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dienet

Herausgeben U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

Z12462 C

02

10. Februar 1999

TERRORISMUS

CLINTON: AMERIKA MUSS SICHER FÜR DAS
21. JAHRHUNDERT SEIN
Rede des Präsidenten

USA-EUROPA

DAS NEUE EUROPA UND DIE NEUE NATO
Rede von Strobe Talbott
DIE EUROATLANTISCHE PARTNERSCHAFT
Rede von Staatssekretär Eizenstat

DER AUFBAU EINER TRANSATLANTISCHEN
PARTNERSCHAFT FÜR DAS 21. JAHRHUNDERT
von Thomas R. Pickering und Stuart E. Eizenstat

TECHNOLOGIE

DER STAND DER AMERIKANISCH-EUROPAISCHEN BEZIEHUNGEN BEIM DATENSCHUTZ:
VERBRAUCHERSCHUTZ UND ARBEITSPLATZSICHERUNG IN DER INFORMATIONSGESELLSCHAFT
Rede von Staatssekretär Aaron

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D 53170 Bonn

Tel.: 0228-3392956
Fax: 0228-333138
Internet: http://www.usembassy.de

�TERRORISMUS
10. Februar 1999

Clinton: Amerika muß sicher
für das 21. Jahrhundert sein
Rede des Präsidenten

WASHINGTON - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir unwesentlich gekürzt die Rede von Präsident Clinton vor
der National Academy of Sciences vom 22. Januar 1999.

Ich war so erleichtert, daß Dr. Lederberg vor nicht allzu
langer Zeit ein renommiertes Expertengremium zur
Diskussion der Bedrohung durch Bioterrorismus
zusammengebracht hat, denn damit hatte ich Experten, denen gegenüber ich meine Sorgen artikulieren
konnte, und niemand mußte denken, ich würde
spätabends nur zu viele Romane lesen.
Ich freue mich außerordentlich, hier dieses Thema
erörtern zu können. Etwas zurückhaltend stellte
Sandy Berger fest, daß Dr. Lederberg mit 33 Jahren
einen Nobelpreis erhalten hat und ich mit 33 Gouverneur war - daraus können Sie ersehen, daß ich in
Chemie und Biologie nicht sehr gut war.
Aber jede Demokratie ist erfüllt von der Verantwortung
der Bürger, die keine außerordentlichen Fachkenntnisse zur Bewältigung der Herausforderungen jedes
neuen Zeitalters besitzen. Und das ist es, was wir alle
zu tun versuchen. Unser Land hat stets die Herausforderung durch diejenigen gemeistert, die uns Schaden zufügen wollten. Ich habe immer geglaubt, daß
den Kern unserer nationalen Verteidigung unser
Versuch bildet, getreu unseren Werten - Demokratie,
Freiheit, Chancengleichheit - zu leben. Wir arbeiten
hart, um diese Werte im Inland umzusetzen. Und wir
arbeiten mit Nationen auf der ganzen Welt zusammen,
um sie zu fördern und ein neues Zeitalter der Interdependenzzu schaffen, in dem die Nationen zusammenarbeiten - nicht nur für Frieden und Sicherheit, sondern
auch für bessere Schulen und Gesundheitsfürsorge,
größeren Wohlstand, eine sauberere Umwelt und
größeres Engagement der Bürger überall bei der
Gestaltung ihrer Zukunft.

AMERIKA DIENST 02

In dem Kampf um die Verteidigung unseres Volkes,
unserer Werte und - wo immer möglich, ihre Förderung
- stellen wir uns diesen alten und neuen Bedrohungen:
Offene Grenzen und technologische Revolutionen
haben die Botschaft und die Geschenke der Freiheit
verbreitet, haben jedoch auch den Feinden der Freiheit
neue Chancen geboten. Wissenschaftliche Fortschritte haben die Möglichkeit eines längeren, besseren Lebens eröffnet.
Im August vergangenen Jahres trauerte ich in auf dem
Luftwaffenstützpunkt Andrews zusammen mit den
Familien der tapferen Amerikaner, die ihr Leben in
unserer Botschaft in Kenia verloren haben. Sie waren
in Afrika, um die Werte zu fördern, die Amerika mit den
Freunden der Freiheit überall auf der Welt teilt - und
dafür wurden sie von Terroristen umgebracht. Umgebracht wurden auch die Männer und Frauen in Oklahoma City, im World Trade Center, den Khobar Towers
und die Passagiere des Pan Am-Fluges 103.
Die Vereinigten Staaten haben aggressiv auf den
Terrorismus reagiert - die Sicherheit für unsere
Diplomaten, unsere Truppen, unsere Flugpassagiere
und unsere Fähigkeit verbessert, terroristische Aktivitäten aufzudecken, unsere Zusammenarbeit mit anderen
Ländern erweitert und die Sanktionen gegen Terrorismus unterstützende Nationen verschärft.
Seit 1993 haben wir die finanziellen Mittel für die
Terrorismusbekämpfungsbestrebungen
des
FBI
verdreifacht. Unsere Agenten und Strafverfolgungsbeamten leisten mit Unterstützung unserer Nachrichtendienste hervorragende Arbeit, die für Terroranschläge Verantwortlichen zu verfolgen und vor

Seite 1

�Gericht zu bringen. Und wie unsere Luftangriffe auf
Afghanistan - oder auf die Terroristencamps in Afghanistan - im Sommer letzten Jahres zeigten, sind wir
bereit, militärische Gewalt gegen Terroristen einzusetzen, die unseren Bürgern Schaden zufügen.
Aber Sie alle wissen, daß der Kampf gegen den
Terrorismus noch lange nicht beendet ist. Und jetzt
suchen die Terroristen neue Zerstörungswerkzeuge.
Letzen Mai, bei der Abschlußfeier der Naval Academy,
habe ich gesagt, daß Terroristen und geächtete
Staaten die Schlachtfelder der Welt vom physischen
Raum in den Cyberspace ausdehnen, von den
riesigen Wasservorkommen unserer Welt zur komplexen Funktionsweise unseres eigenen menschlichen
Körpers. Die Feinde des Friedens werden sich
bewußt, daß sie uns nicht mit traditionellen militärischen Mitteln besiegen können. Daher arbeiten sie an
zwei neuen Angriffsarten, von denen Sie heute gehört
haben: Cyberanschlägen auf unsere entscheidenden
Computersysteme und Angriffe mit Massenvernichtungswaffen - chemischen, biologischen, möglicherweise sogar Nuklearwaffen. Wir müssen bereit sein bereit, wenn unsere Gegner versuchen, unsere
Computer zu nutzen, um unsere Strom-, Bank-,
Kommunikations- und Verkehrsnetze, die Polizei,
Feuerwehr und Gesundheitsdienste - oder militärische
Anlagen - untauglich zu machen.
Diese entscheidenden Systeme werden immer mehr
von Computern gesteuert und durch sie verbunden,
was sie immer störanfälliger macht. Im Frühjahr
vergangenen Jahres erlebten wir die enormen Auswirkungen einer einzigen zusammengebrochenen
elektronischen Verbindung, als ein Satellit nicht richtig
funktionierte - und Piepser, Bankautomaten, Kreditkartensysteme und Femsehnetze auf der ganzen Welt
außer Betrieb setzte. Und wir erleben bereits die erste
Welle von vorsätzlichen Angriffen auf den Cyberspace
- Hacker brechen in Computer der Regierung und von
Unternehmen ein, stehlen und zerstören Informationen, plündern Bankkonten, belasten die Kreditkartenkonten, erpressen Geld mit der Drohung, Computerviren freizusetzen.
Das Schadenspotential ist klar. Anfang dieses Monats
legte ein Eissturm in dieser Gegend Stromnetze lahm,
versetzte ganze Gemeinden in Dunkelheit und störte
das tägliche Leben. Wir müssen darauf gefaßt sein,
daß unsere Gegner Angriffe starten, die Versorgungsund Dienstleistungsbetriebe in ganzen Regionen
lahmlegen könnten. Wir müssen auch bereit sein,
wenn Gegner versuchen, mit Massenvernichtungswaffen anzugreifen. Mit diesen Waffen ausgerüstet,
die kompakt und billig sein können, kann eine kleine
Gruppe von Terroristen unermeßlichen Schaden
anrichten.
Vor vier Jahren schreckte die Weit jedoch auf, als eine
Gruppe einen tödliche chemische Waffe - Nervengas -

Seite 2

in der Tokioter U-Bahn freisetzte. Wir müssen auf die
Möglichkeit vorbereitet sein, daß sich eine solche
Gruppe biologische Waffen verschafft. Wir müssen
darauf vorbereitet sein, einen biologischen Angriff
sofort auszumachen und zu bewältigen, bevor sich die
Krankheit verbreitet. Wenn wir uns auf diese sich
abzeichnenden Bedrohungen vorbereiten, werden wir
den Terroristen zeigen, daß Angriffe auf Amerika
nichts anderes erreichen als ihren eigenen Sturz.
Ich möchte zunächst sagen, was wir bisher zur
Bewältigung dieser Herausforderung getan haben. Wir
haben auf die Formulierung und Stärkung des Abkommens hingearbeitet, das die Nationen von der
Beschaffung von Massenvernichtungswaffen abhält,
denn damit können diese Waffen auch von Terroristen
femgehalten werden. Wir arbeiten an der Gewährleistung der effektiven Umsetzung der Chemiewaffenkonvention; dem Abschluß eines Abkommens, das die
Einhaltung der Konvention über biologische Waffen
stärkt, und der Einstellung der Produktion von nuklearwaffenfähigem Material. Wir müssen den Vertrag über
ein umfassendes Atomtestverbot ratifizieren, um
Atomtests ein für alle Mal zu beenden.
Wie ich am Dienstag in meinem Bericht zur Lage der
Nation vorgeschlagen habe, sollten wir unsere Bestrebungen erheblich verstärken, zusammen mit Rußland
und den anderen Nationen der ehemaligen Sowjetunion zu verhindern, daß waffenfähiges Material und
Fachwissen in die Hände von Terroristen und geächteten Staaten fallen. Wir sollten dies vor allem durch die
Erweiterung unserer Zusammenarbeit mit den Tausenden russischer Wissenschaftler tun, die für die
Förderung des Weltfriedens, der Gesundheit und des
Wohlergehens eingesetzt werden können, die jedoch -

wenn sie nicht bezahlt werden - ein fruchtbarer Boden
für die Absichten von Terroristen bleiben.
Wir können uns jedoch nicht allein auf unsere Bestrebungen zur Nichtverbreitung verlassen. Wir müssen
bereit sein zu handeln, wenn Waffen verbreitet werden.
Im letzten Jahr habe ich vom Kongreß eine 39-prozentige Haushaltsaufstockung für die Einsatzbereitschaft
bei Notfällen mit chemischen und biologischen Waffen
erhalten. Diese Mittel tragen zur Beschleunigung
unserer andauernden Anstrengungen bei, die Feuerwehr, Polizei und Mitarbeiter der Gesundheitsämter im
ganzen Land für solche Notfälle auszubilden und
auszurüsten. Sie tragen dazu bei, unsere Streitkräfte
und Einheiten der Nationalgarde in jeder Region auf
die Bewältigung dieser Herausforderung vorzubereiten
und unsere Fähigkeit zu verbessern, den Ausbruch
von Krankheiten aufzudecken und Menschenleben zu
retten; zum ersten Mal in der Geschichte einen zivilen
Bestand an Medikamenten zu schaffen, um den
Gefahren durch biologische und chemische Waffen
ausgesetzte Menschen zu behandeln sowie die
Forschung und Entwicklung neuer Medikamente und

AMERIKA DIENST 02

�Impfstoffe zu verstärken, um die neuen Bedrohungen
zu bewältigen.
Unsere Verpflichtung, die Kommunen mit den erforderlichen Instrumenten auszurüsten, geht bereits
über Schriftstücke und Pläne hinaus. Genau vor
diesem Gebäude parkt beispielsweise ein neuartiger
Lastwagen, den wir der Feuerwehr von Arlington
(Virginia) zur Verfügung gestellt haben. Er kann
schnell eingesetzt werden und Schaden von Menschen abwenden, die Gefahren durch chemische und
biologische Waffen ausgesetzt sind.
Aber auch unser Engagement an der Cyberfront ist
stark. Wir haben spezielle Büros beim FBI und im
Wirtschaftsministerium eingerichtet, um entscheidende
Systeme gegen einen Cyberangriff zu schützen. Wir
gehen Partnerschaften mit dem Privatsektor ein, um
Anfälligkeiten aufzudecken und zu beheben, um die
Wamsysteme zu verbessern und eine schnelle
Erholung nach einem Angriff zu gewährleisten.
Richard Clark ist ein herausragender Mitarbeiter des
öffentlichen Dienstes, der diese Bestrebungen auf
allen Regierungsebenen koordiniert.
Heute möchte ich die neuen Initiativen bekanntgeben,
die wir in die Wege leiten werden, um uns auf die
nächste Ebene bei der Vorbereitung auf diese sich
abzeichnenden Bedrohungen zu bringen. In meiner
Haushaltsvorlage werde ich den Kongreß um 10
Milliarden Dollar zur Bekämpfung des Terrorismus und
seiner neuen Werkzeuge bitten. Dies beinhaltet
nahezu 1,4 Milliarden Dollar zum Schutz unserer
Bürger gegen chemische und biologische Terroranschläge - mehr als doppelt so viel, wie wir vor nur
zwei Jahren für solche Programme ausgegeben
haben.

steckender Krankheiten. Wir werden also davon
profitieren, selbst wenn wir bei der Abwehr dieser
Angriffe Erfolg haben.
Der Haushaltsentwurf enthält auch 1,46 Milliarden
Dollar zum Schutz entscheidender Systeme vor Cyberund anderen Angriffen. Das sind 40 Prozent mehr als
das, was wir vor zwei Jahren ausgegeben haben.
Unter anderem werden sie zur Finanzierung von vier
neuen Initiativen beitragen. Erstens intensiver Forschungsarbeit zum Aufspüren von Hackern, die
versuchen, in unsere wichtigsten Computersysteme
einzudringen. Zweitens Erfassungsnetze, zuerst für
unser Verteidigungsministerium, und später für andere
wichtige Behörden, so daß beim Eindringen in ein
entscheidendes Computersystem andere sofort
gewarnt werden. Und wir werden den Privatsektor
auffordern, ähnliche Strukturen zu schaffen.
Drittens die Einrichtung von Informationszentren im
Privatsektor, so daß unsere Industrien zusammen und
mit der Regierung an der Bewältigung von Bedrohungen des Cyberspace arbeiten können. Schließlich
werden wir um Finanzmittel zur Verstärkung der
äußerst qualifizierten Computerexperten der Regierung bitten - Menschen, die in der Lage sind, Computerkrisen zu verhindern und darauf zu reagieren.
Um diesen Vorschlag - das Cyber Korps-Programm umzusetzen, werden wir die Bundesbehörden auffordern, Computerspezialisten auszubilden und
umzuschulen und begabte junge Leute vom College
anzuwerben.

Wir werden unsere Bemühungen beschleunigen und
erweitern, neue Teams von Nothilfemedizinern
zusammenzustellen, vor Ort tragbares Erfassungsgerät von der Größe eines Schuhkartons einzusetzen,
um Gefahren schnell auszumachen, und Verbindungen zwischen regionalen Labors für die unverzügliche
Analyse biologischer Bedrohungen herstellen. Wir
werden die im Gesundheitsministerium konzentrierte
Forschung und Entwicklung nach neuen Impfstoffen,
Medikamenten und Diagnoseverfahren stark beschleunigen.

Bei all diesen Kämpfen werden wir aggressiv vorgehen. Gleichzeitig sollten Sie wissen, daß wir uns
weiterhin zum Schutz der Privatsphäre und anderer
verfassungsmäßiger Rechte sowie dem Schutz der
Eigentumsrechte
amerikanischer
Unternehmen
verpflichten. Es ist unerläßlich, daß wir nicht im
Namen der Freiheit die Freiheit unterminieren. Wir
können den Terrorismus überwinden, indem wir auf
das Beste in unserer freien Gesellschaft zurückgreifen
- die Qualität und den Mut unserer Truppen, das Genie
unserer Wissenschaftler und Ingenieure, die Stärke
unserer Fabrikarbeiter, die Entschlossenheit und die
Fähigkeiten unserer Mitarbeiter im öffentlichen Dienst,
die Vision unserer Führungskräfte in allen lebenswichtigen Bereichen.

Ich sollte an dieser Stelle sagen, ich weiß, daß jeder
hier es versteht, aber jeder in Amerika muß es verstehen: Die Regierung muß das finanzieren. Es gibt
keinen Markt für die Dinge, die wir entwickeln müssen;
und wenn wir erfolgreich sind, wird es niemals einen
Markt für sie geben. Aber wir müssen unser Bestes
tun, um sie zu entwickeln. Diese entscheidenden
Bestrebungen werden nicht nur die Bedrohung durch
Massenvernichtungswaffen meistern, sondern auch
die ebenso große sich abzeichnende Gefahr an-

Ich habe so gut ich konnte versucht, in Amerika die
richtige Einstellung zur Handhabung dieser Bedrohung
zu schaffen. Zu lange war das Problem, daß nicht
genug zur Erkenntnis der Bedrohung und ihrer Bewältigung getan wurde. Und wir in der Regierung waren offen gesagt - nicht so gut organisiert wie wir es seit
langem hätten sein sollen. Ich möchte nicht, daß das
Pendel jetzt in die andere Richtung schwingt und die
Leute glauben, jeder Unfall, über den sie in einem
Roman lesen, oder jeder Unfall, den sie in einem

AMERIKA DIENST 02

Seite 3

�spannenden Film sehen, würde ihnen in den nächsten
24 Stunden passieren.

Offensive und Verteidigung wenn möglich ganz
schließen. Das ist die Herausforderung.

Was wir hier sehen, ist - wie Ihnen jeder im Publikum
anwesende Angehörige des Militärs sagen kann nichts weiter als eine Neuautlage der Waffensysteme,
die auf den Anfang der Zeitrechnung zurückgehen.
Ein offensives Waffensystem wird entwickelt, und es
erfordert Zeit, die entsprechende Verteidigung zu
entwickeln. Und dann wird ein anderes offensives
Waffensystem entwickelt, das diese Verteidigung
überwindet, und dann wird eine weitere Verteidigung
aufgebaut - so sicher wie Burgen und Burggräben die
mit Speeren, Pfeil und Bogen und Pferden ausgerüsteten Belagerer abhielten und die Schleudermaschine
entwickelt wurde, um den Burggraben zu überwinden.

Wir tun alles in unserer Macht Stehende, in einer
Weise, die ich erörtern kann, und in einer Weise, die
ich nicht erörtern kann, um die Menschen, die chemische und biologische Fähigkeiten mißbrauchen
könnten, davon abzuhalten, diese Fähigkeiten zu
beschaffen. Das ist kein Grund zur Panik - es ist ein
Grund zur ernsthaften, bewußten, disziplinierten,
langfristigen Sorge. Und ich bin absolut überzeugt,
daß wir das überdauern werden, wenn wir weiterhin
unser klares Ziel vor Augen haben und unsere Willensstärke bewahren. Und dank so vieler von Ihnen in
diesem Publikum, Ihrer Kollegen überall in den Vereinigten Staaten und gleichgesinnter Menschen auf der
ganzen Welt haben wir eine mehr als gute Erfolgschance. Aber wir müssen bewußt vorgehen, und wir
müssen aggressiv sein.

Aber aufgrund des Tempos, in dem sich der Wandel in
unserer Gesellschaft vollzieht - in der Computertechnologie und insbesondere in den Biowissenschaften - müssen wir alles in unserer Macht Stehende
tun um sicherzustellen, daß wir die Kluft zwischen

Ich danke Ihnen.

* * * * *

Seite 4

AMERIKA DIENST 02

�USA-EUROPA
10. Februar 1999

Das neue Europa und die neue Nato
Rede von Strobe Talbott

BONN - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede des Stellvertretenden Außenministers Strobe Talbott vor
der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik vom 4. Februar 1999, die auf Deutsch erstmals in der
Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 5. Februar 1999 erschienen ist.

Vielen Dank, Karl Kaiser, für die einführenden Worte
und die Gelegenheit, heute hier eine Rede zu halten.
In den vielen Jahren, die wir uns kennen, habe ich
Deine Führungsrolle in der Deutschen Gesellschaft für
Auswärtige Politik stets bewundert. Du bist einer der
eloquentesten Befürworter eines starken Europas als
unerläßlichem Baustein für eine starke atlantische
Gemeinschaft.
Heute Abend begleiten mich mehrere amerikanische
Kollegen, die an das gleiche Prinzip glauben: Botschafter John Komblum, den jeder hier gut kennt - und
der herausragende Germanist seiner Generation im
amerikanischen auswärtigen Dienst; Ron Asmus von
unserem Europäischen Büro im US-Außenministerium,
auf den sich Außenministerin Albright in hohem Maße
verläßt, und Tony Blinken, der gerade sein Amt als
Sonderberater des Präsidenten und Leitender Direktor
für europäische Angelegenheiten im Nationalen
Sicherheitsrat angetreten hat.
Ich möchte meine Ausführungen heute Abend mit einer
persönlichen Betrachtung beginnen. Ich bin zum
ersten Mal vor über 27 Jahren nach Bonn gekommen,
im November 1971. Meine Frau Brooke und ich waren
Journalisten auf dem Weg nach Belgrad, um über den
Balkan und Osteuropa zu berichten. Wir unterbrachen
unsere Reise hier, um uns ein Auto zu besorgen und
mit dem Bonner Büroleiter von TIME meinem
unmittelbaren Vorgesetzten - zu sprechen. (Einige von
Ihnen erinnern sich vielleicht an Bruce Nelan.) Sobald
wir uns in Belgrad eingerichtet hatten, unternahmen
Brooke und ich öfters Reisen nach München - ich gebe
zu, zur Erholung und Entspannung, aber auch zu
Informationsveranstaltungen bei Radio Free Europe,

AMERIKA DIENST 02

um zu erfahren, was hinter dem Eisernen Vorhang
geschah.
Mit anderen Worten, mein erster längerer Aufenthalt
auf diesem Kontinent erfolgte zu einer Zeit, in der
Deutschland geteilt und Jugoslawien geeint war. Das
dazwischen liegende Vierteljahrhundert erlebte zwei
Entwicklungen, die das Beste und das Schlechteste
des seit dem Ende des Kalten Krieges entstandenden
neuen Europas verkörpern.
Die Umgestaltung
Deutschlands von einem geteilten Staat zu einem
friedlich geeinten ist eines der dramatischsten Beispiele dessen, was wir in Europa als Ganzem zu
sehen hoffen.
Gleichzeitig stellt die gewaltsame
Auflösung des alten Jugoslawien - erst gefolgt von der
versuchten Aufteilung Bosniens und dann von einem
Circulus vitiosus brutaler Gewalt und Sezession in
Serbien - das unheilvollste Beispiel einer Gefahr dar,
die den Frieden in Europa und damit die vitalen
Interessen der Vereinigten Staaten bedroht.
Außenministerin Albright hat mich gebeten, diese
Woche nach Bonn zu kommen, um Konsultationen mit
Außenminister Fischer und meinen Freunden Wolfgang Ischinger und Walter Stuetzle, den Staatssekretären im Außen- und im Verteidigungsministerium, zu führen. Unsere Tagesordnung umfaßt das
breite Spektrum der uns konfrontierenden Herausforderungen - insbesondere auf dem Balkan - und
unsere Vorbereitungen auf das Gipfeltreffen anläßlich
des 50-jährigen Bestehens der NATO, das in weniger
als drei Monaten, vom 23. - 25. April, in Washington
stattfinden wird.

Seite 1

�Der amerikanische Ansatz zu diesem Ereignis gründet
auf drei generellen Vorschlägen, die ich Ihnen jetzt
unterbreiten möchte:
Erstens hängt im 21. Jahrhundert das Wohlergehen der Vereinigten Staaten ebenso wie
im 20. Jahrhundert in hohem Maße davon ab,
was in Europa geschieht. Mit anderen Worten, die euroatlantische Gemeinschaft ist
unteilbar, und die Sicherheitsverbindungen
über den Ozean hinweg sind untrennbar.
Zweitens sind sich die Vereinigten Staaten
bewußt, daß "Europa" sich neu definiert und
begrüßen diese Tatsache. Europa ist kein
statisches Phänomen, es entwickelt sich - in
seinen Institutionen, in seinem Ausmaß an
Integration und in seiner Identität an sich.
Drittens erkennen wir die Rolle der Bundesrepublik als Epizentrum dieser Prozesse Erweiterung und Expansion, Ausdehnung und
Vertiefung - an und begrüßen sie.
Unter seiner vorherigen Regierung etablierte sich
Deutschland als aktiver und bewußter Teilnehmer an
einem der großartigsten Konstruktionsprojekte der
Geschichte - der Erneuerung und Innovation der
Strukturen, die die euroatlantische Gemeinschaft
ausmachen. Es gibt Dutzende solcher Gremien, und
Deutschland ist in vielen von ihnen aktiver engagiert
als jeder andere Staat. In diesem Jahr erhält Deutschlands Beitrag unter Kanzler Schröder sowie mit der
Präsidentschaft der Europäischen Union und der
Gruppe der Acht neues Gewicht.

die Einigung Europas - zu verstehen, zu respektieren
und so weit wie möglich zu unterstützen.
Die offensichtlichste und unmittelbarste Chance für
Ihren Erfolg - und für unsere Unterstützung bei diesem
Erfolg - ist natürlich die EWWU. Die erfolgreiche
Einführung des Euro vor 35 Tagen hat zumindest im
Augenblick die Skeptiker zum Schweigen gebracht und
die Gelehrten nach vergleichbaren Durchbrüchen in
der europäischen Geschichte suchen lassen - vom
ersten Druck der Gutenberg-Bibel in Mainz vor
fünfeinhalb Jahrhunderten bis zum Wiener Kongreß im
Jahr 1814.
Die Einstellung der US-Regierung zur EWWU ist
einfach und positiv. Botschafter Kornblum äußerte
sich deutlich in einer kürzlich gehaltenen Rede: "Uns
Amerikanern ist gut gedient, wenn Europa wirtschaftlich prosperiert und auf die Öffnung seiner Märkte
sowie die Stärkung seiner Beziehungen zur Weltwirtschaft hinarbeitet. Europa wird Vorteile durch eine
Wirtschafts- und Währungsunion haben, die diese
Ziele unterstützt- und wenn Europa prosperiert, erhöht
das auch den Wohlstand in den Vereinigten Staaten."
Meine Damen und Herren, der Euro hatte in der Tat
einen so guten Start, daß ich ihn als Prüfstein für
mehrere Argumente bezüglich unserer Hoffnungen für
Europa im Allgemeinen und unserer Vision für die
NATO im Besonderen benutzen möchte. Während wir
uns auf der anderen Seite des Atlantiks fragen, was
den Euro so erfolgreich gemacht hat, sind mehrere
Faktoren offensichtlich:
Erstens ist der Plan ehrgeizig - er ist ein
Vorhaben, das in seiner Natur und in seinem
Ausmaß den sich bietenden Chancen entspricht.

Wir Amerikaner sind uns der komplexen und erschreckenden
Herausforderungen bewußt, die
Europäer und Deutsche bewältigen. Wir sind zuversichtlich, daß es mit Deutschland in seiner derzeitigen Rolle allen Grund zu der Annahme gibt, daß
Europa diese Herausforderungen erfolgreich meistert.

Zweitens gründet der Euro auf der Prämisse,
daß gemeinsame Interessen und gemeinsame
Herausforderungen gemeinsame Lösungen
erfordern - das heißt, kollektive und kooperative Aktionen.

Für uns ist der Maßstab für Erfolg einfach. Wir
möchten, daß Europa seine Sicherheit, seinen Wohlstand, seine Integration und seine Identität in einer
Weise definiert und anstrebt, die die Nordamerika mit
Europa verbindenden Bande nicht nur erhält, sondern
stärkt.
Wir sind uns wohl bewußt, daß wir in diesem Zusammenhang unsere eigenen Verpflichtungen haben.
Ich hoffe, dieses Gefühl gegenseitiger und gemeinsamer Verantwortung wird in der Art und Weise
deutlich, in der wir unseren Teil der Beziehungen
zwischen den Vereinigten Staaten und der EU gestalten, insbesondere, während wir uns auf unsere
Teilnahme am US-EU-Gipfel am 21. Juni in Köln
vorbereiten. Sie können darauf zählen, daß wir unser
Bestes tun werden, um Ihre großartige Aufbauarbeit -

Seite 2

Drittens erforderte die Einführung einer einheitlichen Währung für elf Länder von jedem
dieser Länder eine nationale Führungsrolle,
um harte politische Entscheidungen zu treffen,
insbesondere über Steuerdisziplin, und sich
mit harter politischer Arbeit zu befassen,
insbesondere bei der Mobilisierung der Unterstützung der Wähler.
0

Viertens muß sich der Euro in konkreter Form
beweisen - er muß sinnvoll sein, nicht nur in
der Theorie, sondern auch in der Praxis.

AMERIKA DIENST 02

�Bei diesen vier Kriterien hat die Einführung des Euro
viel mit der Arbeit gemeinsam, die wir zusammen bei
der Umgestaltung der NATO leisten müssen.
Auch bei diesem Projekt müssen wir ehrgeizig sein.
Die NATO wurde gegründet und entworfen, um sich
mit der Sowjetunion und dem Warschauer Pakt
auseinanderzusetzen.
Dieser Staat und dieses
Bündnis sind Vergangenheit und ebenso die Bedrohung, die sie darstellten. Die Deutschen können
diese Veränderungen so sehr wie alle anderen sehen
und fühlen - in der Tat mehr als die meisten. Wenige
Amerikaner wissen viel über die Stadt Fulda, aber viele
wissen, daß die NATO während des Kalten Krieges
einen sowjetischen Panzerangriff durch den "Fulda
Gap" abwehren sollte. Botschafter Kornblum erzählt
mir, daß heute der einzige GAP in Fulda ein amerikanisches Bekleidungsgeschäft dieses Namens ist, das
Jeans verkauft, die durch einen Amerikaner bayerischer Herkunft, Levi Strauss, berühmt gemacht
wurden.
Das heißt nicht, daß die ursprüngliche Aufgabe der
NATO der kollektiven Verteidigung beendet ist oder
daß kollektive Verteidigung nicht länger das Kernstück
der Mission des Bündnisses bildet. Die NATO muß
ihre in Artikel V des Washingtoner Vertrags verankerte
Fähigkeit zur Abschreckung aufrechterhalten und falls
erforderlich den Sieg über das davontragen, was man
als klassische Aggression bezeichnen könnte. Eine
solche Bedrohung könnte in der Zukunft entstehen.
Aber sie wird weniger wahrscheinlich, wenn die NATO
stark und einsatzbereit bleibt.
Das ist jedoch nicht genug, wenn die NATO auf der
Höhe der Zeit bleiben will. Mit dem Ende des Kalten
Krieges sind neue, weniger spektakuläre, aber vielschichtigere Bedrohungen entstanden. Streitigkeiten
über ethnische Zugehörigkeit, Religion oder Territorien
können, wie wir bereits gesehen haben, bewaffnete
Konflikte auslösen, die wiederum zu die europäische
Sicherheit
gefährdender
grenzüberschreitender
politischer Instabilität, Flüchtlingsströmen und humanitären Krisen führen können.
Die NATO muß in der Lage sein, Bedrohungen wie
diese zu bewältigen und gleichzeitig ihre Kernfunktion
der kollektiven Verteidigung beizubehalten. Um zu
gewährleisten, daß die NATO diese beiden Aufgaben
ausführen kann, arbeiten Verteidigungsminister Cohen
und sein Amtskollege Scharping mit ihren Kollegen aus
den anderen Bündnisstaaten zusammen. Verteidigungsminister Cohen wird bei der Wehrkundetagung,
wo er seine neuesten Gedanken zur Modernisierung
der NATO darlegen wird, mehr zu diesem Thema
sagen.
Ein Thema, das sicherlich bei der Wehrkundetagung
angesprochen wird, ebenso wie es bei meinen gestrigen Gesprächen in Paris und heute hier in Bonn

AMERIKA DIENST 02

erörtert wurde, ist die Europäische Sicherheits- und
Verteidigungsidentität. Die ESVI ist von einem esoterischen Wort im Eurojargon zum Bestandteil des
amerikanischen Vokabulars beim Nachdenken und
Reden über die Zukunft der NATO geworden. Wir
befürworten die ESVI. Unsere Unterstützung des
Konzepts ist aufrichtig, aber nicht willkürlich. In einer
Hinsicht ähnelt die ESVI der EWWU: Um zu funktionieren, muß sie das Ziel der europäischen Identität und
Integration auf der einen Seite mit dem Gebot der
transatlantischen Solidarität auf der anderen verbinden; sie muß verstärken, nicht die Rolle des Bündnisses als Ganzes duplizieren oder verwässern - und
sicherlich darf sie nicht die Bande zwischen unserer
Verteidigung und Ihrer lockern.
Wenn es richtig gemacht wird, kann die ESVI Teil
dessen sein, was man als die Vertiefung der NATO
bezeichnen könnte. In dieser Hinsicht kann sie als
Ergänzung zur Erweiterung des Bündnisses dienen,
während die NATO ehemaligen Gegnern die Hand
reicht. Ein Wort zur Erweiterung - die ein unerläßlicher
Aspekt unseres gemeinsamen Konstruktionsprojekts in
der euroatlantischen Gemeinschaft ist. Drei Mitglieder
des ehemaligen Warschauer Pakts werden in den
nächsten acht Wochen offiziell dem Bündnis beitreten.
Ich bin sicher, daß es für Sie alle hier ein außergewöhnliches Ereignis werden wird und vor allem für
jemanden wie mich, der als Journalist Warschau, Prag
und Budapest besuchte, als sie Vorposten eines
bewaffneten Lagers mit Hauptquartier in Moskau
waren. Was Rußland anbetrifft, so ist es eine von 19
ehemaligen sowjetischen Republiken und eines der
Mitglieder des ehemaligen Warschauer Pakts, die jetzt
zum Euroatlantischen Partnerschaftsrat gehören;
russische Soldaten dienen Seite an Seite mit Amerikanern und Deutschen bei der Verteidigung des Friedens
im ehemaligen Jugoslawien. Dieses gemeinsame
Unternehmen ist nicht nur aus dem Augenblick heraus
entstanden: Rußland hat seine Zusammenarbeit mit
der NATO institutionalisiert - durch den Ständigen
Gemeinsamen NATO-Rußland-Rat.
Das bedeutet nicht, daß Rußland der NATO-Erweiterung zustimmt oder sie gutheißt. Natürlich nicht.
Dennoch ist Rußland noch immer bereit, mit der NATO
im Namen der Prinzipien und Ziele zusammenzuarbeiten, über die wir uns einig sind.
Die Mitgliedstaaten der NATO ihrerseits verpflichten
sich dazu beizutragen, ein demokratisches Rußland
vollständiger in Europa einzubinden, insbesondere auf
dem Gebiet der Sicherheit.
Ich bin mir bewußt, daß die Klugheit und sogar die
Durchführbarkeit dieser beiden miteinander einhergehenden Unterfangen - die Erweiterung der NATO
und die Partnerschaft zwischen der NATO und Rußland - nicht für jeden offensichtlich sind und noch der
Rechtfertigung bedürfen. Der Fortbestand der NATO

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�selbst hat Kritik und Kontroversen hervorgerufen. Auf
beiden Seiten des Atlantiks gibt es die Meinung, das
Bündnis sei ein Relikt des Kalten Krieges und sollte
deshalb in den Ruhestand entlassen werden - eventuell mit Ehrenbezeugungen, abertrotz allem entlassen.
Meiner Ansicht nach ist die beste Erwiderung darauf
eine Abwandlung der Frage, der Voltaire in einem eher
theologischen Zusammenhang zu Berühmtheit
verholten hat: Existierte die NATO heute nicht, müßten
wir sie dann erfinden? Die Antwort ist ein entschiedenes Ja. Wenn wir die NATO 1999 aus dem Nichts
erschaffen müßten, würde sie sich wahrscheinlich von
dem Bündnis stark unterscheiden, das Harry Truman
und Konrad Adenauer vor fast einem halben Jahrhundert, während der frostigsten Tage des Kalten
Krieges, als nötig erachteten. Eine neu erfundene
NATO hätte mehr Mitglieder als die alte (daher:
Erweiterung); sie hätte kooperative Beziehungen zu
den ehemaligen Gegnern, die weder willens noch
bereit sind, die Mitgliedschaft zu beantragen (daher:
Partnerschaft für den Frieden); sie hätte eine umfassendere, vielschichtigere Aufgabenstellung, um den
neuen Herausforderungen für die europäische Sicherheit gerecht zu werden (daher: ein neues strategisches Konzept), und sie wäre flexibler und ausgewogener in ihrer Fähigkeit, Bedrohungen zu bewältigen,
die nicht unbedingt ein direktes Engagement der
Vereinigten Staaten vor Ort erfordern (daher: Europäische Sicherheits- und Verteidigungsidentität oder
ESVI).
Kurz gefaßt ist dies die Agenda - die angemessen
ehrgeizige Agenda - des Washingtoner Gipfels.
An diesem Punkt sollte ich einräumen, daß es einige
Bedenken gibt - wiederum auf beiden Seiten des
Atlantiks - wir Amerikaner seien als Gastgeber des
Gipfels im April übermäßig ehrgeizig. Das denke ich
nicht. Ich bin der Meinung, wir sind angemessen
ehrgeizig. Es obliegt der NATO, bei ihrer eigenen
Umgestaltung die Evolution Europas und der transatlantischen Beziehungen in Wesen und Umfang
widerzuspiegeln.
Lassen sie mich erklären, was ich meine. Jahrzehntelang konzentrierten sich die Vereinigten Staaten
darauf, was sie für Europa tun könnten - durch den
Marshallplan, durch den Washingtoner Vertrag und die
Abschreckung der sowjetischen Bedrohung. Heute
denken die Vereinigten Staaten viel eher daran, was
sie mit Europa tun können - zur Förderung unserer
gemeinsamen Sicherheit, unseres Wohlstands und
unserer demokratischen Werte. Im Rahmen der
amerikanisch-europäischen Beziehungen haben wir
bereits gemeinsam einige bedeutende Schritte unternommen.
Gemeinsam bauen wir globale Wirtschaftsschranken ab.

Seite 4

Gemeinsam lindem wir die Armut und versuchen den Gedanken der Nichtverbreitung in
Südasien zu fördern, wo ich Anfang dieser
Woche war.
Gemeinsam arbeiten wir daran, Kinderpornographie im Internet auszumerzen, ein weltweites Frühwamsystem gegen ansteckende
Krankheiten zu entwickeln, den Hunger auf
der Welt zu bekämpfen und gegen Verbrecher, Terroristen und Drogenhändler vorzugehen, wo auch immer sie sein mögen.
Was bedeutet das für die NATO? Lassen Sie mich
zunächst einmal feststellen, was es nicht bedeutet. Es
bedeutet nicht, daß es im Keller des Weißen Hauses,
des Außenministeriums oder des Pentagon irgendwo
einen Entwurf für eine "globale NATO" gibt. Ich
verbringe viel Zeit dort, und ich versichere ihnen, einen
solchen Plan gibt es nicht.
Genau wie Sie es in Europa mit der EWWU getan
haben, müssen wir als euroatlantische Bündnispartner
Ehrgeiz und Realismus in Einklang bringen. Und
genau wie Sie es auch bei der Einführung des Euro
getan haben, müssen wir bei der Neuerschaffung der
NATO harte politische Entscheidungen treffen und
unsere Wähler durch solide politische Argumente
überzeugen. Dies sind meiner Meinung nach die
Argumente für die neue Rolle und die neuen Aufgaben
der NATO: Beginnen sollte sie, wie ich bereits deutlich
zu machen versuchte, mit Artikel V des Washingtoner
Vertrags - unserer Verpflichtung zur kollektiven
Verteidigung. Aber wir müssen uns auch darüber im
Klaren sein, daß die aktuellsten und vorhersehbarsten
Herausforderungen für die europäische Sicherheit
Einsätze erfordern, die nicht unter Artikel V fallen;
deshalb müssen wir uns auch auf deren Bewältigung
besser vorbereiten.
In unserer zunehmend komplexen und interdependenten Welt sehen wir uns außerdem einem sehr viel
vielfältigeren und weitereichenden Spektrum an
Bedrohungen gegenüber als zur Zeit Trumans und
Adenauers. Die Verbreitung von Massenvernichtungswaffen und die Geißel des Terrorismus lassen sich
nicht so leicht in unsere alten Schlagworte und Konzepte einfügen, wie "Die freie Welt", "Der Eiserne
Vorhang" oder alte geographische Vereinfachungen,
die überkommene geopolitische andeuteten, wie
"Osten gegen Westen". Mit anderen Worten, es gibt
viele Gefahren auf der Welt, denen man in der Innenstadt Bonns oder Kölns begegnen könnte ohne daß sie
jemals im "Fulda Gap" aufgetreten wären.
Das bedeutet, während wir unsere Fähigkeit zur
Verteidigung der territorialen Integrität aller NATOMitglieder aufrechterhalten, benötigen wir auch Kräfte,
Doktrinen und Kommunikationsmöglichkeiten, um falls
erforderlich die Herausforderungen durch ethnische

AMERIKA DIENST 02

�und regionale Konflikte bewältigen zu können, die
unsere Sicherheit direkt betreffen, aber außerhalb des
NATO-Gebiets liegen - wie wir es auf dem Balkan
getan haben und noch tun. Im Übrigen handelt es sich
um reine Vorsicht und gesunden Menschenverstand,
nicht um übermäßigen Ehrgeiz, wenn man nahelegt,
daß ein wirklich modernisiertes Bündnis in der Lage
sein sollte, die durch die Verbreitung von ballistischen
Raketen und Massenvernichtungswaffen entstehenden allzu modernen Herausforderungen zu meistern.
Einige Kommentatoren halten dagegen, diese Art
Anpassungen erforderten eine Revision des Nordatlantikvertrags oder glauben, dies sei unser Vorschlag. Das ist nicht richtig. Die Verfasser des
Washingtoner Vertrags achteten sorgfältig darauf, die
Möglichkeiten der NATO zur Verteidigung ihrer
Sicherheit nicht durch willkürliche funktionale oder
geographische Beschränkungen zu begrenzen.
Ich möchte es ganz deutlich machen: Ich sage nicht,
daß es keine Grenzen gibt für das, was die NATO tun
kann und sollte. Natürlich gibt es die. Bei der NATO
handelt es sich um eine auf Konsens basierende
Organisation, die ihre gemeinsamen Interessen
dementsprechend definiert. Wir würden als Bündnis
nirgendwo hingehen, wenn dies nicht im Sinne aller
unserer Mitglieder wäre. Kein Bündnispartner kann die
anderen dazu zwingen, einer NATO-Aktion zuzustimmen. Gemäß Artikel IV des Washingtoner Vertrags
beraten sich die NATO-Mitglieder im Fall einer Sicherheitsbedrohung und entscheiden gemeinsam über
die angemessene Reaktion.
Auch die militärischen Fähigkeiten der Bündnispartner
selbst sind implizit begrenzt. Niemand schlägt vor, daß
wir NATO-Truppen auf die Spratley Inseln entsenden.
Wir schlagen auch nicht vor, daß die NATO im Alleingang handelt, ohne die Vereinten Nationen oder die
OSZE - oder anmaßend der UN oder der OSZE die
Stirn bietend. Alle NATO-Bündnispartner sind Mitglieder dieser beiden Organisationen. Wir sind der
Ansicht, daß die Einsätze und Aufgaben der NATO
immer mit den Zielsetzungen und Prinzipien der
Vereinten Nationen und der OSZE übereinstimmen
müssen. Wir erwarten von der NATO und ihren
Mitgliedern, daß sie sich weiterhin von ihren Verpflichtungen im Rahmen der Charta der Vereinten
Nationen und der Schlußakte von Helsinki leiten
lassen.
Gleichzeitig müssen wir darauf achten, die NATO
keinem anderen internationalen Gremium unterzuordnen oder die Integrität ihrer Befehlsstruktur aufs
Spiel zu setzen. Wir werden uns bemühen, Hand in
Hand mit anderen Organisationen und unter Respektierung ihrer Prinzipien und Zielsetzungen zu arbeiten,
aber das Bündnis muß sich das Recht und die Freiheit

AMERIKA DIENST 02

vorbehalten, immer dann zu handeln, wenn seine
Mitglieder es im Konsens für notwendig erachten.
Ein letzter Punkt, meine Damen und Herren: Letzlich
wird der Aufstieg oder Fall unseres neuen Bündnisses,
wie auch Ihrer neuen Währung, sich durch ihr Bestehen in der Praxis entscheiden. Wie der Euro im
täglichen Leben als Währung in den Taschen der
Verbraucher, auf den Konten der Sparer und bei den
Transaktionen der Risikokapitalisten bestehen muß, so
muß sich die neue NATO täglich bei der Bewältigung
der Herausforderungen bewähren, die sich uns hier
und heute stellen.
Gemessen an diesem Standard kann die NATO auf
ihre Arbeit in Bosnien stolz sein. Obwohl ihre Arbeit
dort noch lange nicht abgeschlossen ist, sieht sich das
Bündnis im Kosovo nun mit einer weiteren, extrem
gefährlichen und dringlichen Bedrohung des Friedens
in Europa konfrontiert. Die NATO stellt sich auch
dieser Herausforderung. Im Oktober konnte durch die
glaubwürdige Androhung von Luftangriffen gegen
Serbien eine humanitäre Katastrophe abgewendet
sowie ein Strom von Flüchtlingen vermieden werden,
der eine Reihe von NATO-Staaten betroffen hätte insbesondere auch diesen. Am vergangenen Wochenende drohte das Bündnis erneut mit dem Einsatz
von Gewalt und machte Belgrad gegenüber deutlich,
daß es sich an die im Oktober getroffenen Vereinbarungen halten müsse.
Das Drama, die Spannung, die Schwierigkeiten und
die Gefahr im Kosovo bestehen noch während ich hier
spreche. Wir dürfen in unserer Entschlossenheit nicht
nachlassen und wir können den Erfolg unseres
Unternehmens nicht als selbstverständlich ansehen.
Aber ich glaube, es gibt bereits jetzt Grund zu der
Hoffnung, daß der Kosovo ein Fallbeispiel für den
Willen und die Fähigkeit der NATO sein wird, Hand in
Hand mit anderen Institutionen zu arbeiten und
zusammen mit ihnen unsere gemeinsamen Interessen
zu verteidigen. Wir haben diesen Prozeß institutioneller Zusammenarbeit in Bosnien begonnen und im
Kosovo darauf aufgebaut; wir konnten beobachten, wie
fünf Organisationen - die NATO, die EU, die OSZE, die
Vereinten Nationen und die Kontaktgruppe - einen
beispiellosen und vielversprechenden Grad an
Synergie entwickelt haben. Damit meine ich, daß
diese unterschiedlichen, sich jedoch überschneidenden Organisationen ihre Energien und Kräfte vereint
und in den Dienst einer drängenden gemeinsamen
Sache gestellt haben.
Wenn sich die Konfliktparteien zu einer Friedenskonferenz in Rambouillet treffen, wird dies eine direkte
Folge dieser Synergie sein: Die Vereinten Nationen
haben den Bemühungen im Kosovo-Konflikt ihre
politische und moralische Autorität durch eine Erklärung des Präsidenten verliehen; die OSZE bleibt im
Rahmen ihrer Verifizierungsmission vor Ort im Kosovo,

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�um zur Beschwichtigung der Erregung beizutragen; die
EU war besonders durch die guten Dienste und die
staatsmännische Führung von Botschafter Petritsch
bei der Umsetzung der Bestimmungen einer Interimlösung behilflich und nicht zuletzt die NATO war von
kritischer und unerläßlicher Bedeutung im Luftgebiet
über dem Kosovo, am Boden nicht weit entfernt in
Mazedonien und zur See in der Adria. So übte sie
Druck aus und drohte mit Vergeltung - mit anderen
Worten, sie ließ die Muskeln spielen, was so oft den
entscheidenden Ausschlag gibt zwischen einem
diplomatischen Durchbruch und einem diplomatischen
Zusammenbruch. Im Übrigen ist es an der NATO,
gemeinsam mit diesen anderen Institutionen das
nötige Vertrauen und die Sicherheit für eine wie auch
immer geartete dauerhafte politische Lösung der
Parteien in Rambouillet zu bieten.

Aus all diesen Gründen, Karl, bin ich dankbar, heute
wieder einmal in Bonn sein zu dürfen, 27 Jahre nach
meinem ersten Besuch. Ich sage das nicht nur, weil
die guten Nachrichten in diesem Teil Europas gegenüber den schlechten Nachrichten auf dem Balkan
überwiegen, wo ich gelebt habe; ich sage es, weil das
Bündnis, das dazu beiträgt, die Vereinigten Staaten an
Deutschland zu binden, es auch den Kräften der
Integration und der Kooperation in dem neuen Europa
ermöglicht, über die der Spaltung und der Feindseligkeit zu siegen, die aus Europas Vergangenheit heraus
die Zukunft bedrohen. Wir Amerikaner sind stolz
darauf, gemeinsam mit Ihnen, den Deutschen und
Europäern, an dieser guten Sache zu arbeiten. Vielen
Dank für Ihre Aufmerksamkeit. Meine Kollegen und ich
freuen sich jetzt auf eine lebhafte und fruchtbare
Diskussion.

* * * * *

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AMERIKA DIENST 02

�USA-EUROPA
10.Februar 1999

Die euroatlantische Partnerschaft
Rede von Staatssekretär Eizenstat

BONN - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede des Staatssekretärs für wirtschaftliche, unternehmerische und landwirtschaftliche Angelegenheiten im US-Außenministerium, Stuart E. Eizenstat, vor dem Deutschen
Industrie- und Handelstag (DIHT), vom 27. Januar 1999.

Ich weiß die Gelegenheit zu schätzen, vor dieser
Handelskammer sprechen zu dürfen, die über drei
Millionen deutsche Unternehmer vertritt.
Heute möchte ich kurz über die euroatlantische
Partnerschaft und die uns in der Zukunft konfrontierenden Herausforderungen sprechen.
Es ist in keiner Weise übertrieben zu sagen, daß die
Beziehungen zwischen den Vereinigten Staaten und
der Europäischen Union die wichtigsten, einflußreichsten und prosperierendsten bilateralen Beziehungen
modemer Zeiten sind.
Das jährliche Handels- und Investitionsvolumen
zwischen Europa und Amerika beläuft sich auf mehr
als 2 Billionen Dollar. Und die Hälfte aller auf der Welt
produzierten Waren und Dienstleistungen werden in
den Vereinigten Staaten und Europa hergestellt.
Für uns ist unser Wohlstand untrennbar mit Europa
verbunden. Der Handels- und Investitionsfluß zwischen der Europäischen Union ist größer als unser
Handel mit Japan und Kanada zusammengenommen.
Europäische Unternehmen sind die größten ausländischen Investoren in 41 von 50 amerikanischen
Bundesstaaten. Jeder zwölfte Fabrikarbeiter ist in
einem Betrieb tätig, der in europäischer Hand ist. Und
amerikanische
Unternehmen beschäftigten
drei
Millionen Arbeitnehmer in Europa.
Aber unsere Beziehungen gehen natürlich weit über
reine Ökonomie hinaus. Millionen von Amerikanern
haben ihre Wurzeln und ihren kulturellen Ursprung in
der Heimat ihrer Vorfahren in Europa.

AMERIKA DIENST 02

Und unsere gemeinsamen Werte Demokratie und
Freiheit werden über den Atlantik hinweg getragen und
helfen, ein untrennbares Band zwischen unseren
Völkern zu schaffen.
Es waren diese gemeinsamen Werte, die in der
zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts die Nationen
Westeuropas und die Vereinigten Staaten bei der
Eindämmung der Kräfte des Kommunismus zusammenbrachten.
Auch nach dem Fall der Berliner Mauer hat diese
Zusammenarbeit Bestand, während wir gemeinsam
auf die Integration eines vereinigten Deutschlands in
europäische Institutionen, die Einbindung eines
postsowjetischen Rußlands in das demokratische
Lager, die NATO-Erweiterung und schließlich die
Herbeiführung von Frieden für das bosnische Volk
hinarbeiten.
Der Kalte Krieg mag vorüber sein, aber die Notwendigkeit für eine stabile Partnerschaft zwischen Amerika
und Europa ist lebenswichtiger als je zuvor.
Tatsache ist, daß Millionen Menschen auf der ganzen
Welt eine bessere Zukunft erwarten können, wenn
Europa und Amerika wohlhabend und stabil sind.
Und wenn die Vereinigten Staaten und die Europäische Union bei globalen Themen von Handel und
Umwelt über Verbrechen bis zu nuklearer Weiterverbreitung zusammenarbeiten, ist die Welt sicherer,
wohlhabender und friedlicher.
In den vergangenen Jahren haben die Vereinigten
Staaten und die Europäische Union wichtige multilate-

Seite 1

�rale Handelsabkommen über Telekommunikationsund Informationstechnologie im Wert von mehreren
Hundert Milliarden Dollar abgeschlossen. Zusammen
haben wir zur Einführung gemeinsamer Programme
beigetragen, um die nukleare Weiterverbreitung in
Nordkorea aufzuhalten, unsichere Kernreaktoren in
der Ukraine zu schließen, Atommüll in Rußland zu
entsorgen, Zuhälterringe in Osteuropa zu zerschlagen
und sogar Kinderpornographie im Internet auszumerzen.
90 Prozent aller humanitären Hilfsleistungen kommen
entweder aus der EU oder den Vereinigten Staaten.
Die EU leistet mit einem Hilfspaket in Höhe von 1,9
Milliarden Dollar für die Palästinenser einen maßgeblichen Beitrag zum Nahostfriedensprozeß. Darüber hinaus beläuft sich ihr Beitrag für Osteuropa einschließlich Bosniens - auf annährend 2 Milliarden
Dollar.
Unsere Zusammenarbeit muß fortgesetzt werden,
während wir uns mit dem als Globalisierung bekannten
beispiellosen weltweiten Fluß von Privatkapital, Ideen,
Technologie, Waren und Dienstleistungen befassen,
der nicht nur die internationale Wirtschaft verändert,
sondern auch die Welt, wie wir sie kennen. Jeden Tag
fließt Kapital in Höhe von weit über eine Billion Dollar
um die Welt und übersteigt den Handelsfluß um
60 zu 1.
Der Kampf um die Lenkung der Kräfte der Globalisierung wird für Europäer und Amerikaner gleichermaßen
eine der entscheidenden außenpolitischen Prioritäten
des kommenden Jahrhunderts sein.
Wir befassen uns bereits mit den Herausforderungen
der Globalisierung, während wir die globale finanzielle
und politische Krise bewältigen.
In der Tat sind wir die beiden Pfeiler der wirtschaftlichen Stärke, auf die sich eine instabile Weltwirtschaft
stützt. Heute tragen Europa und die Vereinigten
Staaten eine besondere Verantwortung zur Bewahrung
unseres Wachstums und offener Märkte, vor allem für
die Waren der in einer Krise befindlichen Länder, und
für die Sicherstellung, daß die Kräfte des Protektionismus im In- und Ausland nicht die Notwendigkeit für
eine weitere Liberalisierung zunichte machen.
Die Krise ist in der Tat die erste wirklich globale
Wirtschaftskrise des Zeitalters nach dem Kalten Krieg,
in der sich Politik und Wirtschaft vermischen. Die Krise
verschärfte sich, breitete sich nach Asien aus und
enthob Politiker in Thailand, Japan, Indonesien und
später Rußland ihres Amtes.
Noch schlimmer ist, daß die Krise die Ängste vor der
Globalisierung in den Entwicklungsländern schürt und
einen Rückschlag für die Grundprinzipien von offenen
Märkten, Liberalisierung und dem freien Kapitalfluß

Seite 2

verursachen könnte, die den Lebensstandard und die
Wirtschaftschancen weltweit erhöht haben.
In der Tat ist die optimistische Sichtweise von vor nur
zwei Jahren, daß die Welt die wirtschaftliche Liberalisierung als Entwicklungsmodell annimmt, in Frage
gestellt.
Nirgendwo stellt das ein größeres Risiko dar als in den
Entwicklungsländern, in denen die aufstrebende
Mittelschicht das Rückgrat der demokratischen
Bewegungen und von Wirtschaftsreformen bildet.
Wenn ihr Vertrauen in die wirtschaftliche Liberalisierung erschüttert wird, könnte das äußerst gefährliche
und destabilisierende Auswirkungen auf die globale
Wirtschaft des 21. Jahrhunderts haben - eine Wirtschaft, auf die alle Amerikaner und Europäer bauen.
Die Industrienationen waren nicht immun gegen diesen
Rückschlag. In den Vereinigten Staaten spiegeln das
Scheitern des Fast-track-Gesetzes im Jahr 1997 und
die Schwierigkeiten bei der Genehmigung der Mittel für
den Internationalen Währungsfonds zum Teil das
Unbehagen darüber wider, in welchem Maße die
Vereinigten Staaten dem Druck äußerer Wirtschaftskräfte ausgesetzt sind.
Darüber hinaus sind die Bestrebungen zur Aushandlung eines Multilateralen Abkommens über Investitionen (MAI) in der OECD aufgrund ungerechtfertigter
Befürchtungen - vor allem, aber nicht nur von Frankreich -, daß ein solches Abkommen Arbeits- und
Umweltnormen aufs Spiel setzen würde, in eine
Sackgasse geraten.
Im kommenden Jahr werden die schwierigen Gegebenheiten in vielen Entwicklungsländern nur dazu
beitragen, die Besorgnis über die Globalisierung zu
verstärken.
Die Welt darf weder auf protektionistische Maßnahmen
zurückgreifen in dem fruchtlosen Versuch, die Globalisierung aufzuhalten, noch sollten wir ihre unleugbaren
Herausforderungen ignorieren. In Zusammenarbeit mit
ihren Wirtschaftspartnern sucht die Clinton-Administration einen neutralen Standpunkt - einen, der wirtschaftliche Offenheit und Liberalisierung unterstützt
und gleichzeitig auf die Vorbereitung unserer Bürger
hinarbeitet, so daß die härtesten Auswirkungen
minimiert werden können.
Um diese Ziele zu erreichen, müssen Europäer und
Amerikaner zusammenarbeiten.
Wenn uns die
Geschichte des 21. Jahrhunderts irgend etwas gelehrt
hat, dann, daß es wenig gibt, das wir nicht erreichen
können, wenn die Länder auf beiden Seiten des
Atlantiks zusammenarbeiten.

AMERIKA DIENST 02

�Die besten Praktiken
Während wir uns mit der derzeitigen Krise befassen,
werden die Entwicklungsländer auf Amerika und
Europa für Orientierung blicken, wie sie sich nicht nur
aus der Krise herausarbeiten, sondern auch die
Grundlage für zukünftiges Wachstum legen können.
Beispiele der "besten Praktiken" von Amerika und
Europa sind aufschlußreich. In den vergangenen
Jahren erfreute sich die amerikanische Volkswirtschaft
starken Wachstums. Allein in den letzten sechs
Jahren wurden fast 18 Millionen neue Arbeitsplätze
geschaffen, und die Arbeitslosigkeit befindet sich auf
dem niedrigsten Stand seit nahezu 30 Jahren.
Die Wirtschaftsleistung der Vereinigten Staaten ist kein
Zufall. Unsere Arbeitnehmer sind gut ausgebildet und
anpassungsfähig, unsere Arbeitsmärkte flexibel,
unsere Unternehmen äußerst wettbewerbsfähig und
haben weltweiten Einfluß, unser Innovations- und
Unternehmergeist suchen ihresgleichen, und die
Vereinigten Staaten stehen weiterhin an vorderster
Front der globalen Wirtschaft von heute.
Meiner Ansicht nach sind diese Leistungen gute
Modelle nicht nur für die Industrienationen, sondern
auch für die Entwicklungsländer, in denen ebenfalls
wirtschaftliche Umbrüche stattfinden.
Die Welt, einschließlich der Vereinigten Staaten, kann
von Europa auch wichtige Lektionen lernen. Der
Gesellschaftsvertrag zwischen den europäischen
Regierungen und den Arbeitnehmern und seine
Konzentration auf eine nationale Krankenversicherung,
Ausbildung der Arbeitnehmer und sozialen Zusammenhalt bei gleichzeitiger Bewahrung einer freien
demokratischen Marktwirtschaft ist ein Beispiel für die
Entwicklungsländer.
Mit anderen Worten: Wir können viel voneinander
lernen, und wenn wir weiterhin Wachstumsmotoren für
die globale Wirtschaft sind, sollten wir keine Angst
haben, den Blick für Inspirationen über den Atlantik zu
richten.
Veränderungen in Europa
Unsere Effektivität bei der Bewältigung der Herausforderungen des 2 1 . Jahrhunderts wird durch die in
Europa stattfindenden historischen Veränderungen
beträchtlich verbessert.
In den vergangenen 50 Jahren war ein Grundsatz der
amerikanischen Außenpolitik die starke Unterstützung
der europäischen Integration. Die Ereignisse der
letzten Jahre bringen uns diesem Ziel näher.
Zusammengenommen fördern die NATO-Erweiterung,
die mögliche Erweiterung der Europäischen Union und

AMERIKA DIENST 02

unsere enger werdenden Partnerschaften mit Rußland
und der Ukraine größere Stabilität und Einheit unter
allen Nationen Europas - ein Ziel, das während eines
Großteils des 20. Jahrhunderts bedauerlicherweise
schwer greifbar war.
Der Integrationsprozeß wird einen wohlhabenden und
demokratischen Kontinent fördern, der nicht nur durch
die Macht der Waffen, sondern durch die Möglichkeiten
von Frieden und Wohlstand geeint ist.
Darüber hinaus können wir durch die Ausdehnung
unserer Ziele von Sicherheit, Wohlstand und Demokratie nach Osten Konflikte in der östlichen Hälfte des
Kontinents so undenkbar machen, wie sie es im
Westen geworden sind.
Die Einführung des Euro durch die Europäische
Wirtschafts- und Währungsunion - oder EWWU - ist
ein historischer Schritt in dem Integrationsprozeß.
Eine von soliden makroökonomischen und strukturpolitischen Maßnahmen sowie offenen Märkten
unterstützte EWWU wird Wirtschaftswachstum und
Stabilität fördern und sicherstellen, daß die EU weiterhin ein entscheidender Wachstumsmotor für die
Weltwirtschaft bleibt.
Herausforderungen
Beziehungen

für

die

euroatlantischen

Bei der richtigen Bewältigung der derzeitige Finanzkrise und der Vorbereitung auf ein neues Jahrtausend
sieht sich die euroatlantische Partnerschaft mit vier
grundlegenden Herausforderungen konfrontiert.
Diese Herausforderungen wurden beim US-EU-Gipfel
im Dezember 1995 in Madrid aufgelistet, bei dem ein
neuer Rahmen für die Stärkung der amerikanischeuropäischen Beziehungen formuliert wurde - die
Neue Transatlantische Agenda (New Transatlantic
Agenda - NTA).
Die vier Ziele der NTA sind klar:
Zur Erweiterung des Welthandels und zu
engeren Wirtschaftsbeziehungen beizutragen.
Gemeinsam auf globale Herausforderungen
zu reagieren.
Frieden, Stabilität, Demokratie und Entwicklung auf der ganzen Welt zu fördern.
Stärkere Brücken über den Atlantik zu bauen.
Wie wir jedes einzelne dieser Ziele erreichen, wird
maßgeblich zu der Gewährleistung beitragen, daß das
nächste Jahrhundert ein Jahrhundert mit größerer

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�Freiheit und größerem Wohlstand für Millionen Menschen auf beiden Seiten des Atlantiks wird.
Erweiterung des Welthandels und engere Wirtschaftsbeziehungen
Die Vereinigten Staaten und die Europäische Union
sind die beiden Pfeiler des Wohlstands für die Welt.
Zweifelsohne spielt Deutschland eine entscheidende
Rolle in diesem Prozeß und ist ein starker Wachstumsmotor nicht nur für Europa, sondern auch für die Welt.
25 Prozent des Bruttoinlandsprodukts der Europäischen Union kommen aus Deutschland, das 1997 ein
BIP von über 2 Billionen Dollar hatte.
Wie unsere Volkswirtschaften funktionieren, so
funktioniert auch die Welt. Das erlegt sowohl Amerika
als auch Europa eine einzigartige Verantwortung und
Verpflichtung auf, zur Ankurbelung der globalen
Wirtschaft beizutragen, insbesondere in dieser Zeit
finanzieller Turbulenzen und Unsicherheiten.
Die Finanzkrise und die heftige öffentliche Reaktion auf
die Globalisierung bedrohen die in den vergangenen
Jahren erzielten enormen wirtschaftlichen und politischen Gewinne. Aus diesem Grund ist es so wichtig,
daß die Vereinigten Staaten und die Europäische
Union den Prozeß der Offenheit und Liberalisierung
fortsetzen, der unsere Wirtschaftsbeziehungen im
letzten halben Jahrhundert charakterisiert hat.
Die 1998 beim US-EU-Gipfel ins Leben gerufene neue
Transatlantische Wirtschaftspartnerschaft (Transatlantic Economic Partnership - TEP) bietet uns einen
Rahmen für den weiteren Abbau von bilateralen und
multilateralen Hemmnissen für internationalen Handel
und Investitionen und die Ankurbelung von weiterem
Wirtschaftswachstum.
Die TEP bietet einen Rahmen für Amerikaner und
Europäer gleichermaßen zur Erweiterung der Zusammenarbeit in unseren heikelsten Handelsbereichen. Sie beinhaltet entscheidende Sektoren für
amerikanische Unternehmer und Verbraucher und
sucht außerdem nach gemeinsamen Ansätzen zu
handelsbezogenen Umwelt- und Arbeitsfragen.
Seit Mai vergangenen Jahres haben Unterhändler der
Vereinigten Staaten und der EU einen gemeinsamen
Aktionsplan fertiggestellt, der spezifische Initiativen
festlegt, die wir im Rahmen der Partnerschaft in die
Wege leiten werden.
Dazu zählen die Definition neuer Sektoren für die
gegenseitige Anerkennung von Normen und die
Einrichtung einer Arbeitsgruppe, die versucht, die
Meinungsverschiedenheiten bei unseren Genehmigungsverfahren im Bereich der Biotechnologie auszuräumen.

Seite 4

Wir prüfen femer die Möglichkeit von Abkommen über
gegenseitige Anerkennung im Dienstleistungssektor
und haben die Prüfung gemeinsamer wettbewerbsfördernder Maßnahmen zum weiteren Abbau von
Hemmnissen in diesem wichtigen Bereich vereinbart.
Und natürlich werden wir weiterhin Maßnahmen
anstreben, die Wirtschaftswachstum und offene Märkte
fördern. Wir werden dieses Ziel sowohl bilateral über
die TEP als auch in künftigen Verhandlungen der
Welthandelsorganisation (WTO) verfolgen.
In der Tat ist es unumgänglich, daß Europa und
Amerika in der Welthandelsorganisation gemeinsam
vorgehen, um die globalen Handelsgespräche im
nächsten Jahr voranzubringen. In seinem Bericht zur
Lage der Nation forderte Präsident Clinton kürzlich "die
Welt auf, zusammen mit den Vereinigten Staaten in
eine neue Runde globaler Handelsgespräche einzutreten, um den Export von Dienstleistungen, Fertigwaren und landwirtschaftlichen Produkten zu erweitem".
In einer Zeit großer wirtschaftlicher Gefahren müssen
wir, die so viel von freiem Handel und wirtschaftlicher
Liberalisierung profitiert haben, uns weiterhin für
wirtschaftliche Offenheit und Reformen einsetzen. Es
ist unerläßlich, daß die EU ebenso wie Japan weiterhin
mehr tut, um Produkte von Ländern in wirtschaftlichen
Schwierigkeiten aufzunehmen.
Unsere Entschlossenheit wird als gutes Beispiel für die
Entwicklungsländer dienen - die wir auffordern,
entschiedene Schritte auf dem Weg zu Wirtschaftsreformen zu unternehmen -, daß die Vereinigten
Staaten und Europa nach wie vor die Absicht haben,
auf dem Kurs der wirtschaftlichen Liberalisierung zu
bleiben und als Pfeiler für Stabilität in der globalen
Wirtschaft zu dienen.
Das erlegt den Vereinigten Staaten und der Europäischen Union eine besondere Last auf, ihre eigenen
Differenzen im Bereich des Handels beizulegen. In so
vielschichtigen und umfassenden Handelsbeziehungen wie den unseren entstehen gelegentlich Probleme.
Das war der Fall bei unseren jüngsten Handelsstreitigkeiten über Bananen und hormonbehandeltes Rindfleisch. Wir dürfen jedoch nicht zulassen, daß diese
zwar nicht unerheblichen Differenzen die zahlreichen
positiven Aspekte unserer Partnerschaft überschatten.
Wir müssen die langfristigen Auswirkungen von
Handelsstreitigkeiten in Betracht ziehen. Im Falle der
Bananen hatten die Vereinigten Staaten bereits drei
Mal prozessiert und gewonnen. Aber das Versagen
der EU, eine mit den jüngsten WTO-Entscheidungen
im Einklang stehende Marktordnung einzuführen,
riskiert die Effektivität und Integrität des Streitschlichtungsprozesses der WTO zu unterminieren.

AMERIKA DIENST 02

�Der umstrittene Weg, den wir im Falle der Bananen
gegangen sind, darf bei Rindfleisch von mit Hormonen
behandeltem Vieh nicht wiederholt werden.
Die Frist für die Umsetzung der WTO-Entscheidungen
zu hormonbehandeltem Rindfleisch rückt rasch näher,
aber wir wissen immer noch nicht, wie die EU die
WTO-Entscheidung umzusetzen gedenkt. Um eine
Eskalation dieses Disputs zu vermeiden, müssen wir
jetzt Gespräche über eine gegenseitig akzeptable und
im Einklang mit der WTO stehende Lösung finden.
Wenn wir uns einig in der Überzeugung sind, daß die
WTO bei der Sicherstellung von künftigem Wohlstand
durch offene Märkte und den Abbau von Handelshemmnissen eine entscheidende Rolle zu spielen hat,
dann verdient sie unsere uneingeschränkte und
bedingungslose Unterstützung.
Die Förderung von Frieden, Stabilität, Demokratie
und Entwicklung

müssen wir weiterhin nach gemeinsamem Terrain
suchen. Im Falle Kubas beispielsweise haben wir
unsere gemeinsamen Ziele im Hinblick auf Menschenrechte und den Übergang zu Demokratie
unterstrichen und eine Vereinbarung ausgehandelt, die
zur Beilegung der Meinungsverschiedenheiten über
die amerikanische Sanktionsgesetzgebung beitragen
soll. Bezüglich des Iran haben wir einen ähnlichen
Ansatz verfolgt und konzentrieren uns auf unsere
Ablehnung von Terrorismus, die Entwicklung von
Massenvernichtungswaffen und die Ausarbeitung
eines Arrangements zur Überwindung der Meinungsverschiedenheiten über die Sanktionen. Die von uns
im vergangenen Jahr gegründete Transatlantische
Partnerschaft für Politische Zusammenarbeit (Transatlantic Partnership for Political Cooperation - TPPC)
bietet einen Mechanismus für Konsultationen zu
regionalen politischen Themen vor der Verhängung
unilateraler Sanktionen, um in Zukunft Differenzen
über diese Themen zu vermeiden.
Globale Herausforderungen

Unsere starke wirtschaftliche Zusammenarbeit wird
natürlich wenig Bedeutung haben, wenn es uns nicht
gelingt, die politische Partnerschaft zwischen den
Vereinigten Staaten und der EU effektiver zu gestalten.
Zu oft in der Zeit nach dem Kalten Krieg haben wir zu
langsam auf humanitäre, politische und finanzielle
Krisen in Europa und auf der ganzen Welt reagiert.
Wir können es uns nicht länger leisten, auf Blutvergießen oder Instabilität zu warten, bevor wir
handeln.
Ich freue mich, bei einer Reihe von Problemen Fortschritte beobachten zu können. Vom Balkan und
Nordkorea bis zum Nahen Osten und der ehemaligen
Sowjetunion arbeiten wir effektiver zusammen, um den
Frieden zu bewahren und den Ausbruch von Kriegen
zu verhindern.
Über die NATO und die OSZE haben wir maßgebliche
Schritte unternommen, um in Bosnien Frieden zu
schaffen. Obwohl wir uns auf dem Balkan immer noch
mit ernsthaften Herausforderungen für den Frieden
und die Rechtsstaatlichkeit konfrontiert sehen, ist es
offensichtlich, daß die europäische Sicherheit auf dem
Fundament einer starken und engagierten Zusammenarbeit zwischen den Vereinigten Staaten und der EU
ruht.
Ich hoffe, daß das nächste Jahrhundert eine neue,
gleichberechtigtere Partnerschaft zwischen Europa
und Amerika einleitet, so daß wir auf der ganzen Welt
gemeinsam handeln können um zu verhindern, daß
regionale Krisen zu humanitären Katastrophen und
Bedrohungen der internationalen Sicherheit werden.
Wo wir verschiedener Meinung sind, wie die Situation
in bestimmten Ländern angesprochen werden sollte,

AMERIKA DIENST 02

Als Pfeiler für internationale Stabilität tragen die
Vereinigten Staaten und die Europäische Union
natürlich eine globale Verantwortung, die weit über den
Atlantik hinweg reicht.
Während sich neue internationale Bedrohungen von
organisiertem Verbrechen und Drogenhandel bis zu
Terrorismus und Pornographie abzeichnen, müssen
wir mehr tun, um diese Probleme gemeinsam anzugehen - nicht nur für unsere eigenen Bürger,
sondern für alle Menschen.
Wie erzielen bereits Fortschritte bei der Zerschlagung
von Zuhälterringen, die Tausende von Frauen aus
Osteuropa und der ehemaligen Sowjetunion versklaven.
Und sobald die neuen europäischen Institutionen zur
Verbrechensbekämpfung ihren Betrieb aufnehmen,
können wir das internationale und organisierte Verbrechen effektiver bekämpfen. Da die EU einem
Sondergipfel zu diesem Thema im Jahr 1999 zugestimmt hat, muß dieses Thema Priorität haben und
in den nächsten Jahren angesprochen werden, damit
wir bei der Verbrechensbekämpfung praktischer und
fruchtbarer zusammenzuarbeiten.
Im Hinblick auf die Umwelt verfolgen die Vereinigten
Staaten und die EU ein gemeinsames Ziel, haben
jedoch manchmal Meinungsverschiedenheiten, wie die
Umwelt am besten geschützt werden kann.
Ein Beispiel sind die Verhandlungen über ein Protokoll
zu Biosicherheit im Februar, das die grenzüberschreitende Verbringung von gentechnisch veränderten Produkten abdeckt. Die Vereinigten Staaten
und Europa sind sich einig über das Ziel der Verhand-

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�lungen - den Schutz der globalen biologischen Vielfalt.
Wir vertreten jedoch die Auffassung, daß unsere
europäischen Handelspartner noch nicht genügend in
Betracht gezogen haben, daß der derzeitige Entwurf
für die Bestimmungen potentiell massive negative
wirtschaftliche Konsequenzen haben könnte, ohne die
Vorteile für die Umwelt zu erhöhen.
Der globale Klimawandel ist ein weiteres Schlüsselthema, bei dem wir auf gemeinsame Ziele hinarbeiten.
Ich freue mich feststellen zu können, daß wir in
Buenos Aires einen praktischen Ansatz zur Umsetzung so genannter "Flexibilitätsmechanismen" gefunden haben, wie im Protokoll von Kyoto gefordert. Das
ist ein bedeutender Schritt auf dem Weg zur Sicherstellung einer saubereren und gesünderen Welt für die
nächste Generation.
Die größte uns zur Zeit konfrontierende Herausforderung ist die Bewältigung der derzeitigen Finanzkrise. Der bevorstehende G 8-Gipfel bietet Europa
und den Vereinigten Staaten große Chancen, die
Initiativen voranzubringen, die uns die Stabilisierung
der globalen Wirtschaft bei gleichzeitiger Ankurbelung
des Wachstums gestatten.
Zum Beispiel ist es unerläßlich, daß wir Wege zur
Verbesserung der globalen Finanzarchitektur sondieren, einschließlich des Internationalen Währungsfonds
- um ein Wiederauftreten dessen zu verhindern, was
Präsident Clinton als das "Auf und Ab des Konjunkturzyklus" bezeichnet hat.
Die Administration wird jede vernünftige Option bei der
Bewältigung der langfristigen Auswirkungen der Krise
prüfen. Es wird jedoch von entscheidender Bedeutung
sein, daß wir die Entwicklungsländer in die Erarbeitung
dieser internationalen Reformen einbeziehen, auch
durch den G 22-Prozeß. Sie müssen das gleiche
Interesse an den Reformen haben, die vorgenommen
werden könnten.
In diesem Frühjahr werden die Finanzminister und
Zentralbankvorsitzenden ein breites Spektrum von
Ländern konsultieren, um Vorschläge zur Finanzarchitektur für den G 8-Gipfel zu entwickeln und den
Prozeß zu erweitem, mehr Stimmen in die Debatte
einzubringen.

gewisses Vertrauen haben, daß das soziale Netz
ihnen hilft, die durch den globalen Wandel verursachten wirtschaftlichen Störungen zu überstehen und
seine Chancen zu ergreifen.
Die Förderung von universeller Grundschulbildung,
besserem Zugang der Öffentlichkeit zu Informationen
über die globalen Märkte, kostengünstige öffentliche
Transportmittel und Versorgungsbetriebe, hohe
Arbeits- und Umweltnormen und ein starkes Engagement für die politische Entscheidungsfindung seitens
aller Sektoren der Gesellschaft sind nur einige der
Schritte, die unternommen werden müssen.
Insbesondere begrüßen wir die Unterstützung der
Weltbank und des IWF, den Ländern bei der besseren
Integration von Programmen für soziale Sicherheit und
finanzielle Stabilisierung behilflich zu sein, so daß
Krisen weniger wahrscheinlich und weniger schmerzhaft werden.
Initiativen zur Beschleunigung des Tempos unternehmerischer und finanzieller Umstrukturierungen,
Verbesserung der Entwicklungshilfe durch bilaterale
und multilaterale Institutionen und verbesserte
Handels- und Investitionschancen für Entwicklungsländer sind ebenfalls von entscheidender Bedeutung
und müssen ganz oben auf der Tagesordnung der
internationalen Gemeinschaft stehen.
Ich begrüße die von der deutschen Bundesregierung
unterbreiteten Vorschläge, die das nächste G 8Gipfeltreffen veranstaltet.
Insbesondere begrüßen wir die jüngste Initiative zum
Schuldenabbau der Bundesregierung als konstruktiven
Vorschlag im derzeitigen Schuldenrahmen.
Die
Vereinigten Staaten befürworten seit langem viele
Schlüsselelemente der deutschen Initiative, darunter
größere Schuldenreduzierungen und den Nachlaß von
Schulden zu Vorzugskonditionen im Pariser Club
sowie erhöhte Flexibilität hoch verschuldeter armer
Länder. Wie sehen den Einzelheiten erwartungsvoll
entgegen.
Darüber hinaus müssen wir den Entwicklungsländern
mit technischer Hilfe zur Handhabung des raschen Zuund Abflusses von Kapital zur Seite stehen, der zu der
aktuelle Krise beigetragen hat.

Darüber hinaus müssen wir gemeinsam die andauernden Bestrebungen der Entwicklungsländer
unterstützen, in ihre Bürger zu investieren, so daß sie
die Früchte dieses Wachstums besser verteilen
können und ein offenes und rechenschaftspflichtiges
politisches System bewahren.

Viele der von der Krise am stärksten betroffenen
Länder hatten keine gut entwickelten Finanzsysteme
mit dem erforderlichen rechtlichen Rahmen und
Regelwerk um sicherzustellen, daß das Kapital zu
seinem produktivsten Nutzer floß.

