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                    <text>11. April 1984

DIE SOWJETISCHE MILITÄRMACHT 1984
Dritte Dokumentation des US-Verteidigungsministeriums

Postfach 20 03 00 Tel.: 0228-339 2035
D 5300 Bonn 2
Telex: 8-85432

�WASHINGTON - (AD) - Das amerikanische Verteidigungsministerium hat am
10, April 1984 eine neue, 136seitige Dokumentation über die sowjetische Militärmacht veröffentlicht, aus der hervorgeht, daß die UdSSR weiterhin ihre
Offensivrüstung verstärkt und ihre Fähigkeit ausgebaut hat, ihre Streitkräfte
weltweit einzusetzen.

Diese Entwicklung sei deswegen möglich, weil die mili-

tärische Produktion in der Sowjetunion immer oberste Priorität habe.

Die

erste Ausgabe der Broschüre mit dem englischen Titel "Soviet Military Power"
war im September 1981, die zweite im März 1983 erschienen.
Die reich bebilderte Broschüre ist in sieben Kapitel gegliedert:
I Aufbau der sowjetischen Streitkräfte, II Streitkräfte für globale Kriegführung, III Gefechtsfeldstreitkräfte, IV Durchhaltevermögen, Einsatzbereitschaft und Mobilität, V Der militärisch-industrielle Komplex der Sowjetunion, VI Forschung und Entwicklung, VII Die globale Herausforderung.
Nach der amerikanischen Dokumentation bestehen die sowjetischen Landstreitkräfte heute aus 194 Divisionen - 136 motorisierte Infanteriedivisionen,
50 Panzerdivisionen, 7 Luftlandedivisionen und 1 Küstenverteidigungsdivision -;
die Marine verfügt über 3 Flugzeugträger, 283 große Kriegsschiffe, 367 sonstige Kriegsschiffe, 765 Kampfboote, 780 Tender, 371 Unterseeboote und 1545 Marineflugzeuge; die Luftwaffe besitzt 745 Bomber und 6280 taktische Flugzeuge;
die Luftverteidigung hat 1200 Abfangjäger, 9600 Abschußeinrichtungen für Luftabwehrraketen (SAM) und 32 einsatzbereite Abschußeinrichtungen für RaketenAbwehrraketen (ABM); die Nuklearstreitkräfte verfügen über 1398 Interkontinentalraketen, 602 nukleare Mittelstreckenraketen und 951 unterseebootgestützte
Raketen.
Der amerikanische Verteidigungsminister Caspar W. Weinberger, der die
Broschüre am 10. April der Presse vorstellte, erklärte, der einzige Grund,

�einzige Grund, warum die Sowjets eine solche gewaltige Militärmacht aufbauten, könne nur ihr Streben nach der "Weltherrschaft" sein.
In einem Vorwort hat Weinberger die wesentlichen Punkte der Dokumentation
zusammengefaßt, und wir geben nachfolgend

dieses Vorwort im Wortlaut wieder:

Vorwort
"Als ich mein Amt antrat, habe ich dem amerikanischen Volk zwei Versprechen bezüglich Frieden und Sicherheit gegeben:

Ich versprach, unsere

vernachlässigte Verteidigung wiederherzustellen, um den Frieden zu erhalten
und zu stärken; und ich versprach, verläßliche Abkommen anzustreben, um die
Kernwaffen zu verringern.

Diese beiden Versprechen werden eingehalten."

- Präsident Reagan im März 1983 Seit nahezu 40 Jahren halten die Vereinigten Staaten unerschütterlich
an dem Konzept von Abschreckung und Rüstungsverminderung fest.

Heute, Mitte

der achtziger Jahre, folgen wir einer doppelten Zielsetzung: die strategische
Stabilität zu festigen, auf der teilweise die Sicherheit der Vereinigten Staaten und ihrer Verbündeten beruht, und bei den Kernwaffen echte und verifizierbare Verringerungen auf gleiche Höchststärken zu erreichen, so daß die Gefahr eines Krieges, den keine Seite gewinnen könnte, vermindert wird.

Bei

der Verfolgung dieser Ziele müssen wir uns fortwährend ein klares Bild von
der Bedrohung verschaffen, die sich aus dem Anwachsen der Schlagkraft wie des
Umfangs der sowjetischen Streitkräfte ergibt.

Dabei stellen wir folgendes

fest:
- Die UdSSR hat ihre militärische Offensivkraft wie auch ihre Fähigkeit
zu weitweiten militärischen Operationen deutlich gesteigert.
- Die sowjetische Aufrüstung wird ermöglicht durch eine Politik, die der
Rüstungsproduktion stets höchste wirtschaftliche Priorität eingeräumt hat.

�eingeräumt hat.

Die sowjetische Militärmacht stutzt sich auf ein ausge-

dehntes und komplexes industrielles, logistisches Mobilmachungssystem, dessen Aufgabe es ist, alle Ressourcen des sowjetischen Staates so zusammenzufassen, daß sie zur Führung eines Kriges genutzt werden können.

Salt Jahr-

zehnten stellt die sowjetische Industrie ein breites Spektrum von Waffen und
anderem militärischem Gerät her, und zwar in beunruhigenden Stückzahlen.

Um

Produktionskapazitäten in dieser Größenordnung aufzubauen, bedurfte es eines
extrem hohen Aufwandes an Geldmitteln, Rohstoffen und menschlicher Arbeitskraft»

Außerdem hat für die sowjetische Führung die Nutzbarmachung wisseri-

scnaftlicher und technologischer Erkenntnisse für militärische Zwecke höchste
Priorität.

Da die Sowjetunion es darüber hinaus verstanden hat, hierbei

selbst westliche Technologien einzubeziehen, ist der qualitative Vorsprung,
der dem Westen früher einen gewissen Ausgleich für die zahlenmäßige Überlegenheit der Sowjets an Menschen und Material verschafft hat, mittlerweile gewaltig zusammengeschrumpft»
Die Sowjetunion hat ein landesweites Mobilmachungssystem eingerichtet,
das jeden Lebensbereich durchdringt, Es umfaßt u.a. ein Logistiksystem, das
so ausgelegt ist, daß es alles, was in der UdSSR an Verbrauchsgütern und
kriegswichtigem Reservematerial verfügbar ist, ebenso erfaßt wie Transport-,
Reparatur- und Baukapazitäten. Es umfaßt ferner ein Menschenreservoir, das
dazu dient, die aktiven Streitkräfte zu verstärken und Verluste auszugleichen.
In Gebieten in der Sowjetunion wie auch jenseits ihrer Grenzen, die als
Schauplatz militärischer Operationen vorgesehen sind, haben die Sowjets umfangreiche logistische Vorbereitungen getroffen. In Osteuropa und im westlichen und fernöstlichen Teil der UdSSR hat die Anlage von Vorräten an grundlegend wichtigen Dingen wie Munition und Treibstoff für die Streitkräfte Vorrang. Die sowjetischen Nachschubdepots in Osteuropa enthalten nicht nur Treibstoff und Munition, sondern auch große Mengen von militärischem Gerät zur
Überwindung von Flußläufen sowie zur Anlage von taktischen Treibstoffversorgungsleitungen - Dinge, die zur Verteidigung eigentlich nicht benötigt
werden.
"Die sowjetische

�"Die sowjetische Militärmacht 1984" enthält eine detaillierte Beschreibung der Struktur der sowjetischen Streitkräfte und der beherrschenden Rolle,
die sie gemäß dem Willen der Sowjetführung in der sowjetischen Gesellschaft
spielt.

Ferner wird erläutert, wie sich daraus die wachsende Bedrohung er-

gibt, die die Streitkräfte der UdSSR heute darstellen.
Aufbauend auf den Fakten, die in der ersten und zweiten Ausgabe dargelegt wurden, untersucht "Die sowjetische Militärmacht 1984" SchTüsselaspekte
der fortschreitenden Aufrüstung der sowjetischen Streitkräfte:
- Die Aufstellung von SS-18 und SS-19, Interkontinentalraketen der vierten Generation, ist annähernd abgeschlossen, während die UdSSR bereits
Systeme der fünften Generation, die Interkontinentalraketen SS-X-24 und
SS-X-25, erprobt.

Es gibt keine sicherheitspolitischen Erfordernisse,

die die Entwicklung einer so großen Anzahl strategischer Offensivwaffen
notwendig machen würden.
, - Das 25 000 Tonnen verdrängende strategische Raketen-Unterseeboot der
Typhoon-Klasse, das 1983 Probeschießen mit seinen SS-N-20-Raketen durchführte, ist jetzt voll einsatzbereit. Eine andere unterseebootgestützte
Rakete, die SS-NX-23, wird gegenwärtig erprobt.
- Drei sowjetische Langstreckenmarschflugkörper, die nukleare Gefechtsköpfe befördern können und zum Einsatz gegen Landziele bestimmt sind
- die seegestützte SS-NX-24, die luftgestützte AS-X-15 und die landgestützte SSC-X-4 - stehen kurz vor der Einführung, und die Sowjets treiben die Entwicklung eines noch moderneren strategischen Marschflugkörpers
energisch voran.
- Die Sowjets haben heute drei bemannte strategische Bomber in der Entwicklung oder in der Produktion. Zusätzlich zur laufenden Fertigung
des neuen strategischen Langstreckenbombers Blackjack hat die UdSSR auch
die Fertigung des Bear-Bombers wiederaufgenommen und produziert jetzt

- 4 -

�produziert jetzt eine neue Variante, die Bear H, von der man annimmt,
daß sie zunächst als Trägersystem für den AS-X-15-Marschflugkörper fungieren soll.
- Die Sowjets haben fortgesetzt weitere mobile SS-20-Startgeräte aufgestellt, von denen jedes mit einer drei Gefechtsköpfe tragenden Rakete
und einer weiteren zum Nachladen ausgerüstet ist.

In der Ausgabe 1981

der Broschüre "Die sowjetische Militärmacht" war noch von 250 Startgeräten die Rede gewesen.

1983 war die Gesamtzahl auf 330 Startgeräten

gestiegen, und heute beläuft sie sich auf 378 Startgeräte.

Der Bau von

neuen SS-20-Stellungen in der westlichen Sowjetunion ist wieder aufgenommen worden, obwohl bereits heute 243

SS-20-Raketen mit 729 Gefechts-

köpfen und noch einmal die gleiche Zahl als Nachladebestand gegen die
NATO in Stellung gebracht worden sind.
- Der neue zweistrahlige Abfangjäger vom Typ MIG-29/Fulcrum wird gegenwärtig bei der sowjetischen Luftwaffe eingeführt, wodurch ihre Offensivfähigkeit erheblich gesteigert wird. Außerdem steht die SU-27/Flanker
kurz vor der Einführung.
- Die Entwicklung einer sowjetischen Raumfähre wird weiterhin zügig vorangetrieben.Dieses Programm wird die bemannten und unbemannten Weltraumsysteme der UdSSR noch effektiver und noch flexibler im Einsatz machen.
- Die UdSSR investiert auch weiterhin erhebliche Mittel in die strategische
und taktische Verteidigung, wobei sie ihre Land-, Luft-, See- und Raketen-Verteidigungsstreitkräfte umfassend verbessert.
Der vorliegende Bericht dokumentiert die fortdauernde sowjetische Aufrüstung.

Um ein weiteres Beispiel anzuführen:

1983 brachte den Stapellauf

zweier neuer Typenklassen von nuklear angetriebenen Jagd-Unterseebooten, wodurch sich die Zahl der Typenklassen, die gegenwärtig in der Fertigung sind,
auf acht erhöhte und die jetzt nahezu 400 Einheiten umfassende und zunehmend

�und zunehmend schlagkräftigere sowjetische Unterseebootflotte weiter verstärkt wurde.
"Die sowjetische Militärmacht 1984" enthält auch Vergleiche zwischen
NATO und Warschauer Pakt sowie Daten über die Streitkräfte der Vereinigten
Staaten und ihrer Verbündeten, um die Trends in der Entwicklung der sowjetischen
Streitkräfte in einen größeren Zusammenhang zu stellen.

Es erscheint nützlich,

sich ins Gedächtnis zu rufen, daß die Vereinigten Staaten, eine Demokratie,
die Öffentlichkeit regelmäßig und umfassend über die Entwicklung der amerikanischen Streitkräfte informiert.

Zu diesem Zweck werden beispielsweise mein

"Jahresbericht" und "Die Streitkräfteplanung" der Vereinigten Stabschefs herausgegeben.

Die UdSSR hingegen veröffentlicht keine derartigen Informationen

über die sowjetischen Streitkräfte.
Aber wie sie ihre Streitkräfte einsetzt, können wir durchaus sehen.
Der Abschuß eines zivilen koreanischen Verkehrsflugzeugs, bei dem 269 unschuldige Menschen ums Leben kamen, erinnert uns daran, daß die UdSSR zum
Einsatz militärischer Gewalt bereit ist, und die mit sowjetischen Waffen gefüllten Lager , die wir auf Grenada entdeckten, erinnern uns daran, daß die
UdSSR gewillt ist, ihren militärischen Einfluß auszudehnen.
von diesen "Gedächtnisstützen".

Es gibt noch mehr

Seit der Invasion in Afghanistan vor vier

Jahren hat die UdSSR dort Stützpunkte errichtet, von denen aus Schläge gegen
die ülfelder am Persischen Golf geführt werden könnten.

Die Sowjets fahren

damit fort, Syrien, Libyen, Kuba und Nicaragua mit einem immer umfangreicheren
Waffenarsenal auszustatten.

Seit 1980 ist die Gesamtstärke des sowjetischen

Personals in Syrien von 2000 auf 7000 Mann angewachsen.

Das Auftauchen von

gutausgerüsteten Flugabwehreinheiten setzt einen weiteren Akzent auf die
sowjetische Präsenz dort.

Die Anwesenheit von kubanischen Stellvertretern

der UdSSR in Angola und Äthiopien wie auch die sowjetische Unterstützung
für die vietnamesischen Streitkräfte in Kampuchea werfen weitere Schlaglichter auf das wachsende weltweite militärische Engagement der Sowjetunion.
Die Grundlage

- 6 -

�Die Grundlage und Begründung für unser Rüstungsprogramm ergibt sich aus
unserem vollen und klaren Bewußtsein der Bedrohung, der wir uns gegenübersehen.

Mit diesem Programm wollen wir auf den beiden parallelen Wegen zum

Frieden weiter voranschreiten.
macht.

Die Sowjets haben uns das nicht leicht ge-

Abschreckung, die so wesentlich ist für unser überleben, wird eine

schwierige Strategie bleiben.

Paradoxerweise erscheint die Abschreckung um

so weniger notwendig, je langer sie mit Erfolg praktiziert wird.

Bei den

Rüstungskontroll Verhandlungen wird die UdSSR immer wieder unsere Entschlossenheit auf die Probe stellen, ehe sie sich zu einer konstruktiven Reaktion entschließt.
Die Vereinigten Staaten und ihre Verbündeten haben bei der Wiederherstellung des militärischen Gleichgewichts Fortschritte gemacht. Wir können
unser doppeltes Ziel erreichen. Um aber Erfolg zu haben, müssen wir nicht
nur unsere Einigkeit in der Zielsetzung, sondern auch unsere Entschlossenheit
bewahren, die Aufgabe, die wir begonnen haben, zu Ende zu bringen - d.h.,
die Stärke zurückgewinnen, der wir zur Bewahrung von Frieden in Freiheit
brauchen.

gez.
Caspar W. Weinberger

Kapitel I
Kapitel I, Aufbau der sowjetischen Streitkräfte, gibt eine interessante
Darstellung der Befehlsstruktur und Zusammensetzung der Streitkräfte der UdSSR,
die unter dem Oberbefehl von Generalsekretär K. U. Tschernenko stehen. Bedeutende Rollen neben ihm nehmen ein der Verteidigungsminister, Marschall
D. F. Ustinow, und - fast auf gleicher Ebene der Leiter des Politischen Hauptdirektorats, A. A. Jepischew.

Darunter stehen drei Erste Stellvertretende
- 7 -

I

il

�Erste Stellvertretende Verteidigungsminister - Marschall N. V. Ogarkow
(General Stabschef), Marschall V. G. Kulikow (Oberbefehlshaber der Streitkräfte des Warschauer Paktes), und Marschall S. L. Sokolow.

Diesen nachgeordnet

sind weitere fünf Stellvertretende Verteidigungsminister, nämlich die Oberbefehlshaber der sowjetischen Teilstreitkräfte:

General V. I. Petrow (Heer),

General V. F. Tolubko (Strategische Raketenstreitkräfte), General A. I.
Koldunow (Luftverteidigungsstreitkräfte), General P. S. Kutachow (Luftwaffe)
und Admiral S. G. Gorschkow (Marine).
Die militärische Macht ist das Hauptinstrument der sowjetischen Expansionspolitik, wie sich bereits gegen Ende des Ersten Weltkrieges zeigte.

Im

Zweiten Weltkrieg kamen die Teilung Polens und der Angriff auf Finnland, das
beträchtliche Gebiete abtreten mußte, sowie die Annektion von Lettland,
Litauen und Estland und der rumänischen Provinz Bessarabien; 1945/46 versuchten die Sowjets in dem von ihnen besetzten Nordiran ein kommunistisches Regime einzurichten; die kommunistischen Machtübernahmen in Osteuropa unter
dem "Schutz" der Roten Armee sind bekannt; ebenso wie die Unterdrückung der
Volkserhebung in Ostdeutschland 1953 und in Ungarn 1956 sowie der Einmarsch
in der Tschechoslowakei 1968. Die durch nichts provozierte Invasion Afghanistans 1979 stellte einen Höhepunkt dar - die militärische Einschüchterung
Polens, die zur Unterdrückung der freien Gewerkschaftsbewegung Solidarität
führte, folgte 1980/81,und schließlich versuchte Moskau, Westeuropa mit den
neuen SS-20-Nuklearraketen unter Druck zu setzen.
Die militärische Doktrin und Strategie der Sowjetunion lassen keinen
Zweifel an den weltweiten Zielen:
"Ein Krieg zwischen der UdSSR plus Warschauer Pakt und den USA plus
NATO wäre ein entscheidender Konflikt zwischen 'Sozialismus' und 'Imperialismus', um festzustellen, welches System überlebt.
Der Krieg

wäre ein 'gerechter' Krieg für die UdSSR, aber ein 'unge-

rechter' für den Westen.
Wenn es

�Wenn es zu einem Krieg kommen sollte, dann ist das Ziel der UdSSR und
ihrer Verbündeten, die militärischen Kräfte des Gegners global zu besiegen
und feindliches Territorium in Eurasien zu besetzen..."
Die Sowjets gehen davon aus, daß ein Konflikt mit dem Westen sich leicht
zu einem Atomkrieg ausweiten könnte und die Nuklearstrategie den Verlauf eines
solchen Konfliktes entscheiden werde. Allerdings halten sie an einer konveni

tionellen Fortführung und Besetzung fest.
i

Welche Rolle das Militär in der sowjetischen Gesellschaft spielt,wird
daraus deutlich, daß neben den regulären Streitkräften rund 200 000 bis 250 000
Mann an Grenztruppen eingesetzt sind, die dem Staatssicherheitsdienst KGB
unterstellt sind, ebenso wie 30 000 bis 50 000 Mann für besondere Fernmeldeaufgaben, Schließlich unterstehen dem Innenministerium (MVD) weitere 30 Divisionen, die zur Unterstützung der Polizei herangezogen werden und auch die
Wachtürme der Konzentrationslager (GULAG) besetzen.
"Die Rolle, die die Kommunistische Partei der Sowjetunion (KPdSU) spielt,
ist zentral für alle militärischen Tätigkeiten und für die anhaltende Vergrößerung und Modernisierung der sowjetischen Militärmacht", heißt es einleitend in Kapitel I der Broschüre. "Die KPdSU kontrolliert die militärischen
Konzepte, die Ressourcen und die hohen Offiziere. Die oberste Führung der
Partei erstellt die militärische Doktrin und billigt die sowjetische Militärstrategie."

t

Kapitel II

'

In Kapitel II, Streitkräfte für globale Kriegführung oder strategische
Streitkräfte, wird die teilweise spektakuläre Entwicklung der sowjetischen
Rüstung auf praktisch allen Gebieten aufgezeigt.
Wichtigster Punkt
- 9-

�Wichtigster Punkt sind die Interkontinentalraketen (ICBM): Hier verfügen
die Sowjets über 1398 verbunkerte Abschußeinrichtungen, von denen 818 seit
1972 neu gebaut und gehärtet worden sind; sie sind mit den modernsten ICBM der
Welt bestückt - SS-17 Modell 3 (150 Silos),

SS-18 Modell 4 (308 Silos) und

SS-19 Modell 3 (360 Silos), deren Dislozierung erst vor fünf Jahren begonnen
hat.
Während die Zahl der amerikanischen ICBM seit 1968 mit rund 1000 konstant
geblieben ist, hat die Zahl der sowjetischen ICBM in diesem Zeitraum von unter
1000 auf fast 1400 zugenommen, bei den Gefechtsköpfen beträgt der Unterschied
sogar rund 2000 amerikanische und weit über 6000 sowjetische.
Bei den unterseebootgestützten Raketen verfügen die Sowjets über die
größte Streitmacht der Welt, die weiter ausgebaut wird:Im März 1984 standen
64 Unterseeboote mit etwa 936 nuklear bestückten Raketen im aktiven Dienst.
Ältere Boote sind dabei nicht eingerechnet.

Besonders besorgniserregend ist

der Bau eines ganz neuen Bootes mit der NATO-Bezeichnung TYPHOON, das mit
einer Wasserverdrängung von 25 000 Tonnen das größte U-Boot der Welt und mit
20 Raketen vom Typ SS-20-N bestückt ist. Zwei Boote dieser Klasse sind bereits fertiggestellt, drei bis vier weitere dürften im Bau sein.
Von größter Bedeutung sind auch die strategischen Bomber der UdSSR,
wobei die modernen Typen Blackjack und Backfire eine besondere Rolle spielen,
da sie fast alle - und in der Luft aufgetankt - praktisch alle Punkte der Erde
erreichen können.

Die Zahl der Bomber wird mit 170 Bear und Bison sowie mit

235 Backfire angegeben.

Der Blackjack befindet sich noch in der Flugerprobung

und dürfte 1987 einsatzbereit sein.
Die Sowjets entwickeln auch fünf neue Marschflugkörper mit großer Reichweite, drei davon werden als Varianten kleinerer, niedrig unter der Schallgeschwindigkeit fliegender Typen gebaut und haben eine Reichweite von rund
3000 km; bei den beiden anderen handelt es sich um Großflugkörper mit großer
Reichweite, für die es kein entsprechendes System auf amerikanischer Seite gibt.

- 10 -

�Seite gibt.

Die drei kleineren Typen sind die unterseebootgestützte SS-NX-21,

die luftgestützte AS-X-15 und die landgestützte SSC-X-4.

Die beiden großen

Marschflugkörper dürften in ihrer land- und seegestützten Variante in zwei
Jahren einsatzbereit sein.
Große Besorgnis herrscht im Westen über die Entwicklung modernster
Radar-Systeme - wie etwa der Weitwinkleradaranlage in Pechora und eine weitere in Zentral ruß!and - die, unter Verletzung des ABM-Vertrages, auch für
Raketen-Abwehrraketensysteme (ABM-Systeme) benutzt werden könnten.
Die Sowjets besitzen seit 1971 die Fähigkeit, Satelliten in einer erdnahen Umlaufbahn anzugreifen, und haben dafür die Galosh-Abfangrakete entwickelt, die Ziele in einer Umlaufbahn in einer Entfernung von über 5000 km
erreichen kann. Man rechnet mit der Entwicklung von Orbital-Abfangflugkörpern sowie vor allem mit der Entwicklung von Laser-Waffen gegen Satelliten.
Die Prototypen solcher Waffen dürften Ende der achtziger Jahre in der Erprobung und Anfang bis Mitte der neunziger Jahre im Ersteinsatz sein.
Das sowjetische Weltraumprogramm ist eindeutig militärisch ausgerichtet und wird ständig in dieser Richtung ausgeweitet.

Bereits vor 20 Jahren

stand in einer vertraulichen sowjetischen Publikation "Militärisches Denken"
zu lesen: "Die Beherrschung des Weltraums ist eine Voraussetzung für die Erringung des Sieges im Krieg."

Die Sowjets entwickeln eine ganze Familie

neuer Weltraumraketen und eine Raumfähre; ferner haben sie Pläne für eine
ständig bemannte Raumstation in den neunziger Jahren angekündigt.

Kapitel III
Seit zwei Jahrzehnten werden, wie aus dem Kapitel III der Broschüre
- Gefechtsfeldstreitkräfte - hervorgeht, die sowjetischen Stritkräfte

für

den Einsatz auf den drei Hauptschauplätzen - Westen .Süden und Fernost immer besser ausgerüstet und ausgebildet.

- 11 -

Die Heeresdivisionen sind ver-

�sind vergrößert und mit modernen Panzern, Geschützen und Hubschraubern ausgerüstet worden.

Eine entscheidende Entwicklung in diesem Zusammenhang war und

ist die Dislozierung der SS-20-Rakete mit drei Nukleargefechtsköpfen.

Von gro-

ßer Bedeutung ist auch die Einführung der neuen leichten Allwetterkampfflugzeuge vom Typ MIG-29 Fulcrum und SU-27 Flanker, die mit modernsten Waffensystemen ausgerüstet sind.
Die gewaltige zahlenmäßige Überlegenheit der sowjetischen Panzerkräfte
gegenüber der NATO ist bekannt: 42 600 zu 13 500. Die Auslieferung des
jüngsten sowjetischen Typs, des T-80, (42 t Gewicht, 125-mm-Kanone und 60 km
Geschwindigkeit) geht zügig voran. Die Einführung neuer Geschütze - einige
davon nuklearfähig - und Raketenwerfer macht ebenfalls Fortschritte. Die sowjetischen Kampfhubschrauber - darunter die Typen Mi-24/Hind E, Mi-8/Hip E - sind
die am schwersten bewaffneten der Welt und wurden im Einsatz in Afghanistan
erprobt.

Eine weniger bekannte, aber umso wichtigere Rolle spielen die sogenannten
Sondereinsatzstreitkräfte - mit der sowjetischen Bezeichnung Spetsnaz. Diese
Sondertruppen für verdeckte Operationen im Ausland - wie die Ermordung des
afghanischen Ministerpräsidenten Amin im Dezember 1979 - und für Infiltration,
Sabotage, Aufklärung usw. unterstehen dem Hauptdirektorat für Aufklärung (GRU)
des sowjetischen Generalstabs; die Einsätze leitet der sowjetische Geheimdienst
KGB.
"Die Sowjetunion", so heißt es in der Broschüre weiter, "verfügt über
die größten, am besten ausgerüsteten und am besten ausgebildeten Streitkräfte
der Welt für eine chemische Kriegführung... Die Sowjetunion erprobt, produziert und lagert weiterhin chemische Waffen." Offensichtlich versprechen sich
die Sowjets einen Vorteil vom Einsatz solcher Waffen. Es gibt starke Beweise
für den Einsatz chemischer und toxischer Waffen in Afghanistan, Laos und
Kampuchea. Auch auf dem Gebiet biologischer Waffen ist die Sowjetunion sehr
aktiv.
Das Kapitel

�Das Kapitel III gibt anschließend einige interessante Vergleichszahlen
zwischen der NATO und dem Warschauer Pakt:
Heeresdivisionen:
Panzer:

NATO 86, Warschauer Pakt 176

NATO 13 500, Warschauer Pakt 42 600

Lenkbare Panzerabwehrwaffen:
Geschütze:

NATO 12 300, Warschauer Pakt 32 200

NATO 11 000, Warschauer Pakt 35 000

Gepanzerte Mannschaftsfahrzeuge:
Angriffshubschrauber:

NATO 33 000, Warschauer Pakt 75 000

NATO 560, Warschauer Pakt 960.

Kapitel IV
Besonderen Wert legen die sowjetischen Streitkräfte auf Durchhaltevermögen, Einsatzbereitschaft und Mobilität, was in Kapitel IV der Broschüre beschrieben wird.

"Grundlage der sowjetischen Militärmacht", so heißt es, "ist

ein komplexes Mobilisierungs- und Logistiksystem, das dazu dient, die Ressourcen der ganzen Nation auf die Kriegführung zu konzentrieren.

Die sowjetischen

Militärplaner unterstreichen, daß die Streitkräfte bereit sein müssen, an jeder Art von Konflikt teilzunehmen, von kurzen lokalen Kriegen bis zu globalen
Auseinandersetzungen längerer Dauer."

Die Sowjets haben für

diese Zwecke ihr

Nachschubsystem ausgebaut.
Das nationale Mobilisierungssystem der UdSSR umfaßt das Militär, die Regierung, die Wirtschaft und die allgemeine Bevölkerung.

Die über 4000 Kom-

missariate im ganzen Land führen Listen über sämtliche wehrpflichtigen Personen,
über alle Reservisten und über alles notwendige Gerät von Transportmitteln
über ärztliche Versorgungseinrichtungen bis zu Reparatureinrichtungen.
Was die Nachschublager angeht, so haben die westlichen Militärdistrikte
der UdSSR und Osteuropa Vorrang.

Das dort lagernde Nachschubmaterial reicht

für militärische Operationen gegen die NATO für eine Dauer von 60 bis 90 Tagen

- 13 -

�bis 90 Tagen aus. Für die TreibstoffVersorgung der Streitkräfte in diesem Bereich stehen Rohrleitungen in einer Länge von rund 12 000 km zur Verfügung.
Die starken, gut ausgebildeten und gut ausgerüsteten Nachschubeinheiten können auf einer inneren Linie in der Sowjetunion operieren.
Die sowjetische Militärdoktrin verlangt, daß die Streitkräfte ständig in
einem Zustand hoher Einsatzbereitschaft gehalten werden.

Die Reorganisation

der sowjetischen Luft- und Landstreitkräfte hat sichergestellt, daß die Organisation in Friedenszeiten dem Personalbedarf in Kriegszeiten besser angepaßt
ist.
Jahrzehntelang eine Kontinentalmacht, verfügt die Sowjetunion heute über
ein gewaltiges Transportpotential, um Soldaten, Waffen und Gerät in alle Teile
der Welt transportieren zu können.

Im Ernstfall können die sowjetischen Mi-

litärs auf eine große Handelsflotte und die staatliche Luftfahrgesellschaft
Aeroflot - mit über 1000 Maschinen - zurückgreifen.
Die militärische Luftransportflotte (VTA) besteht aus rund 600 Flugzeugen, davon über die Hälfte viermotorige Propellermaschinen des Typs An-12CUB, die jedoch mit einer Rate von 30 Stück pro Jahr durch die moderne vierstrahlige 11-76 CANDID ersetzt werden.

Für den Schwertransport steht die

viermotorige An-22-COCK - mit einer Nutzlast von 80 t - zur Verfügung.

Wenn

die neue vierstrahlige Schwertransportmaschinen CONDOR - mit einer Nutzlast von
125

t - wie zu erwarten 1987/88 einsatzbereit sein wird, dann dürfte die

UdSSR das Transportflugzeug

mit der größten Nutzlast besitzen.

Die Seetransportkapazität der Sowjets ruht in Friedenszeiten auf etwa
80 Truppentransportern der Marine.

Im Ernstfall können die Militärbefehls-

haber jedoch auf eine Handelsflotte von über 1700 Schiffen mit einer Gesamttonnage von 20 Millionen

Tonnen zurückgreifen.

Dazu gehören unter anderem

über 50 Moderne Roll-on/roll-off-Schiffe, auf die beispielsweise Panzer ohne
besondere Ladeeinrichtungen verladen werden können.
Kapitel V

�Kapitel V
Kapitel V, der militärisch-industrielle Komplex der Sowjetunion, läßt
erkennen, daß die Industrie der UdSSR in erster Linie nach den militärischen
Erfordernissen ausgerichtet ist - vom Bergbau bis zur Herstellung des fertigen Waffensystems.

Während in der Vergangenheit der Eindruck entstand, die

sowjetische Industrie lege mehr Wert auf Quantität als auf Qualität, sind in
den letzten Jahren bestimmte militärisch wichtige Sektoren zur höchsten Qualitätssteigerung angespornt worden.

So gehört beispielsweise die Technologie

einiger Aluminiumwerke - die für den Flugzeugbau enorm wichtig sind - zu der
modernsten der Welt.
So wie die UdSSR auf dem Gebiet strategischer Mineralien autark ist, so
ist sie auch das einzige große Industrieland, das auf dem Energiesektor unabhängig ist.

Sie fördert das meiste Erdöl und besitzt die größten bekannten

ölreserven außerhalb der Region des Persischen Golfs.
gasreserven und

Die sowjetischen Erd-

-exporte sind die größten der Welt.

Die Sowjetunion ist auch der größte Produzent der Welt an militärischem
Gerät.

Allein im vorigen Jahr wurden 2700 Panzer und 4500 gepanzerte Fahr-

zeuge gebaut sowie rund 3500 Geschütze und Raketenwerfer; die Hubschrauberproduktion beträgt über 800 pro Jahr.

Während die Sowjetunion 1983

150

Interkontinentalraketen baute,stellten die NATO-Länder in diesem Zeitraum keine
einzige her.
Trotz aller gegenteiligen Versicherungen ist der zivile Sektor der Industrie in der UdSSR immer hintangestellt worden, und der Vorrang der Rüstungsindustrie dürfte auch weiterhin bestehen bleiben.

Kapitel VI

- 15 -

�Kapitel VI
Forschung und Entwicklung auf dem militärischen Sektor, denen Kapitel VI
der Broschüre gewidmet sind, haben wesentlich zu der anhaltenden Modernisierung und Verbesserung der sowjetischen Streitkräfte beigetragen.

Hier hat die

UdSSR den Vorsprung der Vereinigten Staaten und ihrer Verbündeten weitgehend
eingeholt.

"Heute", so heißt es in der Broschüre, "sind rund 3200 Forschungs-

institute in der Sowjetunion mit der wissenschaftlichen und technischen Forschung befaßt, die zum Großteil militärisch oder militärisch nutzbar ist."
Die technologischen Fortschritte bei sowjetischen Waffensystemen sind jedoch nicht nur auf einheimische Forschung und Entwicklung zurückzuführen, sondern auch auf den - wie immer gearteten - Erwerb westlicher Technologien und
deren Integration in eigene Systeme.

"Der Erwerb westlicher Technologie", so

heißt es in der Dokumentation, "der für viele technologische Fortschritte der
Sowjets wesentlich ist, findet auf legale und illegale Weise nicht nur in den
Vereinigten Staaten, sondern auch in zunehmendem Maße in anderen technologisch
führenden Staaten der Welt statt.

Die Sowjets neigen dazu, die Eigenschaften

westlicher Systeme als Maßstab für ihre eigenen technischen Fähigkeiten zu betrachten.

Die Sowjets nützen alle Möglichkeiten aus, um westliche Wissen-

schaft und Technologien zu erwerben, um ihre militärische Macht und ihre militärisch-industrielle Basis zu stärken."
ten Computer und Elektronik.

Dies gilt besonders auf den Gebie-

Sehr stark sind auch die Bemühungen, westliches

Gerät "nachzubauen".

Kapitel VII
Die globale Herausforderung, wie Kapitel VII der Broschüre überschrieben ist, wird mehr und mehr deutlich, wenn man überlegt, daß die 1987/88 einsatzbereite sowjetische Transportmaschine CONDOR das Abschußgerät einer SS-20Rakete praktisch an jeden Punkt der Erde bringen kann.

"Das Auftreten der

Sowjetunion als globale Supermacht", so heißt es in der Broschüre, "beruht
hauptsächlich auf ihren militärischen Fähigkeiten.

Obwohl die sowjetischen

�die sowjetischen Führer die militärische Macht als ihre Hauptstärke im internationalen Geschehen betrachten, so sehen sie doch das Ost-West-Verhältnis
als einen umfassenderen Kampf an, bei dem es um politische, wirtschaftliche,
soziale und ideologische Faktoren geht, was sie als die 'Korrelation der Kräfte' bezeichnen.

Sie sind überzeugt, daß sich diese Korrelation zugunsten

des Sozialismus verschiebt.

Die sowjetische Politik hat immer versucht, diese

Entwicklung weiter zu fördern durch Invasion, Subversion, militärische und wirtschaftliche Hilfe, den Einsatz von 'Stellvertretern', Geheimaktionen und politische Ausrichtung mit Regimen oder Bewegungen, die gegen die westliche Politik
sind."

Die Sowjetunion hat trotz wirtschaftlicher Schwierigkeiten und steigender Belastung durch Rüstungsausgaben ihre aggressive expansive Außenpolitik
fortgesetzt und ist vor allem in der Dritten Welt immer aktiver geworden.

Allein die Waffanverkäufe der Sowjetunion und ihrer osteuropäischen Verbündeten an die Dritte Welt in den Jahren von 1955 bis 1983 hatten einen Wert
von über 60 Milliarden Dollar - die Verträge einen Umfang von 98 Milliarden
Dollar.

Von 1978 bis 1983 wurden über 17 000 Panzer, gepanzerte Fahrzeuge

und Geschütze auf Selbstfahrlafetten an die Dritte Welt geliefert, davon rund
12 000 an den Nahen Osten und Südasien.

Der Hauptumschlagplatz für die Lie-

ferungen nach Lateinamerika ist Kuba.

Moskau unterhält derzeit über 21 000 Militärberater und Techniker in
fast 30 Ländern.

An aktiven Truppen sind rund 120 000 Mann in Afghanistan,

Kuba und Syrien stationiert.
der Sowjets tauchen

Die als Fischdampfer getarnten Spionageschiffe

vor allen Küsten der Welt auf.

"Angesichts dieser Bedrohung der Vereinigten Staaten und ihrer Verbündeten", so heißt es im Schlußkapitel der Broschüre, "liegt die Herausforderung auf der Hand.

Wir müssen militärische Fähigkeiten aufrechterhalten, die

ausreichen, um die Sowjets zu überzeugen, daß die Kosten einer Aggression
weit größer wären als jeder Nutzen.

Diese Fähigkeiten sind der Eckpfeiler

- 17 -

�der Eckpfeiler unserer Verteidigungspolitik.

Die amerikanische Politik ge-

genüber der Sowjetunion gründet sich jedoch nicht lediglich auf Abschreckung
einer sowjetischen Aggression.

Wie die Vereinigten Staaten immer unterstrichen

haben, sind wir auch einem umfassenden Dialog mit der Sowjetunion fest verpflichtet, der darauf abzielt, das Risiko eines Krieges zu verringern und einige der echten Probleme in unserem Verhältnis zu lösen.

Verringerung der

Rüstungen und Gewährleistung eines stabileren militärischen Gleichgewichts
stehen an der Spitze unserer Tagesordnung...
Die Verteidigungsprogramme, die wir und unsere Verbündeten verfolgen,
beheben entscheidende Mängel im militärischen Gleichgewicht...

Wenn unsere

Abschreckung wirksam bleiben soll, dann müssen wir und unsere Verbündeten an
der Verpflichtung festhalten, diese Programme abzuschließen und alle notwendigen weiteren Schritte zu unternehmen, um den Sowjets politische Vorteile
durch den Einsatz oder den potentiellen Einsatz ihrer Streitkräfte zu verwehren.

Nur wenn wir die Verpflichtung unsererseits deutlich machen, den Sowjets

solche Vorteile zu verwehren, können wir hoffen, sie wieder zu Verhandlungen
über ernsthafte Rüstungsverringerungen zurückzuholen,

Unsere beharrliche

Entschlossenheit, die Sicherheit aller freien Nationen zu bewahren, ist von
entscheidender Bedeutung, wenn wir das viel erwünschtere Ziel erreichen wollen - einen weit niedrigeren Stand der Waffen aller Art in einer Welt in Frieden".

+ + + + +

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I

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- 18 -

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U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

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a
11. April 1990

14

BAKER-SCHEWARDNADSETREFFEN

BAKER: "ES BLEIBT NOCH VIEL ZU TUN"
Pressekonferenz des Außenministers

DROGEN

DROGENKONFERENZ FORDERT
ANTI-DROGENSTRATEGIE
Rede von Gesundheitsminister Sullivan

RÜSTUNGSKONTROLLE

DIE VERHANDLUNGEN ÜBER KERN- UND
WELTRAUMWAFFEN: AMERIKANISCHE
UND SOWJETISCHE VORSCHLÄGE
Eine Übersicht des ACDA

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Postfach 200300
D 5300 Bonn 2

Tel.:0228-3392366
Telex: 8-85432

�BAKER-SCHEWARDNADSE-TREFFEN
11. April 1990

BAKER: "ES BLEIBT NOCH VIEL ZU TUN"
Pressekonferenz des Außenministers
WASHINGTON - (AD) - Nach dem 3tägigen Treffen mit seinem sowjetischen Amtskollegen Schewardnadse
erklärte Außenminister Baker bei einer Pressekonferenz in Washington am 6. April 1990, vor dem für 30. Mai
1990 in Washington beginnenden Bush-Gorbatschow-Gipfel "bleibt im Bereich der Rüstungskontrolle noch viel
zu tun".
Dem Außenminister zufolge seien in einer Reihe von Rüstungskontrollfragen Fortschritte erzielt worden und die
Parteien "hoffen, bis zum Gipfeltreffen die wesentlichen Rüstungskontrollfragen geklärt zu haben".
Das nächste Ministertreffen vor dem Gipfel soll vom 16. bis 19. Mai 1990 in Moskau stattfinden.
Nachfolgend veröffentlichen wir die Pressekonferenz von Außenminister Baker im Wortlaut.

Wir haben gerade ein Arbeitstreffen auf Ministerebene
beendet, bei dem die gesamte Bandbreite unserer
Tagesordnungspunkte erörtert wurde. Wir haben hart
gearbeitet, aber Außenminister Schewardnadse und
ich stimmen darin überein, daß in den sieben kurzen
Wochen vordem Gipfeltreffen noch ziemlich viel zu tun
bleibt.
Unser erstes Thema - Litauen - haben wir an jedem
Tag des Ministertreffens sehr ernsthaft und freimütig
erörtert. Sowohl der Präsident als auch ich haben
eindeutig klargestellt, daß ein Prozeß zur friedlichen
Lösung dieser Frage entwickelt werden muß. Wir
haben die Hauptgefahren für die Sowjetunion und ihr
Verhältnis zu uns und anderen aufgedeckt, wenn
dieser Kurs nicht verfolgt wird.
Wir haben die Schritte zur Kenntnis genommen, die
Litauen zur Vermeidung einer Konfrontation unternommen hat - vor allem, das Prinzip eines Referendums zu akzeptieren und das Zugeständnis, daß der
Prozeß schrittweise erfolgen muß. Wir haben den
Vorschlag unterbreitet, daß auch die Sowjetunion
Maßnahmen zur Beruhigung der Lage ergreifen sollte.
In diesem Zusammenhang haben wir die Sowjets
ermutigt, das Konzept eines Referendums weiterzuverfolgen, das sie ihrerseits jetzt vorgeschlagen haben. Außenminister Schewardnadse hat sowohl öffentlich als auch unter vier Augen erklärt, daß Dialog
die einzige Antwort ist und tatsächlich ein friedlicher
Weg gefunden werden könnte, um das Problem auf
eine Art und Weise zu lösen, die den sowjetischen und
litauischen Belangen gerecht wird.
AMERIKA DIENST 14

Ich möchte nun kurz auf die anderen von uns erörterten Themen eingehen.
Im Bereich der Rüstungskontrolle haben wir bei einer
Reihe von Fragen im Hinblick auf START auch bei der
Verifizierung mobiler Raketen und Nichtumgehung
Fortschritte erzielt. Bei luft- und seegestützten Marschflugkörpern (ALCMS und SLCMs) konnten wir jedoch
die Gespräche nicht zum Abschluß bringen. Das ist
enttäuschend, und wir müssen weiterhin an dieser
Frage arbeiten.
Auch in anderen Bereichen unseres Rüstungskontrollprogramms haben wir Fortschritte erzielt - KSE, chemische Waffen und nukleare Erprobung, Verbreitung
von Atomwaffen und Raketen - dennoch bleibt in all
diesen Bereichen noch viel zu tun. Bei regionalen
Konflikten habe ich das Gefühl, daß sich unsere Standpunkte annähern.
Erfreulicherweise stimmen wir darin überein, daß Wahlen
ein entscheidender und angemessener Mechanismus
zur Entschärfung regionaler Konflikte und Einleitung
eines wirksamen diplomatischen Prozesses sind. Unsere
beiden Länder wurden Zeuge der erfolgreichen Wahlen in Namibia und Nicaragua und sind der Ansicht,
daß sie in Afghanistan, Angola, Kambodscha und nicht
zuletzt im Nahen Osten einen Beitrag leisten können.
Zweifelsohne bleibt noch viel zu tun, aber bei den
Verhandlungen über eine Reihe dieser regionalen
Konflikte finden wir zunehmend eine gemeinsame
Sprachregelung.

Seite 1

�Menschenrechte haben wir ausführlich erörtert, und
meines Erachtens kommen wir unserem Ziel in der
Frage der Dissidenten, Erleichterung der Ausreise
sowjetischer Juden und der Erarbeitung einer neuen
Tagesordnung in diesem Bereich näher- einer Tagesordnung, bei der dem Rechtsstaat oberste Priorität
eingeräumt wird.
Darüber hinaus haben wir transnationale und Wirtschaftstragen erörtert und geprüft, wie unsere Projekte der technischen Zusammenarbeit vorangebracht
werden können. Bei einer Bilanz der Fortschritte bei
Wirtschaftsabkommen haben wir uns darauf konzentriert, bis zum Gipfeltreffen ein Handelsabkommen
vorlegen zu können und diskutiert, welche Maßnahmen dies für die Auswanderungsgesetze erfordern
würde sowie Einigung über wirksamen Schutz geistigen Eigentums erzielt.
Im Hinblick auf Deutschland habe ich die Mitgliedschaft eines vereinigten Deutschlands in der NATO
hervorgehoben, die meines Erachtens ein Rezept für
langfristige Stabilität ist. Ich habe ferner festgestellt,
daß die Deutschen und viele Europäer bis hin zu
Mitgliedern des Warschauer Pakts darin tatsächlich
eine Formel für Stabiität sehen. Obwohl ich nicht
sagen kann, daß die Sowjets dieser Formulierung
zustimmen - was sie wohl in der Tat auch nicht tun gelangen sie doch zunehmend zu der Erkenntnis, daß
Neutralität nicht die Antwort ist. Wir werden unsere
Gespräche zu diesen und anderen Themen fortsetzen
und noch vor dem nächsten Ministertreffen an unserer
Tagesordnung weiterarbeiten, das, wie Sie wissen,
vom 16. bis 19. Mai in der Sowjetunion stattfinden wird.
Frage: Herr Außenminister, was ist das Problem bei
ALCMs und SLCMs?
Antwort: Es gibt eine Reihe von Problemen. Bei der
Abreise aus Moskau hatten wir diese Probleme noch
nicht gelöst. Einige Fragen müssen noch geklärt
werden, zu denen ich hier nicht ins Detail gehen
möchte. Einige sind technischer Art, andere liegen in
der Tatsache begründet, daß man sehr häufig bei
technischen und detaillierten Beschreibungen auf
Schwierigkeiten stößt, wenn man versucht, Vereinbarungen in Vertragsformulierungen umzusetzen. Darüber hinaus müssen noch Fragen der Reichweite bei
ALCMs und SLCMs geklärt werden. Bei den SLCMs
haben wir das Problem der Abgrenzung zwischen
atomar- und konventionell bestückten SLCMs. Zur
Klärung einer Reihe weiterer Fragen ist noch harte
Arbeit erforderlich.
Frage: Sie haben als Schlüssel zur Lösung des
litauischen Problems das Instrument eines Referendums genannt. Bedeutet das, daß die Vereinigten
Staaten sich die offensichtliche Position Moskaus zu
eigen machen, in Litauen müssen man nach dem
neuen Sezessionsgesetz vorgehen, das natürlich
ebenfalls von einem Referendum abhängt und ein
völlig anderer Ansatz wäre, als wenn sie ihre Unabhän-

Seite 2

gigkeit erklären, weil sie rechtlich niemals Teil der
UdSSR waren? Schließen wir uns dieser Argumentation an?
Antwort: Wir machen uns keine bestimmte Formel zu
eigen. Die Vereinigten Staaten erkennen die Eingliederung der baltischen Republiken nicht an und unterstützen den Wunsch des baltischen Volkes nach Selbstbestimmung.
Wir unterstützen das Konzept uneingeschränkt, daß
diese schwierige, komplexe und sehr sensible Frage
durch Dialog und mit friedlichen Mitteln gelöst werden
muß. Wir hatten das Gefühl, daß der Gedanke eines
Referendums einen Prozeß oder Mechanismus in die
Wege leiten könnte, dank dem die Parteien sich engagieren könnten und der den Ausdruck des Willens des
litauischen Volkes gestatten würde.
Meines Erachtens ist es offensichtlich, daß außerordentlich schwierige und komplexe Themen noch
bewältigt werden müssen, selbst wenn dem Recht auf
Selbstbestimmung Ausdruck verliehen wird. Es gibt
weitreichende Wirtschaftsbeziehungen. Es bestehen
Fragen bezüglich des tatsächlichen Territoriums und
der Grenzen sowie Litauen in den Grenzen von 1940
verglichen mit der heutigen Republik Litauen. All dies
muß mittels einer Art von Dialog gelöst werden.
Frage: Ich habe eine Anschlußfrage. Entschuldigen
Sie - dies alles klingt wirklich vernüftig, aber es klingt
auch sehr nach Moskau. Zweifelsohne nicht wie alles,
was wir aus Moskau vernehmen, aber auch dort wird
immer wieder gesagt, "Wir brauchen ein Referendum
und dann benötigen wir sehr viel Zeit, um die wirtschaftlichen und territorialen Fragen zu klären, und so
weiter". Das klingt sehr vernünftig, allerdings sehr viel
anders als was Landsbergis und sein Volk gesagt
haben: "Wir haben die Unabhängigkeit erklärt. Das
war illegal - aber wir sind unabhängig."
Antwort: Es ist dasselbe, was Landsbergis gesagt
hat. Er hat wohl gesagt, daß wir die Idee eines
Referendums unterstützen und dies als einen schrittweisen Prozeß anerkennen. Der von Ihnen angedeutete Unterschied besteht meiner Ansicht nach nicht.
Ich glaube nicht, daß ich mit Ihnen übereinstimme.
Frage: Vielleicht sollte man ihn nicht wörtlich nehmen,
aber Außenminister Schewardnadse hat erklärt, für
ihn führe das Gipfeltreffen zu Rüstungskontrollabkommen. Dies ist im Futur formuliert. Vielleicht liege ich
falsch, aber ich dachte, Sie und er würden sich praktisch jeden Monat treffen und jedes Mal zwei oder drei
dieser Probleme anpacken und hoffentlich bewältigen.
Beim letzten Treffen haben sie offensichtlich zweieinhalb oder drei Fragen gelöst. Hinkt der STARTProzeß hinterher?
Antwort: Wir müssen eine Tatsache im Gedächtnis
behalten - Termin für den Gipfel ist der 30. Mai, nicht
etwa die letzte oder vorletzte Woche im Juni. Natürlich
haben wir zeitweise das Für und Wider dieser Termine

AMERIKA DIENST 14

�erwogen. Es stellte sich heraus, da ß diese Termine für
keine Seite vorteilhaft waren. Das ist der einzige
Grund für den anderen Termin.

KSZE und zu dem in Europa Verbreitung findenden
Gedanken, daß die KSZE im Lauf der Zeit die Bündnisse außer bei militärischen Fragen ersetzen wird?

In nur sieben Wochen bleibt noch eine Menge zu tun.
Es wurde bereits viel erreicht. Wie ich schon andeutete, bleiben noch einige sehr schwierige Fragen zu
lösen. In Malta haben die beiden Präsidenten erklärt,
sie hofften, eine Einigung bei den wichtigsten Fragen
zu erzielen und nicht, einen Vertrag wirklich unterzeichnungsreif zu haben. Wenn ich mich recht erinnere, haben wir stets erklärt, daß dies unseres Erachtens
wahrscheinlich unrealistisch wäre.

Antwort: Wie Sie vielleicht wissen, habe ich den
Ausbau des KSZE-Prozesses gefordert und erklärt,
daß einige Körbe - etwa der Wirtschafts-Korb - in der
Vergangenheit nicht vollständig genutzt wurden. In
allen drei Körben liegen nun aktive Vorschläge, insbesondere im Wirtschafts-Korb und im MenschenrechtsKorb.

Wir hoffen immer noch, daß die wichtigsten Fragen bis
zum Gipfel gelöst werden können. Wie ich jedoch
schon gestern (5. April) erklärte, wird dazu von beiden
Seiten noch viel zu tun sein. Ich kann Ihnen gegenüber
heute keine Garantie dafür geben.
Frage: Könnten Sie uns bitte erklären, was Sie, Ihre
Berater oder der Präsident bei diesem Treffen oder in
den vergangenen Wochen den Sowjets über die mit
Mehrfachgefechtsköpfen ausgerüsteten Raketen gesagt
und wie diese darauf reagiert haben?
Antwort: Nein. Es tut mir leid, aber das werde ich
nicht tun. Es gibt ein paar Dinge, über die wir keinen
Kommentar abgeben werden, insbesondere, wenn die
Möglichkeit besteht, daß sie immer noch in unseren
Verhandlungen eine Rolle spielen.
Frage: Möchten Sie damit andeuten, daß dieses
Thema weiterhin Verhandlungsgegenstand zwischen
beiden Seiten ist?
Antwort: Ich möchte damit nur andeuten, daß wir
viele Vorschläge und Gegenvorschläge austauschen.
Es findet eine umfassende Diskussion statt, und über
einige Dinge werde ich nichts sagen, und das ist einer
dieser Punkte.
Frage: Wenn man davon ausgeht, daß die Sowjets
kein vereinigtes Deutschland als Mitglied der NATO
wünschen und Ihre Aussage berücksichtigt, daß sie
von ihrem Beharren auf einer deutschen Neutralität
abrücken, wäre für Sie dann eine vom Außenminister
ins Spiel gebrachte Mitgliedschaft Deutschlands in
beiden Bündnissen eine mögliche Lösung?
Antwort: Ich habe diesen Vorschlag gehört. Ich muß
zugeben - ich habe ihn im Verlauf dieser Pressekonferenz gehört. Ich muß zugeben, daß ich ihn hier zum
ersten Mal gehört habe. Ich möchte Ihnen sagen, daß
eine Reihe von Mitgliedern des Warschauer Pakts
wünscht, daß ein vereinigtes Deutschland Mitglied der
NATO sein soll.
Frage: Au ßenminister Schewardnadse hat von neuen
Sicherheitsvereinbarungen in Europa gesprochen, und
Minister Genscher war diese Woche hier und sprach
ebenfalls über die Ausweitung der KSZE auf eine
Reihe neuer Bereiche. Was ist Ihre allgemeine Haltung zur Errichtung von Strukturen im Rahmen der

AMERIKA DIENST 14

Im Hinblick auf den Sicherheits-Korb der KSZE sollten
wir etwas langsamer vorgehen. Es gibt Bereiche, in
denen er eine Ergänzung zur NATO sein kann, aber wir
möchten auf keinen Fall andeuten, daß die KSZE
Funktionen der NATO übernehmen kann. Dies ist die
Haltung der Vereinigten Staaten.
Es wird sicherlich einen Ausbau der KSZE geben. Ich
wäre nicht überrascht, wenn es letztlich zur Institutionalisierung dessen käme, was heute nur ein Prozeß
ist, mit regelmäßigen Treffen und ähnlichen Elementen. Aber im Hinblick auf den Sicherheits-Korb sollten
wir vorsichtig sein und sicherstellen, daß unsere
Maßnahmen in diesem Bereich die NATO ergänzen
und ihre Bedeutung nicht verringern oder sie ersetzen.
Frage: Die Sowjets haben doch versucht, zu sagen,
sie könnten verstehen, warum wir ein Deutschland in
der NATO - der wir ja auch angehören - als beruhigend
oder stabilisierend ansehen, aber daß es ihnen widerstrebte, diesen Bereich einer Institution zu überlassen,
der sie nicht angehören. Können Sie sich eine Sicherheitsstruktur vorstellen, an der die Sowjets beteiligt
sind, die ihnen ein Gefühl der Sicherheit in bezug auf
Deutschland verschafft?
Antwort: Nun, die KSZE hat eine Sicherheitskomponente, und meines Erachtens ist die KSZE ein Forum,
in dem die 35 Mitgliedstaaten aus West-, Mittel- und
Osteuropa alle Sicherheitsfragen ansprechen können.
Dies ist keine Situation des Entweder-Oder, was ich in
meiner ersten Antwort zu Ihrer früheren Frage bereits
zu sagen versucht habe.
Es gibt eine Sicherheitsrolle, aber sie sollte die Aufgaben des Bündnisses nicht ersetzen, sondern ergänzen.
Frage: Betrachtet man die beiden letzten Ministertreffen, so erscheint es mir - auch wenn keine direkte
Verbindung zwischen den Fragen besteht -, als habe
Litauen andere Fragen überschattet, die bei diesem
Ministertreffen zur Sprache kamen und Fortschritte bei
anderen Fragen behindert. Würden Sie dem zustimmen?
Antwort: Nein, das würde ich nicht. Ich habe bereits
angedeutet, daß Litauen sehr wichtig ist, und wir
haben ziemlich ausführlich darüber gesprochen, weil
dieses Thema, wie ich bereits sagte, für die Beziehungen zwischen den Vereinigten Staaten und der Sowjetunion insgesamt von Bedeutung ist.

