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                    <text>1. September 1982

34
INHALT

Ü

DOKUMENTATION
Reagan unterstreicht friedenserhaltende Rolle der US-Truppen im Libanon
- Schreiben des Präsidenten an den Kongreß Weinberger:

Ziel der USA ist die Abschreckung vor einem Atomkrieg

- Brief des amerikanischen Verteidigungsministers an die Presse INFORMATION
US-Erklärung zum Jahrestag der "Solidarität"
- Ein auf dramatische Weise hoffnungsvolles Ereignis für die ganze Welt
USICA wieder in USIA umbenannt
HINTERGRUNDMATERIAL
USA rechnen mit internationaler Hilfe für den Libanon
- AID-Direktor McPherson in Beirut AFL-CIO:

Recht auf Freiheit des Zusammenschlusses

- Aufruf zum Labor Day Die Mauer von Warschau
- Ein Kommentar der Stimme Amerikas Die Unterdrückung der Kriegsgegner in der Sowjetunion
- Chronologie WISSENSCHAFT UND TECHNIK

^ M

Satelliten-Brücke zu einer besseren Zukunft
- UN-Organisationen sollen wirksamere Anwendung der Raumfahrttechnik
fordern - ^ ^ ^ ^ ^ ^ ^ ^ ^ ^ ^ ^ ^ ^ ^ ^ ^ ^ ^ ^ _ ^ ^ ^ ^ ^ ^ ^ ^ ^ ^ ^ ^ ^ ^ ^ _

Um Übef/endung von
Belegexemplaren
wird gebeten

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1Dl ElN!VI

Dokumentation
International Communication Agency
Embassy of the United States of America

1. September 1982

34

REAGAN UNTERSTREICHT FRIEDENSERHALTENDE ROLLE DER
US-TRUPPEN IM LIBANON
- Schreiben des Präsidenten an den Kongreß -

WASHINGTON - (AD) - Präsident Reagan hat am 25. August 1982 den US-Kongreß offiziell von der Entsendung amerikanischer Marinesoldaten nach dem Libanon unterrichtet und die friedenserhaltende Rolle des amerikanischen Kontingentes unterstrichen. In einem Schreiben an den Sprecher des Repräsentantenhauses und den Präsidenten pro tempore des Senats, zu dem er aufgrund der War Powers
Resolution (Resolution hinsichtlich der Kriegsführungsvollmacht des Präsidenten)
verpflichtet ist, betonte Reagan, es sei nicht beabsichtigt und nicht zu erwarten, daß die amerikanischen Truppen in Feindseligkeiten verwickelt würden. Das
amerikanische Kontingent werde innerhalb von 30 Tagen wieder abgezogen werden.
Das Schreiben Reagans hat folgenden Wortlaut:
Am 8. August 1982 legte die Regierung des Libanon einen Plan für den Abzug der Führung, der Offiziere und der Kombattanten der Palästinensischen Be-

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�Palästinensischen Befreiungsorganisation (PLO) aus Beirut vor. Dieser Plan
wurde von der israelischen Regierung akzeptiert. Die Palästinensische Befreiungsorganisation hat der libanesischen Regierung mitgeteilt, daß sie
diesen Plan ebenfalls akzeptiert hat. Ein entscheidender Punkt dieses Planes ist die Notwendigkeit einer multinationalen Streitmacht, die ein amerikanisches Kontingent einschließt, um die Regierung des Libanon bei der Erfüllung ihrer Verantwortungen hinsichtlich des Abzuges der PLO-Leute unter sicheren und ordnungsgemäßen Bedingungen zu unterstützen. Dies wird die Wiederherstellung der Souveränität und der Autorität der libanesischen Regierung
über das Gebiet von Beirut erleichtern.
Als Antwort auf das formelle Ersuchen der Regierung des Libanon und angesichts des Erfordernisses einer solchen Streitmacht, um die Annahme des Abzugsplanes seitens der betroffenen Parteien zu gewährleisten, habe ich die
Streitkräfte der Vereinigten Staaten zu einer Beteiligung auf begrenzter und
temporärer Basis ermächtigt. In Obereinstimmung mit meinem Wunsch, daß der
Kongreß über diese Angelegenheit voll und ganz unterrichtet wird, und entsprechend der War Powers Resolution unterbreite ich hiermit einen Bericht über
die Dislozierung und Aufgaben dieser Angehörigen der Streitkräfte der Vereinigten Staaten.
Am 21. August wurden in Obereinstimmung mit dem Abzugsplan etwa 350 französische Soldaten - die Vorauseinheiten der multinationalen Streitmacht - zusammen mit Einheiten der libanesischen Streitkräfte nach Beirut entsandt, und
der Abzug der PLO-Leute begann. Bis heute hat das palästinensische Personal
gemäß den Bestimmungen des Planes den Libanon verlassen.
Am 25. August trafen rund 800 Marinesoldaten der Vereinigten Staaten
in Beirut ein. Diese Truppen sind mit Waffen ausgerüstet, die ihrer nichtkombattanten Mission entsprechen, einschließlich normaler Infanteriewaffen.
Im Rahmen unseres Abkommens mit der Regierung des Libanon wird dieses
amerikanische Militärpersonal die libanesische Regierung bei der Durchfüh-

- 2 -

�der Durchführung ihrer Verantwortlichkeiten hinsichtlich des Abzugs der PLOLeute unter sicheren und ordnungsgemäßen Bedingungen unterstützen. Die Präsenz unserer Truppen wird somit die Wiederherstellung der Souveränität und
der Autorität der libanesischen Regierung im Raum Beirut erleichtern. Unsere
Truppen werden in enger Zusammenarbeit mit den libanesischen Streitkräften
operieren, die für diese Aufgabe 2500 bis 3500 Mann abgestellt haben, sowie
mit insgesamt 800 französischen und 400 italienischen Soldaten der multinationalen Streitmacht. Der Transport des abziehenden Personals wird über kommerzielle Luft- und Seetransportmittel sowie auf dem Landwege durchgeführt. Entsprechend unserem Abkommen mit der Regierung des Libanon wird das amerikanische Militärpersonal innerhalb von 30 Tagen aus dem Libanon abgezogen.
Ich möchte unterstreichen, daß nicht beabsichtigt ist oder erwartet wird,
daß die amerikanischen Streitkräfte in Feindseligkeiten verwickelt werden. Sie
befinden sich im Libanon auf formelles Ersuchen der Regierung des Libanon.
Unser Abkommen mit der libanesischen Regierung schließt jeden Kampfeinsatz
der amerikanischen Truppen aus. Alle bewaffneten Elemente in diesem Raum haben zugesichert, daß sie keine Maßnahmen ergreifen werden, die die Verwirklichung des Abzugsplanes oder die Aktivitäten der multinationalen Streitmacht
stören würden. (Der Abzug läuft nun schon seit einigen Tagen, und bisher wurden diese Zusicherungen eingehalten). Und schließlich stellt der Abzugsplan
klar, daß im Falle des Zusammenbruchs seiner Durchführung die multinationale
Streitmacht abgezogen wird. Obwohl wir vereinzelte Gewaltakte nicht ausschließen können, sind sonst alle angemessenen Vorsichtsmaßnahmen getroffen worden,
um die Sicherheit des amerikanischen Militärpersonals während des kurzen Einsatzes im Libanon zu gewährleisten.
Die Entsendung der amerikanischen Truppen in den Libanon erfolgt aufgrund der verfassungsmäßigen Vollmacht des Präsidenten hinsichtlich der Gestaltung der außenpolitischen Beziehungen und als Oberbefehlshaber der Streitkräfte der Vereinigten Staaten.
Diese Maßnahme

- 3 -

�Diese Maßnahme als solche wird die Situation im Libanon nicht lösen,
geschweige denn die Probleme, die diese Region seit mehr als 30 Jahren heimgesucht haben. Aber ich bin der Ansicht, daß sie die Aussichten auf eine Verwirklichung unserer Ziele im Libanon verbessern wird, nämlich:
-

eine dauerhafte Einstellung der Feindseligkeiten;
die Schaffung einer starken, repräsentativen Zentralregierung;
den Abzug aller ausländischen Truppen;
die Wiederherstellung der Kontrolle der libanesischen Regierung in
allen Teilen des Landes; und
- die Schaffung von Verhältnissen, unter denen der Libanon nicht mehr als
Ausgangspunkt für Angriffe gegen Israel benutzt werden kann.
Ich bin fernerder Oberzeugung, daß Fortschritte in bezug auf das LibanonProblem zu einer Atmosphäre in diesem Gebiet bei tragen werden,die notwendig ist
für Fortschritte in Richtung auf die Schaffung eines umfassenden Friedens in
dieser Region unter dem Abkommen von Camp David, fest gestützt auf die Resolutionen 242 und 338 des Weltsicherheitsrates.

+ + + + +

k

�Dokumentation
International Communication Agency
Embassy of the United States of America

1. September 1982

34

WEINBERGER: ZIEL DER USA IST DIE ABSCHRECKUNG VOR
EINEM ATOMKRIEG
Brief des amerikanischen Verteidigungsministers an die Presse -

WASHINGTON - (AD) - Der amerikanische Verteidigungsminister Caspar
Weinberger erklärte am 24. August 1982 in einem offenen Brief, den das USVerteidigungsministerium aieine Reihe wichtiger Zeitungen in Westeuropa, Japan und Australien verschicken ließ, es sei das Ziel der Reagan-Administration "vor allen Arten eines Krieges abzuschrecken, insbesondere aber vor
einem Atomkrieg." Mit dem Hinweis darauf, daß die Sowjetunion eine immer
größere Anzahl von Kernwaffen herstelle, die "weit über den zur Abschrekkung notwendigen Umfang hinausgeht", warnte er gleichzeitig davor, die Sowjets zeigten, daß sie "glauben, einen Atomkrieg beginnen und gewinnen zu
können."
Das Schreiben Weinbergers hat folgenden Wortlaut:
Ich bin in zunehmendem Maß besorgt über Berichte in der Presse, die
diese Administration so darstellen, als plane sie, einen längeren Atomkrieg

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�längeren Atomkrieg zu führen oder sich eine Kapazität zur nuklearen "Kriegsführung" zu beschaffen. Dies ist vollkommen unrichtig, und solche Berichte
stellen die Politik der Administration der amerikanischen Öffentlichkeit sowie unseren Verbündeten und Gegnern im Ausland gegenüber falsch dar.
Es ist das erste und oberste Ziel dieser Administration, alle Schritte
zu unternehmen, um sicherzustellen, daß nie wieder Kernwaffen zum Einsatz gelangen, denn wir glauben nicht daran, daß es in einem Atomkrieg irgendwelche
"Gewinner" geben könnte.
Unsere gesamte Strategie zielt darauf ab, vor allen Arten eines Krieges
abzuschrecken, insbesondere aber vor einem Atomkrieg. Um dieses Ziel zu erreichen, müssen unsere Streitkräfte in der Lage sein, in maßvoller und kluger
Weise auf die Bedrohung zu reagieren, die von der Sowjetunion ausgeht.
Dies macht die Verbesserungen unserer strategischen Streitkräfte notwendig, wie sie der Präsident vorgeschlagen hat. Aber es bedeutet nicht, daß wir
für das Konzept eines längeren Atomkriegs oder der nuklearen "Kriegsführung"
seien. Es ist die Sowjetunion, die den Eindruck vermittelt, Streitkräfte für
einen "längeren" Konflikt aufzubauen.
Die Politik der Abschreckung ist für manche nur schwer einsichtig, weil
sie sich auf ein Paradox gründet. Dies aber ist ziemlich einfach: nämlich,
die Kosten für einen Atomkrieg viel größer als jeden möglichen Vorteil zu
machen. Wenn die Sowjets im vorhinein wissen, daß ein atomarer Angriff auf
die Vereinigten Staaten eine rasche nukleare Vergeltung mit sich bringen wird,
werden sie von „vornherein nicht angreifen. Sie wären davor "abgeschreckt",
jemals einen Atomkrieg zu beginnen.
An dieser unserer Politik ist nichts neu. Seit Beginn dieses schrecklichen Zeitalters der Atomwaffen waren die Vereinigten Staaten bestrebt, einen
Atomkrieg durch eine Politik der Abschreckung zu verhindern. Diese Politik
fand durch die politischen Prozesse der demokratischen Staaten, die sie

- 2 -

�die sie beschützt, seit mindestens 1950 Zustimmung. Und was noch wichtiger
ist: Sie funktioniert. Sie funktioniert angesichts großer internationaler
Spannungen, die auch die Großmächte miteinbeziehen, und sie funktioniert sogar angesichts des Krieges selbst.
Damit aber die Aschreckung auch in Zukunft erfolgreich bleiben kann,
müssen wir Maßnahmen ergreifen, um die sowjetische Aufrüstung auszugleichen.
Wenn wir nicht jetzt unser Arsenal modernisieren, so wie es die Sowjets seit
nunmehr schon über 20 Jahren getan haben, werden wir innerhalb weniger Jahre
nicht mehr die Möglichkeit zur Vergeltung haben. Die Sowjetunion wäre dann in
einer Position, uns zu bedrohen, ja, sogar uns anzugreifen - in dem Wissen,
daß wir nicht mehr zu einer entsprechenden Reaktion fähig wären.
Wir haben in Polen, in Afghanistan, in Osteuropa und andernorts gesehen,
daß die Sowjetunion nicht zögert, den Vorteil der Tatsache eines schwächeren
Gegners auszunützen. Wir dürfen der Sowjetunion nicht erlauben, zu dem Eindruck zu gelangen, sie könnte einen Atomkrieg gegen uns beginnen - und gewinnen.
Dies ist nicht lediglich müßige Spekulation. Die Sowjetunion ist in einer
rasenden militärischen Aufrüstung begriffen - trotz ihrer wirtschaftlichen
Schwierigkeiten. Sie fährt damit fort, eine immer größere Anzahl von Kernwaffen herzustellen, die weit über den zur Abschreckung notwendigen Umfang hinausgeht. Sie hat jetzt mehr als 5000 nukleare Gefechtsköpfe auf ballistischen
Interkontinentalraketen - im Vergleich zu etwa 2000 vor nur fünf Jahren.
Sie hat die Konstruktionsmerkmale dieser Waffen und ihrer Startanlagen
modifiziert, so daß viele ihrer landgestützten Raketen jetzt zielgenauer,
überlebensfähiger und schlagkräftiger sind als unsere eigenen. Sie hat außerdem eine Nachladekapazität entwickelt, die es ermöglicht, die Abschußsysteme
mehrere Male nachzuladen. Sie verfügt über detaillierte Pläne für den Zivilschutz und für die Luftabwehr gegen jegliche Vergeltung, die wir versuchen
könnten. Und schließlich legen ihre schriftlichen Äußerungen und ihre militärische Doktrin Betonung auf ein Szenario, in dem ein Atomkrieg ausgetragen

�Wie immer auch ihre Absichtserklärungen, die Tatsache bleibt bestehen,
daß sie ihre Waffen in einer Weise und Anzahl entwirft, die uns zeigen, daß
die Sowjets glauben, einen Atomkrieg beginnen und gewinnen zu können.
Angesichts all dessen ist es meine Verantwortlichkeit und meine Pflicht
als Verteidigungsminister, alle Anstrengungen zu unternehmen, um unsere Nuklearstreitkräfte auf eine Weise.zu.modernisieren, daß die Vereinigten Staaten
die Fähigkeit behalten, die Sowjetunion davor abzuschrecken, jemals einen Atomkrieg zu beginnen. Wir müssen die notwendigen Schritte unternehmen, um der gewaltig erhöhten Nuklearkajjazität der Sowjetunion ebenbürtig zu sein.
Aus eben diesem Grund brauchen wir eine Kapazität zur überlebensfähigen
und dauerhaften Reaktion - um zu demonstrieren, daß unsere strategischen Streitkräfte die sowjetischen Schläge über einen längeren Zeitraum hinweg überleben
könnten. Wir glauben, auf diese Weise vor jedem Angriff abschrecken zu können.
Sonst würden wir sie in die Versuchung führen, ihre Kernwaffen einzusetzen oder
den Versuch zu machen, uns zu erpressen. Kurz: Wir können es uns nicht leisten,
uns in eine Position zu bringen, in der die Überlebensfähigkeit unserer Abschrekkung den Präsidenten dazu zwingen würde, zwischen dem Einsatz unserer strategischen Streitkräfte, bevor sie zerstört wären, oder aber dem Aufgeben zu wählen.
Diejenigen also, die sich gegen eine Politik stellen, die unsere Abschrekkung stärken würde, würden uns in eine gefährlichere, provozierende Lage zwingen. Waffen, die im ersten Augenblick eines feindlichen Angriffes eingesetzt
werden müssen, sind nicht das Werkzeug für eine kluge Strategie.
Eine Haltung, die zu nuklearem Abenteurertum der Sowjets ermuntert, ist
nicht die Grundlage für eine wirksame Abschreckung. Unser gesamtes strategisches Programm, einschließlich der Entwicklung einer Reaktions-Kapazität, die
in jüngster Zeit in der Presse so verleumdet worden ist, wurde mit der ausdrücklichen Absicht entworfen, sicherzustellen, daß es nie zur Austragung
eines Atomkriegs kommen wird
T „ u „ .„

- 4 -

�Ich weiß, daß diese Doktrin der Abschreckung ein Paradox ist, das schwer
zu verstehen ist. Es ist dies ein unerfreulicher Weg, den Frieden zu bewahren.
Wir verstehen das Wesen der Abschreckung und akzeptieren die Tatsache, daß wir
viel mehr tun müssen, um den Frieden auch weiterhin zu erhalten. Es ist meine
inbrünstige Hoffnung, daß dies alle verstehen und akzeptieren können, damit
wir jene Art der sensationslüsternen Verwendung des einmal gebrauchten Wortes
"nuklear" vermeiden können, die nur dazu dient, unsere Politik zu verzerren und
die Menschen in der ganzen Welt zu ängstigen. Unsere Politik ist der Frieden,
und wir sind der tiefen Oberzeugung, daß der beste und sicherste Weg zum Frieden die Sicherung und Aufrechterhaltung einer wirksamen und glaubwürdigen Abschreckung ist.
Es bleibt Ziel und Zweck der amerikanischen Politik, durch eine wirkungsvolle Politik der Abschreckung eine Aggression zu verhindern, wie dies gerade
das Ziel war, das die Gründung des Nordatlantischen Bündnisses mit sich brachte
- eines Bündnisses, das heute noch genauso vital ist wie an dem Tag, da es geschaffen wurde.

+ + + + +

- 5 -

�1. September 1982

34

US-ERKLÄRUNG ZUM JAHRESTAG DER SOLIDARITÄT
- Ein auf dramatische Weise hoffnungsvolles Ereignis
für die ganze Welt -

WASHINGTON - (AD) - Das amerikanische Außenministerium unterstrich in
einer Erklärung zum zweiten Jahrestag der Gründung der polnischen Gewerkschaft
"Solidarität", daß diese Gründung ein "auf dramatische Weise hoffnungsvolles
Ereignis für die ganze Welt" sei. Der Sprecher des Außenministeriums, John
Hughes, erklärte am 31. August 1982, "die Demonstrationen in den polnischen
Städten heute zeigen erneut, daß Unterdrückung die Probleme Polens nicht lösen
wird und daß eine Versöhnung zwischen den staatlichen Autoritäten, der Kirche
und der 'Solidarität' dringend notwendig ist".
Die Erklärung des Sprechers, mit dem Titel "Solidarität: im Jahre zwei",
hat folgenden Wortlaut:
Dies ist heute der zweite Jahrestag der Unterzeichnung der Danziger Abkommen, des formellen Gründungstages der Gewerkschaftsbewegung "Solidarität"
in Polen.
Das Auftreten

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�Das Auftreten der "Solidarität" war ein auf dramatische Weise hoffnungsvolles Ereignis für die ganze Welt.

Für diejenigen von uns, die in Freiheit

leben, vergrößerte die Gründung der "Solidarität" und ihre Programm für Reformen unsere Hoffnung, daß vielleicht doch ein friedlicher Wandel und der Genuß der grundlegenden Menschenrechte in eine geschlossene, kommunistische Gesellschaft gelangen könnten. Und bei jenen, die heute in geschlossenen Gesellschaften leben, die aber nach einem größeren Maß an Freiheit verlangen,
um ihr eigenes Geschick zu bestimmen, weckte die "Solidarität" die Hoffnung,
daß eine freie und geeinte Organisation arbeitender Männer und Frauen den
Schlüssel bilden könnte für einen gerechteren Anteil an den Früchten ihrer
Arbeit und für eine bessere Zukunft.
Die "Solidarität" entstand in einem Umfeld des wirtschaftlichen Versagens,
und des Niedergangs - und war nicht, wie oft behauptet worden ist, deren Ursache. Ihre Verleumder, die dies unterstellen, versuchen, die Geschichte
umzuschreiben. Lange Jahre des wachsenden wirtschaftlichen Chaos, der Korruption amtlicher Stellen, der Machtausweitung der Bürokratie der kommunistischen
Partei auf Kosten der Gesellschaft, Nahrungs- und Brennstoffmangel - kurz,
eine soziale und wirtschaftliche Krise von gewaltigen Ausmaßen: All dies
spielte eine Rolle für das Auftreten der Streikbewegungen im Juli 1980 und
für die Geburt der "Solidarität".
Im Verlauf des Herbstes 1980 und des Frühjahrs 1981 wuchs die "Solidarität
in Polen an und gab dem polnischen Volk ein Mittel an die Hand, den Ablauf
des nationalen Lebens zu beeinflussen. Es gab keine Tumulte, keine Anarchie,
keinen Bürgerkrieg und keine blutigen Konfrontationen. Es gab nur die entschlossenen Arbeiter, die bestrebt waren, in Ernst und in gutem Glauben mit
der zögernden Regierung und ihren Behörden zu verhandeln. Die Leistungen der
"Solidarität" in den ersten 16 Monaten ihrer Existenz waren bemerkenswert.
- Eine noch nie dagewesene Mitgliedschaft (10 Millionen registrierter
Mitglieder in einer Gesamtbevölkerung von 36 Millionen und einer Gesamtbeschäftigtenzahl von 20 Millionen);
- innovative

�- innovative Verhandlungen, die durch formelle Abkommen mit der Regierung
zu verbesserten Arbeitsbedingungen, -stunden und-löhnen beitrugen;
- eine noch nie zuvor erlebte Einigkeit unter den Arbeitern, die es bis
zum heutigen Tag gibt.
Aber unter der Führung von Lech Walesa bestand die wichtigste Errungenschaft der "Solidarität" darin, dem polnischen Arbeiter seine Würde als wertvolles und produktives Mitglied seiner eigenen Gesellschaft zurückzugeben und nicht mehr länger nur als Teil einer arbeitenden "Masse" oder als ein
"Produktionsfaktor" entwertet zu sein.
Im vergangenen Dezember versuchte das polnische Militärregime auf Betreiben der Sowjets, die Hoffnungen, die die "Solidarität" geweckt hatte, zu
unterdrücken. Aber die Ideen, die ihren Ausdruck in der "Solidarität" fanden,
werden nie sterben. Einfache Forderungen - wie ein sicherer Arbeitsplatz,
gerechte Löhne, gerechte Aufteilung zwischen der in der Fabrik und bei der
Familie verbrachten Zeit - wie auch tieferes Verlangen - etwa nach der Würde
des arbeitenden Menschen, auf friedliche Versammlungs- und Vereinigungsfreiheit, dem Recht auf Meinungs- und Informationsfreiheit, dem Recht, Mißstände
vorzubringen und darüber zu verhandeln - können nicht für immer durch Gewalt
erstickt oder hinter Gefängnistoren zum Schweigen gebracht werden.
Die Demonstrationen in den polnischen Städten heute zeigen erneut, daß
Unterdrückung die Probleme Polens nicht lösen wird und daß eine Versöhnung
zwischen den staatlichen Behörden, der Kirche und der "Solidarität" dringend
notwendig ist.
Die Welt bewundert noch immer die "Solidarität", da diepolnischen Arbeiter
ihren zweiten Gründungstag begehen und wünscht ihr ein langes, fruchtbares und
erfolgreiches Leben.
Was uns

�Was uns angeht, so werden wir zum Beweis unserer Achtung vor den freiheitlichen Zielen, die die "Solidarität" vertritt, die Politik des Präsidenten
fortsetzen, die darauf abzielt, die Versöhnung in Polen durch die Freilassung
der Gefangenen, durch eine Aufhebung des Kriegsrechts und durch die Wiederherstellung des Dialogs zwischen der "Solidarität" , der Kirche und der Regierung zu fördern.

+ + + + +

�1. September 1982

34

USICA WIEDER IN USIA UMBENANNT

WASHINGTON - (AD) - Das US-Amt für Internationale Kommunikation (USICA),
das diesen Namen von 1978 bis 1982 trug, ist durch eine Maßnahme des amerikanischen Kongresses wieder offiziell in US-Informationsamt (USIA) umbenannt worden. Präsident Reagan unterzeichnete am 24. August 1982 ein Gesetz, in dessen
Rahmen die Mittel für dieses Amt bereitgestellt werden und die Namensänderung
vorgesehen war. Die Auslandstätigkeiten dieses im Jahre 1953 ins Leben gerufenen Amtes werden wieder unter der Bezeichnung US-Informatior.sdienst (USIS) firmieren.
Das US-Informationsamt ist ein unabhängiger Teil der Exekutive und für
die Informations- und Kulturprogramme der amerikanischen Regierung im Ausland
verantwortlich. Dazu gehören auch die "Stimme Amerikas" sowie das FulbrightStipendienprogramm. USIA, das 202 Außenstellen in insgesamt 124 Ländern unterhält, gibt weitgefächerte Mediendienste heraus, unterstützt Austauschprogramme,
veranstaltet Ausstellungen und betreibt ein weltweites System amerikanischer
Bibliotheken und Kulturzentren.
n „ ..«, T r
Das US-Informationsamt

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�Das US-Informationsamt wurde im April 1978 in US-Amt für Internationale
Kommunikation umbenannt, als die Informations- und Rundfunktätigkeiten mit
den Funktionen des Büros für Erziehungs- und Kulturfragen des amerikanischen
Außenministeriums zusammengelegt wurden. Der neue Name wurde jedoch weder in
den USA noch im Ausland so recht akzeptiert. USIA-Vertreter sind der Ansicht,
daß die Umbenennung das Prestige von USIS im Ausland fördern, gewisse Verwirrung beseitigen und den Angesprochenen die Zielsetzungen des Amtes verdeutlichen wird: ein besseres Verständnis für die Vereinigten Staaten und ihre Politik zu schaffen.

+ + + + +

- 2 -

�1. September 1982

34

USA RECHNEN MIT INTERNATIONALER HILFE FÜR DEN LIBANON
- AID-Direktor McPherson in Beirut -

BEIRUT - (AD) - Der Direktor des US-Amtes für internationale Entwicklung
(AID), M. Peter McPherson, teilte am 31. August 1982 mit, daß die Vereinigten
Staaten dem Libanon Geldmittel für den Wiederaufbau des vom Krieg zerstörten
Landes zur Verfügung stellen werden. Gleichzeitig sprach er die Erwartung
aus, daß auch "die anderen Freunde" des Libanon Unterstützung gewähren und
die Hilfeleistungen somit zu einem internationalen Bemühen würden.
Nach einem zweitägigen Besuch des Libanon gab McPherson folgende Erklärung ab:
Dies ist mein zweiter Besuch des Libanon während der letzten zwei Monate.
Im Verlauf meines gegenwärtigen Aufenthaltes bin ich mit hohen Vertretern
der libanesischen Regierung zusammengetroffen, darunter mit dem Präsidenten,
dem neugewählten Präsidenten, Vertretern freiwilliger Hilfsorganisationen und
internationaler Institutionen sowie mit Angehörigen der amerikanischen Botschaft.
Die Gespräche

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�Die Gespräche ließen erkennen, daß die unmittelbaren Erfordernisse hinsichtlich der Katastrophenhilfe im Libanon weitgehend gedeckt sind.

Obwohl

weiterhin eine anhaltende Erfassung und Oberprüfung erforderlich ist und Unterkünfte für etwa 60 000 Menschen gestellt werden müssen, bevor die Herbstregenfälle beginnen, ist die Frage des Wiederaufbaus in Westbeirut und im
Süden des Landes doch eine andere Sache.
beirut ist überaus groß.

Das Ausmaß der Zerstörung in West-

Es müssen jedoch genaue Erfassungen an Ort und Stel-

le vorgenommen werden, bevor wir uns ein präzises Bild über die Schäden und
die erforderliche Reaktion darauf machen können.
Die libanesische Regierung wird beim Wiederaufbau die Führung übernehmen.
Wir erwarten, daß auch die anderen Freunde des Libanon Unterstützung gewähren
werden.

Dies muß ein internationales Bemühen werden.

Was unsere eigene Rolle anbetrifft, so hat der Präsident 65 Millionen
Dollar für Hilfs- und Wiederaufbauvorhaben im Libanon angefordert. Ober 50
Millionen dieser Mittel muß der Kongreß befinden. Die höchste Priorität hierbei hat die direkte Hilfe, und etwa 13,5 Millionen Dollar sind bereits weitgehend für diese Zwecke ausgegeben worden.
Ich habe über die weiteren Erfordernisse mit Außenminister Shultz im
Weißen Haus gesprochen, bevor ich Washington verließ, und habe dann hier weitere Gespräche darüber geführt. Als Folge dieser Diskussionen stellen wir
nunmehr zusätzliche 30 Millionen an Regierungsgarantien für die Wiederherstellung oder den Wiederaufbau von Elektrizitäts- und Abwässeranlagen sowie für
Wasserwerke zur Verfügung, die durch die kürzlichen Feindseligkeiten beschädigt wurden. Diese Garantien stammen aus Vollmachten, über die der Kongreß
bereits abgestimmt hat. Einzelheiten müssen noch ausgearbeitet werden.
Ich werde dem Präsidenten und dem Außenminister unmittelbar nach meiner
Rückkehr über meine Feststellungen hier berichten.

+ + + + +

- 2 -

�34

1. September 1982

AFL-CIO: RECHT AUF FREIHEIT DES ZUSAMMENSCHLUSSES
- Aufruf zum Labor Day -

- (AD) - Die amerikanische Dachgewerkschaft AFL-CIO hat in einem Aufruf zum amerikanischen Labor Day (Tag der Arbeit), der in diesem Jahr am
6. September begangen wird, die Freiheit des Zusammenschlusses als ein "fundamentales Menschenrecht" bezeichnet und darauf hingewiesen, daß gerade auch
die Gewerkschaft "Solidarität" in Polen in ihren ersten Forderungen auf dieses Recht gepocht habe.
Der Aufruf wurde am 30. August in der "New York Times" veröffentlicht.
Er hat folgenden Wortlaut:
Wenn jetzt der Labor Day näherrückt, sollten alle Amerikaner - nicht nur
Gewerkschaftsmitglieder - über ein fundamentales Menschenrecht nachdenken, in
dem ein weltweiter Impuls zum Ausdruck kommt:

die Freiheit des Zusammen-

schlusses.
In wenigen Worten gesagt:

Es ist das Recht einfacher Bürger, die gemein-

same Interessen haben, ihre eigenen Institutionen zu schaffen und zu kontrollieren - unabhängig von der Regierung - und zwar als Instrumente zur Förderung

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�zur Förderung und zum Schutz ihrer Interessen.

Ohne die Abschirmung durch

solche Institutionen wäre der einfache Mensch der willkürlichen Macht des
Staates, des Unternehmers oder anderer potentiell feindlicher Kräfte ausgesetzt.
Ja, gäbe es eine Freiheit des Zusammenschlusses nicht, währen alle anderen Menschenrechte, derer wir uns erfreuen, in gleicher Weise willkürlicher
Macht preisgegeben.

Die Freiheit der Rede wäre auf das Recht des einsamen

Rufers in der Wüste beschränkt; die Freiheit des Gebets wäre auf die private
Meditation reduziert, und die Versammlungsfreiheit hätte praktisch keinen
Sinn.

Eine effektive politische Opposition - und damit die Demokratie - wäre

unmöglich.

Wenn also die Freiheit des Zusammenschlusses das tragende Prinzip

der Gewerkschaftsbewegung ist, so ist sie aber auch der Schutz und das Gerüst
für den gesamten Bereich der Menschenrechte, die eine demokratische Gesellschaft ausmachen.
Diese Zusammenhänge werden sehr viel deutlicher, wenn wir daran denken,
daß heute der zweite Jahrestag des Danziger Abkommens ist, das die "Solidarität"
zur ersten offiziell anerkannten freien Gewerkschaft in der kommunistischen
Welt machte. Die Freiheit des Zusammenschlusses, wie sie in der Konvention 87
der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) proklamiert wird, war eine der
ersten Forderungen der "Solidarität", und mit ihrem Sieg begann die polnische
Gesellschaft, sich zu öffnen. Mit der Unterdrückung der "Solidarität" - und
damit des Rechtes des freien Zusammenschlusses - wurden auch alle anderen
Rechte des polnischen Volkes unterdrückt.
Aber sein Kampf hält an - mit der Unterstützung der freien Gewerkschaftsbewegung der Welt.
Ein ähnlicher Kampf ist heute in Südafrika im Gange, wo schwäre Arbeiter
bemüht sind, freie und unabhängige Gewerkschaften ins Leben zu rufen. Wir glauben, daß ihr Erfolg der Schlüssel zur Abschaffung der Apartheid und zur demokratischen Umformung Südafrikas sein wird. Die Alternative ist Gewalt und
Unterdrückung.
Im vergangenen
- 2 -

�Im vergangenen Jahr verlieh der Dachverband AFL-CIO seine erste George
Meany-Medaille an Lech Walesa, der seit dem 13. Dezember vom polnischen Militä'rregime gefangengehalten wird.

In diesem Jahr werden der Chefminister des

Homelands Kwa Zulu, Mangosuthu Gatsha Buthelezi,und posthum Neil Aggett mit
dieser Medaille ausgezeichnet, der vor seinem Tod im Gewahrsam der südafrikanischen Polizei Regionalsekretär der afrikanischen Konservenarbeitergewerkschaft in Transvaal war.
In Polen, Südafrika und auch anderswo kämpfen Arbeiter um die Rechte der
Gewerkschaften; es geht um die Freiheit des Zusammenschlusses; es geht um die
Demokratie selbst.
Es lohnt sich, an diesem Labor Day daran zu denken!

- 3 -

�Hintergrund
materiell
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34

1. September 1982

DIE MAUER VON WARSCHAU
Ein Kommentar der Stimme Amerikas

Es gibt eine neue Mauer - letzte Woche wurde sie vom polnischen Kriegsrechtregime errichtet. Ein zwei Meter hoher Holzzaun blockiert den Siegesplatz. Er soll die Polen daran hindern, Blumen auf dem Platz als Symbol des
Protestes gegen die militärische Unterdrückung niederzulegen, die im vergangenen Dezember einsetzte.
Die Mauer von Warschau ist ein Symbol eigener Art. Sie ist ein Monument
für Gewaltherrschaft, für Regieren per Diktat, wie dies Moskau und seine
Gefolgsleute immer dann verstärkt getan haben, wenn ein Volk unter ihrer Kontrolle den Versuch machte, für die eigenen Rechte die Stimme zu erheben und
zu handeln.
1961 wurde die Berliner Mauer errichtet, um Menschen einzusperren, um die
Ostdeutschen daran zu hindern, in den Westen zu fliehen und so der Armut und
der politischen Unterdrückung zu entkommen. Der Zaun auf dem Warschauer Siegesplatz schließt Menschen aus. Hinter ihm - und offensichtlich dem Zugang ent-

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�dem Zugang entzogen - liegt die Stelle, wo der Sarg von Kardinal Stefan
Wyszynski, einem Vorkämpfer der polnischen Freiheit - stand, als dieser im
Mai 1981 beigesetzt wurde.
Jetzt ist der Platz zu einem Mittelpunkt des Widerstands des polnischen
Volkes gegen das Kriegsrecht geworden - ein Platz, auf dem auch Papst Johannes
Paul II. seine Messe hielt, als er 1979 Polen besuchte. So mauert das von der
Sowjetunion gestützte Kriegsrechtsregime die Geschichte

ein, während es gleich-

zeitig vor der Freiheit der Meinungsäußerung eine Barriere errichtet.
Das Warschauer Militärregime erklärt, der Zaun wurde errichtet, damit die
Arbeiter das Pflaster des Platzes erneuern können. Aber es ist eindeutig, daß
der zwei Meter hohe Zaun einem unheilvollen Zweck dient, da die polnischen Behörden damit fortfahren, gegen Protestdemonstrationen vorzugehen, die im Vorfeld des Jahrestages der Gründung der Gewerkschaft Solidarität abgehalten wurden.

Die Sowjets und jene, die ihrem Befehl Folge geleistet haben, können keinerlei nachweisbare Erfolge dabei vorzeigen, den grundlegenden politischen
oder wirtschaftlichen Bedürfnissen gerecht geworden zu sein, für die die Solidarität kämpft. Aber sie haben großes Geschick dabei bewiesen, Mauern zu errichten,um die Menschen davon abzuhalten, ihre grundlegenden Menschenrechte auszuüben. All jene in der Welt, die die Freiheit lieben, sind bestürzt über diesen
neuesten Beweis abstoßender Geschicklichkeit. Wir hoffen auf den Tag, da die Mauer
in Warschau zu bestehen aufhört.

+ + + ++

- 2 -

�1. September 1982

34

DIE UNTERDRÜCKUNG DER KRIEGSGEGNER IN DER .SOWJETUNION
- Chronologie -

- (AD) - Die Unterdrückung der offiziell nicht anerkannten Antikriegsgruppen in Osteuropa während der vergangenen fünf Monate wirft die Frage auf,
ob der Sowjetblock jemals ein ernstzunehmendes Gegenstück zu den Friedensbewegungen im Westen tolerieren wird.
Gerade in diesen Tagen wurde der Führer der ersten unabhängigen Friedensund Abrüstungsgruppe in der Sowjetunion in eine psychiatrische Klinik eingeliefert.
In einem Versuch, die Zweifel über die sowjetische Ernsthaftigkeit bei der
Friedensthematik zu zerstreuen, hat Moskau zum ersten Mal zugelassen, daß die
Teilnehmer eines Friedensmarsches aus den nordeuropäischen Ländern sozusagen
als Beweis hierfür im Juli per Zug durch sowjetisches Gebiet reisen aurften.
Doch kaum waren die dänischen, finnischen, schwedischen und norwegischen
"Frauen für den Frieden" angekommen, als sie erfahren mußten, daß Mitglieder
einer unabhängigen russischen Friedensgruppe verhaftet worden waren.
Nach einem

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�Nach einem monatelangen Feilschen über die Einzelheiten des Marsches einschließlich der Begrenzung der Anzahl der Marschierer und der Botschaften,
die auf den Plakaten der Skandinavier stehen durften oder nicht - machte die
Sowjetunion den Marsch unwirksam.
Die kleine Gruppe der skandinavischen Frauen wurde über die gesamte Strecke
hinweg zu vorbereiteten Versammlungen in einigen wenigen, hierfür vorbestimmten
Städten von Leningrad bis Minsk von Mitgliedern des von offizieller Seite kontrollierten sowjetischen Friedenskomitees "eskortiert". Außerdem wurde sie ständig von Angehörigen des sowjetischen Geheimdienstes KGB überwacht.
Entgegen Moskaus vorheriger Versicherung, daß der Marsch nicht politisiert
werden würde, wurden die Skandivanierinnen auf den von der Regierung organisierten Antiatomdemonstrationen, an denen sie teilnahmen, mit antiwestlichen Plakaten empfangen. Die sowjetische Presse zensierte alle Ansprachen ihrer Gäste, die
von der propagandistischen Standardlinie des Kreml abwichen, während andere skandinavische Erklärungen entstellt wurden, um den Eindruck zu geben, nur der Westen
sei aufgefordert, das Wettrüsten einzustellen.
Nachstehend eine Chronologie der jüngsten Maßnahmen des Sowjetblocks gegen
unabhängige Friedensgruppen:
•

März 1982 - DDR verbietet Friedensemblem
Die DDR brandmarkte ihre, von der Kirche unterstützte

autonome Friedens-

gruppe als eine "illegale politische Vereinigung".
Das biblische Emblem der Gruppe, das die Umwandlung von Schwertern in
Pflugscharen zeigt, wurde am 22. März als "Ausdruck einer staatsfeindlichen
Mentalität" verboten.
Um die kleine, nur locker organisierte Friedensgruppe zu isolieren, führte
das Regime in Ostberlin eine intensive Kampagne in Schulen und Jugendorganisationen durch, um Kampfbereitschaft einzuimpfen.
- 2 -

April 1982 -

�April 1982 - DDR unterstellt Intoleranz der Friedensaktivisten
Trotz der öffentlichen Opposition der Konferenz der evangelischen Kirchen
gegenüber dem Verbot durch das Regime, das Friedensabzeichen "Schwerter zu
Pf1ugscharen" zu tragen, behauptete der Staatssekretär für Kirchenfragen, das
Friedenssymbol werde "mißbraucht zum Zweck der Schwächung der Verteidigungsbereitschaft des Staates"«
Die schweren Bedrohungen der zu der Gruppe gehörenden jungen Leute dauerten an.
April 1982 - Westliche Friedensdemonstraten verhaftet und aus Osteuropa
ausgewiesen
Am 19. April wurden sieben Westeuropäer auf dem Roten Platz in Moskau verhaftet, als sie versuchten, ein Plakat zu entfalten, das "Brot, Leben und Abrüstung" forderte.
Die Gruppe hatte bei ihrer Festnahme Flugblätter bei sich, auf denen die
sowjetische Regierung aufgefordert wurde, 0,7 Prozent des Bruttosozialprodukts
für Nahrungsmittel für die armen Länder der Dritten Welt bereitzustellen.
Ähnliche Proteste - koordiniert von der Radikalen Partei Italiens als Teil
ihrer Kampagne gegen Hunger und für den Frieden - traf ein ähnliches Schicksal
in den Hauptstädten Bulgariens, Ungarns und der Tschechoslowakei.
Mai 1982 - Moskau entzieht einem Vertreter der westlichen Friedensbewegung das
Wort
Wim Bartels, der internationale Sekre^r des holländischen interkirchlichen Friedensrates, verließ am 12. Mai eine vom Kreml unterstützte "Weltfriedenskonferenz" religiöser Führer, nachdem ihm verwehrt worden war, vor einer
öffentlichen Vollversammlung zu sprechen, zu der auch die Presse gekommen war.
Bartels war der

�Bartels war der einzige Vertreter der westlichen Friedensbewegung, der
an dem Treffen teilnahm. Es war bei der Moskauer Konferenz kein Geheimnis,
daß er die Absicht hatte, die Notwendigkeit beidseitiger und ausgewogener
Rüstungsverminderung in Ost und West anzusprechen und drei Gruppen beim Namen zu nennen, die im Sowjetblock verfolgt oder unterdrückt wurden: die Angehörigen der inoffiziellen protestantischen Friedensbewegung in der DDR, die
Gewerkschaft Solidarität in Polen und die Menschenrechtsgruppe "Charta 77"
in der Tschechoslowakei.
Juni 1982 - Die Sowjets schleppen das Schiff einer westlichen Friedensgruppe
aus sowjetischen Gewässern
Nachdem sie 2000 Ballons mit der Aufschrift "UdSSR: Stoppt Atomtests
jetzt" in Leningrad hatten aufsteigen lassen, wurden 28 Mitglieder der westlichen Umweltbewegung "Greenpeace" auf dem Schiff "Sirius" gegen ihren Willen
am 2. Juni aus sowjetischen Gewässern geschleppt.
Juni 1982 - Folgen inländischer Herausforderung des Kreml-Monopols für sowjetische Friedensaktivitäten
Die Mitglieder der ersten unabhängigen Friedens- und Abrüstungsgruppe der
UdSSR, deren Bildung am 4. Juni in Moskau angekündigt worden war, wurden wiederholt bedroht, eingeschüchtert und erpreßt.
Sergei Batovrin und Vladimir Fleishgakker - Gründungsmitglieder des
"Komitees für Vertrauensbildung zwischen USA und UdSSR" - wurden unter Hausarrest gestellt.
Andere Mitglieder des Komitees wurden mit dem Verlust ihres Arbeitsplatzes, ihrer akademischen Positionen und ihrer studentischen Stipendien
bedroht; außerdem wurde ihnen Verfolgung wegen "unbefugter Ausübung angemaßter Rechte" angedroht. Sie wurden darüber verwarnt, daß ihre Aktivitäten
"antisowjetisch" und "provokativ" seien.
Juli 1982 -

�Juli 1982 - Moskau setzt Unterdrückung der Batovrin-Gruppe fort
Am 6. Juli drohte die sowjetische Polizei damit, Sergei Batovrin krimineller Umtriebe zu beschuldigen, sollte er nicht die Mitgliedschaft in
dem Komitee aufgeben und die amerikanische Außenpolitik verurteilen.
Zwei Mitglieder der Gruppe wurden aufgefordert, das Land bis zum 10.
Juli zu verlassen, obwohl man ihnen die Erlaubnis zur Emigration verweigert
hatte, als sie darum nachsuchten. Anderen Mitgliedern wurden Ausreisevisen
versprochen unter der Bedingung, alle Kontakte zu der Friedensgruppe aufzugeben.
Kurz vor der Ankunft der nordischen Friedensmarschierer in Moskau am
14. Juli wurden Batovrin und Sergei Rosenoer für 14 Tage ins Gefängnis gebracht. Begründung: "Rowdytum" und Unterstützung der antisowjetischen Propaganda.
Die restlichen Komiteemitglieder wurden aus Moskau verwiesen oder unter Polizeiaufsicht gestellt, um zu verhindern, daß Sie Kontakte zu den
skandinavischen "Frauen für den Frieden" aufnehmen könnten.
Juli 1982 - Die Antwort der DDR an die Friedensdissidenten: Exil und militärische Überwachung
Mindestens vier der Organisatoren einer großen inoffiziellen Friedenstagung, die am 27. Juni in Ostberlin stattfand, wurden in den Westen abgeschoben. Anderen wurde befohlen, sich zum Militärdienst zu melden; dabei
wurde ihnen eine Gefängnisstrafe für den Fall der Weigerung angedroht.
August 1982 - Moskaus Antwort für unbußfertige Friedensdissidenten: die
psychiatrische Anstalt
Der Führer

�Der Führer des unabhängigen sowjetischen Friedenskomitees, Sergei
Batovrin, wurde am 6. August in eine Moskauer psychiatrische Anstalt gesperrt.
Die offizielle Verlautbarung der Klinik war, daß seine Handlungen sozial gefährlich seien und von einer Krankheit herrührten.

+ + + + +

'

- 6 -

�T

Wis/en/chaft
und Technik
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1. September 1982

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SATELLITEN-BRÜCKE ZU EINER BESSEREN ZUKUNFT
UN-Organisationen sollen wirksamere Anwendung der Raumfahrttechnik fördern -

- (AD) - In der dritten Welt gibt es abseits

der von der Technik un-

serer Zeit erschlossenen Gebiete noch viele Dörfer und Siedlungen ohne Elektrizität und ohne moderne Nachrichtenverbindungen nach draußen.

Dennoch

machen es Nachrichtensatelliten und mit Sonnenenergie gespeiste Generatoren
möglich, zu geringen Kosten und in kurzer Zeit Telefonleitungen einzurichten,
um Kontakt zur Außenwelt zu bekommen und in Notfällen Hilfe herbeizurufen.
Auf ähnliche Weise helfen Wettersatelliten, den Beginn der Monsun-Zeit auf
mindestens drei Tage genau vorherzusagen.
Solche

auf wissenschaftlicher Grundlage erarbeiteten Angaben können,

wie der Inder Rashmir Mayur auf der UN-Weltraumkonferenz UNISPACE '82 kürzlich
in Wien erklärte, den Bauern auf der ganzen Welt die Möglichkeit geben, jährlich Nahrungsmittel im Wert von 3,5 Milliarden Dollar mehr als bisher zu produzieren.

Die Bauern müssen die Wettermeldungen rasch bekommen, um ihre

Äcker zum richtigen Zeitpunkt zu bestellen.

Für die Satelliten-Kommunikation

ergäbe sich daraus eine ganz wichtige weitere Aufgabe - eine der zahllosen
Möglichkeiten, Technologien aus der Raumfahrt auf der Erde für sehr praktische

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�sehr praktische und wichtige Dinge zu nutzen und auch die Länder der Dritten
Welt in den Genuß der Vorteile dieser Technik zu bringen.
NASA-Chef James M. Beggs, der Leiter der US-Delegation, hatte den Konferenzteilnehmern aus weit über 100 Nationen den Vorschlag unterbreitet, aus dem Weltraum spezielle Untersuchungen unserer Erde vorzunehmen, die helfen können, unseren Planeten bewohnbar zu erhalten.

Diese Studie müßte sich allerdings min-

destens über ein Jahrzehnt oder einen noch längeren Zeitraum erstrecken und in
enger internationaler Zusammenarbeit durchgeführt werden.

Unsere Kenntnis der

Erde sei ohnehin noch überaus lückenhaft und somit auch das Verständnis für
Zusammenhänge und ökologische Wechselwirkungen, die großen Einfluß auf das Leben und die Lebensmöglichkeiten auf dieser Erde haben. Die NASA werde, wie
der Leiter des US-Amtes für Luft- und Raumfahrt (NASA) sagte, in den nächsten
sechs Monaten entsprechende Vorschläge für einzelne Fachgebiete ausarbeiten,
damit im kommenden Jahr Details auf breiter Basis erörtert werden können.
"Die praktischen Ergebnisse dieser Konferenz werden sich darin zeigen, ob wir
in den nächsten paar Jahren zu mehr internationaler Zusammenarbeit kommen oder
nicht", erklärte Beggs.

"Unsere Initiativen und die einer Reihe anderer Län-

der zielen alle auf mehr internationale Zusammenarbeit in Wissenschaft und
Technik in der Zukunft ab."
Die Empfehlungen der UNISPACE "82-Konferenz wurden in einem Bericht zusammengefaßt, der der 37. UN-Vollversammlung in New York im Herbst 1982 zur
Annahme vorgelegt wird. Wichtige Punkte darin sind:
- Schaffung eines UN-Informationssystems über Raumfahrttechnik und Weltraumfragen, so daß interessierte Länder direkten Zugang zu entsprechenden
Datenbanken bekommen.
- Das UN-Programm zur Anwendung der Raumfahrttechnologien sollte mehr
dafür eingesetzt werden, Entwicklungsländern zu helfen, die für sie geeigneten Anwendungsmöglichkeiten herauszufinden und in die Praxis umzusetzen.
Zu diesem Zweck sollten z.B. Schulungsprogramme für technisches Personal und

- 2 -

'

�Personal und

Seminare für Wissenschaftler eingerichtet und die Zusammenar-

beit auf den Gebieten Wissenschaft und Technik zwischen Industrie- und Entwicklungsländern gefördert werden.
- Die Vereinten Nationen sollten gemeinsam mit Sonderorganisationen
von Zeit zu Zeit Untersuchungen über globale Auswirkungen neuer Raumfahrtentwicklungen (in technischer, sozialer, wirtschaftlicher und rechtlicher
Hinsicht sowie in bezug auf Umweltfragen) durchführen lassen.
- Hinsichtlich der optimalen Nutzung des geostationären Orbits (Umlaufbahn für Kommunikationssatelliten in ca. 36 000 km Höhe über dem Äquator)
gibt es Befürchtungen, daß die Auslastung der Frequenzen in einigen Abschnitten bald ausgeschöpft sein werde. Deshalb seien weitere Forschungen notwendig, um die wirksamste Nutzung dieser Bahn im Interesse aller Länder zu gewährleisten.
- Die Fernerkundung für die Rohstoffsuche durch Satelliten soll durch
Leitlinien geregelt werden, denen der Rechtsausschuß des UN-Komitees für die
friedliche Nutzung des Weltraums zustimmt. Damit will man die Verfügbarkeit
der Beobachtungsdaten sicherstellen und den Bedenken jener Länder Rechnung
tragen, deren Territorium beobachtet wird, ohne daß sie dem zugestimmt haben.
Ferner wird empfohlen, daß beispielsweise die UN-Organisation für Ernährung und Landwirtschaft (FAO), für Erziehung, Wissenschaft und Kultur
(UNESCO), das UN-Entwicklungsprogramm und das UN-Umweltprogramm interessierten Ländern helfen, die für sie erforderlichen und am besten geeigneten Fernerkundungssysteme zu ermitteln und einzusetzen.
- Die Länder sollten sich endlich über den Satelliten-Direktempfang
einigen, der in einigen Staaten für Bildungsprogramme bereits versuchsweise
eingeführt ist.

Außerdem sollten Entwicklungsländer im einzelnen prüfen,

welche Bedeutung Kommunikationssatelliten insbesondere für die Verbindung
mit ländlichen Regionen bei der Durchführung von Entwicklungsaufgaben haben.
- Satellitensysteme
- 3 -

�I
- Satellitensysteme sollten im Rahmen internationaler Regelungen aufgebaut werden, damit die Anwendung bestimmter Systeme nicht die Anwendung anderer beeinträchtigt.
- NicH mehr verwendungsfähige Satelliten sollten aus ihrem Orbit (insbesondere dem geostationären Orbit) entfernt werden; gewisse Umlaufbahnen
sollten für die Deponie von "Raumfahrtmüll" reserviert bleiben. Die Umweltauswirkungei von Raketenstarts sollten weiterhin untersucht und überwacht
werden.

+ + + + +

4 -

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                <text>&lt;strong&gt;1. Dokumentation&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Reagan unterstreicht friedenserhaltende Rolle der US-Truppen im Libanon&lt;br /&gt;&lt;em&gt;- Schreiben des Präsidenten an den Kongress -&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Weinberger: Ziel der USA ist die Abschreckung vor einem Atomkrieg&lt;br /&gt;&lt;em&gt;- Brief des amerikanischen Verteidigungsministers an die Presse -&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;2. Information&lt;br /&gt;US-Erklärung zum Jahrestag der "Solidarität"&lt;br /&gt;&lt;em&gt;- Ein auf dramatische Weise hoffnungsvolles Ereignis für die ganze Welt -&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;USICA wieder in USIA umbenannt&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Hintergrundmaterial&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;USA rechnen mit internationaler Hilfe für den Libanon&lt;br /&gt;&lt;em&gt;- AID-Direktor McPherson in Beirut -&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;AFL-CIO: Recht auf Freiheit des Zusammenschlusses&amp;nbsp;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;- Aufruf zum Labor Day -&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Die Mauer von Warschau&lt;br /&gt;&lt;em&gt;- Ein Kommentar der Stimme Amerikas -&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Die Unterdrückung der Kriegsgegner in der Sowjetunion&lt;br /&gt;&lt;em&gt;- Chronologie -&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;4. Wissenschaft und Technik&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Satelliten-Brücke zu einer besseren Zukunft&lt;br /&gt;&lt;em&gt;- UN-Organisation sollen wirksamere Anwendung der Raumffahrttechnik fördern -&lt;/em&gt;</text>
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35

amcrika
dienet

U.S. Information Service
Embassy of the United States of America
State? Information Service

Embassy of the United States of America
USIS LIBRARY
Deichmanns Aue 29
53170 Bonn

I.September 1993

NAHER OSTEN

USA BEZEICHNEN PAKT ZWISCHEN
ISRAEL UND PLO ALS KONZEPTIONELLEN
DURCHBRUCH
Christopher unterstützt Abkommen

SOMALIA

ASPIN UMREISST AKTIONEN FÜR
FORTSCHRITTE IN SOMALIA
Rede des Verteidigungsministers

AUSSENPOLITIK

CLINTON ERGREIFT MASSNAHMEN ZUR
FÖRDERUNG DES HANDELS MIT DER
KARIBIK
Pressekonferenz des Präsidenten

WIRTSCHAFT

BERICHT DES WIRTSCHAFTSMINISTERIUMS: AUSLÄNDISCHE
DIREKTINVESTITIONEN IN DEN USA
UND IHRE AUSWIRKUNGEN
von Lester A. Davis
USA, JAPAN, DEUTSCHLAND - VERGLEICH
DES WIRTSCHAFTLICHEN UMFELDS
Studie des Bundesrechnungshofs

WEITERVERBREITUNG

SANKTIONEN GEGEN CHINA UND
PAKISTAN WEGEN TRANSFER VON
RAKETENTECHNOLOGIE
Eindeutige Beweise für Technologietransfer

COUNTRY-MUSIC

MARY-CHAPIN CARPENTER:
DER LIEBLING DER COUNTRY-MUSIC
von Debra Shore

Um Übersendung von
Belegexemplaren
•wird gebeten

Deichmanns Aue 29
D 53170 Bonn

Tel.:0228-339 23 72
Fax:0228-33 41 02

�NAHER

OSTEN
I.September 1993

USA BEZEICHNEN PAKT ZWISCHEN ISRAEL UND PLO
ALS KONZEPTIONELLEN DURCHBRUCH
Christopher unterstützt Abkommen

WASHINGTON - (AD) - Ein in Geheimverhandlungen
ausgehandeltes Abkommen zwischen Israel und der
Palästinensischen Befreiungsorganisation (PLO), das
den Palästinensern "vorgezogene Autonomie" in den
besetzten Gebieten verleihen soll, ist Außenminister
Christopher zufolge ein "konzeptioneller Durchbruch''.
"Andeutungen, daß wir es nicht unterstützen, entbehren jeglicher Grundlage", erklärte Christopher am 31.
August 1993 im Hinblick auf das erste nach 22monatigen Verhandlungen im Nahost-Friedensprozeß erzielte Abkommen.

Das Konzept eines palästinensischen Staats, das die
Vereinigten Staaten nicht unterstützen, zähle nicht zu
"einer Reihe sehr konkreter Schritte", die in dem Abkommen zwischen Israel und der PLO gefordert würden, führte Christopher aus. Das Abkommen, "das
ziemlich vollständig und ziemlich explizit" sei, befasse
sich mit dem Vorgehen in den nächsten fünf Jahren.

Auf die Frage, ob das israelisch-palästinensische
Abkommen in ein oder zwei Tagen abgeschlossen
sein könnte, wie von einigen Palästinensern vorgeschlagen, räumte der Außenminister ein, es "ist nie
nützlich, genaue Fristen zu setzen". "Meines ErachEinzelheiten wurden offiziell noch nicht bekanntgege- tens will jeder dieses Abkommen so schnell wie mögben, Vertretern der Israelis und der PLO zufolge wird lich formalisieren und dann die zahlreichen zur Durchdas Abkommen den Palästinensern jedoch die Selbst- führung des Abkommens erforderlichen Schritte unverwaltung des Gazastreifens und der Stadt Jericho im ternehmen", erklärte er.
besetzten Westjordanland lange vor den sogenannten
Verhandlungen über den endgültigen Status übertra- "Es muß sehr viel Arbeit geleistet werden. Die Vereigen.
nigten Staaten haben den Prozeß begrüßt", erläuterte
Christopher, "und wollen den Parteien zur Seite stehen
Delegationen aus Syrien, Libanon und Jordanien nahmen und ihnen behilflich sein, einen Schritt weiterzukomam 31. August die Friedensgespräche mit israelischen men. Ich möchte also keine genaue Frist festsetzen,
Diplomaten in verschiedenen Räumlichkeiten des State aus meiner Sicht ist es jedoch wünschenswert, daß
Department wieder auf, und die israelischen und palä- das Abkommen frühzeitig in eine vertragliche Form
stinensischen Vertreter setzten ihre Gespräche über gebracht wird."
Interim-Selbstverwaltungsarrangements für die besetzten Gebiete fort.
Der Außenminister stellte fest, es sei "klar, daß der
Aspekt der vorgezogenen Autonomie des AbkomObwohl die Vereinigten Staaten erfreut über das mens einer Finanzierung bedarf, und wir sind gerne
Abkommen seien, habe die Clinton-Administration - bereit, bei der Aufbringung der erforderlichen Mittel für
zumindest im Augenblick - keine Pläne zur Eröffnung die Palästinenser Hilfestellung zu leisten, damit sie
eines eigenen Dialogs mit der PLO, stellte Christopher ihre Verantwortung im Rahmen des Abkommens
fest.
übernehmen können."
"Zum gegenwärtigen Zeitpunkt gibt es keine Änderung
unserer Politik im Hinblick auf die PLO. Andererseits
geht es hier um ein sich rasch wandelndes Umfeld",
äußerte der Außenminister auf Fragen von Journalisten bei einem Fototermin. "Wir hatten bisher unsere
Vorbehalte, aber es finden offensichtlich Entwicklungen statt, die wir sehr genau verfolgen werden."
AMERIKA DIENST 35

Der Außenminister erklärte jedoch, er sei nicht der
Ansicht, daß das Abkommen irgendwelche "Sicherheitsgarantien" von Seiten der USA fordere. "Wir
werden weiterhin mit den Konfliktparteien zusammenarbeiten, uns um eine Vermittlerrolle bemühen und bei
der Umsetzung dieses Abkommens helfen", fuhr er
fort.
Seite 1

�Während der zweimonatigen Verhandlungspause seit
der Unterbrechung der Nahostgespräche am 1. Juli
war der Friedensprozeß vom Ausbruch erbitterter
Feindseligkeiten zwischen den vom Iran unterstützten
Terroristen der Hizbollah und den israelischen Streitkräften gekennzeichnet, die Zehntausende Libanesen
aus ihrer Heimat vertrieben. Christopher brach seine
Asienreise in Singapur ab und kehrte in die Staaten
zurück, um durch Telefondiplomatie eine Beendigung
der Feinseligkeiten zu erreichen. Diese Bemühungen
schloß er mit einer einwöchigen Reise in die Region ab
und überzeugte die Konfliktparteien, ihre Friedensgespräche in Washington wiederaufzunehmen.
Der israelische Außenminister Peres und ein hochrangiger PLO-Vertreter trafen in der letzten Woche zu
Geheimverhandlungen in Oslo zusammen und handelten ihr Abkommen aus, das in Form einer Grundsat zerklärung veröffentlicht werden soll.
Seit Beginn direkter Verhandlungen zwischen den
Konfliktparteien Ende Oktober 1991 nach Abschluß
der Madrider Konferenz gelang es in keiner der Ver-

* *

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handlungsrunden, auf auch nur einem der vier Verhandlungsgebiete zu einer Einigung zu kommen. Nach
Beendigung der letzten Verhandlungsrunde erklärten
amerikanische Regierungsvertreter jedoch, die Konfliktparteien hätten bei substantiellen Fragen Fortschritte erzielt und schienen bereit, schwierige Entscheidungen zu treffen.
Christopher erinnerte vor Journalisten daran, daß der
Friedensprozeß unter der Schirmherrschaft der Vereinigten Staaten und Rußlands abläuft und erklärte:
"Unser Ziel ist eine friedliche Beilegung der Konflikte im
Nahen Osten. Und dieses (Abkommen) ist ein großer
Schritt in diese Richtung."
Der Außenminister gab bekannt, er habe zu Beginn
des Tages mit dem russischen Au ßenminister Kosirev
telefoniert und "über eine Zusammenarbeit bei den
nächsten Schritten" beraten. Die Vereinigten Staaten
seien ihm zufolge in dem Friedensprozeß "bereit, weiterhin die Rolle eines ehrlichen Maklers oder vollwertigen Partners" zu spielen.

* *

*

AMERIKA DIENST 35

�SOMALIA
I.September 1993

ASPIN UMREISST AKTIONEN FÜR
FORTSCHRITTE IN SOMALIA
Rede des Verteidigungsministers
WASHINGTON - (AD) - In einer am 27. August 1993 vordem Zentrum für Strategische und Internationale Studien
(Center for Strategie and International Studies - CSIS) in Washington gehaltenen Rede erläuterte Verteidigungsminister Aspin ein sechs Punkte umfassendes Maßnahmenpaket, das zur Erlangung "echter Fortschritte'' in
Somalia von entscheidender Bedeutung ist.
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede des Verteidigungsministers im Wortlaut.

Die Entscheidung des Präsidenten zur Entsendung
weiterer 400 Soldaten nach Somalia hat die Aufmerksamkeit erneut auf den Sicherheitsaspekt - vor allem
den militärischen Aspekt der Vereinigten Staaten bezüglich dessen gelenkt, was dort geschieht. Dieser
Blickwinkel ist bei weitem zu eng. Die Ereignisse in
Somalia gehen weit über den militärischen Konflikt in
Mogadischu hinaus. Und wenn es eine Lösung für die
Probleme Somalias gibt, muß es sehr viel mehr als
eine militärische Lösung sein.
Somalia war eine Tragödie, die Amerika und die Weh
berührte. Wir gingen dorthin, um ein Volk zu retten,
und dies ist uns gelungen. Wir bleiben dort, um eben
diesem Volk beim Wiederaufbau seiner Nation behilflich zu sein. Um zu verstehen, wie wir dies verwirklichen wollen, sollten wir uns kurz die Umstände ins
Gedächtnis rufen, die diese internationale Reaktion
veranlaßt haben.

Million Menschen, vor allem Frauen und Kinder,
umgekommen. Das Leben von zwei Millionen weiteren - einem Viertel der somalischen Bevölkerung - war
in Gefahr.
Die politischen Institutionen in Somalia waren zerfallen, seine instabile Volkswirtschaft buchstäblich zerstört und die Bevölkerung praktisch ausschließlich von
Hilfe aus dem Ausland abhängig, um zu überleben.
Das Chaos und die Gewalt haben internationale Hilfsbestrebungen vereitelt. Viele Organisationen schränkten ihre Operationen ein oder verließen das Land
vollständig, nachdem ihre Nahrungsmittelkonvois
überfallen, ihre Lagerhäuser geplündert und ihre Mitarbeiter angegriffen worden waren.

Das amerikanische Engagement in Somalia begann
im August 1992 und hat im vergangenen Jahr drei
Phasen durchlaufen. Die erste dauerte von August bis
Anfang der neunziger Jahre war Somalia von einem Dezember und konzentrierte sich auf Nahrungsmitteljahrelangen brutalen Bürgerkrieg zerrüttet. Blutige lieferungen. Die Vereinigten Staaten stellten zunächst
Kämpfe wüteten zwischen den Kriegsherren, die nicht große Mengen an Nahrungsmitteln zur Verfügung,
nur Waffen, sondern auch Nahrungsmittel und Hun- mußten jedoch bald - ebenso wie andere Geberländer
gersnöte als Waffen gegeneinander und gegen eine -feststellen, daßdasChaos und die Gesetzlosigkeit im
hilflose Bevölkerung einsetzten. Die Folge waren Land die Lieferung über Land verhinderten. Das
Chaos und Gesetzlosigkeit in massivem Ausmaß. amerikanische Militär beteiligte sich dann an einer
Dürren verschlimmerten die Hungersnot. Pro Tag militärischen Luftbrücke - der Operation Provide Relief
starben schätzungsweise 1.000 Menschen. Nahezu - um Nahrungsmittel ins Landesinnere zu bringen. Von
August 1992 bis Februar 1993 wurden über 30.000
800.000 Flüchtlinge wurden ins Exil getrieben.
Tonnen an dringend benötigten Nahrungsmitteln und
Schätzungen offizieller Quellen und freiwilliger Hilfsor- anderen Hilfslieferungen nach Somalia transportiert,
ganisationen zufolge waren bis Ende 1992 eine halbe 70 Prozent von den Vereinigten Staaten.
AMERIKA DIENST 35

Seite 1

�Es wurde jedoch bald offenkundig, daß Nahrungsmittellieferungen nicht ausreichen würden. Gewalt und
Diebstähle störten und verhinderten in einigen Fällen
die Lieferungen innerhalb des Landes. Die Sicherheit
mußte verbessert werden, wenn die Nahrungsmittellieferungen die hungernden Somalis erreichen sollten.
Als wir bei der Verlegung eines pakistanischen Bataillons behilflich waren, um die unter der Schirmherrschaft der Vereinten Nationen fahrenden Nahrungsmittelkonvois zu schützen, hielten die Streitkräfte von
Mohammed Farah Aidid das Bataillon am Flughafen
von Mogadischu fest, und die Lage in Somalia verschlechterte sich.
Dies löste die zweite - UNITAF (United Task Force) Phase des amerikanischen Engagements von Dezember 1992 bis Mai 1993 aus. Jetzt konzentrierte
man sich auf Sicherheit sowie die Bereitstellung von
Nahrungsmitteln. Die Vereinigten Staaten boten ihre
Führungsrolle bei militärischen Bestrebungen an,
ausreichende Sicherheitsvorkehrungen zur Bewältigung der Hungersnot zu schaffen, und die Vereinten
Nationen verabschiedeten am 3. Dezember 1992
Resolution 794 des UN-Sicherheitsrats.
Bei dieser Phase des amerikanischen Engagements
wurden insgesamt 26.000 amerikanische Soldaten für
die Operation Restore Hope in Somalia stationiert.
Zusammen mit 13.000 Soldaten aus 21 Ländern operierten diese Streitkräfte unter der von den Vereinigten
Staaten geführten UNITAF. Die 39.000 Soldaten der
UNITAF bewirkten eine radikale Veränderung der Lage
in Somalia.
Die Ordnung wurde ausreichend wiederhergestellt,
damit die Nahrungsmittel über mehr als Tausend
Ausgabezentren zu den Bedürftigen gelangen konnten. Die Märkte öffneten wieder und seit vielen Jahren
wurde erstmals wieder gesät. Im Frühjahr 1993 waren
das Chaos und Banditentum in einem Großteil Somalias unter Kontrolle.
Zusammenfassend läßt sich sagen, daß die UNITAF
ihr Ziel erreicht hat, die Sicherheitslage zu verbessern
und Nahrungsmittel für die Bevölkerung Mittel- und
Südsomalias bereitzustellen. Noch zu bewältigen ist
die Aufgabe der Institutionalisierung der Leistungen zu verhindern, daß das Land wieder in das Chaos
zurückfällt, das die Hungersnot auslöste.
Die dritte - UNOSOM ll - Phase begann im Mai 1993
und dauert noch an. Sie konzentriert sich auf die
Schaffung von Bedingungen, dank derer die Somalis
ihr Land wiederaufbauen können. Unter UNOSOM II
erweiterte die UNO ihre Bestrebungen im Rahmen der
neuen Resolution 814 des Sicherheitsrates, die am 26.
März 1993 angenommen wurde. Sie forderte die UNO
auf, den Wiederaufbau der Regierung, die Wiederherstellung entscheidender Elemente der nationalen Volkswirtschaft sowie die Entwicklung eines angemessenen

Seite2

Rechts- und Polizeisystems in die Wege zu leiten, um
die Ordnung aufrechtzuerhalten. Wie vereinbart,
reduzierten die Vereinigten Staaten ihr Truppenkontingent rasch von über 25.000 auf rund 4.000 Soldaten.
Wo stehen wir heute? Im Verlauf unseres Engagements konnten unsere Ziele in vier Kategorien eingeteilt werden: Nahrungsmittel, Sicherheit, Wirtschaft
und politischer Wiederaufbau. Was haben wir geleistet?
Im Hinblick auf die Nahrungsmittelsituation haben wir
gut abgeschnitten. Die Notlage, die internationale
Bestrebungen zugunsten der Somalis auslöste, ist
definitiv behoben. Als direkte Folge der humanitären
Bestrebungen der Vereinigten Staaten konnte eine
katastrophale Massenhungersnot abgewendet werden.
Die Agrarproduktion war in diesem Jahr gut. In einigen
Teilen des Landes herrscht immer noch Hungersnot,
aber Berichten aus Mogadischu zufolge gibt es mehr
als genug Nahrungsmittel, um die Somalis zu ernähren.
UNO-Vertreter vor Ort sind zuversichtlich, die Nothilfelieferungen von Nahrungsmitteln bald einstellen zu
können. Die Beendigung der Nothilfelieferungen ist für
Ende dieses Monats vorgesehen. Im Bereich der
Sicherheit haben wir Fortschritte erzielt. Das Banditentum konnte in ganz Somalia beträchtlich verringert
und an einigen Orten vollständig beseitigt werden.
Somalia ist im großen und ganzen friedlich, abgesehen von Süd-Mogadischu, das - wie wir sehen werden
- eine Ausnahme darstellt. Es ist jedoch wichtig, sich
vor Augen zu führen, daß verglichen mit der Lage bei
Ankunft der UNITAF im Dezember dramatische Fortschritte erzielt wurden.
In Süd-Mogadischu, dem Bollwerk Aidids, sieht sich
das gesamte UNO-Unternehmen einer großen Herausforderung gegenüber. Meines Erachtens wurde
die derzeitige Krise dort ausgelöst, weil Aidids Machtbasis politisch und militärisch durch die UNOSOM
unterminiert wurde. Es mag heute wenig tröstlich
erscheinen, aber unsere jetzigen Schwierigkeiten sind
das Ergebnis unserer bisherigen Erfolge. Jetzt droht
die Gefahr, daß politisches Chaos auf den Abzug der
UNO-Truppen folgen wird, wenn wir nicht die Sicherheit in Süd-Mogadischu wiederherstellen. Andere
Kriegsherren werden Aidids Beispiel folgen. Die Kämpfe
zwischen den Kriegsherren, die die Hungersnot in
solch massivem Ausmaß überhaupt erst bewirkt haben, werden weitergehen. Es besteht die Gefahr, daß
sich erneut eine Situation wie vor der Entsendung
amerikanischer Truppen ergibt.
Bei der wirtschaftlichen Lage und dem politischen
Wiederaufbau des Landes wurden einige Fortschritte
erzielt, es muß jedoch noch sehr viel mehr getan
werden. Einige kleine Geschäfte haben wieder geöff-

AMERIKA DIENST 35

�net, einige Schulen und Waisenhäuser wurden wiedereröffnet und in Zentralsomalia haben ehemalige Regierungsbedienstete ihre Tätigkeit wiederaufgenommen und können der Bevölkerung Dienstleistungen im
Gesundheits- und Bildungswesen anbieten. Insgesamt sind die wirtschaftlichen Bedingungen jedoch
weiterhin entsetzlich und Fortschritte zur politischen
Aussöhnung wurden durch die sich verschlechternde
Sicherheitslage im südlichen Teil der Hauptstadt vereitelt. In den ländlichen Gebieten ist die Arbeit erfolgreicher, es müssen jedoch größere Anstrengungen
unternommen werden, um diese Fortschritte voranzubringen. Hieraus können wir den Schluß ziehen, daß
die derzeitige Situation in Somalia uneinheitlich ist und
wir einige drängende Probleme bewältigen müssen.

Zweitens sollten zusätzliche Anstrengungen zum Aufbau
einer Polizei unternommen werden, die unverzüglich
ihre Arbeit aufnimmt. Eine glaubwürdige, neutrale
Polizei in größeren Siedlungsgebieten ist für den Erfolg der Herstellung von Sicherheit unabdingbar.

Heute nachmittag möchte ich einige Vorschläge unterbreiten, wie wir die nächste Phase unserer Arbeit in
Somalia angehen können. Mit anderen Worten, wie
sieht das Endspiel in Somalia für die internationale
Staatengemeinschaft aus? Wir hatten Ziele für UNISOM I, die nicht erfüllt wurden. Das veranlaßte uns
zum Einsatz der UNITAF. Wir hatten Ziele für die
UNITAF, die erfüllt wurden und die Bedingungen für
den Übergang zu UNISOM II geschaffen haben. Wie
wissen wir, ob UNISOM II ein Erfolg war?

Viertens müssen die Vereinten Nationen einen detaillierten Plan mit konkreten Schritten erarbeiten, der ihre
wirtschaftlichen und sicherheitspolitischen Aktivitäten
in eine Gesamtstrategie münden läßt. Und sie müssen
ausreichende Mitarbeiter und Finanzmittel zur Verfügung stellen, um Fortschritte bei ihren politischen und
wirtschaftlichen Zielen in Somalia herbeizuführen.

Zu unseren Erfolgskriterien sollten Fortschritte in den
wirtschaftlichen und sicherheitspolitischen Bereichen
des somalischen Problems zählen. Zur Sicherheit:
Zweifelsohne muß die UNISOM glaubwürdige Sicherheit in Süd-Mogadischu herstellen, aber das ist nicht
genug. Bei der Entwaffnung der Kriegsherren müssen
echte Fortschritte erzielt und es muß ein wirksamer
Polizeiapparat aufgebaut werden. Der Gesamteffekt
muß so sein, daß keine Gruppe bewaffneter Somalis
das Land in ihre Gewalt bringen kann, um politischen
Willen aufzuzwingen und die Märkte zu plündern.

Drittens sollten wir weiterhin den Milizen die schweren
Waffen abnehmen und - in Zusammenarbeit mit der
somalischen Polizei - mit der Planung für die Durchsetzung einer konsequenten Waffenkontrollpolitik beginnen. Eine solche Politik vermittelt den zur Kooperation
Bereiten ein gewisses Maß an Vertrauen, daß sich ihre
Feinde nicht wiederbewaffnen können. Diese Politik
könnte in Gebieten des Landes begonnen werden, wo
bereits Erfolge bei der Entwaffnung erzielt wurden.

