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                    <text>nrormciuon
und
Dokumentation
International Communication Agency
Embassy of the United States of America

10. Dezember 1980

54
4

INHALT

INFORMATION
Mehr Nachdruck auf Umweltschutz in CCMS-Gremien
DOKUMENTATION
Brzezinski:

USA brauchen Unterstützung der Verbündeten

- Rede des US-Sicherheitsberaters in Montreal Amerikanische Erklärung zum Thema "Vertrauensbildende Maßnahmen"
auf der KSZE-Folgekonferenz in Madrid
HINTERGRUNDMATERIAL
Reagan fordert mehr Verständnis für Wissenschaft und Technik
- Angewandte Forschung soll gefördert werden -

Um Über/endung von
Belegexemplaren
wird gebeten

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Tel.: 0228-339 22 40
Telex: 08-85432

�10. Dezember 1980

54

MEHR NACHDRUCK AUF UMWELTSCHUTZ IN CCMS-GREMIEN

- (AD) - Umweltbehörden von 15 Ländern des Atlantischen Bündnisses
vereinbarten auf der jüngsten Tagung des Umweltausschusses der NATO (CCMS Committee on the Challenges of Modern Society) Ende November 1980 in
Brüssel eine verstärkte internationale Zusammenarbeit, um "der Herausforderung
der nächsten Generation von Technologie in den kommenden 30 oder 40 Jahren
gerecht zu werden". So formulierte es Douglas M. Costle, der Leiter des
amerikanischen Bundesamtes für Umweltschutz (EPA).

In einem umfassenden

informellen Bericht über die in den Vereinigten Staaten vorherrschenden
Meinungen führte Costle den Delegierten vor Augen, daß sich die Welt nicht
nur technischen, sondern auch "gesellschaftlichen Herausforderungen"
bei ihren Versuchen gegenübersehe, Ersatzenergien für Erdöl zu finden.
Er rechnet künftig mit ausgedehnter Anwendung von Kohle und Kernkraft Entwicklungen, die mit Sicherheit neue Umweltgefahren mit sich bringen,
welche "unsere Fähigkeiten auf die Probe stellen werden".
John Roberts, der kanadische Umweltminister, hob hervor, daß erst
jetzt, da man sich eingehend mit Umweltproblemen befasse, klar werde,
wie schwer ihnen innerhalb nationaler Grenzen beizukommen sei.

"Wir schaffen

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Telex: 08-85432

�schaffen diese Probleme gemeinsam - und wir werden sie nur lösen, wenn
wir gemeinsam handeln".

Die Delegierten sahen in den informell geführten

Diskussionen eine überaus nützliche Chance zum Informations- und Meinungsaustausch über den Schutz von Gesundheit und Umwelt in den von ihnen
vertretenen Ländern.
Im Oktober 1981 sind zwei wichtige CCMS-Konferenzen vorgesehen, deren
eine (in Washington) der Überprüfung der Fortschritte auf dem Gebiet der
Beseitigung gefährlicher Abfälle, und deren zweite (in der Bundesrepublik
Deutschland) der Bewertung des Einflusses der Technologie auf Prozesse
der Entscheidungsfindung gewidmet ist.

Auf dem letztgenannten Symposium

soll auch erörtert werden, welchen Einfluß die Öffentlichkeit, wie etwa
die Medien, öffentliche Einrichtungen und Universitäten, auf Entscheidungen
anderer gesellschaftlicher Gruppen hat.
Auf der Brüsseler Konferenz (24.-25. November) berichtete ein
französischer Delegierter über französisch-britische Tests für ein
"verheißungsvolles Verfahren", um Schiffe zu ermitteln, die in Küstengewässern öl ablassen.

Während sich die gegenwärtigen Überwachungstechniken

auf fotographische Aufnahmen bei Tage konzentrieren, mit deren Hilfe
derartige "ölsünder" ausgemacht werden können, deuten in Großbritannien
angestellte Versuche darauf hin, daß elektronische Sensoren das Ablassen
von öl auch bei Nacht aufzuspüren vermögen.

Das Verfahren wird gegenwärtig

noch verbessert; 1981 sind endgültige Resultate zu erwarten.
Ein weiteres wichtiges Tagungsthema war die Frage, ob die Erörterung
von möglichen Umweltschäden durch militärische Aktivitäten in Friedenszeiten weiterhin in den CCMS-Gremien, die ja nichtmilitärische Probleme
behandeln und denen auch Länder außerhalb des NATO-Bündisses angehören,
erfolgen soll.

Auf einem kürzlich in München abgehaltenen Seminar, auf dem

man sich speziell mit dieser Frage befaßte, hatte sich eine Reihe von
Ländern dafür ausgesprochen, den Informationsaustausch auf multinationaler

�multinationaler Ebene fortzuführen.
Ferner kamen die Delegierten in Brüssel überein, die CCMS-Stipendienprogramme zu stärken und künftig enger mit den laufenden Leitstudien zu
verknüpfen.

Von den seit 1959 in Angriff genommenen 29 Leitstudien, die

die Lebensqualität in den westlichen Ländern verbessern helfen sollen,
wurden 10 abgeschlossen.

Die restlichen 19 Projekte befinden sich entweder

im aktiven Stadium oder werden durch Folgeprogramme weitergeführt - u.a.
Maßnahmen zur Kontrolle von Luftverschmutzung unter Federführung der
Bundesrepublik Deutschland und die sog. integrierte Schädlingsbekämfpung
unter Federführung der USA.

Dies ist eine interdisziplinär Methode mit

koordinierter Anwendung vielfältiger Verfahren zur Schädlingsbekämpfung,
wobei sowohl die Notwendigkeit als auch die Gefährlichkeit von Pestiziden
voll berücksichtigt, chemische Verfahren auf ein Mindestmaß beschränkt und
natürliche Prozesse voll ausgeschöpft werden sollen.

+ + + + +

- 3 -

�10. Dezember 1980

54

BRZEZINSKI: USA BRAUCHEN UNTERSTÜTZUNG DER VERBÜNDETEN
- Rede des US-Sicherheitsberaters in Montreal -

MONTREAL - (AD) - Der Sicherheitsberater Präsident Carters, Zbigniew
Brzezinski, hat am 5. Dezember 1980 in einer Rede vor dem Kanadischen Club
in Montreal erklärt, die Vereinigten Staaten brauchten die Unterstützung
ihrer Verbündeten in Europa und Asien, um einen Sicherheitsrahmen im Persischen Golf aufbauen zu können.

Die Interessen dieser Verbündeten seien

in diesem Gebiet noch mehr berührt als die der USA.
Die Rede Brzezinskis hat folgenden Wortlaut:
Ich möchte heute zu Ihnen über den jüngsten - und einen der herausragendsten - Aspekte des 35jährigen Strebens Amerikas nach Frieden und globaler Stabilität sprechen.

Ich möchte die Anstrengungen der Carter-Administra-

tion erörtern, einen Rahmen für die regionale Sicherheit in dem lebenswichtigen und turbulenten Gebiet Südwestasiens zu errichten, das den Persischen
Golf und den Mittleren Osten einschließt.
Diese Anstrengungen befinden sich im Anfangsstadium.

Sie sind jedoch

Teil einer wesentlichen und dauerhaften amerikanischen Verpflichtung zur För-

Postfach 20 03 00 Tel.: 0228-339 22 40
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Telex: 08-85432

�Förderung eines Klimas der Stabilität in der Welt, in dessen Rahmen der
Wandel sich zu positiven statt zu zerstörerischen Zielen hin auswirken kann.
Der rasche und alles aus dem Gleichgewicht bringende Wandel ist eine
der Realitäten unserer Zeit.
könnten.

Er ist keine Entwicklung, die wir umkehren

Er kann nicht durch bekannte aber vereinfachte Theorien wegdisku-

tiert werden, daß aller Protest kommunistisch inspiriert oder daß aller Umsturz einer angeblichen amerikanischen Schwäche oder westlichen Uneinigkeit
zuzuschreiben sei.
Der politische Wandel ist seiner Natur nach verschiedenen Ursprungs
und in seinen praktischen Auswirkungen auf die internationalen Beziehungen
vielfältig.

Die Veränderungen, mit denen sich die Macht und Zielsetzung

des Westens befassen muß, schließen demographische, wirtschaftliche, gesellschaftliche und politische Veränderungen ein.

Sie entstehen größtenteils

aus dem dramatischen Erwachen von Völkern, die einst passive Subjekte waren,
aber heute aktive und unruhige Teilnehmer an einem politischen Prozeß sind,
der zwar weltweit, aber noch nicht in geordneten Bahnen eingesetzt hat.
Wenn es ein Einzelereignis gibt, das den Beginn dieses umfassenden Prozesses des Wandels kennzeichnet, dann ist es das Ende des Zweiten Weltkrieges. Der Krieg zerstörte nicht nur europäische Großmächte, sondern auch die
eurozentrische Weltordnung, die den Rahmen für internationale Rivalität aber
auch Entwicklung abgegeben hatte. Aus diesem Zusammenbruch gingen die Vereinigten Staaten als die vorherrschende, aber nicht einzige Weltmacht hervor. •
Wir hatten es damals - wie heute - mit einem Rivalen zu tun: der Sowjet- '
union. Und dieser Rivale schien damals in einer Lage zu sein, die Kontrolle
über Europa und Asien zu gewinnen, -deren Verteidigung und Wirtschaft in
Trümmern lag.
•

Aus diesem Zusammenhang heraus nahmen die Vereinigten Staaten und ihre
Verbündeten die Aufgabe auf sich, die sowjetische Macht einzudämmen.

- 2 -

Der

�Der sowjetische Druck auf Berlin rief amerikanische Befürchtungen hervor,
die Kommunisten könnten bis zum Atlantik vordringen.

Der Sieg der Roten

Armee in China im gleichen Zeitraum ließ die Möglichkeit einer kommunistischen
Beherrschung selbst Japans erwarten.

Als Antwort auf diese klar erkannten Herausforderungen unternahm Amerika
von 1945 bis 1955 die erste große Phase seines Engagements in der Welt. Wir
verpflichteten uns, Westeuropa wieder aufzubauen und seine Sicherheit zu gewährleisten.

Aus diesem Engagement heraus entstanden der Nordatlantikvertrag

und der Marshall-Plan.

Zusammen ermöglichten sie den Wiederaufbau Europas

als lebendige Macht in der Weltpolitik.

Etwa zum gleichen Zeitpunkt - nur von längerer Dauer - begann Amerika
sein zweites großes Unternehmen:
Osten.

die Herstellung der Stabilität im Fernen

Ausgelöst durch den Koreakrieg fand dieses Streben Mitte der fünf-

ziger Jahre seinen Ausdruck auch in dem amerikanisch-japanischen Friedensvertrag und der daraus resultierenden Beziehung auf dem Gebiet der Verteidigung.

Die Bemühungen um Stabilität im Fernen Osten zogen sich jedoch sehr

viel länger hin und waren viel komplexer.

Später zogen uns diese Bemühungen in den schmerzlichen, uns schwächenden Vietnam-Konflikt hinein.

Trotzdem konnte man Ende der siebziger Jahre

mit der Normalisierung der amerikanisch-chinesischen Beziehungen davon sprechen, daß ein lebensfähiges System der Abschreckung - zu dem eine Sicherheitsbeziehung zu Japan und zu Südkorea sowie eine bessere Verständigung
mit China gehört - entstand, das in ähnlicher Weise eine Abschreckung vor
sowjetischen Ambitionen bot.

Weltfriede und internationale Stabilität beruhten somit auf der amerikanischen Verpflichtung für die Unabhängigkeit und Sicherheit zweier zentraler
strategischer Zonen:

Westeuropa und Fernost.

Eine Bedrohung einer dieser

beiden zentralen strategischen Zonen wurde automatisch als eine Berührung
amerikanischer Interessen betrachtet.

- 3 -

Die amerikanische Macht wurde als

�als bereit angesehen, der Bedrohung eines (sowjetischen) Expansionismus entweder nach Westen oder nach Osten zu begegnen.
Zum Teil auch um diese beiden strategischen Zonen zu überwinden oder
sie in der Flanke zu umfassen, unternahm die Sowjetunion unter Chruschtschow
und dann später unter Breschnew eine Reihe von Manövern - vor allem in der
Dritten Welt.

In der Ausweitung des sowjetischen Einflusses auf Kuba und

auf bestimmte Gebiete in Afrika fand diese Strategie zum Teil ihren Ausdruck;
aber die sowjetischen Erfolge lagen weitgehend an der Peripherie, wurden gelegentlich auch wieder zurückgedrängt und reichten niemals aus, um die eine
oder die andere der beiden zentralen strategischen Zonen zu bedrohen.
In den jüngsten Jahren nun - was von einigen schon weitaus früher erkannt worden war - gewann eine dritte strategische Zone eine entscheidend
wichtige Bedeutung für die Vereinigten Staaten und ihre Verbündeten: die Region, die wir heute als Südwestasien bezeichnen, einschließlich des Persischen
Golfs und des Mittleren Ostens.

Der wirtschaftliche Wohlstand Westeuropas

und des Fernen Ostens sind von dieser Region abhängig.

Ihre Beziehung zu

diesem Gebiet und seinen Ölquellen macht es zur dritten zentralen strategischen Zone, die von lebenswichtigem Interesse für uns wie für unsere wichtigsten Verbündeten ist.
Eine Reihe von Jahren hindurch war diese Region von sowjetischem Einfluß durch einen Staatengürtel abgeschirmt, der sich von der Türkei über das
Kaspische Meer und über Afghanistan erstreckte und der als eine Pufferzone
das im wesentlichen prowestliche Pakistan schützte. Iran nahm eine Schlüsselstellung in diesem Staatengürtel ein. Es bildete sozusagen das Scharnier
für ein Sicherheitssystem, das den Persischen Golf von der Sowjetunion absperrte.
In der zweiten Hälfte der siebziger Jahre kam dieses Gebiet unter wachsenden Druck von außen.

Bis zu einem gewissen Ausmaß wurde es in den Flanken

umgangen durch die plötzliche militärische Präsenz der Sowjets in SüdJemen

- 4 -

�Südjemen und durch Helfershelfer der Sowjets in Äthiopien.

Der Taraki-

Coup in Afghanistan im März 1978 öffnete dann das Tor für ein direktes sowjetisches Engagement und die anschließende militärische Besetzung dieses Landes Ende des Jahres 1979 und Anfang 1980.
Gleichzeitig aber sind die Länder dieses Gebiets ein Beispiel für die
Realität des Wandels, von der ich vorhin gesprochen habe.

Diese Länder sehen

sich einer wachsenden Gefahr von innen gegenüber - der Hinfälligkeit der lokalen Regime unter dem Druck der Modernisierung und dem wachsenden Einfluß
der islamischen Renaissance.
spiel.

Der Sturz des Schah ist das überzeugendste Bei-

Der Krieg zwischen dem Iran und dem Irak hat Weiter zu der Möglich-

keit regionaler Wirren und Unruhen beigetragen, die auf eine ganze Reihe von
Staaten entlang des Persischen Golfs übergreifen und dadurch ein Viertel der
Weltölproduktion ausfallen lassen könnten.

Und natürlich werden durch diese

unstabilen Verhältnisse neue Möglichkeiten für ein politisches und militärisches Eingreifen der Sowjets geschaffen.
Als Reaktion auf diese strategische Realität hat dann Präsident Carter
bereits im Januar 1980 in der Carter-Doktrin, wie man sie später genannt
hat, proklamiert:

Jeder Versuch einer äußeren Macht, die Kontrolle über die

Region am Persischen Golf zu erlangen, wird als ein Angriff auf die lebenswichtigen Interessen der Vereinigten Staaten von Amerika angesehen werden,
und ein solcher Angriff wird mit allen notwendigen Mitteln, einschließlich
militärischer Gewalt, zurückgewiesen werden.

Das Ergebnis dieser Erklärung

in aller Kürze war eine neue und historisch bedeutsame Verpflichtung der Vereinigten Staaten - eine Verpflichtung, die langfristige Implikationen für
das achte Jahrzehnt dieses Jahrhunderts hat.

In ihr spiegelt sich die Er-

kenntnis wider, daß die zentrale Herausforderung dieses Jahrzehnts wahrscheinlich genau so massiv und anhaltend sein wird, wie die, der sich die
amerikanische Führung in den ersten Jahrzehnten nach Ende des Zweiten Weltkrieges gegenübersah.
Damals mußten wir für die Sicherheit und den Wiederaufbau Westeuropas
sorgen und gleichzeitig vor einer sowjetischen Invasion abschrecken.
- 5 -

Heute

�Heute müssen wir die richtige Mischung militärischer und diplomatischer
Initiativen finden, um die Sicherheit einer Region zu gewährleisten, die
für uns absolut lebenswichtig ist, wo wir aber nicht einfach die Erfahrungen aus der Gestaltung des Atlantischen Bündnisses kopieren können.
Wir werden vor sowjetischem Expansionismus abschrecken müssen.
werden einen Sicherheitsrahmen schaffen müssen.

Wir

Wir werden in aller Stille

zu Lösungen regionaler Streitigkeiten beitragen müssen.

Und wir werden eine

Vielzahl formeller und informeller Beziehungen in einer Region herstellen
müssen, die gegenüber ausländischer Präsenz empfindlich ist; wo stolze und
argwöhnische Völker sich erst kürzlich von kolonialem Einfluß befreit haben.
Dementsprechend können wir in der Region des Persischen Golfes nicht
einfach ein Abbild der NATO schaffen.

Das lassen die politischen und wirt-

schaftlichen Verhältnisse dieser Region nicht zu.
Werte würden das nicht dulden.

Die dortigen Kulturen und

Die Notwendigkeit, den positiven Wandel

zu fördern, statt wieder eine Sicherheit im Rahmen bekannter Muster aufzubauen, macht eine Wiederholung alter Formeln unmöglich.
Ebenso wenig können wir dort allein einen Sicherheitsrahmen aufbauen.
Andere müssen uns helfen - nicht nur befreundete Staaten in der Region
selbst, sondern auch unsere europäischen und asiatischen Verbündeten. Ihre
lebenswichtigen Interessen werden noch unmittelbarer berührt als unsere.
Die Amerikaner müssen jedoch die Führung übernehmen, denn einer potentiellen
sowjetischen Bedrohung kann nur wirksam begegnet werden, wenn wir bei ihrer
Beantwortung vorangehen.
Ein Sicherheitsrahmen für die Region kann nicht nur oder nicht in
erster Linie ein militärischer Rahmen sein, obwohl die militärische Komponente von entscheidender Bedeutung ist. Er muß auch diplomatische und wirtschaftliche Komponenten in der Region und - gegen die Sowjetunion gerichtet außerhalb der Region enthalten. Die Carter-Administration hat eine Reihe
militärischer Initiativen und Schritte ergriffen, die das Fundament für

- 6 -

�für eine entstehende Struktur legen, um sowohl die Unabhängigkeit als auch
die Friedensaussichten zu stärken.

Es ist ein Anfang, aber unser Fortschritt

ist ermutigend, und ich möchte Ihnen kurz berichten, was geleistet worden
ist.
Auf dem militärischen Felde sind wir mit zwei großen, sich ergänzenden
Anstrengungen vorgegangen.
Erstens, um über die Fähigkeit zu verfügen, die Sowjetunion mit einer
glaubwürdigen Abschreckung zu konfrontieren und unsere Verbündeten in dem
Gebiet zu bestärken, müssen wir in der Lage sein, amerikanische Streitkräfte
in der Region zur Geltung zu bringen. Ich unterstreiche die Zurgeltungbringung amerikanischer Streitkräfte, da es nicht unsere Absicht ist, dort amerikanische Landstreitkräfte zu stationieren oder große amerikanische Stützpunkte zu bauen. Wir müssen jedoch in der Lage sein, unseren Freunden zu
Hilfe zu kommen, wenn sie bedroht werden und um unsere Hilfe bitten.
Der Präsident hat den Nationalen Sicherheitsrat während des letzten
Jahres mehrere Male einberufen, um diese Anstrengungen zu verfolgen, und
der Sonderkoordinierungsausschuß des Rates, dem ich Vorsitze, hat mehr als
20 Sitzungen abgehalten, um über unsere Programme und deren Fortschritte bei
der Entwicklung der Konzeption des regionalen Sicherheitsrahmens sowie über
die Förderung unserer Fähigkeit zu beraten, unsere Streitkräfte schnell zu
dislozieren, sollte die Notwendigkeit dafür eintreten.
Bis heute haben wir folgendes erreicht:
- Eine Schnelle Eingreiftruppe ist ins Leben gerufen worden.
- Sieben Vorausbereitstellungsschiffe mit motorisiertem Gerät, Munition,
Brennstoff, und anderen Vorräten sind im Indischen Ozean disloziert worden.
- 300 Düsentransporter und 500 Turboprop-Transporter stehen für Luftbrückenaufgaben zur Verfügung.
- Der

�- Der Kongreß prüft ein Ersuchen der Regierung, acht schnelle Ro-RoTransportschiffe für Fracht und Truppen zu kaufen, die den Suezkanal von
unserer Ostküste aus in 11 bis 12 Tagen erreichen könnten.
- Dislozierungen kleiner Teile unserer Streitmacht im Rahmen von Manövern in diese Region fanden in diesem Herbst statt, erst vor kurzem noch
nach Ägypten.
- Der Zeitaufwand für die Dislozierung wurde wesentlich reduziert.
Unsere

taktischen Luftstreitkräfte können innerhalb von Stunden in diesem

Gebiet sein, ein Bataillon innerhalb von 48 Stunden und eine Division innerhalb von zwei Wochen.
- Und schließlich haben wir mit vier Ländern in dieser Region Vorkehrungen für die Benutzung von Einrichtungen getroffen, um die amerikanische
Präsenz zu unterstützen.
Ich glaube, diese Liste beweist, daß wir seit Dezember vorigen Jahres,
als der Präsident den Entschluß faßte, sich um Einrichtungen in diesem Bereich zu bemühen, einiges getan haben, um die Fähigkeit zu erlangen, amerikanische Streitkräfte rasch zur Geltung zu bringen, falls diese Regionen
bedroht werden.
Gleichzeitig muß jedoch erneut unterstrichen werden, daß die politischen Verhältnisse dieser Region sich sehr von denen Europas unterscheiden.

Wir müssen ständig an die nationalen und politischen Empfindlichkeiten

der betroffenen Länder denken.

Es wäre der Sache nicht dienlich, im Hin-

blick auf permanente Stützpunkte übereilt vorzugehen und die Stationierung
amerikanischer Landstreitkräfte in einer Region anzustreben, die im Hinblick
auf ihre kolonialen Erfahrungen noch so empfindlich ist.

Aber wenn wir die-

se wichtigen Realitäten in Rechnung stellen, dann liegt es auf der Hand,
daß wir in den vergangenen 11 Monaten hinsichtlich der Entwicklung unserer
Fähigkeit, amerikanische Streitkräfte in diesem Gebiet zur Geltung zu bringen, echte Fortschritte gemacht haben.
Ich

�Ich möchte jedoch sofort hinzufügen, daß dies alles nur ein Anfang ist.
Die betroffene Region muß sich mit tiefgehenden Konflikten auseinandersetzen.
Diese Konflikte sind größtenteils lokalen Charakters, sie können jedoch durch
einen ausländischen Gegner zu dessen eigenen Zielsetzungen ausgenutzt werden.
Wir müssen dieser Realität gegenüber wachsam bleiben, und wir müssen uns
darüber im klaren sein, daß es hier keine raschen oder leichten Lösungen geben wird.
Parallel zu unseren militärischen Anstrengungen waren wir bereit, Hilfe
zu leisten, um die Verteidigungskapazität der Länder in dieser Region zu verbessern.

Wir fahren mit unserer seit langem bestehenden Unterstützung für

die Sicherheit Israels fort. Ja, unsere gesamte wirtschaftliche und militärische Hilfe für Israel während der letzten vier Jahre beläuft sich auf
fast die Hälfte all der Hilfe der USA für Israel seit dessen Gründung.

Darüber

hinaus haben wir Saudi-Arabien, Ägypten, Jordanien und dem Nordjemen Waffen
zur Verfügung gestellt. Wir bilden militärisches Personal aus mehreren Staaten dieser Region aus. Soweit dies möglich ist, ziehen wir es vor, den Ländern in dieser Region zu helfen, sich selbst zu verteidigen.

Das ist auch

das, was sie selbst vorziehen, und wir ermutigen diese Bestrebung.
Beide dieser militärischen Anstrengungen berühren unsere NATO-Kapazität.
Wir haben daher damit begonnen, eine Formel für eine generelle Arbeitsteilung
mit unseren NATO-Verbündeten auszuarbeiten, um konkurrierende Ansprüche an
knappe militärische Ressourcen zu vermindern.

Hier geht es natürlich darum,

sicherzustellen, daß in einem Bündnis mit begrenzten Ressourcen unsere europäischen Partner bereit sind, die Lücke im europäisch-nordatlantischen Bereich zu schließen, die dort durch die Abzweigung militärischer Kräfte der
USA in die neue strategische Zone geschaffen worden ist.

Ich glaube, ich

sollte meine Zuhörer daran erinnern, daß die nordamerikanische Komponente
der NATO - Kanada und die Vereinigten Staaten - sehr wohl ein Teil dieses
traditionellen europäisch-nordatlantischen Bereiches ist - eine Tatsache, die
unsere Zusammenarbeit bei so wichtigen Bemühungen, wie sie NORAD und Interoperabilität von Flugzeugen darstellen, in erhöhtem Maße erforderlich machen.
Es ist eine Tatsache, die in gleicher Weise die anhaltende Bedeutung für alle
- 9 -

�alle NATO-Mitgliedstaaten einschließlich Kanadas und der Vereinigten Staaten
aufzeigt, daß sie die Verpflichtung für die Erhöhung ihrer realen Verteidigungsausgaben um jährlich 3 Prozent eingegangen sind.
Hinsichtlich der wirtschaftlichen Komponente unseres Sicherheitsrahmens
ist öl das Schlüsselwort.

Unsere Politik hier in den USA sowie die unserer

Verbündeten hat den Verbrauch reduziert, die Preiserhöhungen verlangsamt und
die Vorräte ausgebaut.

Deshalb sind wir selbst nach dem Produktionsausfall

des Iran und des Irak überzeugt, daß wir vor keiner unmittelbaren Versorgungskrise stehen.
Wir haben ferner die reicheren Staaten in diesem Gebiet ermutigt, den
ärmeren Ländern sowohl wirtschaftliche als auch militärische Unterstützung
zur Verfügung zu stellen, um ihnen dabei zu helfen, sich auf politische Unsicherheit gerichteten Anstrengungen von außen zu widersetzen.

Wir haben

unsere Verbündeten in Europa gebeten, diesen gleichen Staaten wirtschaftliche
Hilfe zu leisten.

So hat beispielsweise die Bundesrepublik Deutschland eine

wichtige Rolle übernommen, um sowohl der Türkei als auch Pakistan solche
Hilfe zu gewähren.
Somit bilden die Energieeinsparungen und die geförderte Energieproduktion,
die Wirtschaftshilfe für Staaten der Region seitens Staaten der Region sowie
die westliche Wirtschaftshilfe gemeinsam eine Drei-Punkte-Wirtschaftsstrategie
innerhalb des Sicherheitsrahmens.
Die Arbeit, die in diesem Jahr zur Entwicklung einer glaubwürdigen Struktur regionaler Sicherheit in Südwestasien geleistet worden ist, hat eine Bedeutung, die weit über diesen Raum hinausreicht.

Auf dieser Ebene reflek-

tiert sie natürlich eine wichtige amerikanische Verpflichtung - eine Verpflichtung, von der wir annehmen können, daß sie sich als fortdauernd erweisen wird, wie dies gegenüber Europa und dem Fernen Osten der Fall war.
Aber über diese Region hinaus bleibt das Streben nach Sicherheit ein globales
Engagement.
Indem
- 10 -

�Indem wir diese Schritte unternehmen, um einen möglichen sowjetischen
Vorstoß nach Südwestasien einzudämmen, beziehen wir aber auch Position, um
mit der Sowjetunion selbst in Richtung auf eine konstruktivere und positivere Beziehung hinzuarbeiten.

Es war die westliche - und insbesondere die

amerikanische - Entschlossenheit in Europa und im Fernen Osten, die die Basis
darstellte, von der aus die Entspannung begann.

In gleicher Weise bietet

uns unsere Fähigkeit, vor sowjetischem Druck gegenüber diesem dritten Gebiet
lebenswichtiger westlicher Interessen abzuschrecken, die Grundlage für einen
stabilen Dialog mit Moskau.
Wir wollen den Kalten Krieg nicht wieder entfachen, indem wir den Streit
in eine neue Region verlegen.

Wir bemühen uns um einen echten Abbau der

Spannungen, der sich auf Gegenseitigkeit und Zurückhaltung gründet.
Unsere weiterreichende Zielsetzung, um dies kurz und abschließend zu
sagen, ist die Schaffung eines stabilen Rahmens der Abschreckung, so daß
der Friede nicht nur gewagt werden, sondern auch in einer aktiven Zusammenarbeit zwischen den wichtigen Mächten der Welt umgesetzt werden kann. Innerhalb dieses Rahmens können wir uns den Veränderungen anpassen, die unvermeidlich sind.
Wir können mithelfen, den Prozeß der globalen Veränderung in Richtung
auf institutionelle Vorkehrungen zu leiten, die wir im Augenblick nur vage
erkennen und uns nur unvollständig vorstellen können. Wir können das Gleichgewicht der Macht einsetzen, um zu einer Korrektur der Ungleichgewichte beizutragen - des Reichtums, der Technologie, der Erziehung, der Gesundheit die sonst unsere Lebensart und unser überleben gefährden würden.
Aber wir können in bezug auf diese Herausforderungen nur konstruktiv
vorgehen, wenn wir entschlossen und wirksam uns mit der Herausforderung in
Südwestasien befassen.

Sollten wir dort versagen, dann könnte das Gleichge-

wicht der Macht, von dem aus wir Stabilität aufbauen müssen, unwiderruflich
verloren sein.
Die
- 11 -

�Die Abhängigkeit sowohl Westeuropas als auch des Fernen Ostens vom Gebiet des Persischen Golfes ist dergestalt, daß wir uns nicht leisten können,
zu versagen.

Die dritte zentrale strategische Zone ist von entscheidender

Bedeutung für das Oberleben der anderen beiden und damit für unsere eigene
Fähigkeit, den Weltfrieden zu erhalten.
Die Herausforderung ist klar:
worden.

Eine konzertierte Antwort ist ausgearbeitet

Mit der Unterstützung Kanadas und aller unserer Verbündeten, wird

Amerika, dessen bin ich sicher, sich dieser Bewährungsprobe als gewachsen erweisen.

+ + + + +

12

�10. Dezember 1980

54

AMERIKANISCHE ERKLÄRUNG ZUM THEMA "VERTRAUENSBILDENDE MASSNAHMEN"
AUF DER KSZE-FOLGEKONFERENZ IN MADRID

MADRID

- (AD) - Warren Zimmerman, amerikanischer Delegierter

auf dem Folgetreffen der Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in
Europa (KSZE) in Madrid, nahm in seiner Erklärung am 2. Dezember 1980
im Rahmen der Arbeitsgruppe, die sich mit Korb 1 der in der Schlußakte
von Helsinki eingegangenen Verpflichtungen und deren Verwirklichung auseinandersetzt, zu den militärischen Aspekten Stellung.
Seine Erklärung hat folgenden Wortlaut:
Herr Vorsitzender, in den vergangenen drei Wochen haben unsere
Beratungen hier in Madrid im Rahmen der Überprüfungsphase der Umsetzung
in die Praxis nur sehr wenig Übereinstimmung hervorgebracht. Allerdings
gibt es einen Bereich, in dem erstaunliche Übereinstimmung herrscht.
Wir alle sind nämlich der Meinung, daß während der vergangenen vier Jahre
ein jäher Schwund an internationalem Vertrauen und wechselseitigem Treu
und Glauben stattgefunden hat. Eine Delegation nach der andern hat sich

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D 5300 Bonn 2
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�sich in diesem Forum zu Wort gemeldet, um das Offenkundige festzustellen.
Die Erwartungen und das Streben, von uns allen in Helsinki geteilt, haben
sich nicht verwirklicht.

Frieden und Sicherheit scheinen heute spärlicher

zu sein als im August 1975. Wir alle können eine augenfällige Schlußfolgerung aus dem derzeitigen Charakter des internationalen Klimas ziehen.
Die Vertrauensbildenden Maßnahmen (Confidence-building Measures - CBM)
der Schlußakte haben sich nicht in der Lage erwiesen, mit den Ursachen der
Spannung fertigzuwerden, die derzeit das internationale Umfeld bedrängen.
Natürlich waren unsere Erwartungen in diese Vertrauensbildenden
Maßnahmen der Schlußakte von vornherein bescheiden.

Sie waren nicht dazu

entworfen,mit so gewaltigen Schlägen gegen das internationale Vertrauen
fertigzuwerden, wie dies etwa die sowjetische Invasion Afghanistans darstellt.

Wenn die Prinzipien der Schlußakte selbst verletzt werden, wird

es schwierig, über eine umfassende Wiederherstellung des Vertrauens nachzudenken.

Dies scheint nur durch die Wiederherstellung des Respektes

gegenüber den Prinzipien selbst möglich zu sein.

Wenn wir die Vertrauens-

bildenden Maßnahmen besprechen, dann dürfen wir nicht nur ihren Wert im
Rahmen der Schlußakte bewerten; wir müssen zugleich die umfassenderen
Entwicklungen im internationalen Umfeld mit einbeziehen, die den Zustand
des internationalen Vertrauens beeinflussen.
In diesem Zusammenhang hat eine kleine Minderheit von Delegationen
versucht, die Aufmerksamkeit von den Folgen des Afghanistanproblems
abzulenken.

Ein solcher Versuch wurde gerade von meinem Vorredner, dem

Delegierten der Sowjetunion,unternommen.

Diese Delegationen haben versucht,

die Verantwortung für die Verschlechterung der Ost-West-Beziehungen dem
NATO-Bündnis im allgemeinen und den Vereinigten Staaten im besonderen
anzulasten.

Unter anderem haben sie in ungenauer Sprache und mit irre-

führender Logik auf die Entscheidungen abgehoben, weitreichende nukleare
Mittel Streckensysteme (LRTNF) in Europa zu stationieren und die amerikanischen
Militärausgaben zu erhöhen.

Mein sowjetischer Kollege meinte, er wolle

- 2 -

�wolle sich nicht auf konkrete Tatsachen beziehen.

Herr Vorsitzender,

ich werde mich auf konkrete Tatsachen beziehen.
Es ist wahr, daß solche Entscheidungen getroffen wurden. Daß jedoch
diesen Entscheidungen die Schuld für den derzeitigen Zustand der internationalen Beziehungen zukommen soll, wird durch einige schlichte Tatsachen
entkräftet. Erstens haben wir unsere Bereitschaft erklärt, Begrenzungen
über TNF-Waffen zu diskutieren; dies taten wir bereits unmittelbar nach
der NATO-Entscheidung über die Dislozierung dieser Systeme. In der Tat
begannen diese Gespräche diesen Herbst in Genf, nachdem die Sowjetunion
ihre Vorbedingungen für diese Gespräche hatte fallen lassen. Wir hoffen
auf konstruktive Fortschritte in diesem Forum,und wir verpflichten uns,
zu solchem Fortschritt beizutragen. Zweitens wurde die Entscheidung der
NATO über die TNF-Systeme erst getroffen, nachdem die Sowjetunion mit
der Dislozierung einer neuen Generation ihrer eigenen TNF-Systeme, den
SS-20, voranging, die eine Reichweite besitzen, die einen Angriff auf
Westeuropa möglich macht. Die praktische sowjetische Dislozierung dieses
Raketensystems geht weiter. Bei den östlichen Einlassungen bezüglich
des Wettrüstens können wir auch nicht die geringste Erwähnung dieser
Entwicklung erkennen. Und dennoch bedeutet eine Nichtbeachtung der
SS-20, die Hauptursache für die Gefahren und Instabilitäten der Lage
im Kernwaffenbereich auf dem europäischen Kontinent zu ignorieren.

Darüber hinaus gehen alle Hinweise auf vorgesehene Erhöhungen der
amerikanischen Militärausgaben an der eigentlichen Sache vorbei. Mitte
der siebziger Jahre sind die militärischen Ausgaben der USA real zurückgegangen. In gleicher Weise nahm der für militärische Zwecke aufgewandte
Anteil am amerikanischen Bruttosozialprodukt ab.
Genau das Gegenteil aber geschah in der Sowjetunion.

Der jährliche

sowjetische Zuwachs an Militärausgaben beschleunigte sich Mitte der
siebziger Jahre, wobei immer größere Anteile des sowjetischen Brutto-

- 3 -

�Bruttosozialproduktes für potentiell kriegerische Zwecke abgezweigt
wurden.

Wir müssen daher erneut in aller Offenheit erklären, daß die

Sowjetunion für die Eskalation der Militärausgaben verantwortlich ist.
Meine Delegation hat keinesfalls den Wunsch, sich hier in einen längeren
Dialog über diese Fragen einzulassen.

Wir treten voll und ganz für

Verhandlungen über Rüstungsbegrenzung in den ihnen angemessenen Foren ein,
seien dies nwS\i_T oder die TNF-Verhandlungen in Genf oder die MBFR-Verhandlungen in Wien.

Hier in Madrid halten wir es für unsere Hauptaufgabe,

die Aufmerksamkeit auf die Überprüfung der Verwirklichung der in der
Schlußakte vorgesehenen Vertrauensbildenden Maßnahmen zu lenken und die
sich daraus ergebenden Schlüsse zu ziehen.
Die Schlußakte enthält eine Vertrauensbildende Maßnahme von bindender
Art: Die Vorausunterrichtung über größere militärische Manöver. Wir
heben hervor, daß alle Unterzeichnerstaaten ihrer Verpflichtung nachgekommen
sind, Manöver, die unter diese Kategorie fallen, anzukündigen. Die in
diesen Bekanntgaben enthaltenen Informationen sind jedoch nicht immer
so präzise gewesen, wie sie der einschlägige Paragraph in der Schlußakte
vorschreibt. So zum Beispiel wurde in der Mitteilung über die Übung in
der Deutschen Demokratischen Republik vom 10. bis 16. Juli dieses Jahres
die Lage und das Gebiet des Manövers spezifiziert. Die Mitteilung gab
jedoch nur eine äußerst knappe Beschreibung des Zwecks dieses Manövers
und unterließ jeden ausdrücklichen Hinweis auf die teilnehmenden Einheiten,
die lediglich als "Elemente der Land- und Luftstreitkräfte" bezeichnet
wurden. Dieses Schema wurde allgemein bei den Benachrichtigungen von
seiten der UdSSR wie auch von anderen östlichen Teilnehmern angewandt.
Im Gegensatz dazu wird in den Ankündigungen von Seiten der NATO-Länder,
wie sie beispielsweise von den USA erfolgten, um das Manöver CERTAIN
RAMPART im September 1980 anzukündigen, nicht nur der spezifische Zweck
des Manövers angegeben, sondern auch die exakten Daten genannt, die
Kommandostrukturen und die teilnehmenden Einheiten angegeben und die
Gesamtzahl der Truppen aufgeführt.
Zu
- 4 -

�Zu den Problemen, die sich aus der Ankündigung größerer militärischer
Manöver ergeben, kommt als wichtigste Tatsache in unserer Erfahrung mit
dieser Vertrauensbildenden Maßnahme hinzu, daß sie nur einen kleinen Teil
der militärisch bedeutsamen Tätigkeiten wiedergibt. Sie hat daher auch
wenig dazu bei getragen,Treu und Glauben und Vertrauen aufzubauen.

So

ist zum Beispiel die Division die bedeutsamste kombinierte Kampfeinheit
1n den meisten europäischen Streitkräftegliederungen und die Einheit, die
höchstwahrscheinlich in einer Krise disloziert wird.

Aber die große

Mehrzahl der Divisionsaktivitäten außerhalb der Garnisonen werden mit
der derzeitigen Maßnahme gar nicht erfaßt.

Die für Vorausbenachrichtigungen

angesetzte 25 OOO-Mann-Grenze läßt bedeutsame militärische Aktivitäten
unberücksichtigt, die mit zahlenmäßig darunter liegenden Einheiten stattfinden, vor allem auf Divisionsebene.

Obgleich sich also die Liste der

nach vorheriger Information erfolgten größeren militärischen Manöver durchaus sehen lassen kann, haben die Unzulänglichkeiten bei den Vertrauensbildenden Maßnahmen selbst die Vorteile begrenzt, die sich eigentlich aus
ihrer Anwendung ergeben könnten.

Es ist daher offensichtlich, daß wir

Vertrauensbildende Maßnahmen brauchen, die so ausgearbeitet sind, daß
sie einen umfassenderen Teil der militärisch bedeutsamen Aktivitäten abdecken.
Die anderen Vertrauensbildenden Maßnahmen der Schlußakte sind in
geringerem Maß bindend und daher von freiwilligerer Natur.

So sind die

Signatarstaaten dazu aufgefordert, auch Manöver kleineren Umfangs anzuzeigen, etwa Manöver, die weniger als 25 000 Mann benötigen.

Seit Belgrad

haben die zum Warschauer Pakt gehörenden Staaten nur ein einziges solches
Manöver angezeigt; die NATO-Länder hingegen haben acht gemeldet.

Ja,

während der fünf Jahre seit Helsinki haben die Staaten des Warschauer
Paktes nur drei Manöver kleineren Umfangs angezeigt, wohingegen die NATOStaaten 20 angaben.

Es ist doch enthüllend, daß trotz der gewaltigen

Stärke der Streitkräfte des Warschauer Paktes in Europa sogar die neutralen
und blockfreien Teilnehmer der KSZE-Konferenz eine größere Anzahl kleinerer

- 5 -

�kleinerer Manöver gemeldet haben als die Staaten des Warschauer Paktes.
Ein ähnliches Verhalten bei der Durchführung läßt sich hinsichtlich
derjenigen Vertrauensbildenden Maßnahmen feststellen, die die freiweillige
Einladung von Beobachtern zu Militärmanövern fordern.

In dem Zeitraum

seit Belgrad haben die Staaten des Warschauer Paktes nur bei zwei Gelegenheiten zu umfangreicheren Militärmanövern eingeladen, während die NATOStaaten dies neunmal getan haben.

In den fünf Jahren seit Helsinki haben

die Staaten des Warschauer Paktes kein einziges Mal Beobachter zu kleineren
Manövern eingeladen; die NATO-Länder haben dies achtmal getan.

Mehr

Tatsachen in dieser Richtung könnten angeführt werden; aber das Wesentliche
ist bereits klargeworden.

Die Schlußakte forderte die Signatarstaaten

dazu auf, sich freiwillig an der Anzahl Vertrauensbildender Maßnahmen zu
halten.

Die Staaten der NATO habendies gewissenhafter getan als die

Mitglieder des Warschauer Paktes. Aber keiner der Signatarstaaten kann
sich wirklich angesichts der Durchführungsergebnisse dieser freiwilligen
Vertrauensbildenden Maßnahmen wohlfühlen.
lernen:

Eine Lektion läßt sich daraus

Damit diesen Maßnahmen entsprochen wird, müssen sie einer höheren

politischen Verbindlichkeit unterliegen,als dies bei den freiwilligen
Vertrauensbildenden Maßnahmen der Schlußakte der Fall ist.

Kurz:

sie

müssen bindend sein, sollen sie die Transparenz erleichtern und ein voraussagbares militärisches Verhalten schaffen - und hierdurch das Vertrauen
mehren.
Ich habe die Einladung an Beobachter zu Militärmanövern angesprochen.
Seit Helsinki haben die Staaten des Ostens lediglich zu 7 von 13 großen
Manövern Beobachter eingeladen, während die NATO-Verbündeten Beobachter
zu insgesamt 22 großen und kleinen Manövern eingeladen haben. In den
meisten Fällen gehen die westlichen Einladungen an alle KSZE-Teilnehmer.
Im Gegensatz hierzu beschränken die Länder des Warschauer Paktes oft
ihre Einladungen auf eine kleine Gruppe von Beobachtern aus Nachbarstaaten.
Und selbst wenn westliche Beobachter zu Ostmanövern eingeladen werden,

- 6 -

�werden, stehen sie meist vor handfesten Schwierigkeiten.

Häufig wurden

sie unzureichend ausgerüstet, wodurch eine wirkungsvolle Beobachtung
schwierig, wenn nicht gar unmöglich gemacht wurde.

Bei anderen Gelegen-

heiten durften Beobachter nur das ansehen, was eher den Eindruck vorbereiteter
Scheinmanöver erweckte als echte Aktivitäten in einer Übung.

Bei wiederum

anderen Gelegenheiten - zum Beispiel während der sowjetischen NemanManöver - hatten westliche Beobachter weniger als vier Stunden Zeit zur
Beobachtung.

Solche Erfahrungen verringern zusammen mit den unregel-

mäßigen Einladungen an Beobachter die Nützlichkeit der gegenwärtigen
Vertrauensbildenden Maßnahmen für diese Beobachter.

Und es reicht nicht

aus, solche Unzulänglichkeiten dadurch zu rechtfertigen, daß man behauptet,
es gäbe sie nicht - wie dies General Michailou gerade getan hat -, oder
indem man auf nationale Traditionen oder nationale Eigenarten anspielt.
So wird deutlich, daß zusätzliche verbindliche Maßnahmen notwendig
sind, um die Verifizierung angekündigter militärischer Aktivitäten zu
erleichtern und um den Austausch militärischer Informationen zu
institutionalisieren - was die Transparenz erhöhen, Vertrauen schaffen
und Mißverständnisse in Krisenlagen abbauen würde.
Meine Delegation, Herr Vorsitzender, vertritt,kurz gesagt,die
Ansicht, daß die Erfahrung mit den Vertrauensbildenden Maßnahmen der
Schlußakte uns einige wertvolle Erkenntnisse gebracht hat.

Als die

Signatarstaaten die Abkommen von Helsinki unterzeichneten, war vorgesehen,
den entsprechenden Erkenntnissen Beachtung zu schenken und die Maßnahmen
der Schlußakte weiterzuentwickeln und auszubauen.

Ohne die Grundlage

der Vertrauensbildenden Maßnahmen in der Schlußakte zu verunglimpfen,
ist doch offenkundig, daß wir ein völlig neues Rahmenwerk an Vertrauensbildenden Maßnahmen schaffen müssen, um die Ziele zu erreichen, die in
der Schlußakte selbst niedergelegt wurden.
Erstens

�Erstens muß das neue System Vertrauensbildender Maßnahmen ein hohes
Maß an politischer Verpflichtung enthalten.

Die Staaten müssen wissen,

daß sie alle Aspekte dieses Systems zu erfüllen haben.

Solange sie sich

aus den verschiedenen Maßnahmen einfach etwas auswählen können, wird es
unmöglich sein, genügend Vertrauen in die Voraussagbarkeit und die Transparenz militärischen Verhaltens und militärischer Aktivitäten zu schaffen.
Zweitens müssen diese Vertrauensbildenden Maßnahmen militärisch
bedeutsam und verifizierbar sein.

Die Parameter und Schwellen müssen

militärisch bedeutsame Aktivitäten umfassen, die in Europa stattfinden
und die europäische Sicherheit berühren.

Zudem müssen diese Parameter

und Schwellen eindeutig und leicht überwachbar sein.
Drittens müssen diese Vertrauensbildenden Maßnahmen gleichermaßen
für alle europäischen Staaten gelten.

Das neue System Vertrauensbildender

Maßnahmen muß für alle in Europa, einschließlich der in den europäischen Teilen
der Sowjetunion stationierten Streitkräfte,gelten.
Viertens müssen diese Vertrauensbildenden Maßnahmen konkreter Natur
sein.

Sie missen sich auf Austausch ganz spezifischer militärischer

Informationen oder auf die Ankündigung, Stabilisierung und Verifizierung
von routinemäßigen militärischen Aktivitäten beziehen.
Die Anstrengungen in diesen Bereichen müssen von einem ausgewogenen
Fortschritt in den anderen Bereichen der Schlußakte begleitet sein.
Sobald die Konferenz ihre Aufmerksamkeit auf neue Vorschläge lenken wird,
werden wir zu diesem Themenkreis mehr zu sagen haben. Lassen Sie mich
jetzt lediglich betonen, daß wir praktische Schritte zur Wiederherstellung
des Vertrauens und zur Erhöhung der Sicherheit in Europa tun, sobald wir
fähig sind, eine weitere Serie Vertrauensbildender Maßnahmen auf der
Grundlage von Helsinki zu erreichen.
+ + + + +

- 8 -

�10. Dezember 1980

54

REAGAN FORDERT MEHR VERSTÄNDNIS FÜR WISSENSCHAFT UND TECHNIK
- Angewandte Forschung soll gefördert werden -

- (AD) - Für eine verstärkte finanzielle Förderung von Forschung
und Entwicklung sprach sich der künftige amerikanische Präsident Ronald
Reagan in einem den Fachzeitschriften "Physics Today" und "Chemical and
Engineering News" gegebenen Interview aus.

Bei dieser Politik sei der

Grundsatz wichtig: "Je weniger staatliche Intervention, desto besser."
Ronald Reagan möchte auch die Wissenschaftler und Ingenieure an der
Festsetzung der wissenschaftlich-technischen Prioritäten beteiligt sehen.
Außerdem soll bei der breiten Öffentlichkeit mehr Interesse für wissenschaftliche und technische Dinge geweckt und der allgemeine Wissensstand
auf diesen Gebieten gefördert werden.
Diese Auffassung vertritt auch ein im Oktober 1980 veröffentlichter
Bericht, den die Nationale Wissenschaftsstiftung der USA (NSF) gemeinsam
mit Experten aus dem amerikanischen Unterrichtsministerium erarbeitete.
Er trägt den Titel "Science and Engineering Education for the 1980s
and Beyond" (Bildungspolitik in Wissenschaft und Technik für die achtziger
Jahre und danach).

Der Bericht hebt hervor, daß wirtschaftliches Wohlergehen,

Postfach 20 03 00 Tel.: 0228-339 22 40
D 5300 Bonn 2
Telex: 08-85432

�Wohlergehen, Gesundheit und Sicherheit des amerikanischen Volkes in zunehmendem Maße vom Verständnis vieler Berufsgruppen für wissenschaftliche
und technische Dinge und von der Fähigkeit aller Amerikaner abhänge,
ihren Platz in einer von Wissenschaft und Technik veränderten Gesellschaft
auszufüllen.
Ausführlich werden zwei grundlegende Probleme behandelt:

1)

Quantität

und Qualität der Angehörigen naturwissenschaftlicher und technischer Berufe
auf allen Ebenen - vom jetzigen Zeitpunkt bis hin zu den neunziger Jahren,
und 2) das Leistungsvermögen des Schul- und Ausbildungssystems, um allen
Amerikanern angemessene Kenntnisse auf wissenschaftlich-technischem Gebiet
zu vermitteln.
Mangel an hochqualifizierten Spezialisten bestehe gegenwärtig,
wie in dem Bericht hervorgehoben wird, in der Computertechnik, auf bestimmten ingenieurwissenschaftlichen Gebieten und auf einigen Gebieten
von Physik, Biologie und verwandten Fachrichtungen.

Das amerikanische

Bildungswesen verfüge über die Kapazität, um Abhilfe zu schaffen, wenn
auch bei einigen Spezialgebieten wie z.B. in den Computer-Berufen der
Bedarf an Fachleuten mit abgeschlossenem Studium wahrscheinlich bis 1990
größer sein werde als das Angebot.
Ein akutes Problem bestehe darin, hochqualifizierte Lehrer für
technische Fach- und Hochschulen und für Universitäten zu finden, die
Informatiker und Computerspezialisten ausbilden. Dieses Problem werde
durch eine Reihe von Faktoren verschärft - u.a. zu wenig Lehrer angesichts
der stark anwachsenden Studentenzahlen, der ständig größer werdenden
Unterschied in den Gehältern, die Universitäten einerseits und Industrieunternehmen andererseits zahlen, was zur Abwanderung potentieller guter
Lehrkräfte in die Industrie führt, und die veralteten Ausrüstungen und
technischen Hilfsmittel an den meisten Technischen Hochschulen.

Die

�Die Erreichung der langfristigen Ziele und Erfordernisse für die
Vereinigten Staaten hänge, so besagt der Bericht, nicht nur von der
Verfügbarkeit gut ausgebildeter Wissenschaftler, Ingenieure und Techniker
ab,sondern auch von Art und Umfang des Verständnisses für Wissenschaft
und Technik bei denjenigen, die mit den einschlägigen Berufen selbst gar
nichts zu tun haben.

Die Fähigkeit der Nation, Wissenschaft und Technik

die ihnen gebührende Bedeutung zuzuerkennen, sei seit Anfang der sechziger
Jahre immer mehr geschwunden - das komme u.a. darin zum Ausdruck, daß an
den höheren Schulen auf Naturwissenschaften und Mathematik immer weniger
Wert gelegt werde.

Nur diejenigen Schulabsolventen, die ein Studium in

diesen Fächern aufnehmen wollen, verfügten noch über die entsprechenden
Kenntnisse und Qualifikationen - die übrigen jedoch vielfach nicht.
Dieser Zustand sei nicht allein über Reformen des Schulsystems zu ändern;
auch in der gesamten Öffentlichkeit müsse mehr Verständnis und Anerkennung
für die Bedeutung dieser Gebiete bei der Bewältigung künftiger Lebensfragen geweckt werden.

Wi ssenschaftspoli ti k
Nach Ansicht Ronald Reagans soll die Grundlagenforschung weiterhin
gefördert werden. Dafür setzten sich auch bekannte amerikanische Wissenschaftler vor dem Ausschuß für Wissenschaft und Technik des amerikanischen
Repräsentantenhauses ein (u.a. Dr. Christian Anfinsen, Nobelpreisträger 1972
für Chemie, Dr. James Cronin und Dr. Val Fitch, beide Nobelpreisträger 1980
für Physik, Dr. Hamilton Smith und Dr. Baruj Benacerraf, Nobelpreisträger
1978 und 1980 für Medizin). Nach den Vorstellungen des künftigen Präsidenten
verlange jedoch die angewandte Forschung, die einen bisher nie dagewesenen
Rückgang an Produktivität aufweise, ganz besondere Unterstützung. Man habe
ihr zu wenig Gewicht beigemessen - aber "gerade die Betonung angewandter
Forschung kann zu einer Frage des Überlebens werden", so meinte Reagan.
Von
- 3 -

�Von grundlegender Bedeutung für das überleben sei die Energieforschung.
Alle Energiequellen müßten sondiert werden, um die Energiekrise lösen zu
helfen. Allerdings solle bei der Entwicklung fossiler Energiequellen wie
Kohle und öl eine "übermäßige und belastende" Einmischung des Staates
unterbleiben. Reagan beabsichtigt, Verfahren zu beschleunigen, durch die
die Sicherheit neu installierter Kernreaktoren gewährleistet wird. Und
er möchte zur Wiederaufarbeitung von nuklearen Abfällen ermutigen,"solange
diese sicher ist". Die günstigste Verwendung für Sonnenenergie sieht
er in Anwendungen für den Alltag. Energieeinsparungen durch die Industrie
könnten einen enormen Beitrag auf vielen Wegen bedeuten - Aktionen, die am
besten von der Privatwirtschaft durchgeführt werden und bei denen die Rolle
der Regierung "auf die Bereitstellung wichtiger Forschungshilfe" beschränkt
bleibt.

+ + + + +

- 4 -

�</text>
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                <text>&lt;p&gt;&lt;strong&gt;1. Information&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Mehr Nachdruck auf Umweltschutz in CCMS-Gremien&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Dokumentation&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Brzezinski: USA brauchen Unterstützung der Verbündeten&lt;br /&gt;&lt;em&gt;- Rede des US-Sicherheitsberaters in Montreal -&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Amerikanische Erklärung zum Thema "Vertrauensbildende Maßnahmen" auf der KSZE-Folgekonferenz in Madrid&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Hintergrundmaterial&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Reagan fordert mehr Verständnis für Wissenschaft und Technik&lt;br /&gt;&lt;em&gt;- Angewandte Forschung soll gefördert werden -&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;</text>
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                    <text>AMERIKA DIENST
'VON

4

42

10. Dezember 1986

I N H A L T

INFORMATION

Präsident Reagans neuer Sicherheitsberater
- Ein Kurzporträt von Frank Carlucci -

DOKUMENTATION

Weiterhin feste Haltung der Vereinigten Staaten gegen Terrorismus
- ."hultz-Aussage vor Auswärtigem Ausschuß -

Wise rügt sowjetische Beschränkungen für die Presse
- Erklärung zum Austausch von Informationen -

WISSENSCHAFT UND TECHNIK

Ozonschicht - Schutzschild für das Leben
- US" dringen auf weltweite VorsorgemaBnahmen - Emission schädlicher
Stoffe soll verringert werden -

* * * * * * *

United States Information Service
Embassy of the United States of America

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.: 0228-339 2035
Telex: 8-85432

�AMERIKA DIENST
VON

Information

*

10. Dezember 1986

PrXSIDENT REAGANS NEUER SICHERHEITSBERATER
- Ein Kurzporträt von Frank Carlucci -

versität Harvard durch.

WASHINGTON - (AD) - Der neue Sicherheitsberater
des
Präsidenten,
Frank
Carlucci,
wurde
1930
in
Scranton,
Pennsylvania,
geboren.
Nach dem besuch der Wyoming Seminary
College
Preparatory
school
in
Kingston, Pennsylvania, ging er zur
Universität Princeton, wo er im Jahr
1952 den Grad eines Bachelor in Business Administration erwarb.

Nach seinem Eintritt in den auswärtigen Dienst der Vereinigten Staaten im Jahr 1956 diente er bis 1969
in verschiedenen Funktionen in Johannesburg, Südafrika, in Zaire (damals
noch
Demokratische
Republik
Kongo), Tansania, Rio de Janeiro sowie in der Washingtoner Zentrale.

Nach dem Dienst als Geschützoffizier bei der Marine führte er im Jahr
1956 weiterführende Studien im Fach
Business Administration and der Uni-

Während
seiner
diplomatischen
Laufbahn wurde er mit der Superior
Service Award ausgezeichnet - der
höchsten Auszeichung des auswärtigen

United States Information Service
Embassy of the United States of America

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.: 0228-339 2035
Telex: 8-85432

�Dienstes.
Auf Initiative des damaligen Direktors des Büros für wirtschaftliche
Chancengleichheit
(OEO),
Donald
Rumsfeld, beschäftigte sich Carlucci
mit dem Kampf gegen die Armut.
In
den Jahren 1969 und 1970 wurde er
Carluccis Nachfolger als Direktor des
OEO.
1971 wucde Carlucci von Präsident
Nixon zum stellvertretenden Direktor
des Amtes für Haushaltsplanung berufen. Von 1972 bis 1974 war er Unterstaatssekretär für Gesundheit, Bildung und Sozialwesen.
Von
1975
bis
1978
vertrat
Carlucci die Vereinigten Staaten als
Botschafter
in Portugal.
im Jahr
1978 wurde er zum stellvertretenden
Direktor
der
Central
Intelligence
Agency ernannt. Er übte diese Punktion bis zum Jahr 1981 aus, als er
nach der Wahl Reagans zum Stellvertretenden Verteidigungsminister unter
Caspar Weinberger berufen wurde.
Im Jahr 1983 wechselte er in die
Privatwirtschaft über und wurde Präsident von Sears World Trade Inc.
Im vergangenen Sommer wurde er
von Präsident Reagan als Mitglied in
den
Beraterausschuß
der
amerikanischen Rüstungskontrollbehörde berufen und als Vorsitzender dieses Gremiums designiert.

* * * * *
- 2

*

�AMERIKA DIENST
VON

Dokumentation

e&lt;

10. Dezember 1986

42

WEITERHIN FESTE HALTUNG DER VEREINIGTEN STAATEN GEGEN TERRORISMUS
- Shultz-Aussage vor Auswärtigem Ausschuß WASHINGTON - (AD) - In seiner Aussage vor dem Auswärtigen Ausschuß des Repräsentantenhauses hat Außenminister Shultz am 8. Dezember 1986 erklärt, daß
Präsident Reagan in bezug auf die Waffenverkäufe an den Iran "klargemacht hat,
daß es weder seine Absicht noch seine Politik war, Waffen gegen Geiseln auszutauschen oder unsere Haltung gegen den Terrorismus zu konterkarieren". Jeglicher Terrorismus, gleich ob gegen Amerikaner oder andere gerichtet, sei unannehmbar und müsse beseitigt werden.
Die Aussage des Außenministers hat folgenden Wortlaut:

Herr Vorsitzender, dies ist das
erste Mal in zehnjähriger Tätigkeit
als Kabinettsmitglied, daß ich gebeten worden bin, einen Eid vor dem
Kongreß zu schwören.
Ich tue dies guten Mutes, in voller Anerkennung Ihrer Autorität, einen
Eid
zu verlangen
und
Ihrer
Pflicht,
sicherzustellen,
daß die
Aufzeichnungen dieses Verfahrens so
umfassend
und
wahrheitsgetreu
wie
möglich sind.
Jeden Tag werden von
Amerikanern Eide abgelegt.
Ich betrachte diesen Akt als Erfüllung mei-

United States Information Service
Embassy of the United States of America

ner Pflicht als Staatsbürger, unsere
Gesetze und Institutionen zu respektieren.
Ich möchte Ihnen allerdings sagen, daß ich, als ich meinen Eid als
Außenminister ablegte, geschworen habe, "die Verfassung der Vereinigten
Staaten zu unterstützen und zu verteidigen". Ich habe jenes feierliche
Versprechen immer so verstanden, daß
es mir als Außenminister die ständige
Pflicht auferlegt, dem Präsidenten,
dem Kongreß, den Gerichten und, was
das Wichtigste
ist, dem amerikan-

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.: 0228-339 2035
Telex: 8-85432

�ischen Volk qegenüber immer die Wahrheit zu sagen. Zusätzlich zu meiner
Eigenschaft als Staatsbürger bin ich
gegenwärtig ein Staatsdiener.
Wenn
ein Staatsbürger nicht bereit ist,
die Wahrheit zu sagen, hat er, ob mit
oder ohne Eid, im Staatsdienst nichts
zu suchen. Dies ist eine ganz einfache Tatsache.
Herr Vorsitzender, die von Ihnen
veranstalteten Anhörungen finden zu
einem entscheidenden
Zeitpunkt für
die Nation statt. Der Präsident hat
erkannt, daß in der Ausführung unserer Außenpolitik durch die Art und
Weise, in der einige Personen unsere
Bemühungen
zur
Schaffung
besserer
Kontakte zum Iran umgesetzt haben und
durch die Umleitung von Geldern aus
Waffenverkäufen an den demokratischen
Widerstand Nicaraguas ernste Probleme
geschaffen wurden.
Er hat bei der
Korrektur etwa bestehender Probleme
die Führung übernommen.
- Der Präsident hat Frank Carlucci,
einen respektierten Außenpolitiker mit außergewöhnlich breitgefächerter Erfahrung und von höchster Integrität, ernannt, um den
Nationalen
Sicherheitsrat
mit
neuem Leben zu erfüllen und zu
führen.
- Er hat ein aus erfahrenen Politikern bestehendes spezielles Untersuchungskomitee
eingesetzt,
das
von
dem
ehrenwerten
John
Tower geleitet wird, um die Rolle
des Nationalen
Sicherheitsrates
und
die
Funktionsweise
seines
Mitarbeiterstabes zu überprüfen.
- Er hat die Berufung eines unabhängigen Sonderanwalts empfohlen,
um die Möglichkeit von Vergehen
in bezug auf das Iran-Projekt zu
untersuchen.

- Er hat eine einheitliche Haltung
des Kongresses im Hinblick auf
dessen
Uberwachungsfunktion
bei
diesen
Angelegenheiten
begrüßt
und hat seine volle Kooperation
bei diesen Untersuchungen zugesagt.
- Er hat mich beauftragt, eine behördenübergreifende Studie unserer
Beziehungen
mit
dem
Iran
durchzuführen.
Unter der erfahrenen Leitung von Unterstaatssekretär Armacost ist dieser Prozeß
gegenwärtig im Gange.
- Und er hat seine Kabinettsmitglieder angewiesen, dem Kongreß
und dem amerikanischen Volk alles
mitzuteilen, was sie über diese
jüngste Initiative gegenüber dem
Iran wissen - und deshalb bin ich
ja heute moren bei Ihnen.
Herr Vorsitzender, wie Sie wissen, bin ich bereit, Ihnen alles mitzuteilen, was ich zu jenem Zeitpunkt
über unsere Waffenverkäufe an den
Iran wußte.
Der Präsident hat die
Freigabe dieser Informationen an den
Kongreß gebilligt. Es steht mir jedoch nicht frei, die Gesetze der Vereinigten Staaten zu verletzen. Vieles von dem, was ich zu jenem Zeitpunkt wußte, unterliegt noch der Geheimhaltung. Ich bin mir bewußt, daß
einiges davon an die Öffentlichkeit
gelangt ist. Dies gestattet es mir
jedoch nicht, einige Dinge, die bis
heute ohne behördliche Genehmigung
veröffentlicht wurden, als Tatsachen
zu bestätigen.
Und,
obwohl
dies
schwer zu glauben sein mag, ist einiges von dem, was ich Ihnen mitzuteilen bereit bin, der Öffentlichkeit
noch nicht bekannt.
Zusätzlich zu
dem Problem nicht-offenen Materials
könnte es schließlich, wenn ich in
der
öffentlichen
Anhörung
alles
preisgebe, was ich weiß, zu einer

�Kollision
mit strafrechtlichen Ermittlungen kommen, würden nachrichtendienstliche Quellen und Methoden
bloßgestellt und privilegierte Kommunikationswege aufgedeckt.
All dies bereitet mir großes Unbehagen. Ich habe geschworen, Ihnen
die volle Wahrheit zu sagen und bin
bereit, dies auf eine Art und Weise
zu tun, die mit meiner rechtlichen
und ethischen Verantwortung im Einklang steht. Dies kann am besten in
einer geschlossenen Sitzung geschehen, in der all meine Verpflichtungen
getreulich
erfüllt
werden
können.
Ich möchte nun allen Zweifeln an meiner Bereitschaft ein Ende machen, auf
Fragen über mein früheres Wissen und
frühere Handlungen zu antworten. Ich
habe bereits alle mir zugänglichen
Informationen
dem
FBI
mitgeteilt.
Ich bin vom Justizministerium befragt
worden.
In dieser offenen Sitzung
bin ich bereit, alles Material vorzubringen, das
ich
angemessenerweise
vorbringen kann.
Und zu jedem von
Ihnen bestimmten angemessenen Zeitpunkt bin ich bereit, in einer nichtöffentlichen Sitzung eine Erklärung
abzugeben und auf Fragen zu antworten
und
dabei
geheime
Details
meiner
Kenntnisse und Handlungen zu enthüllen.
Nachdem
ich dies gesagt habe,
Herr Vorsitzender, möchte ich Ihnen
mitteilen, daß Sie nach meiner vollen
Überzeugung richtig gehandelt haben,
als Sie für den Anfang eine offene
Sitzung anberaumt und erklärt haben,
daß gerade diese Sitzung den Blick in
die Zukunft richten sollte. Ich unterstütze dieses
Ziel von Herzen.
Wir brauchen diesen Blick nach vorn
sehr.
Und ich werde das in meiner
Aussage auch tun.
Ich möchte mit einem Blick auf
unsere zukünftigen Beziehungen zu den

Staaten am Persischen Golf beginnen.
Dieses Thema ist von entscheidender
Bedeutung für unser Land und verdient
sicherlich die knappe Zeit, die uns
heute morgen
zur Verfügung steht.
Erlauben Sie mir also, mich diesem
Thema zuzuwenden. Ich hoffe, daß genug Zeit für Ihre Kommentare und Fragen bleibt.

Die Bedeutung des Iran und des
Persischen Golfs
Der Persische f^olf ist wichtig
für die Vereinigten Staaten - und
dies trifft auch für die meisten unserer wichtigsten Freunde und Verbündeten zu.
Ein Viertel des Öls der
freien Welt fließt durch diese Region
und ein sogar noch höherer Prozentsatz hält die Volkswirtschaften unserer Verbündeten in Europa und Japans
aufrecht. Es ist lebenswichtig, daß
der Westen den Zugang zu diesem öl
behält. Die Region ist ein strategischer Brennpunkt - ein Punkt, an dem
die Sowjetunion seit langem versucht,
ihre Präsenz und Kontrolle auszudehnen.
Wir haben ein bedeutendes Interesse daran, ihnen eine solche Ausdehnung
zu verweigern.
Wir haben
wichtige politische Interessen in bezug auf einzelne Golfstaaten - und
dieses Interesse gilt sowohl den einzelnen Staaten selbst, als auch ihrem
Einfluß auf Ereignisse im Mittleren
Osten, in Afghanistan oder anderen
Bereichen.
Deshalb
möchten
wir,
daß
die
Staaten am Golf Frieden und politische Stabilität ohne Bedrohung durch
sowjetische
Einschüchterung,
äußere
Aggression oder innere Subversion genießen.
Wir möchten produktive Beziehungen mit den Staaten dieser Region aufrechterhalten, und dies auch,
um sicherzustellen, daß der ölzufluß
in den Westen ohne Unterbrechung an-

- 3 -

�dauern kann.
Aber unsere strategischen, wirtschaftlichen und politischen Interessen am Golf waren und werden weiterhin von verschiedenen Seiten bedroht
- durch Krieg und politische Instabilität in der Region, durch die brutale Besetzung Afghanistans durch die
Sowjets und deren hartnäckige Bemühungen, ihren Einfluß auszubauen sowie durch den Terror ismus.
Und der
Iran ist bei all diesen Fragen ein
besonders wichtiges Element geworden.
Der Krieg zwischen Iran und Irak,
der sich jetzt schon im siebten Jahr
befindet, zeigt nur allzu deutlich,
wie das Andauern eines regionalen
Konflikts und von Instabilität nicht
nur unsere Interessen bedrohen kann,
sondern auch diejenigen von vielen
mit uns befreundeten Staaten.
Und aus diesem Grund haben sich
die Vereinigten Staaten immer wieder
um ein frühes Ende dieses Konflikts
bemüht - und dies zu Bedingungen, die
die territoriale Integrität und Unabhängigkeit beider kriegführenden Parteien garantieren.
Wenn wir uns der Drohung eines
eskalierenden
Terrorismus
stellen
wollen, so müssen wir uns auch mit
dem Problem Iran beschäftigen.
Die
gegenwärtige iranische Regierung ist
noch immer der Überzeugung, daß Terrorismus ein legitimes Instrument der
Außenpolitik ist. Sie war stets bereit, dieses Instrument einzusetzen,
wann und wo immer es ihren Bedürfnissen entgegenkam. Es liegt in unserem
Interesse, dem ein Ende zu bereiten.
Wie der Präsident sagte, genehmigte er den Transfer einiger Waffen
nach Iran, um damit ein Signal zu geben, daß die Vereinigten Staaten bereit seien, die Feindseligkeiten zwi-

schen uns durch eine neue Beziehung
zu ersetzen. Dieses Signal ist gegeben worden. Die Vereinigten Staaten
werden keine weiteren Waffen in den
Iran liefern, und wir werden unseren
ganzen Einfluß darauf verwenden, daß
es
auch
nicht
zu
Waffenverkäufen
durch andere kommt.
Grund hierfür
ist die Tatsache, daß gerade der Iran
sich immer wieder gegen eine Beendigung des Golfkrieges stellt und daß
es die iranische Fähigkeit zur Fortsetzung dieses Krieges ist, mit der
wir
uns beschäftigen müssen.
Der
Iran kann auf keine besseren Beziehungen zu uns hoffen, solange er keine Schritte zur Beendigung des Krieges unternimmt, seine Unterstützung
des Terrorismus einstellt und seinen
Einfluß für eine Freilassung bei jenen geltend macht, die unsere Geiseln
festhalten.
Unsere Beziehungen zum Iran sind
durch ein strategisches Dilemma gekennzeichnet. Wir haben eine "nördliche" Sorge - den Iran von sowjetischem Einfluß fernzuhalten - und eine "südliche" Sorge - den Iran davon
abzuhalten, seine Nachbarn am Golf zu
dominieren. Da der Iran zwar weiterhin sowjetischem Einfluß widersteht,
aber den Golf bedroht, muß unsere
kurzfristige Priorität die sein, den
arabischen Golfstaaten unsere Unterstützung zuzusichern und fest zu unserer Antiterrorismus- und Waffenembargopolitik zu stehen. Daneben müssen wir alternative Kanäle benützen,
um den iranischen Widerstand gegen
sowjetischen Einfluß zu stärken und
auf gemeinsame Interessen wie etwa
Afghanistan hinzuweisen.
Desgleichen
beeinflußt Stabilität am Golf unsere
Anstrengungen, zu sinnvoller Bewegung
bei
einem
Friedensprozeß
zwischen
Israel und seinen arabischen Nachbarn
zu ermutigen.
Deshalb

haben

wir

ein

legitimes

�Interesse an besseren Beziehungen zum
Iran, und der Präsident entschied im
vergangenen Jahr, daß wir auf Signale
bestimmter Gruppen im Iran reagieren
sollten, um herauszufinden, ob die
iranische Führung bereit sei, ihre
Politik in eine positivere Richtung
zu steuern. Vergangenen Samstag verwies der Präsident erneut auf diese
Zielsetzung, "den Krieg im Mittleren
Osten zu beenden, einen sowjetischen
Expansionismus
zu
verhindern,
den
Terrorismus zu stoppen und zu einer
Freilassung der amerikanischen Geiseln beizutragen."
Herr Vorsitzender, ich unterstütze mit Nachdruck jede einzelne dieser
Zielsetzungen.
Ich bin sicher, daß
Sie und dieser Ausschuß sie gleichermaßen unterstützen.
Die Probleme, die sich durch die
jüngsten Ereignisse ergaben, wurden
nicht durch diese Zielsetzungen hervorgerufen, sondern durch die Art und
Weise, wie sie in diesem einen Fall
und durch bestimmte nichtautorisierte
Handlungen
von
Beamten
realisiert
wurden, auf die sich der Präsident
bei der Verwirklichung seiner Politik
verlassen hatte. Tatsachen, die enthüllt wurden, haben deutlich gemacht,
daß, wie der Präsident zurecht erklärte, "die Durchführung dieser Politik mangelhaft war und Fehler begangen wurden."
Die Politik, dies hat der Präsi
dent noch einmal bekräftigt, ist seine eigene. Er hat deutlich gemacht,
daß es weder seine Absicht, noch seine Politik war, Waffen gegen Geiseln
auszutauschen oder unsere Haltung gegen den Terrorismus zu konterkarieren.
Ich unterstütze ihn und seine Politik mit Nachdruck. Als Nation müssen wir uns auch weiterhin gegen den
Terrorismus
in
all
seinen
Formen

stellen.
Aller Terrorismus, gleich
ob gegen Amerikaner oder andere gerichtet, ist unannehmbar und muß beseitigt
werden.
Dieser
Grundsatz
steht im Mittelpunkt unserer Bemühungen, zu einer breiteren internationalen
Zusammenarbeit
gegen
staatlich
unterstützten Terrorismus zu ermutigen.
Deshalb müssen wir auch weiterhin
unsere Stimme erheben und Schritte
gegen alle Akte des Terrorismus unternehmen.
Und wie sehr wir auch die Angst
der betroffenen Familien teilen, so
müssen wir uns doch gegen Konzessionen oder Zahlung von Lösegeldern für
eine Freilassung der Geiseln stellen.
Andernfalls würden wir nur zu weiteren Geiselnahmen ermutigen und in den
Augen der Geiselnehmer den Tauschwert
jener noch heraufsetzen, die bereits
gefangengehalten
werden.
Außerdem
müssen wir auch unsere Bemühungen mit
Freunden und Verbündeten in den Bereichen Nachrichtenaustausch und Sicherheitsmaßnahmen intensivieren, um
den Terrorismus und die damit verbundene Gewalt zu vereiteln und die
Staaten zu isolieren, die den Terrorismus finanzieren und unterstützen.
Was den Iran anbelangt, so hat
der Präsident gesagt: "Die iranische
Revolution
ist eine
geschichtliche
Tatsache; aber zwischen den grundlegenden nationalen Interessen der Vereinigten Staaten und des Iran muß es
keinen permanenten Konflikt geben."
Er hat auch wiederholt betont, daß es
nicht seine Absicht war, Geschäfte
mit dem Khomeini-Regime zu machen,
solange dessen Politik Frieden und
Stabilität der Region bedroht. Auch
hier bin ich ganz seiner Meinung.
Wir müssen auch weiterhin zur Beendigung der regionalen Feindselig-

- 5 -

�keiten und zu friedlichen Beziehungen
zwischen allen Golfstaaten ermutigen.
Wir
wollen eine Verhandlungslösung
des Krieges zwischen dem Iran und dem
Irak, der die Souveränität und territoriale Integrität aller Staaten dieser Region respektiert. Durch unser
Bemühen um Stabilität der Golfregion
werden wir auch weiterhin die gemeinsamen Bestrebungen gemäßigter und befreundeter Staaten der Region unterstützen, damit deren eigene Sicherheit
und
Stabilität
gewährleistet
werden. Wir werden uns sowjetischem
Vordringen in der Region widersetzen
und weiterhin ein baldiges Ende der
Besetzung Afghanistans anstreben.
Schließlich müssen wir die jüngsten Ereignisse in ihre angemessene
historische Perspektive bringen. Der
Präsident ist jetzt sechs Jahre lang
in seinem Amt. Als er es übernahm,
war die Nation weder so sicher, noch
so zuversichtlich, wie sie hätte sein
sollen.
Wo stehen wir nach sechs Jahren
der Führung durch Präsident Reagan in
der Außenpolitik?
In Zusammenarbeit mit dem Kongreß
und mit der breiten Unterstützung des
amerikanischen Volkes hat uns die Politik von Präsident Reagan an die
Schwelle einer neuen und bemerkenswert anderen Welt gebracht - eine
Welt, in der Amerikas Interessen,
Amerikas Stolz und Amerikas Ideale
gedeihen.
Wie sieht diese andere Welt aus?
Warum gibt es Grund für neuerliche
Zuversicht und Hoffnung auf die Zukunft?

Weil
- wir

jetzt, zum

ersten

Mal, eine

Welt erkennen können, in der die
unaufhörliche und überall herrschende Angst vor nuklearer Zerstörung
geringer
geworden
ist.
Die Drohung eines nuklearen Konflikts kann nie gänzlich gebannt
werden, aber sie kann durch sorgfältige und drastische Verringerungen der offensiven Nukleararsenale sowie durch die Schaffung
einer
Verteidigungsmöglichkeit
gegen sie ganz erheblich abgebaut
werden. Und genau solche Verringerungen - nicht Begrenzungen bei
noch stärkerer Ausweitung, sondern Verringerungen - und genau
eine solche Verteidigung sind die
Vision, die Präsident Reagan zu
einer Realität machen will;
- vor nur ein paar Jahren noch die
Demokratien der Welt den Eindruck
hatten, eine umkämpfte, schrumpfende Handvoll von Nationen zu
sein. Heute können die Menschen,
die sich gegen die unterdrückerischen
Regime
von
links
und
rechts wehren, die Demokratie als
vitale Kraft der Zukunft erkennen. Kraftvolle und doch gewaltlose Bewegungen in Richtung auf
offene Gesellschaften waren erfolgreich.
Das
Versagen
geschlossener und staatlich gelenkter Volkswirtschaften
wird mit
jedem Tag deutlicher. Ein neuer
Wind des Wandels weht;
- Völker, die jetzt bereit sind,
sich für die Freiheit einzusetzen
und die keine andere Wahl haben,
als für ihre Rechte zu kämpfen,
nun wissen, daß der Vormarsch des
Kommunismus
nicht
unabwendbar
ist.
Präsident Reagan ist ein
Freiheitskämpfer - und die Welt
weiß es. Und ich stehe zu Ronald
Reagan.
Eine

starke Verteidigung,

solide

�Bündnisse und Unterstützung für die
wirtschaftliche und politische Entwicklung von Völkern überall - dafür
steht Präsident Reagan. Seine Politik ist nicht die Politik einer Partei.
Es ist die Politik des ganzen
amerikanischen Volkes.
Sie ist die
einzig richtige Politik, wenn unser
Land auch weiterhin das beste und
größte auf Erden wie auch die Hoffnung der ganzen Menschheit
bleiben
soll. Zeigen wir die Stärke unserer
freien Institutionen durch die umfassende Untersuchung aller Einzelheiten
dieser Iran-Episode.
Laßt uns dadurch
zusammenstehen,
zusammengehen
und das Land auch weiter voranbringen, um uns den Gefahren und Möglichkeiten dieses Augenblicks zu stellen.

* * * * *

�AMERIKA DIENST
Dokumentation

"VON'^

10. Dezember 1986

42
WISE RÜGT SOWJETISCHE

BESCHRXNKUNGEN

FÜR DIE PRESSE

- Erklärung zum Austausch von Informationen -

WIEN - (AD) - Nach Angaben des stellvertretenden Leiters der amerikanischen Delegation bei der wiener KSZE-Folgekonferenz, Samuel Wise, sind die
Arbeitsbedingungen für westliche Journalisten in der Sowjetunion und den anderen Staaten Osteuropas weiterhin mangelhaft.
In einer Erklärung vor einer
KSZE-Arbeitsgruppe am 5. Dezember 1986 rügte Wise die Sowjets wegen dieser
Verletzung der Schlußakte von Helsinki.
Die Erklärung hat folgenden Wortlaut:

Ich möchte heute zu Ihnen über
die Arbeitsbedingungen
für Journalisten, Zugang zu Medien und kooperativen Austausch sprechen.
All dies
sind Bereiche des Informationsaustauschs, in denen trotz der von uns
allen in Helsinki und Madrid eingegangenen Verpflichtungen noch viele
Mängel herrschen.
Was die Journalisten angeht, ist
die Lage am schlechtesten in der Sowjetunion, wo die Schikanen
seit
Madrid sogar noch zugenommen haben.
Die sowjetischen Behörden wenden eine

United States Information Service
Embassy of the United States of America

Vielzahl von Techniken an, um ausländische Journalisten
einzuschüchtern.
Erstens arbeiten fast alle
ausländischen Journalisten in streng
bewachten Quartieren für Ausländer,
die ihnen von der Regierung zugewiesen werden. Viele werden ins Außenministerium zitiert, wo sie für Berichte verwarnt werden, die von den
Sowjets
nicht
gebilligt
werden.
Journalisten,
die
versuchen,
mit
nichtstaatlichen Stellen in Kontakt
zu kommen oder über Ereignisse zu berichten, die den Behörden unangenehm
sind, wurde von Milizionären der Zu-

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.: 0228-339 2035
Telex: 8-85432

�gang verwehrt oder sind Befragungen,
Verhaftungen oder Schlimmerem ausgesetzt gewesen.
Einzelne
Korrespondenten
wurden
mit Strafverfolgung
und Gefängnisstrafen aufgrund erfundener Beschuldigungen bedroht, auf der Straße angepöbelt, Opfer von primitiven Akten
des Vandalismus, die klar von den Behörden
inszeniert
waren,
wurden
scharf in der Presse wegen tendenziöser
Berichterstattung
angegriffen
oder zum Ziel von Fallen.ausgewählt.
Mit einem Wort, sie werden enorm unter Druck gesetzt, um sich dem Gesetz
und den zwängen zu beugen, die von
den Behörden geschaffen werden, damit
sie ihren Posten aufgeben und nach
Hause zurückkehren.
Zwei amerikanische Korrespondenten, denen eine solche Behandlung zuteil wurde, Andrew Nagorski von Newsweek und Anne Garreis von der American Broadcasting Corporation, waren
hier in Wien, um über den Beginn unserer Konferenz zu berichten. im August 1982, während des Madrider Treffens, wurde Nagorski aus der Sowjetunion ausgewiesen, weil seine Berichterstattung nicht nach dem Geschmack
der
sowjetischen
Behörden
war.
Später beschrieb Nagorski das
Umfeld, in dem ausländische Korrespondenten in der UdSSR leben müssen,
als psychologische Kriegführung.
Anne Garreis, die von 1979 bis
1982 in Moskau arbeitete, beschrieb
ihre "psychologischen Qualen", denen
sie ausgesetzt war, als man gegen sie
wegen Totschlages ermittelte, nachdem
sie mit dem Auto einen Fußgänger
überfahren hatte.
In einem Artikel
für die New York Times mit der Überschrift "Ich war ein Opfer" schrieb
Garreis:
"Schließlich wurde ich von
jedem Verbrechen entlastet und bald
darauf ausgewiesen. In der Zwischen-

zeit jedoch befand ich mich mitten in
einer politischen Wildnis ohne Gesetze, das Opfer von Hinweisen und versteckten Andeutungen....
Der Druck
in Moskau wurde durch Warnungen in
Washington noch verstärkt, wo sowjetische Diplomaten drohten, die Zukunft
des ABC-Studios in Moskau sei gefährdet, wenn ABC mich nicht zurückbeordere. Ganz einfache Erpressung."
Ein weiterer Fall, der einen amerikanischen Journalisten betraf, ereignete sich in Zusammenhang mit dem
10. Jahrestag der Unterzeichnung der
Schlußakte in Helsinki. Der Reporter
des Christian Science Monitor, Gary
Thatcher, wurde von Grenzbeamten in
Leningrad mehrere Stunden lang festgehalten, als er sich auf dem Rückweg
z\i
seinem Moskauer Posten befand,
nachdem er über das Treffen aus Anlaß
des Jahrestags berichtet hatte. Seine Aufzeichnungen und andere Materialien, einschließlich einer Kopie der
Schlußakte,
wurden
beschlagnahmt.
Schließlich hatten wir kürzlich den
Fall Nicholas Daniloff, dessen Behandlung durch die sowjetischen Behörden nur das letzte Beispiel der
sowjetischen Nichtbeachtung ihrer in
Helsinki eingegangenen Versprechungen
in bezug auf Journalisten darstellt.
Bevor ich dieses Thema verlasse,
möchte ich noch erklären, daß meine
Delegation mit Interesse den Versuch
des ehrenwerten sowjetischen Vertreters vom Mittwoch zur Kenntnis genommen hat, die sowjetische Behandlung
ausländischer Journalisten zu verteidigen.
Er teilte uns mit, die sowjetischen Behörden hätten es dem aus
400 Mitgliedern bestehenden Corps der
ausländischen Journalisten im vergangenen Jahr gestattet, 857 Einzelreisen in der Sowjetunion zu unternehmen.
Als unser britischer Kollege
darauf hinwies, daß dies nicht sehr
viele Reisen seien, versuchte er sich

o

�darauf zurückzuziehen, daß nur für
gewisse Reisen eine Erlaubnis notwendig sei.

«

*

Nun, der ehrenwerte sowjetische
Vertreter hat ganz recht.
Eine Erlaubnis wird nur für gewisse Reisen
in der Sowjetunion benötigt.
Dies
sind Reisen außerhalb eines 25-Meilen-Radius um den Kreml.
Wenn ein
Journalist
diesen
25-Meilen-Radius
verlassen möchte, muß er den zuständigen sowjetischen Behörden eine Anfrage unterbreiten. Wenn wir unserem
sowjetischen Kollegen glauben sollen,
dann wurden voriges Jahr nur 857 solcher Reisen gestattet, was nur etwas
über zwei Reisen pro Journalist bedeutet. Dies ist für uns ein Beweis
der restriktiven sowjetischen Politik
in bezug auf Journalisten, die mit
der Schlußakte unvereinbar ist.
Ich sollte darauf hinweisen, daß
auch
meine
Regierung
sowjetischen
Journalisten Reisebeschränkungen auferlegt. Diese Reisekontrollen wurden
aus einem einzigen Grunde und nur aus
diesem Grund eingeführt.
Sie waren
eine Reaktion auf sowjetische Handlungen.
Die sowjetischen Behörden
führten solche Kontrollen ein und wir
haben uns dafür revanchiert.

i

0

Nur noch ein Wort zu den Bemerkungen unseres sowjetischen Kollegen
vom Mittwoch.
Lassen Sie mich dem
ehrenwerten
sowjetischen
Vertreter
versichern,
daß
westliche Journalisten,
anstatt
in
organisierten
Gruppenbesuchen zusammengefaßt, mehr
als glücklich wären, die Rechnung für
Einzelreisen in das sowjetische Hinterland zu bezahlen. Dies würde ein
kleiner Preis für etwas sein, was sie
heute definitiv nicht besitzen - echten Zugang zur Sowjetunion und ihrer
Bevölkerung.
Nachdem

ich einige schwerwiegende

Punkte in diesem Bereich erwähnt habe, möchte ich nun auf einige hoffnungsvolle Schritte beim Medienzugang
und kooperativen Austausch zu sprechen kommen.
Das Abkommen zwischen den Vereinigten Staaten und der Sowjetunion
über Kontakte, Austausch und Zusammenarbeit in den Bereichen Wissenschaft, Technik, Bildung, Kultur und
anderen, das 1985 im Rahmen des Genfer Gipfels unterzeichnet wurde, bezog sich speziell auf die Schlußakte
und
beinhaltete Verpflichtungen
in
bezug auf Information in Bild und
Ton, gedruckte Informationen
sowie
verlegerische und kooperative Bemühungen wie etwa Austausch und Treffen
von Journalisten, Herausgebern und
Verlegern.
Seit 1982 haben es die
Fortschritte in der Kommunikationstechnik Teilnehmern in Ost und West
ermöglicht, sich an Live-Diskussionen
über Satellit
zu beteiligen.
Unlängst haben sich selbst sowjetische
Beamte der sowjetischen und ausländischen Presse
zugänglicher gezeigt,
indem sie über frühere Tabu-Themen in
einer Weise gesprochen haben, wie man
sich das noch vor ein paar Jahren
nicht vorstellen konnte.
Beiderseitige Fortschritte im Bereich der Information waren auch die
in den letzten Jahren unternommenen
Initiativen
im
Privatsektor.
Zum
Beispiel haben sich die New England
Society of Newspaper Editors und die
American Society of Newspaper Editors
an gegenseitigen Austauschprogrammen
mit sowjetischen Medienvertretern beteiligt.
Das Chatauqua-Treffen von
Jurmala in Lettland im vergangenen
September, das als "eine Reise in offener Diplomatie" firmierte, war das
erste Mal, daß unzensierte Diskussion
und Meinungsaustausch zwischen hochrangigen amerikanischen und sowjetischen Vertretern vor einer großen

�sowjetischen Zuhörerschaft stattfand.
Nach Angaben des Teilnehmers John
Wallach, früherer Chefredakteur für
Auslandsnachrichten bei der Zeitungsgruppe Hearst, erhielten zum ersten
Mal amerikanische Vertreter "gleich
viel Zeit im sowjetischen Fernsehen,
auch wenn die Berichterstattung nicht
ganz so objektiv war, wie einige unter den Amerikanern es sich gewünscht
hätten."
Leider muß aber auch daran
erinnert werden, daß Chatauqua in einer Atmosphäre ausgeklügelter Polizeimaßnahmen vor und nach dem Treffen
stattfand, um unerwünschte Kontakte
zwischen
amerikanischen
Teilnehmern
und gewöhnlichen Bürgern zu reduzieren.
Nach Berichten war dies Teil
einer
ausgefeilten
List
nach
dem
Muster der Potemkinschen Dörfer, um
die Amerikaner zu täuschen.
In Osteuropa gibt es positive wie
negative Erfahrungen.
Schon andere
Delegationen stellten fest, daß die
Verweigerung von Einreisevisen, Verwehrung oder Verzögerung von Akkreditierung
in vielen der Länder des
Ostens nur allzu oft vorkommen. Auch
hier findet sich die gleiche restriktive Haltung bei Erstellung und Vermittlung von Information.
Die sowjetische wie auch die rumänische Regierung haben sogar Gesetze verabschiedet, die dem Zweck dienen, den
Zugang von Ausländern zu inoffiziellen privaten Quellen im eigenem Land
noch weiter einzuschränken, während
Bulgarien, die Tschechoslowakei und
die DDR nur mit den bestehenden Praktiken der Behinderung solcher Kontakte fortfahren.
Die
DDR
gewährt
ausländischen
Journalisten
korrekte
Behandlung.
Allerdings wird deren Möglichkeit,
über Ereignisse zu berichten, durch nicht immer angewandte - Gesetze eingeschränkt, die dazu dienen, freies
nmherreisen ohne vorherige Genehmi-

gung, Termine ohne offizielle Erlaubnis oder den Empfang gedruckter Informationen einzugrenzen.
Die Arbeitsbedingungen für Journalisten in der Tschechoslowakei sind
nicht so gefährlich wie andernorts,
aber der Zugang zu offiziellen Stellen und zu Informationen, die des Berichtens wert sind, ist scharf begrenzt. Noch immer ist es für ausländische
Journalisten
schwierig,
persönliche Kontakte und Kommunikation mit ihren Quellen herzustellen
und aufrechtzuerhalten.
In den Jahren nach Madrid wurde zwar kein amerikanischer
Journalist
augewiesen,
aber ein VOA-Korrespondent wurde während des Begräbnisses von Nobelpreisträger Jaroslaw Seifert
im Januar
1986 zwei Stunden lang festgehalten
und der Film eines weiteren Korrespondenten
beschlagnahmt.
Heute
schließt sich jedoch meine Delegation
den anderen an und begrüßt die gestrige Erklärung des verehrten Vertreters der Tschechoslowakei, daß von
Januar an ein Jahr lang gültige Visa
für Journalisten gewährt werden.
Die Arbeitsbedingungen für Korrespondenten in Bulgarien sind noch
immer unzureichend und Journalisten
werden auch weiterhin
eingeschüchtert. Dennoch wurde ein VOA-Korrespondent akkreditiert, auch wenn er
nicht ständig im Lande leben wird.
Theoretisch sind alle Landesteile für
Journalisten
zugänglich, auch wenn
dem in der Praxis nicht so ist. Es
wurden jedoch Journalisten, die Informationen zu veröffentlichen suchten, die der Regierung unangenehm waren, verhaftet oder ihr Visum aufgehoben. Die Verweigerung eines Visums
ist nicht selten in Fällen, in denen
die Berichterstattung eines Journalisten als peinlich angesehen wird.
Erst vergangenen Freitag wurde einem
amerikanischen
Journalisten,
Thomas

�Goltz von Readers Digest, ein Visum
für
Bulgarien
verwehrt.
Goltz
schreibt einen Artikel über die türkische Minderheit. Man erklärte ihm,
bis zum nächsten Jahr dürfe kein ausländischer Journalist ins Land kommen. Gleichzeitig begrüßen wir aber
einige kleine Schritte, die Bulgarien
ergriffen hat - wie etwa die jüngste
Veröffentlichung
von
unredigierten
Erklärungen Präsident Reagans und anderer
amerikanischer
Regierungsvertreter.
Westliche Journalisten
beklagen
sich immer wieder über bürokratische
Frustration,
Verschleierung
und
Falschdarstellung in Rumänien.
Alle
ankommenden
ausländischen
Journalisten werden routinemäßig mit einer
Erklärung der nationalen Presseagentur Rumäniens, Agerpress, über die
Notwendigkeit objektiverer Berichterstattung vertraut gemacht.
Während
die einen nur geringe Schwierigkeiten
beim Erhalt ihres Einreisevisums haben, werden andere Journalisten aufgefordert, Exemplare früherer Berichte vorzulegen und müssen mitunter
lange auf ihr Visum warten. 1985 erfuhr der Vertreter einer der größten
amerikanischen Tageszeitungen von den
rumänischen Behörden, er sei aufgrund
"antirumänischer"
Berichterstattung
persona non grata. Positiv zu vermerken ist die Tatsache, daß Rumänien
während des Besuchs von Außenminister
Shultz im Dezember 1985 ein Heer von
ausländischen Pressevertretern zuließ
und bei einer schon lange geltenden
Regel eine Ausnahme machte, indem sie
einem Korrespondenten von Radio Freies Europa ein Visum ausstellte.
In Polen haben sich die Bedingungen für Journalisten seit den ersten
Jahren nach der Ausrufung des Kriegsrechts, als westliche und vor allem
amerikanische Journalisten bei ihrem
Bemühen um Berichterstattung über die

öffentlichen Demonstrationen und andere Schritte der Opposition, in heftigen
Pressekampagnen
angegriffen,
verhaftet und bedroht wurden, verbessert. Seit 1983, als UPI-Korrespondentin Ruth Gruber 23 Stunden lang in
Einzelhaft gehalten wurde, gab es
keine Ausweisung mehr. Amerikanische
Journalisten
berichten
selten
von
Schwierigkeiten beim Zugang zu wichtigen Quellen und stellen Polen in
dieser Hinsicht in der Liste der osteuropäischen Länder ganz oben.
Allerdings hat die polnische Regierung
sich wiederholt geweigert, dem Wiener
VOA-Korrespondenten ein Visum auszustellen.
Amerikanische Journalisten kommen
oft nach Ungarn und erhalten ohne
Schwierigkeiten ein Visum.
Ausländische Journalisten, die persönliche
Kontakte und Kommunikation mit offiziellen
und
inoffiziellen
Quellen
aufbauen und aufrechterhalten wollen,
haben selten Schwierigkeiten.
Während des Budapester KSZE-Kulturforums
von 1985 wurde über die Parallelkonferenz der Internationalen Helsinkiföderation in großem Umfang in der
westlichen Presse - einschließlich
von VOA- und
RFE-Korrespondenten
berichtet, ohne daß Eingriffe erfolgten, obwohl das Treffen nicht an einem
öffentlichen Platz
stattfinden
durfte.
Insgesamt gesehen ist das Bild
des Informationsaustauschs in der Sowjetunion und Osteuropa - im Vergleich zu den Praktiken im Westen
oder gemessen an unseren Verpflichtungen aus der Schlußakte von Helsinki - noch immer nicht gerade leuchtend.
Zensur ist weit verbreitet,
Strafen sind noch immer hoch für jene
Bürger, die unerlaubt Kontakte zu
Ausländern aufnehmen oder Inoffizielles
veröffentlichen.
Nicht
ohne
Grund sprechen Journalisten bei ihren

- 5 -

�Reisen davon, aus der UdSSR und aus
Osteuropa
"herauszukommen",
während
man von Prankreich, Italien oder einem
anderen
westeuropäischen
Land
einfach "kommt".
Grund hierfür ist
die Tatsache, daß die östlichen Gesellschaften grundsätzlich noch immer
geschlossene
Gesellschaften
sind,
während die westlichen Gesellschaften
grundsätzlich offen sind. Verbesserungen, die es gegeben hat, sind
meist zu selten, als daß man sie
schon an und für sich als wichtige
Neuigkeiten
betrachten
könnte.
An
diesem Tag und in dieser Zeit ist es
sowohl bemerkenswert, als auch traurig, daß die Menschen in der einen
Hälfte Europas eher Genaueres über
das tägliche Leben und die Ereignisse
in Asien, Afrika und Südamerika erfahren, als sie wissen können, was in
der anderen Hälfte Europas nur ein
paar Kilometer weiter östlich vorgeht.