Seite 3

�Ich würde jedoch nicht sagen, daß es andere Aspekte
unserer Arbeit "überschattet" hat. Wir haben zwar in
einigen Bereichen von START nicht die erhofften
Fortschritte erzielt, aber wir waren in anderen Bereichen von START erfolgreich. Wir haben gute Fortschritte bei den Atomversuchen gemacht. Wir waren
bei den chemischen Waffen und der Nichtverbreitung
erfolgreich, und diese Fortschritte werden sich beim
Gipfel in konkreten Ergebnissen niederschlagen.
Frage: Seit Ihrem Amtsantritt hat die Sowjetunion eine
Art linear fortschreitender Entwicklung durchgemacht
- Gorbatschow zog sich aus Osteuropa zurück, Wirtschaftsreformen und so weiter. Was halten Sie von
seiner Haltung gegenüber Litauen - sind bei Ihnen
dadurch Zweifel an den Zielen dieses Mannes aufgekommen? Sind Sie sich heute noch ebenso sicher wie
vor ein oder zwei Monaten, daß sich dieser Mann
einem bestimmten Weg verpflichtet fühlt und daran
festhält?
Antwort: Nun, das wurde uns jedenfalls erklärt. Sie
haben selbst in den vergangenen drei Tagen diese
Erklärungen aus dem Munde des Ministers vernommen, und in meinen Erklärungen habe ich bereits
darauf verwiesen, daß er sich auch in unseren vertraulichen Gesprächen entsprechend geäußert hat. Dasselbe hören wir von Präsident Gorbatschow.
Wir beobachten weiterhin nicht nur in Osteuropa,
sondern auch in der Sowjetunion einen dramatischen
Reformprozeß, und wir sehen ein Engagement zumindest verbal -, diese sehr schwierige und komplexe Frage auf friedlichem Weg zu lösen.
Frage: In seiner Rede vor der Amerikanischen Gesellschaft der Zeitungs-Chefredakteure erklärte Präsident
Bush: 'Im Hinblick auf Litauen steht für uns in den
amerikanisch-sowjetischen Beziehungen eine Menge
auf dem Spiel'. Sein Sprecher Fitzwater erklärte
heute: 'Unsere Beziehungen zur Sowjetunion werden
in Litauen gefährdet.'
Welche Absichten verfolgen Sie und die Administration, wenn Sie dies erklären? Werden Sie die Zusammenarbeit mit der Sowjetunion bei Rüstungskontrolle
oder regionalen Fragen einstellen, wenn die Dinge sich
in Litauen negativ entwickeln? Werden Sie es ablehnen, im Hinblick auf wirtschaftliche Zusammenarbeit
Maßnahmen zu treffen, die Sie andernfalls treffen
würden?
Was möchten Sie der Sowjetunion und auch dem
amerikanischen Volk sagen, wenn Sie solche Sätze
benutzen?
Antwort: Wir sagen den Sowjets und dem amerikanischen Volk genau, was diese Sätze bedeuten, nämlich, wenn sich die Dinge weiter in die falsche Richtung
entwickeln, würde das unsere Beziehungen gefährden.
Ihre Frage ist allerdings sehr hypothetisch, und es
wäre für mich nicht ratsam, sie zu beantworten und zu

Seite 4

erklären, 'wenn sie das täten, würden wir dies tun' oder
so ähnlich. Ich werde nicht darauf antworten. Es ist zu
spekulativ und zu hypothetisch.
Der Punkt ist aber - und ich hoffe dieses Signal
unmittelbar und unmißverständlich weitergegeben zu
haben -, daß dies für die Vereinigten Staaten eine
Angelegenheit von äußerster Bedeutung ist. Sie betrifft unsere fundamentalen Werte und eine Haltung,
die wir seit über 40 Jahren vertreten. Sie ist sehr, sehr
wichtig. Ich kann aber nicht noch mehr ins Detail
gehen.
Frage: Sind Sie besorgt über die Äußerung von
Schewardnadse vor dem Eingang zum Weißen Haus,
es könnte einen Konflikt in Litauen geben und gewisse
administrative Maßnahmen ergriffen werden, um die
Ordnung wiederherzustellen?
Antwort: Soweit ich sagen kann, ist das ebenfalls eine
hypothetische Frage. Natürlich wären wir besorgt,
wenn ich der Meinung wäre, daß der Konflikt eskalieren würde. Ich glaube nicht, daß irgendjemand dies
wünscht. Wir haben uns darüber seit längerem geäußert, und wir würden es begrüßen, wenn diese Angelegenheit friedlich und nicht durch einen Konflikt gelöst
würde.
Frage: Sie haben angedeutet, daß es auch Fortschritte bei den konventionellen Streitkräften gegeben hat.
Können Sie uns sagen, welche Fortschritte bei diesem
Ministertreffen in bezug auf die Reduzierung von Truppen und Ausrüstung in Europa erzielt wurden?
Können Sie uns noch sagen, ob sie erwartungsgemäß
beim Gipfel einen Briefwechsel oder andere offizielle
Vereinbarungen abzeichnen werden, die das beiderseitige Engagement für eine Reduzierung auf 195 000
Soldaten in Mitteleuropa kodifizieren?
Antwort: Zielt Ihre Frage darauf ab, ob dazu beim
Gipfel ein Abkommen unterzeichnet wird?
Frage: Richtig.
Antwort: Ich denke nicht, daß wir dies notwendigerweise als spezielle Zielsetzung des Gipfels betrachten
sollten, aber es wird sicher in die in Wien zu schließenden Abkommen einfließen. Ich möchte mich zu den
Besonderheiten von KSE nicht im Detail äußern, bis
wir Gelegenheit zu weiteren Konsultationen hatten.
Frage: Aber es gibt nichts, das sie festschreiben
möchten?
Antwort: Wenn ich KSE einbeziehe, möchte ich damit
sagen, daß wir bisher Schwerpunkte beim Nichtverbreitungsvertrag (NPT) und dem Schwellenvertrag
(NTT) sowie den beiden Bereichen, in denen bei
START Fortschritte erzielt wurden, gesetzt haben.
Meiner Ansicht nach waren bei START Fortschritte zu
verzeichnen. Ich möchte offen zugeben, daß wir im
Hinblick auf Flugzeuge keine Fortsehnte erzielt haben.
Hier bestehen immer noch Probleme. Den uns zu den
Flugzeugen unterbreiteten Vorschlag finden wir nicht

AMERIKA DIENST 14

�attraktiv - lassen Sie es mich so umschreiben - und
davon haben wir den Außenminister auch in Kenntnis
gesetzt.
Frage: Welche Garantien erwarten Sie von den
Israelis (unverständlich) die Sowjetunion im Hinblick
auf die Einigung und die Emigration der Juden in das
besetzte Territorium?
Antwort: Nun, zunächst haben wir Israel nicht um
Garantien zur sowjetischen Emigration gebeten, weil
wir die Auswanderung aus der Sowjetunion bedingungslos unterstützen. Deshalb haben wir keine
Garantien gefordert. Wir haben hingegen den Vorschlag gemacht - als die Sowjets erklärten, in bezug
auf die sowjetische Emigration angesichts der Möglichkeit nicht nachgeben zu können, daß Emigranten in
die besetzten Territorien gehen - und die Sowjets
befragt, ob sie erwogen hätten, sich im Hinblick auf die
Möglichkeit von Garantien an Israel zu wenden. Sie
mußten das verneinen, betrachteten es aber als Idee,
die eine Überlegung wert sei.
Wir fordern keine Garantien. Wir unterstützen die
sowjetische Emigration bedingungslos.
Frage: Außenminister Schewardnadse hat die Befriedigung der Sowjetunion über die Bestrebungen Ihrer
Regierung zum Frieden im Nahen Osten übermittelt
und fordert eine aktivere Rolle des Sicherheitsrats und
der fünf ständigen Mitglieder des Sicherheitsrats, damit
im Nahen Osten eine internationale Friedenskonferenz stattfinden kann. Wie denken Sie über diese
sowjetischen Ideen?
Antwort: Ich habe meinem Amtskollegen dasselbe
wie immer gesagt, wenn er diesen Vorschlag geäußert
hat - daß meiner Ansicht nach die Zeit dafür nicht reif
ist und ich diese Übung für wenig produktiv halte. Wir
befinden uns im Hinblick auf die Möglichkeit eines
Dialogs zwischen Israelis und Palästinensern in einer
etwas kritischen Phase, und gegenwärtig sollten wir
unsere Aufmerksamkeit und alle Anstrengungen darauf verwenden, diesen Dialog einzuleiten.

*

AMERIKA DIENST 14

Frage: Außenminister Schewardnadse hat die nächsten sieben Wochen als eine Zeit bezeichnet, in der wir
schwierige Entscheidungen treffen und Kompromisse
eingehen müssen. Wie sehen die schwierigen Entscheidungen aus, mit denen sich die Vereinigten Staaten in den kommenden sieben Wochen konfrontiert
sehen? Und ist insbesondere bei Marschflugkörpern
ein Kompromiß in Sicht, und wie könnte er aussehen?
Antwort: Dazu möchte ich jetzt nicht Stellung nehmen. Ob ich generell der Auffassung bin, wir könnten
das Problem lösen? Das hoffe ich doch. Das war und
ist unser Ziel. Daran werden wir weiterhin arbeiten.
Auch Außenminister Schewardnadse hat Ihnen gegenüber erklärt, er sei da zuversichtlich. Wir haben die
Absicht, hart daran zu arbeiten. Was einen möglichen
Kompromiß angeht, so möchte ich dazu auf die Verhandlungen verweisen und nicht hier darüber spekulieren.
Frage: Haben Gespräche darüber stattgefunden,
was die Sowjetunion und die Vereinigten Staaten im
Hinblick auf die Vereinigung der beiden deutschen
Staaten tun können, damit ein Viertes Reich verhindert
werden und kein Hitler mehr aufstehen kann, um die
Macht an sich zu reißen und Deutschland wieder in
altem Glanz und Gloria erstrahlen zu lassen. Schließlich wiederholt sich die Geschichte in gewissem Sinne.
Und haben Sie mit den Deutschen über die Währungsunion gesprochen, damit die Finanzmärkte vor dem
Zusammenbruch bewahrt werden können?
Antwort: Zu Ihrer ersten Frage möchte ich sagen, daß
meiner Ansicht nach jeder Teilnehmer an den Zweiplus-Vier-Gesprächen, auch die Bundesrepublik und
die DDR .eine Art der Wiedervereinigung wünschen,
die ein Ergebnis, wie Sie es gerade darstellten, ausschließt. Darüber sind sich alle Beteiligten einig.
Was die Währungsunion betrifft, so habe ich darüber
mit den Deutschen, aber nicht mit den Sowjets geprochen.

*

Seite 5

�DROGEN
11. April 1990

DROGENKONFERENZ FORDERT
ANTI-DROGENSTRATEGIE
Rede von Gesundheitsminister Sullivan
LONDON - (AD) - Dem amerikanischen Gesundheitsminister, Louis Sullivan, zufolge kann die zur Zeit in London
veranstaltete Konferenz von Ministern aus aller Welt über den Abbau der Nachfrage nach Drogen "Maßnahmen
zur Kontrolle, Begrenzung und Vernichtung von Drogen fördern".
Sullivan erklärte in der Plenarsitzung am 9. April 1990, "wir müssen ein Klima der Verantwortung schaffen, um

dem Drogenmißbrauch Einhalt zu gebieten". Die von
ihm erläuterte amerikanische Anti-Drogenstrategie hat
zwei Komponenten - Abbau der Nachfrage und Reduzierung des Angebots.
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede von Gesundheitsminister Sullivan im Wortlaut.

Die internationale Staatengemeinschaft befindet sich
inmitten eines von ihr selbst entfachten Wirbelsturms.
Unsere bisher an den Tag gelegte Toleranz gegenüber
Drogen hat unvorstellbare Kräfte der Gewalt und des
Hasses freigesetzt. Die Zerstörung ist für uns alle
offenkundig - wir haben sie gesehen, gefühlt und
verdammt. Auf dieser Konferenz können wir Maßnahmen zur Kontrolle, Begrenzung und Vernichtung von
Drogen fördern. Wir müssen ein Klima der Verantwortung schaffen, um dem Drogenmißbrauch Einhalt zu
gebieten.
Die Vereinigten Staaten müssen dabei eine wichtige
Rolle spielen. Als Abnehmer illegaler Drogen bemüht
sich unser Land energisch um den Abbau des Drogenkonsums und damit um die Zerschlagung des Drogenmarkts. Der Drogenkonsum schädigt die Bewohner
unseres Landes und der ganzen Welt. Aber wir hoffen,
mit dem Engagement und der Kooperation von Familie
und Nachbarn in unserem Land sowie durch Partnerschaft mit den Regierungen unserer Nachbarn und
Freunde in der ganzen Welt die Nachfrage nach Drogen erheblich abbauen zu können. Aus diesem Grund
unterstützt meine Regierung dieses Treffen uneingeschränkt.

AMERIKA DIENST 14

Wir wissen, daß Drogenkonsum hohe Kosten verursacht und inakzeptabel ist. Sucht, Siechtum und Tod
können von keiner verantwortungsbewußten Regierung hingenommen werden. Wir können nicht zusehen, wie ganze Bevölkerungsschichten verführt und
Opfer des Drogenkonsums und dessen Folgen werden. Wir schulden es uns selbst und jedem Mitglied
der internationalen Staatengemeinschaft, eine endgültige Lösung für dieses Problem zu finden.
Bevor ich die Reaktion der Vereinigten Staaten erläutere, möchte ich über eine Lektion sprechen, die wir
gelernt haben: Drogenkonsum ist kein Verbrechen
ohne Opfer. Er ist ein Teufelskreis. Drogenmißbrauch
verschlingt den Konsumenten. Aber seine Folgen
berühren auch die Familie, Freunde, Nachbarn, die
Gemeinde und das ganze Land. Präsident Barco hat
unseren Bürgern vor Augen geführt, wie die Nachfrage
nach Drogen in unserem Land Drogenproduktion und
Rauschgifthandel in seinem Land und in anderen
Ländern der Welt antreibt. Aber illegale Drogenproduktion und Rauschgifthandel produzieren auch weitere Nachfrage. Das ist die Wirklichkeit dieses Teufelskreises.
Die organisierten Strukturen des Drogenkartells haben diesem gut gedient. Zu seiner Vernichtung werden ebenso gut organisierte Strukturen benötigt. Indem
wir zusammenarbeiten - als Familie, Freunde, Kollegen, Nachbarn und Mitbürger -, können wir der Drogengefahr Herr werden. Indem wiralsStaatengemeinschaft zusammenarbeiten, können wir die Verstecke
ausfindig machen, in denen Drogenhändler, Finan-

Seite 1

�ziers und Drogenbarone Zuflucht suchen. Mit solcher
Kooperation - entschlossen, zuverlässig, solide und
dauerhaft - können wir diesen Kampf gewinnen, selbst
gegen einen so finanzkräftigen, gut organisierten und
äußerst heimtückischen Feind.
Unsere nationale Strategie zur Drogen bekämpf ung in
den Vereinigten Staaten hat zwei Komponenten Abbau der Nachfrage und Reduzierung des Angebots.
Nur indem wir das Drogenproblem von beiden Seiten
angehen, können wir den Drogenkonsum verringern.
Ein Hauptziel unserer Strategie besteht darin, die
Besorgnis und das Engagement der Bürger bei den
Bemühungen um beide Komponenten zu erhöhen, die
dem selben Zweck dienen - der Beseitigung illegaler
Drogen. Im Hinblick auf die Reduzierung der Nachfrage nach Drogen zeigen die Meinungsumfragen, daß
die Mehrheit unserer Bürger den Drogenkonsum als
wichtigstes innenpolitisches Anliegen betrachten. Sie
wissen, daß sie vor Konsumenten und Händlern nicht
sicher sind, bis die Vereinigten Staaten der Nachfrage
nach Drogen ein Ende gesetzt haben. Die Bemühungen zur Eindämmung der Nachfrage müssen an zwei
Fronten geführt werden: Wir müssen ein Klima der
Verantwortung schaffen, und wir müssen geeignete
Forschungs-, Präventiv- und Behandlungsmaßnahmen
verstärken, um die öffentliche Ablehnung gegenüber
Drogen aufrechtzuerhalten.
Beim Kampf gegen Drogen muß die Bedeutung des
menschlichen Charakters und eine Kultur, die Werten,
Selbstdisziplin und persönlicher Verantwortung positiv
gegenübersteht, hervorgehoben werden. In den Vereinigten Staaten habe ich versucht, diese Werte als
Teil unserer Bemühungen zu mobilisieren, Gesundheitsvorsorge und Präventivmaßnahmen zu einem
nationalen Kreuzzug zu machen - der obersten Priorität. Einige Länder machen sich diesen langfristigen
Ansatz ebenfalls zu eigen. Ein drogenfreier, gesunder
Lebensstil gewährleistet ein Höchstmaß an Freiheit,
Unabhängigkeit und Menschenwürde.
Unsere Bürger haben begonnen, ihre Wohnviertel und
Gemeinden durch die Schaffung eines drogenfreien
Umfelds für sich und ihre Kinder neu aufzubauen.
Diese Anstrengungen tragen in Verbindung mit verbesserten Präventiv-, Behandlungs- und Forschungsprogrammen zu unserer langfristigen, endgültigen
Lösung bei - der Eindämmung der Nachfrage nach
Drogen.
Strategien zum Abbau der Nachfrage werden ohne
eine gute Strategie auf der Angebotsseite ihre Ziele
niemals erreichen. In den Vereinigten Staaten haben
wir unsere Bemühungen zur Unterbindung des Drogennachschubs intensiviert. Wir haben unsere Maßnahmen an den Landesgrenzen verstärkt. Wir haben
unsere nachrichtendienstlichen Erkenntnisse eingesetzt, um Drogenhändler aufzuspüren, ihren Plänen

Seite 2

zuvorzukommen und ihre Fähigkeit zu Operationen in
unserem Land zu zerschlagen. Wir haben unsere
Strafverfolgungsmaßnahmen innerhalb unserer Grenzen verstärkt.
Wir arbeiten mit anderen Ländern zusammen, um ihre
Fähigkeiten zur Zerschlagung der Drogenkartelle zu
verbessern, die Lieferung chemischer Grundstoffe zu
stoppen, Geldwäsche zu verhindern und den Anbau
von Drogenpflanzen zu entmutigen. Wir haben die
Botschaft übermittelt, daß Drogenkonsum nicht länger
toleriert und die Konsumenten illegaler Drogen zur
Rechenschaft gezogen werden. Wir bauen mehr
Gefängnisse und versuchen, für Drogenkonsum und handel Abschreckungsmittel zu schaffen, indem wir
garantieren, daß alle Beteiligten sich der Bestrafung
nicht entziehen können.
Kurz gesagt, haben wir Drogenbekämpfung zur obersten nationalen Priorität erhoben.
Unsere Anstrengungen finden auf vielen Ebenen statt.
Wir versuchen, den Drogenfluß ins Land mit allen
Mitteln zu unterbinden. Mit unserem Strafvollzug und
unseren Bemühungen zur Unterbindung des Nachschubs werden unsere soziale und legale Mißbilligung
stärker betont und stimuliert. Wir müssen uns in nie
dagewesenem Maße darauf konzentrieren, daß wir
denjenigen, die ein Drogenproblem haben, Behandlungsmöglichkeiten bieten und das Bewu ßtsein für die
Gefahren des Drogenkonsums schärfen, um denjenigen zu helfen, die keine Drogenkonsumenten sind,
damit sie den Verlockungen des Rauschgifts nicht
erliegen. Und unsere gesellschaftliche Intoleranz schafft
ein Klima, das Angebot und Nachfrage weniger förderlich ist. So müssen wir den Teufelskreis des Drogenproblems angreifen - an allen Fronten gleichzeitig.
Ich möchte Ihnen unsere Arbeit im einzelnen darlegen.
Zunächst müssen wir auf der Nachfrageseite an der
Entwicklung erfolgreicher Präventiv-, Behandlungsund Forschungsmaßnahmen arbeiten, um den Markt
für Drogen zu zerschlagen.
Vorbeugung erfordert eine verständliche, genaue und
glaubwürdige Botschaft zur Bekämpfung von Drogen,
die alle gesellschaftlichen Gruppen erreichen muß.
Jeder einzelne muß diese Botschaft verstehen und
beachten.
Die Medien haben viele Jahre lang Drogen verherrlicht. Das hat die Toleranzschwelle erhöht und zu einer
Akzeptanz des Mißbrauchs von Suchtstoffen geführt.
Als die Regierung sich der Drogenbekämpfung verschrieb, standen sich Regierung und Medien als erbitterte Gegner gegenüber. Aber diese Spannungen und
Gegensätze sind jetzt abgebaut, und die Medien haben
sich der Regierung angeschlossen. In diesem Zeitalter der Medienpräsenz müssen wir die Medien auf
unserer Seite haben und sie voll und ganz nutzen.

AMERIKA DIENST 14

�Auch einf lu ßreiche Vertreter aus den Bereichen Unterhaltung, Film und Musik arbeiten daran, Drogenkonsum als das darzustellen, was es ist - zerstörerisch,
verabscheuungswürdig und ein Zeichen der Schwäche. Werbestrategen und Werbeagenturen haben
ihre Talente zur Verfügung gestellt und Milliarden
Dollar in Sendungen und Werbung zur Drogenbekämpfung gesteckt. Rundfunk und Fernsehen haben
auf lokaler und nationaler Ebene Drogenbekämpfungsprogramme entwickelt, um auch Arme und Minderheiten auf die Drogengefahr aufmerksam zu machen und
durch Information über Behandlungsmöglichkeiten und
andere Hilfsquellen Hoffnung zu machen. Und die
Eltern als größte Befürworter dieses Programms werden zur Zusammenarbeit mit der Regierung mobilisiert. Nicht zuletzt waren sie es, die die Regierung
aufforderten, mehr zu tun.

tungen in den Vereinigten Staaten wenden vielfältige
Methoden an und haben höchst unterschiedliche Erfolgsquoten. Es gibt keine eindeutige Antwort darauf,
welche Therapie oder Kombination unterschiedlicher
Behandlungsmethoden auf lange Sicht Erfolg hat. Wir
stützen uns auf Forschung und Erfahrung, um diese
Antworten zu finden.
Drogenabhängigkeit ist eine chronische Krankheit mit
extrem hoher Rückfallquote. Patienten werden weder
über Nacht noch in wenigen Monaten völlig geheilt. Es
ist ein langwieriger therapeutischer Prozeß, der medizinische und psychosoziale Eingriffe erforderlich macht.
Wir wissen jedoch, daß die Therapie generell den
Drogenkonsum proportional zur Therapiedauer verringert. Je länger jemand Therapie erhält, um so mehr
wird er sich des Drogenkonsums enthalten und wieder
zu sich selbst zu finden.

Das Ziel unseres Präventivprogramms besteht darin,
die Zahl der Konsumenten zu verringern und - wenn
unsere nationalen Untersuchungen stimmen - haben
wir das bei allen Konsumentengruppen, auch den
Gelegenheitskonsumenten, erreicht. Unser Engagement für die Vorbeugung ist stark, allein in meinem
Ministerium hat die Zahl der Präventivprogramme
drastisch zugenommen, und von 1989 bis 1990 sind 95
Prozent mehr Mittel aufgewendet worden.

Dennoch müssen wir noch viel darüber lernen, wie
man den Drogenkonsumenten von Drogen fernhalten
kann, insbesondere im Bereich des Arzneimittelmißbrauchs. Für die amerikanischen Bestrebungen ist
Forschung unabdingbar, und wir sehen der Fortsetzung unserer gegenwärtigen Zusammenarbeit mit
zahlreichen Ländern und der Aufnahme neuer Projekte mit anderen hoffnungsvoll entgegen.

Für Drogenabhängige ist eine Therapie lebenswichtig.
Sie muß verfügbar, leicht zugänglich und erfolgreich
sein.

Ich möchte unser starkes Engagement in diesem
Bereich nochmals betonten. Der Etat des Nationalen
Suchtstoff-Kontrollamts (National Institute on Drug

Ein Problem besteht im Mangel an verfügbaren Therapieplätzen. Öffentliche und private Mittel waren bisher
zur Erfüllung des Bedarfs nicht ausreichend. Kürzlich
haben Präsident Bush und der Kongreß die Mittel
aufgestockt, was eine Verdoppelung der staatlichen
Therapieplätze von 1987 bis 1990 zur Folge haben
wird.
Aber nur Geld bereitzustellen, ist nicht genug. Wir
müssen unsere Anstrengungen für einen wirksameren
Einsatz derTherapiegelder verdoppeln. Der Therapiebedarf muß an die Einrichtungen und Programme
angepaßt werden, die dem Drogenabhängigen am
besten helfen können. Wir streben bessere Zusammenarbeit zwischen Therapieeinrichtungen und den
Sozial-, Gesundheits- und Arbeitsämtern an, damit
die Abhängigen die erforderlichen Leistungen erhalten, um ihrem Leben wieder einen Sinn zu geben.
Diese Betonung auf Therapie spiegelt die klare Erkenntnis wider, daß der harte Kern der Drogenabhängigen und diejenigen, die nicht alleine von der Sucht
loskommen, so bald wie möglich Hilfe erhalten müssen.
Wir können jedoch nicht erwarten, daß eine Aufstokkung der Mittel per se zu einem raschen Abbau der
Nachfrage führen wird. Therapie ist ein langwieriger,
komplexer Prozeß. Die über 5 000 Therapieeinrich-

AMERIKA DIENST 14

Abuse - NIDA) wurde 1989 von 192 Millionen auf 255

Millionen Dollar im Jahr 1990 aufgestockt, was einer
Steigerung von 33 Prozent entspricht. Die Haushaltsvorlage der Bush-Adminstration für 1991 fordert die
Bereitstellung von zusätzlichen 45 Millionen Dollar für
Forschung über Drogenmißbrauch - eine Aufstockung
von 57 Prozent von 1989 bis 1991.
Eine Strategie zur Bekämpfung des illegalen Drogenkonsums kann nur unter Einbeziehung der entscheidenden Rolle der StrafJustiz Erfolg haben. Der Rechtsstaat besteht nicht nur aus Gesetzen - er ist ein Spiegel
der Wünsche und Bedürfnisse des Volkes und das
moralische Gewissen einer Gesellschaft. Er läßt uns
wissen, was unsere Mitbürger von sich und anderen
erwarten.
Unsere Bürger wissen, daß Drogenkonsum eine
Bedrohung für unser Land und die Welt insgesamt
darstellt. Das ist keine graue Theorie - es ist für
Millionen Amerikaner Realität. Ihre Familien wurden
getrennt. Ihre Nachbarschaft wurde zur Kriegszone.
Ihre Kinder wurden in der Schule belästigt und bedroht.
Die öffentliche Sicherheit steht auf dem Spiel, wenn
Drogen am Arbeitsplatz Einzug halten oder sich ein
Drogenabhängiger ans Steuer setzt. Solche Bedrohungen erfordern eine entschiedene und konsequente
Antwort der Polizei, die vornehmlich auf Gemeindeebene arbeitet.

Seite 3

�Präsident Bush und der Kongreß arbeiten mit den
Bundesstaaten und Gemeinden an geeigneten Maßnahmen. Wir haben unsere Bestrebungen zur Unterbindung des Nachschubs verbessert und die Patrouillen an den Grenzen und in den Hoheitsgewässern
verstärkt. Während der Drogenkonsument oder
-händler bisher nur gelegentlich zur Rechenschaft
gezogen wurde, wird der Arm des Gesetzes dank
unserer Bestrebungen heute unweigerlich nach ihm
greifen. Unser Drogenbekämpfungsgesetz fordert die
obligatorische Verurteilung, und unsere Richter sind
zu gerechter Bestrafung bereit. Wir werden alle verfügbaren rechtlichen Mittel ausschöpfen, einschließlich der neuen UN-Konvention.
Wir haben mehr Polizei beamte zur Konfiszierung von
Vermögen, Abbau des Profits für Drogenhändler und
Zerschlagung der Drogenkartelle. Dank der jüngsten
vom Präsidenten eingebrachten und vom Kongreß
verabschiedeten Gesetze werden die Mittel zum Bau
weiterer Gefängnisse aufgestockt, womit sichergestellt wird, daß diejenigen, die wegen Gesetzesverstößen verfolgt und verurteilt wurden, tatsächlich ihre
volle Strafe verbüßen.
Darüber hinaus haben wir Drogentests bei Verhafteten, Gefangenen, auf Hafturlaub befindlichen und auf
Kaution freigelassenen Personen im gesamten Strafvollzug vorgeschlagen. Staatliche Mittel wurden ferner für die Planung, Entwicklung und Durchführung
alternativer Strafvollzugsprogramme für nicht gewalttätige Drogenkriminelle, einschließlich Hausarrest und
Rekrutenlager bereitgestellt.
Auch die Mittel zur Vernichtung des Marihuanaanbaus
im Inland wurden aufgestockt. Damit soll das Problem
der Marihuanaproduktion in unserem Land bewältigt
und unsere Bemühungen unterstützt werden, andere
Länder zur strikten Kontrolle der Produktion illegaler
Drogen in ihrem Land zu ermutigen.
Trotz dieser Fortschritte gibt es einige - eine sehr
kleine, aber lautstarke Minderheit - die unsere Gesellschaft in ein noch tieferes Chaos stürzen wollen. Wir
müssen uns vor denjenigen hüten, die das Argument
vorbringen, ein Ende des Suchtstoffmißbrauchs erfordere zu viel Anstrengung, Zeit und Mittel. Einige dieser
Kritiker behaupten, Legalisierung sei die Antwort. Wie
wir in den Vereinigten Staaten feststellen mußten, ist
das jedoch überhaupt keine Antwort. Trotz der Tatsache, daß die Vereinigten Staaten in den sechziger und
siebziger Jahren beträchtliche Mittel in Präventivmaßnahmen gesteckt haben, wurde in diesen zwei Jahrzehnten eine Pseudolegalisierung und gesellschaftliche Toleranz gefördert. In den Vereinigten Staaten
haben unsere Erfahrungen mit diesen zwanzig Jahren
den Preis demonstriert, den wir für eine Beschwichtigungspolitik zahlen müssen - mehr Drogen, mehr
Abhängige und mehr Tote. Eine Legalisierung würde
dem Drogenkonsum das Stigma, den Druck nach

Seite 4

Therapie und die wenigen Engpässe nehmen, die bei
Kosten und Nachschub bestehen. Eine Legalisierung
wäre ein tragischer, entsetzlicher Fehler und ihre Sinnlosigkeit ist so offensichtlich geworden, daß niemand
sie ernsthaft als Alternative erwägen kann. Eine
Legalisierung würde den Menschen die Botschaft
übermitteln, daß unsere Gesellschaft dem schädlichen Drogenkonsum moralisch indifferent gegenübersteht. Eine solche Botschaft würde unser moralisches
Bewußtsein in Zweifel ziehen.
Wir sind heute hier im Bewußtsein unserer Verantwortung als internationale Staatengemeinde zusammengekommen. Wir wissen, daß Drogen weiterhin unsere
Kinder und Gemeinden terrorisieren werden, wenn wir
nicht zusammenarbeiten. In diesem entscheidenden
Punkt sind wir uns einig.
Die Bedeutung unserer Zusammenarbeit wurde beim
jüngsten Gipfeltreffen in Cartagena unterstrichen. Dort
hat Präsident Bush zusammen mit den Präsidenten
Barco, Garcia und Paz das Versprechen gegeben, die
Händler von Drogen und Tod auf allen Ebenen zu
bekämpfen: Produktion, Vertrieb, Finanzwesen und
Konsum. Dort wurde auch das erste Drogenbekämpfungskartell der Welt gegründet, mit dem die Notwendigkeit eines starken internationalen Engagements
hervorgehoben wurde.
Beim Gipfeltreffen in Cartagena wurde auch die Notwendigkeit für alle Länder bekräftigt, so bald wie möglich
die Konvention der Vereinten Nationen über den unerlaubten Handel mit Drogen und psychotropen Stoffen
zu ratifizieren. Nach ihrer Ratifizierung wird die Konvention aus dem Jahr 1988 die weltweite Zusammenarbeit in Bereichen wie Geldwäsche, Beschlagnahme
von Vermögenswerten, Kontrolle chemischer Grundstoffe, Auslieferung, Fahndung, Sammlung nachrichtendienstlicher Erkenntnisse und Informationsaustausch
fördern. Ich freue mich, berichten zu können, daß die
Vereinigten Staaten die unterzeichnete Ratifizierungsurkunde am 20. Februar 1990 den Vereinten Nationen
übergeben haben.
Eine größere Rolle der UNO ist unabdingbar. Die
Vereinten Nationen spielen eine entscheidende Rolle
bei der Förderung weltweiter Kooperation. Ich fordere

die Länder, die die UN-Konvention von 1988 noch nicht
ratifiziert haben, auf, dies zu tun. Unser Ziel sollte darin
bestehen, die UN-Konvention bis Ende dieses Jahres
in Kraft zu setzen. Dies erfordert die Ratifizierung
durch 20 Nationen.
Ebenso wie sich Bürgerinitiativen in den amerikanischen Städten zur Drogenbekämpfung organisiert
haben, müssen wir als internationale Staatengemeinschaft Drogen den Kampf ansagen. Die Nachfrage
nach Drogen wird weiterbestehen und steigen, wenn
wir nicht einen Schlußstrich ziehen und als Gemeinschaft zusammenarbeiten.

AMERIKA DIENST 14

�Diese Konferenz wird meines Erachtens dazu beitragen, voneinander zu lernen und zusammenzuarbeiten. Wenn uns dies gelingt, wird es den Drogenbaronen und -händlem eine Warnung sein, die sie sich zu
Herzen nehmen sollten, denn es bedeutet ihren sicheren Untergang. Ihre Tage sind gezählt.
Und den Drogenkonsumenten werden wir die Botschaft übermitteln, daß sie die Verantwortung für die
Verbreitung des Drogenproblems tragen. Wir müssen

AMERIKA DIENST 14

den Konsumenten vermitteln, daß Hilfe für sie zur
Verfügung steht, es aber an ihnen ist, diese Hilfe in
Anspruch zu nehmen.
Das letzte Kapitel im Drama der weltweiten Drogenepidemie könnte sehr viel früher geschrieben werden,
wenn wir Konferenzen wie diese nutzen, um Kooperation und Engagement zur Beendigung der Drogenkrise
zu fördern.

Seite 5

�RÜSTUNGSKONTROLLE
11. April 1990

DIE VERHANDLUNGEN ÜBER KERN- UND
WELTRAUMWAFFEN:
AMERIKANISCHE UND SOWJETISCHE VORSCHLÄGE
- Eine Übersicht des ACDA Die folgende Übersicht wurde am 4. April 1990 vom Amt für Rüstungskontrolle und Abrüstung veröffentlicht.

START - Gespräche über die Begrenzung strategischer Rüstungen
Allgemeine Haltung
Vereinigte Staaten
Stufenweise Reduzierung der strategischen Offensivwaffen auf gleiche Niveaus, wobei zu vereinbarten
Terminen innerhalb von sieben Jahren nach Inkrafttreten des Vertrags gleiche Zwischenobergrenzen erzielt
werden müssen.
Sowjetunion
Reduzierung der strategischen Offensivwaffen auf
gleiche Niveaus, durchzuführen in zwei Phasen innerhalb von sieben Jahren nach Inkrafttreten des Vertrags, wobei nach Phase 1 gleiche Obergrenzen gelten
müssen.

Vereinigte Staaten
Es können keine weiteren Rüstungskontrollverträge
mit der Sowjetunion abgeschlossen werden, solange
diese nicht die Verletzung des ABM-Vertrags durch
das Radar von Krasnojarsk in einer verifizierbaren
Weise einstellt, die amerikanischen Kriterien entspricht.
Die Vereinigten Staaten haben sich befriedigt über die
Ankündigung der Sowjets geäußert, das Radar von
Krasnojarsk vollständig zu beseitigen.
Sowjetunion
Die Sowjets haben sich bereiterklärt, das Radar von
Krasnojarsk vollständig abzubauen.
Trägersysteme
Vereinigte Staaten

Abschluß eines START-Abkommens nicht abhängig
von einer Einigung über Fragen der Weltraumverteidigung.

Eine Obergrenze von 1 600 strategischen Trägersystemen (SNDVs) in Form von stationierten Interkontinentalraketen (ICBMs) und deren Abschuß Vorrichtungen, stationierten U-Boot-gestützten ballistischen
Raketen (SLBMs) und deren Abschußvorrichtungen
sowie schweren Bombern.

Sowjetunion

Sowjetunion

Abschluß des START-Vertrags nicht abhängig von
einer Einigung über Weltraumverteidigung. Die Sowjets stehen jedoch auf dem Standpunkt, daß sie ein
Recht zur Kündigung eines START-Vertrags besitzen,
wenn sie zu dem Schluß kommen sollten, daß die
Vereinigten Staaten den ABM-Vertrag verletzen, wie
er von den Sowjets interpretiert wird.

Identisch mit der Haltung der Vereinigten Staaten.

Vereinigte Staaten

AMERIKA DIENST 14

Gefechtsköpfe
Vereinigte Staaten
Obergrenze von 6 000 Gefechtsköpfen, einschließlich
der stationierten Gefechtsköpfe auf ICBMs und SLBMs

Seite 1

�sowie atomar bestückter ALCMs (luftgestützter Marschflugkörper) großer Reichweite; jeder nur mit atomaren
Freifallbomben und Angriffsraketen kurzer Reichweite
(SRAMs) ausgerüstete schwere Bomber zählt als ein
Gefechtskopf.
Sowjetunion
Identisch mit der Haltung der Vereinigten Staaten.
Untergrenzen bei Gefechtsköpfen
Vereinigte Staaten
Untergrenzen von 4 900 Gefechtsköpfen auf ballistischen Raketen und 3 000 - 3 300 Gefechtsköpfen auf
ICBMs.
Sowjetunion
Untergrenze von 4 900 Gefechtsköpfen auf ballistischen Raketen. Im Falle einer Untergrenze von 3 300
Gefechtsköpfen auf ICBMs muß eine ebensolche
Untergrenze von 3 300 Gefechtsköpfen für SLBMs
gelten. Untergrenze von 1 100 Gefechtsköpfen auf
stationierten schweren Bombern.
Schwere ICBMs
Vereinigte Staaten

Gefechtsköpfe auf ballistischen Raketen
Vereinigte Staaten
Jeder Gefechtskopf auf ballistischen Raketen zählt als
ein Gefechtskopf unter der Obergrenze von 6 000. Für
die bestehenden Typen wird eine Quote von Vor-OrtInspektionen festgesetzt, um zu verifizieren, daß die
beim Washingtoner Gipfel für stationierte Raketen
deklarierte und vereinbarte Zahl von Gefechtsköpfen
nicht überschritten wird.
Für künftige Typen sowie Veränderungen bei der Zahl
von Gefechtsköpfen auf bestehenden Typen müssen
die Verfahrensweisen noch festgelegt werden.
Sowjetunion
Bei den bestehenden Typen identisch mit der USPosition.
Mobile ICBMs
Vereinigte Staaten
Die Vereinigten Staaten haben das Verbot von mobilen ICBMs aufgehoben. Die START-Unterhändler
müssen jetzt die Einzelheiten für die Anwendung der
Begrenzungen auf mobile ICBMs sowie wirksame
Verifizierungsmaßnahmen ausarbeiten.

Begrenzung von 1 540 Gefechtsköpfen auf 154 stationierten schweren ballistischen Raketen. Verbot von
Produktion, Flugerprobung oder Modernisierung neuer oder bestehender Typen schwerer ICBMs.

Sowjetunion

Sowjetunion

Nichtstationierte Raketen

Begrenzung von 1 540 Gefechtsköpfen auf 154 stationierten schweren ICBMs. Produktion, Flugerprobung
oder Modernisierung bestehender Typen schwerer
ICBMs zulässig. Entwicklung, Erprobung und Stationierung neuer Typen schwerer ICBMs verboten.

Vereinigte Staaten

Wurfgewichte
Vereinigte Staaten
Die Wurfgewichte der sowjetischen ICBMs und SLBMs
zusammengenommen werden um 50 Prozent des am
31. Dezember 1986 bestehenden Wurfgewichts reduziert. Während der Laufzeit des Vertrags wird keine
Seite dieses Niveau überschreiten.
Sowjetunion
Im Prinzip identisch mit der US-Position. Es bestehen
jedoch weiterhin Meinungsverschiedenheiten über die
Bestimmung der anzurechnenden Wurfgewichte. Die
Reduzierung soll auf der Basis des bei Unterzeichnung
des Vertrags bestehenden Niveaus der Wurfgewichte
stattfinden.

Zulässig mit zahlenmäßigen Begrenzungen für Abschuß Vorrichtungen und Gefechtsköpfe.

Zahlenmäßige Begrenzungen (die genauen Obergrenzen müssen noch ausgehandelt werden) werden bei
nichtstationierten ballistischen Raketen und den zugehörigen Gefechtsköpfen für alle Typen von ICBMs, die
bereits von mobilen Abschußrampen aus im Flug
erprobt wurden, festgelegt. Für andere nichtstationierte ballistische Raketen werden keine zahlenmäßigen
Begrenzungen eingeführt, aber Stationierungsort und
Verlegung werden Beschränkungen unterworfen. Beide
Seiten haben ferner vereinbart, daß es keinerlei Beschränkungen für nichtstationierte Marschflugkörper
und nichtstationierte Waffen auf schweren Bombern
geben wird.
Sowjetunion
Identisch mit der amerikanischen Haltung.
Schwere Bomber
Vereinigte Staaten
Jeder schwere Bomber zählt als ein strategisches
Trägersystem (SNDV). Jeder nur für Freifallbomben

AMERIKA DIENST 14

Seite 2
i

�und Angriffsraketen kurzer Reichweite ausgeröstete
schwere Bomber würde im Rahmen der Obergrenze
von 6 000 als ein Gefechtskopf zählen. Eine vereinbarte Zahl von schweren Bombern könnte durch
Umrüstung zu rein konventionellen Systemen von der
SNDV-Obergrenzevon 1 600 ausgenommen werden.

jedem folgenden Jahr wird eine Höchstzahl für das
nächstfolgende Jahr nach dem ersten Fünfjahreszeitraum deklariert. Die deklarierten SLCMs werden von
allen START-Verfügungen - den Begrenzungen auf
6 000 Gefechtsköpfe und 1 600 strategische Trägersysteme (SNDVs) - ausgenommen.

Sowjetunion

Verifizierung der Einhaltung

Identisch mit der US-Position, außer in der Frage, daß
die sowjetische Zustimmung zur Umrüstung von schweren Bombern zu rein konventionellen Systemen von
der amerikanischen Zustimmung zur sowjetischen
Position über die Reichweite von ALCMs abhängig
gemacht wird.

Vereinigte Staaten

ALCMs
Vereinigte Staaten
ALCMs werden als luftgestützte, nuklear bestückte
Marschflugkörper mit einer Reichweite von über 1 000
Kilometern definiert. Eine vereinbarte Zahl von ALCMs
(10 auf amerikanischen schweren Bombern, 8 auf
bestehenden sowjetischen schweren Bombern, 10 auf
künftigen sowjetischen schweren Bombern) sollen jedem
für ALCMs ausgerüsteten Typ schwerer Bomber zugerechnet und auf die Obergrenze von 6 000 Gefechtsköpfen angerechnet werden. Die amerikanischen schweren Bomber könnten eigentlich für bis zu
20 ALCMs ausgerüstet werden, während die bestehenden sowjetischen schweren Bomber bis zu 12
ALCMs und künftige sowjetische schwere Bomber bis
zu 20 ALCMs aufnehmen könnten.
Sowjetunion
Identisch mit der amerikanischen Haltung, außer, daß
ALCMs als luftgestützte Marschflugkörper mit Reichweiten über 600 Kilometern definiert werden.
SLCMs
Vereinigte Staaten
SLCMs werden als seegestützte, nuklear bewaffnete
Marschflugkörper mit einer Reichweite über 300 Kilometer definiert.
Sowjetunion
Identisch mit der amerikanischen Haltung, außer, daß
SLCMs als seegestützte, nuklear und konventionell
bewaffnete Marschflugkörper mit einer Reichweite über
600 Kilometer definiert werden.
Vereinigte Staaten
Während der Vertragsdauer werden beide Seiten
parallele, politisch bindende Erklärungen über die
maximale Anzahl von SLCMs, die sie zu stationieren
gedenken, abgeben. Die erste Erklärung von jeder
Seite wird die maximale Anzahl enthalten, die in jedem
derersten fünf Vertragsjahre stationiert werden soll. In
AMERIKA DIENST 14

Die Bestimmungen müssen mindestens folgende Punkte
enthalten: Datenaustausch vor und nach der Durchführung von Reduzierungen; Vor-Ort-Inspektionen zur
Verifizierung von Daten und zur Beobachtung der
Beseitigung der Waffen; kontinuierliche Vor-Ort-Überwachung von Zugängen und Gelände der entscheidenden Produktionsstätten; kurzfristig anberaumte
Inspektionen von Standorten, an denen vertraglich
begrenzte Systeme sowohl während als auch nach
dem Reduzierungszeitraum stationiert sind. Inspektionen von Standorten, an denen eine Vertragspartei
die geheime Produktion, Lagerung, Instandsetzung
oder Stationierung vermutet.
Recht auf kurzfristig anberaumte Inspektionen von
"verdächtigen Standorten". Recht zur Beantragung
von Inspektionen anderer "verdächtiger Standorte".
Falls die beschuldigte Partei die Inspektion verweigert,
muß sie sich ernsthaft um die Ausräumung der Anschuldigungen bemühen.
Die Vereinigten Staaten haben vorgeschlagen, daß
beide Seiten eine Beschleunigung ihrer Bestrebungen
vereinbaren und sobald wie möglich mit der Durchführung von Maßnahmen zur Verifizierung und Stabilisierung beginnen, um praktische Erfahrung zu sammeln
und Fragen der Verifizierung schneller zu lösen. Zu
den vorgeschlagenen Maßnahmen zählen: die Aufnahme von Vor-Ort-Inspektionen im Umkreis und an
den Zugängen zu bestimmten Raketenproduktionsstätten, Datenaustausch über die strategischen Nuklearstreitkräfte beider Seiten und Erörterung des
Problems von SLBMs mit kurzer Flugzeit.
Sowjetunion
Die Sowjets haben den größten Teil der amerikanischen Haltung zur Verifizierung akzeptiert, obgleich es
noch viele Detailfragen zu lösen gilt, insbesondere im
Bereich der Verifizierung mobiler ICBMs.
Die Sowjets haben das Prinzip von Maßnahmen zur
Verifizierung und Stabilität akzeptiert, einige eigene
Vorschläge unterbreitet und die amerikanischen Vorschläge in Genf eingehend erörtert.
Vereinigte Staaten
Mit den Sowjets wurde Einigung über folgende Maßnahmen erzielt:

Seite 3

�1.

Vorankündigung einer wichtigen Übung mit
schweren Bombern pro Kalenderjahr.

2.

Vorführung eines schweren Bombertyps auf
jeder Seite, um Verifizierungsverfahren zur Unterscheidung der mit ALCMs bestückten schweren Bomber von nicht mit ALCMs bestückten
schweren Bombern zu demonstrieren.

3.

Demonstration der von jeder Seite vorgeschlagenen Verfahren zur Vor-Ort-Inspektion von
Wiedereintrittsflugkörpern der ballistischen
Raketen jeder Seite.

Beide Seiten haben ferner Informationen über Techniken zur Identifizierung von Raketen ("Tagging") ausgetauscht. Beide Seiten sind sich über wichtige Elemente eines Regimes einig, mit dem die Nichtverweigerung telemetrischer Daten während der Flugerprobung von START erfaßter ballistischer Raketen sichergestellt wird. Diese Verfügungen werden in den
START-Vertrag aufgenommen, aber durch einen Briefwechsel bereits bei der Unterzeichnung des Vertrags
in Kraft gesetzt.
Sowjetunion
Mit den Vereinigten Staaten wurde Einigung über
folgende Maßnahmen erzielt:
1.

Vorankündigung einer wichtigen Übung mit
schweren Bombern pro Kalenderjahr.

2.

Vorführung eines schweren Bombertyps auf
jeder Seite, um Verifizierungsverfahren zur Unterscheidung der mit ALCMs bestückten schweren Bomber von nicht mit ALCMs bestückten
schweren Bombern zu demonstrieren.

3.

Demonstration der von jeder Seite vorgeschlagenen Verfahren zur Vor-Ort-Inspektion von
Wiedereintrittsflugkörpern der ballistischen
Raketen jeder Seite.

Beide Seiten haben ferner Informationen über Techniken zur Identifizierung von Raketen ("Tagging") ausgetauscht. Beide Seiten sind sich über wichtige Elemente eines Regimes einig, mit dem die Nichtverweigerung telemetrischer Daten während der Flugerprobung von START erfaßter ballistischer Raketen sichergestellt wird. Diese Verfügungen werden in den
START-Vertrag aufgenommen, aber durch einen Briefwechsel bereits bei der Unterzeichnung des Vertrags
in Kraft gesetzt.
Verteidigung im Weltraum
Allgemeine Haltung
Vereinigte Staaten
Die Vereinigten Staaten streben einen erleichterten
Gemeinsamen Übergang zu einem stabilisierenden
Gleichgewicht bei den offensiven und defensiven StreitSeite 4

kräften an, wenn sich eine effektive Verteidigung gegen
strategische ballistische Raketen als durchführbar
erweist. Die Vereinigten Staaten wollen sich darüber
hinaus die Option erhalten, in angemessenem Tempo
und auf kooperative Art und Weise moderne Verteidigungssysteme zu entwickeln und zu stationieren, wenn
diese einsatzbereit sind. Fragen der Verteidigung im
Weltraum sollten in einem neuen Vertrag behandelt
werden, der auf der Sprachregelung der Gemeinsamen Gipfelerklärung von Washington aufbaut sowie
diese erläutert und das Ergebnis des Außenministertreffens in Wyoming bekräftigt, um die unmißverständliche Bedeutung von Verpflichtungen zu gewährleisten, die in künftigen Verträgen eingegangen werden.
Sowjetunion
Fragen der Verteidigung im Weltraum sollten jetzt in
Form eines Protokolls zum ABM-Vertrag und nicht in
einem Vertrag über Verteidigung im Weltraum abgehandelt werden. Die Sowjets haben ein Protokoll
vorgeschlagen, das vom ABM-Vertrag erlaubte und
verbotene Maßnahmen beinhaltet. Ferner haben sie
Maßnahmen zur Berechenbarkeit als integralen Bestandteil des ABM-Vertrags vorgeschlagen, um Vertrauen zu bilden und die Einhaltung des ABM-Vertrags
sicherzustellen. Fragen, über die beide Seiten bis zum
Abschluß des START-Abkommens keine Einigung
erzielt haben, sollen in Gesprächen über strategische
Stabilität nach dem START-Vertrag behandelt werden.
Vereinigte Staaten
Mit der Sowjetunion können keine weiteren Verträge
über strategische Rüstungskontrolle geschlossen
werden, wenn sie nicht ihre Verletzung des ABMVertrags durch das Radar von Krasnojarsk auf verifizierbare Art und Weise und nach amerikanischen
Kriterien korrigiert. Die Vereinigten Staaten haben
sich befriedigt über die Ankündigung der Sowjets
geäußert, das Radar von Krasnojarsk vollständig
abzubauen.
Sowjetunion
Die Sowjets haben erklärt, daß sie das Radar von
Krasnojarsk vollständig beseitigen werden.
Verpflichtung zum Nichtrücktritt vom ABM-Vertrag
Vereinigte Staaten
Beide Seiten haben vereinbart, den Ansatz einer Verpflichtung zum Nichtrücktritt vom ABM-Vertrag fallenzulassen.
Sowjetunion
Beide Seiten haben vereinbart, den Ansatz einer Verpflichtung zum Nichtrücktritt vom ABM-Vert/ac fallenzulassen.

AMERIKA OIF MST 14

�Aktivitäten gemäß ABM-Vertrag
Vereinigte Staaten
Die Vereinigten Staaten haben Initiativen vorgeschlagen, um die Bedeutung der Sprachregelung "erforderliche Forschung, Entwicklung und Erprobung wie im
ABM-Vertrag gestattet" klären zu helfen.
Sowjetunion
Die Sowjets streben Übereinstimmung bei nach dem
ABM-Vertrag erlaubten und verbotenen Aktivitäten in
Form eines Zusatzprotokolls zum ABM-Vertrag an.
Die Sowjets würden Aktivitäten auf eine Interpretation
des ABM-Vertrags begrenzen, die restriktiver ist als
beide Parteien dies 1972 vereinbart haben und möglicherweise noch restriktiver als die "enge Interpretation".
Vereinigte Staaten
Um zu demonstrieren, daß die amerikanische Erprobung weltraumgestützter Komponenten von ABMSystemen, die auf "anderen physikalischen Prinzipien" beruhen und die Fähigkeit haben, eine ABMAbfangrakete zu ersetzen - was nach dem ABMVertrag erlaubt ist - nicht mit der Stationierung solcher
Komponenten gleichzusetzen ist, sind die Vereinigten
Staaten bereit, diese erlaubte Erprobung nur von
bestimmten ABM-Test-Satelliten aus durchzuführen.
Die Vereinigten Staaten sind der Ansicht, daß die
Anzahl der gleichzeitig in der Erdumlaufbahn befindlichen Satelliten dieses Typs nicht die Zahl überschreiten soll, bei der man gemeinhin bereits von einer
stationierten Fähigkeit ausgehen würde. Den Vereinigten Staaten zufolge liegt die Zahl 15 weit unter
dieser Grenze.

zierungsprobleme auszuschließen und die Entwicklung stabilisierender weltraumgestützter Sensoren zu
fördern.

Vertragsdauer/Koppelung
Vereinigte Staaten
Ein Abkommen über Verteidigung im Weltraum wäre
unbefristet. Der ABM-Vertrag wird eingehalten, bis
eine Partei das Recht zur Stationierung ausübt (siehe
unten, Übergang zu Verteidigungssystemen).
Sowjetunion
Die Sowjetunion hat eingewilligt, daß der Abschluß
eines START-Vertrags nicht von einer Einigung über
Fragen der Weltraumverteidigung abhängt. Die Sowjets nehmen jedoch weiterhin das Recht für sich in
Anspruch, den START-Vertrag zu kündigen, wenn sie
zu dem Schluß kommen sollten, daß die Vereinigten
Staaten den ABM-Vertrag, wie sie ihn definieren,
verletzt haben.
Vereinigte Staaten
Ein Vertrag über Verteidigung im Weltraum muß unabhängig sein. Der Abschlu ß eines START-Vertrags und
die Einhaltung des Vertrags sollte nicht an die Lösung
von Problemen der Verteidigung im Weltraum gekoppelt sein. Die Vereinigten Staaten weisen sowjetische
Vorschläge als ungerechtfertigt zurück, mit denen sie
das Recht für sich in Anspruch nehmen, den STARTVertrag zu kündigen, falls sie zu dem Schluß gelangen
sollten, die Vereinigten Staaten hätten den ABMVertrag, wie sie ihn interpretieren, verletzt.

Sowjetunion
Die Sowjets haben die Initiative der Vereinigten Staaten zur Erprobung im Weltraum (ABM-Test-Satelliten)
und auch den Vorschlag über weltraumgestützte ABMRadars oder andere Sensoren zurückgewiesen und
geltend gemacht, sie liefen dem ABM-Vertrag und der
Gemeinsamen Gipfelerklärung von Washington zuwider.
Die Sowjets haben die Aufnahme intensiver Gespräche über die strategische Stabilität nach Abschluß
eines START-Vertrags vorgeschlagen.
Vereinigte Staaten
Die Benachrichtigung über die Erprobung von ABMTest-Satelliten würde im Protokoll über die Berechenbarkeit (siehe unten) Eingang finden.
Die Vereinigten Staaten haben darüber hinaus vorgeschlagen, daß jede Partei uneingeschränkt weltraumgestützte ABM-Radars oder andere Sensoren entwickeln, erproben oder stationieren darf. Dieser Vorschlag dient dem Ziei, künftige Definitions- und VerifiAMERIKA DIENST 14

Übergang zu Verteidigungssystemen
Vereinigte Staaten
Der ABM-Vertrag würde auch einem Vertrag über
Verteidigung im Weltraum zufolge in Kraft bleiben.
Jeder Seite wäre es jedoch gestattet, ihre Absicht zu
bekunden, Verteidigungssysteme gegen strategische
ballistische Raketen über die Begrenzungen des ABMVertrags hinaus zu stationieren. Nach einer solchen
Ankündigung würde die initiierende Seite spezielle
Maßnahmen für einen kooperativen Übergang zu einem
strategischen Regime vorschlagen, das Verteidigungssysteme zusätzlich zu den vom ABM-Vertrag gestatteten vorsieht. Beide Seiten würden dann intensive
Gespräche über diese speziellen Maßnahmen und die
strategische Stabilität aufnehmen. Nach Ablauf von
drei Jahren und danach könnte jede Seite nach einer
sechsmonatiger Vorankündigung Verteidigungssysteme gegen strategische ballistische Raketen stationieren, falls nicht in der Zwischenzeit eine andere Vereinbarung getroffen wird.

Seite 5

�Sowjetunion
Die Sowjetunion lehnt einen Übergang zu Verteidigungssystemen ab, die über die vom ABM-Vertrag
erlaubten hinausgehen.
Eingehende Gespräche über strategische Stabilität
werden nach Abschluß eines START-Vertrags aufgenommen. Die Sowjets schlagen vor, daß diese Gespräche sich mit den "Problemen der ABM-Verteidigung (beschäftigen) und dabei die neue Situation
berücksichtigen, die sich aus Reduzierungen der strategischen Offensivwaffen ergibt". Wenn keine anderslautenden Vereinbarungen getroffen werden, wird nach
diesen Gesprächen jede Seite für sich über ihr weiteres Vorgehen in bezug auf den ABM-Vertrag und den
START-Vertrag bestimmen, wenn sie dabei die entsprechenden Modalitäten dieser Verträge einhält. Die
Sowjets vertreten die Auffassung, daß beim Washingtoner Gipfel kein "Stationierungsrecht" vereinbart wurde,
jedoch die im ABM-Vertrag enthaltenen Rechte das
Vorgehen beider Seiten bestimmen.
Berechenbarkeit
Vereinigte Staaten
Die Beteiligten werden Möglichkeiten erörtern, um die
Berechenbarkeit bei der Entwicklung der amerikanisch-sowjetischen Beziehungen im strategischen
Bereich zur Reduzierung des Risikos eines Nuklearkrieges zu gewährleisten. Als vertrauensbildende
Maßnahmen und um für die strategischen Verteidigungsprogramme der jeweils anderen Seite Berechenbarkeit für alle Beteiligten sicherzustellen, haben
die Vereinigten Staaten die folgenden Maßnahmen
vorgeschlagen, die auf der Grundlage von Gegenseitigkeit, Vergleichbarkeit und Freiwilligkeit verwirklicht
werden sollen: jährlicher Austausch programmatischer Daten und Expertentreffen, Informationsgespräche, Besuche von Labors und Beobachtung von Versuchen. Die Vereinigten Staaten lehnen die Anwendung von Maßnahmen zur Berechenbarkeit für Zwekke der Einhaltung des ABM-Vertrags ab. Solche Maßnahmen sollten dazu dienen, die Transparenz zu verbessern und Vertrauen zu bilden. Dadurch könnten
technologische Überraschungen vermieden werden.

sowjetischen Verhätnisses im strategischen Bereich
zu gewährleisten und damit das Risiko eines Atomkrie
ges zu vermindern. Die Sowjets haben einige der
amerikanischen Konzepte für vertrauensbildende
Maßnahmen akzeptiert, darunter Datenaustausch,
Expertentreffen, Besuche in Labors und Beobachtung
von Versuchen. (Die Sowjets haben dem amerikanischen Vorschlag nich' zugestimmt, wonach jährlicher
Datenaustausch Forschungsmaßnahmen umfassen
soll, die durch Nationale Technische Mittel nicht erfaßt
werden können.) Die Sowjets betrachten diese Maßnahmen zur Berechenbarkeit jedoch als Mittel, um die
Einhaltung des ABM-Vertrags zu verifizieren. Darüber
hinaus haben die Sowjets einen freiwilligen Informationsaustausch vorgeschlagen, um Zweifelsfälle im
Hinblick auf den ABM-Vertrag zu klären, der parallel
zur dem für die Lösung von Fragen der Vertragseinhaltung vorgesehenen Mechanismus - dem Ständigen
Konsultativausschuß - stattfinden soll.
Vereinigte Staaten
Die Vereinigten Staaten haben ein auf Gegenseitigkeit
beruhendes Pilotprogramm zur Verwirklichung der von
amerikanischer Seite unterbreiteten Maßnahmen zur
Berechenbarkeit vorgeschlagen, in dessen Rahmen
jede Seite für ein bestimmtes Projekt jeder Seite einen
Einjahreszyklus von Datenaustausch, Expertentreffen, Informationsgesprächen, Besuchen in Labors,
Beobachtung von Versuchen und Demonstrationen
von Benachrichtigunsverfahren im Hinblick auf ABMTest-Satelliten durchführen würde.
Im Dezember 1989 besuchten sowjetische Regierungsexperten auf Einladung der Vereinigten Staaten
zwei amerikanische Einrichtungen, die Forschungsarbeiten über Verteidigungssysteme gegen ballistische
Raketen durchführen.
Sowjetunion
Im Dezember 1989 besuchten sowjetische Regierungsexperten auf Einladung der Vereinigten Staaten
zwei amerikanische Einrichtungen, die Forschungsarbeiten über Verteidigungssysteme gegen ballistische
Raketen durchführen.

Sowjetunion
Die Beteiligten sollen Möglichkeiten erörtern, um Berechenbarkeit bei der Entwicklung des amerikanisch-

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AMF.RKA DIENST 14

Seite 6

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11, Mai 1983
I N H A L T

DOKUMENTATION
Erklärung Reagans zur Freeze-Resolution des Kongresses
Aktuelle Entwicklungen des Atlantischen Bündnisses
- Von Botschafter Tapley Bennett -

WIRTSCHAFT
US-Außenminister umreißt Fragen des Ost-West-Handels
- Shultz bei der OECD in Paris -

WISSENSCHAFT UND TECHNIK
Physik im Dienst der Medizin
- "SQUID"-Apparatur mißt Eisenspiegel

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Postfach 20 03 00 Tel.: 0228-339 22 40

�11. Mai 1983

ERKLÄRUNG REAGANS ZUR FREEZE-RESOLUTION DES KONGRESSES

WASHINGTON - (AD) - Präsident Ronald Reagan hat am 5. Mai 1983 mit
Genugtuung festgestellt, daß eine große Zahl von Kongreßmitgliedern die Gefahren
erkannt habe, die mit einem sofortigen Einfrieren der Kernwaffen verbunden wären.
Die Resolution, die das amerikanische Repräsentantenhaus am 4. Mai verabschiedet
hatte und in der ein beiderseitiges Einfrieren der Kernwaffen in den Vereinigten
Staaten und in der Sowjetunion gefordert wird, stelle, so betonte Reagan, jedoch
"keine Antwort auf die Rüstungskontrolle dar, die ich verantwortungsbewußt
unterstützen könnte".
Die vom Weißen Haus veröffentlichte Erklärung des Präsidenten hat folgenden
Wortlaut:
Vor fast zwei Monaten begann das Repräsentantenhaus eine ernsthafte Debatte
über alternative Wege zur Rüstungskontrolle.

Die Debatte, eine der längsten

in der Geschichte des Repräsentantenhauses, hat nicht nur das Verständnis für
diese Fragen vertieft, sondern auch klargemacht, daß die Fragen selbst äußerst
komplex sind.

Es gibt keine leichten Antworten auf die Frage der Rüstungs-

kontrolle.
Während der Debatte

Postfach 20 03 00 Tel.: 0228-339 22 40
D 5300 Bonn 2
Telex: 8-85432

�Während der Debatte begannen mehr und mehr Mitglieder des Repräsentantenhauses einzusehen, daß ein sofortiges Einfrieren - das zwar äußerlich ansprechend
zu sein scheint - grundlegende Fehler hätte,

über 30 Jahre lang haben wir den

Weltfrieden bewahrt, weil die Vereinigten Staaten wirksame Abschreckungsstreitkräfte unterhalten.
gefährden.

Wir dürfen unsere Fähiakeit, den Frieden zu erhalten, nicht

Ebensowenig können wir die Vereinigten Staaten auf eine Position

der Unterlegenheit festlegen.

Und wir dürfen keine Schritte unternehmen, die

die hoch sensitiven RüstungskontrollVerhandlungen in Genf stören würden.
Ich freue mich, daß eine große Zahl von Mitgliedern des Kongresses die
Gefahren erkannt hat, die mit einem einfachen Einfrieren verbunden wären, und
Änderungen durchgesetzt hat, die eine Verbesserung der endgültigen Resolution
bewirkten, die vom Repräsentantenhaus verabschiedet wurde.