Fünftens sollten die Vereinten Nationen auf ihre Erfolge in Kambodscha zurückblicken und eine Gruppe von
Nationen bilden, um ihre Arbeit in Somalia zu unterstützen und zu beschleunigen. Eine solche Gruppe
könnte aus afrikanischen Ländern sowie anderen
Mitgliedstaaten der Vereinten Nationen bestehen, die
ein besonderes Interesse an der Beteiligung am politischen und wirtschaftlichen Wiederaufbau des Landes haben.

Sechstens sollten die Vereinten Nationen und die
Organisation für Afrikanische Einheit jetzt handeln, um
die Parteien wieder auf den Weg zum Frieden zu
führen. Sie könnten das vielversprechende Modell der
in Addis Abeba abgehaltenen beiden vorherigen KonZur Wirtschaft: Das Land sollte offen und sicher genug ferenzen über die nationale Aussöhnung Somalias
sein, damit seine Märkte funktionieren, Waren und zum Vorbild nehmen.
Dienstleistungen angeboten und grundlegende VerDies sind konkrete Schritte, die jetzt unternommen
sorgungsgüter wie Wasser und Elektrizität bereitge- werden könnten, um uns in Somalia auf Erfolgskurs zu
stellt werden können.
bringen. Im Zusammenhang damit ist jedoch noch
Zum politischen Wiederaufbau: Es sollte einen politischen Prozeß geben, der den Interessen der Clans,
regionalen Interessen und den Interessen des somalischen Volkes unabhängig von seinem Clan oder der
Region Rechnung trägt. Es bleibt natürlich die Frage
offen, wie wir von hier nach dort kommen. Ich werde
eine Reihe von spezifischen Aktionen vorschlagen, die
echte Fortschritte bewirken könnten.
Erstens sollten wir die kombinierte Truppenstärke der
UNO auf das vorgesehene Niveau bringen. Die Vereinigten Staaten haben vor kurzem ihre Schnelle Eingreiftruppe um 400 Kampfsoldaten aufgestockt.
UNOSOMII fehlen jedoch rund 5.000 Soldaten für das
geplante Kontingent von 28.000 Mann. Wir erwarten,
daß die anderen das Versprochene leisten werden.

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eine Frage offen, die für uns näherliegend ist. Präsident Clinton hat angeordnet, daß die amerikanischen
Streitkräfte lange genug dort stationiert bleiben, um
ihre Mission zu erfüllen - und nicht länger. Die Beendigung der Mission betrifft vor allem die Sicherheit
Somalias.
Für die amerikanischen Kampftruppen stehen aus
meiner Sicht drei Punkte auf der Checkliste. Erstens
muß die Sicherheitsfrage in Süd-Mogadischu geregelt
werden. Zweitens müssen wir echte Fortschritte bei
der Entwaffnung der Kriegsherren erzielen. Drittens
muß ein glaubwürdiger Polizeiapparat in den größeren
Siedlungsgebieten eingerichtet werden. Wenn diese
drei Bedingungen erfüllt sind, können wir meines
Erachtens die Schnelle Eingreiftruppe aus Mogadischu abziehen.
Seite 3

�Wir können die zur Unterstützung anderer UNOSOM
Il-Streitkräfte stationierten amerikanischen logistischen
Truppen reduzieren, wenn die Sicherheitslage in
Mogadischu die umfangreichere Einstellung von Zivilisten zur Bereitstellung der Unterstützungsfunktionen
gestattet.
Wenn wir uns an die Lage in Somalia vor nur einem
Jahr erinnern, können wir stolz auf das von den Vereinigten Staaten - insbesondere von unseren Männern
und Frauen in Uniform - Geleistete sein. Wir sollten
auch verstärktes Interesse am Erfolg der Vereinten
Nationen in Somalia haben. Ohne die Vereinten
Nationen als friedensschaffende und friedenssichernde Organisation von Weltrang könnten wir uns gezwungen sehen, einen sehr viel größeren Teil der Last

*

Seite 4

*

übernehmen zu müssen. Und wir sollten auch bedenken, daß ein entscheidendes Element jeder dauerhaften Lösung in Somalia das somalische Volk sein mu ß.
Ebenso wie die internationale Staatengemeinschaft in
hohem Maße in die Schaffung von Bedingungen für
politisches und wirtschaftliches Wachstum in Somalia
investiert hat, müssen auch die Menschen in Somalia
selbst in den Wiederaufbau ihres Landes investieren.
In der Zwischenzeit hat Präsident Clinton uns eine
klare Richtlinie gegeben, gemeinsam mit anderen
Nationen auf Kurs zu bleiben, damit Somalia eines
Tages wieder selbst für sein Volk sorgen kann. Das
erwartet die neue Welt von der amerikanischen Führungsrolle und der amerikanischen Partnerschaft.

*

*

AMERIKA DIENST 35

�AUSSENPOLITIK
I.September 1993

CLINTON ERGREIFT MASSNAHMEN ZUR FÖRDERUNG
DES HANDELS MIT DER KARABIK
Pressekonferenz des Präsidenten
Präsident Clinton kündigte auf einer Pressekonferenz am 30. August 1993 an, er habe den US-Handelsbeauftragten Mickey Kantor gebeten, mit Vertretern der Karibikstaaten über neue Maßnahmen zur Erweiterung des
regionalen Handels zu beraten.
Auf einer nach Gesprächen mit führenden Politikern fünf karibischer Länder abgehaltenen Pressekonferenz
erklärte der Präsident, er sei sich der Sorge bewußt, daß das Nordamerikanische Freihandelsabkommen (North
American Free Trade Agreement - N AFTA) "für die karibischen und zentralamerikanischen Staaten von Nachteil
sein könnte, indem es den Handels- und Investitionsfluß nach Mexiko lenkt."
Aus diesem Grund werde Kantor die Auswirkungen des NAFTA auf die Region untersuchen, so der Präsident,
der betonte, das Ende des Kalten Krieges habe "die Natur, nicht aber das Ausmaß unseres Interesses an der
Karibik verändert."
Der Präsident kommentierte auch die Ereignisse in Bosnien-Herzegowina und wies erneut auf die Bereitschaft
der Vereinigten Staaten hin, sich an multinationalen friedenssichernden Maßnahmen in dieser Region zu
beteiligen.
Auf die Frage, ob die amerikanischen Streitkräfte in Somalia bleiben würden, bis der somalische Kriegsherr
Farah Aidid gefangengenommen worden sei, erinnerte Clinton: "Die UN-Operation hat sich dies zum Ziel
gesetzt, und die UNO hat uns hierbei um Hilfe ersucht".
Nachfolgend veröffentlichen wir die Pressekonferenz des Präsidenten im Wortlaut.

Ebenso wie die amerikanisch-mexikanischen Beziehungen demonstrieren auch unsere Beziehungen zu
den Karibikstaaten auf dramatische Weise, daß innenund außenpolitische Belange nicht voneinander zu
trennen sind. Mehr als je zuvor ist unsere Nation eine
karibische Nation. In unseren Gesprächen kam auch
die Sorge zur Sprache, daß das NAFTA für die karibischen und zentralamerikanischen Staaten von Nachteil sein könnte, indem es den Handels- und Investitionsfluß nach Mexiko lenkt. Aus diesem Grund gebe
ich heute bekannt, daß ich den Handelsbeauftragten
Das Ende des Kalten Krieges hat die Natur, nicht aber Mickey Kantor gebeten habe, die Auswirkungen des
das Ausmaß unseres Interesses an der Karibik geän- NAFTA auf diese kleinen Volkswirtschaften zu unterdert. Unser Engagement für die Region wurzelt in der suchen und mit ihnen über neue Maßnahmen zur
geographischen Nähe, dem daraus resultierenden Erweiterung des regionalen Handels zu beraten.
Austausch von Menschen, Waren und Kultur sowie
unserem gemeinsamen Interesse an der Bekämpfung Amerikanische Arbeitnehmer haben ein direktes Interdes Drogenhandels, dem Schutz unserer Wirtschafts- esse am Wohlstand der englischsprachigen Karibik.
interessen und der gefährdeten Ökosysteme.
Die amerikanischen Exporte in Höhe von 2 Milliarden

Clinton: Guten Tag. Heute hatte ich die große Ehre,
fünf herausragende Politiker der englischsprachigen
Karibik im Weißen Haus begrüßen zu dürfen. Präsident Cheddi Jaga aus Guyana, Premierminister Erskine Sandiford aus Barbados, Premierminister Patrick
Manning aus Trinidad und Tobago, Premierminister
P.J. Patterson von Jamaika und Premierminister Hubert
Ingraham von den Bahamas. Ich bin beeindruckt von
der Umsicht, Dynamik und dem Engagement der
karibischen Staatsführung.

AMERIKA DIENST 35

Seite 1

�Dollar in diese Länder schaffen mindestens 40.000
amerikanische Arbeitsplätze. Während unseres produktiven und in herzlicher Atmosphäre verlaufenden
Mittagessens sprachen wir auch viele andere Gebiete
an. Diese Nationen sind alle lebendige Demokratien,
die ihre Volkswirtschaften an die neuen globalen
Realitäten anpassen und gleichzeitig die volle Achtung
der Freiheit und Menschenrechte des einzelnen beibehalten wollen.
In der Organisation Amerikanischer Staaten und den
Vereinten Nationen setzen sie sich beständig und
entschieden für die kollektive Verteidigung der Demokratie ein. Sie haben alle die muttilateralen Bemühungen zur Wiedereinsetzung von Präsident Aristide in
Haiti tatkräftig unterstützt. Wir sprachen auch über
gemeinsame sicherheitspolitische und wirtschaftliche
Maßnahmen zur Unterstützung der Demokratie auf
Haiti. Ich danke ihnen für ihre Hilfe bei der Wiedereinsetzung ins Amt von Präsident Aristide, und natürlich
waren wir alle erfreut über die Berichte der Vereidigung
von Präsident Aristides neuem Premierminister am
heutigen Tag.
Die Gemeinschaft der karibischen Staaten wird ein
wichtiger Bestandteil der Gemeinschaft von Demokratien dieser Hemisphäre sein, die durch wachsende
Wirtschaftsbeziehungen und gemeinsame politische
Überzeugungen miteinander verbunden sind. Dies
wird sich meines Erachtens dank der Führungsqualitäten der fünf heute hier anwesenden Politiker nicht auf
ein kleines Ausmaß beschränken.

wechselseitigen Vorteil mit den CARICOM-Nationen
zu entwickeln, um die Gesetze des Kongresses treulich in Kraft zu setzen, einschließlich eines im letzten
Jahr verabschiedeten, um ein vorher bestehendes
Problem bei unseren Beziehungen zu beseitigen. Und
wie ich bereits ausführte, habe ich den Handelsbeauftragten Mickey Kantor gebeten, sich hiermit zu befassen und zu prüfen, ob wir irgendwelche Zusicherungen
machen können, daß das Abkommen die karibischen
Staaten nicht benachteiligen wird.
Frage: Herr Präsident, können Sie im einzelnen auf
das Gespräch über Kuba eingehen und wie Kuba zu
einer demokratischeren Gesellschaft werden soll?
Antwort: Wir hatten eine eher allgemeine Unterhaltung. Wie Sie wissen, unterscheiden sich die Position
der CARICOM und die der Vereinigten Staaten im
Hinblick auf den Handel mit Kuba. Ich habe nur
wiederholt, daß das kubanische Demokratiegesetz
Handel mit Kuba nicht sanktioniert, es sei denn, er ist
von den Regierungen subventioniert. Dies wird nicht
in Erwägung gezogen, und daher haben wir nur kurz
über die Aussichten für politische und wirtschaftliche
Reformen in Kuba gesprochen - etwas, das von allen
hier vertretenen Nationen ernsthaft erhofft wird. Wir
sind jedoch nicht weiter ins Detail gegangen.

Frage: Herr Präsident, wenn in Genf ein Friedensabkommen zu Bosnien erzielt wird, wie viele amerikanische Truppen würden Sie dann zur Durchsetzung
dieses Abkommens bereitstellen? Wie lange müßten
sie dort bleiben? Und welches Risiko bestünde für
Frage: Herr Präsident, Sie haben eine größere Chan- diese Truppen?
ce, das NAFTA im Senat durchzubringen. Werden Sie
das Abkommen daher zunächst dem Senat vorlegen? Antwort: Ob ich dazu bereit wäre, hängt von meiner
Und kam es überraschend, daß die Karibik Nachteile Überzeugung ab, daß das Abkommen fair ist, von der
aufgrund des NAFTA befürchtet? War das eine Neu- bosnischen Regierung uneingeschränkt unterstützt wird
und durchsetzbar ist. Dies war für unsere Militärplaner
igkeit?
die ganze Zeit über ein Anlaß zur Sorge - ob wir ein
Antwort: Nein. Ich möchte zunächst Ihre erste Frage durchsetzbares Abkommen erzielen könnten.
beantworten. Ich habe diesbezüglich noch keine
Entscheidung getroffen und denke nicht, daß ich das Ich habe jedoch im Februar eindeutig klargestellt und
vor Konsultationen mit den Befürwortern dieses Ab- möchte nochmals wiederholen, daß die Vereinigten
Staaten zur Beteiligung an multilateralen Bestrebunkommens tun sollte.
gen zur Friedenssicherung in Bosnien bereit sind. Ich
Ich kann keinem der beiden Häuser des Kongresses möchte jedoch die Einzelheiten wissen und gewiß
das Abkommen vorlegen, bis der Gesetzgebungspro- sein, daß es sich um ein durchsetzbares Abkommen
zeß zur Umsetzung dieses Abkommens weiter fortge- handelt. Ich möchte femer wissen, wer die Verantworschritten ist. Ich bin jedoch grundsätzlich hierfür offen. tung dafür trägt, wer wie lange dort stationiert ist.
Ich habe noch nicht die Gelegenheit gehabt, in Ruhe
mit den Befürwortern zu sprechen und ihre Meinung Die Situation unterscheidet sich beispielsweise etwas
einzuholen. Ich habe keine Einwände gegen ein von der Lage in Somalia, wo wir in Wirklichkeit zwei
miteinander verbundene Probleme haben. In Somalia
solches Vorgehen.
muß die Nation von Grund auf wiederaufgebaut und
Im Hinblick auf die Karibik war ich nicht überrascht. müssen neue Institutionen geschaffen werden. Wir
Grundsätzlich hielten die führenden Politiker das NAFTA sind dorthin gegangen, um die Hungersnot, die Gewalt
für eine gute Idee, die jedoch bestehende Beziehun- und das Blutvergießen zu beenden. Es trifft jedoch
gen nicht negativ beeinflussen sollte. Unsere Admini- auch zu, daß der Mangel an Ordnung diese Probleme
stration hat hart daran gearbeitet, eine Beziehung zum erst geschaffen hat.

Seite 2

AMERIKA DIENST 35

�Wir versuchen also immer noch, unseren ursprünglichen Auftrag in Somalia zu erfüllen. Meines Erachtens
kann es funktionieren. Multilaterale Bestrebungen zur
Bewahrung des Friedens können zweifelsohne funktionieren. Dies können Sie den Erfolgen entnehmen,
die wir bei unserer Beteiligung nach dem Camp DavidAbkommen erzielten.
Frage: Herr Präsident, einige Mitarbeiter der humanitären Hilfsorganisationen in Mogadischu haben erklärt, daß der amerikanische Angriff heute morgen ein
grober Fehlschlag war und das amerikanische Militär
ihre Arbeit in Wirklichkeit erschwert. Was sagen Sie zu
denjenigen vor Ort? Und werden die amerikanischen
Streitkräfte lange genug dort bleiben, um Aidid zu
fassen? Ist er ein Ziel für Sie?
Antwort: Die UN-Operation hat sich dies zum Ziel
gesetzt, und die UNO hat uns hierbei um Hilfe ersucht.
Ich verstehe jedoch, wo hierbei das Problem liegt: Die
UNO vertritt die Auffassung - und hat zahlreiche Beweise,
diese Tatsache zu untermauern - daß die Aidid-Anhänger mehrere pakistanische Blauhelme ermordet haben und hinter dem Tod von vier Amerikanern stehen.
Wir müssen uns also damit befassen. Ich bin für
andere Vorschläge offen, und die Vereinten Nationen
sollten dies auch sein.
Bis heute haben wir versucht, bei den gemeinsam
erarbeiteten Maßnahmen zu kooperieren. Wir haben
das Vorgehen nicht nur gelenkt. Wir haben wirklich
versucht, im Rahmen der Vereinten Nationen zu
beweisen, daß es auf lange Sicht funktionieren kann.
Wir haben auch versucht, allen zu verdeutlichen, daß
wir nicht über Somalia als Ganzes sprechen. Wir
reden von einem Teil Mogadischus, im übrigen Land
ging die UN-Mission ungehindert und erfolgreich von-

*

AMERIKA DIENST 35

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statten. Meines Erachtens will keiner ihren grundlegenden Charakter ändern.
Wäre ich also bereit, dies mit unserem Volk und
anderen zu erörtern? Natürlich. Meiner Ansicht nach
ist es jedoch äußerst wichtig festzustellen, daß dies
durch die Ermordung der Pakistanis und dann der vier
Amerikaner durch AkJid-Anhänger ausgelöst wurde.
Frage: Herr Präsident, besteht die Notwendigkeit, die
Fortsetzung des Dialogs durch die Schaffung beispielsweise eines US-CARICOM-Mechanismus sicherzustellen? Was sind Sie zu tun bereit?
Antwort: Meiner Ansicht nach besteht die Notwendigkeit zu kontinuierlichem Dialog. Unter anderem habe
ich den hier vertretenen Staats- und Regierungschefs
gegenüber heute versichert, daß die Vereinigten Staaten eine hochrangige Delegation zu der Konferenz
über umweltverträgliche Entwicklung in kleineren
Nationen entsenden werden, die nächstes Jahr in der
Karibik stattfinden soll. Wir haben keinen spezifischen
Mechanismus erörtert. Er ist jedoch äußerst wichtig.
All diese Nationen und auch andere, nicht zur Karibik
gehörende Länder befinden sich an einem anderen
Punkt ihrer Geschichte und sehen sich unterschiedlichen Herausforderungen gegenüber. Aus diesem
Grund müssen wir eindeutig klarstellen, daß die Vereinigten Staaten langfristig Demokratie, Marktwirtschaften und Wirtschaftswachstum in dieser Region verpflichtet sind. Selbst hier im Inland haben wir große
Schwierigkeiten bei der genauen Prognose der Wirtschaft, weil wir uns in einer Periode tiefgreifenden
wirtschaftlichen Wandels befinden. Es ist unabdingbar, daß wir diese Verpflichtungen auf lange Sicht
eingehen und ungehindert kommunizieren, und genau
das beabsichtigen wir zu tun.

*

*

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�WIRTSCHAFT
I.September 1993

BERICHT DES WIRTSCHAFTSMINISTERIUMS:
AUSLÄNDISCHE DIREKTINVESTITIONEN IN DEN
USA UND IHRE AUSWIRKUNGEN
von Lester A. Davis
Der nachfolgende Artikel wurde in der Ausgabe der Zeitschrift Business America vom 23. August 1993
veröffentlicht, die vom Wirtschaftsministerium der Vereinigten Staaten herausgegeben wird. Der Verfasser
Lester A. Davis ist im Büro des Leitenden Volkswirts in der Verwaltungsabteilung für Wirtschaft und Statistik des
amerikanischen Wirtschaftsministeriums tätig.

Während der zweiten Hälfte der achtziger Jahre wurden ausländische Direktinvestitionen als Reaktion auf
den raschen Anstieg ausländischer Firmenbesitzer in
den Vereinigten Staaten zu einem heiklen politischen
Thema. Seit Beginn der neunziger Jahre hat sich die
Zunahme ausländischer Unternehmer der neuesten
Studie über ausländische Direktinvestitionen in den
Vereinigten Staaten (Foreign Direct Investment in the
United States: An Update) zufolge verlangsamt. Dies
ist der zweite Jahresbericht des Wirtschaftsministeriums, der durch das Gesetz aus dem Jahr 1990 über
ausländische Direktinvestitionen und internationale Finanzverbesserungen vorgeschrieben und vom Büro
des Leitenden Volkswirts der Verwaltungsabteilung für
Wirtschaft und Statistik herausgegeben wird. Der
Bericht wurde dem Kongreß am 7. Juli 1993 vorgelegt.
Er gibt einen Überblick über ausländische Direktinvestitionen in den Vereinigten Staaten (Foreign Direct
Investment in the United States - FDIUS) und das
Ausmaß, in dem ausländische Banken und andere
Unternehmen an der amerikanischen Wirtschaft beteiligt sind. Dieser zweite Bericht konzentriert sich auf
mehrere Schlüsselfragen im Zusammenhang mit in
ausländischem Besitz befindlichen Unternehmen in
* Amerika und ihren Auswirkungen auf den Handel
sowie die technologische Entwicklung und den Technologietransfer in den Vereinigten Staaten. Er untersucht auch, inwieweit ausländische Unternehmen ihre
Einkünfte durch Übernahmekursfestsetzung aus den
Vereinigten Staaten abziehen. Die Studie analysiert
neue verfügbare Informationen des Büros für WirtAMERIKA DIENST 35

schaftsanalysen (Bureau of Economic Analysis - BEA)
und der Datenaustauschprojekte dieses Büros mit
dem Büro für Arbeitsstatistik (BLS - Bureau of Labor
Statisttcs), die detaillierte Daten über die Aktivitäten
der im Besitz von Ausländem befindlichen Tochtergesellschaften in spezifischen Branchen zur Verfügung
stellen. Zusätzlich enthält der Bericht einen umfassenden Überblick über Analysen nichtstaatlicher Quellen
zu ausländischen Direktinvestitionen und einen statistischen Anhang.
Der Flu ß ausländischer Direktinvestitionen - der Änderungen im Bereich des Eigenkapitals, Anpassungen
bei den Konzernschulden sowie reinvestierte Gewinne
reflektiert • fiel von 11,5 Milliarden Dollar im Jahr 1991
auf 2,4 Milliarden Dollar im Jahr 1992. Folglich sank
der Gesamtwert ausländischer Unternehmen in den
Vereinigten Staaten in hohem Ausmaß. Die Vereinigten Staaten bleiben weiterhin das weltweit größte
Aufnahmeland für ausländische Direktinvestitionen,
derartige Investitionen machen jedoch nur einen kleinen Teil des gesamten amerikanischen Nettovermögens aus - 2,7 Prozent im Jahr 1991 verglichen mit 1,2
Prozent 1980. Dieser Anteil ist geringer als in jedem
anderen großen Industriestaat mit Ausnahme von
Japan.
Die wichtigsten Erkenntnisse des Berichts umfassen
unter anderem:
Der Anstieg ausländischer Direktinvestitionen
in den achtziger Jahren erhöhte den Anteil aus-

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�ländischer Firmen an der amerikanischen Wirtschaft, aber das Abflauen zwischen 1990 und
1992 verlangsamte das anteilsmäßige Wachstum.
Amerikanische Tochtergesellschaften ausländischer Unternehmen zahlten durchschnittlich
etwas höhere Löhne und erhöhten die Zahl
amerikanischer Arbeitnehmer geringfügig schneller als amerikanische Firmen.
Der Anteil ausländischer Tochtergesellschaften
am Ungleichgewicht der amerikanischen Handelsbilanz stieg in den achtziger Jahren stark an
und reflektierte 1990 ein Handelsdefizit der
ausländischen Firmen beim Warenhandel in
Höhe von 89,5 Milliarden Dollar, verglichen mit
einem wesentlich geringeren Defizit der amerikanischen Firmen in Höhe von 12,2 Milliarden
Dollar.
Der Anteil ausländischer Tochtergesellschaften
an der Spitzentechnologieindustrie ist gering,
steigt jedoch an, und die Unternehmen sind im
High-Tech-Bereich anteilsmäßig etwas stärker
vertreten als amerikanische Firmen. Die ausländischen Unternehmen haben insgesamt zur
technologischen Fähigkeit und Entwicklung der
Vereinigten Staaten beigetragen.

märkte in Japan und anderen großen Industriestaaten
- die den Bürgern größere Freiheit beim Export und
Import von Kapital gewährte - sowie die weltweiten
technologischen Veränderungen haben sich fördernd
auf den internationalen Investitionsfluß ausgewirkt.
Das jüngste Absinken ausländischer Direktinvestitionen in den Vereinigten Staaten fällt zeitlich mit einer
Periode verringerter amerikanischer Handels- und
Leistungsbilanzdefizite, einem stabilen Dollar und einer
Rezession sowohl in den Vereinigten Staaten als auch
in führenden Investitionsländern wie Japan, Großbritannien, den Niederlanden, Deutschland und Kanada
zusammen. Insbesondere in Japan verringerte sich
der inländische Kapitalsockel infolge des Aktivitätsrückgangs auf dem Aktien- und Immobilienmarkt erheblich und schränkt die Bereitschaft japanischer Firmen zu Investitionen im Ausland ein. Deutschland hat
mit den Anforderungen seiner Vereinigung zu kämpfen, die einen Großteil der verfügbaren Investitionsfonds absorbieren.

Die Analyse der kürzlich in der Erhebung des Büros für
Wirtschaftsanalysen veröffentlichten Daten zeigt, daß
ausländische Unternehmen beträchtlich zu Wirtschaftswachstum und Beschäftigung in den Vereinigten Staaten beitragen und im Jahr 1990 4,7 Millionen Arbeitsplätze für Amerikaner bereitstellten. Diese Firmen
zahlen geringfügig höhere Löhne (je nach Übereinkunft) als die durchschnittlichen amerikanischen UnZusammengenommen hatten sie ein geringeternehmen. Zusätzlich haben sie ihre Ausgaben für
res zu versteuerndes Einkommen in Relation zu
Fabrikanlagen, Ausrüstung sowie Forschung und
Gesamteinkünften und Vermögenswerten als
Entwicklung in den letzten Jahren entscheidend erhöht
amerikanische Gesellschaften. Mindestens die
und somit den technologischen Fortschritt in den
Hälfte des Einkommensgefälles ist auf Faktoren
Vereinigten Staaten vorangetrieben. In einigen Fällen
zurückzuführen, die nicht mit Einkommensverscheinen sich die ausländischen Muttergesellschaften
schiebungen und Übernahmekursfestsetzung
jedoch ihrer amerikanischen Investitionen bedient zu
zusammenhängen.
haben, um sich Zugang zu den führenden amerikaniDer Zufluß von Direktinvestitionen in die Vereinigten schen Technologien zu verschaffen.
Staaten - definiert als Eigenkapitalanteil von mehr als
Die ausländischen Unternehmen neigen dazu, mehr
10 Prozent der Stimmrechtsaktien an einem amerikazu
importieren als amerikanische Firmen, und waren
nischen Unternehmen - stieg Ende der achtziger Jahre
1990
für 88 Prozent des amerikanischen Defizits im
an, als der Fall des Dollar nach 1985 die Kosten von
Warenhandel
verantwortlich. Viele dieser ausländiInvestitionen in den Vereinigten Staaten senkte. Zu
schen
Firmen
betreiben Großhandel, beispielsweise
dem Anstieg von ausländischen Direktinvestitionen in
als
Automobilimporteure
und Ölgesellschaften, deren
den Vereinigten Staaten trug auch der Wunsch der
Hauptgeschäft
der
Import
ist. Die ausländischen
ausländischen Unternehmen bei, ihre Bindungen an
Unternehmen
verzeichneten
geringere zu versteuernden weltweit größten Verbrauchermarkt zu verstärde
Einkommen
in
Relation
zu
Vermögenswerten und
ken, amerikanische Handelsschranken zu umgehen
Einnahmen
als
die
durchschnittlichen
amerikanischen
und ihre eigenen technologischen und ManagementUnternehmen
in
denselben
Industriezweigen.
vorteile zu nutzen. Die Liberalisierung der Finanz-

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AMERIKA DIENST 35

�WIRTSCHAFT
I.September 1993

USA, JAPAN, DEUTSCHLAND - VERGLEICH DES
WIRTSCHAFTLICHEN UMFELDS
Studie des Bundesrechnungshofs

WASHINGTON - (AD) - Der Verlust amerikanischer
Marktanteile an Industriezweigen, die einst von den
Vereinigten Staaten dominiert wurden, beispielsweise
Autos und Stahl, hat im Kongreß wachsende Besorgnis über die allgemeine Wettbewerbsfähigkeit der
amerikanischen Wirtschaft entstehen lassen.

in den letzten Jahren eine vorausschauende Planung
von sehen der führenden Wirtschaftler erschwert",
wird in der Studie festgestellt. "Im Gegensatz dazu
bieten die japanische und die deutsche Regierung
langfristige Anreize für Investitionen und Zukunftsplanung der Unternehmen."

Als Reaktion auf diese Besorgnis und auf Bitten des
Senatsausschusses für Handel, Wissenschaft und
Verkehr hat der Bundesrechnungshof eine Untersuchung durchgeführt, die staatliche Maßnahmen, die
Untemehmensstrukturen sowie die Finanzierungs- und
Geschäftspraktiken in den Vereinigten Staaten und
ihren beiden wichtigsten Konkurrenten - Japan und
Deutschland - vergleicht. Die Studie, die am 24.
August 1993 veröffentlicht wurde, beschäftigte sich
auch mit dem Einfluß der Regierungen auf das unternehmerische Umfeld in jedem dieser drei Länder.

Ein weiterer bedeutender U nterschied im unternehmerischen Umfeld der drei Länder betrifft die Beziehungen zwischen den Finanzinstitutionen und der Handelstätigkeit. "In den Vereinigten Staaten haben die
Banken generell schwächere Bindungen zur Industrie
als in Japan und Deutschland", stellt der Bericht fest.
In Japan sind die Banken führende Mitglieder der
Keiretsu-Industriegruppen, die Aktienanteile an Unternehmen besitzen, und auch die deutschen Banken
sind bedeutende Aktionäre. Zum Teil ist das dem
Bericht zufolge darauf zurückzuführen, daß die Finanzgesetze und -Vorschriften in Deutschland und
Obwohl die Untersuchung keine Änderungen im Japan stärkere Bindungen zwischen Banken und Induamerikanischen System befürwortet, weist sie auf strie zulassen als die Gesetze in den Vereinigten
relative Wettbewerbsvorteile der beiden anderen Volks- Staaten.
wirtschaften hin, insbesondere im Hinblick auf die
Beziehungen zwischen Staat und Industrie. "Die US- Zudem, so die Studie, haben amerikanische InvestoRegierung hat traditionsgemäß keine koordinierte Politik ren den weitverbreiteten Ruf, vor allem an der kurzfrigegenüber der Wirtschaft verfolgt, und ihre Beziehun- stigen Wirtschaftlichkeit ihrer Investitionen interessiert
gen zur Industrie waren häufig gegenläufig", so der zu sein, während die japanischen und deutschen InveBericht. "Im Gegensatz dazu hat Japan sich um ein storen sich anscheinend stärker an der Leistungsfäkooperativeres Verhalten gegenüber den Unterneh- higkeit des Unternehmens auf lange Sicht orientieren.
men bemüht sowie die Entwicklung von Schlüssel- Das mag teilweise auf die Furcht vor Firmenübernahtechnologien und Exportindustrien gefördert". In ähn- men in den Vereinigten Staaten zurückzuführen sein,
licher Weise stellt der Bericht fest, sind die Beziehun- eine Sorge, die in Japan mit seiner Keiretsu-Struktur,
gen zwischen Regierung und Wirtschaft in Deutsch- die solche Übernahmen vollkommen unmöglich macht,
land von Zusammenarbeit gekennzeichnet, und die nicht existiert.
Bundesregierung ist Interventionsmaßnahmen gegenSelbst auf den Gebieten, auf denen die Beziehungen
über nicht abgeneigt.
zwischen Regierung und Industrie ähnlich zu sein
Die Steuerpolitik der Regierung beeinflußt auch direkt scheinen, kann die Art und Weise, in der die Vorschrifdas unternehmerische Umfeld, so die Untersuchung. ten durchgesetzt werden, die Wettbewerbsfähigkeit
"Änderungen in der amerikanischen Steuerpolitik haben beeinflussen, so die Studie. "Beispielsweise sind die
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�Kartellvorschriften in Japan und Deutschland amerikanischen Gesetzesbestimmungen nachempfunden, ihre
Interpretation und Durchsetzung sind in allen drei
Ländern jedoch unterschiedlich."
Im Gegensatz zu traditionellen amerikanischen Geschäftspraktiken sind dem Bericht zufolge stabile
Geschäftsbeziehungen, Aktenbesitz und umfassender Informationsaustausch die Schlüsselelemente der
Geschäftspraktiken japanischer und deutscher Firmen in den wettbewerbsfähigsten Sektoren. Zudem
sind die Beziehungen zwischen den Tarifpartnern in
Japan und Deutschland viel stärker von Zusammenarbeit gekennzeichnet als in den Vereinigten Staaten.

Einige Firmen in den Vereinigten Staaten machen sich
ein "unternehmerisches" Geschäftsmodell zu eigen,
das auf Elemente der japanischen Keiretsu-Praktiken
zurückgreift - die Betonung von Zusammenarbeit
zwischen Hersteilem, Zulieferern und Finanzunternehmen. Im Gegensatz dazu - so der Bericht - lockern
einige japanische Firmen ihre Verbindungen zu den
Zulieferern. Obwohl japanische Unternehmen während der achtziger Jahre eine Strategie der langfristigen Eroberung von Marktanteilen vor der Gewinnerzielung verfolgten, hat die derzeitige Konjunkturflaute
in Japan viele dieser Unternehmen zu einer Überprüfung ihrer Prioritäten veranlaßt.

Der Bericht stellt fest, daß die Geschäftspraktiken in
allen drei Ländern nicht vor Veränderungen gefeit sind.

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�WEITERVERBREITUNG
I.September 1993

SANKTIONEN GEGEN CHINA UND PAKISTAN
WEGEN TRANSFER VON RAKETENTECHNOLOGIE
Eindeutige Beweise für Technologietransfer

WASHINGTON - (AD) - Die Vereinigten Staaten verhängten am 25. August 1993 Handelssanktionen gegen
Regierungsstellen in China und Pakistan wegen des
Transfers von Raketentechnologie und -teilen, der
amerikanische Gesetze und die Richtlinien des internationalen Raketentechnologie-Kontrollsystems (Missile Technology Control Regime - MTCR) verletzt.

Pakistan zu klären, die Reaktion der beiden Regierungen sei aber unbefriedigend gewesen.
"Die Vereinigten Staaten fordern die Verhängung von
Sanktionen gegen ausländische Personen, die wissentlich in ein nicht dem internationalen Raketentechnologie-Kontrollsystem angehörendes Land einen
Transfer von im MTCR-Anhang aufgeführten Gegenständen vornehmen, die zu der Entwicklung von Raketen mit einer Sprengladung von 500 Kilogramm und
einer Reichweite von 300 Kilometern beitragen", erklärte McCurry.

Der Sprecher des US-Außenministeriums, Michael
McCurry, erklärte, die Sanktionen verhängten ein
zweijähriges Verbot für den Abschluß staatlicher Verträge zwischen den Vereinigten Staaten und den
Verteidigungsministerien beider Länder und verschiedenen anderen chinesischen Regierungsstellen sowie "In diesem Fall hat die US-Regierung sich zur Verhänein Verbot für die Genehmigung amerikanischer Ex- gung von in die Kategorie II fallenden Sanktionen
entschlossen", stellte er fest und setzte auseinander,
porte.
daß diese sich auf den Transfer 'bestimmter im MTCRLynn Davis, Staatssekretärin für internationale Sicher- Anhang aufgeführter Gegenstände, die zur Entwickheitsfragen im Außenministerium, traf am 25. August lung von Raketen beitragen", beziehen.
mit den Botschaftern Chinas und Pakistans zusammen und teilte ihnen mit, die amerikanische Regierung Amerikanische Regierungsvertreter hatten über mehhabe festgestellt, "daß bestimmte chinesische und rere Monate hinweg die Frage untersucht, "ob eine
pakistanische Regierungsstellen sich an einem Trans- bestimmte Lieferung im Jahr 1992 Gegenstände entfer von Raketentechnologie beteiligt haben, der ame- hielt, die gemäß amerikanischem Gesetz die Auferlerikanischen Gesetzen zufolge die Verhängung von gung von Sanktionen erfordern", so McCurry. Die
endgültige Entscheidung wurde am 24. August getrofSanktionen erfordert", so McCurry.
fen. Nach erfolgter Feststellung, daß ein die MTCRAmerikanischen Regierungsvertretern zufolge soll der Richtlinien verletzender Transfer stattgefunden hat,
Transfer von China nach Pakistan im November des verlangt das amerikanische Gesetz die sofortige VerJahres 1992 stattgefunden haben.
hängung von Sanktionen, äußerte er.
Der Außenamtssprecher betonte, die "Entscheidung"
folge einer "eingehenden Untersuchung des Beweismaterials über mehrere Monate". Ihm zufolge hatten
amerikanische Regierungsvertreter wiederholt Kontakt zu beiden Regierungen aufgenommen in dem
Versuch, mehrere Berichte aus unterschiedlichen
Quellen über einen Transfer von im Zusammenhang
mit M-11 -Raketen stehendem Material aus China nach

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Die Entscheidung 'bezieht sich auf einen einzigen,
sanktionierbaren Transfer", so der Außenamtssprecher. "Wir können in der Öffentlichkeit nicht unsere
gesamten Informationen über besagte Lieferung preisgeben ... da es sich hierum empfindliche Verfahren zur
Sammlung und Auswertung von Information handelt",
antwortete er auf Fragen. "Die Lieferungen enthielten
eindeutig Raketentechnologie und -teile, die zu der

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�Schlu Steigerung führten, daß sich ein sanktionierbarer "Natürlich zahlen wir einen beträchtlichen Preis", räumVorfall ereignet hatte", so McCurry.
te der Außenamtssprecher ein. "Aber er zeigt, wie
ernst wir die Frage der Weiterverbreitung nehmen", die
Chinesische und pakistanische Regierungsvertreter "möglicherweise die wichtigste Rüstungskontrollfrage
behaupteten im wesentlichen, "daß ihre Verpflichtung der neunziger Jahre" darstellt.
zur Einhaltung der MTCR-Richtlinien durch diese
Transfers nicht verletzt wurde", fuhr der Außenamts- "Die Vereinigten Staaten sind ernsthaft besorgt über
sprecher fort.
eine Weiterverbreitung von Raketentechnologie dieser Art in einer Region der Welt, in der ein großes
Die Sanktionen richten sich an die Regierungsstellen, Potential für Konflikte und Instabilität gegeben ist",
die an der Transaktion beteiligt waren, sowie an die erklärte er.
ihnen untergeordneten Stellen. Dazu zählen das
chinesische Luftfahrtministerium, das auch das chine- Die Überprüfung des Transfers von Raketentechnolosische Export-Import-Unternehmen für Präzisionsma- gie begann unter der Bush-Administration, und Präsischinerie (China Precision Machinery Import-Export dent Bush beauftragte das Außenministerium mit der
Corporation) einschließt sowie das Verteidigungsmini- Leitung dieser Untersuchung. Es gab jedoch "umfassterium. Da die Verhängung von Sanktionen sich auch sende Kontakte zwischen den Behörden", und das
auf untergeordnete Stellen bezieht, wurden insgesamt Weiße Haus "war aktiv an jedem Schritt beteiligt", i
10 verschiedene chinesische Regierungsstellen in die
Entscheidung einbezogen. In Pakistan war dem Es gibt keine Spielraum bei der Entscheidung, welche
Sanktionen verhängt werden sollen, nachdem ausreiAußenamtssprecher zufolge das Verteidigungsminichende Beweise für einen Transfer gefunden wurden,
sterium die einzige betroffene Behörde.
erklärte McCurry. Das Gesetz schreibt vor, welche
Die unter Kategorie II fallenden Sanktionen verlangen Sanktionen verhängt werden müssen.
die Verweigerung neuer Exportgenehmigungen für im
MTCR-Anhang aufgelistete Gegenstände, die von der Ihm zufolge fand Staatssekretärin Davis "eindeutige
Rüstungskontrolliste des Außenministeriums und der Beweise dafür, daß ein unter Kategorie II fallender
im Exportverwaltungsgesetz des Wirtschaftsministe- Transfer stattgefunden hat, die Frage, ob auch ein
riums vorgeschriebenen Kontrolliste für mehrfach unter Kategorie I fallender Transfer vorgenommen
nutzbare Gegenstände festgelegt werden. Die Sank- wurde, kann jedoch nicht eindeutig beantwortet wertionen werden für die Dauer von zwei Jahren verhängt. den".
Sie enthalten auch ein Verbot für den Abschluß staatMcCurry erklärte, "Gegenstände der Kategorie I sind in
licher Verträge mit den sanktionierten RegierungsstelWirklichkeit Raketensysteme. Es sind Raketen. Es
len im Hinblick auf im MTCR-Anhang aufgeführte
sind komplette Untersysteme, einschließlich der RaGegenstände für denselben Zeitraum.
ketenstufen, Raketentriebwerks und Lenksysteme. Die
in Kategorie II erfaßten Gegenstände unterliegen techDie wichtigste Auswirkung der amerikanischen Sanktionen gegen China wird das Verbot von Satellitenver- nischen Parametern."
käufen und in den Vereinigten Staaten zugelassener
Satellitentechnologie darstellen, um die Beijing ersucht hat. Im Fall von Pakistan "gibt es nur wenige
kommerzielle Aktivitäten, die unter die MTCR-Richtlinien fallen".

"Dazu zählen Raketentreibmittel, Mechanismen zur
Trennung der Raketenstufen, Raketentriebwerksgehäuse, Isolierungen und Düsen, Mess- und Navigationsgeräte, Rugsicherungssysteme wie Höhenkontrollgeräte, avionisches Gerät wie Radar und globale
Obwohl es schwierig ist, die Auswirkungen der neuen Positionsgeräte, Mess- und Navigationsgeräte, Abgegen China verhängten Handelssanktionen in Dollar schußunterstützungsgerät wie Trägersysteme zum
anzugeben, so der Außenamtssprecher, "werden Transport oder Abschuß von Raketen und Raketenunseren Schätzungen zufolge Handelsaktivitäten verfokjungssyteme, bestimmte Computertypen und
zwischen 400 und 500 Millionen Dollar jährlich von den Software sowie Erprobungseinrichtungen und Geräte
heute verhängten Sanktionen betroffen sein". Im wie Windtunnel und Produktionsgerät oder technische
Finanzjahr 1992, dem letzten statistisch erfaßten Jahr, Daten über die oben genannten Geräte", erläuterte
hätte der Handelswert der von den Sanktionen betrof- McCurry.
fenen Gegenstände ungefähr 370 Millionen Dollar
Obwohl amerikanische Firmen unter dem Sanktionsbetragen.
regime in Zukunft Verträge verlieren würden, bleiben
die
derzeit gültigen Verträge McCurrys Ansicht nach in
Die Sanktionen betreffen nur die amerikanischen Exporte
Kraft.
"Diese Maßnahmen betreffen neue Exportlizennach China. Unter Kategorie I fallende Sanktionen
zen",
erklärte
er im Hinblick auf die Sanktionen.
hätten Auswirkungen auf chinesische Exporte in die
Vereinigten Staaten, erklärte McCurry.

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"Wir haben sowohl der chinesischen ata auch der
pakistanischen Regierung! gegenüber ww|srho» un-

�sere Besorgnis über diesen speziellen Transfer zum
Ausdruck gebracht", führte der Außenamtssprecher
aus und verwies auf das Treffen von Außenminister
Christopher mit seinem chinesischen Amtskollegen
am 25. Juli 1993 in Singapur und die Gespräche
zwischen Davis und hochrangigen Regierungsvertretem am 29. Juli in Beijing sowie die Zusammenkünfte
mit dem amtierenden pakistanischen Premierminister
in Washington und die anschließenden Kontakte mit
der pakistanischen Regierung.
Bei diesen "umfassenden diplomatischen Kontakten",
so McCurry, wurden beiden Regierungen "äußerst
spezifische Fragen gestellt, die den Vereinigten Staaten bei der Analyse und Auswertung der gesammelten
Informationen behilflich sein würden. Und die Antworten auf diese wiederholten Anfragen waren in allen
Fällen unbefriedigend", stellte der Außenamtsprecher
fest.
Die Partner der Vereinigten Staaten beim MTCR würden
von der amerikanischen Entscheidung in Kenntnis
gesetzt, "die beträchtliche Auswirkungen auf die Handelsaktivitäten anderer Länder haben werde", fügte er
hinzu. Einige der engsten Partner der Vereinigten
Staaten seien seit einiger Zeit über die Ermittlungen
informiert und "werden infolge dieser Entscheidung
ihre eigenen Exportkontrolfverfahren überprüfen wollen".

zerstreuen und die amerikanischen Exportgesetze
einhalten können", erklärte McCurry. "Wir sind zur
Zusammenarbeit bereit, um neue Informationen zu
erhalten oder neue verfügbare Informationen auszuwerten, und das Angebot... zur Zusammenarbeit bei
dieser speziellen Frage ist ernstgemeint."
"Neben den Problemen der Weiterverbreitung haben
wir ein breites Spektrum von Sicherheitsbedenken,
wirtschaftlichen Belangen, Handelsbeziehungen, Kulturaustausch - Bereiche die, wie wir natürlich hoffen,
Bestand haben werden und die positiven Aspekte
unserer bilateralen Beziehungen sowohl mit China als
auch Pakistan widerspiegeln", führte der Außenamtssprecher aus. "Zu diesem speziellen Thema sind die
amerikanischen Gesetze eindeutig und wir haben die
Gesetze, wie es unsere Pflicht ist, angewandt."
Später äußerte Staatssekretärin Davis Journalisten
gegenüber, die Vereinigten Staaten wollten mit China
bei der gesamten Tagesordnung zur Nichtverbreitung
zusammenarbeiten und verwies auf "die Vielzahl von
Möglichkeiten, bei denen unsere Nichtverbreitungsziele höchst parallel verlaufen".
Davis zufolge hat sie dem chinesischen Botschafter
"die unverzügliche Aufnahme der Verhandlungen" auf
technischer und politischer Ebene vorgeschlagen, um
die Bestimmungen des MTCR "und deren Auslegung
durch die jeweiligen Parteien" zu verstehen.

"Weil es sich hierbei um kooperative Bestrebungen der
Davis erklärte, der Verkauf eines amerikanischen
internationalen Staatengemeinschaft handelt", äußerSupercomputers
an China werde noch immer in Erwäte McCurry, "gehen ihre Auswirkungen über den nur
gung
gezogen,
da
er "nicht direkt von den Sanktionen
die Vereinigten Staaten betreffenden Handel hinaus."
betroffen ist".
Dem Sprecher zufolge falle der RaketentechnologieDie Staatssekretärin stellte fest, die pakistanischen
transfer für Präsident Clinton bei der Erwägung einer
Politiker
hätten "ihren eigenen Worten und ÄußerunErneuerung des Meistbegü ngstigu ngsstatus für China
gen"
zufolge
Raketen und Raketentechnologie angenächstes Jahr nicht ins Gewicht. Als Clinton am 28.
strebt
"aufgrund
der Bedrohung, die sie für ihre SicherMai einen Präsidialerlaß zur Erneuerung des Meistbeheit
in
ihrem
Teil
der Welt ausmachen".
günstigungsstatus für ein Jahr unterzeichnete, "hat er
eben diese Fragen der Weiterverbreitung ausgeklamAuf Fragen der Journalisten antwortete sie, "wenn wir
mert, damit sie angesprochen und geprüft und dann
schlüssige Beweise hätten, daß Pakistan eine M-11die entsprechenden amerikanischen Gesetze unabRakete besitzt, hätten wir (eine ernstere) Entscheihängig von der Entscheidung oder der Überprüfung
dung zur Kategorie I getroffen. Uns liegen keine
des Meistbegünstigungsstatus im kommenden Jahr
Beweise vor, daß Pakistan im Besitz einer M-11angewendet werden können."
Rakete ist. Wir haben konkrete Beweise, daß Pakistan
von
China im Zusammenhang mit einer M-11 -Rakete
Der Außenamtssprecher betonte, daß die von den
stehende
Gegenstände erhalten hat", die auf dem
Vereinigten Staaten sehr ernst genommenen Fragen
MTCR-Anhang
kontrollierter Gegenstände stehen.
der Weiterverbreitung "nicht der Wesensgehalt unserer Beziehungen" zu China seien. "Zweifelsohne hoffen wir, daß es zusätzliche Möglichkeiten zur Zusammenarbeit mit China bei einer großen Bandbreite anderer
Themen geben wird. Dieses Problem bedurfte jedoch
der sehr direkten Reaktion im Rahmen der amerikanischen Gesetze."
Bei ihrem Treffen mit den chinesischen und pakistanischen Gesandten bot Davis "Zusammenarbeit bei der
Überprüfung dieser Frage in den nächsten beiden
Jahren an um festzustellen, ob wir unsere Besorgnis
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Davis stellte fest, aufgrund der amerikanischen Gesetze und der Entscheidung der Vereinigten Staaten
zum Atomwaffenprogramm Pakistans seien bereits
Sanktionen gegen Pakistan verhängt worden. Der
Effekt der neuen Sanktionen sei daher "minimal".
Der Staatssekretärin zufolge seien bereits Sanktionen, die unter den sogenannten Helms-Zusatzartikel
fallen - Sanktionen gegen zentral gelenkte Volkswirtschaften, die nicht Nationen des ehemaligen War-

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�schauer Pakts sind - als Reaktion auf die Niederschlagung der Demokratiebewegung in Beijing auferlegt
worden.
Davis verwies darauf, die Vereinigten Staaten seien
"erfreut" über die Aufnahme von Gesprächen mit der

neuen pakistanischen Regierung über das gesamte
Spektrum von Themen und "hoffen, daß wir unsere
bisherige Besorgnis" über die Entwicklung eines Atomprogramms "zerstreuen können".

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�COUNTRY-MUSIC
1. September 1993

MARY-CHAPIN CARPENTER:
DER LIEBLING DER COUNTRY-MUSIC
von Debra Shore
Die amerikanische Sängerin Mary-Chapin Carpenter, die mit ihrer populären Country-music mehrere Auszeichnungen gewann, hat in jahrelanger Arbeit die Themen Kummerund Hoffnung in ungewöhnlich geistreiche Lieder
umgewandelt. Der vorliegende Artikel beschreibt ihren Werdegang und ihr künstlerisches Talent. Seine
Verfasserin Debra Shore ist freiberufliche Schrifstellerin und lebt in Chicago.
Veröffentlichung und Übersetzung mit freundlicher Genehmigung von Brown Alumni Monthly und der
Verfasserin.

Seit die amerikanische Country Music Association
Mary-Chapin Carpenter im Oktober 1992 zur Sängerin
des Jahres ernannte, spielte sie vor ausverkauftem
Haus auf den großen Bühnen der Vereinigten Staaten.
Aber die Jahre von Carpenters Kampf liegen noch
nicht weit zurück. Um Auftrittsmöglichkeiten in kleinen
Clubs kämpfend, mu ßte sie in den achtziger Jahren mit
im Fernsehen über der Bar ausgestrahlten Sportsendungen konkurrieren sowie Kompositionen für James
Taylor und Carly Simon schreiben. Sie nannte das ihre
"Auftritte in der Hölle".

Heute ist Carpenter einer der heißesten Tips im Runkfunk und den Konzertsälen Amerikas. Sie wurde von
der National Academy of Recording Arts and Sciences
mit zwei Grammys als beste Country-music-Sängerin,
einer goldenen und einer Platinschallplatte sowie mit
der höchsten Auszeichnung der Country Music Association gewürdigt.

Die Stadt, in der Carpenter - wie sie in "Hometown Girl"
schreibt - als "ein Mädchen mit starkem Willen und
starkem Herzen" aufwuchs, war Princeton in New
Jersey. Ihre Familie lebte dort bis 1969, als sie
Um die Miete für das Haus in Washington bezahlen zu aufgrund der leitenden Position des Vaters bei der
können, das sie gemeinsam mit Freunden bewohnte, Zeitschrift Life nach Tokio umzog. Die Familie verarbeitete sie in der Verwaltung einer gemeinnützigen brachte zwei Jahre in Japan und ließ sich später in
Stiftung. Nachdem sie jedoch jahrelang zusehen Washington nieder. Während dieser Zeit spielte Marymußte, wie ihre Kollegen beruflich aufstiegen, wäh- Chapin auf der alten Gitarre ihrer Mutter, was sie sich
rend sie sich mit Trinkgeldern begnügen mußte, fragte selbst beigebracht hatte, und bekam Schwielen, wähsie sich, ob ihr Glaube an ihre Songs sie über Wasser rend sie die Balladen von Judy Collins begleitete.
halten würde. Sie überlegte, ob sie weiter auftreten
Bereits während ihrer Zeit in der auf das College
sollte.
vorbereitenden Taft School in Watertown (ConnectiDas war die Zeit, in der die Illusionen verlorengehen cut) hatte Carpenter ihre ersten fanatischen Fans. "Sie
und dieZweifel sich verstärken. Aber wenn man Glück spielte im Treppenhaus, das eine prima Akustik hatte",
und Talent hat, wenn man beharrlich oder begabt ist, erinnert sich ihre Klassenkameradin aus der Taft School
dann kann man eines Tages zurückblicken und sagen: und spätere Kommilitonin an der Brown University Liz
"Das waren harte Zeiten". Carpenter gab nicht auf, Barratt-Brown. "Ich hatte noch nie so tolle Musik
entwickelte ihren persönlichen Stil und verarbeitete die gehört", fügt eine andere Kameradin aus Schul- und
Themen Kummer und Hoffnung in ungewöhnlich gei- Universitätszeiten, Lynn Creviston Shiverick, hinzu.
streichen Liedern. Das Resultat hätte sie in ihren
kühnsten Träumen nicht zu hoffen gewagt.
Dort spielte Carpenter auch ihr erstes Duo mit Joan
Baez. "Es gab einen Gemeinschaftsraum mit zwei
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�Klavieren", erinnert sich Carpenter. "Eines Abends
war ich dort und spielte. Joan hatte einen Klassenkameraden zurück nach Taft gebracht - sie kannte seine
Familie - und sie kam herein und setzte sich zu mir ans
Klavier. Ich wußte sofort, wer sie war." Baezfingan,
mit der aufgeregten Carpenter zu spielen und zu
singen und gab ihr einige Tips zur Klaviertechnik.
Siebzehn Jahre später wurde Carpenter eingeladen,
mit Baez in einer Reihe von Benefizkonzerten mit den
Indigo Girls zu singen. "Als wir zum ersten Mal
miteinander telefonierten, erzählte ich ihr diese Begebenheit", so Carpenter. "Sie freute sich, daß ich sie
daran erinnerte. Es war eine der netten Geschichten
im Leben, bei denen sich der Kreis schließt."

Autodikakt: Sie studierte den Aufbau von Songs,
probierte Ostinatos auf ihrer Gitarre, nahm sich selbst
auf Kassette auf und hörte sie unermüdlich ab. Eine
Zimmernachbarin aus der Studienzeit erinnert sich
daran, wie sie Carpenter mitten in der Nacht zurief, die
Lautstärke herunterzudrehen. "Es war sehr störend",
erklärt sie. "Natürlich sind wir jetzt die Dummen. Wer
wußte denn damals, daß wir einer künftigen GrammyAward-Gewinnerin zuhörten?"

Während ihrer letzten beiden Jahre an der Brown
University lebte Carpenter in einem großen, gemieteten Haus. Schon damals erfüllte sie das Haus mit
Musik. "Sie lebte mit ihrem epileptischen Hund, Molly,
im dritten Stock und beschäftigte sich die ganze Zeit
mit Musik", so Hausgenossin Elizabeth Kellner SuneAls die vier Musikerinnen in der Küche von Joan Baez by. "Ihre Wohnung war ihr Kokon."
für die Konzerte probten, bot Carpenter an, den eben
von ihr komponierten Song "Stones in the Road" zu Carpenters Hausgenossen erinnern sich auch an ihren
singen. Während sie noch sang, schob Baez, die ihr respektlosen und lästerlichen Sinn für Humor, ihre
erstes großes Album seit 1979 zusammenstellte, ihr Zurückgezogenheit und ihre Scheu. "Sie schrieb immer
eine Nachricht zu: "Ich will diesen Song". Später rief alles auf", erinnert sich Shiverick. "Wenn sich bei ihr
Baez die sich auf Tournee in Australien befindende oder uns etwas ereignete, zog sie sich in ihr Zimmer
Carpenter an und bat sie um Erlaubnis, den Song zurück und schrieb einen Ragtime darüber, den sie
aufzunehmen. Carpenter hatte ihre Komposition selbst dann sang. Manchmal wurde dieser nur einmal aufgenoch nicht aufgenommen, und nun bat Joan Baez führt und dann für immer vergessen."
darum, das als erste tun zu dürfen. "Ich erinnerte mich
daran, wie schön es war, als Kind mit ihr zu spielen", so Während der schweren Jahre, in denen sie versuchte,
Carpenter, "und wie aufregend. Die Tatsache, daß sie in der Washingtoner Club-Szene ihre Kunst auszumeinen Song überhaupt aufnehmen wollte, war schmei- üben, schloß sie sich einigen ortsansässigen Musikern
chelhaft, so daß es eigentlich einfach war." Als Rol- an, darunter vor allem dem Gitarristen John Jennings,
ling Stone kürzlich das Album von Baez rezensierte, der sie drängte, nur dort aufzutreten, wo sie ihre
eigenen Kompositionen spielen durfte. Allmählich
erhielt "Stones in the Road" viel Lob.
gewann sie Anhänger vor Ort. 1986 wurde sie mit fünf
Zu dem Song erklärt Carpenter: "Wahrscheinlich "Wammies" - Washington Area Music Awards - ausgedachte ich darüber nach, wie ich das Geheimnis aller zeichnet, darunter dem für den besten jungen Künstler
Dinge artikulieren kann, die Zeit, in der man meint, und den besten Songschreiber. Mit Jennings als
wenn man nur den Zeichen folgt, den Steinen auf der Produzent und musikalischem Partner steifte CarpenStraße, dann werde ich dorthin gelangen, wo ich hin ter ein Demonstrationsband zusammen, das sie bei
will; und man erkennt, daß das nicht immerder Fall ist. ihren Auftritten verkaufte. Mit dem ihr eigenen Humor
Es ist ein Lied auf die meines Erachtens bestehende nannte sie ihren Verlag "Getarealjob Music" ("Such'Gefahr für meine Generation, zu materialistisch zu Dir-'nen-richtigen-Job-Verlag").
werden."
"Ich wußte sofort, daß sie ein großes Talent ist",
Carpenter sang zum ersten Mal allein vor Publikum in erinnert sich Tom Carrico, langjähriger Manager, Publizist
dem Jahr, das zwischen dem Besuch der Taft School und ein Bekannt er von Jennings, alserdas Band hörte.
und der Brown University lag. Eine Mitarbeiterin des "Nicht nur als Sängerin, sondern auch als Komponistin
Brentano's Bookstore in Washington schob sie im Red machte sie etwas Einzigartiges." Carrico und John
Fox Inn in Bethesda (Maryland) vor ein offenes Mikro- Simson, Partner bei Studio One Artists, sind seitdem
phon. "Es herrschte Totenstille, während sie spielte", Carpenters Manager. Sie stand kurz vor der Untererinnert sich ihre gute Freundin Wendy Franklin, "und zeichnung eines Vertrags mit Rounder Records, als
dann sprang sie von ihrem Hocker, lief von der Bühne einer der Abteilungsleiter von CBS Records (jetzt
und sagte kein Wort". In jenen Tagen spielte Carpen- Columbia genannt) in Nashville ihr Band hörte, sie
ter die Werke anderer Sänger und Songschreiber. Sie unter Vertrag nahm und 1987 ihr erstes Album,
hatte keinen eigenen Bühnensong.
Hometown Girl, produzierte.
An der Brown University drängten ihre Freunde sie,
einmal in der Graduate Center Bar aufzutreten, aber
sie spielte meistens in ihrem Zimmer. Carpenter, das
Produkt amerikanischer Zivilisation und "absolute
Fanatikerin der Freien Künste", war im wesentlichen

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Die Organisatoren des Philadelphia Folk Festival luden sie 1987 ein, auf der Hauptbühne zur besten Zeit
zu singen - für eine noch unbekannte Sängerin eine
einmalige Chance. Sie ging auch mit einer Band auf
Tournee, was sie von ihrer einsamen Rolle auf einem

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�Hocker im Mittelpunkt der Bühne befreite. "Die Arbeit
mit einer Band ist vollkommen anders", erklärt sie. "Sie
befreite mich in psychologischer, musikalischer und
geistiger Hinsicht." Carpenter begann, sich auf der
Bühne zu bewegen, zwischen den Songs etwas zu
erzählen, eine Darstellerin zu werden.
1989 veröffentlichte Carpenter State of the Heart, ihr
zweites Album. Obwohl Carpenters Songs der Country-music zugeordnet werden, vermeiden sie diesbezügliche Klischees und die simplifizierenden Ansichten über das Leben und die Liebe, die aus Nashville
kommen. Das heißt jedoch nicht, daß Carpenter nicht
über Liebe und Verlust geschrieben hätte - sie sang
kürzlich auf einem Konzert zwei Auszüge aus ihrer
Trilogie "mein Ex-Freund" - aber ihre Lyrik besitzt eine
seltene, dichtgedrängte Poesie, die Kritiker und Fans
gleichermaßen lieben.
"Meines Erachtens muß man akzeptieren, daß sich die
Country-music wirklich geändert und weiterentwickelt
hat", äu ßert Carpenter. "Ich betrachte mich als Sängerin und Song-Schreiberin, und die Country-music ist
hierfür offen. Viele Künstler passen nicht in diese
Kategorien. Es liegt in der Natur der Sache, daß man
sich gut in eine Kategorie einordnen lassen muß, und
das war für mich ein schwieriger Weg. Wir Künstler
machen uns jedoch weniger Sorgen darüber als alle
anderen."
Ein im Frühjahr 1989 abgeschlossener Vertrag mit
EMI April Music ermöglichte es Carpenter, sich ausschließlich ihren Kompositionen und Auftritten zu
widmen. Im Oktober 1990 veröffentlichte sie ihr drittes
Album, Shooting Straight in the Dark. In der Zeit
zwischen dem Erscheinen ihres zweiten und dritten
Albums fügte sie den Bindestrich zwischen ihren Vornamen ein. "Alle nannten mich Mary", stellt sie fest. In
der Brown University war sie als Chapin bekannt, zu
Hause wurde sie Mary Chapin genannt, um sie von
ihrem Vater, Chapin Carpenter, zu unterscheiden. "Ich
raufte mir die Haare, und irgend jemand in dem Plattenverlag schlug vor, diese beiden Vornamen mit
Bindestrich zu verbinden. Aber", sagt sie wehmütig,
"das hat überhaupt nicht geholfen. In neunundneunzig
Prozent aller Fälle wird der Bindestrich zwischen Chapin
und Carpenter gesetzt. Ein Kritiker in Ohio schrieb
kürzlich über Mary-Chapin-Carpenter. Es geht mir auf
die Nerven."
Im Oktober 1990 stieg die Zahl von Carpenters Bewunderern über Nacht schlagartig an, als sie im Fernsehen
- bei der Verleihung der Auszeichnungen der Country
Music Association - ihre Hommage an die Prüfungen
des unbekannten Künstlers - "You Don't Know Me, Im
the Opening Act" - sang. Sie mußte den Text zum Teil
fü r das nationale Fernsehen umarbeiten und fürchtete,
der Song würde seine Ausdruckskraft verlieren.
Unbegründeterweise. Mit dem Song "I don't have a
limousine that Stretches three blocks/Waiting to take

AMERIKA DIENST 35

me f rom door to door/Ju st like that jackass l'm opening
for/You don't know me/l'm the opening act" löste
Carpenter stürmischen Beifall aus und ihre Zuhörer,
unter ihnen Stars der Nashville-Country-music, denen
dieser Song offensichtlich persönlich naheging, lagen
ihrzu Füßen. Sie warzum Liebling der Country-music
geworden.
Seitdem war Carpenter fast die ganze Zeit auf Tournee, trat bei Konzerten und Benefizveranstaltungen
auf, erschien in Fernsehsondersendungen und nahm
Musikvideos auf. Sie ging mit den Sängerinnen Luanda Williams und Rosanne Cash in Australien auf
Tournee. 1992 erntete sie begeistertes Lob der Kritiker von The New York Times, The Washington
Post, People, Time, Newsweek und Rolling Stone
und wurde in Talkshows und den Morgennachrichten
interviewt.
1992 wurde ihr der Grammy für ihre Wiedergabe von
"Down at the Twist and Shout", verliehen, einen ausgelassenen, von der Musik der Cajuns beeinflußten
Tribut an einen Tanzsaal in Bethesda (Maryland). In
demselben Jahr gab sie auch ihr viertes Album Come
On Come On heraus - nicht, wie in einer Zeitung zu
lesen war C'mon, C'mon. "Es gibt einen großen
spirituellen Unterschied zwischen den beiden", kommentiert sie. Als die Country Music Association Carpenter im Oktober 1992 zur Sängerin des Jahres
ernannte, war sie sichtlich überrascht. Passend zu
dieser Gelegenheit erhob sie sich und gab eine mitreißende Version ihres jüngsten Hits "I Feel Lucky" zum
besten.
Carpenter reist jetzt mit zwei Bussen für ihre vierköpfige Band, sechsköpfige Mannschaft und mindestens
einem Dutzend Gitarren. Da sie sich so vieler ungewöhnlicher Modulationen bedient, wechselt sie ihre
Gitarre nach fast jedem Song, was einen Zuhörer bei
einem Auftritt in Austin (Texas) zu der Frage veranlaßte: "Spielen Sie die auch alle, oder sind das nur
Requisiten?"
"Nein", scherzte Carpenter, und erzählte die Geschichte Ende 1992 vor einem Chicagoer Publikum, "Mädchen können nicht Gitarre spielen". Während sie einen
Song spielt, stimmt ihr Techniker hinter den Kulissen
ein anderes Instrument für den nächsten Song. Es
kommt vor, daß Carpenter im Laufe eines Konzertes
15mal oder öfter ihr Instrument wechselt.
Hinter der Bühne äußerte eine aufgekratzte Carpenter
nach drei Zugaben vor einem begeisterten Publikum in
Chicago: "Es ist wie das Erklettern einer Mauer. An
manchen Abenden schaffe ich es bis oben und auf die
andere Seite - das ist wunderbar - und an anderen
Abenden schaffe ich nur den halben Aufstieg und falle
dann wieder herunter. Das hat nicht so sehr mit
unserer musikalischen Leistung zu tun, sondern mit
der Reaktion des Publikums. Vor zwei Jahren in
Athens (Georgia) spielten wir diesen Song - in einem

Seite 3

�alten, verstaubten Kino - aber das Publikum ging
richtig mit. Es behandelte uns wie die Beatles!"

Mit zunehmender Berühmtheit mußte Carpenter um
die Wahrung ihrer Privatsphäre kämpfen - und ihrer
Unbescholtenheit. Vorkurzem wurde sie beispielsweiCarpenters jetzige Berühmtheit geht auch mit Proble- se eingeladen, an einer Fernsehshow teilzunehmen,
men einher. Das Leben auf Tournee zehrt. Es ist und mußte feststellen, daß die Vorstellungen der
schwierig, enge Beziehungen zu pflegen. Carpenter
Produzenten - der Auftritt spärlich bekleideter Tänzer,
hält die meisten ihrer Freundschaften per Telefon die eine Vielzahl zweideutiger Nummern vorführten aufrecht. Sie vermißt ihre Familie, weil sie stets engen sehr verschieden von ihren eigenen waren. Carpenter
Kontakt zu ihren Eltern und ihren drei Schwestern versuchte, ihre Teilnahme abzusagen, man drohte ihr
Mackenzie, Camilla und Sophie hatte.
jedoch mit einem Gerichtsverfahren ,und sie fühlte
sich gezwungen, die Show durchzustehen. "Es war
Da sie ständig unterwegs ist, in Hotels oder dem
niederschmetternd für mich, daß ich gezwungen wurTourneebus schläft, ist es schwierig für sie, sich zude, bei etwas mitzumachen, das mir nicht gefiel",
rückzuziehen und zu komponieren. Das Komponieren
erinnert sie sich. "Man kämpft so hart, um etwas
ist für Carpenter ein persönliches und privates Erlebherauszubringen, an das man glaubt und das ein Stück
nis, eine Tätigkeit, der sie nur in ihrem 3-Zimmervon einem selbst ist. Und dann gibt es so vieles, über
Apartment in Alexandria (Virginia) nachgehen kann.
das man keine Kontrolle hat."
"Kürzlich las ich in einer Zeitschrift einen Artikel von der
Dichterin Sharon OkJs, und sie erklärte, was für ein
Gefühl es ist, etwas zu schreiben, das sich dann
langsam verselbständigt, sich auf seinen eigenen
Weg begibt, und welch ungeheure Erfüllung das bietet", äußert Carpenter und beschreibt dabei den Prozeß, den sie selbst beim Komponieren durchläuft. "Ich
fühle ebenso".

Im Dezember 1992 und Januar 1993 gönnte sich
Carpenter eine notwendige Ruhepause, aber im Februar flog sie zu Konzerten nach England, Schottland
und Irland. Ende des Sommers 1993 möchte sie eine
große Pause von ihrer Tourneetätigkeit machen. "Ich
möchte sehr viel komponieren und einige andere Projekte
verwirklichen, die ich im Sinn habe, und eine Weile zu
Hause sein".

Was geschieht mit den Songs, die sich nicht verselbstständigen? "Manchmal komme ich wieder auf einen Sie hat bewiesen, daß Country-music nicht nur mit
zurück, den ich eine Weile beiseite gelegt hatte, und großen Hüten und Stiefeln zu tun hat. Es geht darum,
sage mir: 'Hm. Was habe ich mir dabei gedacht?',und Geschichten zu erzählen, Geschichten aus dem wirkes klingt einfach nicht so, wie es sollte", stellt sie fest. lichen Leben, aus dem Bereich der Gefühle, und zur
Andere sind von Anfang an gelungen und klingen bei Zeit erzählt Mary-Chapin Carpenter diese Geschichten so gut, wie irgend möglich.
jeder Aufführung so, wie sie es möchte.

* * * *

Seite 4

*

AMERIKA DIENST 35

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                <text>&lt;strong&gt;1. Naher Osten&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;USA bezeichnen Pakt zwischen Israel und PLO als konzeptionellen Durchbruch&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Christopher unterstützt Abkommen&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Somalia&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Aspin umreißt Aktionen für Fortschritte in Somalia&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede des Verteidigungsministers&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Außenpolitik&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Clinton ergreift Maßnahmen zur Förderung des Handels mit der Karibik&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Pressekonferenz des Präsidenten&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;4. Wirtschaft&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Bericht des wirtschaftlichen Ministeriums: ausländische Direktinvestitionen in den USA und ihre Auswirkungen &lt;br /&gt;&lt;em&gt;von Lester A. Davis&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;USA, Japan, Deutschland - Vergleich des wirtschaftlichen Umfelds&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Studie des Bundesrechnungshofs&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;5. Weiterverbreitung&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Sanktionen gegen China und Pakistan wegen Transfer von Raketentechnologie&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Eindeutige Beweise für Technologietransfer&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;6. Country-Music&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Mary-Chapin Carpenter: Der Liebling der Country-Music&lt;br /&gt;&lt;em&gt;von Debra Shore&lt;/em&gt;</text>
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und
Dokumentation

1

1
I a

International Communication Agency
Embassy of the United States of America

44

1. Oktober 1980

I N H A L T

DOKUMENTATION
Carter: Konflikt zwischen Iran und Irak muß unverzüglich beendet werden
- USA fordern freie Schiffahrt im Persischen Golf -

HINTERGRUNDMATERIAL
Neuer Boom auf Amerikas öl fei d e m
- Fast 20 Prozent weniger Importöl -

WISSENSCHAFT UND TECHNIK
Mini-Defibrillator zur Implantation
Computer verbessert Schädlingsbekämpfung
Maishalme als Eiweißquelle

Um Ubei/endung von
Belegexemplaren wird
gebeten

Postfach 20 03 00 Tel: 0228-89 32 40
D5300 Bonn 2
Telex: 08-85432

�i

Dokumentation
»

International Communication Agency
Embassy of the United States of America

1. Oktober 1980

44

CARTER: KONFLIKT ZWISCHEN IRAN UND IRAK MUSS UNVERZÜGLICH BEENDET WERDEN
- USA fordern freie Schiffahrt im Persischen Golf -

WASHINGTON - (AD) - Präsident Carter hat am 24. September 1980 in einer
Erklärung auf die "sehr gefährliche Situation" hingewiesen, die durch den
iranisch-irakischen Konflikt hervorgerufen wurde, und betont, daß dieser Konflikt unverzüglich beendet werden müsse.

Gleichzeitig unterstrich er vor den

im Weißen Haus akkreditierten Journalisten, daß die USA mit allem Nachdruck
die internationalen Bemühungen zur Erreichung dieses Zieles unterstützten,
und sagte, die freie Schiffahrt im Persischen Golf sei von oberster Bedeutung
für die gesamte Völkergemeinschaft.
Die Erklärung des amerikanischen Präsidenten hat folgenden Wortlaut:
Ich bin heute vormittag mit meinen wichtigsten Beratern zusammengetroffen,
um die sehr gefährliche Situation zu erörtern, die durch den Konflikt zwischen
dem Iran und dem Irak geschaffen worden ist. Obwohl die Vereinigten Staaten
in keiner Weise in diesen Streitfall verwickelt sind - und Behauptungen, die
das Gegenteil besagen, sind ganz offensichtlich und offenkundig falsch -, ist
es wichtig, unsere Haltung in dieser Angelegenheit klar zu machen.
Die

Postfach 20 03 00
Bonn 2

0 5 3 0 0

Tel: 0228-89 32 40
Telex: 08-85432

�Die Kämpfe zwischen dem Iran und dem Irak rufen unnötige Härten und unnötiges Leid unter den betroffenen Menschen hervor.

Sie Stellen eine Gefahr

für den Frieden und die Stabilität dieser Region dar.

Es sollte in gar keiner

Weise eine Einmischung in diesen Konflikt seitens irgendeines anderen Landes
geben.
Die Kämpfe sollten unverzüglich beendet werden.

Alle Beschwerden und

Streitigkeiten zwischen dem Iran und dem Irak sollten am Verhandlungstisch
und nicht auf dem Schlachtfeld geregelt werden.
Wir unterstützen mit allem Nachdruck internationale Bemühungen - sowohl
die Erklärung des Generalsekretärs der Vereinten Nationen als auch des Präsidenten des Sicherheitsrates -, um die Kämpfe zu einem baldigen Ende zu bringen
und eine ausgehandelte Lösung zu erreichen.
Außenminister Muskie hat während der vergangenen Tage mit einer Reihe von
Außenministern in New York Konsultationen geführt.

Und er setzt diese Kontak-

te am. heutigen Nachmittag und heute abend fort, über unsere Botschaften im
Ausland sowie direkt mit den führenden Staatsmännern einiger dieser Länder
stehe ich ebenfalls in Kontakt mit anderen Staaten.

Wir werden auch weiterhin

nachdrücklich mit soviel Ländern wie möglich sowie mit internationalen Institutionen

zusammenarbeiten, die wie wir ein baldiges Ende des Konfliktes

anstreben.
Ich weiß, daß der Konflikt beträchtliche Besorgnisse ausgelöst hat, daß
die öl Vorräte der Welt stark reduziert werden könnten und daß dadurch die 01preise steigen und die wirtschaftliche Sicherheit der Verbrauchernationen
gefährdet würden. Diese Besorgnisse sind durch die gegenwärtige Situation
nicht gerechtfertigt. Es stimmt, daß... direkte Lieferungen aus dem Iran
und aus dem Irak während des Ausbruchs der Feindseligkeiten unterbrochen oder
ausgesetzt worden sind. Aber selbst wenn diese Aussetzung der Lieferungen
aus dem Iran und dem Irak längere Zeit anhalten sollte, dann können die Verbrauchernationen diesen Ausfall kompensieren.
Die
- 2 -

«

�Die Lagerbestä'nde an öl innerhalb der wichtigen ölverbrauchenden Länder
der Welt haben gegenwärtig einen absoluten Höchststand erreicht.

Der Sicher-

heitsspielraum der Ölversorgung der Welt ist heute viel größer als im Winter
1978 und 1979, als die iranische Revolution die öllieferungen zu einem Zeitpunkt verknappten, als die öl lagerbestände sehr niedrig waren.

Unsere größere Sicherheit ist heute zum Teil auf die Energieeinsparung
sowie auf den Rückgriff auf andere Brennstoffe als Ersatz für öl zurückzuführen - und zwar sowohl in den Vereinigten Staaten als auch in anderen Verbraucherländern.

Dies hat die Anlage von Reservevorräten bis zu einer Höhe erleichtert,
die weitaus zufriedenstellender ist als im Jahre 1979.

