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amcrika
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U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

9. Dezember 1992

49

SOMALIA

STARKE AMERIKANISCHE STREITMACHT
NACH SOMALIA ENTSANDT
Fernsehansprache von Präsident Bush
CLINTON UNTERSTÜTZT BUSHS
ENTSCHEIDUNG ZU SOMALIA
Erklärung des gewählten Präsidenten
OPERATION RESTORE HOPE
Übersicht des US-Außenministeriums

GATT

WIE DIE USA UND EUROPA DAS
GATT-AGRARABKOMMEN ERZIELTEN
Rede von Botschafter Dobbins

MENSCHENRECHTE

SERBISCHE FÜHRUNG FÜR MENSCHENRECHTSVERLETZUNGEN VERANTWORTLICH
Erklärung von Botschafter Abram
WEITERE GREUELTATEN IM EHEMALIGEN
JUGOSLAWIEN DOKUMENTIERT
Vierter US-Bericht für Vereinte Nationen

AUSSENPOLITIK

, RASSENBEZIEHUNGEN

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

CLINTONS GRUNDKONZEPTE BEREITS
DEUTLICH SICHTBAR
Rede von Botschafter Seitz

DIE BEKÄMPFUNG VON HASSVERBRECHEN
IN AMERIKA
von Michele St. George

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.:0228-339 2372
Telex: 8-85432

�SOMALIA
9. Dezember 1992

STARKE AMERIKANISCHE STREITMACHT
NACH SOMALIA ENTSANDT
Fernsehansprache von Präsident Bush
WASHINGTON - (AD) - Präsident Bush hat am 4. Dezember 1992 die Entsendung "einerstarken amerikanischen
Streitmacht" nach Somalia angeordnet, um die multinationalen militärischen Bemühungen der Vereinten
Nationen zur Lieferung von Nahrungsmitteln, Medikamenten und humanitärer Hilfe an vom Hungertod bedrohte
Somalier zu unterstützen.
"Unsere Mission verfolgt ein begrenztes Ziel - Nachschubrouten zu öffnen, Nahrungsmittellieferungen auf den
Weg zu bringen und Vorbereitungen zu treffen, damit eine UN-Friedenstruppe diese Lieferungen weiter
aufrechterhalten kann", erklärte Bush in einer landesweit übertragenen Fernsehansprache aus dem Weißen
Haus.
"Dieser Einsatz hat kein offenes Ende", fügte er hinzu. "Wir werden keinen Tag länger bleiben, als absolut
erforderlich."
Bush verwies darauf, daß die Vereinigten Staaten bereits rund 180.000 Tonnen Nahrungsmittel geliefert hätten
- über die Hälfte der aus aller Welt geschickten Nahrungsmittel. Diesen Sommer sei jedoch "das Verteilungssystem zusammengebrochen", und "die Sicherheitslage hat sich verschlechtert". Die Vereinten Nationen sind
Bush zufolge "an der Stationierung der von ihnen zunächst zugesagten Truppen gehindert worden. In vielen
Fällen werden mit Hilfsflügen eingetroffene Nahrungsmittellieferungen geplündert, Nahrungsmittelkonvois
entführt und Helfer angegriffen, und es gab Artillerieangriffe auf Schiffe, die ihnen das Anlegen unmöglich
machten."
Nachfolgend veröffentlichen wir die Erklärung des Präsidenten im Wortlaut.

Heute möchte ich zu Ihnen über die Tragödie in
Somalia und über eine Mission sprechen, die das
Leiden lindern und Leben retten kann. Jeder Amerikaner hat die schockierenden Bilder aus Somalia gesehen. Das Ausmaß des Leidens dort ist schwer vorstellbar. Bereits über eine Viertelmillion Menschen, soviele
wie in Buffalo (New York) leben, sind in Somalia bereits
den Hungertod gestorben. In den kommenden Monaten könnten bis zu fünfmal soviele, eineinhalb Millionen
Menschen, verhungern.

chen. Lastwagenkonvois aus den Häfen Somalias
wurden blockiert. Es gelang nicht, die Hungernden im
Innern Somalias ausreichend mit Nahrungsmitteln zu
versorgen.

Im August trafen wir deshalb zusätzliche Maßnahmen.
In Zusammenarbeit mit den Vereinten Nationen entsandten wir die US-Luftwaffe, um Nahrungsmittel in
die Städte einzufliegen. Bis heute haben amerikanische Piloten über 1.400 Flüge durchgeführt und über
17.000 Tonnen Nahrungsmittelhilfe geliefert. Und als
Viele Monate lang engagieren sich die Vereinigten die Vereinten Nationen die Entsendung einer Truppe
Staaten bereits aktiv an den massiven internationalen von 3.500 Mann zum Schutz der Hilfsoperation genehHilfsbemühungen, um das Leiden in Somalia zu lin- migten, flogen wir die ersten ein - 500 Soldaten aus
dem. Insgesamt haben die Vereinigten Staaten Somalia Pakistan.
200.000 Tonnen (1 Tonne = 907,185 kg, Anm. d. Red.)
Nahrungsmittel nach Somalia geliefert, über die Hälfte In den folgenden Monaten hat sich die Sicherheitslage
der aus aller Welt geschickten Nahrungsmittel. Diesen verschlechtert. Die Vereinten Nationen sind an der
Sommer ist das Verteilungssystem zusammengebro- Stationierung der von ihnen zunächst zugesagten
Truppen gehindert worden. In vielen Fällen werden mit
AMERIKA DIENST 49

Seite 1

�Hilfsflügen eingetroffene Nahrungsmittellieferungen
geplündert, Nahrungsmittelkonvois entführt und Helfer angegriffen, und es gab Artillerieangriffe auf Schiffe, die ihnen das Anlegen unmöglich machten.

Indem ich diese Maßnahme ergreife, möchte ich betonen, ich bin mir darüber im klaren, daß die Vereinigten
Staaten allein nicht alle Mißstände auf der Weh beheben können. Aber wir wissen auch, daß einige Krisen
auf der Welt nicht ohne amerikanisches Engagement
Es gibt keine Regierung in Somalia. Recht und Ord- beigelegt werden können, daß amerikanisches Hannung sind zusammengebrochen - es herrscht Anar- deln häufig als Katalysator erforderlich ist, um die
chie.
internationale Staatengemeinschaft zu breiterem
Engagement zu veranlassen. Nur die Vereinigten
In einem Bild kommt die ganze Geschichte zum AusStaaten haben den weltweiten Aktionsradius, um eine
druck. Stellen Sie sich vor, wie an einem Dock in
große Sicherheitsstreitmacht an einem solch entfernMogadischu eine Lagerhalle praktisch bis zum Bersten
ten Ort so rasch und effizient zu stationieren und damit
mit 7.000 Tonnen Nahrungsmitteln gefüllt ist, während
Tausende Unschuldiger vor dem Tod zu bewahren.
weniger als einen Kilometer entfernt Somalier verhungern, weil das Hilfspersonal den Spießrutenlauf durch Wir werden jedoch nicht allein handeln. Ich erwarte
in der Stadt marodierende bewaffnete Banden nicht Streitkräfte aus etwa einem Dutzend Länder, um mit
bestehen kann.
uns gemeinsam diese Mission durchzuführen. Wenn
Angesichts dieser Bedingungen forderten die Hilfsgruppen, mit der Entsendung von Truppen die Sicherheit zu gewährleisten, damit sie die Menschen verpflegen können. Heute ist klar, daß militärische Unterstützung erforderlich ist, um die sichere Lieferung von
Nahrungsmitteln zu gewährleisten, die von den Somaliern zum Überleben benötigt werden.
Es war diese Lage, die uns dazu veranlaßte, den
Vereinten Nationen zu erklären, daß die Vereinigten
Staaten bereit wären, mehr Hilfe für die Sicherung der
Hilfslieferungen zur Verfügung zu stellen. Gestern
abend hat der UN-Sicherheitsrat einstimmig und nach
den unermüdlichen Bemühungen von Generalsekretär Boutros-Ghali das Angebot der Vereinigten Staaten begrüßt, eine Koalition anzuführen, um die Nahrungsmittellieferungen zu ermöglichen.
Nach Konsultationen mit meinen Beratern, mit führenden Politikern in der ganzen Welt sowie der Führung
des Kongresses habe ich Generalsekretär BoutrosGhali heute mitgeteilt, daß die Vereinigten Staaten
dem Ruf antworten werden. Ich habe Verteidigungsminister Cheney angewiesen, eine starke amerikanische Streitmacht nach Somalia zu entsenden. Während ich spreche, befindet sich eine amphibische Eingreiftruppe der Marineinfanterie, die ständig auf See
stationiert ist, vor der Küste von Mogadischu. Diese
Truppe wird von Einheiten der 1. Marineexpeditionsstreitmacht aus Camp Pendieton (Kalifornien) und der
10. Gebirgsjägerdivision aus Fort Drum (New York)
verstärkt.
Diese und andere amerikanische Streitkräfte werden
bei der Operation Restore Hope Hilfe leisten. Sie sind
die besten Amerikas. Sie werden diese Mission mit
Mut und Mitgefühl erfüllen, und sie werden erfolgreich
sein.
Die Bevölkerung Somalias, insbesondere die Kinder
Somalias, benötigen unsere Hilfe. Wir können ihre
Leiden lindern. Wir müssen ihnen helfen, zu leben.
Wir müssen ihnen Hoffnung geben. Amerika muß
handeln.
Seite 2

wir sehen, wie Somalias Kinder verhungern, dann
schmerzt dies ganz Amerika. Wir haben auf vielerlei
Weise zu helfen versucht. Täuschen Sie sich nicht:
Wir und unsere Verbündeten werden jetzt sicherstellen, daß die Hilfe durchkommt.
Wir und unsere Koalitionspartner werden folgende
Maßnahmen ergreifen: Erstens werden wir in den am
härtesten betroffenen Teilen Somalias ein sicheres
Umfeld schaffen, damit per Schiff gelieferte Nahrungsmittel auf dem Landweg zu den Menschen im Landesinnem transportiert werden können, das durch die
Hungersnot verwüstet ist.
Zweitens werden wir unsere Truppen nach der Schaffung dieses sicheren Umfelds abziehen und den Sicherungsauftrag wieder einer regulären Friedenstruppe der Vereinten Nationen übergeben. Unsere Mission verfolgt ein begrenztes Ziel - Nachschubrouten zu
öffnen, Nahrungsmittellieferungen auf den Weg zu
bringen und Vorbereitungen zu treffen, damit eine UNFriedenstruppe diese Lieferungen weiter aufrechterhalten kann. Dieser Einsatz hat kein offenes Ende.
Wir werden keinen Tag länger bleiben als absolut
erforderlich. Ich möchte eindeutig feststellen, daß
unsere Mission humanitär ist, aber wir werden es nicht
tolerieren, daß bewaffnete Banden ihre eigenen Bürger ausplündern und sie zum Hungertod verurteilen.
General Hoar und seine Truppen haben die Vollmacht,
alle erforderlichen militärischen Maßnahmen zu ergreifen, um das Leben unserer Soldaten und das
Leben der Somalier zu schützen.
Die gesetzlosen Elemente in Somalia müssen verstehen, daß dies eine ernste Angelegenheit ist. Wir
werden unseren Auftrag erfüllen. Wir haben nicht die
Absicht, mit Kampftruppen in Somalia zu bleiben, aber
wir sind entschlossen, das Richtige zu tun, um ein
Umfeld sicherzustellen, das die Lieferung von Nahrungsmitteln an die vom Hungertod bedrohten Menschen in Somalia ermöglicht.

AMERIKA DIENST 49

�Dem Volk von Somalia verspreche ich: Wir planen
nicht, politische Resultate zu diktieren. Wir respektieren Ihre Souveränität und Unabhängigkeit. Aufgrund
meiner Gespräche mit anderen politisch Verantwortlichen der Koalition kann ich mit vollem Vertrauen
feststellen: Wir kommen nur aus dem einen Grund in
Ihr Land, die Verpflegung der Hungernden zu gewährleisten.
Den Männern und Frauen unserer Streitkräfte möchte
ich sagen: Wir bitten Sie, einen schwierigen und
gefährlichen Auftrag zu erfüllen. Als Oberbefehlshaber versichere ich Ihnen, Sie werden bei der Verwirklichung dieser Aufgabe unsere volle Unterstützung
haben, und wir werden Sie so bald wie möglich wieder
nach Hause bringen.
*

AMERIKA DIENST 49

Ich möchte mit einer Botschaft an die Familien der
Männer und Frauen schließen, die an dieser Mission
teilnehmen. Ich verstehe, daß es schwer ist, ihre
geliebten Angehörigen abreisen zu sehen, sie auf den
Weg zu schicken und dabei zu wissen, daß sie die
Feiertage nicht zu Hause verbringen werden. Die von
ihnen durchgeführte humanitäre Mission steht jedoch
in der besten Tradition unserer Streitkräfte. Jedem
Matrosen, Soldaten und Marineinfanteristen, der an
dieser Mission beteiligt ist, möchte ich sagen, daß Sie
eine von Gott gestellte Aufgabe erfüllen. Wir werden
nicht scheitern. Ich danke Ihnen, und möge Gott die
Vereinigten Staaten von Amerika segnen.

* * *

*

Seite 3

�SOMALIA
9. Dezember 1992

CLINTON UNTERSTÜTZT BUSHS ENTSCHEIDUNG
ZU SOMALIA
Erklärung des gewählten Präsidenten
LITTLE ROCK - (AD) - Derkünftige Präsident Bill Clinton erklärte am 4. Dezember 1992, er befürworte Präsident
Bushs Entscheidung, amerikanische Streitkräfte "als Unterstützung der klar umrissenen humanitären Mission
der Vereinten Nationen" nach Somalia zu entsenden.
"Die Behinderung von Hilfssendungen und insbesondere die Plünderung von lebensrettenden Nahrungsmittellieferungen muß unterbunden werden", stellte er in einer von seinem Büro veröffentlichten Erklärung fest.
"Das Mandat unserer Streitkräfte und Koalitionspartner besteht in der Herstellung eines sicheren Umfelds zur
Rettung von Menschenleben, und ich beglückwünsche Präsident Bush zu der von ihm übernommenen Führungsrolle bei dieser entscheidenden humanitären Bestrebung."
Nachfolgend veröffentlichen wir die Erklärung von Clinton im Wortlaut.

Gestern abend haben die Vereinten Nationen einen
wichtigen Schritt zur Milderung des Leidens der somalischen Bevölkerung unternommen. Mit der einstimmigen Enscheidung zum Einsatz aller erforderlichen
Mittel zur Schaffung eines sicheren Umfelds für humanitäre Hilfsoperationen in Somalia hat die internationale Staatengemeinschaft ihre Entschlossenheit unter
Beweis gestellt, nicht tatenlos zuzusehen, während
bewaffnete Banditen den Hungertod von Millionen
Menschen erzwingen, die zu Schachfiguren in einem
politischen Machtkampf geworden sind.
Und heute hat Präsident Bush bewiesen, daß das
amerikanische Volk seinen Teil dazu beitragen wird,
dieses tragische Elend zu einem Ende zu bringen. Ich
befürworte Präsident Bushs Entscheidung, amerikanische Streitkräfte als Unterstützung der klar umrissenen humanitären Mission der Vereinten Nationen nach
Somalia zu entsenden. Die Behinderung von Hilfssendungen und insbesondere die Plünderung von lebensrettenden Nahrungsmittellieferungen muß unterbun-

den werden. Das Mandat unserer Streitkräfte und
Koalitionspartner besteht in der Herstellung eines sicheren Umfelds zur Rettung von Menschenleben und
ich beglückwünsche Präsident Bush zu der von ihm
übernommenen Führungsrolle bei dieser entscheidenden humanitären Bestrebung.
Ich bin von den Aktionen der Administration unterrichtet und heute morgen von der Entscheidung des
Präsidenten zum Einsatz amerikanischer Streitkräfte
in Kenntnis gesetzt worden. Ich bin ebenfalls zur
Gewährleistung des Erfolgs dieser wichtigen Mission
entschlossen und werde diese entscheidende internationale Bestrebung genau verfolgen.
Ich möchte auch ein Wort an die Männer und Frauen
der Streitkräfte richten, die die bevorstehenden Feiertage vielleicht fem der Heimat verbringen werden. Die
Vereinigten Staaten stehen hinter Ihnen und unterstützen diesen wichtigen Auftrag. Sie erfüllen uns mit
Stolz. Möge Gott Sie schützen.

* * * *

AMERIKA DIENST 49

*

Seite 1

�SOMALIA
9. Dezember 1992

OPERATION

RESTORE

HOPE

Übersicht des US-Außenministeriums
Die folgende Übersicht über die Hilfsoperation der Vereinigten Staaten in Somalia, Operation Restore Hope,
wurde am 4. Dezember 1992 vom US-Außenministerium veröffentlicht.

Die Vereinigten Staaten haben angeboten, eine unter
der Schirmherrschaft der Vereinten Nationen stehende Koalition von Streitkräften zu leiten, um Nahrungsmittellieferungen und humanitäre Hilfe für Somalia zu
sichern.
Folgende Ereignisse führten diese Entscheidung herbei:
Obwohl die Vereinigten Staaten und andere Geberländer auf internationaler Ebene genügend Nahrungsmittel zur Beendigung der Hungersnot in Somalia zur
Verfügung stellten, verhinderten weitverbreitete Plünderungen, Kämpfe zwischen rivalisierenden Gruppen
und der völlige Zusammenbruch aller Ebenen der
Regierung, daß die Nahrungsmittel zumindest die
Hälfte der Bevölkerung erreichten.
Es wird geschätzt, daß mehr als 250.000 Menschen
verhungert oder an Krankheiten gestorben sind, die
mit dem Hunger in Verbindung stehen. Das Zentrum
für Seuchenbekämpfung schätzt, daß in Somalia jeden Tag 3.000 Menschen sterben. Eineinhalb Millionen Menschen sind in großer Gefahr.
In den letzten anderthalb Jahren haben die Vereinigten
Staaten für Hilfsmaßnahmen in Somalia 200 Millionen
Dollar und mehr Nahrungsmittel als jedes andere Land
zur Verfügung gestellt.
Diese Summe beinhaltet 125 Millionen Dollar für
Nahrungsmittelhilfe, 40 Millionen Dollar für medizinische Hilfe, zusätzliche Ernährung, Rehabilitationsmaßnahmen und Unterstützung unserer Nothilfe-Luftbrücke sowie 34 Millionen Dollar für direkte Flüchtlingshilfe.
Im August begannen die Vereinigten Staaten und
andere Länder eine großangelegte Luftbrücke, um die
Gebiete des Landes mit den meisten Notleidenden zu
erreichen. Da mit Hilfe der Luftbrücke nur Nahrungsmittel zur Deckung des Bedarfs von 20 Prozent der
AMERIKA DIENST 49

gefährdeten Bevölkerung transportiert werden können, ist sie als eine Übergangsmaßnahme bis zur
Aufstellung umfangreicher Lastwagenkonvois gedacht.
Bis heute wurden im Rahmen dieser Luftbrücke mit
1.400 Flügen 21.000 Tonnen Lebensmittel geliefert.
Die UNO entwarf einen Plan zur Entsendung von
3.500 Friedenstruppen zum Schutz und zur Bewachung der Lastwagenkonvois in Somalia. Ende September flogen die Vereinigten Staaten die ersten 500
pakistanischen Soldaten nach Mogadischu, jedoch
wurden diese seit ihrer Ankunft von überlegenen regionalen Gruppen an der Ausführung ihres Auftrags gehindert.
Die Vereinigten Staaten und die Vereinten Nationen
kamen zu der Erkenntnis, daß die 3.500 Mann starke,
zur Friedenssicherung stationierte Truppe die Verteilung von Nahrungsmitteln nicht sichern konnte.
Angesichts dieser Tatsache beschloß der Präsident
die Entsendung einer viel größeren militärischen Einheit nach Somalia. Da die Vereinigten Staaten als
Leiter einer solchen Mission gut geeignet sind, machte
er den Vereinten Nationen den Vorschlag, daß die
Vereinigten Staaten eine militärische Koalition beteiligter Länder in Somalia zur Sicherung von Nahrungsmittel- und anderen Hilfslieferungen an die Notleidenden
führen sollten.
Der Auftrag der Koalition ist begrenzt und präzise: die
für die Lieferung von Hilfsmitteln an die Bevölkerung
Somalias notwendige Sicherheit sowie eine Atempause für die Friedenstruppen der UNO und den Beginn
politischer Versöhnung zu gewährleisten.
Die militärischen Ziele zur Durchführung dieses Auftrags leiten sich aus den unmittelbaren Schwierigkeiten bei den Hilfsmaßnahmen ab: Die Notwendigkeit
der Sicherung von Häfen, Flughäfen und Lieferwegen
sowie der Lagerung und Verteilung von Hilfsgütern.
Seite 1

�Diese Ziele können und sollten in naher Zukunft erreicht werden. Sobald das geschehen ist, können die
Truppen der Koalition aus Somalia abziehen und ihre
Sicherheitsfunktion an eine vollständig besetzte UNFriedenstruppe übergeben.

Der Präsident ist sich der Gefahr für die amerikanischen Truppen im Falle von Kampfeinsätzen wohl
bewußt, entschied jedoch, daß die Risiken angesichts
der Natur und der Ziele des Auftrags akzeptabel seien.
Wiederum werden wir jetzt und in Zukunft von dem
Wunsch geleitet, dem Hungertod so vieler Menschen
in Somalia ein Ende zu bereiten.

Die Vereinigten Staaten haben kein anderes Ziel außer
der Teilnahme an den Maßnahmen, zu denen die
Resolution ermächtigt. Die in Somalia stationierten Abgesehen von dem rein humanitären Aspekt der
US-Streitkräfte werden nicht länger als nötig in diesem Anstrengungen der Koalition zeigt sich auch die uneinLand bleiben.
geschränkte Unterstützung für die UNO bei ihrem
Bemühen, den Gefahren für den Weltfrieden und die
Die Vereinigten Staaten haben sich mit zahlreichen Stabilität zu begegnen.
potentiellen Koalitionsteilnehmern in Verbindung gesetzt und bereits bedeutende Zusicherungen für Trup- Es wäre wünschenswert, dies im Fall einer ernsten
pen und finanzielle Unterstützung erhalten.
Notlage immer zu tun, aber der Krieg im ehemaligen
Jugoslawien zeigt, daß das nicht möglich ist.
Wir freuen uns auf einen baldigen Übergang zu einer
wirksamen UNO-Friedenstruppe.
In Somalia haben wir ein klar definiertes Ziel - die
Sicherung von Häfen und Verteilungszentren im LanJe schneller den Streitkräften von außerhalb die Schaf- desinneren u nd der Nahrungsmitteltransport zwischen
fung eines sicheren Umfelds gelingt, desto eher kann ihnen-, was unserer Meinung nach mit akzeptablen
die Bevölkerung Somalias mit dem Wiederaufbau ihrer Risiken und innerhalb einer begrenzten Zeit erreicht
eigenen Gesellschaft beginnen.
werden kann.
Wir sind uns sehr wohl bewußt, daß eine militärische
Intervention kein Ersatz für politische Versöhnung ist,
und daß diese Aufgabe fest in der Hand der somalischen Bevölkerung liegen muß.

Obwohl wir uns in Zukunft möglicherweise humanitären Krisen, ähnlich der in Somalia, gegenübersehen
werden, müssen wir jede Situation neu einschätzen
und bewerten. Wir sind davon überzeugt, daß wir in
Somalia die richtige Entscheidung getroffen haben.

* * * *

Seite 2

*

AMERIKA DIENST 49

�GATT
9. Dezember 1992

WIE DIE USA UND EUROPA DAS
GATT-AGRARABKOMMEN ERZIELTEN
Rede von Botschafter Dobbins
BRÜSSEL - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die vom Vertreter der Vereinigten Staaten bei den Europäischen Gemeinschaften, Botschafter James F. Dobbins, am 2. Dezember 1992 bei der Konferenz des United
Parcel Service gehaltene Rede mit dem Titel "Mythos und Realität: Wie Europa und die Vereinigten Staaten das
Abkommen über Agrarhandel im Rahmen des GATT erzielten und seine Bedeutung für Europa" im Wortlaut.
Im Juni dieses Jahres erzielte die Europäische Gemeinschaft Einigung über eine weitreichende Reform
ihrer Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP). Vor zwei
Wochen vereinbarten die Vereinigten Staaten und die
Gemeinschaft einen gemeinsamen Ansatz zu den
ausstehenden Themen der Uruguay-Runde - einschließlich Marktzugang, Dienstleistungen, staatliche Beschaffung und Landwirtschaft. Obwohl das Abkommen
umfangreich war, konzentrierte sich die Aufmerksamkeit vornehmlich auf die Bestimmungen zum Agrarsektor. Infolgedessenkonnten wir ein Wiederaufleben
der Debatte über die künftige Richtung der Agrarpolitik
der Gemeinschaft in Europa beobachten.

In der Tat waren die Vereinigten Staaten wie die
meisten anderen GATT-Mitglieder seit einem Jahr
bereit, ein Abkommen im Rahmen der Uruguay-Runde
auf der Grundlage eines von GATT-Direktor Dunkel
vorbereiteten Kompromißtextes abzuschließen, der
für die meisten GATT-Teilnehmerstaaten akzeptable
Bestimmungen zum Agrarsektor enthielt. Es war
einzig und allein unter allen GATT-Mitgliedern die
Europäische Gemeinschaft, die darauf bestand, dieser Text sei inakzeptabel. Es war die Europäische
Gemeinschaft, die den Abschnitt Landwirtschaft als
das Element - das einzige Element - ausmachte, das
Neuverhandlungen erforderte.

Im Verlauf der Debatte verbreiteten sich eine Reihe
von Mißverständnissen. Beispielsweise wurde behauptet, es seien die Vereinigten Staaten gewesen,
die den Bereich Landwirtschaft für eine Sonderbehandlung ausgeklammert hätten, sie hätten von allen
Verhandlungspartnern der Gemeinschaft im Landwirtschaftssektor die höchsten Forderungen gestellt, das
Abkommen zwischen den Vereinigten Staaten und der
Gemeinschaft verlange unverhältnismäßige Opfer von
Europa und Europa ändere seine Agrapolitik, um die
amerikanischen Forderungen zu erfüllen.

Generell war es die Europäische Gemeinschaft, die
konsequent gedrängt hat, der Agrarhandel sollte nicht
wie andere Sektoren behandelt werden. Es war daher
die Europäische Gemeinschaft, die den Agrarbereich
für eine Sonderbehandlung bestimmt hat und der es
jetzt gelungen ist, die Unterstützung der Vereinigten
Staaten für diese Bestrebungen zu gewinnen.

Weil das Ergebnis dieser Debatte von solch grundlegender Bedeutung für die Zukunft der Gemeinschaft,
die Aussichten für die atlantische Zusammenarbeit
und den Wohlstand von Europäern und Amerikanern
gleichermaßen ist, müssen solche Mißverständnisse
aus dem Weg geräumt werden. Ich möchte daher jede
dieser Behauptungen im einzelnen prüfen.

Tatsächlich hat sich die Gemeinschaft nicht für die
Aushandlung der Agrarbestimmungen der UruguayRunde auf bilateraler Ebene mit den Vereinigten Staaten entschieden, weil die Vereinigten Staaten die
höchsten Forderungen unter den EG-Nachbarstaaten
stellten, sondern weil die Vereinigten Staaten der
führende Partner sind, dessen Interessen denen der
Gemeinschaft am nächsten liegen, selbst im Hinblick
auf die Landwirtschaft.

Mythos Nr. 1: Im vergangenen Jahr haben die Vereinigten Staaten den Agrarbereich zum besonderen
Schwerpunkt in der Runde bestimmt.

AMERIKA DIENST 49

Mythos Nr. 2: Die Vereinigten Staaten stellen unter
den Haupthandelspartnem der Gemeinschaft im Agrarbereich die höchsten Forderungen.

Seite 1

�Isoliert wie die Gemeinschaft vor einem Jahr in ihrer
Ablehnung des Dunkel-Textes war, hätten die EGNachbarstaaten eine Veränderung seiner Agrarbestimmungen über multilaterale Verhandlungen in Genf
anstreben können. Als Alternative hätte sich die
Gemeinschaft an andere GATT-Mitgliedstaaten wenden können, insbesondere die Entwicklungsländer
und die "Cairns-Gruppe" führender Agrarexporteure
wie Australien, Kanada und Argentinien, um deren Unterstützung zu gewinnen. Diese Länder bestanden jedoch auf einer noch weiterreichenden Liberalisierung
des Agrarhandels als die Vereinigten Staaten. Statt
dessen entschied sich die Gemeinschaft, mit den
Vereinigten Staaten zu verhandeln und ihre Unterstützung für die Abänderung des Dunkel-Textes zu gewinnen.

Abkommens gegen Anrufung der GATT-Schlichtungsgremien geschützt sind.
Das Abkommen zwischen den Vereinigten Staaten
und der EG fordert eine 21prozentige mengenmäßige
Kürzung der subventionierten Exporte. Dies sind drei
Prozent weniger als die im Dunkel-Text enthaltenen 24
Prozent, 15 Prozent weniger als die von den Vereinigten Staaten vor einem Jahr angestrebten 36 Prozent
und 79 Prozent weniger als die von den Vereinigten
Staaten für die ersten fünf Jahre der Verhandlungen
befürwortete und von den meisten anderen GATTMitgliedstaaten immer noch bevorzugte vollständige
Beseitigung von Exportsubventionen.

Seit dem Ende des Basiszeitraums von 1986 -1990,
aus dem sich die 21 prozentige Kürzung ableitet, wurden
die Subventionsprogramme der Vereinigten StaaDie Gemeinschaft blickte zwecks Unterstützung auf
ten
in
rascherem Tempo erweitert als die der Gemeindie Vereinigten Staaten, weil sowohl die Vereinigten
schaft.
Das bedeutet, die amerikanischen SubventioStaaten als auch Europa ihren Agrarbereich schützen.
nen
müssen
jetzt sehr viel drastischer gekürzt werden
Nach der Gemeinschaft sind die Vereinigten Staaten
als
die
der
Gemeinschaft.
weltweit der zweitgrößte Subventionierer der Landwirtschaft. Die Reform der GAP hat die amerikaniVerglichen mit dem Umfang der von den Vereinigten
schen und europäischen Praktiken einander nähergeStaaten in diesem Herbst zum Verkauf im Haushaltsbracht. Am 20. November 1992 vereinbarten die
jahr 1993 angebotenen subventionierten Exporte werden
Vereinigten Staaten und Europa ihre Zusammenardie Vereinigten Staaten im Verlauf der ersten sechs
beit, um das GATT-Regime zu Landwirtschaft in EinJahre des GATT-Abkommens ihre subventionierten
klang mit der Struktur der amerikanischen und europäischen Agrarpolitik zu bringen. Die Vereinigten Exporte von Weizen um 54 Prozent, Gerste um 78
Staaten und die Europäische Gemeinschaft arbeiten Prozent, Reis um 95 Prozent, von Pflanzenölen um 84
jetzt zusammen, um die anderen GATT-Mitgliedstaa- Prozent und von Geflügelfleisch um 52 Prozent reduten von der Annahme dieses zurückgeschraubten zieren müssen.
Agrarabkommens zu überzeugen und konstruktive Im Verhältnis zu den während des Haushaltsjahres
Angebote zu Marktzugang und Dienstleistungen zu 1992 subventionierten amerikanischen Exporten werunterbreiten.
den die Kürzungen geringer ausfallen, sind jedoch
immer noch höher oder vergleichbar mit denen der
Mythos Nr. 3: Das Agrarabkommen zwischen den Gemeinschaft und belaufen sich auf Kürzungen von 32
Vereinigten Staaten und der Europäischen Gemein- Prozent bei Weizen, 75 Prozent bei Gerste, 90 Prozent
schaft im Rahmen des GATT erfordert von der Ge- bei Reis und 69 Prozent bei Pflanzenölen. Anhand von
meinschaft größere Opfer als von den Vereinigten Prognosen des Europäischen Bauernverbandes für
Staaten.
subventionierte Agrarexporte der Gemeinschaft im
Tatsächlich zielt das Abkommen zwischen den Verei- laufenden Jahr müßte die EG im Vergleich Reduzienigten Staaten und der EG darauf ab, auf beiden rungen von 39 Prozent bei Weizen, 9 Prozent bei
Seiten bereits getroffene Entscheidungen und den Gerste, 49 Prozent bei Reis und 39 Prozent bei Geflübereits in die Wege geleiteten Abbau des Schutzes zu gelfleisch vornehmen. Wie Sie sehen, sind die ameriberücksichtigen. Keine Seite wird daher ihre beab- kanischen Kürzungen bei subventionierten Exporten
sichtigten Binnensubventionsprogramme über das vergleichbar, wenn nicht einschneidender als die der
bereits entschiedene Maß hinaus anpassen müssen, Europäischen Gemeinschaft.
und die Kürzungen der Vereinigten Staaten bei sub- Mythos Nr. 4: Europa ändert seine Agrarpolitik unter
ventionierten Exporten sind vergleichbar, wenn nicht dem Druck der Amerikaner.
sogar höher als die der Gemeinschaft.
Tatsächlich stand für Europa die GAP-Reform an
Im Rahmen des Abkommens zwischen den Vereinig- erster und ein GATT-Abkommen an zweiter Stelle.
ten Staaten und der Europäischen Gemeinschaft wird Dies trifft sowohl im Hinblick auf den Zeitpunkt als auch
das in der GAP-Reform enthaltene System direkter die den beiden Zielen eingeräumte Priorität zu. Die
Beihilfen für die Landwirte nicht begrenzt. Der Ge- Vereinigten Staaten haben bei der Erarbeitung der
meinschaft steht es vollständig frei, diese direkten GAP-Reform keine Rolle gespielt. Sobald die EntZahlungen auf einer von ihr bestimmten Ebene und für scheidung für eine Reform gefallen war, stellte die
einen von ihr bestimmten Zeitraum festzusetzen. Ebenso Gemeinschaft wiederholt klar, daß das einzige für
wichtig ist, daß diese Subventionen für die Dauer des Europa akzeptable GATT-Abkommen eines ist, das
Seite 2

AMERIKA DIENST 49

�internationale Lösungen für bereits für eigene Zwecke
von der Gemeinschaft getroffene Entscheidungen
enthält.
17 europäische Kommissare aus allen 12 Ländern
haben den EG-Mitgliedsregierungen Zahlen vorgelegt, die belegen, daß die Einigung zwischen den
Vereinigten Staaten und der EG zum Agrarsektor den
bereits von der EG getroffenen Entscheidungen zur
GAP-Reform vergleichbar ist und den Mitgliedsregierungen versichert, daß bei einem GATT-Abkommen
über die auf jeden Fall zur Durchführung der GAPReform benötigten Disziplinen keine weiteren erforderlich seien.

sie für europäische Landwirte enthalten können, seien
auf amerikanischen Druck zurückzuführen, wäre ein
fadenscheiniges Zurückschrecken vor der Verantwortung.

Den europäischen Staats- und Regierungschefs obliegt die Verpflichtung, ihren Wählern diese Realitäten
zu erläutern. Die europäischen Politiker haben die
Verpflichtung, die Verantwortung für den von ihnen
eingeschlagenen Kurs und die von ihnen geschlossenen Vereinbarungen zu übernehmen. Die politisch
Verantwortlichen auf beiden Seiten des Atlantiks teilen
die Verantwortung, Appelle zu fremdenfeindlichem
Nationalismus, die Suche nach ausländischen Sündenböcken und den Gebrauch ketzerischer Rhetorik
In Europa ist man mit den von der EG im vergangenen zu vermeiden.
Juni getroffenen Entscheidungen zur GAP-Reform
nicht vollständig zufrieden. Das Landwirtschaftsab- Die Europäische Gemeinschaft sieht sich heute mit
kommen zwischen den Vereinigten Staaten und der einer umfangreichen und dringlichen internen TagesEG bietet eine Chance zur Wiedereröffnung dieser ordnung konfrontiert - Ratifizierung des MaastrichtDebatte und vielleicht zur Revision dieser Entschei- Vertrags, Ankurbelung von Wirtschaftswachstum,
dungen. Daran ist im Prinzip nichts verkehrt. Politik Festsetzung von Haushaltsprioritäten, Beistand für
dreht sich schließlich um die ewige Wiederherstellung ihre ärmeren Mitglieder und Eröffnung von Verhanddes Gleichgewichts gegenläufiger Interessen. Demo- lungen über die Erweiterung. Die atlantische Gemeinkratie tut dies in einer offenen und unvoreingenomme- schaft - Europa und die Vereinigten Staaten - sehen
nen Weise, die es den Wählern gestattet, die Themen sich einer sehr viel beängstigenderen Tagesordnung
und damit einhergehenden Geschäfte zu verstehen. gegenüber - Konsolidierung der Demokratie in der
gesamten ehemals kommunistischen Welt, BeendiDie erneute Debatte über Agrarpolitik in Europa spielt gung des Blutvergießens in Jugoslawien, Frieden im
die Interessen der großen, effizienten Landwirte ge- Nahen Osten zu schaffen und die Hungersnot in Afrika
gen die der kleinen, ineffizienten aus. Sie stellt die zu mildern.
Interessen hoher Haushaltsabgaben denen der Nutznießer umfangreicher Subventionen gegenüber. Sie Unter diesen Umständen ist es von Bedeutung, daß
wägt die Interessen von Nettoexporteuren gegen die die europäische Öffentlichkeit ein genaues Gefühl
von Nettoimporteuren ab. Nur ganz am Schlu ß und als erhält, wie die Vereinigten Staaten und die EuropäUnwichtigstes stellt sie die Interessen der europä- ische Gemeinschaft zu dem Agrarabkommen im Rahischen Landwirte denen der übrigen Welt gegenüber. men des GATT gelangt sind und welche Auswirkungen
Die europäischen Landwirte können nur auf Kosten es für Europa hat. Sie müssen sich bewußt werden,
des europäischen Steuerzahlers und der europäischen daß die Verantwortung für die Aushandlung eines
Verbraucher geschützt werden. Kein für die EG noch GATT-Abkommens den zur Europäischen Kommisso günstiges Abkommen kann diese grundlegende sion entsandten EG-Mitgliedsregierungen obliegt, daß
Last verlagern. Wie groß diese Last sein und wie sie es die Gemeinschaft war, die den Agrarbereich für eine
innerhalb Europas verteilt werden sollte, ist ein Thema, Sonderbehandlung ausklammerte, die Gemeinschaft
über das die europäischen Politiker uneingeschränkte die Unterstützung der Vereinigten Staaten für dieses
Ziel gesucht und inzwischen erhalten hat, der GemeinKontrolle und Verantwortung haben.
schaft die Aushandlung eines Arrangements mit den
Die Besorgnis der ländlichen Bevölkerung Europas Vereinigten Staaten gelungen ist, das die GATT-Regeln
richtet sich vornehmlich auf das Hauptziel der GAP- in Einklang mit der Agrarpolitik der Gemeinschaft
Reform - daß Europa, wie von Jacques Delors im bringen wird, dieses Abkommen die amerikanischen
vergangenen Jahr formuliert, "weniger produzieren, und europäischen Programme in vergleichbarer Weiweniger exportieren und mehr importieren" sollte. Dieses se beeinflussen wird und - vor allem - die bevorstehenAnliegen konzentriert sich ebenfalls auf die techni- den Veränderungen in der Struktur der europäischen
schen Mittel, mit denen die Gemeinschaft dieses Ziel Agrarsubventionen - Preisreduzierungen, direkte
verwirklichen will - niedrigere Preise, direkte Zahlun- Zahlungen und obligatorischer Verzicht - ausschließgen und obligatorischen Verzicht. Diese Entscheidun- lich im Interesse der Europäer als Reaktion auf zwingen wurden aus europäischen Gründen von europä- gende haushalts- und umweltpolitische Erwägungen
ischen Regierungen ohne die Beteiligung anderer und ohne Beteiligung der Vereinigten Staaten oder
Regierungen getroffen. Den Eindruck zu erwecken, einer anderen Regierung eines Nichtmitgliedstaates
diese Entscheidungen und die möglichen Opfer, die vorgenommen wurden.

AMERIKA DIENST 49

Seite 3

�Das Agrarabkommen mit den Vereinigten Staaten im
Rahmen des GATT hatte seinen Preis. Der Preis war
die einjährige Verzögerung bei der Erlangung eines
neuen globalen Handelsabkommens, ein Jahr, in dem
Europa enger an den Rand einer Rezession gerückt
ist, von der viele annehmen, sie könnte die schlimmste
in der europäischen Erfahrung nach dem Zweiten
Weltkrieg sein.
Schätzungen zufolge wird das jetzt vorliegende Welthandelsabkommen allein bei Fertigwaren eine Zunahme der Weltproduktion im Wert von über 5 Billionen
Dollar in den nächsten zehn Jahren zur Folge haben.
Die Vereinigten Staaten würden ein Fünftel dieser
Erhöhung erhalten - 1 Billion Dollar und die Europäische Gemeinschaft sogar noch mehr -1,4 Billionen

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Dollar. Dies ergibt eine durchschnittliche Erhöhung
des Einkommens jeder europäischen Familie von 16.000
Dollar über einen Zeh njahreszert räum hinweg. Derauf
die Liberalisierung des Handels mit Dienstleistungen
und geistigem Eigentum zurückzuführende Nutzen für
Europa wird ebenso dramatisch sein.
Ein Abkommen dieser Dimension ist in greifbare Nähe
gerückt. Es kann binnen Wochen abgeschlossen
werden. Wenn wir diese Gelegenheit nicht ergreifen,
wird sie sich uns in den nächsten Jahren nicht wieder
bieten - Jahre, in denen die Gemeinschaft vielleicht
keine weiteren Fortschritte zu einer Europäischen
Union erzielt, Jahre, in denen Europa und die Vereinigten Staaten vielleicht der dringenden Herausforderung
der Welt nach dem Kalten Krieg nicht gerecht werden.

AMERIKA DIENST 49

�MENSCHENRECHTE
9. Dezember 1992

SERBISCHE FÜHRUNG FÜR
MENSCHENRECHTSVERLETZUNGEN
VERANTWORTLICH
Erklärung von Botschafter Abram
GENF - (AD) - Die am 1. Dezember 1992 von der UN-Menschenrechtskommission angenommene Resolution
gibt - so der amerikanische Botschafter Morris Abram - "der serbischen Führung die Hauptschuld" an den im
ehemaligen Jugoslawien angewandten "verabscheuungswürdigen" Praktiken.
"Es wird nicht das serbische Volk als Ganzes verantwortlich gemacht", erklärte Abram, Ständiger Vertreter der
Vereinigten Staaten bei den Vereinten Nationen in Genf auf einer am 1. Dezember 1992 anberaumten
Pressekonferenz.
Abrams wies vorder Erläuterung der Resolution bei der Sitzung der UN-Menschenrechtskommission darauf hin,
es würde einen "entsetzlichen Präzedenzfall" schaffen, wenn die Welt nicht auf die Vorgänge im ehemaligen
Jugoslawien reagieren würde.
Nachfolgend veröffentlichen wir Abrams einleitende Erklärung auf der Pressekonferenz im Wortlaut.

Eine Rekordzahl von Staaten hat sich dem Antrag der zudenken, inwieweit diese ethnischen Säuberungen
Türkei und der Vereinigten Staaten auf dieses Treffen Völkermord sind. Ich freue mich darüber, daß im
angeschlossen: 44 aller im Menschenrechtsausschuß Bericht des Sonderberichterstatters, den wir außerorvertretenen Staaten. Die Resolution, die ich heute dentlich schätzen, gestern drei auch in der Resolution
nachmittag im Namen der Türkei und der Vereinigten angesprochene wichtige Themen erwähnt werden.
Staaten vorstellen werde, wird von 48 Staaten unter- Folglich gab es ohne einen Versuch zur vorherigen
stützt, von denen 27 der Menschenrechtskommission Absprache - und ohne die Möglichkeit hierzu - in
angehören. Ich weiß nicht, ob es in der Geschichte unserer Resolution Übereinstimmung im Hinblick auf
Vergleichbares gibt, aber ich bin sicher, daß das eine drei gestern vom Sonderberichterstatter erörterte
außergewöhnlich hohe Zahl ist.
Themen.
Ich möchte gerne kurz auf die Resolution zu sprechen
kommen. Sie enthält eine entschiedene Verurteilung
der im ehemaligen Jugoslawien angewandten Praktiken. Die Verantwortung - die Hauptverantwortung trägt ihrzufolge die serbische Führung. Ich möchte
das hier ganz deutlich sagen: Nicht das serbische Volk
als Ganzes wird für die Vorgänge verantwortlich gemacht.
Ich bin sicher, mein Land stimmt mit mir überein, daß
es keine Sprachregelung gibt, die ein ganzes Volk
verurteilt. Wir weisen hauptsächlich der serbischen
Führung die Schuld zu.

Die Resolution fordert, wie es auch der Sonderberichterstatter tat, die Schließung der Lager - dieser Gefangenenlager, dieser stinkenden Löcher. Sie fordert, wie
auch der Sonderberichterstatter, die Schaffung von
Hilfskorridoren. Und sie fordert, ebenso wie der Sonderberichterstatter, die Errichtung von Sicherheitszonen zum Schutz von Vertriebenen. Au ßerdem geht die
heute nachmittag vorzustellende Resolution weiter als
der Sonderberichterstatter in seinem gestrigen Bericht. Wir müssen daran denken, daß es sich hier um
seinen gewohnheitsmäßigen Bericht handelt. Wir in
unserer Resolution, die wie gesagt so viele Mitglieder
In der Resolution wird das Ende einer der verabscheu- inzwischen unterstützen, fordern Zusammenarbeit
ungswürdigsten Praktiken der letzten 50 Jahre gefor- zwischen dem Sonderberichterstatter und der Experdert, die der ethnischen Säuberung. Nichts daran ist tenkommission. Und wir fordern, daß die Expertensauber. Allen Staaten wird empfohlen, darüber nach- kommission - die manchmal zu Recht Kommission für

AMERIKA DIENST 49

Seite 1

�Kriegsverbrechen genannt wird - angemessen mit
Mitarbeitern und Mitteln ausgestattet wird. Unsere
Resolution proklamiert das Prinzip von Nürnberg. Das
heißt, daß Verbrechen gegen die Menschlichkeit und
Kriegsverbrechen nicht damit gerechtfertigt werden
können, daß man sich auf höheren Befehl beruft.
In unserer Resolution wird noch etwas anderes gefordert: die Untersuchung der Massengräber. Wir unterstützen weitere politische Verhandlungen im Rahmen
der internationalen Jugoslawienkonferenz, der die
ehemaligen Außenminister Vance und Owen Vorsitzen, von denen man in meinem Land die höchste
Meinung hat. Auch bitten wir den Sonderberichterstatter, in seiner Arbeit fortzufahren, und ermutigen ihn,
denn er leistet unserer Meinung nach ausgezeichnete
Arbeit. Ich möchte noch hinzufügen, daß die Weltgeschichte vielleicht etwas anders verlaufen wäre, wenn
wir in den vierziger Jahren einen solchen Sonderberichterstatter gehabt hätten. Um unter Beweis zu
stellen, daß die Vereinigten Staaten nicht nur mit
Worten Zuspruch bekunden, unterstützen wir die Arbeit
des Sonderberichterstatters mit 500.000 Dollar.
In unserer Resolution fordern wir den Generalsekretär
zur Gewährleistung der uneingeschränkten Zusammenarbeit aller mit diesem Thema befaßten UN-Gremien auf. Wie bei anderen Problemen - vielleicht
jedoch bei diesem noch mehr als sonst - wollen wir
einmütige Vereinte Nationen. Und wir bitten die Generalversammlung und den Generalsekretär um die
Bereitstellung angemessener Ressourcen.
Ich bin nicht hier um zu behaupten, dies sei eine
perfekte Resolution. Sie ist ausgewogen. Es besteht
die Möglichkeit, daß jemand einen Vorschlag unterbreitet, der eine leichte Verbesserung darstellt. Was
wir jedoch in stundenlangen, von unseren wichtigsten
Unterhändlern geführten Verhandlungen und in uneingeschränkter Konsultation angestrebt haben, ist eine
Resolution, die größtmögliche Unterstützung genießt.
Weil dies unseres Erachtens ein Thema ist, bei dem
die Menschenrechtskommission so einmütig wie möglich
sein sollte, um die maximale Wirkung zu erzielen.
Zweifelsohne müssen wir Geschlossenheit demonstrieren und wenn nicht mehr, so belegt diese Resolution mit ihrem Wortlaut zumindest die Geschlossenheit
der internationalen Staatengemeinschaft bei der Verurteilung dessen, was nicht einmal eine Flugstunde
von hier geschieht.

*

Seite 2

Dies ist die zweite, im Rahmen der Resolution des
Wirtschafts- und Sozialausschusses genehmigte
außerordentliche Sitzung, und es erfüllt mich mit Stolz,
feststellen zu können, daß mein Land diese beiden
Sitzungen gefordert hat - die ursprüngliche außerordentliche Sitzung über das ehemalige Jugoslawien -,
und gemeinsam mit der Türkei haben wir diese hier
anberaumt.
Warum ist dies letztlich wichtig? Wie Sie wissen, sind
seit der letzten Sitzung hundert Tage verstrichen. Die
Lage hat sich nicht zum Besseren gewendet, aber
zumindest haben wir die Arbeit eines Sonderberichterstatters vorliegen sowie das von der Menschenrechtskommission genehmigte und von dem Ernannten
geprüfte Instrument. Niemand kann jetzt Ignoranz
vortäuschen. Ich habe gerade General Taylors Buch
über die Nürnberger Prozesse gelesen und wie häufig
wird dort gesagt: "Nun, ich wußte einfach nicht, was
vorging." Sie können das jetzt nicht behaupten und
schon gar nicht hundert Tage nach der letzten Sitzung
der Menschenrechtskommission und nach den Berichten des Sonderberichterstatters.
Wir mußte diese verabscheuungswürdigen Taten als
solche bezeichnen, wir mu ßten mit dem Finger zeigen,
und wir mu ßten es in Genf tun. Denn dies ist der Sitz
so vieler Organisationen der Vereinten Nationen, die
sich ebenso wie diese mit einer Krise befassen. Die
Menschenrechtskommission, das Menschenrechtszentrum, der Hohe Flüchtlingskommissar - der infolgedessen überlastet ist - sind hier ansässig, die Kommission
für Kriegsverbrechen hält hier ihre Sitzungen ab, die
Minister Vance und Owen treffen sich hier, und der
Treuhänder der Genfer Konvention - das IKRK - befindet sich, auch wenn es kein Mitglied der Vereinten
Nationen ist, auf der gegenüberliegenden Straßenseite und leistet hervorragende Arbeit.
Ich möchte Ihnen erklären, warum das hiesige Geschehen meines Erachtens absolut entscheidend ist.
Wenn solche Dinge mitten im Herzen Europas, 50
Jahre nach dem Holocaust, geschehen können, und
die Welt darauf nicht so reagiert, wie sie muß, dann
schaffen wir einen entsetzlichen Präzedenzfall. Und
aus diesem Präzedenzfall läßt sich sehr einfach für alle
Übeltäter der Welt, die es immer gibt, ableiten: die
Welt ist abgestumpft gegenüber den Ereignissen. Diesen
Eindruck dürfen wir nicht vermitteln. Aus diesem
Grund ist das heutige Handeln der Kommission unserer Meinung nach so wichtig, und der Ruf danach von
solcher Bedeutung.

* * *

*

AMERIKA DIENST 49

�MENSCHENRECHTE
9. Dezember 1992

WEITERE GREUELTATEN IM EHEMALIGEN
JUGOSLAWIEN DOKUMENTIERT
Vierter US-Bericht für Vereinte Nationen
GENF - (AD) - Vorsätzliche Tötung, Folterung von Gefangenen, gezielte Angriffe auf Nichtkombattanten,
mutwillige Verwüstung und Zerstörung von Eigentum sowie gewaltsame Massenvertreibung und Deportation
von Zivilisten gehören zu den gegenwärtig im ehemaligen Jugoslawien begangenen Menschenrechtsverletzungen, stellt ein neuer Bericht der Vereinigten Staaten fest.
Dieser vierte amerikanische Bericht über schwere Verletzungen der Genfer Konventionen im ehemaligen
Jugoslawien wurde am 7. Dezember 1992 den Vereinten Nationen übergeben.
Nachfolgend veröffentlichen wir Auszüge aus diesem Bericht, wobei stellvertretend für die Vielzahl der
Greueltaten einige wenige Beispiele herausgegriffen wurden.
Vorsätzliche Tötung
25. September
Ein 48jähriger bosnischer Muslim wurde am 25. oder
26. September in seinem Heimatort Bijelijina auf der
Straße festgenommen und in ein Internierungslager in
Klis bei Batkovic gebracht. Die Einrichtung in Klis, die
früher zur Lagerung landwirtschaftlicher Produkte benutzt
worden war, wurde von Männern in grünen Uniformen
bewacht.

schlagen wurde, kehrte nicht mehr zurück, nachdem
er eines Abends in ein benachbartes Gebäude abgeführt worden war. Der Zeuge gab an, ein alter Gebäudereiniger habe ihm versichert, auch der dritte Mann
sei an den Schlägen gestorben.
21. Juli-4. August

Ein 36jähriger bosnischer Muslim befand sich in seinem Dorf Ribvanovici bei Prijedor, als die serbische
Armee am 21. Juli alle Dörfer in diesem Gebiet umzingelte und alle männlichen Erwachsenen gefangenDer Zeuge beschrieb, wie drei "reiche Männer" ausge- nahm - ein Vorfall, über den bereits früher berichtet
sondert und mißhandelt wurden. Man schlug sie mit wurde.
Fäusten und Gewehrkolben und trat auf sie ein. Es
handelte sich um einen Nachbarn, der mit Gold und Die serbischen Soldaten schlugen mit ihren Gewehren
Schmuck handelte, einen Kaffeehändler und einen auf die Gefangenen ein. Ein Mann begann zu weinen
weiteren Mann, den der Zeuge nicht kannte.
und wurde deshalb von den Soldaten erschossen. Die
Hälfte der Männer, darunter der Zeuge, wurden mit
In der zweiten Nacht, dieder Zeuge im Lager verbrach- Bussen in das Lager Keraterm in Prijedor und danach
te, beobachtete er, wieder Kaffeehändler und mehrere nach Omarska sowie zum Schluß nach Trnopolje
andere zu unterschiedlichen Zeiten aus ihrem Gebäu- gebracht. Der Zeuge weiß nicht, was mit den Zurückde zu einer benachbarten Einrichtung gebracht wur- gebliebenen geschah.
den. Während ihrer Abwesenheit vernahm er zahlreiche Schreie. Die anderen kehrten schließlich zurück, Nach einem Tag in Trnopolje wurde der Zeuge wieder
der Kaffeehändler jedoch nicht. Der Zeuge erfuhr in das Lager Omarska gebracht, wo er 15 Tage lang in
später, daß seine Leiche kurz darauf seiner Familie das "weiße Haus" gesteckt wurde. Er wurde in einem
übergeben worden war.
Raum mit Dutzenden von Männern eingesperrt, von
denen er viele aus seinem Dorf kannte. Er gab an,
In der fünften Nacht, die der Zeuge im Lager verbrach- jeden Tag seien Gefangene in eines von fünf Verhörte, erlitt der Goldhändler ein ähnliches Schicksal. Er zimmern gebracht worden, wo man sie mit Eisenstanerlag seinen Verletzungen. Der andere "reiche" Mann, gen und Holzknüppeln geschlagen habe.
der zusammen mit den weiteren Opfern häufig geAMERIKA DIENST 49

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�Der Mann seiner Schwester wurde auf diese Weise
totgeprügelt. Man hatte ihn in einer Nacht so schwer
geschlagen, daß ein Teil seiner Stirn fehlte, den man
offenbar mit einer Eisenstange abgeschlagen hatte.
Bald darauf starb er.

Der Zeuge gab weiterhin an, die Zahl der in Kotor
Varos Getöteten sei nahezu unvorstellbar hoch gewesen. Allein am 11. Juni lagen 300 - 400 Leichen auf der
Straße. Er und mehrere andere Gefangene mußten
die Leichen in schwarze Nylonsäcke legen. Diese
Säcke wurden danach mit einem Bulldozer in ein
nahegelegenes Massengrab transportiert, dessen Lage
er detailliert beschrieb. Er berichtete, an jenem Tag
selbst über 70 Leichen in Säcke gesteckt zu haben und
schätzte, daß mindestens 1.000 Menschen in diesem
Grab begraben wurden.

Der Zeuge beobachtete einmal durch das Fenster, wie
Wächter Gefangene aus dem "weißen Haus" herausholten, sie aufforderten wegzulaufen und sie dann auf
der Flucht in den Rücken schössen. Er berichtete, daß
erden Lärm von zahlreichen Exekutionen gehört habe,
die er jedoch nicht habe sehen können, da sie hinter
dem Gebäude oder in einem in der Nähe befindlichen Folterung von Gefangenen
roten Gebäude stattfanden.
August - September
Jede Nacht wählten die Wächter zwei Gefangene aus,
die die Toten begraben mußten. Der Zeuge wurde Ein amerikanischer Chirurg aus Kalifornien verbrachte
eine Nacht zur Mithilfe gezwungen und sah elf Leichen. Ende August bis Anfang September zwei Wochen in
Er gab an, die Wächter hätten die Körper kreuzweise Bosnien-Herzegowina (einschließlich eines Aufentin einer Grube aufgeschichtet. Etwa um den 4. August halts im Kosevo-Krankenhaus von Sarajevo), um
urologische Eingriffe vorzunehmen.
wurde er aus Omarska verlegt.

Der Arzt gab an, Freischärler von Muslims und Mujaheddin - darunter einige aus Afghanistan und SaudiEin 24jähriger bosnischer Muslim aus Kotor Varos Arabien - hätten an bosnisch-serbischen Soldaten
wurde als Zivilist festgenommen und vom 11. Juni bis regelmäßig primitive, entstellende Beschneidungen
zum 10. Oktober an mehreren Orten in Kotor Varos ohne medizinische Betreuung durchgeführt, und er
interniert. Er beschrieb, wie er mehrmals heftig und habe einen 18jährigen bosnisch-serbischen Soldaten
sadistisch geschlagen wurde, erzwungene sexuelle behandelt, der so brutal beschnitten wurde, daß schließAkte unter männlichen Gefangenen beobachten mußte lich das gesamte Glied habe amputiert werden müsund mit vorgehaltener Waffe gezwungen wurde, an sen.
einer Massenvergewaltigung und Ermordung einer
11. Juni-10. Oktober
muslimischen Frau teilzunehmen.
11. Juni-10. Oktober

An einem Tag wurden der Zeuge und 11 weitere
Gefangene gezwungen, an der Vergewaltigung der
Frau eines muslimischen Polizisten teilzunehmen. Er
rief aus: "Sie taten alles. Man kann sich nicht vorstellen oderglauben, was sie taten. Sie sind Tiere!" Ergab
an, die Frau sei eine Woche später an ihren Verletzungen gestorben.
In den ersten acht Tagen seiner Internierung sei ein
serbisches Fernsehteam aus Banja Luka eingetroffen
und habe ihn beschuldigt, während seiner Dienstzeit
als Soldat der kroatischen Streitkräfte Frauen geschlagen und Föten umgebracht zu haben. Er wurde
gezwungen, ein Geständnis vorzulesen, in dem er
diese Taten zugab, da ihm ein Hauptmann der serbischen Armee drohte, andernfalls würden seine Eltern
und Familienangehörigen umgebracht.

Ein 24jähriger bosnisch-muslimischer Agrartechniker
aus Kotor Varos wurde als Zivilist verhaftet und an
verschiedenen Orten in Kotor Varos interniert.
Zwölf serbische Soldaten in Uniformen mit weißen
Adlern verhafteten den Zeugen am 11. Juni in seinem
Haus und schlugen in seinem Hof auf ihn ein, bevor sie
ihn zur Koza Proletaria-Pelzfabrik verschleppten, wo
er befragt und weiter geschlagen wurde.
In der Pelzfabrik steckte ein Wächter ein Gewehr in
den Mund des Zeugen und hob ihn hoch. Ein anderer
Wächter zog ihm mit einer Zange zwei Zähne des
Oberkiefers. Seinen Aussagen zufolge wurden er und
100 andere Männer acht Tage lang geschlagen und zu
sexuellen Handlungen untereinander gezwungen.

Er wurde später in ein Hinterzimmer im Osnovi Sud dem städtischen Gerichtsgebäude - gebracht, wo er
Der Zeuge wurde später in einen Raum auf der Rück- dreieinhalb Monate festgehalten wurde. Er sagte aus,
seite des städtischen Gerichtsgebäudes verlegt, wo 170 Männer seien dort unter extrem schlechten Bedinihm zufolge drei Männer in seinen Armen an Schlägen
gungen interniert.
und Verletzungen starben: Enver Beharic, Mato Vatelj
und Smajo Celinac. Er benannte diese Männer und Sein Raum war nur 2,5x3,5 Meter groß und dennoch
behauptete, ihre Körper seien nach ihrem Tod ver- waren manchmal bis zu 70 Männer dort eingepfercht.
stümmelt worden. Alle drei wurden zwischen dem 13. Die serbischen Wächter spielten laute Musik, während
und 15. August getötet.
sie die Gefangenen in den Nachbarräumen und im Hof

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AMERIKA DIENST 49

�schlugen. Der Raum war ekelhaft dreckig. Sie aßen
verdorbene, verschimmelte Lebensmittel und hatten
keinen Zugang zu Toiletten. Zu einem Zeitpunkt litten
10 bis 15 Männer unter Durchfall. Die Haut der
Gefangenen verfärbte sich aufgrund der Gelbsucht
gelblich. Der Zeuge verbrachte über drei Monate unter
solchen Bedingungen, ohne jemals ein Bad nehmen
oder seine Kleider waschen zu können.
Am 10. Oktober wurden der Zeuge und zwei weitere
Muslims gegen einen Serben ausgetauscht. Drei
serbische Wärter, die er wiedererkannte, brachten ihn
in den Hof des Gerichtsgebäudes, wo sie wild auf ihn
einschlugen, dann seinen Arme und Beine wie bei
einen Schaf zusammenbanden und ihn zwangen zu
blöken. Später banden sie ihn an einen Jeep und
fuhren zum Krankenhaus, wobei der Zeuge hinter dem
Landrover herlaufen mußte. Am Krankenhaus angekommen, zwangen sie ihn zu kriechen, zu blöken und
Gras zu essen und befahlen ihm dann, das Gras zu
erbrechen, weil es serbisches Gras sei.
Ein Wächterbrachte stark säurehaltiges Gewehrreinigungsöl und zwang den Zeugen, einen halben Liter
davon zu trinken. Sofort bekam er Magenkrämpfe. Ein
zweiter Wächter rollte seinen Ärmel hoch und drückte
acht Zigarretten auf seinem Arm aus. Kurz danach
wurde er muslimischen Streitkräften im Dorf Vecic
übergeben.
Gezielte Angriffe auf Nichtkombattanten
18. November
Am 18. November bombardierten bosnische Serben
die Hauptverkehrsstraße von Norden nach Süden in
der Nähe der Stadt Mostar. Aufgrund dessen mußten
ein UN-Nahrungsmittelkonvoi und seine Eskorte spanischer Friedenstruppen den Versuch aufgeben,
Nahrungsmittel und Baumaterial nach Sarajevo zu
bringen.

matischen Gewehren auf einen britischen Konvoi, der
versuchte, Routen für UN-Hilfskonvois in der Nähe von
Tuzla ausfindig zu machen, und trafen einen britischen
Landrover. "Zum ersten Mal sind wir direkt unter
Beschuß geraten, und zum ersten Mal haben wir
zurückgeschossen", stellt ein Sprecher des britischen
Verteidigungsministeriums fest.
Mutwillige Verwüstung und Zerstörung von Eigentum
25. Mai
Ein 43jähriger Muslim aus Hambarine beobachtete
von einem nahegelegenen Hügel, wie serbische Artillerie am 25. Mai das Nachbardorf Kozarac zerstörte.
Die Artillerieeinheit unterstand der sogenannten Miliz
"Weißer Adler", deren Kommandeur und Führer der
Panzereinheit er identifizierte.
17. Mai
Kozarac im bosnischen Krajina wurde im Mai von
serbischen Streitkräften dem Erdboden gleichgemacht.
April - Oktober
Seit Ausbruch des Krieges im April haben Freischärler
der Serbischen Demokratischen Partei (SDS) von den
Sarajevo umgebenden Hügeln die Stadt bombardiert,
in der sich praktisch nichts befindet, was als militärisches Ziel bezeichnet werden könnte. Bei dem Angriff
auf die Stadt wurden Krankenhäuser, Schulen, Wohnhäuser, Moscheen, Kirchen und zahlreiche andere
zivile Einrichtungen zerstört.
Herbst 1991

Im Herbst 1991 räumten die serbischen Streitkräfte
Vukovar und mehrere andere umliegende Städte im
Ostsektorder UNO-Schutzzone (UN Protected Area UNPA) in Kroatien und hinterließen ein Bild wie Berlin
im Jahr 1945. Praktisch alle Wohn- und Geschäftsge16. November
bäude, Kulturstätten und religiöse Einrichtungen waren geplündert oder schwer beschädigt. GetreideaufIm Nordosten von Bosnien stationierte serbische Artil- züge, Kräne im Hafen entlang des Flusses, Fabriken
lerie feuerte 100 Granaten auf Zupanja und die umlie- und Apartment-Hochäuser wurden praktisch nutzlos
genden Dörfer in Kroatien. Zwei Menschen kamen und unbewohnbar gemacht.
ums Leben, darunter ein zweijähriges Kind, ein weiteres Kind wurde verletzt. Berichten zufolge wurden auch Erzwungene Massenvertreibung und Deportation
die Häuser schwer beschädigt.
von Zivilisten
7. - 8. November

November

Am 8. November stoppten bosnische Serben Hilfskonvois auf der Straße nach Mostar. Ein von Briten
eskortierter Konvoi der UNO-Friedenstruppen UNPROFOR wurde von Streitkräften des Kroatischen
Verteidigungsrates (HVO) 10 Kilometer nördlich von
Mostar aufgehalten.

Anfang November 1992 begannen serbische Militärbehörden mit der erzwungenen Mobilisierung von
Kroaten und Muslims im Gebiet von Banja Luka und
holten 50 bis 200 dieser Wehrpflichtigen aus den
Vororten von Gornji Seher und Debeljaci, weil es
einem serbischen Regierungsvertreter zufolge "dort
zuviele Muslims gibt".

Am 7. November feuerten bosnische Serben 200
Salven aus Maschinengewehren, Mörsern und autoAMERIKA DIENST 49

Seite 3

�26. Mai

Darüber hinaus wurden alle Haushalte in der Gegend
zur Aufnahme einer großen Zahl von Bewohnern aus
Eine 35jährige muslimische Frau, die in Tmopolje Kozarac gezwungen. Ihre Familie nahm 38 dieser
wohnte, lange bevor die Stadt zu zweifelhaftem Ruhm Flüchtlinge auf.
als Ort eines brutalen Intemierungslagers gelangte,
war am 26. Mai zugegen, als Tausende Kinder und Viele der Flüchtlinge, auch die in ihrem Haus, wurden
ältere Muslims aus der nahegelegenen Stadt Kozarac schließlich in Güterwaggons - rund 100 pro Waggon nach deren Zerstörung durch serbische Artillerie auf in weiter entfernt gelegene Einrichtungen abtransporLastwagen und Traktoren verladen wurden. Die neu- tiert. Am 8. Juli kamen Soldaten ins Haus und erklärangekommenen Flüchtlinge wurden auf dem Gelände ten, das gesamte Dorf werde "ethnisch gesäubert".
der örtlichen Grundschule untergebracht.
Sie und ihre Familie wurden gezwungen, ihr Haus zu
verlassen. Drei Tage später wurden sie und ihre
Der muslimischen Frau und anderen Bewohnern der Kinder zusammen mit anderen in einen Bahnwaggon
Stadt wurde gestattet, ihnen Lebensmittel durch den gepfercht und in der Nähe eines von Muslims kontrolum das Gelände errichteten Zaun zu reichen. Wäh- lierten Gebiets zum Aussteigen gezwungen, von wo
rend der ersten fünf Tage waren es die einzigen sie ihre Flucht ins Ausland antraten.
Lebensmittel, die die Neuankömmlinge erhielten.
* * * *

Seite 4

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AMERIKA DIENST 49

�US-AUSSEN

POLITIK
9. Dezember 1992

CLINTONS GRUNDKONZEPTE BEREITS
DEUTLICH SICHTBAR
Rede von Botschafter Seitz
LEEDS - (AD) - Der gewählte Präsident Clinton "hat bereits mehrere Grundkonzepte seiner künftigen
Administration verdeutlicht", erklärte der amerikanische Botschafter im Vereinigten Königreich, Raymond G. H.
Seitz, am 30. November 1992 bei einem Vortrag in Leeds.
"Als wichtigste Priorität betrachtet er rasche Impulse für unsere Wirtschaft sowie eine längerfristige Strategie zur
Behebung unserer eher strukturellen wirtschaftlichen Mängel", stellte Seitz fest.
Ein weiteres Konzept gehe davon aus, "daß die Kreativität und Sicherheit unserer Demokratie unauflöslich mit
dem Schicksal der Demokratie im Ausland verbunden ist", während das dritte Konzept dem Botschafter zufolge
darin besteht, "daß im Inland vielleicht die Betonung auf Wandel gelegt wird, im Ausland jedoch auf Kontinuität.
Die grundlegenden Interessen eines Landes verändern sich nicht mit der jeweiligen politischen Jahreszeit."
Der Präsident "hat ferner verdeutlicht, daß er keine Zeit für eine neoisolationistische Alternative hat. Dies ist
einfach für einen amerikanischen Präsidenten keine realistische Option", erklärte Seitz.
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede von Botschafter Seitz im Wortlaut.
Ich freue mich, diese Montague-Burton-Gedächtnisvorlesung in Leeds 50 Jahre nach der Antrittsrede
meines Vorgängers John Winant halten zu können.
Ich mag Symmetrie.

Armee, die über vier Jahrzehnte lang im Zentrum
Europas gestanden hatte, strömte plötzlich zurück in
ihr weit entferntes Heimatland. Ohne diesen Stützpfeiler fiel die Berliner Mauer. Weder Tumult noch Haß
folgten, als sich Deutschland in voller Souveränität
Überall im England dieses Jahres 1992 sind Men- vereinigte. Die alte Spaltung Europas war ausgelöscht
schen von beiden Seiten des Atlantiks bei Wiederse- und neues Licht erhellte die Düsternis Osteuropas.
henstreffen und Gedenkfeiern zusammengekommen, Unterjochte Staaten verspürten die Freude der lange
um den 50. Jahrestag der Ankunft der ersten amerika- verzögerten Freiheit.
nischen Truppen in diesem belagerten Land zu begehen. Tausende und Abertausende folgten, und so Die Europäische Gemeinschaft handelte ehrgeizige
begann ein großes und gemeinsames Unternehmen Pläne aus, um die Integration ihrer Mitgliedstaaten zu
unserer beiden Nationen, zu nächst die große Schlacht stärken. All die degenerierten Strukturen der alten
zu gewinnen und dann deren Vermächtnis, den langen Sowjetunion brachen zusammen, und viele etablierte
Frieden, zu bewahren.
Institutionen des Westens dehnten als institutionelle
Sicherheitsnetze auf die eine oder andere Weise ihre
In seinem Vortrag machte sich Winant Gedanken Tätigkeit nach Osten aus. Die Vereinigten Staaten
darüber, wie seine Welt der Kriegszeit in solche Dun- schlössen zwei Abkommen mit Moskau, die Europa
kelheit gestürzt worden sei, was er als diese "Revolte praktisch denuklearisierten und das atomare Armaggegen die Zivilisation" in einer "Welt verringerter Hoff- gedon in das Alte Testament der Weltpolitik verbannnungen" bezeichnete. Er war der Meinung, die Welt ten.
selbst sei aufgrund von Zynismus und Vernachlässigung gescheitert, hoffte jedoch, der Krieg sei ein Darüber hinaus endeten schwelende Bürgerkriege,
Vorspiel zur Erlösung. Einige seiner Anliegen sind es die in einer Welt der Rivalität zwischen den Superwert, heute erneut betrachtet zu werden.
mächten überleben konnten, mit politischen - wenn
auch unsicheren - Regelungen in Afghanistan und
Vor nicht viel mehr als einem Jahr strotzte die westli- Angola, Kambodscha und Mittelamerika. Der Sicherche Welt vor Erfolg in ihren gemeinsamen Unterneh- heitsrat der Vereinten Nationen erhielt einen neuen
mungen. Eine massive und bedrohliche sowjetische
AMERIKA DIENST 49

Seite 1

�Charakter als Friedensbewahrer, Schlichter und Legitimitätsträger. Und als der Irak aus den Wüsten des
Nahen Ostens zuschlug und sich einen kleinen Nachbarstaat gewaltsam einverleibte, erklärte die internationale Staatengemeinschaft, daß diese Art von Verhalten nicht toleriert werden könne und keinen Bestand haben werde. Sodann sammelte eine Koalition
von westlichen und arabischen Staaten unter der
Schirmherrschaft der Vereinten Nationen ihre Streitkräfte, um den Aggressor zu vertreiben. Im Sog dieser
großen Ereignisse setzten sich Palästinenser und
Juden zusammen, um miteinander zu sprechen.

über nationale und internationale Ziele zu sprechen,
und ein gemeinsames Vokabular zur Beschreibung
unserer kollektiven Rolle in dieser neuen Welt muß
noch entwickelt werden. Ferner sind wir auch noch
nicht in der Lage, die neuen Ziele und die neuen
Grenzen unserer gemeinsamen Institutionen zu artikulieren.
Schließlich sind diese ihrem Charakter nach internationalen und demokratischen Institutionen eines der
Unterscheidungsmerkmale unseres Zeitalters. Trotzdem scheinen wir gerade in dem Moment, in dem wir
uns auf ihre Lebens- und Anpassungsfähigkeit stützen
sollten, ins Stocken zu geraten. Gerade im Augenblick
unseres Erfolges scheint der Westen jetzt unter einer
Art institutioneller Melancholie zu leiden.

Beim Londoner Weltwirtschaftsgipfel vor gerade 16
Monaten untersuchten unsere verantwortlichen Politiker diese aussichtsreiche Lage und verliehen ihrer
Zuversicht Ausdruck, daß die wirtschaftliche Verzweiflung, die den Großteil der Welt erfaßt hatte, bald Wenn man nur die Staaten betrachtet, aus denen die
weichen und ein neues Regime des internationalen Gruppe der Sieben besteht, kann man ein Gefühl
Handels und verstärkter finanzieller Stabilität einleiten umfassender institutioneller Funktionsstörung ausmawerde, das uns bald in ein Zeitalter beispiellosen chen.
Wohlstandes führen würde.
In Japan hat die erdrückende Dominanz der LiberaldeWelch erstaunliche Welt zog da an unseren Augen mokratischen Partei zu einer in Fraktionen gespaltenen Regierung geführt, wobei ein politischer Entscheivorüber.
dungsträger nach dem anderen in einem Verwirrspiel
Es war bemerkenswert, vielleicht sogar einmalig, daß von Skandalen oder Korruption von der Bühne tausolch ein tiefgreifender, grundlegender Wandel ohne melt. Zum ersten Mal in seiner langen Nachkriegsgedie Heraufbeschwörung eines Krieges errungen wer- schichte unterliegt das japanische Wirtschaftswunder
den konnte. Europa hatte sich selten - wenn überhaupt schweren Erschütterungen. Vor einem Monat veröf- ohne einen militärischen Konflikt so grundsätzlich fentlichte ein aktiver Offizier der Japanischen Selbstneu konstituiert. Unter all den dramatischen Merkma- verteidigungsbehörde, wie die Armee dort bezeichnet
len dieses historischen Zeitabschnitts war seine Fried- wird, einen Artikel in einem renommierten Magazin, in
lichkeit vielleicht das bemerkenswerteste. Die Struk- dem er die Meinung vertrat, ein Staatsstreich sei die
turen der Spaltung, der Aggression und Unterdrük- einzige Lösung für die demokratische Krise Japans.
kung wurden hinweggefegt. Ohne vorhergehende Das ist ein absurder Vorschlag - und wird auch in Japan
Zerstörung erhielten wir eine Chance für die Zukunft. so eingeschätzt -, aber wenn ein einzelner isolierter
Offizier unter solchen Umständen einen solchen
Heute sind wir vielleicht ernüchterter als in jenen Gedanken auch nur äußert, ist dies ein Schock.
berauschenden Tagen. Wir haben gesehen, daß auf
Veränderungen nicht automatisch Ordnung folgt und Vor einem Monat stimmten die Kanadier in allen zehn
die bloße Niederlage des Kommunismus nicht aus- Provinzen mit überwältigender Mehrheit gegen ein
reicht. Warum sollten wir auch annehmen, daß sich Referendum, das von der Bundesregierung und allen
unsere Generation von allen vorhergehenden unter- Provinzregierungen unterstützt worden war und als
scheidet, daß wir auf irgend eine Weise klüger und neuester und vielleicht letzter Versuch galt, die Verfasweniger anfällig für Fehleinschätzungen und Torheiten sungsspannungen in diesem großen Land beizulegen.
sind oder auf irgend eine Weise freier von den Leiden- Aber die vorgeschlagene Lösung wurde kategorisch
schaften und Vorurteilen, die so häufig den Glanz abgelehnt. Im großen und ganzen besteht dieser Zwist
Europas erstickt haben? Sich vorzustellen, eine über Binationalität und Zweisprachigkeit in Kanada
Generation könne sich innerhalb ihrer Grenzen von bereits seit langer Zeit. Neu ist die Unfähigkeit seiner
der Vergangenheit emanzipieren, wäre eine gefährli- staatlichen und verfassungsmäßigen Institutionen,
che Einbildung, die wir uns kaum leisten können.
akzeptable Alternativen zu entwickeln, und das gescheiterte Referendum hat eine unheilverkündende
Es ist eine Ironie, daß der Erfolg langer gemeinsamer Kluft zwischen Gewählten und Wählern gezeigt.
Bemühungen nun zu einer Erschütterung des Vertrauens gerade in die Institutionen geführt hat, die uns Die Vereinigten Staaten leiden nicht unter einer institudiesen Erfolg überhaupt beschert haben. Das Ende tionellen Krise von Regierung oder Verfassung. Aber
des Kalten Krieges kam so plötzlich und so umfas- unser Wahlprozeß, der zu Beginn dieses Monats
send, daß wir durch das entstandene Vakuum die endlich seinen Abschluß fand, enthüllte eine weitverOrientierung verlieren. Es ist für unsere politischen breitete Unzufriedenheit und Frustration im Hinblick
Entscheidungsträger heute wesentlich schwieriger, offen auf ein politisches System, das als unfähig angesehen

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�wurde, auf die Anliegen der Wähler einzugehen. Es
bestand ein greifbares Mißtrauen gegenüber dem
politischen Establishment als Ganzem, und so konnte
eine Figur wie Ross Perot schlicht behaupten, das
Land sei erledigt und funktioniere nicht mehr - eine
Botschaft, die sogar noch mehr Resonanz fand als
sein bereits hoher Stimmenanteil andeutet. Zum ersten Mal nach langer Zeit wurde es als Nachteil angesehen, ein Amt innezuhaben, und die Wähler hatten
offenkundig genug von institutionellen Kleinkriegen
und der augenscheinlichen Ineffektivität, die aus der
Tatsache herrührte, daß das Weiße Haus in den
Händen der einen Partei und der Kongreß in den
Händen der anderen war.
Und nun zu Europa.
In Deutschland kann man die enormen wirtschaftlichen, politischen und sozialen Belastungen kaum
überschätzen, die der deutschen Vereinigung so rasch
folgten. Niemand hat bisher das Ausmaß und die
tiefgreifenden Konsequenzen dessen so recht begriffen, was zweifellos die bedeutsamste Entwicklung in
der Nachkriegsgeschichte Europas darstellt. Sowohl
die jüngsten finanziellen Unruhen in Europa als auch
der ehrgeizige Charakter von Maastricht lassen sich
auf dieses grundlegende Ereignis zurückführen. Hier
besteht schließlich eine immense Macht inmitten des
europäischen Kontinents, dessen territoriale Grenzen
keine Tradition haben und dessen widersprüchliche
Geschichte sowohl Stolz als auch Schande enthält und
der in seine relativ neuen Strukturen eine völlig entfremdete Masse von 17 Millionen Menschen integrieren muß, die seit den dreißiger Jahren keinen Hauch
von Demokratie oder freiem Unternehmertum erlebt
haben. Und in dieses belastende Gemisch ergießt
sich nun ein wachsender Strom von Flüchtlingen, der
Ausschreitungen von Skinheads auslöst und beunruhigende Erinnerungen weckt. Europa erklärt Deutschland, daß die Flüchtlinge Deutschlands Problem sind,
und die deutschen politischen Parteien streiten über
die Änderung des Grundgesetzes, wenn diese so
offenkundig erforderlich ist.

