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Information
und
Dokumentation

1
I

United States Information Service

27

12. Oktober 1977

INHALT

DOKUMENTATION
Rede Präsident Carters vor den Vereinten Nationen am 4. Oktober 1977
- Wortlaut -

HINTERGRUNDMATERIAL
Die Menschenrechte:
Earl N. Mittleman

Politisches Erbe Amerikas

Management und wirtschaftliche Entwicklung
- Ein Beitrag zum Nord-Süd-Dialog Von Edward Y. George

WISSENSCHAFT UND TECHNIK
Atommüll - in Meeresschluchten vergraben
- Ein Vorschlag amerikanischer Wissenschaftler
Neue Mittel gegen Viruskrankheiten

Um Übcr/cndung von
Belegexemplaren wird
gebeten

Postfach 300,
D 5300 Bonn-Bad Godesberg 1

Tel: 02221-893240 Telex:08-85432

�1

Dokumentation

I

United States Information Service

27

12. Oktober 1977

REDE PRÄSIDENT CARTER'S VOR DEN VEREINTEN NATIONEN
AM 4. OKTOBER 1977
- Wortlaut -

Vereinte Nationen, New York - AD - Präsident Carter hat am 4. Oktober
in einer Rede vor der Vollversammlung der Vereinten Nationen Aufgaben
und Ziele der amerikanischen Außenpolitik umrissen. Die Ansprache des
amerikanischen Präsidenten hat folgenden Wortlaut:
Herr Präsident, Herr Generalsekretär, verehrte Delegierte und Gäste:
Ich möchte zunächst Ihnen, Herr Präsident meine Glückwünsche zu
Ihrer Wahl zum Präsidenten der 32. Vollversammlung aussprechen. Es ist
meiner Regierung eine besondere Befriedigung, unter der Führung eines
Vertreters Jugoslawiens zu arbeiten, einer Nation, mit der sich die
Vereinigten Staaten enger und hochgeschätzter Beziehungen erfreuen.
Wir sagen unsere Mitarbeit zu, und wir werden in den jetzt
beginnenden Beratungen stark von Ihrer Erfahrung und Ihrer Fähigkeit

Postfach 300,
D 5300 Bonn-Bad Godesberg 1

Tel: 02221-893240 Telex:08-85432

�V

Fähigkeit abhängig sein.
Herr Präsident, ich möchte ferner erneut die große Hochschätzung
zum Ausdruck bringen, die wir für Generalsekretär Waldheim empfirden.
Wir profitieren weiterhin in großem Maße von den engen Konsultationen
mit ihm und setzen großes Vertrauen in seine Leitung dieser Organisation.
Vor 32 Jahren, im kalten Morgengrauen des Atomzeitalters, wurde
diese Organisation geschaffen. Ihr oberstes und vordringlichstes Ziel
war es, den Frieden für eine erschöpfte und verwüstete Welt zu sichern.
Die heutigen Verhältnisse scheinen in mancher Hinsicht recht
hoffnungsvoll zu sein.
Doch die Sicherung des Friedens will uns immer noch nicht gelingen.
Noch vor Ende dieses Jahrhunderts könnte eine Vielzahl von Nationen
Nuklearwaffen besitzen. Sollte dies geschehen, würde die Welt, die wir
unseren Kindern hinterlassen, unseren Hoffnungen auf Frieden Hohn sprechen.
- Das Ausmaß der nuklearen Rüstungen könnte sich um ein Zehntausendfaches erhöhen, und bei den hochentwickelten konventionellen Waffen könnte
durchaus die gleiche Situation eintreten. Die Versuchung, diese Waffen
einzusetzen, oder die Furcht, daß irgend ein anderer dies zuerst tun
werde, wird fast unwiderstehlich sein.
- Der sich ständig ausweitende Handel mit konventionellen Waffen
unterwandert den Welthandel und macht aus einer Kraft für den Frieden
einen Lieferanten für den Krieg.
- Gewalttätigkeit, Terrorismus, Mord, Kriege ohne Kriegserklärung dies alles droht, Zurückhaltung und Mäßigung, die zum beherrschenden
Kennzeichen unseres Zeitalters werden müssen, zu zerstören.
Wenn
- 2 -

.

�Wenn wir keinen internationalen Verhaltenskodex schaffen, unter
dem der Rückgriff auf Gewalt zur Verfolgung nationaler Interessen immer
unsinniger wird, werden wir die Träume der Welt von der Entwicklung der
Menschheit und der vollen Entfaltung der menschlichen Freiheiten vernichten.
Wir sind bereits zu einer globalen Völkergemeinschaft geworden aber nur in dem Sinne, daß wir vor gemeinsamen Problemen stehen und, im
Guten oder Bösen, eine gemeinsame Zukunft miteinander teilen. In dieser
Völkergemeinschaft liegt die Macht zur Lösung der Probleme der Welt - vor
allem die wirtschaftliche und die politische Macht - nicht länger mehr nur
in den Händen weniger Nationen. Die Macht ist heute weit gestreut unter
zahlreiche Länder mit unterschiedlicher Kultur, Geschichte und Bestrebung.
Die Frage lautet, ob wir es zulassen wollen, daß unsere Meinungsverschiedenheiten uns zerstören, oder ob wir zusammenarbeiten wollen, um
unsere gemeinsamen Hoffnungen auf Frieden zu realisieren.
Heute möchte ich über die großen Dimensionen des Friedens und die
Rolle sprechen, die die Vereinigten Staaten bei der Begrenzung und dem
Abbau aller Rüstungen, bei der Kontrolle der nuklearen Technologie, bei
der Beschränkung des Wettrüstens und bei der Beilegung von Konflikten
mit friedlichen Mitteln spielen wollen.
Die Kontrolle der nuklearen Rüstungen
Als erstmals Atomwaffen eingesetzt wurden, bezeichnete Churchill die
Macht des Atoms als "eine Erkenntnis, die bis jetzt der Menschheit
gnädigerweise vorenthalten worden ist". Seitdem haben wir gelernt, um mit
Dürrenmatts bedrückenden Worten zu sprechen, daß das "was einst gedacht
worden ist, niemals ungedacht bleiben kann".
Wenn wir die Sicherheit haben wollen, daß unsere Kinder ihr Leben
in einer Welt leben werden, die unsere Hoffnungen zufriedenstellt - oder
daß sie überhaupt eine Chance zu leben haben werden - dann müssen wir

- 3 -

�V

wir endlich diese gewaltige Kernkraft in den Griff bekommen und sie
ausschließlich nutzbringenden Zwecken zuführen.
Der Friede wird nicht gesichert sein, bevor die Waffen des Krieges
nicht endgültig niedergelegt sind. Während wir auf dieses Ziel hinarbeiten,
werden die Völker ausreichende Rüstungen zur Gewährleistung ihrer
Sicherheit haben wollen. Ziel der Vereinigten Staaten ist es, den Frieden
zu gewährleisten. Aus diesem Grunde werden unsere Rüstungen und unsere
Bündnisse weiterhin so stark bleiben, wie dies notwendig ist, um vor
einem Angriff abzuschrecken.
Die Sicherheit der weltweiten Völkergemeinschaft kann jedoch nicht
für immer auf einem Gleichgewicht des Schreckens beruhen. In der
Vergangenheit wurde der Krieg als letzter Schlichter von Streitigkeiten
zwischen Völkern akzeptiert.
Im Nuklearzeitalter können wir den Krieg nicht länger als die
Fortsetzung der Diplomatie mit anderen Mitteln betrachten. Ein Atomkrieg
kann nicht an den veralteten Normen "Sieg" oder "Niederlage" gemessen
werden. Diese unbeugsame Realität legt den Vereinigten Staaten und der
Sowjetunion eine furchbare und ganz spezielle Verantwortung auf.
Die Vereinigten Staaten stehen in einem weiten Bereich mit anderen
Ländern in Verhandlungen. Bei den Gesprächen über eine Begrenzung der
strategischen Rüstungen stehen wir und die Sowjetunion einer bedeutsamen
Vereinbarung zur Begrenzung der Gesamtzahl von Waffen und zur Beschränkung bestimmter Waffenkategorien, an denen jeder von uns ein
besonderes Interesse hat, greifbar nahe. Wir können ferner mit dem
entscheidend wichtigen Prozeß beginnen um dem unentwegten Vormarsch
technologischer Entwicklungen Einhalt zu gebieten, der eine Kontrolle
der Nuklearwaffen immer mehr erschwert.
Wir

«

�Wir müssen über die Gegenwart hinausblicken und darauf hinarbeiten,
die großen Gefahren und Instabilitäten der Zukunft abzuwenden. Wenn die
Prinzipien der Selbstbeschränkung, der Gegenseitigkeit und der beiderseitigen Anpassung der Interessen beachtet werden, dann wird es den
Vereinigten Staaten und der Sowjetunion nicht nur gelingen, die Waffen
zu begrenzen, sondern sie werden auch eine Grundlage für bessere
Beziehungen auf anderen Gebieten schaffen.
Die Vereinigten Staaten sind bereit, im Einklang mit unseren
Sicherheitsinteressen bei der Begrenzung und Reduzierung unserer
Nuklearwaffen so weit wie möglich zu gehen. Wir sind, auf der Basis der
Gegenseitigkeit, jetzt willens, sie um lo Prozent, um 2o Prozent, ja selbst
um 5o Prozent zu verringern. Dann werden wir auf weitere Reduzierungen
hinarbeiten, für eine Welt, die wahrhaft frei von Nuklearwaffen ist.
Die Vereinigten Staaten sind sich auch der Gefahr einer weiteren
Erprobung von Sprengsätzen bewußt.
Gegenwärtig werden zwischen den Vereinigten Staaten, Großbritannien
und der Sowjetunion Verhand'ungen über ein umfassendes Verbot nuklearer
Explosionen geführt. Wie auf anderen Gebieten, wo lebenswichtige nationale
Sicherheitsinteressen auf dem Spiele stehen, müssen die Vereinbarungen
verifizierbar und fair sein. Sie müssen von allen Parteien so gesehen
werden, daß sie einem langfristigen Interesse dienen, das Zurückhaltung im
Augenblick rechtfertigt.
Das langfristige Interesse in diesem Fall besteht darin, einen weiteren
Weg zum nuklearen Wettrüsten zu versperren und damit der gesamten Welt zu
zeigen, daß die großen Nuklearmächte ihre Pflicht ernst nehmen, die Gefahr
einer nuklearen Katastrophe zu verringern.
Mein Land glaubt, daß es an der Zeit ist, allen Explosionen von
nuklearen Sprengsätzen ein Ende zu machen, gleichgültig wie sie angeblich
gerechtfertigt werden - den friedlichen und den militärischen Explosionen.
Wir begrüßen die Anstrengungen aller Länder, dieses gleiche Ziel zu
erreichen.

_

In

�In den letzten neun Monaten habe ich die besondere Bedeutung unterstrichen, die wir der Kontrolle der nuklearen Proliferation beimessen.
Ich fürchte jedoch, daß viele nicht verstehen, warum die Vereinigten
Staaten so fühlen, wie dies der Fall ist.
Warum ist es so wichtig, die Möglichkeit zu vermeiden, daß ein oder
zwei oder zehn weitere Länder sich ein oder zwei oder zehn eigene
Nuklearwaffen beschaffen können? Lassen Sie mich versuchen, dies zu
erklären, denn ich glaube zutiefst, daß dies eine der größten Aufgaben
ist, vor der wir im nächsten Vierteljahrhundert stehen werden.
Es ist eine Binsenwahrheit, daß Nuklearwaffen eine gewaltige
Abschreckung bilden. Sie sind eine Abschreckung, weil sie drohen. Sie
könnten für Terrorismus oder Erpressung wie auch für einen Krieg verwendet
werden. Aber sie drohen nicht nur dem angenommenen Feind, sie drohen
jedem Land, dem Kämpfenden und dem nicht Kämpfenden in gleicher Weise.
Das ist der Grund, warum uns dies alle angehen muß.
Lassen Sie mich offen sein. Das Vorhandensein von Nuklearwaffen in
den USA und der UdSSR und in Großbritannien, Frankreich und China ist
etwas, das wir nicht ungeschehen machen können, es sei denn durch den
mühsamen Prozeß von Verhandlungen. Aber das Vorhandensein dieser Waffen
besagt nun nicht, daß andere Nationen ihre eigenen Waffen entwickeln
müssen, genauso wenig, wie es einen Grund für diejenigen unter uns gibt,
die über solche Waffen verfügen, diese mit anderen zu teilen.
Vielmehr legt PS den Ländern, die über die Kapazitäten für den
Export von nukleanm Brennstoff und nuklearen Technologien verfügen, zwei
feierliche Verpflichtungen auf - die Verpflichtung, den legitimen
Energiebedarf zu decken und zweitens dabei sicherzustellen, daß nichts
von dem, was wir exportieren - direkt oder indirekt - zur Herstellung
nuklearer Sprengstoffe beiträgt. Aus diesem Grunde bemühen sich die

�die Lieferländer um eine gemeinsame Politik und aus diesem Grunde sind
die Vereinigten Staaten und die Sowjetunion , selbst während wir noch
darum ringen, in den SALT-Gesprächen gemeinsamen Boden zu finden, bereits
einer Vereinbarung wie auch einer Zusammenarbeit bei unseren Bemühungen
um eine Begrenzung der nuklearen Proliferation näher gekommen.
Ich meine, daß die Londoner Gruppe der Lieferländer, wie sie sich
jetzt konstituiert hat, ihre Arbeit abschließen muß, sodaß die Sicherheit
der Welt vor dem Druck des kommerziellen Wettbewerbs gewährleistet wird.
Wir haben gelernt, daß es nicht genügt, lediglich einige Anlagen zu
schützen oder einige Materialien. Es sind ganz umfassende Sicherheitsmaßnahmen notwendig.
Heute in zwei Wochen werden in unserem Land über 3o Liefer- und
Verbraucherländer zu einer internationalen Bewertung des Brennstoffzyklus
zusammenkommen, die wir im vergangenen Frühjahr vorgeschlagen hatten.
In den nächsten Jahren werden Experten in Bezug auf alle Aspekte des
nuklearen Brennstoffzyklus zusammenarbeiten.
Die Wissenschaftler und die verantwortlichen Politiker dieser Länder
stehen vor einer gewaltigen Aufgabe. Wir wissen, daß Kernkraftreaktoren
im Jahre 2ooo genug Plutonium herstellen können, um in jedem Jahr
zehntausende von Bomben zu bauen. Ich glaube, aufgrund meiner persönlichen
Kenntnisse in dieser Frage, daß es Wege zur Lösunr des Problems gibt,
vor dem wir stehen. Ich glaube, es gibt alternative Brennstoffzyklen, die
sicher auf weltweiter Basis gehandhabt werden können.
Ich hoffe deshalb, daß der internationale Zyklus der Brennstoffaufbereitung die Unterstützung und die Ermutigung jedes Landes finden wird.
Ich habe sagen hören, daß die Bemühungen um die Kontrolle der nuklearen
Proliferation nutzlos seien; daß der Geist bereits aus der Flasche heraus

- 7 -

�heraus sei. Ich glaube nicht, daß dies richtig ist. Wir dürfen nicht
vergessen, daß sich die Mitgliedschaft des Kernwaffenclubs in 25 Jahren
nicht erweitert hat. Durch echte Zusammenarbeit können wir sicherstellen,
daß dieser schreckliche Club nicht weiter wachsen wird.
Konventionelle Waffen
Ich habe in einiger Ausführlichkeit über die besonderen Probleme
der Kontrolle der Kernwaffen und der nuklearen Proliferation gesprochen.
Ich möchte mich jetzt dem Problem der Kontrolle der konventionellen
Waffen zuwenden, die potentiell oder unmittelbar alle Nationen berührt,
die hier in diesem Saale vertreten sind. Das ist keine Sache der Zukunft nicht einmal der nahen Zukunft -, sondern der unmittelbaren Gegenwart.
Die weltweiten Militärausgaben liegen heute in der Gegend von 3oo Milliarden
Dollar pro Jahr. Im vorigen Jahr haben die Nationen der Welt mehr als
60 mal soviel ausgegeben, um einen Soldaten auszurüsten als um ein Kind
auszubilden. Das meiste Geld haben die Industrieländer ausgegeben, aber die
Wachstumsrate der Militärausgaben in der Entwicklungswelt ist rascher.
Und während nur eine handvoll Staaten hochentwickelte Waffen herstellen,
steigt die Zahl der Länder, die sie kaufen wollen immer schneller.
Das konventionelle Wettrüsten verursacht und nährt die Bedrohung durch
größere und tödlichere Kriege. Es legt einer bereits in Schwierigkeiten
befindlichen Weltwirtschaft eine gewaltige Bürde auf.
Die Vereinigten Staaten ihrerseits haben jetzt damit begonnen, ihre
Waffenexporte zu verringern. Es ist unser Ziel, sowohl die Quantität als
auch die Tödlichkeit der Waffen zu verringern, aber wir können den Weg
nicht sehr lange allein gehen. Länder, deren Nachbarn in großen Mengen
Waffen kaufen, fühlen sich veranlaßt das gleiche zu tun. Lieferländer,
die Zurückhaltung in Waffenverkäufen praktizieren, finden gelegentlich
heraus, daß sie einfach wertvolle Handelsmärkte an andere Lieferanten
verlieren.
Wir

�Wir hoffen mit anderen Lieferanten zusammenarbeiten zu können, um
den Waffenfluß zurückzudä'mmen und das Tempo zu reduzieren, mit dem die
modernsten und hochentwickeltsten Waffentechnologien sich um die ganze
Welt ausbreiten. Wir erwarten nicht, daß diese Aufgabe leicht sein wird
oder sofortige Ergebnisse produzieren wird. Aber wir haben uns verpflichtet,
der Spirale zunehmender Waffenverkä'ufe Einhalt zu gebieten.
Wir hoffen, was ebenso wichtig ist, daß die Käuferländer einzeln und
über regionale Organisationen ihre Waffenimporte begrenzen werden. Wir sind
bereit, einigen Ländern die notwendigen Mittel für eine legitime Selbstverteidigung zur Verfügung zu stellen, aber wir sind ebenso daran
interessiert, mit jedem Land oder jeder Region zusammenzuarbeiten, um die
Notwendigkeit für zahlreichere, tödlichere und immer teuerere Waffen zu
verringern.
Der Regionale Konflikt
Vor 14 Jahren sprach einer meiner Vorgänger in diesem Räume unter
Bedingungen, die in bestimmter Weise den heutigen gleichen. Es war eine
Zeit, so sagte er, der verhältnismäßigen Ruhe und es herrschte eine
Atmosphäre steigender Hoffnung hinsichtlich der Aussichten für die Kontrolle
der Nuklearenergie. Der erste spezifische Schritt zur Begrenzung des
nuklearen Wettrüstens war getan worden - fast loo Nationen hatten einen
Vertrag über das Verbot von Kernwaffenversuchen unterzeichnet.
Aber die folgenden Jahre entsprachen nicht den optimistischen Aussichten,
die John F. Kennedy vor dieser Versammlung aufgeteigt hatte, denn es ist uns
als eine Gemeinschaft von Nationen nicht gelungen, die tiefsten Ursachen
des potentiellen Konflikts unter uns anzupacken.
Wenn wir die Prinzipien der Entspannung unter den großen Nuklearmächten
zu etablieren versuchen, dann sind wir der Überzeugung, daß diese Prinzipien
auch auf regionale Konflikte Anwendung finden müssen. Die Vereinigten
- 9 -

�Vereinigten Staaten sind der friedlichen Beilegung von Meinungsverschiedenheiten verpflichtet. Wir sind der Stärkung der friedensstiftenden
Fähigkeiten der Vereinten Nationen und regionaler Organisationen, wie der
Organisation für afrikanische Einheit und der Organisation Amerikanischer
Staaten, verpflichtet.
Die Vereinigten Staaten unterstützen die Anstrengungen Großbritanniens,
einen friedlichen und raschen Übergang zur Mehrheitsherrschaft und zur
Unabhängigkeit in Simbabwe herbeizuführen. Wir haben uns anderen Mitgliedern
des Sicherheitsrates in der vorigen Woche und dem Generalsekretär der
Vereinten Nationen in den Bemühungen angeschlossen, die Unabhängigkeit
und eine demokratische Herrschaft in Namibia zustande zu bringen. Wir
sind erfreut über den Stand der Zusammerarbeit, den wir mit den Führern
der Nationen in diesem Gebiet wie auch mit jenen Völkern erreicht haben,
die um die Unabhängigkeit ringen. Wir appellieren an Südafrika und andere
Nationen, die vorgeschlagen?

Lösung für die Probleme in Simbabwe zu

unterstützen und noch enger zusammenzuarbeiten, um für einen reibungslosen
und prompten Übergang in Namibia zu sorgen.
Es ist jedoch notwendig, daß alle anderen Nationen in ihren Aktionen
in Simbabwe und in Namibia Zurückhaltung üben, damit wir eine Herrschaft
der Mehrheit verwirklichen und eine Ausweitung des Krieges vermeiden
können, der über die südliche Hälfte des afrikanischen Kontinents
hereinbrechen könnte.
Von allen regionalen Konflikten auf der Welt birgt keiner größere
Gefahren in sich als der Nahe Osten. Der Krieg dort hat die Welt ar

den

Rand der nuklearen Konfrontation gebracht. Er hat die ganze Weltwirtschaft
zerrüttet und den Menschen in den Industriestaaten wie auch in den
Entwicklungsländern in gleicher Weise große Härten auferlegt. Daher ist ein
echter Friede - ein Friede, der in bindenden Verträgen niedergelegt ist unbedingt notwendig. Er wird im Interesse der Israelis und der Araber
liegen. Er liegt im Interesse des amerikanischen Volkes. Er liegt im

�im Interesse der gesamten Welt.
Der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen hat mit den Resolutionen
242 und 338 die Grundlage für einen Frieden geschaffen, doch sind Verhandlungen in gutem Glauben zwischen allen Parteien notwendig, um diesem
Frieden Gehalt zu geben.
Solche Verhandlungen in gutem Glauben müssen durch die Erkenntnis
belebt werden, daß alle Nationen in diesem Gebiet - Israel und die
arabischen Länder - ein Recht auf eine Existenz in Frieden
Aufnahme

mit baldiger

eines wirtschaftlichen und ^lturellen Austausches sowie

normalen diplomatischen Beziehungen haben. Der Friede muß einen Prozeß
einschließen, durch den die bittere Feindschaft über Generationen hinweg Haß und Argwohn - überkommen werden können. Die Verhandlungen können
keinen Erfolg haben, wenn eine der Parteien die trügerische Ansicht hegt,
daß der Friede lediglich eine Pause bedeutet, in der man sich auf den
Krieg vorbereitet.
Verhandlungen in gutem Glaubem bedingen ferner, daß alle Seiten
die fundamentalen Rechte und Interessen jedes einzelnen akzeptieren.
Für Israel muß dies Grenzen bedeuten, die anerkannt und sicher sind.
Sicherheitsvereinbarungen sind entscheidend wichtig für ein Land, das in
jedem der letzten vier Jahrzehnte um sein überleben gekämpft hat. Die
Verpflichtung der Vereinigten Staaten für die Sicherheit Israels steht
außer Zweifel.
Was die Araber anbetrifft, so müssen die legitimen Rechte des
palästinensischen Volkes anerkannt werden. Das eine, was das amerikanische
Volk mit Israel verbindet, ist unsere gemeinsame Achtung vor den Menschenrechten und der Mut, mit dem Israel diese Rechte verteidigt hat. Es liegt
auf der Hand, daß ein echter und dauerhafter Friede auch die Rechte aller
Völker dieses Gebiets respektieren muß. Wie diese Rechte definiert und
- 11 -

�und verwirklicht werden, darüber zu entscheiden ist selbstverständlich
Aufgabe der direkt Beteiligten, nicht aber unsere Aufgabe, es zu diktieren.
Wir beabsichtigen nicht, den Nationen des Nahen Ostens eine Lösung
von außen aufzuzwingen.
Die Vereinigten Staaten sind mit den Außenministern Israels und der
arabischen Staaten, die um den Frieden bemüht sind, zusammengekommen.
Wir stehen in engem Kontakt mit der Sowjetunion, mit der wir die Verantwortung für die Wiederaufnahme der Genfer Konferenz teilen. Als Folge
dieser Konsultationen sind die Sowjetunion und die Vereinigten Staaten
übereingekommen, die Wiederaufnahme der Genfer Konferenz vor Ende dieses
Jahres zu fordern. Wenn auch weiterhin eine Anzahl von Verfahrensfragen
bestehen bleibt, so glaube ich doch, daß man darauf eine Antwort finden
kann, wenn die Parteien weiterhin in gutem Willen handeln.
Die Großmächte haben eine besondere Verantwortung in den Gebieten
auf der Welt, wo sie konkurrierende Interessen haben, mit Zurückhaltung
vorzugehen, weil eine Verknüpfung dieser Interessen mit örtlichen
Rivalitäten und Konflikten zur ernsten Konfrontation führen kann. Im Gebiet
des Indischen Ozeans haben weder wir noch die Sowjetunion eine große
militärische Präsenz, auch besteht dort keine rasch anwachsende
Konkurrenz zwischen uns. Eine Zurückhaltung in diesem Gebiet könnte
durchaus mit einer von beiden Seiten unternommenen Anstrengung beginnen,
unsere Präsenz zu stabilisieren und eine Eskalation im militärischen
Wettstreit zu vermeiden. Dann könnten beide Seiten erwägen, wie unsere
militärischen Aktivitäten im Gebiet des Indischen Ozeans noch weiter
eingeschränkt werden könnten.
Die friedliche Beilegung der Differenzen ist natürlich wesentlich. :Die
Vereinigten Staaten sind gewillt, an diesem Prinzip festzuhalten, wie im
Falle der vor kurzem unterzeichneten Panama-Verträge. Diese Verträge

- 12 -

�Verträge können, sobald sie ratifiziert sind, die Beziehung zwischen den
Vereinigten Staaten und Panama in ein Verhältnis verwandeln, das die
Interessen beider Länder auf Dauer schützt und ihre Souveränität respektiert.
Wir haben seit Gründung der Vereinten Nationen große Herausforderungen überlebt und überwunden, aber wir können den Fortschritt selbst
in einer Welt immer größer werdender Mannigfaltigkeit beschleunigen. Die
Verpflichtung zur Stärkung der internationalen Institutionen ist von
lebenswichtiger Bedeutung, aber auch aus unserer nationalen Politik erwächst
Fortschritt. Wir können zusammenarbeiten und eine Gemeinschaft des Friedens
bilden, wenn wir jene von mir heute vorgeschlagenen Verpflichtungen
akzeptieren:
- Erstens, die Verpflichtung, die Drohung der Nuklearwaffen zu beseitigen, die Tendenz zu immer größeren Rüstungen zu wenden und bilaterale
sowie multilaterale Abkommen über eine Rüstungskontrolle abzuschließen, die
uns allen Sicherheit bringen können.
Um das Vertrauen der Nationen auf Nuklearwaffenarsenale abzubauen,
erkläre ich hiermit im Namen der Vereinigten Staaten, daß wir keine
Nuklearwaffen anwenden werden, außer zur Selbstverteidigung: das heißt,
nur im Falle eines tatsächlichen nuklearen oder konventionellen Angriffs
auf die Vereinigten Staaten, auf unsere Territorien oder unsere
Streitkräfte oder im Falle eines solchen Angriffs auf unsere Verbündeten.
Darüber hinaus hoffen wir, daß die Initiativen seitens der westlichen
Nationen zur Sicherung einer beiderseitigen und ausgewogenen Truppenreduzierung in Europa eine entsprechende Reaktion seitens der Staaten des
Warschauer Pakts finden werden.
- Zweitens, die Verpflichtung, in Spannungsgebieten Zurückhaltung
zu üben, über Streitfälle zu verhandeln und sie friedlich beizulegen und
die Fähigkeit der Vereinten Nationen und der regionalen Organisationen
zur Friedenserhaltung zu stärken.
- Und schließlich die Anstrengung aller Nationen, der des Ostens wie
der des Westens, des Nordens wie des Südens, die Hoffnungen.und

�und Erwartungen der Menschheit auf menschliche Entwicklung und
menschliche Freiheit zu erfüllen. Um diesen Grundforderungen zu entsprechen, bilden wir Regierungen und streben nach dem Frieden.
Um unseres Überlebens und unserer Prosperität willen müssen wir
gemeinsam diese Verpflichtungen erfüllen.
Eine solche Welt des Friedens ist für uns vorstellbar. Wir können
auf eine Welt ohne Armut und Not hinarbeiten. Wir können eine globale
Gemeinschaft aufbauen, die sich für diese Zielsetzungen und für die
Menschenwürde einsetzt.
Das Bild, das ich heute vor Ihnen entworfen habe, ist das, wie es sich
einem führenden Mann einer Nation darstellt. So reich und mächtig die
Vereinigten Staaten auch sein mögen - so sehr sie zu einer führenden Rolle
befähigt sein mögen - diese Macht ist in zunehmendem Maße relativ, und die
Führung bedarf in zunehmendem Maße der Beteiligung anderer.
•

Keine Nation hat ein Monopol auf Zukunftsvisionen, auf Kreativität
oder auf Ideen. Dies aus vielen Nationen zusammenzubringen, das ist unsere
gemeinsame Verantwortung und hohe Aufgabe. Denn nur auf diese Weise kann
die Idee einer friedlichen globalen Gemeinschaft sich entwickeln und
gedeihen.

+ + +

•

�12. Oktober 1977

27

DIE MENSCHENRECHTE: POLITISCHES ERBE AMERIKAS
Earl N. Mittleman

Wer mit der Entwicklung des politischen Gedankenguts Amerikas vertraut ist, der wird über das "absolute" Eintreten Präsident Carters
für die Menschenrechte nicht überrascht sein. Carter bestätigt nur einen
Grundgedanken, der das politische System der Vereinigten Staaten
motiviert. Die Verpflichtung Amerikas für die Menschenrechte, so erklärte
er, "ist ein Ausdruck der Werte, die das amerikanische Volk am
tiefsten bewegen."
Diese Werte fanden mit den ersten englischen Siedlungen in der
Neuen Welt Anfang des 17. Jahrhunderts ihre Heimat. Als jene ersten
kühnen Siedler am 14. Mai 16o7 in dem heutigen Jamestown landeten, brachten
sie ihre vererbten Freiheiten mit.
Die erste Charta (Stiftungsurkunde) von Virginia, die König James 1
als Grundlage für die Regierung der Siedlung gewährte, stellte ausdrücklich
fest, daß alle Bewohner "alle Freiheiten, Gerechtsame und Privilegien
in allen Unseren Dominions für alle Absichten und Zwecke haben und
genießen sollen, als ob sie in Unserem Reich England oder in irgendeinem

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D 5300 Bonn-Bad Godesberg 1
Tel: 02221-893240 Telex:08-85432

�irgendeinem Unserer besagten Dominions geboren waren oder dort lebten."
Einige Jahre später faßte mit der Gründung der Massachusetts Bay
Colony die Herrschaft des Rechts festen Fuß in der Neuen Welt. Der General
Court, die regierende Körperschaft der Kolonie, verabschiedete im Jahre
1641 einen Kodex der bürgerlichen Freiheiten, der zum erstenmal auf dem
amerikanischen Kontinent die Herrschaft des Rechts über die Völker der
Regierenden einsetzte.
Die englischen Kolonisten in Amerika brachten jedoch die religiöse
Unduldsamkeit mit, die sie in Europa praktiziert hatten. Erst Mitte des
17. Jahrhunderts begann sich die religiöse Toleranz zu entfalten. Der
"Toleration Act", die Toleranzakte, die die römisch-katholische Kolonie
Maryland verabschiedete, war das erste Gesetz über die Religionsfreiheit,
das von einer legal eingesetzten gesetzgebenden Versammlung in Amerika
verabschiedet wurde. Die Akte sollte die Kolonie Maryland von dem Vorwurf
der Intoleranz gegenüber dem Protestantismus befreien.
Völlige religiöse Toleranz kam jedoch erst im Jahre 1663 mit der
Stiftungsurkunde der Kolonie Rhode Island, in der die volle Freiheit der
Religion niedergelegt wurde.
Während die Frage der Religionsfreiheit in Nordamerika ihre Lösung
fand, machte ein neues Problem den Kolonisten und schließlich sogar den
Vereinigten Staaten von Amerika zu schaffen: das Problem der Sklaverei.
Obwohl die Zahl der schwarzen Sklaven im 17. Jahrhundert relativ
klein war, gab es bereits Proteste gegen diese Einrichtung, vor allem
seitens der Quäker und der Mennoniten. Am 18. Februar 1688 veröffentlichte
eine Gruppe von Mennoniten in Germantown in Pennsylvania den ältesten
bekannten Protest gegen die Sklaverei in den amerikanischen Kolonien:
"Hier", so schrieben sie, "herrscht Freiheit des Gewissens, was recht

- 2 -

�recht und billig ist; hier sollte aber in gleicher Weise Freiheit des
Körpers herrschen... Aber Menschen hierher zu verbringen oder sie gegen
ihren Willen zu rauben und zu verkaufen, dagegen sind wir."
In der Zwischenzeit dehnten sich die amerikanischen Kolonien mit der
Ankunft von Siedlern aus Deutschland, Holland, Frankreich und den
skandinavischen Ländern immer weiter aus, und es entwickelte sich ein
neues amerikanisches Nationalgefühl. Die Kolonisten begannen sich als
Amerikaner zu fühlen, die sich selbst regieren. Als die britische Krone
versuchte, in

einigen Kolonien bestimmte verhaßte Steuern einzuführen,

die Handelstätigkeit zu beschränken, die landwirtschaftliche Expansion nach
Westen zu begrenzen und die Selbstverwaltung abzuschaffen, erhoben sich die
Kolonien dagegen. Am 4. Juli 1776 proklamierten die Vertreter der 13
Kolonien die

Unabhängigkeitserklärung, die die politischen Grundüber-

zeugungen der Amerikaner formulierte:
"Folgende Wahrheiten erachten wir als selbstverständlich: daß alle
Menschen gleich geschaffen sind; daß sie von ihrem Schöpfer mit bestimmten
unveräußerlichen Rechten ausgestattet sind; daß dazu Leben, Freiheit und
das Streben nach Glück gehören; daß zur Sicherung dieser Rechte Regierungen
unter den Menschen eingesetzt werden, die ihre rechtmäßige Macht aus der
Zustimmung der Regierten herleiten."
Mit dem siegreichen Ende des Befreiungskrieges, des Revolutionary War,
übernahmen die Vereinigten Staaten von Amerika ein riesiges Gebiet, das sich
von den ersten Kolonien an der Ostküste bis zum Mississippi erstreckte.
Noch kaum bevölkert bot dieses Gebiet gewaltige Siedlungsmöglichkeiten.
Die Vereinigten Staaten hatten jetzt zwei Möglichkeiten: sie konnten
dieses Gebiet als koloniales Lehen der Bundesregierung behandeln, oder sie
konnten den derzeitigen und künftigen Bewohnern die gleichen Rechte einräumen, wie den Bürgern der bestehenden 13 Staaten der Union. Die neue
Regierung wählte den letzteren Weg und erließ im Jahre 1787 die sogenannte
- 3 -

�sogenannte "Northwest Ordinance", einen Erlaß also, der den Siedlern der
Territorien

nicht nur die vollen Rechte als amerikanische Bürger ein-

räumte, sondern ihnen auch die Aufnahme in die Union nach Gründung eines
Staates (EinzelStaates) zusicherte. Allerdings wurde in dem genannten
Gebiet die Sklaverei als ungesetzlich erklärt.
Nach drei Jahren unvollkommener Regierung unter den Konföderationsartikeln erarbeiteten Vertreter der 13 Staaten die Verfassung der
Vereinigten Staaten, um eine festere Basis für die Bundesregierung und das
Verhältnis der Einzelstaaten zur Zentralregierung zu

schaffen.

Eine der größten Befürchtungen war jedoch, daß die Zentralregierung
zuviel Macht erhalten könnte. So wurden bald nach der Ratifizierung der
Verfassung die ersten zehn Zusatzartikel, die sogenannte "Bill of Rights",
verabschiedet und 1791 in Kraft gesetzt. Diese Zusatzartikel garantierten,
daß die Bundesregierung die Grundrechte des amerikanischen Bürgers nicht
schmälern kann.
Aber noch immer hing eine dunkle Wolke über der amerikanischen
Gesellschaft: die Sklaverei. Erst der Bürgerkrieg von 186o bis 1865, in
dem fast 800 000 Tote und Verwundete zu beklagen waren, brachte die endgültige Lösung dieses Problems. Nach dem Kriege sorgten die Zusatzartikel
13, 14 und 15 für die völlige Abschaffung der Sklaverei.
Das nächste Problem war das Wahlrecht für Frauen. Der Kampf darum
dauerte lang, aber schließlich regelte der 192o verabschiedete 19. Zusatzartikel der Verfassung auch diese Frage.
Die Weltwirtschaftskrise, die 1929 begann und Millionen von Amerikanern
Arbeitslosigkeit brachte, führte zu der Erkenntnis, daß es auch einen
wirtschaftlichen Aspekt der Menschenrechte gab. Im Rahmen des unter der
Bezeichnung "New Deal" bekannt gewordenen Wirtschafts- und Sozialprogramms

- 4 -

�Sozialprogramms von Präsident Franklin D. Roosevelt wurden in den dreißiger
Jahren die Gewerkschaften zu einem immer wichtigeren Faktor. Mit ihrer
Hilfe wurden Sozialversicherung, Arbeitslosenversicherung, der Achtstundentag und die 4o-Stundenwoche für die meisten Amerikaner Wirklichkeit. Und
nach dem Zweiten Weltkrieg erkannte die Regierung mit der Verabschiedung
des Vollbeschäftigungsgesetzes im Jahre 1946 ihre Verantwortung an, für
"nützliche Beschäftigungsrröglichkeiten ... für jene zu sorgen, die fähig
und willens sind, zu arbeiten und nach Arbeit zu suchen, und maximale
Beschäftigungs- und Produktionsverhältnisse und maximale Kaufkraft zu
schaffen."
Und schließlich kam in den fünfziger und sechziger Jahren die große
Bürgerrechtsbewegung, deren von ihr erfochtetenen Bürgerrechtsgesetze
die Menschenrechte für alle Amerikaner durchsetzten.
Die Erfahrung der totalitären Aggression in den dreißiger und vierziger
Jahren, vor allem im Zweiten Weltkrieg, brachten dem amerikanischen Volk die
Erkenntnis, daß die Menschenrechte eine internationale Angelegenheit
sind. Aus dieser Einsicht heraus waren die Vereinigten Staaten maßgeblich
an dem Entwurf der Charta der Vereinten Nationen 1945, der Universalen
Menschenrechtserklärung 1948 und schließlich des Korbes 3 der Schlußakte
von Helsinki 1975 beteiligt. Gerade im letzteren Dokument haben sich die
Länder Europas zur Stärkung der Menschenrechte für ihre Völker verpflichtet.

+ + +

- 5 -

�11 Li

I

United States Information Service

27

12. Oktober 1977

MANAGEMENT UND WIRTSCHAFTLICHE ENTWICKLUNG
- Ein Beitrag zum Nord-Süd-Dialog Von Edward Y. George

"Die Rolle des Management in unserer Gesellschaft ist von entscheidender Bedeutung für den Fortschritt der Menschheit.

Sie trägt dazu bei, eine

zwingende Notwendigkeit unserer Zeit zu umreißen, nämlich die Notwendigkeit,
den Lebensstandard aller Völker durch wirksame Nutzung der menschlichen und
materiellen Ressourcen zu heben".

Diese Worte Präsident Kennedys, vor über

einem Jahrzehnt gesprochen, gelten auch heute noch.

Peter F. Drucker, einer

der führenden Betriebswirtschaftler Amerikas, unterstreicht ihre Bedeutung
erneut, wenn er jetzt darauf hinweist, daß das Management die Grundlage für
den Reichtum der heutigen Industriestaaten geschaffen hat.

Das Management

hat mit dazu beigetragen, daß sie sich aus einer Gesellschaft kleiner Familienbetriebe und Arbeitseinheiten zu einer Gesellschaft komplexer Institutionen von ungeahnter Produktivität entwickeln konnten.

Drucker geht aber

noch weiter und erklärt, das überleben unserer modernen Welt hängt in hohem
Maße von dem Erfolg der Manager ab.
Es ist immer wieder darüber diskutiert worden, ob das Management bereits
eine führende Kraft in der Gesellschaft war, noch bevor die wirtschaftlich Ent-

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Tel: 02221-893240 Telex:08-85432

�Entwicklung Gestalt annahm,oder ob das Management als eine natürliche Folge
der wirtschaftlichen Entwicklung zu werten sei. Tatsache ist, daß das Management die Haupttriebskraft bildet und die wirtschaftliche Entwicklung als Folgewirkung zu betrachten ist.

Es ist richtig, daß wirtschaftliches Wachstum

von der Verfügbarkeit von Kapital, Rohstoffen und Arbeitskräften abhängig
ist.

Aber diese Faktoren kann man nicht in ein Vakuum stellen.

Nur in Or-

ganisationen, die von einem hervorragenden Management geleitet werden, können
sie sich produktiv entfalten.
In der gegenwärtigen Diskussion über die Ursachen der Unterentwicklung
wird immer wieder erklärt, daß es lediglich eines wachsenden Kapitalflusses
bedürfe, um eine rasche wirtschaftliche Entwicklung zu gewährleisten.

Diese

naive Ansicht ignoriert einfach die grundlegende Tatsache, daß wirtschaftliche
Entwicklung auf menschlicher Energie und nicht auf wirtschaftlichem Reichtum
beruht und daß es eine der Hauptaufgaben des Management ist, die menschlichen
Energien zu wecken und zu lenken.
Wirtschaftliche Entwicklung ist davon abhängig, daß in der Gesellschaft
qualifizierte Fachkräfte in ausreichender Zahl vorhanden sind. Aufgabe eines
vorausschauend planenden Management ist es daher, geeignete Arbeitskräfte anzuwerben, auszubilden und weiter zu fördern. Durch richtige Anleitung und
Motivierung sowie Einräumung geeigneter Möglichkeiten zur Selbstbestätigung
für diese Arbeitskräfte kann das Management sicherstellen, daß die Zahl der
qualifizierten Fachkräfte wächst.
Warum nun ist das Management, besonders für die Entwicklungsländer, von
so ausschlaggebender Wichtigkeit?

Und warum sind die Managementkonzeptionen

und Techniken, wie sie in den Vereinigten Staaten entwickelt und weiter verfeinert worden sind, in gleicher Weise auch auf die Entwicklungsländer anwendbar?
Einmal können die großen Unternehmen in den Vereinigten Staaten es sich
leisten, auf fast allen Gebieten hochspezialisierte Fachkräfte einzustellen,
- 2 -

�einzustellen, während die Unternehmen in den Entwicklungsländern diese Möglichkeit nicht haben, da solche einheimischen Fachkräfte rar sind.

Daher ist

es von entscheidender Bedeutung, daß das Management in den Entwicklungsländern selbst aus dem begrenzten einheimischen Reservoir geeigneter Arbeitskräfte sich seinen Stamm an Fachkräften heranzieht.

Zum anderen ist Management allgegenwärtig und universell.

Kein Unter-

nehmen, ob es sich nun um staatliche oder private Unternehmen handelt, kann
ohne wirksames Management überleben und über lange Zeiträume produktiv arbeiten.

Darüber hinaus sind Aufgaben und Funktionen der Manager überall auf

der Welt nahezu die gleichen.

Welcher Art sind nun Aufgaben und Funktionen des Management, daß es
für die Entwicklungsländer so begehrenswert ist?

Ein Manager, der Erfolg

haben will, darf nicht alles selbst machen wollen; er muß lediglich dafür
sorgen, daß das Richtige zum richtigen Zeitpunkt geschieht.

Ein Experte oder

Spezialist auf einem bestimmten Gebiet ist nicht unbedingt auch ein erfolgreicher Manager.

Um Erfolg zu haben, muß ein Manager andere Menschen moti-

vieren und so führen können, daß sie produktiv sind.

Er muß aufgrund seiner

Erfahrung und Persönlichkeit die unterschiedlichen persönlichen Kenntnisse
und Fähigkeiten der Menschen, die mit ihm zusammenarbeiten, zu einem Ganzen
zusammenschweißen können, das mehr ist als die Summe seiner einzelnen Teile.

Nach V.H. Vroom von der Carnegie Mellon-Universität ist es Aufgabe des
Managers, ständig Führung, Leistung, Produktivität und Gewinn im Auge zu
haben.

Die Effektivität des Managers wird an zwei Faktoren gemessen:

Fähigkeit der Arbeitsgruppe multipliziert mit ihrer Motivierung.

Die

Die vor

kurzem von Vroom und E.E. Lawler entwickelte Erwartungstheorie besagt unter
anderem, daß Befähigung und Funktionsvorstellung potentiell entscheidend für
die Leistung sind.

Vom Manager wird daher erwartet, daß er das Leistungs-

niveau seines Mitarbeiterstabes heben und diesen zu hohen Leistungen anspornen soll.
Was
- 3 -

�Was die Funktionen des Managers anbetrifft, so wird in der Betriebswirtschaftslehre allgemein anerkannt, daß hierunter Planung, Organisation,
Personalentscheidungen, Direktiven und Kontrolle fallen.

Diese Funktionen

werden in den meisten Handbüchern über Managementprinzipien eingehend erläutert.

Wichtiger ist, an dieser Stelle aufzuzeigen, wie ein Manager sol-

che Funktionen mit Erfolg ausüben kann.

In den letzten zehn Jahren bestand

in den Vereinigten Staaten eine starke Tendenz, das Management zu ermuntern,
das gerade entwickelte System des Management nach Zielsetzungen einzuführen.
Richtig angewandt kann ein Management nach Zielsetzungen aufgrund der vollen
Zusammenarbeit aller Managementebenen durch Definition klarer und quantitativ
meßbarer Ziele die Chancen für den Erfolg des Managers verbessern.

Ein

Management nach Zielsetzungen integriert und systematisiert nicht nur die
Managementfunktionen, sondern trägt auch dazu bei, daß die untergeordneten
Stellen infolge ihrer Einbeziehung genau wissen, was von ihnen erwartet wird
und was auf sie zukommt.
Obwohl viele heute zu der Auffassung neigen, daß Management eine Kunst
und Führerschaft, eine angeborene Fähigkeit sei, haben Untersuchungen über
das Management in den Vereinigten Staaten ergeben, daß Management und die damit zwangsläufig verbundene Führungsrolle Fähigkeiten sind, die erworben und
über gut durchdachte wissenschaftliche Ausbildungsprozesse erlernt werden
können.
Professor David C. McClelland von der Harvard-Universität tritt der allgemeinen Auffassung, daß kulturelle Werte zwangsläufig die Motivierung im
Kindesalter beeinflussen, entgegen und hat für die Vereinigten Staaten und
einige Entwicklungsländer ein Ausbildungsforschungsprogramm ausgearbeitet, das
bei Erwachsenen das Leistungsmotiv auf wirtschaftlichen Gebieten zu wecken
sucht. Seine vielversprechende Arbeit über die Theorie der Motivation basiert auf verschiedenen Thesen. Wenn jemand überzeugt sei, so sagt er unter
anderem, daß er ein Motiv entwickeln könne oder sollte, dann hätten Ausbildungsbemühungen mit dem Ziel einer Weiterentwicklung dieses Motives auch Erfolg. Wenn jemand eine neue Motivation mit Ereignissen in seinem täglichen

�täglichen Leben in Verbindung bringen könne, dann werde das Motiv in den
Tagesablauf Eingang finden.

Und wenn jemand glaube, daß das Motiv eine

Verbesserung bestehender kultureller Werte bedeute, dann werde es seine
Handlungen künftig stärker beeinflussen.
In den Entwicklungsländern bilden die staatlichen Organe wichtige
Reservoire für erfolgreiche Manager, einmal aus historischen und kulturellen
Gründen und zum anderen wegen der Anreize und Motivationen im Regierungsdienst. Zur Beschleunigung des Tempos ihrer wirtschaftlichen Entwicklung
haben die meisten Entwicklungsländer auf höchster Regierungsebene Kommissionen für die langfristige Planung eingesetzt. Als Prozeß der Willensbildung ist die langfristige Planung, soll sie erfolgreich sein, abhängig davon, daß qualifizierte Manager verfügbar sind und daß die wissenschaftlichen
Managementtechniken an die für die Durchführung der wirtschaftlichen Entwicklungspläne Verantwortlichen weitervermittelt werden.
Ein erfolgreiches Management ist ausschlaggebend für den Erfolg des
Entwicklungsprozesses. Amerikanische Konzeptionen, Praktiken und Ausbildungsverfahren haben dazu beigetragen, das Management zu einer Wissenschaft
zu machen, die weitervermittelt werden kann. Die Entwicklungsländer beginnen jetzt nach Jahren historischer Bindungen an andere Staaten auf die amerikanischen Managementtechniken und Ausbildungsverfahren zu blicken und sie
zu schätzen. In enger beiderseitiger Zusammenarbeit suchen sie diese Techniken angesichts des in ihnen schlummernden riesigen Potentials für den Erfolg der wirtschaftlichen Entwicklungsanstrengungen einzusetzen.

+ + + + +

- 5 -

�e
»

UUi//cn/choft
und Technik
United States Information Service

12. Oktober 1977

27

ATOMMÜLL - IN MEERESSCHLUCHTEN VERGRABEN
Ein Vorschlag amerikanischer Wissenschaftler -

- (AD) - Naturvorgänge auf der Erde selbst könnten helfen, Atommüll
unschädlich zu machen. Dr. Karl Turekian von der Yale-Universität und
Dr. Peter Rona, Geophysiker bei der US-Behörde für Meeres- und Atmosphärenforschung (NOAA) »schlagen nach eingehenden Untersuchungen von Strömungen
und Sedimentation im Bereich des Mittelatlantikrückens vor, radioaktiv Abfälle in den Quertälern zur Zentralspalte des riesigen Unterwassergebirges
zu versenken.
Bei diesen Quertälern handelt es sich um Hunderte von Kilometern
lange tiefe Risse im Meeresboden, deren größter an der Basis 10 km breit
ist und mehr als 3000 m hohe Wände aufweist. Sedimente sammeln sich am Boden dieser Gräben sehr rasch an und kommen manchmal in regelrechten meterdecken Lawinen. Schon eine acht Zentimeter dicke Schicht würde nach Meinung der beiden Wissenschaftler genügen, radioaktives Material gegen die
Mehrzahl möglicher natürlicher Störungen wie z.B. Strömungen abzuschirmen.
In Kanistern versiegelter Atommüll, Plutonium eingeschlossen, könnte dort
über Tausende und Hunderttausende von Jahren ruhen und während dieser Zeit

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�Zeit zu unschädlichen Substanzen zerfallen.

Sollten die unter Sedimenten

begrabenen Kanister eines Tages leck werden, wären die darin befindlichen
Materialien durch chemische Prozesse in den Tiefsee-Sedimenten und im
Grundwasser wirksam abgeschirmt.

Organismen im Meer kämen, so Turekian

und Rona, nicht mit den radioaktiven Stoffen in Berührung.

Das östliche

Atlantikbecken ist nach ihrer Ansicht als gut geeigneter und sicherer Deponienplatz für Atommüll anzusehen.

+ + + + +

- 2 -

�i

Wi//en/chaft
und Technik
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27

12. Oktober 1977

NEUE MITTEL GEGEN VIRUSKRANKHEITEN

- (AD) - Eine gewisse Parallele zur Bedeutung der ersten Antibiotika
für die Bekämpfung bakterieller Infektionen sieht Prof. Thomas C. Merigan,
Leiter der Abteilung Infektionskrankheiten am Klinikum der Stanford-Universität (Kalifornien), in der Entwicklung neuer Substanzen, mit denen
Viruserkrankungen systematisch angegangen werden können, die sich bisher
einer erfolgreichen Therapie entzogen. Eine dieser Substanzen ist AdeninArabinosid - kurz Ara-A genannt - zur Behandlung der Herpes-Enzephalitis,
einer überaus heimtückischen und gefährlichen Form der Hirnhautentzündung.
Glücklicherweise tritt sie nur selten auf - unter 100 Millionen Einwohnern
kommen schätzungsweise 500 - 5000 Fälle vor. Genaue Zahlen gibt es darüber
wohl noch nirgends, weil eine gesicherte Diagnose die Entnahme einer Gewebeprobe vom Gehirn erfordert, um den Erreger - Herpesviren Typ I - zu identifizieren.
Die Klinik der Stanford-Universität war zusammen mit 14 weiteren großen
amerikanischen Klinikzentren an einem Versuch zur Erprobung und Beurteilung
von Ara-A beteiligt, den das Nationale Institut für Allergie und Infektionskrankheiten der Medizinischen Bundesforschungsanstalten (NIH) der USA ausgearbeitet und überwacht hatte.

Aus einem kürzlich veröffentlichten ersten

Postfach 300,
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�ersten Bericht geht hervor, daß unter Anwendung des neuen Präparats die
Sterblichkeitsrate bei Herpes-Enzephalitis von 70 auf 28 Prozent verringert und die Folgeschäden in der Form schwerster neurologischer Ausfälle
bei überwundener Erkrankung wesentlich eingeschränkt wurden.
Angesichts dieser Ergebnisse wird an der Stanford-Universität Ara-A
jetzt ebenso wie Interferon versuchsweise auch zur Bekämpfung anderer
Virusinfektionen angewandt.

Schon vor einem Jahr konnten Merigan und seine

Mitarbeiter über sehr bemerkenswerte Ergebnisse der Behandlung chronischer
Hepatitis, Typ B, mit Interferon berichten.

Bei etwa 10 Prozent der Patien-

ten, die sich mit akuter Hepatitis B in stationäre Behandlung begeben,
kommt es zu einer chronischen Infektion.

Das bedeutet, daß sie die Erre-

ger ständig im Blut haben und damit potentielle Krankheitsüberträger sind.
Prof. Merigan hofft, daß Substanzen wie Ara-A und Interferon als "erste
Generation" von neuen Substanzen zur Entwicklung von Medikamenten führt,
die den Ärzten wirksame neue Waffen zur Bekämpfung von Viruskrankheiten an
die Hand geben.
Zwar ist es der Wissenschaft bereits gelungen, einige Impfstoffe zur
Vorbeugung gegen ehemals weitverbreitete Infektionskrankheiten wie Polio,
Gelbfieber und Pocken, außerdem gegen die im Hinblick auf ihre Komplikationen lange Zeit unterschätzten Masern und Röteln zu entwickeln. Aber zahlreichen anderen Viruserkrankungen ist noch immer kaum bei zukommen. In
solchen Fällen können die Ärzte nicht viel mehr tun als - mehr oder weniger
erfolgreich - zu versuchen, die natürlichen Abwehrreaktionen des Körpers zu
unterstützen.
Eine wirksame Bekämpfung ist deshalb so schwierig, weil sich Viren
innerhalb der Zellen vermehren.

Wirkstoffe gegen die Erreger müssen in

die Zelle verfrachtet werden, um die Virusvermehrung zu unterbinden, ohne
jedoch die normalen Zellfunktionen zu stören.

Ara-A scheint ein solcher

Wirkstoff zu sein, der bei Enzephalitis allerdings nur im Fall einer speziellen Infektionsform der Herpes-Enzephalitis
- 2 -

erfolgreich ist.

Die Er-

�Erreger, Herpesviren Typ I, sind weit verbreitet; sie verursachen normalerweise nur leichte fiebrige Erkrankungen, die schnell überwunden werden.

Nur in Ausnahmefällen kommt es zu einer Enzephalitis - weshalb dies

so ist, weiß man noch nicht.

Es gibt keine gesicherten Unterlagen darüber,

ob es sich dann um den Ausbruch einer Krankheit handelt, die schon lange
im Körper schlummert, oder um eine primäre Infektion.

Die Symptome sind

anfangs von einer Enzephalitis, die durch andere Erreger verursacht ist,
kaum zu unterscheiden.

Bei Herpes-Enzephalitis werden jedoch die Gehirn-

zellen relativ rasch in großen Partien zerstört.

Lethargie, allgemeine

Desorientierung und Koma zeigen die Stadien an.
Ara-A ist, wie die Studie zeigte, am wirksamsten, wenn die Behandlung
nach gesicherter Diagnose so früh wie nur möglich einsetzt. Das Präparat
wird zehn Tage lang intravenös gegeben. Es handelt sich um eine synthetische
Verbindung, die auf Extrakte aus einem Schwamm zurückgeht, der in der Nähe
von Florida und der Bahama-Inseln im Atlantik wächst. Die natürliche Substanz wurde vor 20 Jahren von Wissenschaftlern entdeckt, die auf der Suche
nach Mitteln zur Krebsbekämpfung waren und zu diesem Zweck Bodenorganismen,
Pilze, Pflanzen aller Art und Meeresgewächse untersuchten. Bei Labortests
mit Krebszellen hatte Ara-A eine unerwartete Wirkung - es tötete Viren ab,
die sich zufällig im Krebspräparat befanden. Daraufhin bemühte sich eine
Wissenschaftlergruppe um die Herstellung einer synthetischen Form von Ara-A,
um den Mechanismus herauszufinden, nach dem die Substanz Viren angreift.
Der bisherige Höhepunkt dieser Arbeiten war der Großversuch der NIH in
Bethesda (Maryland), bei dem Ara-A nach ganz bestimmten Kriterien und unter
exakt eingehaltenen Bedingungen an 15 amerikanischen Kliniken, die über das
ganze Land verteilt waren, zur Behandlung von Enzephalitis an insgesamt 50
Patienten eingesetzt wurde. Durch Biopsien war die Diagnose von HerpesEnzephalitis bei 28 von ihnen gesichert. Ein Drittel der Angehörigen dieser Gruppe war jünger als 19 Jahre, fünf davon waren Kleinkinder. Aus noch
unbekannten Gründen erkranken Frauen und Mädchen häufiger an HerpesEnzephalitis als Männer oder Jungen.

Dr. George
- 3 -

�Dr. George Galasso von den Medizinischen Bundesforschungsanstalten
betont, daß es trotz der guten Resultate verfrüht sei, von einer Möglichkeit zur Heilung der Herpes-Enzephalitis zu sprechen.

Ungemein wichtig

für den Ausgang der Behandlung sei der Zeitpunkt ihres Beginns.