Deshalb gibt es keinen

Grund für eine Wiederholung der Verknappungen oder der Preiseskalation, die
1979 erfolgten.

Natürlich würde eine totale Aussetzung der ölexporte aus den

anderen Ländern, die öl durch das Gebiet des Persischen Golfs liefern, eine
ernsthafte Bedrohung der öl Vorräte der Welt schaffen und entsprechend eine
Bedrohung der wirtschaftlichen Gesundheit aller Länder darstellen.

Deshalb ist es wichtig, daß ich und unser Land nachdrücklich die Erklärung unterstützen, die die neun Länder der Europäischen Gemeinschaft gestern
abgegeben haben.

Die Freiheit der Schiffahrt im Persischen Golf ist von

oberster Bedeutung für die gesamte Völkergemeinschaft.

Es ist dringend er-

forderlich, daß es keine Beeinträchtigung dieser Freiheit der Schiffahrt
nach und von der Region des Persischen Golfes gibt.

Lassen Sie mich wiederholen, daß wir in den Konflikt zwischen dem Iran
und dem Irak nicht verwickelt waren und auch nicht verwickelt werden.

Ein letzter Punkt, der überaus wichtig für die Amerikaner ist

und der

in unserer Besorgnis über die gefährliche, durch diesen Konflikt geschaffene
Situation, inbegriffen ist - und wir haben ihn auch nicht für einen einzigen
Augenblick vergessen - sind die amerikanischen Geiseln, die immer noch im

- 3 -

�im Iran gefangengehalten werden.

Wir setzen unser Bestreben nach ihrer bal

digen und sicheren Freilassung fort, und wir halten auch weiterhin die Regierung des Iran verantwortlich für die Sicherheit und das Wohlergehen der
• l

•

r.

i

•

i

amerikanischen Geiseln.
Ich danke Ihnen.

+ + + + +

—

•

•

*

-

"

r

�1. Oktober 1980

44

NEUER BOOM AUF AMERIKAS ÖLFELDERN
Fast 20 Prozent weniger Importöl

WASHINGTON - (AD) - Energieeinsparung und verstärkte Erschließung
einheimischer Energiequellen stehen an erster Stelle der energiepolitischen
Maßnahmen in den Vereinigten Staaten» Ermutigende Erfolge der inzwischen
angelaufenen Programme beginnen sich einzustellen: Der Nettoimport an
Erdöl lag in den mit dem 5, September 1980 endenden vier Wochen um 19,4
Prozent niedriger als im Vergleichszeitraum des Vorjahres. Pro Tag werden
mindestens 1,5 Millionen Barrel (1 Barrel = 159 Liter) Erdöl weniger eingeführt. Dagegen weise die Produktion von Rohöl aus einheimischen Vorkommen,
wie Präsident Carter am 22. September 1980 in Springfield (Illinois)
erklärte, eine stark steigende Tendenz auf. Im laufenden Jahr würden mehr
neue Suchbohrungen durchgeführt als je zuvor in der amerikanischen Geschichte.
Energieminister Charles Duncan zitierte eine Angabe des "American
Petroleum Institute", derzufolge man im Jahr 1980 mit mehr als 59 000
Bohrungen rechne.

Damit werde die Zahl des Rekordjahres 1956 mit etwas

über 58 000 neuen Bohrungen übertroffen.

Gegenwärtig seien 3 051 Fördertürme

Postfach 20 03 00 Tel: 0228-89 32 40
Bonn 2
Telex: 08-85432

0 5 3 0 0

�*

Fördertürme in Betrieb, die höchste Zahl seit 25 Jahren.

Die amerikanischen

Mineral öl firmen reagieren auf die Aufhebung der Preisbindung für amerikanisches
Erdöl und Erdgas mit bemerkenswerter Steigerung der Produktion.

Sie dürfte

bei öl in diesem Jahr 2 Prozent betragen. Allerdings scheut sich die
Industrie offenbar noch, mit intensiver Prospektion und Suchbohrungen in
andere als die bisher bekannten Gebiete mit öl- und Gasvorkommen vorzustoßen.
Vielfach werden die neuen Bohrungen in 5 000 Meter Tiefe und mehr vorgetrieben.
Die Gewinnung von Synthesebrennstoffen aus Kohle, Ölschiefer und anderen
Rohstoffen wird noch durch Demonstrationsprogramme vorbereitet. Nach
Aussage Präsident Carters übertrifft der ölgehalt der amerikanischen ölschiefervorkommen den ölreichtum Saudi-Arabiens um das Dreifache. Diese
reiche Quelle werde nunmehr von der im Aufbau begriffenen Synthesebrennstoff-Industrie angezapft. Die Kohleförderung wurde bereits intensiviert.
Wie Energieminister Duncan berichtet, erwarte man für das Jahr 1980 eine
Fördermenge von 825 Millionen Tonnen - verglichen mit 679 Millionen Tonnen
im Jahr 1976 und 775 Millionen Tonnen im Jahr 1979.
Vom US-Energieministerium durchgeführte Untersuchungen über das
Sparverhalten der amerikanischen Bürger im Verlauf der letzten sieben
Jahre, d.h. seit dem ersten ölschock von 1973, erbrachten laut Dr. Jeffrey
S. Mi Istein "ermutigende Ergebnisse". Sie demonstrierten, wie Mi Istein
erklärt, ein immer stärker sich durchsetzendes Energiebewußtsein in der
Bevölkerung: Die Hälfte der befragten Familien habe die Wärmedämmung
ihrer Häuser verbessert, in neun von zehn Haushaltungen verfüge man über
bessere Isolierungen in der einen oder anderen Form, Die Fahrgewohnheiten
hätten sich, so Milstein, wesentlich geändert. Die meisten Bürger halten
sich an die Geschwindigkeitsbeschränkungen. Viele bilden Fahrgemeinschaften
für den Weg zur Arbeit und überlegen sich einmal mehr, ob sie für das eine
oder andere Vorhaben nicht ganz auf ihr Auto verzichten sollten. Jeder
Zehnte der befragten Personen benutzt nunmehr öffentliche Verkehrsmittel, W£

- 2 -

�wo immer sich dies einrichten läßt.

Im Haushalt wird mehr Energie gespart -

ob es sich nun um Stromverbrauch für Licht, Geräte und Klimaanlagen oder
um den Betrieb der Ölheizung handelt.
Der Trend zur Anschaffung kleinerer Wagen setzt sich immer stärker
durch.

Dies könne, wie das Mellon Institute (Arlington, Virginia) errechnete,

in Verbindung mit der Verwendung synthetischer Kraftstoffe und der höheren
Fahrleistung neuer Wagen den Erdölverbrauch bis 1990 um fast 3 Millionen
Barrel pro Tag einschränken.

+ + + + +

- 3 -

�31
I 31

Wi//cn/choft
w\d Technik
International Communication Agency
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1. Oktober 1980

MINI-DEFIBRILLATOR ZUR IMPLANTATION

- (AD) - Herzflimmern, ausgelöst durch Störungen im Reizleitungssystem
des Herzens, führt meist in kurzer Zeit zum Tode, wenn dem Patienten nicht
innerhalb sehr kurzer Zeit durch eine Injektion oder Anschluß an einen Defibrillator Hilfe gebracht werden kann.

Letzteres ist ein elektrisches Gerät,

das Stromstöße bestimmter Stärke abgibt.

Der Herzmuskel wird dadurch in einer

Weise beeinflußt, daß das natürliche Reizbildungssystem wieder in Gang kommen kann und eine geordnete Herzkammerfunktion möglich wird.

Allerdings stehen

derartige Geräte nur im Krankenhaus, in Notarztwagen oder in speziell ausgerüsteten Arztpraxen zur Verfügung.
Wissenschaftler der amerikanischen Raumfahrtbehörde NASA sind gemeinsam
mit Medizinern z.Zt. dabei, einen Miniatur-Defibrillator zu entwickeln, der
gefährdeten Patienten implantiert werden kann.

In gewisser Weise ähnelt er

dem Herzschrittmacher, hat aber eine andere Funktion.
Der automatische Defibrillator ist in einem kleinen Kästchen untergebracht, das im Oberbauch direkt unter die Haut implantiert und über zwei
Elektroden mit dem Herzen verbunden wird.

Das Gerät überwacht fortlaufend

die Herztätigkeit auf jede Änderung des regelmäßigen Herzschlags.

Postfach 20 03 0 0
D5300 Bonn 2

Sobald

Tel: 0228-89 32 40
Telex: 08-85432

�Sobald das Herz unkontrolliert zu schlagen und zu "flimmern" beginnt, wartet
der Defibrillator 15 Sekunden,

Kommt in dieser Zeit keine Normalisierung

der Herztätigkeit zustande, sendet er einen Stomstoß aus. Bringt dieser
nicht die gewünschte Wirkung, folgen bis zu drei weitere Stomstöße von wachsender Stärke.
Die für das Gerät entwickelte Spezialbatterien bleiben drei Jahre funktionsfähig und sind leistungsstark genug, um insgesamt bis zu 100 Stromstöße
zur Regulierung der Herztätigkeit auszulösen.
Die Arbeitsweise des Geräts wird durch eine zweite, außen am Körper getragene Einheit kontrolliert.
korder.

Es handelt sich um ein Kästchen mit einem Re-

Dieser wird durch die Herzkontraktion aktiviert, die dem Kammer-

flimmern vorausgeht.

Er zeichnet automatisch die elektrische Herzaktivität

vor und nach dem vom Defibrillator abgegebenen Stromstoß auf. Außerdem registriert er, wann, wie oft und in welchen Abständen es zu ungeordneter Herztätigkeit kommt, so daß der Arzt die Störungen im Reizleitungssystem des Herzens zu analysieren vermag.

Nach Angaben der NASA-Wissenschaftler sind die

Entwicklungen noch nicht abgeschlossen, so daß das Gerät vorläufig noch nicht
auf dem Markt zu erwarten ist.

- 2 -

�3

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iul

Wi//en/chaft
wui Technik
International Communication Agency
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1. Oktober 1980

COMPUTER VERBESSERT SCHÄDLINGSBEKÄMPFUNG

- (AD) - Millionen Tonnen von Reis gehen in Asien jedes Jahr durch
Pilzbefall verloren. In Südkorea beispielsweise betrug vor zwei Jahren der
Verlust elf Prozent. Der Schädling ist sehr hartnäckig, widersteht offenbar chemischen wie biologischen Bekämpfungsmethoden. In Teilen Südamerikas
und Asiens, wo Reis gut gedeihen würde, wird wegen dieser Situation die Kultivierung eingeschränkt.
Dr. David MacKenzie, Pflanzenphysiologe an der Staatsuniversität
Pennsylvanien (University Park, Pennsylvania), schlägt nun ein computergestütztes Verfahren zur Schädlingsbekämpfung vor, das er vor einigen Jahren
für den Schutz von Kartoffelkulturen entwickelte und mit wachsendem Erfolg
einsetzte.

Schlüssel des Verfahrens ist der präzise gewählte Termin für die

Anwendung des Pestizids.

Das erhöht dessen Wirksamkeit, hält die Kosten

niedrig und verringert Umweltschäden auf ein Minimum.
MacKenzie verwendet einen Minicomputer in einem 5 mal 15 Zentimeter
großen Kästchen, der auf dem Feld verbleibt.

Alle siebeneinhalb Minuten

mißt er Faktoren wie Temperatur, Feuchtigkeit und Blattnässe, um sie mit

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�mit gespeicherten Daten über das zu verwendende Pestizid und die Bedingungen,
die das Wachstum des Schädlings begünstigen, zu vergleichen.

Auf einen Knopf-

druck hin gibt der Computer dem Farmer Auskunft, wann der beste Zeitpunkt
zum Sprühen ist. Außerdem kommt vom Gerät eine Warnung, falls der Schädlingsbefall eine kritische Marke erreicht.
Im kommenden Frühjahr beginnen Versuche mit MacKenzies Verfahren auf
Feldkulturen des Internationalen Reisforschungsinstituts in der Nähe von
Manila (Philippinen) sowie in bestimmten Reisanbaugebieten von Südkorea.
Der Forscher ist überzeugt, daß mit Hilfe seines Verfahrens der Reisertrag
in zweifacher Hinsicht gesteigert werden könnte:

Es verringert erstens das

Ausmaß der Zerstörung von Reiskulturen durch Pilzbefall und es ermutigt Bauern
in vielen anderen Teilen der Welt, mehr Reis anzubauen.

Der Wissenschaftler

verweist darauf, daß beispielsweise Bauern im brasilianischen Hochland aus
Angst vor dem Befall der Reispflanzen nur einen Bruchteil des Landes kultivieren, das mit Reis bepflanzt werden könnte.

m
+ + + + +

�I

31

UUi//cn/choft
und Technik
International Communication Agency
Embassy of the United States of America

44

1. Oktober 1980

MAISHALME ALS EIWEISSQUELLE

- (AD) - Maishalme sind eine ergiebige Quelle für Vitamine und
könnten sogar eine wichtige Rolle für die menschliche Ernährung spielen.
Auf einer Chemikertagung in Las Vegas im August 1980 berichtete Prof.
Bruce Dale von der Staatsuniversität Colorado, daß das in Maishalmen
ebenso wie in Sorghum-Blättern enthaltene Eiweiß etwa den gleichen Nährwert
habe wie Eiweiß aus Milch und Eiern und leicht zu extrahieren sei.

Seinen

Berechnungen zufolge könnte die Weltproduktion an Eiweiß merklich gesteigert
werden, wenn wenigstens ein Teil des Eiweißgehalts der rund 200 Millionen
Tonnen Maisrückstände genutzt würde, die jährlich in den Peinigten Staaten
anfallen.

Die Hälfte der Proteine in Maishalmen und Sorghum-Blättern

ließen sich durch einfaches Auswaschen mit Wasser bei Raumtemperatur gewinnen.
In stark konzentrierter Form könnten sie dann menschlicher Nahrung oder
Tierfutter zugesetzt werden.
Aber auch das, was dann noch übrig bleibe, lasse sich, so Prof. Dale,
weiterverwerten, und zwar für die Produktion von Alkohol als Zusatz zu
Benzin. Ernterückstände von Mais, Weizen, dem hirseähnlichen Sorghumgetreide

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�Sorghumgetreide und Zuckerrohr würden - vor allem aus wirtschaftlichen
Gründen - noch viel zu wenig zur Alkohol gewinnung genutzt. Mit der gleichzeitigen Nutzung als Eiweißquelle jedoch dürften sich die Kosten für die
Produktion von technischem Alkohol merklich ausgleichen lassen. Außerdem
sei dann auch das Argument, daß durch die Brennstoff-Produktion aus sogenannten
Biomassen Nahrungsmittel dem Konsum entzogen würden, leichter zu widerlegen.

+ + + + +

- 2 -

�</text>
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                <text>&lt;strong&gt;1. Dokumentation&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Carter: Konflikt zwischen Iran und Irak muss unverzüglich beendet werden&lt;br /&gt;&lt;em&gt;- USA fordern freie Schiffahrt im Persischen Golf -&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Hintergrundmaterial&amp;nbsp;&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Neuer Boom auf Amerikas Ölfeldern&lt;br /&gt;&lt;em&gt;- Fast 20 Prozent weniger Importöl -&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Wissenschaft und Technik&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Mini-Defibrillator zur Implantation&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Computer verbessert Schädlingsbekämpfung&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Maishalme als Eiweißquelle</text>
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                    <text>AMERIKA DIENST
'VON

4

1. O k t o b e r 1986

32

I N H A L T

DOKUMENTATION
Zusammentreffen Reagan-Gorbatschow bereitet den Weg zum Gipfel
- Äußerungen Präsident Reagans Botschafter Burt würdigt Verdienste von Care
- Ansprache zum vierzigsten Jahrestag Weinberger: SDI steht für Reagan nicht zur Disposition
- Rede vor dem Zentrum für Ethik und Öffentliche Politik Barry lobt KVAE-Öbereinkunft
- Rede von Botschafter Barry in London -

HINTERGRUNDMATERIAL
Die Herausforderung an die Demokratie in Mittelamerika
- Dokumentation in vier Teilen - Teil IV -

WISSENSCHAFT UND TECHNIK
Neue Entwicklungen an der AIDS-Front
- Hoffnung auf therapeutische Möglichkeiten

ANMERKUNG: Die Redaktion hat sich entschlossen, den AMERIKA DIENST ab
vorliegender Nummer durch ein neues Layout optisch ansprechender und
leichter lesbar zu machen.
* * * * * *

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�v^° S ^

AMERIKA DIENST
Dokumentation
1. Oktober 1986

32

ZUSAMMENTREFFEN REAGAN-GORBATSCHOW BEREITET DEN WEG ZUM GIPFEL
- Äußerungen Präsident Reagans -

WASHINGTON - (AD) - Einen Tag nach der Freilassung des amerikanischen
Journalisten Nicholas Daniloff kündigte Präsident Reagan an, daß am 11. und
12. Oktober in Reykjavik ein Treffen zwischen Generalsekretär Gorbatschow und
Reagan stattfinden wird, das darauf abzielt, den Weg für ein möglicherweise
Ende des Jahres stattfindendes formelles Gipfeltreffen zu ebnen.
Nachfolgend drucken wir die Stellungnahme Präsident Reagans sowie Auszüge
aus der anschließenden Pressekonferenz.

Präsident Reagan: Ich freue mich,
Ihnen mitzuteilen, daß Generalsekretär Gorbatschow und ich uns am 11.
und 12. Oktober in Reykjavik, Island
treffen werden. Dieses Treffen wurde
von Herrn Gorbatschow vorgeschlagen,
und ich habe zugesagt. Es wird im
Zusammenhang mit Vorbereitungen für
den Besuch des Generalsekretärs in
den Vereinigten Staaten stehen, über
den wir im November 1985 in Genf
übereingekommen sind.
Ich möchte hinzufügen, daß die
Vereinigten Staaten und die Sowjet-

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union die Bereitschaft der isländischen Regierung akzeptieren, dieses
Treffen in Reykjavik zu ermöglichen.
Jetzt könnte ich mir vorstellen, daß
sie eine ganze Menge Fragen stellen
möchten.
FRAGE:
Glauben Sie, daß durch
die Tatsache Ihres Treffens mit Herrn
Gorbatschow, bevor er in die Vereinigten Staaten kommt, die Möglichkeiten eines Rüstungsabkommens erhöht
werden? Bedeutet es, daß Sie unterschriftsreife Dokumente bei sich haben, wenn Sie ihn dann treffen?

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�ANTWORT:
Das glaube
haupt nicht. Ich denke
dies lediglich ein Treffen
zeichnung von Dokumenten
ich kann nicht sagen, was
nis sein wird.

ich übernicht, daß
zur Unterist. Und
das Ergeb-

FRAGE: Was glauben Sie, wird das
Ergebnis sein?
ANTWORT: Ich habe bereits mehrmals gesagt, daß ich denke, die Chancen zur Erzielung eines Abkommens
über
Rüstungsverringerung
stünden
besser als noch vor Jahren.
FRAGE: Warum haben Sie Ihre Meinung darüber geändert?
Das ganze
Jahr schienen Sie die Idee eines
Treffens in einem neutralen Land von
sich zu weisen und forderten, daß es
an Generalsekretär Gorbatschow sei,
in die Vereinigten Staaten zu kommen.
Gibt es bereits Besprechungspunkte
für das Treffen? Werden Sie Abkommen
über Mittelstreckenraketen oder Zentren für eine Risikoverringerung beschließen?
ANTWORT:
Nein.
Bedenken Sie,
dies ist kein Gipfeltreffen. Es war
ein Vorschlag von ihm, daß wir uns
vorher allein in einem neutralen Land
treffen, weil wir uns zu einem Gipfel
entschlossen haben, von dem einer
hier und der nächste in ihrem Land
stattfinden würde.

eine Art von Rüstungskontrollvereinbarung beschlossen wird?
ANTWORT:
Ich habe bei unserem
letzten Treffen meine Hoffnungen darauf gesetzt und ich hoffe auch weiterhin darauf. Und unsere Unterhändler für Rüstungskontrolle haben sich
weiterhin getroffen.
Beide Seiten
haben Vorschläge gemacht und es gab
Differenzen. Diese Differenzen sind
noch nicht beigelegt.
FRAGE: Würden Sie sagen, daß der
Fall Daniloff den Grundstein für dieses Treffen gelegt oder eher ein Hindernis dargestellt hat? Wie beurteilen Sie diesen Fall?
ANTWORT:
Die Freilassung von
Daniloff hat das Treffen ermöglicht.
Ich hätte das Treffen nicht akzeptieren und abhalten können, wenn er
festgehalten worden wäre.
FRAGE: zum gleichen Thema, Herr
Präsident: Unserer Meinung nach haben die Sowjets Daniloff wegen unserer Verhaftung von Sacharow festgenommen. Sie wollten Sacharow freibekommen.
Nun werden sie Sacharow
freibekommen. Was sagen Sie denen,
die behaupten, daß Sie bei diesem
Handel der Verlierer sind und daß sie
(die Sowjets) bekommen haben, was sie
wollten?

ANTWORT:
Das weiß ich nicht.
Alles, was wir festgelegt haben, ist,
daß wir ein Treffen abhalten werden.

ANTWORT: Nein, das ist überhaupt
nicht wahr. Es bestand zwischen diesen beiden Freilassungen kein Zusammenhang, und ich weiß auch nicht, was
über diesen Fall bis jetzt alles behauptet wurde. Es gab in bezug auf
Sacharow andere Arrangements, die zu
seiner Freilassung führten.

FRAGE: Besteht diese Verpflichtung weiter fort, daß der Generalsekretär zu einem Gipfel in die Vereinigten Staaten kommt, bei dem irgend-

FRAGE:
Herr Präsident, meinen
Sie, die Welt wird glauben, daß kein
Zusammenhang bestand, wenn es tatsächlich so ist, daß Daniloff an ei-

FRAGE: Keine Übereinkünfte beim
Treffen nächste Woche?

- 2 -

�nem Tag freigelassen wird und am
nächsten Tag Sacharow im Nu sein Gerichtsverfahren durchläuft und freikommt?
ANTWORT: Darf ich Sie vielleicht
daran erinnern, daß wir in den vergangenen Jahren eine Reihe von Spionagefällen hatten, in denen Spione
hier in diesem Land festgenommen und
verurteilt wurden. Und in jedem dieser Fälle kam es am Ende dazu, daß
wir, anstatt ihnen hier ein Zimmer
mit Vollpension
zur Verfügung
zu
stellen, sie gegen Dissidenten und
andere Leute austauschten, die die
Sowjetunion verlassen wollten.
FRAGE: Bekommen wir mehr als nur
Orlow, oder sind noch andere Dissidenten im Spiel?
ANTWORT:
Ich werde dazu nicht
Stellung nehmen. Das hat bereits jemand anders getan.
FRAGE: Sie sagten, Daniloff sei
eine Geisel gewesen.
Welche Botschaft haben Sie denn heute für andere amerikanische Geiseln, beispielsweise die im Libanon, die von diesen
Verhandlungen nicht profitiert haben?

Leid und den Kummer der Familien dieser Geiseln, die in Beirut festgehalten werden - wir nehmen an, daß sie
in Beirut
gefangengehalten
werden,
denn dies entspricht der gegenwärtigen Geiselsituation. Es hat zwischen
uns und den Geiselnehmern nie direkten Kontakt gegeben - mit diesen Entführern.
Seit
ihrer Gefangennahme
ist jedoch kein Tag vergangen, ohne
daß wir uns bemüht hätten, sie freizubekommen.
Und ich kann nur dies
hinzufügen:
daß wir bisweilen dachten, wir seien im Begriff, dies zu
erreichen und es dann zu einer großen
Enttäuschung kam. Wenn ich also sage, daß ich die Familien verstehen
kann - wenn man den Einzelfall betrachtet. Bedenken Sie aber auch den
Unterschied: in dem einen Fall haben
wir es mit einer Regierung zu tun,
mit der wir diplomatische Beziehungen
unterhalten.
In dem anderen Fall
sind wir mit gesichtslosen Terroristen konfrontiert, die unerfüllbare
Forderungen lediglich durch Mittelsmänner stellen. Wie ich sagte, vergeht bei uns jedoch kein Tag, an dem
wir nicht alles Erdenkliche unternehmen, um diese Leute nach Hause zurückzubringen.

ANTWORT:
Ich bin froh darüber,
daß gerade dies die letzte Frage ist,
und ich habe mich darauf gefreut, sie
zu beantworten.
Ich weiß, daß ich
bald
eine Pressekonferenz
abhalten
werde und werde mir all meine Munition dafür aufsparen - also auf bald.
FRAGE:

Wann wird das sein?

ANTWORT:
Sie wird zu gegebenem
Zeitpunkt angekündigt werden.
FRAGE:

zu

Sagten Sie nicht gerade...

ANTWORT:
Um
beantworten:

jedoch diese Frage
Ich verstehe das
- 3 -

* * * * * *

�AMERIKA DIENST
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'VON**

1. Oktober 1986

32

BOTSCHAFTER BURT WÜRDIGT VERDIENSTE VON CARE
- Ansprache in Bonn zum vierzigsten Jahrestag -

BONN - (AD) - In einer kurzen Ansprache hat der amerikanische Botschafter
in Bonn, Richard R. Burt, am 30. September die Arbeit von CARE und CARE International gewürdigt. Dabei betonte er besonders die Tatsache, daß die Bundesrepublik als "einstiger Empfänger von CARE jetzt selbst eine der größten
CARE-Organisationen hervorgebracht hat."
Die Äußerungen von Botschafter Burt haben folgenden Wortlaut:
Herr Minister Genscher, Frau Renger, Mr. Campbell, Herr Dr. Nöldner,
meine Damen und Herren*.
Erfolg
ist
eine
gefährliche
Sache.
Er verführt zu Selbstgefälligkeit. Nur zu oft versäumen es erfolgreiche Persönlichkeiten und Institutionen, den Zeitpunkt zu erkennen, an dem die von ihnen geleistete
Arbeit in einer veränderten Welt an
Bedeutung verloren hat. Sie werden
überflüssig und belanglos.
Am

heutigen

40. Jahrestag

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von

CARE ist die Ehre, die Ihnen, Mr.
Campbell, durch Außenminister Genscher zuteil geworden ist, gewiß angebracht
und
reichlich
verdient.
Aber obwohl Sie zu den Mitbegründern
von CARE gehören, sind wir heute
nicht nur wegen der Ereignisse zusammengekommen, die nun vierzig Jahre
zurückliegen - und ist dies nicht der
einzige
Grund
warum
Ihnen
das
Bundesverdienstkreuz verliehen wird.
Das wirklich Bemerkenswerte in
bezug auf CARE besteht in der Tatsache, daß diese Organisation nie

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�selbstgefällig geworden ist.
CARE begann als eine amerikanische Hilfsorganisation, die die Verschickung von Lebensmittelpaketen an
die Menschen in einem Europa in die
Wege leitete, das vom schrecklichsten
Krieg in der Geschichte der Menschheit verwüstet worden war. Ihre Leistungen werden niemals vergessen werden.
Angeführt von der Bundesrepublik
Deutschland machte das europäische
Wirtschaftswunder die Nahrungsmittelhilfe für diesen Kontinent binnen
weniger Jahre nach dem Krieg überflüssig.
CARE jedoch wurde nicht
überflüssig. Ihr Augenmerk richtete
sich zusehends auf die Entwicklungsländer, deren Probleme zu jener Zeit
begannen, stark in das Bewußtsein des
Westens zu rücken.
Man sagte mir, das letzte der berühmten CARE-Pakete wurde 1967 verschickt.
Heute unterhält CARE ein
vielfältiges, ausgeklügeltes Programm
der Entwicklungshilfe in rund drei
Dutzend
Entwicklungsländern.
Die
Partnerschaftliehen
Selbsthilfeprogramme von CARE, bei denen die Kosten
auf viele Schultern verteilt sind,
stellen genau das war, was wir Amerikaner - und viele andere - als jenen
riesenhaften Programmen weit überlegen ansehen, die ausschließlich von
staatlichen
Bürokratien
verwaltet
werden.
CARE reagiert auf eine sich verändernde Welt auch durch die Erkenntnis, daß es mit der Ausbreitung des
Wohlstands überall fürsorgliche Menschen gibt, die sich an ihrer Arbeit
beteiligen wollen. Seit der Gründung
von CARE International im Jahr 1982
sind die CARE-Organisationen in den
führenden westlichen Staaten in der
Lage, bei wichtigen Projekten auf der

ganzen Welt eng zusammenzuarbeiten.
CARE Deutschland, jetzt fünf Jahre
alt, gehört bei dieser Arbeit zu den
aktivsten und wirksamsten.
Ich kann mir kein großartigeres
Symbol für die Ereignisse der vergangenen vierzig Jahre in der Bundesrepublik vorstellen, als daß der einstige Empfänger von CARE jetzt selbst
eine der größten CARE-Organisationen hervorgebracht hat. Es ist ein
Beweis für die Intensität der staatsbürgerlichen Kultur, die in den späten vierziger Jahren geschaffen wurde, daß die Bundesrepublik Deutschland heute die Mittel und das Mitgefühl hat, eine deutsche CARE-Organisation zu unterhalten, die den Ländern der Dritten Welt so viel Hilfe
leistet.
Mr. Campbell, es ist mir eine Ehre, bei dieser Gelegenheit zusammen
mit Minister Genscher Ihnen und CARE
International sowie all den nationalen CARE-Organisationen für den Beitrag zu danken, den sie für eine bessere, friedlichere und offenere weit
leisten. CARE ist nicht überflüssig. Sie ist nicht irrelevant. Sie
ist heute so lebenskräftig und wichtig wie je in ihrer Geschichte.
Und Herr Minister Genscher
durch die Ehre, die Sie Mr. Campbell
und CARE erweisen, demonstrieren Sie
erneut, daß die tagtägliche Zusammenarbeit zwischen unseren beiden Regierungen schlicht ein Spiegelbild der
engen Bindungen ist, die zwischen dem
amerikanischen und dem deutschen Volk
bestehen.

- 2 -

Ich danke Ihnen.

* * * * *

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1. Oktober 1986

32

WEINBERGER: SDI STEHT FÜR REAGAN NICHT ZUR DISPOSITION
Rede vor dem Zentrum für Ethik und Öffentliche Politik -

WASHINGTON - (AD) - Laut Verteidigungsminister Weinberger steht SDI für
Präsident Reagan in einer Verhandlungslösung mit den Sowjets auf keinen Fall
zur Disposition. In einer Ansprache vor dem Zentrum für Ethik und öffentliche
Politik erklärte Weinberger am 26. September 1986 im Nationalen Presseclub:
"SDI ist kein Verhandlungsgegenstand."
Die Ansprache Weinbergers hat folgenden Wortlaut:
DIE NOTWENDIGKEIT EINER
STRATEGISCHEN PERSPEKTIVE
Eine der größten Merkwürdigkeiten
in der Debatte über die neuen Technologien von SDI besteht in der Tatsache, wie alt die Argumente sind.
Man kann nicht umhin, das Gefühl eines echten Deja-vu-Erlebnisses zu empfinden. Ernie Lefevers Verteidigung
des schützenden ABM-Systems, in dem
hervorragenden,
soeben vom Zentrum
für Ethik und Öffentliche Politik publizierten Werk über SDI abgedruckt,
ist für den heute geführten Dialog

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genauso angebracht wie Churchills Argumente für das Radar in den dreißiger Jahren.
In den dreißiger und
siebziger Jahren wie auch heute legen
die westlichen Demokratien ein sehr
merkwürdiges Widerstreben an den Tag,
etwas für ihre eigene Sicherheit zu
tun.
Gute Argumente müssen wiederholt werden, weil weiterhin schlimme
Fehler gemacht werden.
Am bemerkenswertesten ist da natürlich die Tatsache, daß die Demokratien weiterhin dieselben alten und
schlimmen Fehler machen.
Und diese

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�Fehler scheinen sich in einem vorherrschenden Mangel an strategischer
Perspektive
darzustellen.
Solange
diese Perspektive fehlt - damit meine
ich das Fehlen eines umfassenden Verständnisses von der Natur unserer
Gegner, der Natur der Weltpolitik und
besonders das fehlende Verständnis
für die Schranken, die demokratischen
Systemen auferlegt sind -, werden wir
weiterhin in Naivität gegenüber der
Welt verfallen.
Was ist denn nun
wirklich der Unterschied zwischen dem
Eingeständnis Stanley Baldwins im
Jahr 1935, daß Churchill tatsächlich
recht gehabt hätte und Hitler wirklich die Luftüberlegenheit erzielt
habe und der Entdeckung der Liberalen
in den siebziger Jahren, daß die Sowjetunion nicht an Entspannung interessiert sei? Beide Irrtümer entstammen einer Abgeneigtheit, den Charakter totalitärer Politik richtig einzuschätzen und dem Wunschdenken, daß
alle Staaten und politischen Systeme
im Grundsatz identisch seien.

union wirklich "zwei Skorpione in einer Flasche" oder, wie es ein früherer Rüstungsunterhändler einmal bildhaft formulierte, "Affen in einer
Tretmühle".
Danach sind Washington
und Moskau zwei gleichwertige Mächte,
die, von einer besessenen Angst über
ihre Sicherheit getrieben, ziemlich
kopflos auf die Rüstungsprogramme des
jeweils anderen reagieren. Überdies
verfolgen beide die gleichen militärischen Doktrinen, bauen grundsätzlich
die gleichen Waffen und bedrohen beide in gleicher Weise den Weltfrieden.

Aber diejenigen, die keine strategische Perspektive besitzen, lassen
sich durch alles überraschen. Sie
sind überrascht
über Afghanistan.
Sie sind überrascht über den Abschuß
des koreanischen Passagierflugzeuges.
Und sie sind überrascht, wenn die Sowjets einen Journalisten als Geisel
festhalten.
Die Vorteile einer sichtweise,
die die amerikanisch-sowjetischen Beziehungen in ihren strategischen Zusammenhang einordnet, sind immens,
denn damit ist es möglich, einige besonders grobe Fehler zu vermeiden.

Das wichtigste amerikanische ziel
bei diesen Verhandlungen bestand darin, die strategische Doktrin der gegenseitigen Verwundbarkeit für immer
festzuschreiben. Dadurch, daß jeder
Seite bei den strategischen Atomwaffenarsenalen
Obergrenzen, auferlegt
wurden und die Stationierung
fast
aller ABM-Systeme - von ganz wenigen
Ausnahmen abgesehen - durch den Vertrag ausgeschlossen wurde, sollte die
strategische Stabilität gestärkt werden. SALT I und ABM-Vertrag sollten
signalisieren, daß Moskau unsere Vorstellung von einer stabilen Abschrekkung akzeptiert hatte.

Beispielsweise bezieht sich einer
der hartnäckigsten Mythen bezüglich
unserer Beziehungen zu Moskau auf das
sogenannte
"Rüstungswettlauf"-Syndrom. Nach dieser Ansicht sind die
Vereinigten Staaten und die Sowjet-

Diese Sichtweise bestand natürlich darin, daß die Vereinigten Staaten und die Sowjetunion sich solange
ganz sicher fühlen könnten, wie die
Einwohner beider Länder völlig verwundbar blieben. Und es war offen-

Der Fehler einer solchen Denkweise besteht darin, daß diese Idee von
der
politischen
und
moralischen
Gleichwertigkeit ständig mit der Realität kollidiert.
SALT I und der
ABM-Vertrag sowie das, was auf beide
folgte, ist ein Beispiel dafür, wie
die Realität sich zu Wort meldet.

SALT I UND DER ABM-VERTRAG

- 2 -

�kundig, da für die Schaffung von Stabilität mit Hilfe dieser Doktrin unerläßlich, daß beide Seiten ihr auch
zuzustimmen hatten.
Einer unserer
Verhandlungsführer hat ja sogar festgestellt: "Wenn SALT erfolgreich sein
soll,... müßten beide Seiten in gewissem Maß eine ähnliche strategische
Doktrin verfolgen".
Natürlich ist nicht alles nach
Plan verlaufen: nicht nur, daß sich
die Sowjets geweigert haben, unser
Konzept einer stabilen Abschreckung
durch
beiderseitige
Verwundbarkeit
anzunehmen; sie betreiben eine der
dramatischsten
Aufrüstungsmaßnahmen
der Geschichte.
Tatsächlich haben
die Sowjets seit der Unterzeichnung
der SALT I - und ABM-Verträge im Jahr
1972 ihre Arsenale strategischer Raketen-Gefechtsköpfe um ein Vierfaches
aufgestockt. Obwohl wir meinen, daß
diese Verträge den unvermeidlichen
Übergang von offensiven zu defensiven
Waffensystemen eindämmen würden, haben die Sowjets uns klargemacht, das
sie keineswegs dieser Ansicht sind.
Die Sowjets halten auch weiterhin
an
ihrer
dialektischen
Denkweise
fest, was in diesem Fall einen durch
die Geschichte hinweg anhaltenden Umschwung zwischen offensiven und defensiven Formen der Kriegführung bedeutet. Im Gegensatz zu den Vereinigten Staaten verfolgt der Kreml
hartnäckige Anstrengungen zu einer
sehr kostspieligen zivilen Verteidigung. Einem sowjetischen Beobachter
zufolge entspricht diese zivile Verteidigung dem gesunden Menschenverstand. "Ein Prozent der sowjetischen
Bevölkerung zu retten bedeutet, drei
Millionen Menschen zu retten. Niemand in diesem Land würde es verstehen, wenn sich die Regierung nicht
dafür einsetzen würde". Die Sowjetunion legt auch weiterhin das Schwergewicht auf ihre Luftverteidigung und

auf die Raketenabwehr.
Tatsächlich hat der damalige sowjetische
Verteidigungsminister
Gretschko dem Obersten Sowjet in der
Geburtsstunde der SALT- und ABM-Verträge zugesichert, daß der ABM-Vertrag "einer Durchführung von Forschung und Experimenten, die sich mit
der Lösung von Problemen zur Verteidigung des Landes gegen einen Angriff
nuklearer Raketen beschäftigen, keine
Beschränkung auferlegt".
Darüber hinaus mutet das entscheidende Tauschgeschäft in SALT I
gegenüber dem, was uns heute abverlangt wird, altmodisch an. Wir haben
unsere Sicherheit in die Waagschale
geworfen und dafür zahlenmäßige Beschränkungen bei sowjetischen Großraketen erhalten. Aber die Sowjets haben sich geweigert, einer Defintion
von Großraketen zuzustimmen und uns
gesagt, dies sei nicht notwendig, da
beide Seiten wüßten, was Großraketen
seien. Trotzdem schreitet die Modernisierung - sowohl offensiver als
auch defensiver - sowjetischer Waffensysteme stetig voran. Im Verlauf
des folgenden Jahrzehnts haben die
Sowjets Hunderte neuer Raketen genau
desjenigen Typs stationiert, von dem
wir glauben, daß wir ihn verboten haben. Kurz gesagt hat der Vertrag die
Sowjets ihrer Sorge über das Potential unserer ABM-Fähigkeit enthoben
und er hat unser Problem der Uberlebensfähigkeit der Minuteman-Raketen
nicht gelöst.
Dieser sogenannte Handel sollte
uns bekannt vorkommen. Er stellt das
Modell für den vielzitierten "großen
Kompromiß" dar, den die Kritiker von
SDI gern von der Administration angewandt sehen möchten. Aber SDI steht
nicht zur Disposition, und dies wird
unter Präsident Reagan auch nie der
Fall sein.

- 3-

�Was diese Erfahrung mit SALT uns
gelehrt haben sollte, ist die Tatsache, daß es kein Phänomen von der
Art Aktion/Reaktion gibt und daß die
Sowjets und die Vereinigten Staaten
sehr unterschiedliche Ansichten über
die Rolle von Nuklearwaffen haben.
Und doch bestehen diese Mythen weiter
und trüben klare Gedanken über Strategie und Politik.
Diese Administration
hat versucht, eine strategische Perspektive
anzunehmen, die das gesamte Gebiet
der amerikanisch-sowjetischen Beziehungen betreffen. Wir betrachten die
Verteidigung unseres Landes und die
unserer Verbündeten gegen ballistische Raketen nicht als etwas, das
durch Verhandlungen aus der Welt geschafft werden kann.
Wir möchten
nicht unsere Arsenale einfrieren und
dann diesen Vorgang Rüstungskontrolle
nennen.
Wir haben aus unserer breiten
strategischen Perspektive heraus die
Notwendigkeit für besser organisierte
und dauerhafte strategische Verteidigungsanstrengungen erkannt. Und SDI
ist offensichtlich wohlüberlegt, denn
es ist klar, daß die Sowjets versuchen, durch massive Investitionen in
Offensiv- und
Defensivtechnologien
eine eindeutige militärische Überlegenheit zu erlangen. Aber wir wollen
auch einen besseren und dauerhafteren
Weg finden, um den nuklearen Krieg
abzuschrecken.
Wir glauben nicht,
daß eine demokratische Nation wie unsere mit einer Abschreckungspolitik
zufrieden sein kann, die im wesentlichen einem gegenseitigen Selbstmordpakt gleichkommt.
Aus diesem Grunde hat Präsident
Reagan seine weitreichenden Vorstellungen von SDI entwickelt. Die Abschreckung muß eines Tages auf dem

Schutz unserer Bevölkerung und dem
unserer Verbündeten vor der Bedrohung
ballistisher Raketen beruhen. Diese
Hoffnung aufzugeben und denen nachzugeben, die lediglich die Abschreckung
durch Vergeltung bis ins nächste
Jahrhundert ausdehnen wollen, indem
sie nur militärische Einrichtungen
schützen, würde auf keinen Fall die
moralischen
und
sicherheitspolitischen Verpflichtungen
befriedigen,
die wir gegenüber unseren Bürgern haben.
Heute glaubt eine Mehrheit des
amerikanischen Volkes, daß die Regierung bereits die Fähigkeit besitzt,
sie
vor
einem Nuklearangriff
zu
schützen. Aber wir haben keine Verteidigung, und die Annahme einer Politik, die solch eine Verteidigung
niemals bereitstellen würde, wäre unerhört. Darüber hinaus könnten wir
herausfinden, daß ein erhebliches Maß
der gegenwärtigen Unterstützung einer
Verteidigung lediglich militärischer
Anlagen in den überwältigenden Wunsch
nach Rüstungskontrollabkommen münden
würde, in den überwältigenden Wunsch,
die Geschichte von SALT I zu wiederholen.
Das Ziel von SDI muß die Entdekkung einer durch und durch verläßlichen Verteidigung für unser Land und
unsere Verbündenten sein. Alles, was
diesem Ziel nicht gerecht wird, wird
auch weiterhin unserem gegenseitigen
Selbstmordpakt Vorschub leisten.

Und ich muß Ihnen sagen, daß die
SDI-Forschung erhebliche Fortschritte
macht. Ich denke aber, daß die Frage
in Kürze nicht mehr lauten wird, ob
wir eine strategiche Verteidigung haben können oder ob wir eine solche
haben sollten, sondern wann wir eine
strategische Veteidigung haben werden.

- 4-

Und doch habe ich den Verdacht,

�wir werden auch weiterhin dieselben
Argumente gegen die Verteidigung hören, wie dies Anfang der siebziger
Jahre der Fall war - daß die Verteidigung nie funktionieren wird, daß
sie destabilisierend sein wird, zu
teuer und leicht überwindbar.
Ich
bin immer wieder versucht zu sagen,
daß es zwei Hauptargumente gegen SDI
gibt. Entweder: es funktioniert oder:
es funktioniert nicht.
Auch hier scheint unseren Kritikern jede strategische Perspektive zu
fehlen, sie sehen SDI in einem Vakuum ohne Verständnis für die sowjetische Politik und die Geschichte der
Rüstungskontrolle.
Ihre
größte
Schwäche besteht darin, daß sie nicht
bereit sind, die Bemühungen der Sowjetunion im Bereich der strategischen Verteidigung ernstzunehmen.
Ein schlagender Beweis hierfür
findet sich
in dem Artikel von
McGeorge Bundy, George Kennan, Robert
McNamara und Gerard Smith - die sogenannte "Viererbande" -, der mittlerweile Berühmtheit erlangt hat. Für
diese Architekten und Verteidiger gegenseitiger Verwundbarkeit ist das
sowjetische
RaketenVerteidigungsprogramm buchstäblich eine Fußnote. Obwohl sie eingestehen, daß Moskaus Radaranlage bei Krasnojarsk zur Ortung
und Verfolgung von Raketen wahrscheinlich eine Verletzung des ABMVertrags darstellt, bringt sie diese
Tatsache nicht dazu, sich ernsthaft
mit der sowjetischen Strategie oder
Doktrin
auseinanderzusetzen.
Sie
wälzen vielmehr die Last produktiver
Verhandlung auf die Vereinigten Staaten ab. sie glauben, die Verhandlungen steckten in einer Sackgasse, weil
wir SDI nicht zum Verhandlunggegenstand bei der Rüstungskontrolle machen. Die "Viererbande" würde uns am
liebsten mit uns selbst verhandeln
lassen, da sie nicht einmal die Exi-

stenz des Moskauer Verteidigungsprogramms eingesteht - von dessen Bedeutung ganz zu schweigen.
Diese klugen Köpfe ignorieren die
umfangreichen sowjetischen Investitionen bei praktisch allen Formen der
strategischen Verteidigung wie auch
die massiven Investitionen des Kreml
bei zielgenauen, landgestützten Raketen. Dies ist genau die Art von Analyse, die zu den mangelhaften Rüstungskon troll Vereinbarungen
führte.
Gerade diese Analyse aber wurde von
der Reagan-Administration abgelehnt.
Ein weiterer Hinweis auf den Mangel an strategischem Denken bei unseren Kritikern ist ihre immer wieder
vorgebrachte Behauptung, das Ziel,
ballistische Raketen überflüssig zu
machen, sei unmöglich, und deshalb
sollte das Programm aufgegeben werden. Tatsache ist, daß unsere strategische Verteidigung nicht hundertprozentig wasserdicht sein muß, um
ein ganz außergewöhnliches Maß an Abschreckung zu bieten.
Sogar eine
teilweise wirksame Verteidigung würde
Moskau davon überzeugen, daß ein
Erstschlag sinnlos ist. Und wenn wir
erst einmal einen sowjetischen Erstschlag überflüssig und undenkbar gemacht haben, werden wir die Stabilität dramatisch erhöht und die Abschreckung
auf
eine
felsenfeste
Grundlage gestellt haben. Man sollte
jedoch immer daran denken, daß unser
Ziel auch weiterhin bleibt, ballistische Raketen - die destabilisierendsten und gefährlichsten Waffen,
die der Mensch kennt - überflüssig zu
machen.
In vielen Fällen schieben unsere
Kritiker nur ganze Armeen von Strohmännern vor, in anderen Fällen ignorieren sie ganz einfach, was die Sowjets tun. In beiden Fällen ist die
Debatte kaum vorangekommen.

- 5-

�Heute besteht die größte Herausforderung
für
unsere
strategische
Verteidigungsinitiative jedoch in dem
Versuch des Kongresses, das Programm
schon in seinem Anfangsstadium abzuwürgen, indem SDI die angemessenen
Mittel
verweigert werden.
Anstatt
das Problem direkt anzugehen, haben
viele im Kongreß sich zu einer indirekten Strategie entschlossen.
Ja,
die Gegner im Kongreß haben zugegeben, daß sie es nicht schaffen, das
Programm gänzlich abzuwürgen.
Daher
geht ihre Taktik dahin, jedes Jahr
die Mittel zurückzuschneiden, bis das
Programm völlig deformiert ist.

SCHLÜSSFOLGERUNG

Vorteile mit der gesamten Welt teilen; das heißt, wir können eine Zukunft anbieten, die frei von Atomraketen ist. Oder wir können warten,
bis nur die Sowjetunion
beschützt
ist. Wenn wir wollen, kann es also
für uns eine Zukunft geben, in der
die Existenz der Freiheit einzig von
der Laune eines Regimes abhängig ist,
das sowohl über die offensive Überlegenheit als auch über das defensive
Monopol verfügt.
Ich glaube nicht, daß dies unsere
Zukunft sein wird, denn ich denke
nicht, daß das amerikanische Volk die
ständige Verwundbarkeit unserer Nation gegenüber sowjetischen Raketen
zulassen wird. Wir können nichts Besseres tun, als uns von der Klugheit
unserer Bürger leiten zu lassen.

Wenn der Westen es nicht schafft,
eine Verteidigung gegen sowjetische
Raketen zu dislozieren, so wird dieses Versagen wahrscheinlich nicht auf
Wissenschaft oder Technologie zurückzuführen sein. Wir verfügen über genügend Talent und innovative Fähigkeiten, um die Probleme der Raketenverteidigung zu überwinden. Wir haben Interesse am Wissen, Vertrauen in
die Forschung und Willen zum Risiko.
Und wir sind stark genug, einen Fehlschlag zu ertragen und einen neuen
Versuch zu wagen.
Nicht die Wissenschaft, sondern
die Politik kann uns daran hindern,
das zu tun, was wir tun sollten, um
uns selbst und unsere Werte zu schützen. Wenn wir auch weiterhin an den
engstirnigsten und naivsten Auffassungen über die Sowjetunion festhalten, werden wir uns sicherlich niemals
gänzlich
über
die Bedrohung
klar, vor der wir stehen.
Die eigentliche Frage ist: wer
wird verteidigt? Wir können entweder
Defensivsysteme
entwickeln und die
- 6 -

* * * * *

�AMERIKA DIENST
Dokumentation

'VON'^

1. Oktober 1986

32

BARRY LOBT KVAE-ÜBEREINKUNFT
- Rede von Botschafter Barry in London -

LONDON - (AD) - In einer Rede vor dem Royal Institute for International
Affair.j in London hat Botschafter Robert L. 3arry am 25. September 1986 die
Vereinbarungen der Stockholmer Konferenz über Vertrauensbildende Maßnahmen und
Abrüstung in Europa (KVAE) als "einen wichtigen Schritt zu einer berechenbareren und sichereren militärischen Lage in Europa und zur Schaffung einer Atmosphäre größeren Vertrauens, wie sie zur möglichen Behandlung weiterreichender
Rüstungskontrollmaßnahmen unabdingbar ist" bezeichnet.
Nachfolgend bringen wir die Ansprache im vollen Wortlaut:

DI3 STOCKHOLMER KONFERENZ UND
DIE SICHERHEIT IN EUROPA
Die Stockholmer
Konferenz über
Vertraaensbildende Maßnahmen und Abrüstung in Europa hat ihre Arbeit gerade erfolgreich abgeschlossen. Ich
kann mir keinen angemesseneren Ort
als London vorstellen, um über diese
Konferenz, ihre Ergebnisse und Auswirkungen zu sprechen. Die Regierung
Ihrer Majestät hat bei der Formulierung und Aufrechterhaltung der westlichen Position eine führende Rolle
gespielt. Unter der Leitung von Bot-

United States Information Service
Embassy of the United States of America

schafter Michael Edes bildete die
britische Delegation bei dieser Konferenz eine starke Kraft für das Zustandekommen eines positiven Ergebnisses.
Die Vereinigten Staaten sind über
dieses
Ergebnis
befriedigt;
das
Stockholmer Dokument stellt eine gute
Übereinkunft dar, einen Beitrag zur
Stabilität und eine Hilfe zur Verminderung des Risikos einer militärischen Konfrontation in Europa.
Das
verabschiedete vertrauensbildende Regelwerk dehnt das Konzept der Offen-

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.: 0228-339 2035
Telex: 8-85432

�heit in militärischen Angelegenheiten
aus und fördert das weitergefaßte, in
der Schlußakte von Helsinki enthaltene Prinzip, gemäß dem die Beziehungen zwischen Staaten - zwischen
Ost und West - auf Zusammenarbeit und
Dialog und nicht auf Konfrontation
beruhen sollten.
Das Regelwerk von Stockholm ist
nicht perfekt, und es kann im Bereich
vertrauensbildender
Maßnahmen
noch
mehr Nützliches getan werden. Aber
Stockholm bedeutet einen wichtigen
Schritt zu einer berechenbareren und
sichereren militärischen Lage in Europa und zur Schaffung einer Atmosphäre größeren Vertrauens, wie sie
zur möglichen Behandlung weiterreichender Rüstungskontrollmaßnahmen unabdingbar ist.

DIB LEISTUNGEN VON STOCKHOLM
Als die Stockholmer Konferenz im
Januar 1984 begann, besaß der Westen
eine klare Vorstellung von dem, was
erreicht werden sollte: insbesondere
strebten wir konkrete Maßnahmen an,
die das gemeinsame Verständnis hinsichtlich zweck und Umfang aller
wichtigen in Europa stattfindenden
militärischen Aktivitäten vergrößern
sollten; wir strebten also danach,
das Risiko zu vermindern, daß Fehleinschätzung
oder
-Interpretation
über die Natur solcher Aktivitäten
eine Eskalationskette in Gang setzen
könnte, die, unkontrolliert, zu einem
Krieg führen könnte. Um dieses Ziel
zu erreichen, haben wir spezifische
Maßnahmen vorgeschlagen, wie etwa den
Austausch militärischer Informationen, die Vorschau auf, Vorankündigung
und Beobachtung von Manövern und Inspektionen zur Verifikation. In großem Ausmaß enthält das Stockholmer
Dokument genau diese Maßnahmen, die
auch den von den neutralen und block-

freien Staaten getragenen Ansatz repräsentieren.
Andererseits hatten die östlichen
Staaten in Stockholm anfangs versucht, die Diskussion auf rein deklaratorische Vorschläge zu konzentrieren, mit denen sie die politische Tagesordnung mit Zielrichtung auf Westeuropa gefüllt hatten, und dies in
einigen Fällen seit mehreren Jahren.
Ihre Taktik schien mehr dazu bestimmt, das westliche Bündnis zu
spalten, wie etwa bei der Frage der
Mittelstreckenraketen, als dazu, zu
ernsthaften Verhandlungen zu kommen.
Obwohl der Ansatz des Ostens im Rahmen der Konferenz keine Unterstützung
fand und seine Vorschläge nach und
nach fallengelassen wurden, kostete
diese zu Beginn angewendete Ablenkungstaktik viele Monate. Ein Ergebnis davon besteht darin, daß wir erst
letzten Freitag zu einer Einigung gelangt sind, anstatt vor einem Jahr,
wie der Westen zu jener Zeit erhofft
hatte. Wir haben die verabschiedeten
Maßnahmen noch nicht wirklich durchgeführt; wir haben damit noch keine
praktischen
Erfahrungen
gesammelt,
die uns für die nächsten Schritte
hilfreich sein könnten.
Trotzdem ist das bei der Stockholmer Konferenz Erreichte beträchtlich. 35 Staaten haben sich politisch bindend verpflichtet, weit im
voraus Zeitpläne und andere Informationen über zweck, Umfang und Ort
ihrer militärischen Aktivitäten bekanntzugeben. Dies verankert in den
internationalen Prinzipien fest den
Grundsatz, daß Staaten Kenntnis davon
haben sollten, was andere Staaten auf
militärischem Gebiet unternehmen und
planen. In der Praxis sollte dadurch
ebenso eine Norm, ein allseits anerkanntes Niveau an routinemäßiger Ausbildungs- und Ubungstätigkeit festgeschrieben werden, wodurch ein sta-

- 2 -

�bilisierender Effekt in den Beziehungen zwischen potentiellen Gegnern
erzielt werden könnte. Durch einen
Kalender von Ereignissen, der in einigen Fällen zwei Jahre im voraus
festgelegt wird, werden die militärischen Befehlshaber
eine bessere
Vorstellung davon bekommen, was sie
von der anderen Seite erwarten können; es wird leicht sein, zwischen
großen, vorausgeplanten Manövern, für
die keine besondere Reaktion notwendig ist, und unangekündigten Aktivitäten, für die Gegenmaßnahmen erforderlich sein könnten, zu unterscheiden. Wenn beispielsweise ein Staat
seine Truppen zwecks politischer Einschüchterung an den Grenzen eines anderen Staates konzentrieren würde,
würde dies eine klare Verletzung der
Stockholmer Vereinbarungen darstellen, wofür ein hoher politischer
Preis zu bezahlen wäre.
Die in Stockholm verabschiedeten
vertrauensbildenden Maßnahmen werden
eine entschlossene Aggression nicht
verhindern oder die Anwendung von Gewalt zur politischen Einschüchterung
ausschließen.
Aber sie werden die
Möglichkeit eines "ungewollten" oder
zufälligen Krieges stark vermindern
sowie den politischen Preis enorm
steigern, den ein Staat für den Versuch bezahlen müßte, einen anderen
mit politischen Mitteln einzuschüchtern.

STOCKHOLM FÖRDERT HELSINKI
Bei der Bewertung der mit den
Stockholmer vertrauensbildenden Maßnahmen erzielten Leistungen gewinnt
man eine gute Perspektive, wenn man
sie mit den bescheidenen vertrauensbildenden Maßnahmen der Schlußakte
von Helsinki des Jahres 1975 vergleicht.
Die in Stockholm verabschiedeten Maßnahmen bedeuten in der

Tat qualitative und quantitative Verbesserungen der Maßnahmen von Helsinki.
- Erstens sind sie obligatorisch
und politisch bindend, während die
Maßnahmen von Helsinki freiwillig waren; deshalb bedeuten die Stockholmer
Maßnahmen eine konkrete Verpflichtung
zu Handlungen und keine symbolischen
Gesten.
- Zweitens beziehen sich die in
Stockholm getroffenen Maßnahmen auf
ganz Europa und behandeln zum ersten
Mal die gesamte Region als Einheit
mit verbundenen Sicherheitsanliegen;
Helsinki klammerte den Großteil sowjetischen Territoriums in Europa aus.
- Drittens sind die Stockholmer
Maßnahmen verifizierbar, eine Voraussetzung
echter
Vertrauensbildung;
aufgrund ihres freiwilligen Charakters enthielt die Schlußakte von Helsinki keinerlei Regelungen zur Verifikation.
- Viertens schließlich erstrecken
sich die Stockholmer Maßnahmen auf
sämtliche bedeutsamen militärischen
Aktivitäten in ganz Europa; Helsinki
betraf lediglich "größere Manöver".
Das Ausmaß vertrauensbildender Aktivitäten nach Stockholm wird wesentlich weitergefaßt und dies wird sich
wahrscheinlich auch auf das Ausmaß
des Vertrauens auswirken.
In Kürze:
Die Maßnahmen von
Stockholm haben das in der Schlußakte
enthaltene Konzept vertrauensbildender Maßnahmen
in ein praktisches
System verwandelt, mit dem in der
realen Welt militärischer Angelegenheiten gehandelt werden kann.

- 3-

�ADSWIRKONGEN
Der nächste Schritt wird natürlich in der Durchführung bestehen.
Wir hoffen, daß die Durchführung des
Stockholmer Regelwerks den in ihm
enthaltenen
Möglichkeiten
gerecht
werden und Verdächtigungen reduzieren
sowie Vertrauen bilden wird; es ist
nun die Aufgabe aller Parteien, ihre
neuen Verpflichtungen voll anzuwenden. Dies ist keine Frage des von
allen Teilnehmern bei der Annahme
dieser Verpflichtungen gezeigten guten Glaubens; wir betreten hierbei
Neuland, und selbstverständlich werden wir alle - die neutralen und
blockfreien Staaten genauso wie Ost
und West - sorgfältig beobachten, wie
die beschlossenen Maßnahmen sich in
der Praxis bewähren.
Wenn die Durchführung glatt verläuft, sollten wir Wege ausfindig
machen, um die vertrauensbildenden
Maßnahmen weiterzuentwickeln und ihre
stabilisierende Wirkung zu verstärken.
Aus der Sicht von Stockholm
gibt es mehrere wichtige Bereiche, in
denen Verbesserungen
möglich sein
sollten. Als erstes und wichtigstes
sollten wir daran arbeiten, die Verpflichtung zum Austausch von Informationen über Streitkräftestrukturen
und Stationierungsorte in Europa zu
erweitern. Stockholm war in dieser
Hinsicht eine Enttäuschung; der Osten
weigerte sich sogar, die Verpflichtung zur Lieferung von der Art Informationen einzugehen, die der Westen
routinemäßig in seine Notifizierungsaktivitäten gemäß der Schlußakte von
Helsinki seit 1975 einbezogen hat die Bezeichnung von Einheiten, die an
Manövern teilnehmen. Fragen darüber,
welche Truppen wirklich in Europa
stehen und wo - das berüchtigte
"Datenproblem" -, haben die Wiener
Verhandlungen über einen Abbau konventioneller Streitkräfte seit drei-

zehn Jahren auf der stelle treten
lassen.
Bei jeder weiteren Fortsetzung
der Stockholmer Konferenz
scheinen uns Fortschritte bei dieser
Frage unabdingbar, wenn der Vertrauensbildungsprozeß voranschreiten und,
sicherlich, wenn wir neue Bemühungen
bei der Verminderung konventioneller
Waffen in Betracht ziehen sollen.
Der Jahreskalender, der die militärischen Aktivitäten des nächsten
bzw. übernächsten Jahres ausweist,
könnte die wichtigste aller in Stockholm vereinbarten
Maßnahmen sein.
Wir sollten insbesondere versuchen,
die stabilisierende Wirkung dieses
Kalendariums zu erhöhen, indem wir
ihm durch die Ankündigung des Geplanten nicht nur erläuternden, sondern
Gebotscharakter geben, indem wir das
beschränken, was stattfinden darf.
Ich glaube, daß der Wert eines Verbots militärischer Aktivitäten, die
nicht zwei Jahre im voraus angekündigt worden sind - dies die logische
Folge eines westlichen Vorschlags in
Stockholm -, offenkundig ist. Das
Bündnis wird auch weiterhin das gesamte Beziehungsfeld der Beschränkungen, Obergrenzen und Einschränkungen hinsichtlich des gesamten Umfangs militärischer Aktivitäten analysieren. Wir haben keine Beschränkung gesehen, die alle Vertragsparteien in gleichem Maße betrifft und
die die defensive Seite nicht stärker
bestraft als einen Aggressor. Aber
wir erkennen den potentiellen Wert
solcher Maßnahmen und setzen unsere
Analyse fort.
Die Konferenz von Stockholm bedeutet daher einen wichtigen ersten
Schritt in Richtung auf Erstellung
und
Lebensfähigkeit
Vertrauensund
sicherheitsbildender
Maßnahmen
als
RüstungskontrollInstrumentarium;
sie
hat einen Prozeß eröffnet, der potentiell ebenso wichtig ist wie die Be-

- 4-

�mühungen im Rüstungskontrollbereich,
die er ergänzen und unterstützen
soll. Aber Stockholm mahnt gleichzeitig zur Vorsicht.
Der anhaltende östliche Widerstand gegenüber einem Austausch militärischer Informationen und Schaffung
einer Datengrundlage bei den Streitkräften ist ein offenkundiges und
ernsthaftes Hindernis in Richtung auf
noch ehrgeizigere Bemühungen.
Ein
zweiter Punkt ist die gesamte Problematik der Verifikation, die ja mit
dem Konzept der Offenheit in Beziehung steht. In Stockholm gelang ein
historischer Durchbruch, weil Inspektion akzeptiert und das Prinzip anerkannt wurde, daß ein Staat, der
Zweifel hinsichtlich der Intentionen
militärischer
Aktivitäten
eines
anderen Staates hat, in diesen anderen Staat gehen und selbst sehen
kann, was vorgeht. Wir haben eine
Chance, die konkrete Wirksamkeit solcher Inspektionen in der Praxis zu
prüfen.
Aber
dieses Inspektionssystem von Stockholm ist relativ bescheiden und nicht zudringlich. Inspektionsmaßnahmen, die ein Rüstungskontrollabkommen angemessen verifizieren sollen, müßten viel anspruchsvoller sein. Dazu müßte der Zugang
von
Inspektoren
zu
sicherheitsempfindlichen Einrichtungen wie Verteidigungsanlagen, Kasernen und Waffendepots gehören, nicht nur zu Aktivitäten, die außerhalb stattfinden.
Die Verhandlungen über Inspektionen
waren in Stockholm sehr, sehr schwierig, aber sie waren noch nichts im
Vergleich zu Verhandlungen über Maßnahmen, die zur Verifizierung der
Rüstungsverringerung notwendig sind.
Ein weiterer Grund zur Vorsicht
nach Stockholm liegt in dem, was ich
vielleicht
das "neutrale Dilemma"
nennen möchte.
Die Sicherheitsbedürfnisse neutraler Staaten, die von

der Mobilisierung von Zivilisten abhängig sind, sehen ganz anders aus
als jene von Bündnissen mit stehenden
Armeen. Die Aushandlung von Abkommen, die Staaten mit einer derart unterschiedlichen
Sicherheitsorganisation,
-bedürfnissen
und
-Verpflichtungen
betreffen,
ist
eine
äußerst komplexe Aufgabe. Ein Grund
dafür, daß Stockholm zu einem Erfolg
dabei wurde, diese unterschiedlichen
Bedürfnisse von 35 Staaten auf einen
Nenner zu bringen, lag darin, daß das
Mandat der Konferenz begrenzt und
klar umrissen ist. Alle künftigen
Anstrengungen auf europaweiter Grundlage müssen sorgfältig darum bemüht
sein, von Anfang an mit Instruktionen
vorzugehen, die gleichermaßen klar,
konkret und durchführbar sind und die
auch die speziellen Sicherheitsbedürfnisse jener in Rechnung stellen,
die keinem Bündnis angehören.
während wir die Stockholmer Maßnahmen durchführen und nach Möglichkeiten suchen, sie zu stärken und
auszuweiten, bemühen wir uns gleichzeitig darum, die Lehren von Stockholm auf die Fragen der Verringerung
der konventionellen Streitkräfte in
Europa anzuwenden. Wie Sie wissen,
untersucht die von der NATO eingerichtete
hochrangige
Arbeitsgruppe
die gesamte Problematik der Verringerung der konventionellen Rüstung.
Die Vereinigten Staaten unterstützen
mit Nachdruck die Ziele einer Verringerung der konventionellen Waffen,
wie wir dies ja auch durch unsere Beteiligung zusammen mit Großbritannien
und anderen Staaten an den Wiener
MBFR-Gesprächen
demonstrieren.
Letztlich stehen all diese Sicherheitsfragen miteinander in Beziehung;
Fortschritt in einem Bereich kann zur
Ebnung des Weges in einem anderen
beitragen.
Da
Gespräche
über
Rüstungsverringerung für ihren Fortgang ein stabiles Umfeld benötigen,

- 5-

�sollten Vertrauens- und sicherheitsbildende Maßnahmen, die zu größerer
Offenheit und Verständnis zwischen
den beteiligten Staaten - und somit
zu größerer Stabilität - führen, eine
entscheidende Rolle spielen.
Die
Lehren von Stockholm könnten bei der
Entscheidung darüber, welchen Weg wir
als nächstes verfolgen sollen, von
größtem Wert sein.

JENSEITS DER MILITXRISCHEN
SICHERHEIT
Der Erfolg von Stockholm kommt zu
einer Zeit, da die sowjetische Führung,
insbesondere
Generalsekretär
Gorbatschow, sich für mehr Offenheit
in der eigenen Innenpolitik wie auch
bei den internationalen Beziehungen
starkmacht.
Sollte Stockholm den
Beginn echten Wandels im sowjetischen
Denken bedeuten - eine "strategische
Verschiebung", wie es ein Kollege
kürzlich nannte -, könnten wir vor
einer seit vielen Jahrzehnten nicht
mehr gegebemen Möglichkeit zur Verbesserung des Ost-West-Verhältnisses
und schließlich vielleicht der Wiederherstellung einer neuen, konstruktiveren Arbeitsgrundlage stehen.
Dieses umfassendere Ziel hat ja
letztlich die fundamentale Basis für
die Beteiligung der Vereinigten Staaten an der Stockholmer Konferenz und
am KSZE-Prozeß von Helsinki bereitgestellt, dessen Teil sie ist. Aussenminister Shultz formulierte es in
seiner Rede bei der Eröffnung der
Konferenz so: "Der Helsinki-Prozeß
ist eine historische, friedliche Anstrengung, die Teilung Europas zu erleichtern und einst zu beenden; Vertrauensbildung bedeutet im weiteren
Sinne, die Arbeit von Helsinki fortzusetzen - durch praktische Schritte,
die
die
Hindernisse
beseitigen,
menschliche Kontakte und geistigen

Austausch erweitern, zu größerer Offenheit führen und die Grenzen des
menschlichen Geistes weiter stekken."
Wenn die Sowjetunion beabsichtigt, eine neue Politik des glasnost, der Offenheit, zu betreiben, so
könnte Stockholm dem gesamten Helsinki-Prozeß einen wichtigen Impuls verleihen.
Dies ist sicherlich die
Hoffnung der Vereinigten Staaten; als
die Ergebnisse von Stockholm bekanntgegeben wurden, gab Präsident Reagan
eine Erklärung ab, in der er sagte:
"Ich begrüße dieses positive Ergebnis
der KVAE.
Es wird
zu größerer
Sicherheit in Europa und zu verbesserten
Ost-West-Beziehungen
beitragen.
Es übermittelt eine Botschaft, die von den Menschen in aller
Welt
begrüßt werden
sollte.
Es
zeigt, daß Ost und West bei ernsthafter Zielsetzung und harter Arbeit eine gemeinsame Grundlage schaffen können, um darauf eine sicherere Zukunft
zu errichten."
In dieser Erklärung unterstrich
der Präsident erneut die notwendige
Verbindung zwischen der Stockholmer
Konferenz und ihrer Vorgängerin, dem
KSZE-Prozeß von Helsinki.
"Dieses
KVAE-Ubereinkommen kann auch zu Portschritt im umfassenderen KSZE-Prozeß
beitragen," erklärte er. "Das Übereinkommen, das in Stockholm über
Sicherheitsfragen
erzielt
wurde,
macht ausgewogenen Fortschritt bei
den Menschenrechten und den Grundfreiheiten nur noch um so zwingender. Beim Wiener KSZE-Folgetreffen,
das im November beginnt, wird die Delegation der Vereinigten Staaten auf
die Verwirklichung aller KSZE-Verpflichtungen
und auf ausgewogenen
Fortschritt bei der ganzen Bandbreite
der KSZE-Tagesordnung drängen."
Die Konferenz von Stockholm hat
den Sicherheitsbereich des HelsinkiProzesses
um
einen
bedeutsamen

- 6-

�Schritt vorangebracht.
Die Stockholmer Maßnahmen sind in sich selbst
wertvoll, und sie werden verwirklicht
werden.
Die anderen Bereiche des
Helsinki-Prozesses haben keinen Portschritt erlebt; bei einigen, insbesondere den Menschenrechten, gab es
Rückschritte.
Bei der Wiener KSZE-Folgekonferenz werden die Vereinigten Staaten
die Stockholmer Leistung im Kontext
des östlichen Versäumnisses prüfen,
allen
Verpflichtungen
gemäß
der
Schlußakte von Helsinki, einschließlich der Menschenrechte, gerecht zu
werden. Die Frage der Ausgewogenheit
zwischen allen zehn Grundsätzen der
Schlußakte wird bei unserem Urteil
schwer ins Gewicht fallen, wenn wir
darüber befinden, wie der KSZE-Prozeß
nach Wien fortgeführt werden soll.
Dabei geht es nicht darum, immer mehr
Treffen zu vereinbaren, bei denen es
in gleichem Maß um diejenigen Themen
geht, die den einzelnen Teilnehmern
von Bedeutung sind. Es geht darum,
die Glaubwürdigkeit
des KSZE-Prozesses als organisches Ganzes aufrechtzuerhalten.
Das
System
von
Stockholm mag funktionieren, aber die
Lebensfähigkeit einer auf Offenheit und wechselseitiges Vertrauen - gestützten
Sicherheitsvereinbarung
bleibt unvollkommen, wenn es Beteiligte gibt, die sich auch weiterhin
gegen Offenheit, menschliche Kontakte, Reisen und Kommunikation zwischen
Bürgern der Teilnehmerstaaten stellen.

werfen, die Verpflichtungen von Helsinki - und die Verpflichtungen von
Stockholm - ernst zu nehmen.
Die Vereinigten Staaten haben die
Konferenz von Stockholm von Anfang
bis Ende unterstützt. Wir haben mit
unseren Verbündeten auf einen erfolgreichen Abschluß hingearbeitet und
wir blicken mit Befriedigung auf das
Ergebnis - nicht zuletzt, weil es
eine Leistung des Bündnisses, nicht
nur einzelner Staaten war. Die NATO
hatte von Beginn an konkret und klar
umrissene Zielsetzungen und wir arbeiteten konsequent daran, sie in die
Tat umzusetzen. Auch in dieser Hinsicht erteilt Stockholm uns für die
Zukunft eine Lehre: eine kohärente,
einige Bündnisposition, vor Verhandlungsbeginn festgelegt und beibehalten, kann sogar bei hochkomplexen,
multilateralen Sicherheitsfragen zu
Erfolg führen. Ich bin ganz einfach
davon überzeugt, daß Stockholm ohne
eine so gute Zusammenarbeit im Bündnis nie ein so positives Ergebnis gezeitigt hätte.
Die Beendigung der Stockholmer
Konferenz bedeutet deshalb kein Ende. Es ist ein Schritt nach vorn,
der neue Möglichkeiten für die OstWest-Beziehungen eröffnet.
Alle 35
Staaten haben weitere Verpflichtungen
übernommen; wir alle müssen ihnen gerechtwerden.
Aber wir haben auch
neue Möglichkeiten geschaffen; jetzt
müssen wir uns alle darum bemühen,
Vorteil daraus zu ziehen.

Ich möchte in dieser Hinsicht auf
die Bedeutung verweisen, die die Vereinigten Staaten der Verhaftung des
amerikanischen Journalisten Nicholas
Daniloff aufgrund erfundener Anschuldigungen beimessen. Dieser eine Akt,
der eine Ohrfeige für alles ist, wofür der Helsinki-Prozeß steht, muß
Zweifel bei uns allen hinsichtlich
der sowjetischen Bereitschaft auf- 7-

* * * * *

�AMERIKA DIENST
'V,oN ^

Hintergrundmaterial
1. Oktober 1986

32

Nachfolgend finden Sie den vierten und letzten Teil der Serie "Die
Herausforderung an die Demokratie in Mittelamerika", von denen die
ersten drei Teile bereits in den Amerika Dienst-Ausgaben Nr. 29, 30 und
31 erschienen sind.
Die vollständige Serie kommt Ende des Jahres als illustrierte Broschüre heraus.

DIE HERAUSFORDERUNG AN DIE DEMOKRATIE IN MITTELAMERIKA

Die politisch-militärische Situation 1986
Die salvadorianische Armee hat ihre offensiven Operationen gegen
Guerilla-Stützpunkte fortgesetzt. Aus diesem Grunde ist die Stärke der
FMLN, die in den Jahren 1982/83 ein Ausmaß von 9 000-12 000 erreicht
hatte, jetzt auf 5 000-7 000 Mann(107) zurückgegangen. Dieser Rückgang
ist auf die von den erheblich verbesserten salvadorianischen Streitkräften beigebrachten Verluste auf dem Schlachtfeld zurückzuführen, ferner auf Deserteure der Guerilla und auch auf die Unfähigkeit der FMLN,
die salvadorianische Jugend für die Sache der Guerilla zu gewinnen.
Die Streitkräfte

United States Information Service
Embassy of the United States of America

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.: 0228-339 2035
Telex: 8-85432

�Die Streitkräfte haben die Guerilla auf dem Land stark unter Druck
gesetzt und gleichzeitig mit Unterstützung der Vereinigten Staaten ihre
Fähigkeit ausgebaut, dem Terrorismus in den Städten und Angriffen auf die
wirtschaftliche Infrastruktur zu begegnen. Moral und Vertrauen innerhalb
der Streitkräfte gelten weiterhin als hoch. Im Laufe des Jahres 1985 bis
Anfang 1986 hat die salvadorianische Armee ihren militärischen Vorsprung
vergrößert und ihre Einhaltung der Menschenrechte verbessert. Durch eine
Mischung von Operationen größerer Einheiten und kleineren taktischen Manövern mit Patrouillen hindern sie die Guerillas daran, ihre Einheiten
auf größere Angriffe zu konzentrieren.
Um auf diese in hohem Maße veränderte Situation zu reagieren, hat die
FMLN sich eine Strategie zu eigen gemacht, die sich konzentriert auf (1)
fortgesetzte Bemühungen zur Zerstörung der Wirtschaft des Landes, (2) Intensivierung des Terrorismus in den Städten und (3) Kriegführung mit
Minen in ländlichen Gebieten. Dieses dritte Element hat den Leiden El
Salvadors einen besonders grausamen Aspekt hinzugefügt. Die wahllose
Plazierung von Landminen hat Hunderte von Zivilisten in ländlichen Gebieten verwundet und getötet, hauptsächlich Kinder unter 15 Jahren. Die
FMLN zeigt darüber wenig Reue und benutzt geheime Radiosender, um ihr Bestreben zu verkünden, weiterhin Landminen dazu zu benutzen, um die
Kaffee-Ernte zu erschweret 108). Trotz Kritik am Gebrauch von Landminen
seitens der katholischen Kirche, lassen die Guerillas keine Anzeichen erkennen, von dieser Taktik abzugehen.
Obwohl sie gegenüber den Guerillas militärisch aufholt, hat die salvadorianische Regierung die Tür zum Dialog aufgehalten, was den Guerillas
erlauben würde, ihre Sache an das Volk heranzutragen, indem sie am demokratischen Prozeß teilnehmen. Im März 1986 verkündete Präsident Duarte
eine größere Friedensinitiative. Er schlug dem nicaraguanischen Präsidenten Ortega einen Plan vor, der gleichzeitig ablaufende Gespräche zwischen der salvadorianischen Regierung und der FMLN einerseits und der Regierung Nicaraguas und der UNO andererseits forderte. Solche Verhandlungen würden automatisch Gespräche zwischen den Vereinigten Staaten und
Nicaragua in Gang setzen. Duarte schlug ferner einen fortlaufenden Dialog
auf regionaler Ebene vor, der in einem mittelamerikanischen Parlament
stattfinden sollte. Die Sandinisten wiesen den gesamten Vorschlag kategorisch zurück, wobei es Comandante Bayardo Arce war, der als erster während eines Staatsbesuchs in Moskau seine Ablehnung zum Ausdruck brachte.
Die salvadorianischen Guerillas lagen auf der sandinistischen Linie. Die
anderen Länder Mittelamerikas billigten jedoch den Plan Duartes einstimmigt 109).