Besonders begrüßens-

wert war die Levitas- Änderung, weil sie die Bedeutung der Rüstungsverringerung
für die Erreichung echter Rüstungskontrolle hervorhebt.
Die Quintessenz der gestern abend verabschiedeten Resolutioi. ist zwiespältig,
ja innerlich so widersprüchlich, daß eine Interpretation schwer fällt. So
fordert die Resolution beispielsweise ein Einfrieren, während sie gleichzeitig
die Notwendigkeit der Aufrechterhaltung einer Gleichwertigkeit und ein stabiles
internationales Gleichgewicht unterstreicht. Diese Administration stimmt - wie
sie das schon so oft zum Ausdruck gebracht hat - zu, daß die Aufrechterhaltung
eines Rüstungsgleichgewichts wesentlich ist. Alles in allem stellt die endgültig vom Repräsentantenhaus verabschiedete Resolution - wenn auch mit großen
Verbesserungen - keine Antwort auf die Rüstungskontrolle dar, die ich verantwortungsbewußt unterstützen könnte.
Sollte diese Debatte jetzt im Senat weitergehen, dann bin ich sicher, daß
die Zweifel an und die Opposition gegenüber einem einfachen Einfrieren jetzt
weiter wachsen werden. In der Zwischenzeit wird diese Administration sich am
Verhandlungstisch mit allem Nachdruck für Rüstungsverringerungen einsetzen, die
nach meiner Meinung die beste und wahre Hoffnung auf Frieden und Stabilität
darstellen.
+ + + + +

�Dokumentation

1

United States Information Service
Embassy of the United States of America
11. Mai 1983

AKTUELLE ENTWICKLUNGEN DES ATLANTISCHEN BÜNDNISSES
- Von Botschafter Tapley Bennett •

HEIDELBERG - (AD) - Der Ständige Vertreter der Vereinigten Staaten im
Nordatlantikrat, Botschafter Tapley Bennett, hat am 11. Mai 1983 in Heidelberg
ein positives Bild des Atlantischen Bündnisses gezeichnet. Auf einer Veranstaltung der Deutschen Atlantischen Gesellschaft betonte Botschafter Bennett
jedoch die Notwendigkeit, daß das Bündnis "standhaft an seinem Doppelbeschluß
festhält". Nur dann seien Fortschritte bei den R'üstungskontrollVerhandlungen
mit den Sowjets zu erwarten.
Die Rede von Botschafter Tapley Bennett hat folgenden Wortlaut:
Das Atlantische Bündnis ist in das 35. Jahr seines Bestehens eingetreten.
Seit über einer Generation hat es jetzt den Frieden in Europa bewahrt - ein
beispielloser Rekord in modernen Zeiten. Es ist ein demokratisches Bündnis
souveräner Staaten, und in einem Bündnis von 16 freien und demokratischen Mitgliedstaaten muß es unausweichlich nationale Unterschiede geben. Aber heute
erfreut sich die NATO einer ausgezeichneten politischen Gesundheit. Das Bündnis
hält sich in dieser gegenwärtigen Periode der Bewährung sehr gut, was sowohl
die militärischen als auch die wirtschaftlichen Aspekte unserer transatlantischen
Beziehung angeht.
Mitte 1982 beherrschten wirtschaftliche Spannungen zwischen Europa und

^ ^ ^ ^ ^ ^ ^ ^ ^ .: 0228-339 22 40
D 5300 Bonn 2
Telex: 8-85432

�Schlagzeilen der westlichen Presse. Es schien ungewöhnlich schwierig, die
Differenzen zu überbrücken, die die westeuropäischen Staaten mit ihren starken
Verpflichtungen zur "Ostpolitik" und "Entspannung" von den Bemühungen Washingtons
trennten, in die Abwicklung des Handels mit der Sowjetunion größeren Realismus
und größere Vorsicht einzubringen - Kontrollen im Handel mit Waren einzuführen,
die direkt zur Stärkung der militärischen Macht der Sowjets beitragen und
umgekehrt zusätzliche Verteidigungsausgaben der westlichen Länder verursachen,
um das stetige Anwachsen der sowjetischen Rüstung auszugleichen.

Kenner atlan-

tischer Angelegenheiten behaupteten, daß die NATO "in Unordnung" sei. Sie hatten
nicht recht - denn selbst auf dem Höhepunkt der Kontroverse über die Erdgasleitung
verliefen die politischen und sicherheitspolitischen Funktionen des Bündnisses
völlig normal. Man kam jedoch in der NATO zu der wachsenden Einsicht, daß die
Meinungsverschiedenheiten über die Erdgasleitung unter Kontrolle gebracht werden
mußten, weil sie sonst früher oder später durchaus einen negativen Einfluß auf
den Zusammenhalt des Bündnisses haben könnten.

Hier erwiesen sich die außergewöhnlich guten Kenntnisse von Außenminister
Shultz in internationalen Wirtschaftsfragen als besonders nützlich, als es galt,
Mittel und Wege zur Überwindung dieser Belastungen zu finden - zuerst durch
sondierende Erörterungen mit seinen Kollegen im Bündnis bei den informellen
Gesprächen der NATO-Außenminister auf dem Oktober-Treffen in La Sapiniere in
Kanada und dann später im Laufe seines Europa-Besuches im Rahmen der NATO-Ministertagungen im Dezember und seinen anschließenden Besuchen in Hauptstädten von
Bündnisländern. Man kam dann überein, eine Reihe von Studien über Probleme des
Ost-West-Handels bei den geeigneten internationalen Einrichtungen in Brüssel und
Paris durchzuführen, und dies ermöglichte es Washington, die amerikanischen
Sanktionen im Zusammenhang mit der Erdgasleitung aufzuheben. Aber darüber hinaus
gab die Entscheidung, die Ost-West-Studien in Angriff zu nehmen, den nordamerikanisch-westeuropäischen Beziehungen gerade rechtzeitig Auftrieb, um die Einigkeit
des Bündnisses zu Beginn dieses kritischen Jahres zu fördern, in dessen Mittelpunkt
die Rüstungskontroll Verhandlungen in Genf und Raketenfragen stehen - die Durchführung des NATO-Doppelbeschlusses von 1979. In vielen Aspekten der Ost-West-

- 2 -

�der Ost-West-Studien sind gute Fortschritte erzielt worden, und die Ergebnisse
werden den Teilnehmern des Wirtschaftsgipfels in Williamsburg und den kommenden
Ministertagungen der OECD und der NATO in Paris in Bälde zur Verfügung stehen.
Der Besuch von Vizepräsident Bush Anfang dieses Jahres in Europa und seine
Gespräche mit wichtigen Führern des Bündnisses ließen Einigkeit des Willens
und der Zielsetzung erkennen, beide Teile des INF-Beschlusses vom Dezember 1979
standhaft durchzuführen - also in Genf ernsthaft mit den Sowjets auf der Basis
der Rüstungskontrollvorschläge zu verhandeln, durch die versucht werden soll,
den Stand der INF-Konfrontation so niedrig wie möglich zu halten, mit dem Endziel
der Null-Lösung für beide Seiten; und zweitens im Falle, daß die Genfer Verhandlungen zu keinen Ergebnissen führen, mit der Dislozierung der PERSHING II-Waffen
und der landgestützten Marschflugkörper zu beginnen. Man darf nicht vergessen,
daß die PERSHING II-Raketen an die Stelle der PERSHING I-Raketen in der Bundesrepublik treten und nicht zusätzlich disloziert werden.

Ferner dürfen wir nicht

die Tatsache übersehen, daß die Entscheidung der NATO von 1979 zum Abzug von
1000 nuklearen Gefechtsköpfen aus Europa geführt hat. Die NATO wird also am Ende
dieses Programms, sollte seine Durchführung notwendig werden, weniger Kernwaffen
auf europäischem Boden haben als 1976.
Vizepräsident Bush hat die Auffassungen der Verbündeten nach Washington
mitgenommen, daß Präsident Reagan eine Modifizierung der Nul1-Nu!1-Option ins
Auge fassen sollte, die den Verzicht der NATO auf die Dislozierung aller amerikanischen PERSHING II- und landgestützten Marschflugkörper im Austausch für die
sowjetische Beseitigung der SS-20 - nicht lediglich ihrer Neudislozierung in
die östlichen Gebiete der Sowjetunion, von wo sie leicht an die westliche Front
zurückverlegt werden könnten

- anbot. Am 30. März 1983 gab der Präsident

bekannt, daß er den westeuropäischen Forderungen nach einer "Zwischenlösung" für
die INF-Dislozierung der NATO nachkommen würde - so wie die Vereinigten Staaten
auf die Anliegen im Bündnis eingegangen waren, die zuerst von dem damaligen
Bundeskanzler Schmidt 1977 zum Ausdruck gebracht worden waren, innerhalb der
NATO zusammenzuarbeiten, um das Gleichgewicht der Macht in Europa wiederherzustellen, das durch die sowjetische Aufrüstung mit der SS-20 umgestoßen worden war.
An diesem entscheidenden

�An diesem entscheidenden Punkt ist es von lebenswichtiger Bedeutung, daß
das Bündnis standhaft an seinem Doppelbeschluß festhält - in dem Teil der
Rüstungskontrolle, um festzustellen, ob es möglich sein wird, mit den Sowjets
zu Abkommen zu gelangen, um den Stand der INF-Konfrontation zu senken, wo ein
Gleichgewicht gewährleistet werden muß; und in dem Teil der Dislozierung, um
die Entschlossenheit zu zeigen, die notwendig ist, um unseren sowjetischen Verhandlungspartnern klarzumachen, daß bei den Genfer Verhandlungen ein ausgewogenes
und verifizierbares Ergebnis erreicht werden muß.
Die INF-Frage ist zwar das bei weitem überragende Problem des Bündnisses
im gegenwärtigen Zeitpunkt, aber wir führen mit der NATO auch enge Konsultationen
über den Fortschritt bei den Verhandlungen über die Verringerungen der strategischen Rüstungen (START) und bei den Verhandlungen über beiderseitige und ausgewogene Truppenreduzierungen (MBFR) durch.

Bei diesen drei Verhandlungen geht es

um die Triade der NATO-Streitkräfte - strategisch-nukleare, nukleare Mittelstreckensysteme und konventionelle Streitkräfte - die entscheidend wichtig sind,
um unserer Strategie der "flexiblen Antwort" Glaubwürdigkeit zu verleihen - der
Strategie der Abschreckung, die den Frieden in Europa erhalten hat.
Die Verbündeten haben in allen diesen Verhandlungsbereichen richtungsweisende
Vorschläge unterbreitet. Bei den START-Verhandlungen in Genf hat sich die Aufmerksamkeit weitgehend auf amerikanische Vorschläge für umfangreiche Verringerungen der amerikanischen und sowjetischen strategischen Systeme konzentriert,
vor allem der höchst destabilisierenden landgestützten Interkontinentalraketen.
Die VereinictBn Staaten haben eine Verringerung der gegenwärtigen Zahl der
Gefechtsköpfe um etwa ein Drittel und ein Abkommen über eine niedrigere Zahl der
Trägerwaffen gefordert. Bei den MBFR-Verhandlungen in Wien steht bei den Verbündeten ihr Vertragsentwurf vom Juli 1982 im Mittelpunkt der Erörterungen.
Die Verbündeten wollen den Stand der konventionellen Streitkräfte, was die Zahl
der Soldaten in Heer und Luftwaffe angeht, auf beiden Seiten verringern. Die
engen und häufigen Konsultationen über diese Frage im Nordatlantikrat waren
erschöpfend und umfassend. Sie sind für alle von uns wertvoll,-und hier sind
die Bundesrepublik Deutschland und die Vereinigten Staaten besonders engagiert.
Auf der Madrider

�Auf der Madrider Nachfolgekonferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in
Europa - der Überprüfung der Schlußakte von Helsinki von 1975 - arbeiten die

Ver-

bündeten zusammen, um den Entwurf des Schlußdokuments zu verbessern, den die
neutralen und blockfreien Staaten vorgelegt haben. Alle Verbündeten kamen vor
der Wiederaufnahme der Madrider Verhandlungen im November vorigen Jahres überein,
daß in dem Schlußdokument, das von den neutralen und blockfreien Staaten unterbreitet wurde, mehrere

Änderungen vorgenommen werden müßten, bevor die Verhand-

lungen, die im Herbst 1980 begannen, zu einem annehmbaren Abschluß gebracht
werden können.
Die Vereinigten Staaten stehen fest hinter dem übereinkommen des Bündnisses
vom November vorigen Jahres und sind nach wie vor besorgt, daß die Sowjetunion
weiterhin bewußt einen weiten Bereich von Bestimmungen der Schlußakte von Helsinki
verletzt. Wir sind besonders besorgt darüber, daß sich die Sowjets weigern, die
Menschenrechtsbestimmungen der Übereinkommen von Helsinki einzuhalten oder sich
an Geist oder Buchstaben der Bestimmungen über den Gewaltverzicht zu halten, wie
dies durch das Verhalten der Sowjets gegenüber ihren Nachbarn in Afghanistan und
Polen zum Ausdruck kommt.
Bezüglich Polens hat das Bündnis auf die Verhängung des Kriegsrechts vom
Dezember 1981 reagiert, indem es eine Sondersitzung der Außenminister im Januar
1982 einberufen hat, auf der man sich einigte, drei Kriterien für eine Rückkehr
zu normalen Beziehungen des Westens zu Warschau anzuwenden:

Erstens, Freilassung

aller Internierten; zweitens, Aufhebung des Kriegsrechts; und drittens, Wiederaufnahme des Dialogs zwischen dem Regime, den Kirchen und der Gewerkschaft
Solidarität.

Vor dem Hintergrund dieser drei Kriterien verfolgt das Bündnis

auch weiterhin die Ereignisse in Polen mit großer Aufmerksamkeit.
Das Bündnis hat überdies die sogenannte "Prager Erklärung" geprüft, die
auf dem Gipfeltreffen des Warschauer Paktes im Januar veröffentlicht wurde.
Diese Erklärung scheint in gewissem Maße eine Antwort auf Appelle an den Osten
zu sein, die auf dem Gipfeltreffen in Bonn im Mai 1982 von der NATO ausgingen.
Das Kernstück der Prager Erklärung, nämlich der Vorschlag für einen Nichtangriffspakt

- 5 -

�einen Nichtangriffspakt zwischen Ost und West, ist nichts Neues.

Zumindest seit

1958, also vor 25 Jahren, haben die Sowjets wiederholt diese Idee vorgebracht.
Aber was sollen wir heute davon halten, wo die Rote Armee in Afghanistan praktisch
eine Agression durchführt?

Darüberhinaus unterstützen die Sowjets ohne Zögern

die Aggression vietnamesischer Streitkräfte gegen ihre Nachbarn in Südostasien,
und in der westlichen Hemisphäre helfen die Sowjets dem marxistisch orientierten
Regime in Nicaragua bei dessen Bemühen, die demokratisch gewählte Regierung in
El Salvador zu stürzen.

Ohne Frage sollten wir in der NATO uns Zeit nehmen und

unsere Augen offen halten, wenn wir die Prager Erklärung bewerten.

Zweifellos

wird das Kommunique zum Abschluß der NATO-Ministerratssitzung in Paris im Juni
im Lichte der gegenwärtigen Gegebenheiten in angemessener Weise auf die Vorschläge des Warschauer Paktes eingehen.
Wegen der potentiell gefährlichen Herausforderung der lebenswichtigen
Interessen des Bündnisses in Regionen der Welt außerhalb des Vertragsgebietes
der NATO, hat die Allianz seit 1980 in zunehmendem Maß damit begonnen, Mittel
und Wege der Zusammenarbeit zu erwägen, um mit solchen Herausforderungen fertigzuwerden. Obwohl unsere Hauptsorge sich im Augenblick auf die Bedrohung Westeuropas durch die SS-20-Raketen konzentriert, die mehr als 1000 Gefechtsköpfe
tragen, werden wir uns vielleicht demnächst überaus ernsthaft damit befassen
müssen, wie wir dem Problem der Herausforderungen außerhalb unseres Vertragsgebietes begegnen können. Insbesondere gibt es Gründe für legitime Besorgnisse
hinsichtlich der westeuropäischen und amerikanischen strategischen Interessen
in Südwestasien. Die großangelegte sowjetische Truppendislozierung in Afghanistan
ist ein Beweis für die Bereitschaft Moskaus, bewaffnete Macht in diesem Gebiet
einzusetzen. Das fundamentalistische iranische Regime des Ayatollah Khomeini
setzt inzwischen seine Bemühungen fort, die irakische Regierung zu stürzen
und droht damit, den benachbarten arabischen Staaten, die immer noch einen
Großteil des Öls für Westeuropa liefern,Khomeinis Version des Islam aufzudrängen.
Es liegt also auf der Hand, daß die Verbündeten auf mögliche zukünftige Krisen
in diesem überaus unruhigen Teil der Welt vorbereitet sein müssen.
Dieser kurze Überblick

�Dieser kurze überblick kann natürlich kaum auch nur einige der immer
stärker werdenden politischen Herausforderungen erfassen, denen sich das Bündnis
gegenübersieht.

Der Westen wird auch weiterhin auf unbegrenzte Zeit in einem sich

hinziehenden politischen und militärischen Wettstreit mit dem sowjetischen Imperium
leben.

Anstrengungen und Zurückhaltung auf beiden Seiten sind notwendig, um eine

Entspannung zu erreichen, die die Interessen beider respektiert.

Die bittere

Erfahrung der letzten Jahre hat gezeigt, daß wir im Westen den Worten des Staatsund Parteichefs Breschnew nicht genug Aufmerksamkeit zollten, der im Jahre 1967
erklärte: "Entspannung bedeutet nicht im geringsten, daß die Gesetze des Klassenkampfes abgeschafft werden".

Trotz der unnachgiebigen militärischen Aufrüstung

der Sowjets - weit über die Erfordernisse einer Verteidigungsposition hinaus bin ich zuversichtlich, daß die NATO über die Fähigkeit und über den politischen
Willen verfügt, sich weiterhin wirksam für das übergreifende Ziel einzusetzen:
Die Wahrung des Friedens in Freiheit.
Es sollte mit größtem Nachdruck unterstrichen werden, daß das Bündnis nicht
nur besteht, um den Frieden zu sichern, sondern um auch unsere Freiheiten zu
bewahren. Irgendwie gibt es auch Frieden in Osteuropa, aber das ist ein Friede
unter schwerster Repression. Dies ist das Faktum, das die NATO am meisten
vom Warschauer Pakt unterscheidet, wo die fundamentalen Freiheiten unter sowjetischer Vorherrschaft systematisch unterdrückt werden. Das gegenwärtige Drama
in Polen ist nur das jüngste, augenfälligste Beispiel für den unauslöschlichen
menschlichen Wunsch nach Freiheit in Osteuropa. Es sind nun 15 Jahre ins Land
gegangen seit dem kurzen Prager Frühling, als Dubcek versuchte, ein größeres
Maß an Freiheit für das tschechoslowakische Volk zu erlangen, und wegen seiner
Bemühungen ausgeschaltet wurde. In dem davorliegenden Jahrzehnt kämpfte Ungarn
für die Freiheit. Die Freiheitskämpfer wurden auch dort in brutaler Weise
unterdrückt -- und man sollte sich daran erinnern, daß Andropow damals der
sowjetische Botschafter in Budapest war. Ja, Anstrengungen, auch nur ein
bißchen an fundamentaler Freiheit zu erlangen, werden in allen Staaten des
Warschauer Paktes deutlich, auch in der Sowjetunion des Dr. Sacharow. Diese
anhaltenden Auseinandersetzungen sind ein Beweis für die endemische politische

- 7 -

�endemische politische Schwäche im sowjetischen System.

Die Unterdrückung und

die politische Stagnation in den Ländern jenseits der Elbe stehen in krassem
Gegensatz zur Vitalität unseres Bündnisses demokratischer Nationen.
Zusammenfassend möchte ich - da ich mich jetzt darauf vorbereite, meine
Mission bei der NATO nach über sechs Jahren zu beenden - sagen, daß ich optimistisch bin hinsichtlich der Zukunft des westlichen Bündnisses.

Unsere Mitglied-

staaten, deren Bevölkerung und industrielle Stärke zusammengenommen

die mensch-

lichen und materiellen Ressourcen des Warschauer Paktes weit übertreffen, müssen
nur den Willen aufbringen, der sowjetischen Herausforderung zu begegnen.

Es

ist eine entschlossene Herausforderung - daran besteht kein Zweifel - aber wir
können und müssen Moskau unmißverständlich klarmachen, daß ein Angriff auf die
NATO, auf welcher Ebene auch immer, einen unannehmbaren Preis für die Sowjetunion mit sich bringen würde.

Es ist die Abschreckung, die den Frieden wahrt.

Ich habe überhaupt keinen Zweifel hinsichtlich des Endergebnisses eines friedlichen Wettstreits zwischen Ost und West.
Wenn wir uns der Zukunft mit Realismus stellen und unsere Ressourcen klug
einsetzen, haben wir allen Grund, zuversichtlich zu sein, daß die NATO - bereits
jetzt das erfolgreichste Bündnis in der Weltgeschichte - auch weiterhin die
Vorteile der Freiheit und der Demokratie für die Generationen bewahren kann,
die nach uns kommen. Der Freiheit gehört die Zukunft - vorausgesetzt wir halten
uns immer vor Augen, daß der Preis der Freiheit stete Wachsamkeit ist.

+ + + + +

- 8-

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United States Information Service
Embassy of the United States of America

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20

11. Mai 1983

US-AUSSENMINISTER UMREISST FRAGEN DES OST-WEST-HANDELS
- Shultz bei der OECD in Paris -

PARIS - AD - Der amerikanische Außenminister George Shultz hat am
9. Mai 1983 auf der Ministertagung der Organisation für wirtschaftliche
Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) in Paris dazu aufgerufen, den Handel
mit dem Osten auf kommerzieller Basis zu betreiben. Es gehe nicht um einen
- sinnlosen - Wirtschaftskrieg gegen die Sowjetunion, sondern um die Erhaltung der Gesundheit der internationalen Wirtschaft und der Sicherheit
und Prosperität der demokratischen Nationen. Aus amerikanischen Regierungskreisen verlautet in diesem Zusammenhang, daß die Vereinigten Staaten
einen "Dialog" in Fragen des internationalen Handels und keine spezifischen
Verpflichtungen anstrebten. Wo kein Konsens existiere, könne man kein Übereinkommen aufzwingen.
An der Ministertagung der OECD nahmen auf amerikanischer Seite neben
Außenminister Shultz Finanzminister Donald Regan, Handelsminister Mal com
Baldrige, der Vorsitzende des Wirtschaftsbeirates des Präsidenten, Martin
Feldstein, sowie der Sonderbeauftragte für Handelsverhandlungen, William
Brock, teil.Brock warnte vor einem neuen Protektionismus, denn der Wiederaufschwung der Weltwirtschaft sei mit einer Liberalisierung des Handels
verknüpft.
Die Ausführungen

Postfach 20 03 00 Tel.: 0228-339 22 40
D 5300 Bonn 2
Telex: 8-85432

�Die Ausführungen des amerikanischen Außenministers haben folgenden
Wortlaut:
Ich freue mich, nach zehn Jahren wieder einmal bei der Organisation
für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) zu sein. Ich begrüße diese Gelegenheit, Ihnen die Auffassung meiner Regierung bezüglich
der heutigen Zusammenkunft mitzuteilen.
Wir kommen in einer Zeit der Hoffnung für die Weltwirtschaft zusammen.
Wie Finanzminister Regan dargelegt hat, ist der wirtschaftliche Wiederaufschwung im Gange. Nach einigen sehr schwierigen Jahren der Rezession und
der Schwierigkeiten in all unseren Ländern stehen die Vereinigten Staaten
im Jahre 1983 vor einem eindeutigen und wesentlichen Wachstum. Wir wissen,
daß der Aufschwung in Amerika - wie in der Vergangenheit - ein wichtiger
Faktor für den Anreiz des Wiederaufschwungs im ganzen OECD-Gebiet und in
der Entwicklungswelt sein wird. Nachdem wir die Inflation aus unserem System herausgepreßt haben - und wenn wir alle die notwendige Disziplin in unserer nationalen Politik üben - könnte die Welt vor einer langen Periode anhaltender, nichtinflationä'rer Expansion stehen.
Dieser Trend des Aufschwungs hat eine symbolische wie auch eine wirtschaftliche Bedeutung: Er erinnert uns an die außerordentliche Elastizität
der freien politischen und wirtschaftlichen Institutionen, über die wir alle
verfugen. Trotz aller zeitweiligen Rückschläge haben die freien Wirtschaften seit 1945 eine Generation des Wachstums und der Prosperität hervorgebracht, die in der Geschichte beispiellor ist. Auf der anderen Seite dieses
so grausam geteilten (europäischen) Kontinents sind die wirtschaftlichen
Probleme struktureller und systematischer Natur. Die mangelnde Leistung
liegt in der Sache; die Innovation wird gehemmt; die Stagnation ist allgemein verbreitet; und jede wirksame wirtschaftliche Reform würde den Griff
der starren zentralen politischen Kontrolle lockern und kommt daher nicht
in Frage. Unsere wirtschaftlichen Probleme sind hauptsächlich Probleme der

2-

�Probleme der Selbstdisziplin, des besser^

Managements der Hausnalts-

und Währungspolitik; die Probleme der anderen liegen in der

Sache und

sind grundsätzlicher Natur.
Daraus ergeben sich zwei Schlußfolgerungen: Erstens, die demokratischen Industriestaaten, die in dieser Organisation vertreten sind, dürfen
nicht vergessen, daß sie ein kostbares Erbe haben; und zweitens, daß wir
alle, wie mir scheint, eine besondere Verantwortung haben, das Problem der
Wirtschaftsbeziehungen zwischen Ost und West mit einiger Vorsicht anzupacken.
Es ist kein Zufall, daß die Ministertagung im Mai vorigen Jahres und
die Staats- und Regierungschefs auf dem Wirtschaftsgipfel im vorigen Jahr
übereinkamen, daß die OECD Aie wirtschaftlichen und finanziellen Beziehungen zwischen Ost und West prüfen solle.
Ich freue mich, sagen zu können, daß seither die OECD und die Internationale Energieagentur (IEA) wertvolle Forschungsarbeit und Analysen geleistet haben, die unser Verständnis des Ost-West-Handels und seine Auswirkungen erweitern.

Wir appellieren an diese Organisationen, ihre wichtige

Arbeit fortzusetzen. Ich werde gleich auf Gebiete für künftige Untersuchungen zu sprechen kommen. Lassen Sie mich zunächst die Auffassungen meiner
Regierung zu den Hauptpunkten darlegen, um die es geht.

Das Problem des Ost-West-Handels
Wenn das Verhältnis zwischen Ost und West ein normales Verhältnis zwischen Staaten wäre, dann säßen wir nicht hier, um über dieses Thema zu
sprechen. Solange die gegenwärtigen Verhältnisse bestehen, sind diese Beziehungen nicht normal und können nicht als normal behandelt werden - aus
vielen wirtschaftlichen und politischen Gründen. Es geht nicht darum,
einen "Wirtschaftskrieg" gegen die Sowjetunion zu führen, was sinnlos wäre,

- 3 -

�sinnlos wäre, sondern unter den einzigartigen Bedingungen des Ost-WestVerhältnisses die Gesundheit der internationalen Wirtschaft zu bewahren,
die wesentlich ist.
Natürlich gibt es Sicherheitsbedenken. Wir haben aus der Erfahrung
gelernt, daß manche wirtschaftlichen Transaktionen mit der Sowjetunion und
Osteuropa strategische Vorteile weitergeben, Engpässe in der Verfügbarkeit
von Ressourcen beheben oder gar Abhängigkeiten schaffen können. Die Vereinigten Staaten und ihre Verbündeten prüfen einige dieser Fragen in anderen
Gremien.
Aber die Anliegen, die wir in der OECD vorbringen wollen, sind ganz
richtige wirtschaftliche Anliegen. Die Bemerkung des Generalsekretärs zu "
diesem Thema, die ich begrüße, bietet eine ausgezeichnete Analyse der Komplikationen, die der Ost-West-Handel im Weltwirtschaftssystem verursacht.
Die Vereinigten Staaten sind der Überzeugung, daß die wirtschaftlichen Beziehungen zum Osten zumindest nach gesunden wirtschaftlichen Prinzipien abgewickelt werden müssen, damit sie nicht die Sicherheit oder die Prosperität demokratischer Nationen gefährden. Die OECD muß eine legitime und wesentliche Rolle bei der Schaffung und Aufrechterhaltung solcher Prinzipien spielen. Es ist recht und billig, hier der sehr guten Studie über die
Sicherung der Energieversorgung Hochachtung zu zollen, die gerade von der
OECD und der IEA gemeinsam fertiggestellt wurde. Ich hoffe, daß wir auf dieser Sitzung diese Studie billigen werden.
Jede Problemanalyse muß mit der Einsicht beginnen, daß ein fundamentaler Unterschied zwischen dem Weltmarkt auf der einen und den gelenkten
Planwirtschaften und den Staatshandelssystemen des Ostens auf der anderen
Seite besteht, lit einigen Ausnahmen ging es bei dem Ost-West-Handel
traditionell erweise um den Austausch von relativ fortschrittlicher Technologie gegen Rohstoffe und Halbfertigfabrikate aus dem Osten. Die Maschinen und Ausrüstungen, die wir ihnen verkaufen, bringen ihnen mehr als nur
eine einfache Aufstockung ihrer Kapitalgüter. Diese höchst modernen Erzeug-

- 4-

�modernen Erzeugnisse unserer technologischen Entwicklung enthalten einen
Teil unseres geistigen Kapitals, der dem Osten einen bestimmten Vorteil
vermittelt - einen Vorteil, der durch die Rohstoffe und Halbfertigfabrikate, die wir dafür erhalten, nicht ausgeglichen wird. Die Unfähigkeit
des Ostens, d^'e Fähigkeiten dieses Geräts voll auszunutzen, unterstreicht
nur dieses Ungleichgewicht.
Es besteht also eine grundsätzliche Unverträglichkeit zwischen den
Wirtschaften des Ostens und des Westens. Wie der Generalsekretär ausführte,
liegen die Hauptursachen für den niedrigen Stand des Ost-West-Handels in
den strukturellen Unzulänglichkeiten der zentralen Wirtschaftsplanung der
Kommunisten. Aus diesem Grunde hat sich zwischen Ost und West nicht das
Maß an Ergänzung und Interdependenz entwickelt, wie es sich zwischen Nord
und Süd entwickelt hat - und kann sich wahrscheinlich auch nicht entwickeln.
Es ist einfach eine Tatsache, daß im Osten hergestellte Fertigwaren häufig
im Westen nicht konkurrenzfähig sind, und die Kapazität der Länder des
Ostens, zusätzliche Rohstoffe zu exportieren, ist begrenzt.
Diese Fakten legen den Schluß nahe, daß der Ost-West-Handel seinen geringen Umfang beibehalten hätte, gäbe es nicht die Subventionen und die anderen Formen politischer Intervention, die ihn auf ein künstlich überhöhtes
Niveau brachten. Den Gesetzen des verhältnismäßigen Vorteils zufolge ist eine
solche Praxis ihrer Definition nach ineffizient und verzerrt das richtige
Funktionieren der Weltwirtschaft. Daher ist das dringlichste Problem, vor
dem wir heute stehen, nicht die den Ost-West-Handel beschränkende politische Einmischung, sondern die ihn aufrechterhaltende politische Einmischung.
Sollten die in dieser Organisation vertretenen Regierungen unterschiedliche Vorstellungen von den politischen Implikationen des Ost-West-Handels
haben, so würde der gerechteste - und wirtschaftlich effizienteste - Kompromiß in der Übereinkunft bestehen, solide wirtschaftliche Prinzipien
herrschen zu lassen.
Solide wirtschaftliche
- 5 -

�Solide wirtschaftliche Prinzipien sagen uns auch etwas über das
Schuldenproblem. Die Schwierigkeiten der Ostländer bei

ihrem Schulden-

dienst dem Ausland gegenüber werden verstärkt, wenn nicht hervorgerufen,
durch ihre Unfähigkeit, auf den Weltmärkten wettbewerbsfähig zu sein. Im
Rückblick wird deutlich, daß in den siebziger Jahren bei der Kreditvergabe an bestimmte osteuropäische Länder mehr Klugheit hätte walten sollen.
Die Gesamtverschuldung der Sowjetunion und Osteuropas an harten Währungen
stieg von 8 Milliarden Dollar 1971 auf 90 Milliarden Dollar 1981 - eine
Zuwachsrate von 24 Prozent jährlich.
Heute sind wir uns der Gefahren einer solchen überzogenen Aufblähung
voll bewußt und haben eint Lektion dadurch gelernt: Wir sollten im Hinblick auf unsere Wirtschaftsbeziehungen mit dem Osten die gleichen vorsichtigen Handels- und Finanzkriterien anwenden, die wir auch bei allen
anderen gesellschaftlichen Unternehmungen anlegen. Daß diese Risiken noch
immer vorhanden sind, zeigt das Zögern des Privatsektors bei neuen Finanzierungen. Bisweilen gibt es gute Gründe für finanzielle Unterstützung
bestimmter östlicher Länder durch den Westen. Als generelle Regel gilt jedoch, daß der sicherste Weg der ist, die Tatsache anzuerkennen, daß es
seinen Preis hat, wenn dieserart wirtschaftliche Aktivität künstlich und
unter Nichtachtung der Urteilskraft des Marktes von Regierungen stimuliert
wi rd.
Ein drittes Problem der Wirtschaftsbeziehungen zwischen Ost und West
besteht in dem Versuch der Staatshandelsländer des Ostens, ihre monopolistische Macht dazu einzusetzen, die Lage zu ihrem Vorteil zu verändern, indem
sie westliche Lieferer gegeneinander ausspielen, um Vorzugskredite, Rückkauf svereinbarungen und andere spezielle Vorteile zu erhalten. Diese gegen
den Wettbewerb gerichteter Praktiken können unsere Länder gewaltig schädigen. Wir alle müssen Mittel und Wege finden, um mit diesem Problem fertig
zu werden - ohne natürlich selbst zu wettbewerbsverzerrenden Praktiken zu
greifen, die das Wirtschaftssystem nur noch weiter beeinträchtigen würden.

Angesichts dieser
- 6 -

�Angesichts dieser Herausforderungen, die der Handel mit dem Osten
stellt, kann die OECD viel tun, um uns dabei zu helfen, unsere Interessen
und unsere Volkswirtschaften zu schützen. Lassen Sie mich in dieser Hinsicht
einige konkrete Vorschläge machen.

Die OECD und ihr Arbeitsprogramm
Im Verlauf des vergangenen Jahres haben diese Organisation und ihre
Ausschüsse in diesem Bereich viel nützliche Arbeit geleistet. Ich habe bereits
den vorzüglichen Bericht der gemeinsam von der OECD und der IEA erarbeiteten Studie über Energiesicherheit erwähnt. Und Fortschritte wurden auch in
Richtung auf die Entwicklung eines neuen Konsens bei der Exportkreditpolitik erzielt.
Die Anmerkungen des Generalsekretärs zum Thema des Ost-West-Handels
und der entsprechenden Finanzbeziehungen sind eine wertvolle Zusammenfassung des derzeitigen Zustandes dieser Beziehungen. Seine wirtschaftliche
Analyse ist ausgewogen und objektiv, sicher verankert in den Ergebnissen
des Handelsausschusses. Die Schlußfolgerungen sind zwingend und erhellen
die Tatsache, daß die Regierungen bei ihrer Ost-West-Wirtschaftspolitik
Vorsicht walten lassen müssen.
Wir unterstützen mit Nachdruck die Schlußfolgerungen des Generalsekretärs sowie seine Vorschläge für die weitere, von dieser Organisation
zu leistende Arbeit.
Bei der Überwachung der Verhaltensmuster und der Trends bei den Handels- und Finanzbehiehungen des Westens mit dem Osten spielt die OECD
eine wesentliche Rolle. Nur wenn den Regierungen diese Art von Informationen zur Verfügung

stehen, könne

vir ,amit beginnen, die kommerziel-

len Vorteile abzuwägen und zu überlegen, welche Schritte unternommen
werden können, um die westlichen Interessen zu schützen. Zum Beispiel:

- 7 -

�Zum Beispiel:
- Die östlichen Länder versuchen angesichts ausbleibender Exporte, ihren
immer größeren Anteil an Importen mit Kompensationsgeschäften oder mit
Tauschvereinbarungen zu bezahlen. Wir alle haben ein Interesse daran»

daß diese ineffizienten Praktiken durch die OECD überwacht werden.

- Ich habe bereits die

ersuche der Staatshandelsländer erwähnt, um

spezieller Vorteile willen die West-Lieferer gegeneinander auszuspielen. Um sich gegen solche Manipulationen zu schützen, haben die Vereinigten Staaten darauf hingewiesen, daß es im allgemeinen Interesse
der westlichen Staaten liege, Informationen über größere Projekte auszutauschen, die mit dem Osten geplant sind. Dabei braucht es nicht
um eigentumsrechtliche Informationen zu gehen. Wir sind der Meinung,
daß die OECD für eine solche

Rolle die richtige S eile und hierfür

bestens geeignet ist.
.:;• hoffen, daß ^iie OECD nicht vor dieser, von mir beschriebenen aktiveren Rolle zurückschreckt. Der Stab der OECD-Experten ist eine einmalige
Hilfsquelle. Er sollte nicht auf das simple Sammeln und die einfache Analyse von Daten beschränkt sein. Wir sollten uns ständig darum bemühen, Art
und Umfang von Informationen zu erweitern, die wir gemeinsam zum Thema
Ost-West-Handel haben, um dadurch in die Lage zu gelangen, die jeweiligen
Vorteile für Ost und West zu beurteilen. Wir werden dann in der Lage sein,
Unausgewogenheiten in diesem Handel zu korrigieren und - einzeln wie kollektiv - Politiken zu formulieren, die unsere gemeinsamen Interessen schützen.
Frau Vorsitzende, wir hoffen, daß als Schritt in diese Richtung
eindeutige Schlußfolgerungen aus den heutigen Gesprächen gezogen werden
und sich in unserem Kommunique widerspiegeln. Wir sind der Meinung, daß
die vom eneralsekretär in seinem Vortrag vorgeschlagenen Schlußfolgerungen ein guter Ausgangspunkt für unsere Diskussionen sind. Wir unter-

- 8 -

�Wir unterstützen auch die Vorschläge des Generalsekretärs für die Stärkung des Arbeitsprogramms der Organisation, die auf eine Verbesserung der
Qualität unserer Urteile und unserer politischen Schlußfolgerungen abzielen.
Frau Vorsitzende, diese außergewöhnliche Organisation demokratischer
Nationen gibt Raum für eine Vielzahl unterschiedlicher Einstellungen hinsichtlich des Themas der Beziehungen mit dem Osten.
Es wird hier keine Einstimmigkeit bezüglich der sicherheitspolitischen, der politischen oder auch nur der wirtschaftlichen Dimensionen des
Problems geben. Dies ist auch nicht der Zweck dieser Organisation. Aber
für uns alle gelten dieselben wirtschaftlichen Tatsachen. Wir stehen vor
einem gemeinsamen Problem, und es gibt vieles, was wir zusammen tun können,
•,rn imsere gemeinsamen Interessenund das Wohlergehen unserer Völker zu
schützen. Dies erfordert ganz einfach die Klugheit. Wir alle kennen den
alten Ausspruch: Caveat emptor: Käufer, sei wachsam! Auch manche Verkäufer
sollten wachsam sein.
Wenn man alles zusammennimmt, so haben wir in diesem Saal weit mehr
gemein als uns trennt. Wir teilen die Hingabe an wirtschaftliche und politische Freiheit, an das Wohlergehen unserer Völker und an die Sache de.
Friedens. Wir haben inzwischen gelernt, daß in einer interdependenten Weltwirtschaft keine Nation allein mit den Herausforderungen fertig werden kann.
Und andererseits kann viel durch Zusammenarbeit erreicht werden. Die Vereinigten Staate sind bereit, hier mit Ihnen in diesem Geist zusammenzuarbeiten.
+ + + + +

- 9 -

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Uliz/cn/chofl
vnö Technik
United States Information Service
Embassy of the United States of America

20

11. Mai 1983

PHYSIK IM DIENST DER MEDIZIN
"SQUID"-Apparatur mißt Eisenspiegel -

- (AD) - Ausrüstungen zur Erzeugung starker Magnetfelder und die Analyse
natürlicher Magnetfelder, im menschlichen Körper sind für die moderne Medizin
Hilfsmittel, um Funktionen und Fehlfunktionen von Leber, Herz, Gehirn und von
Nervenzellen besser zu verstehen. Auf der Tagung der Amerikanischen Physikalischen Gesellschaft (American Institute of Physics) in Baltimore (Maryland)
vom 18. - 21. April 1983 berichtete Dr. David E. Farrell von der Case Western
University (Cleveland, Ohio), daß man im "Memorial General Hospital" in
Cleveland durch Magnetfeldmessungen mit der "SQUID"-Apparatur bei Patienten
mit Lebererkrankungen das in der Leber gespeicherte Eisen exakt bestimme.
("SQUID" ist die Abkürzung für "Superconducting Quantum Interference Device";
die hochempfindliche Apparatur zur Erfassung von Feldstärken selbst schwächster
Magnetfelder wurde in den siebziger Jahren für Präzisionsmessungen in der experimentellen Physik entwickelt.)
Der gesunde menschliche Körper enthält ca. vier Gramm Eisen.

Etwa 120

bis 300 Milligramm davon sind in der Leber gespeichert, während der Rest als
Bestandteil des Hämoglobins (Farbstoff der roten Blutzellen) und des Myoglobins

Postfach 20 03 00 Tel.: 0228-339 22 40
D 5300 Bonn 2
Telex: 8-85432

�des Myoglobins (roter Farbstoff der Muskulatur) den Organismus mit Sauerstoff
versorgt.

Ein zu niedriger Eisenspiegel ist häufig das Anzeichen für innere

Blutungen, falsche Ernährung, unzureichende Verwertung der Nahrung oder Erkrankungen wie z.B. Krebs. Eine zu hohe Konzentration dieses lebenswichtigen
Elements kann auf gewisse, meist genetisch bedingte Krankheiten hindeuten.
Zu diesen zählt z.B. Hämochromatose; es kommt dabei zu pathologischen Eisenablagerungen im Körper infolge einer Fehlregulation der Eisenaufnahme in der
Form einer zu starken Resorption dieses Spurenelements.
Bisher war die Leberbiopsie (Entnahme einer Gewebeprobe aus der Leber)
die einzige Möglichkeit, für diagnostische Zwecke den Eisengehalt dieses Organs zu ermitteln. Jedoch gibt die Untersuchung der Probe nur Auskunft über
die lokale Konzentration im Entnahmebereich. Farrell und seine Kollegen in
Cleveland haben inzwischen bei 130 Patienten, insbesondere in Fällen zu hoher
Resorption, die SQUID-Messung durchgeführt. Die neue Methode habe, wie
Farrell betonte, den großen Vorteil, daß man damit die gesamte Leber abrasten
könne und der Vorgang nur 30 Minuten dauere. Auf den operativen Eingriff
zur Vornahme einer Biopsie könne ganz verzichtet werden.
Bei weiterer Verbesserung der Meßempfindlichkeit könnte das Verfahren
nach Meinung Farrells auch zur Erkennung und Diagnose von Anämien eingesetzt
werden. Bei Patinenten, die wegen Blutverlust, Anämien und anderen, mit
dem Eisenspiegel in Zusammenhang stehenden Problemen im Krankenhaus behandelt werden müssen, könnte künftig innerhalb weniger Minuten schon unmittelbar nach der Aufnahme die exakte Eisenbestimmung durchgeführt werden.

Zellen werden magnetisch markiert
Dr. Joseph Brain von der Akademie für öffentliches Gesundheitswesen
an der Harvard-Universität in Cambridge (Massachusetts) schloß kürzlich eine
Studie ab, bei der mit Hilfe von mikroskopisch kleinen Eisenpartikeln herausgefunden werden sollte, über welche Wege die Lungen sich selbst reinigen.

- 2 -

�selbst reinigen.

Zunächst in Tierversuchen, dann auch am Menschen wurde

eine pulverisierte Eisenverbindung, insgesamt etwa ein Milligramm, zum Inhalieren gegeben.

Die winzigen Staubpartikel sickern in die fein verästel-

ten Lungenwege des Bronchiensystems ein.

Durch ein relativ schwaches Magnet-

feld, das man am Probanden vorbei führt, werden die Eisenoxidteilchen in der
Lunge magnetisiert.

Die magnetischen Eigenschaften, die sie dann zeigen,

vermag ein SQUID-Gerät zu "lesen".

Mit Hilfe dieses Verfahrens läßt sich

der Weg dieser Partikel verfolgen - wie sie von den Makrophagen (Zellen, die
leicht fremde Körperchen, Erreger und andere Zellen aufnehmen) aufgesaugt,
die Lungenwege nach außen bis zum hinteren Rachen transportiert und dann hinunter

geschluckt werden,

über Magen und Darm verlassen sie schließlich den

Körper mit den Ausscheidungen.

Die Methode demonstrierte eindrucksvoll die

Aktivität der Makrophagen bei dem Reinigungsprozeß, erklärte Brain.

Sie

könne der Medizin helfen, Lungenerkrankungen als Folge von Zigarettenrauchen
oder Einatmen von kieselsäurehaltigem Staub und Asbeststaub, das bestimmte
Berufskrankheiten verursacht, besser zu verstehen.

Auch vermittle sie mehr

Erkenntnisse über Krankheiten, die zu anomaler Funktion von Makrophagen in
der Lunge und in anderen Organen, wie z.B. der Leber, führen.

Die magnetische Markierung sei, wie Brain berichtete, in mancherlei
Hinsicht oft günstiger als die radioaktive Markierung (Verwendung von Radioisotopen ) , weil die magnetisierten Partikel über einen längeren Zeitraum
verfolgt werden könnten.

Radioisotope mit sehr kurzer Halbwertszeit dagegen

(bei manchen beträgt diese z.B. nur eine Minute) seien dann für diagnostische
Zwecke bald wertlos, so daß bei langwierigen Beobachtungen der Patient stets
von Neuem einer, wenn auch schwachen, Radioaktivität ausgesetzt werden müsse.

Dr. John Wikswo von der Vanderbilt-Universität in Nashville (Tennessee)
entwickelte Verfahren zur Messung natürlicher Magnetfelder in verschiedenen
Teilen des Körpers, wobei die Tatsache genutzt wird, daß Elektrizität und
Magnetismus verwandte Phänomene sind.

Wikswos Methode zufolge werden die Er-

gebnisse der Messung elektrischer Felder im Körper (Bioelektrizität) unter
Verwendung eines SQUID-Geräts mit Magnetismus verglichen.

Der Chirurg kann

auf diese Weise beispielsweise den Schädigungsgrad und das Sprossen neuer
- 3 -

�Sprossen neuer Fasern von verletzten Nerven besser erkennen, ohne das empfindliche Gewebe direkt sondieren oder freilegen zu müssen.

Indem man eine

magnetische Meßvorrichtung nahe dem Bereich stationiert, in dem die Verletzung liegt, läßt sich der elektrische Impuls und somit die Funktion des Nerven an Hand des resultierenden Magnetfeldes messen.
Wikswo verwies darauf, daß es in den Vereinigten Staaten bei schätzungsweise 30 Prozent aller Industrieunfälle zu Schäden an Gliedmaßen komme und
bei etwa der Hälfte dieser Fälle wichtige Nervenleitungen zerstört oder beeinträchtigt seien.

Er hoffe, das Magnetmeßverfahren eines Tages auch beim

Herzen, der "elektrischen Batterie" des Körpers, anwenden zu können.
Versuche an der Universität New York demonstrierten, daß das menschliche
Gehirn nach Magnetfeldern "kartiert" werden könne. Wie Dr. Lloyd Kaufman
berichtete, führte man z.B. Magnetfeldmessungen mit SQUID in der Zeit durch,
in der die Versuchsperson optischen oder akustischen Reizen ausgesetzt wurde.
Dabei konnten die Zonen im Gehirn exakt ermittelt werden, in denen die Reaktionen auf solche Reize entstehen.
Das Gehirn ist ja ein ungemein komplexes System, von dem aus Denken,
Wahrnehmungen, Empfindungen und Bewegung bestimmt werden. Therapien für Erkrankungen können nur dann wirksam sein, wenn der Arzt genau die Region im
Gehirn kennt, von der die Erkrankung oder Fehlfunktionen ihren Ausgang nehmen. Nach Ansicht Kaufmans ergebe sich z.B. die Möglichkeit, aufgrund seiner
Untersuchungen die Quelle und die Ursache von Sensibilitätsstörungen, wie
sie bei älteren Menschen häufig auftreten, herauszufinden, oder die Epilipsiebehandlung zu verbessern.

+ + + + +

- 4-

�</text>
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                <text>&lt;strong&gt;1. Dokumentation&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Erklärung Reagans zur Freeze-Resolution des Kongresses&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Aktuelle Entwicklungen des Atlantischen Bündnisses&amp;nbsp;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;- Von Botschafter Tapley Bennett -&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Wirtschaft&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;US-Außenminister umreißt Fragen des Ost-West-Handels&lt;br /&gt;&lt;em&gt;- Shultz bei der OECD in Paris -&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Wissenschaft und Technik&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Physik im Dienst der Medizin&lt;br /&gt;&lt;em&gt;- "SQUID"-Apparatur misst Eisenspiegel -&lt;/em&gt;</text>
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                    <text>AMERIKA DIENST
'VON

*

11.

18

Mai

1988

I N H A L T

DOKUMENTATION
Bündnis spielt entscheidende Rolle beim Konzept
der Lastenteilung
- Rede des Stellvertretenden Verteidigungsministers Taft HINTERGRUNDMATERIAL
Verlagert Moskau wirklich den Schwerpunkt auf Verteidigung?
- Von Verteidigungsminister Frank C. Carlucci -

WISSENSCHAFT UND TECHNIK
Rauschgift bedeutet Selbstzerstörung
- Aufklärung und Erziehung muß im Kindesalter beginnen

* * * * *

United States Information Service
Embassy of the United States of America

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Tel.: 0228-339 2035
Telex: 8-85432

�AMERIKA DIENST
Dokumentation

11. Mai 1988

18

BÜNDNIS SPIELT ENTSCHEIDENDE ROLLE BEIM KONZEPT DER LASTENTEILUNG
- Rede des Stellvertretenden Verteidigungsministers Taft in London LONDON - (AD) - Dem Stellvertretenden amerikanischen Verteidigungsminister William Taft zufolge kommt der NATO als Institution "eine entscheidende
Rolle" beim Problem der Lastenteilung innerhalb des Bündnisses zu. Taft
sprach am 4. Mai im Londoner Regents College, wo er die Lastenteilung als Problem des gesamten Bündnisses bezeichnete und ferner als wichtigen ersten
Schritt zur Erarbeitung eines "gemeinsamen Konzepts im Bündnis", das "die Vereinigten Staaten in höchstem Maße begrüßen" würden. Taft erklärte, die Absicht seines gegenwärtigen Besuchs in Europa "bestehe nicht darin, neue Vorschläge zu unterbreiten, sondern vielmehr darin, die Bedeutung der Verpflichtungen zu unterstreichen, die von der NATO bereits eingegangen wurden".
Nachfolgend veröffentlichen wir Tafts Rede im Wortlaut:
Vor drei Jahren kam ich zu Gesprächen
über einen
Problembereich
nach London, der für die NATO von
entscheidender
Bedeutung war:
die
Vorzüge einer verbesserten Zusammenarbeit im Bündnis auf dem Gebiet der
Rüstung. Der vorteil gemeinsamer Bemühungen zur Entwicklung neuer Waffensysteme, mit denen einer Bedrohung
für uns alle entgegengetreten werden
könnte, schien auf der Hand zu liegen
- ebenso wie die Verschwendung der
Bündnispartner durch die gesonderte
Entwicklung neuer Waffensysteme.
Ich freue mich, ihnen mitteilen
zu können, welch große Fortschritte
das Bündnis in diesen drei Jahren
seit meinem letzten Besuch bei unseren Bemühungen um Zusammenarbeit im
Bereich
der
Waffensysteme
gemacht

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Embassy of the United States of America

hat. Unsere Leistungen in diesem Bereich bestätigen den Wert gemeinsamer
Aktivitäten
und auch
meine
feste
Überzeugung, daß gemeinsame Arbeit
als Eckpfeiler
des NATO-Bündnisses
der Grund dafür ist, daß ich heute
wiederum nach Europa komme.
Mein heutiges Thema ist sowohl
umfangreicher als auch heikler: die
Verteilung von Rollen, Risiken und
Pflichten unter den Bündnispartnern
im Rahmen der Verteidigung - was wir
in den Vereinigten Staaten oftmals
als Lastenteilung bezeichnen.
Wie in jüngster Zeit vielfach beobachtet werden konnte, wird diesem
Problem in Amerika nunmehr aus unterschiedlichen Gründen große Aufmerksamkeit zuteil.
ich besuche diese

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�Woche NATO-Hauptquartiere und eine
Reihe von Hauptstädten der NATO, um
darzulegen, welche Betrachtungsweisen
es in den Vereinigten Staaten zu diesem Problem gibt und um gemeinsam mit
unseren Verbündeten Möglichkeiten zu
untersuchen, wie die Bündnispartner
dieses Problem der Lastenteilung einzeln und zusammen mit ihren partnern
lösen könnten.
Meine Mission beschränkt sich nicht nur auf die NATO
- in der nächsten Woche werde ich zu
demselben Zweck Japan und Korea besuchen.
Gestern bin ich in Brüssel mit
den Ständigen Vertretern des Nordatlantikrates und mit Lord Carrington
zusammengetroffen.
ich bin ebenfalls
der dort geäußerten Überzeugung, daß
die NATO als Institution eine entscheidende Rolle bei der Behandlung
dieses Problems spielen muß. ich bin
mir der Tatsache bewußt und wir hegen
die Hoffnung, daß Lastenteilung als
Thema im Bündnis ein Auftakt für die
Entwicklung
eines gemeinsamen Konzepts im Bündnis ist. Solche Bemühungen werden die Vereinigten Staaten
in höchstem Maße begrüßen.
Die Bedeutung einer gemeinsamen
Antwort des Bündnisses darf nicht
unterbewertet werden.
Die vom Warschauer Pakt unter Führung der Sowjetunion ausgehende Bedrohung für die
NATO wird ungeheuer groß bleiben.
Tatsache ist, daß der Warschauer Pakt
gerade qualitativ noch ausgereiftere
Systeme einführt, und damit seinen
seit langem gehaltenen qualitativen
Vorsprung noch erhöht. Doktrin, Fähigkeiten und Übungen im Warschauer
Pakt deuten auf die anhaltende Betonung
des
Elements
eines
Überraschungsangriffs
in
Verbindung
mit
Operationen im Stil des 'Blitzkriegs'
hin.
Alle Tatsachen lassen erkennen,
daß die NATO sich in den kommenden
zehn Jahren einer noch ernstlicheren
Bedrohung gegenübersehen wird.
Das
Bündnis kann sich belastende innere
Streitigkeiten kaum leisten, die es
von seinen politischen und sicher-

heitspolitischen Zielen ablenken. Es
besteht jedoch kein Grund zu der Befürchtung, daß Lastenteilung zu solch
einem Problem wird, solange wir es
wirklich verstehen und es engagiert
angehen.
Wie erklärt sich nun das wiedererwachte Interesse der Amerikaner an
diesem Thema?
Es ist in diesem Zusammenhang wichtig zu wissen, welche
Faktoren und Einstellungen amerikanische Diskussionen
zu diesem Thema
prägen, wenn die Bündnispartner in
einen konstruktiven Dialog eintreten
wollen. Heute möchte ich Ihnen einige unterschiedliche Einstellungen und
Meinungen darlegen, die die Art und
Weise beeinflussen, wie Amerikaner und mit ihnen eine Reihe amerikanischer Kongreßabgeordneter - über unsere Bündnisse
im allgemeinen und
Lastenteilung im besonderen denken.
Erstens sind wir in den Vereinigten Staaten angesichts des sehr angespannten finanziellen Klimas, in dem
wir uns befinden, dem Druck ausgesetzt, weniger für die Verteidigung
auszugeben.
Die Besorgnis über das
amerikanische Handels- und Haushaltsdefizit hat zu einem starken Druck
auf
die
Verteidigungsausgaben
und
einer eingehenden Prüfung des Beitrags geführt, den unsere Verbündeten
für die gemeinsame Verteidigung leisten.
Zweitens nimmt das Bewußtsein anderer
strategischer
Prioritäten
Veränderungen der strategischen Landschaft - zu, die Amerika nicht außer
acht lassen darf. Die zunehmende Bedeutung des pazifischen Beckens, die
erhöhte Bedrohung der Stabilität in
Mittelamerika,
Auseinandersetzungen
im Nahen Osten und im Persischen Golf
- diese und andere Probleme konkurrieren
mit
unserer
traditionellen
Verpflichtung gegenüber der NATO, ihr
allein die Aufmerksamkeit im strategischen Bereich zu widmen.
Drittens gibt es das Empfinden,
unsere Verbündeten würdigten oder unterstützten
unsere Aktivitäten
zur

- 2 -

�Verteidigung unserer nationalen Interessen oder sogar der Interessen
der Verbündeten nicht in ausreichendem Maße.
Es besteht zunehmend die
Tendenz, die Weigerung unserer Verbündeten zu hinterfragen, solche Aktionen zu unterstützen, die unserer
Ansicht
nach
einen
existentiellem
Beitrag zu unserer gmeinsamen Sicherheit leisten - einschließlich der Erhaltung
der nuklearen Fähigkeiten,
die notwendig sind, um eine sowjetische Aggression abzuschrecken sowie
außerhalb der Grenzen der NATO unternommene Aktionen, die Auswirkungen im
Bündnis
zeitigen.
Einseitige oder
grundsätzliche Kritik unserer Politik
in Mittelamerika und anderen Bereichen, wo unsere Interessen eher betroffen sind als die unserer Verbündeten, hat bei vielen besorgten Amerikanern den Enthusiasmus für das
Bündnis gedämpft.
Viertens gibt es Enttäuschungen
über die Politik einzelner Bündnispartner.
Die Vielfalt der Meinungen
zu vielen Problemen innerhalb des
Bündnisses ist für viele ein zeichen
für die Auflösung unserer Verbindung.
Politische
Entscheidungen wie etwa
der Beschluß Spaniens zur Verweigerung der stationierungsrechte für das
401. taktische Geschwader oder die
jüngste Abstimmung des dänischen Parlaments über Beschränkungen bei Kernwaffen auch auf Schiffen des Bündnisses untermauern diese Vermutung.
Fünftens herrscht die Auffassung
vor, wir gewährten denjenigen Verbündeten eine zu umfangreiche Unterstützung, die wirtschaftlich weniger begünstigt sind.
Die Amerikaner wundern sich, warum die wohlhabenderen
nördlichen NATO-Staaten nicht mehr
zur Unterstützung ihrer Partner an
der Südflanke tun.
Sechstens und letztens gibt es
die Meinung, daß unsere Verbündeten um es deutlich zu sagen - wohlhabend
genug sind, um mehr zu tun als sie
jetzt leisten.
Meiner Ansicht nach trifft ledig-

lich die letzte dieser Annahmen vollständig
zu.
Die anderen Annahmen
spiegeln - obwohl sie weit verbreitet
sind - bestenfalls eine Mischung aus
verzerrten Informationen und geringerem Verständnis wider.
Leider entbehren diese Annahmen
nicht jeder Grundlage.
Dennoch ist
diese Situation zu komplex, als daß
nur wenige allgemeingültige
Punkte
auch nur auf ein Land - umso weniger
auf alle Länder - zuträfen.
ich
möchte kurz auf jede der von mir erwähnten Annahmen eingehen und sie in
eine präzisere Perspektive rücken.
Erstens können sich die Vereinigten Staaten trotz ihrer angespannten
finanziellen
Lage das gegenwärtige
Niveau
ihrer
Verteidigungsausgaben
sehr wohl leisten.
Sie wenden zur
Zeit 5,7 Prozent ihres Bruttosozialprodukts (BSP) für die Verteidigung
auf.
Diese Zahl liegt unter dem
durchschnittlichen Anteil des BSP für
die Verteidigung in den vergangenen
fünfzig Jahren - ein Beweis dafür,
daß wir keine übermäßigen Beträge für
unsere nationale Sicherheit ausgeben.
Zweitens wird die Bedeutung der
NATO nicht durch die Tatsache verringert, daß die Vereinigten Staaten ein
Land mit weltweiten Interessen sind.
Unsere
Sicherheitspartnerschaft
mit
Europa bleibt unsere wichtigste Priorität.
Um es einfach auszudrücken:
ein unabhängiges Europa ist für unsere nationale Sicherheit insgesamt wesentlich - welche anderen Interessen
auch hinzugekommen sein mögen oder
noch hinzukommen mögen.
Drittens haben unsere Verbündeten
oftmals ihr Bewußtsein für die Notwendigkeit gemeinsamer Maßnahmen und
gegenseitiger Hilfe bewiesen. Die im
Gegenzug erfolgte Stationierung der
Mittelstreckenraketen (INF) ist dafür
ein Beispiel. Die Sowjetunion hätte
niemals ein Abkommen über den Abzug
ihrer SS-20 und aller anderen INF unterzeichnet, wenn die NATO nicht fest
zusammengehalten hätte.
Und es besteht Grund zu der Annahme, daß eine

