uniform Erfolg gehabt. Die Männer und Es gibt keine höhere Berufung, keine ehrenwertere
Frauen in unseren Streitkräften haben ihre Fähigkeit Entscheidung als die von den heute hier Anwesenden
zur Bewältigung der Herausforderungen einer moder- getroffene. Den Streitkräften beizutreten heißt bereit
nen Kriegführung unter Beweis gestellt. Und gleichzei- zu sein, für Ihr Land und Ihre Mitmenschen das höchtig haben die amerikanischen Soldaten ihren Auftrag ste Opfer zu bringen.
stets mit der Tugend der Fürsorge und Freundlichkeit
versehen - sei es auf dem Schlachtfeld im Irak oder in Was Sie getan haben, was Sie tun, übermittelt eine
einem kleinen Dorf in Somalia. Wer wird jemals die wichtige Botschaft, die - so fürchte ich - inmitten der
völlig verängstigten irakischen Soldaten vergessen, heutigen, häufig materialistischen, egozentrischen Welt
die sich den amerikanischen Truppen ergaben? Ich manchmal verloren geht. Es ist von Bedeutung, sich
nicht, das weiß ich. Und wer wird vergessen, wie der zu erinnern, zu demonstrieren, daß es einen höheren
amerikanische Soldat den Arm ausstreckte und sagte: Zweck des Lebens neben dem eigenen Ich gibt. Ich
"Jetzt ist alles in Ordnung." Oder den jungen Marinein- spreche von Familie, Gemeinschaft und Idealen. Ich
fanteristen in Somalia, der mit Tränen in den Augen spreche von Pflicht, Ehre, Vaterland.
den zerbrechlichen Arm eines abgemagerten Kindes
Es gibt viele Formen, einen Beitrag für dieses Land zu
hielt.
leisten, des Dienstes an der Öffentlichkeit. Ja, es gibt
Es kann kein Zweifel daran bestehen: Die Freiwilligen- die Regierung. Es gibt Freiwilligenverbände - ich
armee ist eine der wirklichen Erfolgsgeschichten des spreche gerne von den Tausend Punkten des Lichts heutigen Amerikas.
Beispiele, wie Amerikaner einander helfen. Die tägliSeite 4

AMERIKA DIENST 2

�chen Aufgaben erfordern Taten - in unseren Klassenzimmern, Krankenhäusern, Städten, Bauernhöfen. Sie
alle können eine Form des Dienstes repräsentieren
und tun dies auch. Egal in welcher Form - Dienste
nutzen unserer Gesellschaft und adeln den Gebenden. Es ist ein in Ehren gehaltenes amerikanisches
Konzept, das wir weiterhin praktizieren und an unsere
Kinder weitergeben sollten.

18. Geburtstag. Als die Begrüßungszeremonie endete, fuhr ich nach Boston und schrieb mich als Gefreiter
bei der Marine ein. Und ich habe es nie bereut.
Auch Sie haben sich eingeschrieben. Auch Sie werden es nie bereuen. Und ich beglückwünsche Sie
dazu.
Aufgrund der in den vergangenen Jahren und heute
noch erbrachten Opfer sollten Sie in der glücklichen
Lage sein, diese Phase Ihrer Ausbildung abzuschließen. Ein halbes Jahrhundert ist vergangen, seit ich
von der Schule abging, um den Steitkräflen beizutreten. Ein halbes Jahrhundert ist seit jenem Tag vergangen, an dem Stimson von der Herausforderung sprach,
eine neue Welt zu schaffen.

Dies wollte ich bei dieser Gelegenheit vermitteln. Sie
beginnen Ihren Dienst am Vaterland, und ich nähere
mich dem Ende meines Dienstes. Vor einem halben
Jahrhundert, im Juni 1942, befanden wir uns - wie
General Graves erwähnte - im Krieg, und ich machte
gerade meinen Schulabschlu ß. Der Redner an jenem
Tag in Andover war der damalige Kriegsminister, Henry
Stimson. Und seine Botschaft war eine des Dienstes
Auch Sie werden in eine neue Weh eintreten, eine sehr
an der Öffentlichkeit, jedoch etwas verschlüsselt: die
viel bessere Welt als die ich kennengelernt habe - eine
Bedeutung, die Schule zu beenden, bevor man für sein
Welt mit dem Potential, noch viel besser zu sein. Dies
Vaterland in den Krieg geht.
ist die Herausforderung, dies ist die Chance Ihres
Ich habe seinen Worten aufmerksam zugehört, seinen Lebens. Ich beneide Sie darum und wünsche Ihnen
Rat jedoch nicht angenommen. Jener Tag war mein viel Glück...
* * * * *

AMERIKA DIENST 2

Seite 5

�Internationales Besucherprogramm — Im Rahmendes Internationalen Besucherprogramms gibt die Regierung der Vereinigten Staaten ausgewählten Teilnehmern aus allen Bereichen der
Gesellschaft die Möglichkeit, eine einmonatige beruflich orientierte Reise in die Vereinigten Staaten zu unternehmen. Im Laufe
der letzten Jahre ist die Zahl der Teilnehmer aus den neuen
Ländern bedeutend angestiegen: Von 35 im Jahr 1991 auf 45 im
Jahr 1992. Für 1993 rechnet man mit 57.
Studentenberatung — Das US-Informationsamt hat aufgrund
der Bedeutung, die persönlichen Kontakten zwischen jungen
Menschen für die Völkerverständigung beigemessen wird, besonderen Wert auf die Förderung von Studentenaustauschprogrammen zwischen amerikanischen und ostdeutschen Universitäten gelegt. In Leipzig, Berlin, Bonn und Hannoverarbeiteten
Mitglieder des US-Informationsamtes mit verschiedenen Universitäten in den neuen Bundesländern an der Weiterentwicklung und Ausweitung von studentischen Austauschprogrammen zusammen. Im Einklang mit dieser Initiative haben private
amerikanische Verleger und solche des US-Informationsamtes
vielen Universitäten im Osten Bücher und andere Materialien mit
praktischen Informationen über amerikanische Universitäten,
Austauschprogramme und die Kosten eines Studiums in den
Vereinigten Staaten gestiftet.

nen der englischen Sprache zu geben, indem es bei der Aufstellung eines Netzes von fähigen Englischlehrern auf allen Ebenen
des Erziehungssystems behilflich ist. Ein Unterrichtsbeauftragter des US-Informationsamtes vom Amerika Haus Berlin besuchte in den letzten zwei Jahren mehr als zwei Dutzend Institutionen, um Lehrern und Professoren bei der Verbesserung ihrer
Fähigkeiten behilflich zu sein und sie mit den neuesten Entwicklungen auf dem Gebiet des Englischunterrichts vertraut zu
machen. Auch hat das US-Informationsamt zahlreichen Institutionen in den neuen Bundesländern Materialien für den Englischunterricht zur Verfügung gestellt.
Programme und Redner — Ausstellungen, Vorführungen und
Vorträge im kulturellen Bereich sowie renommierte amerikanische Redner haben zu einer verstärkten amerikanischen
Präsenz in den neuen Bundesländern beigetragen und den
Bundesbürgern im Osten eine Vielzahl von Aspekten der Gesellschaft und Kultur Amerikas zugänglich gemacht. Aufführungen
berühmter amerikanischer Künstler und Tanztruppen - einschließlich einer Tournee der Susan Marshall Dance Company
in Ostdeutschland im Jahr 1992, einer der führenden postmodernen Tanztruppen der Vereinigten Staaten - haben den Menschen in den neuen Bundesländern eine Begegnung aus erster
Hand mit der amerikanischen Kultur verschafft. Die vielen hochrangigen amerikanischen Redner, die mit Unterstützung des
US-Informationsamtes die neuen Bundesländer besuchten,
führten Gespräche über die deutsch-amerikanischen Beziehungen, die Umwelt, Stadtplanung, neue Technologien, Erhaltung von Geschichtsdenkmälern, die multikulturelle Gesellschaft in den Vereinigten Staaten und andere wichtige Themen
und trugen damit zu einer verbesserten Kommunikation und
Verständigung zwischen Amerika und den neuen deutschen
Bundesländern bei.

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Weitere Informationen sind bei den folgenden Stellen erhältlich:

Botschafter Robert M. Kirnmitt überreicht Bücherspende an
Regionalbibliothek Neubrandenburg
Bücherspenden — Das US-Informationsamt reagierte auf die
Schwierigkeiten, denen sich die Bibliotheken und Lehrinstitute in
den neuen Bundesländern gegenübersehen, indem es die ehemals in den westlichen Bundesländern stationierten amerikanischen Streitkräfte um Spenden von durch ihren Abzug verfügbaren Büchern und Informationsmaterialien an ostdeutsche
Institutionen bat. Bis Ende 1992 spendete das amerikanische
Militär verschiedenen Stadt- und Universitätsbibliotheken in den
neuen Bundesländern nahezu 300.000 Bücher, wodurch diese
ihre Sammlungen zu amerikanischer Geschichte, Gesellschaft
und Kultur beträchtlich erweitern konnten.
Englischunterricht — Das US-Informationsamt bemüht sich,
den neuen Bundesbürgern verstärkt die Möglichkeit zum Erler-

Amerika Haus Leipzig
Wilhelm-Seyfferth-Straße4
0-7010 Leipzig
Amerika Haus Berlin
Hardenbergstraße 22-24
1000 Berlin 12
U.S. Foreign Commercial Service
Wilhelm-Seyfferth-Straße 4
0-7010 Leipzig
U.S. Foreign Commercial Service
Neustädtische Kirchstraße 4-5
0-1080 Berlin
U.S. Embassy Office
Neustädtische Kirchstraße 4-5
0-1080 Berlin
U.S. Embassy
Deichmanns Aue 29
5300 Bonn 2

Tel: (0341)21178 65
Fax: (0341)2117855
Tel: (030)310001-1
Fax: (030)317945
Tel: (0341) 211 79 28
Fax: (0341)21179 27
Tel: (030) 238 51 74
Fax: (030)238 62 96
Tel: (030)238 5174
Fax: (030) 251 02 37
Tel: (0228) 339-1
Fax: (0228)334102

DESIGN &amp; PRINTING USIS BONN 1993

...die fünf
neuen Bundesländer
und Amerika

�ENGAGEMENT DER VEREINIGTEN STAATEN
IN DEN FÜNF NEUEN BUNDESLÄNDERN
HANDEL
Handel und Investitionen sind die wichtigsten Aspekte beim
Wiederaufbau in den neuen Bundesländern, und amerikanische
Unternehmen waren mit Unterstützung der deutschen und der
US-Regierung bereits in diesem Bereich tätig. Seit der Vereinigung haben sie in den neuen Bundesländern Investitionen im
Wert von mehr als 5 Milliarden DM getätigt, womit nahezu
40.000 Arbeitsplätze geschaffen oder erhalten werden. Amerikanische Unternehmen sind auf den Gebieten Verkauf und
Investitionen in den neuen Bundesländern führend.
Im Osten sind große und kleine Tochtergesellschaften amerikanischer Unternehmen in vielen Geschäftsbereichen tätig,
u.a. in der Nahrungsmittel-, Automobil-, Computer- und der Verarbeitenden Industrie, auf dem Immobilienmarkt, in der pharmazeutischen Industrie, im Telekommunikationsbereich und im
Dienstleistungssektor.

KULTURELLE BINDUNGEN
Nachfolgend einige Beispiele für das wirtschaftliche Engagement amerikanischer Unternehmen in den östlichen Bundesländern:
• Coca-Cola investiert 750 Millionen DM und schuf
2.750 neue Arbeitsplätze;
• Esso kündigte an, daß es Ende 1992 55 Tankstellen betrieb
und 100 Millionen DM investiert hatte;
• Ford investierte in Zusammenarbeit mit ortsansässigen Händlern 500 Millionen DM und schuf 5.000 Arbeitsplätze;
• General Motors tätigte mit 1 Milliarde DM in seinem Opel-Werk
in Eisenach die größte amerikanische Investition in den neuen
Ländern;
• McDonald's gab den Plan bekannt, Ende 1993 26 Schnellrestaurants zu betreiben - eine Gesamtinvestition von nahezu
125 Millionen DM in den nächsten Jahren.

LANDWIRTSCHAFT
Die amerikanische Regierung und Landwirtschaftsvereinigungen des Privatsektors beteiligen sich aktiv an der landwirtschaftlichen Entwicklung in den neuen Bundesländern. Mit Hilfe des
Foreign Agricultural Service des amerikanischen Landwirtschaftsministeriums hat die US-Regierung verschiedenen staatlichen und privaten Organisationen im Osten Information und
Beratung zu landwirtschaftlichen Verwaltungspraktiken zur Verfügung gestellt. Zusätzlich knüpften zahlreiche amerikanische
Landwirtschaftsvereinigungen in den östlichen Bundesländern
berufliche und geschäftliche Beziehungen an. Die amerikanische Sojabohnenvereinigung und der US Dairy Genetics Council erarbeiten beispielsweise mit kleinen und großen Viehzuchtbetrieben Möglichkeiten zur Verbesserung der Futterqualität und
der Erbanlagen von Tieren. Der Verband der amerikanischen
Sperrholzindustrie arbeitet mit Hausbauern aus dem Osten an
der Verwendung von Holzeinfassungen beim Hausbau.

Deutsche Arbeiter montieren Autos im Opel-Werk in Eisenach
Zur Unterstützung der amerikanischen Exporteure und Investoren in den neuen Ländern fördert der Foreign Commercial Service
der US-Regierung (der 1990 in Berlin und 1992 in Leipzig neue
Niederlassungen aufgemacht und damit seine Aktivitäten im
Osten erweitert hat) die Teilnahme amerikanischer Unternehmen an Messen, Handelsmissionen, Konferenzen und Seminaren mit dem Ziel, deutsche Behörden mit amerikanischen Produkten und Technologien vertraut zu machen und die Partnerschaft zwischen deutschen und amerikanischen Unternehmen
bei der Entwicklung wirtschaftlicher Aktivitäten im Osten zu verbessern. Wichtig sind hierbei die Bereiche Recycling, Beseitigung von Altlasten, Entsorgung von Sondermüll, Kapitalbeschaffung, Stromerzeugung und Franchising.

ZUSAMMENARBEIT IM POLIZEIWESEN
Die Polizei- und Sicherheitskräfte in den neuen Bundesländern
passen sich an die als Folge der Vereinigung geänderten gesellschaftlichen Gegebenheiten an. Zusätzlich zu der im Rahmen
des deutschen Polizeiwesens stattfindenden Ausbildung unterstützt die amerikanische Regierung die Behörden auf Bundes-,
Landes- und Gemeindeebene durch vom FBI organisierte Sonderprogramme bei der erforderlichen Ausbildung. Das umfaßt
Schulungen für ausgewählte Strafverfolgungsbeamte in der FBIAkademie in der Nähe der Bundeshauptstadt Washington sowie
von Mitgliedern der amerikanischen Strafverfolgungsbehörde in
Zusammenarbeit mit dem Bundesinnenministerium vor Ort abgehaltene Übungstreffen in den neuen Bundesländern.

Seit der Vereinigung Deutschlands hat das US-Informationsamt
(United States Information Service - USIS) bei der Wiederanknüpfung von Beziehungen zwischen Amerikanern und Bürgern
der fünf neuen Bundesländer eine wichtige Rolle gespielt:

Amerikanisches Generalkonsulat
und Amerika Haus Leipzig
Amerika Haus Leipzig — Am 30. Juni 1992 eröffnete das
US-Informationsamt in Leipzig das erste Kulturinstitut in den
neuen Bundesländern. Der amerikanische Botschafter Robert
M. Kimmitt weihte das Amerika Haus Leipzig in einer Feierstunde, der 400 hochrangige Gäste beiwohnten, ein und unterstrich
die Bedeutung, die die Vereinigten Staaten den kulturellen
Beziehungen zu den neuen Bundesländern beimessen. Das
Amerika Haus Leipzig und seine althergebrachte Schwesterinstitution, das Amerika Haus Berlin, fördern kulturelle Austauschprogramme in den neuen Bundesländern und verfügen über
eine für die Öffentlichkeit zugängliche Bibliothek mit einer großen Sammlung englischsprachiger Bücher und Zeitschriften
über alle Aspekte des Lebens und der Gesellschaft in Amerika.
Austauschprogramme — Akademische und berufliche Austauschprogramme sind wahrscheinlich die wichtigste Möglichkeit, die Völkerverständigung zu verbessern, und das USInformationsamt hat eine Vielzahl solcher Austauschaktivitäten
in den neuen Bundesländern entwickelt. Hierzu gehören das
Fulbright-Programm, die RIAS-Kommission und das Parlamentarische-Patenschafts-Programm (PPP), ein vom amerikanischen Kongreß und dem Deutschen Bundestag durchgeführtes
Jugendaustauschprogramm:
• Seit der Vereinigung ist die Zahl der am Fulbright-Programm
teilnehmenden Professoren und Studenten aus den östlichen
Bundesländern von 12 im Jahr 1991 auf 39 im Jahr 1992
angestiegen. Für 1993 wird ein Anstieg auf 99 erwartet
• Kürzlich wurde die RIAS-Kommission gegründet, um die
Tradition von RIAS im Rundfunkwesen durch die Finanzierung
von Ausbildungsprogrammen für Journalisten, mit besonderer
Ausrichtung auf Journalisten aus den neuen Bundesländern,
weiterzuführen.
• Seit der Vereinigung wurde das PPP allein im Jahr 1992 um
ungefähr 100 Teilnehmer aus Ostdeutschland erweitert

�AUSSENPOLITIK
13. Januar 1993

EAGLEBURGER SIEHT FORTSCHRITTE, WARNT VOR
KÜNFTIGEN HERAUSFORDERUNGEN
Rede vor dem Council on Foreign Relations
WASHINGTON - (AD) - Außenminister Eagleburger zufolge besteht die wichtigste außenpolitische Herausforderung für die Vereinigten Staaten heute darin, den Wesensgehalt der Demokratien, der den Sieg im Kalten Krieg
gesichert hat, zu bewahren und zu stärken.
In einer Rede vor dem Council on Foreign Relations stellte Eagleburger am 7. Januar 1993 fest, daß wir "uns
inmitten einer globalen Revolution befinden, einer Zeit der Veränderungen und Instabilität, deren einzige
Parallelen in der Neuzeit die Französische und die Russische Revolution sind".
Eagleburger nannte Jugoslawien und Somalia als Paradebeispiele für den Zusammenbruch des nach dem
Zweiten Weltkrieg entstandenen postkolonialen Staatensystems. Dadurch seien viele Nationen "zunehmend
unfähig, grundlegende staatliche Funktionen zu erfüllen, ihre inneren Angelegenheiten zu kontrollieren oder
partikularistischen und separatistischen Tendenzen innerhalb ihrer Grenzen zu widerstehen".
Nachfolgend veröffentlichen wir Eagleburgers Rede im Wortlaut.

Im September 1989 habe ich eine Rede gehalten, in
der ich die einzigartigen und schwierigen Herausforderungen erörterte, mit denen die Außenpolitik der Vereinigten Staaten beim Übergang von einer bipolaren
zu einer multipolaren Welt unweigerlich konfrontiert
sein würde. Mein guter Freund Peter Tarnoff beeilte
sich daraufhin, mich in der New York Times ins Gebet
zu nehmen, weil ich eine Nostalgiefürden Kalten Krieg
gezeigt hätte. Damals habe ich diese Charakterisierung bestritten. Heute jedoch, Peter, muß ich ein
Geständnis machen: Ich hege inzwischen wirklich
nostalgische Gefühle für den Kalten Krieg - und ich
vermute, Sie könnten sich dieses Gefühl bald selbst zu
eigen machen.
Tatsache ist, daß es mir damals unmöglich war, vorauszusehen, wie turbulent das neue Zeitalter in Wirklichkeit werden würde. Heute jedoch ist überreichlich
klar, daß wir uns inmitten einer globalen Revolution
befinden, einer Zeit der Veränderungen und Instabilität, deren einzige Parallelen in der Neuzeit die Französische und die Russische Revolution sind. Überall wird
der Status quo in Frage gestellt. So hat das Ende der
durch den Kalten Krieg hervorgerufenen scharfen
Trennung der Welt in zwei von Supermächten geführte
Blöcke zu einem weit offeneren internationalen System geführt, in dem Saddam Husseins Invasion in
Kuwait nur das ungeheuerlichste Beispiel des wesent-

AMERIKA DIENST 2

lich größeren Potentials für globale Anarchie bietet,
das heute besteht.
Darüber hinaus befindet sich das nach dem Zweiten
Weltkrieg entstandene postkoloniale Staatensystem
selbst im Zusammenbruch, während viele Nationen
zunehmend unfähig sind, grundlegende staatliche
Funktionen zu erfüllen, ihre inneren Angelegenheiten
zu kontrollieren oder partikularistischen und separatistischen Tendenzen innerhalb ihrer Grenzen zu widerstehen. Hier sind Somalia und Jugoslawien die augenfälligsten, jedoch bei weitem nicht die einzigen Beispiele für diese Tendenz zur Zersplitterung.
Gemeinsam mit der Erfüllung der M ission der Vereinigten Staaten im Kalten Krieg stellen diese Veränderungen die Vereinigten Staaten vor die existentielle Notwendigkeit, ihren Platz und ihre Ziele in der Wert neu zu
definieren. Einige betrachten den jüngsten weltweiten
Aufschwung der Demokratie als prägendes Charakteristikum dieses Zeitalters, und sie gehen davon aus,
daß das Endedes Kalten Krieges esfürdie Vereinigten
Staaten sowohl sicher als auch erforderlich gemacht
habe, zugunsten der Demokratie eine Außenpolitik
Wilsonscher Prägung zu betreiben. Andere betrachten die Welt als voll von einzigartiger Gefahr und
Unordnung und meinen, da die Vereinigten Staaten
nicht mehr dieselbe politisch und wirtschaftlich domi-

Seite 1

�nierende Rolle spielen können wie in der Vergangenheit, müßten sie weiterhin nationale Sicherheit und
internationale Stabilität als ihre höchsten außenpolitischen Ziele verfolgen.
Ich werde die Debatte zwischen den Anhängern des
Idealismus und der Realpolitik heute abend nicht entscheiden. Ich möchte jedoch untersuchen, wie die
Bush-Administration einige der Herausforderungen
bewältigt hat, mit denen sie in den vergangenen vier
Jahren konfrontiert war. Ich tue dies nicht nur, um - zu
meiner, wenn nicht zu Ihrer Zufriedenheit - zu demonstrieren, wo wir mit Erfolg einen Grundstein für die
amerikanische Außenpolitik im Zeitalter nach dem
Kalten Krieg gelegt haben, sondern auch, damit ich
einige der Lehren beschreiben kann, die meines Erachtens aus unserer Erfahrung gezogen werden sollten.

Reich, das ohne bösartige und gewalttätige Zuckungen zusammengebrochen ist. Niemand erwartete
darüber hinaus, daß die Kommunistische Partei ihr
Machtmonopol im Inland sowie die imperiale Vorherrschaft im Ausland kampflos preisgeben würde. Es war
durchaus vorstellbar, daß das Ableben der Sowjetunion von Bürgerkrieg, Krieg in Europa und vielleicht
sogar dem Risiko eines weltweiten nuklearen Schlagabtauschs begleitet würde.

Daß dies nicht der Fall war, ist meines Erachtens
teilweise der geschickten, wenn auch bisweilen mißverstandenen Diplomatie George Bushs zuzuschreiben. Selbst heute noch argumentieren seine Kritiker,
der Präsident habe beim Umgang mit der ehemaligen
Sowjetunion ständig den Ereignissen hinterhergehinkt
- mit seiner späten und lauwarmen Unterstützung
Gorbatschows, seiner späten und unauffälligen Reaktion auf den Zusammenbruch der sowjetischen KonViele haben behauptet, wir hätten es überhaupt nicht trolle über Osteuropa und seiner späten Lösung von
geschafft, einen neuen Grundstein zu legen - daß Gorbatschow und Hinwendung zur Sache der demounsere Außenpolitik grundsätzlich reagierend und dem kratischen Reformen in Rußland und Unabhängigkeit
Status quo ungebührlich verhaftet gewesen sei und in den Republiken. An jedem Punkt wurde dem
daß es ihr an strategischer Logik oder demokratischer Präsidenten ungebührliche Anhänglichkeit an den Status
Vision gefehlt habe. Wie Sie erwarten werden, stimme quo und ungenügender Eifer für die amerikanischen
ich dem nicht zu. Ich glaube, daß diese Administration Ideale vorgeworfen.
drei einzigartige Herausforderungen erfolgreich bewältigt hat:
Was jedoch hat der Präsident zu erreichen versucht?
Sein erster Ansatz bestand darin, Gorbatschow dazu
die friedliche Beendigung des Kalten Krieges,
aufzufordern, dem neuen sowjetischen Denken bei
die Auseinandersetzung mit der durch das Ende Fragen von regionalen Auseinandersetzungen bis zur
des Kalten Krieges hervorgerufenen Instabilität Rüstungskontrolle praktischen Inhalt zu verleihen. Als
später die Revolution begann, ganz Osteuropa zu
und
erfassen, arbeitete er im Stillen daran, Gorbatschow
den Beginn des Baus einer neuen Architektur und seine Generäle davon zu überzeugen, daß der
Westen nicht danach trachten werde, ihre Probleme
für die neue Weltordnung.
auszunutzen, und daß die Sowjetunion in einem
Man könnte es uns vielleicht ankreiden, daß wir uns demokratischen Europa eine neue Art von Sicherheit
dafür entschieden haben, unsere Vision mehr in Taten genießen könnte, wenn friedliche Normen akzeptiert
als in Worten zum Ausdruck kommen zu lassen. Ich würden. Und später drängte er sowohl die Zentralrebin jedoch voll und ganz davon überzeugt, daß die gierung als auch die Unabhängigkeitsbewegungen zur
Bilanz dessen, was wir getan haben und wie wir es Vorsicht, was ihm innenpolitische Kritik eintrug. Damit
getan haben, so beschaffen ist, daß unsere Nachfol- entzog er jedoch dem rechten Flügel in der Sowjetuniger erfolgreich darauf aufbauen können, wenn auch on jeglichen Vorwand, um Gorbatschow in ihre Bemüsie einer Welt gegenübertreten, die auf viele Jahre hungen zur Zerstörung des Reformprozesses einzuhinaus weiterhin instabil und unberechenbar sein wird. beziehen.
Ich möchte mich nun dieser Bilanz zuwenden - der
Bilanz dessen, wie wir die drei bereits erwähnten
Herausforderungen bewältigt haben.

Erfolgreiche Diplomatie ist eine Frage des Urnings
ebenso wie der Substanz. Letz lieh wird die Geschichte
George Bush an den Ergebnissen seiner Bemühungen messen - an seiner Beherrschung von Timing und
Die erste Herausforderung: Beendigung des KalSubstanz -, insbesondere gegenüber den zahlreichen
ten Krieges
alternativen Szenarien, die sich hätten ereignen könHeute nehmen wir als gegeben hin, was Experten und nen. Die Geschichte wird feststellen, daß während
Historiker noch vor nur einem Jahrzehnt für unglaub- seiner Amtszeit die friedliche demokratische Revolulich gehalten hätten, nämlich, daß die Preisgabe Ost- tion in Osteuropa, die Vereinigung Deutschlands und
europas durch die Sowjetunion und die Auflösung der die Einbeziehung eines vereinigten Deutschlands in
UdSSR selbst so rasch, so gründlich und vor allem so die NATO, das Ende von regionalen Konflikten, besonfriedlich erreicht werden konnte. Inder Geschichtegibt ders in Mittelamerika, das Anhalten und später der
es - wenn überhaupt - nur wenige Beispiele für ein Abbau des nuklearen Wettrüstens sowie schließlich

Seite 2

AMERIKA DIENST 2

�der friedliche Zusammenbruch eines Regimes stattfanden, das sowohl den gewaltigsten totalitären Apparat in der Geschichte und mit seinem nuklearen Potential das Schicksal der Welt beherrschte. Dies ist ein
Vermächtnis, das an sich schon Präsident Bush zu
einem der größten Diplomaten unserer Nation qualifizieren würde.

entgegenzutreten. Was hätte sie ihm antworten sollen? Daß wir eine halbe Million Soldaten um die halbe
Erdkugel schicken können und der Kongreß mit ganz
knapper Mehrheit letzten Endes dem Plan des Präsidenten zustimmen würde, diese Truppen in die Schlacht
zu schicken?