Dennoch

könne der Versuch als ein Durchbruch für die Therapie von Viruskrankheiten
angesehen werden, der der Medizin neue Wege eröffnet habe.

+ + + + +

- 4-

�</text>
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Dokumentation
United States Information Service
Embassy of the United States of America

41

12. Oktober 1983

INHALT

DOKUMENTATION

Weitere Vorschläge Reagans bei den Genfer START-Verhandlungen
- Erklärung des Präsidenten Präsident Reagan würdigt deutsch-amerikanische Freundschaft
- Erklärung bei der Ankunft von Bundespräsident Carstens Toast Präsident Reagans auf Bundespräsident Carstens
Nitze:

USA offen für entscheidenden Fortschritt bei INF

- Rede des US-Chefdelegierten vor der
Nordatlantischen Versammlung -

U m Über/endung von
Belegexemplaren
w i r d gebeten

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�12. Oktober 1983

41

WEITERE VORSCHLÄGE REAGANS BEI DEN GENFER START-VERHANDLUNGEN
- Erklärung des US-Präsidenten -

WASHINGTON - (AD) - Präsident Reagan erklärte am 4. Oktober 1983, die
Vereinigten Staaten seien bereit, über ihren Chefunterhändler Edward Rowny
bei den START-Verhandlungen in Genf der UdSSR eine Reihe von Abbauvorschlägen vorzulegen.
Die Erklärung des Präsidenten hat folgenden Wortlaut:
Heute noch wird Botschafter Rowny mit weiteren Mitgliedern der STARTDelegation zur Eröffnung der fünften Runde der Gespräche über eine Verringerung der strategischen Rüstungen nach Genf abreisen.

Sie werden dabei

eine Reihe neuer Anweisungen mit sich nehmen.
Von Beginn dieser Verhandlungen an war es unser oberstes Ziel, ein stabiles Gleichgewicht auf einem verringerten Umfang der nuklearen Arsenale zu
erreichen.

Wir wollen - ganz schlicht und einfach - die Waffen des Krieges

verringern.

All unsere Anstrengungen - sowohl bei den START- als auch bei

den INF-Verhandlungen - sind auch weiterhin von diesem Ziel geleitet. Und

Postfach 20 03 00 Tel.: 0228-339 2035
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�geleitet.

Und erst heute morgen

habe ich diese eingegangene Verpflichtung

gegenüber Bundespräsident Carstens wiederholt.

Die Vereinigten Staaten

werden - so habe ich es auch vor den Vereinten Nationen dargelegt - ein jegliches ausgewogenes und verifizierbares Abkommen akzeptieren, das die Streitkräfte auf einem niedrigeren als dem derzeitig bestehenden Niveau stabilisiert.

Wir wollen beträchtliche Verringerungen - und diese Verpflichtung

gilt.
Während der letzten Verhandlungsrunde schlugen wir eine Reihe neuer
Initiativen vor, die im Einklang mit den Empfehlungen der Präsidentialkommission über die strategischen Streitkräfte standen und die unseren Unterhändlern zusätzliche Flexibilität ermöglichten.

Diese Initiativen unterstütz-

ten unsere grundsätzlichen Ziele und gingen zugleich auf eine Reihe sowjetischer Bedenken ein.

Ich bedauere zutiefst, daß die Sowjetunion hierauf

bislang eine einschlägige Reaktion schuldig geblieben ist.
Während des gesamten Verhandlungsprozesses waren es die Vereinigten
Staaten, die immer wieder drängen und treiben mußten, um überhaupt zu einem
Fortschritt zu gelangen. Der zutiefst ersehnte Wunsch aller Menschen allerorts auf ein historisches Abkommen, das die Kernwaffen auf dramatische Weise
verringern würde, könnte - ja, wird - erfüllt werden - vorausgesetzt, eine
Bedingung ändert sich: Die sowjetische Regierung muß damit beginnen, in gutem Glauben zu verhandeln.
Lassen Sie mich unterstreichen, daß die Vereinigten Staaten sich über
die Maßen bemüht haben: Wir haben die Trennungslinie zwischen den beiden
Phasen unseres ursprünglichen Vorschlags beseitigt. Alles liegt auf dem
Tisch. Noch immer sind wir am meisten interessiert an Begrenzungen bei
den schnellfliegenden und gefährlichsten Systemen. Aber wir sind zugleich
bereit, Begrenzungen bei Bombern und luftgestützten Marschflugkörpern unterhalb der SALT II-Begrenzungen auszuhandeln. Wir haben große Flexibilität
bei der Behandlung der Zerstörungskapazität der Raketen - einschließlich
ihres Wurfgewichtes - gezeigt. Wir sind außerdem hinsichtlich unserer Hai-

�unserer Haltung bei der Begrenzung der Anzahl der ballistischen Raketen
beweglicher geworden.

Wir sind den sowjetischen Bedenken ein sehr gutes

Stück entgegengekommen.

Aber die Sowjets haben bislang noch nicht einen

einzigen Schritt getan, um den unseren gerecht zu werden.
Insbesondere bei den INF-Gesprächen - aber auch bei START - haben sie
all unsere Vorschläge blockiert.

Als wir vertrauensbildende Maßnahmen vor-

schlugen, über die man sich jetzt sofort einigen könnte, sagten sie: Warten
wir ab.

Augenscheinlich sind sie der Überzeugung, daß die Zeit auf ihrer

Seite ist, daß sie eine Demokratie gegen die andere ausspielen können und
daß ihre kompromißlose Haltung und ihr Verzögern sich letztlich auszahlen
wird.

Nun, wir werden beweisen, daß sie damit unrecht haben.

Die Vielfalt

unserer Demokratien ist eine Quelle der Stärke, nicht der Schwäche.

Aus

der freien Diskussion freier Völker ergibt sich Einigkeit und gegenseitige
Verpflichtung.

Je eher dies begriffen wird, um so eher werden wir zu einem

Abkommen gelangen, das den Interessen beider Seiten Rechnung trägt.
Wir werden Moskau auch weiterhin auf ein ausgewogenes, faires und verifizierbares Abkommen drängen.

Wenn die START-Verhandlungen morgen wieder

aufgenommen werden, so wird die Delegation der Vereinigten Staaten erneut
über beträchtliche Flexibilität verfügen.

Innerhalb des Rahmens der Grund-

prinzipien, die uns während dieser Verhandlungen stets geleitet haben, weise
ich Botschafter Rowny an, die folgenden neuen Initiativen vorzulegen.
Wir bauen in die START-Gespräche eine Serie von Abbauvorschlägen ein.
Die Vereinigten Staaten werden einen Vorschlag für einen beiderseitigen,
garantierten Abbau einführen, der dazu dienen soll, zu einer Stabilisierung
der Systeme zu ermutigen.

Der Vorschlag wird spezifische Vorschläge zum Abbau

der Gefechtsköpfe von Raketen sowie in gleicher Weise für einen parallelen
Abbau bei Bombern enthalten.

Um diese wesentlichen neuen Initiativen zu dis-

kutieren, schlagen wir zugleich die Einrichtung einer amerikanisch-sowjetischen "Abbau"-Arbeitsgruppe bei den Genfer Gesprächen vor.

An einer anderen

Front - und zugleich des weiteren in unserem Bemühen, so flexibel wie nur

- 3 -

�wie nur irgend möglich zu sein -, werden wir bereit sein, Wege zur weiteren
Begrenzung des Umfangs und der Kapazität der luftgestutzten MarschflugkörperStreitmacht zu finden - im Austausch gegen entsprechende sowjetische Flexibilität bei Punkten, die für uns von Besorgnis sind.
Wir streben Begrenzungen bei der Zerstörungskapazität von Raketen an
und erkennen an, daß die Sowjetunion im Austausch hierzu Begrenzungen bei den
Bombern möchte.

Es wird hier ein Geben und Nehmen stattfinden müssen, und

die Vereinigten Staaten sind dazu bereit - vorausgesetzt, es kommt dadurch
zu einem stabileren Streitkräftegleichgewicht.
Die Sowjetunion sollte sich hinsichtlich der Liberparteilichen Unterstützung unserer Anstrengungen keinerlei Zweifel hingeben«

Während unserer

Überprüfung haben wir nach Mitteln und Wegen gesucht, die überparteiliche
Haltung in Amerika gegenüber unseren Rüstungskontrollbemühungen noch zu verstärken.

Wir haben viele Mitglieder des Kongresses konsultiert und erneut

auch die von Brent Scowcroft geleitete Kommission.

Ihr Rat war unschätzbar,

und ich möchte allen für ihre unermüdlichen Anstrengungen und ihren hilfreichen Rat danken.
Ein solider nationaler, überparteilicher Konsens - der von Jahr zu Jahr
und von Administration zu Administration anhält - ist von entscheidender Bedeutung, wenn wir Amerika in Sicherheit halten und erfolgreiche Rüstungsverringerungen erreichen wollen. Aus diesem Grund habe ich eine Reihe neuer
Schritte beschlossen, zu denen auch die Ernennung eines Mitgliedes der
Scowcroft-Kommission, James Woolsey, zum Vollmitglied unserer START-Verhandlungen gehört. Diese Maßnahmen spiegeln in ganzer Klarheit den demokratischen
Prozeß Amerikas wider.
Botschafter Rowny, wenn Sie und Ihr Team jetzt nach Genf abreisen, dann
reisen Sie mit der sicheren Gewißheit, daß Sie mit der vollsten Unterstützung
des amerikanischen Volkes verhandeln.
ist stärker denn je.

Unsere überparteiliche Unterstützung

Und Sie nehmen faire, ausgewogene Vorschläge mit - Vor-

- 4 -

�mit - Vorschläge, die im Interesse beider Länder und der gesamten Menschheit liegen.
Es ist nur angemessen, daß ich heute das wiederhole, was ich vergangene
Woche sagte: Die Tür für ein Abkommen steht offen. Die ganze Welt wartet
darauf, daß die Sowjetunion hindurchgeht.

Sollte sich die sowjetische Füh-

rung dazu entschließen, sich jetzt unserem Bemühen in gutem Glauben anzuschließen, so wird die fünfte Runde dieser Verhandlungen diejenige sein, in
der es endlich doch zu einem Durchbruch kommt und die Welt endlich auch etwas unbeschwerter atmen kann.
Der gesamten START-Delegation eine gute Reise und viel Glück.

- 5 -

�Dokumentation
United States Information Service
Embassy of the United States of America

12. Oktober 1983

41

PRÄSIDENT REAGAN WÜRDIGT DEUTSCH-AMERIKANISCHE FREUNDSCHAFT
- Erklärung bei der Ankunft von Bundespräsident Carstens -

WASHINGTON - (AD) - Präsident Reagan hat am 4. Oktober 1983 bei der Ankunft von Bundespräsident Carstens in den USA die deutsch-amerikanische
Freundschaft gewürdigt und darauf hingewiesen, daß dieser Staatsbesuch eine
ganz besondere Bedeutung habe, weil er in Zusammenhang mit dem 300. Jahrestag der Ankunft der ersten deutschen Siedler in Amerika stehe.
Die Erklärung Reagans hat folgenden Wortlaut:
Herr Bundespräsident, Frau Dr. Carstens, Herr Außenminister Genscher,
Frau Genscher, verehrte Gäste.
Ich freue mich sehr, Sie und Ihre Begleitung hier in Washington und in
den Vereinigten Staaten willkommen heißen zu dürfen.

Während meines groß-

artigen Besuches in Bonn im Juni 1982 kamen wir überein, daß Sie unserem Land
einen Besuch abstatten würden - und zwar im Rahmen unserer gemeinsamen Feiern
der deutsch-amerikanischen Freundschaft.
Dieses Jahr

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.: 0228-339 2035
Telex: 8-85432

�Dieses Jahr hat eine besondere Bedeutung,

wir feiern den 300. Jahres-

tag der Ankunft der ersten deutschen Einwanderer in Amerika.

Jene ersten

Familien - oder Siedler, sollte ich sagen - waren Familien aus dem Rheinland.
Ihnen folgten Millionen ihrer Landsleute - Männer, Frauen und Kinder -, die
zu einem starken Pfeiler des Gebäudes Amerika wurden.
Deutsch-Amerikaner haben so viel zur Entwicklung dieser Nation beigetragen, und heute ist die deutsch-amerikanische Freundschaft lebenswichtig
für die Sicherheit und Freiheit unserer beiden Länder.
Das Jahr 1983 ist richtungweisend für unsere beiden Länder wie für das
NATO-Bündnis als Gesamtheit.

Wir und unsere übrigen Verbündeten müssen auch

weiterhin den Mut und das gemeinsame Vertrauen haben, das zu tun, was für
die Wahrung des Friedens und der Sicherheit in Europa erforderlich ist.
Falls ein Abkommen mit der Sowjetunion nicht erreicht werden könnte,
so beschlossen wir im Dezember 1979, dann würde die Wahrung eines Gleichgewichts der Kräfte in Europa die Modernisierung der NATO-Abschreckung erforderlich machen.

Bisher war die Sowjetunion nicht bereit, ein faires und ve-

rifizierbares Rüstungsverminderungsabkommen mit uns auszuhandeln.
wir uns da nichts vormachen:
fenen.

Wollen

Ein Abkommen wäre weit besser für alle Betrof-

Wir streben die Beseitigung dieser Waffen an, und wir werden auch

weiterhin unermüdlich unsere Anstrengungen fortsetzen, ein annehmbares Abkommen zu erreichen.

Wenn jedoch die Unnachgiebigkeit der Sowjets andauert,

müssen wir mit der Dislozierung beginnen und die Abschreckungskraft der NATO
sicherstellen.
Wir sind zuversichtlich, daß das Bündnis dieser Herausforderung gewachsen sein wird und daß die deutsch-amerikanische Partnerschaft ein wichtiger
Faktor sein wird, um der NATO diese Fähigkeit zu verleihen.

Wir unsererseits

sind weiterhin davon überzeugt, daß ein starkes NATO-Bündnis auch in Zukunft
der Schlüssel für den Frieden in Europa bleibt, und die deutsch-amerikanische
Zusammenarbeit und das Vertrauen ist die Achse des Bündnisses.
Durch unser

�Durch unser Zusammentreffen hier und im Verlauf Ihres Besuches in vielen
Teilen der Vereinigten Staaten werden Sie - davon bin ich überzeugt - erkennen, daß das Reservoir des guten Willens, den unser Volk der Bundesrepublik
Deutschland entgegenbringt, so stark wie eh und je ist.
Aufgrund der Resolution unseres Kongresses wie des Deutschen Bundestages
und meiner Proklamation vom vergangenen Januar wird das Jahr 1983 als das
Jahr der 300. Wiederkehr der deutschen Besiedlung Amerikas begangen.Die Feierlichkeiten anläßlich dieses großen Ereignisses im Leben unserer beiden Völker
werden auf beiden Seiten des Atlantik nachhaltig und wirksam sein.
Die Städte, die Sie besuchen werden, sind bereit, Sie willkommen zu
Das amerikanische Volk will die Höhepunkte der Feierlichkeiten mit Ihnen
Ihre Anwesenheit hier anläßlich dieses Jahrestages bewegt uns zutiefst.
sind stolz, sagen zu können - und ich hoffe, ich sage das korrekt - "Wir
ßen Sie willkommen."

heißen.
teilen.
Wir
hei-

Wir begrüßen Sie, wir heißen Sie willkommen. Wir schätzen Ihre Freundschaft überaus. Möge Gott Sie und Ihre Frau segnen.

- 3 -

�I

Dokumentation
United States Information Service
Embassy of the United States of America
12. Oktober 1983

41

TOAST PRÄSIDENT REAGANS AUF BUNDESPRÄSIDENT CARSTENS

WASHINGTON - (AD) - Beim Festessen im Weißen Haus am 4. Oktober
1983 für Bundespräsident Karl Carstens sprach Präsident Reagan folgenden Toast
auf seinen Gast aus:
Herr Bundespräsident, Frau Dr. Carstens, Herr Außenminister Genscher,
Frau Genscher, verehrte Gäste. Ich habe es schon heute morgen gesagt, und
ich möchte es gern noch einmal wiederholen, wie glücklich und stolz Nancy
und ich sind, Sie hier in den Vereinigten Staaten willkommen zu heißen. Ihre
eigenen Beziehungen zu unserem Lande - einschließlich eines Juradiploms der
Yale-Universität - sind alt und tief. Ihr Leben ist ein Zeichen für die Werte und Interessen, die unsere beiden Völker teilen und die für sie eine Menge
an gutem Willen mit sich brachten. Und auch heute feiern alle Amerikaner
diese Bande und sind dankbar für die feste Freundschaft mit dem deutschen
Volk.
Vor 300 Jahren machte sich eine kleine Gruppe kühner Siedler aus Krefeld
im Rheinland auf, um ins Unbekannte zu segeln.

In Amerika fanden sie die

von ihnen gesuchte religiöse Freiheit, aber harte Arbeit war der Preis, den
sie für die neugewonnene Freiheit zu zahlen hatten.

Und jene 13 deutschen

Postfach 20 03 00 Tel.:0228-339 2035
D 5300 Bonn 2
Telex: 8-85432

�13 deutschen Familien brachten den Mut und den Fleiß mit sich, um sich ein
neues Leben zu schaffen.

Ihr Geschick und das ihrer Nachkommen trugen dazu

bei, die großartige Stadt Philadelphia zu errichten und den bewundernswerten Bundesstaat Pennsylvania - die beide an der Ehre teilhaben, Sie willkommen zu heißen.
In diesem Jahr gedenken wir der erstaunlichen Odyssee jener Krefelder
und der Millionen, die ihnen folgten.

Die Tugenden des Mutes, des Fleißes

und des Glaubens an die Freiheit, die sie mit sich brachten, trugen zum Aufbau unseres Landes bei und zu dem, was die Vereinigten Staaten vor allem
auszeichnet.

Die Beiträge der Deutsch-Amerikaner sind für die Entwicklung

unseres großen Landes von unschätzbarem Wert.
Die Menschen der Bundesrepublik Deutschland haben bewiesen, daß auch
sie jene Eigenschaften besitzen, die zum Aufbau Amerikas beitrugen.

Aus

den Ruinen des Zweiten Weltkrieges baute das fleißige deutsche Volk eine
starke, gesunde und freie Demokratie auf.

Wir stehen fest beisammen auf

der Suche nach Frieden und Freiheit.
Beim Begehen von Jahrestagen neigt man dazu, rückwärts zu schauen.
Aber wir sollten es während dieser Feier nicht beim Gedenken an die Vergangenheit belassen. Es gehört zu den Stärken unserer beiden Völker, daß wir
auch in die Zukunft blicken können. Die wirkliche Bedeutung dieser Jahresfeier ist eine dauerhafte Partnerschaft, die in den vor uns liegenden Jahrzehnten zu einem sichereren Frieden führen wird.
Zur Feier unserer Beziehungen wurde eine Vielzahl farbenfroher Feste
überall in den Vereinigten Staaten organisiert.

Ich gratuliere all jenen,

die sich für diese Unternehmungen und die vielen Initiativen eingesetzt haben, die in diesem Jahr der Dreihundertjahrfeier ergriffen wurden.

Diese

Dreihundertjahrfeier bekräftigt die kulturellen, historischen und politischen
Bande zwischen unseren beiden Völkern.

Sie symbolisiert etwas Wirkliches,

Berührbares und Dauerhaftes - die deutsch-amerikanische Freundschaft.
Herr Bundespräsident,

�Herr Bundespräsident, wir sind für Ihren Besuch dankbar.

Wir danken

für all das, was Sie persönlich während Ihrer außergewöhnlichen Laufbahn
zur Kräftigung der engen Bande zwischen unseren beiden Nationen getan haben. ..
Wir erheben unsere Gläser auf Sie, Herr Bundespräsident.

Auf Präsident

Carstens und auf die Freundschaft, die Ihr Besuch repräsentiert.

+ + + + +

- 3

�»

Dokumentation
United States Information Service
Embassy of the United States of America

12. Oktober 1983

41

NITZE: USA OFFEN FOR ENTSCHEIDENDEN FORTSCHRITT BEI INF
Rede des US-Chefdelegierten vor der Nordatlantischen Versammlung

DEN HAAG - (AD) - Der amerikanische ChefUnterhändler bei den Genfer Verhandlungen über nukleare Mittel Streckensysteme (INF), Botschafter Paul Nitze,
betonte, die Vereinigten Staaten seien für einen entscheidenden Fortschritt
offen.

Vor der Nordatlantischen Versammlung, einer Vereinigung von Parla-

mentariern aus allen NATO-Ländern, die in Den Haag tagte, ließ Nitze am 7. Oktober 1983 keinen Zweifel, daß die USA in Genf weiterhin mit Geduld und Entschlossenheit verhandeln.
Die Ansprache Nitzes hat folgenden Wortlaut:
Die INF-Verhandlungen zwischen den Vereinigten Staaten und der Sowjetunion sind jetzt seit 22 Monaten im Gange.

Ihre Einladung, hier vor NATO-

Parlamentariern zu sprechen, gibt mir die Gelegenheit, den allgemeinen Verlauf dieser Verhandlungen und die Entwicklung der Standpunkte beider Seiten
bis zum heutigen Zeitpunkt aufzuzeigen.

Wenn wir betrachten, wie sich diese

Standpunkte entwickelt haben, dann ist es besonders wichtig und relevant, daß
wir das prüfen, was bei den verschiedenen amerikanischen und sowjetischen Vorschlägen herauskommen würde.
So wie

Postfach 20 03 00 Tel.: 0228-339 2035
D 5300 Bonn 2
Telex: 8-85432

�So wie in Genf vorgelegt, hat sich die grundsätzliche Position der Sowjets
während des ganzen Verlaufs der Verhandlungen hinsichtlich der zu erwartenden
praktischen Ergebnisse im wesentlichen überhaupt nicht verändert.
Hier ein kurzer Aufriß der sowjetischen Vorschläge.

Der grundsätzliche

sowjetische Standpunkt, so wie er in der Eröffnungsrunde der Verhandlungen
eingebracht wurde, verlangt von der NATO - damit meinen die Sowjets die Vereinigten Staaten, Frankreich und Großbritannien - und von der UdSSR, jeweils
eine Verringerung auf einen Stand von 300 "Mittelstrecken"-Raketen und Flugzeugen in oder in der Nähe von Europa.

Eine sorgfältige Analyse dieses sowje-

tischen Vorschlages ließ vier wesentliche Resultate erkennen:
- Erstens, der Sowjetunion würde erlaubt, eine sehr beträchtliche Streitmacht von SS-20-Raketensystemen in Europa beizubehalten.
- Zweitens, den Vereinigten Staaten würde das Recht verweigert, weiterreichende INF-Systeme in Europa für die NATO zu dislozieren.
- Drittens, für die im Osten der UdSSR dislozierten SS-20-Raketensysteme
gäbe es keinerlei Einschränkungen, obwohl diese Systeme sowohl Europa
als auch Asien bedrohen.
- Viertens, die Vereinigten Staaten müßten praktisch alle ihre Flugzeuge
mit Doppelkapazität (konventionell und nuklear) in Europa und im Ostatlantik abschaffen, was den amerikanischen Beitrag zur konventionellen
Verteidigung der NATO drastisch verringern würde.
Als Vorwand für eine vernünftige Begründung der ersten beiden Ergebnisse - die zusammen in völlig ungleichen amerikanischen und sowjetischen
Begrenzungen enden würden - haben die Sowjets die Frage der Anrechnung der
britischen und französischen Streitkräfte eingeführt.

Im Dezember 1981 er-

klärten die Sowjets, sie seien bereit, nukleare Streitkräfte in Europa zu
akzeptieren, die nicht stärker sein dürften als die von Großbritannien und
Frankreich.
In den
- 2 -

»

�In den letzten 22 Monaten hat es drei Modifizierungen des sowjetischen
Grundstandpunktes gegeben.

Im Dezember 1982 gaben die Sowjets bekannt, daß

sie im Zusammenhang mit ihrem Vorschlag für eine Gesamtzahl von 300 "Mittelstrecken" -Systemen eine Zwischenhöchstgrenze akzeptieren könnten, der die SS20-Systeme im europäischen Teil der UdSSR mit den - nach sowjetischer Zählung - britischen und französischen Raketen gleichsetzen würde.

Im Mai die-

ses Jahres gaben sie bekannt, daß sie bereit seien, sich auf Gefechtsköpfe
als Zahleneinheit einzulassen.

Und im August, kurz vor Beginn der jetzigen

Runde, erklärten die Sowjets, sie seien bereit, Raketensysteme, die über ein
Abkommen hinausgingen, zu

verschrotten.

Dies schien zunächst eine potentiell bedeutsame Modifizierung des sowjetischen Standpunktes zu sein. Als man jedoch die sich daraus ergebenden praktischen Folgen untersuchte, stellte man fest, daß in der Sache keine wesentliche Abweichung vom ursprünglichen sowjetischen Standpunkt zu verzeichnen
war. Alle Variationen der sowjetischen Position - einschließlich der jetzigen - würden auf die gleichen vier hauptsächlichen Ergebnisse hinauslaufen
wie der ursprüngliche Standpunkt: eine große SS-20-Streitmacht in Europa;
keine Gegendislozierungen der NATO; freie Hand für die Sowjets bezüglich der
Dislozierung von SS-20 im östlichen Teil der UdSSR und eine drastische Verringerung der amerikanischen Flugzeuge mit Doppelkapazität in oder nahe
Europa.
Am deutlichsten lassen sich die sowjetischen Absichten jedoch bei der
sogenannten "wahren Null-Option" erkennen, die Breschnew im November 1981
verkündete und auf die die Sowjets von Zeit zu Zeit als Alternative zu ihren
anderen Vorschlägen Bezug nehmen.

Im Rahmen dieser "Option" würden alle

"Mittelstrecken- und taktischen Kernwaffen" in Europa eliminiert, worunter,
nach sowjetischer Definition alle amerikanischen Nuklearstreitkräfte in Europa
fallen würden, wie auch alle britischen und französischen Nuklearstreitkräfte,
einschließlich ihrer unterseebootgestützten Raketen, die weder "Mittelstrecken"noch taktische Waffen sind.

Den Sowjets würde jedoch erlaubt, all ihre stra-

tegischen Nuklearsysteme in Europa aufrechtzuerhalten.

- 3 -

Dadurch würde - und das

�und das ist wohl die Absicht - die UdSSR zur alleinigen Nuklearmacht auf
dem europäischen Kontinent.
Die amerikanische Position bei den INF-Verhandlungen hat sich in drei
Stufen entwickelt, wobei es bei jedem Schritt - das darf ich vielleicht unterstreichen - volle und enge Konsultation mit den NATO-Partnern gab.

Mit Ent-

wicklung unserer Position entwickelten sich auch die praktischen Ergebnisse.
Die ursprüngliche Position der Vereinigten Staaten, wie sie Präsident
Reagan im November 1981 darlegte, forderte die Beseitigung der gesamten
Klasse amerikanischer und sowjetischer INF-Raketen größerer Reichweite,
ihrer Abschußeinrichtungen und bestimmter Unterstützungsstrukturen und -ausrüstungen.

Die Erprobung und die Produktion neuer LRINF-Raketen sollte eben-

falls verboten werden.

Wir unterbreiteten dieses Angebot in der ehrlichen

Überzeugung, daß den Sicherheitsinteressen der Vereinigten Staaten und der
NATO - und der UdSSR - dadurch am besten gedient sei, daß jene INF-Systeme
vollständig beseitigt würden, hinsichtlich derer sowohl der Westen als auch
der Osten die größte Besorgnis zum Ausdruck gebracht hatten.

Wir in den

Vereinigten Staaten sind auch weiterhin der Oberzeugung - wie dies auch bei
der überwältigenden Mehrheit der Menschen in Europa der Fall ist -, daß dieser "Null-Null"-Vorschlag das beste Ergebnis für die Verhandlungen wäre.

Un-

glücklicherweise ist die Sowjetunion bislang hartnäckig bei der Zurückweisung dieser Lösung geblieben.
Was die Sowjwets augenscheinlich wollen,ist, eine LRINF-Raketenstreitmacht beizubehalten. Die Vereinigten Staaten schlugen daher in dem Bemühen,
die Verhandlungen in Richtung auf eine beiderseitige annehmbare Übereinkunft
in Gang zu halten, vergangenen März ein Zwischenabkommen vor. Es würde es
den Sowjets ermöglichen, eine LRINF-Raketenstreitmacht beizubehalten, die
Vereinigten Staaten erhielten das Recht zu einer gleich starken Streitmacht.
Die Vereinigten Staaten brachten ihre Bereitschaft zum Ausdruck, eine jegliche
Anzahl von Raketengefechtsköpfen in Erwägung zu ziehen, an denen die Sowjets
interessiert sein könnten,und schlugen dann eine Reihe von Größen zwischen
50 und 450 vor. Die Sowjets haben bislang alle Variationen dieses Vorschla-

�dieses Vorschlages zurückgewiesen.
Die dritte Etappe in der Entwicklung der amerikanischen Position war
im vergangenen Monat erreicht.

Wie der Präsident am 26. September in New

York ankündigte, haben wir drei neue Vorschläge vorgelegt, die auf die Bedenken reagieren sollen, die die Sowjets als für sie von Bedeutung bezeichneten, um dadurch die Verhandlungen wieder voranzubringen.
Erstens, der geographische Umfang der Begrenzungen:

Die Vereinigten

Staaten sind der Ansicht, daß die modernen LRINF-Raketensysteme begrenzt
werden sollten auch auf der Grundlage ihrer Kapazitäten hinsichtlich ihrer
Standorte.

Die Sowjets argumentieren hingegen, daß unsere Anstrengungen

sich auf die Begrenzung der Systeme in oder in der Nähe von Europa konzentrieren sollten.

Die Vereinigten Staaten sind nunmehr bereit, nicht

die gesamte

weltweite LRINF-Raketendislozierung der Sowjets durch amerikanische Dislozierungen in Europa auszugleichen,und sind außerdem bereit, mit den Sowjets eine
spezielle Verpflichtung hinsichtlich der Dislozierungen in Europa zu prüfen.
Zweitens, Verringerungen der PERSHING II:

Die Sowjetunion hat insbe-

sondere ihre Besorgnis hinsichtlich der vorgesehenen Dislozierung der
PERSHING II zum Ausdruck gebracht.

Während der Vorschlag eines Interims-

abkommens den Vereinigten Staaten völlige Freiheit dabei belassen würde,
die Mischung von PERSHING II und landgestützten Marschflugkörpern zu wählen,
sind die Vereinigten Staaten nunmehr bereit, daß verhältnismäßige Verringerungen bei dem geplanten Dislozierungsumfang zwischen der PERSHING II und
den Marschflugkörpern in angemessener Weise vorgenommen werden.
Drittens, Flugzeugbegrenzungen:

Bei Verhandlungsbeginn stellten sich

die Vereinigten Staaten auf den Standpunkt, daß beide Seiten ihre Anstrengungen darauf konzentrieren sollten, Begrenzungen bei jenen Systemen zu erzielen, hinsichtlich derer beide Länder ihre größten Bedenken angemeldet
hatten- bei den INF-Raketensystemen.

Die Sowjetunion hingegen argumentierte,

es sollte Begrenzungen bei den Flugzeugen wie bei den Raketen geben.

Die

Vereinigten Staaten sind nunmehr bereit, gleichartige Begrenzungen bei spe- 5 -

�bei speziellen Typen amerikanischer wie sowjetischer Flugzeuge zu prüfen.
Zusammenfassend gesagt hat es während der vergangenen 22 Monate in
der amerikanischen Position sowohl hinsichtlich des Wortlautes ihrer Vorschläge als auch hinsichtlich der praktischen Ergebnisse, wie sie sich in
diesen Vorschlägen niederschlugen, große und bedeutende Veränderungen gegeben.
Wie sich die Position der beiden Seiten nunmehr darstellen, ist der
größte Unterschied bei den LRINF-Raketen festzustellen.

Die Vereinigten

Staaten streben, wenn möglich, die Beseitigung dieser Systeme an.

Sollte

es dazu nicht kommen, so streben wir einen ausgeglichen niedrigen Umfang
an.

Die Sowjetunion andererseits möchte in Europa eine große Streitmacht

von SS-20-Raketen beibehalten - sowie eine unbegrenzte Anzahl in der östlichen UdSSR -, während sie den Vereinigten Staaten das Recht auf jegliche
Gegendislozierung in Europa verwehrt.
Wie rechtfertigen die Sowjets ihr Bemühen, auch weiterhin ein einseitiges Recht gegenüber den Vereinigten Staaten hinsichtlich des Besitzes von
LRINF-Raketen in Europa zu haben? Als Vorwand, um diese offenkundige Ungleichheit zu rechtfertigen, haben die Sowjets die Frage der Kompensation
britischer und französischer Systeme vorgebracht. Obgleich die sowjetische
Forderung nach Einschluß der britischen und französischen Systeme in die INFGespräche vielen als eine "faire" Forderung erscheinen mag, so enthüllt eine
eingehende Untersuchung, daß es keinen legitimen oder zwingenden Grund für
die sowjetische Forderung gibt. Ich möchte diese Frage etwas eingehender
erörtern.
Die Sowjets rechtfertigen ihre Forderung mit dem Hinweis auf das Prinzip der "Gleichheit und gleichen Sicherheit". Daher - so sagen sie - müßten sie alle entscheidenden Faktoren mit ins Kalkül einbeziehen, einschließlich der Existenz der britischen und französischen Streitkräfte.
Aber von

�Aber von den anderen Faktoren - geographischen, politischen und militärischen -, die die gleichwertige Sicherheit der NATO und des Warschauer
Paktes berühren, verleihen viele - wenn nicht sogar alle - der Sowjetunion
und dem Warschauer Pakt starke Sicherheitsvorteile.

Wenn all diese Faktoren,

nicht nur die Existenz britischer und französischer Nuklearsysteme, in Rechnung gestellt werden, dann gibt es keine Rechtfertigung für einen Ausgleich
gegenüber Moskau in Form ungleicher Ebenen zwischen den Vereinigten Staaten
und der Sowjetunion.
Die INF-Verhandlungen sind bilaterale Verhandlungen zwischen den Vereinigten Staaten und der Sowjetunion.

Großbritannien und Frankreich sind

souveräne Staaten, deren Streitkräfte nicht durch die Vereinigten Staaten
kontrolliert werden.

Beide haben klargestellt, daß sie ihre Systeme nicht

in Verhandlungen, an denen sie nicht teilnehmen, begrenzt oder in Rechnung
gestellt zu sehen wünschen.
Darüber hinaus unterscheiden sich die britischen und französischen
Streitkräfte von den INF-Systemen,über die verhandelt wird, hinsichtlich
ihrer Rolle und ihrer Eigenschaften. Angesichts der Größe und der Vielfalt
des sowjetischen Nukleararsenals besteht keinerlei Erfordernisse, die SS20 als Gegenmittel gegen die britischen und französischen Kräfte zu betrachten. Ich möchte darauf verweisen, daß die britischen und französischen
Streitkräfte zusammengenommen Anfang der siebziger Jahre vielleicht neun
Prozent der sowjetischen strategischen und der sowjetischen LRINF-Raketenmacht ausmachten. Heute machen diese britischen und französischen Streitkräfte nur etwa drei Prozent des sowjetischen Potentials aus. Die Sowjets
ließen ihre Forderung auf Einbeziehung der britischen und französischen Streitmacht im Verlaufe der SALT II-Verhandlungen fallen; warum sollte Ihren Forderungen jetzt nachgegeben werden, insbesondere im Rahmen der INF-Verhandlungen, die nicht gedacht waren, um Systeme eines Potentials internationaler Reichweite abzudecken?
Die Antwort

�Die Antwort liegt auf der Hand.

Die sowjetische Besorgnis hinsichtlich

der britischen und französischen Streitkräfte entbehrt jeder Grundlage.

Wie

sollte dies auch angesichts des sowjetischen Nukleararsenals anders sein?
Was die Sowjets wirklich tun, ist, daß sie die britischen und französischen
Streitkräfte als einen taktischen Verhandlungsschachzug ins Spiel bringen,
d.h. als einen Mechanismus, durch den sie das von ihnen gewünschte ungleiche
Ergebnis zwischen den Vereinigten Staaten und der Sowjetunion in den INFVerhandlungen herbeizuführen suchen.
Wir sollten die sowjetische Forderung als das erkennen, was sie ist,
nämlich als einen Vorwand, der - würde er anerkannt - den Sowjets das Recht
geben würde, über eine nukleare Streitmacht zu verfügen, die der aller anderen Mächte zusammengenommen entspräche.

Natürlich ist es der letztliche

sowjetische Wunsch, der der "wahren Null-Option" Moskaus innewohnt, die
einzige Macht zu sein, die ein Recht auf nukleare Streitkräfte auf dem
europäischen Kontinent hat.
Generalsekretär Andropow erklärte uns am 28. September, daß "das Wettrüsten beendet werden kann und muß.

Die Menschheit verdient ein besseres

Schicksal, als in einer von Konflikten zerrissenen Welt zu leben, die unter
der Last tödlicher Waffen erstickt."

Seine Lösung ist jedoch nicht das

Gleichgewicht, die Stabilität, die Anerkennung der Sicherheitsinteressen
anderer.

Er will durch die Drohung der Zerstörung eine

einseitige Hegemo-

nie aufzwingen.
Wie geht es nun nach 22 Moanten in Genf weiter? Ich wäre unehrlich,
würde ich nicht sagen, daß der Weg zu einem Abkommen mit großen Meinungsverschiedenheiten beladen ist. Die neuen amerikanischen Vorschläge öffnen
jedoch den Weg für entscheidende Fortschritte bei verschiedenen der Hauptprobleme, die gegenwärtig die beiden Seiten trennen. Wir hoffen, daß die
Sowjetunion positiv auf unsere neuen Initiativen reagieren und damit beginnen wird, ihre Position in echter Weise anzupassen und die legitimen Sicherheitsbesorgnisse in Rechnung zu stellen, die den Beschluß der NATO vom De-

- 8 -

�NATO vom Dezember 1979 ausgelöst haben.
nicht getan.

Bisher haben die Sowjets dies

Wir werden jedoch fortfahren, in Genf mit Geduld und Ent-

schlossenheit zu verhandeln, um - wo immer dies möglich ist - Fortschritte
in Richtung auf ein beiderseitig annehmbares Abkommen zu erreichen.

+ + + + +

- 9-

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                <text>Herausgeben U.S. Information &lt;br /&gt;Service Embassy of the United States of America</text>
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                <text>Amerikadienst 12.10.1983</text>
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                <text>&lt;strong&gt;1. Dokumentation&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Weitere Vorschläge Reagans bei den Genfer START-Verhandlungen&amp;nbsp;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;- Erklärung des Präsidenten -&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Präsident Reagan würdigt deutsch-amerikanische Freundschaft&lt;br /&gt;&lt;em&gt;- Erklärung bei der Ankunft von Bundespräsident Carstens -&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Toast Präsident Reagans auf Bundespräsident Carstens&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Nitze: USA offen für entscheidenden Fortschritt bei INF&lt;br /&gt;&lt;em&gt;- Rede des US-Chefdelegierten vor der Nordatlantischen Versammlung -&lt;/em&gt;</text>
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                    <text>AMERIKA DIENST
'VON**

37

12. Oktober 1988

INHALT

DOKUMENTATION
Taft hält Einigung über Bericht zur Lastenverteilung für
wahrscheinlich
- Der Stellvertretende Verteidigungsminister bei der

NATO-Pcessekonferenz -

HINTERGRUNDMATERIAL
Quayle und Bentsen behandeln viele Themenkreise
- Artikel zur Fernsehdebatte der Vizepräsidentschaftskandidaten

WISSENSCHAFT UND TECHNIK
Legalisierung von Drogen wäre unverantwortlich
- Amerikanische Politiker und Drogenexperten vor ausländischen
Journalisten -

* * * * * *

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�AMERIKA DIENST
Dokumentation

12. Oktober 19(

37

TAFT HÄLT EINIGUNG ÜBER BERICHT ZUR LASTENVERTEILUNG FÜR WAHRSCHEINLICH
-Der Stellvertretende Verteidigungsminister bei der NATO-Pressekonferenz-

BRUSSEL - (AD) - Innerhalb der NATO besteht Einigkeit darüber, daß die Bedrohung des Bündnisses "militärische Bedingungen erzwingt", die dem Stellvertretenden amerikanischen Verteidigungsminister William H. Taft zufolge einen
effizienteren Einsatz der zur Verfügung stehenden Ressourcen und mehr Mittel
zur Durchführung aller Aufgaben erfordern.
Bei einer Pressekonferenz im NATO-Hauptquartier in Brüssel verlieh Taft am
5. Oktober seiner Hoffnung Ausdruck, daß sich dies auch in dem gegenwärtig für
das Treffen der NATO-Verteidigungsminister im Dezember vorbereiteten Bericht
zur Lastenverteilung widerspiegeln wird.
Nachfolgend veröffentlichen wir die Pressekonferenz im Wortlaut:

Ich werde nicht viel von der uns
für Fragen zur Verfügung stehenden
Zeit beanspruchen, möchte aber dennoch eine kurze Erklärung zu meinem
Europa-Besuch abgeben.
Heute morgen
habe ich hier in Brüssel Gespräche
mit Vertretern der NATO geführt. Der
Hauptgrund dieses Besuchs ist eine
Überprüfung zum gegenwärtigen Stand
des Berichts, den die Arbeitsgruppe
den
NATO-Verteidigungsministern
im
Dezember zur Beurteilung der Aufgaben, Risiken und Pflichten des Bündnisses und deren gerechter Verteilung
vorlegen wird.
Die Arbeit an diesem Bericht wurde im Mai aufgenommen. Sie hat gute
Fortschritte gemacht, und wir haben
mit den ständigen Vertretern Punkte
besprochen, die unserer Ansicht nach

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dort Eingang finden sollen - und von
denen viele auch berücksichtigt wurden - sowie Punkte, die noch hinzugefügt werden müssen, damit der Bericht
für das Bündnis von größtmöglichem
Nutzen ist. Mein Empfang dort und
die von allen Delegierten und insbesondere vom Generalsekretär eingenommene konstruktive Einstellung zu dieser Aufgabe haben mir Mut gemacht.
Ich werde noch weitere Hauptstädte Luxemburg, Den Haag, Bonn, Rom und
Madrid - besuchen, dort im Laufe der
nächsten Woche das Problem der Lastenverteilung
wie auch
bilaterale
Fragen erörtern
und nächste Woche
nach Washington zurückkehren.
Jetzt
zu Ihren Fragen.
Frage:
Könnten Sie nähere Ausführungen zu den Punkten machen, die

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�von der Arbeitsgruppe noch nicht aufgenommen worden sind, der Regierung
zufolge aber in dem Bericht enthalten
sein sollten?
Antwort:
Ich möchte dazu lediglich sagen, daß der Entwurf noch
nicht vollständig ist. Es geht hier
nicht um das grundsätzliche Problem,
welche Ansätze enthalten sein sollten
oder nicht.
Ich wollte mit meiner
Aussage nur deutlich machen, daß einige Abschnitte des Berichts noch
nicht geschrieben worden sind.
Frage:
Sie haben kürzlich in
einer
Worldnet-Ansprache
auf
drei
Ländergruppen verwiesen: solche, die
überdurchschnittlich
oder
durchschnittlich viel leisten und solche,
die erheblich unter dem Durchschnitt
liegen. Dabei haben Sie fünf Länder
erwähnt, die weniger leisten als der
Durchschnitt. Ist im Nordatlantikrat
etwas getan worden oder wird etwas
getan, damit diese Länder den Erwartungen gerecht werden?
Antwort:
Die notwendigen Maßnahmen können im Grunde nur in den
Hauptstädten getroffen werden, indem
man mehr Mittel für die Verteidigung
aufwendet.
Der Rat drängt bereits
die
Länder
mit
unterdurchschnittlichen Leistungen, ihre Anstrengungen
zu erhöhen, so daß hier keine weiteren Maßnahmen erforderlich sind. Ich
weiß, daß der Rat sein Augenmerk nach
wie vor auf diesen Punkt richtet.
Natürlich sind darauf Reaktionen erfolgt, und die Verpflichtungen und
Mittel müssen aus den einzelnen nationalen Haushalten der betreffenden
Länder kommen. Ich möchte dazu noch
sagen, daß meine Bezeichnung der Ländergruppe keineswegs ein Hinweis darauf sein sollte, andere Länder - einschließlich der Vereinigten Staaten müßten nicht auch mehr leisten oder
sich tatsächlich an die vom Ministerrat ausgesprochenen Forderungen nach
mehr Mitteln halten:
eine allgemein
geltende Aufstockung der Mittel um
drei Prozent jährlich.
Frage:

Das

Konzept

oder

die

Aussicht den gemeinsamen Europäischen
Binnenmarkt im Jahr 1992 scheint bei
den Vereinigten Staaten gleichzeitig
Hoffnung
und Furcht hervorzurufen.
Hoffnung
vielleicht, weil sie der
Auffassung sind, ein stärkeres Europa
könnte einen größeren Teil der Last
tragen und Furcht, weil sie in einem
stärkeren Europa einen härteren Konkurrenten sehen. Wie denken Sie darüber?
Antwort:
Meine
Hoffnungen
übertreffen all unsere möglichen Einwände bei weitem.
Und unsere möglichen Einwände hätten nichts damit
zu tun, daß die Europäische Gemeinschaft ein härterer Konkurrent wäre.
Unserer Ansicht nach bringen harte
Konkurrenten andere harte Konkurrenten hervor und ermutigen uns, ein
starker Konkurrent zu werden, was wir
begrüßen.
Daraus ergeben sich auch
stärkere
Handelspartner,
was
den
Wohlstand unseres Volkes und der Menschen in Europa mehrt.
Wir sind also sehr optimistisch
im Hinblick auf die Vorteile, die
sich die Europäer selbst von diesem
für 1992 geplanten Schritt erhoffen.
Und wir sehen auch für uns große Vorteile aufgrund der damit einhergehenden höheren Qualität der europäischen
Wirtschaft wie auch aufgrund der sich
für uns daraus ergebenden Herausforderung.
Aus dem steigenden Wohlstand, zu dem Europa in den vergangenen 20 Jahren gelangt ist, haben sich
für die amerikanische Wirtschaft keine Nachteile ergeben. Ganz im Gegenteil: Es war ebensosehr zum Vorteil
der vereinigten Staaten wie Europas.
Ähnlich liegen die Fälle in Japan und
bei unseren anderen Handelspartnern:
je besser es ihnen geht, umso besser
geht es uns.
Die einzigen Einwände, die wir in
diesem
Zusammenhang
haben
könnten,
beträfen
Handelsschranken, die bei
der Schaffung des Binnenmarktes gegenüber Ländern außerhalb der Gemeinschaft zusätzlich zu den bereits bestehenden errichtet werden könnten.
Unser Anliegen im Verteidigungsmini-

�sterium gilt natürlich
insbesondere
dem Gerät zur Verteidigung. Aber es
gilt gleichermaßen auch für andere
Waren. Wenn die Europäische Gemeinschaft dazu übergehen würde, protektionistische Schranken zu errichten,
wäre das sehr bedauernswert.
Aber
das würde, wie ich bereits erwähnt
habe, nicht im Interesse der Gemeinschaft liegen und sollte auch nicht
durchgeführt werden.
Vielmehr liegt
eine starkes Gleichgewicht in ihrem
Interesse, was auch in den Vereinigten Staaten Unterstützung findet.
Frage:
Können Sie bestätigen,
ob Herr Carlucci auf sein kürzlich an
die europäischen Mitglieder der Gruppe, die unter das "unabhängige europäische Gruppenprogramm" fällt - das
sich hauptsächlich mit der Rüstungszusammenarbeit europäischer Bündnispartner
beschäftigt
gerichtetes
Schreiben von irgendeinem Land auf
seine Bitte, keine Handelsschranken
für Material oder Waffen zu errichten, bereits eine positive Antwort
erhalten hat?
Antwort:
darunter auch
erhalten.

Wir
haben
einige,
zustimmende, Antworten

Frage:
Lastenverteilung
wird
vielfach als gerechte Verteilung von
Aufgaben
und Pflichten
bezeichnet,
und ich frage mich, in welchem Umfang
die verschiedenen Aktivitäten darauf
Einfluß nehmen?
Antwort:
Meiner
Ansicht
nach
waren die von verschiedenen - in der
Regel nicht von allen, das heißt,
aufgrund der unterschiedlichen Ausgangssituationen nie von allen - Mitgliedern des Bündnisses unternommenen
Aktivitäten in bündnisfremden Gebieten im vergangenen Jahr eine sehr begrüßenswerte Entwicklung, insbesondere die Beteiligung zahlreicher Verbündeter durch Förderung der WEU im
Persischen Golf.
Diese in den Vereinigten Staaten anerkannten und begrüßten
Aktivitäten
gereichen
dem
Bündnis und denjenigen Partnern, die
sich ausdrücklich daran beteiligt ha-

ben, zur Ehre.
Diese Aktivitäten gehen über den
Rahmen des üblichen Blickwinkels, der
Übungen und Aktivitäten des Bündnisses hinaus, die zur Sicherheit der
NATO beitragen. Ganz sicher auch der
Begleitschutz und die Friedenssicherung im Golf. Der Schutz der Schifffahrt in der Region hat wesentlich
zur Stabilität und zum Schutz wichtiger Energiequellen und darüber hinaus
erheblich zum Waffenstillstand
zwischen Iran und Irak beigetragen. Bis
zu dessen Vereinbarung stellte der
Krieg eine ständige Bedrohung für die
Energiequellen
dar, von denen das
Bündnis und das gesamte Westeuropa
abhängen. Das war also eine gute Sache. Jeder Fall muß jedoch gesondert
betrachtet werden. Aber es gibt natürlich Fälle wie diese, bei denen
das Bündnis selbst - sowohl im Hinblick auf die Einstellung dazu als
auch tatsächlich - durch solche gemeinsamen Aktionen in bündnisfremden
Gebieten gestärkt wird.
Frage:
Könnten Sie noch etwas
zu dem Bericht über die Lastenverteilung sagen:
in welchem Stadium er
sich befindet, ob bereits im Vorfeld
bestimmte Empfehlungen gegeben wurden
und welche Ergebnisse er Ihrer Ansicht nach bei seiner- Veröffentlichung im Dezember hervorbringen wird?.
Antwort:
Er macht Fortschritte, die meisten Abschnitte liegen bereits im Entwurf vor, aber es muß
noch sehr kritisch daran gearbeitet
und die Zustimmung aller eingeholt
werden.
Die verschiedenen Delegierten müssen Gelegenheit zur Überprüfung und zu eingehenden Überlegungen
erhalten, bevor sie den gesamten Inhalt unterschreiben können. Und dieser Prozeß liegt jetzt vor uns. Und
natürlich wird keine endgültige Zustimmung gegeben werden, bevor nicht
alle Minister den Text gesehen haben
- erst dann wird man Übereinkommen,
daß dies der Bericht ist.
Das ist
das Schwierigste daran, sich zu versichern, daß innerhalb des Bündnisses
ein Konsens zu den Problemkreisen und

�den im Bericht
besteht.

enthaltenen

Punkten

Meiner Ansicht nach besteht Einigkeit bei einigen wichtigen Dingen,
die ich in dem Bericht enthalten erwarte. Es besteht Einigkeit darüber,
daß die Bedrohung für die Sicherheit
der NATO als militärisches Problem
bestehen bleibt, das militärische Bedingungen im Bündnis erzwingt, an deren Schaffung wir gemeinsam arbeiten
müssen, und das wird einen effizienteren und wirtschaftlicheren Einsatz
der zur Verfügung stehenden Ressourcen und noch mehr Mittel erfordern.
Meiner Ansicht nach besteht Einigkeit darüber, daß die Erarbeitung
von Normen wünschenswert ist, um zu
bestimmen, wie die Pflichten gerecht
verteilt werden sollen. Das ist keine leichte Aufgabe, weil die Beiträge, Risiken und Pflichten auf sehr
unterschiedliche Art und Weise übernommen werden - manchmal finanziell,
manchmal auf andere Weise.
Und wir
müssen sicher sein, daß sich jeder
darüber
bewußt
ist, was geleistet
wird und das auch anerkennt.
Dabei
sind gute Fortschritte erzielt worden, es gibt jedoch noch keine Zustimmung aller Seiten, und es ist
noch nicht erschöpfend behandelt worden. Aber das ist sicher eine wichtige Aufgabe, der sich die Verfasser
des Berichts verschrieben haben - die
Aufstellung von Verhaltensnormen, die
im gesamten Bündnis Zustimmung und
Unterstützung finden - wenn bestimmte
Länder Anstrengungen gegen sie richten - darüber, wer was tut und ob es
fair gegenüber den anderen ist. Oder
ob mehr getan werden sollte, oder ob
jemandem eine Aufgabe abgenommen und
jemand anderem übertragen werden soll.
Dies sind die Hauptpunkte, die in
den Bericht aufgenommen werden und
die ich in der Endfassung des Bericht
in verschiedenen Formen wiederzufinden hoffe.
Frage:
Mr. Taft, sind Sie der
Ansicht, daß die dreiprozentige Zuwachsrate bei den Verteidigungsausga-

ben immer noch ein wichtiger Bestandteil für die NATO ist, und könnten
Sie noch näher darauf eingehen, welche Elemente abgesehen vom Verteidigungshaushalt bei der Lastenverteilung berücksichtigt werden müssen?
Antwort:
Ich vertrete die Auffassung, daß für die militärischen
Bedingungen, die die Streitkräfte erfüllen müssen und zur Gewährleistung
einer wirkungsvollen Abschreckung gegen den Warschauer Pakt und die Sowjetunion sicher drei Prozent zur Finanzierung dieser Bedingungen benötigt werden. Wir haben bei der NATO
Mängel festgestellt:
Mängel bei der
Truppenstruktur, bei Ausbildung und
Munition, Mängel auch bei der Modernisierung - dem könnte man mit mehr
Geld
besser
gerecht
werden.
Die
dreiprozentige
Zuwachsrate
bei den
Ressourcen, die 1979 als jährliches
Ziel festgesetzt wurde, ginge in keiner Weise über die Bedingungen hinaus, wie wir sie vorfinden. Als militärisches Problem und als Frage der
Sicherheit scheint mir das Ziel der
drei Prozent heute noch dieselbe Gültigkeit zu besitzen wie zur Zeit seiner Festsetzung, und es bleibt eine
angemessene Reaktion auf unsere Gegebenheiten.
Wenn wir die Ergebnisse beim Abbau der Spannungen hervorbringen wollen, wie wir sie in den vergangenen
drei oder vier Jahren erstmals beobachten konnten, wenn wir deren Fortsetzung wünschen, müssen wir unsere
Bereitschaft zur Finanzierung der Bedingungen für unsere Sicherheit dokumentieren, die meiner Ansicht nach zu
diesem Abbau der Spannungen geführt
haben.
Sollten die Bedingungen im
militärischen
Bereich
der
einzige
Faktor sein, der als Triebfeder für
diese Beschlüsse dient?
Im Hinblick
auf die Mittel, die von den NATO-Ländern schon heute für die Sicherheit
aufgewendet werden, sollte dies der
Fall sein. Wenn ein Land zehn oder
15 Prozent
seines Bruttosozialprodukts für Verteidigung bereitstellen
würde, könnten wir sagen:
natürlich
ist eine dreiprozentige Zuwachsrate

�unvernünftig, weil damit der Volkswirtschaft
dieses
Landes
eine
zu
große Last aufgebürdet würde.
Das
tut jedoch kein Land.
Kein Land
zwingt heute seiner Volkswirtschaft
solche Kosten auf, daß es sich keine
dreiprozentige Erhöhung leisten könnte, die gerade dem Wachstum - und in
vielen Fällen einem geringeren Wert entsprechen würde, das viele Länder
für ihre gesamte Vokswirtschaft prognostizieren.
Beim
gegenwärtigen
Stand der Dinge würde ich dies als
eine erschwingliche Aufstockung betrachten, und im militärischen Bereich sollten die Bedingungen dafür
akzeptiert und erfüllt werden.
Frage:
Werden
in dem Bericht
Zielsetzungen für die einzelnen Länder erwähnt, die die Verbündeten dann
als neue Ziele akzeptieren werden?
Antwort:
Ich denke nicht, daß
über das von den Ministern festgelegte und von einigen Ländern schon vor
einiger
Zeit akzeptierte Ziel der
drei Prozent hinaus neue Überlegungen
erwogen werden, und ich würde auch
nicht darauf drängen.
Frage:
Vielleicht
habe
ich
mich nicht klar genug ausgedrückt.
Wird der Bericht genaue Zielsetzungen
für einzelne Länder aufstellen?
Es
geht doch hier wohl nur um Finanzen?
Antwort:
Nein.
Der
Bericht
könnte jedes einzelne Land eingehender behandeln.
Das muß meiner Ansicht nach in der Endfassung des Berichts entschieden werden.

* * * * * *

- 5

�^°J^&lt;

VON

AMERIKA DIENST
Hintergrundmaterial

&amp;

37

12. Oktober 1988

DIE WAHLEN IN AMERIKA 1988

QUAYLE UND BENTSEN BEHANDELN VIELE THEMENKREISE
Artikel zur Fernsehdebatte der Vizepräsidentschaftskandidaten

WASHINGTON - (AD) - Am 5. Oktober erklärten Dan Quayle und Lloyd Bentsen
einer großen Schar von Fernsehzuschauern im ganzen Land, warum sie jeweils
nächster Vizepräsident der Vereinigten Staaten werden sollten und nicht ihr
Gegenkandidat.

Bei
ihrem
Rededuell
in Omaha
(Nebraska)
legten
beide
Kandidaten
ihre Auffassungen
zu einer großen
Bandbreite von innen- und außenpolitischen Themen dar, wobei der Demokrat
Bentsen
die
Leistungen
der
Reagan-Regierung kritisierte und der
Republikaner Quayle die Politik von
Dukakis als Gouverneur
von Massachusetts angriff.

stungen als auch Erfahrung in Betracht", erklärte Quayle.
"Und eine
der Leistungen, die mich mit dem
größten Stolz erfüllen, ist meine Urheberschaft beim Partnerschaftsgesetz
zur beruflichen Ausbildung, in dessen
Rahmen mehr als drei Millionen wirtschaftlich benachteiligte Jugendliche
und Erwachsene eine Ausbildung und
Anstellung erhielten."