Und zuletzt zu Großbritannien. Nachdem ich eine
Theorie entwickelt habe, wäre es verlockend, einige
verzerrte Reflexionen über das Vereinigte Königreich
anzustellen, damit sie mit akademischer Makellosigkeit in diese Argumentationskette hineinpassen. Man
muß jedoch Bemerkungen über Direktverwaltung und
den unbarmherzigen Eigensinn Nordirlands, die sporadische Unzufriedenheit Schottlands und die Schadenfreude der Sensationspresse über die königliche
Familie sowie die Qualen der Church of England außer
acht lassen. Dies sind schwierige Probleme, deren
Wurzeln jedoch unabhängig vom gegenwärtigen Kontext
bestehen. Die Institutionen und die etablierte Verfassung Großbritanniens funktionieren selbst unter schwierigen Bedingungen. Das ist vielleicht eine prosaische
Beobachtung, die es jedoch in schweren Zeiten wert
ist, gemacht zu werden.
Dieser Überblick von Staat zu Staat ist weder vollständig noch widerspruchsfrei, und das sollte er auch nicht
sein. Man muß jeder Theorie mit Mißtrauen begegnen,
die versucht, alles miteinander zu verbinden. Es sollte
jedoch festgestellt werden, daß die Unzufriedenheit
und Desillusionierung in all diesen Ländern in gewissem Maß eine Erschütterung des Vertrauens in die
etablierten verfassungsmäßigen oder institutionellen
Prozesse und herkömmlichen Handlungsweisen darstellen.
Was auf nationaler Ebene demonstriert werden kann,
ist im internationalen Rahmen noch offenkundiger.
Die G-7 selbst, die als informelles Forum zur Erarbeitung breiter Leitlinien für unser wirtschaftliches Wohlergehen gedacht war, hat ihre Geschlossenheit vermissen lassen. Obwohl unsere Konjunkturflaute offensichtlich ist, scheint wenig internationale Koordination zu bestehen, um die Hauptprobleme zu behandeln, wobei zum Beispiel die Deutschen die Zinsen in
die Höhe treiben und die Amerikaner ihre senken,
während andere Währungen praktisch zwischen diesen zwei Stühlen sitzen. Wirtschaftsgipfel sind zu
extravaganten Phototerminen geworden, die inhaltsleere Kommuniques hervorbringen.

Selbst wenn man die erschreckende Mißwirtschaft in
Italien, diesem so talentierten Land, außer acht läßt,
stellen dort die zersetzende Herausforderung durch
die Mafia im Süden sowie der Aufstieg der Lombardischen Liga im Norden nicht nur die Autorität der
Regierung, sondern auch das Konzept der Staatlichkeit an sich in Frage.

Die Verwundbarkeit des EWS trat im August und
September und erneut in diesem Monat zutage, als
offenkundig wurde, daß die meisten nationalen Regierungen der Aufgabe nicht gewachsen sind, halbfeste
Wechselkurse angesichts des modernen Phänomens
verzögerungsloser Währungsspekulationen zu verteidigen, die leicht eine Billion Dollar täglich übersteigen
Auch Frankreich ist Mitglied dieses wankenden Clubs. können.
Die lähmenden Auswirkungen von Bauern auf den
Barrikaden, die vor dem Maastricht-Referendum zum Darüber hinaus standen wir diesen Monat am Rand
Ausdruck gebrachten Phobien, die beunruhigende einer Krise im internationalen Handelssystem, das seit
Anziehungskraft von Jean-Marie Le Pen und die Aus- dem Inkrafttreten des Allgemeinen Zoll- und Handelssicht auf eine schwierige Regierung der"Cohabitation" abkommens nach dem Krieg so viel zum Wohlstand
im nächsten Frühjahr deuten zusammengenommen beigetragen hat. Über diesen Zeitraum hinweg haben
auf ein Charakteristikum hin, das dem Gallier eigent- sich in dem System jedoch ernsthafte Verzerrungen
entwickelt, insbesondere in der Landwirtschaft, und
lich völlig fremd ist: Selbstzweifel.
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�die bestehenden Spielregeln haben den am schnellsten wachsenden Teil des internationalen Handels
nicht erfaßt, insbesondere im Dienstleistungsbereich.
Die Uruguay-Runde von Verhandlungen sollte diese
Probleme korrigieren, und es wurden große Fortschritte erzielt. Heute befinden wir uns jedoch an einem
Punkt, wo die gesamte Wirtschaft zusammenbrechen
könnte, wenn die Unterhändler ihre Differenzen nicht
bald beilegen. Die Chance zu einer Ausweitung des
Handels könnte vertan werden, und - schlimmer noch
- das Scheitern der Uruguay-Runde würde sicherlich
zu verstärkten nationalistischen Vergeltungsmaßnahmen im Handel sowie zu Protektionismus und Bilateralismus führen. Damit wäre die Integrität des internationalen Systems selbst gefährdet.
Europa ist der am meisten institutionalisierte Kontinent
- angesichts seiner Geschichte eine begrüßenswerte
Entwicklung. Aber auch hier sehen wir, wie Institutionen in gewisser Weise aus den Fugen geraten. Der
Maastrichter Vertrag folgt weiterhin einem gefahrvollen Kurs der Referenden und Ratifizierungen, und
obwohl ihm wahrscheinlich doch Erfolg beschieden
sein wird, hat der Prozeß die Skepsis der europäischen Öffentlichkeit im Hinblick auf Richtung und
Voraussetzungen der europäischen Strukturen offengelegt.
Dieser europäische Kontinent ist voller Sicherheitsstrukturen und -plane - NATO, Westeuropäische Union,
KSZE, deutsch-französisches Korps -, aber trotzdem
sind wir alle mehr oder weniger verwirrt von der tückischen Brutalität des Zerfalls Jugoslawiens, und wir
besitzen auch keine klare Vorstellung davon, wie wir
auf andere lauernde Gefahren ethnischer Konflikte
reagieren sollen.

Was geschah mit dem gestern noch existierenden
Vertrauen?
Unser kollektiver Kater war nach den Strapazen des
Kalten Krieges und dem Überschwang nach seinem
Ende wahrscheinlich unvermeidbar. Mit einem Gegner waren wir besser in der Lage, unsere Werte,
unsere Ziele und unser moralisches Zentrum zu definieren. Es war eine Zeit großer Ereignisse, die mit
großartigen Strategien verbunden waren, und als diese Zeit vorüber war, bot das kurzlebige Konzept vom
Ende der Geschichte eine Verlockung. Die sonnigen
Höhen lockten. Aber natürlich geht die Geschichte
nicht zu Ende, und die Höhen unterliegen ebenso
vielen meteorologischen Schwankungen wie das Tiefland.
Wir entdecken, daß Frieden nicht der natürlichen
Ordnung entspricht, sondern statt dessen einen Akt
des politischen Willens darstellt. Neue Herausforderungen treten auf - die sich kreuzenden Ströme von
Flüchtlingen und Vertriebenen, die zahlreichen Ausbrüche ethnischer Konflikte, die Verbreitung schrecklicher Waffen, die Verschlechterung der Umwelt sowie
der Zerfall von Souveränität - und intuitiv wissen wir,
daß wir neue Energie sammeln müssen. Trotzdem
sind die Strategien, die aus gemeinsamen Zielen
erwachsen sollten, noch nicht völlig hervorgetreten,
und diese sich entwickelnden Probleme passen auch
nicht reibungslos in unsere etablierten Institutionen.

Die verschwommene Qualität des aktuellen Geschehens wird durch einen konjunkturellen Einbruch noch
verschlimmert, der auf die eine oder andere Weise alle
unsere Länder zu betreffen scheint. Die Aussichten
auf reales und dauerhaftes Wachstum scheinen nicht
länger gewiß zu sein, und der Aufschwung scheint eine
langwierige Angelegenheit zu werden. BinnenwirtIch beabsichtige nicht, ein Bild vom Zustand des schaftliche Probleme erhalten neue Dringlichkeit, und
Westens zu malen, das nur in düsteren Farben schwelgt. die Politik wird rauher. Natürlich wenden sich die
Die Europäische Bank für Wiederaufbau und Entwick- Staaten, da sie zunächst mit innenpolitischen Problelung, zum Beispiel, ist eine Institution, die mit neuen men beschäftigt sind, nach innen, und da ein gemeinMitteln für bestimmte Ziele ins Leben gerufen wurde. samer Rahmen fehlt, blicken die Staaten vorsichtiger
Die NATO erneuert ihre Organisation und ihren Auf- ins Ausland.
trag, und es gibt konkurrierende Visionen von der
Zukunft der Europäischen Gemeinschaft, wenn auch Ich beschreibe all dies aus dem Kontext heraus, denn
keinen Konsens.
in diese verwirrte Welt hinein haben die Amerikaner
nun einen neuen Präsidenten gewählt. Mr. Clinton
Bei den Vereinten Nationen herrscht ein neuer Geist geht im Januar mit 43 Prozent der Stimmen nach
der Zusammenarbeit, der häufig das ursprüngliche Washington, der geringsten Mehrheit in einem ViertelVersprechen der Charta widerspiegelt. Ebenso gilt jahrhundert und etwa dem gleichen Stimmenanteil,
jedoch, daß die UNO eine schwerfällige Organisation wie ihn die Tories hierzulande im April erzielten. Zwar
bleibt, der es an Mitteln und Autorität fehlt und die sind der Senat u nd das Repräsentantenhaus ebenfalls
bereits unter der Vielzahl der Anforderungen wankt.
in demokratischer Hand, aber nahezu ein Viertel des
Kongresses besteht aus neuen Gesichtern.
Obwohl die Beschreibung unausgewogen sein mag,
ist es meines Erachtens trotzdem angemessen, diese Der künftige Präsident wird ein Haushaltsdefizit von
Melancholie, die sich in unsere nationalen und interna- über 300 Milliarden Dollar und eine nationale Schuld
tionalen Angelegenheiten eingeschlichen hat sowie von rund vier Billionen Dollar erben. Er wird einer
die mit ihr einhergehenden institutionellen Funktions- Bevölkerung dienen, die wegen unserer sich häufenstörungen zu bemerken.
den Probleme - Bildungs- und Gesundheitswesen,
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�Infrastruktur und Verbrechen - ungeduldig ist, deren
Mehrheit sich bereits übermäßig besteuert fühlt und
deren Mittelschicht sieht, daß ihr reales mittleres Einkommen auf dem Stand von 1979 verharrt. Es ist ein
Land, das an seinem eigenen politischen Prozeß zweifelt
und nicht weiß, wie seine faire Rolle und Verantwortung in dieser neuen Welt aussehen sollte und das
unsicher ist, ob sein soziales Gefüge die konkurrierenden Forderungen und kulturellen Empfindlichkeiten
seiner vielfältigen Bevölkerung verkraften kann. Man
fragt sich in der Tat, warum jemand Präsident werden
möchte.
Trotz all dieser Beschränkungen und Herausforderungen besteht jedoch ein Gefühl, daß in unserer diesjährigen Wahl etwas Bedeutsames geschehen ist, daß
eine neue Generation in Amerika herangewachsen ist,
daß ein Wachwechsel stattfindet und der Aufstieg
dieser neuen Generation mit dem Beginn einer neuen
Ära zusammenfällt, die nach neuen Ideen und neuen
Maßnahmen verlangt. Dies ist es letztlich, was die
Amerikaner am Besten tun - alte Zweifel und vergangenen Pessimismus hinter sich zu lassen und sich statt
dessen zu regenerieren, neue Energien zu sammeln
und sich zu erneuern.

Der gewählte Präsident hat auch deutlich gemacht,
daß er keine Zeit für eine neoisolationistische Alternative hat. Dies ist einfach für einen amerikanischen
Präsidenten keine realistische Option. Beispielsweise
müssen die Vereinigten Staaten, solange Atomwaffen
existieren und ungeachtet der noch so günstigen
Umstände verbreitet werden, die Grundlagen für das
Überleben ihrer Nation sichern - das ist eine noch aus
dem Kalten Krieg stammende harte Realität.
In Europa werden die Vereinigten Staaten daher ihre
umfassenden Sicherheitsinteressen weiterverfolgen,
die seit der Zeit der Konflikte Mitte dieses Jahrhunderts
ihre Politik bestimmt haben.
Zunächst einmal impliziert dies eine aktive
Unterstützung für den Prozeß von Wandel und
Reformen in den Republiken der ehemaligen
Sowjetunion, insbesondere in Rußland. Sollte
die Reform dort scheitern, wird wieder ein dunkler Schatten auf unsere Welt fallen.
Gleichzeitig dürfen wir keine Mühe scheuen, um
den politischen und wirtschaftlichen Wandel in
Osteuropa sicherzustellen. Ein nur zum Teil
demokratisches Europa ist ein gefährliches
Europa.

Die Politik unserer Präsidenten hat in diesem gesamten Jahrhundert stets betont, daß Wandel für sich
Wir werden weiterhin den Prozeß der europäigenommen schon einen Wert darstellt - die Neue
schen Integration unterstützen, vorausgesetzt,
Freiheit, der New Deal, die Neue Grenze, die Neue
es ist ein offener Prozeß. Wir können nicht ein
Weltordnung und der von Clinton vorgeschlagene Neue
spezielles Rezept oder einen Zeitplan anbieten,
Bund. Unsere Kultur dreht sich wie unsere Musik um
und wir sollten dies auch nicht tun. Wir betrachdas "movin" on" (Nachvornegehen). Die Geschichte ist
ten die Europäische Gemeinschaft nicht als
dazu da, zu informieren und nicht, gefangenzuneheinziges Instrumentfürdie europäische Integramen. Eine Nation ist kein Opfer, und die Lage kann
tion. Wir wären bestürzt, wenn Europa wieder in
verbessert werden. Deshalb besteht Clintons erste
konkurrierende Nationalismen zurückfallen
Aufgabe darin, eine Erneuerung unseres Selbstverwürde.
trauens einzuleiten und dieselbe Energie und Entschlossenheit in unsere Beziehungen mit anderen Wir Amerikaner müssen unser Engagement bekräftieinzubringen.
gen, in europäischen Angelegenheiten eine aktive
Rolle zu spielen. Die Struktur und das Niveau unserer
Gouverneur Clinton hat bereits mehrere Grundkon- Truppenstationierung hier sollte mit dem Kongreß
zepte seiner künftigen Administration vorgestellt. entschieden und dann von der politischen TagesordErstens, daß die Fähigkeit der Vereinigten Staaten, nung genommen werden. Ich zweifle nicht daran, daß
auf internationaler Ebene eine führende Rolle zu spie- die andauernde Präsenz amerikanischer Truppen in
len, zunächst einmal von ihrer wirtschaftlichen Lebens- Europa für die Sicherheit des Kontinents und daher
fähigkeit im Inland anhängt. Als wichtigste Priorität auch für unsere eigene Sicherheit unabdingbar ist.
betrachtet er rasche Impulse für unsere Wirtschaft
sowie eine längerfristige Strategie zur Behebung unserer Unsere Tagesordnung geht weit über Europa hinaus.
eher strukturellen wirtschaftlichen Mängel. Zweitens, Die Aussicht auf ein Machtvakuum und einen Konflikt
daß die Kreativität und Sicherheit unserer Demokratie in Asien sind vielleicht noch besorgniserregender, und
unauflöslich mit dem Schicksal der Demokratie im Europa muß sich bewußt sein, daß die Vereinigten
Ausland verbunden ist. Wenn im Ausland die Demo- Staaten auch eine pazifische Macht sind. Die Kontukratie geschwächt wird, wird sie auch zu Hause ge- ren einer politischen Lösung im Nahen Osten, wo wir
schwächt. Drittens, daß im Inland vielleicht die Beto- so zwingende Interessen haben, werden gerade erst
nung auf Wandel gelegt wird, im Ausland jedoch auf erkennbar, aber ohne die Beteiligung Dritter sind FortKontinuität. Die grundlegenden Interessen eines Landes schritte praktisch unmöglich. Südafrika nähert sich
ändern sich nicht mit der jeweiligen politischen Jahres- schnellen Schrittes einer Lösung, eine Ordnung im
zeit.
umfassenden zentralasiatischen Komplex ist noch lange
nicht in Sicht und so weiter.

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�Die politische Tagesordnung ist wohlbekannt, aber Bill
Clinton hat auch deutlich gemacht, daß das traditionelle Sicherheitskonzept neu definiert und um eine wirtschaftliche Komponente erweitert werden muß, die
der Verteidigungskomponente angemessener ist. Diese
beiden Komponenten waren immergetrennt, aber eine
solche Teilung ist nicht länger vertretbar. Echte Sicherheit umfaßt beide, und die Stärke und Partnerschaft der einen Komponente beeinflußt unausweichlich die Lebensfähigkeit und Dauerhaftigkeit der anderen. An festgesetzten Regeln orientierter Handel und
an abgestimmten Zielen orientierte wirtschaftliche
Zusammenarbeit sind drängendere Erfordernisse im
Bereich der Sicherheit geworden.
Die Institutionen zur Regelung all dieser Angelegenheiten sind vorhanden: NATO, KSZE, G-7, GATT,
OECD, die Vereinten Nationen etc. Jede hat auf ihre
eigene Art ihren Wert bewiesen und jede verfügt auf
ihre eigene Art über die Flexibilität und Anpassungsfähigkeit, die Probleme einer neuen Ordnung zu bewältigen. Insofern als diese Institutionen nicht mehr richtig
funktionieren, reflektieren sie die weitverbreitete Teilnahmslosigkeit, die zur Zeit bei internationalen Angelegenheiten zu beobachten ist. Ich bin der Ansicht,
daß eine starke Führungsrolle Amerikas für fast all
diese Institutionen unerläßlich und die sicherste Garantie für friedlichen Wandel ist.
Wir leben in einer paradoxen Welt. Unsere Interessen
und Aktivitäten sind in ihrer Reichweite globaler und
weniger voneinander zu trennen als je zuvor, während
gleichzeitig lokale Konflikte und Instabilität eine neue
Intensität haben, die die bestehende Ordnung zu zersplittern und zerstören droht. Gemeinsame Ziele,
gemeinsame Strategien, gemeinsame Politik und
gemeinsame Energie müssen erneut unsere Institutionen erfüllen, nicht etwa, weil Gemeinsamkeit an sich
ein Vorzug ist, sondern weil man sich den internationalen Herausforderungen in unserem Jahrtausend per
definitionem nur gemeinsam stellen kann.

Noch eine Bemerkung zum Schluß. Unsere Welt im
nächsten Jahrhu ndert wird vielleicht einem erfahrenen
Historiker vertrauter sein als einem zufälligen Beobachter. Ohne die übergreifende bipolare Struktur einer
um zwei ideologisch motivierte Supermächte herum
organisierten Welt werden wir uns jetzt vielleicht in
einer Welt wiederfinden, in der die Staaten lediglich
den eigenen Vorteil suchen, in der sich die Schwachen
ducken und die Starken aufgrund ihrer Stärke ihre
Interessen geltend machen, einer Welt, in der engstirnige Tyrannen ihren wichtigtuerischen Ambitionen frönen
und die vier apokalyptischen Reiter sich frei bewegen
können, einer Welt, die von Intoleranz verpestet ist,
einer Welt der Drohungen und Klischees, in der es
keine Strafe und keine Belohnung gibt, weil wir alle mit
unserem eigenen kleinlichen Streben beschäftigt sind
und die Welt unaufmerksam und gleichgültig betrachten.
Das ist eine Welt des Mächtegleichgewichts, eine Welt
ohne Inspiration oder eine moralische Dimension.
Wir im Westen dürfen das meiner Meinung nach nicht
akzeptieren. Dadurch würde die Arbeit der letzten
fünfzig Jahre verhöhnt. Demokratie, Freiheit, Gerechtigkeit, Ehrlichkeit, Integrität und all die unantastbaren
Werte unserer Zivilisation können bestehen bleiben,
weil wir sie für gut und daher unteilbar halten.
Wenn man all die Schichten abschält, die historisch
gesehen die Beziehung zwischen dem Vereinigten
Königreich und den Vereinigten Staaten bereichert
haben, dann kommt man zum Kern - der moralischen
Tiefe. Sie ist elementarer Bestandteil all dessen, was
wir gemeinsam oder alleine in unseren jeweiligen
Verfassungen und Institutionen erreicht haben. Sie ist
nie gefeit vor dem Verfall, vor dem John Winant
warnte. Sie muß jeden Tag wieder ergänzt und
erneuert werden, am besten von allen statt im Alleingang. Es ist uns gelungen, über den großen Ozean
hinweg ein Gerüst für unser Gewissen zu schaffen,
und an diesem moralischen Rahmen müssen wir unser
Tun und Handeln in der Welt orientieren.

* * * * *

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�RASSENBEZIEHUNGEN
9. Dezember 1992

DIE BEKÄMPFUNG VON HASSVERBRECHEN
IN AMERIKA
von Michele St. George
In dem nachfolgenden Beitrag erörtert die Verfasserin Strafverfolgungs- und Erziehungsprogramme zur
Bekämpfung von "Haßverbrechen" in den Vereinigten Staaten, die auf kulturellen, ethnischen oder religiösen
Unterschieden basieren. Dazu führt die in Campo (Kalifornien) lebende freiberufliche Autorin einige Beispiele
an.
Eine neue Welle der Gewalt hat die Amerikaner schokkiert. Aufgrund des jüngsten Anstiegs der Zahl von
Übergriffen und Belästigungen, die sich gegen Menschen unterschiedlicher kultureller, ethnischer oder
religiöser Zugehörigkeit richteten, schrillten im ganzen
Land die Alarmglocken.

neuerung (Center for Democratic Renewal - CDR),
einer nationalen Clearingstelle für Informationen über
Haßverbrechen und Reaktionen darauf. "Wir benötigen eine umfassende Dokumentation von Haßverbrechen in jedem Bundesstaat der Vereinigten Staaten
und eine Aufstockung der Finanzmittel für das Bundesmeldegesetz für Haßverbrechen (Hate Crime
In der Erkenntnis, daß solche feindseligen Akte dem Statistics Act) sowie die Strafverfolgung und die poligesellschaftlichen Gefüge schweren Schaden zufü- zeiliche Ausbildung, damit Polizeibeamte mit den Opfern
gen, entwickeln Gruppen, die sich mit zwischenmen- von Haßverbrechen richtig umgehen. Wir benötigen
schlichen Beziehungen beschäftigen, Mittel, um dem eine Strafverschärfung auf Bundesstaatsebene für
vielfarbigen Geflecht der amerikanischen Gesellschaft solche Personen, die Haßverbrechen begehen", erein Muster der Toleranz hinzuzufügen. Soziologen läutert Levitas. "Wir benötigen mehr Geld und Pround Analytiker untersuchen Wege, um die effektive gramme im Bereich der Hilfe für Opfer. An vorderster
Funktion der Gesellschaft mit ihrer großen Vielfalt von Stelle benötigen wir jedoch ein auf junge Leute zugeRassen, Sprachen und Religionen, Kulturen und Lebens- schnittenes massives Bildungsprogramm, um zu verstilen zu gewährleisten, während Polizei und Justiz suchen, die negativen Tendenzen in der Einstellung
Ausbildungsmaßnahmen sowie die Strafverfolgung im anderen Rassen gegenüber umzukehren. Im ganzen
Hinblick auf die neue juristische Kategorie der Haßver- Land werden sehr innovative und wertvolle Maßnahbrechen intensivieren.
men getroffen, um darauf zu reagieren."
Haßverbrechen können Einschüchterungsversuche wie
etwa Eierwürfe, brennende Kreuze oder Hakenkreuzschmierereien sowie Gewaltakte wie Verprügeln und
Mord umfassen. Der Definition des US-Justizministeriums zufolge sind Haßverbrechen Straftaten, "in denen
Vorurteile aufgrund von Rasse, Religion, sexueller
Neigung oder ethnischer Zugehörigkeit beweiskräftig
zum Ausdruck kommen". Diese Verbrechen umfassen Mord, Totschlag und Vergewaltigung ebenso wie
"schwere Körperverletzung, einfache Körperverletzung,
Einschüchterung, Brandstiftung sowie Zerstörung,
Beschädigung oder Verwüstung von Vermögensgegenständen".

Die formalisierte Berichterstattung über Haßverbrechen hat mit der 1990 erfolgten Verabschiedung des
Bundesmeldegesetzes für Haßverbrechen durch den
Kongreß gerade erst begonnen. Das Justizministerium muß nun eine Jahresstatistik über Haßverbrechen führen, die es Gesetzgebern und Justizbehörden
gestattet, das Ausmaß des Problems einzuschätzen
und effektive Gegenmaßnahmen zu planen.

Alle Gruppen, die im letzten Jahrzehnt ethnische und
religiös motivierte Gewalt beobachtet haben, berichten von einer Zunahme dieser Aktivitäten in jüngster
Zeit. So gibt das Klanwatch Project des Southern
Poverty Law Center an, daß im Jahr 1991 eine Rekord"Fürdiese Verbrechen benötigen wireine Kombination zahl weißer rassistischer Gruppen aktiv war. Die Zahl
von Ansätzen", erklärt Daniel Levitas, geschäftsfüh- organisierter Haßgruppen wie der Ku-Klux -Klan und
render Direktor des Zentrums für Demokratische Er- neonazistische Gruppen, darunter Skinheads, stieg
AMERIKA DIENST 49

Seite 1

�sprunghaft von 273 im Jahr 1990 auf 346 im Jahr 1991,
ein Zuwachs um 27 Prozent. Klanwatch meldet darüber hinaus einen jährlichen Anstieg der Gesamtzahl
von Haßverbrechen von Mord bis zu brennenden
Kreuzen. So wurde von Klanwatch ein Anstieg der
durch Rassenhaß motivierten Morde von 20 im Jahr
1990 auf 25 im Jahr 1991 festgestellt. Im gleichen
Zeitraum stieg die Zahl der Kreuzbrände auf 101.
Dazu stellt der Leiter von Klanwatch, Danny Welch,
fest: "Haßgruppen leben von Streit und Gewalt. Obwohl
die meisten Haßverbrechen nicht von organisierten
weißen Rassisten begangen werden, füllen sich mit
der wachsenden Zahl von Gewalttaten auch die Reihen von Haßgruppen."
Der Antidiffamierungsliga (Anti-Defamation League ADL) von B'nai B'rith zufolge erreichte die Zahl antisemitischer Vorfälle in den Vereinigten Staaten 1991 den
neuen Rekordstand von 1.879, was einen 11prozentigen Anstieg und die höchste Zahl in den 13 Jahren
darstellt, in denen diese Statistik geführt wurde. Das
Antidiskriminierungskomitee der Amerikaner arabischer
Herkunft (American Arab Anti-Discrimination Committee - ADC) berichtet, daß sich die Zahl der Angriffe auf
Amerikaner arabischer Herkunft im Jahr 1991 gegenüber dem Vorjahr auf 119 verdreifachte, was hauptsächlich auf den Golfkrieg zurückgeführt wird. Gruppen von Amerikanern asiatischer Herkunft, darunter
das Komitee gegen antiasiatische Gewalt (Committee
Against Anti-Asian Violence) und die Liga amerikanischer Bürger japanischer Abstammung (Japanese
American Citizens League) haben ebenfalls über einen Anstieg der gegen Amerikaner aus Asien und von
den pazifischen Inseln gerichteten Verbrechen berichtet, der großenteils auf der sich verschärfenden wirtschaftlichen Lage und damit zusammenhängender
antiasiatischer Rhetorik beruht.

Ausmaß annimmt. Vielleicht niemals zuvor in der
Geschichte stand eine Gesellschaft im Hinblick auf
Heterogenität auf engstem Raum vor einer solchen
Herausforderung. Obwohl rund 80 Prozent der amerikanischen Bevölkerung weiß oder kaukasisch sind,
umfassen die grö ßten Städte des Landes das breiteste
Spektrum.
In Dade County (Florida) werden im viertgrößten
Schulbezirk des Landes Schüler aus 123 Ländern
unterrichtet. In New York hat eines von vier Kindern
unter 10 Jahren einen eingewanderten Elternteil, der
nicht Englisch spricht.
Los Angeles, das Jahr für Jahr über 300.000 Neubürger aufnimmt, wurde von Bürgermeister Tom Bradley
als "ethnisch vielfältigste Stadt der Welt" bezeichnet.
Noch vor zehn Jahren war Los Angeles weiß und im
großen und ganzen homogen. Heute sind 40 Prozent
der Bewohner lateinamerikanischer und 37 Prozent
angelsächsischer Herkunft, 23 Prozent sind Schwarze
oder Asiaten. Los Angeles hat die höchste Zahl von
Koreanern, Chinesen, Taiwanesen und Filipinos im
ganzen Land. In den Schulen der Stadt werden
nahezu 100 Sprachen gesprochen. Ein pakistanischer
Einwanderer nannte Los Angeles einmal "die erste
echte Weltstadt Amerikas".

Übervölkerte Städte führen zu Konkurrenz um die
verfügbaren Arbeitsplätze und Wohnungen. Haß gedeiht
in schweren Zeiten und veranlaßt Beobachter zu der
Furcht, in den Vereinigten Staaten könnte eine Periode
wachsender durch Haß verursachter Gewalt angebrochen sein. Susan Olzak, eine Soziologin von der
Stanford University, die Computer und mathematische
Modelle einsetzt, um die Dynamik der Rassenbeziehungen zu untersuchen, geht davon aus, daß ethnische Gewalt ansteckend ist. "Es könnte sein, daß
dieser Wettbewerbsdruck und diese Spannungen bis
Die nationale Arbeitsgruppe der Homosexuellen und zu einer gewissen Schwelle ansteigen, und wenn dann
Lesbierinnen (National Gay and Lesbian Task Force) in New York oder Cedar Rapids (Iowa) oder New
gibt an, daß gegen Homosexuelle gerichtete Vorfälle in Orleans ein Funken entzündet wird, werden im ganzen
städtischen Zentren der Vereinigten Staaten seit 1988 Land die Flammen auflodern", erklärt sie.
um 161 Prozent zugenommen haben. Allein in fünf
Großstädten wurden insgesamt 1.822 Vorfälle regi- Die Leiterin des Nationalen Instituts gegen Vorurteile
striert. "Es gibt eine gewalttätige Gegenreaktion ge- und Gewalt (National Institute against Prejudice and
gen Homosexuelle und Lesbierinnen", erklärt Levitas. Violence - NIAPV), Adele Terrell, ist der Meinung, daß
"Dafür gibt es eine Reihe von Faktoren, insbesondere Minderheiten und Einwanderer in wirtschaftlich schwiedie Hysterie im Hinblick auf AIDS sowie die Sichtbar- rigen Zeiten häufig als Sündenböcke herhalten müskeit der homosexuellen und lesbischen Gemeinde, da sen, da Arbeiter den Verlust ihrer Arbeitsplätze auf
sich diese Gruppen zunehmend organisieren und an Einwanderung und Gleichstellungsprogramme zurückführen. "Die historischen Ursachen der durch Haß
die Öffentlichkeit treten."
motivierten Gewalt sind dieselben wie die Ursachen
Das CDR geht davon aus, daß lediglich 10 Prozent der von heute", stellt sie fest. "Die demographischen
Haßverbrechen in den Vereinigten Staaten überhaupt Gegebenheiten verändern sich, und damit verändern
den Sicherheitsbehörden gemeldet werden. Vorfälle sich auch die Zielgruppen, aber die Ursachen bleiben
wie verbale Belästigungen oder Drohungen werden für die gleichen."
gewöhnlich überhaupt nicht angezeigt.
Olzak von der Stanford University bemerkt, daß EinDie Zunahme des Hasses findet in einer Zeit statt, in wanderer im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert
der die Vielfalt in den Großstädten ein einzigartiges zunächst häufig mit Gewalt konfrontiert waren. AsiaSeite2

AMERIKA DIENST 49

�tische Einwanderer waren ebenso wie Gruppen süd-,
ost- und mitteleuropäischer Einwanderer die Zielscheibe. "Die vielleicht schwächste Gruppe - diejenige, die
am wenigsten in der Lage ist, sich zu wehren - wird am
wahrscheinlichsten das Ziel von Aggression sein",
erläutert sie.

zusammen, um zu versuchen, Programme - etwa zur
Konfliktschlichtung - in den frühen Schulklassen einzuführen."

In Baltimore (Maryland) und mehreren anderen Großstädten werden Grundschulkinder als "Konfliktloser"
ausgebildet, die bei Auseinandersetzungen auf dem
"Meines Erachtens sollte das gesamte Phänomen der Spielplatz oder anderen Streitigkeiten unter Aufsicht
Haßverbrechen eigentlich in einen wesentlich umfas- Schlichtungssitzungen abhalten. "Konfliktschlichtung
senderen historischen und politischen Kontext einge- ist eine Sache des Lernens. Und dann hofft man, daß
ordnet werden", erklärt Levitas. "Dieses Problem ist sie in Gruppenkonflikten sowie später auch in anderen
darüber hinaus auch nicht auf die Vereinigten Staaten Konflikten angewandt wird", meint Terrell.
beschränkt. Wir stellen fest, daß dies in ganz Europa
und der ehemaligen Sowjetunion geschieht. Men- Margot Stern Strom, geschäftsführende Direktorin des
schen gehen einander an die Gurgel, und überall gibt Erziehungsprogramms "Der Geschichte und uns selbst
es Morde aufgrund von ethnischen Auseinanderset- entgegentreten" (Facing History and Ourselves) ist der
zungen sowie fiktiven Vorstellungen von rassischer Ansicht, daß die Schulbildung gegen das Haßvirus
vorbeugen kann. Ihr Schulbildungsprogramm in Los
oder ethnischer Überlegenheit."
Angeles über die Wurzeln von Rassismus und AntiseDas Zentrum für Demokratische Erneuerung berich- mitismus untersucht mit Hilfe von Ärzten, Juristen,
tet, die meisten Experten für durch Haß gegen be- Dichtem und Polizeibeamten Ausgangsmaterialien der
stimmte Gruppen motivierte Gewalt seien der Mei- Vorurteile wie beispielsweise Werbefilme des Ku Klux
nung, daß von Mitgliedern organisierter Haßgruppen Klans und Hitler-Propaganda, damit die Schüler die
wie des Ku-Klux-Klan relativ wenige Straftaten verübt Ursachen des Hasses verstehen. Wenn sie sich
würden, während die große Mehrzahl von auf eigene zusätzlich noch mit dem Leben wenig bekannter HelFaust handelnden Einzelpersonen, insbesondere jun- den aus schwierigen Zeiten befassen, lernen sie zu
gen Leuten, begangen werden. Viele dieser Personen würdigen, was der einzelne in der Gesellschaft erreifühlen sich durch die gewalttätige Rhetorik weißer chen kann, erklärt sie.
rassistischer Organisationen und das Versagen von
Entscheidungsträgern auf nationaler und Gemeinde- "Ein Zweig unserer Pädagogikabteilung hat das neue,
ebene, die sich nicht energisch genug gegen Haßgrup- wirksame Programm 'Erziehung zur Toleranz' (Teaching Tolerance) ins Leben gerufen, so Angie Lowry,
pen und Haßverbrechen aussprechen, ermutigt.
Programmdirektorin von Klanwatch. "Wir arbeiten
Prosecutor, eine Zeitschrift für Staatsanwälte, hat überwiegend mit weiterführenden Schulen, um die
berichtet, etwa die Hälfte der wegen Haßverbrechen Kinder schon frühzeitig zu erreichen und sie über die
Festgenommenen sei zwischen 16 und 25 Jahren alt. Unterschiede zwischen ihren Klassenkameraden zu
Die Verhaftungsunterlagen dokumentieren, daß 70 unterrichten."
Prozent der aufgrund von Vorurteilen gegen bestimmte Gruppen in den vergangenen zehn Jahren in New Die Antidiffamierungsliga unterstützt auch das ProYork begangenen Verbrechen von Jugendlichen unter gramm "Eine Welt der Unterschiede" (World of Difference), das die Bewußtmachung von Vorurteilen zum
20 verübt wurden.
Ziel hat und mehr als 100.000 Lehrer von Grund- und
Die Beteiligung Jugendlicher an Haßverbrechen weist weiterführenden Schulen, 20.000 Studenten und ProExperten zufolge frühzeitigen Erziehungsmaßnahmen fessoren an Colleges und Universitäten und mehr als
eine Schlüsselrolle zu, um die Saat des Hasses im 2.000 ehrenamtliche Jugendarbeiter erreichte.
Keim zu ersticken, bevor sie Wurzeln schlagen kann.
"'Eine Welt der Unterschiede' ist ein umfassendes
Terrell vom NIAPV gibt an, viele amerikanische Kinder Programm. Es erzieht zur Vielfalt", erklärt Myrna
wüchsen von direkten Kontakten mit unterschiedli- Shinbaum, Direktorin der Öffentlichkeitsabteilung der
chen Menschen isoliert auf. Aufgrund des Fehlens ADL. Sie stellt fest, daß die ADL nicht nur Antisemitisdirekter persönlicher Erfahrungen würden sie über mus, sondern allen Arten von Vorurteilen entgegenwirandere Gruppen durch Phantasiegeschichten, Witze, ken will. "Wir bei der ADL waren immer der Ansicht,
Klischees und die Medien erfahren.
daß die beste Möglichkeit, den Antisemitismus zu
bekämpfen und die amerikanischen Juden zu schüt"Wir arbeiten zur Zeit mit dem Gemeindekontaktdienst zen, in der Förderung der Demokratie in Amerika liegt",
(Community Relations Service) des US-Justizministe- äußert sie. "Wenn alle in Sicherheit leben, dann leben
riums zusammen", erklärt sie. "Wir veranstalten Aus- auch die Juden in Sicherheit. Wir denken nicht, daß
bildungsseminare, führen Untersuchungen und Kon- der Antisemitismus abgeschafft wird, aber wir wollen
sultationen an Colleges durch, die Lehrkörper, Verwal- das Leben eines jeden verbessern, existierende Vortungsfachleute, Studenten und bisweilen die umlie- urteile aufzeigen und ihnen so gut wie möglich entgegenden Gemeinden einbeziehen. Darüber hinaus genwirken."
arbeiten wir mit Lehrer- und Schulleiterverbänden
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�Das ADL-Programm "Eine Welt der Unterschiede"
wird auch am Arbeitsplatz, der raschem Wandel unterliegt, erfolgreich eingesetzt. Experten zufolge wird zur
Jahrhundertwende die Mehrheit der Arbeitskräfte aus
Frauen, Farbigen und anderen, nicht in die klischeehaften institutionellen Muster passenden Menschen
bestehen. Von den 25 Millionen Menschen, die im
Laufe der kommenden 12 Jahre eine Erwerbstätigkeit
aufnehmen , werden 85 Prozent Frauen, Angehörige
von Minderheiten und Immigranten sein. Im Hinblick
auf die Zukunft suchen Unternehmen und Regierungsbehörden nach Möglichkeiten, bei ihren Angestellten
Fähigkeiten zur Konfliktlösung und Verständnis für
Vielfalt zu entwickeln.
Laut Shinbaum haben mehr als 50.000 Angestellte
und Führungskräfte an dem Ausbildungsprogramm
"Eine Welt der Unterschiede" teilgenommen, und es
besteht ständige Nachfrage nach dem Programm.
"Wir können mit der großen Zahl von Nachfragen gar
nicht Schritt halten", erklärt sie.

ihr Verständnis untereinander gefördert wird und sie
ihre Unterschiede schätzen lernen. Im Balboa-Park
von San Diego wurde eine sogenannte "Freiheitsfeier"
mit Musik, Tänzen und Gerichten von Latein- und
Afroamerikanern, Laoten, Filipinos, Vietnamesen,
Kambodschanern, Chinesen, Indianern und Bewohnern der Pazifischen Inseln abgehalten. Patty Brooks,
die zu den Organisatoren der Veranstaltung gehörte,
erklärte: "Wir wollten Menschen mit verschiedenem
kulturellen Hintergrund und Erbe unsere Unterschiede
und Gemeinsamkeiten vor Augen führen."
Das Justizwesen ist ebenfalls für die Abschreckung
von Haßverbreitern von Bedeutung, soShinbaum. "Im
Bereich der Gesetzgebung haben wir beispielhafte
Gesetze gegen Haßverbrechen vorgelegt, die jetzt
von der Bundesregierung und den Bundesstaaten,
Städten und Gemeinden im ganzen Land erlassen
werden", hebt sie hervor.

Die Gruppe North Carolina gegen rassische und religiöse Gewalt (North Carolinians Against Racist and
Das Untemehmensprogramm umfaßt Präsentationen, Religious Violence - NCARRV), die landesweit als
Gruppendiskussionen und interaktive Gruppenübun- Modell im Kampf gegen die Aktivitäten weißer Rassigen, damit Vielfalt am Arbeitsplatz verständlich wird sten betrachtet wird, hilft den Opfern als Teil eines
und Freude bringen kann. Eine solcher Übungen ist laufenden Programms der Überwachung, Erziehung,
ein kurzer Wissenstest, bei dem die Teilnehmer inner- Organisation und Forschung. "Wir leiten Schulungshalb einer Minute je fünf Namen berühmter Männer, zentren für Rechtshilfe für Verbrechensopfer in den
Frauen, Schwarzer, Asiaten, gebürtiger Amerikaner, Gemeinden, die leicht Zielscheibe von Gruppen weiJuden, Homosexueller und verschiedener anderer ßer Rassisten werden können", bemerkt Linda WilKategorien niederschreiben müssen. Diese Übung liams, Gemeindepädagogin und Abteilungsleiterin. "Wir
zeigt die großen Wissenslücken der Teilnehmer über sagen den Menschen, welche Rechte sie haben, und
andere ethnische, sexuelle oder religiöse Gruppen was sie tun können, wenn etwas geschieht - beispielsweise beim Anzünden von Kreuzen -, welche rechtliauf.
chen Schritte unternommen werden und wie man mit
Ein leitender Angestellter kommentierte: "Bei diesem der Polizei zusammenarbeitet", erklärt sie.
Programm wurde niemandem die Schuld für etwas
gegeben. Es half uns zu verstehen, wie jeder bewußt In einem Bericht der NCARRV-Gruppe wird festgeoder unbewußt, abhängig von seinem Bewußtsein stellt, daß Maßnahmen der Bundesregierung und der
gegenüber anderen, seine Mitmenschen diskriminie- Gerichte zu Fortschritten beim Kampf gegen intoleren kann."
ranzbedingte Gewalt im Staat geführt haben. Im Jahr
1991 wurde ein Zusatzartikel zur Verfassung angeDie Gemeinde insgesamt anzusprechen ist eine ande- nommen, der es Richtern gestattet, bei ihren Urteilsre Möglichkeit, die Menschen über Intoleranz und ihre sprüchen rassische, religiöse oder ethnische EinschüchGefahren aufzuklären, behauptet Kelly Mitchell Clark, terung mit einzubeziehen. Ein weiteres neues Gesetz
die Hauptorganisatorin des Watchcare-Netzwerkes bezeichnet "ethnische Einschüchterung" als ein Vervon The Women's Project, einer Gruppe von Aktivi- brechen.
sten, die die Allgemeinheit in die Vorbeugung gegen
Haßverbrechen einbeziehen will. "Wir ermuntern die Beobachter fürchten, die strafrechtliche Verfolgung
Menschen zu so unterschiedlichen Aktionen wie dem von Haßverbrechen habe vielleicht einen Rückschlag
Schreiben von Leserbriefen, der Teilnahme an öffent- erlitten, als in einer Entscheidung des Obersten Bunlichen Protesten auf den Hauptstraßen oder einem desgerichts (R.A.V. ./. St. Paul, 1992) die RechtsgülAnti-Rassismus-Sonntag, an dem Prediger aus ihrer tigkeit eines Erlasses aus St. Paul (Minnesota), der
Gemeinde sich gegen Intoleranz aussprechen", sagt das Anzünden von Kreuzen als ein Haßverbrechen besie. Die jeweilige Gemeinde bestimmt, was getan zeichnete, aufgehoben wurde.
werden soll. Manchmal werden Pressekonferenzen
gegeben oder die Rede eines weißen Rassisten wird Der Erlaß von St. Paul zu vorurteilsbedingten Verbrechen verbietet die Zurschaustellung eines Symbols,
gestört."
das bekanntlich "Ärger, Aufruhr oder Ressentiments
Einige Gemeinden unterstützen multikulturelle Feste, aufgrund von Rasse, Hautfarbe, Glauben, Religion
um verschiedene Gruppen zusammenzubringen, damit oder Geschlecht weckt". Das Oberste Bundesgericht
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�entschied, daß der Erlaß selektiv die Redefreiheit auf
der Grundlage des Inhalts der Äußerung unterband,
was eine Verletzung der im Ersten Zusatzartikel zur
Verfassung dargelegten Rechte sei.
Mitglieder des Ku-Klux-Klans und neonazistischer
Gruppen durften immer schon aufgrund der im Ersten
Zusatzartikel zur amerikanischen Verfassung enthaltenen Redefreiheit und des Rechts auf friedliche Versammlung Märsche abhalten oder Schriften veröffentlichen. Jedoch ist solchen Gruppen die Anstiftung zur
Gewalt verboten.

bestimmte Klasse geschützter Personen spezifizieren
und Strafen für vorurteilsbedingte Verbrechen vorsehen, werden das nicht überleben."
Levitas vertritt die Ansicht, daß diese richterliche Entscheidung "dem Erlaß neuer Gesetze Einhalt gebieten
wird, denn nur sehr wenige Menschen werden neue
Gesetze schreiben. Dem Obersten Bundesgericht
werden zahlreiche neue Fälle vorgelegt werden."

Zivilprozesse werden manchmal anstelle von strafrechtlicher Verfolgung als juristisches Heilmittel gegen
das KrebsgeschwürderHaßverbrechen eingesetzt. In
Obszönität, Diffamierung und "Kampfwörter sind nicht North Carolina ermöglicht ein neuer Zusatzartikel es
vom Ersten Zusatzartikel geschützte Kategorien von der Kommission für zwischenmenschliche BeziehunÄußerungen. "Kampfwörter" werden als beleidigende gen (Human Rotations Commission), im Namen der
und zur Gewalt anstiftende Äu ßerungen definiert. Das Opfer rassischer, religiöser oder ethnischer EinschüchOberste Bundesgericht entschied im Fall St. Paul, daß terung einen Zivilprozeß anzustrengen. Das Southern
die Bundesstaaten den Gebrauch von "Kampfwörtern" Poverty Law Center half den Opfern von Haßverbregesetzlich regeln dürfen, jedoch nicht aufgrund der chen auch, indem es Millionen von Dollar teure Zivilprozesse im Namen der Opfer führte und gewann. Die
darin enthaltenen Botschaft.
Bereitschaft der Jury, den Opfern von Ungerechtigkeit
Obwohl einige Strafverfolgungsbehörden und Bürger- hohe Schadensersatzsummen zuzubilligen, hat zur
rechtsvereinigungen in anderen Bundesstaaten der Auflösung einiger Gruppen von Ku-Klux-Klan-AnhänAnsicht sind, daß ihre eigenen Gesetze über Haßver- gern oder Neonazis geführt, denen aufgrund der hobrechen aufgrund unterschiedlicher Formulierungen hen Kosten der Wiedergutmachung das Geld für ihre
nicht von der Entscheidung des Obersten Bundesge- Aktivitäten ausgegangen ist.
richts betroffen sind, sind andere wiederum beunruhigt. "Man weiß es noch nicht, aber ich bin der Ansicht, Das vielfältige Mosaik der amerikanischen Geselldaß die Auswirkungen letztlich verheerend sein wer- schaft stellt für die Nation eine ständige Herausfordeden", so Levitas vom CDR. "Gesetze der Bundesstaa- rung dar, insbesondere in den Innenstädten, wo Toleten, die Schutz vor einem Verstoß gegen die Bürger- ranz in Zukunft lebenswichtig sein wird. Obwohl die
oder Verfassungsrechte bieten, werden wahrschein- Zahl derjenigen, die Haßverbrechen begehen, verhältlich überleben", vermutet er, "aber Gesetze, die eine nismäßig klein ist, wächst die Zahl der Friedensstifter
und Erzieher.
* *

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                <text>&lt;strong&gt;1. Somalia&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Starke amerikanische Streitmacht nach Somalia entsandt&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Fernsehansprache von Präsident Bush&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Clinton unterstützt Bushs Entscheidung zu Somalia&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Erklärung des gewählten Präsidenten&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Operation Restore Hope&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Übersicht des US-Außenministeriums&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. GATT&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Wie die USA und Europa das GATT-Agrarabkommen erzielten&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede von Botschafter Dobbins&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Menschenrechte&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Serbische Führung für Menschenrechtsverletzungen verantwortlich&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Erklärung von Botschafter Abram&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Weitere Gräueltaten im ehemaligen Jugoslawien dokumentiert&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Vierter US-Bericht für Vereinte Nationen&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;4. Außenpolitik&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Clintons Grundkonzepte bereits deutlich sichtbar&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede von Botschafter Seitz&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;5. Rassenbeziehungen&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Die Bekämpfung von Hassverbrechen in Amerika&lt;br /&gt;&lt;em&gt;von Michele St. George&lt;/em&gt;</text>
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United
53

States

Bonn-Bad

T e l :

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G o d e s b e r g l ,

8 9 - 3 2 4 0

Nummer

Service

Postfach

300

Information
und
Dokumentation

T e I e x : 08 - 8 54 3 2

2

10. Januar

1973

Inhalt
INFORMATION:
93. US-Kongreß vor arbeitsreicher Sitzungsperiode
-Vielzahl außen-und innenpolitischer ProblemeVon Edgar H. de Lesseps
U. Alexis Johnson wird amerikanische SALT-Delegation leiten

DOKUMENTATION:
Verteidigungsminister Laird legt Abschlußbericht vor
-Auszüge aus dem Europa-und NATO-Teil-

WIRTSCHAFT:
EWG-Erweiterung wirft Kompensationsprobleme für US-Farmer auf
Von John Holway
US-Personaleinkommen nähert sich der Billionen-Dollargrenze

WISSENSCHAFT UND TECHNIK:
,i

]

Internationale Datenbank für die Krebsforschung
-USA errichten Informationszentrale und intensivieren Zusammenarbeit
von SpezialistenAllergie gegen bestimmte Nahrungsmittel
Schwermetalle als Umweltgift
Fischbestände im Nordostpazifik

Um Übersendung von Belegexemplaren wird gebeten.

�amerika dienst
United
53

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Bonn-Bad

T e l :

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G o d e s b e r g l ,

8 9 - 3 2 4 0

Service

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Information

300

T e I e x : 0 8 - 8 54 3 2

2/1973

93. US-KONGRESS VOR ARBEITSREICHER SITZUNGSPERIODE
-Vielzahl außen-und innenpolitischer Probleme-

Von Edgar H. de Lesseps

WASHINGTON --(AD)-- Der jetzt wieder zusammengetretene amerikanische Kongreß - der 93. seit Gründung der USA - steht vor arbeitsreichen Wochen
und hitzigen Debatten über eine Vielzahl außen-und innenpolitischer Fragen;
dabei dürften der Krieg in Vietnam sowie die Regierungsausgaben eine zentrale Rolle spielen. Ferner stehen für eine baldige Erörterung die Frage der
Steuerreform, die Verlängerung der Lohn-und Preiskontrollen, das Problem
der Handelspolitik und der Energieversorgung sowie das Auslandshilfeprogramm an.
Präsident Nixon wird seine spezifischen Vorschläge und Empfehlungen
in der jährlichen Haushaltsbotschaft unterbreiten, die dem Kongreß Ende Januar zugeleitet wird; einige Punkte dürften auch schon in seiner Ansprache
anläßlich der zweiten Amtseinführung am 20. Januar angesprochen werden.
Wie während der ersten Amtszeit Nixons wird der Kongreß auch jetzt
wieder von den Demokraten kontrolliert. Der Fraktionsvorsitzende der demokratischen Partei im Senat, Mike Mansfield aus dem Staate Montana, hat als

-1-

�r

als "größtes nationales Anliegen" die Beendigung des Krieges in Vietnam
genannt. Es sei Aufgabe des amerikanischen Kongresses, so erklärte er, sich
dafür einzusetzen,daß ein völliges Desengagement der USA zustandekomme. Er
unterbreitete zwar keine spezifischen Vorschläge zu diesem Ziel, aber die
Vertreter der Demokraten im Senat und im Repräsentantenhaus haben sich dafür
ausgesprochen, notfalls die Mittel zur Führung des Krieges zu sperren. Demgegenüber hat das Weiße Haus den Kongreß dringend vor Maßnahmen gewarnt, die
die vertraulichen Vietnamverhandlungen in Paris beeinträchtigen könnten.
Ein weiteres Problem, das aber auch in diesen Fragenkreis hineinreicht,
ist die Machtverteilung zwischen Regierung und Kongreß. Der Sprecher des Repräsentantenhauses, Carl Albert aus dem Staate Oklahomo, hat zu Beginn der
neuen Sitzungsperiode versichert, daß er stärker denn je dafür eintreten werde, daß - wie er sagte - die Respektierung des K0ngresses als gleichberechtigter Partner in der Regierung wiederhergestellt werde.
Seit vierzig Jahren beklagen sich die Mitglieder des amerikanischen Kon-n
gresses über den ihrer Ansiebt nach eingetretenen Verlust an Machtbefugnissen
gegenüber der Exekutive. Eine Reihe von diplomatischen Beobachtern in der amerikanischen Hauptstadt rechnet daher damit, daß dieses Problem während der
jetzigen Sitzungsperiode immer wieder angesprochen werden wird, insbesondere im
Zuge der Vietnamdebatte sowie der Beratungen über die Ausgabenpolitik der
Regierung.
Diese letztere Frage wird zweifellos zutage treten, wenn der Kongreß über
eine neue Gesetzesvorlage für Gesundheit, Erziehung und Soziales für das am
30. Juni ablaufende Finanzjahr 1973 berät, gegen die Präsident Nixon zweimal
sein Veto einlegte, weil er sie für zu weitgehend hält. Die Administration hat
die feste Absicht, sich an die selbstauferlegte Ausgabengrenze von 2.50 Milliarden Dollar für das laufende Finanzjahr zu halten. Der Kongreß hatte 1972 diesen Vorschlag abgelehnt, der den Präsidenten ermächtigt hätte, Kürzungen nach
seinem Ermessen vorzunehmen. Der Kongreß ging dabei von dem Gedanken aus, daß

-2-

�r

daß dadurch sein verfassungsmäßiges Recht der Ausgabenkontrolle beschnitten
würde. Die Führung der Demokraten im Kongreß erwägt nun, ein eigenes Gesetzgebungsprogramm auf die Beine zu stellen, um dadurch dem Programm Nixons entgegenwirken zu können.
Weiter kann mit einiger Sicherheit erwartet werden, daß der beständige
Kampf um die Auslandshilfeprogramme der USA wieder auflebt. Während der vergangenen Sitzungsperiode mußte sich der Kongreß immer wieder mit kontroversen
außenpolitischen Gesetzeszusätzen befassen, über die der Senat und das Repräsentantenhaus keine Einigung erzielen konnten. Bereits 1969 hatte Präsident
Nixon eine Reform des gesamten Auslandshilfeprogrammes gefordert, worauf der
Kongreß jedoch bisher noch nicht reagiert hat. Im vergangenen Jahr konnte sie
der Kongreß nicht über die Bewilligung von Mitteln für das Finanzjahr 1973
einigen. Stattdessen wurde eine Interimsmaßnahme verabschiedet, durch die die
militärische und die wirtschaftliche Auslandshilfe der USA auf dem bisherigen
Stand finanziert wurden. Diese Mittel laufen am 28. Februar aus.
Für das Militärhilfeprogramm ist eine jährliche Bewilligung erforderlich, während sich dieser Zeitraum bei der Wirtschaftshilfe auf zwei Jahre er
streckt, der am 30. Juni abläuft. Der gegenwärtige Kongreß muß also Mittel
für die Militär-und die Wirtschaftshilfe in diesem Finanzjahr sowie für das
kommende Finanzjahr bewilligen. In Beobachterkreisen wird es für möglich gehalten, daß der Kongreß das Auslandshilfegesetz mit einem Zusatz für die Beendigung des Krieges in Vietnam koppelt.
Auch auf wirtschafts-und steuerpolitischem Gebiet stehen einige Probleme
an. Die Ermächtigung Nixons für Lohn-und Preiskontrollen, mit denen der In™
flation Einhalt geboten werden soll, läuft am 30. April aus. Die Forderung
der Regierung nach Verlängerung dieser Ermächtigung wird den Rahmen für eine
weitere frühzeitige Debatte in dieser Sitzungsperiode des Kongresses bilden.
Allgemein

-3-

�Allgemein wird mit einer Modifizierung der amerikanischen Steuergesetzgebung gerechnet. Die Regierung Nixon hat zwar keine spezifischen Empfehlungen unterbreitet, doch hat der Vorsitzende des einflußreichen Bewilligungsausschusses des Repräsentantenhauses, Wilbur D. Mills aus Arkansas, eine Gesetzgebung angekündigt, die Ungerechtigkeiten korrigieren soll, allerdings
ohne eine wesentliche Zunahme der Regierungseinkünfte oder eine umfassende
Steuersenkung.
Auf dem Gebiet der Handelspolitik erwägt die Regierung eine Gesetzgebung,
die den Präsidenten im Zuge von Handelsabkommen mit anderen Ländern zu Zollsenkungen ermächtigen würde. Dieser Vorschlag würde eine Modifizierung der bestehenden Anpassungsprogramme für importgeschädigte Industrien und Arbeitnehmer bedingen.
Auf dem Umweltsektor werden die Hauptanstrengungen der Regierung auf die
Energiequellen des Landes gerichtet sein. Man rechnet damit, daß die Administration die Schaffung einer neuen Bundesbehörde empfiehlt, die die energiepolitische Arbeit der gegenwärtigen 44 damit befaßten Bundesstellen koordinieren soll, sowie mit einer Beseitigung oder doch einem Abbau der Regierungskontrolle für die Naturgaspreise und einer Förderung der Erdöl-und Erdgasgewinnung vor den Küsten der USA.
Auch auf dem Erziehungs-und Gesundheitssektor kommt große Arbeit auf den
neuen Kongreß zu. Die meisten der vom Bund unterstützten Erziehungsgesetze
laufen 1973 aus, und nach den Worten des Fraktionsvorsitzenden der Republikaner im Senat, Hugh Scott, beabsichtigt Präsident N-pcon die Vorlage eines
umfassenden Krankenversicherungsgesetzes in diesem Frühjahr.

Die

-4-

�Die Zusammensetzung des 93. Kongresses als Ergebnis der Wahlen im November ist die gleiche wie beim Amtsantritt Nixons: 57 Demokraten und 43 Republikaner im Senat; 243 Demokraten und 192 Republikaner im Repräsentantenhaus. Durch den Tod des Abgeordneten George W. Collins aus Illinois, der
am 8. Dezember gestorben ist, sowie durch den mutmaßlichen Tod der Abgeordneten Haie Boggs aus Louisiana und Nich Bagich aus Alaska, die seit dem 16.
Oktober während eines Fluges über Alaska verschollen sind, vermindert sich
die Zahl der Demokraten im Repräsentantenhaus, zumindestens vorübergehend,
auf 240 Abgeordnete.

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2/1973

U.ALEXIS JOHNSON WIRD AMERIKANISCHE SALT-DELEGATION LEITEN

WASHINGTON--(AD)-- Der bisherige Staatssekretär für Politische Angelegenheiten im amerikanischen Außenministerium, U. Alexis Johnson, ist von Präsident
Nixon als neuer Leiter der Delegation der Vereinigten Staaten bei den amerikanisch-sowjetischen Gesprächen über eine Begrenzung der Strategischen
Rüstungen (SALT) vorgesehen worden. Er wird die Nachfolge von Botschafter
Gerard C. Smith antreten, der gleichzeitig auch von seinem Posten als
Direktor des Bundesamtes für Rüstungskontrolle und Abrüstung zurückgetreten
ist, um ins Privatleben zurückzukehren.
Johnson, der den Status eines Sonderbotschafters erhalten wird, soll
nur die Leitung der amerikanischen SALT-Delegation übernehmen, da die zweite Phase der amerikanisch-sowjetischen Verhandlungen als so wichtig und
verantwortungsvoll angesehen wird, daß der Delegationschef der USA auch wegen seiner notwendigen längeren Auslandsaufenthalte kein zweites Amt daneben bekleiden soll. Ein neuer Direktor für die Abrüstungsbehörde soll in
Kürze nominiert werden.
U.Alexis Johnson ist als einziger Berufsbotschafter der ranghöchste
Beamte im Auswärtigen Dienst der Vereinigten Staaten.
Am

-1-

�Am 17. Oktober 1908 in Falun im Staate Kansas geboren, studierte
Johnson am Occidental College mit dem Abschluß eines Bachelor of Arts und
dann ein Jahr an der Georgetown-Universität. Im Jahre 1935 trat er in den
auswärtigen Dienst der USA und bekleidete bis 1940 diplomatische Posten in
Tokio, Seoul und Tientsin in China. Beim Eintritt der Vereinigten Staaten
in den zweiten Weltkrieg wurde er 1941 in Mukden

in China interniert und

dann 1942 ausgetauscht. Seine weitere Verwendung fand er bei den amerikanischen Missionen in Rio de Janeiro und auf den Philippinen. Danach war er in
Japan bei der Militärregierung und als Generalkonsul und ab 1950 im Nordostasien-Referat im Außenministerium tätig. Er avancierte 1951 zum stellvertretenden Unterstaatssekretär in der Fernostabteilung und fungierte bei den
Friedensverhandlungen mit Japan in San Francisco als Berater der US-Delegation. 1953 zum Botschafter in Prag ernannt, nahm er 1954 an der Indochinakonferenz in Genf teil und führte dort 1955 Botschaftergespräche mit Rotchina. Johnson wurde 1958 zum Botschafter in Thailand und 1961 zum stellvertretenden Staatssekretär für politische Angelegenheiten berufen. Er ging
1964 als stellvertretender Botschafter nach Südvietnam und kehrte 1965 auf
seinen vorigen Posten zurück. Zuletzt war er von 1966 bis 1968 Botschafter
in Japan.
Johnson ist verheiratet und hat vier Kinder.

(Auf Wunsch stellen wir Ihnen gerne eine Porträtaufnahme von U.Alexis
Johnson zur Verfügung).

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2/1973

VERTEIDIGUNGSMINISTER LAIRD LEGT ABSCHLUSSBERICHT VOR
-Auszüge aus dem Europa- und NATO-Teil-

WASHINGTON --(AD)-- Der aus seinem Amt scheidende amerikanische Verteidigungsminister Melvin R. Lair,d hat dem Militärausschuß des US-Repräsentantenhauses am 8. Januar einen abschließenden Bericht über seine vierjährige Tätigkeit im Pentagon vorgelegt.
Im einzelnen stellt Laird - dessen designierter Nachfolger Elliott
Richardson ist - fest, daß die Vereinigten Staaten heute über eine realistische Abschreckungskraft auf allen Ebenen eines potentiellen Konfliktes verfügen. Trotzdem habe die zahlenmäßige Stärke der US-Streitkräfte
seit 1969 um rund 1,2 Millionen Mann abgebaut und hätten in dieser Zeit
fast eine halbe Million amerikanischer Soldaten aus Vietnam abgezogen werden können. Die Vereinigten Staaten brauchten nicht länger die Rolle eines
Polizisten zu übernehmen, sondern die befreundeten und verbündeten Länder
könnten solche Aufgaben in wachsendem Maße selber lösen. Südvietnam verfüge
heute über das Potential, sich selbst verteidigen zu können.Und die europäischen Länder könnten und sollten selbst mehr tun, um vor einer sowjetischen Bedrohung ihrer Sicherheit abzuschrecken, zumal sie über die Hilfsquellen, Erfahrungen und das technische Wissen hierfür verfügten.
Laird

-1-

�Laird hebt weiter hervor, daß die Vereinigten Staaten in den vergangenen
vier Jahren ihre technologische Überlegenheit gegenüber der Sowjetunion weiter gehalten hätten. Im Rahmen des vor zwei Jahren angelaufenen realistischen
Abschreckungsprogramms seien veraltete Waffen durch modernere und wirksamere
Ausrüstung ersetzt worden. Auch die Kommando struktur sei verbessert worden.
Das ungerechte Einberufungssystem solle beseitigt werden, und bei dem Übergang zu einer Freiwilligenarmee werde auch der Status der Nationalgarde und
der Reserveverbände verbessert.
In seinem Bericht befaßt sich Laird ferner eingehend mit der Situation
in Vietnam, wobei er es jedoch vermeidet, auf Punkte der Meinungsverschiedenheiten zwischen Washington und Hanoi oder die künftige amerikanische Strategie
in Indochina einzugehen, da hierdurch die geheimen Verhandlungen in Paris gestört werden könnten. Gleichzeitig unterstreicht er die Erfolge des Vietnamisierungsprogramms Präsident Nixons. Dieses Programm sei der erste entscheidende
Schritt im Rahmen der Nixon-Doktrin gewesen, die zu einer völlig neuen Formulierung der amerikanischen Politik geführt habe. Diese Politik sei darauf abgestellt, den Freunden und Verbündeten der USA den Weg zur Selbsthilfe zu weisen, die grundlegenden amerikanischen Verpflichtungen einzuhalten und bei allen internationalen Streitfragen eine Verhandlungslösung an Stelle von Konfrontation anzustreben.
Die wichtigsten, Europa und die NATO betreffenden Teile des Berichtes
haben folgenden Wortlaut:
In Europa ist der Rahmen,in dem wir die Nixon-Doktrin zu verwirklichen
suchen, wesentlich anders (als in anderen Teilen der Welt;. Unsere europäischen Verbündeten können und müssen mehr tun, um vor einer sowjetischen Bedrohung ihrer Sicherheit abzuschrecken. Ihnen fehlen nicht die Hilfsquellen
dazu. Ihnen mangelt es nicht an Erfahrung und technischem Wissen. Sie müssen
lediglich die strategischen und politischen Realitäten erkennen, denen wir

-2-

�wir alle uns gegenübersehen, und den Willen haben, dementsprechend zu handeln.
Eine ausreichende nukleare Abschreckung wird auch weiterhin den Eckpfeiler der Struktur für die Sicherheit der Verbündeten bilden. Gleichzeitig
verleiht jedoch das Herannahen eines strategischen nuklearen Gleichgewichtes
zwischen den USA und der UdSSR der Notwendigkeit eines ausreichenden konventionellen Potentials vermehrtes Gewicht, um konventionellen Bedrohungen auf
den Ebenen begegnen zu können, auf denen sie auftreten könnten
Den Vereinigten Staaten wird weiterhin die Hauptverantwortung für die
Aufrechterhaltung der nuklearen Abschreckung seitens der Verbündeten zufallen.
Und die Vereinigten Staaten werden auch weiterhin einen beträchtlichen Beitrag zu der konventionellen Abschreckung durch die Verbündeten leisten, Aber
von den USA kann nicht erwartet werden, daß sie die volle Last der nuklearen
Verteidigung und gleichzeitig einen unangemessen hohen Teil der Lasten der
konventionellen Verteidigung tragen. Dies ist weder gerecht noch politisch
richtig. Und es ist nicht mit der Konzeption der Nixon-Doktrin von einer
neuen Partnerschaft zu vereinbaren.
In den vergangenen vier Jahren haben zahlreiche Mitglieder des Kongresses
die derzeitige Aufteilung der Verantwortung für die Verteidigung Europas zwischen den USA und den Verbündeten in Zweifel gezogen. Der Punkt,um den es dabei ging, war meines Erachtens nicht: "warum tun die USA so viel", sondern
vielmehr: "warum tun die Europäer nicht mehr für das, was in erster Linie ihre
eigene Verteidigung ist?".
Auf meinen Zusammenkünften mit meinen NATO^Kollegen zweimal im Jahre
habe ich immer wieder hierauf verwiesen, Sie haben mit Programmen zur Verbesserung der Streitkräfte im Rahmen der Euro»Gruppe geantwortet, die tatsächlich einen wesentlichen Schritt voran bedeuten. Aber mehr - viel mehr - muß
getan werden, wenn wir das volle Potential der von uns auf dem Gebiet der kon-

-3-

�konventionellen Verteidigung bereits unternommenen Investitionen zum Tragen
bringen wollen.
Es besteht natürlich bei einigen Kreisen - und zwar auf beiden Seiten
des Atlantiks - die Tendenz, in der neuen Ära der Verhandlungen einen

Grund

oder einen Vorwand zu sehen, die Verteidigungsanstrengungen zu verringern.
Es muß jedoch allen klar sein, daß die militärische Stärke des Westens dazu
beigetragen hat, diese neue Ära herbeizuführen und zwar dadurch, daß alle
Wege außer dem der Verhandlungen verschlossen wurden. Und es muß genauso klar
sein, daß die Positionen und Interessen des Westens in Verhandlungen nicht
ausreichend geschützt und gefördert werden können, sofern der Westen nicht den
Willen und die Fähigkeit zeigt, seine militärische Stärke aufrechtzuerhalten.
Als ich 1969 Verteidigungsminister wurde, war es klar, daß wir unsere
kollektive NATO-Strategie überprüfen müßten, um festzustellen, ob sie angesichts der neuen Gegebenheiten und Realitäten noch gültig war. Wir wußten,
daß es Schwächen und Ungleichgewichte in dem konventionellen Potential der
NATO, verglichen mit dem des Warschauer Paktes gab. Der Status der amerikanischen Streitkräfte in Europa war vor 1969 aufgrund unseres erweiterten
Truppenengagements in Südostasien geringer veranschlagt worden. Es war ferner
wichtig, einige der Mißverständnisse zwischen den USA und ihren Verbündeten
zu beseitigen, die sich im Laufe der Jahre ergeben hatten, und gemeinsam
auf die Wiederherstellung des Zusammenhalts des großen Bündnisses hinzuarbeiten.
Gemeinsam mit unseren Verbündeten haben wir innerhalb der NATO eine umfassende Studie der Verteidigungsprobleme des Bündnisses in den siebziger Jahren durchgeführt, in der wir die Gültigkeit unserer derzeitigen militärischen
Strategie bekräftigten und Übereinstimmung über die Art und Weise erzielten,
wie die NATO-Streitkräfte, ihre Bewaffnung, ihr Nachschub, die sie stützende
Infrastruktur wie auch die Möglichkeiten verbessert werden sollten, Konsultationen über ihren möglichen Einsatz in einer Krise zu führen.
Präsident

-4-

�Präsident Nixon hat nachdrücklich die amerikanischen Verpflichtungen
gegenüber der NATO bekräftigt. Er erklärte, daß die USA bei entsprechendem
Verhalten unserer Verbündeten ihre im europäischen Raum stationierten Streit«
kräfte weiter dort belassen und qualitativ verbessern würden. Wir haben dieses Versprechen gehalten.
Was die europäische Seite anbetrifft, so können wir alle mit Recht stolz
auf das Europäische Verstärkungsprogramm (EDIP) sein, das eine Verpflichtung
zu Modernisierungsprogrammen für die nationalen Streitkräfte, Zahlungen
für Flugzeugbunker für die taktischen Luftstreitkräfte der NATO in Europa
und ein Programm für gegenseitige Hilfe vorsieht.
Die Fortschritte bei der Bewaffnung der NATO waren langsam, wenn es
auch besonders bei Panzern, Panzerabwehr und Modernisierung der Marine voranging. Aber der Gesamtprozeß war, offen gesagt, aufgrund der nationalen Bestrebungen, eine Vielzahl ähnlicher Verteidigungsindustrien am Leben zu erhalten, unzulänglich und von Überschneidungen gekennzeichnet. Das Ergebnis ist
nicht nur wirtschaftliche Verschwendung, sondern es ist auch militärisch unerwünscht, denn es verhindert Normung und gegenseitige Einsetzbarkeit. Wir
haben versucht, dieser Entwicklung dadurch zu begegnen, daß wir eine stärkere
Zusammenarbeit und Rationalisierung zwischen den europäischen Ländern der
freien Welt förderten. Wir bieten anderen NATO-Ländern unsere neuesten Entwicklungen an und prüfen ihre Entwicklungen auf eine mögliche Aufnahme in
unsere Streitkräfte hin. Natürlich wird jedes dem Bündnis angehörende Land
im gemeinsamen Interesse etwas nachgeben müssen, wenn wir die beträchtlichen
Ersparnisse erzielen wollen, die eine echte Zusammenarbeit uns bringen kann.
Die Zusammenarbeit der Verbündeten auf dem Gebiet der Logistik läßt
ebenfalls manches zu wünschen übrig; wir hoffen jedoch, daß die Reihe von
Konferenzen internationaler Logistikexperten, die kürzlich begonnen hat,

-5-

�hat, neue Voraussetzungen auf diesem Gebiet schaffen wird. Auch dies ist
ein Gebiet, auf dem beträchtliche Einsparungen erwartet werden können, sobald
die Haltung der einzelnen Länder dies zuläßt.
Die Infrastruktur, das NATO-Programm für den Bau der notwendigen ortsgebundenen Einrichtungen für die NATO-Streitkräfte, bleibt weiterhin ein Gebiet, auf dem die gemeinsame Arbeit der NATO überragende Erfolge erzielt hat,
obwohl sie unter einer unzureichen Mittelzuteilung zu leiden hatte. Während
gegenwärtig das Infrastrukturprograrnm für den Bau von Bunkern für taktische
Flugzeuge der NATO von der Euro-Gruppe (INIT) gefördert wird, sieht sich
die NATO-Infrastruktur bei der Wiederherstellung und dem Umbau früherer
Anlagen wie auch beim Bau neuer Anlagen beträchtlichen Problemen gegenüber,
die durch die Erfordernisse der heutigen Verteidigung entstanden sind. Die
Minister haben vereinbart, das Infrastrukturprogramm für weitere fünf Jahre
fortzusetzen; die Vereinigten Staaten werden in Kürze innerhalb des Bündnisses Verhandlungen über den Umfang des Programms sowie den angemessenen
amerikanischen Beitrag zu diesem letzten Punkt führen. In den vergangenen
Jahren war die Unterstützung, die wir für unsere Streitkräfte aus dem NATOInfrastrukturprograrnm erhalten haben, gut.
Das Fernmeldenetz der NATO für politische Konsultationen sowie für
Befehlsübermittlung und Kontrolle ist im allgemeinen unzulänglich, sieht man
es im Hinblick auf mögliche Erfordernisse einer modernen Kriegsführung. In
den letzten eineinhalb Jahren hat die NATO einen Plan für ein verbessertes
NATO-Nachrichtenverbindungssystem (NICS) ausgearbeitet und vereinbart; sie
hat Mittel für die erste Phase des Programms verfügbar gemacht und den erforderlichen Apparat aufgebaut,um die Entwicklung des Systems zu leiten,Einige
Verbesserungen im Fernmeldenetz der NATO sind bereits offensichtlich, und
wenn das NICS-Programm weiter fortgeführt wird, rechnen wir mit ganz wesentlichen Verbesserungen.
Was

-6-

�Was das Krisenmanagement anbetrifft, so hat die NATO die Kapazität ihrer wichtigsten Einrichtungen im Brüsseler Hauptquartier beträchtlich verbessert, und sie entwickelt und erprobt gegenwärtig Verfahren für mögliche Krisen, damit die NATO-Länder im Falle eines Notstandes sofort umfassende Konsultationen führen und entsprechende Schritte unternehmen können. In den vergangenen vier Jahren haben unsere NATO-Verbündeten Einsatzbereitschaft und Ausbildungsstand ihrer Streitkräfte durch Teilnahme an und Zusammenarbeit bei alliierten Manövern erhöht. Von besonderer Bedeutung in jüngster Zeit waren das im
September 1972 durchgeführte große Manöver "Strong Express", an dem 64 000
Mann, 300 Schiffseinheiten und 700 Flugzeuge beteiligt waren, sowie die Teilnahme der Ständigen Seestreitmacht Atlantik (STANAVFORLANT) an einem alliierten Manöver im Mittelmeer im Mai 1972.
Was die Manöver anbetrifft, so sind jedoch größere Fortschritte vor allem
im maritimen Bereich möglich. Unsere Verbündeten verfügen über beträchtliche
Schiffsreserven, deren Kapazitäten noch nicht voll ausgenutzt werden, weil die
Schiffe einen großen Teil ihrer Zeit im Hafen liegen. Würden bestimmte Verbündete solche Schiffseinheiten vermehrt einsetzen, würden Ausbildungsstand, Einsatzbereitschaft und die Fähigkeit, mit den übrigen verbündeten Seestreitkräften zusammenzuarbeiten, wesentlich gestärkt werden. Dies könnte dann auch zur
Schaffung einer Ständigen Seestreitmacht Mittelmeer führen, die eine Ergänzung zu den in der Vergangenheit so erfolgreichen atlantischen Seestreitkräften bilden würde.
Was die Planung anbetrifft, so sind wir mit dem, was die Nukleare Planungsgruppe der NATO - ein Forum für eine offene Erörterung delikater nuklearer Probleme der NATO - erreicht hat, zufrieden. Ich bin weiterhin überzeugt,
daß die Förderung des Verständnisses unter den Verbündeten und die Planung
für die nukleare Verteidigung der NATO von großer Wichtigkeit sind.
Wenn

-7-

�Wenn wir in die Zukunft blicken, so werden wir die uns verfügbaren Hilfsquellen noch weit wirksamer nutzen müssen - gleichgültig, ob es sich dabei um
Menschenpotential, Technologie, politische Grundsätze oder Dislozierung handelt. Gerade das aber versuchen wir im Rahmen unserer Konzeption der Gesamtstreitkräfteplanung zu erreichen. Die NATO muß ebenfalls alle potentiellen
Aktiva für die Verteidigung in Rechnung stellen, darunter auch die zivilen
Hilfsquellen, und gewährleisten, daß ihr Einsatz voll koordiniert ist.
Wir brauchen zusätzliche gemeinsame Maßnahmen der Verbündeten auf Gebieten wie:
-- Organisation, Kommando und Kontrolle der NATO-Luftstreitkräfte im
Bereich Mitte;
-- bessere Nutzung des Mannschaftspotentials, der Aktiven wie der Reservisten;
-- Forschung und Entwicklung, um eine wirklich effektive Zusammenarbeit
auf dem Gebiet der Bewaffnung zu erreichen.
Wir haben in den letzten vier Jahren die Zusage des Präsidenten eingehalten, die amerikanischen Streitkräfte in Europa zu belassen und qualitativ
zu verbessern. In den unmittelbar vor uns liegenden Jahren wird es jedoch
nahezu unmöglich sein, eine unverminderte amerikanische Truppenpräsenz in
Europa zu unterstützen, wenn einige unserer Partner die Schlagkraft ihrer eigenen Streitkräfte schwächen - sei es durch Budgetkürzungen, Verringerung ihrer Truppenstärken oder kürzere Dienstzeiten.
Auf der jüngsten Konferenz der NATO-Verteidigungsminister im Dezember
1972 in Brüssel gründete ich meine Hauptargumente auf die Lastenverteilung
sowie auf die Notwendigkeit, diese noch zu erweitern. Über meine Mahnungen
hinaus, daß die Verteidigungsausgaben real wachsen und daß die Mittel wirksamer zur Förderung unserer gemeinsamen Verteidigung eingesetzt werden müßten,
forderte ich die kontinuierliche Weiterführung des Europäischen Verstärkungs-

-8-

�Verstärkungsprogramms (EDIP), eine neue Form der Infrastruktur zur Unterstützung von Truppen, die außerhalb ihres eigenen Territoriums stationiert
sind, sowie einen verminderten Anteil der USA an den Kosten für das Infrastrukturprogramm der NATO. Ich bin mir im klaren darüber, daß es schwierig
sein wird, diese Empfehlungen zu verwirklichen; ich bin jedoch der Überzeugung, daß die Zeit hierfür reif ist, und daß unsere Verbündeten voll und ganz
die Notwendigkeit einsehen, uns einige der Lasten abzunehmen.
Mit den bereits geschlossenen Abkommen, wie SALT und Berlin, mit den
laufenden Vorbesprechungen für eine Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (KSZE) und mit den in Kürze beginnenden ersten Gesprächen
über eine beiderseitige und ausgewogene Truppenreduzierung (MBFR) befinden
wir uns schon mitten in der Ära der Verhandlungen. Angesichts dieses Komplexes der Ost-West-Gespräche hört man nun schon viel über eine profunde und
dauerhafte Änderung der Grundhaltung und -einstellung der Sowjets gegenüber
dem Westen. Dies ist verfrüht. Entspannung ohne angemessene Verteidigung ist
eine Selbsttäuschung.
Ich bin mir vielmehr darüber im klaren, daß tiefgehende Differenzen und
Meinungsverschiedenheiten zwischen uns bestehen bleiben. Diese Differenzen
können nicht einfach dem historischen Zufall oder Mißverständnissen zugeschrieben werden. Sie wurzeln vielmehr in verschiedenartigen Konzeptionen der
Rechte und Pflichten von Menschen und Regierungen sowie in verschiedenartigen
Methoden des Verhaltens zu anderen Nationen.
Wir können auch nicht andere Fakten ignorieren, die sich auf unsere
Hoffnungen auf erfolgreiche Verhandlungen mit dem Osten auswirken:
-- Wir können nicht die großen, gut ausgebildeten und sich ständig verbessernden Streitkräfte des Warschauer Paktes in Europa außer acht lassen;
-- wir können nicht die Augen verschließen vor der raschen und kontinuierlichen Ausweitung der sowjetischen Rüstung und ihrer qualitativen Verbesserung

-9-

�Verbesserung in den letzten Jahren}
-- wir können nicht die weltweite Expansion der sowjetischen Seestreitkräfte und ihrer Aktivität ignorieren;
-- wir können nicht; die wachsende militärische Präsenz der Sowjets sowie ihr Engagement in Gebieten übersehen, die an den NATO-Bereich angrenzen,
wie im Nahen Osten und im Indischen Ozean.
Es ist; einfach eine Tatsache, daß der militärische Aufbau der Sowjets,
auf konventionellem wie auf nuklearem Gebiet, weiter energisch vorangetrieben
wird.
Wenn wir uns nicht über diese strategische und politische Realität im
klaren sind und diese Erkenntnis zum Ausgangspunkt für unsere Verhandlungsbemühungen machen, gefährden wir die Chancen für die Erreichung eines Friedens,
während wir gleichzeitig unsere lebenswichtigen Interessen aufs Spiel setzen.
Dies soll nicht besagen, daß wir nicht darauf vorbereitet sein sollten,
das Eingehen vernünftiger Risiken für den Frieden zu erwägen. Im Gegenteil
sollten wir uns gemeinsam mit unseren Verbündeten darum bemühen, neue Beziehungen zur Sowjetunion und den Ländern Osteuropas anzubahnen - Beziehungen, die
auf beiderseitiger Zurückhaltung und beiderseitiger Anpassung der Interessen
basieren. Solche Beziehungen lassen sich aber nur auf der Grundlage eines
starken und geeinten Westens schaffen.
Es mag zutreffen, daß eine Ära der Verhandlungen in gewisser Weise größere
Anforderungen an uns stellt als eine Ära der Konfrontation; aber ich bin zuversichtlich, daß wir dieser Aufgabe genauso gewachsen sein werden.
Eine solche Aufgabe, vor der das Bündnis gegenwärtig steht, siimd die Verhandlungen über eine beiderseitige und ausgewogene Truppenreduzierung (MBFR).
Bei MBFR handelt es sich um eine Initiative der NATO, die auf das Jahr 1968
zurückgeht und die ein stabileres militärisches Gleichgewicht auf einem

-10-

�einem niedrigeren Truppenstand erreichen und dadurch das Risiko eines Konflikts in Europa verringern soll. Nach mehreren Jahren von Vorbereitungen und
Versuchen seitens der Verbündeten, die Sowjetunion und andere osteuropäische
Länder in einen MBFR-Dialog hineinzuziehen, haben bestimmte osteuropäische
Länder, unter ihnen die Sowjetunion, jetzt ihre Bereitschaft zu erkennen gegeben, in vorbereitende MBFR-Gespräche einzutreten, die bald aufgenommen werden sollen. Es besteht Hoffnung, daß diese vorbereitenden Gespräche die Aufnahme von Verhandlungen im Herbst 1973 ermöglichen werden.
Die Aussichten auf Fortschritte bei den MBFR-Verhandlungen bedeuten für
das Bündnis Verschiedenes:
—

Unsere umfassende Untersuchung in bezug auf MBFR hat gezeigt, daß

es keinen schnellen und leichten Weg zum Erfolg gibt; daher müssen wir bei
der Verfolgung unserer Zielsetzungen an die MBFR-Verhandlungen mit Klugheit,
Zielstrebigkeit und Entschlossenheit herangehen.
-- Da jede Schwächung der kollektiven Verteidigungsanstrengungen unsere
Position am Verhandlungstisch beeinträchtigen würde, müssen wir vor allen
Bestrebungen auf der Hut sein, die Aussicht auf MBFR als Vorwand entweder für
einseitige Truppenreduzierungen der Verbündeten oder für ein Nachlassen bei
der Verbesserung der Streitkräfte zu benutzen.
-- Wir dürfen nicht etwaige MBFR-Ergebnisse als Anlaß für eine Kürzung
der Verteidigungsausgaben auf längere Sicht betrachten. MBFR wird nicht die
Notwendigkeit beseitigen, unser konventionelles Potential aufrechtzuerhalten
und zu verbessern; im Gegenteil, MBFR wird die Notwendigkeit erhöhen, unsere
Verteidigungshilfsquellen auf wirksamste Weise zu nutzen.
Insgesamt gesehen kann MBFR, sofern die Mitglieder des Bündnisses richtig an die Verhandlungen herangehen, die militärische Ergänzung zu den politischen Bemühungen des Bündnisses bilden, das Ausmaß der Konfrontation zwischen Ost und West abzubauen.
Einige

-11-

�t

Einige haben die Besorgnis geäußert, ob wir MBFR und andere Verhandlungen führen und gleichzeitig im Zuge dieser Verhandlungen den Zusammenhalt
des Bündnisses gewährleisten können. Aber wie groß auch die Aufgabe, vor die
MBFR uns stellt, sein mag, in vieler Hinsicht wird MBFR eine noch weit schwerere Bewährungsprobe für den Osten sein.
Welcher Ar; unsere Probleme hier im Westen auch sein mögen, das gegenseitige Vertrauen, das schon so lange unter uns besteht, wird für uns in den
kommenden Monaten bei den Verhandlungen mit unseren Gegnern ein großer Pluspunkt sein. Dieses Vertrauen ist tief verwurzelt in gemeinsamen Idealen und
Bestrebungen und in einer Tradition vertrauensvoller Beziehungen zueinander.
Dies ist ein Gut, das alle von uns sorgfältig hüten müssen.
Das Bündnis war in der Vergangenheit eine mächtige Kraft für den Frieden und wird dies auch künftig sein. Ich scheide aus meinem Amt mit der Zuversicht, daß die NATO weiterhin diesem hohen Ziele dienen wird.