Ich möchte hier keine billigen Argumente anführen,
sondern einen wichtigen Punkt eindeutig klarstellen.
Zweifelsohne haben wir Fehler begangen und - zusammen mit allen anderen - die irakische Invasion
Aber die Geschichte forderte diesen Präsidenten fer- nicht vorhergesehen. Was wir jedoch nicht wußten
ner dazu auf, sich den zahlreichen Herausforderungen und was Saddam Hussein unter Beweis stellen mußte,
einer zerfallenden Weltordnung zu stellen, zunächst war, daß das Ende des Kalten Krieges die internatioam Persischen Golf und später in Afrika und auf dem nalen Spielregeln verändert hatte und regionale MächBalkan.
te jetzt eine Aggression aufgrund der Annahme in
Erwägung ziehen konnten, daß die Supermächte nicht
Wiederum hat er sich einigen zufolge auch dieser
länger ihre Manövrierfähigkeit einschränken konnten.
Herausforderung weitgehend entzogen. In einigen
Was Saddam Hussein nicht wu ßte und Präsident Bush
Kreisen wird sogar behauptet, die Administration trage
beweisen mußte, war, daß das amerikanische Volk selbst einen Teil der Verantwortung für die Invasion in
Kuwait, indem sie den irakischen Diktator "verhät- wenn nicht sogar die gesamte politische Klasse - nicht
schelt" habe, sowie für den tragischen Bürgerkrieg im länger unter dem Vietnam-Syndrom litt.
ehemaligen Jugoslawien, indem sie es versäumt habe, Letztlich war es die doppelte Leistung von Präsident
die verschiedenen Republiken in ihrenmStreben nach Bush, Saddam von der Einführung der Gesetze des
Unabhängigkeit zu unterstützen. Wie bei unserer Dschungels als internationaler Verhaltensnorm in der
Haltung zu Gorbatschow gehe ich jedoch davon aus, Zeit nach dem Kalten Krieg abzuhalten und ein Modell
daß die Diplomatie des Präsidenten mißverstanden für kollektive Reaktionen auf internationale Akte von
und in einigen Fällen absichtlich verzerrt wurde.
Aggression zu erarbeiten. Damit demonstrierte er, wie
absolut entscheidend amerikanische Diplomatie und
Beispielsweise waren unsere Bestrebungen, Saddam
die amerikanische Bereitschaft für den Einsatz von
Hussein mit diplomatischen Mitteln zu beeinflussen,
Gewalt für die Aussichten auf Stabilität in der ansonoffenkundig nicht erfolgreich - diese Bestrebungen
sten chaotischen Zeit nach dem Kalten Krieg ist.
waren meines Erachtens jedoch die erforderliche
Voraussetzung für unseren letztlichen Erfolg. Tatsa- Der Präsident wurde auch für seine Entscheidung zur
che ist, daß es vor der Invasion am 2. August weder Beendigung der Kampfhandlungen zu dem von ihm
einen Konsens für multilaterale Wirtschaftssanktionen gewählten Zeitpunkt angegriffen. George Bush vernoch für ein militärisches Vorgehen gegen den Irak stand jedoch eine andere Realität der Zeit nach dem
gab. Es war Saddam Hussein selbst, der diesen Kalten Krieg - das heißt, weil er persönlich und geKonsens durch seinen Einmarsch in Kuwait hervor- zwungenermaßen eine internationale Koalition der
brachte. Bis zu jenem Augenblick erachteten unsere Streitkräfte vereinigte, mußte erdie Ansichten unserer
arabischen Freunde Vergeltungsmaßnahmen als beteiligten Verbündeten berücksichtigen und hatte vor
ungerechtfertigt und auch provokativ und wären Sad- allem die Verpflichtung, sich innerhalb des Rahmens
dam zu Hilfe geeilt, wenn wir ihn zu isolieren oder der UN-Resolutionen zu bewegen. Darüber hinaus,
bestrafen versucht hätten. Daher war es eben dieser und dies ist vielleicht am wichtigsten, verstand er, daß
Diplomatie zu verdanken, für die der Präsident jetzt ihm angesichts der präzisen Definition des Zwecks
kritisiert wird und die Ursache seiner Glaubwürdigkeit unserer Mission die Verpflichtung - gegenüber dem
in der arabischen Welt war, daß wir die Unterstützung amerikanischen Volk und der Zukunft - zum Abzug der
gewinnen konnten, ohne die wir Kuwait nicht hätten amerikanischen Streitkräfte oblag, sobald die Mission
befreien können.
erfüllt war.

Die zweite Herausforderung: Eine sich zersplitternde Welt

Ich bin ferner der Überzeugung, daß der Eindruck
behoben werden muß, wir hätten Saddam Hussein
kurz vor dem 2. August von der Invasion Kuwaits
abschrecken können. Das Problem war Saddams
Ansicht, wir müßten uns noch von der Schande und
dem Schatten des Vietnamkriegs befreien. Er machte
dies unserer Botschafterin gegenüber äußerst deutlich, indem er ihr erklärte, wir hätten seiner Meinung
nach nicht den Mumm, ihm auf dem Schlachtfeld

AMERIKA DIENST 2

Ein zweiter Beweis der heute vorherrschenden globalen Unordnung ist die Ausweitung althergebrachter
Stammes-, ethnischer und religiöser Rivalitäten zu
Konflikten. Dies ist im ehemaligen Jugoslawien am
offenkundigsten. Wir müssen uns jedoch vor Augen
führen, daß Jugoslawien nur die augenfälligste Manifestation dessen ist, was sich heute vielerorts vollzieht
und wahrscheinlich das internationale Umfeld auf vielleicht Jahrzehnte hinaus charakterisieren wird.

Seite 3

�Für viele ist Jugoslawien ein weiteres Beispiel dafür,
wie die Politik der Administration den Ereignissen
hinterherhinkt und sich nicht mit den amerikanischen
Idealen deckt. Ich persönlich bin nicht der Ansicht, daß
Gewalt unter allen Umständen hätte vermieden werden können. Ich bin jedoch nach wie vor der Überzeugung, daß die einseitigen und unkoordinierten Unabhängigkeitserklärungen der Republiken, die wir erfolglos ablehnten, unweigerlich zum Bürgerkrieg führten.
Damals wie heute bestand die einzige Alternative zu
ewigem Blutvergießen für die Parteien darin, die Trennung voneinander auf dem Verhandlungsweg bei gleichzeitiger Garantie der Respektierung von Pluralismus
und der Rechte von Minderheiten innerhalb ihrer Grenzen
herbeizuführen. Die einzig verantwortungsbewußte
Politik fürdie Vereinigten Staaten war diejenige, die wir
befolgten: die Entmutigung unilateraler Akte, die auf
die Vermeidung solcher Verhandlungen und Garantien abzielten. Wie der Präsident zu Recht in seiner
verspotteten und mißverstandenen Rede in Kiew feststellte, bestand unsere Politik nicht in der Unterstützung "derjenigen, die auf ethnischen Haß gegründeten
selbstmörderischen Nationalismus fördern".

vernachlässigt haben. Meines Erächtens werden sie
jedoch eine solide Grundlage in vielen wichtigen Bereichen vorfinden.
Zu diesen Bereichen institutioneller Kreativität zähle
ich die folgenden:
1.

Europa, wo wir versuchen, die demokratische
Staatengemeinschaft zu erweitern, indem wir
dazu beitragen, die ehemals kommunistischen
Nationen in sichere und stabile freie Marktwirtschaften umzugestalten. Hier haben wir zwei
innovative institutionelle Strukturen geschaffen
- den G-24-Prozeß, mit dem wir die Hilfe für
Mittel- und Osteuropa koordiniert haben und
den Nordatlantischen Kooperationsrat, mit dem
wir versuchen, im Lauf der Zeit die sicherheitspolitischen Beziehungen zwischen beiden Hälften Europas zu stärken. Ich möchte die neue
Administration auffordern, auf diese noch in den
Kinderschuhen steckende Struktur aufzubauen.

2.

Nordamerika, wo wir versuchen, die kontinentale Basis unserer Nation durch die Schaffung
eines Binnenmarktes zu konsolidieren, der die
Vereinigten Staaten, Mexiko und Kanada verbindet - das Nordamerikanische Freihandelsabkommen. Unser Erfolg bei dieser Bestrebung
wird in sicherheitspolitischer Hinsicht Dividenden abwerfen und den Volkswirtschaften aller
drei Nationen nutzen.

Natürlich wirft all dies die Frage auf, was wirtun sollten,
wenn die irrationalen Kräfte der Geschichte und des
Hasses über unsere Appelle zur Vernunft dominieren,
wie es heute in Jugoslawien, in einigen Teilen der
ehemaligen Sowjetunion, in Somalia und andernorts
der Fall ist.
Es gibt keine einfachen Antworten. Wie der Präsident
in dieser Woche in West Point erklärte, wird es Zeiten 3.
geben, in denen unsere lebenswichtigen Interessen
auf dem Spiel stehen und wir intervenieren müssen wie wir dies am Golf getan haben. Es wird Zeiten
geben, in denen eine menschliche Tragödie uns zum
Eingreifen zwingt, vorausgesetzt, wir können die Kosten
gegenüber dem amerikanischen Volk rechtfertigen wie wir es in Somalia und im Namen der Kurden im
Nordirak getan haben. Und es wird Zeiten geben, in
denen weder die Kraft amerikanischer Ideen noch die
Macht amerikanischer Waffen einen Unterschied für
die Menschen bewirken können, die wirklich nicht zu 4.
einer friedlichen Koexistenz bereit sind.
Die dritte Herausforderung: Aufbau einer neuen
Weltordnung
Die vielleicht grundlegendste Kritik an der Au ßenpolitik
der Bush-Administation lautet, da ß sie zu stark auf sich 5.
verändernde Ereignisse mit wenig Augenmerk für die
längerfristigen Erfordernisse eines neuen Zeitalters
reagiert hat. Ich bin jedoch der Meinung, daß wir in der
Tat das Verdienst füruns in Anspruch nehmen können,
das in die Wege geleitet zu haben, was die lange Arbeit
des fürdie Schaffung einer neuen Weltordnung erfor- 6.
derlichen Aufbaus eines internationalen Rahmens sein
wird und sein soll. Unsere Nachfolger werden an Orten
Aufbauarbeit leisten müssen, die wir übersehen oder

Seite4

Lateinamerika, wo diese Administration unsere
kontinenteübergreifenden Beziehungen in vielleicht dem besten Zustand in diesem Jahrhundert hinterläßt. Präsident Bushs Initiative zur
Förderung der Privatwirtschaft in allen Ländern
Amerikas wurde auf dem gesamten Kontinent
als ein historischer Wendepunkt und eine Chance willkommen geheißen, Demokratie in ganz
Nord- und Südamerika in einem System freier
Märkte zu konsolidieren.
Asien, wo wir die asiatisch-pazifische wirtschaftliche Zusammenarbeit in die Wege geleitet haben,
um unser Engagement für die dynamischste
Wirtschaftsregion der Welt zu erweitern und wo
wir die Entwicklung einer globalen Partnerschaft
mit Japan begonnen haben.
Der Nahe Osten, wo wir auf den Sieg der
Koalition im Golfkrieg aufgebaut haben, um die
ersten direkten Verhandlungen zwischen Israel
und den arabischen Nachbarländern in die Wege
zu leiten.
Und schließlich das breite Spektrum transatlantischer Themen, wo wir versuchen, die Tagesordnung der Zeit nach dem Kalten Krieg von
weltweitem Freihandel bis zu den GATT-Ver-

AMERIKA DIENST 2

�handlungen und durch Verhandlungen über die
Kontrolle der Verbreitung von Massenvernichtungswaffen voranzubringen.

i

ner Amtszeit und bezahlte dafür oft einen hohen politischen Preis. Aufgrund seines Bestrebens, mit den
Regierungen zusammenzuarbeiten und Einfluß auf
sie auszuüben, die seine Kritiker bestrafen und isolieDas Vermächtnis Präsident Bushs
ren wollten - ich denke hier insbesondere an die
Volksrepublik China - gelang es ihm, eine internationaIch bin mir bewußt, daß ich keineswegs ein unbeteiligle Koalition unter der Schirmherrschaft der Vereinten
ter Beobachter bin. Aber ich denke, daß die gerade
Nationen zu bilden, die sich mit den bedeutenden
von mir gezogene Bilanz eine angesichts großer GeBedrohungen des Friedens und der Stabilität auf der
fahren und Herausforderungen bedeutsame Leistung
Welt befaßten, einschließlich des erfolgreichen Krieges
ist. Auch bin ich überzeugt, daß die Außenpolitik
gegen Saddam Hussein.
Präsident Bushs besser war als die Summe ihrer
Einzelteile und dahinter eine Strategie lag, die wir Drittens war die Außenpolitik der Administration von
verstehen müssen, weil sie der vollkommen geänder- der Verpflichtung gekennzeichnet, die Macht der Verten internationalen Situation, mit der wir uns jetzt einigten Staaten - sowohl im militärischen als auch im
konfrontiert sehen, auf einzigartige Weise angepaßt diplomatischen Bereich - zu nutzen, um die langfristige
ist. Zusammenfassend würde ich dieses Vermächtnis Vision des Präsidenten von einer neuen Weltordnung
folgendermaßen beschreiben:
in die Tat umzusetzen. Die Bilanz der letzten vier Jahre
zeigt, daß wir nicht einmal nahe daran sind, die neue
Erstens war die Außenpolitik Präsident Bushs von
Weltordnung zu verwirklichen - nicht angesichts der
Pragmatismus und Flexibilität gekennzeichnet. In
gegenwärtig frei wütenden zerstörerischen Kräfte. Das
dieser Hinsicht haben wir uns oft eines Ad-hoc-AnsatAusmaß jedoch, in dem wir diese Kräfte in Schach
zes schuldig gemacht. Ein gewisses Maß einer Adhalten konnten, war hauptsächlich das Ergebnis der
hoc-Haltung ist eine Tugend, kein Laster, wenn man es
amerikanischen Bereitschaft zu handeln, Ad-hocmit einer von Krisen und Chaos gekennzeichneten
Koalitionen zu bilden und mit dem Aufbau der InstituWelt zu tun hat, in der man unmöglich vorhersagen
tionen einer besseren und sichereren Welt zu beginkann, was in einem halben Jahr sein wird. Es ist eine
nen.
Tatsache, daß wir uns auf lange Sicht in einer postrevolutionären Übergangzseit befinden werden, die von Prognose
uns die Fähigkeit erfordert, schnell auf die Ereignisse
zu reagieren. Unter diesen Umständen sind ein guter Abschließend möchte ich einige persönliche AnmerInstinkt von ebenso unschätzbarem Wert wie ein guter kungen über den vor uns liegenden Weg machen und
Plan.
darüber, was meiner Ansicht nach unsere Prioritäten
und Ziele sein sollten.
Zweitens hat sich der Präsident dem Prinzip und der
Anwendung der Diplomatie verpflichtet. Er hat viel Ich halte die Bewahrung und Stärkung des Wesensgebesser als seine Kritiker verstanden, daß das Ende halts der Demokratien, der den Sieg im Kalten Krieg
des Kalten Krieges bedeutete, daß die Vereinigten gesichert hat, für unsere wichtigste außenpolitische
Staaten nicht länger wie zur Zeit der Blockteilung Herausforderung. In meiner Rede in Georgetown im
entweder die Feinde oder die Verbündeten beherr- Jahr 1989 habe ich bereits darauf hingewiesen, daß es
schen können. Wenn wir unseren Weg gehen und schwieriger sein wird, diesen Wesensgehalt zu beandere dazu bringen wollen, unsere Last mit uns zu wahren, wenn die ihm innewohnenden Zentrifugalkräfteilen - so wie es das amerikanische Volk sicher te der Multipolarität zusammenwirken, um uns auseinwünscht -, müssen wir in immer stärkerem Maße die anderzutreiben. Wenn wir aber eine Rückkehr zu der
Ansichten und Interessen anderer in Betracht ziehen. für die Zeit vor dem Kalten Krieg charakteristischen
Und wir werden manchmal Ad-hoc-Bündnisse mit gefährlichen Politik des Gleichgewichts der Kräfte
gleichgesinnten Nationen schließen müssen, wie es vermeiden wollen, müssen wir die wirtschaftlichen,
die neuen, oft einzigartigen Umstände erfordern mögen. politischen und militärischen Bindungen zwischen den
Mit anderen Worten: Wir werden die Kunst des Demokratien des Westens sowie die im Laufe der
Kompromisses und somit die Kunst der Diplomatie letzten 50 Jahre geschaffenen multilateralen Institutiopflegen.
nen stärken. Gelingt uns die Stärkung dieser kollektiven Bindungen und Institutionen nicht, werden wir nie
Das ist eine Kunst, die für uns nicht einfach zu pflegen in der Lage sein, den jetzt jenseits des Westens
ist. Es ist unsere nationale Tugend, daß wir uns nur mit entstehenden Instabilitäten zu begegnen.
einer Au ßenpolitik wohlfühlen, die in den Werten unserer politischen Tradition verwurzelt ist; es ist unser In dieser Hinsicht hinterlassen wir der nächsten Adminationales Laster, in der Außenpolitik eine Tendenz nistration verschiedene ungelöste Aufgaben: Den
hin zu Moralismus zu zeigen und eine Art moralischer Aufbau umfassenderer und dauerhafter politischer
Hybris, die die Handlungen anderer nur durch das Beziehungen mit Japan, die Gewährleistung, daß die
Prisma unserer eigenen Verhaltensregeln sieht. Prä- Europäische Gemeinschaft ihre Einheit nicht auf Kosten
sident Bush widerstand dieser Tendenz während sei- der Vereinigten Staaten fördert sowie die Wahrung
AMERIKA DIENST 2

Seite 5

�eines offenen Welthandelssystems durch den erfolgreichen Abschluß der GATT-Verhandlungen und die
frühzeitige Ratifizierung des Nordamerikanischen
Freihandelsabkommens.

eine Weltmacht, wir schlössen uns der Welt im Namen
einer Mission an, die wir jetzt weitgehend beendet
haben. Heute sehen wir uns einer von zunehmender
Unsicherheit gekennzeichneten internationalen Lage
gegenüber und uns wird immer stärker bewußt, daß
Die zweite vor uns liegende Herausforderung ist die unsere Rolle und unser Ziel sich angesichts dieses
Ausweitung des Wesensgehalts der Demokratien, um veränderten Umfelds ändern müssen. Wir wissen
die ehemals kommunistische Welt miteinzubeziehen aber nicht, wie diese Änderungen auszusehen haben.
sowie die Nationen, die sich unsere politischen und
wirtschaftlichen Werte zu eigen gemacht haben. Auf Wir halten uns jedoch vielleicht nicht ausreichend vor
diesem Gebiet stimmen unsere Interessen und unsere Augen, daß diese Unsicherheit sowohl normal als
Ideale vollkommen überein. Unsere Sicherheit ist auch gesund ist. Während wir unseren alltäglichen
besonders eng mit der Reform in Eurasien verbunden, Geschäften im Bereich der Außenpolitik nachgehen,
der am stärksten bewaffneten Region der ganzen entdecken wir unser Ziel neu - und dies gilt auch auf
Welt, die zweimal in diesem Jahrhundert die Quelle absehbare Zukunft. Es erübrigt sich zu sagen, daß wir
globaler Konflikte war. Aus diesem Grunde ist es unsere eigenen Ideen vorbringen und unser Denken
ermutigend, daß der künftige Präsident die Unterstüt- von dem Wunsch beeinflußt ist, diese Ideale zu förzung der Demokratie in Rußland und in ganz Mittel- dern. Die wachsende Einsicht jedoch, daß unsere
und Osteuropa zu einer seiner höchsten Prioritäten Mittel und unsere Macht begrenzt sind, zwingt uns zu
erklärt hat.
entscheiden, was im Bereich der Außenpolitik für uns
wichtig ist und folglich inmitten vielfältiger Interessen
Schließlich müssen wir uns mit den vielfältigen Übeln und Prioritäten einen Sinn für Hierarchie zu entwickeln.
befassen, die die sogenannte Dritte Welt befallen
haben -die Probleme der Armut, Verschuldung, Unter- All das ist äußerst positiv. Ich sehe viele Beweise
entwicklung und Überbevölkerung, die die Gefahr eines dafür, daß die Amerikaner die Lektionen des 20.
weltweiten Chaos beinhalten und daher unsere eigene Jahrhunderts gelernt haben und verstehen, daß die
Sicherheit und unseren Wohlstand bedrohen. Zu den Zeit unserer eigentlichen Vorherrschaft vorüber ist und
Aufgaben der nächsten Administration wird die Ent- unser Schicksal jetzt und auf immer mit dem verknüpft
wicklung weltweiter Nichtverbreitungssysteme und ist, was jenseits unserer Grenzen geschieht. Abzuverstärkter friedenserhaltender und friedenschaffen- warten bleibt nicht so sehr, ob wir weiterhin die Last
der Fähigkeiten der Vereinten Nationen gehören.
einer weltweiten Führungsrolle tragen können, die
notwendigerweise uns auferlegt wird, sondern vielIch habe meine Ausführungen mit dem Hinweis auf die mehr, ob wir im nächsten Jahrzehnt die neuen Herauszur Zeit in unserem Land stattfindende Debatte über forderungen des Zeitalters nach dem Kalten Krieg mit
das Ziel der amerikanischen Außenpolitik begonnen. der Klugheit und Charakterstärke behandeln, die insMir scheint, daß wir jetzt an einem wichtigen Wende- gesamt gesehen unser Vorgehen auf internationaler
punkt in unserer Geschichte angelangt sind. Wir Ebene während des letzten halben Jahrhunderts
haben nie eine normale Haltung gegenüber unserer kennzeichneten. Ich jedenfalls bin stolz auf die Rolle,
Außenpolitik angenommen, zumindest in dem Sinne, die George Bush bei der Planung eines neuen von
wie andere Länder das tun. Seit unsere Nation exi- Amerika einzuschlagenden Kurses gespielt hat. Und
stiert, haben wir der Welt jenseits unserer Küsten ich bin stolz darauf, an diesem Abenteuer teilgenommeistens den Rücken zugekehrt. Danach wurden wir men zu haben.
* * *

Seite 6

AMERIKA DIENST 2

�CHEMISCHE

WAFFEN
13. Januar 1993

DIE KONVENTION ÜBER CHEMISCHE WAFFEN
Eine Übersicht des Weißen Hauses
WASHINGTON - (AD) - Die nachfolgende Übersicht zur Konvention über chemische Waffen (CWC), die am 13.
Januar 1993 in Paris unterzeichnet wird, wurde am 5. Januar 1993 vom US-Amt für Rüstungskontrolle und
Abrüstung (ACDA) veröffentlicht.

Das Ziel der amerikanischen Rüstungskontrollpolitik
zu chemischen Waffen (CW) besteht im Abschluß
eines Vertrags über das Verbot chemischer Waffen.
Ein solches Verbot steht seit August 1968 auf der
Tagesordnu ng der Genfer Abrüstungskonferenz (CD).
Am 18. April 1984 legten die Vereinigten Staaten einen
Vertragsentwurf zur Verwirklichung dieses Ziels vor.
Australien unterbreitete daraufhin am 19. März 1992
einen Vertragsentwurf mit Kompromißlösungen zu
ausstehenden Fragen als Grundlage für einen unverzüglichen Abschluß der Verhandlungen der Genfer
Abrüstungskonferenz. Am 22. Juni 1992 veröffentlichte der Vorsitzende des Ad-hoc-Ausschusses zu chemischen Waffen, Adolph Ritter von Wagner aus Deutschland, den Entwurf eines "endgültigen Textes des Vorsitzenden" einer Konvention über chemische Waffen
zur Erörterung bei der Genfer Abrüstungskonferenz.
Dieser Entwurf enthielt einvernehmliche Kompromißvorschläge sowie den vom Vorsitzenden selbst vorgeschlagenen Wortlaut zu anhängigen Problemen. In
dem Bestreben, den Anliegen einiger Nationen gerecht zu werden, unterbreitete der Vorsitzende Wagner am 7. August 1992 eine Reihe von Änderungen
zum Konventionsentwurf. Am 7. September 1992
vereinbarte die Genfer Abrüstungskonferenz, den
Entwurf der Konvention über chemische Waffen (CWC)
den Vereinten Nationen zur Genehmigung vorzulegen. Die Zustimmung der Vereinten Nationen, mit der
die CWC unterschriftsreif wurde, erfolgte am 30.
November 1992.

zubehalten, oder chemische Waffen an irgend
jemanden direkt oder indirekt weiterzugeben,
chemische Waffen einzusetzen,
militärische Vorbereitungen zum Einsatz chemischer Waffen vorzunehmen und
irgend jemandem behilflich zu sein, ihn zu
ermutigen oder zu veranlassen, sich an Aktivitäten zu beteiligen, die den Signatarstaaten im
Rahmen dieser Konvention untersagt sind.
Darüber hinaus verpflichten sich alle Signatarstaaten
im Einklang mit den Verfügungen der Konvention:
die in ihrem Besitz oder an irgendeinem Ort
unter ihrer Gerichtsbarkeit oder Kontrolle befindlichen chemischen Waffen zu zerstören,
alle chemischen Waffen zu zerstören, die sie
auf dem Territorium eines anderen Signatarstaates zurückgelassen haben und
alle in ihrem Besitz oder an irgendeinem Ort
unter ihrer Gerichtsbarkeit oder Kontrolle befindlichen Produktionsanlagen für chemische
Waffen zu zerstören.
Schließlich verpflichten sich alle Signatarstaaten,
Reizstoffe nicht als Mittel der Kriegführung einzusetzen.

Mit ihrem Inkrafttreten wird die Konvention über chemi- Die Konvention über chemische Waffen sieht sowohl
sche Waffen die Herstellung, Beschaffung, Lagerung Routine- als auch Ad-hoc-lnspektionen zur Verifizierung der Einhaltung der Konvention vor.
und den Einsatz chemischer Waffen verbieten.
In der Konvention verpflichtet sich jeder Signatarstaat, Routineinspektionen der bekanntgegebenen Anlagen,
die sowohl peinlich genau als auch kurzfristig anbeunter allen Umständen niemals:
raumt durchgeführt werden, sind von der Konvention
chemische Waffen zu entwickeln, herzustellen, zwingend vorgeschrieben. Zu "bekanntgegebenen
anderweitig zu beschaffen, zu lagern oder bei- Anlagen" zählen alle staatlichen ChemiewaffeneinAMERIKA DIENST 2

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�richtungen und zivile chemische Anlagen, die bestimmte Chemikalien verwenden, die zur Herstellung
chemischer Waffen eingesetzt oder konvertiert werden könnten. Diese Einrichtungen müssen einem
internationalen Gremium mit Inkrafttreten des Vertrags bekanntgegeben werden.
Ad-hoc-lnspektionen können bei jeder Einrichtung
durchgeführt werden, in dereine Vertragspartei illega-

le Aktivitäten vermutet. Diese Inspektionen erfolgen
kurzfristig anberaumt und erlauben den Inspektoren
gemäß dem Prinzip des verwalteten Zugangs die
Besichtigung des Standorts sowie Ermittlungen, ob
verbotene Aktivitäten stattfinden oder nicht. Die Inspektionen werden vom Internationalen Technischen
Sekretariat durchgeführt, und die Inspektoren legen
dem Exekutivrat einen Bericht über die Ergebnisse
ihrer Inspektion vor.

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AMERIKA DIENST 2

�BOSNIEN
13. Januar 1993

ERMORDUNG DES BOSNISCHEN VIZEPREMIERS
ALS "KALTBLÜTIGEN MORD" BEZEICHNET
Völlige Verachtung der UNO durch bosnische Serben
WASHINGTON - (AD) - Das US-Außenministerium
hat die Ermordung des bosnischen Vizepremierministers Hakija Turajlik als "kaltblütigen Mord" verurteilt
und erklärt, dieser Akt in der vergangenen Woche
unterstreiche die "völlige Verachtung der Vereinten
Nationen" durch die bosnischen Serben.
"Wir haben die Ermordung bedauert und verurteilt",
erklärte Sprecher Richard Boucher bei einer Pressekonferenz am 11. Januar 1993.
Es wurde zur Kenntnis genommen, daß sich der
Führer der bosnischen Serben, Radovan Karadzic, in
Genf für die Ermordung entschuldigt und diese als
"einen unglücklichen Vorgang" bezeichnet habe.
Boucher stellte jedoch fest: "Offen gestanden sind wir
der Ansicht, daß Glück dabei keine Rolle gespielt hat.
Es handelte sich um einen kaltblütigen Mord von
Soldaten, die unter seinem Kommando standen."
Turajlik war am 8. Januar von einem bosnisch-serbischen Soldaten erschossen worden, während er sich
in einem Wagen der UN-Schutztruppe (UNPROFOR)
auf der Straße zum Flughafen von Sarajevo befand.
Boucher erklärte, die Erschießung habe nach einer
längeren Diskussion zwischen Vertretern der UNPROFOR und serbischen Truppen stattgefunden.

dert wird", äu ßerte Boucher vor Reportern. Er verwies
darauf, daß der UN-Sicherheitsrat die Ermordung erörtert
und am 8. Januar dazu eine Erklärung abgegeben
habe.
Trotz der Ermordung, so Boucher, hätten alle Parteien
in dem bitteren Konflikt, der das ehemalige Jugoslawien zerrissen hat, am 10. Januar in Genf die Gespräche über die Zukunft von Bosnien-Herzegowina unter
der gemeinsamen Schirmherrschaft der Vereinten
Nationen u nd der Eu ropäischen Gemeinschaft wiederaufgenommen.
Die Präsidenten von Bosnien, Serbien/Montenegro
und Kroatien nahmen gemeinsam mit dem Führer der
bosnischen Serben, Karadzic, und dem Führer der
bosnischen Kroaten, Mate Boban, an der Sitzung teil.
Auch der serbische Präsident Slobodan Milosevic
habe am 11. Januar zum ersten Mal an den Gesprächen teilgenommen, stellte er fest.