Quayle verteidigte seine Befähigung als Mitstreiter von George Bush
und bezeichnete sich "als meistüberprüften Anwärter für ein öffentliches
Amt" , da die Medien ihre Aufmerksamkeit insbesondere auf seinen Dienst
in der
Nationalgarde
während
des
Vietnamkrieges und seine Schulnoten
gerichtet hatten.
"Wenn man die Befähigung prüft, zieht man sowohl Lei-

Auf die Frage nach seiner erfolglosen Kandidatur für die Präsidentschaft im Jahr 1976 noch während seiner ersten Amtsperiode im Senat räumte Bentsen ein, "die Bewerbung war
keine gute Idee", fügte aber hinzu,
"heute wollen wir erneut versuchen,
das Erfahrungsspektrum und die Reife
der Person zu beurteilen, die eine
Aufgabe dieser Art übernehmen will."

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�Bentsen erklärte, bei dieser Debatte ginge es "um die Präsidentschaft selbst" da ein Vizepräsident
"ohne Spielraum für Fehler und ohne
Vorbereitungszeit"
einspringen
und
das Land regieren muß, falls der Präsident dazu aus irgendeinem Grund
nicht in der Lage sein sollte.
Bentsen wurde zu seiner abweichenden
Meinung
über
verschiedene
wichtige Themen gegenüber Dukakis befragt
und
erklärte,
"es
bestehen
einige
Meinungsverschiedenheiten,
aber insgesamt gibt es viele Bereiche
der Übereinstimmung."
Der Gouverneur
von Massachussetts "wollte kein Abbild seiner selbst", als er seinen
Kandidaten
für
die
Vizepräsidentschaft wählte, erklärte Bentsen und
fügte hinzu, er sei "erfreut und
stolz, mit ihm gemeinsam zu kandidieren" .
Quayle erklärte, "im Hinblick auf
die drei wichtigsten Herausforderungen, denen sich Amerika stellen muß Rüstungskontrolle und nationale Sicherheit, Arbeits- und Ausbildungsplätze und das Haushaltsdefizit - habe ich mehr Erfahrung und mehr aufzuweisen als der Gouverneur von Massachusetts.
Ich war Kongreßabgeordneter und habe an diesen Problemen gearbeitet."
"Wenn man Rüstungskontrolle betrachtet und mit der Sowjetunion zu
verhandeln sucht, kann man das nicht
aus einer naiven Haltung heraus tun.
Man muß die Sowjetunion verstehen.
Man muß ihre Reaktion verstehen. Ich
habe acht Jahre im Streitkräfteausschuß des Senats gearbeitet und dort
die Erfahrung zum Umgang mit der Sowjetunion und die Fortsetzung unserer
Beziehungen erworben."
Bentsen, der nicht mit Dukakis
übet die Contra-Hilfe übereinstimmte
- die der Gouverneur als "unmoralisch
und illegal bezeichnet hat -, erklärte, "sein großer Unterschied zu
dieser Regierung besteht darin, daß
sie das Hilfsprogramm für die Contras
als einzige Möglichkeit zur Lösung

dieses Problems betrachtet ...
und
ich bin der Ansicht, wir sollten dem
Frieden eine Chance geben."
Bentsen verwies auf seine Unterstützung des Arias-Friedensplans in
Mittelamerika.
"Ich
vertrete
die
Auffassung, daß man mit den Politikern der anderen mittelamerikanischen
Länder zusammenarbeiten muß, um die
Demokratisierung
Nicaraguas
durch
Verhandlungen, durch Druck, durch Beratung und mit diplomatischen Mitteln
herbeizuführen."
Quayle antwortete darauf, "es besteht kein Zweifel darüber, daß unter
einer Regierung Dukakis die Hilfe an
den demokratischen Widerstand in Nicaragua eingestellt werden wird, und
das ist bedauerlich... Es übersteigt
meinen Horizont, warum die Sowjetunion Milliarden Dollar zur Unterstützung der kommunistisch orientierten Sandinisten aufwenden kann, die
Vereinigten Staaten aber aus irgendeinem Grund dem demokratischen Widerstand nicht ein paar Dollar zufließen
lassen dürfen."
Quayle erklärte ferner, daß sich
Dukakis mit seiner Kritik an der amerikanischen Rettungsaktion in Grenada
- von der er sagte, daß sie von 85
Prozent aller Amerikaner unterstützt
wurde - nicht im Einklang mit dem
überwiegenden Teil der Amerikaner befindet."
Auf die Frage, ob im Fall der
südamerikanischen Drogenkartelle und
des panamaischen Machthabers Manuel
Noriega
militärische Maßnahmen
ergriffen
werden
sollten,
erklärte
Quayle, die Reagan-Regierung
"nutzt
das Verteidigungsministerium zur Koordinierung von Aufklärungsmaßnahmen,
aber meiner Meinung nach sollten wir
das Verteidigungsministerium nicht in
ein Polizeipräsidium umwandeln.
Wir
setzen
unsere militärischen
Mittel
vorsichtig ein, wenn wir gegen einen
Übergriff vorgehen müssen.
Und in
diesem Bereich haben wir bereits Erfolge
erzielt:
70 Tonnen
Kokain
konnten gestoppt werden."

�Bentsen beschuldigte seinen Gegner, im Senat gegen eine Resolution
gestimmt
zu haben, derzufolge die
Vereinigten Staaten mit Noriega keine
Geschäfte machen wollten, und laut
Bentsen habe es zuviele Beamte und
Behörden gegeben, die im Kampf gegen
den Drogenhandel um führende Positionen wetteiferten.
Ihm zufolge würde
eine
Regierung
unter
Dukakis
"im
Kampf gegen Drogen einer Person die
Leitung übertragen und sie für ihre
Arbeit mit den entsprechenden Ressourcen ausstatten."
Auf die Frage, ob er einen realistischen Plan zur Befreiung amerikanischer Geiseln im Nahen Osten habe, erklärte Bentsen: "Das ist eines
der
schwierigsten
Probleme,
denen
sich jeder Leiter der Exekutive gegenübersehen wird ... aber wir sollten uns darüber im klaren sein, daß
man nicht hingehen und geheime Geschäfte
mit
dem
Ajatollah
machen
kann.
Man darf keine Waffen gegen
Geiseln tauschen. Wenn man das tut,
ermutigt man
zweifellos noch mehr
Geiselnahmen."
Alles, was getan werden kann, ist
Bentsen zufolge "weiterhin Druck ausüben, vor
allem
jedes
verfügbare
diplomatische Druckmittel einzusetzen
sowie darüber hinaus jede Art von
wirtschaftlichem
Druck
auszuüben,
wenn das möglich ist."
Quayle erklärte, der Tausch Waffen gegen Geiseln sei falsch.
"Wie
soll das durchgeführt werden?
Niemand weiß die Antwort darauf.
Wenn
sie bekannt wäre, würden wir das sicherlich tun. Aber wir versuchen es
weiterhin. Wir halten die Tür offen.
Und möglicherweise werden eines Tages
der Iran und andere Geiselnehmer in
die zivilisierte internationale Staatengemeinschaft zurückkehren wollen.
Sie können das jetzt tun, indem sie
die unrechtmäßig festgehaltenen Geiseln freilassen."
Auf die Frage nach seiner Politik
zum Abbau des Haushaltsdefizits erklärte Bentsen, er würde "eine ag- 3

gressive Handelspolitik verfolgen...
dem Handel erste Priorität einräumen
und ihn nicht zugunsten einer außenpolitischen
Zielsetzung
des Augenblicks vernachlässigen."
Quayle erklärte, eine Möglichkeit
zum Abbau des Haushaltsdefizits bestünde darin, dem Präsidenten das selektive Veto zu gewähren, mit dem 43
Gouverneure gegen einzelne Programme
stimmen
können, ohne
die
gesamte
Haushaltsvorlage zu zerstören.

�AMERIKA DIENST
' V O N **

Wissenschaft und Technik

12. Oktober 1988

37

LEGALISIERUNG VON DROGEN WÄRE UNVERANTWORTLICH
- Amerikanische Politiker und Drogenexperten vor
ausländischen Journalisten -

WASHINGTON - (AD) - Bis Dezember 1988 soll ein Dokument unterschriftsreif
ausgearbeitet sein, das die Bekämpfung des internationalen Diogenhandels merklich erleichtern dürfte:
Es verlangt von UN-Mitgliedstaaten gesetzliche
Grundlagen dafür zu schaffen, daß Geldwäsche verboten wird und Gewinne aus
Rauschgiftschmuggel eingezogen und Besitztümer von Rauschgiftschmugglern beschlagnahmt werden. über den Entwurf verhandeln die Vereinigten Staaten und
mehr als 100 weitere Länder im Rahmen der Vereinten Nationen seit Februar 1985.

Die Vereinbarungen sind dazu angetan, die internationale Zusammenarbeit in der Drogenpolitik zu fördern
und enger zu gestalten. Wie unterschiedlich diese von Land zu Land
noch ist, wurde während eines im September 1988 von der "Stimme Amerikas"
in Washington veranstalteten Seminars
wieder einmal deutlich.
Zwei Wochen
lang diskutierten prominente Journalisten aus Europa, Afrika, Asien und
Lateinamerika Drogenprobleme.
Einer
der Punkte war beispielsweise die
Frage, ob Drogen legalisiert und damit offiziell zum Verkauf freigegeben
werden sollen, um dem Drogenhandel
die Profite zu entziehen.
Von den anwesenden amerikanischen
Politikern, unter ihnen Außenminister
George Shultz (von Beruf National-

United States Information Service
Embassy of the United States of America

ökonom) und Dr. Donald
Macdonald,
Präsidialberater
für
Drogenpolitik
und Direktor der Abteilung des Weißen
Hauses zur Bekämpfung von Drogenmißbrauch, wurde diese Idee als "unverantwortlich"
zurückgewiesen.
Man
würde damit etwas legalisieren, was
bekanntermaßen den Menschen schlimmen
Schaden zufüge und sie außerdem in
die Lage versetze, anderen ebenfalls
zu schaden.
Shultz nannte als Beispiel die
Niederlande, wo "liberale Drogenpolitik nicht erfolgreich war". Der bekannte holländische Fernseh Journalist
Gerard Bergers pflichtete ihm bei.
"Unsere liberale Politik... ruiniert
uns. Wir haben 14 Millionen Einwohner
und
15 000
Fälle
schwerster
Rauschgiftsucht.
Legalisierung funk-

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Tel.: 0228-339 2035
Telex: 8-85432

�tioniert nicht", erklärte er. Außenminister Shultz hob hervor, die lebhafte Diskussion in den Vereinigten
Staaten über eine Legalisierung von
Drogen sei ein Zeichen dafür, daß
"wir in diesem Lande unsere Meinung
frei äußern und jede Idee verwirklichen
können".
Das bedeute aber
nicht, daß man solche Ideen auch gutheißen müsse.
Ann Meyer, die Vizepräsidenten
der amerikanischen
"Nationalen Elternföderation für eine drogenfreie
Jugend"
(NFP), verwies darauf, daß
sich jetzt die amerikanische Bevölkerung enger zusammenschlösse, um soziale Normen zu verändern. Die Haltung "keine Toleranz gegenüber Drogen" komme immer stärker zum Ausdruck.
An dieser Entwicklung seien
nicht nur die Eltern, sondern auch
die amerikanischen Medien beteiligt.
Illegaler
Drogenkonsum
werde nicht
mehr einfach ignoriert oder stillschweigend geduldet.
Die NFP-Vizepräsidentin, die im Auftrag des USInformationsamtes
(USIA) Länder
in
Europa, Lateinamerika, Asien und im
Mittleren Osten bereiste, gab dort
wesentliche Anregungen zum Aufbau von
Vorbeugungs-,
Informations- und
Erziehungsprogrammen sowie zur Einrichtung von Organisationen für Eltern
und Jugendliche.
"Wir haben das Problem nicht gelöst und noch einen weiten Weg vor
uns", erklärte sie vor den Teilnehmern des Seminars. Aber es komme Bewegung in die Szene.
"Wir sind dabei, für unsere Kinder einen Wall der
Ermutigung, einen Schutzwall aufzubauen. Und die Jugend bekommt heute
überall zu hören, daß 'Drogenkonsum
nicht akzeptabel1 ist."
Die Herstellung von Drogen und
der Handel damit lähmen die Wirtschaft auf nationaler und internationaler Ebene - ganz im Gegensatz zu
der Ansicht, man könne sie damit entwickeln
oder
ankurbeln,
erklärte
Shultz.
"Das
Problem
wirtschaftlicher Entwicklung - mit oder ohne
Drogenproblem - verlangt Aufmerksam-

keit... aber ich meine, das Drogenproblem als solches blockiert bereits
die
wirtschaftliche
Entwicklung."
Die Vereinigten Staaten setzten sich
nach wie vor für die Unterstützung
von Ländern ein, die Drogen produzieren, damit sie ihre Agrarwirtschaf t
auf andere Erzeugnisse umstellen und
den Bauern helfen könnten, ihr Einkommen zu sichern.
"Letzten Endes
ist das Ganze eine finanzielle Frage", so shultz, "und wir sollten uns
Mühe geben, alternative Einkommensquellen ausfindig zu machen".
Dr. Macdonald äußerte sich als
absoluter
Gegner der
Legalisierung
von Rauschmitteln. Er lehnte es ab,
auch nur an Diskussionen über dieses
Thema teilzunehmen. Es sei ein Fehler, es im Kongreß überhaupt erörtern
zu wollen.
Illegale Drogen sollten
nach wie vor an allen Fronten bekämpft werden.
Und das Beste, was
die Medien dazu beitragen könnten,
sei die Weitergabe von Informationen
und deren Vermittlung an eine breite
Öffentlichkeit.
Er selbst habe begonnen, sich für den Kampf gegen Drogen einzusetzen, als er entdecken
mußte, daß sein damals 15jähriger
Sohn Drogen nahm. Durch eine elf Monate währende Therapie konnte ihm geholfen werden. Jetzt sei er 24 Jahre
alt und Assistent an einer hervorragenden Universität.
"Therapie kann
großartig und voll wirksam sein, wenn
das
Problem
früh
genug
angepackt
wird."
Macdonald zufolge waren nie zuvor
"die Konsequenzen von Drogenmißbrauch
in diesem Lande schlimmer als jetzt".
Vier von fünf Straftäter hätten den
gerichtlichen Untersuchungen zufolge,
in irgendeiner
Form mit
illegalen
Drogen zu tun gehabt.
Die Zahl der
Menschen, die jetzt in ein Therapieprogramm aufgenommen werden wollen,
sei heute siebenmal höher als vor
zehn Jahren bei der Behandlung Kokainsüchtiger. Und die Zahl der Toten durch Kokain allein liegt zur
Zeit viermal höher als vor vier Jahren.
Die
Infektionen
mit
HIV
(menschliches
Immunschwäche-Virus)

�und AIDS (Syndrom der erworbenen Immunschwäche) hingen zum großen Teil
eng mit Drogenkonsum zusammen, insbesondere bei Fixern, die sich Drogen
spritzen. Große Besorgnis verursacht
die wachsende Zahl der Babies, die
drogengeschädigt zur Welt kommen und
die von der Mutter in der Schwangerschaft oder bei der Geburt mit AIDS
angesteckt werden.
Eine Untersuchung an 36 amerikanischen Kliniken mit Entbindungsstationen ergab, daß nicht nur in
größeren
Städten, sondern auch in
ländlichen Regionen ca. elf Prozent
der Frauen während der Schwangerschaft illegale Drogen genommen hatten.
Dies lasse auf das ganze Land
übertragen nach Meinung mancher Fachleute befürchten, daß jährlich bis zu
375 000 Babies mit
drogenbedingten
Gesundheitsschäden
zur Welt
kommen
könnten.
Gerade Kokain bedeute ein
großes Risiko für das Kind, selbst
wenn das Gift nur kurzfristig oder
nur zu Beginn der Schwangerschaft genommen wurde.
Es könne beim Fötus
Schlaganfälle mit Lähmungen, schwere
Gehirnschäden und Mißbildungen an inneren
Organen
verursachen.
Selbst
das häufig als "harmlos" angesehene
Marihuana könne zahlreiche neurologische Störungen und eine oft bedenkliche
Entwicklungsverzögerung
beim
Kind hervorrufen.
Ab 1989 soll ein einfacher Bluttest an jedem dritten Neugeborenen
mehr Erkenntnis darüber bringen, wie
groß der Durchseuchungsgrad mit AIDS
unter Frauen im gebärfähigen Alter
ist. Die Studie wird anonym durchgeführt, Namensnennungen oder Berichte
an
infizierte Personen bzw. deren
Arzte gibt es nicht. Die Blutproben
werden bei den Tests abgezweigt, die
an jedem Neugeborenen routinemäßig mit Entnahme eines Tropfens Blut an
der Ferse auf verschiedene angeborene
Stoffwechselkrankheiten
durchgeführt werden.

* * * * * *
- 3

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                <text>&lt;strong&gt;1. Dokumentation&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Taft hält Einigung über Bericht zur Lastenverteilung für wahrscheinlich&lt;br /&gt;&lt;em&gt;der Stellvertretende Verteidigungsminister bei der NATO-Pressekonferenz&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Hintergrundmaterial&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Quayle und Bentson behandeln viele Themenkreise&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Artikel zur Fernsehdebatte der Vizepräsidentschaftskandidaten&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Wissenschaft und Technik&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Legalisierung von Drogen wäre unverantwortlich&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Amerikanische Politiker und Drogenexperten vor ausländischen Journalisten&lt;br /&gt;&lt;/em&gt;</text>
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dienet

Herausgeber: U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

^r,oN ^

Z12462 C

12. Oktober 1994

40

AUSSENPOLITIK

DIE EREIGNISSE IN IRAK UND HAITI
Fernsehansprache des Präsidenten

NATO

DIE BEDEUTUNG DER NATO
Ansprache von Verteidigungsminister Perry

USA-SUDAFRIKA

GROSSES INTERESSE DER AMERIKANER
AN SÜDAFRIKAS KAMPF
Besuch von Präsident Nelson Mandela
in den USA

ARBEITSWELT

EIN NEUER SOZIALPAKT - DIE ROLLE
DER UNTERNEHMEN
Rede von Arbeitsminister Reich

WIRTSCHAFT

UNSERE WIRTSCHAFT BRAUCHT
WELTWEITE AUFMERKSAMKEIT
von Botschafterin Pamela Harriman

DEUTSCH-AMERIKANISCHER TAG

DEUTSCH-AMERIKANISCHER TAG 1994
Proklamation des Präsidenten

LITERATUR

EDITH WHARTON STEHT FÜR DEN REICHTUM
DER AMERIKANISCHEN LITERATUR
Die Autorin von "Zeit der Unschuld"

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Deichmanns Aue 29
D 53170 Bonn

Tel.:0228-339 23 72
Fax:0228-3341 02

�AUSSENPOLITIK
12. Oktober 1994

DIE EREIGNISSE IN IRAK UND HAITI
Fernsehansprache des Präsidenten
WASHINGTON - (AD) - Am 10. Oktober 1994 hielt Präsident Bill Clinton angesichts der Ereignisse an der
irakisch-kuwaitischen Grenze und in Haiti eine Fernsehansprache, die wir nachfolgend im Wortlaut
veröffentlichen.

Heute abend möchte ich mit Ihnen erörtern, was wir
zur Erhaltung der Stabilität am Persischen Golf
angesichts der provokativen Aktionen Saddam
Husseins unternehmen. Zunächst möchte ich jedoch
ganz kurz berichten, was heute in Haiti geschah.
Vor drei Wochen trafen unsere Truppen in Haiti ein,
um die Verpflichtung Amerikas und der internationalen Staatengemeinschaft zur Wiedereinsetzung der
demokratisch gewählten Regierung bis zum 15.
Oktober 1994 zu erfüllen. Heute sind Generalleutnant Cedras und Brigadegeneral Biamby zurückgetreten. Sie haben zugesagt, Haiti in Kürze zu
verlassen. Ich freue mich bekanntgeben zu können,
daß Präsident Aristide am kommenden Samstag,
den 15. Oktober wieder sein rechtmäßiges Amt
übernehmen wird.
Ich möchte nochmals sagen, wie stolz ich auf das
bin, was unsere Männer und Frauen in Uniform in
Haiti geleistet haben und wie gut sie ihrer schwierigen Aufgabe gerecht geworden sind. In nur drei
Wochen ist die Gewaltanwendung reduziert worden,
das Parlament tagt wieder, die Flüchtlinge kehren
aus Guantanamo zurück, und jetzt verlassen die
Militärmachthaber das Land.
Ich möchte jedoch auch zur Vorsicht gemahnen: Die
in Haiti zu leistende Arbeit ist weiterhin schwierig
und gefährlich. Wir haben noch viel zu tun, aber
unsere Truppen erfüllen das Versprechen der
Vereinigten Staaten zur Wiederherstellung der
Demokratie. Sie leisten außerordentlich gute Arbeit,
zeigen Festigkeit und Fairneß, und alle Amerikaner
sind stolz auf sie.
Die Stärke der amerikanischen Außenpolitik beruht
auf der Standhaftigkeit bei der Erfüllung unserer

AMERIKA DIENST 40

Verpflichtungen. Die Vereinigten Staaten und die
internationale Staatengemeinschaft haben ihr Wort
gegeben, daß Irak die Grenzen seiner Nachbarn
respektieren muß. Und heute sind - ebenso wie in
Haiti - die amerikanischen Streitkräfte gemeinsam mit
ihren Verbündeten die Garanten dieses Versprechens, die Macht hinter der Diplomatie.
Vor dreieinhalb Jahren kämpften die Männer und
Frauen unserer Streitkräfte unter der starken Führung
von Präsident Bush, General Powell und General
Schwarzkopf, um den Irak aus Kuwait zu vertreiben
und unsere Interessen in dieser wichtigen Region zu
verteidigen. Heute bleiben wir der Verteidigung der
Unversehrtheit dieser Region sowie dem Schutz der
Stabilität am Golf verpflichtet.
Saddam Hussein hat der Welt bereits vorher mit
seinen aggressiven Aktionen und Massenvernichtungswaffen gezeigt, daß man ihm nicht trauen kann.
Die irakischen Truppenbewegungen und Androhungen der letzten Tage sind hierfür ein weiteres Beispiel. 1990 hat Saddam Hussein eine Streitmacht an
der Grenze zu Kuwait zusammengezogen und ist
dann in das Land eingefallen. Vergangene Woche
stellte er an dieser Grenze erneut eine Streitmacht
auf. In Anbetracht der Ereignisse von 1990 erfordert
diese Provokation eine starke Antwort von Seiten der
Vereinigten Staaten und der internationalen Staatengemeinschaft.
Am Wochenende ordnete ich die Entsendung des
Einsatzverbands mit dem Flugzeugträger George
Washington, mit Marschflugkörpern ausgerüsteter
Schiffe, einer Expeditionsbrigade des Marinekorps
und eines mechanisierten Heeresverbands an den
Golf an. Heute habe ich die zusätzliche Entsendung
von über 350 Flugzeugen der Luftwaffe in die Region

Seite 1

�verfügt. Wir werden Saddam Hussein nicht erlauben, sich über den Willen der Vereinigten Staaten
und der internationalen Staatengemeinschaft hinwegzusetzen.
Der Irak kündigte heute einen Rückzug seiner Truppen von der kuwaitischen Grenze an. Wir sind
jedoch an Fakten interessiert, nicht an Verprechungen - an Taten, nicht an Worten. Und wir haben
noch kein Anzeichen für einen tatsächlichen Rückzug der irakischen Truppen gesehen. Wir werden
genau darauf achten, daß das geschieht.
Unsere Politik ist eindeutig: Wir werden Irak nicht
gestatten, seine Nachbarn zu bedrohen oder die
Vereinten Nationen einzuschüchtern, die sicherstellen, daß der Irak nie wieder in den Besitz von
Massenvernichtungswaffen gelangen kann. Zudem
werden die Sanktionen aufrechterhalten, bis der Irak
sich an alle relevanten UN-Resolutionen hält. Die
Antwort auf die Probleme des Irak mit den Sanktionen lautet: Umfassende Befolgung, nicht rücksichtslose Provokation.
Ich bin sehr stolz auf unsere Streitkräfte, die heute
das Rückgrat unseres Engagements für die Freiheit
Kuwaits und die Sicherheit am Golf darstellen. Ich
bin auch stolz auf die Planer und die Kommandeure,
denen es gelingt, sie so schnell und in solcher
Stärke dorthin zu schicken. Sie alle sind der Beweis
dafür, daß wir die Bereitschaft und Stärke der besten
Streitkräfte der Welt aufrechterhalten und das auch
in Zukunft tun müssen.

Das schulden wir den Männern und Frauen in Amerika, die heute ihr Leben aufs Spiel setzen, um die
Welt zu einem sichereren Ort zu machen; und das
schulden wir auch ihren stolzen Familien. Sie
gewährleisten unsere Sicherheit, während wir uns für
eine Welt der Demokratie und des Wohlstands nach
dem Kalten Krieg einsetzen.
Während der vergangenen beiden Wochen kamen
zwei Verfechter der Demokratie in der Zeit nach dem
Kalten Krieg in die Vereinigten Staaten. Der südafrikanische Präsident Nelson Mandela kam, um uns
für unsere Unterstützung bei der bemerkenswerten
demokratischen Revolution Südafrikas zu danken und
eine zukünftige Partnerschaft anzustreben. Der
russische Präsident Boris Jelzin wollte die Partnerschaft zwischen unseren beiden Nationen fördern, die
so gut durch die Tatsache belegt wird, daß jetzt
russische und amerikanische Raketen nicht länger
auf das jeweils andere Volk gerichtet sind und wir an
einerweiteren Verringerung der nuklearen Bedrohung
arbeiten.
Mit anderen Worten: Wir machen Fortschritte beim
Aufbau einer Welt mit mehr Sicherheit, Frieden und
Demokratie. Unsere Arbeit ist jedoch noch nicht
beendet. Vor uns liegen Schwierigkeiten und Gefahren, wie wir in Irak und Haiti sehen. Wir können
jedoch diese Herausforderungen meistern und unsere
Verpflichtungen einhalten. Unsere Ziele sind klar,
unsere Truppen stark, unsere Sache gerecht. Ich
danke Ihnen. Gott segne Amerika.

*

Seite 2

*

AMERIKA DIENST 40

�NATO
12. Oktober 1994

DIE BEDEUTUNG DER NATO
Ansprache von Verteidigungsminister Perry
GARMISCH-PARTENKIRCHEN - (AD) - Am 2. Oktober 1994 sprach US-Verteidigungsminister William Perry
im G.C. Marshall Center über die NATO und die Partnerschaft für den Frieden.
Nachfolgend veröffentlichen wir die Eingangserklärung des Verteidigungsministers im Wortlaut.

Es ist mir eine Ehre und eine Freude, heute hier im
Marshall Center zu sein. Sie alle sind sich der
äußerst dramatischen und wichtigen Rolle bewußt,
die General George Marshall in Europa nach dem
Zweiten Weltkrieg spielte. Der Marshallplan wurde
nach ihm benannt. Vielleicht wissen Sie nicht, daß
er auch der dritte Verteidigungsminister der Vereinigten Staaten war. Sollten Sie einmal in mein
Büro kommen, werden Sie an exponierter Stelle ein
großes Porträt von George Marshall sehen, denn als
19. Verteidigungsminister betrachte ich ihn als ein
Modell, dem ich nacheifern sollte.
Im vergangenen Monat nahm ich an den Feierlichkeiten aus Anlaß des Abzugs der alliierten Streitkräfte aus Berlin teil. Nach meiner Ankunft in Berlin
besuchte ich als erstes die Clay-Kasernen, in denen
die amerikanische Brigade stationiert war, und erhielt
dort die letzte amerikanische Flagge, die über dieser
Kaserne in Berlin gehißt worden war. Sie hat für
mich großen gefühlsmäßigen Wert und Bedeutung.
Ich werde im Pentagon einen besonderen Schaukasten zu Ehren dieses Banners und dessen, wofür es
stand, aufstellen. Ich hielt eine Rede vor den
versammelten Amerikanern und Deutschen und
sprach anschließend einzeln mit ihnen. Es überraschte mich zu sehen, daß viele Deutsche unter
den Zuschauern tatsächlich Tränen in den Augen
hatten. Mir kam der Gedanke, daß dies wohl das
erste Mal in der Geschichte war, daß eine Besatzungsmacht ein Land verläßt und die Bevölkerung
dieses Landes deswegen Tränen vergießt. Und das
sagt meines Erachtens wohl genug über das Verhalten der Streitkräfte in Deutschland im allgemeinen
und in Berlin im besonderen aus. Und es sagt auch
alles über die Hingabe des deutschen Volkes an

AMERIKA DIENST 40

Fortschritte in der neuen demokratischen Welt, in der
wir leben.
Während dieser Feierlichkeiten in Berlin fand gleichzeitig Tausende von Kilometern entfernt im Osten ein
anderes Ereignis statt. Die dritte amerikanische
Infanteriedivision und die 27. motorisierte russische
Schützenbrigade hielten gemeinsame Friedenssicherungsmanöver im russischen Trotskya ab.
Diese beiden, gleichzeitig stattfindenden Ereignisse
zeigen uns, wie sehr sich das europäische Sicherheitsumfeld als Ergebnis der Beendigung des Kalten
Krieges verändert hat. Die Alliierten, die jahrzehntelang Wache für die Freiheit gestanden hatten, werden
in Berlin nicht länger benötigt. Vielmehr befanden
sich die amerikanischen Truppen in Rußland und
führten gemeinsam mit den ehemals gegnerischen
russischen Truppen Übungen zur Friedenssicherung
durch. Es gibt wohl kaum ein aussagekräftigeres
Symbol für den tiefgreifenden Wandel der Welt
während der letzten Jahre. Das andere - ebenso
mächtige - Symbol sehe ich heute vor mir. Hier im
Marshall Center kommen die Truppen aller Nationen
des ehemaligen Warschauer Pakts zusammen,
während früher Analytiker und Wissenschaftler
untersuchten, wie wir mit der Bedrohung durch ihre
Streitkräfte umgehen sollten.
Der bekannte englische Schriftsteller Samuel Johnson schrieb einst, Wandel sei unbequem, selbst wenn
er zum Besseren führe. Zweifellos sind diese Übungen beispielhaft für die derzeitigen Ereignisse in
Rußland. Was im Marshall Center geschieht und in
Berlin geschah ist Wandel zum Besseren. Aber wir
alle haben einige der Unbequemlichkeiten gespürt,
die mit diesem Wandel einhergehen. Er hat uns zur

Seite 1

�Modifizierung der Institutionen und Verfahren gezwungen, die während der vergangenen vier Jahrzehnte die sicherheitspolitische Verankerung des
Westens darstellten. Der wichtigste Anker ist die
transatlantische Beziehung zwischen Amerika und
unseren Verbündeten in Europa. Heute möchte ich
über dieses Verhältnis und darüber sprechen, was
wir alle unternehmen müssen, um es an die neuen
Erfordernisse der heutigen Welt anzupassen.
Wir sehen uns jetzt einem neuen Zeitalter mit neuen
Gefahren gegenüber. Die Gefahren unterscheiden
sich von denen des Kalten Krieges, sind aber immer
noch sehr real: Regionale Konflikte, ethnische und
religiöse Unruhen oder die Weiterverbreitung von
Massenvernichtungswaffen, um nur einige zu nennen. Während wir mit diesen Gefahren umgehen,
haben wir gleichzeitig die Aufgabe, den Frieden
zwischen Ost und West zu konsolidieren. Unsere
größte Hoffnung gilt einem zukünftigen Europa, in
dem keine Nation ihre Nachbarn bedroht - in dem es
keinen gemeinsamen Feind gibt.
Wir streben ein transatlantisches Sicherheitssystem
an, das die Vereinigten Staaten, Kanada und ganz
Europa umfaßt. Es muß in gemeinsamen Verpflichtungen zu Demokratie und freier Wirtschaft
wurzeln, in allseitiger Respektierung der Menschenrechte. Und es muß in der Unabhängigkeit der
Nationen in diesem System und der Sicherheit von
Grenzen wurzeln. Die NATO spielt eine entscheidende Rolle bei der Erreichung dieser Vision.
Angefangen mit der Gründung des Nordatlantischen
Kooperationsrats (NAKR) hat das Bündnis konzertierte Bestrebungen unternommen, um seine ehemaligen Gegner im früheren Warschauer Pakt - einschließlich vieler Ihrer Nationen - einzubeziehen.
Das hilft nicht nur Ihren Ländern, sondern liegt
eindeutig auch in unserem Interesse. Ein durch das
Engagement für Demokratie und freie Wirtschaft
geeintes Europa wird nicht nur sicherer sein, sondern auch von der Notwendigkeit befreit, große,
kostenaufwendige stehende Heere und Streitkräfte
aufrechtzuerhalten. Die NATO ist eine der wichtigsten Institutionen für diesen Zusammenschluß Ostund Westeuropas. Das ist eine bemerkenswerte
Demonstration, wie sich die NATO an diese neue
Ära anpaßt. Die Ironie der Rolle der NATO bei
diesem Unterfangen ist sichtbar. Schließlich wurde
das Bündnis ursprünglich ins Leben gerufen, um die
Probleme eines geteilten Europa zu bewältigen.
Jetzt gehört es jedoch zu den aktivsten Institutionen,
die diese Spaltung zu überwinden trachten und den
Zusammenschluß West- und Osteuropas anstreben.
Das wichtigste NATO-Programm zur Erreichung
dieses Ziels ist die Partnerschaft für den Frieden,

Seite 2

über die Sie alle Bescheid wissen. Im Mai nahm ich
an einem Ministertreffen der NATO in Belgien teil. Zu
dieser Zusammenkunft luden wir die Verteidigungsminister der neuen Mitglieder der Partnerschaft für
den Frieden ein. Die Verteidigungsminister der
NATO-Staaten und der Länder Osteuropas besuchten
gemeinsam das Hauptquartier von SHAPE bei Mons
in Belgien. Dort fand eine Feierstunde statt und wir
schufen die sogenannte Partnerschaftskoordinierungszelle.
Es war eine der beeindruckendsten Feierstunden, an
denen ich jemals teilnahm. General Joulwan und ich
standen dort, und er hatte angeordnet, die Flaggen
aller Teilnehmerstaaten zu hissen. Sie waren alphabetisch angeordnet - 35 Fahnen - der 16 NATOStaaten und zum damaligen Zeitpunkt 19 Mitglieder
der Partnerschaft für den Frieden - von Albanien auf
der linken Seite über alle anderen Nationen bis zu
den Vereinigten Staaten von Amerika auf der rechten
Seite. Während wir dort standen und sahen, wie eine
Flagge nach der anderen gehißt wurde, wurde uns
bewußt, daß wir etwas wahrhaft Neues und ganz
anderes in Gang brachten, das das Potential für
tiefgreifenden Wandel hat.
Die Partnerschaft für den Frieden ist extra darauf
angelegt, neue Trennlinien in Europa zu vermeiden,
die alte Feindseligkeiten ersetzen könnten. Seit
damals sind drei weitere Nationen beigetreten, die
bedeutendste davon ist Rußland. Diese Partner
werden dann die Chance zur Entwicklung einer
gewohnheitsmäßigen Zusammenarbeit erhalten, die
das Herz eines wirkungsvollen Bündnisses bildet. Sie
werden an der Ausbildung der alliierten Streitkräfte
für militärische Aktivitäten wie Friedenssicherung,
Katastrophenhilfe, Such- und Rettungsoperationen
teilnehmen können. Die Partner haben die Gelegenheit, sich die standardisierte Vorgehensweise und
routinemäßigen Konsultationen der NATO zu eigen
zu machen. Mit der Zeit werden die Partner Streitkräfte entwickeln, die zur besseren Zusammenarbeit
mit denen der NATO in der Lage sind. Dadurch wird
ein umfassendes, stabiles und friedliches europäisches Sicherheitssystem geschaffen, das die alten
Spaltungen und Animositäten aus der Zeit des Kalten
Krieges ersetzt.
Wir wollen, daß ein freies, demokratisches Rußland
seinen Platz in diesem neuen Sicherheitssystem
einnimmt. Unseres Erachtens basiert dieses Sicherheitssystem am besten auf praktischer Zusammenarbeit zwischen der NATO und Rußland, nicht
auf dem Ausschluß Rußlands. Unsere Beziehungen
zu Rußland tragen der Bedeutung Rußlands für die
Zukunft Europas Rechnung, ohne dem Land jedoch
irgendwelche Sonderrechte gegenüber seinen Nachbarn einzuräumen.

AMERIKA DIENST 40

�Die Vision eines durch das Engagement für Demokratie und Marktwirtschaft geeinten Europas kann
nicht durch den Ausschluß irgendeines Landes
erzielt werden, insbesondere nicht durch den Ausschluß Rußlands. Während die Partnerschaft für
den Frieden diese Vorteile schafft, stellt sie gleichzeitig ein Medium für eine endgültige NATO-Mitgliedschaft dar. Die NATO-Mitgliedstaaten haben deutlich gemacht, daß sie eine Erweiterung der NATO im
Rahmen eines evolutionären Prozesses begrüßen,
der den sicherheitspolitischen Entwicklungen in
Europa umfassend Rechnung trägt. Die Partnerschaft wird dazu beitragen, die Nationen auf einen
möglichen Beitritt zur NATO vorzubereiten, wenn sie
die Chancen wahrnehmen und den Weg von Demokratie, friedlichen Beziehungen zu ihren Nachbarn
und Wirtschaftsreformen gehen. Diese Partnerschaft
hat bereits wichtige Fortschritte gemacht. Vor zwei
Tagen kehrte ich vom Treffen der NATO-Verteidigungsminister in Sevilla zurück. Diese Zusammenkunft war ein Nachfolgetreffen der vor einem Jahr
abgehaltenen Zusammenkunft in Travemünde, bei
der die Partnerschaft für den Frieden ins Leben
gerufen wurde. Innerhalb dieses einen Jahres
haben wir uns von dem Konzept über die Schaffung
einer Partnerschaftskoordinierungszelle in Mons, die
Einrichtung einer 23 Mitglieder umfassenden Partnerschaft für den Frieden bis zum Beginn eines
robusten Ausbildungs- und Übungsprogramms
entwickelt.
Wenn die NATO der neuen Welt wirklich angepaßt
ist und die Partnerschaft ihr volles Potential erreichen soll, müssen wir mit lange unterdrückten ethnischen und religiösen Konflikten umgehen können.
Es ist eine der schwierigsten Entscheidungen der
NATO, zu bestimmen, welche Rolle für diese Art von
Konflikt angemessen ist. Bei dem Ministertreffen der
NATO, von dem ich gerade zurückgekehrt bin, war
das der Hauptdiskussionspunkt: Welche Rolle sollte
die NATO spielen, um in Bosnien Frieden zu schaffen?
Viele Beobachter haben argumentiert, Bosnien
demonstriere das Scheitern der NATO, da es dieser
noch nicht gelungen sei, dort einen Friedensplan
umzusetzen. Ich bin der Ansicht, daß Bosnien ein
Symbol für das Problem und das Potential der
NATO gleichermaßen darstellt. Es zeigt, daß die
NATO bei angemessenem Einsatz auf ethnische
Gewalt reagieren kann. In Bosnien machen wir
große Anstrengungen, die Kombattanten zur Beendigung der Feindseligkeiten zur bringen und dann
einen tragfähigen Friedensvertrag zu erzielen.
Während dieser Prozeß noch im Gange ist, kommt
der NATO eine einzigartig wichtige Rolle zu: An
erster Stelle eine beträchtliche Reduzierung der
Gewalt und zweitens eine Milderung des Leidens,

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während der Krieg andauert.
Ich möchte kurz
darlegen, was die NATO in Bosnien unternimmt und
warum ich es für bedeutsam und alles in allem
genommen ziemlich positiv erachte.
Wir bedienen uns vor allem des militärischen Arms
der NATO, insbesondere der Luftmacht, um in
Bosnien eine Politik zur Verhinderung von Luftangriffen durchzusetzen. Viele von uns haben vergessen,
daß vor über einem Jahr serbische Flugzeuge Städte
in Bosnien bombardierten. Damals errichtete die
NATO eine Flugverbotszone und setzte sie auch
durch. Seitdem - seit mehr als über einem Jahr nun gab es nur einen Versuch zur Bombardierung einer
bosnischen Stadt. In diesem Fall stiegen sechs
Flugzeuge auf und begannen tatsächlich mit der
Bombardierung.
NATO-Flugzeuge fingen diese
sechs ab, schössen drei ab, und seitdem gab es
keine Wiederholung dieses Bombardierungsversuchs.
Wir haben das auch auf Artilleriebeschuß in Sarajevo
und Gorazde ausgeweitet und der massiven Bombardierung Sarajevos wirksam Einhalt geboten. Vor
diesem Zeitpunkt waren infolge der Bombardierung
dieser Stadt nahezu 10.000 Zivilisten getötet worden.
Seit letztem Februar wurde dem durch die Androhung
von Luftangriffen der NATO Einhalt geboten. Neben
diesem militärischen Einsatz der NATO zu Abschrekkungszwecken leisteten wir durch eine massive
Luftbrücke und den Abwurf humanitärer Hilfsgüter
den Menschen in Bosnien humanitäre Hilfe. Zusammengenommen demonstrieren all diese Programme meines Erachtens deutlich, daß durch die Intervention der NATO in den letzten ein oder zwei Jahren
in Bosnien Zehntausende, vielleicht sogar Hunderttausende von Menschenleben gerettet wurden.
Durch die Partnerschaft für den Frieden, ihre Bestrebungen in Bosnien und andere Initiativen hat die
NATO gezeigt, daß sie für die heutige Welt von
Belang ist. Die Herausforderung für all unsere
Länder - Ihres und unseres gleichermaßen - besteht
darin, Weitblick, Führung und Flexibilität zu zeigen,
die für die Lösung der heutigen Probleme - regionale
und ethnische Konflikte, Friedenssicherung und
humanitäre Krisen - erforderlich sind. Sie hier in
diesem Raum sind die Generation derjenigen, die
ihren Verteidigungsapparat umwandeln. Sie unterstellen ihn ziviler Kontrolle. Das ist Ihre Aufgabe.
Mein Kollege Malcolm Rifkind, der Verteidigungsminister Großbritanniens, äußerte kürzlich bei einem
Treffen, die Obersten und Oberstleutnants der mittelund osteuropäischen Länder seien die Zukunft des
heutigen Europa. Was sie tun und wie sie das Militär
in ihren Ländern entwickeln, entscheidet großenteils,
wie sich ihre Demokratien entwickeln und wie die
zukünftige Sicherheitslage Europas aussieht. Ihre
Studien hier im Marshall Center sind Teil der um-

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�fassenden Bestrebungen zum Aufbau von Beziehungen zwischen Nationen, die uns das gestatten. Ihr
Verständnis des demokratischen Prozesses und der
Rolle des Militärs darin wird Europa neue Werte
geben.
Ich möchte meine Ansprache mit einem bevorzugten
Zitat des britischen Romanschriftstellers Graham
Greene beenden. Er schrieb: "Es kommt immer ein

Zeitpunkt, an dem sich die Tür öffnet und die Zukunft
hereinläßt." Das Ende des Kalten Krieges ist ein
solcher Zeitpunkt. Er öffnete eine Tür. Davor steht
die Zukunft und wartet auf Einlaß. Durch unser
Handeln können wir diese Zukunft kontrollieren.
Durch Ihre Aktivitäten hier im Marshall Center und Ihr
Handeln nach der Rückkehr in Ihr Land haben Sie
die Chance zur Gestaltung dieser Zukunft, damit
diese Welt für Ihre und meine Kinder sicherer wird.

* * * * *

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AMERIKA DIENST 40

�USA-SUDAFRIKA
12. Oktober 1994

GROSSES INTERESSE DER AMERIKANER
AN SÜDAFRIKAS KAMPF
Besuch von Präsident Nelson Mandela in den USA
Die Mitglieder von Präsident Clintons Kabinett haben
einem hochrangigen amerikanischen Regierungsvertreter zufolge großes Interesse an dem Besuch des
südafrikanischen Präsidenten Nelson Mandela in
den Vereinigten Staaten, weil viele ihr Leben lang
ein Gefühl der Beteiligung am Kampf Südafrikas zur
Abschaffung der Apartheit hatten.
Der Regierungsvertreter wies am 5. Oktober 1994 im
Weißen Haus vor Journalisten darauf hin, viele
Amerikaner hätten dieses Gefühl aufgrund ihrer
eigenen jahrelangen Bestrebungen, den Südafrikanern bei der Schaffung einer nichtrassischen Demokratie zu helfen - eine Hoffnung, die sich mit der
Amtseinführung Präsident Mandelas im vergangenen
Mai erfüllte.
Vom Präsidenten angefangen waren amerikanische
Helfer an dem Kampf für Gerechtigkeit im eigenen
Land und in Südafrika beteiligt. Clinton weist oftmals
darauf hin, er sei zum Eintritt in die Politik bewegt
worden, weil er diese als eine Möglichkeit betrachte,
den Mißstand der Rassentrennung wiedergutzumachen, dessen Zeuge er bereits als kleiner Junge in
Arkansas war.
"Die Aufregung der letzten Tage", erklärte der
hochrangige Regierungsvertreter, "steht in Zusammenhang mit dem umfassenden Gefühl der persönlichen Betroffenheit, das wir angesichts der Ereignisse
in Südafrika verspüren".
Alle amerikanischen Studenten, die gegen Investitionen ihrer Universitäten in Südafrika protestierten,
Aktionäre, die sich gegen das Engagement ihrer
Aktiengesellschaften in Südafrika wandten, die
Verwalter von Rentenfonds, die sich gegen Investitionen in Südafrika entschieden, die Kongreßabgeordneten, die sich vor der Südafrikanischen Botschaft verhaften ließen, die Afroamerikaner, die ihre
Sonntagsmesse regelmäßig mit einem Gebet für die
Befreiung Nelson Mandels beendeten - all diese

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Menschen fühlen sich dem Regierungsvertreter
zufolge in dieser Angelegenheit als Beteiligte.
Dieses Gefühl wolle die Clinton-Administration
fördern, fügte er hinzu, "da das Gefühl der Betroffenheit Einbeziehung und Engagement sowie Ehrfurcht
angesichts des Wandels in Südafrika bedeutet".
Er teilte vor Journalisten mit, die Reise Präsident
Mandelas hätte ein neues "Medium" der Beziehungen
hervorgebracht:
Die amerikanisch-südafrikanisch
binationale Kommission unter dem Vorsitz von
Vizepräsident Gore und dem Stellvertretenden
Präsidenten Thabo Mbeki. "Sie wird für die beiden
Regierungen einen Mechanismus zur Definition der
effektivsten Nutzung der verfügbaren Ressourcen
bereitstellen."
Der Regierungsvertreter wies darauf hin, Präsident
Clinton habe in der Überzeugung, frühzeitig bereitgestelltes Geld vermehre sich schnell und werde zur
Erhöhung der Fonds beitragen, die Vereinigten
Staaten im vergangenen Frühjahr zur Bereitstellung
eines Hilfspakets in Höhe von 600 Millionen Dollar
verpflichtet, das über einen Zeitraum von drei Jahren
läuft. Clinton wies bereits bei seiner am 5. Oktober
abgehaltenen Pressekonferenz mit Mandela darauf
hin, Washington habe schon 220 Millionen Dollar
geschickt.
Ferner einigten sich Clinton und Mandela auf die
Bildung eines Unternehmensentwicklungsfonds für
das südliche Afrika, um kleinen und mittelständischen
Unternehmen in Südafrika und 10 weiteren Nationen
im südlichen Afrika eine Starthilfe zu geben.
Andrew Young, ehemaliger Bürgermeister von Atlanta
und früherer ständiger Vertreter der Vereinigten
Staaten bei den Vereinten Nationen, wird zusätzliches Kapital bereitstellen, das auf von dem Fonds
bereitgestellten staatlichen Darlehenssicherheiten und
Vorschüssen basiert.
Die Vereinigten Staaten

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�werden über einen Zeitraum von fünf Jahren 100
Millionen Dollar zu dem Fonds beisteuern - zusätzlich zu den im letzten Frühjahr bereits zugesagten
600 Millionen Dollar.
Dem Regierungsvertreter zufolge legte Präsident
Clinton so großen Wert auf frühzeitiges Engagement,
um andere Geber zu inspirieren, was auch gelang.
"Es ist eine Sache, Versprechungen zu machen und
Verpflichtungen einzugehen und eine ganz andere,
sie auch einzuhalten. Wir haben das auf eine Art
und Weise getan, die Wohnungsbau, Elektrizitätsversorgung und Privatinvestitionen unterstützt - allesamt
eine beträchtliche zusätzliche Hilfe des Privatsektors
von Ländern aus der ganzen Welt sowie anderen,
durch das Engagement der Vereinigten Staaten
beeindruckten Regierungen.
"Wir alle sind uns bewußt, daß das Geld wichtig ist",
erklärte der Regierungsvertreter. "Und die frühe
Ankündigung der Finanzhilfe durch den Präsidenten

* *

Seite 2

motivierte zu vielen Beiträgen. Die Menschen in
Südafrika verstehen aber, daß einer unserer wichtigsten Beiträge im wirksamsten Einsatz dieses Geldes
besteht - zur Erreichung von Zielen bei Wiederaufbau
und Entwicklung, die sie sich gesetzt haben."
Als Beispiel führte der Regierungsvertreter das
Arbeitsfrühstück mit Energieministerin Hazel O'Leary
und der südafrikanischen Delegation an, bei dem es
um die Elektrizitätsversorgung ländlicher Gebiete
ging. Es sei wichtig zu lernen, hierzu nicht nur
öffentliche Gelder, sondern auch private Fonds
einzusetzen, wodurch der Umfang des Projekts
beträchtlich erhöht werden könne. Die Vereinigten
Staaten hätten bei Projekten zur Elektrizitätsversorgung ländlicher Gebiete sehr viel Erfahrung und
Know-how und könnten mit den nach Südafrika
entsandten 50 Millionen Dollar Startkapital strukturelle
Hilfe leisten, die Privatinvestoren anzieht und privaten
Unternehmern gestattet, ins Land zu kommen und
Geschäfte zu machen.

* *

*

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�ARB E I T S W E L T
12. Oktober 1994

EIN NEUER SOZIALPAKT - DIE ROLLE
DER UNTERNEHMEN
Rede von Arbeitsminister Reich
WASHINGTON - (AD) - Arbeitsminister Robert Reich hat die amerikanischen Unternehmen dazu aufgefordert,
freiwillig die Investitionen in verbesserte Weiterqualifizierung von Arbeitnehmern zu erhöhen, um der
"besorgten" Mittelschicht des Landes zu helfen, die in den letzten Jahren eine Verschlechterung ihres
Lebensstandards erlebte.
Reich äußerte diese Forderung am 27. September 1994 in einer in Dallas, Texas gehaltenen Rede vor der
National Alliance of Business.
Nachfolgend veröffentlichen wir den vorbereiteten Text der Rede des Arbeitsministers in wesentlichen
Auszügen.

Vor nicht allzulanger Zeit machten wir uns alle
Sorgen über die Wiederherstellung der "Wettbewerbsfähigkeit" der Vereinigten Staaten. Die amerikanische Industrie schien kurzsichtig, langsam und
träge und die amerikanische Volkswirtschaft in einem
unerbittlichen Niedergang begriffen. Europa und
Japan - deren frühere Ineffizienz durch den Zweiten
Weltkrieg beendet wurde - drohten uns zu überholen.
Heute möchte ich Ihnen etwas vorlesen, das vor
zweieinhalb Wochen in den Dallas Morning News
erschien: "Die Vereinigten Staaten stehen an der
Spitze der Liste der konkurrenzfähigsten Volkswirtschaften der Welt und verdrängen damit Japan."
Quelle ist das World Economic Forum, eine anerkannte schweizerische Vereinigung, die jedes Jahr
eine Übersicht über die Wirtschaftsleistung der
Industrienationen erstellt.
Wie kommt das? Waren die Experten damals
verrückt? Sind sie es jetzt? Hat sich in nur wenigen
Jahren alles vollkommen verändert?
Zunächst einmal genießen die Vereinigten Staaten
eine wirtschaftliche Erholung, während andere
moderne Volkswirtschaften sich im Kampf gegen die
Rezession befinden. Neben den vorübergehenden
konjunkturellen Bewegungen ist jedoch der grundlegende Erfolg der amerikanischen Wirtschaft bei ihrer

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eigenen Umstrukturierung und den Investitionen in
neue Ausrüstung zu sehen, mit dem Ergebnis, daß
das Produktivitätswachstum seit 1990 jährlich im
Durchschnitt gesunde zwei Prozent beträgt. Allein
die Produktivität in den Fabriken ist im vergangenen
Jahr auf über fünf Prozent emporgeschnellt.
Aber sind wir wirklich konkurrenzfähig? Was verstehen wir überhaupt unter "Wettbewerbsfähigkeit"?
Nur selten ist ein in der Öffentlichkeit verwendeter
Begriff so direkt von der Unklarheit zur Bedeutungslosigkeit übergegangen, ohne daß dazwischen ein
Zusammenhang bestand. Natürlich sollte der oberste
Maßstab für Wettbewerbsfähigkeit der Lebensstandard der Amerikaner sein. Und nicht nur des amerikanischen Durchschnittsbürgers: Durchschnittswerte
enthüllen nicht immer die aufschlußreichsten Realitäten.
Realität ist, daß die Einkommen der Amerikaner sich
kaum nach oben bewegt haben, und die meisten
Amerikaner befinden sich auf demselben Weg
abwärts wie in den letzten 15 Jahren. Und obwohl in
der amerikanischen Volkswirtschaft über 4 Millionen
neuer Arbeitsplätze geschaffen wurden, sind immer
noch 8 Millionen unserer Bürger arbeitslos und 4
Millionen, die lieber eine Ganzzeitstelle hätten,
arbeiten nur halbtags.

Seite 1

�Die amerikanische Mittelschicht wird durch umfassende Trends, die sich seit Mitte der siebziger
Jahre beschleunigt haben, in drei neue Gruppen
aufgeteilt: Eine vorwiegend in den Innenstädten
gefangene Unterschicht, die zunehmend von den
Wirtschaftszentren isoliert ist, eine Oberschicht
derjenigen, die den Wandel in ihren Dienst stellen
und dazwischen die größte Gruppe, eine Gruppe
besorgter Menschen, die großenteils einen Arbeitsplatz haben, sich aber zu Recht Sorgen um ihre
Stellung und um die Zukunft ihrer Kinder machen.
Während des Großteils dieses Jahrhunderts waren
Amerikaner unterschiedlicher Herkunft und Lage
durch zwei mächtige Kräfte aneinander gebunden.
Eine war die Gefahr sowjetischer Aggression. Die
lauernde Präsenz einer rivalisierenden "Supermacht"
förderte unser Zusammengehörigkeitsgefühl. Die
andere Kraft war die wachsende Wirtschaft. Unser
Gefühl eines gemeinsamen Schicksals wurde durch
die wachsende Sicherheit genährt, daß die Welle
des Wirtschaftswachstums alle Amerikaner erfassen
würde.
Heute haben sich - fast im Gegensatz dazu - diese
einst engen Bande nahezu aufgelöst. Der Kalte
Krieg kam zu einem dramatischen Ende, wie wir auf
CNN sehen konnten. Und jetzt begrüßen wir die
daraus hervorgegangene neu befreite Welt. Die
amerikanische Mittelschicht ist stillschweigend
verschwunden. Wir waren jeden Tag Zeuge, haben
es aber nie wirklich gesehen. Jetzt werden wir mit
den Konsequenzen konfrontiert.
In den nächsten Monaten werde ich darüber sprechen, was die Regierung und der einzelne unternehmen können, um mehr Amerikaner in eine neue
Mittelschicht zu bringen. Heute morgen möchte ich
jedoch die besondere Rolle des Privatsektors
ansprechen. Der Grund ist einmal, daß der Privatsektor die herausragendste Kraft für die Wiederherstellung der amerikanischen Mittelschicht ist, und
daß eine klare Kalkulation unternehmerischer
Interessen eine solche Erneuerung als lebenswichtig
für langfristigen unternehmerischen Erfolg ansehen
muß.
Zunächst möchte ich den Grund für den Zerfall der
Mittelschicht ansprechen. Die Aufsplitterung in die
untere, die obere und die besorgte Gruppe ist auf
die Qualität ihrer Bildung und ihre Fähigkeit und
Möglichkeit zu lebenslangem Lernen zurückzuführen.
Natürlich waren Qualifikationen schon immer relevant für das Einkommen. Aber sie waren nie so
wichtig wie heute.
Einkommen und Leistungen sind jedoch nicht alles.
Allein einen Arbeitsplatz zu bekommen und zu

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behalten, hängt in zunehmendem Maße von Qualifikationen ab.
Es ist anscheinend ein Paradoxon der heutigen
Wirtschaftsnachrichten, daß auf den Finanzmärkten
die Arbeitslosigkeit als zu niedrig für die Eindämmung
der Inflation erachtet wird, obwohl es immer noch 8
Millionen Arbeitslose in Amerika gibt. Ein Teil der
Antwort auf diesen scheinbaren Widerspruch liegt
darin, daß die Märkte für hochqualifizierte Arbeitskräfte in vielen Wirtschaftsbereichen sehr eng werden
und damit Bedingungen schaffen, die Sorgen über
eine Inflation entstehen lassen. Millionen weniger gut
ausgebildeter Arbeitskräfte bleiben jedoch arbeitslos
oder unterbeschäftigt. Diese verschwendete Arbeitskraft wird durch Mauern der Fähigkeit von den
führenden Teilen der Wirtschaft abgegrenzt, wo
Leistungszwänge lauern. Der beste Weg zur Erweiterung wirtschaftlicher Fähigkeiten und Senkung der
Arbeitslosigkeit - eine Voraussetzung für die Kontrolle
der Inflation - ist das Niederreißen dieser Mauern
durch die Vorbereitung unterforderter Arbeitnehmer
auf produktivere Arbeit.
Graphiken und Trendprognosen haben auf dem
Diaprojektor im Konferenzsaal eines Hotels eine
gewisse Harmlosigkeit. Sie sind abstrakt und flüchtig.
Man drückt auf einen Knopf und die Zahlen verschwinden. Wenn sie jedoch in den Gemeinden und
an den Arbeitsplätzen Amerikas Gestalt annehmen,
sind diese Kräfte verhängnisvoll. Halten Sie sich die
physische Trennung vor Augen, die sie bereits
herbeigeführt haben. Die Oberschicht ist in die
Vorstädte der Eliten gezogen - bisweilen in ihre
eigenen abgeschotteten Gemeinden oder Wohngegenden, die von ihren eigenen Sicherheitskräften
überwacht werden. Die Unterschicht findet sich in
einer Umgebung isoliert, die unaussprechlich öde und
oftmals voller Gewalt ist. Und die Gruppe der Besorgten ist ebenfalls gefangen - nicht nur in Häusern
und Apartments, die oft zu klein für die wachsenden
Familien sind, sondern auch von den frenetischen
Bestrebungen, die zum Erhalt ihrer Position erforderlich sind, denn viele Familien benötigen ein doppeltes
oder dreifaches Gehalt zum Erhalt des Lebensstandards, der früher aus einer Lohntüte finanziert werden
konnte.
Mit anderen Worten: Selbst wenn die Welle des
Wirtschaftswachstums in Amerika weiter steigt, wird
sie uns nicht alle tragen. Nur ein kleiner Teil unserer
Bevölkerung hatte Vorteile vom Wirtschaftswachstum
der achtziger Jahre. Die während der achtziger
Jahre begonnenen Umstrukturierungen und Kapitalinvestitionen, die sich in den neunziger Jahren
fortsetzten, haben die Produktivität und Wettbewerbsfähigkeit der amerikanischen Industrie verbessert nicht jedoch die Aussichten der meisten Amerikaner.