* * * * *

6

�AMERIKA DIENST
VON

4

Wissenschaft und Technik

10. Dezember 1986

42

OZONSCHICHT - SCHÜTZSCHILD FÜR DAS LEBEN
- USA dringen auf weltweite Vorsorgemaßnahmen Emission schädlicher Stoffe soll verringert werden

GENF/WASHINGTON - (AD) - "Eine
baldige und konzertierte Aktion" auf
internationaler Ebene, mit der einer
weiteren Schädigung, d.h. Verdünnung
der Ozonschicht in der Erdatmosphäre
weltweit entgegengewirkt werden soll,
forderte Botschafter Richard Benedick
aus den Vereinigten Staaten. Auf der
UN-Konferenz
für
Umweltprogramme
(UNEP), die in Genf am 1. Dezember
1986 begann, schlug der amerikanische
Chefedelegierte vor, die Verwendung
bestimmter
Substnzen,
insbesondere
von
Fluorchlorkohlenwasserstoffen,
baldmöglichst auf dem gegenwärtigen

United States Information Service
Embassy of the United States of America

Stand einzufrieren und künftig immer
weiter zu vermindern. Längerfristig,
in etwa 15 Jahren, sollten die Emissionen 95 Prozent unter denen von
heute liegen. Die Chemikalien dürften dann nur noch dort verwendet werden, wo der Markt keine geeigneten
Ersatzstoffe verfügbar machen könne.
über eine "Rahmenkonvention" zum
Schutz der Ozonschicht hatten sich 24
Länder, dazu die Europäische Gemeinschaft und zwei Sowjetrepubliken, bereits im März 1985 in Wien geeinigt.
Auf der Dezember-Konferenz von UNEP

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.: 0228-339 2035
Telex: 8-85432

�mit 40 Teilnehmerstaaten und einer
für Februar 1987 vorgesehenen nächsten Tagung geht es darum, ein wirksameres Sicherheitssystem zu schaffen. Die Regierungen müßten "kluge
Schritte unternehmen, um gegenwärtig
und spätere Generationen" vor einer
Schädigung der Ozonschicht samt den
ökologischen
Auswirkungen
solcher
Prozesse
in der Stratosphäre zu
schützen, sagte Benedick.
Der von
den USA vorgelegte Plan sei darauf
abgestellt, Fortschritte zur Verringerung der Emission ozongefährdender
Substanzen regelmäßig zu überprüfen.
Das gelte ebenso für die Termine von
Aktionsplänen und die Einbeziehung
oder Herausnahme von Chemikalien aus
der Liste der als schädlich angesehenen Stoffe.
Die Basis für entsprechende Entscheidungen
sollten
neue
wissenschaftliche Erkenntnisse und wirtschaftliche Faktoren abgeben.
Die
Forschung über die Prozesse, die zu
Ozonabbau führen, müsse auf jeden
Fall weitergehen. Ein solches Vorgehen würde auch der industriellen Planung helfen, um die Kosten der allmählichen Umstellung auf andere Chemikalien auf einem Minimum zu halten
und der Wirtschaft Zeit für die notwendige Anpassung einzuräumen.
Pluorchlorkohlenwasserstoffe
(in
den USA übliche Abkürzung: CFC) werden in ursächlichen Zusammenhang mit
der immer deutlicher erkennbaren negativen Bilanz für die Menge der
Ozonmoleküle gebracht, die in Höhen
zwischen 10 und 50 km in der Stratosphäre angereichert sind. Diese Moleküle aus dreiatomigem Sauerstoff
entstehen unter der Einwirkung der
energiereichen
Ultraviolettstrahlung
von der Sonne, werden allerdings
durch sie auch wieder aufgespalten.
Aber weltweit gesehen steht der natürliche Prozeß des Auf- und Abbaues

von Ozon in der Stratosphäre im
Gleichgewicht, auch wenn je nach Jahreszeit und geographischer Breite Unterschiede in der Ozondichte auftreten.
Die Erhaltung der Ozonschicht ist
wichtig für alles Leben auf der Erde.
Denn sie absorbiert normalerweise
mehr als 99 Prozent der einfallenden
UV-strahlung und erfüllt so die Funktion eines Schutzschildes. Wird sie
geschwächt, dringt mehr ultraviolettes Licht in die tieferen Luftschichten und zur Erdoberfläche vor. Das
bedeutet zusätzliche gesundheitliche
Gefahren - z.B. würde die Häufigkeit
von Hautkrebs und grauem Star ansteigen. Das pflanzliche und tierische
Leben würde beeinträchtigt. Die Folgen wären u.a. niedrigere Ernteerträge und
geringere Ausbeuten beim
Fischfang. Peter Usher, der dem Wissenschaftlerstab von UNEP angehört,
berichtete auf einer Pressekonferenz
in Genf, daß bei einem Rückgang der
Ozondichte um nur ein Prozent mit einer verstärkten Durchlässigkeit für
ultraviolette Strahlung um zwei Prozent zu rechnen sei. Und das wiederum könne sechs Prozent mehr Fälle von
Hautkrebs bedeuten.
Anfang der siebziger Jahre hatten
die beiden amerikanischen Wissenschaftler Rowland und Molina (Kalifornien) die Hypothese aufgestellt,
daß für Ozonabbau neben atmosphärischen Spurengasen natürlicher Herkunft, etwa aus Vulkanausbrüchen, sowie verstärkter Sonnenaktivität auch
Partikel von Abgasen hoch fliegender
Flugzeuge und von Stickstoffdünger,
ganz massiv aber die Fluorchlorkohlenwasserstoffe verantwortlich zu machen seien. Die Anwendung der letztgenannten Substanzen als Treibgas in
Spuhflaschen, als Kühlmittel oder zur
Produktion von Schaum- und Isolierstoffen hatte sich geradezu explo-

�sionsartig ausgeweitet, da sie für
den Menschen im direkten Umgang nicht
giftig sind, sie waren zu einem ganz
wichtigen Wirtschaftsfaktor geworden.
über die Richtigkeit der Hypothese von Rowland und Molina wird noch
immer gestritten, denn der wissenschaftliche Beweis ist schwer zu führen. Messungen der Ozondichte in den
letzten zehn Jahren - um den gesamten
Erdball mittels Satelliten, lokal und
regional mittels Sonden - machen jedoch eine Verdünnung deutlich.
Ein
besonders krasses Beispiel ist das
"Ozonloch" über der Antarktis.
Es
tritt von Mitte September bis Mitte
Oktober auf, wenn für die südhalbkugel der Frühling beginnt. Von Satelliten seit 1978 regelmäßig beobachtet, ist es bis 1985 jedes Jahr größer geworden.
Im August 1986 wurde
unter
der Leitung
von Dr. Susan
Solomon (Boulder, Colorado) eine Expedition amerikanischer Wissenschaftler in die Antarktis entsandt, um von
verschiedenen Bodenstationen aus Messungen vorzunehmen.
Erste Ergebnisse, Ende Oktober übermittelt, besagen, daß sich dieses Mal die Ozonkonzentration in einem Bereich, der fast
der Größe Nordamerikas entspricht,
sogar um ca. 40 Prozent verringert
habe. Und dies innerhalb von nur 20
bis 30 Tagen, vor allem in Höhen zwischen 11 500 und 20 000 Metern.
Einen weiteren, jedoch nur ein
Drittel so großen Bereich verdünnten
Ozons, glaubt der NASA-Wissenschaftler Don Heath in der Arktis über
Spitzbergen
ausgemacht
zu
haben.
Seinen seit sechs Jahraen vorgenommenen Messungen zufolge nimmt dort die
Ozondichte jährlich um 1,5 Prozent
ab.
Das entspreche, so Heath, dem
Abbaumodell, wie es für CFC-Verbindungen erstellt wurde.
Immer mehr
neigen Forscher zu der Ansicht, daß
eine Vielfalt von Faktoren zusammen-

wirken - in erster Linie äußerst komplexe und auch ungewöhnliche chemische Reaktionen von Gasen in der hohen Atmosphäre, dazu Sonnenaktivität,
Luftströmungen,
Aufblähen
und
Schrumpfen der Lufthülle, großräumige
Verfrachtung von Luftmassen. Mit Modellen wird versucht, die inzwischen
bekannt gewordenen Phänomene zu erklären.
Zu diesen zählt auch das
Schrumpfen
der
schützenden
Ozonschicht in den Wintermonaten über den
dichtbesiedelten Gebieten der Nordhalbkugel,
was
Forscher
der
ETH
Zürich in langjährigen Untersuchungen
herausfanden. Auch die tatsächlichen
Auswirkungen
der wachsenden
Mengen
von Fremdstoffen auf die Ozonschicht,
die durch menschliche Aktivitäten in
die Atmosphäre eingebracht werden,
hofft man so besser untersuchen zu
können.
Seit kurzem wird vermutet, daß
nicht nur Fluor und Chlor aus CFCChemikalien wie Freon 11 und 12 oder
CFC-113, sondern auch Bromverbindungen aus Feuerlöschschaum am Ozonabbau
beteiligt sind - und dies in noch
viel stärkerem Ausmaß als bei den
erstgenannten
Stoffen.
Chemikalien
mit Elementen aus der Gruppe der sog.
Halogene und gewisse andere Substanzen bereiten, wie kürzlich der stellvertretende Administrator der US-Umweltschutzbehörde EPA, Bill Long, in
einem Interview mit USIA (US-Informationsamt),
erklärte,
wegen
ihrer
Langlebigkeit große Sorgen. Sind sie
erst einmal in die höhere Atmosphäre
vorgedrungen, könnten manche von ihnen bis zu 150 Jahre an der Zerstörung des Ozons mitwirken, bis sie
schließlich anderweitig gebunden werden.

Vorsorge, die jeden angeht

- 3 -

Ungeachtet aller noch vorhandenen

�Unsicherheiten hinsichtlich der Wirkungssweise von CFC-Verbindungen sei
jedoch Vorsorge ein ganz dringendes
Gebot, so Long. Deshalb wurde in den
Vereinigten Staaten die Verwendung
von CFC-haltigen Treibgasen bei nicht
lebensnotwendigen
Aerosolen
schon
1978 verboten. Kanada und die skandinavischen Länder folgten dem amerikanischen Beispiel.
Die Europäische
Gemeinschaft
dagegen
befürwortete
1985 nur die Einführung einer allgemeinen Höchstgrenze.
Diese ist noch
nicht erreicht und erlaubt ein weiteres Produktions- bzw. Emissionswachstum um 50 Prozent.
Wieder andere
Vorstellungen äußerten die Japaner.
(Derzeit
gelangen
jährlich
ca.
700 000 Tonnen CFC-haltiger Stoffe in
die Atmosphäre.) In Kreisen der amerikanischen Industrie sei man, wie
Long erwähnte, der Ansicht, daß die
Emissionen weltweit gesehen um 50
Prozent gesenkt würden, wenn sich
auch die europäischen Länder und Japan bereit fänden, Fluorchlorkohlenwasserstoffe in Aerosolen durch andere Stoffe zu ersetzen.
Die Bereitschaft zur Kooperation sei, so Long,
heute unter den Teilnehmerländer jedenfalls wesentlich größer als vor
eineinhalb Jahren. Man könne darauf
hoffen, daß ein weiterer sinnvoller
Schritt in Richtung auf ein ökologisches Sicherheitssystem getan werde.
Für die Vereinigten Staaten ist
jetzt das wichtigste Ziel die weltweite Eindämmung des Wachstums chemischer Emissionen, obgleich es noch
keine endgültige Antwort auf die Frage gibt, ob das "atmosphärische System*
solche Emissionen
verkraften
kann oder nicht. "Wir möchten Alternativen entwickelt sehen", sagte EPAChef Lee Thomas in Genf, "und für eine Ausschaltung solcher Chemikalien
sorgen, die die Ozonschicht unbrauchbar machen könnten". Der Prozeß der
Entwicklung von Alternativen für CFC-

Verbindungen sei in den USA seit geraumer Zeit in Gang.
In drei bis
fünf Jahren sei zumindest ein neuer
chemischer Stoff auf dem Markt verfügbar, vielleicht könnten auch bereits
zwei
Ersatzstoffe
angeboten
werden.
Long unterstrich, daß es für alle
Volkswirtschaften schwierig sei, die
CFC-Verbindungen - mit Ausnahme ganz
weniger unverzichtbarer Stoffe - allmählich aus dem Markt zu nehmen.
Auch werfe das UNEP-Vorhaben Handelsprobleme
zwischen
Teilnehmerländern
und solchen Staaten auf, die sich
UNEP noch nicht angeschlossen haben.
Auch hier müßten Wege zur Lösung gefunden werden. Die amerikanische Industrie unterstütze
die Bemühungen
der amerikanischen Regierung um internationale
Vorsorgemaßnahmen
zum
Schutz der Ozonschicht - trotz der
noch bestehenden Ungewißheiten seitens der Forschung.
(übrigens nahm
auch eine Gruppe von Wissenschaftlern
aus
Industrielaboratorien
an
der
jüngsten Antarktisexpedition teil.)
Sie sei bereit, mit aller Energie an
Ersatzstoffen
zu
arbeiten.
Industriegiganten wie Du Pont und die
"Chlorofluorocarbon
Alliance", eine
große Gruppe von Produzenten und Anwendern, hätten bereits Schritte zur
Begrenzung
des ständigen Wachstums
von CFC-Emissionen zugestimmt, hielten aber die Forderung, Produktion
und Anwendung solcher Stoffe nach und
nach ganz einzustellen, für verfrüht.
Jedenfalls wolle und dürfe die Industrie angesichts ihrer eigenen Anstrengungen
nicht
allein
gelassen
werden. sie müsse der Kooperationsbereitschaft der anderen Länder, auch
im Hinblick auf den Erlaß von Einschränkungsmaßnahmen, sicher sein.

+ + + + +

�</text>
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                <text>&lt;strong&gt;1. Information&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Präsident Reagans neuer Sicherheitsberater&lt;br /&gt;&lt;em&gt;- Ein Kurzporträt von Frank Carlucci -&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Dokumentation&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Weiterhin feste Haltung der Vereinigten Staaten gegen Terrorismus&lt;br /&gt;- Shultz-Aussage vor Auswärtigem Ausschuss -&amp;nbsp;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Wiese rügt sowjetische Beschränkungen für die Presse&lt;br /&gt;&lt;em&gt;- Erklärung zum Austausch von Informationen -&amp;nbsp;&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Wissenschaft und Technik&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Ozonschicht - Schutzschild für das Leben&lt;br /&gt;&lt;em&gt;- US dringen auf weltweite Vorsorgemaßnahmen - Emission schädlicher Stoffe soll verringert werden -&lt;/em&gt;</text>
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dienet

Herausgeben U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

Z12462 C

10. Dezember 1997

24

OPTIMISMUS BEZÜGLICH DER EINDÄMMUNG VON EMISSIONEN
Rede von Vizepräsident Gore

UMWELT

USA BEZIEHEN ENTSCHIEDENE POSITION ZUM
KLIMAWANDEL
von Mark Hambley

BOSNIEN

IMPLEMENTIERUNG DES FRIEDENS IN
BOSNIEN
Stellungnahme von Strobe Talbott

USA-EUROPA

STUART EIZENSTAT ERHÄLT "TRANSATLANTIC LEADERSHIP AWARD
Auszeichnung durch das European Institute

USA-DEUTSCHLAND

DIE BEZIEHUNG ZU AMERIKA - EINE
EINZIGARTIGE PARTNERSCHAFT
Rede von Botschafter John C. Kornblum

DEUTSCHLAND UND AMERIKA - EINE
SELBSTVERSTÄNDLICHE PARTNERSCHAFT
von Botschafter John C. Kornblum

Informationen über die Politik der US-Regierung und
die Vereinigten Staaten im allgemeinen können
auf der Home Page von USIS-Deutschland
im World Wide Web des Internet unter
http://www.usia.gov/posts/bonn.html
abgerufen werden.
Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Deichmanns Aue 29
D 53170 Bonn
Tel.: 0228-339 2372

Fax:0228-333 138
e-mail: bbsbonn@usia.gov
internet: http://www.usia.gov/posts/bonn.html

�UMWELT

10. Dezember 1997

Optimismus bezüglich der Eindämmung
von Emissionen
Rede von Vizepräsident Gore

KYOTO - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die von Vizepräsident Gore beim Klimagipfel in Kyoto am 8.
Dezember 1997 gehaltenen Rede.

Ministerpräsident Hashimoto und Präsident Figueres,
Präsident Kinza Clodumar, verehrte Staats- und
Regierungschefs, sehr geehrte Delegierte, meine
Damen und Herren.
Es ist mir eine Ehre, bei dieser historischen Zusammenkunft in dieser alten Hauptstadt von solcher
Schönheit und Anmut anwesend sein zu dürfen. Im
Namen von Präsident Clinton und stellvertretend für
das amerikanische Volk und unseren Unterhändler,
Botschafter Stu Eizenstat, möchte ich unseren japanischen Gastgebern herzlich für ihre großzügige
Gastfreundschaft danken und vor allem Ihnen, Herr
Ministerpräsident Hashimoto, sowie unseren anderen
Vorsitzenden - Minister Ohki und Botschafter Estrada besonderen Dank für ihre harte Arbeit und Führungsrolle aussprechen.
Seit unserem Treffen bei der Konferenz von Rio 1992
haben wir mit wissenschaftlichem Konsens und
politischem Willen viel erreicht. Wenn wir einen
Moment innehalten und um uns blicken, können wir
sehen, wie außergewöhnlich diese Zusammenkunft
wirklich ist.
Wir haben in der Entwicklung der menschlichen
Zivilisation ein grundlegend neues Stadium erreicht, in
dem es erforderlich ist, die Verantwortung für die
jüngste, aber tiefgreifende Veränderung in den Beziehungen zwischen unseren Arten und unserem
Planeten zu übernehmen. Aufgrund unserer neuen
technologischen Macht und unserer zunehmenden
Bevölkerung müssen wir jetzt die Konsequenzen
dessen sorgfältig abwägen, was wir der Erde antun insbesondere der Atmosphäre.

AMERIKA DIENST 24

Auch andere Teile des ökologischen Systems der Erde
werden von den immer härteren Auswirkungen
gedankenlosen Verhaltens bedroht:
Die Vergiftung zu vieler Orte, an denen Menschen - insbesondere arme Menschen - leben,
und der Tod zu vieler Kinder - insbesondere
armer Kinder - durch verschmutztes Wasser
und schmutzige Luft.
Die gefährliche und nicht haltbare Überfischung der Ozeane.
Die rasche Zerstörung entscheidender Lebensräume - Regenwälder, gemäßigte und
boreale Wälder, Feuchtgebiete, Korallenriffe
und andere kostbare Quellen genetischer
Vielfalt, von der die Zukunft der Menschheit
abhängt.
Aber der verletzlichste Teil der Umwelt ist die äußerst
dünne Schicht von Luft in der Nähe der Oberfläche des
Planeten, in die wir jetzt so fahrlässig Gase emittieren,
daß wir die Beziehungen zwischen der Erde und der
Sonne verändern - indem wir mehr Solarstrahlung
unter dieser die gesamte Erde umgebenden wachsenden Decke von Verschmutzung ansammeln.
Die zusätzliche Hitze, die nicht entweichen kann,
beginnt die globalen Muster des Klimas zu verändern,
an das wir so gewöhnt sind und an das wir uns in den
vergangenen 10.000 Jahren angepaßt haben.
Letzte Woche haben wir von Wissenschaftlern erfahren, daß dieses Jahr - 1977 - von dem nur noch drei
Wochen übrig sind, seit der statistischen Erfassung

Seite 1

�das heißeste Jahr sein wird. In der Tat hatten wir in
den vergangenen 10 Jahren 90 Prozent der heißesten
Jahre. Der Trend ist eindeutig. Wenn wir nicht
handeln, sind die Konsequenzen für den Menschen und die wirtschaftlichen Kosten - undenkbar. Mehr
Rekordüberschwemmungen und Dürren. Krankheiten
und Seuchen, die sich auf neue Gebiete ausbreiten.
Mißernten und Hungersnöte. Schmelzende Gletscher,
schlimmere Stürme und steigende Meeresspiegel.

tern. Die Milderung der Armut und der Schutz der
Umwelt sind beides entscheidende Komponenten
einer wirklich nachhaltigen Entwicklung. Wir möchten
eine dauerhafte Partnerschaft schmieden, um eine
bessere Zukunft zu erlangen. Ein Schlüssel dazu ist
die Mobilisierung neuer Investitionen in Ihren Ländern
um sicherzustellen, daß Sie einen höheren Lebensstandard mit modernen, sauberen und effizienten
Technologien haben.

Unsere grundlegende Herausforderung besteht jetzt
darin herauszufinden, ob und wie wir die Verhaltensweisen ändern können, die das Problem verursachen.

Das streben unsere Vorschläge für den Handel mit
Emissionszertifikaten und die gemeinsame Umsetzung
an.

Das erfordert Bescheidenheit, weil die geistigen
Wurzeln unserer Krise Hochmut und das mangelnde
Verständnis sind, unsere Verbindungen zu Gottes
Erde und untereinander zu verstehen und zu respektieren.

An unsere Partner in den Industrienationen gerichtet
möchte ich sagen, daß wir auch Ihnen zugehört und
von Ihnen gelernt haben. Wir sind uns bewußt, daß
wir zwar ein gemeinsames Ziel haben, jeder von uns
sich jedoch mit einzigartigen Herausforderungen
konfrontiert sieht.

Jede der hier vertretenden 160 Nationen hat einzigartige Perspektiven unterbreitet, aber wir alle wissen,
daß unsere Arbeit in Kyoto nur der Anfang ist. Keiner
der hier erörterten Vorschläge wird alleine das Problem vollständig lösen. Aber wenn wir hier den
richtigen Anfang machen, können wir rasch Dynamik
entwickeln, während wir gemeinsam lernen, diese
Herausforderung zu bewältigen. Unser erster Schritt
sollte in der Festsetzung realistischer und erreichbarer,
bindender Emissionsobergrenzen bestehen, die neue
Märkte für neue Technologien und Ideen schaffen, die
wiederum die Grenzen des Möglichen erweitern und
zu neuer Hoffnung berechtigen. Dann werden andere
Schritte folgen. Und dann werden wir letztlich ein
sicheres Gesamtkonzentrationsniveau für Treibhausgase in der Atmosphäre erreichen.
Das ist der schrittweise Ansatz, den wir vor 10 Jahren
in Montreal vereinbart haben, um das Problem des
Abbaus der Ozonschicht anzugehen. Und er funktioniert.
Dieses Mal erfordert der Erfolg vor allem, daß wir die
Meinungsverschiedenheiten unter uns überwinden.
Die wichtigste Aufgabe für die Industrienationen
besteht darin, den drängendsten Problemen der
Entwicklungsländer ihr Ohr zu leihen. Und ich darf
sagen, die Vereinigten Staaten haben zugehört und
gelernt.
Wir sind uns bewußt, daß es unsere erste Priorität ist,
unsere Bürger aus der Armut zu befreien, die so viele
von ihnen ertragen müssen, und starke Volkswirtschaften aufzubauen, die eine besser Zukunft gewährleisten. Das ist Ihr Recht: Es wird Ihnen nicht verweigert.
Und ich möchte Ihnen eine klare Antwort geben: Wir
wollen nicht aufgrund einer falschen Prämisse schei-

Seite 2

Sie haben hier Führungsstärke bewiesen, und dafür
sind wir dankbar. Wir sind nach Kyoto gekommen, um
neue Wege zur Überbrückung unserer Differenzen zu
finden. Dabei dürfen wir jedoch nicht in unserer
Entschlossenheit nachlassen. Die Vereinigten Staaten
verpflichten sich ihrerseits weiterhin zu einer starken,
bindenden Obergrenze, die unsere eigenen Emissionen um nahezu 30 Prozent verringert - eine Verpflichtung, die so stark oder stärker ist als alles, was
wir hier von einem anderen Land gehört haben. Nun
ist es das Gebot der Stunde hier, das zu tun, was wir
versprechen, statt etwas zu versprechen, was wir nicht
tun können.
Wir alle müssen natürlich die Worte derjenigen
verwerfen, die uns glauben machen wollen, daß es
überhaupt kein Problem gibt. Wir kennen ihre Argumente - wir haben im gesamten Verlauf der Geschichte
ähnliche gehört. In meinem Land erinnern wir uns
beispielsweise an den Sprecher des Tabakunternehmens, der so lange insistiert hat, daß Rauchen
nicht schadet. Denen, die versuchen, Verwirrung zu
stiften und zu uns behindern, sagen wir: Wir werden
nicht zulassen, daß Ihr Eure persönlichen Interessen
über die Interessen der gesamten Menschheit stellt.
Was schlagen die Vereinigten Staaten also vor, was
sie tun sollten?
An erster Stelle jedes Vorschlags muß sein Verdienst
für die Umwelt stehen, und unserer ist umweltpolitisch
solide.
Es ist stark und umfassend und deckt sechs wichtige
Treibhausgase ab. Er trägt der Verbindung zwischen
Luft und Land Rechnung und bezieht Quellen und
Senken ein. Er bietet die Instrumente um sicherzustellen, daß Obergrenzen eingehalten werden
können - indem er den Handel mit Emissionszertifika-

AMERIKA DIENST 24

�ten, gemeinsame Umsetzung und Forschung als
mächtige Motoren der technologischen Entwicklung
und des Transfers anbietet. Er reduziert die Emissionen im Jahr 2012 und darüber hinaus weiter - unter die
Grenzen von 1990. Er stellt die Mittel zur Verfügung
um zu gewährleisten, daß alle Nationen uns bei der
Bewältigung dieser gemeinsamen Herausforderung zu
ihren eigenen Bedingungen folgen.

xibilität bei den Verhandlungen zu zeigen, wenn ein
umfassender Plan in die Praxis umgesetzt werden
kann - ein Plan mit realistischen Obergrenzen und
Zeitplänen, Marktmechanismen und der konstruktiven
Beteiligung der wichtigsten Entwicklungsländer.

Er ist auch wirtschaftlich solide. Und bei strenger
Überwachung und Rechenschaftspflicht gewährleistet
er, daß wir unsere Verbindungen untereinander halten.

"Bis man sich verpflichtet, gibt es ein
Zögern, die Chance eines Rückzugs
und immer Ineffektivität. Im Hinblick
auf alle Initiativen ... gibt es eine
grundlegende Wahrheit, die zahllose
Ideen und hervorragende Pläne zerstört, wenn man sie nicht kennt: Daß
in dem Moment, in dem man sich
verpflichtet, auch die Vorsehung
eingreift."

Anfang dieses Jahrhunderts schrieb der schottische
Bergsteiger W.H. Murray:

Unabhängig davon, ob hier Einigung erzielt wird oder
nicht werden wir konkrete Schritte zur Bewältigung
dieser Herausforderung unternehmen.
Präsident
Clinton und ich wissen, daß es unsere oberste Pflicht
ist, dieses Thema bei uns zu Hause anzusprechen.
Ich verspreche Ihnen heute, daß die Vereinigten
Staaten bereit sind zu handeln - und handeln werden.
Ich meinerseits bin hierhin nach Kyoto gekommen, weil
ich sowohl entschlossen als auch optimistisch bin, daß
wir Erfolg haben können. Meines Erachtens haben wir
schon durch unser Treffen in Kyoto einen größeren
Sieg errungen - einen Sieg des Inhalts und des
Geistes. Ich habe keinen Zweifel, daß der von uns hier
begonnene Prozeß in den kommenden Tagen oder
Jahren unweigerlich zu einer Lösung führen wird.
Einige von Ihnen hier haben vielleicht aus ihren

Hauptstädten gehört, daß Präsident Clinton und ich
unablässig telefoniert haben, um zu konsultieren und
neue Ideen auszutauschen. Heute möchte ich folgendes hinzufügen. Nachdem ich heute morgen mit
unseren Unterhändlern gesprochen und von hier aus
vor kurzem mit Präsident Clinton telefoniert habe,
weise ich unsere Delegation jetzt an, zunehmende Fle-

*

AMERIKA DIENST 24

Lassen Sie uns also weitermachen. Lassen Sie uns
geloben, uns so zu verhalten, daß unsere Enkelkinder
über den "Geist von Kyoto" lesen und den Ort und die
Zeit erinnern, als die Menschheit sich zum ersten Mal
entschied, gemeinsam eine langfristige Beziehung
zwischen unserer Zivilisation und der Umwelt einzugehen.
In diesem Geiste wollen wir unsere Differenzen
überwinden und uns der Sicherung unseres gemeinsamen Schicksals verpflichten: Eines ungeteilten und
gesunden Planeten, dessen Nationen im Frieden,
wohlhabend und frei und dessen Menschen überall in
der Lage sind, das ihnen von Gott gegebene Potential
zu verwirklichen.
Ich danke Ihnen.

* * *

*

Seite 3

�UMWELT
10. Dezember 1997

USA beziehen entschiedene Position zum Klimawandel
von Mark Hambley

(AD) - Der nachfolgende Artikel erschien erstmals in leicht geänderter Form in der Frankfurter Rundschau vom
29. November 1997. Botschafter Mark Hambley ist Sonderbeauftragter der Vereinigten Staaten von Amerika bei
der UN-Kommission für nachhaltige Entwicklung und Sonderunterhändler für den Klimawandel. Während des
Golfkriegs war er Botschafter im Staat Katar und anschließend Botschafter im Libanon.

Präsident Clinton engagiert sich für ein umfassendes
Programm zur Verringerung der Treibhausgasemissionen, einschließlich realistischer und bindender Emissionsziele. Was die Initiative des Präsidenten im
Vergleich zu anderen im Vorfeld der Klimakonferenz
von Kyoto unterbreiteten Vorschlägen einzigartig
macht, ist die Tatsache, daß sie einen konkreten Plan
für ihre Umsetzung mit bestimmten Aktionen zur
Erlangung eines Emissionsabbaus vorsieht.

ländern, ihre Umwelt mit Hilfe neuentwickelter Technologien zu schützen, ohne das Wirtschaftswachstum zu
beeinträchtigen.

Der Vorschlag besteht aus mehreren Elementen. Das
erste verpflichtet die Vereinigten Staaten und alle
anderen Signatarstaaten, innerhalb des Zeitrahmens
von 2008 bis 2012 rechtlich bindende Verpflichtungen
zur Stabilisierung der Emissionen von Kohlendioxid
und anderen zur Erderwärmung führenden Treibhausgasen auf dem Stand von 1990 einzugehen.
Ferner schlagen wir vor, die Emissionen in den darauf
folgenden fünf Jahren unter das Niveau von 1990 zu
senken und an weiteren Reduktionen in der Zukunft zu
arbeiten.

Die dritte Komponente des Plans macht geltend, daß
Industriestaaten und Entwicklungsländer sich gleichermaßen daran beteiligen müssen. Der Klimawandel ist
ein globales Problem, das eine globale Lösung
erfordert. Es ergibt keinen Sinn, wenn nur die in
Anhang I aufgeführten Industriestaaten ihren Ausstoß
von Treibhausgasen in die Erdatmosphäre senken,
selbst wenn es kurzfristig signifikante Reduktionen
sind, die übrigen Länder sich aber nicht an diesem
wichtigen Bestreben beteiligen. Meines Erachtens
erkennen die meisten Länder die Tatsache an, daß es
sich hier um ein weltweites Problem handelt, an
dessen Lösung sich alle Länder beteiligen müssen.
Der Präsident hat darauf hingewiesen, daß er keine
rechtlich bindenden Abkommen unterzeichnen wird,
bis die wichtigsten Entwicklungsländer sich in bedeutendem Ausmaß beteiligen.

Der zweite wichtige Aspekt des Plans von Präsident
Clinton ist die Einführung flexibler Mechanismen zur
Erreichung dieser Obergrenzen. Wir schlagen ein
gemeinsames System zu ihrer Durchsetzung vor, das
einem Unternehmen in einem Land Investitionen in ein
Projekt zur Verringerung von Emissionen in einem
anderen Land gestattet, die ihm zu Hause angerechnet
werden. Und wir schlagen ein internationales System
handelbarer Emissionszertifikate vor. Diese Mechanismen sind sehr wertvolle Instrumente, die Unternehmen und unserem Land als Ganzem die Verringerung
von Emissionen mit Hilfe wirtschaftlicher Anreize
gestatten. Gleichzeitig helfen sie den Entwicklungs-

Manche Kritiker behaupten, unsere vorgeschlagenen
Ziele einer Emissionsverringerung seien nicht aggressiv genug. Offen gesagt ist unser Plan in vielerlei
Hinsicht mindestens ebenso aggressiv wie andere
derzeit vorliegende Pläne. Um ein Beispiel zu nennen:
Im Vergleich zu dem Vorschlag der Europäischen
Union, der eine 15-prozentige Verringerung der
Emissionen von drei Treibhausgasen fordert, sieht
unser Plan die Verringerung der Emissionen aller
sechs Treibhausgase vor. Meines Erachtens wäre es
weitaus schwieriger für die Europäer, eine 15-prozentige Verringerung zu erreichen, wenn ihr Plan eine
Reduktion aller Gase fordern würde. Sowohl die

AMERIKA DIENST 24

Seite 1

�Vorschläge der Europäer als auch unsere Empfehlungen spiegeln dasselbe Bestreben wider, die
Treibhausgasemissionen bis zum Jahr 2010 zu
verringern.
Ich möchte auch darauf hinweisen, daß unsere
Wirtschaft während der vergangenen Jahre außerordentlich stark war. Dieses Wachstum wurde von
einem großen Anstieg der Treibhausgasemissionen in
den Vereinigten Staaten begleitet. Wir erwarten eine
etwa 30-prozentige Erhöhung unserer Emissionen von
1990 bis 2010. Aus diesem Grund würde unser Plan,
im Zeitraum zwischen 2008 und 2012 die Emissionen
auf das Niveau von 1990 zurückzuschrauben, eine
nahezu 30-prozentige Verringerung im Vergleich zu
unserer normalen Vorgehensweise bedeuten. Das ist
eine beträchtliche Reduktion. Tatsächlich bedeutet
das, unsere Energiepolitik völlig neu zu überdenken.
Der Präsident möchte das auf eine Art und Weise tun,
die am wenigsten negative Auswirkungen auf die
amerikanische Wirtschaft hat. Aus diesem Grund
geben uns die bereits erwähnten flexiblen Mechanismen wie der gemeinsame Plan für die Durchsetzung und das System handelbarer Emissionszertifikate
die marktgestützte Kosteneffizienz, die wir zur Bewältigung der uns bevorstehenden Übergangsphase
benötigen.
Der Präsident möchte die innenpolitische Agenda des
amerikanischen Plans möglichst bald umsetzen.
Beispielsweise fordert er in seinem Vorschlag Steuererleichterungen sowie Investitionen in Forschung und
Entwicklung im Wert von etwa fünf Milliarden Dollar
während der nächsten fünf Jahre, um die Energieeffizienz zu erhöhen und einen Anreiz zum Einsatz
sauberer Energiequellen zu geben. Ferner werden die
Schlüsselindustrien dazu aufgefordert, in den nächsten
neun Monaten Pläne für bestmögliche Emissionsreduzierungen auszuarbeiten und die Firmen angemessen zu belohnen, die frühzeitig entsprechend
handeln. Der Vorschlag beinhaltet auch einen mutigen
Plan für die Umstrukturierung der Elektrizitätsversorgung sowie umfassende Bestrebungen, den Einsatz
existierender energieeffizienter Technologien auszuweiten.
Das nationale und internationale System handelbarer
Emissionszertifikate würde eingeführt, nachdem
bereits ein Jahrzehnt lang Erfahrungen mit steuerlichen Anreizen, Forschung und Entwicklung, der
Umstrukturierung der Elektrizitätsversorgung und
anderen Maßnahmen gemacht wurden. Wir halten
den Plan zur Einführung eines Systems handelbarer
Emissionszertifikate für sehr bedeutend, damit wir die
wichtigen Ziele des vom Präsidenten bekanntgegebenen aggressiven Plans erreichen können. Ein Handel
mit Emissionszertifikaten macht sich die Effizienz des
Privatsektors zunutze, um umweltpolitische Ziele zu
erreichen und neue, möglichst kostengünstige Technologien zu fördern. Mit Hilfe eines solchen Verfahrens

Seite 2

wäre ein Land oder ein Unternehmen in der Lage, sein
Ziel einer Emissionsreduzierung zu erreichen, indem
es entweder selbst die Verschmutzung verringert, oder
ihm die von einem anderen Land oder Unternehmen
über dessen Zielsetzung hinaus erreichte Reduktion
angerechnet wird. Es wäre auch eine Kombination von
beiden Möglichkeiten denkbar.
Einer der Gründe, warum wir das System handelbarer
Emissionszertifikate unterstützen, ist unsere Erfahrung
in den Vereinigten Staaten mit seinem Einsatz zur
Verringerung von Schwefeldioxidemissionen, die
sauren Regen verursachen. Den Prognosen zufolge
sollte uns die Verringerung der Schwefeldioxidemissionen pro Tonne 200 Dollar kosten. Tatsächlich
kostet sie jetzt vor allem dank eines äußerst erfolgreichen Systems handelbarer Lizenzen weitaus weniger,
und der saure Regen hat drastisch abgenommen. Wir
sind überzeugt, daß dasselbe System zur CGyVerringerung eingesetzt werden kann. Die Situation hierbei
ist zugegebenermaßen viel komplizierter. Wir haben
noch keine Zauberformel, die uns ein automatisches
System handelbarer Emissionszertifikate für Kohlendioxid gibt. Wir müssen es mit der Zeit entwickeln,
aber wir sind der Ansicht, daß das im Lauf der nächsten Jahre geschehen kann.
Andererseits haben wir gewisse Schwierigkeiten, den
europäischen Vorschlag einer sogenannten "bubble"
bei der Verringerung der Treibhausgase zu übernehmen. Dieser Vorschlag gestattet den 15 Mitgliedstaaten der Europäischen Union im Grunde genommen,
ein Ziel - die 15-prozentige Reduktion der Emissionen
unter das Niveau von 1990 bis zum Jahr 2010 - zu
setzen und zu seiner Erlangung ein System der
Lastenteilung zwischen den einzelnen Ländern
einzuführen. Das Problem besteht darin, daß ein
solches System Ländern wie Portugal und Griechenland einen Emissionsanstieg von 40 beziehungsweise
30 Prozent gestatten würde und Frankreich seine
Emissionen lediglich einfrieren müßte.
Welche
Botschaft senden wir den Entwicklungsländern der
Welt, wenn die Emissionen einiger Industriestaaten um
40 Prozent anwachsen dürfen, während andere
Industriestaaten zu einer gravierenden Verringerung
aufgefordert werden? Unseres Erachtens würde ein
globales System handelbarer Emissionszertifikate das
Problem lösen. Die einzige Möglichkeit, wie die
Europäer unserer Ansicht nach ihre vorgeschlagenen
signifikanten Reduktionen erreichen können, ist
internationaler Handel mit Emissionszertifikaten.
Der Kern unserer Bestrebungen im Ausland besteht
darin, die Entwicklungsländer zur Verabschiedung von
Maßnahmen zu veranlassen, die zu einer Verringerung
von Treibhausgasemissionen führen. Es ist wichtig zu
verstehen, daß die Industriestaaten zwar derzeit für 60
Prozent der gesamten weltweiten Emissionen verantwortlich sind, die Emissionen der Entwicklungsländer
aber rapide ansteigen und wahrscheinlich in den

AMERIKA DIENST 24

�nächsten Jahrzehnten weit über die der Industriestaaten hinausgehen werden. In den Entwicklungsländern
gibt es jedoch viele Möglichkeiten für eine Emissionsverringerung, einschließlich einer gemeinsamen
Durchführung mit der Verteilung von "Emissionsgutschriften", die sich internationaler Partnerschaften
bedient, um kostengünstige Verringerungen der
Treibhausgasemissionen zu erreichen. Bei gemeinsamer Durchführung könnte ein in den Vereinigten
Staaten ansässiges Unternehmen beispielsweise in
ein Projekt investieren, das Emissionen in einem
Entwicklungsland wie Indonesien verringert, und dann
diese "Gutschrift" für die Verringerung als kostengünstigeren Weg zur Erlangung seines eigenen Ziels
verwenden. Das Projekt in dem Entwicklungsland
könnte die Umwandlung eines kohlebetriebenen
Kraftwerks in ein saubereres, erdgasbetriebenes
beinhalten. Auf jeden Fall würde das einerseits zu
einem Transfer von Technologie in das Entwicklungsland führen und andererseits zu geringeren Kosten der
Erreichung von Emissionsobergrenzen für das amerikanische Unternehmen, denn ähnliche Emissionsreduzierungen im eigenen Land wären weitaus
kostenintensiver und komplizierter.
Meiner Meinung nach besteht einer der positivsten
Aspekte der gemeinsamen Durchführung möglicherweise darin, daß sie die beste Alternative zur offiziellen
Entwicklungshilfe bietet, die - nebenbei gesagt - seit
einigen Jahren stagniert, wenn nicht sogar abgenommen hat. Die gemeinsame Durchführung bietet uns
auch eine außerordentlich kreative Möglichkeit,
dringend benötigte Technologie - effiziente, effektive,
erstklassige Technologie - an die Entwicklungsländer
zu liefern.
Präsident Clinton hat ein Hilfspaket in Höhe von einer
Milliarde Dollar zugesagt, das durch das US-Amt für
internationale Entwicklung (Agency for International
Development - AID) gewährt wird und sich erneut
verpflichtet, im Rahmen der globalen Umweltfazilität
Finanzhilfe zu geben. Das Hilfspaket würde dazu
verwendet, den größten Entwicklungsländern bei der
Suche nach Wegen zu einer optimierten Energieversorgung durch bestimmte Programme zu helfen,

*

AMERIKA DIENST 24

den Einsatz alternativer Energiequellen und erneuerbarer Technologien zu fördern und Schulungen
anzubieten, die zur Aufstellung einer Liste der Treibhausgasemissionen erforderlich sind.
Gleichzeitig fordern die Vereinigten Staaten die großen
Entwicklungsländer zu signifikanten Maßnahmen zur
Emissionsbeschränkung auf. Wir sind uns bewußt,
daß es zwischen den einzelnen Entwicklungsländern
Unterschiede gibt. Der Präsident hat darauf hingewiesen, daß bei der Festsetzung von Verpflichtungen der
ärmeren und unterentwickelteren Länder dem Stand
ihrer Wirtschaftsentwicklung und dem Wachstumsbedarf ihrer Volkswirtschaften Rechnung getragen
werden muß. Es ist nicht unser Ziel, den am wenigsten entwickelten Ländern der Welt Beschränkungen
aufzuerlegen. Diese Länder haben noch viele Jahre
vor sich, bis sie das Problem der Treibhausgase
verschärfen. Wir halten es jedoch für logisch und klug,
daß sich die anderen Entwicklungsländer an diesen
Bestrebungen beteiligen.
Im Dezember findet in Kyoto die dritte Konferenz der
Teilnehmerstaaten der UN-Klimarahmenkonvention
statt. Die Parteien planen auf der Konferenz die
Verabschiedung eines rechtlich bindenden Übereinkommens zur Verringerung von Treibhausgasemissionen. Aber alles, dem wir in Kyoto zustimmen, kann nur
mit voller Unterstützung der amerikanischen Öffentlichkeit und durch den US-Kongreß umgesetzt werden.
Der Kongreß hat sich zu dieser Frage geäußert und
seiner großen Besorgnis hinsichtlich der Verhandlungen Ausdruck verliehen. Der Präsident hat versucht, auf diese Besorgnis einzugehen und die
amerikanische Öffentlichkeit durch eine Reihe von
sehr öffentlichkeitswirksamen Zusammenkünften mit
Wirtschaftsvertretern, Wissenschaftlern und hochrangigen Vertretern nichtstaatlicher Organisationen über die
ernste Natur des Problems aufzuklären. Ich bin
zuversichtlich, daß die internationale Gemeinschaft
durch fortgesetzte Bestrebungen in dieser Richtung sowohl in den Vereinigten Staaten als auch in anderen
Ländern - das Problem des Klimawandels mit der ihm
gebührenden Entschlossenheit angehen kann.

*

Seite 3

�BOSNIEN
10. Dezember 1997

Implementierung des Friedens in Bosnien
Stellungnahme von Strobe Talbott

BONN - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die vom Stellvertretenden Außenminister Strobe Talbott am 9.
Dezember 1997 bei der Jahresvollversammlung des Friedensimplementierungsrates für Bosnien und
Herzegowina abgegebene Stellungnahme.

Ich möchte mich dem Dank anschließen, der Ihnen,
Herr Vorsitzender, und der Bundesregierung gegenüber für ihre Gastfreundschaft bei der Veranstaltung
dieser Konferenz zum Ausdruck gebracht wurde und
auch Carlos Westendorp für sein Engagement als
Hoher Repräsentant danken.
Wie alle von uns bin ich traurig, betroffen und gleichzeitig bestärkt durch die Erinnerung an unsere verstorbenen Kollegen - die zwölf internationalen Beamten, die im September in den Hügeln von Zentralbosnien ums Leben gekommen sind. Zu ihnen zählte ein
herausragender deutscher Diplomat, Gerd Wagner,
der vielen von uns in Washington ein bewunderter
Freund war, wo er so ausgezeichnete Arbeit leistete,
bevor er diesen Posten als Stellvertretender Hoher
Repräsentant annahm, der sich so tragisch als sein
letzter erweisen sollte. Er und mein Landsmann, der
Stellvertretende Leiter der IPTF, Kris Kriskovich,
verkörperten das Engagement der internationalen
Gemeinschaft für ein Bosnien, das frei von ethnischem
Haß sein, sich der Rechtsstaatlichkeit zuwenden und
bereit sein sollte, seinen Platz unter den europäischen
Nationen einzunehmen.
Ich stimme mit meinen Vorrednern überein, daß seit
Sintra Fortschritte an mehreren Fronten erzielt worden
sind: Kommunalwahlen, Reform der Polizei, offene
Medien, die Verhaftung einer Reihe von mutmaßlichen
Kriegsverbrechern, die Volkswirtschaft. Wir müssen
jetzt auf diese Leistungsbilanz aufbauen und das
Tempo der Implementierung von Dayton noch mehr
beschleunigen. Aus diesem Grund möchte ich im
Namen von Präsident Clinton und Außenministerin
Albright vor allem fünf Punkte hervorheben:

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Erstens begrüßen wir die Unterstützung der Konferenz, dem Hohen Repräsentanten die Befugnis zu
bindenden Interimsentscheidungen beim gesamten
Spektrum ziviler Implementierungsfragen zu verleihen.
Wir stimmen zu, daß er die Amtsgewalt erhalten soll,
die Obstruktionspolitik derjenigen zu vereiteln, die die
vollständige Implementierung von Dayton blockieren
wollen.
Zweitens müssen wir darauf hinarbeiten, daß das Jahr
1998 von der Rückkehr der Flüchtlinge in ihre Heimat
gekennzeichnet ist. Sonst werden große Teile Bosniens nolens volens ethnisch gesäubert und de facto
aufgeteilt. Das garantiert künftige Instabilität und
Konflikt. Die Flüchtlinge werden nicht in ihre Heimat
zurückkehren, bis es angemessene Vorkehrungen für
ihre Sicherheit gibt.
Das bringt mich zu meinem dritten Punkt: Die Bedeutung der Zusammenstellung einer Polizei, die dem Volk
und der Idee gegenüber loyal ist, Bosnien als Ganzes
zu sehen, und nicht loyal gegenüber einem feindlichen
Lager von Nationalisten und Extremisten. Die Vereinigten Staaten werden ihren Beitrag zu diesen
Bestrebungen leisten. Wir fordern andere Länder auf,
sich uns anzuschließen und die Ressourcen für die
Ausbildung und Ausrüstung einer professionellen
Polizei in Bosnien zur Verfügung zu stellen. Das wird
ein Schlüsselelement jeder internationalen Sicherheitspräsenz in Bosnien sein.
Viertens müssen wir weiterhin entschlossen darauf
hinarbeiten, daß Kriegsverbrecher dort enden, wo sie
hingehören - nämlich vor dem Tribunal in Den Haag.
Zum ersten Mal hat sich eine beträchtliche Anzahl von
Angeklagten selbst dem Prozeß gestellt, teils dank der

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�Hilfe der kroatischen Regierung. Gerechtigkeit kann
jedoch nicht den Angeklagten selbst - oder ihren
Beschützern - überlassen werden. Belgrad und Pale
sollten wissen, wenn sie nicht mit dem Kriegsverbrechertribunal zusammenarbeiten, werden sie von
der internationalen Gemeinschaft weiterhin isoliert.
Fünftens unterstützt meine Regierung eine weitere
Rolle der OSZE in Bosnien, einschließlich der Überwachung künftiger Wahlen. Das ist die beste Gewährleistung, daß Bosnien seine Teilungen überwindet und
sich dem Pluralismus zuwendet. Wenn wir hier ebenso wie bei vielen anderen Unternehmen - in
unseren Anstrengungen nachlassen oder sie vorzeitig
beenden, hieße das, die Niederlage aus den Klauen
des Sieges zu reissen.

*

Seite 2

Schließlich möchte ich mich den vielen anderen
anschließen, die die gespannte Situation im Kosovo
angesprochen haben. Die andauernde Unterdrückung
im Kosovo gibt Anlaß zu zunehmender Besorgnis, daß
die regionale Stabilität durch einen neuen Ausbruch
von Gewalt auf dem Balkan bedroht sein könnte. Die
Vereinigten Staaten und ihre europäischen Partner
werden auf einen Dialog zwischen Belgrad und
Pristina hinarbeiten. Eine Beilegung des Konflikts im
Kosovo muß die politischen und humanitären Rechte
der albanischen Gemeinschaft innerhalb der derzeitigen internationalen Grenzen gewährleisten.
Vielen Dank, Herr Vorsitzender.

* * *

*

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�USA-EUROPA
10. Dezember 1997

Stuart Eizenstat erhält
"Transatlantic Leadership Award"
Auszeichnung durch das European Institute

WASHINGTON - (AD) - Dem Staatssekretär für wirtschaftliche, unternehmerische und landwirtschaftliche
Angelegenheiten im US-Außenministerium, Stuart Eizenstat, wurde am 21. November 1997 der Transatlantic
Leadership Award des European Institute verliehen. Nachfolgend veröffentlichen wir den vorbereiteten Text der
Rede von Staatssekretär Eizenstat bei der Entgegennahme der Auszeichnung, die er sich mit EU-Kommissar Sir
Leon Brittan teilt.

Es ist mir eine große Ehre, heute als diesjähriger
Empfänger des Transatlantic Leadership Award zu
Ihnen sprechen zu dürfen. Ganz besonders freue ich

Ohne die Arbeit von Sir Leon, Mickey Kantor und
anderen hätte es keine Uruguay-Runde gegeben.

mich darüber, daß mir diese Auszeichnung vom

Das Streben nach der Erreichung dieser gemeinsamen Ziele bringt uns heute hier zusammen. Während unsere Differenzen und Konflikte unsere Zeit,
Energie und Mühe beanspruchen mögen, wird unsere
Partnerschaft durch unser Engagement für die gemeinsamen Prinzipien definiert.

European Institute verliehen wird. Das Institute spielt
eine wesentliche Rolle bei der Bereitstellung des
erforderlichen Forums für die Erörterung von Schlüsselfragen unserer transatlantischen Beziehungen und
fördert damit das Verständnis zwischen den Vereinigten Staaten und Europa.
Ich danke meinem Freund Hugo Paeman für seine
freundlichen Worte und dauerhafte Unterstützung.
Seine Fähigkeiten, Kreativität und Kooperation machen
ihn zu einem äußerst wertvollen Vertreter der Europäischen Union hier in Washington und zu einer der
wichtigsten Stützen der amerikanisch-europäischen
Beziehungen.
Dem anderen Empfänger der heutigen Auszeichnung
möchte ich meine Glückwünsche aussprechen und
ihm versichern, wie sehr ich mich freue, die heutige
Ehrung mit ihm zu teilen. Er ist mein Kollege und
Gegenstück, Gegner und Freund, Konkurrent und
Kohorte - alles in einem. Sir Leon, sie haben während
der vergangenen Jahre großen Einfluß auf den
Welthandel gehabt. Und auch wenn wir nicht bei allem
einer Meinung sind, haben wir doch dieselben Ziele
und dieselbe Vision: Engere Bande zwischen den
Vereinigten Staaten und der Europäischen Union zum
Wohle aller Bürger auf beiden Seiten des Atlantiks.

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Es ist eine immer engere und sich entwickelnde
Beziehung, die auf gegenseitigem Verständnis und
dem Bewußtsein der Bedeutung von Handel und
Sicherheit gleichermaßen basiert.
Die Vereinigten Staaten und Europa verbinden
einzigartige historische und kulturelle Bande. Wir
haben in diesem Jahrhundert drei große Kriege in
Europa geführt - zwei heiße und einen kalten - und
haben uns der Zusammenarbeit mit Europa verpflichtet, um Frieden auf diesem Kontinent und der
ganzen Welt zu sichern. Das hat für uns eindeutig
Priorität gehabt - vom Marshallplan vor 50 Jahren bis
zur Unterstützung des Aufbaus und der Erweiterung
der Europäischen Union heute.
Gemeinsam beendeten wir den Kalten Krieg, unterstützten die aufstrebenden Demokratien in Zentralund Osteuropa und riefen die Partnerschaft für den
Frieden (PfF) ins Leben, die alte Trennlinien in Europa
weiter beseitigt. Aus der Zerstörung des Zweiten
Weltkriegs und der Spaltung des Kalten Krieges

Seite 1

�entstand eine dauerhafte Partnerschaft, die auf den
Lektionen der Geschichte basiert und eine prosperierende und friedliche Welt anstrebt.
Obwohl wir die Bedeutung von Handel und Investitionen in aufstrebende Märkte verstehen, dürfen wir nie
vergessen, wie wichtig unsere eigenen Handelsbeziehungen sind. Die Vereinigten Staaten und die EU
produzieren gemeinsam nahezu die Hälfte aller Waren
und Dienstleistungen weltweit, und auf sie entfällt mehr
als die Hälfte des gesamten Welthandels. Die EU ist
bei weitem unser größter Handelspartner. Die Exporte
in beide Richtungen und der Absatz von Tochtergesellschaften auf dem jeweils anderen Markt eingerechnet,
beläuft sich der transatlantische Handel auf ungefähr
zwei Billionen Dollar jährlich. Tatsächlich ist der
europäische Markt - Exporte und Absatz von Tochtergesellschaften eingeschlossen - für die amerikanischen Unternehmen doppelt so groß wie der kanadische und japanische zusammengenommen.
Europa ist auch unser wichtigster Partner bei der
Förderung des Welthandelssystems. Während der
vergangenen 50 Jahre war jeder Fortschritt des
Welthandelssystems das Ergebnis amerikanischeuropäischer Übereinkünfte und Initiativen. Wenn wir
uns nicht einig sind - wie beim Thema Landwirtschaft
in der Uruguay-Runde - macht der offene Handel
wenig Fortschritte. Was durch eine gemeinsame
amerikanisch-europäische Führungsrolle erreicht
werden kann, zeigt der Blick auf die jüngsten Erfolge die Uruguay-Runde, die Gründung der Welthandelsorganisation (WTO), das Informationstechnologieabkommen und das Abkommen über Telekommunikationsdienste.
Die Verabschiedung der neuen transatlantischen
Agenda (New Transatlantic Agenda - NTA) im Dezember 1995, die einen Plan für die Stärkung der Zusammenarbeit zwischen den Vereinigten Staaten und
der Europäischen Union bis ins 21. Jahrhundert
darstellt, hat unsere Partnerschaft gestärkt und
gefördert. Die NTA erweitert unsere Zusammenarbeit
um den Handel. Sie beinhaltet mehr kooperative
Mechanismen denn je - halbjährliche Gipfeltreffen,
regelmäßige Zusammenkünfte unterhalb der Kabinettsebene sowie eine breite Palette von Kontakten auf
Arbeitsebene.
Unsere Beziehungen entwickeln sich ständig weiter
und passen sich an interne und externe Veränderungen an. Wir sind uns bewußt, daß sich die EU verändert - sie wird durch die Aufnahme neuer Mitglieder
erweitert, durch die Einführung der Wirtschafts- und
Währungsunion integriert und entwickelt sich zu einem
immer wichtigeren Forum, in dem Europa diplomatische Fragen, Themen der Strafverfolgung und globale
Probleme erörtern und gemeinsame Maßnahmen
ergreifen kann. Diese Veränderungen bergen Herausforderungen und Chancen. Gleichzeitig widmen wir

Seite 2

der Ausweitung und Vertiefung unserer Handels- und
Investitionsbeziehungen besondere Aufmerksamkeit,
um unser gemeinsames Ziel der Schaffung eines
transatlantischen Marktes ohne Handelshemmnisse zu
erreichen.
Eine andere wichtige Innovation und Bestandteil der
NTA ist der transatlantische Wirtschaftsdialog (Transatlantic Business Dialogue - TABD), eine einzigartige
Partnerschaft zwischen Regierung und Wirtschaft, die
uns bei der Suche nach Gemeinsamkeiten zur Beseitigung der Hindernisse für offenen und fairen Handel
hilft. Wir erwarten von den praktischen Empfehlungen
des transatlantischen Wirtschaftsdialogs die Stärkung
der Handels- und Investitionsbeziehungen zwischen
den Vereinigten Staaten und der Europäischen Union
und üben starken Druck auf unsere jeweiligen Regierungen aus, die Umsetzung dieser Empfehlungen
sicherzustellen.
Damit gibt der transatlantische
Wirtschaftsdialog unseren Politikern auf beiden Seiten
des Atlantiks eine zukunftsorientierte Agenda an die
Hand, während wir uns für die Beseitigung der Handelshemmnisse und die Stärkung der Handelsbeziehungen einsetzen.
Obwohl die Handels- und Investitionsbeziehungen
zwischen den Vereinigten Staaten und der EU stark
sind, wäre ich nicht ehrlich, wenn ich nicht zugeben
würde, daß wir auch wesentliche Differenzen haben Differenzen, bei deren Überwindung diese Institutionen
eine konstruktive Rolle übernehmen können. Zu
diesen Differenzen zählen die von der EU vorgeschlagene Richtlinie über spezifizierte gefährliche Stoffe und
kosmetische Mittel sowie der Einsatz von Sanktionen.
Zur Frage der Sanktionen habe ich kürzlich im Kongreß im Rahmen einer Anhörung erörtert, wie das
Außenministerium einen Prozeß eingeleitet hat, um die
Verhängung von Sanktionen durch die US-Regierung,
ihre Wirksamkeit und die Möglichkeit ihrer verbesserten Integration in unsere Gesamtstrategie zu analysieren. Diese Überprüfung soll gewährleisten, daß der
Einsatz von Sanktionen unsererseits klar definierte
Ergebnisse erzielt und im allgemeinen nur dann erfolgt,
wenn andere diplomatische Maßnahmen erfolglos
waren. Ferner unternehmen wir mehr, um die Regierungen der Bundesstaaten einzubeziehen, damit der
Einsatz von Sanktionen durch sie disziplinierter erfolgt.
Neben der internen Überprüfung von Sanktionen
bemühen wir in den Vereinigten Staaten uns um
Zusammenarbeit mit unseren Verbündeten, um Wege
zur Entwicklung eines gemeinsamen Ansatzes bei
internationalen Problemen zu finden, die eine Gefahr
für unsere Werte, unsere Sicherheit sowie die persönlichen und Eigentumsrechte unserer Bürger darstellen.
Aus diesem Grund haben wir vorgeschlagen, daß die
Vereinigten Staaten und die EU als Teil der derzeitigen
Verhandlungen über Maßnahmen gemäß dem HelmsBurton-Gesetz einen hochrangigen Konsultationsmechanismus ins Leben rufen, um auf Probleme

AMERIKA DIENST 24

�dieser Art zu reagieren. Ich hoffe, daß wir bei dieser
Frage zu Übereinstimmung und Verständnis gelangen,
damit wir an gemeinsamen Zielen zusammenarbeiten
können und damit eher in der Lage sind, notfalls
individuelle Maßnahmen zu ergreifen, um auf Bedrohungen unserer gemeinsamen Interessen und
Werte zu reagieren.
Die laufenden Verhandlungen zu diesem Thema
beinhalten auch die Arbeit an einer Lösung der HelmsBurton-Frage. Diese Verhandlungen drehen sich um
die Schaffung von Disziplinen zur Behinderung oder
Abschreckung von Investitionen in enteignetes
Eigentum. Unseres Erachtens haben Unternehmen
auf beiden Seiten des Atlantiks guten Grund, ein
Abkommen zu unterstützen, das Eigentumsrechte
weltweit stärkt.
Wie viele von Ihnen wissen, prüfen wir im Hinblick auf
den Iran derzeit die von Unternehmen aus Frankreich,
Rußland, Kanada, Indonesien und Malaysia mit dem
Iran abgeschlossenen Verträge über Ölfeldprojekte
und untersuchen, ob diese Verträge unter dem
Sanktionsgesetz für Iran und Libyen eine mit Sanktionen zu belegende Aktivität darstellen. Wir haben ein
Team, das mit den an diesem Geschäft beteiligten
Unternehmen sowie den betroffenen Regierungen
spricht, um mehr Informationen zu bekommen und
unsere Besorgnis im Zusammenhang mit Investitionen
im Iran zu erörtern, während die iranische Regierung
weiterhin den internationalen Terrorismus unterstützt
und versucht, Massenvernichtungswaffen zu beschaffen. Wir werden unsere Untersuchungen gewissenhaft
fortsetzen, und abhängig von den Ergebnissen werden
Sanktionen eine mögliche Option bleiben. Das Ziel der
Gesetze besteht jedoch darin, gemeinsam Bedrohungen der internationalen Sicherheit durch Iran und
Libyen abzuwehren.
Ferner streben wir die Unterstützung der Wirtschaft für
ein starkes multilaterales Investitionsabkommen
(Multilateral Agreement on Investment - MAI) an. Wir
müssen die Sicherheit von Investitionen erhöhen und
ein hohes Maß an Liberalisierung erreichen.
Ich freue mich bekanntgeben zu können, daß wir uns
bei den heutigen OECD-Verhandlungen erfolgreich auf
den endgültigen Text einer umfassenden Konvention
über das Verbot der Bestechung ausländischer
Staatsbeamter bei internationalen Wirtschaftstransaktionen geeinigt haben. Die heutige Vereinbarung
stellt einen großen Vorstoß im Kampf gegen Korruption
dar. Die internationale Wirtschaftsbestechung unterminiert gute Regierungsführung, schadet der wirtschaftlichen Effizienz und verzerrt den Handel. Wir
begrüßen das Übereinkommen der OECD-Mitgliedsländer, weitere spezifische Aktionen zu erwägen, um
wirtschaftliche Bestechung im staatlichen Sektor zu
bekämpfen und alle beteiligten Länder zu drängen, die

AMERIKA DIENST 24

schnelle Ratifizierung und Durchsetzung der heutigen
Übereinkunft sicherzustellen.
Dies ist ein Beispiel für Zusammenarbeit zur Bewältigung unserer Herausforderungen und Schwierigkeiten
sowie eine weitere Demonstration der Stärke und
Vitalität unserer Beziehungen insgesamt. Am 5.
Dezember ist Präsident Clinton Gastgeber des Gipfeltreffens der Vereinigten Staaten und der Europäischen
Union, bei dem wir zahlreiche Fragen von gemeinsamem Interesse erörtern werden, die Verständnis
fördern, Zusammenarbeit verbessern und uns am
besten auf zukünftige Herausforderungen vorbereiten
werden. Beim Umgang mit diesen Herausforderungen
müssen wir auch unsere gemeinsamen Ziele im Auge
behalten:
Förderung von Frieden, Stabilität, Demokratie
und Entwicklung in den Krisenherden der
Welt. Wir müssen unsere Bestrebungen zur
Schaffung eines dauerhaften Friedens in
Bosnien fortsetzen und gemeinsam an der
Schaffung eines Klimas für Fortschritte beim
Friedensprozeß im Nahem Osten arbeiten.
Fortsetzung unserer entscheidenden Zusammenarbeit bei der Reaktion auf globale
Herausforderungen wie Terrorismusbekämpfung und Drogenmißbrauch sowie verstärkte
Zusammenarbeit bei der Bekämpfung von
organisiertem Verbrechen und Umweltzerstörung.
Ausweitung des Welthandels und Stärkung
der Wirtschaftsbeziehungen durch die Fortsetzung unserer Zusammenarbeit in multilateralen Foren. Wir haben unsere Fähigkeit zum
Erzielen von Ergebnissen durch das Abkommen über Basistelekommunikationsdienste und das Informationstechnologieabkommen unter Beweis gestellt und können darauf
aufbauen. Das beinhaltet die Weiterentwicklung des Konzepts eines neuen transatlantischen Marktes - insbesondere unter Führung
des Privatsektors entsprechend den Empfehlungen und der Initiative des transatlantischen
Wirtschaftsdialogs.
Bau von Brücken zwischen Amerikanern und
Europäern, insbesondere der Generation nach
dem Kalten Krieg, was zu fortgesetzter Unterstützung der Öffentlichkeit für die transatlantischen Beziehungen und zur Beteiligung des
Privatsektors beitragen soll, während wir uns
für die Bewältigung der Herausforderungen
und Chancen eines neuen Jahrhunderts
einsetzen.
Wir sind durch unsere Verpflichtung zur Förderung von
Frieden, Wohlstand, Demokratie, Menschenrechten

Seite 3

�und offenen, marktorientierten Volkswirtschaften
miteinander verbunden. Wir standen bei vielen
äußerst wichtigen Fragen während der vergangenen
40 Jahre Seite an Seite. Unsere gemeinsame Geschichte und unser gemeinsames Erbe müssen ein
Bindeglied zwischen uns darstellen, während wir uns

künftigen Herausforderungen stellen. Diese Beziehungen sollten weiterhin durch unsere Leistungen definiert
werden, während wir gemeinsam den Weg in eine
Zukunft voller Versprechungen und Möglichkeiten
zurücklegen. Ich danke Ihnen.

* * * * *

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AMERIKA DIENST 24

�USA-DEUTSCHLAND
10. Dezember 1997

Die Beziehung zu Amerika - eine einzigartige
Partnerschaft
Rede von Botschafter John C. Kornblum

MÜNCHEN - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir den vorbereiteten Text der Rede, die der Botschafter der
Vereinigten Staaten von Amerika in der Bundesrepublik Deutschland, John C. Kornblum, am 2. Dezember 1997
in München hielt.

Ein neuer Anfang
Wir sind heute Abend hierher gekommen, um einen
wichtigen Schritt bei den engen Beziehungen zwischen
den Vereinigten Staaten von Amerika, Bayern und der
Stadt München zu markieren. Ende Dezember wird
das beliebte Amerika Haus in der Form, wie wir es seit
mehr als vier Jahrzehnten kennen, aufhören zu
existieren. Es wird durch eine neue Institution - das
Bayerisch-Amerikanische Zentrum - ersetzt. Das
Gebäude bleibt das gleiche, viele der Programme
bleiben bestehen, aber die Institution wird eine andere
sein.
Ich möchte heute zu Ihnen über diese neue Institution
sprechen, über ihre Zukunft und die sie konfrontierenden Herausforderungen. Wenn ich diese neuen
Bestrebungen erörtere, möchte ich auch einige Lehren
für die nächste Phase der deutsch-amerikanischen
Beziehungen darlegen. Denn die beiden gehen Hand
in Hand. Unsere neue Institution kommt genau zum
richtigen Zeitpunkt. Bei dem Versuch, die Welt zu
beschreiben, in die sie geboren wird, können wir auch
dazu beitragen, ihre künftige Arbeit zu leiten, um die
deutsch-amerikanische Partnerschaft zu unterstützen,
die wir aufzubauen versuchen.
Zuerst einmal der unmittelbare Grund für den Wandel.
In der Welt nach dem Ende des Kalten Krieges haben
die traditionellen Informations- und Kulturzentren der
Vereinigten Staaten fast aufgehört zu existieren. Im
Zeitalter des direkten Zugangs zu den Medien ist es
schwierig, eine staatliche Finanzierung kultureller
Präsentationen zu rechtfertigen. Einige dieser Zentren

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werden weiterbestehen, aber entsprechend unserem
im vergangenen Jahr verabschiedeten Haushaltsgesetz ist die staatliche Finanzierung für unsere
Einrichtungen in München und Hamburg verringert
worden. Die Tatsache, daß sie so lange bestanden
haben, zeugt von der Bedeutung der deutsch-amerikanischen Beziehungen. Ähnliche Institutionen existieren
in Frankreich und Großbritannien bereits seit Jahren
nicht mehr. Heute gibt das US-Informationsamt
(United States Information Service - USIS) immer noch
mehr als die Hälfte seines Europa-Etats für Deutschland aus.
Diese Tatsachen allein sollten zeigen, daß die Vereinigten Staaten weiterhin einen wesentlichen Beitrag
zu Informations- und Kulturaktivitäten in München und
Bayern leisten werden. Unsere neue Nachschlagebibliothek im Generalkonsulat ist die beste ihrer Art. Die
Unterstützung für Kulturprogramme und Diskussionen
wird fortgesetzt. Wir haben in Form von Finanzmitteln
und Sachspenden einen großen Beitrag zu dem neuen
Bayerisch-Amerikanischen Zentrum geleistet. Aber die
vollständige Finanzierung eines offiziellen Kulturzentrums war nicht länger möglich.
Diese Notwendigkeit hat eine bedeutende Chance
hervorgebracht. Insbesondere in München ist es an
der Zeit, mit neuen Formen von Dialog und Austausch
zu experimentieren. Es ist zweifelsohne nicht mehr
nötig, amerikanische Kultur und Kunst nach Bayern zu
bringen. Dieser Bedarf wird über private Kanäle mehr
als gedeckt. Amerikanische Ideen und Modelle sind
ebenfalls reichlich vorhanden.

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�Erforderlich ist der innovative Dialog, den das neue
Bayerisch-Amerikanische Zentrum bieten kann:
Die Einbeziehung vieler verschiedener gesellschaftlicher Gruppen in die Planung und
Durchführung der Prüfung neuer Formen der
Zusammenarbeit über den Atlantik hinweg.
Ein neues deutsch-amerikanisches Entscheidungsgremium wird beschließen müssen, was
geschehen soll und wie es geschieht;
Ein Dach für die zahlreichen Einzelinitiativen,
die unsere Beziehungen seit Jahren bereichern.
Neue Programme, die Zusammenarbeit in
Bereichen gestalten können, in denen sie
normalerweise nicht von einer traditionellen
Einrichtung dieser Art abgewickelt wird.
Ich bin stolz sagen zu können, daß die Reaktion auf
diese neue Herausforderung großartig war. Die
bayerische Regierung hat großzügig Mittel und Ideen
beigesteuert. Unser Gebäude wird erhalten. Seine
Programme werden im neuen Jahr ohne Unterbrechung fortgesetzt. Wir können uns besonders
glücklich schätzen, daß Dr. Chris Peters - seit mehr als
34 Jahren selbst eine Institution - weiterhin die Programme und die neue Institution leiten wird. Ich bin
sicher, daß jeder unter den Zuhörern des heutigen
Abends meine Bewunderung für die von ihm geleistete
Arbeit teilt.
Besonders glücklich schätzen können wir uns auch,
daß eine sehr aktive Gruppe von Sponsoren und
Förderern am Aufbau einer Organisation mitwirkt, die
dazu beitragen kann, den Erfolg der neuen Unternehmung sicherzustellen. Ich bezweifle nicht, daß das
Amerika Haus in Zukunft Stätte eines noch lebhafteren
Dialogs sein wird als in der Vergangenheit.
Die Definition eines neuen Zeitalters
Soviel zur Organisation. Was geschieht mit der
hervorragenden Arbeit, die wir am heutigen Abend
feiern? Ich hoffe, daß dieses innovative Unterfangen
die Kontakte zwischen Bayern und den Vereinigten
Staaten mehr als festigen wird. Ich hoffe, daß wir in
diesem innovativsten Teil Deutschlands eine Definition
der deutsch-amerikanischen Zusammenarbeit beginnen können, die bis weit ins nächste Jahrhundert
hinein ihren Zweck erfüllt.
Was meine ich, wenn ich von der Notwendigkeit einer
neuen Definition spreche? Offensichtlich meine ich
keine neue Grundlage oder grundlegende Neuorientierung, wie ich manchen Presseberichten zufolge
angeblich vorgeschlagen habe.
Die Grundlage
unserer Partnerschaft war nie stärker. Aber eine neue

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Arbeitsweise und eine geänderte Definition unserer
gegenseitigen Rollen wären nützlich. Ein kurzer
geschichtlicher Rückblick wird dazu beitragen, die
Szenerie zu beschreiben.
Deutschland und Amerika sind aus verschiedenen
Gründen natürliche Partner geworden. Wir haben in
den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg zusammen
eine neue Friedensstruktur in Europa geschaffen - eine
Struktur, die auf der Grundlage neuer Beziehungen
über den Atlantik hinweg ruht.
Die Vereinigten Staaten unterhalten natürlich enge,
kooperative Beziehungen zu zahlreichen Verbündeten
in Europa. Aber es war Deutschland, mit dem wir die
neue Nachkriegsdefinition unserer Welt erarbeiteten.
Deutschland hatte sogar vor 1945 viel mit den Vereinigten Staaten gemein. Unsere natürliche Freundschaft war jedoch von den Nazis zerstört worden und
in einem grausamen Krieg untergegangen. Nach 1945
war es nicht möglich, einfach dort weiterzumachen, wo
wir aufgehört hatten. Wir mußten etwas völlig Neues
schaffen.
Dieses völlig Neue ging aus den Herausforderungen
des Kalten Krieges und der Bedrohung der Demokratie
in ganz Europa durch die Sowjetunion hervor. Unsere
gegenseitige Antwort auf die Berlin-Blockade - Festigkeit und Mut auf Seiten der Deutschen und Amerikaner
gleichermaßen - stellte die Weichen für die Schaffung
einer integrierten Vision von einem neuen Europa.
Jeder von uns hatte eine wichtige Rolle. Amerika bot
die Vision, die Mittel und die Verpflichtung, sich in der
neuen atlantischen Gemeinschaft weiterhin zu engagieren, die aus dem alten europäischen Gleichgewicht
entstanden war, das durch den Zweiten Weltkrieg
zerstört wurde.
Deutschland brachte Energie, Mut und eine Vision von
Demokratie in Deutschland und Europa ein, die aus
der dauerhaften Gemeinschaft über den Atlantik
hinweg erwuchs. Eine treibende Kraft dieser Zusammenarbeit war Notwendigkeit. Deutschland hatte
dringenden Bedarf an Freunden und Ressourcen.
Amerika war die einzige verfügbare Quelle. Amerika
benötigte eine feste Grundlage im Zentrum Europas,
auf der es die Vision von Demokratie auf dem gesamten Kontinent verwirklichen konnte. Deutschland
war der naheliegende Partner.
Eine weitere treibende Kraft war emotioneller Natur.
Kurz nach dem Krieg entdeckten wir die große Übereinstimmung von Einstellung und Ansatz unserer
beiden Länder wieder. Deutschland und Amerika
gingen aufgrund der starken Ähnlichkeit unserer Völker
und Gesellschaften eine natürliche Partnerschaft ein.
Ich weiß, daß ich darüber hier in Bayern nicht viel
sagen muß. Hier fühlen wir Amerikaner uns wirklich zu
Hause.

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�Aber dieser im Grunde genommen gleiche Ansatz
zeigt sich in ganz Deutschland, wie ich auf meinen
Reisen durch die neuen Bundesländer entdecken
konnte. Nachdem die Herausforderungen der Nachkriegszeit bewältigt sind, bieten Deutschland und
Amerika die Definition für die übrige atlantische Welt.
Eine historische Errungenschaft dieser Partnerschaft
war die Wiedervereinigung Deutschlands. Die Rückkehr der Freiheit nach ganz Deutschland schloß ein
leidvolles Kapitel der deutschen und europäischen
Geschichte. Gleichzeitig war dies ein charakteristisches Moment einer neuen und sogar noch hoffnungsvolleren Phase unserer Bestrebungen, eine sogar
noch kraftvollere transatlantische Gemeinschaft
aufzubauen.
Amerika war aus zweierlei Gründen ein wesentliches
Element bei der Wiedervereinigung: Wir glaubten
unbeirrt an das Ziel eines geeinten Deutschlands, und
wir hatten die Mittel, dazu einen Beitrag zu leisten.
Unsere Vision von Deutschland und Europa war nicht
von historischen Ressentiments oder Konkurrenzdenken verdunkelt. Und unsere führenden Politiker hatten
die Kraft und die Ressourcen sicherzustellen, daß
Bundeskanzler Kohls Vision von einem geeinten
Deutschland, das sowohl in Europa als auch in die
atlantische Welt integriert ist, erfolgreich umgesetzt
werden konnte.
Eine Agenda für die Zukunft
Diese Stärken - Offenheit und Wille - sind auch die
beiden Pfeiler der nächsten Phase unserer Partnerschaft. Deutschland und die Vereinigten Staaten sind
offene Gesellschaften, die am Scheideweg des
Wandels stehen. Wir sind, jeder auf seine Weise, ein
Magnet für die neuen und oftmals beunruhigenden
Tendenzen auf der ganzen Welt. Jeder von uns hat
die Fähigkeit, diese Veränderungen zu verarbeiten und
sich daran anzupassen. Wir sind ein Meister darin,
neue Lösungen vorzuschlagen. Jeder von uns ist Teil
des Rückgrats der neuen demokratischen Welt, die wir
über den Atlantik hinweg und in ganz Europa aufbauen
wollen.
Ein Beweis für dieses neue Zeitalter ist die lange
Agenda von Themen, an denen wir gemeinsam
arbeiten - auf bilateraler Ebene und in Zusammenarbeit mit unseren europäischen Partnern und Verbündeten. Die traditionelle Sicherheitsagenda wurde von
einem komplexen Programm der Herausforderungen
auf ganz unterschiedlichen Gebieten abgelöst: Zusammenarbeit im Weltraum, Biotechnologie und
Nahrungsmittelproduktion, Beziehungen zu sogenannten verbrecherischen Staaten, der Aufbau von Demokratie in Zentral- und Osteuropa sowie die Friedensmission in Bosnien.

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Oftmals konzentrieren sich diese Fragen auf unser
gemeinsames Streben nach der Vollendung Europas,
um es mit den Worten von Altbundespräsident Richard
von Weizsäcker auszudrücken. Wir sind die beiden
wichtigsten Partner bei der Erlangung der demokratischen Integration der neuen Demokratien in ein
friedliches und prosperierendes Europa.
Unser
gemeinsamer Erfolg beim Aufbau einer neuen NATO
ist nur ein Beispiel für diese wichtige Zusammenarbeit.
Unsere gemeinsamen Bestrebungen konzentrieren
sich in zunehmendem Maße auf Fragen von weltweiter
Bedeutung. Die Bewältigung der Herausforderungen
der Gesellschaft in der Zeit nach dem Ende des Kalten
Krieges und im Informationszeitalter sind in dieser
Hinsicht von besonderer Bedeutung. Wir sind nicht
immer derselben Meinung. Aber in den meisten Fällen
sind es Deutschland und Amerika, die bei der Lösung
des Problems eine zentrale Rolle spielen. Wenn
unsere beiden Länder diesen pragmatischen Ansatz
wählen, können wir beim Umgang mit den neuen
Herausforderungen auf kooperativer Basis helfen,
selbst wenn wir nicht in allen Einzelheiten übereinstimmen. Und die deutsch-amerikanische Zusammenarbeit trägt dazu bei, die atlantische Harmonie mit ganz
Europa zu gewährleisten. Gemeinsam werden wir zur
Stärkung der wesentlichen Rolle der EU beitragen.
Wenn diese neue Zusammenarbeit wirklich erfolgreich
sein soll, müssen wir die neue Definition einen Schritt
weiterführen. Wie wir damit umgehen, hängt stark von
unserem Erfolg ab, die grundlegende Dynamik unserer
Partnerschaft zu verstehen. Die Welt hat sich so
grundlegend verändert, daß neue Konzepte erforderlich sind.
Vor 1990 waren die zahlreichen Facetten unserer
Beziehungen von der überwältigenden Bedeutung der
Sicherheit überschattet - von der Rolle der Vereinigten
Staaten bei der Verteidigung Deutschlands und
Europas gegen die Sowjetunion; und von der Rolle
Deutschlands, die Festung für diese Verteidigung zu
bieten. Amerika war gleichermaßen die Großmacht
und das gesellschaftliche Modell.
Der Beitrag
Deutschlands bestand vor allem darin, beim Wiederaufbau von Demokratie und Wirtschaft erfolgreich zu
sein und zur militärischen Verteidigung beizutragen.
Es war eine äußerst erfolgreiche Beziehung. Sie war
jedoch in vieler Hinsicht auch eindimensional - jeder
spielte eine Rolle, aber das aus der wechselseitigen
Abhängigkeit geborene Gefühl der Unsicherheit stellte
oft einen beschränkenden Faktor dar.
Einige Beispiele: Die Fixierung der Vereinigten Staaten
auf die Wirtschaft und die innenpolitische Dynamik
Deutschlands war oft übertrieben. Als junge Diplomaten mußten wir in den sechziger Jahren über jedes Auf
und Ab der politischen Landschaft berichten. Tatsächlich bestand eine der traditionellen Rollen der Amerika
Häuser darin sicherzustellen, daß sich der politische

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�Dialog in Deutschland in die richtige Richtung bewegte.
Die Deutschen wiederum schrieben die dramatischsten Gefahren auf Aspekte der amerikanischen Politik
zurück, die der Sache der Stabilität in Europa nicht
direkt dienlich erschienen. Am dramatischsten war
vielleicht die Debatte über die Stationierung von
Mittelstreckenraketen in Europa in den achtziger
Jahren. Auch 1990, zu Beginn des Golfkriegs, gab es
eine äußerst emotionale Reaktion.
Ich freue mich sagen zu können, daß viele dieser
gegenseitigen Tendenzen bereits verschwunden sind.
Bei meiner Rückkehr nach Deutschland nach zehnjähriger Abwesenheit bin ich von der Normalität der
politischen und sozialen Debatte in diesem Land
beeindruckt. Ich weiß, daß es Kontroversen gibt. Und
Probleme sind wichtig. Aber bei der Debatte geht es
um konkrete künftige Herausforderungen, nicht um
echte oder imaginäre Ängste, die aus der Unsicherheit
des Kalten Krieges resultieren.
Vom amerikanischen Standpunkt aus kann ich hinzufügen, daß unsere Einstellung zu Deutschland sich
schnell über die traditionellen Fragen europäischer
Sicherheit hinausbewegt. Unsere Botschaft in Bonn
und Berlin hat eine Agenda, die praktisch jede wichtige
Frage unserer Zeit beinhaltet. Deutschland ist ein
natürlicher und produktiver Partner - sowohl bilateral
als auch als wichtiger Teilnehmer an der sich schnell
vertiefenden europäischen Integration.
Wir sind
wahrhaft Partner, die füreinander und für die Welt
unentbehrlich sind.
Die Rolle Amerikas

Es ist auch eine neue Herausforderung entstanden für unsere beiden Länder. Diese Arbeit kann das
Bayerisch-Amerikanische Zentrum vielleicht am besten
leisten. Es geht um die Verpflichtung, sich mit der
Rolle Amerikas in einer Welt ohne Konfrontation
auseinanderzusetzen. "America the Inescapable"
nannte es Josef Joffe in der New York Times.
Dieses Phänomen wird auf vielerlei Weise offensichtlich. Es gibt ein unausgesprochenes Unbehagen
angesichts der kulturellen und politischen Hegemonie
Amerikas. Man verdächtigt uns, Pläne für eine
weltweite Vorherrschaft zu schmieden, selbst wenn die
Beweise auf das Gegenteil hindeuten. Die außenpolitische Führungsrolle der Vereinigten Staaten kann
bisweilen anmaßend erscheinen, aber Präsident
Clinton hat persönlich die Notwendigkeit einer kooperativen amerikanischen Einstellung zur Führungsrolle
in diesem neuen Zeitalter betont. Dies ist in Deutschland weniger ein Thema als in einigen anderen Teilen
Europas, aber ich habe auch hier davon reden gehört.

Seite 4

Dann gibt es Amerika als gesellschaftliches und
wirtschaftliches Modell. Während meiner frühen Tage
in Deutschland war die Einstellung zu Amerika überwältigend positiv. Wir waren für viele ein Vorbild.
Später wurden wir für manche Deutschen zum Beispiel
für alles, was moderne Gesellschaften nicht tun sollten.
Jetzt werden wir wieder überall beneidet. Wir sind
tatsächlich stolz auf unsere Gesellschaft und ihre
jüngsten Leistungen. Sie wurden durch harte Arbeit
und viele Debatten möglich. Wir können anderen
manches beibringen. Aber wir sind kein Modell.
Schließlich gibt es Amerika als Philosophie. Es gibt
einen "American way of life", der immer noch eine der
revolutionärsten Philosophien in der Menschheitsgeschichte darstellt. Wir glauben an Gerechtigkeit und
Offenheit. Wir beurteilen die Menschen nach dem,
was sie können; nicht danach, wer sie sind und woher
sie kommen. Es ist leicht, sich in Amerika und im
Umgang mit Amerikanern wohlzufühlen, ungeachtet
der eigenen Herkunft. Diese Offenheit bringt Kreativität und Leistung hervor. Sie ist eines der Geheimnisse
unseres Erfolgs.
Europa und Deutschland sind folglich mit Beziehungen
zu mehreren Amerikas gleichzeitig konfrontiert. Wir
sind in politischer und militärischer Hinsicht die
wichtigste Macht in Europa und auf der Welt. Ohne
unser Engagement könnte es keine europäische
Stabilität geben. Gleichzeitig definieren wir den
Rahmen für einen Großteil der sozialen und technologischen Fortschritte Ende des 20. Jahrhunderts.
Unsere Dynamik scheint manchmal genau die Unabhängigkeit und das Verantwortungsbewußtsein zu
hemmen, die wir bei anderen - insbesondere in
Deutschland - fördern wollen.

Manchmal schafft es

Unmut, der amerikanischen Führung bei Fragen folgen
zu müssen, auf die wir Amerikaner eindeutig nicht alle
Antworten haben. Das Fehlen einer offenen militärischen Konfrontation erschwert es bisweilen noch
mehr, unsere Macht zu akzeptieren.
Es deutet nichts darauf hin, daß die sich selbst reproduzierende Dynamik der Vereinigten Staaten
abnehmen wird - egal was der Konjunkturzyklus uns
bringen mag. Während die europäische Welt ihren
Bürgerkrieg des 20. Jahrhunderts beendete, wurden
die Vereinigten Staaten allmählich zum Sammelbecken
für soziale und technologische Innovationen auf der
ganzen Welt.
Letztlich liegt die Stärke unseres Landes nicht in
seinen Armeen oder seiner Währung. Unsere wirkliche Stärke wird unsere Fähigkeit sein, Ideen und
Aktionen hervorzubringen und Probleme auf unerwartete Weise zu lösen. Wir ziehen die Begabungen
von Menschen verschiedener Nationalität und Herkunft
an und "amerikanisieren" sie auf ziemlich ungewöhnliche Weise. Diese neuen Amerikaner übernehmen
nicht notwendigerweise die Gebräuche unserer

AMERIKA DIENST 24

�europäischen Vergangenheit. Aber sie übernehmen
Amerika als System und als Philosophie und machen
es stärker.
Ein Großteil dieser Ereignisse hat unabhängig von der
Politik der US-Administration stattgefunden - egal
welche Partei an der Macht war. Das Votum des
amerikanischen Kongresses beeinflußt sie nicht oft.
Selbst wenn wir uns manchmal über Tendenzen in
unserer Politik Sorgen machen, uns nach innen zu
wenden, hat sich die Zahl der Amerikaner, die im
Ausland leben und arbeiten, in den letzten zehn
Jahren nahezu verdoppelt. Die Ergebnisse unseres
einzigartigen Systems werden nicht als offizielle Kultur
oder Außenpolitik exportiert, sondern als die Synthese
von Ideen, die oft von anderen in unser Land gebracht
worden sind.
Wenn wir diesen Aspekt der amerikanischen Realität
besser verstehen, werden wir erfolgreicher bei der
Formulierung einer neuen Definition der deutschamerikanischen Partnerschaft sein. Zum Beispiel: Es
sind nicht die äußerlichen Beispiele der Beziehungen,
die wichtig sind. Zunehmend wird es auch der gesellschaftliche und wirtschaftliche Rahmen sein, der
unsere neue Welt definiert. Anstatt sich über Europa
und Amerika als separate Gebilde Sorgen zu machen,
definieren unsere Geschäftsleute und Wissenschaftler
auf der Basis unserer integrierten Bestrebungen eine
gemeinsame Realität. Amerikanische und europäische Unternehmen haben gleichermaßen Teil an den
Ergebnissen der sogenannten "Globalisierung".
Traditionelle Definitionen von Partnerschaft und
nationalem Interesse passen nicht in diese neue
Situation. Die Amerikaner selbst haben oft Schwierigkeiten, die Auswirkungen dieser neuen Art weltweiter
Synthese zu verstehen, die von ihrer Gesellschaft
hervorgebracht wird. Die etablierten außenpolitischen
Instrumente haben keinen Einfluß auf den machtvollen
Wandel, der stattfindet. Um nur ein Beispiel zu
nennen: Der US-Dollar ist weltweit so sehr zu einer
gemeinsamen Währung geworden, daß seine Fälschung zu einem "globalisierten" Handel großen Stils
geworden ist. Unsere Regierungen geben jährlich
Millionen in dem Versuch aus, dem entgegenzuwirken.
Sowohl Freunde der Vereinigten Staaten als auch die
Amerikaner selbst sind öfters durch diesen Trend
verwirrt. Wie sieht die Zukunft der sogenannten
gleichgewichtigen Partnerschaft aus, wenn der
überwältigende Einfluß der Vereinigten Staaten mit
jedem Jahr stärker zu werden scheint? Wie und wann
sollen Amerikaner ihren Einfluß geltend machen? Was
tun wir, wenn Partner sich nicht beteiligen können oder
wollen? Wie können Alternativen zu amerikanischen
Lösungen, von denen viele logisch und wichtig sind, in
diesem zunehmend amerikanischen Äther noch gehört
werden?

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Ich möchte ein paar einfache Gedanken anbringen.
Sie stellen keine Lösungen dar, könnten bei unserer
Suche nach einer neuen Definition, die ich bereits
angesprochen habe, jedoch hilfreich sein:
Visionen sind nicht die Antwort. Insbesondere
die atlantische Welt sollte sich nicht mit Debatten darüber beschäftigen, wer gleichberechtigter oder wer mehr im Recht ist. Wir haben
einen gemeinsamen Rahmen für Zusammenarbeit geschaffen. Wir sollten zulassen, daß
er funktioniert.
Es gibt kein Monopol auf gute Ideen. Die
Europäer fragen oft, wann Amerika sie wie
gleichberechtigte Partner behandeln wird. Auf
vielen Gebieten tun wir das bereits. Auf
einigen Gebieten, wie dem Handel, haben wir
es mit einer europäischen Supermacht zu tun.
Aber der Wunsch nach Einheit sollte nicht
benutzt werden, um neue Ideen oder Wandel
abzublocken. Die europäischen Methoden
sind nicht genau die gleichen wie die der
Amerikaner, aber sie sollten auch nicht als
Vorwand für andere Interessen benutzt werden. Was zählt, ist der Inhalt.
Abhängigkeit liegt im Auge des Betrachters.
Wer jedoch versucht, die Dinge nur aus dem
Grund anders zu machen als Amerika, um
nicht abhängig zu erscheinen, schlägt fehl.
Einer der faszinierendsten Aspekte dieser
neuen amerikanischen Dynamik liegt darin,
daß sie nicht imperialistisch im traditionellen
Sinne ist. Wir entwickeln Lösungen, keine
Gesellschaftsmodelle. Die Innovationen eines
multikulturellen Amerikas sind per definitionem
das Produkt zahlreicher Kulturen und können
sich für Situationen innerhalb und außerhalb
Amerikas eignen.
Die Bedeutung des Dialogs
Warum ist es dann so entscheidend, daß unser neues
Bayerisch-Amerikanisches Zentrum Erfolg hat? Weil
die Lösungen für viele der von mir hier angesprochenen Fragen im Dialog und in gemeinsamen Bestrebungen liegen - nicht in konkurrierenden Definitionen der
Realität. Die neue Definition der deutsch-amerikanischen Partnerschaft wird wahrscheinlich ebenso aus
praktischer Zusammenarbeit hervorgehen wie aus
Zukunftsvisionen. Wir haben eine starke Grundlage.
Darauf müssen wir aufbauen.
Es gibt sowohl Herausforderungen als auch Chancen.
Die traditionelle Vorgehensweise wird auch in Zukunft
unter Druck geraten. Es wird Differenzen und sogar
Kontroversen geben. Der Fortschritt mag oft langsam,
der Druck des Wandels manchmal überwältigend
erscheinen. Viele derselben Kriterien hätten auf die

Seite 5

�ersten Jahre unserer Partnerschaft vor 50 Jahren
angewendet werden können. Mehr als 45 Jahre lang
hat das Amerika Haus München als Podium für die
Herausforderungen des Wandels gedient. Wir haben
unsere Aufgaben brillant erfüllt.
Das neue Bayerisch-Amerikanische Zentrum ist mit
einer ähnlichen Herausforderung konfrontiert. Ich

wollte einige Gedanken darüber darlegen, was es tun
sollte. Was wir jetzt alle tun sollten, ist, es startklar zu
machen. Ich sage Ihnen mein vollständiges persönliches Engagement und das meiner Regierung für den
Erfolg dieser Bestrebungen zu. Ich weiß, daß die
Menschen in München und Bayern diese Herausforderung ebenso deutlich sehen.

* * * * *

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�USA-DEUTSCHLAND
10. Dezember 1997

Deutschland und Amerika - eine selbstverständliche
Partnerschaft
von Botschafter John C. Kornblum

EBENHAUSEN - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede, die der Botschafter der Vereinigten Staaten
von Amerika in der Bundesrepublik Deutschland, John C. Kornblum, am 2. Dezember 1997 bei der Stiftung
Wissenschaft und Politik in Ebenhausen gehalten hat.