Die Rolle der katholischen Kirche
1979 und 1980 ging die Forderung nach sozialen, wirtschaftlichen und
politischen Reformen vor allem von der salvadorianischen katholischen
Kirche aus.
Der Führer der katholischen Kirche El Salvadors, Erzbischof Oscar Romero, wurde ermordet, als er die Messe las. Die Guerilla
versuchte den Eindruck zu erwecken, daß die Kirche mit ihr gemeinsame
Sache mache. In Wirklichkeit sah die Kirche die Guerilla als das an, was
sie war, als eine zunehmend der Errichtung einer kommunistischen Regie- 2 -

�kommunistischen Regierung verschriebene Organisation. Auf der anderen
Seite sah die Kirche, daß die Regierung zwar die besten Absichten hatte,
sich aber relativ unfähig zeigte bei der Kontrolle der Aktivitäten von
Todesschwadronen und anderen Greueltaten, wie etwa beim Mord an vier
amerikanischen Nonnen im Dezember 1980 durch Mitglieder der salvadorianischen Sicherheitskräfte. Die Guerilla versuchte, aus den Spannungen in
der Staatskirche Kapital zu schlagen indem sie sagte, daß "die salvadorianische Kirche den Kampf der Guerilla gegen das Regime Präsident
Duartes unterstützt"(110), eine Behauptung, der das Büro des Erzbischofs
sofort widerspräche 111). Berichten zufolge fälschte die Guerilla zu
einem späteren Zeitpunkt die Unterschrift von Romeros Nachfolger, Erzbischof Arturo Rivera y Damas, auf gegen die Regierung gerichteten
Pamphleten, die im Ausland verbreitet wurden, um Geld für die FMLN aufzubringen, und erregte damit den Zorn der Kirche(112).
Die salvadorianische Kirche ist oft mit der Aussage zitiert worden,
sie sei gegen militärische Hilfe der Vereinigten Staaten an die Armee.
Die offizielle Zeitung der Diözese Salvador hat jedoch kürzlich von einem
Druck berichtet, der von amerikanischen Staatsbürgern auf die Regierung
der Vereinigten Staaten ausgeübt würde, um eine solche militärische Unterstützung El Salvadors einzustellen. Ein Leitartikel in "Orientacion"
berichtet:
Obwohl der Krieg grausam ist und wir uns nach Frieden sehnen, ist es
nicht mehr so einfach, die Waffenlieferungen der Vereinigten Staaten
zu verurteilen. Das Entwaffnen der salvadorianischen Armee würde
logischerweise eine Förderung des Sieges der Guerilla bedeuten. Wir
denken, daß das nicht richtig wäre, wenn man sieht, wie viele Menschen bereits ihren Willen bekundet haben. Dies ist die Wahrheit,
und wir verstehen nicht, warum andere Völker, Organisationen oder
Einzelpersonen über unser Schicksal entscheiden wollen. Niemand will
den Krieg. Wir wollen alle den Frieden. Das Vernünftigste wäre
daher, die Einstellung der Waffenlieferungen sowohl an die Armee als
auch an die Guerilla zu fordern. Es wäre richtig, nach menschlichen
und vernünftigen Mechanismen zu suchen, mit deren Hilfe ein Frieden
zu erreichen ist, ohne daß man zu den Waffen greifen muß(113).
Die katholische Kirche in El Salvador fordert unausgesetzt den Dialog
und verurteilt Gewalt von beiden Seiten. Sie bleibt ein Vertrauens- und
glaubwürdiger Mittler zwischen Regierung und Guerilla. Sie hat die Reformen unterstützt, von denen sie glaubt, daß sie El Salvador von der unruhigen Phase der Jahre 1979-80 in die hoffnungsvollere gegenwärtige Zeit
gebracht haben. Im Hinblick auf die politischen Bindungen ihres Landes
im Jahre 1985 erklärten die Bischöfe am 8. August in einem Hirtenbrief:
Wir haben auf der einen Seite eine konstitutionelle Regierung, die
durch das überragende Ergebnis an den Wahlurnen in vier aufeinanderfolgenden Wahlen bestätigt worden ist, die praktisch ein wiederholtes
"Referendum" für die Demokratie waren, und auf der anderen Seite haben wir die FDR/FMLN, die für sich in Anspruch nehmen, das Volk zu
vertreten - eine Behauptung, die sie nicht belegen können - und die
darüber hinaus auf Gewalt und Sabotage als grundlegender Komponente
ihres Kampfes zurückgreifen und sich somit in eine Lage bringen, der
wir nicht zustimmen können(114).
Die nahe Zukunft

- 3 -

�Die nahe Zukunft
Trotz der Fortschritte in den letzten sechs Jahren ist die Zukunft El
Salvadors prekär. Sowjets und Kubaner sind entschlossen, Nicaragua dabei
zu unterstützen, den Zustrom von Waffen, Munition, Landminen und Sprengstoff an die salvadorianische Guerilla aufrechtzuerhalten. Trotz der
Tatsache, daß ihre Erfolge in den letzten zwei Jahren nachließen, hat die
Guerilla auch weiterhin die Fähigkeit, Sabotageakte im großen Stil durchzuführen und größere Angriffe auf salvadorianische militärische Einrichtungen auszuführen. Sprengstoffexperten sprengen noch immer Elektromaste, die das Land mit Strom versorgen. ' In den letzten Monaten des
Jahres 1985 haben sie sich auf die Zerstörung der Kaffee-Ernte konzentriert. Der Gebrauch von Landminen ist eine bekannte Taktik der
Guerilla, um die Kaffee-Ernte zu erschweren, von der El Salvador so sehr
abhängt. Diese Form des Wirtschaftskrieges fordert einen hohen Preis.
Die Arbeitslosigkeit beträgt über 40 Prozent und ist in hohem Maße auf
die unerbittliche Zerstörung der Wirtschaft durch die Guerilla zurückzuführen. Die Inflation liegt augenblicklich bei über 30 Prozent im
Jahr. Ironischerweise sind viele Probleme der Duarte-Administration Ergebnisse des Erfolgs der letzten Jahre. Gewerkschaften sind jetzt zunehmend rastlos, teilweise auch, weil die Kommunisten hier infiltrieren und
agitieren. In den letzten Jahren wären die Aktivitäten der Gewerkschaften von autoritären Militärregierungen scharf unterbunden worden. Die
politische Öffnung, die zu El Salvadors Erfolg beitrug, hat die Menschen
natürlich dazu veranlasst, von ihrer politischen Führung mehr zu verlangen. In gleichem Maße hat der Erfolg der Streitkräfte seit Beginn des
Jahres 1984 die Guerilla dazu gezwungen, sich auf den Terrorismus in den
Städten zu verlegen, mehr Entführungen durchzuführen (zu denen auch
solche von gewählten Regierungsmitgliedern und die der Tochter Präsident
Duartes gehörten), ferner Bombenanschläge und andere Aktionen, die darauf
abzielten, die Bevölkerung zu terrorisieren und das Vertrauen in die Regierung zu untergraben. Diese Aktionen der Guerilla symbolisieren deren
Entschlossenheit, den Krieg gegen die gewählte Regierung weiterzuführen,
mit welchen Mitteln auch immer. Die salvadorianische Armee, die eine
Guerillatruppe auf dem Schlachtfeld besiegen könnte, weiß, daß sie nur
unzureichend in der Lage ist, sich der neuen Bedrohung in den Städten
entgegenzustellen, obwohl sie sich an diese neue Herausforderung anpaßt.
Die Taktik der FMLN ist darauf ausgerichtet, das Militär zu einer Wiederaufnahme der repressiven Taktiken vergangener Jahre zu provozieren.
Trotz der Gewaltakte und wirtschaftlichen Probleme, denen sich El
Salvador gegenübersieht, steht das Land doch im Jahr 1986 auf einer solideren Grundlage als noch vor etwa drei Jahren, und es geht ihm sicher
besser als in der brisanten Zeitspanne von 1979-80. Auf El Salvador
richtet sich das Hauptaugenmerk der kubanisch-sowjetischen Verbindungen
in dieser Region; Nicaragua ist sicherlich der Angelpunkt kommunistischer
Strategie in Mittelamerika. Die sowjetisch-kubanisch-nicaraguanische Offensive beschränkt sich jedoch nicht nur auf El Salvador, vielmehr ist
ganz Mittelamerika ihr Ziel.

GUATEMALA, HONDDRAS

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�GUATEMALA, HONDURAS UND COSTA RICA:
ERLANGUNG UND ERHALTUNG DER DEMOKRATIE

Der Weg zu Frieden und Demokratie
Obwohl sich die Hauptlast der sowjetisch-kubanisch-nicaraguanischen
Aggression gegen El Salvador richtete, blieben die anderen mittelamerikanischen Länder nicht von Angriffen verschont. Guatemala, Honduras und
sogar Costa Rica, das keine Armee zu seiner Verteidigung hat, mußten alle
Verletzungen ihrer Souveräntitätsrechte hinnehmen. All diese drei Länder
hatten 1985 und Anfang 1986 erfolgreiche Präsidentschaftswahlen, die gezeigt haben, daß die Völker Mittelamerikas ihre eigene Führung wählen und
sie nicht etwa von rechten oder linken Extremisten aufgezwungen bekommen
wollen
Die Ereignisse in Guatemala, Honduras, Costa Rica und El Salvador
zeigen, daß die wahre, in Mittelamerika stattfindende Revolution demokratischer Natur ist, in der die Menschen sich Gehör verschaffen wollen
und auch gehört werden. In Nicaragua sind jedoch einem erheblichen Teil
der Bevölkerung die bürgerlichen Rechte durch eine Minderheit aberkannt
worden und die Geißel Mittelamerikas, die Militarisierung, ist zu einem
neuen Höhepunkt gelangt.
Die Menschen der Region sind sich sehr wohl der antidemokratischen,
expansionistischen Natur der Marxisten und Leninisten in Managua bewußt.
Das zeigte sich eindeutig in Meinungsumfragen, die von "Interdisciplinary
Consultants on Development", einer in Costa Rica arbeitenden Tochter des
Meinungsforschungsinstitutes Gallup International durchgeführt wurden.
Die Erhebungen wurden 1983 und 1985 in El Salvador, Guatemala, Honduras
und Costa Rica gemacht. (Solche unabhängigen Meinungsumfragen sind in
Nicaragua verboten; auf Anordnung der sandinistischen Regierung sind Meinungsumfragen zum Staatsmonopol erklärt worden). Diese Untersuchungen
von 1983 und 1985, die sich der üblichen, von Gallup angewandten Methoden
bedienten, haben herausgefunden, daß die überwältigende Mehrheit der Befragten (1) Nicaragua fürchten, (2) Kuba als sowjetischen Agenten betrachten, (3) Nicaragua als Agenten Kubas und der Sowjetunion ansehen,
und (4) der militärischen Hilfe der Vereinigten Staaten an ihre Länder
und an die anti-sandinistische Widerstandsbewegung zustimmen. In Honduras und Costa Rica hat die militärische Anwesenheit der Vereinigten
Staaten die überwältigende Zustimmung der Befragten dieser Länder(115).
Indem sie die Ansichten ihrer Bürger berücksichtigen, haben die demokratischen Regierungen Mittelamerikas positiv auf Präsident Duartes Friedensvorschlag reagiert. Im März 1986 haben die kürzlich eingesetzten
Präsidenten von Guatemala und Honduras sowie der gewählte Präsident Costa
Ricas die nicaraguanische Regierung gebeten, mit ihrer Opposition in
einen Dialog zu treten, der eine ähnliche Gesprächsbereitschaft in El
Salvador sowie Diskussionen zwischen Nicaragua und den Vereinigten Staaten einleiten würde. In ihrer Erklärung beschreiben die drei Staatsmänner ihren Vorschlag:
Wir unterstützen

- 5 -

�Wir unterstützen den Vorschlag und sind davon überzeugt, daß es notwendig ist, gemeinsam ausgedehnte und sehr ernsthafte Anstrengungen
zu unternehmen, um die nicaraguanische Regierung zu veranlassen, die
Dringlichkeit der Eröffnung eines Dialogs anzuerkennen und somit
günstige Umstände zu schaffen, um den Frieden im Isthmus zu erreichen
und die Demokratie zu festigen(116).
Ein Austausch von Telegrammen zwischen dem nicaraguanischen Präsidenten Ortega und dem costaricanischen Präsidenten Luis Alberto Monge haben
klar die unterschiedlichen Reaktionen der kommunistischen Regierung Nicaraguas und der demokratischen Regierung Costa Ricas auf die Initiative
Duartes gezeigt. In seiner Mitteilung vom 14. März schrieb Ortega:
Ich muß der jüngsten, in Honduras am 13. März unterzeichneten Erklärung, die die Initiative Präsident Duartes unterstützt, klar und kategorisch widersprechen. Sie verwickelt seine Regierung in einen
Akt, der der Moral, dem Völkerrecht und bestehenden Verträgen zuwiderläuft und die Manipulation der Regierung von El Salvador durch
die Vereinigten Staaten fördert. Der Vorschlag Präsident Duartes
zielt auf die Einmischung in die inneren Angelegenheiten Nicaraguas
ab und wirbt um Unterstützung der für eine ausländische Macht operierenden Söldner, die versuchen, eine absurde und amoralische Verbindung zwischen dem Bürgerkrieg in unserem Bruderland El Salvador,
der von strukturellen und wirtschaftlichen Ungerechtigkeiten herrührt, herzustellen und einem Aggressionskrieg, der von der Regierung
der Vereinigten Staaten dem Volk von Nicaragua aufgezwungen und von
der internationalen Staatengemeinschaft verurteilt wird(117).
In seiner Antwort auf Ortega vom 26. März sagt Präsident Monge:
Was Ihre Ansicht betrifft, daß Costa Rica eine amoralische und illegale Handlung begangen habe, indem es Präsident Duartes Initiative
unterstützt, so möchte ich betonen, daß der Plan im Geiste der Verhandlungen der CONTADORA-Gruppe steht, das heißt, er dient dem Prozeß
der nationalen Aussöhnung in Mittelamerika. Ich verstehe, daß es für
die gegenwärtige Regierung Nicaraguas unannehmbar sein mag, sich
einem solchen Prozeß anzuschließen, aber ich kann deshalb nicht Ihre
Kriterien für die Art und Weise akzeptieren, in der Costa Rica seine
Außenpolitik

durchführen sollte und möchte aus diesem Grund diese

Kriterien energisch ablehnen und darauf hinweisen, daß wir immer
daran geglaubt haben, daß ein Dialoig das Mittel zur Lösung politischer Probleme bietet. Wir haben ferner festgestellt, daß dies
auch die Richtung sei, die El Salvador verfolgen sollte und denken
auch, daß sie genauso unverzichtbar für Nicaragua sein sollte(118).
Nicaraguas mangelnde Bereitschaft zu einer friedlichen Lösung hat
sich seit dem Einmarsch der Sandinisten in Managua 1979 nicht geändert.
In Wirklichkeit hat sich seit den Tagen Somozas, der auch in den Jahren
1978-79 eine militärische und nicht etwa politische Lösung für die Probleme seines Landes suchte, ohnehin nicht viel geändert. Aber für die
anderen Demokratien Mittelamerikas ist es der friedliche und demokratische Weg, den diese in den achtziger Jahren eingeschlagen haben.
Guatemala

�Guatemala
Guatemala ist das bevölkerungsreichste Land Mittelamerikas und dasjenige mit den günstigsten wirtschaftlichen Voraussetzungen. Ein wirtschaftlich gesundes und demokratisches Guatemala hätte einen positiven
Einfluß auf alle Länder Mittelamerikas. Am 14. Januar 1986 wurde Vinicio
Cerezo als Präsident von Guatemala eingesetzt, nach einem Wahlvorgang,
der mit den Wahlen zur verfassunggebenden Versammlung im Juli 1984 seinen
Anfang nahm. In Cerezos Wahl zum Präsidenten spiegelt sich der ganze
Wandel der guatemaltekischen Politik seit 1980 wider.
Als Führer der um Reformen bestrebten Christdemokraten wurde Cerezo
von den Militärregierungen, die Guatemala bis dahin regierten, als deren
Feind angesehen, besonders jedoch von Präsident Romero Lucas Garcia
(1978-82).

Gerade während der Amtszeit Lucas Garcias war Cerezo Ziel

dreier Mordanschläge. Cerezo war ein offener Kritiker der Menschenrechtsverletzungen und der von der Regierung geschürten Kampagne der Gewalt. Im März 1982 setzte eine Gruppe junger Offiziere Präsident Lucas
Garcia ab, bevor er die Macht an seinen Nachfolger übergeben konnte, der
die betrügerischen Wahlen "gewonnen" hatte. Diese Offiziere baten den
pensionierten General Efrain Rios Montt, eine neue Regierung zu leiten.
Er setzte eine starke und erfolgreiche Kampagne gegen Aufstände in Gang,
aber sein exzentrischer persönlicher Stil führte schließlich 1983 zu
einem militärischen Coup seitens seines Verteidigungsministers, General
Oscar Humberto Mejia Vitores. Unter der neuen Militärregierung begann
sich die politische Atmosphäre zu wandeln. Mejia arbeitete einen Zeitplan für Wahlen aus und hielt sich auch daran, wobei die Wahlen zur verfassunggebenden Versammlung im Juli 1984 den Prozeß einleiteten. Als die
Kampagne für die Präsidentschaftswahlen begann, führte Cerezo einen offenen Wahlkampf, in dem sicheren Glauben, daß das Militär die Absicht
hatte, den politischen Prozeß zu öffnen, freie und ehrliche Wahlen zu
überwachen und dann in die Kasernen zurückzukehren.
Viele Kritiker in Guatemala sagten, ein so gemäßigter Politiker wie
Cerezo würde nie gewählt werden. Sie argumentieren, daß das Land zu sehr
durch soziale und wirtschaftliche üngleichkeiten polarisiert sei, als daß
eine Lösung der Mitte erreicht werden könnte. Man glaubte allgemein, daß
Gewalt, nicht Ausgleich, weiterhin das politische Leben in Guatemala bestimmen würden, zumal bestimmte Elitegruppen der Militärs und Landbesitzer Reformisten als Kommunisten betrachteten. Die Ergebnisse der Wahlen
von 1985 zeigten, daß die Kritiker sich geirrt hatten: Die Bevölkerung
Guatemalas lehnte den Extremismus ab, als sie ihre Stimme abgab. Sie
wählte einen Mann und eine Partei, die sich der Durchführung von Reformen
zum Vorteil der Armen und der indianischen Mehrheit verschrieben hatten.
Die Zukunft der Zivilregierung und die Problem der Verwirklichung der
Demokratie in Guatemala liegen auf den Schultern von Präsident Cerezo und
seiner Regierung. Die von Cerezo in der Präsidentschaftswahl von Dezember erzielte deutliche Mehrheit bietet ihm die große Gelegenheit, ein
neues Zeitalter der guatemaltekischen Politik einzuleiten, wenn er sich
bei der Behandlung der Probleme Guatemalas erfolgreich zeigt, wird die
Demokratie möglicherweise feste Wurzeln schlagen; wenn er scheitert, wird
ihn vielleicht eine autoritäre Regierung der Rechten oder eine totali-

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�eine totalitaristische der Linken ersetzen. Die Fallen, denen sich die
neue Regierung gegenübersieht, sind tief und zahlreich. Die Schwierigkeiten, die es zu bestehen gilt, umfassen die Verbesserung der Menschenrechtssituation, ferner muß das Militär davon überzeugt werden, daß es
seine direkte politische Rolle aufgeben und die möglicherweise erneute
Guerillabewegung unter Kontrolle behalten muß. Es gilt auch, die notwendigen wirtschaftlichen und politischen Reformen durchzuführen.
Die von der Regierung Cerezo übernommene wirtschaftliche Situation
ist instabil und trägt zu einer erheblichen Bedrohung durch aufständische
Gruppen bei. Fidel Castro gewährt ihnen zwar Unterstützung, war jedoch
nie dabei erfolgreich, die verstreuten Elemente der extremen Linken in
Guatemala so zu vereinen wie in El Salvador, obwohl die guatemaltekischen
Linken ihre Einheit formell in einem Treffen mit kubanischen und sandinistischen Führern 1980 in Managua bekundeten. Sollten Castro und die
Sandinisten sich dafür entscheiden, der Guerilla in Guatemala zusätzliche
Hilfe zu gewähren, so könnte eine leistungsfähigere und vereinte Guerilla-Bewegung für die neue guatemaltekische Regierung wirklich eine ernsthafte Bedrohung darstellen. Wie gut der Präsident und andere Bereiche
der Gesellschaft zusammenarbeiten, um dieser Herausforderung zu begegnen,
wird in hohem Maße dazu beitragen, die Zukunft Mittelamerikas zu formen.

Honduras
In den letzten sechs Jahren befand sich Honduras im Vorfeld der Ereignisse in Mittelamerika. Als ein Land mit langer Geschichte der Militärherrschaft, hielt Honduras 1980 Wahlen zur verfassunggebenden Versammlung ab und führte 1981 und 1985 Präsidentschaftswahlen durch. Jose
Azcona Hoyos Nachfolge des Präsidenten Roberto Suazo Cordoba war das
erste Mal in fünfzig Jahren, daß ein gewählter Zivilist einen anderen gewählten Zivilisten im Amt des Präsidenten ablöste. Wie seine Amtskollegen in El Salvador, Guatemala und Costa Rica, sieht sich auch Präsident
Azcona einem wechselvollen Berg wirtschaftlicher und politischer Probleme
gegenüber, von denen viele auf das Konto der aggressiven und expansionistischen Politik der sandinistischen Nachbarn gehen. Honduras hat mit
Nicaragua eine gemeinsame Grenze von 508 Meilen und mit El Salvador eine
von 226 Meilen. Diese geographischen Faktoren haben Honduras zu einem
zentralen Element bei Nicaraguas Bemühungen gemacht, die Regierung El
Salvadors zu stürzen. Das Territorium von Honduras wurde seit mindestens
1980 von den Sandinisten als Transportweg für Waffen, Munition und Nachschub an die salvadorianische Guerilla benutzt.
Kuba und Nicaragua haben ferner honduranische Guerillas in Honduras
ausgebildet und bewaffnet und sie nach Honduras eingeschleust, um die
honduranische Regierung zu schwächen. Im Juli 1983 ist eine 96 Mann
starke Guerilla-Einheit in das Gebiet Olancho in Honduras eingedrungen,
um eine Operationsbasis zu errichten. Diese jungen Honduraner wurden Anfang 1981 rekrutiert, in Kuba militärisch ausgebildet und Mitte 1983 in
Nicaragua unter dem Kommando sandinistischer Offiziere in den Kampf geschickt. Die Honduraner wurden dann mit Waffen, Munition und Ausrüstung
versehen und nach Honduras zurückgeschickt, um den Guerillakrieg in ihrem
eigenen Land zu entfachen. Die Gruppe bekam praktisch keinerlei Unter-

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�keinerlei Unterstützung durch die Bewohner des Gebietes und viele Mitglieder litten bald an Hunger, den Unbilden der Witterung und Krankheiten. Das honduranische Militär fing die Gruppe ab und tötete oder verwundete die Guerillas.
Im Juli 1984 wurde eine andere Gruppe, die dieses Mal aus nur 19
ebenfalls in Kuba ausgebildeten und in Nicaragua kampferprobten Männern
bestand, in die Provinz El Paraiso eingeschleust. Wiederum reagierten
die honduranischen Sicherheitskräfte schnell und kesselten die Gruppe im
Oktober 1984 ein. Diejenigen, die desertierten oder gefangengenommen
wurden, erzählten das Gleiche wie die Olancho-Gruppe: Kuba und Nicaragua
hätten gemeinsam die Aggression gegen die honduranische Regierung unterstützt.
Bevor er sein Amt aufgab, hielt Präsident Suazo Cordoba eine Rede, in
der er auf die Leistungen seiner Administration zurückblickte. Er beschrieb den doppelbödigen Maßstab derjenigen, die Nicaragua unterstützen
und gleichzeitig behaupten, Honduras wäre zu einem "Waffenlager" der Vereinigten Staaten geworden, weil die US-Streitkräfte mit den honduranischen Truppen Übungen durchführen:
Jene, die normalerweise die Regime des gottlosen Totalitarismus lobpreisen, sagen von Honduras, es sei ein besetztes Land. Sie erwähnen
jedoch nicht, daß eines unserer Nachbarländer von Beratern aller
marxistischen Länder der Welt besetzt ist. Ich glaube, daß die ideologische Subversion zunimmt. Wir in Honduras wissen, aus welcher
Richtung sie kommen wird. Ich habe bereits an anderer stelle gesagt,
daß selbst, wenn wir genug Mittel hätten, um 100, 200 oder 300 Millionen für die Ausrüstung unserer Streitkräfte auszugeben - und wir
haben trotz allem bereits viel für deren Ausrüstung getan - wäre das
ein unbedeutender Betrag für die Ruhe und den Frieden in unserem
Land. Es ist traurig, das Land in Furcht vor dem Terror jener zu
sehen, die dem internationalen Kommunismus zustimmen(119).
Präsident Suazos Worte zeigen die Besorgnis vieler Menschen in Mittelamerika über den sich ausbreitenden Militarismus in Nicaragua. Diese
Besorgnis tritt vielleicht nirgendwo offener zutage als in Costa Rica,
dem anderen Land, das an die Sandinisten grenzt.

Costa Rica
Costa Rica schaffte seine Armee im Jahre 1948 ab und unterstellte
sich dem sicheren Schutzschirm der OAS. In den achtziger Jahren fürchtet
Costa Rica jedoch wegen der überwältigenden militärischen Überlegenheit
und aggressiven politischen Philosophie des benachbarten marxistischleninistischen Nicaragua für die Sicherheit seines Landes. Der Präsident
Costa Ricas, Luis Albert Monge, ein langjähriger erbitterter und offener
Feind Somozas, sprach für die große Mehrheit der Costaricaner, als er
1983 sagte: "In den vierzig Jahren der Herrschaft Somozas standen wir
niemals vor der gleichen Bedrohung wie in der vierjährigen Herrschaft der
Sandinisten"(120).
Aus den vier

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�Aus den vier Jahren sind inzwischen sieben geworden und die Haltung
der Costaricaner ist noch abweisender gegenüber der Aggressivität der
Sandinisten. Mehr als 90 Prozent der in Costa Rica bei der Gallup-Umfrage im Juli 1985 Befragten gaben an, daß sie Nicaragua als die größte
militärische Bedrohung ihres Landes betrachtetet 121).
Das war nicht immer so. Im letzten Jahr der Herrschaft Somozas in
Nicaragua bewunderten die Costaricaner die jungen sandinistischen Guerillas, die gegen den verhaßten Diktator kämpften. Anfang des Jahres 1979
erlaubten die Costaricaner unter großen Risiken für ihre eigene Sicherheit, daß ihr Land als Durchgangsstation für Waffen und Nachschub der
Sandinisten in ihrem Kampf gegen Somoza benutzt wurde. Die von Panama
und Venezuela zur Verfügung gestellten Waffen gingen ganz offen über
Costa Rica an die Sandinisten und Somoza drohte sogar damit, sandinistische Unterschlüpfe in Costa Rica zu bombardieren.
Auch Castro gewährte seinen langjährigen sandinistischen Freunden Unterstützung auf dem Weg durch Costa Rica, aber nicht so offen. Mit Hilfe
korrupter costaricanischer Beamter baute Castro einen geheimen Transportweg an die Sandinisten auf. Er tat das heimlich, um eine offene Verbindung zwischen Kuba und den Sandinisten zu vermeiden, die das demokratische Bild beeinträchtigt haben würde, mit dem sich die Sandinisten im
In- und Ausland Unterstützung verschafften.
Die Umstände dieser geheimen Waffenlieferungen wurden von einer im
Juni 1980 von der costaricanischen Legislative eingesetzten Sonderkommission festgestellt, die zu jener Zeit kursierenden Gerüchten nachging,
denen zufolge sich nach dem nicaraguanischen Bürgerkrieg ein Schwarzmarkt
mit in Costa Rica zurückgelassenem Kriegsmaterial entwickelt hätte(122).
Im Verlauf dieser Untersuchungen entdeckte die Kommission das verdeckte
Nachschubnetz der Waffenlieferungen aus Kuba. Die Kommission stellte
fest, daß es mindestens 21 Flüge zwischen Kuba und kleineren Flughäfen in
Costa Rica gegeben hatte, wobei wenigstens 500 Tonnen Waffen geliefert
wurden. Rodrigo Carazo, der Präsident Costa Ricas, leugnete zunächst,
daß die Flüge stattgefunden hatten, als er am 4. November 1980 von der
Kommission befragt wurde, gab sie später jedoch zu. Am 25. März 1981
gaben fünf costaricanische Piloten offen ihre Beteiligung an den Waffenlieferungen aus Kuba zu und gaben Einzelheiten der Operationen und die
Namen costaricanischer und kubanischer Beamter an, die in die Überwachung
der geheimen Flüge verwickelt waren. Sie erinnerten sich, daß auf einem
der Flüge nach Kuba, Manuel Pineiro Losada, der Chef der amerikanischen
Abteilung der kubanischen kommunistischen Partei, gefragt habe, ob sie
bereit seien, Waffen nach El Salvador zu fliegen(123).
Nicaragua hat seine demokratischen Nachbarn fortgesetzt belästigt und
die Bestrebungen costaricanischer Kommunisten unterstützt, das Land zu
schwächen. Costa Rica ist sich heute darüber im klaren, daß es militärisch nicht in der Lage wäre, sich gegen eine Invasion aus Nicaragua zu
verteidigen, weiß aber auch, daß solch eine offene Aggression unwahrscheinlich ist, weil sie voraussichtlich eine Reaktion der Vereinigten
Staaten hervorrufen würde. Die wahre, in San Jose bestehende Besorgnis
geht dahin, daß die Sandinisten versuchen, das soziale Gefüge des Landes
zu stören, um Costa Ricas starke demokratische Tradition zu untermi-

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�zu unterminieren. Die Regierung mußte an der Grenze zu Nicaragua wegen
wiederholter Grenzverletzungen durch die Sandinisten Posten aufstellen,
wodurch weniger Sicherheitsbeamte in San Jose und anderen Städten eingesetzt werden können. Deshalb hat die Kriminalitätsrate drastisch zugenommen, hauptsächlich im Drogenbereich. Costa Rica bleibt der Neutralität verpflichtet. Das heißt aber nicht, daß es angesichts einer Aggression passiv bleiben oder in seiner Verteidigung der Demokratie weniger
leidenschaftlich vorgehen wird. Ein nordamerikanischer Kenner Costa
Ricas mit Wohnsitz in San Jose schrieb:
Für Costa Rica bedeutet Neutralität im wesentlichen, daß die Regierung sich nicht militärisch mit oder gegen irgendeine Gruppe verbünden wird, die in einen Krieg verwickelt ist. Das heißt aber nicht,
daß Costa Rica keine politischen Bündnisse eingehen oder nicht sein
Recht zur Verteidigung seines Territoriums wahrnehmen wird. Die
costaricanische Regierung hat klar gestellt, daß sie die politischen
Ideale der Vereinigten Staten und anderer westlicher Demokratien unterstützt und daß sie auf die entwickelten Demokratien baut, wenn es
um wirtschaftliche Hilfe in seiner Wirtschaftskrise geht. Gleichzeitig verbessert die Regierung Costa Ricas ihre Verteidigungsfähigkeit, ohne jedoch die Aktivitäten als "Aufbau einer Armee" zu bezeichnet 124).
Die Costaricaner gingen am 2. Februar 1986 zu den Wahlen und wählten
Oscar Arias als Nachfolger seines Parteifreundes in der Nationalen Befreiungspartei, Monge, zum Präsidenten der am meisten gefestigten Demokratie in Mittelamerika. Diese Wahlen zeigten wieder einmal, daß Costa
Ricas Bevölkerung an die Demokratie glaubt und ihre friedliche Lebensweise beibehalten möchte. Costa Rica bleibt ein Land, das im völligen
Gegensatz zum Marxismus-Leninismus, zum militaristischen Nicaragua,
steht. Es ist vielmehr eine Demokratie mit allen Grundrechten, wo die
Herrschaft des Rechts die Oberhand über die Herrschaft der Gewehre behält.

DIE ZUKUNFT

Wir sind in der Überzeugung ans Ende dieser Untersuchung gelangt, daß
Mittelamerika zwar lebensfähig, aber auch verletzbar ist und daß es sich
die Vereinigten Staaten trotz aller möglichen bevorstehenden Krisen, die
die Aufmerksamkeit unserer Nation fordern, nicht leisten können, sich von
dieser bedrohten Region abzuwenden. Die Krise in Mittelamerika ist auch
unsere Krise.
Nationale überparteiliche Mittelamerika Kommission, Januar
1984
Mit Nicaragua

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�Mit Nicaragua als Stützpunkt können die Sowjets und Kubaner in dem
wichtigen Korridor zwischen Nord- und Südamerika zur vorherrschenden
Macht werden. Haben sie erst einmal dort Fuß gefaßt, werden sie in der
Lage sein, den Panama-Kanal zu bedrohen, unsere lebenswichtigen Seewege
in der Karibik zu behindern und sich schließlich gegen Mexiko zu wenden.
Sollte das eintreten, würden verzweifelte Lateinamerikaner zu Millionen
nach Norden in die Städte der südlichen Vereinigten Staaten fliehen, oder
dorthin, wo es noch ein bißchen Hoffnung auf Freiheit gibt.
Präsident Ronald
Reagans Ansprache an die
Nation 16. März
1986

Mögliche Konsequenzen eines sowjetisch orientierten Mittelamerika
Die Sowjetunion, Kuba und und Nicaragua haben wirkungsvoll und unaufhörlich auf das Ziel der Errichtung zusätzlicher marxistisch-leninistischer Regime in Mittelamerika und im Karibischen Raum hingearbeitet.
Obwohl Castro in der Verbreitung von Gewalt und der Ausbeutung der Armut
berechenbarer geworden ist, bleiben seine anti-demokratischen Ziele doch
die gleichen wie in den sechziger Jahren. Er verkündete in der Verfassung von 1976 öffentlich das Recht und die Pflicht Kubas, "revolutionäre"
und "nationale Befreiungsbewegungen" zu unterstützen. Die Sowjetunion
ihrerseits hat ihre Bemühungen fortgesetzt, die Aufmerksamkeit und die
Mittel der Vereinigten Staaten von sowjetischen Herausforderungen in anderen wichtigen Teilen der Welt fernzuhalten. Die Tatsache, daß die Sowjets die Regierung der Vereinigten Staaten bei der Wirtschafts- und Militärhilfe um fast das Fünffache in der Region seit 1980 überrundet haben, ist ein Maßstab ihres Interesses. Nicaragua ist der Hauptmittler
für die Bestrebungen der Sowjets und Kubaner in Mittelamerika geworden,
die Schwachstellen der Region auszubeuten und die Stabilität zu unterhöhlen.
Wie bereits bemerkt, sind die Bedingungen, die zur mangelnden Stabilität geführt haben, nicht von der Sowjetunion oder Kuba geschaffen worden. Das seit langem nagende Ungleichgewicht der Armut, des Analphabetismus und des Mangels an repräsentativen politischen Institutionen
können die Menschen schließlich zu gewaltsamen Handlungen verleiten.
Moskau, Havanna und Managua beuten diese ursächliche Problematik aus, um
die Frustrationen des Volkes zu verschärfen. Mit dem Guerillakrieg zielen die Sowjets und ihre Klientel nicht auf eine Verbesserung der sozialen Umgebung ab, sondern sie versuchen - um alles noch schlimmer zu
machen -, das Vertrauen der Menschen in ihre Regierungen zu unterminieren. Sollte daraus ein politisches Vakuum entstehen, sind die Sowjets
bereit, an der Schaffung und Festigung marxistisch-leninistischer Regierungen mitzuwirken.
In Nicaragua beabsichtigen die Sandinisten, ihre Kontrolle zu verstärken. Sollte ihnen das gelingen, wird es wahrhaftig ein "zweites
Kuba" in der Hemisphäre geben - dieses Mal genau im Zentrum Mittelameri-

- 12 -

�Zentrum Mittelamerikas. Ein möglicher sowjetischer Stützpunkt auf dem
amerikanischen Kontinent würde zusammen mit einem Waffenlager der
Guerilla, Ausbildungsstätten und einem Sanktuarium für Terroristen eine
größere Gefahr für die Sicherheit der Hemisphäre darstellen als die relativ abgelegene Insel Kuba. Vor dem Hintergrund des selbstauferlegten
Einsatzes für den "revolutionären Internationalismus" würden die
Comandantes zweifellos ihre Bemühungen intensivieren, gleichgesinnte
Guerillas in El Salvador und in anderen Ländern Mittelamerikas an die
Macht zu bringen. Die Unterstützung der sandinisten für subversive Elemente ist bereits eine Quelle der großen Besorgnis für die Nachbarn Nicaraguas. Die Nationale überparteiliche Kommission des Präsidenten bemerkte in ihrem Bericht von Januar 1984:
Die Konsolidierung eines marxistisch-leninistischen Regimes in
Managua würde von dessen Nachbarn als permanente Bedrohung ihrer
Sicherheit betrachtet werden. Wegen ihrer Verschlossenheit würde die
Existenz einer politischen Ordnung nach kubanischem Modell eine große
Schwierigkeit darstellen, wenn es darum geht, irgendeine Verpflichtung der Sandinisten, sich von der Unterstützung des Aufstandes und
der Subversion in anderen Ländern abzuwenden, zu diskutieren, zu erfüllen oder zu verifizieren. In diesem Sinne würde die Entwicklung
eines offenen politischen Systems in Nicaragua, mit freier Presse und
aktiver Opposition, eine wichtige Sicherheitsgarantie für die anderen
Länder der Region darstellen und ein Schlüsselelement in jedwedem
verhandelten Abkommen bilden(125).
Wenn es den Sandinisten gelingt, eine solche Verhandlungslösung zu
vermeiden und wenn sie in der Lage sind, ihre militarisierte und expansionistisch orientierte Regierung zu konsolidieren, hätte das Konsequenzen über Nicaragua hinaus. Die daraus folgende Fähigkeit der Sowjetunion, ihren Einfluß in der Region auszudehnen, könnte die Vereinigten
Staten dazu veranlassen, ihre globalen Prioritäten neu zu überdenken.
Zum Schutz ihrer Sicherheit und ihres wirtschaftlichen Wohlergehens könnten die Vereinigten Staaten gezwungen sein, militärische Streitkräfte näher zu ihrem Land zu verlegen, zusätzliche Streitkräfte aufzustellen und
somit ihren Verteidigungshaushalt stärker zu strapazieren. Sollte eine
Reihe von Regierungen wie die der Sandinisten an die Macht kommen - kommunistische Diktaturen, die durch militärische Streitkräfte und sowjetisch-kubanische Unterstützung an der Macht gehalten werden -, würden die
Vereinigten Staaten sich wahrscheinlich einer Flut von politischen
Flüchtlingen gegenübersehen. Millionen von Menschen sind aus den kommunistischen Polizeistaaten geflohen, die seit dem zweiten Weltkrieg entstanden sind. Die Regime Osteuropas, Kubas, Vietnams, Xthiopiens, Afghanistans und jetzt Nicaraguas haben diese menschlichen Tragödien hervorgebracht. Diese Menschen haben die großen Härten eines Lebens als
Flüchtlinge vorgezogen, um den Verletzungen der Menschenrechte und der
Unterdrückung ihrer Freiheit zu entgehen, die für marxistisch-leninistische Regierungen charakteristisch sind. Ein Flüchtlingsstrom von Millionen von Menschen in die Vereinigten Staaten - in einem sowjetisch
orientierten Mittelamerika mit daraus folgendem Druck auf Mexiko eine
vorhersehbare Größe - könnte die Reserven des Südens und Südwestens der
Vereinigten Staaten stark strapazieren.
Der CONTADORA-ProzeB

- 13 -

�Der CONTADORA-P rozeß
Das naheliegendste Mittel zur Verhinderung einer solchen Krise und
zur Verbesserung der Sicherheit Mittelamerikas und der Vereinigten Staaten ist der CONTADORA-Prozeß, in dessen Rahmen Kolumbien, Mexiko, Panama
und Venezuela versuchen, zu einer friedlichen Lösung zu finden. Grundthese der CONTADORA-Gruppe ist - so wird es in dem 21-Punkte-Dokument
ihrer Zielsetzungen vom September 1983 erläutert -, daß ein dauerhafter
Frieden in der Region nur dadurch erreicht werden kann, daß man sich den
eigentlichen Ursachen des Konfliktes zuwendet. In diesem Dokument verpflichten sich die Beteiligten zu Verhandlungszielen politischer, wirtschaftlicher und sicherheitspolitischer Natur, die in einem endgültigen
Vertrag ihren Niederschlag finden sollen(126).
Im Sicherheitsbereich fordert dieses Dokument der Zielsetzungen verifizierbare Schritte zur Beendigung der Unterstützung einer Subversion von
außen, Verringerungen bei der Anzahl ausländischer Militär- und Sicherheitsberater, Einstellung des illegalen Waffentransports und Kontrolle
bei Waffen- und Truppenumfang. Es betont die Notwendigkeit verstärkter
regionaler Zusammenarbeit bei sozialen und wirtschaftlichen Fragen und
bei der Flüchtlingshilfe. Demokratisierung, nationale Wiederversöhnung
und Achtung der Menschenrechte waren zentrale Elemente der politischen
Zielsetzungen, die zur Errichtung demokratischer, repräsentativer und
pluralistischer Systeme in der gesamten Region auffordern, um so gerechte
und regelmäßige Wahlen zu ermöglichen.
Die Ziele der CONTADORA-Gruppe stehen im Einklang mit der amerikanischen Politik gegenüber Nicaragua, die ein Ende der Aufrüstung, die Beseitigung sowjetischen, kubanischen und anderen ausländischen Militärpersonals, eine Beendigung der sandinistischen Unterstützung des Aufstandes in El Salvador und in anderen Staaten sowie die Förderung des politischen Pluralismus fordert, wie er im Einklang mit den Versprechungen
der sandinisten stünde, die diese der OAS gegenüber zum Zeitpunkt der Revolution im Jahr 1979 abgegeben hatten. Der CONTADORA-Prozeß will eine
friedliche Lösung für die Unruhen in Mittelamerika finden, indem er ein
Forum für sinnvolle Verhandlungen zwischen allen Parteien schafft.
Es ist außerdem klar, daß Nicaragua den CONTADORA-Prozeß "wegen dessen internationalem propagandistischem Wert" ausgenutzt hat, wie es Präsident Arias von Costa Rica formulierte. Zu den CONTADORA-Friedensgesprächen vom 5.-9. April schrieb Arias am 9. April 1986 weiter:
In Panama wurde die wahre Lage ganz deutlich, zwölf lateinamerikanische Außenminister, darunter die Außenminister der vier mittelamerikanischen Staaten, unterstützten die sofortige Unterzeichnung
der (CONTADORA-)Akte in Obereinstimmung mit der internationalen Meinung. Nur Nicaragua opponierte und demonstrierte damit erneut, daß
es weder eine wahres Interesse an Frieden in Mittelamerika, noch den
Willen dazu hat(127).
Die Vereinigten Staaten ermutigen zu einem direkten Dialog zwischen
den Sandinisten und ihrer bewaffneten Opposition, die durch die UNO repräsentiert wird. Bislang haben die Sandinisten wiederholt eine jede

- 14 -

�eine jede solche Diskussion abgelehnt, obgleich sie Verhandlungen mit den
Vereinigten Staaten fordern. Die Regierung der Vereinigten Staaten
glaubt jedoch nicht, daß sie das Recht hat, einseitig über das Schicksal
des nicaraguanischen Volkes zu entscheiden. Es ist dies eine Angelegenheit, die unter Nicaraguanern selbst entschieden werden muß. Die sandinistische Weigerung, mit ihrer Opposition zu reden, steht in deutlichem
Widerspruch zu Präsident Duartes wiederholten Angeboten an die Aufständischen in El Salvador.

Ein wachsender Konsens
In den Vereinigten Staaten wächst der Konsens darüber, daß die Sowjetunion in Mittelamerika keine marxistisch-leninistischen Staaten oder
Militärbasen entwickeln dürfe und daß die Region nicht als Sprungbrett
für Terroristen dienen sollte. Dies wurde einstimmig sogar von Kongreßmitgliedern zum Ausdruck gebracht, die sich der Politik der Administration widersetzen. Zudem gibt es derzeit wenig Sympathie für die Sandinisten, die ihre "wahren politischen Farben" gezeigt haben, wie es die
New York Times im Oktober 1985 formuliertet 128). Die Sandinisten werden
jetzt von objektiven Beobachtern als das gesehen, was sie immer waren aggressive Kommunisten, die beabsichtigen, ihre unterdrückerische Regierungsform mit Waffengewalt in andere Länder Südamerikas zu exportieren.
Dieser wachsende Konsens könnte zur Triebfeder einer wirksamen überparteilichen Politik in dieser Region werden, einer Politik, die sich dazu
verpflichtet, ihren nationalen Willen und ihre nationalen Ressourcen ins
Spiel zu bringen. Es wäre kostengünstiger, dieser Verpflichtung jetzt
nachzukommen, als sie aufzuschieben und später aufgrund einer noch größeren Bedrohung der Sicherheit durch verstärkte sowjetische Präsenz vor
noch schwierigeren Alternativen zu stehen.
Die Vereinigten Staaten haben sowohl das moralische, wie auch das
strategische Interesse an der Entwicklung repräsentativer Demokratien in
dieser Region und an einem Stillstand der Ausbreitung des Kommunismus.
Sollte es den Sandinisten gelingen, ein von den Sowjets unterstütztes,
totalitäres und expansionistisches Regime in Nicaragua zu konsolidieren,
so wäre es unwahrscheinlich, daß es in Mittelamerika zu Frieden und Demokratie kommen kann. Die Sandinisten haben einen Polizeistaat hervorgebracht, der von der Sowjetunion bewaffnet und von Kuba ausgebildet und
durch ein gewaltiges Ausmaß an Einschüchterung des nicaraguanischen Volkes an der Macht gehalten wird. Der in den vergangenen Jahren in der Region erzielte Fortschritt wird gefährdet, wenn die nicaraguanische, kubanische und von der Sowjetunion geförderte Aggression gegen die Demokratien Mittelamerikas ungehindert andauert. Die Sowjetunion hat große Investitionen vorgenommen und hofft auf strategische und politische Zinsen.
Kuba bleibt auch weiterhin der Hauptstellvertreter der Sowjets, aber die
Bedrohung der Stabilität der westlichen Hemisphäre ist durch den Zugang
Nicaraguas zum sowjetischen Lager noch verstärkt worden. Die Sandinisten
spielen eine entscheidende Rolle bei den Bemühungen zur Ausdehnung des
sowjetischen Einflusses in ganz Mittelamerika.
Präsident Reagan lenkte die Aufmerksamkeit am 13. März 1986 auf diese
Tatsache, als er eine Ausstellung erbeuteter Waffen und Dokumente eröff-

- 15 -

�Dokumente eröffnete, die die Unterstützung Kubas und Nicaraguas für subversive Elemente in Mittelamerika demonstrierte. Der Präsident illustrierte den systematischen Charakter dieses von Nicaragua aus gespannten
Netzes, als er sagte:
Man braucht keiner bestimmten Partei anzugehören oder über geheime
Informationen zu verfügen, um zu sehen, was in Mittelamerika geschieht. Klar ist: nicaraguanische Kommunisten benützen ihr Land als
Aufmarschgebiet für eine Aggression gegen ihre Nachbarn, während sie
ihr eigenes Volk total unterdrücken. Ihre Kampagne der internen Unterdrückung und der externen Aggression wird unterstützt und ermutigt
durch die Sowjetunion, Kuba, Ostdeutschland, Bulgarien, Iran,
Vietnam, Libyen und andere radikale Staaten, Bewegungen und Organisationen 129).
Die Sowjetunion und ihre Verbündeten bilden in der Tat eine gewaltige
Herausforderung der Demokratie in Mittelamerika. Wenn es ihnen gelingt,
die Instabilität zu schüren und womöglich weitere kommunistische Regierungen in der Region zu schaffen, dann werden die Folgen für die Vereinigten Staaten von tiefgreifender Natur sein. Ober Jahre hinweg wurde
Mittelamerika als ein Gebiet angesehen, das relativ immun gegenüber den
Problemen zu sein schien, die mit dem Ost-West-Gegensatz zusammenhängen.
Fidel Castros Übergang in das sowjetische Lager in den sechziger Jahren
änderte jedoch die Gleichung der Ost-West-Beziehungen und hat Moskau das
Mittel an die Hand gegeben, eine Strategie zu verwirklichen, deren Absicht es ist, für die Vereinigten Staaten entlang deren südlichen Flanken
Unruhe zu stiften. Dieser Strategie darf kein Erfolg beschieden sein.
Die Vereinigten Staaten müssen ihren nationalen Willen und ihre nationalen Ressourcen ins Spiel bringen, um die demokratischen Staaten Mittelamerikas in die Lage zu versetzen, den von ihren Völkern gewählten Weg
weiterzugehen. Durch eine solche Verpflichtung werden die Vereinigten
Staaten der Herausforderung an die Demokratie begegnen und ihre eigene
Sicherheit erhöhen.

FUSSNOTEN

107. U.S. Department of S t a t e : "The Situation in El Salvador", 1. April
1986, S. 5. Dieser Bericht wurde dem Kongreß von der Regierung gemäß der
Verpflichtung vorgelegt, diesem über F o r t s c h r i t t e bei der Demokratisierung El Salvadors Bericht zu e r s t a t t e n .
108. Ibid.
109. Ibid.
110. Radio Acan, Panama City, 30. Januar 1981. zitiert in Kerry Ptacek:
"Misconceptions About the Role of the Church" in: "Crisis and Opportunity: U.S. Policy in Central America and the Caribbean", Mark Falcoff und

-

16 -

�Mark Falcoff und Robert Royal, Hrsg. (Washington, D.C.: E t h i c s and P u b l i c
P o l i c y C e n t e r , 1984), S . 2 6 6 .
111. Ibid.
112. National Catholic Register, 14. Juni 1981.
113. Orientacion, San Salvador, 8. Dezember 1981.
114. Dieser Hirtenbrief beschäftigte sich mit der Möglichkeit effektiver
Verhandlungen. Der Brief war von allen Bischöfen El Salvadors unterzeichnet und wurde am 8. August 1985 veröffentlicht.
115. Wegen der Resultate der Umfrage von 1983 siehe "La Nacion Internacional", San Jose, Costa Rica, 20.-24. November 1983. Wegen der Resultate der Umfrage von 1985 siehe "Congressional Record", No. 16, 20.
Februar 1986.
116. U.S. Department of State: "The Situation in El Salvador", S. 12.
117. Ibid.
118. Ibid.
119. "Foreign Broadcast Information Service" (FBIS), Lateinamerika, 22.
Januar 1986, S. 11-12.
120. Georgie Anne Geyer: "Taking the Sandinistas at their Word", Wall
Street Journal, 23. August 1985.
121. Meinungsumfrage, "Congressional Record", No. 16, 20. Februar 1986.
122. Die costaricanische Legislativkommission veröffentlichte ihren Bericht am 14. Mai 1981, wie vom "Foreign Broadcast Information Service"
(FBIS) am 2. Juni 1981 berichtet. Siehe auch New York Times: "Arms
Scandal is Charged in Costa Rica", 21. Mai 1981.
123. Ibid.
124. Jennie K. Lincoln: "Neutrality Costa Rican Style", Current History,
März 1985, S. 136.
125. "Report of the National Bipartisan Commission on Central America",
erstellt für den Präsidenten. Henry A. Kissinger, Vorsitzender.
(Washington, D.C.: U.S. Government Printing Office, Januar 1984), s. 114.
126. United Nations Document S/16041, 18. Oktober 1983.
127. Oscar Arias: "Nicaragua Fears Democracy", La Nacion, San Jose, Costa
Rica, 9. April 1986.
128. "Nicaragua Bares the Nightstick", New York Times, 18. Oktober 1985.
129. "Weekly Compilation

- 17 -

�129. "Weekly Compilation of Presidential Documents", 17. März 1986.
Office of the Federal Register, National Archives and Records Service,
General Services Administration.

* * * * *

- 18 -

�AMERIKA DIENST
VON

Wissenschaft und Technik

&amp;

1. Oktober 1986

32

NEUE ENTWICKLUNGEN AN DER AIDS-FRONT
Hoffnung auf therapeutische Möglichkeiten -

WASHINGTON - (AD) - Nicht Heilung, aber wenigstens eine Möglichkeit zur Therapie bestimmter Erkrankungen, die nach AIDS-Infektionen
auftreten, verspricht vielleicht das
Medikament AZT (Azidothymidin). Jedenfalls lassen die Ergebnisse der
beiden ersten Doppelblindstudien mit
AZT hoffen, daß das Leben von AIDSPatienten
länger
erhalten
werden
kann, als dies unter den bisherigen
Gegebenheiten möglich ist.

An

der erworbenen

Immunschwäche

United States Information Service
Embassy of the United States of America

AIDS, die durch die Infektion mit
HTLV-III-Viren (neuerdings auch als
HIV-Viren bezeichnet) in Gang gesetzt
wird, starben allein in den Vereinigten Staaten in den letzten sechs Jahren mindestens 12 000 Menschen. Das
sind etwa 50 Prozent der erkrankten
Personen.
Da durch die Infektion
wichtige Komponenten für Abwehrreaktionen des Immunsystems wie z.B. die
thymusabängigen
T-Zellen
zerstört
werden, haben Krankheitserreger und
bestimmte
Arten
von
Tumorzellen
leichtes Spiel. So kommt es, daß eine normalerweise seltene Krebsart wie

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.: 0228-339 2035
Telex: 8-85432

�das Kaposi-Sarkom (eine schmerzhafte
Geschwulstkrankheit der Haut mit Metastasenbildung in inneren Organen)
für ca. 20 Prozent, eine durch Protozoen verursachte Form von Lungenentzündung ("Pneumocystis carinii") sogar für mehr als 50 Prozent der
AIDS-Todesfälle verantwortlich ist.
Auch Hirn-Toxoplasmose nimmt unter
AIDS-Kranken erschreckende Ausmaße an.
Seit Februar 1986 liefen in den
USA klinische Tests mit dem experimentellen Wirkstoffen AZT im Rahmen
einer Studie, die im Dezember abgeschlossen werden sollte.
Etwa die
Hälfte der 282, unter dem Gesichtspunkt bestimmter Begleiterkrankungen
sorgfältig ausgewählten AIDS-Patienten erhielt ein Placebo-Präparat.
Die tatsächliche Verteilung kannten
weder die Patienten noch ihre Xrzte,
sondern nur einige Wissenschaftler in
der Herstellerfirma Burroughs-Wellcome Co. Die aus den beteiligten Kliniken im Land eingehenden Zwischenberichte führten jetzt zu einem ungewöhnlichen Schritt: Mitte September
wurde die Studie vorläufig gestoppt,
um der mit dem Placebo-Präparat versorgten Kontrollgruppe ebenfalls die
Möglichkeit zu einer Therapie zu geben. Es hatte sich nämlich gezeigt,
daß in dieser aus 137 Patienten bestehenden Gruppe 16 Personen während
der letzten sieben Monate verstarben,
während bei der 145 Personen starken
Gruppe der Versuchspatienten für AZT
nur ein einziger Todesfall zu verzeichnen war.
Angesichts dieses krassen Unterschiedes sei es, wie Dr. Robert
Windom
vom amerikanischen Gesundheitsministerium auf einer Pressekonferenz in Washington erklärte, nicht
zu verantworten gewesen, der Placebo-Gruppe AZT länger vorzuenthalten.
Aufgrund der bisherigen Ergebnisse
der Studie habe er die Bundesbehörde
- 2

für Nahrungs- und Arzneimittel (FDA Food and Drug Administration) ersucht, das Zulassungsverfahren für
AZT zu beschleunigen, um das Präparat
Tausenden
anderer
AIDS-Patienten
ebenfalls zugänglich zu machen. Allerdings müßten diese nach bestimmten
Kriterien in bezug auf Begleiterkrankungen ausgewählt werden. Denn nicht
bei allen Symptomen einer AIDS-Erkrankung sei nach bisherigen Erfahrungen das Präparat wirksam. Es solle zunächst nur solchen Patienten
verabreicht werden, die in den letzten drei Monaten vor Beginn der Behandlung an Lungenentzündung des Typs
Pneumocystis carinii erkrankten.
Diese Patienten hatten auch die
Hauptgruppe für die klinische Studie
vom Februar dieses Jahres gebildet.
Unter AZT-Medikation kam es bei ihnen
weniger häufig zu den AIDS-typischen
Zusatzinfektionen. Sie nahmen wieder
an Gewicht zu, und die zahl der TZellen im Blut stieg sogar langsam
wieder an. Dies wird darauf zurückgeführt, daß der Wirkstoff AZT den
Mechanismus zur Vermehrung von AIDSViren in den T-Zellen, der deren Zerstörung und damit den Zusammenbruch
des Immunsystems verursacht, zu blokkieren vermag.
Dr. Windom machte jedoch deutlich, daß es noch zahlreiche Ungewißheiten gebe. So wisse man noch viel
zu wenig über mögliche toxische Wirkungen von AZT. Beispielsweise habe
man bei der ersten Studie an 19 Personen beobachtet, daß bei hoher Dosierung offenbar die Bildung weißer
und roter Blutzellen beeinträchtigt
werde.
Langzeitbeobachtungen seien
ohnehin noch nicht möglich gewesen.
Und: "Wir wollen den Tausenden von
Menschen, die an AIDS erkrankt sind,
nicht zu viel versprechen."
Aus den Resultaten der jetzt ge-

�stoppten Doppelblindstudie
ergäben
sich, wie Windom weiter erklärt, keine Anhaltspunkte dafür, ob sich AZT
auch zu einer Behandlung von Kindern,
von Patienten mit Kaposi-Sarkom oder
mit symptomfreien Infektionen bzw.
solchen unklarer Symptomatik eigne.
Andererseits sei der Wirkstoff anscheinend in der Lage, die BlutHirn-Schranke zu überwinden. Das wäre ein ganz wichtiger Schritt, um einer Enzephalopathie als Folge einer
AIDS-Virus-Infektion vorzubeugen.
Den Wirkstoff AZT gibt es schon
seit 1964. Er war damals von Jerome
Horwitz, einem jungen Chemiker in
Detroit, auf der Suche nach neuen
Mitteln zur Krebsbekämpfung entwikkelt worden. Für diesen Zweck erwies
er sich jedoch als nutzlos und geriet
in Vergessenheit. Erst 20 Jahre später begannen sich Wissenschaftler der
Arzneimittelfirma
Burroughs-Wellcome
wieder damit zu befassen, als sie
sich um die Entwicklung von Präparaten gegen Virusinfektionen bemühten.

sind, sie an sich ebenfalls auszuprobieren. Der Verlauf bzw. die Ergebnisse sollen dann wissenschaftlich
ausgewertet werden.
Aus
dem
Nationalen
Krebsforschungsinstitut der USA (Bethesda,
Maryland) wurde bekannt, daß man dort
eine Variante des AIDS-Virus entwikkelt habe, die nicht zu den katastrophalen Folgen nach einer Infektion
führe wie bei einer HIV-Infektion und
vielleicht helfen könne, eine geeignete Therapie oder einen Impfstoff zu
finden. zwar habe die gentechnisch
abgeschwächte Variante keinen Einfluß
auf das HIV-Virus und könne es nicht
zerstören. Aber sie könne mit ihm
insofern in Konkurrenz treten, als
sie die gleichen Zellen des Immun-Systems aufsuche, ohne jedoch deren Absterben zu bewirken. Allerdings sei
es zum gegenwärtigen Zeitpunkt noch
viel zu früh, um etwas über mögliche
negative Auswirkungen des veränderten
AIDS-Virus aussagen zu können. Zunächst einmal müßten die Ergebnisse
der Tierversuche abgewartet werden.

Wie kürzlich Dr. Cory SerVaas,
die
medizinische
Direktorin
der
"Benjamin Franklin Society" auf einer
Pressekonferenz berichtete, scheine
nach den Erfahrungen mancher Srzte
die Aminosäure Lysin eine gewisse infektionsverhütende Wirkung nicht nur
gegen Herpes-Viren, sondern auch gegen AIDS-Viren zu haben. In der Kombination mit
zwei verschreibungspflichtigen Medikamenten, die als
"Tagamet" und "Acyclovir" auf dem
amerikanischen Markt sind, eigne sich
Lysin sogar zur Therapie von AIDS-Infektionen.
Zwei an AIDS erkrankte
Srzte hätten an sich selbst eine ganz
bemerkenswerte Besserung ihres Zustandes
erfahren.
Die
"Benjamin
Franklin Society" stellt gegenwärtig
Listen von Personen zusammen, die an
der von diesen Ärzten erprobten Behandlung
interessiert
und
bereit
- 3 -

�</text>
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                    <text>^ e äfv

amcrika
dienet

Herausgeber: U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

Z12462 C

I.Oktober 1997

19

POLITIK

CLINTONS INNEN- UND AUSSENPOLITISCHE
AGENDA
Rede des Präsidenten vor der American University

NAHER OSTEN

ALBRIGHT: ARABISCHE WELT MUSS SICH
GEEINT FÜR FRIEDEN UND SICHERHEIT
EINSETZEN
Rede der US- Außenministerin vor dem GolfKooperationsrat

NATO

ALBRIGHT: WIR WOLLEN, DASS DER FRIEDEN
BESTAND HAT
Rede der Außenministerin vor dem Ständigen
Gemeinsam Rat der NATO

**

DIE NATO-ERWEITERUNG - LEICHTSINN ODER
NOTWENDIGKEIT?
Rede von Botschafter Robert Hunter

USA-EUROPA

DIE NEUE TRANSATLANTISCHE AGENDA
Rede von Staatssekretär Eizenstat

Informationen über die Politik der US-Regierung und
die Vereinigten Staaten im allgemeinen können
auf der Home Page von USIS-Deutschland
im World Wide Web des Internet unter
http://www.usia.gov/posts/bonn.html
abgerufen werden.

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Deichmanns Aue 29
D 53170 Bonn
Tel.: 0228-339 2372

Fax: 0228-333 138
e-mail: bbsbonn@usia.gov
internet: http://www.usia.gov/posts/bonn.html

�POLITIK
I.Oktober 1997

Clintons innen- und außenpolitische Agenda
Rede des Präsidenten vor der American University

WASHINGTON - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die von Präsident Clinton am 9. September 1997 vor der
American University gehaltene Rede über die innen- und außenpolitischen Zielsetzungen der Administration.

Vielen Dank. Zuerst möchte ich Ihnen allen für Ihre
herzliche Begrüßung danken. Ich habe Rektor Ladner
bereits gesagt, daß ich nach diesem wunderbaren
Willkommen eigentlich gar keine Rede mehr halten
möchte.
Ich freue mich über die Begrüßung durch den Rektor
und seine profunden Worte. Ich danke Neal Sharma
für seine Einführung und seine Führungsrolle in der
Studentenschaft.
Ich begrüße den Vorsitzenden
Jacobs und Professor Mintz, Minister Dalton und
Gattin, den Stadtverordneten Thomas, alle Treuhänder
und Ehemaligen, die Fakultätsmitglieder, den Lehrkörper, die hier anwesenden Studenten und die Freunde
der American University, die heute gekommen sind.
Viele Mitglieder unserer Administration haben an der
American University ihren Abschluß gemacht oder sind
auf andere Weise mit ihr verbunden. Dazu zählt auch
Ihr ehemaliger Rektor, Joe Duffy. Eines der wichtigsten hat mich heute hierher begleitet - die ehemalige
Dozentin Judy Winston, die Direktorin meiner Rasseninitiative ist, über die ich heute unter anderem sprechen möchte.
Der Beginn eines neuen Studienjahres ist der Zeitpunkt, an dem sich die Studenten und auch wir hier in
Washington nach der Sommerpause des Kongresses
im August wieder an die Arbeit machen. Es ist eine
Zeit echter Hoffnung und des verdienten Optimismus
für Amerika. Und das höre ich heute an Ihren lebhaften Stimmen. Meines Erachtens ist das für mich ein
guter Zeitpunkt, zu Ihnen und unserem Land darüber
zu sprechen, was wir in den verbleibenden Monaten
dieses Jahres tun müssen, um unser Land optimal auf
das 21. Jahrhundert vorzubereiten.

AMERIKA DIENST 19

Ich kann kaum glauben, daß es fast sechs Jahre her
ist, seit ich meine Kandidatur für das Amt des Präsidenten bekanntgab. Damals - Ende 1991 - schien
Amerika sich dem neuen Jahrhundert mit unsicheren
Schritten zu nähern. Dramatische Veränderungen
unserer Lebens- und Arbeitsweise sowie unserer
Beziehungen untereinander und zu der übrigen Welt
bedrohten die Werte, die unser Leben bestimmen. Wir
waren in Gefahr, genau zu dem Zeitpunkt als Nation
stärker gespalten zu werden, an dem wir energisch
gemeinsame Fortschritte machen sollten.
An dem Tag, an dem ich meine Kandidatur bekanntgab, erklärte ich, unsere Mission als Volk müsse darin
bestehen, den Amerikanischen Traum für alle am
Leben zu erhalten, die dafür arbeiten wollen; Amerika
weiterhin als weltweit stärkste Kraft für Frieden,
Freiheit und Wohlstand zu erhalten und unsere Bürger
über alle uns trennenden Gräben hinweg als ein
Amerika zusammenzubringen.
Die ältesten und
dauerhaftesten Werte Amerikas - Chancen für alle,
Verantwortung aller, eine Gemeinschaft aller - mußten
in einer neuen und anderen Zeit stark und lebendig
bleiben. Das erforderte einen neuen Kurs.
Unsere Nation ist jetzt seit mehr als 220 Jahren jung
und stark geblieben, indem sie stets neue Herausforderungen auf eine Art und Weise bewältigt, die
unsere ältesten Werte erneuert. Das ist die Urquelle
unserer Größe. Unsere Nation wurde nicht auf
Religion, Rasse oder Geografie gegründet, sondern
auf einer Reihe leuchtender Ideale, die zu jedem
entscheidenden Moment unserer Geschichte wiederholt, bekräftigt und befürwortet wurden: Lincoln in
Gettysburg; die Progressiven bei der Schaffung einer
neuen Freiheit für das Industriezeitalter; Franklin
Roosevelt, der Amerika im Namen unserer ältesten

Seite 1

�Ideale aus dem Abgrund rettete; Dr. King, der Amerika
aufforderte, die wahre Bedeutung unseres Credos zu
leben. In jedem Moment der Herausforderung und des
Wandels haben wir Amerikaner einen Weg gefunden,
um diese alten Ideale zu bewahren, so daß sie keine
auf Pergamentpapier geschriebenen abgedroschenen
Worte sind, sondern vielmehr lebende Wegweiser für
eine neue Ära.
Seit viereinhalb Jahren arbeiten die Amerikaner daran,
dies zu einer Zeit des Wandels für unsere Generation
zu machen. Wir haben einen mutigen neuen Wirtschaftskurs eingeschlagen, unser Haushaltsdefizit
noch vor dem jüngsten Abkommen über einen ausgeglichenen Haushalt um mehr als 80 Prozent gesenkt,
Exporte durch mehr als 200 Handelsvereinbarungen
ausgeweitet und in unsere Menschen und ihre Zukunft
investiert. Wir machten uns daran, Amerika in der Zeit
nach dem Ende des Kalten Krieges Glaubwürdigkeit
zu verleihen, neue Bündnisse zu schmieden und uns
von Bosnien bis Haiti für unsere Werte einzusetzen.
Wir befaßten uns mit einer Vielzahl tiefgehender
sozialer Probleme einer Generation; wir gingen die
Herausforderungen von Verbrechen, Sozialhilfe und
Armut mit Arbeit, Verantwortung und Gemeinschaftsaktionen an. Und wir begannen mit der Zusammenstellung einer neuen Regierung, die nicht alles tun will,
sich aber nicht damit zufrieden gibt, nichts zu tun.
Vielmehr ist es eine progressive Regierung, die sich
verpflichtet, den Menschen die erforderlichen Werkzeuge zu geben, damit sie das Meiste aus ihrem
Leben machen können.
Heute sehen wir die Ergebnisse. Die Arbeitslosigkeit
liegt unter 5 Prozent, seit 1993 wurden fast 13 Millionen neue Arbeitsplätze geschaffen, die Inflation ist
niedrig und stabil, das Wachstum von Investitionen
und das Vertrauen der Verbraucher sind größer als
seit einer Generation. Familieneinkommen beginnen
endlich zu steigen, nachdem sie jahrzehntelang niedrig
waren.
Gewaltverbrechen nehmen seit Jahren
dramatisch ab. Wir waren Zeuge der stärksten
Abnahme von Sozialleistungen in der Geschichte.
Und viele unserer ärmsten städtischen und ländlichen
Gemeinden durchleben einen Frühling der Erneuerung.
Ende Juli erreichte Amerika einen neuen Meilenstein,
als ich den ersten ausgeglichenen Haushalt seit einer
Generation unterzeichnete. Dabei ging es um mehr
als nur um Zahlen. Er verkörpert die größte Zunahme
an Unterstützung für das Bildungswesen seit 1965. Er
umfaßt die größte Zunahme an Hilfe, damit die Menschen aufs College, auf Gemeindecolleges und
Graduate Schools gehen können. Das ist der größte
Anstieg seit der Verabschiedung des Gl-Gesetzes vor
50 Jahren - und er wird praktisch jedem die Tür zu
einem Collegebesuch öffnen, der dafür zu arbeiten
bereit ist.

Seite 2

Dieser Haushalt beinhaltet die größte Einzelinvestition
in die Gesundheitsfürsorge seit der Einführung von
Medicaid im Jahr 1965, die vor allem die Versicherung
von fast fünf Millionen Kindern zum Ziel hat, die derzeit
noch nicht krankenversichert sind. Er sieht die
Wiedereinführung gerechter Leistungen für legale
Einwanderer vor und stellt Milliarden Dollar bereit, um
den Menschen noch stärker zu helfen, die von der
Sozialhilfe wieder zur Arbeit zurückfinden wollen.
Nachdem das Haushaltsdefizit jahrelang unsere Politik
behindert und unsere Wirtschaft gelähmt hat, konnte
Amerika endlich die nächste Generation von dieser
Last befreien. Nach Jahren, in denen die beiden
Parteien oft so müde und gefangen erschienen wie
zusammengeschlagene Kämpfer in einem Ring, der
immer kleiner wird, fanden wir endlich einen Weg für
Demokraten und Republikaner, im nationalen Interesse zusammenzuarbeiten. Und damit haben wir uns
selbst bewiesen, daß Amerika noch funktioniert.
Wir dirigieren die sich heute in den Bereichen Technologie, Handel und Soziales stattfindenden Veränderungen - Veränderungen, die einst so viel Zweifel und
Unsicherheit hervorriefen - auf eine Art und Weise, die
sicherstellt, daß sie mächtige Kräfte des Guten
werden. Bei alledem möchte ich betonen, daß wir
nicht nur auf der Welle des letzten Konjunkturaufschwungs reiten. Unser Wirtschaftsplan, in dessen
Mittelpunkt ein ausgeglichener Haushalt steht, ist die
Grundlage, auf der wir die Zukunft Amerikas aufbauen.
Die Amerikaner dieser Generation gestalten und leiten
eine völlig neue Wirtschaft. Heute arbeitet ein größerer Prozentsatz von Amerikanern in der Computerindustrie als auf der Höhe der fünfziger Jahre in der
Automobilindustrie. Und in den Industriezweigen der

Zukunft - Computer, Biotechnologie, Luftfahrt - ist
Amerika weltweit führend. Aber Amerika ist auch
erstmals seit den siebziger Jahren bei Produktion und
Verkauf von Autos wieder führend.
In dieser neuen Volkswirtschaft wird es noch Höhen
und Tiefen geben, es wird Rezessionen und Krisen
geben, die Aktionen erfordern. Aber die Volkswirtschaft hat sich grundlegend verändert. Früher führten
vor allem die Goldvorräte im Boden, unser reichlich
vorhandenes Farmland oder die Kapazität unserer
Fabriken zum Reichtum der Menschen. Heute wissen
Sie ebenso gut wie jeder andere, daß die Fähigkeiten
unserer Menschen und unsere Vorstellungskraft dazu
führen.
Heute haben wir gute Nachrichten. Und angesichts
guter Nachrichten ist es am leichtesten, sich zu
erholen, Urlaub zu machen, zu glauben, daß unsere
Arbeit getan ist und zufrieden zu sein, daß unsere
Herausforderungen bewältigt sind. Aber Selbstgefälligkeit ist keine Option, und Ferien müssen in einer Zeit
voller Herausforderungen und Veränderungen weiterhin kurz sein. In der Tat muß sehr viel mehr getan

AMERIKA DIENST 19

»•

�werden, um unsere Werte zu erneuern, unsere Nation
zu stärken, noch ungelöste Probleme anzugehen,
wenn wir Ihnen wirklich das 21. Jahrhundert geben
sollen, das Sie verdienen. Wir müssen jetzt die
Schritte unternehmen, die klar vor uns liegen. Und die
Zeit für den Beginn ist jetzt - in diesem Herbst - mit
einer Reihe konkreter Aktionen, die den krönenden
Abschluß für ein Jahr echter Fortschritte für Amerika
bilden.
Zuallererst müssen wir Chancen für alle unsere Bürger
bereitstellen. Chancengleichheit ist unser zentraler
Wert, aber ihre wahre Bedeutung hat sich grundlegend
geändert. Im 19. Jahrhundert bedeutete Chancengleichheit beispielsweise die Zuteilung eines kostenlosen Stücks Land. Im 21. Jahrhundert wird es ein PellStipendium an einem Gemeindecollege, einer Handelsschule oder einer Universität sein. Und mehr
Ausbildung ist wichtig. Wir haben enorme Fortschritte
gemacht. Wie ich bereits sagte, enthält dieser Haushaltsentwurf die größte Aufstockung von Mitteln, um
den Menschen in 50 Jahren Zugang zu weiterführender Bildung zu gewähren - nicht nur das höchste PellStipendium unserer Geschichte, sondern auch
300.000 weitere Jobs, mit denen man sich das Geld für
ein Studium verdienen kann, neue Einsparungsmöglichkeiten beim privaten Rentenkonto für die
Collegeausbildung und Steuerfreibeträge, die praktisch
jedem im Land eine zweijährige Collegeausbildung
ermöglichen, der bisher keinen Zugang zum College
hatte, und eine vierjährige Ausbildung sowie den
Besuch der Graduate School gestatten. So etwas hat
es nie zuvor gegeben, und es wird die Chancen
revolutionieren, wenn es um die Möglichkeit einer
Collegeausbildung geht.
Ich möchte erläutern, warum es so wichtig ist, daß wir
uns auf die nächsten drei Monate konzentrieren. Die
Vereinbarung über einen ausgeglichenen Haushalt
enthält einen Fünfjahresplan für den Ausgleich des
Haushalts, und sie enthält Steuersenkungen. Sie
enthält einen Ausgabenplan. Der Ausgabenplan muß
jedoch jedes Jahr erneut umgesetzt werden. Dies wird
der Kongreß in den nächsten drei Monaten mit der
Verabschiedung der Mittelzuweisungen tun. Er muß
das Geld für die Pell-Stipendien genehmigen. Er muß
das Geld für die Jobs genehmigen, mit denen man sich
das Geld für ein Studium verdienen kann. Er muß eine
Verdoppelung der Mittel für Computer in jedem
Klassenzimmer genehmigen, damit wir unser Ziel
verwirklichen können, jedes Klassenzimmer und jede
Bibliothek bis zum Jahr 2000 an das Internet anzuschließen. Er muß die Initiative "Amerika liest"
genehmigen - mit der wir Gemeindemitarbeiter,
jobbende Studenten im ganzen Land und Tausende
von AmeriCorps-Studenten mobilisieren können, die in
unsere Schulen gehen und mit Lehrern und Eltern
zusammenarbeiten um sicherzustellen, daß jeder
Drittklässler in diesem Land eigenständig lesen kann.
Das müssen wir tun.