+++

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2/1973

EWG-ERWEITERUNG WIRFT KOMPENSATIONSPROBLEME FÜR US-FARMER AUF

Von John Holway

WASHINGTON — ( A D ) — Der jetzt vollzogene Beitritt Großbritanniens, Irlands
und Dänemarks zum Gemeinsamen Markt bedeutet für die amerikanischen Farmer
keineswegs eine gute Nachricht, denn der Absatz ihrer Erzeugnisse in diesen
Ländern wird durch die sogenannten "variabler} Abschöpfungsbeträge" der EWG,
die nahezu prohibitiven Charakter haben, künftig erschwert werden.
Aufgrund einer früheren bindenden Vereinbarung mit Großbritannien war
den amerikanischen Farmern zugesichert worden, daß ihr Weizen zollfrei dorthin eingeführt werden darf. Nachdem diese Vereinbarung nunmehr hinfällig
geworden ist, ergibt sich die Frage, wie der Gemeinsame Markt die amerikanischen Farmer für die ihnen entstehenden Exportverluste kompensieren will.
Diese Frage wird im Mittelpunkt der intensiven Verhandlungen stehen,die
im März in Genf aufgenommen werden sollen und die sich voraussichtlich bis
in den Sommer hinziehen werden. Und ihr Verlauf wird zweifellos beträchtlichen Einfluß auf den Gang der für September anberaumten weltweiten Handelsverhandlungen haben.
Die

-1-

�Die Vereinigten Staaten wie auch andere Weizenexportländer - zum Beispiel Kanada und Australien - werden im Rahmen der GATT-Bestimmungen Kompensationen fordern. Nach diesen Bestimmungen kann eine Zollunion, wie sie der
Gemeinsame Markt letztlich darstellt, errichtet werden; der neue konsolidierte Zolltarif darf jedoch das allgemeine Zollniveau der früheren Einzelstaaten nicht übersteigen. Und selbst wenn dieses allgemeine Erfordernis erfüllt
ist, haben Exporteure aus Drittländern Anspruch auf Kompensationen, sobald
Zölle im Gegensatz zu bestehenden Abkommen oder Vereinbarungen heraufgesetzt
werden.
Anstelle von Zöllen erhebt der Gemeinsame Markt bei landwirtschaftlichen
Erzeugnissen sogenannte variable Abschöpfungsbeträge. Die Höhe dieser Abschöpfungsbeträge ändert sich von Tag zu Tag, um Fluktuationen der Weltmarktpreise bei den einzelnen Agrarerzeugnissen auszugleichen, Wenn auch der Weltmarktpreis für Getreide im Augenblick recht hoch und die variable Abschöpfung
somit relativ niedrig ist, so kann der Abschöpfungsbetrag jedoch jederzeit
heraufgesetzt werden, sobald die Getreidepreise auf den Weltmärkten nachgeben.
Im Gegensatz zu Zöllen,die sich nicht ändern, können die Abschöpfungsbeträge
jederzeit erhöht werden, um Importe fernzuhalten. Und in der Vergangenheit
hatten die EWG-Abschöpfungsbeträge für Getreide zeitweise eine Höhe von bis
zu 70 Prozent des Warenwertes erreichtIn den meisten Fällen werden die Exportverluste nicht so groß wie gerade
bei Getreide sein. Ja, vielfach werden die britischen Industriezölle im Zuge
der Anpassung an den gemeinsamen Außenzoll der EWG gesenkt werden. Doch trotzdem bleibt die Frage im Raum, wie die Vereinigten Staaten und andere Länder
für die höheren Abschöpfungsbeträge bei Getreide kompensiert werden können.
Eine Möglichkeit wäre, daß der Gemeinsame Markt seine Abschöpfungsbetrage für Getreide senkt. Beispielsweise könnte sich die jetzt auf neun
Mitglieder erweiterte EWG bereit erklären, anstelle der bisherigen variablen

-2-

�variablen Abschöpfungsbeträge der früheren sechs EWG-Länder und des von
Großbritannien zugesagten Null-Tarifs die Abschöpfung auf 30 Prozent zu begrenzen. Eine andere Möglichkeit wäre, die Exportverluste bei Getreide durch niedrigere Zölle bei anderen Agrarerzeugnissen zu kompensieren.
Sprecher des Gemeinsamen Marktes haben zu verstehen gegeben, daß die EWG
einen dritten Weg bevorzugen würde, nämlich die Verluste bei Agrarexporten
durch Zollvorteile auf dem Industriesektor auszugleichen. Von amerikanischer
Seite wurde jedoch bereits angedeutet, daß die USA einen solchen Vorschlag ablehnen würden, da damit den amerikanischen Farmern nicht geholfen sei. Alles
spricht also dafür, daß es in Genf zu harten Verhandlungen kommen wird.
Was geschieht aber nun, wenn diese Verhandlungen auf einem toten Punkt
stecken bleiben? Die Vereinigten Staaten und jede andere geschädigte Partei
könnten den Fall vor das GATT bringen und Vergeltungsmaßnahmen ergreifen, indem sie entsprechende Konzessionen gegenüber dem Gemeinsamen Markt aufheben.
Das war zum Beispiel 1962 der Fall, als die Abschöpfungsbeträge bei Geflügel
zu einer starken Einschränkung der US-Exporte nach Deutschland führten. Mit
Zustimmung des GATT erhöhten die Vereinigten Staaten damals die Zölle für
Lastwagen und Kognak.
Das wäre jedoch nur ein letzter Ausweg, der letztlich den amerikanischen
Verbraucher träfe, ohne den geschädigten Exporteuren zu helfen. Nach amerikanischer Auffassung wäre es weit besser, wenn eine faire Kompensation der geschädigten Exporteure durch entsprechende Zollsenkungen seitens des Gemeinsamen
Marktes erreicht werden kann.

II III

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US-PERSONALEINKOMMEN NÄHERT SICH DER BILLIONEN-DOLLARGRENZE
WASHINGTON--(AD)-- Das amerikanische Personaleinkommen dürfte in Kürze
die Billionen-Dollargrenze überschreiten. Dies stellt der Unterstaatssekretär im US-Handelsministerium, Dr. Harold C. Passer, in der diese Woche
erschienenen neuesten Ausgabe der vom Ministerium herausgegebenen Zeitschrift "Commerce Today" fest.
Wie Dr. Passer betont, hat das Personaleinkommen in den USA in den
vergangenen 12 Monaten eine durchschnittliche monatliche Zuwachsrate von
über 7,5 Milliarden Dollar zu verzeichnen gehabt. Bei Zugrundelegung
dieser Zuwachsrate werde das Personaleinkommen im kommenden März oder
April die Billionen-Dollargrenze überschreiten.
Dr. Passer verweist in der alle zwei Wochen herausgegebenen Zeitschrift
darauf, daß das amerikanische Bruttosozialprodukt bereits vor Jahren die
Billionen-Dollargrenze überschritten und im dritten Quartal 1972
-saisonbereinigt- eine Jahresrate von 1 164 Milliarden Dollar zu verzeichnen hatte. Aber nicht nur das Personaleinkommen, so betont der
Unterstaatssekretär, habe seit Ende des zweiten Weltkrieges einen enormen
Zuwachs aufzuweisen gehabt, sondern auch das verfügbare Einkommen - ver-

• 1 -

�- verbleibende Einkommen nach Abzug von Steuern und Sozialabgaben - habe
sich in der Nachkriegszeit - gemessen in Dollar von 1958 - mehr als verdoppelt.
Die Zeitschrift befaßt sich in ihrer neuesten Ausgabe ferner mit der
Errichtung der neuen Abteilung für Ost-Westhandel im US-Handelsministerium,
dessen Leitung Steven Lazarus übernommen hat, sowie den Aussichten für eine
Ausweitung des Handels zwischen den Vereinigten Staaten und der kommunistischen Welt. Nach Auffassung von Lazarus, so betont das Blatt, dürfe man
von der Schaffung der neuen Abteilung nicht eine plötzliche Ausweitung des
amerikanischen Osthandels um viele Milliarden Dollar erwarten. Fortschritte
in dieser Richtung würden sich vielmehr nur ganz allmählich und in dem
Maße vollziehen, wie von amerikanischen Firmen auf individueller Basis neue
Handelsbeziehungen angebahnt würden.
In einem weiteren Beitrag befaßt sich die Zeitschrift mit einem von dem

amtierenden Direktor des Statistischen Bundesamtes der USA, Dr. Lawrence M.
Kushner, ausgearbeiteten Arbeitspapier über die Auswirkungen eines eventuellen Übergangs zum metrischen System. Damit allein,so stellt Dr. Kushner in
seiner Expertise klar, würden die Handelsprobleme der USA nicht gelöst. Nach
Ansicht von Dr. Kushner wäre ein vernünftiger Weg, einen geplanten Übergang
mit einer verstärkten Mitarbeit der USA bei der internationalen Typennormierung zu verbinden.

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und
Technik

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INTERNATIONALE DATENBANK FÜR DIE KREBSFORSCHUNG

-USA errichten Informationszentrale und intensivieren Zusammenarbeit von
Spezialisten
--(AD)-- Das Nationale Krebsforschungsinstitut (NCI), das den medizinischen
Bundesforschungsanstalten der USA in Bethesda (Maryland) angeschlossen
ist, bemüht sich um die Schaffung eines weltweiten Informationsnetzes, das
alle Erfahrungen und Resultate erfaßt, die für die Bekämpfung der Krebskrankheiten Bedeutung haben können. Dr. John H. Schneider, der am NCI für
wissenschaftliche und technische Informationen zuständig ist, erläuterte
den Plan zur Errichtung der "Internationalen Datenbank für Krebsforschung"
(1CRDB-International Cancer Research Data Bank) auf der Jahrestagung der
Amerikanischen Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft (AAS) Ende Dezember 1972 in Washington. Das Institut will fortlaufend Informationen aus den
USA und anderen Ländern sammeln und katalogisieren und spezifische Daten
bezw. Ergebnisse an interessierte Mediziner und Krebsforscher in aller
Welt weiterleiten.
Einen

�r

Einen derartigen Informationsdienst, der allgemein weiterhelfen könnte,
gibt es bisher nicht. Der Erfahrungs-und Informationsaustausch zwischen den
Institutionen der medizinischen Forschung und speziell der Krebsforschung
innerhalb und außerhalb der USA ist zwar gut eingespielt, reicht aber nach Ansicht Dr. Schneiders nicht aus, um aus den tatsächlichen Bemühungen um

eine

Lösung der zahlreichen Probleme einer wirksamen Krebsbekämpfung das Bestmögliche herauszuholen.
Der Plan zur Einrichtung einer solchen Datenbank ist nicht neu, sondern
bereits in dem amerikanischen Gesetz von 1971, das die rechtlichen Grundlagen
für eine intensivierte Erforschung und Behandlung von Krebskrankheiten in den
USA schuf, erwähnt. Den vorbereitenden Arbeiten von NCI-Vertretern im abgelaufenen Jahr,die auch bereits eine gewisse Übersicht über den in Frage kommenden Benutzerkreis der Datenbank brachten,soll Anfang 1973 die Auswahl des Unternehmens folgen, das auf vertraglicher Basis das Informationszentrum betreibt. Ausschlaggebend für die Erteilung des Auftrags werden Erfahrungen auf
dem Gebiet der Datenerfassung und Datenverarbeitung sein.
Daneben wird, wie Dr. Stephen Carter vom NCI erklärte, die direkte Zusammenarbeit der für die Krebsbekämpfung zuständigen amerikanischen Stellen mit
Institutionen anderer Länder - insbesondere in Europa und Asien sowie mit der
Sowjetunion -weiter verstärkt. So vergab kürzlich das NCI einen Forschungsauftrag an das Weizmann-Institut in Rehovot (Israel) in Höhe von fast einer
halben Million Dollar. Bei den Untersuchungen wird es vor allem um die Entwicklung besserer Methoden zur Früherkennung von Krebs und um die Erforschung
von Möglichkeiten gehen, Leukämie auf dem Wege über eine Beeinflussung der
Entwicklung von Lymphozyten, die aus dem Knochenmark oder aus dem Thymus
stammen, wirksamer zu bekämpfen.
Mit

-2-

�Mit der Sowjetunion wurde vereinbart, daß Dr. James F. Holland, einer
der führenden amerikanischen Spezialisten in der chemotherapeutischen Krebsbekämpfung

und einer der Direktoren des Roswell Park Memorial Instituts in

Buffalo (New York), ein Jahr lang in Rußland arbeitet. Er hat dort Gelegen-,
heit, sich aus erster Hand über den Stand der Chemotherapie bei Krebs zu informieren und seine eigenen langjährigen Erfahrungen mit sowjetischen Kollegen

und Vertretern der Pharmazie zu erörtern. Gleichzeitig wird Dr. Holland

Seminare über pharmazeutische Forschung abhalten und an der Ausarbeitung von
Behandlungsprogrammen für Magen-Darm-Krebs sowie von Fachartikeln für wissenschaftliche Zeitschriften mitwirken. Er hält sich mit seiner Familie bereits
seit November 1972 in der Sowjetunion auf.

-*-H-

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2/1973

ALLERGIE GEGEN BESTIMMTE NAHRUNGSMITTEL

--(AD)— Viele Eltern wissen nicht, daß die verschiedensten Symptome wie
Müdigkeit, Unlust, Bauch-oder Gliederschmerzen, auffallende Blässe, Augenringe, chronischer Husten, Niesen und verstopfte Nase bei ihren Kindern
Anzeichen für eine Allergie gegen bestimmte Nahrungsmittel sein können.
Vor allem Milch, Schokolade, Cola-Getränke, Weizen-und Maisprodukte sind
unter Umständen für solche Erscheinungen verantwortlich, wie Dr. William
Deamer, Professor der Kinderheilkunde an der Universität Kalifornien in
San Francisco, kürzlich berichtete. Natürlich müssen für jedes einzelne
der genannten Symptome auch andere Ursachen in Betracht gezogen werden. Aber
nach Meinung Prof.Deamers machen sich zu wenig Ärzte und Eltern Gedanken
darüber, daß eine Nahrungsmittelallergie dahinter stecken könnte.
So wurden ihm z.B. kleine Patienten vorgestellt, bei denen wegen starker Blässe und Müdigkeit Verdacht auf Anämie, wegen Schmerzen in den Beinen
und auffälliger Müdigkeit Verdacht auf eine "rheumatische Erkrankung" bestand und wegen ständiger Kopfschmerzen sogar vermutet wurde, daß ein
Gehirntumor die Ursache sein könne. In allen solchen Fällen könne, so
Prof. Deamer, die Anamnese gar nicht sorgfältig genug durchgeführt werden.
Ist jedoch der Verdacht auf Nahrungsmittelallergie gegeben, so sollte man

-l-

�man drei Wochen lang das Kind auf eine Diät setzen, die bestimmte Nahrungskomponenten - insbesondere Milch, Schokoladen und Maisprodukte - ausschließt.
Denn Hauttests allein genügten nicht, um diese Frage zu klären. In mehr
als der Hälfte der Fälle führe das Weglassen von Milch, Milchprodukten und
Schokoladen (einschließlich der Cola-Erzeugnisse) schon nach kurzer Zeit
zu einem Verschwinden der Symptome.
Die verbreitete Annahme, daß sich eine Überempfindlichkeit des Säuglings gegen Milch, die beispielsweise mit dem Auftreten von Koliken oder
Durchfall zum Ausdruck kommt, mit der Zeit verliere, wenn man die Babynahrung vorübergehend entsprechend ändere, entspricht nach Dr. Deamers Erfahrung nicht den Tatsachen. Nach Ablauf einer gewissen Zeit seien zwar in
den meisten Fällen nicht mehr die zuerst beobachteten Beschwerden zu registrieren, jedoch äußere sich die gegen bestimmte Nahrungsmittel nach wie
vor bestehende Allergie in anderen und teilweise irreführenden Symptomen,
z.B.chronischem Schnupfen oder Müdigkeit.

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2/1973

SCHWERMETALLE ALS UMWELTGIFT

--(AD)— Quecksilber, Kadmium, Blei, Zink und Arsen gehören zu den gefürchteten Giftstoffen im Wasser. Für den Menschen wie für Tiere und Pflanzen
können sie selbst in sehr kleinen Mengen toxisch sein. Wie aber kommt es
zu dem Kreislauf von Metallen in der Biosphäre? Wie verbinden sie sich mit
anderen Metallen oder wie gehen sie in Formen über, die für den Menschen besonders schädlich sind? Sind diese Prozesse genau zu ermitteln und unter
Kontrolle zu bringen?
In einem Versuch, diese Art von Problemen besser zu verstehen, nahmen
Laboratorien des US-Handelsministeriums Studien in Angriff, mit denen charakteristische biologische und andere Prozesse geklärt werden sollen, durch
die Schwermetalle in Wasserläufen, Seen, Küstengewässern und in Grundwasser
mobilisiert und transportiert werden. Die bisherigen Erfahrungen vor allem
des "National Bureau of Standards" und das Interesse einer Reihe seiner Mitarbeiter an metallorganischen Verbindungen und an der biologischen Korrosion
von Materialien erleichtert das schwierige Unternehmen.

Es wird z.T. durch

die amerikanische Bundesbehörde für Umweltschutz finanziert.

Man

-l-

�Man will in erster Linie herausfinden, auf welchen Wegen elementares
und anorganisches Quecksilber in metallorganische Verbindungen übergeführt
wird, in welchem Umfang dies geschieht und welche chemischen und biologischen Faktoren diese Prozesse unterstützen oder blockieren. Erst auf der Grundlage solcher Untersuchungen ist es möglich, Kontrollverfahren für metallische
Belastungsstoffe der Gewässer zu entwickeln. So ist beispielsweise die genaue
Ermittlung des Umfangs der Bildung von Methylquecksilber eine Basis dafür, um
Aussagen zu maximal zuverlässigen Konzentrationen und die Zeitspanne zu
machen, in der eine Gefährdung durch sie besteht. Andererseits dürfte die genaue Beobachtung der Bedingungen, die für das Ausmaß der Methylierung maßgebend sind, Hinweise auf praktische Möglichkeiten zur Verminderung der
Dauerkonzentrationen erbringen.
Das Einleiten von Quecksilber und anderer giftiger Metalle in freie Gewässer und Sickerräume kann zwar gestoppt werden und wird auch schon unterbunden. Jedoch werden diese Substanzen noch Jahre danach von Pflanzen aus
verseuchtem Boden und verseuchtem Wasser absorbiert. Häufig sind die Konzentrationen der Giftstoffe im Boden, insbesondere in Sedimenten, um ein Vielfaches größer als im Wasser. Die Metalle können immer wieder in lebenden
Pflanzen und in tierischem Gewebe angereichert werden und so Eingang in die
Nahrungskette und in die menschliche Ernährung finden.
Untersuchungen in verschiedenen Laboratorien haben gezeigt, daß Quecksilber und seine anorganischen Salze in Gewässersedimenten durch Mikroorganismen in Methylquecksilber, eine unbeständige Verbindung, und in andere reaktionsfähige Zwischenprodukte umgewandelt werden. Vieles deutet aber auch darauf hin, daß es daneben andere, nichtbiologische Wege der Bildung spezifischer metallorganischer Verbindungen gibt. In umfangreichen und systematischen Laboratoriums-und Feldversuchen wollen Dr.F.E.Brinckman und Dr.W.Iverson vom "National Bureau of Standards" und Prof.R.Colwell von der Universität

�&lt;

Universität Maryland diese Probleme unter Einsatz der modernsten Analysenmethoden angehen. Bisher gibt es keine Methode, um Schwermetalle in der
oberen 50-60 cm dicken Sedimentschicht, wo sie sich ansammeln, auf chemischem Wege zu neutralisieren.
Ein empfindliches, dabei leicht transportables Instrument zur Messung
von Quecksilberkonzentrationen in anorganischen und organischen Proben sowie
in Luft entwickelten Dr. Peter R. Buseck, Dr. Roland C. Hanson und John J.
McNerney von der Staatsuniversität Arizona in Tempe. Seine Arbeitsweise beruht
auf dem Prinzip, daß sich der elektrische Widerstand eines auf eine Chromlage
aufgedampften Goldfilmes mit der -sehr geringfügigen- Menge von absorbiertem
Quecksilberdampf verändert. Auf diese Weise ist Quecksilber bereits in Konzentrationen von 0,05 Nanogramm (Milliardstel Gramm) nachweisbar. Nach Meinung der drei Wissenschaftler wäre das Instrument nach entsprechender Modifizierung auch zum Nachweis anderer giftiger Gase - Z.B.Schwefelwasserstoff geeignet.

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2/1973

FISCHBESTÄNDE IM NORDOSTPAZIFIK

--(AD)-- Das Überfischen wichtiger Speisefische im Pazifik soll verhindert werden. Amerikanische und sowjetische Wissenschaftler, die unter
der Leitung von Dr. D.L.Alverson (Direktor der Abteilung Nordwest des
US-Bundesamtes für Hochseefischerei in Seattle, Washington) und Dr. A. S.
Bagdanow (Direktor des sowjetischen Instituts für Fischereiwesen und Meeresforschung in Moskau) Ende 1972 zehn Tage lang in Moskau konferierten,
haben dazu Empfehlungen an ihre Regierungen ausgearbeitet. Betroffen ist
vor allem der Fang von Krabben, Flundern, Kabeljau, Heringen, Barsch und
Seehecht im nordöstlichen Pazifik, insbesondere im Seegebiet vor Oregon,
Washington, Britisch-Kolumbien, Alaska und im Beringmeer. Anfang 1973
sollen Regierungsvertreter beider Länder in Moskau entsprechende Vereinbarungen über Schutzmaßnahmen treffen.

+444

�</text>
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                <text>&lt;strong&gt;1. Information&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;93. US-Kongress vor arbeitsreicher Sitzungsperiode&lt;br /&gt;&lt;em&gt;- Vielzahl außen- und innenpolitischer Probleme -&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Von Edgar H. de Lesseps&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;U. Alexis Johnson wird amerikanische SALT-Delegation leiten&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Dokumentation&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Verteidigungsminister Laird legt Abschlussbericht vor&lt;br /&gt;&lt;em&gt;- Auszüge aus dem Europa- und NATO-Teil -&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Wirtschaft&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;EWG-Erweiterung wirft Kompensationsprobleme für US-Farmer auf&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Von John Holway&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;US-Personaleinkommen nähert sich der Billionen-Dollargrenze&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;4. Wissenschaft und Technik&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Internationale Datenbank für die Krebsforschung&lt;br /&gt;&lt;em&gt;- USA errichten Informationszentrale und intensivieren Zusammenarbeit von Spezialisten -&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Allergie gegen bestimmte Nahrungsmittel&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Schwermetalle als Umweltgift&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Fischbestände im Nordostpazifik</text>
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und
Dokumentation

I

International Communication Agency
Embassy of the United States of America

10. Januar 1979

INHALT

DOKUMENTATION
Abschlußerklärung Carters zum Treffen von Guadeloupe
- Wortlaut -

WIRTSCHAFT
USA erwarten 1979 Fortschritte in den Handels- und RohstoffVerhandlungen
- Ein Interview mit C. Fred Bergsten, Unterstaatssekretär im US-Finanzministerium -

WISSENSCHAFT UND TECHNIK
Gravitationswellen indirekt nachgewiesen?
US-Wissenschaftler beobachteten auffällige Bahnveränderung an Doppelstern
Intensivförderung von Erdgas
"Künstliches Radiofenster" in der Ionosphäre
Mikrowellen kochen Teersand aus

Um Übersendung von
BcIcgcHcmploren wird
gebeten

Postfach 20 O:
D5300 Bonn

Tel: 02221-89 3240
;:08-85432

�Dokumentation
International Communication Agency
Embassy of the United States of America

10. Januar 1979

ABSCHLUSSERKLÄRUNG CARTERS ZUM TREFFEN VON GUADELOUPE
- Wortlaut -

SAINT FRANCOIS, GUADELOUPE - (AD) - Präsident Jimmy Carter hat am 6.
Januar 1979 in einer Abschlußerklärung das Vierertreffen von Guadeloupe als
sehr nützlich und gehaltvoll bezeichnet.

Die anderen Beteiligten - der

französische Staatspräsident Giscard d'Estaing, Bundeskanzler Schmidt und
der britische Premierminister Callaghan - gaben nach Ende der Konferenz ähnlich lautende Stellungnahmen ab.

Die Erklärung Präsident Carters hat folgenden Wortlaut:

Zunächst möchte auch ich Valery Giscard d'Estaing, dem französischen
Volk und insbesondere der Bevölkerung von Guadeloupe meinen Dank sagen, die
unseren Besuch hier so angenehm, erfreulich und nützlich gemacht haben. Wegen der nicht genau festgelegten Tagesordnung, der Ungezwungenheit der Gespräche und der nahezu einmaligen Harmonie, die zwischen uns besteht, habe
ich bisher an keiner Konferenz teilgenommen, die für mich nützlicher oder
gehaltvoller gewesen wäre.

Einer der kostbarsten und wertvollsten Aktivposten, über die das amerikanische Volk, ja vielleicht der größte Teil der Welt verfügt, ist die enge

Postfach 20 03 0 0
D5300 Bonn 2

Tel: 02221-89 32 40
Telex:08-85432

�&gt;

enge Harmonie, die leichte und schnelle Kommunikation sowie die gemeinsame
Zielsetzung der Völker, die hier durch mich, durch Bundeskanzler Schmidt,
durch Präsident Giscard d'Estaing und durch Premierminister Callaghan vertreten sind.

Der größte Teil unserer Gespräche hatte regionale Probleme und globale
Fragen zum Inhalt, weil die Meinungsunterschiede, die bilateral zwischen uns
bestehen, außerordentlich geringfügig sind und kaum Konsequenzen haben.

Wir sind entschlossen, die wertvollen Bande der Freundschaft und der
Zusammenarbeit noch weiter zu verstärken - militärisch für die gemeinsame
Verteidigung und für den Frieden sowie in politischer, kultureller und wirtschaftlicher Hinsicht.

Wir haben uns verpflichtet, zum Weltfrieden beizutragen, und wir haben
mit Interesse und Genugtuung festgestellt, daß es in den letzten Jahren Fortschritte bei der Normalisierung der Beziehungen zwischen den Völkern der
Welt gegeben hat.

Ehemalige Feinde sind Freunde geworden.

Potentielle Geg-

ner haben sich bemüht, durch enge Konsultationen und Verhandlungen Gewaltanwendung zu vermeiden, und bestehende Freundschaften sind vertieft worden.

Wir alle sind uns darüber einig, daß die Öffnung der Volksrepublik China
zur übrigen Welt, der westlichen Welt, eine konstruktive Entwicklung darstellt.

Und wir sind alle entschlossen, diese Entwicklung zu fördern und

sicherzustellen, daß sie nicht zu einem Hindernis für die Entspannung wird
und daß sie möglicherweise in der Zukunft - das hoffen wir - zu einer Stärkung unseres Verhältnisses der Freundschaft und Harmonie zu der Bevölkerung
der Sowjetunion führen wird.

Wir haben die potentiellen Krisenpunkte der Welt erörtert, und wir haben
uns bemüht, aus der einzigartigen Gelegenheit Kapital zu schlagen, die der
eine oder andere von uns hat, die Spannungen zu vermindern, die Völker dieser
Gebiete selbst - mit unserer gelegentlichen Unterstützung - einen Weg zum

- 2 -

«

�zum Frieden finden zu lassen, so daß Stabilität und die Entwicklung einer besseren Lebensqualität sowie die Förderung der Menschenrechte in allen den Gebieten anhalten, wo vielleicht unser Einfluß spürbar wird.
Und schließlich möchte ich diesen erfahrenen Politikern und Staatsmännern
hier danken für den Rat, den sie mir zuteil werden ließen, sowie für ihre
konstruktive Unterstützung der Bemühungen hinsichtlich der SALT-Verhandlungen
und anderer wichtiger internationaler Schritte, bei denen das amerikanische
Volk die Führung ergriffen hat. Für mich und mein Volk ist dies immer von
großem Nutzen. Und ich bin zutiefst dankbar für das Verhältnis, dessen wir
uns erfreut haben und dessen wir uns - so hoffe ich sehr - in immer zunehmendem Maße auch in den vor uns liegenden Jahren erfreuen werden.
Ich danke Ihnen.

+ + + + +

- 3

�UJifl/choll
International Communication Agency
Embassy of the United States of America
10. Januar 1979

USA ERWARTEN 1979 FORTSCHRITTE IN DEN HANDELS- UND ROHSTOFFVERHANDLUNGEN
- Ein Interview mit C. Fred Bergsten,
Unterstaatssekretä'r im US-Finanzministerium -

WASHINGTON - (AD) - Die Vereinigten Staaten rechnen damit, daß die
Entwicklungsländer schon 1979 erhebliche Vorteile aus den Multilateralen
Handelsverhandlungen der Tokio-Runde ziehen werden, die gegenwärtig in Genf
zu Ende gehen.

C. Fred Bergsten, Unterstaatssekretär für Internationale Angelegenheiten im US-Finanzministerium unterstrich in einem Exklusivinterview mit dem
Korrespondenten des US-Amtes für Internationale Kommunikation (USICA), John
Harter, daß im Zuge der Genfer Verhandlungen bereits Einigung über die Beseitigung wichtiger nicht-tarifärer Handelshindernisse erzielt wurde, die
jedem Rückgriff der Teilnehmerstaaten auf Einfuhrquoten, Ausgleichszölle und
andere Handelsrestriktionen enge Grenzen setzen.

Das Interview hat folgenden Wortlaut:

FRAGE:

Was halten Sie, bei realistischer Betrachtung, für die aus-

sichtsreichsten Gebiete für eine Verbesserung der wirtschaftlichen Beziehungen
zwischen den Industriestaaten und den Entwicklungsländern im neuen Jahr?
ANTWORT:

Postfach 20 03 0 0
D5300 Bonn 2

Tel: 02221-89 32 40
Telex:08-85432

�ANTWORT: Meiner Auffassung nach ist die Nord-Süd-Politik integraler
Bestandteil unserer gesamten Außenwirtschaftspolitik.

In den Erwägungen be-

züglich unserer internationalen Währungspolitik, unserer Außenhandelspolitik,
der Rohstoffprobleme, des Transfers technologischer Erkenntnisse, der Investitionsprobleme und anderer Fragen versuchen wir stets, unsere Besorgnisse
hinsichtlich der Entwicklungserfordernisse der ärmsten unter den Ländern in
die diesbezügliche US-Politik zentral einzubauen.
Es besteht meines Erachtens die Notwendigkeit einer weiteren Integrierung der Entwicklungsländer in das Welthandelssystem, um deren bewußtere
Teilnahme an diesem sicherzustellen und die Industriestaaten dazu zu ermutigen, sich stärker auf deren Erfordernisse einzustellen und diese in allen
Phasen der Gestaltung des internationalen Wirtschaftssystems einzubeziehen.
FRAGE: Wird die Tokio-Runde der Handelsverhandlungen, die gegenwärtig
in Genf ihrem Abschluß entgegengeht, die Welt auf diesem Weg voranbringen?
ANTWORT:

Ja, das wird sie meines Erachtens.

Den Entwicklungsländern

wird die Tokio-Runde erhebliche Vorteile einbringen.
Ihre Ausfuhren an Fertigwaren sind in den letzten zehn bis zwanzig
Jahren um astronomische Werte - 20 bis 25 Prozent pro Jahr - gestiegen. Das
war in der Tat eine der wichtigsten Grundlagen für das wahrlich phänomenale
wirtschaftliche Wachstum einiger dieser Länder und für deren Weiterentwicklung.
Wenn ich hier ein oder zwei der für die Entwicklungsländer in den vor uns
liegenden ein bis zwei Dekaden wichtigsten Faktoren herausgreifen soll, würde
ich das anhaltende rasche Wirtschaftswachstum in der industrialisierten Welt
als Voraussetzung für wachsende Märkte für deren Exporte und die Beibehaltung
und womöglich weitere Liberalisierung des Offenhandelssystems nennen.
Das Ergebnis der Tokio-Runde,ist von entscheidender Bedeutung für die
Realisierung der letztgenannten Möglichkeit. Es gibt uns die Möglichkeit
an die Hand, den Pressionen des Protektionismus zu widerstehen, der tragische

- 2 -

�tragische negative Auswirkungen auf die Entwicklungsländer haben könnte,
und es trägt dazu bei, die ihnen ohnehin offenstehenden Märkte noch weiter
zu öffnen.

Eine Reihe der Kodizes bezüglich nicht-tarifärer Maßnahmen, die

im Zuge der Tokio-Runde ausgehandelt wurden, werden für die Entwicklungsländer von ganz erheblicher Bedeutung sein, weil sie der Möglichkeit eines
Rückgriffs der Länder auf Einfuhrquoten, Ausgleichzölle und eine ganze Reihe
anderer Exporthindernisse enge Grenzen setzen.
FRAGE:

Es war in jüngster Zeit wiederholt die Rede von "strukturellen

Veränderungen" in der Weltwirtschaft.

ANTWORT:

Was hat es damit auf sich?

Strukturelle Veränderungen bedeuten in diesem Zusammenhang

im Grunde genommen den Hinweis auf die zunehmende Fähigkeit der Entwicklungsländer, auf den Weltmärkten auch auf dem Fertigwaren-Sektor mit uns zu konkurrieren.

Die Entwicklungsländer bestreiten einen wachsenden Anteil an den

Weltmärkten bei Textilien,

Stahlerzeugnissen, Schiffsbauausrüstungen und

anderen Produkten, deren Herstellung noch vor einem Jahrzehnt größtenteils
von den Industriestaaten monopolisiert wurde.

Wir begrüßen und fördern die

zunehmende Wettbewerbsfähigkeit der Entwicklungsländer als Zeichen ihres Durchbruchs zu einem besseren Leben und einer wirksameren Beteiligung an der Weltwirtschaft.

Jener Trend verursacht für uns als Importländer offensichtlich Anpassungsprobleme, und er bedeutet, daß wir unsere Ressourcen auf andere Produktionen verlagern müssen.

Glücklicherweise sind die Entwicklungsländer

gleichzeitig rasch expandierende Märkte für unseren Export,

über 40 Prozent

der amerikanischen Ausfuhren gehen derzeitig in Entwicklungsländer, die die
weitaus am schnellsten wachsenden Märkte für unsere Ausfuhren bei einer Reihe
hochtechnischer Produkte darstellen und bei denen die Vereinigten Staaten
einen Wettbewerbsvorteil genießen.

Das aber erfordert spezifische Anpassungen seitens gewisser Unternehmen
und Arbeitskräfte beim Übergang von einer Produktion auf eine andere.

Pres-

sionen in Richtung auf einen stärkeren Protektionismus ergeben sich insbe- 3 -

�insbesondere dann, wenn sich die Handelsströme rasch beschleunigen.

Wir

werden deshalb gelegentlich Schritte unternehmen müssen, um das Tempo des
Wandels zu verlangsamen; trotz anhaltender Pressionen werden wir den Wandel
selbst jedoch niemals ablehnen.
FRAGE:

Eine der Hauptbehinderungen in bezug auf das, was die Exekutive

in den Vereinigten Staaten im Hinblick auf jede beliebige Teilfrage des NordSüd-Dialogs unternehmen kann, ist die diesbezügliche Einstellung des Kongresses.
Glauben Sie, daß dort möglicherweise eine Verhärtung der Standpunkte eintreten wird?
ANTWORT:

Wenn wir Programme durchführen sollen, die für die Entwicklungs-

länder notwendig sind, müssen wir selbstverständlich das amerikanische Volk
davon überzeugen, daß diese Programme im Interesse der Vereinigten Staaten
liegen.

Deshalb habe ich nichts dagegen einzuwenden, wenn der Kongreß eine

zurückhaltende oder skeptische Haltung bezüglich solcher Fragen einnimmt.
Wir müssen das amerikanische Volk und über dieses dessen Vertreter im Kongreß
überzeugen.

Wir leben in einer Zeit großer Zurückhaltung in der Haushalts-

politik der Vereinigten Staaten. An der Spitze der Liste unserer nationalen
Prioritäten stehen die Verringerung der Staatsausgaben, die Vermeidung von
Verschwendung, die Begrenzung unseres Haushaltsdefizits und der Kampf gegen
die Inflation.

Das alles ist absolut wichtig, sowohl für unser Land selbst

als auch für die Entwicklungsländer - schon wegen der Auswirkungen des Gangs
der amerikanischen Wirtschaft auf diese.

Daraus resultiert für uns eine schwie-

rige Situation, in der wir uns dennoch um weitere Fortschritte bemühen müssen.
Im Rahmen der gegebenen Möglichkeiten waren wir nach meinem Dafürhalten
recht erfolgreich in unseren Bemühungen, die Märkte offen zu halten und unsere
Beteiligung an den internationalen Währungsvereinbarungen und unsere Auslandshilfe auszuweiten, die von 5,1 Milliarden Dollar im Haushaltjahr 1976 auf
7,2 Milliarden Dollar im laufenden Haushalt erhöht worden ist.

Die Bewilli-

gungen für die Multilateralen Entwicklungsbanken wurden in den letzten beiden
Jahren sogar verdoppelt,

überall dort also, wo wir ein echtes Anliegen ver-

treten und dessen Bedeutung für die Vereinigten Staaten überzeugend darzulegen
- 4 -

�darzulegen vermögen, können wir der Unterstützung durch den Kongreß sicher
sein.

Das wiederum weist auf die grundlegende Tatsache hin, daß wir fähig
sein müssen, den Nachweis zu erbringen, daß eine spezifische politische Maßnahme den Vereinigten Staaten ebenso wie den Entwicklungsländern zugute
kommt - daß auch wir aus einem bestimmten Schritt Vorteile ziehen können.
Rohstoffabmachungen beispielsweise, die die Preise stabilisieren, sind für
das Erzeugerland und für uns als Importland gut.

Es gibt natürlich auch humanitäre Gründe für fortgesetzte amerikanische
Transferoperationen.

Ich zweifle nicht an der fortgesetzten Bereitschaft

des amerikanischen Volkes, armen Menschen überall auf der Erde zu helfen,
solange es sicher sein kann, daß die aufgewandten Mittel tatsächlich armen
Ländern zugute kommen und wirksam zu deren wirtschaftlichen Entwicklung beitragen.

Ich glaube, daß das amerikanische Volk selbst in einer Zeit strengster

Mäßigung in der Haushaltpolitik hierzu bereit ist und das sogar wünscht.
Volk muß aber die Gewißheit der Effektivität solcher Hilfe haben.

Das

Diese Ge-

wißheit zu schaffen, ist ein Aspekt auf den unsere gesamten diesbezüglichen
Anstrengungen gerichtet sind.

FRAGE:

Die Vereinigten Staaten zögern anscheinend, den Vorschlag

des Weltbankpräsidenten McNamara zu unterstützen, das Kapital der Bank zu verdoppeln.

Warum?

ANTWORT:

Nein, das stimmt nicht.

Wir sind in Wahrheit für eine be-

trächtliche Erhöhung des Kapitals der Weltbank und durchaus geneigt, einer
Verdoppelung des Kapitals zuzustimmen, sofern gewisse Übereinkommen hinsichtlich der exakten Form der Aufstockung erzielt werden können.

Der Kongreß

müßte selbstverständlich unserer Beteiligung zustimmen; die Regierung jedenfalls steht einer Verdoppelung des Kapitals durchaus wohlwollend gegenüber.
Wir unterstützen die Weltbank nachdrücklich und führen gegenwärtig Verhandlungen, die in der Tat zu einer Verdoppelung ihres Kapitals in naher Zukunft

- 5-

�Zukunft führen werden, wie wir hoffen.
FRAGE:

Haben Sie nicht vor einem Kongreßausschuß erklärt, daß die

Vereinigten Staaten sehr strenge Maßstäbe in bezug auf Mittelzuweisungen an
regionale Entwicklungsbanken anlegen werden?
ANTWORT:

Nein, ich habe gesagt, wir wollen sicherstellen, daß die Aus-

leiheprogramme der Multilateralen Banken auf den wirtschaftlichen Charakter
der jeweiligen Region zugeschnitten sein müssen.

Ich habe vor allem auf die

Inter-Amerikam'sehe Entwicklungsbank hingewiesen, deren Ausleiheprogramm sich
auf die Tatsache einstellen muß, daß der größte Teil Lateinamerikas inzwischen in Wahrheit der internationalen Mittelklasse zuzurechnen ist. Nur
zwei oder drei lateinamerikanische Länder wären beispielsweise für Kredite
der Internationalen Entwicklungsgesellschaft (IDA) qualifiziert, jener Zweigorganisation der Weltbank, die Kredite zu Sonderbedingungen lediglich an Länder
mit einen pro-Kopf-Einkommen von weniger als 500 bis 600 Dollar vergibt.

Die

meisten lateinamerikanischen Länder haben inzwischen einen Entwicklungsstand
erreicht, von dem aus sie ihren Bedarf an ausländischen Anleihen zu kommerziellen oder mindestens nahezu kommerziellen Bedingungen decken können.
FRAGE:

Besteht Ihrer Meinung nach ein Gegensatz zwischen der seit

neuerer Zeit verstärkt erhobenen Forderung nach Projekten zur Befriedigung
der grundlegenden menschlichen*Erfordernisse und dem Wunsch der Entwicklungsländer, ihre langfristige wirtschaftliche Entwicklung zu beschleunigen?
ANTWORT:

Nein, ich sehe keinen Gegensatz darin.

Die Geschichte der

Entwicklungsanstrengungen in der Nachkriegszeit läßt vielmehr erkennen, daß
eine bessere Einkommensverteilung - eines der Ergebnisse der Kreditvergabe
unter dem Gesichtspunkt der Deckung des Grundbedarfs der Menschen - und ein
rasches wirtschaftliches Wachstum tatsächlich Hand in Hand gehen.

Es besteht

absolut kein Grund zur Befürchtung, eine größere Konzentration auf Projekte
zur Befriedigung menschlicher Bedürfnisse werde das Wachstum verlangsamen.
Derartige Projekte haben insofern, als sie einen größeren Anteil an der Be-

- 6 -

�Bevölkerung wirksam in den Wirtschaftsprozeß eingliedern, ihnen eine stärkere
Motivation geben, greifbare Ergebnisse zeitigen, und die Produktivität der
Landwirtschaft erhöhen, oftmals sogar sehr positive Auswirkungen auf den wirtschaftlichen Fortschritt des betreffenden Landes.

Umgekehrt schafft eine er-

folgreiche langfristige Entwicklung die Voraussetzungen - ausreichende Deviseneinkü'nfte und Ersparnisse im eigenen Lande -, die notwendig sind, um Vorhaben
zur Befriedigung menschlicher Bedürfnisse durchzuziehen.

In einem geschickten

Management derartiger Ressourcen, das man gegenwärtig überall auf der Welt
zu lernen beginnt, sehe ich die echte Chance, beide Arten von Projekten gleichzeitig voranzutreiben.
FRAGE:
che

Die Rohstoffpolitik erfährt derzeit viel Aufmerksamkeit.

Wel-

Auswirkungen werden Rohstoffabkommen auf die wirtschaftliche Modernisie-

rung der Entwicklungsländer auf lange Sicht haben?
ANTWORT: Ich halte sie im Falle der meisten Entwicklungsländer für
wichtig, wenn auch nicht für ausschlaggebend. Für einige von ihnen bleibt
das Angewiesensein auf einen oder einige wenige Rohstoffe so wichtig, daß
instabile Preise auf den Produktenmärkten für sie ruinös sein können. Der
rasche Preisverfall bei Kupfer in den letzten Jahren hatte beispielsweise
verhängnisvolle Auswirkungen auf Zaire, das hinsichtlich seiner Exporterlöse
und Devisenposition weitgehend von diesem Rohstoff abhängig ist. Die Einnahmen aus den Rohstoffausfuhren sind für den größten Teil der Entwicklungsländer entscheidend wichtig. Deshalb unternimmt meine Regierung große Anstrengungen, Rohstoffabkommen zustandezubringen, die die Weltpreise dieser
Erzeugnisse stabilisieren und es den Ausfuhrländern solcher Erzeugnisse
- abgesehen von anderen günstigen Auswirkungen - gestatten, systematischer
und mit größerer Zuversicht hinsichtlich des Ausmaßes künftiger Deviseneinkünfte zu planen. Wir haben ein Zuckerabkommen getroffen und verhandeln
gegenwärtig über ein Kautschukabkommen. Es werden ferner Gespräche über eine
Verbesserung der internationalen Kakao-, Kaffee- und Zinnabkommen eingeleitet.
Verhandlungen über weitere Rohstoffe dürften in naher Zukunft folgen.

FRAGE:

�»

FRAGE:

Können Ihrer Meinung nach die Regierungen viel unternehmen,

um den Transfer von technologischen Kenntnissen nach den Entwicklungsländern
zu beschleunigen?
ANTWORT:

Der Großteil der Technologien, die Entwicklungsländer wün-

schen, ist nicht im Besitz der Regierungen, sondern im Besitz der privaten
Wirtschaft.

Die hauptsächliche Methode, einen Transfer von modernem

techno-

logischen know-how zu bewirken, besteht tatsächlich in der Hereinnahme privater ausländischer Investitionen.

Die Entwicklungsländer selbst haben sich

in den letzten Jahren als sehr geschickt erwiesen, wenn es darum ging, die
Gewähr zu schaffen, daß ausländische Investoren industrielle Verfahren und
Produktionsmethoden in ihrer Wirtschaft auf eine Art und Weise einbringen,
die diesen auf Dauer zugute kommt.
Natürlich können die Regierungen der Industriestaaten diesen Prozeß
fördern. So hat Präsident Carter zum Beispiel die Errichtung einer Stiftung
für internationale technologische Zusammenarbeit vorgeschlagen, um Forschungs- und Entwicklungsprogramme in direkter Zusammenarbeit mit den Entwicklungsländern abzuwickeln und auf diese Weise deren technologischen Stand
zu erhöhen.
FRAGE:

Warum gab es ein so großes Hin und Her wegen des Mandats

an den Plenarausschuß der Vollversammlung der Vereinten Nationen, als Forum
für die Diskussion der gesamten Nord-Süd-Situation zu fungieren?
ANTWORT:

Das grundlegende Problem besteht darin, daß keine Notwendig-

keit für ein solches Aufsichtsgremium besteht.
Art bahnen sich an:

Fortschritte sehr bedeutsamer

in bezug auf internationale Währungsfragen im Weltwährungs-

fonds, in bezug auf den Handel innerhalb des GATT, in bezug auf Entwicklungsprobleme im Rahmen der Weltbank, was die Rohstoffproblematik angeht vor der
UNCTAD (UN-Konferenz über Handel und Entwicklung) und in Fragen der Technologie
in den Vereinten Nationen und anderen Gremien.
meiner Meinung nach gut voran.

Alle diese Gespräche kommen

Wir machen in einem pragmatischen Prozeß

�Prozeß Fortschritte in bezug auf alle diese Fragen, die von wirklich zentraler
Bedeutung für den Entwicklungsprozeß sind.

Ich sehe, offen gesagt, keine Not-

wendigkeit für ein Aufsichtsgremium, das den Versuch unternehmen soll, alle
diese Dinge in einer Gesamtschau zu betrachten.
Es ist vielmehr gefährlich, eine solche Institution zu schaffen, weil
es dort zwangsläufig zu einer Politisierung dieser Fragen oder zu rhetorischen
Tiraden kommen wird, wie dies vor solchen Foren öfters der Fall ist. Ein solches Vorgehen kann in der Substanz harmlos sein, könnte aber negative Auswirkungen in Gestalt der innenpolitischen Reaktion in einigen Industriestaaten
zeitigen, die an sich zur Kooperation bereit sind. Es dürfte gut sein, sich
von Zeit zu Zeit zusammenzusetzen, um die Fortschritte in den Beziehungen
zwischen den Entwicklungs- und den Industrieländern zu überprüfen. Meiner Auffassung nach besteht aber, was echte Fortschritte in spezifischen Fragen und
echte Verbesserungen in den Programmen und in der Politik der einzelnen Länder
als Beitrag zur Förderung des Entwicklungsprozesses angeht, die beste Methode
darin, sich der bestehenden funktionsfähigen internationalen Organisationen
zu bedienen, deren Bemühen auf ein spezifisches Ziel gerichtet ist - sei es
im Bereich der Währungsfragen, des Handels, der Entwicklung oder der Technologie. Wir haben aus der Geschichte gelernt, daß solche Organisationen die
Art von Institutionen sind, in denen sich politische Tiraden auf ein Minimum
begrenzen lassen und wirkliche pragmatische Fortschritte erzielt werden können.
FRAGE:

Alles in allem:

Haben Sie das Gefühl, daß die Regierung Carter

in der Lage sein wird, 1979 eine positive Politik gegenüber den Entwicklungsländern zu betreiben?
ANTWORT: Ich glaube, wir können dies. Ich habe bereits von dem Gebot
einer Mäßigung in der Haushaltpolitik gesprochen, was darauf hinausläuft, daß
wir im Hinblick auf die Auslandshilfe als solche nicht so viel tun können, wie
wir gerne täten. Aber in vielen dieser Bereiche - Handel, Rohstoffe, Investitionen und Technologie - können wir auch weiterhin sehr progressiv voranschreiten.
Ein

�Ein Wort möchte ich dem aber noch hinzufügen: Wenn wir von der Verbesserung der Nord-Slid-Beziehungen sprechen, so handelt es sich hierbei in
Wahrheit um ein Geben und Nehmen.

Wir sind der Auffassung, daß einige unter

den höher entwickelten Entwicklungsländern zum Kampf gegen den weltweiten
Trend zum Protektionismus beitragen sollten - und zwar vor allem über ihre
Außenwirtschaftspolitik.

Die Entwicklungsländer insgesamt müssen sich zur

Zusammenarbeit bereitfinden - sowohl war ihre rhetorischen Vorbringungen als
auch ihre realistischen Erwartungen angeht. Alle diese Fragen sind schwer
zu lösen.

Einige von ihnen sind rein intellektueller Natur; alle aber sind

sicherlich heikel im Hinblick auf die Innenpolitik der Industriestaaten.
Was wir tun können - und ich bin zuversichtlich, daß wir es unter Mitarbeit der Entwicklungsländer tun werden - ist, auf jedem dieser wichtigen
Wirtschaftsgebiete pragmatisch vorzugehen, die Ergebnisse vergangener Anstrengungen zu konsolidieren und in dem Bemühen fortzufahren, das bestehende
System zum Segen der Entwicklungsländer wie zu unserem eigenen Vorteil weiter
zu verbessern.

Wenn wir alle entschlossen und pragmatisch auf dieses Ziel

hinarbeiten, werden wir,dessen bin ich sicher, erfolgreich sein.

+ + + + +

- 10 -

�Uli//cn/chofl
wid Technik
»

International Communication Agency
Embassy of the United States of America

10. Januar 1979

GRAVITATIONSWELLEN INDIREKT NACHGEWIESEN?
US-Wissenschaftler beobachteten auffällige Bahnveränderung
an Doppelstern

- (AD) - Vieles spricht dafür, daß dem amerikanischen Astrophysiker
Dr. Joseph Taylor mit zwei Kollegen der indirekte Nachweis dafür gelungen
ist, daß Schwerewellen existieren. Wie Taylor auf dem internationalen
Symposium über relativistische Astrophysik im Dezember 1978 in München
berichtete, könnten die Ergebnisse vierjähriger Untersuchungen an einem
bestimmten Doppelstern mit Hilfe des Radiotelekops von Arecibo (Puerto
Rico) so interpretiert werden, daß die beobachtete Bahnveränderung auf
die Aussendung von Gravitationswellen zurückzuführen ist. Das Instrument
mit seiner 300 m großen Parabolantenne ist das leistungsstärkste bzw.
empfindlichste Gerät, über das die Astronomie gegenwärtig verfügt.
Das Objekt ist kein gewöhnlicher Doppelstern. Vielmehr handelt es
sich um einen Pulsar samt einem massiven, für optische und radioastronomische
Beobachtungen jedoch "stummen" Partner. Zum ersten Mal seit der Entdeckung
der Pulsare im Jahr 1967 fanden Prof. Taylor (Universität Massachusetts), Dr\_

Postfach 20 03 00
D5300 Bonn 2

Tel: 02221-89 32 40
Telex:08-85432

�Dr. Peter M. McCulloch (Universität Tasmanien, Australien) und Lee A.
Fowler (Universität Massachusetts) im Jahr 1974 einen Pulsar als Begleiter
eines anderen Sterns. Für die Astronomie war dies von ganz besonderer
Bedeutung, weil dem Objekt, dessen beide Komponenten aus Massen ungeheurer
Dichte bestehen müssen, zum ersten Mal eine Chance gegeben war, die von
Einstein vorausgesagten Auswirkungen einer Abstrahlung von Gravitationsenergie zu beobachten.
Die Astrophysik kennt inzwischen 320 Pulsare.

Es sind Radioquellen

im Universum, die ihre Signale in ganz exakten Zeittakten, meist stark
gebündelt, und in einem jeweils für den einzelnen Pulsar typischen Signalmuster aussenden.

Man hält sie für die Überreste explodierter und

kollabierender Sterne, die sehr schnell rotieren.

Die Restmasse hat sich

so stark verdichtet, daß ein Teelöffel voll davon eine Milliarde Tonnen
wiegen würde.
messer.

Ein solcher Stern ist sehr klein, hat nur etwa 10 km Durch-

Aber die Dichte seiner Materie erreicht unvorstellbar hohe Werte.

Elektronen und Protonen sind zu Neutronen zusammengepreßt.

Von chemischen

Elementen oder Reaktionen kann also keine Rede mehr sein. Allein in dem
galaktischen System, zu dem unser Sonnensystem gehört, dürfte es Millionen
von Pulsaren geben.

Die meisten von ihnen sind jedoch selbst für die

empfindlichsten der auf der Erde vorhandenen Radioteleskope "unsichtbar".
Der von Taylor und Mitarbeitern nunmehr vier Jahre lang beobachtete
Pulsar (er erhielt nach der Entdeckung die Bezeichnung PSR 1913+16) sendet
alle sechshundertstel Sekunde einen Radioblitz in Richtung Erde. Daß er
einen Partner haben und das Ganze ein Doppelstersystem sein muß, ergab
sich daraus, daß in einer Periode von 7,75 Stunden die "Normal"-Frequenzen
scheinbar verkürzt und dann wieder verlängert aufgenommen werden. Auch
ist die vom Pulsar ausgesandte elektromagnetische Strahlung offenbar
einem starken Gravitationseffekt durch den Partner unterworfen, den der
Pulsar auf einer stark exzentrischen Bahn in knapp 8 Stunden einmal umkreist,
wobei er durchschnittlich 300 km pro Sekunde zurücklegt. Der PulsarDoppelstern gehört zu unserem Milchstraßensystem und befindet sich jm

�in 15 000 Lichtjahren Entfernung von der Erde in der galaktischen Ebene.
In vier Jahren verringerte sich die Umlaufzeit des Pulsars um vier
Zehntausendstel Sekunden.

Eine Verkürzung um eine Zehntausendstel Sekunde

im Jahr wird in der allgemeinen Relativitätstheorie vorausgesagt, wenn sehr
schnell und asymmetrisch sich bewegende kompakte Massen durch die Abstrahlung
von Gravitationswellen Energie verlieren.

Prof. Taylor ist jetzt auf Grund

der Meßdaten überzeugt, daß es die von Albert Einstein im Jahr 1916
postulierten Gravitationswellen tatsächlich gibt.
Die beiden Objekte nähern sich infolge der Abstrahlung von Gravitationsenergie immer mehr. Und wenn die Umlaufbahn kleiner wird, verkürzt sich
auch die Zeit, die der Pulsar für einen Umlauf um den anderen Stern benötigt.
Bei diesem könnte es sich einer Verlautbarung der Nationalen Wissenschaftsstiftung (NSF) der USA zufolge um einen zweiten, jedoch "stummen" Pulsar,
vielleicht aber auch um ein sogenanntes Schwarzes Loch handeln. Die
Existenz dieser Objekte war bisher noch nicht nachzuweisen. Theoretischen
Überlegungen und Berechnungen zufolge sind sie jedoch dann zu erwarten,
wenn Sterne unter der Wirkung ihres eigenen Gravitationsfeldes so stark und noch viel mehr als ein Pulsar - verdichtet worden sind, daß die
Gravitationskraft an der Oberfläche sogar das Licht zurückhält, das der
Stern aussenden würde. Die Quanten elektromagnetischer Strahlung vermögen
aus dem Schwerefeld nicht mehr herauszukommen. Der Stern ist unsichtbar, ein
"Schwarzes Loch". Allerdings könnte die Beobachtung spezieller Wirkungen
von Gravitationskräften seine Existenz verraten.
Nach Meinung Prof. Taylors sollten die während der vierjährigen
Beobachtung gewonnenen Erkenntnisse dazu beitragen, die in einer Anzahl
von Laboratorien in den USA und anderen Ländern laufenden Experimente,
Schwerewellen aus dem Kosmos zu registrieren, mit größtem Nachdruck
weiterzuführen. Apparate auf der Erde bauen zu wollen, die solche
Wellen für die Durchführung von Versuchen erzeugten um sie nachweisen
und messen zu können, wäre sinnlos. So ist die Forschung auf außer-

- 3 -

�außerirdische Quellen angewiesen.

Es kommt nun darauf an, Detektoren zu

entwickeln, die empfindlich genug sind, um zumindest auf gerichtet abgestrahlte Gravitationswellen aus dem Kosmos reagieren zu können.

Da diese -

im Gegensatz z.B. zu elektromagnetischen Wellen - die Erde nahezu ungestört
durchlaufen, angesichts der Entfernung zu ihrer Quelle aber äußerst schwach
sind, ist es schwer, die auf unserem von

Natur aus unruhigen Planeten

überhaupt mit Meßinstrumenten zu erfassen.
Der amerikanische Physiker Dr. Joseph Weber (Universität Maryland)
bemüht sich darum seit Ende der fünfziger Jahre.
und Meßverfahren wurden bei ihm und inzwischen in

Die Meßausrüstungen
anderen Instituten -

das Max-Planck-Institut für Astrophysik in Garching ist z.B. mit einem
Laser-Interferometer an den Versuchen beteiligt - ständig weiter verbessert.

(Für ein erstes außerirdisches Experiment hatte im Dezember 1972

die letzte APOLLO-Mannschaft sogar ein Gravitationswellen-Meßgerät auf
dem Mond installiert.)
Vor einem Jahrzehnt ging Weber zum ersten Mal an die Öffentlichkeit
und konnte Anfang der siebziger Jahre auf wissenschaftlichen Konferenzen
von verblüffenden Ergebnissen berichten - u.a. von zwei täglichen Meßspitzen, die dann auftraten, wenn die in mehr als 1 000 km Abstand voneinander in Ost-West-Richtung aufgestellten Detektoren zum Zentrum der
Milchstraße hin oder in die Gegenrichtung "horchten". Mit größter Wahrscheinlichkeit ist die Strahlungsquelle im galaktischen Zentrum anstatt
in einem Außenbereich jenseits unseres Sonnensystems zu suchen. Die vorsichtig als "events" ("Vorkommnisse") bezeichneten Meßausschläge könnten
tatsächlich durch Schwerewellen verursacht werden. Sie als solche nachzuweisen, wird aber erst möglich sein, wenn noch mehr und noch empfindlichere
Meßgeräte rund um den Erdball zur Verfügung stehen.
Gravitation ist als Anziehungskraft zwischen allen Massen wirksam.
Wie bereits Isaac Newton fand, zieht jede Masse im Universum jede andere und jedes Masseteilchen jedes andere - mit einer Kraft an, die dem Produkt

�Produkt ihrer Masse proportional, dem Quadrat ihrer Entfernung umgekehrt
proportional ist. Damit war aber das Wesen der Schwerkraft nicht erklärt.
Erst mit der Allgemeinen Relativitätstheorie gab Albert Einstein den bis
dahin gültigen Hypothesen eine neue Dimension:

Jegliche Materie sei ein von

ihrer Masse abhängiges Schwerefeld zuzuordnen, das naturgemäß andere Materie
beeinflußt.

Dabei sei aber auch vorausgesetzt, daß die Masse eines Objekts

nicht als konstante Größe zu betrachten ist, sondern von der relativen
Geschwindigkeit zu anderen Objekten abhänge.
Während Newton annahm, daß sich die Gravitation in direkter Fernwirkung zeitlos durch den Raum fortpflanze, war Einstein überzeugt, daß
Gravitation - ähnlich wie Licht - bei der Fortpflanzung im Raum Wellennatur habe und die Ausbreitung von endlicher Geschwindigkeit sei, vielleicht
mit Lichtgeschwindigkeit erfolge.

So ordnet die moderne theoretische

Physik dem Gravitationsfeld Quanten (sog. Gravitonen) zu, wie auch der
elektromagnetischen Wellenstrahlung Quanten zugeordnet sind.

Während

jedoch die elektromagnetischen Kräfte anziehend und abstoßend wirken
können, ist die Gravitation ausschließlich eine anziehende Kraft.
Darauf beruht, auch wenn sie noch so schwach ist, ihre Eigenschaft, eine der
wirksamsten Kräfte im Universum zu sein.

+ + + + +

- 5 -

�10. Januar 1979

1

INTENSIVFÖRDERUNG VON ERDGAS

- (AD) - Mit massiver hydraulischer Kraft versuchen Ingenieure der
Mitchell Energy &amp; Development Corporation, "dichte" Formationen in einem bereits voll ausgebauten Erdgasfeld in Texas zu öffnen, um auf diese Weise die
Erdgasproduktion mindestens auf das Doppelte, vielleicht sogar bis zum Vierfachen der normalerweise erreichbaren Menge zu steigern.

Ein Gemisch von

Wasser und Sand wird am Bohrschacht mit einem Druck 675 kg/ccm in mehr als
3000 m Tiefe gepreßt.

Damit will man erreichen, daß sich in den tiefliegenden

Kalkformationen Risse von ca. 60 cm Höhe im Umkreis bis etwa 800 m um den
Schacht bilden, die dem in mikrofeinen Poren des Gesteins eingeschlossenen
Gas den Weg zur Bohrstelle freimachen sollen.

Die stark verdichteten Gesteinsschichten enthalten riesige Mengen
von Erdgas, dessen Förderung bei Anwendung der herkömmlichen Verfahren jedoch
unwirtschaftlich ist.

Eine der neuen Methoden, mit denen sie zumindest zum

Teil erschlossen werden können, verlangt ein hydraulisches Aufbrechen des
Gesteins unter hohem Druck.

Für den Versuch im "Fallon Field" in Texas wurden

schon während der ersten 16 bis 24 Stunden fast viertausend Tonnen Wasser,
vermischt mit 1400 Tonnen Sand, am Bohrloch in die Tiefe und in das gasführende
Gestein gepreßt.

Wenn nach der auf diese Weise erzwungenen Spaltöffnung die

Postfach 20 03 OO Tel: 02221-89 3240
Telex:08-85432
D5300 Bonn 2

�die Flüssigkeit zurückgewonnen wird oder sich verteilt, bleibt der Sand an
Ort und Stelle.

Er soll die Risse offenhalten, über die das Gas in Richtung

Bohrschacht sickert.

Genaue Messungen über mehrere Wochen sollen helfen,

die Wirtschaftlichkeit dieses Verfahrens zu ermitteln.
Das Fallon-Erdgasfeld liegt im sand- und kalksteinführenden Teil des
Cotton Valley, einem der zahlreichen und oft weitläufigen Vorkommen dieser
Art in den Vereinigten Staaten.

Die unterirdischen Formationen des Cotton

Valley haben eine Ausdehnung von etwa 650 000 qkm und reichen vom zentralen
und nordöstlichen Texas bis in den Nordwesten von Louisiana und den Südosten
von Arkansas.

Zu den Kosten des Großversuchs im FalIon-Feld in Höhe von

etwa 1,8 Millionen Dollar steuert das US-Energieministerium 553 000 Dollar
bei.

+ + + + +

�• Fi

1

I

Wi//cn/choft
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10. Januar 1979

"KÜNSTLICHES RADIOFENSTER" IN DER IONOSPHÄRE

- (AD) - Die beiden "Fenster" in der Erdatmosphäre für elektromagnetische Wellen, die von Himmelskörpern und anderen kosmischen Objekten ausgesandt werden und zu uns gelangen können, stellen nur einen relativ kleinen
Ausschnitt aus dem Spektrum dar. Es handelt sich um das sog

optische Fenster

für sichtbares Licht und das - wesentlich breitere - Radiofenster, über das
die Radioteleskope Strahlung aus dem Weltraum empfangen,

Der Großteil fällt

jedoch der atmosphärischen Absorption durch Ozon, Wasserdampf, Kohlendioxid
und andere Moleküle zum Opfer.

Und Wellen niedrigerer Frequenz jenseits des

Radiofensters, d.h. Wellen von mehr als 20 m Wellenlänge, werden durch die
Ionosphäre abgeschirmt.

So war es bisher nur mit Raketensonden und Forschungs-

satelliten von Positionen außerhalb der Erdatmosphäre aus möglich, elektromagnetische Strahlung aus dem Kosmos auch in den von der Erdoberfläche aus
nicht zugänglichen Frequenzbereichen zu erfassen.

Die Erkenntnisse, die man

in relativ kurzer Zeit damit gewinnen konnte, haben das "Weltbild" der Astrophysik bereits wesentlich verändert und erweitert,

Inzwischen hat sich herausgestellt, daß beim Aufstieg von Großraketen
für gewisse Zeit ein "künstliches Radiofenster" in der Ionosphäre geschaffen
wird.

Besonders deutlich beobachtete man dies beim Start des amerikanischen

Himmelslabors SKYLAB im Mai 1973, als die Trägerrakete SATURN bei der Beschleu-

Postfach 20 03 00

Tel: 02221-89 32 40

�Beschleunigung des SKYLAB auf Umlaufbahngeschwindigkeit oberhalb von ca.
300 km Höhe pro Sekunde eine Tonne Treibstoff verbrannte.

Die Abgase - Kohlen-

dioxid, Wasserstoff, Wasserdampf usw. - traten mit dem ionosphärischen
"Plasma", d.h. den in bestimmten Luftschichten reichlich vorhandenen elektrisch
geladenen Teilchen, in chemische Reaktion.
Plasma abgezogen.

Dabei wurde aus der Ionosphäre

Eine solche Störung der Ionosphären-Struktur wirkt sich

sowohl auf den Funkverkehr als auch auf die Durchlässigkeit der Atmosphäre
für kosmische Radiowellen aus. Als weitere Effekte beobachtete man eine Steigerung der Plasmatemperatur, d.h. eine Erhöhung der Bewegungsenergie der ionisierten Teilchen, sowie verstärktes Luftleuchten.

Es ist dies ein schwaches

Leuchtphänomen am Nachthimmel, das durch angeregte Atome in den elektrisch
geladenen Schichten der Erdatmsophäre verursacht wird.
Der "SKYLAB-Effekt", wie man das Phänomen inzwischen bezeichnet, ist
nur vorübergehender Natur. Wie Dr. Paul A. Bernhardt vom "Radioscience
Laboratory" der Stanford-Universität berichtete, hatte sich vier Stunden nach
dem "Verzehr" von Plasma durch die Abgase die Struktur der Ionosphäre wieder
normalisiert.

Für die Radioastronomie ergibt sich jedoch in dieser Zeit eine

Möglichkeit, mit ihren hochempfindlichen stationären Instrumenten Untersuchungen vorzunehmen, die ihr normalerweise verwehrt sind.
Wissenschaftler der Stanford-Universität und der Universität Boston
haben sich zusammengetan, um sowohl den "SKYLAB-Effekt" im Detail und unter
kontrollierten Bedingungen zu untersuchen als auch die zeitweilige Eröffnung
eines - wenn auch schmalen - "künstlichen Radiofensters" zum Universum für
Forschungen im Frequenzbereich von 1 - 5 Megahertz (1 Million bis 5 Millionen
Schwingungen pro Sekunde) zu benutzen. Dieser Bereich ist insofern besonders
interessant, als z.B. bei diesen Wellenlängen das sog. galaktische Rauschen
am stärksten ist. Auch will man eine Anzahl rätselhafter Radioquellen wie
den Vela- und Gum-Nebel studieren; beide senden Radioimpulse niedriger Frequenz aus.
Eine

- 2 -

�Eine Gelegenheit dazu bietet die zweite SPACELAB-Mission, die im
ersten Quartal 1982 durchgeführt werden soll.

In Vorbereitung' der Unter-

suchungen wurde im Sommer 1977 in etwa 250 km Höhe über der Hawaii-Insel
Kauai eine hochexplosive Sprengladung gezündet, die einen ähnlichen Effekt
wie die Raketenabgase hatte.

Beim Einschuß des Raumtransporters, mit SPACELAB

in die Erdumlaufbahn feuern die Triebwerke in Höhenbereichen zwischen 300
und 480 km.

Von ihren Abgasen ist vor allem die F-Schicht der Ionosphäre

(durchschnittliche Höhe: 360 km) betroffen.

Zur Durchführung von "Radio-

fenster"-Versuchen wurde das orbitale Manövriersystem des Raumtransporters
für jeweils 12 Sekunden über fünf im voraus bestimmten Punkten entlang der
Umlaufbahn bestimmte Abgasmengen freigesetzt.

Laut Dr. Bernhardt besteht

ein wesentliches Problem während dieses Experiments darin, genau festzustellen, wo die Gase zur Ruhe kommen, die mit Überschallgeschwindigkeit in
der dünnen Atmosphäre ausgestoßen werden.
erst

Es sei durchaus möglich, daß sie

nach mehreren Hundert Kilometern durch die Kollision mit Luftteilchen

abgebremst werden.
Schweifes.

Jedes Freisetzen führt zur Bildung eines kometenähnlichen

(Mit Hilfe von Computermodellen werden derzeit mögliche Effekte

simuliert).

Die Beobachtungsstationen sind
1) Roberval (in der Nähe von Quebec, Kanada) für Radiosignale extrem
niedriger Frequenz - sog. VLF-Schwingungen, die den erdmagnetischen
Feldlinien zwischen dem Beobachter und dem VLF-Sender auf der
Siple-Station in der Antarktis folgen, der von der Stanford-Universität dort betrieben wird;
2) Millstone Hill bei Boston für Messungen der ionosphärischen Elektrodichte und möglicher Frequenzänderungen an Funksignalen von geostationären Satelliten;
3) der 300 m-Spiegel von Arecibo in Puerto Rico (betrieben von der
Cornell-Universität) zur Messung von Dichte, Geschwindigkeit und
Temperatur der ionosphärischen Elektronen während und nach de" Triebwerk-Zündungen;
4) Jicamarca
- 3 -

�4) Jicamarca (Peru) für spezielle Untersuchungen an der Ionosphäre
im Äquatorbereich, wo die erdmagnetischen Feldlinien horizontal
verlaufen und das Plasma instabil machen für "Löcher" in der Ionosphäre;
5) zwei Stationen der Tasmania-Universität (Australien) für Untersuchungen im Frequenzbereich von 1 000 000 bis 5 000 000 Hertz
( 1 - 5 Megahertz).
.

Schließlich haben alle fünf Stationen die Aufgabe, Auswirkungen der
Bildung von "Löchern" in der Ionosphäre auf den Funkverkehr zu beobachten.
" . . .

+ + + + +

�I 3

Wi//en/chcift
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10. Januar 1979

MIKROWELLEN KOCHEN TEERSAND AUS

- (AD) - Die Extraktion von Kohlenwasserstoffen aus Teersanden mittels
Mikrowellen wird vom "Illinois Institute of Technology" (IIT) in Chicago mit
theoretischen und experimentellen Studien sowie mit Rentabilitätsberechnungen
untersucht. Im Rahmen eines Forschungsauftrags des US-Energieministeriums
ist diese Phase des Projekts, die auf 18 Monate befristet wurde, mit 200 000
Dollar dotiert. Die Teersande liegen im Bundesstaat Utah. Es handelt sich
um ölhaltigen Sandstein, in dem schätzungsweise 3,5 Milliarden Tonnen Erdöl
gebunden sind.
Das Verfahren beruht auf dem gleichen Prinzip, nach dem die Mikrowellenherde arbeiten. Diese zeichnen sich dadurch aus, daß in ihnen z.B. auch
große Teile vollkommen gleichmäßig erhitzt und in kürzerer Zeit als in herkömmlichen Kochherden durch und durch gar werden. Die Forschergruppe aus
Chicago schlägt vor, mittels der Mikrowellen-Heiztechnik die Kohlenwasserstoffe im Teersand in nutzbare Brennstoffe umzuwandeln. Aufgrund der Ergebnisse der bisher durchgeführten Studien und Versuche bestehen gute Aussichten,
dies auf wirtschaftlich attraktiver Basis - noch dazu umweltschonend - auch
tatsächlich zu erreichen. Mit den jetzt vom Energieministerium bewilligten
Geldmitteln wird eine Apparatur gebaut, mit der sich eine verhältnismäßig
große Menge von Teersand erhitzen läßt. Es werden Meßreihen in bezug auf

Postfach 20 03 OO
D5300 Bonn 2

Tel: 02221-89 32 40
Telex:08-85432

�auf elektrische, mechanische und wä'rmeenergetische Parameter bei den Teersanden durchgeführt, außerdem geeignete Fördermethoden entwickelt und der
Energie-Nutzungsgrad bei Anwendung der Mikrowellen-Extraktion ermittelt.
Allgemeine wirtschaftliche und ökologische Aspekte des neuen Verfahrens
sind weitere Punkte des Studienprojekts, das die Basis für umfangreiche
Feldversuche in Utah abgeben wird.

+ + + + +

�</text>
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                <text>&lt;strong&gt;1. Dokumentation&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Abschlusserklärung Carters zum Treffen von Guadeloupe&lt;br /&gt;&lt;em&gt;- Wortlaut -&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Wirtschaft&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;USA erwarten 1979 Fortschritte in den Handels- und Rohstoffverhandlungen&lt;br /&gt;&lt;em&gt;- Ein Interview mit C. Fred Bergsten, Unterstaatssekretär im US-Finanzministerium -&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Wissenschaft und Technik&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Gravitationswellen indirekt nachgewiesen?&lt;br /&gt;US-Wissenschaftler beobachteten auffällige Bahnveränderung an Doppelstern&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Intensivförderung von Erdgas&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;"Künstliches Radiofenster" in der Ionosphäre&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Mikrowellen kochen Teersand aus</text>
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                    <text>^ e 2ofV

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U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

10. Januar 1990

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SICHERHEITSPOLITIK

Maresca: Prämissen der Vergangenheit müssen überprüft werden
Rede des Chefunterhändlers bei den VSBM-Verhandlungen

Die Zeit ist reif für Dialog über Militärdoktrinen
Broschüre der ACDA zum VSBM-Seminar

THEMENINDEX 1989

(Zweites Halbjahr)

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

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Tel.:0228-3392366
Telex: 8-85432

�S I C H E R H E I T S P O L I T I K
1

10. Januar 1989

MARESCA: PRÄMISSEN DER VERGANGENHEIT MÜSSEN ÜBERPRÜFT WERDEN
- Rede des Chefunterhändlers bei den VSBM-Verhandlungen HOUSTON - (AD) gen, Botschafter
Staaten und ihren
cherheitsbildende
Vergangenheit".