Ich danke Ihnen für die Gelegenheit, zu den Freunden
und Mitgliedern der Stiftung zu sprechen.

Stabilität und sogar der Wohlstand Europas eng
miteinander verbunden sind.

Die Stiftung Wissenschaft und Politik ist für ihre
konzeptionelle Denkweise auf dem Gebiet der Weltpolitik bekannt. Daher freue ich mich ganz besonders,
daß Sie mich gebeten haben, über die Dynamik von
zwei der wichtigsten Entwicklungen in den internationalen Beziehungen der letzten Jahrzehnte zu
sprechen, nämlich die Erweiterung der Europäischen
Union und der NATO sowie die Interdependenz dieser
beiden Prozesse.

1949, als der Senatsausschuß für auswärtige Angelegenheiten sich mit dem Nordatlantikvertrag befaßte,
stellte er eine explizite Verbindung zwischen der NATO
und der europäischen Integration her. Der Ausschuß
formulierte damals: "... der Nordatlantikpakt stellt die
Mittel für Zusammenarbeit bei Fragen der kollektiven
Sicherheit und nationalen Verteidigung bereit und
schafft damit ein günstiges Klima für weitere Schritte
zu einer immer engeren europäischen Zusammenarbeit." Fünfzig Jahre später besitzt diese Behauptung
immer noch viel Gültigkeit.

Überlegen Sie sich einen Moment, in welcher Situation
wir uns vor nur zehn Jahren befanden. Deutschland
war geteilt, Osteuropa wurde von kommunistischen
Systemen beherrscht, und in den Beziehungen
zwischen Moskau und Washington war ein gefährliches militärisches Gleichgewicht zwischen Ost und
West das zentrale, dominierende Thema. Damals
hätte sich niemand träumen lassen, daß wir heute die
Mitgliedschaft Polens in der NATO oder die Mitgliedschaft Ungarns in der EU erörtern würden. Und ich
hätte sicherlich nicht gedacht, daß ich heute hier, in
einem vereinigten Deutschland eine Rede über diese
beiden Erweiterungsprozesse halten würde.
Die dramatische Umgestaltung seit dem Ende des
Kalten Krieges hat uns zum Umdenken gezwungen.
Gleichzeitig hat sie uns auch die Gelegenheit gegeben, einige wesentliche Grundsätze wiederzuentdekken, die in den letzten Jahrzehnten als Leitgedanken
für unsere Politik gedient haben. Einer dieser Grundsätze lautet, daß diese Institutionen in einem größeren
Zusammenhang operieren und Integration, Sicherheit,

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Veränderungen finden statt und müssen natürlich
stattfinden. Die Stärkung der Verteidigungsfähigkeit
der europäischen Verbündeten ist ein wichtiges Ziel.
Eine Schlüsselaufgabe ist sicherzustellen, daß die
europäische Verteidigungssäule im atlantischen
Bündnis eine immer wichtigere Rolle übernimmt.
Wann und wie das geschehen soll, war während der
vergangenen 20 Jahre Gegenstand äußerst komplexer
Debatten.
Ferner haben wir erörtert, ob die NATO in der Welt
nach dem Ende des Kalten Krieges eine Rolle übernehmen sollte. Vor sechs Jahren stand die NATO an
einem Scheideweg: Der Kalte Krieg war vorüber, der
Hauptzweck der NATO - die Abwehr einer potentiellen
sowjetischen Bedrohung - existierte nicht mehr. Viele
Menschen stellten die Frage: "Wozu benötigen wir
noch eine NATO?"

Seite 1

�Das Bündnis selbst stellte sich diese Frage und
fandeine Antwort: Weil die NATO das effektivste
Militärbündnis in der Geschichte ist und ihr eine
wesentliche Rolle dabei zukommt, zum ersten Mal in
der Geschichte einen ungeteilten, friedlichen und
sicheren Kontinent zu schaffen. Aber wir erkannten,
daß sich die NATO verändern muß, um dieser Rolle
gerecht zu werden.
Seit sechs Jahren paßt sich die NATO den Realitäten
der Zeit nach dem Kalten Krieg und dem neuen
Sicherheitsumfeld in Europa an. In diesem Sommer
haben wir in Madrid die wichtigsten Schritte unternommen, um diese Anpassung vorzunehmen und unser
Ziel eines geeinten und von Konflikten freien Europas
zu verwirklichen. Heute prüft der amerikanische Senat
die Frage der Erweiterung.
Ebenso wie 1949, als die Senatoren aufgefordert
wurden, ihren Rat und ihre Zustimmung zu unserem
Atlantischen Pakt zu geben, unterziehen sie seine
Bedeutung einer eingehenden Prüfung. Der ehemalige Außenminister Dean Acheson äußerte in seinen
Memoiren, er wollte, daß die Senatoren damals "den
Platz des Vertrags in der sich entwickelnden Strategie
des Westens" berücksichtigten. Er wollte, daß sie ihn
als Teil eines größeren Zusammenhangs in einem
neuen Zeitalter sahen.
Der Zweck einer Rückschau auf diese Ereignisse
besteht darin, sowohl die Kontinuität als auch den
Wandel in unserer transatlantischen Welt zu unterstreichen. Ohne die Entscheidung unserer Gesetzgeber beeinflussen zu wollen, zeichnet sich meiner
Ansicht nach ab, daß es uns gelungen ist, im Falle der
NATO-Erweiterung den Wandel für uns arbeiten zu
lassen. Und das ohne größere Unruhen. Überlegen
Sie nur einen Augenblick: 1997 scheint es die natürlichste Sache der Welt zu sein, daß Polen, die Tschechische Republik und Ungarn unserem Bündnis
beitreten.
Auch die Europäische Union paßt sich an. Der
Erweiterungsprozeß hat begonnen, die interne Reform
der EU-Strukturen wird erörtert, und im Integrationsprozeß der Europäischen Union steht ein Meilenstein
bevor - die Wirtschafts- und Währungsunion.
Die EU hat das Potential, dazu beizutragen, noch
bestehende Trennlinien und Brüche in Europa zu
überwinden. Ebenso wie die Aussicht auf die NATOErweiterung die Länder Zentraleuropas veranlaßt hat,
sich als potentielle Verbündete statt als Gegner oder
Konkurrenten zu sehen, hat auch die Aussicht auf die
EU-Mitgliedschaft diese Länder ermutigt, die erforderlichen und manchmal schmerzlichen Schritte zu
unternehmen, um ihre Wirtschafts- und Rechtssysteme
auf den richtigen Weg zu bringen. Die erfolgreichsten
unter ihnen haben das getan und gleichzeitig die
zusätzlichen Lasten und Kosten der Annahme von EU-

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Normen für ihre Produkte übernommen, lange bevor
sie in der Lage sein werden, uneingeschränkt auf
europäischen Märkten zu agieren.
Der Kolumnist der New York Times, Thomas Friedman, hat die Idee politischer Hard- und Software
populär gemacht - wobei Hardware die Marktwirtschaft
und Software die Rechtsstaatlichkeit ist. Die EU hat
das Potential, die Entwicklung beider Systeme zu
beeinflussen und zu ermutigen, und das ist keine
leichte Aufgabe in einer Region, die bis vor kurzem
durch Totalitarismus politisch stranguliert und durch
Planwirtschaft wirtschaftlich gelähmt wurde.
Durch die Möglichkeit des Beitritts zu einem so
gewichtigen Markt und solch einer Gemeinschaft
wurden diese Länder aufgefordert, die erforderliche
Hardware zu entwickeln, um zu konkurrieren und zu
prosperieren. Gleichzeitig wurden sie vor die Herausforderung gestellt, die hohen politischen Standards der
EU-Mitglieder anzunehmen:
Rechenschaftspflicht,
Unabhängigkeit des Rechtssystems, Gewaltenteilung die Merkmale rechtsstaatlicher Systeme.
Wir haben in diesen Ländern bereits bemerkenswerte
Veränderungen beobachtet. Die gründliche Überprüfung der Verfassungen, die Schaffung eines
Gewinne machenden Privatsektors, die Einführung
ziviler Kontrolle des Militärs, demokratische Wahlen das sind nur einige Punkte auf einer langen Liste von
Leistungen seit 1989.
Die Aussicht, über eine Mitgliedschaft in der EU und
der NATO wieder zu einem lebendigen und integralen
Teil Europas zu werden, erklärt zu einem großen Teil
die Dynamik des radikalen Wandels in diesen Ländern. Diese Länder wissen, daß es in unseren Institutionen keinen Platz für Konflikte oder Animositäten
gibt und durch Zusammenarbeit sehr viel mehr erreicht
werden kann.
Aus diesem Grund ist es von elementarer Bedeutung,
daß der Erweiterungsprozeß weiterhin so weit wie
möglich nach außen gerichtet ist und ein offenes Ende
hat. Wir dürfen keine neuen Trennlinien ziehen oder
irgendeinem Land in Europa die Tür zu neuen Chancen verschließen.
Es wurde gesagt, wir hätten die Wahl: Wir können
entweder Stabilität exportieren oder Instabilität importieren. Diese Aussage enthält in der Tat sehr viel
Wahres: Zum einen glaube ich, daß sie den externen
Druck übertreibt, unter dem wir uns dem Erweiterungsthema stellen. Zum anderen meine ich, daß sie unser
eigenes Interesse an der Erweiterung nicht gebührend
berücksichtigt.
Der Fall Türkei und EU verdeutlicht meinen Punkt.
Sowohl die Türkei als auch die EU haben ein Interesse
an der Stärkung ihrer Beziehungen, und wir alle haben

AMERIKA DIENST 24

�ein Interesse an der Entwicklung der Türkei als
starker, wohlhabender, säkularer und demokratischer,
in die westliche Gemeinschaft integrierter Staat. Es ist
daher von elementarer Bedeutung, daß unser Ziel
darin bestehen sollte, die Türkei in westlichen Institutionen zu verankern und ihre Orientierung zum
Westen zu unterstützen.
Die Entscheidung der Türkei, sich dem Westen
zuzuwenden, geht auf den Anfang dieses Jahrhunderts zurück. Damals traf die Türkei eine weitblickende, strategische Entscheidung, in der wir sie
nach Möglichkeit nicht enttäuschen oder behindern
sollten. Daher hoffen wir, daß die Diskussion über die
Beziehungen der Türkei zur EU der Bedeutung des
Säkularismus in der Türkei Rechnung trägt.
Angesichts der historischen Entscheidung der Türkei,
sich dem Westen zuzuwenden, wäre es eine Ironie
des Schicksals, wenn die Europäische Union die Tür
zu einem möglichen Beitritt der Türkei verschließen
sollte. Die Einbeziehung der Türkei in die europäische
Konferenz beim bevorstehenden Gipfeltreffen in
Luxemburg ist ein konkreter Schritt, die westliche
Orientierung der Türkei gleichermaßen zu berücksichtigen und zu ermutigen.
Natürlich werden Fragen im Zusammenhang mit der
Aussicht auf Freizügigkeit gestellt. Und die Türkei muß
noch ihre demokratischen Institutionen konsolidieren.
Es ist von entscheidender Bedeutung, daß sich die
Erwägungen der EU bezüglich der Türkei auf solche
substantiellen Anliegen konzentrieren.
Sie mögen fragen: Was veranlaßt die Vereinigten
Staaten, über interne Prozesse der EU zu sprechen?
Natürlich trifft es zu, daß die Vereinigten Staaten in der
EU keine Stimme haben. Aber das bedeutet nicht, daß
wir keine Meinung zu den Problemen haben, vor die
sich die EU gestellt sieht. Wir möchten eine erfolgreiche EU, die ihrem Potential gerecht wird und zu
Stabilität, Sicherheit und Wohlstand in Europa beiträgt.
Die Vereinigten Staaten sind integraler Bestandteil der
europäischen Realität, ebenso wie Europa integraler
Bestandteil der amerikanischen ist.
Wenn ich die aktuellen Debatten in Europa über diese
fundamentalen Themen höre, frage ich mich manchmal, ob die Veränderungen des vergangenen Jahrzehnts und ihre Auswirkungen vollständig verstanden
worden sind. Man ist sich bewußt, daß Änderungen
vorgenommen werden müssen wie Erweiterung,
Reform und Kürzungen der Budgets. Allzu häufig
scheint jedoch die Betonung auf der Last statt auf der
Chance zu liegen, die sie darstellen.
Gelingt es uns nicht zu erkennen, wie gut es uns geht,
weil wir unsere Bestrebungen und das Geld unserer
Steuerzahler in die Erweiterung der Gemeinschaft
demokratischer Staaten investieren statt in die Ein-

AMERIKA DIENST 24

dämmung des Kommunismus und die Verhinderung
eines Krieges? Und haben wir darüber hinaus nicht
jeden Grund, unsere Strukturen wo immer möglich für
Staaten zu öffnen, die sich an unseren wichtigsten
Institutionen beteiligen und zu ihnen beitragen wollen,
ohne eine größere Last zu sein?
Es ist kein Geheimnis, daß einige im amerikanischen
Kongreß sagen, die Europäische Union hätte gut
daran getan, eine sehr viel größere Gruppe von
Kandidaten zur Beteiligung an der bevorstehenden
Erweiterung einzuladen. Eine ähnliche Sichtweise
wurde in Europa und Deutschland zum Ausdruck
gebracht. Diese Meinungen wurzeln in der Sorge, daß
die historischen Chancen nicht voll und ganz genutzt
werden.
Mit anderen Worten: Wir sollten das Ausmaß nicht
unterschätzen, in dem wir die Konturen der Zukunft
durch unsere heutigen Aktionen gestalten können. Wir
müssen unser Bewußtsein schärfen, daß künftige
Probleme durch einen jetzt vertretenen vorausschauenden Ansatz minimiert, wenn nicht sogar verhindert
werden können.
Die Geschichte Europas während der vergangenen 50
Jahre bestätigt diese These voll und ganz. Die engen
Beziehungen zwischen Deutschland und Frankreich zwei ehemaligen Feinden - wurden in der Werkstatt
der europäischen Integration geknüpft. Es war der
Weitblick von Menschen wie Jean Monnet, Konrad

Adenauer und George Catlett Marshall, der diesen
Beziehungen und dem umfassenderen Prozeß der
europäischen Integration den Weg zum Erfolg ebneten.
Ich beeile mich hinzuzufügen, daß es der Schutz der
NATO war, der die tiefgreifende und permanente
Integration der europäischen Union ermöglichte. Ohne
die äußere Sicherheit, wie sie vom Atlantischen
Bündnis garantiert wird, hätten der derzeitige Wohlstand und die Stabilität Europas wahrscheinlich nicht
geschaffen werden können.
Abschließend möchte ich über die Bedeutung der
deutsch-amerikanischen Partnerschaft in dem Prozeß
der Umgestaltung und Erweiterung unserer Institutionen sprechen. Die deutsch-amerikanische Partnerschaft ist ein großer Erfolg und ist in diesem Prozeß
selbstverständlich geworden. Das heißt nicht, daß wir
uns gegenseitig als selbstverständlich hinnehmen
können. Es heißt vielmehr, daß wir ein so hohes Maß
an Verständnis, eine so starke Gemeinschaft und so
viele gemeinsame Interessen haben, daß es manchmal schwierig ist, von zwei verschiedenen Gebilden zu
sprechen.
Der deutsch-amerikanische Pfeiler der transatlantischen Welt ist gleichzeitig ihre Antriebsachse. Ohne
unsere enge Zusammenarbeit wäre im letzten Jahr-

Seite 3

�zehnt vieles nicht erreicht worden, und Zusammenarbeit ist der Schlüssel zu unserem Erfolg im nächsten
Jahrhundert.

Ich wünsche uns weiter Erfolg in der Zukunft sowie die
dazu erforderlichen Eigenschaften: Kreativität und Mut.

* * * * *

Seite 4

AMERIKA DIENST 24

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                <text>&lt;strong&gt;1. Umwelt&lt;/strong&gt; &lt;br /&gt;Optimismus bezüglich der Eindämmung von Emissionen&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede von Vizepräsident Gore&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;USA beziehen entschiedene Position zum Klimawandel&lt;br /&gt;&lt;em&gt;von Mark Hambley&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Bosnien&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Implementierung des Friedens in Bosnien&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Stellungnahme von Strobe Talbott&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. USA-Europa&lt;/strong&gt; &lt;br /&gt;Stuart Eizenstat erhält "Transatlantic Leadership Award"&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Auszeichnung durch das European Institute&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;4. USA-Deutschland&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Die Beziehung zu Amerika - eine einzigartige Partnerschaft&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede von Botschafter John C. Kornblum&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Deutschland und Amerika - eine selbstverständliche Partnerschaft&lt;br /&gt;&lt;em&gt;von Botschafter John C. Kornblum&lt;/em&gt;</text>
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                    <text>I

I
I

Information
und
Dokumentation
United States Information Service

Die weitreise Präsident Jimmy Carters
vom 29. Dezember 1977 bis 9. Januar 1979

Um Übcr/endung von
ßcIcgcKcmploren wird
gcbcccn

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Tel: 0 2 2 2 1 - 8 9 3 2 4 0 Telex:08-85432

�2

11. Januar 1978
INHALT

DOKUMENTATION
Erklärung Präsident Carters vor seinem Abflug zur Weltreise
(29. Dezember 1977)
Erklärung Präsident Carters bei seiner Ankunft in Polen
(29. Dezember 1977)
Wortlaut des gemeinsamen amerikanisch-polnischen Kommuniques
(30. Dezember 1977)
Ankunftserklärung Präsident Carters in Teheran (31. Dezember 1977)
Erklärung Präsident Carters bei seiner Ankunft in Indien (1. Januar 1978)
Ansprache Präsident Carters vor dem indischen Parlament (2. Januar 1978)
Deklaration von Delhi (3. Januar 1978)
Erklärung Carters anläßlich der Unterzeichnung der Deklaration von Delhi
(3. Januar 1978)
Ankunftserklärung Präsident Carters in Saudi-Arabien (3. Januar 1978)
Erklärung Carters nach dem Treffen mit Präsident Sadat (4. Januar 1978)
Ankunftserklärung Präsident Carters auf dem Pariser Flughafen
(4. Januar 1978)
Ansprache Präsident Carters in Paris (4. Januar 1978)
Ansprache Präsident Carters in der Normandie (5. Januar 1978)
Erklärung Präsident Carters in Bayeux (5. Januar 1978)
Erklärung Präsident Carters vor dem Abflug aus Paris (6. Januar 1978)
Ankunftserklärung Präsident Carters in Brüssel (6. Januar 1978)
Erklärung Präsident Carters anläßlich des Besuches bei der EG
(6. Januar 1978)
Ansprache Präsident Carters vor dem Nordatlantikrat (6. Januar 1978)
Ausführungen Carters vor der Presse im NATO-Hauptquartier (6. Januar 1978)
Interview Präsident Carters zum Abschluß seiner Weltreise (6. Januar 1978)
Erklärung Carters nach seiner Rückkehr in die USA (6. Januar 1978)

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Dokumentation
United States Information Service

11. Januar 1978

ERKLÄRUNG PRÄSIDENT CARTERS VOR SEINEM ABFLUG ZUR WELTREISE

WASHINGTON - (AD) - Präsident Jimmy Carter hat vor dem Abflug zu seiner
Weltreise am 29. Dezember 1977 vor dem Weißen Haus folgende Erklärung abgegeben:
Ich begebe mich heute auf eine Reise, die sowohl die Vielfalt der Welt
als auch die Fähigkeit und den Wunsch unserer Nation erkennen läßt, sich kreativ

und konstruktiv auf diese Vielfalt einzustellen.

Es ist eine sich rasch verändernde Welt, eine Welt in der die alten
ideologischen Etiketten weniger Bedeutung haben als je zuvor, in der der weltweite Wunsch nach Freiheit und nach einem besseren Leben stärker und auf vielfältigere Weise zum Ausdruck gebracht wird als je zuvor, eine Welt, in der politisches Erwachen, wirtschaftliche Unabhängigkeit und technologischer Fortschritt neue Anforderungen an die Außenpolitik unseres Volkes gestellt haben.
Die Vielzahl der Orte, die wir in den nächsten neun Tagen besuchen werden, ist symbolisch für die Breite und Mannigfaltigkeit des amerikanischen
Interesses an dieser neuen Welt.
In

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Tel: 02221-893240 Telex:08-85432

�In Frankreich und in Westeuropa werden wir die historischen Bindungen
und unsere gemeinsamen Werte unterstreichen, und wir werden Mittel und Wege
sondieren, um mit den gemeinsamen Problemen der demokratischen Industriestaaten fertig zu werden.
In Polen, dem Herkunftsland von Millionen von Amerikanern, werden wir
die Verbesserung der Beziehungen zwischen den Vereinigten Staaten und den
Völkern Osteuropas nähren.
Im Iran und in Saudiarabien werden wir über Schlüsselfragen der wirtschaftlichen Beziehungen sprechen und auf eine Fortsetzung des dramatischen
Fortschritts drängen, der bei der Herbeiführung des Friedens im Nahen Osten
erzielt wird.
In Indien, das die größte Demokratie der Erde ist, werden wir neue Wege
cjer Zusammenarbeit und der Kommunikation zwischen den Entwicklungsländern
der Welt und dem industrialisierten Norden suchen.
An all diesen Orten werden wir unsere Hingabe an den Frieden und unsere
Unterstützung der Gerechtigkeit und der Menschenrechte bekräftigen.
Es ist eine sich verändernde Welt, eine andere Welt, und ich glaube,
es ist auch ein anderes Amerika, dessen Botschaft wir bringen werden; ein
Amerika, das im Frieden mit anderen Nationen und auch im Frieden mit sich
selbst mehr Vertrauen hat und geeinter ist; ein Amerika, das bereit und in
der Lage ist, wo immer möglich zusammenzuarbeiten und wenn notwendig zu
konkurrieren.
Nach einer langen Periode des Zweifels und Umbruchs hier in unserem Lande
finden wir unseren Weg zurück zu den Werten, die uns zu einer großen Nation
gemacht haben, und in diesem neuen Geiste sind wir auch bestrebt, mit allen
Ländern und mit allen Völkern beim Aufbau jener Art von Welt und jener Art
von Weltgemeinschaft zusammenzuarbeiten, die den individuellen und gemein- 2 -

�gemeinsamen Anforderungen aller dienen.
Wir unternehmen diese Reise, um

nsere eigenen Auffassungen klar und

stolz zum Ausdruck zu bringen, aber a ch, um die Meinungen und Wünsche anderer kennen und begreifen zu lernen,

Wir werden versuchen, unser Land und

unser Volk gut zu repräsentieren, und ich bringe den guten Willen Amerikas
Liberall hin, wohin wir gehen werden.
Ich danke Ihnen.

�Dokumentation

I

United States Information Service

11. Januar 1978

ERKLÄRUNG PRÄSIDENT CARTERS BEI SEINER ANKUNFT IN POLEN

WARSCHAU - (AD) - Bei seiner Ankunft in Polen gab Präsident Carter am
29. Dezember 1977 abends auf dem Flughafen von Warschau folgende Erklärung
ab:
"Parteisekretär Gierek, hochverehrte Vertreter Polens und anderer Nationen, polnisches Volk!
Wir sind beglückt,in Ihrem großen Land zu sein. Als ich heute morgen
die Vereinigten Staaten verließ, sagte ich der Bevölkerung meines Landes,
daß sich in dieser Reise die Vielfalt einer sich rasch wandelnden Welt widerspiegele. Es ist eine Welt, in der alte ideologische Etiketten ihren Sinn
verloren haben und in der die Grundziele der Freundschaft, des Weltfriedens,
der Gerechtigkeit, der Menschenrechte und der individuellen Freiheit größere
Bedeutung gewonnen haben als je zuvor.
Ich bin stolz, diese Reise in Polen zu beginnen - einem Freund der Vereinigten Staaten seit den Tagen ihrer Gründung.

Polen ist das Herkunftsland

von über sechs Millionen Amerikanern, ein Partner in der gemeinsamen Anstrengung gegen Krieg und Entrechtung.
Die

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Tel: 02221-893240 Telex:08-85432

�Die Beziehungen zwischen Nord und Süd, zwischen Ost und West wechseln.
Aber die Bindungen zwischen Polen und den Vereinigten Staaten bestehen von
alters her und sind stark.
Nicht weit entfernt von meinem Heim im Staate Georgia wurde ein großer
Patriot unser beider Nationen, Casimir Pulaski, als Führer einer Kavallerieschwadron im amerikanischen Unabhängigkeitskampf tödlich verwundet.

Die Frau

meines Sohnes stammt aus dem Bezirk Pulaski in Georgia, der seinen Namen nach
diesem Helden aus Polen trägt.
Gleichfalls wegen seiner militärischen Fähigkeiten und seiner Tapferkeit erwarb sich Thaddeus Kosciusko die Achtung unseres ersten Präsidenten,
George Washington, während der Kriegszeit.

Und für sein Eintreten für Frei-

heit und Gerechtigkeit gewann er in Friedenszeiten die Bewunderung unseres
dritten Präsidenten, Thomas Jefferson.
Diese tapferen Männer kämpften Seite an Seite mit den Amerikanern in
jener Epoche, aus der drei der größten Dokumente im Kampfe für die Menschenrechte hervorgingen. Das eine war die amerikanische Unabhängigkeitserklärung.
Das zweite die Erklärung der Menschenrechte in Frankreich. Und das dritte
die polnische Verfassung vom 3. Mai 1791.
Die uns gemeinsame Erfahrung im Kampf hat uns aber auch die überragende
Bedeutung der Verhinderung des Krieges gelehrt, der Polen zweimal in diesem
Jahrhundert verheert hat. Am Ende des Zweiten Weltkrieges kam Herbert
Hoover, ein großer Amerikaner, nach Polen, um das Kriegsleid lindern zu helfen und an der Wiedererstehung eines unabhängigen Polen als Beobachter teilzunehmen.
Die Verhältnisse waren damals anders.und der Kampf war lang.

Aber Hoover

sagte damals - und ich zitiere: 'Wenn uns die Geschichte etwas lehrt, dann
ist es, daß aus der ununterdrückbaren Vitalität des polnischen Volkes Polen
erneut aus dieser Asche erstehen wird.' Seine Voraussagen haben sich bewahrheitet.

Ich
2 -

�Ich bin hierhergekommen, nicht nur um unsere eigenen Ansichten dem
polnischen Volk gegenüber zum Ausdruck zu bringen, sondern auch um Ihre
Meinung kennenzulernen und die von Ihnen für die Zukunft gehegten Wünsche
verstehen zu lernen.

Aufbauend auf den zwischen uns bestehenden historischen

Bindungen und in Anerkennung der neuen und sich verändernden Realitäten des
Lebens sehe ich mit Erwartung der Stärkung der amerikanisch-polnischen Freundschaft während meines Besuches hier in Warschau entgegen.
Wir danken Ihnen für das herzliche Willkommen, das uns heute nacht von
Parteisekretär Gierek und dem polnischen Volk bereitet wurde".

- 3 -

�Dokumentation

I

United States Information Service

11. Januar 1978

WORTLAUT DES GEMEINSAMEN AMERIKANISCH-POLNISCHEN KOMMUNIQUES

WARSCHAU - AD - Nach den amerikanisch-polnischen Gesprächen wurde am
Abend des 30. Dezember 1977 in Warschau ein gemeinsames Kommunique veröffentlicht, das folgenden Wortlaut hat:
Der Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika und Mrs. Carter
statteten auf Einladung der höchsten Stellen der Volksrepublik Polen vom
29. - 31. Dezember einen offiziellen Besuch ab. Der Präsident wurde von
Außenminister Cyrus R. Vance sowie dem Berater für Fragen der nationalen
Sicherheit, Zbigniew Brzezinski, begleitet.
Der Präsident legte am Grabmal des unbekannten Soldaten einen Kranz
sowie am Nike-Denkmal für die Helden Warschaus und am Denkmal für die Helden
des Gettos Blumen nieder. Er besichtigte ferner einige Stadtteile Warschaus
und machte sich mit deren Wiederaufbau und Entwicklung vertraut.
Während seines Besuches führte der Präsident Gespräche mit dem Ersten
Sekretär des Zentralkomitees der Polnischen Vereinigten Arbeiterpartei,
Edward Gierek.
An den

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Tel: 02221-893240 Telex:08-85432

�An den Plenarsitzungen, die vom Präsidenten und dem Ersten Sekretär
geleitet wurden, nahmen teil:
auf amerikanischer Seite: Außenminister Cyrus R. Vance, der Berater
des Präsidenten, Zbigniew Brzezinski, sowie weitere amerikanische Regierungsvertreter;
auf polnischer Seite: Der Vorsitzende des Staatsrates, Henryk Jablonski,
der Vorsitzende des Ministerrates, Piotr Jaroszewicz, sowie andere polnische
Regierungsvertreter.
Ferner führte Außenminister Cyrus R. Vance Gespräche mit Außenminister
Emil Wojtaszek.
Der Präsident und der Erste Sekretär brachten ihre Befriedigung über
die von ihnen geführten Gespräche sowie ihre Überzeugung zum Ausdruck, daß
weitere Besuche auf höchster Ebene sowie Besuche

anderer führender Per-

sönlichkeiten der beiden Länder den Interessen beider Länder sowie dem
Fortschritt der Entspannung und der internationalen Zusammenarbeit dienen.
Präsident Carter drückte dem Ersten Sekretär und Frau Gierek gegenüber
seine Dankbarkeit für die große Gastfreundschaft aus, die ihm, Mrs. Carter
sowie der gesamten Delegation in Polen zuteil wurde.
Präsident Carter lud den Ersten Sekretär zu einem Besuch der Vereinigten
Staaten ein. Die Einladung wurde gerne angenommen. Das Datum für diesen
Besuch wird auf diplomatischem Wege vereinbart werden.
+ + + + +

- 2 -

i

�Dokumentation
United States Information Service

11. Januar 1978

ANKUNFTSERKLÄRUNG PRÄSIDENT CARTERS IN TEHERAN

TEHERAN - AD - Präsident Jimmy Carter hat bei seiner Ankunft in
Teheran am 31. Dezember 1977 folgende Erklärung abgegeben:
Kaiserliche Majestäten, hohe Würdenträger und Bürger des Iran:
Mein eigenes Land erlebte in diesem Jahr die hohe Ehre eines offiziellen
Besuches seiner Kaiserlichen Majestät, des Schahs, und der Schahanu, Kaiserin
Farah. Dies war eine schöne Geste der Freundschaft, und wir zogen auch großen
Nutzen aus den umfassenden Gesprächen zwischen dem Schah und mir über wichtige
Fragen für den Iran und die Vereinigten Staaten.
Ich bin stolz und erfreut, zum Ende dieses Jahres, meines ersten Jahres
im Amt, und, wie ich glaube, Ihres 37. Jahres als Führer dieses großen Landes,
in den Iran kommen und das neue Jahr mit unseren engen Freunden und Verbündeten beginnen zu dürfen.
In dieser Zeit des Endes und des Anfangs sehe ich den Konsultationen
mit dem Schah über zwei der Fragen, die unsere Gedanken in dem gerade abge-

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Tel: 02221-893240 Telex:08-85432

�abgelaufenen Jahr am meisten beherrscht haben

und die in dem kommenden

Jahr unser bestes Handeln erfordern werden, mit Interesse entgegen. Zunächst
einmal gilt es,Lösungen für die wirtschaftlichen Probleme der reichen und
der armen Länder der Welt zu finden. Keines dieser Probleme ist wichtiger
als das der Energie. Weder Erzeuger- noch Verbrauchernationen können überleben und gedeihen, wenn wir die begrenzten Vorräte der Welt an öl rücksichtslos erschöpfen. Und weder die eine noch die andere Gruppe von Nationen
kann das Problem ohne die Mitarbeit der jeweils anderen Gruppe lösen.
Gerade weil mein Land dieses Problem ernst nimmt, sind wir auch entschlossen, über einen umfassenden Energieplan zu verfügen, der darauf angelegt ist, Vergeudung zu beseitigen und alternative Energiequellen zu entwickeln. Wir arbeiten eng mit dem Iran zusammen.
Und gerade, weil ich die führende Rolle des Schahs auf diesem Gebiet
respektiere, bin ich zu ihm gekommen, um mich mit ihm zu konsultieren und
ihn um Rat zu fragen. Das zweite große Problem besteht darin, den von Unruhe
heimgesuchten Gebieten der Welt Frieden zu bringen und die steigende Flut
der Rüstungen und der Zwietracht zurückzudrängen. Der Schah und ich teilen
die Hoffnung, daß im Nahen Osten bald der Frieden einkehren wird

und daß,

so wie unser militärisches Bündnis unerschütterlich bleibt, wir in der Lage
sein mögen, den Stand der Spannungen und der Rüstungen in der ganzen Welt
abzubauen. Die Interessen unserer Länder sind auf den Interessen des einzelnen
aufgebaut. Und in all unseren - öffentlichen und privaten - Gesprächen unterstreichen wir die Garantie der vollsten wirtschaftlichen und politischen
Menschenrechte für unsere Bürger. Ich hege herzliche persönliche Gefühle für
die führenden Persönlichkeiten des Iran, und ich bringe dem Volke dieses
großen Landes die besten Neujahrsgrüße der Vereinigten Staaten. Ich danke
Ihren Majestäten für diesen herzlichen und gastfreundlichen Empfang.
+ + + + +

- 2 -

�Dokumentation

I

United States Information Service

11. Januar 1978

ERKLÄRUNG PRÄSIDENT CARTERS BEI SEINER ANKUNFT IN INDIEN

NEU DELHI - AD - Präsident Jimmy Carter gab bei seiner Ankunft auf dem
Flughafen von Neu Delhi am 1. Januar 1978 folgende Erklärung ab:
Herr und Frau Präsident Reddy, Herr Ministerpräsident Desai, verehrte
Mitglieder der führenden Gruppe in Indien, meine Herren Diplomaten und
Volk dieses großen Landes.
Es ist mir sicherlich eine große Freunde, mein eigenes Neujahr mit meiner
Ankunft hier in Indien zu beginnen, um neue Freunde zu gewinnen. Meine Mutter,
die dieses Land und sein Volk sehr tief liebt, hat mir von der Herzlichkeit
und Freundschaft des indischen Volkes erzählt.
Sie erfuhr sie in den Jahren, in denen sie hier Dienste leistete,und
erneut vor einigen Monaten in einer Zeit der Trauer, als sie mich e.ls Präsidenten und das Volk der Vereinigten Staaten bei der Bestattung Ihres
früheren Präsidenten vertrat.
Ich weiß, daß ich mich hier zu Hause fühlen werde aufgrund all der Dinge,
die die Vereinigten Staaten und Indien gemeinsam haben - der Bedeutung, die

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D 5300 Bonn-Bad Godesberg 1
Tel: 02221-893240 Telex:08-85432

�die wir in unserer Geschichte und am heutigen Tage den grundlegenden
moralischen Werten beimessen - unserem gemeinsamen Glauben an die Demokratie
und ihre tägliche Praxis, unserer beiderseitigen Verpflichtung gegenüber
dem Weltfrieden und seinen wesentlichen Grundlagen, einer gerechteren
politischen und wirtschaftlichen Ordnung unter den großen und kleinen,
reichen und armen Nationen, unserem Anliegen der Hilfe für jene, die am
meisten in Not sind, ob sie unsere unmittelbaren Nachbarn sind

oder ob

sie weit weg von unserem eigenen Lande wohnen, der geographiscnen Größe
und der potentiellen und wirtschaftlichen Stärke unserer beiden Nationen,
und unserer Bereitschaft, gelegentlich, Herr Präsident, andere zu kritisieren aber noch mehr uns selbst zu kritisieren, aus der Erkenntnis heraus, daß
wir immer selbst die hervorragenden Leistungen, die unsere Völker erbracht
haben, noch verbessern können.
Ich freue mich sehr, von Ihnen, einem so hervorragenden Führer, begrüßt
zu werden. Und aufgrund unseres Briefwechsels im vergangenen Jahr betrachte
ich auch bereits Ministerpräsident Desai als einen persönlichen Freund. Ich
bin glücklich, Sie und ihn jetzt persönlich begrüßen zu können. Ich weiß,
daß er ein Mann großen Mutes, der Aufrichtigkeit und der Hingabe ist.
Wir werden mit den führenden Vertretern der indischen Regierung viel zu
besprechen haben. Unsere beiden Nationen wissen, daß eine interdepente Welt
jeden Tag und jedes Jahr unserer Amtszeit eine enge Zusammenarbeit und Konsultation unter den führenden Persönlichkeiten erfordert. Ich bin für diese
Gelegenheit, Ihr großes Land zu besuchen, und persönlich die größte Demokratie
der Erde kennenzulernen sicherlich sehr dankbar.
Lassen Sie mich, Herr Präsident, im Namen des amerikanischen Volkes sagen,
daß wir sehr glücklich sind, unsere Freundschaften zu erneuern, neue Freundschaften zu schließen, und Ihren herzlichen Willkommensgruß und auch Ihren
Wunsch zu erwidern, daß wir beide zusammen und die gesamte Welt ein gutes
neues Jahr und eine Welt in Frieden erleben mögen.
+ + + + +
- 2 -

�Dokumentation
United States Information Service

11. Januar 1978

ANSPRACHE PRÄSIDENT CARTERS VOR DEM INDISCHEN PARLAMENT

NEW DELHI - (AD) - Präsident Jimmy Carter hat am 2. Januar 1978 vor dem
indischen Parlament eine vielbeachtete Ansprache gehalten, die folgenden Wortlaut hat:
Ich stehe hier vor Ihnen in diesem Haus, dem Sitz der großen gesetzgebenden Körperschaften der Erde, mit Gefühlen tiefer Freundschaft und Achtung.
Ich entbiete dem Volk der größten Demokratie, der Republik Indien, die
herzlichen Grüße und besten Wünsche des Volkes der zweitgrößten Demokratie
der Erde, der Vereinigten Staaten.
Vor nicht sehr langer Zeit mußten die Regierungen unserer beiden Völker
Perioden ernster Krisen durchstehen.

Auf verschiedene Weise waren die Werte,

für die so viele Menschen gelebt haben und gestorben sind, in Gefahr geraten;
auf verschiedene Weise haben, auf gegenüberliegenden Seiten des Erdballs,
diese Werte schließlich triumphiert.
Es wird manchmal argumentiert, der moderne Industriestaat - mit seinem
Materialismus, seiner zentralisierten Bürokratie und den technischen Kontroll•

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�Kontrollmechanismen, die ihren Machthabern zu Gebote stehen - müsse zwangsläufig die demokratischen Ideale aus dem Auge verlieren.
Die jüngsten Erfahrungen meines Landes haben dieses Argument auf die
Probe gestellt.

Das Ergebnis war eine Bestätigung der Freiheit und des Kon-

zepts der Selbstregierung.
Das gegenseitige Argument wird eher noch häufiger vorgebracht.

Es gibt

Leute, die sagen, die Demokratie sei eine Art Spielzeug für Reiche - die Armen wären nämlich viel zu sehr damit beschäftigt, ihr überleben sicherzustellen,
um sich um den Luxus der Freiheit und des Rechts auf die Wahl einer eigenen
Regierung zu kümmern.
Dieses Argument wird überall auf der Welt immer wieder vorgebracht meistens, wie ich festgestellt habe, von Personen mit vollen Bäuchen, die von
Positionen der Bevorrechtigung und Macht innerhalb ihrer eigenen Gesellschaften
aus sprechen.
Dieses Argument erinnert mich an eine Erklärung, die einer der großen
Präsidenten der Vereinigten Staaten abgegeben hat.
einmal:

Abraham Lincoln sagte

"Wenn immer ich jemand die Sklaverei befürworten höre, wünsche ich,

man möge sie an ihm selbst erproben."
Die Erfahrungen in Indien und Amerika sprechen eine klare Sprache.

Sie

besagen, daß es mehr als nur eine Form des Hungers gibt und daß sich weder
Reiche noch Arme satt fühlen, wenn sie nicht an Körper und Geist gleichermaßen ernährt werden.
Ist die Demokratie wichtig? Wird die menschliche Freiheit von allen
Völkern geschätzt? Indien hat seine positive Antwort auf diese Fragen mit
Donnerstimme erteilt - mit einer Stimme, die überall auf der Erde gehört wurde. Im März vergangenen Jahres geschah hier in diesem Lande insofern etwas
Bemerkenswertes, als nicht irgendeine besondere Partei in den Wahlen gewon- 2 -

�gewonnen oder verloren hat, sondern weil sich meines Erachtens die größte
Wählerschaft der Erde ihre eigene Führerschaft frei und klug an den Wahlurnen selbst erwählt hat.

In diesem Sinne war die Demokratie der eigent-

liche Sieger.

Gemeinsam sind wir uns darin einig, daß die politische Freiheit die
Lokomotive des Fortschritts ist.

Indien und Amerika teilen sich in ihre prak-

tischen Erfahrungen mit der Demokratie.

Wir in den Vereinigten Staaten sind

stolz darauf, daß wir die politische Einheit eines Volkes verwirklicht haben,
dessen Urväter aus allen Gebieten der Erde gekommen sind.

Unser System ist

bestrebt, die Rechte einer großen Zahl von Minoritäten zu beachten - darunter
übrigens auch eine zunehmende und leistungsstarke Gruppe von Familien aus
Indien.

Die Gefahr für die politische Einheit ist jedoch hier eher noch größer.
Was die Unterschiede in Sprache und Religion, in den politischen Ansichten
und unter rassischen und kulturellen Gruppen angeht, ist Indien dem europäischen
Kontinent vergleichbar, dessen Bevölkerung etwa gleich stark ist wie die Indiens.

Indien hat ein ganzes Mosaik von Volksgruppen zu einem einheitlichen
Staat zusammengeschmiedet, der vielen Gefährdungen seines Bestandes als Nation
und Demokratie standgehalten hat.

Das ist sicherlich eine der größten po-

litischen Leistungen dieses Jahrhunderts und aller Zeiten.

Indien und die Vereinigten Staaten sind sich in der Achtung vor dem
Recht der freien Rede einig, die Mahatma Gandhi den "Grundstein der 'Swaraj'"
- der Selbstregierung - genannt hat.

Das gleiche gilt für die akademische

Freiheit, die Organisationsfreiheit der Gewerkschaften und die Presse- und
Religionsfreiheit.

Alle diese Rechte werden durch internationale Vereinbarungen sanktioniert.

Es gibt wenige Staaten, die nicht wenigstens ein Lippenbekenntnis zu
- 3 -

�zu ihnen ablegen.

Und dennoch, um Gandhi einmal mehr zu zitieren, hat "kein

Prinzip nur im Abstrakten und ohne konkrete Anwendung echte Bedeutung."
In Indien wie in den Vereinigten Staaten finden diese Rechte konkrete Anwendung - und haben auch echte Bedeutung.

In Wahrung dieser Rechte haben

sich unsere beiden Länder für ähnliche politische Wege zur Erschließung ihrer Ressourcen und Verbesserung der Lebensverhältnisse ihrer Völker entschieden.
Der Unterschied zwischen unseren Ländern beschränkt sich in dieser Hinsicht auf das Ausmaß, in dem das Wirtschaftswachstum einerseits durch staatliche Unternehmen und andererseits durch die Privatwirtschaft vorangetrieben
wird.

Wichtiger aber als dieser Unterschied ist unser gemeinsamer Glaube,

daß die politischen Strukturen, innerhalb derer die Entwicklung stattfindet,
demokratischer Natur sein und die Menschenrechte jedes einzelnen Bürgers respektieren müssen.
Unsere beiden Länder stimmen auch darin überein, daß die menschlichen
Bedürfnisse von den Menschenrechten untrennbar sind - daß die bürgerlichen
und politischen Freiheiten an sich gut sind, aber doch jenen Menschen, für
die das physische überleben nicht Gegenstand täglicher Sorge bildet, sehr
viel mehr nützen und bedeuten.
Genug Nahrungsmittel zu haben, um leben und arbeiten zu können, ein
angemessenes Dach über dem Kopf zu haben und ausreichend gekleidet zu sein,
in einer gesunden Umwelt zu wohnen und im Krankheitsfälle versorgt zu werden,
zu lernen und unterrichtet zu werden - auch um diese Rechte müssen sich unsere
Regierungen kümmern. Dieser Forderung nachzukommen, setzt ein ordnungsgemäßes
wirtschaftliches Wachstum voraus. Wenn die Früchte des Wachstums aber jenen
zugute kommen sollen, die ihrer am dringendsten bedürfen, gewinnt die soziale
Gerechtigkeit entscheidende Bedeutung.
Indien ist dabei, diese historische Aufgabe erfolgreich zu lösen.
seine Wirtschaft vor großen Problemen steht, ist kein Geheimnis, und der
- 4 -

Daß

�der Westen weiß auch, wie ernst diese sind.

Weit weniger weiß man, wie erfolgreich die indische Sozial- und Wirtschaftspolitik ist.

In der Generationsspanne, die seit Erlangung seiner

Unabhängigkeit verstrichen ist, hat Indien hierin außerordentliche Erfolge
erzielt.

Indien ist heute eine große Industriemacht.
hört zu den zehn größten der Welt.

Seine Volkswirtschaft ge-

Das Land ist auf dem Verbrauchsgüter-

sektor und hinsichtlich einer großen Zahl von Eisen- und Stahlprodukten praktisch autonom.

Es hat in fast allen wichtigen Industriezweigen bemerkenswerte

Produktionssteigerungen zu verzeichnen - Produktionssteigerungen, die einer
hochtechnisierten Wirtschaft gemäß sind.

Diese Art von Wachstum macht den

Versuch doppelt wichtig, bestehende Handelsschranken abzubauen, den bilateralen Handel auszuweiten und einen größeren Anteil an der gemeinsamen Verantwortlichkeit für das Welthandelssystem zu übernehmen.

Am wichtigsten aber sind die Verbesserungen der allgemeinen Lebensverhältnisse, die auch dem kleinen Mann zugute kommen.

Seit Erlangung der Unab-

hängigkeit ist die Lebenserwartung in Indien um 20 Jahre gestiegen.
fährdung durch größere Epidemien hat sich verringert.

Die Ge-

Der Anteil derer an der

Gesamtbevölkerung, die lesen und schreiben können, hat sich verdoppelt.

Wäh-

rend in den ersten Jahren nach Erlangung der Unabhängigkeit nur jedes dritte
indische Kind zur Schule ging, werden heute 90 Prozent aller Kinder im Grundschulalter unterrichtet; die Zahl der Universitätsstudenten hat sich verneunfacht.

Ich erwähne diese Fortschritte deshalb, weil wir dazu neigen, sie über
der Beschäftigung mit aktuellen Problemen zu übersehen, die zu Recht einen
Großteil unserer Aufmerksamkeit beanspruchen.

Indiens Schwierigkeiten, die wir vielfach aus eigener Erfahrung kennen
und die typisch für die Probleme aller Entwicklungsländer sind, erinnern uns
- 5 -

�uns an die Aufgaben, die noch vor uns liegen.
Indiens Erfolge aber sind nicht weniger wichtig - schon weil sie die
Theorie entschieden widerlegen, daß sich Entwicklungsländer eine autoritäre
oder totalitäre Staatsform zulegen und die geistigen Schäden hinnehmen müssen,
die diese Art von Herrschaft mit sich bringt, wenn sie wirtschaftliche und soziale Fortschritte erzielen wollen.
Die Aufgaben, vor die sich Ihr Land gestellt sieht, sind gewaltig - wie
die Inder selbst als erste zu bestätigen bereit sind.

Wir alle wissen, daß

das Wohl und Wehe eines Landes von seinen eigenen Anstrengungen abhängt.
Wir wollen uns gemeinsam mit Ihnen für die Aufrechterhaltung und Verbesserung unserer wertvollen und reifen Partnerschaft der politischen und
wirtschaftlichen Zusammenarbeit einsetzen.
Es ist eine ernüchternde Tatsache, daß auf diesem Subkontinent mit einer
Bevölkerung von Hunderten von Millionen nur einige wenige amerikanische Geschäftsleute am täglichen Wirtschaftsleben teilnehmen. Wir müssen weitere
Bereiche ausfindig machen, auf denen wir zum gegenseitigen Vorteil und zum
Vorteil der ganzen Welt zusammenarbeiten können.
•

Auf dem Gebiet der Entwicklung hat mich der schöpferische Kurs, den Ihre
Regierung in der Erklärung zur Neuen Wirtschaftspolitik aufzeigte, sehr
beeindruckt. Sie haben Ihr Volk eindeutig auf die Aufgabe der Verbesserung
der Landwirtschaft und die Schaffung neuer Arbeitsplätze auf dem Agrarsektor
verpflichtet. Diese Politik durchläuft gegenwärtig die Phase ihrer praktischen
Verwirklichung und insbesondere den Test, ihre Früchte an die ärmsten Teile
der Bevölkerung auf dem Lande weiterzureichen. Die Ernsthaftigkeit und Entschlossenheit der Verpflichtung auf diese Aufgabe gibt Anlaß zu Optimismus.
Der neue Kurs Ihrer Regierung entspricht genau unserer eigenen Auffassung,
die Befriedigung grundlegender menschlicher Bedürfnisse müsse bei der Ent- 6 -

�Entwicklung Vorrang genießen. Wir möchten von Ihnen lernen und sind bereit,
überall dort mit Ihnen zusammenzuarbeiten, wo dies möglich ist.
Im Bereich der Landwirtschaft gibt es Bereiche vielversprechender Technologien, auf denen wir zusammenarbeiten können. Nach einem Jahrzehnt der
Getreideeinfuhren weist Indien heute einen Überschuß von nahezu 20 Millionen
Tonnen auf - dank der steigenden Produktivität Ihrer Landwirtschaft und einer
kompetenten Verwaltung.
Wir heißen das Getreidebevorratungsprogramm gut, das Ihr Land in Angriff
genommen hat, und wir sind gerne bereit, uns mit Ihnen in unsere Ressourcen
und Erfahrungen im Umgang mit den aus überschlissen resultierenden Lagerproblemen zu teilen. Unsere Länder müssen sich in die vorderste Front der Bemühungen einreihen, eine internationale Nahrungsmittelreserve aufzubauen,
die die Angst vor Hunger in der übrigen Welt besänftigen könnte.
Dabei sollten wir nicht übersehen, daß die Überschüsse von heute voraussichtlich ein zeitlich begrenztes Phänomen sind. Nach zuverlässigen
Schätzungen wird die Welt angesichts der raschen Bevölkerungszunahme schon
Mitte der achtziger Jahre von einer großen Nahrungsmittelknappheit bedroht
sein, wenn es uns nicht gelingt, die Produktionskapazität der Landwirtschaft
erheblich zu erweitern.
Die besten Aussichten zur Steigerung der Produktivität der Landwirtschaft bestehen in Indien und anderen Entwicklungsländern. Es gilt, diese
Möglichkeiten zu nutzen - nicht nur, damit die Inder mehr zu essen haben,
sondern zu dem Zweck, daß Indien hierin auch in Zukunft autark bleiben und
vielleicht sogar Nahrungsmittel nach Ländern mit geringerem landwirtschaftlichen Potential exportieren kann.
Amerika und Indien haben auf dem Agrarsektor in enger Zusammenarbeit
denkwürdige Leistungen erzielt. Dennoch gibt es noch immer ein großes brachliegendes Potential, das in erweiterter Zusammenarbeit erschlossen werden
könnte.
T ,

�Ich hätte es gerne, wenn ein intensiveres Agrarforschungsprogramm zustande käme, das auf Produktivitätssteigerungen in Indien und Verbesserungen
der Entwicklungsmethoden abzielt, die auch in anderen Ländern angewandt werden können.

Dieses Programm könnte von den landwirtschaftlichen Hochschulen

unserer beiden Länder ausgehen, sollte sich aber auf den gesamten Bereich der
Agrarforschung erstrecken.

Ich meine ferner, wir sollten über die Forschung

hinausgreifend gemeinsame Entwicklungsprojekte aufstellen, in deren Rahmen
die Ergebnisse dieser Forschungsarbeiten erprobt und praktisch genutzt werden
könnten.

Ministerpräsident Desai und ich könnten unsere Regierungen anweisen,

ihr Augenmerk verstärkt auf diese Fragen zu lenken und in den nächsten Monaten spezifische Vorschläge zu unterbreiten.
Eines der Gebiete, in dem die internationale Zusammenarbeit am ehesten
Erfolg versprechend erscheint, sind Ostindien und Bangladesh, wo die Nahrungsmittelproduktion durch den Wechsel von Perioden der Trockenheit und Überschwemmung schwere Einbußen erleidet.
Millionen Menschen:

In diesem Gebiet leben mehrere Hundert

Bürger Indiens, Bangladeshs und Nepals und darüber hin-

aus auch Bürger der Weltgemeinschaft.

Dieser wiederum liegt sehr viel daran,

daß deren Bedürfnisse befriedigt werden.
Große Fortschritte wurden bereits auf dem Gebiet der Wasserwirtschaft
erzielt.

Wir sind zur Hilfe bereit, sollten die Staaten dieser Region eine

Untersuchung wünschen, um festzustellen, wie die Völkergemeinschaft in Zusammenarbeit mit den Ländern Südasiens den Menschen dieses Raumes helfen, damit
sie lernen, Wasser aus Flüssen und Bergen dazu zu verwenden, jenen Produktivitätsgrad zu erreichen, den dieser Landstrich und seine Bewohner den naturgegebenen Voraussetzungen nach an sich erzielen könnte.
Ein fortgesetztes wirtschaftliches Wachstum setzt sowohl eine ausreichende
Energiebasis als auch eine ertragsreiche Landwirtschaft voraus.

Die Energie-

versorgung ist in unseren beiden Ländern ein ernstes Problem, da wir beide Ol
in einem Ausmaß importieren, das die Gesundheit unserer Wirtschaft bedroht
und uns den Gefahren einer Unterbrechung der Zulieferungen aussetzt. Ameri-

�Amerikanische Firmen arbeiten gemeinsam mit indischen Unternehmen an der Erschließung der Ölvorkommen vor der Küste unweit von Bombay.
Wir arbeiten ferner seit längerem gemeinsam an der Entwicklung der Kernenergie - einem weiteren wichtigen Element der indischen Energieplanung.

Ich

hoffe, daß unsere Zusammenarbeit auf diesem Gebiete weitergehen wird.

Darüber hinaus sind wir bereit, mit Ihnen in der Entwicklung erneuerungsfähiger Energiequellen - insbesondere in der Frage der Nutzung der Sonnenenergie - zusammenzuarbeiten.
unsere

Die Kooperation auf diesem Gebiet könnte für

beiden Länder eine ganz beträchtliche Hilfe sein.

Indien hat keinen

Mangel an Sonnenschein; das Fehlen einer umfassenden, auf der Verwendung fossiler Brennstoffe basierenden Infrastruktur wird die Nutzung der Sonnenenergie
und damit verbundenen anderweitiger Energieformen erheblich leichter machen
als in meinem Land.

Das naturgegebene dezentralisierte Vorkommen von Sonnen-

energie läßt diese zum idealen Gegenstand der Bestrebungen Ihrer Regierung
werden, Dörfer und Gemeinden energieautark zu machen.

Eine ausreichende

Energieversorgung und die Anwendung geeigneter technischer Methoden bei der
Nutzung der vorhandenen Bodenschätze werden die Aussichten auf Produktivitätssteigerungen in der Landwirtschaft erheblich verbessern.

Die stumme Leere des Weltraums mag als weit abliegend von diesen Aufgaben
angesehen werden - dennoch können sich die komplizierten elektronischen Systeme
eines Raumsatelliten für Farmer überall auf der Erde als ebenso nützlich erweisen wie ein neuer Pflug.

Die indische und die amerikanische Regierung werden morgen in einem
diplomatischen Notenaustausch festlegen, daß die Vereinigten Staaten ihren
Landsat-Satelliten - einen Satelliten zur Aufspürung von Rohstoffvorkommen dahingehend programmieren werden, daß er Meßdaten direkt an eine Empfangsstation weitergeben wird.
Dieser

�Dieser Satellitendienst wird Indien mit umfassenden topographischen,
die Mineral vorkommen betreffenden Informationen und mit aktuellen Angaben
über die sich rasch verändernden Bedingungen hinsichtlich der Landwirtschaft,
des Wasserhaushalts und anderen natürlichen Hilfsquellen versorgen.

Aufgrund

der Bestimmungen der diesbezüglichen Vereinbarungen wird Indien seinen
Nachbarstaaten alle Informationen zugänglich machen, die diese betreffen.
Indien hat sich zudem Raum an Bord der amerikanischen Raumfähre reservieren lassen, um im Jahre 1981 unter Verwendung eines auf spezifisch indische Bedürfnisse programmierten Satelliten ein heimisches Kommunikationssatellitensystem aufzubauen.

Wir freuen uns, daß unsere Raumfahrttechnik

im Verein mit der weit fortgeschrittenen indischen Raumkommunikationstechnik
Gelegenheit erhält, der Sache des praktischen Fortschritts in Indien zu dienen.
Die zunehmende Zusammenarbeit auf wissenschaftlichem Gebiet sollte in
einem erweiterten Wissen beider Völker und Kulturen voneinander verwurzelt
sein. Der Wissenschaftsaustausch zwischen unseren beiden Ländern bereicherte
das Leben der Amerikaner, die an ihm teilgenommen haben; dasselbe gilt, wie
ich hoffe, für die beteiligten Inder. Ich wünsche, daß der Personen- und
Informationsaustausch zwischen unseren beiden Ländern in Zukunft intensiviert
und weiter ausgedehnt werden wird.
Wir Amerikaner wissen, wieviel wir in Kultur und Kunst dazuzulernen haben. Außer Indien haben uns auch das übrige Asien, Afrika und der Nahe Osten
in dieser Hinsicht vieles zu bieten. Ich hoffe, die Aussichten der Bürger
der Vereinigten Staaten, die unterschiedlichen Kulturen der Nationen in diesem Teil der Welt kennenzulernen, erheblich verbessern zu können.
Was die Weltpolitik angeht, so hat die Geschichte unseren beiden Ländern
verschiedene Rollen zugewiesen. Die Vereinigten Staaten sind eine der beiden
sogenannten Supermächte; Indien ist das größte der blockfreien Länder. Wir
respektieren beide die Auffassung des anderen von seinen jeweiligen interna- 10 -

�internationalen Verantwortung.

Die Werte, in die wir uns teilen, bilden

die Grundlage unserer Zusammenarbeit in dem Bestreben, die großen weltweiten
Probleme der wirtschaftlichen Gerechtigkeit, der Menschenrechte und der Verhinderung von Kriegen zu lösen.

Die Verwirklichung der Gerechtigkeit in der Welt und der Aufbau einer
neuen weltwirtschaftlichen Ordnung müssen auf eine Art und Weise erfolgen,
die konstruktive Entwicklungen statt fruchtloser Konfrontationen möglich
machen.

Jedes Land wird Schaden nehmen, wenn wir es zulassen, daß der Nord-

Süd-Dialog ergebnislos abgebrochen wird.

Weil Indien Entwicklungsland und Industriemacht zugleich ist, sind Sie
in der einzigartigen Position, eine konstruktive internationale Diskussion
über Fragen des Handels, der Energieversorgung, der Investitionen, der Zahlungsbilanzen und der Technologie sowie über andere Punkte in Gang zu setzen.
Ich begrüße es, wenn Sie diese Rolle spielen.

Ich weiß, daß wir gelegentlich in spezifischen Fragen und selbst bezüglich der generellen Einstellung zu größeren Problemen unterschiedlicher Auffassung sind.

Dennoch werden uns, wie ich hoffe und glaube, unsere gemein-

samen Interessen und die gemeinsame Verpflichtung auf demokratische Werte
helfen, in wichtigen weltweiten und auch bilateralen Fragen einer Einigung
näher zu kommen.

Keine unserer beiden Länder aber ist darauf aus, auf den Kurs des anderen einzuschwenken, es sei denn in der Verfolgung der Ziele des Friedens
und der Gerechtigkeit.

Wir können uns jedoch gegenseitig helfen,

Differen-

zen im Verhältnis zu anderen Ländern auszuräumen.

Unsere beiden Länder sind Teil einer demokratischen Welt, die Völker
auf allen Entwicklungsstufen einschließt:
Lanka und Costa Rica.

von Schweden und Japan bis Sri

Wir haben viele Probleme gemeinsam.

Wir teilen uns

in die Verpflichtung, die Menschenrechte durchzusetzen - nicht in der Weise,
- 11 -

�Weise, daß wir uns in die Angelegenheiten anderer Länder einmischen, und
auch nicht, indem wir anderen Ländern das Recht streitig machen, ihr eigenes politisches und wirtschaftliches System selbst zu bestimmen, sondern
indem wir die Wahrheit verfechten, wie wir sie sehen, und indem wir ein nachahmenswertes Beispiel dessen geben, was Demokratie bedeuten und bewerkstelligen kann.
Die Gefahr eines Krieges bedroht jedermann.

Die Vereinigten Staaten

sind bestrebt, an der Verminderung dieser Gefahr mitzuwirken:

in den SALT-

Verhandlungen mit der Sowjetunion, in den Gesprächen um das Zustandekommen
eines Vertrags über einen umfassenden Atomversuchsstopp und in unserer Politik der Zurückhaltung bezüglich der Liferungen konventioneller Waffen.
Wir sind ernsthaft bemüht, die Weiterverbreitung von Kernbrennstoffen
streng zu begrenzen.

Wir sind darauf bedacht, den Frieden in Afrika und im

Nahen Osten zu fördern.

Und wir haben Schritte unternommen, eine Rivalität

der Großmächte im Indischen Ozean zu verhindern.
Indien hat sich zur friedlichen Zusammenarbeit mit seinen Nachbarn verpflichtet, und Indien leistet einen wichtigen Beitrag zu fast allen Friedensstreitkräften der Vereinten Nationen.

Es ist gegenwärtig, wie schon mehr-

mals, Mitglied des UN-Sicherheitsrates, und es steht seit langem schon in
der vordersten Front des Kampfes gegen Kolonialismus und Apartheid.
Immer häufiger stellen wir fest, daß wir gemeinsam auf gemeinsame Ziele
hinarbeiten: Demokratie, Verbesserung des Loses der Menschen, soziale Gerechtigkeit und Frieden.
Das Motto meines Landes lautet "In God we Trust" - Wir vertrauen auf
Gott.

Indiens Motto heißt "Satymev Jayte" - Die Wahrheit allein obsiegt.

Meines Erachtens manifestiert sich die Gemeinsamkeit unserer grundlegenden
Wertvorstellungen darin, daß Ihr Motto das Unsere und unser Motto wohl auch
das Ihre sein könnte.

Unsere Völker teilen die gemeinsamen Zielsetzun- 12 -

�Zielsetzungen des Friedens in der Welt und der Besserung des Loses der
Menschen in unseren eigenen Gesellschaften.

Wir teilen uns darüber hinaus

in die Überzeugung, daß die Mittel zur Erreichung dieser Ziele mit den Prinzipien der Freiheit, der Menschenwürde und der sozialen Gerechtigkeit ebenso in Einklang stehen müssen wie diese Ziele selbst.

Diese Affinität der Auffassungen ist ein so starkes Bindeglied zwischen
zwei Nationen, wie es nur möglich ist.

Die Wertvorstellungen, die Indern und

Amerikanern gemeinsam sind, haben mein eigenes Leben tief berührt.

Ich kom-

me zu Ihnen als Führer meines Landes in der Hoffnung, daß mein Besuch eine
neue bedeutsame Phase in den sich ständig bessernden Beziehungen zwischen
unseren beiden Ländern einleiten wird.

In einem mehr persönlichen Sinne

aber - in einem Sinne, der mir sehr am Herzen liegt - komme ich als Pilger.

Heute morgen hatte ich die Ehre, einen Kranz am Denkmal Mahatma Gandhis
niederzulegen.

An diesem heiligen Ort, der so einfach und heiter ist, er-

innerte ich mich daran, wie Gandhis Lehren das Leben von Millionen Menschen
in meinem eigenen Land angerührt haben.

In meiner Jugend, die ich auf einer Farm in Georgia im Herzen des Südens
der Vereinigten Staaten verbracht habe, stand wie eine unsichtbare Mauer die
Rassentrennung zwischen mir und meinen schwarzen Spielgefährten, sobald wir
das Schulalter erreicht hatten.

Man konnte glauben, daß diese Mauer auf

ewig fortbestehen würde.

Es hatte aber nur den Anschein.

Sie zerbröckelte und stürzte zusammen.

Wenngleich ihre Trümmer noch nicht vollständig abgetragen sind, trennen ihre
Überbleibsel heute nicht mehr den einen vom anderen, und sie üben auch keinen
verderblichen Einfluß mehr auf das Leben von Menschen auf beiden Seiten aus.

Unter den vielen, die wegen des Übels rassischer Vorurteile auf die
Straße gingen, unter ihm litten und Zeugnis wider es ablegten war Dr. Martin
Luther King, Jr., ein Sohn Georgias und ein geistiger Schüler Mahatma Gandhis,
der Größte.

Der

- 13 -

�Der wichtigste Einfluß im Leben und Werk Kings war, abgesehen von seinem
religiösen Glauben, das Leben und Werk Gandhis.

Martin Luther King übernahm

Gandhis Konzept des Ahimsa und Satygraha - das Konzept der Gewaitlosigkeit und
der Kraft der Wahrheit - und brachte es im Süden Amerikas zur praktischen Anwendung.
Wie Gandhi hielt auch King die Wahrheit und die Liebe für die stärksten
Kräfte des Universums.

Wie Gandhi wußte auch er, daß einfache Menschen - nur

mit ihrem Mut und ihrem Glauben bewaffnet - fähig sind, Ungerechtigkeiten dadurch zu überwinden, daß sie an den göttlichen Funken im Herzen selbst von
Übeltätern appellierten.
Wie Gandhi haben wir alle erfahren, daß ein System der Unterdrückung
jenen, die an seiner Spitze stehen, ebenso zum Schaden gereicht wie jenen,
die sich unten an seiner Basis finden.

Für Martin Luther King wie für Mahatma

Gandhi war die Gewaitlosigkeit nicht lediglich eine Methode der Politik, sondern eine Lebensform und ein geistiger Weg zur Vereinigung mit dem Höchsten.
Diese Männer stellten eine Norm des Mutes und des Idealismus auf, die
wenige unter uns zu erfüllen vermögen, die uns allen aber Quelle der Inspiration und Anstoß zu Beharrlichkeit sein kann.

Die Bewegung der Gewaitlo-

sigkeit im Kampf für Rassengerechtigkeit in den Vereinigten Staaten - eine
Bewegung, die in hohem Maße von den Lehren und vom Beispiel Gandhis und anderer führender indischer Persönlichkeiten inspiriert wurde - hat mein eigenes Leben und das Leben von Millionen meiner Landsleute verändert und bereichert.
Sie werden mir sicherlich verzeihen, wenn ich hierüber in solcher Breite
spreche. Ich tue dies, weil ich Ihnen verständlich machen möchte, daß es mir
eine Herzens- und nicht lediglich eine Verstandesangelegenheit ist, wenn ich
von der Freundschaft zwischen den Vereinigten Staaten und Indien spreche.
Ich spreche hiervon aber im tiefen und unmittelbaren Bewußtsein dessen, was
die Beziehungen zwischen unseren beiden Ländern in der Vergangenheit bedeutet

�bedeutet haben und was sie in Zukunft bedeuten können.
Für den Rest dieses Jahrhunderts bis in das nächste Jahrhundert hinein
werden sich die demokratischen Staaten der Erde einander in verstärktem Maße
zuwenden, wenn es darum geht, eine Antwort auf die dringendste gemeinsame
Frage zu finden: Wie können wir unsere politischen und geistigen Werte als
Grundlage für den Abbau der sozialen und wirtschaftlichen Belastungen benutzen,
denen wir zweifellos ausgesetzt sein werden.
Die Erfahrung der Demokratie ist wie die Erfahrung des Lebens selbst:
sich ständig verändernd, unendlich in ihrer Vielfalt, gelegentlich turbulent
und umso wertvoller deshalb, weil sie aus widrigen Umständen erwuchs.

Wir

teilen uns mit Ihnen in diese Erfahrung, und wir leiten Stärke aus ihr.
Welche Unterschiede auch immer zwischen meinem Lande und dem Ihren bestehen mögen, wir bewegen uns beide auf dem Weg der Demokratie auf das gemeinsame Ziel der Verbesserung des Loses der Menschen hin.
Ich weiß, daß ich im Namen aller Amerikaner spreche, wenn ich hier erkläre, wie dankbar ich dafür bin, daß wir diesen Weg gemeinsam gehen.

- 15 -

�Dokumentation

I

United States Information Service

11. Januar 1978

DEKLARATION VON DELHI

NEU DELHI - AD - Die von Presseamt des Weißen Hauses am 3. Januar 1978
veröffentlichte Deklaration von Delhi hat folgenden Wortlaut:
Indien und die Vereinigten Staaten von Anerika sind sich trotz Unterschieden in Geschichte und Kultur eins in der Anerkennung, daß die letztliche Sanktion der Macht und der öffentlichen Politik in der Achtung vor
der Würde und den Wohlergehen des Einzelnen beruht. Unbeschadet seiner Rasse,
seines Geschlechts, seiner Religion oder seines sozialen Status hat jedes
menschliche Wesen ein Recht auf Leben und bürgerliche Freiheit, auf Freiheit
von Not und - ohne Bedrohung und Zwang - auf Freiheit der Meinung und des
religiösen Kultus.
Wir teilen den unerschütterlichen Glauben an die demokratische Regierungsform, die allen Bürgern die fundamentale

Freiheit unter dem Gesetz garantiert,

sowie das Recht, ihre Vertreter zu wählen und über die eigene Zukunft selbst
zu bestimmen.
Gleichzeitig sind wir davon überzeugt, daß eine kooperative und stabile

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�stabile Weltordnung von den Recht eines jeden Volkes abhängig ist, seine
eigene Regierungsform zu wählen, sowie von den Recht jeder Nation auf ihren
eigenen politischen, sozialen und wirtschaftlichen Weg.
•

Wir sind erfreut, daß der Prozeß der Entkolonialisierung das internationale Staatensystem demokratisiert und damit den meisten Nationen zum
erstemal die Chance gegeben hat, an den EntScheidungsprozessen in bazug
auf internationalen Frieden

und Zusammenarbeit teilzunehmen.

Die Ungleichheiten, die bezüglich der wirtschaftlichen Stärke

zwischen

den Nationen bestehen, müssen überbrückt und es muß eine gerechtere internationale Wirtschaftsordnung geschaffen werden, wenn wir den Weltfrieden
sichern wollen.
Wir sind uns bewußt, daß eine breitangelegte wirtschaftliche Entwicklung für einen modernen Staat wesentlich ist, sind uns aber auch bewußt,
daß ein solcher Fortschritt hohl ist, wenn jeine Früchte nicht die gesamte
Bevölkerung erreichen.
Die heutige Welt verfügt über das wissenschaftliche und technische
Vermögen, um die Lebensqualität zu bereichern und größere soziale Gerechtigkeit innerhalb der Nationen und unter ihnen zu schaffen. Wir appellieren
an die interdependente Gemeinschaft der Völker, zusammenzuarbeiten, um das
gemeinsame Erbe an Ressourcen und heiler Umwelt auf unserem Planeten zu
schützen und zu pflegen.
Wir erklären, daß Krieg kein akzeptables Mittel zur Lösung politischer
Streitfragen ist. Unsere Länder werden ihr Äußerstes tun, um Streitigkeiten
mit anderen in gütlicher Form zu regeln und im Rahmen der Vereinten Nationen
bei der Lösung von Streitfällen anderer mitzuhelfen.
Das Gespenst des Kriegs hat zu lange über der Welt gelastet. Bestehende
Kernwaffenarsenale müssen reduziert und schließlich gänzlich beseitigt werden,

- 2 -

�werden

und der Gefahr einer Proliferation der Kernwaffen muß Einhalt geboten

werden. Außerdem muß jede Anstrengung unternommen werden, um in immer
weiterem Maße die konventionellen Waffen zu reduzieren und die auf diese
Weise freigesetzten produktiven Kräfte für eine Verbesserung der Lage der
Menschheit umzuleiten. Wir verpflichten uns unsererseits, auf diese Ziele
hinzuarbeiten.
über die Bereiche der Politik und Wirtschaft hinaus bietet die Welt heute
Gelegenheiten für einen freieren und umfassenderen Austausch auf geistigem
und wissenschaftlichem Gebiet. Freiheit der Ideen und die Förderung von
kulturellem und künstlerischem Zusammenwirken in einer Welt, in der der Geist
ohne Furcht ist, kann eine Atmosphäre schaffen, in der Toleranz und Verständnis gedeihen können.
über die traditionellen Ideen des Staatswesens hinaus sind sich Inder
und Amerikaner der Verpflichtung gegenüber sich selbst und anderen bewußt,
daß der

Zweck niemals die Anwendung schlechter Mittel rechtfertigen kann.

Nationen sind wie Einzelmenschen für ihre Handlungen moralisch verantwortlich.

+ + + + +

- 3 -

�1

Dokumentation

I

United States Information Service

11. Januar 1978

ERKLÄRUNG CARTERS ANLÄSSLICH DER UNTERZEICHNUNG DER DEKLARATION VON DELHI

NEU DELHI - AD - Die von Präsident Carter anläßlich der Unterzeichnung
der Deklaration von Delhi am 3. Januar 1978 abgegebene Erklärung hat folgenden
Wortlaut:
Herzstück der Freundschaft zwischen Indien und den Vereinigten Staaten
ist unsere Entschlossenheit, daß die moralischen Werte unserer Völker das
Handeln unserer Staaten bestimmen mUssen.
Unsere beiden Nationen sind als bewußte Gestaltungen von Männern und
Frauen entstanden, die fest daran glaubten, daß geistige Grundsätze einen
politischen Ausdruck finden könnten. Gandhi und Nehru, Washington und Jefferson,
die Tausende, die mit ihnen zusammenarbeiteten,und die Millionen, die von
ihnen geführt wurden -sie alle waren entschlossen, der Welt ein leuchtendes
neues Beispiel zu geoen. Die Vereinigten Staaten gaben der Welt ein Beispiel
für eine neue Regierungsform mit einer neuen Beziehung zwischen Bürger und
Staat - einer Beziehung, in der der Staat dazu da ist, den Bürgern zu dienen,
und nicht die Bürger dazu da sind, dem Staat zu dienen.
Indien unternahm

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�•

Indien unternahm den Versuch, aus einer überwältigenden menschlichen
Vielfalt eine politische Einheit zu schaffen und es damit Menschen unterschiedlicher Kulturen, Sprachen und Religionen zu ermöglichen, in Unabhängigkeit und Freiheit zusammenzuarbeiten. Was Sie unternahmen,war ein
Versuch, dessen Erfolg die Welt heute aufs neue feiert.
Die von uns soeben unterzeichnete Deklaration bringt zu Papier, was seit
langem in unsere Herzen geschrieben war. Sie proklamiert unsere Überzeugung,
daß jeder Einzelne unabdingbare Rechte hat, sowie unser Eintreten für Gerechtigkeit zwischen den Nationenen und innerhalb der Gesellschaftsformen und unsere
entschlossene Überzeugung, daß Streitigkeiten ohne Gewalt gelöst werden müssen,
vor allem in diesem Zeitalter, in dem Kernwaffen mit totaler Zerstörung
drohen. Vor allem aber bekräftigen wir, daß Staaten wie Einzelmenschen eine
moralische Verantwortung für ihre Handlungen tragen.
Gestern sagte ich vor Ihrem Parlament, daß wir unbeschadet der Differenzen
zwischen unseren Nationen den Weg auf ein gemeinsames Ziel hin beschreiten,
das Ziel der menschlichen Entwicklung und der Menschenrechte. Wenn ich Indien
jetzt verlasse, so bin ich dankbar, zu wissen, daß wir mit dieser Deklaration
einen weiteren Schritt auf diesem Weg getan haben.

+ + + + +

�Dokumentation
United States Information Service

11. Januar 1978

ANKUNFTSERKLRRUNG PRÄSIDENT CARTERS IN SAUDI-ARABIEN

RIAD - AD - Nach seiner Ankunft in der Hauptstadt Saudi-Arabiens,
Riad, gab Präsident Jimmy Carter am 3. Januar 1978 eine Erklärung ab,
die folgenden Wortlaut hat:
Friede sei mit Ihnen (in arabischer Sprache). Der Hauptzweck meiner
Reise und meines Besuches ist der Friede.
Das erste Treffen zwischen den Führern Saudi-Arabiens und der Vereinigten Staaten fand statt, als Präsident Franklin Roosevelt zu seiner Zusammenkunft mit König Abdul-Aziz (ibn-Saud) an den Golf von Suez reiste.
Diese Freundschaft ist inzwischen gewachsen und umfaßt nunmehr die
Millionen von Menschen in unseren beiden Ländern. Wir arbeiten jetzt zusammen, und wir planen gemeinsam für die Zukunft. Die Bindungen, die uns
zusammenhalten, sind stark und unzerstörbar.
Unser Aufenthalt hier ist zwar nur kurz, aber ich habe bereits viel
von Kronprinz Fahd, Prinz Saud und anderen Führern Saudi-Arabiens erfahren,
die mich kürzlich in meinem eigenen Lande besucht haben. Ich bin jetzt sehr

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�sehr froh, mit Eurer Majestät zu engen Konsultationen über Fragen von
großem beiderseitigen Interesse für unsere Völker zusammenzutreffen.
Wie Eure Majestät bereits gesagt haben, ist das wichtigste Thema,
das wir erörtern werden, das baldige Zustandekommen eines gerechten und
dauerhaften Friedens im Nahen Osten.
Ich erinnere mich des arabischen Willkommensgrußes "Ahlan wa Sahlan".
Er ist so schön und einfach und bedeutet nach meiner Erinnerung "Ihr
befindet Euch unter Euren eigenen Leuten, und Eure Schritte werden unbehindert sein".
Angesichts der Warmherzigkeit dieser Begrüßung fühle ich mich unter
meinen eigenen Leuten, und ich weiß, daß meine Schritte nicht behindert
sein werden, weil ich denselben Weg gehe wie Eure Majestät, König Khaled,
nämlich den Weg zu dem gemeinsamen Ziel einer noch größeren Freundschaft
zwischen unseren Völkern, zwischen unseren beiden Ländern, und zu einem
Frieden für alle Menschen dieser Welt. Eure Majestät, wir freuen uns, in
diesem großen Land zu sein. Ich danke Ihnen.

�Dokumentation
United States Information Service

11. Januar 1978

ERKLÄRUNG CARTERS NACH DEM TREFFEN MIT PRÄSIDENT SADAT

ASSUAN - AD - Nach dem Zusammentreffen mit dem ägyptischen Präsidenten
Anwar el Sadat in Assuan gab Präsident Jimmy Carter am 4. Januar 1978
folgende Erklärung ab:
Präsident Sadat, Volk von Ägypten:
Es ist uns eine Ehre und eine Freunde, in diesem großen Lande sein zu
dürfen, das von einem so starken und mutigen Manne geführt wird.
Herr Präsident, Ihre kühne Initiative bei der Suche nach Frieden hat
die Bewunderung der ganzen Welt gefunden. Zu dem Wertvollsten, was ich besitze,
gehört die herzliche und persönliche Beziehung, die mich mit Präsident Sadat
verbindet, an der die Freundschaft und die gemeinsamen Zielsetzungen des
ägyptischen und des amerikanischen Volkes deutlich werden.
Die ägyptisch-israelische Firedensinitiative muß Erfolg haben, wobei
die heiligen und historischen Prinzipien derjenigen Nationen bewahrt bleiben
müssen, die in diesem Gebiet so sehr gelitten haben. Es gibt keinen vernünftigen

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�vernünftigen Grund, warum eine Anpassung nicht erreicht werden könnte.
Ich bin in meinen persönlichen Gesprächen sowohl mit den arabischen
wie mit den israelischen Führern tief beeindruckt worden von dem einmütigen
Wunsch nach Frieden. Meine heutige Anwesenheit hier ist ein direktes Ergebnis
der mutigen Initiative, die Präsident Sadat mit seiner kürzlichen Reise nach
Jerusalem ergriffen hat.
Wir sind der Ansicht, daß es bestimmte Prinzipien grundsätzlicher Art
gibt, die beachtet werden müssen, bevor ein gerechter und umfassender Friede
erreicht werden kann. Erstens: Ein wahrer Friede muß auf normalen Beziehungen
der Friedensparteien basieren. Ein Friede bedeutet mehr als nur die Einstellung
der Kampfhandlungen. Zweitens muß ein Rückzur Israels aus den im Jahre 1967
besetzten Gebieten stattfinden sowie ein Abkommen über sichere und anerkannte
Grenzen für alle Parteien im Zusammenhang normaler und friedlicher Beziehungen
und in Übereinstimmung mit den Resolutionen 242 und 338 der Vereinten Nationen
Zustandekommen. Und drittens: Es muß eine Lösung des Palästinenser-Problems
und all seiner Aspekte geben.
Das Problem muß das legitime Recht des palästinensischen Volkes in Rechnung
stellen und die Palästinenser in die Lage versetzen, an der Gestaltung ihrer
eigenen Zukunft teilzuhaben. Eine gewisse Flexibilität wird immer nötig sein,
um erfolgreiche Verhandlungen und eine Beilegung der sich widersprechenden
Ansichten zu garantieren.
.

Wir wissen, daß das Zeichen für Größe unter den führenden Staatsmännern
darin besteht, sorgfältig die Ansichten anderer sowie den größeren Nutzen in
Erwägung zu ziehen, der sich zwischen den Völkern aller Länder ergeben und aus
dem Streben nach Frieden resultieren kann.
•

Herr
meinsames
Jahr 1978
Ich danke

Präsident, unsere Gespräche am heutigen Vormittag haben unser geEintreten für die Grundsätze bekräftigt, die mit Gottes Hilfe das
zu einem Jahr des ständigen Friedens im Nahen Osten machen werden.
Ihnen.
+ + + + +

- 2 -

�Dokumentation
United States Information Service

11. Januar 1978

ANKUNFTSERKLÄRUNG PRÄSIDENT CARTERS AUF DEM PARISER FLUGHAFEN

PARIS - (AD) - Bei seiner Ankunft auf dem Pariser Flughafen Orly am 4.
Januar 1978 gab Präsident Carter folgende Erklärung ab:
"Herr Präsident, hochgeschätzte Mitglieder der französischen Regierung,
Franzosen!
Ich bin glücklich hier in Paris, der Königin der Städte zu sein, und zum
zweitenmal zu Besuch nach Frankreich zu kommen.

Das geistige und intellek-

tuelle Erbe der Vereinigten Staaten ist nur von der Nation noch übertroffen
worden, deren Sprache ich jetzt spreche.
Ich hatte die Ehre mit Präsident Giscard schon einmal in Frankreich zusammenzutreffen und Ministerpräsident Barre im vorigen Jahr im Weißen Haus
willkommen heißen zu können. Ihr Rat und ihr Wissen - vor allem in internationalen, politischen und wirtschaftlichen Fragen, die unsere beiden Nationen
betreffen, ist sehr nützlich gewesen.
Wie Ihr Präsident sagte, ist das Verhältnis zwischen unseren Völkern
von besonderer und seltener Art, weil es weitgehend eine Allianz der Ideale

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�Ideale gewesen ist.

Vor zweihundert Jahren halfen sich führende Männer

in unseren beiden Nationen gegenseitig bei der Festlegung eines revolutionären Prinzips - daß die Bürger gewisse natürliche Rechte besitzen, die
höher stehen als die Machtansprüche eines jeden Staates.
In jenen Zeiten stellten die Erklärung der Menschenrechte und die Unabhängigkeitserklärung die Welt auf den Kopf, beide sind immer noch der
Grundstein unserer eigenen demokratischen Regierungssysteme und der Ursprung
für die Forderung nach Menschenrechten, wie sie heute in immer stärkerem
Maße in der ganzen Welt vernommen wird.
Aber in unserer Allianz steckt mehr als nur Ideale. Die Amerikaner
werden niemals die entscheidende Unterstützung vergessen, die uns durch
Lafayette und die französische Nation in jenen schmerzlichen und gefährlichen
Tagen der Geburt unserer Nation zuteil wurde.

Es war der gleiche Geist ge-

meinsamer Zielsetzung in dem die Amerikaner die Küsten der Normandie betraten und an die Marne zogen, um gemeinsam mit Frankreich Ihre und damit unsere eigene Freiheit zu schützen und zu bewahren.
Nun sind wir wiederum verbündet in der Suche nach Antworten auf schwierige Fragen, die uns beide betreffen.

Präsident Giscard d'Estaing und ich

werden darüber sprechen, wie man die Stabilität und das Wachstum der internationalen Wirtschaft sichert und für wirtschaftliche Gerechtigkeit innerhalb unserer eigenen Gesellschaftsformen und unter den Nationen der Welt eintritt, wie man die Verteidigung unserer westlichen Nationen aufrechterhält
und gleichzeitig ständig um den Frieden in Unruhegebieten, wie dem Nahen
Osten, bemüht ist, wie man die Beziehungen zur Sowjetunion und Osteuropa
ständig verbessert und den Stand aller Arten von Rüstung senkt.

Wir werden

uns auch mit anderen Fragen befassen, die kein Staat übergehen kann, vor
allem mit dem Weltenergieproblem und dem anhaltenden Kampf um die menschlichen Grundrechte, die unsere beiden Nationen vor zweihundert Jahren verkündet haben.
Die

�Die Statue im Hafen von New York, die unsere eigene Freiheit symbolisiert, kam, wie viele Ideen, die zuerst unsere eigenen Forderungen nach
Freiheit inspirierten, als ein Geschenk vom französischen Volk.
Die Art und Weise, wie wir an spezifische Fragen herangehen, mag nicht
immer die gleiche sein, aber unsere tiefe Achtung vor der Unabhängigkeit und
führenden Aufgabe Frankreichs und unsere Liebe zu ihrem Volk, sind seit über
zweihundert Jahren stark geblieben.

Ich hoffe und glaube, daß die Bande zwi

sehen Frankreich und den Vereinigten Staaten von Amerika in Zukunft noch
stärker werden.
Herr Präsident, wir sind glücklich hier in Ihrem großen Land bei Ihrem
großen Volk zu sein".

- 3 -

�Dokumentation
United States Information Service

11. Januar 1978

ANSPRACHE PRÄSIDENT CARTERS IN PARIS

PARIS - AD - Präsident Jimmy Carter hat in einer Ansprache am
4. Januar 1978 im Palais de Congres in Paris eine "neue Tagesordnung
flir die Demokratie" aufgestellt. Die Rede des Präsidenten hat folgenden
Wortlaut:
Herr Ministerpräsident, Herr Präsident Giscard, verehrte Vertreter
der Organisationen, die täglich an der Festigung der Freundschaft zwischen
unseren beiden Ländern arbeiten, meine Damen und Herren aus Frankreich und
meine amerikanischen Mitbürger, die heute abend hierher gekommen sind:
Heute nachmittag habe ich einen Kranz am Grabmal des Unbekannten
Soldaten niedergelegt, der an die Tapferkeit des französichen Volkes erinnert. Zu meiner Linken stand eine Gruppe von Männern aus dem gleichen
Regiment, das vor 200 Jahren mit George Washington in Yorktown focht.
Als unsere Demokratie geboren wurde, war Frankreich dabei.
Seit über 200 Jahren haben unsere beiden Nationen die gleichen Ideale

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�Ideale

und die gleiche Kultur gehabt.