Wir sollten die Schwierigkeiten nicht unberücksichtigt
lassen, denen sich junge Demokratien und Märkte
gegenübersehen. Um die wirtschaftliche Liberalisierung weiter zu unterstützen, müssen die Bürger ein

Übermäßig viele private kurzfristige Anleihen in
ausländischen Währungen erhöhten die Anfälligkeit
der Volkswirtschaften auf Gefühlsschwankungen.
Vetternwirtschaft, Korruption und ein Mangel an

Seite 6

AMERIKA DIENST 02

�finanzieller Transparenz trugen zu einer Reihe
schlechter Investitionen und einer Schwächung der
Banken bei. Die Krise deckte Schwächen auf, veränderte die Einstellung zu künftigen Wachstumsaussichten und nährte die Unsicherheit und Panik der
Investoren, führte zu finanzieller Instabilität und
schließlich zu Rezession.
Zusammen mit einer geeigneten Steuer- und Geldpolitik liegt der Schlüssel für viele dieser Nationen in
der Verbesserung der klugen Regulierung und Überwachung der Finanzinstitutionen, erhöhter Transparenz, Offenlegung und Verbesserung der Unternehmensleitung, so daß umfangreiche Kapitalflüsse
produktiv genutzt werden können.
Wenn diese Programme richtig umgesetzt werden,
können sie maßgeblich zum Aufbau von Vertrauen
unter den internationalen Investoren beitragen und
gleichzeitig den Nationen helfen, mit dem enormen Zuund Abfluß von Kapital fertig zu werden, der ein so
unterläßliches Element der globalen Wirtschaft von
heute ist.
Darüber hinaus müssen wir eine globale Kampagne für
die Einhaltung international anerkannter Standards
guter Regierungsführung in die Wege leiten.
Dank der amerikanischen Führungsrolle hat die vor
kurzem ratifizierte OECD-Konvention zur Bekämpfung
von Bestechung bedeutende neue durchsetzbare
Standards eingeführt, um Bestechung für die Vergabe
internationaler Geschäfte unter Strafe zu stellen, das
heißt, die "Angebotsseite" transnationaler Bestechung.
Es ist auch entscheidend, daß vor allem in den
Entwicklungsländern Bestrebungen zur Inangriffnahme
der "Nachfrageseite" unternommen werden.
Die OAS-Konvention zur Bekämpfung von Korruption
sieht ferner eine Reihe von Maßnahmen zur Bekämpfung von Betrug und Korruption in Lateinamerika vor
und ist ein wichtiges Modell für die Entwicklungsländer.
Brücken bauen
Schließlich muß die euroatlantische Partnerschaft über
die Domäne der Regierung hinausgebracht und
direkter in das Leben der Europäer und Amerikaner
einbezogen werden. Aus diesem Grund arbeiten wir
auf die Einleitung eines persönlichen "Dialogs" über
Wirtschafts-, Arbeits-, Umwelt- und Verbraucherfragen
hin.

europäischen und amerikanischen Unternehmer in
einer nie zuvor gesehenen Weise in die euroatlantische Regierungsebene einbezogen. Der TABD trägt
in zunehmendem Maße zur Gestaltung der transatlantischen Handels- und Investitionsagenda bei. Vor
allem der Generaldirektor von Daimler-Benz, Jürgen
Schrempp, hat eine starke Führungsrolle im TABD
übernommen.
Diese Partnerschaft trägt bereits Früchte. Im vergangenen Jahr erlebten wir die Unterzeichnung eines
Abkommens zwischen den Vereinigten Staaten und
der EU über gegenseitige Anerkennung, das sechs
Sektoren abdecken und jährlich schätzungsweise 1
Milliarde Dollar sparen wird.
In der WTO wurden Abkommen über Finanzdienstleistungen, Telekommunikations- und internationale
Technologie abgeschlossen.
Und wir haben auch die Aufschiebung europäischer
Richtlinien erreicht, die möglicherweise Störungen in
den amerikanisch-europäischen Handelsbeziehungen
verursacht hätten.
Die Vereinigten Staaten sind sich bewußt, daß es viele
andere "Unparteiische" in den transatlantischen
Beziehungen gibt. Aus diesem Grund versuchen wir,
im Rahmen der NTA Kontakte mit Vertretern der
Verbraucher-, Arbeitnehmer- und Umweltbewegungen
zu stärken und ihren Input zu erhalten.
Ich hatte das Vergnügen, im September bei der
Einführung des Transatlantischen Verbraucherdialogs
(Transatlantic Consumer Dialogue - TACD) dabei zu
sein und sehe der offiziellen Einführung des Transatlantischen Umweltdialogs (Transatlantic Environment
Dialogue - TAED) im Frühjahr hier in Deutschland
erwartungsvoll entgegen. Zusammen mit dem transatlantischen Arbeitsdialog (Transatlantic Labor Dialogue - TALD) arbeiten diese neuen Ergänzungen der
NTA-Familie bereits drauf hin, amerikanischen und
europäischen Entscheidungsträgem Input zu wichtigen
Themen zu geben, die das Leben der Menschen auf
beiden Seiten des Atlantiks beeinflussen. Diese
Gruppen sind uns bei der Einhaltung der Genfer
Verpflichtung des Präsidenten behilflich um sicherzustellen, daß "angeregter wirtschaftlicher Wettbewerb
zwischen Nationen nie in einer Abwärtsspirale beim
Umweltschutz, Verbraucherschutz und den Arbeitsnormen enden wird".
Schlußbemerkung

Ein solcher Dialog ist der Transatlantische Wirtschaftsdialog (Transatlantic Business Dialogue - TABD), der
Mitarbeiter amerikanischer und europäischer Unternehmen zusammenbringt, um einen Konsens für
Empfehlungen zu staatlichen Aktionen zu erlangen, die
zu einem transatlantischen Markt führen, der frei von
Handelshemmnissen ist. Dieser Dialog hat die besten

AMERIKA DIENST 02

Seit 50 Jahren reichen sich die Völker Europas und
Amerikas in einer historischen Partnerschaft die Hand.
Zusammen haben wir dazu beigetragen, daß dieser
Kontinent eine beständige Zukunft mit Freiheit, Demokratie und wirtschaftlichen Chancen hat. Der Erfolg
unserer Unternehmungen ist offensichtlich.

Seite 7

�Heute sehen wir uns einer völlig neuen Reihe von
Herausforderungen gegenüber. Und wieder einmal
sehen wir uns mit der furchteinflößenden Verantwortung konfrontiert, als Pfeiler der Stabilität für die
Völker der Welt zu dienen. Dies ist keine Zeit für
Amerika und Europa, sich auf ihren Lorbeeren auszuruhen oder sich vor den vor ihnen liegenden Herausforderungen zu drücken.

Wir können und müssen sicherstellen, daß die euroatlantische Partnerschaft das Fundament der globalen
Bewegung zu größerer Freiheit und zunehmenden
Wirtschaftschancen bleibt. Wenn wir zusammenarbeiten, wie wir es in der Vergangenheit getan haben,
habe ich keine Zweifel, daß dieses Ziel im kommenden
Jahrhundert eine aufregende Realität wird.
Ich danke Ihnen.

* * * * *

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AMERIKA DIENST 02

�USA-EUROPA
10. Februar 1999

Der Aufbau einer transatlantischen Partnerschaft
für das 21. Jahrhundert
von Thomas R. Pickering und Stuart E. Eizenstat

WASHINGTON - (AD) - Thomas R. Pickering ist Staatssekretär für politische Angelegenheiten und Stuart E.
Eizenstat Staatssekretär für wirtschaftliche, unternehmerische und landwirtschaftliche Angelegenheiten im USAußenministerium.

Europas einheitliche Währung - der Euro - wurde in
dieser Woche aus der Taufe gehoben. Mit 11 "Gründungsmitgliedern" ist die Europäische Wirtschafts- und
Währungsunion (EWWU) eine historische Leistung,
die vor nur wenigen Jahren noch undenkbar war. Sie
verdient unsere Unterstützung, weil sie ein Symbol der
Stabilität zu einer Zeit globaler finanzieller Unsicherheit
sein kann. Sie ist auch bis heute das prominenteste
und konkreteste Beispiel, daß die europäische Integration vorankommt und die europäischen Partner
bereit sein könnten, auf ihrem Kontinent geschlossener
und auf der Weltbühne zusammen mit den Vereinigten
Staaten effektiver zu handeln.
Diese Aussicht untermauert die historische Einführung
des Euro, die wir begrüßen. Die Unterstützung der
europäischen Integration ist seit Jahrzehnten ein
Merkmal der amerikanischen Außenpolitik. Demokratische und republikanische Administrationen gleichermaßen vertreten die Auffassung, daß ein politisch und
wirtschaftlich geeintes Europa besser in der Lage sein
würde, unsere gegenseitige Sicherheit, unseren
Wohlstand und unsere demokratischen Werte zu
fördern. Eine einheitliche europäische Währung ist die
logische Vervollständigung eines gemeinsamen
europäischen Marktes. Und eine einheitliche europäische Währung, die die Aufmerksamkeit Europas auf
die Erlangung von Wirtschaftswachstum lenkt, zu
globaler Finanzstabilität beiträgt und einen offenen
kontinentalen Markt konsolidiert, kann gut für die
Vereinigten Staaten und gut für die Welt sein. Schon
die Aussicht auf die EWWU wirkt als wichtiger Anreiz
für Länder, ihr wirtschaftliches Haus in Ordnung zu
bringen - zum Vorteil Europas und der Vereinigten
Staaten.

AMERIKA DIENST 02

Darüber hinaus sind die elf Länder, die jetzt die
Wirtschafts- und Währungsunion bilden, Teil eines
noch ehrgeizigeren Unternehmens.
Anfang des
nächsten Jahrhunderts wird die Europäische Union
wahrscheinlich eine Bevölkerung von einer halben
Milliarde mit einem Territorium vom Atlantik bis nach
Rußland und vom Schwarzen Meer und dem Mittelmeer bis zur Ostsee und der Arktis haben. Ihre
Volkswirtschaft wäre im Hinblick auf das Bruttoinlandsprodukt beträchtlich größer als unsere. Es liegt in
unserem Interesse, eng mit Europa zusammenzuarbeiten, während sich dieser umfassende Prozeß
der Integration und Erweiterung vollzieht, und auf
diesen Veränderungen aufzubauen, um eine Tagesordnung des 2 1 . Jahrhunderts für die transatlantische
Partnerschaft zu erarbeiten.
Wir haben bereits einen guten Anfang gemacht. Vor
drei Jahren antizipierten Präsident Clinton und die
Staats- und Regierungschefs der Europäischen Union
diese Veränderungen durch die Einführung der Neuen
Transatlantischen Agenda (NTA). Die NTA ist ein
flexibler, nach vorne gerichteter Prozeß der Zusammenarbeit, der eine ehrgeizige Reihe gemeinsamer Aktionen zwischen Europäern und Amerikanern
voranbringt - in Europa, über den Atlantik hinweg, auf
der ganzen Welt, im Cyberspace und im Weltall.
Gemeinsam bauen wir globale Wirtschaftshemmnisse
ab und fördern Frieden auf dem westlichen Balkan, der
koreanischen Halbinsel und im Nahen Osten. Gemeinsam fördern wir die nukleare Sicherheit in der
Ukraine und Rußland, reagieren auf die Verwüstungen
durch Hurrikane in Mittelamerika, verhindern, daß
Zuhälterringe in Osteuropa mit Frauen handeln und

Seite 1

�verteidigen die Menschenrechte in Kuba, Burma und
auf dem Balkan. Gemeinsam mildem wir die Armut in
Afrika, stoppen Kinderpornographie im Internet,
entwickeln ein globales Frühwarnsystem für übertragbare Krankheiten und erfüllen weltweit humanitäre
Bedürfnisse. Und gemeinsam verhindern wir die
nukleare Weiterverbreitung und bekämpfen Verbrecher, Terroristen und Drogenhändler, wo immer sie
sein mögen.
Das neue Europa bringt reale Ressourcen in die
Außenpolitik ein und ermöglicht einige unserer wichtigsten Initiativen. Das vorgeschlagene neue Hilfspaket
der EU für die Palästinenser in Höhe von 1,9 Milliarden
Dollar ist für den Friedensprozeß von elementarer
Bedeutung. Die Hilfe der EU für Osteuropa - einschließlich Bosniens - ist in realen Dollarzahlen
ebenso hoch wie der Betrag, den wir Westeuropa
unter dem Marshallplan gegeben haben. 90 Prozent
der gesamten humanitären Hilfe auf der Welt entfallen
auf die Vereinigten Staaten und die EU zusammengenommen - und wir koordinieren unsere Bestrebungen, das Geld, das wir ausgeben, effektiver auszugeben.
Die Vereinigten Staaten und Europa haben die umfassendsten Wirtschaftsbeziehungen der Welt - zusammengenommen beläuft sich unser Handels- und
Investitionsvolumen pro Jahr auf 2 Billionen Dollar.
Über 7 Millionen Amerikaner verdanken heute dem
transatlantischen Handel ihren Arbeitsplatz. Europa ist
der größte ausländische Investor in 41 der 50 Bundesstaaten; allein die europäischen Investitionen in Texas
übersteigen die amerikanischen Investitionen in Japan.
Über 60 Prozent aller durch internationale Investoren
in den Vereinigten Staaten geschaffenen Arbeitsplätze
sind auf die europäischen Investitionen zurückzuführen. Und die europäischen Investoren zahlen durchschnittlich 34 Prozent höhere Löhne und Gehälter als
ihre amerikanischen Kollegen. Jeder 12. amerikanische Fabrikarbeiter hat einen Arbeitsplatz in einem
Betrieb, der in europäischem Besitz ist.
Wir haben Handelsbeziehungen in Höhe von 300
Milliarden Dollar mit hohen Löhnen, hoher Beschäftigung und strengen Umweltsnormen sowie offenem,
nichtdiskriminierendem Zugang zum Markt des jeweils
anderen Landes. Die Beziehungen zwischen den
Vereinigten Staaten und der EU waren entscheidend
für die jüngsten multilateralen Handelsabkommen über
Telekommunikations- und Informationstechnologie in
Höhe von rund 1 Billion Dollar. Gemeinsam haben wir
die Kosten der Regulierung für unsere Exporteure in
Sektoren gesenkt, die Handel in Höhe von 57 Milliarden Dollar jährlich abdecken.
Eine wachsende
Europäische Union bedeutet Chancen für amerikanische Unternehmen und Arbeitsplätze für amerikanische Arbeitnehmer. In einer Zeit globaler finanzieller
Unsicherheit, steigender Handelsdefizite und Zweifeln

Seite 2

an Globalisierung und Handel sind dies Wirtschaftsbeziehungen, die funktionieren.
Aus diesem Grund sehen wir den Euro nicht als eine
Bedrohung, sondern als ein wichtiges Zeichen, daß
sich unsere europäischen Partner ihrer Verantwortung
bewußt sind, als Motoren für Wachstum, Finanzstabilität und offene Märkte mit uns zusammenzuarbeiten. Beim Gipfeltreffen vom 18. Dezember
verpflichteten sich Präsident Clinton und die Staatsund Regierungschefs der EU zur Zusammenarbeit, um
das multilaterale Handelssystem zu stärken und die
Ratifizierung des Abkommens über Finanzdienstleistungen der Welthandelsorganisation (WTO) durch
alle WTO-Mitglieder bis Ende dieses Monats anzustreben. Wir stimmten überein, gemeinsam die
Empfehlungen der G 7 vom 30. Oktober zur Stärkung
des internationalen Finanzsystems umzusetzen. Und
im Rahmen der Neuen Transatlantischen Partnerschaft haben wir eine ehrgeizige Reihe bilateraler
Verhandlungen zum Abbau von Handelshemmnissen
und zur Verbesserung der Zusammenarbeit bei
Regulierungsfragen in einem Dutzend Bereichen von
Biotechnologie, Dienstleistungen und Nahrungsmittelhygiene bis zu handelsbezogenen Arbeits- und
Umweltproblemen eingeleitet.
Unsere Handelsbeziehungen zu Europa sind insgesamt stark und positiv. Dennoch gibt es Probleme.
Eines davon sind Bananen. GATT- und WTO-Gremien
haben immer wieder Beschlüsse gegen die EU
erlassen, aber sie hat ihre Märkte für den Bananenhandel im Einklang mit ihren internationalen Verpflichtungen nicht geöffnet. Es geht jedoch um mehr
als Bananen - es geht um die Integrität und Effektivität
der WTO als einem Forum zur Schlichtung von
Handelsstreitigkeiten. Wir werden unsere Interessen
in dieser Angelegenheit weiterhin vertreten. Gleichzeitig werden wir mit Europa bei der Lösung anderer
Probleme und im umfassenderen Sinne bei Initiativen
zur Gestaltung der künftigen multilateralen Handelsliberaiisierung zusammenarbeiten.
Es bleibt dabei, daß unser Ansatz zur Weiterentwicklung der EWWU von zwei einfachen Prämissen geleitet
ist. Wir sind davon überzeugt, daß die Integration in
Europa - ebenso wie die Integration andernorts - den
betroffenen Ländern bei der Überwindung der traditionellen Grenzen von Gewohnheit und Geschichte,
Geografie und Kultur helfen sollte. Sie sollte nach
außen, nicht nach innen gerichtet sein. Natürlich
werden wir daran arbeiten sicherzustellen, daß die
Integration der neuen Mitgliedstaaten auf eine Weise
geschieht, die nicht den amerikanischen Wirtschaftsinteressen schadet. Unsere Strategie wird jedoch
darin bestehen, die Integration zu fördern. Wir arbeiten mit den Ländern zusammen, die eine EU-Mitgliedschaft anstreben, um fairen Marktzugang für amerikanische Firmen zu gewährleisten, selbst während sie
die Zollschranken zur EU abbauen. Die logische

AMERIKA DIENST 02

�Konsequenz ist, daß Zusammenarbeit innerhalb der
Regionen die Zusammenarbeit zwischen den Regionen und das umfassendere multilaterale System
stärken sollte. Dies ist das Leitprinzip der amerikanischen Bestrebungen in der NAFTA und im APEC
sowie unserer derzeitigen gemeinsamen Anstrengungen im Rahmen der Transatlantischen Wirtschaftspartnerschaft. Diese Betonung von Offenheit - offene
Einstellung und offener Zugang - stärkt unsere Hoffnungen für die Europäische Union und gelegentlich
auch unsere Sorge darüber.
Wir streben eine effektivere Partnerschaft mit einem
Europa an, das bei drängenden internationalen Fragen
umgehend handeln kann. Wir sehen der Zusammenarbeit mit der deutschen Präsidentschaft der EU in
diesem Frühjahr bei der Ausarbeitung von Wegen
erwartungsvoll entgegen, wie wir bei der Bewältigung
plötzlicher Krisen, Beilegung unserer Differenzen bevor sie unsere Fähigkeit zur Zusammenarbeit
beeinträchtigen - und Verbesserung unserer gemeinsamen Bestrebungen zur Abwehr entstehender
Bedrohungen und Lösung globaler Fragen besser zusammenarbeiten können. Wenn unsere Partnerschaft

gut funktioniert, können die Vereinigten Staaten und
Europa wirklich Wegbereiter für globalen Frieden und
Wohlstand sein.
Fazit: Unsere Partnerschaft mit Europa bewirkt reale
Dinge für reale Menschen. Sie schafft Arbeitsplätze.
Sie fördert Investitionen. Sie verringert die Bedrohungen durch Verbrechen, Terrorismus, Weiterverbreitung, Drogen und Krankheiten. Sie erhöht unsere
Sicherheit und verringert die Kosten der Wahrung
dieser Sicherheit für den amerikanischen Steuerzahler.
Wenn sie gut funktioniert, versetzt sie uns in die Lage,
Ziele zu erlangen, die wir alleine nicht erreicht hätten.
Funktioniert sie nicht, kann sie in eine Sackgasse und
eine daraus resultierende Krise führen. Das aktive
Engagement von Privatpersonen, der Wirtschaft und
philanthropischen Organisationen und die vom
Kongreß und den amerikanischen Bundesstaaten
übernommene Führungsrolle werden wesentlich für
den Aufbau einer transatlantischen Partnerschaft für
das 21. Jahrhundert sein, die sich derjenigen als
würdig erweist, die unser Bündnis vor einem halben
Jahrhundert ins Leben gerufen haben.

* * * * *

Originaltext: Building a transatlantic partnership for the 21 st Century

AMERIKA DIENST 02

Seite 3

�TECHNOLOGIE

10.Februar 1999

Der Stand der amerikanisch-europäischen Beziehungen
beim Datenschutz: Verbraucherschutz und Arbeitsplatzsicherung in der Informationsgesellschaft
Rede von Staatssekretär Aaron

FRANKFURT - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede, die der Staatssekretär für internationalen
Handel im US- Wirtschaftministerium, David L. Aaron, am 28. Januar im Amerika Haus in Frankfurt gehalten hat.

Guten Morgen. Ich freue mich, heute hier zu sein und
über eines der grundlegendsten und wertvollsten
Rechte der freien Bürger auf beiden Seiten des
Atlantiks sprechen zu dürfen: Den Schutz der Privatsphäre.
Das Recht auf Privatsphäre hat zunehmend wirtschaftliche wie auch persönliche und gesellschaftliche
Bedeutung angenommen. Über diese neue Dimension möchte ich heute sprechen.
Die Vereinigten Staaten und die Europäische Union
suchen nun schon seit einiger Zeit nach einer transatlantischen Lösung für die unterschiedlichen Ansichten zum Schutz persönlicher Information. Ich bin
heute Morgen hier bei Ihnen, weil es an der Zeit
ist, Sie einzubeziehen.
Vor kurzem traf ich mich mit dem Geschäftsführer
einer großen europäischen Firma, die hohe Beträge in
den Vereinigten Staaten und Milliarden von Euros in
den Bereichen elektronischer Handel und Datenschutz
investiert hat. Er sagte mir, er sei sehr über die
Auswirkungen des Datenschutzrechts der EU auf
seine Geschäfte in den Vereinigten Staaten und in der
Europäischen Union besorgt. Als ich ihn fragte, was
er denn dagegen tue, antwortete er, er vertraue zur
Lösung seiner Probleme auf mich.
Ich fühle mich geschmeichelt. Aber ich kann natürlich
keinerlei Lösung finden, wenn nicht Sie und Menschen
wie Sie daran mitarbeiten. Und jetzt ist es an der Zeit
dafür.

AMERIKA DIENST 02

Ich bewundere die Tatkraft, mit der Europa sich des
Datenschutzes annimmt. Die Achtung der Privatsphäre ist auch in der amerikanischen Mentalität tief
verankert. Viele Europäer kamen eben deshalb nach
Nordamerika, weil sie sich von der Einmischung des
Staates befreien wollten. Und sie fanden diese
Freiheit auch. Während der ersten 300 Jahre der
Besiedelung durch Europäer konnte die absolute
Achtung der Privatsphäre ganz einfach erreicht
werden, indem man weiter in den unerschlossenen
Westen vordrang.
Daniel Boone, ein berühmter amerikanischer Pionier,
reiste noch bis er über 80 Jahre alt war ständig weiter
gen Westen. Er ließ sich nur dann nieder, wenn er,
wie er sagte, den Rauch aus einer anderen Hütte
über den Hügeln nicht mehr erkennen konnte.
Leider läßt sich Einsamkeit heute nicht mehr so leicht
finden. Aber die nationale Besessenheit der Amerikaner mit der Privatsphäre besteht weiterhin. Der
Schutz der Privatsphäre wird im Wesentlichen durch
den ersten und vierten Verfassungszusatz garantiert
und durch weitere, individuelle Rechte schaffende
Bestimmungen unterstützt. Das Prinzip ist in unseren
Gesetzen fest verankert und durch die Rechtsprechung bestätigt worden.
Der große amerikanische Jurist Louis Brandeis
schrieb: "Privatsphäre ist das Recht alleine zu sein das umfassendste aller Rechte, und das Recht, das
von zivilisierten Menschen am meisten geschätzt
wird."

Seite 1

�Aber die Privatsphäre kann nicht mehr allein durch
räumliche Trennung garantiert werden. Ein Jahrhundert des technologischen Fortschritts hat unseren
persönlichen Freiraum ständig verkleinert - wie die
Besiedelung einst unsere geographische Isolation
verringerte.

Es ist heute technisch möglich, fast alles über unsere
Nachbarn in Erfahrung zu bringen - und unsere
Nachbarschaft ist die Welt. Die Frage lautet nicht
mehr: Können wir die Information bekommen? Sie
lautet vielmehr: Sollte es erlaubt sein, jede technologisch erfaßbare Information zu sammeln? Und dann
weiter: Wie sollten wir die gesammelte Information
nutzen dürfen?
Diese Fragen sind, wie wir in den Vereinigten Staaten
sagen, zweischneidig. Einerseits drohen umfassende
moderne Datenbanken und der unkomplizierte
sofortige Zugriff den Schutz der Privatsphäre völlig zu
unterminieren. Andererseits ist genau diese Information der Schlüssel zur Umsetzung des riesigen
Potentials des elektronischen Handels. Die Zahl der
Nutzer des Internets verdoppelt sich alle 100 Tage.
Es geht hier nicht um Schutz der Privatsphäre einerseits oder elektronischen Handel andererseits.
Unsere Erfahrung hat bisher gezeigt, daß der Schutz
der Privatsphäre wesentlich für den Erfolg des
elektronischen Handels ist. Niemand wird persönliche
Informationen im Internet angeben, ohne eine gewisse
Garantie der Vertraulichkeit zu erhalten. Wenn wir
also die Vorteile des elektronischen Handels nutzen
wollen, müssen wir den Datenschutz sicherstellen.
Wir suchen
Kompromiß
simultanen
Schutz der
Information
bewahrt.

nicht nach einem Ausgleich oder einem
- es ähnelt mehr einer Lösung von zwei
Gleichungen - einer Lösung, die den
Privatsphäre garantiert und gleichzeitig
als die Währung des 21. Jahrhunderts

Die Europäische Union hat ihre Lösung gefunden - die
im Oktober in Kraft getretene Richtlinie zum Datenschutz.
Die Richtlinie ist ein umfassendes
Verwaltungs- und Regulierungsprogramm zur Kontrolle aller Aspekte der Erfassung und Verbreitung
persönlicher Daten. Aus globaler Sicht ist der wichtigste Teil das Verbot, persönliche Daten an Drittländer
weiterzugeben, die keinen "angemessenen" Datenschutz anbieten.

Teilweise hat man sich in der EU gefragt, ob der
Datenschutz der Vereinigten Staaten "angemessen"
sei - ob der Datentransfer über den Atlantik abgebrochen und der Handel damit unterbrochen werden
könnte.

Seite 2

Das wäre eine destruktive und absolut unnötige Folge
der EU-Datenschutzrichtlinie. Die Vereinigten Staaten
haben ebenfalls Bestimmungen zum Datenschutz, die
ihren Bürgern einen weitreichenden und effektiven
Schutz der Privatsphäre bieten. Sie unterscheiden
sich von denen der EU hauptsächlich in formaler
Hinsicht. Die EU- Richtlinie zum Datenschutz würde
ich eine von oben nach unten gerichtete Vorgehensweise nennen - einen Rechts- und Regulierungsrahmen, der von unabhängigen Datenschützern
unterstützt wird.
Im Gegensatz dazu wurde der amerikanische Datenschutz von unten herauf aufgebaut und auf konkrete
Situationen ausgerichtet. Er ist eine Mischung aus
Gesetzen, Regelungen und freiwilliger Selbstkontrolle
- unterstützt durch die nationale und staatliche
Betrugsgesetzgebung und den Ausschuß zur Bekämpfung unlauteren Wettbewerbs. Er wird dem
technologischen Wachstum und dem steigenden
Potential für den Eingriff in die Privatsphäre ständig
angepaßt und erweitert.
Warum ein so dezentralisiertes und vielschichtiges
System? Offen gesagt ist es eine große amerikanische Tradition, der Regierung zu mißtrauen. Der
Gedanke eines umfassenden Regierungsplans,
ausgeführt von einem unabhängigen Datenschützer,
der über unsere Rechte entscheidet, wurde als
Eindringen in die Privatsphäre der Amerikaner
abgelehnt.
Im Übrigen sind wir der Auffassung, daß man den
Datenschutz gegen den Schutz des freien Informationsflusses abwägen muß - ebenfalls ein grundlegendes, durch unsere Verfassung garantiertes Recht
unserer Demokratie.
In einer Studie des US-Wirtschaftsministeriums von
1982 kamen wir zu dem Schluß, daß "die Gesetze,
die die Prinzipien des Datenschutzes in den Vereinigten Staaten umsetzen, sich auf verschiedenen
Ebenen der Gerichtsbarkeit herausgebildet haben, die
unser pragmatisches, pluralistisches System widerspiegeln. Ein Großteil der Gesetzgebung geht auf die
verfassungsmäßige Beschränkung der Regierungsbefugnisse sowie auf das ungeschriebene Recht des
Einzelnen "in Ruhe gelassen zu werden" zurück. Das
Endergebnis ist ein extrem vielschichtiges System,
welches trotz allem ein weitreichendes Netz für den
Schutz des Einzelnen bietet."
Dieses System beinhaltet Hunderte von Gesetzen
über bestimmte Bereiche der Privatsphäre, die
teilweise sogar über das Niveau des Datenschutzes in
einigen europäischen Ländern hinausgehen. Das
Gesetz zum Datenschutz bei elektronischer Kommunikation von 1986 zum Beispiel macht eine unabhängige Überprüfung und die Zustimmung eines Gerichts

AMERIKA DIENST 02

�erforderlich, bevor die Polizei in den Vereinigten
Staaten Zugriff auf Mitteilungen von Internetnutzern
erhält. In einigen europäischen Ländern benötigen die
Strafverfolgungsbehörden vor dem Zugang zu der
Information eine solche Zustimmung oder Überprüfung nicht. Erst letzte Woche äußerte sich Präsident Clinton in seinem Bericht zur Lage der Nation
besorgt über Belange des Datenschutzes und schlug
eine umfassende Gesetzgebungsinitiative vor mit dem
Ziel, die medizinischen Unterlagen aller amerikanischen Bürger zu schützen. Dies käme zu einer
Reihe von vor kurzem verabschiedeten Gesetzen
hinzu, wie beispielsweise:
•

Die Datenschutzbestimmungen des Gesetzes
über Kabelverbindungen von 1984
Das Gesetz über Computeranpassung und
das Datenschutzgesetz von 1988

•

Die Reform des Gesetzes über die Benachrichtigung über Verbraucherkredite von 1996
Das Gesetz zum Schutz der Daten von
Autofahrern von 1994

•

und das Gesetz zum Schutz der Daten von
Kindern im Internet von 1998

Ich könnte noch mindestens ein halbes Dutzend
weitere nennen. Alle haben zwei Dinge gemeinsam.
Jedes Gesetz benennt eine konkrete Situation und
jedes wurde als Reaktion auf die neue Bedrohung der
Privatsphäre durch den technologischen Fortschritt
verabschiedet. Unsere zielgerichtete Vorgehensweise
ermöglicht es uns, flexibel jeden neuen potentiellen
Eingriff zu verfolgen und dagegen vorzugehen. Der
technologische Fortschritt wird dadurch allerdings
nicht behindert - ebensowenig wie die damit einhergehenden wirtschaftlichen Vorteile.
Diese Gesetze werden noch untermauert von einer
starken und effektiven Tradition der Selbstkontrolle.
Einer Selbstkontrolle, die einigen unter Ihnen und das soll jetzt kein Witz sein - fremd sein mag, aber Verhaltenskodizes der Selbstkontrolle, die vor
allem von Handels- oder Berufsverbänden entwickelt
wurden, sind ein wichtiger Teil des amerikanischen
Datenschutzsystems. Diese Organisationen erteilen
Unternehmen, die sich zu dem Kodex bekennen, eine
Art "Qualitätssiegel".
Die Verbraucher orientieren sich an diesen Siegeln als
Merkmale für Qualität und Integrität. Sie schützen
Verbraucherinteressen in vielen Bereichen des
amerikanischen Lebens, von Produktionsstandards
über Versicherungen bis hin zu Gesichtspunkten der
Umweltverträglichkeit. Hier kennen Sie bestimmt das
CEC-Qualitätssiegel für Spielzeug. Diese "Qualitäts-

AMERIKA DIENST 02

siegel" werden im Rahmen des elektronischen
Handels von besonderer Bedeutung sein, da die
Verbraucher sich dort nicht auf die normalerweise
vorhandenen physischen Hinweise verlassen können,
mit denen man sonst die Verläßlichkeit eines Geschäftspartners einschätzt.
Wir begannen den Dialog mit der Europäischen
Kommission also letztes Jahr mit Vertrauen in die
Angemessenheit unseres Datenschutzes. Bereits zu
Beginn einigten wir uns auf zwei gemeinsame Ziele die Stärkung der Privatsphäre der Menschen auf
beiden Seiten des Atlantiks und die Aufrechterhaltung
des Datenflusses. Als ersten Schritt verglichen wir die
Richtlinie mit den Prinzipien, auf denen der Schutz der
Privatsphäre in den Vereinigten Staaten basiert. Wir
waren uns einig, daß unsere Ziele zu 90 Prozent
übereinstimmen.
Die Aufgabe besteht darin, die Unterschiede in
unseren Vorgehensweisen zu überbrücken. Ein
Durchbruch wurde mit der Anerkennung der Kommission und der Mitgliedstaaten erzielt, Selbstkontrolle
könne als effektiver Datenschutz dienen.
Die EU sah sich schwerwiegenden Fragen gegenüber.
Was sind die Regeln der freiwilligen Selbstkontrolle?
Welche Strafen gibt es bei Nichteinhaltung?
Seien Sie versichert, es gibt sie, die Regeln der
freiwilligen Selbstkontrolle. Erstens ist sich der private
Sektor bewußt, daß die Kodizes stark sein müssen,
denn sonst werden sie durch Gesetze oder Verordnungen ersetzt.
Zweitens:
Unsere Online-Datenschutzverbände
können und werden die "Siegel" bei Verstößen
aberkennen, die Betroffenen ausschließen oder
beides.
Drittens werden diese Programme zur
Durchsetzung der freiwilligen Selbstkontrolle durch die
Kompetenzen des Ausschusses zur Bekämpfung des
unlauteren Wettbewerbs verstärkt - und durch die
Justizminister der 50 Staaten und deren Verbraucherschutzgesetze.
Diese Gesetze ermöglichen die
strafrechtliche Verfolgung von Unternehmen wegen
irreführender Geschäftspraktiken, was Verstöße
gegen die freiwillige Selbstkontrolle mit einschließt.
Unternehmen können wegen Verstößen gegen die
freiwillige Selbstkontrolle mit schweren, sogar zum
Ruin führenden Strafen geahndet werden und wurden
es bereits.
Aufgrund der Fortschritte bei unseren Diskussionen
unterbreitete die Regierung der Vereinigten Staaten
einen Vorschlag, von dem wir glauben, daß er die
Unterschiede in unseren verschiedenen Systemen
überbrücken kann. Wir schlagen die Schaffung eines
sogenannten "sicheren Hafens" für amerikanische

Seite 3

�Unternehmen vor, die sich an eine Reihe von gegenseitig annehmbaren Prinzipien halten.

des US-Wirtschaftsministeriums und, nicht zuletzt,
den Prinzipien der EU-Richtlinie selbst.

Bei jeder Organisation, die sich die Prinzipien des
sicheren Hafens zu eigen macht, würde man von
einem angemessenen Datenschutz ausgehen. Der
Datentransfer von der Europäischen Gemeinschaft zu
diesen Unternehmen könnte weiterhin stattfinden. Zur
Durchsetzung der Prinzipien gibt es ein Streitschlichtungsverfahren, unterstützt von harten rechtlichen
Sanktionen des Ausschusses zur Bekämpfung des
unlauteren Wettbewerbs gegen Amerikaner, die sich
eines Verstoßes schuldig machen.

Und wo befinden wir uns nun in unseren Diskussionen? Offen gesagt sind wir noch nicht dort, wo wir,
wie beide Seiten wissen, eigentlich sein müßten.

Duch die Grundsätze des sicheren Hafens werden
eine Reihe von Zielen erreicht. Sie stellen den Schutz
der Privatsphäre europäischer Bürger sicher. Sie
bieten einen berechenbaren und kostengünstigen
Rahmen für den Austausch von Daten zwischen den
Vereinigten Staaten und den privaten Sektoren in
Europa. Gleichzeitig wird jedoch genug Flexibilität
beibehalten, so daß weder der ungehinderte Fluß
wirtschaftlicher Informationen noch die Entwicklung
neuer Technologien behindert wird.
Die Prinzipien des sicheren Hafens decken sieben
grundlegende Elemente des Datenschutzes ab.
Lassen sie mich kurz auf die Schlüsselelemente
eingehen:
•

Erstens haben wir die "Benachrichtigung", die
es dem Einzelnen ermöglicht, sich darüber zu
informieren, welche Art von Informationen
über ihn gesammelt und wofür sie genutzt
werden.
Zweitens gibt es die "Wahlmöglichkeit" durch
die der Einzelne das Recht erhält zu entscheiden, ob Informationen herausgegeben
und wie persönliche Informationen genutzt
werden darf, einschließlich der Nutzung für
einen anderen als den ursprünglich vorgesehenen Zweck.

•

Drittens "Zugang": Hierdurch erhält der Einzelne angemessenen Zugriff auf über ihn
gesammelte Informationen mit der Möglichkeit, Fehler zu korrigieren.

•

Und schließlich die "Durchsetzung", die, wie
ich bereits erwähnte, auf der durch Sanktionen unterstützten Streitschlichtung beruht.

Diese Grundsätze basieren auf den Prinzipien der
OECD von 1980, den Kodizes der freiwilligen Selbstkontrolle der in den Vereinigten Staaten existierenden
Online-Datenschutzorganisationen, unserer Gesetzgebung, den Prinzipien des effektiven Datenschutzes

Seite 4

Ein Teil des Problems besteht darin, daß nur wenige
EU-Staaten die Datenschutzrichtlinie bisher in nationale Gesetze und Verordnungen umgesetzt haben.
Beide Seiten haben mit der neuen Thematik Schwierigkeiten. Wie zum Beispiel gehen wir mit neuartigen
Informationsaufzeichnungen um wie "dick stream
data", den Informationsspuren, die durch jeden
Mausklick im Internet hinterlassen werden? Oder
"Cookies" - Daten, die entstehen, wenn ein Computernutzer eine Online-Webseite aufruft.
Die EU-Behörden möchten ebenfalls wissen, wer die
Überwachung der amerikanischen Unternehmen zur
Einhaltung der Prinzipien sicherstellen wird. Europa
allerdings hat eine solche Überwachungslast nicht.
Stellen unterschiedliche Maßstäbe bei der Überwachung eine Diskriminierung der amerikanischen
Firmen dar? Das wäre inakzeptabel.
Der Zugang des Einzelnen zu persönlichen Informationen ist ein weiterer Streitpunkt. In Europa wird der
Zugriff als uneingeschränktes Recht angesehen.
Allerdings erhalten europäische Unternehmen nur
wenige Verbraucheranfragen nach Information obwohl die Richtlinie dies bald ändern könnte.
In den Vereinigten Staaten sind wir der Auffassung,
daß der Zugang für den Schutz der Privatsphäre von
elementarer Bedeutung ist. Aber Amerikaner, vielleicht weil wir streitlustiger und bestimmter sind,
reichen viele Informationsanfragen ein. Wir mußten
also unseren Ansatz ändern. Wir schlagen einen
"vernünftigen Zugang" als Standard vor. Der Zugang
würde in den Fällen gewährt, in denen die Informationen für den Verbraucher wirtschaftlich oder persönlich
wichtig sind. Die Anfragen werden dann je nach
Bedeutung für den Einzelnen, der Einfachheit des
Wiederauffindens und den Kosten für das Unternehmen ausgewertet. Dies wäre zumindest teilweise ein
Schutz gegen Anfragen, die aus reiner Neugier - oder
auch aus Boshaftigkeit - eingereicht werden.
Ich bin der Meinung, daß unsere Differenzen, was den
Zugang angeht, nicht von grundlegender Bedeutung
sind - wir sind uns beide einig, daß der Zugriff auf
wichtige oder heikle Informationen für den Schutz der
Privatsphäre entscheidend ist. Dies ist ein weiterer
Bereich, in dem unsere Unterschiede offensichtlich
überbrückbar sind.

AMERIKA DIENST 02

�Der Schlüssel für weitere Fortschritte ist Flexibilität wie auch die volle Anerkennung, daß es das Ziel
beider Seiten ist, den Schutz der Privatsphäre zu
stärken. Wir und die Kommission sind diese Angelegenheit im Geiste eines gemeinsam zu regelnden
Problems angegangen, nicht wie einen Prozeß der
Konfrontation, wie beispielsweise die Beilegung eines
Handelsdisputs. Der Grund hierfür liegt in unserem
beiderseitigen enormen Interesse an einem positiven
Ausgang.
Das hohe Handelsvolumen zwischen den Vereinigten
Staaten und der EU und die Milliarden von Euros, die
unsere Unternehmen in die jeweils anderen Märkte
investiert haben, sind entscheidend auf einen ununterbrochenen Datenfluß angewiesen.
Eine Unterbrechung wäre nicht nur für die Wirtschaftsinteressen
der Vereinigten Staaten hier schädlich, sondern würde
auch die europäischen Firmen bei der Weitergabe der
für den Betrieb ihrer Unternehmen in den Vereinigten
Staaten nötigen Informationen behindern. Zu solchen
grundlegenden Funktionen gehören Buchhaltung,
Finanztransaktionen, und sogar persönliche Aktivitäten könnten sehr viel umständlicher, wenn nicht
sogar illegal werden.
Im Übrigen wäre, praktisch gesehen, ein Aufhalten
des Informationsflusses zwischen Millionen einzelner
Computer mit dem Versuch vergleichbar, eine digitale
Flutwelle zurückzuhalten. Es ist einfach unmöglich.
Wenn wir andererseits keine Lösung finden, könnten
die EU-Datenkommissare mit Beschwerden über
Verstöße überschüttet werden. Die Zivilgerichte
könnten mit Prozessen über Themen wie Einschränkung des Handels, diskriminierende Behandlung,
Schadenersatz für unbefugte Offenlegung und so
weiter lahmgelegt werden. Sollten wir keine Einigung
zum Schutz der Privatsphäre erzielen, wäre unsere
Fähigkeit zur Weiterführung des transatlantischen
Handels auf seinem momentanen Niveau ernsthaft
bedroht, ganz zu schweigen von einer Ausweitung.

* *

AMERIKA DIENST 02

Die Ausweitung des Handels ist eines der dynamischsten Elemente unserer beiden Volkswirtschaften - der
jährliche Handelszuwachs zwischen uns entspricht
der Entdeckung eines neuen Markts von der Größe
Taiwans. Die potentiellen negativen Auswirkungen
auf Investitionen und Beschäftigung sind enorm.
Shakespeare formulierte es, wie üblich, am besten - in
dem bekannten und oft zitierten Julius Caesar:
"Es gibt Gezeiten für der Menschen Treiben;
Nimmt man die Flut wahr, führt sie uns zum
Glück."
Die folgenden, weniger bekannten Zeilen warnen:
"Versäumt man sie, so muß die ganze Reise
Des Lebens sich durch Not und Klippen
winden."
Wir können diese Klippen umschiffen. Wir sollten
unseren Bedenken das nötige Gewicht verleihen, sie
aber nicht unnötig zu unproduktiver Rigidität verknöchern lassen. Lassen sie uns stattdessen die
nötige geistige Offenheit bewahren, um eine fast noch
nie dagewesene Chance zu ergreifen und zu genießen, was sie zu bieten hat.
Ich bin heute also hier, um an sie zu appellieren beteiligen Sie sich jetzt. Tragen sie dazu bei, die
Bedingungen der Vereinbarung zu definieren, die für
den Schutz unserer Privatsphäre nötige Flexibilität zu
schaffen und gleichzeitig unsere gemeinsamen
Wirtschaftsinteressen zu bewahren. Wenn wir es
gemeinsam tun, können wir einen neuen, höheren
Standard für die ganze Welt setzen.

Vielen Dank.

* *

*

Seite 5

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Dokumentation
International Communication Agency
Embassy of the United States of America

10. März 1982

10
INHALT

DOKUMENTATION
Botschafter Bennett von Einheit der NATO überzeugt
- Rede des Ständigen Vertreters der USA im Nordatlantikrat vor der ATA
US-Kongreß verabschiedet Resolution zum Afghanistan-Tag
- Wortlaut HINTERGRUNDMATERIAL
Weinberger: Strategische RListungskontrollverhandlungen schon bald
möglich
- Von unserem Sonderkorrespondenten William H. Durham Sowjets dislozieren mehr SS-20 als erwartet
- Von unserem Sonderkorrespondenten William H. Durham Polen und El Salvador: Ein Vergleich
- Von unserer Korrespondentin Dian McDonald Amerikanische Auslandshilfe fördert Frieden und Sicherheit
- Von USICA-Korrespondentin Dian McDonald USA über militärische Rüstung in Nicaragua besorgt
- Von unserem Sonderkorrespondenten WISSENSCHAFT UND TECHNIK
Grundwasser in Gefahr
- US-Wissenschaftler warnt vor giftigen Chemikalien
BERICHTIGUNG
Um Über/endung von
Belegexemplaren
wird gebeten

&gt;stfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.: 0228-339 22 40
Telex: 08-85432

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10

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Dokumentation
International Communication Agency
Embassy of the United States of America
10. März 1982

BOTSCHAFTER BENNETT VON EINHEIT DER NATO OBERZEUGT
- Rede des Ständigen Vertreters der USA im Nordatlantikrat vor der ATA

Kopenhagen -(AD)- Der Ständige Vertreter der Vereinigten Staaten im Nordatlantikrat, W. Tapley Bennett Jr., gab in einer Rede vor der Vereinigung der
Atlantischen Gesellschaften (ATA) am 2. März 1982 in Kopenhagen seiner Zuversicht Ausdruck, daß die Vereinigten Staaten und Europa auch weiterhin ihren
Verteidigungserfordernissen im Geist der gemeinsamen Zielsetzung nachkommen
werden.
Die wesentlichen Auszüge aus der Rede Bennetts haben folgenden Wortlaut:
Eine große Tragödie in diesem Winter in Europa - die Ereignisse in Polen
dient uns allen als brutale Erinnerung an den Zweck und die Notwendigkeit des
NATO-Bündnisses. Die Verhängung des Kriegsrechts am 13. Dezember und die anhaltende Unterdrückung in Polen seit diesem Tag beweisen erneut den tiefen
Graben, der zwischen den sozialen und politischen Systemen sowjetischer und
westlicher Natur besteht. Dies ist zudem ein Beweis für die reaktionäre Realpolitik der Sowjetunion, der Haupttriebkraft hinter der polnischen Tragödie. .
Worum es

Postfach 20 03 00 Tel.: 0228-339 22 40
D 5300 Bonn 2
Telex: 08-85432

�Worum es in Polen geht, ist mehr als die unmittelbare Frage der Menschenrechte, mehr als die Verletzung der Abkommen von Helsinki, obwohl diese für
uns alle von zentraler Bedeutung und von unmittelbarem Interesse sind. Worum es
geht, ist die Möglichkeit, die das polnische Experiment zu enthalten schien,
daß friedlicher innerer Wandel schließlich in Osteuropa doch möglich sei. Bis
dahin war die Frage nach Veränderung in Osteuropa stets ganz einfach beantwortet worden: Nein - Budapest 1956, Berlin 1961, Prag 1968. Die Sowjetunion
betrachtete stets ihre imperialen Erfordernisse als untrennbar von der umfassenden Beherrschung der örtlichen Regime und hat diese Erfordernisse stets so
interpretiert, daß sie sklavischen Gehorsam gegenüber den importierten Strukturen einer Parteidiktatur bedeuten. Für einen kurzen Augenblick schien der
Fall Polen für die Reglementierten einen Hoffnungsstrahl zu bringen. Die
Arbeiterbewegung machte wiederholt deutlich, daß sie keine Herausforderung für
Polens internationale Position

darstellen wollte. Die von ihr gesuchten Ver-

änderungen waren internen Charakters. Aber sogar diese begrenzten Zielsetzungen
erwiesen sich als zu weitgehend für die Sowjets.
Manche Beobachter sagen jetzt, daß es unrealistisch gewesen sei, von einer
sozialen Bewegung zu erwarten, größere interne Veränderungen in Polen zu erreichen, da das Land angeblich in Jalta der Sowjetunion "gegeben" worden sei. Dies
ist eine gewaltige Verzerrung der geschichtlichen Tatsachen. Die Abkommen von
Jalta forderten freie Wahlen in Polen, die nie stattfanden. Andere wiederum
stellen die seltsame politische Behauptung auf, die eine unveränderliche Verbindung zwischen der internationalen Lage eines Landes und dem Charakter seines
internen Regimes annimmt. In dieser Hinsicht ist es interessant festzustellen,
daß Osteuropa wahrscheinlich derjenige Teil der Welt ist, in dem es in den vergangenen drei Jahrzehnten am wenigsten interne politische und soziale Entwicklung gegeben hat. Die Dritte Welt ist ihren Weg vom Kolonialismus zur Unabhängigkeit gegangen. Führungsgestalten sind gekommen und gegangen. Monarchien
haben aufgehört zu existieren. Eine Anzahl von Staaten in Westeuropa und anderswo hat Fortschritte von der autoritären zur demokratischen Regierungsform gemacht. Zuweilen gab es bedauerliche Ausrutscher in die falsche Richtung, die
sich jedoch immer wieder als korrigierbar erwiesen haben. Der geregelte Verlauf

�geregelte Verlauf von Wahlen hat in vielen unserer Länder zu gewaltigen Machtverschiebungen geführt. Einzig Osteuropa wurde aus dieser natürlichen Dynamik
herausgehalten - eingefroren in das Eis sowjetischer totalitärer Herrschaft.
Der KSZE-Vertrag
Die Unterdrückung in Polen seit dem 13. Dezember ist eine gewaltige Verletzung der fundamentalen Prinzipien der Schlußakte der Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (KSZE), eines feierlichen internationalen
Abkommens, das die sowjetische und polnische Führung 1975 in Helsinki unterzeichneten. ...
Niemand, der den Ablauf der KSZE-Nachfolgekonferenz in Madrid verfolgt
hat, kann sich irgendwelchen Illusionen hingeben, wie lange die Menschenrechte
in Westeuropa bestehen bleiben würden, würde die Sowjetunion nicht durch unsere
Wachsamkeit und Einigkeit in ihre Schranken verwiesen. ...
Manche haben auch gesagt, daß es illusorisch sei zu glauben, daß die
Sowjets jemals dazu gebracht werden könnten, die Grundsätze von Helsinki tatsächlich wirkungsvoll in die Tat umzusetzen. Sie kommen von dieser Behauptung
aus zu der Schlußfolgerung, wir sollten jetzt nicht aufgeregt sein, wenn die
Sowjets zeigen, daß sie nach Helsinki genauso grundsatzlos sind, wie sie es
zuvor waren. Dieses pseudorealistische Argument geht jedoch an den Abkommen
von Helsinki und dem gesamten KSZE-Prozeß und seiner Zielsetzung vorbei. Es
gab, dessen bin ich sicher, 1975 auf westlicher Seite keine Illusionen über
den tatsächlichen Zustand der politischen oder sozialen Beziehungen innerhalb
der Staaten und zwischen den Staaten des Sowjetblocks. Es bestand jedoch der
Wunsch, ein Rahmenwerk für die Zukunft zu entwerfen, ein Maß zu setzen, das
unter anderem die sowjetische Einhaltung der Menschen- und Bürgerrechte zu
einem wesentlichen Element der Ost-West-Beziehungen machen würde. Es ist
keine Frage, daß dieses Maß verwirklicht wurde. Die Treffen von Belgrad und
Madrid sowie die Reaktion auf die Ereignisse in Polen sind in sich selbst ein
Beweis für die wirkungsvolle Ausweitung der Tagesordnung zwischen Ost und West.
Gegenwart und
- 3 -

�Gegenwart und Zukunft
Wir sind heute weit von dem Optimismus des Sommers in Helsinki im Jahre
1975 entfernt. Dies sind unruhige Zeiten - und nicht nur wegen der Ereignisse
in Polen. Die sowjetische Invasion Afghanistans im Dezember 1979 und der fortdauernde Krieg, der dort zwischen annähernd 100 000 Soldaten und dem afghanischen Volk geführt wird, haben bereits wiederholt Fragen über die sowjetischen
Ambitionen und die sowjetische Bereitschaft geführt, zu ihrer Verwirklichung
Gewalt einzusetzen. Manche Leute sind der Meinung, daß die sowjetische Aggression in Afghanistan für die Zukunft ein noch düstereres Potential hat als
sogar die Ereignisse in Polen. Die aggressiven Akte der Sowjets sowie ihrer
Stellvertreter und Verbündeten von Angola bis Äthiopien, von Kampuchea bis El
Salvador haben ebenfalls zu größten Bedenken geführt. Es ist deutlich, daß es
derzeit weder in Europa noch andernorts einen funktionierenden Kodex des internationalen Verhaltens gibt. Und es gibt in allen Teilen der Welt höchst

gegen-

wärtige Gefahren für grundlegende westliche Interessen.
Wie sollen wir diese Situation betrachten und was sollten wir tun, um
die Zukunft zu gestalten?
Erstens sollten wir immer darauf hinweisen, daß die grundsätzlichen westlichen Zielsetzungen richtig sind: das Streben nach Respekt vor den Menschenrechten; das Streben nach einem Gleichgewicht bei den konventionellen Streitkräften in Mitteleuropa; das Streben nach Kontrolle der strategischen Kernwaffen; das Streben nach Parität bei den nuklearen Mittel Streckensystemen, vorzugsweise auf Null-Niveau; das Streben nach allgemeiner Zurückhaltung und Gegenseitigkeit beim internationalen Verhalten. Das Erreichen dieser Ziele würde
einerReduzierung der Spannung und der Verbesserung der Lebensqualität eines
jeden einzelnen dienen. Sie erfreuen sich der berechtigten Unterstützung der
Öffentlichkeit aller unserer Länder.
Zweitens müssen wir uns daran erinnern, daß es bei den Ost-West-Beziehungen
Leistungen und Rückschläge gegeben hat. Das Viermächte-Abkommen von 1971 über
Berlin zum Beispiel ist noch immer ein wirkungsvoller Garant der westlichen
Rechte in dieser Stadt und des Zugangs zu dieser Stadt. Der Doppelbeschluß des
- 4 -

�Doppelbeschluß des Bündnisses vom Dezember 1979 über die Modernisierung der
nuklearen Mittel Streckensysteme und darüber, diese Modernisierung mit Rüstungskontrollgesprächen auszubalancieren, hat die Sowjetunion zum ersten Mal dahin
gebracht, Verhandlungen über ihre nuklearen Mittel Streckensysteme zuzustimmen.
Bis dahin hatten die Sowjets es vorgezogen, die Gespräche allein auf interkontinentale Systeme zu beschränken und die 840 nuklearen Gefechtsköpfe ihrer SS-20
zu ignorieren, die bereits disloziert sind und deren Anzahl noch immer mit einer
Rate von mehr als 3 pro Woche zunimmt.
Drittens müssen wir erkennen, daß jede erfolgreiche Ost-West-Politik unvermeidlicherweise auf einem wirksamen Gleichgewicht der Macht gegenüber der Sowjetunion beruht. Eine ernsthafte Politik der Spannungsminderung, der Rüstungskontrolle und der Regelung des Verhaltens kann sich nicht auf Wunschdenken gründen.
Die Sowjetunion konnte in der Geschichte immer nur durch ausreichende Machtgegengewichte zurückgehalten werden. Ja, die jüngere Geschichte deutet darauf hin,
daß die fruchtbarsten Perioden der Ost-West-Beziehung in Europa immer dann
kommen, wenn allgemein in Ost wie West anerkannt wird, daß die NATO sowohl im
konventionellen wie im nuklearen Bereich eine wirksame Abschreckungskapazität
unterhält.
Schließlich müssen wir uns den Herausforderungen der Abschreckungskapazität des Westens stellen - nicht nur in Europa, sondern auch darüber hinaus.
Innerhalb Europas besteht das Problem bekanntermaßen einerseits darin, genügend
Mittel für die konventionelle Verteidigung bereitzustellen, um eine hohe Nuklearschwelle sicherzustellen, und andererseits darin, ein

ausreichendes Spektrum

der Nuklearrüstung zu haben, damit die Sowjetunion nicht in die Lage versetzt
wird, das Bündnis politisch oder strategisch durch begrenzte Aggression zu
dominieren, die mit der Drohung einer Eskalation verbunden wird. In dem Maße,
in dem wir bei der Bereitstellung einer angemessenen konventionellen Verteidigung versagen, sind wir gezwungen, uns in zunehmendem Maße bei der Abschreckung
auf die Kernwaffen zu stützen.
Mittel zur

�Mittel zur Verteidigung
Meine Regierung war stets der Überzeugung, daß eine wirksame konventionelle
Verteidigung des Westens möglich ist, wenn wir als Verbündete den ernsthaften
politischen Wunsch haben, sie auch zu erreichen. ...
Alles, was nötig ist, ist der politische Wille. Was angesichts des anhaltenden Anstiegs der sowjetischen Militärproduktion erforderlich ist, ist das
Beibehalten einer deutlichen realen Wachstumsrate bei den westlichen Verteidigungsanstrengungen sowie die Garantie, daß wir für das bei der Verteidigung
investierte Geld auch die wirksamsten Ergebnisse erzielen. Die Sowjetunion
hat ihrerseits ihre realen Verteidigungsausgaben während des vergangenen Jahrzehnts über 4 Prozent pro Jahr erhöht, und es ist zu erwarten, daß dies auch
weiterhin der Fall ist - trotz einer Abwärtsbewegung ihres Gesamtwirtschaftswachstums. Die NATO-Staaten haben sich selbst das Ziel eines dreiprozentigen
realen Anstiegs pro Jahr gesetzt. Wir können und müssen in diesem Bereich das
uns selbst gesteckte Ziel erreichen, wenn wir eine angemessene Abschreckung
aufrechterhalten wollen.
Der Doppelbeschluß
Im Nuklearbereich bietet der NATO-Doppelbeschluß vom Dezember 1979 den
Rahmen zur Beseitigung des Ungleichgewichts, das sich als ein Ergebnis der anhaltenden sowjetischen Dislozierung der SS-20-Raketen entwickelt hat, welches
nunmehr insgesamt über 840 einsatzbereite Gefechtsköpfe ausmacht. Bei den Verhandlungen in Genf haben die Vereinigten Staaten die Beseitigung aller sowjetischen und amerikanischen nuklearen Mittel Streckensysteme vorgeschlagen. Dies
wäre ein ausgewogenes Ergebnis, das keiner Seite einen Vorteil bringen, den
Sicherheitsinteressen beider Seiten dienen und die schreckliche nukleare Last
erleichtern würde. Die Sowjetunion hat bislang keinerlei Bereitschaft erkennen
lassen, in diese Richtung zu gehen, sondern statt dessen Vorschläge unterbreitet
- Herr Breschnew hat sich kürzlich wieder einmal als Friedenstaube dargestellt -,
die es in ihrer Wirkung letztlich den Sowjets erlauben würden, die Bedrohung
ihrer SS-20 beizubehalten und sogar noch auszuweiten, während die Vereinigten
Staaten, die derzeit keine Raketen mittlerer Reichweite haben, daran gehindert

- 6 -

�daran gehindert würden, überhaupt welche zu dislozieren.
Den Vereinigten Staaten ist es sehr ernst damit, echte Verringerungen
bei den Kernwaffen auf beiden Seiten der Grenze zwischen West und Ost zu erzielen. Wir sind nicht an jener Sorte von Abrüstungspropaganda interessiert,
die in einem endlosen Strom aus Moskau kommt,und wir zählen darauf, daß die
westeuropäische öffentliche Meinung klarsichtig genug ist, um zwischen beidem
zu unterscheiden.
Die

Last der Kernwaffen ist ein Problem, das uns alle plagt. Es ist zu

einem Thema der öffentlichen Kontroverse in unseren Ländern geworden, und die
Sowjetunion versucht, dies schamlos auszunutzen, um die öffentliche Meinung
im Westen entweder zu erschrecken oder einzulullen. Ich bin jedoch der festen
Überzeugung, daß die Mehrheit der Öffentlichkeit im Westen erkannt hat, daß
ohne eine einige westliche Haltung keine Aussicht darauf besteht, in Genf ein
ausgewogenes Abkommen zu erreichen, und keine Aussicht, das gefährliche Ungleichgewicht zu beseitigen, das heute besteht. Die sogenannten Friedensmarschierer gefährden in Wirklichkeit den Frieden, wenn sie einen einseitigen
Abbau der Strategie der Abschreckung fordern, die es ihrer Generation überhaupt
ermöglicht hat, unter Bedingungen des Friedens und der Sicherheit aufzuwachsen.
Die jungen Marschierer von heute haben bei aller Sympathie, die man für ihre
Sehnsüchte aufbringen kann und in vielen Fällen für ihren Idealismus, schließlich nicht den schwer verdienten Frieden zustande gebracht, dessen Europa sich
heute erfreut. Es war die ältere Generation, die gekämpft hat und gestorben
ist, um diesen Frieden zu schaffen.
Die Friedensmarschierer scheinen mehr Angst vor den defensiven Raketen
des Westens zu haben, die noch nicht einmal disloziert sind, als vor den einigen hundert offensiven Nukleargefechtsköpfen der SS-20-Raketen der Sowjets,
die bereits auf ganz Westeuropa gerichtet sind - ein sowjetisches Nuklearsystem,
das speziell für die Bedrohung Europas, nicht der Vereinigten Staaten, entwickelt
worden ist. Wenn die Friedensmarschierer in ihrem vereinfachten Ziel Erfolg
haben sollten und damit wirksam die amerikanische und die europäische Verteidigung voneinander abkoppeln, würden sie denn bereit sein, die Kosten und Mühen

- 7 -

�und Mühen zu tragen, die mit einer ausreichenden konventionellen Verteidigung
für Europa verbunden wären, um die gewaltige Überlegenheit des Warschauer Paktes
auf diesem Gebiet auszugleichen? Man kann diese Frage noch genereller stellen:
Wo bleibt die Unterstützung verbesserter konventioneller Streitkräfte seitens
jener, die sich angeblich über die Kernwaffen solche Sorgen machen? Die Kernwaffen in Europa, das sollte man nicht vergessen, wurden erst notwendig, weil
wir es nicht fertiggebracht haben, für eine ausreichende konventionelle Verteidigung zu sorgen.
Paradoxerweise sind einige jener, die am lautesten nach Rüstungskontrolle
rufen, in Wirklichkeit ihre Gegner. Jene, die die gemeinsame Verpflichtung zu
beiden Teilen des NATO-Doppelbeschlusses vom Dezember 1979 untergraben möchten,
untergraben in Wirklichkeit jede Hoffnung auf einen Erfolg im Sinne einer echten Rüstungskontrolle.
Und möge sich niemand darüber täuschen - die Sowjets haben um ihres langfristigen Ziels der Abspaltung Europas von Amerika willen im Augenblick keine
höhere Priorität als die Aufhebung des NATO-Beschlusses von 1979. Dann würde
es kein Gegengewicht zu ihrer nuklearen Bedrohung Europas geben - und dies
zusätzlich zu ihrer überwältigenden Überlegenheit bei den konventionellen
Streitkräften. Sie hätten endlich das volle Potential für die politische Erpressung Westeuropas.
RüstungskontrollVerhandlungen können nur echte und sichere Ergebnisse
bringen, wenn wir im Westen von einer Position der Stärke und des Selbstvertrauens ausgehen. Die Russen haben keinen Zweifel daran gelassen, daß sie
weder Idealisten noch Philanthropen sind.
Ich meinerseits glaube nicht, daß der Instinkt Westeuropas zum überleben
in Freiheit so verkümmert ist, daß die Menschen nicht bereit oder nicht in der
Lage wären, sich den harten Herausforderungen zu stellen, vor denen sie stehen.
Es ist in der Tat eine Illusion zu glauben, daß irgendjemand von uns auf nationaler Basis die Risiken dieser gefährlichen Welt vermeiden könnte. Der verbreitete Spruch "Halt die Welt an, ich möchte aussteigen!" entbehrt jeder

- 8 -

�entbehrt jeder Realität. Kernwaffen werden nicht einfach verschwinden, weil
wir Angst haben, uns mit ihnen zu befassen. Wenn die Abschreckung versagt,
kann niemand erwarten, verschont zu bleiben, am wenigsten mein eigenes Land.
Ein demokratisches und pluralistisches Bündnis akzeptiert, daß es unterschiedliche Politiken unter den Verbündeten über die Frage der Dislozierung von Kernwaffen in Friedenszeiten gibt, aber weder die Bedrohung aus dem Osten noch der
Schutz der westlichen Abschreckung kennen solche Unterschiede. Jene, die keine
nuklearen Abschreckungsstreitkräfte auf ihrem Territorium dulden, verdanken
ihre Sicherheit in großem Maße jenen, die dies tun. Keiner würde den Zerstörungen eines Atomkrieges entgehen, darum müssen wir zusammen vor ihm abschrecken
und ihn verhindern.
Die Last der Verteidigung drückt schwer auf unsere Bevölkerung, vor allem
in der jetzigen Zeit wirtschaftlicher Schwierigkeiten. Kein Land spürt diese
Last schwerer als mein eigenes, das schon immer einen höheren Prozentsatz seines
Bruttosozialproduktes für Verteidigungsprogramme aufgewandt hat als andere
NATO-Mitglieder. Aber nach amerikanischer Auffassung ist Verteidigung einfach
etwas, was man nicht aufschieben kann. Wenn wir verständlicherweise wünschenswerten Sozialprogrammen in einem Maße Nachdruck verleihen, daß es uns nicht
gelingt, unsere Verteidigung in Ordnung zu halten, dann setzen wir eben diese
soziale Struktur und sogar all die anderen Kräfte unserer demokratischen Gesellschaft einem schweren Risiko aus.
Denn genau das ist der ganze Zweck unserer Verteidigung - unserer Abschrekkung - nämlich den Frieden zu erhalten, wie den sozialen Fortschritt und die
persönliche Freiheit zu erhalten und zu sichern, die wir im Westen so oft als
etwas Selbstverständliches vorausgesetzt haben. Man braucht von hier in Kopenhagen nicht sehr weit zu reisen, um den Unterschied zu erkennen. Wie sehnsüchtig
blicken die Polen und die Ostdeutschen nach Westen.
Ich bin überzeugt, daß das Bündnis seine grundlegende Einigkeit bewahren
wird, daß die strategische Verbindung zwischen den Vereinigten Staaten und Europa
in unserem beiderseitigen Interesse gestärkt werden wird, und daß unsere Fähigkeit, vor Konflikt und politischer Nötigung abzuschrecken, aufrechterhalten

- 9 -

�abzuschrecken, aufrechterhalten wird

- Dinge, die uns eine ganze Generation

lang gegen eine sowjetische Taktik des Wechsels von Druck und Freundlichkeit
erfolgreich gelungen sind. Die grundlegende Notwendigkeit für Verteidigung
und Abschreckung bleibt bestehen, und wir werden sie in gemeinsamer Zielsetzung
im Interesse des Friedens für die Menschheit weiterhin aufrechterhalten.

+++++

- 10 -

�Dokumentation
International Communication Agency
Embassy of the United States of America

10

10. März 1982

US-KONGRESS VERABSCHIEDET RESOLUTION ZUM AFGHANISTAN-TAG
- Wortlaut -

Washington -(AD)- Der amerikanische Kongreß hat einmütig eine gemeinsame
Resolution beider Häuser verabschiedet, durch die Präsident Reagan ermächtigt
wird, den 21. März 1982 zum Afghanistan-Tag zu proklamieren. An diesem Tag soll
überall in den Vereinigten Staaten des Freiheitskampfes des afghanischen Volkes
gegen die Besatzung seines Landes durch sowjetische Truppen gedacht werden.
Das amerikanische Repräsentantenhaus verabschiedete die Resolution am
4. März mit 395 zu null Stimmen. Bereits einen Tag zuvor hatte der Senat sich
mit 96 zu null Stimmen für die Resolution ausgesprochen, die dem Weißen Haus
zur Unterzeichnung durch Präsident Reagan zugeleitet wurde.
In der Resolution wird darauf hingewiesen, daß Afghanistan mehr als zwei
Jahre nach der sowjetischen Invasion immer noch ein Land sei, das von über
80 000 sowjetischen Soldaten besetzt und terrorisiert wird.
Die gemeinsame Resolution hat folgenden Wortlaut:
Eine gemeinsame

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D 5300 Bonn 2
Telex: 08-85432

�Eine gemeinsame Resolution,
die den Präsidenten ermächtigen und ihn auffordern soll, eine Proklamation zu
erlassen, durch die der 21. März 1982 zum Afghanistan-Tag proklamiert wird zu einem Tag, an dem des Kampfes des afghanischen Volkes gegen die Besetzung
seines Landes durch sowjetische Streitkräfte gedacht wird.
In Anbetracht der Tatsache,
daß Afghanistan mehr als zwei Jahre nach der sowjetischen Invasion immer
noch ein Land ist, das von über 80 000 sowjetischen Soldaten besetzt und terrorisiert wird;
daß die

anhaltende sowjetische Besetzung Afghanistans gewaltiges Leid

unter dem afghanischen Volk hervorruft und dieses Volk seines grundlegenden
Rechtes auf nationale Souveränität beraubt;
daß mehr als 2,5 Millionen Menschen - über 15 Prozent der Bevölkerung des
Landes - vor der sowjetischen Besetzung geflohen sind und nun als Flüchtlinge
in Pakistan oder anderen benachbarten Ländern leben;
daß die sowjetische Invasion Afghanistans den Geist und die Absicht der
Erklärung über die Grundsätze der Schlußakte der Konferenz über Sicherheit und
Zusammenarbeit in Europa (KSZE) untergräbt, die von der Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken im Jahre 1975 in Helsinki unterzeichnet wurde;
daß die Marionettenregierung Babrak Karmals, von der Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken eingesetzt und am Leben erhalten, dem afghanischen Volk
- unter Verletzung der Charta der Vereinten Nationen - das Recht auf Selbstbestimmung verwehrt;
daß der ungebrochene Widerstand der afghanischen Freiheitskämpfer gegen
die sowjetischen Besatzungsstreitkräfte ein Ansporn für die freie Welt ist;
daß die Vollversammlung der Vereinten Nationen am 18. November 1981 eine
Resolution verabschiedet hat, in der der "sofortige Abzug der ausländischen
Truppen aus Afghanistan" gefordert wird;
daß das afghanische Volk den 21. März als Beginn eines neuen Jahres und
als Symbol der Wiedergeburt der Nation begeht;
daß das Europaparlament seine Absicht erklärt hat, den 21. März 1982 als
Afghanistan-Tag zu begehen,
sei daher

�sei daher durch den im Kongreß versammelten Senat und das Repräsentantenhaus der Vereinigten Staaten von Amerika beschlossen, daß der Präsident ermächtigt und aufgefordert wird, eine Proklamation zu erlassen, durch die der
21. März 1982 zum Afghanistan-Tag bestimmt und an die Bevölkerung der Vereinigten Staaten appelliert wird, diesen Tag mit angemessenen Feierlichkeiten und
Aktivitäten zu begehen.
+++++

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�10

10. März 1982

WEINBERGER: STRATEGISCHE RÜSTUNGSKONTROLLVERHANDLUNGEN SCHON BALD MÖGLICH
Von unserem Korrespondenten William H. Durham -

WASHINGTON - (AD) - Der amerikanische Verteidigungsminister Caspar
Weinberger hat erneut unterstrichen, daß Verhandlungen mit der Sowjetunion
über strategische Kernwaffen "innerhalb weniger Monate" möglich seien. Vor
dem Nationalen Presseklub in Washington, wo Weinberger am 8. März 1982 eine
Rede hielt und anschließend Fragen beantwortete, sagte er, die strategischen
Verhandlungen könnten in Kürze beginnen, wenn die Sowjets dazu bereit seien.
Weinberger gab seiner Hoffnung Ausdruck, daß die Verhandlungen zu einer
Zeit und unter Umständen beginnen würden, die von einer deutlichen Stärke
der Vereinigten Staaten gekennzeichnet seien. Wenn es den Vereinigten Staaten jedoch nicht gelinge, ihre Stärke wiederzugewinnen, so fügte er hinzu,
"wie können wir dann die sowjetischen Führer jemals dazu bewegen, wirklichen
RUstungsverminderungen zuzustimmen?"
In einem solchen Falle, so Weinberger weiter, "wäre alles, worauf wir
hoffen könnten, ein weiteres völlig nutzloses Abkommen wie SALT II, das es den
Sowjets erlaubt, ihre militärische Stärke zu erhöhen, die eine Bedrohung

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Telex: 08-85432

�eine Bedrohung darstellt.

Er wolle damit nicht behaupten» daß die Sowjet-

union SALT II verletze, aber die sowjetische Bedrohung der Völker der freien
Welt wachse täglich.
Der Verteidigungsminister wies darauf hin, daß das strategische Modernisierungsprogramm der Reagan-Administration nur etwa 15 Prozent des amerikanischen Verteidigungshaushaltes während der nächsten fünf Jahre ausmache.
Kritiker, die behaupteten, die Vereinigten Staaten bereiteten einen "begrenzten strategischen Atomkrieg" vor, hätten Unrecht.

"Die Tatsache, daß wir

nicht mehr für die strategischen Nuklearstreitkräfte ausgeben, läßt eine sehr
bewußte Politik erkennen", so betonte Weinberger, die "ein kalkuliertes Risiko" enthalte.

"Unsere Politik verkörpert eine maßvolle Wegnahme der Beto-

nung der Nuklearkapazitäten."

Die Administration habe für das Haushaltsjahr

1983 rund 14 Milliarden Dollar für strategische Nuklearprogramme - einschließlich neuer strategischer Bomber und MX-Raketen - angefordert, jedoch 60 Milliarden Dollar für die konventionellen Streitkräfte - einschließlich einer
Stärkung der Flotte.
Auf Fragen bezüglich eines potentiellen Konflikts zwischen Israel und
der PLO im Libanon sagte Weinberger, er hoffe, daß die Friedensmission des
amerikanischen Botschafters Philip Habib weiterhin ungestört verlaufen werde.
"Was wir erleben", so fügte der Verteidigungsminister hinzu, "ist ein recht
gefährlicher Aufbau von Waffen in diesem sehr unsicheren Gebiet, und wenn
das geschieht, dann ist der natürliche Wunsch, die Situation des potentiellen
Konflikts so rasch wie möglich zu entschärfen." Die Verpflichtung gegenüber
Israel sei nach wie vor ungeschmälert und werde auch ungeschmälert bleiben.
Allerdings, so führte Weinberger weiter aus, sei es für die Vereinigten Staaten und Israel wichtig, "eine Reihe weiterer guter Freunde" in dieser Region
zu haben.
Bezüglich etwaiger Waffenlieferungen an Jordanien sagte Weinberger,
diese Frage werde von einer gemeinsamen Militärkommission, möglicherweise
Anfang April, geprüft.
Zu den

�Zu den Entwicklungen in Mittelamerika, besonders in El Salvador, erklärte der Verteidigungsminister, die Reagan-Administration sei der Überzeugung, daß es für die nationalen Interessen der Vereinigten Staaten in der
Karibik und hinsichtlich der Verteidigung der kontinentalen USA äußerst schädlich sei, wenn die Kommunisten neben Kuba einen weiteren Stützpunkt auf dem
amerikanischen Kontinent gewinnen könnten. Dies würde nach seiner Auffassung
wesentliche Veränderungen in der Dislozierung der amerikanischen Streitkräfte
notwendig machen und die Fähigkeit der Vereinigten Staaten, ihren Verpflichtungen in anderen Teilen der Welt nachzukommen, schmälern.

Das Programm Prä-

sident Reagans für das Karibische Becken bezeichnete Weinberger als "eines
der besten Mittel", um revolutionäre Bewegungen daran zu hindern, an Stärke
zu gewinnen.

Es handle sich hier um ein "erregendes" Programm zur Belebung

der Wirtschaft der Länder dieser Region, das den jeweiligen Regierungen die
Möglichkeit geben werde, "dem eigenen Volk zu helfen."

+ + + + +

- 3-

�10

10. März 1982

SOWJETS DISLOZIEREN MEHR SS-20 ALS ERWARTET
- Von unserem Sonderkorrespondenten William H. Durham -

WASHINGTON - (AD) - General Bernard Rogers, Oberbefehlshaber der Alliierten Streitkräfte Europa, erklärte in einer Anhörung vor dem Streitkräfteunterausschuß des amerikanischen Senats am 28. Februar 1982, daß die Sowjets
- ganz im Gegensatz zu Berichten in den Medien - die Dislozierung ihrer SS-20Raketen in Osteuropa nicht eingestellt haben, sondern neue Startanlagen bauen.
Dabei werden die von der NATO geschätzten Zahlen sogar noch 'übertroffen, nachdem allein während des vergangenen Jahres mehr als 70 SS-20-Raketen disloziert wurden.
Diese 70 neuen Raketen, so Rogers, entsprechen 210 neuen Gefechtsköpfen
und geben dem Warschauer Pakt ein Übergewicht von 3 : 1 gegenüber der NATO.
Zudem werden auch noch

Startanlagen für die SS-21- und SS-22-Raketen ange-

legt und die SS-23-Rakete zur Dislozierung vorbereitet.

Darüber hinaus haben

die Sowjets im Jahr 1981 mehr als 25 Backfire-Bomber gebaut.
Angesichts dieser Aufrüstung steht, wie Rogers erklärte, die NATO auch
weiterhin fest zu ihrem Beschluß, landgestützte Marschflugkörper und PERSHING
II-Raketen zu dislozieren, während gleichzeitig die amerikanisch-sowjetischen

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�amerikanisch-sowjetischen Verhandlungen in Genf über alle Nuklearen Mittel Streckensysteme (INF) unterstützt werden.

Rogers:

Der Terminplan der NATO

zur Modernisierung ihrer INF-Systeme "wird weiter eingehalten".
Er informierte darüber, daß im Februar 1981 in Großbritannien mit dem
Bau der Bodenanlagen für landgestützte Marschflugkörper begonnen wurde, die
dort ab September 1983 disloziert werden sollen. Auch die Bundesrepublik
I
Deutschland ist, Rogers Ausführungen zufolge, noch immer bereit, PERSHING
II-Raketen zu übernehmen, sobald Großbritannien die Marschflugkörper disloziert.

Italien wiederum "steht fest zur Dislozierungsentscheidung der NATO

und wird diese Dislozierung der bodengestützten Marschflugkörper auf seinem
Boden akzeptieren."

In Belgien gab es bei der Entscheidung über die Annahme

dieser Waffen eine Verzögerung:

Dort soll sie von den Ergebnissen der Ver-

handlungen in Genf abhängig gemacht werden.

Belgien wird, wie Rogers erläuter-

te, die Ergebnisse dieser Verhandlungen alle sechs Monate überprüfen.

Die

Niederlande haben eine Entscheidung darüber vertagt.
Der NATO-Oberbefehlshaber erklärte, die schwierigste Frage bei den INFVerhandlungen in Genf sei das Problem der Verifizierung, besonders bei den
mobilen SS-20-Raketen. In Beantwortung von Fragen brachte Rogers seine Überzeugung zum Ausdruck, daß der Warschauer Pakt im Fall eines Angriffs diesen
wahrscheinlich mit konventionellen Streitkräften durchführen würde. Dabei
wäre die NATO wegen unzureichender konventioneller Streitkräfte gezwungen,
entweder nukleare Gefechtsfeldwaffen einzusetzen oder aber zu kapitulieren.
Dabei würde der Rückgriff auf nukleare Gefechtsfeldwaffen unvermeidlicherweise
auch zum Einsatz von strategischen Kernwaffen führen.
Aus diesen Gründen, so die Folgerung von Rogers, dringe er darauf, daß
die NATO-Mitglieder fest zu ihrer Verpflichtung einer Stärkung der konventionellen Streitkräfte innerhalb des Zeitraums von 1983-1988 stünden. Dies werde
auf dem Verteidigungsministertreffen der NATO im Mai besprochen werden.
Hinsichtlich der Bedrohung durch den Einsatz chemischer Kampfstoffe
durch die Sowjets sagte Rogers, es sei sowjetische Doktrin, im Kriegsfall
- 2 -

�im Kriegsfall "chemische Waffen in großem Umfang einzusetzen".

Die sowjetischen

Streitkräfte "haben umfangreiche Offensiv- und Defensivkapazitäten.

Sie üben

bisweilen mit echten Kampfstoffen und Schutzanzügen".
Die Kapazitäten der Vereinigten Staaten zur chemischen Kriegsführung
seien nahezu veraltet und unzureichend, um vor einem sowjetischen Einsatz solcher Waffen abzuschrecken.

Daher habe Präsident Reagan kürzlich entschieden,

mit der Modernisierung der amerikanischen Kapazitäten zu beginnen.

Das Haupt-

ziel der Vereinigten Staaten sei es bei den chemischen Waffen jedoch, sie alle
von der Erde zu verbannen.
Auf Fragen nach der Friedensbewegung in Westeuropa stellte Rogers fest,
es handle sich dabei um drei Bereiche der Öffentlichkeit: Zum einen aus
Leuten, die "von der Sowjetunion zur Täuschung benutzt werden".

Dies seien

die "Frontorganisationen", die darauf hinwirken sollen, daß die sowjetischen
Ziele erreicht werden.
er nicht geben.

Eine Schätzung der Vertreter dieser Kategorie könne

Der zweite Teil besteht aus "Aktivisten", die nach etwas

suchen, was sie unterstützen können".
sich am meisten sorgen müsse:

Der dritte Teil sei der, um den man

Dies seien junge Menschen, "die den Krieg nie

erlebt haben" sowie "eine beträchtliche Gruppe Erwachsener", die sich wegen
eines zukünftigen Krieges Sorge machen.
Dieser dritte Teil, so Rogers, glaube daran, daß Pazifismus, Neutralismus
oder Unilateralismus die Lösung seien, wie ein Krieg vermieden werden könne.
Er würde nicht die Notwendigkeit einer starken Verteidigung zur Abschreckung
vor einem Krieg einsehen. "Die Botschaft, die wir diesem dritten Bereich vermitteln müssen, besteht darin, daß man von einer Position der Stärke aus verhandeln muß."