- 3 -

�Reihe unserer Verbündeten - einzeln
und in manchen Fällen auch gemeinsam
- zunehmend die Bedeutung von Aktionen außerhalb der Grenzen des Bündnisses erkennen. Die Marineeinheiten
der fünf NATO-Länder sind jetzt im
Persischen Golf aktiv und schützen
die Freiheit der Schiffahrt auf diesem Seeweg, der für so viele unserer
Verbündeten von entscheidender strategischer Bedeutung ist.
Viertens
bildet die Verbindung
von unabhängigen Ländern in der NATO
den Hintergrund für ihre Stärke. Es
besteht kein Zweifel, daß einzelne
NATO-Staaten Entscheidungen getroffen
haben, die eine Herausforderung an
andere Hitglieder des Bündnisses darstellen, aber das Bündnis hat im Laufe seines Bestehens demonstriert, daß
es unter solchen Umständen die notwendigen Schritte unternehmen wird,
um die erforderlichen Fähigkeiten zur
Gewährleistung
der gemeinsamen Sicherheit zu erhalten. Wir sind daher
zuversichtlich im Hinblick auf das
Problem des 401. Geschwaders.
Fünftens wissen wir, daß Amerika
nicht allein innerhalb des Bündnisses
wirtschaftliche und militärische Hilfe gewährt.
Die Bundesrepublik unterhält umfangreiche Programme der
Militärhilfe für
Griechenland, die
Türkei und Portugal, und der Europarat gewährt diesen drei Ländern wie
auch dem Süden Italiens erhebliche
wirtschaftliche Unterstützung. Unsere europäischen Partner sollten diese
Anstrengungen weiterführen und ausweiten, um den weniger begünstigten
Mitgliedern des Bündnisses zu helfen.
Aber das stärkste Argument der
Amerikaner
betrifft
den
niedrigen
Stand der Verteidigungsausgaben unserer Verbündeten und die Überzeugung,
daß sie mehr tun können.
Der Prozentsatz des BSP, den jeder Verbündete für seine Verteidigung aufwendet,
ist ein höchst offensichtlicher und
aufschlußreicher Indikator aller Bemühungen
in dieser Hinsicht, auch
wenn er uns keine Informationen über
das liefert, was wir über den Beitrag

zur Verteidigung
sollten.

eines Landes wissen

Im Hinblick auf das Verhältnis
zum BSP ist der Unterschied zwischen
den Ausgaben der Vereinigten Staten
und ihren Bündnispartnern bemerkenswert:
außer den Vereinigten Staaten
wenden gegenwärtig nur Großbritannien
und Griechenland mehr als 5 Prozent
ihres BSP für ihre Verteidigung auf.
Amerika hingegen ist in den vergangenen fünfzig Jahren nur sieben Mal unter die 5 Prozent-Grenze gefallen,
und in den letzten zehn Jahren haben
wir unseren für die Verteidigung aufgewandten Teil des BSP um etwa 1,5
Prozent gesteigert - von etwas unter
5 auf 6,5 Prozent.
Unsere
Bilanz
wirtschaftlichen
Wachstums in den letzten 25 und den
letzten zehn Jahren zeigt, daß eine
Nation ihre Verteidigungsausgaben auf
oder über diesem Niveau halten - und
trotzdem einen Aufschwung erfahren kann.
In den vergangenen fünfzig
Jahren ist unser BSP von 100 Milliarden Dollar im Jahr 1940 auf mehr als
vier Billionen Dollar heute gestiegen.
Bemerkenswertes ist auch in den
sieben Jahren zu verzeichnen, in denen die Vereinigten Staaten unter der
5 Prozent-Grenze lagen.
Das erste
Mal stand - 1940 - der Eintritt Amerikas in den Zweiten Weltkrieg unmittelbar bevor. Die nächsten drei Male
- 1948 bis 1950 - waren von der auf
den Krieg folgenden Demobilisierung
geprägt - und von der bevorstehenden
Invasion Südkoreas.
Die verbleibenden drei Jahre folgten auf das Ende
unseres Engagements in Vietnam, ein
Zeitalter unterschiedlicher Strömungen und Unentschlossenheit, das in
der
sowjetischen
Invasion Afghanistans und der Besetzung unserer Botschaft in Teheran seinen Höhepunkt
fand. Die Senkung der Verteidigungsausgaben kann gefährlicher sein als
wir für möglich halten.
Im Hinblick auf die Zukunft müssen
unsere
Bündnispartner
bereit
sein, mehr für ihre Verteidigung aus-

�zugeben.
Aber wir müssen nicht nur
unser Augenmerk darauf richten, wieviel wir ausgeben, sondern auch darauf, wofür wir es ausgeben.
Tatsächlich müssen zusätzliche Investitionen allein dem Bündnis noch keine
Vorteile bringen, wenn nicht andere
Schritte damit einhergehen.
Die Absicht meines gegenwärtigen
Besuchs in Europa besteht nicht darin, neue Vorschläge zu unterbreiten,
sondern vielmehr darin, die Bedeutung
der Verpflichtungen
zu unterstreichen, die von der NATO bereits eingegangen worden sind. In vielen Fällen
hat innerhalb der NATO eine gründliche Überprüfung ihrer militärischen
Schwächen stattgefunden. Das Bündnis
muß nunmehr
seine
Entschlossenheit
bekräftigen, um seine Schwächen auszugleichen und die Beseitigung dieser
Schwachstellen
zu
seiner
höchsten
Priorität erklären.
Dies erfordert folgende gemeinsame Verpflichtungen:
mehr Gewinn aus den derzeit getätigten Investitionen,
besser koordinierte Maßnahmen bei
Problemkreisen, die im Interesse
des gesamten Bündnisses liegen,
Erlangung
der
Ziele
bei
den
Streitkräften
und
Durchführung
der bereits vereinbarten Verbesserungen.
Zusammenarbeit im Bereich der Rüstung ist ein Beispiel für die Maßnahmen, die meiner Ansicht nach die
Leistung unserer Verteidigung steigern und Gewinne aus den gegenwärtig
für
die
Verteidigung
aufgewandten
Mitteln maximieren kann. Wie ich bereits dargelegt habe, erzielt die
NATO hier Fortschritte, aber es kann
noch mehr getan werden.
Das neue
NATO-System zur Planung konventioneller Bewaffnung sollte uns bei der
Harmonisierung unserer Waffenprogramme zu Hilfe kommen, so daß die Mittel
des Bündnisses wirkungsvoller eingesetzt werden können. Die Ausweitung

der gegenseitigen Austauschfähigkeit
unserer
Waffen- und
Kommunikationssysteme ist ein weiteres Gebiet, das
Nutzen für das gesamte Bündnis verspricht, genau wie die stärkere Integration der NATO-Streikräfte.
Die Entwicklung gemeinsamer politischer Maßnahmen über eine Vielzahl
von Problemen der Sicherheitspolitik
würde das Bündnis enorm stärken. Die
NATO muß beweisen, daß sie auch weiterhin zur Übernahme der gemeinsamen
Verteidigungslasten bereit ist.
Das
bedeutet, die Mitgliedstaaten müssen
die Streitkräfte und die verschiedenen Arten der grundlegenden unterstützungsmaßnahmen bereitstellen, die
das Bündnis benötigt - trotz der damit verbundenen unvermeidlichen Risiken und Unannehmlichkeiten.
Der Bedrohung des militärisch starken jedoch wirtschaftlich
schwachen Warschauer Paktes muß begegnet werden.
Die NATO muß auch zusammenarbeiten, um ihren technologischen Vorsprung zu erhalten und fortzuentwikkeln,
durch
den
die
zahlenmäßige
Überlegenheit der Sowjetunion und des
Warschauer Paktes ausgeglichen werden
kann.
Das bedeutet, zur Ausweitung
der gemeinsamen Nutzung von technologischem Fachwissen und Innovationen
innerhalb des Bündnisses zusätzliche
Schritte zu ergreifen - und ebenso
den Zustrom militärisch hochsensibler
Technologie in die Sowjetunion zu beenden, wo sie gegen uns gerichtet
wird.
Diese und andere Formen der Zusammenarbeit im Bündnis auf Gebieten
und zu Themenkreisen gemeinsamen Interesses - ob im Persischen Golf oder
beim Kampf gegen den Terrorismus
würden die Sicherheit eines jeden
Mitglieds im Bündnis stärken, und damit die gesamte Allianz.
Die NATO muß ferner größere Anstrengungen unternehmen, um gemeinsam
vereinbarte politische Maßnahmen und
Initiativen in die Praxis umzusetzen.
Das Bündnis muß im erforderlichen Umfang seine konventionellen und nu-

- 5 -

�klearen Streitkräfte aufrechterhalten
und modernisieren. Gerade die Bedeutung unserer konventionellen Streitkräfte ist durch unseren Erfolg beim
INF-Abkommen
unterstrichen
worden.
Die NATO muß auf den vor drei Jahren
in ihrem Programm zur "Verbesserung
der
konventionellen
Verteidigung"
festgelegten Gebieten auf Portschritte drängen. Das Bündnis muß seine
Betriebsreserven und Waffenlager aufstocken, um seine Kampfbereitschaft
und Infrastruktur zu stärken - durch
Erhalt des bestmöglichen Ertrags aus
den derzeit ausgegebenen Mitteln.
Beim Entwurf der Langzeitstrategie der NATO müssen sich alle Bündnis-Partner der Tatsache bewußt sein,
daß die Stärkung unserer Sicherheit
mehr Geld kosten wird - als direkte
Verteidigungsausgaben und in Form von
Militärhilfe für die wirtschaftlich
benachteiligten Verbündeten.
Dies ist auch keine unmögliche
Forderung. Es ist eine Tatsache, daß
Europa als Ganzes es sich leisten
kann, mehr für seine eigene Sicherheit auszugeben. Selbst die Vereinigten Staaten - die im Vergleich zum
Durchschnitt der europäischen NATOLänder derzeit nahezu das Doppelte
ihres Bruttosozialprodukts für Verteidigung aufwenden - könnten es sich
meiner Meinung nach leisten, mehr
auszugeben. Wie bereits gesagt, haben wir in den vergangenen fünfzig
Jahren fast immer mehr als heute für
die Verteidigung aufgewendet - und
gleichzeitig hat unsere Volkswirtschaft expandiert, und die Sozialhilfeleistungen wurden aufgestockt. Es
trifft schlicht und einfach nicht zu,
daß anstatt der derzeitigen 3 Prozent
3,5 oder 4 Prozent des BSP für Verteidigungsausgaben den europäischen
Volkswirtschaften
schaden oder zu
einer einschneidenden Kürzung bestehender
Sozialhilfeprogramme
führen
würden. Obwohl zweifelsohne niemand
damit andeuten will, daß eine solche
Verlagerung der Prioritäten überwacht
oder selbst in wenigen Jahren stattfinden könnte, so haben die amerikanischen Erfahrungen der vergangenen

zehn Jahre doch gelehrt, daß Anhebungen von einem Prozent des BSP über
einen solchen Zeitraum hinweg leicht
vorgenommen werden können, ohne den
Wohlstand zu gefährden.
Natürlich ist es sehr viel angenehmer, in öffentliche Sozialprogramme und privaten Luxus zu investieren.
Wir sollten uns jedoch vor Augen führen, daß die sowjetische militärische
Aufrüstung allen Anzeichen nach unvermindert
fortgeführt wird.
Wir
sollten uns vorsehen und die Erfahrungen der "verweichlichten und wohlhabenden Provinzen" des Römischen
Reichs nicht wiederholen, die - wie
Gibbon lapidar formuliert - "alles
besaßen, was einen barbarischen Eroberer anzog und nichts, was ihn abhalten konnte".
Das Bündnis muß darauf hinarbeiten, ein solches Resultat zu vermeiden. Es kann sich ein Versagen nicht
leisten.
Unser vorrangiges ziel muß es
sein, die Abschreckung der NATO aufrechtzuerhalten - die nicht nur einen
Krieg verhindert, sondern auch die
sowjetischen Bestrebungen vereitelt,
einen Bündnis-Partner
zu nötigen,
einzuschüchtern oder
zu bedrohen.
Unsere gemeinsame Stärke war stets
der ausschlaggebende Faktor bei unserer Aufgabe, Freiheit und Sicherheit
der Länder des Bündnisses zu bewahren
- und sie ist das unerläßliche Fundament, auf das sich die entschieden
verbesserten Beziehungen mit der Sowjetunion gründen werden.

- 6 -

* * * * *

�AMERIKA DIENST
7

Hintergrundmaterial

&lt;l7-,oN ^

11. Mai 1988

18

VERLAGERT MOSKAU WIRKLICH DEN SCHWERPUNKT AUF VERTEIDIGUNG?
Von Verteidigungsminister Frank C. Carlucci

WASHINGTON - (AD) - Wie ernst ist es der Sowjetunion mit der Entwicklung
einer neuen Militärdoktrin, die Verteidigung betont und von ihren amtlichen
Vertretern als Konzept des "vernünftigen und ausreichenden Niveaus" der
Streitkräfte bezeichnet wird?
Nach meinem kürzlichen Treffen mit Verteidigungsminister General Dimitri T. jasow bin ich zu der Überzeugung gelangt, daß
sowjetische Regierungsvertreter trotz der fortbestehenden großen Kluft zwischen Realität und Rhetorik zumindest eingehend über einen solchen Wandel reden.
Moskau
scheint das militärisch
"ausreichende Niveau" immer noch als
sehr
umfassend
zu betrachten
und
zeigt
keinerlei
Neigung,
seine
Streitkräfte zu reduzieren, außer in
Zusammenhang mit gegenseitigen Abrüstungsvereinbarungen.
Bevor die vereinigten Staaten eine Lockerung ihres
Verteidigungskonzepts
in
Erwägung
ziehen könnten, müßte es überzeugende
Beweise eines Wandels im offensiven
Charakter
der sowjetischen Streitkräfte und eine Bereitschaft zu einseitigen Reduzierungen geben, um diese Streitkräfte auf ein dem Westen
vergleichbares Niveau zu bringen.
Dies heißt nicht, daß in unseren
Gesprächen
nichts
erreicht
wurde.
Schon
das
Abhalten
eines
solchen
Treffens - dem ersten zwischen den

United States Information Service
Embassy of the United States of America

führenden amerikanischen und sowjetischen
Militärvertretern
nach
dem
Krieg - schuf einen wichtigen Präzedenzfall und verhalf uns zu einem
besseren Verständnis der Standpunkte
des anderen. Aber die Gespräche ergaben keinen konkreten Beweis für
einen Wandel in der Doktrin.
Obwohl er für die nähere Zukunft
keine größeren Veränderungen bei den
sowjetischen
Streitkräften und den
Militärausgaben in Aussicht stellte,
deutete General jasow doch eindeutig
an, daß gegenwärtig eine defensive
Doktrin umgesetzt werde und bei den
Streitkräften Veränderungen offen zutage treten würden.
Ich wies General Jasow darauf
hin, daß die sowjetischen Militäraus-

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.: 0228-339 2035
Telex: 8-85432

�gaben unseren vorsichtigsten Schätzungen zufolge nach Abzug der Inflationsrate immer noch um etwa drei
Prozent jährlich ansteigen, während
der Verteidigungshaushalt der Vereinigten Staaten
in den vergangenen
Jahren real um 11 Prozent abgenommen
hat.
Ich fügte hinzu, daß die Einschätzung
des ehemaligen Verteidigungsministers Harold Brown weiterhin
zuzutreffen scheint: Wenn wir aufrüsten, rüstet auch die Sowjetunion
auf; wenn wir aufhören, rüstet die
Sowjetunion weiter auf.

sionen unterstützt werden.
Abbau anderer offensiv ausgerichteter Fähigkeiten, wie etwa einer
großen und wachsenden Zahl militärischen Geräts, das in vorderen
Gebieten
stationiert
ist, beträchtlichem Material zum Brükkenbau
und Pioniereinheiten
in
Osteuropa
und
der
anhaltenden
Aufrüstung
von
Reserveeinheiten
des Heeres zu einem aktiven Status im Warschauer Pakt. All dies
stärkt Moskaus Fähigkeit zur Invasion der NATO-Staaten.

Wenn Moskau wirklich ein defensives
Verteidigungskonzept
einführen
möchte,
dann
könnte
es
mehrere
Schritte
unternehmen,
ohne
seine
eigene Sicherheit zu gefährden, darunter die folgenden:
Beseitigung
der
zahlenmäßigen
Überlegenheit
des
Warschauer
Pakts gegenüber der NATO bei panzern, Artillerie und anderen Offensivwaffen.
Der
Ostblock
hat
bei
seinen
Streitkräften
einen
in
besonderem
Maße bedrohlichen Vorteil, der zur
Invasion, Annexion und Besetzung von
Territorium
in
Westeuropa
genutzt
werden könnte. Dazu übersteigen die
Waffenarsenale berechtigte Verteidigungserfordernisse bei weitem.
Abzug von Luftlandeeinheiten aus
Europa und drastischer Abbau der
vergleichsweise großen zahl luftgestützter Streitkräfte, die in
der
Sowjetunion
aufrecherhalten
v/erden.
Luftlandeeinheiten
spiegeln
den
offensiven Charakter der sowjetischen
Militärmacht wider.
Allein in der
DDR unterhält die Sowjetunion genügend Einheiten, um eine vollständige
Luftlandedivision
aufzubauen.
Eine
solche Division könnte rasch durch
zahlreiche ähnliche in Osteuropa und
der Sowjetunion stationierte Brigaden
und Bataillione Verstärkung erhalten
oder von den sieben weiteren vollbemannten
sowjetischen
Luftlandedivi-

Gemeinsam
mit
den
Vereinigten
Staten der Abbau von Nuklearwaffen
längerer
Reichweite
durch
einen Vertrag zum Abbau strategischer Waffen und Anhebung des
Beitrags zur effektiven strategischen Verteidigung gegen einen
Angriff ballistischer Raketen.
Die Sowjetunion behält weiterhin
eine große Zahl silogestützter Interkontinentalraketen
für einen Erstschlag bei. Die sowjetische Bereitschaft, gemeinsam mit uns eine Verlagerung
von
den
Offensivwaffen
zu
einem
größeren
Vertrauen
auf
die
strategische
Verteidigung
vorzunehmen, würde zu unserer beiderseitigen
Sicherheit und insgesamt zu einer
sicheren Welt beitragen.
Die Vereinigten Staaten sind weiterhin gespannt auf Zeichen wie" diese, mit denen bewiesen würde, daß
sich die sowjetische Militärdoktrin
verändert hat.
In der Zwischenzeit
betrachten wir den Dialog über militärische Angelegenheiten als nützlich
und beabsichtigen dessen Fortführung.
Die Sowjetunion hat ihren Anteil
an Leid
in Kriegszeiten kennengelernt, und niemand mißgönnt ihr ein
Militär, das die nationale Sicherheit
der Sowjetunion stärkt. Aber Moskau
kann seine Sicherheit ohne seine gegenwärtig gezeigte aggressive Doktrin
und offensive Haltung gewährleisten.
Bis jetzt haben wir lediglich sowjetische Forderungen nach einer Umwand-

- 2 -

�lung der Doktrin vernommen. Auf die
schlagkräftigen
Beweise warten wir
noch.

* * * * *
- 3 -

i

4

�AMERIKA DIENST
"VoN^

Wissenschaft und Technik

11. Mai 1988

18

RAUSCHGIFT BEDEUTET SELBSTZERSTÖRUNG
- Aufklärung und Erziehung zur Abwehr muß im Kindesalter beginnen - (AD) - Alkohol und Rauschgift - "ein vielschichtiges und mehrdimensionales Problem, das alle Mitglieder der Gesellschaft angeht". Allein die Rauschgifte verursachen Amerika jährlich Kosten von mehr als zwei Milliarden Dollar,
erklärte Peter Bell, ein prominenter Teilnehmer aus Minnesota an der vom Weissen Haus veranstalteten "Konferenz für ein drogenfreies Amerika". uas Präsidentenpaar eröffnete die Tagung, zu der mehr als 2 000 Teilnehmer aus allen
amerikanischen Bundesstaaten nach Washington gekommen waren. In ihren Heimatstaaten arbeiten sie als Lehrer oder Geschäftsleute, als Eltern und junge Menschen in kommunalen und staatlichen Programmen zur Vorbeugung gegen die Sucht,
oftmals auch als freiwillige Betreuer von Gefährdeten und suchtkranken in Therapieprojekten.
Aufklärung
und Information der
Öffentlichkeit, Schärfung des allgemeinen Bewußtseins für die Gefahren
von
Alkohol
und Drogen
erfordern
auch,
wie
Nancy
Reagan
fordert,
selbst den gelegentlichen Rauschgiftkonsum strikt abzulehnen.
Denn er
führe nur zu leicht zum suchterzeugenden Konsum.
"Es gibt keinen Zwischenweg", sagte sie, und deshalb muß
die Nachfrage nach Drogen gestoppt
werden.
Das sei ebenso wichtig wie
die Unterbindung von Schmuggel und
Handel. Nach dem Ende der Präsidentschaft
ihres Mannes wird
sie im
"Nancy Reagan Center" in Los Angeles,
einer Institution der Therapiezentren
"Phoenix House", aktiv mitarbeiten.
Zu dieser Einrichtung gehört eine
weiterführende
Schule mit Internat
für junge Menschen, die sich der

United States Information Service
Embassy of the United States of America

langwierigen Therapie und Rehabilitation unterziehen, ferner eine Pädagogik- und
Trainingsabteilung
sowie
eine Forschungsbereich.
Das Zentrum
solle zu einem Ort werden, wo neue
Methoden entwickelt, neue Wege erprobt und neue Antworten gefunden
werden.
Präsident Reagan verwies darauf,
daß in den vergangenen sieben Jahren
zum ersten Mal in den Vereinigten
Staaten
koordinierte Kampagnen von
Dienststellen des Bundes, der Einzelstaaten und der Kommunen gegen den
Drogenschmuggel geführt wurden. Polizei und Zoll wurden verstärkt, militärische Einheiten zu Lande, zu
Wasser und in der Luft einbezogen.
Dieser Zusammenarbeit ist es unter
anderem zu verdanken, daß 1987 Dro-

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.: 0228-339 2035
Telex: 8-85432

�genfahnder der amerikanischen Bundesregierung Sachwerte und Guthaben von
Drogenkriminellen im Wert von mehr
als 500 Millionen Dollar konfiszierten. 683 geheime Drogenlabors wurden
geschlossen und 41 768 kg Kokain beschlagnahmt.
Die
Gefängnisstrafen
für
Rauschgiftdelikte
wurden
drastisch erhöht, die Zahl der Verhaftungen stieg in den letzten Jahren um
66 Prozent, die von Rädelsführern der
Händlerringe sogar um das Dreifache.

Einstiegsdroge Marihuana
Marihuana gilt bei manchen noch
immer als nahezu harmlose
"weiche
Droge". Das ist sie aber nicht, und
zwar
in
doppelter
Hinsicht:
Zum
einen weckt sie beim Konsumenten den
Drang zur Wiederholung des Rauscherlebnisses und bahnt so den Weg zum
Einstieg in härtere Drogen bis hin
zum Heroin.
Zum anderen sind Haschisch-Zigaretten auch unter medizinischen Aspekten gefährlich.
Denn
sie belasten zum Beispiel die Lunge
mindestens fünfmal stärker mit Kohlenmonoxyd und Ablagerungen als gewöhnliche
Zigaretten.
Fast
8 000
Studien belegen inzwischen, was im
menschlichen Körper durch Marihuana
alles geschädigt werden kann - von
den Zellen über das Gehirn bis zu den
Fortpflanzungsfunktionen.
Aufgrund
solcher Befunde und Erfahrungen haben
in den USA Bestrebungen zur Legalisierung von Marihuana keine Aussicht
mehr auf Erfolg.
Dennoch bereitet der illegale Anbau von Cannabis in den USA dem amerikanischen Bundesamt für Rauschgiftbekämpfung (Drug Enforcement Administration - DEA) erhebliche Sorgen.
Wo immer solche Kulturen ausgemacht
werden, werden sie vernichtet.
Im
vergangenen Jahr waren es mehr als
7,4 Millionen Pflanzen, gegenüber 4,7
Millionen im Jahr 1986. Bei den Sinsemilla-pflanzen wurden 1987 ca. 72
Prozent mehr als 1986 vernichtet.
Diese haben einen besonders hohen Gehalt an THC (Tetrahydrocannabiol),
dem aktiven Bestandteil von Marihua-

na.
Hauptanbaugebiete sind Kalifornien, Tennessee und Hawaii.
im Zusammenhang mit den Vernichtungsaktionen wurden im vergangenen Jahr 6 502
Personen verhaftet und 1 728 Waffen
sichergestellt.
Aber Untersuchungen von Mitarbeitern des amerikanischen Außenministeriums zufolge sind die Vereinigten
Staaten dem Bericht zur internationalen Strategie für Suchtmittelkontrolle (International Narcotics control
Strategy) nach Mexiko und Kolumbien
noch immer drittgrößter Erzeuger von
Marihuana.
Hauptsächlich in den lateinamerikanischen
Ländern
wurden
1987 Mengen im Umfang 11 000 und
17 000 Tonnen produziert, wovon ein
erheblicher Anteil in die USA eingeschmuggelt wurde.
Nur Jamaika und
Belize gelang es, den Cannabis-Anbau
drastisch zu reduzieren.
in den übrigen
lateinamerikanischen
Ländern
stieg der Anbau trotz umfangreicher
Vernichtungsaktionen um 25 Prozent an.

Europa wird mit Kokain überschwemmt
Der stellvertretende DEA-Administrator, David L. Westrate, äußerte
sich kürzlich in einem vom US-Informationsamt (USIA) für Worldnet vermittelten Interview mit europäischen
Spezialisten für Drogenbekämpfung zu
der Kokainwelle, die jetzt offensichtlich Europa überschwemmt.
Sinkende Profite auf dem amerikanischen
Kontinent hätten die Händler veranlaßt,
ihre Methoden
einschließlich
der Verteilungsstrategie zu ändern,
und Europa stärker ins Visier zu nehmen, vor etwa fünf Jahren sei in den
USA ein Kilogramm Kokain für 60 000
Dollar verkauft worden. Heute bringt
in New York, Los Angeles oder Miami
die gleiche Menge nur noch 9 000 Dollar, in Europa dagegen ca. 40 000
Dollar.
Diese
"Profitdynamik" gefährde nicht nur Europa, sondern auch
Japan und Australien. Zwar wurden in
Europa 1987 mit 2,5 Tonnen Kokain und
drei Tonnen Heroin erhebliche Mengen
beschlagnahmt. Aber dies sind erfahrungsgemäß nur zehn bis 15 Prozent

�der Mengl, die tatsächlich abgesetzt
werden.

.
i

i

Selbst in den Anbauländern schaffe Kokain in seinen verschiedenen
Produktionsstufen
inzwischen
ebenfalls erhebliche Drogenprobleme. Als
Beispiel nannte Westrate in Kolumbien
"Bazooka", ein Derivat der Kokapaste.
Auf "Crack" angesprochen, erklärte
Westrate, weshalb er diese Droge für
besonders gefährlich halte: Sie werde aus Kokainbase, der Vorstufe zum
eigentlichen
Rauschgift
(Kokainhydrochlorid),
hergestellt.
In den
Vereinigten Staaten seien wegen der
großen Nachfrage nach "Crack" die
Händler sogar dazu übergegangen, diese letzte Stufe wieder in Base zurückzuverwandeln, weil Kokain nur in
dieser Form geraucht werden könne.
Der Rauch werde inhaliert und erreiche somit das Gehirn ebenso schnell
wie Sauerstoff. Beim Schnupfen dagegen dauerte es länger, bis das Rauschmittel absorbiert werde. "Crack"
hat verheerende Auswirkungen auf den
Blutdruck und führt häufig zu Schlaganfällen, Herzinfarkt oder schweren
Herzattacken.
Außerdem bewirkt es
noch stärker als Kokainhydrochlorid
eine zwanghafte Sucht - manche behaupteten, stärker noch als Heroin.
Westrate äußerte sich auch besorgt über den wachsenden Konsum von
Aufputschmitteln wie Amphetamin und
neuerdings von Metamphetamin, das man
als "Kokain des armen Mannes" bezeichnet. Unter den «83 im vergangenen Jahr ausgehobenen Geheimlabors
hatten 615 Metamphetamin hergestellt,
Angesichts dieser Umstände kommt der
Vorbeugung, die bei den Kindern einsetzen müsse, allergrößte Bedeutung
zu.
Zwar sei die Tatsache ermutigend, daß in den vereinigten Staaten
unter Oberschülern der höheren Klassen in letzter Zeit der Kokainkonsum
erstmals zurückgegangen ist.
Aber
unter
den Acht- bis
Zwölfjährigen
nehme der Konsum von Kokain und anderen Drogen zu, so daß Therapie, Rehabilitation, Aufklärung und Schulung
immer wichtiger werden und natürlich
auch mehr Personal und Zeit erfordern.

Dem Internationalen Strategie-Bericht zufolge haben sich die lateinamerikanischen Länder noch nicht zur
Vernichtung
von Kokaplantagen
mit
Herbiziden entschließen können, obgleich die 1987 durchgeführten Tests
gute
Ergebnisse
zeitigten.
Diese
Haltung dürfte dem Druck durch Händlersyndikate
zuzuschreiben
sein.
Ähnliches zeigt sich in bezug auf die
Vernichtung von Marihuanapflanzen in
Kolumbien und von Schlafmohn zur
Opiumgewinnung
in
Mexiko.
Man
schätzt heute, daß 1987 in den Anden
zwischen 162 000 und 211 400 Tonnen
Kokablätter produziert wurden.
Heroin
Dem internationalen Strategie-Bericht über Suchtstoffkontrolle zufolge nahm die Opiumproduktion im Jahr
1987 weiter zu, wobei Opium aus der
Region "Goldener Halbmond", insbesondere aus Afghanistan mit 735 bis
1 360 Tonnen den größten Anteil hatte. In Pakistan machte die Opiumgewinnung in Gebieten von Volksstämmen,
die gegenwärtig von der Regierung
nicht kontrolliert werden können, die
Bemühungen um strikte Reduzierung im
übrigen Land durch Sprühaktionen von
Flugzeugen aus nahezu zunichte. Seit
1980 hat in Pakistan selbst der Heroinmißbrauch stark zugenommen. Zur
Zeit rechnet man dort mit ca. 660 000
Süchtigen.
Rechtsvollzug und Fahndung sind in Pakistan nach wie vor
schwach. So war es bisher nicht möglich, die Herstellung von Heroin und
den Handel mit dem Rauschgift zu
stoppen.
Nicht ganz so drastisch nahm in
Südostasien die Opiumproduktion zu,
obgleich die Region mit Kulturen in
der Größenordnung von 1 095 bis 1 575
Tonnen nach wie vor als der Welt
größter Opiumproduzent zu gelten hat.
Nur in Thailand wurde in den letzten
Jahren der Anbau stark eingeschränkt.
Dennoch ist Thailand ein bedeutendes
Transitländ für Heroin. Hauptlieferant für den amerikanischen Markt ist
gegenwärtig Mexiko.

- 3 -

�Seit Mitte März 1988 verlieren
amerikanische Staatsbürger, die beim
Handel mit Rauschgift erwischt werden, ihren Paß.
In einigen Bundesstaaten wird Personen, die man im Besitz von Rauschgift findet, der Führerschein abgenommen. Ann Wrobleski,
Unterstaatssekretärin für internationale Suchtstoffprobleme im amerikanischen Außenministerium, forderte erneut mehr und engere Zusammenarbeit
auf
internationaler
Ebene, um die
Macht der Händlerringe und der Drogenbosse zu brechen: "Jedes Land ist
gefährdet, denn Drogen und Drogengelder korrumpieren, unterminieren und
liefern
Geldmittel für
Gewalttaten
und
Einschüchterungsaktionen.
Und
sie drohen jene zu paralysieren, die
beauftragt sind, das Richtige zu tun.
Wir alle haben den Schaden, wenn ein
Land zur Geisel des Drogenhandels
wird. Wir alle leiden, denn das ist
ein Krebsgeschwür, das sich in der
Völkerfamilie ausbreitet und jegliche
Stabilität bedroht."

* * * * * *

- 4

�</text>
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                <text>Amerikadienst 11.05.1988</text>
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                <text>&lt;strong&gt;1. Dokumentation&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Bündnis spielt entscheidende Rolle beim Konzept&lt;br /&gt;der Lastenteilung&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede des Stellvertretenden Verteidigungsministers Taft &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Hintergrundmaterial&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Verlagert Moskau wirklich den Schwerpunkt auf Verteidigung?&lt;br /&gt;&lt;em&gt;von Verteidigungsminister Frank C. Carlucci&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Wissenschaft und Technik&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Rauschgift bedeutet Selbstzerstörung&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Aufklärung und Erziehung muß im Kindesalter beginnen&lt;br /&gt;&lt;/em&gt;</text>
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dienet

Herausgeber: U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

Z12462 C

18

11. Mal 1994

AUSSENPOLITIK

AUSSENPOLITIK MUSS AUCH RISIKOBEREITSCHAFT ENTHALTEN
Fernsehinterview des Präsidenten

SÜDAFRIKA

AUFSTOCKUNG DER HILFE FÜR SÜDAFRIKA
Erklärungen von Clinton und Gore

NAHER OSTEN

CLINTON BEGRÜSST UNTERZEICHNUNG DES

AUTONOMIEVERTRAGS
Erklärung des Präsidenten

FULBRIGHT

LEO M. GOODMAN AWARD FÜR
SENATOR FULBRIGHT
Rede von Botschafter Holbrooke

FUSSBALL

FUSSBALLWELTMEISTERSCHAFT IN DEN
VEREINIGTEN STAATEN

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Deichmanns Aue 29
D 53170 Bonn

Tel: 0228-339 23 72
Fax:0228-3341 02

�AUSSENPOLITIK
11. Mai 1994

AUSSENPOLITIK MUSS AUCH
RISIKOBEREITSCHAFT ENTHALTEN
Fernsehinterview des Präsidenten
WASHINGTON - (AD) - Die amerikanische Außenpolitik muß dem Präsidenten zufolge die Bereitschaft zur
Übernahme von Risiken in den "Grauzonen" der Zeit nach dem Kalten Krieg enthalten.
In Rahmen der umfassendsten Verteidigung der Politik seit seiner Amtsübernahme beantwortete Clinton im
amerikanischen Fernsehsender CNN (Cable News Network) am 3. Mai 1994 Fragen aus der ganzen Welt und
räumte ein, es sei viel schwieriger, internationale Koalitionen aufzubauen, als er gedacht habe.
Clinton skizzierte die Grundprinzipien seiner taktischen außenpolitischen Entscheidungen und erklärte, die
Vereinigten Staaten würden beim Umgang mit Unruheherden in den meisten Fällen ein Vorgehen im Rahmen
multilateraler Organisationen anstreben. Sollten Washingtons wichtigste Interessen auf dem Spiel stehen,
würde jedoch kein Alleingang gescheut.
Der Präsident wies Kritik zurück, er sei bei außenpolitischen Entscheidungen, insbesondere zu Bosnien,
wankelmütig gewesen und stellte fest, es habe im Hinblick auf die Grundsätze der Politik "keine Unschlüssigkeit" gegeben.
Im weiteren Verlauf der Fernsehdiskussion beantwortete Präsident Clinton Fragen zum Handel mit China, dem
Nahostfriedensprozeß, den nuklearen Fähigkeiten Nordkoreas und der Wiederherstellung der Demokratie auf
Haiti.
Nachfolgend veröffentlichen wir die Eingangserklärung des Präsidenten im Wortlaut.
Meine Damen und Herren, ich begrüße die Teilnehmer der CNN-Konferenz und die Millionen
Fernsehzuschauer aus aller Welt. Mein Dank gilt
dem Carter Center, in dem diese bahnbrechende
Diskussion über die Weltpolitik stattfindet.
Während der gesamten Geschichte der Vereinigten
Staaten, und insbesondere nach größeren Konflikten, mußte Amerika erneut prüfen, wie es seine
Sicherheit definiert, in was für einer Welt wir und
unsere Kinder leben wollen und welche Verantwortung wir für sie tragen. Nach dem Ende des Kalten
Krieges sind wir erneut an einem solchen Zeitpunkt
angekommen -einer Zeit großer Veränderungen und
Chancen. Das Gespenst der atomaren Vernichtung
verschwindet immer mehr. An die Stelle des sowjetischen Imperiums ist eine Vielzahl neuer Demokratien getreten. Aufgrund der Revolution im Kommunikationswesen, die am eindeutigsten von CNN
und unserer Tätigkeit am heutigen Abend symbolisiert wird, überwindet die Weltwirtschaft Entfernungen und eröffnet neue Möglichkeiten.

AMERIKA DIENST 18

Wir sind Augenzeugen der Geschichte. Wir beobachten die Geschehnisse. Ich erinnere mich, wie
ich als junger Mann abends die Nachrichten sah.
Dem Weltgeschehen wurde nur wenig Platz eingeräumt, und oftmals waren die Nachrichten schon
einen Tag alt. Heute werden wir schon ungehalten,
wenn die Nachrichten eine Stunde alt sind und keine
live-Berichte vorliegen.
Die Berliner Mauer ist gefallen. Ein von Hoffnungen
begleiteter Händedruck hat einen Friedensprozeß in
Gang gesetzt, der für einen dauerhaften Frieden im
krisengeschüttelten Nahen Osten erforderlich ist.
Diese Woche waren wir Zeugen ruhmreicher und
unvergeßlicher Szenen, als Millionen von Südafrikanern aller Rassen sich freudig und mutig in die
Schlangen vor den Wahllokalen einreihten, um eine
neue Demokratie für Angehörige aller Rassen ins
Leben zu rufen.
Wir alle sind uns jedoch bewußt, daß dieses Zeitalter
auch Gefahren beinhaltet. Rußland und die anderen

Seite 1

�Nachfolgestaaten der ehemaligen Sowjetunion
durchlaufen eine schwierige Übergangszeit. Das
Ende der Konfrontation der beiden Supermächte
Sowjetunion und Vereinigte Staaten hat brodelnden
ethnischen Haß freigesetzt. Innerhalb der nationalen
Grenzen der Länder dieser Welt hat sich sehr viel
Aggression angestaut. Wir alle spüren die Gefahr
für die Menschheit, die mit diesen Kämpfen innerhalb und zwischen Ländern einhergeht.
Regime wie beispielsweise Irak, Iran und Nordkorea
bestehen auf der Entwicklung von Massenvernichtungswaffen. Wir sind Zeugen brutaler Menschenrechtsverletzungen von Haiti bis Ruanda sowie
schrecklicher humanitärer und Umweltprobleme von der weitreichenden AIDS-Epidemie und der
Versteppung in Afrika bis zur Rodung der Wälder in
Lateinamerika und Asien.
Angesichts so großer Versprechen und Unruheherde
haben wir die Chance, die Bedingungen für mehr
Frieden und Wohlstand zu schaffen, hoffentlich
dauerhaften Frieden und Wohlstand - vorausgesetzt,
die führenden Nationen der Welt setzen sich aktiv
dafür ein.
Nach dem Ende des Kalten Krieges wird hier in
Amerika und in anderen Ländern darauf gedrängt,
sich nach innen zu wenden und auf nationale
Erfordernisse zu konzentrieren. Bei uns bedeutet
das Schaffung von Arbeitsplätzen, Verbrechensbekämpfung und Gesundheitsfürsorge für alle
Bürger. Es ist richtig und geboten, sich diesen
Erfordernissen zu widmen.
Die Vereinigten Staaten können jedoch nicht der
Welt oder anderen Ländern den Rücken kehren. Ich
weiß, daß Engagement Geld und manchmal Menschenleben fordert. Ich bin mir wohl bewußt, daß
wir nicht jedes Problem lösen können, oder das
auch nur versuchen sollten. In einem Zeitalter des
Wandels, der Chancen und Gefahren muß Amerika
jedoch willens sein, die mit einer Führungsrolle
einhergehenden Verpflichtungen und Risiken zu
übernehmen. Und ich werde entschlossen dafür
sorgen, daß wir das tun.
Es ist von Bedeutung, daß wir in dem neuen Zeitalter eine klare Wegbeschreibung auf der Grundlage
unserer nationalen Interessen und eindeutig definierten Werte haben. Heute möchte ich vor der Beantwortung der Fragen kurz auf den von uns einzuschlagenden Weg eingehen.
Unsere oberste Priorität - und meine oberste Priorität
als Präsident - muß weiterhin eindeutig und klar der
Schutz unseres Landes, unseres Volkes und unserer
Lebensweise sein. Das ist das Kernstück unserer

Seite 2

nationalen Interessen. Wir müssen auch die Chancen ergreifen, die unsere Sicherheit und unseren
Wohlstand fördern, wenn nötig im Alleingang und
wenn möglich gemeinsam mit anderen vorgehen.
Wir haben ein Interesse daran, weiterhin als Symbol
für Stärke, Freiheit und Hoffnung zu dienen. Schließlich sind wir eine einzigartige Nation. Wir sind das
mächtigste Arsenal der Welt, ihre älteste Demokratie,
ihr gewagtestes Experiment der Verschmelzung
verschiedener Rassen, Religionen und Kulturen zu
einem Volk.
Seit meiner Amtsübernahme basierte meine Strategie
zur Förderung dieser Interessen auf drei Prioritäten:
Erstens der Entwicklung einer Politik, die den sichherheitspolitischen Herausforderungen dieses neuen
Zeitalters Rechnung trägt und dem Aufbau von zur
Umsetzung dieser Politik erforderlichen Streitkräften,
zweitens der Umwandlung unserer nationalen Wirtschaftsinteressen in einen integralen und essentiellen
Bestandteil unserer Außenpolitik und drittens der
Förderung von Demokratie im Ausland.
Ich möchte kurz auf jede dieser Prioritäten eingehen.
Erstens eine starke Politik und einsatzbereite Verteidigung für ein neues Sicherheitsumfeld. Glücklicherweise besteht nicht mehr die Aussicht auf einen
Einmarsch sowjetischer Truppen in Westeuropa. Die
Welt ist aber immer noch ein gefährlicher Ort, und
das Können, die Stärke und Einsatzbereitschaft
unserer Männer und Frauen in Uniform bleibt das
Bollwerk unserer Freiheit und der Freiheit vieler
anderer Länder.
Im vergangenen Jahr schlössen wir eine umfassende
Überprüfung unserer Streitkräfte ab, um den Bedrohungen dieses Zeitalters begegnen zu können.
Wir gelangen zu dem Schluß, daß wir Streitkräfte
benötigen, die gleichzeitig in zwei größeren regionalen Konflikten kämpfen und siegen können. Diese
Streitkräfte werden weniger Geld kosten als während
des Kalten Krieges, wir dürfen aber nicht zu viele
Kürzungen vornehmen. Ich habe gegen weitere
Kürzungen unserer Streitkräfte gekämpft, die unsere
Fähigkeit zur Verteidigung unserer Interessen beeinträchtigen könnten.
Wir unternehmen weitere Schritte, um den Gefahren
dieses neuen Zeitalters zu begegnen. Auf dem
NATO-Gipfel im vergangenen Januar haben wir
gemeinsam mit unseren NATO-Verbündeten das
Konzept der Partnerschaft für den Frieden angenommen, um die ehemals kommunistischen Staaten und
andere, derzeit nicht der NATO angehörende europäische Länder in eine engere sicherheitspolitische
Zusammenarbeit mit Westeuropa einzubinden. Wir
arbeiten an der Verbesserung der regionalen Si-

AMERIKA DIENST 18

�cherheit in Gebieten wie dem Nahen Osten und
hoffen, daß Israel und die PLO morgen das bedeutende Autonomieabkommen unterzeichnen werden,
das auf dem Versprechen eines Durchbruchs vom
vergangenen September aufbaut.
Wir bauen die nuklearen Bedrohungen der Welt
weiter ab und arbeiten auf die Einstellung von Nordkoreas gefährlichem Nuklearprogramm hin. Wir
haben Verhandlungen über ein umfassendes Atomtestverbot aufgenommen. Bei meiner Amtsübernahme waren vier ehemalige Sowjetrepubliken im
Besitz von Nuklearwaffen. Es ist uns gelungen, drei
von ihnen zur Übernahme bindender Verpflichtungen
über die Beseitigung ihres gesamten Atomwaffenarsenals zu überzeugen, und wir setzen diese
wichtige Arbeit fort. Und zum ersten Mal in der
Geschichte sind jetzt weder unsere Nuklearraketen
gegen Rußland, noch die Rußlands gegen uns
gerichtet.
Der zweite Teil unserer Strategie besteht darin,
wirtschaftlichen Fortschritt zum Kernstück unserer
Maßnahmen im Ausland zu machen. Zu viele Jahre
gab es hier in Amerika ein gefährliches Ungleichgewicht zwischen unserer internationalen Politik und
unserer Wirtschaftspolitik. Wir waren militärisch
stark, als wir wegen unserer gefährlich hohen
Defizite und niedrigen Produktivität wirtschaftlich
schwach wurden - Dinge, die zur Schwächung der
Nationen auf der ganzen Welt beigetragen haben
und einen Großteil des in weniger entwickelten
Ländern für Entwicklung und Wachstum erforderlichen Kapitals aufzehrten.
Wir befürworteten freien Handel, haben aber häufig
genau das Gegenteil praktiziert, wenn wir wegen
geringer Wirtschaftsleistung unter Druck gerieten.
Und selbst als wir auf freien Handel drängten,
ermangelte es uns hier in unserem eigenen Land oft
an den benötigten Maßnahmen um sicherzustellen,
daß der Durchschnittsamerikaner davon profitierte.
Mein Ziel bestand im Abbau unseres Defizits, der
Aufstockung unserer Investitionen, Verbesserung
unserer Wettbewerbsfähigkeit sowie der Bildung und
Ausbildung unserer Bürger, dem Drängen auf
Abkommen zur Öffnung der Weltmärkte ohne
Sonderbehandlung der Vereinigten Staaten aber mit
mehr offenen Märkten, damit wir alle zusammen
wachsen und konkurrieren können.
Im vergangenen Jahr konnten wir wichtige Fortschritte verzeichnen. Wir verabschiedeten das Nordamerikanische Freihandelsabkommen mit Kanada
und Mexiko und stellten mit den Welthandelsgesprächen des GATT das umfassendste Abkommen der
Geschichte zur Öffnung der Märkte sicher - Verein-

AMERIKA DIENST 18

barungen, die amerikanische Arbeitsplätze für uns
hier in den Vereinigten Staaten schaffen und gleichzeitig beträchtliches globales Wirtschaftswachstum
ankurbeln werden. Wir haben ein Gipfeltreffen der
Staats- und Regierungschefs aus der asiatischpazifischen Region - der am schnellsten wachsenden
Region der Erde - veranstaltet.
In diesem Jahr werden wir die Umsetzung der GATTRunde im Kongreß anstreben und das erste Gipfeltreffen unserer Nachbarn auf diesem Kontinent seit
einer Generation anberaumen. Wir arbeiten auf die
Förderung umweltverträglicher Formen von Wirtschaftsentwicklung sowohl hier als auch im Ausland
hin. Wir müssen uns vor Augen führen, daß viele der
in ganz Afrika und andernorts Gesellschaften auseinanderreißenden Bürgerkriege, die wir erlebten und
heute erleben, nicht nur durch historische Konflikte,
sondern auch durch die sträfliche und ungemein
erschreckende Verschlechterung der Volkswirtschaft
und Umwelt verursacht werden, in der diese Völker
leben.
Der dritte Schlüssel zu unserer Politik ist die Förderung von Demokratie. Die neuen Fortschritte der
Demokratie auf der ganzen Welt decken sich mit
unseren Werten und Interessen. Sie machen uns
hier in den Vereinigten Staaten sicherer. Wir wissen,
daß Demokratien weniger schnell Kriege führen,
Menschenrechte verletzen oder Verträge brechen.
Aus diesem Grund haben wir zum Schutz der Demokratien Europas in zwei Weltkriegen gekämpft, aus
diesem Grund haben wir ein halbes Jahrhundert lang
unerschütterlich den Kommunismus eingedämmt.
Die größte Chance für unsere Sicherheit besteht
heute darin, zur Erweiterung der demokratischen
Marktwirtschaften der Welt beizutragen und auf eine
Welt hinzuarbeiten, in der alle Großmächte nach
einem demokratischen Plan regieren. Wenn uns dies
gelingt, werden wir wertvollere Partner im Handel, in
der Diplomatie und bei der Sicherheit haben. Aus
diesem Grund habe ich der Förderung von demokratischen und marktwirtschaftlichen Reformen in Rußland, der Ukraine, dem Baltikum und anderen ehemals kommunistischen Staaten große Aufmerksamkeit gewidmet.
Die Früchte dieser Strategie konnten wir bereits vor
wenigen Wochen sehen, als Rußland und Lettland
ein historisches Abkommen über den Abzug des
russischen Militärs von lettischem Territorium bis
Ende August abschlössen.
Unser Ziel besteht in der Förderung des Erfolgs
neuer Demokratien wie denen in Lateinamerika und
jetzt in Südafrika sowie der Ausübung von Druck zur

Seite 3

�Wiederherstellung der Demokratie in Ländern, in
denen sie abgeschafft wurde, wie auf Haiti.
Sicherheit, Wohlstand, Demokratie: Dies sind die
Pfeiler unserer Strategie in der neuen Welt. Diese
Bausteine beantworten nicht jede Frage, die sich
uns stellt. Dieses Zeitalter war von einer Epidemie
humanitärer Katastrophen gekennzeichnet, von
denen viele durch ethnische Konflikte aufgrund des
Zusammenbruchs von Regierungen verursacht
wurden. Einige, wie in Bosnien, betreffen eindeutig
unsere Interessen. Andere, wie in Ruanda, betreffen
unsere eigenen Sicherheitsinteressen weniger direkt,
verdienen jedoch dennoch unsere Sorge und Hilfe.
Amerika kann nicht jedes Problem lösen und darf
nicht der Weltpolizist werden. Aber wir haben eine
Verpflichtung, gemeinsam mit anderen alles in
unserer Macht Stehende zu tun, um das Leiden zu
mildern und den Frieden wiederherzustellen.
Die von uns eingesetzten Mittel werden und müssen
sich je nach den Umständen ändern. Wenn unsere
wichtigsten Interessen auf dem Spiel stehen, werden
wir nicht zögern, gegebenenfalls im Alleingang zu
handeln. Wo wir ein Interesse an Aktionen mit der
internationalen Staatengemeinschaft teilen, werden
wir vielleicht im Rahmen der Vereinten Nationen
tätig.
Diese Woche wird eine Reihe von Maßnahmen zur
Reform der UN-Friedenssicherungsoperationen
bekanntgegeben, um diese Operationen billiger und
effektiver zu machen. In anderen Fällen werden wir
partnerschaftlich mit anderen Nationen zusammenarbeiten. In Bosnien haben wir beispielsweise unser

*

Seite 4

diplomatisches Engagement gemeinsam mit Rußland
und anderen Nationen erweitert. Wir haben die
Durchsetzungsmaßnahmen der NATO unterstützt und
uns verpflichtet, im Rahmen der Durchsetzungsmission der NATO amerikanische Streitkräfte zu
entsenden, wenn die Parteien ein umsetzbares
Friedensabkommen erzielen können.
Obwohl dieser Konflikt andauert, sollten wir nie
vergessen, daß es heute abend in Sarajevo, Tuzla
und Mostar Menschen gibt, die aufgrund der gemeinsam von der NATO und den Vereinten Nationen
unternommenen Aktionen am Leben sind. Die
Schutzzonen, die Flugverbotszone, die längste
Luftbrücke mit humanitären Hilfsgütern der Geschichte - diese und andere Bestrebungen tragen zur
Lösung eines äußerst schwierigen Problems bei.
Dies ist ein entscheidender Moment in den Angelegenheiten unserer Welt - ein Moment, in dem wir die
Grenzen der Freiheit erweitern, eine wohlhabendere
Weltwirtschaft schaffen und den Millionen Menschen
in von Kriegen erschütterten Ländern die Chance zu
einem normalen Leben bieten können; ein Moment,
in dem wir die Menschen in jedem unserer Länder
sicherer vor den todbringendsten Waffen der Welt
machen können.
Bei all dem ist meines Erachtens die Führungsrolle
der Vereinigten Staaten unerläßlich. Meine Verpflichtung besteht darin, diese Führungsrolle auszuüben, damit wir unseren Kindern eine Welt hinterlassen können, die sicherer, freier und lebenswerter
für ihre Zukunft ist.
Ich danke Ihnen.

* * * *

AMERIKA DIENST 18

�SU D A F R I K A
11. Mal 1994

AUFSTOCKUNG DER HILFE FÜR SÜDAFRIKA
Erklärungen von Clinton und Gore
WASHINGTON - (AD) - Präsident Clinton hat eine "beträchtliche Erweiterung" der amerikanischen
Bestrebungen zur Förderung von Hilfe und Investitionen für Südafrika bekanntgegeben - rund 600 Millionen
Dollar in den kommenden drei Jahren - und wird Vizepräsident Gore als Vertreter der Vereinigten Staaten zur
Amtseinführung des neuen südafrikanischen Präsidenten Nelson Mandela entsenden.
Bei einer Feier im Weißen Haus am 5. Mai 1994 erklärte Präsident Clinton, er werde an die Staats- und
Regierungschefs der anderen G-7-Länder schreiben "und sie bitten, uns bei der Erweiterung der Hilfe für
Südafrika behilflich zu sein".
Anläßlich dieser Zeremonie äußerte Vizepräsident Gore, Südafrika "sieht sich mit einer schwierigeren
Herausforderung als der Abschaffung der Apartheid konfrontiert - dem Aufbau einer nichtrassischen Demokratie
und einer Kultur der Toleranz".
Nachfolgend veröffentlichen wir die Erklärungen von Präsident Clinton und Vizepräsident Gore im Wortlaut.
Präsident Clinton: Meine Damen und Herren, ich
möchte Sie herzlich willkommen heißen. In der
vergangenen Woche beobachteten wir mit Erstaunen, wie die Brüder Südafrikas zu den Wahlurnen
gingen, wie die Wähler sich in kilometerlange
Schlangen einreihten, auf Krücken und in Rollstühlen
kamen, geduldig warteten und quer durch das
gesamte Land reisten, um ihr Wahlrecht auszuüben,
eine in Freiheit geborene neue Nation zu schaffen,
die durch die Erlösung ihres Leidens an die Macht
gelangte.

der Apartheid nicht erlöschen ließen, verhängte der
Kongreß Sanktionen, um das Apartheid-Regime
seiner Legitimität zu berauben. Die Studenten
demonstrierten in Solidarität. Die Aktionäre verpflichteten die Unternehmen zu einem höheren
ethischen Standard. Die amerikanischen Kirchen schwarze und weiße gleichermaßen - übernahmen
die Schutzrolle der moralischen Führung. Und im
gesamten Verlauf des Kampfes trugen die amerikanischen Bürgerrechtler hier dazu bei, den Weg zu
weisen.

Ich habe gerade mit dem gewählten Präsidenten
Mandela und Präsident de Klerk gesprochen. Ich
habe Mr. Mandela zu seinem Sieg gratuliert und
Präsident de Klerk versichert, daß er zweifelsohne
enormes Lob für seine Führungsrolle verdient. Ihr
Mut, ihre Staatskunst hat zusammen mit der maßgeblichen Rolle des Führers der Inkartha-Freiheitspartei Buthelezi und anderen diesen Übergang
leichter gemacht als viele für möglich hielten.

Die südafrikanische Sache war stets auch die amerikanische Sache. In der vergangenen Woche wurde
das Wunder zum Teil aufgrund der Hilfe Amerikas
Wirklichkeit. Und jetzt dürfen wir nicht den Rücken
kehren.

Südafrika ist heute frei aufgrund der Entscheidung,
die seine politisch Verantwortlichen und das Volk
getroffen haben. Ihre Aktionen dienen als Anregung.
Wir können auch auf die Rolle der Vereinigten
Staaten bei diesem großen Drama stolz sein. Weil
Sie, die heute hier Anwesenden, und viele andere
die Flamme der Freiheit während der dunklen Nacht

AMERIKA DIENST 18

Ich möchte mit der Feststellung beginnen, wir alle
wissen, daß Südafrika sich mit der Aufgabe des
Aufbaus einer toleranten Demokratie und einer
erfolgreichen Marktwirtschaft konfrontiert sieht und
daß den Bürgern Südafrikas die Möglichkeit zur
Ausschöpfung ihres wirtschaftlichen Potentials zu
geben entscheidend für den Erhalt der toleranten
Demokratie ist. Um unter Beweis zu stellen, daß
Versöhnung und Demokratie greifbare Vorteile
bringen können, müssen auch andere helfen. Ich bin
überzeugt, daß Südafrika zu einem Modell für den

Seite 1

�gesamten Kontinent werden kann. Und die Vereinigten Staaten müssen ein neuer und gleichwertiger Partner dieser neuen Regierung werden, damit
sie ihr Versprechen möglichst schnell verwirklichen
kann.
Wir haben bereits einen Anfang gemacht. Im letzten
Jahr haben die Vereinigten Staaten Experten zur
Aushandlung einer neuen Verfassung nach Südafrika entsandt - oder um Südafrika dabei behilflich
zu sein. Wir haben zum Funktionieren der Wahlen
maßgeblich beigetragen. Wir haben die Sanktionen
aufgehoben. Wir haben zwei Handels- und Investitionsmissionen ins Leben gerufen, um die
Grundlage für größere wirtschaftliche Zusammenarbeit zu legen. Und eine hochrangige amerikanische Delegation von Wahlbeobachtern war während
der jüngsten Wahlen anwesend. Ich möchte besonders dem Delegationsleiter, Reverend Jesse Jackson, für seinen herausragenden Beitrag zum Erfolg
der südafrikanischen Wahlen meinen Dank aussprechen.
Heute gebe ich eine "beträchtliche Erweiterung"
unserer Bestrebungen zur Förderung von Handel,
Hilfe und Investitionen für Südafrika bekannt. In den
kommenden drei Jahren werden wir Mittel in Höhe
von ungefähr 600 Millionen Dollar für Südafrika
bereitstellen und verteilen. In diesem Haushaltsjahr
haben wir die Hilfsleistungen von 83 Millionen auf
143 Millionen Dollar aufgestockt. Zusammen mit
Bürgschaften und anderen Mitteln werden sich
unsere für das nächste Jahr mobilisierten Ressourcen auf über 200 Millionen Dollar belaufen.
Im Rahmen der Programme von 10 amerikanischen
Regierungsbehörden werden wir mit Südafrika
zusammenarbeiten, um den von diesem Land
ausgemachten Bedarf zu erfüllen - Bau von Häusern
und Kliniken, Bereitstellung besserer Bildung,
Förderung einer guten Regierungsform und wirtschaftlicher Entwicklung.
Ich werde an die Staats- und Regierungschefs der
anderen G-7-Länder schreiben und sie bitten, uns
bei der Erweiterung der Hilfe für Südafrika behilflich
zu sein. Und wir werden internationale Finanzinstitutionen wie die Weltbank auffordern, unserem
Beispiel zu folgen.
In der nächsten Woche werde ich ferner eine offizielle Delegation zu Präsident Mandelas Amtseinführung
nach Südafrika entsenden. Vizepräsident Gore wird
die Delegation zusammen mit seiner Gattin anführen. Sie werden begleitet von der First Lady,
Wirtschaftsminister Brown, Landwirtschaftsminister
Espy und vielen anderen, einschließlich einiger
heute hier Anwesenden.

Seite 2

Wir unternehmen diese Schritte, weil für uns beim
Erfolg der Reise Südafrikas wichtige Interessen auf
dem Spiel stehen. Wir haben ein wirtschaftliches
Interesse an einem prosperierenden Südafrika, das
unsere Exporte aufnimmt und in der gesamten
Region größeren Wohlstand hervorbringt. Wir haben
ein Sicherheitsinteresse an einem stabilen, demokratischen Südafrika, das mit seinen Nachbarn bei der
Wiederherstellung und Sicherung des Friedens
zusammenarbeitet.
Wir haben ein eindeutiges
moralisches Interesse. Wir haben unseren eigenen
schwierigen Kampf zur Überwindung der Rassentrennung geführt und kämpfen noch immer mit der
Herausforderung, Stärke aus unserer Vielfalt zu
ziehen. Aus diesem Grund haben die beeindruckenden Bilder der südafrikanischen Wahlen ein so
großes Echo im Herzen aller Amerikaner gefunden.
Ob Südafrika oder Amerika - wir wissen, daß die
Arbeit der Demokratie niemals beendet ist. Toleranz
und Respekt zu entwickeln, Chancen für all unsere
Bürger zu schaffen - diese Arbeit ist nie ganz getan.
Wir wollen jedoch glücklich über die Tatsache sein,
daß Südafrika jetzt die Chance zum Beginn dieser
hehren und lebenswichtigen Aufgabe hat.
Vor 33 Jahren wurde Albert Luthuli als erster von vier
Südafrikanern mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet. Als er den Preis entgegennahm, beschrieb
er sein Volk "als lebenden Beweis für den unbeugsamen Geist der Menschheit. All die Jahre hat es
das Ziel eines erfüllteren Lebens und der Freiheit mit
unglaublicher Entschlossenheit und Stärke angestrebt".
Heute beginnen diese Entschlossenheit und das
Streben von Generationen Früchte zu tragen.
Gemeinsam müssen wir allen Südafrikanern helfen,
auf ihrer neu gefundenen Freiheit aufzubauen.
Und jetzt möchte ich den Vizepräsidenten bitten,
nach vorne zu kommen und kurz über die bevorstehende Reise der von ihm angeführten amerikanischen Delegation zu sprechen.
Vizepräsident Gore: Vielen Dank, Herr Präsident.
Ich möchte zunächst die Mitglieder der Delegation
willkommen heißen, die die First Lady, Tipper und
mich nach Südafrika begleiten werden. Wir sind
begeistert über diese Reise. Es ist ein großer
Moment der Geschichte.
Die letzten Säulen der Apartheid fallen und drei
Jahrhunderte der Ungerechtigkeit gehen zu Ende.
Viele haben diesen Augenblick herbeigeführt, und wir
sind - wie gesagt - begeistert über die Möglichkeit,
Zeuge dieser Umgestaltung zu werden.