AMERIKA DIENST 19

Wir müssen den Prozeß der Mittelbereitstellung
durchlaufen, ohne daß unsere Verpflichtung zu
nationalen Bildungsstandards Schaden nimmt. Wir
wissen zum Beispiel, daß die Vereinigten Staaten das
beste System für weiterführende Bildung der Welt
haben, und die Menschen kommen aus der ganzen
Welt, um hier zu studieren. Darauf bin ich sehr stolz.
Wir wissen jedoch auch, daß wir in der Ausbildung
unserer Kinder vom Kindergarten bis zur 12. Klasse
nicht so gut abschneiden wie wir sollten. Natürlich ist
es in Amerika schwieriger als an vielen anderen Orten
- wir haben mehr Vielfalt. Wir haben mehr rassische
Vielfalt, wir haben mehr sprachliche Vielfalt, wir haben
mehr kulturelle Vielfalt, und wir haben ein größeres
Einkommensgefälle als uns lieb ist. Die andere Vielfalt
ist nur zum Besten, denke ich.
Aber wir machen Fortschritte. Im internationalen
Notenvergleich in Mathematik und Naturwissenschaften lag unsere Nation in diesem Jahr gut über
dem nationalen Durchschnitt - und weit über dem
internationalen Durchschnitt in Mathematik und
Naturwissenschaften bei Viertklässlern. Bei den Noten
der Achtklässler lagen wir jedoch noch weit unter dem
Weltniveau, da unsere Kinder mit dem Erwachsenwerden und all den anderen Schwierigkeiten kämpfen, mit
denen sie sich konfrontiert sehen. Wir müssen besser
werden.
Wir sind die einzige große Nation der Welt, die keine
hohen, klaren, einheitlichen akademischen Standards
für herausragende Leistungen in Grundkursen in
öffentlicher Bildung hat. Wir haben keine. Für die
Ausbildung vom Kindergarten bis zur 12. Klasse sind
verfassungsmäßig die Bundestaaten und die örtlichen
Schulbehörden verantwortlich. Aber der Mathematikunterricht ist in Maine und Montana gleich. Und Kinder
müssen lesen lernen, ob sie in Washington oder an
der Südspitze von Florida leben.
Wir stehen jetzt kurz vor der Gründung einer vom
Kongreß eingerichteten überparteilichen Behörde, die
Prüfungen für Viertklässler im Lesen und für Achtklässler in Mathematik genehmigen soll. Einige denken,
das sollten wir nicht tun. Sie sagen, die Bundesregierung würde damit Macht an sich reißen. Das ist
nicht der Fall. Diese Prüfungen sind freiwillig. Kein
Bundesstaat und keine Schule muß sich daran
beteiligen. Die Bundesregierung hat diese Tests nicht
erarbeitet, wir bezahlen sie nur.
Ich hoffe jedoch, daß alle von Ihnen, die hier an diese
Universität gekommen sind, auf die 52,2 Millionen
Kinder blicken, die heutzutage in Amerika den Kindergarten und die Schule bis zur 12. Klasse besuchen das ist die größte Anzahl von Kindern aus den unterschiedlichsten sozialen Schichten, die es je gab. Wir
berauben sie der Zukunft, die Sie hier für sich in
Anspruch nehmen, wenn wir sie ohne die Grundqualifikationen aus der Schule entlassen, die sie für den

Seite 3

�Erfolg an der Universität benötigen. Und ich hoffe, Sie
werden unsere Bestrebungen bei den nationalen
Standards unterstützen.
Ihr Studentenvertreter hat eine sarkastische Bemerkung über die Sozialversicherung gemacht - und ich
weiß, daß viele von Ihnen denken, daß es sie nicht
geben wird. Aber es wird sie geben. Zweifelsohne
gehört es zu unserer größten Verantwortung sicherzustellen, daß es für die nächste Generation von
Amerikanern eine Sozialversicherung und Medicare
geben wird. Es ist falsch, Menschen in einen Fonds
für Leistungen einzahlen zu lassen, in deren Genuß
sie nie kommen. Das ist falsch.
In den nächsten drei Monaten werden wir auf diesem
Haushaltsabkommen aufbauen, wenn wir uns mit
Medicare befassen. Diese Haushaltsvereinbarung
verlängert die Gültigkeitsdauer des Medicare-Treuhandfonds um ein Jahrzehnt. In der Tat könnte dank
der von uns eingebauten strukturellen Veränderungen
genug Geld gespart werden, um ihn lange darüber
hinaus beizubehalten. Die führenden Kongreßabgeordneten und ich werden jedoch auch eine überparteiliche Kommission ins Leben rufen, die Medicare
prüfen und Empfehlungen abgeben soll, wie die
Krankenversicherung bis weit ins 21. Jahrhundert für
die nächste Generation von Amerikanern erhalten
werden kann.
Wir haben unter Beweis gestellt, daß wir unseren
Haushalt in Ordnung bringen und gleichzeitig die
Leistungen für die älteren Mitbürger verbessern
können. Jetzt müssen wir die Zukunft dieses Programms sicherstellen. Und dann können wir uns auch
mit der Sozialversicherung befassen. Wir können es
tun. Wenn wir den Haushalt ausgleichen können,
können wir ohne Zweifel auch das. Diese Probleme
haben mit den demographischen Veränderungen in
unserer Gesellschaft zu tun, und wir schulden es
Ihnen, nicht mit dieser Last konfrontiert zu werden. Ich
bin zuversichtlich, daß wir unserer Verantwortung
gerecht werden.
Als nächstes müssen wir unsere Bestrebungen zur
Ausdehnung des Handels auf die übrige Welt fortsetzen. Die Vereinigten Staaten sind jetzt wieder der
Exporteur Nummer Eins der Welt. Das müssen wir
aber auch weiterhin sein. Wir müssen es weiterhin
sein - nicht nur, weil es das Richtige für uns ist,
sondern weil es das Richtige für die Welt ist. Ich
möchte Ihnen einige interessante statistische Daten
nennen. In diesem Land leben weniger als fünf
Prozent der Weltbevölkerung; rund 20 Prozent des
Wohlstands der Welt entfällt auf unser Land. Wir
können unseren Wohlstand nicht erhalten, wenn wir
nicht das, was wir haben, an die anderen 95 Prozent
der Menschen in der restlichen Welt verkaufen.

Seite 4

Zweitens werden die wachsenden Volkswirtschaften
der aufstrebenden Länder, vor allem in Asien und
Lateinamerika - aber auch zunehmend in Afrika - in
den nächsten zehn Jahren sehr viel schneller wachsen
als die modernen Volkswirtschaften in Amerika,
Kanada und Europa. Wenn wir uns an diesem
Wachstum beteiligen, können wir eine enorme Zahl
von Ländern, die jetzt als arme Nationen eingestuft
sind, in den Rang von Nationen mit mittlerem Einkommen erheben, in denen Millionen von Kindern eine
würdigere, humanere und erträglichere Zukunft haben;
in denen Demokratie gedeiht; in denen wir gute
Partner nicht nur für die Wirtschaftsbeziehungen,
sondern auch für die Lösung der anderen Probleme
der Welt haben werden, bei denen wir die Verantwortung für sie übernehmen müssen.
Die Vereinigten Staaten haben eine eindeutige Verpflichtung zur weiteren Ausdehnung der Handelsgrenzen. Und morgen werde ich im Ostzimmer des
Weißen Hauses eine Kampagne in die Wege leiten,
um den Kongreß von der Erneuerung der traditionellen
Befugnis zu überzeugen, die Präsidenten jetzt seit
über 20 Jahren haben, ausländische Handelshemmnisse für amerikanische Waren und Dienstleistungen
abzubauen. Das ist für Sie und Ihre Zukunft sehr
wichtig.
Wir brauchen uns vor Handel mit der übrigen Welt
nicht fürchten. Wir sind die produktivste Volkswirtschaft der Welt. Es wird immer Veränderungen in
dieser Volkswirtschaft geben. Es wird immer neue
Arbeitsplätze geben, die geschaffen und abgeschafft
werden. Unter dem Strich haben wir jedoch seit 60
Jahren davon profitiert, daß wir den Weg zur Integration der Volkswirtschaften der Welt angeführt
haben. Das wird Frieden fördern, es wird Freiheit
fördern, es wird Stabilität fördern, es wird den Lebensstandard in anderen Teilen der Welt erhöhen und
gleichzeitig die Vereinigten Staaten als die wohlhabendste Nation der Welt erhalten. Und ich hoffe,
daß Sie auch das unterstützen werden.
Während wir die Chancen erweitern, müssen wir auch
weiterhin Verantwortungsbewußtsein von unseren
Mitbürgern fordern. Unter anderem haben wir die
gemeinsame Verantwortung, alles in unserer Macht
Stehende zu tun, um unsere Familien für das 21.
Jahrhundert zu stärken. Diese neue Volkswirtschaft
setzt die Eltern außerordentlich unter Druck, verlangt
von ihnen mehr Zeit, die sie nicht mit ihren Kindern
verbringen können, bringt vermehrte Nachfrage nach
finanzierbaren Kindertagesstätten mit sich, bombardiert die Kinder selbst mit Werbung, die es schwieriger denn je macht, sie entsprechend unseren
grundlegenden Werten zu erziehen.
Wir arbeiten an der Verabschiedung eines Jugendstrafgesetzes, um unsere Kinder aus Banden heraus
und von Drogen und Waffen fern zu halten. Wir

AMERIKA DIENST 19

�werden die allererste Konferenz des Weißen Hauses
über Kinderbetreuung veranstalten, um Wege zu
sondieren, wie alle Schichten der Gesellschaft einschließlich der Regierung - das vielleicht größte
Problem angehen können, mit dem sich unsere
arbeitenden Eltern heute konfrontiert sehen. Und wir
müssen diese historische Chance bei unseren Bestrebungen zum Schutz unserer Kinder vor den Gefahren
von Tabak nutzen, indem wir strenge Gesetze erlassen, die sich vor allem darauf konzentrieren, daß junge
Menschen weniger rauchen. Mehr Menschen sterben
durch das Rauchen als aufgrund eines anderen
Problems unserer heutigen Gesellschaft.
Als nächstes müssen wir in den kommenden drei
Monaten die riesige Herausforderung der Umweltzerstörung angehen. Wir werden im Dezember in Kyoto
auf einen weltweiten Vertrag über Klimawandel
hinarbeiten, der die Umwelt schützt und gleichzeitig
globales Wachstum fördert, indem er die Unterzeichnerstaaten zu spezifischen, klaren Richtlinien bei der
Verringerung von Treibhausgasemissionen in die
Atmosphäre verpflichtet. Wir wissen - Sie dürfen
applaudieren - daß es richtig ist.
Hier sind Studenten aus der ganzen Welt, aus dem
ganzen Land versammelt. Viele von Ihnen - und Ihre
Familien - haben im letzten Jahrzehnt in ihrer eigenen
Heimatstadt
beträchtliche
Klimaveränderungen
beobachtet, und es entwickeln sich noch dramatischere klimatische Verhältnisse. Es wird Teil des allgemeinen Sprachgebrauchs in ganz Amerika, über die
Jahrhundertflut zu sprechen, die wir am Mississippi
hatten. Ein Kongreßabgeordneter, der Mitglied der
anderen Partei ist, sagte mir neulich: "Herr Präsident,
in den vergangenen fünf Jahren hatten wir drei
Jahrhundertfluten in meinem Heimatstaat. Heißt das,
ich muß 500 Jahre warten, bis wir wieder eine schlimme Flut haben?"
Viele von Ihnen, die sich mit diesem Problem befassen, wissen, daß eine Gruppe von über 2.500 Wissenschaftlern zu der Schlußfolgerung gelangt ist, das
Erdklima erwärme sich auf eine Art und Weise, die
nicht genau vorhersagbare, aber mit an Sicherheit
grenzender Wahrscheinlichkeit zerstörerische Konsequenzen haben wird, wenn wir nicht etwas dagegen
unternehmen.
Das ist etwas, das Menschen aller Einkommensschichten, aller sozialen Schichten, aus allen Teilen
des Landes und in der Tat der ganzen Welt betreffen
wird. Wir benötigen die jungen Menschen Amerikas insbesondere die Studenten, die dieses Problem
studieren können - um es zu einem fesselnden
nationalen Thema zu machen. Und wir benötigen
Menschen, die das Vertrauen in unsere Fähigkeit
haben, neues technologisches und wissenschaftliches
Terrain zu erschließen, sich stark zu machen und zu
sagen: "Sie können mich nicht davon überzeugen, daß

AMERIKA DIENST 19

wir die Treibhausgasemissionen nicht beträchtlich
verringern können und die amerikanische Wirtschaft
dennoch weiterhin wächst."
Mit der bereits zur
Verfügung stehenden Technologie könnten wir sie
ohne irgend welche Kosten morgen reduzieren, wenn
wir nur unsere Vorgehensweise ändern würden.
Das wird eine sehr kontroverse Debatte. Und einige
werden sagen, Präsident Clinton hat sich fünf Jahre
lang überschlagen, um die amerikanische Wirtschaft
wiederzubeleben, und jetzt bringt er sie mit der
Verpflichtung zu Fall, die Treibhausgasemissionen in
Amerika zu reduzieren. Das ist nicht wahr. Aber wenn
Sie zulassen, daß der Meeresspiegel steigt und die
Südküste von Florida und die Südküsten von Louisiana
überflutet werden und auf sonstige Weise das Leben
stören, das es in den Vereinigten Staaten in den
nächsten 50 Jahren geben wird, dann werden unsere
Kinder den Preis für unsere Versäumnisse zahlen. Wir
können dieser Volkswirtschaft zu Wachstum verhelfen
und das Richtige für die Umwelt tun. Ich denke, Sie
glauben das, und ich brauche Sie, um mit mir zusammen das amerikanische Volk zu überzeugen, daß
es getan werden kann.
Und schließlich haben wir die Verantwortung zur
Verbesserung unseres politischen Systems. Das von
beiden Parteien aufgebrachte Geld verdoppelt sich
jetzt alle vier Jahre. Die treibende Kraft ist der Zugang
zu Ihnen - den Wählern. Es ist der Zugang zu Ihnen mit Fernsehsendungen, Radiosendungen, mit der Post
und mit Drucksachen - der uns antreibt. Wir müssen
den Kandidaten, die sich für Ämter zur Wahl stellen,
kostenlose oder verbilligte Sendezeit zur Verfügung
stellen, damit sie nicht mehr so viel Geld brauchen.
Und das wollen wir jetzt tun.
Eine von dem republikanischen Senator John McCain
und dem demokratischen Senator Russ Feingold
unterstützte äußerst wichtige Gesetzesvorlage wird
dem Senat gegen Ende dieses Monats vorgelegt. In
jedem Jahr seit meinem Amtsantritt habe ich einen
guten Gesetzentwurf zur Reform der Wahlkampffinanzierung befürwortet. Und jedes Jahr wurden
diese Gesetzesvorlagen durch Obstruktion im USSenat blockiert. Diejenigen, die das dieses Jahr nicht
wollen, sagen, sie werden wieder ganz von vorne
anfangen. Das können sie tun. Aber wenn sie es in
diesem Jahr tun, werden wir dafür sorgen, daß es im
vollen Rampenlicht der Öffentlichkeit geschieht. Ich
bitte um Ihre Unterstützung für die Reform der Wahlkampffinanzierung in diesem Jahr.
Als Drittes müssen wir in den nächsten drei Monaten
hart an der Förderung unserer Interessen und unserer
Führungsrolle in der Welt arbeiten. Wir leben in einer
Welt, die sich stark von der des Kalten Krieges
unterscheidet, und wir müssen noch viel tun, um sie zu
gestalten. Wir haben die Chance, die Vorteile von
Demokratie, Stabilität und freien Märkten zu konsoli-

Seite 5

�dieren und die Grundlagen für das Jahrhundert zu
schaffen, in dem Sie den Großteil Ihres Lebens leben
werden.
In diesem Jahr haben wir bereits die Chemiewaffenkonvention ratifiziert, so daß unsere Soldaten und
Bürger sicherer vor der Bedrohung durch Giftgas sind.
Wir haben hart am Aufbau eines ungeteilten, demokratischen und friedlichen Europas zum ersten Mal in der
Geschichte gearbeitet - und Polen, Ungarn und die
Tschechische Republik zum NATO-Beitritt eingeladen.
Ich sehe der Zusammenarbeit mit dem Senat bei der
Ratifizierung dieses historischen Schritts im nächsten
Jahr erwartungvoll entgegen und freue mich, daß eine
Gruppe führender Bürgervertreter sie befürwortet.
Wir schmieden neue Partnerschaften mit Rußland, der
Ukraine und den anderen neuen Demokratien Europas
und arbeiten mit allen unseren Freunden in Europa
zusammen, um den Menschen in Bosnien eine
Chance zu geben, sich an der demokratischen Zukunft
Europas zu beteiligen.
Erst haben wir den Krieg beendet und Schlachtfelder
wieder zu Spielfeldern und Luftschutzkeller zu Schulen
gemacht. Jetzt müssen wir unsere Anstrengungen
zum Aufbau eines dauerhaften Friedens verdoppeln.
In den kommenden Monaten werden wir weiterhin
nach Frieden im Nahen Osten und in Nordirland
streben, weiterhin verbrecherische Staaten und
Terroristen bekämpfen, weiterhin sicherstellen, daß
unser Militär und unsere Diplomatie die stärksten der
Welt sind. Aber vor allem werden wir in den verbleibenden Monaten dieses Jahres unsere Hemisphäre und Asien einbeziehen.
Im letzten Jahrzehnt sind auf dem gesamtamerikanischen Kontinent Staatsstreiche, Konflikte und
Planwirtschaften Demokratien und freien Märkten
gewichen. Im nächsten Monat werde ich nach Venezuela, Brasilien und Argentinien reisen, um den Handel
zu erweitern, Drogenhandel zu bekämpfen, die Umwelt
zu schützen und unsere Partnerschaften zu stärken.
Der gesamtamerikanische Kontinent kann zu einem
Bollwerk für unseren Frieden und unsere Sicherheit
werden.
Übrigens entfallen 70 Prozent des gestiegenen
Handels im vergangenen Jahr auf den gesamtamerikanischen Kontinent - er kommt von unseren Nachbarn in unserer Hemisphäre, und wir sollten das
fortsetzen.
Weil ich wollte, daß dies ein wirklich überparteiliches
Unternehmen ist, habe ich den republikanischen
Gouverneur von Massachusetts, Bill Weld, gebeten,
Botschafter in Mexiko zu werden - einem unseren
wichtigsten Verbündeten und Nachbarn. Meines
Erachtens ist er immer noch der beste Kandidat für
den Posten des Botschafters in Mexiko. Und ich

Seite 6

glaube - und das würde ich auch glauben, wenn es um
den Präsidenten einer anderen Partei mit einem
Kandidaten ginge, mit dem ich nicht einverstanden
wäre - wenn ein Präsident jemanden für einen Posten
nominiert, dann steht dieser Person eine Anhörung vor
dem Ausschuß für auswärtige Angelegenheiten zu,
und ich finde, er sollte diese Anhörung bekommen.
Im Herbst wird der chinesische Staats- und Parteichef
nach Washington kommen. China ist die Heimat von
einem Viertel der Weltbevölkerung. In weniger als
zwei Jahrzehnten könnte die Volkswirtschaft dieses
Landes die größte der Welt sein. Amerika hat ein
profundes Interesse daran, daß China stabil und offen
ist und in Frieden mit seinen Nachbarn lebt. Wir
möchten, daß es sich politischem Pluralismus und den
internationalen Regeln zivilisierter Verhaltensweisen
verschreibt. Wir möchten ein China, das mit uns am
Aufbau einer Zukunft in Sicherheit und Wohlstand
zusammenarbeitet. China wird sein Schicksal selbst in
die Hand nehmen, aber wenn wir uns in China engagieren, statt uns von dem Land zu isolieren, können
wir den von ihm eingeschlagenen Weg beeinflussen.
Der Besuch von Staats- und Parteichef Jiang Zemin ist
eine gute Gelegenheit - nicht so sehr für großartige
Erklärungen und dramatische Gesten, sondern
vielmehr für konstruktive Arbeit an gemeinsamen
Herausforderungen wie der, mit der wir uns auf der
koreanischen Halbinsel konfrontiert sehen oder dem
Schutz der Umwelt, der Eindämmung der Verbreitung
von Nuklearwaffen und der Erweiterung der Grenzen
des freien Handels zwischen uns. Ich sehe auch eine
Chance für uns, unsere Differenzen bei Themen wie
Menschenrechten und Religionsfreiheit offen und von
Angesicht zu Angesicht anzusprechen.
Uns einander gegenüber an einen Tisch zu setzen,
wird wahrscheinlich sehr viel eher Fortschritte hervorbringen als über den Pazifik hinweg mit dem Finger auf
den anderen zu zeigen. Wenn Staats- und Parteichef
Jiang Zemin hierherkommt, hoffe ich, daß das amerikanische Volk ihn willkommen heißt und sagen wird:
"Ja, es gibt Bereiche, in denen wir Meinungsverschiedenheiten haben, aber Sie repräsentieren ein
Viertel der Weltbevölkerung, einen noch größeren Teil

der Zukunft der Welt und Ihrem und unserem Volk wird
es besser gehen, wenn wir einen Weg zur gemeinsamen Gestaltung dieser Zukunft finden."
Und schließlich werden wir in den nächsten drei
Monaten neue Wege sondieren, um den vielleicht
zerbrechlichsten Wert von allen zu erhalten: Die Bande
der Gemeinschaft, die uns als Amerikaner verbinden.
In diesem Jahrhundert haben wir Welle um Welle von
Einwanderern aufgenommen, die von unserer reichlichen Fülle und unseren Idealen angezogen werden.
Dieses Jahrhundert hat beispiellose rassische Fortschritte erlebt und Afroamerikaner und andere Minderheiten schließen sich dem amerikanischen Haupt-

AMERIKA DIENST 19

�Strom an. Dennoch können eben diese Kräfte des
Fortschritts, die uns nach vorne katapultieren, uns
auch auseinander reißen, uns zu isolieren drohen jeden mit seiner eigenen Web-Seite, aber durch
wenige menschliche Bande der Gemeinschaft verbunden.
Das jahrhundertealte Dilemma der rassischen Ungerechtigkeit, rassischen Vorurteile oder nur schlicht der
alten Ängste und des Mißtrauens gegenüber Menschen, die anders sind als wir, wird verschärft durch
die neue Aufgabe, neue Gruppen von Einwanderern in
die bereits vielfältigste Demokratie aufzunehmen.
Binnen eines Jahrzehnts wird unser größter Staat Kalifornien - keine rassische Mehrheit mehr haben. In
nur wenigen Jahrzehnten wird dieses ganze Land
keine rassische Mehrheit mehr haben. Wir können die
demographischen Muster studieren und wissen, wie
Amerika im 21. Jahrhundert aussehen wird, aber wir
müssen nach innen blicken, um uns vorzustellen, wie
Amerika im 21. Jahrhundert sein wird. Die Antwort
liegt bei uns allen.
Ich habe die Nation gebeten, mit mir gemeinsam eine
eingehende nationale Konversation über das Thema
Rasse zu führen in dem Bestreben, Ungleichgewichte
zu beheben, Haß und Vorurteile abzubauen und sich
mit den realen zugrundliegenden Problemen zu
befassen, die nicht notwendigerweise etwas mit Rasse
zu tun haben, sich aber in rassischer Ungleichgerechtigkeit und Spannungen manifestieren, und - vor
allem - die Amerikaner mit unterschiedlichem Hintergrund zusammenzubringen, damit sie sich ehrlich über
die uns trennenden Linien gegenübertreten können.
Ihr Rektor stellte fest, daß hier auf diesem Unversitätscampus Menschen aus 140 verschiedenen rassischen
und ethnischen Gruppen vertreten sind. Das ist gut für
Sie. Sie können Amerikas Labor sein. Sie probieren
es aus und lassen uns das Ergebnis wissen.
Diese unsere Vielfalt ist ein Geschenk des Himmels.
Sie ist ein riesiges Geschenk in einer globalen Wirtschaft und einer globalen Gesellschaft. Wenn wir
einen Weg finden können, unsere Unterschiede nicht
nur zu respektieren, sondern uns tatsächlich dazu zu
bekennen und immer noch sagen, was uns verbindet,
ist noch wichtiger - dann werden wir das Problem
gelöst haben, das Bosnien lähmt, das immer noch
dazu führt, daß sich Menschen selbst in die Luft jagen,
um unschuldige Kinder im Nahen Osten zu töten,
wegen dem die Menschen in Irland immer noch über
das argumentieren, was vor 600 Jahren geschah, das
zu gemeinen Stammeskriegen in Afrika geführt hat, bei
denen Hunderttausende Menschen abgeschlachtet
wurden. Und dennoch - blicken Sie sich in diesem
Saal um.
Das ist eine Frage der Vorstellungskraft, der Vision
und des Herzens. Und sie ist auch so wichtig, daß

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man sie nüchtern angehen muß. Bis jeder wirklich
reale wirtschaftliche Chancen, reale Bildungschancen
und sichere Straßen hat, wird es rassische Unterschiede in Amerika geben, die sich in Dingen manifestieren, die wie Rassendiskriminierung aussehen, ob
sie es sind oder nicht. Auch hier müssen wir uns mit
den realen zugrundeliegenden Ursachen befassen.
Aber machen Sie sich nichts vor - die Angst vor
Menschen, die anders sind, ist eine reale zugrundeliegende Ursache. Wie wurden Menschen in Bosnien
Serben, Kroaten oder Muslime? Warum gehörten sie
in Bosnien der orthodoxen Kirche, der katholischen
Kirche oder dem muslimischen Glauben an? Es ist ein
Zufall der Geschichte oder der Jahrhunderte zurückgehenden Geopolitik. Biologisch sind die Menschen
nicht zu unterscheiden. Aber sie waren überglücklich,
Jahrzehnte des Friedens aufzugeben und binnen
Wochen damit zu beginnen, sich mit Hingabe umzubringen und vor nicht allzu langer Zeit gegenseitig
ihre Kinder zu erschießen.
In uns allen ist etwas, das uns in unseren defensivsten
Augenblicken jemanden finden lassen möchte, auf den
wir herabblicken können - das soll heißen, egal, wie
schlecht es mir geht, zumindest bin ich nicht sie oder
er. Stimmt das nicht? Und jeder von uns hat das auf
die eine oder andere Weise einmal an einem Punkt
seines Lebens getan.
Sie sind auf dieses herrliche Universitätsgelände
gekommen, Sie freuen sich mit Ihrem großen Enthusiasmus und Ihrer Hoffnung auf die Zukunft, Sie
sehen einander an, und Sie sind verschieden, und es
gefällt Ihnen. So müssen wir unser tägliches Leben in
Amerika gestalten. Die Menschen müssen am Morgen
aufstehen und sich wegen diesem Land mit all seiner
Vielfalt gut fühlen können, weil wir wissen müssen,
was gut an den Unterschieden zwischen uns ist und
uns zu ihnen bekennen müssen, und wir müssen auch
wissen, was uns verbindet: Was sind die Bedingungen
der Mitgliedschaft in der amerikanischen Gemeinde?
An was muß man glauben, nach welchen Maßstäben
muß man leben und für was muß man einzutreten
bereit sein, um Amerikaner zu sein? Das ist es, was
wir tun werden. Wir müssen uns unsere Zukunft als
eine wirklich multirassische, multiethnische und
multireligiöse Demokratie vorstellen, die immer noch in
einer geraden Linie von hier den ganzen Weg bis zu
George Washington zurückverfolgt werden kann. Ich
bin überzeugt, daß wir es tun können, aber ich bin
auch überzeugt, daß Sie alle den Weg anführen
müssen.
Gestatten Sie mir zu sagen, daß ein Großteil dieser
Arbeit mit dem Kongreß getan werden muß. Und ich
bin sehr erfreut über die Beziehungen, die wir bei der
Arbeit am Haushaltsausgleich hatten. Ich werde mit
dem Kongreß zusammenarbeiten, damit wir alles in
unserer Macht Stehende zur Umsetzung des Haus-

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�halts tun und die Richter und die anderen bestätigen
können, die unser Handeln erwarten. In gewisser
Weise befinden wir uns auf unbekanntem Terrain, aber
wir wissen, daß die Zeiten unser Handeln erfordern,
und ich bin sicher, daß das amerikanische Volk
unabhängig von seiner Parteizugehörigkeit unsere
Zusammenarbeit im Interesse der Öffentlichkeit
wünscht.
Überlegen Sie sich folgendes: Es sind noch 844 Tage
bis zum Jahr 2000 - bis zu einem neuen Jahrhundert,
einem neuen Jahrtausend und einem neuen Zeitalter
menschlicher Unternehmungen.
Wird es neue
Fortschritte, neuen Wohlstand und neue Größe für
Amerika bringen? Es liegt im Wesentlichen an uns.
Vor 34 Jahren hielt Präsident Kennedy hier an der
American University eine Rede, die von vielen als
seine beste angesehen wird. Es war eine Zeit, die vor
der Spannung zwischen den Supermächten knisterte,
aber Präsident Kennedy blickte nach vorn und sah
einen Tag, an dem der Kalte Krieg ein Relikt der
Vergangenheit sein würde. Nach Jahrzehnten der
Arbeit, in denen Amerikaner beider Parteien für unsere
Werte eingetreten sind, leben wir jetzt in der Welt, die
sich John Kennedy vor 34 Jahren an der American
University vorstellte.

*

Seite 8

Mit diesem Gedanken möchte ich mich verabschieden:
Es hängt alles von Ihrer Vorstellungskraft ab. Denken
Sie daran, wievielen Kindern wir in all den Krisenherden der Welt das Leben retten könnten, wenn alle
Menschen mit Macht und die Menschen, die sie
unterstützen sich ihre Zukunft nur in einer anderen
Weise vorstellen könnten - wenn sie nur Mut fassen
und mit einem anderen Bild kommen würden als dem,
das sie jeden Morgen beim Aufstehen vor sich sehen.
Das ist die wichtigste Kraft in der Welt.
Präsident Kennedy stellte sich die Welt, in der wir
heute leben, vor 34 Jahren in der Rede hier an der
American University vor. Jetzt ist es an Ihnen und mir
und unseren Mitbürgern, uns vorzustellen, was das
21. Jahrhundert sein wird, und dann das Erforderliche
zu tun, um diese Vision zur Realität für alle unsere
Menschen werden zu lassen. Aus diesem Grund bin
ich hierher gekommen - um Ihre Hilfe und die jedes
anderen Amerikaners zu erbitten. Für Sie hängt viel
davon ab, und ich setze darauf, daß wir dorthin
kommen.
Ich danke Ihnen. Gott schütze Sie.

*

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�NAHER

OSTEN
I.Oktober 1997

Albright: Arabische Welt muß sich geeint
für Frieden und Sicherheit einsetzen
Rede der US-Außenministerin vor dem Golf-Kooperationsrat

ABHA (SAUDI-ARABIEN) - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir den vorbereiteten Text der Rede, die USAußenministerin Madeleine Albright am 14. September 1997 beim Ministertreffen des Golf-Kooperationsrats (Gulf
Cooperation Council - GCC) in Abha im Südwesten Saudi-Arabiens hielt.

Vielen Dank. Ich freue mich außerordentlich, hier zu
sein.
Zunächst möchte ich Seiner Majestät, König Fahd,
Seiner Königlichen Hoheit, Prinz Saud, und der
Regierung von Saudi-Arabien für die Veranstaltung
dieses Treffens danken. Mein Dank gilt ferner Minister
Hamad für die Führungsrolle seines Landes im GolfKooperationsrat in diesem Jahr sowie allen Außenministern, die meine erste gemeinsame Sitzung mit
dem Rat ermöglicht haben.
Diese Gelegenheit ist für mich und meine Pflichten als
Außenministerin sehr wichtig, weil die Vereinigten
Staaten ihrer Freundschaft mit den Mitgliedern des
Kooperationsrats großen Wert beimessen. Ich weiß,
daß unsere Beziehungen für Präsident Clinton hohe
Priorität haben. Und ich freue mich über die Möglichkeit, Ihnen die Ansichten der Vereinigten Staaten
darzulegen und Ihre Meinung über die Themen zu
hören, die für uns alle von Belang sind.
Die Vereinigten Staaten haben grundlegende gemeinsame Interessen mit den Golf Staaten und vielen
anderen Ländern in der arabischen Welt. Wir wollen
alle, daß unsere Völker frei von der Bedrohung des
Krieges in Frieden leben können. Wir sind der Ansicht,
daß die Nationen eine Verantwortung zur Respektierung des Gesetzes in ihren gegenseitigen Beziehungen haben. Wir verabscheuen Extremismus und
verurteilen Terrorismus. Wir haben enge wirtschaftliche Beziehungen und möchten, daß unsere Bürger
zusammenarbeiten und die Gelegenheiten nutzen, die
durch den zunehmend integrierten und dynamischen
globalen Markt geschaffen werden.

AMERIKA DIENST 19

Wie Ihre Exzellenzen wissen, ist dies meine erste
Reise in diese Region in meinem derzeitigen Amt. Ich
komme mit Sorge um die Zukunft in diese altehrwürdigen Länder. Bei meiner Reise hatte ich die Gelegenheit, mit jungen Menschen aus Jerusalem und Ramallah zusammenzutreffen. Und bevor ich Washington
verließ, kam ich mit einer anderen Gruppe junger
Menschen zusammen, darunter einigen aus Ihren
Ländern, die an dem Seeds of Peace-Programm
teilnehmen. Zunächst möchte ich Ihnen gegenüber
äußern, was ich auch schon zu diesen Menschen, zu
Ministerpräsident Netanjahu und dem PLO-Vorsitzenden Arafat gesagt habe.
Für den Nahen Osten ist Frieden die einzige Option.
Der Weg des Konflikts führt nur zu Kummer und Leid.
Für Israelis, Palästinenser und Araber ist das ein
versiegender Brunnen. Er bietet nur eine Zukunft mit
mehr Gewalt, mehr Opfern, mehr Leid und mehr Haß.
Es wäre eine düstere Zukunft, die die Menschen in
dieser Region nicht verdienen und nicht akzeptieren
werden. Obwohl der Weg zum Frieden sehr schwierig
sein kann, bietet er eine andere Zukunft - eine Zukunft,
die reich an gegenseitigem Respekt, verstärkter
Zusammenarbeit und Würde für alle Völker ist.
Aus diesem Grund ist es so wichtig, daß die derzeitige
Vertrauenskrise beendet wird und die Staats- und
Regierungschefs den lähmenden Kreislauf von
gegenseitigen Beschuldigungen durchbrechen und
wieder pragmatische Schritte unternehmen, die für die
Fortsetzung des Friedensprozesses erforderlich sind.
Zu diesem Zweck müssen alle, die ein Interesse am
Frieden haben, ihrer Verantwortung nachkommen.

Seite 1

�Die Palästinensische Autonomiebehörde muß alles in
ihrer Macht Stehende unternehmen, um Terrorismus
zu verhindern und zu bestrafen sowie die in Oslo
eingegangene unumkehrbare Verpflichtung zu vertiefen, Israel nicht wie einen Gegner, sondern wie einen
dauerhaften Partner im Frieden zu behandeln. Wie der
PLO-Vorsitzende Arafat bereits sagte, leidet niemand
stärker unter den Auswirkungen des Terrorismus als
die Palästinenser.
Die israelischen Politiker müssen sich unilateraler
Aktionen enthalten, die das Vertrauen der Palästinenser in ihre Absichten unterminieren, und sollten - selbst
während sie die Wahrung der Sicherheit ihres Volkes
anstreben - nicht vergessen, daß keine Nation ein
größeres Interesse am Wohlstand der Palästinenser
als Israel hat.
Die Vereinigten Staaten haben eine Verantwortung der wir uns bewußt sind -, den Frieden zu unterstützen, ohne ihn aufzuzwingen zu wollen. Präsident
Clinton hat deutlich gemacht, daß wir dieser Verantwortung weiterhin gerecht werden, indem wir im
Einklang mit den Resolutionen 242 und 338 des UNSicherheitsrats, einschließlich des Prinzips Land
gegen Frieden, einen umfassenden Frieden unterstützen.
Schließlich haben die arabischen Staaten eine Verantwortung, der Sie sich ebenfalls bewußt sind: Den
Friedensprozeß zu unterstützen und gegen die Feinde
des Friedens anzugehen. Alles in Ihrer Macht Stehende zu unternehmen, damit extremistische Gewalttäter
wie beispielsweise die Hamas keine Hilfe irgendwelcher Art erhalten. Der Palästinensischen Autonomiebehörde großzügige Hilfe zu gewähren, während diese
sich um den Aufbau ihrer Wirtschaft und die Schaffung
einer auf Rechtsstaatlichkeit basierenden Gesellschaft
bemüht. Mehr zur Überwindung der Hindernisse zu
unternehmen, die zwischen Ihren Gesellschaften und
der Israels - dem Partner der Palästinenser im Frieden
- bestehen. Und sich den Vereinigten Staaten und
anderen beim Erhalt des Trends zu regionaler wirtschaftlicher Zusammenarbeit und Wachstum anzuschließen.
Im Hinblick auf diesen letzten Punkt möchte ich
nochmals unserer Hoffnung Ausdruck verleihen, daß
die Mitglieder des Kooperationsrats am diesjährigen
Nahost-Nordafrika-Gipfel (Middle East North Africa MENA) teilnehmen, den die Regierung von Qatar
großzügigerweise veranstaltet.
Die Bestrebungen zur Verbesserung dieser regionalen
wirtschaftlichen Zusammenarbeit sind keine Konzession an Israel, wie einige nahezulegen scheinen. Sie
sind ein unerläßlicher Stützpfeiler der langfristigen
Aussichten auf Frieden. Gemeinsamer Wohlstand
wird eine gemeinsame Verpflichtung zu Frieden
schaffen und den gewalttätigen Extremisten die

Seite 2

Grundlage entziehen, die auf Entbehrung setzen.
Vermehrter Handel und Investitionen zwischen den
Völkern der Region werden auch die Beziehungen
stärken, Vertrauen aufbauen und die Überwindung der
Rückschläge für den Frieden erleichtern.
In den vergangenen drei Jahren haben die MENAGipfeltreffen in Casablanca, Amman und Cairn erfolgreich ausländische Investoren in die Region angezogen und das Mißtrauen abgebaut, das die Regierungen so lange gespalten und den Privatsektor von der
Zusammenarbeit zu ihrem gegenseitigen Vorteil und
dem ihrer Gesellschaften abgehalten hat.
Der Doha-Gipfel ist eine weitere Möglichkeit, der Welt
eine Botschaft zu übermitteln, daß der Nahe Osten
eine Quelle für wirtschaftliche Dynamik und Chancen
sein kann und die Golfstaaten aktiv ihre Interessen
diversifizieren und regionalen Wohlstand schaffen.
Und er wird den Gegnern des Friedens eine Botschaft
senden, daß sie weder die Politik diktieren noch
Fortschritte zu einer Region aufhalten können, in der
alle von den Vorteilen größerer Stabilität und zunehmenden Wohlstands profitieren.
Während wir eine vielversprechendere Zukunft durch
unsere wirtschaftliche Zusammenarbeit anstreben,
müssen wir auch eine sichere Zukunft durch unsere
andauernde diplomatische und sicherheitspolitische
Zusammenarbeit aufbauen.
Das erfordert Zusammenarbeit, um terroristische
Bedrohungen auszumachen und darauf zu reagieren
sowie die für Terrorakte Verantwortlichen vor Gericht
zu bringen.
Und das erfordert unsere weitere gemeinsame
Entschlossenheit zur Sicherung von Frieden und
Stabilität in der gesamten Golfregion.
Die Vereinigten Staaten werden alle Anstrengungen
aller Seiten vereiteln, unsere regionalen Freunde zu
zwingen, einzuschüchtern oder die Navigationsfreiheit
in den internationalen Gewässern des Golfs einzuschränken.
Die Vereinigten Staaten sind weiterhin entschlossen zu
verhindern, daß der Irak je wieder Sie oder andere in
der Region bedroht. Wir bestehen nach wie vor
darauf, daß das Regime in Bagdad seine friedlichen
Absichten unter Beweis stellt und die Rechtsstaatlichkeit respektiert, indem das Land alle entsprechenden
Resolutionen des UN-Sicherheitsrats einhält. Bedauerlicherweise ist der Irak weiterhin weit von diesem
Standard entfernt. Die Vereinigten Staaten sind jedoch
erfreut, daß der Sicherheitsrat einem Plan zugestimmt
hat, der den Verkauf begrenzter Mengen von irakischem Öl gestattet, um den Kauf von Nahrungsmitteln
und anderen humanitären Hilfsgütern für das irakische
Volk zu finanzieren.

AMERIKA DIENST 19

�Unsere Sicherheitszusammenarbeit erfordert auch,
daß wir die Ereignisse in Teheran sorgfältig im Auge
behalten.
Die Wahl von Seyyed Mohammad Khatami zum neuen
Präsidenten des Iran ist eine interessante und möglicherweise hoffnungsvolle Entwicklung. Das iranische
Volk hat seinen Wunsch nach Wandel zum Ausdruck
gebracht. Unklar ist noch, ob und in welchem Ausmaß
der Wandel tatsächlich stattfinden wird.
In jüngster Zeit hat die Politik des Iran Instabilität
genährt und internationale Normen in drei Bereichen
verletzt: Unterstützung von internationalem Terrorismus und gewalttätigem Widerstand gegen den NahostFriedensprozeß; Bestrebungen zur Beschaffung von
Massenvernichtungswaffen und Bestrebungen zur
Destabilisierung freundlich gesinnter Staaten. Aus
einer internationalen Perspektive gesehen, wird
Präsident Khatamis neue Regierung in diesen Bereichen auf die Probe gestellt.
Obwohl wir auf einen positiven Wandel im Iran hoffen,
können wir nicht damit rechnen. Wir werden ihn nicht
an den Worten, sondern an den Taten messen. Wir
müssen Seite an Seite stehen und auch die Ver-

*

AMERIKA DIENST 19

einigten Arabischen Emirate und Bahrain gegen
iranische Einschüchterungsversuche unterstützen.
Abschließend möchte ich nochmals die Bedeutung
unserer andauernden Partnerschaft betonen, wenn wir
Stabilität bewahren, gemeinsame vitale Interessen
schützen und Frieden mit Sicherheit und Würde für alle
Völker dieser Region fördern wollen. Weil unsere
Partnerschaft vor mehr als fünf Jahrzehnten begann,
wissen wir, daß sie dauerhaft ist. Weil unsere Partnerschaft zur Gewährleistung einer Zukunft in Wohlstand
für unsere Bürger beitragen kann, wissen wir, daß sie
klug ist. Weil unsere Partnerschaft den Gesetzesinteressen dient, wissen wir, daß sie gerecht ist. Und weil
unsere Partnerschaft sich dem Frieden verschrieben
hat, wissen wir, daß sie richtig für unsere Kinder und
unsere Kindeskinder ist.
Nochmals herzlichen Dank, daß ich an dieser Konferenz teilnehmen durfte. Ich weiß Ihre Gastfreundschaft
wirklich zu schätzen. Und ich sehe der Zusammenarbeit mit Ihnen bei der weiteren Stärkung unserer
Partnerschaft in den kommenden Monaten und Jahren
erwartungsvoll entgegen.
Ich danke Ihnen.

* * * *

Seite 3

�NATO
I.Oktober 1997

Albright: Wir wollen, daß der Frieden Bestand hat
Rede der Außenministerin vor dem
Ständigen Gemeinsamen Rat der NATO

NEW YORK - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede von Außenministerin Madeleine Albright beim
Treffen des Ständigen Gemeinsamen Rats der NATO und Rußlands am 26, September 1997.

Herr Generalsekretär,
verehrte Kollegen,

Außenminister

Primakow,

es ist mir eine große Freude, mit Ihnen gemeinsam
den offiziellen Beginn der neuen und historischen
Partnerschaft zwischen der NATO und Rußland feiern
zu können. Ich möchte nur einige Worte über unsere
Ziele in diesem Ständigen Gemeinsamen Rat und die
vor uns liegende Arbeit sagen. Ich möchte Sie alle
auch in New York - der Stadt, die niemals schläft,
außer vielleicht bei einer Sitzung der UN-Generalversammlung - willkommen heißen.
Wir haben uns hier versammelt, weil jeder von uns
einige unleugbare und hoffnungsvolle Tatsachen
anerkannt hat: Wir wissen, Europa verändert sich,
Rußland verändert sich, die NATO verändert sich.
Wir sind uns bewußt, daß der Integrationsprozeß in
Europa uns so weit bringen sollte, wie die Grenzen der
Freiheit reichen werden. Wir sind der Überzeugung,
daß das Streben nach Sicherheit in Europa kein Spiel
ist und niemals hätte sein sollen, in dem der Gewinn
einer Nation der Verlust der anderen ist.
Vor vier Monaten vereinbarten unsere Staats- und
Regierungschefs in Paris, von diesen Fakten ausgehend grundlegend andere Beziehungen zwischen der
NATO und Rußland aufzubauen. Heute sind diese
Beziehungen im Entstehen begriffen.
Bei Augenblicken wie diesen greifen wir für gewöhnlich
auf das Cliche zurück, daß Kooperation an die Stelle
von Konfrontation getreten ist, und wir erinnern uns
daran, daß der Kalte Krieg wirklich und vollständig
hinter uns liegt. In der Tat geht die Umgestaltung, die
wir gesehen haben, sehr viel tiefer als das.

AMERIKA DIENST 19

Zum ersten Mal in der Geschichte sehen die großen
europäischen und atlantischen Mächte einander nicht
als potentielle Gegner. Zum ersten Mal in der Geschichte sind die kleinen Mächte sicher und frei genug
zur Gestaltung ihrer Zukunft.
Einige fragen sich, warum wir uns in dieser Zeit
relativen Friedens in Europa so sehr auf die Sicherheit
konzentrieren. Die Antwort lautet, wir wollen, daß der
Frieden Bestand hat. Wir wollen die richtigen Sicherheitsarrangements treffen, damit wir uns in der
Zukunft nicht mehr so viele Gedanken über die
Sicherheit machen müssen - und mit der Aufgabe der
Erweiterung von Chancen und Wohlstand fortfahren
können.
Dieser Rat ist eines der Arrangements, die wir richtig
machen müssen. Wenn wir ihn gut nutzen, werden die
NATO und Rußland eine Partnerschaft haben, dank
derer wir zusammen große Dinge tun können. Und
das liegt sicherlich in unserem gemeinsamen Interesse.
Hier werden wir Konsultationen über unsere Militärstrategien, Verteidigungspolitik und Friedenssicherung
führen, hier werden wir praktische Schritte zur Verhinderung der nuklearen Weiterverbreitung und zur
Verringerung der Bedrohungen durch chemische und
biologische Waffen unternehmen. Hier können wir die
Art und Weise unserer Zusammenarbeit verbessern,
wenn Truppen der NATO und Rußlands bei komplexen
Missionen wie der SFOR dienen.
Natürlich werden wir nicht immer bei allem einer
Meinung sein. Und natürlich gibt es noch einen
weiteren Grund, warum wir diesen Rat gegründet

Seite 1

�haben: Um durch regelmäßige Dialoge und verbesserte Transparenz Vertrauen aufzubauen.

folgreich waren und wir uns über die Notwendigkeit
einig sind, die Bestimmungen von Dayton in den
kommenden Monaten mit erneuter Kraft umzusetzen.

Ich weiß, viele Russen bezweifeln, daß ihr Land
vertrauensvolle Beziehungen zur NATO aufbauen
kann. Gestatten Sie mir zu sagen, ich erwarte nicht,
daß diese Treffen diese Einstellung über Nacht
ändern. Ich erwarte nicht, daß Rußland sich plötzlich
in die NATO verliebt.

Unsere Diskussionen über Bosnien im besonderen
und Friedenssicherung im allgemeinen stehen erst am
Anfang. Wir haben einen Rahmen für Partnerschaft,
jetzt müssen wir ihn mit den Einzelheiten füllen.

Meine einzige, leicht ironische Hoffnung ist, daß
Rußland die NATO irgendwann langweilig wird. Mit
anderen Worten, ich hoffe und erwarte, daß Rußland
die echte NATO als das kennenlernt, was sie ist:
Weder eine Bedrohung für Rußland noch die Antwort
auf die drängendsten Probleme des Landes, sondern
einfach als eine Institution, die Rußland bei der
besseren Integration in den europäischen Hauptstrom
behilflich sein kann.

Dazu zählen die Schritte, die zu unternehmen wir
bereits versprochen haben. Wir sehen der Ankunft
eines russischen militärischen Vertreters bei der NATO
erwartungsvoll entgegen. Wir müssen Verbindungsmissionen bei den wichtigsten Militärkommandos des
jeweils anderen Landes einrichten. Die NATO muß ein
Informationszentrum in Moskau eröffnen. Wir sind
bereit, das alles zu tun. Lassen Sie uns dies bis
Dezember erledigen, damit wir eine ehrgeizigere
Tagesordnung für die Zukunft in Angriff nehmen
können.

Ich glaube, daß wir beim Aufbau dieser Art von
Verständnis in Bosnien große Fortschritte erzielt
haben. Die Geschichte wird belegen, daß die NATO,
als sie das erste Mal in Aktion trat, dies zusammen mit
- nicht gegen Rußland gerichtet - tat.

Ich möchte auch betonen, daß die Grundakte zwischen der NATO und Rußland engere russische
Zusammenarbeit mit der NATO in der Partnerschaft für
den Frieden und im Euroatlantischen Partnerschaftsrat
ermutigt.

Im Namen aller meiner Kollegen in der NATO möchte
ich sagen, daß der Beitrag Rußlands zur SFORMission unerläßlich war.

Die grundlegendsten Entscheidungen, die Zusammenarbeit zwischen der NATO und Nichtmitgliedstaaten
betreffen, werden im EAPR in Anwesenheit aller
unserer Partner getroffen. Im November wird der
EAPR zur Erörterung der Stabilität im südöstlichen
Europa zusammenkommen, und wir werden eine gute
Gelegenheit haben, gemeinsam darüber nachzudenken, wie wir dieses unerläßliche Forum voll und ganz
nutzen können.

Gleichzeitig sind unsere gemeinsamen Bestrebungen
in Bosnien mehr als ein Test unserer Zusammenarbeit,
mehr als ein Test der Verfahrensweise. Sie sind ein
Test unserer Prinzipien. Unser Ziel ist nicht nur
Zusammenarbeit, sondern Zusammenarbeit der Art,
daß künftige Aggression abgewehrt wird, Gerechtigkeit
geschieht und ein vereintes Bosnien seinen Platz in
einem ungeteilten Europa einnehmen kann. Unsere
Verpflichtung, unparteiisch zu sein, erfordert von uns,
jede Partei in Bosnien an dem gleichen objektiven
Standard zu messen: Wie sie die Ziele des Abkommens von Dayton voranbringt.

Die Vereinigten Staaten sehen der Sondierung all
dieser Möglichkeiten mit Rußland und unseren Verbündeten in der NATO erwartungsvoll entgegen. Wir
sind zufrieden, daß dieser Prozeß begonnen hat, und
ich danke Ihnen für diese Gelegenheit, die Ansichten
meines Landes zum Ausdruck zu bringen und die
Ihren zu hören.

Aus diesem Grund bin ich erfreut, daß unsere Konsultationen in dieser Woche ernsthaft, substantiell und er-

* *

Seite 2

*

AMERIKA DIENST 19

�NATO
I.Oktober 1997

Die NATO-Erweiterung - Leichtsinn oder Notwendigkeit?
Rede von Botschafter Robert Hunter

CHICAGO - (AD) - Die Erweiterung der NATO ist dem Ständigen Vertreter der Vereinigten Staaten von Amerika
bei der NATO, Robert Hunter, zufolge "eine Voraussetzung für die Erlangung dauerhafter Sicherheit in Europa".
Nachfolgend veröffentlichen wir den vorbereiteten Text der Rede, die Botschafter Hunter am 16. September 1997
vor dem Chicago Council on Foreign Relations in Chicago hielt.

Vielen Dank, Herr Vorsitzender. Es ist mir eine Ehre,
wieder vor dem Chicago Council on Foreign Relations
sprechen zu dürfen - einer zweiten Heimat und
zweifelsohne einem Mekka für diejenigen, die Außenpolitik und die elementare Rolle des amerikanischen
Volkes bei der Erfüllung unserer Verpflichtungen im
Ausland ernst nehmen.
Es ist eine doppelte Ehre, mit Ihrem Präsidenten, John
Rielly, hier zu sein. Seit 30 Jahren darf ich ihn stolz
meinen "Freund und Kollegen" nennen, und seit 25
Jahren steht er dem Chicago Council vor, der dieses
Jahr sein diamantenes Jubiläum feiert und unter Johns
Leitung bei der Förderung des Verständnisses für das
Ausland und Amerikas angemessener Rolle in der
Welt unübertroffen ist.
Somit möchte ich kurz zwei nationale Aktivposten
würdigend hervorheben: den Chicago Council on
Foreign Relations und seinen herausragenden Präsidenten, John Rielly.
Herr Vorsitzender,
dies ist eine außergewöhnliche Zeit für die NATO.
Vor nur wenigen Jahren wurde ein Nachruf auf das
Bündnis geschrieben. Es wurde zusammen mit dem
Warschauer Pakt für Karl Marx' "Aschehaufen der
Geschichte" vorgesehen. Heute freue ich mich jedoch,
berichten zu können, daß die NATO "gesund und
munter" ist und die starke Unterstützung von 16
Verbündeten, drei zum Beitritt eingeladenen Ländern
und 24 Partnern für den Frieden genießt.

AMERIKA DIENST 19

Die NATO ist gesund und munter, weil sie sich erneut
als unverzichtbare Institution für die Erfüllung der
Bedürfnisse und das Ergreifen von Sicherheitschancen
in Europa erwiesen hat - nicht nur heute, sondern bis
hinein ins nächste Jahrhundert.
Alle 16 Verbündeten haben beschlossen, daß sie ihre
Sicherheit gemeinsam - nicht separat - verteidigen
wollen, obwohl der ursprüngliche Grund für ihr Zusammenkommen - der Kalte Krieg und die Sowjetunion
- nicht mehr existieren. Niemand möchte die Verteidigung erneut zur "nationalen Sache" machen; alle
möchten das erprobte und richtige NATO-Bündnis
fortsetzen.
Die NATO ist auch weiterhin die Grundlage für die
einzigartigen Errungenschaften der Geschichte: Die
Tatsache, daß die 15 Mitgliedstaaten der EU nichts
Geringeres erreicht haben, als den Krieg als Instrument ihrer gegenseitigen Beziehungen abzuschaffen. Es ist jetzt undenkbar, daß Deutschland und
seine Nachbarn erneut Krieg führen, und niemand
bezweifelt die Klugheit der zeitlich und territorial
möglichst umfassenden Wahrung und Ausweitung des
"europäischen zivilen Raums".
Wir in der NATO haben jetzt die Chance und die
Ambition, diesen zivilen Raum - Schritt für Schritt nach Osten auszuweiten, um Gesellschaften einzubeziehen, die bislang nicht in der Lage waren, sich
eine Zukunft ohne immer wieder auftretende Konflikte
vorzustellen. Das Bündnis hat sich über seine alten
Grenzen hinaus ausgedehnt - in diesem Sinne haben
wir die "Erweiterung" bereits vollzogen - was das
Versprechen und die Aussicht beinhaltet, Sicherheit
auf dem gesamten Kontinent zu schaffen - die dieses

Seite 1

�Mal Bestand haben wird und alle Länder und Völker
Europas einbeziehen kann, die zur Teilnahme bereit
und willens sind.
Ferner haben wir anerkannt, daß Frieden und Sicherheit in Europa einen revolutionären Ansatz zu
Rußland erfordern - dem Land, dessen Schicksal sich
als entscheidend für die Zukunft Europas erweisen
könnte: Wir dürfen es nicht wie einen Pariahstaat
behandeln, der einen Krieg verloren hat - wie Deutschland nach 1918 behandelt wurde - sondern vielmehr
als großartige Nation mit einem legitimen Recht, Teil
Europas, seiner Politik, Gesellschaft, Wirtschaft und
Sicherheit zu sein - wie das Deutschland nach 1943,
das sich zu der freien und demokratischen Bundesrepublik entwickelte, wie wir sie heute kennen.
Gleichzeitig hat sich die NATO der Herausforderung
der ernstesten und dauerhaftesten Kämpfe in Europa
seit dem Zweiten Weltkrieg - in Bosnien - gestellt: Eine
Brücke zwischen Sarajevo 1914 und Sarajevo 1997 zu
schlagen. Heute ist der 637. Tag seit die NATOTruppen den Menschen in Bosnien-Herzegowina eine
Chance boten, ihr Leben in Frieden anstatt inmitten der
tragischen Konflikte der letzten Jahre zu gestalten.
Und die NATO stellt erneut unter Beweis, daß sie für
die Vereinigten Staaten in der Welt von entscheidender
Bedeutung ist. Wir sind schon lange eine europäische
Macht, was ein angemessenes Spiegelbild unserer
strategischen, politischen und wirtschaftlichen Interessen ist - sowie unserer demokratischen Werte und
Ziele.
Hierbei sind wir meines Erachtens einer Meinung, und
unser fortgesetztes Engagement für die NATO ist der
wichtigste Ausdruck dieser dauerhaften Interessen und
Werte. Ich bin dankbar, daß jeder Kongreßabgeordnete beider Parteien, der der NATO während
meiner Zeit dort einen Besuch abgestattet hat, seiner
Unterstützung für ein fortgesetztes Engagement der
Vereinigten Staaten für die europäische Sicherheit
Ausdruck verliehen hat. Gleichzeitig wurde dieses
Engagement auf dem Kontinent wieder als wesentlich
anerkannt. Die Verbündeten erwarten erneut von uns
Inspiration, eine Führungsrolle und Engagement.
Dies ist ein ernüchternder Gedanke. Es ist ein Anzeichen für die Pflichten, um deren Übernahme diese
Generation von Amerikanern erneut gebeten wird,
sowie für die schwierigen Verhandlungen und die
wesentlichen Entscheidungen, die wir Amerikaner
gemeinsam treffen müssen. Dies ist ein zusätzlicher
Grund, nach Chicago, ins Herz Amerikas, zu kommen.
Letztlich wird unsere Rolle für die europäische Sicherheit vom amerikanischen Volk entschieden
werden. Das ist richtig, angemessen und notwendig,
denn jede von uns eingegangene Verpflichtung dieser
Größenordnung muß tief in unserer politischen Kultur
verwurzelt sein.

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Herr Vorsitzender,
ist die NATO-Erweiterung Leichtsinn oder Notwendigkeit?
Das ist keine rhetorische Frage und auch keine, die wir
leicht beantworten können. Seien wir ehrlich: Was wir
jetzt tun müssen - Polen, Ungarn und die Tschechische Republik in die NATO aufzunehmen - wird die
Vereinigten Staaten unwiderruflich an die Sicherheit
Europas binden. Das wird zu neuen Ansprüchen und
zu zusätzlichen Kosten führen. Es beinhaltet ein
dauerhaftes Engagement für die Sicherheit und
Stabilität Zentraleuropas. Es bedeutet, die Anliegen
Rußlands ernst zu nehmen und zu versuchen, ihnen
zu entsprechen. Und es verlangt von den NATOVerbündeten, gemeinsam sicherzustellen, daß dies
alles gelingt, damit jedes Land im transatlantischen
Raum - von Nordamerika über ganz Eurasien zumindest in gewissem Umfang ein Interesse am
Erfolg der Verbündeten hat. Wir möchten, daß die
Menschen in Chicago, Frankfurt, Warschau, Prag,
Budapest, Bukarest und den Baltischen Staaten, in
Kiew und Moskau zum gegebenen Zeitpunkt sagen
können, daß die NATO ihnen zu einer sichereren
Zukunft verholten hat.
Und schauen Sie sich die Möglichkeiten an, wenn es
uns gelingt. Wir haben jetzt die Chance, Millionen
Menschen einzubeziehen, die seit langem unter
kommunistischer Tyrannei und sowjetischer Herrschaft
daniederliegen - abgeschnitten von der vollen Blüte
der westlichen Demokratie und den bemerkenswerten
wirtschaftlichen Erfolgen der letzten Jahrzehnte. Wir
haben die Chance, die Wunden zu heilen, die nicht nur
in einem, sondern in allen drei großen europäischen
Kriegen dieses Jahrhunderts geschlagen wurden. Wir
bieten nichts Geringeres als eine einzigartige Chance,
noch einmal die Geschichte beeinflussen zu können:
Die Arbeit des Marshallplans zu beenden und am
Aufbau demokratischer, prosperierender und sicherer
Gesellschaften in ganz Europa teilzunehmen - diesmal
nicht durch einen Eisernen Vorhang getrennt.
Die NATO hat ihre Erneuerung begonnen. Zu diesem
Zweck nahmen dieses Frühjahr führende Politiker des
Bündnisses 44 Tage lang an einer Reihe bemerkenswerter Aktivitäten teil - von der Unterzeichnung der
Grundakte zwischen der NATO und Rußland in Paris
über das Treffen von 43 Staats- und Regierungschefs
beim historischen NATO-Gipfel in Madrid. Und als die
Arbeit erledigt war, hatte sich die NATO grundlegender
gewandelt als zu jedem anderen Moment seit ihrer
Gründung vor nahezu einem halben Jahrhundert.
Dies war eine direkte Reaktion auf Präsident Clintons
Führungsrolle und basierte auf den beim Brüsseler
Gipfel von 1994 getroffenen Entscheidungen. Die
NATO war auf acht verschiedenen Gebieten tätig, die
sich gegenseitig bekräftigten und gemeinsam einen

AMERIKA DIENST 19

�kohärenten und beständigen Rahmen für die europäische Sicherheit schufen.
Im Juli vereinbarten die 16 Staats- und Regierungschefs der NATO in Madrid, die ersten drei Länder zum
NATO-Beitritt einzuladen - und wählten diejenigen aus,
die die Pflichten der Mitgliedschaft am ehesten erfüllen
und die Zustimmung zum Beitritt in den 16 Parlamenten am ehesten erhalten würden. Wir handeln jetzt mit
ihnen die Beitrittsurkunden aus.
Diese werden
nächstes Jahr an die Parlamente weitergeleitet, und im
Falle ihrer Ratifizierung - die zwei Drittel der Stimmen
des US-Senats erfordert - werden die ersten neuen
Mitglieder dem Bündnis bei einem Gipfeltreffen in
Washington am 50. Jahrestag der NATO im April 1999
beitreten.
Gleichzeitig vereinbarten die Verbündeten in Madrid,
die Tür zur Mitgliedschaft offen zu halten. Dies beides
ist miteinander verbunden - Mitgliedschaft und offene
Türen. Das Konzept istTrennlinien in Europa auszuradieren, nicht neue zu ziehen. Aus der Sicht der
Vereinigten Staaten bleibt die Tür zur NATO-Mitgliedschaft so lange offen wie europäische Länder zur
Übernahme der Pflichten einer NATO-Mitgliedschaft
bereit und willens sind. Wer der nächste sein und
wann die Aufnahme erfolgen wird, ist noch nicht
entschieden. Aber die Verpflichtung ist unumstößlich.
Die Staats- und Regierungschefs gingen jedoch noch
weiter. Vor drei Jahren leitete die NATO eines ihrer
erfolgreichsten Projekte in die Wege: Die Partnerschaft
für den Frieden. Diese hat 27 Länder in den Einflußbereich und Aktionsradius der NATO einbezogen, von
Zentraleuropa über die Ukraine und Rußland bis zu
Zentralasien. Für die wenigen Länder, die den NATOBeitritt anstreben, ist die "PfF" - wie wir sie nennen die Zwischenstation für die Mitgliedschaft, das
Übungsgelände für das Bündnis, der Übergang, der
vor dem Beitritt statt hinterher erfolgt - so daß die
Antwort Ja lauten wird, wenn der Senat der Vereinigten
Staaten fragt, ob sie bereit sind. Den Ländern, die der
NATO - zumindest nicht sofort - beitreten, ermöglicht
die PfF permanentes Engagement für das Bündnis,
und sie können buchstäblich alles tun, was ein Bündnispartner tun kann. In der Tat dienen 14 dieser
Partner jetzt bei der SFOR in Bosnien und tragen wie
jedes NATO-Mitglied ihren Teil zur Wahrung des
Friedens bei.
Gleichzeitig hat die NATO der Partnerschaft für den
Frieden durch die Gründung eines neuen Euroatlantischen Partnerschaftsrats größeres politisches
Gewicht verliehen, der seinen 43 Mitgliedern die
Festlegung des Kurses der PfF und das Vorbringen
ihrer Sicherheitsbelange im Zentrum des Bündnisses
gestattet.
Am bemerkenswertesten ist jedoch vielleicht die
Grundakte zwischen der NATO und Rußland. Sie

AMERIKA DIENST 19

bietet Rußland die Chance, eine Hauptrolle in der
europäischen Sicherheit zu spielen - wenn das Land,
wie jedes andere auch, die Spielregeln einhält. Die
Grundakte wahrt uneingeschränkt die Fähigkeit der
NATO, ihre eigenen Entscheidungen zu treffen und
ihre entscheidenden Qualitäten als ein Verteidigungsbündnis zu erhalten, aber sie sieht auch ein breites
Spektrum an Konsultationen, Kooperation und sogar
gemeinsamen Aktionen mit Rußland vor. In der
nächsten Woche wird der neue Ständige Gemeinsame
Rat der NATO und Rußlands bei einem Ministertreffen
in New York zusammenkommen und mit dem Entwurf
eines Arbeitsprogramms beginnen, das sich - unter der
Voraussetzung, daß es auf beiden Seiten Goodwill und
echte Anstrengungen gibt - zu einer strategischen
Partnerschaft entwickeln kann, von der beide Seiten
profitieren, während sie gleichzeitig die Interessen aller
anderen voll wahrt. Es ist immer noch schwierig, sich
vorzustellen, daß heute 1.300 russische Soldaten in
Bosnien im Rahmen der von der NATO angeführten
SFOR dienen - amerikanische und russische Soldaten
patrouillieren zusammen und verstärken sich gegenseitig zum ersten Mal seit der Auflösung der Grand
Alliance nach dem Zweiten Weltkrieg.
Die NATO hat mit einer Charta, die der elementaren
Bedeutung dieses Landes im Herzen Europas Rechnung trägt, auch eine besondere Partnerschaft mit der
Ukraine besiegelt. Das ist ein entscheidender Test für
alles, was wir zu erreichen versuchen.
Die neue NATO verändert auch in tiefgreifender Art
ihre Arbeitsweise, um die höchst unterschiedlichen
militärischen Anforderungen des neuen Jahrhunderts
zu meistern. Wir werden die Anzahl der Hauptquartiere um zwei Drittel verringern; wir schaffen neue Mittel
für Organisation und Befehlsstruktur der Streitkräfte für
friedenssichernde Missionen und andere Krisen; wir
werden jedoch auch sicherstellen, daß das Bündnis
weiterhin jede mögliche militärische Herausforderung
bewältigen kann - und eine größere NATO ebenso
stark und effektiv ist wie heute.
Und schließlich haben wir bei der NATO auf den
Wunsch unserer europäischen Verbündeten reagiert,
durch eine neue Europäische Sicherheits- und Verteidigungsidentität mehr Verantwortung für die Verteidigung und einen größeren Teil der Last zu übernehmen. Zum ersten Mal wird die Europäische Union
unter Zuhilfenahme der NATO eigenständig militärische Operationen durchführen können, während
sie gleichzeitig die Beziehungen über den Atlantik
hinweg verstärkt, statt mit ihnen zu konkurrieren.
Herr Vorsitzender,
vor diesem Hintergrund sollten wir meines Erachtens
die Erweiterung der NATO beurteilen - als einen Schritt
in einer Sicherheitsstruktur, die Bestand haben kann,

Seite 3

�weil sie die legitimen Erfordernisse aller in Europa
engagierten Länder erfüllt.

Das wäre tatsächlich ein Mißerfolg; das wäre tatsächlich Leichtsinn.

Mit der offiziellen Bündnismitgliedschaft wollen wir die
Länder Zentraleuropas aus der Geschichte herauslösen - der Geschichte eines Jahrhunderts, in dem
Unsicherheit und Instabilität sie und so viele andere
wiederholt in Konflikte und Tragödien gestürzt hat. Wir
wollen den Wettlauf um Vorherrschaft und Kontrolle in
dieser Region beenden - so daß diese ewigen Ziele
der Machtpolitik ihr Schicksal selbst in die Hand
nehmen können. Wir wollen diesen Menschen das
Vertrauen geben, ohne Einmischung ihren Wiederanschluß an den Westen zu verfolgen, ihre neuen
Demokratien zu stärken, Marktwirtschaften aufzubauen und ein neues Leben für sich und ihre
Familien zu gestalten. Und damit wollen wir demonstrieren, daß die NATO für niemanden eine Bedrohung
darstellt, sondern vielmehr eine legitime Rolle für alle
bietet, die mit uns arbeiten möchten.

Ich bin jedoch zuversichtlich, daß wir Erfolg haben
werden - und insbesondere, daß das amerikanische
Volk die vor einem halben Jahrhundert mit dem
Marshallplan und der Gründung der NATO begonnene
Arbeit beenden wird. An dieser Bestrebung beteiligen
wir uns alle; wir alle sind ebenso gefordert wie die
mutigen und visionären führenden Politiker vor einem
halben Jahrhundert. Isaac Newton erklärte einmal, er
stünde "auf den Schultern von Riesen". Und dasselbe
gilt für uns. Ich bin zuversichtlich, daß die Geschichte,
wenn sie uns in einem halben Jahrhundert beurteilt, zu
der Überzeugung gelangen wird, daß wir den Test
bestanden haben.

Die NATO-Erweiterung ist unserer Ansicht nach daher
eine Voraussetzung für die Erlangung dauerhafter
Sicherheit in Europa.
Aber ist sie auch leichtsinnig? Das wäre der Fall,
wenn wir bei dem scheitern würden, was wir jetzt mit
ihren zahlreichen, ineinandergreifenden Aspekten
versuchen; wenn uns bei einem Verbündeten nicht die
Ratifizierung der Beitrittsurkunde gelänge; wenn wir
nicht die Mittel - die bescheidenen Mittel - zum Erhalt
der Stärke der NATO bereitstellen könnten; oder wenn
wir nicht die Vision umsetzen könnten, die den Kern
unserer derzeitigen Bestrebungen darstellt: Die
Schaffung dauerhafter Sicherheit in Europa für das 21.
Jahrhundert, die zur Wiedergutmachung der entsetzlichen Geschichte des 20. Jahrhunderts beitragen kann.

Wenn wir die Zukunft der NATO betrachten, sprechen
wir im Kern über menschliche Werte, den Glauben an
die Freiheit, der dieses Land zu dem gemacht hat, was
es ist. Vor 80 Jahren wurde eine amerikanische
Expeditonstruppe zur Verteidigung dieser Werte nach
Frankreich geschickt und erinnerte sich bei ihrer
Ankunft an einen großen europäischen Patrioten
unseres Unabhängigkeitskrieges mit den bekannten
Worten: "Lafayette, wir sind hier." Während wir uns
heute erneut der Beendigung der Aufgabe widmen, die
wir in Europa vor mehr als einem halben Jahrhundert
begonnen haben, erinnern wir uns an einen anderen
großen europäischen Patrioten, der zur Sicherung
unserer Freiheit beitrug - den Adjutanten von General
Washington, dem vom Kongreß per Gesetz die
amerikanische Staatsbürgerschaft verliehen wurde.
Wir wollen sagen können: "Tadeusz Kosciuszko, wir
sind hier!"
Ich danke Ihnen.

* *

Seite 4

*

AMERIKA DIENST 19

�USA-EUROPA
I.Oktober 1997

Die neue transatlantische Agenda
Rede von Staatssekretär Eizenstat

BRÜSSEL - (AD) - Die neue transatantische Agenda (New Transatlantic Agenda - NTA) "ist nicht nur ein Erfolg,
sondern auch zum unschätzbaren Rahmen geworden, in dem wir die transatlantische Partnerschaft
weiterentwickeln", erklärte der Staatssekretär für wirtschaftliche und landwirtschaftliche Angelegenheiten, Stuart
Eizenstat, am 11. September 1997 in einer Rede vor der American Chamber of Commerce in Belgium.
Nachfolgend veröffentlichen wir den vorbereiteten Text der Rede von Staatssekretär Eizenstat.

Ich muß diesem Publikum die Beziehungen zwischen
den Vereinigten Staaten und der Europäischen Union
nicht erläutern. Ich möchte nur kurz hervorheben,
warum sie weiterhin so entscheidend sind. Wenn wir
uns auf die Probleme des Tages konzentrieren,
übersehen wir häufig einige der grundlegenden
wirtschaftlichen Tatsachen:
Der Handel zwischen den Vereinigten Staaten
und der EU übersteigt 250 Milliarden Dollar
jährlich.
Die Handelsbilanz ist im Großen und Ganzen
ausgeglichen, was für die Ähnlichkeit unserer
Volkswirtschaften spricht.
Wir sind die größten Investoren auf dem Markt
des jeweils anderen Landes. Die Vereinigten
Staaten haben 325 Milliarden Dollar in Europa
investiert, und europäische Unternehmen sind
der größte Investor in 41 unserer Bundesstaaten und die Nummer Zwei in den übrigen.
Jeder 12. amerikanische Fabrikarbeiter ist bei
einer europäischen Firma tätig.

Menschenrechten auf der ganzen Welt. Und über die
Jahrzehnte hinweg haben wir wiederholt gesehen, daß
wir beträchtliche Fortschritte bei globalen Herausforderungen erzielen können, wenn wir zusammenarbeiten.
Es sind weniger als zwei Jahre seit der Unterzeichnung der NTA in Madrid durch Präsident Clinton,
Präsident Santer und Ministerpräsident Gonzales
vergangen. Zu jener Zeit herrschte auf beiden Seiten
des Atlantiks das Gefühl vor, daß Amerikaner und
Europäer mit dem Ende des Kalten Krieges neue
Wege zur Bekräftigung unserer langen und für beide
Seiten vorteilhaften Beziehungen finden sollten. Die
NTA war das Produkt dieser Gedanken. Sie umriß vier
umfassende Ziele, die die Vereinigten Staaten und die
Europäische Union zu einer "Straßenkarte" für unsere
Beziehungen im 21. Jahrhundert weiterentwickelten.
Sie enthält folgende Punkte:
1.

Förderung von Frieden, Stabilität, Demokratie
und Entwicklung.

2.

Reaktion auf globale Herausforderungen.

3.

Weiterentwicklung des Welthandels
engere Wirtschaftbeziehungen.

4.

Herstellung persönlicher Kontakte.