+ + + + +

- 3 -

�Hintergrund
matcriol
International Communication Agency
Embassy of the United States of America

10. März 1982

10

POLEN UND EL SALVADOR: EIN VERGLEICH
- Von unserer Korrespondent in Di an McDonald -

WASHINGTON - (AD) - Journalisten und andere Analytiker des politischen
Geschehens haben in den letzten Wochen auf der Suche nach neuen Erkenntnissen
über die gestörte Lage in Polen und El Salvador die Ereignisse in beiden Ländern verglichen.
In welcher Hinsicht entsprechen die Situationen einander?

In einer Hin-

sicht erinnert El Salvador "etwas an Polen", wie Elliott Abrams, Unterstaatssekretär für Menschenrechte und humanitäre Fragen im amerikanischen Außenministerium,kürzlich in einem Interview sagte:
sowjetische Intervention vor.

"In beiden Fällen liegt eine

Es gibt eine sowjetische Rolle bei der Bekämp-

fung der Demokratie in Polen, und es gibt eine sowjetische Rolle bei der Bekämpfung der Demokratie in El Salvador, wo ihre direkte und indirekte militärische Unterstützung darauf hinausläuft, die Wahlen (v. 28. März) zu unterbinden und einen Sieg der Guerilla gegen die Regierung und die offensichtlichen
Wünsche der Bevölkerung von El Salvador zu erringen."
Dann aber ging Abrams auf die Unterschiede zwischen El Salvador und Polen
ein:

Die Schritte der salvadorianischen Regierung "bestehen in einem Programm

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Telex: 08-85432

�einem Programm der sozialen und wirtschaftlichen Reform und dem Bemühen, die
Demokratie zu etablieren und zu institutionalisieren".

In Polen hingegen sei

ein Militärregime auf Geheiß Moskaus eingeschritten, "um der Demokratie Einhalt zu gebieten, und der Liberalisierung Einhalt zu gebieten - und das Regime
hat keinen Zweifel daran gelassen, daß es nicht zur Demokratie zurückkehren
wird".
So ist die Lage in El Salvador nach Abrams von jener in Polen grundverschieden - und ein Blick auf die historischen Tatsachen stützt diese Sicht.
Die polnische Regierung stand weder vor terroristischen Drohungen, noch
vor einem Guerilla- oder einem Bürgerkrieg, noch vor anderer Gewalt, als sie
am 13. Dezember 1981 das Kriegsrecht verhängte.

Der militärische Schlag folg-

te intensivem Druck aus Moskau, den von der polnischen Gewerkschaftsbewegung
Solidarität im August 1980 in Gang gesetzten Reformprozeß aufzuhalten.
Das polnische Reformbestreben setzte zum erstenmal ein Zeichen dafür,
daß die Unzufriedenheit der Arbeiter in einem kommunistischen System sowjetischer Machart bei der Erlangung eines gewissen Maßes an Freiheit erfolgreich
war. Diese Revolution wurde auf Betreiben der Sowjets niedergeschlagen, und
noch heute gewährt Moskau einem Kriegsrecht Unterstützung, das auferlegt wurde,
um einen sich entfaltenden Prozeß der Demokratisierung zum Halten zu bringen
und zu zerstören.
*

In El Salvador ist die Lage ganz anders.
Die salvadorianische Regierung fördert die Entwicklung eines politischen
Entwicklungsprozesses in den breiten Massen und hat offene und ehrliche Wahlen
für eine verfassungsgebende Versammlung im März gefordert.
Acht politische Parteien haben sich registrieren lassen, um an diesen
Wahlen teilzunehmen, die vom Rat der Bischöfe der Katholischen Kirche und von
den wichtigsten Arbeiter- und Landarbeiterorganisationen in El Salvador unterstützt werden. Auf einem Treffen der Außenminister der Organisation der

�Organisation der Amerikanischen Staaten (OAS) unterstützten die Länder der
westlichen Hemisphäre die salvadorianischen Wahlen mit 22 zu 3 Stimmen.
Die Regierung El Salvadors hat Beobachter dieser Hemisphäre, aus Westeuropa und andernorts eingeladen, um den Wahl kämpf und die Wahlen selbst zu
beobachten und um deren Offenheit und Ehrlichkeit festzustellen.
Nur die Linksguerilla in El Salvador, unterstützt von der Sowjetunion
und deren Verbündeten, stellen sich gegen diesen sich innerhalb der Massen
entfaltenden politischen Prozeß.
In dieser Hinsicht paßt die Haltung der Sowjetunion in Polen zu jener in
El Salvador. Ihre öffentlichen Erklärungen, die sich gegen den Prozeß in El
Salvador stellen, stehen in Einklang mit ihrer Opposition zu dem breiten politischen Prozeß, der sich in Polen zu entwickeln begann.
Weder die Vereinigten Staaten noch deren Verbündete haben Waffen nach
Polen geschmuggelt.

Aber Verbündete der Sowjetunion haben große Mengen Waf-

fen nach El Salvador geschmuggelt - und tun dies auch jetzt noch.
Im Gegensatz zur Sowjetunion, die auch weiterhin die Unterdrückung des
polnischen Volkes unterstützt, hat keine westliche Regierung sich in die nationale Souveränität von El Salvador eingemischt. Die legitime salvadorianische Regierung hat um amerikanische Hilfe ersucht, und die amerikanische
Politik zielt darauf, El Salvador dabei zu helfen, ein größeres Maß an Demokratie und gleichzeitig an Frieden und sozialer Reform zu erlangen. Im Jahr
1980 stellten die Vereinigten Staaten fast 56 Millionen Dollar an Hilfe für
El Salvador zur Verfügung - mit dem Ziel, die Bedingungen zu verbessern, die
der Unruhe und dem Extremismus zugrundeliegen. Diese Hilfe hat dazu beigetragen, Arbeitsplätze zu schaffen, die Hungernden zu ernähren, den Wohnungsbau, die Ausbildung und die Gesundheitsfürsorge zu verbessern und die Reformen
zu unterstützen, die die Wirtschaft von El Salvador öffnen und modernisieren.
Am 16. Januar

�Am 16. Januar 1981 nahm die Regierung Carter in Reaktion auf die von
den Kommunisten mit Waffen versorgte Guerillaoffensive zum erstenmal nach
drei Jahren die Waffenverkäufe nach El Salvador wieder auf.
Die Reagan-Administration genehmigte in der Folge weitere Militariieferungen und -dienstleistungen im Umfang von insgesamt 35 Millionen Dollar und erhöhtedie Wirtschaftshilfe auf mehr als 100 Millionen Dollar.

El Salvador

wird vielleicht beträchtliche weitere amerikanische Hilfe im Zusammenhang
mit Präsident Reagans Initiative für das Karibische Becken erhalten, die
dieser am 24. Februar bekanntgab.
Mitte 1981 befanden sich 55 amerikanische Militärberater in El Salvador
mit dem Befehl, nichts zu tun, was seiner Natur nach eine Kampfhandlung sein
könnte, und nichts, was bei der Ausbildung zu einer Verwicklung in Kampfhandlungen führen könnte. Anfang März 1982 befanden sich 49 amerikanische Berater und Techniker in El Salvador.

Die Sowjetunion hat in Polen 100 000 Sol-

daten stationiert.
Das Verhältnis der Katholischen Kirche zur salvadorianischen bzw. zur
polnischen Regierung ist ein weiterer Bereich, in dem sich die Lage in beiden Ländern unterscheidet.
In El Salvador wird das Recht der Kirche zur Teilnahme an der Debatte
über die Zukunft der Nation anerkannt, und ihre Ansichten und ihre Kritik
werden respektiert.
Die Kirche hat die Bevölkerung gedrängt, an den bevorstehenden Wahlen
teilzunehmen, und hat die Anstrengungen der Linken verurteilt, die Wahlen
zu stören.
In einer Erklärung vom 17. Februar legte die Bischofskonferenz von El
Salvador die Unterstützung der Kirche für die Wahlen dar und bestätigte, daß
der zunehmende Guerillaterrorismus darauf abzielt, den Wahlvorgang zu behindern.
"Wir sind
- 4 -

�"Wir sind der Überzeugung, daß die Wahlen trotz der unnormalen

Bedin-

gungen der friedliche Weg für die Mehrheit des Volkes sind, die Nein! zur
Gewalt gesagt hat und die dadurch die Gelegenheit hat, ihren Willen zum Ausdruck zu bringen.

Dies könnte der Beginn einer Lösung des bewaffneten Kon-

fliktes sein," heißt es in der Erklärung.
In Polen wurde die Katholische Kirche durch das das Kriegsrecht verhängende Regime angegriffen. Eine Attacke aus jüngster Zeit über Radio Warschau
beschuldigte die katholischen Priester, "alte Quellen des Konfliktes" wiederzubeleben.
Das Regime hat polnische Priester wegen "verräterischer" Tätigkeiten
kritisiert, weil jene die Führung der Gewerkschaft Solidarität gelobt und die
Gläubigen dazu gedrängt hatten, sich der Beseitigung der Kreuze an öffentlichen Plätzen zu widersetzen.
Die salvadorianische Regierung unterstützt die Unabhängigkeit der Arbeiterorganisationen. In Polen wurde das Kriegsrecht verhängt, um die Unabhängigkeit der Arbeiterbewegung zu zerstören.
Die nationale Arbeiter- und Landarbeitervereinigung von El Salvador, die
Unidad Populär Democratica (UPD), unterstützt den Wahlprozeß und hat die
meisten der regionalen und internationalen demokratischen Gewerkschaftsorganisationen dazu eingeladen, Wahlbeobachter zu den Wahlen am 28. März zu
schicken.
In einer Presseerklärung am 20. Februar bekräftigte ein Sprecher der
UPD diese uneingeschränkte Unterstützung der Wahlen, weil "sie der Beginn der
Lösung der unnatürlichen Situation" in El Salvador sein könnten.
Elliott Abrams stellte fest, daß die Regierung El Salvadors in schwierigster Lage daran arbeite - und in gewisser Hinsicht dabei auch Fortschritte
mache - Respekt für die Menschenrechte zu erzielen.
+ + + + +
- 5 -

�10

10. März 1982

AMERIKANISCHE

AUSLANDSHILFE FÖRDERT FRIEDEN UND SICHERHEIT

- Von USICA-Korrespondent Dian McDonald -

Washington -(AD)- Außenminister Alexander Haig erklärte am 4. März 1982
vor dem Kongreß, daß die von der Reagan-Administration für das Haushaltsjahr
1983 angeforderten Mittel für die Auslandshilfe den "zwingenden Notwendigkeiten
bei der nationalen Sicherheit, der Außen- und Wirtschaftspolitik dienen".
In einer Anhörung vor einem Bewilligungsunterausschuß des Repräsentantenhauses sagte Haig, daß "eine erstklassige amerikanische Außenpolitik ganz einfach nicht mit zweitklassigen Mitteln betrieben werden kann".
Haig warnte davor, daß eine NichtZuteilung des Geldes "politische Konsequenzen in der Entwicklungswelt haben und einen fruchtbaren Boden für sowjetischen Expansionismus darstellen würde".
In seiner vorbereiteten Erklärung stellte Haig fest, daß die Anforderungen des Präsidenten für das Jahr 1983 einen Zuwachs von 1,4 Milliarden Dollar
ausmachen. "Ich erkenne die Tatsache an, daß die Zusage der Auslandshilfe in
diesen ernsten Zeiten schwierig sein wird, aber wir werden später einen noch
größeren Preis zahlen müssen, wenn wir jetzt nicht handeln. Die grundlegendsten
Interessen Amerikas stehen unter Angriff."
Haig fügte

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�Hang fügte hinzu, Präsident Reagan sei "der festen Überzeugung, daß die
von ihm angeforderten Mittel für die Verteidigung dieser Interessen entscheidend
sind und für die Förderung einer friedlicheren und sichereren Welt. Die
Sicherheit unserer Nation morgen erfordert, daß wir heute in die Auslandshilfe
investieren."
Haig erläuterte, daß El Salvador der "größte Einzelempfänger sowohl von
Sicherheits- als auch von Wirtschaftshilfe" unter den Staaten des Karibischen
Raums sei, und verwies darauf, daß die Beträge für Sicherheitshilfe im Karibischen Becken "bescheiden sind und nur etwas über 100 Millionen Dollar aus
der Gesamthilfeanforderung von 675 Millionen Dollar" für die gesamte Region
ausmachen.
Im Verlauf der anschließenden Befragung wurde Haig um eine Erläuterung
dafür gebeten, wie die Administration einen so beträchtlichen Zuwachs der
Auslandshilfe rechtfertigen könne - zu einer Zeit, da sich die amerikanische
Wirtschaft an einem solchen Tiefpunkt befinde.
Der amerikanische Außenminister wies darauf hin, daß andere Industriestaaten die sich verschlechternden Wirtschaftsbedingungen noch weit stärker
fühlten, "die Entwicklungswelt jedoch am meisten leidet". Die Amerikaner müßten
erkennen, daß "Not und Mangel in der Entwicklungswelt politische Folgen haben
wird".
Haig sagte auf eine weitere Frage, er sehe in den amerikanischen Verteidigungserfordernissen und in dem Auslands- und Sicherheitshilfeprogramm ein "Doppel paket, um lebenswichtigen amerikanischen Interessen gerecht zu werden".
"Die sowjetische Führung ist nie von unseren Worten beeindruckt ..., eher
schon von unseren Taten", erklärte Haig. Eine Investition in die Verteidigung
heute, so führte der amerikanische Außenminister aus, sei eine Garantie für
Erfolg und schließliche Verringerung in der Zukunft.
Was die Beziehungen der Vereinigten Staaten zu Nicaragua anbetrifft, so
unterstrich Haig, daß die USA der nicaraguanischen Regierung deutlich zu verstehen gegeben habe, daß sie "mehr als bereit sind, die Beziehungen zu normalisieren". Die Regierung von Nicaragua beharre jedoch darauf, dieiRevolutionen

�die Revolutionen in den benachbarten Staaten, vor allem in El Salvador, zu
unterstützen. In diesem Zusammenhang teilte Haig mit, daß sowjetische Panzer
in Nicaragua eingeführt, nicaraguanische Piloten in Osteuropa ausgebildet
worden und über 2 000 kubanische und 70 sowjetische Militärberater in Nicaragua
seien.
Der Geheimdienstausschuß, so der amerikanische Außenminister weiter, habe
Informationen vorgelegt bekommen, die das ganze nicaraguanische und kubanische
Engagement in El Salvador zeigten. "Diese Beweise sind unwiderleglich", so betonte Haig.
Der amerikanische Außenminister beschuldigte weiter die Regierung von
Nicaragua, Dörfer der Miskito-Indianer in der Nähe der Grenze zu Honduras zerstört und Bewohner getötet zu haben.
Zur Lage in El Salvador erklärte Haig, daß es noch zu früh sei, etwas über
den Ausgang der Wahlen zu sagen. Es wäre jedoch eine "große Tragödie", wenn
diese Wahlen verschoben werden sollten, denn sie seien Ausdruck des Willens
des salvadorianischen Volkes, den demokratischen Prozeß zu unterstützen.
Präsident Duarte bemühe sich um einen Reformkurs, und die Wahlen seien ein
Prozeß, der trotz der Drohung und Gewalt von außen stattfinde. Haig wies in
diesem Zusammenhang darauf hin, daß Duarte für Verhandlungen mit der Führung
der Guerilla sei, daß sich solche Verhandlungen nach Meinung Duartes jedoch
auf die Selbstbestimmung des Volkes und nicht auf die Aufspaltung der Macht
konzentrieren müßten.
Bezüglich der Entwicklungen im Nahen Osten erinnerte Haig daran, daß sich
der. Prozeß von Camp David bei der Amtsübernahme der Reagan-Administration bereits "hingezogen" habe und Meinungsverschiedenheiten bezüglich der SinaiVerhandlungen und der Autonomie-Verhandlungen aufgetreten seien. Trotz all der
in der Zwischenzeit eingetretenen Ereignisse habe die Waffenruhe jedoch gehalten, und der Camp-David-Prozeß gehe weiter. Der ägyptische Präsident Hosni
Mubarak habe ihm, Haig, versichert, daß er an Camp David und dem israelischägyptischen Friedensvertrag festhalten werde.
Auf Fragen

- 3 -

�Auf Fragen nach der Entscheidung der Administration, Beschränkungen für
Lieferungen von Gerät und Material an Südafrika aufzuheben, betonte Haig, daß
die Reagan-Administration die Apartheid-Politik nachdrücklich ablehne, aber
man versuche, mit der Regierung von Südafrika einen anderen Weg einzuschlagen.
Immerhin seien schon Fortschritte erzielt worden, vor allem bezüglich der Zusammenarbeit der südafrikanischen Regierung hinsichtlich der Unabhängigkeit
Namibias.

�10

10. März 1982

USA ÜBER MILITÄRISCHE ROSTUNG IN NICARAGUA BESORGT
- Von unserem Sonderkorrespondenten -

WASHINGTON - (AD) - Der Stellvertretende Direktor des Zentralamtes für
Sicherheit und Abwehr (CIA), Admiral Bobby Inman, hat sich besorgt über die
militärische Rüstung in Nicaragua geäußert. Vor der Presse wies der Admiral
am 9. Närz 1982 darauf hin, daß die Aufrüstung in Nicaragua die Erfordernisse
für die Verteidigung der eigenen Grenzen weit übersteige.

Diese Streitkräfte

könnten gegen die Nachbarn des Landes in Mittelamerika eingesetzt werden.
Die Aufrüstung zielt nach den Worten Inmans darauf ab, eine nicaraguanische Streitmacht aufzubauen, die größer ist als die sämtlicher Nachbarn zusammengenommen.

In Nicaragua befänden sich mindestens 50, wahrscheinlich je-

doch 70 sowjetische Offiziere als Berater in Organisation und Taktik für die
Militärs in Nicaragua.

Die Kubaner sorgten für die Ausbildung, während die

Sowjets die notwendigen Mittel und das Gerät stellten.
Inman und John Hughes, der Stellvertretende Direktor des militärischen
Nachrichtendienstes der Vereinigten Staaten (DIA), zeigten der Presse Fotos
von militärischen Einrichtungen in Nicaragua, die von Aufklärungsflugzeugen

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�von Aufklärungsflugzeugen aufgenommen wurden.

Diese Aufnahmen wurden haupt-

sächlich von Hughes ausgewertet, der auch die sowjetischen Raketen auf Kuba
während der Kuba-Krise im Jahr 1962 entdeckte.
Hughes teilte mit, daß die Fotos von Nicaragua 49 aktive Garnisonen erkennen ließen, d.h. 36 mehr als von General Somoza gebaut wurden, der von den
Sandinisten gestürzt wurde. Weiter würden vier Flugplätze ausgebaut, offensichtlich um sie für die sowjetischen MIG-21 benutzbar zu machen, die in diesem Jahr erwartet werden.
All

diese neuen und verbesserten Einrichtungen, so führte Hughes aus,

seien nach kubanischen und sowjetischen Plänen aufgebaut. Jeder Kasernenkomplex
verfüge über eine Hindernisbahn nach sowjetischem Muster, und es seien fast
überall sowjetische Panzer, Haubitzen, Hubschrauber und Mannschaftspanzer vorhanden.
Gegenwärtig befinden sich nach Auskunft von Hughes 6050 Kubaner in
Nicaragua, darunter rund 2000 Militärberater. Bei den anderen handle es sich
um Bauarbeiter, Sanitätspersonal, Regierungsberater und Lehrer.
Nicaragua baut seine regulären Streitkräfte auf 25 000 bis 30 000 Mann
aus; dazu kommen 100 000 bis 150 000 Mann Miliz. Zur Zeit Somozas hatte die
Armee eine Stärke von 14 000 Mann. Bis Ende Frühjahr ist nach den Ausführungen
von Admiral Inman damit zu rechnen, daß die nicaraguanischen Streitkräfte über
50 bis 75 sowjetische Panzer verfügen werden.
Hughes zeigte ferner Aufnahmen von 16 Indianerdörfern am Coco-Fluß nahe
der Grenze zu Honduras, die von nicaraguanischen Regierungsstreitkräften zerstört wurden, wobei Tausende von Indianern umkamen oder umgesiedelt wurden.
Dies geschah möglicherweise, um ein Aufmarschgebiet gegen Nachbarländer zu
schaffen.

+ + + + +

�Uli//cn/ch(ifl
und Technik
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10

10. März 1982

GRUNDWASSER IN GEFAHR
- US-Wissenschaftler warnt vor giftigen Chemikalien
Von G. Weiss

(AD) - Ein Viertel des Trinkwassers in den Vereinigten Staaten ist durch
Verseuchung mit Chemikalien gefährdet. Dies ist der Anteil, der unterirdischen
Wasser-Reservoiren für die laufende Versorgung entnommen wird. Bis vor kurzem
hatte man als selbstverständlich angenommen, daß dieses Wasser "sicher", d.h.
von Schadstoffen frei sei. Wie jedoch Professor Perry L. McCarty, der Leiter
des Departments für Städte- und Tiefbau der Stanford-Universität, Anfang Februar
1982 in einem Pressegespräch erklärte, haben in weiten Teilen der USA durchgeführte Untersuchungen gezeigt, daß toxische Chemikalien ins Grundwasser eingedrungen sind. "Wir haben gewaltige Anstrengungen unternommen", so McCarty, "um
unsere Wasserläufe sauberer zu bekommen. Nun müssen wir plötzlich feststellen,
daß Grundwasser, das wir für sicher hielten, wegen der wachsenden Gefährdung
durch Industriechemikalien dringend unsere

Aufmerksamkeit erfordert." Industrie-

staaten müßten das Problem jetzt in Angriff nehmen, wenn die Versorgung mit Trinkwasser für die Zukunft gesichert werden soll.
Deponien für

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�Deponien für Müll und Sondermüll, aus Tanks abgepumpte Schlämme, Sammelund Klärbecken für Flüssigabfälle sowie Chemikalien, die bei Unfällen und durch
Unachtsamkeit in den Boden gelangen, bilden nach den Ermittlungen McCartys und
seiner Mitarbeiter die Hauptquellen der Grundwasserverschmutzung. In 35 amerikanischen Bundesstaaten habe man bereits verunreinigtes Grundwasser festgestellt - im Staat Massachusetts allein an 44 Stellen in Gebieten, die Wasser
für die öffentliche Versorgung liefern. Im Bundesstaat Connecticut wurden 16,
im Staat New York 12 und in weiteren 20 Bundesstaaten vereinzelt ähnliche Fälle
festgestellt.
Ursache der Grundwasserverschmutzung seien, wie Prof. McCarty ausführte,
synthetische Industriechemikalien in Konzentrationen, die möglicherweise als
gesundheitsschädlich angesehen werden müßten. Am häufigsten wurden bisher TCE
(Trichloräthylen) und DBCP (Di-Bromchlorpropan) gefunden - Verbindungen, die
als Wasserbelastung noch relativ neu sind. Untersuchungen mit den modernen,
sehr empfindlichen Meß- und Analyseinstrumenten helfen, sie zu identifizieren.
Standardwerte für höchstzulässige, als ungefährlich zu betrachtende Konzentrationen gebe es noch nicht. Solange diese nicht existierten, sei es jedoch
riskant, derart belastetes Grundwasser zur Verwendung als Trinkwasser für unbedenklich zu erklären. Trinkwasser aus der Wasserleitung sei demgegenüber als
sicher zu betrachten, weil die Wasserwerke gründliche Kontrollmethoden anwenden. Im übrigen machen die Grundwasservorkommen, die bisher als verunreinigt
ermittelt wurden, einen geringen Anteil der unterirdischen Reservoire aus.
Allerdings stellte sich beispielsweise in New Jersy, vor allem aber in
Kalifornien, wo Versalzung und zu hohe Wasserentnahmen für landwirtschaftliche
Zwecke große Probleme schaffen, die Verunreinigung bereits als ziemlich umfangreich heraus. McCarty plädiert deshalb für äußerst sorgfältige Aufbereitung
und weitergehende Wiederverwendung kommunaler Abwässer, als es zur Zeit üblich
ist. Gegenwärtig laufende Studien in Kalifornien und Arizona sollen die Frage
klären helfen, ob-bzw. inwieweit aufbereitete, unterirdisch gespeicherte Abwässer, denen nicht alle Belastungsstoffe entzogen sind, zur Grundwasserverschmutzung beitragen.
Vom Ausmaß
- 2 -

�Vom Ausmaß her ergeben sich natürlich aus der Verschmutzung der Oberflächengewässer nach wie vor die größten Probleme. Weitaus gefährlicher ist jedoch nach
Ansicht Prof. McCartys die Grundwasserverseuchung, weil dabei in wissenschaftlicher Sicht einfach zu viele Unbekannte im Spiel seien. Flüsse z.B. sind, sobald eine Verschmutzungsquelle gefunden ist, relativ schnell zu entgiften. "Ist
aber Grundwasser erst einmal verseucht, stehen wir den damit verbundenen Problemen noch recht hilflos gegenüber." Die unterirdischen Schichten, die Sickerwasser aus Niederschlägen und Binnengewässern leiten und sammeln, sind häufig
von komplexer Struktur und ganz unterschiedlicher Ausdehnung. Eine "Etage" in
einer Reihe von "Stockwerken" kann verseucht sein, während die übrigen - noch sauber sind. Eine umfassende Kontrolle der Entnahmespeicher für Trinkwasser zur
kommunalen Versorgung, noch mehr von Brunnen auf dem Lande (jährlich werden
Hunderttausende zur Individualversorgung neu angelegt) wäre ein unendlich
schwieriges und kostspieliges Unterfangen.
Im Hinblick auf die neuartigen Belastungsstoffe im Grundwasser ist der Geschmack des Wassers McCarty zufolge kein brauchbarer Indikator. Man sei erst in
jüngster Zeit auf eine ganze Gruppe von Chemikalien aufmerksam geworden, die gewöhnlich als Lösungsmittel benutzt werden und sich gut mit Wasser mischen. Im
Gegensatz zu DDT oder PCB (Polychloridbiphenole) werden sie nicht in der Nahrungskette angereichert. Aber sie dringen in unterirdische wasserführende
Schichten vor. (Die frührere Annahme, toxische Chemikalien würden nach dem
Einsickern in den Boden durch Filtration, Adsorption oder biologische Zersetzung
beseitigt, habe sich als falsch erwiesen.)
Als typisches Beispiel nannte Prof. McCarty den Fall von Jackson Township
in New Jersey, wo eine kommunale Mülldeponie zur Aufnahme von Abwasser- und
Tankschlämmen, aber auch von Industriechemikalien benutzt wurde. Etwa 100 Trinkwasserbrunnen in der Umgebung der Deponie mußten geschlossen werden. Grund: Das
Wasser war mit Chloroform, Methylenchlorid, Trichloräthylen, Äthylbenzol, Azeton
und anderen synthetischen Chemikalien verseucht. "Die Konzentrationen waren sogar höher als jene, die allgemein in unbehandelten städtischen Abwässern angetroffen werden", sagte McCarty.
Noch gebe
- 3 -

�Noch gebe es keine Beweise dafür, daß diese Stoffe Krebs oder andere Krankheiten verursachen. Es könne 10 bis 15 Jahre erfordern, um herauszufinden, ob
einige der sogenannten stabilen Kohlenwasserstoffe (molekulare Verbindungen),
die mancherorts im Grundwasser entdeckt wurden, die menschliche Gesundheit gefährden. Jedoch stelle die Flut immer neuer Chemikalien und die ständige Zunahme von deren Anwendung den Umweltschutz vor große Probleme. "Selbst das Chlor",
so Prof. McCarty, "das wir dem Trinkwasser zusetzen, um es sicherer zu machen,
reagiert häufig auf natürliche Weise mit gewissen Chemikalien im Wasser und bildet neue Verbindungen. Sie können gefährlich sein - im gegenwärtigen Stadium
wissen wir über all diese Dinge einfach viel zu wenig."
Die Probleme der Wasserverseuchung seien von jenen der Luftverschmutzung
nicht zu trennen, erklärte Prof. McCarty. Insbesondere sollten die Auswirkungen
des sogenannten sauren Regens als Folge hoher Konzentrationen von Stickstoffund Schwefeloxiden in der Luft im Hinblick auf mögliche Reaktionen mit anderen
chemischen Belastungsstoffen im Boden untersucht werden. Aber auch die Verfahren
zur Beseitigung von Sondermüll und die Auswirkungen solcher Stoffe auf Umwelt
und Grundwasser erforderten eingehende Beobachtung. All dies sollte nicht nur
der Öffentlichkeit klar gemacht werden und sich in der Forschung und in behördlichen Maßnahmen niederschlagen. Vielmehr handle es sich auch um Probleme,
die gemeinsame Anstrengungen von Naturwissenschaftlern, Ingenieurwissenschaftlern
und Sozialwissenschaftlern erfordern, um brauchbare Lösungen zu finden und massiven Gefahren vorzubauen. Werde diese Vorsorge versäumt, seien die Kosten für
künftige Korrekturen unabsehbar.
Perry L. McCarty befaßt sich seit fast 25 Jahren mit Fragen und Problemen
des Angebots und Bedarfs an Wasser für Landwirtschaft, Bevölkerung und Industrie.
Vor 20 Jahren ging er vom Massachusetts Institute of Technology (MIT) in Boston
an die Stanford-Universität. Die von ihm in der Zwischenzeit aufgebauten Programme für Forschung und Lehre auf dem Gebiet der Umwelttechnik sind heute
richtungsweisend in den Vereinigten Staaten.
+++++

�Dokumentation
International Communication Agency
Embassy of the United States of America

BERICHTIGUNG

In Amerika Dienst Nr. 8 vom 24. Februar 1982 unter Dokumentation
in dem Artikel: "Weinberger warnt vor Folgen des Technologietransfers in
den Osten" auf Seite 9, zweite Zeile, erstes Wort muß es richtig heißen:
"eine Schwächung irgendwelcher Art..."
Wir bitten, diesen Druckfehler zu entschuldigen.

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�</text>
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Embassy of the Unjted£lifl&amp;s of America

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10. März 1993

10

MENSCHENRECHTE

CLINTON DER SACHE DER DEMOKRATIE
UND MENSCHENRECHTE VERPFLICHTET
Schifter vor UN-Menschenrechtskommission

USA-EUROPA

UNGEWISSHEITEN IN DEN
AMERIKANISCH-EUROPÄISCHEN
BEZIEHUNGEN
Rede von Botschafter Dobbins in Bonn

HANDEL

NEUE AMERIKANISCHE
HANDELSPOLITIK FÜR 1993
Kantor drängt auf neue Handelspolitik

VERTEIDIGUNG

WISNER WARNT VOR GEFAHR DER
NUKLEAREN WEITERVERBREITUNG
Rede vor Senatsausschuß

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wird gebeten

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�MENSCHENRECHTE
10. März 1993

CLINTON DER SACHE DER DEMOKRATIE
UND MENSCHENRECHTE VERPFLICHTET
Schifter vor UN-Menschenrechtskommission
GENF - (AD) - Botschafter Richard Schifter hat am 3. März 1993 das Engagement Präsident Clintons "für die
Sache der Demokratie und der Menschenrechte sowie für multilaterales Handeln" unterstrichen.
"Die neue Administration ist zutiefst von den in der Charta der Vereinten Nationen verankerten Idealen überzeugt
und strebt deren Verwirklichung an", erklärte Schifter bei der Sitzung der UN-Menschenrechtskommission in
Genf.
Der Leiter der amerikanischen Delegation forderte Reformen des UNO-Systems und äußerte, man solle der
Unterstützung von Regierungen, die um Hilfe bei der Lösung von Menschenrechtsproblemen bitten, mehr
Aufmerksamkeit widmen.
Nachfolgend veröffentlichen wir Botschafter Schifters Rede im Wortlaut.

Wenn wir die Art und Weise untersuchen, in der
Regierungen auf dieses Phänomen reagieren, können
wir feststellen, daß es solche gibt, die Maßnahmen
dagegen ergreifen und damit effektiv reagieren. Dann
gibt es solche, die einfach nicht wissen, wie sie das sie
betreffende Problem behandeln sollen. Und dann gibt
es Regierungen, die das Problem noch verschärfen,
indem sie die dominierende ethnische Gruppe gegen
Personen anderer Volkszugehörigkeit aufhetzen, die
im selben Land leben. Letztere, davon gehe ich aus,
sind durchweg Regierungen, die alle ihre Bürger unterWir haben zu Recht der Erörterung der Greueltaten drücken. Die Geschichte hat bewiesen, daß Regierunbreiten Raum gegeben, die kürzlich im ehemaligen gen, die ihre eigenen Bürger schlecht behandeln,
Jugoslawien begangen wurden. Wie so häufig, neigen diejenigen wahrscheinlich noch härter anfassen, die
wir jedoch dazu, den Medien zu folgen. Sie berichten sie als Fremde betrachten, ob sie in ihrer Mitte leben
über Jugoslawien. Es dauerte eine Weile, bis sie über oder ihre Nachbarn sind.
Somalia berichteten. Afghanistan scheinen sie vergessen zu haben, und Ruanda müssen sie noch Die Vereinigten Staaten haben einen neuen, jungen
entdecken.
und dynamischen Präsidenten, der voll und ganz der
Überzeugung ist, daß Worten auch Taten folgen müssen.
Die Gefahr eines nuklearen Holocaust, das Risiko der Er ist in den letzten Tagen vor das Land getreten, um
Vernichtung der Menschheit, über die einige Mitglied- dem amerikanischen Volk zu erklären, daß wir ernste
staaten in dieser Kommission vor Jahren zu debattie- Probleme haben, deren Lösung harte Arbeit und Opfer
ren bestrebt waren, sind glücklicherweise erheblich verlangt.
abgebaut worden. Anstatt des politischen Kampfes,
der einst unsere Aufmerksamkeit in Anspruch nahm, Im Lauf des Wahlkampfs hat unser Präsident ferner
sehen wir uns heute jedoch in vielen Teilen der Wert mit sein Engagement für die Sache der Demokratie und
Tod, Qualen und Zerstörung konfrontiert, die durch der Menschenrechte sowie für multilaterales Handeln
den Haß zwischen Gruppen ausgelöst werden.
deutlich gemacht. Die neue Administration ist zutiefst

Die ersten Rechte, die in der Allgemeinen Erklärung
der Menschenrechte verkündet werden, sind das Recht
auf Leben, Freiheit und Sicherheit der Person. Wenn
wir die Entwicklungen des vergangenen Jahres im Bereich der Menschenrechte betrachten, müssen wir die
traurige Tatsache erkennen, daß auf ethnischen, religiösen oder sogar Stammesunterschieden beruhende
Konflikte zwischen Gruppen in vielen Teilen der Welt
Millionen von Menschen dieser Grundrechte beraubt
haben.

AMERIKA DIENST 10

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�von den in der Charta der Vereinten Nationen verankerten Idealen überzeugt und strebt deren Verwirklichung an.

Europa und Nordamerika Gültigkeit, möchte ich an ein
historisches Beispiel erinnern. Vor ungefähr 700 Jahren
wurden viele der fundamentalen Prinzipien, die wir
jetzt als Menschenrechte bezeichnen, von den BürIm System der Vereinten Nationen, und insbesondere gern dreier nicht weit von hier entfernter Gemeinden
auch in der Menschenrechtskommission der Verein- anerkannt: Uri, Schwyz und Unterwaiden - der Kern
ten Nationen, sind jedoch dringend institutionelle Re- des jetzt als Schweiz bekannten Landes.
formen erforderlich. Es besteht kein Zweifel, daß wir
im Lauf der Jahre Errungenschaften zu verzeichnen Es ist denkbar, daß Mitglieder des Hofes des Heiligen
hatten. Aber gibt es nicht Probleme in dem riesigen Römischen Kaisers damals behaupteten, wenn die
Bereich der Menschenrechte, die von unseren Aktivi- von diesen mutigen Menschen eingeforderten Rechte
täten unberührt blieben? Sollte es nicht eine Heraus- überhaupt irgendwelche Gültigkeit hätten, dann nur in
forderung für uns sein, die weltweiten Menschen- den Schweizer Bergen und nirgendwo sonst, ganz
rechtsprobleme auszumachen, die wir außer acht sicher nicht im restlichen Europa. Und was hätte über
gelassen haben, zu deren Lösung wir jedoch beitragen die Gültigkeit der demokratischen Ideen und Prinzipien
könnten, wenn wir in der Lage wären, sie zu behan- der Menschenrechte im England unter Heinrich VIII., in
deln?
Frankreich unter Ludwig XIV. oder der Sowjetunion
unter Joseph Stalin gesagt werden können?
Manche sagen, verschiedene Kulturen hätten eine
unterschiedliche Sichtweise der Menschenrechte, und Besorgte Gedanken wurden auch über die wechseldie Allgemeine Erklärung der Menschenrechte vertre- seitige Beziehung zwischen politischer und wirtschaftte lediglich die Sichtweise einer Kultur.
licher Entwicklung geäußert. In vielen Ländern, einschließlich der Vereinigten Staaten, wird die Ansicht
Zweifellos sehen verschiedene Kulturen Menschen- vertreten, daß diese beiden Formen der Entwicklung
rechtsprobleme mit anderen Augen. Aber gibt es nicht Hand in Hand gehen. Es wird jedoch auch manchmal
zahlreiche Lebenserfahrungen, die der ganzen Mensch- die Behauptung aufgestellt, die wirtschaftliche Entheit gemeinsam sind? Trauert die Mutter in Sarajevo, wicklung müsse der politischen vorausgehen.
deren Sohn der Gewalt zwischen den Gruppen zum
Opfer fiel, etwa mehr als die Mutter in Kigali? Kann ein Bewiesen wurde jedoch genau das Gegenteil. Wenn
Einwohner von Bagdad die Folter besser ertragen als es auf diesem Gebiet je einen Reagenzglasversuch
ein Bewohner von, sagen wir, Kopenhagen? Ist ein gab, dann in West- und Ostdeutschland. Ein politisch
Bürger Havannas kulturell besser dafür geschaffen, freies Westdeutschland brachte eine der weltweit
polizeiliche Bespitzelung zu ertragen als ein Bürger stärksten Volkswirtschaften hervor. Ein politisch unMadrids? Ist ein Einwohner von Peking eher bereit, freies Ostdeutschland blieb weit dahinter zurück.
sich wegen freier Meinungsäußerung inhaftieren zu
Mit Blick auf Ostasien finden wir in Nordkorea, einer
lassen als ein Bewohner Londons?
der unterdrückerischsten Diktaturen der Welt, eine an
In der Vergangenheit wurde die von mir gerade aufge- die alptraumartige Vision von George Orwells Buch
worfene Frage, nämlich die der unterschiedlichen "1984" erinnernde Gesellschaft. Heutzutage ist NordHaltungen zu den Menschenrechten, in dieser Kom- korea ein wirtschaftlicher Zwerg. Im Gegensatz dazu
mission im Rahmen der Spaltung zwischen Ost und hat sich die Republik Korea politisch und wirtschaftlich
West erörtert. Nachdem diese Spaltung jedoch ver- entwickelt. Sie ist jetzt eine vollentwickelte Demokraschwunden ist, hatte ich die Gelegenheit, eine der tie, die einen immer weiter steigenden LebensstanPersonen zu treffen, mit denen ich mir einmal in dieser dard genießt.
Kommission Wortgefechte geliefert hatte. Das erste,
was er mir sagte, war: "Sie wußten doch die ganze Wir können auf der ganzen Welt feststellen, daß
Zeit, daß ich nicht ein Wort von dem geglaubt habe, Regierungen, die nicht dem Volk verantwortlich sind
und nicht von einer freien Presse kontrolliert werden,
was ich sagte. War es nicht so?"
eine kontraproduktive Wirtschaftspolitik einführten,
Wir sollten also die künstlichen Argumente beiseite Auslandsgelder verschwendeten, die Taschen ihrer
lassen, die in diesem Zeitalter nach dem Kalten Krieg führenden Politiker mit dem Geld des Volkes füllten
über Nord gegen Süd sowie über christliche Kultur oder unnötigerweise die Ausgaben für militärische
gegen nichtchristliche Kulturen vorgebracht wurden, Zwecke erhöhten.
und uns auf die simple Tatsache einigen, daß wir alle
Mitglieder des menschlichen Geschlechts sind, es Aus dem zuvor Gesagten können wir die Schlu ßfolgeZiele im Bereich der Menschenrechte gibt, die wir alle rung ziehen, daß Wirtschaftshilfe tatsächlich vielerorts
verwirklichen möchten und daß wir uns in unseren zur Ankurbelung der wirtschaftlichen Entwicklung
Bemühungen vereinen sollten, diese Ziele zu errei- benötigt wird. Eine Möglichkeit, die richtige Verwendung der Hilfe sicherzustellen, wäre eine verbesserte
chen.
Kontrolle der Regierung. Es gibt nur wenige Länder,
Diejenigen, die behaupten, die Prinzipien der Allge- denen unter der Führung eines wohlwollenden Alleinmeinen Erklärung der Menschenrechtebesäßennurin herrschers eine wirtschaftliche Entwicklung gelang.
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�Die meisten Alleinherrscher neigen jedoch zu Unberechenbarkeit und Gier und hemmen die Entwicklung.
Die Rechenschaftspflicht einer Regierung ist die beste
Garantie für eine stetige wirtschaftliche Entwicklung.

Außenseiter, insbesondere unter der Schirmherrschaft
der Vereinten Nationen handelnde, vielleicht bessere
Vermittler sind als aus einem von Rivalitäten zwischen
verschiedenen Gruppen geplagten Land stammende
Personen. Darüber hinaus könnten Regierungen
Ich habe bereits zu Beginn meiner Ausführungen eventuell ermutigt werden, Erziehungsprogramme in
darauf hingewiesen, daß es nahezu überall Probleme den Schulen durchzuführen, die der Überwindung von
im Bereich der Menschenrechte gibt, und daß es Haß und Feindseligkeit aufgrund von rassischen, etheinigen Regierungen gelingt, sie zu lösen, daß andere nischen oder religiösen Meinungsverschiedenheiten
sie lösen wollen, ohne dazu in der Lage zu sein, und zwischen einzelnen Gruppen dienen. Auch hier könnwieder andere Regierungen ein integraler Bestandteil te das Menschenrechtszentrum unter Führung der
des Problems sind.
Kommission eine höchst wichtige Rolle spielen.
Diese Kommission und das System der Vereinten
Nationen sollten derzweiten Kategorie mehr Aufmerksamkeit widmen. Diese Regierungen sollten nicht
bestraft werden. Sie brauchen Hilfe. Das UN-System,
das für Programme und Projekte zweifelhaften Wertes
beträchtliche Gelder zur Verfügung stellt, sollte seine
Prioritäten neu setzen und sich darauf konzentrieren,
wie es den Ländern, die solche Hilfe wünschen, bei
ihren Bemühungen um Verbesserung ihrer Menschenrechtsbilanz behilflich sein kann.

Wie ich jedoch schon zuvor festgestellt habe, bedeutet
die Tatsache, daß viele Regierungen, die Unterdrükkung aisoffizielle Politik praktizieren, abgelöst wurden,
nicht, daß dieses Phänomen vom Erdboden verschwunden ist. Folglich muß diese Kommission jenen Regierungen die Botschaft übermitteln, daß die internationale Staatengemeinschaft angesichts dieser Praktiken
große Besorgnis empfindet, aber auch eine Botschaft
der Hoffnung an die Bürgerdieser Länder schicken, die
Opfer der Unterdrückung sind.

Es hat sich immer wieder gezeigt, daß Menschenrechtsprobleme durch politischen Willen und den Einsatz von Mitteln gelöst werden können. In meinem
Heimatland wurde die Praxis, von Inhaftierten ein
Geständnis zu erpressen, allmählich eingestellt, als
sich die Gerichte schlicht und einfach weigerten, derartige Geständnisse anzuerkennen. In Mexiko hat
Präsident Salinas in den letzten Jahren den politischen
Willen gezeigt, die auf den Polizeiwachen im ganzen
Land üblichen Praktiken zu ändern. Die mexikanische
Menschenrechtskommission hat kürzlich unter der
hervorragenden und mutigen Leitung von Richter Jorge
Carpizo, der jüngst zum Justizminister befördert wurde, bei der Durchsetzung des Mandats des Präsidenten enorme Fortschritte gemacht.

Die uns vorliegenden Berichte aus der Feder der
Berichterstatter zu Burma, dem Iran und dem Irak
beschreiben Systeme, die sich voneinander in Einzelheiten unterscheiden, aber alle zu demselben Ergebnis führen - zur Schaffung einer alles durchdringenden
angsterfüllten Atmosphäre in diesen Staaten.

Auch müssen wir anerkennen, daß internationale
Kontroversen jetzt großenteils von intra-nationalen
Disputen ersetzt worden sind. Ebenso wie die Vereinten Nationen sich mit den internationalen Kontroversen befaßt haben, so können und sollten sie sich mit
dem befassen, was zur Zeit der verbreitetste Grund für
Menschenrechtsverletzungen geworden ist: Kontroversen zwischen verschiedenen Gruppen, die zu
Gewalttaten führen. Es gibt viele Situationen, in denen

Abgesehen von den Oppositionsführern wurden auch
ethnische Minderheiten, insbesondere in den Grenzregionen, vom burmesischen Militär verfolgt. Über
270.000 muslimische Flüchtlinge aus dem burmesischen Staat Arakan sind vor Verfolgung, Zwangsarbeit
und Vergewaltigung durch das burmesische Militär
nach Bangladesch geflohen. 1992 retteten sich rund
70.000 Karen und andere Flüchtlinge über die thailändische Grenze. Über 1.000 Nagas suchten in Indien
Zuflucht.

Kein Bürger - mag er noch so genügsam und politisch
desinteressiert sein - kann sich ihr entziehen. Der
große Bruder paßt immer auf, und selbst geringfügige
Abweichungen von festgelegten Verhaltensnormen
können schwer bestraft werden. Einschüchterung,
Verweigerung von Ausbildungs- oder wirtschaftlichen
Chancen, Folterung, langjährige Inhaftierung und sogar
Massen- oder willkürliche Hinrichtungen, Exekutionen
oder Inhaftierung aufgrund erfundener BeschuldigunErfahrungen dieser Art können und sollten mit Ländern gen zählen zu den Maßnahmen, auf die diese Länder
geteilt werden, deren Regierungen keine Anwendung zurückgreifen, um ihr Volk unter Kontrolle zu halten.
der Folter wünschen, es jedoch schwierig finden, sie Wir müssen wiederum die Aufmerksamkeit auf diese
zu verhindern. Wir müssen die Rolle, die das Men- Tatsache lenken und erneut darauf drängen, daß
schenrechtszentrum unter einem angemessenen diese Formen der Unterdrückung beendet werden.
Mandat der Kommission spielen könnte, untersuchen,
um die Länder in die Lage zu versetzen, ihre bei der In Burma befindet sich die Nobelpreisträgerin von
Lösung von Menschenrechtsproblemen gemachten 1991, Aung San Suu Kyi, weiterhin unter Hausarrest.
Erfahrungen mit anderen zu teilen. Mit Blick auf die 1.200 politische Gefangene wurden 1992 inhaftiert.
Zukunft kann dies tatsächlich eines der wichtigsten Schätzungsweise 1.000 politische Gefangene waren
Ziele dieser Kommission sein.
Anfang 1993 noch in Haft.

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�Wie das Dokument des Sonderberichterstatters zu
Kuba belegt, wird das Eintreten für friedlichen politischen Wandel in diesem Land mit Inhaftierung bestraft. Yndamiro Restano, der Leiter der Harmoniebewegung, wurde vergangenes Jahr zu 10jähriger Gefangenschaft verurteilt. Marco Antonio Abad, Jorge
Crespo Diaz und Maria Elena Cruz Varela bezahlen
den Preis für freien künstlerischen Ausdruck mit Jahren im Gefängnis. Sie mußten erleben, wie ihre Arbeit
als "feindliche Propaganda" bezeichnet wurde und
ihnen der Staat Kuba ihre Freiheit nahm.
Der Preis für die Bildung einer Menschenrechtsgruppe
in Kuba ist ein von der Regierung organisierter Mob,
der das Haus umzingelt, die Tür einschlägt und bis zur
Bewußtlosigkeit auf die Bewohner einschlägt. Gustave- Arcos, Aida Valdez, Elizardo Sanchez und andere
respektierte Menschenrechtsverfechter erfuhren dies
vor nur wenigen Wochen am von den Vereinten Nationen ausgerufenen Tag der Menschenrechte am eigenen Leib. Das Dokument des Sonderberichterstatters
nennt Dutzende weiterer, für rein politische Vergehen
inhaftierter Kubaner sowie andere, die ausschließlich
aufgrund ihrer Überzeugung bedroht, belästigt oder
entlassen wurden. Die Existenz des allmächtigen
kubanischen Sicherheitsapparats unterstreicht die Angst
der kubanischen Regierung vor freien und fairen Wahlen,
dem Versammlungsrecht oder sogar dem Besuch
eines Gesandten der UNO.

sende Unschuldiger, einschließlich Kindern, umgebracht wurden. Viele andere wurden verhaftet, ausder
Gegend vertrieben und ermordet.
Kampfhubschrauber beteiligten sich an Angriffen auf
Zivilisten, bis sie durch die Verhängung der Flugverbotszone gemäß Resolution 688 des UN-Sicherheitsrats daran gehindert wurden. Hunderte politischer
Gefangener wurden im Frühjahr letzten Jahres im AlRadwaniya-Gefängnisinder Nähe von Bagdadgetötet
und zahlreiche andere in irakischen Gefängnissen
gefoltert. Junge Frauen werden manchmal als Form
der Degradierung, oder um sie durch Erpressung zur
Informantentätigkeit zu zwingen, vergewaltigt.

Wir müssen unser Augenmerk auch auf die Situation
im Sudan lenken. Im Sudan finden weiterhin Massenexekutionen, willkürliche Verhaftungen und Folterungen statt, von denen viele in Isolationshaft durchgeführt werden. Im Juli letzten Jahres töteten Regierungstruppen in Kuba Berichten zufolge mehrere Hundert
unbewaffneter Zivilisten und verhafteten weitere Hunderte nach einem Rebellenangriff auf die Stadt. Über
100 der Inhaftierten werden immer noch vermißt. In
der Provinz Nuba wurden 1992 Hunderttausende Zivilisten aus ihren Häusern in verlassene Gebiete im
nördlichen Kordofan vertrieben. Viele starben oder
verschwanden während der Umsiedlung. Hunderttausende wurden von Khartum in unzulängliche Lager
außerhalb der Stadt zwangsumgesiedelt. Berichten
Im Iran exekutiert die Regierung weiterhin politische zufolge dauern die massiven Umsiedlungen ebenso
Gegner und ermordet ihre im Ausland lebenden Geg- wie die mutwilligen Bombenangriffe auf die Zivilbevölner - wie in jüngster Zeit beispielsweise die Ermordung kerung auch 1993 an. Internationalen Hilfsorganisavon vier kurdischen Dissidenten im September 1992 in tionen wird weiterhin der Zugang zu einem Großteil der
Berlin belegt. Ein prominenter Anhänger des Bahais- Bevölkerung verweigert, die verzweifelt der Hilfe bemus, Bahman Samandari, wurde im März 1992 bei darf.
einer Massenexekution hingerichtet.
Obwohl wir die jüngsten Ankündigungen der baldigen
Die Inhaftierten werden systematisch gefoltert und Freilassung mehrerer bekannter politischer Dissidenwillkürliche Brutalität gegenüber Gefangenen ist an ten begrüßen, schmachten noch immer Hunderte der Tagesordnung, wie erzwungenes Ausharren in wenn nicht mehr - in chinesischen Gefängnissen. Wir
verrenkten Stellungen, Verbrennungen mit Zigaretten stellen fest, daß entgegen jüngsten öffentlichen Zugesowie schwere und wiederholte Schläge mit Kabeln ständnissen Chinas nicht alle der an der Demonstraoder anderen Instrumenten auf den Rücken oder die tion auf dem Tiananmen-Platz 1989 beteiligten StuFußsohlen.
dentenführer freigelassen wurden. Studentenführer
Liu Gang ist beispielsweise noch immer in einem
Bahais sehen sich weiterhin willkürlicher Verhaftung Gefangenenlager im Nadosten Chinas inhaftiert. Einem
und Inhaftierung ausgesetzt. Im August 1992 befan- Bericht zufolge wurde während eines Hungerstreiks im
den sich rund 20 Bahais im Gefängnis, während die Jahr 1992 aus Protest gegen die Bedingungen im
Regierung ihre Praxis fortsetzte, jederzeit eine kleine, Gefängnis sein Arm von Gefängniswärtern gebroaber konstante Zahl von Bahais festzunehmen.
chen, die versuchten, ihn zwangszuernähren.
Im Irak stellt die Bilanz endloser Menschenrechtsverletzungen für zivilisierte Menschen einen Affront dar.
Der Irak hat ein uneingeschränktes Embargo, das
auch Nahrungsmittel und Medikamente einschließt,
gegen seine drei nördlichen Provinzen verhängt.
Besonders gravierende Menschenrechtsverletzungen
sind militärische Operationen gegen schiitische zivile
Nichtkombattanten im südlichen Irak, bei denen im
vergangenen Jahr Hunderte, wenn nicht sogar Tau-

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Heute werden in China weiterhin politische und religiöse Dissidenten verhaftet, angeklagt und zu Gefängnisstrafen verurteilt. Die Bedingungen in den chinesischen Strafvollzugsanstalten sind hart und häufig
erniedrigend. Es gibt zahlreiche Berichte von Gefangenen, denen angemessene medizinische Versorgung trotz ernsthafter Gesundheitsprobleme verweigert wird. Grundlegende Menschenrechtsnormen
werden somit weiterhin mißachtet.
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�Indem wir unsere Botschaft diesen tyrannischen
Regierungen übermitteln, senden wir auch all den
unterdrückten Bewohnern dieser Länder eine Botschaft. Unsere Botschaft vermittelt ihnen unsere
Besorgnis. Sie sollte auch eine Botschaft der Hoffnung
sein im Sinne eines Liedes aus einem Nazi-Konzentra* *

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tionslager von vor sechzig Jahren. Eine Strophe des
Liedes "Die Moorsoldaten" lautet folgendermaßen:
"Doch für uns gibt es kein Klagen, ewig kann's nicht
Winter sein, eines Tages werden froh wir sagen:
'Heimat, du bist endlich mein.'"

*

*

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�USA - E U R O P A
10. März 1993

UNGEWISSHEITEN IN DEN AMERIKANISCHEUROPÄISCHEN BEZIEHUNGEN
Rede von Botschafter Dobbins in Bonn
BONN - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir eine Rede mit dem Titel "Ungewißheiten in den amerikanischeuropäischen Beziehungen", die von Botschafter James F. Dobbins am 4. März 1993 vor dem CDUWirtschaftsrat gehalten wurde. Dobbins ist amerikanischer Botschafter bei der EG in Brüssel.

Dies ist eine Zeit erheblicher Ungewißheit in den
transatlantischen Beziehungen, Ungewißheit in dreierlei Hinsicht:

en im Nahen Osten eingeladen, die Friedensverhandlungen wieder aufzunehmen. Er ist mit dem russischen Außenminister zusammengetroffen und hat den
4. April als Datum für einen frühzeitigen russischErstens Ungewißheit in bezug auf die Politik der neuen amerikanischen Gipfel vereinbart. Am 26. Februar
amerikanischen Administration,
hatte Außenminister Christopher sein erstes Treffen
mit dem NATO-Rat.
zweitens Ungewißheit über das Schicksal der neuen
europäischen Union und
Wirtschaftswachstum ist Präsident Clintons wichtigdrittens Ungewißheit über die neue Weltunordnung, in stes Anliegen. Er hat ein aus drei Teilen bestehendes
der sich die Vereinigten Staaten und Europa gemein- Programm zur wirtschaftlichen Erholung präsentiert.
Dieses Clinton-Programm ist nahezu ein Gegenstück
sam befinden.
zur europäischen Strategie für die konjunkturelle Erholung, zu der die EG-Kommission die Mitgliedstaaten
Die Politik der neuen Administration
der Gemeinschaft gedrängt hat.
Ungewißheit über die Absichten der amerikanischen
Administration bilden die neueste, die intensivste und Teil eins des Clinton-Vorschlags ist ein 30-Milliardenaller Voraussicht nach vorübergehendste dieser drei Dollar-Konjunkturprogramm, das 500.000 neue ArQuellen transatlantischer Beunruhigung. Präsident beitsplätze schaffen soll. Im vergangenen Dezember
Clinton hat bereits begonnen, die wichtigsten Linien beschloß der Europäische Rat in Edinburgh das kurzseiner Au ßen-, Sozial- und Wirtschaftspolitik zu formu- fristige Konjunkturprogramm der Gemeinschaft, das in
lieren . Diese Politik bringt Europa und Amerika in einer etwa denselben Umfang hat.
Reihe von Bereichen näher zusammen.
Teil zwei ist ein Investitionsprogramm in Höhe von 160
Trotz ihres Wunsches, sich anfänglich auf die Innen- Milliarden Dollar, das die Modernisierung der amerikapolitik zu konzentrieren, hat die Clinton-Administration nischen Infrastruktur, einschließlich der Infrastruktur
bereits politische Initiativen zu Bosnien, dem Nahen im Informationswesen, zum Ziel hat, um die amerikaOsten und Rußland bekanntgegeben. Ihre erste wich- nische Industrie wettbewerbsfähiger zu machen und
tige Ankündigung galt de facto nicht ihrem Wirtschafts- die amerikanische Erwerbsbevölkerung für hochqualiprogramm für das Inland, sondern einem neuen ame- fizierte, hochwertige Arbeitsplätze im Spitzentechnorikanischen Ansatz für das Jugoslawienproblem, mit logiebereich zu befähigen. Europäische Programme
dem das amerikanische Gewicht bei den diplomati- zur Förderung von Spitzentechnologie und deutsche
schen, humanitären und friedenssichernden Bemü- Systeme der beruflichen Bildung und Lehrlingsausbilhungen zur Beendigung des Konflikts zur Geltung dung wurden ausdrücklich unter den Vorbildern dieser
gebracht wird. Außenminister Christopher hat bereits neuen amerikanischen Programme genannt.
eine Woche im Nahen Osten verbracht und die ParteiAMERIKA DIENST 10

Seite 1

�Teil drei ist ein Paket zum Defizitabbau von 500
Milliarden Dollar. Diese Maßnahme wird das amerikanische Haushaltsdefizit von gegenwärtig 5,5 Prozent
des BSP bis 1997 auf 2,75 Prozent senken.
Europa hat sein eigenes, im Vertrag von Maastricht
enthaltenes makroökonomisches Konvergenzprogramm. Das Ziel des Defizitabbaus in Europa ist dem
Clinton-Vorschlag sehr ähnlich.

dem Weltmarkt Probleme hatten, so argumentierte die
Bush-Administration, diese Hindernisse seien vorwiegend das Ergebnis von Handelsschranken und strukturellen Behinderungen amerikanischer Exporte in
anderen Ländern. Da die grundlegenden Probleme im
Ausland und nicht im Inland bestünden, müsse die
Handelspolitik, nicht die Innenpolitik die Hauptlast der
Wiederherstellung der amerikanischen Wettbewerbsfähigkeit tragen.

Die von Präsident Clinton vorgeschlagenen Maßnahmen auf der steuerlichen und Einnahmeseite werden
es den Vereinigten Staaten bis zum Jahr 1997 sogar
gestatten, alle im Vertrag von Maastricht enthaltenen
ökonomischen Kriterien für die Aufnahme in die Europäische Währungsunion (EWU) zu erfüllen.

Präsident Clinton ist nicht der Ansicht, die amerikanische Wirtschaft sei in guter Verfassung. Er glaubt
deshalb nicht, daß die Handelspolitik allein die amerikanische Konkurrenzfähigkeit wiederherstellen kann.
Er ist der Überzeugung - und die Wahl deutet darauf
hin, daß das amerikanische Volk dieser Meinung
ist -, daß Reformen im Inland der erste Schritt zur WieNatürlich sind die Vereinigten Staaten kein Bewerber
derherstellung unserer Wettbewerbsfähigkeit im Ausfür die Aufnahme in die EWU. Aber die neue amerikaland sind.
nische Administration ist darauf bedacht, innerhalb
des G-7-Rahmens engere Konsultationen und eine "Unsere Wettbewerbsfähigkeit wird durch vieles beeffektivere Koordinierung der makroökonomischen und einträchtigt", erklärte Präsident Clinton vergangenen
Währungspolitik zwischen Europa und den Vereinig- Freitag an der American University, "das nicht nur
ten Staaten herbeizuführen.
durch Vergeltung im Handelsbereich behoben werden
kann. Besser geschulte und ausgebildete ArbeitskräfAuch die amerikanische Sozialpolitik nähert sich der
te, ein niedrigeres Defizit, stabile, niedrige Zinssätze,
europäischen in Bereichen wie Gesundheitswesen,
ein reformiertes Gesundheitswesen, Technologien von
Energie- und Umweltpolitik an. Präsident Clinton ist
Weltruf, wiederbelebte Städte: Dies muß das Gerüst
entschlossen, eine nationale Krankenversicherung
unserer Wettbewerbsfähigkeit sein. Unternehmen,
einzuführen. Auch hier werden europäische Modelle
Arbeitskräfte und auch die Regierung müssen unerangeführt.
müdlich ein immer höheres Produktionsniveau anstreben."
Im vergangenen Juni verständigte sich die EG-Kommission auf eine umfassende Energiesteuer, falls Japan
und Amerika eine vergleichbare Maßnahme einfüh- Dieser innenpolitische Schwerpunkt bedeutet keine
ren. Präsident Clinton hat nun eine amerikanische Abwendung vom internationalen Handel. Ganz im
Energiesteuer vorgeschlagen, die nicht an Bedingun- Gegenteil. Die ganze Stoßrichtung von Clintons Programm zielt auf die Behandlung struktureller Probleme
gen geknüpft ist. Jetzt ist Europa wieder am Zug.
in der amerikanischen Wirtschaft ab, um Amerika
Die neue amerikanische Administration befürwortet besser dazu zu befähigen, seine Produkte und Diensteine aktivere Rolle des Staates beim Schutz der Umwelt. leistungen auf dem Weltmarkt abzusetzen. "WettbeAuch hier nähern sich die amerikanische und europäi- werb, nicht Rückzug" ist das Motto Präsident Clintons.
sche Politik einander an.
Der Erfolg von Präsident Clintons Programm hängt
von einer Zunahme des Welthandels, nicht einer
Handelspolitik: Wettbewerb, nicht Rückzug
Abnahme ab. Für die Clinton-Administration ist interJa, aber wie steht es um die Handelspolitik, werden Sie nationale Wettbewerbsfähigkeit die höchste Meßlatte
fragen, nachdem Sie die Berichte von Konflikten über der Innenpolitik, die Arena, in der Reformen die höchStahl, staatliche Beschaffungen und den Airbus gele- sten Dividenden bringen werden.
sen haben. Auch hier bringt die neue amerikanische
Betonung von Wettbewerbsfähigkeit, Gegenseitigkeit, Während die Clinton-Administration bestrebt ist, Amerika
Industriepolitik und aktiverem staatlichem Engage- wettbewerbsfähiger zu machen, muß sie sich ebenment die amerikanische Wirtschaftsphilosophie stär- falls bemühen, Amerika diesen Wettbewerb zu erlauben. Lassen Sie mich deshalb nacheinander auf die
ker mit europäischen Positionen in Einklang.
drei bereits erwähnten Sektoren eingehen, drei SektoIm Gegensatz zu ihrer Vorgängerin betrachtet die ren, in denen fairer Wettbewerb gegenwärtig verwehrt
neue amerikanische Administration die Handelspolitik wird - Stahl, staatliche Beschaffungen und Zivilflugnicht als Alternative für innenpolitische Reformen, zeuge.
sondern als deren logische Erweiterung.
Stahl
Im großen und ganzen ging die Bush-Administration
davon aus, daß die amerikanische Wirtschaft in guter Von 1982 bis 1992 gelangte europäischer Stahl im
Verfassung sei. Wenn amerikanische Produkte auf Rahmen eines freiwilligen SelbstbeschränkungsabSeite 2

AMERIKA DIENST 10

�kommens in die Vereinigten Staaten. Die Absicht
dieses Abkommens bestand darin, einen ordentlichen
Markt aufrechtzuerhalten, während Europa seine Industrie rationalisieren, die Kapazitäten abbauen und
sich über Regeln zur Kontrolle der Subventionen verständigen könnte. Aber die europäischen Stahlhersteller setzten ihre Subventionen nicht ein, um Kapazitäten abzubauen, sondern um sie in einem schrumpfenden Markt aufrechtzuerhalten. Zehn Jahre später
streben die europäischen Stahlerzeuger bei unverminderten Kapazitäten und ohne Rationalisierung ihrer
Branche eine weitere Runde von Subventionen an,
verlangen sie den Ausschluß von Konkurrenten aus
Osteuropa und beschweren sich, wenn die amerikanische Stahlindustrie denselben Schutz vor westeuropäischen Produkten verlangt.

selbst stärker von Rüstungsaufträgen abhängen als
Boeing. Tatsächlich produziert Boeing noch nicht
einmal Militärflugzeuge. Die amerikanischen Unternehmen, die das tun, McDonell Douglas und Lockheed, haben kontinuierlich Marktanteile verloren, nicht
nur an Airbus, sondern auch an Boeing. Infolgedessen
hat sich das Unternehmen mit der geringsten Abhängigkeit von Rüstungsaufträgen als effizientester Hersteller von Zivilflugzeugen erwiesen.

Das Abkommen zwischen der EG und den USA von
1992 hat vereinbarte Niveaus von Entwicklungs- und
Produktionssubventionen für amerikanische und europäische Zivilflugzeuge festgelegt. Die Entwicklungsbeihilfen werden auf 33 Prozent der Kosten begrenzt.
Produktionssubventionen sind verboten. Das Abkommen sieht darüber hinaus die Rückzahlung aller BeihilDer Präsident der Wirtschaftsvereinigung Stahl, Ru- fen zu vorher vereinbarten Bedingungen vor und erforprecht Vondran, beklagte kürzlich, daß verstaatlichte dert, daß die Vereinigten Staaten über diese BedinStahlunternehmen, die mit Steuergeldern arbeiten, gungen informiert werden. Die Vereinigten Staaten
jahrelang mit großen Verlusten produziert und ihre werden die Einhaltung dieses Abkommens sorgfältig
Kapazitäten sogar noch erweitert haben, während beobachten. Wir möchten sicherstellen, daß vorheriunabhängige Unternehmen verpflichtet waren, den ge Subventionen wie vereinbart zurückgezahlt werGürtel enger zu schnallen. Subventionen und unfaire den. Wir werden femer die Begrenzung neuer SubImporte zerstören Vondran zufolge die Marktmecha- ventionen in den Bereichen Marketing und Exportfinismen. Die Zustimmung der amerikanischen Stahler- nanzierung sowie die Straffung und Erweiterung der
Disziplinen bei Subventionen auf multilateraler Grundzeuger ist ihm gewiß.
lage anstreben.
Vergangene Woche rechtfertigte der französische
Handelsminister neue EG-Beschränkungen für Stah- Staatliche Beschaffungen
limporte aus Osteuropa mit dem Argument, "die Europäische Gemeinschaft könnte Arbeitsplätze in Lothrin- Staatliche Beschaffungen sind ein weiterer Bereich, in
gen nicht opfern, um Arbeiter in Böhmen zu retten". Es dem der Handel zur Zeit weder frei noch fair ist. Am 1.
bedarf kaum der Erwähnung, daß die Arbeiter in Januardieses Jahres setzte die Europäische Gemeinschaft eine Richtlinie in Kraft, die amerikanische AnPittsburgh ähnlich denken.
bieter auf umfassender, europaweiter Ebene diskriminiert. Die Gemeinschaft behauptet, das diskriminieAirbus
rende Instrument seiner neuen Gesetzgebung sei ein
Wenn ein Unterschied zwischen freiem Handel und Verhandlungsinstrument zur Öffnung amerikanischer
fairem Handel besteht, dann liegt dieser Unterschied in Märkte. Wir verstehen diese Überlegung, und wir
den Subventionen. Subventionierter Handel ist nicht führen gleichfalls ähnliche Beschränkungen für amerifair, und unfairer Handel kann nicht frei bleiben. Wir kanische Beschaffungen aus Europa ein, ebenfalls als
sehen dies beim Stahl, und wir sehen dies bei zivilen Faustpfand für Verhandlungen.
Flugzeugen.
Es ist schade, daß wir uns nicht auf eine gegenseitige
In den letzten Wochen haben 28.000 Arbeitnehmer bei Öffnung des amerikanischen und europäischen Markts
Boeing ihren Arbeitsplatz verloren. Diese Arbeitneh- für staatliche Beschaffungen verständigen konnten,
mer waren nicht unzureichend ausgebildet, schlecht ohne auf solche Verhandlungstaktiken zurückzugreimotiviert oder unproduktiv. Aber ihr Unternehmen hat fen. Die amerikanischen Märkte sind bereits offener
Aufträge gegen einen Wettbewerber verloren, der als die Europas, aber wir sind bereit, sie noch weiter zu
staatliche Subventionen in Höhe von 26 Milliarden öffnen. Wir verhandeln mit der EG seit über vier
Dollar erhalten hat. Die Europäer rechtfertigen die Jahren über dieses Thema.
Subventionen für den Airbus dagegen mit dem Argument, auch Boeing erhalte über Rüstungsaufträge Dem gegenwärtigen GATT-Kodex für staatliche Bestaatliche Subventionen. Hätte Amerika aufgrund schaffungen zufolge öffnen die Vereinigten Staaten
seines militärischen Beitrages zur Befreiung Europas staatliche Beschaffungen in Höhe von 16,8 Milliarden
und danach zur Verteidigung Europas während der Dollar für EG-Angebote - frei von irgendwelchen "Buyvergangenen 45 Jahre einen Vorsprung im zivilen American"-Beschränkungen. Die EG öffnet ihrerseits
Flugzeugbau erlangt, so wäre dies doch kaum eine lediglich 7,8 Milliarden Dollar für die Vereinigten Staalegitime Quelle für europäische Beschwerden. Tatsa- ten. Im Rahmen der gegenwärtigen GATT-Regeln
che ist jedoch, daß die wichtigsten Airbus-Partner bieten die Vereinigten Staaten der EG demzufolge

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Seite 3

�doppelt so viel Zugang wie die EG uns im Gegenzug
gestattet.

Während die Clinton-Administration Verhandlungslösungen für jeden dieser seit langem bestehenden
Streitfälle anstrebt, hat sie ihre Absicht bekräftigt, das
Europa beschwert sich über unsere "Buy-American"- Nordamerikanische Freihandelsabkommen zu ratifiRegeln. Diese Verfügungen betreffen lediglich ameri- zieren, die GATT-Vereinbarungen abzuschließen und
kanische Beschaffungen von 20 Milliarden Dollar jähr- zu diesem Zweck vom Kongreß das Fast-Track-Manlich. Die "Buy-European"-Vorschrift der neuen EG- dat anzustreben. Vergangenen Freitag forderte PräsiGesetzgebung dagegen betrifft über 50 Milliarden dent Clinton den "unverzüglichen und erfolgreichen
Dollar jährlich.
Abschluß der Uruguay-Runde". Wie im Fall der Landwirtschaft wird eine Einigung zwischen den USA und
Die neue europäische Gesetzgebung schreibt nicht
der EG überdie anderen noch ausstehenden Themen,
nur die Bevorzugung europäischer Produkte vor. Darüber
darunter Marktzugang, Dienstleistungen, Subventiohinaus gestattet sie europäischen Regierungen, jedes
nen, Dumping und neue institutionelle Arrangements
amerikanische Angebot in seiner Gesamtheit grundlos
erforderlich sein, um dieses Ziel zu erlangen.
und unabhängig davon, wie niedrig der Preis oder wie
qualitativ hochwertig die Produkte auch sein mögen, Die Zukunft der Europäischen Union
abzulehnen. Die amerikanischen Gesetze verlangen
andererseits, daß die amerikanische Regierung euro- Die zweite die amerikanisch-europäischen Beziehunpäische Angebote selbst dort akzeptieren muß, wo gen beeinflussende Ungewißheit ist, wie ich bereits
"Buy American" gelten soll, wenn diese europäischen erwähnte, die Unsicherheit bezüglich der europäiOfferten am preiswertesten sind und das Gefälle be- schen Union.
rücksichtigen.
Wird Maastricht ratifiziert werden? Falls es ratifiziert
Unsere Gespräche mit der EG zur Erweiterung der wird, wird es durchgeführt und in welchem zeitlichen
jeweiligen Beschaffungen haben sich auf zwei Berei- Rahmen? Wenn es durchgeführt wird, welche Art von
che konzentriert - Telekommunikation und schwere europäischer Union wird daraus entstehen?
elektrische Güter.
Es gibt drei unterschiedliche Visionen der europäi1992 errangen ausländische Firmen 54 Prozent des schen Union, die um die Seele Europas konkurrieren.
amerikanischen Marktes für Telefonschalter. Der Eine ist die Vision von einem "Europa der Nationen",
europäische Anteil an diesem amerikanischen Markt von einer sich erweiternden Handelszone, für die der
ist in den letzten fünf Jahren Jahr für Jahr kontinu ierlich Vertrag von Maastricht auf ewige Zeiten das Höchstgewachsen. Andererseits hat Deutschland noch nie maß an Integration verkörpern wird. Ein zweites
einen amerikanischen Schalter gekauft. Dasselbe gilt Modell sieht einen föderalen Kern von westeuropäifür Frankreich, Belgien, Griechenland und Dänemark. schen Staaten mit unabhängiger Verteidigungs- und
Außenpolitik vor. Ein drittes Modell strebt ein Europa
Bei schwerem elektrischem Gerät ist die Lage ähnlich. an, das gleichzeitig vertieft, erweitert und geöffnet wird
EG-Firmen liefern 20 Prozent der Gasturbinen und 30 - die Ausweitung der Mitgliedschaft auf Osteuropa, die
Prozent der Dampfturbinen in Amerika. Kein amerika- Entwicklung zu stärkeren zentralen Strukturen, die
nisches Unternehmen hat jemals eine Dampfturbine in weitere Liberalisierung seiner Außenhandelsbeziehundie Europäische Gemeinschaft verkauft. Der letzte gen sowie die weitere enge Verbindung mit den Vereiamerikanische Verkauf eines Großtransformators nach nigten Staaten in einer Sicherheitspartnerschaft.
Europa fand im Jahr 1983 statt.
Das dritte Modell ist das ehrgeizigste, da es von der EG
Der baldige Abschluß der Uruguay-Runde
verlangt, gleichzeitig ihre Integration zu vertiefen, ihre
Mitgliedschaft zu erweitern und ihre Grenzen weiter zu
Die neue amerikanische Betonung des umfassenden
öffnen. Dieses Modell verlangt auch am meisten von
Aspekts könnte unseren Dialog über den Handel verden Vereinigten Staaten, indem es erfordert, daß wir
schärfen, aber die Argumentation der Administration
uns weiter in Europa engagieren und Verpflichtungen
zugunsten wirtschaftlicher Reformen ist nach außen
eingehen, während wir ständig unsere Interaktionsforgerichtet, nicht nach innen. Sie stützt sich stark auf
men anpassen, um eine sich entwickelnde Reihe von
vergleichende Studien und stellt die amerikanischen
europäischen Institutionen einzubeziehen. Ich perLeistungen denen unserer Konkurrenten gegenüber.
sönlich gehe jedoch davon aus, daß dieses größere,
Ob diese Vergleiche - wie beim deutschen System der
vertiefte, offenere Europa das Modell ist, das am
Lehrlingsausbildung - positiv sind oder negativ, wie im
ehesten mit den langfristigen Interessen der VereinigFalle der Subventionierung des Airbus, die Absicht ist
ten Staaten an europäischer Sicherheit und weltweidieselbe. Dieses Lob und diese Kritik werden zur
tem Wirtschaftswachstum in Einklang steht. Darüber
Unterstützung eines Wirtschaftsprogramms eingesetzt,
hinaus bin ich der Ansicht, daß diese Vorstellung von
das darauf abzielt, Amerika zur Beteiligung an einem
Europa am weitestgehenden dem Wunsch der meioffeneren, interdependenteren, stärker von Wettbesten Europäer in Ost und West entspricht.
werb geprägten internationalen Umfeld zu befähigen.

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AMERIKA DIENST 10

�Dieses letztere Urteil - daß die europäischen Völker ein Sicherheitsherausforderungen abgelöst wurde.
größeres, integrierteres Europa möchten - wird sicherEs ist eine Art Binsenweisheit geworden, daß in dieser
lich auf Einwände stoßen.
neuen Ära nach dem Kalten Krieg die Geoökonomie
Im vergangenen Jahr hat die Öffentlichkeit in verschie- die Geopolitik als dominanten Faktor in den internatiodenen europäischen Ländern erheblich weniger Be- nalen Beziehungen ersetzen wird. Weil die Vereiniggeisterung für die europäische Union an den Tag ten Staaten und Europa wirtschaftliche Konkurrenten
gelegt als die Verfasser des Maastrichter Vertrages sind, erwarten viele, daß Konflikte Kooperation als
erwartet hatten. Über die Ursachen dieses Schwunds Norm in den transatlantischen Beziehungen ablösen
an öffentlicher Unterstützung ist viel spekuliert wor- werden.
den. Ist es das Demokratiedefizit der Gemeinschaft
und mangelnde Transparenz bei der Entscheidungs- Es ist jedoch wahrscheinlich falsch zu erwarten, daß
findung? Ist es die Komplexität des Maastrichter Sicherheit als Schwerpunkt westlicher Anliegen in den
Vertrags und fehlende Ausgewogenheit zwischen seinen Hintergrund tritt. Sicherlich, die sowjetische Bedrowirtschaftlichen und politischen Elementen? Ist Sub- hung ist verschwunden. Aber die nukleare Weiterversidiarität die Antwort? Muß der Vertrag geändert breitung, zunehmender Nationalismus, Rassismus und
werden? Ist eine konstitutionelle Reform der Gemein- Fundamentalismus, die zum anhaltenden Verfall des
Ostens führen, sowie fortdauernde Instabilität südlich
schaft erforderlich?
von Europa werden gewährleisten, daß Sicherheit ein
Wenn diese Diagnosen zutreffen, wenn diese Abhilfen entscheidendes Anliegen des Westens und Sicherunerläßlich sind, dann könnte die Krankheit Europas heitszusammenarbeit zwischen den Vereinigten Staatödlich sein, denn grundsätzliche Reformen der Ge- ten und Europa ein zentrales Gebot bleiben.
meinschaft können aller Wahrscheinlichkeit nach nur
nach der Wiederherstellung der öffentlichen Unterstüt- Neu ist, daß diese westliche Zusammenarbeit schwieriger zu verwirklichen und in ihrem Ergebnis weniger
zung für die Integration erfolgen, nicht vorher.
erfolgreich sein mag als wir in den vergangenen 40
Glücklicherweise gibt es eine einfachere Erklärung für Jahren erfahren haben. Seit das Bündnis in den
den Rückgang der öffentlichen Unterstützung für Europa fünfziger Jahren seine Politik des Containment und
im vergangenen Jahr. Die richtige Frage lautet hier seine Strategie der Abschreckung entwickelte, besaß
nicht, warum einzelne Europäer zu Euroskeptikern der Westen eine erprobte, erwiesene und gut verstanwurden, sondern warum es heute mehr Euroskeptiker dene Reaktion auf die sowjetische Herausforderung.
gibt als vor 18 Monaten. Sicherlich konnte man die Die Vereinigten Staaten und Europa mögen vielleicht
Antwort auf diese Frage von der Wand in Bill Clintons über Details debattiert haben - über die Stationierung
Wahlkampfzentrale ablesen, an der ein Schild mit von Raketen oder die taktische Doktrin -, aber im
folgender Aufschrift hing: "Es ist die Wirtschaft, Grundsatz waren wir einig. Wir hatten Antworten, und
Dummkopf."
wir wußten, daß sie funktionierten.
Im vergangenen Jahr haben europäische und amerikanische Wähler als Reaktion auf die hartnäckig hohe
Arbeitslosigkeit und niedriges Wachstum der Politik,
den Politikern und dem eingefahrenen Trott eine Absage
erteilt. In den Vereinigten Staaten lehnten sie George
Bush ab. In Europa war ihr Ziel der Vertrag von
Maastricht.

Dies ist nicht länger der Fall.
Jugoslawien ist dafür beispielhaft. Die Vereinigten
Staaten und Europa haben keine unterschiedlichen
Interessen in Jugoslawien. Auch unsere Beurteilung
der dortigen Ereignisse unterscheidet sich nicht. Was
wir gemeinsam haben, ist die Frustration über den
schwer faßbaren Charakter des Problems und die
Unwirksamkeit der von uns bisher ergriffenen Maßnahmen.