Die Parteien halten bilaterale Gespräche über drei von
den Vorsitzenden der Konferenz, dem Sonderbeauftragten der UNO, Cyrus Vance, und dem Sonderbeauftragten der EG, Lord David Owen, vorgeschlagene
Vertragsentwürfe ab. Die drei Entwürfe beinhalten
Vorschläge für eine Verfassung, eine Landkarte mit
den künftigen Verwaltungsgebieten und ein Militärab"Die bosnischen Serben hatten kein Recht, den Mann- kommen.
schaftstransportwagen der UNPROFOR zu stoppen
oderzu belästigen", stellte Boucherfest. "Niemand hat "Wir ermutigen alle Parteien, sich ernsthaft um die
das Recht, einen unschuldigen Zivilisten zu erschie- Herbeiführung einer Einigung im Einklang mit den
ßen, der unter dem Schutz der Vereinten Nationen Prinzipien der UNO-Resolutionen, den Vereinbarunsteht. Wir gehen davon aus, daß dies eine völlige gen der Londoner Konferenz und den Prinzipien der
Verachtung der Vereinten Nationen seitens der bosni- KSZE zu bemühen", erklärte Boucher.
schen Serben zeigt."
Boucher äußerte, es sei "zu früh", um über "das
Die Vereinigten Staaten erwarten, daß Karadzic und Endergebnis" der Verhandlungen zu spekulieren und
die bosnischen Serben "dies untersuchen, die Verant- verwies darauf, Außenminister Eagleburger habe
wortlichen für diesen abscheulichen Mord bestrafen vergangenen Monat in Genf erklärt, es gebe "eine
und sicherstellen, daß die UNPROFOR nicht an der Menge Leute, die für ihre Handlungen" in dem bitteren
Ausübung internationaler humanitärer Pflichten gehin- Konflikt "Rechenschaft ablegen müssen".

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�Der Sprecher betonte die Notwendigkeit einer politischen Lösung der Krise und stellte fest, die betreffenden Personen sollten mit Vance und Owen "voll und
ganz zusammenarbeiten'', um dies zu erlangen.

und die Unabhängigkeit von Bosnien-Herzegowina
anerkennen" und es den Menschen wieder erlauben
muß, in Bosnien in Frieden zu leben. "Es ist von der
internationalen Staatengemeinschaft reichlich demonstriert worden, daß das Ziel einer politischen Lösung
"Wir sind in der Tat der Auffassung, daß ein Wandel im nicht darin besteht, die Resultate der ethnischen
serbischen Verhalten erforderlich ist", erklärte Bou- Säuberung zu ratifizieren", erklärte Boucher.
cher. Er erinnerte die Reporter daran, daß die Vereinten Nationen harte Sanktionen gegen Serbien ver- Der Sprecher hatte "an diesem Punkt keine Reaktion"
hängt hätten und diese Sanktionen weiter durchführ- auf Fragen über Bemerkungen des französischen
ten und verschärften, "um zu gewährleisten, daß für Außenministers Roland Dumas vom Wochenende,
die Art von Verhalten, das die Serben in Bosnien wonach Frankreich gegebenenfalls allein handeln werde,
unterstützt haben, ein Preis zu zahlen ist".
um Gefangene aus Lagern und anderen Internierungseinrichtungen in Bosnien zu befreien.
Er bekräftigte die von den Vereinigten Staaten vertretene klare Haltung, daß eine Lösung "die Souveränität
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�IRAK
13. Januar 1993

VEREINIGTE STAATEN FORDERN IRAK AUF,
WARNUNG DER UNO ERNST ZU NEHMEN
Einsatz von Gewalt nicht ausgeschlossen
WASHINGTON - (AD) - Die Warnung des UN-Sicherheitsrats im Hinblick auf die anhaltenden Verletzungen
seiner Resolutionen durch den Irak könnte als Grundlage für Maßnahmen der UNO oder der Koalition
gegen den I rak dienen, erklärte das US-Au ßenministerium am 12. Januar 1993. Dabei könne ein Einsatz von
Gewalt nicht ausgeschlossen werden.

Der Sicherheitsrat habe die irakischen Aktionen als
"eindeutige Mißachtung" seiner Autorität und als "direkte Herausforderung" der Irak-Kuwait-Beobachtermission (UNIKOM) bezeichnet.

Am vergangenen Wochendende hatte die Regierung
in Bagdad einem Flugzeug mit UNO-Waffenexperten
die Landung verweigert, deren Auftrag die Beseitigung
Der Sicherheitsrat warnte den Irak am 11. Januar vor der irakischen Massenvernichtungswaffen ist. Darüschwerwiegenden Konsequenzen, falls er weiterhin ber hinaus verlegte sie Luftabwehrraketen in die FlugUNO-Flüge verhindere oder in die von der UNO über- verbotszone am 32. Breitengrad.
wachte neutrale Zone zwischen dem Irak und Kuwait
Der Sprecher des Weißen Hauses, Marlin Frtzwater,
eindringe.
erklärte in einem Femsehinterview am 12. Januar, "wir
Joseph Snyder, ein Sprecher des Ministeriums, ver- sind äußerst besorgt überdiesen dritten Vorfall, weil er
wies darauf, die Erklärung des Sicherheitsrats lege ein Muster des Betruges gegenüber den UN-Resolu"die Grundlage für Maßnahmen des Rats oder der tionen fortsetzt, das wir in den vergangenen Monaten
Mitgliedstaaten, die im Einklang mit Resolution 678 beobachtet haben". Dies sei eine "Angelegenheit
(die den Waffenstillstand am Persischen Golf zum extremer Besorgnis".
Inhalt hat) mit Kuwait zusammengearbeitet haben",
um auf die irakischen Verletzungen "zu reagieren". Snyder verwies darauf, daß der irakische Präsident
"Der mögliche Einsatz von Gewalt ist nicht ausge- Saddam Hussein bei zahlreichen Gelegenheiten versucht habe, die UN-Resolutionen zu umgehen. Die
schlossen", fügte er hinzu.
Verurteilung des Iraks durch den Sicherheitsrat am 11.
Januar
habe die Ansicht der internationalen StaatenSnyder erinnerte daran, daß am 11. Januar und erneut
am 12. Januar etwa 200 Iraker - "in Zivilkleidung" - die gemeinschaft aktenkundig gemacht, daß die Aktionen
von der UNO überwachte neutrale Zone zwischen dem des Iraks unannehmbar seien.
Irak und Kuwait betreten und "Lagerhäuser ausgeräumt sowie Güter ohne Erlaubnis der UNO abtransportiert" haben.
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�SOMALIA
13. Januar 1993

AMERIKANISCHE STREITKRÄFTE BESCHLAGNAHMEN
WAFFEN AUF MARKT IN MOGADISCHU
Führer der Bürgerkriegsparteien unterzeichnen Abkommen nicht
MOGADISCHU - (AD) - Mitglieder amerikanischer
Streitkräfte haben auf einem großen Waffenmarkt in
der somalischen Hauptstadt Hunderte von Waffen beschlagnahmt. Die Operation fand drei Tage nach einer
ähnlichen Aktion auf einem kleineren Markt im nördlichen Teil Mogadischus statt.
Ein US-Militärsprecher teilte am 11. Januar mit, die
Einsatztruppe sei noch dabei, die Waffen zu zählen
und zu sortieren, jedoch seien fünf oder sechs große
Depots beschlagnahmt worden. Augenzeugenberichten zufolge wurde eine große Menge Munition entdeckt, und nach Abschluß der Operation wurden mehrere
Laster zum Abtransport der Waffen benötigt.
Die als "Operation Nußknacker" bezeichnete Razzia
begann kurz nach Tagesanbruch, als 900 Marinesoldaten das Gebiet um den Baraka-Markt abriegelten
und Geschäfte, Warenhäuser und Fahrzeuge nach
schweren Waffen durchsuchten, die die ausländischen
Streitkräfte für gefährlich und für den persönlichen
Schutz nicht notwendig halten. Dem US-Militärsprecher Michael Hagee zufolge lief die Operation ohne
Zwischenfälle ab, und in einigen Fällen halfen ortsansässige Somalis den Truppen sogar, indem sie ihnen
die Waffenverstecke zeigten.

Die von den Amerikanern angeführten ausländischen
Streitkräfte haben sich in den letzten Tagen aggressiver um eine Entwaffnung der gewalttätigen Elemente
der Bevölkerung bemüht. Den Behörden zufolge
stehen jetzt die zur Durchführung solcher Operationen
notwendigen Streitkräfte zur Verfügung, da ein Teil der
US-Kampftruppen aus dem Inneren Somalias zurückgezogen wurde, nachdem dort Tausende von Soldaten aus anderen Ländern stationiert worden waren.
Mittlerweile ist auf dem umstrittenen Gebiet im nördlichen Mogadischu wieder Ruhe eingekehrt, nachdem
Parteienkämpfe am 10. Januar Berichten der örtlichen
Krankenhäuser zufolge die schwersten Opfer seit
Wochen gefordert hatten.
Die in der äthiopischen Hauptstadt Addis Abeba zusammengetroffenen Führer der somalischen Bürgerkriegsparteien unterzeichneten nicht wie vorgesehen
am 11. Januar das Waffenstillstandsabkommen, sondern stritten über Einzelheiten einer bevorstehenden
Nationalen Versöhnungskonferenz.
Nach Berichten zeigen die Vereinten Nationen und die
äthiopische Regierung, die die einwöchigen Gespräche gefördert hatten, nun Ungeduld mit den Somalis
und erwarten von ihnen endlich eine Einigung.

"Die Operation heute morgen Verlief äußerst erfolgreich, ganz reibungslos", erklärte Hagee. "Es befanden sich 900 Marinesoldaten auf dem Gebiet. Wir
riegelten es schnell ab, stürmten die fünf oder sechs
Waffenlager und zogen uns zurück, ohne daß es
Verluste gegeben hätte. Ich würde eine derartige
Aktion als äußerst erfolgreich bezeichnen."

Anstatt wie geplant am 11. Januar voller Freude an
einer Unterzeichnungszeremonie teilzunehmen, zogen sich die Führer der 14 somalischen Bürgerkriegsparteien in Addis Abeba zu einer weiteren Runde des
Feilschens über die Einzelheiten einer Waffenruhe
und einer Nationalen Versöhnungskonferenz zurück.

Die Razzia folgte auf eine ähnliche Aktion vom 8.
Januar auf einem kleineren Markt im Norden Mogadischus, bei der 250 Angriffswaffen und ein Dutzend gepanzerte Fahrzeuge beschlagnahmt wurden. Oberst
Hagee teilte am 11. Januar mit, am Wochenende
hätten zwei weitere Aktionen zur Beschlagnahme von
Waffen stattgefunden, in deren Verlauf zwei Dutzend
Waffen ergriffen wurden.

Am 8. Januar unterzeichneten sie zwar ein vorläufiges
Abkommen zu diesen Fragen, eine endgültige Übereinstimmung hing jedoch von ihrer Fähigkeit ab, bis
zum 11. Januar sämtliche Einzelheiten auszuarbeiten.
Einige Teilnehmer ließen verlauten, die Gespräche
könnten am 12. Januar fortgesetzt werden. Angeblich
hatten sich die Führer der Bürgerkriegsparteien nach
sich am 10. Januar bis spät in die Nacht hinziehenden
Debatten über alle Punkte einer Waffenruhe geeinigt,

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�aber am nächsten Morgen wurden - was typisch für die Versöhnungskonferenz teilnehmen soll. Dort sollen
Verhandlungen ist - Einwände laut.
die Parteiführer ejne nationale Charta entwerfen und
eine somalische Übergangsregierung einsetzen.
In der vorläufigen Einigung über die Waffenruhe werden alle Stammesführer aufgefordert, ihre Waffen bis General Aideed, der Führer einer Koalition, die das
zur Einsetzung einer legitimen somalischen Regierung südliche Mogadischu und die südlichen Landesteile
einer Überwachungsgruppe für das Waffenstillstands- kontrolliert, will angeblich, daß nur die Hauptmilizionäabkommen auszuhändigen. Alle bewaffneten Grup- re an der Nationalen Versöhnungskonferenz teilnehpen sollen zur Auslieferung ihrer Waffen gezwungen men. Andere wiederum wollen keine Splitterpartei
werden, und somalische Zivilisten müssen ihre Waffen ausschließen. Am Wochenende unternahm die äthioregistrieren lassen.
pische Regierung einen Schlichtungsversuch, und
Präsident Meles Zenawi übte Berichten zufolge Druck
Die Entwaffnung soll am 1. März vollzogen sein. Auch auf bestimmte Parteiführer wie General Aideed aus,
einigten sich die Parteien, ihre Milizen in von den damit diese sich der Meinung der Mehrheit anschlösgrößeren Städten entfernten Lagern zu stationieren sen.
und alle politischen Gefangenen freizulassen. Es war
nicht sofort klar, was der Inkraftsetzung des Waffen- Die größeren und kleineren somalischen Parteien haben
stillstands im Wege stand, aber angeblich sprach sich sich seit der Amtsenthebung des ehemaligen PräsiGeneral Mohamed Farah Aideed gegen die UNO- denten Mohamed Siad Barre vor zwei Jahren gestritÜberwachungsgruppe für das Waffenstillstandsabkom- ten und bekämpft. Ihre tiefverwurzelte und bisweilen
men aus.
mörderische Rivalität stürzte Somalia in einen Bürgerkrieg und verschlimmerte noch den Hunger, der bis
Den Führern der somalischen Bürgerkriegsparteien heute mehr als 300.000 Opfer gefordert hat.
gelang auch keine Einigung darüber, weranderfürden
15. März in Addis Abeba anberaumten Nationalen

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�PORTRAT
13. Januar 1993

CLINTON WÄHLT ERFAHRENEN MANN FÜR
VETERANENMINISTERIUM AUS
Porträt von Jesse Brown
WASHINGTON - (AD) - Der vom künftigen Präsidenten Clinton für die Spitze des Veteranenministeriums
ausgewählte Jesse Brown bringt in dieses Amt 25jährige
Erfahrung bei der Vertretung der Interessen ehemaliger Soldaten mit.

Er trat 1963 in das Marine Corps ein und wurde 1965
in Vietnam verwundet. Die Verwundung seines rechten Armes hatte dessen teilweise Lähmung zur Folge.

Brown wurde zum Fürsprecher der Rechte von Veteranen und trat 1967 als Berater in den DAV ein. Seine
Jesse Brown, der am 17. Dezember 1992 für das Amt dort gesammelten Erfahrungen veranlaßten ihn schließnominiert wurde, ist selbst Kriegsinvalide und Ge- lich, ein umfassendes und fortbestehendes Aus- und
schäftsführer des Verbandes amerikanischer Kriegs- Fortbildungsprogramm für die Mitarbeiter des DAV zu
invaliden (Disabled American Veterans - DAV). In konzipieren.
dieser Funktion vertritt er die Interessen des DAV mit
seinen 1,3 Millionen Mitgliedern gegenüber dem Kon- Im Jahr 1973 zog Brown nach Washington um, wo er
Leiter der nationalen Beratungsstelle des DAV wurde.
greß und dem Weißen Haus.
1976 wurde er Leiter des nationalen BeschwerdeausIn Zusammenarbeit mit 400 DAV-Mitarbeitern in 70 schusses des DAV. Im Jahr 1981 wurde ihm die
über das ganze Land verteilten Büros liefert er politi- Leitung der Anspruchsabteilung in der Zentrale des
sche Leitlinien für die Gestaltung von Bundesgesetzen DAV in Washington übertragen. Zwei Jahre darauf
und Verwaltungsvorschriften, die unmittelbar das Leben wurde er zum stellvertretenden Leiter der Organisation
amerikanischer Kriegsinvaliden sowie das ihrer Fami- ernannt.
lienangehörigen und Hinterbliebenen beeinflussen.
Brown ist lebenslanges Mitglied des Ortsvereins ChiDer 48jährige Brown wurde in Chicago (Illinois) gebo- cago des DAV und hat als Vizepräsident des Vietnam
ren und schloß sein Studium am Chicago City College Civic Council gedient. Darüber hinaus war er Mitglied
mit Auszeichnung ab. Darüber hinaus besuchte er die der Behindertenkonferenz des Weißen Hauses sowie
Roosevelt University in Chicago sowie die Catholic des vom Bürgermeister von Chicago eingesetzten
Ausschusses für Beschäftigung von Behinderten.
University in der Bundeshauptstadt Washington.

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dienet

Herausgeber: U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

Z12462 C

13.Januar 1997

01

AUSSENPOLITIK

USA BENOTIGEN "DIPLOMATIE ERSTER
KLASSE"
Anhörung von Madeleine Albright

NATO

DIE NEUE TRANSATLANTISCHE
PARTNERSCHAFT
Rede von Botschafter Hunter

PORTRAT

JANET L. YELLEN
Die designierte Vorsitzende des Rats der
Wirtschaftsberater
ALEXIS M. HERMAN
Die designierte Arbeitsministerin
RODNEY E. SLATER
Der designierte Verkehrsminister
ANDREW CUOMO
Der designierte Minister für Wohnungs- und
Städtebau

Informationen über die Politik der US-Regierung und
die Vereinigten Staaten im allgemeinen können
auf der Home Page von USIS-Deutschland
im World Wide Web des Internet unter
http://www.usia.gov/posts/bonn.html
abgerufen werden.

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Deichmanns Aue 29
D 53170 Bonn
Tel.: 0228-339 2372

Fax: 0228-333 138
e-mail: bbsbonn@usia.gov
internet: http://www.usia.gov/posts/bonn.html

�AUSSENPOLITIK
15.Januar 1997

USA benötigen "Diplomatie erster Klasse"
Anhörung von Madeleine Albright

WASHINGTON - (AD) - Die designierte Außenministerin der Vereinigten Staaten, Madeleine Albright, erklärte bei
ihrer Anhörung im Senatsausschuß für auswärtige Angelegenheiten am 8. Januar 1997, im Falle ihrer
Bestätigung werde es eine ihrer wichtigsten Aufgaben sein, eine "Diplomatie erster Klasse" aufzubauen, die nach
dem Zusammenbruch des Kommunismus einen neuen internationalen Rahmen schaffen kann. Nachfolgend
veröffentlichen wir den offiziellen Text der Rede von Madeleine Albright.

Herr Vorsitzender, sehr geehrte Ausschußmitglieder,
es ist mir eine große Ehre und Freude, heute Morgen
hier zu sein. Zunächst einmal möchte ich dem Präsidenten für sein Vertrauen danken, das er durch die
Nominierung für dieses hohe und eine große Herausforderung darstellende Amt in mich gesetzt hat.
Ich bin Außenminister Christopher sehr dankbar für
seine freundlichen Einleitungsworte und die mir
während der letzten vier Jahre gebotene Gelegenheit
zu beobachten, wie ein geradliniger und entschlossener Diplomat vorgeht.
Und ich weiß sehr zu schätzen, daß dieser Ausschuß
so freundlich war, diese Anhörung umgehend anzuberaumen.
Herr Vorsitzender, wir haben mehr als die Hälfte des
Weges zwischen dem Zerfall der Sowjetunion und dem
Beginn eines neuen Jahrhunderts hinter uns gelegt.
Unsere Nation wird geachtet und lebt in Frieden.
Unsere Bündnisse sind stark. Unsere Wirtschaft
floriert. Und von den entfernten Gegenden Asiens
über die neuentstehenden Demokratien Zentraleuropas und Afrikas bis zur Gemeinschaft der Demokratien in unserer eigenen Hemisphäre - mit einer
vorübergehenden Ausnahme, dem Kuba unter Castro dienen amerikanische Institutionen und Ideale als
Beispiel für diejenigen, die Freiheit genießen oder
danach streben.
Das alles ist kein Zufall, und die weitere Entwicklung ist
keinesfalls unvermeidlich. Demokratische Prozesse
müssen nicht nur aufgebaut, sondern auch erhalten

AMERIKA DIENST 01

werden - durch die Führungsrolle der Vereinigten
Staaten. Und wir müssen unsere Führungsrolle
bewahren, wenn wir unsere Interessen weltweit
schützen wollen.
Täuschen Sie sich nicht - diese Interessen sind keine
geopolitischen Abstraktionen, sondern durchaus real.
Es ist von Bedeutung für unsere Kinder, ob sie in einer
Welt aufwachsen, in der die Gefahr durch Massenvernichtungswaffen auf das Mindestmaß herabgesetzt
wurde oder ob sie außer Kontrolle geraten können.
Es ist von Bedeutung für Millionen berufstätiger,
landwirtschaftlich tätiger oder investierender Amerikaner, ob die Weltwirtschaft weiterhin gute neue Arbeitsplätze und offene neue Märkte schafft, oder ob es
infolge von Fehlkalkulationen oder Protektionismus mit
ihr bergab geht.
Es ist von Bedeutung für unsere Familien, ob aus dem
Ausland weiterhin illegale Drogen in unser Land
gelangen.
Es ist von Bedeutung für ins Ausland reisende und im
Inland tätige Amerikaner, ob die Geißel des internationalen Terrorismus bekämpft wird.
Es ist von Bedeutung für unsere Arbeitnehmer und
Geschäftsleute, ob sie ungerechterweise zum Konkurrenzkampf mit Unternehmen gezwungen werden,
die faire Arbeitsnormen verletzen, die Umwelt zerstören oder durch Korruption anstatt durch Wettbewerb
Vertragsabschlüsse erzielen.

Seite 1

�Und es ist von Bedeutung für uns alle, ob wir - sei es
durch Unachtsamkeit oder Gleichgültigkeit - zulassen,
daß kleine Kriege sich zu großen entwickeln, die
unsere Sicherheit und Freiheit gefährden.
Um die Gefahren zu bekämpfen und die Chancen zu
ergreifen, müssen wir mehr sein als nur Zuschauer
oder Akteure. Wir müssen die Geschichte unseres
Jahrhunderts schreiben.
Vor einem halben Jahrhundert, nach der durch
Weltwirtschaftskrise, Holocaust und Krieg verursachten Zerstörung, reichte es nicht aus festzustellen, daß
das, wogegen wir ankämpften, gescheitert war.
Führende Politiker wie Truman, Marshall und Vandenberg waren zur Schaffung eines dauerhaften Friedens
entschlossen. Zusammen mit unseren Verbündeten
riefen sie verschiedene Institutionen für die Verteidigung der Freiheit, den Wiederaufbau der Volkswirtschaften, die Einhaltung der Gesetze und Wahrung
des Friedens ms Leben.

die Diplomatie verlassen und von unseren Diplomaten
die Vertretung unserer Interessen mit Können, Wissen
und Rückgrat erwarten.
Im Falle meiner Bestätigung wird eine meiner wichtigsten Aufgaben in der Zusammenarbeit mit dem
Kongreß bestehen um zu gewährleisten, daß wir über
die herausragende diplomatische Vertretung verfügen,
die unser Volk verdient und unsere Interessen verlangen. Das gibt es jedoch nicht umsonst. Wir
müssen die für die Aufrechterhaltung der amerikanischen Führungsrolle erforderlichen Investitionen
tätigen. Betrachten Sie sich, was auf dem Spiel steht.
Wir sprechen hier über ein Prozent unseres Bundeshaushalts, aber dieses eine Prozent könnte
entscheidend für 50 Prozent der Geschichte unseres
Zeitalters sein.

Heute reicht es für uns nicht aus festzustellen, daß der
Kommunismus gescheitert ist. Wir müssen weiterhin
an einem neuen - an die Herausforderungen des
neuen Jahrhunderts angepaßten - Rahmen bauen, der
unsere Bürger und Freunde schützt, unsere Werte
bekräftigt und unsere Zukunft sichert.

Bedauerlicherweise sind - wie Senator Lugar vor
kurzem darlegte - "unsere internationalen Operationen
unzureichend finanziert und personell unterbesetzt".
Er wies auch darauf hin, daß nicht nur unsere Interessen, sondern auch unsere Bestrebungen zum
Ausgleich des Haushalts Schaden nehmen würden,
wenn das amerikanische Disengagement zu "nuklearem Terrorismus, einem Handelskrieg, einer Energiekrise, einem größeren regionalen Konflikt... oder einer
anderen abwendbaren Katastrophe führen würde".

Dabei dürfen wir unsere Energien im Gegensatz zu
unseren Vorgängern nicht nur auf die Bekämpfung
einer einzigen bösartigen Ideologie richten. Wir sehen
uns einer Vielzahl von Bedrohungen gegenüber, von
denen einige so alt sind wie ethnische Konflikte,
andere so neu wie Briefbomben, manche so langfristig
wie die Erderwärmung, andere so gefährlich wie
Nuklearwaffen in den falschen Händen.

Herr Vorsitzender, wir sind die reichste, stärkste und
am meisten respektierte Nation der Welt. Wir sind
auch der größte Schuldner bei den Vereinten Nationen
und anderen internationalen Finanzinstitutionen. Wir
wenden einen geringeren Prozentsatz unseres
Wohlstands für die Unterstützung von Demokratie und
Wachstum in den Entwicklungsländern auf als jede
andere Industrienation.

Für den Umgang mit einer solchen Vielfalt von Bedrohungen benötigen wir ein breites Spektrum außenpolitischer Instrumente.

In den letzten vier Jahren hat das Außenministerium
die Zahl seiner Mitarbeiter um mehr als 2.000 verringert, Stellen heruntergestuft, mehr als 30 Botschaften
oder Konsulate geschlossen und die dringend benötigte Modernisierung von Infrastruktur und Kommunikationsdiensten aufgeschoben. Seit 1991 sind unsere
Auslandshilfeprogramme um 30 Prozent gekürzt
worden.

Aus diesem Grund müssen unsere Streitkräfte die am
besten geführten, am besten ausgebildeten, am besten
ausgerüsteten und am meisten respektierten der Welt
sein. Und Präsident Clinton sowie unsere führenden
Militärs haben zugesagt, daß das der Fall sein wird.
Aus diesem Grund benötigen wir eine Diplomatie
erster Klasse. Macht und die glaubwürdige Möglichkeit des Einsatzes von Gewalt sind für die Verteidigung
unserer vitalen Interessen und die Wahrung der
Sicherheit Amerikas unerläßlich. Aber Gewalt allein
kann ein stumpfes Werkzeug sein, das zur Lösung
vieler Probleme nicht in der Lage ist.

Man sagt, wir wären von einem Zeitalter, in dem die
Großen die Kleinen vernichten, zu einem Zeitalter
übergegangen, im dem die Schnellen die Langsamen
vernichten. Wenn das der Fall ist, befindet sich Ihr
Außenministerium mit seiner veralteten Technologie,
seinen ausgesetzten Wartungsarbeiten im Wert von
300 Millionen Dollar und seiner schrumpfenden Basis
an ausgebildetem Personal in Schwierigkeiten.