Dem amerikanischen Chefunterhändler bei den VSBM-VerhandlunJohn Maresca, zufolge, basierten die von den Vereinigten
Verbündeten bei den Verhandlungen über Vertrauens- und SiMaßnahmen (VSBM) angeregten Vorschläge "auf Prämissen der

In einer am 4. Januar 1990 in der Texas A and M University gehaltenen Rede betonte Maresca, wie wichtig es sei, vertrauensbildende Maßnahmen in Zukunft
"über diese Prämissen" hinaus in ein "umfassenderes, flexibleres und weitreichenderes" Programm zu lenken. "Vertrauensbildung wird in den neunziger Jahren neue Herausforderungen bereithalten, die das Gleichgewicht zwischen Ost
und West nicht notwendigerweise berühren," erklärte Maresca.
Das vom 16. Januar bis 5. Februar 1990 in Wien unter der Schirmherrschaft der
VSBM geplante Seminar über Militärdoktrinen kann uns Maresca zufolge "für die
Pionierarbeit des Forums zur Vertrauensbildung Impulse geben, die in eine völlig neue Richtung weisen".
Nachfolgend veröffentlichen wir Marescas Rede im Wortlaut.
Als dieses Plenum im vergangenen Jahr
zu Gesprächen über Vertrauensbildung
zusammentrat, verfolgten wir ein ganz
bestimmtes Ziel.
Dieses Ziel hat
seinen Ursprung in der Vergangenheit
und in der Gegenwart. Wir erörterten
die Ergebnisse der Stockholmer Konferenz sowie die Möglichkeiten, wie wir
bei den in Wien anlaufenden Verhandlungen über Vertrauensbildende Maßnahmen auf diesen Ergebnissen aufbauen könnten. Wir haben die später in
Wien vorgelegten Vorschläge und die
sich dabei möglicherweise ergebenden
Verbindungen vorweggenommen. Wir haben das Verhältnis des VSBM-Forums
von 35 Teilnehmerländern zum KSE-Forum mit 23 Mitgliedsstaaten angeschnitten und die Verbindungen zwischen
vertrauensbildende
Maßnahmen

und Reduzierungen bei den konventionellen Streitkräften.
Diese Gespräche waren angebracht,
sehr nützlich und trugen dazu bei,
daß alle Teilnehmer die in die Diskussion eingebrachten Ansätze verstanden.
Unsere Vorschläge wurden
bei Aufnahme der Verhandlungen im
vergangenen Frühjahr unterbreitet und
waren seither Gegenstand der Erörterungen. Es steht nunmehr außer Frage, daß es weite Bereiche gibt, in
denen ein Konsens möglich ist. Bei
einigen Vorschlägen, wie etwa vertrauensbildenden Maßnahmen bei unabhängigen Aktivitäten in der Luft oder
auf See wird unter Umständen keine
Übereinstimmung
zu erzielen sein.
Das bislang erzielte grundlegende Er-

�gebnis ist der sich abzeichnende Konsens über das Prinzip eines umfassenden
jährlichen
Informationsaustauschs, der von Ad-hoc-Inspektionen
begleitet sein und den Wahrheitsgehalt der gelieferten Informationen
verifizieren soll. Das scheint prinzipiell von allen Parteien akzeptiert
worden zu sein.
Darüber hinaus wurde vereinbart, ab
dem 16. Janaur 1990 ein dreiwöchiges
sicherheitspolitisches "Seminar" abzuhalten, an dem auch Stabschefs und
andere hochrangige Offiziere sowie
Vertreter des Verteidigungsministeriums teilnehmens sollen. Diese Teilnehmer werden ihre Politik und ihre
Doktrinen darlegen und sich gegenseitig zu Aspekten derjenigen Maßnahmen
befragen, die zu Zweifeln Anlaß geben. Das ist ein weiterer Vorstoß zu
einem relativ unerforschten Aspekt
militärischer Konfrontation, der aber
in diesem Forum mit 35 Teilnehmerstaaten die Tradition der Erforschung
neuer Bereiche der Rüstungskontrolle
fortführt. In diesem Fall werden wir
danach streben müssen, die Absichten
und Zielsetzungen der von uns beobachteten Streitkräfte zu verstehen die genaue Beurteilung ist das vielleicht schwierigste Element des Sicherheit spoli tischen Gleichgewichts.
Das Seminar ist ein ausgezeichneter
Prüfstein für das Hauptthema meiner
Ausführungen: Die Rolle der Vertrauensbildung in den neunziger Jahren,
einer Periode rapider Veränderungen
in Europa. Wie bereits im vergangenen Jahr möchte ich heute auch aus
persönlicher Sicht sprechen, und die
hier von mir vorgetragenen Gedanken
spiegeln nicht notwenigerweise die
Politik der Vereinigten Staaten wider.
Seit unseren Gesprächen in Houston im
vergangenen Jahr hat sich viel verändert. Die erste wichtige Veränderung
mit Auswirkungen auf die VSBM-Verhandlungen bestand in der Vorlage eines westlichen Vorschlags bei den
KSE-Verhandlungen, der Informationsaustausch in größerem Umfang und ein
System der Verifizierung vorsah. Im

letzten Jahr nahmen wir noch an, die
VSBM-Verhandlungen
wären
vor
den
KSE-Verhandlungen beendet. Aber angesichts von den Initiativen eines
Gipfeltreffens und eines NATO-Gipfels
ausgehenden Impulse ist die Wahrscheinlichkeit jetzt größer, daß das
KSE-Abkommen vor einer VSBM-Vereinbarung erzielt wird. Das ist natürlich
eine positive Entwicklung. Es bedeutet jedoch, daß der Hauptvorschlag
bei den VSBM-Verhandlungen beträchtlich an Bedeutung verliert.
All dies hat viele von uns zu der
Frage veranlaßt, worin die geeignete
Rolle für vertrauensbildende Verhandlungen zu einer Zeit besteht, in der
Rüstungskontrolle große Fortschritte
macht. Insbesondere fragen sich viele von uns bei den Verhandlungen, ob
alle Vorschläge, die derzeit auf dem
Wiener Verhandlungstisch liegen, entsprechend ihrer Pionierfunktion zu
mehr
Vertrauensbildung
beitragen,
oder ob das VSBM-Forum hinter den rapiden Fortschritten in den Bereichen
Sicherheit und Rüstungskontrolle zurückbleibt.
Die zweite bedeutende Entwicklung des
vergangenen Jahres mit Auswirkungen
auf die VSBM-Verhandlungen bestand
natürlich in den dramatischen Ereignissen in Osteuropa. Die Auswirkungen dieser Entwicklungen sind so umfassend, daß sie einer eingehenden
Analyse bedürfen.
Die erste Frage, die sich für die
VSBM-Verhandlungen durch die Ereignisse in Osteuropa stellt, ist eine
Erweiterung der Frage bezüglich ihrer
Rolle in Zeiten von Fortschritten bei
der Rüstungskontrolle: Worin besteht
die geeignete Rolle von Vertrauensbildung in Zeiten drastischer Veränderungen in Osteuropa? Traditionell
wurde Vertrauensbildung im Zusammenhang mit der Ost-West-Konfrontation
definiert, obwohl es immer klar war,
daß die VSBM-Verhandlungen nicht zwischen Blöcken stattfinden, sondern
vielmehr zwischen unabhängigen Ländern. Angesichts der raschen Veränderungen in Osteuropa muß die Frage

- 2 -

�heute lauten, ob Vertrauensbildung
die Aufgabe zukommt, Stabilität in
ganz Europa sicherzustellen, während
sich diese dramatischen Ereignisse
vollziehen. Dies würde natürlich eine umfassende Neuorientierung der
Verhandlungen und ihres bisherigen
Zwecks bedeuten. Wir müssen uns jedoch sehr sorgfältig überlegen, was
wir tun, damit es für die Zukunft von
Bedeutung ist.
Die Verantwortung, die wir übernehmen
sollten, könnte entschieden anders
als unsere derzeitigen Verhandlungen
gelagert sein.
Die Tradition der
Pionierarbeit
impliziert, daß das
VSBM-Forum sich eingehender mit den
durch die neuen Realitäten in Europa
stellenden umfassenderen Sicherheitsproblemen befassen sollte. Die Tatsache, daß vertrauensbildende Verhandlungen nicht
zwischen Blöcken
stattfinden bedeutet, daß wir besondere Fähigkeiten besitzen, etwas in
diesem Bereich zu tun, das zweifelsohne im Interesse aller Teilnehmerstaaten liegen sollte.
Eine andere Frage, die sich durch die
Entwicklungen in Osteuropa stellt,
lautet, ob Verhandlungen zwischen den
beiden
Militärblöcken
nach
einem
KSE-Abkommen wirklich weiterhin das
Hauptgewicht der konventionellen Rüstungskontrollbestrebungen in Europa
tragen können.
Innerhalb des Ostblocks scheinen einige Länder den Abzug der sowjetischen Streitkräfte von
ihrem Territorium zu verwirklichen.
Kann das Kräftegleichgewicht zwischen
NATO und Warschauer Pakt als Grundlage für Rüstungskontrollverhandlungen
gelten, wenn einige Länder auf der
einen Seite dieser Gleichung sich einer Konfrontation entziehen?
Wenn
die beiden Blöcke nicht länger als
echte Gesprächspartner in einer im
wesentlichen
bilateralen
Verhandlungsrunde
fungieren, welche Form
kann dann eingesetzt werden, um einen
Abbau der Rüstungen herbeizuführen?
Bietet die Form eines Forums von 35
Teilnehmerstaaten, mit der Bestimmung, daß jedes Land einzeln teilnimmt und sein auf Konsens gestützter

Entscheidungsprozeß eine Alternative?
Es dürfte in diesem Zusammenhang erwähnenswert sein, daß wir bei den
VSBM-Verhandlungen im vergangenen Monat die Unterbreitung eines gemeinsamen
französisch-ungarischen
Vorschlags über militärische Kontakte
erlebt haben. Es war der erste Vorschlag in der Geschichte der Rüstungskontrollverhandlungen, der gemeinsam von einem Mitglied des Warschauer Pakts und der NATO vorgelegt
wurde. Der Inhalt des Vorschlags war
natürlich weniger
interessant als
seine politische Bedeutung.
Diese
Entwicklung legt den Schluß nahe, daß
es in der Tat bestimmte Möglichkeiten
in einem nicht blockgebundenen Forum
gibt.
Eine dritte sich aus der gegenwärtigen Lage ergebende Frage betrifft die
allgemeine politische Rolle eines Sicherheit spoli tischen Verhandlungsprozesses mit 35 beteiligten Staaten in
einer Zeit raschen Wandels. Inwieweit ist ein solches Gremium für Gespräche über alle Seiten betreffende
Probleme nützlich?
Die Antwort auf
diese Frage wurde im Dezember offensichtlich, als die Ereignisse in Rumänien im VSBM-Forum zur übereinstimmendsten Verurteilung von Menschenrechtsverletzungen führten, die wir
jemals bei einem KSZE-Treffen erlebt
haben. Sicherlich werden auch in Zukunft noch zahlreiche schwierige Momente auftreten, da die osteuropäischen Staaten ihre eigenen politischen Positionen noch definieren
müssen. Es mag sicherlich Entwicklungen geben, die das eine oder andere Land innerhalb des sich entwikkelnden
sicherheitspolitischen
Umfelds in Europa berücksichtigt wissen
möchte. Wir benötigen ein flexibles
Gremium mit Beteiligung aller europä-^
ischen Staaten sowie der Vereinigten
Staaten und Kandas, das bereitsteht,
um diesem Bedarf gerecht zu werden.
In dieser Hinsicht sind VSBM und KSE
nicht miteinander vergleichbar. Die
KSE muß einen Vertrag fertigstellen.
Das ist ihr Ziel. Die Verhandlungen

- 3-

�über Vertrauensbildung jedoch erreichen ihr Ziel teilweise schon durch
ihre bloße Existenz.
Das Bestehen
dieses Forums ist - wie das Seminar
über Militärdoktrinen - an sich bereits eine vertrauensbildende Maßnahme.
Die zur Diskussion stehenden
Maßnahmen sind weniger rigoros als
Rüstungsreduzierungen und lassen sich
deshalb leichter verwirklichen und
vereinbaren. Es mutet wie Ironie an,
daß gerade die relative Unkompliziertheit von Vereinbarungen und der
relative Mangel an Sicherheitsrisiken
diesen wesentlich politischeren Prozeß so bedeutsam machen, insbesondere
in der heutigen Zeit.
Gerade die
Tatsache
andauernder
Verhandlungen
über Vertrauensbildung trägt zur Stabilität bei.
Schließlich muß sich in der gegenwärtigen Lage die Frage stellen, ob Vertrauensbildung nicht einen flexibleren Ansatz in der Rüstungskontrolle
darstellt, der in einem immer mehr in
Fluß geratenden europäischen Umfeld
angebrachter wäre. Sicherlich wurden
die beiden Blöcke benötigt, um ein
Abkommen über gegenseitige ausgewogene Rüstungsreduzierungen zu erzielen.
Auch die Art von Rüstungsreduzierung,
wie sie auf der KSE zur Verhandlung
steht, wird weiterhin ein solches Forum erforderlich machen. Langfristig
könnte es jedoch wünschenswert sein,
durch Verhandlungen andere Ansätze
für die Sicherheit in einer Form zu
entwickeln, die der politischen Evolution mehr Freiraum einräumt als die
starre Formel von den beiden Blöcken.
Rüstungskontrolle ist nur ein Teil
der
allgemeinen
sicherheitspolitischen Lage in Europa. In einer umfassenderen Sichtweise hat Außenminister Baker erkannt, daß der Rahmen
des KSZE-Prozesses nun seinen Platz
als zentrale Institution für eine zusammenhängende und stabile Gesamtentwicklung der Beziehungen zwischen den
europäischen Staaten einnehmen muß.
Zweifelsohne bietet der in Helsinki
geschaffene
Rahmen
Vorteile:
Er
stellt die Rolle der Vereinigten
Staaten und Kanadas sicher, er grün-

det sich auf eine Reihe hervorragender
Prinzipien
zwischenstaatlichen
Verhaltens, er gestattet es den Militärbündnissen, eine wichtige aber begrenzte Rolle zu spielen, und durch
seinen eigenen, auf Konsens beruhenden Entscheidungsfindungsprozeß hat
er in der Vergangenheit wertvolle
Vereinbarungen hervorgebracht.
Ein
Rüstungskontrollprozeß innerhalb des
KSZE-Rahmens kann uns daher nur Vorteile bringen, und wir sollten ihn
deshalb nicht fürchten.
Vertrauensbildung wird in den neunziger Jahren neue Herausforderungen bereithalten, die das Gleichgewicht
zwischen Ost und West nicht notwendigerweise berühren. Das Seminar über
Militärdoktrinen könnte uns für die
Pionierarbeit des Forums zur Vertrauensbildung Impulse geben, die in eine
völlig neue Richtung weisen. So wird
zum Beispiel ein Tagesordnungspunkt
des Seminars die Militärhaushalte und
die militärische Haushaltsplanung betreffen.
Planung und Beschaffung
neuer Waffensysteme spiegeln die Absichten einer Regierung im militärischen Bereich wider, und natürlich
ist der Druck auf die Haushalte in
allen Industriestaaten eine treibende
Kraft für die Reduzierung der Verteidigungshaushalte. Wenn diese Fakten
in einer offeneren Atmosphäre behandelt werden könnten, um eine nüchternere Diskussion über nationale Pläne
und ein befriedigendes Niveau der Verifizierung zu ermöglichen, dann gibt
es allen Grund zu der Annahme, daß
das Ergebnis bedeutend zur Stabilität
und zur verantwortungsvollen Reduzierung der Militärausgaben beitragen
könnte. Es wäre zum Beispiel sicherlich billiger, sich im vorhinein darauf zu verständigen, neue Panzer
nicht zu entwickeln und zu beschaffen, als sie zu bauen und zu stationieren und danach über ihre Reduzierung und Beseitigung zu verhandeln.

- 4 -

Die grundsätzliche Frage im Hinblick
auf Vertrauensbildung lautet in den
neunziger Jahren: Welche Rolle, welche Funktion sollte die Vertrauensbildung in diesem neuen Zeitalter der

�Beziehungen in Europa erfüllen?
Bis
jetzt beruhten die in Wien vorgelegten Vorschläge auf den Annahmen der
Vergangenheit. Wir müssen über diese
Annahmen hinaus denken und den Weg zu
einem breiteren, flexibleren und umfassenderen
Vertrauen weisen, wenn
dieser Ansatz für Sicherheitsprobleme
in der Zukunft seine Bedeutung bewahren soll.

* * * * *

- 5 -

�S I C H E R H E I T S P O L I T I K
1

10. Januar 1990

DIE ZEIT IST REIF FÜR DIALOG ÜBER MILITÄRDOKTRINEN
- Broschüre der ACDA zum VSBM-Seminar -

WASHINGTON - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die von der amerikanischen
Rüstungskontroll- und Abrüstungsbehörde (ACDA) am 3. Januar 1990 als Hintergrundmaterial für das vom 16. Januar bis 5. Februar 1990 in Wien anberaumte
Seminar über Vertrauens- und Sicherheitsbildende Maßnahmen (VSBM) und Militärdoktrinen im Wortlaut.

Das Seminar über Militärdoktrinen
bei den Wiener Verhandlungen über
Vertrauens- und
Sicherheitsbildende
Maßnahmen (VSBM)
Geleitet von dem Entschluß, durch einen offenen und ehrlichen Gedankenaustausch zum besseren Verständnis
der militärischen Fähigkeiten und ihres Einsatzes zur Vertrauensbildung
beizutragen,
hat das Plenum beschlossen, ein Seminar über Militärdoktrinen zu veranstalten. Es wird integraler Bestandteil der Verhandlungen über Vertrauens- und Sicherheitsbildende Maßnahmen sein und vom 16. Januar bis 5.
Februar 1990 in Wien stattfinden.
Zweck

dieses Seminars ist, Gelegen-

heit zu Gesprächen über Militärdoktrinen in bezug auf Einsatzkonzept
sowie Struktur und Aktivitäten konventioneller Streitkräfte in der Zone
zu bieten. Andere Themen, die mit
Militärdoktrinen im Zusammenhang stehen und Auswirkungen auf die militärischen Fähigkeiten haben, könnten
ebenfalls erörtert werden.
Während
des
Seminars
wird
kein
Schlußbericht oder -dokument erarbeitet. Die Gespräche dienen als Hintergrundinformation für die Wiener
Verhandlungen.
Anhand der im Verlauf des Seminars
gewonnenen Erfahrungen könnte das
Plenum
geeignete
Schlußfolgerungen
ziehen.

�(Auszug aus dem Beschluß der Wiener
VSBM-Verhandlungen vom 20. Oktober.)
Die Zeit ist reif
Sicherheitspolitik

die Streitkräftestruktur im Zusammenhang mit Maßnahmen, Ausbildungsmustern und dem Militärhaushalt konzentrieren.

für Dialog über

Die dramatischen Ereignisse des vergangenen Jahres in Osteuropa waren
unvorhersehbar. Das sicherheitspolitische Gefüge, das uns in den letzten
vierzig Jahren so vertraut geworden
ist, wird heute täglich erneut in
Frage gestellt und eine Prognose der
Ereignisse zunehmend erschwert.
Es ist nicht gewährleistet, daß wir
in diesem Jahr die Zukunft besser als
im vergangenen prognostizieren können. Wir müssen jedoch den Veränderungen in Osteuropa bei dem Versuch
Rechnung tragen, Sicherheit und Stabilität auf dem gesamten Kontinent zu
garantieren. Mehr denn je zuvor müssen wir solide neue Ansätze zum Problem der europäischen Sicherheit finden.
Dem Seminar über Militärdoktrinen
kommt in diesem Prozeß eine entscheidende Rolle zu. Es soll zum besseren
Verständnis der Absichten beitragen,
die der Streitkräftestruktur und den
Aktivtäten zugrunde liegen.
Dieses
Element des militärischen Gleichgewichts
bildet
offensichtlich
das
Kernstück für gegenseitiges Vertrauen
- war bisher jedoch äußerst schwierig
in den Griff zu bekommen. In Ermangelung
vollständiger
militärischer
Offenheit haben wir schlicht und einfach keine verläßliche Handhabe, um
die Motivationen einzuschätzen, von
denen die Streitkräfte geleitet sind.
Die Veranstaltung eines "Seminars"
über Sicherheitspolitik ist ein weiteres Wagnis auf dem relativ unerschlossenen Weg zur Lösung der Sicherheitsprobleme und
stellt eine
Fortführung der Pionierarbeit dar,
die bei den vertrauensbildenden Gesprächen der 35 Nationen geleistet
wurde. Die Tagesordnung wird das gesamte Spektrum der Sicherheitspolitik
umfassen, sich jedoch besonders auf

Persönliche Gespräche können durch
nichts ersetzt werden. Sie sind der
beste Weg, um Zweifel auszuräumen und
Antworten zu erhalten, Mißtrauen zu
zersteuen und Verständnis für die Absichten eines jeden Landes aufzubauen.
Das "Seminar" ist keine Verhandlungsrunde, und wir erwarten keine spezifischen Ergebnisse, aber ein
solcher Dialog ist zu diesem Zeitpunkt in der europäischen Geschichte
unabdingbar.
Zu einer Zeit, in der sich die Ereignisse schneller überschlagen, als man
sich je hätte träumen lassen, brauchen wir derartige Gespräche. Ohne
sie werden unsere Rüstungskontrollbestrebungen höchstwahrscheinlich nicht
mit dem politischen Wandel Schritt
halten können und nicht den Beitrag
zu Sicherheit und Stabilität leisten,
den die Menschen weltweit erwarten.
Leiter der amerikanischen Delegation
bei den VSBM-Verhandlungen ist John
J. Maresca.
Hintergrund:
Vertrauens- und
cherheit sbildende Maßnahmen in
KSZE

Sider

Am 1. August 1975 haben 33 Länder Europas, die Vereinigten Staaten und
Kanada in Helsinki das Schlußdokument
der Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (KSZE) - die
sogenannte Schlußakte von Helsinki unterzeichnet.
Die Schlußakte von
Helsinki liefert den 35 Teilnehmerstaaten ein dauerhaftes Rahmenwerk,
um in den Bereichen gegenseitige Sicherheit,
Wirtschaftsbeziehungen,
fundamentale
Menschenrechte
und
Grundfreiheiten ausgewogene und angemessene Fortschritte
zu erzielen.
Sie enthält eine Reihe vertrauensbildender Maßnahmen, mit denen einzelne
Länder ermutigt werden, sich gegenseitig über in Europa zu Lande statt-

- 2 -

�findende militärische Aktivitäten zu
benachrichtigen und Beobachter dazu
einzuladen.
Die Verhandlungen vlber Vertrauensund
Sicherheitsbildende
Maßnahmen
(VSBM) sind integraler Bestandteil
der KSZE und haben seither diese Rolle des Wegbereiters in der Rüstungskontrolle übernommen.
Bei Abschluß
eines KSZE-Folgetreffens in Madrid
1983 haben die 35 Länder vereinbart,
VSBM für ganz Europa auszuhandeln.
Dieser Bereich wurde bei den VSBMVerhandlungen in Stockholm und den
laufenden Wiener VSBM-Verhandlungen
abgedeckt. Damit wird ein Präzedenzfall für das bei den ebenfalls in
Wien
stattfindenden
Verhandlungen
über konventionelle Streitkräfte in
Europa erörterte Gebiet vom Atlantik
bis zum Ural geschaffen. In Stockholm hatten die Teilnehmerstaaten ein
wichtiges neues Recht auf Vor-Ort-Inspektionen vereinbart, das ein nützlicher Vorläufer für das INF-Verifizierungssystem war. Das Stockholmer
VSBM-Dokument ist das einzige in jüngerer Zeit ausgehandelte heute in Europa gültige Abkommen zur konventionellen Rüstungskontrolle.
Die VSBM-Verhandlungen wurden am 9.
März 1989 in Wien wieder aufgenommen.
Die Länder des Westens und Ostens sowie die neutralen/blockfreien Staaten
haben formelle Vorschläge unterbreitet. Die westlichen Länder schlugen
unter anderem Gespräche über Militärdoktrinen und Sicherheitspolitik "im
Stil von Seminaren" vor. Dieser Vorschlag wurde am 20. Oktober 1989 angenommen und damit eine weitere interessante und bahnbrechende Arbeit
eingeleitet.
Andere
Aspekte
des
westlichen Vorschlags, wie etwa einen
jährlichen Austausch von Informationen über Streitkräfte in Europa und
damit einhergehende Bewertungsmaßnahmen werden weitgehend unterstützt.
Die Vereinigten Staaten hoffen, daß
das Seminar über Militärdoktrinen zum
Erfolg der VSBM-Verhandlungen beitragen wird.

Hintergrund: Das Seminar über Militärdoktrinen
Die im Stil von Seminaren durchgeführten Gespräche über Militärdoktrinen stellen das erste offizielle Zusammentreffen hochrangiger Offziere
aus Europa, den Vereinigten Staaten
und Kanada zu einem solchen Austausch
dar.
Das ursprüngliche Konzept eines sicherheitspolitischen Dialogs geht auf
die Empfehlungen von Wissenschaftlern
aus Ost und West zurück. Ihre Ideen
wurden 1987 in einem Kommunique des
Warschauer Pakts aufgegriffen, in dem
ein Vergleich der Doktrinen beider
Bündnisse angeregt wurde.
Der Westen hat diese Ideen konkretisiert.
Bei Aufnahme der VSBM-Verhandlungen im März 1989 unterbreiteten alle 16 Mitglieder des Atlantischen Bündnisses den Vorschlag für
einen freien und offenen Ideenaustausch, mit dem Mißverständnisse über
die konventionellen Fähigkeiten ausgeräumt werden sollen.
Die osteuropäischen und die neutralen/blockfreien Länder haben diesen
Vorschlag für ein Seminar einhellig
unterstützt. Der westliche Vorschlag
hatte alle 35 Teilnehmerländer aufgefordert, im Stil eines Seminars die
Militärdoktrin im Hinblick auf das
Einsatzkonzept und die Struktur konventioneller Streitkräfte in Europa
zu erörtern, unter Einbeziehung von:
"Informationsaustausch über jährliche
Militärausgaben,
Informationsaustausch
über
die
Ausbildung
der
Streitkräfte mit Verweis auf militärische Handbücher, Bemühungen um Klärung von Entwicklungen, die Anlaß zu
Zweifeln bieten, wie etwa Veränderungen bei der Anzahl und dem Umfang angekündigter militärischer Aktivitäten.
Der Westen bemühte sich um rasche
Vereinbarungen zur Gestaltung und Tagesordnung für die Gespräche, damit
diese im Januar 1990 abgehalten werden konnten. Der Zielsetzung zufolge

- 3 -

�sollte das Seminar beizeiten zum Verhandlungsprozeß beitragen und das bei
den
VSBM-Verhandlungen
besprochene
Material ergänzen. Die 35 Teilnehmerstaaten stimmten der Tagesordnung
und dem Ablauf des Seminars im Oktober 1989 zu.
Das Seminar über Militärdoktrinen
wird vom 16. Januar bis 5. Februar
1990 in Wien stattfinden.

4.

AbSchlußerklärungen.

5.

Ende des Seminars.

(5. Februar)
(5. Februar)

(Auszug aus dem Beschluß der Wiener
VSBM-Konferenz vom 20. Oktober 1989.)

Die wichtigsten
nigten Staaten
General Colin
nungspunkt 2)

Sprecher der Verei-

L.

Powell

(Tagesord-

Tagesordnung
1. Eröffnung des Seminars durch den
Vorsitzenden. (16. Januar)
2.
Vorträge und Diskussionen über
Militärdoktrinen oder ähnliche Konzepte der Teilnehmerstaaten vor dem
Hintergrund ihrer Sicherheitspolitik
gemäß dem oben dargelegten Zweck des
Seminars. Dazu können auch geplante
Veränderungen in den Militärdoktrinen
gehören. Bei den Vorträgen wird der
Definition der verwendeten Terminologie
besondere
Aufmerksamkeit
geschenkt. (16. - 19. Januar)
3. In diesem Kontext wird die Diskussion über Militärdoktrinen oder
ähnliche Konzepte unter Berücksichtigung der folgenden Themenkreise geführt werden:
3A. Einsatzkonzept und Streitkräftestrukturen
(darunter
Organisation,
Führungsstrukturen,
Stationierung,
Unterstützungssysteme,
Mannschaftsstärke, Bewaffung und Ausrüstung, Bereitschaftsgrad, Beschaffungspläne).
(22. - 26. Januar)
3B.
Militärische Aktivitäten und
Ausbildung (darunter Manöver, Ausbildung von Soldaten, Benutzung einschlägiger Militärhandbücher). (29.
- 31. Januar).
3C.
Militärische Finanz- und Haushaltsplanung (einschließlich Aufstellung und Ansatz in den nationalen Gesamthaushalten,
Mittelzuweisung).
(31. Januar - 2. Februar)

Als
Vorsitzender
der
Vereinigten
Stabschefs ist General Powell der
wichtigste militärische Berater des
Präsidenten, des Verteidigungsministers und des Nationalen Sicherheitsrates. Von Januar 1987 bis Januar
1989 war er stellvertretender Referent und danach Referent des Präsidenten für Fragen der nationalen Sicherheit. General Powell hatte zuvor
Kommandos in Europa sowie auf jeder
Ebene der Armee inne. Aufgrund seiner breitgefächerten Erfahrung ist er
mit allen Aspekten der amerikanischen
Militär- und nationalen Sicherheitspolitik vertraut.

Generalmajor John D. Robinson (Tagesordnungspunkt 3A)
Generalmajor Robinson leitet das für
Streitkräftestruktur,
Mittelplanung
und Auswertung zuständige Direktorat
des Vereinigten Stabes.
Er diente
über 27 Jahre im Heer als Offizier
der Heeresfliegertruppe und begann
seine Laufbahn als Kampfflieger in
der 3. Panzerdivision des amerikanischen Heeres in Europa.
Von Juni
1986 bis Juli 1988 war er Kommandeur
des U.S. Army Training and Doctrine
Analysis Command in Fort Leavenworth
(Kansas).

Generalleutnant Edwin S. Leland, Jr.
(Tagesordnungspunkt 3B)
Generalleutnant Leland ist Stabschef
des European Command, das die Gesamtverantwortung für alle Ausbildungs-

�und Übungsmaßnahmen der amerikanischen Streitkräfte in Europa trägt.
Er diente über 27 Jahre im amerikanischen Heer als Offizier der Panzertruppe. Im Jahr 1974 erhielt er sein
erstes Kommando in Europa. Von Juli
1986 bis Juli 1988 war er kommandierender General der 1. Panzerdivision
des US-Heeres in Europa.
Dr. David
punkt 3C)

S.C.

Chu

(Tagesordnungs-

Dr. Chu ist seit 1981 Abteilungsleiter für Programmanalyse und -auswertung im US-Verteidigungsministerium.
Er ist für die Koordinierung und
Durchführung einer umfassenden Überprüfung von Programmvorschlägen zuständig, die von den vier Teilstreitkräften und militärischen Dienststellen unterbreitet wurden. Ferner ist
er für die Entwicklung von Alternativvorschlägen
verantwortlich,
die
dem Verteidigungsminister als Entscheidungshilfe dienen sollen. Dr.
Chu war von 1978 - 1981 stellvertretender Direktor für nationale Sicherheit und internationale Angelegenheiten im Haushaltsbüro des Kongresses.
Von 1970 bis 1978 war er für die Rand
Corporation tätig.

* * * * *

- 5 -

�THEMENINDEX AMERIKA DIENST (2. Halbjahr 1989)
Nachstehend eine Liste der Themen, die im AMERIKA DIENST (2.
Halbjahr 1988) erschienen sind. Sie gibt einen Überblick über die
wichtigsten Themenkreise. Angegeben ist jeweils die Nummer der Ausgabe,
in der das betreffende Thema behandelt wird.

THEMENKREIS

NUMMERN DER AUSGABEN

Ost-West-Beziehungen,
sicherheitspolitische Themen
Ost-West-Beziehungen
Rüstungskontrolle allgemein
Nukleare Streitkräfte
Konventionelle Streitkräfte
Biologische Waffen
Chemische Waffen
NATO
KSE
KSZE
VSBM
START
NST
Gipfel vor Malta

36,
31,
29
27
35
34,
27,
34
45
34
29,
30,
42,

38, 39, 42, 43, 44, 46
35, 36, 39, 41, 46

35, 36, 37
38

30, 36
42
43, 44

Amerikanisch-europäische
Beziehungen
Westliche Sicherheit - Die USA und
ihre NATO-Partner
Bush zum 28. Jahrestag des Mauerbaus
Bush/Proklamation und Ansprache zum Tag
der Deutsch-Amerikaner
Baker/Berliner Rede vom 12. 12. 89

30
31
37
45

Vereinigte Staaten
Nationale Energiestrategie
Nationale Sicherheitsstrategie
Eagleburger/Die amerikanische
Wi rt schaft/Handel/Finanzen
Sozialwesen in den USA
Pro-Kopf-Einkommen

29
45
35
35, 40, 42, 43
37, 38, 39, 40
39

Porträts
Colin Powell, Vorsitzender der
Vereinigten Stabschefs

31

�Internationale Probleme
Menschenrechte
Nicaragua
Kambodscha
Polen
Ungarn
Drogen
Umweltschutz
Weltwirtschaftsgipfel Paris
Zwei Weltkriege und ihre Lehren,
von Paul H. Nitze
Regionale Fragen

45
28
29
33, 36, 40, 43, 44
44
31, 34, 45
27, 28, 36, 40, 41
27
33
36

Wissenschaft und Technik
Shuttle-Flüge
Weltraum
Apollo - 20. Jahrestag
Forschung
Kernenergie

k

39
&gt;
28
27
30

28

29

&gt;

33

�REDEN DES AMERIKANISCHEN BOTSCHAFTERS
VERNON A. WALTERS
Nr. 40, 1. November 1989
Amerikanische Präsenz in Europa im Zeitalter von Glasnost und
Perestrojka
- Rede vor der Gesellschaft für Auslandskunde, 30. Oktober 1989 Nr. 46, 20. Dezember 1989
Partnerschaft und Wettbewerb; Die Wirtschaftsbeziehungen zwischen
den Vereinigten Staaten von Amerika und der Europäischen Gemeinschaft
Rede vor dem Industrie-Club e.V., dem Harvard Club Rhein-Ruhr und der
Deutsch-Amerikanischen Vereinigung Steuben-Schurz in Düsseldorf, 5.
Dezember 1989

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                <text>&lt;strong&gt;1. Sicherheitspolitik&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Maresca: Prämissen der Vergangenheit müssen überprüft werden&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede des Chefunterhändlers bei den VSBM-Verhandlungen&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Die Zeit ist reif für Dialog über Militärdoktrinen&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Broschüre der ACDA zum VSBM-Seminar&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Themenindex 1989&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt; (Zweites Halbjahr)&lt;/em&gt;</text>
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dienet

Herausgeber: U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

Z12462C

SONDERDIENST

10. Januar 1994

AUSSENPOLITIK

CLINTON UNTERSTREICHT ENGAGEMENT
DER VEREINIGTEN STAATEN FÜR EUROPA
Rede des Präsidenten in Brüssel

MILITÄRISCHE SICHERHEIT DER USA
ENG MIT DER EUROPAS VERBUNDEN
Vom Vizepräsidenten anstelle von
Präsident Clinton gehaltene Rede

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Deichmanns Aue 29
D 53170 Bonn

Tel.:0228-339 23 72
Fax:0228-3341 02

�AUSSENPOLITIK
10. Januar 1994

CLINTON UNTERSTREICHT ENGAGEMENT DER
VEREINIGTEN STAATEN FÜR EUROPA
Rede des Präsidenten in Brüssel
BRÜSSEL - (AD) - In einer am 9. Januar 1994 gehaltenen außenpolitischen Grundsatzrede erklärte Präsident
Clinton, er sei nach Europa gereist, "um zu erklären und zu demonstrieren, daß Europa von zentralem Interesse
für die Vereinigten Staaten bleibt".
Es sei an der Zeit, "unsere Partnerschaft wiederzubeleben und in einer Ära historischen Wandels eine neue
Sicherheit zu definieren", äußerte er vor einer aus Angehörigen vieler Nationalitäten bestehenden Gruppe
zukünftiger Europapolitiker in Brüssel.
"Die neue Sicherheit muß in der europäischen Intergration liegen - einer Integration von Sicherheitskräften,
Marktwirtschaften und nationalen Demokratien", stellte er fest.
Die neue Sicherheit muß ihm zufolge drei Elemente umfassen - militärische Stärke und Kooperation, lebhaftere Wirtschaftstätigkeit und die "Unterstützung der in den ehemals kommunistischen Staaten aufkeimenden
Verbreitung von Demokratie und Freiheit des einzelnen".
Vielen Dank, Herr Ministerpräsident, Herr Bürgermeister, meine sehr verehrten Damen und Herren, es ist
mir eine große Freude, mit dem Ministerpräsidenten
und vielen zukünftigen führenden Politikern Europas in
diesem großartigen historischen Saal sein zu dürfen.

Fürunsere transatlantische Partnerschaft ist ein neuer
Tag angebrochen: Der Kalte Krieg ist vorüber, Deutschland ist vereinigt, die Sowjetunion existiert nicht mehr,
und in Rußland herrscht eine konstitutionelle Demokratie. Das Gespenst, das unsere Bürger jahrzehntelang verfolgte - durch das "Fulda Gap" einrollende
Ich kam zum ersten Mal als junger Mann nach Brüssel, Panzer oder die Vernichtung durch eine Atombombe zu einer ganz anderen, aber schwierigen Zeit, als dieses Gespenst ist Gott sei Dank verschwunden. Ihre
unser aller Zukunft in Unsicherheit lag. Es ist ange- Generation ist der Nutznießer dieses wundervollen
bracht, daß meine erste Europareise in meiner Eigen- Wandels.
schaft als Präsident der Vereinigten Staaten das Ziel
verfolgt, eine bessere Zukunft für die jungen Men- Letztlich ist der Eiserene Vorhang von innen her verroschen in Europa und den Vereinigten Staaten aufzu- stet und wurde durch die Entschlossenheit mutiger
bauen und daß meine Reise hier in Belgien beginnt. Männer und Frauen zu Fall gebracht, die in Freiheit
Als großartige Hauptstadt und Hauptquartier der NATO leben wollen - Polen und Tschechen, Russen, Ukraiund der Europäischen Union waren Brüssel und Bel- nerund Balten - all jenen, die verstehen, daß weder die
gien seit langem der Mittelpunkt einer stetigen Ent- Wirtschaftsordnung noch das Gewissen aufoktroyiert
wicklung Europas zu größerer Sicherheit und ver- werden können.
mehrtem Wohlstand.
Ihre heroischen Anstrengungen waren jedoch - und
An diejenigen gerichtet, die etwas über meine Person das ist ebenso wichtig - nicht zuletzt deshalb von Erfolg
wissen: Ich stehe seit nahezu 40 Jahren in der Schuld gekrönt, weil wir nie in unserer Entschlossenheit nachdieses Landes, denn es war ein Belgier - Adolf Sax - ließen, weil die zur Abschreckung dienenden Waffen
der das Saxophon erfand.
nie verschwanden und die Botschaft der Demokratie
immer zu hören war.
Ich bin zu diesem Zeitpunkt hierher gekommen, weil
ich der Ansicht bin, daß es an der Zeit ist, unsere Während der Osten eine neue Geburt der Freiheit
Partnerschaft wiederzubeleben und in einer Ära histo- erlebt, ist hier in Westeuropa einer der großen Siege
rischen Wandels eine neue Sicherheit zu definieren. der Freiheit sichtbar-derfriedliche Zusammenhalt von
Sonderdienst 1

Seite 1

�Nationen, die jahrhundertelang in Konflikt standen.
Dieser Wandel wurde durch weitblickende Politiker wie
Monnet, Schumann, Spaak und Marshall herbeigeführt, die wußten, daß moderne Nationen ihre Zukunft
eher durch Zusammenarbeit als durch Eroberungen
bereichern können.

Das ist meine Einschätzung der Realität. Wir haben
während des Kalten Krieges der Geschichte gut gedient. Jetzt ruft uns die Geschichte erneut, damit wir
die neuen Errungenschaften der Freiheit in einen
umfassenderen und dauerhafteren Frieden umwandeln und konsolidieren. Wir müssen eine neue Sicherheit für Europa aufbauen. Die alte Sicherheit basierte
Meine Administration unterstützt die Europäische Union auf der Verteidigung unseres Blocks gegen einen
und die Entwicklung gestärkter europäischer Institutio- anderen Block. Die neue Sicherheit muß in der euronen zur Verfolgung eines gemeinsamen Ziels und päischen Integration wurzeln - einer Integration von
gemeinsamer Aktionen. Wir sind uns bewußt, daß ein Sicherheitskräften, Marktwirtschaften und demokratistarker, gleichberechtigter Partner für uns von größe- schen Nationen. Ziel meiner Europareise ist es, beim
rem Vorteil ist als ein schwacher.
Übergang dieser Bewegung zur Integration behilflich
zu sein und Ihnen zu versichern, daß Amerika hierbei
Der Zusammenbruch des sowjetischen Imperiums
ein starker Partner sein wird.
und die westeuropäische Integration sind die beiden
größten Errungenschaften für den Frieden in der letz- Die Völker, die die Fesseln des Kommunismus abten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Wir alle ernten die schüttelten, befinden sich jetzt in einem Wettlauf zwiFrüchte dieser Entwicklungen. Zudem haben nach schen Verjüngung und Verzweiflung. Das Ergebnis
dem Ende des Kalten Krieges und trotz der weltweiten wird die Sicherheit jeder Nation im transatlantischen
Rezession, die Ihre Zukunft verdunkelt, all unsere Bündnis beeinflussen. Zur Zeit findet dieser Wettlauf
Nationen jetzt die Chance, lange aufgeschobene Schritte vom Balkan bis Zentralasien statt. Auf einer Rennbahn
zur wirtschaftlichen und sozialen Erneuerung zu unter- befinden sich die Nachkommen des Zeitalters der
nehmen. Meine eigene Nation hat einen Anfang Aufklärung, die die Errungenschaften der Freiheit durch
gemacht: Wir haben unsere Wirtschaft in Ordnung den Aufbau freier Volkswirtschaften, offener Demogebracht, unser Haushaltsdefizit abgebaut, in unsere kratien und toleranter Gesellschaften konsolidieren
Menschen investiert, Arbeitsplätze geschaffen und wollen. Ihre Gegner sind die grimmigen Anwärter auf
eine wirtschaftliche Wiederbelebung eingeleitet, die den dunklen Thron der Tyrannei - die militanten Natiohoffentlich nicht nur den Vereinigten Staaten von Nutzen nalisten und Demagogen, die überkommenes Mißsein wird, sondern auch allen anderen Nationen.
trauen schüren und die Härten der Erneuerung zur
Schau stellen, um die Versprechungen der Reformen
Wir stellen uns auch einigen der sozialen Probleme in
zu verschleiern.
unserem Land, die wir viel zu lange ignoriert haben:
Der Herausforderung, eine Gesundheitsfürsorge für Keiner von uns kann es sich leisten, bei diesem
alle bereitzustellen, die Kriminalität auf unseren Stra- Wettlauf lediglich als Zuschauer zu fungieren. Zuviel
ßen zu bekämpfen und die Bedürfnisse unserer armen steht auf dem Spiel. Halten Sie sich folgendes vor
Kinder zu befriedigen. Wir haben eine wirklich multi- Augen: Die kommenden Monate und Jahre entscheikulturelle Gesellschaft. In einem unserer Landkreise den vielleicht darüber, ob das russische Volk die
leben Angehörige von über 150 verschiedenen natio- friedliche Entwicklung von Demokratie und Marktwirtnalen und ethnischen Gruppen. Aber wir arbeiten am schaft fortsetzt oder aus Frustration Politikerwählt, die
Aufbau einer amerikanischen Gemeinschaft für das in Autoritarismus und Imperialismus zurückfallen. Diese
21. Jahrhundert.
Zeit entscheidet vielleicht darüber, ob die Nachbarn
Rußlands in Freiheit leben und sich der Gruppe atomGemeinsam mit der Europäischen Union haben wir
waffenfreier Staaten anschließen oderunter den Belakürzlich der Welt zu einem neuen GATT-Abkommen
stungen der Reformen zusammenbrechen und an
verholten, das in allen Ländern Millionen neuer ArWaffen festhalten, die das Risiko eines nuklearen
beitsplätze schaffen wird. Es wäre in vielerlei Hinsicht
Unfalls oder Ablenkungsmanövers erhöhen.
einfach, Ihnen lediglich eine Botschaft der Freude zu
übermitteln, ein Loblied auf unser gemeinsames Erbe Diese Zeit entscheidet vielleicht, ob die Nachfolgezu singen, zu frohlocken, daß unsere Arbeit für den staaten der ehemaligen Sowjetunion in das Gefüge
Frieden belohnt worden ist, und uns über die derzeiti- des transatlantischen Wohlstands und der Sicherheit
gen wirtschaftlichen Fortschritte zu freuen. Dies ist eingegliedert oder aber isoliert und im Stich gelassen
jedoch nicht der geeignete Zeitpunkt, uns selbst zu werden, während sie mit denselben beängstigenden
beglückwünschen. Wir werden zweifellos mit genü- Veränderungen konfrontiert sind, mit denen sich so
gend Herausforderungen konfrontiert, um als wirkliche viele Staaten in Europa auseinandersetzen.
Partner zu handeln, was bedeutet, daß wir unsere
Lasten teilen, anstatt nur über unsere Triumphe zu Diese bahnbrechenden Entscheidungen müssen letztsprechen. Und wir sollten ehrlich unsere Ansichten lich von den Völkern getroffen werden, die das Joch
darüber darlegen, was wir erreicht haben und was wir des Kommunismus abwarfen. Sie müssen die Entnoch erreichen sollten.
scheidungen über ihre Zukunft selbst treffen. Wir im

Seite 2

Sonderdienst 1

�Warum behalten Sie die Präsenz in Europa bei? Wie
können Sie diese Kosten rechtfertigen, wo wir im
eigenen Land so viele Probleme haben? Wir haben
das nach dem Ersten Weltkrieg ausprobiert. Dieses
Diese Aufgabe erfordert stetige und geduldige An- Jahr hat das amerikanische Volk jedoch seine Widerstrengungen, die von einer auf die gesamteuropäische standsfähigkeit gegen den Sirenengesang eines weltIntegration abzielenden Strategie geleitet werden. Sie weiten Rückzugs unter Beweis gestellt. Wir taten das,
erfordert auch ein gewisses Maß an Bescheidenheit - als der Kongreß dem Nordamerikanischen Freihandie Erkenntnis, daß wir nicht jedes Ereignis in jedem delsabkommen zustimmte, sich dafür aussprach, daß
Land zu jedem Zeitpunkt unter Kontrolle haben kön- Amerika in der Weltwirtschaft konkurriert, anstatt sich
nen. Wenn wir jedoch zur Annahme der zentralen zurückzuziehen. Und wir taten das, als wir Europa und
Herausforderung bereit sind, können wir nicht nur die anderen die Hand reichten, mit der Europäischen
Nationen des Ostens, sondern auch unsere transat- Union zusammenarbeiteten und die Welt zur Annahlantische Partnerschaft neubeleben.
me eines neuen GATT-Abkommens über den Welthandel führten.
In den vergangenen 50 Jahren hat die transatlantische
Gemeinschaft nur die Hälfte der Versprechungen des Ich bin heute hierhergekommen, um zu erklären und
im Zweiten Weltkrieg errungenen Sieges über den zu demonstrieren, daß Europa von zentralem InteresFaschismus umgesetzt. Die andere Hälfte lag hinter se für die Vereinigten Staaten bleibt und wir in Zusamder Europa trennenden Mauer brach. Jetzt haben wir menarbeit mit unseren Partnern die vor uns liegenden
die Chance, die vollen Versprechungen der europä- Chancen ergreifen werden.
ischen Siege ohne ihre großen Enttäuschungen zu
verwirklichen: Die Normandie ohne Jalta, die Befrei- Zweifellos ist unser Engagement nicht einzig und allein
ung Belgiens und der Niederlande ohne die Berlin- auf Europa gerichtet - wir müssen uns auch LateinBlockade.
amerika und Asien zuwenden, die sowohl für die Vereinigten Staaten als auch für Europa von zunehmenWährend des vergangenen halben Jahrhunderts war der Bedeutung sind. Unsere Bande zu Europa werden
die transatlantische Sicherheit vorrangig von derdurch anders sein als in der Vergangenheit, aber mißversteunsere Streitkräfte bereitgestellten Abschreckung hen Sie mich nicht: Die Beziehungen zwischen den
abhängig. Jetzt besteht die unmittelbare Bedrohung Vereinigten Staaten und Europa sind einzigartig. Unsere
im Osten nicht in vorrückenden Armeen, sondern in beiden Länder haben den festen Glauben, daß Gott
schleichender Instabilität. Die Abwehr dieser Bedro- uns mit unveräußerlichen Rechten ausgestattet hat,
hung erfordert nicht nur militärische Sicherheit, son- und wir sind überzeugt, daß der Staat mit unserer
dern auch die Förderung des demokratischen und Zustimmung nur existiert, um Freiheit, Sicherheit und
wirtschaftlichen Erneuerungsprozesses. Zusammen- Wohlstand für jeden einzelnen von uns zu fördern. Das
genommen stellen diese Kräfte das stärkste Bollwerk ist in der heutigen Welt immer noch eine radikale Idee.
gegen die Europa derzeit konfrontierenden Gefahren Sie wurde von Locke und Montesquieu entwickelt, in
dar - ethnische Konflikte, Menschenrechtsverletzun- meinem Land von Jefferson und Madison umgesetzt,
gen, destabilisierende Flüchtlingsströme, das Entste- hat Tyrannen gestürzt und Millionen an die Küsten
hen aggressiver Regime und die Weiterverbreitung unseres Landes geführt.
von Massenvernichtungswaffen.
Über drei Jahrhunderte haben die familiären Bande
Die Integration des ehemals kommunistischen Blocks zwischen den Vereinigten Staaten und Europa den
in Eu ropa wird ein allmählicher und oftmals schwieriger Handel zwischen unseren Ländern gefördert, und Sie
Prozeß sein, wie die von Deutschland unternomme- bleiben unser wertvollster Partner, nicht nur in der
nen mutigen Anstrengungen beweisen. Und wir dür- Sache von Demokratieund Freiheit, sondern auch was
fen nicht vergessen, daß diese Gelegenheit - wie alle Handel und Investitionen betrifft.
großen Chancen - verpaßt werden kann. Wir dürfen
jetzt nicht zulassen, daß der Eiserne Vorhang durch Vor allen Dingen bleibt Europa aber der Kern unserer
einen Schleier der Gleichgültigkeit ersetzt wird. Denn Sicherheit. Aus diesem Grund ist Amerika weiterhin
die Geschichte wird das Urteil über uns sprechen, wie entschlossen der Sicherheit und Stabilität Europas
sie diejenigen mit Verachtung gestraft hat, die zwi- verpflichtet. Aus diesem Grund habe ich auf die
schen den beiden Weltkriegen den Isolationismus Einberufung des dieswöchigen NATO-Gipfels gedrängt.
predigten, und wie sie nach dem Zweiten Weltkrieg die Aus diesem Grund setze ich mich für die fortdauernde
mutigen Architekten der transatlantischen Gemein- Präsenz von 100.000 amerikanischen Soldaten in
schaft gepriesen hat.
Europa im Einklang mit dem ausdrücklichen Wunsch
unser Verbündeten hier ein. Es ist nicht Gewohnheit,
Nach dem Ende des Kalten Krieges haben einige, mit sondern Sicherheit und Partnerschaft, die dieses forteinem kurzen Gedächtnis ausgestattete Menschen in gesetzte Engagement der Vereinigten Staaten rechtAmerika uns aufgefordert, unsere Sachen zu packen fertigen.
und nach Hause zu gehen. Ich werde oft gefragt:

Westen können ihnen jedoch zweifellos dabei helfen,
und wir müssen den politischen Willen hierzu aufbringen.

Sonderdienst 1

Seite 3

�Und ebenso wie wir in Partnerschaft mit Europa jede
sicherheitspolitische Herausforderung dieses Jahrhunderts angegangen sind, ist jetzt für uns die Zeit gekommen, gemeinsam eine neue Sicherheit für das 21.
Jahrhundert aufzubauen, für ein Jahrhundert, in dem
die meisten von Ihnen den Großteil Ihres Lebens
verbringen werden. Die neue Sicherheit muß darauf
abzielen, ein größeres Europa durch die starken Bande
militärischer Zusammenarbeit, prosperierender Marktwirtschaften und lebensfähiger Demokratien zu verknüpfen.

Grund habe ich die Partnerschaft für Frieden vorgeschlagen.

Diese Partnerschaft wird einen Evolutionsprozeß für
die offizielle Erweiterung der NATO fördern. Sie ist auf
den Tag ausgerichtet, an dem die NATO neue Mitglieder aufnimmt, die die uneingeschränkte Verantwortung des Bündnisses übernehmen. Sie wird einen
Rahmen schaffen, in dem sich die ehemals kommunistischen Staaten und andere Nichtmitglieder der NATO
gemeinsam mit den NATO-Mitglied Staaten an militärischer Planung, Ausbildung, Übungen und anderen
Ich möchte kurz jedes dieser Elemente ansprechen. Bestrebungen beteiligen können. Diese Partnerschaft
Der erste und wichtigste Bestandteil unserer Sicher- wird neue Bande der Kooperation unter den Militärs
heit muß militärische Stärke und Zusammenarbeit des Ostens und Westens schmieden. Sie wird die
sein. Der Kalte Krieg ist vorüber, der Krieg an sich Entwicklung von Demokratien und demokratischen
jedoch nicht. Wie wir alle wissen, wütet erzurZeit nicht Praktiken wie die Achtung der Menschenrechte und
nur in entfernten Ländern, sondern mitten hier in zivile Kontrolle über Streitkräfte verstärken. Sie kann
Europa im ehemaligen Jugoslawien. Dieser mörderi- der NATO neue Instrumente für die Reaktion auf
sche Konflikt erinnert uns daran, daß Streitkräfte selbst ethnische Instabilität und andere Gefahren unseres
nach dem Ende des Kalten Krieges von Bedeutung Zeitalters an die Hand geben.
sind. Er enthüllt auch die Schwierigkeiten, bei Konflikten innerhalb oder zwischen Staaten Streitkräfte ein- Der Einsatz der NATO-Streitkräfte bei solchen Missiozusetzen. Und er lehrt uns, daß es am besten ist, nen wird stets in Erwägung gezogen und muß von Fall
rechtzeitig zu handeln, um Konflikte zu verhindern, die zu Fall entschieden werden. Der morgige Gipfel wird
wir später nicht mehr unter Kontrolle bringen können. uns jedoch in eine bessere Position für solche Entscheidungen versetzen, damit wir sie frühzeitig und
Bei unseren Bestrebungen zur Beendigung dieser klug treffen können.
Tragödie und Milderung des Leidens ihrer Opfer müssen
wir auch unsere Sicherheitsinstitutionen verändern, Die Partnerschaft für Frieden wird die grundlegende
damit sie besser mit solchen Konflikten umgehen und Aufgabe der NATO zur Verteidigung des NATO-Terridie europäische Integration fördern können. Hierbei toriums gegen einen Angriff nicht ändern. Wir können
spielen viele Institutionen eine Rolle, einschließlich der es uns nicht leisten, diese Mission aufzugeben, solanEuropäischen Union, der Westeuropäischen Union, ge der Traum von einem Imperium noch in den Köpfen
des Europarats, der KSZE und der Vereinten Natio- einiger geistert, die sich nach einer grausamen Vernen. Die NATO, das größte Militärbündnis der Ge- gangenheit zurücksehnen. Wir können es uns jedoch
schichte, muß im Mittelpunkt dieses Prozesses ste- auch nicht leisten, eine neue Linie zwischen Ost und
West zu ziehen, die eine künftige Konfrontation herhen.
aufbeschwören könnte.
Nur die NATO verfügt über die Streitkräfte, das integrierte Kommando, die u mf assende Legitimierung und Diese Partnerschaft öffnet die Tür zu Kooperation mit
die gewohnheitsmäßige Zusammenarbeit, die zur allen ehemaligen Gegnern der NATO, einschließlich
Aufnahme neuer Mitglieder und Reaktion auf neue Rußlands, der Ukraine und den anderen neuen unabHerausforderungen unabdingbar sind. Eine der tief- hängigen Staaten auf der Grundlage der Überzeugreifendsten Umwälzungen innerhalb des transatlanti- gung, daß die Grenzen der Freiheit jetzt durch ein
schen Bündnisses während der vergangenen 50 Jahre neues Verhatten und nicht die alte Geschichte definiert
fand statt, weil die Streitkräfte unserer respektierten werden müssen.
Nationen immer zusammen ausgebildet wurden, zuAllen in Europa und den Vereinigten Staaten, die nur in
sammen übten und marschierten. Aber nicht nur die
Europa eine neue Linie etwas weiter im Osten ziehen
Kompatibilität unserer Waffen, sondern auch der
wollen, sage ich, daß wir die Möglichkeit der besten
Kameradschaftsgeist unserer Krieger bildeten den
Zukunft für Europa nicht ausschließen sollten, die in
Lebensnerv unserer wechselseitigen Sicherheitsga- Demokratie, Marktwirtschaften und Kooperation für
rantie und unsere größte Hoffnung auf Frieden.
wechselseitige Sicherheit in allen Ländern besteht.
Vor zwei Jahren begannen unsere Nationen, die NATO
mit der Gründung des Nordatlantischen Kooperationsrats an dieses neue Zeitalter anzupassen. Er bezieht
den gesamten ehemaligen Sowjetblock sowie die 16
Mitgliedstaaten der NATO ein. Jetzt ist es an der Zeit,
über diesen Dialog hinauszugehen und eine funktionierende Partnerschaft zu schmieden. Aus diesem
Seite 4

Wir können uns gegen eine weniger gute Zukunft
wappnen, aber wir sollten die beste Zukunft für Sie und
Ihre Generation anstreben.
Die NATO kann darüber hinaus am besten zur Bewältigung der neuen sicherheitspolitischen Herausforderungen Europas beitragen, wenn sie mehrzur Eindämmung der Verbreitung von MassenvernichtungswafSonderdienst 1

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�fen unternimmt. Offen gesagt ist dies eine der schwierigsten uns konfrontierenden Aufgaben. Die Eindämmung der Verbreitung dieser Waffen und ihrer Trägersysteme wird enge Zusammenarbeit, Aufrichtigkeit
und Disziplin sowie die Bereitschaft derjenigen erfordern, die sie jetzt aufgrund des unmittelbaren finanziellen Gewinns nicht aufbringen.

der Öffentlichkeit für eine progressive Außenpolitik
und größere Integration unterminiert. Unsere jeweiligen Bestrebungen zur Wiederbelebung unserer Volkswirtschaften sind aus diesem Grund nicht nur für
unseren Lebensstandard von Bedeutung, sondern auch
für unsere kollektive Stärke. Und beide werden Ihre
Zukunft und die Ihrer Kinder gestalten.

Die Gefahr ist eindeutig und allgegenwärtig. Zunehmende Raketenfähigkeiten bringen einen größeren
Teil Europas in die Reichweite verbrecherischer Staaten wie Iran und Libyen. Wir erhalten beunruhigende
Berichte über Bestrebungen, Nuklearmaterial nach
und aus Osteuropa zu schmuggeln. Und dieser nach
Osten blickende Gipfel wird uns die Chance bieten, die
Gefahr auf unserem eigenen Territorium in Angriff zu
nehmen.

Wir müssen rasch vorgehen, um das GATT-Abkommen umzusetzen. Wir müssen jedoch auch gemeinsam und voneinander lernen, um umfassendere und
mutigere Anpassungen an diese neue globale Wirtschaft vorzunehmen.

Das zweite Element der neuen Sicherheit, die wir
aufbauen, muß größere wirtschaftliche Vitalität sein ein Thema, das meines Erachtens von unmittelbarer
Bedeutung für Sie ist. Wir müssen auf florierende und
offene Marktwirtschaften aufbauen, die Triebfedern,
die uns während der letzten Jahrzehnte in Europa und
den Vereinigten Staaten den größten Wohlstand in der
Geschichte der Menschheit beschert haben.
Unser gemeinsamer Erfolg beim Abschluß eines neuen
GATT-Abkommens krönte sieben Jahre währende
Bestrebungen zur Ausdehnung des Wohlstands auf
alle Handelsnationen. Wir müssen jetzt eine Folgetagesordnung für das GATT definieren, die sich auf die
Erneuerung moderner Volkswirtschaften und die
Ausbreitung des Wohlstands auf die Nationen in unserem Osten konzentriert, die den schwierigen Übergang zur Marktwirtschaft vollziehen.
Erstens ist die Erneuerung unserer eigenen Volkswirtschaften entscheidend. Wenn wir nicht Arbeitsplätze
schaffen und die Einkommen in Europa, den Vereinigten Staaten und Japan - den fortschrittlichen Ländern
der Welt - erhöhen, wird es für diese Völker - all unsere
Nationen - schwierig sein, weiterhin eine Politik des
Engagements für die übrige Wert zu unterstützen.
Die Nationen der Europäischen Union sehen sich mit
besonders ernsthaften wirtschaftlichen Herausforderungen konfrontiert, angesichts nahezu 20 Millionen
Arbeitslosen und, im Falle Deutschlands, der außerordentlich hohen Kosten der Vereinigung. All unsere
Nationen mußten gegen die unruhigen Kräfte dieser
neuen globalen Wirtschaft und gegen den Wettbewerb
kämpfen, der durch Niedriglohnländer oder Technologien verursacht wird, dank derer wir mit weniger Arbeitnehmern mehr produzieren können - aber es gibt keine
neue Technologie, die neue Arbeitsplätze für die Entlassenen bereitstellt. Das ist nicht nur für Europa ein
Problem, sondern auch für die Vereinigten Staaten
und jetzt auch für Japan.
Unter den atlantischen Nationen hat die wirtschaftliche
Stagnation zweifelsohne die finanzielle Unterstützung
Sonderdienst 1

Wir Amerikaner haben in Bereichen wie beruflicher
Bildung und Lehre sowie den Wechsel von der Schule
zu gutbezahlten Arbeitsplätzen viel von Europa zu
lernen und dabei gleichzeitig die von der Wirtschaft
geforderten neuen Qualifikationen zu erarbeiten. Wir
haben jedoch vielleicht bei der Flexibilität unserer
Arbeitsplatzstruktur und unserer Fähigkeit zur Schaffung von Arbeit und neuen beruflichen Möglichkeiten
auch etwas zu geben. Dies ist ein Bereich, in dem wir
nützliche Lektionen voneinander lernen können. Und
aus diesem Grund bin ich erfreut, daß unsere führenden Minister im März die von mir im vergangenen Juli
vorgeschlagene Arbeitsplatzkonferenz abhalten werden. Wir müssen nur noch herausfinden, wie wir mehr
Arbeitsplätze schaffen und diejenigen belohnen können, die härterund konstruktiverarbeiten. Dies ist die
Grundlage für alle anderen Verhaltensweisen, die wir
fördern wollen, um weiterhin in unseren Ländern und
der übrigen Welt engagiert zu sein.
Während wir auf die Stärkung unserer Volkswirtschaften hinarbeiten, müssen wir uns jedoch vor Augen
harten, daß wir unserem eigenen Wohlstand und unserer
Sicherheit dienen, indem wir zum Prosperieren der
neuen Marktwirtschaften in der Osthälfte Europas
beitragen. Erfolgreiche Marktreformen in diesen Staaten werden den Demagogen der Region den Wind aus
den Segeln nehmen. Sie werden zur Entschärfung
ethnischer Spannungen beitragen. Sie werden den
neuen Demokratien helfen, Fuß zu fassen. Sie liegen
auch in unserem langfristigen Interesse, denn wir
haben gelernt, daß wohlhabende Nationen nicht reicher werden können, solange sie nicht Abnehmer
jenseits ihrer Grenzen für ihre Waren und Dienstleistungen haben.
Die kurzfristigen Schwierigkeiten der Einbeziehung
Osteuropas in unser Wirtschaftsbündnis werden sich
in vielfältigerweise bezahlt machen, wenn diese Staaten morgen zu Abnehmern der Waren und Dienstleistungen Westeuropas werden. Aus diesem Grund
haben wir uns zu Beginn der Amtszeit dieser Administration zu einer beträchtlichen Aufstockung unserer
Unterstützung für Marktreformen in den neuen Staaten der ehemaligen Sowjetunion verpflichtet und unsere Hilfe für die wirtschaftliche Umgestaltung Mittel-und
Osteuropas fortgesetzt.

Seite 5

�Letztlich wird der Erfolg der Marktreformen für den
Osten mehr von Handel als Hilfsleistungen abhängen.
Keiner von uns hat genug Geld, um die Zukunft dieser
Länder auf ihrem Weg zu freien Marktwirtschaften
maßgeblich zu beeinflussen. Wir können ihnen nicht
genug Hilfe geben, um sie zu gleichberechtigten Partnern zu machen. Sie müssen wachsen und ihren Weg
zu einer vollwertigen Partnerschaft mit uns erarbeiten.
Aus diesem Grund sollte eine unserer Prioritäten im
Abbau von Handelsschranken in den ehemals kommunistischen Ländern bestehen. Es wäre wenig sinnvoll, einerseits ihren Marktreformen zu applaudieren
und ihnen andererseits nur begrenzten Zugang zu
unseren Märkten anzubieten. Das hieße, jemanden
auf ein Schloß einzuladen und sich zu weigern, die
Zugbrücke herunterzulassen. Die Vereinigten Staaten
haben bereits viele Hemmnisse des Kalten Krieges für
Produkte aus diesen Ländern beseitigt. All unsere
Nationen müssen weitere Wege finden, um unserem
Beispiel zu folgen. Der wirtschaftliche Erfolg dieser
Staaten kann einfach nicht von unserer eigenen Erneuerung und Sicherheit getrennt werden.
Im Jahr 1931 stellte ein bemerkenswerter britischer
politischer Karikaturist die Vereinigten Staaten und
Europa in einem Ruderboot dar. Am hinteren Ende
des Bootes, an dem die östlicheren Mächte Europas
saßen, war ein großes Leck, und das Boot sank rasch.
Am vorderen Ende, wo die Vereinigten Staaten und
Westeuropa saßen, war es noch an der Wasseroberfläche - das Boot sank mit dem Heck zuerst. Und eine
der Personen an unserem Ende des Bootes sagte:
"Gott sei Dank - das Leck ist nicht an unserem Ende
des Bootes." Schließlich sank das ganze Boot. Das
wird wieder geschehen, wenn wir nicht zusammenarbeiten. Die westliche Hälfte Europas kann zweifelsohne - wie die Geschichte belegt - nicht lange sicher sein,
wenn die östliche Hälfte weiterhin in Aufruhr ist.
Das dritte und letzte Gebot dieser neuen Sicherheit
besteht in der Unterstützung der in den ehemals
kommunistischen Staaten aufkeimenden Verbreitung
von Demokratie und Freiheit des einzelnen. Der Erfolg
dieser demokratischen Reformen kann uns allen mehr
Sicherheit geben, weil Demokratien normalerweise
keinen Krieg gegeneinander führen und nicht ihr Wort
brechen. Demokratische Regierungen nähren eine
bürgerliche Gesellschaft, Respektierung der Menschenrechte und schlichte Toleranz. Die demokratischen
Werte im Herzen unserer westlichen Gemeinschaft
sind auch unsere beste Antwort auf durch das Ende
des Kalten Krieges freigesetzten aggressiven Nationalismus und ethnischen Haß.
Wir in der transatlantischen Gemeinschaft müssen
uns dem Erfolg der Demokratie in allen ehemals
kommunistischen Staaten verschreiben, die unmittelbare Nachbarn Westeuropas sind, weil ihre Sicherheit
unsere Sicherheit betrifft. Nirgendwo ist der Erfolg der
Demokratie wichtiger für uns alle als dort und dann in
Seite 6

Rußland. Ich möchte wiederholen, in Rußland - wenn
die Nation sich weiterhin zu einer marktwirtschaftlich
orientierten Demokratie entwickelt, die zufrieden in
ihren Grenzen und in Frieden mit ihren Nachbarn lebt
und ihre Größe anhand der Fähigkeit definiert, alle
Kinder Rußlands ihr volles Potential ausschöpfen zu
lassen - dann wird unsere Rolle im Hinblick auf die
vollständige Integration Europas umfassender, leichter und sicherer. Wie ein ukrainischer Gesetzgeber es
kürzlich formulierte: Wenn Rußland demokratisch ist,
wird Europa ruhig sein.
Die Ergebnisse der jüngsten Wahlen in Rußland und
die Aussagen einiger russischer Politiker haben uns
allen echten Anlaß zur Sorge bereitet. Wir müssen
konsequent Äußerungen der Intoleranz und drohende
Aggression verurteilen. Wir sollten diese Sorgen jedoch auch in ihrem historischen Kontext sehen. Es
sind schließlich erst zwei Jahre seit der Auflösung der
Sowjetunion vergangen. Vor nur zwei Monaten schien
Rußland am Rande eines Bürgerkriegs. Aber seitdem
hat Rußland freie und faire nationale Wahlen abgehalten, das russische Volk hat eine wirklich demokratische Verfassung ratifiziert und die erste postsowjetische Legislative in der Geschichte des Landes gewählt. Und die Regierung verfolgt weiterhin demokratische und wirtschaftliche Reformen.
Die von Rußland begonnene Umgestaltung ist absolut
beeindruckend. Denken Sie nur daran, was das Land
seit 1917 war. Wenn Sie ins 18. Jahrhundert zurückblicken und sich die Geschichte der Nation von damals
bis heute vor Augen führen, ist der Gedanke, da ß diese
Nation ernsthaft demokratische Wahlen abhalten und
die Umgestaltung vornehmen konnte, wirklich beeindruckend. Wir können nicht erwarten, daß sie über
Nacht 75 Jahre der repressiven Führung korrigiert, 75
Jahre der totalitären Politik oder die gesamte nationale
Geschichte, in der es keine Demokratie gab.
Wie in anderen kommunistischen Nationen wird dies
die Arbeit von Generationen sein. Wir in den Vereinigten Staaten befassen uns jetzt seit 200 Jahren damit
und arbeiten immer noch daran, es richtig zu machen.
Wir alle müssen uns bewußt sein, daß es falsche
Entscheidungen und selbst Rückschläge geben wird,
wie es in all unseren Ländern im gesamten Verlauf der
Geschichte der Fall war. Aber solange diese Staaten
ihre Fortschritte zu Demokratie und Respektierung der
Rechte ihres Volkes u nd anderer Völker fortsetzen, die
Rechte ihrer Minderheiten und ihrer Nachbarn verstehen, sollten wir ihre Fortschritte mit beständiger Geduld unterstützen.
Um diese neuen Demokratien zu unterstützen, wenden wir uns an die Basis, damit sie die Institutionen
einer bürgerlichen Gesellschaft aufbaut, von Gemeindearbeitern in der Tschechischen Republik zu freiwilligen Wahlhelfern in Bulgarien. Wir werden femer
Schritte zur Ermutigu ng der Kooperation zwischen den
neuen Demokratien unternehmen. Ebenso wie in
Sonderdienst 1

�Westeuropa nach dem Zweiten Weltkrieg müssen wir
regionale Nachbarn zur Zusammenarbeit gewinnen,
statt uns gegenseitig mißtrauisch zu beobachten.

r

*

Heute können wir das Opfer der hier auf Ihrem Boden
beerdigten Amerikaner ehren, indem wir die Freiheit
erweitem, für die sie kämpften und für deren Erhalt sie
ihr Leben ließen. Der Kampf Ihrer Generation für ein
Die friedliche umfassendere Integration, die wir vollzie- größeres Europa wird nicht gemeinsam an den Stränhen, ist nicht nur ein europäisches Anliegen - ich den oder auf den Ebenen dieses Kontinents gewonwiederhole, sie liegt eindeutig im Interesse der Verei- nen, sondern vielmehr in seinen neuen Parlamenten
nigten Staaten. Meine Nation war begeistert über die und Stadträten, in den Büros und Fabriken seiner
in den vergangenen fünf Jahren erzielten Fortschritte neuen Marktwirtschaften, in den Herzen und Köpfen
der Freiheit auf diesem Kontinent. Und wir sind uns junger Menschen wie vielen der heute hier Anwesendes Tributs wohl bewußt, den Zwistigkeiten in Europa den. Sie haben am meisten von einem im Hinblick auf
letztlich von unserem eigenen Volk fordern.
Sicherheit, Wirtschaft und Demokratie integrierten
Europa zu gewinnen.
Nur wenige Stunden von diesem Ort entfernt liegen die
Gräber von Tausenden Amerikanern, die in zwei gro- Letztlich werden Sie entscheiden müssen, welche Art
ßen Kriegen in Europa ihr Leben ließen. Die Geschich- von Europa Sie wollen und wie hart Sie dafür zu
te hat festgehalten, wo sie gefallen sind - auf den arbeiten bereit sind. Sie sollten jedoch auch wissen,
Schlachtfeldern von Flandern, an den Küsten der daß die Vereinigten Staaten Ihnen in diesem Kampf
Normandie, beider Ardennenschlacht. Wir sollten uns zur Seite stehen werden, wie wir es in den anderen
jedoch auch daran erinnern, warum sie hierherkamen, Schlachten des 20. Jahrhunderts getan haben.
warum sie die Sicherheit ihres Zu hauses verlie ßen, um
in einem fernen Land zu kämpfen. Sie kamen, weil die Ich glaube, daß unsere Freiheit untrennbar ist. Ich
Sicherheit stärker von Dingen abhängt, die weit über glaube, daß wir ein gemeinsames Schicksal haben.
geographische Trennlinien hinausgehen. Unsere Ich glaube, daß das 21. Jahrhundert die aufregendste
Sicherheit hängt von mehr ab als dem Ozean, der uns Zeit sein kann, die Europa und die Vereinigten Staaten
trennt. Sie hängt von der Existenz eines starken, freien je erlebt haben, und unsere Zukunft die reichste und
vielversprechendste einer Generation überhaupt sein
und demokratischen Europa ab.
kann. Wir müssen jedoch daran arbeiten. Ich danke
Ihnen.
* * * * *

Sonderdienst 1

Seite 7

�AUSSENPOLITIK
10. Januar 1994

MILITÄRISCHE SICHERHEIT DER USA ENG
MIT DER EUROPAS VERBUNDEN
Vom Vizepräsidenten anstelle von Präsident Clinton gehaltene Rede
MILWAUKEE - (AD) - "Die militärische Sicherheit der Vereinigten Staaten ist weiterhin so eng wie je zuvor in
unserer Geschichte mit der Europas verbunden", stellte Vizepräsident AI Gore fest.
In einer am 6. Januar 1994 in Milwaukee anstelle von Präsident Clinton gehaltenen Rede erklärte Gore seinen
Zuhörern, die Vorfahren in Rußland, Mittel- und Osteuropa haben, nach dem Ende des Kalten Krieges sei die
Zukunft Amerikas auch weiterhin eng mit der Europas verknüpft. "Wenn Europa kämpft, leiden wir", erklärte er.
"Wenn Europa sicher und frei ist, prosperieren auch wir in den Vereinigten Staaten."
Gore zufolge wird Präsident Clinton auf seiner Europareise vom 8. bis 16. Januar den Staaten Mittel- und
Osteuropas eine Anbindung an die NATO anbieten, die eine zunehmende Integration in die politischen und
wirtschaftlichen Institutionen der atlantischen Gemeinschaft zusichert.
Der Vizepräsident mußte in letzter Minute als Ersatzredner für den Präsidenten einspringen, der bedingt durch
den Tod seiner Mutter in seinen Heimatstaat Arkansas reiste.
Nachfolgend veröffentlichen wir den vom Weißen Haus freigegebenen Text der Rede des Vizepräsidenten im
Wortlaut.

Als der Präsident vor 15 Monaten hier war, sprach er
an jenem Tag im Oktober über die Notwendigkeit einer
durchgreifenden demokratischen nationalen Sicherheitspolitik der Vereinigten Staaten. In zwei Tagen
wird der Präsident zu einer Reihe von Treffen nach
Europa reisen, die dieses Ziel verfolgen. In Brüssel
wird er die Bedeutung unserer wirtschaftlichen und sicherheitspolitischen Bande mit der NATO und Europa
hervorheben. In Prag will er unser entschiedenes
Engagement für die jungen Demokratien in Polen,
Ungarn, der Tschechischen Republik und der Slowakei unterstreichen. Bei seinem Besuch in Moskau wird
er unserer Unterstützung für die demokratischen Reformen in Rußland und andernorts Ausdruck verleihen. Bei seinem Aufenthalt im belarussischen Minsk
will er auf die Bedeutung der von diesem und anderen
Staaten beim Abbau von Atomwaffen erzielten Fortschritte hinweisen.
Vor seiner Abreise ins Ausland zu Gesprächen mit
anderen Staats- und Regierungschefs wollte der Präsident hierherkommen und mit Ihnen erörtern, warum
diese Reise für das amerikanische Volk so wichtig ist.
Der Präsident hat mich gebeten, Ihnen am heutigen
Tag seine Ansichten zu vermitteln, denn zu diesem
Sonderdienst 1

Zeitpunkt der Geschichte steht ganz Europa an einem
Wendepunkt, der große Auswirkungen auf unsere
eigene Sicherheit und unseren Wohlstand hat.
Aus diesem Grund legen der Präsident und ich so
großen Wert darauf, daß sich unsere Administration
stark auf Europa, insbesondere Mittel- und Osteuropa
sowie Rußland konzentriert. Dem Wunsch des Präsidenten entsprechend führte mich meine erste Auslandsreise in meiner Eigenschaft als Vizepräsident
nach Polen. Heute sind mindestens zwei derjenigen
anwesend, die mich bei dieser Gelegenheit begleiteten. Während meines Aufenthalts in Polen führte ich
intensive Gespräche mit Präsident Walesa und besuchte zusammen mit ihm eine Morgenandacht in
seiner Privatkapelle.
Letzten Monat reiste ich nach Ungarn, wo ich in
Budapest mit der neuen Regierung zusammentraf.
Auf dieser Eu ropareise führte ich auch auf Wunsch des
Präsidenten ein langes Gespräch unter vier Augen mit
dem ukrainischen Präsidenten Krawtschuk. Seit
unserem Amtsantritt sind der Präsident und ich mit
nahezu allen führenden Politikern der Staaten Mittelund Osteuropas zusammengetroffen sowie mit vielen

Seite 1

�Staats- und Regierungsoberhäuptern der Republiken
der ehemaligen Sowjetunion, da Präsident Clinton
großen Wert auf den Beitrag unserer Nation zu dem
positiven Wandel legt, der zur Zeit stattfindet und
fortgeführt werden muß.
Wir leben in einer Zeit erstaunlicher Veränderungen.
Nachdem wir während des Kalten Krieges ein halbes
Jahrhundert lang gegenüber der sowjetischen Aggression hart geblieben sind, ist der Kalte Krieg plötzlich
vorüber und die Sowjetunion existiert nicht mehr.
Nachdem wir jahrzehntelang für die Versöhnung zwischen Schwarzen und Weißen in Südafrika sowie
zwischen Arabern und Juden im Nahen Osten gebetet
haben, sind wir plötzlich Zeugen eines hoffnungsvollen
Händedrucks, auf den sich die Augen der ganzen Welt
richten. Nachdem wir jahrzehntelang von der Freiheit
versklavter Nationen geträumt und darauf hingearbeitet haben - viele von Ihnen aus ganzem Herzen - sind
diese Staaten plötzlich frei, und in ganz Europa entstehen neue Demokratien. Der Präsident hat mir mitgeteilt, er freue sich außerordentlich, wieder mit einigen
dieser Helden der Demokratie zusammenzutreffen,
beispielsweise Vaclav Havel und Lech Walesa.

davonzulaufen. Was hat uns das gebracht? Eine
Depression und einen weiteren schrecklichen Krieg.
Und was hat es uns gebracht, daß wir uns nach dem
Zweiten Weltkrieg an der Weltpolitik beteiligten?
Jahrzehnte von Sicherheit und Wohlstand. Und wir
müssen wieder so handeln.