Eine Überzeugung vor allen anderen war es, die uns zu dem gemacht
hat, was wir sind: Der Glaube, daß die Rechte des Einzelnen von Geburt her
höher stehen als die Ansprüche des Staates. Das ist die Botschaft, die das
amerikanische und das französische Volk vor zwei Jahrhunderten jeweils der
Welt gebracht haben. Das sind die Werte, auf deren Bestätigung durch uns
sich die Welt noch heute verläßt.
Demokratie war damals eine neue und unerprobte Konzeption. Heute
ist sie der Maßstab für unsere westliche Zivilisation. Die so sehr von der
französichen Philosophie inspirierte amerikanische Unabhängigkeitserklärung
spricht von den "unveräußerlichen Rechten" des Menschen auf"Leben, Freiheit
und das Streben nach Glück". Diese Rechte waren damals umstritten. Heute
sind sie der Maßstab, an dem die Glaubwürdigkeit von Regierungen gemessen
wird. Die Demokratie ist in der Tat eine so zwingende Idee, daß selbst ihre
Feinde heute versuchen, die Unterdrückung mit falschen demokratischen
Etiketten zu bemänteln.
Aber unsere demokratische Ordnung wird in Frage gestellt. Es gibt
heute Menschen, die bezweifeln, ob die demokratischen Werte den zeitgenössischen Umständen noch entsprechen. In den Entwicklungsländern werden
Stimmen laut, die fragen, ob die Vorstellungen von Redefreiheit, persönlicher Freiheit und freigewählter Regierung in dem Kampf um die Überwindung der Armut nicht beiseite geschoben werden sollten. In den Industrieländern werden Stimmen laut, die fragen, ob die Demokratie uns die Werkzeuge
für die Bewältigung des wahnsinnigen Tempos des Wandels in unserem modernen
Leben gibt. Wir haben Warnungen gehört, daß eine demokratische Gesellschaft
sich selbst nicht die Zurückhaltung und Selbstdisziplin auferlegen könne,
die für die Überwindung der bestehenden wirtschaftlichen Probleme notwendig
sind. Wir haben gehört, daß die ungleichartigen Elemente unserer Gesellschaft
in einem demokratischen System keinen Zusammenhalt finden könnten, überall
scheint der Eindruck zu entstehen, daß Regierungen etwas fernab Liegendes,

- 2 -

�liegendes, Unpersönliches, Inikompetentes seien. Viele Menschen bezweifeln,
daß ihre von ferne kommende, einsame Stimme bei einer Regierung Gehör finden
könne.
Das sind reale Probleme. Wir müssen ihre Existenz eingestehen. Aber
wir müssen auch die Last tragen, die eine demokratische Gesellschaft jenen
aufbürdet, die Teil von ihr sind. Wir müssen unseren unerschütterlichen
Glauben an die Werte unserer demokratischen Völker proklamieren - und
unsere Überzeugung, daß diese Werte noch immer gültig sind - für arm und
reich, in Nord und Süd, in Ost und West - heute noch genau so wie damals,
als unsere Vorväter die Unabhängigkeitserklärung unterzeichneten und die
Ihrigen die Menschenrechtserklärung proklamierten.
Wir verteidigen diese Werte, weil sie richtig sind und weil es keine
höhere Zielsetzung für den Staat gibt, als diese Rechte für seine Bürger zu
bewahren. Aber wir verteidigen sie auch aus dem Glauben heraus, daß zwischen
der Erhaltung unserer demokratischen Werte und der Bewältigung der Aufgaben
einer modernen Gesellschaft kein Widerspruch besteht.
Gerade wenn die Demokratie vor schwierigen Aufgaben steht, müssen ihre
Führer Festigkeit im Widerstand gegen die Versuchung zeigen, Lösungen mit
undemokratischen Mitteln zu finden.
Ich habe diese Woche in Indien von unserer Überzeugung gesprochen,
daß die Entwicklungsländer ihr volles wirtschaftliches und politisches
Potential nur erreichen können, wenn sie die bürgerlichen Freiheiten des
einzelnen Bürgers achten. Daran glauben wir. Die größte Demokratie der Welt
beweist, daß dieser Glaube richtig ist.
Wir kommen hier als Industriestaaten zusammen, um zu bekräftigen, daß
unser Vertrauen in eine demokratische Zukunft für die industrialisierten
Gesellschaftsformen genau so stark ist.
Demokratie bedeutet
- 3 -

�Demokratie bedeutet nicht nur Recht und Gerechtigkeit. Sie ist auch
das mit der menschlichen Natur am meisten in Einklang stehende System. Sie
ist die wirksamste Weise, eine Gesellschaft mit dem Ziel des Wohles aller
zu gestalten.
Wo der Staat alles beherrscht, besteht nur für die beschränkten
Talente des Bürokraten die Möglichkeit zu gedeihen.
Aber das pluralistische Wesen einer Demokratie bietet einem breiten
Bereich von Talenten die Chance zum Erfolg - in der Regierung, in den Geisteswissenschaften, in der Arbeiterschaft, auf dem Gebiet der Technologie, in
den Naturwissenschaften und auf dem freien Markt. Die Demokratie setzt die
schlummernde schöpferische Energie in jedem von uns frei.
Wir brauchen nur auf die letzten drei Jahrzehnte zurückzublicken, um
den einzigartigen Erfolg zu sehen.Diese Jahre waren eine außergewöhnliche
Zeit für Frankreich, für Westeuropa, für die Vereinigten Staaten und andere
demokratische Nationen.
Frankreich und seine Partner in Westeuropa erhoben sich aus den Trümmern
und dem Chaos des Zweiten Weltkrieges und bauten Wirtschafts- und Gesellschaftsformen auf, die blühender und produktiver als je zuvor sind, und sie
gewannen sehr rasch Führungspositionen in der Welt.
Noch nie wurden so viele neue Arbeitsplätze und so viel neuer Wohlstand geschaffen und eine so große Umwandlung im Leben der Menschen so wirksam
gestaltet - und das in solcher Freiheit.
Das alles ist kein Zufall. Nationen mit anderen politischen Systemen
ist dies

trotz ihrer großen Ressourcen an Menschen und Naturschätzen nicht

so gut gelungen.
Auch schützt uns die Demokratie gegen die Exzesse der Modernisierung.
Sie hilft uns ständig, die immer größer werdende Komplexität des menschlichen

�menschlichen Lebens auf ein menschliches Maß zurückzuführen. In einer
Zeit, in der der Computer eine totale staatliche Kontrolle möglicher werden
läßt als je zuvor - indem man Menschen wie Zahlen behandelt - ist die
Demokratie auf der Hut und schützt die Unverwechselbarkeit des einzelnen
Menschen.
Das ist auch ein Grund, warum der große Trend der Emigration in der
Welt von den Staaten, die ihren Völkern die Grundrechte verweigern, hin
zu den freien Nationen des Westens verläuft. Das ist der Grund, warum Indien
erneut bekräftigt hat, daß es sich zur Herrschaft des Volkes bekennt, und
warum Portugal, Spanien und Griechenland sich wieder dem Kreis der- demokratischen Nationen Europas angeschlossen haben.
Wir fürchten die Herausforderungen nicht, die unsere gewählte Regierungsform auf die Bewährung stellen.
Aber was wir heute brauchen, ist eine neue Tagesordnung für die Demokratie.
Erster Punkt dieser Tagesordnung ist es, die Wege zu weisen, auf denen
Regierung und gesellschaftliche Einrichtungen besser und rascher den höheren
Normen der Führung und den von unserem Volk geforderten Dienstleistungen entsprechen können.
Wir leben in einer Zeit der Bewährung. Die verschiedenartigen Vfrsuche
sind entsprechend den besonderen Traditionen und Erfordernissen eines jeden
Landes bereits im Gange.
In Westeuropa hat die erfolgreiche Verteilung der Früchte des wirtschaftlichen Wachstums auf alle Schichten der Gesellschaft einen Weg gezeigt,
um die wachsenden sozialen Probleme zu überwinden.
In Frankreich erfüllen Sie eine junge Verfassung mit Leben, indem Sie die

�Sie die Machtbefugnisse von Exekutive und Legislative in der Waage halten.
In einigen Ländern, wie der Bundesrepublik Deutschland und Skandinavien,
werden

ständig Versuche mit neuen Formen der Beziehungen zwischen Arbeit-

nehmern und Unternehmern unternommen.
Die Mitgliedstaaten der Europäischen Gemeinschaft planen die Abhaltung
direkter Wahlen für ein Europäisches Parlament.
In meinem eigenen Land versuchen wir, die Einflußnahme der Regierung
aus Gebieten herauszuhalten, die besser dem privaten Unternehmertum oder dem
Einzelnen vorbehalten bleiben. In einigen Ländern liegt der Nachdruck auf einer
Verstärkung der Rolle

kommender Verwaltungen auf einer Dezentralisierung

der Macht und auf dem Einsatz freiwilliger

Organisationen zur Lösung be-

stimmter spezieller Probleme und Nöte.
Auf diese und andere Weise können wir erreichen, daß eine Regierung
rascher reagieren kann, verantwortungsbewußter wird, näher an das Volk herankommt und in der staatlichen und kommunalen Gemeinschaft ein neues Gefühl
des Vertrauens schafft. Wie Präsident Giscard d'Estaing in seinem Buch
"Französische Demokratie" schrieb: "Der Pluralismus der Macht garantiert die
Freiheit ... demokratischer Fortschritt führt nicht zu Unordnung sondern zu
einer besseren Ausgewogenheit der Ordnung in Freiheit und Verantwortlichkeit."
Als zweiter Punkt auf der neuen Tagesordnung für die Demokratie steht
die wirtschaftliche Herausforderung.
Wir müssen nicht nur wieder Wachstum erreichen, die Inflation unter
Kontrolle bringen und die Arbeitslosigkeit verringern.
Wir müssen auch den Beweis erbringen, daß unser demokratisches Wirtschaftssystem sich den an es gestellten Forderungen anpassen kann. Das heißt,
erneut unter Beweis stellen, daß wir die Disziplin besitzen, in die Zukunft
zu planen,ohne dabei unsere gegenwärtigen Interessen zu vernachlässigen, damit
- 6 -

�damit aus den konkurrierenden Gruppen im eigenen Lande nicht Chaos und
Zwietracht entsteht, sondern eine neue Harmonie im Bemühen um das gemeinsame
Wohl.
Das bedeutet Verstärkung unserer Anstrengungen, um sicherzustellen,
daß die Früchte des Wirtschaftswachstums allen Teilen der Gesellschaft
zugute kommen, damit jeder einzelne an den Segnungen des wirtschaftlichen
Fortschritts teilhaben kann.
Das bedeutet aber auch, unsere Ressourcen der menschlichen Entwicklung
zu nutzen - nicht nur für ein Wachstum um des Wachstums willen.
Unsere demokratischen Volkswirtschaften haben heute diese einzigartige
Stärke, um dieser Herausforderung gewachsen zu sein.
Wir verfügen über geschulte Arbeitskräfte. Wir verfügen über produktive
Anlagen und Ausrüstungen, ein effektives Management und über den Willen und
die Mittel, um eng miteinander zusammenzuarbeiten - innerhalb unserer Länder
und mit anderen Ländern.
Und mit dem freien Markt verfügen wir über ein Instrument, um die
Produktion dem menschlichen Bedarf anzupassen, das rascher und subtiler
reagiert und arbeitet als jeder Computer und besser auf die Erfordernisse
der Gesellschaft eingeht, als jedes staatliches Komitee.
Mein Land ist in der Lage und bereit, zusammen mit seinen Partnern auf
dieser Stärke weiter aufzubauen, um die Weltwirtschaft auf den Weg zum
Wachstum und zur steigenden Prosperität zu bringen.
Die Anstrengungen Amerikas werden darauf ausgerichtet sein, die Stärke
des Dollar aufrechtzuerhalten, Fortschritte im Kampf gegen die Arbeitslosigkeit und Inflation zu erzielen und Privatinvestitionen

anzuregen. .
In diesem Jahr

�In diesem Jahr werden wir die Steuern für Unternehmer und Verbraucher
wesentlich senken, und wir werden diese Schritte in erster Linie unternehmen, weil sie in unserem eigenen Interesse liegen, aber auch weil
wir uns über die Bedeutung eines anhaltenden, nicht-inflationären Aufschwungs
in den Vereinigten Staaten für die Volkswirtschaften der übrigen Welt im
klaren sind.
Wir arbeiten mit unseren Wirtschaftspartnern bei den Genfer Handelsverhandlungen zusammen, um rasch zu einem Abkommen zu gelanaen, das das
offene Handelssystem verbessern, den Handel ausweiten und neue Arbeitsplätze schaffen wird. Und dem französischen Beispiel folgend arbeiten wir
hart an einem umfassenden Energieprogramm, das unsere Einfuhren an ausländischem
öl verringern, die ungerechtfertigte Abhängigkeit abbauen und das Defizit in
unserer Handelsbilanz senken wird.
Frankreich und Amerika und die anderen demokratischen Industriestaaten
konmen aus der wirtschaftlichen Rezession der letzten Jahre heraus. Einige
von uns, wie die Vereinigten Staaten, können ihre Aufmerksamkeit sofort
dem nicht-inflationären Wachstum zuwenden. Andere müssen zunächst schmerzliche
Maßnahmen zur Senkung der Inflation ergreifen. In dem Maße, in dem mehr
Länder ein höheres Wachstum

anstreben können, werden unsere Volkswirtschaften

mehr Arbeitsplätze schaffen. Die Arbeitslosigkeit wird zurückgehen.
Das Vertrauen in ein stetiges

Wachstum wird die Forderungen nach Handels-

restriktionen verringern, die Anpassung an die Veränderungen innerhalb unserer
Gesellschaften erleichtern, uns bei einer rationelleren Nutzung der Energie
helfen und es den Ländern mit Zahlungsbilanzüberschüssen erleichtern, ihre
Märkte für Industrieländer und Entwicklungsländer zu öffnen.
Es bestehen heute noch viele weitere wirtschaftliche Erfordernisse. Die
wirtschaftlichen Institutionen, die uns in der Vergangenheit so gute Dienste
geleistet haben, müssen gestärkt werden.
Wir müssen

�Wir mUssen eine bessere Einsicht in die grundlegenden wirtschaftlichen
Kräfte gewinnen, damit wir das Problem der gleichzeitigen Inflation und
Arbeitslosigkeit lösen können»
Wir müssen sehr viel größere Anstrengungen auf den weiteren Fortschritt
in der Hochtechnologie richten, um all unseren Ländern zu helfen, daß sie auch
auf den Märkten von morgen konkurrenzfähig sind.
Wir müssen neue und produktive Industriezweige und Dienstleistungen aufbauen, damit wir die durch den verstärkten globalen Wettbewerb um Arbeitsplätze und Märkte hervorgerufenen Auswirkungen auf unsere Völker dämpfen
können.
Wir müssen das Problem der Jugendarbeitslosigkeit lösen. Denn wenn wir
das nicht tun, dann wird ein Teil einer ganzen Generation unserer demokratischen
Gesellschaft entfremdet werden.
Wir müssen Schritte ergreifen, um den Export unserer wirtschaftlichen
Schwierigkeiten in andere Länder, seien sie arm oder reich, zu verhindern.
Wir müssen die Werkzeuge der gemeinsamen Freiheit dazu benutzen, um die
Chancen und Möglichkeiten unseres Wirtschaftssystems zu stärken.
Wir können unsere Erfahrungen in der gesellschaftlichen Entwicklung
miteinander teilen - im Bildungswesen, im Gesundheitswesen, in den sozialen
Leistungen, in der Organisation und im Management von Landwirtschaft und
Industrie.
Im Mittelpunkt all dieser Anstrengungen steht die dauerhafte Zusammenarbeit
mit unseren Wirtschaftspartnern auf Wegen, wie sie Frankreich mit dem Wirtschaftsgipfel als erstes vorgeschlagen hat. Diese Zusammenarbeit muß die Individualität jedes einzelnen Landes berücksichtigen und gleichzeitig erkennen,
daß unser wirtschaftliches Wohlergehen zusammen steigen oder fallen wird.
Die dritte
- 9 -

�Die dritte Aufgabe auf der neuen Tagesordnung für die Demokratie ist
die Gewährleistung unserer gemeinsamen Sicherheit.
Ich komme heute nach Frankreich in der Erkenntnis, daß unsere beiden
Nationen eine grundlegende Verpflichtung zur Erhaltung unserer so schwer
gewonnenen Freiheit teilen. Wir sind in der Lage, zusammen mit unseren
Verbündeten, unsere Freiheit zu bewahren, weil wir militärisch stark sind.
Unser zentrales Sicherheitsproblem besteht heute darin, unseren Willen
zu bewahren, um die militärische Stärke beizubehalten, die wir brauchen,
während wir gleichzeitig jede Möglichkeit zum Aufbau eines besseren Friedens
suchen. Militärische Macht ohne Entspannung könnte zum Konflikt führen. Aber
Entspannung wäre ohne das NATO-Bündnis und die Unterstützung einer starken
Verteidigung durch das Volk unmöglich.
Frankreich und Amerika beweisen, daß die Völker eines demokratischen
Landes diese gemeinsamen Ziele der Stärke und des Friedens unterstützen
können und wollen.
Die Verpflichtung der amerikanischen Regierung und des amerikanischen
Volkes für die Sicherheit Europas ist absolut. Es kann keinen Zweifel daran
geben, daß wir in Europa die Streitkräfte aufrechterhalten werden, die notwendig sind, um diese Verpflichtung zu erfüllen. Wir sind auch dankbar, daß
Frankreich Streitkräfte aufrechterhält und verbessert, die für die Verteidigung von wesentlicher Bedeutung sind.
Aber wir sehen auch die Notwendigkeit,über die Konfrontation hinauszukommen, um die Differenzen zwischen Ost und West beizulegen und Fortschritte
in der Rüstungskontrolle und Abrüstung zu erreichen.
Wir sind entschlossen, eine ausgewogene und beiderseitige Begrenzung
der qualitativen und quantitativen Dislozierung von Kernwaffen und dann
wesentliche Verringerungen anzustreben, die letztlich zur Beseitigung der

- 10 -

�der Kernwaffen als einer potentiell destruktiven Kraft unter den Nationen
der Welt führen werden.
Wir sind entschlossen, ein baldiges Abkommen über ein umfassendes
Verbot der Erprobung nuklearer Sprengkörper - sowohl für militärische als
auch für sogenannte friedliche Zwecke - anzustreben.
Wir sind entschlossen, eine wesentliche Verringerung des internationalen
Handels an konventionellen Waffen anzustreben.
Wir werden mit anderen Nationen zusammenarbeiten, um die Vorteile zu
verwirklichen, die solche Abkommen bringen können.
Wenn auch die Einstellung Frankreichs und der Vereinigten Staaten zu
diesen Fragen manchmal unterschiedlich sein mag, so ist doch unser lAjnsch,
einen stabileren Frieden aufzubauen, ein und derselbe. Und in all diesen
Anstrengungen werden wir Sie und die anderen Verbündeten eng konsultieren
ur\r' eng iiit ihnen zusanmenarbeiter -unter Berücksichtigung der Unabhängigkeit
jeder Nation, aber auch in der Erkenntnis unserer gemeinsamen Interessen
und Verpflichtungen.
Der vierte Punkt auf der neuen Tagesordnung für die Demokratie ist
die Bemühung der Europäer, ihre eigene Zukunft zu gestalten. Das Ziel, das
sie sich selbst mit ihren Partnern in der Europäischen Gemeinschaft gesetzt haben, ist nicht mehr und nicht weniger als die Transformation und Verbesserung der Beziehungen unter Staaten mit alten Traditionen, einzigartiger
Geschichte und berechtigtem Stolz auf nationale Leistung.
Die Vereinigten Staaten werden dem, was Sie und Ihre Partner im Rahmen
der Neun für die Stärkung der europäischen Zusammenarbeit tun, uneingeschränkte
Unterstützung leisten - denn wir betrachten die europäische Stärke als etwas
Gutes und nicht als eine Bedrohung für uns. Die wahre Bedrohung all unserer
Interessen wäre wirtschaftliche Schwäche und Uneinigkeit.
Der fünfte und

�Der fünfte und letzte Punkt auf der neuen Tagesordnung für die
Demokratie ist die Zusammenarbeit unter uns allen bei der Anpassung an den
globalen Wandel.
Einige der Faktoren, die im Laufe der letzten zwei Generationen zu
unseren wirtschaftlichen Erfolgen geführt haben - Wissenschaft und Technologie, Bildung und Gesundheitswesen, der Willen und das Wissen des einzelnen
Mannes und der einzelnen Frau - haben auch das Verhältnis zwischen den
demokratischen Industriestaaten auf der einen Seite und der Entwicklungswelt auf der anderen Seite verändert.
Die europäischen Nationen müssen einzeln oder zusammen eine wachsende
Rolle über den Kontinent hinaus spielen, vor allem bei der Neuordnung der
Beziehungen zwischen Nord und Süd.
Es ist noch keine hundert Jahre her, daß die europäischen Mächte zusammenkamen, um den afrikanischen Kontinent unter sich aufzuteilen. Und heute hat
der Kolonialismus praktisch ein Ende gefunden.
Vor dem Zweiten Weltkrieg standen 80 Prozent der Welt und 75 Prozent der
Weltbevölkerung unter westlicher Macht. Und heute existieren über 100 neue
Staaten, von denen jeder Ansprüche und Forderungen geltend macht.
Noch vor wenigen Jahren fällte der Westen praktisch alle Entscheidungen
über die Weltwirtschaft.
Heute stehen wichtige Ressourcen auch unter der Kontrolle von Entwicklungsländern - wie die Energiekrise gezeigt hat. Die Räte, in denen
wirtschaftliche Entscheidungen fallen, können nicht länger auf einige wenige
Mitglieder betrenzt bleiben.
Auf dieser Reise habe ich

gesehen, wie sich die Entwicklungsländer

eine neue Rolle im weltwirtschaftlichen System, bei der Neuverteilung der

�der Macht auf der Welt, bei der

Lösung

neuer weltweiter Probleme und

bei der Übernahme neuer Rechte und Verantwortlichkeit schaffen.
Wir wissen seit langem, daß größere Gleichheit der einzelnen zu größerer
Prosperität 1n unseren Gesellschaften führen kann. Heute sehen wir, wie
größere Gleichheit unter den Nationen

die Gesundheit der Weltwirtschaft,

einschließlich unserer eigenen, fördern kann. Keine Nation, selbst keine
kleii.e Gruppe von Nationen kann heute ihr Schicksal mehr allein gestalten.
Bei seinem Vorschlag für die Nord-Süd-Konferenz sprach Präsident Giscard
d'Estaing von der Schaffung neuer Fernen für die Zusammenarbeit. Was er
damals gesagt hat,

ist heute zur Losung all unserer gemeinsamen Anstrengungen

geworden:
"Hier geht es nicht um den Sieg einiger Länder über andere, der dadurch
erreicht wird, daß man Vorteile aus temporären Machtverhältnissen zieht. Hier
geht es vielmehr um einen Sieg der Menschheit über sich selbst..."
Wenn wir in diesem Geiste handeln und unsere Anstrengungen gemeinsam
darauf ausrichten, die Probleme zu lösen, vor denen die Nationen der Welt
stehen, dann werden wir sicherlich jenen Sieg davontragen, von dem er sprach.
Wir werden unseren tiefen und unerschütterlichen Glauben an die Stärke der
Demokratie, mit den Zeiten zu wachsen und zu gedeihen, behaupten.
Vor sechs Tagen verließ ich die Vereinigten Staaten zu einer Reise, deren
ständiges Thema die universale Lebensfähigkeit der Demokratie war. In Polen,
im Iran, in Indien, in Saudi-Arabien, in Ägypten und jetzt in Frankreich
habe ich unterstrichen, daß es bei unserem modernen Kampf nicht nur darum geht,
den Frieden zu schaffen, sondern auch den einzelnen vor der Macht des Staates
zu schützen.
Morgen werde ich zusammen mit Präsident Giscard d'Estaing Paris verlassen,
um die Strände in der Normandie zu besuchen. Wenn die Namen Omaha, Utah, Juno
- 13 -

�Juno und Gold in der Erinnerung unserer beiden Völker immer fortleben
werden, dann darum, weil sie uns daran erinnern, unter welchen Kosten wir
unsere Freiheit erkauft, haben und welch kostbares Erbe uns zur Verteidigung hinterlassen wurde.
Diese Namen erinnern uns daran, daß Freiheit nicht mit einmaliger
Verteidigung gesichert ist, sondern immer wieder verteidigt werden muß.
Unsere Vorväter verteidigten sich gegen Fürsten und mit Revolution. Die
Generation meiner Eltern und meine eigene Generation griffen im Namen der
Freiheit zu den Waffen - und viele von ihnen blieben am Strand der Normandie
und auf den tausenden anderer Gedenkstätten der Freiheit in der ganzen Welt.
So wie wir immer bereit sein werden, so beten wir darum, daß ihr Opfer
im Kampf niemals wiederholt werden muß, und wir wissen, daß es nicht wieder
zu einem Kriege zu kommen braucht, solange wir unsere Hingabe an die Werte
freier Menschen - gestärkt und erneuert - an jede folgende Generation weiter
geben, die nach uns kommt. Ich danke Ihnen.

+ + + + +

14 -

�Dokumentation
United States Information Service

11. Januar 1978

ANSPRACHE PRÄSIDENT CARTERS IN DER NORMANDIE

NORMANDIE - AD - Präsident Jimmy Carter hat anläßlich eines Besuches
der Brückenköpfe der Alliierten Streitkräfte aus der Zeit der Invasion
in der Normandie im Zweiten Weltkrieg am 5. Januar 1978 folgende Ansprache
gehalten:
Herr Präsident Giscard,
Freunde aus Frankreich und den Vereinigten Staaten, die in der Geschichte
zusammengestanden haben, in der Gegenwart zusammenstehen und in der Zukunft
zusammenstehen werden:
Ich flog heute morgen in einem modernen Hubschrauber der hier in Europa
stationierten

amerikanischen Streitkräfte von Paris an diesen berühmt ge-

wordenen Strand; auf dem Weg hierher habe ich über die Vergangenheit nachgedacht, die uns heute eint.
Im Juni 1940

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�Im Juni 1940 erklärte General de Gaulle, der Führer der französischen
Widerstandskräfte: "Die Flamme des französischen Widerstandes darf und wird
nicht erlöschen." Vier Jahre später, am 6. Juni 1944, landeten die Alliierten
Streitkräfte an den Stränden, die uns unter den Bezeichnungen Omaha, Utah,
Juno, Gold und Schwert bekannt sind, um den heldenhaften Kampf zur Befreiung Europas aufzunehmen.
An jenem Tage landete an den Küsten der Normandie eine Armada ohnegleichen: 176 000 tapfere Soldaten kamen aus England hierher, um einen
gewaltigen Angriff zu beginnen. Innerhalb von zwei Wochen wurde eine Streitmacht in Stärke von mehr als eineinhalb Millionen Mann in Frankreich und den
nördlich davon gelegenen Küstenstaaten an Land gebracht.
Hinter den Flaggen meines Landes und Frankreichs erblicke ich über
9 000 weiße Marmorkreuze, die zum Gedächtnis von Soldaten aufgerichtet
wurden, die damals hier und in der näheren Umgebung gefallen sind. Sie haben
unter großen Befehlshabern gedient: General Eisenhower, General Bradley und
General Theodore Roosevelt, Jr., der für seine Heldenhaftigkeit mit der
Medal of Honor ausgezeichnet wurde und später gemeinsam mit der zweiten
französischen Panzerdivision unter General Leclerc operierte.
Es war unweit von hier im Küstenabschnitt Omaha, wo die 1. und die
29. amerikanische Division landeten. Es war auch hier, wo der heftigste
Widerstand verzeichnet wurde: Von rund 2500 Soldaten, die an Land gegangen
waren, sind rund 2000 gefallen. An einem Punkt der Küste mußten amerikanische
Soldaten eine senkrecht aufsteigende Klippe im Granatenhagel der oben verschanzten Deutschen erklimmen.
Der Strand des Abschnitts Cmaha war von Hunderten toten alliierten
Soldaten übersät, und der Anblick war so beeindruckend, daß die deutsche
Führung eine Zeitlang annahm - solange, bis es zu spät für sie war -,
Deutschland habe gesiegt.
Von den Strandabschnitten
- 2 -

�Von den Strandabschnitten Juno, Gold und Schwert aber waren alliierte
Truppen siegreich herangerückt, die in der Folgezeit tief nach Europa
vorstießen, um hier die Freiheit wiederherzustellen.
Nahezu zwei Jahrhunderte davor waren Franzosen unter der Führung
von Lafayette, Graf d'Estaing und anderen mutigen Männern an Amerikas
Küsten gelandet, um den Amerikanern in dem Ringen um ihre Freiheit beizustehen. Rund 30 Jahre vor der Invasion in der Normandie hatten amerikanische
Soldaten im Ersten Weltkrieg beim Betreten europäischen Bodens ausgerufen:
"Lafayette, wir sind da."
Heute ruhen etwa 30 000 gefallene amerikanische Soldaten und Matrosen
aus dem Ersten Weltkrieg und rund 60 000 aus dem Zweiten Weltkrieg in
europäischer Erde. Die sterblichen Überreste weiterer 150 000 gefallener
Amerikaner, die ihr Leben für die Verteidigung der Freiheit in Europa
gegeben haben, wurden in ihre Heimat übergeführt, um dort begraben zu werden.
Wir stehen an der Seite unserer tapferen Verbündeten hier in Europa,
um dafür Sorge zu tragen, daß dessen Freiheit niemals wieder in eine solche
Gefahr gerät. Wir unterhalten gegenwärtig in Europa amerikanische Truppen,
Kampftruppen, in Stärke von etwa 200 000 Mann, um sicherzustellen, daß wir
nie wieder mit dieser Bedrohung konfrontiert werden.
General Donaldson erklärte mir, dies sei das erste Mal, daß sich zwei
Präsidenten gemeinsam an einer Gedächtnisstätte für jene einfinden, die ihr
Leben hingegeben haben. Ich sehe darin ein Symbol für die unzertrennbaren
Bande, die das amerikanische Volk und das heldenhafte Volk Frankreichs wie die Geschichte bezeugt - miteinander verknüpfen.
Wir sind stolz auf das, was wir gemeinsam vollbracht haben. Wir sind
gewiß, daß unsere Freundschaft ewig Bestand habe», .n'rd. Es ist für mich als
dem Präsidenten der Vereinigten

Staaten eine hohe Ehre, hierher zu kommen,

um meine Ehrerbietung den tapferen Männern und Frauen der Vergangenheit zu
bekunden, die uns die heute als so kostbar erachtete Freiheit erhalten haben.
+ + + + +

- 3 -

�Dokumentation
United States Information Service

11. Januar 1978

ERKLÄRUNG PRÄSIDENT CARTERS IN BAYEUX

BAYEUX - AD - Präsident Jimmy Carter gab anläßlich eines Empfanges
im Rathaus von Bayeux am 5. Januar 1978 folgende Erklärung ab:
Herr Präsident,
geehrter Herr Bürgermeister,
verehrte und überaus freundliche Bürger von Bayeux,
es ist für mich als Präsident der Vereinigten Staaten eine hohe Ehre
und ein großes Vorrecht, hierher zu kommen, um Sie der Freundschaft meines
Volkes zu versichern, das Frankreich wie das eigene Land liebt.
Von den Automobilen, die mir Präsident Giscard zur Benutzung während
meines Aufenthalts in Frankreich zur Verfügung gestellt hat, hat eines eine
Nummer 1776 - eine Zahl, die auf das Jahr der Unabhängigkeitserklärung unseres
Landes hinweist; ein anderes Fahrzeug trägt das Nummernschild 1789 - und
verweist mithin auf das Jahr der französischen Erklärung der Menschenrechte.
Unsere Zeit

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�Unsere Zeit der Freiheit nahm ihren Anfang, als wir die Allianz der
Freiheit eingingen, die nunmehr über 200 Jahre besteht. Das Volk meines
Landes

erachtet es als ein kostbares Gut, den Männern und Frauen Ihres

großen Landes, Frankreich, brüderlich und schwesterlich verbunden zu sein.
Ich erinnere mich aus meinen jungen Jahren, als ich bei der amerikanischen Marine diente, an den 6. Juni 1944, als 5000 Schiffe von der englischen Küste aus nach der Normandie in See stachen. Rund 3000 dieser Schiffe
setzten im Zeitraum von zwei Wochen über eineinhalb Millionen Soldaten an
Land, die Ihnen und uns letztlich die Freiheit gebracht haben.
Ich bin heute morgen im Hubschrauber an Ihrer Stadt vorbei zur Küste
geflogen und hatte dabei Gelegenheit, das Gebiet kennenzulernen, in dem sich
in jenen entmutigenden Zeiten der Heldenmut der Alliierten bewährt hat. Ich
sah den Strandabschnitt Omaha, in dem am ersten Tag der Landung 2000 Amerkaner
ihr Leben verloren haben - eine Stätte der Tragödie und des Heldentums, aber
auch des Sieges.
Der Cmaha-Strand hat seine eigene, Bayeux eine andere, aber damit
zusammenhängende Bedeutung. In den dunklen Tagen der Besatzung haben Sie
nie von Ihrer Verpflichtung auf die bürgerlichen Freiheiten und die
Freiheit alr solche abgelassen, und ich bin sehr stolz, einen Ort besuchen
zu können, dessen Name den Amerikanern von heute deshalb so vertraut ist,
weil Br.yeux die erste von alliierten Truppen befreite Stadt war.
Auf den amerikanischen Friedhöfen in Europa liegen fast hunderttausend
Gefallene als Symbol unserer gemeinsamen Hingabebereitschaft an Prinzipien,
die uns seit mehr als zwei Jahrhunderten miteinander verbinden.
Gegenwärtig stehen in Euroap 200 000 amerikanische Soldaten, die den
Prinzipien der Unabhängigkeit und Freiheit mit nicht geringerer Hingabebereitschaft anhängen. Wir tragen in unseren Herzen ein ebenso tiefes politisches und gefühlsmäßiges Bewußtsein der Bindungen, die die Völker Frank-

- 2 -

�Frankreichs und der Vereinigten Staaten in der Vergangenheit miteinander
verbunden haben, die uns heute miteinander verbinden und die uns für immer
miteinander verbinden werden. Das ist für unsere beiden Länder ein kostbarer Besitz - ein Besitz, verwurzelt in den tiefsten Gefühlen und Verpflichtungen des amerikanischen Volkes.
Ich weiß für den Heroismus und die Hingabebereitschaft des Volkes von
Frankreich, die uns seit der Geburt unserer eigenen Nation viele Jahre hindurch Quelle der Inspiration waren, zu danken. Ich bin der festen Überzeugung,
daß die Welt um unsere militärische Stärke weiß, die von großer Wichtigkeit ist, daß sie aber auch um unser gemeinsames Einstehen für unwandelbare
Grundsätze weiß, die ebenso bindender Charakters und von ebenso großer
Bedeutung sind wie die militärische Stärke ... .
Ich danke Ihnen für den herzlichen Empfang, den Sie mir bereitet haben
und der mich mit großer Freude erfüllt.
Ich glaube, daß sich die Menschen in meinem eigenen Lande, die am
Fernsehschirm Zeuge dieser Feierstunde und der Teilnahme einer so großen
Zahl von Menschen werden oder den Nachrichten im Radio lauschen,ebenso wie
Sie hier in dem Bewußtsein der engen Bande

bestärkt fühlen werden, die die

Vereinigten Staaten und die große französische Republik miteinander verbinden. Ich danke Ihnen sehr.

+ + + + +

- 3 -

�Dokumentation

I

United States Information Service

11. Januar 1978

ERKLÄRUNG PRÄSIDENT CARTERS VOR DEM ABFLUG AUS PARIS

PARIS - AD - Bei seinem Abflug aus Paris gab Präsident Jimmy Carter
am 6. Januar 1978 folgende Erklärung ab:
Bei meiner Abreise aus diesem großen Lande Frankreich fällt es mir
schwer auszudrücken, wie tief meine Gefühle und die Gefühle beim amerikanischen Volk über die Gastfreundschaft waren, die Sie uns während dieses
leider nur allzu kurzen Besuches gewährt haben.
Die vielen Erinnerungen der historischen Allianz und die Gemeinsamkeit
des Erbes unseres Landes und Frankreichs, die gemeinsamen Demonstrationen
der Tapferkeit unserer Soldaten, die die Freiheit verteidigt haben, fanden
in der Tiefe der Gefühle ihren Ausdruck, die in uns allen wach geworden sind.
Dem persönlichen Empfang, den uns Präsident Giscard d'Estaing und seine
Gattin und die Minister der französischen Regierung bereitet haben, kamen,
obwohl das kaum möglich war, die spontanen und echten Freundschaftsbezeugungen
der Bevölkerung in der Normandie, in Bayeux, in den Straßen von Paris und
gestern abend in Versailles gleich.
Das offene Bekenntnis

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�Das offene Bekenntnis zu der beiderseitigen Verpflichtung auf die
Ideale und Grundsätze unserer beiden Nationen war für uns, und wie ich
meine für die ganze Welt, eine Beruhigung.
Ich möchte noch einmal Ihrem großen Präsidenten und dem wunderbaren
französischen Volk meinen persönlichen Dank aussprechen.

+ + + + +

�Dokumentation
United States Information Service

11. Januar 1978

ANKUNFTSERKLÄRUNG PRÄSIDENT CARTERS IN BRÜSSEL

BRÜSSEL - AD - Bei seiner Ankunft auf dem Flughafen in Brüssel
gab Präsident Jimmy Carter am 6. Januar 1978 folgende Erklärung ab:
Eure Majestäten, Volk der großen belgischen Nation,
Ich bin sehr glücklich, wieder in Ihrem großen Lande zu sein, um die
Freundschaft mit Ministerpräsident Tindemans

-u erneuern und um mit Eurer

Königlichen Majestät sowie mit Königin Fabiola zusammentreffen zu können.
Brüssel war die erste Stadt, die Vizepräsident Mondale auf seiner
Reise nach den Ländern unserer traditionellen Verbündeten besuchte. Und nun
ist Brüssel die letzte Station, bevor ich nach den Vereinigten Staaten
zurückkehre.
Ob nun die erste oder die letzte Station: Zweck und Ziel sind dieselben,
nämlich in Zeiten rascher Veränderungen unseren unerschütterlichen Glauben
an Verbündete wie Ihr großes Land und Volk zu bekräftigen.
Es war eine Reise

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�Es war eine Reise voller Vielfalt, aber ich habe immer über einfache und
bleibende Themen gesprochen. Eines dieser Themen war die Forderung nach
politischen Freiheiten, nach den grundlegenden Menschenrechten. In dieser
Frage waren Belgien und die Vereinigten Staaten niemals unterschiedlicher
Meinung. Für diese Werte haben wir gemeinsam im Kriege gekämpft und im
Frieden immer zusammengearbeitet.
Das andere universelle Thema ist die Notwendigkeit, Konflikte ohne
Gewaltanwendung beizulegen, Frieden zu schließen, statt Kriege zu führen.
Während dieses Jahrhunderts hat Belgier einen hohen Preis dafür zahlen müssen,
daß es anderen Ländern nicht gelang, den Frieden zu bewahren. Nun ist Brüssel
die Heimstatt für Institutionen wie die Europäische Gemeinschaft geworden,
und die NATO repräsentiert unsere gemeinsame Hoffnung auf eine gesicherte,
friedliche und gedeihliche Zukunft.
Brüssel ist eine herrliche Stadt, wie meine Frau und ich sehr wohl wissen,
und es ist einer der enttäuschenden Aspekte dieses Besuches, daß er allzu
kurz ist. Die Herzlichkeit, die uns hier persönlich zuteil wurde, ist uns
jedoch ein Trost, und ich freue mich darauf, mehr von Ihrem Land und Ihrem
Volk zu sehen, wenn Rosalynn und ich hierher zurückkommen können.
Eure Majestät, ich danke Ihnen für das herzliche Willkommen. Wir wären
wirklich dankbar, hierher zu Ihnen und dem Volk Ihres Landes zurückkommen
zu dürfen.

+ + + + +

�Dokumentation
United States Information Service

11. Januar 1978

ERKLÄRUNG PRÄSIDENT CARTERS ANLÄSSLICH DES BESUCHES BEI DER EG

BRÜSSEL - AD - Präsident Jimmy Carter hat am 6. Januar 1978 anläßlich
seines Besuches im Hauptquartier der Europäischen Gemeinschaft in Brüssel
folgende Erklärung abgegeben:
Ich freue mich, heute hier mit Ihnen zusammentreffen und die Gespräche
fortführen zu können, die zu einer Zeit begonnen haben, als meine Administration
erst einige Stunden alt war.
Noch ehe meine erste Woche im Amt zu Ende gegangen war, trat Vizepräsident
Mondale eine Reise zu unseren traditionellen Verbündeten an. Sein erster
Stopp war Brüssel, Sitz von internationalen Institutionen, die unsere gemeinsame Hoffnung auf eine sichere und gedeihliche Zukunft repräsentieren.
Als der erste amerikanische Präsident, der dem Sitz der Europäischen
Gemeinschaft einen Besuch abstattet, werte ich dieses Zusammentreffen als
Symbol für Amerikas bleibende Verpflichtung auf ein starkes und geeintes
Europa und die Europäische Gemeinschaft.
Es war mir ein

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�Es war mir ein Vergnügen, führenden Persönlichkeiten der Gemeinschaft
mehrfach begegnet zu sein. Außer Präsident Jenkins, mit dem ich auf der
wirtschaftlichen Gipfelkonferenz in London und später in Washington zusammentraf, hatte ich auch Gelegenheit zu Gesprächen mit Premierminister Callaghan
und Ministerpräsident Tindemans

zu der Zeit, als sie die ihrem Land turnus-

gemäß zufallende Präsidentschaft im Rat wahrnahmen.
Auf meiner Reise hatte ich in den letzten neun Tagen, in denen ich
mehrere Kontinente und Kulturkreise durchmessen, Gespräche über verschiedene
politische und wirtschaftliche Systeme geführt urd Menschen denkbar großer
Vielfalt kennengelernt habe, einige konstante Themen Mal für Mal wiederholt.
Ich habe die Bedeutung demokratischer politischer Wertbegriffe und die
zu ihrer Verteidigung erforderlichen Maßnahmen herausgestellt, sowie auch
die wirtschaftlichen Aufgaben, die uns in unseren Beziehungen zu den Entwicklungsländern insgesamt konfrontieren, und die Notwendigkeit, mit unseren
eigenen Problemen fertig zu werden. Wir müssen unsere Herzen auch der Aufgabe
öffnen, die Friedensaussichten zu verbessern und gleichzeitig den rechten
Arm

unserer Verteidigung stark zu halten.
Ich habe diese Themen wiederholt vorgebracht, weil sie der Wiederholung

bedürfen und weil sie der Welt Werte vor Augen führen, die mein Volk hoch
achtet.
Ich bin stolz, diesen Themen heute ein weiteres hinzufügen zu können:
daß die Vereinigten Staaten ein starkes, geeintes Europa als eine gemeinsame
Kraft bei der Vertretung jener Werte ansehen, in die sich unsere Völker teilen.
Die USA werden ihr Teil tun, um mit Ihnen zusammenzuarbeiten.
Weil wir auf die grundlegende Stärke unserer Wirtschaft vertrauen, vertrauen wir auch auf die grundlegende Stärke des Dollar - in der Gegenwart und
in der Zukunft. Wir sind uns aber auch des Grades bewußt, bis zu dem unsere
Prosperität heute mehr denn je zuvor von der internationalen Zusammenarbeit

- 2 -

�Zusammenarbeit abhängt.
Wir sind bereit, mit der Europäischen Gemeinschaft auf einer großen
Zahl von Gebieten zusammenzuarbeiten, um
- das wirtschaftliche Wachstum der Länder in der Weise zu fördern, daß
wir die Inflation in Grenzen halten, die Arbeitslosigkeit verringern und die
Geldwertstabilität anstreben;
- einen raschen und erfolgreichen Abschluß der multilateralen Handelsverhandlungen zu erreichen und auf diese Weise den internationalen Handel
auszuweiten, in
zu

allen Ländern mehr Arbeitsplätze zu schaffen und uns allen

helfen;
- schöpferisch auf gegenseitig vorteilhafte Beziehungen zu den Entwick-

lungsländern hinzuarbeiten;
- gemeinsam der Nukleartechnologie einen Platz bei der Deckung unseres
Energiebedarfs zuzuweisen, ohne durch die drohende nukleare Proliferation
die Zukunft unserer Kinder zu gefährden; und
- geneinsam Lösungen für die iozialen und wirtschaftlichen Probleme
zu finden, vor die sich jede unserer Gesellschaften gestellt sieht.
Wie ich vor zwei Tagen in Paris erklärte, müssen wir das Instrumentarium
unserer gemeinsamen Freiheit dazu benutzen, die Wahl- und Aufstiegsmöglichkeiten
innerhalb unserer Wirtschaftssysteme zu vergrößern.
Wir können unsere Erfahrungen auf den Gebieten der gesellschaftlichen
Entwicklung, der Erziehung, der Gesundheitsfürsorge, der sozialen Dienste
und der Organisation und des Managements von Fabriken und landwirtschaftlichen
Betrieben miteinander teilen.
Als größte
- 3 -

�Als größte Handelsgruppierung der Welt hat die Gemeinschaft wie wir
ein deutliches Interesse an einem erfolgreichen Abschluß der multilateralen
Handelsverhandlungen. Diese schreiten so gut voran, wenngleich noch viel
zu tun bleibt.
Ich begrüße

die bisherigen Erfolge der Teilnehmerländer in den Be-

mühungen, das in» Mai vorigen Jahres in London gesteckte Ziel zu erreichen:
wesentliche Fortschritte bis Ende des Jahres 1977. Das bisher Erreichte
sollte die

Verhandlungsdelegationen in die Lage versetzen, die Gespräche

bis Ende dieses Jahres zum Abschluß zu bringen. Eile tut not, wenn diese
Verhandlungen den Zweck erfüllen sollen, das Welthandelssystem zu verbessern
und die protektionistischen Pressionen abzubauen.
Wir benötigen ein umfassendes Paket von Vereinbarungen, einschließlich
solcher über erhebliche Zollsenkungen und Verringerungen nichttarifärer
Handelsschranken sowie Bestimmungen über den Agrarhandel.
Wir wissen, daß sich jedes Land im Zusammenhang mit dem Übergang auf ein
freieres Handelssystem vor Probleme gestellt sehen wird. Sie sind jedoch
ein niedriger Preis für die Segnungen eines offeneren Handels und klein auch
im Vergleich zu den Gefahren des Protektionismus, die dann bestünden, wenn es
uns nicht gelingen sollte, solch umfassende Vereinbarungen zustande zu bringen.
•

Unsere Völker teilen sich auch die Sorge um die Entwicklung umfassender
Energieprogramme. Vor zwei Monaten habe ich meinen Besuch hier in Brüssel
verschoben, um alles mir Mögliche zu tun, damit ein Energieprogramm in den
Vereinigten Staaten Gesetzeskraft erlangt. Man Land darf nicht weiter so
viel Energie verschwenden; es muß stattdessen alternative Energiequellen entwickeln. Sobald ich wieder zu Hause bin, werde ich die Arbeit am Zustandekommen eines so entscheidenden Gesetzgebungswerkes erneut aufnehmen. Ich
bin zuversichtlich, daß die Vereinigten Staaten hinsichtlich einer verantwortungsbewußten Energiepolitik bald ein Beispiel geben werden.
Die Europäische Gemeinschaft

�Die Europäische Gemeinschaft und die Vereinigten Staaten teilen sich
ferner in das große Interesse am Ausbau der Beziehungen zu den Entwicklungsländern. Unsere diesbezügliche Zusammenarbeit hat

bereits konstruktive Er-

gebnisse gezeitigt. Wir müssen diese Zusammenarbeit fortsetzen, um jene
Länder noch stärker in die Weltwirtschaft zu integrieren.
Sie müssen in die Lage kommen, einen gerechteren Anteil am Nutzen und
an der Verantwortung für den weltweiten wirtschaftlichen Fortschritt zu nehmen
und eine angemessene Rolle in den weltweiten wirtschaftlichen Entscheidungsprozessen zu spielen.
Wir in den Vereinigten Staaten begrüßen die Tatsache, daß die Europäische
Gemeinschaft auch außerhalb Westeuropas eine zunehmende politische und wirtschaftliche Rolle spielt. Diese Rolle der Gemeinschaft trägt erheblich zur
Erreichung der Ziele bei, in die wir uns teilen.
In jüngster Zeit habe ich mich besonders über die enge Zusammenarbeit
zwischen uns und über die Fähigkeit zu entschlossener Führung gefreut, die
Mitglieder der Gemeinschaft an den Tag legten: auf der Belgrader Konferenz
über Fragen der Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa.
Schließlich freue ich mich, wenn ich unsere Verpflichtung auf die europäische Einheit betone, auf die Fortsetzung der engen und produktivpn Partnerschaft zwischen den Vereinigten Staaten und der Europäischen Gemeinschaft in
den kommenden Jahren.
Und ich kann dem, was Sie leisten, keinen angemesseneren Tribut zollen,
als zu zitieren, was der Vater der europäischen Einigung, Jean Monnet, einst
geäußert hat: "Sie bilden keine Koalition aus Staaten, Sie führen Völker zur
Einheit."

+ + + + +

- 5 -

�Dokumentation
United States Information Service

11. Januar 1978

ANSPRACHE PRÄSIDENT CARTERS VOR DEM NORDATLANTIKRAT

BRÜSSEL - AD - Präsident Jimmy Carter hat am 6. Januar 1978 in Brüssel
vor dem Nordatlantikrat eine Ansprache gehalten, die folgenden Wortlaut hat:
Herr Generalsekretär, General Haig, Mitglieder des Rates,
Ich bin glücklich, nach unseren erfolgreichen Gesprächen in London
im Mai vorigen Jahres erneut mit dem Nordatlantikrat zusammenzutreffen.
Ich komme mit Ihnen zum Abschluß einer Reise zusammen, die mich in
sieben Länder geführt hat und die mich vcm Anfang bis zum Ende an die Gründe
und Ursachen erinnert hat, deretwegen das Bündnis ins Leben gerufen wurde.
Auf jeder Station meiner Reise - in Ost und West - in Ländern, die sich
bemühten, ihre Armut zu überwinden, und in Ländern, die sich den Konsequenzen
des materiellen Wachstums anpassen, habe ich die Lebenskraft der Demokratie,
der Freiheit des Einzelnen und der Menschenrechte unterstrichen.
Wir in

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�Wir in diesem Forum verstehen sehr wohl die Werte, um die es geht.
Ohne diese Werte hätte der Westen nichts zu bieten.
Und wir wissen ebenfalls - nur zu oft aus persönlicher Erfahrung - um den
Preis, den die Verteidigung dieser Freiheiten fordern kann.
Gestern habe ich mit Präsident Giscard d'Estaing die Strände der
Normandie besucht - genau so hätte ich Anzio, Verdun oder hier die Schlachtfelder in Flandern besuchen können.
Wenn diese Namen uns gleichzeitig mit Trauer und mit Stolz erfüllen,
dann deshalb, weil sie uns den Preis vor Augen führen, den wir für unsere
Freiheit bereits bezahlen mußten - einen Preis, von dem wir hoffen, daß wir
Ihn niemals mehr bezahlen müssen.
Niemand, der sich an diese Opfer erinnert, kann wünschen, daß sie noch
einmal erbracht werden müssen. Der historische Boden Europas trägt die
ständig sichtbaren Beweise für das Blutbad, das ein Krieg unausweichlich mit
sich bringt.
In Warschau habe ich tapfere Menschen erlebt, die einen großen Teil
der wunderbaren Stadt wiederaufgebaut haben, die der Krieg zerstört hat.
Aber was jetzt neu ist, unterstreicht nur, wieviel an Altem verlorenging.
Hier in Belgien, das nur zu oft das Schlachtfeld Europas war, weiß jede
Familie um Freunde, Heimstätten und Träume, die der Krieg vernichtet hat.

Das ist die Herausforderung, vor die sich unser Bündnis gestellt sieht:
unsere Werte ohne Furcht zu verteidigen, während wir gleichzeitig darauf
hinarbeiten, einen Krieg zu verhindern.
Wir wissen, daß
9

�Wir wissen, daß der Weg zu einem dauerhaften Frieden auf Verständigung,
ausgehandelten Abkommen und Schritten des guten Willens beruht. Die mutigen
Initiativen im Nahen Osten werfen einen Hoffnungsschimmer auf alle internationalen Anstrengungen.
Wir sind uns jedoch einig in der Oberzeugung, daß unsere Verteidigung
immer stark genug sein muß, um vor jedem Gedanken der Aggression abzuschrecken daß wir für den Kampf stets so bereit sein müssen, wie wir hoffen, ihn vermeiden zu können.
Als ich mit den führenden Staatsmännern des Bündnisses im Mai vorigen
Jahres zusammentraf, war ich beeindruckt von der Zielstrebigkeit der Verbündeten und von der gemeinsamen Entschlossenheit, die NATO auf die großen
Aufgaben des nächsten Jahrzehnts vorzubereiten.
Auf dieser Tagung kamen wir überein, vier wesentliche Anstrengungen einzuleiten:
- kurzfristige Maßnahmen, um die unmittelbaren militärischen Probleme
zu bewältigen;
- ein langfristiges Programm, das einen Überblick bietet über die Erfordernisse der NATO auf zehn spezifischen Gebieten;
- eine Ost-West-Studie, um ein besseres Verständnis für die Tendenzen in
Osteuropa und der Sowjetunion, eine Gesamtbeurteilung der Kräfte des Warschauer Paktes und der Auswirkungen auf das NATO-Bündnis zu gewinnen, und
- intensivierte Bemühungen, um die Zusammenarbeit bei der Verteidigungsbeschaffung zu verbessern.
Auf allen vier Gebieten haben wir bereits wesentliche Maßnahmen ergriffen.
Ich war von den Berichten über die kürzliche Tagung des Verteidigungsplanungs-

- 3 -

�Verteidigungsplanungsausschusses und des Nordatlantikrates angetan, und
ich sehe erwartungsvoll dem transatlantischen Dialog über den Rüstungshandel entgegen, den die Unabhängige Europäische Planungsgruppe vorgeschlagen hat.
Zusammen bringen wir das NATO-Bündnis auf einen Kurs, der unsere
gemeinsame Verpflichtung für den Frieden, für ein starkes und lebensfähiges

Bündnis und für die Bewältigung einer jeden Herausforderung unserer

Stärke und unseres Zusammenhaltes in den kommenden Jahren bekräftigen wird.
Die führenden Staatsmänner des Bündnisses werden die Gelegenheit haben,
in diesem Frühjahr die Ergebnisse unserer Anstrengungen auf einem Gipfeltreffen zu überprüfen.
Ich freue mich, meine Einladung an das Bündnis erneuern zu können,
dieses Treffen am 30. und 31. Mai in Washington abzuhalten.
Das Verteidigungsbudget, das ich dem Kongreß noch in diesem Monat unterbreiten werde, wird dem realen Zuwachs unserer Verteidigungsausgaben Rechnung
tragen und die Auswirkungen der Inflation mehr als ausgleichen.
Und was noch wichtiger ist, ein großer Teil dieser Anstrengungen wird
direkt unseren Zielen im Rahmen des langfristigen Verteidigungsprogrammes
entsprechen und die amerikanische Verpflichtung gegenüber dem Bündnis stärken.
Die Anzahl der amerikanischen Soldaten in Europa wird in den nächsten
eineinhalb Jahren um mehr als 8 000 Mann erhöht werden, und wir werden auch
unsere Verstärkungskapazität wesentlich erhöhen.
Wir haben diese Anstrengungen im Namen des Bündnisses gemacht. Wir hoffen,
daß das Bündnis insgesamt mit einem weitreichenden, realistischen und langfristigen Verteidigungsprogramm den Verbesserungen, die wir selbst jetzt in
Angriff nehmen, entsprechen oder sie gar noch übertreffen wird.
Wir werden uns auch

�Wir werden uns auch weiterhin der Doktrin, der Strategie und der Politik
des Bündnisses, einschließlich der Vorneverteidigung und der flexiblen
Antwort verschreiben.
Wir werden mit Ihnen zusammenarbeiten, um die Abschreckung über das
ganze Spektrum der Streitkräfte hinweg - die strategischen, die Gefechts-,
die nuklearen und konventionellen Verbände - aufrechtzuerhalten, sodaß
die Staaten des Warschauer Paktes wissen werden, daß wir alle

geeint

sind in der unbedingten Entschlossenheit zur Verteidigung aller Territorien
der NATO-Mitgliedsstaaten.
Der Wille und die Fähigkeit Amerikas, allen unseren NATO-Verpflichtungen
nachzukommen, die die feste Unterstützung des amerikanischen Volkes finden,
werden nicht erlahmen.
Es gibt aber auch noch andere Aufgaben und Verantwortlichkeiten, vor
die das Bündnis gestellt ist.
Wir haben bisher ein hervorragendes Beispiel für Konsultationen miteinander in Bezug auf einen weiten Bereich von Problemen gegeben. Dies kann und
sollte so fortgesetzt werden, und die Vereinigten Staaten werden ihre NATOVerbündeten in immer stärkerem Maße zu ihren Beratungen hinzuziehen.
In dem Maße, wie die SALT-II-Verhandlungen Fortschritte in Richtung auf
ein Abkommen machen, das - wie wir hoffen - bald Zustandekommen wird, werden
wir unsere Konsultationen mit Ihnen allen intensivieren - in der Erkenntnis,
daß die Beratung den Brennpunkt aller Überlegungen bildet.
Wenn wir über SALT-II hinausgehen, dann werden wir hier breitangelegte
Erörterungen über alle Sicherheitsfragen des Bündnisses führen.
Wir müssen gemeinsam an diese Fragen als Bündnis herangehen und jedes
Problem im Zusammenhang mit unseren Sicherheitserfordernissen insgesamt für

- 5 -

�für die Zeit des nächsten Jahrzehnts beurteilen.
Wir müssen sicherstellen, daß unsere Strategien hinsichtlich der Streitkrä'fteplanung und der Rüstungskontrolle dem gleichen Zweck dienen.
In dem Bemühen um eine Verminderung der Spannungen und um den Aufbau
eines stabileren Friedens sollte das Bündnis auch weiterhin den Gesprächen
über eine beiderseitige und ausgewogene Verminderung der Streitkräfte in
Wien (MBFR) hohe Priorität geben.
Wir glauben, daß unsere Verhandlungsvorschläge zu einer stabileren
militärischen Situation in Mitteleuropa mit verringerten Stärken der Streitkräfte auf beiden Seiten führen werden.
Wir im NATO-BUndnis

sind zur Flexibilität bereit in dem Bemühen um einen

Fortschritt in Richtung auf ein ausgewogenes Ergebnis, das unsere Interessen
schützt.
Aber ein ernsthaftes Interesse, die Verhandlungen zu einem Fortschritt zu
bringen, kann keine einseitige Angelegenheit sein. Wir erwarten von den Staaten
des Warschauer Paktes ein gleiches entschiedenes Eintreten und einen gleichen
Beitrag zu diesem Fortschritt.
Schließlich müssen wir als Verbündete auch weiterhin unsere Stärke auf
anderen Gebieten - den wirtschaftlichen, sozialen und moralischen - ausbauen.
Gerade dann, wenn die Herausforderungen an die Demokratie am größten sind,
müssen unsere Führer am nachdrücklichsten allen nichtdemokratischen Lösungen
widerstehen.
Ich bin in jeder Hinsicht davon überzeugt, daß die Staaten des Bündnisses
und die NATO selbst diesen Aufgaben mehr als gewachsen sein werden.
Ich kehre nach

�Ich kehre nach den Vereinigten Staaten zurück im Vertrauen auf die guten
Aussichten für

eine friedliche Welt, die die Menschenrechte respektiert.

Ich weiß, daß die Sicherheit unseres Bündnisses der Fels ist, auf dem diese
Hoffnung ruht.

+ + + + +

- 7 -

�Dokumentation
United States Information Service

11. Januar 1978

AUSFÜHRUNGEN CARTERS VOR DER PRESSE IM NATO-HAUPTQUARTIER

BRÜSSEL - AD - Die Ausführungen Präsident Carters vor der Presse im
NATO-Hauptquartier am 6. Januar 1978 haben folgenden Wortlaut:
Einführung Carters durch NATO-Generalsekretär Luns: "Meine Damen und
Herren, der Präsident!"
"Herr Generalsekretär Luns, das war eine der kürzesten Reden, die Sie
jemals gehalten haben, und ich möchte in fast genau so kurzer Form sagen,
daß das NATO-Bündnis für das amerikanische Volk etwas Kostbares ist. Unser
Engagement für dieses Bündnis findet nahezu einmütige Unterstützung in
unserem Lande.
Ich war zutiefst erfreut

über das wieder wach gewordene Eintreten und

die sichtbare Unterstützung der militärischen Stärke der NATO bei allen Mitgliedern des Bündnisses.
Ich habe einen detaillierten Bericht über den Fortschritt gegeben, den wir
in unseren Verhandlungen mit der Sowjetunion in einem weiten Bereich von Themen

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�Themen machen.
Wir möchten das Ost-West-Verhältnis begreifen und alle möglichen
Spannungen glätten. Unsere Verpflichtung gilt nicht dem Krieg, sie gilt
dem Frieden. Wir glauben, daß die beste Weise, den Frieden und jene Ideale
und bindenden Verpflichtungen

zu erhalten...,von der militärischen

Kapazität abhängig ist, über die wir verfügen. Ich verwies auf das Leid,
das durch unsere Truppen und jene unserer anderen Alliierten in früheren
Kriegen über Europa gekommen ist, und darauf, daß wir dies nie wieder
geschehen lassen dürfen und daß eine enge Unterstützung und ein ständiger
Einsatz für die gemeinsame Verteidigung der beste Weg ist, um weitere
Kriege zu vermeiden.
Ich gab den Botschaftern, dem Generalsekretär und den militärischen
Vertretern einen genauen Bericht über meinen bisherigen Besuch, einen Bericht
über den Fortschritt, der im Nahen Osten bereits erzielt wurde und weiter
erfolgen könnte. Wir sprachen über die wirtschaftliche Stärke unseres
eigenen Landes, die engen Bande, die uns miteinander verbinden - nicht nur
militärisch, sondern auch politisch und wirtschaftlich.
Wir hatten eine Sitzung mit Fragen und Antworten, bei der verschiedene
Botschafter mich auf besondere Punkte des Interesses für die Vereinigten
Staaten hinwiesen und ich auf ihre Äußerungen antwortete. Es war ein sehr
fruchtbarer Gedankenaustau seh,und in knapp zwei Stunden behandelten wir
diese Interessenbereiche, die für uns alle von Bedeutung waren.
Am Ende erklärte ich unseren Verbündeten, die dort vertreten waren, daß
wir nichts vor ihnen zu verbergen hätten. Sie sind Partner in jedem Sinn
des Wortes. Und wir haben unseren Verteidigungsminister, unseren Außerminister
und den Vizepräsidenten - nur wenige Stunden, nachdem ich Präsident geworden war - hierher gesandt,und jetzt bin ich selbst ins NATO-Hauptquartier
gekommen, um unsere Verbündeten wissen zu lassen, daß das Bündnis in der Tat
eng und vertraut und unbelastet ist, und daß sie sich, wenn in Zukunft je eine

- 2 -

�eine Frage über SALT-Verhandlungen, taktische Waffen, Haushaltspläne,
Stärke des Dollar auftauchen sollten - wenn notwendig - nur mit mir direkt
in Verbindung zu setzen brauchten,und sie werden eine sofortige Antwort
erhalten.
Ich denke, daß viele Besorgnisse ausgeräumt werden konnten, und ich
reise von hier ab mit einem starken Gefühl des Vertrauens und einem tiefen
Gefühl der Wertschätzung nicht nur der Stärke, die das Bündnis in der
Vergangenheit zeigte, und der Bindungen, die uns geistig, politisch und
moralisch zusammengehalten haben, sondern auch mit einem Gefühl der Gewißheit
in Bezug auf die Zukunft.

+ + + + +

- 3 -

�1

Dokumentation

I
11. Januar 1978

INTERVIEW PRÄSIDENT CARTERS ZUM ABSCHLUSS SEINER WELTREISE

AN BORD DER AIR FORCE ONE - (AD) - Präsident Jimmy Carter gab zum Abschluß seiner Weltreise am 6. Januar 1978 auf dem Heimflug nach Washington
an Bord seiner Maschine ein längeres Interview, in dem er eine erste umfassende Würdigung seiner Reise versuchte. Der Präsident stellte sich einem
ausgewählten Kreis amerikanischer Medienvertreter: Don Campbell, (Gennett),
Ted Knap, (Scripps-Howard), Phil Smith, (Newhouse), Helen Thomas, (UPI),
James Gerstenzang, (AP), und Bob Schieffer, (CBS).
Das Interview hat im wesentlichen folgenden Wortlaut:

FRAGE: Können Sie uns, Herr Präsident, zu Beginn sagen, wie Sie die
Reise beurteilen und was Sie glauben, erreicht zu haben?
ANTWORT:

Ich wollte das Bild einer Nation zeigen, die für das einsteht,

was recht und anständig und gut ist, die Konzeption der Demokratie in den Entwicklungsländern und in den Industriestaaten stärken und versuchen, einen
Fortschritt bei der Lösung des Streites im Nahen Osten zu erzielen.

Und eine

Sache, die überall zu Tage trat, war ein Ausdruck des Interesses oder der Be-

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Tel: 02221-893240 Telex:08-85432

�Besorgnis seitens der ausländischen Staatsmänner, wie wir die Energiesituation meistern werden.
Darüber hinaus wollte ich natürlich wenn möglich, die Freunschaft stärken, die in unterschiedlichem Maße bereits zwischen unserem eigenen U n d und
den von uns besuchten Ländern bestand.
Ich bin nie in Indien oder in den von uns besuchten Ländern des Nahen
Ostens gewesen.

Wie gesagt, das waren die vier oder fünf Dinge, an die ich

gedacht habe, und ich glaube, es ist uns ganz gut gelungen.

FRAGE:

Ich weiß, daß das die Dinge waren, die Sie tun wollten, aber

glauben Sie, daß Sie auch das erreicht haben, was Sie wollten?

Was glauben

Sie, haben Sie im einzelnen erreicht?
ANTWORT: Es besteht kein Zweifel, daß die Freundschaft zwischen uns
und Polen, zwischen uns und dem Iran, zwischen uns und Saudi-Arabien, zwischen
uns und Ägypten, zwischen uns und Frankreich und zwischen uns und Belgien gestärkt worden ist. Das haben wir erreicht.
Ich glaube, wir haben auch einigen Fortschritt im Nahen Osten erzielt.
Soweit ich sehen kann, trennen uns beispielsweise keine Meinungsverschiedenheiten von Sadat. Wir haben die gleichen Grundprinzipien bekräftigt, die wir
vor sechs oder acht Monaten den arabischen und israelischen Führern unterbreitet haben. In dieser Hinsicht war die Reise erfolgreich.
Ich habe auch zwei oder drei größere Reden gehalten, eine über die Demokratie und ihre Bedeutung für die Entwicklungsländer in der Welt und eine
über die Bedeutung der Demokratie für die Industrieländer der Welt unter sich
wandelnden Bedingungen. Es ist schwer zu sagen, ob die Reden einen Eindruck
hinterlassen haben oder nicht.
Wir
- 2 -

�Wir haben auch das Bild einer Nation dargestellt, die stark und sicher
und voll Selbstvertrauen ist, die jedoch ihre Stärke nicht unter Beweis zu
stellen braucht, indem sie andere Nationen übervorteilt, die nicht so stark
oder so sicher sind wie wir.
Die persönlichen Beziehungen, die sich zwischen mir und den ausländischen
Staatsmännern entwickelten, waren sehr befriedigend.
Ich möchte sagen, der gefühlsbetonteste Tag war gestern, der Besuch in
der Normandie und der Empfang durch die Bevölkerung in Bayeux und die Reaktion der französischen Bevölkerung an den Straßen von Paris, sowie die gewaltige Menschenmenge gestern abend vor dem Schloß von Versailles.

Ich war da-

von sehr tief bewegt.

FRAGE:

Einige male haben Sie, wie wir meinen, recht müde ausgesehen,

aber viele von uns waren völlig erschöpft.

Was ich gerne wissen möchte ist,

wie Sie das alles physisch durchgehalten haben und wie Sie die Zeitverschiebungen vertragen haben, ob Sie nicht rückblickend doch meinen, daß der Reiseablauf ein wenig zu hektisch war und ob Sie bei künftigen Auslandsreisen
nicht vielleicht doch Ihrem Stab sagen werden, bei der Planung einer Reise
die Dinge etwas langsamer anzugehen?
ANTWORT:
ich müde bin.

Ich möchte ganz offen sagen, heute ist der erste Tag an dem
Auf der übrigen Reise habe ich mich völlig ausgeruht und ent-

spannt und keineswegs gedrängt gefühlt.

Ich habe sogar mehr Schlaf pro

Nacht gehabt als ich normalerweise in Washington habe.
ich um 5, 5,30 oder 6 Uhr morgens auf.

Im allgemeinen stehe

Ich habe länger geschlafen als sonst.

Gestern abend ist es allerdings etwas spät geworden, vielleicht eine Stunde
später als vorgesehen.
war.

Heute war der erste Tag, an dem ich wirklich müde

Das war bei dem NATO-Treffen.
Ich
- 3 -

�Ich glaube eine

der Hauptü'berlegungen - und das können Sie ruhig

schreiben,wenn Sie wollen - ist, wie die übrige Begleitung und die Presse
von der Reise mitgenommen wurden.

Für mich wird immer gesorgt.

Wenn ich

irgendwo hinkomme, dann kann ich schon 20 Minuten nach einer großen Rede
zu Bett gehen und bis zum nächsten morgen schlafen.

Sie müssen Ihre Berichte

absetzen und am nächsten morgen wieder bereitstehen.

Ich glaube daß wir die-

sen Faktor in Zukunft berücksichtigen müssen.

FRAGE:

Glauben Sie, daß es ein paar Pannen gab - ich glaube das ist

das richtige Wort?
ANTWORT:

FRAGE:

Ja, die gab es.

Die Übersetzung in Polen, das eingeschaltete Mikrofon in Neu

Delhi - hat das für Sie irgendwelche Probleme im Umgang mit den führenden
Persönlichkeiten gebracht, oder wird das irgendein bleibendes Problem in
den Beziehungen mit diesen Ländern schaffen?
ANTWORT:

Beides war natürlich unbeabsichtigt.

meine, nachher eine sehr hübsche Erklärung abgegeben:

Gierek hat, wie ich
"In Polen", so sagte

er, "kritisieren wir Frauen oder Übersetzer nicht".
Das war das erste Mal, daß ich mit Gierek zusammengetroffen bin, und
wir hatten nachher eine sehr gute persönliche Beziehung. Er hat sich niemals
dazu geäußert, außer daß er lächelte und sagte "Nun, es war ein etwas veraltetes Polnisch und es hatte einen russischen Einschlag." Aber ich glaube
nicht, daß das irgendwelche bleibende Auswirkungen hatte.
Ich habe die Presseberichte über die Erklärungen der indischen Führer
gelesen nachdem wir abgereist waren, und ich glaube, vielleicht sagen zu
dürfen, ohne übertrieben optimistisch zu sein, daß es mir und Desai wohl geholfen hat. Ich war sehr unverblühmt hinsichtlich unseres Nonproliferations-

�Nonproliferationsprogramms, wie ich meine, und habe sehr offen und deutlich zum Ausdruck gebracht, daß der Kongreß mit meiner Billigung wahrscheinlich verschärfte Bestimmungen für Brennstofflieferungen in der Zukunft verabschieden werde.

Und ich wollte ihn mindestens schon 18 Monate vorher wis-

sen lassen, daß dies auch Indien betreffen würde.

Er und ich haben hinterher ohne Zorn und Eifer unsere Witze darüber gemacht.

Und nach unserer Abreise wurde in der Presse berichtet, daß es ein

sehr konstruktiver Besuch gewesen sei.

Ich glaube, es zeigte sich, daß Desai, wie ich bereits erwähnt habe,
hart auf dem indischen Standpunkt beharrte.

Wir versuchten eine Lösung

dieses potentiellen Konflikts zwischen den internationalen Sicherungen der
Produktion von Kernkraft und einer ausreichenden Brennstoffversorgung zu finden.

Eine Möglichkeit, die man prüfen kann, ist die, daß wir und die Sowjets

und die Briten einen Vertrag über ein umfassendes Versuchsverbot abschließen
und daß dies für Desai ein ausreichender neuer Faktor ist, um umfassende
Sicherungen zu akzeptieren, ohne daß er die Grundsätze der Autonomie und der
Unabhängigkeit zu verletzen braucht.

Ich bedaure jedoch, daß die Sache mit dem eingeschalteten Mikrofon
passiert ist.

Darüber will ich Sie nicht hinwegtäuschen.

Zwischen mir und

Desai war es immer eine Sache des Humors und der freundlichen Aufnahme.

Ich

glaube jeder, der ihn und mich aus der Nähe beobachtet hat, konnte erkennen,
daß ein echtes Gefühl der gegenseitigen Achtung bestand.

FRAGE:

ANTWORT:

Darf ich eine Frage anknüpfen?

Es war auf jeden Fall ein Fehler.

FRAGE:

�FRAGE:

Ja, es war wahrscheinlich ein Fehler, aber war es ein Fehler

wegen der Art und Weise wie die Presse reagiert hat oder war es ein Fehler
Ihrerseits?
ANTWORT:

Es war ein Fehler meinerseits.

Ich hätte sagen sollen, "ein

sehr offenes und sachliches Schreiben", und nicht "ein grobes und kaltes
Schreiben".

Aber über was ich mit Cy Vance gesprochen habe - es lag auf der

Hand, daß ich keine Abneigung gegen Desai hegte - war ein kaltes technisches
Thema, und es sollte den Indern unmissverständlich klar gemacht werden, damit
sie wissen, was sie nach 18 Monaten, nach der Verabschiedung des Gesetzes
zu erwarten haben.

FRAGE:

Herr Präsident, ich möchte nicht auf der Nah-Ost-Episode herum-

hacken,aber sie hat sicher die Reise in vielfacher Weise überschattet, denn
die Entwicklungen gingen weiter - aber es hat meine Neugier erregt, daß Sadat
erklärte, daß sie übereinstimmende Auffassungen hätten, und Sie selbst erklärten, sie schienen keine unterschiedlichen Meinungen zu haben - und Sadat
hat Meinungsverschiedenheiten mit Begin - wie stehen Sie damit zu Begin?
ANTWORT: Ich habe die Presseberichte nach meiner Erklärung in Assuan
gelesen, und Begin hat das gebilligt, was ich gesagt hatte. Es besteht ein
ziemlich gutes übereinkommen zwischen Begin und Sadat über Fragen hinsichtlich der Definition des Friedens.
Sadat hat mir, als er im April in Washington mit mir zusammentraf, das
gesagt und mir die drei Grundprinzipien dargelegt. Das eine war völliger
Friede zwischen Ägypten und Israel, offene Grenzen, diplomatische Anerkennung,
Austausch von Botschaftern, freier Handel, Austausch von Touristen und Studenten und kultureller Austausch. Und er erklärte mir, daß dies zu seinen Lebzeiten nie eintreten werde, was ich bezweifelte. Das hat er mir im April
gesagt.
Er

�Er erklärte mir an jenem Tag in Assuan, daß er völlig unrecht gehabt
habe, daß er in Israel nicht nur gut aufgenommen worden sei, sondern daß er
bei seiner Rückkehr nach Ägypten auch als Held gefeiert worden sei; daß die
israelischen Verhandlungsführer, als sie nach Kairo kamen, umarmt worden
seien und die Ägypter geweint hätten.

Und er sagte mir:

"Mein Volk war

mir weit voraus, und was Sie mir im April vorgeschlagen hatten und ich damals
nie für möglich hielt, hat sich bereits als möglich erwiesen."

Das ist ein

Aspekt.
Der Abzug der israelischen Streitkräfte vom Westufer des Jordan (West
Bank) mit geringfügigen Ausnahmen an der westlichen Grenze ist ein Prinzip»
das er bereits im Februar oder März offensichtlich verkündet hat. Ich halte
das noch immer für einen akzeptablen Vorschlag für die Araber, obwohl ich
nicht damit rechne, daß sie ihm öffentlich beipflichten, da er praktisch den
Erklärungen in Rabat zuwiderläuft. Sie sind offensichtlich in der Lage und
gewillt, für sich selbst zu sprechen. Aber darüber haben wir uns keine
Illusionen gemacht.
Die andere Frage, die Lösung des Palästinenser-Problems, kann, so meine
ich, durch eine Interimslösung im Sinne einer gemeinsamen Verwaltung beigelegt werden.

Ich möchte hier nichts Definitives sagen, aber es gibt Möglich-

keiten, die Israel, Jordanien, das Westufer, den Gaza-Streifen, die Palästinenser und vielleicht die Vereinten Nationen für

gewisse Zeitspannen ein-

schließen, speziell der Zeit vorausgreifende Formen, und dann das Recht der
Palästinenser, über ihre eigene Zukunft zu entscheiden, ob sie diese Art der
Administration fortsetzen oder sich Jordanien anschließen wollen - das alles
sind Grundsätze, die wir schon vor acht Monaten begonnen haben, sehr klar,
auch schriftlich, darzulegen.
Das Problem wird also im Detail liegen.

Aber was die Grundsatzerklärung

angeht, so sind mir keine Meinungsverschiedenheiten zwischen Begin und Sadat
bekannt.
FRAGE:
- 7 -

�FRAGE:
ANTWORT:

Bezeichnen Sie das als Selbstbestimmung?
Ich habe niemals geglaubt und glaube es auch heute nicht, daß

es für uns, für die Länder des Nahen Ostens oder für die Welt ratsam wäre, eine
unabhängige palästinensische Nation zu haben, die zwischen Israel und Jordanien
liegt.

Ich glaube, das wäre ein Ziel für die Subversion.

Ich glaube, dort

würde ein konzentrierter Einfluß durch einige der radikaleren Führer der Welt
geltend gemacht.

Und ich meine, daß ein palästinensisches Gebiet oder Heimat-

land zumindest in eine sehr starke Förderation oder Konföderation

mit Jorda-

nien eingebunden sein müßte.
Aber ich möchte hier sagen, daß das die Lösung wäre, die wir vorziehen.
Wenn Israel und Jordanien und die Palästinenser und Ägypter etwas anderes
ausarbeiten sollten, hätten wir nichts dagegen.

Aber das ist unser Standpunkt.

Wir haben es von Anfang meiner Administration an den Israelis und den Arabern
ganz klargemacht, daß das die Lösung ist, die wir vorziehen.

FRAGE: Ich frage mich, ob es während der letzten neun Tage irgendwelche
unerwarteten Verluste oder Gewinne gab?
ANTWORT:

Das ist schwer zu sagen.

tiver Analytiker.

Ich bin in diesem Fall kein objek-

Aber ich hatte den Eindruck, daß der Fortschritt, den wir

mit Indien machten, außerordentlich war.

FRAGE:
ANTWORT:

Auf welchem spezifischen Gebiet?
Es besteht kein Zweifel, daß unter Mrs. Gandhi die Ausrich-

tung Indiens - das geschichtlich unser Freund gewesen ist - von uns weg, wohl
auf die Sowjets zu lief.
Ich

�Ich hatte das Gefühl, daß Desai und seine Regierung auf eine völlig
neutrale oder blockfreie Position zurückgekehrt sind.

Es herrschte ein ech-

tes Gefühl der Vereinbarkeit und Freundschaft auf der Grundlage tiefer religiöser Überzeugungen, eine Verpflichtung zur Demokratie und zum Grundsatz
der Menschenrechte.

Das war für mich sehr ermutigend.

Es war mehr als ich erwartet hatte.

Ich möchte mich nicht selbst ana-

lysieren, aber die französischen Nachrichtenmedien haben erklärt, daß wir in
den letzten hundert Jahren niemals ein besseres Verhältnis zu Frankreich gehabt haben, als wir es heute haben.
sehr verbunden.

Ich fühle mich mit Giscard d'Estaing

Ich glaube, die überströmenden Gefühls- und Freunschaftsbe-

zeugungen der Franzosen uns gegenüber und die gewaltigen Massen, die sich in
den Straßen von Paris versammelt hatten, das war,wie Giscard d'Estaing sagte,
eine ganz seltene Angelegenheit.

Die Franzosen sind ausländischen Besuchern gegenüber fast genauso blase,
wie die Leute in Washington, da es sich um einen solchen Sammelpunkt von
diplomatischen Besuchern handelt.

Aber ich glaube, es handelte sich um einen

sehr guten Ausdruck der Freundschaft.

Wie ich schon früher gesagt habe, war der Ausdruck der Gemeinsamkeit
der geschichtlichen Erinnerungen am Strand in der Normandie (Omaha) gestern
etwas, was man sich nicht im voraus vorstellen kann und was man sich nicht
ausdenken kann.

Ich glaube das war ganz und gar echt.

Das sind einige der

Dinge, die mich beeindruckt haben.

Der Besuch meiner Frau Rosalynn und Dr. Brzezinskis bei Kardinal Wyszynski
zeigte, daß es in der polnischen Gesellschaft einen Pluralismus gibt, wie er
in einem osteuropäischen Land nicht häufig anerkannt wird.

Es liegt auf der Hand, daß was ihren Einfluß auf den Geist und die Herzen und die Zukunft des polnischen Volkes angeht, es eine Gemeinsamkeit zwischen einem großen religiösen Führer und dem politischen Führer gibt.
Privat
- 9 -

�Privat haben sie ihre Bewunderung füreinander zum Ausdruck gebracht.
Ich glaube, das ist eine gute und eine eigentlich erfreuliche Überraschung
bei den Nationen hinter dem Eisernen Vorhang.
Ich glaube der Vorhang wird gelüftet.
Schritt vorwärts.

Ich glaube, es ist ein guter

Wir haben heute eine weitere richtige Handlung vorgenom-

men, in dem wir Ungarn die Krone zurückgegeben haben.

Wir versuchen nicht,

einen Keil zwischen diese Nationen des Warschauer Pakts und die Sowjetunion
zu treiben.

Aber wir versuchen sie dazu zu bringen, uns als Freunde zu be-

trachten, die Frieden wollen, die das schreckliche Leiden anerkennen, das
sie erdulden mußten, und die eine Basis für die Freundschaft und den Handel
mit dem gegenseitigen Austausch aufbauen.
Wir unterzeichneten ein Nuklearabkommen mit den Persern, das Milliarden
von Dollar an Handel für die amerikanische Industrie bringen wird, viele
Arbeitsplätze für Amerikaner bringen wird und unsere Nonproliferationspolitik
in keiner Weise verletzen wird.
Es gab also einige Dinge, die wir wirklich nicht vorher auf die Tagesordnung gesetzt hatten, und die dann eintrafen.

Aber es fällt mir schwer,

das alles objektiv zu beurteilen.

FRAGE:

Wie sieht es mit irgendwelchen negativen Aspekten aus?

Wurden

Sie von irgend etwas überrascht, was nicht so gut lief, wie Sie es sich vorgestellt hatten?
ANTWORT:

Nein, ich kann mich an nichts derartiges erinnern, aber viel-

leicht Sie? ...

FRAGE:
Fragen:

Im Zusammenhang mit Ihren Äußerungen über Polen habe ich zwei

Die eine ist, warum haben Sie selbst Kardinal Wyszynski nicht auf- 10 -

�aufgesucht, und haben Sie sich in irgendeiner Weise bemüht, Herrn Gierek
vorzuschlagen, daß er Dissidenten-Journalisten zu ihrer Pressekonferenz
zulassen sollte?

ANTWORT:
sein solle.
troffen.
äußern.

Ja, wir haben vorher ersucht, daß die Pressekonferenz offen
Es war nun einmal sein Land,und er hat diese Entscheidung ge-

Ich habe die Entscheidung getroffen, mich dazu öffentlich zu
Wir haben, davon gehe ich aus, die Entscheidung getroffen, daß

meine Stellungnahme in den polnischen Zeitungen und an diesem Abend auch
im Fernsehen frei publiziert werden solle.

Wir haben Kardinal Wyszynski eingeladen,zu mir zu kommen und sich mit
mir zu treffen.

Aber er erklärte, daß es für einen Kardinal nicht angebracht

sei, zu mir zu kommen und mir seine Reverenz zu erweisen.

Wir hielten es

also, im letzten Moment möchte ich sagen, für eine gute Lösung für Rosalynn
und Dr. Brzezinski hinzugehen, die Kardinal Wyszynski ohnehin sehen wollten.

Ich schrieb ihm eine private Botschaft,und er schrieb mir eine kleine
Notiz und es war eine für beide Seiten nutzbringende Angelegenheit.

Aber

ich glaube, der Kontakt zu ihm durch Dr. Brzezinski und Rosalynn war ausreichend.

FRAGE:

Herr Präsident, können Sie vielleicht etwas genauer sagen -

aber vielleicht möchten Sie es nicht - was Sie meinen, wenn Sie davon sprechen,
daß die Palästinenser das Recht haben sollen, an ihrer eigenen Selbstbestimmung mitzuwirken?

ANTWORT:

Ich möchte hier wirklich nicht mehr ins Detail gehen, wie das

Verfahren im einzelnen aussehen soll.
in Jerusalem zusammentreffen,

Dajan und Kaamel werden am 15. Januar

Außenminister Vance wird auch dort sein.

wird seine guten Dienste anbieten.

Er

Ich selbst würde es vorziehen, daß die

- 11 -

�die Israelis und die Ägypter dieses Interimsverfahren mit einer abschließenden Volksabstimmung selbst aushandeln.
promiß zwischen ihnen zu finden.

Wir werden versuchen, einen Kom-

Ich meine, wenn es uns gelingt, eine Reihe

akzeptabler Grundsätze zu entwickeln, dann wäre es für König Hussein und vielleicht später auch für die Syrer sehr viel leichter, sich an den Gesprächen
zu beteiligen.

Ich habe nicht versucht, König Hussein zu überreden, sich

jetzt zu beteiligen.
Ich bin der Meinung,und er ist auch der Meinung, daß Sadat den arabischen
Standpunkt in ausreichendem Maße repräsentiert. Ich meine, daß Sadat in fast
einzigartiger Weise nicht nur das Vertrauen seines eigenen Volkes und der übrigen Welt hat, sondern in beträchtlichem Maße auch das Vertrauen der israelischen Bürger.
So sind wir derzeit alle der Auffassung, daß Hussein sich aus den direkten Verhandlungen heraushalten sollte, bis Sadat ausdrücklich um seine Beteiligung ersucht. Der Schah wird die Dinge unterstützen; die Saudis waren sehr
optimistisch hinsichtlich der Zukunft, und Hussein und wir sind völlig einer
Meinung.
Ich meine also, daß die gegenwärtige Situation ganz gut ist. Wie jedoch
die Abstimmung genau ablaufen soll

oder wann oder welche Optionen den Pa-

lästinensern angeboten werden könnten, möchte ich nicht sagen.

Ich weiß es

nicht.

FRAGE: Darf ich Sie auch fragen, ob Sie glauben, daß Sadats Position
gegenüber den harten Kritikern aus der arabischen Welt durch Ihren Besuch
verbessert wurde?
ANTWORT: Ich glaube nicht, daß ich gegen die Vertraulichkeit verstoße,
wenn ich sage, daß alle arabischen Führer, mit denen ich zusammenkam,erklärten, daß sie Sadat einstimmig unterstützen. Was Syrien denkt, kann ich nicht

�nicht genau sagen.

Ich habe nicht mit Assad gesprochen, aber die Einstellung

des Irak und Libyens und der radikalerer Araber liegt auf der Hand.
len nicht, daß Frieden herrscht.
kommt.

Sie wol-

Sie wollen nicht, daß es zu einer Lösung

Sie wollen nicht, daß die Genfer Konferenz zu einem Abschluß kommt.

Und viele von ihnen haben noch immer als einzige Zielsetzung die Zerstörung
Israels.
Ich glaube nicht, daß Assad oder König Hussein oder Sadat oder die Saudis
- also die,mit denen ich gesprochen habe - in irgendeiner Form so denken.
Ich glaube,sie alle sind absolut bereit, Israel jetzt als bleibendes Gebiet
im Nahen Osten zu akzeptieren und mit ihm in Frieden zu leben.

FRAGE:

Herr Präsident, bevor wir die Reise antraten haben Sie erklärt,

Sie würden über die Menschenrechte sprechen,und Sie haben, so glaube ich,
überall davon gesprochen.
ANTWORT:

FRAGE:

Ja.

Aber seit wir in Polen waren, wo Sie über Giereks Verpflichtung

Ihnen gegenüber hinsichtlich der Auswanderungsrechte gesprochen haben, erhielten wir, so glaube ich, von Ihnen keine näheren Informationen mehr, daß irgendeiner der Führer Ihnen irgendein
geben hätte.
Iran.

Antwort auf Ihren eigenen Standpunkt ge-

Gibt es da etwas Spezifisches?

Ich denke da vor allem an den

Hat es irgendwelche Konzessionen gegeben, von denen wir noch nichts

gehört haben?
Antwort:

Nein, offensichtlich streben wir ja keine Konzessionen in

den Menschenrechten in Belgien, Ägypten oder Frankreich an. Im Iran haben der
Schah und ich allumfassende Gespräche über die Menschenrechte geführt.
bin nicht geneigt, über das vertrauliche Gespräch zu reden.
- 13 -

Ich

Aber die Grund-

�Grundfrage im Iran ist das bestehende Gesetz, das die kommunistischen Parteien
verbietet und den Kommunismus verbietet - ein Gesetz, das den Gesetzen sehr
ähnlich ist, die wir in der Vergangenheit selbst sehr regoros durchgesetzt haben.

Hier liegt die Grundlage des Problems.
Aber dem Schah sind die Menschenrechte ein sehr tiefes Anliegen, und

ich habe die Menschenrechte auch in meiner Erklärung im Iran erwähnt.

Aber

wir haben im Iran auf vielfältige Weise - durch die Gewährung der Rechte für
Frauen, die Aufnahme ungleichartiger religiöser und rassischer Gruppen im Iran
- sehr schöne Fortschritte gemacht, so möchte ich sagen, die in etwa dem entsprechen, was wir in den letzten 20 Jahren in den USA geleistet haben ...

FRAGE:

War die Reise zum Teil symbolisch? ...

ANTWORT: ... Die Reise war symbolisch. Es ist ein sehr sicheres und beruhigendes Gefühl, etwas zu repräsentieren, das ich für die größte Nation der
Erde halte. Wir haben keine Schwäche, die es nach meiner Meinung nach von
mir verlangen würde, künstlich unsere Stärke unter Beweis zu stellen. Wir
haben nach meiner Auffassung keinen Bedarf, der es von mir verlangen würde,
jemand anderen zu übervorteilen, um unseren Bedarf zu decken. Wir hegen
kein Gefühl der Überlegenheit oder der Beherrschung über die anderen Nationen,
die wir besucht haben. Wir behandeln sie echt als Partner, als Volk mit dem
wir in der Zukunft noch enger befreundet sein möchten.
Es war also eine Reise, die symbolisch war für die Macht und den Einfluß
und den guten Willen der Vereinigten Staaten.

Ich habe überall, wo ich hin-

kam, versucht, die Konzeption der Moral und des Anstandes und der Güte und der
Freundschaft und der Menschenrechte zu unterstreichen.

Ich fühle mich also

unter keinerlei unbequemem Zwang, etwas beweisen zu müssen, was unsere Nation
nach meiner Meinung wirklich nicht repräsentiert.
Reise symbolisch.

In diesem Sinne war die

Sie symbolisierte,was Amerika ist und was Amerika sein

möchte ...
+ + + + +

�Dokumentation
United States Information Service

11. Januar 1978

ERKLÄRUNG CARTERS NACH SEINER RÜCKKEHR IN DIE USA

WASHINGTON - AD - Nach seiner Rückkehr in die USA gab Präsident Jimmy
Carter am 6. Januar 1978 abends (Ortszeit) auf dem Rasen vor dem Weißen
Haus folgende Erklärung ab:
Als ich vor eineinhalb Wochen hier an dieser Stelle stand, da sprach
ich im Hinblick auf meine Reise von einigen Dingen, die mir bedeutsam erschienen: von raschen Veränderungen, der Vielfalt unter den Völkern der
Welt, der Führungsrolle Amerikas, von Freiheit, Freundschaft und den Menschenrechten. Nachdem ich nun diese Länder besucht habe, ist mir der Sinn dessen,
was diese Worte wirklich bedeuten, viel klarer geworden.
Ich möchte hier jetzt nicht in Einzelheiten gehen, weil die Zeit dafür
zu kurz ist, aber mir stehen doch einige Dinge deutlich vor Augen, die meine
Gefühle deutlich machen, wo ich jetzt in mein von mir so geliebtes Land zurückkehre.
Da ist der Besuch in Warschau - die Länder des Warschauer Paktes liegen
auf der anderen Seite des Eisernen Vorhanges, der jetzt - und ich hoffe für

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�für immer - gelüftet wird.
Ich habe denen meine Reverenz erwiesen, die dort getötet wurden; es
gab vier Millionen Juden in Polen vor dem Krieg. Jetzt sind es weniger als
hunderttausend. Warschau hatte 1,2 Millionen Einwohner; 800 000 von ihnen
wurden getötet. Sechs Millionen Polen verloren ihr Leben. Rund 20 Millionen
Russen starben im Zweiten Weltkrieg.
Und ich habe jetzt auch ein viel klareres Gefühl, daß die kommunistischen
Länder, die wir manchmal als Gegner ansehen, den Krieg vermeiden und den
Frieden haben wollen, sn wie wir dies wollen. Und daß wir alle Anstrengungen
machen müssen, um nach gemeinsamen Dingen zu suchen, um einander zu verstehen
und gut miteinander auszukommen.
Indien mit seinen etwa 700 Millionen Menschen, die größte Demokratie
der Erde, hat einen tiefen Eindruck auf mich gemacht.
Ich besuchte das Grabmal Gandhis, wo sein Leichnam verbrannt wurde, und
dachte daran, wie dieser Mann ohne Armee, ohne Fernsehen, ohne politische
Organisation, ohne Haus

dieses Land umformen konnte, indem er von Dorf zu

Dorf ging, weil er ein unveränderliches Ideal vor Augen hatte und weil er
wollte, daß das indische Volk das Recht habe, seine Religion auszuüben unj
seine eigenen Führer zu wählen.
Und wir besuchten ein kleines Dorf, das dem glich, in dem meine Mutter
zwei Jahre lang gelebt hat, ein Dorf der Armut. Die Menschen, die dort leben,
verdienen in einen Jahr nicht so viel, wie der durchschnittliche amerikanische
Arbeiter in einer Woche verdient. Aber wir wurden dort mit offenen Armen aufgenommen, und es war selbst dort ein natürlicher Ausdruck der Freundschaft zu
spüren und ein Ausdruck des Dankes für das, wofür unser Land eintritt.
Ferner besuchte ich König Hussein und König Khaled und den Schah von
Persien und machte Zwischenstation in Assuan, wo ich mit einen echten Gefühl

- 2 -

�Gefühl

der Wertschätzung einen der tapfersten Männer auf dieser Erde,

Anwar Sadat, in die Arme schloß.
Dann reiste ich nach Frankreich, wo ich gestern wohl einen der schönsten
Tage meines Lebens erlebte: der Ausdruck der Freundschaft, die uns und
unserem Lande auf den Straßen von Paris entgegenschlug, die Menschen in dem
kleinen Ort Bayeux, der ersten Stadt, die befreit wurde, als die Kräfte der
Freiheit nach Europa zurückkehrten; und dann stand ich am Strande der Normandie,
wo in wenigen Stunden im Raum von Onaha Beach 2 000 Menschen ihr Leben gaben,
und ich sah eine große amerikanische Flagge und eine große Trikolore über
den Gräbern von mehr als 9 300 Amerikaner, die für die Freiheit Frankreichs
und Europas und für unsere eigenen Freiheit starben - dies alles war ein
großes Erlebnis für mich.
Ich habe viel gelernt. Wir wurden mit offenen Armen und mit Freundschaft
empfangen - selbst von den Nationen, die in der Vergangenheit uns gegenüber
etwas kühl waren - und ich konnte klar erkennen, was die Vereinigten Staaten
von Amerika für diese Völker bedeuten.
Wenn wir aufrichtig und bescheiden auftreten, erfüllt es sie mit Freude.
Wenn wir ehrlich sind, fühlen sie sich erleichtert. Wenn wir stark sind, werden
sie geschützt, und wenn wir die Hand der Freundschaft ausstrecken, dann wird
sie mit Freuden ergriffen.
Ich war stolz auf die Freundschaft, die uns zuteil wurde und auf die
Freundschaft, die wir gaben; aber zu jeder Zeit war ich noch stolzer auf das
Volk, das ich vertrete.

+ + + + +

- 3 -

�</text>
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                <text>Amerikadienst 11.01.1978</text>
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                <text>Die Weltreise Präsident Jimmy Carters vom 29. Dezember 1977 bis 6. Januar 1978</text>
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                <text>&lt;strong&gt;&lt;span style="text-decoration: underline;"&gt;Die Weltreise Präsident Jimmy Carters vom 29. Dezember 1977 bis 6. Januar 1978&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;/span&gt;&lt;/strong&gt;&lt;strong&gt;1. Dokumentation&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Erklärung Präsident Jimmy Carters vor seinem Abflug zur Weltreise&lt;br /&gt;&lt;em&gt;(29. Dezember 1977)&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Erklärung Präsident Carters bei seiner Ankunft in Polen&lt;br /&gt;&lt;em&gt;(29. Dezember 1977)&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Wortlaut des gemeinsamen amerikanisch-polnischen Kommuniques&lt;br /&gt;&lt;em&gt;(30. Dezember 1977)&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Ankunftserklärung Präsident Carters in Teheran &lt;br /&gt;&lt;em&gt;(31. Dezember 1977)&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Erklärung Präsident Carters bei seiner Ankunft in Indien&amp;nbsp;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;(1. Januar 1978)&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Ansprache Präsident Carters vor dem indischen Parlament &lt;br /&gt;&lt;em&gt;(2. Januar 1978)&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Deklaration von Delhi&amp;nbsp;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;(3. Januar 1978)&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Erklärung Carters anlässlich der Unterzeichnung der Deklaration von Delhi&lt;br /&gt;&lt;em&gt;(3. Januar 1978)&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Ankunftserklärung Präsident Carters in Saudi-Arabien&lt;br /&gt;&lt;em&gt;(3. Januar 1978)&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Erklärung Carters nach dem Treffen mit Präsident Sadat&amp;nbsp;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;(4. Januar 1978)&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Ankunftserklärung Präsident Carters auf dem Pariser Flughafen&lt;br /&gt;&lt;em&gt;(4. Januar 1978)&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Ansprache Präsident Carters in Paris&amp;nbsp;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;(4. Januar 1978)&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Ansprache Präsident Carters in der Normandie&amp;nbsp;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;(5. Januar 1978)&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Erklärung Präsident Carters in Bayeux&amp;nbsp;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;(5. Januar 1978)&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Erklärung Präsident Carters vor dem Abflug aus Paris&amp;nbsp;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;(6. Januar 1978)&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Ankunftserklärung Präsident Carters in Brüssel&lt;br /&gt;&lt;em&gt;(6. Januar 1978)&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Erklärung Präsident Carters anlässlich des Besuches bei der EG&lt;br /&gt;(6. Januar 1978)&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Ansprache Präsident Carters vor dem Nordatlantikrat&amp;nbsp;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;(6. Januar 1978)&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Ausführungen Carters vor der Presse im NATO-Hauptquartier&lt;br /&gt;&lt;em&gt;(6. Januar 1978)&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Interview Präsident Carters zum Abschluss seiner Weltreise&amp;nbsp;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;(6. Januar 1978)&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Erklärung Carters nach seiner Rückkehr in die USA&lt;br /&gt;&lt;em&gt;(6. Januar 1978)&lt;/em&gt;</text>
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                    <text>11. Januar 1982

DOKUMENTATION DER SOWJETISCHEN EINMISCHUNG IN POLEN

Postfach 20 03 00 Tel.: 0228-339 22 40
D 5300 Bonn 2
Telex: 08-85432

�WASHINGTON - (AD) - Das amerikanische Außenministerium hat eine Chronologie über die direkte und indirekte Einmischung der Sowjets in die Polenkrise veröffentlicht.

Die Chronologie enthält die wichtigsten Ereignisse in

der Entwicklung der Krise in Polen wählend der 18 Monate vom Juli 1980 bis
Ende Dezember 1981.

Sie hat folgenden Wortlaut:

Chronologie der öffentlichen sowjetischen Einmischung und der indirekten
Einmischung der Sowjets in die Polenkrise.
Juli 1980 - November 1981
Juli
2.

Arbeiter protestieren gegen eine Erhöhung der Fleischpreise.

August
14.

Die Unruhe unter den Arbeitern wächst.

In Danzig treten mehr als 50 000

Arbeiter in den Streik.
15.

TASS gibt Manöver der Warschauer-Pakt-Truppen an der Ostsee und in der
DDR bekannt.

20.

Die UdSSR beginnt wieder mit Störungen von Sendungen der Stimme Amerikas
und anderer westlicher Sender.
27. In der

�27.

In der ersten Kritik, die die Sowjets direkt an den streikenden Polen
üben, beschuldigt TASS "anti-sozialistische Kräfte" des Versuchs, "den
Sozialismus in Polen zu unterminieren" und es "von dem Weg, den es gewählt hat" abzubringen, "... der die lebenswichtigen Interessen des
ganzen polnischen Volkes verkörpert."

September
1.

In dem von "Petrow" verfaßten Leitartikel kritisiert die Prawda die polnische Lösung. Sie erwähnt mit keinem Wort ein Abkommen oder die Zulassung freier Gewerkschaften, und weist statt dessen die "politischen"
Forderungen "anti-sozialistischer Elemente" entschieden zurück, die
dem Sozialismus "direkten Schaden" zufügten und die entscheidende Verbindung zwischen Partei und Arbeiterklasse "verletzten". Sie erinnert
Polen an seine Verpflichtungen gegenüber dem Warschauer Pakt und dem RGW.
Die Iswestija greift außerdem die Dissidenten Jacek fluron und Adam
Michnik an.

2.

TASS und das Moskauer Fernsehen kritisieren Carters und Reagans Ansprachen zum amerikanischen Tag der Arbeit, weil sie sich in die inneren Angelegenheiten Polens einmischten; sie kritisieren außerdem, daß
im Westen Geld zur Unterminierung des polnischen Sozialismus gesammelt
würde.

8.

Rund 40 000 Mann starke Truppen des Warschauer Pakts beginnen ein viertägiges Manöver in der DDR.

10.

Der Stellvertretende Ministerpräsident Polens, Jagielski, leitet eine
Regierungsdelegation von Wirtschaftsexperten bei einem zweitägigen Besuch in Moskau und trifft mit dem Chefideologen des Kreml, Suslow, und
anderen maßgeblichen Vertretern der Regierung zusammen.

18.

Ein Bericht von William Beecker im Boston Globe (den der Washington Star
am 19. September veröffentlicht) deutet an, daß westliche Nachrichtendienste in den letzten Tagen Zeichen für ungewöhnlich starke militärische
Aktivitäten in der DDR und der UdSSR erkennen konnten, die an eine mögliche Invasion in Polen denken lassen oder an eine symbolische Machtdemonstration zu Einschüchterungszwecken.
19. In einem

�19.

In einem weiteren Artikel von "Petrow" warnt die Prawda den Westen in
gebieterischem Ton vor einer Einmischung

25.

in polnische Angelegenheiten.

Die Prawda druckt eine "Buchrezension", in der Lenins scharfe Kritik an
jeglicher "Arbeiteropposition" in einem sozialistischen Land zitiert
wird, die er als "anarchischen Syndikalismus" bezeichnet, welcher "die
führende Rolle der Partei" bedrohe.

Oktober
7.

Die täglich erscheinende Moskauer Gewerkschaftszeitung Trud behauptet
in einer Meldung aus Danzig, daß es Versuche gegeben habe, die offiziellen polnischen Gewerkschaften zu diskreditieren und warnt vor dem
"ernst

Charakter" der Versuche, Gewerkschaftsreformen eine "anti-sozia-

listische Tendenz" zu verleihen.
30.

Der polnische Parteivorsitzende Kania und Ministerpräsident Pinkowski
statten Moskau einen überraschenden "Arbeitsbesuch" zu Gesprächen mit
Breschnew und anderen sowjetischen Führern ab.

Das Kommunique erwähnt

Kania nicht persönlich, aber das Vertrauen in die polnische Partei wird
ausgedrückt.
Die DDR unterbindet "vorübergehend" den visafreien Verkehr zwischen der
DDR und Polen, bis laut Nachrichtenagentur der DDR eine"fortschreitende
Stabilisierung" in Polen eingetreten sei.
November
8.

Radio Warschau berichtet, daß Einheiten der polnischen Armee und der Nördlichen Sowjetischen Streitkräfte Manöver in Polen durchführen.

Das

Warschauer Fernsehen sendet darüber einen Dokumentarfilm.
24.

Der für Rundfunk und Fernsehen verantwortliche Abteilungsleiter des
Zentralkomitees der Kommunistischen Partei, Josef Klasa, behauptet in
einem Interview mit der New York Times, dem Figaro und der Londoner
Financial Times, daß der Solidarität nahestehende "Elemente" auf die wirtschaftliche Anarchie hinarbeiteten und daß die Solidarität sich politischen Zielen verschreiben wolle und ihre Forderungen ins Unermeßliche
stiegen.

Er behauptet, daß Kania Walesa während eines Treffens vor zwei

- 3 -

�vor zwei Wochen gesagt habe, daß eine Konfrontation zwischen der Partei
und der Solidarität eine Katastrophe bedeute und daß die Sowjets Gründe
zur Besorgnis hätten.
Eine TASS-Meldung aus Warschau warnt davor, daß ein angedrohter Eisenbahner-Streik in Polen "die Interessen der Nation und der der Verteidigung Polens berühren könnten" und beschuldigt den Dachverband von Solidarität des Versuches, "die angespannte Lage im Land aufrechtzuerhalten."
25.