Amerikanische Unternehmen beschäftigen
drei Millionen Arbeitnehmer in Europa.
Die Vereinigten Staaten und die Europäische Union
sind jedoch nicht nur Wirtschaftspartner. Unsere enge
politische Zusammenarbeit ist entscheidend für die
Förderung von Frieden, Stabilität, Demokratie und

AMERIKA DIENST 19

und

Ich erinnere mich, daß ich den Madrider Gipfel mit
großen Erwartungen und Stolz auf die Rolle verließ,
die meine Kollegen und ich dabei gespielt hatten, die

Seite 1

�neue transatlantische Agenda zum Leben zu erwecken. Unsere führenden Politiker brachten ihre
eigenen hohen Erwartungen zum Ausdruck. Felipe
Gonzalez bezeichnete die NTA als einen "Quantensprung nach vorne". Jacques Santer erklärte, die
Unterzeichnung sei ein "historischer Augenblick ... der
zeige, daß Europa und Amerika jetzt die Mittel und den
Willen zu der gemeinsamen Führungsrolle haben, die
die Welt so dringend benötigt". Bill Clinton bemerkte:
"Unser Schicksal in Amerika ist immer noch mit Europa
verbunden... Diese Aktionsagenda macht deutlich,
daß unsere Partnerschaft sich entwickelt und wir neue
Herausforderungen ausmachen, die wir jedoch
gemeinsam bewältigen müssen".
Es ist genug Zeit verstrichen, um die NTA jetzt anhand
von realen Erfahrungen auszuwerten.
Ich kann voller Vertrauen sagen, die NTA ist nicht nur
ein Erfolg, sondern auch zum unschätzbaren Rahmen
geworden, in dem wir die transatlantische Partnerschaft weiterentwickeln. Sie wird zum Grundstein der
amerikanischen und der europäischen Außenpolitik.
Das soll nicht heißen, daß wir nicht mehr tun und es
besser tun müssen. Aber Inhalt und Zielrichtung der
NTA hilft uns, greifbare Vorteile für Millionen von
Menschen auf beiden Seiten des Atlantiks zu schaffen.
Ohne den NTA-Prozeß könnten wir nicht auf die im
Juni unterzeichneten Abkommen über gegenseitige
Anerkennung (Mutual Recognition Agreements MRAs) verweisen. Sie werden Handelshemmnisse in
sechs Industriesektoren abbauen, die Handel im Wert
von rund 50 Milliarden Dollar in beide Richtungen
abdecken. Das kann direkt in mehr Arbeitsplätze und
Gewinne auf beiden Seiten des Atlantiks umgesetzt
werden.
Über die NTA haben wir auch ein Zollabkommen
abgeschlossen, das Verfahren standardisieren,
Bürokratie abbauen und zur Aufdeckung von Betrug
beitragen wird. Die Vereinigten Staaten und die
Europäische Union haben ein Abkommen über die
Kontrolle von chemischen Grundstoffen unterzeichnet,
das eine Verbindung zwischen unseren Strafverfolgungsbehörden herstellt und ihnen beim Aufspüren
von großen Mengen von Chemikalien behilflich sein
kann, die an illegale Drogen produzierende Einrichtungen geliefert werden.
Diese drei Punkte sind unsere jüngsten und vielleicht
greifbarsten Erfolge, aber der NTA-Rahmen und die
"gewohnheitsmäßige Zusammenarbeit", die er hervorgebracht hat, erleichtern uns die Lösung von Problemen an ihrer Wurzel. In diesem Zusammenhang
denke ich daran, wie die Vereinigten Staaten und die
Europäische Union bisher kränkende gegenseitige
Beschuldigungen wegen des Libertad-Gesetzes besser bekannt als Helms-Burton-Gesetz - und des
Sanktionsgesetzes zu Iran und Libyen vermeiden
konnten. Die Gefühle bezüglich dieser Themen

Seite 2

schlagen in den Vereinigten Staaten und Europa
weiterhin hohe Wellen. Dank des intensivierten
Dialogs der NTA und ihrer erweiterten Tagesordnung
haben jedoch beide Seiten erkannt, daß nicht einzelne
Differenzen das außerordentlich breite Spektrum
gemeinsamer Interessen in Gefahr bringen dürfen.
Das war uns bei der Bewältigung realer Differenzen über Taktiken, nicht Ziele - im Hinblick auf die Regime
in Kuba, Iran und Libyen behilflich. Durch gewohnheitsmäßige engere Konsultationen haben wir die
schädlichen politischen und wirtschaftlichen Auswirkungen vermieden, die fundamentale Meinungsverschiedenheiten verursacht hätten und gleichzeitig die
Aufmerksamkeit vermehrt auf grundlegende Prinzipien
gelenkt: Unterstützung von Demokratie, Respektierung
der Menschenrechte und Ablehnung von Terrorismus.
Dir Vereinigten Staaten und die Europäische Union
haben auch in internationalen Foren ausgezeichnete
Zusammenarbeit entwickelt. Wenn wir gemeinsam
handeln, können wir bei der Förderung einer Welt mit
mehr Sicherheit und Frieden etwas bewirken - und wir
arbeiten immer mehr zusammen. Mit der NTA als
Leitfaden koordinieren wir unsere Bestrebungen zur
Förderung von Frieden und Milderung humanitärer
Krisen auf der ganzen Welt. Allein im letzten Jahr
haben die Vereinigten Staaten und die EU über die
Energieentwicklungsorganisation der koreanischen
Halbinsel (KEDO) auf Frieden und Stabilität auf der
koreanischen Halbinsel hingearbeitet, zu der die EU
einen wichtigen finanziellen Beitrag geleistet hat und
bei der sie Vorstandsmitglied sein wird. Wir haben den
Wiederaufbau von Bosnien koordiniert, wo vor kurzem
der schlimmste Konflikt Europas seit dem Zweiten
Weltkrieg ausgetragen wurde, und streben nach
Frieden im Nahen Osten. Die EU leistet den größten
staatlichen Beitrag zur Palästinensischen Autonomiebehörde. Der Direktor des Amts für internationale
Entwicklung (AID), Brian Atwood, und Kommissarin
Emma Bonino kommen regelmäßig zur Koordinierung
humanitärer Hilfe für Orte zusammen, an denen
unsere Bestrebungen wortwörtlich den Unterschied
zwischen Leben und Tod für Millionen Menschen
bewirkt haben.
Seit der Unterzeichnung der NTA kommen hochrangige Regierungsvertreter aus Washington und Brüssel
vier bis sechs Mal pro Jahr zusammen um zu prüfen,
wo wir neue Bestrebungen in die Wege leiten oder die
Aktivitäten bei laufenden Initiativen verdoppeln müssen. Die Hochrangige Beratergruppe trifft sich während jeder Präsidentschaft auf beiden Seiten des
Atlantiks und hat dazu beigetragen, die alle sechs
Monate stattfindenden Gipfeltreffen zwischen den
Vereinigten Staaten und der EU aktionsorientierter und
substantieller zu machen. Ich wage zu sagen, daß nur
diese Fähigkeit, ein Höchstmaß an Aufmerksamkeit zu
konzentrieren, Realzeit-Fristen zu setzen und spezielle
bürokratische Interessen zu überwinden, ein Abkommen wie die MRAs ermöglicht hat.

AMERIKA DIENST 19

�Wenn ich zu meinem direkten Verantwortungsbereich unserem wirtschaftlichen Wohlergehen - zurückkomme, muß ich dieses Publikum wohl kaum an die
großen Auswirkungen des transatlantischen Wirtschaftsdialogs (Transatlantic Business Dialogue TABD) erinnern. Dieses Forum, das auf einzigartige
Weise Geschäftsleute und Regierungsvertreter auf
beiden Seiten des Atlantiks zusammenbringt und die
vielen Bereiche gemeinsamer Interessen hervorhebt,
war die treibende Kraft hinter den MRAs, dem Informationstechnologieabkommen (Information Technology
Agreement - ITA) der WTO, dem Abkommen über
Basistelekommunikationsdienste und Zusammenarbeit
in anderen wichtigen Sektoren wie Autos. Es beeinflußt den Handel und die Investitionsagenda. Wir
erwarten ähnliche Anstöße von dem gerade ins Leben
gerufenen transatlantischen Arbeitsdialog (Transatlantic Labor Dialogue - TALD).
Mit Blick auf die Zukunft sehe ich eine NTA, die eine
immer wichtigere Rolle spielt, insbesondere da die EU
ihre Kompetenzen auf neue bedeutende Gebiete
ausweitet und ihre Grenzen erweitert, um zentraleuropäische Mitglieder aufzunehmen. Wir haben
gelernt, daß die Welt aufhorcht, wenn wir bei schwierigen Handelsfragen gemeinsam vorgehen. Bei Handelsfragen besteht meines Erachtens Spielraum für die
Verstärkung der Zusammenarbeit zwischen den
Vereinigten Staaten und der Europäischen Union
zugunsten der derzeit in Genf stattfindenden Gespräche über Finanzdienstleistungen - ebenso wie es bei
dem Informationstechnologieabkommen und dem
Abkommen über Basistelekommunikationsdienste
geschehen ist. Die Uruguay-Runde hat bewiesen, daß
etwas bewegt wird, wenn die Vereinigten Staaten und
die EU sich mit einer koordinierten Haltung an Drittländer wenden.
Im Rahmen der NTA halte ich auch eine engere
Zusammenarbeit bei der dritten Säule (juristische und
innenpolitische Angelegenheiten) für möglich. Die
Vereinigten Staaten sind ein bereitwilliger Partner und
sehen produktiven und kooperativen Beziehungen zur
EU erwartungsvoll entgegen, die auch gegenseitige
Unterstützungsprogramme in der Karibik, Zentraleuropa, Lateinamerika und den neuen unabhängigen
Staaten der ehemaligen Sowjetunion beinhalten. Wir
verstärken kooperative Initiativen zur Drogenbekämpfung, beispielsweise in der Karibik. Und wir freuen uns
auf eine noch engere Zusammenarbeit, wenn Europol
voll funktionsfähig ist.
Einer der erfolgreichsten Aspekte der NTA, der oft
übersehen wird, war die vierte Säule: persönliche
Kontakte. Der TABD ist ein enormer Erfolg und hat die
transatlantische Wirtschaftsgemeinschaft auf bemerkenswerte Art und Weise in unseren staatlichen
Entscheidungsfindungsprozeß eingebettet. Ebenso
begann eine vergangenen Mai vom US-Außenministerium organisierte große Konferenz, die zahlrei-

AMERIKA DIENST 19

che Nichtregierungsorganisationen anzog, mit der
Ausarbeitung eines innovativen Programms für
persönliche Kontakte im Rahmen des vierten Kapitels
der NTA. Wir erwarten, daß daraus während der
kommenden Monate eine Reihe konkreter Projekte
hervorgeht, einschließlich des kreativen Einsatzes des
Internet für den Austausch transatlantischer Erfahrungen und der Schärfung des Bewußtseins der Generationen, für die Weltkrieg, Wiederaufbau und sogar der
Kalte Krieg nur Geschichte sind.
Haben wir die großen Erwartungen erfüllt, die unsere
Staats- und Regierungschefs an die NTA gestellt
haben? Nein, das haben wir nicht - noch nicht.
Präsident Clinton erklärte vor drei Jahren in Berlin, als
die ersten Pläne für die spätere NTA gemacht wurden,
ein integriertes Europa sei Amerikas bester natürlicher
Partner für das 21. Jahrhundert. Wir haben in kurzer
Zeit viele Fortschritte gemacht, aber es wird wahrscheinlich Jahre dauern, bevor wir hoffen können, das
Potential der NTA zum Aufbau dieser Art von Beziehungen und für die Reaktion darauf zu nutzen.
Im Bereich der Wirtschaft könnten "gewohnheitsmäßige Konsultationen" auf den Gebieten Biotechnologie, öffentliche Gesundheit und Umwelt stärker
eingesetzt werden. Dies sind heikle Themen, die für
das Wohlergehen unserer Familien wichtig sind und
Gebiete, bei denen die Menschen gefühlsbetont
reagieren, wenn sie nicht alle Fakten kennen. Wir
sollten besondere Vorsicht walten lassen, damit die
von uns für die öffentlichen Belange unternommenen
Schritte auf einer soliden wissenschaftlichen Grundlage basieren und nicht dem legitimen Handel mit neuen
Produkten schaden. Wir sind beispielsweise sehr
besorgt über das vorgeschlagene Verbot von spezifizierten Risikomaterialien (Specified Risk Materials SMR), das einer wissenschaftlichen Grundlage
entbehrt und amerikanische Exporte nach Europa in
Milliardenhöhe betreffen könnte. Wenn wir uns einmal
von diesem grundlegenden Prinzip abgewandt haben,
öffnen wir nicht nur allen möglichen protektionistischen
Maßnahmen auf beiden Seiten des Atlantiks Tor und
Tür, sondern laufen auch Gefahr, wissenschaftlichen
Fortschritt zu behindern, der unserer Gesundheit dient,
Kosten verringern und allgemein unsere Lebensqualität verbessern könnte.
Für die EU wird es auch wichtig sein, sich an die
jüngste Entscheidung der WTO gegen das Bananenregime der EU zu halten. Wir können keinen Schadensersatz akzeptieren. Unseres Erachtens können
wir ein im Einklang mit der WTO stehendes Abkommen aushandeln, das auch die Notwendigkeit
eines Marktzugangs der karibischen Länder zum EUMarkt anerkennt. Es ist wichtig, daß die EU den
neuentwickelten
Konfliktschlichtungsmechanismus
respektiert - wie es die Vereinigten Staaten in den von
ihnen verlorenen Fällen getan haben.

Seite 3

�Die NTA vermeidet ehrgeizige langfristige Ziele wie
eine mögliche transatlantische Freihandelszone
zugunsten eines progressiven Abbaus oder einer
Beseitigung von Handelshemmnissen. Auf beiden
Seiten des Ozeans gab es keine angemessene
Unterstützung für mehr. Wir möchten, daß die von der
NTA vorgeschriebene gemeinsame Wirtschaftsstudie
konkrete und ehrgeizige Empfehlungen hervorbringt.
Wir sollten uns jedoch immer wieder fragen, ob wir
unsere Ziele hoch genug gesetzt haben und ob es
auch die richtigen Ziele sind. Ich persönlich bin der
Überzeugung, daß wir ein langfristiges wirtschaftliches
Ziel setzen werden und müssen, das ehrgeiziger ist als
nur die Überwindung einer kleinen Hürde nach der
anderen.
Der umfassenden Nutzung der NTA im Bereich der
Außenpolitik stehen zahlreiche Hindernisse im Weg.
Die EU arbeitet noch hart an der Verbesserung ihrer
internen Mechanismen. Wir sehen den aus der
zwischenstaatlichen Konferenz resultierenden Vorteilen nach der Ratifizierung ihrer Ergebnisse erwartungsvoll entgegen. Diese werden jedoch zweifelsohne nicht die Schwierigkeiten beilegen, denen sich die
EU bei der schnellen und gemeinsamen Reaktion auf
Krisen oft gegenübersieht. Es sollte kein Zweifel daran
bestehen, daß die Vereinigten Staaten eine zusammenhängendere, direktere, einheitlichere Stimme der
EU in der politischen Arena befürworten. Dadurch
würde die EU zu einem noch effektiveren Partner der
Vereinigten Staaten bei internationalen Angelegenheiten.
Wir in den Vereinigten Staaten brauchen noch mehr
Praxis bei der Entwicklung der Instinkte für echte
Konsultationen und echte Partnerschaft mit einer
Körperschaft, mit der die Zusammenarbeit oft frustrierend langsam und kompliziert ist - und die ihre eigenen
Ideen davon hat, was in Situationen getan werden
sollte, in denen sie beträchtliche Hilfe leistet. Bosnien,
der Nahe Osten, die Bestrebungen zur Entschärfung
der Spannungen in der Ägäis, zur Überwindung der
Teilung von Zypern und zur Stärkung der Beziehungen
des Westens zu unserem türkischen Verbündeten sind
nur einige der Themen, die uns alle weiterhin auf die
Probe stellen. Zypern ist ein ausgezeichnetes Beispiel
für die elementare Bedeutung der Zusammenarbeit
zwischen der EU und den Vereinigten Staaten, um
dieser geplagten Insel - einem zukünftigen Mitgliedstaat der EU - Frieden zu bringen. Präsident Clintons
Ernennung von Richard Holbrooke zum Sondergesandten unterstreicht die Bedeutung, die wir diesem
Thema beimessen.
Wir müssen in noch engerem Kontakt bleiben und
offen miteinander sprechen, während in den letzten
Jahren dieses Jahrzehnts und dieses Jahrhunderts
Ereignisse von wahrhaft historischer Bedeutung
stattfinden: Die Erweiterung der EU und der NATO, die
Wirtschafts- und Währungsunion (EWWU) sowie die

Seite 4

Einführung des Euro. Letzteres ist der vielleicht
mutigste Schritt zur politischen und wirtschaftlichen
Integration Europas. Die Vereinigten Staaten, die seit
dem Marshallplan überzeugter Befürworter der
Integration sind, wünschen sich einen Erfolg der
Wirtschafts- und Währungsunion. Die EWWU hat
größere Auswirkungen auf die Gestalt Europas im
neuen Jahrtausend als nahezu alles andere. Die
Vereinigten Staaten und die EU sollten ihre Diskussionen über in Verbindung mit der EWWU stehende Schritte in den nächsten Monaten intensivieren.
Folglich besteht Grund zu Optimismus im Zusammenhang mit der NTA. Wenn ich Lehrer wäre, würde ich
beiden Seiten eine Zwei-plus geben - eine gute Note
nach nur zwei Jahren. Dennoch haben wir noch einen
langen Weg vor uns, um die Vision vom "besten
Partner" zu realisieren, auf der die NTA gründet.
Die NTA ist ein machtvolles, flexibles, aber auch
zerbrechliches Werkzeug. Unsere führenden Politiker
werden darauf bestehen, daß es noch produktiver
wird, wenn es weiterhin ihr Interesse erregen und ihre
Unterstützung erhalten soll. Das verlangt von denjenigen, die es täglich nutzen, zwei nur bei oberflächlichem Hinsehen gegensätzliche Dinge: Die Routine
fortzusetzen und hart an der Entwicklung gemeinsamer Ansätze bei den 1001 Fragen dieser äußerst
komplexen Beziehungen zu arbeiten, nachdem die
erste Begeisterung und der erste Glamour verflogen
sind. Den Trott bürokratischer Routine zu vermeiden,
uns vor Augen zu führen, daß das Ziel dieses Unterfangens nicht noch mehr Gipfelerklärungen sind,
sondern vielmehr die Stärkung - sogar die Neuerfindung - der transatlantischen Beziehungen, die Umstrukturierung des zentralen Elements der gegenseitigen Sicherheitsbande zwischen den Vereinigten
Staaten und Europa.
Dieses ehrgeizige Ziel kann nicht von der Regierung
alleine erreicht werden. Ich habe bereits darauf
hingewiesen, in welch hohem Maße die Erfolge der
NTA auf die äußerst effektive Rolle des TABD zurückzuführen sind, die Aufmerksamkeit der Regierung
darauf zu lenken, was für die Verbesserung Ihrer
Fähigkeit zur Abwicklung von Geschäften erforderlich
ist. Wesentlich ist, daß Sie bei diesem Prozeß engagiert bleiben und uns bei der Konzentration auf
Themen behilflich sind, die direkte Auswirkungen auf
Gesundheit, Wohlergehen und Wohlstand unserer
Bürger haben. Ich vertrete zwar gerne die Ansicht,
daß wir Ihre Bedürfnisse antizipieren können, aber nur
Sie können uns sagen, welche Schritte Ihre Fähigkeit
zur Abwicklung von Geschäften verbessern. Wir
müssen weiterhin die Initiative ergreifen, um beiden
Seiten Ihre Ansichten und Empfehlungen deutlich zu
machen.
Ferner müssen Sie auch konsequent
sicherstellen, daß wir Ihre Empfehlungen befolgen.
Letztlich hängen Erfolg und Gesundheit der transatlantischen Beziehungen nicht nur von der zwischen-

AMERIKA DIENST 19

�atlantischen Beziehungen nicht nur von der zwischenstaatlichen Zusammenarbeit ab, sondern - viel grundlegender - von Ihnen und den anderen Teilen unserer

Gesellschaften, die eine gemeinsame Vision haben
und zusammen auf gemeinsame Ziele hinarbeiten.
Ich danke Ihnen.

* * * * *

AMERIKA DIENST 19

Seite 5

�</text>
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                <text>&lt;strong&gt;1. Politik&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Clintons innen- und außenpolitische Agenda&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede des Präsidenten vor der American University&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Naher Osten&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Albright: arabische Welt muss sich geeint für Frieden und Sicherheit einsetzen&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede der US-Außenministerin vor dem Golf-Kooperationsrat&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. NATO&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Albright: Wir wollen, dass der Frieden Bestand hat&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede der Außenministerin vor dem Ständigen Gemeinsam Rat der NATO&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Die NATO-Erweiterung - Leichtsinn oder Notwendigkeit?&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede von Botschafter Robert Hunter&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;4. USA-Europa&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Die neue transatlantische Agenda&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede von Staatssekretär Eizenstat&lt;/em&gt;</text>
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                    <text>AMERIKA DIENST
VorV^

1 . November 1989

40

INHALT

DOKUMENTATION
Amerikanische Präsenz in Europa Im Zeitalter von Glasnost und
Perestroika
- Rede des Botschafters der Vereinigten Staaten von Amerika U.S.-Vertreter fordert verstärkte Zusammenarbeit bei Treibhauseffekt
- Erklärung von William Nitze vor Kongreß-Unterausschuß -

HINTERGRUND
Amerikanische Sozialpolitik auf neuem Kurs
- Fünfter und letzter Artikel über das amerikanische Sozialwesen Delegation des Präsidenten reist nach Polen
- Eine Übersicht des Weißen Hauses -

WIRTSCHAFT
Vereinigte Staaten schlagen in Uruguay-Runde Reformen für Handel mit
Agrarprodukten vor
- Eine Übersicht vom Büro der U.S.-Handelsbeauftragten USA fordern Dienstleistungsabkommen bei Uruguay-Runde
- Übersicht der amerikanischen Handelsbeauftragten -

* * * * *

United States Information Service
Embassy of the United States of America

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.: 0228-339 2035
Telex: 8-85432

�AMERIKA DIENST
'VON

Dokumentation

4

40

1. November 1989

AMERIKANISCHE PRÄSENZ IN EUROPA
IM ZEITALTER VON GLASNOST UND PERESTROIKA
- Rede von US-Botschafter Walters in München

MÜNCHEN - (AD) - In einer Rede vor der Gesellschaft für Auslandskunde in München am 30. Oktober 1989 äußerte sich der Botschafter der Vereinigten Staaten
von Amerika in Bonn, Vernon A. Walters, zu Fragen der Ost-West-Politik und der
amerikanischen Truppenpräsenz in der Bundesrepublik und erklärte, der Wandel
in Osteuropa und der Sowjetunion habe historische Ausmaße und eröffne zum ersten Mal in der Nachkriegsgeschichte die Chance, "die Konfrontation nicht nur
rational zu verwalten, sondern wirklich zu überwinden". Jedoch sollten die.
Unwägbarkeiten des Reformprozesses in der Sowjetunion nicht ignoriert werden.
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede von Botschafter Walters im Wortlaut
(Es gilt das gesprochene Wort).

Meine Damen und Herren,
ich freue mich, daß wir uns heute in
den nun schon traditionsreichen Räumen des Amerika Hauses München, dem
Schauplatz so vieler deutsch-amerikanischer
Begegnungen,
zusammenfinden
konnten.
Ich bin stets dankbar für
eine Gelegenheit, nach München, der
"heimlichen Hauptstadt" Deutschlands
zu kommen, denn, wie schon Konrad
Adenauer sagte: Bonn ist zum Arbeiten da, und nicht zum Vergnügen. Von
diesem Zitat hat mir übrigens Ihr
bayrischer Landsmann Richard Stücklen
erzählt.
Ich möchte auf Deutsch zu Ihnen sprechen, obwohl dies immer mit einem
Hauch von Wagnis verbunden ist. Sie
müssen zugeben, daß es für einen Aus-

United States Information Service
Embassy of the United States of America

länder schwierig ist, eine Sprache zu
begreifen, in der, grammatisch gesehen,
"die Männlichkeit" weiblichen
Geschlechts, "der Feminismus" aber
männlich
ist.
Um
die
Verwirrung
vollständig zu machen, ist "das Weib"
sächlich, obwohl dies dem Selbstverständnis der deutschen Frau bestimmt
nicht entspricht.
Aber ich bin zuversichtlich,
daß
ich meinen
Weg
durch dieses Labyrinth der Sprache
finden werde.
Das Jahr 1989 steht im Zeichen zweier
wichtiger Jubiläen:
Sowohl die Bundesrepublik Deutschland als auch das
westliche Bündnis feiern ihr 40jähriges Bestehen.
Beide Jubiläen sind
eng verknüpft, denn ohne die Westintegration und den damit einhergehenden Schutz des Bündnisses hätte die

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.: 0228-339 2035
Telex: 8-85432

�Bundesrepublik nicht
was sie heute ist.

werden

können,

Jubiläen bieten stets einen guten Anlaß, sich sowohl auf die Leistungen
der Vergangenheit als auch auf die
Aufgaben der Zukunft zu besinnen.
Lassen Sie uns dies heute gemeinsam
versuchen.
Die Erfolgsbilanz des NATO-Bündnisses
kann sich sehen lassen. Es hat Europa 40 Jahre lang Frieden in Freiheit
bewahrt.
Politikwissenschaftler haben errechnet, daß die Welt im gleichen Zeltraum rund 130 militärische
Konflikte mit mehreren Millionen Toten gesehen hat.
Verschont blieb
ausgerechnet
die
Region, die
die
weltweit höchste Truppendichte aufweist und in der sich zwei antagonistische Machtblöcke unmittelbar gegenüberstehen. Eine bessere Bestätigung der Stimmigkeit eines Bündniskonzepts ist kaum vorstellbar.
Auch unter dem Aspekt des Spannungsabbaus durch Rüstungskontrolle
und
Dialog ist das Bündnis erfolgreich
gewesen, und zwar gerade in den letzten Jahren.
Die Stockholmer Abrüstungskonferenz von 1986 schuf ein
bis dahin neuartiges System sicherhelts- und
vertrauensbildender
Maßnahmen. Das historische INF-Abkommen
von 1987 beseitigte eine ganze Waffenkategorie und verwirklichte erstmals die zentralen Grundsätze asymmetrischer Reduzierung und direkter Verifikation im jeweils anderen Land.
Die
Aussichten
für
entscheidende
Fortschritte
bei den Verhandlungen
über strategische Waffen sind heute
besser den je.
Im Mittelpunkt des Interesses stehen
gegenwärtig
die Verhandlungen
über
eine Verminderung der konventionellen
Streitkräfte in Europa. Das Bündnis
hat hier die Initiative ergriffen und
weitreichende
Vorschläge
unterbreitet, die Ihnen bekannt sein werden.
Im Mittelpunkt stehen eine Verminderung dpr amerikanischen und sowjetischen
Truppenstärke
auf
jeweils

275,000 Mann außerhalb ihrer Grenzen
in Europa, radikale Einschnitte bei
den besonders offensivfähigen Panzertruppen und eine Verminderung der
Kampfflugzeuge und Hubschrauber auf
ein Niveau, das 15 Prozent unter den
derzeitigen NATO-Beständen liegt.
Diese Verhandlungsposition beruht auf
Vorschlägen, die Präsident Bush am
29. Mai 1989 den Bündnispartnern auf
dem Brüsseler NATO-Gipfel
vortrug.
Binnen weniger Monate wurden sie, mit
einigen Verfeinerungen, von der Allianz offiziell übernommen.
Niemand
hätte zu hoffen gewagt, daß es möglich sein werde, die Vorstellungen
von 16 souveränen Partnerstaaten in
derart kurzer Zeit auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen.
Ich darf
sagen, daß die enge deutsch-amerikanische
Zusammenarbeit
wesentlichen
Anteil an diesem bemerkenswerten Erfolg hatte.
Was die NATO in die Lage versetzt
hat, all diese enormen Leistungen auf
dem Gebiet der militärischen Sicherheit wie auf dem der Abrüstung zu erbringen, waren nicht einfach nur ihre
Rüstungsanstrengungen.
Diese
waren
nur möglich auf der Grundlage eines
sicherheitspolitischen Konsenses und
einer unerschütterlichen Standhaftigkeit im Prinzip kollektiver Sicherheit.
Das eigentlich Entscheidende
war und ist der einhellige Zusammenhalt des Bündnisses.
In der Vergangenheit beruhte er zwar
sicherlich auch auf den ideellen Bindungen der westlichen Demokratien aneinander, vor allem aber auf der Unmittelbarkeit der Bedrohung. 40 Jahre lang sah sich der Westen einer monolithisch erscheinenden Sowjetunion
gegenüber, die kontinuierlich aufrüstete und
ihre kleinen osteuropäischen Nachbarn
in eisernem Griff
hielt. 40 Jahre war daher die Funktion
des westlichen Verteidigungsbündnisses klar und leicht vermittelbar.
Die Sowjetunion erschien wie
ein Berg — mächtig, schroff, bedrohlich und unverrückbar.

�Das Erdbeben
zu bewegen.

hat

begonnen, den

Berg

Wir werden heute Zeugen von Ereignissen, die das Gesicht des europäischen
Kontinents und der Welt schlechthin
verändern können. In der Sowjetunion
hat ein tiefgreifender gesellschaftlicher
Wandlungsprozeß
eingesetzt.
Die
Lage
der Menschenrechte
entspricht zwar noch längst nicht westlichen Maßstäben, hat sich aber eindeutig gebessert.
Sowjetische Truppen haben erstmals ein besetztes Land
- Afghanistan - wieder geräumt.
In
Polen übernimmt eine nichtkommunistische Regierung die Amtsgeschäfte, und
Ungarn öffnet die Grenzen zum Westen,
ohne daß aus Moskau auch nur ein Tadel zu vernehmen wäre.
Geht von einer solchen Sowjetunion
noch eine Bedrohung aus?
Ist die
NATO dabei, ein lebender Anachronismus zu werden, Relikt einer überwundenen Epoche?
Manche Menschen in Ost und West und
auch manche Deutsche empfinden es so,
wollen es so empfinden.
Die Deutschen mußten 40 Jahre lang in dem Bewußtsein leben, daß sowjetische Panzer gewissermaßen vor ihrer Haustür
standen. Sie haben die Bedrohung immer ganz hautnah erlebt.
Die Erleichterung, die viele Menschen angesichts einer nachlassenden Bedrohung
empfinden, ist daher leicht nachvollziehbar.
Wir brauchen eine klare Sicht inmitten der Euphorie, denn die Euphorie
ist ein schlechter Ratgeber.
Sie
verstellt den Blick auf die nüchternen Fakten.
Die
gegenwärtige
sowjetische
Führungsspitze ist keineswegs demokratisch. Anders als zu Zeiten Breschnews ist sie lediglich rational genug, Tatsachen zur Kenntnis zu nehmen.
Tatsache ist, daß der riesige Agrarstaat Sowjetunion nach 70jährigem Bestehen noch immer außerstande ist,
seine Bevölkerung selbst zu ernäh-

ren. Tatsache ist, daß die sowjetische Wirtschaft am Ende ist und daß
die chronische Unterversorgung
der
Bevölkerung eine Zeitbombe fUr die
Führung darstellt. Tatsache ist, daß
der Sowjetstaat in seiner herkömmlichen Verfaßtheit zur Modernisierung
und
damit
zum
Nachvollziehen
der
3. Industriellen
Revolution
unfähig
ist.
Das Motiv der sowjetischen Reformer
liegt in dem Bestreben, hier Abhilfe
zu schaffen. nicht aber in einer
plötzlich entdeckten Liebe zur Demokratie.
Die
sowjetische
Gesellschaftsreform
hat die gefährlichsten Klippen noch
vor sich.
Nationalitätenstreit und
Separatismus könnten durchaus noch an
Dynamik gewinnen. Die Versorgungslage wird sich kaum kurzfristig verbessern lassen, und steigende Erwartungen der Bevölkerung schaffen ein Unruhepotential.
Sollte der Sowjetstaat in die Nähe einer Zerreißprobe
rücken, so könnte durchaus die Stunde
der Reformgegner schlagen.
Die Einsichten der Sowjetführung in
den Bereichen der Sicherheitspolitik
und Abrüstung sind ermutigend, haben
gegenwärtig aber vielfach noch den
Status von Absichtserklärungen.
Die
erhebliche konventionelle Überlegenheit
der sowjetischen
Militärmacht
besteht unverändert fort.
Der Wandel in der Sowjetunion hat
zweifellos
historische
Dimensionen
und eröffnet zum erstenmal in der
Nachkriegsgeschichte eine Chance, die
Konfrontation nicht nur rational zu
verwalten, sondern wirklich zu überwinden. Wir sehen diese Chance, und
wir haben nicht die Absicht, sie zu
verschlafen.
Es wäre jedoch sträflicher Leichtsinn, die offensichtlichen Gefährdungen und Unwägbarkeiten zu ignorieren,
denen der Reformprozeß in der Sowjetunion unterliegt.
Reformen brechen
stets eingefahrene Gleise auf und eröffnen Möglichkeiten jeglicher Art,

�nicht nur Möglichkeiten zum Besseren.
Reform bedeutet Bewegung und
damit zwangsläufig auch Phasen der
Instabilität. Dies müssen wir sehen,
und aus diesem Grund erschiene es mir
zum gegenwärtigen Zeitpunkt gefährlich, von den beiden Grundprinzipien
des Harmel-Berichts abzurücken. Diese Prinzipien sind Sicherheit durch
militärische Stärke und Spannungsabbau durch Rüstungskontrolle und Dialog.
Wer in blinder Euphorie diese bewährte Strategie der NATO in Frage
stellt, der macht die Sicherheit seines Landes mutwillig und ohne Not von
einer umbruchartIgen und alles andere
als erschütterungsfreien Entwicklung
in der Sowjetunion abhängig.
Dies
wäre nicht Friedenspolitik, sondern
Glückspiel.
Die Ostpolitik des Bündnisses muß
sich also auch im Zeitalter von Glasnost und Perestroika im Rahmen des
Harme1-Konzepts bewegen.
Im Falle
des INF-Abkommens hat es sich glänzend bewährt. Es wäre töricht, von
diesem Erfolgskonzept abzurücken.
Der vom Harmel-Bericht geforderte
Dialog wird aktiv geführt, und die
Aussichten auf greifbare Erfolge sind
heute besser denn je. Aber auch der
zweite Pfeiler der BUndnispolitik,
Sicherheit durch Stärke, darf nicht
verfallen.
Vielleicht kommt einmal
der Tag, an dem ein demokratisch gewählter sowjetischer Staatschef einem
demokratisch gewählten sowjetischen
Parlament Rechenschaft ablegen muß.
Vielleicht kommt einmal eine Zeit, in
der die Sowjetunion ein Nachbar wie
Frankreich oder Kanada wird.
Noch
ist sie es nicht. Darum gibt es zur
NATO-Politik
der Sicherheit durch
Stärke gegenwärtig keine verantwortbare Alternative.
Dies beinhaltet die Beibehaltung eines nuklearen Potentials einschließlich der Kurzstreckensysteme, die ein
unverzichtbares Bindeglied zwischen
konventionellen
und
strategischen
Streitkräften darstellen. Das Bünd-

nis beschränkt sich hier bewußt auf
das strategisch unbedingt notwendige.
Dies ist nicht nur Rhetorik.
Seit 1979 haben wir unsere nichtstrategischen
Kernwaffen
einseitig
und ohne sowjetische Gegenleistung um
ein Drittel vermindert. Die Bestände
an Waffen dieser Kategorie sind heute
auf dem niedrigsten Stand seit 20
Jahren.
Gleichartige Maßnahmen der
Sowjetunion wären höchst wünschenswert. Was wir anstreben, ist Gleichstand beider Seiten auf einem niedrigeren Niveau.
Ähnliches gilt auch für die konventionellen Streitkräfte.
Einerseits
ist ihre Verringerung wünschenswert,
und die diesbezügliche Vorschläge des
Bündnisses liegen auf dem Tisch.
Andererseits
bilden
konventionelle
Streitkräfte den Schutz gegen eine
begrenzte Aggression, gegen die die
Androhung des Einsatzes von Nuklearwaffen nicht glaubwürdig wäre. Konventionelle Streitkräfte bleiben daher beim derzeitigen Stand der OstWest-Beziehungen unverzichtbar. Wenn
wir aber konventionelle Streitkräfte
unterhalten, dann müssen wir sie auch
in die Lage versetzen, ihren Auftrag
zu erfüllen.
Hier kommen wir an einen Punkt, an
dem die abstrakte Analyse der OstWest-Beziehungen und die konkrete Tagespolitik ineinander übergehen.
Für die amerikanischen Streitkräfte
in der Bundesrepublik — und ich nehme an, für die Bundeswehr gilt dies
genauso — wird es zunehmend schwieriger,
die
Modernisierungsvorhaben
und Ausbildungsprogramme durchzuführen, die die Erhaltung ihrer Einsatzfähigkeit erfordert.
Stationierung von Truppenteilen, Einführung modernerer Waffensysteme, Manöver, Modernisierung von Truppenübungsplätzen, Bauvorhaben, der bei
Übungen unvermeidliche Lärm, Transport von gefährlichem Material und
natürlich die Trainigsflüge der Luftwaffe — all dies ist vielerorts zum

�Stein des Anstoßes geworden. In zunehmendem Maße versuchen Bürgerinitiativen, Gemeinden und selbst Bundesländer,
bestehende
Einrichtungen
und Verfahrensweisen anzufechten und
notwendige Neuerungen zu verhindern.
Vielfach werden dabei Gerichte angerufen, die selbst dann, wenn sie die
Einwände der Kläger letztendlich verwerfen,
die
umstrittenen
Projekte
doch zunächst einmal stoppen.
Dies
kostet Zeit, manchmal sogar viel Zeit.
Eingespielte Verfahrensweise erweisen
sich immer häufiger als funktionsunfähig. Im Normalfall wenden sich die
amerikanischen Streitkräfte mit ihren
Projekten und Anliegen an die entsprechenden Fachministerien in Bonn.
Diese fällen nach Rücksprache mit den
Körperschaften vor Ort eine Entscheidung und sprechen schließlich die
Projektgenehmigung aus. Bislang hatten die US-Streitkräfte also einen
zentralen
Ansprechpartner
an
der
Spitze, der ihnen die Verhandlungen
mit den Instanzen der tieferen Ebenen
abnahm.
Wenn aber eine Einigung zwischen Bundesbehörden und Gremien der lokalen
und kommunalen Ebene scheitert und
die Entscheidung des Bundes gerichtlich angefochten wird, kompliziert
sich das Verfahren ungemein.
Die
Streitkräfte müssen sich dann mit einer Vielzahl von Parteien auseinandersetzen, der Aufwand steigt und
wichtige
Projekte
werden
entweder
verhindert oder erleiden Verzögerungen, die sich durchaus in Jahren bemessen können.
Dinge, die bislang
reibungslos
und
selbstverständlich
abliefen, sind heute komplex, zeitraubend und mühsam geworden.
Ich möchte dies an einem Beispiel
verdeutlichen, das vielen von Ihnen
aus der Presse bekannt sein dürfte.
Im Rahmen der Modernisierung unserer
konventionellen Streitkräfte in Europa
spielt
die
Stationierung
von
Kampfhubschraubern des Typs "Apache"
eine bedeutsame Rolle. Diese Maschinen sind fliegende Panzerjäger.
In

Europa stehen rund 50,000 Kampf p,= zern des Warschauer Paktes lediglich
16,400 Panzer der NATO gegenüber.
Gerade im Bereich der Waffensysteme,
die die Speerspitze eines Angriffs
bilden würden, beträgt die östliche
Überlegenheit also rund 3:1.
Im Rahmen ihrer Bündnisverpflichtungen haben sich die Vereinigten Staaten daher bereit gefunden, der NATO
bis zum Haushaltsjahr 1992 Insgesamt
14 mit "Apaches" ausgerüstete Heeresfliegerbataillone
zur Verfügung
zu
stellen.
Die Kosten belaufen sich
auf rund 500 Millionen Dollar, die
vom amerikanischen Steuerzahler aufgebracht werden.
Für diese Einheiten sind sechs Standorte im süddeutschen Raum vorgesehen.
Geeignete Flugfelder sind vorhanden. Bedauerlicherwelse stößt die
Stationierung der "Apaches" insbesondere in Wiesbaden auf vehementen Widerstand.
Die Einwände der involvierten Gemeinden und Bürgerinitiativen kreisen weitgehend um den von den
Hubschraubern verursachten Lärm, um
den
angeblichen
Wertverfall
von
Grundbesitz in der Nähe der Stationierungsorte und um angebliche Gefahren für den Luftverkehr, obwohl das
Bundesverkehrsministerium
die
Möglichkeit einer Beeinträchtigung des
Flugbetriebs
auf
dem
Frankfurter
Flughafen verneint hat.
Auf Betreiben der Stadt Wiesbaden und
des Landes Hessen beschäftigt die
Stationierungsplanung
für
den
USFlugplatz
Wiesbaden-Erbenheim
seit
1985 die Gerichte. Auch der Deutsche
Bundestag ist seit September 1987 mit
dem Projekt Erbenheim befaßt.
Nach
alledem sah sich das Bundesministerium der Verteidigung veranlaßt, ein
Anhörungs- und
Genehmigungsverfahren
nach dem Luftverkehrsgesetz einzuleiten. Weder dieses Verfahren noch die
parlamentarischen
Beratungen
sind
bisher abgeschlossen.
Daher haben
die US-Streitkräfte auf Bitten des
Bundesministers der Verteidigung in
Erbenheim
noch
keine
zusätzlichen
Hubschrauber stationiert.

- 5 -

�Ob die US-Streitkräfte ihre Vorhaben
in der beabsichtigten Form jemals
durchführen
können,
ist ungewiß.
Selbst wenn es letztlich möglich sein
sollte, alle Hindernisse auszuräumen,
so bliebe immerhin eine mehrjährige
Verzögerung zu verzeichnen.
Wie eigentlich sollen wir dem amerikanischen Steuerzahler erklären, daß
wir zwar 500 Millionen Dollar für ein
RUstungsprojekt aufwenden, das unserem deutschen Verbündeten viel unmittelbarer nutzt als uns selbst, wir
die beschafften Waffensysteme aber
nicht auf dem Gebiet dieses Verbündeten stationieren können, weil sich
Teile der Bevölkerung dagegen wehren? Es ist eine politische Realität, daß der amerikanische Steuerzahler nicht für Einheiten in Europa bezahlen will, wenn diese nicht kampffähig bleiben können.
Wie sollen wir unseren Soldaten erklären, daß sie den Auftrag haben,
die Freiheit und das demokratische
System des deutschen Bündnispartners
zu schützen, wenn sie bei der Erfüllung dieses Auftrags von Bevölkerungstellen und Behörden dieses Bündnispartners aktiv behindert werden?
Außerdem erleben wir in der Bundesrepublik seit Jahren heftige Kritik an
der
Nuklearstrategie
der
NATO.
Gleichzeitig wird die Stationierung
gerade solcher Einheiten behindert,
die im Konfliktfall einen besonders
großen Beitrag zur Hebung der Nuklearschwelle leisten würden.
Die "Apache"-Affaire ist leider kein
Einzelfall. Für die US-Streitkräfte
in der Bundesrepublik ist es generell
schwieriger und mühsamer geworden,
einen geordneten Dienst- und Ausbildungsbetrieb aufrechtzuerhalten.

so stark wie eh und je, wird aber
dennoch von vielen nicht mehr als unmittelbare Gefahr betrachtet.
Ich habe nicht den Eindruck, daß eine
Mehrheit der Deutschen die Landesverteidigung schlicht abschaffen will.
Aber Fragen der Verteidigung acheinen
mir auf der persönlichen Prioritätenliste vieler Deutscher weit nach unten gerückt zu sein. Zunehmend häufiger finden wir die Auffassung, daß
dies alles nicht mehr so wichtig sei
und daß man es daher getrost vernachlässigen könne.
Wichtig ist in diesem Zusammenhang
auch eine profunde Unkenntnis der
Funktionsweise
von
Streitkräften.
Sie brauchen vor allen Dingen Kontinuität. Ist ihr Ausblldungs- und Bereitschaftsstand erst einmal gesunken, so kann er nicht kurzfristig
wieder gehoben werden. Gleiches gilt
für den rüstungstechnischen Modernisierungsprozeß. Hat man hier den Anschluß verpaßt, so finden man ihn
nicht binnen drei Monaten wieder. Es
ist daher eine gefährliche Illusion,
zu glauben, daß man vernachlässigte
Streitkräfte bei einer Veränderung
der Weltlage kurzerhand wieder aufrüsten könne.
Dies Ist nicht so.
Eine sicherheitspolitische Lage kann
sich wesentlich rascher ändern als
die Struktur von Streitkräften.
Wenden wir uns nun der Frage zu, was
wir tun können, um den geschilderten
Problemen zu begegnen. Die Streitkräfte selbst tun bereits sehr viel.
Ich kann hier nur Beispiele nennen:
1.

Warum sind die Schwierigkeiten gewachsen?
Ein wesentlicher Teil der
Erklärung liegt sicherlich in der
veränderten Ost-West-Situation. Dank
Perestrojka und Glasnost ist das Bedrohungsgefühl
drastisch
gesunken.
Die sowjetische Militärmacht ist zwar

Operatlonale
Maßnahmen.
Diese
umfassen Einschränkungen von Manövern und anderen Übungen einschließlich
der
Trainingsflüge
der Luftwaffe. Die jüngsten Vereinbarungen über die Beschränkung
von Tiefflügen wurden von Verteidigungsminister Stoltenberg der
Öffentlichkeit
vorgestellt
und
sind hinreichend bekannt.
Ich möchte jedoch anmerken, daß
unsere Luftwaffe schon lange zu-

6 -

�vor und von sich aus solche Beschränkungen
verfügt
hatte.
Tiefflüge nur an Werktagen und
nur zwischen 7 und 17 Uhr, Einhaltung einer einstündigen Mittagspause während der Sommermonate, Beschränkung der Tieffluggeschwindigkeit auf 760 Stundenkilometer —
all das war bereits
vor der Vereinbarung mit Minister
Stoltenberg in Kraft.

das Heer hat seit 1984 rund 870
Millionen D-Mark aufgewandt, um
seine Infrastruktur deutschen Umweltschutznormen
anzupassen.
Vieles, wie z.B. die Modernisierung des Fuhrparks unter dem Aspekt der Schadstoffverminderung,
ist in der genannten Zahl noch
nicht einmal eingeschlossen.
Die
einzelnen
Maßnahmen
sind
durchweg unspektakulär, aber die
Gesamtwirkung
ist
beachtlich.
Wer weiß schon, daß die amerikanischen Streitkräfte die Waldbestände auf ihren Liegenschaften
von deutschen Förstern betreuen
lassen oder daß sie seit 1982 eine Fläche von immerhin 207 Hektar
wiederaufgeforstet
haben?
Oder
daß sie im gleichen Zeitraum 200
Millionen D-Mark aufgewandt haben, um die Kanalisation von Kasernen instand zu setzen und so
eine Gefährdung des Grundwassers
auszuschließen?
Und wen interessiert, daß das Heer durch Abschluß von Verträgen mit deutschen
Heizenergieunternehmen
6,000 seiner eigenen, überalterten Brennanlagen stillegen und so
eine drastische Verringerung der
Schadstoffemission erzielen konnte?

Weitaus weniger bekannt als diese
Einschränkungen des Flugbetriebs
ist die Vielzahl von Einzelmaßnahmen, die das Heer getroffen
hat.
Beispielsweise werden die
Reforger-Manöver im Januar 1990
stärker als in den Vorjahren als
Stabsübungen angelegt sein.
An
Reforger
'88 nahmen noch rund
7,000 Kettenfahrzeuge teil. 1990
werden es nur noch 4,450 sein.
Auch Routineübungen werden eingeschränkt. So werden z.B. die Patriot-Flugabwehrbatterien
nur
noch die Hälfte der Einsatzübungen in freiem Gelände durchführen. Auch die Heeresflieger leisten einen Beitrag.
Die An- und
Abflugschneisen zu den Stützpunkten werden neu geordnet, und zwar
so, daß Siedlungsgebiete ausgespart
bleiben.
Probeläufe von
Triebwerken am Boden werden auf
bestimmte Zeiten beschränkt. Für
den Flug von den Stützpunkten zu
den übungsgelanden werden Korridore eingerichtet.
Technologische
Maßnahmen.
Die
US-Streitkräfte
setzen
in verstärktem Maße Simulatoren ein,
und zwar nicht nur für Piloten,
sondern auch für Panzerschützen
und selbst Einheitsführer.
Das
Heer plant außerdem Forschungsarbeiten mit dem Ziel, LärmquelLen
vom Panzermotor über den Generator bis hin zur Feldhaubitze leiser zu machen, z.B. durch Entwicklung von Schalldämpfern und
entsprechender Übungsmunition.
UmweltSchutzmaßnahmen.

Allein
- 7

4.

Schulungsmaßnahmen.
Die
USStreitkräfte
haben
umfangreiche
Schulungsprogramme
eingeleitet,
die
unseren
Offizieren
helfen
sollen, ein Gespür dafür zu entwickeln, was die Menschen ihres
Gastlandes
bewegt.
Ich möchte
betonen, daß wir hier eine intensive Beteiligung deutscher Stellen außerordentlich begrüßen würden.
Es läge sicherlich auch im
Interesse
der
Bundesrepublik,
wenn möglichst viele US-Soldaten
als wirkliche Kenner ihres Gastlandes in die Heimat zurückkehren
könnten.

Die Deutschen beherbergen rund eine
Million Soldaten, eigene und fremde,
auf einem Gebiet, das die Fläche des
amerikanischen Bundesstaates Oregon,

�dabei aber die elffache Bevölkerungsdichte hat. Dies führt zwangsläufig
zu Behelligungen und Belästigungen,
und die Deutschen haben ein Recht
darauf, daß diese so klein wie möglich gehalten werden. Ich werde alles tun, was in meiner Macht steht,
um diese Last zu erleichtern.

drohung ist heute geringer als zu jedem anderen Zeitpunkt der Nachkriegsgeschichte, und die Aussichten auf
ein weniger militarisiertes Europa
sind gut. Die jahrzehntelange Standfestigkeit des westlichen Bündnisses
hat die Bedingungen hierfür geschaffen.

Wir verstehen dies, und die USStreitkräfte tun ihr möglichstes, um
dem Rechnung zu tragen. Diese Anpassungsbereitschaft hat aber Grenzen,
die durch den Auftrag der Streitkräfte markiert werden. Wenn Gemeinden
oder
Bürgerinitiativen
Forderungen
und Einwände erheben, die in der Konsequenz die Einsatzbereitschaft der
Streitkräfte massiv beeinträchtigen,
dann müssen wir der Versuchung widerstehen, den Weg des geringsten Widerstandes zu gehen und so zu billiger
Popularität zu gelangen.

Wollen wir jetzt das gefährden, was
Ihrem Land und meinem so lange Frieden, Freiheit und Wohlstand erhalten
hat — den Schutz des Bündnisses und
seiner Streitkräfte? Wollen die Menschen das?
Wollen sie ohne jeden
vernünftigen Grund ihre Sicherheit
und damit die Grundlagen ihrer Existenz von der ungewissen Entwicklung
in einem Land abhängig machen, das
sehr wohl schweren Stürmen entgegengehen könnte?
Ich kann mir nicht
vorstellen, daß jemand, der diese
Konsequenzen in aller Klarheit sieht,
sie mutwillig auf sich nehmen will.

Die Bundesrepublik Deutschland Ist
ein souveräner
und demokratischer
Staat, dessen Regierung nicnt die
Möglichkeit hat, ihren Wählern etwas
aufzuzwingen, was diese erklärtermaßen nicht wollen. Selbstverständlich
kann man auch niemanden gegen seinen
Willen beschützen.
Man kann aber versuchen, Menschen,
die den Blick zu starr auf ihren eigenen kleinen Lebensbereich heften,
die Konsequenzen ihres Handelns zu
erklären. Man kann ihnen unumwunden
sagen, daß sie an dem Ast sägen, auf
dem sie seit 40 Jahren sitzen, und
zwar recht komfortabel. Dies erfordert Mut zur Offenheit und Klarheit.
Man wird dabei nicht immer populär.
Opportunismus ist bequemer. Aber es
ist eine Frage politischer Verantwortung, solchen Versuchungen nicht zu
erliegen. Hier sind wir alle gefordert. Demokratie bedeutet Wettbewerb
der Standpunkte, und nur wer aufsteht
und spricht, wird gehört und kann
überzeugen.
Es geht nicht darum, den Wandel in
der Sowjetunion zu leugnen oder vorzugeben, daß ein sowjetischer Großangriff jederzeit möglich sei. Die Be-

Wenn wir weiterhin in der Sicherheit
des Bündnisses leben wollen, dann
müssen wir den Streitkräften, auf deren Einsatzbereitschaft sie letztlich
beruht, die Erhaltung derselben ermöglichen. Ich erinnere hier an die
Worte Bundeskanzler Kohls, der im Januar 1989 In einem Zeitungsinterview
darauf hinwies, daß, so wörtlich,
"die Erhaltung von Frieden und Freiheit nicht zum Nulltarif zu haben
st .
Wir haben heute allen Anlaß, hoffnungsvoll in die Zukunft zu blicken.
In den Ländern des Westens steht die
Demokratie seit Jahrzehnten stabil
und unangefochten, während, wie die
Frankfurter Rundschau
vor wenigen
Wochen vermerkte, der klassische SowjetkommunIsmus heute das Schicksal
erleidet, das Präsident Reagan ihm
prophezeite: Er ist dabei, auf den
Abfallhaufen der Geschichte zu wandern. Wir, die Partner in der NATO,
werden heute vom Rest der Welt um unsere Freiheit und um unseren Wohlstand beneidet, während die Sowjetunion unter Schmerzen versucht, das
Erbe einer allzu langen, unseligen
Vergangenheit zu bewältigen.
8 -

�Vergessen wir nicht, daß unser Erfolg
sich nicht von selbst eingestellt
hat.
Vergessen wir nicht die Grundlagen, auf denen er wachsen konnte.
Der neue Wind der Freiheit bläst vom
Westen her, und jene, die ihn ignorieren, werden vom Winde verweht werden.

* * * * *

�AMERIKA DIENST
VON

4

Dokumentation

1. November 1989

40

US-VERTRETER FORDERT VERSTÄRKTE ZUSAMMENARBEIT BEI TREIBHAUSEFFEKT
- Erklärung von William Nitze vor Kongreß-Unterausschuß WASHINGTON - (AD) - Einem Vertreter des US-Außenministeriums zufolge ist eine
Bestandsaufnahme der möglichen weltweiten Klimaveränderungen sowie der noch
erforderliche Forschungsarbeiten notwendig. Vor einem Unterausschuß des Repräsentantenhauses erklärte William Nitze, Unterabteilungsleiter für Umweltfragen im US-Außenministerium, am 26. Oktober 1989, bei Internationalen Verhandlungen sollte der Rahmen für die Erforschung möglicher Klimaveränderungen
abgesteckt werden, obwohl keine gesicherten Erkenntnisse über einschneidende
und weitverbreitete Veränderungen dieser Art im nächsten Jahrhundert vorlägen.
Nachfolgend veröffentlichen wir Nitzes Erklärung in Auszügen:

Es steht fest, daß globale Klitnaveränderungen eine internationale. Angelegenheit sind, die nationale Grenzen
überschreitet und nur durch Internationale Zusammenarbeit wirksam bewältigt werden kann.
Isolierte Maßnahmen der Vereinigten Staaten oder irgendeines anderen Staates werden wirkungslos bleiben.
Die Vereinigten Staaten gehen davon
aus, daß sämtliche Maßnahmen in bezug
auf die weltweiten Klimaveränderungen
folgende Elemente umfassen müssen:
Kontinuierliche wissenschaftliche
Forschung
zur
Klimaveränderung,
um unser Verständnis für die Auswirkungen menschlicher Handlungsweisen auf das künftige Klima zu

United States Information Service
Embassy of the United States of America

vprtiefen
und
die
mangelnde
Kenntnis der Funktionsweise des
Klimasystems abzubauen.
Eine Einschätzung der Auswirkungen künftiger Klimaveränderungen
auf
Umwelt,
Gesellschaft
und
Wirtschaft.
Die Untersuchung von Optionen zur
Begrenzung und Abschwächung dieser Veränderungen oder eine Anpassung an sie.
Entwicklung
und
Durchführung
praktikabler und wirtschaftlicher
Maßnahmen
unter besonderer Berücksichtigung
derjenigen,
die
schon aus anderen Gründen gerechtfertigt sind.

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Tel.: 0228-339 2035
Telex: 8-85432

�Über Umfang und Ausmaß künftiger Kllmaveränderungen
bestehen
weiterhin
Unsicherheiten.
Ein besseres Verständnis einzelner Elemente wie Einfluß von Wolkenbildung, Pufferfunktion der Weltmeere, Rolle der Biosphäre und anderer Komponenten des
Erdsystems sowie möglicher Rückkopplungsmechanismen
ist
erforderlich.
Die Verursacher von Treibhausgasen
müssen
mengenmäßig
erfaßt
werden.
Gegenwärtig können wir weder die regionalen Auswirkungen von Klimaveränderungen, wie etwa
jahreszeitliche
Veränderungen von Niederschlägen und
Bodenfeuchtigkeit,
beurteilen, noch
haben wir mögliche Optionen für die
Bewältigung dieser Veränderungen umfassend untersucht.
Angesichts dieser Überlegungen und
Unbekannten umfaßt unsere Tagesordnung für die Behandlung der weltweiten Klimaveränderungen in internationalen Foren folgende Schritte:
Eine Bestandsaufnahme des aktuellen Wissensstands zu Klimaveränderungen, die mögliche Bandbreite
ihrer Auswirkungen sowie mögliche
Handlungsoptionen.
Aufnahme internationaler Verhandlungen über eine Rahmenkonvention
zu den Klimaveränderungen, die
einen formelleren Mechanismus für
die internationale Zusammenarbeit
zum Verständnis des Problems und
die
Entwicklung
koordinierter
Strategien zu dessen Bewältigung
bieten würde.
Weiterentwicklung von und Drängen
auf die umgehende
Durchführung
von Maßnahmen, die auch aus nicht
rein
klimatischen
Gründen
gerechtfertigt sind, etwa bessere
Nutzung von Energie, Reduzierung
von FCKW-Emissionen, Aufforstung
oder umsichtigere Bodennutzung.
Verstärkte internationale Unterstützung für ein Forschungsprogramm, mit dem die mangelnde wissenschaftliche Kenntnis abgebaut
wi rd.

Angesichts der Tatsache, daß ein internationaler Prozeß zur Bewältigung
des Problems der Klimaveränderung erforderlich ist, haben die Vereinigten
Staaten im Sommer 1987 die führenden
Gremien der Weltorganisation für Meteorologie
und des Umweltprogramms
der Vereinten Nationen aufgefordert,
gemeinsam
einen
zwischenstaatlichen
Mechanismus zu schaffen, der sich mit
der weltweiten Klimaveränderung befassen soll.
Vor nahezu einem Jahr versammelten
sich Vertreter aus über 35 Staaten
und internationaler Organisationen in
Genf zum ersten Treffen der Zwischenstaatlichen Kommission zur Klimaveränderung (IPCC).
Die IPCC erhielt
von der internationalen
Staatengemeinschaft das Mandat als primäres
Forum für dieses Problem.
Die IPCC hat drei Arbeitsgruppen eingerichtet: eine zur Überprüfung und
Bewertung wissenschaftlicher Erkenntnisse über klimatische Veränderungen,
eine andere zur Beurteilung möglicher
ökologischer
und
sozioökonomischer
Auswirkungen
solcher
Veränderungen
und eine dritte für die Erarbeitung
und Auswertung möglicher Strategien.
Großbritannien führt den Vorsitz der
Wissenschaftsgruppe, die Sowjetunion
leitet die Gruppe über Auswirkungen,
und die Vereinigten Staaten sind für
die strategische Arbeitsgruppe verantwortlich.
Die IPPC wird für die
im Herbst 1990 geplante Zweite Weltklimakonferenz einen Bericht über ihre Ergebnisse vorbereiten.
Dieser
Bericht könnte als Grundlage der Konvention über Klimaveränderungen dienen, die beim Weltwirtschaftsgipfel
im Kommunique der G-7 erwähnt wurde.
Darüber hinaus beteiligen wir uns in
verschiedenen anderen Foren an einer
Reihe von Bestrebungen zur Bewältigung der Klimaveränderung.
Wir arbeiten gemeinsam mit dem Umweltausschuß der OECD und der Internationalen Energie-Agentur an verschiedenen
Projekten, um leistungsfähigere Energietechniken und alternative Energle-

- 2 •

�quellen zu entwickeln.
Zusammen mit
dem
Entwicklungshilfeausschuß
der
OECD wollen wir die einzelnen bilateralen Entwicklungshilfemaßnahmen besser koordinieren und damit gewährleisten, daß Umweltprobleme und insbesondere klimatische Veränderungen angemessen berücksichtigt werden. Dieser Ausschuß wird voraussichtlich im
November zusammentreten, um den gegenwärtigen Stand dieser Bestrebungen
zu erörtern. Als Teil der Verwirklichung des Protokolls von Montreal
fördern wir technische Projekte und
bemühen uns um Finanzierung durch
Multilaterale Entwicklungsbanken und
das Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen (United Nations Development Programme - UNDP), damit wichtigen Entwicklungsländern wie etwa China und Indien der Übergang zu Technologien erleichtert werden kann, bei
denen der Einsatz der ozonzerstörenden FCKW vermieden wird.
Die beiden anderen Mechanismen zur
Koordinierung
internationaler
Bemühungen um den Fortbestand des tropischen Regenwalds sind die Internationale
Tropenholzorganization
(ITTO)
und der Plan zum Schutz des Regenwaldes (TFAP). Wir befinden uns gegenwärtig im Anfangsstadium der Erörterung von Optionen zur Unterstützung
der Maßnahmen von ITTO und TFAP für
den tropischen Regenwald.
Wie Sie
wissen, hat die fortwährende Haushaltskriese der vergangenen Jahre dazu geführt, daß die Vereinigten Staaten der FAO, die Maßnahmen des TFAPPlans koordiniert, und auch der ITTO
nicht
den
vollen
Mitgliedsbeitrag
entrichtet hat.
In der Erkenntnis,
daß sofortiges Handeln erforderlich
ist, um die sich abzeichnenden Tendenzen der Umwandlung von Wald in
Nutzflächen aufzuhalten, hat die Administration die Zahlung der überfälligen Beiträge an diese Organisationen in die Wege geleitet. Sie müssen
bezahlt werden, wenn wir mitbestimmen
wollen, wie die ITTO und der TFAP die
verfügbaren stehenden Mittel verwenden.

Zur Förderung
internationaler Forschung zum Phänomen der Klimaveränderung beteiligen sich die Vereinigten
Staaten
am
Internationalen
Geosphären-Biosphären-Programm
(IGBP).
Das IGBP wurde vom Internationalen
Rat wissenschaftlicher Vereinigungen
und dem Meterologischen Weltkongreß
ins Leben gerufen, um Anfang der
neunziger Jahre ein Internationales
Forschungsprogramm zu entwickeln. Im
Rahmen dieses Programms würden die
(bisherigen und zukünftigen) Umweltveränderungen untersucht, die Ursachen der Veränderungen
aufgedeckt,
langfristige Perspektiven für die Umwelt vorhergesagt und Möglichkeiten
ermittelt, um den schädlichen Einfluß
des Menschen auf seine Umwelt auf ein
Mindestmaß zu beschränken.
Die amerikanische Entsprechung des IGBP mit
Beratungsfunktion
ist der Ausschuß
für Globale Veränderungen an der Nationalen Akademie der Wissenschaften.
Diese Gruppe dient als Beratungsgremium
für das amerikanische
Forschungsprogramm über globale Veränderungen, ein vom Ausschuß für Geowissenschaften (CES) entwickeltes interministerielles
Forschungsprogramm.
Das Forschungsprogramm
zum
Weltklima, an dem sich die Vereinigten Staaten beteiligen, unterstützt
eine Reihe internationaler wissenschaftlicher Projekte, wie etwa das
Experiment
über
die
Strömung
der
Weltmeere (WOCE) und die Projekte für
tropische
Meere
und
Erdatmosphäre
(TOGA).

* * * * *

�AMERIKA DIENST
Hintergrundmaterial

V,oN^

40

1. November 1989

AMERIKANISCHE SOZIALPOLITIK AUF NEUEM KURS

- Fünfter und letzter Artikel über das amerikanische Sozialwesen -

WASHINGTON - (AD) - Die amerikanische Sozialpolitik der vergangenen 25
Jahre hat einigen traditionell armen
Bevölkerungsschichten wirtschaftliche
Vorteile gebracht, während weiter ins
Hintertreffen gerieten.
Konkret heißt das, trotz massiver Erhöhung der Sozialausgaben der Bundesregierung - von etwa 24,9 Milliarden
Dollar 1960 auf 1989 über GOO Milliarden Dollar - konnte Armut in den
Vereinigten Staaten nicht völlig ausgerottet werden. Regierung und Privatorganisationen suchen laufend neue
Ansätze, um den Armen zu helfen, ohne
den Staatshaushalt weiter zu strapazieren.
Dero Statistischen Bundesamt zufolge
sank die Armutsquote aller Amerikaner

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Embassy of the United States of America

von einem 22,4 Prozent-Hoch 1959 auf
einen Tiefstand von 11,1 Prozent im
Jahr 1973, um dann 1983 unmittelbar
nach der Rezession von 1981/82 wieder
15,2 Prozent zu erreichen und dann
bis 1988 stufenweise auf 13,2 Prozent
zu fallen.
Diese Zahlen für das Ausmaß der Armut
basieren lediglich auf dem verfügbaren Einkoramen, nicht auf der in Form
von
Lebensmittelmarken.
kostenlosen
oder ermäßigten Schulspeisungen, Medicare, Medicaid und Wohnungsbeihilfe
geleisteten Hilfe für die Armen. Dem
Statistischen Bundesarat zufolge würde
bei Einbeziehung der in solcher Form
geleisteten staatlichen Unterstützung
die offizielle Armutsquote 1988 von
13,2 Prozent auf 10,5 Prozent sinken. Gegenwärtig gibt es noch keine

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�üb reinstimmung
über
solcher Leistungen.

die

Berechnung

viele dieser Kinder ebenfalls alleinstehende Mütter werden könnten.

Neubewertung der Sozialpolitik

Initiativen des Privatsektors

Die heutigen massiven Ausgaben für
amerikanische Sozialprogramme basieren auf Entscheidungen der sechziger
und siebziger Jahre, wonach der Staat
verarmten Amerikaner stärker helfen
muß.

Präsident Bush - wie vor ihm die Präsidenten Reagan und Carter - strebt
eine Senkung der Bundessozialausgaben
an, ohne Anspruchsprogramme in Mitleidenschaft
zu
ziehen, aber
bei
gleichzeitiger Stärkung des Privatsektors.
Angesichts des abnehmenden
Engagements der Regierung werden erwartungsgemäß
Privatfirmen und gemeinnützige Organisationen die Lücke
schließen, indem sie mehr Zeit und
Kraft in Programme zur Lösung vordringlicher sozialer Probleme investieren.

Der Wohlstand jener Jahre schuf die
zur Finanzierung dieser Programme erforderlichen Ressourcen.
Niedrigere
Wachstumsraten in der Wirtschaft und
ein steigendes Haushaltsdefizit haben
jedoch in den vergangenen Jahren zu
geringerer öffentlicher Befürwortung
solcher Programme und zu größeren Anstrengungen auf allen Regierungsebenen geführt, die Sozialausgaben zu
drosseln.
Die meisten der großen öffentlichen
Programme - wie etwa die Hilfe für
Familien
mit
unterhaltsberechtigten
Kindern (AFDC) und Lebensmittelmarken
enthalten
jetzt eine Bestimmung
über Arbeitsbereitschaft,
derzufolge Leistungen von der Bereitschaft
des Empfängers abhängen, Teilzeitoder Vollzeitarbeitsplätze zu akzeptieren oder an staatlichen Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen
teilzunehmen.
Ausgenommen
von
dieser
Bestimmung
sind Alleinerziehende mit einem Kind
unter drei Jahren.
Neben
Sozialversicherung und Medicare,
die
als
Anspruchsprogramme
breite Unterstützung finden, ist Hilfe für Familien mit unterhaltsberechtigten Kindern das am schnellsten
wachsende und teuerste Sozialprogramm
in den Vereinigten Staaten mit bar
gezahlten Leistungen. Zu den Empfängern von ADFC zählen heute mehr als
1,9 Millionen unverheiratete - zumeist minderjährige - Mütter. Untersuchungen belegen, daß bei deren Kindern die Wahrscheinlichkeit der Armut
um 50 Prozent höber ist als bei Kindern aus klassischen Kleinfamilien,
und sie sehen Anzeichen dafür, daß

Im Juni dieses Jahren hat Präsident
Bush eine Initiative namens Points
of Light ins Leben gerufen, im Rahmen derer zahlreiche Amerikaner aus
allen Berufszweigen ermutigt werden
sollen,
ihre Arbeitskraft
in den
Dienst des Kampfes gegen Armut, Hunger,
Analphabetentum,
Obdachlosigkeit, Drogenabhängigkeit und anderer
Probleme, die
alle
betreffen,
zu
stellen.
"Von nun an," so Bush bei der Vorstellung seines Programms, "muß jede
Beschreibung eines erfolgreichen Lebens den Dienst am Nächsten einschließen".
Der Präsident
fordert den Kongreß
auf, in einem Zeitraum von vier Jahren 100 Millionen Dollar für eine
Points of Light-Stiftung zu bewilligen, die als Zentralstelle ehrenamtlich
durchgeführte
erfolgreiche
Programme
registrieren
und
fördern
und sie anderen Gemeinden im ganzen
Land empfehlen soll. Zu den jährlich
von
der
Bundesregierung
bereitgestellten
25 Millionen Dollar käme
noch einmal die gleiche Summe an privaten Spenden, und mit diesem Jahresbudget von 50 Millionen Dollar könnten etwa "heiße Drähte" eingerichtet
werden, uro ehrenamtliche Mitarbeiter
für besondere Programme anzuwerben.

�Unternehmen und andere Privatorganisationen werden gebeten, Hie Dienste
besonders fähiger Mitarbeiter bis zu
sechs Monate lang kostenlos zur Verfügung zu stellen, so daß sie auf
Reisen
in den Vereinigten Staaten
beim Aufbau erfolgreicher ehrenamtlicher Projekte helfen können. Arbeitgeber werden aufgefordert, ehrenamtliche Arbeit als Kriterium für Beförderungen oder beruflichen Aufstieg zu
berücksichtigen.

Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen, Ausbildung und Berufsberatung für Sozialhilfeempfänger, John Martinelli, zufolge hat Maximus "ebenso gute - und
in manchen Fällen bessere - Arbeit
geleistet als wir".
Dennoch sind nach wie vor viele Kritiker skeptisch und behaupten, eine
gewinnorientierte Privatfirma arbeite
unter Umständen nur mit den am besten
vermittelbaren
Sozialhilfeempfängern
zusammen und stelle nicht so sehr die
Bedürftigkeit in den Vordergrund.

Experimente in Kalifornien
In Kalifornien wird gegenwärtig mit
einem
privaten
Sozialprogramm
("free-enterprise welfare") ein neues
Konzept erprobt. Im Rahmen eines vom
kommunalen Aufsichtsamt der Stadt Los
Angeles
genehmigten
Dreijahresvertrags sucht die Firma Maximus Incorporated - der einzige Privatanbieter
von Sozialleistungen in den Vereinigten Staaten - von Sozialhilfe lebende
Mütter aus der Abhängigkeit von AFDC
zu befreien und ihnen einträgliche
Arbeitsplätze zu vermitteln.
Damit
spart die Firma dem Steuerzahler Geld
und verdient selbst daran.
Für jeden Sozialhilfeempfänger, der
seinen Arbeltsplatz sechs Monate innehat oder soviel arbeitet, daß seine
Leistungen
aus AFDC um mindestens
fünfzig
Prozent
verringert
werden
können,
erhalten
die
zuständigen
Sachbearbeiter des Privatanbieters die früher vielfach bei der Bundesregierung oder den Regierungen der Einzelstaaten
beschäftigt waren - je
zwei Drittel einer 150 Dollar-Prämie,
die Maximus von der Stadt gezahlt
wird.
Die Befürworter des Plans loben die
Flexibilität des mit Computern arbeitenden Maximus-Programms, das sich
eng an staatliche Richtlinien hält,
und die Kommunalbeamten in Los Angeles scheinen mit den bis heute erzielten
Ergebnissen
zufrieden
zu
sein. Dem Leiter der kommunalen Sozialprogramme
für
Kinderbetreuung,

Ehrenamtliche Gemeindearbeit
Präsident Bush hat insbesondere jüngere Amerikaner aufgefordert, bei der
Arbeit in der Gemeinde mit gutem Beispiel voranzugehen und sich einer
neuen Bewegung anzuschließen, die er
"Junge Menschen arbeiten für Amerika"
("Youth Engaged in Service: YES to
America") taufen will.
Mit diesen
Betrebungen würden Nächstenliebe und
Begeisterungsfähigkeit junger Amerikaner auf Projekte gelenkt, mit denen
armen, jungen und alten Menschen geholfen werden kann.
Bush erklärte,
sein Ziel sei es, daß Jugendliche in
bestehenden oder neu zu gründenden
karitativen Einrichtungen ihrer Gemeinde mitarbeiten, um bestimmte Probleme lösen zu helfen, etwa wenn Jugendlichen das Selbstwertgefühl fehlt
oder sich Familien aufzulösen beginnen. YES-Mitglieder könnten dem Präsidenten zufolge bestehenden Organisationen helfen, ihre Dienste auch
auf Kinder auszudehnen.
Etwa 25 Prozent aller amerikanischen
Universitäten und Dutzende weiterführender Schulen haben kürzlich ehrenamtliche Tätigkelten In Ihre Lehrpläne aufgenommen.
Eines der ehrgeizigsten Projekte wird In Kalifornien
durchgeführt, wo Studenten der 29
staatlichen Universitäten ermutigt aber nicht gezwungen - werden, jährlich 30 Stunden ehrenamtlich zu arbeiten.
Im Rahmen dieses Programms
("Human Corps") nimmt jedes College

- 3 -

�Verbindung zu ortsansässigen Organisationen auf, die ehrenamtliche Helfer suchen. Die freiwilligen Helfer
arbeiten in vielen Bereichen, vom Roten Kreuz bis zur Hausaufgabenbetreuung von Schülern, die benachteiligten
Minderheiten
angehören.
Etwa ein
Viertel aller 400 000 Studenten beteiligen sich kalifornischen Regierungsbeamten zufolge an einem solchen
Programm.
Dem Kongreß liegen gegenwärtig mindestens neun Gesetzentwürfe vor, die
ehrenamtliche Arbeit für junge Menschen zur nationalen Priorität erklären. Die Bandbreite geht von einem
Entwurf über ein Programm der Bundesregierung, das auf gemeinnützigen
Programmen der dreißiger Jahre basiert bis zu einem Vorschlag, demzufolge den Einzelstaaten Mittel zur
Erweiterung von Möglichkeiten für die
ehrenamtliche Tätigkeit Jugendlicher
zur Verfügung gestellt würden. Ein
von den demokratischen Senatoren Sam
Nunn und Dave McCurdy erarbeiteter
Plan fordert ein Vollzeitprogramm aus
Zivil- oder Militärdienst, bei dem
junge Freiwillige Gutscheine bis zum
Wert von 12 000 Dollar pro geleistetem Jahr erhalten, die gegen Ausoder Fortbildung eingetauscht oder
als Anzahlung für ein Haus akzeptiert
werden.
Einer
jüngsten
Untersuchung
von
Independent Sector - einer Dachorganistion der meisten größeren amerikanischen Wohltätigkeitsvereine - zufolge war die Mehrzahl der befragten
erwachsenen
Amerikaner
regelmäßig
ehrenamtlich tätig, ein Drittel der
Befragten gab an, in den letzten drei
Jahren stärker ehrenamtlich gearbeitet zu haben. Die Untersuchung kam
zu dem Ergebnis, daß 1987 etwa 80
Millionen
Erwachsene
insgesamt
19 500 Millionen Stunden im Wert von
150 Milliarden Dollar ehrenamtlich
tätig waren.
Darüber hinaus werden ältere Mitbürger, die heute in der Regel länger
leben und gesund bleiben, ermutigt,
der Gemeinschaft ihre wertvollen Fä-

higkeiten und Erfahrungen zur Verfügung zu stellen.
"Wir sind wirklich der Ansicht, daß
es an der Zeit ist, sich die Fähigkeiten älterer Menschen systematisch
zunutze zu machen," erklärte Bill
Orial vom Nationalen Rat für ältere
Mitbürger kürzlich in einem Interview
mit der Zeitschrift Newsweek*
Als Beispiel zog Oriol das von seiner
Organisation geförderte und sehr erfolgreiche Programm Freunde der Familie (Family Friends) heran, bei
dem
ältere Menschen Kindern mit
ernsthaften körperlichen Behinderungen oder Lernschwächen helfen und den
Eltern die Erleichterung verschaffen,
die sie unter Umständen dringend
brauchen.
Bei dem Programm Grandfriend Project helfen ältere Mitbürger in New York freiwillig Babys und
Kleinkindern in Pflegefamilien, auch
solchen mit AIDS. Im Rahmen anderer
Programmen werden ältere Mitbürger
zur Hausaufgaben- und Kinderbetreuung
eingesetzt.
Der Soziologin Susan M. Chambre vom
Baruch College zufolge erweisen sich
ältere Mitbürger als unerschöpfliche
Quelle in der Gemeindearbeit. 1987
zum Beispiel arbeiteten 40 Prozent
aller Amerikaner zwischen 65 und 74
Jahren ehrenamtlich oder leisteten
regelmäßig freiwillige Hilfe für andere.