AMERIKA DIENST 40

�Die Zurückgelassenen setzten eine Welle von Ressentiments und Mißtrauen in Bewegung, die die
Regierung, die Unternehmen und andere Institutionen erfaßte, von der sich die Gruppe der besorgten
Menschen betrogen fühlte.
Betrachten Sie sich den erstaunlichen Meinungsumschwung in der Öffentlichkeit. 1975 hatten einer
Umfrage von Gallup zufolge 40 Prozent der Amerikaner Vertrauen zum Kongreß. Heute liegt die Zahl
bei 18 Prozent. 1975 hatte über ein Drittel der
Amerikaner Vertrauen zu den großen Unternehmen,
heutzutage ist es nur noch ein Viertel. Nahezu jede
Institution in diesem Land - staatliche Schulen,
Zeitungen, Fernsehen, Gewerkschaften, selbst
Religionsgemeinschaften - haben in den Augen der
Öffentlichkeit an Ansehen verloren. Nahezu jede
führende Persönlichkeit in unserer Gesellschaft ist zu
einem Blitzableiter für die Frustration der Öffentlichkeit geworden.
Das schafft einen Nährboden für Demagogen und
konspirative Theoretiker, die oftmals in Zeiten der
Angst auftauchen. Menschen in Sorge, um ihre
Zukunft bangende Menschen, klammern sich natürlich an das, was sie haben, und leisten oftmals
Widerstand gegen alles, das eine Bedrohung dafür
darstellt. Menschen, die sich im Stich gelassen
fühlen - von einer Regierung, die ihren Abstieg
zuläßt oder einem Unternehmen, das sie entlassen
hat - reagieren auf Opportunisten, die mit vereinfachenden Erklärungen und obskuren Lösungen
hausieren gehen. Warum fällt es Euch schwer, mit
dem Geld auszukommen? Wir lassen zu viele
Einwanderer ins Land. Warum könnt Ihr kaum Eure
Rechnungen bezahlen? Berufliche Gleichstellung
bevorzugt oft Afro- und Hispanoamerikaner. Warum
ist Euer Arbeitsplatz gefährdet? Unsere Handelspolitik ist nicht protektionistisch genug.
Solche Gefühle sind unabhängig von ideologischen
Trennungen. Konspirative Theoretiker aus dem
linken Lager brüten Geschichten über eine Intrige
unternehmerischer Puppenspieler aus, die im
Welthandel die Fäden ziehen, während die aus dem
rechten Lager Märchen über einen Präsidenten
erzählen, der zum Mord anstiftet. Im Radio übertragene Gesprächsrunden - einst ein spritziger
Beitrag zur freien Meinungsäußerung - haben eine
neue, mißgünstige Schärfe bekommen - Erhöhung
der Zustimmung durch Anstiftung zur Wut. Es
wurden seltsame Allianzen gebildet, um die Vorstellung zurückzuweisen, daß freier Handel eine
wohlhabende Mittelschicht hervorbringen kann.
Denken Sie nur an die noch nicht lange zurückliegenden Debatten über das NAFTA, von denen ich
noch Narben habe.

AMERIKA DIENST 40

Wo also liegt die Lösung? Wir können das Rad der
Geschichte nicht zurückdrehen und zu der sicheren
alten Welt der routinemäßigen Massenproduktion
zurückkehren, die das Amerika nach dem Krieg
beherrschte. Derartige Bestrebungen, beispielsweise
indem ausländische Investitionen und Güter außerhalb unserer Grenzen gehalten werden oder
technologischer Fortschritt behindert wird, würden die
alte Mittelschicht nicht wiederbeleben. Sie würden
nur die Fähigkeit jedes Amerikaners einschränken,
inmitten des Wandels zu prosperieren.
Die wirkliche Lösung besteht darin, alle Amerikaner
am Wirtschaftswachstum zu beteiligen, um sicherzustellen, daß jeder Vorteile aus der neuen Wettbewerbsfähigkeit zieht. Dadurch können wir gemeinsam wachsen - und unsere Fähigkeit zur Schaffung
inflationsfreien Wachstums erhöhen. 12 Millionen
arbeitsloser oder unterbeschäftigter Amerikaner und
Millionen weiterer, deren Löhne stagnieren oder
sinken, können sich nur wundern über das Gerede
von einer überheizten Wirtschaft. Wir können es
besser machen. Diese Wirtschaft wird erst ihre volle
Kapazität erreichen, wenn wir das Potential all
unserer Bürger produktiver einsetzen.
Gemeinsam müssen wir eine neue Mittelschicht
aufbauen, die auf der Kraft der Arbeitnehmer basiert,
Mehrwert zu schaffen, da sie die Fähigkeiten dazu
haben.
Individuen und Familien sollten hier mehr Verantwortung übernehmen. Letztlich müssen sie den neuen
wirtschaftlichen Realitäten ins Auge blicken und
sicherstellen, daß diese Menschen und ihre Kinder
die grundlegenden intellektuellen Werkzeuge besitzen, um zu prosperieren. Auch die Regierung spielt
hier eine Rolle. Sie kann einige der Hindernisse
beseitigen - die Qualität der staatlichen Erziehung
verbessern, Qualifikationsmaßstäbe setzen und den
Übergang von der Schule zum Arbeitsleben und von
einer Stelle zur nächsten reibungsloser gestalten.
So einfallsreich der einzelne auch sein mag und so
effizient eine Regierung auch arbeitet - sie können
nicht im Alleingang eine neue Mittelschicht aufbauen.
Die Unternehmen müssen hierbei eine unerläßliche
Rolle spielen. Um es klar zu sagen: Wenn sich die
Unternehmen nicht am Wiederaufbau der amerikanischen Mittelschicht beteiligen - und den durchschnittlichen Arbeitnehmer besser ausbilden, ihm mehr
Rechte geben und ihn somit produktiver und innovativer arbeiten lassen - kann diese Aufgabe nicht
erfolgreich durchgeführt werden. Ich weiß, was damit
auf dem Spiel steht. Aber ich bin der Ansicht, daß
die Unternehmen letztlich den Antrieb finden, um ihre
zentrale Rolle zu spielen. Für sie gibt es zwei gute
ökonomische Gründe, sich zu beteiligen: Erstens

Seite 3

�sind die Angehörigen der gefährdeten amerikanischen Mittelschicht das wichtigste produktive Kapital.
Zweitens stellen sie für die meisten Unternehmen die
Mehrheit der Kunden dar. Untersuchen wir diese
beiden Gründe nacheinander.
Es ist für Unternehmer nichts Neues, daß eine
ausgebildete Arbeitnehmerschaft eine strategische
Trumpfkarte sein kann. Andere Elemente eines
Unternehmens können von Konkurrenten kopiert
werden - Maschinen, Verfahren, Grundstoffe, Zugang zu billigeren Arbeitskräften auf der ganzen
Welt. Eine ausgebildete, flexible Arbeitnehmerschaft, die auf eine auf dem Markt wichtige Art und
Weise Wert schöpfen kann, kann einen dauerhaften
Wettbewerbsvorteil darstellen.
In ganz Amerika demonstrieren die Unternehmen,
daß Erfolg oftmals davon abhängt, Arbeitnehmer wie
Aktivposten zu behandeln, die entwickelt werden
sollten, anstatt wie Kosten, die reduziert werden
müssen. Sie praktizieren das an Arbeitnehmern an
vorderster Front, die nicht unbedingt vier Jahre aufs
College gegangen sind. Während meiner Reisen
durch die Vereinigten Staaten habe ich das immer
wieder festgestellt: Bei einem Stahlproduzenten in
Cleveland, einem Telefonhersteller in Atlanta, einem
Versicherungsunternehmen in Hartford, einer Revisionsfirma in Chicago, einem Werkzeugmaschinenhersteller in Rochester. Viele der heute hier vertretenen Unternehmen gehören zu den Pionieren der
Gewinnerzielung und Produktivitätserhöhung in der
neuen Wirtschaft. Durch diesen Prozeß haben Sie
dazu beigetragen, die Vorhut dieser neuen Mittelschicht zu schaffen: Techniker mit einer über die
High School hinausgehenden Ausbildung, die jedoch
nicht notwendigerweise einen College-Abschluß
umfaßt.
Lew Platt, der Manager von Hewlett-Packard, erzählte mir kürzlich von HPs Werk mit integrierten Schaltsystemen in San Jose\ Die Renditen waren zu
niedrig, der Ausschuß zu groß, selbst nachdem
Hewlett-Packard modernste Maschinen installiert
hatte. Was war das Problem? HP entdeckte, daß
in San Josö die Arbeitnehmer an vorderster Front,
von denen die Mehrheit keinen College-Abschluß
hatte, viel darüber wußten, was in der Fabrik nicht
funktionierte. Erforderlich waren zusätzliche Ausbildung sowie die Befugnis, ihre Lösungsvorschläge
an Ort und Stelle umzusetzen. HP beschloß, eine
Ausbildungskampagne für die Tausenden von im
Elektrobereich Tätigen bei HP durchzuführen - und
dadurch wurden diese Arbeitnehmer an vorderster
Front zu Technikern. Es funktionierte. Die Qualität
verbesserte sich dramatisch, die Renditen stiegen
sprungartig an und das Werk wurde enorm konkurrenzfähig. Dadurch stellte HP nicht nur seine

Seite 4

Fabrikanlage um, sondern vergrößerte die neue
Mittelschicht um Tausende von Arbeitnehmern.
Mein erster Grund zu Optimismus, daß die Unternehmen ihre Rolle beim Aufbau einer neuen Mittelschicht auf der Grundlage von Qualifikationen spielen, ist die Tatsache, daß Investitionen in die erwerbstätige Bevölkerung aus unternehmerischer Sicht
oftmals sehr sinnvoll sind - und die Unternehmen
erkennen das in zunehmendem Maße.
Mein zweiter Grund betrifft ebenfalls die Arbeitnehmerschaft, wenn auch weniger direkt. Der wichtigste
Absatzmarkt der meisten amerikanischen Unternehmen sind weiterhin die amerikanischen Verbraucher. In den fünfziger und sechziger Jahren war
der amerikanische Binnenmarkt der lebhafteste der
Welt.
Der Verkauf auf einem prosperierenden,
hochentwickelten Inlandsmarkt gab den amerikanischen Unternehmen in einem Industriezweig nach
dem anderen einen weltweiten Wettbewerbsvorteil.
Die Unternehmensgewinne und das Einkommen der
Mittelschicht stiegen zusammen an. Die Massenproduktion brachte die Mittelschicht hervor, die
wiederum die Massenproduktion anheizte. Seit Mitte
der siebziger Jahre - als die Einkommen stagnierten,
die Kluft sich verbreiterte und der amerikanische
Massenproduktionsmarkt zersplitterte - wurde der
amerikanische Binnenmarkt als kommerzielles
Sprungbrett weniger dominant. Eine Neubelebung
der Mittelschicht bedeutet größere Inlandsnachfrage
und ein besseres Testgelände für weltweiten unternehmerischen Erfolg.
Es gibt gute Gründe für die Unternehmen, in Humankapital zu investieren, aber anscheinend noch
nicht genug Grund. Einer neuen Studie des Büros
für Arbeitsstatistik zufolge bieten nicht einmal die
Hälfte aller Unternehmen eine formelle Berufsausbildung an. Weitere neuere Daten zeigen, daß
Unternehmer eher geneigt sind, Ausbildungsinvestitionen in die Arbeitnehmer zu tätigen, die bereits über
eine Ausbildung verfügen. Ein Drittel der jungen
Arbeitnehmer mit College-Abschluß erhalten eine
berufsbezogene Ausbildung. Dasselbe gilt jedoch nur
für ein Sechstel aller Arbeitnehmer mit High SchoolAbschluß und nur ein Zehntel aller High SchoolAbbrecher.
Wenn die Nationen klug sind und Glück haben - wie
es während des Großteils der amerikanischen
Geschichte der Fall war - verknüpft ein stillschweigender Sozialpakt unternehmerischen Erfolg, steigenden Lebensstandard und unternehmensorientierte
Politik. Der Zerfall der Mittelschicht stellt jedoch eine
Gefahr für die Vereinbarung dar, die sich für so viele
amerikanische Bürger und Unternehmen ausgezahlt
hat. Unternehmerischer Erfolg führt nicht länger

AMERIKA DIENST 40

�automatisch zu steigendem Lebensstandard für alle.
Es besteht die Gefahr, daß die Auffassung vertreten
wird, die Interessen der auf internationaler Ebene
operierenden Unternehmen deckten sich nicht mit
denen der amerikanischen Bürger, und höhere
Produktivitätsraten bedeuteten nicht einen höheren
Lebensstandard für den Durchschnittsamerikaner.
Wenn die meisten Amerikaner für weniger Geld
härter arbeiten müssen, und der Amerikanische
Traum in immer weitere Ferne rückt, erscheint die
vielgerühmte Konkurrenzfähigkeit der amerikanischen Wirtschaft wie ein übler Scherz.
Es ist an der Zeit, den Pakt zwischen Unternehmen,
Regierung und Arbeitnehmerschaft in den Vereinigten Staaten zu erneuern. Es ist an der Zeit, die Verbindungen zwischen den beiden genau festgelegten
nationalen Traditionen freien Unternehmertums und
breit gestreuten Wohlstands der Mittelklasse neu zu
knüpfen.
Die Clinton-Administration engagiert sich dafür, den
Beitrag des Staates zu diesem neuen Pakt zu
leisten. Das Engagement dieser Administration für
den Aufbau einer neuen Mittelschicht hat bereits
Ergebnisse gezeitigt - aber viele entstanden vielleicht
eher aus einer Harmonie zwischen beiden Parteien
anstatt aus parteipolitischen Unstimmigkeiten, die
nicht bemerkt wurden. Politische Konflikte sind ein
viel aufregenderer Zuschauersport.

Qualifikationen der Unternehmer darstellt. Kategorische Forderungen wie diese können endlose juristische Pirouetten nach sich ziehen, die wiederum zu
noch stärkerer Einmischung führen. Ich hoffe, daß
wir gemeinsam eine bessere Möglichkeit finden freiwillige Verpflichtungen zu Investitionen in Arbeitnehmer und ihre Offenlegung; kooperative Abkommen unter Unternehmen einer Branche, die Kosten
der Grundausbildung zu teilen; entsprechende
Abkommen zwischen großen Unternehmen und ihren
kleineren Zulieferern und Kunden; Ausbildung der
Arbeitnehmer als Gegenstand von Tarifverhandlungen; Prämien oder Bescheinigungen für Unternehmen, die substantielle Investitionen in ihre Beschäftigten tätigen; Zusammenarbeit zwischen High Schools
und Unternehmen zur Einstellung von Schulabgängern; steuerliche Anreize zur Ausbildung der Arbeitnehmerschaft. Diese und andere Ansätze - allein
oder in Kombination - könnten sich als effektiver
erweisen als eine einheitliche Forderung. Wenn wir
jedoch keinen höherentwickelten Ansatz entwickeln
können, würden wir sicher besser diese Methode
wählen als das Ziel ganz aufzugeben. Wir sollten
uns mit den Optionen befassen.
Sie in der National Alliance of Business und als
Vertreter des Unternehmertums haben bereits sehr
viel erreicht und sollten darauf stolz sein. Die zentrifugalen Kräfte, die Amerika auseinanderreißen,
fordern jedoch noch mehr Entschlossenheit. Wir
können eine neue Mittelschicht schaffen und eine

Heute begibt sich der Arbeitsminister auf eine Mission. Sie führt mich zu den amerikanischen Unternehmen, und Dallas ist mein erster Halt. Ziel meiner
Mission ist es, die Dringlichkeit auf der anderen
Seite dieses Pakts zu unterstreichen. Im Interesse
von zukünftigem Wohlstand und Stabilität müssen
die amerikanischen Unternehmen sich durch Investitionen in die amerikanischen Arbeitnehmer
revanchieren.
Wie soll das geschehen? Welchen spezifischen
Inhalt sollte dieser Pakt haben? Ich kann nicht die
exakten Bestimmungen prognostizieren. Offensichtlich ist ein Mittel, die amerikanischen Unternehmen
zu Investitionen in die Arbeitnehmerschaft zu verpflichten, die einfache Erfordernis, daß die Firmen
einen kleinen Teil ihrer Gewinne zur Erhöhung der
Qualifikationen aller Angestellten verwenden.
Die Administration fördert eine solche Option nicht
als offiziellen politischen Vorschlag, da wir nicht
davon überzeugt sind, daß sie den besten Weg zur
Erreichung des Ziels erhöhter Investitionen in die

*

AMERIKA DIENST 40

neue Leiter für den Aufstieg der Unterschicht bauen.
Sie und ich wissen, daß das möglich ist. Wir haben
bereits einen Beginn gesehen. Aber ohne die
verdoppelte Energie der amerikanischen Unternehmer - ohne das grundlegende Verständnis, daß keine
Aufgabe für unsere Zukunft wichtiger ist - wird die
robuste Mittelschicht, einst ein wesentliches Qualitätsmerkmal unseres Landes, weiterhin zerfallen.
Während ich mich also auf meine Mission zu den
amerikanischen Unternehmen mache, bitte ich Sie,
sich für die Schaffung eines neuen Pakts einzusetzen
- für Rentabilität, Wohlstand für alle, Abbau wirtschaftlicher Ängste und daraus resultierender sozialer
Spannungen. Nehmen Sie an der Debatte über die
Bestimmungen dieses Pakts und die Rolle der
Unternehmen bei der Entwicklung beruflicher Fähigkeiten teil. Und engagieren Sie sich für die Erneuerung des Amerikanischen Traums, für den Aufbau
einer neuen Mittelschicht, die noch mehr Menschen
erfaßt als die alte und imstande ist, den Herausforderungen der neuen Wirtschaft zu begegnen.

* * *

*

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�WlRTSCHAFT
12. Oktober 1994

UNSERE WIRTSCHAFT BRAUCHT
WELTWEITE AUFMERKSAMKEIT
von Botschafterin Pamela Harriman
PARIS - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir einen von der amerikanischen Botschafterin in Frankreich,
Pamela Harriman, verfaßten Artikel über die Rolle der Vereinigten Staaten im Welthandelssystem.

Im kommenden Monat votiert der Kongreß über eine
sehr wichtige Frage, die die Wirtschaft der Vereinigten Staaten und der Welt bis weit in die Zukunft
hinein gestalten wird. Dennoch wurde dieser Angelegenheit - der Annahme der als Uruguay-Runde
bekannten weltweiten Handelsvereinbarung - während dieser bewegten Monate in Washington wenig
Aufmerksamkeit gezollt.
Es bedurfte siebenjähriger Verhandlungen, um die
Runde zu einem Abschluß zu bringen. Während
langer, harter Verhandlungen und insbesondere in
den entscheidenden letzten Wochen vor dem
Abschluß legten wir stark und erfolgreich Nachdruck
auf unsere Interessen. Aus meinem Blickwinkel als
Vertreterin der Vereinigten Staaten in Frankreich einem wichtigen Mitspieler im Welthandelssystem demonstrieren die Schwierigkeiten der vergangenen
Verhandlungsmonate, wie genau diese Vereinbarung
ausgearbeitet werden mußte, damit sie sowohl
unseren Wirtschaftsinteressen als auch den unseren
Handelspartnern und uns gemeinsamen Interessen
dient. Letztlich kamen wir zu einer Übereinkunft,
weil sie sich mit uns auf drei grundlegende Punkte
einigten:
Wachstum des Welthandels ist von essentieller
Bedeutung für die nationale wirtschaftliche Gesundung,
das Handelssystem benötigt Regeln für Bereiche
wie Landwirtschaft, Dienstleistungen und geistiges Eigentum,
die Differenzen im handelspolitischen Bereich
werden - selbst in Freihandelszonen - nicht
verschwinden; vorzugsweise werden eine Reihe

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von Grundsätzen und ein Mechanismus zur
Beilegung von Streitigkeiten geschaffen.
Jedes unter den 128 Nationen ausgehandelte Abkommen beinhaltet Kompromisse. Jede der Parteien
kann in dem Paket Kritikpunkte finden. Die Vorteile
der Uruguay-Runde wiegen sämtliche Probleme
jedoch bei weitem auf. Die Zustimmung des Kongresses ist in zweierlei Hinsicht von entscheidender
Bedeutung: Unsere Volkswirtschaft benötigt sie für
zukünftiges Wachstum und wegen unserer Führungsrolle in der Welt.
Die Vereinbarung stellt ein stärkeres, verläßlicheres
Handelssystem bereit, das den amerikanischen
Stärken Rechnung trägt. Sie verringert die ausländischen Zölle auf Fertigwaren um mehr als ein
Drittel - die größte Zollsenkung der Geschichte. Sie
erhöht in beträchtlichem Ausmaß die Exportmöglichkeiten unserer Landwirte durch die Abschaffung aller
nichttarifären Handelshemmnisse, einschließlich
Quoten, sowie durch beträchtliche Zollsenkungen.
Unternehmen und Arbeitnehmer in den Bereichen
Pharmazie, Unterhaltung, Software und bei anderen
Produkten erhalten neuen Schutz für ihr wertvolles
geistiges Eigentum. Amerikanischen Dienstleistungsexporteuren, beispielsweise auf den Gebieten Rechnungsprüfung, Werbung, Computerdienstleistungen,
Tourismus, Ingenieur- und Bauwesen werden ebenfalls offenere ausländische Märkte garantiert.
Schließlich rationalisiert die Vereinbarung das Verfahren für den Umgang mit Handelsstreitigkeiten und
stellt sicher, daß in allen Ländern die gleichen
Vorschriften gelten - ein den amerikanischen Unterhändlern vom Kongreß vorgegebenes wichtiges
Ziel.

Seite 1

�Die Vereinigten Staaten ließen erst vor kurzem eine
große Rezession hinter sich. Unsere Unternehmen
und ihre Beschäftigten durchliefen einen schmerzhaften Umstrukturierungsprozeß, sind aber jetzt die
effizientesten und wettbewerbsfähigsten der Welt.
Der jüngste Erfolg der amerikanischen Automobilhersteller zeigt, was wir auch in vielen anderen Bereichen unternehmen könnten. Vor Abschluß der
Uruguay-Runde hatten die Konsumenten im Ausland
aufgrund von Handelshemmnissen nicht immer den
gewünschten Zugang zu den qualitativ hochwertigen
und effizient hergestellten amerikanischen Waren
und Dienstleistungen. Jetzt können wir diesen
Zugang sicherstellen. Wir haben von einem offenen
Weltmarkt mit durchsetzbaren Regeln nichts zu
fürchten; ganz im Gegenteil - wir werden dadurch
blühen und gedeihen!
Wie vorherzusehen war, wurde viel über die Möglichkeit gesprochen, die Welthandelsorganisation
(World Trade Organisation - WTO) könnte in einer
Handelsstreitigkeit gegen uns entscheiden. Von
manchen wird behauptet, die Mitgliedschaft in der
WTO schränke unsere Souveränität ein. Das ist ein
lächerliches Argument, das allzuoft gegen internationale Vorstöße vorgebracht wird - vom Völkerbund über den IWF bis zur UNO. Die Entscheidungen der WTO werden Richtlinien für unsere Praktiken festsetzen, nicht jedoch spezifische Aktionen
unsererseits diktieren. Die WTO beeinflußt nicht die
Souveränität der Vereinigten Staaten, ihre eigenen
Gesetze zu erlassen, existierende Gesetze durchzusetzen oder ihre eigenen umweit- und gesundheitspolitischen Maßstäbe zu setzen; nur der Kongreß und der Präsident haben diese Befugnis. Die
Mitgliedschaft in der WTO gestattet uns sicherzustellen, daß unsere Handelspartner sich an vereinbarte
Regeln halten und beendet ihre Möglichkeit, im Falle
von Verletzungen der Regeln ihrerseits bestimmte
Aktionen zu blockieren, wie derzeit allzuoft geschieht.
Noch wichtiger ist die nervenaufreibende Frage, ob
eine Niederlage in diesem Jahr oder eine Verschiebung auf das kommende Jahr - während sich die
übrige Welt weiterentwickelt - den Märkten weltweit
einen Schlag versetzen würde. Negative Auswirkungen wären in der gesamten amerikanischen Volkswirtschaft und tatsächlich weltweit zu spüren.
Ein solches Scheitern oder Zögern würde auch als
Rückzug von unserer historischen Verpflichtung zu
freiem Handel interpretiert. Das derzeitige Welthandelssystem entstand aus den Verträgen über
eine Liberalisierung des Handels, deren Aushandlung die Vereinigten Staaten noch vor dem Zweiten
*

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Weltkrieg begannen, als wir uns von dem isolationistischen Disaster des Smoot-Hawley-Zolls erholten.
Seitdem standen wir im Mittelpunkt sämtlicher Handelsgespräche, denn es ist im Interesse unserer
Nation - und dem der Welt - daß wir die Führungsrolle übernehmen.
Das Handelssystem der Vergangenheit war den
Herausforderungen einer expandierenden Weltwirtschaft nicht gewachsen. Im Rahmen der UruguayRunde werden die Sektoren, die die größten Schwierigkeiten verursachten, erstmals realistisch behandelt,
einschließlich der Bereiche Landwirtschaft, Textilien,
Dienstleistungen und Investitionen. Wir sind dazu
verpflichtet, die verbleibenden Herausforderungen zu
bewältigen, darunter Luftfahrt, Finanzdienstleistungen,
Stahl und audiovisuelle Produkte.
Viele dieser Fragen verursachen in Frankreich
besondere Schwierigkeiten. In diesem Land befürchten einige, ihr Wirtschaftssystem verfüge nicht
über die erforderliche Flexibilität, um auf der Ebene
der Gleichberechtigung auf dem entstehenden
Weltmarkt konkurrieren zu können. Frankreich hat
jedoch das Abkommen der Uruguay-Runde akzeptiert. Es wäre bedeutend schwieriger, wenn nicht
sogar unmöglich, bei diesen und anderen wichtigen
Fragen mit den Franzosen - und unseren anderen
Handelspartnern - Fortschritte zu erzielen, wenn der
Kongreß die Vereinbarung ablehnen oder als parteipolitische Angelegenheit behandeln würde. Andere
große Errungenschaften - der Sieg im Zweiten
Weltkrieg, der Wiederaufbau Westeuropas, der
konsequente Kurs im Kalten Krieg, selbst das NAFTA
- wurden durch die Zusammenarbeit von Demokraten
und Republikanern erreicht. Die Geschichte wird ein
hartes Urteil über diejenigen sprechen, die den Platz
unserer Nation in der Weltwirtschaft zum Spielball der
Politik machen.
In Frankreich feierten wir in diesem Sommer den
fünfzigsten Jahrestag der Befreiung, die vor allem
durch den Schweiß und das Blut einer Generation
von Amerikanern gewonnen wurde, die der Überzeugung war, ihr Land müsse auf der internationalen
Bühne eine positive Rolle spielen und den Optimismus hegte, wahrhaft etwas bewirken zu können. Sie
hatten damals recht, und dieselben Grundsätze
gelten noch heute. Die Zukunft der Weltwirtschaft
wird von unseren heutigen Entscheidungen gestaltet.
Unsere Industrie und Landwirtschaft sind die effizientesten der Welt. Wir werden entweder in der Welt
prosperieren, oder zurückfallen. Wir können nicht
'aussteigen'. Jetzt ist die Zeit für eine Entscheidung
gekommen, nicht für Aufschub.

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�DEUTSCH-AMERIKANISCHER TAG
12. Oktober 1994

DEUTSCH-AMERIKANISCHER TAG 1994
Proklamation des Präsidenten
WASHINGTON - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die Proklamation Präsident Clintons zum DeutschAmerikanischen Tag am 6. Oktober 1994.

Vor drei Monaten begrüßten und bekräftigten die
Vereinigten Staaten und Deutschland bei einer
freudigen Feier am Brandenburger Tor mit Stolz das
neue Zeitalter transatlantischer Zusammenarbeit
zwischen unseren beiden Nationen. Gemeinsam
arbeiten unsere beiden Länder an der Förderung
von Demokratie und Marktreform, die den Europäern
sowie ihren amerikanischen Freunden und Verbündeten mehr Wohlstand und Sicherheit versprechen.
Für dieses bedeutende Bündnis gibt es in der
Geschichte einen wichtigen Präzedenzfall. In den
ersten Tagen nach der Unterzeichnung der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung im Jahr 1776
übersetzte ein bekanntes Unternehmen in Philadelphia den Text der Erklärung ins Deutsche und
veröffentlichte ihn. Diese Entscheidung spiegelte die
bedeutende Anzahl deutscher Siedler in Amerika
wider, deren Beteiligung an unserem Kampf für die
Freiheit zum Aufbau unseres demokratischen
Systems beigetragen hat. Die Veröffentlichung der
Unabhängigkeitserklärung in deutscher Sprache
sollte die Kunde von der Unabhängigkeit unter den
mutigen deutschen Siedlern verbreiten, die mit ihren
englischsprachigen Landsleuten - wenn auch nicht
die Sprache - so doch eine beständige Freiheitsliebe
gemein hatten. Die Gründerväter der Unabhängigkeit erkannten die fundamentale Bedeutung der
deutschen Siedler an, und die Deutschen waren
stolz darauf, bei der Geburt der amerikanischen
Demokratie eine zentrale Rolle zu spielen.
Deutsche, die sich bereits in den Kolonien niedergelassen hatten sowie andere, die am Unabhängigkeitskrieg teilnehmen wollten, beispielsweise Baron
von Steuben, leisteten wichtige Hilfe zum amerikani-

schen Sieg. Die übersetzte Fassung der Unabhängigkeitserklärung ist ein dauerhaftes Symbol für echte
deutsch-amerikanische Freundschaft und den außerordentlichen geistigen und materiellen Beitrag der
Deutschen zur Geburt einer das Volk vertretenden
Regierung in den Vereinigten Staaten.
In den
nahezu 220 Jahren seit diesem großen Sieg waren
Generationen von Deutschamerikanern aktive und
wertvolle Teilnehmer am amerikanischen Experiment.
Heute haben mehr Bürger der Vereinigten Staaten
Vorfahren aus Deutschland als aus jeder anderen
Volksgruppe. Aufgrund der Inspiration von zwei
Jahrhunderten gemeinsamer Freiheit helfen Deutschamerikaner im ganzen Land, unsere Nation zu einer
Zukunft zu führen, die ebenso strahlend wie unsere
Vergangenheit ist - eine Zukunft wachsender Verständigung und sicheren Friedens.
Zu Ehren der heutigen Hüter des reichen deutschamerikanischen Erbes hat der Kongreß entsprechend
Gesetz 103-100 den 6. Oktober 1994 zum "DeutschAmerikanischen Tag" erklärt und den Präsidenten
ermächtigt und ersucht, aus Anlaß dieses Tages eine
Proklamation zu erlassen.
Aufgrund dessen erkläre ich, William J. Clinton,
Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika,
hiermit den 6. Oktober 1994 zum Deutsch-Amerikanischen Tag - zur Würdigung der zahllosen Beiträge,
die Menschen deutschen Ursprungs zu Freiheit,
Demokratie und Wohlstand unserer Nation geleistet
haben.
Unterzeichnet am 4. Tag des Oktober, im Jahre des
Herrn 1994 und im 219. Jahr der Unabhängigkeit der
Vereinigten Staaten von Amerika.

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�LITERATUR
12. Oktober 1994

EDITH WHARTON STEHT FÜR DEN REICHTUM
DER AMERIKANISCHEN LITERATUR
Die Autorin von "Zeit der Unschuld"
WASHINGTON - (AD) - Zu Beginn des letzten
Viertels des vergangenen Jahrhunderts begann ein
zwölfjähriges Mädchen - im sicheren Schutz ihrer
Familie und deren hoher gesellschaftlicher Stellung als Folge ihres unersättlichen Lesehungers und zur
Erweiterung ihres ziemlich begrenzten Horizonts,
Verse und Geschichten zu schreiben.
Die Welt von Edith Newbold Jones drehte sich um
das anständige, ehrwürdige New York und die
Gesellschaft der Ostküste, die sich aus Kaufleuten,
Juristen und Bankiers zusammensetzte, deren
Wurzeln bis in die Zeit der Siedler zurückgingen.
Die meisten von ihnen hatten kein großes Interesse
an Kultur, insbesondere an Kunst oder Literatur.
Das Schreiben führte tatsächlich zu Spannungen.
Edith (die nach ihrer Heirat unter dem Namen
Wharton schrieb) untersuchte im Lauf ihrer schriftstellerischen Karriere und mit zunehmender Reife in
während vier Jahrzehnten geschriebenen Geschichten diese widerstreitenden Zwänge, sich ihrer
behüteten Welt anzupassen beziehungsweise
dagegen zu rebellieren - was für sie eine ständige
Herausforderung darstellte.
"Ihre tragischen Heldinnen und Helden", so der
Kritiker Edmund Wilson über ihr Oeuvre, "sind
leidenschaftliche oder phantasievolle Persönlichkeiten mit einem Hunger nach emotionalen oder
intellektuellen Erfahrungen, die in einem kleinen,
geschlossenen System gefangen sind und sich
entweder selbst zerstören, indem sie sich gegen ihre
Gefangenschaft auflehnen oder durch Resignation
lebendigen Leibes sterben."
Die Schriftstellerin stellte in ihrer Kollektion kritischer
Essays aus dem Jahr 1925, The Writing of Fiction,
selbst fest, "Drama und Situationen entstehen aus
dem Konflikt zwischen der gesellschaftlichen Ordnung und dem Hunger des einzelnen, und die Kunst,
das Leben in Dichtung oder Prosa darzustellen,

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kann oder muß letztlich nichts anderes sein als die
Loslösung entscheidender Momente aus dem existentiellen Durcheinander."
Von entscheidender Bedeutung sei immer "eine
bestimmte moralische Norm, ein deutliches Bewußtsein für den immerwährenden Kampf zwischen den
konkurrierenden Impulsen des Menschen, wenn die
davon handelnde Literatur Aufmerksamkeit erregen
und im Gedächtnis bleiben soll".
Ediths Vater, George Frederic Jones, der von mehreren Generationen Kaufleuten und Reedern abstammte, die bis zur Ansiedlung der Holländer in NeuAmsterdam (dem späteren New York) zurückverfolgt
werden konnten, und ihre Mutter, deren Vorfahren
während des Unabhängigkeitskrieges an mehreren
großen Feldzügen teilnahmen, beobachteten die
Leidenschaft ihrer Tochter mit Mißtrauen.
Sie hielten ihre schriftstellerische Tätigkeit für exzentrisch und ignorierten sogar die späteren Erfolge ihrer
Tochter. "Das Thema wurde vermieden, als wäre es
eine Art familiärer Schande", erinnert sich Wharton
1934 in ihren Memoiren A Backward Glance. Ediths
erster Verlobter soll Presseberichten zufolge die
Beziehung beendet haben, weil sie eine "ehrgeizige
Autorin" war.
1937 - kurz vor ihrem Tod im Alter von 75 Jahren erinnerte sich Wharton an die Vorurteile und Leere
ihrer Kindheit und beklagte, "was für erbärmliche
Bestimmungen hinter den einheitlichen braunen
Steinfassaden dieser Häuser für die Vorstellungswelt
des Menschen erlassen wurden" und daß dort große
Bibliotheken mit Regalen voller - meist ungelesener Bücher existierten.
Gleichzeitig war die Welt der Literatur hauptsächlich
eine Welt des Mannes. Einige Frauen hatten sich
jedoch eine künstlerische Nische gesucht - die
meisten als Dichterinnen.

Seite 1

�Romanschriftstellerinnen waren jedoch nicht die
Regel. Durch ihre neun Romane und Novellen
sowie mehr als sieben Dutzend Kurzgeschichten
veränderte Wharton ein wenig die Gewichtung. Und
sie wurde zur ersten Frau, der an der Yale University die Ehrendoktorwürde (in Literaturwissenschaften) verliehen wurde, sowie (für The Age of Innocence, obwohl ihrer Ansicht nach Sinclair Lewis für
Babbitt eher den Preis verdient hätte) der Pulitzerpreis für Literatur und die angesehene Goldmedaille
des National Institute of Arts and Letters.
Trotz dieser Triumphe war ihr Leben relativ niederdrückend und mit Angst erfüllt, die sich in ihren
Werken widerspiegelte. Nachdem Edith im Alter von
23 Jahren durch die Heirat mit Edward Robbins
(Teddy) Wharton, einem 10 Jahre älteren bekannten
Bostoner Bankier, der Enge ihres Elternhauses
entkommen war, entdeckte sie schon bald die
Nachteile der neuen Beziehung. Die beiden waren
gute Kameraden, aber Teddy - der gesundheitliche
Probleme hatte - paßte in intellektueller Hinsicht
nicht zu ihr. Sie hatten nur die Liebe zu Reisen ins
Ausland gemeinsam. In den Vereinigten Staaten
lebten sie in New York, Rhode Island und dem
westlichen Massachusetts.
Die Eintönigkeit ihres Lebens und die Last der
Verantwortung für Teddy lösten bei Edith Wharton
eine Reihe von Zusammenbrüchen - zunächst
psychischer, dann physischer Art - aus. Um dagegen anzugehen schrieb Edith zusammen mit
einem Freund ein Buch, The Decoration of Houses, das ihren Wunsch widerspiegelte, die Häuser
von der eher langweiligen Gestaltung zu befreien,
die zur Zeit der Jahrhundertwende die Norm war.
Edmund Wilson bezeichnete sie dem Romanschriftsteller und Kritiker Louis Auchincloss zufolge als
Dichterin der Inneneinrichtung.
Ferner verkaufte sie erstmals einige ihrer Werke an
Zeitschriften und veröffentlichte schließlich ihren
ersten Gesellschaftsroman, The House of Mirth.
Die Flucht in die Schriftstellerei reichte jedoch nicht
aus. Kurz vor dem Ersten Weltkrieg ließ sich das
Paar schließlich nach fast 30jähriger Ehe scheiden
und Edith zog nach Frankreich, wo ihre Popularität
noch viel größer war als in den Vereinigten Staaten.
Dort verkehrte sie mit Schriftstellern wie Andrö Gide
und Andrö Maurois, Rainer Maria Rilke und Jean
Cocteau sowie dem Bildhauer Auguste Rodin.
Während des Ersten Weltkriegs und danach kümmerte sie sich um arbeitlose Pariser und verwaiste
belgische Flüchtlingskinder und veranlaßte Vereinigungen in den Vereinigten Staaten, Geld für eine
Ambulanzstation, ein Sanatorium für Tuberkulosepa-

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tienten sowie Wohnheime zu sammeln, wofür sie von
der französischen und belgischen Regierung geehrt
wurde. Mit Ausnahme ihres kurzen Besuchs in Yale
im Jahr 1923 aus Anlaß der Verleihung der Ehrendoktorwürde blieb sie in Europa und wurde auf einem
Friedhof in Versailles beigesetzt.
Edith Wharton ist großenteils ein Paradoxon. Ihr
Talent ist nicht unbedingt in ihrer literarischen oder
stilistischen Brillianz begründet, sondern in ihrer
Fähigkeit, innerhalb eines klaren Zeitrahmens mit
messerscharfem Verstand bis zum Kern eines
Charakters oder einer Persönlichkeit vorzudringen.
Ungeachtet des eintönigen Hintergrunds, vor dem sie
agieren, sind die Charaktere ihrer schriftstellerischen
Landschaft tragische Figuren. Dem Kritiker Calvin
Winter zufolge leiden sie "unter der Erkenntnis, daß
niemand seinem Umfeld entkommen kann, daß die
ganze Familie und Rasse eines Menschen über
Generationen hinweg unablässig ein Netz von
Gebräuchen und Traditionen geschaffen haben, von
dem sich der einzelne nicht befreien kann".
Whartons Leben weist noch andere interessante
Merkmale auf. Obwohl sie unweigerlich als Abbild
ihres Vorbilds und Mentors Henry James angesehen
wurde, unterschied sie sich stark von ihm. Nach
ihrem Tod wurde sie anfänglich als puritanische
Matrone kritisiert und unterschätzt, die von literarischer Größe träumte. Im Verlauf der letzten Jahre
wurde jedoch ihr Ruf als eines der faszinierendsten,
vielseitigsten und klarsten literarischen Talente dieses
Jahrhunderts wiederhergestellt - unter anderem auch
wegen ihrer Enthüllungen über das Leben der Frau
in der Gesellschaft.
Beweis für diese erneute Popularität ist die Tatsache,
daß in den letzten Monaten zwei auf ihren Werken
basierende Kinofilme - The Age of Innocence (Zeit
der Unschuld) und Ethan Frome - auf den Markt
kamen und weitere Filmadaptationen ihrer Werke im
Gespräch sind.
Besonders interessant ist ihre Verbindung zu Henry
James. Edith war dem älteren Schriftsteller erstmals
in ihrer Teenagerzeit begegnet, als sie mit ihren
Eltern Europa bereiste. Es entwickelte sich eine
Lehrer/Berater - Schüler Beziehung, und sie wurden
enge und ebenbürtige Freunde. Kritiker wie Fred
Lewis Pattee neigen dazu, die beiden der Schule von
Honore de Balzac, Gustave Flaubert und M.H.
Stendahl zuzuordnen. Beide müssen Pattee zufolge
"als Intellektuelle angesehen werden, die sich vorwiegend mit Benehmen, Sitten, Kunst befassen".
In The Writing of Fiction schrieb Wharton auch über
ihr Verhältnis zu James und konzentrierte sich darauf,
was sie von ihm übernommen hatte - vor allem ein

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�Interesse an den Beziehungen zwischen gesellschaftlichen Regeln und der Freiheit des einzelnen,
insbesondere unter wohlhabenden Bürgern und im
Ausland lebenden Amerikanern. Abgesehen von
dieser Verbindung waren ihre Charaktere und ihre
Technik unverwechselbar. Auchincloss stellte fest:
"Im Unterschied zu James müssen ihre Sätze nie
erneut gelesen werden, um reichere und tiefgehendere Enthüllungen zu finden".
Wharton hielt sich während ihrer Laufbahn an den
Prüfstein für schriftstellerischen Erfolg: Sie schrieb
über das, was sie kannte und aus ihrer eigenen,
einzigartigen Perspektive. Es sollte jedoch nicht
vergessen werden, wie stark ihr Oeuvre nicht nur
durch ihre feine Herkunft, sondern auch durch die
Ereignisse ihrer Zeit beeinflußt wurde - der sich
verändernde Charakter der sie umgebenden Welt,
die revolutionären Umbrüche, die ihre gehobene,
kostbare gesellschaftliche Welt gefährdeten und
bedrohten.
In den achtziger und neunziger Jahren des 19.
Jahrhunderts, als Wharton erstmals ihre kreativen
Muskeln spielen ließ und als die Stadt mit nie dagewesenen Einwanderungswellen überspült wurde,
traten Vertreter eines früheren Einflusses, die sogenannten Neureichen des Amerika nach dem Unabhängigkeitskrieg, in Erscheinung und gefährdeten
die jahrhundertealte kulturelle Tradition. In den
Jahren nach der Massenimmigration, als Wharton
über Wohlstand, Privilegien und High Society als
gefährdete Art schrieb, durchlebten die Vereinigten
Staaten den Ersten Weltkrieg, die Weltwirtschaftskrise und den New Deal.
Durch die Neuentdeckung Edith Whartons während
der vergangenen Jahrzehnte wurde die Chronistin
der Sitten zur scharfsinnigen Analytikerin der
Menschheit - von Männern und Frauen gleichermaßen. Newland Archer, der rätselhafte Held in The
Age of Innocence und Ethan Frome in dem gleichnamigen Roman sind beide starke, einfühlsame
Charaktere. Whartons weibliche Figuren demonstrieren dem Kritiker John Lowe zufolge "auf außergewöhnlich zwingende und stark variierende Weise
die Schwierigkeit, als Frau in Amerika ein erfülltes
Leben zu führen". Whartons "geschärfter Sinn für
die eine Autorin konfrontierenden speziellen literarischen und persönlichen Schwierigkeiten ... verliehen
ihren Beschreibungen frustrierter Frauen eine
besondere Eindringlichkeit".
Gleichzeitig war Wharton eine Meisterin in der
Beschreibung von Einzelheiten. Sie malte schimmernde, exquisite Bilder aus Worten und brachte
dem Leser ihre elegante Umwelt nahe.

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Martin Scorseses Filmversion von The Age of
Innocence aus dem Jahr 1993, die jetzt weltweit in
den Kinos gezeigt wird, enthält dem Geist der Autorin
getreu außergewöhnlich viele Einzelheiten und
Farben.
Whartons schriftstellerische Karriere begann etwa in
den neuziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts
und ging über ihren Tod hinaus (zwei ihrer Romane,
Ghosts und The Buccaneers, wurden posthum
veröffentlicht). Während dieser Zeit schrieb sie
abwechselnd größere und kleinere Werke. Nur vier
Romane, The House of Mirth, Ethan Frome, The
Custom of the Country und The Age of Innocence
werden als literarische Meilensteine betrachtet,
obwohl The Buccaneers in den letzten Jahren auf
erneutes Interesse stieß.
Von ihren Kurzgeschichten gehören Roman Fever,
das von zwei in einem ironischen Konflikt miteinander
befindlichen Frauen handelt und The Other Two,
eine Sittenkomödie über einen New Yorker Aristokraten, zu den populärsten und meistgelesenen.
The House of Mirth handelt vom Abstieg einer
jungen Frau in der aristokratischen Gesellschaft trotz
ihres Gefühls persönlicher Verantwortung und des
Einsatzes für die Menschheit. Ethan Frome - für
Wharton ein Neuanfang - ist eine Tragödie über
unerwiderte Liebe und körperliches Gebrechen vor
dem Hintergrund der rauhen Landschaft des ländlichen New England. The Custom of the Country
nimmt eine schlaue und ehrgeizige junge Frau sowie
die Gesellschaft unter die Lupe, der sie entstammt.
The Age of Innocence ist zweifellos das Werk, mit
dem die Autorin in unserem Jahrzehnt - im Vergleich
zu dem szenischen Hintergrund des Buches einhundert Jahre später - am meisten identifiziert wird.
Das in Frankreich geschriebene und 1920 veröffentlichte Buch ist ein sarkastischer Kommentar zu den
gesellschaftlichen Traditionen der Welt, die Wharton
aus ihrer Kindheit Ende des 19. Jahrhunderts kannte.
Das Buch, das sich mit in einer leidenschaftslosen
Welt unerfüllbarer Leidenschaft befaßt, enthüllt gegen
Ende, wie der Sittenkodex einer Generation von der
nachfolgenden abgelehnt wird.
Whartons Talente lagen Mitte dieses Jahrhunderts
mehrere Jahrzehnte lang im verborgenen, ungefähr
von ihrem Tod bis zu den sechziger Jahren. Das ist
jetzt nicht mehr der Fall. Infolge der Eröffnung der
Sammlung ihrer schriftlichen Aufzeichnungen an der
Yale University 1968 und der sieben Jahre später von
R.W.B. Lewis veröffentlichten endgültigen Biographie
kam eine neue Edith Wharton zum Vorschein - nicht
die spießige, prüde, unerreichbare Schriftstellerin, die

Seite 3

�sie zu sein schien, sondern eine bemerkenswerte
Frau mit einem Sinn für Menschlichkeit, Mitgefühl
und Sensibilität - jene Edith Wharton, die heute ein

eindrucksvolles Beispiel für den Reichtum und die
Vielfalt der amerikanischen Literatur darstellt,

* * * * *

Seite 4

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                <text>&lt;strong&gt;1. Außenpolitik&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Die Ereignisse in Irak und Haiti&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Fernsehansprache des Präsidenten&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. NATO&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Die Bedeutung der NATO&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Ansprache von Verteidigungsminister Perry&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. USA-Südafrika&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Großes Interesse der Amerikaner an Südafrikas Kampf&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Besuch von Präsident Nelson Mandela in den USA&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;4. Arbeitswelt&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Ein neuer Sozialpakt - Die Rolle der Unternehmen&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede von Arbeitsminister Reich&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;5. Wirtschaft&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Unsere Wirtschaft braucht weltweite Aufmerksamkeit&lt;br /&gt;&lt;em&gt;von Botschafterin Pamela Harriman&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;6. Deutsch-amerikanischer Tag&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Deutsch-amerikanischer Tag 1994&lt;br /&gt;&lt;em&gt;von Botschafterin Pamela Harriman&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;7. Literatur&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Edith Wharton steht für den Reichtum der amerikanischen Literatur&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Die Autorin von "Zeit der Unschuld"&lt;/em&gt;</text>
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Information
und
Dokumentation

«J^i

International Communication Agency
Embassy of the United States of America

12. November 1980

50

INHALT

DOKUMENTATION
Erste Pressekonferenz des designierten US-Prä'sidenten
- Reagan gibt erste Hinweise auf seine Mannschaft -

HINTERGRUNDMATERIAL
Die NATO nach Afghanistan - Der Zusammenhalt des Bündnisses
auf dem Prüfstand
- Von Simon Lunn -

Um Über/endung von
Belegexemplaren wird
gebeten

Postfach 20 0 3 0 0
D 5 3 0 0 Bonn 2

Tel: 02221-89 32 4 0
Telex:08-85432

�3
3

Dokumentation
International Communication Agency
Embassy of the United States of America

12. November 1980

50

ERSTE PRESSEKONFERENZ DES DESIGNIERTEN US-PRÄSIDENTEN
- Reagan gibt erste Hinweise auf seine Mannschaft -

LOS ANGELES

- (AD) - Der designierte Präsident der Vereinigten

Staaten, Ronald Reagan, hat auf seiner ersten Pressekonferenz am
6. November 1980 erste Hinweise auf seine neue Mannschaft gegeben, der
unter anderem der ehemalige amerikanische Außenminister Henry Kissinger
und der frühere Oberste Alliierte Befehlshaber in Europa (SACEUR),
Alexander Haig, angehören.
Reagan nahm auch zu zahlreichen außenpolitischen Fragen Stellung
und betonte, daß er die "überparteiliche Grundlage" der Außenpolitik
wieder herstellen wolle.

Die Fragen an den designierten Präsidenten

reichten vom Nahen und Mittleren Osten - vor allem der Geiselfrage - bis
Lateinamerika, Polen, den Menschenrechten und SALT.
An der Konferenz Reagans nahm auch der designierte Vizepräsident
der Vereinigten Staaten, George Bush teil.

Zu

Postfach 20 03 00
D5300 Bonn 2

Tel: 0228-89 32 40
T e | e x : 08-85432

�Zu Beginn gab Reagan eine kurze Erklärung ab.

Die gesamte Presse-

konferenz hat folgenden Wortlaut:
Meine Damen und Herren, ich danke Ihnen, daß sie gekommen sind, und
wünsche Ihnen einen guten Morgan.

Ich habe eine Erklärung vorbereitet, die

Sie nachher schriftlich erhalten werden, aber ich möchte sie für den Rundfunk auch verlesen.

George und ich sind glücklich, daß wir heute hier sein

können, vor allem unter den gegebenen Umständen, und da diese Pressekonferenz
live übertragen wird, bietet sie, wie ich meine, eine gute Gelegenheit,
noch einmal all jenen zu danken, die für unsere Sache gearbeitet und gestimmt haben.
Sie alle haben uns einen großen Sieg geschenkt, und ich kann all
jenen, zu denen ich jetzt spreche, versichern, daß wir sie nicht enttäuschen
werden.
Bevor wir mit der Beantwortung der Fragen beginnen, glaube ich, daß
Sie an dem Übergang interessiert sind und daran, wie die Dinge stehen.
Wir haben bereits damit begonnen, eine Administration zusammenzustellen,
und wir werden sofort mit der Aufgabe beginnen, die Wahlversprechen in die
Wirklichkeit umzusetzen.
Ich wende mich erneut an Bill Casey, um die Anstrengungen bezüglich
der letzteren Aufgabe als Vorsitzender des Übergangs-Exekutiv-Komitees
zu leiten. Bill wird auch Vorsitzender des Interims-Beratungs-Ausschusses
für Außenpolitik werden. Ich möchte Bill für all das danken, was er
getan hat, um diesen Sieg zu ermöglichen - sowohl in den ersten Zeiten der
Vorwahlen wie auch bei den allgemeinen Wahlen. Er hat gebeten, wieder in
seine Anwaltsfirma zurückkehren zu dürfen, aber er hat zugestimmt, als
Vorsitzender der beiden genannten Ausschüsse zu dienen.

�Ich habe Anne Armstrong, frühere Botschafterin, die Ko-Vorsitzende
unseres Wahlkampfausschusses war, gebeten, als Vizevorsitzende des übergangsExekutiv-Komitees zu fungieren.

Und ich freue mich, daß Senator Paul

Laxalt, unser Wahl kämpf1 eiter - ein Mann, dem wir beide so viel Dank
schulden für das, was er in diesem Wahlkampf geleistet hat - sich bereit
erklärt hat, einen Kongreßberatungsausschuß zu bilden und zu leiten, um
mit uns während der ganzen Übergangsperiode zusammenzuarbeiten.
Der Direktor des Übergangsteams wird Ed Meese sein, der Stabschef
des Wahlkampfes war.

Stellvertretende Direktoren werden sein Mike Deaver,

James Baker, Richard Wirthlin, William E. Timmons, Verne Orr und Drew
Lewi s.
Als leitende Berater werden Caspar Weinberger, Martin Anderson und
Richard Allen fungieren.
Personaldirektor wird Pendieton James, der Präsident der E.P. James
and Company, einer Unternehmensberatungsfirma, sein.
Weitere leitende Mitarbeiter für den Übergang werden in den nächsten
14 Tagen ernannt werden.

Ich begrüße es, daß Präsident Carter so rasch

gehandelt hat, um diesen Übergang leicht und effektiv zu machen.

Er hat

seinen Stabschef Jack Watson angewiesen, mit Ed Meese bei der Bewerkstelligung
eines geordneten Übergangs zusammenzuarbeiten.
Weitere Mitarbeiter der Carter-Administration haben bereits zu
erkennen gegeben, daß sie während der Übergangsperiode gerne mitarbeiten
werden.
Auf einem anderen Gebiet, dem des Interims-Ausschusses für Außenpolitik, bin ich höchst dankbar, daß drei prominente Demokraten sich bereit
erklärt haben, mit uns zu arbeiten.

Es handelt sich um Senator Henry M.

�Henry M. Jackson, Senator Richard Stone und Edward Bennett Williams.
Und wie ich in meinem Wahl kämpf versprochen habe, werde ich alles tun,
um wieder eine überparteiliche Grundlage der amerikanischen Außenpolitik
herzustellen.

Der Ausschuß wird Empfehlungen einer Gruppe von 120 her-

vorragenden Beratern auf dem Gebiet der Außen- und Verteidigungspolitik
entgegennehmen, bevor er mir im Januar Bericht erstatten wird.
Ich habe ihn angewiesen, heute mit der Arbeit zu beginnen und eine
Bewertung der großen außenpolitischen Herausforderungen vorzunehmen, die
wir bewältigen müssen.
Zu den Mitgliedern des genannten Ausschusses gehören der frühere
Präsident Gerald Ford, Senator John Tower, Henry Kissinger, General Alexander
Haig, Gouverneur William V. Clements, Caspar Weinberger, Eugene V. Rostow,
Donald Rumsfeld, George Shultz, Jeane J. Kirkpatrick, John J. McCloy,
Anne Armstrong and Richard V. Allen.
Und jetzt stehen wir beide zur Beantwortung Ihrer Fragen zur
Verfügung.
FRAGE: Während des Wahl kämpfs haben Sie oft von dem gesprochen,
was Sie unmittelbar nach Amtsübernahme machen würden. Können Sie uns heute
eine genaue Tagesordnung für die erste Woche im Amt geben - einschließlich
solcher Themen wie einem Einstellungsstopp bei Bundesbehörden und anderer,
über die Sie während des Wahlkampfs sprachen?
•

ANTWORT:

Dies ist ein Punkt, den durchzuführen ich mich verpflichtet

habe, und ich werde mich dieser Verpflichtung nicht entziehen.

So etwas

ist schon gemacht worden - mit Erfolg gemacht worden - und ich meine daher,
man sollte damit sofort anfangen.
Was

- 4 -

�was das übrige angeht, so glaube ich, daß es in gewisser Hinsicht
Teil dieses ganzen Übergangsprozesses und der Zusammenarbeit mit dem
Kongreßausschuß unter Senator Laxalt'sein wird, zu sehen, wie wir uns bei
den Themen verhalten werden, die die Unterstützung des Kongresses benötigen.
FRAGE:

Ich möchte gern Ihre Reaktion auf die gestrige Erklärung

Paul Warwicks vom "Ausschuß für das überleben eines freien Kongresses"
hören, daß Sie nämlich George Bush für einen Sieg gar nicht brauchten,
ja, daß er sich besser auf die konservative Linie schlagen sollte, weil
er sonst in Schwierigkeiten geraten könnte.