"Tribuna Ludu" erklärt (offensichtlich als Antwort auf die Besorgnis seitens der Sowjets), daß es Probleme in der Arbeiterschaft "niemals unmöglich machen würden, daß Polen seinen Export- und Transitverpflichtungen
nachkomme."

27.

In ihrem bisher stärksten Angriff behauptet "Rüde Prawo", daß es für die
Aktivitäten der Solidarität Grenzen gäbe und zieht eine bedeutungsschwere Parallele zum Aufstand von 1968 in der Tschechoslowakei, der mit einer
Invasion des Warschauer Paktes niedergeschlagen wurde.

Dezember 1980
1. - Presseberichte über Truppenbewegungen der Sowjets in westlichen Militär5.

gebieten und über eine beträchtliche Mobilisierung von Reserven deuten
auf eine verstärkte militärische Bereitschaft hin.
Die während des Höhepunktes der Arbeiterunruhen im Sommer eingezogenen
sowjetischen Reservisten bleiben weiterhin in Bereitschaft.

3.

Ein offizieller Sprecher der Partei erklärt auf einer Pressekonferenz,
daß polnische Kommunisten "das Recht und die Pflicht" hätten, um sowjetische Unterstützung zu bitten, wenn der Sozialismus in Gefahr sei.

4.

Ein sowjetischer Sprecher des Außenministeriums behauptet, daß die Erklärungen des Westens zu Polen die Situation verschlimmerten; in einem
sowjetischen Fernsehkommentar werden Präsident Carter und andere amerikanische Beamte der psychologischen Kriegsführung gegen die polnische Regierung bezichtigt.

5.

Auf einem Sonder-Gipfeltreffen in Moskau Iringendie Warschauer-Pakt-Staaten ihr Vertrauen darin zum Ausdruck, daß Polen in der Lage sein werde,
seine derzeitigen Probleme zu überwinden und verpflichten sich der "festen
brüderlichen Solidarität und Unterstützung" für Polen, das "immer ein
4 -

�"immer ein sozialistisches Land war, ist und sein wird."
7.

In einer Erklärung des Weißen Hauses heißt es:

"Die Vorbereitungen für

eine mögliche Invasion in Polen scheinen abgeschlossen."
8.

Die polnische Nachrichtenagentur Interpress und der örtliche Solidaritätsverband in Kielce dementieren einen TASS-Bericht, demzufolge "konterrevolutionäre Gruppen" innerhalb der Solidarität des Elektrizitätswerkes Iskra
in Kielce offizielle Gewerkschaftsvertreter ihres Amtes enthoben hätten
und diese durch Personen ersetzt hätten, "die sich offen zu ihrer AntiHaltung gegen die Regierung bekennen."
(Medien in der Tschechoslowakei, der DDR und Bulqarien hatten Meldungen
ähnlichen Inhalts gebracht.)

Zu beachten ist, daß es sich hier um einen

vorsätzlich gefälschten TASS-Bericht handelt, der nach den polnischen
Dementis in der sowjetischen Presse nicht erschien.

Er stellte eine War-

nung dar, der ähnliche Falschmeldungen ins Gedächtnis ruft, die einen
Teil der Vorbereitungen der Sowjets für den Einmarsch von 1968 in die
Tschechoslowakei ausmachten.)
18.

Die Prawda wirft der NATO vor, sie enthalte der polnischen Führung das
Recht vor, sich an Verbündete zu wenden, und sie um Hilfe bei der Beilegung der Krise zu bitten.

25. -Außenminister Czirek macht einen "offiziellen, freundschaftlichen Besuch"
26.

in Moskau, wo er mit Breschnew und Gromyko zusammentrifft.

Er versichert,

daß Polen "ein sozialistisches Land war, ist und bleiben wird, eine
feste Bindung in der gemeinsamen Familie sozialistischer Staaten."
6.

Die Polnisch-Sowjetische Freundschaftsgesellschaft ruft ihre Mitglieder
dazu auf, "die politischen Kräfte zu bekämpfen, die versuchen, die Erneuerung in einen... anti-sowjetischen Trend umzukehren."

13.

Der Oberbefehlshaber des Warschauer Paktes, Viktor Kulikow, stattet
Warschau einen überraschenden Besuch ab, und trifft mit Kania und polnischen Verteidigungsexperten zusammen.

Der Vorsitzende der Polnisch-

Sowjetischen Freundschaftsgesellschaft trifft in Moskau ein.
14.- Eine Delegation unter der Leitung von Leonik Samjatin, dem Leiter der
21.

Internationalen Informationsabteilung des Zentralkomitees der KPdSU
trifft sich mit Redaktionen polnischer Medien und bringt sein Mißfallen

- 5 -

�23.

28.
29.

sein Mißfallen über die polnische Berichterstattung über die Entwicklung
seit August zum Ausdruck.
"Krasnaja Swesda" berichtet über jüngste Truppenübungen, die sowjetische
und polnische Streitkräfte gemeinsam in Polen durchführen, es werden jedoch keine genaueren Orts- oder Zeitangaben gemacht. Polnische Militärs
bestreiten, daß Übungen stattfinden.
"Kraspaja Swesda" wirft der NATO vor, Polen vom Warschauer Pakt lösen
zu wollen.
In der polnischen Regierungserklärung wird so gut wie offen mit der
Ausrufung des Notstandes oder des Kriegsrechts gedroht. Zur selben Zeit
meldet TASS aus Warschau, daß oppositionelle anti-sozialistische Kräfte
seit dem 24. Januar in Polen aktiver geworden seien und daß Solidarität
"nach rechts abrückt und die Bemühungen des PZPR des Zentralkomitees und
der polnischen Regierung zur Normalisierung der Situation und zur Wahrung der wichtigen Interessen des Volkes ablehnt." Führer und extremistische Elemente von Solidarität bedienten sich angeblich der Erpressung,
der Provokation und der physischen Gewalt, und sie stellten immer mehr
politische Forderungen und trieben Solidarität somit in die Opposition
zu staatlichen und parteilichen Behörden.

Februar
2.
Laut TASS erwarten viele Polen, daß "Maßnahmen ergriffen werden", um
die Konterrevolution zu stoppen.
8.- Pentagon und Nachrichtendienste melden, daß die im Dezember wegen der
10. Krise alarmierten sowjetischen Truppen (insgesamt 26 Divisionen) nach
17.
23.
24.

wie vor in höchster Alarmbereitschaft an der polnischen Grenze stehen.
Jaruzelski trifft die Botschafter der Sowjetunion und des Warschauer
Paktes in Polen.
Breschnew spricht vor dem Kongreß der KPdSU und erreicht die Annahme
der Breschnew-Doktrin.
Kania sagt vor dem Parteitag der KPdSU, daß die polnische Führung willens
und in der Lage sei, "eine Konterrevolution in Polen zu verhindern."
Er fügt hinzu, daß die Lage in und um Polen in direktem Zusammenhang mit
der Sicherheit aller sozialistischen Staaten steht. Die sozialistische
- 6 -

�\

Die sozialistische Gemeinschaft ist unauflösbar, und ihre Verteidigung
ist nicht nur die Angelegenheit eines jeden Staates, sondern auch des
gesamten Bündnisses."
24.- Massivste Angriffskampagne sowjetischer Medien, die in der Behauptung
28.

gipfelt, daß Solidarität Radiostationen übernommen, Autobahnen blockiert
und andere illegale Maßnahmen getroffen habe, um die Machtübernahme
vorzubereiten.

März
4.
Kania, Jaruzelski und andere Mitglieder der polnischen Führung halten
in Moskau Gespräche mit Breschnew und anderen maßgeblichen Mitgliedern
des sowjetischen Politbüros ab. Im Kommunique heißt es, die Sowjets erwarteten von den Polen, daß sie "den Lauf der Dinge abwenden." Weiterhin wird die Verteidigung des Sozialismus als eine Angelegenheit des "gesamten sozialistischen Bündnisses" bezeichnet.
5.

Die UdSSR gibt bekannt, daß für März Manöver der Warschauer Pakt-Truppen
geplant sind, die sich von der polnisch-tschechischen Grenze bis zum
Norden an der Ostsee hinziehen sollen.

19.

Der Stellvertretende Ministerpräsident Rakowski teilt Führern der

29.

Solidarität mit, daß die Übung "Sojus-81" der Warschauer-Pakt-Truppen
wegen der"Situation in Polen" verlängert wird. Er warnt Solidarität davor, daß ihre Tätigkeit sowjetische Panzer in das Land bringen könnte.
Die Minister Haig und Weinberger beschreiben den "erhöhten Stand der Bereitschaft" der in der Nähe von Polen stationierten sowjetischen Truppen.

April
2.3.

Die westliche Presse bringt mehr Berichte über die militärischen Bewegungen in und um Polen. Während dessen erscheint ein sowjetischer Zeitungskommentar, der eine mögliche Aktion der Sowjets rechtfertigen soll.

6.

Präsident Husak bestätigt das Recht des Warschauer Pakts, einzugreifen,
um das sozialistische System Polens aufrecht zu erhalten.

7.

Militärische Aktivitäten, Verstärkung der sowjetischen Truppen nahe
Polens, Errichtung eines sowjetischen Fernmelde- und Kommandosystems
und von Versorgungslagern in Polen.
9. Am 3. März
- 7 -

�9.

Am 3. März werden Hubschrauber, Flugzeuge, Piloten und Techniker in die
militärischen Hauptquartiere der Sowjets in Südwest-Polen eingeflogen.

10.

In einer Ansprache vor der Sejm plädiert Jaruzelski für eine 2-monatige
Aufhebung des Streikrechts. Er sagt, daß sich die derzeitige Chance
für Polen, seine Probleme allein zu lösen, "nicht wieder bietet."

10.

Das State Department berichtet, daß die UdSSR sogar noch weitere Transportflugzeuge nach Polen entsandt hat.

11.

Auf dem Parteitag der DDR erklärt Parteichef Honecker, daß Polen "sozialistisch war, ist und bleiben wird."
23.- Der Ideologe des sowjetischen Politbüros, Michail Suslow, trifft uner24. wartet in Warschau zu Gesprächen mit Mitgliedern des polnischen Politbüros ein. Die polnische Nachrichtenagentur PAP berichtet, in den Gesprächen sei die Notwendigkeit betont worden, "die Errungenschaften des
Sozialismus zu bewahren."
25.

Mai
4.

28.

TASS greift "revisionistische Elemente" innerhalb der polnischen Partei
an; die erste Beschuldigung dieser Art in den sowjetischen Medien, die
verdeutlicht, wie wenig erfolgreich Suslows Besuch war.

Nach einem Bericht des Solidaritäts-Bulletins vom 29. April, daß sowjetische Truppen am 22. April in Südwest-Polen "gelandet" seien, entdecken
westliche Militärs,daß die sowjetischen Truppen in dieser Region militärische Fernmeldeverbindungen herstellen.
Das Organ der Parteijugend, Sztandar Mlodich, veröffentlicht den Aufruf
eines obskuren "Kattowitzer Parteiforums" zu "entschiedenem Handeln"
der Führung Polens gegen die "Konterrevolution" und den "Revisionismus".
(Obwohl in polnischen Partei kreisen weitestgehend verurteilt, wird der
Aufruf vom tschechischen Radio am 31. Mai, von TASS am 1. Juni und von
der Prawda und vom sowjetischen Fernsehen am 2. Juni übernommen.

30. Kania und Jaruzelski treffen in Warschau mit dem Oberbefehlshaber der
Warschauer Pakt-Truppen, Marschall Kulikow, in, wie es heißt, "freundlicher" Atmosphäre zusammen.
Juni

- 8 -

�Juni
5. Die KPdSU sendet einen siebenseitigen "Warnbrief" in bezug auf die
strenge Kritik seitens des Kattowitzer Forums an Kanias Politik; TASS
berichtet lange und positiv über das Forum.
9.- Das 11. Plenum des Zentralkomitess der polnischen Partei trifft zu Bell, ratungen über den Brief der KPdSU vom 5. Juni zusammen; es kommt zu
einem offenen Machtkampf zwischen Kania und seinen gemäßigten Gefolgsleuten und den von Moskau unterstützten Linientreuen unter Grabski.
Kania übersteht die Herausforderung, gibt jedoch zu, daß die Besorgnis
der Sowjets über die Entwicklungen in Polen "vollkommen gerechtfertigt"
sei.
14.- Walesa bricht zu einer Kampagne auf, um Solidaritätsverbände davon abzu16. halten, Konfrontationen zu suchen; sie werden sich vielmehr auf Aktivitäten innerhalb der Gewerkschaft beschränken. Gleichzeitig wird ein
sowjetisches Kriegsdenkmal enthüllt, was er als eine Provokation rügt,
die die Solidarität mit einbeziehen und die schon angespannte Situation
weiter destabilisieren solle.
20. Der sowjetische Regierungssprecher Samjatin erklärt im sowjetischen Fernsehen, daß für die polnische Führung "die Zeit für entschiedenes Handeln gekommen ist, um eine nationale Katastrophe abzuwenden."
22.

Die sowjetische Militärzeitung Krasnaja Swesda druckt Marschall Kulikows
Artikel, in dem polnische"konterrevolutionäre Kräfte" verurteilt
werden.

23.

Die Prawda schreibt, daß jede Veränderung des Status in Polen eine entscheidende Verbindung innerhalb des Warschauer Paktes schwächen würde
und eine Bedrohung für das Gleichewicht im Nachkriegseuropa darstelle.
TASS wirft der Solidarität vor, sie versuche, so viele Delegierte wie
möglich in den polnischen Parteikongreß zu entsenden, die den marxistisch-leninistischen Charakter der Partei anzufechten suchten.

25.

Die polnische Nachrichtenagentur PAP berichtet über gemeinsame Manöver

29.

der polnischen und sowjetischen Truppen in Schlesien.
Das polnische Fernsehen berichtet, daß die polnisch-sowjetischen Militärübungen auf den Nordwesten der Provinz Pommern ausgedehnt wurden.
30. "Neues
- 9 -

�30.

"Neues Deutschland" berichtet von Militärmanövern in der DDR.

Juli
3.- Am Vorabend des 9. Kongresses der PZPR konferiert Gromyko mit der pol5. nisehen Führung.
3.

Wie aus Moskauer Quellen zu erfahren ist, nehmen sowjetische Truppen
in der Westukraine an der polnischen Grenze eine zweitägige intensive

7.

Übung zur totalen Mobilisierung auf.
Westliche Quellen berichteten, daß die UdSSR eine weitere Militärübung in der Nähe Polens plant.

19.

Breschnew sendet ein kurzes Glückwunschschreiben an Kania zu seiner
Wiederwahl. Es enthält weder Lob noch eine Vertrauenserklärung in
Kanias Führung.

21.

Breschnew und Tichonow senden (Hückwunschtelegramme anläßlich des Feiertages zum Bestehen der Volksrepublik Polen. Die Mitteilung beinhaltet,
daß der Parteikongreß "sich die Aufgabe gesetzt hat, die Situation
zu stabilisieren" und daß die oolnische Partei "in der Lage ist, das
gesamte arbeitende Volk zusammenzuhalten... und Anarchie und Konterrevolution energisch zurückzuschlagen."

August
13. Die Sowjetunion gibt bekannt, daß sie von 4. bis 12. September
umfangreichere Land- und Seemanöver im Westen der UdSSR abhalten werde.
14.- Die polnischen Führer Kania und Jaruzelski fliegen zu einem "kurzen Ar15. beitsbersuch" mit Breschnew und anderen hochgestellten sowjetischen
Führern auf die Krim.
September
4.12.

In der UdSSR findet die Militärübung "Sapad-'81" statt.

8.

Verteidigungsminister Ustinow sowie die Verteidigungsminister der
Warschauer Pakt-Staaten, Kubas, der Mongolei, und Vietnams nehmen an
der Übung "Sapad-'81" in der UdSSR teil.
10. Die polnische
- 10 -

�10.

Die polnische Nachrichtenagentur PAP berichtet, daß Kania den sowjetischen
Botschafter Aristow empfängt, der, wie angenommen wird, Kania einen warnenden Brief des Kreml überreicht, (siehe 17. September)

17.

Nach der Meldung, daß der sowjetische Botschafter Aristow von den Staatschefs Kania und Jaruzelski empfangen wurde, enthüllt die polnische Nachrichtenagentur PAP, daß die sowjetische Führung Warschau in einem Schreibin daran erinnert, daß "das Ausmaß an Anti-Sowjetismus in Polen...
gefährlich gestiegen "sei und fordert die Ergreifung resoluter Maßnahmen
gegen derlei Aktivitäten.

22.

Der sowjetische General Gibkow, Generalstabschef der Vereinigten Streitkräfte des Warschauer Paktes, trifft den polnischen Ministerpräsidenten
Jaruzelski, um "Probleme der Ausbildung und Kampfbereitschaft der abkommandierten (polnischen) Truppen, die einen Teil der Vereinigten Streitkräfte darstellen", zu erörtern.
22.- Der Stellvertretende sowjetische Ministerpräsident und Chefplaner
26. Bajbakow erörterte in Warschau polnisch-sowjetische Wirtschaftsbeziehungen, während Gerüchte umgehen, daß die Sowjets erwägen, Warschau i
wirtschaftlichen Sanktionen zur Raison zu bringen.
23.

Am Vorabend der zweiten Sitzung des Solidaritäts-Kongresses (26 r
ber) kritisiert TASS die polnische Führung, weil diese nichts gegen
Gewerkschaftsführer unternimmt und die, wie sie es nennt, Vorbereitungen
für eine Machtübernahme nicht aufhält.

26.

TASS kritisiert indirekt die polnische Führung, indem sie einen Au1
des linientreuen "Marxistisch-leninistischen Seminars1' in Kattowitz verbreitet, wonach Warschau "alle bestehenden Mittel anwenden" soll, um den
Sozialismus zu verteidigen.

Oktober
13. Die Prawda enthält einen Kommentar von "A. Petrow", der Solidarität kritisiert, weil sie die Zerstörung des polnischen Sozialismus und die
Machtübernahme wolle. In dem Artikel wird damit gedroht, daß eine Intervention nicht ausgeschlossen ist.
14.

In einer Ansprache betont Suslow, daß "imperialistische" Versuche zur
Schwächung des polnischen Sozialismus durch offene und vsrdeciae Unter- 11 -

�verdeckte Unterstützung der "konterrevolutionären" Kräfte unternommen
werden.

Er versichert Polen der "brüderlichen Solidarität und Unter-

stützung der Sowjetunion und anderer Mitglieder des Warschauer Paktes."
Ministerpräsident Jaruzelski wird Nachfolger von Kania als Chef der
Kommunistischen Partei.

November
27.- Der Sechste Parteitag in Polen nimmt eine Resolution an, die die Regie28.

rung dazu ermächtigt, Ermächtigungsgesetze in der Sejm zur Wiederherstellung des sozialen Friedens einzubringen, einschließlich besonderer
Notstandsgesetze.

Anfang November: Presseberichten zufolge warnen die Sowjets die Polen, daß
die sowjetische Wirtschaftshilfe reduziert würde und daß Moskau auf einem
Handelsausgleich ab 1982 bestünde.
Dezember
7.

Die polnische Presse intensiviert ihre Kritik an Solidarität, indem sie
Auszüge von Tonbandaufnahmen von Solidaritätstreffen in Radom veröffentlicht; TASS wiederholt die polnischen Angriffe.

11.

In einer ihrer schärfsten Angriffe seit längerer Zeit bemängelt TASS,
daß konterrevolutionäre Kräfte ihren Kampf gegen die polnische Partei
ausgedehnt haben; sie erwähnt mehrere extreme Aktionen, die "das sowjetische Volk zu Recht verärgern."

13.

Ein weiterer TASS-Bericht greift Solidarität an und unterstellt, daß
"patriotische Kräfte" zur Einführung militärischer Unterdrückung förmlich eingeladen hätten.

13.

Radio Moskau berichtet von der Verhängung des Kriegsrechts in Polen,
der Verhaftung von "Extremisten" der Solidarität, der Bildung eines
militärischen Regierungsrates und von der Festigung der polnisch-sowjetischen Beziehungen.

14.

Eine TASS-Erklärung bezeichnet das Kriegsrecht als "reine innere Angelegenheit. "
23. Präsident
- 12 -

�23.

Präsident Reagan verurteilt den Druck, den die Sowjets offen und heimlich auf Polen ausüben.

Er gibt außerdem bekannt, daß sich Marschall

Kulikow und andere hohe Offiziere der Roten Armee zum Zeitpunkt der Verhä'ngung des Kriegsrechts in Polen befunden haben und daß die 10 Tage
zt'vor angeschlagene Proklamation des Kriegsrechts bereits im Oktober
in Moskau gedruckt worden war.
Ende Dezember. Ein sowjetischer Dozent behauptet während eines Vortrages
vor der sowjetischen Öffentlichkeit kurz nach der Erklärung des Kriegsrechts, daß das Kriegsrecht bereits seit einem Monat vorbereitet gewesen
sei (d.h. lange vor der Forderung der Solidarität nach freien Wahlen
am 3. Dezember - dem angenommenen Grund für die Verhängung des Kriegsrechts) und daß die Sache "ausgezeichnet angezettelt" worden sei.

- 13 -

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                    <text>11. Januar 1984

INHALT

DOKUMENTATION
Reagan bekräftigt Unterstützung für KVAE

HINTERGRUNDMATERIAL
Menschenrechte in der UdSSR
- Eine Dokumentation des US-Außenministeriums -

WISSENSCHAFT UND TECHNIK
Kohlendioxid - eine "Heizdecke" in der Atmosphäre
- Neue US-Studien empfehlen Anpassungsstrategie für
mögliche Klimaänderung -

Um Über/cndung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel

- 0228-339 2035
Telex: 8-85432

�JI I I

T •

Dokumentation
United States Information Service
Embassy of the United States of America

11. Januar 1984

REAGAN BEKRÄFTIGT UNTERSTÜTZUNG FÜR KVAE

WASHINGTON - (AD) - Präsident Reagan hat am 6. Januar 1984 die Unterstützung
der Vereinigten Staaten für die Stockholmer Konferenz über Vertrauens- und sicherheitsbildende Maßnahmen und Abrüstung in Europa (KVAE) bekräftigt. Reagan war
an diesem Tage mit Außenminister Shultz und dem amerikanischen Delegationschef
auf dieser Konferenz, Botschafter James Goodby, zu einer Überprüfung der Weisungen
der amerikanischen Vertretung zusammengekommen.
Die Erklärung des amerikanischen Präsidenten hat folgenden Wortlaut:
Ich bin heute mit Botschafter James E. Goodby zusammengetroffen, dem amerikanischen Delegationschef auf der Konferenz über Vertrauens- und sicherheitsbildende Maßnahmen und Abrüstung in Europa, allgemein als KVAE bekannt.

An dieser

neuen Konferenz beteiligen sich die Vereinigten Staaten, Kanada sowie 33 Staaten
West- und Osteuropas.

Sie ist Teil des Ost-West-Dialogs, der aus der Konferenz

über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (KSZE) erwuchs, die die Schlußakte
von Helsinki im Jahre 1975 hervorbrachte.
Außenminister Shultz war bei der heutigen Besprechung zugegen.

Er sowie

andere Außenminister der NATO werden an der KVAE-Eröffnungssitzung am 17. Januar
in Stockholm teilnehmen.

Ihre Anwesenheit bekräftigt die Bedeutung, die der

Westen der KVAE und einem produktiven Ost-West-Dialog beimißt.
Ich habe

Postfach 20 03 00 Tel.: 0228-339 2035
D 5300 Bonn 2
Telex: 8-85432

�Ich habe gemeinsam mit Botschafter Goodby die Weisungen für die amerikanische
Delegation überprüft und meine endgültige Zustimmung erteilt.

Ich brachte ihm

gegenüber meine nachhaltige Unterstützung für die Ziele des Westens auf der KVAE
zum Ausdruck, nämlich die Gefahr eines Überraschungsangriffs in Europa zu vermindern und den Einsatz von Waffen für den Krieg oder zur Einschüchterung zu
unterbinden.
Die Stärke und die Einheit des Westens haben den Frieden in Europa seit dem
Zweiten Weltkrieg bewahrt, und die Diplomatie des Westens im Rahmen des "HelsinkiProzesses" war entscheidend wichtig für die Förderung des Ost-West-Dialogs. Wir
alle wünschen Botschafter Goodby sowie den europäischen und kanadischen Vertretern
Erfolg und Gottes Segen bei der Fortführung dieser lebenswichtigen Aufgabe.
Botschafter Goodby gab in diesem Zusammenhang folgende Erklärung ab:
Der Präsident hat die Weisungen für die amerikanische Delegation auf der KVAE,
die am 17. Januar in Stockholm beginnt, überprüft und gebilligt. Im wesentlichen
beinhalten diese Instruktionen, daß die amerikanische Delegation sich um Abkommen
über konkrete, praktische Maßnahmen zur Verringerung des Risikos eines Krieges
in Europa bemüht, der aus einem Überraschungsangriff oder einer falschen Einschätzung entsehen könnte. Die Weisungen machen deutlich, daß die amerikanische
Delegation ihre Arbeit in Übereinstimmung mit dem von Botschafter Kampelman auf
der KSZE-Folgekonferenz von Madrid ausgehandelten Mandat erfüllen wird, die ihre
Tätigkeit in Madrid im Herbst letzten Jahres beendete. Dieses Mandat sieht vor,
daß die auszuhandelnden Maßnahmen militärisch bedeutsam, verifizierbar, politisch
bindend und auf den gesamten europäischen Kontinent anv/endbar sein müssen. Diese
Konferenz sollte nur als ein Aspekt des KSZE-überprüfungsprozesses gesehen werden,
der sich ebenfalls mit der Zusammenarbeit der beteiligten Staaten auf dem Gebiet
der Menschenrechte sowie in anderen Bereichen befaßt.
Die aktive

- 2 -

�Die aktive Beteiligung von Außenminister Shultz sowie anderer Außenminister
ist ein Beweis dafür, daß sie sich ernsthaft dieser Konferenz verpflichtet
fühlen, und sollte gewährleisten, daß diese Verhandlungen einen geziemenden Start
haben.
Die amerikanische Delegation wird eng mit den westlichen Demokratien zusammenarbeiten, um Abkommen über solche Maßnahmen zu erreichen wie die Vorausmitteilung militärischer Manöver, die Beobachtung solcher Übungen und Schritte zur
Verbesserung der Kommunikation zwischen den an der Stockholmer Konferenz beteiligten Staaten.

Ausgangspunkt dieser Vorschläge ist das übereinkommen von

Helsinki vom Jahre 1975, aber unsere Vorschläge werden weit über diese Absprachen
hinausgehen.

Gleichzeitig ist es meiner Meinung nach notwendig, darauf hinzu-

weisen, daß auf der Tagesordnung dieser Konferenz Punkte stehen, die sich von
anderen Rüstungskontroll Verhandlungen unterscheiden.

Ernsthafte Anstrengungen,

über beiderseits annehmbare vertrauensbildende Maßnahmen zu verhandeln, sind
kein Ersatz für andere RüstungskontrollVerhandlungen; sie sollten diese Verhandlungen vielmehr ergänzen.
Präsident Reagan hat in einer seiner ersten außenpolitischen Entscheidungen
nach seinem Amtsantritt darauf hingewiesen, daß die Vereinigten Staaten sich an
einer Konferenz über Abrüstung in Europa beteiligen würden, vorausgesetzt, diese
Konferenz befasse sich mit Maßnahmen, die militärisch bedeutsam, verifizierbar,
politisch bindend und auf den gesamten europäischen Kontinent anwendbar seien.
Diese Vorstellungen sind nunmehr Teil des Mandates, das den Unterhändlern in
Stockholm übertragen worden ist.

Zum allgemeinen Thema der vertrauensbildenden

Maßnahmen hat sich der Präsident sowohl in Europa als auch vor den Vereinten
Nationen geäußert, wobei er die Bedeutung solcher Maßnahmen im Sinne der Wahrung
des Friedens und der Sicherheit unterstrichen hat.
ohne Zweifel zutiefst am Herzen liegen.

Dies sind Fragen, die ihm

Ich rechne mit der starken Unterstützung

des Präsidenten bei der Aushandlung von Maßnahmen, die in Übereinstimmung mit den
von ihm bei früheren Gelegenheiten definierten Zielen stehen.

+ + + + +

�11. Januar 1984

MENSCHENRECHTE IN DER UdSSR
- Eine Dokumentation des US-Außenministeriums

WASHINGTON - (AD) - Das amerikanische Außenministerium hat zum Jahresende 1983 einen Überblick über die Entwicklung und den Stand der Menschenrechte
in der Sowjetunion herausgegeben.

Darin wird aufgezeigt, daß trotz aller Be-

mühungen der sowjetischen Machthaber immer wieder einzelne Bürger und Gruppen
in der UdSSR ihren Dissens zum Ausdruck bringen und ihre eigene Meinung vertreten.

Die sowjetische Regierung hat jedoch auch immer wieder gezeigt, daß

sie nicht gewillt ist, sich an ihre eigenen Gesetze und an internationale Verpflichtungen zu halten, wenn es gilt, Dissidenten zu unterdrücken.
Die systematische Unterdrückung unter Breschnew und Andropow hat die Reihen der aktiven Dissidenten gelichtet, und die Auflösung der Helsinki-Gruppe
in Moskau beendete ein Jahrzehnt aktiver Bemühungen um die Menschenrechte.
Aber trotz Unterdrückung und Emigration lebt die Menschenrechtsbewegung in
der Sowjetunion weiter.
Lenin, Stalin

Postfach 20 03 00 Tel.: 0228-339 2035
D 5300 Bonn 2
Telex: 8-85432

�Lenin, Stalin und Chruschtschow:

Anwendung von Terror

Seit der kommunistischen Revolution im Jahr 1917 wurde die Einstellung
des sowjetischen Regimes gegenüber den politischen und gesetzlichen Rechten
des Sowjetbürgers von der Entschlossenheit getragen, um jeden Preis die Macht
zu behalten, Opposition im eigenen Lande auszuschalten und die Gesellschaft
nach den Geboten Lenins umzugestalten.

Lenin und seine Genossen billigten die

Anwendung von Terror bei Gegnern der Revolution und setzten ihn während des
Bürgerkrieges und in den ersten Jahren des Regimes auch ohne jede Rücksicht
ein.
Zu diesem Zweck richtete Lenin - mit dem Erlaß vom 15. April 1919 - Zwangsarbeitslager ein und genehmigte - mit dem Erlaß vom 21. März 1921 - die Verhaftung und Deportation von Personen, "die als gefährlich für die Sowjetmacht erkannt werden", durch Behördenorgane, d.h. ohne ordentliche Gerichte.

In einem

Kommentar zu dem in Arbeit befindlichen Strafgesetzbuch schrieb Lenin im Mai
1922, daß "der Paragraph über Terror so allgemein wie möglich formuliert werden
muß, da nur ein revolutionäres Gerechtigkeitsgefühl...
Anwendung festlegen kann."

die Bedingungen seiner

Sein erster Entwurf für diesen Paragraphen diente

als Grundlage für die Anwendung repressiver Gewalt im sowjetischen Strafrecht:
Propaganda oder Agitation oder die Mitwirkung in einer Organisation
oder die Zusammenarbeit mit Organisationen, die dazu dienen, auch
nur in geringster Weise der internationalen Bourgeoisie zu helfen,
die die gleichen Rechte des kommunistischen Systems nicht anerkennt...
und die dessen Umsturz mit Gewalt anstrebt,... ist mit dem Tode oder
mit Haft zu bestrafen. (Lenin, V.l., Sobr. soch. 3. Ausgabe Band 27,
S. 296, Moskau 1935-37).
Stalin wandte den Terror routinemäßig an, um seine politischen Gegner
zu vernichten, ganze Gesellschaftsklassen auszurotten und ein Reservoir an Arbeitssklaven zu schaffen, mit dessen Hilfe er Projekte in abgelegenen Landesteilen verwirklichte.

Die Zahl seiner Opfer geht in die Millionen.
- 2 -

Sein Tod

�Sein Tod im März 1953 verhinderte eine geplante neue Säuberungswelle und eine
antisemitische Kampagne.
kürliche Terror auf.

Unter Chruschtschow hörte der großangelegte, will-

In den Jahren 1954 bis 1956 wurden sieben bis acht Mil-

lionen politische Gefangene aus Arbeitslagern entlassen.

In seiner berühmten

"Geheimrede" auf dem 20. Parteitag der KPdSU im Februar 1956 verurteilte
Chruschtschow Stalin als einen Despoten, der loyale Mitarbeiter durch gelenkte
Säuberungswellen vernichtet habe. Aber das Regime suchte sich der Verantwortung zu entziehen, indem das ganze Ausmaß des Terrors verheimlicht und alle
Schuld Stalin aufgebürdet wurde.
Die Entstalinisierung führte zur Rehabilitierung einiger Politiker, die
in Ungnade gefallen waren; die Macht der Sicherheitsbehörden wurde eingeschränkt;
der Rechtsprechung wurde wenigstens ein Anschein der Legalität zurückgegeben;
und zu kontrollierten Kontakten mit Ländern außerhalb des kommunistischen Blocks
wurde ermutigt. Obwohl die Partei selbstverständlich das Machtmonopol in ihren
Händen behielt, wurde ein gewisses Maß an Diskussion und Debatte innerhalb der
Partei erlaubt.

Chruschtschow lehnte jedoch niemals die repressive Taktik

Stalins ab; so führte beispielsweise seine Kampagne gegen die Religion zu einem
starken Rückgang der Zahl der Kirchen und Geistlichen in der UdSSR.

Die Rolle der Schriftsteller und Intellektuellen
In dem gelockerten Klima der nachstalinschen Ära mangelte es der sowjetischer
Gesellschaft zwar noch immer an den direkten Mitteln, Meinungen öffentlich zum
Ausdruck zu bringen, aber Schriftsteller und Intellektuelle in der UdSSR fanden,
daß sie akute Fragen auch im Mantel der literarischen Verbrämung aufgreifen
könnten.

Die literarische Zensur war nicht mehr umfassend, da die Grenzen

zwischen dem Erlaubten und Verbotenen durch den Entstalinisierungsprozeß doch
etwas verwischt worden waren. Die sich daraus ergebende - wenn auch kleine Chance führte zum Aufstieg vieler begabter junger Schriftsteller, von denen einige später prominente Figuren in der sowjetischen Menschenrechts- und Dissidentenbewegung wurden.

Die Literaturzeitschriften entwickelten Individualität

- 3 -

�entwickelten Individualität und zogen gl eichgesinnte Schriftsteller an - so
beispielsweise Novyy Mir unter dem Herausgeber Alexsander Twardowskiy.
Die Entstalinisierung bereitete auch den Weg für die Entstehung einer
sogenannten "Gegenkultur" der Intellektuellen, die sich - von der offiziellen
Ideologie enttäuscht - in der Suche nach Inspirationen dem Westen zuwandten.
Damit zeigten die neuen Strömungen in der Literatur den Weg für das Auftreten
anderer Einstellungen zur Politik des Regimes auf, und das wiederum diente als
Basis für das Entstehen einer öffentlichen Meinung, die sich zu Fragen der
sowjetischen Gesellschaft äußerte.
Die Chancen der freieren Meinungsäußerung tendierte*! jedoch dazu, unberechenbar zu werden.

Der Schreck nach dem Ungarnaufstand im Oktober 1956

hatte bereits die Entscheidung des Staates beeinflußt, Boris Pasternaks
Doktor Schiwago nicht zu veröffentlichen.

Ein amtlicher Sprecher versicherte

auf dem Zweiten Kongreß der sowjetischen

Schriftsteller im Dezember 1956,

daß die Vorstellung, man könne Literatur

getrennt vom Kampf des Kommunismus

betrachten, nicht mehr zur Diskussion stehe.

Die Veröffentlichung des Doktor

Schiwago im Ausland im November 1957 ärgerte das Regime in Moskau und setzte
einen Präzedenzfall für das Verbot anderer Schriftsteller, deren Werke als
ideologisch unannehmbar angesehen wurden.

Trotzdem ermöglichte es der Ent-

stal inisierungsprozeß, daß im Jahr 1962 in der UdSSR "Ein Tag im Leben des
Iwan Denisowitsch" von Alexander Solschenizyn erscheinen konnte.

Dieses

Buch zeigt erschreckende Details des Lebens in einem Arbeitslager auf und
führte zu weiteren Enthüllungen.

Das Regime wurde unruhig, und Chruschtschow

schlug eine weniger liberale Politik ein.

Der Vorsitzende der Ideologie-

kommission des Zentralkomitees warnte Schriftsteller, nicht von der Annahme
auszugehen, daß,"weil der Willkür in unserem Lande ein Ende gesetzt wurde
und die Menschen nicht mehr wegen politischen Dissens verhaftet werden, jetzt
alles erlaubt ist und es keine Grenzen für die eigenen Wünsche gibt."

Kurz

vor seiner Absetzung im Jahr 1964 gab Chruschtschow bekannt, es werde keine
weiteren Enthüllungen über die Stalinzeit geben..
Unter Breschnew

�Unter Breschnew setzte das Regime zunächst den Kurs Chruschtschows fort,
Schriftsteller und Intellektuelle mit einer Kombination von Wohlwollen und
Repression zu behandeln, aber mit der Zeit gewann die Repression die Oberhand.
Das Breschnew-Regime unternahm einige Anstrengungen, um den Schaden am Bilde
Stalins zu reparieren, aber das wurde durch das Erscheinen von Alexander
Solschenizyns "Archipel GULAG" im Ausland erschwert, denn hier wurden die wahren Zustände in den Arbeitslagern Stalins enthüllt.

Solschenizyn wurde 1974

aus der UdSSR ausgewiesen, und zwar ohne Gerichtsverfahren; die Bürgerrechte
wurden ihm aberkannt.
Die Bemühungen Moskaus, seit Mitte der fünfziger Jahre die Verbreitung
schreibmaschinengeschriebener Manuskripte, der sogenannten Samizdat, und deren
Publikation im Ausland zu unterbinden, warfen die Frage der geistigen Freiheit
im rechtlichen wie im politischen Sinne auf.

In einer Reihe berühmt gewordener

Prozesse versuchte das Regime, die unbequemen Schriftsteller zum Schweigen
zu bringen:

Alexander Ginsburg (1958 und 1967), Jesef Brodski (1963), Andrei

Sinjawski und Juli Daniel (1966) und andere.

Die Behörden gingen beispiels-

weise gegen Brodski, einen nichtkonformistischen Dichter, so vor, daß sie ihm
jeden Broterwerb verwehrten und ihn dann wegen "Parasitentums"verurteilten,
weil er angeblich keiner Arbeit nachging.

Sinjawski, Mitglied des Schrift-

stellerverbandes, hatte seit 1956 im Ausland unter einem Pseudonym Arbeiten
veröffentlicht, und er war der erste prominente Intellektuelle, der nach Stalins
Tod verhaftet wurde.

Da eine Veröffentlichung im Ausland nach sowjetischem

Gesetz nicht verboten ist, wurde er der "anti-sowjetischen Agitation und Propaganda" beschuldigt und zusammen mit Juli Daniel, der ebenfalls im Ausland
publiziert hatte, vor Gericht gestellt.
Da die stalinschen Methoden abgeschafft waren, mußten die Behörden in
vielen Fällen vor Gericht gehen.

Anders als die Angeklagten in den stalinschen

Schauprozessen bestritten die angeklagten Schriftsteller ihre Schuld und verteidigten sich nachhaltig.

Einige fanden sogar die Unterstützung mutiger An-

wälte, die sich auf die verfassungsmäßigen Rechte ihrer Mandanten beriefen.
Um doch

�Um doch zu Verurteilungen zu gelangen, verletzte der Staat die Prozeßordnung, was zu offenen Protesten im eigenen Lande führte und der Sowjetunion
im Ausland einen schlechten Ruf einbrachte.

Die sowjetischen Intellektuellen

griffen die Frage der Legalität auf und nutzten die Publizität, um die Rechtsübergriffe der Behörden herauszustellen.

So diente das Streben der sowjetischen

Schriftsteller als Ausgangspunkt für andere, gleichfalls darauf zu bestehen,
daß die Sowjetunion ihnen das Recht zugestehe, das zu tun, was entweder vom Gesetz gestattet oder nicht ausdrücklich verboten sei.

Die Menschenrechtsbewegung
Die Verfechter der Menschenrechte in der Sowjetunion waren in erster
Linie um den Stand der Rechte überhaupt besorgt; es ging ihnen nicht, wie anderen, darum, solche Rechte zu nutzen, um bestimmte Auffassungen oder Interessen
zu vertreten. Ende der sechziger Jahre schlössen sich Menschenrechtsgruppen
in organisierten Komitees zusammen, nachdem Sympathisanten Petitionen verteilt
und die Unterstützung für verhaftete Schriftsteller und Intellektuelle mobilisiert hatten. Wurden solche Aktivisten verhaftet, dann fanden sie in ihrem
Schicksal Unterstützung; damit wiederum wuchs die Gruppe,und die gemeinsamen
Bemühungen wurden immer besser organisiert. Als im April 1968 eine neue
Samizdat-Zeitschrift, Chronik der aktuellen Ereignisse, erschien, erhielt die
Bewegung eine Stimme und einen Sammelpunkt für die verschiedenen Gruppen,
über zehn Jahre lang berichtete die Chronik ohne Kommentar oder politische
Stellungnahme über die Tätigkeiten der verschiedenen Gruppen und die repressiven Maßnahmen des Staates gegen sie.
In den Anfängen der Bewegung glaubten viele Intellektuelle an die Möglichkeit einer "Demokratisierung" des sowjetischen Systems. Schriftsteller
und Wissenschaftler, wie Valentin Turchin, Andrei Sacharow, Roi Medwedew und
Alexander Solschenizyn richteten offene Briefe an die sowjetischen Machthaber
mit Empfehlungen für Reformen. Auf all diese Versuche eines Dialogs antwortete der Staat mit Repression oder Schweigen.
Auch Entwicklungen
- 6 -

�Auch Entwicklungen außerhalb der Sowjetunion beeinflußten diese Bewegung.

Der Sieg Israels im Juni-Krieg 1967 trug dazu bei, bei den Juden in

der Sowjetunion ein Gefühl der Gruppenidentitä't zu schaffen und ihr Interesse
an einer Auswanderung zu steigern. Die Ereignisse in der Tschechoslowakei
1968 ermutigten zunächst, dämpften dann aber die Hoffnungen, daß moralischer
Protest zu einer Reform des sowjetischen Systems führen könnte.

Eine zwar

kleine und rasch gesprengte, aber doch sichtbare Protestdemonstration auf dem
Roten Platz gegen den sowjetischen Einmarsch in der Tschechoslowakei im August
1968 wurde ein Meilenstein in der Geschichte des Dissens in der UdSSR.
Das Hauptanliegen der Menschenrechtsaktivisten war nicht die politische
Aktion, sondern die Rolle des Rechts im sowjetischen Leben. Sie bezeichneten
sich selbst als "Bewegung zur Verteidigung der Legalität" - und sahen ihre
Funktion darin, das öffentliche Bewußtsein für Rechtsfragen in der UdSSR und
gegenüber Mißbräuchen der Behörden zu wecken, sowie die Unterdrückung rechtmäßigen Handelns durch das Regime an den Tag zu bringen. Zunächst schien
das Regime nicht recht zu wissen, wie es auf jene reagieren solle, die das
sowjetische Gesetz den sowjetischen Behörden als Norm anlegten und die darauf
bestanden, sowjetische Staatsvertreter hätten genau wie der einfache Bürger
das sowjetische Recht zu achten.
Im Mai 1969 war die Aktionsgruppe für die Verteidigung der Menschenrechte in der UdSSR die erste Menschenrechtsgruppe, die sich in dieser Form
in der Sowjetunion bildete. Von den 15 Gründungsmitgliedern waren nach einem
Jahr nur noch acht frei.

Im November 1970 gründete eine Gruppe von Physikern

- Andrei Sacharow, Valeri Tschaiidse und Andrei Twerdokubow - in Moskau das
Komitee für Menschenrechte. Das Komitee erklärte seine Absicht, in Übereinstimmung mit den sowjetischen Gesetzen und der Allgemeinen Menschenrechtserklärung zu handeln.
Der Ausschuß brachte seine Anerkennung dafür zum Ausdruck, daß das Regime
mit den Exzessen des Stalinismus Schluß gemacht hatte, und bot seine Hilfe dabei an, diese Tatsache noch deutlicher ins Licht zu rücken. Allerdings setzte

- 7 -

�Allerdings setzte er sich auch für die Sache jener Dissidenten ein, die in
psychiatrische Kliniken eingesperrt waren, brachte Menschenrechtsverletzungen,
wie jene gegenüber nationalen Gruppen wie den Krimtataren, an die Öffentlichkeit und drängte auf die Einhaltung internationaler Rechtsnormen für Geisteskranke.
Die Mitglieder und Sympathisanten beider Ausschüsse sahen sich rasch
Repressalien ausgesetzt.

Wladimir Bukowski wurde wegen seiner Versuche, die

Mißstände in den psychiatrischen Kliniken der Sowjetunion ans Licht zu bringen,
zu Arbeitslager verurteilt.

Tschaiidse wurde gezwungen, das Land zu verlassen.

Der sowjetische Geheimdienst KGB verstärkte seine Bemühungen, die SamizdatLiteratur aus der Welt zu schaffen, indem er deren Autoren verhaftete und das
Verbreitungsnetz zerstörte.

Um den Schaden so gering wie möglich zu halten,

den ihre repressive Innenpolitik auf ihre außenpolitischen Zielsetzungen hatte,
gestatteten die sowjetischen Behörden einigen der Aktivisten, zu emigrieren
- oder zwangen sie dazu.

Dennoch wurde die Arbeit des Ausschusses allmählich

auch in der sowjetischen Öffentlichkeit bekannt, wobei die Publizität, die sich
diese Ausschüsse im Ausland verschafften, bisweilen auch die Behörden zur Zurückhaltung veranlaßte und möglicherweise zum Entschluß der sowjetischen Regierung beitrug, im September 1973 die Internationale Konvention der Vereinten
Nationen über bürgerliche und politische Rechte zu ratifizieren.

Die Helsinki-Gruppe
Die formelle Verpflichtung der UdSSR im August 1975, sich an die Menschenrechtsbestimmungen der Schlußakte von Helsinki zu halten, ermöglichte
es den Dissidenten, ihre Aktivitäten auf eine klare Tatsache hin zu konzentrieren: Unterdrückung von Widerspruch im Lande selbst bedeutete nunmehr eine
Verletzung der internationalen Verpflichtungen Moskaus. Eine neue Gruppe von
Aktivisten nutzte diese Möglichkeit, den westlichen Druck auf die UdSSR zu
verstärken, indem sie die sowjetischen Verletzungen der Menschenrechtsbestimmungen der Schlußakte von Helsinki an die Öffentlichkeit brachten.
Im Mai 1976

�Im Mai 1976 gründeten Juri Orlow - der 1973 einer der Gründer der Moskauer
Gruppe von Amnesty International gewesen war -, Jelena Bonner - die Frau von
Andrei Sacharow -, Alexander Ginsburg zusammen mit anderen die sogenannte öffentliche Gruppe zur Förderung der Einhaltung der Helsinki-Vereinbarungen in der
UdSSR.

Innerhalb eines Jahres tauchten "Helsinki-Gruppen" in der Ukraine (No-

vember 1976), in Litauen (November 1976),in Georgien (Januar 1977) und in Armenien (April 1977) auf.

Im November 1976 organisierte Alexander Podrabined die

Arbeitsgruppe zur Untersuchung der Verwendung der Psychiatrie zu politischen
Zwecken, um damit die Arbeit der Helsinki-Gruppe von Moskau zu ergänzen.
Zunächst zögerten die sowjetischen Behörden.

Einige Monate lang konnten

diese Gruppen recht unbehindert arbeiten, insbesondere in Moskau.

Nachdem man

durch ausländische Rundfunksendungen über sie gehört hatte, wandten sich auch
andere sowjetische Bürger wegen Hilfe an sie oder gaben den Gruppen Informationen über Menschenrechtsverletzungen.

Während ihres Bestehens brachte die

Moskauer Gruppe fast 200 Berichte heraus, die solche Menschenrechtsverletzungen
dokumentierten:

Schauprozesse, Post- und Telefonüberwachung, Mißhandlung poli-

tischer Gefangener, Verfolgung von Andersdenkenden, Zwangstrennung von Familien,
Verweigerung des Rechtes auf Emigration sowie Einschüchterung von Arbeitern,
die den Versuch unternahmen, eine unabhängige Gewerkschaft zu bilden.
Die Festnahme von Juri Orlow und Anatol Schtscharanski im Jahr 1977 signalisierte einen Wandel der offiziellen Reaktion;

nun begann eine Reihe von Fest-

nahmen und Prozessen, die sich über mehrere Jahre hinzog.

Schließlich wurden

fast alle Mitglieder der Helsinki-Gruppe des Psychiatrie-Ausschusses zu langjährigen Freiheitsstrafen verurteilt oder in die Emigration gezwungen.

Die

wenigen verbliebenen Mitglieder der Moskauer Gruppe erkannten schließlich die
Nutzlosigkeit weiterer Bemühungen und kündigten im September 1982 ihre Auflösung an.

Diese Entscheidung bildete das Ende einer bedeutsamen Phase in der

Entwicklung der Dissidentenbewegung in der Sowjetunion und kennzeichnete das
vergebliche Bemühen, die Machtausübung des Regimes dadurch zu begrenzen, daß
auf sowjetisches Recht und auf internationale Verpflichtungen verwiesen wurde.
Die Moskauer

�Die Moskauer Helsinki-Gruppe war jedoch darin erfolgreich, die Welt über
die Lage der Menschenrechte in der UdSSR zu informieren, internationale Unterstützung für die sowjetischen Aktivisten zu mobilisieren und den gesamten Problemkreis zu einer entscheidenden Frage der Ost-West-Beziehungen zu machen.
Die Berichte der Psychiatrie-Kommission spielten eine wichtige Rolle dabei,
die gesamte sowjetische Psychiatrie auch international in einen solch schlechten Ruf zu bringen, daß die sojwetischen Psychiater es im Februar 1983 vorzogen, sich aus der Internationalen Psychiatrievereinigung zurückzuziehen, Statt
das Risiko einzugehen, nur einige Monate später ausgeschlossen zu werden.

Das Spektrum des Dissidententums
Die Dissidenten spiegelten eine ganze Bandbreite politischer Einstellungen wider:

Russische Nationalisten anti-sowjetischer Prägung sahen in der

sowjetischen Periode ein Unglück für die russische Nation und setzten sich
für eine Rückkehr zu den traditionellen Werten der russischen Kultur und zur
Rechtgläubigkeit ein: westlich ausgerichtete Vertreter waren dagegen für
einen Übergang zu einem pluralistischen, repräsentativen, demokratischen System;
marxistisch-sozialistischen Vertretern ging es um innere Reform und um die Demokratisierung des bestehenden Systems.
Der russische Nationalismus erwies sich für die Regierung als eine besonders problematische Frage, da von ihm die Gefahr ausging, das ethnische
Gleichgewicht der Sowjetunion durcheinander zu bringen.

Das Sowjetregime

hatte einige Aspekte und historische Interessen des russischen Zarenreichs
übernommen, einschließlich dessen territoriale Ziele und Großmachtansprüche.
Als Grundlage für die Entwicklung einer homogenen "sowjetischen" Kultur hatte
es mit Vorbedacht ausgewählte Elemente der russischen Kultur gefördert. Zudem tolerierte es Äußerungen des großrussischen Chauvinismus und verlangte
von allen Bürgern das Erlernen des Russischen als gemeinsamer Sprachgrundlage in einem multinationalen Staat.

Diese Politik begünstigte natürlich

antirussische Ressentiments in den nicht-russischen Republiken und förderte
- 10 -

�und förderte während der sechziger und siebziger Jahre - insbesondere in der
Ukraine, in den baltischen Staaten und im Kaukasus - ein Wiederaufleben des
Nationalismus, einschließlich des Gedankens an eine Loslösung und an nationale
Unabhängigkeit.

In gewissem Maße war die Entwicklung dieser nationalen Bewe-

gungen auch eine Reaktion auf die Verletzung der verfassungsmäßigen Garantien
des Regimes für nationale

und bürgerliche

Rechte

innerhalb der sowjetischen

Staatsstruktur.
Strafmaßnahmen gegen einige sowjetische Nationalitäten während des Zweiten Weltkrieges raubte diesen auf höchst wirksame Weise ihre überlieferten
Territorien, ihren autonomen National Status und die Möglichkeit zur Beibehaltung ihrer kulturellen und ethnischen Identität. So wurden etwa Volksdeutsche
und Krimtataren nach Mittelasien deportiert und ihnen die Rückkehr in ihre angestammte Heimat verweigert. Die Volksdeutschen reagierten darauf - wie die
Juden - mit dem Versuch der Emigration. Da die Krimtataren außerhalb der UdSSR
keine andere Heimat haben, versuchen sie auch weiterhin, ihre nationalen Rechte
wiederherzustellen. Aktivisten beider Gruppen bezahlen dafür mit Einschüchterung, Verhaftungen und langen Freiheitsstrafen.
Die Taktik der aus religiösen Gründen Unzufriedenen glich jener der Menschenrechtsaktivisten.

Sie forderten die Gläubigen auf, sich gegen die anti-

religiöse Politik zu wenden,und trugen dazu bei, das öffentliche Interesse an
der Religion wieder zu beleben. Gerade in jüngster Zeit wurde die zunehmende
Identifikation von Religion und nationalen Anliegen - vor allem in Litauen, in
der Ukraine und im Kaukasus - zu einem erheblichen Problem für das Regime.

Die

sowjetischen Behörden reagieren darauf mit verstärkter anti-religiöser Propaganda, mit der Einweisung von Aktivisten in Arbeitslager oder in psychiatrische
Anstalten; nicht amtlich eingetragene (und somit illegale) Kirchengemeinden
werden unter Drück gesetzt, um die Einhaltung jener sowjetischen Gesetze zu
erzwingen, die die Ausübung der Religion eingrenzen.
Seit Ende der sechziger Jahre begannen Aktivisten der russisch-orthodoxen Kirche damit, die Unterdrückung der Religion in der UdSSR zu dokumentieren.

- 11 -

�zu dokumentieren.

Daneben protestierten sie auch gegen die Unterwerfung des

Patriarchats unter das Regime und sein Versagen dabei, die Kirche und die
orthodoxen Gläubigen gegenüber den illegalen und willkürlichen Maßnahmen der
Behörden zu verteidigen.

Im Dezember 1976 gründete der Pfarrer Gleb Yakunin

den Christlichen Ausschuß zur Verteidigung der Rechte der Gläubigen, während
junge Intellektuelle christliche Seminare durchführten, um Gläubigen die Möglichkeit zu religiösen Studien zu bieten.
dieser Aktivisten verhaftet.

Im Lauf der Zeit wurden die meisten

Der Christliche Ausschuß hingegen lebt im Unter-

grund weiter; im Juli 1983 schickte er eine Botschaft an die 6. Konferenz des
Weltkirchenrates in Vancouver und beschrieb darin die zunehmende Unterdrückung
der Religion in der UdSSR und ersuchte um Hilfe.
Einige religiöse Gruppen - die Pentakostalisten, die Adventisten und andere - weigerten sich, die Einschränkungen zu akzeptieren, die das sowjetische
Gesetz über Glaubensvereinigungen ihnen auferlegte - insbesondere die Einschränkungen hinsichtlich des Predigens, des Bekehrens und der religiösen Unterweisung von Kindern.

Sie zogen es vor, außerhalb des Gesetzes zu arbeiten, indem

sie sich weigerten, sich bei den Behörden zu melden.

Die Baptisten spalteten

sich über dieserFrage in zwei Gruppen, die "offizielle" und "nicht-offizielle".
Teile der ukrainischen Ostkirche (Uniaten) leben inzwischen im Untergrund weiter, nachdem ihnen von staatlicher Seite nach dem Zweiten Weltkrieg eine Verbindung ihrer Kirche mit der Russisch-Orthodoxen Kirche aufgezwungen worden war.
Katholische Aktivisten in Litauen hatten außergewöhnlichen Erfolg damit,
sowohl die Geistlichkeit als auch die Gläubigen dabei zu mobilisieren, sich
dem offiziellen Druck zu widersetzen.

Die Gründung der nicht-offiziellen

Chronik der litauischen Katholischen Kirche im Jahr 1972 und der Katholische
Ausschuß zur Verteidigung der Rechte von Gläubigen im Jahr 1976 dienten dazu,
die Aktivisten noch stärker zusammenzubinden und zu motivieren.

Die Rolle der

litauischen Kirche - mit ihren militanten Priestern, ihren gutorganisierten
Gläubigen und ihren engen Beziehungen zur litauisch-nationalistischen Bewegung - ähnelt stark derjenigen der Kirche in Polen.
Die Bewegung
- 12 -

�Die Bewegung unter den sowjetischen Juden, ihr religiöses und kulturelles Erbe zu bewahren und ihr Recht auf Auswanderung

sicherzustellen, begann

Ende der fünfziger Jahre und verstärkte sich rasch.

Die stalinistische Poli-

tik gegenüber den Juden schwankte zunächst zwischen Assimilation und widerwilliger Anerkennung der jüdischen nationalen Identität, ging dann jedoch in den
Nachkriegsjahren zu offenem Antisemitismus über.
Die Behörden sahen in dem Wunsch nach Emigration den Beweis für eine Treulosigkeit, die an Verrat grenzte.

Das sowjetische Gesetz kennt nicht das Recht

des sojwetischen Bürgers, nach eigenem Gutdünken auszuwandern.

Die Auswande-

rungspolitik wird daher eher durch die Behörden als durch das Gesetz betimmt;
Familienzusammenführung und Heirat eines Ausländers sind daher die einzig anerkannten Gründe für einen Daueraufenthalt im Ausland.

Dennoch brachten Druck

im Innern und außenpolitische Erwägungen Moskau dazu, in den vergangenen 15
Jahren etwa 250 000

sowjetische Juden auswandern zu lassen.

Mit Beginn der

achtziger Jahre wurde dieser Exodus allmählich auf das derzeitige Niveau von
weniger als 200 je Monat zurückgeschraubt.
Das Regime ermutigt zudem immer offener den Antisemitismus - der ziemlich dürftig als "Anti-Zionismus" getarnt wird - und hat auch die Diskriminierung von Juden bei Ausbildung, Arbeitsplätzen und Beförderung ausgeweitet.

Es

unterdrückt alle Versuche von Juden, inoffizielle kulturelle und religiöse Aktivitäten zu organisieren, Hebräisch zu studieren oder ihre Anstrengungen um
Auswanderung öffentlich bekannt zu machen.

Als einzige der anerkannten reli-

giösen Gemeinschaften in der UdSSR haben die Juden keine Akademie um Geistliche auszubilden, keine genehmigten religiösen Zeitschriften, keine landesweiten religiösen Organisationen und keine bewilligten Verbindungen zu Glaubensgenossen im Ausland.
Ein offiziell genehmigter "Antizionistischer Ausschuß der sowjetischen
Gesellschaft", im April 1983 gegründet, der vorgibt, die Ansichten der sowjetischen Juden zu repräsentieren, erklärte, die Emigration sei deshalb bis auf
ein Mindestmaß zurückgegangen, weil alle Juden, die den Wunsch gehabt hätten,

- 13 -

�gehabt hätten, das Land zu verlassen, dies auch schon getan hätten.

Offen

antisemitische Artikel und Bücher werden nicht nur weiterhin veröffentlicht,
sondern werden auch in der zentralen Presse günstig besprochen.

Die Behörden

warnen die jüdischen Aktivisten vor weiteren Kontakten mit ausländischen
Sympathisanten und belästigen Besucher aus dem Westen, die während eines
UdSSR-Aufenthaltes zu Juden in Kontakt treten.
Neben den politischen, nationalistischen und religiösen Aktivisten haben in der Sowjetunion auch schon andere gelegentlich den Versuch unternommen,
ihre Interessen durch organisierte unabhängige Gruppen zu vertreten; das geht
von Künstlern, die zeitgenössische Kunst dem "sozialistischen Realismus" vorziehen, bis zu Behinderten, die den Versuch machen, um verbesserte medizinische
und soziale Versorgung zu kämpfen.

Viele Gruppen sind völlig unpolitisch und

gelten nur deshalb als Dissidenten, weil die Behörden sie als solche ansehen.
Verschiedeneiche Versuche in der jüngsten Zeit, eine unabhängige Gewerkschaft
zu organisieren, trafen auf einen besonders empfindlichen Nerv des Regimes,
dessen Empfindlichkeit durch das Entstehen der Gewerkschaft Solidarität in Polen
noch verstärkt wurde.

Einer der ersten Gewerkschafts-Aktivisten, Wladimir

Klebanow, wurde in eine psychiatrische Anstalt eingewiesen und seine Organisation zerstört.

Die jüngste nicht offizielle Gewerkschaftsgruppe - SMOT

(Freie interprofessionelle Arbeiterassoziation) - überlebt anscheinend auf
irgendeine Weise im Untergrund, obgleich einige ihrer Führer im ersten Halbjahr 1983 vor Gericht gestellt und verurteilt wurden.

So wurde der SMOT-

Aktivist Viktor Gerschuni in eine psychiatrische Anstalt eingewiesen, nachdem er im April wegen Verunglimpfung des sowjetischen Systems verurteilt worden war.

Dissidententum und sowjetisches Recht
Von Anbeginn an sah das Sowjetregime in den Versuchen der Menschenrechtsaktivisten, die Herrschaft des Rechts zu stärken, eine politische Unternehmung,
die darauf abzielte, die Regierungsautorität zu untergraben.

- 14 -

Es reagierte

�Es reagierte darauf mit einer Unterdrückungskampagne, deren Absicht es war,
die Kritiker zum Schweigen zu bringen und zur Einhaltung der Regimenormen zu
zwingen.

Die hierbei am meisten angewandten Methoden waren Arbeitsverweis,

körperliche Angriffe, Einweisung in psychiatrische Kliniken, Ausschluß von
Lehranstalten und rechtliche Sanktionen.
Den Behörden stehen dabei eine ganze Anzahl vage formulierter Artikel
der Strafgesetze der Sowjetrepubliken zur Verfügung, die die Ausübung grundlegender politischer, religiöser und bürgerlicher Rechte - einschließlich jener, die die sowjetische Verfassung wiederum garantiert - erheblich einschränken.

Zu den regelmäßig gegen Menschenrechtsaktivisten und andere Dissidenten

eingesetzten Artikeln des Strafgesetzbuches gehören der Artikel 70 (antisowjetische Agitation und Propaganda), Artikel 190,1 (die mündliche oder schriftliche Weiterverbreitung absichtlicher Lügen zum Schaden des sowjetischen Staates und seines Gesellschaftssystems), Artikel 209 (Parasitentum, kein Broterwerb), Artikel 162 (Betreiben eines verbotenen Handels) und Artikel 227 (Verletzung von Bürgerrechten unter der Vortäuschung von religiösen Zeremonien).
Artikel 64 (Verrat) und Artikel 71 (Tätigkeit in aktisowjetischen Organisationen)
werden bei besonders schwerwiegenden Fällen angewandt.
Die Behörden benützen oft genug legale Vorwände, wenn sie sich einmal
dazu entschieden haben, gegen einen Aktivisten vorzugehen.

Aus diesem Grund

geht in manchen Verfahren die politische Motivation gar nicht aus den formellen
Anklagen wegen kriminellen Verhaltens hervor - wie etwa ordnungswidriges Benehmen ("Hooliganismus"

"Rowdytum"), tätliche Beleidigung, Unterschlagung oder

Diebstahl von staatlichem Eigentum.

Regelmäßig kommt es dabei zu Verfahrens-

widrigkeiten durch die sowjetischen Behörden, um einen Dissidenten verurteilen
zu können.

So ist es z.B. bei Verfahren über eine Anklage gemäß Artikel 190,1

der Verteidigung nicht erlaubt, Beweise darüber vorzulegen, ob eine angeblich
verleumderische Erklärung tatsächlich zutrifft und richtig ist.

Dokumente,

die angeblich eine Verleumdung enthalten, werden normalerweise während des Verfahrens nicht vorgelegt oder vorgelesen; das Gericht akzeptiert lediglich ihre
Charakterisierung durch den Staatsanwalt, wenn dieser sie als verleumderisch

- 15 -

�als verleumderisch bezeichnet.

Eine Verurteilung ergibt sich dann erst im

Lauf des Verfahrens.
Die besonders harte Behandlung, die veruteilte Aktivisten in den Gefängnissen oder Arbeitslagern erfahren, die Tatsache, daß sie als unwürdig für eine
Begnadigung oder eine Amnestierung angesehen werden, sowie die Praxis, daß
prominente Aktivisten in besonderen Lagern abgesondert werden, widersprechen
den offiziellen Behauptungen, daß es in der Sowjetunion keine politischen Gefangenen gäbe - weder nach dem Gesetz noch als eine besondere Kategorie unter
den Strafgefangenen.

Die Verbannung Sacharows nach Gorki im Januar 1980, wo er

ohne gerichtliche Anklage praktisch unter Hausarrest lebt, ist nur eines der
vielen Beispiele für die Mißachtung der Menschenrechte und der Bestimmungen
des sowjetischen Rechtswesens seitens des Regimes.

Dissens während des Übergangs:

Breschnew und Andropow

Seit dem Tode Breschnews wurde durch personelle Veränderungen im KGB
und in der Parteiführung die Kampagne gegen die Dissidenten noch intensiviert;
dies scheint jedoch eher das gewachsene institutionelle Prestige des KGB und
dessen erhöhten Status widerzuspiegeln als eine Änderung der Politik.

Die ge-

genwärtige Kampagne gegen die Dissidenten begann schon während der letzten Jahre der Führerschaft Breschnews.

Obwohl Andropow persönlich eine wesentliche

Rolle bei der Formulierung der Politik Moskaus gegenüber den Dissidenten spielte - sowohl als Vorsitzender des KGB über 16 Jahre lang wie auch als Nachfolger
Breschnews im Amte des Generalsekretärs der Partei - liegen die Gründe für diesen überaus starken Druck jedoch in erster Linie in der Reaktion der sowjetischen Führung auf verschiedene wichtige Entwicklungen:
- Die Verschlechterung der Ost-West-Beziehungen, die den Behörden größere
Ellbogenfreiheit gegenüber den Aktivisten gab, ohne Rücksicht auf die
öffentliche Meinung im Westen nehmen zu müssen.
- Die größer

- 16 -

�- Die größer werdenden innenpolitischen Probleme, einschließlich der
Lebensmittelknappheit, der Unzufriedenheit der Arbeiter und der wirtschaftlichen Stagnation, die zu einer schlechteren öffentlichen Moral
und zu möglicher sozialer Unruhe führt.
- Die Ereignisse in Polen mit einem potentiellen übergreifen auf die
UdSSR.
Die Besorgnisse auf höchster Ebene haben ihren Ausdruck in öffentlichen
Erklärungen gefunden. So äußerte beispielsweise das Politbüromitglied und
Parteisekretär Konstantin Tschernenko, der damals als möglicher Nachfolger
Breschnews galt und immer noch ein prominentes Mitglied der Führung ist, in
der Zeitschrift des Zentralkomitees (Kommunist, Nr. 13, 1981) seine Bedenken
darüber, daß falsche Prioritäten, fehlende zeitgerechte Maßnahmen oder das
Unvermögen, die "einzigartigen Interessen einer jeden Klasse und einer jeden
Schicht der sowjetischen Gesellschaft" widerzuspiegeln, das Regime der Unterstützung durch die Massen berauben könnten, wodurch "die Gefahr der sozialen
Spannung und der sozio-ökonomischen Krise entsteht."

In der Ausgabe Nr. 14,

1981 des Kommunist unterstrich der Erste Stellvertretende Vorsitzende des KGB,
Zwigun, die Bedeutung der Bekämpfung der Dissidenten:

"Als Ergebnis der vom

KGB ergriffenen Maßnahmen, die in strikter Übereinstimmung mit dem Gesetz
durchgeführt wurden..., gelang es den antisozialen Elementen trotz der beträchtlichen materiellen und moralischen Unterstützung des Westens nicht, einen organisierten Zusammenhalt auf der Grundlage eines Antisowjetismus zu erreichen."
Gleichzeitig rief Zwigun

zu vermehrter Wachsamkeit gegen neue und noch

gefährlichere Formen der Subversion auf.
Besorgnisse wurden auch in politischen Erklärungen Andropows und seiner
Mitarbeiter deutlich, die die Bedeutung einer Prüfung der Beziehungen und der
Erfordernisse der Arbeiter auf nationaler Ebene unterstrichen, um Beschwerden
und Mißstände auszuräumen; ebenso wird jedoch darauf hingewiesen, daß der harte
Kurs im Hinblick auf die Menschenrechte und gegenüber religiös Gläubigen fort-

- 17 -

�Gläubigen fortgesetzt werde.

Andropow kritisierte insbesondere die Tatsache,

daß auf das .owjetische Recht zurückgegriffen werde, um den Menschenrechten
Nachdruck zu verleihen.

In seinem ersten theoretischen Artikel über den Mar-

xismus, erschienen in Nr. 3 des Kommunist, 1983, hob er die "Priorität des
öffentlichen Interesses" gegenüber den "Interessen des einzelnen" hervor.
In seiner Rede auf der Vollsitzung des Zentralkomitees der KPdSU am
15. Juni 1983 wies Tschernenko darauf hin, daß die "Arbeit" mit religiös
Gläubigen "nicht vernachlässigt werden darf", weil ideologische Zentren im
Ausland Behauptungen über "Verletzungen der Gewissensfreiheit in der UdSSR"
verbreiteten, um "religiöse Gefühle zu nähren und ihnen eine antisowjetische
und nationalistische Richtung zu verleihen".

"Wenn wir auf Verletzungen so-

zialistischer Gesetze und auf eine subversive politische Aktivität stoßen, die
sich hinter der Religion verbergen", so schloß er, "dann werden wir in Übereinstimmung mit den Forderungen unserer Verfassung handeln."
Die Zahl der Personen, die sich wegen angeblicher politischer oder religiöser Delikte in Gefängnissen, Arbeitslagern oder psychiatrischen Kliniken
befinden, wird - obwohl dies nicht mit Sicherheit bekannt ist - auf etwa 10 000
geschätzt.

Allerdings gleicht diese Zahl noch die Ges-mtzahl der sowjetischen

Strafgegangenen von rund vier Millionen (darunter zwei Millionen in Arbeitslagern und weitere zwei Millionen nichtinhaftierter Zwangsarbeiter) nicht der
Zahl der GULAG-Gefangenen unter Stalin, und auch die Bedingungen in den Lagern
sind nicht so brutal.

Das sowjetische Verhalten

und die Bilanz im Hinblick

auf die Menschenrechte stehen jedoch in krassem Gegensatz zu dem Bild der
sowjetischen Gesellschaft, die als fortschrittlich, aufgeklärt und human hingestellt wird.

Wie schon Solschenizyn geschrieben hat:

seln, das Archipel bleibt."

+ + + + +

- 18 -

"Die Machthaber wech-

�Wi//en/chaft
und Technik
United States Information Service
Embassy of the United States of America
11. Januar 1984

KOHLENDIOXID - EINE "HEIZDECKE" IN DER ATMOSPHÄRE
Neue US-Studien empfehlen Anpassungsstrategie für mögliche Klimaänderung

- (AD) - Die Erde wird im 21. Jahrhundert höhere Durchschnittstemperaturen
haben. Sie werden verursacht von einer "Heizdecke", nämlich dem steigenden
Kohlendioxidgehalt der Atmosphäre. Kohlendioxid (C0~) läßt zwar die von der Sonne
kommende energiereiche Strahlung durch, spiegelt jedoch die von der Erde abgegebene Wärmestrahlung wieder zur Oberfläche zurück. Der C02-Gehalt der Lufthülle
dürfte sich bis zum Jahr 2065 nahezu verdoppeln - von gegenwärtig 340 ppm ( d.h.
340 C02-Molekülen in 1 Million Luftmolekülen) auf etwa 600 ppm. Damit ginge
ein Anstieg der Temperatur an der Oberfläche und in den unteren Luftschichten um
1,5 bis 4,5 Grad Celsius einher. Und es gibt angesichts der Wirtschafts- und
Bevölkerungsentwicklung auf der Erde praktisch keine Möglichkeit, dies zu verhindern,
Zu diesem Ergebnis kamen unabhängig voneinander drei amerikanische Forschergruppen,
die im Auftrag von Regierung, Kongreß und der Umweltschutzbehörde EPA eingehende
Untersuchungen durchführten und anhand mathematischer Modelle Klimaprognosen
ausarbeiteten. Die Berichte wurden im Oktober und Dezember 1983 veröffentlicht.
Welche Rolle

Postfach 20 03 OO Tel.:0228-339 2035
D 5300 Bonn 2
Telex: 8-85432

�Welche Rolle Kohlendioxid in der Atmosphäre spielt, ist seit mehr als
100 Jahren bekannt.

Seit 1958 werden die COo-Konzentrationen systematisch und

mit ständig verbesserten Methoden gemessen.
in der Luft vorhanden.

Zwar ist Kohlendioxid von Natur aus

Jedoch steigt durch den Energieverbrauch, und das heißt

in erster Linie die Nutzung fossiler Brennstoffe, der COp-S'negel in der Lufthülle in einem Maße an, daß mit einschneidenden Veränderungen der klimatischen
Verhältnisse rund um den Erdball schon gegen Ende des nächsten Jahrhunderts
gerechnet werden muß. Hinzu kommt, daß neben dem Kohlendioxid auch Gase wie

'

Fluorchlorkohlenwasserstoffe, Stickoxide und Methan zu dem sog. Treibhauseffekt
beitragen.

'

Es sei unrealistisch, anzunehmen, daß die Erwärmung durch energiepolitische
Maßnahmen zu verhindern oder merklich zu verzögern ist, heißt es im Bericht des
Nationalen Forschungsrates (NRC).

Statt dessen sollten Wissenschaftler und

Politiker ihre Anstrengungen darauf richten, herauszufinden, wie sich Mensch und
Gesellschaft den neuen Gegebenheiten anpassen könnten und wie sich die veränderten
Klimabedingungen vermutlich auf landwirtschaftliche Produktion und Böden, auf die
Wasserversorgung, den Meeresspiegel Und wirtschaftliche Aktivitäten auswirken.
Gegenwärtig bestehe kein Grund zur Panik - aber Wachsamkeit sei geboten.
Die Prognosen seien, so wird betont, mit zu vielen Unsicherheitsfaktoren
sowohl hinsichtlich der Klimaänderungen durch C0 ? als auch künftiger Entwicklungen in Wirtschaft und Gesellschaft behaftet, als daß sofortige politische
Gegenmaßnahmen empfohlen oder gar gefordert werden könnten. Es wird darauf verwiesen, daß sich die Erdtemperatur in den letzten 1 000 Jahren um zwei Grad Celsius,,
im Ablauf der letzten Millionen Jahre um 6 bis 7 Grad Celsius verändert habe.
Gemessen an diesen Zeiträumen bedeuten die für das kommende Jahrhundert proghosti- .
zierten Veränderungen für unseren Planeten "größtenteils unbekanntes Territorium".
Man wisse nicht, wie eine Temperaturänderung um zwei Grad die Witterunesverhältnisse verändere, die wiederum den Wasserhaushalt, Landwirtschaft, das Leben
in den einzelnen Regionen und letztlich die We'tpolitik beinflußten.

- 2 -

Es sei zu

�Es sei zu vermuten, daß der Temperaturanstieg in den Polargebieten größer sein
werde als anderswo.

Temperaturerhöhungen um 3 bis 4 Grad hätten einen Anstieg

des Meeresspiegels um ca. 70 cm zur Folge.
trockenere Sommer zu erwarten.

In den mittleren Breiten wären

Niederschlag, Wasserversorgung und Landwirtschaft

dürften in den einzelnen Regionen unterschiedlich beeinflußt werden.

Jedoch sei,

weltweit gesehen, das Problem zum gegenwärtigen Zeitpunkt schon deshalb nicht
wirksam anzupacken, weil man sich bei den Prognosen nur auf Schätzungen stützen
konnte.

Das gelte für die Entwicklung der Wirtschaft ebenso wie für die Brenn-

stoffnutzung und den Energieverbrauch, für die Kohlendioxidanreicherung durch
fossile Brennstoffe und die Menge des tatsächlich in der Luft verbleibenden COp»
von dem ja die Meere einen großen Teil, vielleicht die Hälfte, aufnehmen, und für
die Auswirkungen sowohl von CO« als auch der anderen "Treibhausgase" auf Atmosphäre
und Klima.

Man wisse einfach noch zu wenig von allen diesen Prozessen, um sie

voll verstehen zu können.

Auch sei noch unklar, wie empfindlich die Atmosphäre

wirklich ist.
Deshalb sollte zumindest für die nächste Zukunft die Parole lauten: Mehr
Forschen und Messen, wachsam sein und aufgeschlossen für Entwicklungen, die eine
Umstellung von fossilen Brennstoffen auf andere Energiequellen ermöglichen, falls
dies notwendig werde. Und wachsam sein bedeute zunächst einmal sorgfältige Überwachung der Kohlendioxid-Konzentrationen, dazu kontinuierliche wissenschaftliche
Beobachtung der verschiedenen Komponenten für die Abgabe von C0 2 an die Luft, die
Ermittlung und Überwachung der (^-Konzentrationen in der gesamten Atmosphäre.
Immer wieder müsse man versuchen, zu klären, ob sich Klimaänderungen anbahnen oder
im Gange sind, welche Auswirkungen sie auf Umwelt und Gesellschaft haben, wie
diese reagieren.
Die für die EPA arbeitende Forschergruppe kam durch Modellrechnungen u.a.
zu dem Schluß, daß beispielsweise eine weltweite Supersteuer auf fossile Brennstoffe, die den Preis vervierfachte, den bis zum Jahr 2040 erwarteten Temperaturanstieg am 2°C nur um fünf Jahre verzögern würde.

Und eine bis zum Jahr 2100

angenommene Temperaturerhöhung um 5°C würde bestenfalls 15 Jahre hinausgeschoben,

- 3 -

�15 Jahre hinausgeschoben, wenn vom Ende dieses Jahrhunderts an keine Kohle mehr
verbraucht würde.
hin utopisch.

Ein internationales Verbot der Verwendung von Kohle sei ohne-

Die 1981 in Auftrag gegebene Studie sollte klären helfen, ob durch

eine Änderung der Energiepolitik hinsichtlich der Verwendung fossiler Brennstoffe
die COp-Emissionen soweit unter Kontrolle gebracht werden könnten, daß die vorausgesagte Erwärmung verhindert würde. Vorgeschlagen wird verstärkte Forschung, um
geeignete nationale Strategien zur Anpassung zu entwickeln.
«

Die dritte Studiengruppe, bestehend aus Ingenieuren und Wirtschaftlern der
Stanford-Universität und des Massachusetts Institute of Technology (MIT), hält
allein schon im Hinblick auf "sauren Regen" und andere Beispiele eine weltweite
gründliche Erörterung des Treibhauseffekts für dringend erforderlich.

Sie räumt

ein, daß wegen der unterschiedlichen Stadien der Industrialisierung, unterschiedlicher Verfügbarkeit von Ressourcen, auch wegen unterschiedlicher Auffassungen
über klimatologischen und wirtschaftlichen "Gewinn" oder "Verlust" ein Konsens
auf globaler Basis nicht erreichbar sei - dennoch müsse das Problem international
diskutiert und, wo immer möglich, auch angegangen werden.
Wichtig seien eingehende Untersuchungen auf dem Gebiet der elektrischen
Energie mit dem Ziel, durch technologische Verbesserungen und Durchbrüche Systeme
mit höherem Wirkungsgrad und größerer Flexibilität zu entwickeln, Stromverbrauch
und Stromkosten zu senken und auf diesem Wege Umweltbelastungen zu verringern.
Energieeinsparung (von etwa einem Prozent pro Jahr) sei ohne Schaden für die
Wirtschaft wegen der langfristig wirksamen technologischen Verbesserungen und
des Ersatzes von Systemen möglich - "eine Verbesserung, die in allen Regionen
und Sektoren erreichbar erscheint". Darin liege die wichtigste Chance, die Anreicherung von Kohlendioxid zu bremsen, und man gewinne Zeit und mehr Erfahrungen .
bei der Entwicklung und im Umgang mit Systemen, die alternative Energiequellen
nutzen.
+ + + + +

- 4 -

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                <text>&lt;strong&gt;1. Dokumentation&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Reagan bekräftigt Unterstützung für KVAE&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Hintergrundmaterial&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Menschenrechte in der UdSSR&lt;br /&gt;&lt;em&gt;- Eine Dokumentation des US-Außenministeriums -&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Wissenschaft und Technik&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Kohlendioxid - eine "Heizdecke" in der Atmosphäre&amp;nbsp;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;- Neue US-Studien empfehlen Anpassungsstrategien für mögliche Klimaänderung -&lt;/em&gt;</text>
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"v"" c£

1 1 . Januar 1988

«

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I N H A L T

INFORMATION
Sulllvan wird erster schwarzer Minister Im Kabinett Bush
- Porträt des neuen Gesundheitsministers -

DOKUMENTATION
Shultz drängt auf Beendigung des Einsatzes chemischer Waffen
- Rede vor der Pariser Konferenz Reagan legt Haushaltsentwurf für 1989/90 vor
- Zielsetzung bleibt Abbau des Defizits -

HINTERGRÜNDMATERIAL
Amerikanische Wissenschaftler führen Sicherheit von Hormonen an
- Artikel über bei der Tiermast eingesetzte Wachstumshormone -

Die Kontroverse über den Einsatz von Hormonen bei der Tiermast
- Der Hintergrund

* * * * *

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�AMERIKA DIENST
Information

11. Januar 1989

Sulllvan wird erster schwarzer Minister im Kabinett Bush
- Porträt des neuen Gesundheitsministers -

(AD). - Dr. Louis Sullivan, Präsident der "Morehouse School of Medicine" in Atlanta (Georgia), wurde von
George Bush als künftiger Minister
für das Gesundheitsund Sozialwesen
nominiert.
Der 55jährige wird der
erste Schwarze im Kabinett des nächsten
Präsidenten
der
Vereinigten
Stiiten
sein.
Beide kennen und
schätzen sich seit vielen Jahren, wie
Vizepräsident Bush kürzlich vor Journalisten erklärte. Wissenschaftliche
Fachgebiete Sullivans sind die Erforschung der Sichelzellen-Anämie sowie
verschiedener
Anämieformen
infolge
ernährungsbedingten Mangels an Vitamin B 12 oder gestörter Resorption
des Vitamins bzw. erhöhten Bedarfs an
Vitamin B 12.
George Bush möchte Sullivan vor

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allem deshalb an der Spitze des Gesundheitsund
Sozialministeriums
sehen, weil er weitreichende Erfahrungen sowohl als Mediziner als auch
im Gesundheitswesen und im akademischen Bereich besitzt. Gemeinsam mit
ihm beabsichtigt er die Realisierung
vom Kongreß verabschiedeter Sozialreformen, die "dazu bestimmt sind, benachteiligten Bürgern die notwendigen
Hilfsmittel an die Hand zu geben, um
unabhängig von Fremdhilfe zu werden".
Auch werde man eng zusammenarbeiten,
"um zu versuchen, der schrecklichen
AIDS-Tragödie Herr zu werden".
Sullivan selbst bezeichnete es
als eines seiner wichtigsten Ziele,
allen Amerikanern gute Gesundheitsfürsorge zugänglich zu machen "und
insbesondere Wege zu finden, diese

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�Fürsorge für die Angehörigen von Minderheiten und für unsere benachteiligten Bürger zu verbessern". Vorrangig will er, die explodierenden
Kosten auf dem Sektor Medizin unter
Kontrolle bringen, den speziellen Bedürfnissen von Kindern und alten Menschen gerecht werden, sich mit dem
Problem des Drogenmißbrauchs auseinandersetzen und Anstrengungen in der
biomedizinischen Forschung verstärken,
die
Heilungsaussichten
bei
Krebs, Herzerkrankungen und AIDS erhöhen.
In letzter Zeit war Sullivan von
Abtreibungsgegnern angegriffen worden, weil in einem Zeitungsartikel
behauptet worden war, er habe sich
für das Recht der Schwangeren auf Abbruch ihrer Schwangerschaft ausgesprochen. Dagegen erklärte Dr. Sullivan am 22. Dezember, er lehne Abtreibung ab, sofern die Schwangerschaft nicht Folge von Vergewaltigung
oder Inzest ist oder für das Leben
der Schwangeren gefürchtet werden
muß. "Mit Ausnahme des letztgenannten Falles bin ich auch dagegen, eine
Abtreibung auf Staatskosten vornehmen
zu lassen", sagte Sullivan.
Sein
Standpunkt sei in dieser Frage identisch mit dem des künftigen Präsidenten Bush, "mit dem ich voll übereinstimme". Im Verlauf der Wahlkampagne
war das Thema "Abtreibung" zu einer
stark emotionalisierten Streitfrage
geworden.
Während Bush das "Recht
auf Leben" betonte, bestand der demokratische Kandidat Michael Dukakis
darauf, daß die Entscheidung über die
Durchführung
einer Abtreibung der
Schwangeren überlassen werden müsse.
Der Forschertätigkeit Sullivans
sind zahlreiche Studien zu verdanken,
u.a. über den täglichen Mindestbedarf
an Vitamin B 12, und Folsäure sowie
die Auswirkungen von Alkoholkonsum
und anderer Faktoren auf die Bildung
roter Blutkörperchen. Für den letztgenannten Vorgang ist das in der Leber gespeicherte Vitamin B 12, das
auch hilft, Energie aus der Nahrung
freizusetzen, von großer Bedeutung.

Die Sichelzellenanämie, um deren
Erforschung sich Sullivan große Verdienste erwarb, beruht auf einem angeborenen Defekt der Erythrozyten
(rote Blutkörperchen). Sie enthalten
ein durch Mutation verändertes Hämoglobin-Molekül.
Die Erkrankung ist
im Verbreitungsgebiet
der Malaria
Tropica, vor allem in Schwarzafrika
besonders häufig. In den USA ist etwa jeder vierhundertste in Amerika
geborene Schwarze davon betroffen.
Auch bei Personen spanisch-mexikanischer Herkunft oder solchen aus Mittelost- und Mittelmeerländern sind
häufiger Fälle von Sichelzellenanämie
zu verzeichnen, während sich die
Krankheit unter Personen mitteleuropäischer Herkunft äußerst selten findet.
Die normalerweise runden Erythrozyten erhalten durch Auskristallisieren des pathologischen Hämoglobins
eine sichelähnliche Form.
Dadurch
wird das Blut dickflüssiger, Gefäße
und wichtige Organe wie die Milz können blockiert werden. Es kommt verbreitet zu kleineren Infarkten, die
Nieren- und
Lungenfunktion
beeinträchtigen und zu neurologischen Ausfällen führen können.
Gefürchtet
sind die Schmerzzustände an Knochen,
Gelenken und Wirbelsäule bei Infektionen, aber auch schon nach körperlicher Anstrengung.
In einem im vergangenen Jahr im
"New England Journal of Medicine"
veröffentlichten
Artikel
erörterte
Sullivan die Ergebnisse einer Studie,
die zeigte, daß bei Trägern der Anlage für die Erkrankung während oder
nach starken körperlichen Anstrengungen das Risiko eines plötzlichen Todes erhöht ist. Diese Personen, die
als "heterozygote Träger" bezeichnet
werden, sind meist symptomfrei. Ihr
Blut enthält sowohl normales Hämoglobin als auch die pathologischen Moleküle. Sind jedoch beide Eltern Sichelzellen-Träger, ohne selbst krank
zu sein, ist für das Kind Sichelzellenanämie vorprogrammiert.

�Die Studie basierte auf fünfjährigen Untersuchungen an Rekruten während der Grundausbildung. Das Todesrisiko war für schwarze Rekruten, die
Träger sind, 28 Mal größer als für
schwarze Nicht-Träger der Anlage, und
40 Mal größer als für alle anderen
Rekruten. Die Forschungen erbrachten
keine Beweise für die Ursache des
plötzlichen Todes von Anlageträgern
im Zusammenhang mit körperlicher Anstrengung. Sullivan entwickelte dazu
die Hypothese, daß die Existenz eines
anomalen
Hämoglobin-Moleküls
die
Blutzellen veranlaßt, die sichelähnliche Form anzunehmen, wenn für längere Zeit die Sauerstoffversorgung
vermindert ist, wie es beim harten
Training während der militärischen
Grundausbildung der Fall sein kann.
Gleichzeitig
verwies
der Wissenschaftler darauf, daß normale Alltagsaktivitäten diese Gefahr für Anlageträger
ausschlössen.
Deshalb
seien Vorbehalte seitens der Versicherungsgesellschaften oder von Arbeitgebern
gegenüber
Anlageträgern
nicht gerechtfertigt.

Louis Sullivan wurde am 3. November 1933 in Atlanta (Georgia) geboren
und studierte an der Universität Boston Medizin. Nach der Promotion im
Jahr 1958 spezialisierte er sich auf
Pathologie und arbeitet einige Jahre
am Massachusetts General Hospital.
Von 1970 bis 1977 war er als außerordentlicher Professor für Medizin und
Physiologie an der Universität Boston
tätig, bis ihn der Ruf an die "Morehouse School of Medicine" in Atlanta
erreichte. An dieser vor allem von
Schwarzen besuchten Hochschule hatte
er von 1977 bis 1985 die Ämter des
Dekans und Direktors inne und bekleidete seit drei Jahren das Amt des
Präsidenten.
Sullivan ist Inhaber
zahlreicher akademischer und anderer
Auszeichnungen, mit denen er sowohl
für wissenschaftliche Leistungen als
auch für seine Beiträge zur Ausbildung von Angehörigen von Minderheiten
in der Medizin geehrt wurde.

- 3 -

* * * * *

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AMERIKA DIENST
Dokumentation

'VON**

11. Januar 1989
SHULTZ DRÄNGT AUF BEENDIGUNG DES EINSATZES CHEMISCHER WAFFEN
- Rede vor der Pariser Konferenz -

PARIS - (AD) - Der amerikanische Außenminister George P. Shultz hat am 7.
Januar vor der Konferenz über chemische Waffen in Paris an die politisch Verantwortlichen in über 140 Ländern appelliert, dem Einsatz chemischer Waffen
abzuschwören und sie nicht in die Hände von Terroristen gelangen zu lassen.
Er forderte die Staatengemeinschaft auf, sich zusammenzuschließen und die Ziele und Grundsätze des Genfer Protokolls aus dem Jahre 1925 zu bekräftigen.
Nachfolgend
Wortlaut.

veröffentlichen wir die Ansprache des US-Außenministers im

Zu Beginn unserer Gespräche über
diese große Herausforderung, der sich
die Weltsicherheit durch die chemischen Waffen ausgesetzt sieht, habe
ich die Ehre, Ihnen eine Botschaft
des Präsidenten der Vereinigten Staaten, Ronald Reagan, zu übermitteln.
Sie lautet folgendermaßen:
"Verehrte Delegierte: Vor weniger als drei Monaten habe ich die
Parteien des Genfer Protokolls
und andere betroffene Staaten
aufgefordert, eine Konferenz zu
dem Zweck einzuberufen, die Einhaltung
internationaler
Normen
gegen den illegalen Einsatz chemischer Waffen zu erneuern. Heute haben sich dank der Initiative
des
französischen
Präsidenten
Mitterrand und der französischen

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Regierung Vertreter von über 145
Staaten in Paris versammelt, um
ihr Engagement für das Ziel der
Beendigung der Weiterverbreitung
dieser gefürchteten Waffen und
für die Verhinderung ihres Einsatzes zu bekräftigen.
Mit Ihrer Teilnahme wird die allen Ländern gemeinsame tiefe Besorgnis und Unruhe über die gefährliche Verbreitung
und den
wiederauflebenden Einsatz einer
der von der Menschheit am meisten
gefürchteten und fürchterlichsten
Formen der Kriegführung unterstrichen. Sie zeigt ferner, daß
Sie den Wunsch teilen, die notwendigen Schritte zu unternehmen,
um zu verhindern, daß solche Waffen erneut eingesetzt werden.

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�Das Genfer Protokoll von 1925
bleibt ein ungemein wertvoller
und notwendiger Vertrag, aber
seine Ziele können nur erreicht
werden, wenn die Staaten sich daran halten. Eine erneute Bekräftigung der Ziele des Genfer Protokolls ist nicht nur eine Frage
des Rechts, sondern ein bedeutender Schritt zu einer sichereren
Zukunft der Menschheit. Es ist
meine Hoffnung, daß die Teilnehmer der Pariser Konferenz diesen
wichtigen Schritt tun werden.
Regierung und Volk der Vereinigten Staaten übermitteln ihre Gebete und besten Wünsche für das
Gelingen dieses lebenswichtigen
Unternehmens, das von Ihnen in
Angriff genommen wird."
In d er Tat hat uns ein Grauen
heute hier zusammengeführt, das wie
ein Damoklesschwert seit nahezu einem
Jahrhundert
über
der
Menschheit
schwebt - die Bedrohung durch und der
Einsatz von chemischen und biologischen Waffen.
Die Geschichte verzeichnet, daß
am Vorabend dieses geplagten Jahrhunderts - eines Jahrhunderts, das von
einer Reihe vom Menschen geschaffenen
Schrecken erfüllt sein sollte -, die
Teilnehmer an der ersten Haager Friedenskonferenz im Jahr 1899 sich bereiterklärten, chemische Waffen zu
verurteilen.
Aber die Warnungen der Haager Erklärung gegen den Einsatz von Giftgas
wurden nicht beherzigt. Im Jahr 1915
wurden auf den Schlachtfeldern von
Flandern nahe Ypern - nur 200 Kilometer von unserem Tagungsort entfernt chemische Waffen zum ersten Mal in
großem Umfang im Krieg eingesetzt.
Im Ersten Weltkrieg wurden über eine
Million Menschen, Soldaten wie Zivilisten, von chemischen Waffen getötet
oder verletzt - ein grauenvolles Vorzeichen für die Hunderttausenden, die
von dieser Geißel noch zu Tode gebracht werden sollten.

Das Schicksal der Überlebenden
war kaum besser als das derjenigen,
die sofort getötet wurden. Ein Augenzeuge beschrieb sie später folgendermaßen:
"Gesichter, Arme, Hände waren von
glänzend
grau-schwarzer
Farbe.
Mit offenen Mündern und glasigen
Augen taumelten sie vor und zurück und versuchten, zu Atem zu
kommen während sie um ihr Leben
kämpften."
Im Ersten Weltkrieg senkten sich
die todbringenden chemischen Wolken
über die Fronten im Westen wie im
Osten. Sie kannten keine Grenzen und
vereinten in ihrem Schrecken und gemeinsamen Leid viele der am heutigen
Tage hier vertretenen Nationen. Diese Art der Vernichtung brachte keinen
militärischen Vorteil.
Sie machte
das Patt dieses Konflikts schlicht
noch verheerender - so furchtbar, daß
die Staatengemeinschaft sich schließlich zum Handeln gezwungen sah.
Die Maßnahmen erfolgten rasch und
gipfelten im Genfer Protokoll des
Jahres 1925 ihren Höhepunkt, mit dem
die führenden Staaten der Welt - unter ihnen die Regierung der Vereinigten Staaten - eine Übereinkunft schufen, die den Einsatz chemischer und
biologischer Waffen im Krieg verbot.
Die Arbeit der Konferenz blieb
über sechs Jahrzehnte hinweg gültig.
Allerdings wurden die in Genf aufgestellten rechtlichen und moralischen
Schranken auf tragische Weise in den
dreißiger und vierziger Jahren gebrochen. Deshalb hatte Franklin Roosevelt Recht, als er sagte, es sei "die
Menschheit
allgemein
davon
überzeugt" , daß chemische Waffen verboten
werden sollten.
Haben wir die Lehren der Geschichte
vergessen?
Dies ist weiterhin eine begründete Ansicht. In den letzten Jahren
sind die internationalen Normen gegen

�chemische Waffen in der Praxis allmählich ausgehöhlt worden - zuerst im
Nahen Osten und unlängst in regionalen Konflikten von Südostasien bis zu
Afghanistan und dem Persischen Golf
Und selbst, wenn der Frieden in
diese konfliktgeschüttelten Gebieten
Einzug halten sollte - und wir hoffen
und beten für den Tag, an dem dies
geschieht -, wird diese Hinterlassenschaft des Einsatzes chemischer Waffen für sie noch auf Jahre hinaus
eine wirkliche Belastung sein. Der
Bericht der Weltgesundheitsorganisation von 1970 kam zu dem Schluß:
"Chemische und biologische Waffen
bilden eine ernste Bedrohung für die
Zivilbevölkerung.
Der
umfassende
Einsatz chemischer und biologischer
Waffen könnte dauerhafte Veränderungen unvorhersehbarer Art in der Umwelt zur Folge haben."
Die Konsequenzen des Einsatzes
chemischer Waffen in der Vergangenheit belasten Europa heute immer
noch. Nicht detonierte chemische Munition aus dem Ersten Weltkrieg setzt
weiterhin in den Gewässern, in denen
sie versenkt wurden, ihren alternden
- aber immer noch tödlichen - Inhalt
frei.
Nordseefischer und Schwimmer
in Küstengewässern tragen immer noch
Senfgasverbrennungen von versenkter
und korrodierender Munition davon.
Auch in den Gewässern des Schatt
al Arab wird nicht detonierte chemische Munition auf Jahrzehnte hinaus
Menschenleben und Umwelt bedrohen.
Wir können keinen Aufschub mehr
zulassen.
Die Zeit arbeitet gegen
uns.
Die Technologie bleibt nicht
stehen. Noch tödlichere und heimtükkischere chemische Waffen befinden
sich in der Entwicklung - Waffen, mit
denen Verteidigungssysteme überwunden
werden und die verheerende Auswirkungen haben. Die Fähigkeit zur Herstellung solcher Waffen verbreitet
sich rasch - und mit ihr die Technologie der Herstellung ballistischer
Raketen als Trägersysteme.