AMERIKA DIENST 18

�Ich begrüße Landwirtschaftsminister Espy und den
Nationalen Sicherheitsberater, Tony Lake, der in den
vergangenen 16 Monaten und vor dieser Administration in anderen Funktionen unermüdlich gearbeitet
hat, um diesen Moment herbeizuführen. Botschafter
Talbott und sein Kollege George Moose vom USAußenministerium. Herr Botschafter, ich danke
Ihnen für den herausragenden Beitrag des Außenministeriums zu dieser Entwicklung.

übernommene Rolle, uns an die Schwelle eines
neuen Zeitalters in Südafrika zu bringen.

Ich möchte auch einige der anderen Anwesenden
erwähnen. Der Präsident hat bereits auf die Rolle
von Reverend Jesse Jackson als Leiter der Wahlbeobachtergruppe verwiesen. Einige von ihnen
wissen vielleicht nicht, daß er in Südafrika besondere Anerkennung und Dank für die Art und Weise
erhalten hat, in der er und die von ihm angeführte
Delegation zu diesem herausragenden Ereignis
beigetragen und eine maßgebliche und wichtige
Rolle dabei gespielt haben, diesen bedeutenden
Augenblick der Geschichte sicherzustellen und vor
Störungen zu bewahren.

Wie Präsident Clinton wiederholt klargestellt hat,
werden die Vereinigten Staaten von Amerika helfen.
Wir werden dort sein und das Unsere tun. Unsere
Arbeit ist Teil der umfassenderen Strategie von
Präsident Clinton zur Erweiterung der internationalen
Staatengemeinschaft freier marktwirtschaftlicher
Demokratien in Afrika und andernorts.

Die Direktorin des Peace Corps, Carol Bellamy, ist
anwesend; der Leiter des Amts für internationale
Entwicklung (Agency for International Development AID), Brian Atwood; Ruth Harkin, die Präsidentin der
Entwicklungsgesellschaft OPIC; Botschafter Harry
Schwarz, der in wenigen Minuten auf das Podium
kommen wird, und der ANC-Vertreter Kingsley
Makhubela, der ebenfalls in Kürze das Podium
betritt, sowie andere hochrangige Gäste wie die
Mitglieder der Präsidentendelegation, die aus herausragenden Personen besteht, die in sehr persönlicher Weise zu der wunderbaren Veränderung
beigetragen haben, die in Südafrika stattfindet.
Jeder der heute hier Anwesenden kann stolz auf die
von ihm bei der Abschaffung der Apartheid gespielte
Rolle sein. Sie haben den Weg bei einem großen
moralischen Kampf dieses Jahrhunderts gewiesen.
Sie werden heute Anrufe erhalten - wir konnten Sie
nicht früher anrufen - mit denen Sie zu einem
Treffen mit der Delegation vor ihrer Abreise nach
Südafrika in unsere Residenz am Samstag abend
eingeladen werden. Ich hoffe, Sie können alle
kommen und mit uns dieses Ereignis feiern.
Eine Reihe von Kongreßmitgliedern hat eine entscheidende Rolle dabei gespielt, das Bewußtsein in
den Vereinigten Staaten für die Schrecken der
Apartheid zu schärfen. Bedauerlicherweise können
diese Kongreßabgeordneten aufgrund einer wichtigen Abstimmung heute auf dem Capitol Hill nicht an
dieser Veranstaltung teilnehmen, sie verdienen
jedoch besondere Anerkennung für die von ihnen

AMERIKA DIENST 18

Jetzt beginnt die harte Arbeit der Förderung von
Demokratie und Stärkung der marktwirtschaftlichen
Reformen. Südafrika sieht sich mit einer schwierigeren Herausforderung als der Abschaffung der Apartheid konfrontiert - dem Aufbau einer nichtrassischen
Demokratie und einer Kultur der Toleranz.

Zusammen mit anderen Delegationsmitgliedern habe
ich die Chance, mit den Staatsoberhäuptern anderer
Nationen in Südafrika zu sprechen, die sich in
unterschiedlichen Stadien des Übergangs zu freien
Marktwirtschaften befinden. Ich werde auf dem
Rückweg von "den Amtseinführungsfeierlichkeiten
Namibia und Benin sowie Cap Verde besuchen.
Selbst während wir uns heute auf Hilfe für Südafrika
konzentrieren, sind wir uns der Bedeutung bewußt,
Entwicklung im gesamten südlichen Afrika und
darüber hinaus zu fördern. Südafrikas erfolgreiche
Umgestaltung wird diese Ziele unterstützen und allen
Hoffnung geben, die Freiheit lieben. Die von dem
gewählten Präsidenten Mandela und Präsident F.W.
de Klerk demonstrierte große Staatskunst sind ein
anschauliches Beispiel, um zur Wiederherstellung des
Friedens in Nationen wie Mosambik, Bosnien, Haiti,
Ruanda, Angola, Burundi und andernorts beizutragen.
Wie der gewählte Präsident Mandela nach den
viertägigen Wahlen erklärte, war das Volk Südafrikas
siegreich - es hat gewonnen. Er sprach auch zu all
denjenigen auf der Welt, die an den Kampf für
Gerechtigkeit, Demokratie und Selbstverwaltung
glauben. Und in eloquenten Worten äußerte er, dies
ist auch unser Sieg.
Ich möchte eine persönliche Anmerkung machen. Ich
dachte an den Sonntag morgen amerikanischer Zeit
vor nicht allzuvielen Jahren zurück, als Nelson
Mandela aus dem Gefängnis entlassen wurde. Nur
unser jüngstes Kind war damals wach, und ich sah
fern, gebannt von der sich in Südafrika abspielenden
Szene. Und als Vater kam mit in den Sinn, daß all
die Male, wenn Eltern schreckliche, ungerechte
Greueltaten und Tragödien in der Welt erklären
müssen und die vor Schreck verzerrten Gesichter der
Kinder sehen, während sie die Nachricht verdauen,
daß es schreckliche Dinge auf dieser Welt gibt, in der

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�sie aufwachsen - dies ebenso wie die Amtseinführung ein Moment ist, an dem Eltern auf der
ganzen Welt die Freude haben werden, ihren
Kindern die tiefere Bedeutung eines Ereignisses
erklären zu können, das über das Gewöhnliche
hinausgeht, den menschlichen Geist beflügelt und
uns allen die Hoffnung gibt, daß die dem menschlichen Geist innewohnenden großen Fähigkeiten in
Wegen ihren Ausdruck finden können, die unsere
Welt umgestalten, den Horizont erweitem und uns
die Chance für eine vielversprechendere Zukunft
bieten.
Was den praktischen Aspekt anbetrifft, so bildet das
von Präsident Clinton heute angekündigte Handelsund Investitionspaket in Höhe von 600 Millionen
Dollar den Höhepunkt der engen Zusammenarbeit
zwischen dem Kongreß und den 10 ausführenden
Behörden. Darüber hinaus setzt es die im Herbst
vergangenen Jahres von Wirtschaftsminister Brown
mit der von ihm äußerst erfolgreich geführten Handels- und Investitionsmission in Südafrika in die
Wege geleitete Arbeit fort und baut darauf auf.
Brian Atwood und das Amt für internationale Entwicklung verdienen ebenfalls besondere Anerkennung für die kreative Erweiterung ihres Investitionsprogramms. Zum ersten Mal wird AID mit der
südafrikanischen Regierung bei der Unterstützung
ihrer Entwicklungsprioritäten zusammenarbeiten.
In diesem Zusammenhang bin ich äußerst erfreut,
am 3. und 4. Juni bei der vom US-Informationsamt
veranstalteten Konferenz in Atlanta über die Förderung von wirtschaftlichen und akademischen Austauschprogrammen zwischen den Vereinigten
Staaten und Südafrika sprechen zu können.

Auch die OPIC-Präsidentin Ruth Harkin hat eine
wichtige Investitionsmission in Südafrika geleitet und
drei amerikanisch-südafrikanische Gemeinschaftsunternehmen angekündigt, mit denen Millionen Dollar
in die benachteiligten Gemeinden des Landes gepumpt werden könnten.
Zu den anderen Behörden, die eine führende Rolle
bei der Entwicklung unseres soliden Wirtschaftspakets für Südafrika gespielt haben, zählen das
Peace Corps - ich habe Carol Bellamy bereits willkommen geheißen - das Amt für Handel und Entwicklung, die Ex-Im Bank, der amerikanische Handelsbeauftragte sowie das Finanz- und Verteidigungsministerium.
Abschließend möchte ich nochmals unterstreichen,
daß wir in der vergangenen Woche Zeuge dieses
außergewöhnlichen historischen Ereignisses wurden,
wir sollten jedoch nicht vergessen - wie Harry Truman
einmal gesagt hat - daß die Menschen die Geschichte machen, und nicht umgekehrt.
Mutige Männer und Frauen in Afrika und Amerika von denen viele heute hier anwesend sind - haben
zur Abschaffung der Apartheid beigetragen. Die vor
uns liegenden Herausforderungen bedürfen kontinuierlicher harter Arbeit. Um Präsident Clintons
Worte zu wiederholen, wir haben versprochen, allen
Südafrikanern behilflich zu sein, auf ihrer neu gefundenen Freiheit aufzubauen.
Und jetzt ist es mir eine persönliche Ehre, Botschafter
Harry Schwarz aus Südafrika und den Stellvertretenden Repräsentanten des ANC bei den Vereinten
Nationen, Kingsley Makhubela, vorstellen zu dürfen.
Sie werden Präsident Clinton ein greifbares Symbol
der Wiedergeburt Südafrikas überreichen - ihre neue
Nationalflagge, die die multikulturelle Vielfalt wiedergibt, die heute in Südafrika gedeiht.

*

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*

AMERIKA DIENST 18

�NAHER

OSTEN
11. Mal 1994

CLINTON BEGRUSST UNTERZEICHNUNG DES
AUTONOMIEVERTRAGS
Erklärung des Präsidenten

WASHINGTON - (AD) - Präsident Clinton würdigte am 4. Mai 1994 die Unterzeichnung des Abkommens zur
Umsetzung der israelisch-palästinensischen Grundsatzerklärung in Kairo als "einen weiteren Meilenstein bei
den Fortschritten für einen dauerhaften Frieden im Nahen Osten".
Clinton erklärte, er habe die Hoffnung, daß 1994 "einen Durchbruch zu einem dauerhaften und umfassenden
Frieden für alle Völker des Nahen Ostens bringen wird".
Nachfolgend veröffentlichen wir die Erklärung Präsident Clintons im Wortlaut.

Die heute in Kairo erfolgte Unterzeichnung des
Abkommens über die Umsetzung der israelischpalästinensischen Grundsatzerklärung markiert einen
weiteren Meilenstein bei den Fortschritten für einen
dauerhaften Frieden im Nahen Osten. Ich habe
Ministerpräsident Rabin und den PLO-Vorsitzenden
Arafat angerufen und ihnen im Namen aller Amerikaner zu dieser Leistung gratuliert. Ich habe meiner
hohen Wertschätzung der von Ministerpräsident
Rabin gespielten mutigen Führungsrolle Ausdruck
verliehen und dem PLO-Vorsitzenden Arafat gegenüber auf die Bedeutung einer unverzüglichen Umsetzung des Abkommens hingewiesen. Gestern und
heute habe ich mit Präsident Mubarak telefoniert und
unsere Dankbarkeit und Anerkennung angesichts
der von ihm bei der Ermöglichung dieses historischen Schrittes gespielten Schlüsselrolle betont.

Jetzt muß die möglichst zügige und erfolgreiche
Umsetzung der Grundsatzerklärung der Schwerpunkt
sein. Der Prozeß zur Verbesserung der Situation im
Land muß in Gang gebracht werden. Das Versprechen einer neuen, hoffnungsvollen Zukunft für Israelis
und Palästinenser gleichermaßen muß jetzt realisiert
werden. Ich habe Ministerpräsident Rabin und dem
PLO-Vorsitzenden Arafat versichert, daß die Vereinigten Staaten hierzu alles in ihrer Macht Stehende
unternehmen werden.
Aufgrund der heute erzielten Fortschritte und unserer
laufenden Gespräche mit den Parteien in der Region
habe ich die Hoffnung, daß dieses Jahr einen Durchbruch zu einem dauerhaften und umfassenden
Frieden für alle Völker des Nahen Ostens bringen
wird.

* * * *

AMERIKA DIENST 18

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�FULBRIGHT
11. Mai 1994

LEO M. GOODMAN AWARD FÜR SENATOR FULBRIGHT
Rede von Botschafter Holbrooke
MÜNCHEN - (AD) - In diesem Jahr wurde der Goodman Award der American Chamber of Commerce in
Germany für besondere Verdienste um die Förderung der deutsch-amerikanischen Beziehungen am 29. April
1994 an Senator J. William Fulbright verliehen. Seine Ehefrau, Harriet Fulbright, nahm die Auszeichnung
stellvertretend entgegen. Präsident Clinton sandte ein Grußwort, und Walter Leisler Kiep würdigte Fulbright
in seiner Laudatio als großen Visionär, der Meilensteine im deutsch-amerikanischen Verhältnis gesetzt habe.
Aus Anlaß der Verleihung hielt der Botschafter der Vereinigten Staaten von Amerika in der Bundesrepublik
Deutschland nachfolgende Rede, die wir in wesentlichen Auszügen veröffentlichen.

Wie die meisten von Ihnen wissen, ist das FulbrightProgramm das bekannteste der Welt und ein herausragendes Symbol des internationalen Austauschs. In der 45jährigen Geschichte des Programms wurde 180.000 Menschen - darunter jeweils
24.000 Deutschen und Amerikanern - die Chance
geboten, daran teilzunehmen und klügere Weltbürger zu werden. Viele von ihnen sind Führungskräfte
in dem von ihnen gewählten Beruf, in ihren Gemeinden und ihren Nationen geworden. In Deutschland
besteht das Programm seit 1952. Es dient als
Modell für andere Austauschprogramme, auch für
das von uns im kommenden Jahr in der Amerikanischen Botschaft beabsichtigte. Senator Fulbright
selbst erklärte 1967: "Die größte Macht akademischer Austauschprogramme ist die Macht, Nationen
in Menschen umzuwandeln und Ideologien in
menschliches Streben umzusetzen."
Während wir heute im vierten Jahr der Vereinigung
Deutschlands versammelt sind, entnehmen wir
seinen Worten die tiefere Bedeutung, die er im Sinn
hatte, als er von der Umsetzung von Ideologien in
menschliches Streben sprach. Denn eben dies
geschieht zur Zeit. Wir befinden uns im postideologischen Zeitalter. Natürlich gibt es Fundamentalismus auf der Welt, nicht nur der islamischen,
sondern auch andernorts. Es gibt immer noch viele
Ideen auf der Welt, aber der eiserne Griff der
Ideologien, die einen Großteil des zwanzigsten
Jahrhunderts beherrschten und in mancher Weise
ruinierten - vor allem Faschismus und Kommunismus
- gehören der Vergangenheit an. Die Nationen der
Welt und ihre politisch Verantwortlichen müssen jetzt
das menschliche Streben ihrer Völker erfüllen, und
das heißt vornehmlich, deren wirtschaftliches Stre-

AMERIKA DIENST 18

ben, das Streben nach Glück für die größte Zahl der
Bürger zu verwirklichen.
Dies ist für die Regierungen der führenden Nationen
der Welt eine entscheidende und schwierige Aufgabe.
Und sie wird in einem unsicheren Rahmen durchgespielt. Seit Jahrzehnten dachten Deutsche und
Amerikaner, die Welt, wie wir sie während des Kalten
Krieges kannten, würde fortdauern, solange die
Vorstellung reicht. Die Menschen dachten, Deutschland bleibe auf ewig geteilt und mitten durch Europa
verliefe weiterhin eine Trennlinie. Als sie ausradiert
wurde, sahen wir uns alle mit unerwarteten und
unvorhergesehenen Konsequenzen konfrontiert. Wie
mein amerikanischer Lieblingsphilosoph, Yogi Berra,
feststellte: "Die Zukunft ist nicht mehr, was sie
einmal war."
Die unerwartete Welt schafft neue Herausforderungen. Wenn man sich beispielweise die Berichterstattung über die Vereinigung Deutschlands betrachtet, stellt man fest, daß sich praktisch nichts als
richtig erwiesen hat, was damals geschrieben wurde.
Die Wirtschaftslage in Ostdeutschland war sehr viel
schlimmer als erwartet. Was als Erwerb Ostdeutschlands durch den Westen abgehandelt wurde, erwies
sich - um eine Metapher aus dem Unternehmensbereich zu verwenden - eher als Fusion denn Erwerb.
Die beiden Kulturen haben sich schrittweise assimiliert, und das ist nicht immer leicht. Im Osten
Deutschlands hat der Zusammenbruch des sowjetischen Imperiums ein chaotisches Erbe hinterlassen,
dessen Entwirrung mindestens ein Jahrzehnt benötigt, und während dieses Jahrzehnts wird es viele
Probleme geben. Wir werden keine neuen Sarajevos
haben, denn hier geht es um eine Grausamkeit, die

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�in diesem Zeitalter kaum denkbar scheint. Aber wir
werden viele Probleme, viel Streß haben und andere
Schlachten kämpfen müssen. Vor diesem Hintergrund verändern sich die deutsch-amerikanischen
Beziehungen dramatisch, sind jedoch nicht weniger
wichtig.
Während des Kalten Krieges bestand die Rolle der
Vereinigten Staaten im Schutz Westdeutschlands
gegen den Osten. Die Trennlinie Europas verlief,
wie Sie alle wissen, mitten durch dieses Land. Und
als der Kalte Krieg endete, hatten viele Amerikaner
und Deutsche das Gefühl, das war's. Jetzt können
wir nach Hause gehen. Manche forderten sogar das
Ende der NATO, da sie ihre ursprünglichen Ziele
erfolgreich verwirklicht hatte. Dies erwies sich als
nicht richtig. Die Vereinigten Staaten und Deutschland befinden sich jetzt in dem Prozeß der Neudefinition ihrer gemeinsamen Interessen und es scheint,
daß sich unsere Interessen in der Tat stark decken.
Es gibt kein Land in Europa, mit dem uns so viele
gemeinsame strategische Ziele verbinden. Während
Deutschland die Europäische Union zur Erweiterung
ost- und nordwärts führt, während Deutschland
engere Verbindungen zu Frankreich knüpft, unterhält
es weiterhin die engsten Bande zu den Vereinigten
Staaten. Und ich möchte betonen, daß sich diese
beiden Ziele Deutschlands decken. Manche denken,
Deutschland müsse sich zwischen den Vereinigten
Staaten und Frankreich entscheiden. Ich möchte
unterstreichen, bekräftigen und offen sagen, daß
dies nicht die Meinung der US-Regierung, nicht der
Clinton-Administration, nicht die Meinung des Präsidenten, des Vizepräsidenten oder des Außenministers ist.
Unseres Erachtens liegen starke deutsch-französische Beziehungen auch im Interesse der Vereinigten
Staaten. Die gute alte Zeit, in der die Vereinigten
Staaten häufig mit der Bitte nach Bonn kamen, eine
Botschaft nach Paris zu übermitteln, ist für immer
vorüber. Je näher Frankreich und Deutschland sich
stehen, desto besser für die Stabilität in Europa und
deshalb für die Vereinigten Staaten. Wir werden
jedoch auch die stärksten und direktesten bilateralen
Beziehungen zu Deutschland unterhalten. In der
Europäischen Union und der NATO sind es Deutschland und die Vereinigten Staaten, deren Ansichten
sich im Hinblick auf die Situation in Osteuropa und
der ehemaligen Sowjetunion am stärksten decken.
Aus diesem Grund sahen wir uns zur Schaffung
eines einzigartigen Konsuttationsprozesses mit den
Deutschen im Hinblick auf die Ereignisse in der
ehemaligen Sowjetunion veranlaßt. Hierfür gibt es
drei Gründe. Den ersten habe ich gerade erwähnt die gemeinsamen strategischen Ziele unserer beiden

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Länder. Zweitens sind Deutschland und die Vereinigten Staaten direkt und indirekt die beiden größten Geberländer von Hilfe für die ehemalige Sowjetunion, und wahrscheinlich haben wir die größten
Geschäftsinteressen. Der dritte Punkt, den ich
anführen möchte, ist nicht unwichtig, und das sind die
ungewöhnlich engen persönlichen Beziehungen
zwischen Präsident Clinton und Bundeskanzler Kohl.
Sie mögen einander und verstehen sich gut. Das
war in den vergangenen Jahren nicht immer der Fall.
Die persönlichen Beziehungen von Staatsmännern
sind ein wesentlicher Faktor in der Außenpolitik, und
in diesem Fall sind sie entscheidend. Ich möchte das
jüngste und dramatischste Beispiel hierfür nennen:
Richard Nixons letzter öffentlicher Auftritt vor seinem
Tod war die Reise nach Bonn vor vier Wochen, um
auf dem Rückweg von Moskau Gespräche mit
Bundeskanzler Kohl zu führen.
Neben der neuen Partnerschaft, die das vereinigte
Deutschland und die Vereinigten Staaten schmieden,
müssen wir unsere bilateralen Beziehungen stärken,
und natürlich möchte ich heute darüber sprechen.
Ohne starke bilaterale Beziehungen kann es keine
guten internationalen Beziehungen geben, und das
heißt, persönliche Kontakte. In den vergangenen 45
Jahren wurden diese Beziehungen durch die Präsenz
der amerikanischen Truppen untermauert und vertieft.
Diese Truppen ziehen jetzt nicht ab. Ende nächsten
Jahres werden noch immer 65.000 amerikanische
Soldaten hier stationiert sein.
Wir haben nach Wegen gesucht, um die Beziehungen außerhalb des militärischen Bereichs zu stärken.
Dies ist von entscheidender Bedeutung, und wir
haben zwei Bereiche ausgemacht, auf die wir unser
Augenmerk konzentrieren: Kultur und Wirtschaft.
Diese Bereiche, für die in der US-Regierung aus
bürokratischen Gründen zwei verschiedene Behörden
zuständig sind - das US-Informationsamt und das
Wirtschaftsministerium - waren historisch stets eng
verbunden. Dies geht zurück auf die Medicis bis zum
Museum Ludwig in Köln. Stets haben große Kulturmagnaten großartige Kulturereignisse veranstaltet.
In diesen beiden Bereichen wollen wir mit der American Chamber of Commerce und mit der Kulturszene
zusammenarbeiten. In zweieinhalb Wochen werden
wir in Bonn eine einzigartige Ausstellung organisieren, bei der wir die Werke amerikanischer Künstler
nicht nur in der Botschafterresidenz, sondern auch im
Gebäude der Amerikanischen Botschaft zeigen
werden. Unseres Wissens ist dies noch nie zuvor
geschehen. Botschaften sind für gewöhnlich nicht
der Ort für Kunstwerke, und das amerikanische
Außenministerium stellt für ein solches Programm
keine Mittel zur Verfügung. Dank der großzügigen
Unterstützung einer Kunstgalerie mit Sitz in New York

AMERIKA DIENST 18

�und hier in München - der ACA-Galerie - können wir
zwei Ausstellungen gleichzeitig veranstalten.
Wir tun dies jedoch nicht nur um der Kunst willen,
sondern als Mittel zur Vertiefung der Bande zwischen unseren beiden Ländern. Deutschland und
die Vereinigten Staaten stehen sich auf dem Gebiet
der Kunst äußerst nahe. Geht man zu einem
Kunsthändler in den Vereinigten Staaten, wird er
Ihnen erzählen, daß Deutschland der beste Markt für
amerikanische Kunst ist. Und einige der berühmtesten amerikanischen Kunstwerke werden jetzt in
Deutschland gezeigt. Kunst ist also ebenso wie das
Fulbright-Programm ein wichtiges Bindeglied zwischen unseren beiden Ländern.
Im Bereich der Wirtschaft sind wir zu einer verbesserten Unterstützung unserer Aktivitäten durch die
amerikanische Regierung entschlossen. Wir haben
in den Amerika Häusern München, Frankfurt, Berlin,
Hannover und Köln Business Information Centers
gegründet und werden solche Zentren in Kürze in
Hamburg, Stuttgart und Leipzig eröffnen. In diesen
Zentren haben wir unser gesamtes Referenzmaterial
über Wirtschaftsaktivitäten zusammengestellt. In
den Amerika Häusern sind Mitarbeiter der Handelsabteilung bei Anfragen behilflich. Wir haben diese
Arbeit erst in den vergangenen drei Monaten begonnen, erhalten jedoch in jedem der Häuser bereits 50
bis 75 Anrufe pro Woche. Wir sind hier, um Ihnen
zu helfen.
Jedem Mitarbeiter der Amerikanischen Botschaft
wurde gesagt, daß die Förderung der Wirtschaft Teil
seines Verantwortungsgebietes ist. Unsere Konsularbeamten werden zu Wirtschaftsfachleuten
ausgebildet, um Probleme ausmachen zu können
und bei ihrer Lösung behilflich zu sein, von den
unvermeidlichen Visaproblemen bis zur Beratung
über die richtigen Kontakte. Wir sind hier, um Ihnen
zu helfen, weil es im nationalen amerikanischen und
gleichermaßen im deutsch-amerikanischen Interesse
liegt. Wirtschaftschancen sind von entscheidender
Bedeutung.
Im Juni werden wir das 1987 geschlossene amerikanische Generalkonsulat in Düsseldorf wiedereröffnen, das dann ein Wirtschafts- und Handelszentrum
sein wird. Dort werden keine Visaanträge bearbeitet, wir werden nur die amerikanischen und deutschen Wirtschaftsinteressen im Raum Düsseldorf
fördern. In Düsseldorf gibt es einen sehr hohen
Anteil von Japanern - an die 30.000. Ungefähr 600

AMERIKA DIENST 18

japanische Unternehmen haben ihren Sitz in Düsseldorf - damit ist dort die japanische Wirtschaftspräsenz
auf dem europäischen Kontinent in höchstem Maße
konzentriert. Wir haben nichts gegen die Japaner,
aber wir wollen den Amerikanern behilflich sein,
direkter gegen sie zu konkurrieren.
Ich bin nicht hierher gekommen, um eine lange Rede
zu halten, aber ich wollte diese Themen ansprechen
und abschließend nochmals die Verbindung zwischen
Beziehungen auf persönlicher Ebene, kulturellen und
wirtschaftlichen sowie bilateralen Beziehungen und
den nationalen amerikanischen Sicherheitsinteressen
unterstreichen. Es gibt keine Wahl. In den Vereinigten Staaten herrscht zur Zeit großes Mißverständnis hierüber. Es gibt keine Entscheidung
zwischen Außen- und Innenpolitik oder zwischen
Wirtschafts- und strategischer Politik. Die beiden
können nicht getrennt werden.
Häufig wird - auch im Kongreß - das Argument
vorgebracht, wir müßten uns auf unsere innenpolitischen Probleme konzentrieren und im gleichen
Atemzug wird gesagt, die amerikanische Wirtschaft
werde global und interdependent. Die so argumentieren, sollten sich den Widerspruch ihrer Aussage
vor Augen führen. Wenn die Wirtschaft der Vereinigten Staaten jetzt global und interdependent ist und Sie alle in diesem Raum wissen, daß dies zutrifft
- wie kann man dann gleichzeitig neoisolationistisch
werden? Das ist offenkundig falsch und meines
Erachtens eine falsche Entscheidung. Wir müssen
einen neuen Konsens für die internationale Position
der Vereinigten Staaten erarbeiten, der sich nicht auf
die nicht länger relevanten Fakten des Karten Krieges
gründet, sondern auf die Realitäten der Welt und ihre
heutige Funktionsweise.
Ich bin heute also aus zwei Gründen hier: Um
Senator Fulbright zu ehren, einen der großen Visionäre der internationalen Politik der Vereinigten
Staaten, einen Mann, der seit langem argumentierte,
die amerikanische Außenpolitik müsse über den
Karten Krieg hinausblicken, weil dieser nicht der
einzige maßgebliche Faktor zur Definition der Außenpolitik sei; und wegen der American Chamber of
Commerce, die gleichermaßen die Interessen ihrer
Mitglieder wie die nationalen amerikanischen Interessen vertritt. Dies beides - scheint mir - symbolisiert, was die Vereinigten Staaten hier in Deutschland
zu tun versuchen.
Ich danke Ihnen.

Seite 3

�Nachfolgend verö
die von Harriet

... Ich habe lange darüber nachgedacht, welche
Botschaft ich Ihnen heute übermitteln und was ich
als Entschädigung dafür sagen könnte, daß der
heute von Ihnen mit dem Leo Good*an Award
Ausgezeichnete nicht hier sein kann. Schließlich
kam mir in den Sinn, daß Sie vielleicht gerne einige
seiner von ihm selbst in Worte gefaßte Gedanken
und Geschichten aus seinem Leben hören würden,
die Ihnen eine Vorstellung davon geben, wer J.
William Fulbright wirklich ist und aufgrund welcher
Charakterzüge er so Außergewöhnliches leistete.
Bill Fulbright war immer ein praktischer, tatkräftiger
und bescheidener Mensch, der die Dinge anpackt,
ohne sich über Anerkennung oder Förmlichkeiten
Sorgen zu machen. Prunk, Pomp und Pose entsprachen nie seiner Natur... Praktisch und bescheiden bedeutet jedoch nicht durchschnittlich. Das
Wort durchschnittlich trifft auf ihn überhaupt nicht zu.
Er ist ein Mensch auf der Suche nach ungewöhnlichen Ideen, der immer nach der Überwindung des
Alltäglichen, der routinemäßigen Praktiken, der
derzeitigen Gewohnheiten und Traditionen gestrebt
hat. Diesen Charakterzug verfeinerte er immer
weiter, zuerst als Juraprofessor und danach als
Rektor der University of Arkansas. Trotz ihres
Gefahrenpotentials behielt er diese Gewohnheit auch
als Senator bei. Ein Mitglied des Ausschusses für
auswärtige Beziehungen erinnert sich, wie erstaunt
er war, als der Ausschußvorsitzende ihn während
seiner ersten Arbeitswoche anrief und fragte:
"Haben Sie irgendwelche neuen Ideen?" Der arme
Mann war vollkommen sprachlos, bis er schließlich
begriff, daß sein Vorsitzender neue Ideen wollte neue, unerhörte, unerprobte, undenkbare Ideen. In
einer am 27. März 1964 im Senat gehaltenen Rede
formulierte William Fulbright es folgendermaßen:
Wir müssen es wagen, "Undenkbares" zu denken. Wir müssen lernen, alle vor uns liegenden
Optionen und Möglichkeiten in einer komplexen,
in schnellem Wandel begriffenen Welt zu sondieren. Wir müssen lernen, die Stimmen Andersdenkender zu begrüßen und nicht zu fürchten.
Wir müssen wagen, über "Undenkbares" nachzudenken, denn wenn die Dinge undenkbar werden, hört das Denken auf und die Taten werden
gedankenlos.
Dieser konstante Strom "undenkbarer" Gedanken,
die er Kollegen entlockte und selbst hervorbrachte,
wurde keinesfalls hastig oder ohne sorgfältige Über-

Seite 4

wir unwesentlich gekürzt
gehaltene Dankesrede.

legung in die Öffentlichkeit getragen. Fulbright hatte
immer eine ausgeprägte Vorstellung von der Pflicht
gewählter Volksvertreter und der Bedeutung einer
führenden Position in einer Demokratie. Er war der
Meinung, daß das Volk gehört werden sollte, der
gewählte Politiker jedoch das aus seiner führenden
Position resultierende Urteilsvermögen, Wissen und
den Erfahrungsschatz nutzen sollte, um Politik zu
machen oder zu beeinflussen, die ihm - ungeachtet
der öffentlichen Meinung - als die beste erschien.
Nachdem er alle Seiten gehört hat, sollte er durch
Überzeugungskraft die Wähler informieren und bilden,
anstatt zu schweigen oder Meinungsunterschiede zu
verschleiern - nach Ansicht Fulbrights ein völlig
verantwortungsloses Handeln. Sein Hang zu unabhängigem Denken rief oftmals Kontroversen
hervor, insbesondere als er sich öffentlich gegen
Präsident Johnsons Vietnam-Politik aussprach. Dies
war wohl seine schwerste Zeit im öffentlichen Leben,
und es wurde gesagt, damals hätten sogar seine
Augen ihren Glanz verloren. Aber selbst in dieser
düsteren und feindlichen Umgebung fühlte er sich
verpflichtet, das seiner Meinung nach Richtige
ungeachtet der Konsequenzen in Worte zu fassen.
Viel später schrieb er:
Unsere gewählten Volksvertreter und die von
ihnen eingesetzten "Kommunikations"-Experten
untersuchen und analysieren heute die Einstellung
der Öffentlichkeit mit Hilfe neuer Umfragetechniken. Ihre Absichten haben jedoch wenig mit einer
Führungsrolle und noch weniger mit Bildung in
irgendeinem Bereich unseres nationalen Lebens
zu tun. Ihre Absichten scheinen sich darauf zu
beschränken herauszufinden, was die Menschen
wollen, fühlen und nicht mögen, um sich dann
diese Gefühle zu eigen zu machen. Sie wollen
entdecken, auf welche Fragen sie sich unbesorgt
konzentrieren können und welche besser umgangen werden. Das ist das Gegenteil von Führungsqualität - es ist Mitläufertum, das zum eigenen
Nutzen zur Wissenschaft erhoben wurde, (aus:
The Price of Empire)
Fulbright hatte das Gefühl, daß eine Führungsrolle
wiederum die Fähigkeit voraussetzt, Mittel und Wege
zu finden, um den Menschen die Augen zu öffnen
und ihren Horizont zu erweitern - die Fähigkeit, im
gesamten Volk kritisches Denken und Verantwortungsgefühl zu fördern, damit es mit dem wunderbaren, universellen, goldenen Verbindungsglied aller
Gesellschaften auf der Erde - der Freiheit - umgehen

AMERIKA DIENST 18

�und prosperieren kann. Fulbright beschrieb die
Freiheit mit folgenden Worten:
Wenn jemals ein universeller Sieg der demokratischen Werte in greifbare Nähe rückt, wird das
meines Erachtens nicht durch außenpolitische
Maßnahmen geschehen, und sicher nicht durch
Militärpolitik, sondern durch die magnetische
Anziehungskraft der Freiheit selbst. Die Aussicht
auf Freiheit hängt letztlich davon ab, welcher
Gebrauch in freien Gesellschaften von ihr gemacht wird, (aus: Prospects for the West)
Ferner erklärte Senator Fulbright immer wieder, daß
die in einer Demokratie lebenden Bürger Bildung
benötigten, damit alle Einwohner eines freien Landes
in Wohlstand leben können. Bildung war immer der
Kern seiner Worte und Taten. Er schrieb seine
Reden selbst mit der Hand und strich jeden unklaren
Satz. Er überarbeitete sie, bis jeder einzelne Satz
zu seiner Zufriedenheit nicht nur vollkommen verständlich, sondern auch bar jeder Übertreibung war.
Seine Reden sollten Dinge klarstellen und Menschen
überzeugen, mit anderen Worten bilden - die Zuhörer auf der ganzen Welt und seine Wähler. Sein
berühmtestes Gesetzeswerk hat über nationale
Grenzen hinweg mehr als 200.000 Stipendiaten aus
jedem Teil der Erde Zugang zu Bildung verschafft.
Es basierte auf der während seinerzeit als RhodesStipendiat gemachten Erfahrung und wurde - wie die
meisten von Ihnen wissen - direkt nach dem Ende
des Zweiten Weltkriegs aus einem Gefühl der
Dringlichkeit heraus konzipiert - aus dem Wissen,
daß die Erfindung der Atombombe im Falle eines
weiteren Weltkrieges das Ende der Menschheit
bedeuten würde. Dieses internationale akademische
Austauschprogramm, das nach ihm benannt wurde,
hat während seines nahezu fünfzigjährigen Bestehens weniger Geld gekostet als zwei Tage unseres
derzeitigen Verteidigungsprogramms. Trotz der
relativ geringen finanziellen Auslagen ist es als eine
der stärksten Kräfte für den Frieden auf unserem
Planeten anerkannt. Fulbright formulierte es folgendermaßen:
Bildung ist eine langsame, aber mächtige Kraft.
Sie mag nicht schnell oder stark genug sein, um
uns vor der Katastrophe zu retten, aber sie ist die
stärkste verfügbare Kraft.
Der Erfolg des Fulbright-Programms ist deutlich.
Wenn Nachahmung die ernsthafteste Form von
Schmeichelei ist, könnte sich Fulbright angesichts
des raschen Anstiegs internationaler Austauschprogramme enorm geschmeichelt fühlen, die wie
Pilze aus dem Boden schießen. Aufmerksamkeit

verlangt auch die Notwendigkeit eines öffentlichen
Bildungssystems in unseren beiden Ländern, das
lebenslanges Lernen und Gemeinschaftssinn fördert.
Es wird zunehmend deutlich, daß wir in unmittelbarer
Zukunft mit einer großen Herausforderung konfrontiert
werden. Fulbright hat oft geäußert, daß Demokratie
nur inmitten aufmerksamer, verantwortungsbewußter
und gebildeter Bürger gedeihen kann, womit er nicht
meint, Schüler und Studenten mit Informationen und
Statistiken zu überfüttern, die sie in Multiple-choiceTests wieder ausspucken. Vielmehr fordert er eine
Schulung unserer gesamten Fähigkeiten, so daß
lebenslanges Lernen zur universellen Gewohnheit
wird, eine Verfeinerung unseres kritischen Denkvermögens, um berufliche Probleme und Regierungspolitik analysieren und auswerten zu können und
somit zu besseren Wählern zu werden. Und er meint
damit die Ermutigung kreativen Denkens zur Lösung
großer Probleme wie Umweltverschmutzung und
Weltwirtschaftspolitik sowie die Förderung einer
aktiven Beteiligung an gemeinschaftlichen Angelegenheiten, damit sie für Erwachsene bereits zur Gewohnheit geworden ist. Er meint interdisziplinäre Bildung
für alle Kinder - arme und reiche, in der Stadt und auf
dem Land. Er meint die Art von Bildung, die auf der
ganzen Welt verbreitet werden muß, wenn wir über
das Ziel eines bloßen Überlebens der menschlichen
Rasse hinausgehen wollen.
All diese Ausführungen über Führungsqualitäten,
Freiheit und Bildung mögen Ihnen einfach, selbstverständlich und alltäglich erscheinen, sie wurden jedoch
früher einmal als rassistisch und sogar gefährlich
angesehen. Vor dreißig Jahren wurde Senator
Fulbright mit Worten betituliert, die ich nicht zu Papier
zu bringen wage und noch viel weniger vor einem so
hochkarätigen Publikum aussprechen möchte.
Emotional geladene Briefe voller Lob und Haß
wurden ihm zu Häuf in sein Büro geschickt - manche
waren für ihn sehr quälend. Ein Brief berührte ihn so
sehr, daß er sich in sein Büro einschloß, keine Anrufe
durchstellen ließ und handschriftlich eine Antwort
verfaßte.
Diesen Mann zeichnen Sie heute aus: Einen bescheidenen, stets suchenden und überlegten Menschen, der sich über die Natur von Freiheit und
Führung Gedanken macht, sich leidenschaftlich für
eine Ausweitung der Bildungsmöglichkeiten auf der
ganzen Welt einsetzt und Kritik nicht fürchtet. Ich
hoffe, daß es mir gelungen ist, Sie daran zu erinnern,
was er verkörpert und warum Sie ihm so große Ehre
zuteil werden lassen. Hoffentlich sind Sie heute über
Ihre Entscheidung noch stolzer und bereit, seine
Arbeit fortzusetzen.

* *

AMERIKA DIENST 18

*

Seite 5

�FUSSBALL
11. Mal 1994

FUSSBALLWELTMEISTERSCHAFT IN DEN
VEREINIGTEN STAATEN
von Timothy Carlson
Das größte Ereignis bei "König Fußball" - die fünfzehnte, alle vier Jahre veranstaltete Fußballweltmeisterschaft
- findet endlich in den Vereinigten Staaten statt. Im Sommer 1994 wird in neun amerikanischen Städten die
aus 52 Spielen bestehende Fußballweltmeisterschaft ausgetragen, bei der die 24 weltweit besten
Fußballmannschaften gegeneinander antreten und die im Endspiel im Rose-Bowl-Stadion gipfelt.
Nachfolgend beschreiben wir die Vorbereitungen vor Ort, Fernsehbelichterstattung, Kartenverkauf, Sicherheit
sowie einige der wichtigsten Spieler. Die Organisatoren hoffen, daß der mit der Fußballweltmeisterschaft
einhergehende Trubel zu einem Aufschwung für den Profi-Fußball in den Vereinigten Staaten führen wird.
Timothy Carlson ist freiberuflicher Schriftsteller aus Culver City (Kalifornien).

Es hat 64 Jahre gedauert, aber nun hat endlich das
Hauptereignis des weltweit beliebtesten Sports die
von einem internationalen Fußballvertreter sogenannte "letzte Grenze" überschritten: Im Sommer
1994 wird die Fußballweltmeisterschaft zum ersten
Mal in den Vereinigten Staaten ausgetragen.
Dieses fünfzehnte in einer Reihe von alle vier Jahre
stattfindenden Turnieren beginnt mit einer verschwenderischen Eröffnungsfeier in Chicago, derein
Spiel mit dem amtierenden Fußballweltmeister
Deutschland folgt. Wenn am 17. Juli vor 100.000
anfeuernden Fans, die sich ihre Eintrittskarte 475
Dollar kosten lassen, im Rose-Bowl-Stadion von
Pasadena (Kalifornien) das Endspiel stattfindet
(begleitet von einer Supershow im Broadway-Stil
während der Halbzeit und einer extravaganten,
futuristischen Abschlußfeier, die die jüngsten Feierlichkeiten aus Anlaß der Olympischen Spiele noch
übertreffen soll), werden einige für den Fußball in
der Welt und in Amerika entscheidenden Fragen
beantwortet sein.
Die erste Frage lautet: Kann der mit einer Fußballweltmeisterschaft einhergehende Trubel - freudige
brasilianische Fans, die sich im Tanzschritt durch die
Straßen wiegen, enthusiastische Deutsche, die sich
Gesicht und Körper in ihren Nationalfarben bemalen
und farbenfrohe fähnchenschwenkende Fans aus
Kamerun - ein Land in Begeisterung versetzen, das

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mit seinen heimischen Veranstaltungen wie Baseball
und American Football bereits mehr als saturiert ist?
Die Fußballweltmeisterschaft - die internationale, nicht
die amerikanische Variante des Fußballs - zieht
gewöhnlich zwei Milliarden Zuschauer vor die Fernsehschirme. Die meisten Zuschauer in den Vereinigten Staaten gab es beim Endspiel der Fußballweltmeisterschaft 1986, der fast sieben Millionen
Haushalte zusahen.
"Der internationale Fußballverband, die FIFA (Föderation Internationale de Football Association) sieht die
Vereinigten Staaten als eines der letzten Länder an,
das Möglichkeiten für Wachstum großen Umfangs
bietet", äußert Jim Trecker, Vizepräsident und Pressereferent von World Cup USA. Joseph Blatter,
Generalsekretär der FIFA, die ihren Sitz in der
Schweiz hat, erklärt: "Als wir die Entscheidung
trafen, den Vereinigten Staaten die Ausrichtung der
Spiele zu gestatten, hatten wir zwei Ziele. Wir
wollten das Spiel in diesem riesigen Land bekannt
machen, und wir wollten es in den Vereinigten
Staaten auf die Profi-Ebene bringen. Es ist ein
offener Markt." Obwohl die Fußballvertreter der
Vereinigten Staaten die Forderung der FIFA akzeptierten, bis zum Herbst 1994 eine aus Berufsspielern
bestehende Fußballmannschaft aufzustellen, konzentrieren sie sich hauptsächlich auf die Vorbereitung
einer erfolgreichen Fußballweltmeisterschaft und
hoffen, daß der Rest von selbst kommt.

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�Als die FIFA bei der Vergabe der Weltmeisterschaft
den Vereinigten Staaten vor Ländern wie Brasilien
und Marokko den Vorzug gab, war sie sicher, daß
dieses Land über die für eine erfolgreiche Organisation der Spiele erforderlichen Einrichtungen verfügt.
Aber obwohl der internationale Fußballverband vom
Wachstumspotential des Fußballs in den Vereinigten
Staaten fasziniert war, fürchtete er auch, einem Land
die Ausrichtung der Weltmeisterschaft zu übertragen,
das nie eine überwältigende Begeisterung für diesen
Sport unter Beweis gestellt hatte. Trecker erinnert
sich, daß die amerikanischen Fußballvertreter hart
daran arbeiten mußten, die FIFA zu überzeugen,
den Vereinigten Staaten ihre Kronjuwelen zu überlassen.
"In den Vereinigten Staaten geht die Geschichte des
Fußballs auf die Einwanderer zurück, die seit dem
19. Jahrhundert diesen Sport ausgeübt haben", so
Trecker. "Aber erst der von 1968 bis 1984 bestehende spektakuläre nordamerikanische Fußballbund
(North American Soccer League - NASL) - mit Stars
wie Pele aus Brasilien oder Franz Beckenbauer aus
Deutschland, Giorgio Chinaglia aus Italien und
Johan Cruyff aus den Niederlanden - erweckte das
Interesse der Massen." Leider strapazierte die
Expansion des Bundes über Gebühr die zur Verfügung stehende Basis und schrumpfte gerade in
dem Moment, als seine Popularität in der Bevölkerung stieg. In den 25 Jahren seit der Gründung des
NASL wuchs die aktive Beteiligung am Fußball in
den Vereinigten Staaten auf 16 Millionen - was die
Zahl der American Football-Spieler übersteigt.
Ironischerweise handelt es sich hier um eine der
wenigen Sportarten in den Vereinigten Staaten, bei
der die Zahl der aktiven Teilnehmer die der Fernsehzuschauer bei ihrem Hauptereignis übersteigt.
Ein Anzeichen dafür, daß die Vereinigten Staaten für
die Fußballmeisterschaft bereit waren, war die
erfolgreiche Veranstaltung des Olympischen Fußballwettbewerbs 1984 in Los Angeles mit 103.000 Fans,
die dem olympischen Endspiel im Rose-Bowl-Stadion beiwohnten. Der für die olympischen Fußballspiele Verantwortliche, der Rechtsanwalt und Sportexperte Alan Rothenberg aus Los Angeles, erhielt
internationales Lob, das den Vereinigten Staaten bei
ihren Bemühungen um die Austragung der Fußballweltmeisterschaft 1994 zugute kam.
1986 bewarb sich der amerikanische Fußballbund
(U.S. Soccer Federation) um den World Cup, der
plötzlich in Reichweite rückte, als der vorgesehene
Gastgeber Kolumbien seine Kandidatur zurückzog
und die FIFA die Ausschreibung erneut öffnete. Für
die FIFA war es Trecker zufolge jedoch ziemlich klar,
"daß sie lieber ein Land wollte, das bereits einmal

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eine Weltmeisterschaft organisiert hatte, und so
entschied sie sich für Mexiko".
Die Vereinigten Staaten bewarben sich nicht um die
Fußballweltmeisterschaft 1990, organisierten sich
jedoch neu und legten sich für 1994 kräftig ins Zeug.
"Das Schlüsselereignis, das FIFA-Präsident Joao
Havelange endgültig davon überzeugte, daß wir zur
Veranstaltung der Spiele fähig sind, war ein Besuch
bei Präsident Ronald Reagan im Frühjahr 1987 im
Weißen Haus", teilte Trecker mit. Die Zusicherung
Reagans, die US-Regierung stehe hinter der Bewerbung, und die Annahme einer Resolution durch beide
Häuser des Kongresses zu ihrer Unterstützung
sandte die eindeutige Botschaft, daß die Vereinigten
Staaten bereitstanden.
Am 4. Juli 1988 wurden die Vereinigten Staaten
aufgefordert, die Planung für 1994 zu beginnen und
Gelder für die Ausgaben in Höhe von 300 bis 400
Millionen Dollar zu sammeln. Ein Jahr vor Beginn
der Weltmeisterschaft sah die Lage bereits gut aus:
Durch Untemehmensspenden wurden bereits 276
Millionen Dollar aufgebracht. Der finanzielle Erfolg
scheint gesichert angesichts der 10 "Hauptsponsoren"
- Coca-Cola, Snickers, Gillette, Phillips, JVC, MasterCard, Canon, Fuji, General Motors und McDonald's
- die jeweils 15 bis 20 Millionen Dollar bereitstellen,
die an die FIFA gehen. Eine zweite Kategorie sind
die sogenannten "Marketing-Partner", von denen
American Airlines, adidas, Sheraton Hotels, Sprint,
Upper Deck und vier weitere jeweils 7 Millionen
Dollar für den World Cup USA bereitgestellt haben.
Die Austragungsorte sind bereit. Für die Spiele
zwischen 24 Teams hat World Cup USA '94 eine
möglichst geringe Anzahl von Veranstaltungsorten
(neun) mit der größten durchschnittlichen Zahl von
Sitzplätzen (73.809) ausgewählt. Dazu gehören der
erste völlig überdachte Veranstaltungsort der Weltmeisterschaft, der Silverdome in Pontiac (Michigan),
in dem an der Michigan State University entwickeltes,
2 Millionen Dollar teures Rispengras dem 2:1 Sieg
Deutschlands über England im Juni 1993 vor 62.126
Fans im Endspiel um den US-Cup gut standhielt.
Der aus sechs Spielen bestehende US-Cup vom
Sommer 1993 zog 286.761 Fans an, durchschnittlich
47.793 pro Match. Für die aus 52 Spielen bestehende Weltmeisterschaft werden 3,6 Millionen Eintrittskarten ausgegeben, von denen allein 2 Millionen in
den Vereinigten Staaten verkauft werden. Eine
Million werden der preisgünstigeren Kategorie 3
angehören, bei der 25 Dollar der unterste Preis sind.
Der Vorsitzende von World Cup USA, Rothenberg,
erklärte: Millionen junger Amerikaner aus der Mittelschicht spielen Fußball, und unsere Preisstruktur gibt
ihnen die Möglichkeit, der Veranstaltung zu einem

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�vernünftigen Preis live beizuwohnen."
650.000
Eintrittskarten für Spiele noch nicht spezifizierter
Mannschaften wurden bereits an Zuschauer in den
Vereinigten Staaten verkauft, die eine Verbindung
zum Fußball haben.
Auch der öffentliche Kartenverkauf läuft gut. Die
meisten Eintrittskarten sind bereits verkauft, nur für
die Spiele in Dallas, Pontiac und Palo Alto (Kalifornien) ist der Vorrat noch nicht ganz erschöpft. Die
für Europa und andere Länder vorgesehenen Zuweisungen werden sicherlich ausverkauft, und Interessenten sollten sich an die beauftragten Reisebüros
wenden.
Neben Rose Bowl und dem Silverdome werden
Spiele im Stanford Stadium in Palo Alto, im Soldier
Field in Chicago, im Cotton-Bowl-Stadion in Dallas,
dem Citrus-Bowl-Stadion in Orlando (Florida), im
Robert F. Kennedy Stadium in Washington, dem
Giants Stadium in East Rutherford (New Yersey)
sowie im Foxboro-Stadion in Massachusetts stattfinden.
Die erste Runde des World Cup besteht aus 36
zwischen dem 17. und dem 30. Juni stattfindenden
Spielen, wobei pro Tag mindestens zwei und maximal vier Spiele veranstaltet werden. Nach einem
Tag Pause am 1. Juli beginnt eine Runde mit 16
Spielen an allen Austragungsorten, mit Ausnahme
von Michigan, wo bis zum 5. Juli zwei Spiele täglich
stattfinden. Das Viertelfinale wird am 9. Juli in
Boston und Dallas und am 10. Juli in Palo Alto und
East Rutherford abgehalten. Am 13. Juli findet ein
Halbfinalspiel im Giants Stadium, das andere in
Pasadena statt. Pasadena veranstaltet dann auch
das Spiel um den dritten Platz vom 16. Juli sowie
das Endspiel am 17. Juli.
"Der Zeitplan bietet eine spannende Zusammenstellung von Spielen und soll dazu dienen, die ganze
Nation für die Fußballweltmeisterschaft zu begeistern", so Rothenberg. Dazu trägt auch die landesweite Fernsehübertragung bei, die in Amerika für
kommerzielle Sportereignisse einzigartig ist. Die
Hauptsponsoren der FIFA - Snickers, MasterCard
und Coca-Cola - finanzieren einen Plan, nach dem
die beiden beteiligten amerikanischen Fernsehgesellschaften (ABC, das 11 Spiele überträgt, einschließlich zwei Spielen amerikanischer Teams aus der
ersten Runde und das Finale sowie ESPN mit 41
Spielen) auf Werbung während der Spiele verzichten. Die beiden 45minütigen Halbzeiten aller Spiele
werden ohne Unterbrechung gesendet.
"Nie zuvor konnte die gesamte Fußballweltmeisterschaft in den Vereinigten Staaten in englischer
Sprache gesendet werden", erklärte Rothenberg.

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ABC nd ESPN, die 11 Millionen Dollar für die amerikanischen Femsehrechte bezahlen, werden ihre
Ansager in die vorwiegend neutrale Berichterstattung
der Europäischen Rundfunk- und Femsehunion
integrieren, deren Berichte über die 52 Spiele in alle
Welt gesendet werden.
Wenn sich die Fußballfans in Pasadena und dem
Umkreis von Los Angeles versammeln, werden sie
dem Organisator David Simmons zufolge von einer
Stadt und einer Region begrüßt, die bereit für den
Geist des World Cup sind. "Pasadena ist eine der
schönsten Gemeinden im Süden Kaliforniens", stellt
Simmons fest. "Es ist außergewöhnlich, daß eine
kleine Gemeinde über ein großes Stadion in landschaftlich schöner Umgebung am Fuße der San
Gabriel Mountains verfügt, in einem Tal, das von
märchenhaften Villen umgeben ist - einem Spiegelbild
hochkarätiger Architektur und des spanischen Erbes
von Kalifornien. Wir planen ein Aktivitäten-Festival im
Umkreis des Stadions - einschließlich eines Fußballfelds im Kleinformat, auf dem die Besucher ihre
Talente testen können. Pasadena, wo fünf Endspiele
um die amerikanische Football-Weltmeisterschaft, die
Fußballspiele der Olympiade von 1994, 80 Rose
Bowls (eines der wichtigsten Spiele im CollegeFootball) und die weltweit bekannte Rosenparade am
Neujahrstag stattfanden, ist auf die ungefähr 1,5
Millionen erwarteten Besucher aus aller Welt vorbereitet."
Pasadena bietet wie die anderen Veranstaltungsorte
der Weltmeisterschaft eine Vielzahl von Unterhaltungsmöglichkeiten, die eine Pause von der völligen
Versunkenheit in den Sport ermöglichen. Es verfügt
über zwei Kunstmuseen und das Pacific Asia Museum mit seinem authentischen chinesischen Garten.
Die 250 Restaurants der Stadt bieten jede Art von
Küche an. Nachts offeriert die Stadt Jazz- und
Tanzclubs, Sportbars und gemütliche Pubs in der
Nachbarschaft, um die Fans aus dem Ausland zu
unterhalten.
Diejenigen, die sich etwas weiter hinaus wagen,
können Disneyland, die Universal Studios, Malibu
Beach und berühmte Comedy Clubs in Hollywood
besuchen, sich die Femsehshows ansehen, die in
den großen Studios aufgezeichnet werden, oder zu
den einzigartigen Wüstenformationen beim Joshua
Tree National Monument fahren. Sie können Zeuge
der eindrucksvollen Mischung verschiedener Kulturen
aus der ganzen Welt werden, wegen der viele
Sozialforscher Los Angeles als eine Stadt des 21.
Jahrhunderts bezeichnen.
Sicherheitsvorkehrungen stellen in diesem Zeitalter
des Terrorismus und der weltweiten sporadischen
Krawalle bei Fußballspielen eine enorme Verantwor-

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�tung dar. Auf den ersten Blick erscheint das unmöglich in einer demokratischen Gesellschaft, die
bei öffentlichen Veranstaltungen kein massives
Polizeiaufgebot und keine Anwesenheit des Militärs
duldet. Die Vertreter der FIFA erheben Einspruch
gegen die Zäune, Gräben und den Stacheldraht, die
bei anderen Fußballspielen verwendet wurden.
"Wenn die Menschen in Käfige gesperrt werden,
werden sie zu Tieren", erklärte der FIFA-Generalsekretär Blatter.
Trecker zufolge wird es bei der Fußballweltmeisterschaft keine Hooligans geben. "Diese Ausbrüche
waren das Ergebnis von Loyalität gegenüber örtlichen Fußballvereinen in auf die Ereignisse nicht
vorbereiteten Stadien. Diese Art von Aufruhr gab es
nicht bei Fußballweltmeisterschaften und Olympiaden, teilweise weil die Reisekosten unerschwinglich
sind und zum Teil wegen verbesserter Sicherheitsvorkehrungen. Dieses Jahr hat die Zusammenarbeit
zwischen internationalen Sicherheitsbehörden dazu
geführt, daß wegen Gewaltanwendung bei Fußballspielen Verurteilte an den Grenzen der Vereinigten
Staaten abgewiesen wurden. Wir wollen diese
Menschen fernhalten."