Wenn diese Analyse zutreffend ist, dann ist der Rückgang der europäischen öffentlichen Zustimmung zur
Integration zyklisch, und es steht zu erwarten, daß der
Europessimismus wiederum dem Euroenthusiasmus Es könnte noch lange dauern, bis wir wirklich effektive
weichen wird, wenn sich die europäische Wirtschaft Antworten auf die neuen, ebenso akuten aber diffuseren Sicherheitsherausforderungen finden, denen wir
von der derzeitigen Rezession erholt.
heute ausgesetzt sind. Während wir nach Antworten
Die neue Weltunordnung
suchen, könnten unsere Bemühungen zur Zusammenarbeit ebenso häufig Hitze wie Licht erzeugen.
Die dritte Quelle der Ungewißheit, die über den ame- Unsere Sicherheitspartnerschaft wird zwar wichtig
rikanisch-europäischen Beziehungen hängt, ist die bleiben, aber sie könnte aus diesem Grund weniger
Unsicherheit über die neue Weltunordnung, eine Welt Solidarität und weniger Isolierung für die Beziehungen
ohne die Sowjetunion, ohne den Eisernen Vorhang als Ganzes hervorbringen.
und praktisch ohne Kommunismus. Es ist eine Welt,
in der das einigende Element einer einzelnen, gut Vierzig Jahre lang hatte die Wirtschaft auf beiden
verstandenen äußeren Bedrohung durch eine verwir- Seiten des Atlantiks infolge der atlantischen Sicherrende Ansammlung neuer, schlecht verstandener heitspartnerschaft eine Art Freifahrtschein. Europa
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Seite 5

�war in der Lage, sich auf seine ökonomische Integration zu konzentrieren, darauf vertrauend, daß die
NATO nicht nur seine äußeren Grenzen garantierte,
sondern auch verhinderte, daß sicherheitsrelevante
Anliegen eine Quelle von Reibungen zwischen den
westeuropäischen Nationen selbst wurde. Die amerikanische Wirtschaft konnte ebenfalls ihre unternehmerischen und branchenspezifischen Wirtschaftsziele
in der sicheren Gewißheit verfolgen, daß die umfassenderen transatlantischen Beziehungen für sich selbst
sorgen und die politischen Entscheidungsträger infolge des sicherheitspolitischen Imperativs gewährleisten würden, daß kein Hähnchen- oder Spaghettikrieg
außer Kontrolle geriete.

danach, beschleunigt sich die weltweite wirtschaftliche
Interdependenz noch weiter. Es ist unerläßlich, daß
die Fähigkeit für weltweites wirtschaftliches Management damit Schritt hält.
Die Interdependenz hat unter den Ländern Westeuropas ihr höchstes Niveau erreicht. Der Vertrag von
Maastricht und die geplante europäische Währungsunion stellen eine regionale Antwort auf die Notwendigkeit neuer Arrangements dar, um noch enger verflochtene Volkswirtschaften zu leiten. Europa muß an
diesem Weg festhalten, um seinen Binnenmarkt aufrechtzuerhalten und zu einer gestärkten weltweiten
Fähigkeit für den Umgang mit einer offeneren Weltwirtschaft beizutragen.

Fürdie Zukunft können wirdessen weniger sicher sein.
In der Welt nach dem Kalten Krieg wird die Geoökonomie sicherlich einen ebenbürtigen Platz neben der
Geopolitik einnehmen, wenn nicht gar sie ersetzen.
Wirtschaftliche Dispute in den atlantischen Beziehungen werden primär aus wirtschaftlichen Gründen
bewertet und beigelegt werden. Neue Argumente für
transatlantische Solidarität werden deshalb besonders stark auf wirtschaftlichen Gründen beruhen müssen.
Wirtschaftliche Interessengruppen müssen eine Hauptstütze der Atlantischen Gemeinschaft werden und
einen Großteil der Last übernehmen, die lange vom
"militärisch-industriellen Komplex" getragen wurde.

In den kommenden Monaten werden die Vereinigten
Staaten von den anderen führenden Mitgliedern der
G-7 entschlossene, politisch schwierige Schritte zur
Wiederbelebung der Weltwirtschaft erwarten. Nachdem er sein eigenes umfassendes Programm für
Wachstum, Strukturreformen und Defizitabbau vorgelegt und damit die Vereinigten Staaten auf den schwierigen Weg gebracht hat, den Europa und Japan seit
langem fordern, rief Präsident Clinton vergangene
Woche unsere wichtigsten Partner dazu auf, ihren Teil
beizutragen, "um die Zinssätze zu senken, Investitionen anzukurbeln, strukturelle Handelshemmnisse
abzubauen und ein robustes Wirtschaftswachstum
wiederherzustellen".
Diese Aufforderung ist lediglich
Unter diesen Umständen ist es für die amerikanische
der
Anfang
langfristiger
Bemühungen, unsere gemeinWirtschaft wichtig, eine sichtbare Präsenz in Europa
same
Fähigkeit
zum
Umgang
mit der Interdependenz
geltend zu machen und ein aktives Interesse an der
zu
verbessern.
Entwicklung Europas zum Ausdruck zu bringen. Ebenso
wichtig ist es für die europäische Wirtschaft, sich auf
europäischer Ebene zu organisieren, um am transat- Schlußbemerkung
lantischen politischen Dialog teilzunehmen. VerschieBereits jetzt ist klar, daß Präsident Clinton die Sozialdene Initiativen dieser Art werden zur Zeit von der
und Wirtschaftspolitik der Vereinigten Staaten auf
Wirtschaft auf beiden Seiten des Atlantiks betrieben.
einen Kurs bringt, der sie näher an Europa heranführt.
Ich bin sicher, diese Bemühungen werden von den
Unser Handelsdialog wird energisch, bisweilen scharf,
europäischen Regierungen und der amerikanischen
aber beiderseitig produktiv sein, während die Vereinigbegrüßt werden, die den Bedarf eines aktiveren Engaten Staaten danach streben, zu konkurrieren und sich
gements der Wirtschaft zur Unterstützung der transatnicht vom Weltmarkt zurückzuziehen. Europa wird
lantischen Beziehungen erkannt haben.
von amerikanischem Wachstum und vom amerikanischen Erfolg bei der Öffnung von Märkten profitieren.
Der Umgang mit der Interdependenz
Die Interdependenz der Weltwirtschaft wächst. Diese Ungewißheit über die Zukunft der europäischen Union
Interdependenz macht sie produktiver, aber auch wird die transatlantischen Beziehungen etwas länger
verwundbarer. In den dreißiger Jahren brach die beeinflussen. Aber Europa wird amerikanische UnterWeltwirtschaft zusammen, weil die politischen Arran- stützung genießen, während es versucht, seinen Weg
gements für den Umgang mit ihr nicht mit der Zunahme in die Zukunft zu finden. Amerikanisches Wirtschaftsder internationalen Handels- und Investitionstätigkeit wachstum, das zu einem Wirtschaftsaufschwung in
Schritt gehalten hatten. In den vierziger Jahren wurde Europa führt, wird das beste Elixier gegen den derzeidas System von Bretton Woods konzipiert, um diesen tigen Anfall von Europessimismus und die beste GrundMangel zu korrigieren. In den siebziger Jahren began- lage für weitere Fortschritte zur europäischen Union
nen auch diese Arrangements unter dem Gewicht sein.
einer noch komplexeren, interdependenteren Welt zu
Die Bewältigung der Herausforderung einer immer
zerfallen. Das System von Bretton Woods wurde
interdependenteren Wert wird unsere dauerhafteste
modifiziert und durch die Hinzufügung jährlicher WirtHerausforderung darstellen. Die Geoökonomie wird
schaftsgipfel und regelmäßiger Konsultationen der
G-7-Finanzminister ergänzt. Heute, nahezu 20 Jahre bei der Gestaltung der transatlantischen Beziehungen
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�ihren Platz an der Seite der G eopolit ik einnehmen. Die
Regierungen werden ihre Fähigkeit verbessern müssen, mit einer enger verflochtenen Weltwirtschaft
umzugehen. Die Wirtschaft auf beiden Seiten des
Atlantiks wird sich stärker engagieren müssen, um

diese wichtigsten aller internationalen Beziehungen zu
verstehen, zu ihnen beizutragen und sie aufrechtzuerhalten: die Beziehungen zwischen Europa und Amerika.

* * * *

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*

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�H A N D EL
10. März 1993

NEUE AMERIKANISCHE HANDELSPOLITIK FÜR 1993
Kantor drängt auf neue Handelspolitik
WASHINGTON - (AD) - Die handelspolitischen Zielsetzungen der Clinton-Administration für das Jahr 1993
enthalten die gewohnten Themen: Die Uruguay-Runde der Welthandelsgespräche, Liberalisierung des
regionalen und bilateralen Handels, insbesondere mit der Europäischen Gemeinschaft, Japan und China sowie
die Durchsetzung bestehender Handelsabkommen.
Die Administration engagiert sich jedoch auch dafür, im Bereich der Handelspolitik neue Fragen anzusprechen
wie Arbeitsbestimmungen, Umweltschutz, Wettbewerbs- und Technologiepolitik, so der Handelsbericht von
1993 und der Jahresbericht 1992 des Präsidenten der Vereinigten Staaten zum Programm der Handelsabkommen, die am 5. März 1993 veröffentlicht wurden.
Der US-Handelsbeauftragte Mickey Kantor unterstrich in der Einleitung zu dem Bericht die Überzeugung
Clintons, "Wettbewerb, nicht Rückzug" sei erforderlich.
Kantor versprach, den Handel durch "auf Öffnung der Märkte abzielende Maßnahmen, unterstützt von einer
strengen Durchsetzung der amerikanischen Gesetze" zu erweitern.
Nachfolgend veröffentlichen wir den Teil des Berichts, der die handelspolitische Tagesordnung für 1993 enthält.

Die Handelspolitik der Clinton-Administration ist ein
integraler Bestandteil der gesamten Wirtschaftspolitik
des Präsidenten. Das Fundament dieser Strategie
besteht darin, "den Menschen an die erste Stelle zu
setzen". Ihre Schubkraft umfaßt tiefgreifende Wirtschaftsreformen im Inland und eine Führungsrolle in
der Weltwirtschaft.
Der Präsident wies bereits in seiner Amtsantrittsrede
darauf hin: "Wir müssen mehr in unser Volk, seine
Arbeitsplätze und seine Zukunft investieren und gleichzeitig unsere massive Verschuldung abbauen. Und
wir müssen dies in einer Wert tun, in der wir um jede
Chance konkurrieren müssen."
Eine erfolgreiche Handelspolitik trägt zu unserem wirtschaftlichen Wohlergehen bei, indem die Bereitstellung von Gütern und Dienstleistungen angeregt, Löhne und Gehälter erhöht und die internationale Konkurrenzfähigkeit verbessert werden. Andererseits werden Maßnahmen zur Erhöhung der Investitionen im
Produktionsbereich, Verbesserung der Ausbildung der
Arbeitnehmer und Erhöhung des Bildungs-und Ausbildung sstandards uns in der Weltwirtschaft konkurrenzfähiger machen.
Diese Verbindung zwischen Handel und unserer nationalen Wirtschaftsstrategie kann gar nicht genug betont
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werden. Sie bestimmt unsere Prioritäten und die
zeitliche Steuerung unserer Handelspolitik als Ganzes. Wie Präsident Clinton vor der American University bereits erklärt hat: "Unsere Handelspolitik wird
Bestandteil eines integrierten Wirtschaftsprogramms
sein...".
Leider werden wir Zeit brauchen, bis die Synergieeffekte zwischen Handel und wirtschaftlicher Erholung
zum Tragen kommen. Dieses Jahr wird besonders
schwierig werden. Wirtschaftliches Wachstum im
Inland wird unsere Nachfrage nach Gütern aus dem
Ausland erhöhen, während die Rezession, unter der
zurZeit unsere wichtigsten Handelspartner leiden, das
Wachstum amerikanischer Exporte verlangsamen wird.
Der beunruhigende 29prozentige Anstieg des amerikanischen Handelsdefizits im Warenhandel während
des Jahres 1992 ist ein Symptom für dieses Problem.
Positiv ist jedoch, daß die amerikanischen Handelsgewinne im Bereich der Dienstleistungen 1992 um 25
Prozent stiegen. Folglich änderte sich die kombinierte
Bilanz für Waren und Dienstleistungen nur leicht; das
Defizit stieg von 21,8 Milliarden 1991 auf 32,7 Milliarden 1992.
Vor diesem Hintergrund setzen wir die folgenden wichtigen Prioritäten:

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�a)

Wir sind bereit, bei der Uruguay-Runde der
Welthandelsgespräche energisch auf Fortschritte zu drängen.

b)

Wir werden große Anstrengungen unternehmen, um die Ziele des Nordamerikanischen
Freihandelsabkommens zu erreichen, indem
wir die notwendigen Zusatzabkommen mit Mexiko
und Kanada aushandeln.

c)

Wir werden andere bilaterale und regionale Initiativen untersuchen, um eine Ermutigung zu
verstärkten Handelsmöglichkeiten zu geben.
Diese umfassen Bemühungen um Zusammenarbeit mit den Pazifikrandstaaten sowie anderen Staaten der westlichen Hemisphäre. Die
Asiatisch-Pazifische Wirtschaftliche Zusammenarbeit ist besonders vielversprechend.

d)

Wir führten auch ernsthafte substantielle Gespräche
mit unseren wichtigsten Handelspartnern - einschließlich Kanadas und der EG - über die nächsten im
Rahmen des GATT zu unternehmenden Schritte.
Natürlich kann ein Abkommen bei der Uruguay-Runde
nicht so früh geschlossen werden, daß es unter dem
existierenden amerikanischen Gesetz für die sehr
wichtige "Fast-Track"-Behandlung im Kongreß in Frage kommt. Folglich schlägt die Administration eine
Gesetzgebung vor, die das Fast-Track-Mandat erneuern soll.
B.

Abschluß der NAFTA-Vereinbarungen

Das Abkommen über die Nordamerikanische Freihandelszone (NAFTA) erstreckt sich auf ganz Amerika, es
erweitert und modifiziert das Freihandelsabkommen
zwischen den Vereinigten Staaten und Kanada aus
dem Jahr 1988. Durch die Aufnahme Mexikos wird die
Nordamerikanische Freihandelszone mehr als 360
Millionen Menschen und eine Jahresproduktion von
mehr als 6 Billionen Dollar umfassen.

Wir werden die bereits bestehenden Handelsvereinbarungen und amerikanischen Handelsgesetze entschlossen durchsetzen, um mehr
Märkte für unsere Exportartikel zu öffnen, beispielsweise bei den staatlichen Beschaffungen,
der Telekommunikation, den Dienstleistungen Ziel von NAFTA ist die Ankurbelung von Handel und
Wachstum in allen drei Ländern, einschließlich der
und der Landwirtschaft.
Vereinigten Staaten. Als solches ist das Abkommen in
e)
Wir werden sicherstellen, daß die neueren Fra- die längerfristigen wirtschaftlichen Ziele der Adminigen im Bereich der Handelspolitik - insbesonde- stration wie besserbezahlte Arbeitsplätze und größere Umweltschutz, Wettbewerbs- und Technolo- res Wohlergehen unserer Arbeitnehmer, Unternehgiepolitik - ein integraler Bestandteil unserer men und Gemeinschaften eng eingebunden. Wir
unterstützen es nur in dem Maße, in dem es diese Ziele
Tagesordnung werden.
unterstützt.
A.
Weitere Fortschritte bei der Uruguay-Runde
des GATT
Das grundlegende NAFTA-Abkommen wurde am 17.
Dezember 1992 von Präsident George Bush, PräsiIm letzten Jahr wurden die Hoffnungen auf einen dent Carlos Salinas de Gortari aus Mexiko und PreAbschluß der Uruguay-Runde der Welthandelsgesprä- mierminister Brian Mulroney aus Kanada unterzeichche wieder einmal zerschlagen. Zu Beginn des Jahres net. Es würde alle Zölle zwischen den Vereinigten
1993 waren besonders im Bereich der Landwirtschaft Staaten und Mexiko stufenweise abbauen, die Mehrund bei den bilateralen Diskussionen zwischen den zahl über einen Zeitraum von 10 Jahren, bei den
Vereinigten Staaten und der Europäischen Gemein- sensibelsten Produkten in einer Übergangszeit von bis
schaft Fortschritte zu verzeichnen.
zu 15 Jahren.
Ein erfolgreiches Abkommen zum Abschluß der Uruguay-Runde würde der schleppenden Weltwirtschaft
kurzfristig einen Vertrauensschub geben. Wir schätzen, daß die Produktion weltweit schließlich auf mehr
als 5 Billionen Dollar ansteigen würde - allein in den
Vereinigten Staaten auf mehr als 1 Billion Dollar.

Das NAFTA-Abkommen geht über den Güterhandel
hinaus - es senkt die Handelsschranken im Dienstleistungsbereich (beispielsweise Finanzdienstleistungen,
verstärkte Telekommunikation und Beförderung) und
bei Investitionen. Es befaßt sich auch mit vielen
nationalen Regelungen. Was Mexiko betrifft, verstärkt
Verschiedene komplexe Angelegenheiten verlangen es beispielsweise den Schutz geistigen Eigentums,
jedoch nach einer Lösung. Die Clinton-Administration schafft diskriminierende Regelungen für Lastwagenist bereits bei ihrer internen Überprüfung der Verhand- transporte ab und öffnet den Markt für Beschaffungen
lungen vorwärtsgekommen. Wir konzentrieren uns der mexikanischen Regierung.
auf einige Bestimmungen des Entwurfs der Schlußak- Das Akommen wird, falls es von den Gesetzgebungste und auf die größtenteils noch unvollendete Arbeit im organen derdrei Länder angenommen wird, im Januar
Hinblick auf Marktzugang. Es besteht eine zwingende 1994 in Kraft treten.
Notwendigkeit, einen größeren Marktzugang zu erhalten - das heißt niedrigere Zölle und Abbau nichttarifä- In einer am 4. Oktober vergangenen Jahres gehalterer Handelshemmnisse für Fertigwaren und landwirt- nen Rede und in späteren Äußerungen verlieh Präsischaftliche Erzeugnisse sowie ein größerer Zugang im dent Clinton seiner Unterstützung des grundlegenden
Dienstleistungsbereich.
Seite 2

AMERIKA DIENST 10

�NAFTA-Abkommens Ausdruck und erklärte, er wolle
es nicht neuverhandeln. Er forderte jedoch die Stärkung einiger amerikanischer Programme - einschließlich der Ausbildung der Arbeitnehmer, der Beseitigung
von Umweltschäden an der amerikanisch-mexikanischen Grenze, Hilfe für Farmer, größerer Teilnahme
der Öffentlichkeit an den Diskussionen über NAFTA
und der Schließung der Schlupflöcher für ausländische Arbeitnehmer. Präsident Clinton forderte auch
die Aushandlung von Zusatzabkommen zum Schutz
der Umwelt, der Verbesserung der Arbeitsgesetze und
Sicherheit am Arbeitsplatz sowie die Bereitstellung
weiteren Schutzes gegen den überwältigend hohen
Anstieg von Importen. Auf diesen Gebieten suchen wir
nach konkreten und durchsetzbaren Maßnahmen.

Herausforderungen können jedoch hervorgehoben
werden.

Bis jetzt stehen die Zeichen gut. Die Aussicht auf
NAFTA verbessert bereits unsere Möglichkeiten. Der
amerikanische Handel mit Mexiko, der 1990 ein leichtes Defizit zu verzeichnen hatte, erreichte 1992 einen
Überschuß von 5,4 Milliarden Dollar. Die Mexikaner
konsumieren bereits pro Person mehr amerikanische
Waren als die Europäer oder die Japaner, und der
erhöhte Wohlstand in Mexiko wird wohl zu einer noch
größeren Nachfrage nach amerikanischen Gütern und
Dienstleistungen beitragen.

Trotz einiger Fortschritte (beispielsweise einer Reform
des Verteilungssystems) bleibt eine Anzahl von Handelsschranken bestehen. Einige sind ordnungspolitischer, andere struktureller und wieder andere produktspezifischer Natur.

C.

China ist potentiell ein riesiger Markt für amerikanische
Produkte und Dienstleistungen. Um China zur Einführung von Verfahren und Verhaltensweisen zu ermutigen, die mit dem internationalen Handelssystem in

Die Pazifikrandstaaten
Im Unterschied zu anderen Ländern der Welt ist in den
Pazifikrandstaaten ein kräftiges Wachstum zu verzeichnen. Die Clinton-Administration überprüft Wege
zur Stärkung der Beziehungen mit dieser wichtigen
Region auf den Gebieten Handel und Investitionen.
Neben diesen Chancen bestehen auch eine Reihe von
Handelsproblemen, insbesondere mit zwei wichtigen
Staaten:

Japan: Nach unserer eigenen ist die japanische
Wirtschaft die zweitgrößte der Welt, und nach Kanada
In ähnlicherWeise haben wir vorläufige Diskussionen ist Japan unser zweitgrößter Handelspartner. Im
mit kanadischen und mexikanischen Vertretern über letzten Jahr stieg Japans Überschuß beim Handel mit
Zusatzabkommen geführt. Die Verhandlungen wer- den Vereinigten Staaten von 43 Milliarden auf ungeden im März beginnen. Obwohl über den Gang der fähr 49 Milliarden Dollar, was einen jahrelang anhalVerhandlungen keine Prognosen angestellt werden, tenden Rückgang umkehrte. Ungefähr zwei Drittel
hoffen wir, daß sie so schnell wie möglich abgeschlos- unseres Defizits mit Japan bestehen bei Automobilen
sen werden können, damit NAFTA wie vorgesehen im und Autoteilen, gefolgt von Gütern der ElektroinduJanuar 1994 in Kraft gesetzt werden kann.
strie.

Wir sind besorgt über eine Reihe von speziellen Problemen. Dazu gehört, sicherzustellen, daß Japan das
Halbleiterabkommen einhält, seine Politik im Hinblick
auf den Handel mit Automobilen und Autoteilen sowie
seine Bereitschaft, Abkommen zu Supercomputern,
NAFTA wird letzlich mehr Arbeitsplätze in Amerika Computern, wichtigen Projekten und einer Vielzahl
schaffen. Dennoch ist es wahrscheinlich, daß einige anderer Probleme zu verwirklichen. Wir engagieren
amerikanische Arbeitnehmer in einigen Sektoren ihren uns dafür, alle Verhandlungsformen auszuloten - bilaArbeitsplatz verlieren. Präsident Clinton versprach terale oder multilaterale, strukturelle oder produktbeeine Vielzahl von Maßnahmen, um ihnen zu helfen, zogene -, um Handelsprobleme zu lösen.
einschließlich der Unterstützung für besonders anfälChina: China ist nach wie vor ein Schwerpunkt ernster
lige Arbeitnehmer und Gemeinschaften.
Bedenken seitens der Vereinigten Staaten.
Neben seinen wirtschaftlichen Auswirkungen stellt
NAFTA ein Schlüsselelement bei den mutigen, von Die Verhandlungen mit China über Marktzugang wurPräsident Salinas unternommenen Anstrengungen dar, den vergangenen Herbst erfolgreich abgeschlossen.
Mexiko zu öffnen und zu modernisieren. Die Durchset- Es bleiben jedoch noch schwerwiegende Probleme zu
zung von NAFTA wird es Präsident Salinas und ande- lösen. Amerikanische Waren sind weiter mit hohen
ren amerikafreundlichen, die Marktkräfte befürworten- Zöllen, Zulassungserfordernissen und Quoten konden Kräften in Mexiko gestatten, ihre Politik fortzuset- frontiert. Das chinesische System entbehrt nach wie
zen. NAFTA den Rücken zuzukehren würde nicht nur vor der Transparenz bei der Verkündung und Anwendiese Reformen gefährden, sondern auch die Zusam- dung von Gesetzen und Vorschriften. Im Dienstleimenarbeit mit Mexiko in vielen gemeinsamen Pro- stungssektor war die Liberalisierung nur schwach
blembereichen negativ beeinflussen, einschließlich des ausgeprägt, und amerikanische Unternehmen sind
weiterhin rigorosen Beschränkungen unterworfen.
Drogenhandels und der Einwanderungsfrage.
Weitere bilaterale und regionale Initiativen

In den letzten Kapiteln dieses Berichts werden viele
bilaterale und regionale Initiativen angesprochen. Einige

AMERIKA DIENST 10

Seite 3

�Einklang stehen, sind wir führend daran beteiligt, Chinas Mitgliedschaft im GATT zu sichern.

gesetze nachhaltig durchsetzen. AnsorjÄA hltten
die Abkommen und Gesetze kaum eine MjAitung.

Europa

Titel VII des Handelsgesetzes

Europäische Gemeinschaft: Unsere Handelsbeziehungen zur EG sind für die Integrität und Vitalität des
multilateralen Handelssystems von entscheidender
Bedeutung. Wir sind füreinander die größten Handelspartner, wobei der Gesamthandel in beiden Richtungen 214 Milliarden und das amerikanische Defizit im
Jahr 1992 nahezu 8 Milliarden Dollar erreichte. Wir
unterstützen die weitere Integration Europas, aber wir
werden energisch handeln, um unsere Interessen zu
schützen, falls die am 1. Januar 1993 eingeleitete
Verwirklichung des Europäischen Binnenmarkts oder
der Vertrag von Maastricht amerikanische Firmen
diskriminieren oder Schranken gegen amerikanische
Exporte errichten sollte. Während die EG die Bildung
des Europäischen Wirtschaftsraums mit anderen
westeuropäischen Staaten, die Einbeziehung neuer
Mitglieder sowie die Durchführung von Assoziierungsabkommen mit Osteuropa vorantreibt, werden wir
unsere internationalen Abkommen und die amerikanischen Handelsgesetze nutzen, um die Märkte offen zu
halten. Wir werden mit der EG zusammenarbeiten, um
die für den Abschlu ß der Uruguay-Runde erforderliche
Führung zu gewährleisten. Die effektive Verwirklichung des bilateralen Abkommens über die AirbusSubventionen sowie die Aushandlung scharfer multilateraler Disziplinen für die Unterstützung des Flugzeugsektors werden ebenfalls hohe Priorität genießen.

Titel VII des Handelsgesetzes von 1^81 forttert die
Identifizierung anderer Länder, die tmlrtanische
Produkte und Dienstleistungen b«i st*ffcffrn Beschaffungen diskriminieren. In diesem JuÄmmenhang hat die Clinton-Administration schart iufjie neue
Sektorenrichtlinie der Europäischen OÄdpischaft
reagiert. Diese Richtlinie, die im Janulr Jijfeiin Kraft
trat, sieht eine klare Präferenz für A r t g r o A J h in der
Gemeinschaft hergestelltem Gerät U p f l P j n den
Vereinigten Staaten oder andernor^
HfV^*™
Gerät vor und gestattet die Ablehnun$llPffl|iSoten,
deren Nicht-EG-Anteil über 50 Prozent M f l i f L Durch
Verhandlungen und, falls nötig, durch Sanktionen wird
die Administration eine Beendigun| M M I fllkriminierung anstreben.
Dumping und Subventionen
Einige der am häufigsten angewiriÄi Jmerfkanischen Handelsgesetze dienen der Abftjir ausländischer Dumping- und SubventionsprUtijfc. $o wurden in den vergangenen Monaten vöh cAlfltf rnationalen Handelskommission sowie ddm Äiwlsministerium einstweilige Feststellungen gettonen, denen
zufolge die amerikanische Wirtschaft ^schltiigt wurde, weil ausländische Hersteller von unfegVrtim Stahl
ihre Produkte in den Vereinigten Stauen unter Wert
verkauft haben und weil zahlreiche iuSlrWische Hersteller von ihren Regierungen subventioniert wurden.

Osteuropa und die ehemalige Sowjetunion: Die
meisten osteuropäischen Länder machen Fortschritte Diese Verwaltungsverfahren werden gemlß tmerikabei der Umgestaltung ihrer Volkswirtschaften zu markt- nischen Gesetzen durchgeführt. Bis Ü ihrem Aborientierten Systemen. Die Fortschritte in den unab- schlußvergeht eine gewisse Zeit. In der Zwischenzeit
hängigen Republiken der ehemaligen Sowjetunion sind hat sich die Administration, um eine sfnrMrile Disziplin
dagegen begrenzt. Die Vereinigten Staaten werden in diesem Sektor zu erlangen, auch an Vtöiandlungen
die Entwicklung der Demokratie und marktorientierter über ein multilaterales Stahlabkomm^i SPtWlgt.
Systeme durch Verhandlungen unterstützen, die darauf ausgerichtet sind, einen Rahmen für die rasche
Ausweitung von Handel und Investitionen zwischen
den Vereinigten Staaten sowie den Ländern Osteuro- Die in Paragraph 201 des HandelsglM jfcy^n 1974
pas und der ehemaligen Sowjetunion bereitzustellen. (mit Zusätzen) enthaltene Konze*sWj WMtlhmeklausel sieht ein breites Spektrum rrftrttfier AbhilfeAmerika
maßnahmen zugunsten einer heinM | ^ J ^ c h e
vor, wenn verstärkte Importe etn»jfl
m&amp;
Mehrere Staaten dieser Region haben weitreichende Ursache ernster Schädigung Sind m
BWfc
Reformen eingeführt, um ihre Haushaltsdefizite abzu- Schädigung droht. Während der BvB^M ÄNganbauen, die Auslandsschulden zu reduzieren und ihre Administrationen geriet diese BestM
I A GeVolkswirtschaften für den weltweiten Wettbewerb zu setzes in Vergessenheit. Die Clinton R-nhfctrition
öffnen. Präsident Clinton hat erklärt, ein Erfolg von untersucht, ob sie zur verstärkten ArlÄÄJhg" dieses
NAFTA könne weiteren, den Handel erweiternden seit langem existierenden Instrumentseifcutigen sollArrangements mit anderen marktorientierten Ländern te, das im Einklang mit dem GATT 4%W i .
der westlichen Hemisphäre sehr gut den Weg ebnen.
D. Durchsetzung bestehender Handelsabkommen
und amerikanischer Gesetze
Die Clinton-Administration wird unsere bestehenden
Handelsabkommen und die amerikanischen HandelsSeite 4

Paragraph 301 des Handelsgest«|B
Zusätzen) ist ein wichtiges gesetJHfl
das zur Öffnung von Auslandsmarkt»«J

limit
Bnt,
Binn,

�Das Basisabkommen zu NAFTA enthält eine Reihe
von Bestimmungen, um die US-Gesetze über Umwelt
und Gesundheit zu schützen und Unternehmen davon
Die Clinton-Administration zieht die verstärkte Anwen- abzuhalten, auf der Suche nach laxeren Umweltschutzdung von Paragraph 301 unter geeigneten Bedingun- vorschriften von Land zu Land zu ziehen. Präsident
gen in Erwägung, um zur Öffnung weiterer Auslands- Clinton hat jedoch einseitige amerikanische Bemühunmärkte zu ermutigen. Sie wird ferner sicherstellen, gen gefordert, um Umweltschäden im Grenzgebiet zu
daß die bestehenden Vereinbarungen im Rahmen von beseitigen und mehr öffentliche Beteiligung an den
301 uneingeschränkt verwirklicht werden.
Debatten über die Umwelt in Zusammenhang mit
NAFTA zu gewährleisten. Darüber hinaus unterstützt
E. Auftretende Probleme in der Handelspolitik
er ein Ergänzungsabkommen, das gemeinsame
Die amerikanische Handelspolitik findet nicht isoliert Bemühungen zur Beseitigung von Umweltschäden im
von anderen politischen Maßnahmen statt. Wie be- Grenzgebiet behandelt, eine von allen drei Partnern
reits festgestellt, ist sie integraler Bestandteil unserer gebildete Umweltkommission mit erheblichen Vollmachten einrichtet und eine verbesserte nationale
nationalen Wirtschaftsstrategie.
Durchsetzung nationaler Umweltgesetze vorsieht. In
Mehrere "neue" Probleme verdienen stärkere Auf- ähnlicher Weise erfordert der Entwurf des Abkommerksamkeit. Die wichtigsten sind unter anderem mens der Uruguay-Runde, das Augenmerk auch auf
Umweltschutz, Wettbewerbspolitik und Technologie- die umweltpolitische Dimension zu richten, und daspolitik. Andere Themen, die ebenfalls intensiverer selbe gilt auch für die Evolution des GATT selbst.
Beschäftigung bedürfen, sind Arbeitsbestimmungen,
Rechte an geistigem Eigentum und Investitionsfragen. Im Hinblick auf Handels- und Technologiepolitik hat die
Clinton-Administration unlängst eine wichtige neue
Probleme, die mit dem Verhältnis von Handel und Technologieinitiative bekanntgegeben, die eine erhebUmwelt zusammenhängen, werden vordringlich be- liche Verlagerung von aufgabenorientierter Forschung
handelt werden. Wir werden nach Wegen suchen, um und Entwicklung der Bundesregierung zu Investitioden komplementären Charakter von Handels- und nen vorsieht, die der Stärkung der amerikanischen
Umweltanliegen zu stärken sowie Kompensations- industriellen Wettbewerbsfähigkeit und Schaffung von
maßnahmen ausgewogener zu gestalten.
Arbeitsplätzen gelten.

wenn ein anderes Land ein Handelsgesetz verletzt
oder andere unfaire Praktiken anwendet.

* * * * *

AMERIKA DIENST 10

Seite 5

�VERTEIDIGUNG
10. März 1993

WISNER WARNT VOR GEFAHR DER
NUKLEAREN WEITERVERBREITUNG
Rede vor Senatsausschuß
WASHINGTON - (AD) - "Nukleare Weiterverbreitung, verschärft durch die potentielle Gefahr des Verlusts der
uneingeschränkten Kontrolle über die Nuklearwaffen in der ehemaligen Sowjetunion", ist dem designierten
Staatssekretär im US-Verteidigungsministerium Frank Wisner zufolge "eine der wesentlichen Bedrohungen der
nationalen Sicherheit, mit denen sich die Vereinigten Staaten heute konfrontiert sehen."
Bei seiner Anhörung vor dem Streitkräfteausschu ß des Senats am 4. März 1993 zählte Wisner weitere Gefahren
auf: "regionale, ethnische und religiöse Konflikte, das Risiko der Umkehrung von Reformen in Rußland und den
anderen ehemaligen Sowjetrepubliken".
Wisner erklärte, die "US-Streitkräfte müssen so strukturiert und ausgerüstet sein, daß die Auswirkungen der
Weiterverbreitung auf ein Mindestmaß begrenzt werden, falls unsere Bemühungen zu ihrer Verhinderung
scheitern" und fügte hinzu, die Streitkräfte "müssen jedoch uneingeschränkt in der Lage sein, regionale
Bedrohungen amerikanischer Interessen und Werte zu bewältigen - wenn möglich zusammen mit unseren
Verbündeten, wenn nötig im Alleingang."
Nachfolgend veröffentlichen wir Auszüge aus Wisners vorbereitetem Redetext für den Ausschuß.

Während des Kalten Krieges dominierte die sowjetische Bedrohung die Militärplanung der Vereinigten
Staaten. Sie bestimmte die Höhe unseres Verteidigungsbudgets, die Struktur unserer Streitkräfte und
den Entwurf unseres militärischen Geräts. In einem
Rückblick auf die Zeit nach dem Kalten Krieg sprach
der ehemalige Präsident Bush von einer "neuen Weltordnung". Wie Verteidigungsminister Aspin bemerkte,
war das "neu" von längerer Dauer als die "Ordnung".
Das Sicherheitsumfeld nach dem Kalten Krieg ist
vieldeutig, kompliziert und veränderbar. Die alte Welt
bipolarer Blöcke wurde durch eine neue Welt multipolarer Komplexität ersetzt. Das Verständnis der Unterschiede zwischen alten und neuen Bedrohungen ist
entscheidend für die Veränderungen, die wir zur
Gewährleistung unserer Sicherheit in diesem neuen
Umfeld vornehmen müssen.
Erstens ist nukleare Weiterverbreitung, verschärft durch
die potentielle Gefahr des Verlusts der uneingeschränkten Kontrolle überdie Nuklearwaffen in derehemaligen
Sowjetunion, eine der wesentlichen Bedrohungen der
nationalen Sicherheit, mit denen sich die Vereinigten
Staaten heute konfrontiert sehen. Obwohl sich die
stets geringe Gefahr eines massiven Atomangriffs auf
die Vereinigten Staaten stark verringert hat, ist die
AMERIKA DIENST 10

Gefahr, daß eine, zwei oderzehn Nuklearwaffen sogar
gegen die Vereinigten Staaten eingesetzt werden
könnten, größer. In der Tat muß die Verbreitung aller
Massenvernichtungswaffen - chemischer, biologischer
und ihrer Trägersysteme - an oberster Stelle unserer
Tagesordnung stehen und die politischen oder militärischen Implikationen ihres tatsächlichen oder angedrohten Einsatzes sind äußerst ernst.
Unsere jüngsten Erfahrungen am Persischen Golf
führen uns die Bedeutung vor Augen, die Gefahr
nuklearer und anderer Weiterverbreitung abzuwehren. Niemand bezweifelt, daß die Golfkrise sehr viel
gefährlicher gewesen wäre, hätte Saddam Hussein
Nuklearwaffen besessen. Und seit dem Golfkrieg
haben wir gelernt, wie schwierig es ist, einen verbrecherischen Staat seiner Fähigkeit zur Entwicklung von
Massenvernichtungswaffen und ihrer Trägersysteme
zu berauben.
Die zweite Gefahr entstammt regionalen, ethnischen
und religiösen Konflikten. Obwohl heute kein Land das
Überleben der Vereinigten Staaten bedroht, hat Saddam Hussein demonstriert, daß regionale Mächte
amerikanische Interessen bedrohen können. Ethnische Nationalisten und sektiererischer Haß schüren

Seite 1

�auch gewalttätige Konflikte, die den Ruf nach Aktionen Die vierte Gefahr ist wirtschaftlicher Natur. Das wirtaus Gewissensgründen und aufgrund amerikanischer schaftliche Wohlergehen aller Amerikaner ist unerläßWerte laut werden lassen.
lich für die nationale Sicherheit der Vereinigten Staaten . Au ßen- und Innenpolitik sind in der heutigen Welt
Die Tragödie im ehemaligen Jugoslawien und die untrennbar. Präsident Clinton hat wiederholt erklärt,
Hilfsbestrebungen in Somalia unterstreichen die Schwie- daß die Vereinigten Staaten keine Führungsrolle in der
rigkeiten der uns konfrontierenden Herausforderung. Welt, zu deren Gestaltung wir so viel beigetragen
Die Vereinigten Staaten müssen gemeinsam mit an- haben, spielen können, wenn wir nicht im Inland stark
deren effektivere Wege sondieren, um das Entstehen sind. Und wenn wir uns von der Welt zurückziehen,
solcher Konflikte zu vermeiden, einschließlich eines wird uns dies im Inland wirtschaftlichen Schaden zufüfrühzeitigen Engagements für friedensbewahrende/ gen. Darüber hinaus würde auch unsere Sicherheit
friedenschaffende und humanitäre Hilfe. Gleichzeitig gefährdet.
müssen wir uns jedoch bewußt sein, daß wir nicht
überall hingehen und jede Last tragen können. Wir Wirkungsvolle und entschlossene Reaktionen auf die
müssen unsere Verbündeten und die Vereinten Natio- folgenden vier Gefahren sind die wichtigste nationale
nen zu größerem Engagement auffordern.
sicherheitspolitische Herausforderung für das neue
Clinton-Team:
Die dritte Gefahr ist das Risiko einer Umkehrung der
Reformen in Rußland und den anderen ehemaligen
Die Bewältigung der Bedrohung durch die WeiSowjetrepubliken. Die Verstärkung des Kurses der
terverbreitung von Massenvernichtungswaffen
politischen und wirtschaftlichen Reformen in der eheerfordert ein wirkungsvolles und vielfältiges
maligen Sowjetunion ist für die amerikanische SicherArsenal von Instrumenten, um die Anreize für
heit unabdingbar. Wie Präsident Clinton ausführte, ist
Weiterverbreiter und potentielle Weiterverbreider Erfolg der Demokratie wichtig für unsere wirtter zu reduzieren und die Anbieter zu zügeln.
schaftliche Zukunft: ... Kürzungen unserer VerteidiDie US-Streitkräfte müssen so strukturiert und
gungsausgaben, die langfristig einen wesentlichen
ausgerüstet sein, daß die Auswirkungen der
Bestandteil unseres innenpolitischen WirtschaftsproWeiterverbreitung auf ein Mindestmaß begrenzt
gramms bilden, können nur aufrechterhalten werden,
werden, falls unsere Bemühungen zu ihrer
solange Rußland und die anderen Atomrepubliken
Verhinderung scheitern.
eine abnehmende Gefahr für unsere Sicherheit, die
Die Präsenz amerikanischer Streitkräfte in
unserer Verbündeten und der Demokratien auf der
Übersee und die amerikanische Beteiligung an
Welt darstellen.
internationalen friedenserhaltenden und friedenschaffenden Arrangements können zur AbschrekVerteidigungsminister Aspin hat betont, daß wir die
kung regionaler Konflikte beitragen. Die ameri"Nachfrage" nach Verteidigungsfähigkeiten und Dolkanischen Streitkräfte müssen jedoch uneingelars für Verteidigungszwecke im Auge behalten müsschränkt in der Lage sein, regionale Bedrohunsen. Er hat das Argument vorgebracht, daß die
gen amerikanischer Interessen und Werte zu
alleinige und wichtigste außenpolitische Variable in
bewältigen - wenn möglich zusammen mit unsebezug auf die "Nachfrage" nach Verteidigung in dem
ren Verbündeten, wenn nötig im Alleingang.
Unterschied zwischen einem Rußland auf Reformkurs
und der Rückkehr zu einem Gegner Rußland besteht.
Unsere Verteidigungsmaßnahmen und -initiativen können dazu beitragen, die Umkehrung der
Die Umkehr der Reformen in Rußland könnte die
Reformen in Rußland und der Ukraine zu verVereinigten Staaten auch ihres neuen Partners bei der
hindern und die Demokratie weltweit zu fördern,
Bewältigung globaler Sicherheitsprobleme berauben.
indem wir beispielsweise dabei helfen, dort neue
Die russische Zusammenarbeit bei der Lösung regioSicherheitsidentitäten zu entwickeln und neue
naler Konflikte, insbesondere am Persischen Golf, und
Prozesse für die zivile Kontrolle über das Militär
jetzt die Bereitschaft Rußlands zur Unterstützung der
zu etablieren. Die Vorstellungskraft der SenatoFallschirmabwürfe über Bosnien, waren eines der
ren Nunn und Lugar sowie anderer Parlamentabemerkenswertesten Kriterien des Anbeginns der Zeit
rier hat diese Initiativen ermöglicht.
nach dem Kalten Krieg. Ein Ende der Reformen
könnte auch den aussichtsreichen Kurs verlangsaDie Bewältigung von Bedrohungen unserer
men, den wir mit Rußland bei der Einflußnahme auf
wirtschaftlichen
Sicherheit stellt eine schwierige
START I und die Ratifizierung von START II sowie bei
Herausforderung
der Verteidigungspolitik dar.
der Verwirklichung des breiten Spektrums der von uns
Ein
Großteil
des
Drucks
zum Abbau der Verteiüber Jahre hinweg ausgehandelten vielversprechendigungsausgaben
entspringt
der Notwendigkeit,
den Rüstungskontrollinitiativen eingeschlagen haben.
Mittel
für
innenpolitische
Investitionen
und den
Wirtschaftsreformen, Rüstungskontrolle, die Stärkung
Defizitabbau
freizusetzen.
Dies
ist
eine
Realität
von Demokratie und Stabilität sind Kernziele für uns in
derZeit
nach
dem
Kalten
Krieg.
Ich
bin
jedoch
der Ukraine, den anderen Staaten der ehemaligen
auch
der
Überzeugung,
daß
wir
mit
unseren
Sowjetunion und auch in Rußland.
Seite 2

AMERIKA DIENST 10

�wichtigsten Verbündeten in Europa und Japan
zusammenarbeiten müssen, um ein neues
"strategisches Geschäft" abzuschließen, das
uns in die Lage versetzt, zur Bewältigung der
neuen militärischen Bedrohungen zusammenzuarbeiten und gleichzeitig in der Weltwirtschaft
zu konkurrieren.
Verteidigungsminister Aspin reorganisiert das Verteidigungsministerium, damit wir uns auf diese neuen
Bedrohungen konzentrieren können. Diese Umgestaltung wird die Organisation des Staatssekretärs für
politische Angelegenheiten unmittelbar betreffen. Wir
beabsichtigen, Dienststellen einzurichten, deren Hauptaufgabe die Reaktion auf diese neuen Bedrohungen
sein wird.

Besetzung dieser Funktionen nominieren. Sie verdienen Ihr Vertrauen, und ich hoffe, Sie werden ihnen Ihre
Unterstützung gewähren, wenn die Nominierungen
Ihrem Ausschuß unterbreitet werden. Wir haben viel
gemeinsam zu tun. Dazu gehören die Verabschiedung eines wichtigen Haushalts sowie START II und
der Vertrag über chemische Waffen, deren Ratifizierung wir anstreben.

Damit komme ich zur zweiten Reihe von Herausforderungen, mit denen wir konfrontiert sind, nämlich wie wir
trotz des Abbaus der Verteidigungsausgaben eine
effektive militärische Streitmacht aufrechterhaften. Im
Falle meiner Bestätigung bin ich entschlossen, meinen
Teil dazu beizutragen. Ich bin ein Kind des Zweiten
Weltkrieges, ich habe den Krieg zeit meines Lebens
gekannt. Ich habe bereits frühzeitig verstanden, daß
Der Minister plant eine starke Organisation für regiona- wir als freie, wohlhabende Nation nur dann Bestand
le Angelegenheiten, um uns die Reaktion auf regionale haben können, wenn wir sicher sind und die Ordnung
Bedrohungen zu ermöglichen. Er möchte eine Dienst- international aufrechterhaften wird.
stelle mit den Programmen des Ministeriums zur
Bekämpfung der Weiterverbreitung betrauen und sie Wir müssen die außergewöhnliche Qualität unserer
mit unseren Exportkontrollbehörden sowie dem ge- Streitkräfte und den Vorsprung in der Spitzentechnosamten von uns eingerichteten Spektrum an Program- logie bewahren, die im Krieg gegen den Irak unter
men zum Abbau der Bedrohung und zur Nuklearpoli- Beweis gestellt wurden. Bei Operation Wüstensturm
tik koppeln. Die Reaktionen auf Bedrohungen von war die Ausbildung der US-Streitkräfte von entscheiDemokratie und Menschenrechten werden in einer dender Bedeutung. General Schwartzkopf witzelte
neuen, von einem Abteilungsleiter geführten Organi- sogar, daß Ausbildung und Führung unserer Truppen
sation gebündelt, der für Friedenssicherung und selbst dann den Sieg gesichert haben könnten, wenn
humanitäre Angelegenheiten zuständig sein wird. wir die irakischen Waffen und der Irak unsere gehabt
Abteilungsleiter werden darüber hinaus für die Funk- hätten. Wir werden eine abgespeckte Streitkräftetionen Strategie und Ressourcen sowie Planung und struktur haben, aber sie muß einsatzfähig und effektiv
Politik verantwortlich sein, um diesen Organisationen sein.
eine stärkere Führungsrolle zu verleihen und damit
sicherzustellen, daß unser neues Militär tatsächlich Im Golfkrieg haben wir auch den Wert von High-Techvon der neuen Strategie geleitet wird, und um die Waffen kennengelernt. Sie reduzierten die Zahl
langfristige Planung sowie Entwicklung von Maßnah- amerikanischer Verluste und führten ein rascheres
Kriegsende herbei. Die heute vor uns liegende Hermen neu zu beleben.
ausforderung besteht darin, wie unsertechnologischer
Bis auf weiteres werden andere Elemente der politi- Vorsprung und die industrielle Grundlage zur Produkschen Organisation so funktionieren wie bisher, darun- tion der erforderlichen Systeme bewahrt werden könter Sondereinsätze/Konflikte geringer Intensität (SO/ nen, ohne daß wir die hohen Produktionsniveaus des
LIC) und Sicherheitspolitik. Der Verteidigungsminister Kalten Krieges haben.
versteht, wie wichtig Sondereinsatzkommandos und
ähnliche Truppen in unserem neuen Sicherheitsum- Die Ziele, für die amerikanische Militärmacht eingefeld sind. Mit zunehmender Bedeutung von Missionen setzt werden kann, müssen Grenzen haben. Wir
wie Aufbau von Nationen, humanitären Angelegenhei- müssen die Energie unserer Nation auf das für uns
ten, Friedenssicherung und Maßnahmen zur Bekämp- Wichtigste konzentrieren - die Bewahrung des Friefung der Weiterverbreitung wird die potentielle Rolle dens, Förderung von Frieden und Menschenrechten,
solcher Streitkräfte sogar noch wichtiger. Er ist sich Sicherung unserer Bündnisse und Schutz des Handarüber hinaus der Tatsache bewußt, daß die hoch- dels. Die amerikanischen Streitkräfte sollten selektiv
rangige zivile Oberaufsicht über diese besonders fol- eingesetzt werden - vorwiegend in solchen Fällen, in
genreichen militärischen Operationen absolut uner- denen wichtige amerikanische Interessen bedroht und
läßlich ist. Deshalb wird Fragen in Zusammenhang mit militärische Mittel erforderlich sind, um sie zu schütKonflikten geringer Intensität mehr und nicht weniger zen, wo diese Ziele klar definiert sind und wo wir
innerhalb kurzer Zeit einen Unterschied bewirken können.
Aufmerksamkeit geschenkt werden.
Der Präsident wird ein hervorragendes Team aus
Mitgliedern und Nichtmitgliedern der Regierung zur
* *

AMERIKA DIENST 10

*

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�</text>
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amcrika
dienet

Herausgeben U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

Z12462 C

10. März 1999

04

AUSSENPOLITIK

DIE GESTALTUNG EINER FRIEDLICHEREN
WELT FÜR DAS 21. JAHRHUNDERT
Rede von Präsident Clinton

HAUSHALT

STÄRKUNG DER FUHRUNGSROLLE DER
VEREINIGTEN STAATEN AUF DER WELT
Auszug aus der Haushaltsvorlage des Präsidenten

USA-EUROPA

USA MÜSSEN IHREN MILITÄRISCHEN
AUFTRAG IN DER ZEIT NACH DEM KALTEN
KRIEG ÜBERDENKEN
Rede von Staatssekretär Pickering

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Fax: 0228-333138
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�AUSSENPOLITIK

10. März 1999

Die Gestaltung einer friedlicheren Welt für
das 21. Jahrhundert
Rede von Präsident Clinton

SAN FRANCISCO - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir eine Rede von Präsident Clinton über die Außenpolitik
der Vereinigten Staaten vom 26. Februar 1999.

Vielen Dank und Guten Morgen. Herr Bürgermeister,
wir freuen uns sehr, hier in San Francisco zu sein.
Vielen Dank, daß Sie zu unserer Begrüßung hierher
gekommen sind. Sehr geehrter Senator Boxer,
Abgeordneter Pelosi, Abgeordneter Lofgren, anwesende Mitglieder der kalifornischen Legislative. Ich
möchte besonders zwei Menschen danken, die viel mit
den guten Dingen der letzten sechs Jahre unserer
Administration zu tun hatten - unserem ehemaligen
Verteidigungsminister Bill Perry mit Frau, die beide hier
sind, und General John Shalikashvili, ich danke Ihnen
für Ihr Kommen. Wir freuen uns, Sie hierzu sehen.
Ich freue mich über diese Gelegenheit, mit Ihnen allen
sprechen zu können und daß auch Außenministerin
Albright und Herr Berger hier sein können, um über die
Rolle der Vereinigten Staaten im kommenden Jahrhundert zu sprechen; um darüber zu sprechen, was
wir tun müssen, um das Versprechen dieses außerordentlichen Augenblicks der Weltgeschichte einzulösen. Zum ersten Mal seit dem Aufstieg des
Faschismus Anfang dieses Jahrhunderts gibt es keine
direkte Bedrohung unseres Lebens oder unserer
Freiheit. Vielleicht zum ersten Mal in der Geschichte
kämpfen die führenden Nationen der Welt nicht
miteinander um Sicherheit oder Hoheitsgebiete. Die
Welt wächst ganz offensichtlich enger zusammen.
Seit 1945 ist das Welthandelsvolumen um das 15fache gestiegen, was den Lebensstandard auf allen
Kontinenten erhöht hat. Freiheit breitet sich aus; zum
ersten Mal in der Geschichte wählt mehr als die Hälfte
der Weltbevölkerung ihre eigene Regierung. Der
Zugang zu Informationen für ganz normale Menschen
auf der Welt explodiert buchstäblich.

AMERIKA DIENST 04

Aufgrund dieser Entwicklungen und der dramatischen
Steigerung unseres eigenen Wohlstands und Selbstbewußtseins in dieser längsten wirtschaftlichen
Expansion in Friedenszeiten haben die Vereinigten
Staaten die Chance, und ich würde sogar sagen die
feierliche Pflicht, im 21. Jahrhundert eine friedlichere,
wohlhabendere und demokratischere Welt zu schaffen.
Wir müssen diese Diskussion allerdings mit ein
bißchen Geschichte und ein bißchen Demut beginnen.
Hören Sie sich dieses Zitat eines anderen führenden
amerikanischen Politikers zu Beginn eines neuen
Jahrhunderts an: "Die Güter der Welt werden ausgetauscht wie nie zuvor, und mit zunehmendem Verkehr
nimmt auch das Wissen und der Handel zu. Wir
überbrücken größere Distanzen in kürzeren Zeitspannen und leichter als man je zu träumen wagte.
Die gleichen wichtigen Nachrichten werden - zwar in
verschiedenen Sprachen - am gleichen Tag auf der
ganzen Welt gelesen. Isolation ist nicht mehr möglich.
Keine Nation kann mehr einer anderen gegenüber
gleichgültig sein."
Dieses Zitat stammt von Präsident William McKinley
von vor hundert Jahren. Was wir heute Globalisierung
nennen, war schon damals auf den Weg gebracht
worden. Wir hatten damals mehr diplomatische
Vertretungen auf der Welt als heute, und Auslandsinvestitionen spielten tatsächlich eine größere Rolle für
unsere eigene Wirtschaft als sie es heute tun.
Der von Präsident McKinley und anderen damals über
das 20. Jahrhundert zum Ausdruck gebrachte Optimismus unterschied sich nicht allzu sehr von den Hoffnungen, die heute im Allgemeinen über das 21.
Jahrhundert geäußert werden. Wachsender Welt-

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�handel und Kommunikation verbesserten damals
zahllose Leben, genau wie heute auch. Aber dies hielt
die reichsten Nationen der Welt nicht davon ab, den
Ersten und Zweiten Weltkrieg auszufechten. Es
verhinderte nicht die Weltwirtschaftskrise oder den
Holocaust oder den Kommunismus.
Hätten die
führenden Nationen damals entschieden gehandelt,
hätten diese Katastrophen vielleicht verhindert werden
können. Aber der Völkerbund versagte und die
Vereinigten Staaten - nun, unser Hauptengagement
auf der Welt war kommerzieller und kultureller Art,
außer und bis wir angegriffen wurden.
Nach dem Zweiten Weltkrieg schlugen die führenden
Politiker einen anderen Weg ein. Harry Truman kam in
diese Stadt und sagte, für eine Veränderung der Welt,
weg von einer Welt, wo Macht Recht haben bedeutet,
"reichen Worte nicht aus. Wir müssen ein für allemal
durch unsere Taten endgültig beweisen, daß das
Recht Macht hat." Er, seine Verbündeten und ihre
Nachfolger bauten ein Netz von Sicherheitsbündnissen
zur Friedenserhaltung und ein weltweites Finanzsystem zum Erhalt des Wohlstands auf.
In den letzten sechs Jahren haben wir eine Erneuerung dieser und die Schaffung neuer Ordnungen für
die Herausforderungen der nächsten 50 Jahre angestrebt. Wir haben Fortschritte erzielt, aber es bleibt
noch so viel mehr zu tun. Wir können heute nicht
davon ausgehen, daß allein die Globalisierung die
zerstörerischen Kräfte an der Schwelle des 21.
Jahrhunderts hinwegfegt, wie sie es auch an der
Schwelle des 20. Jahrhunderts nicht vermochte. Wir
können nicht davon ausgehen, daß sie den sich
danach sehnenden Bürgern auf der ganzen Welt
Freiheit und Wohlstand bringen wird. Wir können nicht
davon ausgehen, daß sie Umwelt- und die Volksgesundheit betreffende Katastrophen verhindern wird.
Wir können nicht davon ausgehen, daß wir Amerikaner
keine militärische Macht oder Bündnisse brauchen weil
wir jetzt sicher sind oder daß wir nicht von finanziellen
Turbulenzen auf der anderen Seite der Erde erschüttert werden können, weil wir wohlhabend sind.
Die Welt, die wir unseren Kindern und Enkelkindern
hinterlassen möchten, fordert von uns die richtigen
Entscheidungen, von denen einige schwierig sein
werden. Die Vereinigten Staaten haben sich großen
Herausforderungen immer gestellt, aber wir neigen
immer noch dazu zu glauben, daß wir uns wieder um
unsere eigenen Angelegenheiten kümmern können,
wenn wir damit fertig sind. Heute müssen wir die
unerbittliche Logik der Globalisierung akzeptieren daß alles, von der Stärke unserer Wirtschaft über die
Sicherheit unserer Städte bis zur Gesundheit unseres
Volkes nicht nur von Ereignissen innerhalb unserer
Grenzen, sondern auch von Ereignissen auf der
anderen Seite der Erde abhängt. Wir müssen die
Chancen und Gefahren der interdependenten Welt
erkennen, in der wir wohl oder übel leben müssen.

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Es besteht immer noch ein Potential für große regionale Kriege, die unsere Sicherheit bedrohen könnten.
Das Wettrüsten zwischen Indien und Pakistan ist eine
Erinnerung daran, daß der nächste große Krieg immer
noch ein Atomkrieg sein könnte. Es besteht die
Gefahr, daß unsere ehemaligen Gegner den Übergang
zu Freiheft und freier Marktwirtschaft nicht erfolgreich
meistern. Es besteht die Gefahr, daß tödliche Waffen
in die Hände von terroristischen Gruppen oder eines
geächteten Staates fallen und daß es sich dabei um
chemische oder biologische Waffen handelt.
Es besteht die Gefahr totbringender Bündnisse
zwischen Terroristen, Drogenhändlern und organisiertem Verbrechen. Es besteht die Gefahr weltweiter
Umweltkrisen und der Ausbreitung tödlicher Krankheiten. Es besteht die Gefahr der Unterminierung offener
Märkte, der Überwältigung offener Gesellschaften und
der Aushöhlung unseres eigenen Wohlstands durch
finanzielle Turbulenzen.
Wir müssen der Versuchung widerstehen, diese
Gefahren herunterzuspielen und der Illusion, die
richtige Reaktion hierauf sei, die Schotten dicht zu
machen und Amerika vor der Welt zu schützen. Die
Welt verspricht uns unsere Zukunft. Deshalb müssen
wir hart mit der Welt arbeiten - für den Sieg über die
Gefahren, die sich uns gemeinsam stellen und zum
Ausbau dieser hoffnungsvollen Zeit in eine Generation
des Friedens, des Wohlstands und der Freiheit.
Aufgrund unserer einzigartigen Position muß Amerika
mit Vertrauen in seine Stärken und mit klarer Sicht
dessen führen, was wir vermeiden und was wir
voranbringen wollen.
Unsere wichtigste Herausforderung besteht in der
Gestaltung einer friedlicheren Welt für das 2 1 . Jahrhundert. Zu diesem Zweck erneuern wir Bündnisse,
die das kriegsfreie Gebiet erweitem und arbeiten
daran, Konflikte zu beenden, die Leben fordern und
unsere Interessen momentan bedrohen.
Die blutigsten Kriege dieses Jahrhunderts begannen in
Europa. Deshalb habe ich hart am Aufbau eines
endlich ungeteilten, demokratischen und friedlichen
Europas gearbeitet. Wir möchten ganz Europa daran
teilhaben lassen, was die Vereinigten Staaten in
Westeuropa mit aufgebaut haben - eine Gemeinschaft,
die die allgemeinen Menschenrechtsstandards achtet,
wo die Menschen das Vertrauen und die Sicherheit
haben, in die Zukunft zu investieren, wo Staaten
zusammenarbeiten, um Kriege undenkbar zu machen.
Deshalb habe ich mich nachhaltig für die NATOErweiterung eingesetzt und deshalb müssen wir die
Türen der NATO für neue demokratische Mitglieder
offen halten, so daß andere Nationen einen Anreiz
haben, die Demokratie in ihrem Land zu vertiefen.
Deshalb müssen wir eine Partnerschaft zwischen der
NATO und Rußland, zwischen der NATO und der

AMERIKA DIENST 04

�Ukraine aufbauen; deshalb schaffen wir eine NATO,
die nicht nur in der Lage ist, einen Angriff auf das
eigene Gebiet abzuwehren, sondern sich auch
Herausforderungen unserer eigenen Sicherheit außerhalb ihres Gebiets stellt - die Art NATO, die wir anläßlich des Washingtoner Gipfels zum 50. Jahrestag im
April fördern müssen.

kamen, um das Friedensabkommen zu unterzeichnen.
In diesem Moment kam die Frage auf - und wenn man
sich die Bilder im Nachhinein ansieht, scheint es in der
Tat die Hauptfrage gewesen zu sein - ob sich Premierminister Rabin und der PLO-Vorsitzende Arafat zum
ersten Mal vor der gesamten Welt die Hand reichen
würden.

Wir bauen ein stärkeres Bündnis mit Japan und
erneuern unsere Verpflichtung, Aggression in Korea
abzuschrecken und unsere Bemühungen für einen
echten Frieden dort zu intensivieren. Ich danke
Minister Perry für seine diesbezüglichen Anstrengungen. Wir schaffen eine friedlichere Welt auch durch
den Aufbau neuer Partnerschaften in Asien, Afrika und
Lateinamerika.

Es war eine interessante und gelegentlich humorvolle
Diskussion. Aber sie endete als Yitzhak Rabin,
lebenslang ein Soldat, zu mir sagte: "Herr Präsident,
ich habe ein Leben lang gegen diesen Mann gekämpft,
30 Jahre lang. Ich mußte in dieser Zeit viele meiner
eigenen Leute beerdigen. Aber man schließt nicht
Frieden mit seinen Freunden."

Vor zehn Jahren schrieen wir uns über einen durch die
Differenzen zwischen Nord und Süd definierten
Abgrund hinweg an. Heute führen wir einen neuen
Dialog in der Sprache der gemeinsamen Interessen des Handels und der Investitionen; der Bildung und der
Gesundheit, der Demokratien, die nicht Korruption und
Verzweiflung hervorrufen, sondern Fortschritt und
Hoffnung; des gemeinsamen Wunsches, daß die
Kinder in allen unseren Länder frei von der Geißel der
Drogen sein werden. Mit diesen Bestrebungen zur
Stärkung alter Bündnisse und zum Aufbau neuer
Partnerschaften fördern wir die Aussichten auf Frieden. Den Frieden dann auch wirklich zu schaffen, ist
allerdings härter und oft sehr viel umstrittener.
Es ist leicht beispielsweise zu sagen, wir hätten
wirklich kein Interesse daran, wer in diesem oder
jenem Tal in Bosnien lebt oder wer Eigentümer eines
Streifens Buschland im Hörn von Afrika oder eines
Stücks verbrannter Erde am Jordan ist. Aber der
wahre Maßstab für unser Interesse ist nicht wie klein
oder weit entfernt diese Orte sind oder ob wir Schwierigkeiten haben, ihre Namen auszusprechen. Wir
müssen uns die Frage nach den Konsequenzen für
unsere Sicherheit stellen, sollte Konflikten erlaubt
werden zu schwelen und sich auszubreiten. Wir
können und sollten nicht alles tun und überall sein.
Aber wo es um unsere Werte und Interessen geht und
wo wir etwas bewirken können, müssen wir bereit sein,
etwas zu tun. Und wir müssen uns daran erinnern,
daß die wirkliche Herausforderung für Außenpolitik in
der Bewältigung von Problemen besteht, bevor sie
unseren nationalen Interessen schaden.
Es ist ebenfalls leicht zu sagen, friedenserhaltende
Maßnahmen seien in Gegenden zum Scheitern
verurteilt, wo die Menschen seit Generationen durch
Haß verbittert sind, wo die alten, auf unterschiedlicher
Rasse, Religion oder Abstammung gründenden
Feindseligkeiten ihr ergrautes Haupt erheben. Aber
nie werde ich den Tag vergessen, als die führenden
Politiker Israels und der palästinensischen Autonomiebehörde im September 1993 in das Weiße Haus

AMERIKA DIENST 04

Es ist in unserem Interesse, Frieden zu stiften, nicht
weil wir meinen, wir könnten alle diese Unterschiede
verschwinden lassen, sondern weil wir in 200 Jahren
angestrengter Bemühungen hier in unserer Heimat
und mit bitteren und guten Erfahrungen auf der Welt
gelernt haben, daß die Welt besser funktioniert, wenn
Meinungsverschiedenheiten durch die Kraft der
Argumente und nicht durch die Kraft der Waffen gelöst
werden.
Aus diesem Grund bin ich stolz auf unsere Arbeit zur
Unterstützung des Friedens in Nordirland, und deshalb
werden wir die Politiker dort weiterhin dazu auffordern,
nicht nur den Buchstaben, sondern auch den Geist des
Karfreitagsabkommens zu achten.
Dies ist auch der Grund, warum ich die mir in meinem
Amt verbleibende Zeit dazu nutzen werde, auf einen
umfassenden Frieden im Nahen Osten zu drängen, die
Israelis und Palästinenser zu ermutigen, eine gerechte
und endgültige Lösung zu finden und unseren Freunden für Frieden beizustehen, wie beispielsweise
Jordanien. Die Menschen im Nahen Osten können es
schaffen, aber Zeit ist wertvoll und sie können sich
nicht erlauben, sie weiterhin zu verschwenden. Im
Grunde wissen sie, es kann keine Sicherheit und
Gerechtigkeit für irgend jemand in diesem kleinen und
heiligen Land geben bis es Sicherheit und Gerechtigkeit für alle dort Lebenden gibt. Wenn sie ihren Teil
leisten, müssen wir das Unsere tun.
Wir werden außerdem weiterhin mit unseren Bündnispartnern für Frieden auf dem Balkan arbeiten. Vor
drei Jahren trugen wir zur Beendigung des Kriegs in
Bosnien bei. Viele Zweifler dachten damals, er würde
bald wieder ausbrechen. Aber Bosnien befindet sich
auf dem steten Weg der Erneuerung und Demokratisierung. Wir konnten die Anzahl unserer Truppen dort
mit der Verfestigung des Friedens um 75 Prozent
reduzieren, und wir werden sie weiterhin zurück nach
Hause holen.
Die größte verbleibende Gefahr für diesen Fortschritt
ist der Kampf und die Unterdrückung im Kosovo. Im

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�Kosovo hat schließlich die Gewalt im ehemaligen
Jugoslawien vor mehr als einem Jahrzehnt begonnen,
als die Provinz die durch das jugoslawische Recht
garantierte Autonomie verlor. Wir haben ein klares
nationales Interesse daran sicherzustellen, daß die
Schwierigkeiten auch im Kosovo ihr Ende finden.
Wenn sie andauern, werden mit ziemlicher Sicherheit
auch Albanien und Mazedonien mit hineingezogen, die
an das Kosovo grenzen und wo es bereits Unruhen
gab.
Sie könnten auch Auswirkungen auf unsere Verbündeten Griechenland und die Türkei haben. Sie könnten
Spannungen in Bosnien selbst auslösen und so die
dort erzielten Erfolge gefährden. Dauert der Konflikt
an, wird es sicherlich mehr Greueltaten geben, mehr
Flüchtlinge, mehr nach Gerechtigkeit und Rache
rufende Opfer.
Vorigen Herbst waren eine Viertelmillionen Vertriebene
im Kosovo Hunger und Kälte in den Hügeln ausgesetzt. Mit von Gewaltandrohung unterstützter Diplomatie haben wir sie nach Hause gebracht und den Kampf
verlangsamt.
17 Tage lang haben wir diesen Monat vor den Toren
von Paris mit unseren europäischen Partnern eine
Vereinbarung angestrebt, die den Kampf endgültig
beenden würde. Es wurden Fortschritte hinsichtlich
des generellen Verständnisses einer Autonomie des
Kosovo erzielt - Fortschritte, die, wie ich meine, ohne
die Einigkeit unserer Verbündeten und die unermüdliche Führungsstärke unserer Außenministerin, Madeleine Albright, nicht gemacht worden wären.
Soweit sind wir gekommen. Die Führung der KosovoAlbaner hat sich im Prinzip mit einem Plan einverstanden erklärt, der die Rechte ihres Volkes schützt
und ihnen erhebliche Selbstverwaltung zugesteht.
Serbien hat vielen, aber nicht allen Bedingungen der
Autonomie zugestimmt und bisher die Notwendigkeit
einer unter NATO-Führung stehenden internationalen
Truppe zur Friedenssicherung dort nicht anerkannt.
Die Führung Serbiens muß nun akzeptieren, daß sie
ihr Land nur unversehrt erhalten kann, wenn sie den
Menschen im Kosovo Kontrolle über ihr tägliches
Leben gibt, wie es ihnen schließlich unter jugoslawischem Recht versprochen wurde. Beide Seiten
müssen am 15. März mit einem klaren Mandat für den
Frieden an den Verhandlungstisch zurückkehren. In
der Zwischenzeit sollte Präsident Milosevic einsehen,
daß dies eine Zeit für Zurückhaltung, nicht Unterdrückung, ist. Tut er dies nicht, ist die NATO bereit zu
handeln.
Sollte es eine wirkungsvolle Friedensvereinbarung
geben, muß die NATO auch zur Entsendung von
Truppen in das Kosovo bereit sein, um beiden Seiten
das für eine Niederlegung der Waffen notwendige

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Vertrauen zu geben. Die Europäer würden den
Großteil einer solchen Truppe stellen, etwa 85 Prozent.
Aber wenn es wirklichen Frieden gibt, müssen die
Vereinigten Staaten ebenfalls ihren Teil dazu beitragen.
Das Kosovo ist kein einfaches Problem. Aber wenn
wir den Konflikt nicht jetzt beenden, wird er sich
sicherlich ausbreiten. Und dann werden wir nicht mehr
in der Lage sein, ihn aufzuhalten oder nur mit viel
größeren Kosten und Risiken.
Eine zweite sich uns stellende Herausforderung ist die
Eingliederung unserer ehemaligen Gegner, Rußland
und China, in das internationale System als offene,
wohlhabende und stabile Staaten. Wie sich diese
beiden Länder im kommenden Jahrhundert entwickeln,
wird viel mit der Zukunft unseres Planeten zu tun
haben.
50 Jahre lang stellten wir uns der Herausforderung der
russischen Stärke. Heute müssen wir uns der Gefahr
eines durch das Vermächtnis des Kommunismus
geschwächten Rußlands stellen, geschwächt auch
durch seine Unfähigkeit, zur Zeit den Wohlstand im
Land zu wahren oder den Fluß seines Kapitals, seiner
Waffen und Technologie über die Grenzen zu kontrollieren.
Die Dimensionen dieses Problems sind wahrlich
enorm. Acht Jahre nach dem sowjetischen Zusammenbruch leidet das russische Volk noch immer. Die
Wirtschaft schrumpft, was die Zukunft unsicher macht.
Wir haben heute ein ebenso großes Interesse an der
Überwindung der russischen Probleme wie wir an der
Kontrolle der Expansion Rußlands während des Kalten
Krieges hatten. Dies ist keine Zeit der Selbstgefälligkeit oder des herbeigeredeten Pessimismus. Lassen
Sie uns nicht vergessen, daß das russische Volk
schon früher enorme Hindemisse überwunden hat.
Und erst in diesem Jahrhundert, ohne eine lebendige
Erinnerung an Demokratie oder Freiheit als Leitfaden
hat es einen Staat aufgebaut, der offener für die Welt
ist als je zuvor, einen Staat mit Pressefreiheit und
lebhafter, sogar rauher Debatte, einen Staat, der in der
ersten Hälfte des neuen Jahrtausends die erste
friedliche demokratische Machtübergabe in seiner
tausendjährigen Geschichte erleben sollte.
Das russische Volk wird über seine eigene Zukunft
entscheiden. Aber wir müssen mit ihm am bestmöglichen Ausgang arbeiten, mit Wirklichkeitssinn und
Geduld. Wenn Rußland tut, was es tun muß, um seine
Wirtschaft funktionsfähig zu machen, bin ich bereit
alles zu tun, um angemessene internationale Unterstützung für das Land zu mobilisieren. Mit dem
richtigen Rahmen werden wir auch Auslandsinvestitionen in seine Fabriken, seine Energiefelder, sein Volk
ermutigen. Wir werden unsere Unterstützung für
kleine Unternehmen und die unabhängigen Medien

AMERIKA DIENST04

�erhöhen. Wir werden weiterhin am Abbau der Nukleararsenale unserer beiden Nationen arbeiten und
Rußland dabei behilflich sein zu vermeiden, daß seine
Waffen und sein Fachwissen in die falschen Hände
geraten.
Der von mir dem Kongreß vorgelegte Haushaltsentwurf sieht über die nächsten fünf Jahre eine 70prozentige Mittelerhöhung für diese entscheidende
Bedrohungsminderung vor.
Die Frage für China lautet, wie es am besten Stabilität
und Fortschritt sichert. Wird es sich für Offenheit und
Engagement entscheiden? Oder wird es sich für eine
Einschränkung der Hoffnungen seines Volkes entscheiden, ohne die globalen Regeln voll und ganz
anzuerkennen? Meines Erachtens kann nur der erste
Weg eine Antwort auf die sich China stellenden
Herausforderungen sein.
Wir können sie nicht herunterspielen. China hat bei
der Armutsbekämpfung und dem Aufbau einer neuen
Wirtschaft unglaubliche Fortschritte gemacht. Aber
nun verlangsamt sich das Wachstum - gerade als es
für die Schaffung von Arbeitsplätzen für eine wachsende und zunehmend mobile Bevölkerung gebraucht
wird. Der Großteil der chinesischen Wirtschaft wird
noch durch staatliche Kontrollen unterdrückt. In China
können wir die Probleme einer Gesellschaft erkennen,
die sich von der Herrschaft der Angst wegbewegt, aber
noch nicht in der Herrschaft des Rechts verwurzelt ist.
Die Führung Chinas weiß, daß mehr wirtschaftliche
Reformen notwendig sind; sie weiß, Reformen werden
zu mehr Arbeitslosigkeit führen, und sie weiß, dies
kann zu Unruhen führen. Gleichzeitig und vielleicht
aus eben diesen Gründen ist sie nicht bereit, ihr
politisches System zu öffnen, um den Menschen ein
friedliches Ventil für Protest zu geben.
Wir Amerikaner wissen, daß Protest nicht immer
angenehm, nicht immer einfach ist und oft lautstark
sein kann. Aber ich bin der Ansicht, daß die friedlichen, ordentlichen Ventile für Protest einer der Hauptgründe dafür sind, daß es uns immer noch gibt, als
eine der langlebigsten, frei gewählten Regierungen der
Welt. Und ich glaube, daß China früher oder später
einsehen müssen wird, daß eine Gesellschaft in der
Welt, in der wir leben - besonders ein so großes, altes
und reiches Land so voller Potential wie China - sich
einfach keine Stabilität auf Kosten der Freiheit kaufen
kann.
Andererseits müssen wir uns fragen, was die beste
Methode zur Maximierung der Chance ist, daß China
den richtigen Weg einschlägt und deshalb die Welt im
21. Jahrhundert freier, friedlicher und wohlhabender
sein wird. Ich glaube nicht, daß wir auf eine Veränderung in China hoffen können, wenn wir China von
den Kräften der Veränderung isolieren. Natürlich

AMERIKA DIENST 04

haben wir Meinungsverschiedenheiten und wir müssen
sie auch austragen. Aber wir können das tun und
gleichzeitig unsere Zusammenarbeit durch von
Grundsätzen geleitetes und zweckgerichtetes Engagement mit China, seiner Regierung und seinem Volk
ausbauen.
Unsere dritte große Herausforderung ist die Gestaltung
einer Zukunft, in der unser Volk sicher ist vor den
Gefahren, die vielleicht auf der anderen Seite der Welt
entstehen - Gefahren durch die Verbreitung von
Waffen, durch Terrorismus, Drogen und die vielzähligen aufgrund des Klimawandels möglichen Katastrophen.
Jede Generation sieht sich der Herausforderung
gegenüber, nicht den letzten Krieg austragen zu
wollen. In unserem Fall bedeutet das zu erkennen,
daß die wahrscheinlichere Bedrohung unserer Existenz in Zukunft kein strategischer Nuklearangriff von
Rußland oder China sein wird, sondern der Gebrauch
von Massenvernichtungswaffen durch eine geächtete
Nation oder eine terroristische Gruppe.
In den vergangenen sechs Jahren ist die Bekämpfung
dieser Bedrohung zu einer zentralen Priorität der
amerikanischen Außenpolitik geworden. Auch hier
muß noch sehr viel mehr getan werden. Wir arbeiten
darauf hin, die Verbreitung von Waffen an der Quelle
zu stoppen, wie wir es mit Rußland getan haben. Wir
arbeiten darauf hin, den Irak unter Kontrolle zu halten,
so daß er nicht die übrige Welt oder seine Region mit
Massenvernichtungswaffen bedroht. Wir nutzen alle
uns zur Verfügung stehenden Mittel, um Terroristen
Unterschlupf, Waffen und Geldmittel zu verweigern.
Selbst wenn es Jahre dauert, müssen die Terroristen
wissen, daß es kein Versteck für sie gibt.
Vor kurzem spürten wir den Schützen auf, der vor
sechs Jahren zwei unserer Leute vor dem CIA-Gebäude erschossen hat. Wir stellen Ausbildung und Gerät
für unsere örtliche Feuerwehr, Polizei und das medizinische Personal bereit, damit sie chemische, biologische und nukleare Notfälle handhaben können und
verbessern unsere Überwachungssysteme für die
öffentliche Gesundheit, damit wir im Falle der Freisetzung von biologischen Waffen diese ausmachen und
Leben retten können. Wir arbeiten darauf hin, unsere
entscheidenden Computersysteme vor Sabotage zu
schützen.
Viele dieser Themen sind neu und unbekannt, und
viele können erschreckend sein. Wie ich bereits in
einer Rede in Washington vor nicht allzu langer Zeit
über das sagte, was wir im Zusammenhang mit
biologischer und Computersicherheit sowie Bedrohungen durch Kriminelle unternehmen, ist es
wichtig, daß wir dazu die richtige Einstellung haben.
Wir müssen uns bewußt machen, daß die Risiken real
sind und wir uns ihnen daher weder verweigern noch

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�in Panik geraten dürfen. Solange sich Menschen in
Gesellschaften organisieren, wird es organisierte
Kräfte der Zerstörung geben, die versuchen, einen
Vorteil aus den neuen Mitteln zur Zerstörung anderer
Menschen zu ziehen.
Die gesamte Geschichte der Konflikte kann zum Teil
als Wettrennen zwischen defensiven Maßnahmen und
offensiven Fähigkeiten gesehen werden. Das tun wir,
wenn wir uns mit den Herausforderungen durch
Computer von heute befassen; das tun wir, wenn wir
uns mit den Herausforderungen durch biologische
Waffen von heute befassen. Es ist sehr wichtig, daß
sich das amerikanische Volk ohne Panik ernsthaft und
sorgfältig damit befaßt, weil es die Art von Herausforderung ist, mit der wir uns wiederholt konfrontiert
sahen. Und solange es unser Land und die Welt gibt,
werden unsere Nachfolger dasselbe tun müssen, es
sei denn, es findet eine völlig unvorhergesehene
Veränderung der menschlichen Natur statt.
Wir arbeiten an der Entwicklung eines nationalen
Systems zur Raketenabwehr, das - wenn wir uns zu
seiner Stationierung entschließen - gegen sich abzeichnende Bedrohungen durch ballistische Raketen
verbrecherischer Staaten eingesetzt wird. Wir untermauern die globalen Abkommen, die die Weiterverbreitung eindämmen. Das ist das Wichtigste, was wir
jetzt tun können. In diesem Jahr hoffen wir ein Abkommen zur Verbesserung der Einhaltung der Konvention über biologische Waffen abzuschließen. Es ist
eine wirklich gute Konvention, aber offen gesagt, fehlt
ihr der Biß. Den müssen wir ihr geben. Und wir
werden den Senat um die Ratifizierung des Vertrags
über ein vollständiges Verbot von Nuklearversuchen
bitten, damit die Nationen von Nuklearwaffentests und
von der Entwicklung neuer Nuklearwaffen abgehalten
werden.
Ich sage nochmals: Ich bitte den Senat der Vereinigten Staaten eindringlich, den Vertrag über ein
umfassendes Verbot von Nuklearversuchen in diesem
Jahr zu ratifizieren. Das ist für die Vereinigten Staaten
und die Welt von großer Bedeutung.
Unsere Sicherheit hängt auch davon ab, mehr für den
Schutz unserer Bürger vor der Geißel der Drogen zu
unternehmen.
Um diesen Kampf zu gewinnen,
müssen wir mit anderen zusammenarbeiten, einschließlich und vor allem mit Mexiko. Mexiko hat ein
ernsthaftes Drogenproblem, das zunehmend die
jungen Menschen des Landes betrifft. Keiner versteht
das besser als Präsident Zedillo. Er bezeichnet es als
die Bedrohung Nummer Eins für die Sicherheit seines
Landes, seines Volkes und seiner Demokratie. Er
arbeitet hart an der Einrichtung einer Regierung, die
"clean" ist, wirklicher Demokratie und Rechtsstaatlichkeit. Er arbeit hart an der Bewältigung der Korruption,
die durch die Drogenhändler entstanden ist.