Während des Präsidentschaftswahlkampfes haben
der Präsident und ich erklärt, unsere Außenpolitik
werde sich auf wirtschaftliche Erneuerung, starke
Verteidigung und die Förderung von Demokratie in
Übersee stützen. Im vergangenen Jahr haben wir bei
der Erreichung dieser Ziele Fortschritte gemacht.
Natürlich haben wir als erstes unser wirtschaftliches
Haus wieder in Ordnung gebracht, denn ohne eine
starke Wirtschaft können wir im Ausland nicht konkurrieren und eine Führungsrolle übernehmen. Wir verabschiedeten ein Paket wirtschaftlicher Maßnahmen,
um unser Haushaltsdefizit um 500 Milliarden Dollar zu
reduzieren und investierten gleichzeitig in Bildung und
Ausbildung, Technologie und Rüstungskonversion.
Nebenbei bemerkt: Sie werden sich vielleicht erinnern, daß bei unserer Amtsübernahme das für das
neue Jahr veranschlagte Defizit 300 Milliarden Dollar
betrug. Diese Schätzung beläuft sich jetzt nur noch 190
Gleichzeitig bergen einige der sich auf der Welt vollzie- Milliarden Dollar. Die von uns unternommenen Anhenden Veränderungen für uns große Gefahren, dar- strengungen tragen bereits Früchte - nicht nur in Form
unter die Weiterverbreitung von Massenvernichtungs- des so wichtigen Defizitabbaus, sondern auch einer
waffen und die weltweite Zerstörung der Umwelt. Und niedrigen Inflationsrate und beispiellos niedrigen Zinswir werden mit einer veränderten, neuen Weltwirt- sätzen.
schaft konfrontiert, die uns viele neue Chancen bieten,
aber auch beunruhigend für unsere Arbeitsplätze und Das Vertrauen der Verbraucher ist wieder gestärkt.
Gemeinden sein könnte. Angesichts dieses Wandels Der Hausbau erlebt einen Boom - im letzten Monat den
würden es manche Amerikaner bevorzugen, wenn wir größten in der Geschichte der Vereinigten Staaten.
uns aus den Streitigkeiten der Welt heraushalten und Unsere Nation hat in den letzten zwölf Monaten mehr
nur auf unsere innenpolitischen Herausforderungen Arbeitsplätze in der Privatwirtschaft geschaffen als in
konzentrieren würden. Europa sieht sich noch härte- den vergangenen vier Jahren zusammengenommen.
ren wirtschaftlichen Herausforderungen gegenüber: Wir haben noch einen weiten Weg vor uns und sind u ns
Zweistelligen Arbeitslosenquoten und äußerst schlep- dessen auch bewußt. Um nur ein Beispiel zu nennen:
pendem Wachstum. Viele Europäer würden es viel- Vor uns liegt noch die Aufgabe, jedem Amerikaner eine
leicht auch vorziehen, nicht mit den Problemen außer- sichere Gesundheitsfürsorge anzubieten. Und mit
halb ihrer Grenzen belastet zu werden. Und die in Ihrer Hilfe werden wir das tun. Wir haben einen guten
Rußland und den anderen ehemals kommunistischen Anfang gemacht, und es war ein gutes erstes Jahr.
Staaten stattfindende wirtschaftliche Umgestaltung ist
Nachdem unsere eigene Wirtschaft in Ordnung genoch viel beängstigender.
bracht war, haben wir als nächstes Schritte zur ÖffFolglich sind sämtliche Nationen der großen Versu- nung ausländischer Märkte für amerikanische Waren
chung ausgesetzt, sich nur auf ihre eigenen Probleme und Dienstleistungen unternommen, damit wir unsere
zu konzentrieren. Aber meine heutige Botschaft - und Exporte fördern und weitere Arbeitsplätze schaffen
die Botschaft der Reise des Präsidenten - ist die können. Wir haben das Nordamerikanische Freihanfolgende: Um im Inland stark zu sein, müssen wir uns delsabkommen verabschiedet, das die Zölle auf unseauch im Ausland engagieren. Wir müssen mit anderen re Exporte senken und über 200.000 neue amerikaniNationen zusammenarbeiten, um ein Wachstum der sche Arbeitsplätze schaffen wird. Wir haben unsere
Weltwirtschaft und eine Öffnung ausländischer Märkte Beziehungen zu den aufstrebenden Wirtschaftsmächzu erzielen, wenn wir unsere Exporte erhöhen wollen. ten Asiens ausgebaut. Erst letzten Monat erzielten wir
Wir müssen uns zusammen mit anderen Nationen ein historisches neues Abkommen bei den Welthandafür einsetzen, das Ende des Kalten Krieges zu delsgesprächen im Rahmen des GATT, das weitere
besiegeln, damit wir nicht letztlich mehr Geld für die Hunderttausende amerikanischer Arbeitsplätze schafVerteidigung und weniger für die erforderlichen inlän- fen und die gesamte Weltwirtschaft ankurbeln wird, so
dischen Investitionen aufwenden. Nach dem Ersten daß wir diese wieder in Gang bringen können.
Weltkrieg unternahmen wir den Versuch, vor der Welt
Seite 2

Sonderdienst 1

�Mit Hilfe dieser und anderer Schritte stellen wir die
wirtschaftlichen Interessen des amerikanischen Volkes wieder in den Mittelpunkt unserer Außenpolitik.
Wir haben auch die Führungsrolle der Vereinigten
Staaten beim Umweltschutz wiederhergestellt. Im
vergangenen Jahr haben wir uns um eine Stärkung
unseres Verteidigungsapparats bemüht.

bleiben. Wir werden dafür sorgen, daß sie die am
besten ausgebildeten, am besten ausgerüsteten, am
besten vorbereiteten Streitkräfte auf dieser Erde bleiben.

Die von uns im vergangenen Jahr unternommenen
Schritte machen Amerika stärker und sicherer. Bei
dieser Gelegenheit möchte ich insbesondere die Dienste aller Männer und Frauen in Uniform würdigen, die
uns auf der ganzen Welt beschützen. Präsident Clinton hat oft darauf hingewiesen, daß die Streitkräfte der
Vereinigten Staaten die besten der Welt sind, und wir
sind entschlossen sicherzustellen, daß sie das auch

Präsident Clintons Ziel bei dieser Reise besteht darin,
zu diesem Schutz beizutragen. Er kann nicht von
neuen, mit Stacheldraht bewehrten Mauern kommen.
Der Schutz, den die neuen Staaten Europas heute
benötigen, ist vielmehr die Art von Schutzmechanismus, den wir alle in unserem tiefsten Inneren haben der Schutz, der die dunkelste Seite unserer Natur
davor bewahrt, an die Oberfläche zu kommen - das
Gefühl der Toleranz und die Gewohnheiten, die durch

Wir haben im vergangenen Jahr große Anstrengungen
zur Erhöhung der Sicherheit Amerikas unternommen.
Nichts ist jedoch von größerer Bedeutung für unsere
Unter der fähigen Leitung von Verteidigungsminister Sicherheit als unsere Beziehungen zu Europa. Nach
Les Aspin schlössen wir die tiefgreifende Umstruktu- dem Ende des Kalten Krieges mögen einige denken,
rierung unseres Militärs ab um sicherzustellen, daß wir Europa sei für unsere Nation nicht mehr so wichtig wie
über die zur Reaktion auf die diversen Bedrohungen zuvor. Präsident Clinton erklärt, daß sie unrecht
dieses neuen Zeitalters erforderlichen Streitkräfte haben. Tatsache ist: Europa bleibt unser wertvollster
verfügen. Und als wir aus dem Ausland bedroht Handelspartner, und die militärische Sicherheit der
wurden, beispielsweise als wir von der irakischen Vereinigten Staaten ist weiterhin so eng wie je zuvor in
Verschwörung zur Ermordung des ehemaligen Präsi- unserer Geschichte mit der Europas verbunden.
denten Bush erfuhren, setzte Präsident Clinton diese
Streitkräfte ein, um entschieden zurückzuschlagen In diesem Jahrhundert haben wir unsere Söhne und
und eine klare, unmißverständliche Botschaft zu sen- Töchter zweimal nach Europa entsandt, um Aggression abzuwehren und das Überleben der Demokratie
den.
zu sichern. In zwei Weltkriegen haben wir eine Lektion
Wir setzten uns auch für die Förderung demokrati- gelernt, die in jeder Veteranenvereinigung und Gescher Bewegungen auf der ganzen Welt ein und erhöh- denkhalle in Wisconsin und im ganzen Land verstanten beträchtlich unsere Unterstützung für die Reform- den wird. Wenn Europa kämpft, leiden wir. Wenn
kräfte in Rußland, der Ukraine, Armenien und den Europa sicher und frei ist, prosperieren auch wir in den
anderen neuen Staaten der ehemaligen Sowjetunion, Vereinigten Staaten.
die die Tür hinter ihrer kommunistischen Vergangenheit zu schließen versuchen und eine neue demokra- Europa erfreut sich jetzt der Wiedergeburt der Freiheit.
tische Zukunft einleiten wollen. Wir hoben die gegen Nach einem halben Jahrhundert der Unterdrückung
Südafrika verhängten Sanktionen sofort auf, nachdem haben die baltischen Staaten ihre rechtmäßige Unabdort eine Übereinkunft zur Abschaffung der Apartheit hängigkeit wiedererlangt. Wir waren Zeuge, wie große
und der Abhaltung nichtrassischer Wahlen erzielt worden Dissidenten, Helden wie Vaclav Havel und Lech Walewar. Ist das nicht ein Zeichen der Hoffnung in unserer sa, die kommunistische Herrschaft abschütteln halfen
und zu führenden Politikern ihres Volkes wurden.
Welt?
Boris Jelzin und andere mutige demokratische ReforTrotz drängender Haushaltsprobleme erhöhten wir die mer in Rußland hielten trotz heftigen Widerstands
Gelder für unsere Programme zur Unterstützung der reaktionärer Kräfte Wahlen ab und entwarfen eine
Basisdemokratie von Mittelamerika über Asien bis Verfassung.
Osteuropa erheblich. Der Erfolg junger Demokratien
wie der in Polen, Ungarn, der Tschechischen Republik Diese demokratische Renaissance ist Grund zur Hoffund der Slowakei ist für unsere Nation und unsere nung. Am europäischen Horizont hängt jedoch eine
Sicherheit von Bedeutung. Wir müssen ihnen zum dunkle Wolke - die Gefahr des fanatischen NationalisErfolg verhelfen. Wir haben nicht jahrelang die Solida- mus, der durch alte Ressentiments entzündet, durch
rität unterstützt, um die Demokratie in Polen zu verlie- wirtschaftliche Frustration genährt und durch egoistiren. Wir haben nicht die sanfte Revolution in der sche Demagogen geschürt wird. Im ehemaligen JugoTschechoslowakei gefeiert, um diese neugeborene slawien brennt dieses Feuer bereits. Aber auch in
Freiheit dem Tod durch Vernachlässigung preiszuge- anderen Staaten schwelt es, insbesondere in Osteuroben. Um ihrer- und unseretwillen haben wir uns im pa. Wenn wir nicht mit dem Bau neuer SchutzvorrichKalten Krieg behauptet. Und jetzt müssen wir uns um tungen beginnen, könnte diese Glut sich entfachen
ihrer- und unseretwillen beim Aufbau eines umfassen- und Europa wieder verschlingen, wie es während der
deren demokratischen Friedens in ganz Europa be- beiden schlimmsten Krisen dieses Jahrhunderts der
Fall war.
haupten.

Sonderdienst 1

Seite 3

�die Praktiken von freiem Handel, offener Demokratie,
einem soliden bürgerlichen Leben und der Respektierung der Unterschiede zwischen Einzelpersonen und
Nationen aufgebaut werden.

kommunistischen Staaten in die Kooperation mit dem
übrigen Europa. Sie bringt den evolutionären Prozeß
der offiziellen Erweiterung der NATO voran - ein Schritt
zur Aufnahme neuer Mitglieder in das Bündnis.

Denjenigen, die fragen, wo es solche Toleranz auf der
Wert gibt, würde ich sagen, kommt nach Mifwaukee.
Betrachtet Eure Stadt. Eure Wurzeln gehen zurück
nach Polen, Rußland, der Ukraine, dem Baltikum,
nach Deutschland, Italien und England, Afrika, Asien
und Lateinamerika. Ihr mögt Christen, Juden oder
Muslime sein, und dennoch seid Ihr alle eine Gemeinde. Warum? Weil Ihr alle die amerikanische Überzeugung teilt, daß unseren Unterschieden Stärke innewohnt, wir einen kollektiven bürgerlichen Raum aufbauen können, der groß genug für unsere verschiedenen Identitäten ist, wir E Pluribus Unum - aus Vielen
Eins - sein können. Dies erachten wir hier in unseren
gesegneten Vereinigten Staaten von Amerika für selbstverständlich. Diese Idee ist jedoch auch Europa nicht
fremd. Diese von Jefferson und Madison in unserer
Unabhängigkeitserklärung und unserer Verfassung
niedergelegten Ideen waren europäische Importe, aus
dem großartigen Zeitalter der Aufklärung in Europa
abgeleitet.

Die Partnerschaft für Frieden lädt die neuen Demokratien Europas ein, sich unverzüglich an der militärischen und politischen Kooperation mit den NATOMitgliedstaaten sowie untereinander zu beteiligen. Die
der Partnerschaft beitretenden Staaten können an der
militärischen Planung, Übungen und Operationen teilnehmen. Die Partnerschaft wird zur Förderung demokratischer Praktiken beitragen, die diese Staaten auf
die volle NATO-Mitgliedschaft vorbereiten. Die neue
NATO mu ß die Belange der Nationen ansprechen, die
zwischen Rußland und Westeuropa liegen, denn die
Sicherheit dieser Staaten betrifft die Sicherheit Amerikas. Ich möchte dies nochmals wiederholen: Die
Sicherheit der zwischen Rußland und Westeuropa
gelegenen Staaten betrifft die Sicherheit Amerikas.
Insbesondere nach den jüngsten Wahlen in Rußland
sind diese Staaten natürlicherweise besorgt darüber,
ob sie wieder zu einer Pufferzone werden, einem
Preis, über den sich andere streiten.

Im gesamten ehemaligen sowjetischen Block wurden
diese Ideen jedoch durch falsche Ideologien und Jahrzehnte der Diktatur im Keim erstickt. Heute haben wir
die Chance dazu beizutragen, daß unsere hehren
Werte der Freiheit an Orten Fuß fassen, die das
Heimatland so vieler unserer Vorfahren waren. Wir
können die falschen Linien, die Europa zu lange geteilt
haben, ausradieren helfen und die Wunden heilen, die
von dieser Spaltung hinterlassen wurden. Die Förderung der europäischen Integration bringt nicht nur
unsere höchsten Ideale zum Ausdruck, sondern wird
auch die beste Investition sein, die wir für unsere
eigene Sicherheit und unseren Wohlstand tätigen
können.
Präsident Clintons oberstes Ziel bei dieser Reise ist die
Stärkung der NATO und die Gewährleistung, daß sie
zur Bewältigung der gerade von mir beschriebenen
Herausforderungen bereit ist. Die NATO ist das größte
militärische Bündnis in der gesamten Geschichte der
Menschheit. Wir hätten den Kalten Krieg nicht ohne
sie gewinnen können. Aber jetzt ist die Sowjetunion
verschwunden, zu deren Abschreckung sie beitrug.
Es ist an der Zeit für die NATO, die neuen sicherheitspolitischen Herausforderungen Europas in Angriff zu
nehmen, wie die Konsolidierung der demokratischen
Errungenschaften unter den östlichen Nachbarn der
NATO und die Abwendung ethnischer Konflikte.

Die Partnerschaft für Frieden ziert darauf ab, diesen
Staaten das Vertrauen zu bieten, daß sie sich im
Westen integrieren können, statt stets Angst haben zu
müssen, was in ihrem Osten geschieht. Die Partnerschaft für Frieden teilt nicht Ost und West in einer
Weise, die eine künftige Konfrontation heraufbeschwören könnte. Statt dessen versucht sie, ein größeres
Europa zu integrieren. Gleichermaßen bietet sie eine
offene Tür für alle Nationen Mittel- und Osteuropas
sowie die Nachfolgestaaten der ehemaligen Sowjetunion und lädt sie alle ein, neue Beziehungen zur
NATO in der Überzeugung zu schmieden, daß die
neuen Grenzen der Freiheit jetzt nicht nur der alten
Geschichte, sondern auch neuen Verhaltensweisen
Rechnung tragen müssen.
Die Partnerschaft für Frieden kann Kooperation zur
Gewohnheit machen, die der Lebensnerv der NATO
und ihrer offiziellen Sicherheitsgarantien ist. Wir sehen dem baldigen Beginn einer solchen Kooperation
mit Polen, der Tschechischen Republik und anderen
ehemals kommunistischen Staaten entgegen, während wir die Grundlage für ein neues und größeres
Europa schaffen.

Präsident Clintons zweites Ziel besteht darin, unsere
Unterstützung für die Völker und politisch Verantwortlichen der ehemals kommunistischen Staaten unter
Beweis zu stellen, Demokratie aufzubauen und den
Grundstein für eine bürgerliche Gesellschaft zu legen:
Beim NATO-Gipfel in Brüssel wird der Präsident den Politische Parteien, Gewerkschaften, WirtschaftsverVorschlag einer Partnerschaft für Frieden unterbrei- bände und eine freie Presse. In Prag wird der Präsiten, die von der NATO als ein großer Schritt zur dent mit den Staats- und Regierungschefs der TscheErfüllung der neuen sicherheitspolitischen Bedürfnis- chischen Republik, Ungarns, Polens und der Slowakei
se Europas geschaffen werden soll. Die Partnerschaft zusammenkommen - den Visegrad-Nationen - die bei
ist ein neuer Weg zur Einbeziehung der ehemals der Reformwelle in Europa eine solch führende Rolle
Seite 4

}

Sonderdienst 1

,

�fgß
spielen. In Minsk wird der Präsident unsere Unterstützung für den Vorsitzenden des Obersten Sowjets von
Weißrußland, Schuschkewitsch, und andere Politiker
des demokratischen Reformprozesses in Belarus zum
Ausdruck bringen. Und in Moskau wird er mit Präsident Boris Jelzin und anderen russischen Reformern
zusammentreffen, die ihre Nation zu einer demokratischen, marktorientierten und friedlichen Zukunft führen.

i

Die starke Unterstützung für reaktionäre Kandidaten
bei den jüngsten russischen Wahlen hat uns allen
Anlaß zur Sorge bereitet. Wir wären schlecht beraten,
wenn wir diese Ergebnisse ignorieren würden, und es
ist unsere Pflicht, die Stimmen des Rassismus und intoleranten Nationalismus zu verdammen, wann immer
sie vernommen werden. Täuschen Sie sich jedoch
nicht - bei diesen russischen Wahlen gab es auch eine
andere Botschaft der Hoffnung. Eine Wahl, die noch
Monate, bevor sie in freier und fairer Weise abgehalten
wurde, unwahrscheinlich erschien. Und als das russische Volk wählte, ratifizierte es eine demokratische
Verfassung und stimmte für die erste postsowjetische
russische Legislative.
All dies kann den russischen Reformern zu Fortschritten verhelfen. Wir dürfen das Vertrauen in den Reformprozeß nicht verlieren, nur weil er langsam vorankommt oder Rückschläge erleidet. Die Veränderung
einer ganzen Gesellschaft ist das Werk von Generationen. Auf dem Weg dorthin werden das russische Volk
und die anderen neuen Staaten zweifelsohne einige
schlechte Entscheidungen treffen, ebenso wie wirdies
gelegentlich in unserer eigenen Geschichte getan haben.
Demokratie macht uns schließlich nicht alle zu Engeln,
sondern bietet uns nur einen Weg, kollektiv von unseren sehr menschlichen Fehlern zu lernen. Solange
diese Nationen Freiheit mit Schutzmaßnahmen für
ethnische und religiöse Minderheiten sowie politischen
Dissens unterstützen, hegen wir Vertrauen, daß Reformen an die Stelle von Reaktion treten.

t

*

Darüber hinaus erwarten wir in Brüssel die Verabschiedung unseres Vorschlags zur Bewältigung der
Bedrohung durch nukleare, biologische und chemische Waffen.
Das letzte Ziel des Präsidenten ist die Unterstützung
der dramatischen Fortschritte zu marktwirtschaftlichen
Reformen in allen ehemals kommunistischen Staaten
sowie ein größeres, wirtschaftlich besser florierendes
Europa. Wie wir alle wissen, erlebt ein Großteil Europas eine tiefe Rezession, und wenn diese Nationen
wieder wachsen können, werden wir von mehr Exporten und mehr Arbeitsplätzen in unserem eigenen Land
profitieren. Ebenso wichtig ist die Gewährleistung,
daß das Wirtschaftswachstum alle früher kommunistischen Staaten erreicht, die den schwierigen Übergang
zu Marktwirtschaften vollziehen.
Einige der größten Helden dieser Flucht vor dem
Kommunismus sind die Menschen, deren Namen wir
niemals wissen werden - der Bauer in der Nähe von
Sofia, der jetzt mit größerem Stolz arbeitet, weil er
wieder das Land seines Großvaters besitzt. Der
Unternehmer in Riga, der von seinem Appartement
aus ein neues Unternehmen betreibt. Der Fabrikarbeiter in St. Petersburg, der sich an die neuen Gewohnheiten und Unsicherheiten des Kapitalismus anzupassen versucht.

Der Erfolg der Freiheit wird in hohem Maße von der
Arbeit dieser Menschen abhängen. Wir müssen alles
in unserer Macht Stehende tun um sicherstellen, daß
ihre Mühen belohnt werden. In Brüssel wird der
Präsident die westeuropäischen Staats- und Regierungschefs auffordern, gemeinsam mit unserem Land
Schritte zu unternehmen, um alle unsere Märkte offener für die Waren aus den neuen Demokratien Europas zu machen. In Prag, Moskau und Minsk wird er mit
den Politikern dieser neuen Marktwirtschaften zusammenarbeiten um zu gewährleisten, daß unsere Wirtschaftshilfe sowie Handels- und Investitionstätigkeit
auf die möglichst große Unterstützung dieser Nationen
Präsident Clintons drittes Ziel besteht in der Reduzie- ausgerichtet sind, während sie den äußerst schwierirung der du rch M assenvem ichtu ngswaff en entstehen- gen Übergang zur Marktwirtschaft vollziehen.
den Gefahren. Als sich die Sowjetunion auflöste,
befanden sich vier Staaten im Besitz ihrer Nuklearwaf- Heute vollbringen die Menschen der ehemals kommufen - Rußland, die Ukraine, Kasachstan und Belarus. nistischen Nationen täglich Wunder. Mit wenig ResEin Schlüssel zu unserer Sicherheit ist die Gewährlei- sourcen und Erfahrung verwandeln sie wirtschaftlistung, daß es nur einen einzigen atomaren Nachfolge- chen Ruin in funktionierende Märkte. Sie ersetzen das
staat der Sowjetunion gibt. Unter der Führung von graue Orwellsche Leben durch die vielversprechenPräsident Nasarbajew stimmt Kasachstan zu, seine den und vielfältigen Kulturen, deren sich ihre Völker
Nuklearwaffen aufzugeben. Ich war erfreut, im ver- einst erfreuten. Sie beleben die religiösen Traditionen
gangenen Monat an dem Tag in Alma-Ata zu sein, an wieder, die der Kommunismus nicht ausmerzen konnte. Und sie pflanzen kräftige Schößlinge der Demokradem das Parlament diese Entscheidung ratifizierte.
tie auf einem Boden, der einst durch Diktatur brachlag
Wir arbeiten gemeinsam mit der Ukraine an der Sicher- und durch die verheerenden Feuer des Krieges verwüstellung eines ähnlichen Abkommens. Ein Grund für stet war.
die Reise des Präsidenten nach Minsk ist, dem Volk
und den politisch Verantwortlichen von Belarus zur Die harte Arbeit der politischen und wirtschaftlichen
Ratifizierung des START-Vertrags und zur Zustim- Umgestaltung obliegt den Menschen in der Region,
mung zu einem atomwaffenfreien Staat zu gratulieren. und sie machen heroische Fortschritte - für unser
Sonderdienst 1

Seite 5

�eigenes Land sind die Risiken jedoch enorm hoch. Wir
müssen uns auch hinter die Sache der Reformen
stellen. Es liegt im Eigeninteresse Amerikas, daß
diese Reformen Erfolg und Bestand haben. Wenn dies
der Fall ist, werden wir alle mehr Sicherheit haben. Wir
können einen weiteren, alle einbeziehenden europäischen Krieg verhindern. Wir können weitere Fortschritte beim Abbau der alles vernichtenden Waffen
machen. Wir können unsere Sicherheit weiterhin mit
sehr viel niedrigeren Verteidigungsbudgets aufrechterhalten. Wir können neue Märkte für unsere Exporte
und neue Arbeitsplätze für unsere Menschen schaffen, während diese neuen Volkswirtschaften zu wachsen und prosperieren beginnen. Aus diesem Grund
dürfen wir nicht als Zuschauer agieren. Wir müssen
unsere Arbeit zum Aufbau eines größeren und freieren
Europa fortsetzen.

Ich denke zurück an den polnischen Aufstand von
1863, bei dem die polnischen Kämpfer sich von dem
Motto leiten ließen: "Für Eure Freiheit und unsere". In
ihrem tiefsten Inneren waren sie überzeugt, daß ihre
eigene Befreiung andere befreien würde, weil sie für
das umfassendere Prinzip der Freiheit kämpften. Heute
dauert der Kampf für Freiheit in Europa mit neuen
Hoffnungen und hohen Risiken an.
Wenn der Präsident die Reise in diese Länder antritt,
wissen er und alle, die mit ihm zusammengearbeitet
haben, da ß der Kampf um die Heilung der Wunden und
Sicherstellung des demokratischen Erfolgs nicht ihr
Kampf allein ist. Es muß auch unser Kampf sein. Es
ist der Kampf eines Lebens - unseres Lebens. Es ist
die Geschiente eines Jahrhunderts - unseres Jahrhunderts. Präsident Clinton und ich haben uns verpflichtet, dies zur Aufgabe unserer Nation zu machen.

* * * *

Seite 6

*

Sonderdienst 1

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dienet

Herausgeber: U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

Z12462 C
01

10. Januar 1996

BOSNIEN

PERRY, SHALIKASHVILI: FRIEDENSMISSION IN BOSNIEN VERLÄUFT
REIBUNGSLOS
Pressekonferenz in Tuzla

WTO

EINE BILANZ DER WTO - POSITIV ABER
NOCH NICHT PERFEKT
Erklärung des
Stellvertretenden US-Handelsbeauftragten

FRAUEN

VOICE - DIE STIMME DER FRAU
von Tony Case

Diese Artikel sind elektronisch abrufbar.
Nähere Informationen erhalten Sie bei der
Presseabteilung der Amerikanischen Botschaft
unter den unten angegebenen Adressen.

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Deichmanns Aue 29
D 53170 Bonn

Tel.: 0228-339 23 72
Fax: 0228 - 33 31 38
Internet: bbsbonn@usia.gov

�BOSNIEN
10. Januar 1996

Perry, Shalikashvili: Friedensmission in Bosnien
verläuft reibungslos
Pressekonferenz in Tuzla
TUZLA - (AD) - Dem amerikanischen Verteidigungsminister William Perry und dem Vorsitzenden der Vereinigten
Stabschefs, General John Shalikashvili, zufolge ist der amerikanische Teil der NATO-Friedensmission erfolgreich.
Im Anschluß an eine zweitägige Inspektion erklärten Perry und Shalikashvili gegenüber Reportern, die amerikanischen Friedenstruppen führten ihre Mission ausgezeichnet aus und die Parteien in Bosnien leisteten beträchtliche Unterstützung.
Nachfolgend veröffentlichen wir das Transkript der Pressekonferenz, an der auch der Befehlshaber der amerikanischen Streitkräfte, Generalmajor William Nash, und der Oberste Alliierte Befehlshaber Europa der NATO,
General George Joulwan, teilnahmen.

Verteidigungsminister Perry: Dies waren zwei äußerst erfolgreiche und effektive Wochen. Wir haben
sehr viel größere Fortschritte erzielt, als wir alle für
möglich gehalten hätten, und die Operation ist aus
zwei Gründen sehr viel reibungsloser abgelaufen, als
wir erwartet hatten. Erstens - und das scheint mir der
wichtigste Grund - halten alle bisher kriegführenden
Parteien das Friedensabkommen ein. Sie halten es
nicht nur ein, sie nehmen nicht nur von allem Abstand,
was das Abkommen beeinträchtigen könnte, sondern
sie kooperieren aktiv mit der Friedenstruppe IFOR. In
der Tat könnte man sagen, die NATO-Streitkräfte wurden von allen Parteien freundlich aufgenommen. Es
ist ein sehr positives Zeichen, daß die NATO-Streitkräfte als Freunde empfangen werden, die sie tatsächlich sind. Das stimmt mich optimistisch bezüglich der
Zukunft Bosniens. Ich glaube, die Parteien hier sind
des Krieges und des Tötens müde und bereit, den Haß
zu begraben, mit dem Wiederaufbau des Landes zu
beginnen und eine Zukunft für ihre Kinder und Kindeskinder aufzubauen. Es ist jedoch der zweite Grund,
aus dem die Operation so reibungslos abgelaufen ist:
Aufgrund der Kompetenz und des Engagements der
NATO-Streitkräfte, die ins Land gekommen sind.
Ich habe heute einen Großteil meiner Zeit bei den
amerikanischen Truppen verbracht. Ich möchte kurz
darüber sprechen. Unsere Truppen sind wirklich professionell. Sie haben ihre Kompetenz, ihr Geschick

AMERIKA DIENST 01

und ihre erstaunliche Energie unter Beweis gestellt.
Das habe ich natürlich erwartet, aber ich war überrascht von der Stimmung, in der sie ihre Arbeit unter
sehr schwierigen Bedingungen ausführen. Sie sind
guter Stimmung und voller Humor. Was die meisten
von uns als Probleme angesehen haben, sehen sie als
Herausforderung.
Gestern abend sprach ich mit Oberstabsfeldwebel
Hobbs am Ausladebahnhof in Taszar. In den vergangenen Wochen wurden 800 Zugladungen abgefertigt.
Er bezeichnete das als "die Herausforderung am Ausladebahnhof". Diese Formulierung gefiel mir ausgezeichnet. Heute morgen habe ich mit Oberst Steve
Hawkins und seinen Truppen an der Brücke an der
Save gesprochen. Sie bezeichneten es als die "Herausforderung am Fluß" - die sie bewältigt haben.
Ich glaube, die amerikanischen Soldaten, die ich gestern und heute getroffen habe, kann man am besten
damit charakterisieren, daß sie wirklich Mumm haben.
Und meine Reaktion als Verteidigungsminister ist, daß
ich sehr stolz auf das amerikanische Militär bin. In der
Tat können alle Amerikaner sehr stolz auf ihre Truppen
und ihre Leistung in Bosnien sein. Sie bewältigen die
anspruchsvolle, schwierige Aufgabe, diesem tragischen Land Frieden zu bringen. Und sie tun es in guter Stimmung. Die Operation an der Save war ein Tribut an die Stimmung der amerikanischen Soldaten, die

Seite 1

�enorme Probleme beim Bau der Pontonbrücke überwanden, damit die Panzer darüberrollen konnten.

waffe hier, das vor allem mit den Logistikern des Heeres zusammenarbeitet.

Das schlechte Wetter ist jedoch noch nicht vorbei, und
daher liegt noch weitere Arbeit an der Brücke über die
Save vor uns. Wir werden uns ihr mit uneingeschränkter Aufmerksamkeit widmen, und so lösen wir ein Problem nach dem anderen.

Sie sind jetzt wieder ungefähr im Zeitplan. Sie versuchen herauszufinden, wie sie die Streitkräfte durch
Belgrad bringen können. Sie kommen gleichzeitig auf
dem Luftweg, mit Zügen und auf dem Landweg nach
Bosnien.

Die Minen stellen ein weiteres Problem dar. Wir wurden heute ausführlich darüber unterrichtet, was getan
wird, um die Minen zu lokalisieren, identifizieren und zu
räumen sowie über die Vorkehrungen, die die Soldaten
bei ihrer Räumung treffen. In diesem Zusammenhang
möchte ich erwähnen, daß uns die ehemals kriegführenden Parteien sehr bei dieser Arbeit unterstützen,
indem sie uns Karten zur Verfügung stellen, die zeigen, wo die Minen lokalisiert sind, und mit der Räumung der Minen begonnen haben. Als wir heute von
der Save zurückflogen, sahen wir übrigens eine kroatische Minenräumeinheit.

Verteidigungsminister Perry: Ich möchte General
Shalikashvili bitten, etwas zu Ihnen und der amerikanischen Öffentlichkeit zu sagen.

Das Problem der Minen wird weder in dieser Woche
noch in diesem Monat gelöst sein. Es erfordert beständige Aufmerksamkeit. Und ich glaube, unsere Zeit
in Bosnien wird dadurch charakterisiert, daß wir ein
Problem nach dem anderen lösen. Aus diesem Grund
sind zwei Dinge so wichtig: Erstens die Zusammenarbeit, die wir von den Parteien hier erfahren, und
zweitens die Kompetenz und das Engagement der
Truppen, die diese Probleme bewältigen.
Frage: Herr Verteidigungsminister, können Sie etwas
zu den logistischen Operationen sagen, die auf dem
Stützpunkt hier vorgenommen werden?
Verteidigungsminister Perry: Natürlich werde ich die
Frage gerne beantworten, aber General Joulwan ist
hier. Ich möchte ihn bitten, dazu Stellung zu nehmen.
Die logistischen Operationen sind enorm. Ich war außerordentlich beeindruckt von der Kompetenz und
Energie, die hinter diesen logistischen Operationen
stecken.
General Joulwan: Ich möchte nur hinzufügen, wenn
Sie die Statistiken darüber erhalten, was unsere Truppen hier mitten im Winter in einer äußerst schwierigen
Region Europas geleistet haben, werden Sie beeindruckt sein von den Millionen Tonnen, die hier abgeladen wurden, von den Hunderten Flugzeugen, die
gelandet sind und von der Flexibilität der Statistiker
beim Einsatz der Flugzeuge, besonders der C-17, um
die verlorenen Tage wettzumachen. Es ist wirklich
Teamarbeit. Wir haben ein TALCE-Team der US-Luft-

General Shalikashvili: Vielen Dank, Herr Verteidigungsminister. Auch ich möchte meinen Stolz über
jedes Mitglied dieses Superteams zum Ausdruck bringen. Wir sprechen so häufig über die ausgezeichnete
Leistung der Männer und Frauen in Uniform der Vereinigten Staaten und der NATO. Aber sie müssen
einmal in ein Umfeld wie dieses kommen. Sie müssen
über die Brücke gehen, über die sie gegangen sind über die Save - um zu erkennen, wie gut sie sind und
wie gut ihre Stimmung ist, selbst unter so widrigen
Bedingungen. Als Mann in Uniform bin ich außerordentlich stolz darauf, Mitglied einer solchen Organisation zu sein.
Das Zweite, das ich erwähnen möchte, ist, daß wir uns
wirklich um diejenigen kümmern, die die Flugzeuge
fliegen, die Konvoys oder Feldlager wie dieses bewachen. Die von Ihnen gestellte Frage bezüglich der
Logistik erinnert uns jedoch daran, daß es leichter ist,
große Einheiten von einem Punkt zum anderen zu
verlagern und zum Einsatz zu bringen, als sicherzustellen, daß man sie von Anfang an während der guten
und der schlechten Tage versorgen kann.
Logistik ist daher der Schlüssel zu einer Operation wie
dieser, besonders wenn man bedenkt, daß sie erst vor
14 Tagen angelaufen ist und ein Jahr dauern soll. Es
hängt alles davon ab, wie gut wir die Logistik hier bewältigen. Wie General Joulwan äußerte, hatten wir
einen außerordentlich guten Start. Und ich bin äußerst
zuversichtlich, daß wir diese Streitmacht auf lange Zeit
versorgen können.
Was Verteidigungsminister Perry und ich hier während
der vergangenen beiden Tage gesehen haben, ist sehr
ermutigend im Hinblick auf das, was die Soldaten tun,
aber auch im Hinblick darauf, wie die ehemals kriegführenden Parteien reagieren und die Stimmung, mit
der sie diese Operation angehen. Wir wollen hoffen,
daß es so weitergeht, wie es begonnen hat.
Verteidigungsminister Perry: Ich danke Ihnen.

* * *

Seite 2

AMERIKA DIENST 01

�WTO
10. Januar 1996

Eine Bilanz der WTO - positiv, aber noch nicht perfekt
Erklärung des Stellvertretenden US-Handelsbeauftragten
GENF - (AD) - Die vor einem Jahr gegründete Welthandelsorganisation (WTO) muß im kommenden Jahr ihre
Bestrebungen in verschiedenen schwierigen Bereichen intensivieren, wenn sie mit den Interessen und
Bedürfnissen ihrer Mitglieder Schritt halten will, erklärte der Stellvertretende US-Handelsbeauftragte Jeffrey
Lang am 13. Dezember 1995 in einer Rede vor dem Generalrat der WTO.
Die WTO wird ihr erstes Ministerratstreffen im Dezember 1996 in Singapur abhalten. Das Allgemeine Zoll- und
Handelsabkommen (GATT), der Vorläufer der WTO, wird am 31. Dezember 1995 aufgelöst.
Lang zeigte sich besorgt, daß die WTO bislang ihren Entscheidungsfindungsprozeß nicht der Öffentlichkeit
zugänglich gemacht und sich noch nicht auf einen moralischen Verhaltenskodex geeinigt hat.
Ferner drängte Lang bei der Welthandelsorganisation auf einen Abschluß der Verhandlungen zur globalen
Liberalisierung grundlegender Telekommunikationsdienstleistungen.
Nachfolgend veröffentlichen wir die Ausführungen von Jeffrey Lang im Wortlaut.
Vor zwei Jahren brachten wir gemeinsam die Uruguay-Runde zu einem erfolgreichen Abschluß. Vor
ungefähr einem Jahr wurde deutlich, daß wir die
erforderlichen Ratifizierungen erreicht hatten, damit
die Welthandelsorganisation (WTO) Anfang dieses
Jahres ihre Arbeit aufnehmen konnte. Jetzt entnehmen wir dem ersten Jahresbericht des Generaldirektors an die Mitglieder der WTO, daß der Organisation derzeit 112 Länder und Zollgebiete angehören.
Wer von uns hätte das vor etwas mehr als neun
Jahren, in Punta del Este, für möglich gehalten?
Dies ist um so unglaublicher, wenn man sich vor
Augen hält, daß die WTO - ebenso wie das GATT
vor ihr - keinen organisatorischen Ansatz auf der
Grundlage eines Modells der Vereinten Nationen,
sondern vielmehr eine bindende vertragliche Vereinbarung ihrer Mitglieder darstellt, die einen beträchtlichen Eintrittspreis fordert und eine fortdauernde
Verpflichtung zur Einhaltung einer Reihe von Regeln
mit sich bringt, die mit der Zeit in gleicher Weise auf
alle Mitglieder der Organisation angewandt werden.
Obwohl das große Drama schon zwei Jahre hinter
uns liegt, sollten wir nicht unsere gemeinsamen
Errungenschaften aus den Augen verlieren.

sehen die WTO als solide Grundlage für weitere
Schritte. Wir haben tiefgreifende Bedenken gegenüber solchen Übereinkünften, die nicht im Einklang
mit der WTO stehen und sind der Ansicht, daß man
solche, die im Einklang mit ihr stehen, nicht zu
fürchten braucht. Im Gegenteil: Sie sollten als eine
Herausforderung für das multilaterale System angesehen werden, mit den Interessen und Bedürfnissen
der Mitglieder Schritt zu halten. Unseres Erachtens
kann die WTO diese Herausforderung bewältigen,
aber es wird große Anstrengungen und harte Arbeit
auf allen Seiten erfordern, das WTO-System weiterhin als etwas anzusehen, das für alle seine Mitglieder
einen greifbaren Wert hat. Ich möchte hier sehr
direkt sein. Ein dynamisches, pulsierendes, offenes,
multilaterales Handelssystem bleibt für die handelspolitischen Ziele der Vereinigten Staaten von zentraler Bedeutung.
Bislang haben wir konkrete Fortschritte gemacht. Sie
waren jedoch bei weitem nicht perfekt. Im Vorfeld
des für kommenden Dezember in Singapur anberaumten ersten Ministertreffens müssen wir bedenken, daß noch viel harte Arbeit vor uns liegt.
Die vor uns liegende harte Arbeit

Wir sollten uns aber auch nicht auf unseren Lorbeeren ausruhen.
Regionale Handelsübereinkünfte
werden offensichtlich immer beliebter. Diejenigen,
an denen die Vereinigten Staaten beteiligt sind,

AMERIKA DIENST 01

Ich möchte jetzt eine Bewertung unserer derzeitigen
Situation vornehmen.

Seite 1

�Bei institutionellen Fragen, die im ersten Jahr nach
der Gründung der WTO gelöst werden sollten,
haben wir gemischte Erfolge erzielt. Vom amerikanischen Standpunkt aus gesehen hätte es möglich
sein sollen, eine stärkere Gleichstellung der WTO
mit anderen internationalen Institutionen zu erzielen,
die in verwandten Bereichen Verantwortung tragen.

besteht". Wir müssen entsprechend dieser wertvollen
Schlußfolgerung handeln und sicherstellen, daß der
Ausschuß für Handel und Umwelt für das Treffen von
Singapur konkrete Ergebnisse hervorbringt. Das ist
zwar ganz offensichtlich für den Ausschuß nicht der
Endpunkt, aber zweifelsohne ein entscheidender
Punkt.

Ferner machen wir uns Sorgen darüber, daß es
nach so vielen Monaten noch immer nicht möglich
ist, unsere Beziehungen zu Nichtregierungsorganisationen zu definieren, den nutzlosen Schleier der Geheimhaltung zu lüften, der über unseren täglichen
Aktivitäten liegt oder uns auf einen moralischen
Verhaltenskodex zu einigen. Wenn wir die Arbeit in
diesen Bereichen - die für unsere Wählerschaft im
politischen und Privatsektor sichtbar sind - nicht bald
abschließen und umsetzen, werden die Institution
und das System darunter leiden.

Erfolgsgeschichten

Im Hinblick auf unerledigte Geschäfte müssen wir
ein sinnvolles und wichtiges Ergebnis der derzeitigen
Verhandlungen über grundlegende Telekommunikationsdienstleistungen sicherstellen. Hier handelt es
sich um ein Tätigkeitsfeld, das für unser politisches,
wirtschaftliches und soziales Wohlergehen von
zunehmender Bedeutung ist. Telekommunikation ist
das Nervensystem der Weltwirtschaft, und wir
können es uns nicht leisten, die Kontrolle über unser
Nervensystem zu verlieren.
Die Liberalisierung im Telekommunikationsbereich und das bedeutet Wettbewerb - ist für die weitere
Entwicklung ebenfalls wesentlich. Aufgrund der
neuen Technologien ist privater Wettbewerb jetzt
tatsächlich der direkteste Weg zu universellen
Dienstleistungen für alle Menschen. Wenn sich die
Mitglieder der WTO dieser Aufgabe nicht gewachsen
zeigen, erhalten viele WTO-Mitglieder möglicherweise keinen Zugang zu dieser Technologie und stellen
damit nicht nur ihre eigene Entwicklung, sondern die
universellen Dienstleistungen hintan - das Hauptargument für die Ablehnung der Liberalisierung.
Schließlich ist das Abkommen im Telekommunikationsbereich der erste Test dafür, ob die WTO die
sogenannten neuen Probleme, insbesondere die
Wettbewerbspolitik, angemessen angehen kann.
Im Vorfeld des Treffens von Singapur ist auch das
Verhältnis von Umwelt und Handel ein Gebiet, das
unsere volle Aufmerksamkeit verdient. Im Bericht
des Generaldirektors wird festgestellt, die Mitglieder
seien "der Ansicht, daß kein inhärenter Widerspruch
zwischen Schutz und Pflege eines offenen, nicht
diskriminierenden und gerechten multilateralen
Systems einerseits und Umweltschutz sowie der
Förderung nachhaltiger Entwicklung andererseits

Seite 2

Jetzt möchte ich mich unseren Erfolgen zuwenden.
Mit der neuen WTO haben wir einen neuen Generaldirektor bestellt. Die WTO muß, ebenso wie das
GATT, eine "von den Mitgliedern getragene Organisation" sein. Wir danken Ihnen für Ihre Bestrebungen, Herr Generaldirektor, diesen wichtigen Aspekt
der WTO immer wieder zu betonen. Ferner begrüßen wir die jüngste Entscheidung über die Einrichtung einer WTO-Schiedstelle. Es hat vielleicht lange
gedauert, bevor wir zu einer Schlußfolgerung gelangt
sind, aber das Endergebnis ist eine Schiedstelle mit
den hochrangigsten Vertretern, die wir hierfür bestellen konnten, sowie eine Gruppe, in die wir unser
gesamtes Vertrauen setzen können, damit sie mögliche Beschwerden über Entscheidungen eines
Schlichtungsgremiums hört.
Meines Erachtens sollten wir alle einen gewissen
Trost aus der Situation schöpfen, die im Hinblick auf
die Umsetzung substantieller Verpflichtungen unter
der WTO existiert. Es gibt einige Probleme, und
nicht jedes Mitglied ist allen seinen Verpflichtungen
nachgekommen - ein vorzügliches Beispiel hierfür ist
die Erfüllung der zahllosen Benachrichtigungserfordernisse. Wenn wir uns jedoch Landwirtschaft oder
Industrie, Dienstleistungen oder Waren und Güter
anschauen, wurden auf der ganzen Linie Fortschritte
erzielt.
Das Herz der WTO ist das neue System zur Schlichtung von Streitigkeiten. Viele erwarteten, daß die
Einführung der Schiedstelle Anfang dieses Jahres zu
einer Vielzahl neuer Aktionen zur Schlichtung von
Streitigkeiten führen würde, die das System nur unter
Schwierigkeiten absorbieren könnte. Wir müssen
mehr Fälle lösen als vorher, aber wir haben herausgefunden, daß das neue System positive Auswirkungen hat, indem es vor Klagen mit fragwürdiger
juristischer Berechtigung abschreckt und zur bilateralen Lösung von Problemen ermutigt, über die es
keinen Bericht des Gremiums gibt.

Blick auf Singapur
Das nächste Jahr wird der WTO neue Herausforderungen bringen, insbesondere auf Gebieten wie
TRIPS, das vielen Mitgliedern Schwierigkeiten

AMERIKA DIENST 01

�bereiten wird, die substantiellen Verpflichtungen des
Abkommens einzuhalten. Bei der Aushandlung des
Abkommens der Uruguay-Runde einigten wir uns
klugerweise darauf, daß für das Funktionieren der
WTO und die Umsetzung ihres Mandats eine regelmäßigere Einbeziehung von Ministern erforderlich
ist. Die erste solcher regelmäßig stattfindender
Gelegenheiten wird sich im kommenden Jahr in
Singapur ergeben. Das bedeutet, daß wir zu den
Ministertreffen einen etwas anderen Ansatz wählen
müssen als vorher zum GATT. Unseres Erachtens
erfordern die Vorbereitungen für Singapur große
Sorgfalt und Realismus, damit keine unvernünftigen
Erwartungen an das erste einer ganzen Reihe
regelmäßig stattfindender Ministertreffen gestellt
werden.
Wir werden durch den entstehenden
Konsens ermutigt, die Priorität für Singapur auf die
Umsetzung der Übereinkünfte der Uruguay-Runde
zu setzen. Wir können es uns jedoch nicht leisten,
gegenüber der Umsetzung einen zu engen Ansatz
zu wählen.
Ein wichtiger, aus der Umgestaltung des GATTSystems zur WTO resultierender Wandel war die
Errichtung der WTO als ständiges Verhandlungsforum und Ort für die Diskussion neuer Fragen.
Man braucht sich nur die beeindruckende "eingebaute Tagesordnung" anzuschauen, um zu sehen, daß
wir noch sehr viel Arbeit vor uns haben, um dem
nach dem Abschluß der Uruguay-Runde gesetzten
Kurs zu folgen. Gleichzeitig müssen wir jedoch
weiterhin in die Zukunft schauen. Welche Richtung
und welchen Kurs sollten wir verfolgen, wenn die
WTO über Singapur hinausschaut und die eingebaute Tagesordnung verfolgt?
Wir hoffen ebenso wie andere, im Laufe des kommenden Jahres an Diskussionen über die weitere
Tagesordnung für die WTO und die Entwicklung von
Arbeitsprogrammen teilnehmen zu können um zu
gewährleisten, daß die WTO lebensfähig und der
Mittelpunkt der Handelsliberalisierung bleibt. Während traditionelle Handelshemmnisse abgebaut
werden, müssen wir überlegen, wie die WTO zu
einer Verringerung der Korruption beim Handel

*

AMERIKA DIENST 01

beitragen kann. Unabhängige Organisationen äußern
jetzt, Korruption könnte heute das größte nichttarifäre
Handelshemmnis sein.
Die Vereinigten Staaten
verfügen über einige der unseres Erachtens konstruktivsten Ideen zu diesem Thema.
Ferner müssen wir die Wechselwirkung von Handelsund Arbeitsnormen erörtern. Es ist jetzt offensichtlich
geworden, daß eine solche Wechselwirkung existiert
und wir jetzt diese Frage erörtern können, ohne das
Risiko einzugehen, eine Entschuldigung für den
Importprotektionismus zu finden.
Zusammengenommen werden diese Fragen den
Generalrat 1996 mit der gewaltigen Aufgabe konfrontieren, die Notwendigkeit abzuwägen, wie eine
effektive Umsetzung der bereits für uns definierten
Arbeit sichergestellt und gleichzeitig eine WTO-Vision
für die Zukunft präzisiert werden kann. Unseres
Erachtens sind solide Vorbereitungen in Genf,
unterstützt von Arbeit zu Hause sowie zunehmender
Aufmerksamkeit von Regierungsvertretern in den
Hauptstädten der einzige Weg um sicherzustellen,
daß Singapur die Rolle der WTO im Handelssystem
wahrt.
Schlußbemerkung
Ich habe versucht, unsere Einschätzung allgemeiner
Trends zu präsentieren. Wenn ich einen bestimmten
Punkt nicht angesprochen habe, heißt das nicht, daß
er kein Anliegen der Vereinigten Staaten ist. Die
WTO ist viel zu kompliziert, um vollständig in eine
kurze Erklärung des Generalrates einbezogen zu
werden, und wir alle wissen, daß Einzelheiten beim
Handel wichtig sind. Wenn es aber noch ein Gebiet
gibt, das ich unbedingt ansprechen möchte, dann ist
es das des Aufnahmeverfahrens. Da der Beitritt zur
WTO für den Antragsteller - in mehr als einer Weise kostspielig ist, stellt sich die Frage, warum mehr als
20 wichtige Länder und Zollgebiete zu diesem
Zeitpunkt eine Mitgliedschaft in der WTO anstreben
sollten, wenn sie nicht davon überzeugt wären, daß
sie etwas Positives ist? Wir wollen sie nicht enttäuschen.

* * *

*

Seite 3

�FRAUEN
10.Januar 1996

Voice - Die Stimme der Frau
von Tony Case
(AD) - Die New Yorker Zeitung Village Voice ist im Hinblick auf die Einstellung von Frauen in ManagementPositionen außergewöhnlich. Der Verfasser dieses Artikels befaßt sich damit, wie Frauen bei dieser legendären
linksgerichteten Zeitung in mehr als die Hälfte der leitenden Positionen gelangten.
Tony Case ist Redakteur bei Editor &amp; Publisher.
Veröffentlichung und Übersetzung mit freundlicher Genehmigung von Editor &amp; Publisher, 13. Mai 1995.
Copyright (c) 1995 Editor and Publisher Inc.

In einer Branche, die eindeutig eine Männerdomäne ist,
stellt Village Voice eine einzigartige Zeitung dar, bei
der über die Hälfte der Beschäftigten Frauen sind und
das Verhältnis von weiblichen zu männlichen Mitarbeitern drei zu eins beträgt.
Da die Geschichte der legendären linksgerichteten
New Yorker Wochenzeitung, die 1995 ihr 40jähriges
Bestehen feierte, untrennbar mit der Frauenbewegung
und anderen sozialen Kreuzzügen der sechziger und
siebziger Jahre verbunden ist, sind Frauen dort seit
langem vertreten. Aber erst in jüngster Zeit unternahm
die Zeitung bedeutende Schritte, damit Frauen in Ämter
mit wirklicher Macht gelangten.
Es stimmt, daß die Entscheidungsträger bei Voice,
zumindest auf wirtschaftlicher Seite - der Besitzer
Leonard Stern, der Direktor und Verleger David Schneiderman sowie der geschäftsführende Abteilungsleiter
William Dwyer - Männer sind.
Aber die Posten des Hauptgeschäftsführers, Vertriebsleiters, Chefredakteurs, Art-directors, des Leiters der
Abteilung neue Medien und Technologie, des Abteilungsleiters Werbung und Marketing, des Direktors
der Abteilung Kleinanzeigen, des Leiters von zielgruppenorientiertem Marketing und Werbung sowie des
Personalleiters sind mit Frauen besetzt.
Trotz vielzitierter Bestrebungen der Zeitungen zur
Förderung von Frauen und Einstellung von Minderheiten liest sich das typische Impressum immer noch wie

AMERIKA DIENST 01

das Mitgliedsverzeichnis eines ausschließlich weißen
Männern vorbehaltenen Clubs.
Untersuchungen zufolge hat die Branche in der Vergangenheit unstrittig nur wenige Frauen in Führungspositionen gebracht, obwohl die Geschichte von Voice
bemerkenswert ist.
Der jüngsten Umfrage der National Federation of Press
Women zufolge, die sich mit dem Stand der Frau in
dieser Branche befaßt, haben nur 19,4 Prozent der
Frauen bei amerikanischen Tageszeitungen leitende
redaktionelle Positionen inne, und nur 8,7 Prozent der
Zeitungsverleger des Landes sind Frauen.
Man könnte denken, der heftige Liberalismus der
alternativen Presse und die relative Neuheit des
Genres würden Frauen bei der Voice und ähnlichen
Zeitungen die Tür öffnen.
Wendy Eickmeyer, Vizepräsidentin der Berufsvereinigung Frauen im Kommunikationsbereich, beobachtet: "Alternative Zeitungen neigen zu Schärfe und
führen Trends an ... und sie sind weitaus moderner.
Sie bestehen noch nicht so lange wie die konservativen
Tageszeitungen, die sich hinter ihrer Geschichte
verschanzen und wo es extrem schwierig ist, Althergebrachtes zu überwinden."
Aber die Voice hebt sich von ihresgleichen und den
Tageszeitungen ab. Von den 94 Zeitungen, die dem
Verband alternativer Wochenzeitungen angehören - bei
dem Voice nicht Mitglied ist - haben nur 15 weibliche

Seite 1

�Chefredakteure, und 21 haben weibliche Herausgeber
oder Mitherausgeber.

"Es gibt dort nicht diese Atmosphäre wie im Umkleideraum für Männer."

Warum scheint die Voice Frauen gegenüber so aufgeschlossen zu sein?

Schneidermans Fortschrittlichkeit ist zum jetzigen
Zeitpunkt kaum anachronistisch zu nennen. Seave
bezeichnet ihn als "typischen Mann der neunziger
Jahre". Seine Philosophie entstand jedoch schon in
den Siebzigern, auf dem Höhepunkt der Frauenbewegung, als er direkt von der Johns Hopkins University
Stellvertreter der berühmten Redakteurin der New York
Times, Charlotte Curtis, wurde.

Manche, darunter die Chefin vom Dienst der Zeitschrift
New York, Sarah Jewler, die bei Voice dasselbe Amt
innehatte, vertreten die Theorie, es sei eine Frage der
Logistik: Manhattan biete mehr Chancen als andere
Teile des Landes, weil es dort mehr Publikationen und
eine größere Gruppe von Herausgeberinnen gebe.
Die Manager von Voice jedoch rechnen das dem
Herausgeber Schneiderman als Verdienst an, der ihnen
zufolge bei Einstellungen überhaupt nicht auf das
Geschlecht schaut. "David Schneiderman sieht keinen
Unterschied darin, ob eine Frau oder ein Mann für ihn
arbeitet", erklärt Generalmanagerin Ava Seave. "Und
weil ihm das gleichgültig ist, stellt er einfach nur die
Besten ein."
Seave räumt auch ein, daß die "gewissenhafte" - und
mächtige - Gewerkschaft der Zeitung "Einstellungen
entsprechend dem Verdienst, nicht entsprechend
kultureller Präferenzen" ermutigt.
Kathryn V. Thornton, Abteilungsleiterin für Anzeigen
und Marketing bei Voice, die bei zwei Tageszeitungen
in New Jersey sowie einem Unternehmen zur Entwicklung von Computer-Software für Zeitungen Führungspositionen innehatte, bezeichnete Schneiderman als
"etwas anders als die Verleger, für die ich gearbeitet
habe, da er und das Blatt sehr gut über unterschiedliche Lebensstile unterrichtet sind - die seltsame und
wunderbare Mischung von Menschen auf der Welt."
Das Ergebnis ist eine Atmosphäre, die weitaus weniger
von Testosteron bestimmt ist als an allen bisherigen
Arbeitsplätzen von Thornton.
"Es gab einige Vertreter der alten Schule, die mich
fragten: 'Was willst Du? Warum reicht Dir das nie aus?
Du solltest zu Hause in der Küche stehen'", erinnert
sich die leitende Angestellte. "Ferner wurde mir gesagt,
ich könnte für einen Job Geld bekommen - und ich
wurde in dieser Branche immer sehr gut bezahlt - aber
nicht notwendigerweise einen Titel, denn die Deals
würden in der Herrentoilette abgeschlossen." Solche
großspurigen Einstellungen werden in dem von Schneiderman geförderten frauenrechtlerischen Klima einfach
nicht geduldet.
"Eines der Dinge, die mir an der Arbeit hier gefallen,
besteht darin, daß man nicht an Sitzungen - selbst
wenn ausschließlich Männer zugegen sind - teilnimmt
und sich Scherze über Frauen oder schlüpfrige Witze
anhören muß", äußerte Schneiderman in einem Interview in den Büros von Voice im Herzen von Manhattan.

Seite 2

Schneiderman erinnert die bereits verstorbene Curtis
als einzige Frau mit wirklicher Autorität bei der Zeitung
zu derzeit, als sie die einzige Frau im Impressum war.
Tatsächlich war Curtis die erste Frau, die je im Impressum der Times aufgeführt wurde. (Obwohl die
Times in den letzten Jahren Wert auf Vielfalt gelegt hat,
sind heute nur zwei ihrer Top-Manager Frauen, und mit
einer Ausnahme sind es alles Weiße.)
Schneidermans erste Chefin übte spürbaren Einfluß
aus - nicht nur auf den jungen Redakteur, sondern auf
die Times und andere Tageszeitungen. Bevor sie die
redaktionelle Leitung übernahm, war Curtis eine
äußerst beliebte Gesellschaftsredakteurin, deren
herrlich witziger und geistreicher Stil unter Redakteuren
überall Nachahmung fand.
In ihrem Buch The Girls in the Balcony: Women,
Men and The New York Times beschrieb die ehemalige Times-Reporterin Nan Robertson Curtis als die
erste weibliche Medienberühmtheit der Zeitung.
Die Times sang ihr Lob in der Eigenwerbung, und in
Time, Newsweek, Cosmopolitan sowie im Fernsehen
erschienen Porträts von ihr.
"Ihre Arbeit war ihr Leben. Die Zeitung war ihr Leben.
Sie war immer im Dienst", äußerte Robertson über
Curtis, die sie "die Braut der The New York Times"
taufte.
Schneiderman weist darauf hin, daß er nicht von
vornherein die Absicht hatte, Frauen in leitende Positionen zu bringen, aber einige der interessantesten
Kandidaten für die Management-Riege waren Frauen.
Und natürlich, fügte er hinzu, schafft die Einstellung von
Frauen und Förderung ihrer Karriere ein für andere
talentierte und qualifizierte Frauen attraktives Umfeld.
Schneiderman bemerkt, daß er und andere - weibliche
- Manager von Voice sich, wenn sie zu Zeitungskongressen reisen, unweigerlich in einem Raum voller
Männer wiederfinden. Der einzige Grund für ihn, an
Konferenzen teilzunehmen, ist der, sich erneut vor
Augen zu führen, wie es in der Branche aussieht.
"Wir neigen dazu, dieses Umfeld hier für selbstverständlich zu halten", erklärte er. Aber die Voice ist der

AMERIKA DIENST 01

�Zeitungsberaterin und ehemaligen Herausgeberin von
Gannett, Nancy Woodhull, zufolge eher ein Vorbote als
eine Ausnahme. Im Journalismus gibt es diese entscheidende Masse gut ausgebildeter Frauen, sei es auf
der geschäftlichen oder der redaktionellen Seite, und
man kann so etwas bei mehr Zeitungen erwarten",
prognostiziert Woodhull. "Wenn man sich die Village
Voice anschaut, sieht man die Zukunft."
Nach Ansicht von Schneiderman sollte jeder, der
wirklich Frauen in Führungspositionen haben will, sich
Nike als Anhaltspunkt nehmen und "es einfach tun". Er
rät anderen Verlegern, alle Untersuchungen, Zusammenkünfte und Arbeitsgruppen zu vergessen und
einfach Frauen einzustellen. Eine Studie nach der
anderen in Auftrag zu geben, ist wertlos."
Nach Ansicht von Schneiderman ist es schlicht und
einfach ein gutes Geschäft, Frauen in Führungspositionen zu bringen. "Meiner - äußerst voreingenommenen
- Meinung nach ist dies ein gut funktionierender Ort mit
talentierten, fähigen Menschen im geschäftlichen und
redaktionellen Bereich, und wir haben gezeigt, daß dies
nahtlos möglich ist", so Schneiderman. "Das ist hier
nicht umstritten. Meines Erachtens ist das keine große
Sache."
Es wäre entsetzlich sexistisch - und dazu einfach falsch
- die Voice als eine Art von Utopie anzusehen, nur weil
sie von Frauen geführt wird. Schließlich handelt es sich
um die Voice, deren farbenfrohe Vergangenheit ebenso Unruhen unter den Mitarbeitern, Faust- und Gewerkschaftskämpfe beinhaltet wie linksgerichtete Ideale, den
Gründervater Norman Mailer sowie zwei Pulitzerpreise,
und wer hier arbeitet ist sehr stolz auf den streitsüchtigen, chaotischen Ruf der Zeitung.
Für Seave ist die Zeitung nicht besser oder schlechter,
nur weil an ihrer Spitze so viele Frauen stehen, sondern "zeugt lediglich von mehr Egalitarismus". Die
Management-Struktur mag vielleicht das Ergebnis der
fortschrittlichen Denkweise Schneidermans sein, aber
bei der Voice waren Frauen schon immer eine wesentliche Kraft.
Karen Durbin, die 15 Jahre lang für die Voice gearbeitet hatte und vor einem Jahr als Chefredakteurin
wieder dorthin zurückkehrte, nachdem sie bei der
Zeitschrift Mirabelle für das Feuilleton zuständig
gewesen war, erzählt, ein Drittel der Redaktionsmitglieder der Voice hätte aus Frauen bestanden, als sie
1974 zu der Zeitung gekommen sei, "und damals hatte
man das Gefühl, die Frauen würden das Zepter übernehmen". Sie erinnert sich, daß 1975, als ein zusätzliches Redaktionsmitglied eingestellt werden sollte,
verschiedene Mitarbeiter, einschließlich ihr selbst, eine
Frau für dieses Amt in Betracht zogen. Eine Journalistin rollte mit den Augen und stöhnte: "Oh nein, nicht
noch eine Frau. Wir werden von ihnen überrollt."

AMERIKA DIENST 01

Durbin war völlig verblüfft. Es gab zu diesem Zeitpunkt
nur drei andere Redakteurinnen, einschließlich ihr
selbst. Ich schaute mir das Impressum an und dachte:
"Werden wir das wirklich? Warum habe ich dann das
Gefühl, daß mein Geschlecht eine Belastung für mich
ist?"
Durbin - erst die zweite Frau, die je die Position des
Chefredakteurs innehatte; Marianne Partridge, jetzt
Redakteurin des Santa Barbara Independent in
Kalifornien, war die erste. Sie weist darauf hin, daß die
Voice mit ihrer "befangenen, künstlerischen Sensibilität" und "unkonventionellen, nicht sexistischen Geschichte" schon immer ein Forum für Journalistinnen
bot. "Damals hatten Zeitungen noch eine Frauenseite",
erinnert sich die Redakteurin. "Aber wir hatten Barbara
Long, die über Stierkämpfe schrieb."
In seinem Buch The Great American Newspaper: The
Rise and Fall of The Village Voice bezeichnete Kevin
Michael McAuliffe die Behauptung als "lächerlich", daß
der ursprüngliche Redakteur der Zeitung, Dan Wolf, ein
Sexist sei. Der Autor schrieb: "Wenn in der Tat etwas
Verallgemeinerndes über seine Laufbahn gesagt
werden könnte ... dann, daß Wolf Frauen bevorzugt für
Macht- und verantwortungsvolle Positionen einstellte."
Unter Wolf wurde ein gewisses Murren darüber laut,
daß keine der Redakteurinnen von Voice zum Stab
gehörte. Aber, so berichtete McAuliffe, von den vielen,
die Beiträge für die Zeitung lieferten, erfreuten sich nur
vier der Auszeichnung, zum Stab zu zählen. Darüber
hinaus hatte die Zeitung eine Frau als beigeordnete
Redakteurin und Lokalberichterstatterin, und viele
Frauen sind für den Wirtschaftsteil tätig.
Die Fernseh- und Pressejournalistin Joanna Wolper,
die während der siebziger Jahre für die politische
Berichterstattung der Voice zuständig war, erklärte, sie
hatte Probleme mit der feministischen Bewegung, die
das Jahrzehnt charakterisierte, weil sie bei der Zeitung
den gleichen Stand wie ihre männlichen Kollegen hatte.
"Da war ich, die 20jährige College-Studentin, und
berichtete über Mario Cuomo und Rikers Island, und
andere Frauen waren auf Zentralamerika spezialisiert",
stellte sie fest. "Ich fühlte mich nicht diskriminiert. Ich
wurde ermutigt, Journalistin zu sein und über Geschichten zu berichten, die als männliche Domäne erachtet
wurden."
Durbin erregte vor 20 Jahren Aufsehen als offene
Verfechterin des Feminismus. Die Übernahme der
Position als Redakteurin war jedoch eher wie ein
Sprung ins kalte Wasser.
Die Redakteurin Tina Brown wurde scharf kritisiert, weil
sie den seriösen New Yorker aufmöbelte, nachdem sie
1992 von Vanity Fair dorthin gewechselt hatte.

Seite 3

�Im Frühjahr 1994 war Durbin dran.
Trotz ihrer bekannten bisherigen Beiträge für Voice
rangen die New Yorker Medienbeobachter die Hände
und zeigten sich besorgt, daß Durbin - die ausgerechnet von einer Frauenzeitschrift kam - die Zeitung
verweichlichen würde.
Durbin würde sicherlich ausländische Berichterstattung
ablehnen, fürchteten die Beobachter, um ein Hochglanzmagazin zu schaffen. Es gab Gerüchte, sie
würde das intellektuelle Niveau der literarischen
Beilage VLS senken. Ein Nachrichtenredakteur war
angeblich besorgt, er würde im Kosmetikteil enden.
Viele von Durbins Kritikern fühlten sich bestätigt, als ein
föhnfrisierter Robert Redford in voller Größe und in
Farbe auf der Titelseite abgebildet war - wodurch man
die Voice dieser Woche kaum von People und anderen
vornehmlich über Prominente schreibenden Gazetten
unterscheiden konnte, die die Zeitungskioske überschwemmen.
Dann brachte die New York Post im Januar letzten
Jahres einen Artikel mit dem Vorwurf, Voice zeige unter
Durbins Leitung immer mehr Haut mit dem Hinweis, die
Zeitschrift habe mehrfach Bilder von nackten oder
spärlich bekleideten Damen auf der Titelseite veröffentlicht. Durbin erklärte, ihr habe das Geschwätz
mißfallen, das implizierte, sie sei "ein frivoles, dummes
Weibsbild".
Ihren Aussagen zufolge "war die Reaktion auf meine
Übernahme des Redakteurspostens mit enorm viel
Sexismus befrachtet. Ich hegte die übelsten Verwünschungen. Ich dachte ... Ihr könnt mich mal. Die
Zeitung wird es beweisen."
Die Redakteurin stellt klar, daß sie auf den Ruf von
Voice aufbauen, nicht ihn zerstören will. Sie hegt den
Wunsch, die "Lebensfreude und Pietätlosigkeit" wiederzuerwecken, die Anfang des Jahrhunderts charakteristisch für Voice war, in den achtziger Jahren jedoch
verloren ging.
Während der Reagan-Bush-Ära war die Wochenzeitung aus Durbins Sicht scheinbar "besessen von
Tod und Zerstörung". "Es schien, als ob die Zeitung ein
härenes Hemd zu tragen begann und ein Banner
schwenkte, auf dem stand: Bereue: Das Ende naht!'"
Der Medienkolumnist von Voice, James Ledbetter,
stellte fest: "Meines Erachtens machte Karen kein
Geheimnis daraus, daß sie die Zeitung ein bißchen
heiterer machen wollte. Sie und andere hatten das
Gefühl, die Zeitung sei zu düster, zu besessen vom Tod
und zu zynisch geworden. Sie sah es als Teil ihrer
Aufgabe, sie ein wenig mit anderen Elementen zu
beleben."

Seite 4

In einem letztes Jahr veröffentlichten langen Artikel
anläßlich der Übernahme von Durbin argumentierte die
New York, der "raison d'etre von Voice - nichts weniger als der Kampf um die Befreiung der Gesellschaft endete mit Eugene McCarthy".
Die Zeitung, so wurde behauptet, sei "wie der Großteil
des progressiven Amerika allmählich auf minutiöse
Beschreibungen von Herrschaftsmodellen reduziert
worden. Das heißt: Jammern.
Die Zeitung stellte fest, populäre Publikationen wie die
Times hätten begonnen, auf das Territorium von Voice
überzugreifen, und würden immer mehr Druckerschwärze für Popkultur und Schwulenprobleme aufwenden.
Durbin selbst gibt zu, daß sie Anfang der neunziger
Jahre praktisch aufgehört hatte, die Voice zu lesen.
"Sie gab mir nicht, was ich brauchte, vermittelte mir
nicht, was ich wissen wollte", erklärte sie.
Ledbetter argumentiert, die Leser würden immer noch
nicht alles erfahren, was sie wissen wollen. "Die
Berichterstattung der Zeitung, die einstmals ihre Stärke
war, hat nachgelassen."
Da die Wochenzeitung nur noch einen internationalen
Korrespondenten - James Ridgeway - habe, könne
dieser, so Ledbetter, "nicht die ganze Welt abdecken".
Und obwohl Frauenthemen bei der Voice zweifelsohne
breiter Raum eingeräumt wird, dauern Diskussionen
über die unzulängliche Berichterstattung über Frauen
und Minderheitengruppen - vor allem bei den Redakteuren - an.
Obwohl Durbin die Publikation leitet und eine Vielzahl
der Mitarbeiter und derjenigen, die Beiträge liefern,
Frauen sind, sind alle wichtigen politischen und Medienberichterstatter - einschließlich Ledbetter - weiße
Männer, was nach Ansicht des Kolumnisten nicht so
gut zur Besetzung der Nachrichtenzentrale paßt.
Die Feature-Redakteurin Lisa Kennedy hat das Gefühl,
Voice entspreche vielen Tageszeitungen dahingehend,
"daß die Zeitung sich auf eine gewisse Art von Maskulinität gründet: Das ist Journalismus. Journalist ist
derjenige, der die Story bekommt. Journalismus ist
Woodward und Bernstein. Journalismus ist eine heiße
Story, nicht laue Geschichten."
Kennedy - die Afroamerikanerin und offen lesbisch ist erwähnt die Ironie in den Idealen und Aktionen vieler,
die sich selbst als sozial bewußt erachten.
"Da gibt es diese Gruppe liberaler Menschen, die
denken, sie können praktisch für alle sprechen, damit
sie nicht denken, sie seien nicht vielfältig, weil sie
andauernd über Vielfalt nachdenken", erläuterte sie.

AMERIKA DIENST 01

�"Sie bemerken nicht, daß hier jemand ist, der für Vielfalt
steht."
Kennedy zufolge befinden sich alternative Zeitungen
wie Voice im Augenblick in etwa derselben Lage wie
die Demokratische Partei. "Sie wollen das Richtige tun,
aber sie wollen das Sagen haben, und wenn das
Richtige ist, nichts zu sagen, dann verlangt man von
ihnen, etwas zu tun, von dem sie nicht genau wissen,
wie sie es tun sollen."
Aus diesem Grund sind Gleichstellungsmaßnahmen
laut Kennedy ein zwingendes Gebot - unabhängig von
den Bestrebungen der konservativen Republikaner,
diese Maßnahmen abzuschaffen.

"Bei allem guten Willen in der Welt", so die Redakteurin,
"wird kaum jemand sagen: 'In Ordnung, ich räume
meinen Platz für Dich.'"
Schneiderman unterstrich, daß es "alternative Maßnahmen geben kann, diese Art linker Politik, und immer
noch einen vorwiegend von Männern dominierten
Arbeitsplatz. Hier hat man ein schönes Gleichgewicht
unterschiedlicher Stimmen."
Der Verleger sieht die Voice als Modell - nicht nur für
Zeitungen, sondern für alle Unternehmen. "Ich denke,
so sollte die Welt sein", gibt er unumwunden zu. "So
sollten Unternehmen funktionieren. Sie sollten eine
ausgewogene Mischung von Männern und Frauen,
unterschiedlichen Rassen und ethnischen Gruppen
sein, denn das ist die Welt."

*

AMERIKA DIENST 01

*

Seite 5

�</text>
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                <text>&lt;strong&gt;1. Bosnien&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Perry, Shalikashvili: Friedensmission in Bosnien verläuft reibungslos&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Pressekonferenz in Tuzla&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. WTO&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Eine Bilanz der WTO - positiv aber noch nicht perfekt&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Erklärung des Stellvertretenden US-Handelsbeauftragten&lt;/em&gt; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Frauen&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;VOICE - die Stimme der Frau&lt;br /&gt;&lt;em&gt;von Tony Case&lt;/em&gt;</text>
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                <text>&lt;strong&gt;1. Leben in den USA&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Der erste Präsident der USA schwört den Amtseid&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Zu George Washingtons Geburtstag am 22. Februar&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Television&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Die amerikanische Fernsehakademie&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Von Peter Cott, Direktor der "Press and Public Relations"-Abteilung der National Academy of Television Arts und Sciences, New York&amp;nbsp;&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Atom und Technik&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Supraleiter als Magnetspulenmaterial&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Neue Möglichkeiten für den Baum thermonuklearer Versuchsgeräte&amp;nbsp;&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Raketentreibstoff Hydrazin zum halben Preis&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Neue Erfolge der Strahlenchemie&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Direkte Umwandlung von Reaktorwärme in elektrischen Strom&amp;nbsp;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Verbilligung von Atomstrom durch neue Leistungsreaktortypen&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Roboter für Reaktorstation&amp;nbsp;</text>
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                    <text>10. Februar 1982
INHALT

DOKUMENTATION
Präsident Reagan legt Haushalt 1982/83 vor
- Allgemeine Ausgabenkürzungen - Erhöhung des Verteidigungsetats
Jahresverteidigungsbericht an den Kongreß
- Auszüge Haig:

KSZE-Verpflichtungen der Sowjets werden nichtig

- Rede des US-Außenministers in Madrid Burt:

NATO muß sich auf neue Herausforderungen einstellen

- Wortlaut HINTERGRUNDMATERIAL
Vertragsangebot Reagans zur Verminderung amerikanischer und
sowjetischer Raketen
- Von unserem Korrespondenten Alexander Sullivan
Washington sieht Fortschritte im Bereich der Menschenrechte
in El Salvador
Wirtschaftswachstum ohne mehr Energieverbrauch
WISSENSCHAFT UND TECHNIK
USA: Großtechnische Braunkohle-Vergasung nach Lurgi-Verfahren

Um Uber/endung von
ßckgcKcmplorcn
wird gebeten

Postfach 20 03 00 Tel.: 0228-339 22 40
D 5300 Bonn 2
Telex: 08-85432

�mE

DlEl

»J

»

Dokumentation
International Communication Agency
Embassy of the United States of America

10. Februar 1982

PRÄSIDENT REAGAN LEGT HAUSHALT 1982/83 VOR
Allgemeine Ausgabenkürzungen - Erhöhung des Verteidigungsetats -

WASHINGTON - (AD) - Präsident Ronald Reagan hat am 8. Februar 1982
dem amerikanischen Kongreß seinen Haushaltsvoranschlag für das Haushaltsjahr 1983 - vom 1. Oktober 1982 bis 30. September 1983 - vorgelegt. Bei
geschätzten Einnahmen von 666,1 Milliarden Dollar und veranschlagten Ausgaben von 757,6 Milliarden Dollar schließt das Budget mit einem Defizit von
91,5 Milliarden Dollar ab.
In seiner umfangreichen Haushaltsbotschaft nimmt der Präsident eine
Neuordnung der Prioritäten vor. Die Bundesregierung will die Verantwortung für Programme abgeben, die nach ihrer Meinung in die Zuständigkeit
der Einzel Staaten oder Kommunen, der Privatindustrie oder des privaten
Bürgers fallen. Gleichzeitig wird in über 70 Programmen des Bundes in fünf
großen Kategorien eine Kürzung der Ausgaben vorgeschlagen. Lediglich auf
dem Sektor der Verteidigung sind weitere Erhöhungen vorgesehen.
Gesamthaushalt

Postfach 20 03 00 Tel.: 0228-339 22 40
D 5300 Bonn 2
Telex: 08-85432

�gesamthaushalt
(In Milliarden Dollar)

1981

1982

(Ist)

1983

1984

1985

(Voranschlag)

Einnahmen

599,3

626,8

666,1

723,0

796,6

Ausgaben

657,2

725,3

757,6

805,9

868,5

Defizit

57,9

98,6

91,5

82,9

71,9

718,4

765,5

801,9

858,0

943,5

Haushaltsrahmen
(Ausgabeermächtigungen)

V

Wenn der Haushalt vom Kongreß verabschiedet wird, dann beträgt der Anstieg der Regierungsausgaben gegenüber dem Vorjahr nur 4,5 Prozent - gegenüber
einem entsprechenden Anstieg von 10,4 Prozent 1982 und 17,4 Prozent 1980.
Inflationsbereinigt wird 1983 sogar ein Kaufkraftwertrückgang der Ausgaben um
zwei Prozent zu verzeichnen sein und im Zeitraum von 1982 bis 1985 ein Zuwachs um nur 0,4 Prozent.
Der Haushaltsvoranschlag geht unter anderem von folgenden Erwartungen
aus:

einem realen Wachstum des Bruttosozialprodukts vom vierten Quartal 1982

bis zum vierten Quartal 1983 um 5,2 Prozent - einer Steigerung von 3 Prozent
gegenüber dem Vorjahr -; einem Rückgang der Inflation gemessen am Deflator
des Bruttosozialprodukts von 8,6 Prozent (Haushaltsjahr 1981 auf 7,2 Prozent
1982 und 5,5 Prozent 1983);einem Rückgang der Zinsen für kurzfristige Schuldverschreibungen des Bundes (91 Tage) von durchschnittlich 14,1 Prozent 1981
auf 11,7 Prozent 1982 und 10,5 Prozent 1983 sowie einem leichten Rückgang der
Arbeitslosigkeit von 8,9 Prozent in diesem Jahr auf 7,9 Prozent 1983.
Der Voranschlag

�Der Voranschlag des Präsidenten sieht Kürzungen um rund 56 Milliarden
über die fast 40 Milliarden Dollar hinaus vor, die der Kongreß im vergangenen
Jahr billigte.

Für 1984 sind weitere Senkungen der Ausgaben um 84 Milliarden

Dollar und für 1985 um 99 Milliarden Dollar vorgesehen.
In der Haushaltsbotschaft des Präsidenten, die dem umfangreichen Haushaltsvoranschlag beiliegt, heißt es unter anderem:
Vor einem Jahr

habe ich mich in meiner ersten Ansprache an das amerika-

nische Volk gewandt, um über den Zustand unserer Wirtschaft zu berichten.
Das war keine erfreuliche Angelegenheit.

Inflation, Zinsen und Arbeitslosen-

zahlen waren auf einem schmerzlich hohen Stand angelangt, während reales
Wachstum, Schaffung neuer Arbeitsplätze, Neuinvestitionen, Spartätigkeit und
Produktivitätszuwachs praktisch aufgehört hatten. Unsere Wirtschaft ging unter der Last übermäßiger Steuersätze, zweistelliger Inflation, davonlaufender
Regierungsausgaben, nur hemmender Verordnungen und eines unausgewogenen Zuwachses des Geldumlaufs in die Knie. Die Wirtschaft, so sagte ich damals,
ist in dem schlimmsten Zustand seit einem halben Jahrhundert.
Zu unserem großen Glück saßen viele im Kongreß, die die Art unserer
Schwierigkeiten begriffen und sich mit uns daran machten, der Herausforderung
zu begegnen.

Es wurden grundlegende und längst überfällige Gesundungsmaß-

nahmen vorgeschlagen und in Angriff genommen.

Zusammen haben wir die größten

Kürzungen der Ausgaben und Steuern in unserer Geschichte beschlossen.

Ver-

ordnungen mit negativer Auswirkung sind abgeschafft worden und die Bundesbank (Federal Reserve System) hat Maßnahmen ergriffen, um das übermäßige
Geldwachstum unter Kontrolle zu bringen.

...Jetzt muß noch sehr viel mehr

getan werden...
Wir haben dem amerikanischen Volk kein Wunder versprochen.

Wir haben

ihm Fortschritt versprochen, und es wird Fortschritt erleben.
Unser Ziel

�Unser Ziel war und ist der wirtschaftliche Wiederaufschwung - die Rückkehr zu einer nicht inflationären und anhaltenden Prosperität...