Natürlich können Sie beide

darauf antworten.
ANTWORT:

Nun, ich werde George für sich selbst sprechen lassen;

ich werde für mich sprechen.

Ich glaube, wir hatten im ganzen Verlauf

dieses Wahlkampfs das gleiche Verhältnis - und ich freue mich auf die
nächsten vier Jahre -, ein Verhältnis, das nicht nur das eines Teams war,
sondern eins der zunehmenden Freundschaft; wir hatten nie miteinander
Meinungsverschiedenheiten.

Und es ist meine Absicht - er wird dies sehen,

wenn wir die Einzelheiten ausarbeiten -, das einzusetzen, von dem ich
glaube, daß es eine überaus wertvolle Bereicherung ist. Und daher wird
er eine ganze Menge zu tun haben.
George, möchten Sie dazu etwas sagen?
ANTWORT (Bush):
FRAGE:

Nein.

Bei Ihrer Regierungsbildung und bei der Auswahl der Leute,

die an der Spitze des Kabinetts stehen, die im Kabinett sein und die
die Regierungsgeschäfte ausführen werden: welche Bedeutung werden Sie dem
Rat jener neuen konservativen Organisationen, wie der "Moralischen Mehrheit"
und Leuten wie dem Geistlichen Jerry Falwell geben?
ANTWORT:
- 5 -

�M'IWORT:

Ich habe denjenigen, die uns in diesem Wahlkampf unter-

stützt haben, gesagt, daß ich das tun werde, was ich als Gouverneur von
Kalifornien tat, daß ich diesen Leuten gegenüber offen sein werde. Man
ist Präsident des ganzen Volkes - und ich werde mir den Rat dort holen,
wo ich glaube, ihn bekommen zu können, ich werde diejenigen um Hilfe
fragen, die mit einem speziellen Problem vertraut sind.

Und ich weiß nicht,

wie ich es sonst sagen könnte.
Mit anderen Worten: ich werde mich nicht von den Menschen trennen,
die für uns stimmten und uns hierhergebracht haben.
FRAGE:

Im außenpolitischen Teil Ihrer Rede Montagnacht im Fernsehen

sagten Sie, daß die Amerikaner sich nicht vor der historischen Pflicht
drücken würden, den Verfolgten beizustehen«

Und insbesondere sagten Sie,

daß Sie für jene sprechen, die das Recht auf Selbstbestimmung ohne die
Einmischung ausländischer Mächte erstreben.

Ich würde gern wissen, ob

Sie uns sagen können, was dies bedeutet und insbesondere, ob dies Ihrer
Meinung nach auf die Lage in Polen zutrifft, in einem Land, wo sich derzeit eine unabhängige Arbeiterbewegung entwickelt und ein Land, das an die
Sowjetunion angrenzt und in dem einige sowjetische Divisionen stationiert
sind.
ANTWORT: Ich weiß natürlich, was es bedeutet, sonst hätte ich
es nicht gesagt. Es bedeutet, daß all diese Probleme und die ganze
Aggressionspolitik der Sowjetunion Teil der Diskussionen und Verhandlungen
sein müssen, die es geben wird. Ich glaube nicht, daß man sich einfach
mit der Sowjetunion an einen Tisch setzt, um über Rüstungskontrolle zu
diskutieren, sondern man diskutiert über die Gesamthaltung, die globale
Einstellung, ob man nun eine Welt des Friedens haben will oder ob man
lediglich über Waffen sprechen will, diese anderen Themen aber nicht
vorbringen möchte.
Mit

- 6 -

�Mit anderen Worten:
FRAGE:

ich glaube an eine Verkettung.

Gestern sagte Mr. Bush, daß die Geiselkrise Präsident Carters

Problem sei und Sie und er sich nicht einmischen wollten.

Sie sagten, daß

Sie bestimmte Vorstellungen hätten darüber, wie die Freilassung der Geiseln
ermöglicht werden könnte. Gibt es nunmehr irgendeine Rolle, die Sie bei
irgendeiner Art von Plan zu spielen beabsichtigen, um die Freilassung der
Geiseln zu erlangen und haben Sie dies mit Präsident Carter besprochen?
ANTWORT:

Nein.

Lassen Sie mich offen sagen: als ich sagte, ich

hätte Vorstellungen, mußte ich ehrlich sein.

Ich glaube, Sie werden alle

darin übereinstimmen, daß jeder, der sich um diesen Posten bewarb, ganz
einfach sagen mußte, falls dieses Problem auf ihn zukäme, würde er einige
Ideen darüber haben, wie er damit fertigwerden könnte.

Das bedeutet nicht,

daß es zu diesem Zeitpunkt unser Problem ist.
Lassen Sie es mich verdeutlichen:

Es ist unser Problem als Amerikaner,

aber der Präsident ist noch immer Präsident, und ich glaube, was George
sagte, ist, daß wir überall dort, wo wir behilflich sein könnten, es auch
sein würden, wenn dies gewünscht wird - denn wie jedermann sonst wollen
auch wir, daß die Geiseln heimkehren.
Aber gleichzeitig wollen wir auch ganz deutlich machen, daß wir
uns nicht aufdrängen wollen, und wir werden die Tatsache anerkennen, daß
diese Regierung noch immer an der Macht ist; und auch die Führungen anderer
Länder müssen sich darüber im klaren sein, daß der Präsident noch immer
Präsident ist.
FRAGE:

Im Verlauf des Wahlkampfes haben Sie gesagt, daß Sie mit

dem SALT III-Prozeß und den Verhandlungen mit den Russen sofort beginnen
woMten.

Planen Sie das Gespräch mit den Sowjets schon während der Über-

gangsperiode, um diesen Prozeß in Gang zu bringen?
ANTWORT:
- 7 -

�ANTWORT:

Nein.

Wir haben eine Anzahl von Botschaften erhalten

und ich weiß, daß auch der Botschafter eine Reihe erhielt, denn er ist
mit vielen dieser Leute persönlich bekannt.

Aber es waren Glückwünsche

und ähnliche, und - um es zu wiederholen - ich glaube nicht, daß jemand
von uns etwas tun möchte, das ihnen (den Sowjets) den Eindruck geben
könnte, wir seien kein einiges Land, oder daß wir irgendwie versuchen
würden, mit einer anderen Stimme zu reden als die Regierung.
George, wollen Sie dazu etwas sagen, nachdem Sie auch angesprochen
wurden?
ANTWORT (Bush):

Ich bin völlig einverstanden.

Und ich weiß

natürlich, daß es Anfragen von führenden Leuten auf der ganzen Welt geben
wird, um mit Gouverneur Reagan zusammenzutreffen - einige werden auch
mich sehen wollen.

Und was immer wir in dieser Hinsicht auch tun werden,

so werden wir klarstellen, daß wir keine Außenpolitik machen oder in
Verhandlungen eintreten wollen - weil Präsident Carter diese Verantwortung
zufällt bis zu dem Tag, da Präsident Reagan vereidigt wird.

Das ist alles,

was ich dazu sagen möchte.
FRAGE:
ziehen?

Würden Sie Henry Kissinger als Außenminister in Betracht

Es gibt einen Bericht, daß er womöglich empfohlen wird.

ANTWORT: Nun, wir sind heute hier, um eine Übergangsmannschaft
anzukündigen. Wir haben Ihnen die Namen der Personen genannt, die damit
zu tun haben werden, und weiter wollen wir jetzt nicht gehen. Es wird
keine Diskussion über Namen geben, bis wir bereit sind, die eigentliche
Ernennung bekanntzugeben.
FRAGE: Während des Wahl kämpfes haben Sie gesagt, Sie möchten
das Energie- und Erziehungsministerium abschaffen - zwei neue Ministerien.
Was werden Sie hinsichtlich der Ernennung von Kabinettsmitgliedern tun?

�tun?

We.-den Sie Leiter für diese Ministerien ernennen, während Sie

deren Abschaffung ins Auge fassen?
ANTWORT:

Diese Ministerien bestehen, und natürlich braucht man

dafür eine Leitung.

Aber lassen Sie mich zugleich eines klarstellen:

Ich bin mir natürlich darüber im klaren, daß in beiden dieser neuen
Ministerien Funktionen ausgeübt werden, legitime Funktionen, die es schon
seit langem gibt und die dann in jene Ministerien inkorporiert wurden.
Wenn man also über die Frage spricht, ob man ein solches Ministerium in
seiner heutigen Form braucht, so bedeutet dies nicht, daß man sich der
legitimen Funktionen entledigt, die die Regierung schon immer ausgeübt
hat und die es auch weiterhin geben sollte, die aber nur diesen Ministerien
einverleibt wurden.
FRAGE:

Ich spreche für die südamerikanische Presse.

Sie gern folgendes fragen:

Ich möchte

Sehen Sie Ihre Regierung als einen Ausdruck

der nationalen Einheit der Vereinigten Staaten oder ist sie das Produkt
von Gruppen, Minoritäten oder Unternehmern?

Wie ist Ihre Einstellung dazu?

Und warum gibt es im Presseraum des Weißen Hauses keine südamerikanischen
Journalisten?

Werden Sie hier Abhilfe schaffen?

Vielen Dank, Herr

Präsident.
ANTWORT:

Um auf Ihre erste Frage einzugehen:

Wenn ich Sie richtig

verstanden habe, so habe ich nur eine einzige Vorstellung von dieser
Aufgabe.

Ich glaube, daß der Präsident und der Vizepräsident die beiden

einzigen Personen in Washington sind, die gewählt wurden, um das ganze
Volk zu repräsentieren.

Andere dort haben eine Verantwortung für Distrikte,

für Bundesstaaten sowie natürlich auch für das Wohl des Landes.

Aber es

gibt zwei Menschen, die dort sind, weil sie von allen gewählt wurden, um
alle zu repräsentieren.

Was

�Was die Staaten von Südamerika, von Mittelamerika und hier auf dem
nordamerikanischen Kontinent angeht, unsere beiden Nachbarn, so habe ich
wiederholt deutlich gemacht, daß man meiner Ansicht nach im Lauf der
Jahre eine Verschlechterung der Beziehungen zuließ und daß dies nicht so
sein sollte. Und wir werden jede Anstrengung unternehmen, um auf dem Weg
bilateraler Abkommen und ähnlichem die Völker der beiden Amerikas einander
näherzubringen, damit Nord-, Mittel- und Südamerika geeint sein können
in ihrer Entschlossenheit zur Freiheit.
FRAGE:

Mr. Allen zog sich in den letzten Tagen des Wahl kämpfs

zurück, um - wie er sagte - Ihnen keine Schwierigkeiten zu machen.

Seine

Wiederernennung heute zum Mitglied des Übergangsteams läßt vermuten, daß
Sie noch immer Vertrauen in Mr. Allen haben.

Haben Sie die Anschuldigungen

gegen ihn geprüft und glauben Sie, daß er entlastet ist?
ANTWORT:

Ja. Unsere Leute haben das getan und wir fanden keinerlei

Beweis für irgendein Fehl verhalten.

In der Tat kamen einige der wichtigsten

Zeitungen zum gleichen Ergebnis, nachdem dieses Thema auf den Tisch gekommen
war.

Wir fanden keinerlei Interessenkollision.

Wir fanden nichts, was

unsere Einstellung ihm gegenüber hätte ändern können, und ich darf sagen,
daß er die volle Unterstützung derjenigen hat, mit denen er zusammengearbeitet hat, jener vielen Experten und anderer, die uns auf dem Gebiet
der Außenpolitik beraten haben.
FRAGE: Diejenigen von uns, die Sie auf Ihren Reisen während der
letzten paar Monate begleitet haben, haben versucht, Sie oder Ihre Mannschaft auf einen Plan bei Pressekonferenzen festzunageln, sobald Sie ins
Amt kämen. Nachdem Sie jetzt gewonnen haben: können Sie uns sagen, wie
oft Sie Pressekonferenzen abhalten werden, sobald Sie im Amt sind.
ANTWORT:

Ich glaube, dies ist eines der Details, die wir noch

nicht ausgearbeitet haben. Aber wenn Sie einen Blick zurückwerfen, dann

- 10 -

�dann sehen Sie, daß ich als Gouverneur eigentlich stets für die Presse
da war und daß ich dies als eine der Möglichkeiten ansehe, die Leute wissen
zu lassen, was in der Regierung vor sich geht.

Daher werden wir alles tun,

um sie auf einer halbwegs regelmäßigen und konsequenten Basis abzuhalten.
FRAGE: Während des Wahl kämpfes hat Botschafter Bush erklärt, daß
er sich gewaltig anstrengen müsse, wenn er während der Wahlkampagne Ihr
Vertrauen gewinnen wolle; wäre dies nicht der Fall, dann müsse er auf eine
Menge von Beerdigungen gehen. Aus dem, was Sie hier gesagt haben, ergibt
sich, daß er Ihr Vertrauen gewonnen hat. Rechnen Sie damit, daß er eine
wichtine Rolle spielen wird? Und sollte dies der Fall sein, könnten Sie
uns dann seine Rolle erläutern, und wird er im Weißen Haus über ein eigenes
Büro verfügen oder wird dieses Büro im Ex*kutivgebäude sein?
ANTWORT:

Lassen Sie mich noch einmal darauf hinweisen, daß Sie hier

nach vielen Details fragen.
sei.

Ich hätte gedacht, daß dies bereits erledigt

Nein, er muß nicht auf eine Menge von Beerdigungen gehen.

Vielleicht

wird das einmal umgekehrt sein, aber - warum lachen Sie - nein, ich bin
nachdrücklich der Meinung, daß es eine Verschwendung wertvoller Kräfte wäre,
wenn man diese Position nicht als eine entschiedene Hilfe ansehen würde,
und hinzu kommt die Erfahrung, die er in der Regierung gesammelt hat.
Aber zu diesem Zeitpunkt können wir nicht sagen, daß dies bereits ausgearbeitet worden sei.

Nein, auch das wird Teil des Übergangsprozesses sein

und behandelt werden, wenn wir dazu Gelegenheit haben.
FRAGE:

Wie beurteilen Sie den Einsatz der Türkei als NATO-Verbündeter

für die westliche Sicherheit, und werden Sie die Wirtschafts- und Militärhilfe für dieses Land verstärken, nachdem Sie Ihr Amt angetreten haben?
ANTWORT:

Sie bringen mich nun erneut in eine Position, die meiner

Meinung nach mehr Nachdenken und Konsultation erfordert, als dies in einem
Wahlkampf möglich ist. Aber ich glaube, daß wir uns alle darüber im klaren

- 11 -

�klaren sind, daß die Türkei und Griechenland - ich meine, daß wir die
Probleme zwischen beiden Ländern - wenn wir irgendwie diese Situation
erleichtern können - erleichtern werden, weil sie die südliche Flanke
unserer NATO-Verteidigungslinie bilden und dies deshalb für unsere eigene
nationale Sicherheit von großer Bedeutung ist.
FRAGE:

Sie sagten vorher angesichts des Reagan-Dampfwalzeneffektes,

daß Sie sich um eine überparteiliche Grundlage für die Außenpolitik bemühen
würden.

Wollten Sie damit andeuten, daß Sie vielleicht einen Demokraten

in Ihren Kabinettsstab oder in das Kabinett aufnehmen würden?
ANTWORT:

Das könnte durchaus der Fall sein.

Ich habe in dieser

Hinsicht noch keine Entscheidung getroffen, und diese Frage würde uns
wieder in die Diskussion einzelner Namen führen.
getan.

Wir haben das noch nicht

Was ich aber ganz bestimmt wünsche, und insbesondere im Hinblick

auf die Außenpolitik, ist, daß die Welt weiß, daß es keine politische
Spaltung gibt, die unsere Außenpolitik berührt.
FRAGE:

Lassen Sie mich noch einmal auf die Geiseln zurückkommen.

Werden Sie Ihre speziellen Vorstellungen während dieser Übergangsperiode
Präsident Carter unterbreiten und Sie ihm als einen Vorschlag für die
Beendigung dieser Krise anbieten?
ANTWORT:

Der Präsident hat uns beiden in sehr großzügiger Weise

ausführliche Unterrichtungen angeboten, von denen wir selbstverständlich
Gebrauch machen werden.
wenn sich

Und wenn es irgendeine Gelegenheit gibt und

aufgrund dieser Unterrichtungen auf unserer Seite irgendeine

Vorstellung ergibt, die wir vorschlagen könnten und die nützlich wäre,
dann würden wir das selbstverständlich tun.
Andererseits, und das habe ich bereits gesagt, wollen wir nicht den
Anschein erwecken, als würden wir uns in den Bereich des Präsidenten ein-

- 12 -

�einmischen wollen, der ja immer noch Präsident ist. Und aufgrund der
Nachrichten, die wir gehört haben, hoffe ich, daß die Iraner nicht etwa
die Vorstellung hätten, daß es für sie nützlich wäre, würden sie noch
längere Zeit warten. Wir wünschen, daß diese Menschen nach Hause kommen.
FRAGE:

Wenn sich Ihre Vorstellungen wesentlich von denen Präsident

Carters unterscheiden, würden Sie dann damit zurückhalten und warten, bis
Sie Ihr Amt übernommen haben?
ANTWORT:

Nein, nicht wenn ich auch nur eine Minute lang dächte,

daß meine Vorstellungen ihre Freilassung beschleunigen könnten.
FRAGE: Es scheint eine gewisse Besorgnis zu bestehen, wie sich die
amerikanische Außenpolitik verändern werde. Was können Sie den Verbündeten
Amerikas in Westeuropa, jetzt da Sie die Macht übernommen haben, über die
Außenpolitik der Vereinigten Staaten sagen? Und gibt es bei den Menschen
in Westeuropa ihrer Ansicht nach nicht gewisse falsche Vorstellungen über
Sie selbst?
ANTWORT:

Ich glaube, das ist sehr gut möglich.

Ich denke, wenn

sie in einem Wahl kämpf die Rhetorik der Wahlreden und manches andere in
ihre eigene Sprache zu übersetzen haben, dann muß es da ein gewisses
Element der Verwirrung über die an dem Spiel hier Beteiligten geben.

Aber

ich möchte, daß sie wissen - und wir werden ihnen dies klarmachen, sobald wir dazu Gelegenheit haben - daß wir die Konsultation wollen, daß
wir die Absicht haben, mit ihnen über gewichtige Entscheidungen zu beraten.
Wir glauben an die Bedeutung des NATO-Bündnisses und wir werden alles,
was wir können, tun, um sie zu vergewissern, daß wir keinen Alleingang
wollen.

Wir wollen ihr Vertrauen in uns wiederherstellen und daß sie

unserem Wort Glauben schenken können und daß wir dieses Bündnis als sehr
bedeutsam für die Vereinigten Staaten ansehen.
FRAGE:

- 13 -

�FRAGE:

Meinen Sie, George Bush könnte eine in diese Richtung

weisende spezifische Aufgabe erhalten, Gespräche mit den ausländischen
Mächten zu führen?
ANTWORT:

Ich weiß, daß George Bush dabei äußerst hilfreich sein

kann und sein wird.
FRAGE:

Jetzt, da die Republikaner die Kontrolle im Senat haben,

ist schon der Versuch im Gange, Howard Baker daran zu hindern, Fraktionsführer der Mehrheit im Senat zu werden.

Haben Sie Vertrauen zu Baker

in dieser Rolle und würden Sie ihn unterstützen?
ANTWORT:

Ich habe nicht nur Vertrauen zu Howard Baker, sondern

ich bin auch von Mitgliedern des Senats unterrichtet worden, daß es keine
Reibereien gibt.

Es gibt hier keine Aktion, die in irgendeiner Weise auf

•

eine Änderung aus ist, vielmehr ist seine Position gefestigt - er wird der
Fraktionsführer der Mehrheit im Senat sein.
FRAGE: Werden Sie der "Moralischen Mehrheit" eine Rolle bei der
Abzeichnung Ihrer Entscheidungen über die Mitglieder des Kabinetts zugestehen?
ANTWORT:

Nun, der einzigerer offiziell eine Rolle bei einer

solchen Entscheidung hat, ist der Senat mit der Bestätigung der Kabinettsmitglieder.
Auf der anderen Seite heißt das nicht, wie ich bereits sagte,
•

daß wir nicht alles Verfügbare soweit wir können nutzen werden, um ein
Kabinett zu haben, das vor allem aus Personen besteht, die die besten sind,
die wir finden können, mit Qualifikationen für die Aufgabe. Und ich
denke, sie verstehen das und wir werden jeden Beitrag, den irgendeine
Gruppe oder ein Einzelner in dieser Hinsicht leisten kann, begrüßen, und

- 14 -

�und das wird ein definitiver Teil des Übergangsprozesses sein.
FRAGE:

Haben Sie bis jetzt irgendwelche Gespräche mit den führenden

Demokraten im Kongreß geführt und wie gedenken Sie mit ihnen bei der
Durchsetzung Ihres Programmes zusammenzuarbeiten?
ANTWORT: Nein! Ich kann nicht sagen, daß ich in diesem Wahl kämpf
Kontakte zu den demokratischen Kongreßmitglieder hatte. Aber ich habe
seitdem einen Kontakt gehabt, bei den beiden, die ich ernannte, die zu unserem
Übergangsteam in der Außenpolitik gehören, zwei Senatoren. Aber, nochmals,
gestützt auf meine bisherige Erfahrung, bin ich mir der Notwendigkeit
einer Überparteilichkeit hier bewußt, um die notwendigen Gesetze durchzubringen, und ich beabsichtige ganz gewiß,mit ihren führenden Vertretern,
aber auch mit ihren Mitgliedern in Kontakt zu treten,so, nie ich im Verlauf
dieses Wahlkampfes bei jeder sich bietenden Gelegenheit mit den republikanische
Mitgliedern des Hauses und des Senats zusammengekommen bin,
FRAGE:

Beabsichtigen Sie,Ihr Kabinett in der ersten Dezemberwoche

bekanntzugeben und hoffen Sie.die Namen alle auf einmal oder einen nach
dem anderen bekanntgeben zu können?

Und gibt es eine spezifische Bemühung,

Minderheiten oder Schwarze zu finden, um irgendwelche Kabinettsposten mit
ihnen zu besetzen?
ANTWORT:

Das wird natürlich zur Erwägung stehen.

Weil ich glaube,

daß es so sein sollte - außer gut qualifiziert zu sein - und ich weiß,
es sind da gut qualifizierte Leute in den verschiedenen ethnischen Gruppen,
den rassischen Gruppen,

Ja, wir werden darauf achten.

Und was den ersten

Teil Ihrer Frage betrifft, so hoffen wir, daß wir Ende November oder Anfang
Dezember in der Lage sein werden, unsere Auswahl für das Kabinett bekanntzugeben.
FRAGE:

- 15 -

�FRAGE:

Es scheint, daß die Beziehung, die Frankreich und die

Sowjetunion bis jetzt hatten, Präsident Carter Kopfzerbrechen bereitet
hat.

Beunruhigt die privilegierte Beziehung, die Mr. Giscard d'Estaing

zu Mr. Breschnew hat, Sie auch?
ANTWORT:

Nein, aber ich hoffe auch, daß die Vereinigten Staaten

und Präsident Giscard und unsere Administration sehr eng zu einanderstehen
werden und daß sie erkennen werden, daß wir sie als einen sehr engen
Freund ansehen.
FRAGE:

Herr Gouverneur Reagan, die Lage in Nordirland ist in den

Beziehungen zwischen den Vereinigten Staaten und Großbritannien ein Grund
zum Ärgernis gewesen.

Können Sie sagen, wie Sie die Situation in Angriff

nehmen werden, insbesondere, ob Sie die Entscheidung des Außenministeriums
überprüfen werden, den Verkauf amerikanischer Waffen an die Polizei Streitkräfte in Nordirland zu suspendieren?
ANTWORT:

Nun, auch auf diese Art Fragen kann ich noch keine eindeutige

Antwort geben, solange ich nicht die Gelegenheit habe, das Problem eingehender zu studieren.

Aber ich möchte als Privatmann sagen, daß die

Vereinigten Staaten sich nicht einmischen sollen oder eingreifen können.
Andererseits sollten die Vereinigten Staaten meiner Meinung nach klarstellen,
daß wir - sollte es eine Möglichkeit geben, wie wir helfen können - nur
zu gern helfen würden, denn das Ganze ist eine überaus tragische Situtation.
FRAGE:

Haben Sie die Absicht, irgendeinen Ihrer Vorschläge in die

Kongreßsitzung während der Obergangszeiteinzubringen - wie etwa eine
Beschneidung der Bundesausgaben?
ANTWORT: Ich glaube, unsere eigenen Kongreßabgeordneten, jetzt,
da wir in einem der Häuser über die Mehrheit verfügen, im Senat, werden
sich rühren.
Ich

�Ich glaube, daß es Vorschläge gibt, über die ich gesprochen habe
und auf die ich oft bezug genommen habe, die bereits in der Diskussion
sind oder schon die Form von Gesetzesvorlagen angenommen haben, und ich
bin ziemlich sicher, daß sogleich nach Wiederzusammentritt des Kongresses
daran weitergearbeitet wird; ich freue mich jedenfalls, wenn dies geschieht.
FRAGE: Gouverneur Reagan, da Sie nunmehr das Präsidentenamt in
einem höheren Alter übernehmen als jeder andere Ihrer Amtsvorgänger: Sind
Sie bereit, heute zu sagen, ob Sie beabsichtigen, Präsident für eine einzige
Amtsperiode zu sein, oder schließen Sie nicht aus, daß Sie sich in vier
Jahren um die Wiederwahl bewerben werden?
ANTWORT: Nein, ich habe nicht über den Zeitraum hinausgedacht, für
den ich gewählt worden bin. Und, falls die Frage kommen sollte: Ich
fühle mich einfach ausgezeichnet.
FRAGE:

Ein großer Teil Ihres Wahlkampfes konzentrierte sich auf

Wirtschaftsrezepte für das Land.

Nachdem Sie gewählt wurden:

Können Sie

uns sagen, wie rasch Sie Ihr Wirtschaftsprogramm zu verwirklichen gedenken
und wie rasch das amerikanische Volk Ergebnisse davon erwarten kann?
ANTWORT: Ich hoffe, damit so rasch wie möglich anfangen zu können.
Ich glaube, das ist der wichtigste Punkt, das war das zentrale Thema
des Wahlkampfes. Ich glaube, das war der Wunsch, den das amerikanische
Volk durch seine Stimme zum Ausdruck brachte - und deshalb werden wir sofort
damit beginnen. Und ich weiß, daß dem Kongreß Maßnahmen vorliegen in bezug
auf einige der Themen - Steuersenkungen und so weiter -, und mir soll es
nur recht sein, wenn nicht gewartet wird, wenn schon in der Übergangsperiode darangegangen wird.
FRAGE:

Gouverneur Reagan, Sie wurden offensichtlich durch Millionen

demokratischer und unabhängiger Stimmen gewählt.

- 17 -

Fühlen Sie sich noch

�noch immer völlig mit dem Wahlprogramm der Republikanischen Partei verbunden?

Und werden Sie insbesondere auf Durchsetzung des Anti-Abtreibungs-

zusatzes zur Verfassung drängen?
ANTWORT:

Mein Wahl kämpf basierte auf diesem Programm.

haben wegen des Programms für mich gestimmt.

Die Leute

Ich glaube an dieses Programm

und ich meine, es wäre jetzt von mir sehr zynisch und gefühllos, mich davon
abzuwenden.

Offensichtlich waren diejenigen der anderen Partei oder die

Unabhängigen, die für mich gestimmt haben, auch mit dem Programm änverstanden.
FRAGE:

Herr Gouverneur, könnte ich eine Anschlußfrage hierzu

stellen: Aufgrund der Größe Ihres Sieges gibt es jetzt eine Reihe Leute,
die sagen, daß man dies als ein Mandat für beträchtliche Veränderungen
interpretieren könne. Würden Sie etwas zu jenen Demokraten oder
Republikanern, Liberalen und Gemäßigten sagen, die sich möglicherweise
durch Ihre politischen Ansichten entrechtet fühlen, gibt es etwa, was Sie
ihnen sagen würden, um sie zu beruhigen?
ANTWORT:

Ich glaube nicht, daß es irgendjemanden gibt, der durch

meine Ansichten politisch entrechtet wird.

Ich weiß, daß zum Beispiel

während des Wahl kämpfes das Thema des Gesetzeszusatzes für die Gleichberechtigung der Frau ständig aufkam.

Und ich habe versucht, jedesmal

deutlich zu machen, daß das Programm der Republikanischen Partei - liest
man es genau - noch nie deutlicher hinsichtlich der gleichen Rechte für
Frauen gesprochen hat. Und genauso geht es mir.

Die einzige Meinungs-

verschiedenheit bestand darin, ob ein Gesetzeszusatz, der in über acht
Jahren nicht fähig war, die Ratifizierung durch die Einzelstaaten zu erhalten - ja selbst, wenn er es fertiggebracht hätte -, ob ein solcher
Zusatz das beste und praktischste Mittel wäre, solch gleiche Rechte zu
bekommen.
Und
•

- 18 -

�Und ich habe auf das verwiesen, was wir hier in diesem Bundesstaat
(Kalifornien) laut Gesetz getan haben.

Ich werde mich tatkräftig des

Problems der Gleichberechtigung für Frauen annehmen.

Es ist, so meine

ich, bezeichnend, daß 13 der 15 Staaten, die jenen Gesetzeszusatz noch nicht
ratifiziert haben, in ihren Parlamenten über demokratische Mehrheiten
verfügen; und auch mit einer demokratischen Mehrheit im Kongreß und einem
demokratischen Präsidenten waren sie noch immer nicht in der Lage, diese
Einzel Staaten zu einer Ratifizierung dieses Zusatzes zu bewegen.
Daher hatten diejenigen, die zu glauben meinten, meine Einstellung
zu diesem Zusatz während des Wahlkampfs bedeute Ablehnung der Gleichberechtigung für Frauen, völlig Unrecht; und ich glaube, daß dies in
manchen Fällen viele von ihnen wußte" denn meine Taten sprechen eine
deutliche Sprache und ich habe Ihnen klargemacht, was wir jetzt tun werden.
FRAGE:

Es gab heute vormittag einige Berichte aus Washington, in

denen hohe Vertreter der Administration zitiert werden, wonach Präsident
Carter bereit sein könnte, unpopuläre Maßnahmen zu ergreifen, um die
Geiseln zu befreien.

Sind Sie ihrerseits auch irgendwie besorgt,daß

Carter in seiner Übergangszeit als Präsident bereit sein könnte, gegenüber iranischen Forderungen klein beizugeben und würden Sie ihm raten,
dies nicht zu tun?
ANTWORT:

Er hat mehrfach erklärt, daß er nichts tun würde, was die

Ehre unseres Landes oder unsere Interessen schädigen könnte.

Und wir

haben diese Erklärungen zu akzeptieren, daß er so handeln wird.

Und daher

glaube ich, daß es für mich keinerlei Anlaß gibt, in dieser Hinsicht zu
intervenieren.
FRAGE:

Gouverneur, beabsichtigen Sie den Camp David-Friedensprozeß

weiter zu verfolgen und würden Sie immer noch die PLO als eine Terroristenorganisation bezeichnen, so wie Sie das vor etwa einem Jahr taten?
ANTWORT:
- 19 -

�ANTWORT:

Ja, ich glaube die PLO hat bewiesen, daß sie eine Terroristen-

organisation ist.

Wie ich wiederholt gesagt habe, ich mache änen Unterschied

zwischen der PLO und den Palästinenserflüchtlingen.
je gewählt.

Niemand hat die PLO

Ja, ich beabsichtige das wieder zu tun (sie so zu nennen), und

es ist wie bei der anderen Situation, die wir vorhin erörterten - was immer
auch die Vereinigten Staaten tun können, wir wollen weder eine Lösung vorschreiben noch diktieren, was aber immer wir tun können, um den Frieden im
Nahen Osten zu fördern, das werden wir tun.
FRAGE:

Gouverneur Reagan, werden Sie mit Ministerpräsident Begin

zusammentreffen, wenn er innerhalb der nächsten Wochen nach den Vereinigten
Staaten kommt, wie er es plant?

Würden Sie ihn beispielsweise zu einem

Besuch auf Ihre Ranch einladen?
ANTWORT:

Ich denke, das ist hier eine Frage, die unseren Obergangs-

prozeß noch etwas abwarten muß.

Ich möchte nicht - dies ist hier ein

heikler Punkt - daß ich den Anschein erwecke»als stelle man sich selbst
auf einen Platz, der noch nicht der meine ist, die Präsidentschaft - und
ich möchte in keiner Weise irgendetwas tun, was diesen Eindruck erwecken
könnte.

Und doch bin ich mir über die Notwendigkeit eines Kontaktes im

klaren, aber die Entscheidung darüber, wann das angebracht und richtig ist,
die haben wir noch nicht getroffen.
FRAGE:

Gouverneur, zu Beginn seiner Amtszeit gab Präsident Carter

den Menschenrechten eine sehr hohe Priorität, und er sagte, er tue dies,
weil er an die Bibel glaube.

Zwingt Ihr Glaube an die Bibel Sie, den

Menschenrechten eine ähnlich hohe Priorität einzuräumen, vor allem in den
Ländern der Dritten und Vierten Welt?
ANTWORT: Ja. Ich denke, daß wir alle hier in diesem Land für den
Glauben an die Menschenrechte eintreten, aber ich meine, es muß dies eine
konsequente Politik sein. Ich denke nicht, daß man sich von einigen Ländern

- 20 -

�Ländern abwenden darf, weil sie hier und da nicht völlig mit unserer
Konzeption von den Menschenrechten übereinstimmen und dann aber zur
gleichen Zeit Beziehungen zu anderen Ländern unterhalten oder sie zu entwickeln versuchen, in denen Menschenrechte praktisch nicht existent sind.
Das ist es, was ich vorhin schon gesagt habe. Das Thema sollte,
so wie andere, Teil jeglicher Verhandlungen auf der außenpolitischen
Szene und jeder Beziehung, die wir zu anderen Ländern unterhalten, sein.
Aber ich denke, daß die von uns geübte Praxis, sich von Ländern,
die im Grunde uns freundlich gesinnt waren, abzuwenden, weil es in irgendeinem Aspekt der Menschenrechte gewisse Meinungsverschiedenheiten gab
und dann feststellen zu müssen, daß in einem solchen Land alle Menschenrechte verloren gingen - daß dies kein praktischer Weg des Handelns in
dieser Frage ist.
KORRESPONDENTEN:

Wir danken Ihnen!

+ + + + +

- 21 -

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Hinterafundmalend

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International Communication Agency
Embassy of the United States of America
12. November 1980

50

DIE NATO NACH AFGHANISTAN - DER ZUSAMMENHALT DES BÜNDNISSES
AUF DEM PRÜFSTAND
- Von Simon Lunn -

Der nachfolgende Artikel basiert auf einem
Bericht "Die NATO nach Afghanistan", den
der Autor für den Kongreßforschungsdienst
der amerikanischen Kongreßbibliothek erstellt hat. Lunn ist Direktor von Ausschüssen und Studiengruppen der Nordatlantischen Versammlung, der Parlamentarier
aus allen Mitgliedstaaten des Atlantischen
Bündnisses angehören.

Viele politische Beobachter sind der Meinung, daß die sowjetische Invasion Afghanistans der dringend benötigte Katalysator sein sollte, um dem Atlantischen Bündnis hinsichtlich der wahren Natur und des tatsächlichen Ausmaßes
der sowjetischen Bedrohung die Augen zu öffnen.
Demgemäß muß die NATO jetzt eine ernsthafte Überprüfung der Ziele und
Prioritäten in Angriff nehmen, die ihrer gegenwärtigen Strategie zu Grunde
liegen, um mit den Bedrohungen fertigwerden zu können, denen sie sich im kommenden Jahrzehnt ausgesetzt sehen wird, vor allem jener außerhalb ihres formellen

ertragsgebietes.MHHHii^M^HHMiMHMaHiH^^BHaHiMHaii^H^dM

Postfach20 0300 Tel: 0228-89 32 40
D5300 Bonn 2
T e | e x : 08-85432

�Die Vereinigten Staaten sind bereits vorangegangen, indem sie ein koordiniertes Handeln im Bereich kurz- und langfristiger Maßnahmen gefordert
haben, die darauf abzielen, die Sowjetunion für ihre Handlungen zu bestrafen
und sie zu entmutigen, eine weitere Expansion ihrer Macht auszuführen.

Den

Verbündeten ist bereits eine Reihe von Vorschlägen zur Erwägung vorgelegt
worden, und diese Vorschläge könnten die Grundlage für eine geschlossene Antwort bieten.
Die europäische Reaktion auf die Invasion Afghanistans war zurückhalten- ,
der.

Viele Europäer sind der Ansicht, die Sicherheit und die Stabilität der

Region des Persischen Golfes liege mehr in der Verwirklichung politischer und •
wirtschaftlicher Maßnahmen als in den militärischen Arrangements, die gegenwärtig getroffen werden.

Die Europäer sind auch nicht willens, den Zusammen-

bruch der Ost-West-Beziehungen zu riskieren.

Die Aufgabe der Entspannungs-

politik würde sorgfältig gepflegte Beziehungen zum Osten untergraben und wäre
für die öffentliche Meinung in Europa unannehmbar.
Europäische Politiker vertreten die Auffassung, daß während einer Krise
die Kommunikationsversuche verstärkt und nicht verringert werden sollten.
Jedes europäische Land ist in einer anderen Lage und hat andere wirtschaftliche Beziehungen zur Sowjetunion. Das macht die Einführung einer gleichartigen Politik schwierig.
In dem Maße, in dem Afghanistan dazu gedient hat, eine Reihe wesentlicher Meinungsverschiedenheiten innerhalb des Bündnisses zu polarisieren,
sollte die Chance genutzt werden, um größere Klarheit und gegenseitige Verständigung bezüglich der Sicherheitserfordernisse des Bündnisses in der gegenwärtigen internationalen Lage zu erreichen.
Es ist für die Europäer besonders wichtig, ihre Auffassungen bezüglich
des Bündnisses klarzustellen. Wenn sie mit den Vereinigten Staaten einer Meinung sind, daß die Herausforderung des Bündnisses wesentlich größer geworden
ist, dann müßte man eigentlich glauben, daß die Einsicht in die Richtigkeit
dieser Analyse eine Verpflichtung mit sich bringen würde, auf dem Gebiete der
- 2 -

�der Verteidigung mehr zu tun, einschließlich der Bereitstellung zusätzlicher
Mittel.
Was auch immer der Beweggrund für die sowjetischen Handlungen gewesen sein
mag, so ist man sich generell darüber einig, daß die andauernde sowjetische
Besetzung Afghanistans eine neue geostrategische Lage geschaffen hat, die einer
sorgfältigen Bewertung durch die NATO bedarf.
Die Vereinigten Staaten haben die Notwendigkeit eines koordinierten und
kollektiven Handelns der westlichen Verbündeten unterstrichen und haben drei
allgemeine Gebiete aufgezeigt, auf denen zusätzliche Anstrengungen erforderlich sind:

eine verstärkte militärische Präsenz in der Region des Persischen

Golfes in Friedenszeiten sowohl auf einer permanenten wie auf temporärer Basis,
um die westliche Verpflichtung zur Verteidigung der Region zu demonstrieren;
eine glaubwürdige Kapazität zur Dislozierung nennenswerter KampfStreitkräfte
in der Region in Krisen- oder Konfliktsituationen; und die Notwendigkeit, den
dortigen Ländern Sicherheits- und Wirtschaftshilfe zu leisten.
Der Prüfstein für die NATO wird jetzt sein, ob sie eine Übereinstimmung
über eine angemessene und glaubwürdige Antwort auf die Entwicklungen in Südwestasien findet - eine Antwort, in der der europäische Beitrag klar erkennbar sein muß.
Wenn unter einer revidierten Arbeitsteilung die Vereinigten Staaten am
besten gerüstet sind, um für die Sicherheit der Golfregion zu sorgen, dann
werden die Verbündeten bereit sein müssen, einen größeren Anteil der Last in
Westeuropa zu übernehmen.

Wenn es nicht gelingt, sich diesen neuen Realitäten

anzupassen, oder auf sie zu antworten, dann könnte dies ernste Konsequenzen
für den Zusammenhalt des Bündnisses haben.
Amtliche Vertreter Amerikas betrachten heute die Verpflichtung aus dem
Jahre 1978, einen (realen) dreiprozentigen Zuwachs in den Verteidigungsausgaben zu erreichen, als das bloße Minimum, das notwendig ist, um die Glaubwürdigkeit des Bündnisses aufrechtzuerhalten.
Viele
- 3 -

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der Verteidigung mehr zu tun, einschließlich der Bereitstellung zusätzlicher
Mittel.
/

Was auch immer der Beweggrund für die sowjetischen Handlungen gewesen sein
mag, so ist man sich generell darüber einig, daß die andauernde sowjetische
Besetzung Afghanistans eine neue geostrategische Lage geschaffen hat, die einer
sorgfältigen Bewertung durch die NATO bedarf.
Die Vereinigten Staaten haben die Notwendigkeit eines koordinierten und
kollektiven Handelns der westlichen Verbündeten unterstrichen und haben drei
allgemeine Gebiete aufgezeigt, auf denen zusätzliche Anstrengungen erforderlich sind: eine verstärkte militärische Präsenz in der Region des Persischen
Golfes in Friedenszeiten sowohl auf einer permanenten wie auf temporärer Basis,
um die westliche Verpflichtung zur Verteidigung der Region zu demonstrieren;
eine glaubwürdige Kapazität zur Dislozierung nennenswerter KampfStreitkräfte
in der Region in Krisen- oder Konfliktsituationen; und die Notwendigkeit, den
dortigen Ländern Sicherheits- und Wirtschaftshilfe zu leisten.
\
\

Der Prüfstein für die NATO wird jetzt sein, ob sie eine Übereinstimmung
über eine angemessene und glaubwürdige Antwort auf die Entwicklungen in Südwestasien findet - eine Antwort, in der der europäische Beitrag klar erkennbar sein muß.
Wenn unter einer revidierten Arbeitsteilung die Vereinigten Staaten am

�Viele europäische Länder scheinen jedoch die drei Prozent als einen
endgültigen Rahmen zu betrachten, innerhalb dessen alle künftigen Erfordernisse
erfüllt werden müssen.

Unter solchen Umständen werden zusätzliche Aufgaben

und neue Prioritäten nur auf Kosten bestehender Kapazitäten erfüllt werden
können.
Wenn die unterschiedlichen Auffassungen zwischen den Vereinigten Staaten
und Europa nicht offen erörtert werden

und eine größere Klarheit der Zielset-

zung und der Mittel geschaffen wird, dann wird der künftige Zusammenhalt des
Bündnisses weiterhin fraglich sein.

Ein solcher Prozeß der Gewissenserfor-

schung bezüglich der künftigen Ziele und Erfordernisse des Bündnisses, könnte
in naher Zukunft zu einer Intensivierung ihrer Anstrengungen auf zwei Gebieten
führen:
- Verbesserte Konsultationen, d.h., daß wo immer möglich

Konsultationen

stattfinden sollten, bevor Mitgliedsländer auf nationale Positionen festgelegt
sind, und
- bei Erfüllung des Langfristigen Verteidigungsprogramms eine anhaltende
Suche nach Mitteln und Wegen, um die vorhandenen Mittel effektiver zu nutzen.
Wenn man an Beiträge des Bündnisses zur Stabilität und Sicherheit der Golfregion denkt, dann müssen zwei fundamentale Feststellungen getroffen werden.
Erstens, politische Empfindlichkeiten verbieten jeden Vorschlag einer formellen
Ausweitung der Grenzen des NATO-Bereichs. Zweitens, politische, wirtschaftliche und verfassungsmäßige Probleme machen es für eine Reihe europäischer Länder sehr schwer, wenn nicht gar unmöglich, KampfStreitkräfte außerhalb des
NATO-Bereiches zu dislozieren.
Die Konzeption der Arbeitsteilung wurde eingeführt, um der bestehenden
Unterschiedlichkeit der Haltungen und Fähigkeiten Rechnung zu tragen.

Jedes

Land wird so auf die Weise beitragen, für die es am besten geeignet ist.

Die

Beiträge, die man vom Bündnis für die Sicherheit und Stabilität der Golfregion
erwarten kann, fallen daher unter zwei Kategorien:

Frctpn&lt;:

�Erstens, direkte Hilfe durch die Dislozierung von Seestreitkräften, die
Intensivierung der Wirtschaftshilfe und des politischen Einflusses sowie die
Erlaubnis zur Benutzung von Einrichtungen zur Erleichterung amerikanischer
Dislozierungen durch die Vereinigten Staaten.

Wenn auch ein gewisses Maß an

Koordination durch den Bündnisrahmen bewirkt werden kann, so würden diese
Aktionen auf bilateraler Basis unabhängig von der formellen Befehlsstruktur
der NATO durchgeführt werden.
Zweitens, indirekte Hilfe durch Übernahme zusätzlicher Aufgaben der Verteidigung Westeuropas, wodurch amerikanische Ressourcen für den Einsatz in
der Golfregion freigestellt würden. Diese Aktionen würden innerhalb des formellen Verteidigungsmechanismus der NATO durchgeführt werden. Die militärischen
Stellen der NATO haben bereits eine Reihe von Maßnahmen vorgeschlagen, deren
Durchführung dem Ausgleich einer potentiellen Kürzung der amerikanischen Kapazität dienen sollen.
Die Vereinigten Staaten haben in den letzten Jahren großen Nachdruck
auf die Verbesserung der Aspekte der Einsatzbereitschaft und Verstärkung ihrer
europäischen Verpflichtung gelegt.

Dies hat zur Vorausstationierung von Ge-

rät für zwei Divisionen und ein gepanzertes Kavallerieregiment geführt und
schließt Pläne für die Ausrüstung von drei weiteren Divisionen bis Ende 1982
ein.
Es ist höchst unwahrscheinlich, daß die amerikanischen Truppen "am Ort"
oder ihre unmittelbaren Verstärkungen durch die Verpflichtung am Persischen
Golf berührt werden. Der wahrscheinlichste Notfall wäre, daß amerikanische
Verstärkung, die zu einem späteren Zeitpunkt für Europa vorgesehen ist und
die für ihre Verlegung benötigte Transportkapazität für anderweitige Ziele
eingesetzt würden. Das Fehlen dieser Ressourcen wäre das, was die Europäer
dann auszugleichen hätten.
Die militärischen Stellen der NATO wählen eine Reihe von Maßnahmen aus,
die bereits im Langfristigen Verteidigungsprogramm enthalten sind und die unter
den neuen Umständen nach ihrer Auffassung jetzt eine höhere Priorität und
daher eine raschere Beachtung erfahren sollten, als ursprünglich geplant. Die- 5 -

�Diese Maßnahmen zerfallen in zwei Kategorien:

Eine erste Phase, die unmittel-

bare Aufmerksamkeit erfordert und bei der es um Kriegsreservevorrä'te, Kapazitäten für die elektronische Kriegführung und für die Verteidigung gegen
chemische Waffen geht, und eine zweite Phase, bei der es um die Aktivierung
zusätzlicher Reserveeinheiten, Seestreitkräfte, die Bereitschaft und die Requirierung ziviler Flugzeuge und Handelsschiffe im Kriege geht.
Während sich die Mitgliedstaaten bei dem Versuch einig sind,diese neuen .
Prioritäten in ihre Verteidigungspläne zu absorbieren, stehen sie alle vor
demselben Problem - ohne die Bereitstellung zusätzlicher Mittel wird die Ak- '
zeptierung einer neuen Priorität zur Herabsetzung der geplanten oder bestehenden Kapazität führen.
Jn jedem vernünftigen Konzept der Arbeitsteilung oder Spezialisierung
wird die angemessenste Rolle Europas in der Gestellung von Menschen, vor allem
einer wirksameren Nutzung von Reservisten bestehen.

Das Potential von Reserve-

streitkräften liegt in der Verbesserung der Verfügbarkeit und Qualität von
Personal, das gegenwärtig Verpflichtungen als Reservisten hat,sowie der Erhöhung der Gesamtzahl der Reserven, die zur Aufstellung zusätzlicher Einheiten
verfügbar gemacht werden könnten. Alle europäischen Länder mit Ausnahme
Großbritanniens haben die Wehrpflicht, die ein beträchtliches Reservoir an
ausgebildeten Reservisten bietet.
Rund 50 Prozent der Gesamtstreitkräfte der NATO bestehen aus Reservestreitkräften.

Sie weisen beträchtliche Unterschiede bezüglich Einsatzbe-

reitschaft und Ausbildungsstand auf, Qualitäten, die von der Menge des Wehr- *
dienstes und der Häufigkeit der Übungen für Reservisten abhängen. Trotz beträchtlicher Kostenprobleme könnte eine wirksamere Nutzung der Reserven als
ein Gebiet erscheinen, auf dem die europäischen Länder die Verteidigungsposition der NATO stärken könnten.
Der Nachdruck der Vereinigten Staaten auf die Verstärkung Westeuropas
und vor allem das Ziel der Vorauslagerung von Gerät für zwei weitere Divisionen
für 1982 verlang

daß in Europa die Aufnahmeorte und Lagerkapazitäten cje^

�geschaffen werden.

Da diese von entscheidender Bedeutung für das Verstärkungs-

programm sind, haben die Vereinigten Staaten eine Erhöhung des europäischen
Beitrages zum Infrastrukturfonds der NATO gefordert, um diese neuen Aufgaben
erfüllen zu können.
Wenn man das Potential des Bündnisses für ein Engagement im Persischen Golf
betrachtet, dann ist es wichtig, zwischen dem politischen und dem militärischen
Charakter des Bündnisses zu unterscheiden.

Während das Ausmaß koordinierter

militärischer Aktionen durch NATO-Mitglieder außerhalb des Vertragsbereiches
durch den Vertrag selbst begrenzt ist, so können politische Maßnahmen weit
umfassender sein.
Auf kurze Sicht muß die Sowjetunion zu der Einsicht gebracht werden,
daß die Aggression einen hohen politischen und wirtschaftlichen Preis hat und
daß auf längere Sicht kollektive Maßnahmen wesentlich sind, um zu gewährleisten,
daß die Sowjetunion sich keine weiteren Chancen für eine künftige Expansion
ausrechnet. Es ist wichtig, daß die Sowjets aus ihrem Handeln in Afghanistan
die richtigen Schlußfolgerungen ziehen.
Die Politik des Bündnisses muß daher darauf abzielen, die sowjetischen
Risikoberechnungen zu beeinflussen und den Sowjets keinen Zweifel daran zu
lassen, was die Folgen künftiger militärischer Abenteuer wären.

- 7 -

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                    <text>AMERIKA DIENST
'VON

4

1 2 . November 1986

38

I N H A L T

DOKUMENTATION

Shultz kritisiert Osteuropa in der Menschenrechtsfrage
- Rede von Außenminister shultz vor dem wiener KSZE-Folgetreffen

Shultz enttäuscht von Rüsturgsgesprächen
- Erklärung zu Beginn der Pressekonferenz vom 6. November 1986

HINTERGRDNDMATERIAL

Nicaragua - Revolution in der Familie
- Von shirley Christian (Copyright (c): Shirley Christian)

* * * * * *

United States Information Service
Embassy of the United States of America

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.: 0228-339 2035
Telex: 8-85432

�AMERIKA DIENST
Dokumentation
12. November 1986

38

SHÜLTZ KRITISIERT OSTEUROPA IN DER MENSCHENRECHTSFRAGE
- Rede von Außenminister Shultz vor dem Wiener KSZE-Folgetreffen WIEN - (AD) - Außenminister Shultz sprach am 5. November
Vertretern der 35 Teilnehmerstaaten beim Wiener Folgetreffen
über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (KSZE) und traf im
ges mit dem sowjetischen Außenminister Schewardnadse zu einem
persönlichen Gespräch zusammen.

1986 vor den
der Konferenz
Laufe des Tadreistündigen

In seiner Rede wies Shultz besonders darauf hin, daß bei Überprüfung der
Einhaltung der Schlußakte von Helsinki nicht nur Fragen der Rüstungskontrolle,
sondern insbesondere auch der Bereich der Menschenrechte behandelt würden.
"Wenn die Gerechtigkeit verletzt und die Freiheit verwehrt wird, erhöhen sich
die Möglichkeiten für Konflikte unweigerlich", so Shultz.
Nachfolgend drucken wir den Redetext im Wortlaut:

Wir danken der österreichischen
Bevölkerung als Gastgeber dieser Konferenz
für
ihre
großzügige Gastfreundschaft.
Wir freuen uns über
die besondere Herzlichkeit und Höflichkeit, mit der wir begrüßt wurden.
Wir - die 35 Nationen vielfältiger und unterschiedlicher politischer
Systeme - sind hier in dem gemeinsamen Bestreben zusammengekommen, eine
dauerhaftere Grundlage
für Frieden
und Versöhnung zwischen den Völkern
des Osten und des Westens zu schaf-

United States Information Service
Embassy of the United States of America

fen.
Die Schlußakte von Helsinki
liefert uns die Richtlinien für unsere Arbeit. Sie gibt das Versprechen
für einen sichereren Frieden und für
mehr Zusammenarbeit zwischen unseren
Völkern - ein Versprechen, das nur
durch eine stärkere Wahrung der Menschenrechte
und
der
grundlegenden
Freiheiten für jeden einzelnen Menschen eingelöst werden kann.
Es sollte unsere gemeinsame Aufgabe sein, dieses Versprechen zu erfüllen und den in der Schlußakte von
Helsinki niedergelegten Verpflichtun-

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Telex: 8-85432

�gen nachzukommen.
Um das zu tun,
müssen wir Vergangenheit und Gegenwart
betrachten, aber
auch
einen
Blick in die Zukunft werfen.
Wir
können und sollten nicht leichtfertig
über unsere Erfahrungen und Enttäuschungen des vergangenen Jahrzehnts
hinweggehen. Wir müssen uns mit den
Fällen beschäftigen, da es die Regierungen versäumt haben, die Prinzipien
durchzusetzen,
zu deren Einhaltung
sie sich in der Schlußakte freiwillig
verpflichtet haben.
Eine
solch kritische Rückschau
ist notwendig, wenn die Konferenz
beim Abbau des Mißtrauens und beim
Aufbau
von Vertrauen
echte Fortschritte erzielen soll. Gleichzeitig
bietet uns die Konferenz aber auch
eine wichtige Möglichkeit der Vorausschau. Sie gibt uns die Chance, eine
Zukunft zu prägen, die die schöpferischen Energien all unserer Völker
freisetzt.
Die Welt bewegt sich auf eine
Zeit
dramatischer
technologischer
Veränderungen zu, auf eine Zeit, in
der die alten Denk- und Verhaltensmuster der Vergangenheit für die neue
Wirklichkeit
zunehmend
unzureichend
werden. Die traditionellen Schranken
von Zeit und Raum werden von Tag zu
Tag mehr von modernen Transport- und
elektronischen Kommunikationsmöglichkeiten unterhöhlt; die von Regierungen errichteten Schranken
zwischen
Völkern aber bleiben bestehen.
Mit
den althergebrachten Maßnahmen industrieller Entwicklung - und im umfassenderen Sinne auch der militärischen
und politischen Stärke - gelingt es
immer seltener, zu den echten Quellen
sozialer
Vitalität
vorzudringen.
Statt der überkommenen Methoden zentralisiert getroffener Entscheidungen
im Management macht die Informationstechnologie größere Dezentralisierung
und mehr Initiative des einzelnen

möglich und notwendig.
Dieser Trend kann für all jene,
die menschliche Kreativität schätzen,
nur eine Quelle der Hoffnung sein.
In Zukunft wird sich der wahre Maßstab für die Dynamik einer Gesellschaft - und einer Staatengemeinschaft - darin zeigen, wie freimütig
sie Wissen und schöpferische Leistung
des Menschen fördert, nützt und anderen zugänglich macht, und wie sie
selbst Nutzen aus dieser Kreativität
des Individuums zieht. Es sind genau
diese - für den Fortschritt dieses
anbrechenden neuen Zeitalters so notwendigen - Ziele der Freiheit und Offenheit, die bereits in der Schlußakte verankert sind.
In dem Bemühen,
die überkommenen Teilungen zu überwinden, liefert uns die Schlußakte
Richtlinien und Verpflichtungen für
die Zukunft. In den vergangenen vier
Jahrzehnten ist Europa wieder aufgebaut worden. Für die Zukunft setzen
wir unsere Hoffnung auf ein wiedervereinigtes Europa.
Die Grundsätze
der Schlußakte sind - wenn sie von
allen
Teilnehmerstaaten
der
KSZE
vollständig in die Tat umgesetzt werden - das Versprechen auf ein Europa
voller Vitalität, Zuversicht und Fähigkeit zum Fortschritt, eines Europa, für dessen Völker Unabhängigkeit
und Freiheit gesichert sind.
In der Schlußakte wurde erkannt,
daß Frieden nicht nur die Abwesenheit
von Krieg bedeutet.
Wirklich konstruktive
europäische
Beziehungen
sind mehr als nur das Faktum des diplomatischen Dialogs. Um mit den Worten von Präsident Reaganzu sprechen:
"Wahrer Frieden gründet sich auf die
Säulen der Freiheit des einzelnen,
der Menschenrechte, der
nationalen
Selbstbestimmung und des Respekts für
die Regeln des Gesetzes."