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Weder er noch wir können diesen Kampf alleine
gewinnen. In jedem beliebigen Jahr können die
Drogenhändler Hunderte Millionen von Dollar ausgeben, um die mexikanischen Strafverfolgungsbeamten
zum Meineid anzustiften, von denen die meisten für
weniger als 10.000 Dollar pro Jahr arbeiten.
Wie ich heute in der Anhörung vor dem Kongreß
erklärte, arbeitet Mexiko mit uns im Kampf um unserer
Leben zusammen. Und meiner Ansicht nach wird das
amerikanische Volk sicherer sein, wenn wir zusammen
mit Mexiko Drogen bekämpfen, statt dem Problem den
Rücken zu kehren.
Eine weitere uns konfrontierende globale Gefahr ist der
Klimawandel. Soweit wir anhand aller zur Verfügung
stehenden wissenschaftlichen Beweise sagen können,
waren die heißesten Jahre, die unser Planet je erlebt
hat, 1997 und 1998. Neun von zehn der heißesten in
den letzten Jahrhunderten aufgezeichneten Jahre
fielen in das letzte Jahrzehnt.
Wir können warten, hoffen, nichts tun und versuchen
zu ignorieren, was die große Mehrheit der Wissenschaftler uns als ein festes und dauerhaftes Muster
erklärt. Wir können die Rekorde brechenden Temperaturen, Überschwemmungen, Stürme und Dürrekatastrophen ignorieren, die solches Elend hervorgerufen
haben. Oder wir können akzeptieren, daß die Verhinderung der durch den Klimawandel verursachten
Krankheiten und Zerstörung unendlich viel billiger sein
wird, als künftige Generationen versuchen zu lassen,
den Dreck wegzuräumen, insbesondere wenn man
bedenkt, daß einmal in die Atmosphäre freigesetzte
Treibhausgase dort fortbestehen und mindestens
hundert Jahre lang destruktive Auswirkungen auf die
Umwelt haben.
1997 haben wir einen riesigen Schritt nach vome
gemacht, als wir uns an der Formulierung des Abkommens von Kyoto beteiligten. Jetzt arbeiten wir
darauf hin, die Entwicklungsländer davon zu überzeugen, daß auch sie sich in sinnvoller Weise an diesen
Bestrebungen beteiligen können und müssen, ohne
auf Wachstum zu verzichten. Wir versuchen auch,
eine Mehrheit im Kongreß der Vereinigten Staaten
davon zu überzeugen, daß wir dasselbe tun können.
Der von mir in Amerika verfolgte Ansatz besteht nicht
darin, auf eine Unmenge neuer Vorschriften zurückzugreifen und hohe Energiesteuem vorzuschlagen,
sondern vielmehr, Steueranreize und eine dramatische
Zunahme an Investitionen in neue Technologien
anzubieten, weil wir wissen - weil wir jetzt wissen - daß
wir die technologischen Fähigkeiten haben, um das
eiserne Bindeglied zwischen den Energieverbrauchsmustem des Industriezeitalters und Wirtschaftswachstum zu brechen. Sie beweisen es jeden Tag in
Kalifornien mit strengeren UmweKnormen als jeder
andere Bundesstaat.

AMERIKA DIENST 04

�Wir wissen, daß die Technologie gerade erst entsteht,
die uns saubere Autos und andere saubere Transportmöglichkeiten sowie eine drastische Steigerung der
Kapazitäten aller unserer Gebäude erlaubt, Hitze und
Kälte herauszuhalten und mehr Licht hereinzulassen.
Wir wissen, daß das Konservierungspotential dessen,
was uns jetzt zur Verfügung steht, bisher nur oberflächlich genutzt wurde. Und wir müssen die Welt und
die wichtigen Entscheidungsträger in den Vereinigten
Staaten überzeugen, ihre Meinung über eine großartige Idee zu ändern - nämlich, daß der einzige Weg
zu Wachstum für ein Land darin besteht, mehr Energieressourcen in einer Weise zu verbrauchen, die die
Erderwärmung erhöht.
Eines der interessantesten Gespräche bei meinem
Besuch in China habe ich mit dem dortigen Umweltminister geführt, der mir für meine Teilnahme an einer
Umweltveranstaltung dankte, weil er Schwierigkeiten
habe, die Regierung davon zu überzeugen, daß sie
weiterhin die Armut unter der chinesischen Bevölkerung mildem und dennoch den Umweltschutz verbessern könne. Das ist eine zentrale, großartige Idee,
über die die Menschen auf der ganzen Welt ihre
Meinung ändern müssen, bevor wir offen und frei für
die technologischen Fortschritte sind, die wir um uns
herum ausmachen. Und ich bitte Sie alle, die Einfluß
darauf nehmen können, inständig, das zu tun.
Unsere vierte Herausforderung besteht in der Schaffung eines Welthandels- und Finanzsystems, mit dem
das Leben aller Menschen auf jedem Kontinent der
Welt verbessert wird. Oder darin - wie bei anderen
Gelegenheiten gesagt wurde - der globalen Wirtschaft
ein menschliches Gesicht zu verleihen. In den vergangenen sechs Jahren haben wir riesige Schritte zur
Öffnung des globalen Handelssystems unternommen.
Die Vereinigten Staaten allein haben über 270 verschiedene Handelsabkommen abgeschlossen. Erneut
sind wir die größte Exportnation der Welt. Es gibt noch
sehr viel mehr zu tun.
In den ersten fünf Jahren meiner Präsidentschaft
waren rund 30 Prozent unseres Wachstums auf
erweiterten Handel zurückzuführen. Das letzte war ein
gutes Jahr, aber wir hatten nicht sehr viel Wachstum
aus erweitertem Handel wegen der schrecklichen
Schwierigkeiten der Menschen in Asien und Rußland,
wegen der Verlangsamung des Wachstums in Lateinamerika und weil wir neue Chancen in Afrika nicht
ergriffen haben. Diese Menschen leiden mehr, und
unsere Zukunftsaussichten werden eingeschränkt.
Die Frage ist, was dagegen unternommen werden
sollte. Einige der Demonstranten, die bei meiner
Vorfahrt protestierten, hatten auf ihre Schilder geschrieben, ihrer Ansicht nach sei Globalisierung an
sich schon schlecht und es gebe keine Möglichkeit in
der weiten Welt, der globalen Wirtschaft ein menschliches Gesicht zu verleihen. Aber wenn Sie die Fakten

AMERIKA DIENST 04

der letzten 30 Jahre betrachten, wurden die wirtschaftlichen Aussichten von Millionen Menschen auf
jedem Kontinent verbessert, weil sie endlich in der
Lage waren, einen Weg zu finden, ihrer Kreativität in
positiver Weise Ausdruck zu verleihen und Waren und
Dienstleistungen hervorzubringen, die an den Grenzen
ihrer Nation gekauft werden konnten.
Die Frage ist jetzt, wie wir die offensichtlichen Herausforderungen und Probleme meistern, mit denen wir
heute konfrontiert sind und die Vorteile nutzen, die sich
- wie wir wissen - aus der Erweiterung des Handels
ergeben. Ich habe um eine neue Runde globaler
Handelsgespräche gebeten, um den Export von
Dienstleistungen, ausländischen Produkten und
Fertigwaren zu erweitern. Ich bin immer noch entschlossen, ein Abkommen über eine gesamtamerikanische Freihandelszone abzuschließen. Wenn wir die
Expansion in Lateinamerika von Mexiko bis ganz zur
Südspitze von Südamerika nicht durchgeführt hätten,
wäre es uns vergangenes Jahr entschieden schlechter
gegangen.
Ich habe den Kongreß aufgefordert, mir die Handelsbefugnis zu verleihen, die der Präsident traditionell hat,
um unseren Wohlstand zu mehren, und ich habe den
Kongreß gebeten, die Initiative Karibisches Becken
und das Gesetz über Wachstum und Chancen in Afrika
zu verabschieden, weil wir eine besondere Verantwortung und besondere Chancen in der Karibik und in
Afrika haben, die zu lange nicht genutzt wurden.
Aber Handel ist kein Selbstzweck. Er muß für den
Durchschnittsbürger funktionieren; er muß zum
Wohlstand und der Fairneß von Gesellschaften
beitragen. Er muß die Werte verstärken, die dem
Leben Bedeutung verleihen, nicht nur in den Vereinigten Staaten, sondern auch in den ärmsten
Ländern, die darum kämpfen, die Träume ihrer Bürger
zu erfüllen. Aus diesem Grund arbeiten wir auf ein
Handelssystem hin, daß die Rechte der Arbeitnehmer
und Verbraucher wahrt und uns und ihnen in anderen
Ländern beim Umweltschutz behilflich ist, so daß der
Wettbewerb unter den Nationen eine Spirale nach
oben - nicht nach unten - ist. In diesem Jahr werden
wir eine Führungsrolle in der internationalen Gemeinschaft zum Abschluß eines Vertrags übernehmen, der
Kinderarbeit auf der ganzen Welt verbietet.
Die Vorteile des globalen wirtschaftlichen Austauschs
sind sehr real und dramatisch. Aber wenn die Kapitalströme erstmals in die Wachstumsmärkte fließen und
dann abrupt abbrechen, wenn Bankenpleiten und
Konkurse ganze Volkswirtschaften erfassen, wenn
Millionen, die sich in die Mittelschicht hinaufgearbeitet
haben, plötzlich in Armut versinken - dann ist die
Notwendigkeit einer Reform des internationalen
Finanzsystems klar.

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�Ich möchte die Komplexität dieser Herausforderung
nicht herunterspielen. Als die Nationen anfingen, mehr
Handel zu treiben und als die Investitionsvorschriften
anfingen, den Menschen Investitionen in anderen
Ländern als ihrem eigenen zu gestatten, wurde es
immer notwendiger, die Umrechnung von Währungen
zu erleichtem. Immer wenn Sie das tun, werden Sie
nur durch den Transfer von Währungen einen Markt
gegen das Risiko schaffen. Immer wenn Sie das tun,
werden Sie Menschen haben, die Geld bewegen, weil
sie denken, der Wert des Geldes selbst werde sich
verändern und auf einem unabhängigen Devisenumtauschmarkt könnten Gewinne gemacht werden.
Es stimmt, daß an jedem beliebigen Tag 1,5 Billionen
Dollar auf der Welt an Devisen umgetauscht werden.
Das ist sehr viel mehr als der aktuelle Wert des
Austauschs von Waren und Dienstleistungen. Und wir
müssen einen Weg zur Erleichterung der Bewegung
von Geld finden - ohne die Handel und Investitionen
nicht stattfinden können - in einer Art und Weise, die
diese dramatischen Zyklen des Auf- und dann Abschwungs vermeiden, die zum Zusammenbruch der
Wirtschaftsaktivitäten in so vielen Ländern der Welt
geführt haben.
Wir haben nach der Weltwirtschaftskrise einen Weg
gefunden, es in den Vereinigten Staaten zu tun. Und
Gott sei Dank haben wir nie wieder eine Weltwirtschaftskrise gehabt, obwohl wir gute und schlechte
Zeiten hatten. Das ist die Herausforderung, der sich
die Finanzsysteme der Welt heute gegenübersehen.
Den führenden Volkswirtschaften steht viel Arbeit
bevor. Wir müssen alles in unserer Macht Stehende
tun - nicht nur die Vereinigten Staaten, sondern auch
Europa und Japan - um das Wirtschaftswachstum
anzukurbeln. Wenn es keine Wiederherstellung von
Wirtschaftswachstum gibt, werden alle von uns
vorgenommenen Veränderungen der finanziellen
Regeln Asien, die lateinamerikanischen Länder oder
Rußland nicht von ihren Schwierigkeiten befreien.
Wir müssen bereit sein, schnell und entschieden Hilfe
für Nationen bereitzustellen, die sich zu soliden
Maßnahmen verpflichten. Wir müssen den Nationen
behilflich sein, soziale Sicherheitsnetze aufzubauen,
so daß die Menschen zumindest die erforderliche
grundlegende Sicherheit haben, weiterhin den Wandel
anzunehmen und das allgemeine Wohlergehen der
Gesellschaft zu verbessern, wenn es unvermeidliche
Veränderungen ihrer wirtschaftlichen Bedingungen
gibt.
Wir müssen die Nationen ermutigen, offene, ordnungsgemäß geregelte Finanzsysteme aufrechtzuerhalten,
so daß Entscheidungen informierte Marktentscheidungen sind und nicht durch Korruption verzerrt werden.
Wir müssen auch verantwortungsvolle Schritte zur
Reform der globalen Finanzarchitektur für das 21.

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Jahrhundert unternehmen. Und wir werden beim G 7Gipfel in Deutschland im Juni mehr dazu tun.
In der Zwischenzeit müssen wir uns bewußt machen,
daß die Vereinigten Staaten einen großen Beitrag zur
Verhinderung einer weiteren Verschärfung der Krise
geleistet haben, indem wir Brasilien, Rußland und
anderen Ländern Geld verschafft und unsere eigenen
Märkte offen gehalten haben. Wenn Sie beispielsweise unsere Importpraktiken mit denen von Europa
oder Japan vergleichen, werden Sie sehen, daß wir
viel offenere Märkte haben. Das hat dazu beigetragen,
uns wettbewerbsfähiger und produktiver zu machen.
Darüber hinaus haben wir jetzt auch die niedrigste
Arbeitslosenrate auf der ganzen Welt unter allen
fortschrittlichen Ländern - etwas, von dem viele
Menschen annahmen, daß es nie wieder geschehen
würde.
Andererseits können wir nicht zulassen, daß andere
Länder ihre Schwierigkeiten auf unseren offenen
Märkte als Entschuldigung nehmen, um internationale
Handelsregelen zu verletzen und unsere Märkte illegal
mit Produkten zu überschwemmen. Wir hatten in
Amerika in diesem und im letzten Jahr genügend
Probleme - insbesondere in der Landwirtschaft und der
Luft- und Raumfahrt - durch Länder, die keine Produkte mehr kaufen konnten, obwohl sie bereits für viele
Angebote gemacht hatten. In den vergangenen
Monaten haben wir dann in diesem Land enorme
Probleme in unserer Stahlindustrie gehabt aufgrund
der offensichtlichen Überschwemmung des amerikanischen Markts mit Produkten, die die Gesetze
verletzte.
Sie sollen wissen, daß ich alles in meiner Macht
Stehende unternehmen werde, um unsere Märkte
offen zu halten, aber gleichzeitig beabsichtige, alles in
meiner Macht Stehende zur Durchsetzung unserer
Handelsgesetze zu unternehmen, solange diese Krise
andauert.
Gestern erhielten wir einige Beweise, daß unsere
aggressive Politik Ergebnisse zeitigt, und ich denke, es
sind Beweise, daß nicht die Marktkräfte zu dem
führten, was wir in der Stahlindustrie im letzten Jahr
beobachtet haben. Die neuen Zahlen des Wirtschaftsministeriums belegen Folgendes: Die Importe von
warmgewalztem Stahl aus Ländern, die vor allem für
diese Überflutung verantwortlich sind - Japan, Rußland
und Brasilien - sind von der Rekordhöhe im November
vergangenen Jahres um 96 Prozent gefallen.
Das sind keine schlechten Nachrichten für diese
Länder- es sind gute Nachrichten. Wenn die amerikanischen Märkte offen bleiben sollen, müssen wir die
Regeln einhalten.
Wir müssen gesetzmäßigen
Wirtschaftstrends folgen, nicht politischen und wirtschaftlichen Entscheidungen, durch die die amerikanischen Märkte mit Produkten in einer Weise über-

AMERIKA DIENST 04

�schwemmt werden, die unserer Wirtschaft schadet und
unsere Fähigkeit zum Kauf von Exporten anderer
Länder unterminiert.
Unsere fünfte Herausforderung besteht darin, die
Freiheit weiterhin zum obersten Ziel der Welt für das
21. Jahrhundert zu machen. Länder wie Südkorea und
Thailand haben in dieser Finanzkrise oft bewiesen,
daß offene Gesellschaften widerstandsfähiger sind und
gewählte Regierungen die Legitimität zu harten
Entscheidungen in harten Zeiten haben. Aber wenn
Demokratien auf lange Sicht nicht die Erwartungen
ihres Volkes erfüllen können, sie aus den wirtschaftlichen Turbulenzen herauszuführen, dann könnte das
Pendel, das in den vergangenen Jahren so entschieden in Richtung Freiheit ausschlug, zurückschwingen, und das nächste Jahrhundert könnte so
schlecht beginnen wie dieses in dieser Hinsicht
begonnen hat.
Aus diesem Grund müssen wir uns auch bewußt
machen, daß wir über Wirtschaftswissenschaften
hinaus, über die Umgestaltung der großen Länder Rußland und China - zu wirtschaftlicher Sicherheit
hinaus, über viele unserer Sicherheitsanliegen hinaus,
kein größeres Ziel als die Unterstützung des Rechts
anderer Menschen haben, in Freiheit zu leben und ihr
Schicksal selbst in die Hand zu nehmen. Wenn dieses
Recht universell ausgeübt werden könnte, würde
praktisch jedes von mir heute umrissene Ziel vorangebracht.
Wir müssen weiterhin an der Seite derjenigen stehen,
die ihre Freiheit aufs Spiel setzen, um sie für andere zu
erlangen. Heute veröffentlichen wir unseren jährlichen
Menschenrechtsbericht: Die Botschaft des Menschenrechtsberichts wird häufig übelgenommen, aber immer
für ihre Offenheit und Konsequenz dabei respektiert,
was sie über unser Land und unsere Werte aussagt.
Wir müssen die Demokratie stärken, wo sie bereits
Fuß faßt, indem wir unseren Partnern helfen, ihre
Einkommensgefälle zu verringern, ihre Rechtsinstitutionen zu stärken und gut ausgebildete, gesunde
Gesellschaften aufzubauen.
Das wird ein wichtiger Teil meiner Reise nach Mittelamerika nächste Woche sein, das Jahrzehnte des
Bürgerkriegs überdauert hat, nur um in den letzten
Monaten durch verheerende Naturgewalten zerstört zu
werden.
In diesem Jahr werden wir äußerst bedeutende
Entwicklungen bei dem möglichen Übergang zu
Demokratie in zwei entscheidenden Ländern sehen Indonesien und Nigeria. Beide Länder haben die
Fähigkeit, ihre gesamte Region voranzubringen, wenn
sie Erfolg haben, oder in einem Meer der Unordnung
zu versinken, wenn sie scheitern. Im kommenden Jahr
und darüber hinaus müssen wir konzertierte Anstrengungen unternehmen, um ihnen bei der Er-

AMERIKA DIENST 04

langung dessen behilflich zu sein, was der größte Sieg
der Freiheit der Welt seit 1989 sein wird.
Nigeria ist das bevölkerungsreichste Land in Afrika.
Morgen werden dort die ersten freien Präsidentschaftswahlen abgehalten nach einer Diktatur, die es zum
ärmsten Land der Welt mit reichen Ölvorkommen
gemacht hat. Wir unterstützen den Übergang, und
wenn er Erfolg hat, müssen wir bereit sein, mehr zu
tun. Weil wir mit weiteren Fortschritten rechnen, heben
wir heute auch die Sanktionen auf, die wir verhängt
haben, als die Regierung nicht bei der Drogenbekämpfung kooperierte.
Indonesien ist die viertgrößte Nation und das größte
islamische Land der ganzen Welt. Im Juni wird das
Land die - wie wir hoffen - ersten wirklich demokratischen Wahlen seit über 40 Jahren abhalten. Indonesien benötigt dringend eine Regierung, die dem Land
bei der Überwindung der Wirtschaftskrise behilflich ist
und gleichzeitig die Unterstützung seines Volkes
bewahrt. Wir sind bei der Stärkung des sozialen
Sicherheitsnetzes für seine Bürger behilflich, indem wir
den größten Beitrag aller Länder zur Unterstützung der
bevorstehenden Wahlen leisten.
Ob diese Kämpfe weit entfernt oder in der Nähe
stattfinden - ihr Ergebnis wird uns zutiefst betreffen.
Ob ein Kind in Afrika, Südostasien, Rußland oder
China gebildet, gesund, sicher, frei von Gewalt, frei
von Haß, voller Hoffnung und frei in der Entscheidung
über sein eigenes Schicksal aufwachsen kann, wird
sehr viel mit dem Leben zu tun haben, das unsere
Kinder haben, während sie aufwachsen. Es wird zu
der Entscheidung beitragen, ob unsere Kinder in den
Krieg ziehen, einen Arbeitsplatz, saubere Luft und
sichere Straßen haben.
Damit unsere Nation stark ist, müssen wir einen
Konsens bewahren, daß anscheinend weit entfernte
Probleme auch uns betreffen können, wenn sie nicht
unverzüglich angesprochen werden. Wir müssen uns
bewußt sein, daß wir uns nicht in die von uns angestrebten Höhen erheben können, wenn die Welt sich
nicht mit uns erhebt. Ich sagen nochmals, die unerbittliche Logik der Globalisierung ist die wahre Anerkennung der Interdependenz. Wir können uns nicht die
Welt herbeiwünschen, die wir anstreben. Reden ist
billig, Entscheidungen sind es nicht.
Aus diesem Grund habe ich den Kongreß gebeten, die
Kürzung der Verteidigungsausgaben aufzuheben, die
1985 begann, und ich bin hoffnungsvoll und zuversichtlich, daß wir die überparteiliche Mehrheit in
beiden Häusern für die Zustimmung dazu erhalten
werden. Ich hoffe, der Kongreß wird auch zustimmen,
unseren Diplomaten und den Programmen mehr
Unterstützung zu gewähren, die unsere Soldaten aus
einem Krieg heraushalten; Hilfsprogramme zu finanzieren, die Nationen auf einem stabilen Weg zu

Seite 9

�Demokratie und Wachstum halten und schließlich
sowohl unsere Beiträge als auch unsere Schulden bei
den Vereinten Nationen zu bezahlen.
In einer interdependenten Welt können wir keine
Führungsrolle übernehmen, wenn wir davon ausgehen, die Führungsrolle nur unter unseren eigenen
Bedingungen anzunehmen und nie auf unsere eigenen
Kosten. Wir können keine Macht erster Klasse sein,
wenn wir nur bereit sind, für die zweite Klasse zu
bezahlen.
Ich hoffe, Sie alle als Bürger glauben daran, daß wir
die Verantwortung, die wir heute haben, mit Selbstbewußtsein übernehmen müssen weiterhin Risiken für
den Frieden einzugehen; weiterhin Chancen für unse-

re Bürger zu schaffen und sie auch für andere anzustreben; der globalen Wirtschaft ein wirklich
menschliches Gesicht zu verleihen zu versuchen;
weiterhin an diejenigen auf der Welt zu glauben, die für
Menschenrechte, Rechtsstaatlichkeit und ein besseres
Leben kämpfen; unsere Führungsrolle nicht als eine
Last, sondern als eine willkommene Gelegenheit zu
sehen und die Zukunft aufzubauen, die wir für unsere
Kinder in diesen letzten Tagen des 20. Jahrhunderts
und dem anbrechenden neuen erträumen.
Die Geschichte des 21. Jahrhunderts kann eine
wunderschöne Geschichte sein. Aber wir müssen das
erste Kapitel schreiben.
Ich danke Ihnen.

* * * * *

Seite 10

AMERIKA DIENST 04

�HAUSHALT
10. März 1999

Stärkung der Führungsrolle der Vereinigten Staaten
auf der Welt
Auszug aus der Haushaltsvorlage des Präsidenten

WASHINGTON - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir den Abschnitt der Haushaltsvorlage mit dem Titel
"Stärkung der Führungsrolle der Vereinigten Staaten auf der Welt" von Präsident Bill Clinton vom 1. Februar
1999.

"Wenn uns die Geschichte dieses Jahrhunderts etwas
gelehrt hat, dann, daß wir entweder das Geschehen
mitgestalten oder von ihm gestaltet werden. Wir
können nicht teilweise auf der Welt sein. Wir können
nicht sporadisch oder immer dann, wenn es unseren
kurzfristigen Interessen dient, eine Führungsrolle
übernehmen. Wir müssen mutig, kontinuierlich und
ohne Vorbehalte führen... Unsere Sicherheit und
unser Wohlstand hängen von unserer Bereitschaft ab,
uns auf der Welt zu engagieren."
Präsident Clinton
August 1998
Während sich die als das Amerikanische Jahrhundert
bezeichnete Ära dem Ende zuneigt, bleibt die Rolle der
Vereinigten Staaten in einer bedeutenden Hinsicht
unverändert. Heute sind die Vereinigten Staaten die
letzte verbliebene Weltmacht und haben daher eine
Reihe einzigartiger Pflichten und Verantwortungen.
Die Welt ist durch die zunehmende Verbreitung von
Demokratie und freien Märkten in vielerlei Hinsicht
sicherer als in der Vergangenheit, aber wir können uns
keine Selbstzufriedenheit erlauben.
Bedrohungen
unserer Sicherheit erfordern noch immer unsere
Wachsamkeit, und Chancen zur Förderung von
Frieden und wirtschaftlichem Wohlergehen erfordern
unsere Führung.
Die Vereinigten Staaten müssen weiterhin eine
Führungsrolle für Frieden, Freiheit und Sicherheit
übernehmen und ein Bollwerk gegen die Kräfte
bleiben, die diese Werte untergraben wollen. Amerikanische Diplomatie hat dem Friedensprozeß im Nahen
Osten durch das Treffen am Wye River neue Impulse
verliehen und zur Ratifizierung der Karfreitagsabkom-

AMERIKA DIENST 04

men beigetragen, die für die Menschen in Nordirland
das Ende von 30 Jahren Unruhen bedeuteten.
Während Fortschritte bei der Friedensschaffung Grund
für Optimismus bergen, gibt es wirkliche und wachsende Bedrohungen unserer nationalen Sicherheit.
Die terroristischen Anschläge auf zwei amerikanische
Botschaften in Ostafrika voriges Jahr - bei denen
Hunderte Menschen, einschließlich zwölf Amerikanern
getötet wurden - sind eine bestürzende Erinnerung an
die Notwendigkeit, unsere Bürger zu schützen und
unsere Feinde zu bekämpfen. Unsere Sicherheit und
die Stabilität der internationalen Ordnung werden
außerdem durch die Verbreitung von Massenvernichtungswaffen und ihren Trägersystemen, internationalem Terrorismus und Verbrechen, Drogen und
Umweltverschmutzung bedroht.
Staaten und ihre Volkswirtschaften sind zunehmend
voneinander abhängig, was zum Großteil auf die
Explosion der Kommunikationstechnologie zurückzuführen ist. Während diese Interdependenz den
Welthandel und die Völkerverständigung begünstigen
und zu einem Unterbau für den Frieden beitragen
können, gibt es jedoch auch grundlegende Gefahren.
Voriges Jahr zeigten Störungen der russischen und
einiger asiatischer Volkswirtschaften und die Bedrohung der brasilianischen Wirtschaft deutlich die
weltweiten Auswirkungen von Krisen in großen
Volkswirtschaften.
Um die Führungsrolle der Vereinigten Staaten auf der
Welt zu garantieren und auf die Bedürfnisse in einer
komplexen und wichtigen Zeit einzugehen, sieht der
Haushaltsentwurf Mittel vor für Friedensförderung in
Krisengebieten, verbesserte Sicherheit für unsere

Seite 1

�Diplomaten im Ausland, die Finanzierung von Aktivitäten zur Bekämpfung der Verbreitung von Massenvernichtungswaffen, die Stabilisierung der internationalen
Wirtschaft, die Handelsförderung und die Befriedigung
der Bedürfnisse unserer Nachbarn und anderer, die
vor einer Katastrophe stehen.
Die amerikanische Diplomatie ist das Werkzeug der
amerikanischen internationalen Führungsrolle in
diesen vielen wichtigen Bereichen, und sie hängt von
einem starken Programm für internationale Angelegenheiten ab. 1999 haben die Regierung und der Kongreß erfolgreich daran gearbeitet, die Unterstützung
beider Parteien für eine Steigerung der Ausgaben für
internationale Angelegenheiten zu erwirken.
Der Kongreß hat 14,5 Milliarden Dollar für den Anteil
der Vereinigten Staaten an der erhöhten Quote des
Internationalen Währungsfonds (IWF) und 3,5 Milliarden Dollar für den Anteil der Vereinigten Staaten an
den Neuen Kreditvereinbarungen bewilligt. Diese
Erhöhung gibt dem IWF die nötigen Mittel für die
Unterstützung von Wirtschaftsreformen und Umstrukturierung auf der Welt und schützt damit den
Wohlstand in den Vereinigten Staaten. Der Kongreß
stellte außerdem 1,8 Milliarden Dollar als Nothilfe zur
Verfügung, hauptsächlich für den dringenden Bedarf
zum Schutz amerikanischer Mitarbeiter und Einrichtungen im Ausland vor terroristischen Angriffen.
Trotz wesentlicher Fortschritte bei internationalen
Problemen im letzten Jahr bleibt eine Reihe unabgeschlossener und zunehmender, für die amerikanischen
Interessen entscheidender Angelegenheiten bestehen.
Die Regierung wie auch der Kongreß müssen ihre
Bestrebungen zur Friedensförderung Seite an Seite mit
den daran Arbeitenden weiterführen und für Freiheit
und Sicherheit arbeiten. Wir müssen unsere Bündnisse und Partnerschaften in Europa und Asien - das
Fundament der amerikanischen Sicherheit - weiter
stärken. Und schließlich müssen wir uns um die
Vertiefung der Demokratie auf der ganzen Welt
bemühen - die bestmögliche langfristige Investition in
Frieden und Stabilität.
Obwohl die amerikanische Diplomatie große Fortschritte bei der Förderung des Friedensprozesses im
Nahen Osten und auf dem Balkan gemacht hat, liegt
noch enorm viel harte Arbeit vor uns. Die Zusammenarbeit zwischen Regierung und Kongreß ist entscheidend, um dem Frieden in diesen Regionen die
verdiente Chance zu geben. Handel war für die
momentane wirtschaftliche Expansion unerläßlich, und
der Kongreß sollte den Handel mit Afrika und dem
Karibischen Becken fördernde Gesetzesvorschläge
einbringen. Solche Handelsinitiativen können das
Wachstum von Ländern unterstützen, die wünschenswerte Reformen für freie Märkte unternehmen und der
amerikanischen Wirtschaft so durch Vergrößerung der
Märkte für unsere eigenen Exporte behilflich sind.

Seite 2

Aufgrund der vorgesehenen 21,3 Milliarden Dollar für
Programme für internationale Angelegenheiten ist die
Haushaltsvorlage ein Vorschlag für die Beibehaltung
der aktiven Rolle und der Verantwortung der Vereinigten Staaten als führende Weltmacht. Der Haushaltsentwurf trägt zur Aufarbeitung nicht abgeschlossener Arbeiten der Vorjahre bei, spricht die vielen neuen
Krisen auf der Welt an und leitet Mittelerhöhungen an
die für die Erreichung von außenpolitischen Zielen
wirkungsvollsten Programme, wobei überholte Aktivitäten und schlecht abschneidende Projekte abgelehnt
werden. Dies trägt zur Stärkung der Führungsrolle der
Vereinigten Staaten bei, ist für das amerikanische Volk
von Vorteil und beläuft sich auf weniger als ein Prozent
des Bundeshaushalts.
Schutz der amerikanischen Sicherheit
Angreifbarkeit von Einrichtungen: Die Bombenanschläge auf die amerikanischen Botschaften in
Kenia und Tansania waren bösartige terroristische
Angriffe, die Hunderte von unschuldigen Menschen,
darunter zwölf Amerikaner, töteten. Diese Bombenattentate heben deutlich hervor, welchen Gefahren
Amerikaner und an amerikanischen Regierungsbehörden im Ausland tätige Staatsangehörige anderer
Länder täglich ausgesetzt sind. Ein entscheidender
Schritt zur Verringerung der Angreifbarkeit unserer
Einrichtungen war der Erlaß des Gesetzes zur Notfallfinanzierung 1999. Die Haushaltsvorlage sieht zur
Garantie des weiteren Schutzes der amerikanischen
Botschaften, Konsulate und anderer Einrichtungen und
der dort tätigen, hochangesehenen Mitarbeiter eine
Erhöhung der Betriebsausgaben des Außenministeriums im Jahr 2000 vor. Die Regierung wird auch in
Zukunft Angriffsstellen und Bedarf für die amerikanischen Mitarbeiter im Ausland durch Überprüfung der
Zahl, Größe und Zusammensetzung der amerikanischen Auslandsvertretungen und die zukünftigen
Sicherheitsanforderungen ausmachen. Für weitere
Sicherheftserfordernisse enthält der Haushaltsentwurf
drei Milliarden Dollar als Vorschußhaushalt für ein
neues mehrjähriges Sicherheftsbauprogramm für den
Ersatz von nicht ausreichend gesicherten Einrichtungen im Ausland. Die Regierung wird sich weiterhin
parteiübergreifend mit dem Kongreß der Herausforderung der Sicherung unserer Auslandsvertretungen stellen.
Die neuen transnationalen Bedrohungen: Ein
weiteres grundlegendes Ziel und zunehmend ein
Brennpunkt unserer Diplomatie ist die Abwehr der
neuen transatlantischen Bedrohungen der amerikanischen und weltweiten Sicherheit - Verbreitung von
Massenvernichtungswaffen, Drogenhandel und die
Ausbreitung von Verbrechen und Terrorismus auf
internationaler Ebene. 1997 forderte und erreichte die
Regierung die Ratifizierung des Chemiewaffenübereinkommens durch den Senat, das einer bisher nicht
ausreichend kontrollierten Kategorie zerstörerischer

AMERIKA DIENST 04

�Waffen Kontrollen auferlegt. Der Senat hat allerdings
den ihm seit September 1997 vorliegenden, für
nationale Sicherheitsinteressen wesentlichen Vertrag
über das totale Verbot von Kernwaffenversuchen
(CTBT) bisher nicht ratifiziert. Die Diplomatie und die
Strafverfolgungsbehörden der Vereinigten Staaten
spielen eine Schlüsselrolle bei der Eindämmung der
Verbreitung von Massenvernichtungswaffen durch
Ächtung von Ländern wie Libyen, Irak, Iran, Syrien und
Nordkorea.
Die amerikanische Unterstützung von
Organisationen wie der Internationalen AtomenergieOrganisation, der CTBT-Vorbereitungskommission und
der Energieentwicklungsorganisation der koreanischen
Halbinsel ist entscheidend für einen Beitrag zur
Eindämmung der Verbreitung gefährlicher Kernwaffen.
Bilaterale Hilfsprogramme der Vereinigten Staaten sind
unabdingbar für Bestrebungen zur Bekämpfung
anderer transnationaler Probleme. Die internationalen
Bemühungen der Vereinigten Staaten bei der Drogenbekämpfung verzeichnen in drogenproduzierenden
Ländern kontinuierliche Fortschritte. Gemeinsam mit
den zusätzlichen Mitteln in Höhe von 233 Milliarden
Dollar für die 1999 erlassene Notfallfinanzierung sieht
der Haushaltsentwurf 295 Millionen Dollar für die
Befähigung der Vereinigten Staaten vor, die Bemühungen zur Eindämmung der Drogenproduktion in den
Andenstaaten zu intensivieren und das internationale
Verbrechen zu bekämpfen.
Die Gemeinschaft Unabhängiger Staaten (GUS):
Der Übergang zu Demokratie und Marktwirtschaft in
den GUS bleibt für die nationale Sicherheit der Vereinigten Staaten von entscheidendem Interesse.
Rußland ist weiterhin der Schlüssel zu allgemeinem
Fortschritt in der Region. Im Haushaltsentwurf sind
1,03 Milliarden Dollar für die Unterstützung der GUS
vorgesehen. Die Geschwindigkeit des Übergangs
bleibt ungleichmäßig, und voriges Jahr erlitt Rußland
ernsthafte wirtschaftliche Rückschläge. Obwohl diese
Staaten sich für freie Wahlen entschieden haben,
besteht ein Mangel an politischem Konsens für
Wirtschaftsreformen, was Aussichten auf anhaltendes
Wirtschaftswachstum zweifelhaft erscheinen läßt.
Die Vereinigten Staaten und Rußland haben das
gemeinsame Ziel, die Verbreitung von Fachwissen und
Technologie im Zusammenhang mit Massenvernichtungswaffen zu verhindern. Die aktuelle Wirtschaftssituation vergrößert die Verbreitungsgefahr, da
Wissenschaftler und Techniker auf dem Gebiet der
Waffentechnologie arbeitslos oder unbezahlt, Wächter
nicht ausgebildet und Einrichtungen und Grenzen
schlecht ausgestattet sind. Der Haushaltsentwurf
unterstützt als Entgegnung auf dieses Problem eine
bedeutende Mittelerhöhung für Programme des
Außenministeriums von 41 Millionen Dollar im Vorjahr
auf 251 Millionen Dollar. Außerdem werden das
Kooperative Programm für Bedrohungsabbau des
Verteidigungsministeriums
und das
Massenver-

AMERIKA DIENST 04

nichtungswaffen-Programm des Energieministeriums
in den GUS mit je 476 Millionen und 276 Millionen
Dollar finanziert.
Zusätzlich zu dieser verstärkten Konzentration auf
Massenvernichtungswaffen betont der Haushaltsentwurf erneut die Programme der Partnerschaft für
den Frieden, die in direkter Verbindung zum Privatsektor und den Nichtregierungsorganisationen
stehen, Partnerschaften zwischen US- und GUSInstitutionen entwickeln, Veränderungen bewirken und
den lokalen Regierungen bei der Intensivierung von
Handel und Investitionen behilflich sind.
Friedensförderung im Ausland
Frieden im Nahen Osten: Die Vereinigten Staaten
fühlen sich weiter einem umfassenden Frieden im
Nahen Osten verpflichtet. Die Vereinigten Staaten
übernehmen bei diesen Bemühungen weiterhin eine
Führungsrolle. Das im Oktober 1998 unterzeichnete
Wye River-Memorandum ist ein wichtiger Meilenstein
in diesem Prozeß. Die effektive Umsetzung dieses
Memorandums sollte dem Friedensprozeß neue
positive Impulse verleihen. Das Wye-Memorandum
sieht unter anderem verstärkte Sicherheitsvorkehrungen der Palestinänser, verbesserte Zusammenarbeit
auf dem Gebiet Sicherheit zwischen Israelis und
Palestinänsern, weiteren Truppenrückzug der Israelis
aus dem Westjordanland, die Öffnung des Flughafens
im Gazastreifen und die Schaffung eines sicheren
Durchgangs zwischen dem Gazastreifen und dem
Westjordanland vor. Die Haushaltsvorlage enthält 5,2
Milliarden Dollar an Unterstützung für die Aufrechtechterhaltung des Friedensprozesses im Nahen
Osten.
Zusätzlich schlägt die Regierung ein wirtschaftliches
und militärisches Hilfspaket in Höhe von 1,9 Milliarden
Dollar für sich aus dem Wye River-Memorandum
ergebende drängende Erfordernisse vor.
Dieser
Betrag setzt sich zusammen aus 900 Millionen Dollar
an zusätzlicher Haushaltsvollmacht 1999 (voll durch
eine gleichwertige Reduzierung von Haushaltsvollmachten auszugleichen) und 500 Millionen Dollar an
jährlichen Vorschußmitteln in den Jahren 2000 und
2001. Zusätzliche Mittel aus dem Wirtschaftsunterstützungsfonds (ESF) werden zur Befriedigung der
Bedürfnisse der Palestinänser bei der wirtschaftlichen
Entwicklung im Westjordan land und im Gazastreifen
beitragen und demokratische Institutionen stärken.
Zusätzliche Mittel aus dem Fonds für die Finanzierung
fremder Streitkräfte (FMF) werden Israel dabei behilflich sein, einige der durch den Rückzug seiner
Truppen entstandenen Kosten auszugleichen und
strategische Verteidigungserfordernisse zu erfüllen.
Zusätzliche FMF-Mittel für Jordanien werden es dem
Land ermöglichen, die Einsatzfähigkeit seiner Truppen
zu erhalten, und weitere ESF-Mittel für Jordanien
werden die wirtschaftliche Weiterentwicklung fördern.

Seite 3

�Mittel- und Osteuropa: Der Übergang zu Demokratie
und freien Märkten in Mittel- und Osteuropa geht zügig
vonstatten. Die Länder bereiten sich auf den Bertritt
zur Europäischen Union und der Welthandelsorganisation vor. Polen, Ungarn und die Tschechische Republik treten der NATO bei. Wirtschaftswachstum ist
weit verbreitet, und die Achtung der Menschenrechte
nimmt zu. Amerikanische und andere internationale
Unterstützung war ein entscheidender Faktor bei der
Geschwindigkeit dieses Übergangs.
In einigen
Staaten ist der Erfolg offensichtlich: Die Demokratie
hat fest Fuß gefaßt, und freie Märkte haben Bestand.
Heute gehören Litauen und Polen wie die Tschechische Republik, Slowenien, Lettland und Ungarn zu den
Ländern, die keine direkte Hilfe aus den Vereinigten
Staaten mehr benötigen.
Der Erfolg dieser Länder der Nordregion wird zur
Förderung ähnlicher Resultate in der Südregion
genutzt werden, wo der Übergang nicht so zügig
vonstatten ging. Reformorientierte Regierungen in
Bulgarien, Mazedonien und Rumänien arbeiten
weiterhin am Aufbau freier Märkte und einer demokratischen Regierungsführung. Es verbleiben jedoch
Herausforderungen im übrigen Balkan. Erhebliche
Unterstützung wird es den Ländern weiterhin ermöglichen, an den Programmen der Partnerschaft für
den Frieden teilzunehmen und so die Völkerverständigung zu verbessern und die Interoperabilität der
regionalen Streitkräfte mit der NATO auszubauen. Der
Haushaltsentwurf sieht 393 Millionen Dollar an Wirtschaftshilfe für Osteuropa und die Baltischen Staaten
vor, konzentriert hauptsächlich auf die Südregion.
Bosnien: 175 Millionen Dollar des WirtschaftshilfeProgramms würde der Unterstützung der amerikanischen Verpflichtung dienen, die volle Umsetzung der
Abkommen von Dayton in Bosnien sicherzustellen.
Die Unterstützung der Vereinigten Staaten wird den
Vertriebenen und Flüchtlingen bei der Heimkehr,
ethnisch gemischten Gemeinden beim Wiederaufbau,
vielen führenden Politikern bei der Annahme der für
erhöhte Chancen und dauerhaftes Wirtschaftswachstum notwendigen Wirtschaftsreformen und Regierungen bei der weiteren Umstrukturierung ihrer Polizei für
ein sicheres Umfeld für alle Bürger behilflich sein.
Amerikanische Truppen verbleiben in der Region, und
unsere Hilfsprogramme sind darauf ausgerichtet, ihre
Arbeit zu ergänzen und auf der durch ihre Anwesenheit geschaffenen Stabilität aufzubauen.
Kosovo: Im Kosovo haben von den Vereinigten
Staaten unterstützte internationale diplomatische
Bestrebungen und militärische Fähigkeiten der Bündnispartner zur Stärkung der Stabilität in dieser Krisenregion beigetragen. Die Aussicht auf Förderung eines
friedlichen, die Rechte aller Bürger in diesem Teil
Jugoslawiens schützenden Übergangs steht allerdings
immer noch auf Messers Schneide. Die humanitäre
Hilfe der Vereinigten Staaten hat zur Milderung des

Seite 4

Leids beigetragen, aber zur Schaffung eines dauerhaften Friedens müssen wir mit unseren Bündnispartnern
zusammenarbeiten. Die Haushaltsvorlage beinhaltet
46 Millionen Dollar für eine Beobachtertruppe zur
Überwachung der Einhaltung der Vereinbarungen
durch alle Parteien und zur Unterstützung der Ausbildung einer professionellen, ethnisch repräsentativen, die Rechte aller Bürger schützenden lokalen
Polizeitruppe. Zusätzlich sind im Haushaltsentwurf 50
Millionen Dollar für den Beitrag der Vereinigten Staaten
zu internationalen Bestrebungen für zivilen Wiederaufbau vorgesehen.
Hurrikan Mitch: 1998 hat Hurrikan Mitch, der zerstörerischste Hurrikan der jüngsten Geschichte, in
Mittelamerika Schäden in Höhe von 10 Milliarden
Dollar verursacht. Durch Zusage von über 500
Millionen Dollar nahmen sich die Vereinigten Staaten
sofort der durch diese beispiellose Katastrophe
entstandenen enormen Hilfs- und Wiederaufbaubedürfnisse an. Es muß jedoch noch viel mehr getan
werden, um den Nachbarländern zu helfen, sich von
dieser Zerstörung zu erholen, und es werden dringend
weitere Mittel benötigt. Deshalb wird der Präsident in
parteiübergreifenden Bemühungen mit dem Kongreß
daran arbeiten, 1999 die zusätzlichen Mittel zur
Beseitigung der von Mitch sowie der in der Karibik von
Hurrikan Georges verursachten Schäden zu erhalten.
Die Führungsrolle in der internationalen Gemeinschaft
Nach dem Zweiten Weltkrieg übernahmen die Vereinigten Staaten eine einzigartige Führungsrolle beim
Aufbau internationaler Institutionen und bei der
Zusammenführung der Nationen der Welt zur Bewältigung gemeinsamer sicherheitspolitischer, wirtschaftlicher und humanitärer Herausforderungen.
Die
Vereinigten Staaten stellten beträchtliche finanzielle
Mittel zur Unterstützug der UNO, der NATO, des IWF
und der Weltbank sowie anderer spezialisierter
regionaler Sicherheits- und Finanzinstitutionen bereit,
die während des Kalten Krieges und der Zeit danach
die Grundlage der internationalen Zusammenarbeit
bildeten.
Um Finanzstabilität für diese internationale Gemeinschaft sicherzustellen, traten Mitglieder der internationalen Organisationen Verträgen bei, die sie zu
bestimmten Beitragszahlungen an die Budgets der
internationalen Organisationen verpflichteten. Der
Kongreß ratifizierte diese Abkommen und verlieh ihnen
bindenden Charakter für die Vereinigten Staaten. Die
Vereinigten Staaten und andere Industrienationen
haben feste Zusagen zur regelmäßigen Aufstockung
der Ressourcen der Multilateralen Entwicklungsbanken (MDBs), zu denen die Weltbank, ihre regionalen Entwicklungsbankpartner und die Globale Umweltfazilität (GEF) gehören, gemacht. Die Aufstockun-

AMERIKA DIENST 04

�gen erfolgen vorbehaltlich der Genehmigung durch
den Kongreß und der Bewilligungsverfahren.
Bis zum Jahr 1997 war die amerikanische Führungsrolle in diesem internationalen Netz aufgrund vorheriger Gesetzesinitiativen, mit denen die Mittel für unsere
Beiträge und Verpflichtungen gekürzt worden waren,
ernsthaft unterhöhlt worden. Die daraus resultierenden Rückstände gegenüber den internationalen
Organisationen beliefen sich auf nahezu 1,5 Milliarden
Dollar. Obwohl die Regierung und der Kongreß 1997
und erneut 1998 überparteiliche Unterstützung für die
Bewilligung der Gesetzesvorlage erlangten, um viele
der festgesetzten Beitragsrückstände im Verlauf von
drei Jahren im Gegenzug zu spezifischen Reformen
der internationalen Organisationen zu bezahlen, wurde
das Gesetz nie verabschiedet.
1998 verabschiedete der Kongreß vorbehaltlich der
Annahme der Autorisierungsgesetze und bestimmter
anderer Bedingungen Bewilligungen in Höhe von 100
Millionen Dollar und im Jahr 1999 von 475 Millionen
Dollar. Der Haushalt sieht vor, daß die Administration
und der Kongreß erneut zusammenarbeiten, um
Einigung über die Bezahlung der Außenstände an die
Vereinten Nationen und ähnliche internationale
Organisationen zu erzielen. Der Haushalt beinhaltet
die Ratenrückstandszahlungen in Höhe von 446
Millionen Dollar für das dritte Jahr und sieht 1,198
Milliarden Dollar für die Zahlung regelmäßiger Beiträge
an die internationalen Organisationen und die Vereinten Nationen für Friedensmissionen vor.
Stabilisierung der internationalen Wirtschaft
Mit der zunehmenden wirtschaftlichen Integration der
Welt wird das reibungslose Funktionieren ihrer Währungssysteme immer wichtiger für die Volkswirtschaften aller Nationen. Die gravierenden Störungen
der russischen und mehrerer asiatischer Volkswirtschaften sowie die Bedrohung der brasilianischen
Volkswirtschaft im Jahr 1998 demonstrierten die
weltweiten Auswirkungen von Krisen in führenden
Volkswirtschaften. Trotz ihrer Größe und Stärke ist
selbst die amerikanische Volkswirtschaft nicht immun
und könnte Schaden erleiden, wenn keine Maßnahmen zur Kontrolle der globalen Wirtschaftskrisen
ergriffen würden. Es sind genau diese Art Störungen,
zu deren Behebung die internationalen Finanzinstitutionen (IWF, Weltbank und die anderen MDBs)
gegründet wurden, und zum Teil dank der überparteilichen Bestrebungen zur Erhöhung der für den IWF
im vergangenen Jahr zur Verfügung stehenden
Ressourcen haben diese Institutionen bereits begonnen, die für Indonesien, Brasilien und die anderen am
stärksten betroffenen Länder erforderlichen Kredite
bereitzustellen, so daß sie den langen und schwierigen
Erholungsprozeß beginnen können.

AMERIKA DIENST 04

Multilaterale Entwicklungsbanken (MDBs): In den
letzten beiden Haushaltsvorlagen wurden mit der
Finanzierung des Großteils der amerikanischen
Rückstände bei den MDBs durch den Kongreß
Fortschritte erzielt, wobei zur Zeit noch 310 Millionen
Dollar nicht finanziert sind. Dank dieser erheblichen
Verbesserung seit 1997, als sich die Rückstände auf
nahezu 862 Millionen Dollar beliefen, konnte die
Regierung während der Aufstockungsverhandlungen
für die Internationale Entwicklungsorganisation, den
Afrikanischen Entwicklungsfonds und die Interamerikanische Entwicklungsbank im vergangenen Jahr andere
Geber für sich gewinnen und Zustimmung zu wichtigen
neuen Maßnahmen erhalten. Der Haushalt sieht
ferner 168 Millionen Dollar für die Fortsetzung der
geplanten Zahlungen der MDB- und neuen GEFRückstände und 1,2 Milliarden zur Zahlung aktueller
Verpflichtungen gegenüber diesen Institutionen vor,
von denen die meiste Hilfe für arme Länder auf der
Welt geleistet wird, die vielversprechende Wirtschaftsreformen durchführen. Unter der Clinton-Administration wurden die amerikanischen Verpflichtungen
gegenüber allen MDBs um 40 Prozent des Niveaus
von Mitte der neunziger Jahre gekürzt.
Die internationale Schuldenpolitik: Mit der Bereitstellung von 120 Millionen Dollar werden die Vereinigten Staaten Wirtschafts- und Umweltreformen in
Ländern fördern, die das Gesetz über den Erhalt der
tropischen Regenwälder von 1998 unterstützen und
die Kosten der Entschuldung durch Beiträge an den
Treuhandfonds für die hoch verschuldeten armen
Länder bestreiten.
Darüber hinaus werden die
Vereinigten Staaten ihre Bestrebungen zur Ankurbelung von Wirtschaftswachstum für die ärmeren Länder
der Welt durch die Beteiligung am Schuldenabbau im
multilateralen Pariser Club und die Bereitstellung
bilateraler Entschuldung als Teil der Afrika-Initiative
des Präsidenten fortsetzen.
Unterstützung der internationalen Entwicklung und
Bewältigung internationaler Katastrophen
Entwicklungshilfe über die MDBs und bilateral über das
US-Amt für internationale Entwicklung (U.S. Agency for
International Development - USAID) finanziert Projekte
zur Schaffung der Bedingungen für Wirtschaftswachstum, stabile Demokratien, verbesserte Gesundheitsfürsorge und grundlegende Bildung. Unsere kontinuierliche Verpflichtung, Hilfe für die ärmsten Länder bereitzustellen, dient den langfristigen amerikanischen
Interessen und verringert die Notwendigkeit für
kurzfristige Krisenintervention.
Hilfe für Afrika: Der Haushalt sieht 828 Millionen
Dollar für Afrika vor - eine Erhöhung von nahezu 10
Prozent - zur Erfüllung des Ziels des Präsidenten, die
Unterstützung für Afrika auf ein historisch hohes
Niveau aufzustocken. Diese Hilfsleistungen tragen
den auf Reformen und Wirtschaftswachstum ge-

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�richteten Fortschritten Rechnung, die von einer Reihe
afrikanischer Nationen durchgeführt werden. Die auf
dem derzeitigen oder erhöhten Stand finanzierten
Hilfsprogramme beinhalten die Initiative des Präsidenten zu Nahrungsmittelsicherheit, Bildung, Handel
und Investitionen. Die Haushaltsvorlage enthält auch
vermehrte Unterstützung für Programme, die auf die
Entschärfung von Konflikten, Förderung regionaler
Friedenssicherung und Unterstützung von Demokratie
sowie die Umsetzung des Handelspakets des Präsidenten für Afrika abzielen.
Die Entwicklungshilfeprogramme von USAID: Der
Haushaltsentwurf sieht 1,8 Milliarden Dollar für
Entwicklungshilfeprogramme von USAID vor, das die
Finanzierung für 51 Länderund 12 regionale Programme in Afrika, Asien und Lateinamerika bereitstellt. In
Asien stellen die USAID-Programme ein wichtiges
Element der Reaktion der US-Regierung auf die
Herausforderungen des wirtschaftlichen Zusammenbruchs und eines unzureichenden sozialen Sicherheitsnetzes sowie die Chance zur Unterstützung
echter Demokratisierung dar. In Lateinamerika sind
die im Haushalt vorgesehenen andauernden Hilfsleistungen entscheidend für die Erfüllung der langfristigen Bedürfnisse, die durch die von Hurrikan Mitch
angerichtete Zerstörung entstanden sind.
Humanitäre Hilfsleistungen:
Bedauerlicherweise
sehen sich viele Länder mit ihre Entwicklung behindernden Krisen sowohl durch Naturkatastrophen - wie
durch die Auswirkungen von Hurrikan Mitch so deutlich
demonstriert - als auch durch andauernde Bürgerkriege konfrontiert. Der Haushaltsentwurf sieht 1,7
Milliarden Dollar für die humanitären Hilfsprogramme
des Außenministeriums und von USAID vor. Das
Flüchtlingsprogramm des Außenministeriums beinhaltet die Betreuung von Flüchtlingen im Ausland und
Hilfe für die Flüchtlinge, die in den Vereinigten Staaten
aufgenommen werden. Über sein Büro für Katastrophenhilfe im Ausland kümmert sich USAID um die
unmittelbaren Bedürfnisse der Opfer von Natur- und
vom Menschen herbeigeführten Katastrophen, darunter in ihrem Land Vertriebene. Zusätzlich zu direkter
Hilfe arbeitet USAID auch an der Verbesserung der
Fähigkeit armer Länder zur Katastrophenbewältigung
durch seine Präventions- und Milderungsprogramme
sowie Programme, die den Ländern beim Übergang
von Konflikt zu Frieden behilflich sein sollen. USAID
stellt über das "Programm Nahrungsmittel für Frieden"
auch Nahrungsmittelhilfe für besonders anfällige
Völker bereit.
Umwelt und Bevölkerungswachstum: Die Entwicklungshilfe von USAID und die amerikanischen Beiträge
zu internationalen Bestrebungen wie der GEF sowie
dem Montrealer Protokoll unterstützen umfassende
und erfolgreiche Programme zum Schutz der Umwelt
und der Verringerung des Bevölkerungswachstums.
Der Haushalt finanziert auch weiterhin die auf viele

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Jahre ausgelegte Initiative zum globalen Klimawandel.
Die Vereinigten Staaten haben anerkanntermaßen bei
der Förderung von sicheren, effektiven Projekten zur
Familienplanung die Führung auf der Welt inne, und
der Haushaltsantrag finanziert weiterhin ein beträchtliches Ausmaß amerikanischer Hilfe für diese Programme.
Das Peace Corps: Das Peace Corps fördert die
Völkerverständigung durch seine Freiwilligen, die als
inoffizielle Botschafter in den Entwicklungsländern tätig
sind. Das amerikanische Volk unterstützt das Programm uneingeschränkt. Der Haushalt sieht 270
Millionen Dollar für die Behörde vor, damit sie die
Anzahl der Freiwilligen im Ausland weiter erhöhen
kann - mit dem Ziel, bis Anfang des nächsten Jahrhunderts an die 10.000 Freiwillige zur Verfügung zu
haben.
Steigerung des amerikanischen Wohlstands durch
Handel
Die Regierung engagiert sich weiterhin für die Öffnung
globaler Märkte und die Integration des Weltwirtschaftssystems, die zu einem Schlüsselement für
anhaltenden wirtschaftlichen Wohlstand in unserem
Land geworden ist. Dieses Ziel ist in zunehmendem
Maße ein zentraler Punkt der diplomatischen Aktivitäten der Vereinigten Staaten. Die Regierung trägt zu
dem Fundament für anhaltendes, nicht- inflationäres
Wachstum für das nächste Jahrhundert bei, indem sie
das Nordamerikanische Freihandelsabkommen (North
American Free Trade Agreement - NAFTA) und die
bei der Uruguay-Runde abgeschlossenen multilateralen Handelsabkommen umsetzt.
Exportförderungsinitiative: Nach Jahren zweistelliger Wachstumszahlen verlangsamten sich die
Exporte des produzierenden Gewerbes der Vereinigten Staaten 1998 als Folge der weltweiten
Wirtschaftsprobleme, was zu Tausenden von Entlassungen führte. Weil Millionen von Arbeitsplätzen in
den Vereinigten Staaten exportabhängig sind, müssen
wir den amerikanischen Produzenten dabei behilflich
sein, im Ausland neue Märkte und neue Kunden für
ihre Produkte zu finden. Zu diesem Zweck enthält der
Haushaltsentwurf eine behördenübergreifende Initiative in Höhe von 108 Millionen Dollar als Ansporn für
zusätzliche amerikanische Exporte.
Erstens erhöht die Initiative die Mittelausstattung um
zehn Prozent - oder 81 Millionen Dollar - für die ExportImport Bank, welche Exporteure in den Vereinigten
Staaten durch umsichtige Finanzierungen für Kunden
in Entwicklungsländern, wenn private Mittel nicht zur
Verfügung stehen, und durch einen strategischen
Ausgleich der Ausgangsbedingungen gegenüber
aggressiven, ausländischen Exportkredit-Subventionen unterstützt. Mit den zusätzlichen Mitteln kann die
Bank Produkte aus den Vereinigten Staaten - von

AMERIKA DIENST 04

�Flugzeugteilen über Betriebskapital bis zu Umwelttechnologie - in die Wachstumsmärkte leiten, aus
denen sich die kommerziellen Banken zurückgezogen
haben. Zweitens erhält die Handels- und Entwicklungsagentur (Trade and Development Agency)
zusätzlich vier Millionen Dollar zur Finanzierung von
Durchführbarkeitsstudien zur Befähigung amerikanischer Unternehmen, an großen exportfördernden
Infrastrukturprojekten im Ausland teilzunehmen.
Drittens sieht die Initiative 14 Millionen Dollar für das
internationale Handelsbüro (International Trade
Administration - ITA) im Wirtschaftsministerium vor, zur
Aufstockung der Ressourcen zur Exportförderung in
Schlüsselmärkten und für Exporthilfsdienste für die
350.000 kleinen Herstellerbetriebe. Schließlich stellt
die Initiative neun Millionen Dollar für das ITA und das
Nationale Institut für Normung und Technologie
(National Institute of Standards and Technology NIST) beim Wirtschaftsministerium bereit, zur Ausweitung der amerikanischen Bemühungen, den
Entwicklungsländern bei der Schaffung eines für eine
kommerzielle Infrastruktur, die Exporte für amerikanische Unternehmen einfacher und billiger macht,
notwendigen institutionellen Rahmens behilflich zu
sein.
Freier und fairer Handel: Die Regierung sieht sich
weiterhin als Verfechter offener Handelspraktiken. In
einer Zeit der wirtschaftlichen Fragilität in vielen
Regionen ist das weitere Engagement für offene
Märkte wichtig. Die Haushaltsvorlage schlägt bedeutende Mittelerhöhungen für Handelsbevollmächtigte
zur Verfolgung eines offenen, fairen, auf Regeln
basierenden Handelssystems vor, das sicherstellt, daß
lebhafter zwischenstaatlicher wirtschaftlicher Wettbewerb nicht zur Mißachtung von Umwelt- und Verbraucherschutz oder Arbeitsnormen führt.
Die Regierung wird außerdem vorschlagen, laut der
Initiative für das Karibische Becken in Frage kommenden Ländern erweiterte Handelsprivilegien zuzugestehen und als Teil einer größeren Handels- und Investitionsinitiative für Afrika ihre Wirtschaft reformierenden Ländern in Afrika dauerhaft besondere Handelsprivilegien einzuräumen. Zusätzlich wird die Regierung eine einjährige Verlängerung des Systems der
Allgemeinen Präferenzen über das aktuelle Ablaufdatum am 30. Juni 1999 hinaus vorschlagen, um die in
diesem System vorgesehenen niedrigeren Zölle auf
viele Importartikel aus Entwicklungsländern beibehalten zu können.
Weitere Handelsaktivitäten: Der Koordinierungsausschuß zur Handelsförderung (Trade Promotion
Coordinating Committee - TPCC) konzentriert sich
momentan auf einige strategische Schlüsselziele zur
effektiveren und besser koordinierten Gestaltung
unserer Handelsförderungsprogramme. Der TPCC
setzt sich für ein stärkeres Bewußtsein für die Vorteile
des Handels und für eine wirkungsvolle Reaktion auf

AMERIKA DIENST 04

die Asienkrise ein. Außerdem engagiert sich der
TPCC für die Verbesserung des Handels auf bedeutenden Wirtschaftsmärkten der Welt.
Weiterhin unterstützt die Regierung voll und ganz die
Reautorisierung der Entwicklungsgesellschaft (Overseas Private Investment Corporation - OPIC), die
aufgrund ihrer Investitionsversicherungen und Finanzprogramme ein wichtiger Teil der Handels- und
Investitionsinitiativen ist.
Zusätzlich enthält der
Haushaltsentwurf eine 18-prozentige Mittelerhöhung auf 20 Millionen Dollar - für die Marktzugangs- und
Befolgungsabteilung (Market Access and Compliance
Unit) des Wirtschaftsministeriums, deren Mitglieder
Handelsübereinkommen überwachen und Probleme
bei der Einhaltung aufzeigen.
Anwendung effektiver Diplomatie
Effektive Diplomatie ist die Grundlage unserer Fähigkeit, außenpolitische Ziele zu erreichen. Die Haushaltsvorlage unterstützt eine starke Präsenz der
Vereinigten Staaten in über 250 Botschaften und
anderen Auslandsvertretungen, die amerikanische
Interessen im Ausland vertreten und Konsulardienste
für Amerikaner anbieten. Die Arbeit des Außenministeriums und der amerikanischen Auslandsvertretungen unterstützt die Ziele und Initiativen der
amerikanischen Außenpolitik, erahnt nationale Sicherheitsbedrohungen und hilft, sie zu verhindern. In
den letzten Jahren hat diese Arbeit enorm zugenommen und schließt die Bekämpfung von Bedrohung
durch Terrorismus, Verbreitung von Massenvernichtungswaffen, Atomschmuggel, internationales
Verbrechen und Drogenhandel ein. Die Auslandsvertretungen dienen außerdem als Verwaltungsplattform
für die vielen anderen amerikanischen Behörden mit
Mitarbeitern im Ausland - vom Amt der Vereinigten
Staaten für Internationale Entwicklung (USAID) bis
zum Verteidigungs-, Justiz- und Finanzministerium.
Reorganisation der auswärtigen Angelegenheiten:
Der Erlaß des Reform- und Umstrukturierungsgesetzes für auswärtige Angelegenheiten von 1998 erteilte
dem Präsidenten die Vollmacht, die Behörden für
auswärtige Angelegenheiten grundlegend umzustrukturieren. Die Reorganisation wird Angelegenheiten der
internationalen Rüstungskontrolle, der Politik der
nachhaltigen Entwicklung, und der Öffentlichkeitsarbeit
in das Zentrum unserer Außenpolitik rücken - mit
einem neu strukturierten Außenministerium.
Durch die Reorganisation werden das Amt für Rüstungskontrolle und Abrüstung (Arms Control and
Disarmament Agency - ACDA), die Teile des USInformationsamts (U.S. Information Agency - USIA), die
keine Sendeanstalten einschließen, sowie einige
begrenzte Funktionen von USAID in das Außenministerium integriert. Der Aufsichtsrat der Sendeanstalten, der alle nichtmilitärischen Sendungen der

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�Regierung im Ausland überwacht, ist momentan Teil
des US-Informationsamts und wird eine unabhängige
Bundeseinrichtung.
Botschafts- und Konsularbetrieb: Der Haushaltsentwurf sieht im Jahr 2000 3,6 Milliarden Dollar für das
Außenministerium vor, einschließlich Öffentlichkeitsarbeit und Rüstungskontroll-Aktivitäten. Von dieser
Gesamtsumme sind 0,7 Milliarden Dollar für weiterzuführende Öffentlichkeitsarbeit (ehemals USIA) und
48 Millionen Dollar für Rüstungskontrolle und Aktivitäten der Nichtverbreitung (ehemals ACDA) vorgesehen.
Diese Höhe der Mittel garantiert die Aufrechterhaltung
des weltweiten Betriebs, die Weiterführung der
Bemühungen zur Verbesserung der Informationstechnologie und Kommunikationssysteme und bezieht
wachsende Anforderungen an Sicherheit und Einrichtungen der Auslandsvertretungen mit ein. Die
wichtigsten im Haushaltsentwurf vorgeschlagenen
Mittelerhöhungen sind für Verbesserungen der
Sicherheit und der Einrichtungen gedacht, die es den
beruflich außenpolitisch im Ausland Tätigen ermöglichen wird, ihre Arbeit in einem sichereren Umfeld
auszuüben. Die Haushaltsvorlage fordert drei Milliarden Dollar als Vorschußhaushalt für die Finanzierung

des Baus von sicheren Botschaften und Auslandsvertretungen auf der Welt. Die Regierung wird diesen
Ausbau durch eine Kapitalstruktur-Strategie verfolgen,
die effektiv und effizient die Sicherheitsbedürfnisse
Amerikas erfüllen wird.
Betriebsausgaben für USAID: Die Haushaltsvorlage
schlägt 508 Millionen Dollar für die Betriebsausgaben
von USAID vor. Der Großteil dieser Mittelerhöhung im
Laufe des Jahres 1999 (12 Millionen Dollar) wird
USAID die notwendigen Ressourcen für die weitere
Verbesserung der Informationstechnologie und der
Finanzmanagement-Fähigkeiten an die Hand geben.
Die Ressourcen werden es USAID außerdem ermöglichen, seine Präsenz in einigen wichtigen Entwicklungsländern zu wahren, obwohl dies erfordern
wird, daß USAID seine erfolgreichen Umstrukturierungsbemühungen weiterverfolgt, um den wachsenden
Programmanforderungen ohne Aufstockung der
Mitarbeiterzahlen oder der Kosten im Ausland zu
genügen.
Der Haushaltsentwurf berücksichtigt
ebenfalls die Verlagerung von Sicherheitsfunktionen
vom USAID-Generalinspekteur zu den USAID-Betriebsausgaben, wie in dem Gesetz über Mittel für
Auslandseinsätze von 1999 gefordert.

* * * * *

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AMERIKA DIENST 04

�USA-EUROPA

10. März 1999

USA müssen ihren militärischen Auftrag in der Zeit
nach dem Kalten Krieg überdenken
Rede von Staatssekretär Pickering

WEST POINT - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede des Staatssekretärs für politische
Angelegenheiten im US-Außenministerium, Thomas Pickering, vor der amerikanischen Militärakademie West
Point vom 10. Februar 1999 im Wortlaut.

Vielen Dank für die freundlichen Einführungsworte.
Es ist mir eine große Ehre, heute Abend in West Point
sein zu dürfen. Generationen großartiger Amerikaner
haben diese Hallen durchschritten, auf diesem
Gelände Übungen abgehalten und vielleicht hier am
Ufer des Hudson über die Zukunft nachgedacht. Seit
nahezu zwei Jahrhunderten steht das Kadettenkorps
beim Weckruf um 6.00 Uhr morgens auf und entwikkelt jeden Tag aufs Neue die für eine Führungsrolle
erforderliche intellektuelle, physische und moralische
Stärke. Die bloße Verpflichtung des Kadettenkorps zu
"Pflicht, Ehre, Vaterland" prägt den Charakter und
erhebt gleichzeitig unsere großartige Nation.
Ich freue mich, heute Abend hier zu sein, und es ist
mir ein noch größeres Vergnügen, über eine wchsende Partnerschaft mit Ihnen zu sprechen. Als
Soldaten und Diplomaten arbeiten wir bei der Verteidigung der Interessen der Vereinigten Staaten in vieler
Hinsicht und mit sehr viel größeren Auswirkungen auf
den jeweils anderen zusammen, als unsere Öffentlichkeit sich bewußt ist.
Ich hege keinen Zweifel, daß in diesem Saal heute
Männer und Frauen versammelt sind, die sich in die
Reihen der herausragendsten Absolventen der
amerikanischen Militärakademie eingliedern werden.
Jeder von Ihnen wird zur Gestaltung der Geschichte
beitragen. Werden Sie es in derselben Weise tun wie
Ihre Vorgänger? Wahrscheinlich nicht, weil jede
Generation sich mit unterschiedlichen Herausforderungen, Chancen und Opfern konfrontiert sieht - von
der Schlacht bei Bunker Hill bis zu den belgischen
Schlachtfeldern in Flandern, von Bagdad bis Bosnien.

AMERIKA DIENST 04

Führungs- und Charakterstärke werden Ihre Aktionen
prägen. Aber die Umstände, unter denen Sie handeln,
werden sich auf unvorhergesehene Weise ändern.
Dasselbe gilt für Diplomaten. Vor 46 Jahren nahm ich
hier an einer Konferenz teil, die zu meiner Entscheidung beitrug, in den auswärtigen Dienst einzutreten.
Ich begann meine Laufbahn während des Kalten
Kriegs, als die Rolle der Vereinigten Staaten in der
Welt im Großen und Ganzen durch zwei eng miteinander verbundenen Schlachten bestimmt wurde: Den
Kampf um die Erweiterung und Verteidigung der
Freiheit und den Kampf um die Eindämmung des
Kommunismus. Die Vereinigten Staaten gewannen
an beiden Fronten, großenteils aufgrund der ausgezeichneten Partnerschaft zwischen Soldaten und
Diplomaten.
Es gibt jedoch keine Garantie, daß die Partnerschaft
immer reibungslos verläuft. Wir sind vielleicht in
mancher Hinsicht wie Geschwister. Aber gemeinsam
haben wir uns der Aufgabe gewidmet, die Welt zu
einem besseren Ort zu machen und den Amerikanern
eine Zukunft mit mehr Sicherheit und Wohlstand zu
bieten.
In vieler Hinsicht unterscheiden sich unsere Aufgaben
erheblich. Ein Soldat bereitet sich darauf vor zu
kämpfen, um einen Krieg zu gewinnen und dieser
Zustand der Einsatzbereitschaft verringert an sich
schon die Aussicht auf einen militärischen Einsatz.
Ein Diplomat ist immer mit Einsätzen, mit Problemen
jenseits unserer Grenzen befaßt, ist in einem Zustand
konstanter Aktivität, arbeitet an der Lösung der

Seite 1

�Konflikte von heute und dem Ausgleich der vielzähligen, manchmal widersprüchlichen wirtschaftlichen,
politischen und sicherheitspolitischen Interessen der
Vereinigten Staaten. Mit anderen Worten: Wenn wir
scheitern, müssen Sie manchmal sehr harte Arbeit
leisten. Wenn wir Erfolg haben, werden Menschenleben und Gerät erhalten. Wir können jedoch nicht
ohne Ihre Stärke Erfolg haben, die unsere Diplomatie
unterstützt. Das ist das Wesen unserer Partnerschaft
im Interesse des Landes.
Was werden unsere gemeinsamen Aufgaben in den
kommenden Jahren und Jahrzehnten sein? Wir
führen unseren Auftrag in einem geopolitischen
Umfeld durch, das sich auf dramatische Weise von
dem unterscheidet, in dem ich und die meisten Ihrer
Dozenten aufgewachsen sind. Diese veränderten
Umstände werfen zwei von uns zu beantwortende
Fragen auf: 1. Wann und wo sollten sich die Vereinigten Staaten engagieren und 2. Wenn das
amerikanische Engagement bis zu dem Punkt gelangt,
an dem wir für den Einsatz militärischer Gewalt bereit
sein müssen, wie ist diese Gewalt dann gerechtfertigt?
Das veränderte Sicherheitsumfeld
Während des Kalten Kriegs zögerten die Länder oft,
politische Ziele zu verfolgen, die nicht Ziele einer der
Supermächte waren. Konflikte wurden häufig hinter
dem Eisernen Vorhang erstickt oder durften an Orten
ausgetragen werden, die nicht direkt die vitalen
Interessen der anderen Seite betrafen.
Einige
ethnische Konflikte wurden während des Kalten
Krieges unterdrückt, andere ausgenutzt.
In der dem Fall der Berliner Mauer und der annähernden internationalen Einstimmigkeit folgenden Euphorie
während des Golfkriegs hofften viele, daß die Konflikte
abnehmen würden. Die Begründung lautete, da die
Rivalität zwischen den Supermächten Konflikte
geschürt hatte, wären die Länder jetzt eher zu Zusammenarbeit bereit und die Konflikte nähmen ab und
würden schneller gelöst, wenn nicht sogar ganz
verschwinden.

Die Abscheu vor Bürger- oder grenzüberschreitenden
Kriegen nährte Hoffnungen, daß sie in einer "neuen
Weltordnung" irgendwie verschwänden. Der Theologe
Reinhold Neibuhr war Pazifist bis zum Aufstieg des
Nationalsozialismus, als er die Notwendigkeit für den
Einsatz von Gewalt erkannte. "Pazifisten...", erklärte
er, "behaupten nur, wenn alle Menschen einander
liebten, könnte man sich all der komplexen und
manchmal schrecklichen Realitäten der politischen
Ordnung entledigen. Sie sehen nicht, daß das 'Wenn'
die grundlegendsten Probleme der Menschheitsgeschichte birgt... Gerechtigkeit kann nur durch ein
gewisses Maß an Zwang einerseits und durch Widerstand gegen Zwang andererseits erlangt werden."
Der Kalte Krieg erlegte einigen Aktionen und Akteuren
gewisse Zwänge auf. Ohne diese Zwänge fühlten
sich viele Länder freier bei der Verfolgung ihrer
Interessen. Einige fühlten sich frei, dafür Gewalt
einzusetzen. Konflikte sind auf dem Balkan, am Golf,
in Afrika und andernorts ausgebrochen. In vielen
Fällen wurden die Konflikte durch schlechte Akteure
ausgelöst. Saddam Hussein und Slobodan Milosevic
wurden zweifelsohne mit ihrer Verhöhnung des
internationalen Systems ihrer Bezeichnung als
"Verbrecher" gerecht. Trotz des klaren Trends der
Zeit nach dem Kalten Krieg zu größerer internationaler
Zusammenarbeit brechen solche Menschen die
Regeln des rechtmäßigen und moralischen Verhaltens
und fordern die Welt heraus, es mit ihnen aufzunehmen. In diesen Fällen, wo beträchtliche amerikanische Interessen auf dem Spiel stehen, mußten die
Vereinigten Staaten schnell von dem ausschließlichen
Zurückgreifen auf die traditionelle Diplomatie zu einer
Diplomatie der glaubwürdigen Androhung des Einsatzes von Gewalt und schließlich zum tatsächlichen
Einsatz von Gewalt übergehen.
Die Globalisierung ist ein zweiter Faktor, der sich im
letzten halben Jahrhundert dramatisch entwickelt hat.
Die Informations- und technologischen Revolutionen
haben Länder enger zusammengebracht als zu jeder
anderen Zeit in der Geschichte. Das hat den Amerikanern und den Völkern in den meisten Regionen der
Welt enormes Wirtschaftswachstum beschert.

Dies erwies sich als falsch. Erstens strafte die
Prämisse, daß die Supermächte die ausschlaggebenden Faktoren in regionalen und Bürgerkriegen
waren, die Geschichte Lügen. Im Verlauf des Kalten
Kriegs gab es in ungefähr 19 Staaten Bürgerkriege.
Anfang der neunziger Jahre, nach dem Fall der
Berliner Mauer, gab es nahezu dieselbe Anzahl von
nationalen Konflikten. Aus unserer eigenen leidvollen
Geschichte wissen wir, wie blutig Bürgerkriege sind,
und die der Zeit nach dem Kalten Krieg waren ebenso
destruktiv und destabilisierend wie jeder andere in der
Geschichte.