Steigender Bedarf an Kinderbetreuung
In der Sozialpolitik werden eine Reihe innovativer Ansätze untersucht und
erprobt, um mit den sich verändernden
Werten und der demographischen Entwicklung der amerikanischen Gesellschaft Schritt zu halten.
Prognosen des amerikanischen Arbeitsministeriums deuten darauf hin, daß
eine steigende Zahl von Frauen, Jugendlichen und Angehörigen von Minderheiten in den kommenden Jahrzehnten auf den Arbeitsmarkt drängen wird
- darunter viele ungelernte Arbeits-

- 4-

�kräfte,
die
zusätzliche
Aus- und
Fortbildung brauchen und Mütter, die
auf
angemessene
Kindertagesstätten
angewiesen sein werden, wenn sie weiterhin in verantwortungsvollen Positionen arbeiten wollen.
Um diesem Bedarf in Zukunft gerecht
zu werden, hat Präsident Bush zusammen mit der demokratischen Mehrheit
im Kongreß verschiedene Gesetzentwürfe zur Kinderbetreuung eingebracht,
mit denen es Müttern leichter gemacht
werden
soll,
Vollzeitarbeitsplätze
innezuhaben und um eine angemessene
Betreuung der Kleinkinder während ihrer Arbeitszeit
zu gewährleisten.
Insgesamt stehen im Repräsententenhaus und im Senat noch 145 Gesetzentwürfe zur Entscheidung an, die sich
primär oder sekundär mit Kinderbetreuung befassen.
Die Bundesregierung gewährt bereits
Familien mit geringem Einkommen Steuererleichterungen, damit diese Kinderbetreuung finanzieren können, darüber hinaus unterstützen 29 Einzelstaaten Eltern durch ihre Steuergesetzgebung, und 15 Staaten informieren Eltern und Arbeitgeber Über Möglichkeiten zur Finanzierung und Inanspruchnahme von Kinderbetreuung.
Dem als Familienhilfeplan
(Family
Support Plan) bekannten Vorschlag von
Präsident Bush zufolge soll die Hilfe
für Familien mit geringem Einkommen
und mindestens einem Verdiener erweitert und für jedes Kind unter vier
Jahren ein Steuerfreibetrag gewährt
werden, um die Betreung des Kindes
während der Arbeitszeit der Eltern
sicherzustellen. Der Freibetrag würde 14 Prozent vom Einkommen der Eltern und maximal 1 000 Dollar pro
Kind betragen.
Der Maximalbetrag
würde zunächst für Familien mit Jahreseinkommen
zwischen
8 000
und
13 000 Dollar stufenweise eingeführt,
bis 1994 auch bei Einkommen zwischen
15 000 und 20 000 Dollar. Wenn das
Familieneinkommen geringer ist als
die genannten Sätze, wäre eine Summe
in Höhe des Freibetrags rückerstattungsfähig und würde für das am 1.

Januar 1990 beginnende Steuerjahr berücksichtigt.
Der amerikanische Senat hat einem
noch ehrgeizigeren Plan der Demokraten zugestimmt, dem Gesetz für bessere Kinderbetreuung (Act for Better
Child Care - ABC), der die Rolle der
Bundesregierung in den nächsten fünf
Jahren in einem Umfang von etwa 8,75
Milliarden Dollar erweitert. Das Gesetz würde jedes Jahr bis zu 1,75
Milliarden Dollar bewilligen, um Familien mit geringem Einkommen bei der
Finanzierung der Kinderbetreuung zu
helfen, wobei den Eltern 70 Prozent
der Summe direkt in Form von Gutscheinen und die restlichen 30 Prozent als neuer Steuerfreibetrag statt
einer Prämie für die Kinderkrankenversicherung gewährt wird. Insgesamt
entgehen dem Staat dadurch 10,3 Milliarden Dollar Steuereinnahmen.
Das Repräsentantenhaus hat ein Gesetz
zur Kinderbetreuung ähnlich dem des
Senats verabschiedet.
Damit würde
das Programm Head Start erweitert
und "Schlüsselkinder", deren Eltern
immer noch außer Haus arbeiten, wenn
die Kinder aus der Schule kommen, in
der Schule betreut.
Einige Privatunternehmen stellen ihren Beschäftigten bereits Hilfsprogramme und entsprechende Einrichtungen als zusätzliche Leistungen zur
Verfügung.
Einer Untersuchung des
Arbeitsministeriums von 1987 zufolge
hatten 2 Prozent aller untersuchten
Unternehmen mit mehr als 10 Beschäftigten Kindertagestätten, 3 Prozent
unterstützten Kinderbetreuung finanziell, 6 Prozent boten Informationen
oder Beratung an und 61 Prozent hatten flexible Arbeitszeit.
Die
amerikanischen
Gewerkschaften
konzentrieren sich immer stärker auf
Kinderbetreuung, Erziehungsurlaub und
flexible Arbeitszeit und machen diese
Themen zum Kernpunkt ihrer Tarifverhandlungen mit den Arbeitgebern, wobei sie versuchen, auslaufende Tarifverträge durch neue zu ersetzen. Ein
im Mai dieses Jahres zwischen AT&amp;T

- 5 -

�und zwei Gewerkschaften der Beschäftigten im Fernmeldesektor ausgehandeltes Abkommen könnte für künftige
TarifVertragsbedingungen
Vorbildcharakter haben.
Dieses Abkommen, von dem landesweit
mehr als 175 000 Arbeitnehmer betroffen sind, erschließt neues Terrain,
und
sieht einen
unternehmensseitig
geförderten
Fünf-Millionen-DollarFonds zur Finanzierung von Kindertagestätten und Programmen für ältere
Angehörige
von
Beschäftigten
vor.
Darüber hinaus begründet es eine Politik des "Farailienurlaubs", wonach
Arbeitnehmer bis zu ein Jahr unbezahlten
Urlaub
nehmen
können, um
ernsthaft erkrankte Familienmitglieder zu pflegen, wobei in der Zeit die
Krankenversicherung und die WiederUbernahme an den gleichen oder einen
gleichwertigen
Arbeitsplatz
gewährleistet ist.
Weiterhin können vom
Arbeitnehmer und seiner Familie Ausgaben bis zu 2 000 Dollar geltend gemacht werden, die im Zusammenhang mit
der
Adoption
eines
minderjährigen
Kindes entstehen, und es wird eine
neue
Regelung
für
"entschuldigtes
Fernbleiben vom Arbeitsplatz" getroffen, derzufolge Arbeitnehmer wegen
dringender
Familienangelegenheiten
kurzfristig freinehmen können.

* * * * *

6

�AMERIKA DIENST
VON

Hintergrundmaterial

**

40

1. November 1989

DELEGATION DES PRÄSIDENTEN REIST NACH POLEN
- Eine Übersicht des Weißen Hauses -

WASHINGTON - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir eine vom Weißen Haus an
30. Oktober 1989 herausgegebene Übersicht, in der Präsident Bushs Unterstützung für Polens politische und wirtschaftliche Reformen dargelegt und die Bildung einer Ende November im Auftrag des Präsidenten nach Polen reisenden Delegation angekündigt wird.

Delegation des Präsidenten für Polen
Seit Amtsantritt dieser Administration hat der Präsident starkes Interesse an den sich in Osteuropa vollziehenden politischen und wirtschaftlichen Reformen bekundet.
In seiner
Rede am 17. April 1989 in Hamtramck
hat Präsident Bush dem damals noch in
seinen Kinderschuhen steckenden Reformprozeß die Unterstützung der Vereinigten Staaten zugesichert.
Nach den ersten nahezu freien Wahlen
in vierzig Jahren ist Präsident Bush
nach Polen gereist und hat dort zusätzliche Unterstützung für die Reformen versprochen. Anfang September
hat ?r im Kongreß um einen Unternehmensfonds im Umfang von 100 Millionen
Dollar, technische und arbeitsmarkt-

United States Information Service
Embassy of the United States of America

orientierte Hilfe in Höhe von 4 Millionen und ein Umweltschutzprogramm
von 15 Millionen Dollar nachgesucht.
Darüber hinaus hat der Präsident auf
dringende Bitte der neuen polnischen
Regierung
zusätzlich
108 Millionen
Dollar Lebensmittel hilfe gewährt.
In Polen haben dramatische Reformen
stattgefunden.
Die Regierung wird
nunmehr
von einem nichtkommunistischen
Premierminister geleitet und
plant
wichtige
Wirtschaftsreformen,
von denen einige bereits durchgeführt
werden. Dafür hat Polen 1 Milliarde
Dollar an westlicher Wirtschaftshilfe
angefordert, um die neue Regierung zu
stabilisieren, wenn sie im nächsten
Jahr drastischere Stabilisierungsmaßnahmen
verwirklicht.
Als Antwort
darauf hat der Präsident als amerika-

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D 5300 Bonn 2

Tel.: 0228-339 2035
Telex: 8-85432

�nischen Beitrag vom Kongreß 200 Millionen Dollar Fördermittel für diesen
Stabilisierungsfonds angefordert, der
an Polens erwartetes Abkommen mit dem
Internationalen Währungsfonds gebunden ist. Das gesamte Paket der Polenhilfe beträgt damit mehr als 400
Millionen Dollar.
Im Rahmen seiner andauernden Unterstützung der polnischen Reformen hat
der Präsident heute die Bildung einer
Delegation angekündigt, die Ende November im Auftrag des Präsidenten
nach Polen reisen wird, um den neuen
Wirtschaftsplan der Regierung zu prüfen und den Präsidenten zu beraten,
wie die amerikanischen Mittel am beten verwendet
werden können.
Die
Sondergruppe wird von den Ministern
Yeutter, Mosbacher und Dole sowie dem
Vorsitzenden
des
Rats
der
Wirtschaftsexperten (CEA) Boskin geleitet.
Ihr gehören vorwiegend Vertreter von Gewerkschaften und Industrie
an, ferner Wirtschaftswissenschaft! er
und Experten aus dem Privatsektor,
unter ihnen Lane Kirkland, Murray
Wiedenbaum, Michael Harper (CONAGRA),
John McGillacuddy (Manufacturers Hanover), Gale Johnson und Arnold Harberger (Universitv of Chicago). Robert Giorgine (AFL-CIO) und Edward
Moskal (Polish-American Congress).

Dieser ersten Reise werden andere
Missionen
von Fachleuten
wichtiger
Wirtschaftssektoren folgen.
DarUber
hinaus werden Wirtschaftsexperten der
Administration
vordringlich
die
strukturellen
wirtschaftlichen
Herausforderungen
untersuchen,
denen
sich Polen heute und in den nächsten
Jahren stellen muß, damit wir dem
polnischen Volk bei seinen Reformbestrebungen
die größtmögliche
Hilfe
leisten können.

Die Deleagtion wird sich auf die
Wirtschaftssektoren konzentrieren, in
denen Know-how und Erfahrung der Amerikaner am ehesten etwas bewirken
können - in der Landwirtschaft, Unternehmensführung, Industrie, Finanzdienste. Sie wird darüber hinaus Polens Gesamtplan über strukturelle und
makroökonomische
Reformen und
über
Preisreformen untersuchen. Die Delegation des Präsidenten wird ihm einen
Bericht über ihre Ergebnisse vorlegen, die sie auch der EG-Kommission
und anderen Mitgliedern der "Gruppe
für Wirtschaftshilfe an Polen und Ungarn", der 24 Länder angehören, zugänglich machen wird. Die Reise der
Delegation wird vom 29. November bis
zum 2. Dezember 1989 dauern.
- 2 -

* * * * *

�AMERIKA DIENST
VON

Wirtschaft

*

1. November 1989

40

VEREINIGTE STAATEN SCHLAGEN IN URUGUAY-RUNDE REFORMEN
FÜR HANDEL MIT AGRARPRODUKTEN VOR

- Eine Übersicht vom Büro der US-Handelsbeauftragten -

WASHINGTON - (AD) - Die nachfolgende Übersicht zu den am 25. Oktober 1989 1m
Rahmen der Uruguay-Runde von Handelsgesprächen in Genf präsentierten amerikanischen Vorschlägen für eine Reform des Handels mit Agrarprodukten wurde am
24. Oktober 1989 vom Büro der US-Handelsbeauftragten in Washington veröffentlicht.

I.

Zusammenfassung

Am 25. Oktober 1989 präsentieren die
Vereinigten Staaten den ersten umfassenden Vorschlag zur Landwirtschaft
im Rahmen der Uruguay-Runde, multilateraler Handelsgespräche.
Der Vorschlag umfaßt alle für die Verhandlungen in diesem Bereich wichtigen
Elemente - Importzugang, Exportwettbewerb,
binnenwirtschaftliche
Stützungsmaßnahmen
sowie
sanitäre
und
phytosanitäre Maßnahmen.

II.

dukten durch erhebliche, fortschreitende Reduzierungen
von Stützungsund Schutzmaßnahmen Ziel der Verhandlungen ist.
Im Juli 1987 schlugen
die Vereinigten Staaten den vollständigen Abbau aller handelsverzerrenden
Subventionen und Zugangsbeschränkungen sowie die Harmonisierung von sanitären und phytosanitären Beschränkungen
über
einen
Zeitraum
von
10 Jahren vor. Der vorliegende neue
Vorschlag
erläutert die im Rahmen
dieses
Prozesses
durchzuführenden
Maßnahmen.

Hintergrund

Die Mitgliedstaaten des GATT sind
übereingekommen, daß die Schaffung
eines
weltweiten,
marktorientierten
Umfelds für den Handel mit Agrarpro-

United States Information Service
Embassy of the United States of America

III.
Schlüsselelemente
nischen Vorschlags

des amerika-

Der
amerikanische Vorschlag
strebt
eine Reform des Handels mit land-

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D 5300 Bonn 2

Tel.: 0228-339 2035
Telex: 8-85432

�wirtschaftlichen Erzeugnissen in vier
Schliisselbereichen an:
Marktzugang
- Die beteiligten Staaten würden
1. Alle nichttarifären Handelshemmnisse in gebundene Zölle umwandeln;
2. Bei diesen und anderen bestehenden Zöllen innerhalb von 10
Jahren
erhebliche
Reduzierungen
vornehmen;
3. Zollquoten und Schutzklauseln
einsetzen, um den Ubergangsprozeß
zu erleichtern.
Exportwettbewerb
Exportsubventionen,
einschließlich
des
Exportsteuergefälles,
würden innerhalb von fünf Jahren
abgebaut.
Mit Inkrafttreten des
Abkommens würden aufgrund eines
knappen heimischen Angebots verhängte
Exportbeschränkungen
für
Nahrungsmittel verboten.
Binnenwirtschaft]iche
Stützungsmaßnahmen
1. Die den Handel am meisten verzerrenden Maßnahmen würden abgebaut;
2. Die weniger belastenden würden
bestimmten Regeln unterworfen;
3. Die mit relativ geringfügigen
Auswirkungen würden weiterbestehen, solange sie bestimmte Kriterien erfüllen.
Sanitäre und phytosanitäre Maßnahmen
Verfügungen
und
Beschränkungen
würden einem internationalen Verfahren für die Schlichtung von
Streitfällen
und
Harmonisierung
unterworfen.

IV.
Auswirkungen
Produzenten

auf

amerikanische

Eine kürzlich durchgeführte Studie
des amerikanischen Landwirtschaftsmi-

nisteriums zeigt auf, daß amerikanischen landwirtschaftlichen Erzeugern
durch
protektionistische
Maßnahmen
anderer Länder jährliche Verluste in
Höhe von 11 Milliarden Dollar entstehen.
Wirtschaftsprognosen
zufolge
werden als Ergebnis des Abbaus handelsverzerrender
Stützungs- und
Schutzmaßnahmen in der Landwirtschaft
die Weltmarktpreise steigen, für einige
Erzeugnisse
sogar
erheblich.
Die amerikanischen Landwirtschaftsbetriebe gehören zu den wettbewerbsfähigsten der Welt. Ferner besteht in
den Vereinigten Staaten ein besonders
leistungsfähiges
Vertriebs- und
Absatzsystem.
In einem von wirklichem
Wettbewerb gekennzeichneten Umfeld bei gleichen Bedingungen für alle wird die amerikanische Landwirtschaft
wachsen und gedeihen.

V. Auswirkungen
Steuerzahler

für Verbraucher und

Die bestehende Landwirtschaftspolitik
erlegt Verbrauchern und Steuerzahlern
immense Lasten auf - allein in den
Industriestaaten 275 Milliarden Dollar pro Jahr, folgt man den Schätzungen der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung
(OECD).
Die in dem amerikanischen
Vorschlag enthaltenen Reformen würden
die für den Verbraucher durch Importzugangsbeschränkungen und hohe binnenwirtschaftliche Preisstützungsmaßnahmen
entstehende
Last
abbauen.
Weltweit würde den Verbrauchern eine
größere Auswahl an Nahrungsmitteln zu
erheblich niedrigeren Kosten zur Verfügung stehen.

VI. Auswirkungen
länder

auf

Entwicklungs-

Die Entwicklungsländer werden voraussichtlich zu den Hauptnutznießern der
Liberalisierung des Agrarhandels gehören.
Diese Schlußfolgerung stützt
sich auf eine Reihe internationaler
Studien. Der Abbau von Importschranken wird wettbewerbsfähigen Erzeugern
in den Entwicklungsländern Märkte zur

�Verfügung stellen.
Die Reform von
handelsverzerrenden Elementen In bestehenden
Landwirtschaftsprogrammen
wird die Produktionseffizienz und die
Verfügbarkeit von Nahrungsmitteln für
alle Mitglieder des weltweiten AgrarHandelssystems erhöben.

VII.

Die nächsten Schritte

Bei der Zwischenbilanz im April verständigten sich alle GATT-Mitglieder
auf eine Frist bis zum Dezember 1939
für die Unterbreitung von Verhandlungsvorschlägen.
Der Vorschlag der
Vereinigten Staaten kommt dieser Verpflichtung
nach.
Die
Vereinigten
Staaten unterbreiten als erste ein
umfassendes Paket, das alle Bereiche
der Agrarverhandlungen umfaßt.
Die
Cairns Group, die Europäische Gemeinschaft. Japan und andere Teilnehmer
haben Vorschläge gemacht, die einige,
aber nicht alle Aspekte der Verhandlungen berücksichtigen.
Beim November-Treffen
der
Verhandlungsgruppe
erwarten wir zusätzliche umfassende
Vorschläge von diesen und vielleicht
anderen
Ländern.
Diese
Vorschläge
werden die Grundlage der Verhandlungen im Jahr 1990 bilden.
Die Uruguay-Runde wird mit einem Treffen der
Handelsminister in Brüssel im November 1990 abgeschlossen.

* * * * *
- 3

�AMERIKA DIENST
'^7

^

Wirtschaft

C$-

1. November 1989

40

USA FORDERN DIENSTLEISTUNGSABKOMMEN BEI URUGUAY-RUNDE

- Übersicht der amerikanischen Handelsbeauftragten -

WASHINGTON - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir eine Übersicht über die
amerikanischen Vorschläge zum Handel mit Dienstleistungen, die am 23. Oktober
1989 bei den Handelsgesprächen der Uruguay-Runde vorgelegt wurde.

Zusammenfassung
Am 23. Oktober 1989 unterbreiteten
die Vereinigten Staaten bei den multilateralen
Handelsgesprächen
dar
Uruguay-Runde einen umfassenden Vorschlag zu Dienstleistungen. Der amerikanische Text ist der erste Vorschlag dieser Art, der die Verpflichtungen der jeweiligen Länder in einem
potentiellen
Dienstleistungsabkomaen
rechtsgültig zum Ausdruck bringt.
Der amerikanische Vorschlag
strebt
die Öffnung der Weltmärkte in größtmöglichem Umfang an. Im Rahmen dieses Abkommens könnten sich die Anbieter von Dienstleistungen im Ausland
ansiedeln und wie ortsansässige Fir-

United States Information Service
Embassy of the United States of America

men konkurrieren.
Sie würden weltweit ein faires, berechenbares Umfeld
für ihre Dienstleistungen vorfinden.

Hintergrund
Dienstleistungen machen einen bedeutenden Teil der amerikanischen Wirtschaft aus. Ungefähr 68 Prozent des
amerikanischen
Bruttosozialprodukts
(BSP) werden durch Dienstleistungen
erwirtschaftet. Rund 76 Prozent der
Beschäftigungsquote in den Vereinigten Staaten entfallen auf den Dienstleistungsbereich, und er stellt über
90 Prozent al1er neu geschaffenen Arbeitsplätze. Allein im letzten Quartal wurden über 300 000 neue Arbeits-

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D 5300 Bonn 2

Tel.: 0228-339 2035
Telex: 8-85432

�platze im
schaffen.

Dienstleistungssektor

ge-

Dienstleistungen haben darüber hinaus
einen wachsenden Anteil am amerikanischen Binnenmarkt und am Welthandel.
Schätzungen zufolge nahmen die amerikanischen Exporte von Dienstleistungen in den vergangenen zehn Jahren um
150
Prozent
zu.
Die
Vereinigten
Staaten exportierten
im Jahr 1988
Dienstleistungen
im Umfang von 90
Milliarden Dollar, was zu einer positiven Handelsbilanz von ca. 20 Milliarden Dollar führte. Im Jahr 1988
belief sich der Handel mit Dienstleistungen auf insgesamt 560 Milliarden
Dollar.
Dienstleistungen haben in den vergangenen Jahren in der Weltwirtschaft
aufgrund der zunehmenden Fähigkeiten
von
Dienstleistungsunternehmen,
mit
Hilfe
neuer
Kommunikationstechniken
ihre Dienste im Ausland anzubieten,
beträchtlich an Bedeutung gewonnen.
Als zusätzlicher Faktor schlägt bei
Dienstleistungsexporten die wachsende
Dienstleistungskomponente
von
Waren
zu Buche, die Technologie, Marketing
und Qualität besonders betont.
Die
Bestimmungen
des
Allgemeinen
Zoll- und Handelsabkommens (GATT) betreffen derzeit nicht den Handel mit
Dienstleistungen.
Aus diesem Grund
beschlossen die Vereinigten Staaten
1986, Verhandlungen über Dienstleistungen im Rahmen der Uruguay-Runde
multilateraler Handelsgespräche unter
der Schirmherrschaft des GATT in die
Wege zu leiten.

Zielsetzungen
Vorschlags

des

amerikanischen

Das Hauptziel der Vereinigten Staaten
bei den Dienstleistungsverhandlungen
ist die Erarbeitung internationaler
rechtlicher Verpflichtungen, um sicherzustellen, daß die Regierungen
transparente, berechenbare und nicht
restriktive Bestimmungen für ausländische Dienstleistungen und deren Anbieter vorsehen.
Der amerikanische

Text ist der erste Vorschlag dieser
Art, der die Verpflichtungen der jeweiligen Länder in einem potentiellen
Dienstleistungsabkommen
rechtsgültig
zum Ausdruck bringt. Darüber hinaus
enthält er einheitliche Bestimmungen
zur Schlichtung von Streitigkeiten,
Aufbau des Abkommens und die Vorgehensweise.
Die von den Ländern im Rahmen des
amerikanischen Vertragsentwurfs Übernommenen wesentlichen Verpflichtungen
unfassen folgende Punkte.

Nationale Behandlung - ausländische
Dienstleistungen
werden
ebenso behandelt wie inländische,
Unternehmensgründung - ausländische Anbieter von Dienstleistungen haben das Recht, eine Zweigstelle zu eröffnen, um im Gastland eine Dienstleistung anbieten
oder ihren Import anderweitig erleichtern zu können.
Grenzüberschreitende
Dienstleistungen - das Recht, eine aus dem
Ausland stammende Dienstleistung
in einem Gastland anzubieten.
Zeitlich begrenzte Einreise des
Anbieters von Dienstleistungen die Möglichkeit, Anbietern
von
Dienstleistungen die Einreise in
das Gastland vorbehaltlich geltender
Einreisebestimmungen
zu
gestatten.
Transparenz - die Verpflichtung
zur Veröffentlichung von Gesetzen
und Bestimmungen über Dienstleistungen, interessierten Parteien
soll die Kommentierung der vorgeschlagenen Bestimmungen gestattet
werden.
Gleichbehandlung - die Vorteile
des Abkommens gelten für alle Unterzeichnerstaaten .
Monopole - bei für Regierungen
bestimmten Dienstleistungen müssen ausländische Anbieter wie in-

�ländische behandelt und der Wettbewerb
in
Bereichen
sichergestellt werden, in denen Konkurrenz gestattet ist.
Subventionen
- Subventioen zum
Nachteil der Anbieter ausländischer Dienstleistungen sind verboten.
Regelung - die Länder haben das
Recht zur Regelung von Dienstleistungen,
vorausgesetzt,
solche
Regelungen stellen keine Beeinträchtigung
oder Aufhebung
der
Verpflichtungen des Abkommens dar.
Zahlungen und Transfer - Richtlin i e n , die Restriktionen der Länder
für
Auslandstransfers
bei
DienstleistungstransaktIonen
begrenzen.

Aufbau des
entwurfs

amerikanischen

Vertrags-

Die in dem amerikanischen Vorschlag
enthaltenen Bestimmungen gelten automatisch fUr die ganze Bandbreite bestehender und zukünftiger Maßnahmen,
die Dienstleistungen der Unterzeichnerstaaten regeln.
Diese Bandbreite
wird vom GATT-Sekretariat festgelegt
und von den Unterzeichnerstaaten genehmigt.
Die
Unterzeichnerstaaten
haben das Recht zu begrenzten Vorbehalten gegenüber bestehenden Maßnahmen, die nicht im Einklang -nlt den
Abkommen stehen.
Vorbehalte können
von begrenzter Dauer sein und die
Grundlage
zukünftiger
Verhandlungsrunden über eine Liberalisierung des
Handels mit Dienstleistungen bilden.
Das Recht der "Nichtanwendung".
Der
amerikanische Vorschlag gestattet einem Unterzeichnerstaat, einem anderen
Unterzeichnerstaat die Vorteile seiner Marlctliberalisierung zu verweigern, wenn dieser im Rahmen des Abkommens ein unzureichendes Maß an
Verpflichtungen übernommen hat (beispielsweise Vorbehalte in übermäßig
vielen Bereichen angemeldet hat).

Besondere Bestimmungen für einzelne
Sektoren.
Im Rahmen des amerikanischen Vorschlags können die Unterzeichnerstaaten
zusätzliche
Bestimmungen für einzelne Sektoren erarbeiten.
Der Vorschlag gestattet beispielsweise Zusätze zum Abkommen, die
Bestimmungen für bestimmte Sektoren
verdeutlichen und auslegen und für
alle Unterzeichnerstaaten gelten. In
anderen Fällen können von interessierten
Unterzeichnerstaaten
Protokolle mit dem Ziel in das Abkommen
eingebracht werden, die weitere Liberalisierung eines Sektors herbeizuführen, der bereits von den Bestimmungen und Kodizes des Abkommens abgedeckt Ist. In Fällen, in denen die
Unterzeichnerstaaten
festgelegt
haben, daß ein bestimmter Sektor nicht
in das Abkommen einbezogen werden
soll, können sie getrennte Abkommen
einbringen, deren Bestimmungen rechtlich nicht in Zusammenhang mit den
allgemeinen Abkommen stehen.

Vorteile für amerikanische und ausländische Dienstleistungsindustrien
Der von den Vereinigten Staaten vorgelegte Vertragsentwurf zielt darauf
ab,
größtmögliche
verfahrensmäßige
Berechenbarkeit
und
Liberalisierung
in allen Ländern herbeizuführen. Die
meisten
amerikanischen
Dienstlelstungsindustrien, die im Ausland tätig werden wollen, benötigen ein solches Ergebnis der Uruguay-Runde, um
ihren Marktzugang
zu ausländischen
Märkten zu verbessern.
Die
umfassende
sektorale
Abdeckung
liegt aufgrund der Zunahme und Bedeutung von Dienstleistungen im Welthandel im besonderen Interesse der
Vereinigten Staaten. Eine der wichtigsten Bestimmungen des amerikanischen Vorschlags ist das Recht auf
Unternehmensgründung.
Die
meisten
Dienstleistungen werden im Wege von
Firmengründungen
aus
kommerziellen
und verfahrenstechnischen Erwägungen
bereitgestellt, und solch eine Bestimmung könnte die Flexibilität ge-

- 3 -

�währleisten,
die
Dienstleistungsun ternehmen bei der Verabschiedung ihrer Marketingstrategien für das Ausland benötigen.
Die zugrundeliegende Philosophie der
Berechenbarkeit
und
Liberalisierung
des amerikanischen Textes wird generell von anderen kleinen und großen
Ländern
geteilt, die
ein
enormes
Wachstum
ihrer
Dienstleistungsindustrie
erlebt
haben.
Gleichzeitig
enthält der Vertragsentwurf genügend
Flexibilität zur Nichteinhaltung für
einige Länder, wenn ihnen di.es im
Verlauf der Uruguay-Runde unmöglich
ist. Das Konzept des Vorbehalts gegenüber Maßnahmen gewährleistet maximale Transparenz bei der Bewertung
des Umfangs, in dem die Länder die
Bestimmungen des Abkommens nicht einhalten können.
Die Ausräumung des
Vorbehalts wäre dann das Hauptthema
bei den nach Inkrafttreten des Abkommens stattfindenden Verhandlungen.

* * * * *

�</text>
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                <text>&lt;strong&gt;1. Weihnachten in USA&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Weihnachten in Amerika hat viele Gesichter&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;"Putz" heißt Krippe&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Weihnachten im amerikanischen Bethelehem&amp;nbsp;&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Pionierweihnacht auf historischem Boden&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Weihnachten in Williamsburg (Virginia)&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;New York ist am schönsten zur Weihnachtszeit&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Weihnachtsmusiken in USA&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Von Norman Smith&amp;nbsp;&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Amerikanische Weihnacht im Bild&amp;nbsp;</text>
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12/1973

NIXON-PRESSEKONFERENZ VOM 1 5 , MÄRZ
-Auszüge-

WASHINGTON --(AD)-- Präsident Nixon hat am 15. März auf einer überraschend
einberufenen Pressekonferenz zu einer Reihe von innen- wie außenpolitischen Themen Stellung genommen. Unter anderem befaßte er sich mit der Besetzung des amerikanischen Verbindungsbüros in Peking, mit den Verletzungen
des Waffenstillstandes in Vietnam sowie mit seinen Reiseplänen für dieses
Jahr. Bevor sich der Präsident den Fragen der Journalisten stellte, gab er
eine Erklärung zu der Einrichtung des Verbindungsbüros in Peking ab. Diese
Erklärung hat folgenden Wortlaut:
"Ich habe eine Mitteilung bezüglich unseres Verbindungsbüros in Peking
zu machen. Dieses Büro wird etwa am 1 Mai eröffnet; Botschafter David
Bruce wird der Leiter des Verbindungsbüros sein. In diesem Büro werden rund
20 Leute arbeiten, von denen 10 Experten sind und die übrigen für Verwaltnngsaufgaben zur Verfügung stehen.
Die beiden Stellvertreter von Botschafter Bruce - ich nenne ihn zwar
Botschafter, aber sein offizieller Titel ist Leiter des Verbindungsbüros werden Mr. Jenkins vom State Department - den Sie alle als einen unserer

,1-

�unserer besten Experten für chinesisch-amerikanische Angelegenheiten im
Außenministerium kennen - und Mr. Holdridge vom Nationalen Sicherheitsrat
sein, der in diesem Gremium der Hauptberater in bezug auf dieses Gebiet ist.
Wir haben diese beiden Männer ausgewählt, weil sie nicht nur Chinaexperten, sondern auch zweisprachig sind und gut chinesisch sprechen. Beide
haben mir während meines China-Besuchs für Übersetzungen zur Verfügung gestanden. Aber darüberhinaus haben beide von Anfang an an den neuen Initiativen zwischen der Volksrepublik China und den Vereinigten Staaten teilgehabt. Sie haben mich und Dr. Kissinger auf unseren China-Reisen begleitet.
Noch ein Wort zu der Frage, warum unsere Wahl auf Botschafter Bruce
fiel. Wir haben ihn aus dem Ruhestand zurückgerufen, weil es meiner Ansicht
nach überaus wichtig war, für diese Position einen Mann von großem Format zu
ernennen. Die Chinesen selbst akzeptierten diesen Standpunkt, und wir rechnen
in Kürze damit, von ihnen zu hören, welche Persönlichkeit von ihrer Seite
hier in Washington den Gegenpart von Botschafter Bruce übernehmen wird. Ein
weiterer Grund, warum meine Wahl auf Botschafter Bruce fiel, war seine große
Erfahrung. Sie alle wissen, daß er als Botschafter in Großbritannien,
Deutschland und Frankreich tätig war und daß er ferner unsere Delegation bei
den Vietnam-Gesprächen in Paris im Jahre 1971 bis Anfang 1972 leitete. Ein
dritter Grund ist vielleicht von noch größerer Bedeutung

Viele von Ihnen

hier begleiteten mich auf meiner China-Reise, und zuweilen hat sich wohl das
Gefühl eingestellt, daß dies eine einmalige Angelegenheit ohne weitere Konsequenzen sein würde. Ich habe dies niemals so gesehen und alle von Ihnen, die
darüber berichtet haben, ebenfalls nicht. Es war der Beginn, so hoffen wir,
einer längeren Entwicklung - einer Entwicklung, bei der wir Meinungsverschiedenheiten haben werden, bei der jedoch das volksreichste Land der Welt und
die Vereinigten Staaten von Amerika dort zusammenarbeiten können, wo ihre
Interessen im Hinblick auf die Sache des Friedens sowie bessererBeziehungen
im Pazifik und in der Welt überhaupt sich treffen. Daher ist es nötig, daß

-2-

�daß diese ganze Angelegenheit überparteilich, und zwar in bestem Sinne des
Wortes, abgewickelt wird. Mr. Bruce hat sich zwar nicht in der Parteipolitik als solcher engagiert, ist jedoch, wie Sie wissen, Demokrat. Er hat
vier Präsidenten mit gleicher Hingabe gedient - demokratischen wie republikanischen Präsidenten -, und wir sind der Auffassung, daß seine Ernennung zum
Leiter der Delegation unsere Absicht aufzeigt, daß diese Initiative auch in
der Zukunft anhält, ob nun das Amt des amerikanischen Präsidenten von einem
Demokraten oder einem Republikaner ausgefüllt wird."

-VietnamFrage: Herr Präsident, können Sie uns sagen, wie sehr besorgt Sie über
Berichte sind, in denen von Verletzungen des Waffenstillstandes in Vietnam
die Rede ist?
Antwort: Ich bin über die Verletzung des Waffenstillstandes besorgt,
Wie Sie wissen, habe ich auf meinen Pressekonferenzen immer wieder darauf hingewiesen, daß wir mit Verletzungen rechnungen müßten, und zwar wegen der Art
dieses Krieges, des Guerillakrieges. Und selbst in Korea, wo es sich nicht um
einen Guerillakrieg handelte, gibt es heute noch Verletzungen des Waffenstillstandes. Sie werden zwar in jedem Jahr weniger, aber es gibt sie immer noch
- 15, 20 Jahre nach Kriegsende.
Was nun diese Verletzungen (in Vietnam) angeht, so sind wir in zweierlei Hinsicht besorgt. Erstens weil sie überhaupt stattfinden und zweitens
wegen einer speziellen Verletzung des Waffenstillstandes, die unserer Meinung
nach ziemlich ernste Konsequenzen haben könnte. Wir glauben nicht, daß diese
eintreten werden5und wir hoffen, daß sie nicht eintreten werden. Es sind die
Berichte, die Sie, meine Damen und Herren, von Ihren Kollegen aus Vietnam
erhalten, nämlich die Berichte über die Infiltration. Sie wissen, daß es
Berichte über eine Infiltration von Ausrüstung der Nordvietnamesen nach Süd»

-3-

�Südvietnam gegeben hat, die weit über die in dem Abkommen vereinbarte Menge
hinausgeht. Zwar können Ausrüstungsgegenstände nach Südvietnam gebracht werden, aber nur als Ersatz - und keine neue Ausrüstung, also nichts, was die
Kapazität der Nordvietnamesen oder des Vietcong,im Süden Krieg zu führen,
stärkt. Aufgrund des Abkommens dürfen

keine neuen Ausrüstungsgüter ins Land

gebracht werden.
Was nun diese Sorge anbetrifft, insbesondere hinsichtlich der Infiltration - denn das ist der wichtigere Punkt, nicht so sehr die Verletzungen
des Waffenstillstandes, die unserer Auffassung nach im Laufe der Zeit nachlassen werden, sondern eben die Infiltration - so möchte ich hier nicht in
aller Öffentlichkeit sagen, was wir(der anderen Seite) dazu erklärt haben.
Ich möchte nur folgendes sagen: Wir haben den Nordvietnamesen unsere Besorgnis über diese Infiltration zur Kenntnis gebracht und erklärt, worum es sich
unserer Auffassung nach dabei handelt, nämlich um eine Verletzung des Waffenstillstandes und des Friedensabkommens. Wir haben auch anderen interessierten
Parteien gegenüber unsere Besorgnis zum Ausdruck gebracht, und ich möchte
nur sagen, daß die Nordvietnamesen auf der Grundlage meiner Maßnahmen während
der vergangenen vier Jahre einen solchen Ausdruck der Besorgnis, wenn er hinsichtlich einer Verletzung erfolgt, nicht auf die leichte Schulter nehmen
sollten. Das ist alles, was ich dazu sagen will„

Frage: Herr Präsident, warum haben wir nicht die Internationale Kontroll-und Überwachungskommission eingeschaltet und uns bei ihr über diese
Infiltration beschwert?
Antwort: Die Internationale Kontroll-und Überwachungskommission ist
eingeschaltet. Aber wie Sie wissen, gibt es dort einige Probleme. Die Kanadier haben nachdrücklich unterstrichen, daß sie nicht in einer Kommission
arbeiten wollen, die nicht wirkungsvoll eingesetzt wird. Wir werden uns weiterhin an diese Kommission sowie an jedes andere Gremium wenden, an das wir

-4-

�wir appellieren können, um zu versuchen, daß dort Maßnahmen erfolgen. Mehr
kann ich zu diesem Punkt nicht sagen.

»AuslandsreisenFrage: Herr Präsident, können Sie uns etwas über Ihre Pläne für Auslandsreisen im Jahre 1973 sagen?
Antwort: Nun, ich habe bereits bei früherer Gelegenheit darauf hingewiesen, daß ich keine unmittelbaren Pläne für Auslandsreisen habe. Ich habe
vom State Department und vom Nationalen Sicherheitsrat Empfehlungen dazu
erhalten, was diese beiden Institutionen als dringende Reisen ansehen, nämlich einmal nach Europa wegen unseres Interesses an der NATO, zweitens nach
Lateinamerika, weil ich noch nicht die Gelegenheit hatte, Lateinamerika zu
besuchen, und drittens nach Afrika, weil ich auch dort noch nicht gewesen
bin. Damit will ich nicht sagen, daß eine Reise des Präsidenten in diese
Länder absolut unerläßlich für die Außenpolitik ist, aber ich glaube, daß
viele unserer außenpolitischen Experten im State Department und im Sicherheitsrat ein Interesse daran haben. Sie sind der Ansicht, daß durch das gewal
tige Interesse, das durch die Reisen nach Peking und Moskau wachgerufen
wurde, der Eindruck eines mangelnden Interesses an unseren Nachbarn in der
westlichen Hemisphäre, an unseren Freunden in Afrika und auch an unseren
Freunden in Europa entstanden sei. Übrigens: Japan ist ein weiteres Land
auf dieser Liste.
Ich weiß noch nicht, wie wir einige dieser Reisen einplanen können. Ich
möchte meinen, daß wir die Möglichkeit einer Reise irgendwann im Sommer oder
kurz vor Beginn des Sommers in Betracht ziehen; aber wir haben noch keine
Entscheidung getroffen, weil so viele andere Dinge anstehen, und dann wird
es wahrscheinlich noch eine Reise im Herbst geben, aber welche Wahl wir
treffen, habe ich noch nicht entschieden.
TTT

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12/1973

NIXON WILL MEHR AUTONOMIE FÜR DIE INDIANER
Von Mary Sherwood
WASHINGTON — ( A D ) — Die jüngsten Ereignisse in Wounded Knee haben die Indianer in den Vereinigten Staaten wieder einmal in den Mittelpunkt des
öffentlichen Interesses gerückt. Präsident Nixon hat jetzt (am 16. März)
dem amerikanischen Kongreß eine neue Gesetzesvorlage zugeleitet, in der
ein verstärktes Mitspracherecht der Indianer in den Reservaten in ihren
eigenen Angelegenheiten gefordert wird.
Dieser Gesetzesentwurf wurde keineswegs durch die demonstrativen
Schritte der Indianer ausgelöst, sondern Präsident Nixon hatte schon vor
fast drei Jahren dem damaligen Kongreß eine ähnliche Vorlage zugeleitet
und damit sein starkes Interesse am Schicksal der Indianer zum Ausdruck
gebracht. Leider blieb diese Vorlage in den einzelnen Ausschüssen hängen,
und der amerikanische Kongreß hat sie nicht verabschiedet.
Vorab muß klargestellt werden, daß diese gesetzlichen Regelungen - in
ihrer bisherigen wie auch in ihrer angestrebten neuen Form - nur für die
rund 448 000 Indianer gelten und gelten werden, die in Reservaten leben
und vom Büro für Indianische Angelegenheiten betreut werden. Fast ebenso
viele Indianer, d.h. Amerikaner mit mindestens 25 Prozent indianischem Blut

-1-

�Blut, haben sich außerhalb der Reservate ein Leben aufgebaut; sie sind
amerikanische Bürger wie jeder andere, und die Regierung hat ihnen gegenüber
nicht mehr und nicht weniger Pflichten als gegenüber jedem anderen Staatsbürger.
Die Regierung in Washington versucht nun erneut, das Problem zur Zufriedenheit der Betroffenen zu regeln. Der amerikanische Innenminister
Rogers Morton gab am 15. März eine diesbezügliche Erklärung ab, und sein
Staatssekretär, John C. Whitaker,

betonte auf einer Pressekonferenz einen

Tag später, daß die jüngsten Ereignisse in Wounded Knee vielleicht nie eingetreten wären, wenn der Kongreß die Vorlage Präsident Nixons schon vor
zwei Jahren verabschiedet hätte, Nixon habe durch seine Doktrin von Guam
über die größere Teilung der internationalen Verantwortung und mit seinem
Finanzierungsausgleichsplan für Einzelstaaten und Kommunen gezeigt, daß
die Übernahme von Eigenverantwortung, wie sie die Indianer fordern, genau
seinen Auffassungen entspricht.
Die von Präsident Nixon dem Kongreß zugeleitete Vorlage enthält folgende Punkte:
1. Das Amt des Kommissars für Indianische Angelegenheiten soll auf
den Rang eines Unterstaatssekretärs im Innenministerium angehoben werden.
2. Ein Treuhänderrat soll ins Leben gerufen werden, der als absolut
unabhängige Stelle die Stämme in allen rechtlichen Fragen, vor allem was
den Schutz der natürlichen Hilfsquellen der Reservate angeht, berät.
3. Die einzelnen Stämme sollen im Rahmen der Selbstregierung die Vollmacht erhalten, im Bereich ihrer Reservate eigene Erziehungs-, Gesundheits-und Sozialprogramme selbst durchzuführen. Diese Selbständigkeit wird
von Regierungsseite als entscheidend wichtiger Punkt angesehen.

4.

-2-

�4. Mehr Kapital für die wirtschaftliche Entwicklung, d.h. Erhöhung
der gegenwärtigen Anleihefonds von 25 Millionen auf 75 Millionen Dollar,
wodurch der Einzelne bis zu 50 000 Dollar Kredit für einen Kleinbetrieb
erhalten soll.
5. Vollmacht für die Regierung (in Washington), direkt mit einzelnen
Stämmen zu verhandeln, die eigene Sozialprogramme durchführen.
6. Die Indianer sollen selbst eine stärkere Kontrolle über die widerrechtliche Benutzung ihres Weidelandes und unfaire Handelspraktiken ausüben dürfen.
Das von Präsident Nixon vorgeschlagene Programm zielt, wie Innenminister Morton betonte, auf eine stärkere Autonomie der Indianer ab.
Morton wie auch sein Staatssekretär bedauerten die Anwendung von Gewalt,
wie sie in Wounded Knee aufgetreten sei. Whitaker wies in diesem Zusammenhang darauf hin - daß die - im übrigen keineswegs repräsentative - Gruppe
in Wounded Knee der gerechten Sache der Indianer in der Öffentlichkeit
und im Kongreß nur schade- Man müsse die Dinge realistisch sehen, und mit
Emotionen sei den Indianern selbst am wenigsten gedient. Es gelte vielmehr,
ein vernünftiges Programm auch wirklich durchzusetzen.

+++

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12/1973

US-KONGRESS BEFASST SICH MIT PARISER WÄHRUNGSABKOMMEN
-Stellungnahmen von Volcker und Mills-

WASHINGTON ««.(AD)-- Der Staatssekretär für Währungsfragen im amerikanischen Finanzministerium, Paul A. Volcker, hat am 19, März vor dem Bewilligungsausschuß des Senats zu dem Pariser Währungsabkommen Stellung
genommen. Bereits am Vortage hatte der Vorsitzende des Haushaltsausschusses des Repräsentantenhauses, Wilbur D, Mills, das Übereinkommen zwischen
den Vereinigten Staaten und ihren Haupthandelspartnern begrüßt und erklärt, damit sei sein Vorschlag für eine Importabgabe gegenstandslos
geworden.
Die in Paris getroffenen Vereinbarungen dürften ohne Frage Auswirkungen auf die neue Handelsgesetzgebung der Vereinigten Staaten haben.
Staatssekretär Volcker gab dem Senatsausschuß einen Überblick über die wesentlichen Punkte des Abkommens. Die Vereinigten Staaten und ihre wichtigen Handelspartner, so führte er aus, seien sich generell einig, daß die
gegenwärtigen Wechselkurse durchaus realistisch sind, daß es jedoch angesichts der spekulativen Atmosphäre nicht sinnvoll wäre, diese Kurse amtlich aufzuzwingen. Dies könnte gegenteilige Effekte hervorrufen.
Volcker

�Volcker wies weiter darauf hin, daß die Kurse innerhalb der durch die
Abwertung des Dollar erzielten Bandbreiten lägen - auch ohne Intervention.
Genaue Interventionspunkte würden nur zur Spekulation anregen.
Weiter betonte der Staatssekretär, daß weder die Vereinigten Staaten noch
die Europäische Gemeinschaft eine Verpflichtung zur Intervp^tion hätten, daß
ihnen jedoch die Möglichkeit einer gelegentlichen und flexiblen Intervention
keineswegs genommen sei. Ein völlig freies Floaten würde nach Auffassung
Volckers für einige Länder zu große wirtschaftliche Verzerrungen verursachen.
Auf die Frage, wann er mit einer Verbesserung der amerikanischen Zahlungsbilanzposition rechne, erklärte Volcker vor dem Ausschuß, daß es wohl kaum
gelingen werde, schon Ende dieses Jahres zu einer ausgeglichenen Bilanz zu
kommen, aber er rechne mit wesentlichen Fortschritten und einem Ausgleich
vielleicht in zwei Jahren.
Die positive Aufnahme der Pariser Vereinbarungen vom 16. März im amerikanischen Kongreß wurde auch durch die Änderung der Haltung des einflußreichen Vorsitzenden des Haushaltsausschusses des Repräsentantenhauses deutlich.
Der Demokrat Wilbur Mills hatte sich nachdrücklich für eine temporäre Importabgabe eingesetzt, um einen raschen Abbau des Defizits in der amerikanischen
Handelsbilanz herbeizuführen. Die getroffenen Währungsvereinbarungen ermöglichten einen Verzicht auf solche Maßnahmen, so erklärte der Abgeordnete in einem
Rundfunk-und Fernsehinterview am 18. März. Sein Vorschlag sei in erster Linie
als eine Warnung gedacht gewesen, die auch die gebührende Aufmerksamkeit gefunden habe. Er gebrauchte in diesem Zusammenhang das in Amerika geläufige
Bild des Maultiers, das man mit dem Prügel behandeln müsse, um es in Gang zu
bringen.
Mills wich jedoch detaillierten Fragen hinsichtlich seiner Auffassungen
zu Handelsfragen aus, da er diese noch ausführlich vor dem Kongreß darlegen
will. Der Abgeordnete räumte allerdings ein, daß Präsident Nixon größere

„2-

�größere Vollmachten erhalten müsse, um die amerikanische Industrie und den
amerikanischen Arbeiter vor einer Invasion ausländischer Importe schützen zu
können. Auch schloß er die temporäre Einführung von Importabgaben für bestimmte Waren - vor allem aus Japan - nicht gänzlich aus.
Der Ausschußvorsitzende deutete auch an, daß er eventuell

- vor allem

nach einem Gespräch mit Finanzminister Shultz - bereit sein könnte, die Behandlung der Vorlage für das neue Handelsgesetz der Behandlung der Steuervorlage noch vorzuziehen.

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12/1973

RADARKONTAKT MIT DEM PLANETEN SATURN
-Schwärme von Gesteinstrümmern im RingsystemVon G. Weiss

--(AD)-- Den Astronomen Dr. Richard Goldstein und George Morris vom Jet
Propulsion Laboratory (JPL), einem Forschungsinstitut der NASA in Pasadena
(Kalifornien),ist es zum ersten Mal gelungen, den Planeten Saturn samt
dessen Ringsystem mit Radarstrahlen zu sondieren. Vom Planeten selbst bekamen sie nur schwache, von den flachen Ringscheiben um den Äquator dagegen sehr kräftige Echos.
Die zurückkommenden Signale lassen den Schluß zu, daß das Ringsystem
zum großen Teil aus Brocken fester Materie mit rauher, stark unebener
Oberfläche besteht. Als Mindestgröße nimmt Dr. Goldstein etwa 1 m Durchmesse

an. In den drei konzentrischen Ringen, deren

innerer ca. 11 500 km

über dem von Wolken eingehüllten Planeten beginnt und deren äußerer
ca. 280 000 km Randdurchmesser hat, ziehen die Brocken in dichten Schwärmen
ihre Bahn. Ab und an sind jedoch offenbar die Zwischenräume groß genug, um
das Licht ferner Sterne durchscheinen zu lassen. Das zeigen die Beobachtungen mit starken optischen Geräten. Der knapp 26 000 km breite mittlere
Ring, der wahrscheinlich auch das meiste Material enthält, reflektiert am
stärksten und leuchtet hell.
Die

-l-

�Die jüngsten Beobachtungen, die mit der umgebauten 64 m-Parabolantenne
des NASA-Radioobservatoriums in der Mojava-Wüste (Kalifornien) gemacht wurden, widerlegen die Anfang der sechziger Jahre aufgestellte Theorie, die
Ringe des Saturn bestünden aus winzigen Partikeln, wahrscheinlich aus Eiskristallen, Staub und Gasen. Vielmehr gewinnt durch die

euen

Unter-

suchungen mit der "Radar-Sonde" die alte Theorie des englischen Physikers
und Astronomen Maxwell wieder an Boden, der 18 59 die Möglichkeiten der Entstehung der rätselhaften Saturn-Ringe erörterte und zu dem Schluß kam, daß
es sich dabei um reflektierende Trümmermaterie handeln müsse. Zusammenhängende feste Massen würden in dem Bereich, in dem sich die Ringe befinden, unter der Wirkung der Gravitationskräfte des Saturn regelrecht zerrissen, während sich Gasmassen - ebenfalls infolge der Gravitationseinwirkung - nur zu kleineren festen Körpern, nicht aber zu einem zusammenhängenden Gebilde kondensieren könnten. Tatsächlich liegen auch die Umlaufbahnen
für die zehn Monde des Saturn außerhalb der Ringzone.
Der ähnlich wie Jupiter von verschiedenfarbenen horizontalen Bändern
unterteilte Planet hat eine auffallend geringe Dichte. Sie beträgt nur drei
Viertel der Dichte von Wasser. Deshalb wurde von jeher bezweifelt, daß der
Planet eine feste Oberfläche haben könne. Vielmehr dürfte er sich noch im
gasförmigen, vielleicht teilweise verflüssigten Zustand befinden. Die extrem schnelle Rotation - der riesige Ball mit 120 800 km Durchmesser dreht
sich in nur 10 Stunden und 14 Minuten einmal um die eigene Achse - führte
zu einer so starken Abplattung, daß die Achse von Pol zu Pol um ein Zehntel
kürzer ist als die Achse der Äquatorebene.
Die Reflexionsfähigkeit des Saturn ist größer als die des Planeten
Jupiter. Da er jedoch noch heller leuchtet als z.B. weiße Wolken, wird angenommen, daß nicht nur Reflexion von Sonnenlicht, sondern auch Vorgänge,
die Eigenlicht erzeugen, dem Leuchtphänomen zugrundeliegen. Weniger deutlich als beim Jupiter sind die Farbbänder der Wolkenhülle gegeneinander

-2-

�gegeneinander abgesetzt. In starkem Kontrast zueinander steht der sehr helle,
breite Äquatorgürtel und die dunkelgrüne Färbung an den Polen. Aufgrund spektroskopischer Untersuchungen enthält die anscheinend sehr tiefe Atmosphäre große
Mengen von Amoniakgas und Methan, wobei im Gegensatz zu Jupiter Methan beim
Saturn überwiegt.
Es ist eine außerordentliche Leistung der Radar-Technik, einen Planeten,
der zwischen 1,2 und 1,65 Milliarden km von der Erde entfernt ist, überhaupt
zu erreichen. Zweieinviertel Stunden betrug die Laufzeit der Signale, mit denen Goldstein und Morris den Saturn bei der letzten erdnahen Position abtasteten. Da der Planet selbst 29,5 Jahre für einen einzigen Umlauf um die
Sonne braucht, kommt die Erde alle 378 Tage zwischen Sonne und Saturn zu stehen und damit in eine für Beobachtungen günstige Position.
Nach dem Mond, der Venus, dem Mars, dem Merkur und Jupiter und dem
Kleinplaneten Ikarus ist damit zum ersten Mal einer der Außenplaneten unseres
Sonnensystems für solche Beobachtungen zugänglich geworden. Ein Forschungssatellit braucht ca. vier Jahre, um überhaupt in diese Räume vorzudringen.
Die amerikanische Raumfahrtbehörde NASA beabsichtigt, 1977 eine Mariner-Sonde
in Saturn-Nähe zu entsenden. Nach Meinung Dr. Goldsteins muß dabei allerdings
das Ringsystem unbedingt gemieden werden, weil dort eine Kollision mit Brocken
wahrscheinlich ist und das Ende der Mission bedeuten würde.
Spektroskopische Untersuchungen von Titan, dem größten der zehn SaturnMonde, haben jetzt übrigens ergeben, daß die dort herrschenden atmosphärischen Bedingungen jenen auf der Erde viel ähnlicher sind als erwartet. Die
Temperaturen auf diesem von der Sonne so unendlich weit entfernten Körper
wären sogar für die Entwicklung primitiver Lebensformen geeignet. Möglicherweise könnte die Mariner-Sonde darüber mehr Informationen bringen, wenn sie
sich Titan bis ca. 160 km Abstand nähert und mit Kameras sowie Infrarot- und
Ultraviolett-Spektrometern den von einer Atmosphäre umgebenen Mond abtastet.
Dr. Carl Sagan von der Cornell-Universität ermittelte eine Oberflächentemperatur von 250 Grad Kelvin. Das entspricht minus 23 Grad Celsius.

4HH-

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12/1973

INITIATIVEN FÜR BESSEREN UMWELTSCHUTZ
-EPA rückt dem Lärm zu Leibe - Industrie entwickelt Überwachungsgeräte-

--(AD)-- Vertreter von 600 Bürgergruppen waren zur jüngsten nationalen Informationstagung des US-Amtes für Umweltschutz (EPA) geladen, die Ende
Februar 1973 in Washington abgehalten wurde. Aufgabe solcher Veranstaltungen ist es, die Bürgerschaft, zuständige Beamte von Bundes-, Staats- und
Kommunalbehörden sowie Interessenten aus den verschiedensten Fachbereichen
über die Fortschritte in UmweltSchutzmaßnahmen zu informieren. Gleichzeitig
dienen sie dazu, neue Vorschriften und gesetzliche Bestimmungen für den
Umweltschutz, einschließlich der Wege zu deren praktischer Durchführung,
zu erörtern und einen Meinungsaustausch über vordringliche neue Programme
in Gang zu bringen.
William D. Ruckeishaus, der aktive Chef der EPA, muß und will in der
Tätigkeit seiner Behörde den Bedürfnissen der Öffentlichkeit so weit wie nur
irgend möglich Rechnung tragen. Wie sehr er dabei auf deren Mitarbeit angewiesen ist, zeigt z.B. sein Aufruf von Anfang Februar 1973, Lärmbelästigungen durch Flugzeuge, Schienen-und Straßenfahrzeuge zu melden und Vorschläge über die Festsetzung von maximalen Lärmpegeln zu machen. Jeder-

-l-

�Jedermann kann sich beteiligen. Jedoch ist der EPA besonders daran gelegen,
die Meinungen von Fachleuten aus Industrie und von Behörden zum Problem
der Lärmbekämpfung kennenzulernen und von ihren Erfahrungen mit einschlägigen Methoden, auch mit Apparaturen oder Vorrichtungen zur Überwachung
und Verminderung des Lärmpegels,zu profitieren.
In diesem Zusammenhang sind, wie auch bei anderen Aufgaben des Umweltschutzes, Entwicl lungen von Interesse, die kürzlich von einem unabhängigen
Wissenschaftlergremium als einige der "100 besten Erfindungen und Produkte
des Jahres" bewertet wurden.
Lärm-Dosimeter: Das sogenannte "Audio Dosimeter" der Firma E.I Du Pont
de NetiK.urs in Wilmington 'Delaware

erfaßt Schallwellen mit. einem Mikrophon

und setzt sie in elektrische Signale um

Über ein Elektroniksystem werden

diese in einer Zelle gespeichert. Eine tägliche Kontrolle der Zelle zeigt
an, bis zu welchem Prozentsatz des zulässigen Lärmpegels der Arbeiter Lärm
ausgesetzt war. Das"Noise Dosimeter" der General Radio Corporation in
Concord (Massachusetts) kann sogar in der Rocktasche getragen werden. Es
zeichnet ebenfalls den täglichen Lärmpegel an der Arbeitsstelle auf.
Auflösbarer Kunststoff: Ein Zusatz zu Kunststoffen macht es möglich,
beispielsweise Kunststoffverpackungen nach Gebrauch ohne Schwierigkeiten
zu vernichten. Sie brauchen nur ca. sechs Monate lang Sonnenlicht ausgesetzt
zu werden, wobei sie sich zersetzen und nur noch harmlose Rückstände ergeben. Hersteller: Bio-Gradable Plastics Corporation in Boise (Idaho).
Bio-Abbau altei Autoreifen: Dr. Walter J. Nickerson, Mikrobiologe
von der Futgers Universität in New Brunswick 'New Jersey), experimentierte
erfolgreich mit verschiedenen Pilz-und Hefearten, denen er alte Autoreifen
als Nährboden gab. Die Organismen entziehen der Gummimasse den Kohlenstoff
und reduzieren sie zu Pulver. Dieses Pulver wiederum ist ein ausgezeichnetes Anreicherungsmaterial für schlechte Böden Außerdem bewirkt es beim Mischen

„2-

�Jedermann kann sich beteiligen. Jedoch ist der EPA besonders daran gelegen,
die Meinungen von Fachleuten aus Industrie und von Behörden zum Problem
der Lärmbekämpfung kennenzulernen und von ihren Erfahrungen mit einschlägigen Methoden, auch mit Apparaturen oder Vorrichtungen zur Überwachung
und Verminderung des Lärmpegels,zu profitieren.
In diesem Zusammenhang sind, wie auch bei anderen Aufgaben des Umweltschutzes, Entwicl lungen von Interesse, die kürzlich von einem unabhängigen
Wissenschaftlergremium als einige der "100 besten Erfindungen und Produkte
des Jahres" bewertet wurden.
Lärm-Dosimeter: Das sogenannte "Audio Dosimeter" der Firma E.I Du Pont
de Nemours in Wilmington 'Delaware

erfaßt Schallwellen mit einem Mikrophon

und setzt sie in elektrische Signale um

Über ein Elektroniksystem werden

diese in einer Zelle gespeichert. Eine tägliche Kontrolle der Zelle zeigt
an, bis zu welchem Prozentsatz des zulässigen Lärmpegels der Arbeiter Lärm
ausgesetzt war. Das"Noise Dosimeter" der General Radio Corporation in
Concord (Massachusetts) kann sogar in der Rocktasche getragen werden. Es
zeichnet ebenfalls den täglichen Lärmpegel an der Arbeitsstelle auf.
Auflösbarer Kunststoff: Ein Zusatz zu Kunststoffen macht es möglich,
beispielsweise Kunststoffverpackungen nach Gebrauch ohne Schwierigkeiten
zu vernichten. Sie brauchen nur ca. sechs Monate lang Sonnenlicht ausgesetzt
zu werden, wobei sie sich zersetzen und nur noch harmlose Rückstände ergeben. Hersteller: Bio-Gradable Plastics Corporation in Boise fIdaho).
Bio-Abbau altei Autoreifen: Dr. Walter J. Nickerson, Mikrobiologe
von der Rutgers Universität in New Brunswick (New Jersey1, experimentierte
erfolgreich mit verschiedenen Pilz und Hefearten, denen er alte Autoreifen
als Nährboden gab. Die Organismen entziehen der Gummimasse den Kohlenstoff
und reduzieren sie zu Pulver. Dieses Pulver wiederum ist ein ausgezeichnetes Anreicherungsmaterial für schlechte Böden.Außerdem bewirkt es beim Mischen

• 2-

�Mischen mit Sand, daß dieser Feuchtigkeit hält, und beim Mischen mit Ton,
daß der Boden die Feuchtigkeit besser abgibt.
Staub: Mit Hilfe eines neuartigen Staub-Monitors der GCA Technology
Corporation in Bedford (Massachusetts) kann die Konzentration an gefährlichen Staubpartikeln in Bergwerken und Fabriken sehr exakt gemessen werden.
Der Staub sammelt sich auf einem dünnen Plastikfilm, der zwischen radioaktivem Material und einem Szintillationszähler plaziert ist. Da die Staubpartikel Strahlung absorbieren, gibt nun der Zähler die Staubdichte an, und
zwar in Milligramm pro Kubikmeter Luft. Staubpartikel in Autoabgasen werden
mit Hilfe eines Zusatzgerätes der PPG Industries in Pittsburgh (Pennsylvanien) abgefiltert. Die Konzentration an solchen Teilchen läßt sich mit dem
"Automative Exhaust Gas Particulate Filter" um 99 Prozent vermindern. Das
in zwei Filterstufen arbeitende Gerät erfaßt noch Partikel von 0,00025 mm
Größe und bleibt bis zu einer Fahrleistung von 80 000 km voll einsatzfähig.
Ölverschmutzung: "Oil Herder", ein neues chemisches Präparat, wird
als Barriere gegen das weitere Ausbreiten von Ölteppichen auf Wasser benutzt
und bringt das Öl dazu, sich zu einer kompakten Masse zu verklumpen. Es
wird mit handbetriebenen Sprühgeräten oder vom Helikopter aus gesprüht.
Hersteller: Shell Pipeline Corporation in Houston (Texas).
Küstenschutz: "CONQUIK" ist die Bezeichnung für einen Küstenschutz
aus leicht montierbaren Röhren, die als Wellenbrecher installiert werden und
die erodierende Wirkung von Wellen und Strömungen wesentlich abschwächen.
Hersteller: Gray Tech Industries in Mohnton (Pennsylvanien).
Wasserverschmutzung: Normalerweise ergibt sich aus Lichtbrechung und
Wärmeleitfähigkeit von Wasser ein bestimmter Verhältniswert, der durch verschmutzende Stoffe merklich verändert wird. Diese Zusammenhänge bilden das
Arbeitsprinzip eines neuartigen Verschmutzungs-Monitors der Environmental

-3-

�Environmental Device Corporation in Marion (Massachusetts). Außerdem haben
Geophysiker der Staatsuniversität Pennsylvanien herausgefunden, daß unterirdisch verschmutztes Wasser, beispielsweise Grubenabwasser, von der Oberfläche aus zu erkennen ist, wenn man starke Stromstöße (bei den bisherigen
Experimenten wurden Stromstöße bis zu 1200 Volt benutzt) in den Boden schickt
und den Stromfluß im Wasser mißt. Da mit Säuren angereichertes Wasser Strom
sehr viel besser leitet als sauberes Wasser, ist es durch Serienmessungen
sogar möglich, die Verschmutzungsquelle zu lokalisieren.
Qualitätskontrolle von Getreide: Auch ungelernte Arbeiter können mit
Hilfe eines neuen Gerätes den Feuchtigkeits-, Öl und Proteingehalt von Getreide beliebiger Mengen genau messen. Hersteller: Neotec Corporation
Rockville (Maryland) in Zusammenarbeit mit dem US-Landwirtschaftsministerium.
THERMADAPT ist ein Gewebe, das sich automatisch der Außentemperatur anpaßt und Kühlung oder Wärme zuführt. Es besteht aus Hohlfäden, die mit einer
Mischung von Gas und einem Lösungsmittel imprägniert sind. Sinkt die Außentemperatur, so wird das Lösungsmittel fest, setzt das Gas frei und drückt
es in die Hohlfäden, die sich nun ausdehnen. Dadurch wird das Gewebe dichter
und hält die Wärme besser. Steigt die Außentemperatur, läuft der Prozeß umgekehrt ab. Das Lösungsmittel weicht auf, absorbiert das Gas und läßt die
Hohlfäden schrumpfen. Die Gewebezwischenräume werden größer und lassen Luft
und Feuchtigkeit besser zirkulieren. Das neue Material dürfte zunächst für
Decken und Schutzvorhänge, später jedoch auch für Mäntel, Anzüge und andere
Kleidungsstücke Verwendung finden. Hersteller: J.P. Stevens and Company,
Garfield (New Jersey).
+++•

-4-

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12/1973

CCMS-PLENARSITZUNG AM 10./ll.APRIL IN OTTAWA

--(AD)-- Zur 8. Plenarsitzung des "Ausschusses für Aufgaben der modernen
Gesellschaft" (CCMS) kommen die Mitglieder der CCMS-Arbeitsgruppe der
NATO am 10. und 11. April 1973 in Ottawa (Kanada) zusammen. Gastgeber
für die Delegierten aus 15 NATO-Mitgliedsstaaten sind Außenminister
Mitchell Sharp und Umweltminister Jack Davis, Eine

der Modellaufgaben,

die Kanada auf dem Sektor Umweltschutz übernommen hat, ist das Wasserwirtschaftsprojekt "Saint John River". Mit Hilfe dieses Projektes hofft
man, optimale Methoden der Wasserwirtschaft entwickeln und demonstrieren
zu können.

�</text>
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1. Dezember 1976

Inhalt

INFORMATION
Fulbright-Stipendien zum Studium in den USA im Studienjahr 1977/78

HINTERGRUNDMATERIAL
Jody Powell - Der künftige Pressesekretär des Weißen Hauses
Die Präsidentschaftswahlen 1976: Eine Analyse
Von Dr. George Gal1up
Direktor des Amerikanischen Instituts für Meinungsforschung
(The Gallup Pol 1)

WISSENSCHAFT UND TECHNIK
Blaualgen machen der I n d u s t r i e Konkurrenz
Stickstoffdünger und F u t t e r m i t t e l aus der Kläranlage

Um Übersendung v o n Belegexemplaren w i r d gebeten.

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23/1976

FULBRIGHT-STIPENDIEN ZUM STUDIUM IN DEN USA IM STUDIENJAHR 1977/76

Für das Studienjahr 1977/78 schreibt die Fulbright-Kommission eine beschränkte Zahl von Reisestipendien aus; Anträge werden in der Zeit vom 1.
Dezember 1976 bis 15. Januar 1977 angenommen.

Voraussetzungen sind u.a.,

daß die Bewerber einen Studienaufenthalt von einem akademischen Jahr als
ordentliche Studierende planen, daß die Aufenthaltsfinanzierung anderweitig
geplant ist und daß die Bewerber zum Zeitpunkt der Abreise (September 1977)
mindestens 4 Hochschulsemester, davon mindestens 2 an einer deutschen Hochschule studiert haben.

Bewerbungsformulare für Fulbright-Reisestipendien

werden direkt bei der Fulbright-Kommission, Theaterplatz la, 5300 Bonn-Bad
Godesberg angefordert.

Vorläufige Anträge sollten innerhalb der Bewerbungs-

frist auch dann eingereicht werden, wenn Einzelheiten über das Amerika-Studium noch nicht bekannt sind.

Vollstipendien zum Studium in den USA können

für 1977/78 nicht mehr beantragt werden.
Weitere Auskünfte erteilen die Akademischen Auslandsämter der deutschen
Hochschulen sowie die Fulbright-Kommission selbst.

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23/1976

JODY POWELL - DER KÜNFTIGE PRESSESEKRETÄR DES WEISSEN HAUSES

WASHINGTON - (AD) - Zum künftigen Pressesekretär des Weißen Hauses hat
der neugewählte amerikanische Präsident Jimmy Carter den 33jährigen Jody
Powell, einen seiner langjährigen und bewährtesten politischen Mitarbeiter,
ernannt. Von Powell, den viele als das "zweite Ich" des künftigen Präsidenten ansehen, hat Carter einmal gesagt, daß ihn wohl niemand - mit Ausnahme
seiner Frau - besser kenne als er.
Die Parallelen zwischen beiden Männern sind weitreichend und ausgeprägt.
Beide wurden in dem gleichen südwestlichen Gebiet des Staates Georgia geboren
- Powell in Cordele, das rund 50 Kilometer östlich von Plains, dem Geburtsort
Carters,liegt. Beide wuchsen als Söhne von Farmern in engem Kontakt mit Land
und Leuten auf. Beide haben sich - wenn auch im altersmäßigen Abstand einer
Generation (Powell wurde im gleichen Jahr geboren, in dem Carter in die Marineakademie eintrat) - mit vollem Einsatz der politischen Praxis zugewandt,und
außer Hamilton Jordan - dem Wahlkampfmanager Carters - hat wohl niemand dem
künftigen amerikanischen Präsidenten länger und treuer gedient als Jody Powell.
Seit 1970, als er sich freiwillig für Carters Wahlkampagne um den Gouverneursposten in Georgia zur Verfügung stellte, war Powell der ständige und für
viele Monate der einzige politische Berater und enge Mitarbeiter Carters in
den Anfangsphasen sowohl des Wahlkampfes um den Posten des Gouverneurs &amp;]s_
- 1 -

I

�als auch bei der Präsidentschaftswahl.

In dieser Eigenschaft wurde er zugleich

zum Berater und Sprecher Carters, und diese Stellung gedenkt er auch nicht aufzugeben, wenn er ins Weiße Haus zieht.
Man darf wohl erwarten, daß er wegen dieses direkten Zugangs zum Präsidenten und seiner Beraterrolle dem Amt des Pressesekretärs des Präsidenten ein anderes Siegel aufprägen wird als seine Vorgänger.
Carter und Powell begegneten sich zum erstenmal im Jahre 1966, als Carter,
der sich damals zum erstenmal (erfolglos) um den Posten des Gouverneurs bewarb,
sich händeschüttelnd durch eine Menschenmenge in einem Geschäftsviertel einer
Stadtiim Süden von Georgia hindurcharbeitete und mit den Worten: "Hallo, ich
bin Jimmy Carter und bewerbe mich um das Amt des Gouverneurs!" auch die Hand
eines jungen Mannes ergriff.

Dieser Mann war Jody Powell.

Der damals 23jährige, der soeben sein Bakkalaureat für politische Wissenschaften an der Staatsuniversität Georgia erworben hatte und jungverheiratet
bei einer Versicherungsgesellschaft in Atlanta Geld verdiente, um zugleich an
seiner Doktorarbeit weiterarbeiten zu können, hatte nur wenig Zeit für die politische Praxis.
Vier Jahre später jedoch, als Carter 1970 erneut für den Gouverneursposten
kandidierte, schloß sich Powell der Wahlkampagne an und zwar als Chauffeur
Carters. Zusammen fuiren sie kreuz und quer über die großen und kleinen Straßen
des Landes.
Oft war Powell der einzige Pressesprecher, den Carter hatte, und als er
im November die Gouverneurswahl gewann, machte er ihn zu seinem Pressesekretär.
Diese Funktion hat Powell seither ständig ausgeübt,auch als es mit Beginn der
Präsidentschaftskampagne 1975 nach Beendigung der Amtszeit Carters als Gouverneur wieder hieß, die langen einsamen Zwei-Mann-Wahlreisen anzutreten.
Aber

�Aber nach den ersten Vorwahlsiegen kam der Wahl kämpf Carters mächtig
in Schwung,und Powell stand plötzlich im Rampenlicht der Nation.

Die ihn

kennen, sagten, daß ihn dies ganz und gar nicht verändert habe.

Er blieb

sich gleich in seinem meist etwas zerknautschten Anzug und seinem freimütigen
und offenen Ausdruck - immer bestrebt, ein gutes Verhältnis zur Presse zu
unterhalten.

Im Gegensatz zu Carter, der nicht trinkt, nicht raucht und früh

zu Bett geht, liebt es sein Pressesprecher,kettenrauchend den Arbeitstag bei
einem Glas Bier oder Whisky im Gespräch mit Journalisten oder Freunden bis in
die späte Nacht oder frühen Morgenstunden auszudehnen.
Obwohl stets Realist - als im Juli die Woge des Erfolgs in der Präsidentschaftskampagne Carters ihren Höhepunkt erreicht hatte, sagte er: "Was auch
immer zwischen heute und September geschieht, unser Vorsprung wird wahrscheinlich zurückgehen,und wir werden im Oktober sicherlich einen wirklichen Kampf
zu kämpfen haben" - eine Vorhersage, die sich bewahrheitete - so hat Powell dennoch mit der Möglichkeit seiner jetzigen Stellung durchaus seit langem gerechnet. "Wenn ich jemals zum Pressesekretär des Weißen Hauses ernannt werden
sollte", so sagte er nach der Nominierung Carters auf dem Parteikonvent der Demokraten im Juli, "dann würde ich mich für eine offenere Regierung und mehr Zugang zum Präsidenten einsetzen, und ich würde niemals lügen."
Joseph Lester Powell Jr. (der wie sein Chef den formellen Namen nicht
liebt und für alle als "Jody" bekannt ist) wurde am 30. September 1943 geboren
und wuchs in dem kleinen Städtchen Vienna auf.

Seine Mutter, die als Lehrerin

für politische Wissenschaften an einer Oberschule unterrichtet, weckte in ihm
frühzeitig das Interesse an der Politik und die Liebe zur Literatur.
Im Jahre 1961 wurde Powell als Kadett in die amerikanische LuftwaffenAkademie aufgenommen. Drei Jahre später, als Fähnrich, wurde er entlassen,
weil er bei einem Examen in Geschichte gegen den Ehrenkodex verstoßen hatte.
"Während einer Pause las ich in einem Notizbuch nach," so berichtete er später
darüber. "Sie fragten mich, ob ich es getan hätte. Ich sagte, 'Ja'. Sie
schickten mich nach Hause".
Als

�Als er sich Carter anschloß, der selbst die Marineakademie absolviert
hatte, berichtete er ihm als erstes über diesen Vorfall.

"Er sagte zu mir,

das sei vorbei,und ich sollte es vergessen", so erinnerte sich Powell später.
Nach dem Vorfall auf der Akademie zog Powell nach Atlanta und widmete
sich ganz seinen Studien in politischer Wissenschaft, seiner Familie und der
Karriere Carters.
"Ich arbeite mit der Presse," so sagte Powell nach seiner Ernennung zum
künftigen Pressesprecher des Weißen Hauses, "aber ich werde für den Präsidenten
arbeiten und meine Loyalität gehört ihm - solange er sich so verhält, wie er
sich von der Zeit an verhalten hat, da ich seiner zum erstenmal gewahr wurde."

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23/1976

DIE PRÄSIDENTSCHAFTSWAHLEN 1976: EINE ANALYSE
Von Dr. George Gallup
Direktor des Amerikanischen Instituts für Meinungsforschung
(The Gallup Pol 1)

Der bekannte amerikanische Meinungsforscher
und Gründer des Gallup-Instituts, Dr. George
Gallup, hat in einem Exklusivartikel für
das amerikanische Informationsamt (USIA) die
Präsidentschaftswahlen 1976 analysiert. Der
nachfolgende Artikel gibt seine persönliche
Meinung wieder.

Die Präsidentschaftswahlen 1976 endeten mit einem der knappsten Siege in
diesem Jahrhundert. Aber es hätte auch ein Erdrutschsieg für Jimmy Carter werden können.
Bei jeder Präsidentschaftswahl kommt bei der Entscheidung der Wähler eine
Vielfalt von Einflüssen zum Tragen. Sucht man aber nach den Hauptgründen, die
den Sieg Carters erklären, so sind es vor allem zwei: die Wirtschaft sowie der
Stolz und das Selbstbewußtsein der Südstaaten.
Die Frage des Geldbeutels ist in der amerikanischen Politik immer ein sehr
empfindlicher Punkt gewesen.

Der Partei, die im Weißen Haus sitzt, werden alle
- 1 -

�T

alle wirtschaftlichen Mißstände angelastet - Inflation, Arbeitslosigkeit,
schlechte Geschäftslage - ohne Berücksichtigung der besonderen Umstände oder
ihrer Bemühungen um die Förderung der

Prosperität.