Schnell-

kuren werden nicht helfen.
Was uns dahin führen wird, sind feste Entschlossenheit und standhaftes
Festhalten an den vier Grundsätzen unseres Programms für den wirtschaftlichen
Wiederaufschwung, das ich dem Kongreß vor einem Jahr unterbreitet habe:
- Senkung der Einkommens- und Körperschaftssteuern zur Anregung der
Spartätigkeit, der Investitionen, der Arbeitsleistung und der Produktivität;
- Verringerung des Wachstums der Gesamtausgaben des Bundes durch Beseitigung von Tätigkeiten des Bundes, die außerhalb des eigentlichen Verantwortungsbereichs der Bundesregierung liegen;
- Abbau der Last der Verordnungen der Bundesregierung auf Gebieten, wo
die Bundesregierung in unnötiger Weise in unser Privatleben eindringt oder
wo sie sich in unnötiger Weise in die Geschäfte des privaten Bürgers oder
der einzelstaatlichen oder kommunalen Behörden einmischt;
- Unterstützung einer gemäßigten und stetigen Währungspolitik, um die
Inflation zu senken.
Gleichzeitig habe ich eine Stärkung der Verteidigung unseres Landes
vorgeschlagen, um unseren Sicherheitsspielraum wiederherzustellen und der
sowjetischen Aufrüstung zu begegnen.
Die Reaktion des Kongresses auf diese Vorschläge war positiv und erfreulich. Es bleibt zwar noch viel zu tun, aber wir haben einen guten Anfang
gemacht.
Die Politik der öffentlichen Hand unseres Landes liegt heute fest auf
einem neuen, gesunden und durchhaltbaren Kurs. Zum erstenmal in zwei Jahrzehnten wurde der zerstörerische Trend davonlaufender Ausgaben, steigender
- 4 -

�Ausgaben, steigender Steuersätze und zunehmender Haushaltsverpflichtungen
verlangsamt und wird in diesem Jahr, mit der Mithilfe des Kongresses endlich gestoppt werden.
- Während die Wachstumsrate der Ausgaben 1980 um 17,4 Prozent stieg,
ist sie jetzt dramatisch zurückgegangen - auf 10,4 Prozent in diesem Jahr und
nach dem von mir vorgeschlagenen Haushalt wird sie im nächsten Jahr auf 4,5
Prozent zurückgehen.
- Während der Haushaltszuwachs von 1979 bis 1981 insgesamt 166 Milliarden Dollar betrug, werden sich die Ausgaben von 1981 bis 1983 trotz der
Lebenshaltungskostenanpassungen und der notwendigen Steigerungen der Verteidigung nur um 60 Prozent dieser Summe erhöhen.
- Während der Anspruch der Bundesregierung an die Volkswirtschaft 1981
rund 23 Prozent des Bruttosozialprodukts

erreichte, wird er jetzt ständig

zurückgehen - auf 22 Prozent 1983 und auf unter 20 Prozent bis 1987.
- Nach einem Jahrzehnt der Steueraufblähung (Tax-Flation), in dem fiskalische und monetäre Exzesse den unaufhaltsamen Auftrieb der Preise und die
automatische Erhöhung der Steuern anheizten, wurden jetzt wesentliche Senkungen der Steuersätze verabschiedet. Ferner wurde mit der Indexierung der Einkommensteuer eine ständige Sicherung dagegen eingebaut, daß immer höhere
Steuerklassen fällig werden und die Regierung an der Inflation verdient.
- Während die Regierung die rasche, anhaltende Zunahme automatischer
Ansprüche passiv geduldet und aktiv die Hintanstellung unserer nationalen
Sicherheit betrieben hat, hat eine überfällige Neuordnung der Prioritäten
begonnen - der Zunahme der Ansprüche wird Einhalt geboten und die Wiederherstellung unserer Verteidigung ist im Gange.
Mit diesem dramatischen Fortschritt in der Neuordnung der Fiskal politik
ging eine ähnliche Neuorientierung der Währungspolitik einher.

Dem übermäßi-

gen, unhaltbaren und schließlich ruinösen Geld- und Kreditwachstum des letzten
- 5 -

�des letzten Jahrzehnts ist Einhalt geboten worden.
langsamt sich.

Der Preisauftrieb ver-

Die Ersparnisse der Bevölkerung fließen aus unproduktiver

Spekulation, Sachvermögen und anderen Rettungsankern vor der Inflation wieder
zurück in die Finanzarterien des Landes, wo sie zur Verfügung stehen, um den
wirtschaftlichen Wiederaufschwung, die Schaffung neuer Arbeitsplätze und wachsende Einkommen und Chancen zu bewirken.
Kurz gesagt, wir lassen die falsche Prosperität der überzogenen Ausgaben,
der leichten Kredite, der Geldentwertung und des finanziellen Übermaßes hinter
uns.

Wir haben eine solide Grundlage gelegt für einen gesunden Dollar, ein

anhaltendes reales Wirtschaftswachstum, eine dauerhafte finanzielle Stabilität
r

und eine nichtinflationäre Prosperität für alle Amerikaner...

Verteidigungshaushalt
Für die Verteidigung hat Präsident Reagan im Haushalt 1983 258 Milliarden
Dollar angefordert, was gegenüber dem Vorjahr eine Steigerung um 43,7 Milliarden Dollar, also um real oder inflationsbereinigt 13,2 Prozent bedeutet.

Der

Anteil der Verteidigungsausgaben am Bruttosozialprodukt wird im Laufe der
nächsten fünf Jahre von 5 auf 7 Prozent ansteigen.
Die tatsächlichen Ausgaben im Haushaltsjahr 1983 werden sich auf 215,9 Milliarden oder 33,1 Milliarden Dollar mehr belaufen, jedoch werden unter der
Rubrik "Nationale Verteidigung" im Haushalt insgesamt 263 Milliarden Dollar
angefordert, da hier alle mit der Verteidigung zusammenhängenden Programme
zusammengefaßt sind.

Darunter fallen unter anderem Programme für die Entwick-

lung von Kernwaffen, die bisher beim Energieministerium lagen un d jetzt vom
Handelsministerium verwaltet werden; Notstandsplanung, Vorräte an strategisch
wichtigen Gütern und das Rekrutierungsverfahren für die Streitkräfte.
Unter der Überschrift "Nationale Verteidigung" heißt es im Haushaltsentwurf unter anderem:
Das Grundziel
- 6 -

�Das Grundziel der nationalen Sicherheit des Verteidigungsprogramms der
Vereinigten Staaten ist die Verhütung des Krieges - vor allem des Atomkrieges.
Das nationale Sicherheitsprogramm der Vereinigten Staaten dient dem Zweck, andere davor abzuschrecken, unsere Lebensinteressen wie auch die unserer Verbündeten und Freunde zu bedrohen.

Diese Abschreckung muß auf der Aufrechterhal-

tung der strategischen nuklearen Kapazität beruhen, die einen Nuklearkrieg
gegen uns zu einer unannehmbaren Option macht; auf einer Überlegenheit zur
See; einer starken Streitkrä'fteposition in der NATO und in Nordostasien; und
auf der Fähigkeit, unsere Streitkräfte weltweit zu dislozieren und zu halten...
Zu dem derzeitigen Verteidigungsprogramm müssen gehören:
- Modernisierung aller Komponenten der strategischen Streitkräfte der
Vereinigten Staaten, um ihre Fähigkeit zu gewährleisten, einen Angriff zu überleben;
- Verbesserung der Fähigkeit des Landes, auf Krisen überall in der Welt
militärisch zu reagieren;
- Aufrechterhaltung der Überlegenheit zur See, die für die Dislozierung
amerikanischer Streitkräfte in lebenswichtige Regionen in Übersee, für die
Unterstützung unserer Verbündeten und für die Sicherstellung des Zugangs zu
lebenswichtigen Rohstoffen erforderlich ist;
- Neubelebung von Bündnissen und Zusammenschlüssen, um die Überlegenheit
zur See zu fördern, amerikanische Interessen weltweit zu schützen und die Ziele
der NATO zu erreichen;
- Verbesserung der Einsatzbereitschaft und Kampfkraft der konventionellen
Streitkräfte und Modernisierung dieser Streitkräfte mit neuem Gerät...
Strategische Streitkräfte:

Der Haushalt 1983 sieht eine weitere Moder-

nisierung aller Elemente der strategischen Streitkräfte vor, einschließlich
des B-1-Bombers und eines neugefaßten MX-Raketen-Programms.
Das strategische
- 7 -

�Das strategische Modernisierungsprogramm umfaßt fünf sich gegenseitig
verstärkende Elemente:
- Verbesserte Fernmelde- und Leitsysteme, die besser in der Lage sind,
zu überleben und einen Nuklearkrieg zu führen, falls die Abschreckung versagen sollte;
- Modernisierung unserer Bomberstreitmacht mit der Produktion des Flugzeuges vom Typ B-1B Mitte der achtziger Jahre und eines hochmodernen Tarnbombers (nicht zu ortender Bomber) in den neunziger Jahren;
- Entwicklung und Dislozierung einer neuen unterseebootgestützten Rakete (Trident II) mit verbesserter Reichweite, Treffsicherheit und Nutzlast;
darüber hinaus werden die seegestützten strategischen Streitkräfte in naher
Zukunft durch die Dislozierung seegestützter Marschflugkörper verstärkt;
- Programme zur schrittweisen Verbesserung der Treffsicherheit, Größe
und Oberlebensfähigkeit landgestützter Raketen durch die Dislozierung der MXRakete in bestehenden festen Silos und Forschung für künftige überlebensfähigere Alternativen der Stationierung;
- Verbesserung der strategischen Verteidigung, einschließlich der Modernisierung des Vorwarnsystems für Bomberangriffe, Beschaffung neuer Abfangjäger vom Typ F-15 und beschleunigter Entwicklung einer Raketenabwehr...
Allgemeine Streitkräfte: ...Die allgemeinen Streitkräfte müssen in der
Lage sein, auf den gefährlichsten potentiellen Konflikt reagieren zu können
- einem Krieg zwischen der NATO und dem Warschauer Pakt - und gleichzeitig
die Flexibilität zu bewahren, anderen Bedrohungen amerikanischer Interessen
begegnen zu können... Der Haushalt 1983 sieht für die allgemeinen Streitkräfte 106,2 Milliarden Dollar vor, eine Erhöhung um 20 Prozent gegenüber 1982...
Allgemeine Seestreitkräfte:

�Allgemeine Seestreitkräfte:

...Die Einsatzflotte der Vereinigten Staaten

wird von 555 Schiffen 1982 auf 569 Schiffe
deutlichen

1983 erhöht werden. Wenn wir einen

Spielraum der Überlegenheit zur See erreichen wollen, dann müssen

wir jedoch weiterhin unsere Marine-Waffensysteme modernisieren und den Bestand weiter erhöhen.

Der mit 96 Milliarden Dollar ausgestattete Fünfjahres-

Schiffbauplan sieht von 1983 bis 1987 den Bau von 113 Schiffen vor, einschließlich von sechs Trident-Raketenunterseebooten.

Der Haushalt sieht 1983 die Be-

schaffung folgender neuer Schiffe vor:
- zwei nuklear angetriebene Flugzeugträger, die die Haupteinsatzstreitmacht unserer seegestützten konventionellen Streitkräfte ausmachen;
- drei große Kriegschiffe (Kreuzer), die mit dem AEGIS-System ausgerüstet
sind, um die Flotte vor Angriffen mit Flugzeugen und Raketen zu schützen;
- zwei kleine Kriegschiffe (Fregatten), um die Flotte und militärische
Geleitzüge zu schützen;
- ein Landungsschiff

zur Unterstützung von Landungen des Marinekorps;

- zwei nuklear angetriebene Angriffsunterseeboote;
- vier Minenbekämpfungsschiffe, um die Fähigkeit unserer Flotte zu verbessern, angesichts feindlicher Minendrohungen zu operieren;
- ein Flottentanker zur Unterstützung unserer Flotte auf See;
- ein Bergungsschiff zur Bergung beschädigter Schiffe oder Flugzeuge...
See- und Luftbrückenkapazität: ...Die Einsatzbereitschaft wird durch die
Verbesserung vorhandener Transportflugzeuge und die Beschaffung zusätzlicher
Ersatzteile erhöht werden...
Unsere Seetransportkapazität
- 9 -

�Unsere Seetransportkapazität für die schnelle Eingreiftruppe wird durch
die Umwandlung von SL-7-Versorgungsschiffen sowie die Charterung weiterer
Schiffe für vorausdisponiertes Gerät und vorausdisponierten Nachschub in der
Nähe von Unruheherden verstärkt werden...
Für die taktischen Luftstreitkräfte ist die Beschaffung weiterer Maschinen der Typen F-15, F-16 und A-10 sowie umgebauter F-lll für die Störung
des gegnerischen Radar vorgesehen.

Ferner sollen weitere Aufklärungsflugzeuge

TR-1 sowie AWACS-Maschinen angeschafft werden.

Internationale Angelegenheiten
Die wesentlichen Auszüge aus dem Abschnitt "Internationale Angelegenheiten", der sich in die beiden Bereiche Sicherheitshilfe und Wirtschaftsund Finanzhilfe aufgliedert, haben folgenden Wortlaut:
Die Außenpolitik der Vereinigten Staaten ist auf die Schaffung eines Umfeldes des Friedens, der internationalen Sicherheit und des wirtschaftlichen
Wohlstandes ausgerichtet, in dem die politischen und wirtschaftlichen Freiheiten des einzelnen gedeihen können.

Internationale Sicherheitshilfe
Die Programme der Sicherheitshilfe sind lebenswichtige Instrumente der
Sicherheits- und Außenpolitik der Vereinigten Staaten und dienen dazu, verbündete und befreundete Länder zu stärken, mit denen die Vereinigten Staaten
spezielle Sicherheitsanliegen verbinden.

Durch diese Programme helfen die

Vereinigten Staaten anderen Ländern dabei, militärische Ausrüstung zu kaufen,
das notwendige Personal dafür auszubilden und einzusetzen, das für ihre Verteidigung nötig ist; zudem wird hierdurch die wirtschaftliche und politische
Stabilität gefördert.

Die Programme ermöglichen es den Vereinigten Staaten,

den Frieden im Nahen Osten zu fördern, die südliche Flanke der NATO zu stär- 10 -

�zu stärken und diejenigen Länder in Afrika, Asien und in der Karibik zu unterstützen, die direkt oder indirekt durch den sowjetischen Expansionismus bedroht
sind.

Sicherheitshilfe wird auch im Zusammenhang mit dem Zugang zu Militär-

basen und anderen militärischen Einrichtungen im Ausland gestellt.
Aufgrund der ernsten Bedrohung der amerikanischen Interessen in mehreren
Teilen der Welt sieht das Budget eine beträchtliche Erhöhung der Sicherheitshilfe vor.

Die vorgeschlagene Haushaltsermächtigung wurde für das Jahr 1983

auf 4,7 Milliarden Dollar ansteigen, eine Erhöhung von 1,2 Milliarden Dollar
gegenüber 1982.
Hauptprogramme
(In Millionen Dollar)
1981

1982

1983

Ist

( V o r a n s c h l a g )

500

750

1 739

Mittel für wirtschaftliche Unterstützung 2 100

2 564

2 886

Internationale Sicherheitshilfe:
Militärische Lieferungen ins Ausland
auf Kredit
Militärhilfe

110

177

108

Soldaten

28

38

54

Aktivitäten zur Friedenssicherung

34

151

43

Einnahmen aus Zahlungsausgleich,
Schuldendienst etc
Vorlage

-231
-

-194
-

-171
5

2 543

3 486

4 663

Militärische Ausbildung ausländischer

Zwischensumme, Internationale
Sicherheitshilfe

Wirtschaftliche und

- 11 -

�Wirtschaftliche und finanzielle Auslandshilfe
Wirtschafts- und Finanzhilfe für andere Länder dienen den außenpolitischen
Interessen der Vereinigten Staaten, indem die wirtschaftliche Entwicklung in
den Staaten der Dritten Welt gefördert und Menschen in Not humanitäre Hilfe
zuteil wird.

Die Vereinigten Staaten gewähren diese Hilfe sowohl bilateral

als auch über multilaterale Institutionen.

Die Haushaltsvoranschläge für

das Jahr 1983 stellen einen bescheidenen Anstieg gegenüber den Zahlen des Jahres 1982 dar. Dieser Anstieg ist notwendig, um den in der Vergangenheit eingegangenen Verpflichtungen gerecht zu werden und auf dringende Erfordernisse
in Entwicklungsländern in Asien, Afrika und Lateinamerika reagieren zu können.
In diesem Bereich der Auslandshilfe legen die Vereinigten Staaten auch
weiterhin großen Wert auf das wirkungsvolle Management der internationalen
Organisationen.

Dabei ist es von besonderer Bedeutung, daß diese Organisationen

regelmäßig ihre Programme überprüfen, die unwichtigeren und veralteten Aktivitäten einstellen, überflüssiges Personal einsparen und ihre Kosten reduzieren.

Die Vereinigten Staaten beabsichtigen, nur diejenigen Budgets von Or-

ganisationen zu unterstützen, die in dieser Hinsicht beträchtliche Zurückhaltung signalisieren.

Diese Administration ist der Oberzeugung, daß nach

Jahren stetiger Programmausweitung die Effizienz der meisten Organisationen
durch Rationalisierung und Selbstkontrolle gesteigert werden sollte.
Die Vereinigten Staaten leisten freiwillige Beiträge für die Vereinten
Nationen und andere internationale Organisationen und Programme, die für
Entwicklung, humanitäre Hilfe und wissenschaftliche Zusammenarbeit tätig sind.
Die Beteiligung an diesen multilateralen Programmen vervollständigt die direkte Hilfe von Land zu Land, um die Zielsetzungen der amerikanischen Außenpolitik zu verwirklichen. Dennoch werden die amerikanischen Beiträge im
Jahr 1983 gegenüber dem Umfang der vergangenen Jahre abnehmen und damit die
Überzeugung der Administration widerspiegeln, daß manche multilateralen Programme für das Erreichen außenpolitischer Ziele der USA weniger wirksam sind
als bilaterale Hilfe.
Hauptprogramme
- 12 -

�Hauptprogramme
(In Millionen Dollar)

1981

1982

1983

(Ist)

( V o r a n s c h i

Wirtschaftliche und finanzielle
Auslandshilfe:
Multilaterale Entwicklungshilfe:
Multilaterale Entwicklungsbanken

1 004

1 262

Internationaler Fonds für landwirtschaftliche Entwicklung

--

--

Internationale Organisationen

262

215

1 684
1 229
106
474

1 771
1 000
105
503

-259

-327

-371

Zwischensumme, Wirtschaftliche
und finanzielle Auslandshilfe

4 499

4 529

4 764

Gesamtsumme der Auslandshilfe

7 042

8 015

9 427

Amt für Internationale Entwicklung
(AID)
Lebensmittelhilfe (Gesetz 480)
Friedenskorps
Flüchtlingshilfe
Einnahmen aus Zahlungsausgleich,
Schuldendienst, Tilgung

+ + + + +

- 13 -

1 537
65
173
1 816
1 028
98
419

ag)

�Dokumentation
International Communication Agency
Embassy of the United States of America

6

10. Februar 1982
Jahresverteidigungsbericht an den Kongreß
- Auszüge -

WASHINGTON (AD) - Der amerikanische Verteidigungsminister Caspar Weinberger
hat am 8. Februar 1982 dem Kongreß seinen Jahresbericht für das Haushaltsjahr
1983 vorgelegt und darin deutlich gemacht, daß die Vereinigten Staaten aufgrund
der gewaltigen und anhaltenden Verteidigungsausgaben der Sowjetunion gezwungen
sind, zur Wiederherstellung des militärischen Gleichgewichts auch ihre eigenen
Ausgaben zu erhöhen. Weinberger erklärte: "Wenn die Sowjets merken, wie sie
ständig und ohne Schwierigkeiten an militärischer Stärke gewinnen, wird
unsere Fähigkeit zur Abschreckung vor einer Aggression unerbittlich geschwächt
werden."
Wesentliche Auszüge des Verteidigungsberichtes haben folgenden Wortlaut:

Beurteilung der militärischferi Weltlage
Die zentrale Rolle des amerfikarfisch-sowjetisehen Kräfteverhältnisses
Die Sowjetunion stellt für das amerikanische Volk eine größere Gefahr
dar als jede andere ausländische Macht in unserer Geschichte. Allein die
Sowjetunion hat die Macht, unserem Volk Verluste in Millionenhöhe beizubringen.
Nur die Sowjetunion hat so viele und so moderne konventionelle und nukleare
Streitkräfte disloziert, die unsere Freunde und Verbündeten in Europa und

Postfach 20 03 00 Tel.: 0228-339 22 40
D 5300 Bonn 2
Telex: 08-85432

�Asien direkt konfrontieren. Nur die Sowjetunion verfügt über die Streitkräfte
und die geographische Nähe zur Bedrohung der wichtigsten Energiequellen der
Freien Welt. Und die Sowjetunion unternimmt anhaltende Anstrengungen zur Ermutigung und Bewaffnung totalitärer Kräfte in den verschiedensten Weltgegenden,
um dadurch ihren politischen Einfluß und ihren militärischen Machtbereich auszudehnen.
*

Die Reagan-Administration ist sich auch darüber im klaren, daß es noch
andere Bedrohungen des Weltfriedens und der Sicherheit der Vereinigten Staaten
gibt. So hängen wir und unsere Verbündeten in großem Ausmaß von wichtigen Rohstoffen aus Weltgegenden ab, die uns entweder feindlich gesinnt oder zumindest
politisch instabil sind und teilweise über ein machtvolles und modernes Waffenarsenal verfügen. Die Administration ist sich auch der Tatsache bewußt, daß die
Weiterverbreitung von Kernwaffen in Zukunft zu neuen Gefahren führen kann und
daß der Verbreitung dieser Waffen Einhalt geboten werden muß. Schließlich
müssen die Vereinigten Staaten zusammen mit ihren Verbündeten und Freunden
terroristischen Bedrohungen begegnen, die von Gruppen ausgehen, die unabhängig
von der Sowjetunion operieren.
Aber sogar die Bedrohungen, die unabhängig in den verschiedenen Regionen
auftreten, werden von der Sowjetmacht beeinflußt. Zudem fördern die Sowjets
bisweilen lokale Instabilitäten, und sogar dort, wo sie dies nicht tun, können
sie Vorteile aus den Möglichkeiten ziehen, die diese Instabilitäten bieten. Wir
erkennen die Tatsache an, daß eine Reihe von wichtigen außenpolitischen und
militärischen Problemen nicht das Ergebnis sowjetischer Initiative ist.- Aber
diese Einsicht darf uns nicht von der Tatsache ablenken, daß es die militärischen
Anstrengungen der Sowjetunion, deren Richtung und Natur sind, die unseren Militärhaushalt bestimmen.

- 2 -

�Trends bei den amerikanischen und sowjetischen Militärinvestitionen
Weit enthüllender als Vergleiche zwischen den militärischen Gesamtausgaben ist ein Vergleich zwischen den amerikanischen und sowjetischen Militärinvestitionen. Denn während die Kosten für Betrieb, Unterhaltung und Personal
die militärische Kapazität zu einem gegebenen Moment signalisieren, stellen
Programme für Waffenbeschaffung, Waffenentwurf, Forschung und Entwicklung Investitionen in künftige Möglichkeiten dar.
Diese Militärinvestitionen der Sowjetunion übersteigen unsere eigenen noch
deutlicher als ihr gesamtes Verteidigungsprogramm - ein Mehrbetrag, der innerhalb der vergangenen fünf Jahre bei 80 bis 90 Prozent lag. Die Investitionen
stellen einen größeren Anteil an einem ohnehin größeren sowjetischen Programm
dar. Die Sowjets ließen sich von diesen Militärinvestitionen auch nicht durch
die relativ hohen Rubel-Kosten für diese Investitionen abschrecken, während
die Mittel der Vereinigten Staaten für solche Militärinvestitionen begrenzt
wurden durch die relativ hohen Dollar-Kosten für Sold und Betriebskosten für
die Waffen.

Das nukleare Gleichgewicht
Bei der Beurteilung des globalen militärischen Gleichgewichts wurde
größte Sorgfalt auf das amerikanisch-sowjetische Verhältnis bei den strategischen Nuklearwaffen gelegt - und dies aus guten Gründen. Aber diese Haltung
führte in den letzten Jahren zu einer eingeengten Sichtweise, als nämlich die
SALT-Verhandlungen zum dominierenden Aspekt unserer Politik der strategischen
Streitmacht wurden.
Das umfassendere Bild dessen, was aus dem nuklearen Gleichgewicht geworden ist, wird deutlich, wenn wir einen Blick auf einen detaillierteren Maßstab des amerikanisch-sowjetischen Nuklearverhältnisses werfen. Kein einzelner,
isolierter Aspekt oder Aspektbereich kann dieses Gleichgewicht angemessen aufzeigen. Zusammengenommen signalisieren diese Aspekte jedoch einen bereits seit

- 3 -

�Mitte der sechziger Jahre anhaltenden Abwärtstrend der amerikanischen Position.
Während die Sowjets sowohl auf offensive wie auf defensive Systeme Wert legen,
haben die Vereinigten Staaten in großem Umfang Defensivvorbereitungen vernachlässigt. Auch haben die Sowjets die Entwicklung der Zivilverteidigung mit immer
größerer Aufmerksamkeit weiterverfolgt, um hierdurch und durch eine Vielzahl
weiterer Maßnahmen die Aussicht auf das Oberleben von entscheidenden Teilen
ihrer Gesellschaft nach Ausbruch eines Atomkriegs zu verbessern. Während unsere
strategischen Programme aufgrund der Erwartungen bei SALT und bei der Entspannung beschnitten wurden, verbesserten die Sowjets ständig die Qualität ihrer
strategischen Streitkräfte. Angesichts der zentralen Bedeutung dieser Systeme
für die nationale Sicherheit legt das Programm der Regierung Reagan größten
Wert auf die Umkehrung der Trends des vergangenen Jahrzehnts und auf die Stärkung unserer strategischen Systeme.
Während der späten fünfziger und frühen sechziger Jahre gab es auf beiden
Seiten Pläne für die Entwicklung von nuklearfähiger Artillerie und von BodenBoden-Raketensystemen. Das amerikanische Programm wurde jedoch nicht durchgeführt
und konzentriert sich derzeit auf die PERSHING II-Rakete und die bodengestützten
Marschflugkörper. Bis zum Einsatz dieser Systeme muß sich der Westen hauptsächlich auf eine Kombination von Artillerie, LANCE-Raketen und taktischen Flugzeugen stützen. Im Gegensatz hierzu hielten sich die Sowjets eng an ihre langfristigen Pläne. Mit der Dislozierung der neuen SS-21-, SS-22- und SS-23-Raketen
haben sie in Verbindung mit modernisierter Artillerie und Flugzeugen offensichtlich ihr ursprüngliches Ziel erreicht, eine eindrucksvolle Bandbreite komplementärer Artillerie-, Raketen- und Flugzeugsysteme zu erstellen, die alle nukleare,
chemische und konventionelle Optionen haben.
Wir müssen die globale Bedrohung unserer Interessen erkennen, die sich
durch die umfassende Asymmetrie bei den nuklearen Gefechtsköpfen sowie durch
die gewaltige Bandbreite und die operativen Charakteristiken der sowjetischen
Nuklearsysteme ergibt. In Ostasien und im Pazifik genauso wie an der westlichen
Front fügen die Sowjets ihrem gewaltigen und wachsenden Arsenal an Flugzeugen,
die für den Nukleareinsatz geeignet sind, an Nuklear-Unterseebooten und anderen

- 4 -

�Systemen auch weiterhin SS-20-Raketen hinzu. Ein Großteil dieses Arsenals könnte
zudem rasch verlegt und anders ziel geplant werden, um auf einen anderen potentiellen Konfliktschauplatz ausgerichtet zu werden.

Seestreitkräfte und Machtdarstellung
Die Vereinigten Staaten haben stets erkannt, daß ihre grundlegenden Interessen auch entfernt liegende Gebiete berühren. Während der siebziger Jahre
ging jedoch die Tendenz dahin, uns mit unseren Besorgnissen auf Westeuropa zu
konzentrieren und die Tatsache zu vernachlässigen, daß auch andere Teile der
Welt sowohl für Europa als auch für uns selbst wichtig sind. In der Tat hat die
Abhängigkeit Westeuropas, unserer asiatischen Verbündeten und der Vereinigten
Staaten von den Rohstoffen anderer Erdteile rapide zugenommen - genau zur
gleichen Zeit, da diese Gebiete in zunehmendem Maß verletzlich gegenüber feindseligen Aktivitäten wurden.
Die Flottenpolitik der Sowjetunion und deren Programme für die achtziger
Jahre sind auf eine Ausweitung der militärischen und politischen Optionen ausgerichtet, die der Führung auf dem gesamten Konfliktspektrum zur Verfügung
stehen.
Seit Beginn der siebziger Jahre wird deutlich, daß die Sowjets die Aufgabe ihrer Streitkräfte nicht nur in dem traditionellen Schutz der Sowjetunion
sehen, sondern zugleich im Schutz der "sozialistischen Staaten" auf der ganzen
Welt. Die Sowjets erstreben Streitkräfte und Erfahrung für die Machtdarstellung
und den Einfluß in Gebieten, die weit entfernt von der Sowjetunion liegen. Sie
vergrößern und verbessern die Landstreitkräfte in ihren Grenzgebieten, ihre
taktischen Flugzeuge und ihre Luftverteidigungseinheiten. Dasselbe gilt für
ihre Luft- und Seetransportkapazitäten und die logistische Infrastruktur entlang der sowjetischen Peripherie. Zudem haben sie Flottenkapazitäten entwickelt,
die es ihnen ermöglichen, Streitkräfte in beträchtlicher Entfernung einzusetzen
und zu unterstützen. Ihre verbesserten Kapazitäten zur Durchführung von Operationen in großen Entfernungen zeigt sich außerdem in der Einrichtung modernster
- 5 -

�Kommando-, Leit- und Fernmeldeanlagen in so entscheidenden Gebieten wie Kuba,
dem Jemen und in Vietnam. Sie setzen auch weiterhin neben Diplomatie auf subversive Tätigkeit und militärischen Druck, um nichtkommunistische Staaten zu
untergraben und Stützpunkte in Südwestasien, Afrika und im karibischen Raum
zu sichern.
In scharfem Kontrast hierzu wurde der Zugang für die Vereinigten Staaten
und ihre Verbündeten zu mehreren Regionen von strategischer Bedeutung eingeschränkt, da unsere Stationierungsstruktur und die unserer Verbündeten im Vergleich zu der von vor etwa 20 Jahren nachgelassen hat. Wir haben nunmehr Vorbereitungen für verstärkten Einsatz von Mitteln für Anlagen in Ostafrika und Südwestasien getroffen, da wir um die Sicherheit des Nahen und Mittleren Ostens
und der Region des Persischen Golfs besorgt sind. Zwar werden sich auf lange
Sicht die Lufttransportkapazitäten der Vereinigten Staaten verbessern, doch
geben die Nähe der Sowjetunion zum Persischen Golf und die anhaltenden Verbesserungen bei ihren Streitkräften den Sowjets einen klaren Vorteil bei der
Machtdarstellung in dieser lebenswichtigen Region.

Mittel für den langfristigen militärischen Wettbewerb
Die große Stärke der freien Welt liegt in dem Wohlstand ihrer freien Marktwirtschaften. Sie ermöglichen stetige Verbesserung des Lebensstandards und die
zur Verteidigung notwendigen Mittel. Unsere Widersacher ziehen die Mittel für
ihre militärischen Programme aus weniger produktiven Volkswirtschaften und
müssen den zivilen Verbrauch stark einschränken. Aber trotz unserer weit
größeren wirtschaftlichen Basis hat die Sowjetunion über ein Jahrzehnt lang
mehr Mittel für militärische Zwecke eingesetzt. Da der Zuwachs des sowjetischen
Bruttosozialprodukts in letzter Zeit unter die Rate gesunken ist, mit der die
Militärausgaben wachsen, fordert die militärische Anstrengung einen wachsenden
Teil des durch die nationale Leistung Erreichten. Die verschiedensten Formen
der sowjetischen Wirtschaftshilfe für Osteuropa, Kuba und Vietnam sind in den
letzten Jahren größer geworden. Die Höhe dieser Ausgaben sowie die sowjetischen
Militärprogramme lasten gewaltig auf der Volkswirtschaft des Landes.
- 6 -

�Die sowjetische Wirtschaft wird vom Handel mit den Vereinigten Staaten
und unseren Verbündeten stark beeinflußt. Daher ist es von entscheidender Bedeutung, daß unsere Handelspolitiken in klarer Erkenntnis der auf dem Spiel
stehenden Sicherheitsinteressen konzipiert werden. Der Handel des Westens mit
Osteuropa und der Sowjetunion trägt zur wirtschaftlichen Stärke dieser kommunistischen Staaten bei - und damit zugleich auch zu ihrer Fähigkeit, militärische
Programme zu verwirklichen. Mag der Westen auch diesen oder jenen wirtschaftlichen Vorteil aus diesen Handelsbeziehungen ziehen, so muß es sich doch zum
Nachteil des Westens auswirken, wenn sie allein von den Kräften des privaten
Marktes bestimmt werden. Unsere Handelspolitik mit dem Osten sollte unsere
umfassenderen strategischen Interessen mit in Rechnung stellen. Die Unterstützung,
die der Ost-West-Handel dem militärischen Ausbau der Sowjetunion gewährt, erhöht die Bedrohung unserer Sicherheit und die Kosten unserer Verteidigung.
Unsere Bereitschaft zu geschäftlichen Beziehungen mit der Sowjetunion sollte
nicht unabhängig sein vom Verhalten der Sowjetunion.
Diese Administration ergreift Maßnahmen, um unsere Technologie wirkungsvoller zu schützen. Um die Einschränkungen der C0C0M-Kommission durchzusetzen,
hat der Präsident ein COCOM-Treffen auf hoher Ebene gefordert - das erste seit
Anfang der fünfziger Jahre -, um die internationale Kontrollstruktur zu festigen
und zu einer aktiveren Anwendung der Regeln durch die Mitgliedstaaten zu ermutigen.
Der langfristige Wettbewerb zwischen der freien Welt und dem Sowjetblock
wird auch von den wirtschaftlichen Entwicklungen bei uns und unseren Verbündeten mitbestimmt. Die weitere Sicherheit unserer Bündnisse wird von erhöhten
Militärausgaben unserer wohlhabenden Verbündeten abhängen. Wegen der plötzlichen Verteuerung der Energiekosten standen die Staaten Westeuropas im vergangenen Jahrzehnt vor erheblichen wirtschaftlichen Schwierigkeiten. Das
langfristige Wachstum ihrer Volkswirtschaften könnte zudem durch ihr Beharren
auf verhältnismäßig ausgereiften Industrien anstatt durch die Verlagerung auf
dynamischere Bereiche bei neueren Technologien verlangsamt werden. Diese Administration erkennt, daß Verteidigungserfordernisse in Zeiten des wirtschaft-

- 7 -

�liehen Druckes für die Regierungen und Völker Westeuropas eine schwierige politische und wirtschaftliche Wahl darstellen - genau wie in den Vereinigten
Staaten.

Unsere Haltung bei der Rüstungskontrolle
Unsere Haltung bei der Rüstungskontrolle sollte darin bestehen, Vereinbarungen auszuhandeln, die das Risiko eines Krieges vermindern und die Bedrohung
unserer Sicherheit und die unserer Verbündeten

verringern. Kosmetische Ab-

kommen - solche, die lediglich eine weitere Aufrüstung der sowjetischen Militärmacht legitimieren - liegen nicht in unserem nationalen Interesse. Wenn sich
ernsthafte Möglichkeiten auftun, Abkommen auszuhandeln, die das derzeitige
Rüstungsniveau fair, ausgewogen und verifizierbar verringern, sollten wir sie
tatkräftig verfolgen. Das historische Angebot Präsident Reagans, unseren Plan
zur Dislozierung von Marschflugkörpern und PERSHING II-Raketen in Europa fallenzulassen, wenn die Sowjets ihre SS-20-, SS-4- und SS-5-Raketen abbauen und andere
Raketen begrenzen, die als Ersatz für jene verwendet werden könnten, gehört zu
der Art von Rüstungskontroll vorschlagen, auf die diese Kriterien zutreffen. Wir
werden hart dafür arbeiten, daß er angenommen wird. Die derzeitigen großen
Schwierigkeiten werden uns nicht von diesem langfristigen Ziel abbringen.

Die Grundlage einer langfristigen Verbesserung
Damit sich die natürliche Stärke der freien Gesellschaften auch weiterhin
durchsetzen kann, muß unsere Verteidigungsstrategie

zweierlei tun. Zum einen

muß sie die weitere Expansion und Konsolidierung des sowjetischen Militärimperiums zum Stillstand bringen - gleich, ob diese Expansion durch direkte militärische Intervention voranschreitet (wie 1« Afganistan),oder durch weniger direkte
Intervention (wie in Angola, Nicaragua und andernorts). Zum andern muß unsere
Strategie darauf sehen, daß die Produktivität und technologische Kreativität unserer freien Gesellschaften nicht dazu ausgenützt werden, die chronischen
Schwächen des kommunistischen Systems auszugleichen.
+++++
- 8 -

�amIERlIKh
I Dl El11!ST3

Dokumentation
International Communication Agency
Embassy of the United States of America

10. Februar 1982

HAIG: KSZE-VERPFLICHTUNGEN DER SOWJETS WERDEN NICHTIG
- Rede des US-Außenministers in Madrid -

MADRID - (AD) - Der amerikanische Außenminister Alexander Haig hat in
einer Rede vor der Folgekonferenz der Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (KSZE) am 9. Februar 1982 erklärt, die Sowjets hätten durch
ihre Aufstachelung und Unterstützung einer unbarmherzigen Unterdrückungskampagne in Polen ihre Verpflichtungen im Rahmen der Schlußakte von Helsinki eindeutig null und nichtig werden lassen. Nach dem, was in Polen geschehen sei,
könne man nicht einfach zur Tagesordnung übergehen.
Die Rede des amerikanischen Außenministers hat folgenden Wortlaut:
Wir stehen an einem kritischen Scheidewege der Nachkriegsgeschichte
Europas. Unsere Völker haben große Hoffnungen in die Versprechungen und Prinzipien von Helsinki investiert. Von Madrid aus müssen wir ihnen ein deutliches
Signal senden, daß wir entschlossen sind, diese Versprechen zu erfüllen und
auf diesen Prinzipien zu beharren, sonst werden die Schlußakte von Helsinki
und der Versöhnungsprozeß, den sie symbolisiert, schwer, ja vielleicht irreparabel geschädigt.
Im Jahr

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�Im Jahr 1975 verpflichteten sich 35 Staats- und Regierungschefs, die
Wunden und Spaltungen Europas zu heilen. Die Achtung vor den Rechten von
Völkern und Einzelpersonen sollte die Grundlage für eine viel umfassendere
Sicherheit und Zusammenarbeit legen. Eine neue Ära des Vertrauens, des Handels, der Reisen und der Freiheit sollte anbrechen.

Europa sollte wieder

ein Ganzes werden.
Jetzt ist diese Vision zutiefst in Frage gestellt. Wenn wir uns mit
den komplizierten Sachverhalten der gegenwärtigen Lage befassen, dann könnten wir durchaus auf Winston Churchill hören, der einst den Rat gab, daß in
"kritischen und verwirrenden Situationen es immer am besten ist, sich auf
erste Prinzipien und einfaches Handeln zurückzubesinnen". Wir stehen wirklich in einer kritischen Situation.
Die ersten Prinzipien der Schlußakte von Helsinki werden angegriffen.
Der Zweck meines Hierseins - ja der Zweck dieser Konferenz Liberhaupt - muß
darin bestehen, die Akte zu verteidigen, indem klar ausgesprochen wird, was
geschieht und warum es geschieht. Seit über einem Jahr hat die amerikanische
Delegation unter der fähigen Leitung von Botschafter Kampelman zusammen mit
anderen versucht, auf den Versprechungen der Schlußakte von Helsinki weiter
aufzubauen. Wir haben über unsere Meinungsverschiedenheiten gesprochen, und
wir haben neue Initiativen verfolgt. In allem war es unser Ziel, die Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa zu stärken. All diese Bemühungen werden
heute von bösen Ereignissen im Herzen Europas selbst überschattet. Das polnische Volk, dessen Schicksal immer die europäische Sicherheit berührt hat,
wird seines Rechtes beraubt, über seine eigenen Angelegenheiten zu entscheiden. Eine gewaltsame Unterdrückung des polnischen Streben; nach Würde am Arbeitsplatz, nach Freiheit und nach Selbstbestimmung ist im Gange. Die Generäle dieses Krieges gegen das polnische Volk sind niemand anders als das polnische Regime selbst, das unter der Aufstachelung und dem Zwang der Sowjetunion handelt. Wie können diese Handlungen mit der Unterschrift Polens und
der Sowjetunion unter die Übereinkommen von Helsinki vereinbart werden?

Nichts gefährdet
- 2 -

�Nichts gefährdet die Sicherheit und die Zusammenarbeit in Europa mehr
als die Androhung und die Anwendung von Gewalt, um international anerkannte
Rechte vorzuenthalten.

Nichts gefährdet die Schlußakte von Helsinki und den

Helsinki-Prozeß mehr als diese absichtliche Verletzung feierlicher internationaler Verpflichtungen.

Wir würden den künftigen Frieden Europas bedrohen,

wenn wir diesen dramatischen Angriff auf internationale Grundsätze außer
acht ließen.

Ohne Frage haben alle Länder, die an einem sichereren vereinig-

ten und offenen Europa - der Aufgabe dieser Konferenz - interessiert sind,
eine Verantwortung, hier und heute ihre Stimmen zu erheben.

Das amerikanische

Volk wie auch andere Völker könnten sich niemals mit dem zynischen Versuch
abfinden, die polnische Tragödie außerhalb der Reichweite der Schlußakte von
Helsinki zu stellen.

Es ist im Gegenteil so, daß die Akte unsere Sorge

rechtfertigt und unseren Protest verlangt.

Um es ganz einfach auszudrücken,

die Frage ist, ob wir das, was wir im August 1975 im Prinzip I der Schlußakte
gesagt haben, auch wirklich meinten, wenn die Signatarstaaten erklärten, daß
Staaten das Recht haben, ihre politischen, gesellschaftlichen, wirtschaftlichen
und kulturellen Systeme zu wählen und zu entwickeln.

Und doch hat die Sowjet-

union durch Nötigung und Eingreifen mit den polnischen Militärbehörden konspiriert, um Polen dieses Grundrechts zu berauben.
Im Prinzip II erklärten die Signatarstaaten, daß sich die beteiligten
Staaten der Androhung oder Anwendung von Gewalt gegen die territoriale Integrität oder politische Unabhängigkeit eines anderen Staates enthalten würden.
Und doch haben militärische Demonstrationen der Sowjetunion und des Warschauer
Paktes sowie die begreifliche Angst vor einer militärischen Intervention der
Sowjets dazu gedient, das polnische Volk in seiner Suche nach Reform einzuschüchtern.
In den Prinzipien IV und VI erklärten die Signatarstaaten, daß sie sich
jeglicher Maßnahme gegen die politische Unabhängigkeit irgendeines anderen
Teilnehmerstaates sowie jeglicher Einmischung in ihre inneren oder äußeren
Angelegenheiten enthalten wUrden.

Und doch ist das polnische Volk das Opfer

einer langen und bösartigen Kampagne geworden.

- 3 -

Amtliche Erklärungen, von denen

�von denen einige von der höchsten Ebene der sowjetischen Regierung ausgingen,
haben vor bösen Konsequenzen gewarnt, wenn die Polen auf polnische

Lösungen

für polnische Probleme beharrten.
Im Prinzip VII erklärten die Signatarstaaten, daß sie die wirksame Ausübung bürgerlicher, politischer, wirtschaftlicher, sozialer, kultureller und
anderer Rechte und Freiheiten fördern und ermutigen würden.

Aber die pol-

nischen Militärbehörden, weit entfernt von der Förderung und Ermutigung der
Ausübung dieser Rechte, unterdrücken die grundlegendsten Freiheiten des polnischen Volkes.
Im Prinzip VIII erklärten die Signatarstaaten, daß sie das Recht der
Völker respektieren würden, frei über ihren politischen Status ohne Einmischung von außen zu entscheiden und ihre politische, wirtschaftliche, gesellschaftliche und kulturelle Entwicklung nach eigenem Wunsche voranzutreiben.

Eine Verletzung dieses Prinzips stellt die gesamte Schlußakte in Frage.

Und doch hat die Sowjetunion seit Beginn der Reformbewegung in Polen systematisch versucht, dem polnischen Volk das Recht auf die Gestaltung seiner eigenen Zukunft zu verwehren.
Im Prinzip X erklärten die Signatarstaaten, daß sie bei der Ausübung
ihrer souveränen Rechte, einschließlich des Rechts auf Festlegung ihrer Gesetze und Bestimmungen, in Übereinstimmung mit ihren rechtlichen Verpflichtungen im Rahmen des internationalen Rechts handeln würden.

Die Unterdrückung

der Bürger- und Menschenrechte des polnischen Volkes verletzt die international anerkannten Rechte, wie sie in der Charta der Vereinten Nationen und der
universalen Menschenrechtserklärung wie auch in den einschlägigen Bestimmungen der Schlußakte niedergelegt sind.
Was ich eben dargestellt habe, ist die "Bill of Rights", die die Schlußakte von Helsinki der westlichen Zivilisation geschenkt hat.
Damit legt die Schlußakte grundlegende Normen fest, nach denen wir uns
und einander beurteilen.

Diese Prinzipien waren das Ergebnis langwieriger
- 4 -

�Ergebnis langwieriger Verhandlungen.

Sie wurden feierlich eingegangen.

Die

Haltung meines Landes wurde von Präsident Ford gut zum Ausdruck gebracht, als
er sagte:

"Wir nehmen diese Arbeit und diese Worte sehr ernst.

Wir werden

keine Anstrengung unterlassen, um Spannungen abzubauen und Probleme zwischen
uns zu lösen. Aber es ist wichtig, daß Sie die tiefe Hingabe des amerikanischen Volkes und seiner Regierung an die Menschenrechte und die fundamentalen
Freiheiten und damit die Verpflichtungen erkennen, die diese Konferenz eingegangen ist..."
Die Vereinigten Staaten und viele andere Regierungen, die heute hier vertreten sind, halten sich voll Stolz an diese Maßstäbe. Die Schlußakte von
Helsinki verkörpert unsere Ablehnung einer nur sich selbst dienenden Gewalt,
die Macht mit Recht gleichsetzt. Sie spiegelt das internationale Einverständnis wider, daß alle Prinzipien in gleichem Maße bindend sind. Kein Staat
hat das Recht zur willkürlichen Definition. Kein Staat hat das Recht, selektiv Ausnahmen zu beanspruchen. Und doch ist die Ausübung willkürlicher Macht
und Gewalt zu einem Verhaltensmuster geworden - im Moment, da wir uns heute
hier treffen.
Gemeinsam mit vielen anderen hat die amerikanische Delegation hier seit
September 1980 in allen Einzelheiten die fortwährende und absolute Verachtung
der Sowjetunion für die Schlußakte von Helsinki dargelegt.
sion Afghanistans.

Es kam zur Inva-

Sowjetbürger, die den Versuch unternahmen, die Einhaltung

der Schlußakte von Helsinki durch die Sowjetunion zu überwachen, wurden angegriffen, eingesperrt und in psychiatrische Anstalten eingewiesen.

Die Aus-

wanderung ist drastisch zurückgegangen.
Im benachbarten Polen sehen sich die Menschen nunmehr einer unbarmherzigen
Kampagne der Unterdrückung ausgesetzt, die von der Sowjetunion angezettelt
und unterstützt wird.

Dabei handelt es sich nicht um Akte des Zufalls, son-

dern um eine systematische Politik.

Die sowjetischen Maßnahmen haben die

sowjetischen Verpflichtungen eindeutig null und nichtig gemacht.
Solche Akte

�Solche Akte der Unterdrückung und Intervention machen es unmöglich,
Bedingungen für ein freieres und sichereres Europa zu schaffen.

Dies zu ig-

norieren würde bedeuten, diese Konferenz dazu zu verurteilen, zu einer Farce
zu werden.

Die Schlußakte von Helsinki würde zu einem wertlosen Stück Papier

werden.
Wir können das trügerische Argument nicht akzeptieren, daß durch die
Verteidigung der Prinzipien von Helsinki legitime Sicherheitsinteressen oder
Bündnissysteme bedroht seien.

Vielmehr ist friedlicher Wandel entscheidend

für ein jegliches Sicherheitsrahmenwerk.

Keine legitimierte Regierung wird

durch Freiheit und Gerechtigkeit bedroht.

Solidarität mit dem polnischen Volk

und unsere Unterstützung für seine Rechte sind entscheidend für das überleben des Geistes von Helsinki - und für unsere Selbstachtung.
Das polnische Regime und die Sowjetunion wissen ganz genau, daß sie die
Schlußakte von Helsinki verletzt haben.

Sie haben einen Weg eingeschlagen,

der für die Sicherheit und die Zusammenarbeit in Europa schädlich ist.

Es

liegt an ihnen, zu zeigen, daß sie die Prinzipien ernstnehmen, denen sie sich
verpflichtet haben.
- Wir wollen die Freilassung jener Gewerkschaftsführer und anderer aus
dem Gefängnis, die versuchen, die Zielsetzungen der Schlußakte von Helsinki
für ihr Volk zu verwirklichen. Schöne Absichtserklärungen und die Verlegung
von Inhaftierten in Modellager reichen nicht aus.
- Wir wollen die Aufhebung des Kriegsrechts.

Dies bedeutet ein Ende der

unterdrückerischen Bedingungen.
- Wir wollen Versöhnung in Polen.

Die Wiederherstellung der internatio-

nal anerkannten Rechte und eine Wiederaufnahme des Prozesses der Reform und
der Liberalisierung stellen die einzige Grundlage für einen konstruktiven nationalen Dialog dar, der frei von äußerem Zwang ist.
Das amerikanische

�Das amerikanische Volk, wie die Völker vieler anderer Länder, verbindet
ein besonderes und enges Band mit dem polnischen Volk.
gelitten oder einen solch ausdauernden Mut bewiesen.

Keine Nation hat mehr
Befreiung von der der-

zeitigen Unterdrückung ist nicht genug - das polnische Volk will mehr, braucht
mehr und verdient mehr.
Die Vereinigten Staaten haben beschlossen, sich anderen Ländern dabei
anzuschließen, ein umfassendes Programm vorzuschlagen, damit Polen bei der
Überwindung seiner wirtschaftlichen Probleme geholfen wird, einschließlich der
Knappheit an landwirtschaftlichen Erzeugnissen und den gewaltigen Schulden im
Ausland.

Diese Hilfe wird zur Verfügung stehen, wenn die Grundrechte des

polnischen Volkes wiederhergestellt sind und das Streben nach einer annehmbareren Gesellschaftsordnung wieder aufgenommen wird.
Wir werden nicht der Tyrannei helfen. Aber wenn die Tyrannei zurücktritt,
sind wir zur Hilfe bereit. Es liegt an dem polnischen Militärregime und an der
Sowjetunion, die Bedingungen zu schaffen und zu erhalten, unter denen das polnische Volk mit westlicher Hilfe seine Volkswirtschaft wieder aufbauen kann.
Sind diese Bedingungen erst einmal wiederhergestellt, so werden wir auch
mit zu den ersten gehören, die darauf drängen, daß wir uns wieder an die Aufgabe machen, ein Übereinkommen darüber zu erreichen, wie wir den Helsinki-Prozeß wieder voranbringen können - und zwar sowohl im Bereich der Menschenrechte als auch in dem der Sicherheit. Bis dahin würde ein Verhalten hier in
Madrid, einfach zur Tagesordnung überzugehen, nur einfach die gewaltigen Verletzungen der Schlußakte gutheißen, die derzeit in Polen begangen werden.
Diese Übertretungen - Teil eines umfassenderen Verhaltensmusters eines sowjetischen Mangels an Zurückhaltung - bedrohen die Grundlagen dieser Konferenz
selbst. Wir können nicht vorgeben, hier in Madrid ein Friedens- und Sicherheitsgebäude zu erarbeiten, während die Grundlagen für dieses Gebäude in Polen untergraben werden. Wie könnten die Vereinigten Staaten zu Verhandlungen über
neue Formulierungen und neue Unternehmungen zurückkehren, während bestehende
Verpflichtungen so offenkundig ignoriert werden?
Statt dessen

�Statt dessen müssen sich unsere Beratungen heute auf die Herausforderungen
der Integrität der Schlußakte und des KSZE-Prozesses konzentrieren.

Ein an-

deres Verhalten würde erfolgreiche Verhandlungen gefährden, die unter den entsprechenden Umständen auf der Grundlage des konstruktiven Vorschlages möglich
wären, der von den neutralen und blockfreien Ländern im letzten Herbst vorgelegt wurde.

Ja, noch grundsätzlicher:

Es würde die Schlußakte und unsere Ver-

pflichtung zu ihrer Einhaltung entehren.
Herr Vorsitzender, ich möchte mit einem Zitat der polnischen Bischöfe
schließen, die kürzlich schrieben, daß "echter Friede von der Respektierung
der Freiheit

und von dem richtigen Verständnis für das Recht eines jeden auf

Freiheit herkommt."

Dies steht im Mittelpunkt des Helsinki-Prozesses.

Bei

letztendlicher Analyse hängen Frieden und Sicherheit in Europa von der Respektierung der Freiheit der Nationen und der einzelnen Bürger in Europa ab.

Die

Anerkennung dieser Tatsache ist der Schlüssel zur Beseitigung der Hindernisse,
die Ost und West trennen.
Die Freiheit ist die stolzeste Errungenschaft der westlichen Zivilisation.
Dem wurde kürzlich durch den erfolgreichen und friedlichen Übergang zur Demokratie in Portugal und hier in Spanien Ausdruck verliehen. Die Vorstellung
vom Menschen als einem schöpferischen und verantwortlichen Individuum blüht
trotz der künstlichen Trennungen, die von Ideologen und Diktatoren befohlen
wurden. Die westlichen Ideale geben allen Nationen Europas Auftrieb, nicht
nur den Mitgliedern der atlantischen Welt. Nach einem Viertel Jahrhundert des
Eisernen Vorhangs und des Kalten Krieges versprach die Schlußakte von Helsinki
eine neue Ära, weil sie sich auf diese verbindende Vision vom Menschen gründe- .
te. Aber die Ideale des Westens sind in Gefahr, wenn ihre Verteidigung von den
Nationen Europas nicht als lebenswichtig erkannt wird. Der Prozeß der Aussöhnung kann zum Halten kommen, wenn wir die Handlungen ignorieren, die unsere
Überzeugung verraten. Das Gebäude der Sicherheit und Zusammenarbeit kann zusammenbrechen, wenn wir unser Auge von dem Untergraben seiner Fundamente abwenden. Nur die umfassende Einhaltung der Schlußakte von Helsinki wird die
Solidarität der europäischen Nationen sichern. Nur die Respektierung der Freiheit wird das überleben und Gedeihen der westlichen Zivilisation sichern.
+ + + + +
- 8 -

�1DlEl2a
umIE

Dokumentation
International Communication Agency
Embassy of the United States of America

10. Februar 1982

BURT: NATO MUSS SICH AUF NEUE HERAUSFORDERUNGEN EINSTELLEN
- Wortlaut -

KOPENHAGEN - (AD) - Der Direktor des Büros für politisch-militärische
Angelegenheiten im amerikanischen Außenministerium, Richard Burt, unterstrich
in einer Rede in Kopenhagen, die NATO müsse sich weiterhin auf neue Herausforderungen einstellen, wenn sie nach 30jä'hrigem Bestehen stark bleiben wolle.
Das Tempo des internationalen Wandels habe sich beschleunigt, und die Herausforderungen hätten sich vervielfacht. Burt sprach am 5. Februar 1982 auf einem
regionalen Seminar in der dänischen Hauptstadt.
Die Rede hat folgenden Wortlaut:
Es ist zu einer Art Klischee geworden zu sagen, daß die NATO ein Opfer
ihres eigenen Erfolges sei. Ober dreißig Jahre des Friedens in Freiheit, so
wird weiter gesagt, hätten die westliche Entschlossenheit, das erstere zu bewahren, indem das letztere verteidigt wird, geschwächt. Die westliche Öffentlichkeit hat sich so sehr an die Ruhe gewöhnt, daß sie sie für selbstverständ-

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Telex: 08-85432

�für selbstverständlich hält und nicht willens ist, Opfer zu bringen, um
ihren Bestand sicherzustellen.
Folgt man dieser These, dann findet die gegenwärtige Debatte im Bündnis
zwischen denjenigen statt, die den Umfang der Bedrohung von draußen erkennen,
und denjenigen, die dies nicht tun; zwischen jenen, die die strategischen Reali- .
täten der westlichen Position zu würdigen wissen, und jenen, die durch Illusionen der Entspannung eingelullt wurden.
Doch im Gegensatz zu dieser Analyse betrifft die wichtigere Debatte innerhalb des Bündnisses nicht den Umfang der sowjetischen Bedrohung, sondern die
Form der westlichen Reaktion. Der Widerstand in Europa gegen starke Verteidigungsmaßnahmen rührt im wesentlichen nicht aus Selbstgefälligkeit her. Ja,
die Meinungsumfragen lassen erkennen, daß die Europäer insgesamt beträchtlich
mehr beunruhigt sind, daß sich vielleicht ein größerer Krieg nähere, als die
Amerikaner. Die Stärke der Friedensbewegung in Europa zeigt den Grad der Sorge.
Jene, die in Opposition zu Maßnahmen auf die Straße gehen, die die NATO stärken sollen, tun dies weitgehend nicht, weil sie glauben, die Verteidigung sei
nicht mehr notwendig, sondern weil sie glauben, sie sei nicht mehr möglich.
Die gegenwärtigen Differenzen im Bündnis gehen daher durchaus über die unterschiedlichen Vorstellungen hinsichtlich der sowjetischen Kapazitäten oder
Absichten hinaus.
- Das Bündnis im mittleren Alter Die Welt hat sich seit der Gründung der NATO vor dreißig Jahren in vieler Hinsicht beträchtlich geändert. Das Bündnis hat sich ebenfalls geändert,
allerdings in einem langsameren Tempo. Folglich sieht sich der Westen - zu
Beginn des vierten Jahrzehnts des Bündnisses - der Notwendigkeit gegenüber,
seine Zusammenarbeit auf dem Gebiete der Sicherheit zu verstärken.
Eine Veränderung

- 2 -

�Eine Veränderung von größerer Bedeutung für die NATO war die Verlagerung im
amerikanisch-sowjetischen Kräftegleichgewicht während der vergangenen dreißig
Jahre , weg von einer klaren amerikanischen Überlegenheit hin zu etwas, was
einer Parität näherkommt. Nachdem oft über sie gesprochen worden ist und sie
auch allgemein akzeptiert worden sind, werden die Konsequenzen dieser Entwicklung für die Strategie, Doktrin und Streitkräfteplanung der NATO in immer breiterem Umfang verstanden. Und doch wird mit den notwendigen korrigierenden Maßnahmen gerade erst begonnen.
Noch dramatischer und doch weniger zur Kenntnis genommen, war die Verlagerung im Gleichgewicht der Kräfte zwischen Westeuropa und den Vereinigten Staaten.
Vor 35 Jahren lag Europa zerstört am Boden. Amerika produzierte und verbrauchte
50 Prozent des Wohlstandes der Welt. Heute hat Westeuropa das Produktivitätsund Verbrauchsniveau Amerikas erreicht und zum Teil überholt. Die europäischen
Gesellschaften sind reich. Die europäischen Volkswirtschaften sind dynamisch.
Die europäischen Regierungssysteme sind fest gegründet. Europa hat mehr Selbstvertrauen und ist selbstbewußter, als es seit Jahrzehnten der Fall war. Europa
ist geeinter, als es seit Jahrhunderten gewesen ist. Und doch ist das Muster
der Verteidigung des Westens immer noch das gleiche, das wir vor dreißig Jahren hatten.
Die wohl auffälligste einzelne geopolitische Veränderung der vergangenen
35 Jahre ist jedoch nicht die Umschichtung zwischen Ost und West oder zwischen
der Neuen und der Alten Welt, sondern die Umschichtung zwischen Nord und Süd,
zwischen der Ersten und der Dritten Welt. In dieser kurzen Zeitspanne haben
sich der größte Teil der Weltbevölkerung und nahezu auch ein solcher Teil des
Territoriums und der Ressourcen der Welt von der kolonialen Herrschaft des Westens weg - und zur vollen Unabhängigkeit von westlicher Kontrolle hinwegbewegt, und in einigen Fällen sogar zur direkten Feindschaft gegenüber den Interessen des Westens. Und doch hat der Westen bezüglich seiner Reaktion auf diese
Revolution keine Obereinstimmung gefunden und keine Möglichkeiten für eine Koordinierung seiner Beziehungen zur Mehrheit der Menschheit, keine konzertierte
Politik für eine Verteidigung und Förderung seiner Interessen in diesen Gebieten
zustandegebracht.

Das Muster

�Das Muster der westlichen Zusammenarbeit auf diesem Gebiete der Sicherheit wurde also in einer Zeit geschaffen, die sich von der gegenwärtigen
wesentlich unterscheidet. Es wurde geschaffen, als Europa darniederlag, als
die Vereinigten Staaten über genügend Macht verfügten, als die einzige Bedrohung der westlichen Interessen von der Sowjetunion ausging, und als die
einzige mögliche Richtung einer Aggression die aus dem Osten war. Die Sicherheitsstruktur, die der Westen in jenen frühen Nachkriegsjahren geschaffen hatte, wurde den Herausforderungen jener Zeit in erfolgreicher Weise gerecht. Diese Struktur hat sich dann weiter entwickelt und wurde den neuen
Forderungen der folgenden Jahrzehnte ebenfalls gerecht. Abjer das Tempo des
internationalen Wandels hat sich beschleunigt, die Herausforderungen haben
sich vervielfacht, und die Struktur hat sich als zunehmend unzulänglich erwiesen.
- Der Weg zu einer neuen Arbeitsteilung Durch die ganze Nachkriegszeit hinduch wurden Mängel in den europäischen
Verteidigungsanstrengungen durch einen Überschuß an amerikanischer Verteidigungskapazität wettgemacht. Heute ist die amerikanische Überlegenheit ganz
allgemein gesprochen vorüber, und diesen Überschuß gibt es nicht mehr. Während des letzten Jahrzehnts hat Europa Schritte unternommen, um dieses Manko
auszugleichen. Der anteilige Beitrag zur NATO-Verteidigung ist beträchtlich
gestiegen. Der Westen bewegt sich allmählich auf eine neue Arbeitsteilung zu,
bei der Europa größere Verantwortung übernimmt. Der Westen bewegt sich ferner
langsam auf eine Anerkennung gemeinsamer Sicherheitsinteressen zu, die über
Europa hinausreichen. Aber dieser Prozeß hinkt immer noch hinter den realen
Veränderungen im Ost-West-Verhältnis, im amerikanisch-europäischen Verhältnis
und dem Nord-Süd-Verhältnis her. Anpassungen hinsichtlich der Größenordnung,
V

die benötigt werden, um mit diesen Veränderungen Schritt zu halten, müssen
notwendigerweise schmerzhaft sein. In dem Maße wie der Prozeß des Wandels
innerhalb des Westers sich beschleunigt, wie der Westen sich schneller auf
eine neue Arbeitsteilung hinbewegt, müssen gelegentliche Anzeichen des Unbehagens einfach evident werden.
crlY. AmpHka

�Für Amerika besteht die Aufgabe darin, ein widerspenstiges Bündnis unter schwierigeren Umständen mit verringertem Spielraum für Irrtümer und weniger Instrumenten der Überredung zu führen. Die Vereinigten Staaten sind das
mächtigste Einzelmitglied des Bündnisses, und sie werden es auch bleiben. Es
gibt niemand anderen, an den diese Führungsrolle weitergegeben werden könnte.
Und doch wird mit jedem Jahr die Aufgabe schwieriger, die erforderliche Anstrengung größer und das Endergebnis im Hinblick auf Bündnisdisziplin geringer.
Unter diesen Umständen muß mit Äußerungen der Ungeduld und der Verärgerung
von Seiten Washingtons von Zeit zu Zeit gerechnet werden.
Für Europa besteht die Aufgabe darin, Verantwortungen für die westliche
Verteidigung zu übernehmen, die der Stellung angemessen sind, die Europa im
Wirtschaftssystem und den politischen Gremien des Westens eingenommen hat.
Rund 35 Jahre lang hat Europa mehr Verteidigung erhalten, als es bezahlt hat.
Die Europäer haben sich daran gewöhnt, sich im Hinblick auf die Verteidigung
auf die Vereinigten Staaten zu verlassen,und auf die amerikanische Regierung,
was ihre Verteidigungspolitik anbetrifft. Die Übernahme einer größeren Verantwortung für eine angemessene westliche Verteidigung wird für Europa schwierig sein. Die Übertragung einer größeren Verantwortung auf Europa im Hinblick
auf die Formulierung und Verwirklichung einer westlichen Verteidigungspolitik
wird für Europa und für die Vereinigten Staaten noch schwieriger werden.
Für den Westen besteht die Herausforderung darin, einen Konsens über
die westlichen Interessen in der Dritten Welt zu entwickeln und effektivere
Maßnahmen für ihren Schutz und ihre Förderung zustande zu bringen. Die NATO
wurde ins Leben gerufen,um europäisches Territorium gegen einen Angriff zu
verteidigen. Sie war nicht dazu gedacht, sich mit Bedrohung aus anderen Bereichen zu befassen, und sie sollte auch nicht darauf ausgerichtet werden.
Und doch sind diese anderen Bedrohungen vorhanden. Sie gefährden uns alle.
Sie können wohl auch nicht gemeistert werden, es sei denn, der Westen reagiert in konzertierterer Weise, als dies bisher der Fall war.
Einigkeit über

- 5 -

�Einigkeit über die Ziele sollte der Diskussion über die Mittel vorausgehen. Der Rückzug des Westens aus der kolonialen Verantwortung hat ein Vermächtnis der Schuld und der Hoffnungslosigkeit hinterlassen - der Schuld
wegen der westlichen Ausbeutung in der Vergangenheit; der Hoffnungslosigkeit
hinsichtlich der zukünftigen Fähigkeit des Westens, Ereignisse in anderen Gebieten der Welt beeinflussen. Die westliche Politik in bezug auf die Dritte
Welt, ruht also mehr oder weniger auf schönen Worten und guten Abschlüssen
und führt zu wenig mehr als zum Händeringen und zur Untätigkeit. Statt daß
die Wirtschaftshilfe vor allem auch zur Förderung der westlichen Werte und
Interessen eingesetzt wird, ist sie oft wenig mehr als Geld zur Beruhigung
des eigenen Gewissens,um vergangene Sünden zu sühnen und um das Versäumnis
zu entschuldigen, uns direkt am Schicksal weit entfernter Regionen und vergessener Menschen zu beteiligen.
In dem Ausmaß, in dem der Westen während der vergangenen dreißig Jahre
eine Sicherheitspolitik gegenüber der Dritten Welt verfolgt hat, war dies
eine Politik, durch die allmählich die Verantwortung für den Schutz der
restlichen westlichen Interessen auf die Vereinigten Staaten übertragen *
wurde. Erst vor zwei Jahren kulminierte dieser Prozeß in der Übernahme
einer einseitigen Verantwortung für Bewahrung des westlichen Zugangs zum
Ol des Persischen Golfes seitens der Vereinigten Staaten - öl, von dem die
Wirtschaft Europas abhängt.
Dieser Prozeß ist soweit gegangen, wie es nur möglich ist. Europa hat
aufgrund seiner wirtschaftlichen Macht, seiner historischen Erfahrung, seiner kulturellen Bindungen und seiner geographischen Nähe eine entscheidend
wichtige Rolle in einem großen Teil der Dritten Welt zu spielen. Eine neue
Arbeitsteilung zwischen den westlichen Verbündeten muß in einer gerechteren
Aufteilung der Kosten für die Verteidigung Europas resultieren. Eine neue
Arbeitsteilung muß auch zu einer gerechteren Aufteilung der Verteidigungsverpflichtungen in Gebieten führen, die von entscheidender Bedeutung für
den Westen sind, und zu einer gerechteren Akzeptierung der Risiken, die solchen Verpflichtungen innewohnen.

_

- 6 -

n

w

�- Der Weg zu einer stärkeren konventionellen Verteidigung Ein weiteres Gebiet, auf dem das Bündnis es versäumt hat, mit einer
sich wandelnden Welt Schritt zu halten, sind die relativen Prioritäten, die
seiner konventionellen und nuklearen Verteidigung zugemessen werden. Als die
NATO in den fünfziger Jahren zu wirken begann, war die Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg noch überaus lebhaft. Die Furcht vor einem neuen konventionellen
Krieg war stark. Die Europäer waren bereit, ja bestrebt, das erhöhte Risiko
eines nuklearen Krieges zu akzeptieren, um vor dem Ausbruch eines jeden konventionellen Konfliktes abzuschrecken. Durch die Drohung des Einsatzes nuklearer Waffen und durch die Ausrüstung der NATO-Streitkräfte mit diesen Waffen,
wurde die sowjetische konventionelle Überlegenheit ausgeglichen, und aggressive Pläne der Sowjets wurden entmutigt.
Allmählich entwickelte die Sowjetunion jedoch eine nukleare Kapazität zuerst gegen Europa, dann gegen die Vereinigten Staaten. Aufgrund dieser Tatsache wurde die Konzeption, daß die NATO eine konventionelle Schwäche durch
nukleare Stärke kompensieren könnte, in wachsendem Maße in Frage gestellt.
Mitte der sechziger Jahre wurde die Strategie der flexiblen Antwort entwikkelt, um dem Bündnis bei der Reaktion auf eine Aggression Alternativen außer
einem Nuklearkrieg oder der Kapitulation an die Hand zu geben. Seither hat
es kontinuierliche Anstrengungen gegeben, um die konventionelle Verteidigung
der NATO zu stärken. Aber diese Versuche haben nicht Schritt gehalten mit
dem europäischen Wirtschaftspotential, mit der wachsenden konventionellen
Kapazität der Sowjets oder mit den Veränderungen im strategischen Kräfteverhältnis zwischen den Vereinigten Staaten und der Sowjetunion.
Heute hat die westliche Öffentlichkeit klar ihren Wunsch zum Ausdruck
gebracht, die nukleare Schwelle anzuheben und nicht zu senken. Gewiß gibt es
einige, die überhaupt keine Verteidigung wünschen. Aber die große Mehrheit
unserer Völker ist sich über die Notwendigkeit einer Verteidigung im klaren.
Sie bemühen sich jedoch um eine Methode, die das Risiko der Eskalation zu
Nuklearwaffen reduziert, während die Bemühungen fortgesetzt werden, vor einer
Aggression auf jeder Ebene abzuschrecken.

r.-np &lt;-n-]rup

�Eine solche Verteidigung kann aufgebaut werden. Die nukleare Abschreckung
ist nicht die einzige Form der Abschreckung. Durch die Annahme der Strategie
der flexiblen Antwort anerkannte das Bündnis, daß eine stärkere konventionelle
Verteidigung, in Verbindung mit der anhaltenden Fähigkeit, auf nukleare Waffen
zurückzugreifen, eine sogar noch effektivere Abschreckung bieten würde. Angesichts einer glaubwürdigen konventionellen und nuklearen Abschreckung würde
ein potentieller Aggressor sich nicht nur der Ungewißheit gegenüberstehen,
wo genau der nukleare Stolperdraht liegt, sondern auch der realen Möglichkeit
einer Niederlage auf konventioneller Ebene von Anfang an. Durch die Stärkung
der konventionellen Kapazität des Bündnisses machen wir also nicht nur einen
Nuklearkrieg weniger wahrscheinlich, sondern wir machen einen jeden Krieg
weniger wahrscheinlich.
Trotz dieses Schrittes zu einer flexiblen Antwort, haben jedoch führende
Politiker auf beiden Seiten des Atlantik

zu lange dahin tendiert, stillschwei-

gend die verbreitete Lehre zu akzeptieren, daß Westeuropa nicht zu verteidigen
sei und daß nur die Drohung mit Kernwaffen vor einer Aggression abschrecken
könne. Ohne Frage muß die nukleare Abschreckung ein sehr wichtiges Element der
westlichen Verteidigung bleiben. Aber die Zeit ist gekommen, um die Probleme
der konventionellen Verteidigung mit neuen Einsichten und neuen Methoden zu
überprüfen. Während der vergangenen Jahre haben die militärischen und politischen Führer des Westens, wissenschaftliche Experten und journalistische Kommentatoren den nuklearen Aspekt der NATO-Strategie überaus intensiv überprüft.
Meiner Meinung nach ist es jetzt angebracht, das wir die konventionelle Basis
überprüfen.
- Der Weg zu einer neuen Zielsetzung Wenn Demokratie und persönliche Freiheit gedeihen sollen, dann braucht
der Westen weitaus mehr als nur eine militärische Verteidigung. Gesellschaften
werden hin und wieder von außen her erobert. Oft sind sie schon von innen her
zerbröckelt. Die erste Bastion der Verteidigung der westlichen Gesellschaft
ist der Intellekt. Um die Struktur der westlichen Sicherheit zu erneuern,
die mehr
- 8 -

�die mehr

als dreißig Jahre lang den Frieden bewahrt hat, muß der Westen

zunächst jenes Gefühl der Zielstrebigkeit wiedererlangen, das zur Gründung
der NATO geführt hat. Der Westen muß erneut seine Werte definieren. Er muß
sie verkünden und zur Anwendung bringen - nicht nur uns gegenüber, sondern
auch in unserem Handeln gegenüber anderen. Was die westlichen Werte einzigartig und verteidigungswert macht, ist nicht ihr westlicher Ursprung, sondern ihre universelle Anwendung.
Zu oft stellen wir die Universalität unserer Werte in Abrede. Wir wenden bei unserer Bewertung anderer Gesellschaften einen abgestumpften Relativismus an,

und auch im Hinblick auf unsere Reaktion gegenüber Ereignissen

in anderen Gebieten. Bezüglich Polens heißt es dann, die Sowjets demonstrierten Mäßigung, weil sie die polnische Freiheit unterdrücken, ohne zur militärischen Invasion Zuflucht zu nehmen. In Afghanistan führt die Sowjetunion
einen Feldzug des Völkermordes, wobei ein Arsenal tödlicher chemischer Waffen eingesetzt wird. In Südostasien beliefert und kontrolliert die Sowjetunion den Einsatz von toxischen Waffen gegen einfache und wehrlose Menschen.
Haben diese Verbrechen auch nur zu einem Protestmarsch, zu einer Demonstration, zu einem dramatischen Protestakt geführt? Mir ist nichts derartiges
bekannt.
Diejenigen unserer Gesellschaften, die die Notwendigkeit einer Verteidigung in Frage stellen, brauchen nur nach Osten zu blicken. Diejeniqen, denen
es schwerfällt, sich vorzustellen, wie die Sowjetunion militärische Überlegenheit und geopolitische Vorteile nutzen könnte, um ein wehrloses Europa zu
beherrschen, brauchen nur die gegenwärtigen Verhältnisse in Polen zu betrachten. Diejenigen, die die Nützlichkeit militärischer Stärke in unserer modernen Welt bezweifeln, brauchen sich

nur die Basis der sowjetischen Kontrolle

Europas vor Augen zu führen. Diejenigen, die nur einen geringen qualitativen
Unterschied zwischen östlichen und westlichen Regierungsformen sehen, brauchen nur an die Behandlung der Arbeiter in Polen zu denken.
Und doch

�Und doch betrachten die führenden Persönlichkeiten der öffentlichen Meinung im Westen zu oft unsere demokratischen Regierungsformen sowie unsere
freien Institutionen als nichts anderes als künstliche Kulturerzeugnisse,
als Ergebnis einer mehr oder weniger gewohnheitsmäßigen historischen Entwicklung, die westlichen Gesellschaften eigen ist. Folglich entschuldigen
wir bei anderen, was wir uns selber niemals vergeben würden. Wir neigen dazu, die Verteidigung der westlichen Werte als eine Form von Kirchturmpolitik zu betrachten, und die Verbreitung dieser Werte als eine Form der Aggression. Wir haben uns von Anfang an auf eine psychologische Verteidigung eingestellt. Wir laden geradezu die empörenden Argumente der Sowjetunion ein - und
akzeptieren sie schon halb - daß der Westen in Polen durch seinen Ausdruck der
Unterstützung für die polnische Unabhängigkeit und Freiheit interveniert habe.
Praktisch hat der Westen schon zu lange die Initiative auf ideologischem
Gebiet der Sowjetunion überlassen. Die westlichen Werte werden nicht überleben, wenn der Westen nicht immer wieder ihre Anerkennung fordert. Ideen existieren, im Gegensatz zu den Vorstellungen Piatos, nicht in irgendeiner idealen Sphäre, um von nachfolgenden Generationen erneut begriffen zu werden.
Ideen leben im Geiste des Menschen.Wenn die Idee der Freiheit aufhört, unsere Augen zu öffnen, und unsere Handlungen zu leiten, dann wird diese Idee
sterben. Wenn das Licht der Freiheit ausgelöscht wird, dann wird es nicht so
bald wieder aufleuchten, und alle Menschen werden in Zukunft unter den verschiedenartigen Formen der Tyrannei leben, die in der Vergangenheit das Schick
sal der meisten Menschen gewesen sind.
Wenn wir irgendwelche Zweifel hegen, ob unsere Werte verteidigungswürdig
sind, dann haben andere diese nicht, überall in der Welt kämpfen und sterben
Menschen der verschiedenen Kulturen, mit unterschiedlicher Geschichte, um zu
erreichen, was wir besitzen. Die westlichen Werte stellen, die Abraham Lincoln
dies einst von seinem eigenen Lande sagte, die letzte und beste Hoffnung der
Menschheit dar. Der Wert dessen, was wir anzubieten haben, wird weltweit anerkannt. Die Freiheit kann jedoch nur so lange im Angebot bleiben, wie wir sie
selber besitzen, bereit sind für ihre Erhaltung zu kämpfen und andere zu ermutigen, die danach streben.

+ + +

+ +

- 10 -

�10. Februar 1982

Vertragsangebot Reagans zur Verminderung amerikanischer und sowjetischer Raketen
Von unserem Korrespondenten Alexander Sullivan

WASHINGTON - (AD) - Präsident Reagan hat den sowjetischen Staats- und Parteichef Breschnew aufgefordert, einem Vertragsentwurf zuzustimmen, der die Anzahl der in Europa dislozierten Atomraketensysteme erheblich reduzieren soll.
In einer Erklärung am 4. Februar 1982 empfahl er Breschnew eindringlich,
sich ihm "bei diesem wichtigen ersten Schritt zur Verminderung des nuklearen
Schattens anzuschliessen, der über den Völkern der Welt liegt."
Der Präsident gab bekannt, daß die Vereinigten Staaten bei den Genfer Verhandlungen über die Verminderung der Nuklearen Mittel Streckensysteme einen Vertragsentwurf erarbeitet haben, der jene Vorschläge enthält, die er in seiner
Rede vom 18. November letzten Jahres angekündigt hatte. Der Präsident schlug
vor, die Pläne zur Modernisierung der in Europa stationierten

amerikanischen

Nuklearsysteme aufzugeben, falls die Sowjets ihre SS-20, SS-4 und SS-5-Raketen
abbauen würden. In seiner Erklärung heißt es, daß die Vereinigten Staaten
diesen Vertragsentwurf vorgelegt hätten, "um die Verhandlungen so rasch wie
möglich voranzubringen."

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�Die Erklärung des amerikanischen Präsidenten wurde einen Tag nach der
Unterstellung Breschnews abgegeben, die Vereinigten Staaten würden ernsthafte
Verhandlungen über die in Europa stationierten Nuklearen Mittel Streckensysteme
zu vermeiden suchen und "Vorwände" benutzen, um Verhandlungen über die Verminderung von strategischen Kernwaffen interkontinentaler Reichweite hinzuhalten.
Breschnews Behauptung wiederum war einen Tag nach der Vorlegung des Vertragsentwurfs durch die Vereinigten Staaten erfolgt.
Nach der Unterstellung Breschnews gefragt, die in einer Bemerkung auf
einem Kreml-Empfang enthalten war, erklärte David Gergen, einer der Sprecher
des Weißen Hauses, vor Reportern, daß die Vereinigten Staaten die Unterstellung
zurückwiesen, "wir brächten die Verhandlungen über Nukleare Mittel Streckensysteme zu einem Stillstand".
Gergen betonte, die Vereinigten Staaten wüßten von Breschnews Vorschlag,
die Anzahl der Atomraketen in Europa um zwei Drittel zu reduzieren; er unterstrich jedoch, diese Verringerungen gingen "von einem angeblichen, augenblicklichen Gleichgewicht aus. Das sowjetische 'Gleichgewicht' stützt sich auf eine
selektive Verwendung von Daten und ist keine sinnvolle Grundlage für Verhandlungen."
Gergen fügte hinzu: "Die Vereinigten Staaten verhandeln in gutem Glauben
und haben einen ernsthaften und weitreichenden Vorschlag unterbreitet, von dem
wir glauben, daß er eine solide Grundlage für ein Abkommen darstellt." Die Vereinigten Staaten, so sagte er weiter, "erkennen in (Breschnews) Angebot nichts,,
was die bisherige Position der Sowjets verändert, die von den Vereinigten
Staaten wiederholt als unannehmbar bezeichnet worden ist." Zu den Gründen,
warum Washington den sowjetischen Vorschlag unannehmbar findet, zählte Gergen
die Tatsache, daß "sie die unabhängigen britischen und französischen Nuklearsysteme in etwas einbezogen haben, was explizit bilaterale Verhandlungen
zwischen Washington und Moskau waren". Derlei würde es Moskau erlauben, mehr
Nuklearsysteme als jedes andere Land zu haben.