Seite 2

Es

bedeutet aber auch, daß die amerikanischen Interessen unterschiedlicher und verstreuter sind. Es
bedeutet, daß wir stärker engagiert sind und, ja, von
der internationalen Gemeinschaft abhängen.
Wo und wie sich die Vereinigten Staaten engagieren sollten
Die Frage, wann man sich politisch oder militärisch
engagiert, ist ein absolutes Schlüsselthema. Ob das
Problem ein militärischer Konflikt oder eine größere
wirtschaftliche und soziale Störung ist - wir als
Führungmacht der Welt müssen der Verantwortung
unserer nationalen und internationalen Interessen

AMERIKA DIENST 04

�gerecht werden. Weder wir, unsere Verbündeten
noch irgendeine regionale oder internationale Organisation hat die Fähigkeit, bei jeder Gelegenheit einzugreifen. Dennoch gibt es klare moralische Dilemmas bei der Entscheidung, in einigen Situationen zu
helfen und in anderen das Leid andauern zu lassen.
Die Ermittlung, wo unsere nationalen Interessen
liegen, könnte ein Anhaltspunkt für diese Entscheidungen sein. Die Verteidigung der Vereinigten Staaten ist
schließlich eine ehrenwerte Aufgabe, für deren
Ausführung Sie und ich von den Steuerzahlern so
großzügig bezahlt werden. Aber in einer politisch,
wirtschaftlich und (dank des Zeitalters der Düsenjäger
und der Telekommunikationsrevolution) geographisch
so eng verknüpften Welt ist es schwieriger, eine Linie
zu ziehen und auszumachen, wo die Interessen der
Vereinigten Staaten beginnen und enden.
Ein
Konflikt, der in einem Teil der Welt außer Kontrolle
gerät, kann unserer Wirtschaft schaden oder unseren
Zugang zu Rohstoffen beschränken. Krankheiten,
Drogen und Terroristen, die sich in Unruhegebieten
ausbreiten, überqueren nur allzu leicht Grenzen. Von
ihrem Ursprung in den Krisengebieten eines weit
entfernten Landes können sie schnell direkte, tödliche
Auswirkungen auf Amerikaner haben. Befassen wir
uns mit ihnen, wenn sie noch weit von unseren
Grenzen entfernt sind und verhindern ihre Ausbreitung? Warten wir, bis Freunde, Verbündete und
Märkte infiziert sind? Oder kämpfen wir nur in unserem eigenen Land?
Selbst wenn wir um unsere Pflicht zum Engagement
wissen, müssen wir sorgfältig abwägen, wann und wie
wir uns engagieren.
Amerikanische Diplomaten
engagieren sich schon per defmitionem ihrer Tätigkeit
in diesem oder jenem Maße in fast jedem Land der
Welt. Wir arbeiten an einem breiten Spektrum von
Problemen, von der Erarbeitung eines internationalen
Konsenses über eine Handels- oder Vertragsfrage;
der Bekämpfung von Verbrechen, Drogen und
Umweltverschmutzung; Hilfe für Amerikaner im
Ausland, Unterstützung bei der Einstellung von
Feindseligkeiten bis zur Förderung von Menschenrechten und Rechtsstaatlichkeit oder Hilfe für ein von
einer Naturkatastrophe betroffenes Land. In dieser
Weise sind die Vereinigten Staaten bereits überall
einbezogen, wenn nicht sogar engagiert. Wie Unternehmen und Nichtregierungsorganisationen befassen
sich Diplomaten täglich mit diesen Belangen. Die
schwierige Frage ist die Entscheidung über das
Ausmaß der von uns bei der Lösung des Problems zu
übernehmenden Führungsrolle.
Mit der Verlagerung zu pluralistischeren Belangen
findet in den Vereinigten Staaten eine echte Gewissensprüfung darüber statt, wo man sich maßgeblich
engagieren sollte. Die Entscheidung liegt nicht nur bei
der Exekutive, sondern auch beim Kongreß und

AMERIKA DIENST 04

letztlich dem amerikanischen Volk. In seiner speziellen Rolle wird Amerika oft gebeten, alle Probleme
anzusprechen. Es ist eine Tatsache, daß unsere
Interessen enorm sind. Darüber hinaus gibt es
Gründe und eine Tradition für ein amerikanisches
Engagement über unsere spezifischen nationalen
Interessen hinaus. Die Vereinigten Staaten sind ein
Land, das sowohl aus Prinzipien als auch aus Pragmatismus handelt. Die Fernsehkamera erfaßt unseren Idealismus und unser Mitgefühl. Die mitten in
unserem Wohnzimmer ausgestrahlten Abendnachrichten haben das geschaffen, was man als "Globalisierung der Anteilnahme" bezeichnen könnte.
Die Amerikaner sind ein von Natur aus großzügiges
Volk, das lebt, um Probleme zu lösen. Sie können die
Konflikte und das Leid nicht ignorieren, das sie im
Fernsehen sehen, aber sie sind auch unsicher, wann
sie ein Engagement ihrer Regierung wünschen und zu
welchem Preis. Oder, um es anders zu sagen, sie
sehen die Notwendigkeit unseres Engagements,
möchten es jedoch zu einem niedrigen Preis an
Menschenleben sowie Hab und Gut. Die Erfahrung
lehrt, daß es keine absolut bindenden Doktrinen gibt,
die uns eine einfache Antwort bezüglich des Engagements geben. Häufig sind wir endlich geeint, wenn
der Präsident die Führungsrolle übernimmt und den
Kongreß und das Volk um die Aufgaben unseres
Engagements herum zusammenbringt.
Am schwierigsten ist für uns vielleicht, mit Situationen
fertigzuwerden, in denen militärische Gewalt unerläßlich für die Wiederherstellung der Ordnung
wurde. Glücklicherweise sind sie nicht die Norm.
Bedauerlicherweise scheinen sie zuzunehmen und
nehmen mehr Zeit und Aufmerksamkeit unserer
Politiker in Anspruch.
Einsatz militärischer Gewalt
Entscheidungen über wann und wie militärische
Gewalt einzusetzen oder anzudrohen ist, sind in der
Zeit nach dem Kalten Krieg komplizierter geworden.
Nationale Interessen sind der natürliche Ausgangspunkt für jede Entscheidung dieser Art. Aber in der
Vergangenheit haben wir der Gefahr widerstanden,
unsere nationalen Interessen zu eng zu definieren,
und in der heutigen Welt, wo alle miteinander verbunden sind, können wir uns das sicherlich nicht leisten.
Statt der klaren Gefahr von durch die Fuldaer Sende
nach Deutschland einmarschierenden Warschauer
Pakt-Divisionen stehen wir weniger faßbaren vielschichtigen Problemen wie Bosnien und Kosovo auf
dem Balkan gegenüber. Die Gefahr entsteht durch
über die Grenzen ausufernde Konflikte und über die
Grenzen strömende Vertriebene, die dadurch Nachbarstaaten unterminieren und die regionale Stabilität
zerstören. Probleme wie die Verbreitung von Massenvernichtungswaffen komplizieren die Problematik des

Seite 3

�Einsatzes von militärischer Gewalt noch zusätzlich.
Diese Probleme erfordern eine breitergefächerte Sicht
unserer nationalen Interessen und konfrontieren uns
öfter mit schwerwiegenden Entscheidungen über
Interventionen.
Ein uns beschäftigendes Schlüsselthema ist, wann wir
militärische Gewalt zur Untermauerung unserer
Diplomatie anwenden und wie wir militärische Gewalt
und Diplomatie miteinander verbinden. Die meisten
zwischenstaatlichen Probleme können durch geradlinige Diplomatie gelöst werden. In manchen Fällen
geht dies Hand in Hand mit "wohlwollender Kraft", das
heißt, friedenserhaltenden Missionen oder der Möglichkeit des Einsatzes von unserer nationalen Stärke
und Bereitschaft innewohnender Gewalt. Sprich leise
und trage einen schweren Stock, wie Teddy Roosevelt
sagte. In diesen Situationen ergänzen sich Soldaten
und Diplomaten auf natürliche Weise - der Soldat
bereitet sich auf den Krieg vor, seine Einsatzbereitschaft schreckt Aggressoren ab, und beides wiederum
stärkt dem Diplomaten den Rücken bei der Gestaltung
einer dauerhaften und effektiven politischen Lösung.
Am schwierigsten sind Situationen, die den Einsatz
militärischer Gewalt erfordern. Bei ihrer Bewältigung
müssen militärische und zivile Führungskräfte einander ihr Fachwissen und ihren Rat zur Verfügung
stellen, um über die bestmögliche Vorgehensweise zu
entscheiden.
Uns stehen im Wesentlichen vier
Instrumente zur Verfügung. Erstens, die Androhung
des Einsatzes von Gewalt. Damit dies nicht die
Wirkung verliert, sollte der Einsatzes von Gewalt
allerdings nur angedroht werden, wenn es um wichtige
amerikanische Interessen geht und auch der politische
Wille zur Ausführung der Drohung besteht. Auf diese
Weise angewandt, kann die Androhung von Gewalt
sehr wirkungsvoll sein. Im Kosovo beispielsweise
haben die "activation Orders" der NATO die Parteien
vom Rande des Kriegs zurückgeholt und Druck auf sie
ausgeübt, eine friedliche Lösung zu finden. Erst
letztes Wochenende überzeugte ihre Präsenz in der
Gleichung die Serben von der Notwendigkeit, die
Kosovo-Albaner an den Gesprächen in Paris teilnehmen zu lassen.
Reicht die Androhung von Gewalt nicht aus, können
die Vereinigten Staaten unilateral, mit ihren Partnern
in regionalen Organisationen - vor allem der NATO oder in einer Koalition der Bereitwilligen - wie während
des Golfkriegs - unter der Schirmherrschaft der
Vereinten Nationen handeln. Jede dieser Vorgehensweisen hat Vorteile, und jede ist unter anderen
Umständen angemessen.
Im Allgemeinen ist es einfacher, gemeinsame Einsätze zu legitimieren. Die Vereinigten Staaten werden
unter keinen Umständen jemals auf ihr Recht verzichten, allein zu handeln; wir sehen uns allerdings

Seite 4

deutlich weniger Kritik ausgesetzt, wenn wir mit
anderen handeln und größere praktische und politische Unterstützung gewinnen.
Gemeinsames
Vorgehen isoliert den Aggressor üblicherweise,
während mit unilateralem Handeln die Gefahr einhergeht, daß das angegriffene Land oder die Gruppe die
Sympathie anderer der internationalen Gemeinschaft
gewinnt. Andererseits erfordert multilaterales Engagement eine längere Vorbereitungsphase und ist
komplizierter durchzuführen. In Ihrem Beruf werden
Sie sicherlich zunehmend an Koalitionsbemühungen
teilhaben, und ich begrüße die von der Armee in ihrem
Lehrplan auf internationale Beziehungen und Völkerverständigung gerichtete Aufmerksamkeit, die Sie
darauf vorbereiten soll. Gleichzeitig muß die Last der
Wahrung von Frieden und Stabilität auf internationaler
Ebene geteilt werden, und wir appellieren weiterhin an
unsere Freunde, ihre Kapazitäten aufzubauen.

Wir haben begutachtet, wie Diplomatie und militärische Gewalt sich von beiden Enden des Spektrums aus harmonisch ergänzen. Das heißt, von
grundlegenden diplomatischen, wirtschaftlichen und
Hilfsaktionen am einen Ende bis hin zum entgegengesetzten Ende des Spektrums, wo der Einsatz von
militärischer Gewalt für das Erreichen amerikanischer
Ziele erforderlich ist. Es stellt sich eine zweite Frage:
Was ist das Mandat oder die Grundlage für den
Einsatz von Gewalt.
Mandat und Grundlage für den Einsatz von Gewalt
Eine große Kultur zeichnet sich dadurch aus, daß
militärische Gewalt nicht leichtfertig eingesetzt wird.
Wir achten Leben. Mit Herausbildung des internationalen Systems haben sich auch die Normen und
Gesetze für den Einsatz von Gewalt entwickelt. Die
Charta der Vereinten Nationen sieht verschiedene
Möglichkeiten für die Anwendung militärischer Gewalt
vor, einschließlich Artikel 51, der die individuelle und
kollektive Selbstverteidigung regelt. Zwei weitere
Rechtfertigungsmöglichkeiten erfordern die Zustimmung des Sicherheitsrats und können deshalb
von jedem der fünf Ständigen Mitglieder abgelehnt
werden. Gemäß Kapitel VII der Charta ist der Einsatz
von Gewalt für die Erhaltung und Wiederherstellung
von internationalem Frieden und Sicherheit gerechtfertigt, wenn der Sicherheitsrat zustimmt und gemäß
Artikel 53, wenn der Sicherheitsrat Maßnahmen
regionaler Organisationen zur Durchsetzung genehmigt. Truppen können außerdem in Fällen entsandt
werden, in denen die betroffenen Parteien ihre
Zustimmung erteilt haben, wie es oft bei Friedensmissionen der Fall ist.
Während des Kalten Kriegs wurde die Frage nach der
rechtlichen Grundlage von unseren Gegnern nicht oft
gestellt, oder vielleicht ist es korrekter zu sagen, ob
AMERIKA DIENST 04

�die Frage gestellt wurde oder nicht, hätten nicht alle
Länder auf den Einsatz militärischer Gewalt aufgrund
von Unsicherheiten über die Rechtmäßigkeit ihrer
Handlungen verzichtet. Abschreckung als Doktrin trug
dazu bei, den Einsatz von Gewalt durch unsere
Gegner in einigen Fällen auszuschließen. In anderen
Fällen verstand der Westen den Einsatz von Gewalt
als einen Akt der Selbstverteidigung. Es besteht
allerdings heute besonders im Westen zunehmend
das Verlangen, sich vor dem Handeln einer eindeutigen rechtlichen Grundlage zu versichern. Am
deutlichsten wird dies innerhalb der NATO, wo einige
unserer Bündnispartner argumentieren, ein UNMandat sei für einen Einsatz der NATO außerhalb des
Bündnisgebiets immer notwendig. Die Vereinigten
Staaten und andere Bündnispartner stimmen hiermit
nicht überein. Die Vereinigten Staaten sind der
Ansicht, das Recht, Truppen in Gebiete wie den
Balkan zu entsenden, hänge von einer Bewertung
aller Umstände ab, einschließlich der Erwägung, ob
ein direktes Risiko für die Bündnispartner besteht.
Individuelle oder kollektive Selbstverteidigung ist
gegenüber einem Aggressor angemessen, der Gewalt
gegenüber anderen angewandt hat und wenn wichtige
nationale Interessen auf dem Spiel stehen. NATOMitglieder haben das Recht, gemäß ihrer Pflichten aus
dem Vertrag von Washington zu handeln. Würden wir
uns darauf beschränken, nur nach ausdrücklicher
Zustimmung des Sicherheitsrats zu handeln, räumten
wir Rußland und China praktisch ein Vetorecht gegen
alle NATO-Aktionen dieser Art ein. Das ist inakzeptabel. Unseres Erachtens müssen die Vereinigten
Staaten und ihre NATO-Verbündeten entscheiden,
wann es angebracht ist, zur Verteidigung des Bündnisses Gewalt einzusetzen.
In diesem neuen Sicherheitsumfeld sehen wir uns
schwerwiegenden Fragen gegenüber, besonders
wenn militärische Gewalt zur Intervention in einem
internen Konflikt eingesetzt wird. Zu diesen Fragen
gehört, ob ein Bündnis warten muß, bis das Gebiet
eines Mitgliedstaats direkt angegriffen wird oder ob
Gewalt als Teil präventiver Diplomatie eingesetzt
werden kann. Das Interesse unserer Bündnispartner
an Interventionen in humanitären Krisen wird ebenfalls
überprüft. Einige sind auf der Suche nach neuen
Standards für den Einsatz von Gewalt zu diesem
Zweck. Ein weiterer potentieller Rechtfertigungsgrund
für die Anwendung von Gewalt wäre der Einsatz
gegen verbrecherische oder fast verbrecherische
Staaten, die zuerst - entgegen den internationalen
Rechtsstandards - Gewalt einsetzen, wie Irak gegen
Kuwait oder Milosevic in Serbien gegen KosovoAlbaner. In diesen Fällen hat der UN-Sicherheitsrat obwohl es schwierig war - oft Schritte unternommen
und zum Handeln aufgerufen. Die NATO tat dies
ebenfalls auf Grundlage ihrer eigenen Verpflichtungen
gemäß des Washingtoner Vertrags.

AMERIKA DIENST 04

Der Weg nach vorne
In diesen Debatten scheint das internationale Engagement hoffnungslos komplex. Aber die Debatte ist
heilsam und notwendig. Wir sind in eine neue Phase
unserer Geschichte eingetreten, und es ist angemessen, nationale Interessen, Ressourcen und den
politischen Willen sorgfältig zu überprüfen sowie auch
die ethischen und rechtlichen Grundlagen für unsere
Handlungen zu überdenken.
Wie Studenten dieser Militärakademie sehr gut
wissen, ist West Points Ruf, herausragende Leistungen zu erbringen, zum Großteil auf seine Flexibilität
bei der Anpassung seines Programms an sich verändernde Sicherheitsinteressen zurückzuführen.
Obwohl West Point als Vorreiter im Hoch-/Tiefbau und
Pionierwesen begann, erweiterte es bald seinen
Blickwinkel unter Beibehaltung seiner herausragenden
Leistungen und war so bereit für die Herausforderungen zweier Jahrhunderte.
Ein Blick etwas weiter zurück in die Geschichte zeigt,
daß westliche Denker dem Einsatz militärischer
Gewalt schon immer starke Aufmerksamkeit gewidmet
haben. Die frühen Christen aus West und Ost waren
üblicherweise Pazifisten, waren aber in der Minderheit; die Mehrheit waren keine Christen und trugen
die Kriege aus. Im vierten Jahrhundert, als die
Christen die Mehrheit stellten, sorgte sich St. Augustinus wegen der Angriffe auf das Römische Reich. Er
hielt den Einsatz von Gewalt zur Bekämpfung eines
größeren Übels für gerechtfertigt. Seine Theorie des
gerechten Kriegs fand in den folgenden Jahrhunderten
Widerhall und beeinflußt auch heute noch die Denkweise der Gesellschaften über wann und auf welche
Art der Einsatz von Gewalt gerechtfertigt ist. Die
historische Situation hatte sich verändert, und Ausgustinus trug zur Entwicklung der Reaktion auf diesen
Wandel bei.
Im 20. Jahrhundert haben wir unsere Ansichten über
den Einsatz von Gewalt wieder geändert, besonders
als Reaktion auf den technologischen Wandel. Durch
Flugzeuge waren auch Zivilisten auf nie dagewesene
Weise vom Krieg betroffen. In ähnlicher Weise hat
das Atomzeitalter, das auf Abschreckung durch die
garantierte Zerstörung beider Seiten baut, Diskussionen ausgelöst. Gegner dieser Doktrin argumentieren, daß keine Waffe mit so zerstörerischen
Auswirkungen moralisch sein könne, und seine
Befürworter weisen darauf hin, daß die nukleare
Abschreckung uns das Übel nur dadurch vermeiden
ließe, daß wir die Androhung seiner Anwendung sehr
deutlich machen.
Am Ende dieses Jahrhunderts hat sich die Sicherheitssituation erneut verändert, diesmal als Folge von
politischem und wirtschaftlichem Wandel. Mit dem

Seite 5

�Ende des Kalten Kriegs hat die Bedrohung durch
einen massiven Atomkrieg abgenommen. Gleichzeitig
ist die Welt immer enger miteinander verbunden, so
daß die Interessen der Vereinigten Staaten umfassend sind und Unruhen in fast jedem Winkel der Welt ob wirtschaftlicher, politischer oder militärischer Art bedeutenden Einfluß auf uns haben. Ironischerweise
haben wir noch immer enorme Macht, und mit Macht
meine ich unsere militärische, politische, gesellschaftliche und wirtschaftliche Stärke, die nicht alle
Aggressoren abschreckt oder zur Lösung aller
Probleme ausreicht. In diesem Umfeld diskutieren wir
natürlich darüber, wie wir unsere Macht einsetzen und
unsere nationalen Interessen verteidigen können.
Diese große nationale Frage wirkt sich auch auf die
Institutionen aus, da Soldaten und Diplomaten Rollen
annehmen, die sich sogar von denen unserer jüngsten
Vorgänger unterscheiden. Das ist - wie ich weiß - ein
Grund für Faszination aber auch Frustration für
Diplomaten und, ich glaube, das Gleiche gilt für
Soldaten. Ich möchte Sie in ihrer weiteren Berufslaufbahn um die Fortführung des Dialogs bitten.
Verteidigung und Diplomatie sind eng miteinander
verbunden, und die besten Augenblicke in der Geschichte der Vereinigten Staaten sind die unserer
Zusammenarbeit. Obwohl wir unterschiedlich ausgebildet werden, unterschiedliche Aufgaben haben und

in unterschiedlichen institutionellen Strukturen arbeiten, haben wir die gleichen Ziele. Wir haben immer
enger miteinander zu tun und müssen einander
verstehen. Einige Reibereien und Wettbewerb ist so
natürlich wie zwischen den Streitkräften. Gab es eine
größere Freude als den Sieg unserer Männer- und
Frauenmannschaften über die Marine beim Football
dieses Jahr?
Was Soldaten und Diplomaten teilen, ist Patriotismus.
Wir haben eine große Liebe für dieses Land gemeinsam, den Wunsch, ihm zu dienen und das Streben
nach herausragenden Leistungen.
Das ist eine
gemeinsame Basis, um unsere unterschiedlichen
Fähigkeiten in den Dienst der Nation zu stellen,
während wir gemeinsam arbeiten und über die Rolle
der Vereinigten Staaten auf der Welt, die Anwendung
diplomatischer Fähigkeiten und den Einsatz militärischer Gewalt diskutieren. Die Welt verläßt sich
ganz offensichtlich auf die Führungskraft der Vereinigten Staaten. Diese Verantwortung stellt zwar
eine Last dar, ist aber gleichzeitig auch eine große
Chance, die Welt zur Verteidigung unserer Sicherheit,
unserer Werte und Interessen zu gestalten. Ich freue
mich auf die Zusammenarbeit mit Ihnen!

* * * * *

Seite 6

AMERIKA DIENST 04

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                    <text>amerika dienst
United
53

States

Bonn-Bad

T e l :

Information

G o d e s b e r g l ,

8 9 - 3 2 4 0

Nummer

Service

Postfach

300

Information
und
Dokumentation

T e I e x : 08 - 8 54 32

7

1 0 . A p r i l 1974

Inhalt

DOKUMENTATION:
Proklamation Nixons zum 25. Jahrestag der NATO

Europa-Auszüge aus der Pressekonferenz Dr. Kissingers am 28. März
in London
Erklärung des US-Verteidigungsministers zur NATO-Strategie
-AuszügeDas Atlantische Bündnis - Heute und Morgen
Von Dr. Joseph Luns

WIRTSCHAFT:
Oklahoma wünscht Touristen und Kapital aus Deutschland
Eine Handelsmission kommt zur Kontaktaufnahme nach Frankfurt und
Düsseldorf
Von Ernst W. Leonhard

Um Übersendung von Belegexemplaren wird gebeten.

�amerika dienst
United
53

States

Bonn-Bad

T e l :

I n f o r m a t i o n

G o d e s b e r g l ,

8 9 - 3 2 4 0

Service

Dokumentation

Postfach 300

T e I e x : 08 - 8 5 4 3 2

7/1974

PROKLAMATION NIXONS ZUM 25. JAHRESTAG DER NATO

WASHINGTON --AD--

Präsident Nixon hat in einer am 3. April vom Weißen

Haus veröffentlichten Proklamation anläßlich des 25. Jahrestages der Unterzeichnung des Nordatlantikvertrages die Leistungen des Bündnisses gewürdigt, das, wie er versicherte, "der Eckstein der amerikanischen Außenpolitik" bleibt.

Die Proklamation hat folgenden Wortlaut:

Vor einem Viertel Jahrhundert, am 4. April 1949, haben in Washington
zwölf Nationen, vereint in der Entschlossenheit, ihre Freiheiten, ihre Integrität und ihr gemeinsames Erbe zu bewahren,den Nordatlantikvertrag unterzeichnet. In den darauffolgenden Jahren sind Griechenland, die Türkei
und die Bundesrepublik Deutschland dem Vertrag beigetreten und Mitglieder
der Organisation des Nordatlantikvertrages (NATO) geworden - die geschaffen wurde, um die Verpflichtung des Vertrages zu einer gemeinsamen
Verteidigung zu erfüllen.

In

-1-

�In jenen ersten Jahren lag die militärische Bedrohung des Westens auf
der Hand. Heute haben sich - obwohl die kollektive Verteidigung die erste
Aufgabe des Bündnisses bleibt - aus den über zwei Jahrzehnten westlichen
Zusammenhalts resultierend Möglichkeiten ergeben,die es den Verbündeten erlaubt haben, sich einem großen neuen Unterfangen zuzuwenden, das auf den Abbau der Spannungen zwischen Osti: und West abzielt.

Das Atlantische Bündnis bleibt der Eckstein der amerikanischen Außenpolitik. Über die Förderung der Sache des Friedens hinaus können die Mit glieder die Zielsetzungen unseres historischen Bündnisses erweitern, indem
sie unsere Vereinigung mit neuer Kraft erfüllen, um die miteinander zusammenhängenden Probleme der Sicherheit, der Politik, der Wirtschaft und der
Umwelt zu lösen,vor denen wir in der komplexen Welt dieses Jahrzehnts und
darüber hinaus stehen. Verständnis, Zusammenarbeit und Konsultation müssen
die Merkmale unserer weiteren Beziehungen sein. Die Erfolge der Vergangenheit dürfen nicht der Verfolgung eng konzipierter nationaler Interessen geopfert werden. Ich verpflichte die Vereinigten Staaten heute erneut auf diesen Kurs, denn nur auf diese Weise können die atlantischen Nationen wahrhaft der Sache des Friedens und der Prosperität für künftige Generationen
dienen.

So richte ich, Richard M. Nixon, Präsident der Vereinigten Staaten von
Amerika, denn die Aufmerksamkeit der Nation auf diesen fünfundzwanzigsten
Jahrestag der Unterzeichnung des Nordatlantikvertrages; und ich rufe alle

-2-

�1

/
»
alle Behörden und Bediensteten der Bundesregierung, die Gouverneure der
Einzelstaaten und die Vertreter der konununalen Behörden auf, dafür zu sorgen
und mitzuhelfen, daß dieses Ereignisses während des 25. GedächtnisJahres in
gebührender Form gedacht wird, vor allem im April, dem Monat,

in dem die

historische Unterzeichnung des Vertrages stattfand.

Ich rufe ferner alle Bürger auf, an angemessenen Aktivitäten und Feierlichkeiten zur Anerkennung der Leistungen der Organisation des Nordatlantikvertrages und ihres Beitrages zur Sicherheit und zum Wohlergehen Amerikas
teilzunehmen.

Zum Zeugnis dessen habe ich an diesem dritten Tag des April im Jahre
unseres Herrn Neunzehnhundertundvierundsiebzig und des einhundertachtund•

neunzigsten Jahres der Unabhängigkeit der Vereinigten Staaten von Amerika
diese Proklamation unterzeichnet.
Richard Nixon

+-H-

-3-

�amerika dienst
United
53

States

Bonn-Bad

T e l :

8 9 - 3 2 4 0

I n f o r m a t i o n

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Telex:

Dokumentation

300

08-85432

7/1974

EUROPA-AUSZÜGE AUS DER PRESSEKONFERENZ DR. KISSINGERS
AM 28. MÄRZ IN LONDON

LONDON --(AD)-- Der amerikanische Außenminister Dr. Henry Kissinger hat am
28. März auf seiner Rückreise aus Moskau bei einer Zwischenlandung in der
britischen Hauptstadt auf einer Pressekonferenz unter anderem zu Fragen
des europäisch-amerikanischen Verhältnisses Stellung genommen:
Frage: Könnten Sie uns nach Ihren Besprechungen mit dem britischen
Außenminister Callaghan sagen, ob es jetzt ein stärkeres Gefühl der Partnerschaft im Atlantischen Bündnis geben wird?
Antwort: Ich glaube, daß alle Länder - einschließlich der Vereinigten
Staaten - aufgrund der Ereignisse der letzten Monate begriffen haben, daß
das atlancische Verhältnis wirklich zu wertvoll ist, als daß es aufgrund
von Mißverständnissen und Streitigkeiten, die im wesentlichen Verfahrensfragen betreffen, zerstört werden dürfte. Ich bin zuversichtlich - gestützt
auf meine Gespräche mit Mr. Callaghan - daß die Beziehungen zwischen dem
Vereinigten Königreich und den Vereinigten Staaten sehr eng sein werden und

�und daß unsere Konsultation so eng und vertrauensvoll sein wird, wie sie es
seit jeher gewesen ist und daß infolgedessen auch die Beziehung zwischen
Europa und den Vereinigten Staaten eine partnerschaftliche sein wird.

Frage: Herr Dr. Kissinger, haben Sie jetzt ein klareres Bild von dem
deutschen Vorschlag und der Wahrscheinlichkeit von Gesprächen, nachdem Sie
mit Mr. Gallaghan konferiert haben?

Antwort: Der Zweck meines Herkommens bestand nicht darin, der britischen
Regierung irgendeine besondere politische Linie aufzudrängen. Es war für
mich die erste Gelegenheit zu einem Meinungsaustausch mit Mr. Callaghan und
ich glaube, daß die Frage der deutschen Vorschläge wohl zweckmäßiger zwischen
den Regierungen der Bundesrepublik und des Vereinigten Königreiches erörtert
werden sollte. Wir wiederholten die Auffassung, die wir bereits öffentlich
in Bonn dargelegt hatten, daß wir bereit seien, diesen deutschen Vorschlag
vorzubringen. Wir würden ihn gewiß eines Versuchs für wert halten, aber die
Entscheidung muß von den Neun und der britischen Regierung getroffen werden.

Frage: Herr Außenminister, könnten Sie etwas darüber sagen, welche Notwendigkeit Sie den Deklarationen beimessen, die zwischen den Vereinigten Staa
ten und Europa ausgearbeitet werden. Sind sie wirklich eine Notwendigkeit
oder sind sie nicht so bedeutsam - welche Stellung nehmen sie heute in
Ihrem Denken ein?

v

Antwort:

-2-

�Antwort: Lassen Sie mich zunächst erklären, was wir uns dabei dachten,
als wir eine Unterzeichnung dieser Deklaration vorschlugen, weil in der, Zwischenzeit darüber so viel debattiert worden ist, daß der ursprüngliche Zweck
möglicherweise gar nicht mehr deutlich vor Augen steht.

Unsere Ansicht war,

daß es eine Generation nach der Schaffung des atlantischen Bündnisses für die
Länder des Nordatlantik wichtig sei, sich selbst die Frage zu stellen, welchen Weg sie gehen; daß sie nicht einfach nach den Zielsetzungen früherer
Jahrzehnte weitermachen könnten. Wir waren uns der Tatsache bewußt, daß auf
beiden Seiten des Atlantik eine neue Generation heranwuchs, für die die Erfahrungen der fünfziger Jahre nicht mehr so relevant waren.
Es ging uns in den Vereinigten Staaten darum, die in Amerika bestehende
Tendenz zu einem Isolationismus zu bekämpfen. Das absolut letzte aber, an
was wir zu jener Zeit dachten, war eine Hegemonie in Europa anzustreben oder
gar die Kontrolle über die Entscheidungen Europas zu erlangen. Das ganze Bestreben unserer Außenpolitik war darauf ausgerichtet, das Entstehen von europäischen Entscheidungszentren zu unterstützen - oder auch anderen Zentren,
in denen Entscheidungen gefällt werden - ich will nicht unbedingt europäische
Entscheidungszentren sagen. Und dies wurde in jedem außenpolitischen Bericht
des Präsidenten zum Ausdruck gebracht.

Wir waren daher offen gesagt doch einigermaßen erstaunt, als wir uns in
endlose Dispute verwickelt sahen, als ob wir ein Dokument zu erlangen versucht hätten, mit dem wir unsere europäischen Verbündeten vor den Kadi zitie-

-3-

�t
zitieren könnten, wenn sie bestimmte Formulierungen nicht genau erfüllten,
nach denen wir unsererseits strebten, um dieses Verhältnis mit einer gewissen Emotion auszufüllen. Da wir nicht versucht haben, einen juristischen
Kontrakt zu erzielen, ist es nun wirklich Sache der europäischen Nationen,
darüber zu entscheiden, wie sie dem atlantischen Verhältnis Ausdruck verleihen wollen. Es wäre eine Absurdität, wenn der Versuch, die atlantischen
Beziehungen zu stärken, zu endlosen Disputen führte und wenn Staaten, wenn
Staatsmänner sich bemüßigt fühlten, nur auf bestimmte Formulierungen zu
achten, wie die berühmte Formulierung - sie ist berühmt geworden -, daß wir
Europa auf eine regionale Rolle zu begrenzen wünschten, während wir für uns
die globale Rolle beanspruchten.

Tatsächlich werden Sie, wenn Sie die Rede lesen, feststellen, daß dies
als eines der Hindernisse für eine Zusammenarbeit angeführt ist und nicht
als eine Vorschrift amerikanischerseits. Und es war zweifellos nicht unsere
Absicht. Unsere Ansicht bezüglich der Deklaration läßt sich daher wie folgt
zusammenfassen: Wir meinen, daß irgendeine Aussage darüber, wie das atlantische Verhältnis im nächsten Jahrzehnt aussehen sollte, immer noch nützlich
sein könnte. Ob es dazu kommt, liegt nicht mehr bei uns. Wir haben unseren
Vorschlag unterbreitet. Wir haben kein Interesse daran, ihn unseren Verbündeten aufzuzwingen, und wir warten jetzt auf irgendeine europäische Initiative.
Frage:

-4-

�&lt;

Frage: Dr. Kissinger, sind Sie der Auffassung, daß die Mißverständnisse,
von denen Sie sprachen, die Folge wirklich divergierender Ansichten sind?

Antwort: Ich muß sagen, daß mir die Subtilität der Frage nicht aufgeht.
Doch scheinen die Ansichten weit genug auseinanderzugehen, obwohl wir lange
brauchten, um das Vorhandensein &lt; iner ernsten Streitfrage zu akzeptieren,
denn viele der vorgebrachten Argumente standen so im Gegensatz zu unseren Absichten, daß es eine gewisse Zeit dauerte, dies zu erkennen.

Auf der anderen Seite, wenn wir auf die Realitäten und nicht auf die
Formalitäten blicken, um die es bei der Debatte geht, so laufen die Interessen Europas und der Vereinigten Staaten in den meisten strittigen Fragen
parallel. Es liegt nicht im amerikanischen Interesse - ja es übersteigt die
Kräfte Amerikas - eine Hegemonie in Europa auszuüben. Es liegt in unserem Interesse, daß es noch andere Zentren der Entscheidung gibt, so lange nur unsere Zielsetzungen im großen ganzen parallel laufen. Ich bin der festen Ansicht,
und wir alle sind es, daß dies für die Interessen Europas und der Vereinigten
Staaten zutrifft.

Die innerhalb dieses Rahmens in den letzten Monaten aufgetretenen Meinungsverschiedenheiten sind divergent genug, real genug, doch glaube ich, sollten sie in dem richtigen Zusammenhang gesehen werden,

denn es handelt sich

um einen Familienstreit und nicht um einen Konflikt grundlegend verschiedener
Interessen oder verschiedener geistiger Auffassungen.
Frage:

-5-

�Frage: Können Sie uns etwas über die Pläne des Präsidenten bezüglich
eines Besuches in Europa oder in der Sowjetunion sagen?

Antwort: Die Pläne des Präsidenten für einen Besuch in der Sowjetunion
sind bekanntgegeben worden. Und einer der Gründe meines Besuchs in Moskau war,
diese Reise vorzubereiten. Sein Besuch in Europa ist stets im Zusammenhang
mit gewissen konkreten Resultaten oder gewissen spezifischen Zielen gesehen
worden. Und daher ist es für uns schwierig, einen genauen Zeitpunkt festzulegen, solange die gegenwärtige Diskussion zwischen den Vereinigten Staaten
und ihren europäischen Verbündeten nicht bereinigt ist.

Frage: Hat es irgendeine offensichtliche Änderung in der französischen
Haltung gegenüber den Vereinigten Staaten und ihren Beziehungen zu Europa
vor allem im Zusammenhang mit der letzten Erklärung Präsident ^ompidous gegeben?

Antwort: Ich freue mich, daß die örtliche Presse so eingehend Gelegenheit hatte, ... den vollen Wortlaut der Erklärung Präsident Pompidous oder
der Erklärung des französischen Kabinetts zu lesen. Ich hatte bisher leider
noch keine Gelegenheit dazu. Daher kann ich dazu auch noch nicht Stellung nehmen.

Frage: Herr Außenminister, können Sie uns sagen, inwieweit Mr. Callaghan
Konsultationen mit den Vereinigten Staaten über die USA interessierende Fragen des Gemeinsamen Marktes vorgeschlagen hat?
Antwort:

�Antwort: Ich glaube, es ist fair, zu sagen,beide Seiten haben vereinbart, daß zwischen dem Vereinigten Königreich und den Vereinigten Staaten umfassende Konsultationen stattfinden sollen. Was nun Fragen anbetrifft, die
nicht Gegenstand von Konsultationen innerhalb des Gemeinsamen Marktes sind,
so hat der Außenminister bereits öffentlich seine Auffassung dargelegt, und
meines Erachtens wird es, soweit dies in der Macht der Engländer liegt, umfassende und befriedigende Konsultationen geben.
Frage: Haben Sie jetzt bereits irgendwelche Vorstellungen hinsichtlich
des zeitlichen Ablaufs der europäischen Sicherheitskonferenz?
Antwort: Der zeitliche Ablauf der europäischen Sicherheitskonferenz
hängt von der Lösung von drei oder vier wichtigen Fragen ab. Die Vereinigten
Staaten sind bereit, gemeinsam mit ihren Verbündeten einen ernsthaften Versuch zu ihrer Lösung zu unternehmen. Was das Gipfeltreffen oder die Ebene für
eine Unterzeichnung anbetrifft, so hat jede Regierung bisher mehr oder weniger den Standpunkt eingenommen, daß sie bereit wäre, die Ebene für eine Unterzeichnung von dem Ergebnis der Konferenz abhängig zu machen. Es hat jedoch
bisher noch keine Übereinkunft darüber gegeben, welche Ergebnisse welche Ebene
rechtfertigen würden. Tatsächlich hat es, soweit ich weiß, noch nicht einmal
eine umfassende Erörterung darüber gegeben, welche Ergebnisse ein Gipfeltreffen rechtfertigen würden, und wir meinen, daß eine solche Diskussion jetzt
zwischen den westlichen Ländern stattfinden sollte.

Frage:

-7-

�Frage: (Frage akustisch unverständlich, betraf offensichtlich die Europäische Gemeinschaft und die arabischen Staaten).
Antwort: Unsere Besorgnis bezüglich des Dialogs zwischen der GemeinschafL
und den arabischen Ländern betrifft das Verfahren, wie diese Entscheidung so
kurze Zeit, nachdem wir mit allen unseren Kollegen auf der Washingtoner Konferenz zusammengetroffen waren, zustandegekommen ist. Und zum anderen betrifft
sie gewisse wesentliche Aspekte im Zusammenhang mit der Außenministerkonferenz. Wir verstehen sehr gut das Problem, dem sich die britische Regierung im
Hinblick auf die Entscheidung gegenübersieht, die ihre Partner bereits getroffen haben. Wir haben unsere Ansichten zu diesen Punkten,

die uns Anlaß zur

Besorgnis geben, dargelegt. Wir sind jedoch überzeugt, daß, wie auch immer
die Entscheidung der britischen Regierung ausfällt, sie kein Hindernis in
unseren Beziehungen sein wird."

+++

-8-

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7/1974

ERKLÄRUNG DES US-VERTEIDIGUNGSMINISTERS ZUR NATO-STRATEGIE
- Auszüge -

WASHINGTON —(AD)--

Der amerikanische Verteidigungsminister James

Schlesinger hat am 4. April vor dem Unterausschuß für Internationale Sicherheitsabkommen, Abrüstung und internationale Fragen des Außenpolitischen
Ausschusses des Senats zur NATO-Strategie Stellung genommen. Wir geben seine
Erklärung hier auszugsweise wieder;

"... Das Ziel der NATO-Strategie ist die Abschreckung, und die Streitkräfte, die wir einsetzen, um die Abschreckung zu erreichen, sind Nuklearstreitkräfte und konventionelle Streitkräfte. Die Rolle dieser Streitkräfte hat sich im Laufe der Zeit gewandelt. In der Anfangszeit erfreuten sich
die Vereinigten Staaten einer eindeutigen Überlegenheit an Nuklearstreitkräften. Dadurch war es damals

möglich, die NATO-Strategie auf die soge-

nannte rStolperdraht-Konzeptionf aufzubauen, nach der die konventionellen
Streitkräfte in Europa in erster Linie dazu dienen sollten, im Falle eines
Angriffs durch den Warschauer Pakt die nukleare Vergeltung seitens der

�der Vereinigten Staaten auszulösen.

Jetzt, da die Sowjetunion die nukleare Parität mit den Vereinigten Staaten erreicht, wird die Abschreckung nachhaltig verstärkt, wenn wir ein
Gleichgewicht sowohl der konventionellen als auch der nuklearen Streitkräfte
aufrechterhalten. Das bedeutet keineswegs, daß wir keine nukleare Abschrek*»
kung mehr brauchten. Und es bedeutet ebensowenig, daß die nukleare Verpflichtung Amerikas gegenüber dem Bündnis überholt wäre. Diese Verpflichtung steht.
Es bedeutet jedoch, daß unsere Nuklearstreitkräfte nicht mehr das gleiche Übergewicht im Gleichgewicht der Abschreckung haben mögen wie früher, und daß damit den konventionellen militärischen Kapazitäten der NATO eine größere Bedeutung zukommt. Daher ist die Aufrechterhaltung einer starken konventionellen Kapazität notwendiger denn je - nicht etwa, weil wir einen konventionellen Krieg zu führen wünschen,

sondern weil wir eben keinen Krieg führen möch-

ten.

Lassen Sie mich von vorneherein unterstreichen, daß wir nicht den Wunsch
haben, die Grundprinzipien der NATO-Strategie zu ändern, nämlich die flexible Antwort, die Vorne-Verteidigung und Vorne-Abschreckung auf der Grundlage
eines Spektrums konventioneller und nuklearer Fähigkeiten. Wir sind der Überzeugung, daß die gegenwärtige NATO-Strategie gesund ist, daß sie auch weiterhin dem Bündnis gut dient und wir glauben auch, daß unsere Verbündeten derselben Meinung sind.
Wir

�Wir haben mit unseren NATO-Verbündeten über die, wie ich sie nenne,
»NATO-Triade* (oder NATO-Dreiheit) gesprochen, die etwas anderes ist, als
unsere Konzeption der strategischen Triade. Sie basiert auf strategischen
Streitkräften - die hauptsächlich von den Vereinigten Staaten gestellt werden - , taktischen Nuklearstreitkräften und einer starken konventionellen Kapazität. Ich bin sicher, daß die europäischen Verbündeten sich über die Auswirkungen der nuklearen Parität im klaren sind und daher ein größeres Interesse an einer starken konventionellen Kapazität haben, als dies zur Zeit der
Gründung der NATO im Jahre 1949 der Fall war.

Ein Vertrauen in die Abschreckungs-Triade der NATO setzt in erster Linie voraus, daß das Bündnis über echte Kapazitäten verfügt, um einer Aggression Einhalt zu gebieten. Aber ein Vertrauen in die NATO-Abschreckung erfordert auch, daß die von der NATO vorgeschlagenen Antworten potentiellen Gegnern glaubwürdig erscheinen. Abschreckung wirkt nur solange, als keine ernsthaften Zweifel an der Bereitschaft auftreten, verfügbare Streitkräfte auch
einzusetzen.

Welcher Anteil dieser Last von taktischen Nuklearkapazitäten übernommen
werden kann, ist weiterhin eine Frage, über die die Meinungen auseinandergehen. Während das Bündnis zwar im Aufbau eines Arsenals von Nuklearwaffen für
taktische Zwecke Fortschritte gemacht hat, bleibt für den Ausbau dieser Säule
der Triade noch viel zu tun. Die NATO braucht noch immer bessere Doktrinen
für den taktischen Einsatz von Nuklearwaffen. Dazu gehört die Fähigkeit der
Kontrolle einer Eskalation, wenn das Bündnis zum Einsatz von Nuklearwaffen

-3-

�Nuklearwaffen greifen muß. Wir sollten uns darum bemühen, die Verletzbarkeit
von bereits dislozierten Systemen zu verringern, und wenn die NATO diese
Probleme in den Griff bekommen kann, dann sollte das Bündnis prüfen, ob es
für die Zukunft ernsthafte Möglichkeiten gibt, die bestehenden Arsenale
durch Nuklearwaffen und-systeme zu ersetzen, die den Gegebenheiten Ost-und
Westeuropas besser entsprechen.

Anstrengungen dieser Größenordnung dürften sicherstellen, daß die taktischen Nuklearstreitkräfte sowohl als eine direkte Abschreckung vor einem
Nuklearangriff des Warschauer Paktes wirken als auch als ein fester Damm
gegen einen größeren Zusammenbruch unserer konventionellen Verteidigung.

Wir überprüfen kontinuierlich die Rolle der Nuklearstreitkräfte am
Ort im Verhältnis zur NATO-Strategie sowie die Zahlen und Typen der Nuklearwaffen in Kuropa aus drei Hauptgründen: Erstens ist die Aufrechterhaltung
nuklearer Kapazitäten von entscheidendet Bedeutung für die Abschreckung,
solange der Warschauer Pakt in etwa vergleichbare nukleare Kapazitäten am
Ort aufrechterhält. Diese Waffen tragen dazu bei, vor dem Einsatz von Nuklearwaffen durch den

Warschauer Pakt abzuschrecken und sie bilden zusam-

men mit den konventionellen Streitkräften und den strategischen Nuklearstreitkräften eine allgemeine Abschreckung auf dem gesamten Spektrum möglicher Aggressionen. Zweitens bieten unsere taktischen Nuklearkapazitäten
für den Fall, daß die Abschreckung versagen sollte, eine Basis nuklearer
Optionen für die Verteidigung über den Einsatz von strategischen Streitkräften hinaus. Drittens, in Übereinstimmung mit der Strategie der flexiblen

-4-

�flexiblen Antwort schließen wir den Einsatz von Nuklearwaffen durch die Vereinigten Staaten und ihre Verbündeten nicht aus, wenn dies notwendig sein
sollte, um eine große konventionelle Aggression einzudämmen und aufzuhalten.

Die NATO muß weiterhin die Glaubwürdigkeit der Abschreckung und Verteidigung auf allen drei Gebieten der militärischen Antwort aufrechterhalten:
konventionell, Gefechtsfeld-nuklear und strategisch-nuklear. Wenn eine dieser
Fähigkeiten fehlen sollte, dann wäre die Abschreckung einer gewollten Aggression in Frage gestellt.

Ich möchte mich jetzt einigen der wünschenswerten Charakteristika taktischer Nuklearstreitkräfte zuwenden, die notwendig sind, eine glaubwürdige
nukleare Abschreckung am Ort aufrechtzuerhalten. Diese Streitkräfte müssen
grundsätzlich über folgende Fähigkeit verfügen:

- rasche Verteilung, um einer überraschenden Dislozierung durch den
Warschauer Pakt begegnen zu können;

- Überlebensfähigkeit und Kontrollierbarkeit in der Dislozierung;
- sie müssen dem Gegner verwehren, seine militärischen Ziele zu erreichen, ohne daß übertriebene Zerstörungen damit verbunden sind;

- sie müssen selektive, sorgfältig kontrollierte Einsatzoptionen ermöglichen - und sie müssen die gegnerische Verteidigung durchdringen können.

Nukleare Streitkräfte mit diesen Eigenschaften fördern zusammen mit der
Entschlossenheit, sie angesichts einer Aggression auch einzusetzen, wie ich

-5-

�ich dies oben beschrieben habe, die Glaubwürdigkeit unserer Abschreckung.

Die taktischen Nukleararsenale sind im Laufe der Jahre in bescheidenem
Umfange verbessert worden, um einige dieser erwünschten Eigenschaften zu erreichen. Wenn wir daran arbeiten, Mängel zu beseitigen, dann gehen wir nicht
davon aus, daß die bloße Existenz einer bestimmten neuen Technologie eine
Änderung des Arsenals verlangen müßte. Es ist vielmehr so, daß vorgeschlagene neue Nuklearwaffen von Fall zu Fall auf der Basis militärischer und politischer Faktoren geprüft werden, um festzustellen, ob sie eine erwünschte
Verbesserung gegenüber gegenwärtigen Waffen bieten.

Der zahlenmäßige Umfang und die Zusammensetzung unseres Nukleararsenals
in Europa ist eine Angelegenheit, der der Alliierte Stab bei SHAPE und der
amerikanische Stab bei USEUCOM ständige Beachtung schenken...

Einen bedeutsamen Beitrag zu unserer Bewertung der Nuklearstreitkräfte
am Ort leistet die ständige Arbeit in der Nuklearen Planungsgruppe der NATO
... Diese Studien und Erörterungen in der NPG haben dazu gedient, sowohl
unsere eigenen als auch die Vorstellungen der Verbündeten von der Rolle zu
klären, die Gefechtsfeld-Nuklearwaffen in der Gesamtstrategie der NATO spielen.

Wenn ich von der Rolle von Gefechtsfeld-Nuklearstreitkräften spreche,
dann muß ich unterstreichen, daß unsere taktischen Nuklear-Systeme weder heute noch in Zukunft einen wirksamen Ersatz für eine starke nicht-nukleare

�nicht-nukleare Verteidigung darstellen können. Wir und unsere Verbündeten
müssen starke konventionelle Streitkräfte aufrechterhalten. Darüber hinaus
besteht jedoch auch die Notwendigkeit, Nuklearstreitkräfte am Ort aufrechtzuerhalten, die, wie ich bereits angedeutet habe, eine wichtige Komponente
unserer Abschreckung darstellen.
Die Tatsache, daß Nuklearwaffen von alliiertem Boden aus abgefeuert
oder auf alliiertem Boden eingesetzt werden könnten, macht den engstmöglichen Dialog und eine koordinierte Planung zwischen den Vereinigten Staaten
und den Verbündeten notwendig. Wir haben schon früh erkannt, daß die Notwendigkeit der engen Konsultation in der NATO von entscheidender Bedeutung für
die Solidarität des Bündnisses und unsere kollektive Sicherheit ist...

Der Prozeß der Nuklearkonsultation ist natürlich in den laufenden Prozeß der allgemeinen Konsultation in Zeiten der Krise hineinverwoben. Die
NATO-Länder würden sich von den frühesten Stadien einer Krise an konsultieren - wie wir hoffen, vor dem Ausbruch von Feindseligkeiten. Auf diese Weise
würden sich nukleare Überlegungen in die Struktur allgemeiner Konsultationen
einfügen, die bereits im Gange wären...

Besondere Aufmerksamkeit richten wir auf die Sicherung unserer Nuklearwaffen gegen jede Bedrohung der Waffen selbst und ihrer Einlagerungsorte.
Wir unternehmen ständige Anstrengungen, um sicherzustellen, daß unsere Verfahren zureichend sind, um unerwünschte Aktionen zu verhindern, während wir
die operative Einsatzfähigkeit dieser Waffen im Zusammenhang mit unserer
Strategie der Vorne-Verteidigung aufrechterhalten. Wie groß die Gefechts-

-7-

�Gefechtsköpfe auch sein mögen oder wo sie sich auch auf dem Gefechtsfeld befinden mögen, so sind alle Waffen unter positiver Kontrolle, um ihren Einsatz vor einer Freigabe durch den Präsidenten zu verhindern...

Das Programm für die Sicherheit der Nuklearwaffen wird auf höchster
Ebene im europäischen Kommando und in meinem eigenen Amte überwacht. Ich
halte es für angebracht, von vorneherein darauf hinzuweisen, daß ein Großteil der Informationen über unsere Gefechtsfeld-Nuklearstreitkräfte in Europa bereits der Öffentlichkeit bekannt sind. Der Zweck unserer Dislozierungen, der allgemeine zahlenmäßige Umfang oder die Art nuklearer TrägerSysteme,
um die es geht, sind kein großes Geheimnis, So ist beispielsweise bekannt,
daß in Europa etwa 7 000 amerikanische Nuklear-Gefechtsköpfe disloziert sind. '
Es ist bekannt, daß zu diesen Systemen atomare Sprengmunition (Atomic Demolition Munitions oder ADM), 8 inch und 155 mm Artillerie, Honest John-,
Sergeant-, Lance- und Pershing-Raketen, Bomben und Luftverteidigungswaffen
gehören. Bei allen diesen Systemen ist auch in etwa die Sprengkraft bekannt,
d.h. ob Sub-Kilotonnen, Kilotonnen oder Megatonnen - und ob für ein bestimmtes System Gefechtsköpfe verschiedener Sprengkraft verfügbar sind. Ähnliche,
nicht der Geheimhaltung unterliegende Informationen sind auch für die verschiedenen Waffenkategorien der Marine verfügbar. Nach meiner Auffassung wird
daher eine intelligente Debatte dieser Fragen in der Öffentlichkeit nicht
durch den Mangel an verfügbarer relevanter Information behindert.

Auf der anderen Seite müssen wir weiterhin Informationen über die technischen Details von Nuklearwaffen und über den militärischen Schutz unserer
operativen Nuklearstreitkräfte der Geheimhaltung unterwerfen....
Wir

�Wir dürfen auch nicht vergessen, daß ein Großteil der Informationen über
unsere Nuklearstreitkräfte am Ort nicht nur amerikanische Interessen, sondern
auch Interessen unserer europäischen Verbündeten berühren. Wie Sie wissen,
besteht einer der Hauptaspekte des Atomwaffensperrvertrages in unserer Zustimmung, den Nuklearschild für die NATO zu stellen.
Wir haben Programme der Zusammenarbeit mit einer Reihe von NATO-Ländern,
in deren Rahmen die Vereinigten Staaten vereinbart haben, Nuklearwaffen für
den Einsatz durch alliierte Nuklear-Trägereinheiten bereitzustellen. Diese
Waffen bleiben selbstverständlich in amerikanischem Gewahrsam und unter amerikanischer Kontrolle, und zwar zu allen Zeiten, bis der Präsident sie freigibt. Viele relevante

Informationen über unsere Gefechtsfeld-Nuklearstreit-

kräfte stammen aus diesem Abkommen mit unseren Verbündeten und tragen eine
doppelte Geheimhaltung - d.h. sowohl eine amerikanische Geheimhaltung als
auch die eines anderen Landes oder der NATO. Infolgedessen könnte die amerikanische Regierung solche gemeinsam kontrollierte Informationen nicht ohne
eingehende Konsultation mit unseren Verbündeten freigeben."

-H-+

-9-

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DAS ATLANTISCHE BÜNDNIS - HEUTE UND MORGEN
Von Dr. Joseph Luns

Der Generalsekretär der NATO, Dr. Joseph
Luns, hat am 25. März 1974 auf einer Veranstaltung der Deutschen Atlantischen Gesellschaft in Bonn anläßlich des 25. Jahrestages der NATO eine vielbeachtete Rede
gehalten, die wir im Wortlaut wiedergeben.
Jede Organisation läßt sich nach äußerer Leistung und nach innerer
Effizienz beurteilen, und so halte ich es mit der NATO. Meist pflegen reibungslos arbeitende Organisationen auch erfolgreich zu sein. Aber es gibt
Ausnahmen. Die NATO ist zur Zeit eine Organisation, die beachtliche Leistungen erbringt trotz beträchtlicher innerer Reibungen. Das ist kein Grund,
beruhigt zu sein, im Gegenteil: Diese Reibungen dürfen keinesfalls andauern.

Wenn wir fragen, was das Atlantische Bündnis heute leistet, so lautet
die erste Antwort: Das Bündnis bietet fünfzehn Völkern Sicherheit, ganz besonders den europäischen Verbündeten. Diese Tatsache wird von keiner Mitgliedsregierung bestritten, und zumeist - wie gerade hier in Bonn - auch
von den Oppositionsparteien voll anerkannt. Der Grund ist klar, so klar,
daß er manchmal Gefahr läuft, vergessen zu werden: Nur im Atlantischen

�Atlantischen Bündnis können die konventionellen Verteidigungsbeiträge der
Verbündeten mit der strategischen nuklearen Abschreckung zu einem einzigen
wirkungsvollen Verteidigungsinstrument zusammengeschweißt werden. Das ist
und bleibt der wesentliche Inhalt der Allianz.
Wäre 1949 die NATO nicht gegründet worden, dann hätten die Staaten Westeuropas andere Wege gesucht, der Bedrohung zu begegnen, der sie sich gegenübersahen. Der Vertrag von Brüssel, zum Beispiel, war eine Station auf dieser Suche, doch seine Mängel lagen auf der Hand. Nur eine atlantische Lösung,
nur die feste Verbindung der Vereinigten Staaten und Kanadas mit Westeuropa,
kann Europas Sicherheit gewährleisten. Allein der Nordatlantikpakt garantiert
eine institutionelle Verknüpfung der Vereinigten Staaten mit Europa. Es ist
nützlich, sich daran zu erinnern, daß es für unsere Verteidigung immer nur
die atlantische Option gegeben hat. Eine andere Wahl besteht auch weder heute
noch in der voraussehbaren Zukunft, das heißt in dem Zeitraum, für den politische Entscheidungen vorbereitet werden können.

Das Atlantische Bündnis gibt uns Sicherheit. Doch wie sicher sind wir?
Ich fürchte, nicht ganz so sicher, wie manche meinen. In unseren Ländern findet sich-bei Diskussionen über Sicherheit - ein eigenartiger Hang zu Trugschlüssen. Man hört, eine militärische Bedrohung bestehe nicht mehr. Oder es
heißt, im nuklearen Zeitalter genüge es, sich auf das Gleichgewicht des
Schreckens zwischen den Supermächten zu verlassen.
•''-

Dabei

�Dabei wird übersehen, daß es nicht um unmittelbare militärische Bedrohung geht, sondern um die Gefahr des politischen Druckes, die jedes militärische Machtgefälle in sich birgt. Und es ist unbestreitbar, daß sich das
militärische Kräfteverhältnis in den letzten Jahren stetig zugunsten des
Ostens verschoben hat, und daß eine Tendenzwende nicht erkennbar ist. Ebenso wird übersehen, daß gerade ein nukleares Gleichgewicht zwischen den Supermächten die Bedeutung konventioneller Verteidigung erhöht. Der Warschauer
Pakt weiß dies und handelt danach. Dagegen wird es unseren Regierungen immer
schwerer gemacht, die für Abschreckung und Verteidigung notwendigen Haushaltsmittel bereitzustellen.

Zunehmendes nukleares Gleichgewicht

und wachsendes konventionelles

Ungleichgewicht, das sind die beunruhigenden Zeichen der Zeit. Trotzdem ist
unsere Sicherheit noch gewährleistet. Aber ich betone das Wörtchen "noch".
Die Leistungen des Bündnisses liegen nicht allein auf dem Gebiet der Sicherheit. Sie finden sich ebenso im Bemühen um ein gesünderes, ein stabileres
Verhältnis zwischen Ost und West. Auch hier sollten die unbestreitbaren Fortschritte kein Anlaß zu Selbstzufriedenheit sein, denn wir sind erst am Anfang eines steinigen Weges von Gegnerschaft zu Zusammenarbeit. Gerade in der
Bundesrepublik Deutschland wird verstanden, daß Entspannungspolitik langen
Atem erfordert und daß ihre Früchte nur langsam reifen. Und gerade hier ist
man sich bewußt, daß Zusammenhalt im Atlantischen Bündnis die wesentliche
Voraussetzung für einen dauerhaften Ausgleich mit den Nachbarn im Osten ist.
So kann die deutsche Ostpolitik zur Wirkung gelangen, weil sie von allen

-3-

�allen Verbündeten mitgetragen wird und weil sie mit der deutschen West-und
Bündnispolitik Hand in Hand geht. So können wir von den großen multilateralen
Ost-West-Verhandlungen - der Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in
Europa und den Gesprächen über ausgewogene Truppenverminderungen - gute Ergebnisse erwarten, solange auf ihnen die Verbündeten die gemeinsamen Interessen gemeinsam verfolgen.

Die Verbündeten haben dafür gesorgt, daß es auf der Sicherheitskonferenz
nicht um große,leere Worte geht, sondern um kleine, konkrete Schritte zu
größerer Sicherheit und besserer Zusammenarbeit in Europa. Und es ist allein
dem Drängen des Bündnisses zu verdanken, daß jetzt in Wien der große Versuch
unternommen wird, Absprachen über unverminderte Sicherheit

und größere Sta-

bilität in Mitteleuropa bei verringerter Truppenpräsenz zu treffen.

Die Konferenz in Genf tritt bald in das entscheidende Stadium. Es bleibt
abzuwarten, wieviel Zusammenarbeit und wieviel menschliche Erleichterungen
auf ihr vereinbart werden können. Ich glaube, wir sind auf dem richtigen Wege. Doch der Erfolg der Konferenz, das ist sicher, wird weniger von verabschiedeten Resolutionen abhängen als von dem Maß, in dem das Ost-West-Verhältnis sich in der Folgezeit tatsächlich normalisiert.

Die MBFR-Gespräche in Wien haben gerade erst begonnen. Sie werden erfolgreich sein, wenn sie nicht zu einer Festschreibung des militärischen Ungleichgewichts in Mitteleuropa, sondern zu einem neuen, stabilen Gleichgewicht führen.
Seit

-4-

�Seit mehreren Jahren widmet der NA.TO-R.at den überwiegenden Teil seiner
Arbeit der Vorbereitung dieser Ost-West-Verhandlungen und ist damit zur wichtigsten treibenden Kraft unserer Entspannungspolitik geworden.

So sehen wir ein Bündnis, das Sicherheit bietet - noch bietet, wie ich
eben sagte, weil die Bereitschaft nachläßt, für die Verteidigung Opfer zu erbringen. Und wir haben ein Bündnis, das Fortschritte im Ost-West-Verhältnis
ermöglicht. Aber es bleibt viel zu tun, bevor wir von einem grundlegenden und
dauerhaften Wandel in den Beziehungen zu unseren östlichen Nachbarn sprechen
können.
Wenn wir nun nach dem Innenverhältnis im Bündnis fragen, wäre es töricht, vorzugeben, daß Eintracht herrschte. Meinungsverschiedenheiten unter
fünfzehn souveränen Verbündeten sind gewiß nie ganz zu vermeiden, und es hat
sie immer gegeben. Aber zweierlei kennzeichnet die heutige Lage. Einmal
dauert die Uneinigkeit über eine Reihe wichtiger Fragen länger an als üblich
und als gut tut. Das liegt vor allem an der Vielzahl aufeinander wirkender,
weltweiter Probleme, die gemeinsamer Lösungen harren. Welthandel, internationaler Zahlungsverkehr, jüngst auch die Energiepolitik berühren zum Teil vitale
nationale Interessen, deren Ausgleich natürlich nicht ohne Reibungen möglich
ist. Wir sollten daher diese Unstimmigkeiten nicht überbewerten, wenngleich
wir erkennen müssen, daß man auf die Dauer nicht in der Verteidigung sich gemeinsam schlagen, im übrigen aber getrennt oder gar in verschiedene Richtungen marschieren kann.
Mehr

-5-

�1
f
Mehr Anlaß zur Sorge bietet die Tendenz, das Verhältnis innerhalb des
Bündnisses zunehmend als Beziehung zwischen den Vereinigten Staaten auf der
einen und den Mitgliedern der Europäischen Gemeinschaft auf der anderen Seite
zu begreifen. Gewiß, das Bild von den zwei Pfeilern der Allianz - dem transatlantischen und dem europäischen - ist treffend. Es wird aber zu einem schiefen

Bild, wenn man nur zwei freistehende Pfeiler sieht und nicht den Bogen,

der sich über beide spannt. Wesentlich ist doch die architektonische Einheit
der Pfeiler mit dem Bogen. Die schiefe Optik ist gefährlich. Ich war stets
überzeugter "Europäer". Ich habe immer für den Aufbau und Ausbau der Europäischen Gemeinschaft gefochten. Ich habe nicht verkannt, daß daraus neue
Probleme erwachsen; aber die Vorteile schienen und scheinen mir überragend.
Kl gibt für mich keinen Gegensatz zwischen europäischer Gemeinschaft und atlantischer Partnerschaft, denn beides, richtig verstanden, ergänzt einander.
In London habe ich kürzlich gesagt, daß ich keinen Widerspruch zwischen Englands Platz in Europa und seinem traditionellen "special relationship" mit
den Vereinigten Staaten sehe. Das gilt entsprechend für die Kontinentaleuropäer, und gewiß für die Bundesrepublik Deutschland.

Die größere Kraft eines vereinten Europas kann und muß dem Bündnis dienen. Sonst ist sie vertan. Verteidigungspolitisch kann es keine europäische
Selbsterfüllung geben. Dem stehen entgegen : Verteidigungslasten, die niemand
zu tragen bereit wäre; ein Integrationsgebiet, dem Frankreich sich nicht beugen würde; und das Problem nuklearer Mitsprache, das im atlantischen Rahmen
immer noch leichter lösbar ist als in einem europäischen.
Wir

-6-

�Wir müssen alles daran setzen, die Spannungen im Gebälk des Bündnisses
auszugleichen. Der Irrglaube, ein wahrer "Europäer" könne nicht zugleich
"Atlantiker" sein, würde sonst allzu schnell bewirken, daß jenseits des Atlantiks niemand mehr willens wäre, für und mit Europa zu handeln.
In den letzten Wochen und Monaten waren starke zentrifugale Kräfte am
Werk. Es gab gegenseitige Vorwürfe wegen mangelnder Konsultationen, und man
hörte: Konsultierst Du mich nicht, konsultiere ich Dich nicht. Meine Aufgabe
als Generalsekretär der NATO ist nicht, zu richten, sondern Gemeinsamkeit zu
wahren und vor allem zu verhindern, daß das Gespräch zwischen den Verbündeten
abreißt.
Dabei ist entscheidend, folgendes klar zu erkennen:
Die Vereinigten Staaten sind nicht Gegner, sondern Förderer einer europäischen Gemeinschaft. Sie haben keine Einwendungen gegen die zunehmende politische Abstimmung unter den Neun. Sie wissen auch, daß unterschiedliche Interessen zu unterschiedlichen Politiken führen können.

Was die Vereinigten Staaten nicht hinnehmen können, ist, sich von den
Neun vor vollendete Tatsachen und nicht konsultierte Entscheidungen gestellt
zu sehen. Dies gilt im Grundsatz für die gesamte Bandbreite internationaler
Fragen, ganz gewiß aber für Entscheidungen, die vitale amerikanische Interessen - so ihre Bemühungen um einen Frieden im Nahen Osten - sowie militärische und politische Sicherheitsinteressen des Atlantischen Bündnisses berühren.
Die Lösung der Spannung wäre, den politischen Willen vorausgesetzt, sehr

�sehr einfach. Es genügte, die langgeübte und bewährte Praxis voller und
rechtzeitiger Konsultationen im NATO-Rat wieder aufleben zu lassen. Dabei könnten, und sollten, die acht im Rat vertretenen Mitglieder der Europäischen Gemeinschaft mit einer Stimme sprechen. Sie würden sich damit keinesfalls einer
höheren Autorität unterwerfen; der Rat beschließt immer einstimmig. Sie behielten ihr souveränes Recht, die von ihnen für richtig gehaltenen Entscheidungen zu treffen. Aber die Erwartung der Amerikaner - wie der Kanadier, Isländer, Türken, Griechen, Portugiesen und Norweger - geht dahin, daß ihre
europäischen Mitverbündeten sie eingehend konsultieren, bevor sie sich entscheiden. Ich habe mit Absicht alle NATO-Mitglieder aufgezählt, die nicht der
Europäischen Gemeinschaft angehören. Verbesserte Konsultationen allein zwischen den Vereinigten Staaten und den Neun wären keine zweckdienliche Lösung;
sie könnten zu neuen Unstimmigkeiten führen.

Gewiß sind Konsultationen ein Geben und Nehmen. Aber wie die Dinge heute
stehen, darf keiner darauf warten, daß der andere den ersten Schritt tut,
sondern muß jeder zu immer neuen Vorleistungen bereit sein. Jeder Vorschuß an
Vertrauen, jede auch einseitige Bereitschaft, sich mit den anderen ins Benehmen zu setzen - und das ist der Sinn einer Konsultation,- wird Zinsen und
Zinseszinsen tragen.

Und damit bin ich schon bei der Zukunft der Allianz. Diese Zukunft bestimmen zum Teil äußere Faktoren, überwiegend aber wir selbst.
Nicht

�Nicht in unserer Hand sind die Bedrohung und das durch sie bestimmte
Sicherheitsbedürfnis sowie die Bereitschaft des Ostens zu einem dauerhaften
Ausgleich. Für die Bedrohung sehe ich keine wesentliche Änderung voraus, es
sei denn durch eine unerwartete Krise, wie im letzten Nahostkrieg, als sich
wörtlich über Nacht Ost und West in einer gefährlichen Konfrontation gegenübersahen. Wir werden auch weiterhin in einer gefahrvollen Welt leben und
den Schutz des Bündnisses brauchen.

Wie gut das Bündnis sein wird liegt allein in unserer Hand. So wie Regierungen werden wir auch dasjenige Bündnis haben, das wir verdienen.
Es kommt auf dreierlei an: Erstens auf ausreichende Verteidigung; zweitens auf die Bereitschaft der Europäer, die erforderlichen konventionellen
Streitkräfte zu unterhalten; und schließlich auf die Fähigkeit der amerikanischen Regierung, ihre militärische Präsenz in Europa voll aufrechtzuerhalten.
Denn die Glaubwürdigkeit der nuklearen Abschreckung beruht, bei der Strategie
der angemessenen Erwiderung, letztlich auf einer glaubhaften konventionellen
Verteidigungsfähigkeit.

Wenn das Bündnis weiterhin ein wirkungsvolles Instrument der Entspannung sein will, braucht es Vertrauen in die Werte, die es schützt. Es ist
kein gutes Zeichen, wenn man an Selbstvertrauen appellieren muß, aber es tut
not. Die Zweifler und die Verzagten gewinnen sonst an Boden. Die Präambel

-9-

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i
Präambel des Nordatlantikpaktes nennt: Unabhängigkeit; Demokratie; Freiheit;
Rechtsstaatlichkeit; gemeinsames geistiges und kulturelles Erbe. Wir wären
auf schlechtem Wege, wenn sie uns heute weniger bedeuteten als vor 25 Jahren.

Schließlich: Die Zukunft des Bündnisses hängt davon ab, wie wir unser
Verhältnis zueinander gestalten. Ich messe der neuen Atlantischen Erklärung
Bedeutung bei. Wir haben schon gute Arbeit geleistet und werden sie bald
vollenden. Diese Arbeit zwingt uns, das inneratlantische Verhältnis zu überdenken und dem Wandel der Zeiten anzupassen. Die Erklärung allein wird natürlich keine Probleme lösen. Dies kann nur der gemeinsame Wille aller Mitgliedsregierungen. Und ich habe eben gesagt, worauf es dabei vor allem ankommt:
Nämlich auf die Bereitschaft der Europäischen Gemeinschaft, in Fragen gemeinsamen Bündnisinteresses die übrigen Verbündeten durch volle und rechtzeitige
Konsultationen am Entscheidungsprozeß zu beteiligen.

+++

-10-

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53

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7/1974

OKLAHOMA WÜNSCHT TOURITSTEN UND KAPITAL AUS DEUTSCHLAND
Eine Handelsmission kommt zur Kontaktaufnähme nach Prankfurt
und Düsseldorf

Von Ernst W. Leonhard

- (AD) - Der US-Bundesstaat Oklahoma beabsichtigt, eine Handelsmission
aus ICO Investitionsexperten - Beamten, Unternehmer, Makler und Bankiers nach Frankfurt und Düsseldorf zu entsenden. Zweck dieser Handelsmission unter
der Schirmherrschaft des Gouverneurs von Oklahoma,David Hall, wird es sein,
deutsches Kapital für die Anlage in diesem Staat zu interessieren.

Die Händelsmission wird sich vom 6. bis 10. Mai in Deutschland aufhalten.
Sie wird sich nach dem Eintreffen in Frankfurt in Zweier-Teams auflösen, die
vom 6. bis 8. Mai von dort aus und am 10. Mai von Düsseldorf aus persönliche
Kontakte mit Interessenten aus der deutschen Geschäftswelt sowie mit Reiseveranstaltern aufnehmen werden. Die Teilnehmer verfügen über reiche Erfahrungen
aus drei Fachgebieten: Investitionen in die Industrie, Investitionen in den
Bereich der natürlichen Hilfsquellen und Tourismus. Die drei Expertengruppen
stehen unter der Leitung von Jay Casey, dem Vorsitzenden des Industrieberaterteams des Gouverneurs, Abgeordneten Clem McSpadden und dem stellv. Gouverneur
George Nigh McAlester.

Hauptaufgabe

-1

�Hauptaufgabe der Zweierteams wird es sein, deutschen Geschäftsleuten und
Interessenten Auskünfte über den Staat Oklahoma und seine Wirtschaft zu geben:
Markt, Transport und Verkehr, Energieversorgung, Arbeitsmarkt, Steuergesetzgebung, Finanzierungsmöglichkeiten und Standortwahl. Die Mitglieder der Handelsmission sind willens, jeden Interessenten in Frankfurt und Düsseldorf und an
jedem Ort im Umkreis von 150 bis 200 km von beiden Städten persönlich aufzusuchen, sofern er seine diesbezüglichen Wünsche und Terminvorstellungen rechtzeitig dem U.S. Trade Center in Frankfurt bekanntgibt.

"Wir kommen nach Deutschland, um neue Möglichkeiten für den Export eines
der wichtigsten deutschen Produkte überhaupt zu eröffnen: Geld", erklärte
Gouverneur Hall zum Zweck der Mission.

Der Staat Oklahoma ist fast so groß wie die Bundesrepublik Deutschland
und weist ein Straßen- und Schienennetz von etwa der gleichen Länge und Dichte
auf. Die zwei wichtigsten Handelsplätze sind Oklahoma City und Tulsa. Tulsa
ist zugleich Ausgangspunkt des Arkansas Waterway, der die Stadt mit dem Hafen
von New Orleans verbindet.

Wie Abgeordneter McSpadden in bezug auf die Mission erklärte, ist das
Oklahoma von heute nicht mehr mit dem Oklahoma der "Dust Bowls" (der riesigen
Sandstürme) von einst zu vergleichen, als Cowboys und Indianer das Wirtschaftsbild von Oklahoma bestimmten. Heute werden rund 20 Prozent der Bodenfläche des
Staates städtisch genutzt. Am Arkansas Waterway hat der Staat an einem Uferstrich von rund 150 km ein Industriegebiet bereitgestellt, das noch der Erschließung und Nutzung harrt. Im Einzugsbereich der Städte Oklahoma City, Tulsa
und Layton stehen darüber hinaus für Zwecke des Wohnungsbaus und der Industrieansiedelung 15 000 Quadratkilometern bereit, und im übrigen Bereich des Staates
warten weitere 400 000 Hektar erschlossenen Industriegeländes auf Käufer oder
Pächter.

Oklahoma bedarf dringend umfassender Finanzierungsmittel, um die wirtschaftlichen Möglichkeiten nutzen zu können, die sich ihm - mitten im Herzen

- 2-

�Herzen Amerikas gleichweit von New York, Chicago, Houston und Los Angeles
entfernt gelegen - bieten. Deutschen Kapitalgebern eröffnen sich mittel- und
langfristige Gewinnchancen auf drei Gebieten, auf die sich auch die Beratertätigkeit der Handelsmission erstreckt.

Investitionen im Bereich der Industrie

Die Handelsmission sucht in Deutschland Kapital für Investitionen im Bereich der Industrie - sei es durch Beteiligung deutscherFirmen an Gemeinschaftsgründungen, sei es durch Errichtung von

Tochtergesellschaften oder über die

Beteiligung an bestehenden Unternehmen oder den Aufkauf von solchen. Hierfür
kommen vor allem Firmen in Frage, die bereits ihre Erzeugnisse oder Dienstleistungen nach Amerika verkaufen. Es dürfte für diese heute vielfach günstiger
sein, ihre Produktion ganz oder teilweise nach Amerika zu verlagern. Die Nähe
der Produktionsstätte zu den Märkten und Verbrauchern ist in Oklahoma wie kaum
anderswo in den USA gegeben.

Investitionen im Primärbereich

Die Handelsmission wirbt ferner für eine deutsche Beteiligung an der Erschließung von Bodenschätzen, die am ehesten durch die Gründung von Firmengemeinschaften zu erreichen scheint: Es geht hier um die Erschließung bisher
nicht genutzter Erdgas- und Kohlevorkommen. Im Bereich des sogenannten "Deep
Anadarko Basin" lagern schätzungsweise 980 Billionen m^ Erdgas; für die Nutzung
dieser ungeheuren Menge wird die Erbohrung von rund 500 Quellen mit einem
Kostenaufwand von 1 bis 1,5 Milliarden Dollar notwendig sein. Im Osten Oklahomas
wurden Kohlevorkommen in der Größenordnung von über 3 Milliarden Tonnen entdeckt, wobei es sich etwa zu einem Drittel um schwefelarme Kohle handelt. Die
Kohle befindet sich größtenteils im Einzugsbereich des Arkansas ;aterways, so
daß sie über diesen mühelos verfrachtet werden könnte - beispielsweise für
Zwecke der Elektrizitätserzeugung.
Die

�1
1

I
Die Erdgasgewinnung in Oklahoma soll ausdrücklich nicht den großen
multinationalen Energiekonzernen, sondern kleineren unabhängigen Firmen übertragen werden. Hier bietet sich mithin der mittelständischen Wirtschaft eine
besondere Chance für längerfristige Investitionen.

Investitionen in die Rindermast

Die Viehzucht erfolgt in Oklahoma seit neuester Zeit in Riesenherden mit
5000 und mehr Rindern in der Form der Rindermast zur Fleischerzeugung. Die
Rinder werden von einem Computer auf Gesundheit und Mastgrad überwacht, der
jedem Rind die seiner Konstitution gemäße Menge an Nahrung zuteilt. Dadurch
verkürzt sich die Mastzeit ganz beträchtlich. Im vergangenen Jahr wurden in
Oklahoma und Texas rund 3,6 Millionen Rinder auf diese Weise gemästet, was
einen Kapitaleinsatz von rund 400 Millionen Dohlar erforderte. Bei einem weiteren ,
Ausbau dieser Form der Rinderzucht wird es möglich sein, den Export aufzunehmen.
Die Versendung von Rinderseiten nach Europa und Japan auf dem Flugweg bietet
sich an.

Flugtourismus nach Oklahoma

Die Fremdenverkehrsspezialisten der Handelsmission werden bestrebt sein, den
Kontakt mit deutschen Reiseveranstaltern aufzunehmen. Oklahoma weist zahlreiche
Gegenden nahezu völlig unberührter Natur auf. Zahlreiche künstliche Stauseen
bieten schier unbegrenzte Erholungsmöglichkeiten - im Luxushotel wie am CampingPlatz. Hinzu kommt, daß der Staat das Zentrum amerikanischer Indianerkultur ist,
für die europäische Touristen schon immer ein besonderes Interesse gezeigt haben.
Eine große Zahl bestausgestatteter Hotels und Motels in der Nähe der Indianerreservate erleichtert den Fremden den Zugang zu diesen. Oklahoma hat den stärksten
Anteil an der Indianerbevölkerung in den USA.

Es ist hier vor allem daran gedacht, in Zusammenarbeit mit deutschen Reisebüros Pauschalreisen zu organisieren, die dem Amerikatouristen eine wünschens-

- 4-

�wünschenswerte Mischung aus Erholung und FreiZeitbetätigung bieten. Um deutschen Reiseveranstaltern eine Übersicht über die Touristik-Möglichkeiten im
Staate Oklahoma geben zu können, verteilt die Mission einen besonderen Führer
für Reiseveranstalter.

Das US-Handelszentrum in Frankfurt, (U.S. Trade Center, 6000 Frankfurt,
Bockenheimer Landstraße 2, Tel.: 720801) nimmt Voranmeldungen deutscher Interessenten an der Kontaktaufnahme mit Mitgliedern der Oklahoma-Mission jederzeit
schriftlich oder fernmündlich entgegen.

+ + + + +

- 5-

�</text>
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                <text>&lt;strong&gt;1. Dokumentation&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Proklamation Nixons zum 25. Jahrestag der NATO&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Europa-Auszüge aus der Pressekonferenz Dr. Kissingers am 28. März in London&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Erklärung des US-Verteidigungsministers zur NATO-Strategie&lt;br /&gt;&lt;em&gt;- Auszüge -&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Das Atlantische Bündnis - Heute und Morgen&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Von Dr. Joseph Luns&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Wirtschaft&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Oklahoma wünscht Touristen und Kapital aus Deutschland&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Eine Handelsmission kommt zur Kontaktaufnahme nach Frankfurt und Düsseldorf&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Von Ernst W. Leonhard&lt;/em&gt;</text>
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und
Dokumentation
United States Information Service
Embassy of the United States of America

10. A p r i l 1985

15

INHALT

DOKUMENTATION
Amerikanischer Friedensvorschlag für Nicaragua
- Erklärung Präsident keagans -

WIRTSCHAFT

Wachstum und Handel Hauptthemen auf dem Bonner Wirtschaftsgipfel
&gt;

- Rede von US-Staatssekretär Wallis in New York -

* * * * *

Um Übcr/cn Jung von
ßckgcHcmplorcn
wird gebeten

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.:0228-339 2035
Telex: 8-85432

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4III IC KIIM4

Dokumentation
United States Information Service
Embassy of the United States of America

10. April 1985

15

AMERIKANISCHER FRIEDENSVORSCHLAG FLR NICARAGUA
- Erklärung Präsident Reagans -

Washington -(AD)- Am 4. April 1985 rief Präsident Ronald Reagan die
sandinistische Regierung Nicaraguas und die sie bekämpfende demokratische
Widerstandsbewegung dazu auf, die Waffen niederzulegen und unter Vermittlung der Kirche in Gespräche über die Abhaltung freier Wahlen einzutreten. Seine Erklärung hat folgenden Wortlaut:

Ich möchte heute einen Friedensvorschlag für Mittelamerika bekanntgeben, der die Grundlage für Freiheit und Demokratie in dieser von Unruhe
erschütterten Region bilden und die Sicherheit der Grenzen unseres eigenen Landes, unßerer Wirtschaft und unserer Bürger gewährleisten kann.

Am 1. März trafen die Führer der demokratischen Widerstandsbewegung
Nicaraguas in San Jose, der Hauptstadt Costa Ricas, mit einer breit gefächerten Koalition anderer im Exil lebender nicaraguanischer Demokraten
zusammen. Sie verständigten sich auf einen historischen Vorschlag zur
Wiederherstellung von Frieden und Demokratie in ihrem Lande und unterzeichneten ihn anschließend.
Die Mitglieder

Postfach 20 03 00 Tel.: 0228-339 2035
D 5300 Bonn 2
Telex: 8-85432

�Die Mitglieder des demokratischen Widerstandes boten unter der Voraussetzung einen Waffenstillstand an, daß das Regime in Nicaragua sich
dazu bereit erkläre, in einen von der Bischofskonferenz der römischkatholischen Kirche vermittelten Dialog einzutreten, dessen Ziel in der
Wiederherstellung der Demokratie durch freie Wahlen bestehen solle. Bis
zum gegenwärtigen Zeitpunkt lehnt das Regime in Nicaragua dieses Angebot
ab.
Die Staaten Mittelamerikas einschließlich Nicaraguas haben übereinstimmend erklärt, daß eine innenpolitische Aussöhnung eine unumgängliche
Voraussetzung für den Frieden in der Region bilde. Im Gegensatz zu Präsident Duarte von El Salvador, der den Dialog mit seinen Gegnern sucht, haben die Kommunisten in Nicaragua jedoch zumindest bis zum gegenwärtigen
Zeitpunkt den Appellen des Papstes und der nicaraguanischen Bischöfe zur
nationalen Versöhnung die kalte Schulter gezeigt. Wir sind uns darüber im
klaren, daß sich daran ohne irgendwelche Anreize nichts ändern wird.
Aus diesen Gründen fordern viele Nicaraguaner Veränderungen und greifen zu den Waffen, um für die Einlösung der gestohlenen Versprechen von
Freiheit und Demokratie zu kämpfen, 'über 15 000 Menschen - Bauern und
Kleinhändler, Weiße, Schwarze und Miskito-Indianer - haben sich zusammengeschlossen, um für echte Demokratie zu kämpfen.

wir
für
die
ihr

Wir waren schon in der Vergangenheit für Demokratie in Nicaragua, und
sind auch heute für Demokratie. Wir waren schon in der Vergangenheit
nationale Versöhnung, und wir sind auch heute dafür. Wir meinen, daß
Demokratie in Nicaragua genauso viel Unterstützung verdient hat, wie
in El Salvador zuteil geworden ist.