Um erfolgreich zu sein, müssen Macht und Diplomatie
einander ergänzen und sich gegenseitig verstärken.
Denn es wird viele Gelegenheiten an vielen Orten
geben, wo wir uns zum Schutz unserer Interessen auf

Im Falle meiner Bestätigung werde ich mich für die
Erfüllung meiner Pflicht einsetzen, effektive und
effiziente Außenpolitik zu machen. Ich werde mit
diesem Ausschuß und dem Kongreß daran arbeiten

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AMERIKA DIENST 01

�sicherzustellen, daß die amerikanische Öffentlichkeit
den vollen Gegenwert für jeden Dollar an Steuergeldern bekommt. Ich möchte aber auch gewährleisten,
daß unsere Außenpolitik die Interessen des amerikanischen Volkes erfolgreich fördert und schützt.
Zusätzlich möchte ich mit Ihnen an der Fortsetzung
von Reformen sowie der Bezahlung unserer ausstehenden Beiträge an die Vereinten Nationen arbeiten
- einer Organisation, an deren Gründung die Amerikaner mitwirkten, die unsere Ideale widerspiegelt und
den Zielen Stabilität, Recht und Gesetz sowie internationaler Zusammenarbeit dient, die in unserem Interesse liegen.
Die Debatte über die angemessene Finanzierung
unserer Außenpolitik ist in Amerika nichts Neues. Sie
wurde immer wieder geführt - seit der Vorläufer
unseres heutigen Kongresses Ben Franklin nach Paris
schickte, über die Vorschläge zu Lend Lease und den
Marshallplan vor und nach dem Zweiten Weltkrieg bis
zum Beginn des SEED-Programms zur Unterstützung
osteuropäischer Demokratien und des Nunn-LugarProgramms vor wenigen Jahren. In jedem Fall war die
Geschichte eher auf Seiten derjenigen, die sich für ein
amerikanisches Engagement einsetzten als derjenigen, die behaupteten, wir könnten uns eine Führungsrolle nicht leisten.
Herr Vorsitzender, jeder Rahmen für eine amerikanische Führungsrolle muß Maßnahmen zur Kontrolle
der Bedrohung durch Massenvernichtungswaffen und
Terror beinhalten, muß die Chancen für die Beilegung
gefährlicher regionaler Konflikte ergreifen, Amerika als
Mittelpunkt der expandierenden Weltwirtschaft erhalten
und die hehren Grundsätze von Demokratie, Recht
und Gesetz bewahren können.
Im Zentrum dieses Rahmens stehen jedoch unsere
wichtigsten Bündnisse und Beziehungen.
Diese
Bande halten nicht nur unsere Außenpolitik, sondern
das gesamte internationale System zusammen. Wenn
wir mit den anderen führenden Nationen kooperativ
zusammenarbeiten können, schaffen wir ein dynamisches Netz von Grundsätzen, Macht und Zielbewußtsein, das hohe Maßstäbe setzt und weltweiten
Fortschritt fördert. Das ist unsere Chance, denn im
Zeitalter nach dem Kalten Krieg ist große Machtpolitik
kein Nullsummenspiel.
Die transatlantische Partnerschaft
Ein herausragendes Beispiel ist die transatlantische
Partnerschaft.
Es ist eine zentrale Lektion dieses Jahrhunderts, daß
Amerika eine europäische Macht bleiben muß. Wir
haben ein Interesse an der europäischen Sicherheit,
weil wir die Instabilität vermeiden wollen, die fünf
Millionen Amerikaner in zwei Weltkriege auf der

AMERIKA DIENST 01

anderen Seite des Atlantiks hineinzog. Wir haben ein
Interesse an europäischer Demokratie, weil der Kalte
Krieg durch den Triumph der Freiheit beendet wurde.
Wir haben ein Interesse an europäischer Prosperität,
denn unser eigener Wohlstand ist abhängig von
Partnern, die offen für unsere Exporte, Investitionen
und Ideen sind.
Dank der Bestrebungen von Präsident Clinton und
Außenminister Christopher steht heute die amerikanische Führungsrolle in Europa auf solidem Boden.
Die europäischen Institutionen entwickeln sich in
Richtung eines Kontinents, der freier, geeinter und
friedlicher ist als zu jedem anderen Zeitpunkt in der
Geschichte.
Unsere wichtigsten bilateralen Beziehungen sind so
stark und widerstandsfähig wie eh und je, wenn auch
manchmal sehr lebhaft.
Das schreckliche Gemetzel in Bosnien hat geendet.
Die Partnerschaft für den Frieden hat die sicherheitspolitische Zusammenarbeit erweitert.
Und es gibt weitere Fortschritte bei politischen und
marktwirtschaftlichen Reformen in Zentraleuropa und
den neuen unabhängigen Staaten der ehemaligen
Sowjetunion.
Im Falle meiner Bestätigung werde ich Sie in diesem
Ausschuß oft um Ihre Unterstützung für unsere Vision
eines integrierten, stabilen und demokratischen
Europas bitten.
Beim Madrider NATO-Gipfel im Juli wird das Bündnis
die europäische Sicherheit erörtern, darunter die
Anpassung der NATO an neue Missionen und Strukturen, der Rahmen für verstärkte Konsultation und
Kooperation mit Rußland und die Erweiterung.
Ziel der Erweiterung ist es, für den Osten Europas das
zu tun, was die NATO vor 50 Jahren für den Westen
Europas leistete: Integration neuer Demokratien,
Überwindung alten Hasses, Aufbau von Vertrauen in
die wirtschaftliche Erholung sowie Abschreckung von
Konflikten.
Wer behauptet, es solle erst eine NATO-Erweiterung
geben, wenn eine militärische Bedrohung auftritt, trifft
nicht den Punkt. Die NATO ist nicht das Aufgebot
eines Sheriffs aus dem Wilden Westen, das erst im
Falle drohender Gefahr mobilisiert wird. Sie ist ein
dauerhaftes Bündnis, der Dreh- und Angelpunkt der
Stabilität, das verhindern soll, daß ernsthafte Bedrohungen überhaupt auftreten.
Wer sich Sorgen macht, die Erweiterung könnte
Europa spalten, dem sei gesagt, daß die NATO den

Seite 3

�alten Eisernen Vorhang nicht als seine Ostgrenze
erhalten kann und soll. Das war eine künstliche
Teilung, die stolzen Nationen aufgezwungen wurde,
von denen einige jetzt bereit sind, einen Beitrag zur
Sicherheit des Kontinents zu leisten. Die NATO muß
und will jeder europäischen Nation die Tür zur Mitgliedschaft offenhalten, die im Bündnis Pflichten übernehmen und zu seinen Zielen beitragen kann, während sie
gleichzeitig eine starke und dauerhafte Partnerschaft
mit allen Demokratien Europas aufbaut.

Und schließlich hängt die Zukunft von Stabilität und
Demokratie in Europa auch von der weiteren Umsetzung des Daytoner Abkommens ab.

Der Aufbau eines kooperativeren und integrierteren
Europas ist eines zahlreicher Themen, die Präsident
Clinton mit Präsident Jelzin während dessen Reise in
die Vereinigten Staaten im März erörtern wird. Ein
demokratisches Rußland kann und muß ein starker
Partner bei der Erlangung dieses gemeinsamen Ziels
sein.

Obwohl das Versprechen von Dayton noch nicht
vollständig erfüllt ist, hat sich während der letzten 13
Monate viel geändert. Die Kämpfe wurden eingestellt,
es fanden friedliche Wahlen statt, und nationale
demokratische Institutionen nehmen Gestalt an.

Wir wissen, daß Rußland sich immer noch inmitten
eines einschneidenden Übergangsprozesses befindet,
aber die Errungenschaften der letzten fünf Jahre sind
unumkehrbar. Trotz der Bedrohung durch Korruption
und Verbrechen haben offene Märkte und demokratische Institutionen Fuß gefaßt. Und im letzten Sommer
fanden die ersten wirklich demokratischen Wahlen
nationaler Politiker in Rußlands langer Geschichte
statt.
Präsident Jelzins Herausforderung in seiner zweiten
Amtszeit wird darin bestehen, die hinter den internen
Reformen stehende Dynamik wiederherzustellen und
Rußlands Integration in den Westen zu beschleunigen.
Wir haben großes Interesse an der Ermutigung dieses
großartigen Landes, seinen demokratischen Kurs zu
halten, die Souveränität seiner Nachbarn uneingeschränkt zu respektieren und gemeinsam mit uns das
gesamte Spektrum regionaler und globaler Fragen
anzugehen.
Unsere immer enger werdende Freundschaft mit einer
demokratischen Ukraine ist für die europäische
Integration ebenfalls von grundlegender Bedeutung.
Die Ukraine war der erste der neuen unabhängigen
Staaten, in dem die Machtübergabe von einer demokratisch gewählten Regierung an die nächste stattfand.
Und unter Präsident Kutschma hat sie ehrgeizige
Wirtschaftsreformen eingeleitet, die die Inflationsrate
senkten und den Zusammenbruch der Wirtschaft
verhinderten.
In unseren Beziehungen zu Rußland und zur Ukraine
gleichermaßen wird die binationale Kommission mit
Vizepräsident Gore als dem führenden amerikanischen Vertreter wertvolle Hilfe bei der Festsetzung
der Tagesordnung und der Erleichterung von Zusammenarbeit bei einem breiten Spektrum von
Unternehmungen bieten.

Seite 4

Obwohl die IFOR ihre militärischen Aufgaben in
Bosnien hervorragend erfüllt hat, ist noch mehr Zeit für
den wirtschaftlichen Wiederaufbau und den politischen
Heilungsprozeß erforderlich. Die SFOR verfolgt jetzt
das Ziel, die Zeit zu überbrücken, bis der Frieden
wirklich tragfähig ist.

Das ist großenteils auf die amerikanische Führungsrolle zurückzuführen. Jetzt besteht unser Plan darin, in
Zusammenarbeit mit unseren zahlreichen Partnern
diese Errungenschaften zu konsolidieren und darauf
aufzubauen.
Unsere Strategie besteht in einer
Verringerung der Notwendigkeit einer internationalen
Militärpräsenz, indem wir ein stabiles militärisches
Gleichgewicht herstellen, Rechts- und Gesetzesinstitutionen verbessern, mehr Menschen die sichere
Rückkehr in ihre Heimat ermöglichen und die Festnahme und strafrechtliche Verfolgung weiterer Kriegsverbrecher veranlassen.
Angesichts dieser dauerhaften Herausforderungen ist
es ermutigend zu sehen, daß der durch das Daytoner
Abkommen eingeleitete Prozeß historische Dimensionen hat.
Heute arbeiten in Bosnien praktisch alle europäischen
Nationen zusammen, um einer Region Stabilität zu
bringen, deren Konflikte Anfang dieses Jahrhunderts
den Kontinent zerrissen.
Das reflektiert eine deutliche Abkehr von den Einflußsphären und der Diplomatie des Kräfteausgleichs
der Vergangenheit sowie eine explizite Ablehnung der
auf ethnischer Zugehörigkeit basierenden Politik. Und
es bestätigt die Prämisse der Partnerschaft für den
Frieden, indem es das wachsende gemeinsame
Verständnis in Europa für die Herstellung eines
Gefühls der Sicherheit unter Beweis stellt.
Die mit IFOR und SFOR in Bosnien gewonnene
Erfahrung erhöht das Potential für die sicherheitspolitische Zusammenarbeit zwischen der NATO und
nicht der NATO angehörenden Staaten Europas. In
Bosnien verteidigen sich Soldaten aus der NATO,
Rußland, Polen, der Ukraine, Rumänien und vielen
anderen Nationen gegenseitig und sind voneinander
abhängig. Unsere Herausforderung besteht darin,
diesen Geist auf andere gemeinsame Unternehmungen zu übertragen und ihn noch lange nach Abzug der
SFOR lebendig zu erhalten.

AMERIKA DIENST 01

�Die europäische Stabilität hängt großenteils von
fortgesetztem amerikanischen Engagement und der
Führungsrolle unseres Landes ab. Und die Geschichte zeigt, daß die europäische Stabilität auch für unsere
nationalen Interessen von lebenswichtiger Bedeutung
ist. Infolgedessen bleiben wir engagiert, werden
weiterhin führen, unsere Bündnisse stärken und mit
unseren demokratischen Partnern ein Europa aufbauen, in dem jede Nation frei und jede freie Nation
unser Partner ist.
Förderung von gegenseitiger
Wohlstand in Asien

Sicherheit

und

Herr Vorsitzender, Amerika muß eine europäische
Macht bleiben. Und wir müssen und werden auch eine
pazifische Macht bleiben.
Asien ist ein Kontinent, auf dem atemberaubende
wirtschaftliche Expansion und maßvolle, aber stetige
Bewegung in Richtung auf die Demokratie stattfindet.
Seine Wirtschaftskraft stärkt die unsere und ist einer
der Gründe für das vitale Interesse, das wir an seiner
Sicherheit haben. Schließlich handelt es sich hier um
ein Gebiet, in dem Amerika während der letzten sechs
Jahrzehnte drei Kriege führte und in dem 100.000
amerikanische Soldaten stationiert sind.
Präsident Clinton hat diese dynamische Region oben
auf unsere Tagesordnung gesetzt, und ich plane, ihren
Versprechungen und Gefahren einen Großteil meiner
Aufmerksamkeit zu widmen.
Unsere dortigen Prioritäten liegen in der Stärkung
unserer wichtigsten Bündnisse sowie der gleichzeitigen erfolgreichen Pflege unserer facettenreichen
Beziehungen zu China.
Aufgrund unseres Engagements für die regionale
Sicherheit haben wir unsere vornestationierte Militärpräsenz im Westpazifik beibehalten. Wir ermutigen
regionale Bestrebungen zur gewaltlosen Beilegung
territorialer oder anderer Streitigkeiten. Wir arbeiten
hart an der Öffnung von Märkten für amerikanische
Produkte und Dienstleistungen - sowohl bilateral als
auch im Rahmen des Forums für asiatisch-pazifische
wirtschaftliche Zusammenarbeit (APEC). Diese Frage
machte Präsident Clinton zu einem Thema der Gipfeltreffen. Wir erweitern unsere diplomatischen und
sicherheitspolitischen Beziehungen zu Südostasien,
der Heimat der am stärksten wachsenden Volkswirtschaften der Welt. Und wir werden weiterhin die
Achtung der international anerkannten Menschenrechte und die Ausbreitung der Freiheit fördern.
Unsere engsten und weitreichendsten bilateralen
Beziehungen in der Region unterhalten wir zu Japan,
mit dem wir unser Bündnis nachdrücklich bekräftigten.

AMERIKA DIENST 01

Wir halten mit Japan regelmäßige Konsultationen über
ein breites Spektrum außenpolitischer Fragen ab - von
Sicherheit in Asien bis zu Entwicklung in Afrika. Wir
wissen die großzügige finanzielle Unterstützung des
Landes für Friedensbestrebungen von Bosnien bis
zum Nahen Osten zu würdigen. Und wir arbeiten mit
Japan und einem weiteren geschätzten Verbündeten,
der Republik Korea, an der Umsetzung des Rahmenabkommens über das Einfrieren der Entwicklung von
Nuklearwaffen in Nordkorea zusammen. In den letzten
Wochen haben wir mit Seoul erfolgreich am Abbau der
Spannungen, der Bekräftigung des nuklearen Einfrierens und der Verbesserung der Dialogsaussichten
auf der Halbinsel zusammengearbeitet.
Ich würde mich freuen, im Falle meiner Bestätigung
sowohl Japan als auch der Republik Korea möglichst
bald einen Besuch abstatten zu können.
Ferner sehe ich dem bevorstehenden Besuch des
chinesischen Außenministers bei uns erwartungsvoll
entgegen.
Starke bilaterale Beziehungen zwischen den Vereinigten Staaten und China sind erforderlich, um die
Zusammenarbeit auszuweiten, das Potential für
Mißverständnisse zu verringern und Chinas Entwicklung zu einem verantwortungsbewußten Mitglied der
internationalen Staatengemeinschaft zu ermutigen.
Um Fortschritte zu machen, müssen unsere beiden
Länder auf der Grundlage gegenseitiger Offenheit
miteinander umgehen. Wir haben wichtige Differenzen, insbesondere bei Handel, Waffenlieferungen und
Menschenrechten, einschließlich Tibet.
Wir sind
besorgt über die chinesische Politik gegenüber
Hongkong. Obwohl wir an unserer Politik festhalten,
daß es nur ein China gibt, werden wir starke inoffizielle
Beziehungen zu Taiwan pflegen. Wir haben jedoch
auch viele gemeinsame Interessen, und wir haben bei
mehreren Fragen zusammengearbeitet, einschließlich
der koreanischen Halbinsel, Verbrechensbekämpfung,
Umweltschutz und Nuklearversuchen.
Die Politik der Vereinigten Staaten gegenüber China
wird im Kongreß und im amerikanischen Volk seit
langem kontrovers diskutiert. Es bestehen Meinungsverschiedenheiten über ein angemessenes Gleichgewicht zwischen verschiedenen Elementen dieser
Politik. Es sollte jedoch kein Zweifel an der Bedeutung
dieser Beziehungen und der Notwendigkeit einer auf
Integration, nicht Isolation Chinas abzielenden Politik
bestehen.
Präventive Verteidigung
tödlicher Waffen

durch

die

Kontrolle

Der Kalte Krieg mag vorüber sein, aber die Bedrohung
unserer Sicherheit durch nukleare und andere Massenvernichtungswaffen ist nur verringert, nicht beendet

Seite 5

�worden. Rüstungskontrolle und Nichtverbreitung sind
weiterhin ein wesentliches Element unserer Außenpolitik.
Unter unserer Führung ist viel erreicht worden.
Russische Raketen sind nicht länger auf unsere
Häuser gerichtet. Aus Belarus, Kasachstan und der
Ukraine wurden die Nuklearwaffen abgezogen, und die
letzten Raketensilos werden mit Sonnenblumen
bepflanzt. Die Nuklearkapazitäten des Irak wurden
verringert, die Nordkoreas eingefroren. Der Nichtverbreitungsvertrag wurde unbegrenzt und bedingungslos
verlängert. Ein umfassendes Verbot von Atomtests
wurde verabschiedet, und bald wird ein Verbot von
Chemiewaffen in Kraft treten.
Herr Vorsitzender, diese Bestrebungen zur Verringerung der Ausbreitung und Zahl von Massenvernichtungswaffen tragen zu dem bei, was Verteidigungsminister Perry als "präventive Verteidigung"
bezeichnet. Sie zielen auf die Wahrung der Sicherheit
aller Amerikaner ab. Wir wollen damit nicht anderen
einen Gefallen tun, sondern unterstützen unsere
eigenen nationalen Interessen. Aber Rüstungskontrolle und Nichtverbreitung sind eine noch nicht
beendete Aufgabe, zu deren Fortsetzung wir Ihre Hilfe,
die dieses Ausschusses und des Senats benötigen.
Erstens werden wir Sie um Ihre Zustimmung zur
Ratifizierung der Chemiewaffenkonvention vor ihrem
Inkrafttreten Ende April ersuchen.
Wie dieser Ausschuß weiß, wurde die CW-Konvention
unter Präsident Reagan in die Wege geleitet und unter
Präsident Bush ausgehandelt. Sie wird von vielen in
beiden Parteien, von Unternehmen und unserem
Militär unterstützt. Die CW-Konvention ist kein Allheilmittel, aber sie wird es verbrecherischen Staaten und
anderen, die unseren Interessen gegenüber feindlich
gesinnt sind, erschweren, Chemiewaffen zu entwickeln
oder zu beschaffen. Herr Vorsitzender, ich hoffe auf
unsere Zusammenarbeit, um diesen Vertrag rechtzeitig
zu verabschieden, damit die Vereinigten Staaten
Gründungsmitglied sein können.
Wir werden auch Ihre baldige Zustimmung zum KSEFlankenabkommen anstreben, das für den KSEVertrag unerläßlich ist, der wiederum in hohem Maße
zur europäischen Sicherheit beiträgt.
In Übersee werden wir mit Rußland zusammenarbeiten, um die unverzügliche Ratifizierung des
START Il-Vertrags durch die Duma sicherzustellen und
dann weitere Reduzierungen und Begrenzungen
strategischer Nuklearwaffen anzustreben.
Wir werden auch die Bestrebungen fortsetzen, um die
Forderung von Präsident Clinton nach Verhandlungen
zu erfüllen, die zu einem weltweiten Verbot des
Einsatzes, der Lagerung, Herstellung und des Trans-

Seite 6

fers von Antipersonenminen führen.
Die durch
Mißbrauch von Landminen verursachten humanitären
Probleme können nur auf globaler Basis bewältigt
werden. Im September erklärte der Präsident vor der
UN-Generalversammlung, "unsere Kinder haben
Anspruch darauf, auf sicherem Boden gehen zu
können". Dies wird in den nächsten vier Jahren ein
wichtiges Rüstungskontrollziel sein.
Rüstungskontrolle und Nichtverbreitung sind eng mit
unserer Politik gegenüber verbrecherischen Staaten
verbunden. Wir haben großes Interesse zu verhindern, daß Massenvernichtungswaffen von Regimen
mit erwiesener Mißachtung der Rechtsstaatlichkeit
beschafft werden. Entsprechend werden wir weiterhin
auf die Verbesserung der Sicherheit hinarbeiten und
das Abzweigen von spaltbarem Material verhindern.
Wir lehnen den Verkauf oder Transfer von modernen
Waffen oder Technologien an den Iran nach wie vor
vehement ab. Und wir werden auf der Beibehaltung
strenger Sanktionen der Vereinten Nationen gegen
den Irak bestehen, bis das Regime die entsprechenden Resolutionen des Sicherheitsrats erfüllt.
Tatkräftige Diplomatie zur Unterstützung des
Friedens
Herr Vorsitzender, die angemessene Rolle der Vereinigten Staaten bei der Beendigung von Konflikten
und der Reaktion auf Krisen in Übersee ist eingehend
erörtert worden, nicht nur in unserer Zeit, sondern im
gesamten Verlauf der amerikanischen Geschichte.
Weil wir einzigartige Fähigkeiten und beispiellose
Macht haben, ist es natürlich, daß andere sich in
Notfällen an uns wenden. Wir haben zahllose Chancen, auf der ganzen Welt zu handeln. Aber wir haben
weder unbegrenzte Ressourcen noch unbegrenzte
Verantwortung. Wenn wir unsere eigenen Interessen
schützen und unsere Glaubwürdigkeit bewahren
wollen, müssen wir unser jeweiliges Engagement
sorgfältig abwägen und sowohl selektiv als auch
diszipliniert bei unseren vereinbarten Einsätzen
vorgehen.
In Anbetracht dieser Tatsache haben wir einen starken
Anreiz, andere Mechanismen zur Reaktion auf Notfälle
und Konflikte zu stärken, darunter die Vereinten
Nationen und regionale Organisationen. Wir sollten
eng mit dem gesamten Netz öffentlicher und nichtstaatlicher Organisationen zusammenarbeiten, um die
humanitären und anderen Kosten natürlicher und vom
Menschen verursachter Katastrophen vorherzusehen,
zu verhindern, einzudämmen und zu minimieren. Und
wir sollten darauf bestehen, daß andere Nationen, die
dazu in der Lage sind, den ihnen angemessenen
finanziellen, technischen und - wenn nötig - militärischen Beitrag leisten.

AMERIKA DIENST 01

�Die oberste Verpflichtung der Vereinigten Staaten
besteht gegenüber ihren eigenen Bürgern. Wir sind
keine Wohltätigkeitsorganisation oder eine Feuerwehr.
Wir werden entschieden unsere eigenen lebenswichtigen Interessen verteidigen.
Wir sind uns jedoch bewußt, daß unsere Interessen
und die unserer Verbündeten auch durch regionale
oder Bürgerkriege und ein Machtvakuum betroffen sein
könnten - das sich Kriminelle und Terroristen zum Ziel
nehmen - sowie durch entsetzliches menschliches
Leid und Bedrohungen der Demokratie. Präsident
Clinton hat vor kurzem erklärt: "Die Vereinigten
Staaten können und sollten nicht versuchen, jedes
Problem zu lösen, aber wo unsere Interessen klar sind,
unsere Werte auf dem Spiel stehen und wir etwas
bewirken können, müssen wir handeln und eine
Führungsrolle übernehmen."
Während der vergangenen vier Jahre haben die
Vereinigten Staaten unter der Führung von Präsident
Clinton und Außenminister Christopher in historisch
krisengeschüttelten Regionen der Welt unerschütterlich die Friedensstifter gegen die Bombenleger unterstützt. Unser Ziel war die Schaffung eines Umfelds, in
dem Bedrohungen unserer Sicherheit und der unserer
Verbündeten sowie die Wahrscheinlichkeit der Entsendung amerikanischer Streitkräfte in einen Kampf
verringert sind.
Wir sind uns bewußt, daß weder die Vereinigten
Staaten noch irgendeine andere Macht von außen in
den meisten dieser Situationen eine Lösung aufzwingen kann. Aber wir können es den Friedenssuchenden erleichtern, die zur Erlangung dieses Friedens
erforderlichen Risiken zu übernehmen.
Während der Vorbereitung dieser Rede hat die
kontinuierliche Diplomatie der Vereinigten Staaten im
Nahen Osten zu einem neuen Dialog zwischen Israel
und seinen palästinensischen Partnern beigetragen
und bemerkenswerte Fortschritte beim Abzug der
Israelis aus Hebron erzielt.
Obwohl ein Abkommen noch nicht in greifbare Nähe
gerückt ist, haben die von uns während der vergangenen drei Monate geführten intensiven Verhandlungen einschließlich persönlicher Gespräche zwischen
Ministerpräsident Netanjahu und PLO-Führer Arafat eine gewisse Dynamik und größeres Vertrauen
zwischen den beiden Seiten wiederhergestellt. Dieser
Prozeß begann während des von Präsident Clinton im
Oktober letzten Jahres anberaumten Gipfeltreffens in
Washington und wurde durch unser tatkräftiges
diplomatisches Engagement bewahrt und vorangebracht.
Ministerpräsident Netanjahu und PLO-Chef Arafat
haben gegenüber Präsident Clinton ihre Entschlossenheit zur Fortsetzung ihrer gemeinsamen Bestrebungen

AMERIKA DIENST 01

für den Frieden bekräftigt. Die Vereinigten Staaten
werden dabei an ihrer Seite stehen.
Heute gibt es zwei konkurrierende Visionen im Nahen
Osten. Eine konzentriert sich auf das Leid und die
Tragödien der Vergangenheit, die andere auf die
Möglichkeiten der Zukunft. Ein Abkommen über
Hebron würde als Katalysator dienen und die Verfechter des Friedens stärken. Unter der Führung des
Präsidenten beabsichtigen wir, auf allen Ebenen
entschieden vorzugehen, um einen sicheren, umfassenden und dauerhaften Frieden zwischen Israel und
seinen arabischen Nachbarn zu realisieren.
Im gesamten Verlauf dieses Prozesses werden wir
vom unerschütterlichen Engagement der Vereinigten
Staaten für die Sicherheit Israels und unserem Widerstand gegen diejenigen geleitet sein, die diesen
Prozeß durch Terroranschläge und Gewalt stören
wollen.
Außenminister Christopher verläßt sein Amt nach vier
Jahren historischer Fortschritte bei der Erleichterung
des Friedens im Nahen Osten. Er wird vermißt
werden, und ich werde der Verpflichtung des USAußenministeriums zu einer aktiven Rolle der Vereinigten Staaten in diesem seit so langem von Krisen
geschüttelten und strategischen Teil der Welt weiterhin
nachkommen.
Auch in Zypern sind seit langem bestehende Meinungsverschiedenheiten nach wie vor ungelöst. 1996
kamen die Parteien einer endgültigen Entscheidung
über den Status der Insel nicht näher. Darüber hinaus
haben beunruhigende gewalttätige Zwischenfälle das
Klima für Verhandlungen beeinträchtigt und gleichzeitig
ihre Dringlichkeit unterstrichen. Die Kontroverse hier
und ähnliche Differenzen zwischen unsere beiden
NATO-Verbündeten Türkei und Griechenland betreffen
die europäische Stabilität und unsere vitalen Interessen. Entsprechend sind wir in diesem neuen Jahr
bereit, eine größere Rolle bei der Förderung einer
Lösung für Zypern zu übernehmen, aber damit eine
Initiative Früchte tragen kann, müssen die Parteien
Schritten zustimmen, die Spannungen abbauen und
direkte Verhandlungen möglich machen.
In Nordirland fühlen wir uns durch die Aufnahme von
Mehrparteiengesprächen ermutigt, sind jedoch
enttäuscht über den Mangel an Fortschritten und
verurteilen die erneuten Gewaltakte der IRA aufs
Schärfste. Wir werden weiterhin mit der irischen und
der britischen Regierung sowie den betroffenen
Parteien zusammenarbeiten, um zu substantiellen
Fortschritten bei den Gesprächen beizutragen. Wir
stellen fest, daß der ehemalige Senator George
Mitchell, der den Vorsitz der Mehrparteiengespräche
führt, entscheidend an den erzielten Fortschritten
beteiligt war.