- 2 -

�Die Bedeutung Europas für Amerika
Ich bin nach Wien gekommen, um
erneut die Entschlossenheit der Vereinigten Staaten zu bekräftigen, entschieden
- gemeinsam
mit
unseren
Freunden - für die Unterstützung der
vollständigen Anwendung der Prinzipien
der
Schlußakte
einzutreten.
Diese Prinzipien
liefern auch die
Grundlage für unsere eigene Politik.
Das amerikanische Volk
unterstützt
voll und ganz das Ziel einer wiedervereinten, freien und
unabhängigen
Gemeinschaft
der
Staaten
Ost- und
Westeuropas.
Diesem Ziel sind wir,
und nicht etwa als Außenseiter, verpflichtet. Als Erben und Kinder Europas teilen wir die Hoffnungen und
beteiligen uns an den Verpflichtungen
für Europa. Europa und Amerika sind
durch die Bande der Geschichte, der
Familien, der breitgestreuten gemeinsamen
Interessen
und
gemeinsamer
Wertvorstellungen
eng
miteinander
verbunden; nur auf unsere eigene Gefahr hin können wir die Bedeutung und
Stärke dieser Bande außer Acht lassen.
Sicherheit und Wohlstand unserer
Völker sind eng miteinander verbunden. Wir haben - durch die Zeit nach
dem Ersten Weltkrieg - aus unseren
bitteren
Erfahrungen
gelernt,
daß
sich die Vereinigten Staaten nicht
von Europa abwenden können. Der Isolationismus war ein Kurs, der uns ins
Unglück gestürzt hat, und wir sind
entschlossen, ihn nicht zu wiederholen. In den Jahren nach dem zweiten
Weltkrieg hat sich Amerika wieder mit
den Staaten Europas zusammengeschlossen - einmal, um die Geisel der Tyrannei zu besiegen und dann, um Europa dabei zu helfen, seine Stärke mit
Hilfe des genau vor vierzig Jahren
begonnen Marshall-Planes wiederzuerlangen.
Heute

drücken

die

Vereinigten

Staaten ihren Einsatz für Europa auf
vielfältige Art und Weise aus. Unsere aktive Teilnahme an der KSZE ist
nur eine davon. Wir glauben, daß wir
bei der Verwirklichung der Zielsetzungen der KSZE eine positive und
wichtige Rolle spielen müssen. Diese
Rolle werden wir weder aufgeben noch
verringern.
Das amerikanische Volk glaubt an
die in der Schlußakte niedergelegten
Grundsätze von Freiheit und Offenheit. Wir vertrauen auf die Lebensfähigkeit unserer demokratischen Werte, und wir sind stolz darauf, sie in
einem offenen und friedlichen Wettbewerb mit anderen Werten zu prüfen.
Aber wir versuchen weder, anderen unsere Werte aufzuzwingen, noch können
wir akzeptieren, daß einige Regierungen den Anspruch auf ein vermeintlich
verbrieftes Recht erheben, ihre eigene Ideologie durch Gewalt oder subversive Mittel zu exportieren.
Wir
respektieren, daß andere Gesellschaften anderen Normen folgen, aber wir
können nicht die Taten solcher Regierungen ignorieren, die ihrer Bevölkerung die grundlegenden Menschenrechte
verweigern. Wir fordern keine militärische
Überlegenheit
für
uns
selbst, aber wir können auch nicht
den Anspruch anderer auf ein Recht
sogenannter "gleicher Sicherheit" akzeptieren, das für die jeweiligen
Nachbarstaaten Unsicherheit mit sich
bringt.
Wir haben versucht, die Staaten
Osteuropas und die Sowjetunion zu einer konstruktiven Diskussion über all
die Themenkreise zu bewegen, die uns
trennen. wir machen uns keine Illusionen darüber, daß unsere - auf so
ganz anderer Vorstellung von Individuum und Staat beruhenden - Verschiedenheit auf einfache Art und Weise
gelöst werden kann.
Aber wir glauben, daß es möglich ist, in den Ost-

- 3 -

�West-Beziehungen ein größeres gegenseitiges Verständnis und Vertrauen
aufzubauen.
Im Bereich der nuklearen Rüstungskontrolle könnten wir bei unseren jüngsten Diskussionen mit den Sowjets eine Wasserscheide erreicht haben.
Bei anderen Themenkreisen
Menschenrechte und regionale Konflikte - fehlt auch weiterhin jede positive Bewegung. Um den Portschritt in
all diesen Bereichen zu fördern, hat
sich Präsident Reagan im vergangenen
Monat mit Generalsekretär Gorbatschow
in Reykjavik getroffen.
Sie haben
ihre - vor einem Jahr in Genf begonnene - Diskussion über die gesamte
Bandbreite der zwischen Ost und West
anstehenden Themen fortgeführt. Ihr
zweitägiges Treffen hat ein neues Kapitel in unserem Dialog auf höchster
Ebene eingeleitet. Grundlegende Differenzen bestehen weiterhin; dennoch
haben der Präsident und der Generalsekretär ihr früheres Abkommen darüber bestätigt, daß es wünschenswert
ist, die Beziehungen weiter auszubauen und nach Übereinstimmungen zu
streben, wo immer das möglich ist.

Möglichkeiten für Fortschritte bei
der Rüstungskontrolle
Wenden wir uns zunächst der Rüstungskontrolle zu.
Dort gibt es
jetzt viel zu tun. Die in Reykjavik
erzielten Fortschritte müssen energisch weiterverfolgt werden. Was uns
angeht, so sind die amerikanischen
Verhandlungsführer bereit, dies auf
schöpferische Art und Weise und ohne
Verzug zu tun. Ich werde heute noch
und auch morgen den sowjetischen Außenminister Schewardnadse treffen, um
unseren Meinungsaustausch fortzusetzen. Ich möchte noch sagen, daß wir
eine hochkarätige Delegation mitgebracht haben, zu der unsere drei maß-

geblichen Unterhändler in Genf gehören.
Die Vereinigten Staaten suchen
seit langem nicht nur Begrenzungen
für das künftige Wachstum bei den sowjetischen und amerikanischen Atomwaffen, sondern deren substantielle
Verringerung.
Deshalb fühlten wir
uns ermutigt, als der Präsident und
Generalsekretär
Gorbatschow
sich
grundsätzlich darauf einigten, als
ersten Schritt eine 50prozentige Verringerung der sowjetischen und amerikanischen strategischen atomaren Offensivwaffen in einem Fünfjahreszeitraum vorzunehmen. In bezug auf atomare Mittelstreckenraketen erzielten
wir eine Einigung über noch drastischere Einschnitte, von heute 1 300
Gefechtsköpfen auf seiten der Sowjets
auf lediglich 100 Gefechtsköpfe für
jede Seite weltweit bei INF-Systemen
mit längerer Reichweite.
Außerdem
sollte eine Obergrenze für INF-Systeme kürzerer Reichweite festgelegt und
auch Verhandlungen über ihre Verringerung abgehalten werden.
Unsere beiden Staaten haben heute
eine historische Chance, schnell zu
einer formellen Einigung über diese
Reduzierungen bei offensiven Atomwaffen zu kommen. Wir bauen darauf, daß
die Sowjetunion sich uns dabei anschließt. Der Präsident und der Generalsekretär haben den Grundstein
für eine Verbesserung der Verifikation bestehender Vereinbarungen zur
Begrenzung
von
Atomtests
gelegt.
Beide Seiten haben vorgeschlagen,
Verhandlungen zur Testfrage auf den
Weg zu bringen, und sie haben eine
Tagesordnung diskutiert, die den Anliegen beider Seiten gerecht würde.
Wichtige
Meinungsunterschiede
zur
Frage der strategischen Verteidigung
bleiben bestehen. Der Präsident reagierte auf sowjetische Besorgnisse,
indem er vorschlug, daß beide Seiten

�in einem Zeitraum von zehn Jahren ihre
strategischen
Verteidigungsprogramme auf Forschung, Entwicklung und
Testaktivitäten beschränken, die im
Rahmen des ABM-Vertrages zulässig
sind. Dies würde in einem Zusammenhang mit ständigen Verringerungen bei
den amerikanischen und sowjetischen
Offensivkräften stattfinden und im
Verlauf dieses Jahrzehnts zur Abschaffung
der
offensiven ballistischen Raketen führen, und zwar in
beiderseitigem
Einverständnis, daß
jede Seite danach das Recht hätte,
moderne Vereidigungssysteme zu stationieren, falls keine anderen Vereinbarungen getroffen werden.
In Reykjavik wollte die Sowjetunion jedoch noch weiter gehen - sie
wollte über die bestehenden Regelungen des ABM-Vertrages hinaus unsere
Forschungsarbeiten derart beschränken, daß das amerikanische SDI-Programm außer Funktion gesetzt würde.
Dies

können

wir

nicht

akzeptieren.

Der Westen benötigt ein energisches
SDI-Programm, wie es gemäß ABM-Vertrag zulässig ist - als Investition
und Rückversicherung für ein sichereres
und
stabileres
strategisches
Gleichgewicht, ein Gleichgewicht, das
nicht mehr nur auf der Androhung gegenseitiger Vernichtung beruht. Verteidigungssysteme können sogar den
Weg zu noch ehrgeizigeren Verringerungen der offensiven Atomwaffen eröffnen als jene, die ich schon erwähnt
habe.
Solche Reduzierungen
können jedoch nur dann realisiert
werden, wenn wir die Fortschritte in
der Behandlung der Gründe erzielen,
aus denen die westliche Abschreckung
heute auf Atomwaffen gegründet sein
muß. Dazu gehören die Unsicherheit
und Ungewißheit, die der Warschauer
Pakt durch die Stationierung massiver
konventioneller Kräfte, einschließlich des großen Potentials an chemischen Waffen hervorgerufen hat. Zu-

sammen mit unseren NATO-Verbündeten
haben wir versucht, dieses Ungleichgewicht
bei
den
konventionellen
Streitkräften innerhalb der andauernden MBFR-Gespräche zu behandeln. Gegen Ende vorigen Jahres hat die westliche Seite bei den MBFR-Verhandlungen einen wichtigen neuen Vorschlag
auf den Tisch gelegt, der darauf angelegt
war, die Besorgnisse des
Ostens zu berücksichtigen und den Weg
zu einer Einigung zu bereiten. Der
Osten hat darauf noch nicht konstruktiv reagiert.
Die Vereinigten Staaten sind dem
Ziel einer Stärkung der Stabilität
und Sicherheit in ganz Europa verpflichtet. Wir glauben, daß dieses
Ziel durch vermehrte Offenheit und
die Schaffung eines überprüfbaren,
umfassenden und stabilen Gleichgewichts der konventionellen Streitkräfte auf niedrigerem Niveau gefördert werden kann. Im vergangenen Mai
haben

die

Außenminister

der

NATO-

Staaten die Bedeutung dieser Aufgabe
anerkannt. Zusammen mit unseren Verbündeten untersuchen wir gegenwärtig,
wie die ziele, die in unserer Erklärung von Halifax zur konventionellen
Rüstungskontrolle formuliert wurden,
am besten zu verwirklichen sind.

Die Bedeutung der Menschenrechte
Rüstungskontrolle
kann
jedoch
als Prozeß nicht losgelöst von anderen Quellen der Spannungen in den
Ost-West-Beziehungen
existieren.
Wenn Rüstungskontrollmaßnahmen einen
bedeutsamen Beitrag zur Stabilität
leisten sollen, dann können sie nur
Bemühungen zur Beseitigung grundlegenderer Ursachen von Verdächtigungen
und politischer Konfrontration verstärken, nicht ersetzen.
Nirgends
hat das Problem des Mißtrauens und
der Spaltung zwischen Ost und West

- 5-

�eine größere Bedeutung als im europäischen Kontext.
Seit 1945 werden
dieser Kontinent und seine Bewohner
von einer künstlichen Barriere geteilt. Diese Barriere ist nicht vom
Westen errichtet worden.
Die Mitglieder des atlantischen Bündnisses
und die verschiedenen neutralen und
blockfreien Staaten Europas haben weder die Trennung von Familien erzwungen, noch haben sie unseren Bürgern
das Recht auf Bewegungsfreiheit verweigert. Wir haben nicht danach gestrebt,
unsere
Gesellschaften
von
konkurrierenden Ideen abzuschotten durch Pressezensur, Störung von Radiosendungen oder andere Mittel. Wir
haben keine Drohungen oder bewaffnete
Interventionen benutzt, um einzelne
Länder zur Blockdisziplin zu zwingen.
Die Schlußakte von Helsinki und das
Schlußdokument von Madrid gehen umfassend auf das Dilemma des geteilten
Europa ein. Sie erkennen an, daß die
Freiheit einzelner Männer und Frauen
ein grundlegendes Element von Stabilität und Sicherheit in Europa sein
muß. Wenn die Gerechtigkeit verletzt
und die Freiheit verwehrt wird, dann
wächst unvermeidlich das Konfliktpotential zwischen den Staaten.
Der
delikate Prozeß der Bildung von Vertrauen, Zusammenarbeit und Sicherheit
wird untergraben.
Präsident Reagan
hat dies am besten ausgedrückt als er
erklärte:
"Einer Regierung, die das
Vertrauen ihrer eigenen Bevölkerung
bricht, kann man nicht trauen, wenn
es darum geht, Vereinbarungen mit
ausländischen Mächten zu halten....
Wir messen Worten, die bei Treffen
ausgesprochen werden, weniger Bedeutung bei als den Taten, die darauf
folgen."
Die Verpflichtungen der Schlußakte stellen ein notwendiges Gleichgewicht
her
zwischen den verwandten
Problemen der militärischen Sicherheit, des politischen Vertrauens, der
- 6

wirtschaftlichen Zusammenarbeit, der
grundlegenden
Menschenrechte
und
Freiheiten
sowie
der
zwischenmenschlichen Kontakte. Es ist wichtig,
daß wir dieses Gleichgewicht
aufrechterhalten.
Wir
sollten
Fortschritte in all diesen Bereichen begrüßen und ermutigen.
Wir sollten
jedoch nicht glauben, irgendein einzelnes Element allein könne ausreichend sein, um das Ganze zu tragen.
Das Versäumnis unsererseits, die volle Anwendung der Schlußakte anzustreben - unsere Duldung einer selektiven
Einhaltung dieser Verpflichtungen würde weitere Bemühungen einer stabileren Friedenssicherung untergraben.
Ungeduld bei den Schwierigkeiten zur
Sicherstellung der Einhaltung sollte
uns nicht dazu veranlassen, an weiteren Verhandlungen
um ihrer selbst
willen teilzunehmen. Wir müssen der
Vorstellung widerstehen, daß die Herbeiführung eines Konsenses Kompromisse verlangt, die von der Schlußakte
versprochene
Rechte verändern
oder
verweigern. Ein Ausweg aus der Verletzung
bestehender
Verpflichtungen
kann nicht dadurch gefunden werden,
daß wir uns in neue Verpflichtungen
flüchten.
Bei einer Rückschau auf die Anwendung der in der Schlußakte enthaltenen Verpflichtungen können wir einige bedeutende Ergebnisse feststellen.
Während des vergangenen Jahrzehnts hat unter dem Schirm der KSZE
eine
bemerkenswerte Ausweitung
der
menschlichen
Kontakte
zwischen Ost
und West stattgefunden. Sie hat den
gegenseitigen Austausch von einfachen
Menschen über die Grenzen eines immer
noch geteilten Europa hinweg gefördert.
Aufbauend auf der Schlußakte
hat das Schlußdokument
von Madrid
wichtige neue Verpflichtungen im Hinblick
auf
Menschenrechte,
gewerkschaftliche und religiöse Freiheiten
und
Familienzusammenführung
hinzu-

�gefügt.
Das Madrider Schlußdokument hat
außerdem
die Unannehmbarkeit
einer
direkten oder indirekten Unterstützung des Terrorismus als Grundprinzip
niedergelegt. Es forderte verstärkte
internationale
Zusammenarbeit
beim
Kampf gegen diese Bedrohung. Traurigerweise haben die Ereignisse der
vergangenen Monate die dringende Notwendigkeit einer solchen Zusammenarbeit noch unterstrichen.
In Stockholm haben unsere Staaten
eine Übereinkunft zu vertrauensbildenden Maßnahmen im militärischen Bereich angenommen.
Wenn sie getreulich angewandt wird, dann ist diese
Übereinkunft dazu angetan, das Risiko
eines Konflikts in Europa zu vermindern, indem militärische Aktivitäten
berechenbarer und Möglichkeiten politischer
Einschüchterung
verhindert
werden.
Aber der Erfolg beim Stockholmer
Treffen in diesem Herbst wirft nur
ein umso deutlicheres Licht auf den
enttäuschenden Mangel an Fortschritt
bei anderen Aspekten der Konferenz
über Sicherheit und Zusammenarbeit in
Europa.
Insbesondere sind wir noch
immer bei den Ostblockstaaten Zeuge
einer tragischen Situation im Bereich
der Menschenrechte.
Die Liste der
ständigen
MenschenrechtsVerletzungen
ist erschreckend lang.
In der Sowjetunion
schmachten
41 Mitglieder
der zur Überwachung der Verwirklichung der Schlußakte von Helsinki gegründeten Bürgerrechtsgruppe - unter
ihnen Anatoli Martschenko und Anatoli
Korijagin - in der Verbannung. Noch
viele andere Sowjetbürger sind wegen
des
Versuchs
eingekerkert,
ihre
Grundrechte auszuüben.
Dazu gehören
Russen, Ukrainer, Balten, Juden sowie
Männer und Frauen anderer Nationalitäten.
Einer der
herausragendsten

Bürger
des
Landes,
Dr.
Andrej
Sacharow, lebt noch immer in der Verbannung, in der Ausländern nicht zugänglichen Stadt Gorki von der Außenwelt abgeschlossen.
Die Schlußakte
von Helsinki und die Universelle Erklärung der Menschenrechte sind feierliche Übereinkommen, auch von der
Sowjetunion freiwillig unterzeichnet,
in denen das Recht auf Auswanderung
festgehalten
ist.
Diese
Abkommen
sind ebenso ernst, durch ihre Unterzeichnung ebenso bindend wie jede Rüstungskontrollvereinbarung, die sich
denken läßt. Deshalb sind auch hier
Verifikation
und Einhaltung
gefordert. Und doch wird Eheleuten amerikanischer Bürger
das Ausreisevisum
verweigert, wird Hunderttausenden von
jüdischen Bürgern der Sowjetunion genau wie armenischen, deutschen und
anderen - die Erlaubnis zur Auswanderung verwehrt. Dies ist eine direkte
Verletzung - klar, eindeutig, unmißverständlich - dessen, wozu sich das
Land mit seiner Unterschrift verpflichtet hat.
Andernorts im Osten wurden Mitglieder der Charta 77, der Katholischen Kirche und der Jazzmusikerabteilung der Musikergewerkschaft entweder belästigt oder verhaftet - etwa
in der Tschechoslowakei. Die mutigen
Mitglieder von Solidarnosc mußten in
Polen Xhnliches erleiden. Das Recht
zur Ausübung der Religion und zur
Wahrnehmung kultureller und nationaler Rechte wird auch weiterhin vielen
Männern und Frauen in vielen Ostblockstaaten ungehindert beschränkt.
Dies gilt insbesondere für religiöse,
kulturelle oder ethnische Minderheiten - wie sich dies jüngst erst wieder in dem Programm der forcierten
kulturellen Assimilierung der türkischen Bürger Bulgariens zeigte.
Obwohl sich die schwerwiegendsten
Verletzungen der in Helsinki einge-

- 7 -

�gangenen Verpflichtungen im Bereich
der Menschenrechte zutragen, streben
die Vereinigten Staatgen doch ausgewogenen Fortschritt bei allen Aspekten des KSZE-Prozesses an. Beim Wiener Treffen werden wir mit allen interessierten Staaten auf eine umfassende Verwirklichung der Verpflichtungen hinarbeiten, wie sie in der
Schlußakte von Helsinki, dem Madrider
Abschlußdokument und im Stockholmer
Dokument enthalten sind.
Im
Bereich
der
Menschenrechte
werden wir uns um die vollständige
Einhaltung der Verpflichtungen bemühen, wie sie bereits von all den Unterzeichnerstaaten
der
Schlußakte
eingegangen wurden. Wir bemühen ums
um Schritte, die uns der Verwirklichung der ziele näherbringen, wie sie
unter Prinzip VII und Korb III formuliert wurden.
Im Bereich der Wirtschaftsbeziehungen sind wir bereit, entsprechend
der Bestimmungen der Schlußakte neue
Möglichkeiten zur Zusammenarbeit zu
erkunden.
Im Bereich der Information werden
wir uns um eine Stärkung und Ausweitung der Verpflichtungen bemühen, die
Hindernisse bei der Kommunikation abzubauen,
insbesondere, die Störung
von Rundfunksendungen - eine Verletzung einer internationalen Übereinkunft, wie dies auch von den Vereinten Nationen dokumentiert ist. Derlei muß aufhören.
Im Bereich der Sicherheit begrüßen wir das positive Ergebnis von
Stockholm.
Die Vereinigten Staaten
werden den Wortlaut der Stockholmer
Vereinbarung rasch und vollständig in
die Tat umsetzen.
Wir drängen darauf, daß alle anderen Gleiches tun.
Die vollständige Einhaltung durch die
Sowjetunion, insbesondere der Verifi-

zierungsbestimmungen des Stockholmer
Dokumentes, wird ein wichtiger Gradmesser für die Möglichkeiten weiteren
Fortschritts im Bereich der konventionellen Rüstungskontrolle sei.
Die Details der Stockholmer Vereinbarung zeigen, daß es noch immer
erhebliche Möglichkeiten für Verbesserungen im Bereich der Vertrauensund
Sicherheitsbildung
gibt.
Das
Konzept der Offenheit, das im Mittelpunkt aller Versuche zur Verringerung
der
Gefahr
eines
Überraschungsangriffs steht, muß erst noch gänzlich
verwirklicht
werden.
Daher
liegt
noch immer eine wichtige Aufgabe vor
der KSZE - Förderung der umfassenden
Verwirklichung der KVAE und Untersuchung der Möglichkeiten, wie die in
Stockholm begonnene Arbeit zur Verstärkung der Vertrauensbildung fortgeführt werden kann.
Die
Intensität
unserer
eigenen
Verpflichtung zum Erfolg dieses Folgetreffens kam in dem außergewöhnlichen Maß an Zusammenarbeit zwischen
unserer Regierung und dem Kongreß bei
der Vorbereitung dieses Treffens zum
Ausdruck, unsere Delegation wird von
einem unserer erfahrensten Leute der
KSZE-Diplomatie, Botschafter
Warren
Zimmermann, geleitet. Er hat eng mit
der
amerikanischen
KSZE-Kommission,
unter der fähigen Führung von Senator
Alfonse D* Amato und des Kongreßabgeordneten steny Hoyer, zusammengearbeitet.
Zu seiner Delegation gehört
eine ganze Reihe hervorragender Privatleute. Sie hat eine ganze Reihe
amerikanischer nichtstaatlicher Organisationen konsultiert.
Diese Delegation
repräsentiert
die
Vielfalt
Amerikas und die europäischen Wurzeln
Amerikas.
Ihre Stimme ist ein Echo
der Hoffnungen und Anliegen des amerikanischen Volkes.

- 8 -

�Die Zukunft
Herr Vorsitzender, ich habe vorhin
von der Vergangenheit - ihren überkommenen Teilungen - und von der Zukunft - ihren Verheißungen eines wiedervereinten Europa - gesprochen.
Die noch immer bestehende Teilung Europas ist eine Quelle der Spannung,
die zeitweilig uns alle bedrohte.
Was aber am wichtigsten ist, sie bedeutet eine tödliche Unterdrückung
von Pluralismus, Offenheit und ungehinderter Erkenntnissuche für Menschen und Gesellschaften einiger der
hier vertretenen Staaten.
Da wir
nicht versucht haben, vor unseren eigenen Völkern Barrieren zu errichten,
haben die Nationen Westeuropas, Nordamerikas und Ostasiens wie auch anderer Weltgegenden die Wiederversöhnung
ehemaliger Feinde und eine dramatische Zunahme von Wohlstand und schöpferischen Leistungen erlebt.
Ihre
Erfolge, der Antrieb für diese Portschritte gründen sich auf die Ideen
und Werte, wie sie in der Schlußakte
enthalten sind, einschließlich des
Glaubens an
- menschlichen Fortschritt,
- geistige Freiheit,
- politische und religiöse Toleranz
und
- die demokratischen Rechte und den
schöpferischen Genius des Individuums.

ist unsere gemeinsame Verpflichtung,
alles zu tun, damit dieses Versprechen erfüllt wird,

Wir in Amerika warten auf eine
Zeit, da alle Menschen in der Gemeinschaft der KSZE Teil an diesem Geist
der Offenheit und der Kreativität haben und an einer ähnlichen Freisetzung der geistigen und sozialen Energie teilhaben können. Unser ziel ist
eine Zukunft, in der alle Völker der
hier vertretenen Staaten, der kleinen
wie der großen, gedeihen und dadurch
zu einem sichereren Frieden und größerer Freiheit beitragen können. Das
ist das Versprechen von Helsinki. Es
- 9 -

*****

�reo STV

AMERIKA DIENST
Dokumentation

VDN^

12. November 1986

38
SHULTZ ENTTXüSCHT VON

RÜSTUNGSGESPRXCHEN

- Erklärung zu Beginn der Pressekonferenz vom 6. November 1986 WIEN - (AD) - In einer einführenden Erklärung zu Beginn seiner Pressekonferenz in Wien hat Außenminister Shultz am 6. November 1986 erklärt, daß seine
soeben beendeten Gespräche mit dem sowjetischen Außenminister Schewardnadse
keine bedeutenden Fortschritte bei Rüstungskontrollfragen gebracht hätten.
"Ich kann nicht behaupten, daß diese Treffen irgendeine wichtige Bewegung in
Sachen Rüstungskontrolle gebracht haben, und ich bedauere dies", sagte Shultz.
Nachfolgend bringen wir die Erklärung des amerikanischen Außenministers im
Wortlaut:

Wir sind mit der festen Absicht
hierher gekommen, auf den Ergebnissen
von Reykjavik aufzubauen.
Außerdem
waren wir bereit, dies mit Geduld zu
tun, was auch der Fall sein muß, da
der Rhytmus und das Tempo dieser Verhandlung von keiner Seite der anderen
aufgezwungen werden kann.
Ich kann
nicht
von Fortschritten
berichten,
wie wir sie gern erzielt hätten. Wir
werden aber weiterhin auf Fortschritte in allen Bereichen unserer breitgefächerten Tagesordnung mit der Sowjetunion hinarbeiten.
Ich habe gerade

fünfstündige Ge-

United States Information Service
Embassy of the United States of America

spräche
mit
Außenminister
Schewardnadse,
darunter
ca.
drei
Stunden unter vier Augen, abgeschlossen.
Die Treffen befaßten sich mit
allen vier Bereichen unserer Tagesordnung. Die amerikanische Seite ist
hierher gekommen, um die Ergebnisse
von Reykjavik festzuklopfen und auf
ihnen aufzubauen.
Wir haben unsere
führenden
Experten mitgebracht, um
hier die Art intensiver Gespräche
durchführen zu können, die während
der letzten Monate zu Fortschritten
geführt hat.
Die Experten tagten
gestern über drei Stunden lang. Ich

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�kann nicht behaupten, daß diese Treffen irgendeine wichtige 3ewegung in
Sachen Rüstungskontrolle gebracht haben, und ich bedauere dies. Es gab
Bewegung in anderen Sereichen, und
ich werde Ihnen darüber nun berichten.

genwärtig studieren sie diesen Vorschlag und ich erwarte, daß wir sie
zu gegebener zeit in Angriff nehmen
werden.

Zu bilateralen Angelegenheiten.
Zunächst zu den Menschenrechten
Ich benutzte unser Vieraugengespräch dazu, in eingehender und offener Weise unsere dringendsten Anliegen zu den Menschenrechten und humanitären Fragen zur Sprache zu bringen. Im Verlauf der Gespräche drängten wir die Sowjets, einen regelmäßigen Prozeß zur Überprüfung solcher
Anliegen ins Leben zu rufen.
Wir
glauben, sie stimmen mit uns jetzt
überein, daß diese Fragen Teil der
regelmäßigen Überprüfungen zu bilateralen Themen sein sollen, und wir
werden sie dabei zur Sprache bringen.
Ich werde selbstverständlich weiterhin diese Probleme auf meiner Ebene
aufgreifen, so wie wir dies bei allen
Treffen mit den Sowjets tun werden.
Es ist wichtig, daß es den Sowjets
bewußt wird, welch große Bedeutung
wir im Westen sowjetischen Menschenrechtsverletzungen
beimessen
und
welch ernstes Hindernis sie für langfristige Fortschritte in unseren Beziehungen darstellen.

zu regionalen Problemen
Es hat eine Ausweitung des Dialogs stattgefunden.
Wir haben 1985
eine Serie von Expertentreffen abgehalten, und wir haben diese Serie
dieses Jahr wiederholt.
Im August
haben wir ein neues, breitgefächertes
Treffen auf Unterstaatssekretärsebene
eingeführt.
Wir haben den Sowjets
gegenüber vorgeschlagen, daß wir mit
der Planung einer neuen Serie derartiger Treffen beginnen sollten. Ge-

In Reykjavik haben wir uns auf
ein ziemlich ehrgeiziges Programm bilateraler Aktivitäten geeinigt. Diese Arbeit ist seitdem weitergegangen
und hat zu Ergebnissen geführt.
In
der vorigen Woche haben wir uns beispielsweise auf grundlegende Elemente
der Zusammenarbeit beim zivilen Raumfahrprogramm
verständigt.
Es
gab
auch in anderen Bereichen - wie etwa
Kernfusion, Verkehrswesen und Energie
gute
Gespräche.
Außenminister
Schewardnadse und ich waren darüber
einig, daß dieses bilaterale Arbeitsprogramm weitergeführt werden sollte.
Wir haben ausführlich über die
Kontrolle von Atomwaffen gesprochen.
Seit Reykjavik war es unser ziel, auf
den dort erreichten Ergebnissen aufzubauen und sie bei den Genfer Verhandlungen in Taten umzusetzen. Und
tatsächlich
haben . die
Vereinigten
Staaten dies getan, indem sie die Ergebnisse von Reykjavik zum Bestandteil unserer Verhandlungsposition in
Genf gemacht haben.
Wir sind deshalb nach Wien gekommen, um den in Reykjavik erzielten
Fortschritt zu bestätigen.
zusätzlich gibt es noch einige sehr wichtige Bereiche bei allen drei Verhandlungsgebieten von Genf, in denen Meinungsverschiedenheiten
bestehen
START, INF und Weltraumverteidigung.
Wir sind in der Hoffnung hierher gekommen, diese unterschiedlichen Haltungen diskutieren, klarstellen und,
wenn möglich, verringern zu können.
Mit anderen Worten: Wir sind hierher
gekommen, um Fortschritte zu errei-

- 2 -

�chen. Wir haben unsere Rüstungskontrollexperten mitgebracht, und wir
hatten Papiere zu jedem der wichtigen
Themen hinsichtlich der Kontrolle von
Atomwaffen erstellt.
Diese Papiere
enthielten sowohl Gebiete der Übereinstimmung wie auch solche mit unterschiedlichen Haltungen. Wir haben
darin unsere Positionen sowie unsere
Einschätzung der sowjetischen Positionen klar zum Ausdruck gebracht.
Leider
war
es
nicht
möglich,
Fortschritte
zu erzielen, wie wir
dies erhofft hatten.
Diese Fragen
werden von unseren Unterhändlern in
Genf weiterverfolgt werden, indem sie
weiterhin die neuen Vorschläge der
Vereinigten Staaten erläutern, die
den
in Reykjavik
erzielten
Fortschritt
widerspiegeln.
Um
den
Schwung nicht erlahmen zu lassen, haben wir außerdem vorgeschlagen, daß
die amerikanischen und sowjetischen
Experten sich zwischen den Runden der
Nuklearund Weltraumgespräche treffen
- die gegenwärtig laufende wird Anfang nächster Woche zu Ende gehen und
die nächste wird erst im Januar beginnen.
Wir haben also vorgeschlagen, daß die Experten sich treffen,
wie sie dies vergangenen Sommer getan
haben und sich darüber Gedanken machen, ob Fortschritte möglich sind,
wie sie dies im vergangenen Sommer
taten. Dieses Angebot liegt auf dem
Tisch. Wir haben eine Sprachregelung
vorgeschlagen, die es erlauben würde,
mit Verhandlungen zur Atomtestfrage
zu beginnen.
Die Sowjets schienen
kein Interesse daran zu haben.
Der
Außenminister und ich haben uns über
Rüstungskontrolle im konventionellen
Bereich und über chemische Waffen unterhalten.
Ich habe dabei betont,
daß Fortschritte auf diesen Gebieten
notwendigerweise Fortschritte bei der
Verringerung von Atomwaffen begleiten
müßten. Ich führte außerdem aus, daß
in beiden Fällen die Verifikation ein

Schlüsselfunktion
hat.
Wir
warten
weiterhin auf ernsthafte sowjetische
Bemühungen,
auf
unsere
diesbezüglichen Vorschläge einzugehen.
Wir haben den Sowjets ein Paket
vorgelegt, in dem das enthalten war,
worüber
unserer
Meinung
nach
in
Reykjavik Einigung erzielt wurde und
wo Unterschiede bestehen. wir haben
darin unsere Position und unsere Einschätzung ihrer Position dargelegt.
Lassen sie mich auf
Gebiete eingehen.

jedes dieser

Zu START
Den Ausgangspunkt bildet die Einigung von Reykjavik auf 1 600 Interkontinentalraketen,
U-bootgestützte
ballistische Raketen und schwere Bomber. Zu diesen Systemen würden maximal
6 000
Gefechtsköpfe
gehören.
Darin herrschte Übereinstimmung. Wir
haben die in Reykjavik erarbeitete
Zählregelung für Bomber wiederholt.
Der nächste von uns vorgeschlagene Schritt sieht vor, innerhalb dieses Rahmens untergrenzen hinzuzufügen.
Wir
haben Untergrenzen
von
4 800
Gefechtsköpfen
auf
ballistischen Raketen, 3 300 ICBM-Gefechtsköpfen sowie 1 650 Gefechtsköpfen auf
erlaubten ICBM, außer den auf leichten und mittleren silogestützten ICBM
mit sechs oder weniger Gefechtsköpfen
montierten,
vorgeschlagen.
Diese
Zahlen stellen eine substantielle Bewegung in Richtung auf die sowjetische Position dar. Diese Verringerungen würden phasenweise durchgeführt und bis Ende 1991 beendet.
Wir haben außerdem Verifikationsvorschläge
gemacht,
über
die
im
Grundsatz in Reykjavik gesprochen und
Einigung erzielt worden war.
Diese

- 3 -

�sehen umfassenden Datenaustausch, Beobachtungen vor Ort der Reduzierung
auf vereinbarte Stärken, eine wirksame Überwachung verbleibender Bestände
und damit verbundener Einrichtungen,
einschließlich Inspektionen vor Ort,
vor.
Dies ist im Grundsatz unsere Position bei START.
Dort ist unserer
Meinung nach in Reykjavik Übereinstimmung erzielt worden und es ist
wichtig, dort weiterzumachen.

in Reykjavik geeinigt hatten.
Diese
Obergrenzen würden in Kraft bleiben,
bis sie durch eine Vereinbarung über
weitere Verringerungen ersetzt werden.
Anschlußverhandlungen mit dem
Ziel einer weltweiten Abschaffung von
INF-Raketen längerer Reichweite auf
beiden Seiten würden zu einem bestimmten Termin beginnen. Diese würden auch die Frage der INF-Raketen
kürzerer Reichweite einbeziehen.

Zur Weltraumverteidigung
2U INP
Unser Vortrag zu INF begann mit
der Lösung, zu der in Reykjavik Einigung erzielt worden war - die Beschränkung
auf
100
Gefechtsköpfe
weltweit auf jeder Seite bei den Mittelstreckenraketen längerer Reichweite.
Die 100 Gefechtsköpfe der sowjetischen Seite würden im asiatischen Teil der Sowjetunion stationiert werden, die 100 amerikanischen
in den Vereinigten Staaten.
Keine
Seite würde solche Raketen in Europa
stationieren. Grundsätzlich war dies
die Einigung von Reykjavik.
Diese
Reduzierungen
würden
phasenweise
durchgeführt und bis Ende 1991 abgeschlossen werden.
Wir haben unsere
Position
zu den Raketen
kürzerer
Reichweite erklärt, wonach deren Anzahl auf oder unter das gegenwärtige
sowjetische Niveau beschränkt werden
sollte und daß die Vereinigten Staaten selbstverständlich das Recht auf
die gleiche Anzahl besäßen. Wir sehen, daß die Sowjets der Überzeugung
sind, ihr heutiges Monopol bei diesen
Waffen solle eingefroren werden. Wir
können dies nicht akzeptieren.
In bezug auf INF haben wir dieselben Verifikationsgedanken
vorgebracht, die ich soeben für START
nannte und auf die wir uns im Prinzip

Wir
haben
unsere
Bereitschaft
wiederholt, zehn Jahre lang auf unser
Recht zur Kündigung des ABM-Vertrages
zu verzichten.
In diesem Zeitraum
würden beide Seiten alle Vorschriften
des ABM-Vertrages strikt einhalten.
Innerhalb der ersten fünf Jahre dieser ZehnJahresfrist würden die strategischen Offensivwaffen beider Seiten um 50 Prozent verringert, wie ich
soeben erklärte.
In den folgenden
fünf Jahren würden nach unserer Position die verbleibenden ballistischen
Offensivraketen beider Seiten beseitigt. Nach der sowjetischen Position
würden alle strategischen Offensivwaffen abgeschafft.
Am Ende dieses
Zehnjahreszeitraums würde es unserer
Ansicht nach jeder der Seiten freigestellt
sein,
moderne
strategische
Verteidigungssysteme zu stationieren,
falls beide Seiten sich nicht anderweitig einigen würden. Wiederum würden die Verifikationsprinzipien, die
ich eben erwähnte, auch auf dieses
Abkommen anzuwenden sein.

Zum Bereich der Verifizierung
Da es in Reykjavik zwischen den
beiden führenden Männern ein erhebliches Maß an Diskussion gab und sie
einander
bestätigten,
daß
umfangreiche und detaillierte Verifizierung

�Abkommen dieses Umfang zu begleiten
hätte, gaben wir zu diesem Thema noch
einige
gesonderte
Erklärungen
ab.
Wir machten im einzelnen unsere Sicht
von der zentralen Rolle der Verifizierung bei diesem Prozeß wie auch
die Notwendigkeit deutlich, parallel
wirksame Maßnahmen auszuhandeln, die
beiden Seiten Vertrauen in die Einhaltung
der
Verpflichtungen
geben
sollten, die übernommen werden.

und, wo möglich, eine Annäherung der
Standpunkte zu erreichen. Der einzig
wirkliche Fortschritt, von dem ich
berichten kann, besteht darin, daß
wir wieder
einmal unsere Position
verdeutlicht haben und unsere Bereitschaft bekräftigten, bei der Beantwortung dieser wichtigen Fragen fortzufahren.

Zur Frage der Atomversuche

* * * * *

Wir umrissen die Basis, auf der
wir bereit sind, Verhandlungen über
die Einstellung von Atomversuchen zu
beginnen.
Bei diesen Verhandlungen
würde es zunächst darum gehen, die
Verifizierungsfragen im Zusammenahng
mit bestehenden Verträgen zu beantworten.
Sobald
es hier
Klarheit
gibt, könnten beide Seiten sofort parallel mit der Verringerung und Beseitigung
von Kernwaffen beginnen,
was letztlich zu einer Einstellung
der Atomversuche führen würde.
Sie können also sehen, daß wir
unsere Sicht der Dinge, wo wir nach
Reykjavik stehen, in einiger Deutlichkeit dargelegt haben.
Die von
uns vorgeschlagenen Abkommen sind für
beide Seiten fair und wären ein dramatischer Schritt vorwärts. Und ich
bin immer noch davon überzeugt, daß
wir in vier oder fünf Jahren beim
Blick zurück auf Reykjavik von einem
ganz entscheidenden Treffen sprechen
werden, wenn Rhythmus und Geschwindigkeit
dieses Prozesses zunehmen.
Wir haben unsere Formulierungen zu
dem vorgelegt, worüber Übereinkunft
erzielt wurde und wo noch Meinungsverschiedenheiten
verblieben
sind,
haben wir unsere Positon und auch unser Verständnis der sowjetischen Position verdeutlicht. Unser Ziel war
es,
unsere
Position
klarzustellen
- 5 -

�^£°s7&lt;

AMERIKA DIENST
Hintergrundmaterial
12. November 1986

38

NICARAGUA - REVOLUTION IN DER FAMILIE
- Von Shirley Christian Der folgende Text dient der Information
unserer Leser und repräsentiert nicht
die offizielle Politik der Regierung
der Vereinigten Staaten.
Shirley Christian, Trägerin des Pulitzer-Preises für ihre Arbeiten über
Lateinamerika, ist Autorin des Bestsellers "Nicaragua - Revolution in der
Familie". In einem neuen Kapitel der Paperback-Ausgabe dieses Buches,
"Epilog" überschrieben und nachstehend abgedruckt, bringt sie ihre ungeschminkte Darstellung von Nicaraguas Vergangenheit und Zukunft auf den
neuesten Stand.
(Copyright (C): Shirley Christian)
Zu Beginn des Jahres 1986 schien
es für die Lage in Nicaragua keinen
befriedigenden Ausweg zu geben. Auf
der einen Seite gab es ein gut gerüstetes, wegen seiner Außenpolitik
für die Vereinigten Staaten und für
viele andere Länder der Region unannehmbares marxistisches Regime - unannehmbar auch wegen seiner Innenpolitik für jene Nicaraguaner, die politischen
Pluralismus
anstrebten.
Auf der anderen Seite warf die umfangreiche antisandinistische Streitmacht für die Vereinigten Staaten moralische und ethische Fragen auf; zudem fehlte ihren Aktionen die emotio-

United States Information Service
Embassy of the United States of America

nale Unterstützung der internationalen Staatenwelt, die in den Jahren
1978 und 1979 zur Rechtfertigung der
bewaffneten Opposition gegen Somoza
beigetragen hatte.
Die Sandinistische Front wäre
wahrscheinlich zu einer Fußnote der
Geschichte geworden, wäre vor Ende
1978 ein gemäßigtes Regime in der Lage gewesen, in Nicaragua die Macht zu
ergreifen.
Aber der Carter-Administration gelang es nicht, die Entscheidung zu treffen, die hierfür
notwendig war; sie konnte aber auch

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.: 0228-339 2035
Telex: 8-85432

�nicht die Entscheidung treffen, die
militärische und politische Unterstützung Somozas wieder aufzunehmen,
die gleichermaßen den Aufstieg der
Sandinisten verhindert hätte - obgleich aller Wahrscheinlichkeit nach
mit anderen unerwünschten Folgen.
Die Vereinigten Staaten ignorierten
die Bedeutung, die sie selbst für die
Geschichte Nicaraguas hatten, indem
sie sich weigerten, ihre Macht dafür
einzusetzen, Nicaragua beim Aufbau
einer politisch offenen Gesellschaft
zu helfen. Die Carter-Administration
tat keins von beidem: weder stützte
sie Somoza, noch machte sie ihm deutlich, daß er zu gehen habe. Somoza
selbst war zum Ausharren entschlossen
und glaubte angesichts der Unentschlossenheit im Weißen Haus, die
Vereinigten Staaten wieder auf seine
Seite ziehep zu können, um die Guerilla doch noch militärisch zu besiegen.
Der Aufstieg der Somoza-Dynastie
und die Tatsache, daß sie sich fast
ein halbes Jahrhundert an der Macht
gehalten hat, ist eine Last, die beide - die amerikanische wie auch die
nicaraguanische Geschichte - zu tragen haben. Der Kampf der Sandinisten
um die Macht wiederum wurde durch die
Weigerung der Somoza-Seite gefördert,
das politische System all jenen zu
öffnen, die sich an ihm beteiligen
wollten. Aber die These, wonach Diktatur der Rechten Diktatur der Linken
zeugt, ist hier nicht völlig anwendbar. In der Tat erlaubte die SomozaDynastie ein größeres Maß an politischer, sozialer und wirtschaftlicher
Freiheit als die meisten Regime dieser Art, und in diesem Umfeld entwickelten sich auch gemäßigte politische Alternativen zu Somoza. Zum
Teil ergab sich dies aus Nicaraguas
eigener politischer Geschichte. Außerdem trugen die Vereinigten Staaten
über zwei Jahrzehnte hinweg ihr Teil

zur Entwicklung solcher Alternativen
bei: sie gewährten ihre Hilfsprogramme staatlichen wie auch nichtstaatlichen Institutionen, sie unterstützten den Gemeinsamen Markt Mittelamerikas wie auch unabhängige Gewerkschaftsgruppierungen und sie unterhielten Kontakt mit oppositionellen
Politikern. Als das Ganze sich jedoch zuspitzte, fehlte es jedoch an
der Entschlossenheit Somozas wie auch
der
Carter-Administration,
einen
friedlichen Übergang zu gewährleisten. Wegen des Wunsches, das Prinzip der Nichteinmischung hochzuhalten, konnte die Carter-Administration
Somoza nicht zu dem Zeitpunkt zum Abdanken bringen, als eine gemäßigte
Regierungsumbildung möglich gewesen
wäre.
Die Führung der Sandinistischen
Front beabsichtigte die Errichtung
eines leninistischen Systems vom Tag
ihres Einmarsches in Managua an
gleich, ob sie es so nannten oder
nicht.
Ihr Ziel war es, sich die
Mittel zu verschaffen, fast alle Aspekte des nicaraguanischen Lebens zu
kontrollieren - von Bohnen und Reis
bis hin zur Religion. Dies zeigte
sich in Dingen wie etwa der Schaffung
von Blockkomitees und anderen Organisationen unter dem FSLN-B anner, dem
Druck auf die Medien zwecks Unterstützung der FSLN, in der Bedeutung,
die man dem Unterfangen beimaß, die
Kirche der FSLN gegenüber freundlich
zu

stimmen,

im

politischen

Einsatz

der Armee, in der raschen Entwicklung
und Ausweitung des Staatssicherheitsapparats und in den unterschiedlichsten Erklärungen und Dokumenten über
künftige Pläne der FSLN. All dies
tat sich bereits vor Ende 1979, zu
einer Zeit, als die wesentliche Zielsetzung
der
Carter-Administration
hinsichtlich der Sandinisten darin
bestand, nichts zu tun, was den Anschein hätte erwecken können, die
2 -

�Vereinigten Staaten seien dafür verantwortlich, wenn Nicaragua die Richtung Kubas einschlüge. Auch war dies
vor dem Zeitpunkt, als die Republikaner Ronald Reagan zum erstenmal nominiert hatten. Dies zur Wiederlegung
der Argumente, wonach der Antagonismus seitens der Vereinigten Staaten
Nicaragua erst auf den totalitären
Weg gebracht habe. Alle Signale seitens der sandinistischen Führung, irgend etwas anderes als ein leninistisches System in Nicaragua zu beabsichtigen, wurden - wie sie dies auch
mehrere Male eingestand - aus taktischen oder strategischen Überlegungen
gesetzt, nicht aber aus Überzeugung.
Man kann nicht behaupten, die
Sandinistische Front sei von Moskau
oder Havanna ins Leben gerufen worden, aber sicher ist, daß die Sandinisten vom Tag der Schaffung der FSLN
im Jahr 1961 an enge Beziehungen zu
diesen Ländern dachten.
Die Beziehungen zu Kuba wurden durch militärische Ausbildung, Beratung und durch
die Unterstützung ausgebaut, die die
Kubaner den Sandinisten vor und während ihres Aufstand gewährten. Diese
Unterstützung war mit der Verpflichtung verbunden, auch anderen Guerillaorganisationen zu helfen. Nach ihrer Machtergreifung wandten sich die
Sandinisten rasch und gern Moskau zu
- indem sie erst bulgarische Wirtschaftsberater
akzeptierten,
dann
Verbindung zu den Sowjets im militärischen Bereich suchten und sich dann
schließlich den Sowjets im Austausch
für immer mehr Waffen sogar selbst
anboten. In gewissem Sinn verkauften
sie sich selbst, um dadurch die Möglichkeit zu haben, sich angesichts
einer verfehlten Politik und weitverbreitetem Unglück an der Macht zu
halten.
Aber diese Verbindung war
auch Folge des Glaubens der Sandinisten an ihre eigenen Prinzipien,
Folge der ideologischen Überzeugung,

die sie hatten und für die sie den
Zorn der Vereinigten Staaten zu riskieren bereit waren.
Wenn auch das Argument etwas für
sich hat, daß diese militärische Abhängigkeit vom Sowjetblock hätte verhindert werden können, wären die Vereinigten Staaten in den ersten Monaten des neuen Regimes bereit gewesen,
der Sandinistischen
Armee militärische Ausrüstung anzubieten, so ist
es doch sehr wahrscheinlich, daß die
ideologische Loyalität der sandinistischen Führung gegenüber den Marxismus-Leninismus wie auch die Tatsache,
daß die Vereinigten Staaten nie bereit gewesen wären, Waffen in dem Umfang zur Verfügung zu stellen, wie es
die Sandinisten
zur Konsolidierung
ihrer Macht im Innern für notwendig
erachteten, jede derartige Vereinbarung zunichte gemacht hätten.
Die Innenpolitik der Sandinisten
säte den Samen für den Aufstieg der
Contras.
Es waren die gebrochenen
Versprechen und die Ausübung totaler
Macht seitens der FSLN, die viele
derjenigen, die vormals die Opposition gegen Somoza angeführt hatten, danach zur bewaffneten Opposition gegen
die Sandinisten brachten und die dabei Grund zur gemeinsamen Sache mit
den Nationalgardisten des alten Regimes fanden.
Es ist auch wahr, daß
die Reagan-Administration vor allem
durch Gewährung von CIA-Geldern einige jener Leute dazu ermutigte, die
friedliche Opposition im Land selbst
aufzugeben und ins Exil zu gehen.
Angesichts all dessen, was sich in
Nicaragua im ersten Jahr etwa nach
dem Sturz Somozas zutrug, war bewaffnete Opposition gegen die FSLN unvermeidlich, obwohl die Dimensionen, die
sie
erreichte,
Ergebnis
amerikanischer Unterstützung waren.

- 3 -

Zwei grundlegende Einwände wurden

�gegen die Contras erhoben - sogar bei
vielen amerikanischen und ausländischen Kritikern der Sandinisten. Einer stellte die Moral der Entscheidung der Vereinigten Staaten in Frage, eine paramilitärische Streitmacht
mit Mitteln zu versehen und zu beraten, Häfen zu verminen und - in einem
Ausbildungshandbuch der Contra - die
Ermordung sandinistischer Gefolgsleute im ländlichen Bereich zu sanktionieren. Es gab guten Grund für diese
Einwände - zumindest hinsichtlich der
konkreten Maßnahmen -, aber es war
nicht so leicht, gegen das Grundprinzip einer Unterstützung der Contras
zu argumentieren. Dies war vielmehr
im Licht dessen zu sehen, welchen
Wert die Sache selbst hatte, welchen
Umfang die Streitkräfte hatten, denen
sich die Antisandinisten gegenübersahen und ob noch andere Mittel zur
Verfügung standen.
Der zweite Einwand geht dahin,
daß die Contras nichts erreichten,
sondern nur zu Tod und Zerstörung,
einschließlich der Tötung von Zivilisten, beitrugen und daß sie den
Sandinisten erst den Grund für deren
repressive Politik lieferten. Dies
unterstellt, die Sandinisten hätten
eine solche Politik nicht betrieben,
wenn es keine Contras gegeben hätte
und ignoriert dabei die ganze Abfolge
von Ereignissen der Jahre 1979 und
1980. Hätte es keine Contras gegeben, so hätten die Sandinisten keine
Rechtfertigung für die Einlagerung
von Nahrungsmitteln, für die Einführung des Wehrdienstes und für den
Druck auf die Bevölkerung gehabt,
sich der Miliz anzuschließen.
Das
Fehlen der Contras und anderen Drucks
von außen hätte es aber auch der Sandinistischen Front leichter gemacht,
gegen die Presse, die Kirche und die
Oppositionsgruppen vorzugehen, ohne
internationale Kritik auf sich zu
ziehen. So ist es zum Beispiel rich-

tig, daß der Ausnahmezustand im März
1982 in Reaktion auf den ersten größeren Angriff der Contras ausgerufen
wurde; richtig ist aber auch, daß die
Erklärung
des
Ausnahmezustandes
letztlich die Einschränkungen formalisierte, die de facto bereits erlassen und verwirklicht worden waren.
Es mag richtig sein, daß die Operationen der Contras den Umfang der
Kaffeernten 1983 und 1984 verringerten, aber die Contras zwangen die
FSLN auch dazu, sich bei ihrer Agrarpolitik umzuorientieren - von Staatsgütern weg und hin zu individuellem
Eigentum.
Kurz: wenn es auch stimmt, daß
die Umstände in Nicaragua ohne die
Contras vielleicht
in wirtschaftlicher Hinsicht marginal besser gewesen wären, so stellte ihre Existenz neben all dem anderen äußeren und inneren Druck - doch das dar, was es an
geringer Hoffnung gab, um die Sandinistische Front dazu zu zwingen,
strukturelle Veränderungen größeren
Umfangs in Richtung auf ein offenes
politisches System zu akzeptieren.
Unter jenen, die Mittelamerika im
Randbereich
amerikanischer
Politik
debattierten und analysierten - Akademiker, Gelehrte, Autoren von Zeitungskommentaren, Mitglieder früherer
Administrationen und Kritiker innerhalb der Reagan-Administration -,
wurde oft argumentiert, eine Verhandlungslösung zwischen den Vereinigten
Staaten und der FSLN sei möglich.
Solch eine Lösung, so wurde behauptet, könne einen Tauschhandel beinhalten: Beibehaltung der Macht durch
die Sandinisten im Gegenzug zu einer
Beendigung ihrer Unterstützung marxistischer
Guerillagruppen
andernorts. Dies war eine Version des Vorschlags, den der ehemalige stellvertretende
Außenminister
Thomas
0.
Enders der FSLN im August 1981 ge-

- 4-

�macht hatte. Idee des Arguments war,
daß die Sandinisten Anfang 1986 nach
Jahren des Guerillakriegs vielleicht
eher geneigt seien, den Sicherheitsbedenken
der
Vereinigten
Staaten
Rechnung zu tragen.
Allerdings beinhaltete ein solches Abkommen für die Vereinigten
Staaten praktisch das Ende der Contras. Dies wiederum hätte im Innern
zu einer Konsolidierung des sandinistischen Regimes wie auch zu einem
stillschweigenden amerikanischen Einverständnis mit einer Politik geführt, die niemals zu dem politischen
Pluralismus führen würde, der das
Ziel so vieler Nicaraguaner war - zunächst, als sie sich gegen Somoza
stellten und später, als sie sie gegen die Sandinistische Front wandten.
Es wäre ein Frieden ohne echte Lösungen gewesen, ein Frieden, der die
meisten der ausstehenden Probleme
nicht gelöst hätte.
Diese Frage des internen politischen Pluralismus sowie das Ausmaß,
bis zu dem die Vereinigten Staaten
intervenieren können oder sollten, um
ihn herbeizuführen, ist das eigentliche Dilemma für die Vereinigten
Staaten bei einem Großteil ihrer außenpolitischen Beziehungen und insbesondere in Mittelamerika und in der
Karibik.
Intervention
bedeutet
hierbei
nicht
nur
direkte
militärische
Schritte, sondern auch umfassendere
Versuche, die Innenpolitik eines Landes durch all die Methoden zu beeinflussen, die den Vereinigten Staaten
zur Verfügung stehen. Sollten wir
mit einem Einmarsch in Nicaragua nur
dann drohen, wenn dort MiGs eingeführt werden, oder könnten wir eine
Intervention oder andere Formen des
Drucks im Interesse internen Wandels
rechtfertigen?
Selbst wenn zu den

Taktiken, die in Frage kämen, eine
Invasion nicht gehören würde - könnte
man sie rechtfertigen?
Genau wie die Frage der Intervention die Carter-Administration verfolgt hatte, so verfolgte sie auch
die Reagan-Administration, die - bei
aller unterschiedlichen Formulierung
ihrer Lösung auch nie näherkam.
Ein Großteil der Verwirrung über die
Ziele und die Funktion der Contras
bezog sich auf diese Diskussion.
Die
Reagan-Administration,
die
zögerte, eine offen interventionistische Politik zu verfolgen, hatte
sich zunächst geweigert, den legitimsten Teil der nicaraguanischen Frage
direkt anzugehen: die Innenpolitik
der FSLN.
Stattdessen erfand das
Weiße Haus andere Gründe für Ausbildung und Finanzierung der Contras.
Es behauptete öffentlich, die ContraKräfte existierten, um die Waffenlieferungen von Nicaragua an die Guerilla der Nationalen Befreiungsfront
Farabundo Marti in El Salvador zu unterbrechen,
obgleich
CIA-Vertreter
die militanten Contras in dem Glauben
belassen durften, .sie kämpften für
die Rettung ihres eigenen Landes.
Obgleich die Beweise logistischer und
beratender Verbindungen zwischen den
Sandinisten und den Salvadorianern
erheblich waren - wozu auch die Anwesenheit hochrangiger Vertreter der
salvadorianischen Guerilla in Managua
gehört -, wurden verhältnismäßig wenig Waffentransporte aufgebracht, wobei dies offiziellen honduranischen
oder costaricanischen Stellen gelang
nicht aber den nicaraguanischen
Freiheitskämpfern. Infolgedessen attackierten die Kritiker der Politik
Reagans die Unterstützung der Contras
mit diesen Argumenten, was in den Augen der Weltöffentlichkeit zu einer
Schwächung der Sache der Contras und
der gesamten nicaraguanischen Opposi-

- 5 -

�tion führte. Eine der wesentlichen
ethischen Fragen hinsichtlich der
amerikanischen Rolle bei der Aufstellung der Contras war, ob die Vereinigten Staaten Menschen manipulieren
sollten, die für ihr Land nur das anstrebten, wozu die Vereinigten Staaten sie schon seit langem ermutigt
hatten - in Opposition zu Somoza die
Chance zu erhalten, die Probe auf politischen Pluralismus als Mittel zu
machen, die Probleme des Landes in
den Griff zu bekommen. Für diejenigen, die sich gegen die Sandinisten
gestellt hatten, war stets innerer
Wandel in Nicaragua das Ziel - ganz
unabhängig von ihren eigenen Meinungsverschiedenheiten und persönlichen Zwisten. Und doch wurden sie
bisweilen wegen der Art und Weise ihres Einsatzes als Söldner angesehen.
Im September 1983 wurde die Rechtfertigung für eine Unterstützung der
Contras auf eine breitere Grundlage
gestellt, doch basierte sie noch immer auf der Außenpolitik der Sandinisten. Erst als der Kongreß 1984
die Unterstützung des CIA einstellte,
begann die Reagan-Administration, die
Existenz der Contras auf der Grundlage der sandinistischen Innenpolitik
zu rechtfertigen.
Selbst dann war jedoch nicht eindeutig klar, ob der eigentliche Zweck
der Contras in den Überlegungen der
Reagan-Administration darin bestand,
die Sandinisten zu stürzen (oder einen grundlegenden strukturellen Wandel innerhalb des Regimes zu erzwingen), oder lediglich darin, einen
Bauern auf das Schachbrett zu stellen, der wieder weggenommen werden
konnte, um etwas anderes dadurch zu
gewinnen - seien es Konzessionen bei
der Guerilla-Frage in El Salvador,
sei es ein Rückzug der Ostblock-Berater in Nicaragua.
Wäre es der
Reagan-Administration
zum Beispiel
ernst mit dem Versuch gewesen, die