Zusätzlich sehen wir uns mit dem
noch groteskeren Schreckgespenst der
Verbreitung biologischer Waffen konfrontiert. In Verletzung der Konvention über biologische und toxische
Waffen von 1972 werden von Staaten
noch
tödlichere
und
resistentere
Krankheitserreger entwickelt, produziert und gelagert.
Es ist keine
Übertreibung, zu sagen, daß die bloße
Existenz
dieser Waffen eine der
ernsthaftesten Bedrohungen für das
überleben der Menschheit darstellt.
Mutet es nicht wie grausame Ironie an, daß diese neuen und todbringenden Bedrohungen uns gerade zu der
Zeit zunehmend in Schrecken versetzen, da wir begonnen haben, Fortschritte bei der Kontrolle und Reduzierung von Kernwaffen zu erzielen?
Ein Alptraum für jedermann wäre folgerichtig die Kombination ballistischer Raketen, chemischer Gefechtsköpfe und biologischer Waffen in der
Hand von Regierungen, die sich in der
Vergangenheit terroristischer Gewalttaten schuldig gemacht haben.
Der Zugang von Terroristen zu
chemischen und biologischen Wirkstoffen ist eine weitere Bedrohung für
die
internationale
Staatengemeinschaft.
Es gibt keinerlei unüberwindliche technische Hindernisse, die
terroristische Gruppen vom Einsatz
chemischer Waffen abhalten könnten.
Die Bedrohung ist real. Einige Regierungen, die als Förderer des Terrorismus bekannt sind, besitzen heute
beträchtliche Fähigkeiten bei chemischen Waffen.
Welche Maßnahmen müssen wir ergreifen?
In einer Rede vor der Vollversammlung der Vereinten Nationen hat
Präsident Reagan den Vorschlag für
diese Konferenz unterbreitet.
Wir
wollen uns seine Worte ins Gedächtnis
rufen:
"Giftgas.
Chemische Waffen ...
Diese Schrecken. Dieses Grauen ...
Es obliegt allen zivilisierten Natio-

- 3 -

�nen, Kriegführung unter Einsatz von
chemischen Waffen und Giftgas ein für
alle mal zu verbieten."
Die internationale Gemeinschaft
muß heute an verschiedenen Fronten
vorgehen, um die Bedrohung durch chemische Waffen auszumerzen, ihren illegalen Einsatz zu verhindern und ihrer gefährlichen Verbreitung Einhalt
zu gebieten.
Selbst während wir bei den Genfer
Verhandlungen über ein Verbot der
Entwicklung,
Herstellung, Beschaffung, Lagerung, Beibehaltung oder des
Transfers chemischer Waffen Fortschritte erzielen, muß jeder von uns
jetzt Schritte zur Stärkung unserer
politischen Verpflichtung zur Offenlegung der Bedrohung und Kontrolle
der Verbreitung und des Einsatzes
dieser verabscheuungswürdigen Waffen
unternehmen.
Meine Regierung hat die Schwierigkeiten - vor allem der Verifizierung - niemals unterschätzt, die bei
der Verwirklichung dieses vordringlichen Ziels überwunden werden müssen. Als Vizepräsident Bush im Jahr
1984 im Namen von Präsident Reagan
den Vertragsentwurf in Genf auf den
Verhandlungstisch legte, erklärte er,
ein umfassendes Verbot chemischer
Waffen könne erst dann funktionieren,
wenn die Staaten bereit seien, "sich
zu einem neuen, aber absolut notwendigen Maß an Offenheit zu verpflichten" - "einer neuen Art und Weise,
miteinander
umzugehen".
So eindrucksvoll diese Herausforderung auch
sein mag, sollte die Völkergemeinschaft die Entschlossenheit der Vereinigten Staaten nicht unterschätzen,
diese Probleme zu überwinden und
einen wirksamen Vertrag in Kraft zu
setzen.
Vor kurzem hat der künftige Präsident Bush erklärt, eine seiner
höchsten Prioritäten liege darin,
das, was er so treffend als "diese
schreckliche Geißel" bezeichnet, zu
bekämpfen. Er führte aus, er wolle
als ein Präsident in der Erinnerung

verhaftet bleiben, der gemeinsam mit
den Verbündeten, der Sowjetunion und
anderen Nationen die Beseitigung chemischer Kriegführung und chemischer
Waffen herbeigeführt hat.
Die Staatengemeinschaft muß sich
vereinigen und sich erneut - entschlossen und wirksam - den Zielen
und Grundsätzen des Genfer Protokolls
aus dem Jahr 1925 verpflichten. Kein
Land sollte angesichts der Bedrohung
durch chemische Waffen nur auf sich
selbst gestellt sein, denn kein Land
ist dagegen immun. Wir müssen bereit
sein, Staatskunst auszuüben, zu kooperieren und die Durchführung zu erzwingen.
Aus diesem Grund fordern wir diese Konferenz
auf, die folgenden
Schritte unverzüglich zu unterstützen:
Jede Nation muß die politische
Verpflichtung auf sich nehmen,
die internationalen Normen über
den Einsatz chemischer Waffen
einzuhalten;
Nationen, die dem Genfer Protokoll aus dem Jahr 1925 noch nicht
beigetreten sind, sollten dies
tun;
Die Fähigkeit des Generalsekretärs der Vereinten Nationen, Beschuldigungen über den illegalen
Einsatz chemischer Waffen bei bewaffneten Konflikten unverzüglich
nachzugehen, sollte gestärkt und
erweitert werden.
Es bleibt noch viel zu tun, sowohl im Verlauf dieser Konferenz als
auch im Anschluß daran.
Wir sollten Verfahren für humanitären Beistand für Opfer eines Angriffs mit chemischen Waffen in Erwägung ziehen.
Wir müssen die Unterstützung für
die in der Charta der Vereinten Nation verankerten Maßnahmen verstärken, wenn es in Zukunft zum illegalen
Einsatz
chemischer
Waffen
kommen

- 4 -

�sollte - und hierbei denke ich vor
allem an die Sanktionen in Kapitel
7. Um den künftigen Präsidenten Bush
zu zitieren, "... die Nationen, die
sich
der
chemischen
Kriegführung
schuldig gemacht haben, müssen einen
Preis bezahlen. Sie müssen wissen,
daß die Verletzung des Verbots über
den Einsatz solcher Waffen schwere
Bestrafung nach sich zieht. Nicht
nur ein Bußgeld oder eine kleinere
Sanktion, die man ignorieren kann."
Es besteht die dringende Notwendigkeit für Schritte zur Erlangung
größerer Zurückhaltung auf internationaler Ebene bei Export von Technologien, Chemikalien und Waffen, die mit
chemischer Kriegführung in Zusammenhang stehen.
Seit 1985 haben die
Vereinigten Staaten mit 18 anderen
Nationen bei der Koordinierung von
Bestrebungen zur Kontrolle des mit
chemischen Waffen in Verbindung stehenden internationalen Handels zusammengearbeitet. Wir sollten Möglichkeiten für wirksamere Mittel zur Kontrolle des Transfers von Vorläufern
chemischer Waffen, Technologie und
Waffen zur chemischen Kriegführung
erforschen, ohne den legitimen Handel
und die friedliche Anwendung zum Nutzen der Menschheit zu unterbinden.
Schließlich möchte ich Sie bitten, mit mir gemeinsam unsere Regierungen zu verpflichten, nicht nur den
Einsatz chemischer Waffen bei bewaffneten Konflikten zu verhindern, sondern terroristischen Gruppen den Zugang zu chemischen Waffen zu verweigern.
Das Problem der Verbreitung chemischer Waffen ist ebenso schwierig
wie gefährlich. Die Herausforderung,
die sie für die Sicherheit der Welt
darstellen, ist so vordringlich, daß
internationale Bestrebungen in diesem
Bereich nicht von anderen schwierigen
RUstungskontrollthemen wie der Verbreitung von Nuklearwaffen abhängig
gemacht werden sollten. Wenn wir der
Bedrohung durch chemische Waffen in
jeder Hinsicht wirksam begegnen wollen, müssen wir zum Kern des Problems

vordringen.
Die Verbreitung chemischer Waffen
ist kein Problem zwischen Entwicklungs- und
Industrienationen.
Es
geht nicht darum, daß einige Nationen
versuchen, ein Monopol an chemischen
Waffen aufrechtzuerhalten, indem sie
es anderen Ländern unmöglich machen,
in ihren Besitz zu gelangen. Alle
Nationen haben den größtmöglichen
Vorteil, wenn sie sich auf das wirkliche Problem konzentrieren:
die
Verbreitung und den Einsatz dieser
Waffen zu verhindern, auch dann, wenn
wir uns der Befreiung der Welt von
den bereits bestehenden chemischen
Waffen verschrieben haben.
Was die Vereinigten Staaten anbetrifft, so haben wir seit 1971 aktiv
an den Verhandlungen bei der Abrüstungskonferenz
teilgenommen.
Wir
engagieren uns für den Erfolg dieser
Verhandlungen, und wir werden so lange wie nötig am Verhandlungstisch
bleiben. Wir werden das Genfer Protokoll aus dem Jahr 1925 und alle anderen Bestimmungen des Völkerrechts
im Zusammenhang mit dem Einsatz chemischer Waffen, einschließlich der
Genfer Konvention von 1949 einhalten.
Und wir fordern alle hier versammelten Länder - und alle Länder der Welt
- auf, ein ebensolches Versprechen
abzugeben.
Es bedarf weltweiter Anstrengungen
Wir sind der Regierung Frankreichs und Präsident Mitterrand zu
Dank verplichtet, daß sie als Antwort
auf Präsident Reagans Aufforderung
vor der Vollversammlung der Vereinten
Nationen die Staatengemeinschaft hier
in Paris zusammengerufen haben.
Die Wiederaufnahme der chemischen
Kriegführung in den vergangenen 25
Jahren bedeutet für die Menschheit,
die Vernunft und die Zivilisation
einen
gefährlicheren
Rückschritt.
Der künftige Präsident Bush hat den
Ausbruch eines Krieges mit chemischen
Waffen und die Verbreitung ballistischer Raketen als "deutliche Erinne-

- 5 -

�rung, wie leicht Nationen vom Wege
abkommen und auf den Abgrund zusteuern können", bezeichnet. Und zu seiner "feierlichen Mission" hat er die
zur Zusammenarbeit mit der internationalen Gemeinschaft erklärt, "dies
zu beenden und zwar heute".
Jetzt ist es an der Zeit, daß wir
uns zu unserer Verantwortung bekennen. Lassen Sie uns gemeinsam unsere
Aufgabe bewältigen, unsere feierlichen moralischen und rechtlichen Verpflichtungen zu erfüllen.
Ein von dem großen amerikanischen
Schriftsteller Carl Sandburg - seinerzeit Kriegsberichterstatter in Europa - im Jahr 1916 verfaßtes Gedicht
geht mir nicht aus dem Kopf.
Es
heißt Gras und endet mit diesen
eindrucksvollen und bitteren Zeilen:
"Stapelt die Körper ... in Ypern
und Verdun.
Begrabt sie und laßt mich an die
Arbeit gehen.
Zwei Jahre, zehn Jahre später und
die Fahrgäste fragen den Schaffner:
Was ist dies für ein Ort?
Wo sind wir jetzt?
Ich bin das Gras.
Laßt mich an die Arbeit gehen."
Heute sage ich Ihnen: Laßt uns
unsererseits an die Arbeit gehen und
sicherstellen, daß wir die Opfer der
chemischen Kriegführung niemals vergessen. Laßt jeden einzelnen von uns
sicherstellen, daß wir uns weder
durch den Lauf der Zeit noch die Notwendigkeiten des Augenblicks jemals
wieder aus der Verantwortung stehlen,
die wir der Menschheit gegenüber tragen.

* * * * *

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'VON

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AMERIKA DIENST
Dokumentation

e&lt;

*

11. Januar 1989

REAGAN LEGT HAUSHALTSENTWURF FÜR 1989/1990 VOR
- Zielsetzung bleibt Abbau des Defizits -

WASHINGTON - (AD) - Mit der am 9. Januar 1989 dem Kongreß zugeleiteten
Vorlage des Entwurfs für das am 30. September 1990 endende Haushaltsjahr befürwortet Präsident Reagan eine Kürzung des Ausgabenumfangs, um das Haushaltsdefizit abzubauen.
Die Begleitbotschaft des Präsidenten zur Haushaltsvorlage hat folgenden
Wortlaut.
An den Sprecher des Repräsentantenhauses und den Präsidenten des Senats:
Vor acht Jahren waren viele in
diesem Land besorgt über die Zukunft
der Wirtschaft, unserer Regierung und
nicht zuletzt unserer Nation selbst.
Die Arbeitslosenquote war hoch und im
Steigen begriffen.
Inflation und
Zinssätze
erreichten
Rekordhöhen.
Die
Verteidigungsfähigkeit
unseres
Landes war vernachlässigt worden und
somit geschwächt. Das internationale
Ansehen der Vereinigten Staaten befand sich auf einem Tiefpunkt.
Um die Wirtschaftsprobleme zu lösen, mit denen wir uns damals konfrontiert sahen, schlug unsere Administration
ein
Gesundungsprogramm

United States Information Service
Embassy of the United States of America

vor, das sich auf vier Grundprinzipien konzentrierte:
Senkung der Einkommens- und Unternehmenssteuersätze .
Verringerung
der
bei Bundesausgaben.

Wachstumsrate

Verringerung der Fülle von Bundesvorschriften durch Abbau unnötiger Einschränkungen bei gleichzeitigem Schutz der Interessen
und der Sicherheit der Öffentlichkeit.
Unterstützung
einer
gemäßigten
und kontinuierlichen Geldmarktpolitik zur Eindämmung der Inflation.

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.: 0228-339 2035
Telex: 8-85432

�Um unsere Verteidigungsfähigkeiten wiederaufzubauen und die Stellung
der Vereinigten Staaten in der Welt
zu erneuern, haben wir erweiterte nationale Sicherheits- und internationale Programme vorgeschlagen.

Arbeitslosenquote
um mehr als
fünf Prozentpunkte auf 5,4 Prozent - ihren niedrigsten Stand
seit 14 Jahren - zurückgegangen
ist.
Die in den vier Jahren vor meiner
Amtszeit
durchschnittlich
10,4
Prozent betragende Inflation ist
im Verlauf der vergangenen sechs
Jahre auf durchschnittlich weniger als ein Drittel dieses Wertes
zurückgefallen.

Ferner haben wir das umfassendste
Programm zur Verbesserung der Verwaltung in die Wege geleitet, das je
in Angriff genommen wurde, um die jeweiligen Beziehungen zwischen den Regierungen des Bundes, der Einzelstaaten, der Kommunen und dem Privatsektor wiederherzustellen, Verschwendung
bei Bundesprogrammen abzubauen und
Kontrollen im Verwaltungsablauf sowie
eine Steigerung der Leistungsfähigkeit bei gleichzeitiger Verbesserung
der Dienstleistungen einzuführen.
Heute kann das amerikanische Volk
stolz auf die Fortschritte sein, die
in jedem dieser Bereiche erzielt worden sind. Als Ergebnis dieser Fortschritte haben die Vereinigten Staaten ihre Position im Inland gestärkt,
sind auf internationaler Ebene sicherer geworden und stehen in den Augen
der Welt besser da als vor acht Jahren.

Gleichzeitig sind die Realeinkommen nach Steuerabzug seit 1982 um
24 Prozent gestiegen und mit ihnen unser Lebensstandard insgesamt.
Steuergesetzgebung
stimmungen

Be-

Seit 1981 ist die vom Bürger für
das Ausfüllen von Formularen für
die Bundesregierung aufgewandte
Zeit jährlich um 600 Millionen
Stunden verkürzt worden, und die
Anzahl der Seiten von jährlich im
Bundesanzeiger
veröffentlichten
Verfügungen ist um mehr als 45
Prozent verringert worden.

In gemeinsamer Arbeit haben wir
in den vergangenen acht Jahren viel
erreicht.
Die Wirtschaft

Seit Beginn dieser Expansion sind
19 Millionen neuer Arbeitsplätze
geschaffen worden, während die

sonstige

Zwischen 1981 und 1987 sind die
Steuergesetze
durch
Änderungen
der Bundessteuergesetzgebung gerechter geworden und die Einkommenssteuersätze wurden gesenkt.
Für 4,3 Millionen einkommensschwache Familien ist die Abgabe
von Stuererklärungen nicht länger
erforderlich.

Die Bilanz der vergangenen acht Jahre

Die nunmehr im sechsten Jahr anhaltende wirtschaftliche Expansion hat alle vorherigen Aufschwungperioden in Friedenszeiten
in der Geschichte der Vereinigten
Staaten ilbertroffen. Betriebliche Investitionen und Exporte
steigen an und das Wirtschaftswachstum wird voraussichtlich bis
in die neunziger Jahre anhalten.

und

Haushalt
-

Die Ausgabenexplosion bei Bundesaufwendungen ist eingedämmt worden und die Haushaltsprioritäten
wurden auf solche Aufgaben verlagert, die von der Bundesregierung
zur Verfügung
gestellt werden
sollten, wie beispielsweise nationale
Verteidigung,
wissenschaftliche
Grundlagenforschung
und Wahrung der Rechte aller Bürger.

�-

Das System der Sozialversicherung
konnte vor der drohenden Zahlungsunfähigkeit gerettet werden
und ist bis ins nächste Jahrhundert sichergestellt.

Abschreckung durch die Bedrohung
eines nuklearen Vergeltungsschlages gründet sondern auf Verteidigungssysteme, die niemanden bedrohen.

Die Ausgabenexplosion der siebziger Jahre bei vermögensabhängigen
Leistungsprogrammen
ist
eingedämmt worden.
Bestimmungen für
die Inanspruchnahme wurden verschärft, um die Leistungen wieder
den wirklich Bedürftigen zufliessen zu lassen. Die GrundVergütungen
für
Einkommensschwache,
Ältere und andere von Unterstützung durch den Staat Abhängige
sind beibehalten worden.

Unsere Bereitschaft, die Freiheit
auf der ganzen Welt zu verteidigen hat bei der Verbreitung der
Demokratie und der Eindämmung der
Flut
kommunistischer
Expansion
Erfolge gezeitigt.
Verwaltung und Regierung
Die
Bundesbehörden
haben
ein
wichtiges Programm zum Abbau der
Verwaltungsbürokratie - "Reform
'88" - eingeleitet, mit dem die
Maßnahmen der Bundesregierung im
Bereich der Finanzverwaltung rationeller durchgeführt und Verschwendung, Betrug und Mißbrauch
beseitigt werden sollen.

Wir haben Schritte eingeleitet,
um andere Leistungsprogramme auf
eine soliderer Grundlage zu stellen. Dazu zählt die Krankenhausversicherung Medicare, die von
einem Zuschußprojekt in ein System umgewandelt wurde, mit dem
Wettbewerb gefördert und Kosten
niedrig gehalten werden.
Verteidigung und
gelegenheiten

internationale

Einige von der Bundesregierung
wahrgenommene Aufgaben sind wieder an den Privatsektor oder die
Regierungen
der
Bundesstaaten
oder Kommunen zurückgegeben worden.

An-

Unsere Verteidigungsfähigkeit ist
gestärkt und Waffensysteme sind
modernisiert und verbessert worden. Wir rekrutieren und halten
besser qualifiziertes Personal.
Bereitschaft, Ausbildung und Moral unserer Truppen sind entschieden gesteigert worden.
Aufgrund
unserer
verbesserten
Stärke konnten wir mit der Sowjetunion einen verifizierbaren
Vertrag aushandeln, der eine gesamte Kategorie von Nuklearwaffen
vollständig beseitigt.
Wir haben das Forschungs- und
Technologieprogramm der Strategischen Verteidigungsinitiative in
die Wege geleitet, das Anlaß zu
berechtigter Hoffung auf eine sicherere Welt gibt, in der unsere
eigene Sicherheit und die unserer
Verbündeten sich nicht länger auf

Kostenbeteiligungsprogramme
und
NutzergebUhren wurden in höherem
Maße in Anspruch genommen, damit
die Kosten von Projekten und Programmen - wo immer dies angemessen erscheint - wieder von denjenigen getragen werden, die davon
profitieren.
Das Haushaltsdefizit
Ein Bereich, der mir im gesamten
Verlauf meiner Amtszeit stets Enttäuschung bereitet hat, waren die Bestrebungen, den Haushalt in den Griff
zu bekommen. Immer wieder habe ich
Maßnahmen zur Eindämmung der Ausgabenprogramme des Bundes im Inland
vorgeschlagen.
Immer wieder wurden
diese Vorschläge vom Kongreß abgelehnt.
Die Gründe für den Anstieg des
Haushaltsdefizits zu Beginn der acht-

- 3 -

�ziger Jahre liegen auf der Hand. Erstens erlebten wir die stärkste Rezession
in
der
Nachkriegszeit.
Schätzungen zufolge sind 81 Prozent über 640 Milliarden Dollar - der Zunahme des Defizits über die in meiner
Haushaltsvorlage vom März 1981 vorgesehenen Obergrenzen hinaus auf diese
Rezession zurückzuführen. Der zweite
Grund ist, daß selbst nach Einbeziehung der notwendigen Erhöhung der
Verteidigungsausgaben
meine
Haushaltsvorlage vom März 1981 Ausgabenkürzungen in Höhe von insgesamt 331
Millarden Dollar netto im Verlauf von
fünf Jahren forderte; aber der Kongreß hat weniger als 40 Prozent dieser Einsparungen genehmigt.
Verschwenderische Programme wurden weiterhin finanziert.
Die notwendigen
Kürzungen sind noch immer nicht vorgenommen worden.
Wenn dem Defizit nicht Einhalt
geboten wird, indem wir der Regierung
Zügel anlegen, gefährden wir das, woran wir jahrelang hart gearbeitet haben. Durch unmäßige Ausgaben verursachte größere Defizite unterminieren
den Anreiz zu arbeiten und zu sparen,
da die Ersparnisse verschlungen werden, die ansonsten produktiv investiert worden wären. Dies dürfen wir
nicht zulassen.
Ich bin stolz auf die Errungenschaften der Vereinigten Staaten.
Unsere Wirtschaft floriert, unsere
Verteidigung ist verbessert und unsere Position in der Welt ist von Neuem
unerreicht.
Dieser Haushalt verringert bis 1990
das Defizit unter die durch das
Gramm-Rudman-Gesetz
vorgeschriebene
Grenze und wird bis 1993 ausgeglichen
Die Vorlage für das Haushaltsjahr
1990 - meine letzte - stellt eine
Fortführung meiner Bestrebungen dar,
das
Defizit
des
Bundeshaushaltes
durch Zurückhaltung bei den Ausgaben
im Inland abzubauen.

Der heute von mir vorgelegte
Haushaltsentwurf steht in Einklang
mit dem im Gramm-Rudman-Gesetz verankerten Ziel, da er Maßnahmen vorschlägt, die nicht über die für 1990
festgelegte Obergrenze von 100 Milliarden Dollar hinausgehen und den
kontinuierlichen Abbau des Defizits
bis hin zu einem ausgegelichenen
Haushalt im Jahr 1993 sicherstellen.
Meinen Vorschlägen zufolge würde
das Defizit auf weniger als 2 Prozent
des BSP im Jahr 1990 zurückgehen und
die öffentliche Verschuldung als Anteil des BSP würde sich ebenfalls
verringern.
Der vorliegende Haushalt zeigt,
daß ein schrittweiser Abbau des Defizits möglich ist, ohne die Steuern zu
erhöhen, Einschnitte bei unerläßlichen
Sozialprogrammen
vorzunehmen,
ohne die Verteidigung zu demontieren
und andere vorrangige nationale Aufgaben zu vernachlässigen. Der Abbau
kann auf vernünftige, verantwortungsbewußte Weise erfolgen - diszipliniert und fair. Neue Steuern sind
nicht erforderlich. Aufgrund unseres
Wirtschaftswachstums werden die Einnahmen in den Jahren 1989 und 1990
drastisch steigen. Mit diesem Haushalt wird ganz einfach vorgeschlagen,
die Ausgaben langsamer steigen zu
lassen als die Steuereinnahmen und
somit das Defizit abzubauen.
Die
vorgeschlagenen Reformen werden in
den kommenden Jahren zusätzliche Reduzierungen des Defizits bringen.
Dieses Jahr haben wir die Chance, den
schlimmsten Teil des Defizitproblems
hinter uns zu lassen und es der nächsten Administration zu ermöglichen,
ihre Amtszeit mit einem reinen Tisch
und mit der Aussicht auf eine Fortdauer des Wohlstandes zu beginnen.
Die Finanzierung
tionaler Aufgaben

vordringlicher

na-

Um die vordringlichen nationalen
Aufgaben innerhalb der vom Gramm-Rudman-Hollings-Gesetz festgelegten Defizitgrenzen zu bewältigen, wird in
meinem Haushalt vorgeschlagen, die

�Ausgaben für einige Programme - wie
etwa diejenigen für die Erforschung
und Eindämmung von AIDS, der Bekämpfung
des
Drogenhandels
und -mißbrauchs sowie technologische Entwicklung - erheblich zu steigern und die
Ausgaben für andere Programme zu reduzieren, umzuschichten und in einigen Fällen zu streichen.
Verteidigung
Die Bewahrung des Friedens und
der Schutz unseres Landes sind die
wichtigsten Aufgaben der Bundesregierung.
Die für Verteidigungszwecke
bewilligten Mittel sind im Jahr 1989
mit einem Gesamtvolumen von 299 Milliarden Dollar im vierten Jahr hintereinander
real
(inflationsbereinigt) zurückgegangen.
Dieser Trend
kann nicht ohne einschneidende Folgen
für die Kampfbereitschaft fortgesetzt
werden.
Deshalb beantrage ich mit
diesem Haushalt Mittel für die Verteidigung in Höhe von 315 Milliarden
Dollar an Zahlungsverpflichtungen und
303 Milliarden Dollar an Ausgaben für
1990 sowie von 331 Milliarden Dollar
an Zahlungsverpflichtungen und 314
Milliarden Dollar an Ausgaben für
1991. Diese Zahlen bedeuten bei den
Zahlungsverpflichtungen einen realen
Anstieg von 2 Prozent gegenüber dem
Niveau des Jahres 1989. Im Jahr 1989
wird inflationsbereinigt das Niveau
des Jahres 1984 wieder erreicht werden. Der Haushalt geht auch für die
Jahre danach bei diesen Programmen
von einem realen Wachstum von 2 Prozent aus.
Wir müssen ferner unser atomares
Abschreckungspotential aufrechterhalten. Für das Jahr 1990 schlägt dieser Haushalt 9 Milliarden Dollar für
atomare Verteidigungsprogramme vor,
eine Steigerung um 900 Millionen Dollar gegenüber 1989.
Insgesamt 2,8
Milliarden Dollar sind für die Modernisierung des Komplexes zur Produktion spaltbaren Materials und zur
Steigerung der Bemühungen für die Beseitigung von Umweltschäden und Entsorgung von atomarem Sondermüll vorgesehen.

Außenpolitik
Um die außenpolitischen Erfolge
der vergangenen acht Jahre zu konsolidieren und weiter auszubauen, benötigen wir zusätzliche Mittel für internationale Angelegenheiten, mit denen unsere Außenpolitik und nationale
Sicherheitsinteressen im Nahen Osten,
in Mittelamerika und andernorts unterstützt würden. Ein Sonderprogramm
wird zur Förderung eines starken
Wirtschaftswachstums auf den Philippinen gefordert, um die Rückkehr dieses Landes zur Demokratie zu unterstützen. Weitere zusätzliche Mittel
für Auslandshilfe würden eingesetzt,
um rückständige Beiträge zu multilateralen Kreditinstitutionen zu entrichten und Zahlungen an die Vereinten Nationen und deren Unterorganisationen zu leisten.
Drogenmißbrauch
kämpfung

und

Verbrechensbe-

Unser Kampf gegen Drogenmißbrauch
muß ebenso wie unsere Bemühungen zum
Schutz des einzelnen vor Verbrechen
fortgesetzt werden:
Für Verbrechensbekämpfung, Vorbeugung und Behandlungsprogramme
schlage ich für das Jahr 1990 5,7
Milliarden Dollar vor, ein Zuwachs von 164 Millionen Dollar
gegenüber 1989. Zusammen mit den
im Gesetz gegen den Drogenmißbrauch von 1988 enthaltenen Ermächtigungen und Sanktionen werden es uns diese Mittel ermöglichen, auf unser Ziel eines drogenfreien Amerikas hinzuarbeiten.
Um der Uberfüllung der Gefängnisse abzuhelfen und eine zunehmende
Zahl von Strafgefangenen angemessen unterzubringen, beantrage ich
1,6 Milliarden Dollar für den Bau
und Betrieb von Gefängnissen, 193
Millionen Dollar mehr als 1989
für diesen Zweck veranschlagt
sind.
AIDS-Forschung und Aufklärung

- 5 -

�Dieser Haushalt spiegelt meine
feste Überzeugung wider, daß die Behandlung des AIDS-Problems eine vordringliche Aufgabe bleiben muß:

Verbesserung der Leistungsfähigkeit und Zuverlässigkeit unseres
Raumtransporters, für die Einleitung zweier neuer und bedeutender
wissenschaftlicher Missionen zur
Erforschung von Planeten auf internationaler Ebene sowie zur Unterstützung der kommerziellen Erschließung des Weltraums.

Vorbeugung
und
Linderung
des
durch das HIV-Virus, das die
Krankheit AIDS auslöst, herbeigeführten Leidens ist unsere höchste Priorität im Bereich des öffentlichen
Gesundheitswesens.
Die Unterstützung des Bundes für
Forschung, Prävention und Behandlung übersteigt im Jahr 1989 2,1
Milliarden Dollar und wird 1990
nahezu 2,8 Milliarden Dollar erreichen. In diesem Haushalt werden 1,6 Milliarden Dollar oder 24
Prozent mehr als 1989 für die Finanzierung von Maßnahmen gegen
HIV durch den öffentlichen Gesundheitsdienst beantragt.

Für das Jahr 1990 beinhaltet der
Haushalt
ferner
250 Millionen
Dollar als Bundesanteil zur Förderung des Baues des supraleitenden Teilchenbeschleunigers (SSC).
Ein Drittel der Projektkosten
werden aus Nicht-Bundesmitteln zu
finanzieren sein.
Der heutigen
Planung zufolge wird der SSC das
größte je in Angriff genommene
rein wissenschaftliche Vorhaben
sein.
Es wird dazu beitragen,
unserem Land bis ins nächste
Jahrhundert eine Spitzenstellung
in der Hochernergiephysik zu sichern.

Forschung
Eine
unserer
vordringlichsten
Aufgaben besteht darin, die amerikanische Technologie zu stärken und die
Vereinigten Staaten wettbewerbsfähiger zu machen. Zum Beispiel:
Ich schlage einen dauerhaften Zuwachs in aus Bundesmitteln geförderter Grundlagenforschung vor,
die längerfristige Verbesserungen
bei Produktivität und Wettbewerbsfähigkeit unseres Landes in
der Welt zum Ziel hat. Dieser
Haushalt setzt unser Engagement
zur Verdopplung der Fördermittel
der Nationalen Wissenschaftsstiftung für akademische Grundlagenforschung bis 1993 fort, erhöht
die Unterstützung für die Ausbildung künftiger Wissenschaftler
und Ingenieure und beschleunigt
die Weitergabe der Ergebnisse
staatlich geförderter Grundlagenforschung an die Industrie.

Weitere Prioritäten
Andere Bereiche, denen in diesem
Haushalt Priorität bei der Mittelzuweisung eingeräumt werden, sind:

Unser Weltraumprogramm wird 13,1
Milliarden Dollar für die andauernde
Entwicklung
der
ersten
ständig bemannten Raumstation der
Vereinigten
Staaten
enthalten,
für zusätzliche Unterstützung zur
- 6 -

Zur Fortsetzung des sich über
mehrere Jahre erstreckenden Programms der Zivilluftfahrtbehörde
(FAA) zur personnellen Aufstokkung bei Fluglotsen und Inspekteuren sowie zur Modernisierung
der Flugsicherung unseres Landes
werden im Haushalt 7,7 Milliarden
Dollar bereitgestellt - 17 Prozent mehr als 1989.
Um die Probleme unsere Sparkassen
zu mildern, schlage ich vor, daß
die Bundesspareinlagen- und Kreditversicherungsgesellschaf t
(FSLIC) im Jahr 1989 16 Milliarden Dollar und 1990 9 Milliarden
Dollar ausgibt, um die größten
Probleme bei Sparkassen in den
Griff zu bekommen. Der Finanzminister
entwickelt
gegenwärtig
einen umfassenden Plan, um die
Probleme der Kreditwirtschaft zu

�lösen und die Struktur des Vorschriftenwesens im Bereich der
Finanzinstitutione sowie das Einlagensicherungssystem zum reformieren und damit eine Wiederkehr
dieser Probleme auszuschließen.
Ich erwarte, daß der Minister
seine Vorschläge in Kürze dem
neuen Präsidenten vorlegt.
Um die Koordinierung von Bundesprogrammen zur Entwicklung des
ländlichen Raums zu verbessern
und Mittel an besonders bedürftige Gegenden und Empfänger umzuverteilen, unterstütze ich weiterhin die vom Landwirtschaftsminister
koordinierte
Initiative
zur Erschließung ländlicher Gebiete.
Durch
verstärkte
Vergabe
von
Wohnberechtigungsscheinen
würde
ich
im Jahr 1990 zusätzlich
132 000 einkommensschwache Haushalte mit Wohnraum versorgen, 5
Prozent mehr als die 126 124 zusätzlichen Haushalte, die im Jahr
1989
Wohngeld
erhalten.
Mit
Wohnberechtigungsscheinen
kann
einkommensschwachen
Haushalten
bei geringeren Kosten für den
Bundeshaushalt
besser
gedient
werden, und diese Familien werden
damit eher in die Lage versetzt,
Wohnraum ihrer Wahl zu mieten.
Um die bei der Förderung von Reformen des Bildungswesens auf
Staats- und Gemeindeebene erzielten Fortschritte
zu bewahren,
würde ich das gegenwärtige Ausgabenniveau von 18,5 Milliarden
Dollar für frei verfügbare Bildungsprogramme
aufrechterhalten,
diese Mittel jedoch so umschichten, daß mehr Geld dort eingesetzt wird, wo der Bedarf von benachteiligten
und
behinderten
Studenten am größten ist.
Um die von uns bei der Beseitigung von Umweltschäden erzielten
bedeutenden Fortschritte weiterzuführen, empfehle ich einen Anstieg von 153 Millionen Dollar
- 7 -

für die Programme der Umweltbehörde (EPA) in den Bereichen Vorschriftenwesen,
Forschung
und
Durchführung. Ferner schlage ich
einen Zuwachs von 315 Millionen
Dollar für den Superfonds zur Beseitigung von Sondermüll vor, um
die Schwungkraft dieses Programms
zu erhalten und eine stärkere
Rolle der Durchführung zu unterstützen.
Da Veränderungen in den natürlichen Ökosystemen der Erde enorme
wirtschaftliche und gesellschaftliche Auswirkungen haben können,
werden weltweite Klimaveränderungen zu einem besonders wichtigen
Anliegen. Unsere Fähigkeit, diese Veränderungen zu verstehen und
vorherzusagen, sind gegenwärtig
begrenzt, und ein besseres Verständnis dieses Phänomens ist für
die Entwicklung von Maßnahmen unerläßlich.
In diesem Haushalt
wird ein koordiniertes und wirksames Bundesforschungsprogramm zu
den weltweiten Veränderungen vorgeschlagen.
Diesem
Haushalt
liegt ein Bericht des Ausschusses
zu den Geowissenschaften bei, der
dieses Programm und seine Strategie beschreibt.
Die Waldbrände des vergangenen
Jahres auf Bundesterritorien haben die Notwendigkeit für eine
zeitgerechtere Finanzierung der
Kosten für die Bekämpfung von
Waldbränden unterstrichen.
Ich
schlage deshalb vor, daß zwei
neue Ausgabenposten für die Bekämpfung von Waldbränden bei den
Ministerien
für
Landwirtschaft
und des Innern eingerichtet werden.
Zur weiteren Stärkung unserer
Energiesicherheit schlage ich ein
Gesetz zum Verkauf der Marinepetroleumreserven an den Privatsektor im Tausch gegen Geld und Öl
vor, das der strategischen Petroleumreserve
hinzugefügt
werden
soll.
Ferner schlage ich die
Schaffung
eines
Lagerbestandes

�von 10 Millionen Faß Petroleum zu
Verteidigungszwecken vor.
Um die fristgerechte Vollendung
meines Programms zur Verbesserung
der Verwaltungseffizienz mit dem
Titel "Reform '88" zu sichern,
schlage ich die zusätzliche Bewilligung von 103 Millionen Dollar für das Jahr 1990 vor, um unsere Verwaltungs- und Kreditsysteme weiter zu verbessern.

Wichtige
Programme
werden
reformiert, um das Defizit zu reduzieren
Programmstruktur und die den vielen innenpolitischen Reformprogrammen
des Bundes immanenten Anreize müssen
geändert werden, um zu mehr Effizienz
und Kostenwirksamkeit beizutragen.
Die gegenwärtigen Programme zur
Stützung der Agrarpreise sind
viel zu kostspielig. Im Zeitraum
von 1986 bis 1989 wurden mit
einer geschätzten Summe von 130
Milliarden Dollar aus Bundesmitteln für mit der Landwirtschaft
in Verbindung stehende Hilfsprogramme
durchschnittlich
nahezu
600 000 Dollar an jeden einzelnen
Bauern ausgeschüttet. Ein großer
Teil dieser Hilfe geht an Bauern
mit hohem Einkommen - die um mehr
als doppelt so hoch liegen wie
das durchschnittliche Familieneinkommen
in
den
Vereinigten
Staaten.
Ich schlage deshalb
eine Reduzierung der Ausgaben für
die
Preis- und
Einkommensstützungsprogramme um 2 Milliarden
Dollar im Jahr 1990 und zusätzlich jährliche Reduzierungen zwischen 2 und 2,5 Milliarden Dollar
von 1991 bis 1994 vor. Des weiteren setze ich mich nachdrücklich dafür ein, das kontraproduktive Programm zur Stützung des
Zuckerpreises zu reformieren.
Der rapide Anstieg der Kosten des
Medicare-Programms muß gebremst
werden.
Ich schlage eine vernünftige Erhöhung der Beiträge zu
- 8 -

Medicare sowie Reduzierungen bei
den Leistungen an Krankenhäuser
und bei bestimmten Zahlungen für
die Ärzteausbildung vor. Um ferner das exzessive Wachstum bei
den Kosten für die ergänzende
Krankenversicherung (SMI) einzudämmen, schlage ich die Ausweitung der gegenwärtigen gesetzlich
vorgeschriebenen
Beitragssätze,
eine Begrenzung der Arzthonorare,
eine Senkung der Zahlungen für
bestimmte kostenträchtige Verfahren und Reformen bei den Leistungen für langlebige medizinische
Geräte vor. Die Ausgaben für Medicare würden auch bei Verwirklichung dieser Vorschläge in den
Jahren 1989 und 1990 um 9 Prozent
steigen - nicht jedoch um die 13
Prozent, die sich den heutigen
Gesetzen zufolge ergeben würden.
Ich schlage des weiteren eine Reform des Medicaid-Programms vor,
um das Ausgabenwachstum in den
Jahren 1989 und 1990 auf 1,7 Milliarden Dollar oder 5 Prozent zu
begrenzen, anstatt der 3,3 Milliarden Dollar oder 9 Prozent,
die dem heutigen Gesetz zufolge
entstehen würden. Mit diesen Reformen werden in den frühen achtziger Jahren angewandte erfolgreiche Anreize wiedereingeführt.
In meinem Haushalt wird ferner
vorgeschlagen, die Finanzierung
von Verwaltungsausgaben durch den
Bund neu zu strukturieren, um den
Einzelstaaten größere Anreize zu
bieten, ihre Verwaltungssysteme
so effizient wie möglich zu führen.
Die Regierung führt auf Bundesebene häufig Programme fort, die
entweder eine Duplizierung bedeuten, nicht länger benötigt werden
oder die auf anderen Regierungsebenen oder vom Privatsektor angemessener ausgeführt werden können. Dazu zählen die Behörde für
wirtschaftliche Entwicklung, Amtrak, frei verfügbare Zuschüsse
für den öffentlichen Personennahverkehr sowie die meisten der Be-

�triebssubventlonen für den Postdienst. Bemühungen, diese Situation umzukehren, sind von den
meisten früheren Administrationen
und auch von meiner unternommen
worden. Diese Programme sollten
abgeschafft werden. Der Haushalt
schlägt die Streichung von 82
Programmen vor, die zur Befriedigung
vordringlicher
nationaler
Aufgaben nicht benötigt werden.
Den heutigen Gesetzen zufolge
wird der Anstieg bei den Ausgaben
für die Pensionen und Krankenversicherungen von Bundesbediensteten von 51,3 Milliarden Dollar im
Jahr 1989 auf 55,9 Milliarden
Dollar im Jahr 1990 geschätzt.
Ich schlage vor, die Anpassung
der Pensionen an den Lebenshaltungskosten-Index (COLA) einzufrieren sowie weitere Reformen
durchzuführen, um das Niveau des
Jahres 1990 nur wenig über dem
von 1989 zu halten und den normalerweise zu erwartenden Anstieg
um 4,4 Milliarden Dollar zu verringern.

Angemessene
Aufgabenerfüllung
der
Bundesregierung und Verbesserung der
Verwaltung
Mit zunehmendem Wachstum der Bundesregierung hat diese unangemessene
Aufgaben übernommen und ihre Programme unwirtschaftlich verwaltet. Wir
wollten der Bundesregierung wieder
ihre angemessene Rolle zuweisen. Wir
haben ebenfalls ein wichtiges Programm ins Leben gerufen, um die Verwaltung der bestehenden Programme zu
verbessern. Diese Prioritäten werden
fortgesetzt und in dieser Haushaltsvorlage erweitert.
Privatisierung
Die Regierung und der Privatsektor sollten jeweils das tun, was sie
am besten leisten können. Die Bundesregierung sollte keine Waren und
Dienstleistungen anbieten, die Privatunternehmen preiswerter und besser

bereitstellen können.
Demgemäß sieht meine Haushaltsvorlage vor, daß eine Reihe bundeseigener Unternehmen durch Ausschreibungen oder ganz einfach Verkäufe für
den Privatsektor geöffnet werden.
Nach unserem erfolgreichen Verkauf
von Conrail und 21 Milliarden Dollar
ausgewählter Bundesanleihen schlage
ich die Veräußerung der Petroleumreserven der Marine (Naval Petroleum
Reserves - NPR), der Energiebehörde
Alaskas und der Energiebehörde für
den Südosten vor. Ferner befürworte
ich den Verkauf der Helium-Vermögenswerte der Bundesregierung, überschüssiger Immobilien und weiterer 4,3
Milliarden Dollar an Bundesanleihen.
Darüber hinaus schlage ich in meiner
Haushaltsvorlage als ersten Schritt
zur eventuellen Privatisierung der
Legislative
die Einrichtung einer
Körperschaft des Bundes für Verfahren
der Urananreicherung vor.
Die Bundesregierung sollte sich
darüber hinaus im Hinblick auf zusätzliche und unterstützende Dienstleistungen für Aktivitäten, die weiterhin der Bundesregierung obliegen,
stärker auf den Privatsektor verlassen. Deshalb schlage ich eine Reihe
von Pilotprojekten und Untersuchungen
in Bereichen wie etwa der privaten
Zustellung
von Werbesendungen und
Eilpost sowie auch bei den vom Justizministerium verwalteten Gefängniskrankenhäusern vor.
Verbesserung
Verwaltung

der

Effizienz

in

der

Im Jahr 1981 habe ich dem amerikanischen Volk ein Versprechen gegeben, "die Regierung auf ihre angemessene Rolle zu beschränken und sie zum
Diener und nicht zum Herrn des Volkes
zu machen". Mein "Programm zur Verbesserung der Effizienz in der Verwaltung: Reform 88" hat zur erhöhten
Leistungsund
Reaktionsfähigkeit
der Regierung beigetragen. Wir haben
bei Programmen der Bundesregierung
Verschwendung und Betrug eingedämmt,
indem wir die Arbeit der Generalin-

- 9 -

�spekteure in den Rat des Präsidenten
für Integrität und Effizienz eingegliedert haben, wodurch 110 Milliarden Dollar eingespart oder einer besseren Verwendung
zugeführt werden
konnten - und diese Arbeit wird fortgeführt.
Ich habe erkannt, daß der Bundesregierung weder effektive Konzepte
zur Verfügung standen, um eine jährliche Geldmenge im Umfang von nunmehr
2 Billionen Dollar zur bearbeiten
noch hatte sie ein einheitliches Kreditprogramm für Anleihen in der Grössenordnung von 1 Billion Dollar.
Dies führte zur Verschwendung von
Milliarden Dollar pro Jahr. Wir haben in beiden Bereichen die notwendigen behördenübergreifenden Kontrollmechanismen errichtet und dadurch die
Aufzehrung der Mittel gestoppt.
Darüber hinaus haben wir das erste
behördenübergreifende
Buchhaltungssystem eingerichtet, das über
400 vorher unvereinbare Systeme einzelner
Behörden
vereinheitlicht.
Dies ist für jede gut geführte Regierung unerläßlich und wird gerade eingeführt.
Die Bundesregierung nimmt starken
Einfluß auf das tägliche Leben, indem
sie Steuern und Abgaben erhebt,
Dienstleistungen direkt bereitstellt,
mittels verschiedener Leistungsprogramme für bestimmte Bevölkerungsgruppen finanzielle Unterstützung gewährt und den Handel regelt. Durch
Modernisierung,
bessere
Verwaltung
und automatisierte Dienstleistungen
konnte die Regierung das Angebot von
Dienstleistungen an die Öffentlichkeit den erforderlichen Zeitraum erheblich verringern.
Angesichts des
bevorstehenden 21. Jahrhunderts muß
die Bundesregierung ihre Rolle in unserer Gesellschaft an veränderte Bedingungen und neue Technologien anpassen. Beim Eintritt in das neue
Jahrhundert wird die Bevölkerung der
Vereinigten Staaten sich auf mehr als
268 Millionen Menschen belaufen, wovon ältere Menschen den größten Teil
ausmachen werden.
Veränderungen in

Technologie und Kommunikation werden
Volkswirtschaften, Handel und Kapitalverkehr zunehmend verbinden und
sich wie niemals zuvor ausbreiten.
Der dem Kongreß als Teil der
Haushaltsvorlage für 1990 vorgelegte
Bericht zur Verbesserung der Effizienz in der Verwaltung bis 1990
spiegelt die wichtigsten Punkte des
mir vom Haushaltsbüro (0MB) vorgelegten Berichts über die "Regierung der
Zukunft" wider.
Dieser Organisationsbericht ist erweitert worden als
Beginn eines Planungsprozesses, der
zum Teil die Vorschläge in dieser
Haushaltsvorlage mitgestaltet hat und
Teil des alljährlichen Haushaltsprozesses werden sollte.

Die Reform des Verfahrens zur Einbringung des Haushalts ist zum weiteren Defizitabbau unbedingt erforderlich
Das anhaltende Haushaltsdefizit
ist der überwältigende Beweis dafür,
daß das Verfahren zur Einbringung des
Bundeshaushalts grundlegende Mängel
aufweist. Bestrebungen in der Vergangenheit um "Reform" zielten größtenteils darauf ab, einen großen Teil
der nationalen Ausgaben vor dem Zugriff des Fiskus zu schützen. Vierzehn Jahre nach der Verabschiedung
des Haushaltsgesetzes durch den Kongreß und drei Jahre nach Verabschiedung des Gesetzes über einen ausgewogenen Haushalt und zur Kontrolle des
Defizits ist das Verfahren zur Einbringung des Bundeshaushalts immer
noch schwer durchführbar und wenig
geordnet. Das amerikanische Volk erwartet etwas bbsseres von seinem politischen System und verdient es auch.
Gemäß dem Haushaltsgesetz des
Kongresses werden vom Kongreß jedes
Jahr Resolutionen zum Haushalt
Haushaltssvorlagen - verabschiedet.
Sie werden dem Präsidenten nicht zur
Genehmigung vorgelegt und haben damit
keine Gesetzeskraft.
Sie enthalten
Empfehlungen an die Kongreßausschüsse, die jedoch oftmals zu spät kommen

- 10 -

�und mehrdeutig sind. Die Resolutionen werden in der Regel erheblich
später als zum gesetzlich vorgeschriebenen Termin vorgelegt und lange nachdem sie von den Finanz- , Genehmigungsund
Bewilligungsausschüssen benötigt werden.
Darüber
hinaus herrscht im Kongreß wenig
Übereinstimmung über die ausgesprochenen Empfehlungen.
Das Repräsentantenhaus und der Senat stimmen außer in den sehr allgemein gehaltenen Bereichen - nicht den Prioritäten
zu, wie sie in den beiderseits verabschiedeten Resolutionen niedergelegt
sind.
Außer der termingerechten Abwicklung im vergangenen Jahr sind die vom
Kongreß selbst gesetzten Fristen für
den Haushalt in der Regel überschritten worden und zusätzliche Resolutionen und Ausgleichsgesetze waren eher
die Regel als die Ausnahme. Diese
umfangreichen und hinderlichen Gesetzesvorlagen bieten den Hunderten von
eigennützigen
Zusätzen
bequeme
Schlupfwinkel, die der Präsident bei
Gewährung eines selektiven Vetos anfechten könnte.
Eine Reihe von Veränderungen bei
der Einbringung des Haushalts - von
denen ich die meisten bereits empfohlen habe - sind erforderlich, um das
gesamte
Gesetzgebungsverfahren
für
den Haushalt diszipliniert durchzuführen. Ich fordere den Kongreß zur
Verabschiedung der folgenden Maßnahmen auf:
Verfassungszusatz für
glichenen Haushalt

einen

ausge-

Ich setze mich weiterhin energisch für die Zustimmung zu einem
Verfassungszusatz ein, der einen ausgewogenen
Haushalt
zwingend
vorschreibt.
Der Zusatz sollte für
Steuererhöhungen eine große Mehrheit
(von mindestens 60 Prozent) im Kongreß fordern.

sein, gegen einzelne Artikel in den
jährlichen Bewilligungsgesetzen sein
Veto - das jedoch vom Kongreß überstimmt werden kann - einzulegen, gegen Gesetze, die die Finanzierung bestimmter
Programme
gewähren
oder
zwingend vorschreiben und gegen Steuergesetze. Mit dieser Vollmacht würde erheblicher Verschwendung Einhalt
geboten und sie wäre ein wirkungsvolles Mittel, um Haushaltsdisziplin
durchzusetzen.
Erweitertes
nehmen

Recht,

Kürzungen

vorzu-

Um dem Präsidenten eine bessere
Möglichkeit zur Kontrolle der Ausgaben der Regierung zu gewähren, schlage ich vor, daß die Ermächtigung zu
einem selektiven Veto mit einer Gesetzesänderung einhergeht, derzufolge
der Kongreß über jede vom Präsidenten
vorgeschlagene Kürzung im Haushalt
mit "Ja" oder "Nein" abstimmen muß.
Die gegenwärtige Gesetzgebung gestattet es dem Kongreß, sich der Verantwortung zu entziehen, da er KUrzungsvorschläge 45 Tage lang ignorieren
kann.
ZweiJahresintervall
des Haushalts

zur

Einbringung

Das jährlich durchgeführte Verfahren zur Haushaltsvorlage kostet
zuviel Zeit und Energie. Ein zweijähriger Haushaltsrahmen würde die
sich jährlich wiederholenden Aufgaben
bei der Aufstellung des Haushalts
vermindern, mehr Zeit zur Erörterung
von Ausgaben- und Steuerentscheidungen in Schlüsselbereichen und weniger
Spielraum für Tricks lassen, die
"Einsparungen" suggerieren - wie etwa
eine Verlagerung von Ausgaben von
einem Jahr ins nächste - und die Realisierung echter Einsparungen ermöglichen, die mit einer gesicherteren
Verfügbarkeit von Mitteln möglich wären. Aus diesen Gründen empfehle ich
das Zweijahresintervall zur Einbringung des Haushalts.

Selektives Veto
Gemeinsame Haushaltsresolution
Mein Nachfolger sollte berechtigt
- 11 -

�Um die bessere Überwachung und
strengere Disziplin zu gewährleisten,
die im Kongreß bei der Behandlung des
Haushaltes erforderlich sind, schlage
ich vor, daß der Kongreß eine Haushaltsresolution ausarbeiten muß, die
einen ZweiJahreszeitraum umfaßt, einzelne Vorschläge für zusätzliche Einnahmen ausweist und Ausgabeprioritäten aufzeigt. Ferner soll der Kongreß dem Präsidenten seine Haushaltsvorlage zur Unterschrift oder zur Abgabe seines Vetos vorlegen. Weitere
Gesetzgebung, die über diese Bestimmungen hinausgeht, darf nicht ohne
Zustimmung der großen Mehrheit erwogen werden.
Einzelübergabe
setze

der

Bewilligungsge-

Die Praxis der Übergabe von Haushaltsfortschreibungen für das ganze
Jahr hinweg, die eine Reihe von Bewilligungsgesetzen zugleich betreffen, gestattet es der Legislative und
der Exekutive nicht, diese Gesetze
angemessen zu überwachen. Nur allzu
oft haben diese Fortschreibungen eigennützigen Ausgaben, die einer näheren Überprüfung nicht standgehalten
hätten, Tür und Tor geöffnet. Um
dieses Risiko auf ein Minimum zu beschränken, schlage ich vor, daß die
Bewilligungsgesetze dem Präsidenten
einzeln vorgelegt werden.

regierung vergeben werden und sie mit
den Kosten anderer Programme der Bundesregierung vergleichen. Diese Veränderung muß ein integraler Bestandteil der Reform des Verfahrens der
Haushaltserstellung sein.
Bewertung der Ergebnisse
haltsverfahrens

des Haus-

Disziplin im Haushalt und anhaltender Abbau des Defizits würden erleichtert, wenn die Legislative und
die Exekutive sich einen gemeinsamen
Katalog von Grundsätzen zur Bewertung
von Haushaltsvorschlägen und Aktionen
auferlegen würden. Ich fordere, daß
der Haushaltsbehörde des Kongresses
und dem Haushaltsbüro die Aufgabe
übertragen wird, in enger Abstimmung
mit den Haushalts- , Finanz- , Ermächtigungsund
Bewilligungsausschüssen einen gemeinsamen Katalog
von Bewertungskriterien aufzustellen,
nach dem sich die Legislative und die
Exekutive richten.
Die Annahme dieser Reformen sollte die Bundesregierung in die Lage
versetzen, sachlich begründete Entscheidungen so zu treffen, daß damit
vernünftige
Prioritäten
gefördert
werden. Das amerikanische Volk verdient nichts anderes von seinen gewählten Vertretern.
Schlußfolgerung

Kreditreform
Die Auswirkungen der Kreditvergabe werden in den gegenwärtigen Berechnungen des Haushalts nur unzureichend festgehalten. Die Subventionskomponente des Bundeskreditprogramms
tritt nicht zutage.
Um diesem entscheidenden Mangel
im Haushaltssystem abzuhelfen, habe
ich vor zwei Jahren eine Gesetzgebung
über die Reform der Kreditvergabe
vorgeschlagen. Diese jetzt von mir
erneut empfohlene Gesetzgebung würde
die echten Kosten - den gegenwärtigen
Wert - der Subventionen errechnen,
die mit Kreditprogrammen der Bundes- 12

Die Leistungen des amerikanischen
Volkes in den vergangenen acht Jahren
werden für mich immer Anlaß bieten,
stolz zu sein. Dennoch müssen wir
unsere jüngsten Fortschritte zum Abbau des Defizits im Bundeshaushalt
fortsetzen.
Der Abbau des Defizits ist eine
wichtige nationale Priorität, die im
Gramm-Rudman-Hollings-Gesetz
ihren
Niederschlag findet, das trotz all
seiner Mängel einem Prozeß zur Erlangung eines ausgewogenen Haushalts Gesetzeskraft verleiht.
Dieser Haushalt erreicht das für
1990 gesetzte Ziel des Gesetzes und

�seiner Zusätze und sieht für das Jahr
1993 einen ausgewogenen Haushalt vor.
Es erhält berechtigte Programme für
die älteren und bedürftigen Mitbürger, gewährt eine angemessene nationale Sicherheit, stellt mehr Mittel
für andere Aktivitäten von hoher Priorität bereit und leistet all dies
ohne eine Steuererhöhung. Steuererhöhungen sind nicht erforderlich.
Die Geschichte lehrt uns, daß diese
lediglich zu höheren Ausgaben des
Kongresses führen würden.
Bei den
letzten drei Präsidentschaftswahlen
sind Steuererhöhungen immer mit überwältigender Mehrheit überstimmt worden.
Ich fordere den Kongreß auf, diesen Haushalt zu verabschieden. Höhere Steuern sind nicht notwendig - wie
dieser Haushalt zeigt - sondern ein
echter Abbau des Defizits durch Einschränkung des Ausgabenwachstums ist
erforderlich, damit die nächste Administration und der Kongreß das Programm für die Zukunft dieser Nation
gestalten können.
In den vergangenen acht Jahren
haben wir Amerikaner unsere Welt zu
einem sichereren Ort für die Freiheit
gemacht, weil wir die Willenskraft
hatten, unsere Wirtschaft zu beleben,
unsere Verteidigung wiederaufzubauen
und für die weniger Begünstigten unter uns zu sorgen. Gemeinsam haben
wir in unserem Land einen neuen Anfang gemacht und der nächsten Administration den Weg geebnet, damit sie
auf unseren Leistungen aufbauen kann.

- 13 -

�Zusammenfassung der Haushaltsaufwendungen
(in Millarden Dollar)

1988

1989

1990

1991

909,0
1 064,0

975,5
1 137,0

1 059,3
1 151,8

1 140,5
1 207.3

Überschuß/Defizit (-)

- 155,1

- 161,5

-

92,5

-

66,8

Überschuß/Defizit (-)
ohne Veräußerung
von Bundesvermögen

- 155,1

- 161,5

-

98,6

-

69,2

- 144,0

- 136,0

- 100,0

-

64,0

11,1

25,5

3,2

3,2

Einnahmen
Ausgaben

Gramm-Rudman-Defi z i t
Obergrenzen
Differenz

-

1,4

5,2

1,7

1,1

Nachtrag
Überschuß/Defizit (-)
als Prozentsatz des BSP

Zusammenfassung der Haushaltsaufwendungen (Fortsetzung)

1992

1993

1994

Einnahmen

1 212,2

1 281,4

1 345,0

Ausgaben

1 244,4

1 279,0

1 311,6

Überschuß/Defizit (-)

-

32,2

2,4

33,4

Überschuß/Defizit (-)
ohne Veräußerung von
Bundesvermögen

-

34,3

1,6

32,6

-

28,0

0,0

Gramm-Rudman-Defizit
Obergrenzen

Differenz

6,3

-

- 14 -

1,6

*

�Nachtrag
Überschuß/Defizit (-)
als Prozentsatz des BSP

-

0,5

0,0

0,5

Anmerkung: Die Zahlen schließen die Sozialversicherung ein, die im
Haushalt nicht berücksichtigt wird.
*

Die Zahlen liegen nicht vor.

* * * * *

- 15 _

�AMERIKA DIENST
VON

^

Hintergrundmaterial

11. Januar 1989

AMERIKANISCHE WISSENSCHAFTLER FÜHREN SICHERHEIT VON HORMONEN AN
- Artikel über bei der Tiermast eingesetzte Wachstumshormone -

WASHINGTON - (AD) - Amerikanische
Wissenschaftler und Regierungsvertreter berichten, daß in den Vereinigten
Staaten bei der Tiermast eingesetzte
Wachstumshormone zur Steigerung des
Protein- sowie Verringerung des Fettgehalts und der Kalorien in Fleisch
weltweit mit am gründlichsten getestet sind und somit keine Gefahr für
die Gesundheit der Konsumenten darste Llen.
Den Experten zufolge haben umfangreiche
wissenschaftliche
Forschungen belegt, daß die fünf in den
Vereinigten Staaten zugelassenen Hormone - Testosteron, Östradiol, Progesteron sowie zwei synthetische Verbindungen, Zeranol und Trenbolon unschädlich sind. Sie betonen ferner, daß die bei Vieh zum schnelleren

United States Information Service
Embassy of the United States of America

Wachstum verwendete Menge natürlicher
Hormone verglichen mit der Menge vom
menschlichen
Körper
produzierter
gleicher Hormone minimal ist.
Ihren Berichten zufolge werden
bei der Viehzucht nicht nur in den
Vereinigten Staaten sondern auch in
anderen führenden fleischproduzierenden Ländern wie Kanada, Australien,
Brasilien und Argentinien häufig Hormone verwendet.
Lester Crawford, Verwalter des
Nahrungsmittelsicherheits- und
Inspektionsdienstes des amerikanischen
Landwirtschaftsministeriums
erklärte
vergangenen Monat einem Prüfungsausschuß des Europäischen Parlaments,
daß die fünf Wachstumshormone eingesetzt werden, um den Fettgehalt im

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.: 0228-339 2035
Telex: 8-85432

�Fleisch zu reduzieren und die zur
Aufzucht benötigte Zeit sowie den
Einsatz von Futtermitteln zu verringern.
"Wenn man sich die Liste der
weltweit bei Menschen und Tieren verwendeten medizinischen Präparate betrachtet, zählen diese Verbindungen
zu den unschädlichsten", erklärte
Crawford, der promovierter Pharmakologe und Tiermediziner ist.
Die Europäische Gemeinschaft hat
mit Wirkung vom 1. Januar 1989 als
Reaktion auf den Druck von Verbrauchergruppen, die behaupten, die Hormone seien gesundheitsgefährdend, ein
Einfuhrverbot für sämtliches Fleisch
von hormonbehandelten Tieren aus den
Vereinigten Staaten verhängt.
Die
Vereinigten Staaten exportieren pro
Jahr ca. 50 000 metrische Tonnen
Fleisch im Wert von ungefähr 125 Millionen Dollar in die 12 Länder der
Europäischen Gemeinschaft und machen
Europa damit zu ihrem zweitgrößten
Rindfleisch-Exportmarkt.
Das Problem entstand 1980, als
der Einsatz eines nicht genehmigten
synthetischen Hormons, Diäthylstilböstrol (DES) durch europäische Viehzüchter mit Gesundheitsschäden in
Italien, der Bundesrepublik und Holland in Verbindung gebracht wurde.
Dies rief eine Verbraucherbewegung
auf den Plan, die ein gesetzliches
Verbot für alles von hormonbehandelten Tieren stammende Fleisch in ganz
Europa bewirkte.
Die Anwendung von DES bei der
Viehzucht, das den Erkenntnissen zufolge Krebs verursacht, wurde nach
einer gründlichen Untersuchung durch
Wissenschaftler und nationale Regierungen weltweit verboten. Das synthetische Hormon wurde in den Vereinigten Staaten von Ende der sechziger
Jahre bis 1978 verwendet, als die Genehmigung dafür entzogen wurde.
"Bedauerlicherweise waren es die
weltweiten Erfahrungen mit diesem gefährlichen Präparat, die Entscheidun-

gen über als unschädlich und wirtschaftlich nützlich für die Völker
der Welt erwiesene wachstumsfördernde
Hormone über Gebühr beeinflußt haben", führte Crawford aus.
Dem Professor für Veterinärmedizin an der Auburn University, Robert
Wilson, zufolge haben die fünf in den
Vereinigten Staaten bei Tieren, die
zur Nahrungsmittelproduktion verwendet werden, zugelassenen Hormone eines wurde im Jahr 1969, die anderen
in den achtziger Jahren zugelassen das strengste Arzneimittelzulassungsverfahren in der Welt durchlaufen.
Zu diesem Verfahren gehören Tests von
Veterinärmedizinern,
Toxikologen,
Chemikern und Umweltwissenschaftlern.
Kleinste Mengen von drei natürlichen Hormonen - Östrogen, Testosteron
und Progesteron - kommen ohnehin bei
allen Säugetieren und auch im menschlichen Körper vor.
Diese von bestimmten Drüsen abgesonderten Hormone
haben unterschiedliche Wirkungsweisen
auf die Funktionen des Körpers. Die
gleichen, in großen Mengen mittels
Gentechnik hergestellten Hormone können bei Tieren direkt injiziert werden, um die natürliche Hormonproduktion zu ergänzen und das Wachstum der
Tiere zu fördern, indem der Körper in
die Lage versetzt wird, mehr Nährstoffe aus Futtermitteln in Muskelwachstum anstatt in Fett umzusetzen.
"Die in amerikanischen Produkten
eingesetzten Hormonmengen erhöhen den
Gehalt des betreffenden Hormons im
Tierkörper um maximal 1 Prozent und
um Null Prozent beim menschlichen
Verbraucher des von diesem Tier erzeugten Fleischs", erklärte Wilson.
Er fügte hinzu, das in Europa
weithin verzehrte Bullenfleisch weise
Konzentrationen des Hormons Testosteron auf, die wesentlich höher liegen
als die im Fleisch von mit Hormon-Implantaten
behandelten Ochsen oder
Jungkühen.
Wilson zufolge besteht ein weiterer Grund für das Urteil des amerika-

-f-

�nischen Bundesgesundheitsamts (FDA)
über die Unschädlichkeit von Hormonen
darin, daß lediglich winzige Rückstände von Hormonen im Fleisch behandelter Tiere zurückbleiben. Dies beruht teilweise auf der Tatsache, daß
die Bestimmungen der FDA es nicht zulassen, Hormone in eßbare Partien der
Tiere zu injizieren.
Stattdessen
werden die Hormone in den Ohren der
Tiere appliziert, von wo aus die Substanz dann langsam in den Blutkreislauf eingeführt wird.
Wilson stellte fest, neue wissenschaftliche Tests, bei denen mit radioaktiven Molekülen verbundene Antikörper zur Identifizierung und Qualifizierung von Wirkstoffen eingesetzt
werden, zeigten, daß die Zunahme des
Hormongehalts im Fleisch behandelter
Tiere im Vergleich zur körpereigenen
Produktion
derselben Hormone beim
Menschen verschwindend gering ist.
"Eine
500-Gramm-Portion
von
Fleisch mit Östradiol behandelter
Tiere enthält 15 000 mal weniger
Östradiol als die Menge, die ein Mann
durchschnittlich pro Tag produziert",
erklärte er. Er fügte hinzu, daß sogar bei Kindern vor der Pubertät, die
den geringsten
Hormonspiegel beim
Menschen aufweisen, das zusätzliche
mit dem Fleisch behandelter Tiere
aufgenommene Östradiol 1 000 mal geringer ist als die Tagesproduktion
des menschlichen Körpers. Ähnliches
treffe auf Progesteron und Testosteron zu.
"Es gibt noch einen weiteren Sicherheitsfaktor",
stellte
Wilson
fest.
"Diese natürlichen Hormone
werden vom Körper sehr gut absorbiert
und umgewandelt.
Tatsächlich würde
nur ein sehr geringer Teil eines aufgenommenen Hormons aktiv bleiben,
vielleicht 10 Prozent.
Dies würde
lediglich 0,1 Prozent der Tagesproduktion eines Kindes vor der Pubertät
ausmachen."
Die FDA ist zu dem Schluß gekommen, daß keinerlei physiologische
Auswirkungen auf den Verbraucher beim

Verzehr von Fleisch zu erwarten seien, das zusätzliche Hormone mit einem
Gehalt aufweist, der bis zu einem
Prozent der vom Menschen täglich produzierten Menge aufweist.
Im Gegensatz zu natürlich vorkommenden Hormonen gibt es keine tägliche Produktionsquote für die synthetischen Verbindungen Trenbolonacetat
und Zeranol. Daher fordert die FDA
umfangreiche toxikologische Untersuchungen bei Tieren, um einen unbedenklichen Höchstwert dieser Verbindungen im Fleisch festzusetzen. Sie
fordert darüber hinaus Beweise der
Fleischverarbeiter, daß die Menge der
nach der Behandlung im Fleisch verbleibenden Hormone unter dieser unbedenklichen Höchstgrenze liegt.
Das Programm der FDA über toxikologische Tests für synthetische Hormone erfordert langfristige Untersuchungen über die Behandlung zweier
Tierrassen - in der Regel Ratten und
Mäuse - bei denen als Ergebnis keine
wahrnehmbare hormonelle Wirkung auftreten darf sowie eine zweite Reihe
langfristiger Untersuchungen, um eine
Höchstgrenze für Hormone festzusetzen, die keine hormonellen Auswirkungen auf Primaten in der Tierwelt hat.
Ein im vergangenen April von
einem Ausschuß des Nationalen Forschungsrates - einer Zweigstelle der
Nationalen Akademie der Wissenschaften - veröffentlichter wichtiger Bericht über tierische Nahrungsmittel
fordert weitere Erforschung der Verwendung
von Wachstumshormonen für
Tiere, die Muskel- statt Fettgewebebildung fördern.
Das 16 Teilnehmer umfassende Komitee aus Ernährungswissenschaftlern
und Vertretern anderer Fachrichtungen
wies darauf hin, daß tierische Produkte in unserer Nahrung mehr als die
Hälfte des gesamten Fettanteils, drei
Viertel der gesättigten Fettsäuren
und den Gesamtanteil an Cholesterin
ausmachen. Bei zu großen Mengen dieser Nährstoffe sind Zusammenhänge mit
Herzkrankheiten, Schlaganfällen und

- 3 -

�einigen
Krebserkrankungen
stellt worden.

festge-

Das Komitee sieht die "richtige
Lösung" für zu hohe Fettaufnahme "in
der Produktion magerer Tiere". Dem
Gremium zufolge könnte dies durch die
Anwendung
verfügbarer
Technologien
wie auch den Einsatz von Wachstumshormonen bei der Aufzucht, Fütterung
und Haltung von Vieh erreicht werden.
Fedesa - einer europäischen Vereinigung
der
veterinärpharmazeutischen Industrie - zufolge, "besteht
das Endergebnis der Anwendung von
Hormonen in besserer Qualität, geringeren Kosten und magererem Fleisch."
Fedesa kommt zu dem Schluß, daß die
fünf in den Vereinigten Staaten zugelassenen Hormone von allen zuständigen Behörden und internationalen Ausschüssen, die dazu Statistiken geprüft haben, als unbedenklich bezeichnet wurden.
Der Codex Alimentarius-Ausschuß,
eine hochgeachtete internationale Organisation im Zuständigkeitsbereich
der Weltgesundheitsorganisation und
der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen,
hat die Hormone überprüft und den
Schluß gezogen, die natürlichen Verbindungen seien so unbedenklich, daß
für ihre Anwendung keine Einschränkungen erforderlich sind. Der Ausschuß hat sich zum Ziel gesetzt, die
Gesundheit der Verbraucher zu schützen und weltweit faire Handelspraktiken bei Futtermitteln zu gewährleisten.
In den Vereinigten Staaten spielen drei
Bundesbehörden
bei der
Durchführung von Verfahren zum Schutz
der Öffentlichkeit von Rückständen in
Nahrungsmitteln eine wichtige Rolle.
Crawford zufolge prüft das Landwirtschaftsministerium verarbeitende Betriebe und analysiert Gewebe des
Viehs, um sicherzustellen, daß dieses
verarbeitete Fleisch zum Verzehr geeignet ist. Die Umweltschutzbehörde
ist mit Pestiziden und industriellen
Che.-nikal ien befaßt, die bei der Nah

rungsmittelverareitung Anwendung finden können, und die Nahrungsmittelbehörde legt Höchstgrenzen für Rückstände von Tierarzneimitteln in eßbarem Gewebe fest.
"Die Vereinigten Staaten haben
ein sehr strenges Programm zur Kontrolle von Rückständen, dank dem eine
gefahrlose Versorgung mit Fleisch und
Geflügel sichergestellt werden kann",
erklärte Crawford. "Das Zulassungsverfahren ist extrem komplex, detalliert und zeitaufwendig".

* * * * *

�AMERIKA DIENST
Hintergrundmaterial

11. Januar 1989

DIE KONTROVERSE ÜBER DEN EINSATZ VON HORMONEN
BEI DER TIERMAST - DER HINTERGRUND

BONN - (AD) - Der nachstehende Beitrag wurde vom Büro des Landwirtschaftsattaches der US-Botschaft in Bonn erarbeitet. Fragen, die der vorliegende
Text nicht beantwortet, können dorthin gerichtet werden - Tel. (0228) 339-2133.

Am 31. Dezember 1985 verabschiedete der EG-Ministerrat die Richtlinie 85/649 "Verbot der Anwendung anabolischer Substanzen bei der Tiermast". Mit dieser Richtlinie wurde
beabsichtigt, die Anwendung von Hormonen in der EG sowie Einfuhr und
Verkauf von außerhalb der EG mit dieser Methode erzeugtem Fleisch zu verbieten.
Die "Hormon-Richtlinie" trat am
1. Januar 1988 in Kraft, jedoch gewährte der Ministerrat aufgrund energischer Intervention der amerikanischen Regierung im Herbst 1987 einen
einjährigen Aufschub der Durchführung
- bis zum 31. Dezember 1988.
Ebenfalls im Herbst 1987 veröffentlichte die Regierung der Verei-

United States Information Service
Embassy of the United States of America

nigten Staaten eine am 1. Januar 1988
in Kraft getretene Liste von Vergeltungsmaßnahmen-'-.
Die
Anwendung
dieser Liste wurde jedoch bis zur
Einführung der Hormon-Richtlinie ausgesetzt.
Am Montag, dem 19. Dezember 1988
beschloß der Ministerrat, die Durchführung der Richtlinie nicht über den
1. Januar 1989 hinaus zu verschieben.
Er erklärte
sich jedoch bereit,
Fleischimporte
zur
Verwendung
in
Heimtierfutter von dieser Maßnahme
auszunehmen. Der Rat beschloß ferner, weitere Gegenmaßnahmen zu ergreif en^,
falls
die
Vereinigten
Staaten ihre Vergeltungsmaßnahmen in
Kraft setzen sollten. Dieser Schritt
wurde jedoch vertagt, um die Auswirkungen der Aussetzung des Verbots bei

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Tel.: 0228-339 2035
Telex: 8-85432

�Heimtierfutter auf die Liste von Vergeltungsmaßnahmen
der
Vereinigten
Staaten abzuwarten. Der Ministerrat
wies die EG-Kommission an, die Möglichkeit zu prüfen, die Vereinigten
Staaten wegen ihres "einseitigen" Beschlusses
von
Vergeltungsmaßnahmen
vor das GATT zu zitieren. Die Kommission versuchte dies tatsächlich
sehr bald, aber der Versuch wurde von
den Vereinigten Staaten verhindert,
die anführten, daß gerade die EG seit
langem jeden amerikanischen Versuch
blockierten, das ganze Problem dem
GATT zu unterbreiten.
Die amerikanischen Rindfleischexporte in die EG im Wert von 145 Millionen Dollar bestehen zum größten
Teil aus Innereien, wie etwa Leber,
Zunge, Herz, Nieren etc. für die
fleischverarbeitende Industrie (einschließlich Heimtierfutter) und einer
winzigen Quote von 10 000 Tonnen an
qualitativ hochwertigem Rindfleisch
(Hilton Beef).
Zum Vergleich: Argentinien exportiert 380 000 Tonnen
an
qualitativ
hochwertigem
Rindfleisch in die EG.

Warum dieser Konflikt?
Warum sind die Vereinigten Staaten in ihrer Ablehnung des Hormonverbots so unnachgiebig, insbesondere
wenn man bedenkt, daß sie von anderen
Anbietern, wie etwa Argentinien, Australien und Neuseeland praktisch
keine Unterstützung in dieser Angelegenheit erfahren?
Hierfür gibt es zwei Gründe: am
wichtigsten ist, daß das Hormonverbot
jeglicher wissenschaftlichen Grundlage entbehrt. Zu Beginn versuchte die
EG-Kommission, das Hormonverbot als
Maßnahme darzustellen, die der "Gesundheit"
oder
dem
"Verbraucherschutz" diene. Aufgrund erdrückender
wissenschaftlicher
Beweise^ mußten
die Kommission und die Mitgliedstaaten sich darauf zurückziehen, es als
"politische" Maßnahme zu bezeichnen "weil unsere Verbraucher dies wünschen" .

Die amerikanische Position geht
davon aus, daß das gesamte System der
gesundheitspolitischen
Beziehungen
zwischen den Staaten in Gefahr geraten würde, "politischen" Maßnahmen zu
unterliegen, wenn solche Angelegenheiten nicht auf wissenschaftlicher
Grundlage behandelt werden.
Ferner
erkennen weder die Vereinigten Staaten noch das GATT politische Gründe
als eine legitime Basis für eine Beschränkung des Handels an. Die amerikanische Regierung ist der Auffassung, daß im Falle einer politisch
motivierten Handelsbeschränkung die
dafür verantwortlichen Staaten nicht
überrascht sein dürfen, wenn die geschädigte Partei Retorsionsmaßnahmen
ergreift.
Der zweite Grund, aus dem die
Vereinigten Staaten dieses Problem so
ernst nehmen, ist, daß trotz der in
Anbetracht des Gesamthandelsvolumens
zwischen den USA und der EG relativ
unbedeutenden Summe von 145 Millionen
Dollar dies für die hiervon betroffenen Erzeuger und Exporteure schwer zu
Buche schlägt. überdies mußten sich
die in die EG exportierenden amerikanischen Fleischwarenhersteller gerade
erst
an
die
EG-Richtlinie
für
fleischverarbeitende
Betriebe
in
Drittstaaten anpassen. Diese Richtlinie hält sich nicht an das Prinzip
der
Gleichwertigkeit-*,
sondern
schreibt spezielle Anforderungen für
Konstruktion und Betrieb fleischverarbeitender Betriebe vor. Zu allem
Übel muß sich die Mehrheit der
fleischverarbeitenden Betriebe in der
EG nicht an diese Richtlinie halten lediglich diejenigen, die im grenzüberschreitenden Handel tätig sind.
Die Drittlandsrichtlinie hatte zur
Folge, daß die Fleischwarenhersteller
in den Vereinigten Staaten 20 Millionen Dollar investieren mußten, um ihre Betriebe anzupassen - ohne Gewinn
an Wirtschaftlichkeit oder Verbesserungen des Produkts.

Die Funktionsweise
schen Systems

des

amerikani-

�Seit der Besiedlung des amerikanischen Westens boten die weiten, offenen Weideflächen einen Anreiz für
die Entwicklung der Rinderhaltung in
großem Stil. Dabei trat schnell zutage, daß Bullenkälber schon früh kastriert werden mußten, wenn wenige
Arbeiter große Herden auf offenen
Weideflächen unter Kontrolle halten
wollten. Aus diesem Grund wurde es
in den Vereinigten Staaten die Norm,
Ochsen zum Schlachten aufzuziehen und
Bullen lediglich zu Zuchtzwecken zu
verwenden.
Diese Praktiken wurden
auch in Kanada, Südamerika, Australien, Neuseeland und anderen Ländern
eingeführt.
Wegen der grundverschiedenen Bedingungen in Europa setzte sich hier
die Praxis der Aufzucht von Ochsen
zur
Rindfleischherstellung
nicht
durch - außer in begrenztem Maße in
Frankreich, Großbritannien und Irland
nach dem Zweiten Weltkrieg.
Der
Großteil des Rindfleischs von männlichen Tieren in Europa stammt von Bullen, die in Ställen gehalten und 18
Monate bis 2 Jahre lang mit einem Nasenring vor einem Futtertrog angepflockt sind.
In den Vereinigten
Staaten werden Rinder 14-16 Monate
lang auf offenen Weideflächen gehalten und dann etwa 120 Tage in "feedlots" mit Mais und Sojaschrot gemästet.
In den späten vierziger Jahren
ermöglichten Fortschritte in der Medizin die Entwicklung von Hormonanwendungen für Menschen und Tiere.
Diese Technologie stellte sich bei
der Rindermast als besonders wirksam
heraus, insbesondere bei Ochsen, da
deren
natürliche
Hormonproduktion
durch die frühzeitige Kastration erheblich reduziert wird. Die Verabreichung einer minimalen Dosis bestimmter Hormone führt zu einer deutlichen Steigerung der Futterverwertung, d.h., es wird eine geringere
Menge Futter pro Kilogramm Zunahme
benötigt.
Gleichzeitig
verbessert
sich die Fleischqualität durch Reduzierung des Fettanteils. Der Einsatz
von Hormonen führte also zu einer Er-

höhung der Rentabilität für den Mäster und zu einer besseren Fleischqualität für den Verbraucher.
Fünf hormonelle Substanzen sind
in den Vereinigten Staaten bei der
Rindermast erlaubt. Das sind einmal
"natürliche" (natürlich vorkommende,
aber im Labor produzierte) wie Ö'stradiol, Progesteron und Testosteron sowie die "synthetischen" Substanzen
Zeranol und Trenbolon. Bei richtiger
Anwendung werden die natürlichen Hormone umgewandelt
und hinterlassen
keine Spuren.
Das heißt, es ist
schwer, wenn nicht unmöglich, an Hand
von Fleischproben herauszufinden, ob
zur Tiermast natürliche Hormone verwendet wurden - wenn diese nicht unsachgemäß angewandt wurden. Die synthetischen Hormone hinterlassen hingegen Rückstände oder Signaturen, die
meßbar sind und an Hand derer festgestellt werden kann, ob die Substanzen
richtig eingesetzt wurden. Das synthetische Hormon Zeranol wurde vom
amerikanischen
Bundesgesundheitsamt
(FDA) 1969 genehmigt, mit Hilfe modernster Technologie neu überprüft
und 1983 erneut mit einem empfohlenen
Rückständewert von 0,5 ppB (pro Pfund
Rindfleisch)
genehmigt.
Trenbolon
wurde nach neunjährigen Untersuchungen 1987 von der FDA genehmigt, und
für Rückstände wurde ein Wert von 0,1
ppB empfohlen.
Hormone für die Tiermast sind in
den Vereinigten Staaten nicht verschreibungspflichtig.
Sie sind in
speziellen Kapseln erhältlich und
werden mit einem besonderen Apparat
im Ohr des Tieres implantiert. Die
Verbindung gelangt über einen längeren Zeitraum hinweg in kleinsten Mengen in den Blutkreislauf des Tieres.
Ein Kontakt zu Muskelgewebe wird
nicht hergestellt. Bei der Schlachtung des Tieres wird das behandelte
Ohr abgeschnitten und beseitigt. Besondere Erwähnung sollte in diesem
Zusammenhang finden, daß Färsen auch
Hormonimplantate erhalten, so daß das
Fleisch dem der Ochsen qualitativ
gleichzusetzen ist.

- 3 -

�Zusätzlich zur Transparenz und
Offenheit des amerikanischen Systems
bildet das vom amerikanischen Landwirtschaftsministerium
landesweit
durchgeführte umfangreiche Programm
zur Überprüfung und Stichprobenerhebung ebenfalls einen wichtigen Bestandteil, um das Vertrauen der Verbraucher und Gesetzgeber zu erhalten.
Dieses obligatorische Programm prüft
nicht nur den Hormongehalt, sondern
auch auf Pestizide, Arzneimittel und
andere Rückstände.
Die Ergebnisse
des Programms werden jährlich veröffentlicht. Unterstützung leisten dabei die auf lokaler Ebene tätigen
amtlichen Veterinäre, die regionalen
Labors des Ministeriums und der auf
Bezirksebene tätige Auswertungs- und
Informationsdienst.
In Anbetracht des von der EG verhängten totalen Hormonverbots wirkt
es wie Ironie, daß der Hormongehalt
in amerikanischem Ochsenfleisch sehr
viel geringer ist als in europäischem
Fleisch.
Dies
trifft
auch
bei
Fleisch von Kühen zu.
Der Grund
liegt darin, daß die natürliche Hormonproduktion eines Bullen in nur
vier Tagen den 200 Milligramm der im
Ohr eines amerikanischen Ochsen implantierten Kapsel entspricht und darüber hinausgeht. Dabei muß die implantierte Dosis für die gesamte
Mastperiode ausreichen.
N.B.: Hier sind jedoch nicht die auf
dem schwarzen Markt erhältlichen Verbindungen berücksichtigt, die ebenfalls in europäischen Fleischlieferungen vorhanden sein können (d.h.
illegal hergestellte und gemischte
"Cocktails" aus Hormonen, mißbräuchlich
angewandte
Arzneimittel
wie
"Clenbuterol" und das international
verbotene "DES"). Das genaue Ausmaß
des europäischen Schwarzmarktes für
diese illegalen Substanzen ist unbekannt , wird jedoch als sehr groß betrachtet.

Schlußfolgerung

Die Bundesregierung hat die Anwendung von Hormonen für die Tiermast
innerhalb ihrer Grenzen im Jahr 1959
verboten. Während es In Frankreich,
Großbritannien und Irland in den folgenden 30 Jahren kaum Skandale im Zusammenhang mit illegalen Substanzen
gab, wurde in der Bundesrepublik und
den anderen EG-Staaten wiederholt die
weitverbreitete Anwendung von (illegal hergestellten und illegal verbreiteten)
Schwarzmarkt-Drogen
bei
der Tiermast aufgedeckt. Gleichzeitig führten zunehmend verfeinerte
Technologien und Testtechniken dazu,
daß immer mehr wissenschaftliche Gremien den Einsatz von Hormonen bei der
Rindermast befürworteten (Anhang II).
Die Reaktion der europäischen Regierungen auf die Schwarzmarkt-Probleme mit "Hormon-Cocktails" und Arzneimitteln sowie die zunehmende Empörung der Öffentlichkeit wogen die
Vorteile einer Legalisierung der Anwendung sicherer, international genehmigter Hormonpräparate nicht auf
sondern führten zur Entwicklung und
Durchsetzung der EG-Hormon-Richtlinie.
Interessanterweise
lehnten
Frankreich^, Großbritannien und Irland die Verabschiedung der Verordnung ab, jedoch nicht vehement genug,
um eine Sperrminorität zu bilden.
Auch hier siegte politischer Eigennutz über wissenschaftliche Beweise.
Die Vereinigten
Staaten haben
vergeblich versucht, das Problem auf
der Grundlage der internationalen
wissenschaftlichen
Erkenntnisse
zu
lösen. Bereits frühzeitig erklärten
sich die Vereinigten Staaten freiwillig bereit, alle von der EG für ihr
Fleisch gefordertenn Höchstmengen für
Hormone und Rückstände zu befolgen.
Die EG lehnte diesen Vorschlag jedoch
ab.
Amerikanische Vorschläge, die
Frage dem Normenausschuß des "GATT zur
Entscheidung vorzulegen, wurden von
der EG wiederholt blokkiert. Im Verlauf der einjährigen Aussetzungsperiode vom 1. Januar 1988 bis zum 31.
Dezember 1988 zeitigten die Diskussionen zwischen der EG und den Vereinigten Staaten keinerlei Ergebnisse,

�da die Kommission keine Anweisungen
hatte, das Thema zu verhandeln. Das
für September 1988 vorgesehene bilaterale Treffen zwischen der EG und
den Vereinigten Staaten fand nicht
statt, da die Kommission erklärte,
sie habe nichts Neues zu sagen. Im
Dezember 1988 entschied der EG-Ministerrat dann, keine Maßnahmen zu ergreifen, um die Einführung des Verbots weiter zu verzögern.
Die einzige daraus zu ziehende
Schlußfolgerung lautet, daß die EG
beabsichtigt, die Hormon-Richtlinie
durchzuführen, selbst unter dem Vorbehalt,
sie
sei
wissenschaftlich
nicht haltbar.
Die folgende Tabelle zeigt, daß
unbehandeltes Bullenfleisch einen 10
bis 44mal höheren Gehalt an männlichen Hormonen hat als das Fleisch behandelter Tiere:

4 NB: Mit dem 1. Januar 1988 wurde
Frankreich und allen anderen europäischen Mästern legaler Zugang zu genehmigten
Präparaten
verweigert.
Seitdem wurde auch in Frankreich beachtlicher Mißbrauch von Clenbuterol
festgestellt.

�Tabelle 1
Vergleich männlicher und weiblicher Hormone
im Fleisch implantierter und unimplantierter Tiere

Weibliche Hormone
(Nanogramm)

Gewicht der Portion
(500 g)

Bulle
Ochse
Ochse
Ochse
Ochse
Färse
Färse
Kuh*

20
6,1
(m.weibl.Hormon implantiert)
(mit Zeranol implantiert)
(mit Trenbolon implantiert)
(mit Trenbolon implantiert)
(m.mann 1.Hormon implantiert)

Männliche Hormone
(Nanogramm)

1560-2000

20
20
20

11,4

7,0
75*
75*

135-150
135-150

35

75

Zum Zeitpunkt der Abfassung dieses Berichts waren detaillierte Informationen über den Östrogengehalt bei ungedeckten Färsen nicht
verfügbar. Es kann jedoch mit Sicherheit angenommen werden, daß
er nicht höher sein wird als bei Kühen.
Quellen: "Hormoneinsatz in der Tiermast," Prof. Dr. Heinrich Karg, Technische Universität München, Weihenstephan, und "Was sind Anabolika,"
Bundesverband für Tiergesundheit e.V., Bonn.

Tabelle 2
In verschiedenen Nahrungsmitteln natürlich vorkommende
Menge weiblicher Hormone (Östrogene)
Nahrungsmittel

Hühnerei
Kohl
Erbsen
Weizenkeime
Sojaöl
Milch

Gewicht der Portion
(Gramm)

50-60

100
100
10
10 ml
500 ml

Quelle: Bundesverband für Tiergesundheit e.V., Bonn.

- 6 -

Östrogenaufnähme
(Nanogramm)

1750
2400

400
200
20000

75

�Tabelle 3
Produktion natürlicher -Hormone beim Menschen
Alter/Geschlecht

Junge (vor der Pubertät)
Erwachsener Mann
Mädchen (vor der Pubertät)
Nicht schwangere Frau
Schwangere Frau

Östrogenproduktion
(ng/24 Std.)

41
136
54
540
20 000

000
000
000
000
000

Quelle: Bundesverband für Tiergesundheit e.V., Bonn.

- 7 -

Androgenproduktion
(ng/24 Std)

65
6 500
32
320
320

000
000
000
000
000

�ANHANG I
Liste der von den amerikanischen Vergeltungsmaßnahmen betroffenen Produkte (lOOprozentige Einfuhrzölle)
Rindfleisch ohne Knochen, frisch, gekühlt oder gefroren
Schweineschinken und -schultern, verarbeitet oder konserviert
Tomaten (außer Tomatenmark), verarbeitet oder konserviert
Löslicher Kaffee oder Kaffee-Extrakte
Fruchtsäfte, konzentriert oder nicht konzentriert
Alkoholische Getränke
(außer Bier)

mit weniger

als

7 Prozent Alkoholgehalt

Für den Einzelhandel verpacktes Heimtierfutter
(Naturdärme für die Wurstproduktion wurden aufgrund der Aussetzung
bei Heimtierfutter von der Liste gestrichen).
Gesamtwert der amerikanischen Importe

100 Millionen Dollar

Liste der von EG-Gegenmaßnahmen betroffenen Produkte
Honig
Walnüsse in Schale
getrocknetes Obst
-

Mais in Dosen
Gesamtwert der EG-Importe

- 8 -

144 Millionen Dollar

�ANHANG II
Wissenschaftliche Gremien, die der sachgerechten Anwendung von
Hormonen als nicht gesundheitsgefährdend zugestimmt haben

1981

Gemeinsame Expertenkommission für Nahrungsmittelzusätze
der Weltgesundheitsorgansation (WHO) und der Ernährungsund Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen
(FAO)

1981

Wissenschaftlicher Beirat der Bundesärztekammer
Bundesrepublik Deutschland

1981/1985/1987

Kommission für Hormontoxikologie, Deutsche Gesellschaft
für Endokrinologie

1982

EG-Arbeitsgruppe5

1987

Wissenschaftliche Arbeitsgruppe
("Lamming Bericht")5

1988

Kommission für Rückstände veterinärmedizinischer Präparate in Nahrungsmitteln, Codex Alimentarius

1
2
3
^

5

in der

(EG) "Anabolic Agents"

siehe Anhang I
siehe Anhang II
Das Prinzip der Gleichwertigkeit erlaubt unterschiedliche Technologien, wenn das Endprodukt identisch ist, wie etwa gesundes Fleisch
NB: Mit dem 1. Januar 1988 wurde Frankreich und allen anderen europäischen Mästern legaler Zugang zu genehmigten Präparaten verweigert.
Seitdem wurde auch in Frankreich beachtlicher Mißbrauch von Clenbuterol festgestellt.
Diese Gruppe wurde 1980 von der EG-Kommission gegründet. Sie gab ihre erste positive Stellungnahme zur physiologischen Hormontechnologie
im Jahr 1982 ab. Im Jahr 1985 wurde sie zur Überprüfung von Zeranol
und Trenbolon erneut einberufen, aber die EG-Kommission löste die
Gruppe vor Fertigstellung des Berichts auf. Die Gruppe trat auf privater Ebene wieder zusammen, beendete ihre Aufgabe und veröffentlichte ihre Stellungnahme im Jahr 1987 im "Lamming Report".

* * * * *

- 9 -

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                <text>&lt;strong&gt;1. Information&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Sullivan wird erster schwarzer Minister Im Kabinett Bush&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Porträt des neuen Gesundheitsministers&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Dokumentation&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Shultz drängt auf Beendigung des Einsatzes chemischer Waffen&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede vor der Pariser Konferenz&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Reagan legt Haushaltsentwurf für 1989/90 vor&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Zielsetzung bleibt Abbau des Defizits&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Hintergrundmaterial&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Amerikanische Wissenschaftler führen Sicherheit von Hormonen an&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Artikel über bei der Tiermast eingesetzte Wachstumshormone&lt;br /&gt;&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;Die Kontroverse über den Einsatz von Hormonen bei der Tiermast&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Der Hintergrund&lt;br /&gt;&lt;/em&gt;</text>
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dienet

Herausgeber: U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

Z12462 C

11. Januar 1995

02

WIRTSCHAFT

REICH ZUR WIRTSCHAFTLICHEN LAGE DER
AMERIKANER
Rede des Arbeitsministers

AMERIKA-GIPFEL

DEMOKRATISCHE WERTE UND WIRTSCHAFT
von Richard E. Feinberg

REPUBLIKANER

STEUERSENKUNGEN UND REFORMEN IM
KONGRESS
Der Vertrag mit Amerika

MARTIN LUTHER KING

DIE MARTIN LUTHER KING LIBRARY
Umfassende Sammlung über King und die
Bürgerrechtsbewegung

PORTRAT

BOB DOLE - ÜBER DREI JAHRZEHNTE IM
STAATSDIENST
Porträt des Mehrheitsführers im Senat

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Deichmanns Aue 29
D 53170 Bonn

Tel.:0223-339 23 72
Fax:0228-3341 02

�Wl R T S C H A F T
11. Januar 1995

REICH ZUR WIRTSCHAFTLICHEN LAGE
DER AMERIKANER
Rede des Arbeitsministers
WASHINGTON - (AD) - In einer am 5. Januar 1995 vor dem nationalen Presseclub gehaltenen Rede stellte
Arbeitsminister Robert Reich fest, die Administration und die Republikanische Partei befürworteten äußerst
unterschiedliche Lösungen für das sinkende Einkommen der Mittelschicht.
Nachfolgend veröffentlichen wir den vorbereiteten Redetext des Arbeitsministers.