Seite 7

�Am Vorabend des 50. Jahrestages der Unabhängigkeit
von Indien und Pakistan werden wir erneut die Aussichten für einen Abbau der Spannungen prüfen, die
seit langem zwischen diesen beiden Freunden der
Vereinigten Staaten bestehen.
Wir haben eine Fülle von Sachwerten in dieser Region
und sind besonders besorgt über den regionalen
Rüstungswettlauf und die nukleare Weiterverbreitung.
Sowohl Indien als auch Pakistan sollten wissen, daß
wir alles in unserer Macht Stehende unternehmen
werden, um die Beziehungen der beiden Länder zu
uns zu stärken und bessere Beziehungen zwischen
ihnen zu ermutigen. Von beiden Ländern erwarten wir,
daß sie Aktionen vermeiden, die als Provokation des
anderen beabsichtigt sind.
Ein weiterer durch die Geschichte und Geographie
bedingter Disput besteht zwischen Armenien, Aserbaidschan und Nagorny-Karabach. Die gute Nachricht
ist, daß der Waffenstillstand jetzt seit über zwei Jahren
hält. Die schlechte Nachricht ist, daß die Fortschritte
unter dem Minsk-Prozeß der OSZE quälend langsam
erzielt werden. Wir haben sehr beträchtliche wirtschaftliche, politische und humanitäre Interessen in
dieser Region und sind bereit, eine maßgeblichere
Rolle bei einer Lösung zu spielen. Ein Schritt, den der
Kongreß zur Erhöhung unseres Einflusses unternehmen sollte, wäre die Aufhebung der Restriktionen für
nichtmilitärische Hilfe für Aserbaidschan bei gleichzeitiger Aufrechterhaltung der Unterstützung unseres
großzügigen Hilfsprogramms in Armenien.
In Zentralafrika versuchen wir mit den regionalen
Politikern und unseren Verbündeten zu verhindern,
daß die immer noch instabile Situation zu einer noch
größeren Tragödie eskaliert.
Wir ermutigen die
Rückführung der restlichen ruandischen Flüchtlinge
und sind bei ihrer Reintegration in die ruandische
Gesellschaft behilflich. Mit den Bestrebungen des
Sondergesandten Howard Wolpe fördern wir einen
Dialog zwischen den gegnerischen Parteien in Burundi. Und wir unterstützen ein Ende des Konflikts in
Zaire auf der Grundlage der Anerkennung der territorialen Integrität Zaires und vollständiger Respektierung
der Menschenrechte.
Herr Vorsitzender, ich habe Afrika im vergangenen
Jahr besucht. In Ruanda, in der wunderschönen
Region, wo der Film "Gorillas im Nebel" gedreht wurde,
gibt es eine alte Steinkirche. Neben dieser Kirche
arbeiten Amerikaner und andere Freiwillige mit kleinen
Bürsten, um die Gebeine der 1994 dort ermordeten
Menschen zu reinigen und zusammenzufügen. Unter
den Hunderten von Skeletten fiel mir eines auf, das nur
ungefähr 50 cm lang war - in etwa die Größe meines
kleinen Enkels.
Man sagt, Außenpolitik sollte nicht von Emotionen
geleitet sein. Das ist richtig. Aber wir sollten uns vor

Seite 8

Augen führen, daß ermordete Kinder keine Emotionen
sind - sie sind menschliche Geschöpfe, deren potentieller Beitrag für immer verloren ist. Amerika hat
ebenso wie alle zivilisierten Menschen ein Interesse,
wo immer möglich zu handeln, um Genozid zu verhindern und abzulehnen.
Ein praktischer Schritt, den wir unternehmen können,
ist die Verbesserung der Fähigkeit der afrikanischen
Länder, sich erfolgreich für friedenssichernde Bestrebungen innerhalb ihrer Region zu engagieren. Das ist
der Zweck der von der Administration im Herbst
vergangenen Jahres vorgeschlagenen Reaktionstruppe auf afrikanische Krisen. Dieser Vorschlag hat
beträchtliches Interesse sowohl innerhalb als auch
außerhalb der Region hervorgerufen. Mit der Unterstützung des Kongresses wird ihm im kommenden
Jahr Priorität eingeräumt.
Führungsrolle für eine globale Wirtschaft
Die Clinton-Administration hat in diesen vergangenen
vier Jahren außergewöhnlichen Erfolg bei der Schaffung von Arbeitsplätzen für Amerikaner im Inland durch
die Öffnung von Märkten im Ausland erzielt. Die über
200 vereinbarten Handelsabkommen haben zu einem
Zuwachs unserer Exporte um 34 Prozent seit 1993
geführt und 1,6 Millionen neue Arbeitsplätze geschaffen. Durch die Verabschiedung des NAFTA, den
Abschluß der Uruguay-Runde des GATT und das beim
Gipfeltreffen von Miami eingegangene Versprechen,
bis zum Jahr 2005 freien und offenen Handel in
unserer Hemisphäre herbeizuführen, sowie die APECVerpflichtung, bis 2020 dasselbe in der asiatischpazifischen Region zu bewirken, hat der Präsident die
Vereinigten Staaten zu einem noch dynamischeren
Dreh- und Angelpunkt der globalen Wirtschaft im 21.
Jahrhundert gemacht.
Als Außenministerin würde ich alles in meiner Macht
Stehende tun, damit diese Dynamik anhält. Ich habe
bereits mit Finanzminister Rubin, dem designierten
Wirtschaftsminister Bill Daley und der designierten
Handelsbeauftragten Charlene Barshefsky gesprochen. Im Falle unserer Bestätigung beabsichtigen wir
als Team zu arbeiten - Amerikas Team. Und wir
beabsichtigen, ein sehr entschlossenes Team zu sein.
Der Wettbewerb auf den Märkten der Welt ist hart.
Häufig liegen unsere Firmen Kopf an Kopf mit ausländischen Konkurrenten, die von ihren Regierungen aktiv
unterstützt werden. Eine Hauptverantwortung des
Außenministeriums ist darauf zu achten, daß die
Interessen amerikanischer Unternehmen und Arbeitnehmerfair behandelt und ungerechte Hemmnisse für
Wettbewerb überwunden werden.
Entsprechend
stehen die Türen des Außenministeriums und unserer
Botschaften auf der Welt für amerikanische Geschäftsleute offen - und werden offen bleiben -, die ihre Ideen
vermarkten wollen und um unsere Hilfe bitten.

AMERIKA DIENST 01

�In den kommenden Jahren müssen wir weiterhin ein
globales Wirtschaftssystem schaffen, das für Amerika
arbeitet. Weil unsere Menschen so produktiv und
erfindungsreich sind, werden wir bei jedem echten
Wettbewerb Erfolg haben. Die Aufrechterhaltung des
gerechten Systems erfordert jedoch konstante Anstrengungen. Die Erfahrung lehrt uns, daß es immer
einige geben wird, die einen Vorteil erzielen wollen,
indem sie den Zugang zu unseren Produkten verweigern, Produktpiraterie bei unseren urheberrechtlich
geschützten Waren begehen oder uns durch Ausbeutungsbetriebe unterbieten.

Fülle gemeinsamer Anliegen teilen, darunter Kriminalität, Drogen, Einwanderung und die Umwelt.

Aus diesem Grund wird unsere Diplomatie weiterhin
einen hohen Standard bei den Arbeitsbedingungen,
der Umwelt und Unternehmenspraktiken betonen.
Und aus diesem Grund werden wir auf ein Handelssystem hinarbeiten, das faire Regeln einführt und
durchsetzt.

Wir wissen jedoch, daß der Hauptantrieb für die
Entwicklung dort wie überall vom Privatsektor kommen
muß.

Obwohl wir nach wie vor eng mit unseren G-7-Partnern
zusammenarbeiten, sind die Vorteile der wirtschaftlichen Integration und erweiterten Handels nicht auf die
meisten Industrienationen begrenzt und sollten dies
auch nicht sein. Insbesondere heute, da unser
bilaterales Auslandshilfeprogramm gekürzt wird, sind
Wirtschaftsinitiativen des öffentlichen und Privatsektors
überall ein wichtiger Bestandteil unserer Außenpolitik.
Wir können auch Ressourcen effektiv einsetzen,
indem wir mit den internationalen Finanzinstitutionen
zusammenarbeiten und sie unterstützen.
In Lateinamerika, einer Region von Demokratien,
werden wir auf den gesamtamerikanischen Gipfel von
1994 aufbauen, um die Rechts- und andere politische
Institutionen zu stärken sowie einen höheren Lebensstandard durch freien Handel und wirtschaftliche
Integration zu fördern. Ich freue mich, daß wir bei
diesen Bestrebungen die Hilfe des neuen designierten
Sondergesandten für Gesamtamerika, Mack McLarty,
haben.
Obwohl es noch sehr viel Armut gibt, wurden in vielen
Teilen der Hemisphäre durch Wirtschaftsreformen,
verstärkten Handel, niedrige Inflation und höhere
Auslandsinvestitionen substantielle Fortschritte erzielt.
Wir sind der Auffassung, daß durch ein Abkommen
über eine Freihandelszone für Gesamtamerika bis zum
Jahr 2005 weitere Fortschritte erzielt werden können,
die für uns und unsere Partner in der Hemisphäre von
Vorteil sind. Wir räumen auch dem baldigen Beitritt
Chiles zum Nordamerikanischen Freihandelsabkommen unter gleichen Bedingungen sowie der Erweiterung von dem NAFTA entsprechenden Arrangements
auf Zentralamerika und die Karibik hohe Priorität ein.
In unserer unmittelbaren Umgebung ermutigen wir
andauernde wirtschaftliche und politische Reformen in
Mexiko, einem Land, mit dem wir eine gemeinsame
Grenze von 3.400 Kilometern Länge haben und eine

AMERIKA DIENST 01

In Afrika verbessert sich die generelle wirtschaftliche
Perspektive, aber erschreckende Probleme wie
Verschuldung, Streitigkeiten, Umweltzerstörung und
unzureichende Investitionen bestehen weiterhin.
Es liegt in unserem Interesse, den Politikern der
Region bei der Überwindung dieser Probleme behilflich
zu sein und ein Afrika aufzubauen, das wohlhabender,
demokratischer und stabiler ist.

Daher ist es ermutigend, daß viele afrikanische
Regierungen Wachstum durch Maßnahmen erleichtern, die es Privatunternehmen gestatten, das Ruder
zu übernehmen, während sie gleichzeitig klug in
Bildung, Gesundheitswesen und Projekte zur Verbesserung der Chancen für Frauen investieren.
Im Falle meiner Bestätigung werde ich große Betonung
auf die Zusammenarbeit mit den demokratischen
Politikern Afrikas legen, um diese Trends zu erweitern
und zu vertiefen. Insbesondere werden wir auf die
Integration Afrikas in die Weltwirtschaft hinarbeiten,
uns an Bestrebungen zur Erleichterung der Schuldenlast beteiligen und den Ländern, die dafür in Frage
kommen, wo wir können mit gezielten bilateralen
Hilfsprogrammen helfen.
Förderung der Freiheit
Rechtsstaatlichkeit

und Erweiterung der

Herr Vorsitzender, der Vertreter einer ausländischen
Macht hat einmal gesagt, sein Land haben keine
permanenten Verbündeten, nur permanente Interessen.
Von Amerika könnte man sagen, daß das Land keine
permanenten Feinde, sondern nur permanente
Prinzipien hat.
Diese Prinzipien gründen auf der Respektierung der
Gesetze, menschlichen Würde und Freiheit, nicht nur
für einige, sondern für alle Menschen.
Sollte ich bestätigt werden, kann ich Ihnen versichern,
daß die Vereinigten Staaten nicht zögern werden, die
Verletzung international anerkannter Menschenrechte
offen anzusprechen, unabhängig davon, ob sie in
Kuba oder Afghanistan, Burma, Belgrad oder Peking
stattfindet.
Wir werden mit anderen zusammenarbeiten, um die
Kräfte des internationalen Verbrechens zu bekämpfen

Seite 9

�und die Drogenhändler für immer aus dem Geschäft zu
vertreiben.
Wir werden einen harten Kurs gegen internationalen
Terror verfolgen und auf dem Prinzip bestehen, daß es
nicht gerechtfertigt werden kann, Terroristen zu
unterstützen oder ihnen Zuflucht zu gewähren. Es ist
falsch. Und den Schuldigen sollte nicht applaudiert,
sondern sie sollten isoliert und bestraft werden.
Wir werden unsere starke Unterstützung des internationalen Kriegsverbrechertribunals für Ruanda und den
Balkan fortsetzen, weil wir der Überzeugung sind, daß
die der ethnischen Säuberung Schuldigen zur Rechenschaft gezogen werden sollten, und diejenigen, die
Vergewaltigung nur als eine weitere Kriegstaktik
ansehen, für ihre Verbrechen einstehen müssen.
Und wir werden weiterhin Demokratie fördern und
befürworten, weil wir wissen, daß Demokratie ein Vater
des Friedens und die Amerikanische Verfassung noch
immer die revolutionärste und anregendste Quelle für
Wandel in der Welt ist.

größte Herausforderungen und Chancen erachte, mit
denen wir uns in den nächsten vier Jahren konfrontiert
sehen. Zweifelsohne haben wir viel zu tun.
Ich könnte Ihnen sagen, daß ich immer die Ambition
hatte, Außenministerin der Vereinigten Staaten zu
werden. Aber das stimmt nicht. Offen gesagt, habe
ich nicht gedacht, daß es möglich wäre.
Ich kam mit 11 Jahren nach Amerika. Meine Familie
kam hierher, um dem Kommunismus zu entfliehen und
Freiheit zu finden - und das haben wir. Meine Ambition
zu jener Zeit war nur, gut Englisch zu sprechen, meine
Eltern zu erfreuen, hart zu lernen und aufzuwachsen,
um Amerikanerin zu sein.
Die Zeitung in Denver, wo wir lebten, hatte folgendes
Motto: "Es ist ein Privileg, in Colorado zu leben."
Mein Vater pflegte dieses Motto in regelmäßigen
Abständen zu wiederholen, fügte aber häufig eine
kleine Mahnung hinzu: "Kinder", sagte er, "vergeßt nie,
daß es auch ein Privileg ist, in den Vereinigten Staaten
zu leben."

Die Umwelt
Abschließend, Herr Vorsitzender, möchte ich klarstellen, daß ich im Falle meiner Bestätigung auf
Außenminister Christophers kluge Entscheidung
aufbauen möchte, Umweltbelange in unsere Außenpolitik einzubeziehen.
In den vergangenen Jahren bin ich in nahezu jede
Region der Welt gereist. Ich habe die durch Überentwicklung verursachte drängende Fülle und die
Entwaldung gesehen, die entsteht, wenn zunehmende
Populationen um abnehmende natürliche Ressourcen
kämpfen. Ich habe die Luft smogbelasteter Städte
gerochen, wo die durch moderne Technologien
ermöglichten Umwelttechniken noch nicht angewandt
werden.
Die Bedrohungen, denen wir uns durch Umweltzerstörung gegenübersehen, sind nicht so spektakulär
wie die durch die Bombe eines Terroristen oder eine
gegnerische Rakete. Aber sie betreffen direkt die
Gesundheit, Sicherheit und Lebensqualität von
Familien überall auf der Welt. Wir können wählen, ob
wir bei der Reaktion auf diese Bedrohungen passiv
bleiben und die harte Arbeit unseren Kindern überlassen, oder jetzt aktiv und vorausschauend sind. Ich
habe mich für den letzteren Kurs entschieden, und
werde nicht zögern, die Unterstützung des Kongresses
und der Öffentlichkeit dafür zu gewinnen.
Schlußbemerkung
Verehrte Ausschußmitglieder, ich fühle mich zutiefst
geehrt, heute hier sein zu dürfen. Ich habe einiges,
aber bei weitem nicht alles dargelegt, was ich als

Seite 10

Lange nachdem ich mein Zuhause verlassen hatte, rief
meine Mutter immer am 4. Juli an, um meine Kinder ihre Enkel - zu fragen: "Sagt mir, singt Ihr patriotische
Lieder?"
Senatoren, Sie auf Ihrer Seite des Tisches und ich auf
meiner haben eine einzigartige Chance, Partner bei
der Schaffung eines neuen und dauerhaften Rahmens
für eine amerikanische Führungsrolle zu sein. Einer
meiner Vorgänger, Dean Acheson, schrieb darüber,
bei der Schaffung eines neuen Zeitalters dabei zu sein.
Sie und ich stehen vor der Herausforderung und
haben die Verantwortung, das neueste Kapitel unserer
Geschichte mitzuverfassen.
Dabei sollten wir uns vor Augen führen, daß es keine
Seite im amerikanischen Buch der Geschichte - auf die
wir stolz sind - gibt, die von einem chronischen Nörgler
oder einem Niedergangspropheten geschrieben
wurde.
Wir sind Macher.
Indem wir der Versuchung der Isolation widerstehen
und Seite an Seite mit denen auf der Welt stehen, die
unsere Werte teilen, werden wir unsere eigenen
Interessen voranbringen, unsere besten Traditionen
ehren und versuchen, daß ein Gebet erhört wird, das
viele Jahre lang in zahlreichen Sprachen gesprochen
wurde, entsprechend der unterschiedlichen Sitten, als
Antwort auf ein gemeinsames Streben.
Dieses Gebet ist das Gebet für Frieden, Freiheit,
Essen auf dem Tisch und das, was Präsident Clinton

AMERIKA DIENST 01

�einst so eloquent als "das stille Wunder eines
normalen Lebens" bezeichnet hat.
Wenn ich mit Ihrer Zustimmung als Außenministerin
bestätigt werde, möchte ich Sie bitten, mit mir gemein-

AMERIKA DIENST 01

sam als Vertreter der unerläßlichen Nation und mit der
Hilfe Gottes alles zu tun, damit dieses Gebet erhört
wird.
Ich danke Ihnen.

Seite 11

�NATO
15. Januar 1997

Die neue transatlantische Partnerschaft
Rede von Botschafter Hunter

WASHINGTON - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede, die Botschafter Robert E. Hunter, Ständiger
Vertreter der Vereinigten Staaten bei der NATO, am 19. Dezember 1996 anläßlich des ihm vom European
Institute verliehenen Transatlantic Leadership Award gehalten hat.

Was für eine großartige Zeit ist das heute für die
NATO. In genau sieben Stunden und 31 Minuten läuft
das Mandat der Implementation Force (IFOR) in
Bosnien - der Operation Joint Endeavor - aus. Und im
gleichen Augenblick werden wir die Operation Joint
Guard einleiten, die Stabilization Force (SFOR). Das
sind 366 Tage seit der Stunde Null der ersten Mission,
und es ist die Stunde Null der neuen Mission. Das ist
eine beeindruckende Leistung. Alle 16 NATO-Verbündeten waren an der IFOR beteiligt. Das 16. Land ist
Island, das keine Streitkräfte unterhält, aber, um sich
zu beteiligen und Solidarität zu zeigen, einen Arzt und
zwei Krankenschwestern entsandt hat. Auch 13
Mitglieder der Partnerschaft für den Frieden und vier
andere Länder haben sich an der IFOR beteiligt, und
wir haben zusammen das erreicht, was vor noch
einem Jahr unmöglich erschien, jetzt jedoch praktisch
eine Alltäglichkeit ist. Was die NATO sowie ihre
Freunde und Partner geleistet haben, war außergewöhnlich. Ich danke Gott für die unglaubliche Tatsache, daß es bis jetzt kein einziges Todesopfer gegeben hat - das ist beispiellos bei einer Operation dieser
Qualität und Größe, vor allem in der modernen Geschichte.
Was die NATO tut, wird natürlich nicht genug sein, um
den Erfolg des Abkommens von Dayton zu gewährleisten. Was die NATO tut, wird natürlich nicht genug
sein um sicherzustellen, daß sich für die gepeinigten
Menschen in Bosnien die Hoffnungen erfüllen.
Natürlich liegt die Verantwortung bei den Menschen in
Bosnien selbst, bei ihren Nachbarn und bei der
internationalen Staatengemeinschaft.
Sie müssen
dafür sorgen, daß die zivilen Bestrebungen - der
Wiederaufbau - erfolgen und dafür sorgen, daß die
Polizei die notwendigen Funktionen übernimmt, dafür
sorgen, daß die Kriegsverbrecher in Den Haag vor

AMERIKA DIENST 01

Gericht gestellt werden, und dafür sorgen, daß die
Flüchtlinge in ihre oder ähnliche Häuser in ganz
Bosnien zurückkehren können.
Ich möchte jedoch auch eindeutig klarstellen, daß die
NATO definitiv etwas bewirkt hat. Nach drei langen
Jahren des Kampfes im Rat und im Bündnis ist es uns
gelungen, Indifferenz durch Aktionen zu ersetzen, es
ist uns gelungen, eine Periode des Herumprobierens
zu überwinden und, nachdem die Atlantische Allianz
beinahe wegen Bosnien in die Brüche ging, zu den
ersten erfolgreichen Luftangriffen vor nur 16 Monaten
überzugehen, mit denen die Tür zum Abkommen von
Dayton und darüber hinaus geöffnet wurde. Meiner
Ansicht nach ist es bemerkenswert, daß die NATO
überhaupt handeln konnte und nicht, daß sie so lange
brauchte, in Bosnien "einzugreifen", sich dort zu
engagieren und effektiv zu sein. Es ist bemerkenswert, daß die 16 verbündeten Regierungen in der Lage
waren, diesen großen Supertanker eines Bündnisses das allein zum Zweck der Eindämmung der sowjetischen Macht und des Kommunismus gegründet wurde
- um 120 Grad zu wenden, um sich auf einen Ort zu
konzentrieren, der für die meisten Verbündeten von
geringer strategischer, jedoch von großer politischer
und moralischer Bedeutung war, in der Tat ein Ort, der
für die meisten Verbündeten "ein weit entferntes Land
war, über das wir nichts wußten". Aber schließlich
gewannen alle 16 Länder die Erkenntnis, daß wir
dieses wertvolle Bündnis, das uns seit so vielen
Jahren Sicherheit gegeben hatte und das für so viel
mehr Menschen Sicherheit und Frieden in der Zukunft
versprach, nur bewahren und erweitern können, wenn
wir in Bosnien effektiv sind - und die schlimmsten
Kämpfe auf dem europäischen Kontinent seit dem
Zweiten Weltkrieg beenden.

Seite 1

�Ich bin sicher, daß die NATO aufgrund der Überzeugung der 16 Länder begann, die Zukunft in den Griff zu
bekommen - weit über Bosnien hinaus - und Bosnien
in historischer Hinsicht in den Schatten stellte. Und
aufgrund ihrer kollektiven Überzeugung, daß das
Bündnis es wert sei, erhalten zu werden und wir es
uns nicht leisten könnten, es zu verlieren und wegen
des Versprechens gegenüber Bosnien, waren wir
schließlich in der Lage, zusammenzukommen und
etwas zur Beendigung des Krieges zu unternehmen.
Sieben Jahre nach dem Ende des Kalten Krieges sind
wir uns meines Erachtens jetzt dreier Tatsachen
bewußt: Erstens, daß die Geschichte nicht zu Ende
ging, sondern vielmehr einen neuen Anfang hinzugefügt hat, eine Chance, die Prinzipien, Werte und
Gründe zu rechtfertigen, für die wir während des
Kalten Krieges gekämpft hatten. Die Geschichte fügte
auch die Verantwortung hinzu, diese Prinzipien und
Werte sehr viel mehr Völkern als je zuvor in ganz
Europa und sogar darüber hinaus nahezubringen.
Zweitens gelangten wir zu der Überzeugung, daß viele
Institutionen in diesem Prozeß von Bedeutung sein
würden: Die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE), die Europäische
Union (EU), die Westeuropäische Union (WEU) und
der Europarat. Aber eine Institution hat sich wiederum
als unerläßlich und herausragend erwiesen, und das
ist die NATO. Das dritte, das wir gelernt haben, auch
wiederum mit allem nötigen Respekt für die gemeinsamen Bestrebungen am Verhandlungstisch und im
Bündnis, ist, daß die NATO am besten arbeitet, wenn
die Vereinigten Staaten bereit sind, sich zu engagieren
und eine Führungsrolle zu übernehmen. Ich freue
mich sagen zu können, daß diese Verpflichtung auch
heute noch gültig ist - die Vereinigten Staaten sind
engagiert, sie haben eine Führungsrolle übernommen und dies gilt auf überparteilicher Ebene. Was wir
heute tun, begann unter Präsident Bush, wurde unter
Präsident Clinton fortgesetzt und von jedem Kongreßabgeordneten ratifiziert, der uns bei der NATO besucht
hat. Es geht auf die Wurzeln dieses Landes zurück.
Es ist keine Verpflichtung der Republikaner oder der
Demokraten. Meiner Ansicht nach ist es eine Verpflichtung Amerikas.
Wir haben uns bei der NATO auf vier große Ziele
geeinigt, die wir verfolgen - nicht um etwas zu haben,
das das Bündnis um seiner selbst willen erhält,
sondern vielmehr unsere gemeinsamen Interessen
fördert, für die das Bündnis erforderlich ist. Das erste
große Ziel ist natürlich, daß Amerika eine europäische
Macht bleibt, nicht nur heute, sondern auf unbegrenzte
Zukunft hinaus. Mit Ausnahme unseres eigenen
Bürgerkriegs hat unser Land in der Tat mehr Blut
vergossen und Gut geopfert, um Europa frei und
unabhängig zu halten, als für irgend etwas, das wir in
unserer gesamten Geschichte getan haben. Ich habe
keinen Grund zu der Annahme, daß wir diese Verpflichtung in Zukunft nicht wahrnehmen werden.

Seite 2

Die zweite große Aufgabe der NATO, der Europäischen Union und anderer Institutionen besteht in der
Sicherstellung, daß wir das in Zukunft bewahren, was
wir während der vergangenen 50 Jahre erfolgreich
geleistet haben, einschließlich der Verhinderung einer
Renationalisierung der Verteidigung. Noch wichtiger
ist das, was von den Ländern der Europäischen Union
erreicht wurde, das in der Geschichte der Menschheit
seinesgleichen sucht - die Abschaffung des Kriegs an
sich als Mittel der Regulierung der Beziehungen
zwischen diesen Ländern. Wir leben in Brüssel, und in
Brüssel haben wir eine Abkürzung oder einen Namen
für alles. Deshalb nenne ich das den "europäischen
zivilen Raum". Und zur Erhaltung und Erweiterung
dieses europäischen zivilen Raums beizutragen, ist
von fundamentaler Bedeutung für unsere Arbeit bei der
NATO.
Aber das sind alte Aufgaben, kontinuierliche Zielsetzungen. Die neuen Aufgaben und Zielsetzungen - die
Öffnung von Grenzen und ihr Überschreiten - beginnen mit der Übernahme von Verantwortung in der
NATO, in unserem kollektiven Interesse, für Sicherheit
in Zentraleuropa. Die Rolle der NATO für die Sicherheit im umfassendsten Sinne war während des
Kalten Krieges ein elementares Ziel im Westen, war
ein elementares Ziel bei der Bewältigung der bosnischen Herausforderung und ist elementar bei der
Bewältigung anderer potentieller Herausforderungen der Schaffung der Grundlagen für Vertrauen und
Veränderungen, damit die Menschen verstehen, daß
sie eine Zukunft haben können, die nicht von außen
gestört wird, und Vertrauen in Stabilität haben.
Was die Europäische Union und die NATO in Zentraleuropa zu tun versuchen, ist die Vollendung des
Versprechens des Marshallplans, das von Joseph
Stalin vor rund 50 Jahren vereitelt und vom Eisernen
Vorhang ausgegrenzt wurde. Wir haben jetzt endlich
eine Chance, dieses große Unternehmen zu vollenden. Es ist höchst selten - vielleicht einzigartig - in
der Geschichte, daß wir eine zweite Chance erhalten!
Jetzt haben wir die Chance, das Vermächtnis des
Marshallplans zu erfüllen.
Schließlich - und was historisch vielleicht am wichtigsten ist - sind wir bei der NATO dem Ziel des Bündnisses verpflichtet, unseren ehemaligen Gegner
Rußland einzubeziehen und zu versuchen, dem Land
beim Erfolg des Experiments mit Demokratie und
Marktwirtschaft behilflich zu sein. Wir müssen Rußland als nützliches und produktives Mitglied in die Welt
dort draußen einbeziehen. Unter Präsident Bush und
dann unter Präsident Clinton sahen wir uns mit der
Entscheidung zwischen Paradigmen konfrontiert, die
sich aus der Art ableiteten, wie Deutschland 1919 und
danach sowie 1945 und danach behandelt wurde.
Das erste Mal wurde Deutschland getreten, als es am
Boden lag, und wir haben die Ergebnisse im Zweiten
Weltkrieg gesehen. Das zweite Mal versuchten viele

AMERIKA DIENST 01

�mutige Männer und Frauen mit Vision etwas anderes.
Das Ergebnis ist das freie, unabhängige und demokratische Deutschland, das wir heute sehen. Wir haben
jetzt die Entscheidung getroffen, daß wir Rußland
entsprechend dem zweiten Paradigma behandeln
werden - so schwierig diese Herausforderung auch ist
und so schwierig es auch sein wird, Verhaltensweisen
und Denkgewohnheiten zu ändern, damit wir mit
unserem alten Gegner arbeiten können - statt ihn an
den Folgen der Beendigung des Kalten Krieges leiden
zu sehen.
Diese vergangenen anderthalb Wochen waren
entscheidend für die NATO. Ich habe gestern unseren
Verteidigungsministern in Brüssel auf Wiedersehen
gesagt, ebenso wie ich letzte Woche zu unseren
Außenministern auf Wiedersehen gesagt habe. Bei
diesen beiden Treffen haben wir einige grundlegende
Entscheidungen getroffen, die auf den jüngsten,
hoffnungsvollen Entscheidungen vom Gipfeltreffen im
Januar 1994 aufbauen, bei dem Präsident Clinton uns
seine Zukunftsvision darlegte und von den anderen
Staats- und Regierungschefs des Bündnisses die
Zustimmung dazu erhielt. Bei diesen beiden Ministertreffen haben wir den Rubikon für die Zukunft der
NATO überschritten. Das von uns Geleistete wird am
8. und 9. Juli beim nächsten NATO-Gipfel in Madrid
ratifiziert. Wir unternehmen entscheidende Schritte,
um eine neue NATO hervorzubringen, um die Herausforderungen der Zukunft zu meistern und das Bündnis
in dreierlei grundlegender Weise anzupassen: Neue
Missionen wie in Bosnien, Einbeziehung des Ostens,
um mehr Länder und Menschen zu umfassen als wir je
für möglich gehalten hätten, und einen Prozeß des
inneren Wandels zu durchlaufen, nach dem die neue
NATO in vieler Hinsicht verglichen mit der Vergangenheit nicht wiederzuerkennen ist.
Ja, beim NATO-Gipfeltreffen im Juli können und
werden wir neue Mitglieder aufnehmen. Wir werden
die Einladungen an eine Reihe neuer Länder aussprechen, die Verhandlungen mit der NATO aufzunehmen und bis 1999 Vollmitglieder des Bündnisses
zu werden. Die Tür für zukünftige Mitglieder wird offen
bleiben. Wie Außenminister Christopher bei einem
anderen historischen Anlaß im September vergangenen Jahres in Stuttgart sagte: "Die Tür zur NATOMitgliedschaft wird offen bleiben, so lange es europäische Länder gibt, die willens und bereit zur Übernahme der Pflichten der Mitgliedschaft sind."
Ja, wir können und werden alles Erforderliche tun um
sicherzustellen, daß die Länder, die nicht als erste zum
NATO-Beitritt eingeladen werden, nicht entmutigt
werden. Wir lehnen das Konzept von Grauzonen,
Pufferstaaten oder Einflußsphären ab und versuchen,
im östlichen Teil des Kontinents das außer Kraft zu
setzen, was wir bereits im Westen außer Kraft gesetzt
haben - das jahrhundertealte gescheiterte Konzept des
Kräftegleichgewichts.