Wir sind stolz auf die Hilfe, die wir El Salvador geleistet haben.
Sie erinnern sich vielleicht daran, daß wir im Jahre 1981 zu hören bekamen, daß die kommunistische Guerilla dabei sei, ihre Endoffensive einzuleiten, daß die Regierung keine Chance mehr habe und daß unsere Haltung
dazu führen werde, daß die Vereinigten Staaten immer tiefer in das Geschehen verwickelt würden.
Nun, die

�Nun, die Kritiker unserer Politik haben Unrecht behalten; Demokratie
und Freiheit sind in El Salvador im Begriff, zu siegen. Präsident Duarte
bringt sein Land wieder in Ordnung und erfreut sich breiter Unterstützung
durch die Bevölkerung. Die amerikanische Hilfe konnte bei alledem strikt
begrenzt gehalten werden.

Die Formel, die sich in El Salvador als richtig erwiesen hat - Unterstützung für Demokratie, Selbstverteidigung, wirtschaftliche Entwicklung
und Dialog - wird sich auch für die gesamte Region als richtig erweisen.
Ohne die Unterstützung durch beide Kongreßarteien

und die Nationale

Überparteiliche Kommission für Mittelamerika unter der Leitung von Henry
Kissinger hätten wir all dies nicht erreichen könnea

Nachdem ich monatelang mit führenden Persönlichkeiten des Kongresses
beraten und mir ihre Bedenken sorgsam angehört habe, unterbreite ich daher heute den folgenden Vorschlag:

Ich rufe beide Seiten auf, die Waffen niederzulegen und auf das Angebot einzugehen, unter Vermittlung der Kirche Gespräche über international
überwachte Wahlen und über eine Beendigung der gegenwärtigen Unterdrückung der Kirche, der Presse und der Rechte des einzelnen aufzunehmen.

Die Angehörigen der demokratischen Widerstandsbewegung ersuche ich,
ihr Angebot eines Waffenstillstands bis zum 1. Juni zu verlängern.

Den Kongreß ersuche ich um die sofortige Freigabe des bereits bewilligten Betrages von 14 Millionen Dollar. Ich verspreche, daü diese Mittel
nicht für Waffen und Munition verwandt werden sollen, solange daü Angebot
eines Waffenstillstands auf dem Tisch liegt. Diese Mittel würden für Nahrungsmittel, Bekleidung, Medikamente und andere lebenswichtige Dinge verwendet werden. Ohne diese grundlegenden Bedarfsgüter kann die demokratische Opposition nicht als Verhandlungspartner auftreten.

Falls die Sandinisten auf dieses Friedensangebot eingehen, werden
diese Beschränkungen bei der Verwendung der Mittel in Kraft bleiben.
Friedensverhandlungen dürfen jedoch nicht zu einem Deckmantel für Täu- 3 -

�für Täuschung und Hinhaltemanöver werden. Wenn nach 60 Verhandlungstagen
keine "Übereinkunft erzielt wird, werde ich diese Beschränkungen aufheben,
falls mich nicht beide Seiten ersuchen, dies zu unterlassen.
Ich möchte betonen, daß die Vereinigten Staaten im Einklang mit den
21 im Rahmen des Contadora-Prozesses definierten Zielen auch weiterhin
folgendes anstreben:
1. Die Erfüllung der von Nicaragua gegenüber der OAS übernommenen
Verpflichtung zur Herstellung demokratischer Zustände.
2. Die Beendigung der Aggression Nicaraguas gegen seine Nachbarn.
3. Den Abzug der nach Tausenden zählenden Militär- und Sicherheitsbediensteten aus dem Ostblock, Kuba und L,ibyen sowie von der PLO und
anderen Stellen.
4. Die Rückführung der nicaraguanischen Streitkräfte auf ein zahlenmäßiges Niveau, das dem der Nachbarstaaten entspricht.
Ich werde heute mit Arturo Cruz, Adolfo Calero und Alfonso Robelo
zusammentreffen, um meinen Vorschlag mit ihnen zu erörtern.
Die Demokratie bildet den Weg zum Frieden. Wenn wir jedoch die tapferen Angehörigen des demokratischen Widerstandes fallen lassen, dann geben
wir den Kommunisten völlig freie Bahn. Die Demokratie kann sich in Mittelamerika durchsetzen, aber der Kongreß muß die Mittel freigeben, durch
die Anreize zum Dialog und zum Frieden geschaffen werden können.
Wenn wir zu wenig Hilfe leisten, dann bedeutet dies ein kommunistisches Mittelamerika und eine Ausbreitung der kommunistischen Subversion
von dort aus nach Süden und Norden. Wir stehen vor der Gefahr, daß 100
Millionen Menschen von Panama bis zu unserer offenen Südgrenze unter die
Herrschaft prosowjetischer Regime geraten könnten. In einem solchen Falle
wären die Vereinigten Staaten von Gewalt, wirtschaftlichem Chaos und einer Flut von Flüchtlingen bedroht.
_ 4 _

Mittelamerika ist

�Mittelamerika ist keineswegs zu einer solch düsteren Zukunft im Zeichen nicht enden wollender Gewalt verurteilt. Wenn die Vereinigten Staaten ihrer Verpflichtung zur Hilfeleistung für die, die heute nach Demokratie streben, gerecht werden, können sie eine vielversprechende Zukunft
schaffen, in der der Friede für alle Amerikaner gesichert ist. Laut uns
im Geiste des Osterfestes entsprechend handeln.

Ich sehe der Zusammenarbeit mit dem Kongreß in dieser wichtigen Angelegenheit in den kommenden Wochen mit Genugtuung entgegen.
(Ende der Erklärung Präsident Reagans;

Nachdem Präsident Reagan seine Erklärung abgegeben hatte, beantwortete er Fragen von Journalisten. Die Fragen und Antworten haben folgenden
Wortlaut (gekürzt):
FRAGE: Herr Präsident, welche Anreize bestehen für die nicaraguanische Regierung ?

ANTWORT: Nun, das gegenwärtige Blutvergießen zu beenden und aus der
schweren Wirtschaftskrise in ihrem Lande herauszukommen, die wegen all
dem, was jene Regierung getan hat, ständig schlimmer wird.
FRAGE: Herr Präsident, Tip 01 Neill hat gesagt, daß dies ein schmutziger Trick sei und daß Sie der amerikanischen Öffentlichkeit weiszumachen versuchten, daß es um humanitäre Hilfe gehe, während Sie in Wirklichkeit einen Geheimplan zu militärischem Vorgehen verfolgten.

ANTWORT: ... Wenn er dies einen schmutzigen Trick nennt, dann hat er
eine merkwürdige Definition für schmutzige Tricks.

FRAGE: Was veranlaßt Sie zu der Annahme, daß dies den Kongreß geneigter machen wird, die von Ihnen vorgeschlagene Hilfe zu akzeptieren ?

ANTWORT: Die Tatsache, daß der Kongreß bei all seinen Bemühungen, die
Fortsetzung unserer Hilfe für die Contras und die Demokratie in Nicaragua
- 5 -

�in Nicaragua zu behindern, die Notwendigkeit einer friedlichen und politischen Lösung betont hat, d.h., einer Lösung von der Art, über die wir
hier sprechen, also einer Lösung, wie sie sich aus Gesprächen zwischen
den Parteien ergeben würde.
FRAGE; Sie haben klargestellt, daü die 14 Millionen Dollar Ihres Erachtens wesentlich sind. Wenn der Kongreß Ihr Ersuchen ablehnen sollte,
würden Sie dann nach anderen Möglichkeiten der Hilfeleistung für die
Contras suchen, d.h., nach anderen Mitteln und Wegen, um Ihren wünsch
nach einer Umstrukturierung der nicaraguanischen Regierung

weiter zu

verfolgen ?
ANTWORT: Ganz gleich was auch geschieht, wir werden nicht einfach
weggehen und sie sich selbst überlassen.
FRAGE: Würden Sie irgendwelche militärischen Aktionen gegen Nicaragua
erwägen ? Sie scheinen Nicaragua ein "entweder - oder" signalisieren zu
wollen, und die 14 Millionen Dollar sind das Drohmittel. Ist das wirklich
genug, um die Regierung Nicaraguas zu stürzen ?
ANTWORT; Es geht nicht um den Sturz der Regierung, sondern um die
Rückkehr zu den Zielen der Revolution, für die einmal sowohl die Contras
als auch die Sandinisten gekämpft haben. Was militärische Aktionen angeht, so hat dergleichen nie in unserer Absicht gelegen. Das haben wir
immer wieder gesagt.
FRAGE: Falls es zu einem Waffenstillstand und zu Gesprächen käme, die
dann aber zu nichts führten, was geschähe dann mit den 14 Millionen Dollar ? Würden davon dann Waffen für die Contras gekauft ?
ANTWORT: Wie ich bereits sagte, könnten wir nach 60 Tagen, falls keine Übereinkunft erzielt würde und falls uns nicht beide Seiten ersuchen
würden, am ursprünglichen Konzept festzuhalten, die 14 Millionen Dollar
verwenden, um den Contras in jeglicher Art und Weise zu helfen. ...
FRAGE: Machen Sie Ihr Friedensangebot vom Rückzug der sowjetischen,

�der sowjetischen, kubanischen und PLO-Berater aus Nicaragua abhängig oder
nur von Gesprächen und einem Ende der Unterdrückung ?

ANTWORT: Wir meinen, daß dies einen Teil der Übereinkunft bilden
sollte, die erzielt werden muß. Genauso haben auch die Contras argumentiert: daß Nicaragua aufhören muß, eine Bedrohung für seine Nachbarn zu
sein, daß die ausländischen Militärs aus dem Land heraus müssen und daß
es zu den demokratischen Zielen zurückkehren muß, von denen die Sandinisten selbst gegenüber der Organisation Amerikanischer Staaten (OAS) gesagt haben, daß sie das gewesen seien, wofür sie im Rahmen der Revolution
gekämpft hättea

FRAGE: Wissen die Contras von Ihrem Vorschlag ? Haben Sie darüber
vorher mit ihnen oder ihren Führern gesprochen ?

ANTWORT: Wir sind gerade dabei, die Leute davon in Kenntnis zu setzen. Sie gehören zu den ersten, die davon erfahren.

FRAGE: Die Sandinisten haben den Vorschlag, den die Contras in San
Jose gemacht haben, bereits abgelehnt. Was veranlaßt Sie zu der Annahme,
daß sie Ihren Vorschlag annehmen werden ?

ANTWORT: Die Tatsache, daß es hier meines Erachtens um mehr geht. Ich
glaube nicht, daß die Sandinisten auf dem amerikanischen Doppelkontinent
völlig allein stehen und alle ihre Nachbarn auf der anderen Seite wissen
wollen. Und wir glauben, daß wir in dieser Angelegenheit die Unterstützung der Contadora-Staaten haben, und wie ich schon sagte, bringt der
Fortgang der Feindseligkeiten große Probleme für die Sandinisten mit sich.
FRAGE: Sie wollen zusichern, daß die 14 Millionen Dollar nicht für
Waffen

und Munition, sondern für humanitäre Hilfe verwendet werden sol-

len ?

ANTWORT: Das ist richtig.

FRAGE: Können die Contras, wenn sie diese Mittel bekommen, nicht das
- 7 -

�nicht das Geld, mit dem sie bisher Nahrungsmittel kaufen mußten, zun Kauf
von Waffen verwenden ? Wäre das unterm Strich nicht das gleiche ?
ANTWORT: Ich glaube, ihre Lage ist nicht so stabil, daß sie sich mit
irgendetwas selbst versorgen können. Darum haben wir vorgeschlagen, daß
diese Mittel zu dem genannten Zweck verwendet werden sollen, solange sie
verhandeln und eine friedliche Regelung herbeizuführen versuchen.
FRAGE; Irgendwie bringen sie es aber auch so fertig, zu überleben;
d.h., sie bekommen Nahrungsmittel und dergleichen. Wenn Sie ihnen also
Geld für Nahrungsmittel geben, können sie dann nicht die Mittel, die sie
bislang dafür aufwenden mußten, für den Kauf von Waffen verwenden ?
ANTWORT; Ich würde sagen, daß sie in einer nahezu verzweifelten Lage
sind.
FRAGE; Wenn Sie alles bekommen, was Sie wollen, würden Sie dann all
unsere Truppen aus Mittelamerika zurück nach Hause bringen ... ?
ANTWORT: Die einzigen Truppen, die wir dort stehen haben, befinden
sich in verschieden Manövern und Übungen.
FRAGE: Das ist zwar richtig, aber sie befinden sich in Gefahr, besonders diejenigen, die gerade nach Honduras geschickt worden sind.
ANTWORT: Nein. ...
FRAGE: Sir, dort unten gibt es Männer und Frauen, die in Gefahr sind.
Würden Sie versprechen, sie wieder heimzubringen ?
ANTWORT: Wenn Sie zurückschauen, dann werden Sie bemerken, daß wir
auf dem Gebiet unserer Nachbarn seit jeher Dschungelausbildung und dergleichen durchgeführt haben. Im Gegensatz zu dem, was einige Stimmen auf
dem Kapitol lauthals verkünden, sind unsere Truppen nicht in diesen Ländern, um irgendjemanden zu bedrohen. Sie sind dort, weil unser Heer seine
neuen Mannschaften ausbilden muß und weil wir gut ausgebildete Streit-

�ausgebildete Streitkräfte brauchen, die überall kämpfen können, wo es
einmal erforderlich sein könnte. Solche Übungen sind in der Vergangenheit
wiederholt in Honduras durchgeführt worden. Das ist alles. Wir haben dort
keine Besatzungstruppen stehen. Auch in El Salvador haben wir immer noch
nicht mehr als 55 Berater ...

* * * *

- 9-

�15

10. April 1985

WACHSTUM UND HANDEL HAUPTTHEMEN REAGANS AUF DEM BONNER
WIRTSCHAFTSGIPFEL

- Rede von US-Staatssekretär Wallis in New York -

NEW YORK - (AD) - Der Staatssekretär für Wirtschaftliche Angelegenheiten im amerikanischen Außenministerium, Allen Wallis, bezeichnete die
Förderung des wirtschaftlichen Wachstums und des Welthandelssystems als
die wichtigsten Themen, die Präsident Ronald Reagan auf dem Wirtschaftsgipfel in Bonn vom 2. bis 4. Mai 1985 von amerikanischer Seite zur Sprache bringen werde.

Wallis, der wesentlich für die Vorbereitungen des

Bonner Wirtschaftsgipfels verantwortlich ist, sprach am 4. April 1985 vor
dem U.S. Council for International Business in New York.

Als weitere

wichtige Themen nannte er das Wirtschaftswachstum in den Entwicklungsländern, die Zusammenarbeit bei der Lösung der Hungerprobleme in Afrika, Zusammenarbeit im Umweltschutz, Zusammenarbeit bei der Entwicklung einer
bemannten Raumstation und Maßnahmen zur Verhütung von Energiekrisen.

Die Ausführungen von Staatssekretär Wallis haben folgenden Wortlaut:
Das Fr üh j ahr br ing t

Postfach 20 03 00 Tel.: 0228-339 2035
D 5300 Bonn 2
Telex: 8-85432

�Das Frühjahr bringt eine intensive Runde internationaler Zusammenkünfte, deren Höhepunkt der Bonner Wirtschaftsgipfel sein wird.

Heute in

einer Woche werden der Stellvertretende Außenminister Dam und ich zusammen mit anderen leitenden Regierungsvertretern der Vereinigten Staaten an
der Ministertagung der OECD in Paris teilnehmen.

Nächste Woche werden

hier in Washington die Interims- und Entwicklungsausschüsse des IWF tagen.

Das Gipfeltreffen in Bonn findet vom 2. bis 4. Mai als Eröffnung

des Europabesuches des Präsidenten statt.

Ich möchte heute kurz über unsere Hoffnung für Bonn sprechen.

Zu-

nächst einmal möchte ich jedoch das Gipfeltreffen in die richtige Perspektive rücken.

An den jährlichen Wirtschaftsgipfeln, die 1974 begannen, nehmen die
Staats- und Regierungschefs der sieben größten demokratischen Industrieländer teil:

Japan, Kanada, Großbritannien, die Bundesrepublik Deutsch-

land, Frankreich, Italien und natürlich die Vereinigten Staaten.
der Präsident der Europäischen Kommission ist anwesend.

Auch

Diese Treffen

stellen keinen Anfang oder Selbstzweck dar, sondern sind der wichtigste
Teil eines andauernden Prozesses der Zusammenarbeit und des Dialogs unter
den wichtigen Industriestaaten.

Die Gipfeltreffen bieten nützliche An-

haltspunkte zur Beurteilung dieser Zusammenarbeit.

Die letzten vier Jahre haben eine entscheidende Entwicklung sowohl im
Ton als auch in der Substanz der Gespräche auf höchster Ebene gebracht.
In Ottawa im Jahr 1981 erkannten die meisten Staats- und Regierungschefs,
daß die Tätigkeit ihrer Volkswirtschaften nachließ, aber es fehlte ihnen
an einer klaren Vision, wie die Lage zu beheben sei.

Ja, man war sich

noch nicht ganz im klaren über die Natur der wirtschaftlichen Krise der
Industriewelt,

und

die

marktorientierten

Abhilfsvorschläge

Präsident

Reagans stießen auf unverhüllte Skepsis.

Zur Zeit des Gipfels 1982 in Versailles befanden sich alle großen industriellen Volkswirtschaften in der Rezession, und es lag auf der Hand,
daß ihre wirtschaftlichen Probleme tief verwurzelt waren.

Die Chefs auf

�Die Chefs auf dem Gipfel begannen mit dem schwierigen Prozeß, sich über
Unterschiede in den Ansichten und in der Haltung klar zu werden.

Man

spricht von Versailles gelegentlich als von einem Fehlschlag, weil die
Meinungsverschiedenheiten zwischen den Ländern so klar zu Tage traten und
so stark publiziert wurden.

Es gab Meinungsverschiedenheiten über die wirtschaftlichen Beziehungen zwischen Ost und West und über die Wechselkurse.

In dem Bemühen, die

Meinungsverschiedenheiten abzubauen, wurden mehrere Prograirane ins Leben
gerufen. Eines dieser Programme war ein Prozeß intensiverter politischer
Konsultation unter den fünf führenden Staaten der Gruppe.

Dies führte zu

einem intensiven Meinungsaustausch über die verschiedenen Punkte, ohne
den es den westlichen Regierungen nicht möglich gewesen wäre, zu einer
Übereinkunft über die Mittel und Wege zur Bewältigung gemeinsamer wirtschaftlicher Herausforderungen zu kommen.

Eine zweite von Versailles ausgehende Initiative war eine gründliche
Überprüfung der wirtschaftlichen Beziehungen zu den Ländern des Ostens.
Ein drittes Programm befaßte sich mit der Prüfung der Erfahrungen mit Regierungsinterventionen auf den Devisenmärkten.

Der Wert dieser drei Initiativen wurde auf dem Gipfel in Williamsburg
im Jahr 1983 deutlich.

Der Wirtschaftsgipfel in Williamsburg billigte

kooperative Strategien für die Bewältigung globaler Probleme - die Förderung eines anhaltenden, nichtinflationären Wachstums, eine gesunde Währungs- und Finanzpolitik und eine stärkere Abstützung auf die Kräfte des
Marktes; die Inangriffnahme des internationalen Schuldenproblems durch
einen koordinierten Plan zur Förderung geordneter wirtschaftlicher Anpassungen in wirtschaftlich schlecht stehenden Entwicklungsländern; die Eindämmung des Protektionismus und schließlich die Herbeiführung einer vernünftigen gemeinsamen Haltung bezüglich der Wirtschaftsbeziehungen zum
Ostblock.

Im folgenden Jahr haben diese Strategien Frucht getragen, und so waren die Staats- und Regierungschefs im vorigen Jahr in London in der La-

�in der Lage, die Einstellung zu bekräftigen, die sie in den davorliegenden drei Jahren so mühsam zustandegebracht hatten, und Vorschläge zu machen, wie jede dieser Strategien im Lichte neuerer Erfahrungen verbessert
werden könnte.

Es war eine Gelegenheit, um einmal den wirtschaftlichen

Wiederaufschwung festzustellen und zu feiern und zum andern darauf hinzuweisen, wie andere Länder von unserem nichtinflationären Wachstum und
durch Übernahme der Politik, die es ermöglichte, zu profitieren.

Was bleibt also in Bonn noch zu tun?

Eine ganze Menge. Für die Ver-

einigten Staaten gibt es deutliche Parallelen zwischen den Zielen, die
sich Präsident Reagan zu Beginn seiner zweiten Amtsperiode gesetzt hat,
und den Zielen, die sich nach unserer Überzeugung die sieben größten Industriestaaten der Welt im nächsten Monat in Bonn setzen sollten. Sicherlich besteht eines von vier Zielen darin, mehr zu tun in der gleichen
Richtung.

Es hat keinen Sinn, in eine ungesunde Politik zurückzuverfal-

len, wenn die Politik die wir verfolgen, funktioniert.

Der Aufschwung in

vielen der großen industriellen Volkswirtschaften ist noch immer schwach
und unsicher.

Weil eine gute Wirtschaftspolitik und eine gesunde Wirt-

schaftstätigkeit in den Gipfel-Ländern so entscheidend wichtig ist für
das Wohlergehen der Welt, wird der Präsident auf Maßnahmen dringen, um
die Aussichten auf ein anhaltendes Wachstum und mehr Arbeitsplätze zu
stärken.

Wir gehen davon aus, daß sich der Gipfel auf zwei Gebiete konzentrieren wird:

Beseitigung struktureller Hemmnisse und Sicherung und Stärkung

des internationalen Handelssystems.

Bevor ich auf diese beiden Themen

näher eingehe, möchte ich kurz zusammenfassen, welche andere wichtige
Themen in Bonn besprochen werden dürften.

1.

Das erste ist die Notwendigkeit, die Kooperation fortzusetzen, um

ein anhaltendes Wachstum in den Entwicklungsländern zu fördern.

Die

Haltung, die wir den Problemen der Verschuldung und der Anpassung gegenüber eingenommen haben, hat sich bewährt.

Heute in zwei Wochen

werden bei den Tagungen des Interims- und des Entwicklungsausschusses
des IWF in Washington führende Finanzleute aus der ganzen freien Welt

�freien Welt zusammenkommen, um Bestandsaufnahme zu machen und Vorschläge für die Stärkung unserer gemeinsamen Anstrengungen zu unterbreiten.

Wir werden die Notwendigkeit hervorheben, auf lange Sicht

eine kohärente Politik zu verfolgen, um Anpassung

und anhaltendes

Wachstum zu fördern, und auch die Rollen unterstreichen, die ein offener Handel und private Auslandsinvestionen in diesem Prozeß spielen
müssen.

2.

Ein zweites und besonders dringendes Gebiet des kooperativen Han-

delns auf kurze wie auf lange Sicht ist die Behebung der Ernährungskrise im Subsahara-Afrika.

Die Vereinigten Staaten haben bei diesen

Anstrengungen die führende Rolle

übernommen.

Unsere Hunger- und

Flüchtlingshilfe für Afrika in Höhe von über einer Milliarde Dollar
in diesem Jahr ist mehr als alle anderen Geber zusammen aufgebracht
haben.

Auf lange Sicht ermutigen

wir

grundlegende

Agrarreformen

durch bestehende bilaterale Hilfsprogramme, unser neues Afrikanisches
Wirtschaftsreformprogramm, die Initiative Lebensmittel für den Fortschritt sowie unsere Beteiligung

an multilateralen

Institutionen.

Wir fordern auch eine stärkere Koordinierung der bilateralen Spenden,
um die größtmögliche Auswirkung auf die afrikanische Wirtschaftspolitik und die Entwicklungsaussichten zu erreichen.

3.

Drittens wird in diesem Jahr besonderer Nachdruck auf die Zusam-

menarbeit im Umweltschutz und auf das Verhältnis zwischen Umweltschutz und Wirtschaftswachstum gelegt werden.

Es werden Studien und

andere Arbeiten geprüft werden, die vom vorjährigen Wirtschaftsgipfel
in Auftrag gegeben wurden, und die Beschlüsse der Umweltminister auf
ihrem Treffen im Dezember vorigen Jahres in London dürften voraussichtlich bestätigt werden.

4.

Viertens gehen wir davon aus, daß die Staats- und Regierungschefs

auf dem Gipfel über die Zusammenarbeit auf anderen speziellen Gebieten sprechen werden, einschließlich über Bemühungen, eine bemannte
Raumstation zu entwickeln, sowie über Maßnahmen, um die Wahrscheinrlichkeit potentieller Störungen der Energieversorgung zu verringern

- 5-

�zu verringern und deren Auswirkungen so gering wie möglich zu halten.

Um auf die Hauptthemen zu kommen:

Der Hauptnachdruck auf dem dies-

jährigen Gipfeltreffen wird auf der Beseitigung struktureller Hemmnisse
für ein anhaltendes Wachstum liegen.

Der Wiederaufschwung der Weltwirtschaft hat sich im abgelaufenen Jahr
weiter verstärkt. Angeführt von den Vereinigten Staaten betrug das reale
Wachstum des Bruttosozialproduktes in den OECD-Ländern im Jahr 1984 fast
fünf Prozent, und unser Wachstum war mit 6,9 Prozent das höchste seit
1951.

Darüber hinaus konnte auch in diesem zweiten Jahr eines starken

Wachstums ein Wiederaufleben der Inflation vermieden werden.

Im vergan-

genen Jahr lag der Anstieg der Verbraucherpreise in den Vereinigten Staaten kaum über vier Prozent - eine Rate, die, wie wir annehmen, sich in
den nächsten Jahren stabilisieren dürfte. Was die OECD insgesamt angeht,
so ging die Inflation im vergangenen Jahr auf 5,5 Prozent zurück - die
niedrigste Rate seit 1972.

Im übrigen erhöhte sich das reale Wachstum

des Bruttosozialprodukts im vorigen Jahr in den nicht-OECD-Staaten auf
etwa vier Prozent.

Wenn wir dieses dritte Jahr einer aufeinander folgenden nichtinflationären Expansion eintreten, gibt es jedoch auch einige beunruhigende
Anzeichen.

In den Entwicklungsländern sind die wirtscnaftlichen Aussich-

ten noch immer unausgewogen.

Für viele der größeren Entwicklungsländer,

die entweder schwere Probleme des Schuldendienstes vermieden oder im Zusammenwirken mit dem Internationalen Währungsfonds

(IWF) Schritte zur

wirtschaftlichen Stabilisierung unternommen haben, sind die Aussichten
günstig.

Aber vielen anderen geht es nicht besonders gut. Die Inflation

ist noch immer hoch, selbst in einigen der Länder, die in anderen Aspekten des Anpassungsprozesses erfolgreich sind, und eine anhaltende Expansion wird eine verstärkte Anstrenyung zur Lösung grundlegender struktureller Probleme erfordern.

Aber diese Problme sind heute bekannt, und selbst wenn der Fortschritt nicht so rasch kommt, wie wir es uns wünschen, so geht der Trend

�der Trend doch in die richtige Richtung.

Was im Zusammenhang mit dem

Bonner Gipfel vielleicht mehr Sorgen bereitet, ist die Tatsache, daß die
Gipfel-Länder selbst noch sehr viel unerledigte Aufgaben in ihren eigenen
Anstrengungen übrig gelassen haben, einen anhaltenden nichtinflationären
Wiederaufschwung zu gewährleisten.

In den Vereinigten Staaten hat Präsident Reagans "grundlegender Wandel" in der Wirtschaftspolitik bereits augenfällige Ergebnisse gebracht.
Um unsere anhaltende Expansion jedoch zu sichern, müssen wir übertriebene
Regierungsausgaben kürzen, um einen zunehmenden Aderlaß bei den Mitteln
für den privaten Verbrauch und private Investitionen zu verhindern.

Wir

müssen auch unser Steuersystem reformieren, um die Verzerrungen zu beseitigen, die in den gegenwärtigen Steuersätzen liegen, und die abschreckende Wirkung der hohen Spitzensteuersätze bei der Einkommenssteuer zu verringern.

Dies wird durch anhaltende Anstrengungen ergänzt werden, eine

gesunde Währungspolitik zu verfolgen, die mit niedriger Inflationsrate
und einer anhaltenden Wachstumsrate vereinbar ist, sowie durch Bemühungen, die Märkte von Verordnungen zu befreien und andere strukturelle
Hemmnisse zu beseitigen, die das freie Spiel der Kräfte auf dem Markt behindern.

Auch Japan muß weiterhin alle Aspekte seiner Wirtschaftspolitik stärken.

Darüber hinaus muß Japan die Verantwortungen westlicher wirtschaft-

licher Führung in größerem Umfang übernehmen, die ihr der bisherige Erfolg seiner Wirtschaftspolitik und die Stärke seiner Wirtschaft auferlegt
haben.

Um das System des internationalen Handels und der internationalen

Investitionen zu stärken - sowohl zum eigenen Wohle als auch zum Wohle
der anderen Beteiligten an diesem System - muß Japan vollständig und
rasch seine Verpflichtungen zur Liberalisierung des Kapitalmarktes und
zur Öffnung seiner Märkte für Güter und Dienstleistungen erfüllen.

Die größten strukturellen Hindernisse
schaftswachstum sind in Europa zu finden.

für

ein

nachhaltiges Wirt-

Das deutlichste Zeichen dafür

ist die Disparität zwischen dem jüngsten Wachstums- und Beschäftigungsstand in Europa und in anderen großen Industrieländern.
- 7 -

Das 5,5prozen-

�Das 5,5prozentige Wachstum in Japan im vergangenen Jahr und das 4,6prozentige Wachstum in Kanada sind beachtlich.

Diese beiden Volkswirtschaf-

ten haben weiter neue Arbeitsplätze geschaffen, und als Ergebnis ging die
Arbeitslosenrate in Kanada zurück und die Rate in Japan stabiliserte sich
auf einem sehr niedrigen Stand.

Im Gegensatz dazu betrug das Wachstum in den vier am Gipfel beteiligten europäischen Ländern im vorigen Jahr nur etwa zwei Prozent - und das
war die stärkste Wirtschaftstätigkeit seit vier Jahren.

Die Arbeitslo-

senraten, die in Europa historisch weit niedriger liegen als in den Vereinigten Staaten, sind praktisch in die zweistelligen Zahlen gestiegen
und werden in diesem Jahr einen neuen Höchststand erreichen.

Die Arbeitslosigkeit ist zu einem großen sozialen Problem geworden.
Manche Beobachter haben geglaubt, daß das Hauptproblem in demographischen
Faktoren zu suchen sei - dem Eintritt der Frau ins Arbeitsleben und einem
"Baby-Boom", der in Europa später. kam als in den Vereinigten Staaten.
Dies habe eine "Ausbuchtung" auf dem europäischen Arbeitsmarkt verursacht.

Wenn dies stimmte, dann müßte sich das Arbeitslosenproblem Euro-

pas mit der Zeit von allein lösen.

Leider lassen uns die Tatsachen kei-

nen Raum für solche Selbstgefälligkeit.

Das Problem ist nicht nur eine

ständige wachsende Zahl von Arbeitssuchenden:

Die Zahl der Arbeitsplätze

in Europa ist seit 1970 praktisch überhaupt nicht gewachsen.

In diesem

Zeitraum hat die amerikanische Wirtschaft 27 Millionen neue Arbeitsplätze
geschaffen.

Diese langfristige Stagnation des Arbeitsmarktes in Europa

ist nicht nur für die europäischen Regierungen Anlaß zur Sorge, sondern
auch für ihre Verbündeten und Handelspartner.
Saat politischer

und wirtschaftlicher

Diese Situation trägt die

Instabilität, der

Schwäche des

Bündnisses und des Schadens für die Weltwirtschaft in sich.

Das wesentliche Problem für Europa ist das tiefsitzende Klischee der
Hindernisse für den Wandex, die eine wirksame Nutzung der wirtschaftlichen Ressourcen verhindern.

Diese strukturellen Hindernisse sind auf

dem Arbeitsmarkt besonders lästig, weil sie sowohl das Angebot von wie
auch die Nachfrage nach neuen Beschäftigten verzerren.
Auf der Nachfrageseite
- 8 -

�Auf der Nachfrageseite hat sich die Arbeit selbst so teuer gemacht,
daß sie sich vom Markt verdrängte - vor allem im Herstellungsbereich.
Diese Situation ist nicht nur durch ständige reale Lohnerhöhungen herbeigeführt worden, sondern auch auf Umwegen durch restriktive Arbeitsgesetze
auf gewerkschaftlich organisierten Sektoren und übertrieben gegensätzliche Arbeitnehmer-Arbeitgeber-Beziehungen.

Diese selbst zugefügten Wun-

den wurden durch die Regierungspolitik vertieft - einschließlich hoher
Arbeitsnebenkosten aus Sozial- und Altersversorgungsabgaben und strikter
Regierungsregelementierungen

für Entlassungen.

So kann beispielsweise

eine französische Firma, die mehr als 50 Beschäftigte entlassen will,
aufgrund von Regierungsverordnungen gezwungen werden, bis zu einem Jahr
zu warten, ehe die Entlassungen wirksam werden.

Verordnungen dieser Art

wurden erlassen, um die Arbeitsplätze zu schützen, aber wie die meisten
Eingriffe der Regierung in den Markt haben sie genau das Gegenteil von
dem bewirkt, was sie bewirken sollten.

Unternehmer zögern, auch in guten

Zeiten neue Beschäftigte einzustellen, weil sie wissen, daß sie sie bei
einem Rückgang der Geschäfte nicht entlassen können.

Ein Europäer hat

mir einmal gesagt, das Geheimnis des Erfolgs der amerikanischen Wirtschaft liege in den drei Worten:

"Sie sind entlassen".

Die Regierungspolitik hat auch das Angebot von Arbeitskräften in Europa gedrückt und dessen Anpassung an sich verändernde wirtschaftliche
Bedingungen erschwert.

Kein Industriestaat überläßt die Arbeitslosen und

Bedürftigen ganz und gar sich selbst.

Die Arbeitslosen- und die Sozial-

unterstützung in Europa sind so großzügig, daß sie wesentlich zu einer
Verkrustung der Arbeitsmärkte beigetragen haben.

Arbeitslose werden sich

weniger nachhaltig um einen neuen Arbeitsplatz bemühen oder einen Arbeitsplatz akzeptieren, der ihnen weniger Einkommen bringt als ihr früherer Arbeitsplatz, wenn die Kombination von Sozial- und Arbeitslosenunterstützung mehr oder weniger auf Dauer fast das gleiche ausmacht wie ihr
früheres Einkommen.

Die geradezu abschreckende Wirkung der hohen Einkom-

mensersatzraten in Europa wird durch die Großzügigkeit der Zuwendungen
für Langzeitarbeitslose verstärkt.

Während in den Vereinigten Staaten

die Arbeitslosenunterstützung nach einigen Monaten gekürzt wird, steigt
in einigen europäischen Ländern das kombinierte Einkommen aus Arbeitslo-

�aus Arbeitslosenunterstützung und Sozialbezügen sogar mit der Zeit.

Diese Verkrustungen des Arbeitsmarktes haben nicht nur die Rate des
wirtschaftlichen Wachstums gedrückt, sondern auch seine Form verzerrt.
Unternehmer, die vor einer Steigerung eines ihrer relativen Kostenfaktoren für einen ihrer wesentlichen Inputs stehen, haben es schwerer, zu
konkurrieren und zu expandieren.

Aber sie können zurückschlagen, indem

sie den relativen Anteil ihrer Inputs verändern.

Dies geschieht in Eu-

ropa schon eine ganze Zeit lang. Eine Studie der EG-Kommission vom vorigen Jahr hat herausgefunden, daß die hohen Arbeitskosten zu einer bedeu-

k

tenden Verlagerung auf arbeitsplatzsparende statt arbeitsplatzschaffende
Investitionenn geführt hat.

»

über diese Verkrustungen des Arbeitsmarktes hinaus stehen unsere Gipfel-Partner vor weiteren strukturellen Problemen, die ihre Wirtschaftstätigkeit hemmen.

Zu den Problemen, die am direktesten das Ergebnis von

Regierungspolitik sind -, und damit auch am ehesten zu beheben wären gehören Kontrollen der Finanzmärkte, verstaatlichte Industrien, die unwirtschaftlich arbeiten, und Subventionen.

Die Besorgnisse über die langfristigen wirtschaftlichen Aussichten in
Europa haben in der Abschwächung europäischer Währungen während der letzten Jahre ihren Niederschlag gefunden - nicht nur gegenüber dem amerikanischen Dollar, sondern auch gegenüber dem japanischen Yen und dem kanadischen Dollar.

Wir hoffen, daß die Schwäche der europäischen Währungen

in der letzten Zeit dazu beitragen wird, unseren Verbündeten die Dringlichkeit ihrer strukturellen Probleme klar zu machen, die nicht nur eines
der Hauptthemen auf dem Bonner Gipfel, sondern auch in der Arbeit der
OECD in den nächsten Jahren sein dürften.

Unser zweites wichtiges Thema für den Gipfel zielt auf die destruktiven Regierungseingriffe in das internationale Handelssystem ab.

Ich

brauche hier niemanden daran zu erinnern, daß der protektonistische Druck
wächst - nicht nur in Europa, wo die zunehmende Arbeitslosigkeit als Erklärung - wenn auch nicht als Entschuldigung - gelten kann, sondern auch
- 10 -

�sondern auch hier in den Vereinigten Staaten.
selbst zu verstärken:

Der Trend scheint sich

Verfechter von Einfuhrbeschränkungen können auf

"unfaire" Handelspraktiken anderer Länder als Provokation verweisen, und
wenn es ihnen gelingt, den Handel einzuschränken, dann wird oft Gleiches
mit Gleichem vergolten.

So wie die Handelsliberalisierung

das Wirtschaftswachstum

in den

fünfziger und sechziger Jahren angefacht hat, so wird es in den achtziger
Jahren durch den Protektionismus bedroht. Die Schließung von Märkten beseitigt Gewinne aus Handel und Spezialisierung.

Dies gefährdet mehr als

jede andere Gefahrenquelle sowohl den derzeitigen wirtschaftlichen Aufschwung als auch die Aussichten auf eine künftige Expansion. Darüber hinaus macht es unsere Strategie zur Lösung des internationalen Schuldenproblems zunichte. Alle großen Länder der freien Welt haben schwer gearbeitet, um die wirtschaftliche Anpassung zu fördern und zu ermöglichen, die
die in Schwierigkeiten steckenden Schuldnerländer vornehmen müssen, um
ihre wirtschaftliche Gesundheit wiederherzustellen.

Bisher haben sich

solche Anpassungen gelohnt. Die Wachstumsaussichten haben sich in diesen
Ländern gesteigert und die Bedrohung des Weltfinanzsystems ist geringer
geworden.

Wenn die sich in Schwierigkeiten befindlichen Schuldnerländer

für ihre Exporte nicht weiterhin Zugang zu den wachsenden Märkten haben,
wird dieser Prozeß jedoch zum Nachteil aller entgleisen.

Die Lösung liegt auf der Hand:

Es ist wesentlich, diesen Prozeß der

Liberalisierung des Handels zu erneuern.

Hochrangige Verpflichtungen auf

internationalen Treffen, dem Protektionismus zu widerstehen, hat es immer
wieder gegeben.

Aber meist sind es leere Worte.

Wir sind längst über

den Punkt hinaus, an dem Verpflichtungen, weiteren Schaden zu verhüten,
genügen könnten.

Wir müssen in der Lage sein, Forderungen nach Protek-

tionismus im eigenen Lande zu begegnen - bei erkennbarem Fortschritt in
der Beseitigung des Protektionismus im Ausland.

Die Vereinigten Staaten haben im letzten Jahr einigen Erfolg bei der
Zurückdrängung des Protektionismus und den Verhandlungen über die stärkere Öffnung von Märkten erzielt.

Wir befinden uns in der intensivsten

- 11 -

�der intensivsten

Runde bilateraler Verhandlungen mit Japan, die es seit

Jahren gegeben hat. Bilaterale Anstrengungen sind jedoch nur von begrenzter Wirkung.

Jetzt ist die Zeit für eine klare Verpflichtung zu einer

neuen Runde formeller, multilateraler Handelsverhandlungen im Rahmen des
Allgemeinen Zoll- und Handelsabkommens (GATT) gekommen. Eine solche Verpflichtung muß sowohl ein bestimmtes baldiges Zieldatum wie auch die Aufforderung zu breiter Beteiligung einschließen.

Sollten die Gipfel-Staa-

ten ihre Absicht erklären, sofort mit Vorbereitungen zu beginnen, wäre es
möglich, daß die formellen Verhandlungen Anfang 1986 beginnen könnten.
Präsident Reagan hat in seiner Botschaft über die Lage der Nation die Bedeutung dieses Ziels für die Vereinigten Staaten klar herausgestellt:
"Heute rufe ich alle unsere Handelspartner - in den Entwicklungsländern
wie in den Industriestaaten - auf, sich uns in einer neuen Runde von Handelsverhandlungen anzuschließen, um Handel und Wettbewerb anzukurbeln und
die Weltwirtschaft zu stärken, und damit im nächsten Jahr zu beginnen."
Wir halten unsere Ohren offen für eine Antwort auf diesen Appell sowohl
auf der OECD-Ministertagung in diesem Monat wie auf dem Wirtschaftsgipfel
im nächsten Monat in Bonn.

Zusammenfassung
Jeder

verantwortungsbewußte

amerikanische

Regierungsvertreter, der

über einen anstehenden Wirtschaftsgipfel spricht, muß seine Zuhörer davor
warnen, dramatische Ereignisse oder große Durchbrüche zu erwarten.

Das

Ziel solcher Treffen besteht nicht darin, die Staats- und Regierungschefs
in spezifische Verhandlungen zu verwickeln, sondern zu einem breitgefächerten und informellen Gespräch zu ermutigen, das es ihnen erlaubt, zu
einem tieferen Verständnis der jeweiligen Standpunkte und deren Begründung zu gelangen.

Diesmal habe ich jedoch die üblichen Grundregeln gebrochen, indem ich
zugegeben habe, daß wir zumindest auf ein Übereinkommen von entscheidender Bedeutung hoffen.

Wenn das freie internationale Handelssystem über-

leben soll, dann dürfen wir uns nicht den Luxus leisten, unsere Schritte
- 12 -

�unsere Schritte dahinzuschleppen oder Haarspalterei zu betreiben.

Wenn

die Staats- und Regierungschefs auf dem Gipfel nicht die Gelegenheit ergreifen, sich in einer festen Verpflichtung zusammenzuschließen, um eine
neue Runde von Handelsverhandlungen in Gang zu bringen, dann werden fast
mit Sicherheit die Kräfte des Protektionismus die Oberhand gewinnen.

Um unsere Ziele in Bonn ganz allgemein zusammenzufassen, möchte ich
noch einmal die Botschaft über die Lage der Nation zitieren:
einen guten Anfang gemacht. Aber es ist nur ein Anfang.

"Wir haben

Wir sind nicht

hier versammelt, um uns selbst Glück zu wünschen zu dem, was wir getan
haben, sondern um uns in die Pflicht zu nehmen, das zu vollenden, was wir
noch nicht getan haben."

•

- 13 -

�</text>
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                <text>Amerikadienst 10.04.1985</text>
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                <text>&lt;strong&gt;1. Dokumentation&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Amerikanischer Friedensvorschlag für Nicaragua&lt;br /&gt;&lt;em&gt;- Erklärung Präsident Reagans -&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Wirtschaft&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Wachstum und Handel Hauptthemen auf dem Bonner Wirtschaftsgipfel&lt;br /&gt;&lt;em&gt;- Rede von US-Staatssekretär Wallis in New York -&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;</text>
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                    <text>^ o s ^

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U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

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10. April 1991

14

NAHER OSTEN

USA NICHT GLEICHGÜLTIG GEGENÜBER
GREUELTATEN IM IRAK
Pressekonferenz des Außenministers

GOLFKRISE

VEREINIGTE STAATEN BEZEICHNEN
GOLF-RESOLUTION ALS REALISTISCH
UND FAIR
UNO-Botschafter Pickering vor dem Sicherheitsrat
DIE GOLFKRISE
Chronologie der Ereignisse
vom 15. bis 31. März 1991

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.:0228-339 2372
Telex: 8-85432

�NAHER

OSTEN
10. April 1991

USA NICHT GLEICHGÜLTIG GEGENÜBER
GREUELTATEN IM IRAK
Pressekonferenz des Außenministers
KEFLAVIK (ISLAND) - (AD) -Auf dem Weg in den Nahen Osten bekräftigte Außenminister Baker vor Journalisten
am 6. April 1991, daß die Vereinigten Staaten "gegenüber den Greueltaten und dem menschlichen Leiden"
unschuldiger Bürger im Irak nicht gleichgültig sein können.
"In Zusammenarbeit mit der internationalen Staatengemeinschaft werden wir sicherstellen, daß humanitäre Hilfe
sowohl im Norden als auch im Süden des Irak zu denjenigen gelangt, die sie am dringendsten benötigen. Wir
werden keinerlei Einmischung in diese humanitären Hilfsbestrebungen dulden", wie sie in der am 5. April 1991
verabschiedeten Resolution 688 des UN-Sicherheitsrats gefordert werden.
Der Au ßenminister stellte darüber hinaus bei einer Pressekonferenz an Bord des Flugzeugs klar, die Vereinigten
Staaten "können sich im Irak nicht als Polizist aufspielen, und es ist nicht an uns zu entscheiden, wer den Irak
regieren soll".
Nachfolgend veröffentlichen wir die Pressekonferenz von Außenminister Baker im Wortlaut.

Baker: Ich möchte eine längere Erklärung als gewöhnlich abgeben, die das menschliche Leiden im Irak
betrifft.
Die Welt und das irakische Volk sind erneut der schieren Brutalität von Saddam Husseins Regime ausgesetzt. Und wiederum sieht sich die Welt gezwungen,
auf Saddam Husseins willkürlichen und unerhörten
Einsatz von Gewalt zu reagieren. Nur ist in diesem Fall
sein Opfer nicht ein Nachbarland. Dieses Mal töten
und bedrohen die irakischen Streitkräfte das irakische
Volk und begehen Verbrechen an ihm. Die Resolution
688 des UN-Sicherheitsrats verurteilt die Unterdrückung der Kurden und anderer irakischer Bürger, fordert, daß der Irak die Repression beendet und besteht
darauf, daß der Irak den Zugang internationaler Organisationen zu allen denen gestattet, die im ganzen
Land der Hilfe bedürfen.
Wir sind nicht bereit, uns in einen Bürgerkrieg hineinziehen zu lassen. Die Vereinigten Staaten können sich
im Irak nicht als Polizist aufspielen, und es ist nicht an
uns zu entscheiden, werden Irak regieren soll. Wieder
Präsident wiederholt klar gemacht hat - meines Wissens auch auf der heutigen Pressekonferenz - war
AMERIKA DIENST 14

unserer Ziel die Befreiung Kuwaits. Es erstreckte sich
nie auf die Neugestaltung des Irak. Wir haben wiederholt erklärt, daß dies nur vom irakischen Volk geleistet
werden kann.
Dennoch können wir gegenüber den Greueltaten und
dem menschlichen Leiden im Irak nicht gleichgültig
sein - und wir waren es nicht. In Zusammenarbeit mit
der internationalen Staatengemeinschaft werden wir
sicherstellen, daß humanitäre Hilfe sowohl im Norden
als auch im Süden des Irak zu denjenigen gelangt, die
sie am dringendsten benötigen. Wir werden keinerlei
Einmischung in diese humanitären Hilfsbestrebungen
dulden.
Frage: Herr Außenminister, während der irakischkuwaitischen Krise haben Sie und die Administration
wiederholt historische Parallelen zu den dreißiger Jahren
gezogen. Jetzt werden von einigen immer wieder
historische Vergleiche darüber angestellt, daß die
Welt ein schutzloses Volk nicht verteidigt, denen Sie,
wie ich vermute, nicht zustimmen. Können Sie mir
sagen, warum dieser historische Vergleich nicht standhält?

Seite 1

�Antwort: Ich bin nicht ganz sicher, ob ich Ihre Frage
richtig verstanden habe. Meines Erachtens gab es
eine historische Parallele zu dem Einmarsch des Irak
in Kuwait - die Unterjochung eines sehr schwachen
Nachbarn durch eine sehr große und starke Militärmacht. Dies konnten wir in den dreißiger Jahren immer
wieder beobachten. Und ich denke, das Ausmaß der
Brutalität und der Greueltaten, die im Irak stattfinden,
könnten möglicherweise einige Parallelen heraufbeschwören.
Frage: Darf ich das erläutern.
Antwort: Natürlich.
Frage: Die Parallele, an die ich dachte, war, daß die
Welt vor dem Völkermord an den Juden unter Hitler die
Augen verschlossen hat. Und der Vergleich besteht
darin, daß die Welt heute nicht das Volk verteidigt, das
jetzt zu Tausenden von Saddam Hussein ermordet
wird. Gibt es irgendwelche Grenzen, die Sie seinem
Verhalten gesetzt haben - Sie sagen, sie können im
Irak nicht als Polizist auftreten. Gibt es abgesehen
vom Einsatz von Starrflüglern (unverständlich), gibt es
irgendwelche Grenzen, die Sie seinem Verhalten setzen, während er dieses Volk umbringt?
Antwort: Wir unternehmen aktive Schritte in den
Vereinten Nationen - und das ist etwas, was es in den
dreißiger Jahren nicht gegeben hat. Die internationale
Staatengemeinschaft ist sehr aktiv, und die Vereinigten Staaten haben daran beträchtlichen Anteil. Ich
möchte Sie nicht mit vielen Zahlen langweilen, aber ich
habe einige vorliegen, die auch in ihrer Pressemappe
enthalten sind. Solche Bestrebungen haben in den
dreißiger Jahren nicht stattgefunden und im Gegensatz zu den dreißiger Jahren wird heute einiges unternommen, das vielleicht nicht einer Militäraktion gleichkommt, aber im Hinblick auf die Reaktion der internationalen Staatengemeinschaft auf diese beiden Gegebenheiten dennoch von Bedeutung ist.
Frage: Herr Außenminister, Präsident Bush hat während
seiner Pressekonferenz in Houston erklärt, daß es für
den Nahen Osten sehr wohl einen umfassenden Plan
geben kann. In seiner Antwort deutete er an, daß Sie
die Einzelheiten dieses Plans mitbringen. Er verwendete das Wort "hier". Ich gehe davon aus, das heißt
jetzt. Können Sie uns sagen, ob es einen umfassenden amerikanischen Plan gibt und uns einige Einzelheiten nennen?
Antwort: Offen gestanden, ich habe seine Kommentare nicht so interpretiert. Ich habe ihn dahingehend
verstanden, daß wir - abhängig von den im Verlauf
unserer Reise gewonnenen Antworten auf Fragen, die
wir den verschiedenen Parteien bereits unterbreitet
haben sowie aufgrund der Ergebnisse unserer Konsultationen während dieser Reise - irgendwann in der
Lage sein könnten, mit ziemlicher Bestimmtheit zu
erklären, welche Maßnahmen die Parteien unserer

Seite 2

Meinung nach ergreifen sollten. Sie haben aber auch
von ihm gehört, daß es sich dabei um einen stufenweisen Prozeß handelt- bevor wir gehen können, müssen
wir zunächst krabbeln. Und dem möchte ich hinzufügen, daß wir gehen müssen, bevor wir laufen können.
Meines Erachtens gibt es für uns wahrscheinlich keine
bessere Möglichkeit, um festzustellen, was durchführbar ist als uns mit anderen an einen Tisch zu setzen
und zu versuchen, Antworten zu finden.
Frage: Herr Minister, zur Kurdenfrage, wie immer Sie
darauf antworten möchten, wie schwer ist Ihrer Meinung nach der politische Schaden für die Administration aufgrund der Kritik an ihren Maßnahmen, die
Kurden nicht zu schützen...?
Antwort: Ich nehme solche Fragen nicht mehr an. Ich
habe von mir aus diese Frage einmal kommentiert, und
alle behaupten, dies sei nicht ausreichend. Sie sollten
diese Fragen also nicht an mich richten.
Ich möchte aber noch einmal über die Grenzfrage
sprechen. Meines Erachtens besteht ein Grund, warum
der Präsident möchte, daß ich die Grenze besuche
und die Lage dort einschätze, darin, daß Ausmaß und
Umfang der Zahl von Flüchtlingen, die bereits die
Grenze überschritten haben oder darauf warten, dies
tun zu dürfen, noch unklar ist. Er ist der Ansicht - und
ich hoffe dies - daß wir mit unserer Reise dorthin einen
besseren Überblick über die Situation gewinnen könnten. Im Lauf dieser Reise wird sich unsere Informationslage zu diesem Problem vielleicht bessern.
Frage: Können Sie etwas darüber sagen, wie Hilfe an
den Iran in dieser Situation funktionieren könnte, und
gibt es direkte oder indirekte Gespräche zwischen uns
und dem Iran über Hilfe für die Flüchtlinge, die in den
Iran (unverständlich)?
Antwort: Wir haben über unsere normalen Kanäle
dem Iran verdeutlicht, daß wir daran interessiert sind,
die Bereitstellung humanitärer Hilfe für die irakischen
Flüchtlinge, wohin sie auch gehen, zu unterstützen.
Darüber hinaus wären wir daran interessiert, die
Bemühungen im Iran durch die multilateralen Organisationen zu unterstützen, denen wir angehören und in
deren Rahmen wir bereits eine führende Rolle bei der
Flüchtlingshilfe spielen.
Frage: Daran anknüpfend... Können Sie uns versichern, daß weder Sie noch jemand anders aus Ihrer
Delegation mit iranischen Vertretern zusammentreffen wird oder Pläne für ein solches Treffen während
ihrer Reise hat?
Antwort: Wir haben keine Pläne, dies zu tun, und Sie
kennen ja unsere Politik im Hinblick auf Treffen mit
dem Iran. Wir haben in der Vergangenheit erklärt, daß
ein solcher Dialog, um Früchte zu tragen, die Frage
unserer Geiseln im Libanon und die Frage der staatlichen Förderung des Terrorismus behandeln muß.

AMERIKA DIENST 14

�Frage: Könnten Sie uns ein klareres Bild davon
vermitteln, ob neue Faktoren ins Spiel gekommen
sind, die Sie zu dieser Reise veranlaßt haben ? Sie sind
dieser Frage bei der Pressekonferenz ausgewichen.
Ich bin mir bewußt, daß Sie nicht zuviel sagen wollen,
aber unterrichten Sie uns über den neuesten Stand.
Antwort: Ich habe versucht, diese Frage bei der
Pressekonferenz zu beantworten. Ich war der Auffassung, ich hätte bereits gesagt, daß die Reise nicht
durch das Auftreten neuer Faktoren oder neuer Entwicklungen ausgelöst wurde. Sie knüpft lediglich an
meine erste Reise an. Ich werde nicht sagen, daß es
keine neuen Faktoren oder Entwicklungen gibt. Aber
das ist nicht der Grund für die Reise. Der Grund für die
Reise liegt offen gestanden darin, daß wir nicht wissen,
wie lange dieses Fenster der Möglichkeiten noch besteht.
Wir sind der Meinung, man sollte die Dinge nicht
einfach treiben lassen. Es ist bereits überdrei Wochen
her, seit wir in Israel waren und nahezu vier Wochen,
seit wir Riad besucht haben. Der Präsident war der
Meinung - und das gilt auch für mich -, daß es an der
Zeit sei, die Entwicklung ein wenig voranzutreiben und
zu sehen, ob wir Fortschritte erzielen können.
Frage: Sind Sie angesichts der Ereignisse der letzten
Wochen der Auffassung, daß es ein Fehler dieser
Administration war, die Iraker zur Rebellion gegen
Saddam Hussein zu ermutigen und dann zuzuschauen und nichts zu tun? Darüber findet eine eingehende
moralische Debatte statt. Wie bewerten Sie die Erklärungen der Administration und ob dies ein Fehler war?
Antwort: Ich werde Ihnen dieselbe Antwort geben, die
der Präsident bereits gegeben hat. Wir sind nicht der
Meinung, daß es ein Fehler war, und wir gehen weder
davon aus, daß dies der Absicht der Erklärungen
entsprach, noch, daß es eine Folge der von uns
abgegebenen Erklärungen war. Ich habe Ihnen soeben mitgeteilt, daß wir ständig gesagt haben, der
Sturz Saddam Hussein sei weder ein militärisches
noch ein politisches Ziel. Ich kann Ihnen die Protokolle
dazu heraussuchen. Wir haben insbesondere verdeutlicht, daß unsere militärischen Ziele auf die Befreiung Kuwaits und die Wiederherstellung der rechtmäßigen Regierung Kuwaits begrenzt waren. Wir haben
jedoch erklärt, wir würden ihm keine Träne nachweinen, aber es sei Sache des irakischen Volkes zu
entscheiden, wie seine Führung zusammengesetzt
ist.
Frage: Der Präsident hat zu einem Zeitpunkt Saddam
Hussein davor gewarnt, die Rebellen mit Hubschraubern anzugreifen, dies aber nicht weiterverfolgt. Warum
hat er diese Warnung ausgesprochen, wenn er nicht
bereit war, entsprechend zu handeln?
Antwort: Diese Frage müssen Sie ihm selbst stellen.
Frage: Herr Minister, zum Friedensprozeß im Nahen
Osten, als wir das letzte Mal mit Ihnen auf Reisen
waren, habe Sie gesagt, Sie würden die verschiedeAMERIKA DIENST 14

nen Dinge, die Sie gehört hatten, vergleichen und
danach feststellen, ob es irgendwelche Übereinstimmungen gibt. Dazu möchte ich Ihnen eine weitere
Frage stellen: Hat es in Zusammenhang mit der
letzten Reise irgendeine Übereinstimmung zwischen
den Parteien gegeben? Sie haben uns gegenüber
zwei Ansätze sowie vertrauensbildende Maßnahmen
erwähnt. Können Sie uns in Zusammenhang mit dem
Stand am Ende der letzten Reise wenigstens andeuten, wo wir heute stehen?
Antwort: Das ist ein wichtiger Punkt, und es gibt zu
beiden Seiten dieser Gleichung allgemeines Interesse
am Konzept des zweifachen Ansatzes. Darüber hinaus besteht meiner Meinung nach auch auf beiden
Seiten die generelle Bereitschaft, vertrauensbildende
Maßnahmen in Erwägung zu ziehen. Ich habe bereits
darauf verwiesen, daß - zumindest wenn es nach uns
geht - eine Seite nicht den ersten Schritt vollziehen
muß, und deshalb sollte ein Weg gefunden werden,
um die vertrauensbildenden Maßnahmen dieser Situation anzupassen, wenn sie ergriffen werden. Aber
ich denke, es besteht auf beiden Seiten genügend
Interesse, um eine Fortsetzung dieses Ansatzes zu
rechtfertigen.
Frage: Würden Sie bitte auf die Entwicklungen bei der
Frage der Besiedlung israelischer Gebiete seit Ihrem
letzten Besuch eingehen? Es gab immer wieder
Berichte, daß Versprechen nicht eingehalten wurden,
Wohncontainer am Rande der besetzten Gebiete

aufgestellt wurden und so weiter. Was sagen Sie
dazu?
Antwort: Das werde ich ansprechen, wenn ich nach
Jerusalem reise, und ich möchte das lieber persönlich
mit den israelischen Regierungsvertretern besprechen
als hier vor der Presse.
Frage: Haben Sie bezüglich Israel Pläne, mit Palästinensern zusammenzutreffen, wie Sie es das letzte Mal
taten, und wenn das der Fall wäre, würde es sich dabei
um dieselbe Gruppe handeln wie letztes Mal?
Antwort: Es gibt keine Pläne. Wir haben lediglich
gesagt, daß wir bei einer Bereitschaft der Palästinenser, sich mit uns zu treffen, auch bereit sein würden,
ein solches Treffen durchzuführen. Aber wir haben
keine Pläne, von denen ich wüßte. Vielleicht gibt es
etwas Neues, seit wir heute abgereist sind, das mir
noch nicht bekannt ist.
Frage: Herr Außenminister, ich möchte noch einmal
kurz auf die Frage der Besiedlung zurückkommen.
Haben Sie nach Ihrer jüngsten Israelreise den Eindruck, daß keine sowjetischen Juden in die besetzten
Territorien gehen würden? Wie sieht die Verpflichtung
aus, die Sie bei Ihrer letzten Reise von Schamir
erhalten haben?
Antwort: Die Verpflichtung wird sehr deutlich in dem
Brief von Außenminister Levy beschrieben. Da es sich
Seite 3

�hierbei um einen offenen Brief handelt, können Sie ihn Flüchtlingsströme ermessen und die Situation eineinsehen.
schätzen können.
Frage: Seine Politik lautet: keine sowjetischen Juden.
Antwort Ich möchte hier betonen, daß Ausmaß und
Umfang der uns gegenüber abgegebenen Zusagen an
dem Brief gemessen werden sollten, der das Ergebnis
umfangreicher Verhandlungen ist.
Frage: Was wurde in dem Brief dargelegt und wird es
eingehalten?

Frage: Herr Außenminister, Sie haben erklärt, man
müsse krabbeln lernen, bevor man läuft und laufen
können, bevor man rennt, aber wenn man auf die
zweieinhalb Jahre der Friedenspolitik dieser Regierung im Nahen Osten zurückschaut, sind wir nur
gekrabbelt. Es gibt zwei Möglichkeiten, um den Nahen
Osten historisch zu betrachten. Einmal Schritt für
Schritt und zum anderen, indem man einen genauen
Plan vorlegt, den jeder lesen, einsehen und verstehen
kann. Wie lange werden Sie noch weiterkrabbeln?

Antwort: Darauf gebe ich Ihnen dieselbe Antwort. Wir
werden darüber in Israel sprechen und nicht schon vor
Antwort: Darauf möchte ich antworten, indem ich
unserer Reise mit der Presse.
jemanden zitiere, der sich in der Diplomatie und Politik
Frage: Gibt es bestimmte Dinge, die Sie Präsident des Nahen Ostens sehr gut auskennt. Er hat erklärt,
Özal anbieten können, um einige seiner Probleme zu daß weder die Vereinigten Staaten noch sonst jemand
erleichtern? Könnten Sie zum Beispiel die Zusage dem Nahen Osten Frieden aufzwingen kann, und
geben, einige Kurden in den Vereinigten Staaten auf- niemand kann im Nahen Osten Frieden schaffen,
zunehmen? Unternehmen Sie diplomatische Bestre- wenn die Beteiligten ihn nicht wirklich wollen. Die
bungen, um die europäischen Länder dazu zu bewe- Vereinigten Staaten können dabei höchstens als Katagen, sie aufzunehmen? Was können sie für ihn tun - lysator fungieren. Ich habe vergessen, wer das geschrieben hat.
außer Geld zu geben Hilfsgüter abzuwerfen?
Antwort: Wir tun bereits eine ganze Menge für die
Türkei, aber vor allem leisten wir Wirtschafts- und
Nahrungsmittelhilfe, damit sie mit dem großen Zustrom an Flüchtlingen fertigwerden. Bis jetzt haben wir
meines Wissens keine Gespräche mit irgendwelchen
Regierungen über die Umsiedlung dieser Flüchtlinge
aufgenommen.
Frage: Ist unser Land an der Umsiedlung nicht interessiert?
Antwort: So würde ich das nicht sagen. Meiner
Meinung nach ist dies eine Frage, die wir möglicherweise ansprechen, nachdem wir das Ausmaß der

Frage: Können Sie mir sagen, welche Auswirkungen
die israelischen Berichte über die Besiedlung auf den
Friedensprozeß hatten? Erst kürzlich hat Margaret
(Tutwiler) erklärt, es handele sich um ein Hindernis für
den Frieden und den gegenwärtigen Prozeß. Hatten
Sie dazu irgendwelche Reaktionen aus der arabischen
Welt? Schließlich scheinen Sie immer zu sagen, es
handele sich um ein Hindernis für den Frieden, und sie
bauen immer mehr neue Siedlungen.
Antwort: Sie sprechen hier wiederum einen Bereich
an, den ich lieber zuerst in Israel erörtern möchte,
anstatt auf Presseberichte einzugehen, was möglicherweise dort abläuft.

* * * * *

Seite 4

AMERIKA DIENST 14

�GOLFKRISE
10. April 1991

VEREINIGTE STAATEN BEZEICHNEN GOLFRESOLUTION ALS REALISTISCH UND FAIR
UNO-Botschafter Pickering vor dem Sicherheitsrat
VEREINTE NATIONEN - (AD) - Die jüngste Resolution des UN-Sicherheitsrats ist dem Ständigen Vertreter der
Vereinigten Staaten bei den Vereinten Nationen, BotschafterThomas Pickering, zufolge fair, "weil damit der Weg
aufgezeigt wird, wie der Irak erneut seinen Platz in der internationalen Staatengmeinschaft einnehmen kann".
Er bezeichnete die Resolution darüber hinaus als hart, "weil gewährleistet wird, daß sich die bitteren Erfahrungen der vergangenen acht Monate nicht wiederholen".
Pickering erklärte unmittelbar nach der Abstimmung des Sicherheitsrats über die jüngste Resolution, "wenn das
irakische Volk mit uns zusammenarbeitet, wenn Stabilität in die Golfregion zurückkehrt und sich die militärischen
Spannungen verringern, kann die internationale Staatengemeinschaft beim Wiederaufbau des Irak und Kuwaits
helfen."
Nachfolgend veröffentlichen wir Botschafter Pickerings Rede im Wortlaut.

Der Rat hat gerade über einen der wichtigsten Vorschläge entschieden, die ihm jemals vorgelegt wurden. Diese Resolution ist einzigartig und historisch
einmalig: sie erfüllt die Hoffnung der Menschheit, die
Vereinten Nationen zu einem Instrument von Frieden
und Stabilität zu machen.
Dem Rat liegt ein umfassender Entwurf vor. Er folgt
seiner eigenen inneren Logik und klaren Gedankenführung. Er will das Kernproblem behandeln, das uns
in die Golfkrise geführt hat. Und er zeigt, was getan
werden muß, um uns dort herauszuführen. Die Resolution liefert die Basis für den von allen Beteiligten
angestrebten permanenten Waffenstillstand und für
den Abzug der Koalitionsstreitkräfte von irakischem
Territorium. Sie gesteht dem Generalsekretär und den
Vereinten Nationen besondere Bedeutung zu, um die
Rolle der Vereinten Nationen bei der Schaffung und
Erhaltung des Friedens erheblich zu erweitern. Sie
schafft ferner klare Anreize für die schnelle Durchführung sowie Kompromisse, die eine stufenweise Rückkehr zur Normalität und Beendigung des Kriegszustands am Golf hervorbringen. Sobald der Irak die Bestimmungen der Resolution akzeptiert, tritt ein formeller Waffenstillstand in Kraft. Wenn der Irak die Bedingungen der Resolution erfüllt, werden das System der

AMERIKA DIENST 14

Sanktionen modifiziert, die Rolle des Generalsekretärs bei der Überwachung der Rückkehr zur Normalität
gestärkt, die Koalitionsstreitkräfte abgezogen und der
Mechanismus zur Durchführung der Resolution angewandt.
Die Einbeziehung des Generalsekretärs und der Vereinten Nationen ist für unseren Ansatz unabdingbar.
Unserer Meinung nach ist dies für die Wiederherstellung des Friedens ebenso wichtig wie für den Sieg über
die Aggression. Der Generalsekretär und die Vereinigten Staaten arbeiten an der Festsetzung der irakischkuwaitischen Grenze, der Stationierung von Beobachtern, der Aktivierung eines besonderen Ausschusses
zur Beobachtung der Beseitigung von Massenvernichtungswaffen, der Schaffung einer Schadenersatzregelung, der Rückgabe kuwaitischen Eigentums und
der Kontrolle von Waffengeschäften mit dem Irak.
Für die Vereinigten Staaten ist dies eine Zeit der
Prüfung und auch eine Zeit der Enscheidung. Die
internationale Staatengemeinschaft hat durch die
Vereinten Nationen gehandelt, um Aggression und
Gesetzlosigkeit ein Ende zu bereiten. Sie muß jetzt
ebenso handeln, um Frieden und Sicherheit auf der
Welt wiederherzustellen.

Seite 1

�Die Resolution ist hart, aber fair. Sie ist fair, weil damit
der Weg aufgezeigt wird, wie der Irak erneut seinen
Platz in der internationalen Staatengmeinschaft einnehmen kann. Wir wünschen uns, daß dies verwirklicht und der Irak vor dem Zerfall bewahrt wird. Positive
Schritte und Versuche zur Wiedergutmachung des
angerichteten Schadens werden belohnt. Und diese
Resolution ist genau deshalb hart, damit sich die
bitteren Erfahrungen der vergangenen acht Monate
nicht wiederholen. Die ungewöhnlich lange Präambel
erläutert den Kontext für die Vorgehensweise des
Sicherheitsrats, und wir beginnen jetzt, den Golfkrieg
hinter uns zu lassen.
Die Resolution konzentriert sich auf die Grundlagen
der Wiederherstellung von Frieden und Sicherheit in
der Region. Dabei kommt der Respektierung der
Grenze besondere Bedeutung zu. Der Rat verweist
darauf, daß der Irak und Kuwait 1963 eine Vereinbarung über ihre gemeinsame Grenze unterzeichent
haben. Kuwait hat dieses Abkommen im Einklang mit
Artikel 102 der Charta bei den Vereinten Nationen
registrieren lassen, und es wurde in der Serie der UNVerträge veröffentlicht. Der Irak hat der Registrierung
durch die Vereinten Nationen nie widersprochen.
Dennoch ist der Irak 1990 in Kuwait eingefallen, hat
das Land besetzt und versucht, es zu annektieren.
Durch diesen Rat hat die internationale Staatengemeinschaft die Aktionen des Irak abgewiesen, und
durch diesen Rat hat die Staatengemeinschaft den
Irak aus Kuwait vertrieben.
Unsere Aufgabe steht im Einklang mit unseren Verpflichtungen gemäß Artikel 7 und lautet, den Frieden
so zu verwirklichen, daß der Irak niemals wieder die
Souveränität und Integrität Kuwaits bedroht. Aus
diesem Grund gelten für die Resolution folgende Punkte:
Sie fordert, daß der Irak und Kuwait gegenseitig
ihre 1963 vereinbarten internationalen Grenzen
respektieren.
Sie fordert den Generalsekretär auf, seine Hilfe
zu gewähren, um mit Kuwait und dem Irak Vereinbarungen über die Festlegung der Grenzen
zu treffen,
und sie will die Unverletzlichkeit der Grenze
garantieren.
Die Gegebenheiten sind in der Geschichte der Vereinten Nationen einmalig, und diese Resolution ist genau
auf diese Umstände zugeschnitten. Der UN-Sicherheitsrat ist damit nur tätig geworden, um den Weltfrieden in einem Fall wiederherzustellen, in dem ein Staat
die Grenze eines anderen Landes verletzt und versucht hat, den Staat selbst gewaltsam zu vernichten.
Natürlich werden die Vereinigten Staaten keine neue
Rolle des UN-Sicherheitsrats als Organ anstreben
oder unterstützen, das internationale Grenzen festlegt. Grenzkonflikte sind Probleme, die direkt zwiSeite 2

sehen einzelnen Ländern ausgehandelt oder mit anderen friedlichen Mitteln zur Schlichtung gelöst werden
müssen, wie sie im Kapitel VI der Charta beschrieben
werden.
Als nächstes schafft die Resolution eine entmilitarisierte Zone und fordert die unmittelbare Stationierung
einer Beobachtertruppe. Ihr Ziel ist die Abschreckung
von Bedrohungen für den Frieden durch Präsenz
entlang der irakisch-kuwaitischen Grenze. Die Stationierung von Beobachtern ist eine der notwendigen
Bedingungen, wenn das Ende der Präsenz von Koalitionsstreitkräften keine neuen Gefahren herausfordern soll.
Das nächste Problem betrifft chemische, biologische
und nukleare Massenvernichtungswaffen und deren
Trägerraketen. Wir haben mit äußerster Besorgnis
beobachtet, daß der Irak diese Waffen in der Vergangenheit eingesetzt hat und sind uns der Bedrohung
bewußt, die der Einstz oder die Entwicklung dieser
Waffen mit sich bringen. Die Region kann einfach nicht
sicher werden, wenn der Irak weiterhin über solche
Waffen verfügt. Deshalb hat der Sicherheitsrat mit
dieser Resolution entschieden, daß sie beseitigt werden müssen. Wir fordern den Generalsekretär und
eine Sonderkommission auf, einen Plan für die Zerstörung chemischer und biologischer Waffen sowie ballistischer Raketen zu erarbeiten. Darüber hinaus eröffnet die Resolution neue Wege, indem sie den Irak
auffordert, in Zukunft Versuchen zum Erwerb von
Kernwaffen abzuschwören, und sie will einen Mechanismus schaffen, mit dem die irakische Einhaltung
dieser Bestimmungen international überwacht wird.
Schließlich erläutert der Text, daß dieser Versuch der
internationalen Staatengemeinschaft, das durch den
Irak hervorgerufene Problem zu lösen, in einem größeren regionalen Rahmen stattfindet.
Der Rat ergreift ferner andere wichtige Schritte im
Bereich der Haftung für Schäden und Wiedergutmachung. Die Resolution schafft einen Schlichtungsprozeß, in dem alle, die infolge der illegalen irakischen
Aggression direkte Schäden oder Verletzungen erlitten haben, Schadenersatz fordern und erhalten können. Sie richtet einen Fonds ein, aus dem Schadenersatz für künftige Forderungen bezahlt wird, und sie ruft
eine Kommission ins Leben, die diesen Fonds verwaltet. Der Generalsekretär wird bei der Einleitung dieses
Prozesses eine Schlüsselrolle spielen und dem Rat
Empfehlungen geben. Der Fonds wird vom irakischen
Beitrag - einem bestimmten Prozentsatz der öleinnahmen - unterstützt, und wir schlagen vor, daß der Fonds
im Gegenzug die Kosten für die Verwaltung des Schadenersatzprogramms übernimmt, so daß es wirtschaftlich unabhängig ist. Obwohl kein Fonds umfangreich
genug ist, um all die Forderungen gegen den Irak
abzudecken, sollte dieser Mechanismus der internationalen Staatengemeinschaft zumindest einen Zugriff
auf Finanzen des Irak gestatten, ohne der irakischen

AMERIKA DIENST 14

�&gt;

Wirtschaft eine unerträgliche Belastung aufzuerlegen.
Das ist eindeutig die Absicht des Rats.

Zukunft keine Terroranschläge durchführt und keine
terroristischen Vereinigungen unterstützt.

Dann behandeln wir die Frage der Sanktionen. Die
Resolution schafft einen dynamischen und flexiblen
Prozeß, der die Beseitigung von Sanktionen an die
Durchführung der Resolution knüpft. Hiermit wird ein
Anreiz geschaffen, die Resolution so schnell wie möglich
durchzuführen. Sanktionen für Nahrungsmittel und
zivile Versorgungsgüter werden sofort aufgehoben,
wenn die notwendigen verfahrenstechnischen Maßnahmen getroffen sind. Wenn die Bestimmungen über
den Einsatz von Massenvernichtungswaffen und den
Schadenersatz erfüllt sind, werden auch die Sanktionen gegen Exporte aufgehoben. In der Zwischenzeit
ist der Sanktionsausschu ß befugt, bei den Sanktionen
gegen irakische Exporte gegebenenfalls Ausnahmen
zuzulasen, damit finanzielle Ressourcen zur Unterstützung der Zivilbevölkerung freigesetzt werden.
Darüber hinaus wird der Rat die Sanktionen über
Exporte im Hinblick auf irakische Exporte überprüfen.
Dies wird alle 60 Tage erfolgen, um der irakischen
Politik und der Durchführung dieser und vorhergehender Resolutionen Rechnung zu tragen. Natürlich werden
die entsprechenden Ausschüsse und Länder weiterhin
das System der Sanktionen anwenden, solange Teile
davon gelten.

Wenn der Irak den Bestimmungen der Resolution
zustimmt, tritt ein formeller Waffenstillstand in Kraft,
derden Abzug von Koalitionsstreitkräften aus dem Irak
ermöglicht. Nach der Stationierung von UNO-Beobachtem werden sich die Koalitjonsstreitkräfte so schnell
wie möglich und im Einklang mit den Einsatzbefehlen
und logistischen Erwägungen aus dem Irak zurückziehen. Wenn die mit der Resolution geschaffenen
Prozesse eingeleitet werden, sind wir bereit, eng mit
dem Generalsekretär und anderen interessierten
Parteien zusammenzuarbeiten. Um deren Arbeit zu
erleichtern, wollen wir eine aktive Rolle bei der Arbeit
der Sonderkommission spielen, in der wir und andere
Mitglieder der Ständigen Fünf über besondere Erfahrungen verfügen, die wir anderen zugänglich machen
können.

Geschäfte mit der Entwicklung chemischer, biologischer und nuklearer Waffen und Raketen sind auf
unbegrenzte Zeit verboten. Im besonderen Fall des
Verkaufs konventioneller Waffen an den Irak wird ein
anderer Ansatz verfolgt. Für alle Bereiche von Rüstungsgeschäften werden Richtlinien entwickelt, um
die Durchführung zu fördern. Dieses Verbot konventioneller Waffenlieferungen wird im Hinblick auf die irakische Befolgung dieser Resolution und allgemeine
Fortschritte bei der Rüstungskontrolle in der Region
120 Tage nach seiner Verabschiedung und danach regelmäßig überprüft.

!

Zusätzlich zu diesen wichtigen Innovationen sieht die
Resolution nach wie vor die Rückgabe kuwaitischen
Eigentums vor. Dazu ist der Irak verpflichtet. Sie weist
jegliche Berufung des Irak auf eine Nichteinhaltung
von Verträgen aufgrund der vom Irak hervorgerufenen
Konflikte ab und bestätigt die Verpflichtung des Irak, in
Zusammenarbeit mit dem Roten Kreuz alle kuwaitischen Bürger und Angehörigen von Drittstaaten auf
seine Kosten in ihr Land zurückkehren zu lassen.
Weil der Irak in bisher ungekanntem Umfang Geiseln
genommen und in dem jüngsten Konfikt offen den
Einsatz von Terrorismus angedroht hat, fordert die
Resolution eine Verpflichtung des Irak, daß er in

* *

AMERIKA DIENST 14

Herr Präsident, heute schlagen wir wiederum ein neues
Kapitel in der Arbeit des Rats auf. Diese Resolution,
mit der Frieden und Sicherheit in der Region hervorgebracht wird, ist beispiellos, weil die Gegebenheiten, auf
die sie eingeht, in der Geschichte der Vereinten Nationen ihresgleichen suchen. Nach der Charta der Vereinten Nationen sind auch früher Truppen in den
Kampf gezogen, aber die Vereinten Nationen haben
niemals Maßnahmen zur Wiederherstellung des Friedens ergriffen wie in dieser historisch einmaligen
Resolution. Diese Resolution beantwortet nicht alle
Fragen, aber sie weist den Weg. Die aktive Beteiligung
des Irak ist für diesen Ansatz unabdingbar. Wir hegen
die Hoffnung, daß das irakische Volk entschlossen ist,
die von seinen Führern herbeigeführte Katastrophe zu
bewältigen und gemeinsam mit der internationalen
Staatengemeinschaft die Basis für einen dauerhaften
Frieden und Sicherheit zu schaffen. Das bedeutet eine
Abkehr von der Politik der Vergangenheit und eine
echte Hinwendung zu den Prinzipien der UN-Charta,
der Saddam Hussein bisher eher durch Gewalt als
durch Engagement Anerkennung gezollt hat.
Wenn das irakische Volk mit uns zusammenarbeitet,
wenn Stabilität in die Golfregion zurückkehrt und sich
die militärischen Spannungen verringern, kann die
internationale Staatengemeinschaft beim Wiederaufbau des Irak und Kuwaits helfen. Wenn der Prozeß,
den wir heute einleiten, fortschreitet, wird meine Regierung alle Möglichkeiten ergreifen, um Fortschritte
bei der Lösung anderer Probleme, etwa dem arabischisralischen Konflikt freizusetzen. Uns bieten sich jetzt
am Golf und im Nahen Osten Chancen, die meine
Regierung auf keinen Fall verschenken wird. Herr
Präsident, ich danke Ihnen.

* *

*

Seite 3

�GOLFKRISE
10. April 1991

DIE GOLFKRISE
Chronologie der Ereignisse vom 15. bis 31. März 1991
WASHINGTON -(AD) - Nachfolgend führen wir die Chronologie der Ereignisse am Golf für den Zeitraum vom
15. bis 31. März 1991 fort.