Trotz Warnungen vor möglichen terroristischen
Aktionen bei großen internationalen Zusammenkünften haben sich die Sicherheitskräfte bei der
jüngsten Olympiade der Herausforderung gestellt
und bereiten jetzt den World Cup vor. Trecker fügte
hinzu: "Neben den neuen Pressetribünen auf dem
Dach des Rose Bowl-Stadions wird eine Sicherheitszentrale eingerichtet."
Wenn hinter den Kulissen für die Sicherheit gesorgt
wird, kann die Veranstaltung nach außen hin einen
guten Eindruck machen. Weltberühmte Designer
entwerfen farbenprächtige Motive, um die Straßen
der nahegelegenen Stadteile und die Stadien für die
Spiele zu dekorieren und bauen in jeder der neun
Städte Themenparks.
Das mit diesem gewaltigen Ereignis einhergehende
Spektakel wäre jedoch nichts ohne den Wettbewerb.
Trotz der schauererregenden Spannung verschiedener Spiele, die 1990 durch Strafstoß entschieden
wurden, nachdem in der regulären Spielzeit keine
Entscheidung herbeigeführt werden konnte, machen
sich die Fußballvertreter Sorge, daß vorsichtige,
defensive Spiele mit wenigen Toren das Interesse
der Fans in den Vereinigten Staaten eher zunichte
machen als anheizen könnten - einem Land, das an
die vielen Tore und "Mätzchen" von Superstar
Michael Jordan und das offensive Feuerwerk seiner
eigenen Fußball-Champions - die aus dem Super-

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Bowl siegreich hervorgegangen Dallas Cowboys gewöhnt ist.
"Am meisten spricht gegen den Fußball, daß es ein
vorwiegend defensiver Sport ist", so der stellvertretende amerikanische Nationaltrainer Timo Liekoski.
"Das Schöne am Fußball sind nicht unbedingt die
erzielten Tore, sondern vielmehr die Kämpfe um den
Ball, der Aufbau des Spiels, das Abfangen des Balls
durch einen guten Torwart und die Fehlschüsse.
Meines Erachtens ist das in den Vereinigten Staaten,
mit seinen Traditionen in anderen Sportarten, schwierig zu akzeptieren."
Das Spiel scheint sich Sportanalytikern zufolge
jedoch zu ändern. "1990 waren die FIFA und jeder
andere betroffen über die farblose Spielweise", so
Trecker. "Wenn es dieses Jahr 52 langweilige Spiele
gibt, trägt das natürlich nicht unbedingt dazu bei, hier
und andernorts die Begeisterung für den Fußball zu
wecken. Es deutet jedoch alles darauf hin, daß die
Teams für die Fußballweltmeisterschaft sich weiterentwickeln."
Beim jüngsten Spiel um den US-Cup, wo die Vereinigten Staaten, Deutschland, England und Brasilien
an sechs Spielen teilnahmen, wurden 22 Tore
geschossen. "Im Vergleich zu den Turnieren der
Vergangenheit war das ein an Toren sehr ertragreiches Spiel", äußerte Trecker. "Auch in der gerade
beendeten europäischen Saison wurden viele Tore
geschossen. Ebenso wie in den Profi-Sportarten in
Amerika scheint sich auch der defensive Fußball in
einer Umbruchphase zu befinden."
Am besten wird diese gelungene "Öffnung" des
Spiels von der argentinischen Mannschaft, einem der
diesjährigen Favoriten, veranschaulicht. "Argentinien
hat jetzt ein lebhaftes Angreiferteam, das sich stark
von der Mannschaft unterscheidet, die 1990 in Italien
nach Deutschland den zweiten Platz einnahm", so
Trecker. "Das ist vor allem das Verdienst von Alfio
Basile."
Die südamerikanischen Champions haben ihr Team
sehr vorteilhaft umorganisiert - um Diego Maradona
zu ersetzen, der sich aus dem Fußball zurückgezogen hat, einen einzigartigen, hervorragenden Spielmacher - und verfügen jetzt über drei Stars: Gabriel
Batistuta, einen großartigen Torschützen, der in der
italienischen Fußballmeisterschaft für das ausgezeichnete Team des AC-Florenz spielt, Mittelfeldstar
Fernando Redondo und Torwart Sergio Goyochea.
Seit dem Finale von 1990 hat die argentinische
Mannschaft kein Länderspiel mehr verloren.
Die deutsche Mannschaft scheint nie einen so
feurigen Superstar zu haben wie Maradona, ist

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�jedoch mit den Worten Liekoskis "eine wunderbare
Maschine". "Die Deutschen stürmen gerne, wenn es
möglich ist, und haben viele Spieler im Mittelfeld.
Dadurch erschweren sie es dem gegnerischen
Team, anzugreifen und den Ball so schnell wiemöglich auf ihr Tor zuzuspielen. Ihr jüngstes Spiel
um den US-Cup endete 3:3 gegen die Brasilianer.
Die Deutschen benötigten im Durchschnitt einen Paß
für jedes ihrer Tore, während die Brasilianer, die
absichtlich technischer und bewußter spielten, acht
Spieler für 11 Pässe einsetzten."
Auch Deutschland hat seine Stars: Die Mannschaft
wird von Lothar Matthäus angeführt, der vor kurzem
sein 100. Spiel in der Nationalmannschaft absolvierte, oder den Stürmer Jürgen Klinsmann, der mit
seinen vier Toren zum "wertvollsten Spieler" des
jüngsten Turniers um den US-Cup ernannt wurde.
Deutschland gewann das Turnier mit seinem Unentschieden gegen Brasilien und einem harterkämpften
4:3-Sieg über die Vereinigten Staaten und einem
knappen 2:1 gegen England, das über das flügge
gewordene amerikanische Team schockiert war.
"Die deutsche Mannschaft weiß genau, wie sie mit
der Belastung einer Fußballweltmeisterschaft fertig
wird - sie wird in die Endrunde kommen", erklärt
Liekoski.
Das läßt im Turnier noch Platz für eine weitere
unbekannte Größe - wie beispielsweise Kameruns
brilliante Mannschaft mit ihrem alternden Superstar
Roger Milla von der Weltmeisterschaft 1990. "Kamerun ist bei den Qualifikationsspielen führend,
seine Spieler sind technisch geschickt und können
spektakulär spielen", so Liekoski. "Wie die meisten
afrikanischen Mannschaften können sie jedoch
besser eine dramatische Show abziehen als eine
Strategie verfolgen."

t

Direkt nach der Überraschung gegen England vom
Juni 1993 - einer in den vergangenen 40 Jahren
internationaler Fußballbegegnungen des US-Teams
einzigartigen Meisterleistung - wurde man auf das
amerikanische Team aufmerksam. Nachdem die
Mannschaft in der ersten Runde der Fußballweltmei-

sterschaft von 1990 alle drei Spiele verloren hatte,
engagierte der amerikanische Fußballbund den
jugoslawischen Trainer Bora Milutinovic, der Mexiko
in das Viertelfinale der Weltmeisterschaft von 1986
und Costa Rica 1990 in die zweite Runde geführt
hatte, für 200.000 Dollar jährlich - mehr als jeder
amerikanische Fußballer erhält.
Milutinovic rechtfertigte diese Investition der Vereinigten Staaten sofort beim Sieg des amerikanischen
Teams über Uruguay im Jahr 1991. Höhepunkt 1992
war der 1:0-Sieg gegen Portugal beim Spiel um den
US-Cup, ein 3:1 gegen Irland, der 1:1 Gleichstand mit
Italien, obwohl die Vereinigten Staaten in den ersten
beiden Spielminuten im Rückstand waren. Torwart
Tony Meola verhinderte achtmal ein Tor, und schließlich schoß John Harkes den Ball am italienischen
Torhüter Luica Marchegiani vorbei ins Netz - das
erste Tor der Vereinigten Staaten gegen Italien seit
1934.
Die Aufnahme des südafrikanischen Stürmers Roy
Wegerle (der mit einer Amerikanerin verheiratet ist)
und des europäischen Fußballstars, Thomas Dooley,
(der in Deutschland geborene Sohn eines amerikanischen Soldaten) hat die Mannschaft gestärkt und
schlagkräftiger gemacht. "Obwohl wir wahrscheinlich
nicht den Cup gewinnen werden, haben wir bewiesen, daß wir jederzeit mit den besten der Welt
spielen können", so Liekoski. "Wir könnten sehr wohl
die Kameruner der Fußballweltmeisterschaft 1994
werden."
Dooley teilte einem Journalisten mit Hilfe eines
Dolmetschers mit: "Wir werden unser rot-weiß-blaues
Trikot anziehen und die Welt in Erstaunen versetzen."
In der Zwischenzeit bemüht sich World Cup USA, den
Fußball in den Vereinigten Staaten populärer zu
machen. Die Nation lädt die Welt ein, die amerikanische Tradition der Gastfreundschaft und effektvollen
Darbietung zu genießen, insbesondere da die Vereinigten Staaten sich jetzt der weltweiten Begeisterung für den Fußball anschließen.

* *

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und
Dokumentation

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L*3

BP51

International Communication Agency
Embassy of the United States of America

11. Juni 1980

28

INHALT

DOKUMENTATION
Muskie umreißt US-Außenpolitik in NBC-Fernsehinterview
- US-Außenminister in "Meet the Press" (c) 1980 NBC, Inc.
Stellvertretender US-Außenminister warnt vor Protektionismus
- Rede Christophers vor dem OECD-Ministerrat HINTERGRUNDMATERIAL
NATO-Symposion über Gütesicherung
WISSENSCHAFT UND TECHNIK
Verbesserte Ulheizung
- Weniger Ölverbrauch, Schadstoffemission stark verringert
Früherkennung von Funktionsstörungen des Herzens

Um Übcr/cndung von
BcIcgcMcmplorcn wird
gebeten

Postfach 20 0 3 0 0
D 5 3 0 0 Bonn 2

Tel: 0228-89 32 40
Telex: 08-85432

�Dokumentation

3

International Communication Agency
Embassy of the United States of America

28

11. Juni 1980

MUSKIE UMREISST US-AUSSENPOLITIK IN NBC-FERNSEHINTERVIEW
US-Außenminister in "Meet the Press"
(c) 1980 NBC, Inc.

Der amerikanische Außenminister
Edmund S. Muskie hat in einem Fernsehinterview mit der Gesellschaft NBC
am 8. Juni 1980 im Rahmen der Reihe
"Meet the Press" zu zahlreichen Fragen
Stellung genommen. Das Interview hat
folgenden Wortlaut:

ANSAGE: Unser Gast im Rahmen des Programms "Meet the Press" ist
heute Außenminister Edmund S. Muskie. Konkurrent um die Präsidentschaftskandidatur der Demokratischen Partei im Jahre 1972 wurde der frühere
Senator kürzlich von Präsident Carter zum Außenminister ernannt, nachdem
Cyrus Vance zurückgetreten war. Er wurde vor einem Monat auf sein neues
Amt vereidigt.
FRAGE:

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D5300 Bonn 2
Telex: 08-85432

�FRAGE:

Herr Außenminister, Terror und Gewalt eskalieren am Westufer

- der West Bank - des Jordanflusses.

Die Europäer scheinen immer mehr für

eine Unterstützung der palästinensischen Selbstbestimmung eintreten zu
wollen.

Die israelisch-ägyptischen Verhandlungen über die Autonomie der

Palästinenser sind festgefahren, und Ministerpräsident Begin spricht von
der Gründung von zehn neuen Siedlungen auf der West Bank.

Sind nicht die

Friedensgespräche, die von Camp David ausgingen, in eine Sackgasse geraten?
ANTWORT:
einzugehen:

Das glaube ich nicht.

Um in aller Kürze auf Ihre Punkte

Erstens, ich bin zusammen mit dem Präsidenten und allen

anständigen Menschen empört über die Gewaltakte auf der West Bank, aber
gerade diese Gewaltakte sind nach meiner Ansicht der beste Grund für eine
Fortsetzung der bisher einzigen Verhandlungen, die seit der Gründung des
Staates Israel geführt worden sind, der einzigen Verhandlungen, bei denen
es nicht nur um das überleben Israels sondern auch um die Rechte der
Palästinenser geht.

Beide Punkte nämlich stehen auf der Tagesordnung.

Zweitens: Wir sind aktiv um eine Wiederaufnahme der Gespräche bemüht,
die unglücklicherweise vor ein oder zwei Wochen unterbrochen wurden, und
ich rechne damit, daß die Gespräche wieder aufgenommen werden. Einen
Zeitpunkt dafür festlegen kann ich nicht.
Drittens: Was die Möglichkeit einer Initiative von Seiten unserer
europäischen Verbündeten anbetrifft, so würden wir einer Initiative, die
die Gespräche nicht unterminiert, nicht entgegentreten, sofern sie ihrem
Wesen nach konstruktiv ist, aber wir möchten keine Initiative, durch die
die Aufmerksamkeit von den auf Camp David basierenden Gesprächen abgelenkt
wird. Von Wichtigkeit ist es, die harten Kernfragen zu verfolgen, denen
sich zu stellen die Gespräche die Verhandlungspartner gezwungen haben
und die die zentralen Probleme für jede Frage der Autonomie bilden nämlich die Selbstbestimmung für die Palästinenser, ob jetzt in Angriff
genommen oder später.
FRAGE:

�FRAGE:

Herr Außenminister, wenn immer die Israelis neue oder erweiterte

Siedlungen auf der West Bank ankündigen, so grollen und murren die Vereinigten
Staaten in der Regel darüber und dann ziehen die Israelis los und tun es.
Wird sich dieses Schema aller Wahrscheinlichkeit nun auch im Zusammenhang mit den zehn neuen Siedlungen wiederholen, von denen Begin zur Zelt
spricht?
ANTWORT: Ich hoffe doch nein! Wir haben mit aller Dringlichkeit auf
die Israelis eingewirkt, damit nicht fortzufahren, ihnen gesagt,daß es
illegal ist und daß es sich verhängnisvoll auf den Fortgang der Verhandlungen
auswirkt, die im Gange sind. Wir haben darauf immer und immer wieder hingewiesen und ich tue es heute erneut.
FRAGE: Aber haben wir denn nichts weiter als das dazu zu sagen, können
wir keinen anderen Druck aufbieten als einen Protest?
ANTWORT: Es ist ein Punkt, auf den ständig mit allem Nachdruck
hingewiesen wird, nicht nur in öffentlichen Erklärungen, wenn wir wie jetzt
hier dazu Gelegenheit haben, sondern auch nichtöffentlichen und ich versichere
Ihnen, mit allem Nachdruck!
FRAGE: Herr Außenminister, Ramsey Clark, der ehemalige Justizminister,
hat soeben den Iran verlassen, nachdem er dort eine Delegation in Mißachtung
der Bestimmungen, die Amerikanern Reisen nach dem Iran verbieten, geleitet
hat. Er glaubt, etwas Gutes getan zu haben. Glauben Sie, daß es möglich
ist, daß er dort einen konstruktiven Beitrag geleistet hat, beim Versuch
die Geiseln freizubekommen? Ja, und glauben Sie, daß es das wirklich wert
wäre, ernstlich gerichtlich gegen ihn vorzugehen, weil er dorthin gereist
ist?
ANTWORT:

Nun, die Bestimmungen wurden nicht im Hinblick auf Mr. Clark

und die Zehn - die Neun, die mit ihm gingen - erlassen.

- 3 -

Die Anordnung eines

�eines Reiseverbots nach dem Iran wurde vor allem deshalb getroffen, weil
wir um die Sicherheit der Amerikaner besorgt sind, die in einem Lande
reisen, in dem antiamerikanische

Feindseligkeit herrscht, wo es keine

Regierung gibt und auch keine Vertreter, an die wir uns wenden können, um
sie zu beschützen, falls sie in Schwierigkeiten geraten - und wir wissen
ja, daß wenn Amerikaner in Schwierigkeiten geraten, auch dort,wo wir keine
Vertretung haben, sie dann auf die Regierung der Vereinigten Staaten
blicken, damit sie sie schütze; und im Iran sind die Möglichkeiten für einen
solchen Schutz minimal, wie es ja wohl offenkundig ist.
Präsident diese Maßnahme getroffen.

Darum hat der

Und dann sind diese zehn Amerikaner

entgegen dieser Politik nach dem Iran gereist - nun, nicht entgegen dieser
Politik,aber ungeachtet dieser Politik und nun prüfen die Zollgrenzbehörden
ihren Besuch, um etwaige Verstöße gegen die in Frage kommenden Gesetze
festzustellen.

Der Zweck dieser Maßnahmen ist nicht die Bestrafung von

Leuten, die gegen sie verstoßen, sondern die Leute daran zu hindern, dorthin
zu reisen.
•

FRAGE:

•

Werden Sie ihn sehen oder wird einer von Ihren Mitarbeitern

mit ihm oder einem anderen Mitglied der Delegation sprechen, um einen
Bericht zu erhalten?
ANTWORT: Nun, wenn einer von ihnen glaubt, er könne uns nützliche
Informationen zukommen lassen, dann werden wir sie natürlich gern entgegennehmen.
FRAGE: Herr Außenminister, in den Vereinigten Staaten befinden sich
unter den in letzter Zeit aus Kuba angekommenen Personen etwa 800, bei
denen es sich um echte Kriminelle, Geisteskranke oder Gewalttäter in den
Flüchtlingszentren handelt. Können Sie sie wieder loswerden, können Sie
sie wieder nach Kuba bringen lassen, wenn Castro sagt, er werde sie nicht
mehr aufnehmen?
ANTWORT:

�ANTWORT:

Zunächst einmal muß festgestellt werden, daß sie herzusenden

zu uns eine Verletzung des internationalen Rechts darstellt, und wir haben
Herrn Castro e^'ne starke Protestnote Ubersandt und ihn darauf aufmerksam
gemacht,

Wenn er nicht, reagiert und diese speziellen Kubaner zurücknimmt,

dann werden wir die Verfahren anwenden, die für eine Ausweisung aus unserem
Lande vorgesehen sind - es gibt Verfahren dafUr.
FRAGE!:

Durch die Vereinten Nationen?

ANTWORT: Wir können die Frage der Verletzung von Internationalem
Recht durch die Vereinten Nationen und durch die Organisation Amerikanischer
Staaten (OAS) aufbringen, aber wir können auch Verfahren benutzen, um sie
nach unserem eigenen Recht auszuweisen. Wir werden sie in besonderen sicheren
Lagern festhalten bis wir eine Gelegenheit finden, sie wieder dorthin
zurückzubringen, wo sie hergekommen sind.
FRAGE:

Könnte man sie nicht in unseren Stutzpunkt in Guantanamo (auf

Kuba) bringen und sie durch das Tor abschieben?
ANTWORT: Die Schwierigkeit dabei wäre, daß sich durchaus Fragen
ergeben könnten, ob wir damit nicht den Pachtvertrag verletzen würden,
aufgrund dessen wir den Stützpunkt unterhalten, und Guantanamo ist ohnehin
ein sehr heißes Eisen in den kubanisch-amerikanischen Beziehungen; und
zweitens könnte eine derartige Handlungsweise unsererseits auch umgekehrt
angewandt werden, Herr Castro könnte sich entschließen - da die Türen ja
nach innen und nach außen aufgehen - Guantanamo als einen Weg zu benutzen,
um einen weiteren Exodus von Kubanern auf amerikanischen Besitz und über
diesen Besitz in unser Land zu bringen.
FRAGE:

Die jüngste Flut hat jetzt einen Stand von 110 000 Kubanern

erreicht, und man hört, daß noch einige mehr unterwegs sein sollen.

Sind

die Vereinigten Staaten absolut unfähig und ohne Hoffnung, diese Flut zu

- 5 -

�zu stoppen?

Sind wir Castro auf Gnade oder Ungnade ausgeliefert?

ANTWORT:

Nun, ich glaube nicht.

Der erste Punkt, Herr Rowan, auf

den ich hinweisen möchte, ist - und das ist ein Punkt, den wir nicht so
unterstreichen können, wie wir möchten - daß der Wunsch von Menschen von Kubanern in dieser Zahl, ihr Land zu verlassen - und die amerikanische
Presse und die lateinamerikanische Presse in ganz Südamerika haben diesen
Punkt herausgestellt - daß dieser Exodus ein konkreter und dramatischer Beweis
für das Versagen des Systems Castros und seines Landes ist.
Was nun unsere Reaktion darauf anbetrifft, so haben natürlich
viele dieser Kubaner Verwandte hier in unserem Lande, und sie kommen hierher,
um sich mit ihren Familien wieder zu vereinigen, auf deren Wunsch hin. Als
Ergebnis haben wir, ich glaube 50 000 in dieser Kategorie eine neue Heimat
gegeben. Es gibt andere, die hierher kommen, in der Suche nach Freiheit
und in der Suche nach wirtschaftlichen Möglichkeiten, und hinsichtlich
dieser Flüchtlinge besteht eine internationale Verantwortung, und andere
Länder haben das anerkannt. So halten sich beispielsweise Vertreter von
Argentinien und Australien derzeit in unserem Lande auf, um die Möglichkeit
zu prüfen, ihren Anteil an der Last zu übernehmen. Die Konferenz von
San Jose hat das internationale Anliegen hinsichtlich dieses Problems
zum Ausdruck gebracht.
Und es handelt sich doch nicht bei allen um Gauner - es sind weniger
als 1 000 von den 100 000 Gauner. Was die übrigen anbetrifft, so suchen sie
die Art von Zukunft, die Flüchtlinge seit ewigen Zeiten gesucht haben, und
wir werden versuchen, dies zu einer internationalen Aufgabe zu machen.
Es wird international anerkannt, daß eine solche Notwendigkeit besteht,
und wir werden darauf drängen»
FRAGE: Herr Außenminister, Sie sagen, daß Sie mit einer Wiederaufnahme
der Verhandlungen über eine palästinensische Autonomie zwischen Ägypten und

�und Israel recnnen.

Basiert diese Erwartung auf re:ner Hoffnung, oder haben

S e eine Formel ausgearbeitet» die sie wieder zusammenbringen wird?
ANTWORT:

Es beruht zunächst einmal auf dem Wunsch beider Seiten, die

Verhandlungen fortzjsetzen, den anhaltenden Bemühungen beider Seiten und
der Vereinigten Staaten3 eine Forme" für die Wiederaufnahme der Verhandlungen
zu finden, nachdem da

unglückliche in der Knesset eingebrachte Gesetz

diese jUngste Pause verursacht hat. Und es besteht ein so starker Wunsch,
voranzukommen und die noch offenen Fragen in den Griff zu bekommen, daß es
nach meiner Meinung zu einer Wiederaufnahme der Verhandlungen kommen wird.
Ich will mich da zeitlich nicht festlegen, aber ich bin nicht mutlos,
FRAGE:

Aber Sie haben noch keine Formel ausgearbeitet?

ANTWORT: Wir haben eine Vielfalt von Formeln erwogen, eine nach
der anderen, and die Möglichkeiten sind noch nicht erschöpft.
FRAGE:

Herr Außenminister, Sie wissen selbst, daß wir in einem Jahr

mit Präsidentschaftswahlen leben, und der Fortschritt in der NahostDiplomatie kommt traditionellerweise in e.nem Präsidentschaftswahljahr
zu einem Halt, Glauben Sie wirklich» daß in diesem Jahr ein wesentlicher
Fortschritt in den Autonomieverhandlungen erzielt werden kann?
ANTWORT:

Ich meine, die Fortsetzung der Verhandlungen ist eine

positive Entwicklung

Ich kenne die Schwierigkeit, viele der innen- und

außenpolitischen Probleme in einem Wahljahr zu lösen, aber ich glaube, diese
Frage ist so wichtig, und welcher Druck dahinter steht, wird aus der Reihe
qualvoller Akte der Unmenschlichkeit in der West Bank nur zu deutlich.

Ich

glaube die Forderungen nach Fortschritten sind so stark, daß wir nach
meiner Meinung weiterhin einfach vorwärts drängen müssen,, Und was ich
meinen guten Freunden in Europa als Argument sagen möchte, ist, daß wir
ganz nahe an der Lösung der fünf wichtigsten noch offenen Fragen bezüglich

- 1

�bezüglich der Autonomie sind.

Es gibt keinen Weg, sich aus diesen Problemen

zurückzuziehen, es sei denn man bietet den Verhandelnden eine Ausrede,
sich zurückzuziehen.

Und es besteht natürlich eine Versuchung, sich

zurückzuziehen, denn wenn man zu solchen Fragen kommt, wie Siedlungen, Land,
Wasser, Sicherheit, Übertragung von Macht an eine Selbstverwaltungsbehörde,
dann kann man nicht lange über diese Dinge sprechen, ohne schließlich mit
der Lösung dieser Fragen konfrontiert zu werden.
wir drängen:

Und es ist das, worauf

Laßt nicht nach - und wenn das Erfolg hat, dann glaube ich,

werden wir selbst in einem Wahljahr einigen Fortschritt erzielen können.
FRAGE:

Herr Außenminister, man muß nunmehr zugestehen, daß Gouverneur

Reagan die Nominierung durch die Republikanische Partei gewonnen hat und
er unser nächster Präsident sein könnte.

Er hat davon gesprochen, zu

Taiwan wieder eine offizielle Beziehung zu unterhalten - anstelle dieser
Art von halboffizieller Beziehung, die wir derzeit haben.

Könnte dies Ihrer

Meinung nach unsere Beziehung zur Volksrepublik China stören, die sich gerade
entwickelt?
ANTWORT: Ich glaube, ja. Ich glaube, es wäre ein unerwünschter
Schritt zurück. Mir scheint, wir haben sowohl mit der Volksrepublik China
als auch mit Taiwan Übereinkommen ausgearbeitet, bzw. arbeiten daran, die
inoffiziell sind und die für beide China von wachsendem Vorteil sind auch wenn zwar keine der beiden Seiten eingesteht, daß es zwei solche China
gibt, aber dennoch zwei politische Einheiten existieren. Und ich sehe
keinen Grund, warum dieser Prozeß nicht weitergehen sollte.
FRAGE:

Lassen Sie mich eine Frage über einen demokratischen

Präsidentschaftsbewerber stellen.

Sie selbst sind ja ein ehemaliger

demokratischer Präsidentschaftsbewerber;

Sie kennen Senator Kennedy ziemlich

gut; Sie sind jetzt in einem Bereich der Außenpolitik tätig, wo es wahrscheinlich zwischen ihm und Präsident Carter mehr Übereinstimmung als
Meinungsverschiedenheiten gibt.

Wie beurteilen Sie die Auswirkungen

- 8 -

�Auswirkungen der anhaltenden Konfrontation zwischen Senator Kennedy und
dem Präsidenten auf die Wahlaussichten der Demokraten?
ANTWORT:

Oh, Sie bringen mich jetzt in einen politischen Bereich,

den Außenminister nicht betreten sollten, aber ich will Ihnen wenigstens
eine allgemeine Beobachtung mitteilen:

Ich bin Zeuge oder Teilnehmer von

Vorwahlen gewesen, die den Eindruck gaben, zu einer Spaltung zwischen
Demokraten zu führen; manche erreichten das, manche nicht.

Ich kann nicht

in der Zukunft lesen, um zu sagen, wie es diesmal ausgehen wird.
FRAGE: Kommen wir zur konkreten Außenpolitik zurück: Wäre es
in der gegenwärtigen Situation im Nahen Osten von Vorteil, wenn die
israelische Regierung die beiden palästinensischen Bürgermeister, die West
Bank-Bürgermeister, die jetzt in diesem Land sind und von den Israelis
ausgewiesen wurden, wieder zurückließe?
ANTWORT:
FRAGE:

Ich glaube, ja.
Haben Sie sie darum ersucht?

ANTWORT: In bezug auf Themen dieser Art bin ich der Ansicht, man
sollte sie auf der Verhandlungsebene belassen, wo sie derzeit sind, bevor
ich oder irgendjemand sonst versucht, bestimmte Themen dieser Art außerhalb
des Camp-David-Prozesses zur Verhandlung zu stellen. Ich glaube, wir
würden sonst die Bedeutung dieses Prozesses nur verringern.
FRAGE:

Herr Außenminister, Ihr Vorgänger, Cyrus Vance, vertrat

kürzlich in Harvard ziemlich leidenschaftliche die These, daß es ein
schwerer Fehler wäre, sollten die Vereinigten Staaten den SALT-Vertrag
mit den Russen nicht in diesem Jahr ratifizieren.
Washington kommt es so vor, als sei dies unmöglich.

Den meisten Leuten in
Ist es möglich?

Und ganz speziell: ist es möglich, nach den Wahlen eine Sondersitzung des

- 9 -

�des Kongresses anzuberaumen, um die Frage aufzugreifen?
ANTWORT:

Ich möchte auf drei spezielle Punkte zu sprechen kommen:

Erstens ist die Invasion Afghanistans eine so bedeutsame Abkehr von der
sowjetischen Norm hinsichtlich ihres internationalen Verhaltens und eine
so bedeutsame Bedrohung oder potentielle Bedrohung für die strategischen
Interessen der Vereinigten Staaten, daß wir unseren Widerstand dagegen
nicht aufgeben können.
Zweitens müssen wir uns in Einklang hiermit darüber im klaren sein,
daß Rüstungskontrolle ebenfalls in unserem nationalen Sicherheitsinteresse
liegt.

Eine Menge Leute haben Schwierigkeiten damit, beide Ziele gleich-

zeitig zu verfolgen.
Mein dritter Punkt, auf den ich hinweisen möchte, ist folgender:
Solange die derzeitige Präsenz der Sowjets in Afghanistan anhält, wird es
im Senat nicht genügend Stimmen geben, um SALT II zu ratifizieren. Das
ist eine Tatsache, mit der wir uns auseinandersetzen müssen. Dennoch
halte ich es für notwendig, daß wir uns für Rüstungskontrolle starkmachen,
während wir den Druck unserer Politik darauf richten, die Sowjets dazu zu
bringen, aus Afghanistan abzuziehen und sie davor abzuschrecken, noch
weiter zu expandieren. Ob sich nun eine Möglichkeit ergeben wird, Bewegung
in die Angelegenheit zu bringen - vor oder nach den Wahlen -, hängt meiner
Meinung nach von drei Punkten ab:
Erstens, von der Entwicklung der sowjetischen Politik in Afghanistan;
zweitens, wie dies in unserem Land politisch aufgenommen wird;
drittens, verständlicherweise

von den Wahlergebnissen am 4. November.
FRAGE:

- 10 -

�FRAGE:
zusammen.

Sie trafen vorigen Monat mit Außenminister Gromyko in Wien

Gibt es Pläne für ein weiteres Treffen oder etwas anderes, um

den damals angefangenen Dialog fortzuführen?
ANTWORT: Ich glaube, dieses Treffen bekräftigte die Tatsache, daß
ein Dialog von Zeit zu Zeit wichtig ist. Ich habe für ein weiteres Treffen
keine speziellen Pläne, aber ich möchte nicht die Möglichkeit ausschließen,
daß zu einem bestimmten Zeitpunkt bei gegebener Entwicklung und im gegebenen
Augenblick ein ähnliches Treffen in unserem nationalen Interesse sein könnte;
aber derzeit gibt es keine Pläne für weitere Treffen.
FRAGE: Herr Außenminister, Cyrus Vance trug auch vor, was nach Meinung
mancher Leute eine sehr ernste Kritik der Regierung war, daß nämlich Außenpolitik nach den Emotionen des Augenblicks gemacht wird und danach, was politisch
opportun ist. Wenn wir unsere augenblickliche Politik gegenüber der Sowjetunion betrachten, gegenüber Israel und so weiter: Könnte man nicht zu dem
Schluß kommen, daß Vance unbestreitbare Kritik geübt hat?
ANTWORT: Ich habe die Rede gelesen. Ich habe sie in der Nacht gelesen,
als sie gehalten wurde, und ich rief ihn danach an und machte ihm ein
Kompliment dafür. Aber ich beurteile jenen Teil der Rede, auf den Sie sich
beziehen, als eine allgemeine amerikanische Haltung, die schon seit langer
Zeit von vielen Regierungen dadurch widergespiegelt wird, daß sie bald so,
bald anders handeln; das ist, glaube ich, eine Widerspiegelung unseres
politischen Prozesses und unserer Tendenz, so zu reagieren, weil gleichmäßige
Stetigkeit nur schwer durchzuhalten ist, wenn unvorhersehbare Ereignisse
und Maßnahmen anderer Länder das durchkreuzen, was unser Fortschritt hin
auf früher gesteckte Ziele zu sein scheint.
Zum Beispiel war die sowjetische Invasion Afghanistans sicherlich
nicht vorhersehbar.

Ich meine damit nicht, ob es irgendwie von unseren

Nachrichtendiensten hätte vorhergesehen werden können; vielmehr meine ich

- 11 -

�ich die Öffentlichkeit, den Kongreß, die Aussicht auf Ratifizierung von
SALT II. Diese Invasion war nicht vorherzusehen, und als Folge mußten wir
die Ratifizierung von SALT II fallenlassen.

Das ist nun keine Unbeständigkeit.

Wir mußten sie fallenlassen, weil es keine Stimmen dafür gab.
FRAGE:

Wollen Sie damit sagen, daß es für uns unmöglich ist, eine

beständige, langfristige Politik der Sowjetunion gegenüber zu verfolgen, weil
sie Unerwartetes unternimmt, wie etwa die Invasion Afghanistans?
ANTWORT:

Nein, aber es ist eine Sache, eine langfristige Politik zu

haben, und es ist eine andere Sache, eine taktische Politik zu haben,
um auf Änderungen oder plötzliche Abweichungen der sowjetischen Politik zu
reagieren.

Ich meine, die sowjetische Politik muß langfristig etwas sein,

was wir fortwährend beurteilen müssen, was aber gleichzeitig zu beurteilen
ist hinsichtlich ihrer Schritte von Woche zu Woche, von Monat zu Monat und
von Jahr zu Jahr.

Dies könnte dann unsere langfristige Auffassung ändern,

wie dies meiner Meinung nach bei der Invasion von Afghanistan der Fall war.
Nachdem sie stattgefunden hat, muß das, was wir heute oder nächste Woche,
in diesem Jahr, diesem Wahljahr, tun, von dem beeinflußt werden, was sie
getan haben.

Und das war eben unerwartet, und eine Änderung in der sowjetischen

Außenpolitik, der unsere Reaktion darauf entsprach.
Wissen Sie, ich weiß eigentlich nicht genug über Fußball, um das wie
ein Experte zu beschreiben. Aber Sie sehen doch auch, wie ähnliche taktische
Veränderungen auf einem Fußballfeld stattfinden.
FRAGE: Herr Außenminister, die Regierung hat offensichtlich das
Problem der Geiseln im Iran absichtlich etwas aus dem Bewußtsein der
Öffentlichkeit genommen. Wie kann dieses Problem Ihrer Meinung nach überhaupt je gelöst werden?
ANTWORT:

- 12 -

�ANTWORT:

Ich glaube, wir haben es im Sinn unserer Bedenken und

unserer Anstrengungen überhaupt nicht weniger ins Bewußtsein gebracht.
ist nur weniger sichtbar.

Es

Wir versuchen, alle Wege der direkten und der

indirekten Diplomatie zu verfolgen, um die Iraner davon zu überzeugen, daß
es in ihrem eigenen Interesse liegt, die Geiselaffäre hinter sich zu bringen,
und wir sehen in -unehmendem Maße, daß dies dort auch so beurteilt wird.
In der Tat hat ja Mr. Clark heute schon in einem anderen Programm erwähnt, daß
die Stimmung im Iran sich hinsichtlich der Geiseln dramatisch gewandelt hat.
Es hat nun schon eine ganze Reihe von Schritten dieser Art von indirekter
Diplomatie gegeben, die darauf gerichtet sind, daß bestimmte Gruppen der
iranischen Gesellschaft dabei mithelfen, daß sich diese Überzeugung durchsetzt. Es ist in immer stärkerem Maß in ihrem Interesse, dieses Gel seiProblem hinter sich zu bringen, und da sie beginnen, dies zu begreifen, werden
die Anstrengungen guter Freunde und vielleicht auch unsere eigenen Anstrengungen
schließlich zur Freilassung der Geiseln fUhren,
FRAGE:

Aber sie sagen, daß das Problem von ihrem Parlament bis Ende

Juli noch nicht einmal besprochen werden wird.

Haben Sie irgendeine Hoffnung,

daß die Geiseln vor diesem Zeitpunkt freigelassen werden könnten?

Und

was würden Sie tun, falls das Parlament entscheidet, einigen der Geiseln den
Prozeß zu machen?
ANTWORT:

Was sie in der Öffentlichkeit sagen, ist nicht immer in

Einklang mit den Anstrengungen, die von Iranern im Stillen gemacht werden,
um ein anderes Ergebnis zu erreichen.

Bisher bestand das Problem immer

darin, daß keiner die umfassende Regierungsautoritä't hatte.
sie sich, wenn auch noch nicht gänzlich, im Parlament.

Jetzt konzentriert

Und wenn wir erst

einmal eine Regierung haben, die dem iranischen Volk verantwortlich ist
für die Geiselfrage und für das Wohlergehen des iranischen Volkes, dann
wird diese Regierungsautorität beides zusammen in Rechnung stellen müssen,
und wir werden etwas haben, womit wir uns befassen können.
FRAGE:
- 13 -

�£

FRAGE:

Herr Außenminister, wenn die Sowjets sich weigern, aus

Afghanistan abzuziehen, wie es derzeit der Fall zu sein scheint, und wenn
wir tatsächlich so lange nicht mehr mit ihnen reden, bis sie abziehen:
Befinden wir uns dann in einer Periode stärkerer Spannung und Konfrontation
mit der Sowjetunion, die sich über Jahre hinaus erstrecken könnte?
ANTWORT:

Die Sowjets sind durch die Reaktion der Welt auf ihre

Invasion in Afghanistan eingekeilt.

In diesem Zusammenhang hat mich eine

Veröffentlichung von Herrn Sacharow in der heutigen New York Times interessiert.
Ich meine, wenn Regierungen Schritte der Art unternehmen, wie dies die
Sowjetunion in Afghanistan getan hat und die Art von Widerstand erfährt,
wie sie dies dort tut, dann werden diese Regierungen anfangen, über ihre
Politik nachzudenken - wie die Sowjets es offensichtlich tun.

Aber das

bedeutet nicht, daß es eine schnelle und einfache Lösung geben wird.
ABSAGE:

Herr Außenminister, vielen Dank für Ihren Besuch hier bei

"Meet the Press".

- 14 -

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^ J

Dokumentation
1

International Communication Agency
Embassv of the United States of America

11. Juni 1980

28

STELLVERTRETENDER US-AUSSENMINISTER WARNT VOR PROTEKTIONISMUS
- Rede Christophers vor dem OECD-Ministerrat -

PARIS

- (AD) - Der Stellvertretende amerikanische Außenminister,

Warren Christopher, hat vor einem wirtschaftlichen Protektionismus gewarnt,
da Handelsbeschränkungen die Lage nur verschärfen würden.

In einer Rede

vor dem Ministerrat der Organisation für Wirtschaftliche Zusammenarbeit
und Entwicklung (OECD), in der alle wichtigen Industriestaaten des Westens
zusammengeschlossen sind, betonte Christopher am 3. Juni 1980, daß die
Mitgliedstaaten ihre eigenen wirtschaftlichen Schwierigkeiten auch nicht
als Vorwand für niedrige Entwicklungshilfe benutzen dürften.
Die Rede von Warren Christopher hat folgenden Wortlaut:
Ich freue mich, an der Jahrestagung des OECD-Ministerrates teilnehmen
zu dürfen.

Ich überbringe Ihnen die besten Grüße und Wünsche unseres Außen-

ministers, der außerordentlich bedauert, daß ihn die Belastung durch die
neu übernommenen Aufgaben an einer Teilnahme hier hindert.

Außenminister

Muskie ist sich der Dringlichkeit wirtschaftlicher Probleme in den heutigen

Postfach 20 03 00 Tel: 0228-89 32 40
D5300 Bonn 2
T e | e x : 08-85432

�heutigen internationalen Beziehungen zutiefst bewußt - Probleme, die das
Leben all unserer Völker unmittelbar berühren.

Er unterstützt nachdrücklich

die Anstrengungen der OECD, eine koordinierte Antwort auf unsere gemeinsamen
wirtschaftlichen Probleme zu finden.
Die OECD hat zwar schon immer eine nützliche Rolle beim Informationsaustausch und der Koordinierung der Politik gespielt, aber ihre Bedeutung
hat in den letzten Jahren gewaltig zugenommen.

Die Ereignisse in diesem

Zeitraum haben über allem Zweifel gezeigt, daß die wirtschaftlichen Probleme,
vor denen wir stehen, sich einer Kirchturmpolitik und nationalen Lösungen
entziehen.

Nur durch Zusammenarbeit können wir die zerstörerischen, auf

Kosten des Nachbarn betriebenen Wirtschaftspolitiken vermeiden, die unseren
Ländern so teuer zu stehen kamen.
Die Wirtschaftstheorie hebt die Interdependenz der sich uns stellenden
Probleme wie auch die absolute Notwendigkeit hervor, sie in einer zusammenhängenden und gegenseitig zu vereinbarenden Weise anzupacken. Ich halte
es jedoch für wichtig, zwei unterschiedliche Arten der Interdependenz
zu betonen. Die eine Art liegt auf der Hand und ist praktisch zu einem
Klischee geworden: die Interdependenz unserer Volkswirtschaften. So
offensichtlich diese Tatsache auch ist, so muß sie doch immer wieder
hervorgehoben werden. Da Probleme wie Energie, Inflation und Arbeitslosigkeit
offensichtlich sehr schwer in den Griff zu bekommen sind, hat uns das zur
Suche nach kooperativen Lösungen ermutigt. Die internationale Zusammenarbeit kann paradoxerweise gerade jetzt besonders großen Nutzen bringen,
da die Forderungen nach Einführung von Maßnahmen immer lauter werden, die
sich unausweichlich als gegenseitig zerstörerisch erweisen würden.
Bei den entscheidenden Variablen der Wirtschaft haben in letzter
Zeit beispiellose Veränderungen stattgefunden.

Infolgedessen ist es für

uns besonders schwierig, die künftigen Auswirkungen dieser Veränderungen
und ihre Rückwirkungen auf unsere Wirtschaftspolitik vorauszusagen.

- 2 -

Die

�Die Zusammenarbeit im Rahmen der OECD wird uns bei der Gestaltung der
Politik wenigstens ein gegenseitig übereinstimmendes Weltbild vermitteln.
Darüber hinaus stehen alle unsere Volkswirtschaften vor der gewaltigen
Aufgabe der Anpassung an höhere Energiepreise - nicht nur auf dem Energiesektor selbst, sondern in allen Bereichen der Wirtschaft. Bei dieser
Anpassung gibt es Schritte, die wir gemeinsam tun können, und die uns daher
einen größeren Nutzen bringen als Maßnahmen, die wir jeder getrennt und
unkoordiniert ergreifen würden. Zu diesen Schritten gehört, daß wir die
Lasten gemeinsam tragen und auf gemeinsame Ziele zugehen. Die Zusammenarbeit
kann sicherstellen, daß die Maßnahmen, wir wir zur Stärkung unserer eigenen
Volkswirtschaften treffen, nicht auf Kosten der Wirtschaftstätigkeit anderer
Länder gehen.
Die zweite Art der Interdependenz, die ich hervorheben möchte, ist
der Zusammenhang zwischen allen großen wirtschaftlichen Problemen, vor denen
wir stehen.

Hohe Energiepreise, Inflation, langsames wirtschaftliches

Wachstum, Protektionismus und Recycling stehen alle in einem inneren
Zusammenhang.

Wir können daher keines dieser Probleme sinnvoll für sich

allein anpacken.
So ist beispielsweise Energie ein Problem eigener Art. Aber der
Preis von und die Versorgung mit Energie werden im kommenden Jahrzehnt
alle Aspekte unserer makroökonomischen Tätigkeit stark beeinflussen: wie
Inflation, Produktivität und Arbeitslosigkeit. Gleichzeitig werden die
dramatischen Veränderungen in der Leistungsbilanz der am wenigsten entwickelten
Länder (LDC) in diesem Jahr diesen Ländern aufgrund der Erhöhung des
Energiepreises Schwierigkeiten bereiten. Unser makroökonomisches Verhalten
wird umgekehrt dafür bestimmend sein, ob die LDC in der Lage sein werden,
ihr Wachstum aufrechtzuerhalten und eine Verschärfung des Problems ihrer
Verschuldung zu vermeiden. Und schließlich werden all diese Probleme unsere
Handelsbeziehungen und unserer internationalen Finanzbeziehungen beeinflussen.
Da
- 3 -

�Da unsere Volkswirtschaften vor großen, durch die öl Preiserhöhung
hervorgerufenen Zahlungsbilanzdefiziten und einem langsameren realen
Wirtschaftswachstum stehen, werden die Forderungen nach protektionistisehen
Maßnahmen sicherlich zunehmen.
Die OECD bietet uns eine lange Erfahrung der nützlichen Zusammenarbeit
bei diesen Problemen der Interdependenz, und ihre derzeitige Arbeit bietet
ein volles Programm.

Lassen Sie mich kurz die nach meiner Meinung wichtigsten

Punkte dieses Programms aufzählen.
Die Energie ist das Gebiet,auf dem der Umfang der möglichen Zusammenarbeit am größten und vielleicht am lebenswichtigsten ist.

Wir können nur

gewinnen, wenn wir nicht nur einen zerstörerischen Wettlauf um knappe
Angebote in Perioden zeitweiliger Ausfälle vermeiden, sondern auch, wenn
wir gemeinsame Anstrengungen zur Anpassung an höhere Energiepreise unternehmen.

Vor zwei Wochen haben sich unsere Kollegen auf der Ministertagung

der Internationalen Energieagentur (IEA) dafür ausgesprochen, unsere
Koordinierung dieser entscheidend wichtigen Fragen zu verbessern.

Ich rufe

alle heute hier vertretenen Regierungen auf, die Beschlüsse jener Tagung
zu unterstützen und die geeigneten politischen Maßnahmen zu ergreifen, um
unsere Abhängigkeit von importiertem öl zu verringern und alternative
Energiequellen zu entwickeln.
Die wichtigste Aufgabe der Durchführung unserer makroökonomischen
Politik ist die Bewältigung der Inflation. Das wird keine leichte Aufgabe
sein. Aber wir können nicht mit einer Rückkehr zu einem starken und
anhaltenden Wachstum rechnen, solange wir die Inflation nicht in den Griff
bekommen. Ich möchte einen wichtigen Aspekt der Rolle der OECD dabei hervorheben. Die Politik der Zurückhaltung, die für die Bekämpfung der
Inflation so notwendig ist, birgt ihre eigenen Risiken, da wir vor einer
Verlangsamung des Weltwirtschaftswachstums stehen. Da das Wachstum keines
Landes von seinem Handel mit anderen Ländern unabhängig ist, wird die

- 4 -

�die reguläre Zusammenarbeit innerhalb der OECD bei der Erörterung der
Analyse der makroökonomischen Politik noch wichtiger werden, um sicherzustellen, daß der Abschwung in der Wirtschaftstätigkeit nicht noch schlimmer
wird, als wir heute befürchten.
Gemeinsames Handeln wird uns auch in unseren Beziehungen zu den
Entwicklungsländern helfen. Höhere Energiekosten und das langsamere Wachstum
unserer Volkwirtschaften wird das wirtschaftliche Wachstum in den Entwicklungsländern dämpfen. Wir müssen und können ihren Problemen auf vielerlei Weise
begegnen.
Erstens, wir müssen sie in ihrer Anpassung an höhere ölpreise unterstützen. Wir sollten sie anhalten zur Energieeinsparung, zu wirtschaftlicher
Nutzung der Energie und zur Entwicklung herkömmlicher und alternativer
Energiequellen. Wir müssen den armen Entwicklungsländern garantieren,
daß ihnen trotz unseres eigenen langsameren Wachstums unsere Märkte weiterhin
für ihre Exporte offenstehen werden.
Zweitens, wir müssen den ärmeren Entwicklungsländern bei der
Finanzierung ihrer Zahlungsbilanzdefizite während der Übergangsperiode
helfen.

Hier liegt unsere Aufgabe darin, die derzeit im Gang befindlichen

Reformen der internationalen Finanzierungsinstitute zu unterstützen, die
darauf abzielen, daß ihnen eine ausreichende Finanzierung zu akzeptablen
Bedingungen auf mittlere Frist zur Verfügung steht.
Und schließlich müssen wir einsehen, daß für die ärmsten der
Entwicklungsländer sowohl Hilfe als auch Finanzierung erforderlich sein
wird.
Wir müssen der Versuchung widerstehen, unsere eigenen wirtschaftlichen
Probleme als eine Ausrede für niedrigere Hilfeleistungen an Entwicklungsländer zu benützen.

Die ölexportierenden Länder und die Länder mit zentral

- 5 -

�zentral geplanten Volkswirtschaften haben auf diesem Gebiet ebenfalls
eine Verantwortung.

Wir möchten hoffen, daß die großen Überschußländer

sowohl durch Hilfeleistungen als auch durch Finanzierungsabmachungen eine
wichtige Rolle spielen werden, das Recycling (den Rückfluß) ihrer Überschüsse
in die Defizitlander sicherzustellen.
Obwohl uns die Zusammenarbeit im Rahmen der OECD bei der Bewältigung
der Energieverknappung und der Probleme der Entwicklungsländer helfen wird,
so liegt gerade auf dem Gebiet des Handels die größte Versuchung, unseren
eigenen, getrennten, nationalen Weg zu gehen.

Natürlich gibt es immer

Forderungen, unsere binnenwirtschaftlichen Probleme durch den Schutz der
Industrien zu beheben, die importanfällig sind.

Diese Forderungen werden

sich in der Zeit des langsamen Wachstums, das vor uns liegt, verstärken.
Wir müssen uns jedoch darüber im klaren sein, daß die Lösung durch verstärkte
Protektion eine Illusion ist. Als Gruppe können wir durch Handelsrestriktionen
nur schlechter und nicht besser daran sein.

Das hat sich immer als richtig

erwiesen, und offener Handel hat noch an Bedeutung gewonnen, so wie die
Notwendigkeit der Inflationsbekämpfung zugenommen hat.
Wir müssen auch der Versuchung widerstehen, durch die Subvention
von Exportkrediten, die die Marktkräfte verzerren, unsere Wettbewerbsfähigkeit
zu erhöhen. Zu diesem Zweck müssen wir unsere Abmachung über Exportkredite in Übereinstimmung mit den Realitäten des derzeitigen Kreditmarktes
bringen.
Die Vielfalt umd Komplexität der wirtschaftlichen Probleme, vor denen
wir stehen, verlangen von uns, Prioritäten zu setzen, und unsere Aufmerksamkeit
zu konzentrieren. Ich habe die vier Probleme umrissen, die für die
Vereinigten Staaten am dringendsten erscheinen. Aber die OECD und ihr
Sekretariat haben auch wertvolle Hilfe für andere Probleme geboten, die auf
lange Sicht unsere Aufmerksamkeit fordern werden.
Beispielsweise

�Beispielsweise müssen wir uns Sorgen über die Zunahme des Drogenmißbrauchs machen.

Die Heroin-Sucht hat in alarmierender Weise in ganz

Europa zugenommen und wächst jetzt in den Vereinigten Staaten.

Zum

erstenmal hat sich der Entwicklungshilfeausschuß auf mehreren informellen
Sitzungen mit der Auswirkung bilateraler Hilfsprogramme auf die ungesetzliche
Rauschgiftherstellung, der Quelle unseres Heroin-Problems, befaßt.

Die OECD

hat ferner die Aufstellung statistisch vergleichbarer Daten über Drogenmißbrauch unternommen, damit die Mitgliedsländer einen wirksameren
Informationsaustausch auf diesem Gebiet pflegen können.
Die OECD hat sich auch als außerordentlich ansprechbar für sich
verändernde Bedingungen und Erfordernisse auf anderen "nicht traditionellen"
Gebieten von wachsender Bedeutung für die Mitgliedsländer erwiesen. Die
persönliche Rolle des Generalsekretärs bei der Organisation der Türkei-Hilfe,
auf die unsere Mitglieder reagiert haben, läßt die Fähigkeit der Organisation
erkennen, zur Lösung ernster Probleme rasch zu handeln.
Die Konferenz auf hoher Ebene über die Beschäftigung der Frau im
April dieses Jahres hat, ebenso wie die Konferenz über Jugendarbeitslosigkeit
im Jahre 1978 wesentlich zu unserem Verständnis der Veränderungen auf unseren
nationalen Arbeitsmärkten und zur Fähigkeit unserer Regierungen beigetragen,
mit diesen Problemen fertigzuwerden. Der neue Stahl-Ausschuß der OECD
hat sich als wertvoller Apparat erwiesen, um Mitgliedsländern bei der
Oberwindung sektoraler Probleme und von Handelsproblemen zu helfen, die über
nationale Grenzen hinausgreifen. Ähnliche Beispiele können auf den Gebieten
giftiger Chemikalien, Datenaustausch über Grenzen hinweg, Großstadtprobleme
und Umweltschutz aufgezählt werden.
Diese eindrucksvolle Leistung der Anpassungsfähigkeit, Sachkenntnis
und Kraft ist weitgehend der kreativen Führung durch unseren Generalsekretär
zuzuschreiben.

Ich möchte Herrn van Lennep die höchste Anerkennung meiner

Regierung zum Ausdruck bringen für seinen persönlichen Beitrag zu dieser

- 7 -

�dieser Organisation und durch sie für die Länder, die wir vertreten.
Konferenzen wie diese zeigen, daß ein großer Kern an Übereinstimmung
und gemeinsamer Einsicht über die wirtschaftlichen Probleme existiert, die
uns plagen. Die Wirtschaftstheorie zeigt uns, daß enge, nationale Lösungen
nur eine temporäre Atempause von den wirtschaftlichen Problemen schaffen,
mit denen wir alle zu tun haben; daß nur durch internationale Zusammenarbeit
eine langfristige Lösung gefunden werden kann. Die OECD hat sich als
wertvolles Forum für unseren Meinungsaustausch, das gemeinsame Aufzeigen
nationaler Probleme und Erfahrungen und die Koordination unserer Lösungsanstrengungen erwiesen. Es liegt an uns, ob wir den politischen Willen
aufbringen, um unsere gemeinsamen wirtschaftlichen Erkenntnisse in politische
Maßnahmen umzuwandeln.

+ + + + +

�11. Juni 1980

28

NATO-SYMPOSION OBER GÜTESICHERUNG

- (AD) - -"Expandierende Technologie - Herausforderung der NATO
zur Gütesicherung in den achtziger Jahren" war das Motto einer fünftägigen
Konferenz, die 500 Regierungsvertreter und führende Persönlichkeiten der
Industrie aus den 15 NATO-Staaten vom 2. - 6. Juni 1980 in Washington
zusammenführte. Wichtige Punkte der Tagesordnung waren der Meinungsäustausch über Entwicklungen in der Qualitätskontrolle bei den Waffen und
anderem militärischem Gerät des Bündnisses, die Gewährleistung von geeigneten
Prüfverfahren und Wege zu deren Verbesserung.
Die Tagung stand unter der Schirmherrschaft des amerikanischen
Verteidigungsministeriums und der NATO-Gruppe der nationalen Direktoren für
die Gütesicherung.

Konferenzen über einschlägige Themen waren bereits

1973 in München und 1977 in London abgehalten worden.

Dr. J.M. Juran (USA),

der die amerikanischen Verfahren der Kontrolle und Gewährleistung von
Produktqualitäten weitgehend mitbestimmt hat, hob hervor, daß die Zusammenarbeit in der NATO auf dem Gebiet der Gütesicherung "vielleicht schon
nahezu perfekt" sei, warnte aber davor, es damit bewenden zu lassen.

Vielmehr

Postfach 20 03 00 Tel: 0228-89 32 40
D5300 Bonn 2
Telex: 08-85432

�Vielmehr müsse die NATO mit äußerster Wachsamkeit ständig neue Wege für die
Anwendung des Qualitätssicherungsprogramms suchen, "wie wir ja auch schon
neue Flugzeugtriebwerke entwickeln müssen, während die gegenwärtigen Modelle
noch in der Produktion sind".
Die Teilnehmer erörterten Themen wie die Benutzung von ComputerSoftware für militärische Ausrüstungen, Gütesicherung in Konstruktion,
Auftragsvergabe an Spezialisten der Qualitätskontrolle, Qualitätssicherung
bei Gemeinschaftsprojekten, veränderte Aufgabengebiete für Abnahmebeamten
der Regierungen und Einwirkungen der Gütesicherung auf die Entwicklungsphase
von Neukonstruktionen.

In kleineren Gruppen besuchten die Delegierten

Prüflaboratorien der US-Streitkräfte, der amerikanischen Industrie sowie
der NASA im Goddard Space Flight Center in Greenbelt (Maryland).

+ + + + +

�I 3

UJi/zcn/choft
und Technik
International Communication Agency
Embassy of the United States of America

28

11. Juni 1980

VERBESSERTE 'ÖLHEIZUNG
Weniger Ölverbrauch, Schadstoffemission stark verringert

- (AD) - Eine Modifizierung herkömmlicher ölheizanlagen durch den Einbau eines verbesserten Brenners und dessen genaue Abstimmung auf die Gegebenheiten im gußeisernen Verbrennungsraum ermöglicht in Verbindung mit einem
guten Wärmeaustauscher die Einsparung von 15 Prozent der Heizölmenge und eine
stark reduzierte Schadstoffemission. Dies berichtete Dr. Stephen J. Gage,
der Direktor für Forschung und Entwicklung beim amerikanischen Umweltschutzamt (EPA). Die verbesserte Heizanlage wurde zwei Jahre lang in sechs Einfamilienhäusern in Albany (New York) und Boston (Massachusetts) erprobt,
ihre Funktion samt Ölverbrauch und Abluft ständig überwacht.
Die "Integrierte EPA-Ölheizung" ist eine Gemeinschaftsentwicklung eines
EPA-Laboratoriums in Research Triangle Park (Bundesstaat North Carolina),
das sich mit Technologien zur Verringerung von Luft- und Wasserverschmutzung
durch stationäre Schadstoffquellen befaßt, und der Firma Rockwell International
in Canoga Park (Kalifornien). Projektleiter war EPA-Ingenieur G. Blair Martin
vom EPA-Institut "Industrial Environmental Research Laboratory (IERL)" in
Research Triangle Park.
In

Postfach 20 03 0 0
D5300 Bonn 2

Tel: 0228-89 32 40
Telex: 08-85432

�In den Testhäusern waren zuvor während der Wintermonate ca. 3000 Liter
leichtes Heizöl verbraucht worden.

Mit den neuen Ausrüstungen lag bei gleicher

Heizleistung der Verbrauch bei 2500 bis 2550 Litern, was bei den öl preisen
im letzten Winter in den USA eine Einsparung von mindestens 110 Dollar pro
Haushalt bedeutete.
riger.

Die Stickstoffoxid-Emission lag sogar um 65 Prozent nied-

Dank der exakten Abstimmung des Brenners, der auch mit wenig zusätz-

licher Luft betrieben werden kann, werden außerdem weniger kohlenstoffhaltige
Verbindungen wie Kohlenmonoxid, Kohlenwasserstoffe und Rauch an die Außenluft
abgegeben.

Durch den mit relativ hohem Wirkungsgrad arbeitenden Wärmeaus-

tauscher ist es möglich, Energieverluste über die Abluft auf ein Mindestmaß
zu beschränken.
bei.

Weitere Zusatzsysteme tragen ebenfalls zur Verlustminderung

Für die Gesamtentwicklung einschließlich Labortests, Optimierung, Um-

bauten und zweijähriger Erprobung wurden 700 000 Dollar investiert.
Dem EPA-Laboratorium IERL wurde die Entwicklung patentiert.

Die Geneh-

migung zur Anwendung der neuen Technik wird allen Interessenten lizenzgebührenfrei erteilt.

(Zusätzliche Informationen gibt auf Anfrage Mr. G.

Blair Martin, Combustion Research Branch, USEPA/IERL, Research Triangle
Park, N.C. 27711.)

+ + + + +

�11
I 3

Wi//en/chaft
uMi Technik
International Communication Agency
Embassy of the United States of America

11. Juni 1980

28

FRÜHERKENNUNG VON FUNKTIONSSTÖRUNGEN DES HERZENS

- (AD) - Die Computer-Tomographie (CCT), für deren Entwicklung der
Amerikaner A.M. Cormack und der Engländer G. Hounsfield im Jahr 1979 den
Nobelpreis für Medizin erhielten, versucht Douglas Boyd, Physiker an der
Universität Kalifornien in San Francisco, vor allem zugunsten der Früherkennung von Herzfunktionsstörungen weiter zu verbessern. Ihm und seinen
Mitarbeitern am radiologischen Inscitut geht es darum, die Aufnahmegeschwindigkeit zur Darstellung innerer Organe zu erhöhen. Zur Zeit können
die Scanner alle 2,5 Sekunden ein Bild aufnehmen. Boyd, der mit einem
Elektronenstrahlscanner statt der mechanisch rotierenden Röntgenröhre
des herkömmlichen Scanners arbeitet, möchte erreichen,daß mehrere Schichten
nahezu gleichzeitig abgebildet werden, wobei die Aufnahmezeit 1/40 Sekunde
beträgt.
Dadurch wird es nicht nur möglich werden, Ursachen für Herzfunktionsstörungen wie z.B. erhöhte Gewebedichte und Narbenbildung frühzeitig zu
erkennen, sondern auch Art und Ausmaß von Schädigungen des Herzmuskels
durch Herzanfälle genauer und sicherer zu ermitteln.

In räumlicher Darstellung

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D5300 Bonn 2

Tel: 0228-89 32 40
Telex: 08-85432

�Darstellung soll der Arzt den jeweiligen Zustand des Herzmuskelgewebes
unmittelbar erkennen können.

"Unser Schnell Scanner liefert dem Arzt", so

Boyd, "klare Bilder von der Beschaffenheit, der Durchströmung und Bewegung
des Gewebes, so daß er den Zustand des Patienten besser bewerten kann".
Mit dem CT-Scanner wurden auch bereits Tumore im frühen Entwicklungsstadium und sehr kleine Krebsgeschwülste in den Nebennieren, im Pankreas,
in Leber und Nebenschilddrüsen entdeckt.

Äußere Kreislaufstütze für Infarktpatienten
Am Klinikum Davies, das ebenfalls zur Universität Kalifornien gehört,
wurde an Infarktpatienten eine "äußere Kreislaufstütze" erprobt. Dabei
werden die unteren Extremitäten in ein Fiberglasgehäuse gepackt, das sie
vom Knöchel bis zum Oberschenkel völlig umschließt. Im Zwischenraum zum
Körper befindet sich eine wassergefüllte Manschette. Eine mit der EKGAufzeichnung und damit der Herztätigkeit synchron arbeitende Pumpe drückt
in der Zeit zwischen den Kontraktionen des Herzmuskels zusätzlich Wasser
in die Manschette; im Augenblick der Kontraktion dagegen wird der Druck
verringert. Dadurch erhalten die Arterien einen höheren Strömungsdruck,
die Blut- und Sauerstoffversorgung des geschädigten Herzmuskels wird verbessert.
Der Versuch war Teil einer landesweiten Studie, an der 25 Kliniken
15 Monate lang teilnahmen; insgesamt 258 Infarktpatienten wurden erfaßt.
Die Ergebnisse wurden in der Februarausgabe der Zeitschrift "The American
Journal of Cardiology" veröffentlicht. Zu den Autoren gehören u.a. Dr.
Ezra Amsterdam, Medizinischer Direktor der Klinik für die Notarztbehandlung
von Herzpatienten, und Dr. Dean T. Mason, der Leiter der Abteilung für
Herz- und Gefäßkrankheiten. Es zeigte sich, das die Sterblichkeitsrate unter

- 2 -

�unter den mit der apparativen Kreislaufstütze behandelten Infarktpatienten
mit 6,5 Prozent weitaus geringer war als bei der Kontrollgruppe (14,7
Prozent), die nach herkömmlichen Methoden behandelt wurde.
"Unsere Studie brachte den Nachweis", erklärte Dr. Amsterdam, "daß
eine nicht-invasive, nicht-traumatische, praktisch risikofreie Apparatur
die Überlebensfähigkeit von Infarktkranken erhöhen kann."