AMERIKA DIENST 01

Die noch keine drei Jahre alte Partnerschaft für den
Frieden hat Wunder bewirkt - und meines Erachtens
wissen das die hier versammelten Vertreter der
Partnerländer - indem sie die Völker, die so lange
hinter dem Eisernen Vorhang litten, in die Lage
versetzte, ihren Platz im Westen einzunehmen und die
Vorteile zu genießen, die wir schon lange als selbstverständlich erachten. Die Partnerschaft für den
Frieden verfolgt zwei große Ziele. Eines besteht darin,
die Länder auf die NATO-Mitgliedschaft vorzubereiten.
Wenn wir den wichtigsten Schritt bei der NATOErweiterung unternehmen - den US-Senat um seine
Zustimmung mit Zweidrittelmehrheit zu bitten - und
wenn die Senatoren uns fragen, ob die von uns
ausgewählten Länder für die Aufnahme bereit sind,
wird die PFF gewährleisten, daß wir eine positive
Antwort erhalten - daß diese Länder zur Sicherheit
beitragen und sich ihrer nicht nur erfreuen. Noch
wichtiger ist, daß die Partnerschaft für den Frieden
eine dauerhafte, enge Verbindung zur NATO darstellt.
Die Partnerländer kommen zu uns nach Brüssel, in
unser Oberstes Hauptquartier (SHAPE), sie übernehmen die Maßstäbe der NATO, werden mit uns zusammen ausgebildet, nehmen mit uns zusammen an
Manövern teil, gehen mit uns zusammen nach Bosnien, tragen dieselben Risiken wie wir, übernehmen
dieselben Pflichten wie alle anderen Bündnismitglieder.
Tatsächlich möchten wir den Unterschied zwischen
einem Partner und einem Bündnismitglied so klein wie
möglich halten. Wir haben eine Reihe neuer Schritte
unternommen, um eine "Super"-PFF zu schaffen und
eine neue Institution ins Leben zu rufen - den Atlantischen Partnerschaftsrat - der den Beziehungen dieser
Länder zum Bündnis neuen Schwung verleihen soll.
Wir werden alles Mögliche unternehmen, um Rußland
einzubeziehen. Vor kurzem fand in Lissabon der
OSZE-Gipfel statt, bei dem der Prozeß der Modernisierung des KSE-Vertrags eingeleitet wurde. Rußland
gehört der Partnerschaft für den Frieden an. Wir
möchten besondere Beziehungen zu Rußland anknüpfen. Im letzten Jahr taten 1.500 der besten
russischen Soldaten im amerikanischen Sektor in
Bosnien Dienst. Und als wir im Herbst mit der Planung
für eine Nachfolgetruppe in Bosnien - eine Stabilisierungstruppe - begannen, erklärten die Russen: "Ihr
könnt mit uns rechnen, auf der Grundlage derselben
Bedingungen wie vorher."
Ferner schlugen wir
Rußland die Formulierung einer Charta vor, um die
besonderen Beziehungen zwischen der NATO und
Rußland zu kodifizieren, und wir hoffen, daß sie
rechtzeitig vor dem Madrider Gipfel abgeschlossen
werden kann. Wir müssen uns jedoch über eines im
klaren sein: Rußland ist gegen eine NATO-Erweiterung. Als Außenminister Primakow vor einer Woche
mit den Außenministern des Bündnisses zusammentraf, äußerte er jedoch, die Diskussionen und Verhandlungen über die Charta könnten fortgesetzt werden.
Und als Verteidigungsminister Rodionow mit den
Verteidigungsministem der NATO zusammentraf und

Seite 3

�laut, deutlich und unmißverständlich die russische
Ablehnung einer NATO-Erweiterung erklärte, wurde er
anschließend bei seiner Pressekonferenz gefragt, ob
dies im Falle der Aufnahme neuer Mitglieder das Ende
der militärischen Zusammenarbeit zwischen Rußland
und dem Bündnis bedeuten würde. Tatsächlich
erwiderte er darauf: "Natürlich nicht, denn sie liegt in
unserem Interesse."
Ich erinnere mich, was geschah, als zwei hochrangige
russische Beamte der NATO einen Besuch abstatteten, der mehr über die russische Psychologie aussagt
als über die russischen Überlegungen hinsichtlich der
weiteren Entwicklung der NATO - ein wirkliches
Verständnis, daß die NATO für niemanden eine
Bedrohung darstellt, auch nicht für Rußland. Nachdem
die beiden Herren ein paar Tage unserer Arbeit
zugeschaut hatten, erklärte jeder von ihnen: "Wir
können akzeptieren, was die NATO tut. Wir sehen,
daß sie nicht aggressiv ist und keine Bedrohung
darstellt. Aber eines müssen Sie tun - Sie müssen den
Namen ändern. Wir können das Wort 'NATO' aufgrund seiner Bedeutung während des Kalten Krieges
in Rußland nicht verkaufen. Unter einem anderen
Namen könnte sie jedoch akzeptiert werden." Ich
fürchte jedoch, daß uns dieser Name ans Herz
gewachsen ist!
Wir können und werden das Bündnis, den Kern der
NATO, reformieren, um zu zeigen, daß wir keine
Bedrohung für Rußland darstellen und in der Lage
sind, in Bosnien und auch zukünftig bei ähnlichen
Fällen einzugreifen. Wir werden Veränderungen
durchführen, die die Grundlage für die Aufnahme
neuer Mitglieder darstellen, Ressourcen sparen und
die Unterstützung durch das Volk in jedem unserer
Länder gewährleisten.
Dadurch werden wir auf
zukünftige Herausforderungen vollständig vorbereitet.
Dadurch sowie durch unser neues Konzept alliierter
Streitkräftekommandos (CJTF) wird das Bündnis mit
16 Mitgliedern leistungsfähiger. Ich möchte die Zahl
16 besonders betonen. Vor drei Wochen entschied
sich Spanien für eine volle Mitgliedschaft im Bündnis.
Vor einem Jahr traf Frankreich am 5. Dezember die
mutige Entscheidung für ein umfassendes Engagement in der neuen, umgestalteten NATO. Am heutigen
Abend möchte ich darauf hinweisen, daß das Glas der
neuen Beziehungen Frankreichs zum Bündnis weder
halb voll noch halb leer ist, sondern zu 99 Prozent voll.
Und ich bin zuversichtlich, daß wir es auch noch um
das fehlende eine Prozent auffüllen können.
Die Umgestaltung der NATO steht auch im Zusammenhang mit einem besonderen europäischen Kapitel
- der Europäischen Union, der Westeuropäischen
Union und der europäischen Sicherheits- und Verteidigungsidentität (ESDI). Meine Regierung hat zugesagt,
alles in ihrer Macht Stehende zu unternehmen, um der
WEU erstmals bei der Durchführung wirksamer

Seite 4

Aktionen zu helfen. Wir verstärken den Einfluß der
Europäer im Befehlssystem des Bündnisses, erhöhen
die Sichtbarkeit des europäischen Teils dieses Befehlssystems und schaffen die Möglichkeit für eine
verstärkte europäische Verantwortung.
Wir, die
Vereinigten Staaten, scheuen uns nicht und flüchten
auch nicht davor. Wir unterstützen und begrüßen sie
und unternehmen zusammen mit den anderen 15
Bündnismitgliedern alles hierzu Erforderliche.
Es gibt jedoch noch eine weitere unerledigte Aufgabe,
die wir in der NATO mit der Europäischen Union
angehen können. Unsere beiden Institutionen befinden sich in derselben Stadt auf zwei verschiedenen
Planeten. Derzeit bestehen praktisch noch keine
Beziehungen zwischen NATO und EU. In Brüssel
bemühen wir uns aber bereits um den Abbau dieser
Mauern. Vor zwei Monaten stattete uns Hans van den
Broek, den man als Außenminister der Europäischen
Union bezeichnen könnte, einen Besuch ab. Er nahm
an einem privaten Mittagessen des NATO-Rates teil.
Viele von uns haben an diesem Problem gearbeitet sehr konstruktiv, aber auch mit vorsichtigem Zögern
und relativ viel gegenseitigem Taxieren zwischen
NATO und EU.
Ich weiß, daß eine Organisation uns beim Knüpfen der
erforderlichen neuen Beziehungen zwischen der
NATO und der Europäischen Union helfen kann: das
European Institute hier in Washington. Jacqueline
Grapin hat bereits sehr viel getan, um die Vereinigten
Staaten und Europa über den Atlantik hinweg einander
näherzubringen. Jetzt arbeiten sie und ihr European
Institute gemeinsam an dieser grundlegenden Zusammenführung von NATO und EU - zwei derselben
Sache verschriebenen Institutionen. Wir setzen uns
dafür ein, innerhalb dieser beiden Institutionen dieselbe Geschichte des Engagements in Westeuropa
und über den Atlantik hinweg wie in Zentaleuropa und
Rußland zu schreiben. Die Ziele des Bündnisses und
der EU - und großenteils auch unsere Methodik ergänzen sich, und meines Erachtens werden wir uns
in Zukunft gegenseitig stärken. Jean Monnet formulierte es vor einigen Jahren am besten, als er sagte: "Das
Ziel besteht darin, alle an eine Seite des Tisches zu
bekommen und das Problem auf die andere." Und
genau das tut Jacqueline.
Ich möchte mit einer Herausforderung schließen und
Sie zur Übernahme einer neuen Aufgabe auffordern.
Meine Arbeit bei der NATO hat viele Aspekte, von
denen einer von herausragender Bedeutung ist.
Meines Erachtens haben wir ein gutes Bündnis für die
Zukunft aufgebaut. Wir haben unserer Meinung nach
einen Cadillac entworfen, fürchten aber, daß wir mit
einem Edsel enden, wenn wir nicht die unvermeidliche
Aufgabe erfüllen, den Menschen in diesem Land und
allen anderen Mitgliedstaaten des Bündnisses zu
erklären, warum und wie wir das tun, zu welchem
Zweck und warum sie uns unterstützen sollten. Es ist

AMERIKA DIENST 01

�eine Ironie, daß wir in einer Zeit nach dem Kalten Krieg
leben, in der leicht so viel zur Verhinderung einer
Wiederholung jedes der drei Kriege getan werden
kann, die Europa in diesem Jahrhundert erlebt hat, wir
aber so große Schwierigkeiten haben, die erforderliche
Aufmerksamkeit zu erhalten. Es werden so wenige
Mittel benötigt, aber es ist so schwierig, sie zu bekommen.
Tom Lantos, ein bekannter Kongreßabgeordneter aus
San Francisco, hat einmal gesagt, wenn man die
westlichen Länder vor zehn Jahren gefragt hätte,
wieviel sie für Ostdeutschland, Polen, die Tschechoslowakei, Ungarn, Bulgarien, Rumänien und die
Sowjetunion zahlen würden - 100 Milliarden oder 500
Milliarden Dollar? - wäre es kein Problem gewesen,
das Geld aufzubringen. Wieviel würde jetzt gezahlt,
damit diese Länder frei und unabhängig bleiben und
zum Westen gehören? Wieviel würde aufgewendet,
um das Versprechen des Marshallplans zu erfüllen?
Wievel würde man tun um sicherzustellen, daß in
Zukunft in Europa alles gewährleistet ist, was wir im
Kalten Krieg anstrebten? Bedauerlicherweise würde
man jetzt wohl eine andere Antwort bekommen zumindest wenn wir nicht in jeder unserer Nationen

*

AMERIKA DIENST 01

und in jedem unserer Parlamente die erforderliche
Unterstützung mobilisieren können.
Und hierfür
benötigen wir Ihre Hilfe - jetzt mehr denn je.
Isaac Newton erklärte, er stünde auf den Schulten von
Riesen. Es ist offensichtlich, daß wir in der NATO
heute auch auf den Schultern von Riesen stehen, von
denen einige heute hier versammelt sind. Teilweise
haben sie viele Jahre daran gearbeitet zu ermöglichen,
daß ich heute hier stehen kann und wir ein European
Institute haben, das so viel bewirkt. Wir blicken zurück
und beurteilen die Errungenschaften der letzten 50
Jahre. Wir sprechen über die Größe von Politikern
und ihre damalige Vision. In 50 Jahren werden die
Menschen auf uns zurückschauen - auf jeden einzelnen hier Anwesenden - mit dieser perfekten nachträglichen Einsicht - und darüber urteilen, ob wir
unserer Verantwortung gerecht geworden sind - dieser
einzigartigen Verantwortung und Chance, die keine
andere Generation in der transatlantischen oder
europäischen Geschichte hatte. Ich bin zuversichtlich,
daß die Geschichte uns milde beurteilen wird, denn ich
weiß um das Format und Engagement jedes einzelnen
hier Anwesenden. Ich danke Ihnen.

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Seite 5

�PORTRAT
15.Januar 1997

Janet L. Yellen
Die designierte Vorsitzende des Rats der Wirtschaftsberater

WASHINGTON - (AD) - Am 20. Dezember 1996 gab Präsident Clinton die Nominierung von Janet L. Yellen als
Vorsitzende des Rats der Wirtschaftsberater bekannt. Yellen, die derzeitig dem Rat der Gouverneure des
Federal Reserve System, der amerikanischen Zentralbank, angehört, tritt damit die Nachfolge von Joseph Stiglitz
an.

Janet L. Yellen wurde am 12. August 1994 als Mitglied
des Rats der Gouverneure des Federal Reserve
System vereidigt - ein Posten, der am 31. Januar 2008
ausläuft.
Dr. Yellen wurde am 13. August 1946 in Brooklyn, New
York, geboren. Sie machte 1967 ihren Abschluß in
Wirtschaftswissenschaften summa cum laude an der
Brown University und promovierte 1971 in diesem
Fach an der Yale University.
Dr. Yellen war von 1971-76 Dozentin in Harvard. Von
1977-78 war sie Ökonomin im Rat der Gouverneure
des Federal Reserve System und auf internationale
Handels- und Finanzfragen, einschließlich der Stabilisierung der internationalen Wechselkurse spezialisiert.
Von 1978-80 lehrte Dr. Yellen an der London School of
Economics.
Vor ihrem Beitritt zum Rat der Gouverneure hatte Dr.
Yellen den Bernard T. Rocca, Jr.-Lehrstuhl für interna-

tionale Wirtschaft und Handel der Haas School of
Business an der University of California in Berkeley
inne, wo sie seit 1980 lehrte. Ferner gehörte sie dem
Gremium der Wirtschaftsberater des Haushaltsbüros
des Kongresses an und war hochrangige Beraterin für
Wirtschaftsfragen beim Brookings Panel.
Dr. Yellen schrieb über eine Vielzahl makroökonomischer Fragen, wobei sie sich auf die Ursachen,
Mechanismen und Auswirkungen von Arbeitslosigkeit
spezialisierte. Darüber hinaus ist sie im Bereich der
Volkswirtschaft eine anerkannte Wissenschaftlerin,
wobei sie sich in letzter Zeit auf die Ermittlung der
Handelsbilanz sowie den Verlauf der Wirtschaftsreformen in Osteuropa konzentrierte.
Dr. Yellen ist mit einem anderen Wirtschaftswissenschaftler, Professor George Akerlof, verheiratet, mit
dem zusammen sie mehrere Artikel verfaßte. Die
beiden haben einen Sohn, Robert.

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�PORTRAT
15.Januar 1997

Alexis M. Herman
Die designierte Arbeitsministerin

WASHINGTON - (AD) - Präsident Clinton gab am 20. Dezember 1996 die Nominierung von Alexis M. Herman zur
Arbeitsministerin bekannt. Vorbehaltlich ihrer Bestätigung durch den Senat tritt sie im Kabinett die Nachfolge von
Robert Reich an.
Während Präsident Clintons erster Amtszeit war Herman Direktorin des Büros für Öffentlichkeitsarbeit im Weißen
Haus.

Alexis Herman begann ihre berufliche Laufbahn 1969
als Sozialarbeiterin für Catholic Charities und entwikkelte Berufsausbildungsmöglichkeiten für arbeitslose
Jugendliche, ungelernte Arbeitnehmer und neue
Mitarbeiter des Schiffbauunternehmens Ingall's in
Pascagoula (Mississippi). Nach ihrer einstimmigen
Bestätigung durch den Senat im Jahr 1977 war sie
unter der Carter-Administration Direktorin des Büros
für Frauenfragen im US-Arbeitsministerium. Im Januar
1993 wurde Herman zur persönlichen Referentin
Präsident Clintons und Direktorin des Büros für
Öffentlichkeitsarbeit im Weißen Haus ernannt. In
letztgenannter Funktion ist sie dafür zuständig,
Unterstützung für Präsident Clintons Prioritäten zu
gewinnen. In dieses Amt brachte sie mehr als zwei
Jahrzehnte leitender Tätigkeit ein, während der sie
Maßnahmen zum Schutz von Arbeitnehmern, Frauen
und schwer vermittelbaren Arbeitskräften entwickelte,
förderte und umsetzte.
Herman war 1992 stellvertretende Direktorin des
Übergangsteams des Präsidenten. 1991 wurde sie
Leiterin des Komitees für den nationalen Parteitag der
Demokraten und war verantwortlich für die Organisation des Parteitags. Zuvor war sie Stellvertretende
Vorsitzende und Leiterin des nationalen Komitees der
Demokraten.
Als Gründerin und Präsidentin von A.M. Herman &amp;
Associates war Herman in den achtziger Jahren
Beraterin von Regierungen der Bundesstaaten und
Kommunalverwaltungen sowie von Privatunternehmen. Als Expertin für den Abbau und die Beseitigung

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von Hindernissen auf dem Arbeitsmarkt beriet sie
Unternehmen in Personalfragen im Zusammenhang
mit Ausbildung, Mentorentätigkeit sowie Bekämpfung
von Arbeitskräftefluktuation. Ferner half sie den
Regierungen der Bundesstaaten und Kommunalverwaltungen, wirtschaftliche Entwicklungstätigkeit an die
Schaffung von Arbeitsplätzen und Ausbildungsstrategien zu binden.
Als Direktorin des Büros für Frauenfragen im Arbeitsministerium unter der Carter-Administration beriet
Herman die Administration und Arbeitsminister Ray
Marshall über Arbeitsplatzpolitik. Sie rief neue Programme zur Unterstützung junger Frauen mit niedrigem Einkommen und beschäftigungsbezogenen
. Problemen ins Leben und stärkte die Zusammenarbeit
bei Frauenfragen zwischen Privatwirtschaft, Gewerkschaften und Behörden. Sie war die erste Büroleiterin,
die in den Rang einer Stellvertretenden Staatssekretärin erhoben wurde. Vor ihrer Tätigkeit im Arbeitsministerium war Herman bei R-T-P Inc. in Atlanta
nationale Direktorin des Beschäftigungsprogramms für
weibliche Angehörige von Minderheiten. Dort entwikkelte sie Programme, um Frauen aus Minderheitengruppen im Büro und an nichttraditionellen Arbeitsplätzen unterzubringen.
Herman, die seit langem eine Befürworterin starker
Familien ist, kämpft für Beschäftigungsmöglichkeiten
für Männer und Frauen. Die in Mobile (Alabama)
geborene Herman machte 1969 ihren Abschluß an der
Xavier University in New Orleans.

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�PORTRAT

15.Januar 1997

Rodney E. Slater
Der designierte Verkehrsminister

WASHINGTON - (AD) - Am 20. Dezember 1996 gab Präsident Clinton die Nominierung von Rodney E. Slater
zum Verkehrsminister bekannt. Der derzeitige Direktor der Federal Highway Administration tritt damit die
Nachfolge von Federico Pena an.

Als Hauptverantwortlicher für die Highways der Nation
setzt sich der Direktor der Federal Highway Administration, Rodney E. Slater, dafür ein, der Verpflichtung der Clinton-Administration zu strategischen
Investitionen in die Infrastruktur des Landes nachzukommen und sicherzustellen, daß Amerika den
verkehrspolitischen Herausforderungen des 21.
Jahrhunderts gewachsen ist.
Die Federal Highway Administration (FHWA) unterstellt dem amerikanischen Verkehrsministerium. Die
Behörde hat 3.500 Mitarbeiter, ein Jahresbudget von
20 Milliarden Dollar und ein Büro in jedem Bundesstaat. In den letzten vier Jahren erzielte die FHWA
Rekordhöhen mit ihren Investitionen in die nationale
Infrastruktur. Unter Slaters Führung förderte sie
fortschrittliche Initiativen in Bereichen wie Finanzierung
von Highways und Technologie, während sie dazu
beitrug, das Versprechen des Präsidenten zum
Wiederaufbau Amerikas umzusetzen.
Seit seiner Ernennung zum Direktor der Federal
Highway Administration im Jahr 1993 legte Slater auf
seinen Reisen in 40 Bundesstaaten mehr als 450.000
Kilometer zurück. Er traf mit Tausenden von Menschen zusammen - von Vertretern des Verkehrswesens der Bundesstaaten und Kommunen bis zu
normalen Bürgern, die wissen, daß verkehrspolitische
Erfordernisse mehr umfassen als nur Beton, Asphalt
und Stahl. Alle unterstrichen die Bedeutung von
Beförderungsmitteln für die Volkswirtschaft und ihre
wesentliche Rolle im Alltagsleben der Menschen.
Slater hörte sich ihre Anliegen an und bezog sie in den
Entscheidungsfindungsprozeß der FHWA ein.
Slater ist der 13. Direktor der Federal Highway Administration und der 19. Chef der Verwaltungsbehörde

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für die Highways seit ihrer Gründung unter dem
Namen "Office of Road Inquiry" im Jahr 1893. Slater
bringt in dieses Amt seine auf bundesstaatlicher Ebene
gewonnene große Erfahrung ein. Er war 1992-93
Vorsitzender der Highway-Kommission des Bundesstaates Arkansas und 1987-92 einer ihrer Kommissare. Ferner war er 1983-87 hochrangiger Mitarbeiter
des damaligen Gouverneurs Clinton und 1980-82
stellvertretender Justizminister von Arkansas. Darüber
hinaus war er von 1987 bis 1992 an der Arkansas
State University als Direktor des Verbindungsbüros zur
Regierung tätig.
Slater erhielt zahlreiche Auszeichnungen und Ehrungen, darunter den "Arkansas Public Transportation
Advocate Award" der Arkansas Transit Association.
Die Arkansas Jaycees ernannten Slater zu einem der
"zehn herausragenden jungen Einwohner von Arkansas", und die Arkansas Times bezeichnete ihn
wegen seines Einsatzes für die Sanierung des Mississippi Delta in Arkansas als "Helden von Arkansas". Er
war Sekretär und Schatzmeister der Arkansas Bar
Association, Mitglied der Arkansas Sesquicentennial
Commission und Verbindungsmann zur Martin Luther
King, Jr. Federal Holiday Commission.
Slater machte 1977 seinen Abschluß an der Eastern
Michigan University und 1980 an der juristischen
Fakultät der University of Arkansas. 1994 erhielt er
den Preis der Eastern Michigan University für herausragende farbige Studenten und bei der Verleihung
akademischer Grade im Wintersemester 1996 die
Ehrendoktorwürde.
Slater wurde in Marianna (Arkansas) geboren. Mit
seiner Frau Cassandra Wilkins hat er eine Tochter,
Bridgette Josette.

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�PORTRAT
15.Januar 1997

Andrew Cuomo
Der designierte Minister für Wohnungs- und Städtebau

WASHINGTON - (AD) - Am 20. Dezember 1996 gab Präsident Clinton die Ernennung von Andrew Cuomo zum
Minister für Wohnungs- und Städtebau bekannt. Der Sohn von Mario Cuomo, dem ehemaligen Gouverneur des
Bundesstaates New York, tritt mit diesem Posten die Nachfolge von Henry Cisneros an.

Während Präsident Clintons erster Amtszeit war
Andrew Cuomo Abteilungsleiter im Ministerium für
Wohnungs- und Städtebau. Während dieser Zeit
wurde er dafür bekannt, daß er den Erfordernissen der
Gemeinden große Beachtung schenkte und innovative
Lösungen auf der Grundlage von Partnerschaften
zwischen örtlichen Gruppen, Wirtschaftsvertretern und
gewählten Beamten fand. Cuomos Tätigkeit im
Wohnungs- und Städtebauministerium wurde von der
John F. Kennedy School of Government der Harvard
University als Beispiel für "effektive Regierungsführung" gewürdigt, die dazu beiträgt, "das Vertrauen
in die Fähigkeit der Regierung zur Lösung schwieriger
Probleme wiederherzustellen".
1986 gründete Cuomo die Organisation H.E.L.P.
(Housing Enterprise for the Less Privileged), die sich
zum größten privaten Anbieter von Übergangswohnungen für Obdachlose und national anerkannten Beispiel
entwickelte. Das Modell von H.E.L.P. bietet sichere,
qualitativ hochwertige Unterbringung und umfassende
Sozialdienste vor Ort unter einem Dach an und schafft
damit eine tragende Gemeinschaft für obdachlose
Familien. H.E.L.P. verhilft derzeit mehr als 4.000
Menschen jährlich zu einer Unterkunft.
Das Projekt Genesis zur Förderung innovativer
Ansätze für Stadtsanierung, Gemeindeentwicklung und
bahnbrechende Verwaltungsmethoden im Bereich der
Wohnungsvermietung geht ebenfalls auf Cuomos
Initiative zurück. Genesis dient als Modell für einen
umfassenden Ansatz, Gemeindeentwicklung mit
erschwinglicher Unterbringung zu verbinden und eine
Partnerschaft zwischen allen Regierungsebenen und
dem Privatsektor zu schaffen. 1993 führte Cuomo das
Modell H.E.L.P. im Bauministerium ein und entwickelte

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den Continuum of Care-Ansatz, der von Hunderten
von Gemeinden im ganzen Land übernommen wurde.
Im Oktober 1991 wurde Cuomo von Bürgermeister
David Dinkins zum Vorsitzenden der Kommission für
die Obdachlosen ernannt und war damit der jüngste
Kommissionsvorsitzende in der Geschichte der Stadt
New York. Die Kommission legte dem Bürgermeister
im Februar 1992 ihren Bericht "Der Weg zum Heim ein neuer Kurs in der Sozialpolitik" vor. Er entwickelt
einen Rahmen für fortgesetzte Betreuung von Obdachlosen in New York und wurde von zahllosen gewählten
Beamten, Organisationen und Zeitungen gewürdigt,
einschließlich des Präsidenten des New Yorker
Stadtrats, der Partnerschaft für die Obdachlosen, der
Koalition für die Obdachlosen sowie der The New
York Times, New York Post und Daily News. Die
Empfehlungen der Kommission wurden vom Bürgermeister angenommen und erhielten nationale Anerkennung als beispielhafter Ansatz zur Lösung von
Problemen der Obdachlosen.
Cuomo ist Verfasser zahlreicher Artikel und hielt
Vorträge an Universitäten im ganzen Land. Für sein
Engagement für Gemeindeentwicklung, erschwingliche
Wohnungen und seine Arbeit im Dienst der Obdachlosen und der Öffentlichkeit erhielt er mehrere Auszeichnungen, darunter 1996 den Preis der Ford Foundation/Kennedy School für innovative Regierungsführung, 1992 für Pionierarbeit im Wohnungsbau vom
American Institute of Architects, ebenfalls 1992 die
Bard-Auszeichnung für herausragende Leistungen im
Bereich von Architektur und städtischem Design für
das Projekt Genesis, 1991 von der New York University die Auszeichnung für herausragende Leistungen im Dienst der Gemeinschaft, 1988 die Auszeich-

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�nung der Fannie Mae Foundation für herausragende
Leistungen sowie den Preis für gute Nachbarschaft
des amerikanischen Roten Kreuzes.
1982, im Alter von 23 Jahren, war Cuomo Wahlkampfmanager für den ersten Wahlkampf von Mario M.
Cuomo für das Gouverneursamt des Bundesstaates
New York und anschließend persönlicher Referent des
Gouverneurs. Danach war Cuomo juristisch tätig - erst
als stellvertretender Staatsanwalt in Manhattan und

dann als Partner in der Anwaltssozietät Blutrich,
Falcone &amp; Miller.
Cuomo machte 1982 seinen juristischen Abschluß an
der Albany Law School und erwarb 1979 seinen
Bachelor of Arts an der Fordham University. Er wurde
am 6. Dezember 1957 in Queens im Bundesstaat New
York geboren. Cuomo ist mit Kerry Kennedy Cuomo
verheiratet und Vater der im Januar 1995 geborenen
Zwillingstöchter Cara und Mariah.