_ 2_

�Gergen erklärte weiter, daß Moskau auch Flugzeuge bei seiner Errechnung
der jeweiligen Nuklearstreitkräfte einbeziehe - ein Faktor, von dem die Vereinigten Staaten glaubten, er würde die Verhandlungen in einem frühen Stadium
"unnötigerweise komplizieren", anstatt sich auf "die Systeme zu konzentrieren,
bei denen sowohl die NATO als auch die Sowjets stets ihre größte Sorge zum Ausdruck gebracht haben" - nämlich die landgestützten Atomraketen. Moskau versuche auch, die Gespräche über die Nuklearen Mittel Streckensysteme auf die
"in Europa" stationierten Systeme zu begrenzen, was die Bedrohung Westeuropas
außer acht lasse, die sich durch die östlich des Urals stationierten Raketen
ergibt. Diese hätten jedoch die Reichweite und die Beweglichkeit, um auf Ziele
in Westeuropa ausgerichtet zu werden.
Washington wird nach Gergens Worten auch weiterhin auf ein Abkommen auf
der Grundlage der Vorschläge Reagans drängen, welche "die bedrohlichsten
Nuklearen Mittel Streckensysteme auf beiden Seiten völlig eliminieren würden"
- nämlich die sowjetischen SS-20, SS-5 und SS-4 sowie die amerikanische
PERSHING II und die landgestützten Marschflugkörper.
Die Erklärung des amerikanischen Präsidenten hat folgenden Wortlaut:
"Am 18. November kündigte ich ein umfassendes Programm für den Frieden an.
In dieser Erklärung sagte ich, daß die Delegation, die auf dem Weg nach Genf
zu den Verhandlungen mit der Sowjetunion über Nuklearsysteme mittlerer Reichweite war, den amerikanischen Vorschlag bei sich hätte, demzufolge die Vereinigten Staaten auf die geplante Dislozierung der PERSHING II und der landgestützten
Marschflugkörper mittlerer Reichweite verzichten würden, falls die Sowjetunion
ihre SS-4-, SS-5- und SS-20-Raketen abbauen würde. Am Dienstag, den 2. Februar,

legten die Vereinigten Staaten in Genf der Sowjetunion einen Vertragsentwurf vor,
der diesen Vorschlag enthält, um die Verhandlungen so rasch wie möglich voranzubringen. Ein solcher Vertrag wäre ein wesentlicher Beitrag zu Sicherheit, Stabilität und Frieden. Ich forderte Präsident Breschnew auf, sich uns bei diesem
wichtigen ersten Schritt zur Verminderung des nuklearen Schattens anzuschliessen, der über den Völkern der Welt liegt."
+++++
- 3 -

�10. Februar 1982

WASHINGTON SIEHT FORTSCHRITTE IM BEREICH DER MENSCHENRECHTE
IN EL SALVADOR

WASHINGTON - (AD) - Das amerikanische Außenministerium stellte sich
hinter die Versicherung von Präsident Reagan, daß die Regierung von El Salvador
"beträchtliche Fortschritte" im Bereich der Menschenrechte und bei der wirtschaftlichen und politischen Reform mache. Der Präsident hatte eine solche
Zusicherung vorige Woche vor dem Kongreß abgegeben, wie dies den Bestimmungen
zufolge vor Gewährung von Sicherheitshilfe notwendig ist.
Thomas Enders, Unterstaatssekretär für interamerikanische Angelegenheiten,
erklärte am 2. Februar 1982, es stehe "außer Frage, daß die Lage in El Salvador
hinsichtlich der Menschenrechte problematisch ist, das Ausmaß der Gewalt jenseits der eigentlichen Kampfhandlungen jedoch im Lauf des letzten Jahres um
mehr als die Hälfte zurückgegangen zu sein scheint."
Enders sagte vor dem Unterausschuß für lateinamerikanische Angelegenheiten
des Außenpolitischen Ausschusses des Repräsentantenhauses aus, der eine Anhörung über die Entscheidung der Reagan-Administration in die Wege geleitet hatte,
die Militär- und Wirtschaftshilfe für El Salvador um bis zu 55 Millionen Dollar
zu erhöhen.
Enders erklärte,

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�Enders erklärte, der Fortschritt der Bodenreform in El Salvador

ist

beträchtlich",und die Vorbereitungen für die Wahlen zur Nationalversammlung
am 28. März "gehen gut voran, obgleich die größten Linksorganisationen des
Landes ihre Teilnahme verweigern.
"Es kann keinen Zweifel darüber geben, daß die Entscheidungsschlacht
um Mittelamerika in El Salvador stattfindet", so sagte Enders.

"Kuba weitet

systematisch seine Kapazitäten aus, um seine militärische Macht über seine eigenen Grenzen hinaus zu projizieren...

Nicaragua wird als eine Basis für den

Export von Subversion und bewaffneter Intervention in ganz Mittelamerika benutzt".

Er stellte in diesem Zusammenhang die Frage:

"Wenn El Salvador nach

Nicaragua von einer gewalttätigen Minderheit übernommen wird, wer würde dann
in Mittelamerika nicht in Furcht leben? Wie lange würde es dauern, bis wesentliche strategische Interessen der Vereinigten Staaten - der (Panama)-Kanal , die Seewege, die Ölversorgung - in Gefahr geraten?"
Am 1. Februar 1982 sagte Enders auch vor dem Unterausschuß für Auslandsoperationen des Bewilligungsausschusses des Repräsentantenhauses aus. Er betonte, daß ein Scheitern der Vereinigten Staaten beim Durchhalten des Kampfes
um Mittelamerika eine Rückkehr "zu dem furchtbaren Teufelskreis bedeuten würde, in dem die einzige Alternative zu einer rechten Diktatur eine linke Diktatur ist."
Enders erklärte, die Aufständischen in El Salvador hätten nunmehr, nachdem es ihnen nicht gelungen sei, die Unterstützung der Öffentlichkeit zu erlangen, Zuflucht zu einem Abnützungskrieg gesucht - in einer Anstrengung, die
Regierung zu diskreditieren und die geplanten Wahlen zu sabotieren.
Eine Militärregierung alten Stils sei in El Salvador vor zwei Jahren durch
eine aus Militärs und Zivilisten bestehende Koalition abgelöst worden, die
sich der Reform verpflichtet habe - Bodenreform und Umwandlung der Nation in
eine Demokratie, so sagte Enders vor dem Ausschuß.

"Wir haben diese Reformen

damals unterstützt,und wir sind der Meinung, wir müssen sie auch jetzt unter-

�Er sagte weiter, der Entschluß der Administration, El Salvador bis zu
55 Millionen Dollar an Sicherheitshilfe zur Verfügung zu stellen, sei zum
Schutz der nationalen Sicherheitsinteressen der Vereinigten Staaten angesichts der sowjetisch-kubanischen Herausforderung getroffen worden, sowie
zur Förderung "demokratischer, offener Gesellschaften in unserer unmittelbaren Nachbarschaft."

Diese Maßnahme sei nicht ergriffen worden, um in El

Salvador einen militärischen Sieg zu erringen, sondern um "andere fernzuhalten" und das Abhalten von Wahlen zu ermöglichen.

- 3 -

�10. Februar 1982

WIRTSCHAFTSWACHSTUM OHNE MEHR ENERGIEVERBRAUCH

- (AD) - In den Vereinigten Staaten wird im Jahr 1982 ungeachtet einer
günstigeren Entwicklung für das Wirtschaftswachstum nicht mit einer merklichen
Erhöhung des Energieverbrauchs gerechnet. Dies erklärte Danny Boggs, Berater
Präsident Reagans in Energiefragen, auf einer Tagung der "American Public Power
Association" in Washington. Seine Prognose sei, wie er erklärte, das Ergebnis
zahlreicher Gespräche mit Vertretern der amerikanischen Industrie.
Zwei wichtige Faktoren sprächen für eine solche Entwicklung:

"Erstens

wissen unsere Unternehmen und unsere Energieproduzenten, daß Energie teuer ist
und was sie kostet, und sie haben sich generell darauf vorbereitet, den Ausstoß mit so wenig zusätzlicher Energie wie nur irgend möglich zu erhöhen",
erklärte Boggs. Der zweite Faktor sei die Reaktion von Technologie und Management auf die Explosion der Energiepreise - eine Reaktion, die sich immer
weiter ausbreite.

Dabei hob Boogs hervor, daß ungeachtet der geringfügigen

Preissteigerungen, die im Jahr 1981 gegenüber 1980 zu verzeichnen waren, die
Bemühungen um eine bessere Ausnutzung der verbrauchten Energie wesentlich verstärkt wurden.

+ + + ++

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�10. Februar 1982

USA: GROSSTECHNISCHE BRAUNKOHLE-VERGASUNG NACH LURGI-VERFAHREN

- (AD) - Für den Bau der ersten kommerziellen Braunkohle-Vergasungsanlage in den Vereinigten Staaten zur Gewinnung von hochwertigem Synthesegas
wurde jetzt zwischen der US-Regierung und einer Ferngas-Firmengruppe ein
Kreditgerantie-Abkommen über 200 Millionen Dollar unterzeichnet. Der Betrag
entspricht 75 Prozent der zu erwartenden Gesamtaufwendungen für das neue Werk,
das ein Gemeinschaftsprojekt der Firmen "American Natural Resources",
"Medcon Corporation", "Tenneco Ind." und Transco, Inc." ist.
Die Vergasungsanlage soll Ende 1984 den Betrieb aufnehmen und bei einem
Braunkohledurchsatz von 12 700 Tonnen pro Tag (Lignit aus Norddakota) täglich 3,5 Millionen cbm Synthesegas erzeugen.

Der Heizwert dieser Gasmenge

entspricht dem von knapp 20 000 Barrel Erdöl.
Das Synthesegas kann nach Zusammensetzung und Qualität hochwertiges Erdgas voll ersetzen.

Der Produktion liegt das Lurgi-Festbett-Verfahren zugrun-

de, das in Deutschland im Jahr 1936 entwickelt und in der Nachkriegszeit ausgebaut und verbessert wurde.

Die Druckvergasung ist für den Einsatz von Braun-

kohle sowie schwach- oder nicht-backender Steinkohle möglich und erfordert 20
bis 30 at Druck.
Die in

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�Die in Norddakota verwendete Braunkohle wird im Tagebau gewonnen und
kommt von einem nahegelegenen Feld der Coteau Properties Company, einem
Tochterunternehmen der American Coal Corporation.

Die Gruppe, die die Ver-

gasungsanlage betreibt, firmiert jetzt unter dem neuen Namen "Great Plains
Gasification Associates".

+•+ + + +

�</text>
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                <text>&lt;strong&gt;1. Dokumentation&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Präsident Reagan legt Haushalt 1982/83 vor&lt;br /&gt;&lt;em&gt;- Allgemeine Ausgabenkürzungen - Erhöhung des Verteidigungsetats -&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Jahresverteidigungsbericht an den Kongress&lt;br /&gt;&lt;em&gt;- Auszüge -&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Haig: KSZE-Verpflichtungen der Sowjets werden nichtig&lt;br /&gt;&lt;em&gt;- Rede des US-Außenministers in Madrid -&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Burt: NATO muss sich auf neue Herausforderungen einstellen&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Hintergrundmaterial&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Vertragsangebot Reagans zur Verminderung amerikanischer und sowjetischer Raketen&lt;br /&gt;&lt;em&gt;- Von unserem Korrespondenten Alexander Sullivan -&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Washington sieht Fortschritte im Bereich der Menschenrechte in El Salvador&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Wirtschaftswachstum ohne mehr Energieverbrauch&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Wissenschaft und Technik&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;USA: Großtechnische Braunkohle-Vergasung nach Lurgi-Verfahren</text>
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VON

AMERIKA DIENST
4

10. Februar 1988
INHALT
DOKUMENTATION
Carluccl; Nukleargarantie In Europa wird aufrechterhalten
- Rede des amerikanischen Verteidigungsministers bei der
Wehrkundetagung -

HINTERGRUNDMATERIAL
Shultz umreißt vorrangige Ziele der US-Außenpolitik im Jahr 1988
- Ausführungen des Außenministers vor dem Auswärtigen Ausschuß
des Repräsentantenhauses -

DIE WAHLEN IN AMERIKA 1988
Babbitts Vision in seiner Heimatstadt und ihren Werten verwurzelt
- Biographie des demokratischen Präsidentschaftskandidaten
B. Babbitt Dukakis favorisiert Liberalismus und vorsichtige Steuerpolitik
- Kurzbiographie des demokratischen Präsidentschaftskandidaten
Michael Dukakis Hart; Mann der Ideen strebt energisch nach demokratischer Nominierung
- Kurzbiographie des demokratischen Präsidentschaftskandidaten
Gary Hart Jesse Jackson: Wahlkampf mit Charisma und populistischem Image
- Kurzbiographie des demokratischen Präsidentschaftskandidaten Robertson betont moralische und religiöse Werte
- Kurzbiographie des republikanischen Präsidentschaftskandidaten
Pat Robertson Simon folgt althergebrachter liberal-demokratischer Tradition
- Kurzbiographie des demokratischen Präsidentschaftskandidaten
Paul Simon -

* * * * * *

United States Information Service
Embassy of the United States of America

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.: 0228-339 2035
Telex: 8-85432

�AMERIKA DIENST
VON

#

Dokumentation

6

10. Februar 1988
CARLUCCI: NUKLEARGARANTIE IN EUROPA WIRD AUFRECHTERHALTEN
- Rede des amerikanischen Verteidigungsministers bei der
Wehrkundetagung in München-

MÜNCHEN - (AD) - In seiner Ansprache bei der Eröffnungsveranstaltung der
25. Wehrkundetagung in München erklärte der amerikanische Außenminister Frank
Carlucci, "nukleare Ankopplung hängt nicht PO sehr vom Standort der Abschrekkungsstreitkräfte ab, sondern vielmehr davon, wie sowjetische Militärplaner
die Glaubwürdigkeit beurteilen, daß diese Streitkräfte im Falle einer sowjetischen Aggression auch eingesetzt werden. Die gesicherte Annahme, daß die
nukleare Reaktion der NATO eine glaubwürdige Option darstellt, bildet den Kern
der Abschreckungstheorie".
Carlucci dementierte, daß der im INF-Vertrag vorgesehene Abzug amerikanischer Mittelstreckenwaffen aus Europa die amerikanische Nukleargarantie verringert oder die Bindung an die dort stationierten strategischen Streitkräfte
der Vereinigten Staaten schwächt.
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede im Wortlaut:
Vielen Dank, Herr Vorsitzender.
Ich freue mich, an diesem Treffen anläßlich des 25. Jahrestages der Wehrkundetagung In München heute, am 7.
Februar 1988, teilnehmen zu dürfen.
In der Geschichte der NATO haben wir
sowohl Kontinuität als auch Wechselfälle erlebt. An der Schwelle zum
fünften Jahrzehnt
ihres Bestehens
kann die NATO im Hinblick auf ihre
Zielsetzung
eine
außergewöhnliche
Kontinuität für sich beanspruchen:
wir haben den bewaffneten Angriff gegen das Territorium unserer Verbündeten erfolgreich abgewehrt.

United States Information Service
Embassy of the United States of America

Aber kein Bündnis kann so lange
bestehen, ohne sich mit veränderten
Umständen auseinandersetzen zu müssen. Revolutionäre Veränderungen im
Bereich der Technologie zeigen zum
Beispiel jetzt tiefgreifende Auswirkungen. Mit der Technologie verändern sich die direkten Bedrohungen,
gerade weil sie uns neue Möglichkeiten für eine gemeinsame Verteidigung
eröffnet. Wir sollten sicherstellen,
daß wir die Technologie zu unserem
Vorteil anwenden, weil sie ein zentraler Faktor für den Erfolg der NATO
in den neunziger Jahren sein wird.

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Tel.: 0228-339 2035
Telex: 8-85432

�Ebenso große Veränderungen haben
im politischen und wirtschaftlichen
Umfeld der NATO stattgefunden. Als
der Nordatlantikvertrag unterzeichnet
wurde, hing keine unserer Volkswirtschaften entscheidend vom Persischen
Golf ab, vielmehr waren die Vereinigten
Staaten
ein
ölexportierendes
Land. Heute haben sich die Umstände
grundlegend geändert. In den neunziger Jahren wird die NATO mindestens
so verwundbar für Unterbrechungen der
öllieferungen aus dem Persischen Golf
sein wie zu Beginn der siebziger Jahre - und in katastrophalem Maße verwundbar, wenn diese Schlüsselregion
urmittelbar an den Grenzen der NATO
unter sowjetische Kontrolle geraten
sollte.
Um das Ausmaß solcher Veränderungen zu begreifen, brauchen wir uns
nicht einmal die Anfänge der NATO vor
Augen zu führen: wir brauchen lediglich 25 Jahre zurückzugehen in die
Zeit, als Sie, Herr Vorsitzender, die
erste Wehrkundetagung leiteten.
Vor 25 Jahren unterhielten die
Vereinigten
Staaten ein wirksames
Bündnis mit dem Iran sowie Stützpunkte in Libyen und Marokko; unsere britischen Verbündeten besaßen Stützpunkte in Aden, Bahrain und auf Malta; in Afghanistan gab es keine sowjetischen Truppen, und Moskau hatte
keine Freundschaftsverträge mit den
Golfstaaten.
Aber mit zunehmender
Abhängigkeit der NATO vom Öl des
Golfs verschlechterte sich unser Zugang zu Stützpunkten und Luftverkehrswegen, während der Zugriff der
Sowjets stetig zunahm. Die Interessen der NATO dürfen nicht mehr von
Unruhen und Veränderungen in Regionen
außerhalb ihres Einflußbereiches isoliert betrachtet werden. Obwohl die
NATO selbst nicht außerhalb ihres
Territoriums militärisch tätig wird,
haben ihre einzelnen Mitglieder doch

erhebliche Beiträge zum Schutz unserer gemeinsamen Interessen geleistet.
Vor einigen Wochen habe ich die amerikanische Marine im Persischen Golf
besucht. Ich habe mit Genugtuung beobachten können, wie amerikanische
Schiffe und amerikanische Matrosen
gemeinsam mit der Flottenstärke einiger europäischer Verbündeter die Interessen des Bündnisses auf diesem
wichtigen Seeweg schützen.
Diese gemeinsamen Anstrengungen
im Golf durch Streitkräfte mehrerer
Mitglieder des Bündnisses bedeuten
für uns einen wichtigen historischen
Gewinn. Er wird sicherlich die Abschreckung gegen eine der gefährlichsten Bedrohungen für die Uberlebensfähigkeit des Bündnisses stärken den militärischen Vormarsch der Sowjets in den Persischen Golf.
Vor sechs Jahren haben wir im
NATO-Rat und im Planungsausschuß das
Problem von Operationen "außerhalb
des Bündnisgebietes" erörtert.
Der
dabei erzielte Konsens war nützlich
und könnte in gewisser Weise die gegenwärtigen gemeinsamen Anstrengungen
in der Golf-Region hervorgebracht haben. Ich möchte vorschlagen, daß wir
Maßnahmen ergreifen, um unseren Konsens durch weitere Gespräche zu stärken und eventuell über die Übereinkunft von 1982 hinauszugelangen.
Weiter entfernte Regionen gewinnen ebenfalls zunehmend an strategischer Bedeutung.
Die Vereinigten
Staaten sind im Fernen Osten mit
starken Nationen eng verbunden. Europa sollte aber nicht behaupten, daß
dadurch
amerikanische
Streitkräfte
einen weniger großen Beitrag zur NATO
leisten.
Dies sollte vielmehr als
weitere Quelle der Stärke angesehen
werden, mit deren Hilfe ein weltweites Bündnissystem für Frieden und Demokratie hervorgebracht wird.

�Die Anerkennung dieser weltweiten
Sicherheitsinteressen ist eines der
vielen wertvollen Charakteristika unseres gerade abgeschlossenen INF-Vertrages. Dank der Festigkeit Präsident Reagans und mit Unterstützung
der unerschütterlichen Entschlossenheit des Bündnisses werden die sowjetischen SS-20 nicht nur in Europa,
sondern auch in Asien beseitigt werden. Dieses Ergebnis fördert in Europa, Amerika und Asien Unterstützung
für eine Strategie, bei der Rüstungskontrolle ud Verteidigung gemeinsamen
Sicherheitsinteressen dienen.

setzt würden. Die gesicherte Annahme, daß die nukleare Reaktion der
NATO eine glaubwürdige Option darstellt, bildet den Kern der Abschrekkungstheorie.

Ich möchte in diesem Zusammenhang
auf einen besonderen Kritikpunkt eingehen, der in Europa gegen den INFVertrag erhoben worden ist - die Besorgnis darüber, daß die Beseitigung
dieser Raketen die amerikanische Nukleargarantie verringern würde.
Es
heißt, die Beseitigung dieser Raketen
würde das "Junktim" mit amerikanischen strategischen Streitkräften
schwächen. Aber Ich möchte hier eine
andere Version dieses Arguments darlegen, die vorgebracht wurde, als wir
die INF-Systeme dislozieren wollten.
Zu jener Zeit hieß es, daß die Stationierung der INF-Raketen die nukleare Ankopplung zunichte machen würde,
weil diese Mittelstreckensysteme eine
neue "Brandmauer" zwischen den taktischen
und
interkontinentalen
Streitkräften errichten.

Wir benötigen für die nukleare
Abschreckung überlebensfähige, militärisch wirkungsvolle Systeme, mit
denen bestimmte Ziele zerstört werden
können, einschließlich der tief im
Gebiet der Sowjetunion befindlichen
Ziele. Das "Junktim" wird durch die
sowjetische Erwartung geschaffen, daß
sich das Bündnis in seinem eigenen
Interesse zum Einsatz dieser Nuklearwaffen im eventuellen Ernstfall entscheiden würde. Wenn wir über "strategische" Nuklearwaffen der Vereinigten Staaten reden, als ob diese eine
eigene Kategorie bildeten, könnten
wir unter sowjetischen Planern Zweifel über das Ausmaß aufwerfen, in dem
die interkontinentalen Systeme zur
Unterstützung der Kurzstreckensysteme
dienen. Wenn wir die Kurzstreckensysteme abschaffen, rufen wir dieselben
Zweifel hervor.
Aus genau diesem
Grunde haben wir seit einiger Zeit
die enge Interdependenz zwischen den
amerikanischen
Nuklearstreitkräf ten
interkontinentaler Reichweite und den
Mittel- und Kurzstreckensystemen betont. Ich kann diese generelle Einheit der amerikanischen nuklearen Abschreckung nur wiederholen und erneut
bestätigen.

Diese beiden Befürchtungen treffen nicht den Kern des Problems. Der
INF-Vertrag
beseitigt
weder
ein
"Junktim" noch eine "Brandmauer" in
unserer Strategie der nuklearen Abschreckung. Die nukleare Ankopplung
hängt nicht so sehr vom Standort der
Abschreckungsstreitkräfte ab, sondern
vielmehr davon, wie sowjetische Militärplaner die Glaubwürdigkeit beurteilen, daß diese Streitkräfte bei
einer sowjetischen Aggression einge-

Die NATO-Strategie der flexiblen
Reaktion hat mit ihrer Betonung ihres
Spektrums differenzierender Reaktionen den großen Vorteil, daß sie die
Glaubwürdigkeit der nuklearen Komponente unserer Abschreckung verbessert. Es ist von vordringlicher Bedeutung, daß die nuklearen Streitkräfte, mit denen Ziele in der Sowjetunion erreicht werden können bis hin zu und einschließlich der Interkontinentalraketen - ein integra-

- 3 -

�ler Bestandteil unserer Strategie der
flexiblen Reaktion bleiben. Wir dürfen nicht der Fehlannahme Vorschub
leisten, daß das Territorium des Aggressors ein Sanktuarium bleiben würde.
Um Wirkung zu zeigen, hat die
Strategie
der
flexiblen
Reaktion
stets erfordert, daß wir sowohl nukleare als auch konventionelle Stärke
aufrechterhalten.
Der
INF-Vertrag
verändert weder diese Voraussetzung
noch hindert er die NATO daran, ihr
gerecht zu werden.
Im Zeitalter nach INF können wir
die in Europa stationierten nuklearen
Systeme nicht vernachlässigen. Unsere Aufgabe besteht darin, das vereinbarte Programm
zur Modernisierung
dieser Systeme und Verbesserung ihrer
überlebensfähigkeit zu verwirklichen.
Diese
Anforderungen
gründen
sich
hauptsächlich auf die von der NATO Im
Jahr 1983 getroffene Vereinbarung von
Montebello, in Europa gelagerte Atomwaffen um 1 400 Gefechtsköpfe zu verringern und gleichzeitig Maßnahmen zu
ergreifen, um sicherzustellen, daß
die verbleibenden Atomwaffen überlebensf ähig und wirksam sind. Zu den
Modernisierungsprogrammen, die weiterhin für die NATO von vordringlicher Bedeutung sind, gehören:
Ein
Nachfolgesystem für die Boden-BodenRakete vom Typ LANCE sowie die Modernisierung der nuklearen Artillerie,
der Mehrzweckflugzeuge und Atombomben
der NATO. Dies sind Erfordernisse,
die von der NATO schon vor Abschluß
des INF-Vertrags und unabhängig von
diesem erkannt wurden und die keinerlei Beschränkungen durch den INF-Vertrag unterliegen. Sie sollten auch
nicht von der durch den Vertrag geschaffenen politischen Atmosphäre beeinträchtigt werden; geschähe dies,
so würde es eine Gefährdung des Rüstungskontrollprozesses selbst bedeu-

ten. Ich sehe dem im Frühjahr in Dänemark stattfindenden Treffen der Nuklearen Planungsgruppe erwartungsvoll
entgegen, um mit meinen Kollegen INF
und die Anpassungen nach INF zu diskutieren, darunter auch die amerikanischen Langstreckensysteme und die
auf der Vereinbarung von Montebello
beruhenden Programme.
Parallel zu diesen Programmen für
atomare Systeme muß das Bündnis energisch voranschreiten, um seine konventionellen Streitkräfte zu verbessern. Im Pentagon haben wir einen
Prozeß eingeleitet, durch den unsere
Prioritäten bei Forschung und Entwicklung sow«e bei Beschaffungsvorhaben auf Bereiche konzentriert werden,
in denen die NATO einen Wettbewerbsvorteil gegenüber der Sowjetunion besitzt. Mit dieser "Wettbewerbsstrategie" versuchen wir, unsere Stärken
in Bereichen wie etwa den StandoffWaffen auszuschöpfen und aus sowjetischen Schwächen Nutzen zu ziehen.
Außerdem können wir durch verbesserte Zusammenarbeit
zwischen den
NATO-Staaten mehr aus unseren Verteidigungsauf Wendungen machen. In allen
Bereichen unserer Verteidigungsprogramme - Forschung, Entwicklung, Produktion - reduziert die Rüstungszusammenarbeit unwirtschaftliche Doppelaufwendungen für Forschung und
Entwicklung, sie erhöht die Effizienz
der Produktion durch Kostenersparnis
und führt zu standardisierter und interoperabler Ausrüstung.
Um die begrenzten Mittel für die
Verteidigung so weit wie möglich auszuschöpfen, nüssen wir zudem Maßnahmen einleiten, die unsere Verteidigungsfähigkeit relativ kostengünstig
verbessern können. Eine Möglichkeit
besteht darin, sicherzustellen, daß
die NATO-Streitkräfte mit dem größtmöglichen Nutzen stationiert sind und

- 4 -

�sie, falls nötig, zu diesem Zweck umzugruppieren.
Eine weitere äußerst
erfolgversprechende
und
preiswerte
Maßnahme ist die sogenannte "TerrainVerbesserung" zur Stärkung unserer
Vorneverteidigung.
Ich bin mir der
Tatsache bewußt, daß es politische
Hindernisse geben mag, die den Weg zu
diesen innovativen Veränderungen verstellen.
Wir können jedoch nicht
länger - zugunsten eines kurzfristigen Opportunismus - kostengünstige
Verteidigungsmaßnahmen mit hoher Rentabilität ausschließen.
Ich sehe,
daß auch eine Reihe von Mitgliedern
des amerikanischen Kongresses hier
anwesend sind und bin davon überzeugt, daß sie mir in diesem Punkt
beipflichten werden.

trags benötiger. Dies nicht zu tun,
bedeutete für mich als Verteidigungsminister, unverantwortliche zu handeln.
Die Risikoteilung muß außerdem
die Bereitschaft einschließen, In einer Krise durch rechtzeitige Maßnahmen für
Verstärkung und erhöhte
Kampfbereitschaft zusammenzuarbeiten.
Ich würde es begrüßen, wenn Sie Vorschläge dazu unterbreiten könnten,
wie diese Zusammenarbeit zu verbessern wäre. Rechtzeitige Verstärkung
ist unerläßlich, um Kampfbereitschaft
dort zu demonstrieren, wo sie zählt am vorgesehenen Ziel des Angriffs.

Letzlich wird für alle Mitglieder
unseres Bündnisses die größte Herausforderung darin bestehen, den politischen Willen zur gemeinsamen Verteidigung aufrechtzuerhalten.
Dazu
gehört nicht nur das Teilen der Lasten, sondern auch das Teilen der Risiken.

Wir müssen miteinander auch darüber sprechen, wie unsere Strategie
und Streitkräfteplanung in Zukunft
auszusehen hat. Denn wenn wir heute
bei Forschung und Entwicklung zusammenarbeiten, arbeiten wir tatsächlich
bei der Schaffung von Waffensystemen
zusammen, die unseren Streitkräften
bis weit ins nächste Jahrhundert hinein dienen sollen.

Die Vereinigten Staaten sind weiterhin bereit, umfangreiche Streitkräfte hier in der Bundesrepublik
Deutschland und an anderen entscheidenden Frontlinien zu stationieren
und die Vereinigten Staaten sind ferner bereit, ihr Engagement durch atomare Streitkräfte zu unterstreichen.
Umgekehrt müssen die anderen Verbündeten ihren Teil der Lasten und Risiken akzeptieren.
Dazu gehört die
weitere Unterstützung des Systems von
Stützpunkten, von denen aus die amerikanischen Streitkräfte operieren und nicht eine Politik, die auf den
Abbau
von
Stützpunktvereinbarungen
hinausläuft. Dazu gehört auch, uns
zu gestatten, unsere Truppen mit den
Waffen - einschließlich modernisierter Gefechtsfeldwaffen - auszustatten, die sie zur Erfüllung ihres Auf-

Natürlich gibt es auf beiden Seiten des Atlantiks Stimmen, die uns
raten, uns von diesen Herausforderungen abzuwenden und dem Bündnis den
Rücken
zuzukehren.
Isolationismus
kann sich überall entwickeln - In
Kalifornien oder in der Türkei, von
der Iberischen Halbinsel bis nach
Skandinavien. Wir müssen uns bemühen, unsere Völker davon zu überzeugen, daß Isolationismus keine Antwort
darstellt.
Letztlich kann nur die
anhaltende Unterstützung der Menschen
in unseren Demokratien das Bündnis
zusammenhalten - bei Abrüstungsverhandlungen, bei unserer gemeinsamen
Antwort auf Krisen und bei der Abwendung eines Krieges. Ich stimme mit
dem Bundeskanzler überein, wenn er
sagt, daß die Freiheit unsere größte
Stärke ist.

- 5 -

�Wenn wir an der Verbesserung unserer Verteidigung und der Aufrechterhaltung einer durchdachten Strategie festhalten, dürfen wir uns nicht
von denjenigen ablenken lassen, die
behaupten, daß diese Anstrengungen
dem Streben nach Frieden "zuwider"
laufen. Wir, die im Nordatlantischen
Bündnis vereinten Nationen, sind die
größte Friedensbewegung in der Geschichte. Wir haben den Frieden in
Europa über 40 Jahre bewahrt und werden dies auch weiterhin tun, solange
jeder von uns den politischen Willen
aufbringen kann, stark und wachsam zu
bleiben.

* * * * *

-6

�AMERIKA DIENST
Hintergrundmaterial
10. Februar 1988

SHULTZ UMREISST VORRANGIGE ZIELE DER US-AUSSENPOLITIK IM JAHR 1988
- Ausführungen des Außenministers vor dem Auswärtigen Ausschuß
des Repräsentantenhauses WASHINGTON - (AD) - Außenminister Shultz zufolge sind weitere Fortschritte
bei den amerikanisch-sowjetischen Gesprächen über die Verringerung strategischer Waffen sowie andere Aspekte der amerikanisch-sowjetischen Beziehungen
für die amerikanische Außenpolitik des Jahres 1988 von vorrangiger Bedeutung.
In Ausführungen vor dem Auswärtigen Ausschuß des Repräsentantenhauses nannte
Shultz außerdem den Friedensprozeß in Mittelamerika und die Wiederbelebung der
Friedensbemühungen im Mittleren Osten, die "aktive Unterstützung unserer Verbündeten" in Ostasien, die Bemühungen um friedliche Lösungen der Konflikte im
südlichen Afrika sowie die Aufrechterhaltung und Stärkung der Bündnisbeziehungen als vordringliche Ziele.
Nachfolgend bringen wir die Erklärungen von Außenminister Shultz im Wortlaut:

Ich begrüße diese Gelegenheit,
Ihnen meine Gedanken zur Tagesordnung
der Vereinigten Staaten im Bereich
der Außenpolitik für das neue Kalender- und
Haushaltsjahr
mitzuteilen.
Wir treffen uns das sechste Mal zu
diesem Zweck, und das Ihnen demnächst
zur Entscheidung vorliegende Budget
wird die Mittel und Grundlagen bereitstellen, wenn die nächste Administration ihre außenpolitischen Initiativen festlegt.

Fortschritte in der Außenpolitik

United States Information Service
Embassy of the United States of America

Amerikas
breitgefächerte
außenpolitische Interessen und Ziele sind
so alt wie unsere Nation selbst:
Förderung des Wohlstandes im Inland;
Schutz unserer Nation gegen Aggression oder Subversion; Bekämpfung von
Handlungen, durch die der Rechtsstaat
und die innere Stabilität ausgehöhlt
würden; Förderung unserer demokratischen Werte und der Menschenrechte.
Wenn wir diese außenpolitischen
Interessen und Ziele überprüfen und
den Fortschritt messen, den der Präsidenten bei ihrer Verwirklichung er-

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Tel.: 0228-339 2035
Telex: 8-85432

�zielt hat, dann können wir feststellen, daß diese Administration ein
eindrucksvolles Vermächtnis geschaffen hat. Diese Errungenschaften wären nicht möglich gewesen, wenn sich
der Präsident nicht von Anbeginn bewußt gewesen wäre, daß die demokratischen Werte, die wirtschaftliche
Vitalität und militärische Stärke der
Vereinigten Staaten den Schlüssel zum
Erfolg darstellen.
Im Jahr 1987 haben wir erhebliche
Fortschritte bei der außenpolitischen
Tagesordnung des Präsidenten erzielt.
Als Präsident Reagan im Dezember das
INF-Abkommen
mit
Generalsekretär
Gorbatschow unterzeichnete, erfüllte
er ein wichtiges rüstungskontrollpolitisches Ziel der NATO und verwirklichte die von ihm im Jahr 1981 erklärte Absicht, als er zum ersten Mal
die Null-Lösung präsentierte.
Außerdem vefolgten wir weiterhin
unseren Dialog mit den Sowjets auf
höchster Ebene zu unseren Hauptanliegen Menschenrechte und regionale sowie bilaterale Angelegenheiten.
Der Präsident hat die Grundlage
für ein stabileres und konstruktiveres
amerikanisch-sowjetisches
Verhältnis gelegt, das auf Stärke, Realismus und Dialogbereitschaft aufbaut.
Weltweit wurde der Demokratie in
eindrucksvoller Weise weiter Auftrieb
verliehen, und die Vereinigten Staaten haben den lebenswichtigen Prozeß
des Aufbaus demokratischer Institutionen ermutigt. Auf den Philippinen
haben wir die Regierung Aquino bei
ihren Bemühungen unterstützt, die von
ihr errungene Demokratie zu konsolidieren, indem wir den wirtschaftlichen Wiederaufbau gefördert und
Beistand bei der Bekämpfung der kommunistischen Untergrundbewegung geleistet haben.

In Korea haben die Wahlen eindeutig die Intensität der demokratischen
Einstellung
innerhalb
der
koreanischen Gesellschaft und die Entschlossenheit der neuen Führung gezeigt, eine solide Grundlage für demokratische Verfahrensweisen in der
Regierung zu schaffen. Auf den FijiInseln wurde eine zivile Interimsregierung wiedereingesetzt, die sich
dem Entwurf einer neuen Verfassung
und der Rückkehr dieser Nation zur
parlamentarischen
Demokratie
verschrieben hat. In Argentinien, Brasilien und ganz Lateinamerika haben
wir Hand in Hand mit neuen demokratischen Kräften gearbeitet. In Mittelamerika wären die Vereinbarungen
von Guatemala nicht möglich gewesen,
wenn die Vereinigten Staaten nicht
diplomatische Hartnäckigkeit mit militärischer Stärke für die Sache der
Hemokratie in die Waagschale geworfen
hätten.
In Afghanistan, Angola, Kambodscha und Nicaragua hat unsere entschlossene Unterstützung derjenigen,
die für ihre Freiheit kämpfen, unsere
Gegner zur Einsicht gezwungen, daß
Expansionismus und Aggression kostspielig sind und daß fremden und unterdrückerischen Regimen der Kampf
angesagt wird.
Dank der durch Macht und Diplomatie verliehenen Stärke haben wir
schwierige Krisensituationen im Mittleren Osten und andernorts durchgestanden.
Im strategischen Bereich
des Persischen Golfs schützt unsere
Politik des Umflaggens grundsätzliche
amerikanische Interessen während wir
außerdem im Sicherheitsrat der Vereinten Nationen den Weg für die Beilegung des iranisch-irakischen Konflikts weisen.
Dieser Ansatz hat
sich als erfolgreich bei der Erhaltung der Sicherheit und Stabilität
befreundeter Staaten und bei der Ab-

- 2 -

�wehr
der
Erweiterung
sowjetischen
Einflusses im Golf erwiesen. Gleichzeitig hat er den freien Fluß von Öl
durch die Straße von Hormuz sichergestellt. Verbündete Staaten sind unserem Beispiel gefolgt (Frankreich,
Großbritannien, Italien, die Niederlande und Belgien).
Wir sind entschlossener denn je,
weiterhin durch unser Anti-Drogenprogramm Staaten bei der Vernichtung von
zur Drogengewinnung angebauten Pflanzen und dem Abfangen von Drogenlieferungen zu helfen und klären unsere
eigene Öffentlichkeit und andere über
die
Gefahren
des
Drogenmißbrauchs
auf. In mindestens 20 Staaten wurden
im Jahr 1987 die zur Drogengewinnung
angebauten Pflanzen zerstört. Weltweites Interesse und breitere Unterstützung
durch
unsere
Verbündeten
wurden durch die äußerst erfolgreiche
UN-Konferenz über Drogenmißbrauch und
Drogenhandel im vergangenen Juni hervorgerufen.
Der nationale Ausschuß
zum Drogenproblem schließt gegenwärtig seine Arbeiten an einer neuen nationalen Strategie ab, die ein verstärktes
internationales
Programm
einschließt, das die chemische Vernichtung von Coca-Pflanzen vorsieht.
Die Geißel des
internationalen
Drogenhandels
stellt uns vor eine
schwere Herausforderung - nicht nur
aufgrund der reinen Menge produzierter Drogen, sondern durch den vereinten Angriff von Drogenhändlern und
Rebellen auf Regierungen, deren Zusammenarbeit
lebenswichtig für unseren Erfolg im Kampf gegen diese Bedrohung ist.
Erst vergangene Woche
mußte die Regierung Kolumbiens wieder
den Preis für die Bekämpfung des Drogenhandels bezahlen, als Rauschgifthändler ihren Generalstaatsanwalt ermordeten. Lassen Sie sich nicht täuschen, dies ist ein langfristiges Bemühen.

Ebenso müssen wir entschlossen
und wachsam im Hinblick auf die moderne Barbarei des Terrorismus sein.
Ich kann heute jedoch mitteilen, daß
unsere Politik zur Terrorismusbekämpfung Früchte trägt.
Wir haben ein
besseres Verständnis terroristischer
Methoden gewonnen. Wir haben unsere
nachrichtendienstliche Aufklärung und
die Zusammenarbeit mit anderen betroffenen Ländern verbessert.
Wir
haben
die Sicherheitsmaßnahmen
zum
Schutz unserer Bürger im In- und Ausland verstärkt. Und wir sind zur Offensive übergegangen, um Terroristen
der Justiz zu überantworten, ihre
Operationen zunichte zu machen und
ihre Netze zu zerstören.
Die Statistiken sind positiv. Die Zahl amerikanischer Opfer und Anschläge auf
amerikanische
Interessen sind drastisch gesunken. Unsere Fortschritte
pind umfassend
- von verbesserten
operativen Strukturen im Inland bis
hin zu engerer Koordinierung mit den
Verbündeten in Übersee.

Die Tagesordnung für das Jahr 1988
1987 war also ein Jahr bedeutender
Fortschritte.
1988 verspricht
sogar noch ereignisreicher zu werden
und eine außergewöhnlich umfangreiche
außenpolitische Tagesordnung zu haben.
Ein Großteil unserer Tagesordnung
wird dabei auf den Initiativen für
Frieden, Sicherheit, Wohlstand
und
Demokratie aufbauen, die der Präsident in den vergangenen sieben Jahren
eingeleitet hat.

Die amerikanisch-sowjetischen Beziehungen und die Rüstungskontrolle
Eine vordringliche Aufgabe wird
darin bestehen, im Vorfeld des Moskauer Gipfeltreffens bei den START-

- 3 -

�Verhandlungen und anderen Komponenten
der vierteiligen Tagesordnung des
Präsidenten für die amerikanisch-sowjetischen Beziehungen energisch auf
Fortschritte zu drängen.
Wenn die
Sowjets bereit sind, sich den von uns
gemachten Bemühungen anzuschließen,
könten wir in der Lage sein, bei der
Abrüstung in diesem Jahr einen Riesenschritt nach vorn zu tun und ein
verifizierbares Abkommen zu erreichen, das die Stabilität durch die
Halbierung der strategischen Atomwaffen verbessert. Die Sowjets wissen,
daß wir bei SDI fest bleiben werden.
Wir hoffen, den wichtigen Erfolg
des Jahres 1987 zu konsolidieren, indem wir den Rat des Senats und dessen
Zustimmung zur Ratifizierung des INFVertrages einholen. Zusammen mit unseren Verbündeten und auf der Grundlage von lange vor dem INF-Vertrag
erstellten Programmen werden wir die
Modernisierung unserer konventionellen und nuklearen Streitkräfte vorantreiben. Gemäß den in der NATO vereinbarten Prioritäten werden wir weitere Fortschritte in der Rüstungskontrolle anstreben - insbesondere zur
Beseitigung der konventionellen Ungleichgewichte in Europa und der Erlangung eines wirklich verifizierbaren weltweiten Verbots chemischer
Waffen.
Aber so wichtig sie auch sein
mag, wird die Rüstungskontrolle doch
nicht unsere einzige Priorität mit
der Sowjetunion sein; wir werden weiterhin energisch Fragen der Menschenrechte verfolgen, und zwar sowohl
Einzelfälle als auch umfassendere
Prinzipienfragen, die in der Schlußakte von Helsinki sowie anderen internationalen
Vereinbarungen
über
Menschenrechte festgelegt sind.
Und von jetzt bis zum nächsten
Gipfeltreffen in Moskau werden Außen-

minister Schewardnadse und ich uns
regelmäßig zu Gesprächen über die
ganze
Bandbreite
unserer
Belange
treffen.

Der Friedensprozeß in Mittelamerika
Eins der ernstesten von diesem
100. Kongreß zu entscheidenden Fragen
lautet, wie wir unsere Unterstützung
für die in Nicaragua kämpfenden demokratischen Widerstandskräfte fortsetzen können.
Wenn die Demokratien
Mittelamerikas die Sandinisten erfolgreich zur Einhaltung des Abkommens von Guatemala veranlassen wollen, muß unsere Unterstützung für die
Demokratie ein sicheres Faktum und
keine unbekannte Variabel beim Ausgleich in der Region sein.
Heute kommt der Notwendigkeit von
Menschenrechten, freien Wahlen und
wirtschaftlicher Entwicklung in Mittelamerika genau die Aufmerksamkeit
zu,
die
amerikanische
Politiker
einstmals traditionelleren Problemen
der Diplomatie und nationalen Sicherheit zuteil werden ließen. Die amerikanische Politik ist Ausdruck unserer nationalen Überzeugung, wonach
Demokratie der einzig dauerhafte
Grundstein für Frieden und Wohlstand
ist - für unsere Nachbarn ebenso wie
für uns selbst. Hilfe für den nicaraguanischen Widerstand ist ein Grund
für den erfolgreichen Ablauf dieser
umfassenden Strategie in der Region.
Vor zehn Jahren war Costa Rica
die einzige, zivil regierte Demokratie der Region. Heute sind alle Militärdiktatoren der anderen vier Länder abgetreten. Drei dieser Länder
folgen dem Beispiel Costa Ricas mit
zunehmend offenen Gesellschaften und
zivilen Präsidenten, die durch ermittelt werden, zu denen sich mehrere
Kandidaten stellen. Seit zwei Wochen

�berichten die Machthaber des
Landes, die nicaraguanischen
nisten, nun überall, auch sie
sich öffnen und demokratische
sätze anerkennen.

fünften
Sandiwürden
Grund-

Ein demokratisches Nicaragua wäre
wirklich eine gute Nachricht für die
Vereinigten Staaten. Aber eine neue
Studie der RAND-Corporation kommt zu
dem Schluß, Nicaragua sei - insbesondere in militärischer Hinsicht - auf
dem Weg zu einem sowjetischen Satellitenstaat.
Der RAND-Studie zufolge
kann mit direkter und indirekter Nutzung von nicaraguanischem Territorium
durch die Sowjets gerechnet werden.
Ein demokratisches Nicaragua würde
der Sowjetunion nicht die Möglichkeit
zur
Errichtung
eines
Stützpunktes
bieten.
Ein demokratisches Nicaragua wäre
ebenfalls eine gute Nachricht für die
Nicaraguaner.
Eine weitere
Studie
meiner eigenen Behörde zeigt auf, wie
eng der Widerstand des Volkes gegen
die Sandinisten mit der Verweigerung
grundlegender
Menschenrechte
verknüpft ist.
Letzte Woche traf ich
mit ausgewiesenen Führern des nicaraguanischen
Widerstandes
zusammen.
Vor zehn Jahren wurden drei von ihnen
von Somoza inhaftiert. Vor acht Jahren war einer von ihnen Mitglied der
nach Somoza regierenden Junta, ein
weiterer war unter der Junta Minister, ein anderer Reporter von "La
Prensa", und drei weitere waren Politiker, die ihre Parteien auf Wahlen
vorbereiteten.
Dann unterzeichneten
die Sandinisten mit der Kommunistischen Partei der Sowjetunion ein
Zweiparteienabkommen,
besetzten
den
Staatsrat mit ihren eigenen Leuten
und verschoben die Wahlen um fünf
Jahre.
Ein demokratisches Nicaragua
würde keine führenden Persönlichkeiten ins Exil treiben oder etwa eine
Bilanz von 10 000 politischen Gefan-

genen aufweisen.
Das Problem besteht darin, daß
die starrköpfigen Politiker, die acht
Jahre lang mit Hilfe geschickt verknüpfter Macht und Propaganda eine
Monopolstellung
in
der
nicaraguanischen Regierung halten, sich nicht
plötzlich öffnen werden, um demokratischen Wettbewerb zuzulassen, wenn
es aufgrund unserer eigenen Politik
schon unmöglich ist, Freiheit in Nicaragua zu unterstützen. Die Weiterführung des jetzt sporadisch, aber
auf breiter Ebene auftretenden demokratischen Prozesses in Mittelamerika
erfordert die Mitarbeit aller.
Für
die Vereinigten Staaten ist es unbedingt erforderlich, daß wir den demokratischen Kräften in Nicaragua ausreichende Unterstützung gewähren, um
die militärische Unterstützung auszugleichen, die der Ostblock den Sandinisten leistet.
Es gibt in diesem Zusammenhang
eine Ironie des Schicksals.
Unsere
Debatte findet genau zu dem Zeitpunkt
statt, an dem der nicaraguanische Widerstand Unterstützung bei den Landsleuten erfährt, Einsatzfähigkeit demonstriert und die Sandinisten Unterstützung verlieren. Aus diesem Grunde arbeiten die Sandinisten so hart
daran, den Kongreß von einer Entscheidung
zugunsten
fortgesetzter
Hilfe abzubringen.
Wenn die Sandinisten bekommen,
was sie wollen - wenn der Kongreß unserer Bitte um zusätzliche, auf Fortschritte
im
Friedensprozeß
zugeschnittene Mittel nicht zustimmt
dann können wir sicher sein, daß es
keinen wahren Fortschritt in Richtung
auf eine gemäßigte Linie und Demokratie in Nicaragua geben wird.
Es gibt eine eindeutige Parallele
zwischen unseren Bemühungen in Mit-

- 5 -

�telamerika und unseren langfristigen
Bestrebungen, die Sowjets zum Thema
wahrer Rüstungsreduzierungen wieder
an den Verhandlungstisch zurückzubringen.
Wir wußten, daß wir durch Taten
und nicht nur durch Worte den Sowjets
klarmachen mußten, daß es in ihrem
eigenen Interesse lag, sich wieder an
den Verhandlungstisch
zu begeben.
Was in den siebziger Jahren nicht
möglich war, wurde 1987 möglich, weil
wir Stärke und Festigkeit im Bündnis
gezeigt haben.
Vor acht Jahren einigte sich die
NATO - als Reaktion auf die in den
späten siebziger Jahren erfolgte sowjetische Stationierung der Mittelstreckenrakten vom Typ SS-20 in Europa - auf eine zweigleisige Strategie: die Stationierung von Pershing
II und landgestützten Marschflugkörpern sowie amerikanisch-sowjetische
Verhandlungen, um ein Gleichgewicht
auf dem niedrigstmöglichen Stand herbeizuführen.
Im Jahr 1981 schlug
Präsident Reagan zur Abschaffung aller
Mittelstreckenraketen
längerer
Reichweite
die
"Null-Lösung" vor.
Wir und unsere Verbündeten standen zu
dieser Entscheidung. Wir nahmen die
Stationierungen - trotz sowjetischer
Einschüchterungsversuche
und
ihrem
einjährigen Ausstieg aus den Verhandlungen - Ende des Jahres 1983 auf.
Unsere Entschlossenheit hat die Sowjets zu Beginn des Jahres 1985 wieder an den Verhandlungstisch zurückgebracht. Wenn wir nach dieser erfolgreichen Methode dieselbe Entschlossenheit und Stärke bei unseren
strategischen Programmen und am Verhandlungstisch walten lassen, bestehen ernsthafte Aussichten für Erfolge
bei START.
Bei diesen anhaltenden Bestrebungen wurden Meinungen laut, der Aufbau

unserer militärischen Stärke und die
Stationierung unserer Raketen seien
Ursache, nicht Lösung des Problems.
Denken Sie nur an die "Anti-Atom-Bewegung". Und denken Sie auch daran,
wie sehr sie sich als falsch erwiesen
hat. Ich freue mich darüber, daß das
amerikanische Volk und seine gewählten Vertreter nicht darauf gehört und
uns Mittel zur Durchführung unserer
Strategie an die Hand gegeben haben.
Das hat funktioniert. Wir haben einen ersten Schritt erzielt - das INFAbkommen - und wir befinden uns im
Vorfeld noch größerer Errungenschaften in den Bereichen Rüstungskontrolle und Abrüstung.
In Mittelamerika haben wir, ebenso wie in Europa und Asien, unseren
Einfluß zugunsten politischer und
diplomatischer Zielsetzungen benutzt.
Wir haben denjenigen in Mittelamerika, die bereit sind, am Frieden zu
arbeiten, Mittel bereitgestellt, damit sie dies tun können. Und wie
auch bei INF und Afghanistan läuft
unsere Strategie erfolgreich ab. Die
Unterstützung
des
nicaraguanischen
Widerstandes ist heute der Bestandteil der Macht, der notwendig ist, um
die Sandinsiten zur Einhaltung der
Bedingungen des Abkommens von Guatemala für Frieden und Demokratie zu
veranlassen.
Neunzig Prozent der von der Regierung geforderten Mittel betreffen
nicht-militärische Unterstützung, wie
etwa Nahrungsmittel, Kleidung, Arzneimittel und deren Transport. Zehn
Prozent sind für Munition vorgesehen.
Und dieser Teil der Forderung wird
bis zum 31. März ausgesetzt, um herauszufinden, ob die Sandinisten sich
wirklich an die im August in Guatemala und im letzten Monat in San Jose
abgegebenen
Versprechungen
halten,
unwiderrufliche Schritte in Richtung
auf Demokratie in Nicaragua zu unter-

�nehmen.
Um diesbezüglich zu einem
Urteil zu gelangen, hat der Präsident
sich dazu verpflichtet, die Präsidenten der vier mittelamerikanischen Demokratien persönlich zu konsultieren.
Im vergangenen November und auch
letzte Woche hat der Präsident darauf
hingewiesen, daß er im Rahmen der
Aufnahme
ernsthafter
Verhandlungen
zwischen dem nicaraguanischen Widerstand und der sandinistischen Regierung meinen Eintritt in regionale Gespräche mit Vertretern aller fünf
Länder, einschließlich Nicaraguas, in
Erwägung ziehen würde. Ich bin dazu
bereit, wenn die Bedingungen stimmen.
Als Außenminister engagiere ich
mich für Diplomatie und die Durchführung von Verhandlungen selbst unter
den widrigsten Umständen. Als Praktiker weiß ich auch, daß Verhandlungen nur dann ehrlich geführt werden,
wenn beide Seiten glauben, etwas gewinnen zu können. Die Preisgabe der
Strategie und der Menschen, die die
Kommmunisten in die Defensive getrieben haben - in Nicaragua und in Mittelamerika überhaupt zum ersten Mal
in zehn Jahren - wird keine weiteren
Fortschritte
hervorbringen.
Anhaltender Fortschritt in Richtung auf
Demokratie in Nicaragua und Frieden
in Mittelamerika hängt entscheidend
von fortgesetzter amerikanischer Unterstützung für den nicaraguanischen
Widerstand ab.

Andere regionale Konflikte
Ebenso wie das Zusammenspiel von
diplomatischer Beharrlichkeit und politischer Festigkeit der Rüstungskontrolle und den Friedensprozessen in
Mittelamerika Auftrieb verliehen hat,
haben sie unseren Gegner in anderen
Teilen der Welt vor Augen geführt,
daß Expansionismus und Aggression ih-

ren Preis haben.
Beharrlichkeit
und
Festigkeit
sind auch der Weg zum Frieden in Afghanistan. Wir werden weicerhin Pakistan Unterstützung leisten und Moskau drängen, seine Truppen unverzüglich abzuziehen. Wir müssen sicherstellen, daß die Bestimmungen des
Genfer Abkommens über den Rückzug
glaubwürdig
und verifizierbar
sind
und keine Gefahr für den Widerstand
bedeuten.
Wenn wir zu unserer Zufriedenheit feststellen können, daß
die Sowjets diese Bedingungen erfüllt
haben, sind die Vereinigten Staaten
bereit, als Garant für die Genfer Abkommen ebenfalls zu unterzeichnen.
Die Vereinigten
Staaten
stehen
weiterhin uneingeschränkt und unerschütterlich zu den Zielen, die das
afghanische Volk und seine Anführer
auf dem Schlachtfeld, im Exil in Pakistan und anderen Ländern eindeutig
und wiederholt umrissen haben:
Rascher Abzug der sowjetischen Truppen,
wirkliche Selbstbestimmung, Neutralität und Rückkehr der Flüchtlinge.
Der jüngste Aufruhr in der West
Bank und im Gazastreifen belegt, daß
der Status quo im Friedensprozeß des
Mittleren Ostens keine Option ist.
Es ist an der Zeit, diesen Prozeß neu
zu beleben, indem Arabern und Israelis gezeigt wird, daß Verhandlungen
ein besseres Leben für die Menschen
in den besetzten Gebieten hervorbringen können, Sicherheit und Wohlergehen der Israelis garantieren und den
Weg zu einer ausgehandelten Beilegung
des Konfliktes aufzeigen. Wir müssen
unsere
Aufmerksamkeit
weniger
auf
Verfahrensweisen als auf die Substanz
lenken, um den Menschen zu beweisen,
daß ihren realen Sorgen mit einer
Verhandlungslösung Rechnung getragen
wird. Wir werden in unseren Konsultationen mit den politisch Verant-

- 7 -

�wortlichen Israels und der arabischen
Gemeinde
energisch
vorgehen
und
gleichzeitig versuchen, dem Friedens-prozeß Auftrieb zu verleihen.
Internationale Bestrebungen zur
Beendigung des Krieges zwischen Iran
und Irak sowie die Stabilität im Persischen Golf bleiben Themenkomplexe,
die weiterhin für uns an erster Stelle stehen. Wir streben eine umfassende Lösung für die Feindseligkeiten
zu Land, zu Wasser und in der Luft
an. Die Resolution 598 des Sicherheitsrates der Vereinten Nationen
stellt einen verläßlichen Rahmen zur
Beendigung des Krieges ohne Sieger
oder Besiegte dar. Es handelt sich
hierbei um ein ausgewogenes Dokument,
das Taten von beiden Kombattanten
fordert. Der Irak hat seine Zustimmung zur uneingeschränkten Einhaltung
seiner Bedingungen gegeben, wohingegen sich der Iran der Einhaltung vehement widersetzt. Der Sicherheitsrat muß rasch vorgehen und gegen die
Regierung in Teheran Sanktionen verhängen, da sie sich nicht an die Resolution hält. Wir und einige andere
Mitglieder des Rates führen nahezu
täglich Konsultationen in dem Versuch, im Rat Einstimmigkeit für ein
Waffenembargo gegen den Iran zu erzielen. Während wir die Kooperation
der Sowjetunion für ein Embargo anstreben, werden wir weiterhin zu unseren Sicherheitsverpflichtungen stehen, die wir unseren Freunden in der
Region gegenüber geleistet haben und
wir werden in jedem einzelnen Fall
Unterstützung suchen, um der Lieferung von Waffen in den Iran Einhalt
zu gebieten.
Wir werden ferner alle unsere
Verbündeten in Ostasien aktiv unterstützen. Dies beinhaltet auch Unterstützung für Präsidentin Aquino bei
der Führung ihrer Nation auf dem Weg
zur Demokratie und Ankurbelung des

Wirtschaftswachstums,
während
die
Philippinen sich im Kampf mit den
aufrührerischen kommunistischen Rebellen befinden.
Wir unterstützen
die ASEAN-Länder und die kambodschanische
nichtkommunistische
Widerstandsbewegung bei ihren Bemühungen,
eine politische Lösung des kambodschanischen Konflikts herbeizuführen.
Diese Lösung muß den Abzug der vietnamesischen Truppen aus Kambodscha
und Selbstbestimmung des kambodschanischen Volkes beinhalten. Die Republik Korea kann mit unserer uneingeschränkten Unterstützung für die
internationale
Verurteilung
Nordkoreas für seinen grausamen Terroranschlag auf Flug 858 der koreanischen
Fluggesellschaft im vergangenen November rechnen. Die Republik Korea
kann sich auf unsere Zusammenarbeit
bei der Ausrichtung der Olympischen
Spiele im Jahr 1988 in einer sicheren
Atmosphäre verlassen.
Im südlichen Afrika werden wir
unsere Bemühungen zur Erlangung einer
Verhandlungslösung
fortsetzen,
die
den Abzug aller ausländischen Streitkräfte aus Angola und Namibia sowie
die Unabhängigkeit Namibias im Einklang mit Resolution 435 der Vereinten Nationen umfaßt. In den vergangenen Monaten haben mehrere Treffen
mit der angolanischen Führung stattgefunden. Erst vor einer Woche haben
die Angolaner beim letzten dieser
Treffen erkannt, daß dies den vollständigen und nicht den teilweisen
Abzug kubanischer Truppen aus ihrem
Land bedeuten müsse, den sie zunächst
vorgeschlagen hatten. Um dies zu bestätigen, nahmen Vertreter der kubanischen Regierung kurz an den Gesprächen als Mitglieder der angolanischen
Delegation teil. Dies ist eine bedeutende Entwicklung, die auf eine
Beilegung des Konfliktes zwischen Angola und Namibia hoffen läßt. Wir
erwarten jetzt von den Angolanern die

- 8 -

�Unterbreitung konkreter und realistischer Zeitpläne für den Abzug der
kubanischen Truppen, damit wir den
Südafrikanern diesen Vorschlag vorlegen können.
Die Apartheid ist der Kern vieler
der gravierenden Probleme im südlichen Afrika. Wir streben die friedliche
und
rasche
Beendigung
der
Apartheid an und fördern Verhandlungen zwischen allen Parteien, die zur
Schaffung einer demokratischen Gesellschaft mit gleichen Rechten für
alle Südafrikaner führen werden. Wir
sind nach wie vor der Überzeugung,
daß dies am besten durch eine Mischung von diplomatischem und politischem Druck einerseits und eine
Reihe konstruktiver Initiativen andererseits erreicht werden kann, einschließlich
starker
Unterstützung
amerikanischer Programme, die darauf
ausgerichtet
sind, den Opfern der
Apartheid zu helfen und die schwarzen
Afrikaner zu befähigen, ihre eigene
friedliche
Befreiung
zu
erlangen.
Die Vereinigten Staaten werden jede
Gelegenheit wahrnehmen, um zur nationalen Aussöhnung unter den Südafrikanern beizutragen.
Die Vereinigten Staaten werden
die mit diesen und anderen Konfliktherden der Welt verbundenen Menschenrechtsfragen in den zuständigen Foren
der Vereinten Nationen aktiv verfechten.
Wir wollen sicherstellen, daß
in den Gremien der Vereinten Nationen
den Rechten des Einzelnen, dem Recht
der freien Meinungsäußerung, der Versammlungsfreiheit,
dem
Recht
der
freien Religionsausübung
sowie den
anderen Grundrechten größere Aufmerksamkeit gewidmet wird.

Zusammenarbeit der Verbündeten und
Verbesserung der bilateralen Beziehungen
Während wir auf eine Lösung der
vordringlichsten
Probleme der Welt
hinarbeiten, müssen wir die Beziehungen mit den Verbündeten aufrechterhalten und vertiefen, die für unsere
nationale Sicherheit und die Grundlage unserer Außenpolitik unerläßlich
sind.
Im Verlauf der vergangenen
sieben Jahre hat die Solidarität der
Verbündeten unsere Verteidigungshaltung gestärkt und den Rüstungskontrollprozeß vorangetrieben. Vom 2. 3. März wird sich Präsident Reagan in
Brüssel zu einen Treffen der NATO
Außen- und Verteidigungsminister zur
Erörterung von Sicherheitsfragen nach
INF aufhalten und auf höchster Ebene
das Gefüge von Konsultationen zwischen den Verbündeten fortführen, das
uns bisher so gut gedient hat.
Die Zusammenarbeit zwischen den
Verbündeten bei der Kontrolle von Exporten strategischer Güter in die
Länder des Warschauer Paktes hat sich
in den vergangenen Monaten erheblich
verbessert. Auf einem höchst erfolgreichen Treffen in Versailles letzte
Woche haben wir und unsere C0C0MPartner die uneingeschränkte Unterstützung bei der tatkräftigen Durchsetzung strategischer Exportkontrollen bekräftigt und unter Beweis gestellt, daß multinationale Zusammenarbeit der wirksamste Weg zur Vermeidung von Verletzungen unserer gegenseitigen Sicherheit sind, wie sie im
Falle
Toshiba/Kongsberg
geschehen
sind.
Der jüngste Besuch von Premierminister Takeshita hat die fundamentale
politische und wirtschaftliche Stärke
unserer Beziehung mit Japan noch unterstrichen. Der Vertrag über gegenseitige Zusammenarbeit und Sicherheit

- 9 -

�zwischen den Vereinigten Staaten und
Japan bildet die Grundlage, auf die
sich unsere Beziehung gründet und ist
ein Faktor, der entscheidend zur Sicherheit der asiatischen Pazifikregion beiträgt. Wir werden mit der
Regierung Takeshita an der Aufrechterhaltung des internationalen Wirtschaftswachstums
zusammenarbeiten,
indem wir die Handelshemmnisse abbauen, den Zugang zu den Märkten verbessern und uns protektionistischen Bestrebungen widersetzen.
Zusätzlich zu ihren Beziehungen
mit den NATO-Partnern und Japan unterhalten die Vereinigten Staaten
ebensogute Beziehungen mit anderen
asiatischen und pazifischen Nationen,
•vor allem
Thailand,
Korea, den
Philippinen und Australien. Symbolisch für die unverminderte Stärke
des Bündnisses zwischen den Vereinigten Staaten und Thailand ist die
Schaffung
des
Kriegsreservelagers,
mit dessen Hilfe amerikanische Militärgüter für den Einsatz bei einem
die Nation bedrohenden Notfall in
Thailand gelagert werden können. Unsere Sicherheitsbeziehungen mit der
Republik Korea, die sich auf den Vertrag zur gegenseitigen Sicherheit von
1954 gründen und durch die beständige
Notwendigkeit zur Abschreckung von
Aggression auf der koreanischen Halbinsel weiterhin Gültigkeit behalten,
sind nach wie vor stark und effektiv.
Auf den Philippinen stehen für
uns wirtschafts- und sicherheitspolitische Interessen ohnegleichen auf
dem Spiel.
Unsere beiden Länder
blicken auf seit langem bestehende
enge Beziehungen zurück und teilen
eine gemeinsame Tradition, die beständiger amerikanischer Unterstützung bedarf.
Ferner schützen die
amerikanischen Einrichtungen in Subic
Naval Base und Clark Air Base bilaterale und multilaterale Sicherheitsin-

teressen.
Im Südpazifik trägt der
ANZUS-Pakt weiterhin zur kollektiven
Stärke und Geltung des westlichen Systems
von
Verteidigungsbündnissen
bei. In Australien haben wir einen
entscheidenden Verbündeten, zu dem
das Verhältnis trotz unserer Aufhebung der Sicherheitsgarantien gegenüber Neuseeland ungestört und tragfähig ist.
Über
unsere
Bündnisbeziehungen
mit den asiatischen Staaten hinaus
haben die Verbindungen mit China einen neuen Grad der Reife erreicht und
wir werden weiterhin an noch ungelösten Themenkomplexen zwischen unseren beiden Ländern arbeiten. Im März
werden ich mit Außenminister Wu zusammentreffen, um Möglichkeiten für
eine erweiterte Zusammenarbeit in bilateralen Angelegenheiten und die
amerikanisch-chinesische
Zusammenarbeit bei der Lösung vordringlicher
Probleme mit internationalen Konsequenzen zu erörtern.

Weltweite Probleme
Im Jahr 1988 müssen wir die gemeinsamen internationalen Bestrebungen zur Bewältigung anderer Probleme
mit weltweiten Auswirkungen verstärken.
Im wirtschaftlichen Bereich sehen
wir uns im In- und Ausland mit großen
Herausforderungen konfrontiert, denen
wir mit der entschiedenen Verpflichtung zu marktorientierten Maßnahmen
begegenen müssen. Wir müssen unseren
Widerstand gegen Protektionismus aufrechterhalten.
Ebenso wie mit dem
Freihandelsabkommen zwischen den Vereinigten Staaten und Kanada und unseren weitreichenden GATT-Vorschlägen
müssen wir einen Weg wählen, der
Märkte öffnet und das materielle
Wohlergehen
aller
Handelsnationen

- 10 -

�steigert.
Wir erwarten die rasche
Unterzeichnung des Freihandelsabkommens durch den Senat.
Die Weltwirtschaft befindet sich
in einer Phase tiefgreifender Veränderungen. Neue Technologien und die
Revolution im Informationswesen versprechen, entwickelten und unterentwickelten Ländern gleichermaßen eine
Gelegenheit
zu beispiellosem wirtschaftlichem Fortschritt zu bieten.
Amerika und andere offene Gesellschaften sind in einer guten Verfassung, um aus den derzeit stattfindenden Veränderungen das Beste zu machen.
Aber zunächst müssen wir auf
das gegenwärtige Ungleichgewicht in
der Weltwirtschaft eingehen, das unsere glänzende Zukunft bedrohen könnte. Wir werden Maßnahmen erarbeiten,
die den Märkten beim Ausgleich der
internationalen Handelsstrukturen Unterstützung
gewähren,
Finanzströme
stabilisieren und schwere Rückschläge
beim stabilen Wirtschaftswachstum und
freierem Handel vermeiden.
Wir müssen ebenfalls weiterhin
die wirtschaftliche und soziale Entwicklung von Freunden und Verbündeten
in Latein-Amerika, Afrika, Asien und
dem
Mittleren
Osten
unterstützen.
Die uns dabei zur Verfügung stehenden
Hilfsmittel umfassen bilaterale finanzielle und technische Unterstützung, Ausbildungsprogramme und tatkräftige Hilfestellung bei der wichtigen Arbeit multilateraler Instituttonen, wie der Weltbank, den regionalen Entwicklungsbanken, dem Internationalen Währungsfonds, dem Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen, UNICEF, und den einzelnen
spezialisierten Unterorganen der UNO.
Entscheidend
für das Erreichen
unserer Ziele auf den Gebieten Sicherheit, Wirtschaft und humanitäre
Fragen ist ein gerechtes und andau-

erndes Wachstum in den Entwicklungsländern. Dazu sind interne strukturelle Veränderungen in den Volkswirtschaften der Entwicklungsländer ebenso erforderlich wie Hilfe von außen,
die Handel, Kapitalfluß und Austausch
von
Technologie
begünstigt.
Wenn
dies geschieht, bestehen gute Aussichten auf eine Fortsetzung des in
den vergangenen Jahren zu beobachtenden gesunden Trends einer Stärkung
der
demokratischen
und
marktwirtschaftlich orientierten Institutionen
in der ganzen Welt.
Wir werden unsere aufrichtige und
entschlossene Hilfe für die neuen Demokratien
in
Latein-Amerika,
SüdKorea, den Philippinen und anderswo
bei deren Streben nach größerer innenpolitischer Stabilität fortsetzen.
Wir müssen anerkennen, daß die Errichtung demokratischer Institutionen
ein langsamer und oftmals anfälliger
Vorgang ist. Und dennoch ist in der
ganzen Welt ein steigender Trend zur
Demokratie in beeindruckendem Umfang
zu beobachten, womit
amerikanische
Werte und die Wirksamkeit unserer Politik erneut bestätigt wird.
Wir werden unsere entschiedenen
Anstrengungen
gegen
internationalen
Drogenschmuggel und Terrorismus energisch vorantreiben, und ich kann Ihnen versichern, daß wir diesen Themen
auch weiterhin eine hohe Priorität in
der Außenpolitik einräumen.
Diese Probleme von globaler Tragweite eignen sich nicht für einfache
einseitige Lösungen, sondern erfordern im Gegenteil eine beständige
multilaterale
Zusammenarbeit.
Die
Vereinten Nationen und ihre spezialisierten Unterorgane tragen zur Lösung
zahlreicher gemeinsamer Probleme in
der Welt bei, wie beispielsweise Drogenmißbrauch,
Luftpiraterie,
AIDSForschung, um nur einige zu nennen.

- 11 -

�Wir müssen unsere tatkräftige Unterstützung für diese Institutionen aufrechterhalten, und gleichzeitig unser
Streben nach bedeutenden Reformen des
UN-Systems zur Bereitstellung von
Mitteln fortsetzen.

einkunft gewährt unserem Etat für die
Außenpolitik im Haushaltsjahr 1988
nur wenig mehr Mittel als das sonst
der Fall gewesen wäre. Aber unser
Haushalt ist immer noch eine dürftige
und unbewegliche Angelegenheit.

Um es zusammenzufassen:
dies
wird ein außerordentlich arbeitsintensives Jahr:
damit im gesamten
Spektrum außenpolitischer Themen so
viele Fortschritte wie möglich erzielt werden; um das Erreichte, wo
wir nur können, zu verfestigen; um
sich intensiv mit anhaltenden Problemen zu befassen, wie wir dies müssen;
und um neue Initiativen zu ergreifen,
wo diese nützlich und vielversprechend scheinen. Ich werde mich jetzt
der praktischen Frage nach den erforderlichen Mitteln zur Erreichung unserer Ziele zuwenden.

In den kommenden Wochen werden
wir dem Kongreß einen Vorschlag über
die von uns beantragten Mittel für
die Außenpolitik
im Haushaltsjahr
1989 vorlegen.
Unsere Veranlagung
wird Sie nicht überraschen. Obwohl
ich die einzelnen Zahlen jetzt mit
Ihnen nicht besprechen kann, da der
Haushalt erst in zwei Wochen vom
Weißen Haus formell veröffentlicht
wird, genügt es wohl, wenn ich sage,
daß er sehr sparsam ausfallen und
sich an das Abkommen vom Haushaltsgipfel halten wird.

Der Haushalt für das Außenministerium 1988
Als wir im vergangenen Jahr um
diese Zeit zusammenkamen, habe ich in
aller Ausführlichkeit über die uns
durch den Haushalt für das Außenministerium auferlegten Probleme der Mittelvergabe gesprochen.
Etatprobleme
spielen tatsächlich immer noch eine
so große Rolle, daß ich nicht den
Gipfel mit Gorbatschow, sondern den
Haushaltsgipfel meine, wenn ich in
Gesprächen mit meinen Kollegen den
"Gipfel 1987" anspreche.
In den vergangenen Monaten beteiligten sich Außenministerium und Kongreß an einer intensieven und engen
Zusammenarbeit mit Exekutive und Legislative, um das Defizit beim Bundeshaushalt auf eine Weise abzubauen,
die unseren außenpolitischen Interessen keinen Schaden zufügt. Wir haben
Fortschritte erzielt.
Die während
des Haushaltsgipfels erzielte Über-

Wenn Sie Gelegenheit hatten, unseren Haushaltsentwurf und die Regierungsanhörungen zu unseren Vorschlägen zu prüfen, werden Sie nach meiner
Überzeugung mit mir übereinstimmen,
daß wir uns die Programme, die wir
unterstützen und die Mittel, die wir
zu ihrer Durchführung brauchen, sehr
genau angesehen haben. Unter Einbeziehung der erwarteten Inflation wird
die Kaufkraft unseres vorgeschlagenen
Haushalts sogar etwas geringer ausfallen als im laufenden Jahr, in dem
bereits eine erhebliche Kürzung gegenüber dem Niveau vergangener Jahre
verzeichnet wurde. Mit weniger Mitteln können wir es nicht schaffen.
Wir hätten gerne mehr gehabt.
Ich möchte klarstellen, daß der
zurückhaltende Haushaltsentwurf, den
wir vorgeschlagen haben, um den Forderungen des Haushaltsgipfels gerecht
zu werden, keine Einengung des Umfangs unserer außenpolitischen Interessen, der Stärke unserer Verpflichtung gegenüber Freunden, Verbündeten
und dem internationalen System, oder

�der Summe von Mitteln, die wir für
die
Durchführung
dieser
Interessen
und zur Erreichung dieser Verpflichtung notwendig erachten, widerspiegelt.
Unsere knappe Anforderung ist
das
Ergebnis
eines
beunruhigenden
Kompromisses zwischen unseren minimalen außenpolitischen Notwendigkeiten
und unserer Einsicht, daß wir unseren
Teil zum Abbau des Haushaltsdefizits
beitragen müssen. Wir können jedoch
unsere Interessen nicht verteidigen
und unsere wesentlichsten Verpflichtungen nicht erfüllen, ohne die angemessenen Mittel und die Beweglichkeit
zu besitzen, um sie zur Erlangung unserer höchsten Bedürfnisse von Priorität anzuwenden.
Im Gegenzug brauchen wir auf Ihrer Seite die Bereitschaft im Kongreß, der Exekutive den von uns benötigten Spielraum einzuräumen, um die
sehr
beschränkten
Mittel
effektiv
einzusetzen.
Ich will hier nicht in
Frage stellen, daß der Kongreß den
Geldhahn
kontrolliert.
Und
doch
sind, wie Sie wissen, die laut Kongreßunterlagen bereitgestellten Mittel vom Kongreß fast ausschließlich
für bestimmte Länder oder Programme
vorgesehen - 97 Prozent im Falle des
Wirtschaftsunterstützungsfonds und 99
Prozent für die auswärtigen Militärverkauf sprogramme.
Damit bleibt uns
kein Spielraum für die Vergabe angemessener Mittel an Länder, die uns
wichtige Stützpunkte und andere Verteidigungsanlagen zur Verfügung stellen, wie beispielsweise Kenia, Somalia, Portugal und die Türkei.
Und
damit bleiben so gut wie keine Mittel
für die Unterstützung der Sicherheit
so wichtiger Länder wie Bolivien,
Equador, der Dominikanischen Republik, Jamaika und Indonesien.

politischen
Interessen
vorantreiben
wollen, benötigen wir zur Gewährung
der von Ihnen bewilligten Gelder eine
größere Beweglichkeit innerhalb der
Struktur des Haushalts.
Die übertriebene Zweckbestimmung, die diese
Haushaltsfortschreibung
charakterisiert, und die Vielzahl der sie begleitenden Änderungen im Hinblick auf
Abläufe der Außenpolitik und Arbeitsvorgänge Außenministeriums sind keineswegs
unbedeutendere
Hindernisse.
Wenn diese beibehalten werden, bedrohen sie die Fähigkeit der Exekutive
zur Durchführung der Außenpolitik des
Landes.
Wir wissen, daß die Exekutive ihren Teil zur Erlangung der benötigten
Beweglichkeit
beitragen
muß.
Wir
müssen das Vertrauen des Kongresses
erhöhen, daß wir unsere finanziellen
Mittel gründlich und wirkungsvoll zur
Verwirklichung gemeinsamer Ziele verwalten.
Und
das
Außenministerium
würde Konsultionen mit dem Kongreß zu
diesem Zweck begrüßen.

Überparteiliche Zusammenarbeit
Während meines Amtes als Außenminister war ich ein energischer und
vernehmbarer Befürworter dreier Dinge
in der Außenpolitik.
Ich hoffe, aus
den Unterlagen wird hervorgehen, daß
ich meine heutigen Worte in die Tat
umgesetzt habe. Meiner Meinung nach
lauten die drei Wesensmerkmale jeder
erfolgreichen
außenpolitischen
Initiative:
- Klarheit der Absicht,
- Machterhaltung, und
- Unterstützung von allen Seiten.

Wenn wir das Haushaltsdefizit abbauen wollen - was wir tun müssen und unsere - lebenswichtigen - außen-

Darum war und bin ich ein ein
energischer und klarer
Befürworter

- 13 -

�von bedeutungsvollen Konsultationen
zwischen dem Kongreß und der Regierung.
Gegen Ende des vergangenen
Jahres haben einige Mitglieder des
Kongresses die Notwendigkeit einer
verstärkten überparteilichen Zusammenarbeit in der Außenpolitik betont.
Ich habe ihren Ansatz unterstützt.
Und ich bin nach wie vor bereit, in
diesem Jahr alles in meiner Macht
stehende zu tun, um die Grundlage für
echte überparteiliche Zusammenarbeit
zu schaffen.

* * * * *

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Hintergrundmaterial
10. Februar 1988

DIE WAHLEN IN AMERIKA 1988

BABBITTS VISION IN SEINER HEIMATSTADT UND IHREN WERTEN VERWURZELTt
Kurzbiographie des demokratischen Präsidentschaftskandidaten B. Babbitt

WASHINGTON - (AD) - Bruce Babbit ist ein Präsidentschaftskandidat, über
den viele Amerikaner nur wenig wissen; dennoch weiß er, was er für die Amerikaner vollbringen will.

Babbitts Vision für Amerika geht
auf seine Wurzeln zurück: "die Stadt,
in der ich aufgewachsen bin, die Werte, die ich gelernt habe und die Menschen und Orte, die ich im Laufe der
Jahre kennengelernt habe.
Er glaubt
an die "einfachen
Grundsätze", nach denen seine Familie
als Siedler im Norden Arizonas gelebt
hat: "Arbeite hart, tue das Richtige
und setze Dich für die Dinge ein, an
die Du glaubst".
Der

49jährige

Rechtsanwalt

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Babbitt, der sich selbst als "Kandidaten
ohne
spezifische
Wählerschaft" bezeichnet, führt seine Wahlkampagne für die Nominierung als Kandidat der Demokraten in einem Stil
durch, den sein Pressesprecher als
"Einsatz für Offenheit" charakterisiert.
Babbitt prognostiziert ein Amerika, das von einem Präsidenten angeführt wird, der bereit ist, "mit althergebrachten Ansätzen auszuräumen,
die unsere Politiker lähmen", ein
Präsident, dessen Führungsrolle das

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�"bedeutet, was das Wort ausdrückt,
der auch danach handelt und die Konsequenzen trägt".
Seine Botschaft ist wirtschaftspolitisch ausgerichtet. Der nächste
amerikanische
Präsident
muß
uns
Babbitt zufolge "die verschiedenen
Wege aufzeigen, mit denen die amerikanische Produktivität Auftrieb erfahren kann. Er muß das sogar tun,
wenn nicht jede Interessengruppe einen solchen Wandel befürwortet. Dies
ist der einzige Weg, damit Amerika
seine Wirtschaft - und seine Zukunft
- in den Griff bekommt".
Babbitt erklärt, er wolle die
amerikanische Wirtschaft von Grund
auf umstrukturieren, so daß sie eine
Wirtschaft wird, "die ihre Gewinne
und Verluste unter all denen aufteilt, die sie verursacht haben", und
ebenso eine Wirtschaft, die echte
Produktivität "belohnt".
Zur Verbesserung der amerikanischen
Wirtschaft
spricht
sich
Babbitt für Steuererhöhungen und für
Beschränkungen bei Leistungsansprücben und umfangreichen Sozialprogrammen aus, die feste oder fortwährenbd
steigende Beträge auszahlen. Er würde die Bundesregierung durch Überprüfung der Sozialausgaben nach Bedürftigkeit schrumpfen lassen, so daß den
Armen mehr zufällt als der Mittelklasse. Er würde die Steuern auf Sozialleistungen für Ehepaare mit einem
Einkommen von mehr als 32 000 Dollar
im Jahr erhöhen. Er würde eine Konsumsteuer von fünf Prozent erheben,
die praktisch einer nationalen Verkauf ssteuer
gleichkommt,
von
der
Grundbedürfnisse wie etwa Nahrungsmittel ausgenommen wären.
Um einen ausgeglichenen Handel
herbeizuführen, glaubt Babbitt daran,
daß "der Gesamtwert dessen, was man
- 2

in der Welt verkauft, dem Gesamtwert
dessen, was man einkauft, gleichkommen muß". Und er würde dieses Konzept des "Ausgleichs" auf den amerikanischen Haushalt anwenden. Babbitt
zufolge kann "der Staat nicht alles
für jeden leisten".
Auf internationaler Ebene würde
ein Weißes Haus unter Babbitt "vertrauensvoll nach draußen schauen,
weil die Welt auch auf uns schaut".
Ein Amerika unter Babbitt würde
Terroristen bestrafen.
"Wenn ein
Land Amerikaner umbringt und Amerikaner gegen ihren Willen gefangenhält, dann muß dieses Land dafür zahIen .
it

Was die Sowjets betrifft, so betrachtet Babbitt diese als mächtige
und gefährliche Gegner. "Die Werte
ihrer Politiker haben wenig mit den
unsrigen gemein", so hat er einmal
erklärt, "aber wir sollten uns auch
darüber klar werden, daß die Bedingungen unseres Wettbewerbs - ein
Kampf um Loyalitäten vieler Menschen
auf dieser Welt - ganz klar zu unserem Vorteil ausfallen".
Insgesamt
gesehen
gibt
sich
Babbitt sachkundig.
"Amerika darf
nicht Waffenhändlern unsere Diplomatie, Terroristen unsere Sicherheit,
Glücksspielern unsere Abteilung Mittelamerika, japanischen Händlern unsere Märkte und Amateuren das Weiße
Haus überlassen.
Ich möchte, daß
Amerika sich wieder um all dies kümmert".
Babbitt wurde 1938 geboren und
besuchte die Notre Dame University,
die er 1960 mit dem B.A. in Geologie
abschloß. Nach dem Erwerb eines M.A.
in Geophysik
an der Universität
Newcastle in England schrieb er sich
an der Harvard Law School ein.