In dieser neuen Zeit der republikanischen Mehrheit
im Kongreß steht nicht weniger auf dem Spiel als die
Zukunft der amerikanischen Arbeitnehmer. Seit
anderthalb Jahrzehnten haben Durchschnittsfamilien
härter für weniger Geld gearbeitet und waren verunsichert, ob ihnen irgendwie der Amerikanische
Traum abbhanden gekommen ist. Wie ich am Labor
Day ausgeführt habe, ist unsere Mittelschicht zu
einer besorgten Klasse geworden.
Es war die Frustration über die Gegenwart kombiniert mit Angst vor der Zukunft, die Bill Clinton
1992 zum Präsidenten und Newt Gingrich im November letzten Jahres zum Speaker des Repräsentantenhauses machte. Wenn die Wahlen von 1994
die Revolte der besorgten Klasse waren, werden die
nächsten beiden Jahre eine Schlacht um die Seele
der besorgten Klasse. Die meisten Wechselwähler
unter den Demokraten bei den Wahlen im November
vergangenen Jahres waren die Arbeitnehmer, die
am meisten verloren hatten - Arbeitnehmer ohne
Collegeabschluß. Der gängige Konsens, etwas zu
unternehmen, um den Zusammenbruch der amerikanischen Mittelschicht aufzuhalten, wurde zu einer
unaufhaltsamen politischen Kraft.
Aber was tun? Ich möchte heute über die vor uns
liegende Entscheidung sprechen. Während Washington über Reformen der Arbeitsweise des Kongresses spekuliert, müssen wir uns vor Augen
führen, daß Verfahrensänderungen - so willkommen
sie auch sein mögen - um die Mittel, nicht den
Zweck gehen. Das Ziel, um das wir kämpfen, muß
die Wiederherstellung des amerikanischen Vermächtnisses vom Wohlstand der Mittelschicht sein.
Wenn sich der Rummel dieser Woche legt und die
harte Arbeit der kommenden Monate beginnt,
werden die Amerikaner zu Recht die Tagesordnung

AMERIKA DIENST 02

der Republikaner und die der Demokraten auf folgende Probe stellen: Wird dies dazu beitragen, daß es
meiner Familie und mir besser geht? In den kommenden Monaten wird immer klarer werden, daß die
Tagesordnung der Republikaner die Durchschnittsfamilie nicht an die erste Stelle setzt. Unsere tut es.
Ironischerweise steht diese Entscheidung im Kontext
eines außergewöhnlichen Aufschwungs der Wirtschaft
insgesamt. Obwohl die Arbeitslosenstatistiken für
Dezember noch nicht erstellt sind, wissen wir, daß die
Vereinigten Staaten eine lebhafte Zunahme von
Arbeitsplätzen verzeichnen konnten - in den vergangenen zwei Jahren über fünf Millionen, die
meisten davon in hochbezahlten Berufszweigen. Die
Arbeitslosenquote ist niedriger als in den vergangenen vier Jahren und trotzdem gibt es keine Anzeichen einer erhöhten Inflation. Noch wichtiger ist der
erneute Produktivitätszuwachs - die unerläßliche
Voraussetzung für steigenden Lebensstandard.
Aber obwohl die Produktivität und Unternehmensprofite hoch sind, gilt dies nicht für die Gehälter der
meisten Amerikaner. Wir sehen folgendes Muster:
Seit 1979 sind die Familieneinkommen im Wert des
Dollars von 1993 berechnet um 826 Milliarden Dollar
gestiegen. Aber rund 98 Prozent der Zunahme
entfällt auf das obere Fünftel der Haushalte. Alle
anderen - 80 Prozent der amerikanischen Haushalte konnten nur einen 2prozentigen Einkommenszuwachs
verzeichnen. Die typische amerikanische Familie lebt
inflationsbereinigt von einem geringeren Einkommen
als vor 15 Jahren.
Ich möchte mich klar ausdrücken. Das Problem ist
nicht, daß einige von uns reich werden. Das sind
gute Nachrichten. Das Problem besteht darin, daß
die meisten von uns nicht weiterkommen. Wir rasen

Seite 1

�auf eine Zweiklassengesellschaft zu, die aus einer
Minderheit besteht, die vom Wirtschaftswachstum
profitiert und einer Mehrheit, die nicht davon profitiert.
Die Konsequenzen dieser Erosion gehen über
Wirtschaftswissenschaften hinaus. Sie erklären zum
Teil, warum finanziell unter Druck stehende Eltern
nicht die Zeit finden, ihre Kinder so zu erziehen wie
wir erzogen wurden und die Werte weiterzugeben,
mit denen sie aufwuchsen; warum Wähler, deren
Familieneinkommen so knapp bemessen ist, empört
über die Ineffizienz und Verschwendung der Regierung sind; warum selbst instinktiv großzügige Amerikaner feststellen, wie ihr Mitgefühl für die weniger
Glücklichen schwindet; warum unsere Politik so
ärgerlich, manchmal häßlich geworden ist.
Am wichtigsten sind vielleicht die moralischen
Konsequenzen. Klar ausgedrückt: Es ist einfach
nicht richtig. Das schreiende, groteske Unrecht, das
hart arbeitenden amerikanischen Familien widerfährt,
bringt Verzweiflung und Zynismus hervor. Es ist ein
Affront gegen unsere Werte und spottet unserem
Glauben an die Leistungsgesellschaft Hohn. Es
macht Verantwortungsbewußte zu Trotteln und nagt
an der kostbaren Ethik der Verantwortung. Es
schließt die Tür zu den Ärmsten. Und schließlich
stellt die Aushöhlung der Mittelschicht und die
Schaffung einer zweigeteilten, klassenbewußten
Gesellschaft eine tödliche Bedrohung dessen dar,
was stets besonders an unserem Land war.
Es war nicht immer so. In den drei Jahrzehnten
nach dem Zweiten Weltkrieg stieg mit dem Wachstum der Volkswirtschaft das Einkommen praktisch
aller. Millionen Amerikaner - inklusive mir - wurden
in einem einfachen Glauben erzogen: Jeder, der
hart arbeitet und die Regeln befolgt, kann es für sich
und seine Familie zu einem besseren Leben bringen. Das galt für alle - nicht nur die von Geburt aus
Reichen oder die mit den besten Verbindungen.
Jeder mit Energie und Disziplin, das meiste aus
seinen Möglichkeiten zu machen, hatte eine gute
Chance, es zu scharfen. Auch die amerikanischen
Unternehmen unterstützten diesen Glauben. Beschäftigte, die hart arbeiteten und ihr Bestes gaben,
konnten am Erfolg ihrer Firma teilhaben. Wenn es
dem Unternehmen gut ging, waren ihre Arbeitsplätze
ziemlich sicher, und ihre Gehälter und Sozialleistungen stiegen.
In den fünfziger Jahren arbeiteten meine Mutter und
mein Vater sechs Tage die Woche in einem kleinen
Bekleidungsgeschäft und verkauften Röcke und
Kleider an die Frauen der Fabrikarbeiter. Ich erinnere mich, Preisschilder geschrieben zu haben,
wenn sie Sonderangebote hatten: Baumwollkleider

Seite 2

$2.99, Blusen $1.00. Als die Fabriklöhne stiegen,
konnten die Familien im Ort jedes Jahr ein bißchen
mehr Geld ausgeben, und der kleine Laden meiner
Eltern florierte. Uns allen ging es besser. Gemeinsam voranzukommen - so funktionierte es in Amerika.
Aber heute kommen wir nicht länger gemeinsam
voran. Wir driften auseinander - in zunehmender
Geschwindigkeit.
Meine Eltern setzten sich zur Ruhe, bevor die Alten
in der neuen Volkswirtschaft verdrängt wurden. Die
meisten Arbeitsplätze in dieser Fabrik gibt es nicht
mehr. Arbeitsplätze wie diese machten in den
fünfziger Jahren über ein Drittel aller amerikanischen
Arbeitsplätze aus - heute sind es nicht mehr als 16
Prozent. Viele der alten Arbeitsplätze im Dienstleistungsbereich sind ebenfalls verschwunden.
Telefonistinnen wurden durch automatische Telefonzentralen, Kassierer durch Geldautomaten, Tankstellenwärter durch Selbstbedienungspumpen ersetzt,
die jetzt sogar Kreditkarten annehmen, und Sekretärinnen durch Computer und Anrufbeantworter. Jeder
Arbeitsplatz, der billiger von einem Computer übernommen werden kann, ist inzwischen verschwunden
oder wird sehr viel schlechter bezahlt als früher. Der
weltweite Wettbewerb hat diese Revolution beschleunigt.
Dieselben Kräfe schaffen jedoch auch Millionen neuer
Arbeitsplätze, von denen einige entschieden besser
bezahlt werden. Richtige Ausbildung und Qualifikationen allein gewährleisten nicht einen guten Arbeitsplatz in der neuen Volkswirtschaft und sind sicherlich
keine Arbeitsplatzgarantie. Aber beides ist schwieriger ohne Ausbildung und Qualifikationen. Die drei
Viertel der amerikanischen Arbeitnehmer ohne
Collegeabschluß erlebten den drastischsten Rückgang bei Löhnen und Sozialleistungen. Vor 15
Jahren verdiente ein männlicher Collegeabsolvent
gewöhnlich 49 Prozent mehr als ein Mann, dessen
formale Ausbildung mit einem High School-Diplom
endete - kein allzugroßer Unterschied zwischen den
beiden Gruppen, um gemeinsam als "Mittelschicht"
bezeichnet zu werden. Aber 1993 verdiente der
männliche Collegeabsolvent durchschnittlich 83
Prozent mehr als sein Kollege mit High SchoolAbschluß - ein so großer Unterschied, daß sie sich
nicht länger auf gemeinsamem Terrain befinden. Die
Frauen sind nach ähnlichem, wenn auch weniger
stark ausgeprägtem Muster getrennt.
Die Herausforderung an die Nation lautet also, den
Wohlstand der Mittelschicht wiederherzustellen. Die
von der Nation zu treffende Entscheidung ist daher:
Welcher Weg führt uns dorthin?
Die neue Tagesordnung der Republikaner definiert
einen Weg. Erstens, Senkung der Kapitalertrags-

AMERIKA DIENST 02

�Steuer selbst auf Vermögenswerte, die Investoren
bereits besitzen. Die Theorie ist, daß solche Steuersenkungen einen Wirtschaftsaufschwung auslösen,
der das Einkommen aller erhöht. Das Problem mit
dem republikanischen Ansatz zur Besteuerung von
Kapitalerträgen ist nicht nur, daß praktisch ausschließlich die Wohlhabenden unverzüglich davon
profitieren, wobei 45 Prozent auf die kleine Gruppe
der Familien entfallen, die über 200.000 Dollar pro
Jahr verdienen. Mehr wirtschaftliche Ungerechtigkeit
wäre vielleicht ein tolerierbarer Preis, wenn er definitiv die Kapitalmittel erhöhen und ein höherer Kapitalaufwand definitiv zu höheren Einkommen für alle
führen würde. Aber die Beweise für eine Koppelung
ihrer Idee einer Steuersenkung an eine maßgebliche
und dauerhafte Zunahme von Investitionen sind viel
zu schwach, um die von den Republikanern vorgeschlagene massive Einkommensumverteilung zu
rechtfertigen.
Ein weiterer Vorschlag ist, Unternehmen sehr viel
höhere Steuererleichterungen für den Kauf von
Gerät, Maschinen und Gebäuden zu gewähren. Ein
solcher Vorschlag könnte die Unternehmensinvestitionen steigern, aber zu einem hohen Preis: Ein
Gewinn von 169 Milliarden Dollar, der im wesentlichen die Körperschaftssteuer abschaffen und die
Steuerbegünstigungen wiederbeleben würde, die in
den achtziger Jahren einen so großen Teil der
potentiellen Produktivität der Vereinigten Staaten
vergeudeten. Der Vorschlag der Republikaner zu
Körperschaftssteuersenkungen ist sorgfältig ausgearbeitet, um die Verfahren des Haushaltsprozesses
zu umgehen - er ist eine fiskalische Zeitbombe, die
in fünf Jahren explodiert.
Das grundlegendere
Problem ist jedoch, daß er das Einkommensniveau
der amerikanischen Arbeitnehmer nicht wiederherstellt. Führen Sie sich folgendes vor Augen: Während der letzten 15 Jahre sind die Ausgaben für
dauerhafte Produktionsanlagen als Prozentsatz der
gesamten Volkswirtschaft um ein Drittel gestiegen.
Kapitalinvestitionen haben zugenommen. Aber im
gleichen Zeitraum ist das reale Einkommen der
meisten Familien gesunken. Ausgaben für neue
Maschinen und Gebäude sind notwendig. Aber das
ist nicht genug.
Ein dritter Vorschlag besteht in der Lockerung der
Vorschriften für Unternehmen, um höhere Profite
und die Schaffung weiterer Arbeitsplätze zu bewirken. Die Theorie hier lautet, Unternehmen sind so
in Vorschriften verstrickt, daß sie nur Papierberge
und wenig anderes produzieren. Nach einer Befreiung von diesen Fesseln werden die Unternehmen
die Profite zugunsten des arbeitenden Durchschnittsamerikaners erhöhen.
Auch dieses Argument
verdient Beachtung. Es steht außer Zweifel, daß die
Vorteile von Bestimmungen - selbst derjenigen, die

AMERIKA DIENST 02

die Gesundheit oder Sicherheit von Verbrauchern und
Arbeitnehmern schützen, Betrug bekämpfen und die
Integrität der Finanzmärkte bewahren - gegen ihre
Belastungen aufgewogen werden sollten, und Vorschriften, die dieser Prüfung nicht standhalten,
gehören abgeschafft. Aber Bestimmungen, die die
Schaffung von Arbeitsplätzen verhindern, für den
Niedergang der Mittelschicht verantwortlich zu
machen, stimmt nicht mit den Fakten überein. Heute
werden immer mehr Arbeitsplätze geschaffen. Trotz
der konjunkturellen Höhen und Tiefen der vergangenen 15 Jahre hat die Beschäftigungsquote tatsächlich
zugenommen, obwohl die Mittelschicht an Boden
verloren hat.
Die Worte, in die diese Vorschläge eingebettet sind,
spiegeln einige geschätzte wirtschaftliche Wahrheiten
wider. Privatinvestitionen sind wichtig. Die Regierung muß effizient und rechenschaftspflichtig sein.
Vorschriften, die keinen Sinn ergeben, sollten geändert oder abgeschafft werden. Zu diesem Punkt
bestehen wenig Meinungsverschiedenheiten. Die
Frage - der echte Test - ist, ob die Vorschläge der
Republikaner die Einkommen der Arbeitnehmerfamilien erhöhen und sicherer machen - ob sie die
Amerikaner wieder auf den Pfad zu Wohlstand
geleiten.
Ich bin überzeugt, daß die auf hartem Wege gemachten Erfahrungen unserer jüngsten Wirtschaftsgeschichte lehren werden, daß die Vorschläge der
Republikaner irrelevant für die Gesundung der
amerikanischen Mittelschicht sind.
Im schlimmsten Fall führen sie uns in die entgegengesetzte Richtung. Ihre Steuervorschläge werden
das Finanzministerium so vieler Einnahmen berauben, daß sie einschneidende Reduzierungen im
Bildungswesen, bei der beruflichen Bildung, Head
Start und allen anderen Investitionen in Arbeitnehmerfamilien erzwingen, es sei denn, sie lassen einen
erneuten explosionsartigen Anstieg des Defizits zu,
oder sie unterziehen die nationale Verteidigung, das
Sozialwesen und Medicare einschneidenden Kürzungen.
Die meisten dieser Steuererleichterungen
würden andererseits Familien mit sechsstelligen
Einkommen zugute kommen. Und trotz ihrer Slogans
über freie Märkte sind wenige Republikaner im
Kongreß geneigt, dem jüngsten Appell des Präsidenten Folge zu leisten, unnötige Subventionen für
Sonderinteressen mit guten Verbindungen zu kürzen.
Die Republikaner glauben - oder sie wollen uns
glauben machen - daß die Mittelschicht zusammenbricht, weil die Kapitalaufwendungen unzureichend
und Unternehmensprofite zu gering sind. Dies sind
jedoch schlicht und einfach nicht die Ursachen der
Probleme amerikanischer Arbeitnehmer und sie zu

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�beheben, wird nicht den Wohlstand wiederherstellen.
Die wesentliche Herausforderung für Amerikaner
besteht darin, sich an eine neue Volkswirtschaft
anzupassen, die sich grundlegend von der alten
unterscheidet; eine von modernen Technologien und
globalem Wettbewerb getriebene Volkswirtschaft;
eine Volkswirtschaft, in der Qualifikationen im
Produktionsbereich der Schlüssel zum Erfolg des
einzelnen sind.
Der beste Weg zur Erhöhung der Einkommen der
meisten Amerikaner ist, einen anderen Weg einzuschlagen - einen, den die Administration zu propagieren begonnen hat: Alle Amerikaner dafür auszurüsten, daß sie in dieser neuen Volkswirtschaft zu
Wohlstand gelangen können. Es ist offenkundig,
daß das Gehalt höher ist, je besser die Qualifikation
der betreffenden Person ist. Jedes Jahr der Ausbildung oder beruflichen Bildung nach dem High
School-Abschluß, das im Verlauf der Karriere
stattfindet, erhöht die Durchschnittseinkommen um
6 bis 12 Prozent.
Die meisten der in den vergangenen zwei Jahren
geschaffenen gutbezahlten Arbeitsplätze erfordern
ein gewisses technisches Know-how. Das heißt
nicht, daß jeder ein Collegediplom erwerben muß.
In der Tat können viele Männer und Frauen, deren
traditionelle Ausbildung mit der High School endet,
gute Mittelklasse-Einkommen verdienen.
Tankstellenwärter haben Glück, wenn sie 12.000 Dollar
pro Jahr machen, aber ein in Computerdiagnose
ausgebildeter Automechaniker kann bis zu 70.000
Dollar bekommen. Ungelernte Fließbandarbeiter
bringen selten mehr als 20.000 Dollar nach Hause,
aber das Jahresgehalt eines Programmierers oder
Mechanikers für computerisierte Werkzeugmaschinen beginnt bei 50.000 Dollar. Im ganzen Land
besteht steigende Nachfrage nach Arbeitnehmern
mit technischen Qualifikationen - Verkaufsleitern,
Physiotherapeuten, Technikern für Desktop Publishing, Röntgenassistenten, am Computer ausgebildeten Designern. Es gibt keine schnelle Lösung für
die schwierige Lage der amerikanischen Arbeitnehmer.
Aber zahlreiche technische Fertigkeiten
können mit einem High School-Abschluß in einem
oder zwei Jahren gelernt werden.
Unsere Kampagne der Investitionen in Humankapital
wurde bereits in die Wege geleitet, angetrieben von
einem überparteilichen Konsens im letzten Kongreß
über die Bedeutung von Ausbildung und beruflicher
Bildung.
Jedes Jahr können zusätzlich 130.000 Kinder an
Head Start teilnehmen, einem bewährten ersten
Schritt auf dem Weg zu lebenslangem Lernen. Die
Schulen in ganz Amerika erhalten neue Anreize in

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Millionenhöhe zur Verbesserung ihrer Leistung im
Einklang mit freiwilligen nationalen Leistungsnormen.
In wenigen Jahren wechselt eine halbe Million junger
Auszubildender pro Jahr vom Klassenzimmer zu
einem hochwertigen Arbeitsplatz mit Zukunft. 3,5
Millionen Menschen, die jährlich einen Kredit für ihre
Ausbildung aufnehmen, erhalten ihn jetzt zu niedrigeren Zinssätzen - und können ihre Kredite entsprechend ihrem künftigen Einkommen zurückzahlen.
Wir gestalten das alte System der Arbeitslosenversicherung in ein neues System der Wiederbeschäftigung um und gewährleisten damit, daß allein
in diesem Jahr zusätzlich 150.000 Amerikaner, die
ihren Arbeitsplatz verloren haben, Qualifikationen
oder Hilfe bei der Arbeitssuche erhalten.
Mit seiner Forderung nach einer Bill of Rights für die
Mittelschicht umriß der Präsident vor einigen Wochen
die nächsten Schritte. Erstens steuerlich absetzbare
Aufwendungen für Ausbildung und berufliche Bildung
von 5.000 Dollar pro Jahr bis zu 10.000 Dollar in den
nächsten vier Jahren. Die Bedeutung dieses Vorschlags ging in der eiligen Berichterstattung über
konkurrierende Steuervorschläge quasi unter. Aber
steuerlich abzugsfähige Ausbildungsgelder sind nicht
nur eine Steuersenkung - sie sind eine bahnbrechende Steuerreform. Sie stellen die Investitionen einer
Familie in Qualifikationen auf gleiche Ebene wie die
Unternehmensaufwendungen für Maschinen, Werbung, Gebäude oder Geschäftsessen.
Im Rahmen der derzeitigen Gesetzgebung kommen
alle irgendwie als Investition bezeichnete Unternehmensausgaben für steuerliche Begünstigung in
Frage. Das Steuerrecht tut jedoch wenig, um Investitionen zu ermutigen, die am direktesten mit einer
Anhebung des Lebensstandards der Mittelschicht
verbunden sind - Investitionen in Bildung und lebenslange berufliche Ausbildung.
Es behandelt sie
genauso wie Ausgaben für Wasserskier oder Kaugummi. Das ergibt keinen Sinn. Unser Plan würde
dies beheben. Wenn Unternehmen Steuererleichterungen für ihre Investitionen erhalten, sollte dies auch
für Familien gelten.
Für eine typische Familie bedeutet das, die Kosten
für die Ausbildung eines Elternteils in einer neuen
beruflichen Fertigkeit oder die Collegegebühren für
das Kind würden nach Abzug der Steuern um 15 auf
28 Prozent gekürzt. Forschungsergebnisse belegen,
daß über eine halbe Million Amerikaner, die sonst
keine weitere Ausbildung oder berufliche Bildung
erhalten würden, pro Jahr davon aufgrund dieser
Steuererleichterungen Gebrauch machen. Und es
gibt kaum Grund zu der Befürchtung, daß die Vorteile
der Steuererleichterungen durch steigende Collegegebühren geschluckt würden.
Die Inflation bei
Ausbildungsgebühren verlangsamt sich bereits, und

AMERIKA DIENST 02

�der Wettbewerb unter den Tausenden Gemeindecolleges, technischen Hochschulen und anderen Bildungsinstitutionen wird sicherstellen, daß die Familien am meisten von diesen steuerlich absetzbaren
Ausbildungskosten profitieren, die die Investitionen
tätigen.
Es reicht jedoch nicht aus, das Steuerrecht ins 21.
Jahrhundert zu bringen. Wenn Amerika den das
Land charakterisierenden Glauben wiederherstellen
will - daß man, wenn man hart arbeitet und die
Regeln befolgt, vorankommen kann - müssen wir
das Gefüge von staatlicher Beschäftigung und
Ausbildungsprogrammen vollständig umgestalten.
Für arbeitslose Amerikaner oder diejenigen, deren
Löhne zu niedrig sind, um von den steuerlich absetzbaren Ausbildungsgebühren profitieren zu können,
schlägt der Präsident Ausbildungsstipendien von
2.000 bis 3.000 Dollar pro Jahr für ein bis zwei
Jahre vor. Dies ist eine radikale Verlagerung von
Programmen zu Kaufkraft. Statt die Etats - staatlicher oder bundestaatlicher - Bürokratien zu füttern,
werden wir die Ressourcen direkt in die Taschen der
Amerikaner leiten, damit sie die erforderlichen
Qualifikationen erwerben - zu der Zeit, an dem Ort
und in der Weise, die ihnen sinnvoll erscheint.
Arbeitnehmern, die eine neue Laufbahn einschlagen
und Arbeitern mit niedrigen Einkommen, die einen
Neuanfang machen müssen, öffnet sich ein neues
Tor zu besseren Arbeitsplätzen - und Informationen
darüber, welche Qualifikationen gefragt sind, um sie
durch dieses Tor zu geleiten.
Die von der Administration zusammen mit den
gerade vom Präsidenten vorgeschlagenen Schritten
eingeleiteten Initiativen definieren eine Strategie,
dank der die Amerikaner ein besseres Leben für sich
und ihre Familien aufbauen können. Sie hängt
jedoch auch von den Ereignissen am Arbeitsplatz
ab. Die Zukunft der Mittelschicht wird weniger in
Sitzungsräumen hier in Washington bestimmt als in
Fabriken und Büros im ganzen Land. Firmen
müssen ihre Arbeitnehmer nicht als zu senkenden
Kostenfaktor, sondern als zu entwickelnde Vermögenswerte betrachten. Sie können kurzfristige
Profite durch Entlassungen, Verlagerung der Produktion in Billiglohnländer, Austausch älterer Arbeitnehmer durch jüngere und billigere oder Zeitarbeitskräfte
und unabhängige Vertragsnehmer anstelle von
Vollzeitarbeitskräften erzielen. Aber die am besten
geführten Firmen in den Vereinigten Staaten beweisen, daß die langfristigen Gewinne durch die Ausbildung von Arbeitnehmern erzielt werden, indem
man ihnen mehr Verantwortung und Arbeitsplatzsicherheit verschafft und die Bezahlung an die Gewinne koppelt. Das Schmieden stärkerer und konstruktiverer Bande zwischen Arbeitnehmern und
ihren Firmen muß Bestandteil jedes Plans zur

AMERIKA DIENST 02

Wiederherstellung des Wohlstands der Mittelschicht
sein. Wir freuen uns auf die Zusammenarbeit mit
dem Kongreß und dem Privatsektor, um hierfür
effektive und faire Wege zu entwickeln.
Die von mir umrissene Tagesordnung wird nicht über
Nacht eine neue Mittelschicht hervorbringen. Das
wird Jahre dauern. Aber sie ist der einzig realistische
Ansatz. Und sie steht im Einklang mit amerikanischen Werten - daß wir unseren Unterhalt verdienen, daß Chancen die Lösung für Ungleichheit
und Arbeit immer besser als Sozialhilfe ist, daß die
Menschen ihre Talente entwickeln und das meiste
aus ihren Fähigkeiten machen sollten und Wirtschaftswachstum für alle Vorteile bringen sollte.
Unsere Lösung hängt von Menschen ab, die Verantwortung übernehmen, bietet ihnen jedoch auch
eine Chance, ihr Verantwortungsbewußtsein in
Ergebnisse umzusetzen. Sie erwartet nicht von der
Regierung oder den Unternehmen, daß sie hart
arbeitende Amerikaner retten. Sie ermöglicht es hart
arbeitenden Männern und Frauen, alleine vorwärtszukommen.
Unsere Strategie ist nicht ganz neu. In Teilen ist sie
auf die gegen Ende des Zweiten Weltkriegs verabschiedete G.l. Bill of Rights zurückzuführen, die
den Übergang von einer Periode des Konflikts und
der Furcht zu einer erstaunlich wohlhabenden Nachkriegszeit auslöste. Die G.l. Bill bot dem Durchschnittsamerikaner die Chance zu Qualifikationen von
Weltklasse. Der Rest ist Geschichte - in der Tat eine
der positivsten Episoden unserer Geschichte. Der
Traum von einem sicheren, produktiven Platz in der
Mittelschicht wurde zur Realität für die Mehrheit der
Menschen unserer Nation.
Auch die Ideen der Republikaner sind nicht grundlegend neu. Hinter der Rhetorik des Wandels verbirgt
sich eine Wiederholung der 12 Jahre währenden
republikanischen Regierung in größerem Umfang -12
Jahre der Stagnation oder des Niedergangs der
meisten amerikanischen Arbeitnehmer. Wir haben
diesen Film schon einmal gesehen, und wir kennen
den Handlungsverlauf.
Wir sehen der Zusammenarbeit mit dem Kongreß in
den kommenden Tagen erwartungsvoll entgegen.
Aber Amerika kann sich nicht einfach auf halbem
Wege zwischen diesen beiden Visionen einigen. Der
Entscheidung kann nicht ausgewichen werden.
Die lange Liste der Republikaner von Steuersenkungsvorschlägen läßt in augenfälliger Weise Investitionen in Qualifikationen vermissen.
Noch
schlimmer ist, der Preis für die Aufblähung der Profite
und der Kapitalmittel werden drastische Kürzungen
im Bildungswesen, bei beruflicher Ausbildung und

Seite 5

�anderen Investitionen in Arbeitnehmer sein. Unsere
Strategie konzentriert sich darauf, Qualifikationen
aufzubauen.
Die Republikaner fordern von Unternehmen nichts
anderes als die Maximierung der Profite und implizieren, wenn sie dies tun, wird sich in Zukunft
alles von selbst regeln. Wir sagen, es gibt keine
automatische Verbindung zwischen Wirtschaftswachstum und dem Lebensstandard des Durchschnittsamerikaners. Diese Verbindung muß geschaffen werden.

*

Seite 6

Die Republikaner fordern die Amerikaner der Mittelschicht auf, ihr Schicksal den Meistern des Humanund Finanzkapitals anzuvertrauen. Wir wollen alle
amerikanischen Arbeitnehmer so ausrüsten, daß sie
zum Meister ihres eigenen wirtschaftlichen Schicksals
werden.
Welches ist der bessere Weg? Wie, glauben Sie,
wird es Arbeitnehmerfamilien besser gehen? Das ist
die vor uns liegende Entscheidung.

*

AMERIKA DIENST 02

�AM E R I K A - G I P F E L
11. Januar 1995

DEMOKRATISCHE WERTE UND WIRTSCHAFT
von Richard E. Feinberg
Die westliche Hemisphäre steht an der Schwelle zu einer Ära "substantieller Symmetrie", in der alle Nationen
der Region sich mit "einer ähnlichen Tagesordnung konfrontiert sehen, die in ihrer gemeinsamen Beteiligung
an der Weltwirtschaft wurzelt". Die Vereinigten Staaten unter Bill Clinton haben sich zur Unterstützung einer
"Gemeinschaft von Demokratien" in der Hemisphäre verpflichtet, die auf die Erlangung gemeinsamer Ziele
ausgerichtet ist, darunter Förderung von Demokratie, Fortschritte beim Wirtschaftswachstum und die
Inangriffnahme der umfassenden Tagesordnung sozialer Erfordernisse.
Richard F. Feinberg ist Sonderberater des Präsidenten der Vereinigten Staaten für interamerikanische
Angelegenheiten im Nationalen Sicherheitsrat.
Veröffentlichung und Übersetzung mit freundlicher Genehmigung von Vital Speeches of the Day, 15. Juni
1994.

Die hemisphärischen Beziehungen treten in ein
neues Zeitalter ein, in dem alle Länder - im Norden
wie im Süden - sich mit einer ähnlichen Tagesordnung konfrontiert sehen, die in ihrer gemeinsamen
Beteiligung an der Weltwirtschaft wurzelt. Es ist die
Ära substantieller Symmetrie.
Stellen wir einen Vergleich zwischen den Schlüsselthemen der Clinton-Administration und den Ländern
in der Hemisphäre an:
In den Vereinigten Staaten schaffen wir wieder
ein Gefühl der Gemeinschaft und der sozialen
Integration. Viele lateinamerikanische Nationen
streben nach politischer Versöhnung und Vertiefung der Demokratie.
Wir machen unsere Wirtschaft wettbewerbsfähiger und fördern Exporte.
Lateinamerika
schaltet sich immer mehr in die Weltwirtschaft
ein.
Wir reformieren unser Gesundheits-, Sozial- und
Bildungswesen. Lateinamerika konzentriert sich
auf seine eigene soziale Tagesordnung.
Diese substantielle Symmetrie ist vielversprechend
für die hemisphärischen Beziehungen. Ich möchte
jedes der Themen im einzelnen ansprechen:
Förderung von Demokratie, Fortschritte beim Wirtschaftswachstum und die Inangriffnahme der sozialen Tagesordnung.

AMERIKA DIENST 02

Die Förderung von Demokratie und der Schutz der
Menschenrechte zählen zu den wichtigsten strategischen außenpolitischen Zielen von Präsident Clinton.
Diese Einstufung ist eine logische Folge seiner
innenpolitischen Vision der Vereinigten Staaten, in
derdie Demokratie wiederbelebt und Gemeinschaften
wiederaufgebaut werden.
Heute bietet sich den Vereinigten Staaten eine
historische Chance zur Förderung von Demokratie in
der Hemisphäre ohne Angst vor externen Bedrohungen. Wir sind freier, eine Außenpolitik zu verfolgen,
die unsere Ideale und unsere Interessen besser
aneinander angleicht.
Um den Nationalen Sicherheitsberater des Präsidenten, Anthony Lake, zu zitieren:
"Einer Doktrin der Eindämmung muß eine Strategie der Erweiterung folgen - Erweiterung der
Gemeinschaft freier Marktwirtschaften der Welt.
Wir sind weder am Ende der Geschichte noch
beim Zusammenprall der Zivilisationen angelangt,
sondern an einem Augenblick enormer Chancen
für Demokratie und Unternehmertum. Wir dürfen
sie nicht vergeuden."
Der Präsident hat den Aufbau einer durch wachsende
wirtschaftliche Kontakte und sich einander annähernde politische Überzeugungen verbundene Gemeinschaft der Demokratien in dieser Hemisphäre gefordert.

Seite 1

�Ich lehne die pessimistische Einschätzung ab, daß
die derzeitige Welle der Demokratie in Lateinamerika
nur eine vorübergehende Phase ist, nur einen Pendelschlag von der Rückkehr zu autoritärer Herrschaft
entfernt. Es gibt gefährliche Gegenströmungen und
es wird Rückschläge geben, aber der Augenblick ist
günstig, damit die Demokratie endgültig Fuß faßt.
Als Amerikaner - Politiker und Wissenschaftler
gleichermaßen - können wir nicht passiver Beobachter dieses Dramas bleiben. Das Endergebnis wird in
gewissem Maße von unseren Aktionen abhängen.
Das breite Spektrum amerikanischer - unternehmerischer, religiöser, umweltpolitischer, humanitärer,
akademischer - Interessen, die nach Lateinamerika
hineinreichen, erachtet jetzt Demokratie als das
beste Mittel zur Sicherstellung seiner Ziele. Daher
gibt es breitgefächerte Unterstützung im Inland für
die Förderung einer hemisphärischen Gemeinschaft
von Demokratien durch die Administration.
Damit das Pendel nicht zu autoritärer Herrschaft
zurückschwingt, arbeiten wir auf dem gesamten
amerikanischen Kontinent an vier Fronten:
Erstens streben wir die Vertiefung der Demokratie in der Hemisphäre an, indem wir die Qualität
der demokratischen Regierungsführung verbessern helfen und so den Staat effizienter und
zugänglicher machen.
Zweitens fördern wir die nationale Versöhnung
und den innenpolitischen Dialog in Nicaragua, El
Salvador und Haiti sowie die Bildung breitgefächerter nationaler Koalitionen zur Erleichterung
demokratischer Reformen.
Drittens haben wir eindeutig klargestellt, daß die
Vereinigten Staaten bei Wahlen absolut neutral
sein werden, auch wenn sie demokratische
Verfahren uneingeschränkt unterstützen. Die
Lateinamerikaner wissen jetzt, daß wir zu keiner
bestimmten Partei oder Persönlichkeit tendieren.
Wir sind zur konstruktiven Zusammenarbeit mit
denjenigen bereit, die bei den für dieses Jahr
anberaumten Dutzend Wahlen den Sieg davontragen.
Viertens arbeiten wir auf die Stärkung der multinationalen Mechanismen für die kollektive Verteidigung der Demokratie in der Hemisphäre hin.
Wir unterstützen einen sehr starken, dynamischen Kandidaten als Leiter der Organisation
Amerikanischer Staaten in unserer jetzt konvergenten Hemisphäre.
Die Herausforderung der siebziger Jahre war der
Schutz der Menschenrechte. Der Triumph der

Seite 2

achtziger Jahre war der Übergang zu freien Wahlen.
Die Aufgabe für Lateinamerika und die Karibik
besteht heute darin, den Schutz der Menschenrechte
zu institutionalisieren und das Funktionieren demokratischer Institutionen sicherzustellen, um einen
Staat zu schaffen, der für alle Menschen arbeitet.
Der Staat muß sich überall an die schnell entstehenden Muster der technologischen Innovation und
transnationalen Märkte anpassen. In den Vereinigten
Staaten wollen wir die Regierung umstrukturieren,
damit sie kostengünstiger, zielgerichteter und der
Öffentlichkeit zugänglicher wird sowie besser auf den
Verbraucher reagiert.
Plötzlich sind die Brasilianer, Venezolaner und
Honduraner nicht länger bereit, Unfähigkeit, Korruption und Straflosigkeit des Staates zu tolerieren. Wie
in dem Film Network artikulieren die Lateinamerikaner einstimmig: "Wir nehmen es nicht länger hin."
Dieses kollektive Erwachen signalisiert eine neue
Epoche des gesunden Protests und der Bürgerbeteiligung.
Öffentlicher Protest muß in institutionelle Reform
kanalisiert werden. Es ist unabdingbar, daß die
Demokratie das Banner guter Regierungsführung
hißt. "Demokratische Regierungsführung" darf kein
Oxymoron sein.
Die Clinton-Administration macht gute Regierungsführung zum zentralen Thema unseres hemisphärischen Diskurses. Die Geschichte warnt uns vor den
Fallstricken des Paternalismus, und wir werden eng
mit den Staats- und Regierungschefs der Hemisphäre
zusammenarbeiten, deren Tagesordnung wir teilen.
Wir beglückwünschen so engagierte Demokraten wie
Präsident Sanchez de Lozada von Bolivien, Präsident
De Leon Carpio von Guatemala und Präsident Carlos
Robert Reina von Honduras zu ihren mutigen Bestrebungen, in ihren Ländern eine saubere Regierung
einzuführen. Wir würdigen die Integrität und Qualität
chilenischer Institutionen wie die Controleria und
Zentralbank.
Wir verbessern die Koordinierung zwischen den
zahlreichen amerikanischen Regierungsprogrammen
zur Förderung guter Regierungsführung in der
Hemisphäre, und wir fordern multilaterale Behörden
auf, ihre Bestrebungen auf die Demokratisierung des
lateinamerikanischen Staates auszurichten.
Das häufig mit dem amerikanischen Außen- und
Justizministerium zusammenarbeitende Amt für
internationale Entwicklung (U.S. Agency for
International Development - USAID) verwaltet
zahlreiche Projekte über gute Regierungsführung,
darunter Wahlhilfe, Rechtsreform, Beziehungen

AMERIKA DIENST 02

�zwischen Zivilisten und Militärs sowie Unterstützung der Legislative. USAID selbst wird modernisiert und abgespeckt.

ideologische und geopolitische Auseinandersetzungen das Feuer geschürt und Mütter von Söhnen,
Brüder von Schwestern getrennt.

Das US-Informationsamt (United States Information Agency - USIA) bietet journalistische Ausbildung an und plant Konferenzen über "Demokratie und Korruption".

Mit dem Ende des Kalten Krieges können die Vereinigten Staaten ihren Part dabei spielen, die Lautstärke der Debatte zu verringern und die nicaraguanischen und salvadorianischen Familien wieder zu
vereinigen. Unser Ziel kann darin bestehen, zum
Räumen von Minen und zur Entmilitarisierung, zur
Versöhnung und zum Wiederaufbau beizutragen.

Das amerikanische Finanzministerium arbeit mit
der Weltbank und der Interamerikanischen Entwicklungsbank zusammen, um die Wirtschaftswissenschaftler des Ministeriums für die Bedeutung von Institutionen und die Beteiligung der
Basis an Projekten zu sensibilisieren - das heißt,
politische Wirtschaft zu praktizieren.
Ein effizienter Staat mit Beteiligung der Bürger ist
unabdingbar für demokratische Regierungsführung.
Demokratie erfordert jedoch auch eine aktive bürgerliche Gesellschaft zur Bereitstellung der Mittel, mit
denen der Bürger sich organisieren und mit der
Regierung kommunizieren kann. Wie viele von
Ihnen aufgrund Ihrer Arbeit vor Ort wissen, entstehen überall in der Hemisphäre nichtstaatliche
Organisationen (Nongovernmental Organizations NGOs). Das Entstehen der NGOs ist eine der
aufregendsten und vielversprechendsten neuen
politischen Entwicklungen im heutigen Lateinamerika.
Die Zusammenarbeit mit nichtstaatlichen Organisationen ist heute Routinebestandteil vieler amerikanischer Programme. USAID hat zahlreiche Mitarbeiter, die früher in NGOs tätig waren. Als Regierungsvertreterwerden sie hart arbeiten, um die Instrumentarien zu unterstützen, die Menschen zur Zusammenarbeit und Selbstverwaltung ermutigen. Sie
werden die Regierungen auch zu Kontakten mit
Personen auffordern, die für diese von Nutzen sind.
In diesem Publikum ist geballtes Wissen über die
entscheidende Rolle des Staates und der bürgerlichen Gesellschaft in der westlichen Hemisphäre
versammelt. Wir begrüßen Ihre Empfehlungen und
Ihren Rat, wie demokratische Regierungsführung in
den die Region charakterisierenden vielschichtigen
spezifischen Gegebenheiten am besten gefördert
werden kann.
Ebenso wie Demokratie gute Regierungsführung
erfordert, bedarf sie auch der Mechanismen für
Konfliktlösung und einer politischen Kultur der Toleranz und Kompromisse. Zu häufig haben in Lateinamerika absolutistische Ideologien die Politik polarisiert. Zu häufig haben autoritäre Institutionen friedlichen Wandel vereitelt und die Reformer in die Berge
vertrieben. Und zu häufig haben internationale

AMERIKA DIENST 02

Während der achtziger Jahre reisten viele Mittelamerikaner nach Washington, um Unterstützung für
ihre parteipolitischen Programme zu gewinnen, statt
sich auf den Aufbau funktionierender Koalitionen in
ihrem Land zu konzentrieren. In Managua wiederholt
Botschafter John Maisto sein Credo: "Die Probleme
Nicaraguas müssen in Nicaragua von Nicaraguanern
gelöst werden." Wir können zu einem dem Dialog
förderlichen Umfeld beitragen, aber nur die Nicaraguaner können das Funktionieren der Demokratie
bewirken.
Alle Nicaraguaner, die unabhängig von der Farbe
ihrer verblichenen Uniformen entsprechend demokratischer Regeln leben wollen, sollten an diesem
innenpolitischen Dialog beteiligt sein. Wir unterstützen den Wunsch von Präsidentin Violeta Chamorro, mit der Tradition des Alles-oder-Nichts der
Sieger und Besiegten zu brechen. Wir haben eindeutig klargestellt, daß wir absolut keine Sympathie
für einen erneuten Rückfall zur Gewalt haben - egal,
von welcher Gruppe.
Wir bevorzugen auch keine bestimmte politische
Gruppe. Aber wir nehmen nicht zu allen Themen
eine neutrale Haltung ein. Ebenso wie andernorts
befürworten wir in Nicaragua die bürgerliche Kontrolle
der Sicherheitskräfte, Respektierung der Menschenrechte, die friedliche Lösung von Eigentumsstreitigkeiten, eine ehrliche und unparteiische Rechtssprechung
und eine funktionierende Legislative. Dies alles ist
schwer zu verwirklichen, aber es sind unerläßliche
Schritte auf dem Weg zu effektiver demokratischer
Regierungsführung und wirtschaftlichem Fortschritt.
Einige Kritiker haben den neuen Stil der amerikanischen Diplomatie in Mittelamerika als Indifferenz oder
Vernachlässigung fehlinterpretiert. Gerade weil wir
wirklich an der langfristigen Sicherheit der Region
interessiert sind, verzichten wir auf die Unterstützung
bestimmter Einzelpersonen und Gruppen. Es ist
unser echtes Interesse am künftigen Wohlstand der
Region, das unser Eintreten für dauerhafte demokratische Praktiken und Institutionen motiviert.

Seite 3

�Diese Politik des überparteilichen Engagements
verfolgen wir auch in El Salvador. Dieses Land
konnte den Höhepunkt eines unglaublichen Friedensprozesses feiern - von UN-Beobachtern überwachte Wahlen, bei denen ehemalige Kombattanten
für den friedlichen Wandel stimmten. Eine Demonstration des amerikanischen Engagements war eine
Delegation von Kongreßabgeordneten, Menschenrechtsverfechtern und anderen Amerikanern, die
nach San Salvador reiste, um Zeuge dieses historischen Übergangs zu werden. Die US-Regierung
wird konstruktiv mit der Entscheidung des Volkes zusammenarbeiten.
In ganz Mittelamerika übernehmen unsere Botschaften eine neue Funktion: Sie werden zum Zufluchtsort, an dem Männer und Frauen unterschiedlicher
politischer Überzeugungen auf sicherem Boden
zusammenkommen können. Unsere Botschaften
sind auch zum Treffpunkt geworden, an dem hochrangige Regierungsvertreter Angehörigen nichtstaatlicher Organisationen begegnen. Dies sind
kleine, aber konkrete Beiträge zur Konfliktlösung und
zum demokratischen Wiederaufbau.
Eine gravierende Bedrohung der Demokratisierung
in der Hemisphäre war, als der Präsident von
Guatemala 1993 gegen den Wunsch des guatemaltekischen Volkes die Macht an sich reißen wollte.
Am selben Nachmittag noch kam die Organisation
Amerikanischer Staaten zusammen, um den Putsch
unmißverständlich zu verurteilen und die unverzügliche, friedliche Rückkehr zur konstitutionellen
Demokratie zu fordern. Die Reaktion Mexikos
sprach für das Ausmaß der Entrüstung in der
Hemisphäre:
Mexiko änderte seine bisherige
Haltung zur Souveränität und warnte, die Zusammenarbeit mit dem Nachbarstaat Guatemala stehe
auf dem Spiel.
OAS-Generalsekretär Baena Soares reiste unverzüglich mit einer Außenminister-Delegation nach
Guatemala-Stadt und überreichte die Stellungnahme
der internationalen Staatengemeinschaft. Gleichzeitig stellten die Vereinigten Staaten ihre Militär- und
Wirtschaftshilfe ein und setzten die guatemaltekischen Unternehmen davon in Kenntnis, daß ihre
Handelspräferenzen auf dem Spiel stehen. Offizielle
Warnungen der Vereinigten Staaten wurden landesweit per Fax verbreitet und von der Voice of America
ausgestrahlt. Darüber hinaus gewährten die multilateralen Entwicklungsbanken keine weiteren Kredite.
Die entschlossene internationale Reaktion verstärkte
die ebenso entschiedene innenpolitische Opposition
gegen Präsident Serranos illegalen und maßlosen
Akt. Binnen Tagen war Serrano im Exil und der
guatemaltekische Kongreß wählte einen führenden
Menschenrechtsverfechter zum neuen Präsidenten.

Seite 4

So entstand eine erstaunlich erfolgreiche Übung in
kollektiver Verteidigung der Demokratie.
Viele
Guatemalteken sind weiterhin unzufrieden mit ihrem
politischen System, erkennen jedoch, daß das
Zurückschwingen des Pendels abgewendet wurde.
Man stelle sich vor, wie unterschiedlich die Geschichte Lateinamerikas verlaufen wäre, wenn die internationale Staatengemeinschaft 1972 gehandelt hätte,
um den überwältigenden Wahlsieg von Napoleon
Duarte zu sichern und wieviele Menschenleben
hätten gerettet werden können.
Die heute vor uns liegende Aufgabe lautet, aus den
Fehlern und Erfolgen der Vergangenheit zu lernen
und ein stärkeres Regime in der Hemisphäre aufzubauen, das innenpolitische Bestrebungen zur
Eindämmung von Bedrohungen der Demokratie
verstärken kann. Wir benötigen ein mit effektiver
präventiver Diplomatie gekoppeltes Frühwarnsystem.
Der im Dezember veranstaltete Amerika-Gipfel bot
eine ausgezeichnete Gelegenheit zur Stärkung der
OAS-Mechanismen, Demokratie zu fördern und
Staatsstreiche zu verhindern. Wie im Falle Haitis
offensichtlich wurde, ist es bei weitem schwieriger,
einen konsolidierten Staatsstreich rückgängig zu
machen als ihn abzuschrecken.
Zur Wiedereinsetzung des demokratisch gewählten
Präsidenten Jean-Bertrand Aristide in sein Amt
forderten die OAS und die Vereinten Nationen ihre
Mitgliedstaaten auf, ein Embargo für Waffen- und
Öllieferungen durchzusetzen. Darüber hinaus verweigerten die Vereinigten Staaten die Ausstellung
von Visa, froren die Vermögenswerte aller haitianischen Offiziere ein und arbeiteten auf eine UNResolution hin, die zum ersten Mal in der Geschichte
solche gezielten Sanktionen universell machen sollte.
Vier befreundete Staaten - Frankreich, Kanada,
Venezuela und wir - wendeten dieses Druckmittel an,
um breitgefächerte Verhandlungen zur Beendigung
der Militärherrschaft in Haiti zu fördern.
In Erwartung einer Rückkehr zur konstitutionellen
Herrschaft kündigte die internationale Staatengemeinschaft ein Hilfspaket in Höhe von 1 Milliarde
Dollar für Haiti an, das beim Aufbau einer demokratischen Regierungsführung, Stärkung nichtstaatlicher
Organisationen und der Schaffung von Arbeitsplätzen
behilflich sein soll. Wir engagieren uns weiterhin für
die Integration Haitis in die Gemeinschaft von Demokratien in der Hemisphäre. (Dieses Ziel wurde im
Sommer maßgeblich gefördert, als die Vereinigten
Staaten mit einem Mandat der Vereinten Nationen
Aristide wieder als Präsident von Haiti einsetzten).
Als Präsident Clinton sein Amt übernahm, gelobte er,
sich wie ein Laserstrahl auf die amerikanische
Binnenwirtschaft zu konzentrieren. Gleichzeitig kann

AMERIKA DIENST 02

�man sich kaum eine geeignetere amerikanische
Wirtschaftspolitik gegenüber Lateinamerika vorstellen
als die aktuelle. Wenn es stimmt, daß Lateinamerika
eine Erkältung bekommt, wenn die Vereinigten
Staaten niesen, dann trifft es ebenso zu, daß Lateinamerika profitiert, wenn sich die amerikanische
Wirtschaft - mit niedriger Inflationsrate, niedrigen
Zinssätzen und offenen Märkten - erholt. Am
dramatischsten ist, daß der drastische Fall der
Marktzinssätze den Schuldendienst Lateinamerikas
in voller Höhe und mehr als alle Abkommen zum
Schuldenabbau im Rahmen des Bradyplans verringerte.
Tragfähige Wirtschaftsentwicklung in den Vereinigten
Staaten ist der beste uns zur Verfügung stehende
Mechanismus zur Förderung von Wirtschaftswachstum in Lateinamerika. Heute besteht kein Widerspruch zwischen der Wiederherstellung von Wohlstand in den Vereinigten Staaten und der Förderung
von Wohlstand in Lateinamerika und der Karibik.
Die Vereinigten Staaten haben großes - politisches
und wirtschaftliches - Interesse am Wohlstand
Lateinamerikas. Zweifelsohne haben Demokratien
eher Bestand, wenn sich der wirtschaftliche Kuchen
vergrößert. Wir haben jedoch auch ein starkes
eigenes wirtschaftliches Interesse am Wohlstand der
Hemisphäre. Exporte sind zur wichtigsten Triebkraft
unseres Wirtschaftswachstums geworden, und
Lateinamerika ist einer unserer dynamischsten
Märkte. Die amerikanischen Exporte nach Lateinamerika haben sich in sieben Jahren auf nahezu 80
Milliarden Dollar im Jahr 1993 mehr als verdoppelt das ist mehr als wir an Japan oder alle Entwicklungsländer in Ostasien verkaufen. Lateinamerika ist
die einzige grö ßere Region der Welt, in der wir einen
beträchtlichen Handelsüberschuß zu verzeichnen
haben.
Aus diesen Gründen hat Präsident Clinton hart um
die Verabschiedung des Nordamerikanischen Freihandelsabkommens (North American Free Trade
Agreement - NAFTA) gekämpft. Aber es gab auch
noch einen anderen Grund. Bei der Unterzeichnung
der Zusatzabkommen zum NAFTA bekräftige der
Präsident:
"Dies ist eine Chance, Freiheit und Demokratie in
Lateinamerika Auftrieb zu verleihen und auch für
die Vereinigten Staaten neue Arbeitsplätze zu
schaffen."
Das NAFTA verleiht den demokratischen Tendenzen
in Mexiko in unterschiedlicher Weise Dynamik. Es
trägt dazu bei, wirtschaftliche und letztlich politische
Macht zu dezentralisieren. Durch die Zusatzabkommen ermutigt es grenzüberschreitende Kontakte

AMERIKA DIENST 02

zwischen Umwelt-, Arbeitnehmer- und Menschenrechtsgruppen und eröffnet den mexikanischen NGOs
neue Möglichkeiten. Und es bezieht Mexiko stärker
in das globale Dorf ein.
Vergleichen Sie die Reaktionen der mexikanischen
Behörden auf die Studentenunruhen im Jahr 1968
und die jüngste Rebellion in Chiapas. Im Januar
1994 trug die öffentliche Meinung dazu bei, die
Mexikaner mit repressiven Reflexen ruhig zu stellen
und die Mexikaner zu unterstützen, die Dialog und
soziale Reformen bevorzugen. Das NAFTA ist zu
jung, um den Lebensnerv der Zapatistas zu treffen,
aber wegen des NAFTA sind einige Rebellen vielleicht heute noch am Leben. Nach den NAFTADebatten und der Chiapas-Revolte verbesserten sich
die Aussichten für echte Wahlreformen in Mexiko.
Die Verabschiedung des NAFTA hat in ganz Lateinamerika deutlich spürbare Aufregung hervorgerufen.
Seit der Allianz für den Fortschritt hat es nicht mehr
so großes Interesse und Optimismus für interamerikanische Zusammenarbeit gegeben. Nationen, die
vor nicht allzulanger Zeit die amerikanische politische
Intervention fürchteten, streben jetzt aktiv die Einbeziehung in den freien Handel in der Hemisphäre
an. Ein Politiker nach dem anderen aus Mittel- und
Südamerika sowie der Karibik hat Interesse am
Anschluß an das NAFTA zum Ausdruck gebracht.
Als Reaktion darauf bekräftige Präsident Clinton am
Abend der Abstimmung über das NAFTA seine
Absicht, "die anderen marktorientierten Demokratien
in Lateinamerika einzubeziehen, sie zum Beitritt zu
diesem großartigen amerikanischen Pakt aufzufordern, der meines Erachtens soviel Hoffnung für
unsere Zukunft enthält".
Der Präsident hat seinen Handelsbeauftragten und
andere hochrangige Berater angewiesen, die Modalitäten und Kriterien für die Erweiterung des Handels
auf dem gesamten amerikanischen Kontinent zu
prüfen.
Bis zum Jahr 2000 könnten die amerikanischen
Exporte nach Lateinamerika die Exporte der Vereinigten Staaten nach Westeuropa sehr wohl übersteigen - und eine Million neuer Arbeitsplätze für
amerikanische Arbeitnehmer schaffen. Die amerikanischen Exporte könnten noch schneller zunehmen,
wenn die Handelshemmnisse weiterhin abgebaut
werden. Aus diesem Grund unterstützt die Administration uneingeschränkt regionale Abkommen, die
neuen Handel schaffen statt ihn umzulenken, und
dies sind die Bausteine für die Handelsintegration in
der Hemisphäre. Wir streben offenen Regionalismus
an - eine Hemisphäre, die durch Handel und Kapitalströme eng verbunden, aber dennoch offen für
Wettbewerb mit der übrigen Welt ist.

Seite 5

�Unser wichtigster Unterhändler bei Handelsfragen,
Mickey Kantor, nahm stellvertretend für Präsident
Clinton an der Amtseinführung von Eduardo Frei in
Chile teil. Botschafter Kantor bekräftigte das präsidiale Versprechen, ein Freihandelsabkommen mit
Chile anzustreben - ein Versprechen, das zum Teil
zu Ehren von Chiles sozialbewußter Demokratie
gegeben wurde.
Als direkte Folge von Treffen zwischen Präsident
Clinton und Politikern aus der Karibik und Lateinamerika erwarten wir die Ankündigung von Maßnahmen, die auf die Beschwichtigung ihrer Besorgnis
über die Auswirkungen des NAFTA auf ihre Volkswirtschaften und die Erweiterung von Handel und Investitionen ausgerichtet sind.
Innerhalb dieser hemisphärischen Gemeinschaft
besteht eine wachsende Konvergenz der Sichtweise
im Hinblick auf die angemessene Rolle des Staates
bei der Entwicklung. Ein starker, effizienter Staat
muß in physische Infrastruktur und Humankapital
investieren und gleichzeitig ein günstiges Umfeld für
Privatunternehmen und Regulierung unzulänglicher
Märkte schaffen.
Es gibt jedoch immer noch einige Politiker, die sich
nach einem omnipräsenten Staat zurücksehnen, der
die Firmen im Inland hinter hohen Zollmauern
schützte und städtische Verbraucher der Mittelklasse
subventionierte. Die Suche nach einer Rückkehr zu
einem mythologischen goldenen Zeitalter des Staatskapitalismus hat unheilige Allianzen unter traditionellen Rivalen hervorgebracht - zwischen Monopolkapitalisten und orthodoxen Linken. Was sie gemeinsam
haben, ist das Festhalten an einer veralteten Vision
des patemalistischen Staates.
An der Schwelle zum 21. Jahrhundert werden
Bestrebungen, an solchen überholten Entwicklungsmodellen festzuhalten, nur zu ineffizienten Produktionsmustern, Haushaltsdefiziten und unkontrollierter
Inflation, sinkenden Realeinkommen und zunehmender Armut führen - wobei die Demokratie selbst
letztlich das Opfer ist.
Ein weiterer gefährlicher Mythos ist, daß Strukturreformen autoritäre Techniken erfordern. Zahllose
Beispiele - von Jamaika bis Argentinien, von Costa
Rica bis zur Tschechischen Republik - belegen, daß
Demokratie sich an Veränderungen auf dem globalen Markt anpassen kann.
Die Antwort auf die Probleme von heute wird nicht in
müßigen Bestrebungen einer Rückkehr zu Mustern
der Vergangenheit zu finden sein. Es trifft jedoch
ebenso zu, daß Regierungen die Pflicht haben,
denen zu helfen, die durch den Wandel Schaden

Se'rte 6

erleiden - ihren Arbeitsplatz verlieren oder neue
Qualifikationen benötigen.
Aus diesem Grund
möchte Präsident Clinton das veraltete System der
Vereinigten Staaten zur Unterstützung der Arbeitslosen in ein System zur Wiederbeschäftigung umgestalten, um ein neues Bildungs- und Ausbildungssystem zu schaffen, das den Menschen echte Qualifikationen und die Fähigkeit vermittelt, neue zu erwerben. Das ist auch der Grund, warum viele lateinamerikanische Regierungen Bildungs- und Sozialprogramme an oberste Stelle ihrer Tagesordnung
setzen.
In den achtziger Jahren erzielte Lateinamerika
Fortschritte bei der Stabilisierung der Finanzen und
Strukturanpassungen, vertagte die soziale Tagesordnung jedoch. Heute leben ungefähr 45 Prozent der
Lateinamerikaner in Armut. Gleichzeitig wird enormer
neuer Reichtum angehäuft und verbreitert die bereits
tiefe Kluft zwischen Reichen und Armen in einer
Region, die seit langem für die schlechteste Einkommensverteilung der Welt berüchtigt ist.
Es ist an der Zeit, den Menschen an erste Stelle zu
setzen - in der gesamten Hemisphäre. Ein gerechteres Einkommensmodell wird die politischen und
wirtschaftlichen Errungenschaften der achtziger Jahre
sichern. Demokratie muß einen besseren Lebensstandard liefern - oder das Pendel könnte in der Tat
zu Autoritarismus zurückschwingen.
Führende
Unternehmer in Lateinamerika sind sich zunehmend
bewußt, daß das beste Heilmittel gegen Anpassungsmüdigkeit mehr soziale Gerechtigkeit ist. Klügere
und gesündere Arbeitnehmer sind produktiver - und
wahrscheinlich bessere Bürger und bessere Demokraten. Die Verbesserung des Bildungs- und Gesundheitswesens - insbesondere für Frauen - trägt zu
Chancengleichheit und Stabilisierung der Demokratie
bei.
Die Verlagerung von Ressourcen zu den Armen ruft
jedoch unweigerlich den Widerstand einiger Interessengruppen hervor. Bei diesem Kampf verbünden
sich die internationalen Finanzinstitutionen - mit
Ermutigung der Vereinigten Staaten - mit den Armen
und Entrechteten. Die Weltbank und die Interamerikanische Entwicklungsbank konzentrieren ihre
Programme auf die soziale Tagesordnung, um ihr
eigenes soziales Mandat zu erfüllen und Wirtschaftsreformen zu legitimieren.
Information ist Macht. Die Interamerikanische Entwicklungsbank wird daher das Sammeln von Daten
über soziale Indikatoren fördern, detailliertere Studien
über die Armut erstellen und die Finanzlücke für die
Entwicklung des sozialen Sektors in jedem Land
analysieren. Damit die Interamerikanische Entwicklungsbank besser auf diese offenkundigen Erforder-

AMERIKA DIENST 02

�nisse reagieren kann, streben wir eine Aufstockung
ihres Kapitals um 40 Milliarden Dollar auf insgesamt
100 Milliarden Dollar an.
Entwicklungsstrategien müssen regionale Unterschiede berücksichtigen. Bei einem Treffen mit
mittelamerikanischen Staats- und Regierungschefs
schlug der guatemaltekische Präsident De Leon
Carpio eine Partnerschaft zur Förderung tragfähiger
Entwicklung in seiner Region zur offenkundigen
Begeisterung von Vizepräsident AI Gore und AIDDirektor Brian Atwood vor. Als Reaktion darauf
arbeitet USAID intensiv an der Anpassung seiner
eigenen neuformulierten Tagesordnung für tragfähige Entwicklung an die Erfordernisse in Mittelamerika
mit Konzentration auf die Umsiedlung von Flüchtlingen und Beteiligung der Basis, guter Regierungsführung und Verjüngung des Privatsektors, Bekämpfung der Armut und Umweltschutz.
In der gesamten Hemisphäre können wir die soziale
Tagesordnung durch Anpassung, Beratung, techni-

*

AMERIKA DIENST 02

sehe und finanzielle - bilaterale und multilaterale Hilfe fördern. Die Bekämpfung der Armut war auch
beim Amerika-Gipfel im Dezember 1994 ein zentrales
Thema.
Präsident Clinton war der Gastgeber des ersten seit
1967 anberaumten Gipfeltreffens - des ersten, an
dem nur demokratisch gewählte Politiker teilnahmen
und des ersten, das je in den Vereinigten Staaten
veranstaltet wurde. Der Gipfel bot eine einzigartige
Gelegenheit, Nutzen aus der beispiellosen Konvergenz demokratischer Werte und wirtschaftlicher
Gedanken in der gesamten Hemisphäre zu ziehen.
Zu den wichtigsten Themen des Gipfeltreffens zählten
gute Regierungsführung und bürgerliche Gesellschaften, die kollektive Verteidigung der Demokratie,
regionale Integration und Erweiterung des Handels
sowie tragfähige Entwicklung und Bekämpfung der
Armut. In diesem Zeitalter substantieller Symmetrie
wurde der Gipfel zum Test, ob die Staats- und
Regierungschefs der Hemisphäre gemeinsame Werte
in konkrete Arbeitspläne umsetzen können.

* * *

*

Seite 7

�REPUBLIKANER
11. Januar 1995

STEUERSENKUNGEN UND REFORMEN
IM KONGRESS
Der Vertrag mit Amerika
WASHINGTON - (AD) - Der vor den Kongreßwahlen im vergangenen November unterzeichnete "Vertrag mit
Amerika" der republikanischen Partei sieht Gesetze über Steuersenkungen und eine Reduzierung staatlicher
Ausgaben sowie die Durchführung einer Reihe von Kongreßreformen vor.
Über 300 republikanische Abgeordnete im Repräsentantenhaus und Anwärter auf Sitze in dieser Kammer
kamen am 27. September 1994 aus Anlaß einer Feierstunde zur Unterzeichnung des Vertrags mit Amerika
auf den Stufen vor dem Kapitol zusammen.
Am 4. Januar 1995, dem ersten Tag der Legislaturperiode des 104. Kongresses, erklärte der Speaker des
Repräsentantenhauses, Newt Gingrich, die republikanischen Abgeordneten hätten "das Engagement sowie die
strenge Pflicht, unseren Vertrag mit Amerika zu erfüllen".
Nachfolgend veröffentlichen wir den Text des Vertrags mit Amerika.

Als republikanische Abgeordnete des Repräsentantenhauses und als eine Mitgliedschaft in diesem
Gremium anstrebende Bürger schlagen wir nicht nur
eine Änderung der Politik dieser Kammer vor,
sondern - was noch wichtiger ist - die Wiederherstellung des Vertrauensverhältnisses zwischen dem
Volk und seinen gewählten Vertretern.

Ebenso wie Lincoln, unser erster republikanischer
Präsident, wollen wir mit Entschlossenheit das tun,
was Gott uns für Rechtens halten läßt. Wir werden
die Rechenschaftspflicht des Kongresses wiederherstellen. Wir werden den Zyklus von Skandalen und
Schändlichkeiten beenden. Wir werden alle wieder
stolz auf die Selbstverwaltung freier Menschen sein.

Aus diesem Grund bieten wir in diesem Zeitalter, in
dem die Vertreter des Staates Ausreden erfinden
und sich in Positur setzen, eine detaillierte Tagesordnung für die nationale Erneuerung, eine schriftliche Verpflichtung ohne Kleingedrucktes.

Am ersten Tag des 104. Kongresses wird die neue
republikanische Mehrheit umgehend die folgenden
bedeutenden Reformen verabschieden, die darauf
abzielen, den Glauben des amerikanischen Volkes an
seine Regierung und sein Vertrauen in sie wiederherzustellen:

Die in diesem Jahr stattfindenden Wahlen bieten
nach vierzigjähriger Kontrolle des Repräsentantenhauses durch eine Partei die Chance, in dieser
Kammer eine neue Mehrheit zu bilden, die die
Arbeitsweise des Kongresses verändert. Dieser
historische Wandel wäre das Ende einer aufgeblähten Regierung, die sich zu stark in das Leben der
Bürger einmischt und zu leichtfertig mit öffentlichen
Geldern umgeht. Er könnte den Beginn eines
Kongresses darstellen, der die Werte der amerikanischen Familie respektiert und den Glauben daran
teilt.

AMERIKA DIENST 02

Erstens. Alle auf den Rest des Landes anzuwendenden Gesetze gelten in ebensolcher Weise für den
Kongreß.
Zweitens. Auswahl einer großen, unabhängigen
Wirtschaftsprüfungsfirma zur umfassenden Überprüfung des Kongresses im Hinblick auf Verschwendung, Betrug oder Mißbrauch.
Drittens. Reduzierung der Anzahl von Ausschüssen
des Repräsentantenhauses und Kürzung der Ausschußmitglieder um ein Drittel.

Seite 1

�Viertens. Beschränkung der Amtszeit aller Ausschußvorsitzenden.
Fünftens. Verbot der Stimmabgabe durch einen
Bevollmächtigten in den Ausschüssen.
Sechstens. Die Ausschußsitzungen sollen öffentlich
sein.
Siebtens. Steuererhöhungen können nur mit einer
Dreifünftelmehrheit beschlossen werden.
Achtens. Ehrliche Buchführung bei unserem Staatshaushalt durch ausgeglichene Haushaltsbilanzen.
Demgemäß werden wir innerhalb der ersten 100
Tage des 104. Kongresses im Repräsentantenhaus
die folgenden Gesetzentwürfe vorlegen, von denen
jeder einzelne vor einer klaren und fairen Abstimmung eingehend und offen debattiert wird und die
sofortiger öffentlicher Überprüfung und Kontrolle
zugänglich sind.
1. Gesetz über steuerliche Rechenschaftspflicht

und eine strenge Regel erlassen wird, derzufolge
staatliche Leistungen nach zwei Jahren eingestellt
werden und der einzelne zur Förderung seiner
persönlichen Verantwortung einer Beschäftigung
nachgehen muß.
4. Gesetz über die Stärkung der Familie
Stärkere Unterstützung von Kindern, steuerliche
Anreize zur Adoption, Stärkung der Rechte von Eltern
bei der Bildung und Ausbildung ihrer Kinder, strengere Gesetze über Kinderpornographie sowie Steuerfreibeträge für die Pflege älterer Familienangehöriger,
um wieder die zentrale Rolle der Familie in der
amerikanischen Gesellschaft zu stärken.
5. Gesetz zur Wiederherstellung des Amerikanischen
Traums
Ein Steuerfreibetrag von 500 Dollar pro Kind, Aufhebung der steuerlichen Benachteiligung von Ehepaaren sowie die Schaffung eines Sparkontos für den
Amerikanischen Traum, um der Mittelschicht Steuererleichterungen zu gewähren.

Ein Ergänzungsantrag über einen ausgeglichenen
Haushalt und eine Begrenzung von Steuererhöhungen sowie ein Vetorecht der Legislative zur Erzielung einer ausgeglichenen Haushaltsbilanz sollen die
Rechenschaftspflicht eines außer Kontrolle geratenen Kongresses über die Verwendung von Steuergeldern wiederherstellen und von ihm verlangen, mit
denselben Haushaltsengpässen zu leben wie Familien und Unternehmen.

6. Gesetz zur Wiederherstellung der nationalen
Sicherheit

2. Gesetz über die Rückeroberung unserer Straßen

7. Gesetz über Gerechtigkeit gegenüber älteren
Bürgern

Ein Gesetzespaket zur Verbrechensbekämpfung
einschließlich eines realistischeren Strafmaßes,
Ausnahmen aus der Ausschlußregelung bei "in
gutem Glauben", wirksamen Bestimmungen bei der
Todesstrafe und Kürzungen bei den Sozialausgaben
des aus dem Sommer diesen Jahres stammenden
Gesetzes über die Verbrechensbekämpfung zur
Finanzierung des Baus von Gefängnissen und
zusätzliche Strafverfolgungsmaßnahmen, um die
Wohngegenden für die Menschen und die Schulen
für die Kinder sicherer zu machen.
3. Gesetz zur Förderung der persönlichen Verantwortung
Die Geburt unehelicher Kinder und Schwangerschaften unter Teenagern sollen entmutigt werden,
indem minderjährige Mütter von der Sozialhilfe
ausgeschlossen, weitere Finanzhilfen für zusätzliche
Kinder während des Erhalts von Sozialhilfe gesperrt,
die Gelder für Sozialhilfeprogramme gekürzt werden

Seite 2

Keine amerikanischen Truppen unter dem Kommando der Vereinten Nationen und Wiederherstellung
essentieller Bestandteile unserer nationalen Sicherheitsfinanzierung zur Stärkung unserer nationalen
Verteidigung und Beibehaltung unserer weltweiten
Glaubwürdigkeit.

Erhöhung der Einkommensobergrenze für den Erhalt
von Sozialleistungen, die derzeit ältere Bürger aus
der erwerbstätigen Bevölkerung verdrängt, Aufhebung
der 1993 verfügten Steuererhöhungen auf Sozialversorgungsleistungen und steuerliche Anreize für den
Abschluß einer privaten Pflegeversicherung, damit
ältere Amerikaner mehr von dem behalten können,
was sie mit den Jahren verdient haben.
8. Gesetz über die Schaffung von Arbeitsplätzen und
Lohnerhöhungen
Anreize für kleine Unternehmen, Kürzung und Indexierung von Kapitalerträgen, Rückgewinnung neutraler Kosten, Risikoprüfung/Kosten-Nutzen-Analyse,
Stärkung des Gesetzes über Ausführungsflexibilität
und Reform nicht fundierter Mandate zur Schaffung
von Arbeitsplätzen sowie Lohnerhöhungen.
9. Gesetz über eine vernünftige Gesetzesreform

AMERIKA DIENST 02

�Gesetze über die Finanzierung der Prozeßkosten
durch den Verlierer des Prozesses, vernünftige
Begrenzung von über den Schadenersatz hinausgehenden Bußen und Reform von Gesetzen über die
Produkthaftung, um der Welle endloser Rechtsstreitigkeiten Einhalt zu gebieten.

Ferner werden wir dem Haushaltsausschuß des
Repräsentantenhauses Anweisung zur Berichterstattung im Plenum geben und an zusätzlichen Haushaltseinsparungen arbeiten, die über die obengenannten Haushaltskürzungen hinausgehen um
sicherzustellen, daß das Haushaltsdefizit mit Hilfe
dieser Gesetze verringert wird.

10. Gesetz über eine Legislative der Bürger
Die erste Abstimmung ihrer Art über eine Begrenzung der Amtszeit, um Berufspolitiker durch bürgerliche Gesetzgeber zu ersetzen.

*

AMERIKA DIENST 02

Unter Berücksichtigung der Urteilskraft unserer
Mitbürger, deren Mandat für Reformen wir anstreben,
bürgen wir hiermit mit unserem Namen für diesen
Vertrag mit Amerika.

* * * *

Seite 3

�MARTIN

LUTHER

KING
11. Januar 1995

DIE MARTIN LUTHER KING LIBRARY
Umfassende Sammlung über King und die Bürgerrechtsbewegung
WASHINGTON - (AD) - Am kommenden Montag,
dem 16. Januar, werden die Amerikaner erneut den
Geburtstag von Martin Luther King Jr. mit einem
Nationalfeiertag zu seinem Gedenken begehen. In
großen und kleinen Städten werden sich die Menschen versammeln, um sich an den Traum von
Rassengleichheit und an den Träumer zu erinnern,
der soviel dazu beigetragen hat, Amerika und die
Welt zu einem besseren Ort zu machen.
Für viele ist die Botschaft von Martin Luther King
jedoch zu wichtig, um sich ihrer nur an einem Tag
zu erinnern. In Schulen, Forschungsinstitutionen
und Bibliotheken im ganzen Land werden ständige
Sondersammlungen und Ausstellungen über die
Lehren von Dr. King und die Geschichte der Bürgerrechtsbewegung gezeigt, die er mitanführte.
Eine der umfassendsten Sammlungen in einer
öffentlichen Einrichtung befindet sich Charles Hicks,
einem Bibliothekar der Abteilung Studien über
Schwarze zufolge in der Martin Luther King Memorial Library im Zentrum der Bundeshauptsstadt Washington.
Hicks erklärte, es gäbe zahlreiche Universitätsbibliotheken und Forschungsinstitutionen, die ebenfalls
über umfangreiche Sammlungen über die Geschichte der Bürgerrechte und der Schwarzen verfügen,
"aber als öffentliche Bibliothek haben wir ein allgemeines Publikum, darunter auch Kinder. Wir
führen zum Beispiel viele Bücher und Broschüren
über Dr. King, die auf ein junges Publikum in einer
Sprache ausgerichtet sind, die es versteht."
Darüber hinaus, so Hicks, befinden sich in der Martin
Luther King Memorial Library auch Romane über die
Geschichte der Schwarzen und die Bürgerrechtsbewegung, die für gewöhnlich nicht in Forschungsbibliotheken erhältlich sind.
Auf die Frage, wer die Bibliothek vornehmlich
besucht, antwortete Hicks: "Es ist wirklich ein sehr
breites Spektrum von Besuchern. Junge Afroamerikaner in Washington sind besonders an Dr. King
interessiert, und sie zeigen auch großes Interesse

AMERIKA DIENST 02

an anderen Bürgerrechtlern wie Malcolm X und
Marcus Garvey."
Laut Hicks kommen jedoch auch viele Besucher aus
dem Ausland in die Bibliothek. "Dr. King übt immer
noch national und international große Anziehungskraft
aus", stellte er fest. "Ich bin immer wieder erstaunt,
daß Besucher aus China und Japan sowie westindischen und afrikanischen Ländern hierherkommen.
Sie alle wollen etwas über das Vermächtnis von
Martin Luther King Jr. lesen", fügte er hinzu.
Die 1972 eröffnete Bibliothek hat nicht nur Bücher
über Dr. King, die Bürgerrechtsbewegung und afroamerikanische Geschichte im allgemeinen in ihrem
Bestand, sondern auch eine umfassende Sammlung
von Schallplatten sowie Audio- und Videokassetten.
Wenn man beispielsweise Dr. Kings 1963 gehaltene
berühmte Rede "Ich habe einen Traum" in ganzer
Länge sehen möchte, so hat die Bibliothek eine
Videoaufzeichnung. Man kann die Videokassette
kostenlos ausleihen oder sie für einen kleinen Betrag
kaufen.
Die moderne Bürgerrechtsbewegung in Amerika
nahm ihren Anfang am 1. Dezember 1955 in Montgomery (Alabama), als eine müde, hart arbeitende
Afroamerikanerin namens Rosa Parks sich weigerte,
ihren Sitzplatz in einem Bus für einen weißen Mann
zu räumen, wie es die Gesetze der Bundesstaaten zu
jener Zeit forderten.
Aber Rosa Parks Akt des Widerstands wäre umsonst
gewesen, wenn nicht ein junger Baptistenprediger,
Martin Luther King Jr., die Stunde genutzt und einen
382tägigen Kampf zur Aufhebung der Rassentrennung im öffentlichen Nahverkehrssystem der Stadt
geführt hätte. Obwohl er den Widerstand nie unterschätzte, hegte King keinen Zweifel am Ausgang des
Kampfes. "Es ist die großartige Ironie des Schicksals, daß wir an jenem Tag Montgomery - die Wiege
der Konföderation - zu Montgomery - der Wiege von
Freiheit und Gerechtigkeit - gemacht haben", erklärte
er. Ein Jahr später verfügte das Oberste Bundesgericht der Vereinigten Staaten, daß die Rassentrennung in Bussen verfassungswidrig ist.

Seite 1

�So begann die heroische Reise Martin Luther Kings
von Montgomery (Alabama) nach Memphis (Tennessee). Bei seinem 13 Jahre währenden Streben nach
der Schaffung einer sogenannten liebenden Gemeinschaft bereiste King das Land - von Norden nach
Süden, von Osten nach Westen - und forderte
Gerechtigkeit und Rassengleichheit. Wo immer er
war, forderte er das Gewissen Amerikas heraus und
wurde zur vielleicht dominantesten Stimme seiner
Zeit.

fei war. Es macht mir nichts aus. Wie jeder andere
wünsche ich mir ein langes Leben - ein langes Leben
hat seinen Stellenwert. Aber darüber bin ich jetzt
nicht besorgt. Ich will nur Gottes Willen erfüllen.
Und er hat mir erlaubt, auf den Berg zu gehen. Ich
habe vom Gipfel geschaut und das Gelobte Land
gesehen. Ich werde vielleicht nicht gemeinsam mit
Euch dorthin gelangen. Aber ich möchte Euch heute
abend sagen, daß wir als Volk gemeinsam ins
Gelobte Land gelangen werden."

Als er im Frühjahr 1968 nach Memphis kam, warder
erst 39jährige King bereits von den langen Jahren
des Protestes, der Märsche und des Kampfes um
das Geburtsrecht aller Amerikaner, aller Bürger der
Welt erschöpft. Es war typisch für ihn, daß er nach
Memphis ging, um sich für die im Gesundheitswesen
Beschäftigten einzusetzen, die seiner Ansicht nach
mit ungerechten und unfairen Bedingungen zu
kämpfen hatten.

King überlebte seine letzte Reise nach Memphis
nicht. Seine Stimme wurde von der Kugel eines
Mörders zum Schweigen gebracht - ein Ereignis, das
sich im Gedächtnis jedes zu dieser Zeit lebenden
Menschen einprägte. Seine Botschaft lebt jedoch
weiter und ist ein Stachel im Gewissen einer immer
noch von rassischen und ethnischen Konflikten
gepeinigten Welt. "Es gehört zu den moralischen
Geboten unserer Zeit", erklärte King, "daß wir weltweit mit unerschütterlicher Entschlossenheit an der
Beseitigung der letzten Relikte des Rassismus
arbeiten müssen. Das ist nicht nur ein amerikanisches Phänomen. Sein bösartiger Griff kennt keine
Grenzen."

Obwohl die Atmosphäre in Memphis gespannt war
und sich in der Stadt zahlreiche Vorfälle ereigneten,
war dies nichts Neues für den Mann, der in Amerika
die Sache der Bürgerrechte verkörperte. Martin
Luther King hatte sich bereits an den wütenden Mob,
repressive Polizeiaktionen und lebensbedrohliche
Gefahren gewöhnt.
Es war jedoch offensichtlich, daß das Verhalten Dr.
Kings in Memphis irgendwie verändert war. Er
schien die Vorahnung zu haben, daß sich seine
Rolle im Kampf um die Bürgerrechte dem Ende
näherte. Dies wurde für jeden augenfällig, der seine
am Abend vor seiner Ermordung im Masonic Temple
gehaltene Rede hörte.
"Ich weiß nicht, was jetzt geschehen wird", sagte er.
"Vor uns liegen schwierige Tage. Für mich ist das
nicht mehr wichtig, weil ich bereits auf dem Berggip-

*

Seite 2

*

Am kommenden Montag wird in den gesamten
Vereinigten Staaten des Erbes von Martin Luther
King gedacht. In Washington, wo Dr. King auf den
Stufen des Lincoln Memorial seine berühmte Rede
"Ich habe einen Traum" hielt, werden sich die Bürger
wie in jedem Jahr in der Martin Luther King Memorial
Library versammeln, um des Mannes und seines
Traums von Harmonie zwischen den Rassen aller
Völker zu gedenken. "Es läuft wirklich darauf hinaus,
daß das ganze Leben aus Wechselbeziehungen
besteht. Wir alle sind im unentrinnbaren Netz der
Gegenseitigkeit gefangen, und unsere Schicksale
sind miteinander verwoben. Was den einen direkt
betrifft, betrifft alle anderen indirekt.

*

*

AMERIKA DIENST 02

�PORTRAT
11. Januar 1995

BOB DOLE - ÜBER DREI JAHRZEHNTE
IM STAATSDIENST
Porträt des Mehrheitsführers im Senat
WASHINGTON - (AD) - Bob Dole, der Mehrheitsführer der Republikaner im 104. Kongreß der Vereinigten Staaten, ist einer der bekanntesten amerikanischen Politiker und mit seiner bereits 34jährigen
Tätigkeit im Kongreß zweifellos einer der altgedientesten. 1992 wählte ihn die Bevölkerung von Kansas zum fünften Mal für eine sechsjährige Amtszeit
im Senat. Davor war er Abgeordneter des Repräsentantenhauses.

Es wird gemunkelt, Dole werde 1996 einen dritten
Anlauf als Präsidentschaftskandidat unternehmen.
Eigenen Angaben zufolge hat er aber noch keine
Entscheidung getroffen, ob er das Amt des Präsidenten anstrebt. In einem Interview mit dem Nachrichtensender CNN teilte Dole jedoch mit: "Wenn
Clinton in seiner Eigenschaft als Präsident für das
Amt des Präsidenten kandidieren kann, gilt dasselbe
zweifelsohne für einen Mehrheitsführer."

Als Führer der Minderheitsfraktion der Republikaner
im Senat des vorigen Kongresses bediente sich Dole
geschickt des Filibuster zur Verhinderung von
Abstimmungen durch Marathonreden, um die Annahme von Vorschlägen der Demokraten zu blockieren, die auf Widerstand der Republikaner stießen.
Als Mehrheitsführer besitzt er jetzt die Macht, mehr
zur Förderung der republikanischen Tagesordnung
zu unternehmen.

Der Almanach amerikanischer Politiker erklärt Doles
lange politische Tätigkeit folgendermaßen:
"Er
arbeitet hart und behält dabei immer einen Sinn für
Humor.
Er hält an bestimmten, grundlegenden
Prinzipien fest, obwohl er keineswegs ein politischer
Theoretiker ist. Er hat sich den Respekt verdient,
den ein Politiker nur bekommt, wenn er harte Zeiten
ebenso übersteht wie gute, wenn er eine Niederlage
erleidet, danach gegen die Widrigkeiten kämpft und
einen Sieg erringt."

"Die Republikaner werden jetzt die Last der Führungsrolle tragen... Wenn wir (im Kongreß) die
Mehrheit haben, müssen wir etwas bewirken",
erklärte Dole kurz nach dem bemerkenswerten Sieg
der Republikaner bei den Kongreßwahlen im November 1994 in einem Fernsehinterview.
Dole beginnt seine zweite Amtszeit als Mehrheitsführer, nachdem er diese Position von 1985 bis 1986
innehatte, als der Senat unter der Reagan-Administration von den Republikanern kontrolliert wurde.
Ferner war er Vorsitzender des Finanzausschusses
des Senats, Vorsitzender der Republikanischen
Partei, Abgeordneter im Parlament des Bundesstaates Kansas und Rechtsanwalt an einem Kreisgericht.
Der Veteran aus dem Zweiten Weltkrieg wurde im
Kampf verwundet und mit militärischen Tapferkeitsmedaillen ausgezeichnet.
Dole kandidierte zweimal für das Amt des Präsidenten - 1988 und 1980. 1976 war er Kandidat seiner
Partei für das Amt des Vizepräsidenten auf der Liste
des amtierenden Präsidenten Gerald Ford, der dem
Kandidaten der Demokraten, Jimmy Carter, unterlag.

AMERIKA DIENST 02

Dole ist ein echter Konservativer und ein geschickter
Politiker. Vor allem ist er aber ein gesetzgeberischer
Pragmatiker, was ihm bei einigen der überzeugtesten
Republikaner im Kongreß Schwierigkeiten einbrachte.
Viele politische Analysten diskutieren, ob Dole und
der neue Speaker des Repräsentantenhauses, Newt
Gingrich, zusammenarbeiten können.
In einem Interview mit dem Nachrichtensender ABC
am 4. Januar prognostizierte Dole, er und Gingrich
würden miteinander auskommen.
"Wir sind uns unserer Verantwortung bewußt. Wir
wollen das Land in die richtige Richtung führen, und
ich hoffe, daß wir dabei von den Demokraten tatkräftig unterstützt werden", so Dole.
Der Publikation Congressional Quarterly (CQ)
zufolge ist es eine "Schlüsselfrage, wie Dole mit den
Spannungen zwischen den jüngeren Konservativen
und der älteren Generation pragmatischerer Republikaner umgeht, mit denen er identifiziert wird".

Seite 1

�Obwohl Dole "den unerschütterlichen steuerlichen
Konservativismus seiner Partei teilt, neigt er zu
Pragmatismus und Kompromissen. Er ist oft bereit,
harte Parteipolitik einer Übereinkunft im Kongreß
unterzuordnen", so CQ.
"Er ist auch der festen Überzeugung, daß die Regierung eine Rolle zu spielen hat, was ihn von den
neuen Republikanern unterscheiden könnte, die im
Wahlkampf die Ansicht vertraten, die Regierung
sollte fast nichts unternehmen."
CQ prognostiziert, Dole werde "wahrscheinlich
erleben, wie sein im wesentlichen gemäßigter
politischer Ansatz von den aggressiven Konservativen um ihn auf eine harte Probe gestellt wird - von
Gingrich im Repräsentantenhaus und dem ehrgeizigen republikanischen Senator Phil Gramm aus
Texas". Es wird erwartet, daß Gramm am 23.
Februar seine Präsidentschaftskandidatur bekanntgibt.
Der 71jährige Dole wurde am 22. Juli 1923 in
Russell (Kansas) geboren, einer in der Prärie
gelegenen Stadt im Westen des fest in republikanischer Hand befindlichen Bundesstaates. Er sah sich
stets als Verkörperung des amerikanischen Ideals
und der Überzeugung, durch harte Arbeit und
Entschlossenheit könne ein Mann seine bescheidene
Herkunft hinter sich lassen und trotz aller Widrigkeiten großen Erfolg haben.

*

Seite 2

Der Sohn einer Hausfrau und eines Milch- und
Eierlieferanten ist eins von vier Kindern - zwei Jungen
und zwei Mädchen. Seine Schwestern leben noch,
seine Eltern und sein Bruder sind verstorben. Dole
besuchte die University of Kansas, verließ sie jedoch
vor dem Examen und trat im Zweiten Weltkrieg in die
Armee ein. Er war Zugführer der legendären 10.
Gebirgsjägerdivision in Italien und wurde 1945 nur
drei Wochen vor Kriegsende schwer verwundet. Dole
verbrachte die folgenden vier Jahre in Krankenhäusern und Rehabilitationszentren und leidet noch
immer unter seinen Kriegsverletzungen, aufgrund
derer seine rechte Hand gelähmt ist.
Dole legte 1952 an der Washburn University in
Kansas sein juristisches Staatsexamen ab und
erwarb gleichzeitig den Titel eines Bachelor of Arts.
Noch vor seinem Juraexamen wurde er zum Abgeordneten des Repräsentantenhauses von Kansas
gewählt. Zwei Jahre später wurde er Staatsanwalt im
Landkreis Russell.
Dole hat aus erster Ehe, die geschieden wurde, eine
erwachsene Tochter. 1975 heiratete er die Rechtsanwältin Elizabeth Hanford, die in der ReaganAdministration Verkehrsministerin und unter Präsident
Bush Arbeitsministerin war. Derzeit leitet sie das
amerikanische Rote Kreuz.

*

AMERIKA DIENST 02

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                <text>&lt;strong&gt;1. Information&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Noch keine Entscheidung über die Neutronenwaffe in den Vereinigten Staaten&lt;br /&gt;&lt;em&gt;- Von unserer Korrespondentin Marie Koenig -&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;State Department: Verstärkte Waffenlieferung durch Kuba für Guerillaverbände in El Salvador&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Dokumentation&amp;nbsp;&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Fernsehansprache Präsident Reagans zur Wirtschaftspolitik der USA&lt;br /&gt;&lt;em&gt;- Neuer Anfang im wirtschaftlichen Denken angekündigt -&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Erste Pressekonferenz des neuen amerikanischen Verteidigungsministers&amp;nbsp;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;- Caspar W. Weinberger erstrebt Stärkung von Antiterroreinheiten -&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Wirtschaft&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;US-Bundesbankpräsident erwartet langfristige Politik des knappen Geldes&lt;br /&gt;&lt;em&gt;- Interview mit Paul Volcker zur Währungs- und Finanzpolitik -&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;4. Hintergrundmaterial&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;USA und NATO-Verbündete - alle müssen mehr tun&lt;br /&gt;&lt;em&gt;- Interview von US-Außenminister Haig mit dem "Washington Star" -&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Sorgen über Mittelamerika&lt;br /&gt;&lt;em&gt;- Von unserem Korrespondenten William Wade -&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Trotz Gewalt: Fortsetzung der Bodenreform in El Salvador&amp;nbsp;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;- Von unserer Korrespondentin Judy Hurley -&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Befreiungspartei Costa Ricas wendet sich gegen Sozialistische Internationale&amp;nbsp;</text>
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                    <text>AMERIKA DIENST
VON

**

1 1 . F e b r u a r 1987

I N H A L T

DOKUMENTATION

Die Amerikanisch-europäischen Wirtschaftsbeziehungen:

Mythen und

Verpflichtungen
- Rede von Botschafter Burt vor dem Industrie-Club in Düsseldorf -

HINTERGRUNDMATERIAL

Strategie zur Nationalen Sicherheit der Vereinigten Staaten
- Bericht der Reagan-Administration an den Kongreß Teil III

* * * * * *

United States Information Service
Embassy of the United States of America

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.: 0228-339 2035
Telex: 8-85432

�AMERIKA DIENST
'%7-oN^

Dokumentation

11. Februar 1987

DIE AMERIKANISCH-EUROPÄISCHEN WIRTSCHAFTSBEZIEHUNGEN:
MYTHEN UND VERPFLICHTUNGEN
- Rede von Botschafter Burt vor dem Industrie-Club in Düsseldorf DÜSSELDORF - (AD) - In seiner Rede vor dem Industrie-Club in Düsseldorf
erklärte der amerikanische Botschafter, Richard Burt, am 11. Februar 1987, daß
es ein tragischer Fehler wäre, "wenn die Vereinigten Staaten jemals mit der
Lockerung ihrer Sicherheitsbindungen an Europa drohen würden, um wirtschaftliche Vorteile zu erlangen." Obwohl erkannt werden müsse, daß zwischen amerikanisch-europäischen Wirtschaftsbeziehungen und der Sicherheit des Bündnisses
ein wichtiger Zusammenhang besteht, verfolge die Reagan-Administration aber
"kein Junktim zwischen Handlsproblemen und amerikanischer Militärpräsenz in
Europa".
Die Ansprache des Botschafters hat folgenden Wortlaut:
Herr Dr. Henkel, Herr Dr. von
Buelow, Freiherr von Teuffei, meine
Damen und Herren I
Ich freue mich, heute abend hier
bei Ihnen zu sein. Die regelmäßigen
Veranstaltungen
des
Industrie-Clubs
werden allgemein geschätzt und tragen
erheblich zum Verständnis wirtschaftlicher und sozialer Probleme bei.
Ich möchte weiterhin den Mitgliedern
des
Industrie-Clubs,
der
Deutsch-Amerikanischen
SteubenSchurz-Gesellschaft und des Harvard

United States Information Service
Embassy of the United States of America

Clubs Rhein-Ruhr dafür danken, daß
sie mich heute abend nach Düsseldorf
eingeladen haben.
Ihre zahlreichen
Aktivitäten liefern den Beweis der
vitalen und engen Bande, die die Vereinigten Staaten und die Bundesrepublik Deutschland verbinden.
Ich begrüße Sie und danke Ihnen für Ihren
bedeutenden Anteil an der Förderung
von Freundschaft
und Verständigung
zwischen Deutschen und Amerikanern.
Ich freue mich immer über einen
Besuch in Düsseldorf, das als ein
Mittelpunkt von Handel und Industrie

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.: 0228-339 2035
Telex: 8-85432

�so wohlbekannt und geachtet ist. Die
wichtige Rolle, die Düsseldorf in
Wirtschaft und Handel zufällt, läßt
es besonders angemessen erscheinen,
daß ich heute abend vor diesem verehrten Publikum über die Wirtschaftsbeziehungen zwischen den Vereinigten
Staaten und Europa spreche. Nach Beendigung
meiner Ausführungen
werde
ich gern mit Ihnen über die von mir
angeschnittenen
Probleme oder
über
andere für Sie wichtige Fragen diskutieren.