15. März
Der Befehlshaber der alliierten Streitkräfte, General
Norman Schwarzkopf, entsendet Boten, um das irakische Militärkommando zu warnen, daß anhaltende
Flüge irakischer Flugzeuge die vorläufige Vereinbarung über einen Waffenstillstand zwischen den Alliierten und dem Irak unterlaufen könnten. Gleichzeitig
verfügen die Befehlshaber verstärkte Luftpatrouillen
über irakischem Territorium.
Auf Wunsch des kuwaitischen ständigen Vertreters bei
den Vereinten Nationen, Mohammed A. Abulhassan,
entsendet UN-Generalsekretär Javier Perez de Cuellar eine 29 Mitglieder umfassende Wiederaufbaudelegation nach Kuwait. Zu dem UN-Team unter Leitung
des früheren Stellvertretenden UN-Generalsekretärs
Abdulrahim A. Farah gehören Ingenieure, Umweltschützer und Menschenrechtsexperten unterschiedlicher UN-Behörden, "die Erfordernisse zum Wiederaufbau des Landes feststellen", erklärt de Cuellar.
Bei einer Sitzung in Straßburg verabschiedet das
Europäische Parlament eine Resolution, in der die
Befreiung Kuwaits und das Ende der Feindseligkeiten
am Golf begrü ßt sowie der Besorgnis über die bürgerkriegsähnliche Atmosphäre im Irak Ausdruck verliehen wird. Die Resolution appelliert an die Vereinten
Nationen, "der ihrer Rolle bei der Schaffung von Frieden voll und ganz gerecht zu werden."
Die Resolution fordert femer einen umfassenden Bericht
über die Einhaltung der Handels- und Wirtschaftssanktionen gegen den Irak durch europäische Firmen
sowie koordinierte Maßnahmen zur Überwachung von
Rüstungsverkäufen und -exporten und militärischem
Gerät in die Region.
AMERIKA DIENST 14

Die norwegische Regierung hebt offiziell die Sanktionen gegen Kuwait auf, die unmittelbar nach der irakischen Invasion Kuwaits verhängt worden waren. Die
Sanktionen der Regierung gegen den Irak bleiben in
Kraft.
16. März
Präsident Bush und der britische Premierminister Major
erklären in Bermuda, ein dauerhafter Waffenstillstand
am Golf müsse die überwachte Zerstörung der chemischen und biologischen Waffen des Irak sowie die
Verwendung der irakischen Öleinnahmen zur Zahlung
von Reparationen an Kuwait beinhalten. Bush bestätigt, daß der Kommandeur der amerikanischen Streitkräfte am Golf, General Norman H. Schwarzkopf, den
Irak gewarnt habe, keine Flüge mit Starrflüglern zu
unternehmen.
17. März
Das amerikanische Militärkommando in Riad gibt eine
Erklärung als Bestätigung heraus, daß bei einem Treffen
zwischen dem Irak und Offizieren der Koalitionsstreitmacht in Safwan am selben Tag der Leiter der alliierten
Delegation, Generalmajor Robert B. Johnston, den
Antrag des regierenden irakischen Revolutionsrats
offiziell abgelehnt hat, Flüge irakischer Kriegsflugzeuge im Land zu gestatten. Die Kommandeure warnen
den Irak femer, daß die Kampfflugzeuge der Koalitionsstreitmacht alle in der Luft befindlichen irakischen
Kriegsflugzeuge abschießen werden.
Außenminister Baker erklärt in Washington, daß die
Vereinigten Staaten auch den irakischen Antrag abgelehnt haben, Kriegsflugzeuge zur Niederschlagung
einer Rebellion im Irak einzusetzen und den Irak

Seite 1

�warnen, steh von den Luftoperationen der Verbündeten im irakischen Luftraum fernzuhatten.
Die Europäische Gemeinschaft gibt bekannt, daß sie
für die zivilen Opfer des Golfkriegs insbesondere im
Irak6,5 Millionen Dollar bereitstellt. Seitdem Ende des
Golf kriegs hat die EG 650.000 Dollar zum Aufbau einer
Wasseraufbereitungsanlage in Bagdad, 4,3 Millionen
Dollar für Wasseraufbereitungsprojekte in anderen
Gegenden des Irak sowie für Arznei- und Nahrungsmittel für Kinder gespendet.
Der iranische Außenminister legt über den irakischen
Geschäftsträger in Teheran gegenüber der irakischen
Regierung Protest gegen die Zerstörung heiliger Stätten im Irak durch irakische Streitkräfte ein.
19. März
Das amerikanische Repräsentantenhaus verabschiedet in mündlicher Abstimmung eine Resolution mit
dem Inhalt, daß "Saddam Hussein und der Irak rechtlich, moralisch und finanziell für alle durch die Einleitung von ö l in den Persischen Golf entstandenen
Kosten zur Rechenschaft gezogen wird".
Koalitionsstreitkräfte aus Kanada, Kuwait, Frankreich,
Saudi-Arabien, Großbritannien und den Vereinigten
Staaten haben Berichten zufolge seit Anfang März
600.000 irakische Sprengsätze auf kuwaitischem Boden
geräumt. Der Kommandeur der französischen Streitkräfte, Oberst Marc Le Mans, erklärt, diese Sprengsätze verusachten "große Probleme auf dem gesamten
kuwaitischen Kriegsschauplatz".
19. März
Der Stellvertretende Verteidigungsminister Pete Williams erklärt, das amerikanische Verteidigungsministerium werde auf dem Luftweg humanitäre Hilfsgüter
im Wert von 400.000 Dollar zur Verteilung durch das
kuwaitische Rote Kreuz nach Kuwait schicken. Die
Ladung der C-5-Flugzeuge ist über 130.000 Pfund
schwer und enthält medizinische Versorgungsgüter,
Babynahrung, Zelte, Feldbetten, Kochgeschirr, Herde, Kerzen, Seife, Wasserbehälter und Pumpen.
Ein Sprecher des Internationalen Komitees vom Roten
Kreuz (IKRK) erklärt in Genf, die erste Phase des
Gefangenenaustauschs zwischen dem Irak und den
Verbündeten sei abgeschlossen. Dem IKRK zufolge
haben die Verbündeten 1.500 irakische Kriegsgefangene in ihre Heimat zurückgeschickt und halten noch
60.000 Iraker fest, während der Irak ungefähr 1.200
Kuwaiter freigelassen hat. Das IKRK hat 4.500 von
den irakischen Streitkräften während der Besetzung
Kuwaits festgenommene Kuwaiter registriert, so der
Sprecher.
22. März
Der 15 Mitglieder umfassende Sanktionsausschuß
des UN-Sicherheitsrats lockert die Restriktionen für
Seite 2

humanitäre Nahrungsmittellieferungen an irakische
Zivilisten. Diese Aktion erstreckt steh nicht auf die
weitreichenden zwingenden Sanktionen gegen den
Irak nach der Invasion und Besetzung Kuwaits im
vergangenen August, erklärt der amerikanische Botschafter Thomas Pickering. "Es bedeutet, daß bestimmte entscheidende Güter gemäß der vom Sanktionsausschuß verfügten Verfahren geliefert werden."
Pickering zufolge wird der Ausschuß genau beobachten, was in den Irak geliefert und wie es verteilt wird.
23. März
Der irakische Präsident Saddam Hussein veröffentlicht ein Dekret, in dem die Zusammensetzung des
neuen irakischen Kabinetts unter Leitung von Premierminister Dr. Sadun Hammadi bekanntgegeben wird.
Außenminister Tarik Asis wird zum Stellvertretenden
Premierminister ernannt.

f

25. März
Das Büro zur Kontrolle ausländischer Vermögenswerte des US-Finanzministeriums hebt auf Bitte der kuwaitischen Regierung die wirksame Kontrolle eines
Großteils der in den Vereinigten Staaten eingefrorenen kuwaitischen Vermögenswerte wieder auf. Als auf
Ersuchen der kuwaitischen Regierung ergriffene Schutzmaßnahme wurden die Vermögenswerte mit einer
Durchführungsbestimmung des Präsidenten nach der
irakischen Invasion Kuwaits am 2. August 1990 eingefroren.
Der irakische UNO-Botschafter Abdul Amir Al-Anbari
setzt Generalsekretär Perez de Cuellar davon in
Kenntnis, daß der Irak- wie in UNO-Resolution 686 als
Voraussetzung für einen dauerhaften Waffenstillstand
gefordert - zur Rückgabe des während der siebenmonatigen Besetzung Kuwaits beschlagnahmten Eigentums bereit ist.
In von den Vereinten Nationen veröffentlichten Dokumenten führt der Irak Banknoten, Geldstücke und
andere den Kuwaitem entwendete Münzen auf, einschließlich 3.216 Standard-Goldbarren und über 171

i

Millionen Kuwait gehörende kuwaitische Dinar-Banknoten.
,i

Darüber hinaus legt der Irak eine Kopie der vom
Revolutionsrat am 5. März verabschiedeten Resolution vor, die alle nach dem 2. August getroffenen
Entscheidungen des Irak bezüglich Kuwait für null und
nichtig erklärt.
26. März
Indien hebt das Handelsembargo gegen Kuwait auf,
setzt das Handelsembargo gegen den Irak jedoch im
Einklang mit den UNO-Resolutionen fort.
27. März
Die fünf Ständigen Mitglieder des UN-Sicherheitsrats
AMERIKA DIENST 14

�}

einigen sich auf eine Resolution zu einem dauerhaften
Waffenstillstand im Golfkrieg und nehmen Konsultationen mit den anderen Mitgliedern des Sicherheitsrats
auf. Dies ist die 14. Resolution des UN-Sicherheitsrats
im Zusammenhang mit der Golfkrise.
28. März
Der Stellvertretende UNO-Generalsekretär Martti
Ahtisaari drängt in einem Bericht des UN-Teams über
die humanitären Bedürfnisse Kuwaits "mit höchster
Dringlichkeit" auf internationale Hilfe. Eines der vordringlichsten Bedürfnise Kuwaits ist Unterstützung bei
der Räumung der Unmenge von Bomben, Raketen,
Granaten, Minen und anderen vom irakischen Heer

* *

AMERIKA DIENST 14

hinterlassenen nichtexplodierten Sprengsätzen, so
Ahtisaari. Weitere Bereiche von höchster Dringlichkeit
sind ihm zufolge die Überwachung der Wasseraufbereitung, ein kurzfristiger Plan zur medizinischen Notversorgung, Notfallhilfe für Kinder sowie Umweltschutzmaßnahmen.
30. März
Der Generalsekretär des Golf-Kooperationsrates,
Abdullah Bishara, gibt bekannt, daß die Mitglieder des
GCC die finanzielle Hilfe an Jordanien und die PLO
aufgrund ihrer Unterstützung des Irak in der Golfkrise
ausgesetzt haben. "Kein Vergeben, kein Vergessen",
so Bishara.

* *

*

Seite 3

�</text>
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                <text>&lt;strong&gt;1. Naher Osten&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;USA nicht gleichgültig gegenüber Greueltaten im Irak&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Pressekonferenz des Außenministers&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Golfkrise&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Vereinigte Staaten bezeichnen Golf-Resolution als realistisch und fair &lt;br /&gt;&lt;em&gt;UNO-Botschafter Pickering vor dem Sicherheitsrat&lt;/em&gt; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Die Golfkrise&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Chronologie der Ereignisse&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;vom 15. bis 31. März 1991&lt;/em&gt;</text>
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United
53

States

Bonn-Bad

Tel:

Information

G o d e s b e r g l ,

19-3240

Service

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Telex:

300

Information
und
Dokumentation

08-85432

Nummer

19

10. Mai 1972

Inhalt

INFORMATION

Nixon kündigt neue Maßnahmen in Südostasien an
- Rundfunk- und Fernsehansprache des Präsidenten vom 8. Mai USA informieren Weltsicherheitsrat über neue Maßnahmen
- Wortlaut des Schreibens von Botschafter Bush HINTERGRUNDMATERIAL
Die militärische Macht der USA im Dienste des Friedens
I. Die US-Marine rüstet sich für Zukunftsaufgaben
Von Hubert G. Collins
Die wahre Mehrheit: 1972
- Von Richard M. Scammon I. Der amerikanische Wähler - sein statistisches Profil
II. Der amerikanische Wähler und die Parteien
WIRTSCHAFT
USA begrüßen ausländische Investitionen
- Informations-Seminar in Düsseldorf Die Entwicklungsländer und die internationale Währungsreform
Von Eugene Brake
WISSENSCHAFT UND TECHNIK
Modell für ein gemeinsames Docksystem
Pläne für amerikanisch-sowjetisches Raumfahrtunternehmen
nehmen Gestalt an
Text in Braille-Schrift vom Computer

B E I L A G E

"NUR DIESE EINE ERDE"
UN-Konferenz über die menschliche Umwelt
Stockholm, Juni 1972

Um Übersendung von Belegexemplaren wird gebeten.

�amerika dienst
United
53

States

Bonn-Bcd

Tel:

Information

G o d e s b e r g l ,

19-3240

Service

Postfach

Telex:

Information

300

08-85432

19/1972

NIXON KÜNDIGT NEUE MASSNAHMEN IN SÜDOSTASIEN AN

-Rundfunk-und Fernsehansprache des Präsidenten vom 8.Mai-

WASHINGTON --(AD)—

Präsident Nixon hat nach einer längeren Sitzung des Na-

tionalen Sicherheitsrates in einer Rundfunk-und Fernsehansprache am Abend
des 8. Mai (Ortszeit) neue Maßnahmen angekündigt, um den Krieg in Südostasien
zu beenden.
„

Die Ansprache des amerikanischen Präsidenten hat folgenden Wortlaut:
"Vor fünf Wochen - am Osterwochenende - begannen die kommunistischen
Armeen Nordvietnams eine massive Invasion Südvietnams - eine Invasion , die
möglich wurde durch Panzer, Geschütze und andere moderne Offensivwaffen, die
Hanoi von der Sowjetunion und anderen kommunistischen Staaten geliefert
wurden.
Die Südvietnamesen haben tapfer gekämpft, um diesen brutalen Angriff
abzuwehren. Die Verluste waren auf beiden Seiten sehr hoch. Was am tragischsten ist, in den Städten, die die Nordvietnamesen in mutwilliger Mißachtung
menschlichen Lebens beschossen haben, sind unter der Zivilbevölkerung über
20 000 Menschen, darunter Frauen und Kinder, als Verluste zu beklagen.
Wie ich in meinem Bericht an die Nation vor zwölf Tagen bekanntgegeben
habe, ist die Rolle der Vereinigten Staaten beim Widerstand gegen die
Aggression auf Luft-und Seeangriffe auf militärische Ziele in Nord-und Südvietnam beschränkt gewesen.
Wie

-l-

�Wie ich in diesem Bericht weiter ausgeführt habe, haben wir auf die massive
militärische Offensive Nordvietnams mit weitreichenden neuen Friedensbemühungen
reagiert, die darauf abzielten, den Krieg durch Verhandlungen zu beenden.
Am 20, April entsandte ich Dr, Kissinger zu viertägigen Besprechungen mit
Generalsekretär Breschnew und anderen sowjetischen Führern nach Moskau. Ich
wies ihn an, unseren Wunsch nach einer raschen Lösung des Krieges und unsere
Bereitschaft zu unterstreichen, alle nur möglichen Wege zu prüfen. Zu jenem
Zeitpunkt zeigten die sowjetischen Führer ein Interesse daran, den Krieg auf
einer für beide Seiten gerechten Basis zu Ende zu bringen. Sie drängten auf
Wiederaufnahme der Verhandlungen in Paris, und sie ließen erkennen, daß sie
ihren konstruktiven Einfluß geltend machen würden.
Ich bevollmächtigte Dr. Kissinger, mit dem nordvietnamesischen Verhandlungschef Le Duc Tho am Dienstag, den 2 Mai, zu einem Geheimgespräch in Paris
zusammenzutreffen. W:e Sie wissen, nahm Botschafter Porter am 27. April und
dann am 4. Mai die öffentlichen Friedensverhandlungen wieder auf. Alles, was
wir auf diesen Konferenzen, sowohl den öffentlichen wie den vertraulichen, vom
Gegner hörten, war eine bombastische Rhetorik und die Wiederholung seiner Forderung nach Kapitulation.
So hatte ich beispielsweise Dr, Kissinger für das Geheimgespräch am 2.Mai
ermächtigt, über jeden nur denkbaren Weg zum Frieden zu sprechen.
Die Nordvietnamesen weigerten sich glattweg, auch nur irgendeine dieser
Möglichkeiten zu erörtern, Sie weigerten sich auch, ihrerseits eine neue Möglichkeit anzubieten. Stattdessen verlasen sie lediglich wörtlich ihre früheren
öffentlichen Forderungen.
liier das, was bei den mehr als dreijährigen öffentlichen und vertraulichen
Verhandlungen mit Hanoi herausgekommen ist:
Die Vereinigten Staaten haben bei voller Zustimmung unserer südvietnamesischen Verbündeten ein Maximum dessen angeboten, was irgendein Präsident

-2-

�Präsident der Vereinigten Staaten anbieten konnte. Wir haben eine Deeskalation
der Kämpfe angeboten. Wir haben eine Waffenruhe mit einem Termin für den Abzug
aller amerikanischen Streitkräfte angeboten. Wir haben neue Wahlen angeboten,
die unter Beteiligung der Kommunisten sowohl im Überwachungsgremium als auch
bei den Wahlen selbst international überwacht werden sollen. Präsident Thieu hat
angeboten, einen Monat vor den Wahlen zurückzutreten. Wir haben einen Gefangenenaustausch angeboten und zwar in einem Verhältnis von zehn nordvietnamesischen
Gefangenen für einen amerikanischen Gefangenen, den sie freilassen.
Nordvietnam hat auf alle diese Angebote in unverschämter und beleidigender
Weise reagiert. Die Nordvietnamesen haben sich glattweg und mit Arroganz geweigert, über die Beendigung des Krieges und die Herbeiführung des Friedens zu verhandeln.
Ihre Antwort auf jedes von uns unterbreitete Friedensangebot war eine Eskalation des Krieges. Allein in den zwei Wochen, seit ich die Wiederaufnahme
der Verhandlungen anbot, hat Hanoi drei neue militärische Offensiven in Südvietnam begonnen.
In diesen zwei Wochen hat sich die Gefahr, daß den 17 Millionen Menschen
in Südvietnam eine kommunistische Regierung aufgezwungen werden könne, vermehrt.
Und die kommunistische Offensive hat nunmehr den Punkt erreicht, daß sie das
Leben von 60 000 amerikanischen Soldaten, die sich noch in Vietnam befinden,
ernsthaft gefährdet.
Für uns gibt es in diesem Krieg jetzt nur noch zwei Fragen.
Erstens: Sehen wir angesichts einer massiven Invasion tatenlos zu, gefährden das Leben von 60 000 Amerikanern und überlassen die Südvietnamesen
einer langen Nacht des Terrors?
Das wird nicht geschehen. Wir werden tun, was immer notwendig ist, um das
Leben der amerikanischen Soldaten und die amerikanische Ehre zu schützen.
Zweitens

�Zweitens: Schließen wir angesichts der völligen Unnachgiebigkeit am Konferenztisch uns unserem Gegner an, um in Südvietnam eine kommunistische Regierung einzusetzen?
Auch das wird nicht geschehen. Wir werden die Grenze zwischen Großzügigkeit und Verrat nicht überschreiten.
Wir haben nunmehr eine klare, harte Wahl zwischen drei Kursen des Handelns:
Sofortiger Abzug aller amerikanischen Streitkräfte; die Fortsetzung der Verhandlungsversuche oder entscheidende militärische Maßnahmen zur Beendigung des
Krieges.
Ich weiß, daß viele Amerikaner für den ersten Kurs des Handelns sind
- den sofortigen Abzug, Sie glauben, der Weg zur Beendigung des Krieges sei der
Abzug der Vereinigten Staaten und die Bedrohung unserer verbliebenen Streitkräfte werde beseitigt, indem wir diese einfach abziehen.
Vom politischen Standpunkt aus könnte ich diese Wahl sehr leicht akzeptieren. Schließlich habe nicht ich über eine halbe Million Amerikaner nach
Vietnam geschickt. Seit ich mein Amt übernahm, habe ich vielmehr 500 000 Mann
aus Vietnam heimgeholt.
Unsere Verpflichtung in Vietnam jedoch hier und heute aufzugeben, würde
bedeuten, 17.Millionen Südvietnamesen der kommunistischen Tyrannei und dem kommunistischen Terror auszuliefern. Es würde bedeuten, Hunderte amerikanischer
Kriegsgefangener in kommunistischen Händen zu lassen, ohne daß wir einen Hebel
für Verhandlungen über ihre Freilassung hätten.
Eine amerikanische Niederlage in Vietnam würde überall in der Welt zu solchen Aggressionen ermutigen - Aggressionen, bei denen kleinere, von ihren
großen Verbündeten bewaffnete Nationen versucht sein könnten, willkürlich benachbarte Nationen anzugreifen - im Nahen Osten, in Europa und in anderen Gebieten wäre der Weltfrieden in ernster Gefahr.
Der
-4-

�Der zweite Kurs des Handelns ist die Fortsetzung des Versuches, eine Regelung auf dem Verhandlungswege herbeizuführen» Das ist der Kurs, den wir von
Anfang an vorgezogen haben, und wir werden ihn weiterverfolgen. Wir wollen
verhandeln, Aber wir haben jedes nur vernünftige Angebot gemacht und haben
jeden nur möglichen Weg versucht, um diesen Krieg am Konferenztisch zu beenden«
Das Problem ist, wie Sie alle wissen, daß man zwei braucht, um zu verhandeln,
und die Nordvietnamesen weigern sich heute - wie während der ganzen letzten
vier Jahre - arrogant, über irgendetwas anderes als über eine Auferlegung,
ein Ultimatum zu verhandeln, daß die Vereinigten Staaten 17 Millionen Menschen
in Südvietnam, die keine kommunistische Regierung wollen, ein kommunistisches
Regime auferlegen.
Hieraus wird also klar, daß das, was eine Wahl zwischen drei Kursen des
Handelns zu sein scheint, für die Vereinigten Staaten in Wirklichkeit überhaupt
keine Wahl ist. Das Töten in diesem tragischen Krieg muß aufhören. Wenn wir
einfach abzögen, würde das das Blutvergießen nur noch verschlimmern. Wenn wir
uns einzig und allein auf Verhandlungen verließen, würden wir einem unnachgiegiben Gegner die Zeit einräumen, die er braucht, um seine Aggression auf dem
Schlachtfeld voranzutreiben.
Es gibt nur einen Weg, um das Töten zu beenden, und das ist, dafür zu sorgen, daß die international Geächteten in Nordvietnam keine Kriegswaffen in die
Hand bekommen.
Während des gesamten Krieges in Vietnam haben die Vereinigten Staaten ein
Maß an Zurückhaltung geübt, das in den Annalen des Krieges einmalig ist
Das war unsere Pflicht als eine große Nation - eine Nation, die - und da~
rauf können wir als Amerikaner stolz sein - daran interessiert ist, daß Amerika
immer den Frieden und nicht die Eroberung anstrebt. Wenn jedoch der Gegner jede
Zurückhaltung aufgibt, seine gesamten Streitkräfte in den Kampf auf dem Gebiet
seines Nachbarn wirft und sich weigert zu verhandeln, dann stehen wir einfach
vor einer neuen Situation.
Unter
-5"

�Unter diesen Umständen, wo 60 000 Amerikaner bedroht sind, würde jeder
Präsident, der nicht entschlossen handelte, das Vertrauen seines Landes und die
Sache des Weltfriedens verraten.
Ich habe daher entschieden, daß Hanoi die Waffen und Nachschubgüter verwehrt
werden müssen, die es ,.ur Fortsetzung der Aggression benötigt. In voller Koordinierung mit der Republik Vietnam habe ich die folgenden Maßnahmen angeordnet,die
durchgeführt werden, während ich zu Ihnen spreche*

L.

Alle Einfahrten nordvietnameäscher Häfen werden vermint werden, um

den Zugang zu diesen Häfen und nordvietnamesische Flottenoperationen von diesen
Häfen aus zu unterbinden.
2

Die amerikanischen Streitkräfte sind angewiesen worden, innerhalb der

Binnengewässer und der beanspruchten Hoheitsgewässer Nordvietnams angemessene
Maßnahmen zu ergreifen, um die Lieferung jeglichen Nachschubs zu unterbinden
3.

Die Schienen-und anderen Verbindungswege werden im höchstmöglichen

Maße abgeschnitten.
4.

Die Luft-und Seeangriffe gegen militärische Ziele in Nordvietnam

werden fortgesetzt.
Diese Maßnahmen richten sich gegen keine andere Nation. Länder, die gegenwärtig Schiffe in nordvietnamesischen Häfen liegen haben, sind bereits unterrichtet worden, daß ihre Schiffe drei Tageslichtoerioden haben werden, um den
Hafen sicher verlassen zu können

Nach diesem Zeitpunkt werden die Minen

scharf, und jedes Schiff, das versucht, diese Häfen zu verlassen oder anzulaufen, tut das auf eigenes Risiko.
Diese von mir befohlenen Maßnahmen werden aufhören, wenn folgende Bedingungen erfüllt sind:
1.

AI e amerikanischen Kriegsgefangenen müssen wieder ausgeliefert

werden.
-6^

�2.

In ganz Indochina muß eine international überwachte Waffenruhe

herrschen.
Wenn die Kriegsgefangenen freigelassen worden sind und die international
überwachte Waffenruhe begonnen hat, werden wir jegliche Gewaltanwendung in
ganz Indochina einstellen.
Zu jenem Zeitpunkt werden wir den völligen Abzug aller amerikanischen
Streitkräfte aus Vietnam innerhalb von vier Monaten einleiten.
Diese Bedingungen sind großzügige Bedingungen. Es sind Bedingungen, die
keine Kapitulation und keine Demütigung von irgendjemand fordern. Sie würden
es den Vereinigten Staaten gestatten, ehrenhaft abzuziehen. Sie würden das
Töten beenden; sie würden unsere Kriegsgefangenen heimbringen; sie würden Verhandlungen über eine politische Lösung zwischen den Vietnamesen selbst gestatten; sie würden es allen Nationen, die in diesem langen Krieg so gelitten haben
- Kambodscha, Laos, Nordvietnam, Südvietnam - erlauben, sich endlich den dringenden Aufgaben des Aufbaus und des Friedens zuzuwenden. Sie verdienen es, daß
Nordvietnam ihnen unverzüglich zustimmt.
Es scheint mir angebracht, daß ich meine Ausführungen heute abend mit einider
gen Feststellungen abschließe, die an jede einzelne/von der fortdauernden Tragödie des Vietnamkrieges betroffenen Parteien gerichtet sind.
Erstens an die Führer in Hanoi: Ihr Volk hat bereits zu viel unter Ihrem
Eroberungsstreben gelitten. Bringen Sie seinem Leid doch etwas anderes entgegen
als anhaltende Arroganz! Wählen Sie stattdessen den Weg eines Friedens, der
Ihre Opfer wiedergutmacht, die wahre Unabhängigkeit für Ihr Land garantiert
und eine Ära der Versöhnung einleitet.
An das südvietnamesische Volk: Sie werden auch weiterhin in Ihrem Widerstand gegen die Aggression unsere feste Unterstützung haben. Es ist Ihr Geist,
der über den Ausgang des Kampfes entscheiden wird. Es

ist Ihr Wille, der die

Zukunft Ihres Landes gestalten wird.
An
-7-

�An andere Nationen, vor allem an jene, die mit Nordvietnam verbündet sind:
Pie Maßnahmen die ich heute abend bekanntgegeben habe, sind nicht gegen Sie gerichtet. Thr einziger Zweck ist es, das Leben von 60 000 Amerikanern zu schützen,
die für den Fall, daß die kommunistische Offensive weiterrollt, ernsthaft gefährdet wären, und

zu verhindern, daß 17 Millionen Menschen durch eine bruta-

le Aggression eine kommunistische Regierung auferlegt wird.
Insbesondere richte ich meine Feststellungen heute abend an die Sowjetunion. Wir respektieren die Sowjetunion als eine Großmacht. Wir erkennen das
Recht der Sowjetunion an, ihre Interessen zu verteidigen, wenn sie bedroht sind.
Die Sowjetunion ihrerseits muß unser Recht anerkennen, unsere Interessen zu verteidigen.
In Vietnam sind keine sowjetischen Soldaten bedroht. Aber 60 000 Amerikaner
sind bedroht. Wir erwarten von Ihnen nichts anderes, als daß Sie Ihren Verbündeten helfen

Und Sie können von uns nichts anderes erwarten, als daß wir weiter-

hin unseren Verbündeten helfen. Aber lassen Sie uns - und alle Großmächte sollten das tun - unseren Verbündeten nur zum Zwecke der Verteidigung helfen, und
nicht, um Invasionen gegen ihre Nachbarn durchzuführen, sonst wird die Sache
des Friedens, die Sache, an der wir beide ein so großes Interesse haben, ernsthaft gefährdet sein.
Unsere beiden Länder haben in den Verhandlungen der jüngsten Monate bedeutsame Fortschritte erzielt

Wir stehen vor wichtigen Abkommen über die Begrenzung

der nuklearen Rüstungen, über den Handel und über eine Reihe anderer Fragen.
Wir dürfen nicht in den dun1 Len Schatten eines früheren Zeitalters zurückgleiten. Wir verlangen nicht von Ihnen, daß Sie Ihre Prinzipien oder Ihre Freunde
opfern. Aber Sie sollten es auch nicht zulassen, daß durch die Unnachgiebigkeit
Han is die Aussichten, die wir gemeinsam und geduldig vorbereitet haben, ausgelöscht werden

Wir - die Vereinigten Staaten und die Sowjetunion - stehen an

der Schwelle eines neuen Verhältnisses, das nicht nur den Interessen unserer
beiden Länder, sondern auch der

ache des Weltfriedens dienen kann. Wir sind be-

reit, den Aufbau dieses Verhältnisses fortzusetzen
liegt die Verantwortung bei Ihnen.

Wenn dies nicht gelingt,
.. ,

-8-

�Und schließlich möchte ich dem amerikanischen Volke sagen:
Ich bitte Sie um die gleiche nachhaltige Unterstützung, die Sie in schweren
Stunden Ihren Präsidenten immer gegeben haben. Mehr als auf irgend jemand wird
die Welt auf Sie blicken.
Ich weiß, wie &lt;,ehr Sie das Ende dieses Krieges wünschen. Ich weiß, wie sehr
Sie die Heimkehr unserer Soldaten wünschen. Ich glaube, daß Sie aus all dem,
was ich in den letzten dreieinhalb Jahren gesagt und getan habe, erkannt haben,
wie sehr auch ich das Ende des Krieges und die Heimkehr unserer Soldaten
wünsche.
Sie wollen Frieden, Ich will Frieden, Aber Sie wollen auch Ehre und keine
Niederlage. Sie wollen einen echten Frieden, nicht einen Frieden, der lediglich
ein Vorspiel zu einem neuen Krieg ist.
Wir müssen in diesem Augenblick in Zielsetzung und Entschlossenheit zusammenstehen. Wie so oft in der Vergangenheit waren es nicht wir Amerikaner, die die
Ausflucht in einen Krieg suchten. Er ist uns durch einen Gegner aufgezwungen
worden, der jeder Friedensouvertüre unsererseits nichts als Verachtung entgegengebracht hat
Darum, meine amerikanischen Mitbürger, bitte ich Sie heute abend um Ihre
Unterstützung für diese Entscheidung

- eine Entscheidung, die nur einen Zweck

hat: den Krieg nicht zu verlängern, den Krieg nicht zu eskalieren, sondern diesen Krieg zu beenden und einen Frieden zu gewinnen, der dauerhaft ist. Mit
Gottes Hilfe, mit seiner Unterstützung werden wir dieses große Ziel erreichen".

H I HI

-9-

�Der zweite Kurs des Handelns ist die Fortsetzung des Versuches, eine Regelung auf dem Verhandlungswege herbeizuführen. Das ist der Kurs, den wir von
Anfang an vorgezogen haben, und wir werden ihn weiterverfolgen. Wir wollen
verhandeln. Aber wir haben jedes nur vernünftige Angebot gemacht und haben
jeden nur möglichen Weg versucht, um diesen Krieg am Konferenztisch zu beenden.
Das Problem ist, wie Sie alle wissen, daß man zwei braucht, um zu verhandeln,
und die Nordvietnamesen weigern sich heute - wie während der ganzen letzten
vier Jahre - arrogant, über irgendetwas anderes als über eine Auferlegung,
ein Ultimatum zu verhandeln, daß die Vereinigten Staaten 17 Millionen Menschen
in Südvietnam, die keine kommunistische Regierung wollen, ein kommunistisches
Regime auferlegen.
Hieraus wird also klar, daß das, was eine Wahl zwischen drei Kursen des
Handelns zu sein scheint, für die Vereinigten Staaten in Wirklichkeit überhaupt
keine Wahl ist. Das Töten in diesem tragischen Krieg muß aufhören. Wenn wir
einfach abzögen, würde das das Blutvergießen nur noch verschlimmern. Wenn wir
uns einzig und allein auf Verhandlungen verließen, würden wir einem unnachgiegiben Gegner die Zeit einräumen, die er braucht, um seine Aggression auf dem
Schlachtfeld voranzutreiben.
Es gibt nur einen Weg, um das Töten zu beenden, und das ist, dafür zu sorgen, daß die international Geächteten in Nordvietnam keine Kriegswaffen in die
Hand bekommen.
Während des gesamten Krieges in Vietnam haben die Vereinigten Staaten ein
Maß an Zurückhaltung geübt, das in den Annalen des Krieges einmalig ist.
Das war unsere Pflicht als eine große Nation - eine Nation, die - und darauf können wir als Amerikaner stolz sein - daran interessiert ist, daß Amerika
immer den Frieden und nicht die Eroberung anstrebt. Wenn jedoch der Gegner jede
Zurückhaltung aufgibt, seine gesamten Streitkräfte in den Kampf auf dem Gebiet
seines Nachbarn wirft und sich weigert zu verhandeln, dann stehen wir einfach
vor einer neuen Situation.
Unter
-5-

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19/1972

USA INFORMIEREN WELTSICHERHEITSRAT ÜBER NEUE MASSNAHMEN
-Wortlaut des Schreibens von Botschafter BushVEREINTE NATIONEN, New York --(AD)— Die Vereinigten Staaten haben den
Weltsicherheitsrat am 8. Mai davon unterrichtet, daß die neuen Schritte,
die sie in Südostasien unternehmen, "Maßnahmen der kollektiven Selbstverteidigung" seien. Unmittelbar nach der Rede Präsident Nixons unterbreitete
der amerikanische Chefdelegierte bei den Vereinten Nationen, Botschafter
George Bush, dem Präsidenten des Sicherheitsrates den Text dieser Ansprache
sowie ein erläuterndes Begleitschreiben als offizielles Dokument.
Das Schreiben hat folgenden Wortlaut:
"Der Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika gab heute bekannt,daß
er die US-Streitkräfte in Südostasien angewiesen habe, im Verein mit den
Streitkräften der Republik Vietnam und als Antwort auf die neuen bewaffneten
Angriffe durch Noudvietnam zusätzliche Maßnahmen zu ergreifen. Der Präsident
ordnete die Verminung der Einfahrten der Häfen Nordvietnams und die Unterbindung der Versorgung Nordvietnams auf dem Seewege an. Gemäß Artikel 51 der
Charta der Vereinten Nationen werden, hiermit diese Maßnahmen der kollektiven
Selbstverteidigung dem UN-Sicherheitsrat gemeldet.
Die massive Invasion, die von den Streitkräften Nordvietnams über die
entmilitarisierte Zone und über internationale Grenzen hinweg durchgeführt
wird, und die fortgesetzte Aggression jener Streitkräfte gegen Volk und
Territorium der Republik Vietnam haben bisher noch nie dagewesene Gefahren
für die Streitkräfte der Republik Vietnam, für die Republik Vietnam selbst
und für jene amerikanischen Streitkräfte geschaffen, die sich noch in jenem
-1-

�jenem Land befinden. Diese Invasion stellt eine krasse Verletzung der Absprachen dar, die 1968 im Zusammenhang mit der Einstellung der Bombardierung nordvietnamesischen Territoriums ausgehandelt worden waren. Der umfang dieser erneuten Aggression und die Art und Weise, in der sie geleitet und unterstützt
wird, zeigen mit großer Deutlichkeit, daß Nordvietnam einen totalen Versuch
unternommen hat, Südvietnam mit militärischer Gewalt zu erobern und den geordneten Abzug der amerikanischen Streitkräfte zu stören.
Zur gleichen Zeit, da Nordvietnam diese massive Invasion begonnen hat,
hat es sich sowohl öffentlich als auch in Geheimgesprächen geweigert, über
die Herbeiführung einer friedlichen Beilegung des Konflikts in Südostasien
zu verhandeln.
Ein wesentlicher Teil des Nachschubs zur Unterstützung der Invasion Südvietnams kommt auf dem Seewege nach Nordvietnam. Es ist entscheidend wichtig,
diese Belieferung von See her zu unterbinden, damit Nordvietnam nicht weiterhin den Nachschub sowohl für seine Streitkräfte im Einsatz als auch für seine
Versorgungsbasis laufend ergänzen kann.
Dementsprechend haben die Republik Vietnam und die Vereinigten Staaten
von Amerika als Mindestmaßnahmen zur Abwehr dieser Bedrohung gemeinsam beschlossen, die folgenden Maßnahmen kollektiver Selbstverteidigung zu ergreifen:
Die Einfahrten der Häfen Nordvietnams werden ab 9. Mai 09:00 Uhr Saigoncr
Zeit vermint, und die Minen werden ab 11. Mai, 18:00 Uhr Saigoner Zeit automatisch scharf

Dies räumt Schiffen anderer Länder, die derzeit in nordviet-

namesischen Häfen liegen, eine Frist von drei Tageslichtperioden ein, um
sicher auslaufen zu können. Die Minen werden in den Binnengewässern und den
beanspruchten Hoheitsgewässern Nordvietnams so verlegt werden, daß die Einfahrt in nordvietnamesische Häfen und nordvietnamesische Flottenoperationen
von diesen Häfen aus unterbunden werden. Außerdem weisen die Republik Vietnam
und die Vereinigten Staaten ihre See-und Luftstreitkräfte an, geeignete Maßnahmen innerhalb der Binnengewässer und der beanspruchten Hoheitsgewässer

�Hoheitsgewässer Nordvietnams zu treffen, um den Nachschub nach Nordvietnam von
See her zu verhindern.
Über diese und andere allgemeine Verlautbarungen dieser Maßnahmen hinaus
werden die Seestreitkräfte der Republik Vietnam und der Vereinigten Staaten
außerdem alle Schiffe, die sich den Binnengewässern und beanspruchten Hoheitsgewässern Nordvietnams nähern, von diesen Maßnahmen in Kenntnis setzen.
Wie aus obigem ersichtlich, sind die Maßnahmen, die von den Streitkräften
der USA und Südvietnams ergriffen werden, in Ausmaß und Zielsetzung begrenzt.
Der Präsident gab ferner bekannt, daß, sobald eine international überwachte
Waffenruhe in ganz Indochina zustandegekommen ist und die Kriegsgefangenen freigelassen worden sind, wir jegliche Gewaltanwendung in ganz Indochina einstellen
und die US-Streitkräfte aus Südvietnam innerhalb von vier Monaten abziehen werden.
Ich ersuche darum, daß dieses Schreiben und der beigefügte Text von Präsident Nixons Verlautbarung als Dokument des Sicherheitsrates in Umlauf gebracht
werden."

I I H I l-l

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19/1972

DIE MILITÄRISCHE MA.CHT DER USA IM DIENSTE DES FRIEDENS

Die großen Entspannungsbemühungen des Westens
hätten ohne die militärische Macht der Vereinigten Staaten kaum Aussicht auf Erfolg. Während
die Nixon-Doktrin einen Abbau des amerikanischen
Engagements in Übersee vorsieht, hat die Sowjetunion mit ihren Verbündeten ihre militärische
Stärke ständig weiter ausgebaut. Angesichts
dieser Entwicklung haben die Verantwortlichen
in den USA ihre strategischen und taktischen
Überlegungen neu durchdacht, Wenn die militärische Macht der Vereinigten Staaten ihrer eigentlichen Aufgabe der Sicherung des Friedens und
der Verteidigung des eigenen Territoriums sowie
dessen der Verbündeten dienen soll, dann müssen
nach amerikanischer Auffassung eine ausreichende nukleare Abschreckung sowie die Möglichkeit
gesichert sein, diese Militärmacht zur Erfüllung
der Verteidigungsverpflichtungen gegenüber den
Verbündeten auch in Übersee rasch und wirksam
zur Geltung bringen zu können.
In einer Reihe von vier Artikeln soll hier der
Versuch gemacht werden, die amerikanischen
Anstrengungen auf diesem Gebiet aufzuzeigen.
Im Hinblick auf den gewaltigen sowjetischen
Flottenaufbau steht ein Artikel über die amerikanische Marine an erster Stelle

I Die

�I. DIE US-MARINE RÜSTET SICH FÜR ZUKUNFTSAUFGABEN

Von Hubert G. Coli ins

Die Bedeutung der Flottenmacht der Vereinigten Staaten ist aufgrund der
Nixon-Doktrin und angesichts des gewaltigen Aufbaus der sowjetischen Flotte,
die heute ihre Flagge auf allen Weltmeeren zeigt, größer geworden als jemals
zuvor, Admiral Elmo Zumwalt, der vor einem Jahr den Befehl über die amerikanische Marine übernahm, ist mit 50 Jahren der bisher jüngste Flottenchef der USA
und sicherlich auch der reformfreudigste.
Der amerikanische Verteidigungsminister Melvin Laird hat der Modernisierung der Marine höchste Priorität eingeräumt, wobei die Abschreckung vor einem
nuklearen Angriff auf die Vereinigten Staaten oder ihre Verbündeten die wichtigste Aufgabe der US-Navy ist und bleibt.
Eines der Hauptprobleme - vor allem, wenn eines Tages die Wehrpflicht in
den USA abgeschafft wird - ist der Personalmangel. Hier hat Admiral Zumwalt
durch Lockerung der Bekleidungsvorschriften, Erweiterung der Freizeit und
Wochenendflüge für Familienangehörige zu den im Ausland befindlichen Schiffsbesatzungen bereits Schritte unternommen, um den Beruf des Seemanns attraktiver zu machen.
Das Kernstück der amerikanischen Marine ist die Flotte von 41 atomgetriebenen Unterseebooten mit Polaris-Raketen. Jedes Boot führt 16 solcher Raketen
mit sich, die Nuklearsprengköpfe über eine Entfernung von rund 4 600 km tragen
können. Ein Teil dieser Abschreckungsflotte - 31 Boote - wird gegenwärtig auf
die noch mächtigere Poseidon-Rakete umgerüstet, die 10 Sprengköpfe für zehn
verschiedene Ziele mit sich führen kann. Das Arsenal von nuklear-bestückten
Raketen auf Unterseebooten beläuft sich derzeit auf 656, und nach der Umrüstung
auf die Poseidon-Rakete werden sich über 5 000 Nuklearsprengköpfe auf See
befinden.
Für
-2-

�Für die Zukunft richtet sich die Planung auf ein neues Super-Unterseeboot
mit einem Unterwasser-Langstrecken-Raketensystem (Underwater long-range missile
System) oder kurz "ULMS" . Diese Riesenunterseeboote sollen 20 bis 30 Raketen
mit Mehrfachsprengköpfen mitführen. Mit einer Reichweite von fast 10 000 km
könnten diese Raketen praktisch jedes gegnerische Ziel erreichen. Wenn der Kongreß die notwendigen Mittel bewilligt, könnten die ersten ULMS 1977 oder 1978 vom
Stapel laufen. Damit würden die USA eine ziemlich unverletzliche "ZweitschlagKapazität" besitzen.
Die zweite Säule der amerikanischen Flottenstärke sind die 13 AngriffsFlugzeugträger . schwimmende Flugplätze, von denen aus Kampfflugzeuge mit einem
Aktionsradius von bis zu 1 100 km operieren können. Die Bedeutung dieser Waffe
ist nicht zuletzt im Korea-Krieg und im Mittelmeer deutlich geworden. Einer dieser Flugzeugträger, die ENTERPRISE, ist atomgetrieben, und zwei weitere Träger
dieses Typs sind im Bau: die NIMITZ wird voraussichtlich 1974 in Dienst gestellt
werden, und die EISENHOWER 1975 vom Stapel laufen. Die EISENHOWER wird 13 Jahre
ohne Brennstoffaufnähme operieren können. Die Marineleitung möchte über insgesamt vier atomgetriebene Flugzeugträger, von denen zwei im Atlantik und zwei im
Pazifik stationiert werden sollen, verfügen.
Im Hinblick auf die Tatsache, daß die sowjetische Unterseebootsflotte der
amerikanischen zahlenmäßig um über das Doppelte überlegen ist, sind die Flugzeugträger der US-Navy auch - drei ausschließlich - auf die Unterseebootbekämpfung
eingerichtet. Die Marineleitung möchte die Träger mehr und mehr mit Maschinen des
neuen Typs F-14 ausrüsten, die sich offensichtlich besser bewähren als die F-lll.
Die F-14 wird mit der Phönix-Luftrakete ausgestattet.
Admiral Zumwalt strebt ferner zum Schutz der Flugzeugträger eine Flotte
von Flugkörper-Fregatten an, von denen jeweils vier einem Träger zugeteilt werden
sollen. Ein Prototyp dieser Klasse, die TRUXTON, hat erst kürzlich auf einer
Nonstop-Testfahrt um den Indischen Ozean die Kapazität solcher Schiffe unter
Beweis gestellt.
Die
-3-

�Die beste Waffe gegen Unterseeboote sind jedoch Unterseeboote selbst.
Während die sowjetischen Boote im allgemeinen schneller sind, sind die amerikanischen leiser und damit schwerer zu orten. Die neuen atomgetriebenen 688 to-Boote
der US-Navy sind nach Ansicht von Fachleuten das wirksamste Instrument zur Bekämpfung gegnerischer U-Boote
Neben den großen - aber auch sehr teuren - Flugzeugträgern wird in Zukunft
auch der "Mini-Träger", das sogenannte "Seekontrollschiff", eine große Rolle
spielen. Im Januar 1972 hat die US-Marine einen Prototyp in Dienst gestellt. Ein
zweiter Typ für Überwachungsaufgaben ist der Zerstörer-Hubschrauberträger, Hier
werden die Vorteile des kleinen Zerstörers oder der Fregatte mit einem leichten
Luft-Mehrzwecksystem oder kurz LAMPS verbunden. Dieses kombinierte System wird
gegenwärtig auf der umgebauten Lenkwaffen-Fregatte STERETT im Pazifik erprobt.
Als Hubschrauber isc der Typ "Seasprite" mit drei Mann Besatzung und modernsten
RADAR-und SONAR-Einrichtungen vorgesehen.
Diese neuen Seekontrollschiffe - die später auch mit Senkrechtstartern
(VTOL) ausgerüstet werden sollen, werden die Flugzeugträger zwar nicht ersetzen,
aber eine wichtige Rolle bei der Überwachung und Sicherung der Schiffahrtswege
spielen.
Eine der radikalsten Neuerungen - von der sich Fachleute viel erhoffen ist jedoch die Entwicklung sogenannter Oberflächengleiter oder Luftkissenboote.
Mit Hilfe verschiedener Systeme wird der Reibungswiderstand des Wassers praktisch
ausgeschaltet, so daß ganz wesentlich höhere Geschwindigkeiten erzielt werden
können. Die amerikanische Marine hat umfassende Versuche auf diesem Gebiet begonnen. Selbst Flugzeugträger könnten eines Tages mit einem solchen Antriebssystem operieren., wobei dann die Eigengeschwindigkeit fast der des landenden
Flugzeuges entspräche und dieses damit die. Eigenschaften eines Senkrechtstarters
bezw. -landers gewinnen würde.
Die Versuche laufen gegenwärtig mit zwei 10O-to-Modellen, Eines der Modelle
arbeitet nach dem Prinzip des Luftkissens, d, h, der Bootskörper hebt sich völlig

-4-

�völlig aus dem Wasser. Das zweite Modell benutzt das Prinzip der eingeschlossenen
Luftblase (Captured Air Bubble) oder kurz CAB. Dieses Boot bleibt in Kontakt mit
der Wasseroberfläche, wobei der Energieaufwand nur etwa ein Drittel gegenüber
dem ersteren Modell beträgt, da beim Luftkissen die Luft ständig nach allen Seiten entweicht. Man rechnet bei den neuen Gleiter-Modellm mit Geschwindigkeiten
von 100 bis 125 Knoten (180 bis 225 km/St), und bis 1980 hofft man. Prototypen
in der Größenordnung von 10 000 to entwickeln zu können. Admiral Zumwalt hat
hier von "einer neuen Dimension" der US-Navy gesprochen.
Wie immer all diese technischen Entwicklungen verlaufen mögen, so ist doch
eines sicher, daß die Verantwortlichen in Washington die ungeheure Bedeutung
der Flotte für die Zukunft erkannt haben und alles in ihren Kräften stehende
tun werden, um die amerikanische Marine auch in Zukunft zu einem schlagkräftigen
und modernen Instrument der Erhaltung des Friedens zu machen.

-5-

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19/1972

DIE WAHRE MEHRHEIT: 1972
-Von Richard M. Scammon-

Richard M. Scammon ist ein international anerkannte" Meinungsforscher und Experte für
Wahlanalysen und Fragen der Bevölkerungsstatistik. Er war von 1961-1965 Direktor des
Statistischen Bundesarates der USA und leitet
gegenwärtig das Wahlforschungszentrum in
Washington. Scammon ist der Verfasser des
mehrbändigen wahlstatistischen Werkes "AMERICA
VOTES" (Amerika wählt) und Mitautor des Bestsellers "THE REAL MAJORITY" (Die wahre Mehrheit), in dem das Verhalten des amerikanischen
Wählers analysiert wird.
In der Folge bringen wir vier Artikel von
Richard M. Scammon, in denen er sich mit den
amerikanischen Wahlen in diesem Jahr befaßt.
I

-

Der amerikanische Wähler - sein statistisches Profil

Eine Erörterung der politischen Szenerie in den Vereinigten Staaten,
so wie sie sich im Jahre 1972 darbietet, muß mit einer Strukturanalyse der
Gesamtwählerschaft - sozusagen mit ihrer Anatomie - beginnen. Im November 1972
wird es in Amerika rund 140 Millionen Menschen geben, die ihrem Alter nach
wahlberechtigt sind. Von diesen potentiellen Wählern werden einige nicht
stimmberechtigt sein, weil sie entweder noch nicht die amerikanische Staatsbürgerschaft besitzen oder noch nicht lange genug in ihrem Wahlbezirk wohnen
oder weil andere gesetzliche Gründe im Wege stehen. Man kann damit rechnen,daß
von der Gesamtzahl der wahlberechtigten Amerikaner etwa 85 Millionen zur Wahlurne gehen und 55 Millionen ihr Wahlrecht nicht ausüben werden. Bei den
85 Millionen, die in diesem November ihre Stimmen für die Präsidentschaftskandidaten abgeben werden, lassen sich eine ganze Reihe von Merkmalen aufzeigen.
Die

�Die Gesamtheit der Wähler zeigt in immer stärkerem Maße einen großstädtischen
Charakter. Zu den bedeutsamsten Phänomenen im Nachkriegs-Amerika zählen die
Landflucht und die Flucht aus den Stadtzentren. Der Zug zu großstädtischer Lebensform - worunter ich vor allem die Vorstädte und Außenstadtbezirke Amerikas verstehe - ist mehr und mehr zu einer beherrschenden Kraft im politischen Leben der
Vereinigten Staaten der siebziger Jahre geworden.
Unter den Wählern des Jahres 1972 überwiegt die Zahl der Frauen um ein weniges. Die Männer sterben einfach schneller hinweg3und die Langlebigkeit der Frauen
gibt diesen zahlenmäßig ein gewisses Übergewicht unter den Erwachsenen. Bis vor
fünf oder sechs Jahren war der Anteil der nicht zur Wahl gehenden Frauen gegenüber der Zahl der nichtwählenden Männer um so viel größers daß es den Männern
immer noch gelang, die Mehrheit bei der Gesamtzahl der Wähler zu stellen,. Diesmal
wird das nicht der Fall sein. Wenn man bei den Wahlen des Jahres 1972 auf eine
Gesamtwählerzahl von 85 Millionen kommen wird, dann wird sich diese Zahl auf
43 Millionen Frauen und 42 Millionen Männer verteilen.
Bei der Wählerschaft im Jahre 1972 wird es sich ferner im wesentlichen um
eine weiße Wählerschaft handeln: etwa 90 Prozent Weiße, neun Prozent Schwarze
und ein Prozent andere Minderheiten.
Das Gros der in diesem Jahr zur Wahl gehenden Amerikaner wird der mittleren
Altersgruppe angehören. Das Durchschnittsalter des amerikanischen Wählers lag im
Jahre 1968 bei 47 Jahren.

In diesem Jahr wird sich das Durchschnittsalter auf

44 oder 45 Jahre verringern - die Gründe dafür liegen einmal in der Senkung des
Wahlalters und der dadurch hinzukommenden Gruppe der 18-, 19- und 2o-jährigen
Wähler sowie in der verhältnismäßig großen Zahl von Wählern in den Altersgruppen
von 21 bis 25 Jahren, die sich aus dem starken Anstieg der Geburtenzahlen in
den Nachkriegsjahren erklären. Aber auch in diesem Wahljahr wird sich der
Durchschnittswähler als eine Person darstellen, die schon seit 2o Jahren ihr
Wahlrecht ausübt, nicht jedoch als ein Bürger, der zum erstenmal zur Wahlurne
geht.
Wird
-2-

H

�Wird der Zuwachs an jüngeren Wählern eine einschneidende Änderung des Wahlgeschehens bedeuten? Ich möchte das bezweifeln. Einer meiner Kollegen hat bei
einer Analyse von Meinungsumfragen aus jüngster Zeit festgestellt, daß die jungen Menschen in den Vereinigten Staaten geneigt sind, zu etwa sieben Prozent mehr
für die Demokraten zu stimmen als der amerikanische Durchschnittswähler.
Interessant an dieser Zahl ist für mich die Tatsache, daß sie genau der
Situation von 1940 entspricht. Außerdem bilden die jungen Wähler keinen monolithischen Block. Untersuchungen haben gezeigt, daß

bei den jungen Wählern

tatsächlich weniger eine Generationenkluft zu ihren titern vorhanden ist als
vielmehr eine Kluft der Klassen. Der junge Arbeiter hat ein stärkeres Gefühl
der Gemeinschaft mit seinem als Arbeiter tätigen Vater als zum Beispiel mit
einem jungen Mann seiner Altersgruppe, der zu den Reichen gehört.
Dem Wähler des Jahres 1972 geht es einigermaßen gut - er ist nicht gerade
reich, aber auch nicht arm. Es gibt unter der Wählerschaft des Jahres 1972 keine
massive und bedrückende Armut.
Die Mitte charakterisiert den Wähler dieses Jahres; er ist nicht nur mittleren Alters und gehört nicht nur zur Mittelklasse, sondern auch was Erziehung
und Ausbildung angeht, steht er in der Mitte. Nicht der akademische Grad ist
die Norm; für die meisten Amerikaner ist es eher der Abschluß einer höheren
Schule.
Vor vier Jahren konnte man sagen, daß der durchschnittliche Wähler eine
47-jährige weiße Frau sei, die in einem Vorort von Dayton (Ohio) lebt, eine
höhere Schule besucht hat und mit einem Mann verheiratet ist, der einen technischen Beruf ausübt. Für dieses Jahr dürfte etwa das Gleiche gelten, mit der einen
Ausnahme, daß das Durchschnittsalter des Wählers vermutlich zwei oder drei Jahre
niedriger sein wird.

Das

-3°

�Das also ist die Anatomie des Wählers. Der Hinweis auf Geschlecht,
Hautfarbe, Alter, Lebensstand, Ausbildung und Wohnort des Wählers ist jedoch
nur ein Anfang. Als nächstes gilt es jetzt zu untersuchen, was diese voraussichtlich 85 Millionen Wähler veranlaßt, so zu wählen, wie sie dies tun.

I-I-H-I I 1 4

.4-

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II. DER AMERIKANISCHE WÄHLER UND DIE PARTEIEN

Der durchschnittliche amerikanische Wähler geht keineswegs völlig in
der Politik auf - er ist kein totales "zoon politikon". Die Zahl der Amerikaner, die sich tagaus tagein mit Politik beschäftigen, dürfte sehr klein
sein, was jedoch nicht bedeutet, daß der amerikanische Wähler nicht in der
Lage wäre, eine sehr präzise und genau überlegte Entscheidung an der Wahlurne zu fällen.
Seine alltäglichen Interessen konzentrieren sich auf seine nächste Umgebung und auf seine Person selbst. Seine Hauptanliegen sind seine Gesundheit,
sein Job, seine wirtschaftliche Lage, seine Familie und seine Hobbies, Was
ihn berührt, ist sicherlich nicht das, was man als totales politisches
Engagement bezeichnen könnte*
Nach welchen Gesichtspunkten trifft er nun seine politische Wahl? Im
großen und ganzen wird seine politische Entscheidung von der Überlieferung
geprägt. Im wesentlichen wird seine Entscheidung von dem beeinflußt, was
seine Eltern sind. Dies liegt umso näher, als die beiden großen politischen
Parteien in den Vereinigten Staaten nicht als geschlossene ideologische Einheit betrachtet werden können.
Das Parteisystem in den USA ist sehr viel lockerer strukturiert als in
vielen anderen Ländern

Es gibt keine strikte Parteidisziplin, es gibt kein

Festhalten an einer Parteiideologie, die sich auf spezifische historische
oder dogmatische Grundsätze aufbauen würde. Und es gibt auch keine im echten
Sinne nationale Partei mit unwandelbaren Charakteristika, die jahrein
aus dasselbe "Image" zeigen würde.
So

- 1 -

jahr-

�So wie im Leben Amerikas Veränderungen auftreten, so dringen sie gewöhnlich auch in das Denken der beiden großen Parteien ein. Nicht zuletzt
wegen des Systems der Vorwahlen, die für die Nominierung der jeweiligen
Kandidaten bedeutsam sind, variieren die amerikanischen Parteien von Einzelstaat zu Einzelstaat, ja selbst von Bezirk zu Bezirk. Die Demokratische
Partei in Mississippi ist nicht die Demokratische Partei von Minnesota und
die Republikanische Partei von Maine ist nicht die Republikanische Partei
in Kalifornien. Und da nun das Etikett nicht so sehr viel bedeutet, gibt
es auch keinen Grund, warum man nicht das Parteietikett mit der Zugehötigkeit zu einer Religionsgemeinschaft mitnimmt, die wiederum in erster Linie
von den Eltern her bestimmt wird.
Es gibt noch andere Gründe, warum sich Leute als Republikaner oder
Demokraten bezeichnen. Hier spielt zunächst einmal der soziale und wirtschaftliche Stand eine Rolle,, Die Reichen von heute neigen dazu, anders
zu wählen als die Armen. Wenn man die demographischen Fakten auf der Karte
einer typischen Großstadt auswertet, dann wird man herausfinden, daß die
Wahlbezirke, die im Jahre 1968 am stärksten für Richard Nixon gestimmt
haben, auch diejenigen sind, wo das meiste Geld zu Hause ist. Und jene
Wahlbezirke, in denen Hubert H. Humphrey die meisten Stimmen erhielt,
sind jene, wo man das wenigste Geld findet. Dies scheint eine übersimplifizierte Beobachtung zu sein, sie ist jedoch die Grundlage eines Großteils
der Parteipolitik im heutigen Amerika.
Es gibt natürlich noch weitere Gründe, sich einer Partei verbunden zu
fühlen. Dazu gehört die Loyalität zum Parteinamen. Diese Loyalität mag auf
Religionszugehörigkeit zurückgehen. So wählen Juden und Katholiken im großen
und ganzen eher demokratisch als Protestanten. Auch die ethnische Herkunft
mag eine Rolle spielen,und es gibt sicherlich noch eine Fülle von historischen
Problemen und Umständen, die die politische Entwicklung mitgeprägt haben viele davon vielleicht längst vergessen. So kann es beispielsweise in Kentucky
und Tennessee zwei Bezirke geben, die nebeneinander liegen und die von
Menschen bevölkert sind, die so arm sind wie Kirchenmäuse. Der eine Bezirk
wählt demokratisch und der andere republikanisch, weil hier der entscheidende
Faktor ist, wer im Jahre 1861 zu welcher Armee ging; anders ausgedrückt, wer
- 2-

�wer Sklaven besaß und wer nicht; wer für die Südstaaten kämpfte und wer für
die Nordstaaten.
Dieses Grundmuster der traditionellen Bindung oder des sozial-wirtschaftlichen Status ist jedoch in den letzten Jahren durch zwei Dinge verändert worden: erstens gibt es eine wachsende Zahl von Amerikanern, die
sich selbst als Unabhängige bezeichnen - sie machen keine Mehrheit

aus,

aber doch immerhin vielleicht ein Viertel der Bevölkerung. Hier handelt es
sich meist um jüngere Menschen und um Leute aus dem Süden, die sich nicht
mehr als Nationaldemokraten bezeichnen wollen, es aber auch nicht über sich
bringen, sich Republikaner zu nennen - und man findet diese sogenannten Unabhängigen auch unter denen, die kein Interesse an Politik haben und sich
damit auch keiner Partei verpflichtet fühlen.
Vielleicht noch wichtiger ist eine zweite Tatsache: Obwohl die große
Mehrheit der Amerikaner sich selbst entweder als Republikaner oder als
Demokraten bezeichnet, ist in den letzten Jahren offensichtlich eine Veränderung dahingehend eingetreten, daß eine größere Zahl von Republikanern
und Demokraten bereit ist,

unter besonderen Umständen für jemand von der

anderen Seite zu stimmen. Diese Menschen fühlen sich nicht mehr an ihr
Parteietikett gebunden, sondern vertrauen mehr auf ihr eigenes Urteil. Sie
werden zwar weiterhin hauptsächlich republikanisch oder demokratisch wählen,
aber sie sind auch bereit, für ein oder zwei oder drei Kandidaten der Opposition zu stimmen.
In manchen Kreisen des Mittelstandes kann man heute einen beinahe
pathologischen Antipartei-Standpunkt finden. Wenn auf einem Wahlzettel über
zwei wichtige Posten abzustimmen ist, dann ist die Chance groß, daß diese
Menschen einmal für einen Republikaner und einmal für einen Demokraten
stimmen. Sie fürchten, als sture Parteigänger angesehen zu werden,und betrachten sich als kühne und tapfere Verfechter eines unabhängigen Geistes.
Wenn man heute durch eine typische amerikanische Großstadt fährt, dann
kann man wahrscheinlich schon vorher sagen, welche Wahlkreise republikanisch
und welche demokratisch wählen werden. Das eigentliche Problem liegt darin,

- 3-

�)

darin, daß man nicht weiß, welchen Schwung das Pendel am Wahltag nehmen
wird - daß man nicht weiß, welchen Ausschlag die Unabhängigen oder die sowohl-als-auch-Wähler für die eine oder die andere Partei oder den einen
oder anderen Kandidaten geben werden. Es ist durchaus möglich, daß eine
Wahl dadurch entschieden werden kann, wie groß dieser Ausschlag ist, vor
allem, wenn das Ergebnis so knapp ist, wie dies

bei einigen unserer letzten

Wahlen der Fall war.
Keine Partei hat die Mehrheit der Wähler als ständige Anhänger, so
daß die Politik in den Vereinigten Staaten - wie in den meisten Ländern im wesentlichen in dem Prozeß der Bildung von Koalitionen besteht.. Wenn
es um die politischen Vorstellungen des Einzelnen oder einzelner Gruppen
ginge,und diese sich organisieren würden, dann gäbe es in den Vereinigten
Staaten wahrscheinlich 300 politische Parteien oder mehr.
In jedem politischen System geht es darum, Koalitionen zu bilden,

um diese unterschiedlichen Auffassungen und Interpretationen unter einen
Hut zu bringen. Niemand wird dabei all das bekommen, was er will, aber
durch den Anschluß an eine Koalition so viel wie möglich. Der ideale
politische Kandidat ist die Person, die die Fähigkeit hat, divergierende
Elemente einer Koalition möglichst erfolgreich zusammenzuhalten. Er muß
Führungsqualitäten besitzen, um die divergierenden Elemente zusammenzubringen, um Lösungen für die Probleme der Nation zu finden.

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19/1972

USA BEGRÜSSEN AUSLANDISCHE INVESTITIONEN
-Informations-Seminar in Düsseldorf-

BONN «-(AD)-- Die Vereinigten

Staaten haben ein Aktionsprogramm entwickelt,

das das Ziel hat, Investitionen ausländischer Gesellschaften in den USA
aktiv zu unterstützen. Tm Rahmen einer Informationskampagne sollen deutsche
Unternehmer über die Investitionsmöglichkeiten in den USA unterrichtet werden» Dazu gehören auch ein~oder zweitägige Informations-Seminare, die in
gewissen Abständen abgehalten werden sollen. Das erste Seminar dieser Art
- das Symposium "Invest in USA!t - findet am 16, und 17. Mai in Düsseldorf
statt.
In einer Presseerklärung wies der amerikanische Geschäftsträger in Bonn,
Gesandter Frank E. Cash, am 3, Mai darauf hin, daß die US-Regierung Investitionen ausländischer Gesellschaften in den Vereinigten Staaten begrüßt und aktiv
unterstützt.
Die Erklärung des amerikanischen Geschäftsträgers hat folgenden Wortlaut:
Investitionen amerikanischer Gesellschaften im Ausland fanden in den
Nachkriegsjahren beträchtliche Beachtung, Weniger bekannt ist die Tatsache,
daß die amerikanische Regierung Investitionen ausländischer Gesellschaften
in den Vereinigten Staaten begrüßt und aktiv unterstützt. Es war lange unsere
Politik, den freien Fluß von Waren und Dienstleistungen zu begünstigen, der,
wie wir glauben, ein gesundes wirtschaftliches Wachstum fördert, gemeinsame
Interessen schafft und zu Frieden und Wohlstand in der freien Welt beiträgt.
Die
-1-

�Die Vereinigten Staaten haben immer Investitionen willkommen geheissen. Als
jedoch während der letzten Jahre der Abfluß von Kapital aus den Vereinigten Staaten für Direktinvestitionen ein ernsthafter Faktor unseres Zahlungsbilanzdefizits
wurde, wurde ein Aktionsprogramm entwickelt

mit dem Ziel, einen gegengewichtigen

Fluß von Kapital in die Vereinigten Staaten anzuregen. Wir glauben, daß ebenso
wie die Direktinvestitionen amerikanischer Gesellschaften in Westeuropa in vielen
Fällen der beste Weg sind, eine Basis in diesem Markt zu errichten, dasselbe für
ausländische Gesellschaften gilt, die einen größeren Anteil am gewaltigen und
prosperierenden amerikanischen Markt gewinnen möchten.
In Zusammenarbeit mit verschiedenen Staaten hat die amerikanische Regierung
auf verschiedene Weise versucht, diesen Gedanken den ausländischen Gesellschaften
nahezubringen. Vor sechs Jahren sandte die amerikanische Regierung den ersten
Industrie-Entwicklungs-Attache nach Europa. Anfang 1972 gesellte sich ihm ein
zweiter hinzu. Des weiteren sind alle unsere Dienststellen in Deutschland - die
Botschaft in Bonn, die U.S.Mission in Berlin und die sechs Generalkonsulate in der Lage, eine Fülle von Informationen über Investitionsmöglichkeiten in den
Vereinigten Staaten zur Verfügung zu stellen. Von Zeit zu Zeit senden einzelne
Bundesstaaten und Regionen Investitions-Gruppen nach Übersee. Diese Aktionen
jedoch neigen eher dazu, passiv zu wirken und von einer Initiative seitens der
deutschen Geschäftsleute abzuhängen.
Wir fangen jetzt an, ein aktiveres Programm zu entwickeln, indem wir Informationen verteilen, die direkte Kontakte unserer Handelsattaches mit potentiellen deutschen Investoren einschließen. Dies wird in gewissen Abständen ergänzt
durch ein-oder zweitägige Informations-Seminare, wovon das erste für den 16. und
17. Mai 1972 in Düsseldorf vorgesehen ist.
Bis jetzt haben sich etwa 85 deutsche Geschäftsleute für dieses Seminar angemeldet. Ihnen werden sich etwa 55 bis 60 Regierungsvertreter einzelner amerikanischer Bundesstaaten und etwa 15 Sachverständige der Regierungen und aus der
Privatwirtschaft aus Europa und den Vereinigten Staaten hinzugesellen. Sie werden
zusammen über solch bedeutende Investitionsfragen diskutieren wie: Marketing-2-

�Marketing-Konzepte, Standortwahl, Finanzierung, Arbeitskräfte, die Vereinigten
Staaten als Ausgangsbasis für Exporte und Rechts-sowie Steuerfragen,
Einer Ihrer prominenten Industriellen, Herr Dr. Konrad Henkel.. Präsident
des Verbandes der Chemischen Industrie, hat sich bereit erklärt, die Begrüßungsansprache zu halten. Mr, Robert P, Beshar, Deputy Assistant Secretary of Commerce,
wird auch einer der ersten Redner sein, Das vollständige Programm stellen wir
Ihnen hiermit heute zur Verfügung,
Ich habe bereits eingangs erwähnt, daß es für eine deutsche Gesellschaft
gute Gründe geben muß, wenn sie eine Niederlassung in den Vereinigten Staaten
errichten soll» Welches sind die Schlüsselfaktoren?
1. Der Markt. Vor ein paar Jahren veröffentlichte die Chase Manhattan Bank
einen ausgezeichneten Führer für Investitionen in den Vereinigten Staaten mit
dem vielsagenden Titel: "Die Billionen-Dollar-Wirtschaft". Der Titel sagt
alles c Nach allen Maßstäben «• Nationaleinkommen, Produktion, Bevölkerung oder
Geographie - sind die Vereinigten Staaten einer der größten und dynamischsten
Märkte der Welt.. Er wächst mit beachtlicher Geschwindigkeit, und im Jahre 1980
wird ein Drittel aller Haushalte ein Einkommen von 15 000 Dollar oder etwa
50 000 DM haben.
2. Ein günstiges Investitionsklima. Die Politik der amerikanischen Regierung
ist es, ausländische Investitionen zu begrüßen und zu ermuntern und den ausländischen Firmen dieselbe Behandlung zuteil werden zu lassen wie amerikanischen
Firmen. Die verhältnismäßig geringen Behinderungen von Geschäften machen es neuen Firmen leicht, Fuß zu fassen, sich zu betätigen und zu wachsen.
3. Eine günstige Gelegenheit, klein anzufangen. Entgegen der allgemeinen Ansicht muß eine ausländische Gesellschaft nicht die Größe von General Motors
oder General Electric haben, um es auf dem amerikanischen Markt aufnehmen zu
können, Tatsache ist, daß 96 Prozent der 400 000 Hersteller in den Vereinigten
Staaten weniger als 250 Arbeitnehmer beschäftigen, und 52 Prozent aller Firmen
-3-

�Firmen beschäftigen 9 oder weniger P e r s o n e n . K l e i n e Firmen spielen auch eine
große R o l l e , w e n n es sich um große T r a n s a k t i o n e n h a n d e l t , besonders w e n n ihr
E r z e u g n i s ein seltenes Bedürfnis befriedigt. Für die Herstellung der Boeing 7 4 7 ,
zum B e i s p i e l , w e r d e n Erzeugnisse von 1 500 w i c h t i g e r e n und 15 000 z w e i t r a n g i g e n
Lieferanten v e r w e n d e t , die über den ganzen Kontinent der V e r e i n i g t e n S t a a t e n
verstreut sind. Ihre Lieferungen für die 747 m a c h e n die Hälfte der H e r s t e l l u n g s k o s t e n des fertigen Flugzeuges a u s .

4 . Der Zugang zu K a p i t a l , Technologie und F i n a n z i e r u n g s a n r e i z e n .

Eine F i r m a , die

sich entschließt, eine Niederlassung in den Vereinigten S t a a t e n zu e r r i c h t e n ,
hat einen leichten Zugang zu unserem großen und gut entwickelten K a p i t a l m a r k t .
In d e n m e i s t e n F ä l l e n k ö n n e n Gelder billiger geliehen w e r d e n als irgendwo anders auf der W e l t . Die m e i s t e n Bundesstaaten und S t ä d t e bieten eine attraktive
L i s t e v o n Finanzierungsanreizen einschließlich S t e u e r e r m ä ß i g u n g e n , A-usbildungsp r o g r a m m e n für A r b e i t s k r ä f t e und Industrieanleihen m i t sehr n i e d r i g e n
Zinsen.

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19/1972

DIE ENTWICKLUNGSLÄNDER UND DIE INTERNATIONALE WÄHRUNGSREFORM

Von Eugene Brake

WASHINGTON --(AD)-« Die Forderungen der Entwicklungsländer nach einer aktiven
Rolle bei der Neugestaltung des internationalen Währungssystems sind in
Washington keineswegs auf taube Ohren gestossen. Amerikanische Regierungskreise sind sich durchaus im klaren darüber, daß die Interessen dieser Nationen
beispielsweise durch Entscheidungen über die Schaffung und Verwendung internationaler Reserveguthaben und durch die Wechselkurspolitik entscheidend berührt werden.
Die Vereinigten Staaten haben sich daher zum Anwalt der Srhaffung eines
neuen Verhandlungsforums gemacht, in dem einerseits die Entwicklungsländer
vertreten wären, das jedoch auf der anderen Seite klein genug wäre, um der
ganzen Vielfalt der komplizierten und miteinander verknüpften Fragen Herr
werden zu können.
Vom Standpunkt der Entwicklungsländer konzentriert sich das Interesse
an der internationalen Währungsreform sehr stark auf die Möglichkeit, die
Sonderziehungsrechte (SDRS) des Internationalen Währungsfonds (IWF) als Mittel für zusätzliche Entwicklungshilfe für die Länder mit Niedrigeinkommen zu
benutzen. Nun sind Zweifel an diesem Vorschlag laut geworden, weil man befürchtet, diese zusätzliche Funktion der Sonderziehungsrechte könnte ihre
Hauptfunktion gefährden: nämlich als Ergänzung oder Alternative für Gold
oder Dollar in den internationalen Reserven der einzelnen Länder zu dienen.
Die USA wären bereit, den Vorschlag auf jeden Fall zu prüfen; Vertreter des
-1-

�1
des amerikanischen Finanzministeriums halten es jedoch für unklug, hier eine Entscheidung zu treffen, bevor andere Aspekte der internationalen Währungsreform geklärt sind.
Die Entwicklungsländer wollen verständlicherweise sichergehen, daß die vereinbarten Regeln und Abmachungen einer Neuordnung des internationalen Währungssystems ihre besonderen Probleme in Rechnung stellen und nicht nur den Interessen der Industrienationen, sondern auch denen der Entwicklungsländer dienen.
Manche Experten in den Entwicklungsländern sind der Auffassung, daß Regeln,
die für die Industrienationen gut sind - wie etwa die Regelung der Wechselkurse
- nicht unbedingt für Länder geeignet sinds die noch am Anfang ihrer Industriealisierung stehen, Der Direktor des Internationalen Währungsfonds, Pierre-Paul
Schweitzer, ist gegenteiliger Auffassung. Auf der Dritten Konferenz der Vereinten Nationen über Handel und Entwicklung (UNCTAD III) in Santiago räumte
Schweitzer zwar ein, daß beide Gruppen unterschiedliche Probleme haben; dies
'

könne jedoch nur bedeuten, "daß die Verhaltensnormen, die das System beherrschen
sollten, auf eine so flexible Anwendung abgestellt sein müssen, daß sie diesen
besonderen Problemen und Bedürfnissen Rechnung tragen können." Auch Schweitzer
sprach sich für eine Prüfung der besonderen Verwendung der Sonderziehungsrechte
aus, fügte jedoch hinzu, daß es auch noch andere Möglichkeiten der Kanalisierung
von Entwicklungshilfemitteln gebe, die eingehend untersucht werden müssten.
Generalsekretär Manuel Perez Guerrero setzte sich in seinem Bericht an die
UNCTAD ebenfalls für eine Verknüpfung von Sopderziehungsrechten und Entwicklungshilfe ein. Er stellte ferner die Annahme in Frage, daß die Behebung der amerikanischen Zahlungsbilanzschwierigkeiten ausschließlich durch eine Anpassung der
bilateralen Beziehungen der USA zu ihren Haupthandelspartnern - Westeuropa, Kanada und Japan - erreicht werden könne und müsse, Eine bessere Lösung, so meinte
er,sei eine Erhöhung der Importe Japans und Westeuropas aus den Entwicklungsländern und ein verstärkter Kapitalfluß nach den Entwicklungsländern aus Westeuropa und Japan. So könnten diese Länder zu einer Behebung der Schwierigkeiten
in den USA beitragen, da, wie er sagte, etwa ein Fünftel der zusätzlichen Ex-2-

�Exporterlöse der Entwicklungsländer von diesen wahrscheinlich in den USA ausgegeben würden
Auch der Interamerikanische Ausschuß der Allianz für den Fortschritt
(CIAP) der Organisation der Amerikanischen Staaten (CAS) hat sich für eine Verbindung von Sonderziehungsrechten und Entwicklungshilfe ausgesprochen» Der Ausschuß, dem Wirtschaftler aus sechs lateinamerikanischen Ländern und aus Nordamerika angehören, machte jedoch noch weitere Empfehlungen. So sollte Gold weiter als Währungsreserve dienen, seine traditionelle Rolle jedoch abgebaut werden; die Währungsreform sollte rasch vorangetrieben werden, um eine Aufsplitterung des Weltwährungs-und Handelssystems in Handelsblöcke mit "Währungsgebieten"
zu verhindern; und Länder mit Zahlungsbilanzüberschüssen und Reservewährungen
sollten sich ebenfalls der internationalen Disziplin unterwerfen und verpflichtet sein, übermäßige Überschüsse abzubauen - so wie die Defizitländer zum Abbau der Defizite gezwungen worden sind.
Die Konferenz in Santiago und andere Foren werden den Entwicklungsländern
noch reichlich Gelegenheit bieten, ihre Auffassungen in diesen Fragen darzulegen.

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MODELL FÜR EIN GEMEINSAMES DOCKSYSTEM

Pläne für amerikanisch-sowjetisches Raumfahrtunternehmen
nehmen Gestalt an

(AD) - Von der US-Behörde für Luft- und Raumfahrt (NASA) und der
Sowjetischen Akci 'emie der Wissenschaften wurde kürzlich die zweite Berichtsserie der amerikanisch-sowjetischen Arbeitsgruppen gebilligt, die
die Möglichkeiten für gemeinsame Rendezvous- und Dockmanöver von bemannten
Raumschiffen untersuchen. Obgleich noch keine bindende Entscheidung über
gemeinsame Raumfahrtunternehmen getroffen wurde, einigten sich die amerikanischen und sowjetischen Wissenschaftler und Ingenieure über gewisse technische Einzelelemente, in erster Linie solche des Docksystems, das zunächst
einmal in einem Modell in natürlicher Größe dargestellt und erprobt werden
soll.
Allerdings gibt es in Vorbereitung eines gemeinsamen Unternehmens
unendlich viele technische Detailfragen zu bedenken. Dazu gehören nicht
nur die Lebenserhaltungssysteme, die Steuerungs- und Kontrollsysteme der
von den beiden Ländern entwickelten bemannten Raumschiffe und die Notwendigkeit sowie die Möglichkeiten für Anpassungen, sondern auch Probleme der
Stabilisierung nach einer Koppelung der Nachrichtenverbindungen zur Erde
oder der Flugüberwachung vom Boden aus. Die Gespräche werden im Sommer 1972
in den USA fortgesetzt.

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TEXT IN BRAILLE-SCHRIFT VOM COMPUTER

- (AD) - An der Technischen Universität Massachusetts (MIT - Boston)
wurde mit finanzieller Hilfe vom Gesundheitsministerium der USA ein Computersystem zur sofortigen Übersetzung englischer Texte in die Braille-Blindenschrift entwickelt. Innerhalb von 90 Sekunden druckt der Computer eine
komplette Seite in Braille-Schrift aus, während allein dieser Vorgang bei
Anwendung moderner Verfahren nach dem herkömmlichen System bis zu 10 Minuten
in Anspruch nimmt.
Besonders wichtig ist jedoch die Tatsache, daß jeder, der mit einer
Schreibmaschine umgehen kann, in der Lage ist, die Computer-"Übersetzungsanlage" zu bedienen. Sie besteht aus einer Fernschreibmaschine herkömmlicher
Bauweise und einer Spezial-Druckmaschine für Braille-Schrift. Beide sind
über eine gewöhnliche Telefonleitung an den Computer, ein Gerät aus der
Serienproduktion, angeschlossen.
Im Raum Boston (Massachusetts) sowie in Manitoba (Kanada) benutzen
derzeit Universitätsstudenten versuchsweise das neue System. In Atlanta
(Georgia) dagegen wird es bereits von Schulen im regulären Unterricht angewandt. Die städtischen Behörden ließen einen Schnelldrucker für Brailleschrift installieren, um auch blinden Kindern die Teilnahme am normalen
Unterricht zu ermöglichen. Nach Meinung der Experten könnten durch verbreitete
Nutzung des neuen Verfahrens stark sehbehinderten oder blinden jungen Menschen
endlich uute Chancen gegeben werden, sich einem ihren Fähigkeiten wirklich
entsprechenden Beruf zuzuwenden, anstatt sie zu veranlassen, sogenannte
Blindenberufe zu ergreifen. Auch die Herstellung von Tageszeitungen in
Braille-Schrift dürfte keine allzu großen Schwierigkeiten mehr bereiten,
da manche Verlage sowieso bereits Computer in das Setzverfahren eingeschaltet haben.

+

�</text>
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