* * * * *

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AMERIKA DIENST 01

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                <text>&lt;strong&gt;1. Außenpolitik&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;USA benötigen "Diplomatie erster Klasse"&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Anhörung von Madeleine Albright&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. NATO&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Die neue transatlantische Partnerschaft&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede von Botschafter Hunter&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Porträt&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Janet E. Yellen&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Die designierte Vorsitzende des Rats der Wirtschaftsberater&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Alexis M. Herman&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Die designierte Arbeitsministerin&lt;/em&gt; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Rodney E. Slater&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Der designierte Verkehrsminister&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Andrew Cuomo&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Der designierte Minister für Wohnungs- und Städtebau&lt;/em&gt;</text>
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dienet

Herausgeber: U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

Z12462C

01

13.Januar 1999

VERTEIDIGUNGSHAUSHALT

AUFSTOCKUNG DES
US-VERTEIDIGUNGSHAUSHALTS
Radioansprache des Präsidenten

USA-EUROPA

VEREINIGTE STAATEN BEGRÜSSEN
EINFÜHRUNG DES EURO
Erklärungen des Präsidenten und des
Stellvertretenden US-Finanzministers

USA-RUSSLAND

DIE REZESSION IN RUSSLAND UND IHRE AUSWIRKUNGEN AUF DIE NUKLEARINDUSTRIE
von Energieminister Bill Richardson

NATO

USA LEHNEN FORDERUNG NACH VERZICHT
DER NATO AUF ERSTEINSATZ VON ATOMWAFFEN AB
Interview mit Walter Slocombe

UMWELT

EINE WEITERE NACHTSITZUNG FÜR DEN
KLIMAWANDEL
von John C. Kornblum

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Tel.: 0228-3392956
Fax: 0228-333138
Internet: http://www.usembassy.de

�VERTEIDIGUNGSHAUSHALT

13.Januar 1999

Aufstockung des US-Verteidigungshaushalts
Radioansprache des Präsidenten

WASHINGTON - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die Radioansprache von Präsident Clinton zur
Aufstockung des amerikanischen Verteidigungshaushalts vom 2. Januar 1999.

Guten Morgen. Während wir das letzte neue Jahr
dieses Jahrhunderts feiern, möchte ich zu Ihnen
darüber sprechen, daß wir in der Schuld derjenigen
stehen, die jedes Jahr zu einem Jahr des Friedens für
Amerika machen - die Männer und Frauen unserer
Streitkräfte.
Nahezu 1,4 Millionen Amerikaner stehen heute im
aktiven Dienst für unser Land. Fast eine Viertelmillion
von ihnen sind in Übersee und tun in unvergleichlicher
Weise, was getan werden muß - sei es, die Ambitionen
des Irak zu vereiteln, seine Nachbarn oder die Welt mit
Massenvernichtungswaffen zu bedrohen; in Korea an
der letzten befestigten Grenze des Kalten Krieges
Wache zu halten; den Frieden in Bosnien zu sichern;
unseren Nachbarn in Mittelamerika oder der Karibik bei
Naturkatastrophen zu helfen oder uns einfach das
Vertrauen zu geben, daß Amerika für immer stark und
sicher sein wird.
W r verlassen uns auf unsere Streitkräfte, weil die Welt
immer noch ein gefährlicher Ort ist. W r sind stolz auf
sie, weil sie die Besten der Welt sind. Und heute
erinnern wir uns daran, warum sie die Besten sind nicht nur wegen der Qualität unserer Waffen, sondern
wegen der Qualität unserer Menschen in Uniform. Ihr
Geschick, ihr Engagement und ihre Professionalität
sind enorm groß, stehen außer Frage und suchen
ihresgleichen auf der Welt.
Wenn wir unseren Soldaten und Soldatinnen einen
Auftrag geben, müssen wir uns ein Prinzip vor Augen
halten. Wir sollten sie nie bitten, etwas zu tun, wofür
sie nicht ausgerüstet sind, und wir sollten sie immer für
das ausrüsten, was wir sie zu tun bitten. Je mehr wir
verlangen, desto größer ist unsere Verantwortung,
unseren Truppen die Unterstützung, Ausbildung und
das Gerät zu geben, die sie benötigen. Als Ober-

AMERIKA DIENST 01

befehlshaber habe ich keine größere Pflicht als diese unseren Truppen die Instrumente an die Hand zu
geben, um neue Missionen zu übernehmen und
gleichzeitig ihre Einsatzbereitschaft zur Verteidigung
unseres Landes und zur Bekämpfung jedes Gegners
aufrechtzuerhalten; sicherzustellen, daß sie im Ausland
stationiert werden können in dem Wissen, daß ihre
Familien die Lebensqualität haben, die sie verdienen
und zu gewährleisten, daß sich ihr Dienst von der
Rekrutierung bis zum Ruhestand nicht nur lohnt,
sondern gut belohnt wird.
Ich bin zuversichtlich, daß unser Militär heute zur
Erfüllung dieser Mission bereit ist. Unsere Truppen
führen weiterhin mit makelloser Präzision weit von zu
Hause entfernt komplexe und gefährliche Missionen
durch, wie wir gerade am Persischen Golf gesehen
haben.
Unsere Herausforderung besteht in der
Bewahrung der Fähigkeit, dies zu tun, während wir
unsere gesamte Verteidigungsstrategie umsetzen.
Aus diesem Grund haben wir den Kongreß gebeten,
den diesjährigen Haushalt um 1,1 Milliarden Dollar
aufzustocken, um unsere Einsatzbereitschaft auf dem
höchsten Stand zu halten und die Rekrutierung zu
verbessern. Und der Kongreß hat es getan. Ich habe
auch mit unseren hochrangigen Militärs zusammengearbeitet, um sicherzustellen, daß ihre obersten
Prioritäten bei der Einsatzbereitschaft in unserem
Haushaltsantrag für das Jahr 2000 ihren Niederschlag
finden.
Der Haushalt, den ich dem Kongreß für das nächste
Jahr vorlege, sieht eine Erhöhung von über 12 Milliarden Dollar für Verteidigungsbereitschaft und Modernisierung durch eine Kombination neuer Ausgaben und
Haushaltseinsparungen vor. Das ist der Anfang von
sechsjährigen Bestrebungen, die sich mit der ersten

Seite 1

�langfristigen Aufstockung der Verteidigungsausgaben
seit einem Jahrzehnt befassen.
Wir möchten, daß unsere Streitkräfte weiterhin einsatzbereit sind, damit sie in jeder Krise schnell disloziert
werden können. Und das gewährleisten wir mit diesen
Bestrebungen durch die Finanzierung von gemeinsamen Manövern, Flugausbildung, dringend benötigten
Ersatzteilen und der Besetzung entscheidender
Positionen. Wir möchten, daß unsere Streitkräfte auch
im nächsten Jahrhundert die am besten ausgerüsteten
der Welt sind. Und das gewährleisten wir mit diesen
Bestrebungen, indem wir die nächste Generation von
Schiffen, Flugzeugen und Waffensystemen bezahlen.
Ferner wird dadurch unser Militär in die Lage versetzt,
bei der Bewältigung aufkommender Bedrohungen
unserer Sicherheit wie Terrorismus und Weiterverbreitung die ihm zukommende Rolle zu spielen.
Das wird uns helfen, unseren Truppen das ihnen
Zustehende zukommen zu lassen, indem wir überaltertes Gerät, Kasernen und Familienunterkünfte modernisieren und ersetzen. Dazu zählt eine Gehalts-

erhöhung für das Militär von 4,4 Prozent - die größte
seit 1982 -, eine Umstrukturierung von gezahlten
Belohnungen und die Wiedereinführung von Rentenzahlungen an das Militär, die vor mehr als einem
Jahrzehnt abgeschafft wurden.
Wir müssen diese Bestrebungen heute unternehmen,
damit unsere Nation auch morgen stark und sicher ist.
Und wir müssen es auch aus dem Grund tun, weil wir
eine heilige Verpflichtung gegenüber denjenigen
haben, die um unseretwillen Gefahren und Härten in
Kauf nehmen.
Es sind unsere Söhne und Töchter, Ehemänner und
Ehefrauen, Freunde und Nachbarn aus Städten und
Dörfern ganz Amerikas. Wir müssen ihnen die benötigte Hilfe geben, damit sie ihre Arbeit gut leisten und
weiterhin in ein sicheres und stabiles Amerika heimkehren können.
Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.
Ihnen ein gutes neues Jahr.

Ich wünsche

* * * * *

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AMERIKA DIENST 01

�USA-EUROPA

13.Januar 1999

Vereinigte Staaten begrüßen Einführung des Euro
Erklärungen des Präsidenten und
des Stellvertretenden US-Finanzministers

WASHINGTON/NEW YORK - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir eine vom Weißen Haus herausgegebene
Erklärung Präsident Clintons vom 4. Januar 1999 sowie eine in New York abgegebene kurze Stellungnahme des
Stellvertretenden US-Finanzministers Lawrence Summers zur Einführung des Euro.

Präsident Bill Clinton:

Lawrence Summers:

Wir begrüßen die Einführung des Euro, einen von 11
europäischen Nationen unternommenen Schritt zu
einer vollständigeren europäischen Wirtschafts- und
Währungsunion (EWWU). Die Vereinigten Staaten
sind seit langem ein Befürworter der europäischen
Integration, und wir bewundern die stetigen Fortschritte, die diese Union möglich gemacht haben. Ein
starkes und stabiles Europa mit offenen Märkten und
kräftigem Wachstum ist gut für Amerika und für die
Welt. Eine erfolgreiche Wirtschaftsunion, die zu einem
dynamischen Europa beiträgt, liegt zweifelsohne in
unserem langfristigen Interesse.

Wir gratulieren Europa zu dieser bedeutenden Leistung, die den Höhepunkt der Träume darstellt, die
viele Menschen seit vielen Jahren haben. Die europäische Währungsunion kann, wenn sie erfolgreich ist,
viele bedeutende Vorteile für die Vereinigten Staaten
bringen - in Gestalt eines Europas, das einen größeren, wohlhabenderen Markt für unsere Waren darstellt
und weltweit für uns ein besserer Partner ist. Die von
der Währungsunion verhängte Disziplin macht die
Herausforderungen von Finanzdisziplin und Strukturreform in Europa noch wichtiger.

* * * * *

AMERIKA DIENST 01

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�USA-RUSSLAND

13.Januar 1999

Die Rezession in Rußland und
ihre Auswirkungen auf die Nuklearindustrie
von Energieminister Bill Richardson

(AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir einen von US-Energieminister Bill Richardson verfaßten Artikel.

Die Finanzkrise in Rußland hat den amerikanischen
Bestrebungen neue Dringlichkeit verliehen, Rußland
bei der Verstärkung der Überwachung von waffenfähigem Material und Fachkenntnis zu helfen. Verschiedene Vorfälle mit unbezahltem Wachpersonal und
nicht funktionierenden Sicherheitseinrichtungen haben
bereits das Risiko eines nuklearen Lecks zu verbrecherischen Staaten oder Terroristen erhöht.
Der beunruhigendste Zwischenfall, der den durch
wirtschaftliche Härten ausgeübten Druck auf die
Mitarbeiter von Kernkraftwerken reflektiert, fand in der
geschlossenen Stadt Majak, der größten Wiederaufbereitungsanlage für Plutonium, statt, wo Dutzende
Tonnen waffenfähigen Plutoniums gelagert sind. Im
September lief ein wachhabender Feldwebel Amok und
tötete mehrere seiner Kollegen, bevor er floh. Er
wurde bislang noch nicht gefaßt.
Unsere Partnerschaft mit Rußland zur Bewältigung
dieser wachsenden sicherheitspolitischen Herausforderungen ist außergewöhnlich. In Zusammenarbeit
mit dem US-Energieministerium verkauft Rußland den
Vereinigten Staaten große Mengen waffenfähigen
Urans in nichtwaffenfähiger Form - bislang 36 Tonnen.
Ferner akzeptiert Rußland unsere Hilfe bei der Verbesserung von Schutz und Nachweis von Nuklearmaterial in etwa 40 Nukleareinrichtungen, einschließlich
höchst geheimer Anlagen.
Darüber hinaus hat Moskau einem amerikanischrussischen Programm zugestimmt, in jedem Land 50
Tonnen waffenfähiges Plutonium für nukleare Explosivstoffe unbrauchbar zu machen. Und wir verfolgen
kooperative Programme, um russische Waffenforscher
in friedliche Projekte einzubeziehen und die Konsolidie-

AMERIKA DIENST 01

rung des russischen
erleichtern.

Nuklearwaffenkomplexes

zu

Die russische Finanzkrise hat diese Arbeit schwieriger,
aber auch wichtiger gemacht, denn die zunehmenden
Wirtschaftsturbulenzen werden die Anreize für Insider
in Nukleareinrichtungen zum Verkauf von Material oder
ihren Diensten außerhalb der autorisierten Kanäle
erhöhen.
Unsere größte Sorge ist, daß die wirtschaftlichen Härten die Fähigkeit dieser Einrichtungen
zum Schutz und zur Kontrolle von Nuklearmaterial
beeinträchtigen.
Beispielsweise haben wir von Fällen gehört, wo
Wachpersonal in einigen zivilen Nukleareinrichtungen
nicht zur Arbeit erschien und - in einem außergewöhnlichen Fall - der Strom einer Nukleareinrichtung wegen
unbezahlter
Elektrizitätsrechnungen
abgeschaltet
wurde, was natürlich Auswirkungen auf die vom Strom
abhängigen Sicherheitssysteme hatte.
Bislang haben wir keine Beweise dafür, daß Nuklearmaterial gefährdet wurde. Trotzdem sind dies ernste
Entwicklungen, und die Arbeitsgruppe des US-Energieministeriums für die Sicherheit von Nuklearmaterial in
Rußland und den neuen unabhängigen Staaten der
ehemaligen Sowjetunion arbeitet hart daran.
Das Programm meines Ministeriums für Materialschutz,
-kontrolle und -nachweis fördert beispielsweise
"passive" Sicherheitsverbesserungen,
die
sogar
funktionieren, wenn das Wachpersonal nicht verfügbar
ist oder der Strom abgeschaltet wird. Dazu zählen
Tresorschlösser, die bei Stromausfall in den sicheren
Zustand gehen und nur geöffnet werden können, wenn
zwei autorisierte Personen entsprechende Codes
eingeben, sowie passive physische Barrieren wie

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�ineinandergreifende Betonblöcke.
Andere Maßnahmen können so einfache Dinge wie das Zumauern
ungeschützter Fenster und überflüssiger Zugänge
beinhalten.
Ferner intensivieren wir unsere Bestrebungen zur
Konzentration von Material an wenigen, leichter zu
sichernden Orten, obwohl es angesichts des Ausmaßes des russischen Nuklearkomplexes noch
mehrere Jahre dauern wird, bevor wir signifikante
Ergebnisse sehen.
Die Frage der Betriebskosten wie beispielsweise der
Gehälter des Wachpersonals ist besorgniserregend.
Die Vereinigten Staaten haben solche Kosten in der
Vergangenheit nie bestritten, weil sie unseres Erachtens in den russischen Verantwortungsbereich
fallen. Trotzdem suchen wir nach Wegen, einzelne
Einrichtungen zu unterstützen, indem wir die Wärter mit
Winterkleidung versorgen und verschiedene Verpflegungsstellen subventionieren um zu gewährleisten,
daß die Wärter nicht hungrig Dienst tun müssen.
Die Kosten sind gering und zweifelsohne eine lohnende Investition.
Diesen Sommer hat mein Ministerium ein umfassendes
neues Programm mit dem russischen Innenministerium
eingeleitet - der Organisation, die in vielen russischen
Nukleareinrichtungen das Wachpersonal stellt. Wir

verbessern die Ausbildung und Notfallmaßnahmen.
Wir werden unsere Kontakte zum Innenministerium
nutzen, um die Bedeutung der Zahlung von Löhnen
und Gehältern des Wachpersonals sowie seiner
Versorgung mit anderen notwendigen Dingen zu
unterstreichen.
Die finanziellen Turbulenzen in Rußland behindern
unsere Bestrebungen zur Diversifizierung der Volkswirtschaften der zehn geschlossenen Nuklearstädte
und insbesondere die Förderung von Privatinvestitionen in diesen Regionen. Im nächsten halben Jahr wird
unsere neue "Initiative Nuklearstädte" jedoch hoffentlich die Weichen stellen.
Drei Städte wurden als Aushängeschilder ausgewählt:
Zwei Komplexe für den Entwurf von Nuklearwaffen und
ein Zentrum für Plutoniumherstellung in Krasnojarsk26. Im kommenden Januar werden führende Vertreter
dieser Städte vergleichbare "verkleinerte" Nukleareinrichtungen in den Vereinigten Staaten besuchen, um
zu lernen, wie wir dort zivile Arbeitsplätze schaffen, und
Teams amerikanischer Wirtschaftsentwicklungsspezialisten werden die drei russischen Zentren besuchen.
In den kommenden Monaten wird Rußland mehr, nicht
weniger Hilfe benötigen, und wir müssen darauf
vorbereitet sein. Unsere beiden Länder bleiben der
Verringerung der Bedrohung durch das nukleare Erbe
des Kalten Krieges verpflichtet.

* * * *

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*

AMERIKA DIENST 01

�NATO
13.Januar 1999

USA lehnen Forderung nach Verzicht der NATO
auf Ersteinsatz von Atomwaffen ab
Interview mit Walter Slocombe

DEN HAAG - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir das Interview von Walter Slocombe, dem Staatssekretär für
politische Angelegenheiten im US-Verteidigungsministerium, mit dem Chefredakteur der niederländischen Zeitung
"De Volkskrant" vom 4. Dezember 1998 in Den Haag.

1. Was erwarten Sie von den Deutschen - wer wird die
Frage des Ersteinsatzes zur Abschreckung im strategischen Rat ansprechen?
Antwort: Die Bundesregierung muß entscheiden,
welche Fragen sie ansprechen will. Tatsache ist, daß
das Bündnis seine Nuklearpolitik seit dem Ende des
Kalten Krieges drastisch geändert hat. Wir haben etwa
80 bis 90 Prozent der Nuklearwaffen aus dem Verkehr
gezogen und verfügen damit über kaum ein Zehntel
des früheren Bestands. Die Vereinigten Staaten und
Rußland haben starke Einschnitte bei den strategischen Streitkräften vorgenommen, denen noch weitere
folgen werden, wenn die russische Duma hoffentlich
bald das in den Vereinigten Staaten bereits ratifizierte
START Il-Abkommen ratifiziert und wir im Rahmen von
START III zu weiteren Kürzungen übergehen. Die
Vereinigten Staaten haben Nuklearwaffen von ihren
Überwasserschiffen abgezogen. Wir besitzen keine
Nuklearminen. Eine ganze Gattung von Nuklearwaffen, die es vor 15 Jahren gab, existiert nicht mehr.
Soviel zur Streitkräftestruktur. Im Hinblick auf die
Doktrin ist die NATO vom Rückgriff auf Nuklearwaffen
zur Bewältigung einer übermächtigen konventionellen
Bedrohung übergegangen. Trotz der Erkenntnis, daß
es diese Bedrohung nicht mehr gibt, bleiben Nuklearwaffen ein Schlüsselelement der Abschreckungsstrategie des Bündnisses, weil sie bei einem Aggressor Unsicherheit darüber hervorrufen, was
geschehen wird, wenn er NATO-Mitgliedstaaten oder
ihre Streitkräfte angreift. Das ist von besonderer
Bedeutung in einem Zeitalter, in dem eine steigende
Zahl von Ländern chemische, biologische und nukleare Waffen sowie Langstreckenträgersysteme beschafft. Wir sind der Ansicht, daß das Bündnis jetzt im

AMERIKA DIENST 01

Wesentlichen über die richtige Nuklearstrategie
verfügt. Wenn manche das diskutieren möchten, ist
das ihre Entscheidung. Wir vertreten die Meinung, daß
das Bündnis die richtige Haltung einnimmt.
2. Wenn es jetzt keine Risiken gibt, warum sollten wir
uns dann die Möglichkeit eines Erstschlags vorbehalten?
Antwort: Weil es wahr und sehr gut ist, daß wir
innerhalb von 20 Jahren von einer Sowjetunion, die
eine große militärische Bedrohung für Europa darstellte, zu einem Rußland und einer ganzen Reihe von
Staaten, der Ukraine, den baltischen Ländern, Belarus,
Moldawien und anderen übergegangen sind, die
Sicherheitspartner darstellen.
Bedauerlicherweise
mußten wir während desselben Zeitraums das Entstehen neuer Bedrohungen durch verbrecherische
Staaten beobachten. Wir alle machen uns Sorgen
über den Irak und seine Fähigkeit zum Bau von
Chemiewaffen. Das Land verfügt über Chemiewaffen
sowie die Fähigkeit zum Bau biologischer Waffen.
1991 besaß es Chemiewaffen. Wir wissen nicht, ob es
noch einige davon hat. 1991 besaß es biologische
Waffen. Wir wissen nicht, ob es davon noch einige
hat. Das Land hatte ein sehr weit entwickeltes Nuklearwaffenprogramm. Es besaß die Fähigkeit zum Bau
von Langstreckenraketen. Das ist jetzt eingeschränkt
worden, aber die Fähigkeit besteht noch. Der Iran
arbeitet aktiv an Programmen für nukleare, chemische
und biologische Waffen und ihre Langstreckenträgersysteme. Der Iran verfügt ganz offensichtlich über ein
Nuklearwaffenprogramm und besaß Chemiewaffen.
Diese wurden im iranisch-irakischen Krieg eingesetzt,
als der Iran vom Irak angegriffen wurde. Der Iran baut

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�Langstreckenraketen. Libyen hat ein aktives Programm. Dasselbe gilt für Syrien. Ich meine nicht, daß
irgendeines dieser Länder morgen die NATO-Mitgliedstaaten angreifen wird, und ich schließe auch nicht die
Möglichkeit aus, daß es andere Länder gibt, aber mir
würde es sehr dumm erscheinen, wenn das Bündnis
einem Aggressor von vornherein sagen würde, daß er
im Falle eines Angriffs mit diesen schrecklichen Waffen
nicht das Risiko eines Gegenschlags mit Nuklearwaffen eingehen würde. Es geht einfach nur darum
sicherzustellen, daß wir ein hohes Maß an Unsicherheit oder Besorgnis aufrechterhalten wollen, womit
ein potentieller Aggressor bei einem Einsatz dieser
Waffen oder im Falle anderer aggressiver Akte gegen
das Bündnis konfrontiert würde. Ich stelle die Behauptung in Frage, es gäbe keine Bedrohung mehr.
Die Bedrohung hat sich verändert.
3. Manche behaupten, Sie würden die Bedrohung
durch diese Länder übertreiben, um den Ersteinsatz
von Nuklearwaffen zu rechtfertigen.
Antwort: Ich bin absolut nicht der Meinung, daß wir
die Bedrohung übertrieben darstellen. Das sind die
Fakten. Es steht außer Frage, daß der Iran Langstreckenraketen baut. Es steht außer Frage, daß er
ein Nuklearprogramm hat. Glücklicherweise ist es
nicht sehr weit entwickelt. Es steht außer Frage, daß
das Land über ein Chemiewaffenprogramm verfügt.
Der Irak hat zugegeben, daß er sowohl über Chemiewaffen als auch über biologische Waffen verfügte und
bestückte 1991 tatsächlich Raketen mit diesen Waffen.
Er hat die Fähigkeit zum Bau von Langstreckenraketen. Syrien hat ein aktives Chemiewaffenprogramm.
Libyen hat ein aktives Chemiewaffenprogramm.
Meines Erachtens kann niemand ernsthaft bestreiten,
daß diese Bedrohungen existieren. Wir waren Zeuge
des Einsatzes von Chemikalien. Selbst in Europa gab
es einen Anschlag durch eine Terrorgruppe. In der
Pariser U-Bahn wurde ein Terroranschlag verübt, bei
dem Chemiewaffen eingesetzt wurden. Das zeigt die
bestehenden Fähigkeiten. Darüber hinaus entwickelt
Nordkorea alle diese Systeme, und Nordkorea ist auch
ein sehr exportorientiertes Land.
4. Wir haben gehört, Sie würden das Thema nicht
gerne ansprechen. Fürchten Sie sich vor der Debatte?
Antwort: Ich fürchte mich nicht vor der Debatte, weil
ich der Ansicht bin, daß bei jeder fairen Debatte über
diese Themen die Menschen - möglicherweise auch
der deutsche Außenminister Fischer, der sehr vernünftig und verantwortungsbewußt und Mitglied einer
vernünftigen und verantwortungsbewußten Regierung
ist - zugeben werden, daß die derzeitige Politik klug ist.
Auf einen Aspekt dessen werde ich gleich noch
zurückkommen. Ich bin tatsächlich der Ansicht, daß
eine ausführliche öffentliche Debatte über diese
Themen die Gefahr birgt, von den wirklichen Fragen
der Umgestaltung der NATO abzulenken - wie wir die

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NATO besser in die Lage versetzen, die Herausforderungen des kommenden Jahrhunderts zu meistern. Ich möchte darauf hinweisen, daß ich nicht die
Gelegenheit hatte, dies mit Bundesaußenminister
Fischer zu erörtern. Wir sprachen mit Verteidigungsminister Scharping bei seinem Besuch in Washington
über diese Frage und er wies auf einen meines
Erachtens sehr wichtigen Punkt hin: Den Unterschied
zwischen dem langfristigen Streben nach einer Welt
ohne Nuklearwaffen, in der nukleare Bedrohungen
kein Bestandteil der nationalen Politik mehr sind, und
dem derzeitigen Problem, Tag für Tag, jetzt und hier
NATO-Politik zu machen und eine reale Verteidigungsstrategie zu verfolgen. Das ist eine stichhaltige
Unterscheidung. Letzten Endes sind die Vereinigten
Staaten der Beseitigung aller Nuklearwaffen im
Rahmen der allgemeinen Abrüstung verpflichtet. Das
wird nicht so bald geschehen, ist aber ein berechtigtes
Streben. Mir geht es hier nicht darum, die neue
deutsche Regierung zu bitten, ein Grundprinzip
abzulehnen. Die neue deutsche Regierung sollte die
Situation prüfen und entscheiden, ob es im deutschen
und im Interesse des Bündnisses liegt, im Kontext der
gegenwärtigen Politik eine Debatte im großen Stil über
diese Fragen zu führen.
5. Können Sie der neuen Bundesregierung trauen, wo
doch Schröder gesagt hat, sie habe das Recht auf die
Eröffnung der Debatte?
Antwort: Es steht außer Frage, daß sie das Recht zur
Eröffnung der Debatte hat, wenn sie das wünscht.
Und es steht außer Frage, daß dies legitime Anliegen
sind und meines Erachtens haben mehrere aufeinanderfolgende Bundesregierungen quer durch die deutsche Politik in gewisser Weise eine sehr geachtete
moderne Tradition des Antimilitarismus in Deutschland
gepflegt. Es besteht die Notwendigkeit einer effektiven
Verteidigung, eines effektiven Bündnisses und einer
effektiven Abschreckung als Teil dieses Bündnisses.
Was Scharping bei seinem Besuch in Washington
gesagt hat, war, daß die neue Bundesregierung diese
Kemprinzipien der NATO nicht in Frage stellen will.
6. Es besteht ein Widerspruch, denn Scharping hat
einerseits behauptet, es gebe langfristige Bestrebungen, andererseits verwandelte die neue Bundesregierung diese vier Wochen nach ihrem Amtsantritt in
eine Debatte innerhalb des Bündnisses.
Antwort: Verteidigungsminister Scharping wies
während seines Besuchs in Washington unter anderem auch darauf hin, daß die Bundesregierung noch
keine Entscheidung getroffen hat, wie sie diese Frage
behandeln will. Meines Erachtens sollten wir die
Entscheidung der Bundesregierung abwarten, bevor
wir uns offiziell an der Diskussion beteiligen.