Mythen der Ökonomie
In jüngster Zeit ist viel zum
Thema der Wirtschaftsbeziehungen zwischen
Europa
und
den
Vereinigten
Staaten gesagt und geschrieben worden. Kommentatoren auf beiden Seiten
des Atlantiks haben uns täglich Berichte über Schwierigkeiten bei unseren Beziehungen in Handel und Finanzwesen geliefert.
Wir haben mit Besorgnis und später mit Erleichterung
beobachtet, wie unsere Unterhändler
eine Reihe verhängnisvoller Vergeltungszölle auf Agrarprodukte abwendeten.
Ich bin besonders dankbar für
die konstruktive Rolle, die die Bundesrepublik Deutschland bei der Beilegung
dieses Streitfalls
gespielt
hat, und ich möchte diese Gelegenheit
ergreifen, um Bundeskanzler Kohl, Außenminister Genscher und Wirtschaftsminister Bangemann für ihre Bemühungen zu danken, mit denen sie eine gerechte und ausgewogene Lösung unterstützt haben. Wir können äußerst zufrieden sein, daß es möglich war, eine Übereinkunft herbeizuführen.
Das
ist ein willkommener Hinweis darauf,
daß wir die Fähigkeit und den Willen
zur Zusammenarbeit bei der Lösung vor
uns liegender Probleme besitzen.
Gleichzeitig wäre es aber unverantwortlich, die zwischen uns stehen-

den Unterschiede leugnen oder bagatellisieren zu wollen. Tatsache ist,
daß wir in einer Debatte über eine
Reihe von Problemen stehen, die in
unseren
Wirtschaftsbeziehungen
auftreten.
Wir
haben eine bestimmte
Meinung über Modalitäten zur Förderung des Wachstums und Wohlergehens
in der Weltwirtschaft, und andere haben dazu eine abweichende Meinung.
Wir glauben daran, daß die Kräfte des
Marktes am besten in der Lage sind,
Kreativität
und Leistung
hervorzubringen.
Andere sind der Ansicht,
Regierungen sollten den Markt Regelungen unterwerfen und lenken.
Die
Vereinigten Staaten haben ein riesiges Defizit im Außenhandel, und die
Bundesrepublik wie auch Japan verzeichnen
riesige Überschüsse.
Das
Ungleichgewicht beunruhigt uns alle,
aber wir können uns nur schwer darüber einigen, wer welche Schritte zu
dessen Abbau unternehmen sollte.
Es handelt sich hierbei um reale
Probleme und reale Meinungsverschiedenheiten, die in einer leidenschaftlich geführten Debatte zur Sprache
kommen.
Im Zuge dieses Austauschs von Argumenten streben wir einen breiter
gesteckten Rahmen an, um von uns beobachtete Fakten zu erklären und die
von
uns
vertretenen
Ansichten
zu
rechtfertigen.
Wir entwerfen ganze
Theorien über die jeweils andere Gesellschaft
und
Wirtschaft.
Diese
Theorien
bergen genug Wahrheit in
sich, um unsere Phantasie anzuregen
und erlangen manchmal hohe Popularität.
Auf diese Weise schaffen wir Mythen, und diese Mythen können die Phantasie
der Öffentlichkeit
erregen
und beherrschen. Sie helfen uns aber
nicht
notwendigerweise
weiter
zum
Verständnis der Welt in der wir le-

- 2 -

�ben. Vielmehr können sie uns manchmal irreführen und eher verwirren.
Leider hat solch eine irrige Argumentation in den europäisch-amerikanischen Beziehungen eine lange Geschichte. Von Zeit zu Zeit erliegen
wir der Versuchung, Schwierigkeiten
und Probleme als Beweis für allgemein
bestehende Mängel in unseren sozialen
und wirtschaftlichen Systemen zu betrachten. Am Ende könnten gegenseitig bestehende Mythen und Klischees
unseren Dialog beherrschen.
In den letzten Jahren sahen wir
uns zwei widersprechenden Mythen über
die transatlantischen Wirtschaftsbeziehungen gegenüber.
Sie haben sich
als gemeinhin
anerkannte Erklärung
der Dynamik dieses Verhältsnisses abgewechselt. In einem nahezu gleichmäßigen Turnus ist der Mythos einer
amerikanischen Dominierung Europas in
den Bereichen Wirtschaft und Technologie vom Mythos der Unordnung und
des Desinteresses
in Amerika verdrängt worden, auf den dann wiederum
der Mythos der amerikanischen Vormachtstellung folgte.
Vor etwa 20 Jahren brachte der
französische Politiker und Journalist
Jean-Jacques Servan-Schreiber seinen
Bestseller "Die amerikanische Herausforderung" heraus.
Servan-Schreiber
war
vom Erfolg der Zusammenarbeit
zwischen
amerikanischer
Industrie,
Regierung und Bildungswesen geblendet
- aber auch beunruhigt. Er schrieb,
daß die Vereinigten Staaten den "außergewöhnlichsten
technologischen
Durchbruch
in
der
Weltgeschichte"
vollbracht hätten.
Seiner
Ansicht
nach sollte Europa sich amerikanische
Management-Methoden zu eigen machen,
bevor es zu spät sei.
Aber die Zeiten ändern sich und
gegen Ende der siebziger Jahre ver-

blaßte die Sorge über eine amerikanische Vorherrschaft im Bereich der
Technologie. Sie wurde durch Sorgen
über die Schwäche der amerikanischen
Wirtschaft abgelöst. Die Aufmerksamkeit richtete sich auf das nachlassende Wachstum und steigende Preise
in den Vereinigten Staaten.
In der
Amtszeit Präsident Carters galt der
Dollar als krank und die industrielle
Grundlage der Vereinigten Staaten als
schwindend.
Nur wenige Jahre später begann nach
der Regierungsübernahme
durch
die Reagan-Administration - eine neue
Runde.
Wieder einmal gab es einen
Meinungsumschwung.
Die
Vereinigten
Staaten waren nicht länger der Verlierer im Rennen um die Vorherrschaft
in Wirtschaft und Technologie. Silicon Valley war ins Blickfeld der Welt
gerückt, und man war wieder pessimistisch über Europa. "Eurosklerose"
war in aller Munde.
Diesem Blickwinkel zufolge waren
die Gesellschafts- und Wirtschaftssysteme Europas
zunehmend
verkrustet
und Vorrechte bestimmter Interessengruppen tief verwurzelt. Aus diesen
Gründen war Europa unweigerlich dazu
verurteilt, bei der Entwicklung und
Anwendung von Hochtechnologie hinter
die Vereinigten Staaten und Japan zurückzufallen. Europa wurde im weltwirtschaftlichen
Rennen
auf
einen
hinteren Rang verwiesen.
Diese Theorie war allgemein anerkannt.
Bruce Nussbaum, ein amerikanischer
Autor, der über Wissenschaft
und
Gesellschaft
schreibt,
sagte sogar voraus, die Bundesrepublik würde im Bereich der Technologie
zur japanischen Kolonie werden.
Heute ist der Mythos der Eurosklerose natürlich aus der Mode gekommen; ein neuer Mythos bewegt die

- 3 -

�europäische Phantasie, und zwar der
Mythos, die Wirtschaft der Vereinigten Staaten habe grundlegende Mängel.
Die
einstmals mächtigen amerikanischen Industriezweige seien Überflüssig und unfähig, sich zu erneuern.
Amerikanische Manager seien besessen
von
ihren Aktienkursen und davon,
Übernahmen durch die Konkurrenz abzuwehren.
Das Finanzsystem sei durch
eine Schuldenanhäufung bedroht, die
sowohl Produzenten als auch Verbraucher
gleichermaßen
zu verschlingen
drohe.
Die vieldiskutierte Umwandlung der Vereinigten Staaten in eine
Dienstleistungsindustrie schaffe eine
Nation von Hamburger-Bäckern.
Ich bedaure, daß dieser Mythos
jüngst von Teilen der bundesdeutschen
Medien ziemlich enthusiastisch aufgegriffen wurde. In einem kürzlich im
'Spiegel'
erschienenen Artikel benutzte der Verfasser das Handelsbilanzdefizit der Vereinigten Staaten
als Aufhänger und arbeitete sich so
von vorn nach hinten. Das Defizit im
Handel zeige, so schrieb er, daß amerikanische Produkte nicht mehr so gut
seien wie europäische oder asiatische
Produkte.
Die Amerikaner, die nie
sehr gut darin gewesen seien, langfristig zu denken, seien auf dem
Weltmarkt nicht mehr wettbewerbsfähig, weil die Produktivität stagniere
und
das
amerikanische
Schulsystem
versagt habe. Die Vereinigten Staaten wendeten sich daher als letzter
Zuflucht der "brutalen Lösung" des
Protektionismus zu.
Quatsch!
sie verstehen sicher,
was ich meine, wenn ich sage, daß
vielfach ein Problem aus seinem Kontext herausgelöst und dann eine eigenständige Theorie darum aufgebaut
wird. Tatsache ist, daß das Defizit
im Handel der Vereinigten Staaten zum
großen Teil von einem zu starken Dollar herrührt wie auch von einem Wirt- 4

schaftswachstum, das in den Vereinigten Staaten schneller verlief als in
anderen
Ländern.
Natürlich beeinträchtigte das unsere Wettbewerbsfähigkeit.
Dazu haben auch Schulden
und eine zurückgehende Nachfrage der
Entwicklungsländer
unseren
Exporten
einen schweren Schlag versetzt.
Das
daraus entstandene Handelsbilanzdefizit kann nicht aufrechterhalten werden, und wir tun alles, um es abzubauen.
Die
allgemeine
Behauptung
über die Qualität amerikanischer Produkte ist barer Unsinn und die Auffassung über industrielle Produktivität schlicht falsch.
Tatsache ist, daß trotz des Defizits die Einkommen, Beschäftigungsrate und industrielle Produktion in den
Vereinigten Staaten stetig steigen.
Dr. Georg Koopman vom Hamburger Institut
für
Wirtschaftsforschung
(HWWA) veröffentlichte kürzlich eine
Studie über die Auswirkungen des Handesbilanzdefizits
auf
die
amerikanische Wirtschaft.
Er kam zu dem
Ergebnis, daß die Produktion in der
verarbeitenden Industrie im Zeitraum
des steigenden Handelsbilanzdefizits
die gleichen Zuwachsraten verzeichnete wie das BSP. Die Fertigung hält
immer noch denselben Anteil am BSP
wie zu der Zeit des Überschusses im
Außenhandel. Dr. Koopman hat ferner
herausgefunden, daß eine größere ausländische Konkurrenz in den Vereinigten Staaten erheblich zu höherer Leistungsfähigkeit
im
Fertigungssektor
wie auch zur Produktqualität beigetragen hat.
Schließlich
berichtet
er, daß die Umsätze im amerikanischen
Fertigungssektor in den Jahren 198085 um 17 Prozent gestiegen sind, im
Vergleich zu 4 Prozent in der Bundesrepublik .
Ich erwähne diese Punkte, um aufzuzeigen, daß Mythen und Klischees
uns nicht bei der Behandlung von an-

�stehenden
Problemen
helfen.
Wir
sollten von voreiligen Schlußfolgerungen
Abstand
nehmen, die
nicht
durch
aktuelle
Pakten
untermauert
werden.
Lassen Sie uns der Versuchung widerstehen, Ereignisse zu interpretieren, um damit
bestehenden
Auffassungen darüber, welche Gesellschaft besser oder schlechter ist,
Vorschub zu leisten.
Wir sollten
vielmehr
gemeinsam
die Fakten betrachten und uns darum bemühen, gemeinsam Schlußfolgerungen für gemeinsame Handlungen zu ziehen.

Die wahre Herausforderung
In den vergangenen 40 Jahren waren wir im Westen bemerkenswert erfolgreich.
Wir haben Institutionen
geschaffen, die dem industrialisierten Westen wirtschaftliche Stärke und
einen Lebensstandard verschafft haben,
der
in
der
Geschichte
der
Menschheit
seinesgleichen
suchen.
Die entspannte Situation, das materielle Niveau und die Gesundheit, die
wir heute genießen, gingen zu Beginn
dieses Jahrhunderts noch über das
Vorstellungsvermögen unserer Vorväter
hinaus.
Am Ende des Zweiten Weltkriegs
sahen sich westliche Politiker ungeheuren Aufgaben und schwierigen Herausforderungen
gegenübergestellt.
Diese Herausforderungen waren offenkundig:
durch den Krieg zerstörte
Städte und Fabriken mußten wiederaufgebaut werden, das Finanzsystem der
Welt wiederhergestellt, der Handel
geöffnet und die Europäische Einheit
so gefördert werden, daß Konfliktanreize beseitigt wurden. Die von ihnen geschaffenen Institutionen sind
uns allen bekannt: der Marshall-Plan
und die Weltbank zur Finanzierung des
Wiederaufbaus,
der
Internationale
Währungsfonds (IWF) als Rahmen für

die internationalen Währungsbeziehungen wie auch das Allgemeine Zoll- und
Handelsabkommen (GATT) zur Errichtung
eines
neuen offenen
Welthandelssystems.
In Europa wurde die Europäische Gemeinschaft mit ihrer Vision
der wirtschaftlichen Integration ins
Leben gerufen, die das gemeinsame
Handeln
für
gemeinsame
politische
Ziele untermauern sollte.
40 Jahre später sehen wir uns
wiederum einer Herausforderung gegenüber, die in mancher Hinsicht so groß
ist wie die Herausforderung des Wiederaufbaus
in
der
Nachkriegszeit.
Aber wir befinden uns heute in einer
anderen Situation.
Damals war die
Aufgabe klar; heute jedoch sind wir
uns über den Ursprung unserer Probleme
nicht
so
sicher.
wir
haben
Schwierigkeiten, die jetzt anstehende
Herausforderung
zu
definieren
und
noch mehr, klug auf sie zu reagieren.
Meiner Ansicht nach besteht die
Herausforderung, der wir - Industrieund Entwicklungsländer
gleichermaßen
- uns gegenübersehen, in der Herausforderung, die sich durch den massiven
und
schnellen
technologischen
Wandel stellt.
Die Welt macht eine
technologische Revolution durch, die
in beträchtlichem Umfang zu Verwirrung und zu Umwälzungen führt. Ferner werden unsere Volkswirtschaften,
Gesellschaften
und
internationalen
Institutionen massivem Druck ausgesetzt, den wir nur schemenhaft nachvollziehen können.
Dasselbe ist auch in der Vergangenheit geschehen. Wirtschaftshistoriker weisen uns darauf hin, daß die
technologischen
Grundlagen
unseres
Lebens
in den letzten
zweieinhalb
Jahrhunderten fast regelmäßig alle 50
Jahre ausgetauscht worden sind. Seit
der Industriellen Revolution habe es
drei Innovationswellen gegeben.
Die

- 5 -

�erste Welle wird der Erfindung der
Dampfmaschine
zugeschrieben,
die
nächste wurde von der Mechanisierung
der Produktion bestimmt.
Zu Beginn
des 20. Jahrhunderts bildeten elektrische Energie, Chemie und der Verbrennungsmotor
die Grundlage einer
neuen Welle. Wir befinden uns im Augenblick inmitten einer vierten Welle
grundlegenden
technologischen
Wandels, deren Grundlage die Elektronik
ist. Eine fünfte Woge der Biotechnologie hat vielleicht schon begonnen.
Diese aufeinanderfolgenden - und
sich beschleunigenden - Wellen des
Wandels lassen uns kein Gleichgewicht
finden.
Der Managementexperte Peter
Drucker sagt dazu, wir lebten in einem
Zeitalter
der
Diskontinuität.
Mit den ständig aufkommenden neuen
Technologien nimmt die Verwirrung zu,
da althergebrachte Methoden abgelöst
werden und wir uns um die Erforschung
neuer Möglichkeiten bemühen müssen.
Wir werden gezwungen, einige Aktivitäten einzustellen und andere aufzunehmen.
Die Explosion im Informationswesen und die Computer-Revolution bedeuten, daß junge - wie auch
ältere - Menschen neue Fähigkeiten
erlernen müssen, um einen Arbeitsplatz zu bekommen und ihn zu behalten. Unsere landwirtschaftlichen Betriebe liefern uns mehr Nahrungsmittel, als wir essen können, und wir
werfen den Rest fort oder lagern ihn
zu enorm hohen Kosten.
Welche
Herausforderung
ergibt
sich nun aus all diesem für unsere
Volkswirtschaften und Gesellschaften?
Offensichtlich ziehen wir alle aus
den Möglichkeiten Vorteile, die das
Leben sicherer, einfacher und lohnender machen.
Aber viele von Ihnen
wissen besser als ich, wie sehr uns
das Voranschreiten
der Technologie
auch
vor
schwierige Entscheidungen
stellt. Wir stellen neue Materialien

künstlich her und benötigen weniger
Stahl als früher. stillgelegte Werke
und Arbeitslose sind das Ergebnis.
Unser Bedarf an anderen Rohstoffen
geht zurück - Kupfer und Zinn liefern
hier ein gutes Beispiel -, und Entwicklungsländer
leiden
unter
einer
zurückgehenden Nachfrage und geringerem Einkommen.
Gleichzeitig setzen
Firmen in Industrieländern ungeheure
Summen wie auch das Schicksal von
Millionen Menschen für ihre besten
Vermutungen aufs Spiel, welche Richtung die Technologie wohl nehmen wird.
Mit wechselndem Erfolg und wechselnden Fähigkeiten versuchen wir uns
dem Wandel anzupassen.
Oft neigen
wir dazu, eine Anpassung zu vermeiden. Statt dessen suchen wir Schutz
vor den Kräften des Wandels. Überalterte Industriezweige setzen bei der
Regierung Subventionen durch. In der
Landwirtschaft wenden wir uns von der
Tatsache ab, daß wir mehr Landwirte
haben, als wir brauchen.
Im internationalen Umfeld macht
der Wandel unsere Beziehungen miteinander noch komplizierter. Arbeitnehmer und Produzenten verlangen Schutz
vor
ausländischem Wettbewerb.
Die
Entwicklungsländer
drängen auf Anstrengungen
zur Verbesserung
ihrer
Situation, und wir versuchen, ihnen
zu helfen, wo wir können.
Das ist nicht immer leicht. Die
Bedürfnisse der jetzt im industriellen Aufbaustadium befindlichen Länder
- wie etwa Brasilien, Korea und Mexiko - unterscheiden sich von denen anderer Länder, die beim Streben nach
wirtschaflicher
Entwicklung
zurückbleiben.
Neue Industrieländer stellen für unsere eigenen Produzenten
eine Herausforderung dar, und doch
wissen wir, daß sie für ihren Erfolg
unsere Märkte brauchen. Die ärmeren
Länder benötigen oft Mittel, die wir

�ihnen zur Verfügung stellen können,
aber sie brauchen auch die Möglichkeit und den Anreiz, ihre eigenen
Ressourcen wirkungsvoller zu nutzen.

ter, wofür der niedrigste Flugpreis
für einen einfachen Flug 341 DM beträgt.
Die Reise von Chicago nach
Kansas City ist 650 Kilometer lang
und der billigste Einfachflug kostet
98 DM.

Die amerikanische Antwort
Wie gehen die Vereinigten Staaten
auf die Herausforderungen ein, die
ich hier beschrieben habe?
Unter
der
Leitung
Präsident
Reagans befinden sich die Vereinigten
Staaten nun in ihrem 50. fortlaufenden
Monat
eines
positiven
Wirtschaftswachstums.
Das Wachstum betrug zwischen 1983 und 1986 durchschnittlich
3,7 Prozent pro Jahr.
Die Inflation ist weiter zurückgegangen und länger auf niedrigem Niveau
geblieben als dies vor
fünf oder
sechs Jahren möglich schien. Wichtige Zinssätze sind um ganze 12 Punkte
gesenkt worden.
In den letzten Jahren haben Entscheidungen und Taten aller Zweige
der amerikanischen Regierung Veränderungen unserer Gesetze und Bestimmungen in historischem Ausmaß herbeigeführt.
Diese haben die Arbeitsweise
der amerikanischen Wirtschaft grundlegend verändert.
Die Freigabe der
Luftfahrt liefert hier ein Beispiel.
Die Brookings Institution hat kürzlich eine Studie über die Auswirkung
der Freigabe des Luftverkehrs in den
Vereinigten
Staaten
veröffentlicht.
Sie kam zu dem Schluß, daß Reisende
in den Vereinigten Staaten durch die
Freigabe wenigstens 6 Milliarden Dollar im Jahr einsparen konnten und daß
die Industrie mit wenigstens 2,5 Milliarden Dollar jährlich davon profitierte. Wettbewerb und nicht Regierungsbestimmungen bestimmen nun den
Umfang des Flugpreises in den Vereinigten Staaten.
Die Reise von München nach Hamburg beträgt 620 Kilome-

Wir haben unser nationales Telefonsystem von einschränkenden Bestimmungen befreit und dem Wettbewerb geöffnet.
Dadurch wurden die Vielfalt
der Dienstleistungen des amerikanischen Fernmeldesystems enorm gesteigert und gleichzeitig die Kosten gesenkt. Schon für 14 DM kann man zehn
Minuten von Denver nach Düsseldorf
telefonieren, wohingegen
ein Anruf
von hier nach Denver über 36 DM kostet.
Durch
die
Steuerreform
wurde
jetzt der Spitzensteuersatz für private Einkommen auf 28 Prozent gesenkt
und somit neue Anreize für Arbeit und
Unternehmergeist geschaffen. Gleichzeitig hat sich der Dienstleistungssektor zu einer neuen, starken Quelle
von Einkommen und Beschäftigung entwickelt.
Die
Dienstleistungsindustrie - Transportwesen, Handel, Banken, Finanz- und
Versicherungswesen
sowie persönliche Dienstleistungen hat seit 1981 zwölf Millionen neue
Arbeitsplätze geschaffen.
Im gleichen Zeitraum ging die Beschäftigung
in Europa zurück.
Hätte Europa im
gleichen
Ausmaß neue Arbeitsplätze
geschaffen wie die Vereinigten Staaten, dann gäbe es heute in Europa
zwei Millionen Arbeitslose statt 15
Millionen.
Im dem Maße, wie die amerikanische Wirtschaft Dampf aufmachte, zog
sie die gesamte Weltwirtschaft nach.
Nachdem das Wachstum der Weltwirtschaft in den Jahren von 1980-82
durchschnittlich weniger als 1,5 Prozent betragen hatte, verdoppelte es
sich in den folgenden drei Jahren,

�was zum größten Teil auf den amerikanischen
Aufschwung
zurückzuführen
ist.
In denselben drei Jahren wuchsen
die Importe der Vereinigten Staaten
um über 40 Prozent.
Die Entwicklungsländer
erhöhten
ihre Exporte,
und wir nahmen von diesem Zuwachs erheblich mehr auf als die gesamte übrige Welt. Im Jahr 1985 absorbierten
die Vereinigten
Staaten über zwei
Drittel der von den Entwicklungsländern
exportierten
Industriewaren.
Die Europäische Gemeinschaft nahm ein
Viertel und Japan weniger als ein
Zehntel ab.
Und die Industriestaaten profitierten
ebenfalls davon.
Zwischen
1983 und 1986 haben sich die Exporte
der Bundesrepublik Deutschland in die
Vereinigten Staaten mehr als verdoppelt.
Der Überschuß der Bundesrepublik im Handel mit uns stieg um über
800 Prozent.
Wir alle kennen ein weiteres Ergebnis dieser enormen Zunahme der Importe - in der amerikanischen Handelsbilanz ist ein riesiges Defizit
aufgetaucht.
Es muß nicht eigens erwähnt werden, daß dieses Handelsdefizit den
politisch Verantwortlichen in Amerika
große Sorgen bereitet.
Wir wissen,
daß ein Defizit dieses Ausmaßes nicht
andauern kann. Wir sind sehr darum
bemüht, es zu verringern. Die Frage,
wie dies bewerkstelligt werden soll,
bleibt offen.
Es gibt mehrere Möglichkeiten.
Eine Rezession in den Vereinigten
Staaten
würde
die
Importnachfrage
dämpfen und zur Wiederherstellung des
Gleichgewichts in unserer Handelsbilanz beitragen. Aber dies ist eine
Lösung, die niemandem helfen und al-

len schaden würde.
Der
Rückgang
des
Dollarkurses
sollte unseren Exporten neue Impulse
geben und die Importe verringern. Es
hat länger gedauert als ursprünglich
erhofft, bis die Anpassung der Wechselkurse
zur
Verbesserung
unserer
Handelsbilanz beigetragen hat, aber
es scheint nun, daß die verbesserte
Wettbewerbsfähigkeit
amerikanischer
Waren bei der Anpassung eine positive
Rolle zu spielen beginnt.
Aber je höher das Wachstum außerhalb der Vereinigten Staaten, desto
geringer wird die nötige Anpassung
ausfallen, die von Veränderungen der
Wechselkurse getragen werden muß. Es
ist liegt nämlich auf der Hand, daß
sich die exportierenden Länder im Zuge einer
erfolgreichen
Reduzierung
unseres Handelsdefizits anderswo die
Nachfrage erschließen müssen, die in
der Vergangenheit durch das amerikanische Defizit bereitgestellt wurde.
Ein Wachstum in der Weltwirtschaft wird dieser Nachfrage Auftrieb
geben. Aus diesem Grunde betrachten
wir es als notwendigen Bestandteil
der Anpassung, daß jedes Land seinen
Teil dazu beiträgt, um kräftiges und
ausgewogenes Wachstum zu fördern.
Lassen Sie mich dies deutlich sagen: ich meine hiermit nicht Staaten
mit Lokomotivfunktion, die sich in
verschwenderische
Staatsausgaben
stürzen sollen, um die Weltwirtschaft
anzuheizen.
Ich meine hiermit vielmehr ein ausgewogenes Wachstum, das
auf soliden währungs- , haushaltsund strukturpolitischen Maßnahmen basiert und der Weltwirtschaft die Stabilität und Stärke verleiht, die nur
die
Hauptindustrieländer
bereitzustellen in der Lage sind.
Gegenwärtig ist man in der Bundesrepublik dabei, eine einschneiden-

�de Steuerreform auf den Weg zu bringen. Wir in den Vereinigten Staaten
hoffen, daß diese Bemühungen erfolgreich sein werden. Wie Bundeskanzler
Kohl vor einer Woche bei der LudwigErhard-Stiftung
erklärte,
werden
niedrigere Subventionen sowie niedrigere und gerechtere Steuern die Anreize zur Arbeit verstärken und der
deutschen
Wirtschaft
neue
Dynamik
verleihen.

Schutz und Wettbewerb
Wie Sie alle wissen, hat die Besorgnis über das Handelsdefizit in
den Vereinigten Staaten zu verstärktem Druck geführt, um Maßnahmen zum
Schutz amerikanischer Produzenten vor
der
Importkonkurrenz
einzuführen.
Gegenwärtig ist eine lebhafte Diskussion darüber im Gange, die von unseren Freunden in Europa und Asien genau beobachtet wird.
Tatsache
ist,
daß
Präsident
Reagan - mit großem politischen Mut Schutzmaßnahmen im Handel entgegengetreten ist. Im vergangenen Jahr legte er sein Veto gegen ein protektionistisches Textilgesetz ein und weigerte sich, der heimischen Schuhindustrie bei den Einfuhren entgegenzukommen.
Im vorigen Kongreß war die
Administration maßgeblich daran beteiligt, die Wiedereinführung eines
Gesetzes zu verhindern, durch das die
Verlage geschützt wurden. Ein wichtiger protektionistischer Gesetzentwurf wurde vom vorigen Kongreß angesichts eines wahrscheinlichen Vetos
aufgegeben.
Die Aufgabe, vor der die Administration heute steht, wird unter dem
neugewählten
Kongreß
wahrscheinlich
noch schwieriger werden. Viele seiner
Mitglieder
haben
während
des
Wahlkampfes den von Importen ver-

drängten Arbeitnehmern und Industrien
Unterstützung zugesagt.
Die Administration kann den Protektionismus nicht zurückhalten, wenn
der Eindruck besteht, daß andere Länder amerikanische Exporte weniger gerecht behandeln, als ihre Exporte in
den
Vereinigten
Staaten
behandelt
werden.
Es ist eine einfache Tatsache, daß viele Amerikaner und viele
Kongreßabgeordnete der Meinung sind,
amerikanische
Exporte würden nicht
fair behandelt.
Wenn es Präsident
Reagan gelingen soll, weiterhin protektionistische
Gesetze
abzuwehren,
muß er in der Lage sein, eindeutig
und konkret zu beweisen, daß ausländische Märkte
für
amerikanische
Exporte offen sind.
Es ist in jüngster Zeit in Mode
gekommen, die Schwierigkeiten, denen
sich Amerika auf den Exportmärkten
gegenübersieht,
einem
angeblichen
Mangel an Wettbewerbsfähigkeit zuzuschreiben. Ich bin auch der Meinung,
daß der große amerikanische Binnenmarkt ein hemmender Faktor bei der
Entwicklung von Exportfähigkeiten gewesen
ist.
In
der
Vergangenheit
spielte der Außenhandel eine relativ
untergeordnete Rolle in unserer Wirtschaft. Dies hat uns relativ mangelhaft auf die heutige Welt hoher wirtschaftlicher
Verflechtung
vorbereitet. Wir haben auf die Herausforderung
durch ausländische
Konkurrenz
nicht energisch genug reagiert. Ein
teurer Dollar hat unseren Exporteuren
sehr geschadet. Wir sind jedoch entschlossen, es besser zu machen, und
wir haben die Verbesserung unserer
Wettbewerbsfähigkeit
zur
nationalen
Priorität erklärt.
In seiner Botschaft zur Lage der Nation hat Präsident Reagan ein Programm zur Verbesserung
unserer
Wettbewerbsfähigkeit
verkündet. Wir beabsichtigen, unsere
nationalen Bemühungen im Bereich von

- 9 -

�Wissenschaft und Technologie zu intensivieren. Wir werden Gesetze reformieren, die unsere Exporte behindern. Und wir werden auf verstärkte
internationale
Zusammenarbeit
bei
Währungs- und
Handelsangelegenheiten
dringen, um Chancengleichheit für unsere Exporteure sicherzustellen.
Ja, wir machen uns Sorgen über
die
amerikanische
Wettbewerbsfähigkeit, und wir unternehmen etwas auf
diesem Gebiet.
Gleichzeitig bleiben
wir jedoch in einer Reihe von Bereichen
sehr
wettbewerbsfähig:
Luftfahrt, Computer
und Telekommunikationswesen sind Beispiele, an die man
in diesem Zusammenhang sofort denkt.
Und die amerikanische Landwirtschaft,
die lange Zeit die Grundlage unserer
Exportstärke bildete, bleibt ein Bereich, in dem wir im Wettbewerb erfolgreich bestehen können.
Ich kann aber nicht genug betonen, daß es ausgesprochen unaufrichtig
ist, wenn unsere europäischen
Kollegen behaupten, die amerikanische
Wirtschaft sei nicht wettbewerbsfähig
und
gleichzeitig
mit
Verve
ihre
Schranken
und
Behinderungen
gegen
amerikanische Produkte gerade auf den
Gebieten verteidigen, auf denen wir
besonders wettbewerbsfähig sind.
Ich denke dabei an die gemeinsame
Agrarpolitik, die, zu enormen Kosten
für
den europäischen
Steuerzahler,
einen subventionierten Wettbewerb mit
den amerikanischen
Landwirten
fördert, der nicht nur auf dem heimischen
europäischen
Markt,
sondern
auch auf den Märkten von Drittländern
stattfindet.
Ich denke dabei an Hochtechnologie wie auch das Telekommunikationswesen, wo komplexe und starre Zulassungs- und Wettbewerbsregeln den Verkauf von ausländischer Ausrüstung und

Dienstleistungen behindern.
Ich denke dabei an die Produktion
von Verkehrsflugzeugen, wo europäische Regierungen Milliarden von DM,
Francs und Pfund in Vorhaben gesteckt
haben, die ohne diese Subventionen in
keinem Fall fortgesetzt werden könnten.
Ich denke dabei an militärische
Ausrüstung und Technologien, bei denen durch teure Entwicklungsprogramme
Technologien
kopiert
werden,
die
schon bei amerikanischen Lieferanten
erhältlich sind.
Bei all diesen Beispielen besteht
das Problem nicht in der amerikanischen Konkurrenzfähigkeit, sondern in
Schranken gegen fairen Wettbewerb gerade auf den Gebieten, auf denen wir
besonders wettbewerbsfähig sind.
Damit komme ich zu einem weiteren
Punkt bei der Frage der Wettbewerbsfähigkeit.
Er hat etwas mit den
Schwierigkeiten
zu tun, denen wir
beim Protektionismus ausgesetzt sind.
Dieser Punkt ist folgender: wenn unsere Handelspartner
unseren Handel
gerade in den Bereichen abwehren, in
denen wir besonders wettbewerbsfähig
sind, sollten sie sich nicht wundern,
wenn die Unterstützung dafür wächst,
ihren Handel dort abzuwehren, wo sie
besonders wettbewerbsfähig sind. Ich
bin kein Verfechter dieses Kurses.
Der Präsident befürwortet diesen Kurs
nicht. Aber man benötigt nicht viel
Phantasie, um seinen Reiz für eine
Wählerschaft
zu
verstehen,
die
glaubt, daß sie unfair behandelt wird.

Unsere Pflichten in Angriff nehmen
Die kommenden Monate werden also
voller
Herausforderungen
sein.
In
Handel und Wirtschaft ist unsere Fä-

- 10 -

�higkeit zur Beilegung von Streitigkeiten und zur Zusammenarbeit für gemeinsame Ziele harten Prüfungen unterworfen.
Handelsschranken, Streitigkeiten und das Konfliktpotential
werden weiterhin unsere Handels- und
Wirtschaftsbeziehungen belasten. Ich
möchte nicht behaupten, daß die Vereinigten Staaten ohne Fehl und Tadel
sind.
Beide Seiten bedienen sich
Praktiken, die unserer Ideale nicht
würdig sind. Und wir sind auf beiden
Seiten dem Druck wichtiger Wählergruppen ausgesetzt, um die heimischen
Interessen besser zu fördern und zu
verteidigen. Aber der Dialog bietet
eine Alternative zum Protektionismus,
und zwar meiner Ansicht nach die einzige, die wir besitzen. Wenn wir einen Rückfall vermeiden wollen, dann
müssen wir freimütig und ernsthaft
über die verstärkte Öffnung unserer
Märkte für die Welt sprechen.
Es ist kürzlich von einer Konferenz in München berichtet worden, ich
und andere Amerikaner hätten angedeutet, daß der Kongreß möglicherweise
amerikanische Truppen aus Europa abziehen könnte, falls unsere Handelsprobleme nicht gelöst würden. Lassen
Sie mich eindeutig zu einer grundlegenden Tatsache Stellung nehmen. Es
wäre ein tragischer Fehler, wenn die
Vereinigten Staaten jemals mit der
Lockerung ihrer Sicherheitsbindungen
an Europa drohen würden, um wirtschaftliche
Vorteile
zu
erlangen.
Ich glaube, daß ein umfangreicherer
einseitiger
Rückzug
amerikanischer
Truppen ein großer politischer und
strategischer Fehler wäre, der den
Vereinigten Staaten ebenso wie Europa
schaden würde.
Es entspricht also
nicht der Politik der Reagan-Administration, ein Junktim zwischen Handelsproblemen und amerikanischer Militärpräsenz in Europa zu verfolgen.
Es ist jedoch unabdingbar, zu erkennen, daß zwischen den amerikanisch-

europäischen
Wirtschaftsbeziehungen
und der Sicherheit des Bündnisses ein
wichtiger
Zusammenhang
besteht.
Schutzmaßnahmen für den Handel untergraben auf beiden Seiten des Atlantiks unser Wirtschaftspotential und
führen letztlich zu einer Begrenzung
der Mittel, die wir für die Verteidigung aufwenden können.
Was ebenso
wichtig ist: ernste Spannungen in unseren Wirtschaftsbeziehungen könnten
auch
auf
den
politischen
Bereich
übergreifen und würden den Zusammenhalt des Bündnisses an einem möglicherweise bedeutenden Zeitpunkt in
den Ost-West-Beziehungen untergraben.
Deshalb ist ein andauernder Elan
bei der Liberalisierung des Handels
nicht nur der Schlüssel für weltweiten Wohlstand sondern auch für die
internationale Sicherheit.
Bei der
neuen Runde multilateraler Handelsgespräche in Uruguay begrüßen wir die
Aussicht auf weitreichende Verbesserungen im Welthandelssystem. Wir haben hier eine Gelegenheit, internationale Disziplin
beim Handel mit
Dienstleistungen
und
Investitionen
einzuführen, notwendige
Regeln
zum
Schutz geistigen Eigentums zu verabschieden und das Schlichtungsverfahren für Streitfälle zu stärken. Dies
ist der Weg, den wir einschlagen müssen, nicht der Unilateralismus. Wir
müssen der Welt insgesamt dynamisch
und
vertrauensvoll
gegenübertreten.
Wir sollten uns nicht ängstlich hinter
schützenden
nationalen Grenzen
verstecken.
Bei dieser Vision nimmt Europa
eine Schlüsselrolle ein, denn Europa
ist inzwischen erwachsen.
Nach der
menschlichen
und
wirtschaftlichen
Verwüstung des Krieges ist die europäische Wirtschaftsmacht wieder
zu
einer bedeutenden Kraft in der Welt
geworden.
Die Stärke der europäischen Wirtschaft ist zu einer sol-

- 11 -

�chen Dimension angewachsen, daß die
von Ihnen getroffenen Entscheidungen
nicht nur das Wohlergehen der Europäer, sondern das von Menschen in der
ganzen Welt betrifft.
Wir in den Vereinigten Staaten
begrüßen dies.
Seit den frühesten
Tagen
der
Nachkriegszeit
ist
ein
starkes und vereintes Europa Ziel
amerikanischer Politik gewesen. Wir
teilen den Stolz Europas auf die
enormen Fortschritte, die auf dem Weg
zu wirtschaftlicher Integration und
politischer
Zusammenarbeit
zunächst
von sechs und heute von zwölf freien
und nach vorn blickenden europäischen
Staaten erzielt wurden.
In den Vereinigten Staaten ist
heutzutage die Besorgnis weit verbreitet, daß die Handelspartner Amerikas die Offenheit des amerikanischen Marktes ausnutzen, während sie
gleichzeitig selbst Schranken gegen
den amerikanischen Handel aufrechterhalten.
Wie ich schon sagte, wird
die Reagan-Administration zunehmendem
Druck des Kongresses ausgesetzt sein,
um - auch protektionistische - Maßnahmen zur Verringerung des Ungleichgewichts im amerikanischen Außenhandel zu ergreifen. Wenn der Präsident
weiterhin in der Lage sein soll, den
freien Handel zu verteidigen und dem
Protektionismus
zu widerstehen, so
muß er zeigen können, daß unsere
Partner sein starkes Interesse an einer
offenen Weltwirtschaft
teilen.
Er muß zeigen können, daß diese die
schwierigen Schritte unternehmen, die
notwendig sind, um die Offenheit der
Weltwirtschaft zu erhalten und noch
weiter auszubauen.
Dies heißt, daß unsere Partner
dabei helfen können. Die Bundesrepublik kann dabei helfen. Durch Politik und Taten können unsere Partner
Präsident Reagan die Hilfe zur Verfü-

gung stellen, die für seine Fähigkeit
zur Verteidigung des freien Handels
in den Vereinigten Staaten entscheidend sein kann.
In früheren öffentlichen und vertraulichen Gesprächen mit führenden
Persönlichkeiten der Meinungsbildung
in Europa, wie Ihnen, habe ich oft
gesagt, das Verhältnis zwischen den
Vereinigten Staaten und der Bundesrepublik entwickle sich zu einer "reifen Partnerschaft". Damit meine ich,
daß bei den Deutschen ein neues, positives Bewußtsein in bezug auf die
wirtschaftliche
und
technologische
Stärke der Bundesrepublik
und die
Stabilität ihrer politischen Institutionen
herrscht.
Und
es
besteht
ebenfalls eine neue Bereitschaft bei
den Deutschen, der Bundesrepublik eine aktivere Rolle in den internationalen
Angelegenheiten
einzuräumen.
Auf amerikanischer Seite besteht eine
unmittelbarere Einsicht in die Tatsache, daß Freunde, wie jeder andere
auch, ihre eigenen Ansichten haben.
Die Vereinigten Staaten sind bereit
zu Konsultationen und zum Zuhören,
und sie sind ebenfalls bereit, Macht
und Verantwortung mit unseren engsten
Freunden und Verbündeten zu teilen.
Wir teilen mit der Bundesrepublik, die vom Außenhandel lebt, die
Wertschätzung für ein gesundes und
offenes Welthandelssystem.
Im Einklang mit unserer
reifen Partnerschaft fordern wir die Bundesrepublik
auf, ihre Wirtschaftskraft
in den
Dienst des Wachstums der Weltwirtschaft und der Anstrengungen zur Erhaltung und Förderung des freien Handels zu stellen.
Unsere beiden Länder sind durch
gemeinsame Werte und Ziele eng verbunden.
Seit über vier Jahrzehnten
arbeiten wir bei der Förderung von
Freiheit, Sicherheit und Wohlergehen

- 12 -

�der Völker unserer beiden Länder zusammen.
Heute wird unsere Partnerschaft
in einer sich verändernden
Welt einer neuerlichen Prüfung unterworfen.
Unilateralismus, Protektionismus
und Provinzialismus drohen,
unserem Marsch
zu einer offeneren
Weltwirtschaft Einhalt zu gebieten.
Wenn wir weise genug sind, um die vor
uns stehenden Gefahren zu erkennen,
dann bin ich zuversichtlich, daß wir
die Mittel finden können, um sie zu
überwinden.

- 13 -

�AMERIKA DIENST
V,o^

Hintergrundmaterial

11. Februar 1987

STRATEGIE ZUR NATIONALEN SICHERHEIT DER VEREINIGTEN STAATEN
- Bericht der Reagan-Administration an den Kongreß Teil III

III. Die Außenpolitik der Vereinigten Staaten

Kontinuität der grundlegenden
Ziele
Unsere Außenpolitik spiegelt die
grundlegende
Stoßrichtung
unserer
Strategie der Nationalen Sicherheit
wider - die Förderung unseres demokratischen
Lebensstils.
Die Geschichte hat uns wiederholt gezeigt,
daß die Respektierung von Freiheiten
und Rechten des Einzelnen nur den De-

United States Information Service
Embassy of the United States of America

mokratien innewohnt. In der Welt der
Nachkriegszeit haben die Demokratien
auch
eine
außergewöhnliche
wirtschaftliche
Lebenskraft
bewiesen.
Mit ihren flexiblen Ökonomien haben
die Demokratien dauerhaft die Effizienz und Dynamik gezeigt, die nötig
ist,
um
in
einem
komplexen
und
schwierigen
internationalen
Wirtschaftsumfeld ihre Stärke zu erhalten.
Wenn wir solch eine Welt erreichen wollen, wie wir sie alle erhoffen, muß die Demokratie weiterhin gedeihen und sich ausbreiten.
Heute

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.: 0228-339 2035
Telex: 8-85432

�ist die Stärke der Demokratie in einer Reihe von Ländern, die sich in
verschiedenen
Stadien
wirtschaftlicher Entwicklung befinden, im Wachsen begriffen. Die Vereinigten Staaten müssen ein Leuchtfeuer der Demokratie sein. Leider werden viele in
der
Welt
daran
gehindert, dieses
Leuchtfeuer zu sehen. Für noch mehr
Menschen
wird
es
verzerrt
dargestellt; und wieder andere, die es sehen können und von ihm geleitet werden, benötigen Hilfe in Form von
praktischem Beistand.
Wir haben früher schon Beistand
geleistet - nach dem Kriege in Westeuropa und Japan - und wir müssen
dies wieder tun. Was wir in diesen
Regionen zu erzielen halfen, bildet
eines der bemerkenswertesten, positiven
Kapitel
unserer
jüngeren Geschichte.
Unsere Unterstützung der
Demokratie
sollte
nicht
versteckt
werden; sie muß aktiv und sichtbar
geleistet werden. In den vergangenen
beiden Jahrzehnten hat die aktive Unterstützung demokratischer Kräfte den
Wert dieser legitimen und wichtigen
Tätigkeit bewiesen.
Die erhebliche
Unterstützung, die von demokratischen
Parteien in Westeuropa geleistet wurde, hat zu den erfolgreichen Bemühungen der demokratischen Bewegungen in
Spanien und Portugal einen bedeutenden Beitrag geleistet.
Wir
sind an der Unterstützung
konstruktiver Veränderungen interessiert, die zu mehr politischer Stabilität,
sozialer
Gerechtigkeit
und
wirtschaftlichen Fortschritten führen
können.
Solche Veränderungen müssen
von innen kommen und einen Weg beschreiten, der durch nationale und
lokale Traditionen
vorgegeben
ist.
In einigen Fällen ist es besser, wenn
Beistand oder Orientierung von anderen Demokratien oder multilateral gewährt
werden.
Geduld, Anerkennung

anderer Kulturen und die Erkenntnis
unserer eigenen Grenzen müssen unsere
Bemühungen leiten.

Instrumente der Außenpolitik
Die Vereinigten Staaten besitzen
ein
außergewöhnlich
vielfältiges
Spektrum von Instrumenten, um ihre
internationalen Interessen zu schützen und den weltweiten Trend zur Demokratie zu unterstützen. Vielleicht
ist keine Nation
jemals mit vergleichbaren Instrumenten ausgestattet
gewesen.
Diese
Instrumente
sind
meist dann besonders wirksam, wenn
sie im Verbund mit anderen angewendet
werden.
Sie alle müssen veränderten
Situationen
angepaßt
werden.
Die
Wiedergeburt unserer nationalen Stärke in diesem Jahrzehnt beruhte auf
einer breiten Grundlage.
Sie wird
nur dann bis ins nächste Jahrzehnt
anhalten, wenn wir diese Grundlage
schützen und sicherstellen, daß die
uns zur Verfügung stehenden Instrumente angemessen bewahrt und wirksam
angewendet werden.
Die getrennten,
aber untereinander
zusammenhängenden
Instrumente, von denen der Erfolg unserer Außenpolitik abhängt, sind:
Das
moralische
und
politische
Vorbild:
amerikanischer
Geist
und
Wohlstand und unsere in der Vergangenheit erbrachten Leistungen bedeuten eine entscheidende Herausforderung für die Ideologie unserer Gegner:
freie, pluralistische Gesellschaften funktionieren.
Diese Macht
des Vorbilds verkörpert einen bedeutenden Vorteil der amerikanischen Gesellschaft, aber wir sollten seine
Ausprägung nicht dem Zufall überlassen. Es liegt in unserem Interesse,
diese Botschaft auf organisierte Weise zu verbreiten.

- 2 -

Militärische

Stärke

und

wirt-

�schaftliche Vitalität: Starke militärische Fähigkeiten der Vereinigten
Staaten sind unabdingbar, um das stabile, sichere Umfeld sicherzustellen,
in dem die Diplomatie eine wirksame
Rolle spielen kann und unsere Gegner
abgeschreckt
werden.
Die
Wirtschaftskraft
Amerikas
unterstützt
diese Stärke und kräftigt unsere Beziehungen zu anderen Ländern, die unser Interesse an einer freien und offenen internationalen Ordnung teilen.

zehnten seit dem Zweiten Weltkrieg
hat Amerika fast 200 Milliarden Dollar zur wirtschaftlichen Entwicklung
anderer
Länder
beigetragen.
Diese
Mittel haben eine herausragende Rolle
gespielt,
um
sicherzustellen,
daß
entscheidende Ziele der Vereinigten
Staaten erreicht werden.
Ein gut
strukturiertes
Wirtschaftshilfeprogramm bildet eine unabdingbare Unterstützung unserer führenden Stellung
in der weit.

Bündnisbeziehungen:
Die Verfolgung amerikanischer Ziele hängt von
der Zusammenarbeit mit gleichgesinnten Partnern ab.
Diese Beziehungen
steigern unsere Stärke und mildern
die verständliche Abneigung des amerikanischen Volkes, Lasten für die
Sicherheit
allein
zu tragen.
Die
vorhersehbaren
Schwierigkeiten, die
von Zeit zu Zeit in allen Bündnisbeziehungen entstehen, müssen an den
enormen Vorteilen
gemessen werden,
die diese Bindungen für uns und unsere Freunde bedeuten.

Handelspolitik: Die Wirkung der
Wirtschaftshilfe wird maximiert, wenn
sie von einer soliden Handelspolitik
begleitet ist, die eine bestmögliche
Nutzung
unserer Hilfe erleichtert.
Darüber hinaus wird eine Handelspolitik, die wirtschaftliche Schwierigkeiten anderer noch verstärkt, den
Bedarf für zukünftige amerikanische
Wirtschaftshilfe
nur noch erhöhen.
Das Festhalten an den Prinzipien einer offenen und freien Welthandelsordnung stellt sicher, daß die Staaten die wirtschaftliche Stärke erlangen, um auf eigenen Füßen zu stehen
und leistet durch einen gegenseitig
vorteilhaften Handel einen Beitrag zu
unserem eigenen Wohlergehen. Sicherheitserwägungen werden bisweilen Zurückhaltung beim Handel und Zusammenarbeit mit Verbündeten erfordern, um
zu verhindern, daß unsere Gegner ihre
militärischen Fähigkeiten ausbauen.

Militärhilfe: Indem wir unseren
Freunden, Verbündeten und denjenigen,
die von unseren Gegner als Ziele ausgewählt wurden, helfen, sich die Mittel zu ihrer Verteidigung verschaffen, begrenzen wir unsere mögliche
eigene
Verwicklung
in
gefährliche
Konflikte.
Militärhilfe an ausländische Staaten ist eine produktive Investition für unsere eigene Sicherheit.
Sie unterstützt die Abschrekkung, fördert regionale Stabilität,
hilft dabei, den Zugang zu lebenswichtigen militärischen Einrichtungen
in Übersee zu gewährleisten und vermindert unsere eigenen militärischen
Pflichten. Die entschlossene Nutzung
dieses
wertvollen
außenpolitischen
Instruments fördert direkt unsere Sicher he its in ter essen.
Wirtschaftshilfe:

In

den

Jahr-

Zusammenarbeit
bei
Wissenschaft
und Technologie:
Für die meisten
Länder ist der Zugang zu modernen
wissenschaftlichen
und
technologischen
Ressourcen
entscheidend
für
Wohlstand
und
langfristiges
Wirtschaftswachstum.
Die weltweite Führungsrolle und die enormen Ressourcen
der Vereinigten Staaten bei Wissenschaft und Technologie sind bedeutende strategische Aktivposten, um die
bestehenden
Bindungen mit Freunden
und Verbündeten zu stärken und posi-

- 3 -

�tive Beziehungen mit
Nationen zu fördern.

aufsteigenden

Private
Investitionen
in
die
Wirtschaft
von
Entwicklungsländern:
Der freie Fluß internationaler Investitionen
ist für das weltweite
Wirtschaftswachstum von ebenso zentraler Bedeutung wie für eine offene
Welthandelsordnung.
Private amerikanische Investitionen in weniger entwickelten Ländern tragen erheblich zu
deren
Wirtschaftswachstum
bei
und
fördern die soziale Stabilität.
Zu
einer Zeit, in der sich Entwicklungsländer bemühen, ihre Schuldendienstverpflichtungen zu erfüllen und die
Mittel ihrer nationalen Budgets unter
Druck stehen, ist der Beitrag von Investitionen des privaten Sektors von
zunehmender Bedeutung.
Diplomatische Vermittlung: In Regionen, in denen unsere Interessen
und die unserer Freunde durch Konflikte bedroht werden, sind politische Anstrengungen unverzichtbar, um
Gewalt zu beenden, Freiheit und nationale Selbstbestimmung zu fördern
und das Fundament zukünftiger Stabilität zu legen. Die Initiativen der
amerikanischen Diplomatie leiten ihre
Stärke aus der wirksamen und integrierten Nutzung der anderen bereits
erwähnten Instrumente ab sowie von
der Fähigkeit der amerikanischen Vertreter, in Streitfällen glaubwürdig
als Vermittler zu agieren. Indem wir
die Festigkeit unserer Verpflichtungen für Freunde und Verbündete klarstellen, werden wir tatsächlich für
deren Gegner die Anreize für Verhandlungen verstärken.
Internationale
Organisationen:
Multilaterale Diplomatie und Beteiligung an internationalen Organisationen bieten eine Möglichkeit, um weltweit bestehende, gemeinsame Probleme
zu behandeln und die Aufgabe, sie zu
- 4

lösen, gemeinsam
anzugehen.
Durch
geschickte
amerikanische
Diplomatie
innerhalb dieser Organisationen haben
wir insgesamt unseren Zielen bei Fragen wie der Erhaltung des Friedens,
der Förderung der Menschenrechte und
der Ermutigung zur Entwicklung freier
wirtschaftlicher und politischer Systeme Nachdruck verliehen.
Unterstützung von Freiheitskämpfern: Das Instrumentarium der Außenpolitik muß auch die besonderen Bedürfnisse derer einbeziehen, die den
in den siebziger und achtziger Jahren
in der Dritten Welt errichteten, sowjetisch geprägten Regimen Widerstand
leisten. Amerika hat eine lange Geschichte privater und staatlicher Unterstützung von Gruppen, die nach nationaler Unabhängigkeit und Freiheit
streben. Dies ist ein grundlegendes
und wichtiges Bemühen, da aggressive
marxistisch-leninistische Regime eindeutig
internationalen
Frieden
und
Stabilität bedrohen. wir möchten die
Sache von Freiheit
und Demokratie
vorantreiben und den Sowjets demonstrieren, daß ihnen ihre Handlungen,
die auf die Ausbreitung des marxistisch-leninistischen
Totalitärismus
abzielen, keinen dauerhaften Gewinn
bringen werden.

Internationale Wirtschaftspolitik
Die Vereinigten
Staaten unterstützen eine marktorientierte Politik, durch die das Wirtschaftswachstum
im In- und Ausland gefördert
wird.
Das Wirtschaftswachstum
der
Vereinigten Staaten ist der Eckpfeiler, der unsere Stärke sichert und
die Entfaltung des menschlichen Potentials gestattet.
Unsere Politik
des Wirtschaftswachstums hat in den
vergangenen sechs Jahren die Grundlagen zur Stützung des wichtigsten Ele-

�ments unserer nationalen Sicherheitsstrategie geliefert - der Wiederherstellung der amerikanischen Militärmacht.
In weiten Teilen der Welt
werden wir um das dynamische Wachstum
der amerikanischen Wirtschaft beneidet. Wir sind in diesem Land gerade
damit beschäftigt, die amerikanische
Produktivität wiederherzustellen, unsere Führung
auf wissenschaftlichtechnischem
Gebiet
aufrechtzuerhalten,
unser
Potential
an
Menschen
bestmöglich zu verwenden und mit einer noch effizienteren, leistungsund
wettbewerbsfähigeren
amerikanischen Wirtschaft in das 21. Jahrhundert zu gehen.
Unsere Nation wird
diese Ziele durch harte Arbeit, Entschlossenheit und Engagement für die
Wiederbelebung der amerikanischen Industrie erreichen.
Die Vereinigten Staaten verlassen
sich dabei auf privaten Unternehmungsgeist
und
Initiative.
Diese
Philosophie führt zu einem höheren
Lebensstandard und zu Anteilnahme am
wirtschaftlichen
Weiterkommen
des
Einzelnen.
Im internationalen wirtschaftlichen Bereich zielt unsere nationale
Sicherheitsstrategie
darauf
ab,
eine
marktorientierte
Wirtschaftspolitik zu fördern, durch die
ein
Höchstmaß
an
wirtschaftlichen
Chancen und Wohlergehen des Einzelnen
erreicht wird.
Es ist wichtig, zu verstehen, warum
wir
die
Privatinitiative
als
Grundlage
unserer
internationalen
Wirtschaftspolitik betonen. Dies ist
eines der Hauptgebiete, auf denen
sich die Vereinigten Staaten - und
die freie Welt allgemein - von der
kommunistischen Welt in jeder Hinsicht unterscheiden. Das sowjetische
Wirtschaftsmodell wird von der Ineffizienz der zentral gesteuerten Wirtschaft gekennzeichnet, dem Scheitern
kollektiver Unternehmen und der Unfä-

higkeit, der Masse der sowjetischen
Bürger
einen
angemessenen
Lebensstandard
bereitzustellen.
Das sowjetische
Modell der
Organisierung
der Wirtschaft funktioniert nicht und
wird nie funktionieren.
Unter der Führung von Generalsekretär Gorbatschow hat die Sowjetunion
angekündigt, daß sie grundsätzliche
Reformen bei der Durchführung der
Wirtschaftspolitik in Angriff nehmen
möchte. Kürzlich lud Gorbatschow den
westlichen Privatsektor und insbesondere Führungskräfte der amerikanischen Wirtschaft dazu ein, sich in
Zukunft langfristig in der sowjetischen Wirtschaft zu engagieren.
Im
Licht dieser sowjetischen Initiative
müssen wir uns fragen, welche Art von
Sowjetunion wir in den nächsten 20
oder 30 Jahren sehen möchten.
Sicherlich können wir das Resultat nur
am Rande beeinflussen.
Wir sollten
jedoch nicht die neuen Möglichkeiten
zur Vergrößerung des wirtschaftlichen
Austauschs
zwischen
unseren
beiden
Gesellschaften
außer
acht
lassen.
Mehr wirtschaftliche Freiheit für das
sowjetische Volk liegt im Interesse
des Westens, solange sie nicht zu
verstärkten sowjetischen Investitionen in militärische Fähigkeiten führt.
Wir müssen solch einen Austausch
jedoch realistisch angehen. Es gibt
einige Bereiche, in denen er sicherlich nicht konstruktiven Zielen dienen würde. Gegenwärtig wäre zum Beispiel eine sowjetische Mitgliedschaft
im Allgemeinen Zoll- und Handelsabkommen (GATT) nicht im besten Interesse des Westens. Zusätzlich zur Gefahr einer Politisierung des GATT ist
das staatlich gesteuerte Handelssystem der UdSSR unvereinbar mit der
Orientierung
des
internationalen
GATT-Handelssystems auf freie Märkte.
Vorschläge
sowjetischer
Regierungsvertreter in bezug auf eine mögliche

- 5 -

�Mitgliedschaft der UdSSR in der Weltbank oder dem Internationalen Währungsfonds
sollten
aus
ähnlichen
Gründen zurückhaltend behandelt werden. Unter den gegenwärtigen Umständen würden wir eine solche Mitgliedschaft ablehnen.
Die Bemühungen der UdSSR, ihre
Außenwirtschaftsbeziehungen zu erweitern, bilden einen integralen Bestandteil der nationalen Sicherheitsstrategie der Sowjets. Neben der Unterstützung
der sowjetischen Wirtschaft sind sie darauf ausgerichtet,
die Abhängigkeit von Handelspartnern
auszunutzen und allgemein Macht und
Einfluß der Sowjets zu stärken. Der
Handel mit dem Westen kann daneben
Zugang zu moderner Technologie verschaffen,
wodurch
die
sowjetische
Aufrüstung unterstützt wird. Nichtkommunistische Regierungen müssen eine größere Disziplin bei der Berücksichtigung von Sicherheitsinteressen
in den Wirtschaftsbeziehungen
zwischen Ost und West einbringen.
Insbesondere bedeutet dies:
- Wie in den Vereinbarungen
von
Helsinki dargelegt, sollte zwischenstaatliche Zusammenarbeit im
Bereich der Wirtschaft von Fortschritten
in anderen Bereichen
der Ost-West-Beziehungen abhängig
gemacht
werden,
einschließlich
der Respektierung der Menschenrechte durch den Osten.
- Die COCOM-Kontrollen in bezug auf
strategische Technologien sollten
aufrechterhalten, gestrafft
und
durchgesetzt werden, um die Fähigkeit der Sowjetunion und ihrer
Verbündeten zu zügeln, mit dem
Westen bei den militärischen Fähigkeiten gleichzuziehen oder ihn
zu überholen.

- 6

- Die Internationale Atomenergieorganisation (IAEO) sollte ihre Bemühungen fortführen, die Abhängigkeit
ihrer
Mitgliedsstaaten
von unsicheren Energiequellen zu
verringern.
In den frühen Tagen unserer Administration haben wir das internationale wirtschaftliche Fundament
für
verstärkte Zusammenarbeit mit unseren
Verbündeten gelegt.
Wir haben versucht, den Standpunkt zu fördern, daß
die Zukunft denjenigen gehört, die es
dem freien Unternehmertum gestatten,
wirtschaftliche
Entscheidungen
zu
leiten und nicht den Regimen, die es
bürokratischen Funktionären erlauben,
den Kurs der wirtschaftlichen Entwicklung zu bestimmen. Während dieser sechs Jahre sind wir Zeugen geworden, wie diese Prinzipien von der
Theorie in die Praxis umgesetzt wurden. In Frankreich schreitet die Liberalisierung der Wirtschaft stetig
voran.
in Japan werden Handel und
Kapitalmärkte langsam aber sicher geöffnet.
In
der
Bundesrepublik
Deutschland und Großbritannien wird
ein neuer Wirtschaftskurs festgelegt,
um Wachstum mit geringer Inflation
aufrechtzuerhalten.
Wir glauben, daß langfristig eine
marktorientierte Politik den Schlüssel zu mehr Wachstum in Amerika und
in der ganzen Welt darstellt.
Wir
haben uns sorgfältig darum bemüht,
protektionistischen Tendenzen im Inund Ausland zu widerstehen, da der
Protektionismus allen freien Nationen
schaden wird.
Die sofortigen wie
auch die langfristigen Kosten würden
jegliche kurzfristigen Vorteile, die
vielleicht gewonnen werden könnten,
mehr als zunichte machen. wir haben
eine auf den Marktkräften beruhende
Energiepolitik
und einen
offeneren
Handel mit Energie innerhalb der IAEO
ermutigt. Wir sind die Haupttriebfe-

�der bei der Schaffung einer Grundlage
für die neue Verhandlungsrunde innerhalb des GATT gewesen, durch die
Märkte für unsere Exporte von Gütern
und
Dienstleistungen
geöffnet
und
mehr
Wachstum,
Effizienz
und
die
weltweite Zunahme von Arbeitsplätzen
stimuliert werden.
Wir haben die
Bindungen
mit
unseren
asiatischen
Partnern gestärkt, indem wir die zukünftige Rolle der Wirtschaftsbeziehungen zwischen den Vereinigten Staaten und dem Pazifik betont haben.
Die Industriestaaten des Westens
sind zunehmend voneinander abhängig
geworden.
Keines dieser Länder kann
auf sich allein gestellt die langfristigen
wirtschaftlichen
Probleme
wirksam lösen. Die Vereinigten Staaten und ihre Verbündeten müssen zusammenarbeiten, wenn wir und die Welt
insgesam wachsent und gedeihen sollen.
Die weltweite Stärkung des Wirtschaftswachstums,
die
Öffnung
der
Märkte
und
die
Verbesserung
der
Schuldenlage
der
Entwicklungsländer
sind
langfristige
Ziele, die nur
durch für die Aufrechterhaltung andauerndem Wohlstandes benötigte Faktoren, wie gesunde Wirtschaftspolitik, umsichtige Kreditvergabe sowie
direkte Investitionen und wachsende
Märkte erreicht werden können. Bedeutende
Beiträge
an
Kapital
und
Know-How mittels Hilfeleistung, Investitionen, Technologietransfer und
Ausbildung sind ebenso wichtige Bestandteile
regionalen Friedens und
kollektiver Sicherheit wie Abschrekkungsstreitkräfte und Verteidigungsbündnisse.
Diese Neudefinition des
traditionellen Konzepts der "Lastenverteilung" steht im Einklang mit den
Fähigkeiten der Vereinigten Staaten
und unserer Verbündeten und mit den
sich herausbildenden Pflichten einer
gemeinsamen Führung.

Kurz gesagt: unsere internationale Wirtschaftspolitik entspringt der
Überzeugung,
daß
wirtschaftliche
Freiheit nicht den alleinigen Besitz
einiger
Auserwählter,
sondern
das
universelle Recht aller Menschen darstellt.
Wir
werden
unsere wirtschaftliche Macht und unseren politischen Willen benutzen, um unsere Vision
einer
weltweiten
wirtschaftlichen Zukunft zu erhalten und zu
nähren, die freien Menschen, freien
Regierungen
und
freier wirtschaftlicher Tä'tigkeit gehört.

Elemente nationaler Stärke in
Politik und Informationswesen
Im politische Bereich sind wir
einer
grundlegenden
Herausforderung
unserer nationalen Sicherheit ausgesetzt. Diese Herausforderung besteht
darin, den Krieg der Ideen auszufechten und die politische Infrastruktur
der Demokratien in der Welt unterstützen zu helfen. Um dies zu erreichen, müssen wir der Aufrechterhaltung unserer politischen Verteidigung
ebenso verpflichtet sein wie unserer
militärischen Verteidigung.
Meinungsumfragen finden regelmäßig heraus, daß zwei Drittel der amerikanischen Wählerschaft normalerweise kein Interese an auswärtiger Politik haben. überdies glaubt heute nur
eine knappe Mehrheit, daß unser Land
eine aktive Rolle in der Weltpolitik
spielen sollte - und diese Mehrheit
ist im Schwinden begriffen. Es gibt
keine natürliche heimische Wählerschaft für die Außenpolitik - wir
müssen eine schaffen.
Zu den Instrumenten zur Verwirklichung eines solchen Ansatzes gehören eine Reihe traditioneller außenpolitischer Institutionen, wie etwa
das Außenministerium, das Amt für In-

- 7 -

�ternationale Entwicklung
(AID) , das
US-Informationsamt (USIA) sowie mehrere traditionell weniger Beteiligte,
darunter die Ministerien für Wirtschaft und Finanzen sowie der US-Handelsbeauftragte (USTR).
Ein weiterer Akteur im Bereich
von Politik, Informations- und Kommunikationswesen ist der Privatsektor.
In den vergangenen sechs Jahren ist
der Privatsektor als Schlüsselelement
bei der Entwicklung der außenpolitischen Ziele der Vereinigten Staaten
gestärkt worden. Führende Privatleute und -gruppen unternehmen Schritte,
um die vielen lokalen Kräfte in den
Vereinigten Staaten zu indentifizieren und organisieren, die ein direktes Interesse an den Beziehungen unseres Landes zur übrigen Welt haben.
Die auf freiwilliger Basis im außenpolitischen Bereich arbeitenden Privatorganisationen leisten einen unverzichtbaren Beitrag bei der Aufklärung der Öffentlichkeit.
Sie genießen unsere besondere Förderung und
Unterstützung .
Wenn wir uns auf die Erfordernisse einer wirksamen politischen und
Informationspolitik
konzentrieren,
müssen wir im Auge behalten, daß die
Sowjetunion ein äußerst aggressives
Propagandaprogramm zur Täuschung der
Öffentlichkeit besitzt, das sich eines breiten Spektrums an Techniken
bedient, die nicht nur auf die Dritte
Welt, sondern auch auf unsere Bündnispartner gerichtet sind.
Das gegenwärtige sowjetische Regime hat die
Bandbreite
und
Intensität
sowjetischer Anstrengungen im Bereich der
öffentlichen Diplomatie und Propaganda erweitert.
Wir müssen sowjetischer Propaganda und aktiven Maßnahmen entgegentreten, indem wir das
ganze Instrumentarium amerikanischer
Informationsprogramme nutzen.

Unsere Strategie in Politik und
Informationswesen muß auch die Völker
erreichen, denen der Zugang zu Informationen verweigert wird, insbesondere in der UdSSR und Osteuropa - um
Hoffnung auf Wandel zu ermutigen und
die Öffentlichkeit dort über die Vorzüge freier Institutionen zu unterrichten.
Dies wird erreicht durch
die elektronischen Medien, durch Publikationen
sowie
durch
verstärkte
Kontakte und den Gedankenaustausch,
der aus solchen Kontakten erwächst.
Der Prozeß des schrittweisen Wandels
wird im Innern stattfinden, aber der
Antrieb und die Vision, "wie alles
sein könnte", müssen in einer geschlossenen
Gesellschaft von außen
kommen.
Dies ist die Vision einer
Nation, die glaubt, daß eine Welt der
Demokratien eine sicherere Welt ist,
eine Welt, in der die Achtung der
Menschenwürde eine bessere Chance auf
Verwirklichung erhält.

Regionalpolitik
Westliche Hemisphäre:
Die Verteidigung
Nordamerikas
bildet
das
grundlegendste
Sicherheitsanliegen
der Nation.
Seit dem Zweiten Weltkrieg hat dies in dieser Hemisphäre
zu einem Sicherheitssystem geführt,
das aus einem starken nuklearen Abschreckungspotential der Vereinigten
Staaten, verstärkter
Zusammenarbeit
mit Kanada und der Förderung kollektiver Sicherheitsvorkehrungen mit Lateinamerika besteht.
Neue Bedrohungen und neue Chancen für die Demokratie in der westlichen Hemisphäre machen es notwendig, daß dieser traditionelle Ansatz mit neuem Leben erfüllt wird, indem wir auf den gemeinsamen Interessen mit unseren demokratischen Nachbarn in der Karibik, in
Nord-, Mittel- und Südamerika aufbauen.

�Aggressive marxistische Regime in
Kuba und Nicaragua haben die westliche Hemisphäre, die einst unbestritten als sicher für die Vereinigten Staaten galt, in ein Gebiet strategischer Chancen für die Sowjetunion
verwandelt.
Die Labilität sozialer
und politischer Arrangements in Lateinamerika und die Präsenz dieser
beiden
sowjetischen
Klientelstaaten
mit ihrer Unterstützung von GuerillaBewegungen in anderen lateinamerikanischen Staaten und ihren Verbindungen zum internationalen Terrorismus
lassen
andauernde Instabilität und
Konflikte
in der Region erwarten.
Diese Lage wird noch verschlimmert
durch
anhaltende
Wirtschaftsnd
Schuldendienstprobleme, das weiterbestehende Problem
des Drogenhandels
und der wachsenden politischen Stärke
der Drogenhändler, die - oft in Zusammenarbeit mit örtlichen Guerillagruppen - begonnen haben, eine ernsthafte Herausforderung für die wiedergeborenen lateinamerikanischen Demokratien zu bilden.
Die nationale Sicherheitspolitik
der Vereinigten Staaten für die westliche Hemisphäre
zielt darauf ab,
diese Probleme innerhalb eines weiter
gespannten Rahmens zur Förderung der
Demokratie, Unterstützung wirtschaftlicher Entwicklung, Stärkung von Dialog und Diplomatie innerhalb und zwischen den Ländern dieser Region sowie
durch einen Beitrag zu defensiven Fähigkeiten
zu behandeln, die Fortschritte ohne schwächende Einmischung
von außen erlauben. Viele gegenwärtig bestehende Herausforderungen, denen sich die Vereinigten Staaten gegenübersehen, fallen aus den formalen
kollektiven SicherheitsVereinbarungen
heraus, die in vergangenen Jahrzehnten geschaffen wurden. Unsere nationale Sicherheit erfordert die Betonung politischer und wirtschaftlicher
Unterstützung
für
die
Demokratien

dieser Hemisphäre
Initiativen
zur
Bündnisse.

und diplomatische
Stärkung
unserer

Westeuropa: Die Sicherheit Westeuropas ist für die Vereinigten Staaten von lebenswichtigem
Interesse.
Gemeinsame Werte, die sowjetische Bedrohung und die gegenseitige wirtschaftliche Abhängigkeit zwischen den
Vereinigten Staaten und Europa unterstreichen die Bedeutung der gemeinsamen, von der NATO verkörperten Verteidigung.
Die beiden größten Gefahren für
die Sicherheit Westeuropas bestehen
gegenwärtig in der geographischen Nähe massiver sowjetischer konventioneller und nuklearer Streitkräfte sowie in der Verwundbarkeit des ölnachschubs für Westeuropa, von dem 60
Prozent auf dem Seeweg vom Persischen
Golf transportiert wird.
Der Zusammenhalt im NATO-Bündnis
ist angesichts dieser Herausforderungen weiterhin stark und wird noch
verstärkt durch einen intensiven Konsultationsprozeß in bezug auf das gesamte Spektrum von Sicherheitsfragen.
In den vergangenen 12 Monaten fanden
im NATO-Rahmen ungefähr 30 Konsultationen auf hoher Ebene statt. Dieser
intensive Prozeß, dem wir weiterhin
ohne Abstriche verpflichtet bleiben,
hat zum grundsätzlichen Konsens innerhalb des Bündnisses bezüglich der
Behandlung
der
Ost-West-Beziehungen
bei Fragen von der Rüstungskontrolle
bis hin zu den Menschenrechten beigetragen.
Der
in den jüngsten Ministerkommuniques der NATO dargelegte
gemeinsame Ansatz des Bündnisses verknüpft die Verpflichtung zur Erhaltung der für die Verteidigung unserer
lebenswichtigen Interessen notwendigen
Stärke
mit
der
Bereitschaft,
durch einen realistischen Dialog mit
der Sowjetunion auf verbesserte Be-

- 9 -

�Ziehungen hinzuarbeiten.
Das Bündnis ist in den letzten
Jahren meßbar gestärkt worden.
Die
Vereinigten Staaten haben dem Wiederaufbau ihrer atlantischen Beziehungen
besondere
Aufmerksamkeit
gewidmet,
und unsere Bemühungen zur Wiederbelebung der amerikanischen
Wirtschaft
haben einen wesentlichen Impuls für
das Wachstum in Westeuropa geliefert.
Weitere Meilensteine waren der Beitritt Spaniens zur NATO im Jahr 1982
und das spanische Referendum für die
andauernde Mitgliedschaft im vergangenen Jahr.
Durch die im Jahr 1983
begonnene Stationierung neuer Mittelstreckenraketen (INF) hat das Bündnis
seine
Entschlossenheit
zum
Schutz
seiner grundlegenden Interessen angesichts
sowjetischer
Einschüchterung
demonstriert. Im Jahr 1984 haben die
Verbündeten ein Programm zur Verbesserung der konventionellen Verteidigung auf den Weg gebracht und danach
der Rüstungszusammenarbeit verstärkte
Aufmerksamkeit
geschenkt.
In
den
Jahren 1985-86 hat die Festigkeit und
Solidarität der Verbündeten dazu beigetragen, die Sowjets an den Genfer
Verhandlungstisch zurückzubringen und
in den Gesprächen selbst Fortschritte
zu fördern.
Trotz der grundsätzlich bestehenden Vitalität und Stärke des atlantischen Bündnisses sind die Beziehungen mit den NATO-Staaten verschiedenartigen Belastungen ausgesetzt.
Zu
den Herausforderungen
gehören beispielsweise Protektionismus und Handelsdefizite, unterschiedliche Methoden bei der Behandlung des Terrorismus, der Lastenverteilung wie auch
bisweilen unterschiedliche Einschätzungen
der
sowjetischen
Bedrohung.
Überdies decken sich die außenpolitischen
Prioritäten der westeuropäischen Regierungen in bezug auf Entwicklungen
in Asien, Afrika, dem

Mittleren
Osten
und
Lateinamerika
nicht immer mit den Prioritäten der
Vereinigten Staaten. Dies ist teilweise deshalb der Fall, weil die Vereinigten Staaten eine globale Zielsetzung verfolgen müssen.
Bisweilen
sind
insbesondere in
den späten siebziger Jahren Zweifel
in bezug auf die weitere Aufrechterhaltung der amerikanischen Verpflichtungen für die Verteidigung Europas
laut
geworden.
Die
erfolgreiche
Durchführung des NATO-Doppelbeschlusses von 1979 vereitelte den jüngsten
Versuch der Sowjets, die amerikanische Sicherheitsgarantie von der Verteidigung Europas abzukoppeln und hat
für die Sowjets einen wesentlichen
Anreiz dargestellt, um sich an ernsthaften Verhandlungen über echte Reduzierungen der Mittelstreckenwaffen zu
beteiligen. Was auch immer das Ergebnis
der
INF-Verhandlungen
sein
mag, die Strategie der flexiblen Reaktion wird die weitere Präsenz amerikanischer Atomwaffen in Europa bedingen.
Trotzdem hat sich die NATO
konsequent
dafür
eingesetzt,
ihr
Atomwaffenarsenal
auf das zur Abschreckung nötige Mindestmaß zu beschränken und führt die durch den
Montebello-Beschluß von 1983 festgelegten Reduzierungen ihrer Bestände
fort.
Die vor uns liegende Herausforderung besteht darin, den von uns erzeugten
Impetus
aufrechtzuerhalten
und die unvermeidlichen Belastungen
in unseren Bündnisbeziehungen zu bewältigen. Mit gemeinsamem Engagement
für die Werte und Interessen, die das
Fundament des Bündnisses bilden, mit
Phantasie und politischem Mut werden
die Vereinigten Staaten und ihre Verbündeten erfolgreich ein noch stärkeres Bollwerk gegen sowjetische Aggression und Einschüchterung errichten.

�Ostasien und der Pazifik:
Die
Vereinigten Staaten sind eine pazifische Macht und stolz darauf, zu derjenigen Region der Welt zu gehören,
die führend beim Wachstum der Weltwirtschaft ist. Die sowjetische Militärmacht in Asien und dem Pazifik
hat dramatisch zugenommen, aber die
amerikanische
Reaktion
geht
über
technische
Probleme der
jeweiligen
militärischen Macht weit hinaus. Das
Ziel besteht darin, unsere natürlichen
politischen
und wirtschaftlichen Verbindungen zu stärken und
gleichzeitig stetig mit der notwendigen Modernisierung unserer in dieser
Region
stationierten
Streitkräfte
fortzufahren.
Die Zusammenarbeit mit Japan ist
grundlegend
für die amerikanischen
Beziehungen mit dieser Region.
Der
Gegenseitige Sicherheitsvertrag zwischen den Vereinigten Staaten und Japan gibt unseren verteidigungspolitischen Bindungen einen formellen Rahmen und liefert eine sicherheitspolitische Grundlage für das breite Spektrum wirtschaftlicher, sozialer und
politischer
Zusammenschlüsse,
die
sich uns anschließen.
Im Bereich der Sicherheit ist die
kürzlich seitens Japans erfolgte Neudefinition
der
Selbstverteidigungsziele dieses Landes - insbesondere,
soweit sich diese auf den Schutz der
Seewege beziehen - von besonderer Bedeutung. Die japanischen Streitkräfte entwickeln Fähigkeiten, die einen
wichtigen
Beitrag
zur Abschreckung
leisten können. Gleichzeitig bleiben
die japanischen Verteidigungsausgaben
gering, wenn man die mächtige Wirtschaft dieses Landes betrachtet. Für
die Erlangung der japanischen Verteidigungsziele
ist
ein
schnellerer
Fortschritt
notwendig.
Jedoch
ist
das stetige und beträchtliche Wachstum dieser Ausgaben in den vergange-

nen 15 Jahren, insbesondere während
der letzten fünf Jahre, bedeutsam.
Die jüngste Entscheidung Japans, mehr
als ein Prozent seines BSP für die
Verteidigung aufzuwenden, ist besonders beachtenswert.
Japan ist heute die zweitgrößte
Wirtschaftsmacht
der
Welt.
Diese
Entwicklung spiegelt sich in den gestiegenen Ausgaben Japans
für die
Auslandshilfe wider, die das Land
weiterhin auf bestimmte Länder von
besonderer
strategischer
Bedeutung
konzentriert.
Gleichzeitig sind die
Wirtschaftsbeziehungen
Japans
eine
Quelle politischer Spannungen geworden. Der japanische Handelsüberschuß
ist der größte in der Geschichte.
Dieser Überschuß kann nicht aufrechterhalten und muß in ein besseres
Gleichgewicht gebracht werden.
Wir
arbeiten an vielen Fronten zusammen,
um dies zu erreichen.
Unser Bündnis mit der Republik
Korea bleibt außergewöhnlich wichtig.
Nordkorea unterhält weiterhin Streitkräfte, die an Quantität die des Südens bei weitem übertreffen, durch
zusätzliche
sowjetische Waffen neu
gestärkt und in den Händen einer Regierung sind, deren aggressives Verhalten und deren Neigung zu Uberraschungshandlungen wohlbekannt sind.
Unsere eigene militärische Präsenz in
der Republik Korea ist sowohl für die
regionale Stabilität als auch für die
lokale Sicherheit von Bedeutung, die
für die bemerkenswerte Wirtschaftsentwicklung dieses Landes unabdingbar
ist.
Dieses Land befindet sich zur
Zeit in einer entscheidenden Phase
der politischen Entwicklung, da es
sich zum ersten Mal in seiner Geschichte
einem
friedlichen
Regierungswechsel nähert, wenn Präsident
Chuns Amtszeit im Jahr 1988 ausläuft.
In diesem Prozeß hoffen die Vereinigten Staaten ihren Einfluß zu nutzen,

- 11 -

�um die Koreaner bei diesem demokratischen Wandel zu ermutigen. Wir tun
dies jedoch in vorsichtiger Weise,
die den koreanische Traditionen und
den politischen Realitäten Rechnung
trägt und behalten die ständige Bedrohung der Sicherheit im Auge.
Die Bedeutung Chinas spricht für
sich selbst.
Die Erreichung eines
schnellen Wirtschaftswachstums unter
gleichzeitiger Durchführung grundlegender wirtschaftlicher, sozialer und
politischer
Veränderungen
ist eine
weitere große Leistung in der bemerkenswerten Geschichte dieses Landes.
Die Vereinigten Staaten möchten ein
enges, freundschaftliches und auf Kooperation gegründetes Verhältnis zur
Volksrepublik
China,
jedoch
kein
Bündnis, und wir haben keine Illusionen darüber, daß der eine für den anderen etwa eine strategische "Karte"
bedeutet. Einfach ausgedrückt erkennen wir beide die Bedeutung des jeweils anderen in den vielen Gebieten
der Übereinstimmung, selbst wenn wir
die Verschiedenheit unserer politischen Systeme zugrundelegen.
Auf den Philippinen steht die
neue Regierung vor großen, ererbten
politischen, militärischen und wirtschaftlichen Herausforderungen.
Wir
sind entschlossen, mit all den uns
zur Verfügung stehenden Mitteln diesem äußerst wichtigen Verbündeten im
Pazifik bei der Überwindung seiner
Probleme zu helfen, um aufs neue zu
Wirtschaftswachstum zu gelangen, der
ernsten Bedrohung durch Aufständische
entgegenzuwirken und um die demokratische Regierung zu stärken.
Unser zweiter vertraglicher Verbündeter
in Südostasien, Thailand,
ist der ASEAN-Frontstaat an der Grenze zu Kambodscha, das gegenwärtig von
den Vietnamesen besetzt und Gebiet
einer aktiven kambodschanischen Wi-

derstandskoalition ist, die für die
Selbstbestimmung
des
Khmer-Volkes
kämpft.
Mit der Unterstützung Thailands, das auch die Hauptlast der
Flüchtlinge
in
Südostasien
trägt,
werden wir unsere enge Zusammenarbeit
im Bereich der Sicherheit fortführen,
um jede potentielle Aggression abzuschrecken
und unsere Unterstützung
anerkannter Flüchtlinge aufrechtzuerhalten.
Wir werden außerdem unsere
kooperativen Bemühungen mit Thailand
fortsetzen, um den Drogenhandel bekämpfen.
Die Vereinigten Staaten betrachten die andauernde Besetzung Kambodschas durch vietnamesische
Truppen
als unannehmbar, da sie regionale Bemühungen für Entwicklung, Frieden und
Stabilität untergräbt. Ebenso lehnen
wir die Rückkehr der Roten Khmer an
die Macht in Kambodscha ab. Wir werden unsere energische Unterstützung
für die von ASEAN angestrebte friedliche politische Lösung und für die
nichtkommunistischen Elemente der Widerstandskoalition
fortsetzen.
Im
Rahmen unserer UN-Initiative zu regionalen Problemen sind wir bereit,
eine konstruktive Rolle bei einer Regelung für Kambodscha zu spielen.
Trotz scharfer und ernster Differenzen mit Vietnam haben wir in bilateralen Gesprächen in den vergangenen
zwei Jahren mehr Fortschritte bei der
Suche nach vermißten amerikanischen
Soldaten erzielt als jemals seit dem
Ende des Krieges. Auch unsere bilateralen
Gespräche
zur
humanitären
Frage der Flüchtlinge, Umerziehung
von Internierten und über Kinder mit
einem amerikanischen Elternteil werden mit dem Ziel weitergehen, eine
humane Lösung dieser komplexen Fragen
herbeizuführen.
Wir werden
jedoch
unsere Beziehungen zu Vietnam nicht
normalisieren, bevor Hanoi nicht einer Regelung für Kambodscha zustimmt,

- 12 -

�die den Rückzug
truppen vorsieht.

seiner

Besatzungs-

In den Beziehungen zwischen Laos
und den Vereinigten Staaten haben wir
bescheidene
Fortschritte
festgestellt.
Unser Hauptmaßstab für die
in diesem Land bestehende Ernsthaftigkeit zur Verbesserung der Beziehungen besteht in weiteren beschleunigten und kooperativen Bemühungen,
um den Verbleib vermißter amerikanischer Soldaten festzustellen.
Im Südpazifik bleibt unser langjähriges Bündnis mit Australien unter
dem ANZUS-Vertiag
ein Grundpfeiler
unserer Außenpolitik in der Region.
Die Vereinigten
Staaten sind sich
insbesondere über die Bedürfnisse der
unabhängigen Länder des Südpazifik im
klaren. Wir haben kürzlich zu wichtigen Punkten eines historischen Fischereivertrages
eine
Übereinkunft
erzielt. Wir sind über dieses Abkommen
befriedigt,
das
eine
solide
Grundlage für zukünftige Freundschaft
und Zusammenarbeit legt. Wir glauben, daß der im Vertrag niedergelegte
Umfang amerikanischer Hilfe die Entwicklung der Wirtschaftssysteme auf
den Inseln fördern wird. Wir waren
ebenfalls kürzlich in der Lage, die
Gründung eines neuen amerikanischen
Commonwealth - die nördlichen Marianen-Inseln - zu feiern wie auch zwei
weitere Zusammenschlüsse, die Föderierten Staaten von Mikronesien und
die
Republik
der
Marshall-Inseln.
Wir heißen diese neuen Mitglieder in
der Gemeinschaft der Pazifikstaaten
willkommen.
Sowjetunion und Osteuropa:
Wie
bereits
ausgeführt,
bedeutet
die
weltweite Herausforderung durch die
Sowjetunion die wichtigste Bedrohung
für die Sicherheit und die nationalen
Interessen der Vereinigten Staaten.
Es qibt keinen Zweifel darüber, daß

Moskau die Umwandlung des bestehenden
internationalen Systems und die Errichtung weltweiter sowjetischer Hegemonie anstrebt.
Diese langfristigen Ziele der Sowjets werden durch
sowjetische Konzeptionen zur Außenund Verteidigungspolitik untermauert.
Unsere Politik zur Behandlung der Sowjetunion basiert auf drei Leitlinien:
- Realismus, was bedeutet, daß wir
den Charakter
des sowjetischen
Systems erkennen und Probleme in
unseren Beziehungen offen und geradlinig behandeln müssen.
- Stärke, die hier mehr bedeutet
als militärische Macht und politische
Entschlossenheit,
die
Stärke des Bündnisses und auch
eine
gesunde
Wirtschaft
einschließt.
Die Sowjetunion respektiert
Stärke und weiß aus
Schwächen ihren Vorteil zu ziehen.
- Dialog, der unsere Bereitschaft
umschreibt, alle uns trennenden
Probleme zu besprechen und auf
einer mit unseren grundlegenden
Interessen in Einklang stehenden
Basis praktische und gerechte Lösungen zu erarbeiten.
Diesem Ansatz zufolge sind wir
mit den Sowjets einen Dialog über
vier grundlegende Bestandteile unserer
Beziehungen
eingegangen:
Menschenrechte, Abbau regionaler
Konflikte, Bereiche der Zusammenarbeit
von beiderseitigem Nutzen
und Rüstungskontrolle.
In all diesen Bereichen nimmt der Fortschritt einen
langsamen Lauf.
Gleichzeitig versuchen wir durch
koordinierten Einsatz vieler Elemente
unserer nationalen Macht, direkte und
indirekte Aggression seitens der Sowjets abzuschrecken und die Sowjets
dazu zu veranlassen, weniger auf den

- 13 -

�Einsatz von Gewalt zu bauen.
Wir
werden auch weiterhin weltweit den
sowjetischen
Expansionismus
bekämpfen.
Seit 1981 ist kein weiteres
Land sowjetischer Aggression anheimgefallen, und die Sowjets waren in
den vergangenen Jahren vorsichtiger,
wenn
es darum
ging, militärische
Abenteuer zu unternehmen, obowohl sie
und ihre Stellvertreter in Gebieten
wie Afghanistan, Angola, Kambodscha
und Nicaragua aktiv bleiben.
Wir haben uns also eine Politik
zur langfristigen Gestaltung amerikanisch-sowjetischer Beziehungen angeeignet, um unsere Interessen ohne die
Fluktuationen oder Illusionen verfolgen zu können, die einige Abschnitte
der Vergangenkeit kennzeichneten. Es
ist eine Tatsache, daß das amerikanisch-sowjetische
Verhältnis
von
grundsätzlichen Gegensätzen bestimmt
wird und das auch in absehbarer Zukunft so bleiben wird.
Aber beide
Seiten sind sich über unsere Verantwortung einig, daß wir einen friedlichen Verlauf dieser Beziehungen sicherstellen müssen. Wir sind zu den
langwierigen Bemühungen und dem steten Kurs bereit, der notwendig ist,
um unsere nationalen Interessen in
dieser Weise weiter zuverfolgen.
Die Vereinigten Staaten verfolgen
wichtige politische und wirtschaftliche Interessen in Osteuropa.
Wir
haben niemals die Teilung Europas als
rechtmäßig oder etwa dauerhaft angesehen. Es gab in Jalta kein Abkommen, um Europa in "Einflußzonen" aufzugliedern.
Vielmehr
sicherte die
Sowjetunion Polen und anderen Staaten
Osteuropas die Garantie voller Unabhängigkeit und die Durchführung freier Wahlen zu.
Das sowjetische Versäumnis, solch einer
Verpflichtung
nachzukommen, stellt eine der primäre
Ursachen für Spannungen im Ost-WestVerhältnis dar.
Mit Hilfe unserer

Politik in Osteuropa versuchen wir,
den osteuropäischen Staaten eine positive Rolle einzuräumen, wenn es
darum geht, die Stabilität in Europa
zu erhalten und einen mäßigenden Einfluß auf die Sowjetunion auzuüben.
Unserer Ansicht nach sollten die
Vereinigten Staaten in den Ländern
Osteuropas ihre Politik von einer Beurteilung der Bedingungen in jedem
Land abhängig machen. Diesem Grundsatz zufolge differenzieren wir unsere Politik gegenüber Osteuropa, um
eine Reihe von Zielen zu erlangen.
Dazu gehört auch die Ermutigung innenpolitischer
Liberalisierung
und
einer autonomeren Außenpolitik, die
Förderung der Sicherheit durch verbesserte wirtschaftliche und politische Zusammenarbeit, die Unterstützung wahrer und langfristiger Verbesserungen
bei
den
Menschenrechten.
Gegenwärtig bemühen wir uns um diese
Förderung eines verbesserten Dialogs
durch Austauschprogramme auf kultureller und wissenschaftlicher Ebene,
durch internationale Begegnungen, Besuche auf höchster Ebene, bilaterale
Organisationen
und
zwischenmenschliche Kontakte.
Der Mittlere Osten und Südasien:
Zu unseren Hauptinteressen im Mittleren Osten zählt die Erhaltung regionaler
Stabilität, Beschränkung
und
Abbau sowjetischen Einflusses, Bewahrung der Sicherheit Israels und anderer Freunde in der Region, Aufrechterhaltung des Zugangs zum öl für
uns und unsere Verbündeten zu vernünftigen Bedingungen wie auch die
Eindämmung des internationalen Terrorismus.
Solche Interessen werden
durch die Fortdauer des iranisch-irakischen Konflikts bedroht und auch
durch die bestehenden tiefverwurzelten arabisch-israelischen Spannungen,
den Anstieg anti-westlicher politischer Bewegungen in der Region und

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�die Verwendung des Terrorismus als
Instrument staatlicher Politik, besonders
durch
Libyen, Syrien
und
Iran. Unsere Strategie in der Region
zielt darauf ab, unsere Interessen
vor diesen Bedrohungen zu bewahren,
eine
durch
Verhandlungen
erzielte
Beilegung des palästinensischen Problems
und
des
iranisch-irakischen
Krieges zu beschleunigen, die Sicherheit und den wirtschaftlichen Wohlstand Israels und gemäßigter arabischer
Regime
zu
fördern,
unseren
Freunden in der Golfregion dabei zu
helfen, sich selbst und die internationalen Seewege zu schützen und die
Förderer des Terrorismus abzuschrekken.
Die Initlaitvie der Vereinigten
Staaten vom September
1982 bleibt
Grundlage unseres Ansatzes beim arabisch-israelischen
Fr iedensprozeß.
Unser unmittelbares Ziel sind direkte
Verhandlungen zwischen Israel und einer jordanisch-palästinensischen Delegation, als Teil einer umfassenden
Anstrengung
zur
Erweiterung
des
ägyptisch-israelischen
Friedens
und
Herbeiführung
einer
gerechten
und
dauerhaften Lösung der palästinensischen Problems.
Wir engagieren uns
auch weiterhin für die baldige und
ehrenvolle
Beilegung
des
iranischirakischen Krieges.
Das augenblickliche
iranische Verhalten
bedeutet
eine ernsthafte Bedrohung für unsere
und die Interessen unserer Freunde in
der Region. Bis der Iran seine Bemühungen zur Verlängerung des sinnlosen
Krieges mit dem Irak aufgibt, werden
wir aktiv daran arbeiten, den Transfer von Waffen und militärischem Material an den Iran zu blockieren.
Trotz ernsthafter Beschränkungen,
die uns durch den Haushalt auferlegt
weiden, bleibt Hilfe für Wirtschaft
un&lt;! die Sicherheit zusammen mit einer
voi .•-.; cht igen, aber effektiven Politik

von Waffenverkäufen innerhalb der Region ein wichtiger Bestandteil unserer Bemühungen, die Regierung Israels
zu unterstützen und die arabischen
Staaten zu bschwichtigen. Wir können
es uns nicht leisten, die wahren Bedürfnisse unserer Freunde zu vernachlässigen.
Gleichzeitig
werden wir
weiterhin versuchen, den Terrorismus
zu isolieren und den internationalen
Druck gegen staatlich unterstützten
Terrorismus zu erhöhen. Unsere jüngsten Aktionen gegen Libyen zielten
darauf ab, den politischen, militärischen und wirtschaftlichen Preis für
die Förderung des Terrorismus aufzuzeigen.
Obwohl wir uns über die
leichte
oder
schnelle
Auslöschung
dieses Wahnsinns keinen
Illusionen
hingegeben haben, bleiben wir doch
entschlossen, ihn in enger Zusammenarbeit mit unseren Freunden und Verbündeten entschieden zu bekämpfen.
Die Ziele der Vereinigten Staaten
in Südasien umfassen den Abbau regionaler Spannungen, die Entwicklung kooperativer Beziehungen zwischen den
südasiatischen Staaten, Verhinderung
einer Weiterverbreitung von Nuklearwaffen
und
Wiederherstellung
des
Freiheit des afghanischen Volkes.
Die Politik der Vereinigten Staaten will ferner eine allgemeine Verbesserung bilateraler Beziehungen zu
allen Ländern des Subkontinents herbeiführen.
Wichtige
Bestandteile
sind
hier
verbesserte
Beziehungen
zwischen Indien und den Vereinigten
Staaten und die Ermutigung eines besseren Verhältnisses zwischen Indien
und Pakistan.
Ein neues sechsjähriges Hilfsprogramm im Umfang von 4
Milliarden Dollar wurde von dieser
Regierung für Pakistan vorgeschlagen.
Es ist lebenswichtig für die Fähigkeit des Landes, sich dem von der sowjetischen Invasion Afghanistans ausgehenden Druck zu widersetzen.
Pa-

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�kistan beherbergt etwa drei Millionen
afghanischer Flüchtlinge. Die Vereinigten Staaten
bleiben der größte
Spender von humanitärer Hilfe an diese Flüchtlinge.
Zum ersten Mal haben die Vereinigten Staaten erheblich verbesserte
Beziehungen sowohl zu Indien als auch
zu Pakistan hergestellt.
Das versetzt uns in die Lage, den regionalen
Wunsch nach Frieden trotz periodisch
auftretender
Krisen
im indisch-pakistanischen Verhältnis unterstützen
zu helfen.
Afrika:
Afrikanische Angelegenheiten verlangen gesteigerte Aufmerksamkeit wegen der erheblichen Bodenschätze der Region, seiner wachsenden
Rolle im internationalen Kontext, der
Bedrohung, die durch den eskalierenden Rassenkonflikt in Südafrika für
die regionale Sicherheit entsteht und
der sowjetischen, libyschen, osteuropäischen und kubanischen Abenteuerlust in der gesamten Region.
Die
Herausforderungen an die Demokratie
treten in Afrika besonders stark zutage und wir bleiben besorgt über die
weitverbreitete
Verweigerung
der
grundlegenden Menschenrechte, sei es
seitens
der
marxistischen-leninistischen Stellvertreter der Sowjetunion
oder seitens des Apartheid-Regimes in
Südafrika.
Es gibt in Afrika zahlreiche Konfliktherde: extreme Armut,
ein großes Ungleichgewicht bei der
Verteilung des Wohlstandes, ethnische
Spannungen, uneindeutige Grenzen und
die Religion.

steme. Wir müssen mit anderen Geberländern und multilateralen Institutionen
zusammenarbeiten,
um
diese
Hinwendung zu einer wirtschaftspolitischen Reform und die Entwicklung
des Privatsektors zu unterstützen.
Das Wirtschaftswachstum wird zur
politischen Stabilität beitragen, bedingt diese aber gleichzeitig.
Wir
müssen
weiterhin
eine
friedliche
Konfliktlösung
ohne
Interventionen
von
außen
ermutigen.
Sich
verschlechternde wirtschaftliche Bedingungen
und politische
Instabilität
haben die Intervention der Sowjets,
ihrer Stellvertreter, der Kubaner und
von einzelgängerischen Unruhestiftern
wie Libyen ermutigt.

(wird fortgesetzt)

Die Politik der Vereinigten Staaten muß danach streben, die wirtschaftliche Entwicklung und politische Stabilität in Afrika zu fördern.
Afrikanische
Politiker
erkennen
jetzt,
daß
dirigistische
Lösungen
keine Antwort sind und beginnen mit
der Reformierunq ihrer Wirtschaftssy- 16 -

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