FSLN zu stürzen, so hätte sie die Bemühungen
der Contras unterstützt,
Aufstandsbewegungen
in
städtischen
Gebieten zu intensivieren, wie dies
die FSLN selbst 1978-1979 getan hatte. Stattdessen wurde dieser Gedanke
Anfang 1983 fallengelassen, weil dem
CIA zufolge in den Medien das Argument auftauchte, die Contras versuchten, etwas ganz anderes zu tun, als
die Waffenlieferungen für die Guerilla in El Salvador zu unterbinden.
Allmählich änderte sich jedoch
die Einstellung im Kongreß und erlaubte es der Administration, ihre
Politik unmittelbarer auf innenpolitische Fragen in Nicaragua zu konzentrieren. Mitte 1985 hatte die Mehrheit des Kongresses die Argumente des
Außenministeriums zu zwei wesentlichen Punkten übernommen: der grundsätzlich repressiven Natur des FLSNRegimes und seiner Munitionslieferungen wie auch anderer Unterstützung
der Guerilla in El Salvador. Obwohl
es in der Öffentlichkeit auch weiterhin viele Stimmen gab, die entweder
die Innenpolitik der Sandinisten verteidigten oder aber die 3edeutung der
Waffenfrage herunterspielten - sie
gehörten hauptsächlich zu kirchlichen
Gruppen, Solidaritätsbewegungen und
Akademikern -, hatten sich die Meinungen derjenigen, die direkt mit der
politischen Entscheidungsfindung beschäftigt waren, erheblich einander
angenähert. Kongreß und Administration teilten Schritt für Schritt ihre
Bedenken über die Sandinisten und sahen gemeinsame Ziele in Mittelamerika, auch wenn es noch immer Meinungsverschiedenheiten
bei
konkreten
Schritten und Verfahrensweisen gab.
Diese Verschiebung führte dazu, daß
der Kongreß für eine Wiederaufnahme
der Hilfe für die Rebellen stimmte.
Dafür verlangte der Kongreß, daß alles öffentlich zu tun sei und zwang
die Administration, ihr Vorgehen un-

- 6-

�ter menschenrechtlichen und politischen Erwägungen zu konzipieren und
zu rechtfertigen. Der Kongreß selbst
wurde in die Verantwortung miteinbezogen, eine politisch und militärisch
verläßliche Kraft zu schaffen, um den
Sandinisten zu begegnen. Doch gab es
viele, die auch weiterhin daran zweifelten, ob die Contras die Sandinistische Front je würden besiegen können
oder ob Druck überhaupt Konzessionen
seitens der FSLN ermöglichen würde.
Jene, die ohnehin die Rebellen mit
Nachdruck unterstützten, gingen davon
aus, daß es notwendig sei, über eine
lange Zeit hinweg auszuharren und abzuwarten, bis sich eine Möglichkeit
ergeben würde - wie dies Castro bei
den von ihm unterstützten Gruppen sah.
Mit dem Vorschlag eines mittelamerikanischen Friedensvertrags, bekannt unter dem Namen "CONTADORA" nach der panamaischen Insel, wo man
im Januar 1983 mit einem Entwurf begann -, wurde der Versuch unternommen, sich mit der Vielzahl der Probleme Mittelamerikas auseinanderzusetzen, indem die Unterzeichnerstaaten zu Demokratisierung im Innern, zu
Rüstungsabbau und zum Abzug ausländischer Militärberater verpflichtet
wurden. Die FSLN signalisierte ihre
Bereitschaft zur Unterzeichnung des
ersten Vertragsentwurfs, als dieser
Mitte 1984 erstellt wurde, doch zog
sich die sandinistische Regierung
nach einem Jahr der Verhandlungen, im
Verlauf derer die Bedenken der vier
anderen mittelamerikanischen Länder
und der Vereinigten Staaten zur Sprache gebracht werden sollten, zurück,
als ein neuer Entwurf fertiggestellt
war und erklärte, daß der eigentliche
Disput zwischen ihr und den Vereinigten Staaten bestehe, nicht zwischen
den
mittelamerikanischen
Staaten.
Die zentrale Frage, so die Sandinistische Front, sei, daß die Vereinigten
Staaten die antisandinistischen Re-

belllen unterstützten und darüber auf
bilateraler Basis verhandelt werden
müsse. Die Vereinigten Staaten bestanden jedoch weiterhin darauf, keine weiteren
bilateralen Gespräche
mehr mit Nicaragua zu führen, solange
die Sandinisten nicht einen "Dialog"
mit Vertretern der bewaffneten Rebellen und anderen Oppositionsgruppen
eröffneten.
Gegen Ende 1985 schien sich der
CONTADORA-Prozeß totgelaufen zu haben, aber Anfang 1986 machten die
vier Staaten, die sich für den Vertragsentwurf eingesetzt hatten - Venezuela, Mexiko, Kolumbien und Panama
-, eine Anstrengung, ihn wieder mit
Leben zu erfüllen. Sowohl die Sandinisten als auch die Vereinigten Staaten
signalisierten
Unterstützung.
Doch das Haupthindernis, der streit
über das politische Prinzip, bestand
weiter.
Hierbei ging es nicht um
Waffen, sondern um Politik. Die Sandinisten einerseits, die vier anderen
mittelamerikanischen Regierungen wie
auch die nicaraguanischen Freiheitskämpfer und die Vereinigten Staaten
andererseits, standen sich in ihren
Ansichten hinsichtlich der Art der
wünschenswerten politischen Systeme
diametral
gegegenüber.
Letztlich
ging es um die Frage, ob es möglich
war, eine Einigung zwischen jenen
herbeizuführen, die grundsätzlich an
eine
leninistische
Regierungsform
glaubten, und den anderen, die den wenn auch bisweilen höchst schwierigen - Versuch machten, im wesentlichen liberale Systeme einzuführen.
Obwohl es einige Meinungsverschiedenheiten unter den vier anderen mittelamerikanischen Ländern wie auch gegenüber den Vereinigten Staaten gab,
wie die Fragen angegangen werden
könnten, so gab es doch prinzipielles
Einverständnis darüber, daß die wirklich großen Probleme der Region mit
der Existenz des sandinistischen Re-

- 7-

�gimes
in Nicaragua
zusammenhingen.
Selbst wenn die Sandinisten schließlich
einen
Vertrag
unterschreiben
würden: die Erfahrung hatte gezeigt,
daß es zu einer wirklich grundsätzlichen Änderung ihrer Politik nur angesichts wirklicher oder vermuteter
militärischer Gewalt oder irgendeines
anderen unüberwindbaren Drucks kommen
würde.
In den Vereinigten Staaten und in
den westlichen Industriestaaten gibt
es eine Tendenz, die Krisen Mittelamerikas allgemein entweder als Folge
kubanischer und sowjetischer Unterstützung von Aufständen oder sozialer
Mißstände zu sehen.
All diese Elemente waren in Nicarauga bei dem Aufstand gegen Somoza vorhanden, wenn
auch an den Wurzeln des Disputs die
Frage stand, wie und von wem die öffentliche Politik
gestaltet
werden
sollte, welches die philosophischen
Grundlagen
der
Entscheidungsfindung
sein sollten, die die Nicaraguaner
nach eineinhalb Jahrhunderten der Unabhängigkeit noch immer zu bestimmen
versuchten.
Hieran entzündete sich
der Aufstand
gegen Somoza, obwohl
schließlich auch andere Elemente Unterstützung der Aufstände von außen
sowie
wirtschaftliche
und
soziale
Fragen - dazu beitrugen. Desgleichen
war der Versuch töricht, den Wert der
sandinistischen
Regierung
auf
der
Grundlage ihrer Wirtschaftsund Sozialpolitik zu bestimmen, solange die
Frage danach, wer ein Recht zum Regieren hatte und wie die Regierung
gewählt werden sollte, noch nicht beantwortet war. Wäre man die politische Problematik zuerst angegangen gleich, ob gegenüber Somoza oder später den Sandinisten -, so hätte es
dies den Vereinigten Staaten ermöglicht, auch ihre anderen Bedenken zu
behandeln - die nationale Sicherheit
und das ganze Spektrum menschen- und
bürgerrechtlicher Fragen. Es ist un-

wahrscheinlich, daß eine politische
Demokratie im Sinne der Vereinigten
Staaten
oder
Europas
militärische
Bündnisse schmiedet und Waffenarsenale aufhäuft, die amerikanischen Interessen zuwiderlaufen.
Gleichzeitig
schafft dies die Möglichkeit, politische Unterdrückung zu beenden, sich
mit der sozialen und wirtschaftlichen
Ungerechtigkeit
auseinanderzusetzen
und die Herrschaft des Rechts einzusetzen, bei der die Gerichte eine
Kontrollfunktion gegenüber Auswüchsen
von Militär und Exekutive ausüben.
Um dies zu verwirklichen, bedarf
es jedoch eines stärkeren Maßes der
Intervention,
als
die
Vereinigten
Staaten in ihrer jüngeren Geschichte
einzugehen bereit waren - von Situationen abgesehen, da die Entwicklung
den
Punkt
konkreter
militärischer
Operationen
erreichte.
Sogar
als
Präsident Hoover Anfang 1933 die amerikanischen
Marineeinheiten
abzog,
tat er dies hauptsächlich in Reaktion
auf den Aufschrei in der Öffentlichkeit gegen eine Intervention.
Teil
des Problemes ist der negative Beigeschmack, den das Wort Intervention
hat. Grundlegende Aspekte der internationalen Beziehungen seit dem Zweiten Weltkrieg sind Nichteinmischung
und Selbstbestimmung,
obgleich die
meisten Regierungen der Dritten Welt
sich mehr damit beschäftigten, sich
vom Podium internationaler Foren für
Nichteinmischung stark zu machen, als
Selbstbestimmung im eigenen Land zu
praktizieren.
Kuba und die Sowjetunion
vermeiden
diesen
schlechten
Beigeschmack, den das Wort Intervention hat, indem sie ein anderes - Internationalismus nämlich - verwenden,
um ihre Bemühungen zu umschreiben,
die Entwicklung anderer Länder in dirigistischer, totalitärer Richtung zu
beeinflussen.

- 8 -

Man

kann

sicher

argumentieren,

�daß die Vereinigten Staaten nicht immer dort intervenieren können, wo es
auf der Welt eine Regierung gibt, die
ihnen nicht gefällt und daß sie nicht
den Weltpolizisten spielen können.
Aber Außenpolitik muß in Reaktion auf
die Dynamik
konkreter Situationen
formuliert werden und die innenpolitische Situation, die geographische
Lage eines Landes und die Geschichte
seiner Beziehungen zu den Vereinigten
Staaten mit in Rechnung stellen. Nur
wenn die Vereinigten Staaten die demokratische Entwicklung auf langfristiger Grundlage fördern, können sie
hoffen, die unangenehme Alternative
zu vermeiden, entweder Truppen zu
senden oder mit unerträglichen Situationen leben zu müssen.

wurden. Die Errichtung eines totalitären Regimes wurde tragischerweise
als sekundär erachtet. Wie so oft in
der Vergangenheit mußte Nicaragua die
bittere Erkenntnis machen, daß seine
eigenen Bedürfnisse und Träume zum
Faustpfand von Streitfragen jenseits
seiner Grenzen geworden sind.

Die bittere Lektion für die Vereinigten Staaten besteht darin, daß
eine Demokratie - insbesondere eine,
die eine weitgespannte Beteiligung an
der Ausformulierung und Verwirklichung ihrer Außenpolitik erlaubt die Entwicklung nicht zu einem Punkt
treiben lassen darf, der nur die harte Wahl zwischen nationaler Sicherheit und nationalem Gewissen zuläßt.
Die Vereinigten Staaten sollten nicht
zulassen, daß sie in die Notlage geraten, in einem Bereich wie Mittelamerika, mit dem sie so viel verbindet,
entweder
eine
represssive
Rechtsdiktatur akzeptieren zu müssen,
weil diese keine Bedrohung der nationalen
Sicherheit
der
Vereinigten
Staaten darstellt - oder aber eine
repressive Linksdiktatur im Austausch
zu deren Zugeständnis, die Regierung
eines Nachbarstaates nicht zu stürzen
oder sich keine MiGs zu beschaffen.
Es hat lang gedauert, bis man aus
dieser Lektion in Nicaragua gelernt
hat. Jene, die dort Demokratie wollten, standen zwischen allen Fronten
und mußten zusehen, wie ihre Ziele
zur Geisel der Prioritäten anderer
- 9-

* * * * *

�</text>
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                <text>&lt;strong&gt;1. Dokumentation&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Shultz kritisiert Osteuropa in der Menschenrechtsfrage&lt;br /&gt;&lt;em&gt;- Rede von Außenminister Shultz vor dem Wiener KSZE-Folgetreffen -&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Shultz enttäuscht von Rüstungsgesprächen&amp;nbsp;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;- Erklärung zu Beginn der Pressekonferenz vom 6. November 1986 -&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Hintergrundmaterial&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Nicaragua - Revolution in der Familie&lt;br /&gt;&lt;em&gt;- Von Shirley Christian -&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;(Copyright (C): Shirley Christian)&lt;/em&gt;</text>
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^7

AMERIKA DIENST

&lt;#

1 2 . November 1987

40

I N H A L T

INFORMATIONEN
Präsident Reagans neuer Verteidigungsminister
- Ein Kurzporträt von Frank Carlucci Neuer Nationaler Sicherheitsberater mit 'Entschlußkraft*
- Kurzbiographie von Generalleutnant Colin Powell -

DOKUMENTATION
Reagan: INF-Vertrag muß langfristig im Interesse der NATO liegen
- Worldnet-Ansprache des amerikanischen Präsidenten -

WISSENSCHAFT UND TECHNIK
UN-Resolution: Gemeinsam gegen AIDS
- Offenheit, tatkräftige Programme, Zusammenarbeit - Experten und
Politiker sind gefordert NASA-Starttermine bis 1995
- Bemannte und unbemannte Missionen für Forschung, Verteidigung und
Wetterbeobachtung -

* * * * * *

United States Information Service
Embassy of the United States of America

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Tel.: 0228-339 2035
Telex: 8-85432

�AMERIKA DIENST
Information
12. November 1987

40

PRÄSIDENT REAGANS NEUER VERTEIDIGUNGSMINISTER
- Ein Kurzporträt von Frank Carlucci -

WASHINGTON - (AD) - Präsident Reagan zufolge, der seinen jetzigen nationalen Sicherheitsberater für das Amt des Verteidigungsministers nominiert hat,
ist Frank Carlucci "der am besten qualifizierte Mann in den Vereinigten Staaten, um die Arbeit von Cap (Weinberger) weiterzuführen".

Im Lauf seiner langen und hervorragenden
Laufbahn
im
öffentlichen
Dienst erwarb Carlucci sich den Ruf
eines "guten Zuhörers und Mitarbeiters, der politische Entscheidungen
umzusetzen versteht".
Im Falle seiner Bestätigung d m c h
den Senat wird er in das Pentagon als
Nachfolger Caspar Weinbergers zurückkehren, zu dessen Mitarbeitern er als
Stellvertretender Minister schon früher gehörte. Weinberger hatte am 5.
November 1987 seinen Rücktritt angekündigt .

United States Information Service
Embassy of the United States of America

Bekannt
als Verwaltungsfachmann
und Krisenmanager der Reagan-Administration ist Carlucci seit elf Monaten Berater des Präsidenten in Angelegenheiten
der nationalen
Sicherheit. Er hatte diesen Posten während
der
Iran-Contra-Ermittlungen
übernommen .
Außerdem
hatte
Carlucci
schon
hochrangige Positionen beim Geheimdienst
CIA, im Gesundheitsministerium, Amt für Haushaltsplanung (OMB),
dem Büro für wirtschaftliche Chancengleichheit (OEO) und dem auswärtigen

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Tel.: 0228-339 2035
Telex: 8-85432

�Dienst inne, wobei er sowohl republikanischen wie auch demokratischen Administrationen diente.
Carlucci wurde im Jahr 1930 in
Scranton,
Pennsylvania,
geboren.
Nach dem Besuch der Wyoming Seminary
College
Preparatory
School
in
Kingston, Pennsylvania, ging er zur
Universität Princeton, wo er im Jahr
1952 den Grad
eines Bachelor
in
Business Administration erwarb.
Nach dem Besuch des College diente er als Geschützoffizier in der Marine auf der USS Rombach. Er wurde
im Jahr 1955 im Rang eines Leutnants
entlassen. Danach führte er im Jahr
1956 weiterführende Studien im Fach
Business Administration an der Universität Harvard durch.
Nach seinem Eintritt in den auswärtigen Dienst der Vereinigten Staaten im Jahr 1956 diente Carlucci als
Vize-Konsul und Wirtschaftsattache in
Johannesburg.
Im Jahr 1960 wurde er
nach Zaire (der damaligen Demokratischen Republik Kongo) versetzt, wo
er
zunächst
Vize-Konsul
und
anschließend zweiter Sekretär zuständig
für politische Angelegenheiten war.
Nach
einer
Dienstzeit
im
Washingtoner Außenministerium als zuständiger Referent für den Kongo im
Jahr 1962 diente Carlucci kurzzeitig
in Tansania. Von 1965 bis 1969 hatte
er verschiedene Verwaltungsposten an
der amerikanischen Botschaft in Brasilien inne.
Während
seiner
diplomatischen
Laufbahn wurde er mit dem Superior
Service
Award
ausgezeichnet,
der
höchsten Auszeichnung des auswärtigen
Dienstes. Für seinen Dienst in Brasilien erhielt er außerdem den Superior Honor Award.

Auf Initiative des damaligen Direktors des Büros für wirtschaftliche
Chancengleichheit
(OEO),
Donald
Rumsfeld, eines alten Freundes, beschäftigte sich Carlucci anschließend
mit dem Kampf gegen die Armut.
In
den Jahren 1969 und
1970 war er
Rumsfelds Nachfolger als Direktor des
OEO.
1971 wurde Carluci von Präsident
Nixon zum beigeordneten Direktor des
Amtes für Haushaltsplanung berufen.
Dessen
damaliger
Direktor,
Caspar
Weinberger, beförderte ihn nach einem
Jahr zu seinem Stellvertreter.
Von
1972 bis 1974 war er Unterstaatssekretär für Gesundheit, Bildung und Sozialwesen.
Von 1975 bis 1978 diente Carlucci
unter den Präsidenten Ford und Carter
als Botschafter der Vereinigten Staaten in Portugal. Im Jahr 1978 wurde
er zum Stellvertretenden Direktor der
Central intelligence Agency ernannt.
Er übte diese Funktion bis 1981 aus,
als er nach der Wahl Reagans zum
Stellvertretenden
Verteidigungsminister unter Caspar Weinberger berufen wurde.
1983 wechselte Carlucci in die
Privatwirtschaft über und wurde Präsident von Sears World Trade Inc.,
einer in Washington ansässigen Firma,
die sich mit dem weltweiten Ankauf
und Vertrieb von Rohstoffen und Fertigprodukten beschäftigt. Als Reagan
ihn zum Nationalen Sicherheitsberater
ernannte, war er Aufsichtsratsvorsitzender dieses Unternehmens.
Carlucci
drei Kinder.

ist verheiratet

* * * * *

und

hat

�AMERIKA DIENST
'VON

Information

4

12. November 1987

40

NEUER NATIONALER SICHERHEITSBERATER MIT "ENTSCHLUSSKRAFT"
- Kurzbiographie von Generalleutnant Colin Powell -

WASHINGTON - (AD) - Der von Präsident Reagan am 5. November 1987 zum neuen
Sicherheitsberater ernannte Generalleutnant Colin Powell wird von seinen Kollegen für seinen "scharfen Intellekt" und seine "pragmatische Entschlußkraft"
geschätzt.

Der 50jährige Powell war seit Januar 1987 stellvertretender Berater
des Präsidenten zu Fragen der nationalen Sicherheit und im Nationalen
Sicherheitsrat
(NSC)
direkt
Frank
Carlucci unterstellt, der von Präsident Reagan am 5. November zum neuen
Verteidigungsminister ernannt wurde.

zu, daß Powell und Carlucci bei der
"Umstrukturierung und Leitung des Nationalen Sicherheitsstabes" eng zusammengearbeitet
hätten
und
"mit
Powell an der Spitze des Nationalen
Sicherheitsrates wird ein nahtloser
Übergang geschaffen und das gute Team
bleibt bestehen".

"General Powell hat eine hervorragende Laufbahn im militärischen Bereich sowie auf der höchsten Ebene
unserer Regierung absolviert", sagte
der Präsident bei Bekanntgabe der Ernennung. Präsident Reagan fügte hin-

Vor seiner Tätigkeit beim NSC war
Powell von 1986-1987 Kommandierender
General des 5. Korps der U.S. Army in
der Bundesrepublik Deutschland.
Von
1983-1986 war er der ranghöchste Militärberater
von
Verteidigungsmi-

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Embassy of the United States of America

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�nister Weinberger und brachte sein
Fachwissen und seinen Rat in militärische Operationen wie den Luftangriff
auf Libyen im Jahr 1986 ein.
Powell wird aufgrund seiner langjährigen militärischen Erfahrung im
Gelände als "echter Soldat" angesehen. Er hatte unter anderem in Fort
Leavenworth, Kansas, und Fort Carson,
Colorado, Schlüsselpositionen
inne.
Für eine im Jahr 1963 in Vietnam erlittene Verwundung wurde er mit dem
"Purple Heart" ausgezeichnet.
Powell, der als erster Schwarzer
den höchsten nationalen Sicherheitsposten übernimmt, machte im Jahr 1958
seinen Studienabschluß am City College in New York und wurde damals zum
Leutnannt ernannt. Er durchlief die
Ränge im Heer in rascher Folge. Zusätzlich zum Purple Heart erhielt er
zahlreiche militärische Auszeichnungen wie die Distinguished
Service
Medal und den Bronze Star.

* * * * *

�AMERIKA DIENST
Dokumentation

12. November 1987

40

REAGAN: INF-VERTRAG MÜSS LANGFRISTIG IM INTERESSE DER NATO LIEGEN
- Worldnet-Ansprache des amerikanischen Präsidenten -

WASHINGTON - (AD) - In einer am 4. November 1987 über "Worldnet", den Satellitenfernsehsender des US-Informationsamts, übertragenen Ansprache zu den
gegenwärtigen Verhandlungen über Mittelstreckenwaffen (INF) hat Präsident
Reagan erklärt, jeder Vertrag über Atomwaffen mit der Sowjetunion werde "realistisch sein und langfristig im Interesse aller Mitgliedsstaaten des Bündnisses liegen, ansonsten wird kein Vertrag unterzeichnet". Ein solcher Vertrag
"wird strengste Vorschriften für die effektive Verifizierung enthalten, einschließlich Vor-Ort-Inspektionen von Einrichtungen vor und nach den Reduzierungen sowie kurzfristig anberaumte Inspektionen danach".
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede des Präsidenten im Wortlaut:

Ich grüße Sie.
Ich spreche zu
Ihnen hier aus Washington über die
Satellitenkanäle von "Worldnet" und
"Stimme Amerikas". Dies ist wiederum
ein anschauliches Beispiel für die
dramatischen Auswirkungen der Technologie auf unser Leben.
Die Wissenschaft verkürzt Entfernungen, überwindet Hindernisse und öffnet Grenzen. Heute arbeiten Menschen miteinander in weit voneinander entfernten
Ländern, sie treiben Handel, ja sie
spielen sogar miteinander über diese
Entfernungen.
Wie man es noch vor
einem Jahrhundert kaum für möglich

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Embassy of the United States of America

gehalten hätte, stehen wir im Begriff,
eine
echte
Gemeinschaft
vielleicht sogar eine Familie - freier Menschen zu werden, die verbunden
sind durch menschliche Werte und demokratische
Ideale
und
die
einen
Wohlstand teilen, der eng mit unserem
gemeinsam Handel und unserer Wirtschaftstätigkeit verflochten ist.
In einer früheren Epoche dieses
Jahrhunderts, als Faschismus und Kommunismus auf dem Vormarsch waren,
glaubten manche, das Licht der Demokratie könne ausgelöscht werden.
Es

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Telex: 8-85432

�wurde befürchtet, die Xra der parlamentarischen
Regierungssysteme,
der
politischen
und
wirtschaftlichen
Freiheit, könnte sich als kurzes Zwischenspiel
der Geschichte
erweisen
und genauso verschwinden, wie die
griechische Demokratie und die Römische Republik untergegangen sind.
Nun, ohne die in großspurigen
Truppenaufmärschen
und
politischen
Massenspektakeln zur Schau gestellte
Macht mag unsere Sache außergewöhnlich gefährdet und zerbrechlich erschienen sein.
Heute sollte jedoch
klar sein, daß der Mut und der Elan
freier
Menschen
zu
leicht
unterschätzt werden. Dies gilt ebenso für
unsere Entschlossenheit zur Zusammenarbeit, zur Bestimmung
gemeinsamer
Ziele und zum gemeinsamen Handeln zu
unserer Verteidigung.
Victor Hugo hat einmal geschrieben:
"Die Menschen entbehren nicht
der Stärke; sie entbehren des Willens." Nun, in meinem Leben habe ich
immer wieder Beweise gesehen, die
mich in der Überzeugung bestärkt haben, daß diejenigen, die in Freiheit
leben, ganz bestimmt den Willen haben, selbst unter enormem Druck und
selbst in fast aussichtslosen Situationen frei zu bleiben.
Diejenigen
unter uns, die den Zweiten Weltkrieg
erlebten, haben diesen Willen bei den
Briten
gesehen,
deren
unbeugsamer
Geist selbst unter schwersten Bombardements nicht gebrochen wurde.
Wir
sahen ihn bei den französischen Truppen und der Resistance, die für die
Befreiung ihrer Heimat kämpften, bei
den Soldaten der polnischen Heimatarmee in Warschau, bei den moralischen Helden auf dem gesamten Kontinent, auch in Deutschland selbst,
die oft unter Aufopferung des eigenen
Lebens Widerstand gegen den Nazismus
leisteten.
wir sahen ihn auch bei
denen, die alles riskierten, um Ju- 2

den, oft wildfremde Menschen, vor den
Todeslagern zu retten. Wir sahen ihn
in der Normandie, wo Amerikaner sich
mit Menschen aus ganz Europa vereinten, um den Atlantikwall zu durchbrechen und in das Landesinnere vorzustoßen. Sie vereinigten sich in einem gewaltigen Kreuzzug, um den Kontinent von Hitlers Nationalsozialismus und all den mit ihm verbundenen
Schrecken zu befreien.
Ja, und in den vier Jahrzehnten
seit dem Ende des zweiten Weltkriegs
haben die freien Völker der Welt weiterhin ihren Mut bewiesen und, was
ebenso wichtig ist, wie nie zuvor ihre Solidarität untereinander demonstriert.
Das Nordatlantische Bündnis, ein dauerhafter Triumph der Einheit und Zusammenarbeit freier Völker, hat den Frieden auf dem europäischen Kontinent über vier Jahrzehnte bewahrt.
Es ist ein Schild
der Demokratie und das großartigste
Abschreckungsmittel gegen Kriege in
der Geschichte.
Vier Jahrzehnte Frieden in Europa
sind kein Zufall gewesen. Diejenigen
haben sie verdient, die in Uniform
Wache hielten, und diejenigen von uns
haben sie bezahlt, mit deren Steuern
unsere verbündeten Streitkräfte bemannt, ausgerüstet und mit den konventionellen und atomaren Waffen versorgt werden, die zur Abschreckung
einer Aggression notwendig sind. Wir
alle mußten unser Teil dazu beitragen, sonst hätte es nicht funktioniert.
Aber
es hat funktioniert.
Das Bündnis wurde vorbereitet, um jeder Herausforderung entgegenzutreten.
Die Botschaft an jeden, der den Frieden bedrohen könnte, war schlicht und
direkt:
"Daran dürft ihr nicht einmal denken."
Und als unser Wille auf die Probe
gestellt wurde, haben wir uns als

�Verbündete zusammengefunden, als Menschen, deren Schicksale unlösbar miteinander verknüpft sind, und wir ha.ben als Einheit gehandelt, um der
Herausforderung
zu begegnen.
Dies
war nicht leicht, aber wir haben getan, was notwendig war, um unseren
Ländern die Freiheit zu erhalten und
den Frieden zu bewahren.
Dies gilt
sicherlich für die Reaktion des Bündnisses auf die ungeheure Ausdehnung
der sowjetischen Militärmacht in den
späten siebziger Jahren, insbesondere
die Einführung der neuen SS-20 Mittelstreckenraketen.
Die Sowjets stationierten
ihre
ersten SS-20 im Jahr 1977. Diese mit
drei Gefechtsköpfen ausgerüstete Waffe könnte jeden Punkt in Westeuropa
und einen Großteil Asiens erreichen.
Obwohl die NATO keine vergleichbare
Waffe als Gegenmittel besaß, hatte
sich bis August 1982 die Zahl der sowjetischen INF-Raketen auf über 300
mit über 900 Gefechtsköpfen erhöht.
Was wir damals erlebten, war ein
Versuch, das militärische Kräfteverhältnis in Europa aus dem Gleichgewicht zu bringen und die Sicherheitsbindungen
zwischen Europa und den
Vereinigten Staaten zu untergraben.
Unser Zusammenhalt wurde auf die Probe gestellt, und hätte das Bündnis
nicht entschlossen
gehandelt, dann
wären daraus langfristig ernsthatte
und sogar katastrophale Konsequenzen
entstanden.
Aber wir haben gehandelt. Im Dezember 1979 beschlossen die führenden
Politiker des Westens, "zweigleisig"
vorzugehen:
Erstens würden die Vereinigten
Staaten mit den Sowjets verhandeln,
um sie zu überzeugen, ihre neuen Raketen wieder abzubauen.

Zweitens würde die NATO - solange
die Sowjets ihren Kurs weiterverfolgten und die Stationierung ihrer Raketen aufrechterhielten - in Europa eine begrenzte Anzahl von Pershing II
und bodengestützten Marschflugkörpern
dislozieren. Das Ziel des Bündnisses
waren jedoch weniger Raketen anstatt
mehr.
Unser Plan hing von unerschütterlicher
Solidarität
und
Festigkeit
selbst angesichts immensen Drucks ab,
und
dieser
Druck
wurde
ausgeübt.
Hätten diejenigen, die mit dem Ziel
des Einfrierens der Atomwaffen und
einseitiger Abrüstung protestierten,
die Oberhand gewonnen, so wäre Europa
heute dazu verdammt, im Schatten sowjetischer atomar bewaffneter INF-Raketen zu leben. Es muß der Demokratie zugute gehalten werden, daß der
politische Mut und Weitblick der verantwortlichen europäischen Politiker
obsiegte. Diese Entschlossenheit ermöglichte die Erlangung eines historischen Abkommens - eines Abkommens,
durch das eine gesamte Kategorie amerikanischer und sowjetischer INF-Systeme von der Erde verbannt wird.
Das bevorstehende Abkommen basiert auf dem Vorschlag, den die Vereinigten Staaten in Abstimmung mit
den Spitzenpolitikern der Verbündeten
im Jahr 1981 vorgelegt haben - der
"Null-Lösung".
Der Planung zufolge
sollen die Sowjets viermal soviele
Gefechtsköpfe beseitigen wie die Vereinigten Staaten. Nicht nur das gesamte Arsenal sowjetischer
Raketen
der Typen SS-20 und SS-4 wird vernichtet, sondern auch die SS-12 und
SS-23 Kurzstreckenraketen.
Das wird
die erste beiderseitige Reduzierung
von Nukleararsenalen in der Geschichte der Welt sein.
Darüber
schaffenden

- 3 -

hinaus können die abzusowjetischen
Kurzstrek-

�kenraketen nicht nur nukleare, sondern auch chemische und konventionelle Gefechtsköpfe tragen.
So machen
wir im Hinblick auf den Abbau dieser
Bedrohung Europas einen vielversprechenden Anfang.
Solche Errungenschaften sind weder das Ergebnis von Wunschdenken
noch werden sie durch laute Xußerung
des Verlangens nach Frieden wahrscheinlicher.
Anhaltender
Fortschritt entsteht aus nüchternem Realismus, energischen Anstrengungen und
Prinzipientreue. Ich kann Ihnen versichern, daß jeder von mir unterzeichnete Vertrag entweder realistisch sein und im langfristigen Interesse aller Mitglieder des Bündnisses
liegen wird, oder es wird überhaupt
kein Abkommen unterzeichnet.
Zum Beispiel hat die Sowjetunion
ein langes Register der Nicht-Einhaltung
bisheriger
Rüstungskontrollabkommen.
Somit wird jeder neue Vertrag unanfechtbare Bestimmungen für
eine wirksame Verifizierung enthalten, einschließlich
Vor-Ort-Inspektionen der Einrichtungen vor und während der Reduzierungen und kurzfristige Inspektionen im Anschluß daran.
Die von uns vorgelegten Verifizierungsmaßnahmen
sind die einschneidensten in der Geschichte der Rüstungskontrollverhandlungen.
Niemar
von uns im Bündnis darf sich mit weniger zufriedengeben.
Rüstungskontrolle - wenn sie mit
Sorgfalt, zur Sicherstellung der anhaltenden Glaubwürdigkeit unserer Abschreckung, sowohl auf nuklearer als
auch auf konventioneller Ebene durchgeführt wird - liegt im Interesse aller westlichen Länder.
Und jedes
INF-Abkommen sollte nicht als Ende
eines Prozesses, sondern als dessen
Beginn, als erster großer Schritt,
betrachtet werden.

Wir haben mit den Sowjets über
mögliche Reduzierungen der Arsenale
unserer strategischen Waffen verhandelt, denen wir höchste Priorität
beimessen. Es ist wiederum ein amerikanischer Vorschlag, der das Kernstück der Verhandlungen bildet - ein
ernsthaftes Angebot zur Reduzierung
der Arsenale
unserer
strategischen
Waffen um die Hälfte.
Erhebliche
Fortschritte sind erzielt worden, und
eine weitere Bewegung ist zu erwarten, wenn seitens der Sowjets Fexibilität erkennbar ist.
Völlig unannehmbar ist jedoch die
sowjetische Taktik, diesen Abbau der
Offensivwaffen
als
Faustpfand
für
Maßnahmen
einzusetzen,
die
unsere
Strategische
Verteidigungsinitiative
zunichte machen.
Wir wollen nicht
ohne jegliche Gegenleistung auf SDI
verzichten, das Hoffnung auf eine
sicherere Welt bietet, in der beide
Seiten stärker auf ihre Verteidigung
- die niemanden bedroht - vertrauen
als
auf
Offensivstreitkräfte.
Es
sollte unserer Aufmerksamkeit nicht
entgangen
sein,
daß
die
Sowjets
selbst Milliarden in ein eigenes Programm zur strategischen Verteidigung
investiert haben.
In jüngster Zeit war viel über
Reformen zu vernehmen, die jetzt in
der
Sowjetunion
eingeführt
worden
sind.
Man sagt, Glasnost habe eine
neue
Sra
eingeleitet.
Wer
würde
nicht hoffen wollen, daß diese Berichte der Wahrheit entsprechen und
der Optimismus gerechtfertigt
ist?
Ein wacher Verstand gebietet uns jedoch, daß wir bei der Entscheidung
darüber, was Wirklichkeit oder Illusion ist, nach greifbaren Verhaltensänderungen - nach Taten, nicht nach
Worten - Ausschau halten.
Wir werden zum Beispiel die Menschenrechtslage
in der
Sowjetunion

�eingehend
beobachten.
Es ist nur
schwer vorstellbar, daß man einer Regierung, die Freiheit im eigenen Land
weiterhin unterdrückt und das Vertrauen
ihres
eigenen
Volkes
mißbraucht, trauen kann, wenn es darum
geht, Abkommen mit anderen einzuhalten.
In diesem Jahr wurde es in der
Tat einigen sehr prominenten Persönlichkeiten gestattet, die Sowjetunion
zu verlassen.
Das ist eine bessere
Bilanz als die vergangenen Jahre,
dennoch gibt es immer noch viele weitere Fälle von Auswanderungswilligen
oder geteilten
Familien.
Und wir
sollten uns vor Augen führen, daß eine Verweigerung des Rechts auf Auswanderung nur einen geringen Teil der
Probleme im repressiven sowjetischen
System
ausmacht.
Ein
Zugeständnis
der Rede-, Religions- und Pressefreiheit, die Freilassung aller Gefangenen aus Gewissensgründen und eine Beendigung der Praxis, geistig völlig
gesunde
politische
Dissidenten
in
psychiatrische Kliniken einzuweisen,
ferner die Zulassung einer wahren Opposition und Freiheit der politischen
Wahl: diese Dinge - die wir alle als
selbstverständlich betrachten - würden das Zeichen setzen, daß ein wahrer Wendepunkt erreicht worden ist
und auch auf internationaler Ebene
Hoffnung auf einen positiven Wan lel
wecken.
Wenn es eine Beobachtung
gibt, die in der heutigen Welt Bedeutung hat, dann, daß Frieden und Freiheit Hand in Hand gehen. Je mehr die
sowjetische Führung ihr System öffnet
und ihr Volk befreit, umso wahrscheinlicher wird es, daß die Spannnungen zwischen Ost und West abnehmen.
Wenn wir uns das vor Augen führen, hoffen wir auch, in der sowjetischen
Außenpolitik
Veränderungen
wahrnehmen zu können. Mit der Besetzung Afghanistans haben sich die So-

wjets ganz klar in eine höchst prekäre Situation manövriert. Das afghanische Volk hat sich als das tapferste überhaupt erwiesen. Es kann sich
bei seinem Kampf um Unabhängigkeit
der Sympathie und Unterstützung aller
freien
Nationen
weiterhin
sicher
sein.
Die sowjetische Führung kann
die Anerkennung aller Menschen guten
Willens auf der Welt dadurch gewinnen, daß sie ihr Land aus einer Situation befreit, in der sie nicht gewinnen können, indem sie ihre Kampfhubschrauber am Boden lassen, sofort
ihre Truppen abziehen und es dem afghanischen Volk gestatten, sein eigenes Schicksal zu wählen. Solche Maßnahmen würden nicht als Rückzug, sondern als ein mutiger und positiver
Schritt gewertet.
Ein weiteres Zeichen - näher bei
Ihnen zu Hause und auf Ihrer Seite
des Atlantiks - wäre eine Lockerung
des sowjetischen Zugriffs auf Osteuropa. Warum sollten die Völker Europas wie jetzt mit Stacheldraht, Wachtürmen und Maschinengewehren geteilt
bleiben?
Warum sollten nicht alle
Europäer frei reisen, sich gegenseitig besuchen oder miteinander in Geschäftsbeziehungen
treten
dürfen?
Sollte
nicht die
Breschnew-Doktrin
letztlich aufgegeben werden?
Warum
sollten, vier Jahrzehnte nach dem
Krieg, noch 17 Millionen Deutsche wie
Gefangene in ihrem eigenen Land behandelt werden?
Eine wirkliche Öffnung und Anerkennung ihrer souveränen
Unabhängigkeit würde von allen Völkern Ost- und Mitteleuropas begrüßt
und keineswegs die Sicherheit der Sowjetunion oder eines anderen Landes
bedrohen.
Vor einigen Monaten habe ich Berlin
besucht.
Ich
stand
an
der
furchtbaren Mauer, die so mächtig die
Narbe symbolisiert, die den europäischen Kontinent teilt.
Es ist an

- 5 -

�der Zeit, daß diese Wunde heilt und
diese Narbe verschwindet.
wäre das
keine wunderbare Aussicht für die
Welt, wenn sich eines Tages Herr
Gorbatschow und ich in Berlin treffen
und gemeinsam die ersten Steine dieser Mauer abtragen könnten - und wir
könnten weitere Mauern einreißen, bis
das Mißtrauen zwischen unseren Völkern und die Narben der Vergangenheit
vergessen sind.
Vor einigen Monaten habe ich mir
den mutigen Kampf vor 40 Jahren ins
Gedächtnis zurückgerufen, mit dem der
europäische Kontinent befreit wurde.
Wir müssen zugeben, daß die Völker
der Sowjetunion in diesem heldenhaften Kampf tapfer gefochten und so immense Opfer gebracht haben, um den
gemeinsamen Feind zu besiegen. Nach
dem Krieg wurden wir zu Gegnern und
manchmal sogar erbitterten Feinden.
Das hätte nicht geschehen müssen unc
braucht nicht weiter so zu bleiben.
Jede Doktrin, die lehrt, oder jeder
Politiker, der behauptet, die Geschichte ginge ihren vorgezeichneten
Weg und Konflikte zwischen Völkern
und
Systemen seien
unausweichlich,
hat unrecht.
wir unterliegen nicht
etwa Kräften, die sich außerhalb unserer Kontrolle befinden. Wir, alle
Menschen in jedem Land, können die
Welt, in der wir leben, gestalten und
die Zukunft bestimmen.
Wir in d&lt; i
westlichen
Demokratien
haben gene )
das getan. Gemeinsam haben wir einen
freieren und wohlhabenderen Lebensstil und eine Gemeinschaft
freier
Menschen geschaffen. Ich bin sicher,
daß Sie mir zustimmen - die Tür steht
all denen offen, die den Weg mit uns
zusammen gehen wollen.
Der
deutsche
Dichter
Heinrich
Heine hat geschrieben, "Macht Euch
nicht über unsere Träumer lustig...
Ihre Worte werden als Samen der Freiheit aufgehen". Heute scheint unsere

Vision nicht nur einer friedlicheren
Welt, sondern einer Welt, in der demokratische Rechte in jedem Land genossen werden, noch mehr in den Mittelpunkt und fast in greifbare Nähe
gerückt zu sein. Wir werden weiterhin danach Ausschau halten und Hoffnungen
hegen, dennoch
müssen
wir
wachsam sein.
Stärke und Lebensfähigkeit des Bündnisses bleiben wesentliche Faktoren, auch wenn ein Abkommen zwischen den Vereinigten Staaten und der Sowjetunion neue Chancen
für den Frieden eröffnet. Genau diese von der NATO demonstrierte Stärke
ist eine Voraussetzung für einen solchen Fortschritt. Schwäche, Verwundbarkeit und Wunschdenken können zunichte machen, was durch Entschlossenheit erreicht worden ist.
Dennoch kann dies eine Zeit tiefgreifenden Wandels sein. Wie Ihnen
sicherlich bekannt sein wird, hat Generalsekretär Gorbatschow meine Einladung angenommen, Anfang Dezember zu
einem Gipfeltreffen nach Washington
zu kommen. wir werden dann persönlich das breite Spektrum der Themenkomplexe erörtern, von denen ich heute zu ihnen gesprochen habe. In der
Tat erwarte ich, daß wir im Verlauf
unserer
Besprechungen das Abkommen
über
amerikanische und
sowjetische
INF-Raketen unterzeichnen werden.
Unsererseits
bleibt
die
Verpflichtung
der Vereinigten
Staaten
gegenüber dem Bündnis und der Sicherheit Europas uneingeschränkt bestehen
- unabhängig davon, ob wir ein INFAbkommen
unterzeichnen oder nicht.
Mehr als 300 000 amerikanische Soldaten bei Ihnen auf dem Kontinent sowie
unsere unerschütterliche Garantie der
nuklearen
Abschreckung
untermauern
dieses
Gelöbnis.
Diejenigen,
die
voll Sorge darüber
sind, daß wir
vielleicht
davon abweichen
könnten
oder die Abschreckung geschwächt wür-

�de, haben in beiden Punkten unrecht.
Durch diesen Erfolg werden unsere
Bande eher gestärkt denn geschwächt.
Solch ein historischer Abbau von Nuklearwaffen, wie er jetzt in unmittelbare Nähe gerückt zu sein scheint,
wird greifbarer Widerhall der Einheit, Stärke und Entschlossenheit des
Bündnisses sein.
Was unsere Fähigkeit zur Wahrung
des Friedens anbetrifft, wird die
NATO-Strategie der flexiblen Reaktion
weiterhin gewährleisten, daß Aggressionen auf jeder Ebene unterbunden
werden.
Eine auf Nuklearwaffen unterschiedlichster Kategorie gegründete wirksame Abschreckung, bis hin zu
landgestützten und Trägersystemen auf
Flugzeugen und Unterseebooten, dient
immer noch dem Schutz Europas und
bleibt dort stationiert.
Und wir
sind mit unseren Verbündeten übereingekommen, daß Fortschritte im Kräfteverhältnis bei den chemischen und
konventionellen
Streitkräften
vor
jeglichem
weiteren Abbau
nuklearer
Streitkräfte
in Europa
stattfinden
müssen.

,

»

Das Bündnis hatte bereits seit
einiger Zeit ein Modernisierungsprogramm für unsere Streitkräfte in die
Wege geleitet, so daß eine glaubwürdige Abschreckung
langfristig ai!'rechterhalten werden kann. Aus diesem
Grund
konzentrieren
sich
die
wichtigsten Initiativen auf die Verbesserung der konventionellen Stärke
der NATO. Und nachdem 18 Jahre lang
einseitig
von jeglicher
Produktion
chemischer
Waffen Abstand
genommen
wurde, werden bei unseren bescheidenen chemischen Waffenbeständen jetzt
Fortschritte
erzielt.
Die Sowjetunion besitzt allerdings das bei weitem umfassendste Arsenal chemischer
Waffen der Welt.

Aber ebenso wie wir bei den INFVerhandlungen vorgehen, versuchen wir
auch im chemischen und konventionellen Bereich die Diskrepanzen, mit denen wir uns konfrontiert sehen, auf
dem
Verhandlungswege
zu
beheben.
Tatsächlich
haben
die
Vereinigten
Staaten mit Unterstützung der Verbündeten im Jahr 1984 ein durchgreifendes Verbot chemischer Waffen vorgeschlagen.
Im Hinblick auf die konventionellen Streitkräfte ist das Bündnis bereit - sofern der Osten uns auf halbem Wege entgegenkommt - mit gegenseitigen und ausgewogenen Truppenreduzierungen, den sogenannten
MBFR,
einen Truppenabbau
in Mitteleuropa
vorzunehmen.
Gleichzeitig wird
in
Wien ein Abkommen zwischen Ost und
West angestrebt, das erneute Verhandlungen über konventionelle Stabilität
vom Atlantischen Ozean bis zum Ural
zwingend erforderlich macht.
Wie Sie sehen können, ist unsere
gemeinsame Tagensordnung im Sicherheitsbereich breitgefächert und ehrgeizig. Ein INF-Abkommen ist ein bedeutender erster Schritt, jedoch nur
der erste, in Richtung auf unser umfassenderes Ziel.
Es darf kein Zweifel daran bestehen, daß die Bürger der Vereinigten
Staaten voll und ganz verstehen und
zu würdigen wissen, daß wir in der
Sache des Friedens Partner mit Ihnen,
den Völkern der uns verbundenen westlichen Demokratien, sind. Aus diesem
Grund
begrüßen
wir
die
jüngsten
Schritte, die wir als neue Bereitschaft, ja sogar als gewissen Eifer
unter
einigen unserer
europäischen
Verbündeten
betrachten, im Bereich
der europäischen Verteidigung die Kooperation und Koordinierung untereinander zu intensivieren. Die wachsende Kooperation
zwischen
Frankreich

�und der Bundesrepublik
Deutschland
ist ein positives Zeichen, ebenso wie
die Modernisierung der unabhängigen
nuklearen
Abschreckung
in
Großbritannien und Frankreich, die beide
lebenswichtige Bestandtile des westlichen Sicherheitssystems sind.
In
der vergangenen Woche haben die Aussen- und
Verteidigungsminister
der
Westeuropäischen
Union eine beeindruckende
Erklärung
veröffentlicht.
In ihr wurde erneut die Bedeutung der
Aufrechterhaltung
unserer
nuklearen
und konventionellen Abschreckung bekräftigt und eine positive westeuropäische Identität für den Bereich der
Verteidigung
im Rahmen des Atlantischen
Bündnisses bestätigt.
wir
begrüßen diese Entwicklungen.
Im Verlauf der vergangenen vier
Jahrzehnte
wurden
die
Vereinigten
Staaten allzu häufig als überlegener
Partner im Bündnis gesehen.
Heute,
da die Wirtschaftsmacht Westeuropas
mit der der Vereinigten Staaten absolut vergleichbar ist, ist schon seit
langem die Zeit gekommen, in der wir
uns
selbst
als
gleichberechtigte
Partner
einschätzen.
Und
eine
gleichberechtigte Partnerschaft sollte unsere Bindungen nicht schwächen,
sondern stärken.
Sie sollte unsere
Möglichkeiten nicht begrenzen, sondern erweitern.
In den vergangenen vier Jahrzehn ten waren die Menschen in den Vereinigten Staaten und Europa die Antriebskraft für Fortschritt und Freiheit auf diesem Erdball. Und in einigen
wenigen
Jahren,
wenn
die
Menschheit buchstäblich in ein neues
Jahrtausend eintritt, werden wir den
Grundstein für eine Zukunft in Wohlstand und Freiheit gelegt haben. Die
Prophezeiungen
derjenigen
Zweifler
und Despoten haben sich als falsch
erwiesen
- und
zwar
als
absolut
falsch -, die in frühen Epochen die-

ses Jahrhunderts dachten, Demokratie
würde bald ausgestorben sein.
Wir
haben sichergestellt, daß es in den
vor uns liegenden Jahrhunderten die
freien Menschen sein werden, die die
Geschicke der Menschheit lenken werden, und lassen Sie mich prophezeien, daß eines Tages Freiheit und Gerechtigkeit diesen Planeten beherrschen werden. Freiheit ist nicht nur
das Geburtsrecht einiger weniger, sie
ist das von Gott gegebene Recht aller
seiner Kinder in jedem Land.
Sie
läßt sich nicht erzwingen.
Es wird
Freiheit geben, weil die Freiheit das
einzig wahre ist und weil Freiheit
funktioniert.
Es wird Freiheit geben, weil Kooperation und guter Wille
unter den freien Menschen obsiegen
werden.
Vor einigen Jahren vernahm ich
die Geschichte eines älteren Ehepaares - Natalia und Nels Mortensen das in der kleinen Stadt Marstal auf
der Insel Aerö in Dänemark lebt. In
den letzten 40 Jahren haben sie das
Grab eines jungen Mannes gepflegt,
den sie nie kennengelernt haben. Sie
jäten das Unkraut und pflanzen Blumen
und immer weht eine kleine amerikanische Fahne. Wenn sie verschlissen
ist, wird sie durch eine neue ersetzt.
Sie wachen über die letzte Ruhestätte des Feldwebels der amerikanischen Luftwaffe Jack Wagner, der
den Tod fand, als sein Flugzeug am
20. Juni 1944 in der Nähe von Aero
abgeschossen wurde, das damals besetztes Gebiet war.
Jack Wagners
Körper wurde einige Tage später ans
Ufer gespült, und die Nachricht darüber verbreitete sich wie ein Lauffeuer in der kleinen Gemeinde.
Als
die Besatzungstruppen der Nationalsozialisten den jungen Amerikaner beerdigen wollten, sahen sie, daß nahezu
die ganze 2 000 Einwohner zählende
Gemeinde sich seit den frühen Morgen-

�stunden an seinem Grab versammelt
hatte, um dem jungen Piloten ihre
letzte Ehre zu erweisen. Der Weg war
von Blumen gesäumt.
Und als die
Truppen den jungen Jack Wagner seiner
Ruhestätte übergaben, hielt die Bevölkerung einen Trauergottesdienst ab
und legte rote, weiße und blaue Blumen auf sein Grab, zusammen mit einer
Schleife, auf der zu lesen stand:
"Wir danken Dir für das, was Du getan
hast."
Jack war ein 19 Jahre alter Amerikaner aus snyder County in Pennsylvania. Die dänischen Einwohner hatten ihn nie persönlich kennengelernt,
aber sie wußten, daß dieser junge
Mann sein Leben für sie gelassen hatte.
Er war genug um das Schicksal
anderer Menschen besorgt, denen er
niemals begegnet war, um das höchste
Opfer für ihre Freiheit zu erbringen.
Die Mortensens haben das nie vergessen. Sie kümmern sich immer noch um
sein Grab, als sei er ein Familienmitglied gewesen.
und in gewisser
Weise war er das. Ebenso wie wir alle Teil der Familie freier Menschen
sind.
Viele junge Menschen aus all unseren Ländern haben ihr Leben zur
Wahrung der Freiheit gelassen, die
wir heute genießen.
Viele unserer
Kinder
leisten noch ihren Die r ?t.
Sie stehen gemeinsam an den Bastionen
der Freiheit. Wir sorgen uns um jeden einzelnen von ihnen, als sei er
oder sie unser eigen Fleisch und
Blut.
Laßt uns soviel Mut aufbringen, wie sie aufbringen; laßt uns von
eben dem Stolz erfüllt sein, von dem
sie erfüllt sind.
Ich danke Ihnen, daß sie
Augenblick mit mir gemeinsam
haben. Gott schütze Sie.

diesen
erlebt

* * * * *

- 9 -

�AMERIKA DIENST
VON

^

Wissenschaft und Technik
12. November 1987

40

UN-RESOLUTION:

GEMEINSAM GEGEN AIDS

Offenheit, tatkräftige Programme, Zusammenarbeit
Politiker sind gefordert -

Experten und

WASHINGTON - (AD) - Eine "historische Resolution" nannte Charles Redman,
Sprecher des amerikanischen Außenministeriums, den Beschluß der Vollversammlung der Vereinten Nationen vom 26. Oktober 1987, weltweit alles zu tun, um
die Immunschwächekrankheit AIDS zu bekämpfen und geeignete Vorbeugungsmaßnahmen durchzusetzen.
Staaten aller politischen Systeme hätten sich bereit erklärt, das AIDS-Sonderprogramm der Weltgesundheitsorganisation (WHO), einer
Organisation der Vereinten Nationen, nach Kräften zu unterstützen.

WHO-Generaldirektor Dr. Halfdan
Mahler verwies darauf, daß der Kampf
gegen AIDS und mit AIDS in Zusammenhang stehende Probleme "sowohl von
jeder einzelnen Regierung als auch
von der internationalen Gemeinschaft
vordringlich behandelt werden muß...
AIDS ist nicht nur eine Krankheit,
ein medizinischer Zustand, ein Gesundheitsproblem.
AIDS ist eine Bedrohung für die soziale und wirtschaftliche Entwicklung, für Menschen
in der produktivsten Phase ihres Lebens, für Familien und das Leben in
der Familie, für Mütter und ihre Kin-

United States Information Service
Embassy of the United States of America

der - für ganze Kulturen und Bevölkerungsgruppen".
Im
November
1986
hatten
Dr.
Mahler und Dr. Jonathan Mann, der Direktor des AIDS-Sonderprogramms der
WHO, eine weltweite Kampagne zur Förderung von Information und Zusammenarbeit eröffnet.
Als ein wichtiges
erstes Ergebnis sei, so Dr. Mahler,
die Bereitschaft von bisher 91 Ländern (40 in Afrika, 30 im Mittleren
Osten, in Asien und Ozeanien, 15 in
Nord- und Südamerika und sechs in Europa) zu werten, mit der WHO bei der

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.: 0228-339 2035
Telex: 8-85432

�Einrichtung, Verbesserung und straffung nationaler Programme zusammenzuarbeiten.
Insgesamt 149 Länder verfügten nunmehr über nationale AIDSKomitees. An der offiziellen Meldung
von AIDS-Fällen an die WHO beteiligen
sich inzwischen 126 Länder (Stand vom
21. Oktober 1987: 62 445 Fälle weltweit). Auf Betreiben der WHO wird in
nächster
Zeit eine
"Weltkommission
für AIDS" gebildet, der Wissenschaftler, Politiker, Pädagogen, Sozialwissenschaftler sowie Vertreter der verschiedenen Fachgebiete der sozialen
Berufe und der Medien angehören sollten, "um alles zu beobachten und zu
überwachen, was auf internationaler
Ebene in bezug auf AIDS vor sich
geht".
Epidemiologen, Laborfachleute, Experten für Planung sowie für
Informations- und Fortbildungsprojekte haben sich bisher in 250 Arbeitseinsätzen mit den Problemen in einzelnen
Regionen
befaßt.
Die
WHO
richtete eine Virusbank ein, über die
internationale Wissenschaftler im Interesse der Forschung Studienmaterial
und Proben austauschen können.

ben, in Krankenhäusern, Schulen, im
öffentlichen Dienst und in vielen anderen wichtigen Bereichen tätig seien.
Die Inlandsmärkte der Entwicklungsländer, aber auch ihre Arbeitsmärkte erlitten Einbußen, was u.a. zu
einem Rückgang von Investitionen aus
dem Ausland
führen könne.
Kinder
fallen der Seuche zum Opfer, Zukunftshoffnungen
werden
zunichte.
Mühsam errungene Erfolge der WHO und
anderer Organisationen in der Eindämmung
der Kindersterblichkeit
seien
gefährdet, sagte Kopp. Darüber hinaus reduzierten die Aufwendungen für
AIDS zwangsläufig Gelder und Personal
für andere Programme im Gesundheitsund Erziehungswesen, aber auch für
Programme auf vielen anderen Gebieten.
Projekte
der
Auslandshilfe
durch internationale Banken und Industrieländer seien, so werde befürchtet, in der Durchführung nicht mehr
gesichert.

Dr. C. Everett Koop, ranghöchster
Arzt der Vereinigten Staaten ("Surgeon General"), gab in seiner Ansprache vor der Vollversammlung der Vereinten Nationen zu bedenken, daß AIDS
eine Gefahr für die Gesellschaft als
Ganzes, nicht nur für eine oder mehrere abgrenzbare Gruppen darstelle.
Aus diesem Grund seien alle verfügbaren Informationen offenzulegen, damit
sie erfolgreich als Arbeitsbasis genutzt werden könnten.