In gleicher Weise aber

erkennt man der Partei, die an der Macht ist, auch das Verdienst für "gute
Zeiten" zu - ob dies nun gerechtfertigt ist oder nicht.
Seit der großen Depression in den dreißiger Jahren verbindet sich in den
Vorstellungen vieler Wähler die Partei der Demokraten mit Prosperität, dagegen
die der Republikaner mit Rezession und Depression.
Obgleich Präsident Ford auf eine bemerkenswerte Aufwärtsentwicklung in der
Wirtschaft seit seinem Amtsantritt hinweisen konnte, war die in den letzten
Wochen des Wahlkampfs wieder deutlich hervortretende Abschwächungstendenz in
der Wirtschaft für viele Wähler Anlaß zur Besorgnis.

In der Zeit zwischen

Jahresbeginn und Oktober stieg die Prozentzahl der Erwachsenen, die hohe Lebenshaltungskosten oder Arbeitslosigkeit als die Probleme von höchster Priorität für die Nation bezeichneten, von 62 Prozent auf 78 Prozent, wie eine Wählerumfrage im Oktober zeigte.
Bei einem Drittel der Beschäftigten in den USA bestand die Furcht, sie
könnten ihren Arbeitsplatz verlieren, bei der nicht-weißen Bevölkerung lag
diese Zahl mit 50 Prozent sogar noch höher - woraus sich zweifellos die überwältigende Zahl der schwarzen Wählerstimmen für Carter erklären läßt.
In der bisherigen Geschichte waren die beiden Hauptthemen jeder Präsidentschaftswahl der Friede und die Prosperität. Es mag daher überraschen, daß
bei dieser Wahl zum erstenmal seit 1936 die Außenpolitik kein Hauptthema während der Wahlkampagne war. Bei jeder anderen Präsidentschaftswahl während dieser vierzigjährigen Periode waren die Vereinigten Staaten entweder in einen
Krieg verwickelt oder versuchten, einen Krieg zu beenden, oder waren in Sorge,
in einen Krieg hineingezogen zu werden.

S£
- 2 -

�So wie die Demokraten seit den dreißiger Jahren in der Frage der Prosperität einen - wenn auch fragwürdigen - Vorteil genossen, so zogen die Republikaner in der gleichen Weise Nutzen aus der Frage von Krieg und Frieden, hauptsächlich aufgrund des geschichtlichen Zufalls und der Tatsache, daß in diesem
Jahrhundert immer dann Kriege ausbrachen, wenn ein Demokrat im Weißen Haus regierte.

Selbstbewußtsein und Stolz des Südens
Die 13 Südstaaten, die von den Tagen des Bürgerkriegs an in der Mehrzahl
für demokratische Präsidentschaftskandidaten gestimmt hatten, begannen in den
Wahlen des Jahres 1952 diese historische Position zu verlassen und waren bei
den Präsidentschaftswahlen des Jahres 1972 bis an das andere Ende des politischen Spektrums gelangt. In jenem Jahr konnte der republikanische Präsidentschaftskandidat, Richard Nixon, 71 Prozent der Wählerstimmen dieser Region auf
sich vereinigen, während der Kandidat der Demokraten, George McGovern, nur 29
Prozent erhielt. Nachdem der Süden die demokratischste Region der USA gewesen
war, war er nun zur republikanischsten geworden. Oder vielleicht sollte man
richtiger sagen: zur konservativsten.
Das Selbstbewußtsein des Südens war ein wichtiger Faktor bei der Veränderung dieser Situation bei den letzten Wahlen. Die Bevölkerung der Südstaaten
überwand ihre traditionell konservative Einstellung und stimmte für Jimmy Carter,
den ersten Politiker aus dem Süden, der seit Zachary Taylor im Jahre 1848 ins
Weiße Haus einziehen wird. Nur zwei der 13 Südstaaten, nämlich Virginia und
Oklahoma, stimmten für Präsident Ford. Carters Heimatstaat - Georgia - entschied sich mit überwältigender Mehrheit für ihn - zwei Drittel aller Stimmen
entfielen auf den Mann aus Plains. Zur gleichen Zeit konnte Ford in seinem
Heimatstaat nur mit knappem Vorsprung gewinnen.
Eine
- 3 -

�Eine Analyse der Wahlergebnisse dieses Jahres zeigt, daß in keinem anderen
Teil des Landes die Verschiebungen zwischen 1972 und 1976 so groß waren.

Vor

vier Jahren konnte Nixon den Süden mit insgesamt 71 Prozent auf seine Seite
bringen, Präsident Ford erhielt in diesem Jahr lediglich 45 Prozent - eine Verschiebung um 26 Punkte.

In den übrigen Teilen des Landes ergab sich nur eine

Verschiebung um 10 Prozent - von 60 Prozent für den Kandidaten der Republikaner
im Jahre 1972 auf 50 Prozent bei den diesjährigen Wahlen.

Zwei Wahlfeldzüge um die Präsidentschaft
Die meisten Wähler schätzen die Tatsache nicht allzu sehr, daß die Präsidentschaftskandidaten zwei völlig unterschiedliche Wahlfeldzüge durchführen
müssen, um ins Weiße Haus einzuziehen. Zunächst geht es einmal um die Nominierung durch die Partei, die üblicherweise nur erreicht werden kann, wenn der
Kandidat nach harten Monaten voller Reden und Reisen durch das ganze Land bekannt genug geworden ist, um die Vorwahlen zu gewinnen. Im Januar 1976 gaben
übrigens nur ganze vier Prozent der "üblichen"Demokraten Jimmy Carter den Vorzug.
Der zweite eigentliche Wahlfeldzug beginnt nach den jeweiligen Parteikonventen. Die Wählerschaft bei diesen beiden Wahlfeldzügen ist außerordentlich
unterschiedlich. Bei den Vorwahlen geben nur relativ wenige Personen ihre
Stimme ab, in einigen Staaten weniger als zehn Prozent aller Stimmberechtigten.
Diejenigen, die sich dieser Mühe unterziehen, sind meistens ältere, konservativere und mehr parteiorientierte Bürger.
Während der Zeit der Vorwahlen erschien Jimmy Carter als ein Kandidat, der
gegen Washington auftrat: bereit, gegen die ständig wachsende Bürokratie und
die dortigen Affairen etwas zu unternehmen.

Inmitten einer Menge von müden

Politikern, die auf altbekannte Mittel und Wege sowie auf Lösungen eingeschworen
waren, die unsere Probleme nicht beseitigen konnten, tauchte plötzlich ein neues
- 4 -

�neues Gesicht auf.

Carter war offen, aggressiv und religiös.

erster Linie die Konservativen an.

Er sprach in

Dabei hatte er solchen Erfolg, daß seine

Gegner, die unter einem liberalen Banner fochten, dieses Wort nicht mehr gebrauchen wollten und euphemistisch davon sprachen» "progressiv" zu sein.
Der zweite Wahlkampf beginnt nach dem Sieg auf dem Parteikonvent.
Demokrat muß dann eine neue Strategie einschlagen.

Ein

Um gegen einen Konserva-

tiver, gewinnen zu können, muß der demokratische Kandidat die Koalition zusammenhalten, die Franklin D. Roosevelt Anfang der dreißiger Jahre geschaffen hat.
Diese Koalition setzt sich aus Intellektuellen, Gewerkschaften, Schwarzen und
verschiedenen ethnischen Gruppen - und im allgemeinen aus den "Mittellosen" zusammen.

Wenn es gelingt, die Stimmen des Südens mit den Stimmen des in-

dustriellen Nordens zusammenzubringen, wo diese Gruppen am stärksten vertreten
sind, dann ist damit eine unschlagbare Kombination zustande gekommen.
Nachdem Carter die Nominierung erreicht hatte, war es sein Hauptproblem,
starken Anklang bei der politischen Linken zu finden, und mehr noch, die Leute
auf der Linken anzuspornen, am Wahltag auch an die Wahlurnen zu gehen.
Es war diese ideologische Wendung Carters zwischen den Frühjahr und dem
Herbst, - diktiert durch die Notwendigkeiten des Wahlkampfes - die viele Wähler
verwirrte. Immer wieder beklagten sich Leute, die wir interviewten, daß sie
nicht wüßten, "wo Carter wirklich steht" oder was für ein Präsident er eigentlich werden würde.
Vom Gesichtspunkt der politischen Strategie her sollte der ideologische
Standort eines Kandidaten mit dem der wahlberechtigten Bevölkerung einigermaßen identisch sein.

Vor den Parteikonventen stimmte der angenommene poli-

tische Standort Carters einigermaßen mit den eigenen politischen Standortvorstellungen der Öffentlichkeit überein.

Gegen Ende des Wahlkampfes machte sich

eine wesentliche Veränderung der Vorstellungen von den Auffassungen Carters bemerkbar, wie die folgenden Zahlen zeigen.
Der
- 5 -

�«

Der politische Standort in den Augen der Wähler:

Frühjahr

Oktober

"Links"

46 Prozent

60 Prozent

"Mitte"

8 Prozent

8 Prozent

"Rechts"

46 Prozent

32 Prozent

Die befragten Wähler ordneten sich selbst wie folgt ein:
Links 37 Prozent,

Mitte 12 Prozent,

Rechts 51 Prozent

Die Republikaner hatten ebenfalls ihr ideologisches Problem:

Ronald

Reagan übte eine Anziehungskraft auf die weit rechts stehenden Wähler aus,
Präsident Ford mehr auf die gemäßigten Rechten.

Während jedoch in der Einord-

nung Fords durch die Öffentlichkeit im ganzen Wahl kämpf kaum Veränderungen zu
verzeichnen waren, ergaben sich bei der Position Carters, wie oben gezeigt, wesentliche Veränderungen.

Der Wahl kämpf
Vor dem Parteikonvent der Republikaner führte Carter mit 33 Prozent gegen
Ford - ein Vorsprung, wie er in der Geschichte der Meinungsumfragen in den USA
noch nie registriert worden war.

Eine ähnliche Führung hatte nur Präsident

Lyndon B. Johnson gegenüber seinem Konkurrenten Barry Goldwater im Jahre 1974
- und Johnson konnte einen Erdrutschsieg für sich verbuchen.
Der Parteikonvent der Republikaner und die Rede, mit der Ford die Nominierung seiner Partei annahm, bewogen offensichtlich viele Anhänger von Reagan,
in den Schoß der Republikaner zurückzukehren.
alle wieder im heimatlichen Lager.

Am Wahltag waren sie praktisch

Am 2. November hatten nur 11 Prozent der
- 6 -

�V

der Republikaner der Partei den Rücken gekehrt, während 19 Prozent der Demokraten sich von Carter abgewandt hatten.
Als Carter mit dem Flugzeug von Stadt zu Stadt eilte und sich Interessengruppen zuwandte, geriet er zunehmend in die Fallstricke eines typischen Politikers - er war nicht mehr der Anti-Washington- und "New York"-Kandidat der
Frühlingsmonate.

Die von ihm zum Ausdruck gebrachten Ansichten wurden weiter

links angesiedelt als sein Standpunkt zu Beginn, und dementsprechend begann er
an Boden zu verlieren.

Der Abstand zwischen ihm und Ford wurde immer kleiner.

Dann kamen die großen Fernsehdebatten.
Die erste dieser Debatten hat nach unseren Umfragen Ford "gewonnen".
Carter schien nervös zu sein, und seine Antworten waren zu verschwommen. In
den folgenden Tagen - bis zur zweiten Debatte - gewann der Wahl kämpf Fords
immer stärkere Konturen. Unsere Umfrage zur Mitte des Wahlkampfes zeigte
Carter nur noch mit zwei Prozent Vorsprung.
Die zweite Debatte brachte das Ende des Aufwärtstrends für Präsident Ford.
Diese zweite Debatte wurde in den Augen der Öffentlichkeit von Carter gewonnen,
vor allem wegen des unerklärlichen Lapsus, den Ford hinsichtlich Polens machte,
das, wie er sagte, frei von sowjetischer Kontrolle sei. Unsere Umfrage in der
folgenden Woche zeigte zum erstenmal wieder eine Aufwärtsentwicklung bei Carter
- er führte mit sechs Prozent. Diese Führung ging zwar in den letzten Tagen
des Wahlkampfes wieder zurück auf rund zwei Prozent, aber es gelang Carter,
diesen Vorsprung am Wahltag zu halten.
Dies entspricht in etwa der Erfahrungen aus dem Jahre 1960, als John F.
Kennedy auch von hinten aufkam und nach der ersten Debatte einen Vorsprung erzielte, den er bis zum Wahltag halten konnte.
Carter selbst hat erklärt, daß es die Debatten gewesen seien, die seinem
Wahlkampf den letzten Aufschwung gegeben und es ihm ermöglicht hätten, die
- 7 -

�1

die Wahl zu gewinnen.

Ironischerweise war es gerade die Debatte über die

Außenpolitik, von der man dachte, daß sie Fords stärkstes Gebiet sei, die
den Abwärtstrend bei Carter stoppte und dem Wahl kämpf Fords Wind aus den
Segeln nahm.

Die Wahlergebnisse
Wie knapp das Ergebnis ist, geht aus den - noch immer nicht offiziellen folgenden Zahlen hervor:
Wählerstimmen

Wahlmännerstimmen

Carter

50,4 Prozent

297

Ford

48,3 Prozent

241

McCarthy

0,8 Prozent

Sonstige (Schätzung)

0,5 Prozent

Das Rennen um die Präsidentschaft steht so sehr im Mittelpunkt des Interesses der Massenmedien, daß andere, ebenso wichtige Wahlergebnisse zu wenig
Beachtung finden.
Die Ergebnisse zeigen eine ungebrochene Stärke der Demokratischen Partei.
Das neue Repräsentantenhaus setzt sich aus 291 Demokraten und 142 Republikanern
zusammen - eine Mehrheit wie 1974 nach dem Watergate-Skandal. Im Senat sitzen
62 Demokraten und 38 Republikaner. Die demokratischen Gouverneure lassen mit
37 gegen 12 ihre republikanischen Kollegen weit hinter sich.
Die Vorherrschaft der Demokratischen Partei im politischen Leben Amerikas
wird am besten aus folgenden Zahlen deutlich:

Die Republikaner hatten während

der letzten 44 Jahre - jetzt 46 Jahre - nur vier Jahre lang eine Mehrheit im
Repräsentantenhaus, d.h. bei einer parlamentarischen Regierungsform hätten die
Republikaner nur in vier Jahren die Führung gehabt.
Die
- 8 -

�Die McCarthy-Stimmen
Eine Katastrophe für Carter hätten die für den früheren Senator Eugene
McCarthy abgegebenen Stimmen werden können, wenn die Stärke McCarthys mit
dem Herannahen des Wahltages nicht mehr und mehr zusammengeschrumpft wäre.
Mehr Staaten als in irgend einer Präsidentschaftswahl in diesem Jahrhundert
wurden in einem Abstand von 53 gegen 47 Prozent gewonnen, bzw. verloren.

Allein

in 27 Staaten führte der Sieger mit diesem Abstand.
Wenn McCarthy vier bis fünf Prozent der Gesamtstimmen für sich hätte
verbuchen können, dann hätte sicherlich Präsident Ford den Wahlsieg geschafft,
da ein großer Teil der McCarthy-Stimmen zu Lasten Carters gingen. Ein Staat
allein hätte eine Wende bringen können - New York. In diesem Staat wurde der
Name McCarthys in letzter Minute durch Gerichtsbeschluß von den Stimmzetteln
verbannt.

Gruppenverhalten
Eine Analyse des Wahlverhaltens der verschiedenen Bevölkerungsgruppen
zeigt einige interessante Verschiebungen.
mäßiger verteilt als üblich.

Katholiken haben ihre Stimmen gleich-

Im Jahre 1972 gaben sie dem demokratischen Kan-

didaten, McGovern, 18 Prozent mehr Stimmen als die Protestanten.

In diesem

Jahr gaben sie Carter 54 Prozent und Ford 46 Prozent ihrer Stimmen.

Ford er-

hielt 53 Prozent der protestantischen Stimmen, Carter 47 Prozent.
Zwischen Männern und Frauen war kein Unterschied im Wählerverhalten festzustellen.

Anfang des Jahres neigten noch wesentlich mehr Frauen zu Ford als

zu Carter.
Das Bildungsniveau wirkte sich wie folgt aus: Wähler mit Hochschulbildung gaben Ford eine klare Mehrheit - 58 Prozent gegen 42 Prozent; Wähler mit
- 9 -

�1

mit höherer Schulbildung stimmten für Carter - 55 Prozent gegen 45 Prozent;
und Wähler mit Grundschulbildung neigten mit 62 Prozent gegen 38 Prozent zu
Carter.
Die Jungwähler favorisierten relativ stärker als 1972 den republikanischen
Kandidaten.

Trotzdem gaben die 18- bis 29-Jährigen Carter 56 Prozent ihrer

Stimmen, verglichen mit 52 Prozent der 30- bis 49-Jährigen und 48 Prozent der
über 50-Jährigen.
Die weißen Wähler zogen Ford mit 53 gegen 47 Prozent vor; Schwarze und
andere Farbige gaben Carter 87 Prozent ihrer Stimmen gegenüber 13 Prozent für
Ford.

Arbeiter stimmten - traditionsgemäß - für den demokratischen Kandidaten -

bei dieser Wahl mit 63 Prozent gegen 37 Prozent.

Wahlbeteiligung
Normalerweise wirkt sich eine geringe Wahlbeteiligung bei einer Präsidentschaftswahl zugunsten der Republikaner aus. Das geringste Interesse an der
Ausübung des Wahlrechts findet man bei den unteren Einkommens- und Bildungsschichten und bei den Jungwählern. Diese Gruppen favorisieren normalerweise
demokratische Kandidaten im Verhältnis zwei zu eins.
Die Wahlbeteiligung am 2. November dieses Jahres war nicht ganz so groß
wie vor vier Jahren - 54 Prozent gegenüber 56 Prozent - die Zahl der tatsächlich abgegebenen Stimmen lag jedoch höher. Durch den Bevölkerungszuwachs waren
in diesem Jahr 150 Millionen Amerikaner wahlberechtigt, gegenüber 140 Millionen
im Jahre 1972.
Die Wahlbeteiligung war zwar nicht so niedrig wie vorausgesagt, aber es
besteht trotzdem kein Anlaß für Amerika, stolz darauf zu sein.

- 10 -

Nur etwas mehr

�mehr als die Hälfte aller Amerikaner über 18 Jahre ging zur Wahlurne.
Einen großen Einfluß auf das Ergebnis hatte die Wahlbeteiligung nicht,
denn Carter gewann selbst mit der relativ geringen Beteiligung.

- 11 -

�amerika dienst
United
53

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23/1976

BLAUALGEN MACHEN DER INDUSTRIE KONKURRENZ
Stickstoffdünger und Futtermittel aus der Kläranlage

- (AD) - Mit dem Drei-Stufen-Verfahren im Klärwerk will Dr. W. J. Oswahl,
Professor für öffentliches Gesundheitswesen und Hygienetechnik an der Universität Berkeley (Kalifornien), aus Abwässern billigen Stickstoffdünger, eiweißreiche Futtermittel und "Rohstoff" für die Methan-Produktion gewinnen.

Ober

Einzelheiten des Systems, an dessen Entwicklung er schon seit einigen Jahren
arbeitet, berichtete Dr. Oswald kürzlich auf einem RANN-Symposium in Washington.
RANN ist die Abkürzung für "Research Applied to National Needs", ein Programm
der Nationalen Wissenschaftsstiftung (NSF) der USA, mit dem die Forschung auf
bestimmten Gebieten im Interesse wirtschaftswichtiger Neuentwicklungen gefördert wird.
Kulturen von Grünalgen und Blaualgen sowie Pflanzenkolonien der Wasserhyazinthe sollen nach den Plänen Dr. Oswalds als Medien für die Zersetzung von
Belastungsstoffen in den Abwässern, zur Reinigung des Wassers und gleichzeitig
für den Aufbau nutzbarer Produkte eingesetzt werden. Der besondere Vorteil dieses biologischen Klärsystems läge darin, daß der Prozeß selbst kaum Energie benötigt, gleichzeitig aber bei umfassender Anwendung helfen könnte, Primärenergie in der Form von Erdöl oder Erdgas als Wasserstoffquelle für die Ammoniaksynthese zu sparen und billig Stickstoffdünger zu produzieren.
Der
- 1 -

�Der Weltbedarf an Düngerstickstoff, der im Jahr 1974 etwa 40 Millionen
Tonnen betrug, wird sich bis zum Jahr 2000 vervierfachen.
kosten sind mit den Erdölpreisen enorm angestiegen.

Die Produktions-

In den Vereinigten Staaten

werden derzeit zwei Prozent des heimischen Erdgases für die Düngemittelerzeugung verbraucht.

Und 87 Prozent der Primärenergie, die für die Kunstdüngerfa-

brikation benötigt wird, entfallen allein auf die Synthese von Ammoniak (NH 3 )
als der wichtigsten Verbindung für Stickstoffdünger.

Diesen brauchen z.B. die

Pflanzen, um mehr Eiweiß zu bilden, das wiederum für den tierischen Organismus
lebenswichtig ist und nach der Nahrungsaufnahme in das Gewebe eingebaut wird.
Industriell hergestellter Mineraldünger ist teuer:
100 Dollar und mehr.

Eine Tonne kostet

Auf 10 Dollar pro Tonne hofft Dr. Oswald den Preis sen-

ken zu können, wenn Stickstoffdünger auf biologischem Wege nach dem von ihm
entwickelten Verfahren erzeugt wird.

Während mancherorts Algen bereits zur

Abwasserreinigung oder zur Düngung (beispielsweise auf Reisfeldern) genutzt
werden - allerdings mit recht unterschiedlichem Erfolg -, handelt es sich hier
um den ersten Versuch, beides zu kombinieren, den Nutzeffekt um ein Vielfaches
zu erhöhen und Kosten zu senken.
"Gegenwärtig sieht es so aus", meinte Dr. Oswald, "daß pro Hektar Klärfläche 10 000 Dollar investiert werden müssen und jährliche Betriebskosten
von ca. 1000 Dollar anfallen." In etwa zwei Jahren dürften die noch bestehenden Probleme geklärt sein: Für einzelne Algenarten müssen noch die günstigsten
Kulturbedingungen ausfindig gemacht werden. Auch dürfen die für Futtermittel
gezüchteten Algen keinerlei toxische Stoffe enthalten. Das Team experimentiert
z. Zt. mit verschiedenen Algenarten, mit offenen und geschlossenen Becken und
unterschiedlicher Wasserverteilung. Angestrebt wird, pro Tag auf 1 qm Fläche
ein Gramm assimilierten Stickstoff zu produzieren.
Der Drei-Stufen-Prozeß funktioniert nach folgendem Prinzip:
Becken werden 30 cm hoch mit Abwasser gefüllt.

Drei

Schaufelräder halten das

Wasser ständig in Bewegung, um einer Schlick- und Schichtbildung entgegenzuwirken.

Im ersten Becken werden Grünalgen (z.B. Spirogyra) gezüchtet, die
- 2 -

�»

die beim Wachsen und Vermehren die Belastungsstoffe des Abwassers zersetzen.

Diese Algen ergeben Tierfutter oder organischen Dünger.

Auch Fer-

mentationsprodukte für die Gewinnung von Methangas fallen aus diesem Becken
an.
Das so vorgereinigte Wasser wird einem zweiten Becken zugeführt, wo
restlicher Ammoniak und Nitrate durch Pflanzen wie Wasserhyazinthen entzogen werden. (Diese sind als Gewächse in Gräben und Kanälen gefürchtet,
weil sie in kurzer Zeit den Wasserlauf blockieren.) Jetzt erst ist das Wasser für das mit Blaualgen besetzte Becken Nr. 3 geeignet. Denn Blaualgen
gedeihen nur in einem Medium, das selbst arm an Stickstoffverbindungen ist.
Sie haben jedoch, ebenso wie Wurzelbakterien bestimmter Pflanzenarten, z.B.
Leguminosen, die Fähigkeit, Luftstickstoff zu binden und mit der Assimilation in eine Form zu bringen, in der Stickstoff von lebendem Gewebe verwertet werden kann.
•

Die Blaualgen werden mit rotierenden Trichterfiltern geerntet, getrocknet
und als Dünger aufs Feld gebreitet.

Wichtig ist der Zeitpunkt der Ernte, wie

das Beispiel der mit Blaualgen gedüngten Reisfelder in Südostasien zeigt:
Weil sich dort Schlickschichten ungehindert bilden können, wird der assimilierte Stickstoff gerade dann an die Atmosphäre zurückgegeben, wenn ihn die
Reispflanzen am dringendsten benötigten.
Das Aufbrechen der engen Bindung zwischen den zwei Atomen des atmosphärischen Stickstoffmoleküls besorgen Blaualgen oder Knöllchenbakterien an den
Wurzeln von Hülsenfrüchten. Mit Wasserstoff aus den Wirtspflanzen bilden
dann die Stickstoffbakterien Ammoniak. Dagegen hat die Industrie bei der
Ammoniak-Synthese, die ohnehin nur bei hoher Temperatur, unter hohem Druck
und mit Katalysatoren möglich ist, einen enorm großen Aufwand an Energie.
Außerdem wird der Preis für Stickstoff-Kunstdünger noch durch die Kosten beeinflußt, die die Reinigung der Abwässer von unerwünschten StickstoffVerbindungen verursacht. Die modernen Abwasser-Behandlungsmethoden erfordern, so
Dr. Oswald, einen Kapital- und Arbeitsaufwand, der pro Jahr und Kopf der Be- 3 -

�Bevölkerung 25 Dollar erreicht.

Im Gegensatz dazu würde beim Oswald-Verfahren Stickstoff ohne energiekonsumierende Zwischenstufen in Dünger verwandelt - der Kreislauf wäre "kurzgeschlossen".

Versuche, der Natur nachzuhelfen
Da viele Nutzpflanzen das tatsächliche Stickstoffangebot nur unzureichend nutzen (Getreide wie Mais und Weizen nur zu 50 Prozent, Reis zu 30 40 Prozent), bemühen sich vor allem Mikrobiologen gegenwärtig intensiv um
eine Verbesserung der Stickstoffbilanz.

Die US-Wissenschaftsstiftung (NSF)

finanziert Forschungsarbeiten, die z.B. das Ziel verfolgen, die Fähigkeit
der Knöllchenbakterien zur Stickstoff-Assimilation bestimmten anderen Bakterienarten durch Gen-Transplantation "aufzupfropfen",

über diese und andere

Versuche wurde auf dem Symposium "Biologische Umwandlung der Sonnenenergie"
im November 1976 in Washington berichtet:
Vor fünf Jahren identifizierten Dr. Raymond C. Valentine (Universität
Kalifornien in Davis) und seine Mitarbeiter ein Gen im DNS-Molekül von Bakterien, das die Umwandlung von Stickstoff in Ammoniak steuert. Daraufhin
wurde es auch möglich, dieses Gen auf andere Organismen zu übertragen. Normalerweise beenden Bakterien die Ammoniakproduktion, sobald ihre Umgebung
mit assimiliertem Stickstoff oder Ammoniak gesättigt ist. Inzwischen gelang
es der Arbeitsgruppe Dr. Valentines, in einer Bakterienart bestimmte Gene so
zu verändern, daß sie auch in einem ammoniakreichen Medium weiterhin NHU produzieren.
Jetzt wird dies auch bei jenen Blaualgen versucht, die in Azolla-Pflanzen (Schwimmfarn) leben.
käme die nächste Hürde:

In 2 - 3 Jahren hofft man,am Ziel zu sein.

Dann

Die Azolla-Pflanze muß für die Reisfeld-Kultur mit

Verteidigungswaffen ausgestattet werden, um neben nichtveränderten Spezies
bestehen zu können. Würde dies (vielleicht nach weiteren 3 - 5 Jahren) er-

�erreicht, so könnte Azolla mit ihren Stickstofflieferanten als "natürliche
Düngemittelfabrik" benutzt und zusammen mit Nutzpflanzen oder in landwirtschaftlichen Bewässerungssystemen kultiviert werden.
Ein weiteres Forschungsprojekt ist die Verbesserung der natürlichen Fähigkeit von Leguminosen, Stickstoff mit Hilfe ihrer Wurzelbakterien zu assimilieren.
niak.

Die Bakterien leben von Zuckern der Pflanze und liefern ihr Ammo-

Die Forscher wollen erreichen, daß mehr Zucker zu den Wurzelknollen

transportiert wird

und daß die Bakterien diesen Zucker für die Ammoniakpro-

duktion besser nutzen.

Das Ergebnis wären höhere Ernteerträge.

Schließlich

existieren bereits Pläne, die Fähigkeit der Leguminosen, Stickstoff zu assimilieren, auf Getreidepflanzen wie z.B. Weizen, Mais und Roggen zu übertragen.
Wie Dr. Valentine erklärt, habe man gerade in letzter Zeit hinsichtlich
der Arbeitsweise der Wurzelknöllchen vieles hinzugelernt:

So ließe sich

z.B. der Energieverbrauch der Bakterien und der daraus resultierende Wirkungsgrad berechnen.

Die bisherigen Erfahrungen aus Modellversuchen mit künst-

lichen Wurzelknöllchen und Bakterien zeigen allerdings, daß diese Art der
Ammoniakproduktion, in industrielle Größenordnungen übertragen, unwirtschaftlich wäre.

Die Natur arbeitet mit Sonnenlicht und Pflanzen viel rationeller.

Letztes großes Forschungsgebiet sind gegenwärtig Bakterien, die Ammoniak
und daneben Wasserstoff produzieren.

Je mehr Wasserstoff sie erzeugen, desto

weniger Ammoniak liefern sie. Wenn man das Enzym fände, das die Wasserstoffproduktion steuert, könnte es möglicherweise so verändert werden, daß mehr
Ammoniak anfällt.

+ + + + +

�</text>
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und
Dokumentation
United States Information Service
Embassy of the United States of America

1. Dezember 1982

47

INHALT

DOKUMENTATION
Sowjetische Besetzung Afghanistans stört internationale
Beziehungen
- Rede der US-Chefdelegierten vor der UN-Vollversammlung

HINTERGRUNDMATERIAL
Der neue MBFR-Vorschlag:

Eine amerikanische Perspektive

- Von James L. George, Stellvertretender Direktor für Multilaterale
Angelegenheiten beim amerikanischen Amt für Rüstungskontrolle und
Abrüstung (ACDA) -

Um Ubcr/endung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.: 0228-339 22 40
Telex: 8-85432

�47

1. Dezember 1982

SOWJETISCHE BESETZUNG AFGHANISTANS STÖRT INTERNATIONALE BEZIEHUNGEN
- Rede der US-Chefdelegierten vor der UN-Vollversammlung -

VEREINTE NATIONEN - (AD) - Die amerikanische Chefdelegierte bei den Vereinten Nationen, Botschafterin Jeane Kirkpatrick, unterstrich am 24. November
1982 vor der Vollversammlung der Vereinten Nationen die Auffassung der amerikanischen Regierung, daß die Besetzung Afghanistans durch die Sowjets das
gesamte Geflecht der internationalen Beziehungen stört.
Sie rief die Weltorganisation auf, eine weitere Entschließung zu fassen,
in der der Abzug aller ausländischen Truppen aus Afghanistan gefordert wird.
Botschafterin Kirkpatrick erklärte, "wenn wir dulden, daß das an seiner Unabhängigkeit hängende und unglaublich tapfere Volk von Afghanistan entwurzelt,
wirtschaftlich ausgeplündert, kulturell ausgelöscht und schließlich niedergehalten wird, sind auch andere Völker - ebenso zähe und zum Widerstand entschlossene Völker wie die Afghanen - in ihrer Existenz gefährdet".
Die von Botschafterin

Postfach 20 03 00 Tel.: 0228-339 22 40
D 5300 Bonn 2
Telex: 8-85432

�Die von Botschafterin Kirkpatrick im Namen der amerikanischen Regierung
befürwortete

Resolution wurde am 29. November vor dem Internationalen Aus-

schuß zur Abstimmung gebracht und von diesem mit mehr als Zweidrittelmehrheit,
d.h. mit 114 zu 21 Stimmen bei 13 Enthaltungen, angenommen.
Die Rede von Frau Kirkpatrick vom 24. November hat folgenden Wortlaut:
Die Afghanistan-Frage steht erneut auf der Tagescrdnung der Vollversammlung. Einmal mehr wird

in einer uns schon vertrauten Abfolge ein Vertreter

nach dem anderen vor diese Körperschaft treten, um seinen Abscheu vor der
sowjetischen Invasion Afghanistans und den anhaltenden und immer brutaleren
Versuchen zu bekunden, das afghanische Volk zu unterjochen. Und einmal mehr
werden wir über eine Entschließung beraten und diese dann, hoffentlich, mit überwältigender Mehrheit annehmen, welche den Abzug der sowjetischen Besatzungsstreitkräfte, die Respektierung des Selbstbestimmungsrechtes der Afghanen und
die sichere und ehrenvolle Rückkehr der afghanischen Flüchtlinge in ihre Heimat
fordert.
Wir dürfen uns auf keinen Fall durch die Vertrautheit mit diesem Vorgang
von dessen außerordentlicher Bedeutung ablenken lassen. Von allen Fragen, die
dieser Versammlung vorliegen, hat keine weiterreichendere Auswirkungen als die
Afghanistanfrage. Die Aggressionen, die von der Sowjetunion in Afghanistan
und von ihren Helfershelfern in anderen Gebieten begangen wurden, zeitigten
und zeitigen noch immer große Auswirkungen auf Klima und Gestaltung der OstWest-Beziehungen. Derartige Aggressionen berühren das gesamte Geflecht der
internationalen Beziehungen und die Zukunft des Staaten-Systems, das sich auf
die Achtung vor dem Prinzip der territorialen Integrität, der nationalen Unabhängigkeit und der politischen Souveränität stützt, auf unheildrohende Weise.
Diese Aktionen wirken sich direkt auf die Fähigkeit der Staaten aus - insbesondere auf die der verletzlichsten unter ihnen -, ihre spezifische Identität
zu bewahren und ihren Aspirationen in Friede und Sicherheit nachzugehen.
Das afghanische

�Das afghanische Volk kämpft um seinen Fortbestand - sein Kampf aber hat
noch eine weit tiefere Bedeutung. Wenn wir dulden, daß ein kleines, relativ
schutzloses und blockfreies Land wie Afghanistan überfallen, brutalisiert und
unterjocht wird, erhebt sich die Frage: Welch anderes, ähnlich leicht verletzliches Land kann sich dann noch sicher fühlen? Wenn wir dulden, daß das
an seiner Unabhängigkeit hängende Volk von Afghanistan entwurzelt, wirtschaftlich ausgeplündert, kulturell ausgelöscht und schließlich niedergehalten wird,
sind auch andere Völker - ebenso zähe und zum Widerstand
entschlossene Völker wie die Afghanen - in ihrer Existenz gefährdet.
Die Bemühungen, das afghanische Volk zu unterjochen und ihm ein ihm
fremdes totalitäres Regime aufzuerlegen, sind von einem Grad der Gewaltanwendung gegen die Bevölkerung gekennzeichnet, der in jüngerer Zeit nur von
der schrecklichen Tragödie in Kampuchea übertroffen wird. Die Verbrechen gegen
das afghanische Volk bleiben der Weltöffentlichkeit hinter einem dichten Vorhang totalitärer Fehlinformationen und Kontrolle des Geistes verborgen. Und
dennoch kam die Geschichte der Brutalität - wie dies so oft in derartigen
Situationen geschieht - durch Berichte von Flüchtlingen und von Journalisten
und Ärzten, die sich in jenes Land gewagt haben, ans Licht.
Ein Maßstab für die Art von Gewalt, die dem afghanischen Volk angetan
wird, ist die Zahl der Flüchtlinge, die, in ihrer Heimat entwurzelt, zur Flucht
in Nachbarländer gezwungen wurden. Als das illegale Regime von Babrak Karmal
im Zuge der sowjetischen Invasion errichtet wurde, hatte die Zahl der Flüchtlinge in Pakistan bereits 400 000 erreicht. Sie waren vor dem Schreckensregime
geflohen, das die vorausgegangenen kommunistischen Regime

Taraki und Amin in

Afghanistan errichtet hatten, Babrak versprach, den Terror einzustellen, dessen
sich seine Vorgänger bedient hatten. Aber in den knapp drei Jahren seiner
Herrschaft hat sich die Zahl der afghanischen Flüchtlinge in Pakistan und im
Iran auf nahezu 3 Millionen verzehnfacht und entspricht damit nach Schätzungen
aus dem Jahr 1978 fast einem Viertel der Bevölkerung Afghanistans. Das ist der
größte Flüchtlingsstrom

der Erde, der sich aus einem Volk rekrutiert.
Selbst diese

�Selbst diese Zahlen vermitteln nicht das volle Ausmaß der Umwälzungen und
Leiden in Afghanistan, gibt es doch viele Hunderttausende von Flüchtlingen im
Inneren, die aus den landwirtschaftlichen Gebieten geflohen sind, in denen die
Kämpfe am schwersten waren. Die Entvölkerung der Landgebiete hat sich inzwischen
als ein wohlüberlegtes Ziel der sowjetischen Politik der verbrannten Erde in
solchen Gebieten erwiesen, die vom Widerstand beherrscht werden. Infolge der
Kämpfe in diesen Provinzen waren viele Bauern nicht in der Lage, ihre Ernte
einzubringen, und so besteht für diesen Winter die Gefahr von Hungersnöten.
Die letzte Vollversammlung forderte die Sowjetunion auf, ihre Streitkräfte
aus Afghanistan abzuziehen. Weit davon entfernt, die Entscheidung der Vollversammlung zu respektieren, haben die Sowjets im Verlauf des letzten Jahres ihre
Streitkräfte auf schätzungsweise 105 000 Mann verstärkt und die rücksichtsloseste

systematische Offensive des gesamten Krieges mit sehr weitgesteckten

Zielen geführt. Die verstärkte Aggressivität der sowjetischen Streitkräfte zeigte
sich im Januar, als sie eines der Zentren des Widerstands, Afghanistans zweitgrößte Stadt

Kandahar, etwa 375 km südöstlich von Kabul, bombardierten, mit

Artillerie beschossen und besetzten. Das brutale Vorgehen von Kandahar, das
Todesopfer auch unter der Zivilbevölkerung forderte, wiederholte sich zwei
Monate später in Herat und Mazar-E-Sharif und erneut im Frühling in der im
Nordosten des Landes gelegenen Stadt Tashkurghan. Im Frühsommer wurde die
Stadt Ag Gozar im äußersten Nordwesten durch systematische Luft- und Panzerangriffe für Menschen unbewohnbar gemacht.
So brutal diese Angriffe auch waren, im Kern richtete sich die sowjetische
Offensive im Frühjahr und Sommer dieses Jahres gegen Orte näher bei Kabul.
Hauptziele waren Dörfer im Panjshir- und Logar-Tal und in der Region Shomali
sowie Gebiete in der Umgebung von Kabul selbst, insbesondere der Gebirgsort
Paghman, der nur 18 km nordwestlich der Hauptstadt gelegen ist.
Diese Angriffe waren gekennzeichnet durch willkürliche Bombardierung von
Dörfern; die Folge davon waren Tausende von Toten unter der Zivilbevölkerung,

- 4 -

�\

der Zivilbevölkerung, viele davon Frauen und Kinder, überlebende berichten
zudem davon, daß die sowjetischen Truppen, frustriert durch ihre vergebliche
Suche nach Widerstandskämpfern, nur allzu oft zu Terror gegen Zivilisten greifen.
In Kandahar zum Beispiel schockierten Berichte von Vergewaltigung und
Plünderung durch sowjetische Truppen im Gefolge der Bombardierung vom vorigen
Januar sogar jene, die sich am nachdrücklichsten für das Regime Babrak eingesetzt hatten. Berichten von Augenzeugen zufolge wurden in einem Dorf der
Shomali-Region alle männlichen Einwohner, die älter als zehn Jahre waren, in
Gegenwart ihrer weiblichen Verwandten niedergeschossen. Der schwedische
Journalist Borje Almquist, der im Juli und August die Provinz Logar besuchte,
berichtete von ähnlichen Vorfällen in diesem Gebiet - wie überhaupt von solchen
Greueltaten aus ganz Afghanistan berichtet wird. Nach Almquist wurden Frauen,
Kinder und Greise auf die Straße gezerrt und hingerichtet, andere Zivilisten,
die Hände auf den Rücken gebunden, als lebende Sandsäcke zum Schutz bei den
Straßenkämpfen mißbraucht. Außerdem nannte Almquist das Verbrennen der Ernte,
das Vergiften von Nahrungsmitteln und Trinkwasser und die Plünderung von
Häusern und Geschäften.
Auch setzen die Sowjets weiterhin "Schmetterlingsbomben" gegen Menschen
sowie Bomben ein, die als Spielzeuge, Zigarettenschachteln und Kugelschreiber
getarnt sind - all dies in grober Verletzung einer, im Jahr 1981 auch von der
Sowjetunion unterzeichneten

internationalen Konvention, die solche Waffen

ächtet. In diesem Jahr berichtete auch eine Gruppe französischer Ärzte, die
gerade aus dem Innern des Landes, dem zentralen Hochland von Hazarajat, zurückgekehrt war, daß die Sowjets solche Minen über Feldern, Dörfern und Gebirgswegen ausstreuen und damit unter den Bewohnern schwere Verletzungen hervorrufen
- vor allem unter den Kindern, die sich der Gefahr am wenigsten bewußt sind.
"Wir haben viele Kinder versorgt, deren Hände und Füße von solchen Minen abgerissen wurden", erklärte Dr. Claude Malhuret, Mitglied dieser Ärztegruppe. Er
enthüllte außerdem, daß die Sowjets aus Furcht, die französischen Ärzte könnten
von dem Gesehenen berichten, ihre Hospitäler zerstörten, um sie so aus dem Land
zu vertreiben.
Getarnte Minen
- 5 -

�/

Getarnte Minen sind nicht die einzigen ungesetzlichen Waffen, die die
Sowjets gegen das afghanische Volk einsetzen. Sie verwenden auch weiterhin
chemische Waffen in Verletzung sowohl des Genfer Protokolls von 1925 als auch
der Konvention über biologische Waffen aus dem Jahr 1972, die sie zusammen mit
110 anderen Staaten ratifiziert haben. In diesem Jahr haben die Vereinigten
Staaten bereits 47 bekanntgewordene Angriffe mit chemischen Waffen in Afghanistan
registriert. Diese Angriffe setzten bereits sechs Monate vor der Invasion ein
und führten zu mehr als 3 000 Toten. Und sie dauern an. Erst im September erklärte ein von der Widerstandsbewegung gefangengenommener sowjetischer Soldat,
Anatoli Sacharow, er wisse von drei Typen chemischer Stoffe, die von den
Sowjets in Afghanistan eingesetzt würden. Seine Zeugenaussage über die Wirkungen
eines dieser Mittel, das besonders gefährlich ist und das er "schmierig" nannte,
"entspricht ziemlich genau den Berichten, die das Ärzteteam, das sich mit
Flüchtlingen in Pakistan beschäftigt, den Experten der Vereinten Nationen gab."
Die Ärzte stellten fest, daß mehrmals nach Angriffen auf Dörfer "Körper sich
rasch auflösten und die Gliedmaßen abfielen, wenn man sie berührte". Sacharow beschrieb außerdem einen chemischen Angriff auf Widerstandskämpfer, bei dem die
sowjetischen Soldaten angewiesen worden waren, Gasmasken zu tragen.
Die Vereinigten Staaten werden in diesen Wochen einen

auf den neuesten

Stand gebrachten Bericht über chemische und biologische Waffen veröffentlichen,
der neue Informationen über den fortdauernden Einsatz dieser illegalen Waffen
durch die Sowjetunion in Afghanistan sowie in Laos und Kampuchea

enthalten

wird.
Nichts zeigt deutlicher den Mut und die Entschlossenheit der afghanischen
Freiheitskämpfer und den allgemeinen Haß des afghanischen Volkes auf die sowjetische Besatzung als die Tatsache, daß die Widerstandskräfte im ganzen Land
intakt und aktiv bleiben - trotz der massiven Gewalt, die die Sowjetunion gegen
sie einsetzt. Im Panjshir und in Paghman zum Beispiel konnten die Sowjets sich
festsetzen, da die Freiheitskämpfer sich in die Berge zurückzogen. Aber sobald
die Hauptmacht der Invasionsstreitkräfte abzog, überrannten die Widerstandskämpfer
die neuerrichteten RegierungsVorposten und gelangten wieder zur Kontrolle über

- 6 -

�\

Kontrolle über diese Stellungen. Desgleichen vertrieben brutale Bombardierungen
im Shomali-Gebiet zeitweilig die Freiheitskämpfer von den großen Landstraßen,
konnten aber ihre Organisation nicht zerstören. Sogar in der zerstörten Stadt
Kandahar waren die Freiheitskämpfer in der Lage, Operationen gegen die Besatzungsmacht durchzuführen, wobei zu den spektakulärsten im vorigen August
die Befreiung von Gefangenen aus einem Gefängnis gehörte. Zerstörte sowjetische
Panzer und Transportfahrzeuge liegen entlang der Landstraßen in ganz Afghanistan
und sind Zeugnis für die anhaltende Unfähigkeit der Sowjets, die Sicherheit auf
dem Lande oder die Kontrolle über die Bevölkerung zu erlangen.
Am deutlichsten zeigt sich das Versagen der Sowjets in ihrer Unfähigkeit,
die verschiedenen Zweige der Streitkräfte der afghanischen Marionettenregierung
in wirksame Einheiten zusammenzufügen, die dann die Hauptlast des Kampfes
übernehmen könnten. Bislang herrscht der Eindruck vor, daß in diesem entscheidenden Bereich noch kein Fortschritt gemacht wurde. Auch Maßnahmen der
jüngsten Zeit, den großen Soldatenmangel der afghanischen Armee zu überwinden
- und hierzu gehören das strengste Wehrpflichtgesetz, das es dort je gab, willkürliche Verhaftung und körperliche Züchtigung von Wehrdienstverweigerern sowie
Anreize beim Sold der Rekrutierten, der sich bereits mit den Gehältern höherer
Staatsbeamter

vergleichen läßt -,

sind fehlgeschlagen. Infolgedessen werden

in Kabul und in den Provinzstädten Männer auf offener Straße zum Kriegsdienst
gepreßt oder per Haussuchung gewaltsam zur Armee geholt. Die Vergeblichkeit
all dieser Maßnahmen zeigte sich während der Kämpfe dieses Sommers, als die
afghanischen Soldaten in großem Umfang desertierten und überliefen - und dies
zu einem deutlichen Verlust an Mannschaftsstärke führte.
Das Unvermögen der Sowjets, den Widerstand militärisch zu brechen, und
die auf der Hand liegende Tatsache, daß die sowjetischen Aggressoren und ihre
afghanischen Helfershelfer vom afghanischen Volk abqelehnt werden, haben die
Sowjets nicht von ihrem Wunsch abbringen können, das Land zu unterwerfen. Stattdessen deutet alles auf eine langfristige Strategie hin, die auf der einen
Seite die langsame Abnutzung des Widerstandes durch Austrocknung und auf der
anderen Seite die militärische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Integration Afghanistans in das sowjetische Imperium anstrebt.
Die Sowjets

�/

Die Sowjets haben bereits bedeutsame Schritte in diese Richtung unternommen.

Sie haben ihr militärisches Transportwesen und die Fernmelde-Infra-

struktur konsolidiert, einschließlich des Ausbaus bestehender Flugplätze und
der Fertigstellung von Brücken über den Amu Dayra-Fluß.

Sie haben den mili-

tärischen Zugriff auf den strategischen Wakham-Korridor an der nördlichen
Grenze Pakistans verstärkt, der Afghanistan mit China verbindet, und sie haben
die Wirtschaft Afghanistans durch eine Fülle von Wirtschafts- und Handelsabkommen eng mit der Wirtschaft des Sowjetblocks verknüpft.
Was vielleicht noch wichtiger ist, ist die Tatsache, daß sich die
Sowjets bemühen, die afghanische Kultur umzumodeln und an die Stelle der dezimierten Intellektuellen und Angehörigen der Mittelschicht eine neue, nach
sowjetischem Muster geprägte Elite zu setzen.

Tausende von Afghanen, darunter

sogar Kinder im Alter zwischen sechs und neun Jahren, werden in der Sowjetunion
und anderen Staaten des Ostblocks ausgebildet, während das afghanische Bildungssystem selbst nach sowjetischen Richtlinien umstrukturiert wird.

Die

Sowjetisierung der Universität von Kabul wird am deutlichsten erkennbar durch
die Anwesenheit sowjetischer Berater auf allen Ebenen der Verwaltung und der
Lehre sowie die Bevorzugung von Parteiaktivisten bei der Zulassung zum Studium.
Der Lehrplan für die Grundschulausbildung in Afghanistan ist neu festgelegt
worden, um der Indoktrinierung mit der marxistisch-leninistischen Ideologie
zu dienen und die jungen Afghanen auf ein künftiges Studium in der Sowjetunion vorzubereiten.
Im Lichte dieser politischen Maßnahmen - und der ständigen Verschärfung des militärischen Engagements der Sowjets - müssen wir die wiederholte
Behauptung Moskaus betrachten, die "Große Revolution" von 1978 sei "unwiderruflich". Aber was, so kann man sich zurecht fragen, gibt der Sowjetunion
das Recht, zu behaupten, der gewaltsame Sturz einer blockfreien Regierung
stelle eine "unwiderrufliche" Revolution dar? Auf welches Gebot des Völkerrechts, auf welchen Artikel der Charta der Vereinten Nationen stützten sie
ihren Anspruch? Man möchte meinen, daß es das afghanische Volk ist - und nur
das afghanische Volk -.welches das Recht hat zu bestimmen, ob die Ereignisse
von 1978 "unwiderruflich" sind oder nicht.
Das afghanische
- 8 -

A

�\

Das afghanische Volk hat im übrigen seine Entscheidung getroffen - vor
langer Zeit.

Es hat eine Revolution abgelehnt, deren Haupterrungenschaft

vor dem sowjetischen Einmarsch die Verhaftung, Folterung und Hinrichtung Zehnr
tausender moslemischer Geistlicher, Lehrer, Beamter, Ärzte und Ingenieure
war.

Es hat eine Revolution abgelehnt, deren Grausamkeit und sadistische Ge-

walttätigkeit am besten durch die Massengräber von außerhalb des Pol-E-CharkiGefängnisses und das Massaker von Kerala symbolisiert wird.

Es hat eine Revo-

lution abgelehnt, die systematisch den Islam und die afghanische Nation zerstören wollte und deren stolzes Land zu einer Beute seines nördlichen Nachbarn
machte.
Es hat dieser Ablehnung in Form einer spontanen, landesweiten Widerstandsbewegung Ausdruck verliehen.

Indem Moskau in Afghanistan einmarschierte,

um diesen Widerstand zu brechen und ein verhaßtes marxistisches Regime an
der Macht zu halten, hat es einen gewichtigen Schritt unternommen, der das erweiterte Ausmaß seiner politischen und territorialen Ambitionen erkennen ließ.
Die Sowjetunion beanspruchte zum erstenmal

das Recht, die Breschnew-Doktrin

auf ein bisher blockfreies Land der Dritten Welt auszudehnen.
Die Welt hat nicht zugelassen, daß dieser Akt der Expansion und Aggression unangefochten hingenommen wurde. Sie hat die von der sowjetischen Propaganda verbreitete Behauptung zurückgewiesen, daß Moskau Afghanistan mit
seinen "beschränkten militärischen Mitteln" nur "brüderliche Hilfe" leiste.
Diese Worte sind ein böses Echo jener Zusicherungen, die Afghanistan selbst
vor 60 Jahren gegeben wurden, als es gegen den Einmarsch sowjetischer Truppen
1n zwei seiner Nachbarländer protestierte, nämlich in die unabhängigen moslemischen Staaten Khiva und Bokhara. Darf ich aus einem Schreiben zitieren,
das der damalige sowjetische Botschafter in Kabul am 20. Februar 1922 an das
afghanische Außenministerium sandte:
"Bezüglich der Frage des unabhängigen Status von Khiva und Bokhara,
so ist dieser vorgesehen in dem Vertrag, den die Regierungen von Rußland und
Afghanistan geschlossen und unterzeichnet haben. Die Regierung, die ich vertrete, hat immer die Unabhängigkeit der beiden Regierungen von Khiva und
- 9 -

�4

Khiva und Bokhara anerkannt und respektiert.

Die Anwesenheit eines begrenz-

ten Truppenkontingents meiner Regierung ist auf temporäre Erfordernisse zurückzuführen, die von der Regierung von Bokhara zum Ausdruck und uns zur
Kenntnis gebracht wurden.

Diese Vereinbarung ist mit der Klausel abgeschlos-

sen worden, daß kein einziger russischer Soldat auf dem Boden von Bokhara
bleiben wird, wenn es die Regierung von Bokhara so will.

Die Gewährung un-

serer freundschaftlichen Hilfe bedeutet in keiner Weise eine Einmischung in
die Unabhängigkeit des souveränen Staates Bokhara."
Heute, nach 60 Jahren, versucht die Sowjetunion die gleiche Rechtfertigung und bietet die gleichen Versicherungen hinsichtlich der Invasion
Afghanistans.

Es ist deshalb nützlich, sich daran zu erinnern, welches

Schicksal Khiva und Bokhara am Ende erlitten.

Zwei Jahre nachdem der sowje-

tische Botschafter der afghanischen Regierung die sogenannten Zusicherungen
gegeben hatte, annektierte die Sowjetunion Khiva und Bokhara.

Die Landes-

sprachen, Türkisch und Persisch, wurden abgeschafft und durch von sowjetischen
Sprachwissenschaftlern geschaffene Kunstsprachen ersetzt.

Diese Sprachen,

Usbekisch und Tadschikisch, waren lediglich Dialekte des Türkischen und Persischen und wurden einfach in lateinische und dann in kyrillische Buchstaben
umgesetzt.

Die Moscheen wurden geschlossen oder in Museen umgewandelt, und

die Koranausbildung wurde abgeschafft.

Die überlebenden Mitglieder der ört-

lichen Gruppen, die die Sowjets bei ihrer Invasion unterstützt hatten, wurden
unter der Beschuldigung "bourgeoiser, nationalistischer Abweichung" hingerichtet und durch junge, in der Sowjetunion ausgebildete Bürokraten ersetzt.
Wiederholt sich die Geschichte heute am Fall Afghanistans? Wenn wir
aufgrund der sowjetischen Handlungen urteilen sollten, dann ist es schwierig,
nicht zu dem Schluß zu gelangen, daß die Sowjets eine Wiederholung der Geschichte wollen - wenn auch nicht durch die formelle Annektion Afghanistans, so
doch durch die de facto-Absorbierung in das sowjetische Imperium. Und wenn
wir zulassen, daß dies geschieht, kann dann noch irgendjemand sicher sein,
daß dies das Ende des Prozesses sein wird, daß es keine zukünftigen Khivas
und Bokharas und kein neues Afghanistan geben wird, auf die ein ähnliches Schicksal wartet?
Es sind
- 10 -

�V

Es sind daher nicht einfach

moralische Überlegungen und menschliche

Solidarität, was uns mit dem Schicksal des afghanischen Volkes verbindet.
Bei seinem Kampf geht es um die Respektierung der Grundsätze der Charta der
Vereinten Nationen, der Grundsätze des Gewaltverzichts,der Respektierung der
territorialen Integrität, der nationalen Unabhängigkeit und der politischen
Souveränität von Staaten. Ohne eine solche Respektierung würde die Weltpolitik in Anarchie und Beherrschung durch den rücksichtslosesten, expansionistischsten Räuberstaat verfallen.
Wir können und dürfen nicht zulassen, daß dies geschieht.

Als die

sowjetischen Führer die Invasion Afghanistans begannen, glaubten sie zweifellos, daß sie der internationalen Reaktion dadurch begegnen könnten, daß sie
einfach abwarteten, bis die Empörung der Welt sich gelegt habe.

Die Vollver-

sammlung kann sich große Verdienste erwerben, indem sie diese Strategie
scheitern läßt.

Die Tatsache, daß inzwischen eine lange Zeit verstrichen ist,

hat dem Aggressor nichts genützt.

Ja, die Annahme von Resolutionen zu

Afghanistan durch immer größere Mehrheiten im Laufe der letzten drei Jahre
zeigte, daß die Empörung der Welt wächst.
Wir haben jetzt Gelegenheit, erneut unser Eintreten für die Befreiung
Afghanistans zu bekräftigen.

Wenn wir das tun, dann können wir damit den-

jenigen im Kreml, die die sowjetische Invasion angeordnet haben, vor Augen
halten, daß ihre Strategie fehlgeschlagen ist. Wir können es uns nicht
leisten - weder als Einzelstaaten mit eigenen Sicherheitsanliegen noch als
Weltorganisation, die sich der Wahrung des Weltfriedens verschrieben hat -,
daß die sowjetische Führung in dieser Angelegenheit irgendwelche Zweifel hat.
Die uns heute vorliegende Resolution zeigt einen ehrenhaften Weg für
die Beendigung der Afghanistankrise auf.

Ihr Ziel ist eine friedliche, aus-

gehandelte Regelung, die zum Abzug der sowjetischen Streitkräfte sowie der
Wiederherstellung der afghanischen Selbstbestimmung, Unabhängigkeit und Blockfreiheit und zur Rückkehr der Flüchtlinge in ihre Heimat fürt.

Durch die An-

nahme dieser Resolution wird die Vollversammlung der Vereinten Nationen den

- 11 -

�/

Nationen den Sowjets nachdrücklich die Notwendigkeit vor Augen führen, über
ein Ende ihres mißglückten Abenteuers zu verhandeln.

Dies wird hoffentlich

den Tag schneller herbeiführen, da wirkliche Verhandlungen über eine Lösung
beginnen können.
In diesem Zusammenhang möchten die Vereinigten Staaten ihren Dank gegenüber Generalsekretär Perez de Cuellar für seine Bemühungen zum Ausdruck
bringen, die Möglichkeiten für eine Lösung zu sondieren, welche die Resolution der Vollversammlung zum Tragen bringen würden.

Wir unterstützen diese

Bemühungen und fordern die Sowjets mit allem Nachdruck zur Zusammenarbeit
auf.

Wir sind uns ebenfalls darüber im klaren, daß - wie der Generalsekretär

in seinem diesjährigen Bericht an die Vollversammlung erklärt hat, - "die
Zeit von entscheidender Bedeutung ist".

Falls die Sowjets wirklich zu ver-

handeln wünschen, dann müssen sie sich jetzt beeilen, oder die übrige Welt
wird zu der Schlußfolgerung gezwungen sein, daß sie kein ernsthaftes Interesse
daran haben, eine Lösung zu erreichen.
Die Alternative zu einer ausgehandelten Lösung auf dem Verhandlungswege ist die Fortsetzung des Konfliktes mit weitreichenden und langanhaltenden
Konsequenzen für den Weltfrieden. Das afghanische Volk, ungebeugt und ungebrochen trotz wiederholter und rücksichtsloser Schläge, hat gezeigt, daß es
sich der Aggression nicht unterwerfen wird - jetzt nicht und niemals. Es
hat sich als ein starkes, stolzes, heldenmütiges Volk erwiesen. Mit unserer
Unterstützung und mit unserer Solidarität wird es eines Tages wieder ein souveränes und unabhängiges Volk werden, dem es gestattet ist - wie Präsident
Harry Truman einmal sagte -, sein eigenes Schicksal auf eigene Weise zu gestalten. Das ist es, was das afghanische Volk anstrebt, und das ist alles,
was es will. Und das ist auch alles, was wir - die Mitgliedstaaten der Vereinten Nationen - für das afghanische Volk anstreben.
+ + + + +

- 12 -

�1. Dezember 1982

47

DER NEUE MBFR-VORSCHLAG: EINE AMERIKANISCHE PERSPEKTIVE
- Von James L. George, Stellvertretender Direktor für Multilaterale Angelegenheiten beim amerikanischen Amt für Rüstungskontrolle und Abrüstung (ACDA) -

Der nachfolgende Artikel wird in der
Nr. 5/1982 der Zeitschrift NATO REVIEW
erscheinen.
- (AD) - Auf dem NATO-Gipfel in Bonn gaben die Staats- und Regierungschefs des Bündnisses bekannt, daß der Westen einen neuen Ansatz für die Wiener
Verhandlungen über beiderseitige und ausgewogene Truppenverminderungen in
Mitteleuropa (MBFR) beschlossen und diese Vorschläge in einem Vertragsentwurf
niedergelegt habe. Diese Ankündigung wurde von Präsident Ronald Reagan in seiner
Rede vor dem Deutschen Bundestag in Bonn bereits angedeutet, als er erklärte,
das Bündnis habe sich auf einen Vorschlag geeinigt, um den Wiener Verhandlungen
neues Leben einzuhauchen. Was der Aufmerksamkeit entgangen sein mag, ist die
Tatsache, daß sich ein amerikanischer Präsident eng mit den MBFR-Verhandlungen
identifiziert.
Die Verhandlungen

Postfach 20 03 00 Tel.: 0228-339 22 40
D 5300 Bonn 2
Telex: 8-85432

�*

Die Verhandlungen in Wien über eine Verringerung der konventionellen
Streitkräfte unterscheiden sich wesentlich von den Genfer Verhandlungen über
einen Abbau der nuklearen Mittel Streckensysteme (INF) und die Verringerung
der strategischen Nuklearwaffen (START). Diese letzteren Verhandlungen werden
bilateral geführt und erstrecken sich nur auf spezifische Streitkräfte der
Vereinigten Staaten und der Sowjetunion. Bei MBFR geht es um Verhandlungen über
konventionelle Streitkräfte von Mitgliedern der NATO und des Warschauer Paktes
in einem genau bezeichneten geographischen Gebiet. Diese Verhandlungen werden
also von Bündnis zu Bündnis geführt und sind von der Sache und vom Verfahren
her einzigartig.
In Wien sprechen die westlichen Delegationen nicht nur für die Länder,
die sie vertreten, sondern für die Gesamtheit der Bündnisse. Jeder Vorschlag,
der von Vertretern von Ländern des Bündnisses eingebracht wird, stellt eine
Bündnisposition dar, die vorher im NATO-Hauptquartier in Brüssel erörtert,
gestaltet und ausformuliert wurde. Der Nordatlantikrat leitet dann die vereinbarte Verhandlungsrichtlinie an die ad hoc-Gruppe der Botschafter der zwölf
NATO-Länder weiter, die an den MBFR-Verhandlungen beteiligt sind. Dieser Prozeß
ist ein Modell für den EntScheidungsprozeß im Bündnis, an dem sich die
amerikanische Regierung mit ganzem Herzen beteiligt.
Amerikanische Überlegungen
Die Vereinigten Staaten betrachten MBFR als einen integralen Teil ihrer
eigenen Rüstungskontrollpolitik und -Strategie und der des Westens. Wie
Präsident Reagan in seiner Rede vor dem Nationalen Presseklub in Washington
am 18. November 1981 festgestellt hat, ergänzen die Vorschläge für eine Verringerung der konventionellen Streitkräfte die START- und INF-Verhandlungen
als Teil des RüstungskontrollProgramms der Vereinigten Staaten. Umgekehrt geht
es, da die amerikanischen Waffen, um die es bei den START- und INF-Verhandlungen
geht, für die Verteidigung des Bündnisses zugesagt sind, bei diesen letzteren
Verhandlungen um einen Teil des RüstungskontrollProgramms des Bündnisses ebenso
wie der Vereinigten Staaten.
Das Interesse
- 2 -

�Das Interesse Amerikas an ausgehandelten Truppenverringerungen in
Europa reicht zumindest bis zu der Tagung der NATO-Außenminister im Juni 1968
in Reykjavik zurück. Die auf jener Tagung getroffenen Entscheidungen ebneten den
Weg für den Beginn der MBFR-Verhandlungen im Jahre 1973 und die ständige
amerikanische Beteiligung an den Verhandlungen in den neun Jahren ihrer Dauer.
Das amerikanische Interesse ist heute noch genauso groß.
Nach neunjährigen Verhandlungen sind die Vereinigten Staaten heute eher
noch mehr besorgt als 1973 über starke Konzentration konventioneller Streitkräfte in Mitteleuropa und das anhaltende Ungleichgewicht in der Stärke dieser
Truppen zugunsten des Ostens. Die Mitglieder des Bündnisses müssen ausreichende
Streitkräfte der richtigen Art aufrechterhalten, um die Erhaltung des Friedens
zu sichern, und sie müssen in der Lage sein, jeder Art von Aggression wirksam
zu begegnen. Auf der anderen Seite sind wir uns über die wirtschaftlichen,
politischen und sozialen Belastungen im klaren, die durch die Notwendigkeit
der Aufrechterhaltung starker Streitkräfte in Mitteleuropa verursacht werden.
Wie Präsident Reagan in seiner Rede vor dem Deutschen Bundestag betont hat,
müssen die NATO-Verbündeten zeigen, daß sie den Willen und die Fähigkeit zur
Abschreckung besitzen. Aber wir werden auch die Suche nach Abkommen mit dem
Osten fortsetzen, die die westliche Sicherheit fördern und der Stabilität dienen.
In den MBFR-Verhandlungen hat der Westen versucht, die Spannungen abzubauen
und das Ungleichgewicht der Streitkräfte durch ausgehandelte Verringerungen zu
korrigieren.
Die Verhandlungen in Wien haben zwar noch keine konkreten Resultate
gezeigt, aber sie haben sich als ein Forum für ernsthafte Gespräche über
militärische Fragen zwischen Ost und West erwiesen. Die positiven Auswirkungen
eines solchen Meinungsaustauschs

unter 19 Staaten sollten nicht unterschätzt

werden. Die Gespräche waren weitgehend von einem offenen Austausch von Anliegen
und Gedanken zwischen beiden Seiten gekennzeichnet, und es ist auch ein gewisses
Maß an Übereinkommen über wichtige Grundsatzfragen erzielt worden, wie beispielsweise über eine gemeinsame kollektive Obergrenze.
Nach einer

�Nach einer sorgfältigen Überprüfung des Standes der MBFR-Verhandlungen hat
die jetzige amerikanische Administration die amerikanische Verpflichtung bekräftigt,
das Ungleichgewicht der konventionellen Streitkräfte in Mitteleuropa durch ausgehandelte beiderseitige Verringerungen auf eine gemeinsame kollektive Obergrenze zu korrigieren. Wie Präsident Reagan betont hat, ist die Schaffung einer
Gleichheit auf niedrigerer Ebene der konventionellen Streitkräfte in Europa ein
wichtiger Punkt auf der Tagesordnung seiner Rüstungskontroll Verhandlungen im
Rahmen eines Paketes, das START, INF und Maßnahmen zur Verringerung des Risikos
eines Überraschungsangriffs einschließt.
Bei ihrer Überprüfung von MBFR unternahm die Administration eine Neubewertung der westlichen Vorschläge vom Dezember 1979. Jene Vorschläge basierten
auf der Überzeugung, daß ein vereinfachtes Abkommen über eine Phase I mit
Minimal Verringerungen nur der amerikanischen und sowjetischen Landstreitkräfte
genügend politischen Auftrieb verschaffen würden, um in den folgenden Verhandlungen über Phase II den erfolgreichen Abschluß eines umfassenden Abkommen
zu sichern. Die Erfahrungen in zweijährigen Verhandlungen über diesen Vorschlag
in Wien zeigten, daß diese Überzeugung jeder Grundlage entbehrte. Die Administration kam daher zu dem Schluß, daß ein neuer Ansatz auf der Basis des Prinzips
echter Reduzierungen notwendig war.
Daher spielte die amerikanische Regierung eine Schlüssel rolle bei der
Entwicklung eines neuen westlichen Ansatzes bei den Wiener Verhandlungen, der
die fundamentalen Prinzipien einschließt, die das Bündnis für ein erfolgreiches
Rüstungskontrollabkommen für notwendig hält: Rüstungskontrolle muß die Sicherheit
durch wesentliche, militärisch bedeutsame Verringerungen der Streitkräfte, durch
gleiche Höchstgrenzen für vergleichbare Arten von Streitkräften und durch wirksame
Bestimmungen für die Verifizierung fördern.
Elemente des Vorschlags
Dieser neue Ansatz baut zwar auf dem auf, was bisher in den Verhandlungen
erreicht worden ist, aber er unterscheidet sich wesentlich von früheren westlichen Vorschlägen, da er ein umfassendes Abkommen vorsieht, in dem sich alle

�sich alle direkt Beteiligten von Anfang an zu einer rechtlich bindenden Zusage
verpflichten, die Verringerungen vorzunehmen, die notwendig sind, um eine gemeinsame kollektive Obergrenze von 900 000 Mann Land- und Luftstreitkräften auf
jeder Seite zu erreichen. Diese Verringerungen sollen in vier Phasen und innerhalb von sieben Jahren vorgenommen werden. Die Verringerungen und die Einhaltung
der Zwischenobergrenzen nach jeder Reduzierung würden durch die Anwendung einer
Reihe von "Begleitenden und Vertrauensbildenden Maßnahmen" verifiziert werden.
Die Parität wäre hergestellt, wenn jede Seite die vereinbarte Obergrenze von
700 000 Mann Landstreitkräfte und 900 000 Mann Land- und Luftstreitkräfte gemeinsam erreicht hätte.
Mit diesem neuen Ansatz ist ein wesentliches Hindernis für ein Abkommen
beseitigt, denn er löst die Frage der Verknüpfung zweier getrennter Phasen auf
- was für den Osten immer ein echtes Problem war. Der Westen schlägt jetzt
größere Verringerungszusagen vor als je zuvor.
Daten
Die Lösung der zweiten wichtigen Frage, die einem MBFR-Abkommen bisher
im Wege stand, wird die Mitarbeit des Ostens erfordern. Es geht um die Frage
der großen Diskrepanz zwischen den östlichen und westlichen Angaben bezüglich
der Mannschaftsstärke. Es dauerte bis 1976, daß der Osten überhaupt irgendwelche
Angaben über die Mannschaftsstärke des Warschauer Paktes machte. Die östlichen
Zahlen lagen beträchtlich niedriger als die westlichen Schätzungen, und heute
ist der Westen überzeugt, daß der Osten rund 160 000 Mann mehr an Landstreitkräften in Mitteleuropa stationiert hat, als die amtlichen Zahlen des Ostens
zugeben. Diese Diskrepanz ist jetzt zu einem Angelpunkt der MBFR-Verhandlungen
geworden. Die Position des Westens ist einfach, klar und leicht verständlich:
Ein Abkommen über Streitkräfteverringerungen und Begrenzungen erfordert, daß man
sich über die Zahl der Streitkräfte einig ist, die reduziert und begrenzt werden
sollen. Eine solche Übereinkunft ist notwendig, um unzweideutige Normen für die
Verifizierung der Einhaltung, die Beilegung von Streitfällen und die Bildung
von Vertrauen zu schaffen.
Der Osten
- 5 -

�.'

Der Osten seinerseits hat nichts dazu beigetragen, die Quellen und Ursachen
der Diskrepanzen in den Daten ausreichend zu klären, noch hat er je ernsthaft
auf westliche Vorschläge geantwortet, den toten Punkt in dieser Frage zu überwinden. Die Vertreter des Warschauer Paktes haben im Gegenteil immer argumentiert,
daß ein Übereinkommen über die Daten für ein Abkommen über bescheidene amerikanische und sowjetische Verringerungen in einer ersten Phase nicht notwendig sei.
Sie haben jedoch eingeräumt, daß eine Einigung über die Daten notwendig ist, wenn
der Umfang der Verringerungen festgelegt werden soll, die erforderlich sind, um
einen gemeinsamen Höchststand zu erreichen. Der jetzige Vertragsentwurf des
Westens entzieht der östlichen Behauptung, daß die Datenfrage nicht gleich zu
Anfang gelöst zu werden brauche, die logische Grundlage, da

er ein einziges

umfassendes Abkommen vorsieht.
Um jedoch eine weitere Anstrengung zu unternehmen, um den Osten zu einem
echten Gespräch über die Lösung der Datenfrage zu bringen, hat der Westen vorgeschlagen, daß eine Sonderarbeitsgruppe für Daten eingesetzt werden solle, die
ein Arbeitsprogramm für die baldige Klärung der Diskrepanz festlegen

soll. Die

Datengruppe würde die von anderen Gruppen geleistete Arbeit ergänzen, die sich
mit einem Gesamtvergleich der von beiden Seiten eingenommenen Standpunkte und mit
Begleitenden Maßnahmen

befassen.

Begleitende Maßnahmen
In dem westlichen Vertragsentwurf sind sieben begleitende, vertrauensbildende
Maßnahmen und Verifizierungsmaßnahmen enthalten. Es handelt sich dabei um ein
zusammengehöriges Paket, dessen Inhalt dazu dienen soll, Vertrauen zu schaffen
und ein Abkommen über Verringerungen und Begrenzungen durch den Austausch von
Informationen über Streitkräfte und militärische Aktivitäten sowie durch
kooperative Verifizierungsmaßnahmen zu untermauern.
Kurz zusammengefaßt

handelt es sich um folgende Maßnahmen:

- Vorankündigung von Aktivitäten einer oder mehrerer Divisionen außerhalb
des Standortbereichs;
- Beobachter bei
- 6 -

�- Beobachter bei Aktivitäten außerhalb des Standortbereichs;
- Vorankündigung größerer Verlegungen von Landstreitkräften in das
Reduktionsgebiet;
- eine Jahresquote von Inspektionen am Boden oder aus der Luft oder beides;
- feste Transitpunkte mit Beobachtern, durch die Streitkräfte von und nach
dem Reduktionsgebiet verbracht würden;
- Austausch von Informationen über Streitkräfte, die abgezogen werden sollen,
und ständiger periodischer Informationsaustausch über Personal stärke und Organisation der im Reduktionsgebiet verbleibenden Streitkräfte;
- Nichteinmischung in die nationalen technischen Verifizierungsmittel.
Nach amerikanischer Auffassung ist die Verifizierung der entscheidende
Punkt jedes Rüstungskontrollabkommens. Wenn die Vereinigten Staaten der Verifizierung so großen Wert beimessen, dann deshalb, weil es sich hier um eine
kooperative Anstrengung handelt, ein Instrument, das die unverminderte Sicherheit
beider Seiten sicherstellen hilft sowie auch die Lebensfähigkeit des entsprechenden Abkommens und des Rüstungskontrollprozesses überhaupt. Bei MBFR haben
sich die Vereinigten Staaten fest dem Grundsatz verschrieben, daß jedes Abkommen
als Element der Gesamtsicherheitspolitik des Westens den Frieden und die Stabilität in Europa fördern muß. Das Paket "Begleitender Maßnahmen" ist daher ein
wesentlicher und unverzichtbarer Bestandteil des westlichen Vertragsentwurfs.

Zusammenfassende Bemerkungen
Während wir Verpflichtungen und Abkommen anstreben, die zu gerechten,
militärisch bedeutsamen und verifizierbaren Verringerungen der Streitkräfte
führen werden, muß die NATO, um ihre Interessen zu schützen und vor einem Konflikt
abzuschrecken, die militärische Kapazität aufrechterhalten, um im Falle eines
Angriffs ihre Verteidigungspläne durchführen zu können. Die Streitkräfte der
Vereinigten Staaten bilden einen integralen Bestandteil dieser Pläne. Ausgehandelte

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�Pläne. Ausgehandelte Verringerungen und Abkommen können eine sehr positive Rolle
bei der Erreichung unseres Zieles, Sicherheit, Stabilität und Frieden in Europa,
spielen, aber sie müssen die militärische Verpflichtung der Vereinigten Staaten
gegenüber dem Nordatlantischen Bündnis bestätigen, aufrechterhalten und unterstützen. Die Vereinigten Staaten werden daher weiterhin darauf beharren, daß
jedes MBFR-Abkommen auf den gesunden Prinzipien beruht, die die Fähigkeit
amerikanischer Streitkräfte bewahren, ihren Bündnisverpflichtungen nachzukommen.
Der neue westliche Vertragsentwurf verkörpert diese Prinzipien und bietet die
Grundlage für die Erreichung eines Abkommens nach mehr als neunjährigen Verhandlungen.
Präsident Reagan hat das Atlantische Bündnis als eine Partnerschaft bezeichnet, die hauptsächlich durch das Streben nach Frieden motiviert ist.
Frieden muß auf Sicherheit beruhen, und die NATO-Verbündeten müssen den Willen
und die Fähigkeit demonstrieren, vor jedem konventionellen Angriff oder jedem
Versuch der Nötigung abzuschrecken. Wir sind, wie Präsident Reagan vor dem
Deutschen Bundestag betont hat, zu anhaltenden Anstrengungen zur Einschränkung
des Wettrüstens verpflichtet, um Frieden und Sicherheit zu erhalten. Die
kürzliche Unterbreitung eines Vertragsentwurfs bei den Wiener MBFR-Verhandlungen
ist ein greifbarer Beweis für diese Verpflichtung.
+ + +

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