Auch andere

Behandlungsmöglichkeiten, etwa mit Medikamenten oder mit chirurgischen
Eingriffen, sind verheißungsvoll, jedoch wurde noch keine dieser Methoden
derart eingehend und exakt überwacht und ausgewertet.

Ein weiterer Vorteil

der extrakorporalen Kreislaufstütze ist darin zu sehen, daß man ein transportabl
Gerät benutzt,

das geräuschlos arbeitet und innerhalb von Minuten angelegt

werden kann.

+ + + + +

�</text>
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                <text>&lt;strong&gt;1. Dokumentation&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Muskie umreißt US-Außenpolitik in NBC-Fernsehinterview&lt;br /&gt;&lt;em&gt;- US-Außenminister in "Meet the Press" - (c) 1980 NBC, Inc.&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Stellvertretender US-Außenminister warnt vor Protektionismus&lt;br /&gt;&lt;em&gt;- Rede Christophers vor dem OECD-Ministerrat -&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Hintergrundmaterial&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;NATO-Symposion über Gütesicherung&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Wissenschaft und Technik&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Verbesserte Ölheizung&amp;nbsp;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;- Weniger Ölverbrauch, Schadstoffemission stark verringert -&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Früherkennung von Funktionsstörungen des Herzens</text>
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\TZ»

*

*-

dienet

Herausgeben U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

Z12462 C

11. Juni 1997

11

MARSHALLPLAN

GEIST DES MARSHALLPLAN MUSS FÜR
DIE NÄCHSTEN 50 JAHRE UND DARÜBER
HINAUSWIRKEN
Rede von Präsident Clinton
DIE INTEGRATION EUROPAS HÄNGT VOM
DAYTONER ABKOMMEN AB
Rede von Außenministerin Albright an der
Harvard University

NATO

EINE NEUE NATO MIT NEUEN MISSIONEN,
NEUEN MITGLIEDERN UND NEUEN PARTNERN
Rede des Präsidenten in West Point
GRUNDAKTE BEDEUTET AUFGABE DER
SELBSTISOLIERUNG RUSSLANDS
Rede von Außenministerin Albright
beim Nordatlantikrat

EAPR

ALBRIGHT: ZIEL IST DIE ECHTE
INTEGRATION EUROPAS UND DER
TRANSATLANTISCHEN GEMEINSCHAFT
Rede der Außenministerin beim EAPR

BOSNIEN

DAYTONER ABKOMMEN MUSS VON ALLEN
PARTEIEN EINGEHALTEN WERDEN
Rede von Außenministerin Madeleine Albright

Informationen über die Politik der US-Regierung und
die Vereinigten Staaten im allgemeinen können
auf der Home Page von USIS-Deutschland
im World Wide Web des Internet unter
http://www.usia.gov/posts/bonn.html
abgerufen werden.

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Deichmanns Aue 29
D 53170 Bonn
Tel.: 0228-339 2372

Fax: 0228-333 138
e-mail: bbsbonn@usia.gov
internet: http://www.usia.gov/posts/bonn.html

�MARSHALLPLAN
11. Juni 1997

Geist des Marshallplans muß für die nächsten 50 Jahre
und darüber hinaus wirken
Rede von Präsident Clinton

DEN HAAG - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede von Präsident Clinton bei der Feier zum 50.
Jahrestag des Marshallplans in Den Haag am 28. Mai 1997.

Eure Majestät, Herr Premierminister, verehrte Amtskollegen, Minister, Parlamentarier, Kongreßabgeordnete, Jugendvertreter aus Europa und Amerika und
alle, die etwas mit dem Marshallplan zu tun hatten oder
von seinen Auswirkungen berührt wurden. Ich möchte
ein besonderes Wort der Wertschätzung an zwei
herausragende Amerikaner richten - die ehemaligen
Botschafter General Vernon Walters und Arthur
Hartman, die als junge Männer am Marshallplan
mitgearbeitet haben und heute hier unter uns weilen.
Dies ist ein wunderbarer Anlaß. Wir danken der
Königin, der Regierung und dem Volk der Niederlande,
daß sie unser Gastgeber sind und diese Feier zum
Gedenken an diese 50 Jahre veranstalten. Die Worte
von Herrn Sedee erreichen uns über die Generationen
hinweg - unabhängig davon, wo wir herkommen oder
welche Sprache wir sprechen. Sie warnen uns vor
dem, was geschehen kann, wenn Menschen sich
gegeneinander wenden und inspirieren zu dem, was
wir erreichen können, wenn wir alle an einem Strang
ziehen. Das ist eine Botschaft, die wir uns ins Gedächtnis schreiben sollten.
Ebenso wie wir die großen Leistungen von vor 50
Jahren würdigen, müssen wir - wie der Premierminister
es so eloquent formulierte - den Geist des Marshallplans für die nächsten 50 Jahre und darüber hinaus
bewahren, um ein Europa aufzubauen, das demokratisch in Frieden lebt und zum ersten Mal in der Geschichte ungeteilt ist - ein Europa, das nicht die
dunkelsten Momente des 20. Jahrhunderts wiederholt,
sondern stattdessen die Versprechen des 21. Jahrhunderts erfüllt.

AMERIKA DIENST 11

Hier in der Zitadelle einer wohlhabenden, toleranten
holländischen Demokratie können wir uns kaum
vorstellen, wie anders Europa vor nur 50 Jahren war.
Die Bilder, die wir gesehen haben, erinnerten uns
zusammen mit der Musik daran, daß noch immer
ungefähr 30.000 Tote unter den Trümmern in Warschau begraben liegen, 100.000 Häuser in Holland
zerstört wurden, Deutschland in Schutt und Asche lag,

Großbritannien sich mit einem schrecklichen Mangel
an Kohle und Strom konfrontiert sah, die Fabriken in
ganz Europa kaum noch arbeiteten, der Handel
gelähmt war und Millionen den Hungertod fürchteten.
Auf der anderen Seite des Atlantiks waren die Amerikaner begierig, zu dem Leben zurückzukehren, das sie
während des Krieges aufgeben mußten. Aber sie
befolgten den Ruf einer bemerkenswerten Generation
amerikanischer Politiker - General Marshall, Präsident
Truman, Senator Vandenberg - die zusammen mit
gleichgesinnten Politikern in Europa ebenso auf
Europas wirtschaftliche Erholung hinarbeiten wollten
wie sie für sein Überleben gekämpft hatten. Sie
wußten, daß Europas Schicksal und Amerikas Zukunft
wie nie zuvor zusammenhingen.
Der Marshallplan war eine Kur, keine Krücke. Er war
nie ein Almosen, sondern immer eine helfende Hand.
Er sagte den Europäern: Wenn Ihr Eure Trennungen
überwindet, wenn Ihr zusammenarbeitet, um Euch
selbst zu helfen, dann wird Amerika mit Euch zusammenarbeiten.
Der britische Außenminister Ernest Bevin nannte den
Marshallplan "eine Rettungsleine für ertrinkende
Menschen, der Hoffnung dorthin brachte, wo es keine
gab". Vom Nördlichen Eismeer bis zum Mittelmeer

Seite 1

�ergriffen die europäischen Nationen diese Rettungsleine und arbeiteten wie nie zuvor an einem gemeinsamen Programm der wirtschaftlichen Gesundung
zusammen. Die Aufgabe war nicht leicht, aber ihre
gemeinsame Hoffnung war mächtiger als ihre Differenzen.
Das erste Schiff lief von Texas nach Frankreich mit
19.000 Tonnen Weizen aus. Bald nahm an jedem
Tag ein Konvoy der Hoffnung Kurs auf Europa mit
Treibstoff, Rohmaterial und Geräten. Am Ende des
Programms im Jahr 1952 hatte der Marshallplan 13
Milliarden Dollar in Europas verwüstete Volkswirtschaften gepumpt. Das entspricht heute 88 Milliarden
Dollar. Er bot den Menschen in Europa das zum
Wiederaufbau ihres zerstörten Lebens erforderliche
Handwerkszeug. Es gab Netze für norwegische
Fischer, Wolle für österreichische Weber, Traktoren für
französische und italienische Bauern, Maschinen für
holländische Unternehmer.
Für einen Jungen in Deutschland war die Hilfe des
Marshallplans die großzügige Hand, die dazu beitrug,
sein Heimatland aus seiner ruinösen Vergangenheit zu
erheben. Er erinnert sich noch an die amerikanischen
Lastwagen, die auf den Schulhof fuhren und Suppe
brachten, die die Herzen und Hände erwärmte. Dieser
Junge wurde zu einem leidenschaftlichen Verfechter
von Freiheit und Einheit in Europa sowie einem
großartigen und geschätzten Freund Amerikas. Er
wurde der erste Kanzler eines freien und vereinten
Deutschlands. Mit seinem Leben und seiner Arbeit ist
Helmut Kohl zum Symbol für die Substanz und den
Geist des Marshallplans geworden. Ich danke Ihnen.
Heute sehen wir den Erfolg des Marshallplans und die
Nationen, zu deren Wiederaufbau er beitrug. Noch
mehr sehen wir ihn jedoch in den Beziehungen, die er
neu definierte. Der Marshallplan veränderte die
Verbindungen von Amerika zu Europa, und dabei
veränderte er die Verbindungen der europäischen
Nationen untereinander. Er baute die Institutionen auf,
die Westeuropa aneinanderbinden sollten - von der
OECD bis zur Europäischen Union und der NATO. Er
ebnete den Weg für die Aussöhnung jahrhundertealter
Differenzen.
Wie bereits gesagt wurde, umfaßte Marshalls Vision
ganz Europa. Aber die Realität jener Zeit entsprach
dem nicht. Stalin schloß Europas östliche Hälfte darunter einige unserer treuesten Verbündeten im
Zweiten Weltkrieg - davon aus, ihren Platz am Tisch
einzunehmen, an der Erholung Europas teilzuhaben
und verschloß die Tür zu ihrer Freiheit. Die gefesselten Nationen verloren jedoch nie das Vertrauen, und
der Westen akzeptierte nie die Endgültigkeit ihres
Schicksals. Und endlich fielen die Berliner Mauer und
der Eiserne Vorhang dank der tapferen Männer und
Frauen, die entschlossen waren, ein Leben in Freiheit
zu leben.

Seite 2

Heute erleuchten die aufstrebenden neuen Demokratien den Weg zu einem neuen Europa in einem neuen
Jahrhundert - einer Zeit, in der Amerika und Europa die
ruhmreiche Reise beenden müssen, die Marshalls
Generation begann, und dieses Mal wird niemand
zurückgelassen. Ich beglückwünsche Premierminister
Kok zu seiner Führung und der Führungsrolle, die
seine Nation bei der Sicherstellung übernommen hat,
daß niemand zurückgelassen wird.
Das Europa des 21. Jahrhunderts wird ein besseres
Europa sein. Erstens, weil es frei und ungeteilt sein
wird und zweitens, weil es nicht durch die Macht der
Waffen, sondern die Möglichkeiten des Friedens
vereinigt sein wird. Wir müssen uns jedoch vor Augen
führen, daß die Möglichkeiten von heute keine Garantien sind. Obwohl Mauern niedergerissen wurden,
bestehen weiterhin Schwierigkeiten: Bei dem andauernden Kampf der seit kurzem freien Nationen
beim Aufbau prosperierender Volkswirtschaften und
widerstandsfähiger Demokratien; bei der Verletzlichkeit
derjenigen, die Wandel fürchten und seine Vorteile
noch nicht kennen; bei der Abwendung von extremem
Nationalismus, Haß und Teilung; bei der verworrenen
Denkweise derjenigen, die die europäische Landschaft
immer noch als Nullsummenspiel im Hinblick auf die
Vergangenheit sehen; und bei den uns konfrontierenden neuen Gefahren, die wir nicht alleine bekämpfen
können - von der Verbreitung von Massenvernichtungswaffen über Terrorismus und organisiertes
Verbrechen bis zur Umweltzerstörung.
Ebenso wie die Generation vor uns muß unsere
Generation sich entscheiden. Ohne die Bedrohung
des Kalten Krieges, ohne die Schmerzen des wirtschaftlichen Ruins, ohne die frische Erinnerung des
Gemetzels des Zweiten Weltkriegs ist es verlockend,
unsere privaten Interessen zu verfolgen - sich einfach
zurückzulehnen und die Geschichte ihren Lauf nehmen zu lassen. Dieser Versuchung müssen wir
widerstehen. Stattdessen müssen wir uns mit der
Entschlossenheit auf den Weg machen, die Hoffnung
dieses Augenblicks Geschichte werden zu lassen, auf
die wir stolz sein können.
Wir, die wir dem Beispiel der Generation folgen, die wir
heute ehren, müssen genau das tun. Unsere Aufgabe
ist klar: Wir müssen den von dieser Generation
ermöglichten Frieden, die Freiheit und den Wohlstand
für eine gemeinsame Zukunft gestalten, in der alle
Menschen die Sprache der Demokratie sprechen, in
der sie das Recht zur Kontrolle ihres Lebens und eine
Chance zur Verwirklichung ihrer Träume haben, in der
Wohlstand über den ganzen Kontinent hinweg reicht
und Staaten Handel treiben, keine Eroberung vornehmen; in der Sicherheit die Domäne aller freien Nationen ist, die zusammenarbeiten; in der keine Nation
Europas je wieder gegen ihren Willen ausgeschlossen
wird, unserem Wertebündnis beizutreten und wir

AMERIKA DIENST 11

�gemeinsam der übrigen Welt helfen, die von uns so
hoch geschätzten Ziele zu erlangen.
Die Vereinigten Staaten und Europa haben sich dieser
Mission verschrieben. Wir machen Fortschritte auf
einer Landkarte moderner Wunder. Mit der Unterstützung Amerikas und der Europäischen Union legen die
seit kurzem freien Nationen Europas den Grundstein
der Demokratie. Mit Hilfe der Voice of America des
US-Informationsamts (USIA) kann die heutige Feier
von Menschen überall auf diesem großartigen Kontinent ungehindert gehört werden.
In Prag, wo es früher eine Straftat war, westliche
Sender zu hören, hat Radio Free Europe eine neue
Heimat gefunden, und eine unabhängige Presse
floriert. In Bukarest hat die Demokratie das Mißtrauen
überwunden, während Rumänen und gebürtige
Ungarn zum ersten Mal in einer demokratischen
Koalitionsregierung vereint sind.

Während die neuen Demokratien weiterhin die Berge
der Marktreform erklimmen, besteht unsere Herausforderung darin, ihnen behilflich zu sein, die Vorteile
des Wohlstands besser zu nutzen, auf ein möglichst
stabiles und sicheres Unternehmensklima hinzuarbeiten, in ihre Volkswirtschaften zu investieren, ihnen
unternehmerisches Geschick zu vermitteln und die
Türen von Institutionen zu öffnen, dank denen unsere
Gemeinschaft prosperieren kann.
Ich möchte nochmals wiederholen, daß die Vereinigten
Staaten die Europäische Union zu ihrem Engagement
für die Erweiterung nach Zentral- und Osteuropa
beglückwünschen. Wir unterstützen diesen historischen Prozeß und würden sein schnelles Vorankommen begrüßen. Ein wohlhabenderes Europa wird ein
stärkeres Europa sein und auch ein stärkerer Partner
für Europas nordamerikanische Freunde in Amerika
und Kanada.
Nationen, die schwierige Reformen in Angriff nehmen,

Von Wladiwostok bis Kaliningrad gingen die Menschen

sollten wissen, daß das, was sie in Freiheit aufbauen,

in Rußland im letzten Sommer zu einer für alle von
uns, die sie beobachteten, völlig demokratischen und
offenen Nationalwahl.

in Sicherheit Bestand haben kann. Durch die NATO,
das Kernstück der transatlantischen Sicherheit,
können wir für den Osten Europas das tun, was wir für
den Westen Europas geleistet haben - die Freiheit
verteidigen, Demokratie stärken, alte Rivalitäten
beschwichtigen, Integration beschleunigen und ein
stabiles Klima schaffen, in dem sich Wohlstand
mehren kann.

Wir müssen jetzt die Herausforderung bewältigen
sicherzustellen, daß diese Welle der Demokratie
anhält. Die seit kurzem freien Nationen müssen die
schwierige Arbeit der Reformen fortsetzen. Die
Vereinigten Staaten und Westeuropa müssen weiterhin konkrete Unterstützung für ihre Fortschritte leisten
und Rechtssysteme zur Bekämpfung von Verbrechen
und Korruption fördern, gegenseitige Kontrolle zur
Verhinderung von Machtmißbrauch einführen, zur
Einrichtung des Apparats freier und fairer Wahlen
beitragen, so daß sie immer wiederholt werden
können; die freien Medien und bürgerliche Gruppen
stärken, um Rechenschaftspflicht zu fördern und damit
eine gute Regierung dem Volk näherzubringen, so daß
es tatsächlich ein Mitspracherecht bei sein Leben
betreffenden Entscheidungen hat.
Wir waren auch den neuen Demokratien behilflich, ihre
am Boden liegenden Volkswirtschaften umzugestalten
und von Hilfe zu Handel und Investitionen überzugehen. In Warschau teilen sich Männer und Frauen,
die einst um Lebensmittel anstanden, die Früchte von
Europas am schnellsten wachsender Volkswirtschaft,
in der fast ein Zehntel der Einzelhandelsunternehmen
in privater Hand sind. Seit dem Fall der Berliner Mauer
haben die internationalen Finanzinstitutionen den
neuen Demokratien rund 50 Milliarden Dollar zur
Stärkung der Grundlagen ihrer Marktwirtschaften
zufließen lassen. Und während neue Märkte auftauchten, flössen weitere 45 Milliarden Dollar an
Privatinvestitionen von Orten wie Boston und London,
um Unternehmen von Budapest bis L'viv zu unterstützen.

AMERIKA DIENST 11

Wir passen die NATO zur Übernahme neuer Aufgaben
an - öffnen ihre Türen für Europas neue Demokratien,
unterstützen ihre Verbindungen zu Nichtmitgliedstaaten durch eine gestärkte Partnerschaft für den Frieden
und schaffen eine praktische, dauerhafte Partnerschaft
zwischen der NATO und einem demokratischen
Rußland - dies alles ist darauf ausgerichtet sicherzustellen, daß die NATO stark bleibt, das Zusammenwachsen Europas unterstützt und bei der Bewältigung
unserer neuen Sicherheitsherausforderungen eine
Führungsrolle übernimmt.
Gestern haben die Staats- und Regierungschefs der
NATO und Rußlands in Paris die historische Grundakte unterzeichnet, die uns alle sicherer machen wird.
Wir werden konsultieren, koordinieren und - wo wir
beide einer Meinung sind - gemeinsam handeln, so
wie wir es jetzt in Bosnien tun.
Überlegen Sie, was dies für ein Meilenstein ist. Seit
Jahrhunderten war die größte sicherheitspolitische
Sorge in Europa die Konfrontation zwischen Ost und
West. Zum ersten Mal haben eine neue NATO und ein
neues Rußland die Zusammenarbeit als Partner bei
der Bewältigung von Herausforderungen für ihre
gemeinsame Sicherheit in einem neuen und ungeteilten Europa vereinbart, in dem keine Nation ihre Größe
im Hinblick auf ihre Fähigkeit definiert, ihre Nachbarn
zu dominieren.

Seite 3

�Wir müssen jetzt die Herausforderung meistern,
Sicherheit über veraltete Trennlinien hinweg zu
fördern, sicherstellen, daß die NATO-Partnerschaft mit
Rußland funktioniert und die historische Umgestaltung
der NATO fortsetzen.
In weniger als sechs Wochen wird die NATO erneut in
Madrid zusammenkommen, um die ersten neuen
Demokratien Europas einzuladen, das Bündnis zu
verstärken. Die Aussicht einer NATO-Mitgliedschaft
hat bereits zu größerer Stabilität geführt, da die eine
Mitgliedschaft anstrebenden Länder die Reformen
verstärken und eben die Meinungsverschiedenheiten
beilegen, die zu künftigen Konflikten führen könnten.
Die ersten neuen Mitglieder werden nicht die letzten
sein. Die Türen der NATO müssen und werden für all
diejenigen offen bleiben, die zur Übernahme der
Pflichten einer Mitgliedschaft in der Lage sind. Wir
werden die Partnerschaft für den Frieden stärken und
einen neuen euroatlantischen Partnerschaftsrat
gründen, so daß andere Nationen ihre Zusammenarbeit mit der NATO verstärken und die Vorbereitungen für die Mitgliedschaft fortsetzen können.
Wir wollen jedoch eindeutig klarstellen: Es gibt auch
Pflichten. Erweiterung bedeutet die Ausdehnung der
feierlichsten Garantien, die eine Nation geben kann eine Verpflichtung zur Sicherheit des anderen.
Sicherheit und Frieden sind nicht billig. Neue und
derzeitige Verbündete gleichermaßen müssen bereit
sein, die Last unserer Ideale und unserer Interessen
zu tragen.
Unsere kollektiven Bestrebungen in Bosnien spiegeln
sowohl die Dringlichkeit als auch das Versprechen
unserer Mission wider. Wo einst Terror und Tragödien
regierten, stehen NATO-Truppen mit 14 Partnernationen - Amerikanern und Russen, Deutschen und Polen,
Norwegern und Bulgaren - für die gemeinsame Sache
Seite an Seite, Frieden in das Herz Europas zu
bringen. Wir müssen jetzt diesen hart erkämpften
Frieden konsolidieren, politische Aussöhnung und
wirtschaftlichen Wiederaufbau fördern, die Arbeit des
Internationalen Kriegsverbrechertribunals hier in Den
Haag unterstützen und dazu beitragen, daß der
bosnische Frieden die Versprechen des Daytoner
Abkommens Realität werden läßt.
Heute bekräftige ich gegenüber den Menschen in
Europa, was General Marshall vor 50 Jahren sagte:
Die Amerikaner stehen an Ihrer Seite. Wir haben aus
der Geschichte gelernt. Wir werden nicht weggehen.

*

Seite 4

Ebenso wie vor fünf Jahrzehnten sind unsere Schicksale miteinander verknüpft.
Für die Vereinigten
Staaten ist die Verpflichtung zu unserer gemeinsamen
Zukunft keine Option, sondern eine Notwendigkeit. Wir
schließen die Tür zum 20. Jahrhundert - einem
Jahrhundert, das die Menschheit von ihrer schlimmsten und von ihrer besten Seite gesehen hat. Wir
wollen uns heute hier zur Zusammenarbeit verpflichten, um das neue Jahrhundert zu einer Zeit zu
machen, in der die Partnerschaft zwischen Amerika
und Europa das Leben aller Menschen auf der Welt
verbessert.
Wir wollen den Geist der Hoffnung und Erneuerung
wiederbeleben, für den die Lebensgeschichte von
Gustaaf Sedee steht. Er hat einen Sohn, Bert, der ein
Bankmanager ist. Heute trägt er dazu bei, das Vermächtnis zu verwirklichen, das sein Vater so bewegend beschrieben hat - denn ebenso wie der Marshallplan die Investitionen tätigte, die zur Wiederankurbelung der Industrie Hollands beitrugen, hilft Bert Sedees
Bank holländischen Unternehmen bei der Finanzierung von Investitionen in Zentral- und Osteuropa.
Ebenso wie das amerikanische Volk den Menschen
seines Heimatlandes die Hand reichte, reichen Bert
Sedee und seine Kollegen den Menschen in Slowenien, Lettland, Bosnien und andernorts die Hand.
Unsere Gedanken sind heute auch bei den jüngsten
Mitgliedern der Familie Sedee - Gustaaf Sedees
Enkelkindern Roeland und Sander, neun Monate und
eineinhalb Jahre alt. Ich frage mich, was sie in 50
Jahren sagen werden. Ich hoffe, daß sie und all die
anderen jungen Leute, die zuhören - diejenigen, die
wissen, was vor sich geht, und diejenigen, die noch zu
jung sind, um es zu verstehen - sagen können, wir
vermachen Euch 50 Jahre Frieden, Freiheit und
Wohlstand. Ich hoffe, daß Sie Ihre Söhne und Töchter
in einem Europa großgezogen haben, dessen Horizonte weiter als seine Grenzen sind. Ich hoffe, Sie werden
Ihren Enkelkindern - deren Gesichter die meisten von
uns nicht mehr sehen werden - sagen, daß diese
Generation sich der Herausforderung gestellt hat,
Gestalter des Friedens zu sein.
Ich hoffe, daß wir alle des Vermächtnisses von George
Marshall gedenken werden und uns eine vielversprechendere Zukunft vorstellen als die Menschen je
erlebt haben.
Ich danke Ihnen. Gott schütze Sie.

* * *

*

AMERIKA DIENST 11

�MARSHALLPLAN
11. Juni 1997

Die Integration Europas hängt vom
Daytoner Abkommen ab
Rede von Außenministerin Albright an der Harvard University

CAMBRIDGE - (AD) - "Die friedliche Integration Europas wird erst vollendet sein, wenn das Friedensabkommen
von Dayton in Bosnien vollständig umgesetzt ist", erklärte Außenministerin Albright am 5. Juni 1997 bei einer
Abschlußfeier der Harvard University.
Nachfolgend veröffentlichen wir den vorbereiteten Redetext der Außenministerin.

Vielen Dank, Rektor Pforzheimer.
Gouverneur Weld, Rektor Rudenstine, Rektor Wilson,
verehrte Ehrengäste, liebe Harvard-Gemeinde, Gäste
und Freunde - ich danke Ihnen. Ich freue mich, heute
an diesem besonderen Tag hier sein zu können.
Meine herzlichsten Glückwünsche an den Jahrgang
'97 - Sie haben sich vielleicht verschuldet, aber Sie
haben es geschafft.
Als ehemalige Dozentin und als Mutter gestehe ich
Ihnen, daß ich Abschlußfeiern liebe, insbesondere,
wenn sie mit einem ehrenhalber verliehenen akademischen Grad einhergehen. Ich liebe die Zeremonie,
ich liebe die akademische Umgebung und ich sage
ganz ehrlich, ich liebe es - obwohl es heute für mich
schwierig sein wird - während einer Abschlußrede
meinen Tagträumen nachzuhängen.
Abschlußfeiern sind einzigartige Meilensteine in
unserem Leben, weil sie der bisherigen Leistungen
gedenken und gleichzeitig die Zukunft antizipieren.
Das trifft auf jeden der Absolventen von heute zu. Und
es trifft auf die Vereinigten Staaten zu.
Während der vergangenen Jahre scheinen wir den 50.
Jahrestag von allem möglichen gefeiert zu haben.
Dank der Medien und unserer Erinnerung konnten wir
erneut die Fallschirmtruppen am Himmel über der
Normandie, die Befreiung von Buchenwald, den Kuß
eines Seemanns auf dem Times Square, das Her-

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unterlassen des Eisernen Vorhangs und den Baseballspieler Jackie Robinson beobachten, wie er einen
Punkt machte.
Heute erinnern wir uns an einen anderen Wendepunkt
dieser Ära. Denn heute vor 50 Jahren hielt Außenminister George Marshall eine Rede vor den Absolventen dieser Universität. Er sprach zu einem Jahrgang,
der durch viele bereichert wurde, die für die Freiheit
gekämpft hatten und vieler beraubt wurden, die für die
Freiheit ihr Leben ließen.
Die Worte des Außenministers waren klar. Aber seine
Botschaft erreichte mehr Menschen als das auf diesem
Platz versammelte Publikum - ein amerikanisches
Volk, das des Krieges und neuer Versprechungen
müde war und ein Europa, in dem die lebensnotwendigen Verbindungen zwischen Bauernhof und Markt,
Unternehmen und Kapital, Hoffnung und Zukunft
unterbrochen waren.
Außenminister Marshall schmückte seine Rhetorik
nicht mit hochfliegenden Phrasen und sagte nur, es sei
logisch für Amerika, zur Wiederherstellung "des
normalen wirtschaftlichen Zustands der Welt beizutragen, ohne den es keine politische Stabilität und
keinen gesicherten Frieden geben kann".
Er heftete seinem Plan nicht das Etikett "Made in
America" an, sondern war vielmehr für die Ideen der
Europäer offen und forderte von den europäischen

Seite 1

�Ländern, alles in ihrer Macht Stehende zu tun, um sich
selbst zu helfen.
Seine Vision war umfassend und ließ die Tür zur
Beteiligung aller offen, einschließlich der Sowjetunion
und - damit es keine Wiederholung des bestrafenden
Friedensvertrages von Versailles geben würde - auch
für Deutschland.
Der britische Außenminister Ernest Bevin bezeichnete
den Marshallplan als eine "Rettungsleine für ertrinkende Menschen" - und er war es. Mit dieser
Rettungsleine trugen die Vereinigten Staaten zur
Vereinigung von Westeuropa auf der Grundlage
demokratischer Prinzipien bei und säten die Saat der
transatlantischen Partnerschaft, die bald in Form der
NATO und der kooperativen Institutionen eines neuen
Europas gedeihen sollte.
Ebenso wichtig war die amerikanische Führungsrolle,
die der Marshallplan verkörperte. Nach dem Ersten
Weltkrieg hatten sich die Vereinigten Staaten aus der
Welt zurückgezogen, sich der Verantwortung entzogen
und Risiken vermieden. Andere taten dasselbe. Das
Ergebnis im Herzen Europas war das Entstehen eines
großen Übels. Nach der Zerstörung des Zweiten
Weltkriegs und den entsetzlichen Greueln des Holocaust war es nicht genug zu sagen, der Feind sei
besiegt und das, was wir bekämpft hatten, sei gescheitert.
Die Generation von Marshall, Truman und Vandenberg
war zum Aufbau eines dauerhaften Friedens entschlossen. Und die Botschaft, die diese Generation
vom Weißen Haus, von beiden Parteien auf dem
Capitol Hill und vom Volk in unserem ganzen Land
übermittelte, das Millionen an Bargeld, Kleidung und
Nahrungsmitteln spendete, lautete, daß sich Amerika
dieses Mal nicht nach innen wenden, sondern eine
Führungsrolle übernehmen würde.
Heute, nach dem Ende des Kalten Krieges, ist es nicht
genug, wenn wir sagen, der Kommunismus ist gescheitert. Auch wir müssen die Lektionen der Vergangenheit beherzigen, Verantwortung und eine Führungsrolle übernehmen.
Weil wir in ein Jahrhundert eintreten, in dem es viele
miteinander verbundene Zentren der Bevölkerung,
Macht und des Wohlstands gibt, können wir unseren
Blickwinkel nicht ausschließlich - wie Marshall es in
seiner Rede tat - auf das zerstörte Schlachtfeld eines
vorangegangenen Krieges konzentrieren. Unsere
Vision muß nicht nur einen, sondern alle Kontinente
einbeziehen.
Im Gegensatz zu Marshalls Generation sehen wir uns
nicht nur einer einzigen akuten Bedrohung gegenüber.
Die Gefahren, denen wir uns stellen, sind weniger
sichtbar und vielfältiger - einige so alt wie ethnische

Seite 2

Konflikte, einige so neu wie Briefbomben, einige so
schwierig wie der Klimawandel und andere so tödlich
wie Nuklearwaffen, die in die falschen Hände gelangen.
Um uns gegen diese Gefahren zu wappnen, müssen
wir die sich uns jetzt bietende historische Chance
ergreifen, die Welt in einem auf Demokratie, offenen
Märkten, Rechtsstaatlichkeit und der Verpflichtung zu
Frieden gründenden internationalen System zusammenzubringen.
Wir wissen, daß noch nicht jede Nation willens oder in
der Lage ist, ihren Teil in das System einzubringen.
Eine Gruppe befindet sich noch im Übergang von
Planwirtschaft und totalitärer Herrschaft. Eine andere
hat erst mit wirtschaftlichen und politischen Reformen
begonnen. Einige Nationen sind noch zu schwach, um
sich in bedeutsamer Weise zu beteiligen. Und einige
Länder haben Regime, die offen gegen die Prämissen
sind, auf denen dieses System ruht.
Weil die uns heute konfrontierende Situation sich von
der der Generation Marshalls unterscheidet, können
wir nicht immer dieselben Mittel einsetzen. Aber wir
können dieselbe Geisteshaltung bewahren.
Wir können denselben Geist der Überparteilichkeit
anstreben, der Amerika in Marshalls Zeit gestattete,
sowohl den Verbündeten als auch den Gegnern eine
geeinte Front darzubieten.
Wir können die erforderlichen Ressourcen investieren,
um die wirtschaftliche, militärische und diplomatische
Stärke der Vereinigten Staaten zu bewahren in
demselben Bewußtsein wie Marshall, daß diese
jeweiligen Stärken sich gegenseitig untermauern.
Wir können in demselben Wissen handeln, daß in
unserem Zeitalter Sicherheit und Wohlstand der
Vereinigten Staaten an die gesunde wirtschaftliche und
politische Lage im Ausland gebunden sind.
Und während wir die Helden der Geschichte ehren,
können wir uns bewußt machen, daß wir die Pflicht
haben, Autoren der Geschichte zu sein.
Das sollte sich jede Nation eingestehen. Heute bietet
sich allen die Chance, Teil eines auf demokratischen
Prinzipien gegründeten Systems zu sein. Das war vor
50 Jahren nicht der Fall.
Damals wurde dem Chef meines Vaters, Jan Masaryk
- dem Außenminister der damaligen Tschechoslowakei
- von Stalin in Moskau gesagt, sein Land dürfe sich
nicht am Marshallplan beteiligen, obwohl es in seinem
nationalen Interesse läge. Bei seiner Rückkehr nach
Prag erklärte Masaryk, in diesem Augenblick habe er
verstanden, daß er einer Regierung diente, die in
ihrem eigenen Land nicht länger souverän war.

AMERIKA DIENST 11

�Heute gibt es keinen Stalin, der Befehle erteilt. Wenn
jetzt eine Nation von der internationalen Staatengemeinschaft isoliert ist, dann entweder, weil das Land
einfach zu schwach zur Erfüllung der internationalen
Normen ist, oder weil seine Politiker sich absichtlich für
die Mißachtung dieser Normen entschieden haben.
In der vergangenen Woche erklärte Präsident Clinton
in den Niederlanden, daß keine demokratische Nation
in Europa aus der transatlantischen Gemeinschaft
ausgeschlossen würde. Heute sage ich, keine Nation
auf der Welt wird aus dem globalen System ausgeschlossen, das wir aufbauen. Und jede Nation, die
sich beteiligen möchte und alles in ihrer Macht Stehende tut, um sich selbst zu helfen, erhält die Hilfe der
Vereinigten Staaten bei der Suche nach dem richtigen
Weg.

sident Clinton es letzte Woche formulierte, "nicht nur
durch die Macht der Waffen, sondern die Möglichkeiten des Friedens".
Wo vor einem halben Jahrhundert die amerikanische
Führungsrolle dazu beitrug, Westeuropa zu Wohlstand
und Demokratie zu verhelfen, hilft heute die gesamte
transatlantische Gemeinschaft Europas den seit
kurzem freien Nationen beim Aufbau ihrer Volkswirtschaften und der Konsolidierung der Rechtsstaatlichkeit.

In Afrika haben Armut, Krankheiten, Unruhe und
schlechte Regierung Millionen Menschen von dem
internationalen System abgeschnitten. Aber Afrika ist

Im nächsten Monat wird die NATO in Madrid neue
Mitglieder aus den Demokratien Zentral- und Osteuropas einladen und gleichzeitig die Tür der zukünftigen Mitgliedschaft für andere offen halten. Das wird
nicht - wie einige fürchten - eine neue Teilung in
Europa schaffen. Im Gegenteil, es radiert die vor
einem halben Jahrhundert aufgezwungene unfaire und
unnatürliche Trennlinie aus. Und es bietet den
Nationen einen zusätzlichen Anreiz zur Beilegung von

ein an menschlichen und natürlichen

Ressourcen

Gebietsstreitigkeiten, Respektierung von Minderheiten

reicher Kontinent. Und heute führen seine besten
neuen Politiker Reformen durch, die Privatunternehmen und demokratischen Institutionen helfen, Fuß zu
fassen. In Zusammenarbeit mit anderen müssen wir
dieser Entwicklung Auftrieb verleihen, indem wir
unsere Hilfe aufrechterhalten, Investitionen ermutigen,
die Schuldenlast verringern und erfolgreiche Modelle
schaffen, denen andere folgen können.

und Menschenrechten sowie der Vollendung des
Reformprozesses.

In Lateinamerika und der Karibik ist die Integration
sehr viel weiter fortgeschritten. Die Nationen in der
gesamten Hemisphäre erweitern die Wirtschaftsbeziehungen, bekämpfen Verbrechen, arbeiten auf die
Erhöhung des Lebensstandards hin und kooperieren
um sicherzustellen, daß die wirtschaftlichen und
politischen Systeme Bestand haben.
In Asien und dem Pazifik sehen wir eine Region, die
nicht nur dem internationalen System beigetreten,
sondern zu einer treibenden Kraft dahinter geworden
ist - eine Region, die das Zentrum von acht der zehn
am sehne Isten wachsenden Volkswirtschaften der
Welt ist.

Die NATO ist ein Verteidigungsbündnis ohne territorialen Ehrgeiz. Sie betrachtet keinen Staat als Gegner,
und ganz bestimmt nicht ein demokratisches und
reformfreudiges Rußland, das eine Integration im
Westen anstrebt, mit dem es eine historische Partnerschaft eingegangen ist, die vor nur neun Tagen in
Paris unterzeichnet wurde.
Heute stellen wir von der Ukraine bis zu den Vereinigten Staaten und von Reykjavik bis Ankara unter
Beweis, daß das Streben nach europäischer Sicherheit
kein Nullsummenspiel mehr ist. Die NATO hat neue
Verbündete und Partner. Die Nationen Zentral- und
Osteuropas treten jetzt in der Praxis der Wertegemeinschaft bei, die sie im Geist nie verlassen hatten. Und
das russische Volk bekommt etwas, das es jahrhundertelang nicht hatte - einen echten und dauerhaften Frieden mit den Nationen in seinem Westen.

Gemeinsam mit unseren Verbündeten arbeiten wir an
der Verringerung der Bedrohung durch das nordkoreanische Nuklearprogramm und haben das Land aufgefordert, seine selbst auferlegte Isolation zu beenden.
Und wir haben China zur Erweiterung seiner Beteiligung an dem internationalen System und zur
Einhaltung internationaler Normen von Menschenrechten bis zum Export von rüstungsbezogenen Technologien ermutigt.

Die Schatten des Kalten Krieges verdunkeln Europa
nicht länger, aber ein Gespenst aus der Vergangenheit
geht noch um. Die Geschichte lehrt uns, daß es
keinen natürlichen geographischen oder politischen
Endpunkt für den Konflikt auf dem Balkan gibt, wo der
Erste Weltkrieg begann und sich in diesem Jahrzehnt
die schlimmsten Gewaltakte Europas der vergangenen 50 Jahre ereigneten. Die friedliche Integration
Europas wird erst vollendet sein, wenn das Friedensabkommen von Dayton in Bosnien vollständig umgesetzt ist.

Und schließlich streben wir in Europa die Verwirklichung der von Marshall proklamierten, aber durch den
Kalten Krieg verhinderten Vision an - der Vision eines
ungeteilten und freien Europas, vereinigt, wie Prä-

Als er vor 50 Jahren die kühnen Ideen des Marshallplans verteidigte, äußerte Senator Arthur Vandenberg,
es hätte wenig Sinn, einem in sechs Meter Entfernung
Ertrinkenden eine viereinhalb Meter lange Rettungs-

AMERIKA DIENST 11

Seite 3

�leine zuzuwerfen. Genausowenig können wir in
Bosnien unsere Ziele erreichen, wenn wir nur gerade
genug unternehmen, um einen unmittelbaren Krieg zu
verhindern. Vielmehr müssen wir alles in unserer
Macht Stehende tun, um den Menschen in Bosnien bei
der Schaffung eines dauerhaften Friedens zu helfen.
Vor einigen Tagen hat Präsident Clinton Schritten
zugestimmt, den Friedensprozeß unumkehrbar zu
machen und für jede Partei ein deutliches Interesse an
seinem Erfolg zu wecken.
Vergangenes Wochenende bin ich in die Region
gereist, um den Parteien persönlich folgende Botschaft
zu übermitteln: Wenn sie internationale Anerkennung
oder unsere Hilfe wünschen, müssen sie ihre Verpflichtungen erfüllen, einschließlich der umfassenden
Zusammenarbeit mit dem internationalen Kriegsverbrechertribunal.
Das Tribunal ist nicht nur für Bosnien und Ruanda das
Beste, sondern auch für die Welt. Wir können Greueltaten als unvermeidlich hinnehmen oder einen höheren
Standard anstreben. Wir können so tun als ob nur
Gott und die Opfer vergeben können, oder wir können
die eindrucksvollste Lektion dieses Jahrhunderts
beherzigen, daß nämlich Böses - wenn man ihm nichts
entgegensetzt - noch mehr Böses hervorbringt.
Die Mehrheit der Toten in Bosnien starb nicht auf dem
Schlachtfeld, sondern auf den Märkten, Straßen und
Spielplätzen, wo Männer und Frauen wie Sie und ich,
Mädchen und Jungen wie die, die wir kennen, mißbraucht oder ermordet wurden - nicht weil sie etwas
verbrochen hatten, sondern nur aufgrund ihrer ethnischen Zugehörigkeit.
Wir alle haben ein Interesse daran, zur Abschreckung
weiterer Greueltaten einen Präzedenzfall zu schaffen,
dem Tribunal durch die Unterscheidung zwischen
Unschuldigen und Schuldigen bei der Schaffung eines
dauerhaften Friedens zu helfen, die ethnischer Säuberungen Schuldigen zur Rechenschaft zu ziehen und
diejenigen, die Vergewaltigung lediglich für eine
weitere Kriegstaktik halten, für ihre Verbrechen büßen
zu lassen.
Seit George Marshalls Zeiten spielen die Vereinigten
Staaten eine führende Rolle im internationalen System,
nicht als alleiniger Richter über Gut und Böse, denn
darüber kann keiner allein entscheiden, sondern als
Wegbereiter - als die Nation, die den Weg weisen
kann, wenn andere dazu nicht in der Lage sind.
In den Jahren unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg
hat Amerika nicht nur durch den Marshallplan, sondern
auch durch die Trumandoktrin, die Berliner Luftbrücke
und die Antwort auf die kommunistische Aggression in
Korea diese Führungsrolle unter Beweis gestellt.

Seite 4

In diesem Jahrzehnt war Amerika führend bei der
Niederschlagung von Saddam Hussein, der Ermutigung nuklearer Stabilität auf der koreanischen Halbinsel und in der ehemaligen Sowjetunion, der Wiedereinsetzung der gewählten Politiker in Haiti, der Aushandlung des Daytoner Abkommens und der Unterstützung der Friedenswilligen gegenüber den Bombenlegern im Nahen Osten und anderen strategischen
Regionen.
Wir begrüßen diese Führungsrolle, um mit Teddy
Roosevelts Worten zu sprechen, nicht weil wir uns
international überall einmischen möchten, sondern weil
wir aus Erfahrung wissen, daß unsere Interessen und
die unserer Verbündeten von regionalen oder Bürgerkriegen sowie Machtvakuen beeinträchtigt werden
können, die Chancen für Kriminelle und Terroristen
schaffen und die Demokratie bedrohen.
Aber Amerika kann die Arbeit nicht alleine leisten. Wir
können den Weg weisen, aber andere müssen bereit
sein, sich uns anzuschließen und selbst Verantwortung zu übernehmen. Andere müssen bereit sein,
sich uns im Rahmen ihrer eigenen Ressourcen und
Fähigkeiten beim Aufbau einer Welt anzuschließen, in
der gemeinsames Wirtschaftswachstum möglich ist,
gewalttätige Konflikte eingedämmt werden und
diejenigen, die Gesetze befolgen, immer mehr Sicherheit genießen.
Bei meinem Besuch in Sarajevo besuchte ich einen
Spielplatz in einem Gebiet, das früher als "Straße der
Heckenschützen" bezeichnet wurde. Viele Bosnier
wurden dort aufgrund von ethnischem Haß umgebracht. Letztes Wochenende spielten die Kinder dort
jedoch ungeachtet dessen, ob das Kind neben ihnen
Muslim, Serbe oder Kroate ist. Und sie dankten
Amerika für die Hilfe, dank derer ihre Schaukeln
repariert werden konnten, und baten mich, einen Baum
zu pflanzen, den sie zu hegen und pflegen versprachen.
Dabei kam mir der Gedanke, daß dies eine passende
Metapher für die Rolle der Vereinigten Staaten vor 50
Jahren war, als wir die Saat für erneuten Wohlstand
und echte Demokratie in Europa säten. Und auch eine
Metapher für die Rolle Amerikas während der letzten
Jahre dieses Jahrhunderts bis hinein in das nächste.
Durch die ausländischen Studenten, die sie anzieht,
die Forschung, die hier durchgeführt wird, die Kurse,
die sie anbietet und das Feingefühl, das sie übermittelt,
trägt diese großartige Universität der Tatsache Rechnung, daß ihre Absolventen ein globales Leben führen
werden. Sie werden auf einem Weltmarkt konkurrieren, weiter und öfter reisen als alle früheren Generationen, mit ihren Kollegen aus allen Kulturen Ideen,
Vorlieben und Erfahrungen austauschen und erkennen, daß sie sich nach außen öffnen müssen, um eine
erfüllte und lohnenswerte Zukunft zu haben.

AMERIKA DIENST 11

�Während Sie und Ihr Land das tun, müssen wir den
von Marshall gesetzten hohen Standard anstreben,
zeitgemäße Mittel auf der Grundlage von dauerhaften
Werten einsetzen und dürfen nie vergessen, daß
Amerika auf der Seite der Freiheit steht.
Ich sage Ihnen das in meiner Eigenschaft als Außenministerin. Ich sage es auch als einer jener zahllosen
Menschen, deren Leben von den Turbulenzen in
Europa Mitte dieses Jahrhunderts und von der Führungsrolle Amerikas in diesem Jahrhundert beeinflußt
wurde.
Ich kann mich noch daran erinnern, wie ich während
des Krieges in England in einem Luftschutzkeller saß,
die Angst mit Singen zu vertreiben suchte und Gott für
die Hilfe der Vereinigten Staaten dankte.
Ich kann mich noch erinnern, wie wir nach dem Krieg
und der Machtergreifung der Kommunisten in Prag hier
in den Vereinigten Staaten ankamen, wo ich nur den
Wunsch hatte, akzeptiert zu werden und wollte, daß
meine Eltern und mein neues Land auf mich stolz sein
können.
Weil meine Eltern rechtzeitig flohen, entkam ich Hitler.
Zu unserem großen und anhaltenden Schmerz gelang
das Millionen Menschen nicht.
Dank der Großzügigkeit Amerikas entkam ich Stalin.
Millionen konnten das nicht.
Aufgrund der Vision der Generation von Truman und
Marshall genoß ich das Privileg, ein Leben in Freiheit
zu führen^ Millionen Menschen hatten nie diese
Chance.
Das mag für diejenigen, die sich nicht an jene Zeit vor
50 Jahren erinnern können, schwer verständlich sein.
Aber Sie rrlüssen versuchen zu verstehen.
Mit den Jahren halten viele den Zweiten Weltkrieg für
den letzten "guten Krieg", denn wenn es je eine
gerechte Sache gegeben hat, dann diese; und wenn
die Zukunft der Menschheit je auf dem Spiel gestanden
hat, dann zu dieser Zeit.
Zwei Generationen von Amerikanern sind seit diesem
Krieg herangewachsen - erst meine, dann Ihre Generation. Zwei Generationen von Jungen und Mädchen,
die die Veteranen bei Picknicks, Paraden und Feuerwerk, salutierend und ordensgeschmückt sehen
konnten. Sie sahen deren Stolz und dachten vielleicht:
"Wie großartig muß das gewesen sein - bei einer
großen Sache auf die Probe gestellt zu werden und
den Sieg davonzutragen."
Aber gerade am heutigen Tag dürfen wir nicht vergessen, daß jede Medaille und jedes Ordensband eine
Geschichte hat - sie erzählen von Heldentaten, aber

AMERIKA DIENST 11

auch von abgrundtiefer Traurigkeit, denn der Zweite
Weltkrieg war kein guter Krieg.
Von Nordafrika bis Salerno, von der Normandie über
die Ardennen bis nach Berlin mußte ein ganzer dem
Faschismus zum Opfer gefallener Kontinent Dorf um
Dorf, Hügel um Hügel zurückgewonnen werden. Und
weiter östlich, von Tarawa bis Okinawa, war der
tödliche Kampf um Asien ein Angriff auf eingegrabene
Stellungen, der nur von unglaublichem Mut zu einem
unerträglich hohen Preis übertroffen wird.
Heute ist die größte Gefahr für Amerika nicht ein
ausländischer Gegner, sondern die Möglichkeit, daß
wir dem Beispiel dieser Generation nicht genug
Beachtung schenken, zulassen, daß die dynamische
Entwicklung zu Demokratie ins Stocken gerät, daß wir
die Institutionen und Prinzipien, auf denen unsere
Freiheit gründet, für selbstverständlich halten und
vergessen, woran uns die Geschichte dieses Jahrhunderts erinnert: Daß Probleme im Ausland allzu oft
auch Amerika heimsuchen, wenn man sich ihnen nicht
stellt.
In einem oder zwei Jahrzehnten werden wir entweder
als die Neoisolationisten bekannt werden, die das
Wiederaufleben von Tyrannei und Gesetzlosigkeit
zuließen, oder als die Generationen, die den globalen
Triumph demokratischer Prinzipien konsolidierten.
Wir werden entweder als die Neoprotektionisten
bekannt, deren Mangel an Vision zum finanziellen Ruin
führte oder als die Generationen, die weltweit die
Grundlagen für wachsenden Wohlstand schufen.
Wir werden entweder als die Zauderer von Weltklasse
bekannt, die dem Säen erneuter globaler Konflikte
tatenlos zuschauten oder als die Generationen, die
entschiedene Maßnahmen ergriffen, um Bündnisse zu
schließen, Aggression abzuschrecken und den
Frieden zu wahren.
Es gibt kein Patentrezept für den Erfolg - weder für
Einzelpersonen, noch für eine Generation. Letztlich ist
es eine Frage des Urteilsvermögens und der eigenen
Entscheidung.
Wenn wir diese Entscheidung treffen, sollten wir uns
daran erinnern, daß es keine Seite im Buch der
amerikanischen Geschichte gibt, auf die wir stolz sind,
die von einem chronischen Nörgler oder Untergangspropheten geschrieben wurde. Wir sind Macher.
Wir haben eine Verpflichtung in unserer Zeit, ebenso
wie andere sie in der ihren hatten, nicht zu Gefangenen der Geschichte zu werden, sondern diese zu
gestalten - die Verpflichtung, die Rolle des Wegbereiters zu übernehmen und zusammen mit anderen
ein globales Netz von Zielen und Gesetzen zu knüpfen, die unsere Bürger schützen, unsere Interessen

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�verteidigen, unsere Werte erhalten und zukünftigen
Generationen ein ebenso stolzes Vermächtnis wie das
hinterlassen, dessen wir heute gedenken.

Dafür werde ich mich mit aller Kraft einsetzen und bitte
Sie, dasselbe zu tun. Nochmals ganz herzlichen
Dank.

* * * * *

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AMERIKA DIENST 11

�NATO
11. Juni 1997

Eine neue NATO mit neuen Missionen,
neuen Mitgliedern und neuen Partnern
Rede des Präsidenten in West Point

WEST POINT - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die von Präsident Clinton am 31. Mai 1997 bei der
Militärakademie der Vereinigten Staaten in West Point (New York) gehaltene Rede unwesentlich gekürzt.

Liebe Absolventinnen und Absolventen des Jahrgangs
1997, heute treten Sie der langen Reihe der grauuniformierten Heeressoldaten bei, die sich über zwei
Jahrhunderte treuen Dienstes an Amerika und an der
Freiheit erstreckt, die unser kostbarster Schatz ist.
Von der Verteidigung von Fort Erie im Krieg von 1812
bis zur Schlacht am Antietam, von den Schützengräben der Argonne über Okinawa bis zu Heartbreak
Ridge, dem Mekong Delta und der glühend heißen
Wüste des Golfkriegs haben die Offiziere aus West
Point unserer Nation gedient und für sie Opfer gebracht.
In den vier Jahren seit meiner letzten Rede hier vor
Ihnen haben Ihre Absolventen dazu beigetragen, in
Haiti die Demokratie wiederherzustellen, in Ruanda
Hunderttausende von Menschen vor Völkermord und
Hungersnot zu retten und dem Blutvergießen in
Bosnien ein Ende zu setzen. Während unserer
Geschichte haben die Männer und Frauen aus West
Point uns nie im Stich gelassen, wenn die Pflicht rief.
Und ich spreche im Namen aller Amerikaner, wenn ich
sage: Ich weiß, daß Sie es nie tun werden.
Ich möchte West Point meinen besonderen Dank
aussprechen und insbesondere den Absolventen
dieses Jahrgangs gratulieren, die aus dem Ausland
kommen. Wir heißen Sie hier herzlich willkommen und
sind stolz darauf, daß Sie Teil unserer Tradition des
Militärdienstes geworden sind. Und wir wünschen
Ihnen für die Rückkehr in Ihre Heimat alles Gute. Wir
hoffen, daß auch Sie die Sache der Freiheit voranbringen können, denn das ist im 21. Jahrhundert
unsere gemeinsame Aufgabe.

AMERIKA DIENST 11

Vor zwei Tagen kehrte ich von einer Mission aus
Europa zurück, bei der wir auf eines der stolzesten
Kapitel der amerikanischen Geschichte zurückblickten
und in die Zukunft schauten, die wir für unsere Kinder
und Enkel gestalten möchten. Diese Woche feiern wir
den 50. Jahrestag des Marshallplans, den Winston
Churchill als den uneigennützigsten Akt in der Geschichte bezeichnet hat.
1947 wurden die vom Krieg erschöpften Amerikaner,
die zu Hause ihr Leben weiterführen wollten, von einer
Generation bemerkenswerter Politiker - General
George Marshall, Senator Arthur Vandenberg, Präsident Harry Truman - zur erneuten Übernahme einer
Führungsrolle aufgefordert. Diese führenden Politiker
wußten, daß es keinen dauerhaften Frieden und keine
Sicherheit für ein Amerika geben konnte, das sich
hinter seine Grenzen zurückzog und sich von der Welt
und seinen Pflichten distanzierte. Sie boten die
unerläßliche Führung für die Umsetzung des Marshallplans, die Gründung der NATO und der ersten globalen Finanzinstitutionen. Sie versetzten Amerika und
unsere Verbündeten in die Lage, durch Zusammenarbeit innerhalb von Organisationen die Herausforderungen ihrer Zeit zu bewältigen - einzigartigen
Wohlstand zu schaffen und dem sowjetischen Expansionismus die Stirn zu bieten, bis das Licht der Freiheit
ganz Europa erhellte.
Der zweite Grund für meine Reise war untrennbar mit
dem ersten verbunden. Er bestand darin, in die
Zukunft zu schauen, auf die Möglichkeit, das zu
erreichen, wovon Marshalls Generation nur träumen
konnte - ein erstmals in der Geschichte demokratisches, friedliches und ungeteiltes Europa; und die
Notwendigkeit für Amerika und seine Verbündeten, uns

Seite 1

�erneut zur Bewältigung der Herausforderungen
unserer Zeit zusammenzufinden, um Frieden und
Wohlstand für die nächsten 50 Jahre und danach zu
sichern.

Sicherheit gibt. Ich bin der Ansicht, daß es teilweise
deshalb keine starke Bedrohung gibt, weil die NATO
existiert. Und die Erweiterung wird ihre Stärke noch
vergrößern.

Zur Gestaltung und Sicherung eines neuen, friedlichen, demokratischen und endlich ungeteilten Europas
ist eine neue NATO mit neuen Missionen, neuen
Mitgliedern und neuen Partnern vonnöten.
Wir
schaffen diese Art von NATO seit drei Jahren mit
neuen Partnern im Rahmen der Partnerschaft für den
Frieden und der ersten Out-of-area-Mission in Bosnien. In Paris unternahmen wir letzte Woche einen
weiteren Riesenschritt, als Rußland eine neue Partnerschaft mit der NATO einging und sich für Kooperation
anstelle von Konfrontation entschied, während beide
Seiten bekräftigten, daß sich die Welt verändert hat.
Die europäische Sicherheit ist nicht länger ein Nullsummenwettbewerb zwischen Rußland und der NATO,
sondern ein gemeinsames Ziel, das wir in Ehren
halten.

Meines Erachtens sollten wir aus vier Gründen neue
Mitglieder in das Bündnis aufnehmen. Erstens wird die
NATO dadurch gestärkt, um die sicherheitspolitischen
Herausforderungen des 21. Jahrhunderts sowie die
Konflikte zu bewältigen, die den Frieden aller bedrohen.

In wenig mehr als einem Monat werde ich mit den
anderen Staats- und Regierungschefs der NATO in
Madrid zusammentreffen und dort die ersten neuen
Demokratien Zentraleuropas zum NATO-Beitritt
einladen - mit Zustimmung des Senats im Jahr 1999,
dem 50. Jahrestag der Gründung des Bündnisses.
Ich bin fest davon überzeugt, daß die NATO-Erweiterung in unserem nationalen Interesse liegt. Da
sie nicht ohne Kosten und Risiken erfolgen kann,
benötigen wir im Vorfeld unserer Maßnahmen eine
offene, umfassende, nationale Diskussion. Ich möchte
diese Diskussion hier in nicht unbeträchtlichem Maße
fördern, da sie insbesondere für die Absolventen
dieses Jahrgangs von Bedeutung ist. Denn als Hüter
unserer Sicherheit in den kommenden Jahren wird Ihre
Arbeit leichter und sicherer, wenn wir das Richtige tun
- und gefährlicher und weitaus schwieriger, wenn wir
das nicht tun.

Betrachten Sie sich Bosnien: Die Tschechische
Republik, Polen, Rumänien, die baltischen Staaten und
andere zentraleuropäische Nationen leisten bereits
einen Beitrag zur Friedenssicherungsmission in
Bosnien in Form von Truppen und Militärstützpunkten.
Wir Amerikaner hätten ohne die Hilfe Ungarns und
ohne unser Sammellager in Taszar, das ich besucht
habe, unsere Truppen nicht so sicher, reibungslos und
schnell in Bosnien stationieren können. Die neuen
Demokratien, die wir zum Beitritt in die NATO einladen,
sind bereit und in der Lage, einen beträchtlichen Teil
der Verteidigungslast zu tragen, denn sie kennen den
Preis des Verlusts der Freiheit.
Zweitens wird die NATO-Erweiterung dazu beitragen,
die historischen Errungenschaften der Demokratie in
Europa zu sichern. Die NATO kann für Osteuropa
leisten, was sie nach dem Zweiten Weltkrieg für
Westeuropa getan hat - ein sicheres Umfeld schaffen,
in dem Freiheit, Demokratie und Wohlstand prosperieren können. Der NATO-Beitritt half Italien, Deutschland und Spanien in der Vergangenheit bei der
Konsolidierung ihrer Demokratien. Jetzt hat die
Öffnung der Türen des Bündnisses die zentraleuropäischen Nationen bereits zur Vertiefung ihrer demokratischen Reformen, Stärkung ziviler Kontrolle über das
Militär und Öffnung ihrer Volkswirtschaften veranlaßt.
Die NATO-Mitgliedschaft und ihre Zukunftsaussichten
werden ihnen das Selbstvertrauen geben, den Kurs zu
halten.

Das Schicksal Europas und die Zukunft Amerikas sind
eng miteinander verbunden. Zweimal in einem halben
Jahrhundert haben Amerikaner zur Verteidigung von

Drittens wird die NATO-Erweiterung mögliche Mitglieder zur friedlichen Beilegung ihrer Differenzen

Freiheit und Frieden ihr Leben in Weltkriegen geopfert,

ermutigen. Auf der ganzen Welt sehen wir zu unserem

die in Europa ihren Ausgang nahmen. Und wir sind
während des gesamten Kalten Krieges in sehr großer
Zahl in Europa geblieben. Wenn wir jetzt, da wir die
Chance haben, kluge Schritte zur Stärkung unserer
gemeinsamen Sicherheit unternehmen, helfen wir bei
der Gestaltung einer Zukunft ohne die Fehler und
Spaltungen der Vergangenheit und können uns auf die
Bewältigung der neuen sicherheitspolitischen Herausforderungen des neuen Jahrhunderts vorbereiten. Bei
dieser Aufgabe sollte die NATO unser schärfstes
Schwert und unser stärkstes Schutzschild sein.

Entsetzen Menschen, die durch ihren eigenen ethnischen, regionalen und nationalistischen Haß gefangen sind und sich und ihre Kinder aufgrund ihrer
primitiven, destruktiven Impulse des Lebens berauben,
das sie führen könnten.