Aber auch in den Industrieländern
zeichneten sich, wie Dr. Koop unterstrich, schlimme Konsequenzen ab. So
wurden in den USA bislang 43 000
AIDS-Fälle
gemeldet,
25 000
AIDSKranke verstarben.
Man befürchte,
daß
schätzungsweise
1,5
Millionen
Amerikaner
infiziert
seien.
Sie
könnten
das HIV-Virus weitergeben,
ohne selbst Krankheitssymptome zu haben. Nach den gegenwärtigen Erkenntnissen sei zu erwarten, daß bei 30
bis 50 Prozent der Virusträger innerhalb von sieben Jahren nach der Infektion die Krankheit zum Ausbruch
komme.

Für die Entwicklungsländer wirke
sich die AIDS-Seuche noch katastrophaler aus als für die Industrieländer.
Denn sie treffe Menschen im
besten Alter, die normalerweise für
die Kinder, die Alten, die Kranken
sorgten, die in ihrem Lande in der
Landwirtschaft,
in
Industriebetrie-

AIDS
verursache
"astronomische
Kosten", sagte Dr. Koop. Die Behandlung eines einzigen Patienten könne
50 000 Dollar
und mehr erfordern.
"Wir schätzen, daß bis 1991 die Therapiekosten für AIDS allein in den
USA acht bis 16 Milliarden Dollar pro
Jahr erreichen". Wohl gebe es bemer-

- 2

�kenswerte Fortschritte in der Forschung - man habe in sechs Jahren
über AIDS mehr gelernt als in 40 Jahren über Poliomyelitis (spinale Kinderlähmung) oder in noch längerer
Zeit über Keuchhusten. Aber die Wissenschaft könne keine Wunder vollbringen. Und selbst wenn es gelänge,
einen Impfstoff zu entwickeln, dauere
es wegen der langen Inkubationszeit
Jahre, bis man definitiv sagen könne,
ob er wirksam sei oder nicht.
Deshalb müsse man mit gleicher
Intensität auch andere Aufgaben anpacken, die im AIDS-Umfeld gestellt
sind.
Eine davon sei sogar schon in
kurzer Zeit zu lösen - nämlich die
Gewährleistung HIV-freier Blutkonserven.
"Könnten wir dies, wenn alle
zusammenarbeiten,
bis
etwa
1991
schaffen?",
fragte
Dr. Koop fordernd...
"Die Technologie und die
Mittel dafür haben wir."

Neue Forschungsergebnisse
Seit der Einführung von Bluttests
zum Nachweis von HIV-fnfektionen im
Jahr 1985 ist in den Vereinigten
Staaten die Gefahr einer AIDS-Infektion durch Spenderblut drastisch zurückgegangen. Dennoch kann unter Umständen
ein
Virusträger
unerkannt
bleiben.
Wie Dr. Gerald
Sand" r,
(Präsidium des Amerikanischen Rc en
Kreuzes) erklärte, könne dies vielleicht bei einem unter 10 000 Blutspendern der Fall sein.
Unbekannt ist nach wie vor, bei
welcher Virenkonzentration mit einer
Infektion zu rechnen ist.
Wissenschaftler des amerikanischen Nationalen
Krebsforschungsinstituts
(NCI)
halten jedenfalls bei Spenderblut die
Anwendung neuer Tests für erforderlich, die bereits eine Antigen-Produktion als frühen Hinweis auf be-

stimmte Proteine aus dem AIDS-Virus
erkennen lassen. Die Forscher fanden
mit solchen Tests in einer Studie an
Homosexuellen Zeitdifferenzen bis zu
14 Monaten zwischen einer ersten positiven Reaktion, d.h. Bildung von
Antigenen, und dem späteren Nachweis
der Bildung von Antikörpern gegen die
AIDS-Viren.
Für den letztgenannten
Prozeß hatte man bisher eine Latenzzeit von nur drei bis 12 Wochen angenommen. Die neuen Antigen-Tests sind
allerdings
komplizierter
und kostspieliger als die Bluttests auf Antikörper. Leider sagen auch sie nichts
darüber aus, wie groß die Wahrscheinlichkeit
ist, daß eine
infizierte
Person AIDS überträgt, oder ab welcher
Antigen-Konzentration
im Blut
mit einer Weitergabe der Infektion
gerechnet werden muß.
Unterschiede in der Inkubationszeit, d.h. der Zeit von der Infektion
bis zum ersten Auftreten von Krankheitssymptomen, entdeckte eine amerikanische Forschergruppe von der Universität Georgia (Athens, Georgia) in
Zusammenarbeit mit englischen Kollegen. Während diese Periode bei Kindern bis zum vierten Lebensjahr im
Durchschnitt nur knapp zwei Jahre betrug und auch bei Personen über 60 vermutlich u.a. beeinflußt von deren
gesundheitlichem Gesamtzustand - wenig länger war, zeigten sich bei den
übrigen Altersgruppen auffallende Unterschiede
zwischen den Geschlechtern:
Männliche Personen erkrankten
nach etwa fünf bis sechs Jahren,
weibliche Personen dagegen erst nach
ca. neun Jahren. Worauf diese unterschiedliche Inkubationszeiten zurückgehen könnten, wird gegenwärtig untersucht .
Bei der Durchführung verschiedener anderer Studien in Kliniken von
New York, Florida und Kalifornien
fiel auf, daß Frauen der Krankheit

- 3 -

�nach ihrem massiven Ausbruch offenbar
früher erliegen als Männer. Während
bei letzteren eine durchschnittliche
Uberlebenszeit von 12 bis 14 Monaten
ermittelt wurde, betrug diese bei
Frauen nur knapp sieben Monate. Hier
könnte allerdings der Umstand eine
Rolle spielen, daß weibliche Patienten meist aus der Drogenszene kamen,
ihre körperliche Widerstandsfähigkeit
schon seit längerer Zeit beeinträchtigt war, und daß die Mehrzahl erst
sehr spät einen Arzt aufsuchte. Einer Erhebung des Gesundheitsamtes der
Stadt New York zufolge starben dort
seit 1982 mehr Personen aus der Gruppe der Fixer an AIDS (53 Prozent) als
aus der Gruppe der homo- und bisexuellen Männer (38 Prozent).
inzwischen liegen auch Beobachtungen über die längerfristige Wirkung
des
Medikaments
"Retrovir"
(AZT-Azidothymidin) vor. Wie Mediziner der Universität Miami berichten,
setzten gegen Ende des ersten Behandlungsjahres
nach
anfänglicher
Gewichtszunahme
und Verbesserung der
Immunlage bei den mei-ten Patienten
erneut Gewichtsverlust und Ausbreitung
opportunistischer
Infektionen
ein. Bei fast 70 Prozent mußte wegen
schwerer Nebenwirkungen, insbesondere
Anämie, die eigentlich notwendig Dosis reduziert werden. Zur Bekämpfung
einer der häufigsten Begleiterkr. kungen, der parasitären Lungenentzi•*•düng "Pneumocystis carinii", erproben
gegenwärtig Wissenschaftler der Universität Kalifornien (San Francisco)
und
des
Sloan-Kettering-Krebsforschungszentrums in New York eine Behandlung mit dem Präparat "Pentamidinisothionat" in Aerosolform.
Die
Toxizität wird durch diese ARt der
Applikation verringert, die Wirksamkeit gegen die Infektion erhöht.

Pflege
Amerikanische Gesundheitsexperten
beklagen einen schwerwiegenden Mangel
an Einrichtungen
zur Pflege AIDSKranker. Auch gebe es zu wenig Fachpersonal für Diagnose, Therapie und
Beratung von Personen mit AIDS. Die
medizinischen
Hochschulen
sollten
mehr
Ausbildungsmöglichkeiten
für
Xrzte, Zahnärzte, Krankenschwestern,
andere Assistenzberufe und Sozialarbeiter
schaffen, damit AIDS-Kranke
und ihre Familien besser betreut werden können.
Und gerade im Hinblick
auf AIDS sollte dem Drogenproblem
noch mehr Aufmerksamkeit zugewendet
werden, als dies bisher schon der
Fall sei. Dies gelte vor allem für
jene Gruppe von Drogenabhängigen, die
sich Rauschgifte intravenös spritzen.
Dr. C. Everett Koop äußerte sich
besorgt über Berichte, daß sich hier
und dort Xrzte, Schwestern oder anderes im Gesundheitswesen tätiges Personal weigere, sich mit AIDS-Patienten oder Personen, die ihrer Ansicht
nach
AIDS-infiziert
sein
könnten,
überhaupt zu befassen.
"Dieses Verhalten
einer
fehlinformierten
und
ängstlichen Minderheit könnte das Gefüge der traditionellen, auf den hippokratischen Eid gegründeten Medizin
zerstören", sagte Koop.
"So etwas
dürfen wir nicht geschehen lassen.
Wir dürfen uns nicht von jenen abwenden, die unsere Hilfe brauchen. Genau so wichtig ist es, daß wir selbst
die Hoffnung nicht aufgeben oder unsere Länder und deren Volkswirtschaften dem Wüten dieser Pandemie einfach
überlassen.
Sicherlich gibt es Menschen, die wir nicht retten können.
Aber ich bin überzeugt, daß unsere
wissenschaftlichen
Anstrengungen
im
Verein mit Sachkenntnis und Erziehung
zu richtigem Verhalten dieser schrekklichen Krankheit schließlich 'Einhalt' gebieten werden."
* * * * * *

�AMERIKA DIENST
Wissenschaft und Technik

12. November 1987

40

NASA-STARTTERMINE BIS 1995
- Bemannte und unbemannte Missionen für Forschung, Verteidigung und
Wetterbeobachtung -

WASHINGTON - (AD) - In einem offiziellen Manifest gab die amerikanische
Behörde für Luft- und Raumfahrt (NASA) am 22. Oktober 1987 ihr Programm für
bemannte und unbemannte Missionen für die nächsten Jahre bekannt. Demnach ist
der erste Start des Raumtransporters DISCOVERY, mit dem nach dem CHALLENGERUnglück vom Januar 1986 der bemannte Raumflug wiederaufgenommen werden soll,
für den 26. Juni 1988 vorgesehen. Die vier Astronauten an Bord werden u.a.
die Aufgabe haben, einen TDRS-Satelliten der NASA, der wichtige Funktionen für
Bahnbeobachtungen und Datenübermittlung erfüllt, im Orbit abzusetzen. Noch im
gleichen Jahr sollen zwei, 1989 und 1990 insgesamt sieben militärische Nutzlasten mit Raumtransportern in den Weltraum gebracht werden.

Für 1989 sind vier seit langem
vorbereitete
wissenschaftliche
Missionen
in
Verbindung
mit
"Space
Shuttle"-Einsätzen geplant.
So soll
im April das Projekt MAGELLAN beginnen. Es hat zum Ziel, mit Radar hoher Bildauflösung die Oberfläche des
Planeten Venus möglichst genau zu
kartieren.
Im Juni folgen entsprechend dem Terminplan ASTRO-1, ein Observatorium für Beobachtungen im ultravioletten Spektralbereich, und das
Weltraumteleskop.
Gemeinsam mit der
Europäischen Weltraumorganisation ESA
mit einem Kostenaufwand von 1,3 Mil-

United States Information Service
Embassy of the United States of America

liarden Dollar entwickelt, soll das
"Hubble-Teleskop" der Forschung sehr
viel detailliertere und weiter reichende Einblicke in die Tiefe des
Universums geben, als dies mit allen
anderen Instrumenten möglich ist.
Im Oktober 1989 will die NASA den
GALILEO-Satelliten starten. Bei diesem Gemeinschaftsprojekt mit der Bundesrepublik Deutschland geht es um
die erste umfassende Beobachtung bzw.
Sondierung des Planeten Jupiter und
seiner
Monde
über
einen
längeren
Zeitraum.
12 Monate
später
soll

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.: 0228-339 2035
Telex: 8-85432

�ULYSSES in den Weltraum gebracht werden.
Das Forschungsgerät, von NASA
und ESA gemeinsam entwickelt, wird
die nördliche Polregion der Sonne unter die Lupe nehmen.
Dies ist ein
Gebiet, das noch nie direkt beobachtet werden konnte, weil sich alle
bisher gestarteten Satelliten in der
Umlaufebene der Planeten um die Sonne
bewegen.

nisch-kanadischen
Radar-Satelliten
für die Beobachtung und Fernerkundung
von Festland, Meeresgebieten und Eismassen auf der Erdoberfläche.

Der Raumtransporter wird im Jahr
1990 außerdem
dazu benutzt, einen
englischen Nachrichtensatelliten, eine europäische Plattform für Langzeitexperimente im Weltraum und ein
Observatorium zur Erfassung von Gammastrahlung sowie zur Lokalisierung
von Gammastrahlen-Quellen in der Erdumlaufbahn
abzusetzen.
Über
1990
hinaus liegen noch keine Terminangaben für bemannte Raumflüge vor.
Bis Ende 1995 sind von der NASA
48 Starts unbemannter Raketen mit militärischen Nutzlasten, Wettersatelliten und einigen Forschungssatelliten vorgesehen. Mit einer DELTA-Rakete will man im Februar 1989 einen
EXPLORER-Satelliten für die Untersuchung
der
kosmischen
Hintergrundstrahlung in den Weltraum bringen.
Ein Jahr später folgt ein Satellit
zur Beobachtung von Röntgenstrahlung
und im August 1991 ein Forschungsgerät für den Bereich extrem kurzwelliger Ultraviolettstrahlung.
So wird
es möglich, einen "Himmelsatlas" für
das elektromagnetische
Spektrum zu
erstellen und die Strahlungsquellen
zu katalogisieren.
Vorläufig nur geplant sind für
Februar 1993 eine Mission, die zu einem
Redezvous
mit
einem
Kometen
führt, im März 1993 der Start eines
Mondsatelliten für geologische Beobachtungen und die Untersuchung des
Mondmagnetfeldes, und schließlich im
Juni 1994 der Start eines amerika- 2 -

* * * * * *

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United
53

States

Bonn-Bad

T e l :

Nummer

Information

G o d e s b e r g l ,

8 9 - 3 2 4 0

Service

Postfach

300

Information
und
Dokumentation

Telex:08-85432

47

12. Dezember 1973

Inhalt
INFORMATION:
NATO-Minister bekräftigen Solidarität im Bündnis
- Kissinger stellt atlantische Einheit an erste Stelle
Von Marie König
Energiepolitik wird zentralisiert
- USA errichten "Bundesamt für Energie11-

WIRTSCHAFT:
Burns sieht fundamentale Verbesserung der Zahlungsbilanz
- Auszüge aus einer Erklärung des Bundesbankpräsidenten -

WISSENSCHAFT UND TECHNIK:
Öl aus Sedimentgestein
- US-Regierung verpachtet Ölschieferfelder an Privatindustrie
Von G. Weiss

Um Übersendung von Belegexemplaren wird gebeten.

�amerika dienst
United
53

States

Bonn-Bad

T e l :

Information

G o d e s b e r g l ,

8 9 - 3 2 4 0

Information

Service

Postfach

300

T e I e x : 08 - 8 54 3 2

47/1973

NATO-MINISTER BEKRÄFTIGEN SOLIDARITÄT IM BÜNDNIS
- Kissinger stellt atlantische Einheit an erste Stelle -

Von Marie König

BRÜSSEL —(AD) -- Die Ministertagung des Nordatlantikrates am 10. und 11.
Dezember in Brüssel, die zunächst im Zeichen einer gewissen europäisch-amerikanischen Konfrontation zu stehen schien, endete mit einer Bekräftigung der
Solidarität im Bündnis und, wie es NATO»Generalsekretär Joseph Luns ausdrückte, in einer "sehr positiven Stimmung". Wie aus dem Schlußkommunique
hervorgeht, sind die Minister über die Entwicklung der Ost-West-Kontakte
ermutigt, aber sie sind sich ebenso darüber im klaren, daß das Bündnis seine
Verteidigungs-und Abschreckungskapazität aufrechterhalten muß. Das Maß der
Übereinstimmung geht nicht zuletzt daraus hervor, daß sich die Minister nach
Mitteilung von Generalsekretär Luns in weniger als einer Stunde auf das Kommunique geeinigt haben, was nach seinen Worten einen "absoluten Rekord" darstellt.
Der amerikanische Außenminister, Dr. Henry Kissinger, hat in seiner mit
Spannung erwarteten Jungfernrede auf der Ministertagung seinen europäischen
Kollegen erklärt, daß Meinungsverschiedenheiten mit ihnen durchaus zu bewälti-

-1-

�bewältigen seien und daß die transatlantische Einheit der Eckpfeiler der
amerikanischen Außenpolitik ist und bleibt. Wie aus amtlichen amerikanischen
Kreisen verlautet, war die etwa halbstündige Rede Kissingers hinter verschlossenen Türen sehr sorgfältig formuliert und auf einen Ausgleich der
Meinungsverschiedenheiten ausgerichtet, die vor allem im Zusammenhang mit
dem Konflikt im Nahen Osten aufgetreten waren. Kissinger sprach sich vor
allem nachdrücklich für eine noch intensivere Konsultation zwischen den USA
und Westeuropa aus.
Der amerikanische Außenminister stellte, wie verlautet, das Bündnis vor
eine Reihe entscheidend wichtige Fragen, darunter vor allem die, ob die 15
Nationen in der heutigen Welt verbündet bleiben können oder letztlich Konkurrenten werden müssen. Kissinger betonte, daß nach amerikanischer Auffassung die europäische Einheit und die transatlantische Einheit keineswegs unvereinbar seien und Washington von Anfang an die Entwicklung zur europäischen
Einheit gefördert habe.
Diesen Standpunkt unterstrich Kissinger auch auf einer Pressekonferenz
im Anschluß an die NATO-Konferenz, und die kurze anschließende Zusammenkunft
der EG-Außenminister mit ihrem amerikanischen Kollegen lassen erkennen, daß
der Prozeß der intensiveren Konsultation bereits in Gang gekommen ist. Auf
seiner Pressekonferenz zeigte der amerikanische Außenminister Verständnis für
die Empfindungen der europäischen Verbündeten und betonte, diese dürften
nicht den Eindruck gewinnen, zu Objekten der Politik geworden zu sein. "Daher", so sagte er wörtlich, "herrschte bei den Erörterungen allgemeine Übereinstimmung, daß der Prozeß der Konsultation innerhalb des Bündnisses, vor
allem unter diesen Umständen, gestärkt werden muß* Die Vereinigten Staaten
haben ihre Bereitschaft zum Ausdruck gebracht, dies zu tun und spezifische
Vorschläge gemacht, wie dies zu erreichen ist."

In

�In seiner Rede vor dem Ministerrat hat Kissinger nach Angaben amtlicher
Kreise betont, daß die Vereinigten Staaten alle Anstrengungen machen werden,
um die kooperativen Beziehungen zu Europa zu fördern und eine Gemeinsamkeit
der Zielsetzungen zu entwickeln. Kissinger hat sich dabei aufgeschlossen gezeigt und erklärt, daß er Vorschläge seiner NATO-Kollegen begrüßen würde.
Daß Kissinger auf eine Fortsetzung der Arbeit an den von ihm vorgeschlagenen gemeinsamen Grundsatzdeklarationen drängte, ist nicht verwunderlich.
Der amerikanische Außenminister hat, wie verlautet, die Hoffnung ausgesprochen, daß die europäischen Verbündeten hier neue Impulse einbringen werden.
Dabei kam es ihm nicht so sehr auf den Inhalt solcher Deklarationen, sondern
mehr auf den Geist an, in dem diese abgefaßt werden.
Was die Frage der Konsultationen anbetrifft, so schlug er unter anderem
vor, daß in diesen Prozeß in den Intervallen zwischen den Ministertagungen
die Ebene der politischen Direktoren oder anderer höherer Regierungsvertre cer
eingeschaltet

w.rdon solle. Gerade auf dem Gebiet der Verbesserung der Kon-»

sultationsverfahren dürfte die Ministertagung in Brüssel echte Fortschritte
gebracht haben.
Der amerikanische Außenminister hat, wie verlautet, bei allen Hinweisen
auf eine fortschreitende Entspannung die wachsende militärische Bedrohung
durch die Sowjets keineswegs außer acht gelassen und betont, daß das Bündnis
seine Verteidigungsbereitschaft aufrechterhalten müsse. Aber Kissinger wies
auch darauf hin, daß per Saldo die Probleme in der Welt außerhalb des NATOBereiches so groß seien, daß die Probleme unter den Verbündeten durchaus lösbar erschienen.

"TT r

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47/1973

ENERGIEPOLITIK WIRD ZENTRALISIERT
&lt;= USA errichten "Bundesamt für Energie" -

--(AD)— Die Anfang Dezember 1973 durch Präsidialerlaß geschaffene neue
Bundesorganisation für Energiefragen soll, sobald der amerikanische Kongreß
die gesetzlichen Voraussetzungen geschaffen hat, zu einem "Bundesamt für
Energie" (Federal Energy Administration - FEA) erweitert werden. An die
Spitze dieser Organisation, in der die meisten mit Energiefragen befaßten
Bundesbehörden vereinigt werden, berief Präsident Nixon William E. Simon,
den stellvertretenden Finanzminister der Vereinigten Staaten. Simon (46)
ist bekannt dafür, auch die schwierigsten Probleme tatkräftig anzupacken
und keine Zeit zu vergeuden. Das bewies er in seiner bisherigen Funktion
im US-Finanzministerium, die er vorläufig beibehalten wird, und als Vorsitzender des interministeriellen Ausschusses für Ölpolitik, der alle die
Mineralölindustrie betreffenden regierungsamtlichen Maßnahmen koordiniert.
Simons erste wichtige Aufgabe wird es sein, den Aufbau und die Funktionsfähigkeit des neuen Bundesamtes für Energie vorzubereiten. Er äußerte
sich dazu in einer Erklärung vom 4. Dezember, die im folgenden auszugsweise
wiedergegeben wird:
"Traditionsgemäß

-1-

�"Traditionsgemäß gilt Energiepolitik in eng gefaßter Definition als eine
Angelegenheit der nationalen Sicherheit. Ich sehe darin jedoch weitaus mehr.
Unsere Sicherheit basiert auf unserem wirtschaftlichem Wohlergehen, und das
wiederum gründet sich in bemerkenswertem Umfang auf eine ausreichende Energieversorgung zu vernünftigen Kosten. Unter diesem Aspekt steht Energiepolitik
in direkter Beziehung zu den wirtschaftlichen Verhältnissen und ist eine
Voraussetzung für das Verständnis der Funktionen unserer Wirtschaft...
Die Vereinigten Staaten, deren Bevölkerung sechs Prozent der Weltbevölkerung ausmacht, verbrauchen ein Drittel der auf der Erde produzierten Energie. Der Energiebedarf der USA nimmt jährlich um etwa vier Prozent zu; im
Jahre 1990 dürfte er doppelt so groß sein wie 1973. Ein großer Teil davon entfällt auf Öl, schon allein deshalb, weil sich das Schwergewicht von Kohle auf
Öl verlagert hat und weil Erdgas, ebenfalls ein wichtiger Energieträger,
nicht in den benötigten Mengen verfügbar ist. Der einheimische Bedarf an Erdöl stieg von 15,1 Millionen Barrel pro Tag im Jahre 1971 auf 18 Millionen im
Jahre 1973. Er wird 1975 bei etwa 21 Millionen und 1980 bei 25 Millionen Barrel pro Tag liegen. Gegenwärtig machen Erdöl und Erdgas zusammen etwa 65 Prozent der Energierohstoffe für den Weltverbrauch, aber 78 Prozent für den Verbrauch in den Vereinigten Staaten aus.
Die Produktionsausweitung der amerikanischen Mineralölindustrie hat mit
dem steigenden Bedarf nicht Schritt gehalten. Im Jahre 1972 war sogar eine
leicht rückläufige Tendenz zu verzeichnen - die Raffineriekapazität ging um
11 000 Barrel pro Tag zurück. Die Expansion dieses Industriezweiges war aus
verschiedenen Gründen, u.a. früheren Beschränkungen der Ölimporte, Vorteilen
wirtschaftlicher und steuertechnischer Art bei Investitionen im Ausland, erschwerter Standortwahl für neue Raffinerien in den USA wegen der verschärften
Umweltschutzbedingungen, nahezu zum Stillstand gekommen.
Als

�Als Folge der Gesamtentwicklung und des verstärkten Bedarfs in den USA
gingen dann jedoch die Ölimporte sprunghaft in die Höhe. Ein großer Teil davon kam aus dem Mittleren Osten. Heute schätzt man, daß die Einfuhren an ausländischem Öl von 27 Prozent des Gesamtverbrauchs in den USA im Jahre 1972
auf 33 Prozent im Jahre 1973 und auf mehr als 50 Prozent im Jahre 1980 anstei^
gen werden. Aus diesem Grunde kann uns ein Boykott der arabischen Länder zu
schaffen machen. Aber wir sollten hier auf einige Fakten der gegenwärtigen
Verknappung kurz zu sprechen kommen:
1) Ungefähr 85 Prozent der in den Vereinigten Staaten verbrauchten Energie ist aus einheimischen Quellen verfügbar.
2) Etwa die Hälfte des amerikanischen Energierohstoffbedarfs entfällt
auf Öl.
3) Im vierten Quartal 1973 dürfte durch den arabischen Boykott eine Versorgungslücke von 7,5 Prozent bei der Deckung des Ölbedarfs in den USA entstehen, die sich im ersten Quartal 1974, auf 17,3 Prozent ausweiten könnte.
Da rechtzeitig Einsparungsmaßnahmen und andere Schritte unternommen werden, gibt diese Größenordnung keinen Grund, mutlos zu werden. Ich bin mir
allerdings bewußt, daß sich die Verknappung innerhalb der Wirtschaft unterschiedlich auswirken wird... Aufgrund der Ergebnisse unserer Untersuchungen
zur Einsparung von Benzin, Heizöl und Strom würden die jetzt getroffenen Maßnahmen das Defizit zum großen Teil ausgleichen. Allerdings ist die Zeit der
Vergeudung von Energie vorbei. Unser Land muß jetzt zwischen der Bequemlich»
keit und der Erhaltung von Arbeitsplätzen wählen...
Mit Verlagerungen der Wirtschaftsaktivität in begrenztem Umfang könnten
wir 3 Millionen Barrels pro Tag einsparen... Deshalb akzeptiere ich düstere
Voraussagen nicht, denen zufolge die Industrie die ganze Last des Energie-

-3

�1
*

Energiemangels zu tragen habe. Fraglos werden verschiedene Industriebranchen
ihre Energienutzung verbessern müssen. Unsere Aktionen zum Einsparen von Energie werden sich jedoch in erster Linie an den Verbraucher wenden, so daß
die Produktion und die Beschäftigungslage in der Industrie am wenigsten betroffen wird.
Die Aktionen müssen sowohl kurzfristig als auch auf lange Sicht wirksam
sein. Zusätzlich zu den bereits eingeleiteten Schritten werden wir alles Notwendige veranlassen:
1) Der Benzinverbrauch muß-reduziert werden. Dies könnte durch das Zusammenwirken verschiedener Maßnahmen in der Form von Benzinpreiserhöhungen,
Erhebung von Steuern und Rationierung sowie freiwilligerund verfügter Einsparung erreicht werden.
2) Wir müssen den Energieverbrauch auf dem privaten und wirtschaftlichen Sektor reduzieren. Hier sind erhebliche Brennstoffeinsparungen ohne
Verluste an Arbeitsplätzen oder Produktionseinbußen möglich. Dies wird neben
einem Zuteilungsprogramm für privatenHeizungsbrennstoff gewisse Preiserhöhungen oder Steuern auf Erdgas und Strom erfordern.
3) Wir werden die Schwerpunkte der Raffinerieproduktion so verlagern,
daß mehr Heizöl und lebenswichtige petrochemische Rohstoffe verfügbar sind.
Preiserhöhungen sollen diesen Trend unterstützen.
4) Wir prüfen z.Zt. Pläne zur Treibstoffumstellung bei den Maschinen
der kommerziellen Fluglinien, was die Verfügbarkeit knapper Mineralöldestillate erhöhen würde.
5) Wir erweitern das Bewirtschaftungsprogramm...
6) Wir betreiben vordringlich die Umstellung von 26 Heizkraftwerken
von Öl auf Kohle.

11

-4-

�\
7) Wir dringen bei den Bundesstaaten darauf, die Höchstleistungsrate für
die Produktion heraufzusetzen.

Es ist äußerst wichtig, daß diese Sofortmaßnahmen mit unserer auf lange
Sicht berechneten Politik vereinbar sind. Wir wollen in der Energieversorgung vom Ausland unabhängig werden, was zweierlei Dinge erfordert: Wir müssen erstens die Wachstumsrate für unseren Energiebedarf reduzieren, und wir
müssen zweitens unser Angebot an Energie aus einheimischen Quellen erhöhen.
Dabei sind auch die Anforderungen an die Energieversorgung und die Anforderungen an den Umweltschutz miteinander in Einklang zu bringen. Wir dürfen jedoch die Erschließung unserer einheimischen Energiereserven nicht länger
hinausschieben. So werden wir beispielsweise auf die Erschließung der "Naval
Petroleum Reserve Number 4" (in Alaska), den Bau einer zweiten Alaska-Pipeline, den beschleunigten Bau von Atomkraftwerken und anderer Anlagen zur Produktion von Energie, einschließlich von Anlagen auf Kohlebasis, dringen...
Ich möchte an dieser Stelle die Bedeutung des heute vom Präsidenten geschaffenen Bundesamtes für Energie besonders hervorheben. Es wird uns den
notwendigen Rahmen für die zu treffenden Maßnahmen geben. Ein Hauptproblem
für die Behandlung von Energiefragen war stets die Tatsache, daß zu viele
Kompetenzen auf diesen Gebieten auf viele Regierungsbehörden verteilt waren.
Das Bundesamt für Energie wird alle diese Elemente in sich vereinigen und uns
so in die Lage versetzen, energiepolitische Maßnahmen schnell zu ergreifen.
Dabei geht es u. a. auch darum, die wirtschaftlichen Auswirkungen der Energieverknappung durch Sparmaßnahmen beim Verbraucher und bessere Ausnutzung der
Energie bei der Industrie auf ein Minimum zu beschränken, der jeweiligen
Situation elastisch zu begegnen und die aktive Mitarbeit von Kongreß, Bundesstaaten, Kommunalverwaltungen, Industrie und Verbraucherschaft zu gewinnen.
Ich will die gegenwärtige Situation keineswegs herunterspielen. Aber oft
genug schon hat sich eine Krise als Katalysator für neue Entwicklungen er-

-5-

�erwiesen - Entwicklungen, die uns eine ausreichende Versorgung mit sauberer
Energie bringen können. Diese brauchen wir dringend, wenn wir ein gesundes
wirtschaftliches Wachstum erhalten und die Qualität unseres nationalen Lebens verbessern wollen. Wir sehen uns zweifellos einer überaus wichtigen
Herausforderung auf dem Energiesektor gegenüber. Sie verlangt seitens der
Regierung Führungseigenschaften und Stärke für eine Politik, die gewährleistet, daß die Vereinigten Staaten nie wieder in die Lage kommen, zur
Deckung ihres eigenen Bedarfs auf Versorgung aus dem Ausland angewiesen zu
sein..."

+
- Hauptaufgaben der neuen Behörde -

Das neue "Bundesamt für Energie" ist innerhalb des Regierungsapparates
für die Formulierung und Durchführung der Programme verantwortlich, mit denen der Energiekrise begegnet werden soll:
Sie entwickelt und koordiniert innen-und außenpolitische Maßnahmen in
bezug auf Energierohstoffe.
Sie entwickelt und führt Programme wie Brennstoffzuteilung, Erhebung
von Zusatzabgaben und Rationierung durch, mit denen Versorgungslücken auf
dem Energiesektor bekämpft werden sollen.
Sie entwickelt Energie-Einsparungsprogramme auf der Basis freiwilliger
und behördlich angeordneter Maßnahmen und fördert eine bessere Nutzung der
Energiereserven.
Sie entwickelt und veröffentlicht Energiepreisregelungen. •
Sie

-6-

�Sie entwickelt und empfiehlt Impor t-und Exportmaßnahmen bei Energierohstoffen.
Sie erleichtert die Durchführung des vom Präsidenten eingeleiteten Programms zur Entwicklung der Kapazitäten, die für eine Selbstversorgung mit
Energie notwendig sind.
Sie sammelt, begutachtet und analysiert Informationen über Energiereserven, Produktion und Bedarf samt diesbezüglicher wirtschaftlicher Daten.
Sie arbeitet mit der Industrie, den einzelstaatlichen und kommunalen
Behörden und mit der Öffentlichkeit hinsichtlich des Energiereserven-Managements zusammen...

- SofoTrtmaßnahmen gegen die Energiekrise Generell wird die Regierung zur Beherrschung der gegenwärtigen Situation
Maßnahmen ergreifen, die die Auswirkungen der Energieverknappung auf die Wirtschaft verringern und Produktion und Beschäftigung so weit wie nur irgend
möglich erhalten.

- Größenordnung der Verknappung -

Nach vorliegenden Schätzungen beträgt der Fehlbestand,gemessen am vorausberechneten Bedarf, im letzten Quartal 1973 etwa 1,4 Millionen Barrels pro
Tag (d.h. etwa 7,5 Prozent) und im 1. Quartal 1974 etwa 3,5 Millionen Barrels/
Tag (17,3 Prozent). Als Folge einer Bedarfsreduzierung würde das Defizit im
2. Quartal 1974 auf weniger als 3 Millionen Barrels pro Tag zurückgehen.

-Eingeleitete

-7-

�- Eingeleitete Aktionen -

Düsentreibstoffe
Ab 7. Januar 1974 werden die Zuteilungen an die Fluggesellschaften
gegenüber ihrem Verbrauch im Jahre 1972 um 15 Prozent gekürzt.

Benzin
Am 25. November wurde die Entscheidung über die Einführung eines Benzin-Zuteilungsprogramms

bekanntgegeben. Die Zuteilung liegt in Überein-

stimmung mit den zu erwartenden ersten Schwerpunktverlagerungen der Raffinerie-Produktion zunächst 15 Prozent unter dem Bedarf, der für das erste
Quartal 1974 vorausberechnet wurde (10 Prozent unter dem Bedarf von 1972).
Die Benzinzuteilung kann weiter gekürzt werden, wenn die Raffinerien künftig weniger Benzin und dafür mehr andere Erdölprodukte herstellen.

Mittelschwere Destillate
Im "Federal Register" vom 27. November wurden die Vorschläge für Bestimmungen zur Rationierung mittelschwerer Destillate veröffentlicht. Sie
sehen vor, den Industrieverbrauch um 10 Prozent zu senken und die Thermostat-Einstellung für die Beheizung von Wohnungen um 6 Grad (Fahrenheit), von
Wirtschafts-und Gewerbebetrieben um 10 Grad (Fahrenheit) zu reduzieren, was
einer Energieeinsparung von 15 bezw. 25 Prozent entspricht.

Schweröl
Die Umstellung von Heizkraftwerken von Öl auf Kohle wird gegen Ende
des ersten Quartals 1974 täglich 200 000 Barrels einsparen helfen. Entsprechende Schritte sind eingeleitet.
-Angekündigte

�- Angekündigte Aktionen -

Der Benzinverkauf an Tankstellen wird von Samstag 2100 Uhr bis Sonntag
2400 Uhr untersagt.
Die Höchstgeschwindigkeit auf allen Straßen und Autobahnen des Landes
wird auf 55 Meilen pro Stunde (88,5 km/st) für Überlandbusse und schwere
Lastzüge, auf 50 Meilen (80 km/st) für Kraftwagen festgesetzt.
Leuchtreklamen und die Benutzung ähnlicher Beleuchtungsanlagen durch
kommerzielle Unternehmen werden untersagt.
Treibstoffe für Privatflugzeuge werden gekürzt.
Die Beleuchtung von Gebäuden zu Stimmungs-und Ausschmückungszwecken
wird untersagt.

- Neue Maßnahmen in Vorbereitung -

Umstellung der Raffinerie-Produktion von Benzin auf mittelschwere Destillate und Schweröl entweder durch Preisanreize auf dem Wege über Bestimmungen,
die der Lebenshaltungskosten-Rat erläßt, oder durch regierungsamtliche Verfügungen, sobald die Ermächtigung dazu vorliegt;
Zuteilungsprogramme für Rohöl, schweres Heizöl und andere Erdölprodukte, wie im Energiesicherungsgesetz von 1973 ausgeführt;
System von Bezugsscheinen, Preiserhöhungen, Steuern oder eine Kombination
dieser drei Faktoren,um den Benzinverbrauch auf die geringeren verfügbaren
Mengen abzustimmen;
Umstellung der kommerziellen Passagierflugzeuge von Kerosin-Düsentreibstoff auf Naphtha-Kohlenwasserstoffe.
Preiszuschläge auf Erdgas und Strom, um übermäßigen Verbrauch zu verhindern.
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47/1973
BURNS SIEHT FUNDAMENTALE VERBESSERUNG DER ZAHLUNGSBILANZ
-Auszüge aus einer Erklärung des Bundesbankpräsidenten.

WASHINGTON -.(AD)— Der Vorsitzende des amerikanischen Federal Reserve System
(US-Bundesbank), Dr. Arthur F. Burns, hat in einer Erklärung vor einem Kongreßunterausschuß; li'ne "fundamentale Verbesserung" der Zahlungsbilanz der
Vereinigten Staaten festgestellt, die sich von Monat zu Monat verstärkt und
zur Höherbewertung des Dollar auf dem internationalen Devisenmarkt beigetragen habe.
In seiner Erklärung vor dem Unterausschuß für Internationale Finanzen
des Banken-und Währungsausschusses des Repräsentantenhauses am 5. Dezember
hob Dr. Burns folgende Punkte heraus:
- Die amerikanischen Exporte sind im Jahre 1973 außerordentlich rasch
angestiegen; in derzeitiger Kaufkraft lagen die Exporte im dritten Quartal
um 47 Prozent über dem Vergleichszeitraum des Vorjahres und preisbereinigt
um 23 Prozent höher.
- Die Agrarexporte der USA stiegen von einer Jahresrate von 9,5 Milliarden Dollar im dritten Quartal 1972 auf rund 19 Milliarden Dollar im dritten
Quartal 1973.
-Die

-1-

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t
m Die amerikanische Handelsbilanz veränderte sich von einem Defizit vcn
fast 7 Milliarden Dollar im Jahre 1972 zu einem Überschuß von 3 Milliarden
Dollar im dritten Quartal 1973 (auf Jahresbasis umgerechnet). Die USA rechnen daher für 1973 mit einem Handelsüberschuß.
Die wichtigsten Auszüge aus der Erklärung von Burns haben folgenden
Wortlaut:
"In den letzten Wochen ist der Dollar im Verhältnis zu den großen europäischen Währungen und dem japanischen Yen stärker geworden. Die Position des
Dollar gegenüber dem Yen wäre sogar noch stärker gewesen, wenn die Bank von
Japan nicht durch große Dollarverkäufe auf dem Markt interveniert hätte. Ende
November war der Durchschnittspreis des Dollar... in zehn wichtigen Währungen... auf den Stand zurückgekehrt, wie er zwischen Mitte März und Mitte Mai
gegolten hatte. Mit anderen Worten, er lag wieder etwa 20 Prozent über den
Kursen, wie sie im Frühjahr 1970 vorherrschten - oder anders ausgedrückt etwas über dem Stand der Woche, die auf die Abwertung am 12. Februar folgte.
I
Manche Marktbeobachter haben hier die Auswirkung der Ölrestriktionen
der arabischen Länder als einen Faktor angesehen, der zu diesen Entwicklungen
in den letzten Wochen beigetragen habe. Andere haben auf die stabilisierenden
Auswirkungen der amtlichen Interventionen durch die amerikanische Bundesbank
und andere Währungsbehörden hingewiesen. Nach meiner Auffassung besteht jedoch
kein Zweifel daran, daß der wesentliche Faktor

die entscheidende Wende in

der amerikanischen Zahlungsbilanz gewesen ist. Mit jedem neuen Monat haben
sich neue Beweise dieser fundamentalen Verbesserung unserer Zahlungsbilanzposition akkumuliert.
Unsere Exporte sind in diesem Jahr mit einer außerordentlichen Rate gestiegen. Gemessen in derzeitiger Kaufkraft lagen die Exporte im dritten Quartal (1973)um 47 Prozent über dem Stand im dritten Quartal 1972. Ein Großteil
dieses Zuwachses muß steigenden Preisen zugeschrieben werden. Aber selbst

-2-

�s
I

selbst preisbereinigt stiegen die Exporte in diesem Zeitraum um 23 Prozent.
Der starke Zuwachs unserer Agrarexporte - von einer Jahresrate von 9,5 Milliarden Dollar im dritten Quartal 1972 auf etwa 19 Milliarden Dollar im dritten Quartal dieses Jahres - hat starke Beachtung in der Öffentlichkeit gefunden. Dabei wird oft außer acht gelassen, daß die nicht-landwirtschaftlichen Exporte, die etwa drei Viertel unserer Gesaratexporte ausmachen, ebenfalls außerordentlich rasch angestiegen sind.
Daß sich die Exporte so stark entwickelt haben, ist zum Teil den schlechten Ernten in anderen Ländern im vergangenen Jahr und dem gegenwärtigen weltweiten industriellen Boom zuzuschreiben. Die Verbesserung spiegelt jedoch auch
eine geringere Inflationsrate in den Vereinigten Staaten als in anderen Industrieländern wider, und was noch viel wichtiger ist, die geballten Auswirkungen der Abwertung des Dollar seit 1971.
Die Veränderungen unserer internationalen Wettbewerbsfähigkeit als Ergebnis der Abwertung des Dollar haben ihre Auswirkung sowohl auf unsere Importe als auch auf unsere Exporte. Preisbereinigt gingen unsere Importe zwischen dem ersten und dem dritten Quartal dieses Jahres trotz der starken
einheimischen Nachfrage de facto zurück. Der Wert der Importe stieg zwar in
dieser Zeitspanne mit einer Jahresrate von 14 Prozent, jedoch lediglich aufgrund des Preisanstiegs in Dollar.
Als Ergebnis dieser Entwicklungen hat sich die Handelsbilanz von einem
Defizit von fast sieben Milliarden Dollar im Jahre 1972 auf einen Überschuß
von einer Jahresrate von drei Milliarden Dollar im dritten Quartal dieses Jahres verändert. Die Handelsbilanz blieb auch im Oktober mit einer beträchtlichen Rate im Überschuß. Es ist daher jetzt wahrscheinlich, daß die Vereinigten Staaten für 1973 insgesamt einen, wenn auch vielleicht bescheidenen, Handelsüberschuß aufweisen werden.
Der

-3-

�Die Bilanz der langfristigen internationalen Privatkapitalbewegungen
hat sich in diesem Jahr ebenfalls zu unseren Gunsten entwickelt. Die Kapitalabflüsse haben sich seit dem ersten Quartal abgeschwächt und sind nach
Schätzungen im dritten Quartal weiterhin stark zurückgegangen. Vor dem jüngsten Kursrückgang an den Börsen hat das erneute Vertrauen in den Dollar dazu
beigetragen, die Käufe amerikanischer Wertpapiere durch das Ausland anzuregen. Auch die ausländischen Direktinvestitionen in unserem Lande sind in diesem Jahr beträchtlich gewesen. Diese Entwicklungen spiegeln neben anderen Faktoren die erhöhte Gewinnträchtigkeit der Produktion internatiol gehandelter
Güter in den Vereinigten Staaten im Verhältnis zur Produktion in anderen Ländern wider.
Die Grundbilanz - d.h. die Summe aller gegenwärtigen internationalen
Transaktionen und langfristigen Kapitalbewegungen - hat sich das ganze Jahr
über verstärkt. Die Verbesserung im dritten Quartal war so dramatisch, daß
sie einen großen Überschuß herbeigeführt hat - den ersten vierteljährlichen
Überschuß, den wir seit 1969 erlebten. Auch die Nettobewegungen kurzfristigen
Kapitals sind seit dem ersten Quartal für die Vereinigten Staaten günstig verlaufen.Als Ergebnis wies die Bilanz auf der Basis offizieller Transaktionen
während des zweiten und des dritten Quartals einen tatsächlichen Überschuß auf
Vorläufige Angaben für Oktober und November lassen darauf schließen, daß sich
der Überschuß auch im gegenwärtigen Quartal fortgesetzt hat.
Die kurzfristigen Aussichten für die Zahlungsbilanz sind jedoch durch
die jüngsten Entwicklungen auf dem Ölsektor etwas unsicherer geworden. Die
Preise unserer Ölimporte sind spektakulär von einem Durchschnitt von 2,75 Dollar pro Barrel im ersten Quartal 1973 auf gegenwärtig über fünf Dollar angestiegen. Der Boykott der arabischen Produzenten hat unsere Brdölimporte zu
verringern begonnen und würde, wenn fortgesetzt, unsere Importe im nächsten
Jahr um etwa drei Millionen Barrel pro Tag unter die Menge senken, mit deren
Verfügbarkeit gerechnet worden ist. Aber selbst dann würden angesichts des

-4-

�r
des jüngsten starken Preisanstiegs unsere Zahlungen für Öl Importe im Jahre
1974 wahrscheinlich den Rahmen der acht Milliarden Dollar wesentlich übersteigen, die wir im Jahre 1973 aufgewandt haben» Wenn natürlich der Öiwelthandel
bei diesen astronomischen Preisen wieder in normalere Bahnen zurückkehren sollte, dann würden unsere Ölimportkosten noch gewaltiger ansteigen. Die Nettoauswirkung auf unsere Gesamtzahlungsbilanz wäre jedoch wesentlich geringer,
ja könnte sogar günstig sein, da ein Großteil der erhöhten Aufwendungen für
Öl durch die Vereinigten Staaten und andere Länder direkt oder indirekt ihren
Weg zurück in unser Land finden würde, und zwar in Form erhöhter Exporte oder
Kapitalzuflüsse oder erhöhter Einkommen.
Welche Auswirkungen die Knappheit jedoch auf unsere Handels-und Zahlungsbilanz auch haben mag, eine unmittelbarere Sorge ist die Auswirkung auf Produktion und Beschäftigung in unserem Lande...
Im besten Fall wird ein ausgedehntes Embargo arabischer Öllieferungen
i

nach den Vereinigten Staaten im kommenden Jahr zu einigen wirtschaftlichen
Verzerrungen führen. Die Nachfrage nach neuen Autos, nach Reifen und anderen
Autozubehörteilen, nach Vorortwohnungen, nach Freizeitgeräten, nach Mahlzeiten in Restaurants und andere mit Reise und Freizeit zusammenhängende Ausgaben werden negativ beeinflußt werden. Private Fluggesellschaften werden die
Käufe von Düsenflugzeugen einschränken und es werden weniger Motels und Ferienhäuser und -wohnungen gebaut werden. Diese Entwicklungen werden zum Teil
durch eine stärkere Tätigkeit auf anderen Sektoren ausgeglichen werden - angefangen von Kohle bis zu Decken und Pullovern und von Bohrgerät bis zu Fahrrädern und Autobussen. Unser Inflationsproblem wird dabei allerdings durch
steigende Gas-und Ölpreise verschärft werden.
Die Lage, in der wir uns befinden, ist offensichtlich sehr schwierig,
aber sie kann nach meiner Überzeugung gemeistert werden. Die unserer Wirtschaft zugrundeliegende Stärke und Elastizität darf niemals unterschätzt

-5-

�•

unterschätzt werden. Die Pläne für Kapitalausgaben der Geschäftswelt sind
weiterhin groß und ebenso ist die Lagernachfrage für eine Fülle von Materialien und Teilen, die seit vielen Monaten in einem knappen Angebot gewesen
sind. Unser Hauptplus - die Findigkeit des amerikanischen Volkes - bleibt
völlig intakt. Nach meinen Erwartungen wird im Laufe des Jahres 1974 die
einheimische Produktion von Rohöl Schritt für Schritt steigen, die Kraftwerke werden zu einer stärkeren Verwendung von Kohle übergehen, die Autohersteller werden sich mehr auf die Produktion der vom Verbraucher verlangten
kleineren Wagen konzentrieren und einfallsreiche Unternehmer im ganzen Lande
werden tausende anderer Anpassungen vornehmen.
Über die längerfristigen wirtschaftlichen Auswirkungen der Sperre arabischer Öllieferungen sollten wir uns keinem Zweifel hingeben. Die Vereinigten Staaten dürfen keine Zeit mehr verlieren, darauf hinzuarbeiten, daß sie
in der Lage sind, ihren Energiebedarf unabhängig aus eigener Kraft zu decken.
Wir müssen jetzt an vielen Fronten mit Entschlossenheit vorgehen - sei es auf
dem Gebiet der Nuklearenergie, der Sonnenenergie, der Kohleumwandlung oder
der Suche nach Ol. Die jüngsten Ereignisse sollten uns klar machen, daß wir
selbst bei einem Nachlassen des gegenwärtigen Boykotts nicht so weitgehend
von Öllieferungen aus dem Ausland abhängig bleiben dürfen.
Es wird wohl einige Monate dauern, ehe die langfristigen Auswirkungen des
Ölproblems auf unsere Zahlungsbilanz klarer sichtbar werden. Bisher jedenfalls scheinen die Einschränkungen der Ölversorgung das Vertrauen der Welt
in den Dollar gestärkt zu haben. Aber schon vor dem Ausbruch des Nahostkon.»
fliktes wurde der Dollar mit neuer Wertschätzung angesehen. Der Dollar ist
erneut eine starke Währung und wir dürfen mit einer weiteren Unterstützung
unseres Außenhandels und unserer Zahlungsbilanz durch die jetzt eintretenden
Auswirkungen der letzten Wechselkursänderungen rechnen.
Eine anhaltende Stärke unserer Zahlungsbilanz wird jedoch ein befriedigendes einheimisches Preisverhalten im Verhältnis zu anderen Ländern er-

-6-

�erfordern. Vor ein oder zwei Jahren lag unsere Inflationsrate wesentlich unter den Raten anderer Industrieländer. Leider ist diese Spanne des Wettbewerbsvorteils in den letzten Monaten zu einem großen Teil ausgehöhlt worden.
Im Oktober lag der Verbraucherpreis-Index um 0,8 Prozent über September und
um 7,9 Prozent über Oktober 1972. Die Gefahren der Inflation sind ohne Frage
weiterhin sehr groß für uns. Gleichzeitig wird jedoch, wie ich bereits erwähnt habe, die Ölknappheit Verlagerungen in der Struktur der Industrie herbeiführen und negative Auswirkungen auf die Gesamtproduktion und Beschäftigung haben. Die Wirtschaftspolitik steht also für die kommenden Monate vor
der außerordentlich schwierigen Aufgabe, zu dem Ziel der Wiedergewinnung der
Preisstabilität beizutragen, und gleichzeitig die Risiken einer extensiven
Schwächung der Wirtschaftstätigkeit auf einem Minimum zu halten..."

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47/1973

ÖL AUS SEDIMENTGESTEIN
US-Regierung verpachtet Ölschieferfelder an Privatindustrie

Von G. Weiss

- (AD) - Mit einer öffentlichen Ausschreibung Anfang Janur 1974 werden
der Bergbau- und Mineralölindustrie der USA sechs Gebiete in den Bundesstaaten Colorado, Utah und Wyoming als Pachtland angeboten, auf dem Versuchsbetriebe für den Abbau, die Aufbereitung und Verarbeitung von Ölschiefer
errichtet werden sollen. US-Innenminister Rogers C.B. Morton verwies darauf,
daß diese Entscheidung wegen der Dringlichkeit des Energieproblems ungeachtet
der Unsicherheitsfaktoren getroffen worden sei, mit denen die Erschließung
von Ölschiefervorkommen als Energierohstoff noch immer belastet ist.

Das neue Pachtprogramm, das 1 Prozent der in den genannten Staaten in
Bundesbesitz befindlichen Ölschiefervorkommen umfaßt, gibt der Privatindustrie
freie Hand in der Wahl der Abbau- und Aufschlußverfahren, sofern bestimmte
Auflagen des US-Innenministeriums in bezug auf Umweltschutz eingehalten und
gegen die dieserhalb vorgesehene Überwachung keine Eiwände erhoben werden.
Die amerikanische Regierung möchte so ein seit vier Jahren laufendes Projekt
ohne viel Bürokratie beschleunigen und ausweiten. Sie ist sich darüber im
klaren, daß vorläufig keine Rede davon sein kann, die reichen Ölschiefervorkommen auf dem Territorium der Vereinigten Staaten (sie enthalten schätzungsweise 86 Milliarden Tonnen Öl) für die Wirtschaft nutzbar zu machen. Vielmehr

�Vielmehr geht es darum, in Pilotanlagen zu versuchen, brauchbare UntertageAbbauverfahren für den meist als Schichtgestein vorhandenen Rohstoff und
rentable Extraktionsmethoden für Öl und andere organische Produkte sowie
anorganische Produkte (z.B. Zement und Düngemittel) zu entwickeln. Gleichzeitig müssen Wege gefunden werden, um bei einer Ölschieferverarbeitung großen
Stils Umweltschäden, die vor allem durch Schwefel- und Stickstoffverbindungen
entstehen können, auf ein vertretbares Maß zu reduzieren.

Im Gegensatz zu bituminösem Gestein ist mit Lösungsmitteln aus Ölschiefer
nichts herauszuholen. Nur unter Hitzeeinwirkung lassen sich in Retorten oder
in einer Art Kamin am Abbauort aus dem zerkleinerten Rohstoff gesättigte und
ungesättigte Kohlenwasserstoffe ausdestillieren. Entsprechend seiner Entstehung ist die Zusammensetzung des aus umgewandelten Überresten von Algen,
Pollenkörnern und anderen pflanzlichen und tierischen Organismen gebildeten
Ölschiefers recht unterschiedlich. Deshalb wird es auch kaum ein Standardverfahren geben, um dem Rohstoff das Öl zu entziehen und dabei nach Möglichkeit
auch Gas als Energieträger - zumindest für die Erzeugung der Prozeßwärme zu gewinnen.

Angesichts der geographischen Lage der amerikanischen Vorkommen in nahezu
wasserlosen Felswüsten sind die Industrie und das an der Verfahrensentwicklung
ebenfalls beteiligte US-Bergbauamt um Verarbeitungsmethoden bemüht, die wenig
Wasser erfordern. Auch müssen Verfahren gefunden werden, um das bei Abkühlung
auf 30 C gallertartige Schieferöl so zu verändern, daß es in Pipelines gepumpt
und transportiert werden kann. Außerdem ist es erforderlich, das hochviskose,
teerreiche Rohöl aus Ölschiefer überhaupt erst auf Raffineriequalität zu
bringen. Dies geschieht beispielsweise durch Verkokung eines gewissen Anteils
des Rohprodukts oder durch Behandlung im Wasserstoffgasstrom.

Natürlich müssen, bis sich wirtschaftliche Verfahren herauskristallisieren,
noch viele technische Fragen gelöst werden. Deshalb rechnet beispielsweise das
US-Innenministerium erst ab 1981 in dem jetzt freigegebenen Gebiet mit einem
Tagesausstoß von knapp 38 000 Tonnen

öl aus Ölschiefer. Die Erfahrung wird

zeigen, welche Aufschlußverfahren und welche Retortentemperaturen mit dem je- 2 -

�jeweiligen Rohstoff die besten Ergebnisse bringen. Bei den bisherigen Versuchen in Colorado machte man die Erfahrung, daß die dabei gewonnene organischen Verbindungen zu 65 Prozent aus Schieferöl, zu 10 Prozent aus Gas und
zu 25 Prozent aus kohleahnliehen Rückständen bestanden, wobei die Ergiebigkeit des Schiefers an öl bei 10 - 15 Gewichtsprozent lag.

Die Zusammensetzung des Rohöls wird jedoch erheblich von der Retortentemperatur beeinflußt. So enthält es bei einer Aufschlußtemperatur von 480 C
ca. 30 - 25 Prozent gesättigte Kohlenwasserstoffe, ca. 30 Prozent ungesättigte
Kohlenwasserstoffe, ca. 30 Prozent aromatische Verbindungen sowie 1 Prozent
Schwefel und 2 Prozent StickstoffVerbindungen. Schwefel und Stickstoff werden z
T;durch Hydrierung entfernt, die auch den Anteil der gesättigten Verbindungen
erhöht und das Rohschieferöl für Prozesse besser geeignet macht,welche für Erdölraffinerien entwickelt wurden. Liegt die Retortentemperatur bei 650 C, sind
nur 10 Prozent gesättigte Kohlenwasserstoffe, aber mehr als 50 Prozent aroo
matische Verbindungen zu erwarten. Bei 815 C Schweltemperatur - die Wärmebehandlung zur Freisetzung der organischen Bestandteile erfolgt unter Luftabschluß - beträgt der Anteil der aromatischen Verbindungen an der Gesamtmenge
Rohschieferöl 98 Prozent.
Im amerikanischen Kongreß werden immer mehr Stimmen laut, die eine noch
stärkere Förderung des Energieprogramms fordern, als es Präsident Nixon mit
einer Aufstockung der diesjährigen Forschungs- und EntwicklungsaufWendungen
auf 872 Millionen Dollar und dem für 1975 bis 1980 vorgesehenen, mit 10 Milliarden Dollar ausgestatteten Entwicklungsplan bereits vorgeschlagen hat. So
hält Senator Henry M. Jackson (Bundesstaat Washington) eine Verdoppelung der
Planungsfrist für Forschung und Entwicklung auf zehn Jahre bis 1985 mit Aufwendungen von mindestens 20 Milliarden Dollar für erforderlich. Nach den Vorstellungen Jacksons und anderer Politiker könnten sogar fünf halbstaatliche
Gesellschaften, ähnlich dem COMSAT-Unternehmen für Fernmeldesatelliten, geschaffen werden, die Gas, Erdöl und Strom aus Kohle sowie synthetisches Rohöl aus Ölschiefer produzieren und die geothermischen Quellen im großen Maßstab
in die Produktion von Primärenergie einbeziehen.
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&lt;p&gt;Energiepolitik wird zentralisiert&lt;br /&gt;&lt;em&gt;- USA errichten "Bundesamt für Energie" -&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Wirtschaft&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Burns sieht fundamentale Verbesserung der Zahlungsbilanz&lt;br /&gt;&lt;em&gt;- Auszüge aus einer Erklärung des Bundesbankpräsidenten -&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Wissenschaft und Technik&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Öl aus Sedimentgestein&lt;br /&gt;&lt;em&gt;- US-Regierung verpachtet Ölschieferfelder an Privatindustrie -&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Von G. Weiss&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;</text>
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