AMERIKA DIENST 01

�7. Ist es ein amerikanischer Alptraum, daß ein deutscher Außenminister eine andere Politik verfolgt als
der Bundeskanzler?
Antwort: Die Vereinigten Staaten werden mit jeder
deutschen Regierung zusammenarbeiten. Es liegt an
dieser, die Entscheidung zu treffen, welche Themen
sie wann, in welchem Kontext und wie ansprechen will.
8. Haben Sie keine Angst, daß andere Länder diesem
Beispiel folgen?
Antwort: Ich habe keine Angst davor, daß irgendeine
dieser Fragen erörtert wird. Meines Erachtens spricht
jedoch vieles dafür, daß es nicht sinnvoll ist, angesichts der wirklich wichtigen Themen viel Zeit auf diese
Fragen zu verwenden. Diejenigen unter uns, die
überzeugt sind, daß die NATO sowohl im Allgemeinen
als auch im Hinblick auf Nuklearwaffen grundsätzlich
die richtige Strategie verfolgt, haben von der Debatte
nichts zu befürchten. Wir versuchen nicht, die Debatte
zu vermeiden. Ich würde es jedoch vorziehen, wenn
wir uns auf die wirklich zentralen Themen konzentrierten - die europäische Verteidigungsidentität, die
Vorbereitung der NATO auf die Bewältigung der neuen
uns konfrontierenden Herausforderungen, den Aufbau
von Beziehungen zwischen der NATO und Rußland,
die Integration neuer Mitglieder in das Bündnis, die
Einbeziehung der neuen Mitglieder, den Aufbau der
Verteidigungsfähigkeit des Bündnisses. Das scheinen
mir die Themen zu sein, die eine Debatte verdienen,
denn sie repräsentieren die Herausforderungen von
heute und nicht die von vor 15 oder 20 Jahren.
9. Bei der Debatte über die Probleme der neuen
NATO ist Deutschland auch gegen eine Globalisierung
der NATO und eine NATO-Intervention ohne ein
Mandat des UN-Sicherheitsrats.
Antwort: Wir möchten die NATO nicht in dem Sinne
globalisieren, daß sie zu einer globalen Polizei wird.
Wir sind jedoch überzeugt - und das wird meines
Erachtens nicht groß erörtert - daß wir nicht länger in
einer Welt leben, in der die zentrale Herausforderung
für die europäische Sicherheit das Risiko eines
massiven sowjetischen Angriffs mit Bodentruppen auf
das Territorium von NATO-Mitgliedern ist.
Diese
Bedrohung existiert glücklicherweise nicht mehr. Wir
befinden uns jetzt in einer Situation, in der die Bedrohungen der Sicherheit des Bündnisses weniger
ernsthaft, aber dennoch ernsthaft und anderer Art sind.
Es sind Bedrohungen durch regionale Instabilität, wie
beispielsweise in Bosnien und im Kosovo, die auch in
anderen Gebieten entstehen könnten. Es sind Bedrohungen durch die Weiterverbreitung von Massenvernichtungswaffen, auch aus an das NATO-Gebiet
angrenzenden Ländern. Zieht man die Entwicklung
von Raketen- und Flugzeugträgersystemen in Betracht, kommt auch aus weiter entfernten Ländern eine
Bedrohung. Dies sind ganz direkte Bedrohungen der

AMERIKA DIENST 01

Sicherheit der NATO. Wir sprechen nicht darüber, daß
die NATO in anderen Gebieten tätig wird und in
Osttimor oder irgendwo anders Frieden stiftet. Das
gehört zum Thema Globalisierung. Wir sprechen nur
vom Umgang mit Bedrohungen Europas, die sich von
der alten Form einer direkten Truppeninvasion unterscheiden.
Ihre andere Frage hatte mit dem Mandat des Sicherheitsrats zu tun. Die Vereinigten Staaten stimmen
voll und ganz überein, daß es von elementarer Bedeutung ist, eine angemessene rechtliche Grundlage für
jeden Einsatz von militärischer Gewalt zu haben.
Ferner stimmen wir zu, daß es aus rechtlichen und
politischen Gründen oft wünschenswert ist, den
Einsatz von Gewalt von den Vereinten Nationen
billigen zu lassen. Das steht außer Zweifel. In der
Praxis haben wir uns an die UNO gewandt und deren
Zustimmung erhalten. Im Golfkrieg 1991 hatte die
Zustimmung die drastischste und weitreichendste
Form. Im jüngsten Fall des Kosovo war die Zustimmung völlig klar, jedoch weniger direkt und
weitreichend. Wir bestreiten nicht, daß eine Vollmacht
der UNO nützlich oder wünschenswert ist. Tatsache
ist jedoch, daß die UN-Charta Artikel 51 enthält, der
das Recht auf individuelle und kollektive Selbstverteidigung anerkennt, und diese Definition ist
unabhängig vom UN-Sicherheitsrat und rechtlich
separat. Unseres Erachtens beinhalten Artikel 5 1 , die
UN-Charta und das Völkerrecht im Allgemeinen, daß
Staaten gemeinsam handeln dürfen, wenn ihre
Sicherheit bedroht ist und nicht erst abwarten müssen,
bis es zu einer Invasion kommt. Im Falle des Kosovo
oder im Falle Bosniens handelt es sich beispielsweise
um Situationen, in denen die sehr reale Gefahr eines
Ausufern des Konflikts bestand, wenn nicht gehandelt
worden wäre. Eine solche Instabilität in der Region
kann Stabilität und Sicherheit bedrohen, und Konflikte
können auf NATO-Mitgliedstaaten übergreifen.
10. Im Kosovo gab es auch den Faktor der Opposition
von Seiten Rußlands und Chinas.
Antwort: Das ist eine andere Frage. Niemand ist
wohl der Ansicht, irgendwo im Völkerrecht sei niedergelegt, daß andere Länder sich nicht verteidigen und
zu ihrer Verteidigung zusammenschließen dürfen,
wenn ein großes Land der Welt dagegen ist. Ich habe
vergessen, wer für die Kosovo-Resolution stimmte und
wer sich der Stimme enthielt. Selbst wenn man aus
Argumentationszwecken davon ausgehen würde, daß
die Russen oder die Amerikaner gegen bestimmte
Aktionen anderer Länder sind, die diese zu ihrer
Selbstverteidigung unternehmen, heißt das nicht, daß
diese Aktionen einer angemessenen Rechtsgrundlage
entbehren. Sie sprechen da einen wichtigen praktischen Punkt an. Wenn man behauptet, daß die
europäischen Länder zusammen mit den Vereinigten
Staaten oder im Alleingang ihre Interessen nur dann
verteidigen können, wenn sie die Zustimmung des UN-

Seite 3

�Sicherheitsrats haben, dann haben sie ihre nationale
Verteidigung und Souveränität der Mehrheit des UNSicherheitsrats oder irgendeinem ständigen Mitglied
übertragen. Das ist meines Erachtens eine weder
erforderliche noch vernünftige Interpretation des
Völkerrechts. Das ist als internationale Strategie
absolut nicht sinnvoll.
11. Hätten die Vereinigten Staaten im Kosovo auch
gegen den Widerstand Rußlands gehandelt?
Antwort: Obwohl die Russen deutlich gemacht haben,
daß sie einen Einsatz ohne militärische Gewalt
vorziehen würden, stimmten sie nicht gegen UNResolution 1199 (über den Kosovo). Und ebenso wie
ich sicher bin, daß die Russen aus Prinzip und aus
rechtlichen Gründen ihr Recht auf Selbstverteidigung
ohne eine Resolution des UN-Sicherheitsrats geltend
machen, bin ich sicher, daß auch die Vereinigten
Staaten gegen den Widerstand der Russen handeln
können. Wir ziehen die russische Haltung in Betracht.
Wir sind der Ansicht, daß das System besser funktioniert, wenn wir mit den Russen zusammenarbeiten.
Aber notfalls sind wir zum Alleingang bereit.
12. Trotzdem sind Sie nie ohne Unterstützung Rußlands vorgegangen. Wird das je geschehen?
Antwort: Ich bin zweifellos sicher, daß wir das Recht
haben, gegen russischen, chinesischen, britischen oder, wenn man kein Amerikaner ist - amerikanischen
Widerstand zu handeln. Ob wir je mit einer Situation
konfrontiert werden, in der dies nötig ist, ist eine
andere Frage. Das hängt von den Umständen ab. Es
besteht ein großer Unterschied zwischen den gesetzlich niedergelegten Rechten und dem, was man aus
diplomatischen, politischen oder strategischen Gründen tut, um einen möglichst breiten internationalen
Konsens zu erreichen.
13. Tun die Europäer genug, um eine breite Machtgrundlage für die NATO zu schaffen?
Antwort: Ob sie genug tun? Nein. Aber sie tun viel
mehr als in den letzten Jahren. Und sie sind auf dem
richtigen Weg.
14. Sind Sie überzeugt, daß sie weitermachen
werden?
Antwort: Ich denke schon, denn das liegt in ihrem
eigenen Interesse.
15. Meiner Meinung nach sind sie nicht überzeugt,
daß das in ihrem eigenen Interesse liegt. Oder sind
Sie der Ansicht, daß es nur um finanzielle Fragen
geht?

ressourcen gegenüber, und das ist ein Problem.
Außerdem müssen sie die Wahl zwischen der Schlüsselfunktion der Verteidigung im Inland und umfassenderen Pflichten treffen. Fast alle europäischen Länder
haben Programme verabschiedet, die im Falle ihrer
Umsetzung - und sie wurden bereits eingeleitet - zu
weitaus mobileren, weitaus flexibleren, weitaus besser
dislozierbaren Truppen führen. Aus dem einfachen
Grund, weil sie - und das führt zurück zum Ausgangspunkt unserer Diskussion - nicht mehr mit dieser
Bedrohung eines massiven bewaffneten russischen
Angriffs konfrontiert sind. Sie verstehen, daß das kein
unmittelbares Sicherheitsdilemma ist, und sie müssen
ihre Truppen entsprechend anpassen.
16. Haben Sie Schätzungen vorgenommen, wieviel
eine Umgestaltung und Reform der NATO kosten
würde?
Antwort: Wir haben - nicht so sehr im US-Verteidigungsministerium als vielmehr innerhalb der NATO ernsthafte Analysen durchgeführt, wie diese Anpassungen im Rahmen der bestehenden Etats und mit
vernünftigen Prognosen durchgeführt werden können.
Es geht nicht so sehr darum, mehr Geld auszugeben,
sondern vielmehr darum, es anders auszugeben: für
im Allgemeinen kleinere Streitkräfte. Viele, nicht alle
Länder - einschließlich der Niederlande - schaffen die
Wehrpflicht ab. Sie gehen zu kleineren, flexibleren,
besser dislozierbaren Streitkräften über. Zu besserer
Kommunikation und mehr Dauerhaftigkeit.
17. Glauben Sie, daß die Welt bei einem Verzicht auf
den Ersteinsatz von Nuklearwaffen sicher für einen
konventionellen Krieg würde?
Antwort: Worüber ich mir Sorgen mache, ist nicht nur,
daß das die Welt sicher für einen konventionellen
Krieg, sondern - viel schlimmer - für einen chemischen
und biologischen Krieg machen würde. Es geht nicht
darum, daß sie sicher würde. Es geht darum, daß das
einen Anreiz für Menschen mit Aggressionstrieb böte,
die im Besitz dieser Waffen sind. Es wäre ein Anreiz
zu ihrem Einsatz. Dadurch wird die Welt nicht sicher.
18. Sind Sie der Ansicht, daß sich die europäische
Haltung zur NATO wegen Deutschland ändern wird?
Antwort: Das weiß ich nicht, denn bis jetzt haben wir
mehrere Erklärungen verschiedener Mitglieder der
deutschen Bundesregierung gehört. Die endgültige
Entscheidung darüber, wie, wann und in welchem
Zusammenhang Deutschland dieses Thema im
Bündnis ansprechen will, liegt bei Deutschland selbst.
Diese Entscheidung muß noch getroffen werden.
19. Sie glauben nicht, daß Deutschland die Frage
anschneiden wird?

Antwort: Meines Erachtens sehen sich die Europäer
wie alle Staaten Engpässen bei ihren Verteidigungs-

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AMERIKA DIENST 01

�Antwort: Bislang haben wir Hinweise darauf, daß in
Deutschland darüber eine Diskussion stattfindet. Daß
die Bundesregierung bislang keine Entscheidung
getroffen hat, wie - falls überhaupt - sie das Thema in
der NATO aufbringen will. Es ist durchaus möglich,
daß das geschieht. Ich bestreite nicht, daß das
möglich oder sogar wahrscheinlich ist. Aber wie das
geschieht und was Deutschland vorschlägt - das wird
große Auswirkungen auf den weiteren Prozeß haben.

weniger um ihren möglichen Einsatz in Gebieten, die
die Interessen der NATO berühren. Meines Erachtens
heißt das in einem solchen Fall nicht notwendigerweise, daß die NATO Nuklearwaffen einsetzen sollte.
Ich bin jedoch überzeugt, daß es einen großen
Unterschied zwischen der Aussage "ich bin nicht
sicher, ob ich in diesem Kontext Nuklearwaffen
einsetzen würde" und der Aussage gibt "diese Probleme gehen die NATO nichts an".

20. Meinen Sie, daß die neuen Mitgliedstaaten die
deutsche Haltung unterstützen werden?

23. Die deutsche Regierung ist aber der Ansicht, daß
sie in solche Probleme hineingezogen wird.

Antwort: Ich möchte nicht darüber spekulieren,
welche Haltung die einzelnen Länder einnehmen. Ich
bin jedoch überzeugt, daß Staaten, die sich der
Tatsache bewußt sind, daß sie in Europa weiterhin mit
Sicherheitsproblemen, insbesondere möglicherweise
Massenvernichtungswaffen - wenn auch in einem
anderen Kontext - konfrontiert sind, erkennen müssen,
daß die NATO-Doktrin nichts anderes beinhaltet, als
sich das Recht auf den Einsatz von Nuklearwaffen als
Reaktion auf diese entsetzlichen Bedrohungen und
Formen von Aggression vorzubehalten.
Meines
Erachtens werden alle Länder im Bündnis - ebenso
wie schon 1991 - übereinkommen, daß dies die
richtige Politik ist.

Antwort: Wir sollten der Bundesregierung zugestehen,
ihre Ansicht zu äußern.

21. Sind Sie der Ansicht, daß die NATO mit Nuklearwaffen auf Bedrohungen reagieren sollte?
Antwort: Ich sage nicht unbedingt, daß die NATO
Nuklearwaffen als Reaktion auf eine Bedrohung oder
den Einsatz chemischer oder biologischer Waffen
gegen ein Nichtmitgliedsland einsetzen sollte, obwohl
ich das nicht völlig ausschließen würde. Darum geht
es hier nicht. Vielmehr geht es darum, wie die NATO
auf Bedrohungen ihrer Mitglieder reagieren würde. Es
ist schön und gut zu sagen, daß wir uns beispielsweise
über libysche Chemiewaffen keine Sorgen machen
brauchen, weil wir in Nordeuropa leben. Es besteht
jedoch kein Zweifel, daß diese Länder in einem oder
spätestens zwei Jahrzehnten mit Hilfe von Raketen,
Flugzeugen oder terroristischen Methoden über die
Fähigkeit verfügen werden, diese Waffen gegen Ziele
in Europa einzusetzen.
22. Ist es möglich, daß die NATO einen Vergeltungsschlag übt, wenn Libyen oder der Irak andere Ziele im
Nahen Osten angreifen?
Antwort: Das ist ein ganz anderes Thema als die
Frage des Ersteinsatzes. Die Debatte über den
Ersteinsatz geht darum, ob die NATO potentiellen
Aggressoren versichert, daß sie nicht mit bestimmten
Risiken konfrontiert werden, die ansonsten einen
großen Abschreckungseffekt hätten. Und das wäre
sehr dumm. Bei der anderen Frage geht es darum,
was die NATO mit denjenigen machen sollte, die
Massenvernichtungswaffen entwickeln, und viel

AMERIKA DIENST 01

24. Aber was geschieht, wenn andere Mitglieder
ebenfalls glauben, daß sie in das Problem hineingezogen werden?
Antwort: Zuerst sollte man nicht vergessen, daß die
NATO per definitionem nichts ohne die Zustimmung
aller ihrer Mitglieder unternehmen kann. Wenn die
deutsche oder die amerikanische oder die niederländische oder irgendeine andere Regierung im Bündnis
sagen, daß etwas nicht in unserem Interesse liegt, zu
gefährlich, zu risikoreich, zu kostspielig oder illegal ist,
haben sie die Macht, die NATO vom Handeln abzuhalten. Es ist nicht möglich, die NATO in etwas
hineinzuziehen, wenn auch nur ein einziges Bündnismitglied dagegen ist.
25. Sollte die NATO ein Interessenbündnis anstelle
eines Verteidigungsbündnisses werden?
Antwort: Die NATO war schon immer ein Interessenbündnis - Interesse an der Sicherheit der
Mitgliedstaaten. Meines Erachtens ist offensichtlich,
daß es in den letzten 20 Jahren eine Veränderung im
Hinblick darauf gegeben hat, woher diese Interessen
stammen. Vor 20 Jahren war die Bedrohung direkt.
Es war die Bedrohung einer massiven Invasion mit
Bodentruppen, unterstützt durch mächtige Luft- und
Seestreitkräfte sowie Nuklearwaffen, durch die Sowjets, die eine mitten durch das Zentrum Europas
laufende Grenze überschreiten würden. Jetzt, da
diese Bedrohung glücklicherweise nicht mehr existiert,
gibt es andere Bedrohungen, die keine Bedrohungen
eines unbestimmten Gefühls einer Weltordnung
irgendwo im Südpazifik sind. Es sind Bedrohungen
der Sicherheit Europas. Sie rühren von Dingen wie
ethnisch begründeten Kriegen und Instabilität her, von
Orten wie dem Kosovo und Bosnien, von der Entwicklung von Massenvernichtungswaffen und - ich zögere
nicht, das auszusprechen - möglicherweise von
Problemen in weiter entfernten Regionen, die sehr
direkte Auswirkungen auf die europäische Sicherheit
haben. Wir bestreiten nicht - meines Erachtens
bestreitet niemand in den Vereinigten Staaten - daß die
NATO oder die Vereinigten Staaten generell die

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�Freiheit haben, alle möglichen Konflikte zu bekämpfen.
Wir sagen, daß das Bündnis das Recht und die Pflicht
hat, Bedrohungen unserer Sicherheit zu begegnen.
26. Also sind die Sicherheitsbeziehungen in Europa
entscheidend.

Antwort: Bei der NATO geht es um Sicherheit im
transatlantischen Raum. Die Vereinigten Staaten
haben auch das Recht, ihre Identität und ihre Interessen zu schützen. Aber es geht hier um Sicherheitsfragen, das ist richtig.

* * * * *

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AMERIKA DIENST 01

�UMWELT

13.Januar 1999

Eine weitere Nachtsitzung für den Klimawandel
von John C. Kornblum

BONN - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir einen Artikel des Botschafters der Vereinigten Staaten von Amerika
in der Bundesrepublik Deutschland, John C. Kornblum, der auf Deutsch erstmals am 11. Januar 1999 in Die Welt
erschien.

Die Bilder von der Klimakonferenz in Buenos Aires im
November waren - wie vor einem Jahr in Kyoto - von
Frustration und Erschöpfung gekennzeichnet. Klimaverhandlungen sind wahrhaftig keine leichte Arbeit. Es
dauerte eine ganze Nacht, bis ein 'Aktionsplan von
Buenos Aires" vereinbart wurde. Aber es wird sehr viel
mehr als einen 'Aktionsplan" erfordern, um die Arbeit
zu beenden, die getan werden muß. Es wird Engagement und harte Arbeit von uns allen verlangen, weil wir
eine globale Lösung für die globalen Probleme des
Klimawandels benötigen - jeder muß tatkräftig mithelfen.
Abkommen und Quoten sind gut und schön. Aber
sie können irreführend sein. Die globale Erwärmung
kann nicht in nur einem Teil der Welt rückgängig
gemacht werden. Die besten Absichten Europas oder
der Vereinigten Staaten sind nicht genug. Wir sind
eine Welt mit einer Atmosphäre. Jeder, auch die
weniger entwickelten Länder, müssen tatkräftig
mithelfen.
Manchmal scheinen unsere europäischen Freunde
zu glauben, die Festlegung eines Ziels sei genug.
Und wenn andere nicht zustimmen, müsse man nur
lauter sprechen. Damit kommen wir nirgendwo hin.
Die Vereinigten Staaten haben sich zur Reduzierung
ihrer Treibhausgasemissionen verpflichtet und sich
dafür ein ehrgeiziges Ziel gesteckt. Aber wir sind ein
riesiges Land. Unsere Volkswirtschaft hängt von Autos
und fossilen Brennstoffen ab. In der Dritten Welt
kämpfen mehrere große Länder darum, die erste Stufe
der Industrialisierung zu erreichen. Auch sie sind nicht
an Lektionen von reichen, hoch entwickelten europäischen Staaten interessiert.

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Heißt das, daß die Probleme nicht gelöst werden
können? Ganz im Gegenteil, es gibt funktionierende
Methoden, die für die Wirtschaftsinteressen und
aufgeklärte Politiker attraktiv sind. Solche "Flexibilitätsmechanismen" waren in den Vereinigten Staaten bei
anderen schwierigen Problemen wie saurem Regen
erfolgreich. Sie können auch beim Klimawandel eine
wichtige Rolle spielen. Aber wir benötigen Offenheit
und Pragmatismus. Nur Recht zu haben, wird nicht
ausreichen.
Tatsache ist, selbst wenn die Industrienationen ihre
Ziele erfüllen, werden die globalen Treibhausgasemissionen weiterhin zunehmen, wenn die wichtigsten
Entwicklungsländer nicht mitmachen. Aber die Vereinigten Staaten verstehen, daß sich die Entwicklungsländer dringenden Erfordernissen gegenübersehen,
und ihre Pflichten sind nicht die gleichen wie die der
Industrienationen. In Buenos Aires gab der argentinische Präsident Menem die Verabschiedung eines
freiwilligen aber bindenden Emissionsziels für sein
Land mit den Worten bekannt: "Der einzige Weg zu
nachhaltigem Wachstum ist sauberes Wachstum." Für
viele Entwicklungsländer könnte "bedeutungsvolle
Beteiligung" die Verlangsamung der Emissionszuwachsrate
bedeuten, während ihre Volkswirtschaften weiterhin wachsen.
Jeder muß tatkräftig mithelfen, und unserer Ansicht
nach sind Vereinbarungen über konkrete Anreize der
beste Weg dazu. Die Erfahrung lehrt, daß der beste
Anreiz wirtschaftlicher Art ist. Das Protokoll von Kyoto
sieht ein System handelbarer Emissionszertifikate vor,
das Ländern mit niedrigen Kosten den Verkauf von
Emissionszertifikaten an Länder gestattet, in denen die
Verringerung der Emissionen teuer ist.
Und der
Mechanismus für saubere Entwicklung (Clean Develop-

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�ment Mechanism - CDM) räumt Industrienationen
einen Bonus ein, wenn sie in saubere Technologieprojekte in Entwicklungsländern investieren.
Studien belegen, daß umfassender uneingeschränkter Handel den Preis von reduzierten Treibhausgasemissionen pro Tonne um 80-90 Prozent verglichen mit dem Preis ohne Handel senken würde.
Dieser Ansatz, der das "wo" und "wie" der Emissionsreduzierungen verändert, würde nicht nur die Kosten
der Verringerung von Emissionen minimieren, sondern
auch die technologische Entwicklung fördern und
beträchtliche Investitionsressourcen zur Unterstützung
eines Arbeitsplätze schaffenden sauberen Wirtschaftswachstums weltweit freisetzen.
Die Vereinigten Staaten zählen auf diese Flexibilitätsmechanismen, die zur Erfüllung unseres ehrgeizigen
Ziels beitragen. Oberflächlich gesehen, stimmt es mit
den Zielen anderer Kyoto-Parteien überein. Die EU
hat ein Ziel von 8 Prozent, Japan von 6 Prozent und
die Vereinigten Staaten von 7 Prozent bis zur ersten
Haushaltsperiode von 2008-2012.
Im Kontext des für die Vereinigten Staaten prognostizierten Wirtschafts- und Bevölkerungswachstums ist
unser Ziel jedoch viel höher gesteckt. Die amerikanische Volkswirtschaft ist seit 1990 unerwartet stark,
was zu einem unvorhergesehenen Energiebedarf
geführt hat, der wiederum unsere Emissionszuwachsrate erhöhte. 1996 lebten in den Vereinigten Staaten
265 Millionen Menschen, und zwischen dem Basisjahr
des Protokolls von Kyoto - 1990 - und dem Jahr 2010
wird ein etwa 16-prozentiger Anstieg der amerikanischen Bevölkerung erwartet.
Wenn wir nichts
unternehmen, würden die Vereinigten Staaten zwischen 1990 und 2010 eine Steigerung der Emissionen
um 30 Prozent erleben.
Zieht man unser Wrtschafts- und Bevölkerungswachstum in Betracht, wird unser Ziel einer 7-prozentigen
Verringerung tatsächlich zu einer signifikanten (mehr
als 20-prozentigen) Abnahme der pro-Kopf-Emissionen
führen - mehr, als bei den meisten anderen Parteien
des Protokolls von Kyoto.
Eine andere Erwägung ist die relativ geringe Bevölkerungsdichte in den Vereinigten Staaten (27 Menschen
pro Quadratkilometer im Vergleich zu 228 Menschen
pro Quadratkilometer in Deutschland), die zu weitaus
höheren Transportbedürfnissen führt. Stellen Sie sich
vor, sie müssen Erzeugnisse über eine Strecke
transportieren, die sieben Mal so lang ist wie Deutschland, nur um sie aus ihrem Anbaugebiet in Kalifornien
zum Markt in die Bundeshauptstadt Washington zu
bringen. Oder 20 Kilometer bis zum nächsten Lebensmittelhändler fahren zu müssen - keine ungewöhliche
Situation.

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Und unsere Bevölkerung ist von Nord nach Süd und
von Ost nach West verteilt, was den Umgang mit
weitaus größeren Temperaturunterschieden verlangt.
Ein Haus in Montana zu heizen, wo drei Monate
hintereinander minus 10° Celsius herrschen, verlangt
viel Energie, und dasselbe gilt für die Kühlung eines
Büros in New Orleans, damit die Menschen dort im
August arbeiten können. Angesichts dieser Gegebenheiten wird die Erlangung unseres Ziels viel harte
Arbeit erfordern.
Die Vereinigten Staaten sind zu harter Arbeit bereit.
Dieses Jahr sind die bundesstaatlichen Investitionen in
Energieeffizienz und erneuerbare Energien auf eine
Milliarde Dollar angewachsen - ein 25-prozentiger
Anstieg. Der Haushalt des Präsidenten für 1999
beinhaltet auch einen Antrag auf eine weitere Erhöhung der Ausgaben für Forschung und Entwicklung in
den großen, Kohlendioxid ausstoßenden Sektoren der
Wirtschaft sowie steuerliche Anreize für Amerikaner
zum Kauf von kraftstoffeffizienten Fahrzeugen, energieeffizienten neuen Häusern und Sonnenkollektoren auf
den Dächern. Darüber hinaus sind steuerliche Anreize
für die Stromgewinnung aus Wind und Biomasse in
diesem Paket enthalten.
Die harte Überzeugungsarbeit in der amerikanischen
Öffentlichkeit und Wrtschaft zahlt sich ebenfalls aus.
Eine im vergangenen Sommer durchgeführte Umfrage
zeigte, die meisten Amerikaner sind nicht nur der
Ansicht, daß sich die Auswirkungen des Klimawandels
bereits während ihres Lebens zeigen (57 Prozent der
befragten Amerikaner), sondern auch, daß diese
Veränderungen eine ernsthafte Bedrohung für zukünftige Generationen darstellen (65 Prozent).
Zu den wichtigsten Entwicklungen seit Kyoto zählt die
steigende Zahl amerikanischer Unternehmen, die
zugeben, daß die Bedrohung durch den Klimawandel
real ist. Viele setzen sich jetzt dafür ein, die Zukunftsvision von Kyoto in die Realität umzusetzen und
sondieren neue Wege für den besseren und klügeren
Umgang mit Energie. Manche haben zugesagt, ihre
Emissionen freiwillig unter die in Kyoto gesetzten Ziele
zu senken. Ein Grund für diese wachsende politische
Unterstützung ist die Erkenntnis, daß die Flexibilitätsmechanismen für beide Seiten vorteilhafte Lösungen
beinhalten, die Erderwärmung zu bekämpfen und
gleichzeitig ein Wachstum nicht nur unserer Volkswirtschaft, sondern der Volkswirtschaften aller an demselben Kampf beteiligten Länder zu bewirken.
Was sind die nächsten Schritte? Das Protokoll von
Kyoto ist nur der erste Schritt in einem langen Prozeß
des Umgangs mit dem Klimawandel - fast wie die erste
Teilstrecke in einem Marathon. In den nächsten zwei
Jahren werden die Vereinigten Staaten den Aktionsplan von Buenos Aires uneingeschränkt unterstützen,
der einen Prozeß zur Identifizierung und Zustimmung
zu den Bestimmungen und Modalitäten für den Einsatz

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�aller drei flexiblen Mechanismen beinhaltet. Die Frage
der freiwilligen Beteiligung der Entwicklungsländer wird
ebenfalls weiterhin oben auf unserer Tagesordnung
stehen. Um Erfolg zu haben, benötigen wir die pragmatische und weitblickende Unterstützung aller unserer

Partner, insbesondere Deutschlands, der weltweit
drittgrößten Volkswirtschaft und zweitgrößten Handelsnation. Wir sollten nicht vergessen, daß es keine
Alternative zum Erfolg gibt.

* * * * *

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