Manche behaupten, wir brauchten die NATO nicht
mehr, weil es jetzt keine starke Bedrohung unserer

Seite 2

Als wir 1949 den Nordatlantikvertrag unterzeichneten,
erklärte Präsident Truman, hätte die NATO bereits
1914 oder 1939 existiert, hätte sie die Weltkriege
verhindert, die die Welt auseinanderrissen.
Die
Erfahrung der letzten 50 Jahre untermauert diese
Sichtweise. Die NATO trug zur Versöhnung jahrhundertealter Gegner wie Frankreich und Deutschland
bei, die jetzt enge Freunde und Verbündete sind. Und

AMERIKA DIENST 11

�sie hat über all diese Jahrzehnte hinweg eindeutig die
Spannungen zwischen Griechenland und der Türkei
verringert. Die bloße Aussicht auf eine NATO-Mitgliedschaft hat bereits Länder in Zentraleuropa davon
überzeugt, mehr als ein halbes Dutzend Grenz- und
ethnische Streitigkeiten beizulegen, die alle zu künftigen Konflikten hätten führen können. Das wiederum
verringert die Wahrscheinlichkeit, daß Sie je wieder
zum Kampf in einem Krieg auf der anderen Seite des
Atlantiks gerufen werden.
Viertens wird die Erweiterung der NATO zusammen
mit der Partnerschaft für den Frieden mit vielen
anderen Nationen und ihrem speziellen Abkommen mit
Rußland sowie der in Kürze zu unterzeichnenden
Partnerschaft mit der Ukraine die von Stalin gezogene
künstliche Trennlinie ausradieren und Europa in
Sicherheit zusammenbringen und nicht in Instabilität
auseinanderhalten.
Die NATO-Erweiterung bedeutet nicht ein anders
geteiltes Europa. Sie ist Teil des europäischen
Einigungsprozesses.
Die ersten NATO-Mitglieder
sollten nicht ihre letzten sein. Die Türen der NATO
werden für alle offen bleiben, die zur Übernahme der
Pflichten einer Mitgliedschaft willens und in der Lage
sind, und wir müssen weiterhin unsere Partnerschaften
mit Nichtmitgliedern stärken.
Ich möchte Ihnen gegenüber eindeutig klarstellen, daß
diese Vorteile weder kosten- noch risikofrei sind. Die
Vereinigten Staaten werden im nächsten Jahrzehnt
schätzungsweise 200 Millionen Dollar pro Jahr für die
Erweiterung zahlen müssen. Unsere Verbündeten in
Kanada und Westeuropa sind ebenso wie die neuen
Mitglieder der NATO bereit, ihren Beitrag zu leisten.
Und auch wir müssen das Unsrige tun.
Noch wichtiger ist, die Erweiterung erfordert von uns,
daß wir das feierlichste Sicherheitsgelöbnis des
Bündnisses auf die neuen Mitglieder ausdehnen, einen
Angriff auf ein Mitglied als Angriff auf alle anzusehen.
Diesem Gelöbnis haben wir durch die Stationierung
unserer Truppen und die Abschreckung mit unseren
Nuklearwaffen stets Glaubwürdigkeit verliehen. In den
kommenden Jahren bedeutet es, daß Sie gebeten
werden könnten, Ihr Leben für ein neues NATOMitglied aufs Spiel zu setzen, ebenso wie Sie heute
aufgefordert werden können, die Freiheit unserer
Verbündeten in Westeuropa zu verteidigen.
Während ich die NATO in den vergangenen drei
Jahren bei der Öffnung ihrer Türen für die neuen
Demokratien Europas leitete, habe ich diese Kosten
sehr sorgfältig gegeneinander abgewogen.
Ich
gelangte zu der Schlußfolgerung, daß die Vorteile der
Erweiterung - Stärkung der NATO für die Zukunft,
Konsolidierung der Errungenschaften der Demokratie
in Zentraleuropa, Aufbau von Stabilität über den
Atlantik hinweg, die Vereinigung Deutschlands, nicht

AMERIKA DIENST 11

seine Teilung - daß diese Vorteile die Lasten entschieden aufwiegen. Für mich ist die Sache klar: Die
Erweiterung der NATO wird unsere Sicherheit erhöhen. Sie ist richtig. Wir dürfen die Herausforderung
der Geschichte in diesem Augenblick zum Aufbau
eines friedlichen, demokratischen und ungeteilten, mit
uns bei der Bewältigung der neuen Sicherheitsbedrohungen des neuen Jahrhunderts verbündeten
Europas nicht verpassen. Ein Europa, das die Wiederholung der dunkelsten Momente des 20. Jahrhunderts vermeiden und die brillanten Möglichkeiten
des 21. Jahrhunderts verwirklichen wird.
Diese Vision eines neuen Europas ist von zentraler
Bedeutung für unsere umfassendere Sicherheitsstrategie, zu deren Um- und Durchsetzung Sie aufgefordert werden. Unsere Tagesordnung muß jedoch
darüber hinausgehen, weil wir mit unserer gesamten
Macht und unserem Wohlstand in einer Welt leben, in
der unser Einfluß von unserer Erkenntnis abhängt, daß
unsere Zukunft von der anderer Nationen abhängt und
wir mit ihnen auf der ganzen Welt zusammenarbeiten
müssen, weil wir sehen, daß die uns morgen konfrontierenden Herausforderungen nationale Grenzen
überschreiten werden. Sie werden durch moderne
Technologie, Kommunikation und Reisen noch
vergrößert. Sie müssen von gleichgesinnten Nationen
durch Zusammenarbeit gemeistert werden - unabhängig davon, ob wir über Terrorismus, die Verbreitung von Massenvernichtungswaffen oder Umweltzerstörung sprechen.
Aus diesem Grund müssen wir fünf andere Ziele
verfolgen. Erstens müssen wir eine Gemeinschaft
asiatisch-pazifischer Nationen aufbauen, die durch die
gemeinsame Verpflichtung zu Stabilität und Wohlstand
verbunden sind. Wir haben in einem halben Jahrhundert drei Kriege in Asien geführt. Die Stabilität
Asiens beeinflußt unseren Frieden, und das explosionsartige Wachstum Asiens beeinflußt unseren
Wohlstand. Deshalb haben wir unsere Sicherheitsverbindungen zu Japan und Korea verstärkt, deshalb
kommen wir jetzt jedes Jahr mit den Staats- und
Regierungschefs der asiatisch-pazifischen Region
zusammen, und deshalb müssen wir mit China
zusammenarbeiten und dürfen uns nicht von China
isolieren.
Eine die Zukunft Ihrer Generation von Amerikanern
bestimmende große Frage lautet, wie China seine
eigene Größe als Nation definiert. Wir haben mit
China zusammengearbeitet, weil es unseres Erachtens wichtig ist, in einer Art zu kooperieren, die die
Definition dieser großartigen Nation in positiver, nicht
negativer Weise beeinflußt. Wir müssen zur Aufrechterhaltung normaler Handelsbeziehungen nicht
bei allen Fragen mit China übereinstimmen, aber wir
benötigen normale Handelsbeziehungen, um die
Chance zu haben, allmählich Einigung mit China bei

Seite 3

�Fragen von elementarer Bedeutung für die Vereinigten
Staaten und die Welt zu erzielen.
Zweitens bauen wir auf der ganzen Welt Koalitionen
auf, um diese neuen Sicherheitsbedrohungen in Angriff
zu nehmen, die keine Grenzen kennen: Weiterverbreitung von Waffen, Terrorismus, Drogenhandel und
Umweltzerstörung. Wir müssen eine Führungsrolle bei
der Erarbeitung globaler Arrangements übernehmen,
die uns die Instrumente zur Bewältigung dieser
gemeinsamen Bedrohungen an die Hand geben: Die
Chemiewaffenkonvention, den Nichtverbreitungsvertrag, den Vertrag über ein umfassendes Atomtestverbot und unsere Bestrebungen mit Rußland zur
weiteren Verringerung der Nuklearwaffen.
Unsere größte Aufgabe besteht jetzt darin, solche
Arrangements auch für die Bekämpfung von Terrorismus, Drogenhändlern und organisiertem Verbrechen
zu vereinbaren. In drei Wochen werde ich den Gipfel
der acht führenden Industrienationen dazu nutzen,
diese Tagesordnung voranzubringen.
Drittens müssen wir ein offenes Handelssystem
aufbauen. Unsere Sicherheit ist mit dem Interesse
verbunden, das andere Nationen daran haben, frei und
offen zu bleiben sowie mit anderen zusammen, nicht
gegen sie zu arbeiten. Aufgrund der von uns ausgehandelten Handelsvereinbarungen haben wir nicht
zuletzt unsere Position als Exporteur Nummer eins der
Welt wiedererlangt und unseren Einfluß in einer Weise
verbessert, die gut für unsere Sicherheit ist. Um diese
Fortschritte fortzusetzen, müssen wir die Befugnis zum
Abschluß kluger, neuer Marktöffnungsabkommen
haben, die jeder Präsident seit 20 Jahren hatte.
Einige unserer Mitbürger glauben, der Präsident
benötige diese Befugnis nicht länger. Sie glauben, die
globale Wirtschaft stelle irgendwie eine Bedrohung für
uns dar. Meiner Ansicht nach ist es jedoch offensichtlich, daß die Amerikaner nicht nur das stärkste und
beste Militär, sondern auch die beste Volkswirtschaft
der Welt haben - das amerikanische Volk kann jeden
Konkurrenten in den Schatten stellen, wenn es eine
faire Chance hat.

Viertens müssen wir zu unserer Rolle als entscheidende Kraft für Frieden stehen. Sie können und sollten
nicht überall hingehen. Aber wenn unsere Werte und
Interessen auf dem Spiel stehen, ist unsere Mission
kristallklar und möglich - Amerika sollte Seite an Seite
mit seinen Verbündeten auf der Welt stehen, die
Frieden bringen und ein Gemetzel verhindern. Vom
Nahen Osten bis Bosnien, von Haiti bis Nordirland
haben wir zusammengearbeitet, um Konflikte einzudämmen, Frieden zu unterstützen und den Kindern
eine vielversprechendere Zukunft zu geben, und es hat
unsere Sicherheit verbessert.
Wir haben die Instrumente für diese Arbeit: Das
mächtigste und am besten ausgebildete Militär der
Welt und eine vollständig finanzierte Diplomatie zur
Minimierung der Chancen, daß militärische Macht
notwendig wird.
Der von uns gerade abgeschlossene langfristige
Verteidigungsplan wird unsere Bereitschaft, Fähigkeiten und unseren technologischen Vorsprung
verbessern. In einer Welt andauernder Gefahren
müssen und werden Sie in der Lage sein, die Konflikte
der Zukunft zu beherrschen wie Sie es auf den
Schlachtfeldern der Vergangenheit getan haben.
Vor 55 Jahren, in den ersten Tagen des Zweiten
Weltkriegs, sprach der Mann, den wir in dieser Woche
ehrten - General George Marshall - hier bei Ihrer
Abschlußfeier über die Notwendigkeit, unsere Nation
für die schwere Prüfung des Krieges zu organisieren.
Er erklärte, wir seien entschlossen, daß unsere Flagge
einerseits als ein Symbol der Freiheit und andererseits
als Symbol überwältigender Macht anerkannt wird,
bevor die Sonne über diesem schrecklichen Kampf
untergeht.
Heute weht unsere Flagge der Freiheit und Macht
höher als je zuvor, aber weil unsere Nation auf der
Höhe ihrer Macht ist, befindet sie sich auch auf der
Höhe ihrer Verantwortung. Während Sie unsere
Flagge in dieses neue Zeitalter tragen, müssen wir uns
daher organisieren, um den Herausforderungen der
nächsten 50 Jahre zu begegnen.

Hierbei geht es aber um mehr als nur Geld und
Arbeitsplätze. Es geht um die Sicherheit. Die Welt
und insbesondere die demokratischen Nachbarn in
unserem Süden blicken auf uns. Wenn wir keine
wirtschaftlichen Brücken zu ihnen aufbauen, wird es
ein anderer tun. Wir müssen klarstellen, daß die
Vereinigten Staaten freie Menschen und fairen,
offenen Handel unterstützen.

*

Seite 4

Wir müssen den

Frieden für ein bald anbrechendes neues und besseres Jahrhundert gestalten, so daß Sie Ihren Kindern
und Enkelkindern das Amerika und die Welt geben
können, die sie verdienen.
Gott schütze Sie, und Gott schütze Amerika.

*

AMERIKA DIENST 11

�NATO
11. Juni 1997

Grundakte bedeutet Aufgabe der
Selbstisolierung Rußlands
Rede von Außenministerin Albright beim Nordatlantikrat

SINTRA - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die von Außenministerin Albright beim Ministertreffen des
Nordatlantikrats am 29. Mai 1997 in Sintra gehaltene Rede.

Herr Generalsekretär, Herr Ehrenpräsident, verehrte
Kollegen. Es ist mir eine Ehre, die Vereinigten Staaten
bei dieser Sitzung des Nordatlantikrats vertreten zu
dürfen.
In den vergangenen Monaten - und insbesondere
während der letzten beiden Wochen - haben wir harte
Arbeit geleistet, die historische Ergebnisse hervorbrachte.
Im Januar bin ich in Brüssel zum ersten Mal mit Ihnen
zusammengekommen und habe versprochen, daß die
Vereinigten Staaten alles in ihrer Macht Stehende zur
Verwirklichung unserer gemeinsamen Vision einer
neuen NATO tun werden. Heute fügen sich alle
Elemente dieser Vision zu einem Ganzen zusammen.
Wir sind bereit für Madrid, und die NATO ist bereit für
die Herausforderungen eines neuen Jahrhunderts.
Wir haben neue Beziehungen zu einem demokratischen Rußland hergestellt. Hier in Sintra werden wir
eine Charta zwischen der NATO und der Ukraine
paraphieren. Wir werden die Partnerschaft für den
Frieden weiter stärken. Wir werden den euroatlantischen Partnerschaftsrat ins Leben rufen. Wir werden
uns auf ein historisches Gipfeltreffen vorbereiten, bei
dem wir neue Partner einladen, dem Bündnis beizutreten.
In den nächsten 40 Tagen werden wir uns auf die
Einzelheiten des Prozesses, Protokolls und der
Planung für den Gipfel konzentrieren. Wir sollten
jedoch unser Ziel nicht aus den Augen verlieren.
Das Ziel ist, zum ersten Mal eine friedliche, freie und
ungeteilte transatlantische Gemeinschaft aufzubauen

AMERIKA DIENST 11

sowie den Frieden und Wohlstand nach Osten auszudehnen, den Westeuropa seit 50 Jahren genießt. Auf
diese Art und Weise werden wir den Sieg der Freiheit
über die alten Trennlinien Europas sicherstellen. Wir
werden starke neue Partner für Sicherheit und Handel
gewinnen. Und wir werden die Wahrscheinlichkeit
verringern, daß unsere Streitkräfte je zum Kampf auf
dem Boden dieses Kontinents gerufen werden.
Wenn wir in die Zukunft blicken, hoffe ich, daß wir uns
auch einen Augenblick lang an die Geschichte erinnern, die Europa und Amerika jetzt feiern. Nächste
Woche vor genau 50 Jahren schlug George Marshall
den Wiederaufbau dieses Kontinents nach dem Krieg
vor. Das Unternehmen markierte die Geburt der
modernen transatlantischen Partnerschaft.
Wie
Premierminister Kok und Präsident Clinton uns so
eloquent in ihren gestrigen Reden in Den Haag
erinnerten, inspiriert er heute unsere Vision von
Europa.
Wir müssen uns vor Augen führen, daß der Marshallplan sehr viel mehr war als das Bestreben, den durch
den Zweiten Weltkrieg verursachten physischen
Schaden zu beheben. Sein dauerhaftestes Vermächtnis ist heute nicht so sehr in den Stahlwerken, Eisenbahnschienen und Ländereien unserer reich ausgestatteten Gemeinschaft zu sehen, sondern in den
Institutionen, die Jahrhunderte europäischer Konflikte
überdauerten, über alte Denkweisen hinausgingen und
die Grundlage der westeuropäischen und transatlantischen Einheit bildeten.
Mit seiner Vision eines ungeteilten und freien Kontinents sollte der Marshallplan nicht das alte Europa

Seite 1

�wiederaufbauen.
aufbauen.

Er sollte ein völlig neues Europa

Unbeendet, weil 50 Jahre lang die östlichen Grenzen
der europäischen Integration nicht durch die Entscheidung freier Menschen oder die Interessen freier
Nationen bestimmt wurden, sondern durch die westlichen Grenzen des Vormarsches der Roten Armee im
Jahr 1945.

Rußland hat die Selbstisolierung abgelehnt. Es hat
beschlossen, sich an der europäischen Sicherheitszusammenarbeit zu beteiligen und von ihr zu profitieren während das Land seine Volkswirtschaft und
Gesellschaft in die Europas und der Welt eingliedert.
Die Grundakte ist das sicherste Zeichen, daß Rußland
seine Stärke, Sicherheit und die Beziehungen zu
seinen Nachbarn in einer neuen Weise definieren wird.
Rußland hat erkannt, daß Europa nicht in gegnerische
Blöcke geteilt sein sollte, die durch Pufferzonen
ausgeschlossener Staaten getrennt gehalten werden
müssen.

Vor zwei Tagen haben wir in Paris historische Schritte
über diese unnatürliche Trennlinie getan, als unsere
Staats- und Regierungschefs zusammen mit Präsident
Jelzin die Grundakte über die neuen Beziehungen der
NATO zu Rußland unterzeichneten.

Die Grundakte bedeutet nicht, daß Rußland die NATOErweiterung in irgendeiner Weise befürwortet - und
das haben wir auch nicht angestrebt. Wir wissen, daß
es Zeit erfordert, bis das Vertrauen in unseren Beziehungen den Prozeß des Wandels einholt.

Die NATO und Rußland hätten diesen Punkt nicht
erreicht, wenn es nicht in unserem gemeinsamen
Interesse gelegen hätte. Aber genausowenig würde
es ohne das Geschick von Generalsekretär Solana
eine Grundakte geben. Herr Generalsekretär, ich
gratuliere Ihnen zu einer bemerkenswerten Leistung.
Sie haben diesem Bündnis und unserer gemeinsamen
Zukunft außergewöhnlich gute Dienste geleistet.

Wir haben jedoch bereits demonstriert, daß unser
Streben nach Sicherheit in Europa, wie es Präsident
Clinton in Paris formulierte, "nicht ein Nullsummenspiel
ist, bei dem der Gewinn der NATO der Verlust Rußlands und Rußlands Stärke die Schwäche unseres
Bündnisses ist". Die NATO wird bald neue Verbündete
und stärkere Partner haben. Und das russische Volk
wird etwas haben, das es seit Jahrhunderten nicht
hatte: Einen echten, tragfähigen Frieden mit den
Nationen in seinem Westen.

Wir unternehmen Schritte, um die noch unbeendete
Arbeit heute zu erledigen.

Die Herausforderung für uns - und Rußland - besteht
jetzt darin, das Versprechen der Partnerschaft in eine
alltägliche Realität umzusetzen, indem wir der in der
Grundakte enthaltenen Tagesordnung und den
Mechanismen Leben einhauchen.
Lassen Sie uns kurz überdenken, was das bedeutet.
Es bedeutet, daß wir unser Ziel der Zusammenarbeit
mit Rußland ohne Veränderung der Kernfunktion der
NATO - der kollektiven Verteidigung - oder ihrer
anderen Qualitäten voranbringen, die sie zum erfolgreichsten Bündnis der Geschichte gemacht haben. Es
bedeutet, daß die praktische Zusammenarbeit der
russischen Streitkräfte mit den NATO-Truppen in
Bosnien sowie mit den NATO-Planern in Brüssel und
im Obersten Hauptquartier der Alliierten Streitkräfte in
Europa (SHAPE) als Gewohnheit angesehen wird. Es
bedeutet, daß wir zusammen mit Rußland handeln
können, wenn sich unsere Interessen decken und
offen und konstruktiv reden, wenn wir Meinungsverschiedenheiten haben.
Aber es gibt noch etwas Wichtigeres.
Mit der Unterzeichnung der Grundakte haben Präsident Jelzin und Rußland eine so grundlegende
Entscheidung getroffen wie die Entscheidung für
Demokratie und freie Märkte, die das russische Volk
im Jahr 1991 fällte.

Seite 2

All dies geschah, weil die NATO vor drei Jahren ihre
eigene Entscheidung traf. Wir kleideten diese Entscheidung in eine einfache Frage. Würde unser
Bündnis für immer als eine Organisation von Ländern
bekannt sein, die sich einst gegen ein bedrohliches
Imperium gestellt hatten, das nicht mehr existiert?
Oder würde es als eine Organisation fähiger Demokratien bekannt sein, die sich zur Bewältigung der Herausforderungen der Zukunft zusammengeschlossen
hatten?
Wir entschieden, wenn die zweite Antwort die richtige
war, dann würden die Missionen der NATO und die
Zahl ihrer Mitglieder wie während des Kalten Krieges
nicht ausreichen. Die NATO mußte ihre inneren
Strukturen anpassen und für neue Mitglieder offen
sein, die in der Lage sind, einen Beitrag erster Klasse
zu leisten.
Bei der inneren Anpassung haben wir große Fortschritte erzielt. Wir schaffen die Mittel, um bündnisintern statt getrennt von der NATO eine europäische
Sicherheits- und Verteidigungsidentität aufzubauen.
Wir setzen das Konzept der alliierten Streitkräftekommandos um. Wir werden zur Verabschiedung der
wesentlichen Elemente einer neuen Kommandostruktur in Madrid bereit sein. Unsere europäischen
Verbündeten haben jetzt eine Chance, diese Möglichkeiten zu nutzen. Wir hoffen, daß sie es tun werden.

AMERIKA DIENST 11

�Die Partnerschaft für den Frieden gewinnt ebenfalls an
Bedeutung. Wir haben drei Jahre lang hart daran
gearbeitet.
Wir haben Dutzende von Übungen,
Hunderte von Austauschprogrammen durchgeführt.
Und unsere Partner haben hervorragend reagiert. Die
Erweiterungen, denen wir heute zustimmen, werden
bedeuten, daß sie mehr tun können als nur bei von der
NATO geleiteten Operationen zu üben und sich daran
zu beteiligen. Sie werden eine aktive Rolle bei der
Planung der Missionen spielen können, die wir gemeinsam unternehmen.
Wir erfüllen auch unsere Verpflichtung zur Stärkung
unserer Partnerschaft mit der Ukraine. Die von uns
heute paraphierte Charta, die unsere Staats- und
Regierungschefs in Madrid unterzeichnen werden,
trägt der entscheidenden Rolle der Ukraine für die
Zukunft Europas Rechnung. Sie spiegelt unsere
Verpflichtung zur Unterstützung der Souveränität und
Unabhängigkeit einer demokratischen Ukraine und die
Verpflichtung der Ukraine zur Integration in Europa
wider.
Morgen werden alle unsere Partner gemeinsam mit
uns am ersten Treffen des neuen euroatlantischen
Partnerschaftsrats teilnehmen.
Der EAPR bietet
sowohl den Verbündeten als auch den Partnern etwas,
das uns noch fehlt. Er bietet unseren Partnern einen
Platz am Tisch, wenn wir die Zukunft unserer Zusammenarbeit gestalten. Und er bietet uns einen
offiziellen politischen Dialog mit einer Gruppe von
Nationen, die noch enger mit der NATO kooperieren
werden - bei genau den Herausforderungen, mit denen
wir uns in Zukunft am ehesten konfrontiert sehen.
Diese Schritte werden zu der Gewährleistung beitragen, daß der Bereich der Belange der NATO immer
größer sein wird als der Bereich ihrer Mitglieder.
Zusammen mit den von unseren Partnern unternommenen Schritten zur Beilegung ihrer Differenzen
können sie sicherstellen, daß die Regionen Europas
auf der Landkarte nie wieder rot, blau - oder grau markiert sein werden.
Es erübrigt sich jedoch zu sagen, daß immer noch
viele Herausforderungen vor uns liegen.
Von jetzt bis zum Gipfeltreffen in Madrid sollten wir
wenn möglich in Wien Fortschritte bei den Verhandlungen über ein Rahmenabkommen erzielen, das die
Grundelemente eines angepaßten Vertrags über
konventionelle Streitkräfte in Europa (KSE) enthält.
Die uns leitenden Prinzipien sind klar. Erstens dürfen
wir keine Schritte unternehmen, die die Fähigkeit der
NATO zur Erfüllung ihrer künftigen Verpflichtungen
unterminieren, ihre politische Evolution beeinträchtigen
und zukünftige Mitglieder zu einem Status zweiter
Klasse verurteilen würden. Zweitens muß jedes KSEAbkommen nicht nur den Interessen der 16 NATO-

AMERIKA DIENST 11

Verbündeten oder eines einzelnen Landes Rechnung
tragen, sondern denen aller 30 KSE-Staaten.
Beim Gipfel selbst werden unsere Staats- und Regierungschefs natürlich einige unserer Partner zur
Aufnahme der Beitrittsgespräche einladen. Die NATOErweiterung wird vielen Zwecken dienen. Es gibt
jedoch zwei grundlegende Ziele, die wir berücksichtigen müssen, wenn wir die Entscheidungen über die
Größe und Zusammensetzung der ersten Runde von
jetzt bis Madrid treffen.
Erstens wollen wir die NATO stärker und geschlossener machen, indem wir neue Mitglieder hinzufügen, die
zu einem Beitrag zu unserer gemeinsamen Sicherheit
bereit und in der Lage sind. Wir möchten, daß die
erste Runde der Erweiterung als ein solider Erfolg
unter diesen Bedingungen angesehen wird und durch
eine starke Mehrheit in den Parlamenten und der
Öffentlichkeit unterstützt wird.
Zweitens möchten wir den Nationen Zentral- und
Osteuropas einen Anreiz zur richtigen Entscheidung
über ihre Zukunft bieten. Wir möchten sie zur Beilegung ihrer alten Streitigkeiten, Konsolidierung von
Demokratie sowie Respektierung der Menschenrechte
und internationalen Normen ermutigen. Genau das hat
die Aussicht auf Erweiterung bisher getan.
Diese beiden Ziele stellen uns vor eine doppelte
Herausforderung.
Erstens müssen wir weiterhin insistieren, daß die
Kandidaten für eine NATO-Mitgliedschaft möglichst
hohen Standards entsprechen, bevor sie zum Beitritt
eingeladen werden. Das Bündnis sollte nur jene
neuen Demokratien aufnehmen, die eindeutig die
höchsten Reformhindernisse überwunden und unter
Beweis gestellt haben, daß sie alle mit einer Mitgliedschaft einhergehenden Pflichten erfüllen können.
Die NATO-Erweiterung ist kein Förderprogramm. Das
würde unser Bündnis schwächen, unsere Parlamente
in Alarmbereitschaft versetzen und unseren Plan
vereiteln, im Osten weitere Reformen zu ermutigen
und die Versöhnung zu fördern.
Ein zweiter und ebenso wichtiger Punkt: Wir müssen in
Madrid eine klare und glaubwürdige Verpflichtung
gegenüber den Nationen eingehen, die für eine
Mitgliedschaft noch nicht bereit sind. Wir müssen
zusagen, daß die ersten neuen Mitglieder nicht die
letzten sein werden und keine europäische Demokratie
aufgrund ihrer geographischen Lage ausgeschlossen
wird.
Die Nationen Europas, die sich noch um die Überwindung des Vermächtnisses von Diktatur und Konflikten bemühen und sich die NATO-Mitgliedschaft zum
Ziel gesetzt haben, müssen wissen, daß wir ihre

Seite 3

�Bestrebungen begrüßen. Sie müssen sicher gehen
können, daß vor der von uns versprochenen offenen
Türe keine unsichtbare Schranke steht. Sie benötigen
die Zuversicht, daß das Versprechen der Integration in
Europa real ist und am Ende des Tunnels der Reformen ein helles Licht brennt.
Stellen Sie sich bitte einmal vor, was geschehen
würde, wenn wir den bevorstehenden Gipfel als erste
und letzte Chance für einen NATO-Beitritt deklarieren
würden, als einmaliges Ereignis wie die Ankunft des
Kometen Hale-Bopp. Das würde in Madrid zu einem
wahnsinnigen Streit um eine Aufnahme ins Bündnis
und großer Enttäuschung unter denjenigen führen, die
außen vor bleiben.
Das wäre ein Rückschlag für all unsere Bestrebungen
zur Stärkung der Zusammenarbeit des Bündnisses mit
Nichtmitgliedsländern. Es würde alle positiven Anreize
unterminieren, die die Aussicht auf Kooperation und
letztlich eine NATO-Mitgliedschaft geben - auch auf
dem Balkan. Die dauerhaft Ausgeschlossenen würden
sich gegenseitig fürchten und könnten nicht auf uns
zählen. Dadurch würden sie in Versuchung geraten,
Sicherheit mit anderen Mitteln anzustreben, einschließlich eines Rüstungswettlaufs und anderer
destabilisierender Verhaltensweisen.
Wir können keinem Land versprechen, daß es eines
Tages der NATO beitritt. Wir können jedoch ein
Verfahren anbieten, das den von uns eingegangenen
Verpflichtungen Substanz verleiht und den beitrittswilligen Nationen zeigt, was sie tun und welche Veränderungen sie durchführen müssen, um eine Mitgliedschaft zu ermöglichen.
Mit anderen Worten: Ein Europa ohne Teilungen ist
kein Europa ohne Unterschiede. Diese Unterschiede
müssen jedoch auf neuen Verhaltensweisen und
Gegebenheiten, nicht auf alter Geschichte oder
Geographie basieren.
Aus diesem Grund ist es von elementarer Bedeutung,
daß die NATO nach dem Gipfeltreffen in Madrid eine
neue Phase des Dialogs mit den beitrittswilligen
Ländern einleitet. Ein solcher Dialog wäre das deutlichste Anzeichen für die Erweiterungspläne der NATO
in den kommenden Jahren. Es wäre die wesentliche
Ergänzung zu unserer Entscheidung über die Frage,
wer aufgenommen wird.
Dieser Prozeß sollte genau verdeutlichen, was in
militärischer Hinsicht die Umsetzung unserer Verpflichtungen gemäß Artikel V und in politischer Hinsicht
die Vollmitgliedschaft in der NATO bedeutet, damit die
Kandidaten den Unterschied zwischen dem Status als
Partner und als Mitglied sehen.
Es geht nicht darum, bei unseren Partnern Hoffnungen
zu wecken, sondern sie zu konstruktiver Zusammen-

Seite 4

arbeit und Fortschritten zu veranlassen. Es geht nicht
darum, den Erweiterungsprozeß zu beschleunigen,
sondern ihn so zu gestalten, daß Effektivität und
Zusammenhalt des Bündnisses gewahrt werden.
Wir alle müssen beim Aufbau einer neuen und erweiterten NATO eine letzte Herausforderung bewältigen: Die Ratifizierung der Aufnahme neuer Mitglieder
durch unsere Parlamente. Das stellt für Präsident
Clinton und mich im kommenden Jahr die wichtigste
Aufgabe dar.
Wir können Verschiedenes unternehmen, um sie zu
vereinfachen.
Wir müssen unsere Gesetzgeber in den Prozeß
einbeziehen und sie bei allen Fragen konsultieren, die
wir diskutieren. Ich freue mich, daß uns eine Delegation von amerikanischen Kongreßabgeordneten unter
Leitung von Senator William Roth - dem Präsidenten
der Nordatlantischen Versammlung - nach Madrid
begleitet.
Wir dürfen auch nichts unternehmen, das darauf
hindeutet, daß wir den Ausgang des Verfahrens in der
Legislative für selbstverständlich halten. Nach Madrid
und insbesondere nach dem Abschluß der Beitrittsprotokolle will die NATO ihre Beziehungen zu den
potentiellen Mitgliedern weiterentwickeln. Das beinhaltet vollständige Transparenz hinsichtlich der Vorgehensweise des Gemeinsamen Rats der NATO und
Rußlands sowie der Arrangements zur Erleichterung
des Übergangs zur Mitgliedschaft. Wir sollten diesen
Nationen jedoch keinen offiziellen Status verleihen, der
die Ratifizierung präjudizieren und möglicherweise
gefährden würde.
Und schließlich müssen wir hinsichtlich der Kosten der
Erweiterung offen und ehrlich sein. Wir alle - alte und
neue Bündnismitglieder gleichermaßen - müssen unter
Beweis stellen, daß wir zur Übernahme unseres
Lastenanteils bereit sind, um die Glaubwürdigkeit der
wichtigsten Aufgabe der NATO - der kollektiven
Verteidigung - zu bewahren.
Bevor ich zum Schluß komme, möchte ich noch ein
anderes Thema ansprechen, das für den Erfolg
unseres Bündnisses und unserer Vision von einem
geeinten, demokratischen Europa von elementarer
Bedeutung ist.
Bosnien erinnert uns daran, daß unsere Strategie der
Integration in Europa nur ein Mittel zum Zweck ist.
Was wir gemeinsam tun, ist viel wichtiger als die
Frage, wie wir zusammenkommen.
Unsere anfänglichen Sicherheitsziele in Bosnien sind
erreicht worden. Wir haben die Kämpfe beendet, die
Truppen entflochten und das Vertrauen verbessert.
Die landesweiten Wahlen waren erfolgreich. Es

AMERIKA DIENST 11

�wurden gemeinsame Institutionen ins Leben gerufen.
Der Wiederaufbau hat begonnen und die Wirtschaft
wächst wieder.
Aber anderthalb Jahre nach Dayton reicht es nicht zu
sagen, daß der Krieg vorüber ist. Es bleibt noch zu
viel zu tun. Zu wenige führende Politiker der Region
haben sich echter politischer und sozialer Integration
verschrieben.
Die SFOR hat nur noch ein Jahr vor sich. Wir sollten
nicht vergessen, daß ihre Aufgabe während dieses
Zeitraums nicht in der Bewahrung der Leistungen der
IFOR besteht, sondern in deren Fortsetzung. Unsere
Arbeit kann nicht als Erfolg gewertet werden, wenn wir
lediglich den Status quo sichern; wir müssen ihn
verbessern. Unser Ziel besteht darin zu gewährleisten, daß unsere Truppen Bosnien ohne die Angst
verlassen können, unsere Interessen bedrohende
neue Gewalt könnte sie eines Tages zur Rückkehr
zwingen.
Das setzt gleichzeitige Fortschritte an allen Fronten diplomatischer, wirtschaftlicher und militärischer Front voraus. Beispielsweise konzentriert sich die SFOR
zwar weiterhin hauptsächlich auf die Implementierung
der militärischen Aspekte des Daytoner Abkommens,
muß aber auch im Rahmen ihrer Mandate und Fähigkeiten die wesentlichen zivilen Implementierungsaufgaben unterstützen. Sie muß zur Schaffung eines
sicheren Umfelds für die geregelte Rückkehr der
Flüchtlinge, den Einsatz gewählter Beamter in bestimmten Zielgebieten sowie für Wiederaufbauprojekte
- beispielsweise die zivile Luftfahrt und die Wiederherstellung der Kommunikation zwischen den Gebietskörperschaften - beitragen.
Wenn die Parteien ihren Rüstungskontrollverpflichtungen nicht nachkommen, hat der Befehlshaber der
SFOR auch die Option, Bewegungen und Ausbildung
des Militärs zu beschränken.
Die vollständige Einhaltung muß auf jedem Gebiet
unser Ziel sein. Und auch wenn dieses Ziel nicht mit
Gewalt durchgesetzt werden kann, werden wir denjenigen, die sich ihm widersetzen, unsere Hilfe verweigern. Wir werden in Bosnien nur solche Hilfe gewähren oder unterstützen, die zum Aufbau eines geeinten
Landes beiträgt, das den Menschen hilft, die zum
Erfolg des Daytoner Abkommens beitragen.
Das beinhaltet die uneingeschränkte Befolgung der
Anordnungen des Kriegsverbrechertribunals. Aus die-

*

AMERIKA DIENST 11

sem Grund bin ich zuversichtlich, daß für die Greueltaten, von denen Bosnien vier Jahre lang heimgesucht
wurde, ein Preis gezahlt wird. Bis er von denen
bezahlt wird, die diese Verbrechen begingen, wird er
von denjenigen gezahlt, die den Verbrechern Schutz
gewähren.
Wir werden das Unsrige tun, um den Menschen im
ehemaligen Jugoslawien die Ziele von Dayton verständlich zu machen. Wir möchten Südosteuropa zu
einem Teil der europäischen Hauptströmung machen.
Wir möchten, daß ein friedliches, geeintes Bosnien
seinen Platz in einem friedlichen, geeinten Europa
einnimmt. Und ich bin überzeugt, daß das eines
Tages der Fall sein wird.
Ich weiß, daß zur Zeit gerne behauptet wird, die
Euphorie, die ganz Europa 1989 erfaßte, sei naiv
gewesen und unsere Ziele seien bescheidener
geworden.
Wenn wir jedoch realistisch hinsichtlich des ruinösen
Vermächtnisses der Teilung Europas im Kalten Krieg
sind, haben wir allen Grund, uns über die bei ihrer
Überwindung gemachten Fortschritte zu freuen.
Die transatlantische Partnerschaft ist stark und für die
Bewältigung neuer Herausforderungen gerüstet.
Unsere europäischen Partner stärken ihre internen
Bande und beziehen den Osten ein. Wirkliche Freiheit
mit all ihren realen Unzulänglichkeiten hat in fast ganz
Zentraleuropa und der ehemaligen Sowjetunion Fuß
gefaßt.
Heute wollen die Menschen in praktisch jeder europäischen Nation - von der aufstrebenden Mittelschicht in
Estland und Polen über die jungen Demonstranten für
die Freiheit in Bulgarien und Serbien - Teil der zu
schaffenden Gemeinschaft sein. Und wir sind bereit,
sie willkommen zu heißen.
Meines Erachtens wird sich der Optimismus des
Jahres 1997 als bedeutungsvoller und dauerhafter
erweisen als die Begeisterung von 1989. Denn er
beruht nicht auf flüchtigen Hoffnungen, sondern auf
soliden Errungenschaften.
Es ist für mich ein großes Privileg, in den kommenden
Monaten und Jahren mit Ihnen an der Konsolidierung
dieser Errungenschaften zusammenzuarbeiten. Ich
freue mich über diese Chance und auf das Wiedersehen mit Ihnen allen in Madrid.

* * *

*

Seite 5

�EAPR
11.Juni 1997

Albright: Ziel ist die echte Integration Europas und
der transatlantischen Gemeinschaft
Rede der Außenministerin beim EAPR

SINTRA - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede von Außenministerin Albright anläßlich der Gründung
des Euroatlantischen Partnerschaftsrats (EAPR) am 30. Mai 1997.

Herr Generalsekretär, verehrte Kollegen. Wir kommen
heute hier zusammen, um einen weiteren Schritt zur
Vertiefung der Beziehungen zwischen der NATO und
ihren Partnerländern zu unternehmen. Wir beenden
die Arbeit des Nordatlantischen Kooperationsrats
(NAKR) und gründen den Euroatlantischen Partnerschaftsrat (EAPR).
Ich möchte einige Worte darüber sagen, wie wir an
diesem Punkt angelangt sind und wohin wir meines
Erachtens von hier gehen sollten.
Vor sechs Jahren, als der NAKR gegründet wurde,
waren die Überreste der Berliner Mauer noch sichtbar
und freie Institutionen begannen gerade erst, im Osten
Fuß zu fassen. Alle stimmten überein, daß etwas
getan werden mußte, um das ungeteilte Deutschland
zusammenzubringen.
Aber nicht alle stimmten
überein, was getan werden sollte.
Einige glaubten, daß in der Welt nach dem Kalten
Krieg alle Institutionen, an die wir uns gewöhnt hatten,
abgeschafft würden. Die NATO würde den Weg des
Warschauer Pakts gehen und aussterben, und wir
würden Hand in Hand in ein gemeinsames europäisches Haus gehen - eine Gemeinschaft, die alle
einbezog, aber keinem echte Pflichten auferlegte.
Andere nahmen an, unsere Herausforderung in
Zentral- und Osteuropa bestehe nur in der Bereitstellung von Hilfe und Rat. Sie hatten es nicht eilig,
unsere Institutionen Nationen und Völkern zu öffnen,
die fremd, weit entfernt und unaussprechlich schienen.
Mehr als alles andere lehrte der Krieg im ehemaligen
Jugoslawien uns, daß wir uns bei unserem Verhalten

AMERIKA DIENST 11

gegenüber den neuen Demokratien Europas weder
Unbestimmtheit noch Indifferenz leisten können.
Der Aufbau eines friedlichen, integrierten Europas war
ein vordringliches Ziel, das einen praktischen Plan und
erprobten Ansatz erforderte. Aus diesem Grund
entschieden wir, die Institutionen, die uns so lange so
gut gedient hatten - angefangen mit der NATO und der
EU - anzupassen und zu erweitern.
Der von zweien unserer herausragenden Vorgänger James Baker und Hans-Dietrich Genscher - ins Leben
gerufene NAKR war die erste Brücke, die die NATO
über die Trennlinie in Europa baute. Es war ein guter
Anfang. Unter anderem half er uns bei der ersten
Anpassung des KSE-Vertrags nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion. Aber jetzt haben wir sehr viel
mehr getan.
Die NATO beendete den Krieg in Bosnien - und unsere
Partner teilen jetzt mit uns die gleichen Risiken und
Errungenschaften.
Die Partnerschaft für den Frieden hat die Zusammenarbeit zwischen unseren Streitkräften so reibungslos,
kontinuierlich und erfolgreich gemacht, daß sie heute
schon selbstverständlich erscheint.
Und gestern
haben die NATO-Minister neue Maßnahmen verabschiedet, die unseren Partnern die Beteiligung an
der Planung und Umsetzung praktisch jeder von uns
durchgeführten Mission gestatten.
Die NATO und Rußland haben die Grundakte über ihre
neuen Beziehungen unterzeichnet.
Und gestern
haben die NATO und die Ukraine eine Charta para-

Seite 1

�phiert, die ihre spezielle Partnerschaft auf eine neue
Ebene bringt.

der Tagesordnung der NATO sowie der Tagesordnung
des EAPR stehen.

In 40 Tagen werden wir die erste Gruppe von Partnern
einladen, dem Bündnis beizutreten. Gestern habe ich
die NATO vor dem Nordatlantikrat zu einer klaren und
glaubwürdigen Zusage aufgefordert, daß die ersten
neuen Mitglieder nicht die letzten sein werden.

Vor allem unsere gemeinsamen Bestrebungen in
Bosnien erinnern uns daran, daß unsere neue Partnerschaft kein Mittel zum Zweck, sondern ein Aktionsinstrument ist.

Mit anderen Worten: Wir sind weit über den reinen
Dialog und die Zusammenarbeit hinausgegangen.
Heute streben wir die echte Integration Europas und
der transatlantischen Gemeinschaft an. Wir machen
ein Europa gemeinsamer Ideale zu einem Europa
gemeinsamer Pflichten.
Das ist das Ziel, das der EAPR verkörpern muß.
Wir erarbeiten gemeinsam eine neue Struktur. Der
EAPR wird der Partnerschaft für den Frieden eine
politische Dimension verleihen. Er wird der Ort sein,
an dem die Partner zur Gestaltung von Missionen wie
der IFOR und SFOR beitragen, die wir gemeinsam
durchführen. Er wird unsere Verteidigungsplanung in
Einklang bringen. Dort werden wir Konsultationen
über Rüstungskontrolle und die Nichtverbreitung von
Massenvernichtungswaffen,
Terrorismus,
zivile
Notstände und Katastrophenhilfe sowie das gesamte
Spektrum von Friedensunterstützungsoperationen
führen. Er wird zu der Gewährleistung beitragen, daß
die Partner am Verhandlungstisch sind, wenn wir
unsere gemeinsamen Unternehmungen planen - und
auf dem Boden, wenn wir sie umsetzen.
Er wird nicht nur der Ort für diejenigen sein, die eine
Mitgliedschaft in der NATO anstreben, sondern auch
für diejenigen, die sich dagegen entscheiden. Und er
wird unsere gemeinsamen Bestrebungen in der OSZE
ergänzen.
Der EAPR ist Teil einer umfassenderen Struktur, die
wir zur Verhinderung künftiger Konflikte in Europa
aufbauen. Er verkörpert unsere Auffassung, daß wir
mehr tun müssen, als nur auf Krisen zu reagieren daß wir dem Entstehen einer Bedrohung Vorschub
leisten, wenn wir auf das Entstehen einer Bedrohung
warten.
Gleichzeitig wäre es unverantwortlich, unsere gesamte
Zeit auf einen großartigen Entwurf der Zukunft zu
verwenden, wenn wir die realen Bedrohungen für das
menschliche Leben und die Freiheit ignorieren, mit
denen sich Europa zur Zeit konfrontiert sieht. Heute
müssen viele dieser Bedrohungen in Südosteuropa
angegangen werden. Unser Ziel muß der Aufbau von
Stabilität in dieser Region sein, während wir gleichzeitig Fortschritte bei unseren Bemühungen zur
Anpassung der NATO und Gestaltung eines ungeteilten Europa erzielen. Dieses Ziel sollte weit oben auf

Seite 2

Die SFOR-Mission wird noch ein weiteres Jahr in
Bosnien stationiert bleiben. Wir werden unsere Zeit
nicht aufs Spiel setzen. Wir sind entschlossen, den
Status quo zu verbessern, nicht nur zu bewahren. Wir
werden uns nicht mit weniger zufriedengeben als der
uneingeschränkten Umsetzung des Abkommens von
Dayton.
Wir haben die Verantwortung sicherzustellen, daß
unsere Truppen ohne die Furcht abziehen können,
daß die unsere Interessen bedrohende Gewalt wieder
ausbricht. Aus diesem Grund haben die Vereinigten
Staaten eine Wiederbelebung der zivilen Aspekte des
Daytoner Abkommens gefordert. Die Risiken des
Zurückschreckens vor dieser Verantwortung sind sehr
viel größer als die Risiken ihrer Übernahme.
Albanien ist ein weiteres Beispiel der Art von Krise, der
wir uns in den kommenden Jahren in Europa und
darüber hinaus gegenübersehen und der Notwendigkeit der NATO und des EAPR, gemeinsam mit der
OSZE unsere Anstrengungen auf die Verhinderung
von Konflikten zu konzentrieren. Die Zusammensetzung der multinationalen Streitmacht in Albanien
erinnert uns auch daran, daß die Friedensoperationen
in Europa von jetzt an von Verbündeten und Partnern
durchgeführt werden, die zusammenarbeiten.
Ich beglückwünsche Italien, Frankreich, Rumänien und
die anderen Mitglieder der multinationalen Streitmacht
zu ihrer Führungsrolle bei der Reaktion auf diese
Krise. Meines Erachtens sollte die NATO jetzt in
absehbarer Zukunft ein Bewertungsteam des Obersten
Hauptquartiers der Alliierten Streitkräfte in Europa
(SHAPE) nach Albanien entsenden um festzustellen,
wie das Bündnis zu einem funktionierenden, demokratisch kontrollierten Militär in diesem Land beitragen
kann. Die Ergebnisse einer solchen Mission sollten im
EAPR erörtert werden, so daß wir alle effektiv auf die
Wiederherstellung von Stabilität in dieser krisengeschüttelten Region hinarbeiten können.
Die ehemalige Republik Mazedonien ist ein weiteres
Pulverfaß in Südosteuropa. Die Präventiveinsatztruppe der Vereinten Nationen ist seit 1992 stationiert,
und wir begrüßen die gestrige Erneuerung ihres
Mandats. Wenn wir uns zu einem Abzug der UNStreitmacht entscheiden, wird der EAPR der geeignete
Ort für die Diskussion darüber sein, wie wir konstruktiv
engagiert bleiben können.

AMERIKA DIENST 11

�Aus all diesen Gründen bin ich überzeugt, daß der
EAPR unseren Interessen dienen wird, unabhängig
davon, ob die NATO sich für die Aufnahme neuer
Mitglieder entschieden hätte oder nicht. Denn mit
diesem Rat und seinen Mitgliedern werden wir unsere

gemeinsame Reaktion auf die wahrscheinlichsten
Eventualfälle erarbeiten, mit denen wir uns jetzt in
Europa konfrontiert sehen. Ich freue mich, daß wir
heute beginnen können.

* * * * *

AMERIKA DIENST 11

Seite 3

�BOSNIEN
11. Juni 1997

Daytoner Abkommen muß von allen
Parteien eingehalten werden
Rede von Außenministerin Madeleine Albright

SINTRA - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir den vorbereiteten Text der Rede, die Außenministerin Madeleine
Albright am 30. Mai 1997 in Sintra beim Ministertreffen des Rates zur Implementierung des Friedens in Bosnien
hielt.

Verehrte Kollegen, zunächst möchte ich Carl Bildt für
die von ihm während der letzten anderthalb Jahre und
zuvor geleistete ausgezeichnete Arbeit für den Frieden
in Bosnien danken.
Das Amt des Hohen Repräsentanten ist für unsere
Bestrebungen zur Durchsetzung des DaytonerAbkommens von zentraler Bedeutung. Wir begrüßen
die Entscheidung für Carlos Westendorp und sehen
der intensiven Zusammenarbeit mit ihm erwartungsvoll
entgegen. Er wird wahrscheinlich die internationale
Staatengemeinschaft eindringlich um Hilfe bitten.
Wir sind unter anderem hier in Sintra, weil die NATO
an der Spitze gemeinsamer Bestrebungen zum Aufbau
eines vollkommen friedlichen und freien Europas ohne
Mauern steht. Wir nehmen an diesem Ministertreffen
teil, weil wir uns bewußt sind, daß unsere Vision von
Europa erst dann realisiert werden kann, wenn wir das
Daytoner Abkommen über den Frieden in Bosnien
vollständig umsetzen.
Die Implementierung der Vereinbarungen von Dayton
war schon immer ein ehrgeiziges Ziel. Manche sind
der Ansicht, es könne nichts unternommen werden,
um den Haß und die Spaltungen zu überwinden, die
den Frieden in Bosnien immer noch bedrohen ebenso wie früher manche glaubten, es könne nichts
zur Beendigung des Krieges unternommen werden.
Wir sind zur Durchsetzung des Daytoner Abkommens
entschlossen - nicht aus Sturheit, sondern weil wir
Realisten sind.

AMERIKA DIENST 11

Denn es gibt keine Alternative zu Dayton außer dem
Schrecken, dem das Abkommen ein Ende setzte. Es
gibt keine Alternative zu einem geeinten Bosnien außerdem Wiederaufflammen der Gewalt, zu dem ein
Scheitern unweigerlich führen würde.
Dayton war als Abmachung zwischen der internationalen Gemeinschaft einerseits und den Parteien in
Bosnien andererseits konzipiert.
Wir sind entschlossen, unseren Teil dieser Abmachung
einzuhalten.
Unsere ersten Sicherheitsziele sind bereits erreicht
worden. Die Streitkräfte wurden entflochten und
zahlenmäßig verringert; es wurden vertrauensbildende
Maßnahmen ergriffen und alle schweren Waffen in den
Quartieren eingelagert.
Die Vereinigten Staaten
arbeiten im Rahmen des Ausbildungs- und Ausrüstungsprogramms mit anderen Ländern an der
Stabilisierung des langfristigen Sicherheitsumfelds
zusammen. Die Bestrebungen der internationalen
Staatengemeinschaft zur Entschärfung von Landminen
haben möglicherweise mehr Menschenleben gerettet
als uns bewußt ist.
All dies hat in Bosnien den Übergang von einem
Kriegsgebiet zu einem Wirtschaftsgebiet ermöglicht.
Die wichtigsten Straßen, Eisenbahnverbindungen und
Brücken werden wieder aufgebaut. Grundlegende
Dienstleistungen wie Wasser- und Stromversorgung
werden wieder bereitgestellt. Die Wirtschaft wächst
wieder.

Seite 1

�Auch der politische Wiederaufbau ist im Gange. Es
wurden landesweit friedliche Wahlen veranstaltet. Und
es wurden alle drei Volksgruppen einbeziehende
Institutionen gegründet, die ihre Arbeit aufgenommen
haben.
Heute beglückwünsche ich alle drei Parteien zu einem
entscheidenden Fortschritt bei der Annahme des
letzten Elements eines Startpakets elementarer
Wirtschaftsgesetze. Dies ist ein klares Anzeichen für
die Entschlossenheit der Parteien nach dem Anfang
dieser Woche erzielten Übereinkommen über die
Zentralbank und die Zollgesetze, die beide die Grundlage für eine Vereinbarung mit dem IWF darstellen.
Ich möchte Carl Bildt und Michael Steiner für ihre harte
Arbeit bei der Erlangung dieses Abkommens danken.
Die Vereinigten Staaten waren stolz auf ihre Mitwirkung, die Parteien zu diesem wichtigen Schritt
gedrängt zu haben, wie auch ich es bei meiner
Zusammenkunft mit den drei Präsidenten vor zwei
Stunden tat.
Die internationale Staatengemeinschaft muß noch viel
unternehmen, um ihren Verpflichtungen nachzukommen. Vor allem können wir nicht zulassen, daß so
viele unserer obersten Prioritäten in Bosnien keine
Finanzmittel erhalten.
Wenn wir dauerhafte öffentliche Sicherheit in Bosnien
wünschen, müssen wir die Polizei ausbilden und
ausrüsten. Wenn wir möchten, daß das bosnische
Volk die Verantwortung für die Gestaltung seiner
Zukunft übernimmt, müssen wir die bevorstehenden
Kommunalwahlen angemessen unterstützen. Wenn
wir die Rückkehr der Flüchtlinge wünschen, müssen
wir unseren Teil zur Unterstützung der Vermögenskommission beitragen, die über widersprüchliche
Ansprüche entscheidet.
Solange die Parteien ihren Verpflichtungen nachkommen, müssen wir bei der bevorstehenden Konferenz der Geberländer bereit sein, das Ziel von neuen
Zusagen in Höhe von 1,4 Milliarden Dollar zu erreichen.
Die erzielten Fortschritte reflektieren außengewöhnliche internationale Bestrebungen, die Beiträge von 48
Ländern und Dutzenden multilateraler und privater
Organisationen beinhalten. Dieses Unternehmen bot
eine Chance, die viele Bosnier zum Wiederaufbau
ihres Lebens sowie zur Verbesserung der Zukunftsaussichten für ihre Kinder nutzten.
Wir müssen bei unserer Einschätzung der Leistungen
vieler Politiker dieses Landes, von denen einige heute
hier sind, jedoch offen und ehrlich sein.
Mit wenigen Ausnahmen haben sie keine echte
politische und soziale Integration gefördert. Die

Seite 2

dreigeteilten politischen Institutionen verwirklichen bei
weitem nicht ihr Potential. Die Rückkehr der Flüchtlinge und Vertriebenen in ihre Heimat stößt weiterhin
auf Widerstand. Insbesondere Srpska ist bei der
Erfüllung seiner Rüstungskontrollverpflichtungen weit
in Verzug.
Die grundlegenden Menschenrechte unterliegen
Beschränkungen. Viele Bosnier haben keinen Zugang
zu freien Medien. Die Zusammenarbeit mit dem
Kriegsverbrechertribunal ist mangelhaft.
Die Parteien können nicht auswählen, welchen
Elementen des Daytoner Abkommens sie den Vorzug
geben und welche sie lieber ignorieren. Das Lenkungsgremium spricht mit einer Stimme wenn wir
sagen, daß es kein business as usual für die Politiker
und Militärs in Bosnien geben wird, wenn die wichtigsten Aspekte der Implementierung nicht befolgt
werden.
Wir werden in Bosnien nur solche Hilfe gewähren oder
unterstützen, die zum Aufbau eines geeinten Landes
beiträgt oder den Menschen hilft, die zum Erfolg des
Daytoner Abkommens beitragen. Diese Botschaft
werde ich an diesem Wochenende mit nach Bosnien,
Kroatien und Serbien nehmen.
Das beinhaltet beispielsweise, daß wir den Kommunalbehörden keine Wirtschafthilfe gewähren, die die
Rückkehr der Flüchtlinge blockieren - seien es kroatische Behörden, die zulassen, daß in Drvar serbische
Häuser niedergebrannt werden oder serbische
Behörden, die zulassen, daß in Gajevi muslimische
Häuser zerstört werden.
Für die Vereinigten Staaten bedeutet das, daß unser
neues Unterstützungsprojekt Open Cities Support
Project nur die Gemeinden unterstützt, die bereit sind,
den ethnischen Minderheiten angehörenden Flüchtlingen eine sichere Heimkehr zu ermöglichen. Uns
stehen 8,6 Millionen Dollar zur Wiederherstellung von
Gebäuden, Gewährung von landwirtschaftlicher Hilfe
und Geschäftskrediten sowie zur Ausbildung von
Arbeitnehmern in bestimmten Gemeinden zu Verfügung.
Das bedeutet, Beamte, die betrügen oder die bevorstehenden Wahlen fälschen wollen, dürfen nicht
kandidieren.
Das bedeutet, wir engagieren uns dafür sicherzustellen, daß Ende dieses Jahres jede Gemeinde einer
bestimmten Größe in jedem Teil Bosniens Zugang zu
unabhängigen Rundfunk- und Fernsehberichten hat,
die keine Falschinformationen oder Haß verbreiten.
Das bedeutet, daß das Ausmaß unserer Unterstützung
für die beiden Gebietskörperschaften von deren

AMERIKA DIENST 11

�Bereitschaft zur Zusammenarbeit mit dem Kriegsverbrechertribunal abhängt.
Das bedeutet, wenn die bosnische Regierung nicht bis
Ende dieses Sommers Botschafter nominiert und
bestätigt, die die neuen gemeinsamen Institutionen
vertreten, werden wir nicht mit denen verhandeln, die
über die festgesetzte Zeit hinaus im Amt bleiben.
Das bedeutet, unsere Fähigkeit zur Veranstaltung der
Konferenz der Geberländer hängt von der Bereitschaft
der Parteien zur Durchsetzung des neuen vereinbarten
Pakets elementarer Wirtschaftsgesetze ab.
Und vor allem bedeutet es, daß die Parteien weder der
internationalen Staatengemeinschaft beitreten noch
von der Zugehörigkeit zur europäischen oder globalen
Wirtschaft profitieren können, bis sie bei der Einhaltung des Daytoner Abkommens größere Fortschritte
machen. Das trifft auch auf Kroatien und Serbien zu die ihre in Dayton eingegangenen Verpflichtungen
erfüllen müssen, auch im Hinblick auf Kriegsverbrecher.
Ich möchte nicht die bereits erzielten bemerkenswerten Fortschritte verschweigen.
Der Krieg ist
beendet. Heute sprechen wir über die Bestrafung von
Kriegsverbrechen und brauchen nicht mehr zu bera-

*

AMERIKA DIENST 11

ten, wie wir ihnen ein Ende setzen können.
Aber anderthalb Jahre nach Dayton reicht es nicht aus
zu sagen, daß die Kämpfe beendet wurden. Wir
müssen den Blick auf die Zukunft richten und uns
fragen, wie Bosnien in fünf oder zehn Jahren aussehen wird.
Schließlich sind die wichtigsten Wahlen nicht die von
1996 oder 1997, sondern die von 1998, wenn das
Mandat der SFOR ausgelaufen ist, sowie jede danach
abgehaltene ehrliche Wahl.
Die wichtigsten Kinder sind nicht nur diejenigen, die wir
heute in ihre Heimat zurückbringen können, sondern
diejenigen, die heute geboren werden und nie die
Angst und den Schmerz kennenlernen sollten, die eine
Flucht mit sich bringt.
Die wichtigste Sicherheit ist nicht nur, daß heute in
Sarajevo kein Gewehrfeuer zu hören ist, sondern die
Gewährleistung eines friedlichen Bosnien in einem
friedlichen, geeinten Europa.
Das - und nichts Geringeres - müssen unsere Ziele
sein. Zu ihrer Erlangung verspreche ich, mein Bestes
und das Beste der Vereinigten Staaten zu geben, und
ich erbitte von Ihnen dasselbe.

* * *

*

Seite 3

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                <text>&lt;strong&gt;1. Marshallplan&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Geist des Marshallplan muss für die nächsten 50 Jahre und darüber hinaus wirken&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede von Präsident Clinton&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Die Integration Europas hängt vom Daytoner Abkommen ab&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede von Außenministerin Albright an der Harvard University&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. NATO&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Eine neue NATO mit neuen Missionen, neuen Mitgliedern und neuen Partnern&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede des Präsidenten in West Point&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Grundakte bedeutet Aufgabe der Selbstisolierung Russlands&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede von Außenministerin Albright beim Nordatlantikrat&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. EAPR&lt;/strong&gt; &lt;br /&gt;Albright: Ziel ist die echte Integration Europas und der transatlantischen Gemeinschaft&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede der Außenministerin beim EAPR&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;4. Bosnien&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Daytoner Abkommen muss von allen Parteien eingehalten werden&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede von Außenministerin Madeleine Albright&lt;/em&gt;</text>
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                <text>&lt;strong&gt;1. Hauptregel: Geduld&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Frank C. Laubach, der "Lesedoktor" der Philippinen&amp;nbsp;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Amerika liebt neue Musik&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Schallplattenindustrie fördert Verständnis für zeitgenössische Komponisten&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. "Das Tal" am Rio Grande&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Ein Garten Eden entstand in der Wüste&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;4. Inder, Koreaner und Indonesier warnen vor dem Kommunismus&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;5. Anhang&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Ziel der USA: Freiheit in einer Welt des Friedens&lt;br /&gt;Wortlaut einer Rede des US-Vizepräsidenten Richard M. Nixon vom 30. Juni 1956 in Miami (Florida)</text>
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