�Babbitt kombinierte sein Studium
der Rechtswissenschaften mit Sommeraufenthalten in Südamerika, zunächst
mit einer auf kommunaler Ebene arbeitenden Gruppe im Caracas, Venezuela,
später als Leiter eines studentischen
Work Camps in den peruanische Anden.
Er kehrte 1965 zurück und machte sein
Examen in Rechtswissenschaften.
In
den Tagen von Martin Luther Kings
Kampagne für Bürgerrechte in Selma,
Alabama, nahm er gemeinsam mit Dr.
King an Kundgebungen teil.
Nach Abschluß seines Studiums arbeitete Babbitt als Rechtsanwalt im
Amerikanischen Büro für Wirtschaftsförderung.
1969 eröffnete er eine
Kanzlei in Arizona, wo er sich im
Kampf gegen Betrügereien mit Land,
öffentliche Korruption und das organisierte Verbrechen einen Namen machte. Er arbeitete ferner daran, das
Wahlrecht für die Navajo-Indianer
durchzusetzen.
Babbitt
heiratete
seine Frau Harriet, eine Prozeßanwältin, im Jahre 1969. Die Babbitts haben zwei Jungen.
Babbitt wurde im Jahr 1975 zum
Staatsanwalt
von Arizona gewählt.
1978 wurde er Gouverneur, als der amtierende Gouverneur zurücktrat und
dessen Nachfolger starb. Später wurde Babbitt selbst in dieses Amt gewählt. Als Gouverneur gelang Babbit
der Ausgleich des Haushalts in seinem
Staat, er weigerte sich, Probleme nur
mit Geld zu lösen und drängte die republikanisch beherrschte Legislative,
die Gesundheitsversorgung für die Armen zu verbessern, gleichzeitig die
Steuern auf einem niedrigen Stand zu
halten und die Wirtschaft zu deregulieren. Es heißt, daß Babbitt große
Leistungen bei der Bewältigung von
Detailfragen vollbracht hat, indem er
sich auf diese konzentrierte und sich
darüber informierte.
*****
- 3 -

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s

?&gt;

AMERIKA DIENST
Hintergrundmaterial
10. Februar 1988

DIE WAHLEN IN AMERIKA 1988

DUKAKIS FAVORISIERT LIBERALISMUS UND VORSICHTIGE STEUERPOLITIK
- Kurzbiographie des demokratischen Präsidentschaftskandidaten
Michael Dukakis -

WASHINGTON - (AD) - Michael Dukakis ist Gouverneur von Massachusetts, der
vielfach als liberalster Staat der Nation bezeichnet wird. Es überrascht
nicht, daß er In vielen Bereichen, insbesondere der Außenpolitik, eine klassisch liberale Denkweise verfolgt.

Sein Liberalismus macht ihn zu
einer Kraft, auf die man in seinem
Heimatstaat wie auch im Rahmen demokratischer Parteipolitik im ganzen
Land zählen kann. Auf beiden Ebenen
haben in den vergangenen Jahrzehnten
liberale Aktivisten starken Einfluß
ausgeübt.
In der nationalen Politik muß
sich der Einfluß des Liberalismus auf
die gesamte amerikanische Wählerschaft von 1988 erst noch zeigen.
Die meisten Meinungsumfragen weisen
darauf hin, daß die Wählerschaft als

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Ganzes erheblich konservativer ist
als der linke Flügel der Demokratischen Partei.
Darüber hinaus vertreten die meisten Gegner von Dukakis bei den Vorwahlen der Demokraten im Großen und
Ganzen eine ähnliche Position wie er.
Eine Frage, die er noch beantworten
muß, lautet: Was hat er, was die anderen nicht haben? Eine weitere Frage ist, ob der Anflug von Vorsicht,
den er als Gouverneur bei der Steuerpolitik hat walten lassen, ihn mit
einigen liberalen Gruppen in Konflikt

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�geraten läßt, die mehr Investitionen
für heimische Sozialprogramme befürworten.
Dukakis innenpolitisches Programm
umfaßt im Falle seiner Wahl zum Präsidenten innovative Lösungen für nationale
Wirtschaftsprobleme,
einschließlich der Kooperation zwischen
Regierung und Industrie.
Er fordert die verbesserte Durchsetzung des Einkommenssteuergesetzes,
mit dem, wie einige sagen, im Jahr 40
Milliarden Dollar an zusätzlichen
Steuereinnahmen gewonnen würden.
Er hat ebenfalls starkes Interesse an der Verbesserung des Krankenversicherungssystems für alle amerikanischen Bürger - einem vielbeachteten sozialen Problem - bekundet.
Bei der Außenpolitik hält Dukakis
die Beschneidung von Forschungsmitteln für Präsident Reagans Strategische Verteidigungsinitiative, die
Abschaffung oder Einschränkung von
Programmen für Interkontinentalraketen und eine verringerte Aufrüstung
bei den amerikanischen Seestreitkräften für erforderlich.
Er ist gegen die Finanzierung des
anti-sandinistischen Widerstandes in
Nicaragua und betrachtet ein starkes
amerikanisches
Wirtschaftshilfeprogramm in der Region als Mittel zur
Bekämpfung des Kommunismus in Mittelamerika.
Im Mittleren Osten spricht er
sich gegen die fortgesetzte Umflaggung kuwaitischer Handelsschiffe von
Seiten der Amerikaner aus, befürwortet ein Handelsembargo gegen Iran und
Irak
und
unterstützt
erhebliche
Hilfsleistungen an Israel und Ägypten.
Dukakis hat erklärt, er befürwor-

te den Abzug amerikanischer Truppen
aus Korea, bis sich die Menschenrechtslage verbessert hätte, sieht
jedoch in jüngster Zeit dort Fortschritte.
Als Sohn fleißiger und erfolgreicher griechischer Emigranten scheint
Dukakis von Jugend an seiner Bestimmung für ein Regierungsamt sicher gewesen zu sein.
Dukakis zeichnete sich bereit in
der High School als Führungspersönlichkeit aus und besuchte Anfang der
fünfziger Jahre Swarthmore, ein kleines, aber angesehenes College mit
philologischer Ausrichtung in der Nähe von Philadelphia.
Genau zu dieser Zeit wirkte Senator Joseph McCarthys Jagd auf Kommunisten in der amerikanischen Regierung auf eine Generation von Intellektuellen abschreckend und provozierte heftige liberale Gegenreaktionen an vielen Colleges.
In Swarthmore war Dukakis als Liberaler aktiv. Bei einer Gelegenheit
schnitt er schwa rzen Studenten die
Haare, als ortsansässige Friseure
dies verweigerten.
Nach dem College und einem kurzen
Aufenthalt in der amerikanischen Armee besuchte er die Harvard Law
School und wandte sich bald In den
Außenbezirken von Boston der Politik
zu.
1962 wurde er für einen Sitz im
Repräsentantenhaus von Massachusetts
mit einem Programm der "guten Regierung" gewählt.
1970 bewarb sich Dukakis im Staat
Massachusetts für das Amt des Vizegouverneurs und verlor. Vier Jahre
später kandidierte er für das Amt des

- 2 -

�Gouverneurs und gewann diese Wahl.
Als Gouverneur kosteten ihn seine
Redlichkeit und seine intellektuellen
Denkansätze im Regierungsamt paradoxerweise
einige Unterstützung.
Er
brach mit der Tradition, indem er
sich weigerte, zahlreiche Regierungsämter mit Wahlkampfheifern zu besetzen und stellte statt dessen Fachleute ein, woraufhin sich einige seiner
Verbündeten gegen ihn stellten.
Darüber hinaus sah er sich gezwungen, die Ausgaben zu kürzen und
Steuern zu erhöhen, um dem Staat
steuerpolitisch eine stabile Grundlage zu verschaffen.
Im Jahr 1978 hatte er die Liberalen durch seine Ausgabenpolitik und
die Konservativen durch sein liberales Programm verschreckt.
In diesem
Jahr verlor er die Wahl an einen Gegner der Republikaner.
Entmutigt
besuchte Dukakis die
Kennedy
School
of
Government
in
Harvard, aus der er als pragmatischerer und ruhigerer Politiker hervorging, mit einer positiveren Haltung
zum privaten Unternehmertum.
Er erklärte, in seiner ersten
Amtszeit "jung und ungestüm" gewesen
zu sein und wurde 1982 erneut zum
Gouverneur gewählt.
Zu Beginn seiner zweiten Amtszeit
übernahm Dukakis die Macht in einem
Staat, dem ein wirtschaftlicher Aufschwung bevorstand.
Viele Beobachter führen den Boom
auf verschiedene Gründe zurück:
die
Wirtschaftspolitik
der
Reagan-Ära;
die Tatsache, daß Massachusetts bereits eine ausgezeichnete, aber nicht
ausreichend genutzte wirtschaftliche
Grundlage hatte, die für Wachstum

prädestiniert
war;
eine
geringe
Grundsteuer, gegen die sich Dukakis
zwar aussprach, die ihm jedoch von
seinen Wählern aufgezwungen wurde sowie Dukakis eigene Politik als Gouverneur.
Auf jeden Fall hat Dukakis wie
jeder Gouverneur von dem aufkeimenden
Wachstum des Staates und seiner niedrigen Arbeitslosenquote (ca. 3,2 Prozent) profitiert und erarbeitet gegenwärtig
ein nationales
Programm,
dem der wirtschaftliche Erfolg von
Massachusetts zugrundeliegt.
Dukakis geht in seiner Kampagne
der Ruf der Integrität voraus, er
gilt
als
steuerpolitisch
redlich,
verfolgt bei Problemen einen rationalen geschäftsmäßigen Ansatz, und seine Auffassung ist im allgemeinen liberal.
Damit wird er sicherlich erhebliche Unterstützung bei den Vorwahlen
der Demokratischen Partei gewinnen.
Die Frage ist, ob er diese bei den
Vorwahlen auch auf konservative demokratische Wähler und bei der allgemeinen Wahl auch auf alle Amerikaner
ausdehnen kann.
Darüber hinaus gilt Dukakis bei
vielen als reserviert, ein Nachteil
zu einer Zeit, in der der Erfolg einer politischen Kampagne vom Fernsehimage eines Politikers abhängen kann.
Um landesweite Unterstützung zu
gewinnen, wird er "den Durchschnittsamerikaner" davon überzeugen müssen,
daß er kein engstirniger Theoretiker
und genügend pragmatisch, realistisch
und zäh ist, um die Interessen des
Landes im Ausland zu vertreten.

- 3 -

* * * * *

�AMERIKA DIENST
VON

Hintergrundmaterial

4

10. Februar 1888

DIE WAHLEN IN AMERIKA 1988
HART:

MANN DER IDEEN STREBT ENERGISCH NACH DEMOKRATISCHER NOMINIERUNG

- Kurzbiographie des demokratischen Präsidentschaftskandidaten
Gary HartWASHINGTON - (AD) - Trotz seiner persönlichen Probleme, Über die in allen
Medien ausführlich berichtet wurde, ist Gary Warren Hart der New York Times
zufolge dennoch "eine der intelligentesten Persönlichkeiten in der amerikanischen Politik".

Seine Kandidatur für die Präsidentschaft kündigte er mit den Worten
an: "Ideen besitzen Macht. Im Grunde sind Ideen die Quintessenz des Regierens." Sein Programm faßt er in
drei Worten zusammen:
investiere,
reformiere und engagiere Dich.

aufzubauen.

Hart fordert das Streben nach einer "strategischen Investitionswirtschaft", um die Wirtschaft "wiederzubeleben" und Schulen, Fabriken, landwirtschaftliche Betriebe, Forschungszentren, Energieproduktion und öffentliche
Dienstleistungen
wieder

In der Außenpolitik fordert der
Kandidat eine Politik des "aufgeklärten Engagements". Demnach müssen die
Vereinigten Staaten die Führung in
einer Welt übernehmen, in der, wie er
erklärt, "wir unseren Willen selten
anderen aufzwingen können".
Isola-

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Er propagiert die Idee einer militärischen Reform und ruft zu einer
starken und gleichzeitig kostengünstigen Verteidigung mit preiswerteren
und wirkungsvolleren Waffen.

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�tionismus lehnt er ab. Er glaubt an
die dringende Notwendigkeit, dem sowjetischen Expansionismus Einhalt zu
gebieten und fügt hinzu, daß "wir ein
Ende von Moskaus Streben nach Hegemonie wahrscheinlich nicht erleben."
Zu Fragen der Dritten Welt erklärt Hart: "Wenn wir die Entwicklungsländer für ihren Aufbruch zur
Selbstbestimmung gewinnen, wird sich
Amerikas Sicherheit erhöhen."
Nach Harts Auffassung sollte die
Wirtschaftspolitik genutzt werden, um
Amerikas Bündnisse zu stärken.
Er
drängt ebenfalls auf die Übernahme
einer "Führungsrolle" durch die Vereinigten Staaten bei der Überwindung
von Handelsungleichgewichten.
Wenn
ein Land unfaire Handelspraktiken anwendet, so Hart, sollten automatisch
Sanktionen verhängt werden.
Hart war gegen die Entwicklung
der MX-Rakete und die Strategische
Verteidigungsinitiative.
Er unterstützte die Verhandlungen über den
SALT II-Vertrag und hat sich für den
INF-Vertrag ausgesprochen.
Hart zufolge muß der nächste Präsident dem Abbau der amerikanischen
Staatsverschuldung eine hohe Priorität einräumen. Er muß ebenfalls danach streben, die Bedrohung zu beseitigen, die durch den möglichen Einsatz nuklearer Waffen gegeben ist,
und muß das beste Bildungssystem in
der Welt aufbauen.
In der Bildungspolitik fordert
Hart eine Leistungsprüfung für Lehrer. Er befürwortet Anreize des Bundes für Lehrer, damit diese mit wirtschaftlich benachteiligten Schülern
arbeiten, sowie die Schaffung eines
Dienstes zur Unterrichtung der Analphabeten. Der Kandidat würde ebenfalls gerne das Studium von Fremd-

sprachen und Ingenieurwesen ankurbeln.
Harts Bewerbung um das Amt des
Präsidenten wurde zu einem langwierigen Prozeß. Dies ist sein zweiter
Versuch, ins Weiße Haus zu kommen.
Als er sich 1984 mit einem Programm
der "neuen Ideen" bewarb, lag er als
zweiter dicht hinter dem von den Demokraten nominierten Walter Mondale.
Im April des Jahres 1987 verkündete Hart abermals seine Kandidatur.
Eine
nationale
Unterstützung
auf
breiter Basis und, wie die Washington
Post es beschrieb, eine "klare Aussage" verliehen seiner neuen Kandidatur
zusätzlichen Auftrieb.
Die Kandidatur des ehemaligen
Spitzenreiters unter den Demokraten
wurde wesentlich von seinem Privatleben bainträchtigt. Nach zweimaliger
Trennung von seiner Frau, mit der er
seit 30 Jahren verheiratet ist, wurde
Hart von Gerüchten und Gerede über
außereheliche Affären und Frauengeschichten
während
der
15jährigen
Amtszeit in öffentlichen Ämtern bedrängt.
Er wurde wiederholt hierzu befragt und forderte Journalisten im
Frühjahr 1987 schließlich auf, ihm
nachzustellen.
"Wenn mich irgendjemand beschatten möchte, soll er nur
weitermachen;
er wird sich sehr
langweilen." Journalisten, die daraufhin Harts Washingtoner Stadtwohnung beobachteten, fanden Zug um Zug
heraus, daß Hart eine Beziehung zu
Donna Rice unterhielt, einem Fotomodell aus Miami. Es gab ebenfalls Berichte über eine lange Beziehung mit
einer anderen Frau in Washington.
Unter den intensiven und forschenden Blicken der Presse verlor
Hart viele seiner Sympathisanten. Er
stieg aus dem Wahlkampf aus und kehr-

- 2 -

�te nach Colorado zurück.
Nach
sechsmonatiger
politischer
Abstinenz erklärte Hart im Dezember
1987, daß er für die Präsidentschaft
"wieder im Rennen ist" und fügte hinzu:
"Ich habe die Macht der Ideen
und ich kann dieses Land regieren."
Er gab an, sich verkalkuliert zu haben und zuvor besser nicht aus dem
Rennen gegangen zu sein.
Hart erklärte, er sei zur Rückkehr in den Wahlkampf 1988 veranlaßt
worden, weil die für Amerika benötigten "neuen Ideen" und die "neue Richtung" von keinem anderen die demokratische Nominierung anstrebenden Kandidaten geliefert würden.
"Laßt das
Volk über das Schicksal meiner Kandidatur entscheiden," erklärte er.
Hart, der vor seinem Ausstieg aus
dem Rennen der am meisten bekannte
Kandidat der Demokraten war, gehörte
nach seinem Wiedereintritt
in den
Meinungsumfragen zu den führenden Bewerbern. Seitdem hat sich seine Position verschlechtert. Einer im späten Januar durchgeführten Meinungsumfrage zufolge liegt er unter den sieben
demokratischen
Kandidaten
auf
Platz vier.
Harts
Wahlkampagne
ist
durch
jüngste
Anschuldigungen
beeinträchtigt worden, wonach sein Wahlkampf
ein Bundeswahlgesetz verletzt hätte,
das Beitragszahlungen von Unternehmen
und Einzelpersonen über 1 000 Dollar
verbietet. Harts Wahlkampfleiter erklärte hierzu, Hart habe keine Kenntnis über Beitragszahlungen, die über
die gesetzlich zulässige Summe hinausgingen.
Hart wurde als Mann des Mittleren
Westens in Ottawa, Kansas, im Jahr
1936
geboren.
Er
besuchte
das
Bethany Nazarene College (mittlerwei-

le als Southern Nazarene University
akkreditiert) in Oklahoma, wo er zum
Pfarrer in der Nazarene Kirche ausgebildet wurde, einer protestantischen
Konfession. Hart traf seine Frau Lee
in Bethany, und sie heirateten im
Jahr 1958.
Im gleichen Jahr schrieb er sich
in der Yale Divinity School ein, wo
er
als
freiwilliger
studentischer
Mitarbeiter während
des Präsidentschaf tswahlkampfs John F. Kennedys im
Jahr 1960 tätig war. Später schrieb
er sich an der rechtswissenschaftlichen Fakultät der Yale Universität
ein und legte 1964 sein Examen ab.
Beim amerikanischen Justizministerium
war er zunächst als Anwalt tätig und
danach als Assistent von Innenminister Steward Udall.
Hart kehrte 1967 nach Denver zurück, um seinem Beruf als Rechtsanwalt nachzugehen.
Er war ebenfalls
beim Präsidentschaftswahlkampf Robert
Kennedys 1968 tätig.
1970 wurde er zum Leiter des Präsidentschaftswahlkampfes des demokratischen
Herausforderers
George
McGovern im Jahr 1972 bestellt. Nach
dem erfolglosen Wahlkampf McGoverns
kehrte Hart nach Colorado zurück, wo
er bis zur Wahl in den amerikanischen
Senat im Jahr 1974 seinem Beruf nachging. Dort war er über zwei Amtsperioden von je sechs Jahren tätig,
während derer er aktiv in den Ausschüssen für Haushalts-, Umwelt- und
Arbeitsbeschaffungsfragen mitarbeitete.
Hart trat im Alter von 44 Jahren
als Oberleutnant zur See in die Marine-Reserve ein.
Er hat fünf Bücher geschrieben,
darunter auch zwei Romane.

- 3 -

�Die Harts haben zwei Kinder, John
(21) und Andrea (22). Beide haben
ihr Collegestudium unterbrochen, um
beim Wahlkampf des Vaters mitzuhelfen.
Lee war als Englischlehrerin an
der High School und als Grundstücksmaklerin tätig.
Sie hat das berufliche Streben ihres Mannes sehr stark
unterstützt und war während seiner
politischen Karriere tatkräftig für
ihn im Einsatz.
Zum jetzigen Zeitpunkt ist Harts
Wahlkampf im Jahr 1988 ein gewagtes
Unterfangen. Der Vorsitzende der Demokraten in Colorado, Floyd Ciruli,
glaubt, Hart würde nun seine Bestimmung erfüllen.
Ciruli erklärt, seiner Meinung nach werde "es seine Karriere entweder beenden oder ihr eine
neue Starthilfe verleihen".

* * * * * *

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Hintergrundmaterial

"VON**

10. Februar 1988

DIE WAHLEN IN AMERIKA 1988
JESSE JACKSON: WAHLKAMPF MIT CHARISMA UND POPULISTISCHEM IMAGE
- Kurzbiographie des demokratischen Präsidentschaftskandidaten -

WASHINGTON - (AD) - Der ordinierte Baptistenpfarrer und führende Bürgerrechtler Jesae Jackson, zur Zeit einziger schwarzer Bewerber um die Nominierung als Präsidentschaftskandidat einer großen Partei, bringt das Charisma und
die rhetorischen Fähigkeiten eines erfahrenen Predigers in seinen Wahlkampf
ein.

Als führender Sprecher der amerikanischen Schwarzen stellt Jackson
eine Kraft dar, mit der In der demokratischen Partei und in der nationalen Politik zu rechnen ist.
Zu öffentlichen Problemen vertritt er Positionen, die im Vergleich
zu den meisten Amerikanern auf der
linken Seite des politischen Spektrums und auch verglichen mit den Liberalen in der Demokratischen Partei
etwas weiter links angesiedelt sind.
Er genießt aber Unterstützung sowohl
unter Schwarzen als auch Weißen.

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Jacksons
innenpolitisches
Programm sieht die Stärkung der Sozialhilf eprogramme vor, darunter eine erhebliche Entlastung der Kleinbauern,
erhöhte Staatsausgaben für Ernährung,
eine
nationale
Krankenversicherung
und ein umfangreiches, aus Bundesmitteln bestrittenes Programm zur Aufklärung der Bevölkerung über AIDS.
Jackson
befürwortet
außerdem
steuerliche Anreize, um amerikanische
Firmen zur Expansion Innerhalb der
Vereinigten Staaten zu ermutigen
anstatt Arbeitsplätze ins Ausland zu

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�verlagern - sowie gesetzgeberische
Maßnahmen, die es Arbeitnehmern erleichtern würden, ineffiziente Fabriken aufzukaufen und zu versuchen, sie
wieder profitabel zu machen.
In der Außenpolitik unterstützt
Jackson ein Moratorium für Atomtests,
Truppenreduzierungen in Europa und
weniger militärische Einflußnahme der
Vereinigten
Staaten
in
Übersee.
Jackson lehnt die weitere Finanzierung der Strategischen Verteidigungsinitiative von Präsident Reagan ab.
Jackson unterstützt die Souveränität und sichere Grenzen für Israel,
befürwortet andererseits jedoch einen
unabhängigen Staat für die Palästinenser. Er ist für eine internationale Friedenskonferenz über den Mittleren Osten, an der auch Anhänger von
Jassir Arafats PLO teilnehmen sollen.
Der im Jahr 1941 geborene Jackson
wuchs im von Rassentrennung geprägten
Süden auf, bevor dieser durch die
Bürgerrechtsgesetzgebung der fünfziger und sechziger Jahre umgestaltet
wurde.
Obwohl die Rassentrennungsgesetze
aus Jesse Jacksons Kindheit und ein
großer Teil der Gesellschaft, die
sich darin widerspiegelte, nicht mehr
existieren, haben diese Erfahrungen
seinen Charakter geprägt.
Nachdem man in seiner Kindheit
versucht hatte, ihn zur Bedeutungslosigkeit
zu
verurteilen,
suchte
Jackson während seiner Karriere im
öffentlichen Leben das Rampenlicht.
In ihrem Verlauf erweckte er bei einigen seiner Mitstreiter und bei Beobachtern den Eindruck, daß sich seine Karriere sowohl auf rhetorischen
Fähigkeiten als auch auf Realitätssinn gründete.
Jackson hat jedenfalls eindeutig die Fähigkeit demon-

striert, bei einer breitgefächerten
populistischen
Wählerschaft
anzukommen.
Jackson hat seine Kindheit als
arm bezeichnet. Die Presse zitierte
ihn einmal folgendermaßen: "Ich mußte stehlen, um zu überleben."
In einem Interview erklärte sein
Stiefvater Charles Jackson jedoch,
die Familie habe seinerzeit ein relativ angenehmes Leben im Umfeld der
schwarzen Gemeinde geführt. "Wir waren nie arm," sagte er. "Wir mußten
nie von der Sozialhilfe leben, weil
ich nie arbeitslos war... Meine Familie mußte keinen Tag hungern."
In der Oberschule tat Jackson
sich beim Football-Spiel hervor und
wurde als Führernatur angesehen. In
den frühen sechziger Jahren besuchte
Jackson ein College für Schwarze in
Greensboro, North Carolina und engagierte sich neben seinem Studium bei
Protesten gegen die Rassentrennung In
der Stadt Greensboro.
Nach Abschluß des Soziologiestudiums
studierte
er Theologie am
Chicago Theological Seminary.
Im Jahr 1965 wurde die von Martin
Luther King Jr. geleitete Southern
Christian
Leadership
Conference
(SCLC) auf ihn aufmerksam. Diese Organisation kämpfte damals erfolgreich
gegen die Rassentrennung und andere
Formen rassischer Diskriminierung.
Bei seinem raschen Aufstieg in
den Reihen dieser Organisation befaßte Jackson sich vornehmlich mit Wirtschaftsboykotts als Methode, um Unternehmen
dazu
zu zwingen, mehr
schwarze
Arbeitnehmer
einzustellen
und
verstärkt
Geschäftsbeziehungen
mit von Schwarzen betriebenen Firmen
anzuknüpfen.

�Landesweit bekannt wurde Jackson
am Tag von Kings Ermordung, dem 4.
April 1968.
Unmittelbar nach dem
Mord hielt Jackson in blutbefleckter
Kleidung eine Pressekonferenz ab und
erklärte, er sei der Letzte gewesen,
mit dem King vor den tödlichen Schüssen gesprochen habe.
Einige der dort anwesenden Mitarbeiter Kings bestritten jedoch, daß
Jackson als Letzter mit King gesprochen hatte oder daß er nahe genug gestanden hätte, um das Blut des Märtyrers auf seinem Hemd zu haben. Andere
Zeugen
unterstützten
jedoch
Jacksons Behauptungen.
Während andere Mitarbeiter Kings
nach dessen Ermordung noch in Memphis
weilten, reiste Jackson nach Chicago
und trat in mehreren Fernsehprogrammen auf, womit er bei manchen den
Eindruck erweckte, als sei er der Erbe Dr. Kings. Die Episode bleibt umstritten und wirft immer noch einen
Schatten auf sein öffentliches Wirken.
Im Jahr 1971 verließ Jackson die
Southern
Christian Leadership Conference und gründete die People United to Save Humanity (PUSH - etwa
Vereinigtes
Volk
zur Rettung
der
Menschheit), eine Organisation, die
sich der Verbesserung der Bildung und
wirtschaftlichen Lage der amerikanischen Schwarzen verschrieben hatte.
Als Anführer von PUSH und anerkannter Sprecher der Schwarzen trug
Jackson zur Beendigung des Lehrerstreiks in St. Louis im Jahr 1978 und
zu Verhandlungen zur Beilegung eines
Ausstands
der
Feuerwehrleute
in
Chicago im Jahr 1980 bei.
Außerdem
führte
er
eine
originelle,
auf
schwarze
Jugendliche
ausgerichtete
Antidrogenkampagne durch.

Jackson wurde auch international
bekannt. So reiste er 1984 nach Kuba
und erreichte durch diesen Besuch die
Freilassung einer Gruppe politischer
Gefangener Castros.
Im salben Jahr
reiste er nach Syrien, um sich für
die Freilassung eines amerikanischen
Luftwaffenangehörigen
einzusetzen,
der von den Syrern gefangengehalten
wurde.
Im Jahr 1984 bewarb sich Jackson
um die Präsidentschaft.
Seine Wahlkampagne wurde nicht von Erfolg gekrönt, aber viele Beobachter schreiben ihr einen enormen Einfluß auf den
demokratische Wahlkampf und die Wahlplattform der Partei zu, in der die
Sache der Minderheiten energisch vertreten wurde.
Jackson bezeichnet seine potentielle Wählerschaft als "Regenbogenkoalition". Damit spielt er auf die
Tatsache an, daß er nicht nur die Unterstützung der Schwarzen sucht, sondern die aller rassischen und ethnischen Gruppen - Hispano-Amerikaner,
Weiße, Asiaten, Indianer und anderer
Gruppen -, Arbeitnehmern mit geringem
Einkommen, Behinderten - all jener,
die seiner Meinung nach vom Amerika
des Wohlstands und der weißen Mittelklasse vernachlässigt werden.
Jacksons
politische
Stärke besteht in der Bereitschaft, die Nöte
der Benachteiligten anzusprechen sowie in seiner charismatischen Persönlichkeit.
Seine politische Schwäche
kommt in der weitverbreiteten Haltung
zum Ausdruck, er habe nicht genug Regierungserfahrung, um Präsident zu
sein - und in dem Eindruck unter vielen seiner möglichen Anhänger, ein
Schwarzer könne 1988 nicht zum Präsidenten gewählt werden.

ner
- 3 -

Die Schwarzen, die den Kern seiStärke in einer Wahl ausmachen,

�stellen nur 12 Prozent
nischen Bevölkerung.

der amerika-

In einer Zeit, in der viele Großstädte der Vereinigten Staaten von
schwarzen Bürgermeistern regiert werden und in der Schwarze, wie etwa der
Abgeordnete William Gray, einflußreiche Stellungen im Kongreß einnehmen,
hat Jesse Jackson nie ein öffentliches Amt innegehabt.
Jacksons öffentliche Rhetorik ist
bisweilen etwas vage und hochtrabend
und eher dem Stil der Kanzel angemessen als einer politischen Kampagne,
die
auf
Probleme
eingehen
muß.
Trotzdem kann das Charisma seiner
Persönlichkeit und der emotionale Widerhall seiner Sympathien für die zu
kurz Gekommenen nicht geleugnet werden.

* * * * *

- 4

�AMERIKA DIENST
'VON

Hintergrundmaterial

4

10. Februar 1888

DIE WAHLEN IN AMERIKA 1988

ROBERTSON BETONT MORALISCHE UND RELIGIÖSE WERTE
Kurzbiographie des republikanischen Präsidentschaftskandidaten
Pat Robertson -

WASHINGTON - (AD) - Bei seinem als Außenseiter aufgenommenen Präsidentschaft swahlkampf rechnet der ehemalige Fernsehprediger Pat Robertson, der ein
von moralischen Werten geleitetes Amerika in Aussicht stellt, mit der Unterstützung der engagierten und tatkräftigen amerikanischen Minderheit fundamentalistischer Christen.

Der
57jährige
Marion
"Pat"
Robertson - vormals Oberleutnant beim
Marinecorps, Verfasser von fünf Büchern
und
Gründer
der
Christian
Broadcast Network, Inc., zu der auch
die CBN Universität gehört - vereint
seine leidenschaftliche Religiosität
und den politischen Hintergrund seiner Familie zu einem Wahlkampf, der
die tief verwurzelte Moralität der
Amerikaner hervorhebt.
"Wenn von Amerika die Rede ist,"
erklärt Robertson, "geht es nicht darum, wieviel die Bundesregierung aus-

United States Information Service
Embassy of the United States of America

gibt oder nicht...
Wir haben es
nicht mit Hilfe einer gewaltigen Bürokratie in Washington geschafft, eine Nation aus dem Nichts zu schaffen,
sondern mit Hilfe von Menschen und
Werten, wie Familie und Unternehmergeist und eines tief
verwurzelten
Glaubens an Gott.
Darum ist diese
Nation so großartig."
Ein
von
Robertson
geführtes
Weißes Haus würde nicht für eine höhere Besteuerung eintreten.
An den
amerikanischen
Bundeshaushalt
würde
er die "Axt" anlegen. Robertson zu-

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.: 0228-339 2035
Telex: 8-85432

�folge sollte die Regierung nicht von
der Kirche beinflußt werden, aber er
fordert in der Regierung eine Rückkehr zur "jüdisch-christlichen Lehre". Er verlangt die Einführung des
Schulgebets und die Unterweisung in
einer "religiös fundierten Moral".
Er tritt gegen die Abtreibung
ein, befürwortet ein hartes Vorgehen
gegen die Pornographie und spricht
sich beim Kampf gegen die AIDS-Epidemie - über die Betonung des Bürgerschutzes gegenüber Privatrechten hinaus - für eine Ausweitung von AIDSTests und
sexuelle Enthaltsamkeit
aus. Er würde eine höhere Geburtenrate befürworten, teilweise um die
erwerbstätige Bevölkerung zu vergrössern.
Robertson zufolge sollte Amerikas
Politik gegenüber anderen Nationen
von zwei Hauptprinzipien geleitet
sein:
"Das erste Prinzip ist der Schutz
von Leben, Freiheit und dem Streben
nach Glück für amerikanische Bürger. .. Das zweite ist Amerikas Engagement für die Freiheit jenseits seiner unmittelbaren Grenzen, für seine
Verbündeten und sogar für all jene
Menschen, die sich nach Frieden sehnen und bereit sind, dafür zu kämpfen
und ihren Preis dafür zu zahlen..."
Des weiteren würde er im Kampf
gegen den internationalen Terrorismus
für "bessere Geheimdienstoperationen
zur Informationsbeschaffung" eintreten und Libyens Häfen völlig isolieren, "von denen aus die Instrumente
des Terrorismus exportiert und importiert werden".
Er würde eine "offene Kampagne
für die Freiheit" gegen das sandinistische Regime in Nicaragua führen.
Seinen schriftlichen Ausführungen zu-

folge sollte "unsere Unterstützung
für die Vereinigte Nicaraguanische
Opposition (UNO) in Anerkennung der
hohen
moralischen
Grundsätze
der
Truman Doktrin öffentlich verbreitet
und offiziell verwirklicht werden."
Er würde die Vertreter der UNO zum
Beitritt der Vereinten Nationen auffordern.
Die amerikanischen Beziehungen zu
China würde Robertson "stärker in Aspekte des fairen Handels, regionaler
Sicherheit und Menschenrechte einbinden."
Die iranische Ölverladeinsel
Kharg im Persischen Golf würde er
zerstören.
Um sicherzustellen, daß Regierungen "in Übereinstimmung mit dem Willen ihrer Völker handeln", würde
Robertsons Weißes Haus Wahlen als den
besten - "wenn nicht sogar den einzigen Weg" - befürworten. Er glaubt,
das Vertrauen in die amerikanische
Außenpolitik könne wiederhergestellt
werden, "wenn wir nicht von den feinen Unterschieden zwischen Diktaturen
von links oder rechts vereinnahmt
werden." Er würde Präsident Reagans
Engagement fortsetzen und "Demokratie
und Freiheit aussähen, wo immer es
einen Boden gibt, der beackert werden
muß".
Robertson strebt zum ersten Mal
nach einem politischen Amt, aber Politik ist in seiner Familie nicht unbekannt . Sein Vorbild in bezug auf
die Bedeutung eines öffentlichen Amtes war sein Vater, der ehemalige
amerikanische Senator aus Virginia,
A. Willis Robertson. 20 Jahre war
Robertsons Vater im amerikanischen
Senat und 14 Jahre im Repräsentantenhaus tätig.
Robertson erklärt:
"Es ist mir
in Fleisch und Blut übergegangen, daß
wir Staatsdiener waren.
Und damit

- 2 -

�ist genau das gemeint, was es bedeuten sollte: zu dienen. Ich bin stolz
auf ihn, daß er mir das beigebracht
hat."

hat später behauptet:
"Ich hatte
vergessen, daß Ich der Sohn eines Senators war.
Jetzt war ich Gottes
Sohn."

Nachdem er an den Universitäten
Washington und Lee ein B.A. magna cum
laude abgelegt und seine Jurapromotion von der rechtswissenschaftlichen
Fakultät der Yale Universität erhalten hat, erwarb er ein M.A. in Theologie am Theologischen Seminar der
Stadt New York.

Er brach seine
ab, schrieb sich
Priesterseminar in
wurde der Assistent
Kirche
in
dem
Brooklyner Bezirk
in New York.

1954 heiratete Robertson, dessen
Familie Baptisten waren, die römischkatholische Adelia (Dede) Eimer aus
Columbus, Ohio. Danach beendete er
ein Sommerpraktikum bei einer New
Yorker Firma; Dede war eine angehende Krankenschwester in Yale. Beide
haben inzwischen vier Kinder.
Robertsons Ehefrau soll gesagt
haben, am Anfang ihrer 33jährigen Ehe
habe für sie eine "schwierige Anpassungsphase"
gestanden.
Robertson
fiel durch das Anwaltsexamen, versuchte sich als Managementpraktikant
bei der Firma Grace und trat dann gemeinsam mit zwei weiteren Absolventen
der Yale Universität einer Firma bei,
die versuchte, einen High-Fidelity
Lautsprecher auf den Markt zu bringen.

Geschäftskontakte
in einem kleinen
Manhattan ein und
des Pastors einer
heruntergekommenen
Bedford-Stuyvesant

Nachdem er in Bedford-Stuyvesant
mit "Ratten, Küchenschaben und Wanzen" gelebt hatte, zog Robertson In
Virginias Tidewater Region um und
kaufte für 70 Dollar eine verlassene
Fernsehstation.
Als Fernsehprediger
begann er eine neue Karriere und
führte eine erfolgreiche Spendenkampagne durch, die ihm schließlich zur
Gründung eines Fernsehimperiums und
eines philantrophischen Zentrums verhalf, zu dem eine Satellitenstation,
eine Schule für das Studium höherer
Fachsemester und ein Verlagszentrura
gehören.
Dieses Hauptquartier an den Ufern
Virginias wurde zum Sprungbrett für
Robertsons Präsidentschaftswahlkampf.

Er behauptet, er wollte "eine
Menge Geld verdienen".
In seiner
Autobiographie
ist
jedoch
weiter
nachzulesen, daß - nach dem Motto
"Laßt es von den Dächern erschallen"
"all das
inhaltslos
zu sein
schien." Seine Leere wurde bald danach durch eine religiöse, sein Leben
beinflussende Erfahrung abgelöst, die
seiner Meinung nach von der Mutter
gefördert wurde. Es geschah in einem
Restaurant in Philadelphia, wo er einen
niederländisch-amerikanischen
Prediger traf.
Die beiden beteten
auf dem Bürgersteig, und Robertson
- 3 -

* * * * * *

�AMERIKA DIENST
Hintergrundmaterial

^VoN^

10. Februar 1988

DIE WAHLEN IN AMERIKA 1988

SIMON FOLGT ALTHERGEBRACHTER LIBERAL-DEMOKRATISCHER TRADITION
- Kurzbiographie des demokratischen Präsidentschaftskandidaten
Paul Simon -

WASHINGTON - (AD) - Paul Simon ist ein Demokrat der alten Schule und aus
demselben politischen Holz geschnitzt wie Franklin Roosevelt, Harry Truman und
Robert Humprey. Trotz der Bedenken der vergangenen Jahre über das wachsende
amerikanische Haushaltsdefizit bezeichnet Simon sich selbst noch als einen Liberalen, der vermehrte Ausgaben im Inland, vernünftigere Verteidigungsausgaben
und höhere Steuern als Haushaltsausgleich und zur Finanzierung von Programmen
befürwortet.

"Ich stehe hier als Demokrat",
erklärte er in einer Wahlkampf rede im
vergangenen Jahr.
"Ich reihe mich
nicht unter denjenigen ein, die von
der Demokratischen Partei die Verleugnung ihres Vermächtnisses verlangen, damit sie für die Wohlhabenden
und Mächtigen annehmbarer wird".
"Eine republikanische
genug", stellte er fest.

erschienenes Buch - sein elftes
trägt den Titel "Let's Put America
Back to Work". Seit 1950 hat er seine Ansichten über Verteidigungsausgaben beibehalten, als er erklärte,
"Eine gesunde Wirtschaft wird mehr
für die Bekämpfung des Kommunismus
tun als eine von Atombomben übersäte
Nation."

Partei ist

Er kündigt acht Milliarden Dollar
für ein staatliches Arbeitsbeschaffungsprogramm an. Sein im Jahr 1987

United States Information Service
Embassy of the United States of America

Dennoch nimmt Simon für sich in
Anspruch, ein Konservativer in Sachen
Steuern zu sein. Er warnt, das Haushaltsdefizit sei eine Hypothek für
die Zukunft Amerikas und befürwortet

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D 5300 Bonn 2

Tel.: 0228-339 2035
Telex: 8-85432

�sowohl einen Verfassungszusatz, der
einen ausgeglichenen Haushalt fordert
als auch die Amtsbefugnis des Präsidenten, bestimmte Posten der Bewilligungsgesetze zu streichen.
Simon, bekräftigt
eindringlich,
daß die von ihm verfochteten Positionen in sich konsistent sind. Seiner
Ansicht nach gehen Zahlungen zugunsten des Defizits eher zu Lasten der
Wohlhabenden als der Arbeitnehmer.
Eine Verringerung des Defizits würde
die Zinszahlungen kürzen und damit
Mittel zur Finanzierung von Arbeitsund Beschäftigungsprogrammen freisetzen, erklärt er.
Paul Simon wurde im Jahr 1928 in
Eugene, Oregon geboren. Er studierte
an der Universität von Oregon und am
Blair College in Nebraska. Bereits
als Student war er ein Verfechter der
Menschenrechte - ein Thema, das zu
jener Zeit von den meisten noch nicht
beachtet wurde. Seine Laufbahn begann
er als Zeitungsverleger in
Illinois, dem Staat, den er jetzt im
Senat der Vereinigten Staaten repräsentiert. Im Jahr 1948 nahm er die
Tätigkeit als Verleger auf, unterbrach sie jedoch vorübergehend, um
von 1951 bis 1953 in der US-Army zu
dienen.
Eine weitere Unterbrechung
seiner Verlegerlauf bahn erfolgte, als
er sich zur Wahl für das Repräsentantenhaus von Illinois stellte
und im Jahr 1955 gewählt wurde.
Im
Repräsentantenhaus
dieses
Staates saß er neben Jeanne Hurley,
einer
anderen
Volksvertreterin.
"Paul und ich waren ziemlich auf derselben Wellenlänge", äußerte sie über
ihre politischen Ansichten. Im Jahr
1960 heirateten die beiden. Sie haben einen Sohn und eine Tochter.
1963 wurde Simon in den Senat des
Staates Illinois gewählt.
Er ver-

kaufte seine Kette von Wochenzeitungen im Jahr 1966 und stellte sich
1969 erfolgreich der- Kandidatur als
Vizegouverneur.
Simon mußte seine einzige Wahlniederlage hinnehmen, als er sich
1973 mit Unterstützung der mächtigen
politischen Maschinerie der Demokratischen Partei Chicagos um das Amt
des Gouverneurs bewarb. Von seinen
Gegenern wurde er beschuldigt, eine
Marionette
dieser
Maschinerie
zu
sein. Es gelang ihm nicht, diese Anschuldigung zu widerlegen und er mußte bei der Abstimmung eine vernichtendene Niederlage hinnehmen. Später
erklärte er, seine große Unterstützung durch die Öffentlichkeit habe
der Maschinerie keine Wahl gelassen,
als ihn zu unterstützen; sie habe
ihm zu folgen, sagte er, nicht umgekehrt.
Simon legte in jenem Jahr sein
Amt nieder und unterrichtete an der
Sangamon State Universität, bis er im
Jahr 1975 für einen freien Sitz im
amerikanischen Repräsentantenhaus gewählt wurde. Bei allen Parlamentswahlen konnte er diesen Sitz behaupten, zog es jedoch vor, im Jahr 1985
gegen Charles Percy um dessen Sitz im
amerikanischen
Senat
anzutreten.
Simon gewann knapp.
Im Senat wie auch in jedem Amt,
in das er gewählt wurde, schrieb
Simon die Belange des Volkes auf sein
Banner. Er ist ein Verfechter von
Gesetzen zugunsten des Bildungswesens, vermißter Kinder, Behinderter,
älterer
Menschen
und
politischer
Flüchtlinge aus Ländern mit totalitärem Regime.
Er ist, was in politischen Kreisen häufig als "Populist" bezeichnet
wird. Er gesteht ein, daß er wenig
Charisma besitzt, seiner Auffassung

�nach wird jedoch die Kraft seiner
Überzeugung durch die Wähler kommen.
Ein Beobachter bei einer von Simons
Wahlkampfreden
sagte kürzlich, die
Rede des Kandidaten sei "geradeheraus, er nimmt kein Blatt vor den Mund
und sagt, wie es ist".

kann als das Weiße Haus , erklärte er.

Der Meinung eines anderen Beobachters nach "legt er die Karten offen auf den Tisch".
"Dieser Mann
hält meine Aufmerksamkeit gefangen".
Ein weiterer Beobachter bemerkte, "Er
spricht im Stil eines altmodischen
Liberalen und entschuldigt sich nicht
dafür - ich finde, das ist erfrischend" .
Aber Simons Besorgnis über innenpolitsche Belange hat zu Beschuldigungen geführt, er sei nicht geeignet, außenpolitische Angelegenheiten
in den Griff zu bekommen. Seine Positionspapiere
konzentrierten
sich
angeblich hauptsächlich auf innenpolitische Themen und ignorieren Probleme der Außenpolitik und der Verteidigung.
Simon ist der Überzeugung, dies
sei eine Frage der Betonung.
"Ich
will eine Regierung, die sich um die
Menschen kümmert", sagt er.
Seine Fliege und die dicken Brillengläser sind zum Markenzeichen seiner Präsidentschaftskandidatur geworden. Einige sagen, damit sähe er wie
ein Präsident aus. Andere behaupten
das Gegenteil.
Auf die Frage, warum er Präsident
werden wolle, antwortete Simon: "Ich
konnte Veränderungen beobachten, die
ich herbeigeführt habe - zum Beispiel
bei behinderten Kindern. Es ist mir
gelungen, Menschen zu helfen.
"Und es gibt keinen Ort, an dem
man mehr Dinge dieser Art vollbringen

- 3 -

* * * * * *

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NAHER OSTEN

10. Februar 1993

CLINTON SENDET CHRISTOPHER AUF
EINE FRIEDENSMISSION IN DEN
NAHEN OSTEN
Erklärung des Präsidenten
CHRISTOPHER SOLL NÄCHSTE SCHRITTE
IM FRIEDENSPROZESS SONDIEREN
Parteien weiterhin an
Gesprächen interessiert

MENSCHENRECHTE

CLINTON ZEIGT BESONDERES INTERESSE
AN UNO UND MENSCHENRECHTEN
Erklärungen von Schifter, Blackwell
und Abram
US-DELEGATION BEI UN-MENSCHENRECHTSKOMMISSION BRINGT ENGAGEMENT
CLINTONS ZUM AUSDRUCK
Kurzporträts von Schifter, Blackwell
und Abram
UNO MUSS KAMPF GEGEN
RASSISMUS ANFÜHREN
Rede von Botschafter Blackwell
DIE VERGEWALTIGUNGEN IN BOSNIEN
von Botschafter Kenneth Blackwell
ABRAM: SELBSTBESTIMMUNG, NICHT
ETHNISCHER ISOLATIONISMUS
Rede vor der
Menschenrechtskommission
bitte wenden

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.:0228-3392372
Telex: 8-85432

�SOZIALHILFE

CLINTON VERSPRICHT MASSNAHMEN
ZUR SOZIALHILFEREFORM
Armut einkommensschwacher Arbeitnehmer soll beseitigt werden

PORTRÄT

STEPHANOPOULOS: INTELLIGENT, WORTGEWANDT, "NICHT ZU ERSCHÜTTERN"
Neuer Sprecher des Weißen Hauses
ERSTE STELLVERTRETENDE PRESSECHEFIN PRÄSIDENT CLINTONS BRINGT
GELASSENHEIT UND HUMOR MIT
Porträt von Dee Dee Myers

�NAHER

OSTEN
10. Februar 1993

CLINTON SENDET CHRISTOPHER AUF EINE
FRIEDENSMISSION IN DEN NAHEN OSTEN
Erklärung des Präsidenten
WASHINGTON - (AD) - Präsident Clinton erklärte, er werde Außenminister Christopher in den Nahen Osten
senden, um "allen Seiten zu vermitteln, daß ich mich für Fortschritte bei den Friedensgesprächen einsetzen
werde".
Christopher "wird ihre Ansichten dazu hören, wie am besten Fortschritte zu erzielen sind und ... mit ihnen über
bilaterale Fragen und regionale Probleme sprechen, einschließlich des Irak", erklärte Clinton am 4. Februar 1994.
Nachfolgend veröffentlichen wir die Erklärung des Präsidenten im Wortlaut:

Im Einklang mit meiner Verpflichtung, bei den arabisch-israelischen Friedensgesprächen Kontinuität zu
bewahren, habe ich beschlossen, Außenminister
Christopher in den Nahen Osten zu entsenden. Ziel
seiner Reise wird sein, allen Seiten zu vermitteln, daß
ich mich für Fortschritte bei den Friedensgesprächen
einsetzen werde. Er wird ihre Ansichten dazu hören,
wie am besten Fortschritte zu erzielen sind, und mit
ihnen über bilaterale Fragen und regionale Probleme
sprechen, einschließlich des Irak.
Dies wird Au ßenminister Christophers erste Dienstreise ins Ausland sein. Sie ist ein Zeichen für die Priorität,
die meine Administration dem Friedensprozeß im Nahen
Osten einräumt. Auch stellt sie fürdie Konfliktparteien
eine Gelegenheit dar, ihre Energien auf die große
Herausforderung zu konzentrieren, in einer zerstrittenen Region Frieden zu schaffen.
Angesichts von so viel Gewaltanwendung auf der Welt
ist es bemerkenswert, daß im Nahen Osten ein Prozeß
direkter Verhandlungen begonnen hat. Israel, all seine
arabischen Nachbarn und die Palästinenser haben
sich dem gemeinsamen Unternehmen verschrieben,

einen gerechten, umfassenden und dauerhaften Frieden auf der Grundlage der Resolutionen 242 und 338
des UNO-Sicherheitsrates zu schaffen.
Die Vereinigten Staaten haben zusammen mit ihrem
russischen Partner bei der Einleitung dieser Gespräche eine wichtige Rolle gespielt. Ich werde darauf
hinarbeiten, daß wir diese Rolle möglichst auch weiterhin spielen.
Wir können dem Nahen Osten keine Lösung aufzwingen. Nur die führenden Politiker dieser Region können
Frieden schaffen. Sie tragen eine enorme Verantwortung. Diejenigen, die sich dem Prozeß entgegenstellen, die ihn durch Gewaltanwendung und Einschüchterung zu untergraben drohen, werden hier kein Verständnis für ihre Methoden finden. Diejenigen jedoch,
die gewillt sind, Frieden zu schaffen, werden in mir und
meiner Administration einen wirklichen Partner finden.
Dies ist ein historischer Moment. Nur zu leicht kann er
einfach vorübergehen. Wenn wir jedoch die Gelegenheit ergreifen, können wir mit der Schaffung eines
friedlichen Nahen Ostens für künftige Generationen
beginnen.

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AMERIKA DIENST 6

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�NAHER

OSTEN
10. Februar 1993

CHRISTOPHER SOLL NÄCHSTE SCHRITTE
IM FRIEDENSPROZESS SONDIEREN
Parteien weiterhin an Gesprächen interessiert

WASHINGTON - (AD) - Außenminister Christopher
hofft, bei seinen Treffen mit führenden Vertretern der
Region noch in diesem Monat die nächsten Schritte im
Nahost-Friedensprozeß planen zu können, erklärte
ein hochrangiger Vertreter des US-Außenministeriums
am 4. Februar 1993.
"Präsident Clinton hat deutlich gemacht, daß er beabsichtigt, dem Fortgang des arabisch-israelischen Friedensprozesses in seiner Administration hohe Priorität
einzuräumen", erläuterte der Vertreter vor Reportern.
"Wir engagieren uns sehr fürden Erfolg dieses Prozesses und gehen davon aus, daß es echte Chancen gibt,
um dieses Jahr Fortschritte zu erzielen."
Der Präsident ist ihm zufolge der Ansicht, es sei
unerläßlich, daß Christopher in die Region reise, um
mit den Parteien über die nächsten Schritte in den
arabisch-israeiischen Friedensverhandlungen zu beraten.
Christopher wolle eine Erläuterung der Ansichten aller
Parteien "aus erster Hand", und dafür "gibt es keinen
besseren Weg" als "die Schaffung dieser Art von
persönlichen Kontakten", erklärte der hochrangige
Vertreter.
Der Außenminister habe in den vergangenen zwei
Tagen zahlreiche Telefongespräche mit vielen führenden Persönlichkeiten dort geführt, darunter König
Hussein von Jordanien, den Premierministem von
Israel, Jordanien und dem Libanon sowie den Außenministern Israels, Ägyptens, Syriens und Saudi-Arabiens. Darüber hinaus habe er zweimal mit Faisal
Husseini, einer Schlüsselfigur bei den Palästinensern,
gesprochen und "eine ausführliche Diskussion" mit
dem russischen Außenminister Andrej Kosirew geführt. Der bei der Madrider Konferenz 1991 begonnene Nahost-Friedensprozeß steht unter der Schirmherrschaft Rußlands und der Vereinigten Staaten.

AMERIKA DIENST 6

"In all ihren Gesprächen mit dem Außenminister bekräftigten diese Persönlichkeiten die anhaltende Unterstützung ihrer Regierungen für den arabisch-israelischen Friedensprozeß sowie die Bedeutung einer
Rückkehr an den Verhandlungstisch", erklärte der
hochrangige Vertreter. "Der Außenminister empfand
seine Diskussionen als ziemlich produktiv, nützlich
und ermutigend."
Im vergangenen Jahr hätten alle Parteien durch acht
Runden bilateraler Gespräche zwischen Israel und
dessen unmittelbaren arabischen Nachbarstaaten Syrien, Libanon und Jordanien - sowie zwischen israelischen und palästinensischen Vertretern ihr Engagement für den Verhandlungsprozeß unter Beweis gestellt.
"In dieser Hinsicht ist es unserer Überzeugung nach
unerläßlich, daß wir einen Erfolg der Extremisten, die
zur Zerstörung dieses Prozesses entschlossen sind,
nicht zulassen", so der US-Vertreter. "Es gibt gewisse
Gruppen in der Region, die kategorisch klargestellt
haben - öffentlich und privat -, daß sie den arabischisraelischen Friedensprozeß ablehnen. Eine davon ist
Hamas, eine andere die Hisbollah. Ein weiteres Beispiel ist der Palästinensische Islamische Dschihad."
"Diese Gruppen werden jede Situation ausnutzen, um
Fortschritte bei diesem Friedensprozeß zu verhindern", warnte er. "Wenn es keinen anhaltenden arabisch-israelischen Friedensprozeß und Verhandlungen gibt, so wird die Möglichkeit steigen, daß diese
extremistischen Gruppen die Situation ausnutzen."
Der hochrangige Vertreter verwies darauf, daß "die
Vereinigten Staaten keinen Frieden schließen oder
stellvertretend für die Parteien verhandeln können.
Gleichzeitig tragen die Vereinigten Staaten und Rußland als Schirmherren eine besondere Verantwortung,
alles in ihrer Macht Stehende zu tun, damit dieser
Prozeß funktioniert."
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�Mit dem Hinweis, daß die amerikanischen und russischen Schirmherren eine Serie in den kommenden
Wochen geplanter multilateraler Arbeitsgruppensitzungen bis nach Christophers Reise verschoben haben,
stellte er fest, den Vereinigten Staaten sei bei den
Konsultationen von den Parteien mitgeteilt worden,
daß "sie angesichts der unmittelbar bevorstehenden
Runde heute noch keine Entscheidung treffen wollen..."
Einige Sprecher der Palästinenser und insbesondere
Hamas haben die Ankündigung Israels der vergangenen Woche zurückgewiesen, es werde die Rückkehr
eines Teils der 400 im Dezember deportierten Palästinensergestatten. Demzufolge könnten 100 der Abgeschobenen unverzüglich heimkehren. Durch eine
Halbierung der Urteile würde es allen anderen erlaubt,
bis Ende des Jahres nach Israel oder in die besetzten
Gebiete zurückzukehren. Ein Beschwerde- und Revisionsprozeß könnte die Rückkehr einiger der Letztgenannten beschleunigen. Den im Südlibanon Verbleibenden soll humanitäre Hilfe geleistet werden.

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"Wir gehen davon aus, daß die Lage im Hinblick auf die
Abgeschobenen wesentlich besser ist als letzte Woche", erklärte der hochrangige Vertreter und fügte
hinzu, "unseres Erachtens bringt der vereinbarte Prozeß für diese Situation einen erheblichen Fortschritt".
Die Frage sei, ob es den Extremisten, die den Friedensprozeß ablehnen, gestattet werde, bei der ernsthaften Behinderung einer Fortsetzung des Friedensprozesses Erfolg zu haben. "Was wir von den Parteien
bekommen haben", sagte er, "ist das anhaltende
Engagement der - arabischen, israelischen und palästinensischen - Führung für den Friedensprozeß."
Neben der Erörterung des arabisch-israelischen Friedensprozesses wird der Außenminister darüber hinaus die bilateralen Beziehungen mit jedem der von ihm
besuchten Länder sowie regionale Fragen diskutieren.
"Der Irak wird voraussichtlich eines der Hauptthemen
sein, ebenso wie regionale Sicherheit und andere
Angelegenheiten", erklärte er.

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�MENSCHENRECHTE
10. Februar 1993

CLINTON ZEIGT BESONDERES INTERESSE
AN UNO UND MENSCHENRECHTEN
Erklärungen von Schifter, Blackwell und Abram
GENF- (AD) - Im folgenden veröffentlichen wir die anläßlich einer Pressekonferenz mit den Botschaftern Richard
Schifter, dem Chef der amerikanischen Delegation bei der Sitzung der UN-Menschenrechtskommission 1993,
und seinen beiden Stellvertretern J. Kenneth Blackwell und Morris B. Abram abgegebenen Erklärungen.

Botschafter Schifter: Meine Damen und Herren,
zunächst möchte ich betonen, daß ich mich freue,
wieder in Genf zu sein und die Gelegenheit zur Zusammenarbeit mit meinen Kollegen bei der UN-Menschenrechtskommission zu haben.
Zu Beginn meiner Ausführungen sollte ich darauf
hinweisen, daß es eine Zeit gab, in der das Gefühl
vorherrschte, die Vereinigten Staaten sollten jedes
Jahr einen anderen Vertreter hierhin entsenden, der
nicht über besonders viel Erfahrung verfügt. Was uns
drei betrifft: Wenn ich mich recht erinnere, begann
Botschafter Abram seine Tätigkeit hier als Mitglied der
UN-Menschenrechtskommission im Jahr 1967, nein
1964. Und bei den letzten zwölf Sitzungen der UNMenschenrechtskommission war immer zumindest einer
von uns dreien anwesend. Unsere Teilnahme ist ein
Beweis für eine gewisse Kontinuität der Beteiligung
der Vereinigten Staaten an der Arbeit der UN-Menschenrechtskommission.
Ich möchte vier Punkte ansprechen... Erstens möchte
ich das besondere Interesse der Clinton Administration an den Vereinten Nationen und Menschenrechtsfragen unterstreichen. Jedem vom Ihnen, der noch
nicht die Rede des damaligen Präsidentschaftskandidaten Clinton vom 1. Oktober 1992 in Milwaukee
gelesen hat, kann ich das nur wärmstens empfehlen.
In dieser Rede wird die Politik dieser Administration im
Hinblick auf die Unterstützung von Demokratie und
Menschenrechten sowie der multilateralen Bemühungen angesprochen, an denen wir uns zusammen mit
Gleichgesinnten beteiligen wollen.
Aus genau diesem Grund haben wir eine Delegation
hierhin entsandt, die auf diesem Gebiet Hintergrundwissen und Erfahrung hat. Wie in den vergangenen
Jahren sind wir - wie ich bereits betont habe - mit dem

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Wunsch hierhergekommen, mit anderen demokratischen Staaten die Sache der Menschenrechte voranzubringen. In diesem Zusammenhang möchte ich,
was unsere allgemeine Besorgnis anbelangt, auf folgenden Punkt hinweisen: In den letzten Jahren war es
ziemlich schwierig, Menschenrechtsfragen betreffende Worte und Slogans in die Tat umzusetzen. Die
Situation hat sich geändert. Zur Zeit haben wir eine
wirkliche Chance, über bloße Worte hinauszugehen
und für die Menschen au ßerhalb des Saales, in der die
Menschenrechtskommission ihre Beratungen abhält,
etwas zu erreichen.
Die Herausforderung besteht darin, zu unterscheiden
zwischen bloßer Sprücheklopferei und dem Verfassen
von Erklärungen einerseits und Aktivitäten andererseits, bei denen Erklärungen lediglich die Grundlage
für Taten darstellen, die das Leben der Menschen
winklich verändern. Letzterem sollten wir uns alle
verpflichten. Und die Anstrengungen, die wir zusammen mit allen anderen unternehmen, die unsere Besorgnis und unser Interesse teilen, sollten tatsächliche
Aktionen voranbringen.
Soweit meine einleitenden Bemerkungen.
Botschafter Abram: Ich möchte eine kurze Erklärung
abgeben. Seit 1948 ist die Allgemeine Erklärung der
Menschenrechte die maßgebende Erklärung der
Grundrechte gewesen, auf die alle Menschen Anspruch haben. Die meisten Staaten haben die zwei
internationalen Menschenrechtskonventionen ratifiziert.
Diese Menschenrechtsinstrumente, die nicht nur im
Einklang mit der westlichen demokratischen Tradition
stehen, sondern mit den Traditionen und Kulturen der
vielen Staaten, die aus eigenem Willen ihren Beitritt
erklärt haben, sind eine gemeinsame Bekräftigung.

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�Die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte und die
Menschenrechtskonventionen enthalten die Rechte,
die den Unterschied zwischen Mensch und Tier ausmachen, die die Quintessenz der Menschheit sind.
Warum murren jetzt einige über ihren Inhalt? Ein
Angriff auf die Allgemeingültigkeit der internationalen
Menschenrechte könnte die drängendste Menschenrechtsfrage unserer Zeit darstellen.
Hier bei den Vereinten Nationen wurde das Argument
vorgebracht, daß die Definition der Menschenrechte
von Staat zu Staat, von Region zu Region unterschiedlich sein könnte, abhängig von kulturellen und religiösen Bräuchen, daß die "Besonderheiten" - ein Begriff,
der meines Wissens im Sprachgebrauch der UNO
bisher einzigartig ist - verschiedener Traditionen bei
der Verwirklichung der Menschenrechte in Betracht
gezogen werden müssen und man nicht jeden Staat
bei der Befolgung der Menschenrechte mit den gleichen strengen Normen messen kann.
Wenn eine solche Argumentation von der internationalen Staatengemeinschaft akzeptiert wird, gäbe es nicht
länger allgemein anerkannte Normen für die Einhaltung der Menschenrechte. Jeder Staat oder jede
Region hätte dann die Freiheit, seine internationalen
Verpflichtungen auf die ihm genehme Weise zu interpretieren. Die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte würde in Frage gestellt.

Botschafter Blackwell: Meine Damen und Herren,
nur wenige hundert Kilometer von hier entfernt werden
Greueltaten unvorstellbaren Charakters begangen. Für
Frauen und Kinder im ehemaligen Jugoslawien sind
die von serbischen Truppen durchgeführten "ethnischen Säuberungen" das barbarischste Verhalten
überhaupt.
Ich bin sicher, Sie haben die stattfindende Tragödie
der weit verbreiteten Gewalttaten gegen Frauen in
jenem Land verfolgt. Die Beweise häufen sich, daß die
allgegenwärtigen Vergewaltigungen von bosnischen
Musliminnen unter der Leitung hochrangiger serbischer Offiziere und vielleicht auch führender Politiker
in organisierter oder systematischer Weise begangen
wurden. Wenn dies der Fall ist, so muß Vergewaltigung neben Folter und Mord auf die lange Liste skrupelloser Kriegsverbrechen im ehemaligen Jugoslawien gesetzt werden.
Bis heute ist es der Regierung der Vereinigten Staaten
nicht gelungen, zu beweisen, daß die Mehrheit der
Übergriffe auf Befehl serbischer Offiziere oder unter
der Leitung führender serbischer Politiker in Bosnien
und in Belgrad verübt wurden. Die Tatsache jedoch,
daß die Vergewaltigungen weit verbreitet sind und die
überwältigende Mehrzahl der Opfer zu einer ethnischen Gruppe gehört, deutet darauf hin, daß sie mehr
als zufällige Akte einzelner Soldaten sind.

Unterschiedliche Definitionen existierender Rechte oder
veränderte Normen für ihre Verwirklichung schaffen
mehr Grund für Differenzen zwischen den Staaten und
entfernen uns weiter von dem Ziel des Weltfriedens.

Amnesty International zufolge war der einzige Zweck
der serbischen Gefangenenlager die Massenvergewaltigung. Dies weist darauf hin, daß die Vergewaltigungen integraler Bestandteil der "ethnischen Säuberungen" waren-einer willkürlichen Politik, um muslimiNatürlich sollte ethnischen Gruppen erlaubt werden, schen Frauen serbische Kinder aufzuzwingen und
ihre traditionellen Bräuche zu pflegen. Allen Religio- damit die muslimischen Familien in Bosnien zu zerstönen sollte gestattet sein, ihren Glauben frei zu prakti- ren. Zur Zeit sind alle Schätzungen der Zahl von
zieren. In einer ausgewogenen Gesellschaft werden Frauen, die Vergewaltigungen oder sexuellen Mißdiese Elemente der Kultur und Religion von toleranten brauch erlitten haben, mit Vorsicht zu genießen. Eine
Regierungen geschützt, die diese wichtigen Werte Gruppe von Ermittlern der Europäischen Gemeinanerkennen und bewahren. Die unterschiedlichen schaft berichtet jedoch, daß wahrscheinlich mindeAnsichten ethnischer und nationaler Gruppen müssen stens 20.000 Frauen vergewaltigt und einige davon
durch Gesetze geschützt werden, die Minderheiten sogar getötet wurden. Die bosnische Regierung vereine wirksame Beteiligung an der Regierung geben, anschlagt die Zahl der Vergewaltigungsopfer auf 30.000
durch Begrenzungen der Macht der Mehrheit und bis 50.000. Und nicht nur Frauen sind von sexuellen
durch regelmäßig veranstaltete freie Wahlen.
Mißhandlungen betroffen. Augenzeugen haben von
sechs- oder siebenjährigen Mädchen berichtet, die
Die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte stellt
vergewaltigt wurden, einige gleich mehrmals.
einen umfassenderen Konsens dar als jede einzelne
Zivilisation, Tradition oder Kultur. Sie beinhaltet Wer- Vergewaltigung und sexuelle Mißhandlungen, unte, die allen Religionen, allen Traditionen und der menschliche oder erniedrigende Behandlung laufen
ganzen Menschheit gemein sind. Die in der Allgemei- eindeutig den internationalen Menschenrechtsnormen
nen Deklaration von 1948 festgelegten universellen sowie dem internationalen humanitären Recht zuwiMenschenrechte entstanden aus dem vom Großteil der, die auf den Konflikt in Bosnien anzuwenden sind.
der Welt erlittenen Elend und sind von vielen anderen Ein Kriegszustand ist keine Rechtfertigung für die
Regierungen anerkannt worden. Es ist die Pflicht der Aussetzung solcher Normen.
Menschenrechtskommission zu gewährleisten, daß
ihre Allgemeingültigkeit, ihre Qualität und ihr Inhalt Die Vereinigten Staaten gehen davon aus, daß die für
aufrechterhalten werden.
die sexuellen Übergriffe verantwortlichen Personen -

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AMERIKA DIENST 6

�ebenso wie diejenigen, die sie angeordnet haben - Sonderberichterstatters Tadeusz Mazowiecki zu unindividuell für ihre Aktionen zur Rechenschaft gezogen terstützen.
werden müssen.
Wir sollten darüber hinaus die Ernennung eines besonWir werden den Vereinten Nationen auf jede erdenkli- deren UNO-Berichterstatters über geschlechtsspezifiche Weise helfen, um die erforderlichen Beweise für sche Diskriminierung und Gewalt gegen Frauen erwädie Verfolgung dieser Kriegsverbrecher zu sammeln. gen sowie die Stärkung der DurchführungsmechanisDer juristische Präzedenzfall für eine solche Verfol- men im Rahmen der Konvention über die Beseitigung
gung ist im Völkerrecht fest verankert.
jeder Form von Diskriminierung der Frau.
Jede Verletzung der Genfer Konvention ist ein Kriegsverbrechen. Artikel 27 der Konvention im Hinblick auf
den Schutz von Zivilpersonen im Krieg sieht vor, daß
Frauen "besonderen Schutz vor Vergewaltigung"
genießen.

Wir müssen uns ferner bemühen, die gleichberechtigte Beteiligung von Frauen an allen Regierungen und in
allen internationalen Organisationen - darunter auch
Menschenrechtsorganisationen - zu gewährleisten,
damit ihre Ansichten Gehör finden.

Die Vereinigten Staaten appellieren erneut an alle
Konfliktparteien, die Menschenrechte und das humanitäre Recht zu beachten. Wir fordern eine vollständige Untersuchung der Berichte über Vergewaltigungen
und sexuelle Mißhandlungen in Bosnien durch serbische Truppen, um zu sehen, ob wir die für die Verletzungen verantwortlichen Kommandeure ermitteln
können.

Die Vereinigten Staaten versuchen, die Leiden von
Frauen in vom Krieg heimgesuchten Gebieten, darunter auch das ehemalige Jugoslawien, mit einem Spektrum von Programmen zu lindern. Eines dieser Programme stellt denjenigen, die das Trauma der Vergewaltigung erlitten haben, psychologische Hilfe zur
Verfügung. Ich hoffe, es wird der Beginn breitgefächerter Bemühungen sein, Frauen im ehemaligen
Jugoslawien und in allen anderen kriegführenden
Ländern, in denen die Notlage von Frauen so lange
ignoriert wurde, gezielte Hilfe zu leisten.

Zu diesem Zweck werden die Vereinigten Staaten
500.000 Dollar beitragen, um die Bemühungen des

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�MENSCHENRECHTE
10. Februar 1993

US-DELEGATION BEI UN-MENSCHENRECHTSKOMMISSION BRINGT ENGAGEMENT
CLINTONS ZUM AUSDRUCK
Kurzporträts von Schifter, Blackwell und Abram

GENF - (AD) - Die amerikanische Delegation bei der
diesjährigen Sitzungsperiode der UN-Menschenrechtskommission spiegelt die Kontinuität der amerikanischen Unterstützung für die grundlegenden Menschenrechte und Grundfreiheiten in der ganzen Welt sowie
das Engagement der Clinton-Administration für den
Schutz dieser Rechte wider.

Schifter wurde 1923 in Österreich geboren und kam
auf der Flucht vor dem Nazi-Terror 1938 in die Vereinigten Staaten.

"Meines Erachtens müssen wir konsequent für Menschenrechte, Freiheit und Unabhängigkeit auf der ganzen
Welt eintreten", hatte Clinton bei einer Wahlkampf rede
in Florida im vergangenen September erklärt. "Wir
müssen durchgängig energischer versuchen, für alle
Menschen auf der Welt grundlegende Menschlichkeit
und anständige Behandlung zu gewährleisten."

Als unabhängiger politischer Berater und Schriftsteller
hat sich Blackwell viele Jahre mit nationalen und
internationalen Menschenrechtsfragen beschäftigt. Er
ist langjähriges Mitglied der Heritage Foundation in
Washington sowie des Urban Morgan Institute for
Human Rights an der University of Cincinnati.

Clintons Wahl von Botschafter Richard Schifter als
Leiter der amerikanischen Delegation bei der diesjährigen Sitzungsrunde der Kommission - des wichtigsten
Gremiums zur Überwachung der Menschenrechte im
UNO-System - sowie der Botschafter J. Kenneth Blackwell und Morris B. Abram als stellvertretende Delegierte ist ein deutlicher Hinweis darauf, daß die Administration von langjährigen Experten im Bereich der Menschenrechte vertreten werden möchte.
Schifter, der von Beruf Rechtsanwalt ist, warvon 198592 unter den Präsidenten Reagan und Bush Abteilungsleiter für Menschenrechte und humanitäre Angelegenheiten im US-Außenministerium und Hauptberater Clintons in Menschenrechtsfragen während dessen Wahlkampf.
Schifter ist ferner ein ausgezeichneter Kenner der
Menschenrechtskommission - von 1983-86 war er
amerikanischer Vertreter bei der Kommission. Darüber hinaus war er stellvertretender US-Vertreter beim
UN-Sicherheitsrat (1984-85).

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Blackwell ist seit 1991 US-Vertreter bei der Kommission. Er behält diese Position, obwohl Schifter die
amerikanische Delegation insgesamt leitet.

Blackwell war darüber hinaus stellvertretender Delegierter und Sonderberater der amerikanischen Delegationen beim UN-Wirtschafts- und Sozialrat (ECOSOC) sowie hochrangiger Berater der US-Delegation
bei der Konferenz über nationale Minderheiten der
Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in
Europa (KSZE). Er war Leiter der US-Beobachterdelegation bei der UN-Unterkommission zur Verhütung
von Diskriminierung und für Minderheitenschutz und
leitet die amerikanische Delegation bei den Vorbereitungstreffen der Weltkonferenz über Menschenrechte, die im Juni in Wien stattfinden soll.
Abram beschäftigt sich seit langem mit Menschen- und
Bürgerrechten. Dieses Engagement läßt sich bis zu
seiner Präsenz im Team der amerikanischen Staatsanwälte beim Internationalen Militärtribunal in Nürnberg im Jahr 1946 zurückverfolgen.
Als praktizierender Rechtsanwalt in Atlanta und New
York entwarf er ein allgemein eingeführtes Modellgesetz zur Bekämpfung bedrohlicher Aktivitäten des KuKlux-Klan, hielt das Plädoyer im epochalen Wahlrechtsverfahren "ein Mensch, eine Stimme" vor dem

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�Obersten Bundesgericht, war Ko-Vorsitzender der
Bürgerrechtskonferenz des Weißen Hauses (Planungssitzung 1965), Vizevorsitzender der US-Bürgerrechtskommission (1984-86) sowie Vorsitzender der nationalen Konferenz über das sowjetische Judentum (198388).

Pariser KSZE-Konferenz über die menschliche Dimension (1989).

Seit 1989 ist Abram Ständiger Vertreter der Vereinigten Staaten beim UN-Büro und anderen internationalen Organisationen in Genf und hat sich Jahr für Jahr
aktiv an der Arbeit der Kommission beteiligt, einAbram leitete die amerikanischen Delegationen bei schließlich der beiden Sondersitzungen des Jahres
der UN-Unterkommission zur Verhütung von Diskrimi- 1992 über die Menschenrechtssituation im ehemalinierung und für Minderheitenschutz (1963-65), der gen Jugoslawien, insbesondere in Bosnien-HerzegoMenschenrechtskommission (1965-68) sowie der wina.
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�MENSCHENRECHTE
10. Februar 1993

UNO MUSS KAMPF GEGEN RASSISMUS ANFÜHREN
Rede von Botschafter Blackwell
GENF - (AD) - Botschafter Kenneth Blackwell ist der Vertreter der Vereinigten Staaten bei der UN-Menschenrechtskommission. Zur Zeit nimmt er in Genf an der 49. Sitzung der Kommission teil.

Die moderne Bürgerrechtsbewegung in den Vereinigten Staaten begann am 1. Dezember 1955 in Montgomery (Alabama), als eine müde, hart arbeitende Afroamerikanerin namens Rosa Parks sich weigerte, ihren
Sitz in einen Bus einem weißen Mann zu überlassen,
wie es die Gesetze der Bundesstaaten zu jener Zeit
forderten.
Ich war damals ein siebenjähriger afroamerikanischer
Junge, der in Cincinnati (Ohio) im Mittelwesten aufwuchs und sich des Wirbelsturms unbewußt war, der
die Rassenbeziehungen in den Vereinigten Staaten
erfassen sollte.
Mein Unwissen war jedoch nicht von langer Dauer.
Den Großteil meines Lebens wurde ich Zeuge der
Erfolge und Fehlschläge der Bewegung, die durch die
mutige Tat von Rosa Parks ausgelöst wurde - der
majestätischen Kraft von Martin Luther Kings Kampagne zu direkter Aktion, den juristischen Bemühungen
von Organisationen wie der Nationalen Vereinigung
für die Förderung von Farbigen (National Association
for the Advancement of Coloured People - NAACP),
die von Giganten wie dem verstorbenen Richter am
Obersten Bundesgericht, Thurgood Marshall, angeführt wurden und dem zornigen Trotz der Black-Power-Bewegung Mitte und Ende der sechziger Jahre.
Es war eine schwierige Zeit für alle Amerikaner - für die
Schwarzen unter uns, die zur Erlangung voller Gleichberechtigung, wie in der amerikanischen Verfassung
verankert, entschlossen waren und auch für Weiße,
die zur Konfrontation mit den Widersprüchen und
Inkonsequenzen ihrer erklärten Überzeugungen
gezwungen waren.
Trotz der von der Bewegung erzielten sozialen, rechtlichen und politischen Gewinne, müssen noch viele
Fortschritte gemacht werden. Die meisten Afroamerikaner sind immer noch in dem starren Kreislauf relativer Armut gefangen, in den vergessenen Ecken der
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Städte des Landes versteckt - ihr Schicksal ein augenfälliger Makel des amerikanischen Versprechens der
Freiheit und Gerechtigkeit für alle.
"Wenn ein Mann keine Arbeit oder kein Einkommen
hat", stellte Martin Luther King einmal fest, "hat er
weder Leben, noch Freiheit oder die Chance des
Strebens nach Glück." Der Kampf zur Behebung des
enormen wirtschaftlichen Gefälles zwischen Schwarzen und Weißen ist nach wie vor - auch im Vergleich
mit der Situation eine Generation davor - die große
unvollendete Geschichte der amerikanischen Rassenbeziehungen.
Während wir unseren Kampf fortsetzen, müssen wir
uns jedoch die von uns erzielten Fortschritte vor Augen
führen. Die rechtlichen Schranken der Rassentrennung wurden im gesamten Süden siegreich niedergerissen und entscheidende Kämpfe gegen De-factoDiskriminierung dort und im übrigen Land gewonnen.
Am wichtigsten ist jedoch, daß ein Werk von Gesetzen, die Bürgerrechte, das Stimmrecht, angemessene
Wohnungen und sehr viel mehr durchsetzen, Afroamerikanern die Rechte zugesteht, die nicht nurfürsie
selbst, sondern auch als Instrumente für weiteren
Fortschritt unabdingbar sind.
Trotz des noch zurückzulegenden Weges haben sich
im Umfeld der Rassenbeziehungen während der letzten Generation tiefgreifende Veränderungen vollzogen. Ich bin ein Produkt dieses Wandels. Meine Eltern
haben erlebt, wie ich Bürgermeister von Cincinnati und
der Vertreter des Präsidenten bei der UN-Menschenrechtskommission wurde - Leistungen, die sie sich vor
der Bürgerechtsbewegung kaum vorstellen konnten.
Aus diesem Grund sehe ich meine Ernennung als ein
heiliges Vertrauen. Denn es sind nicht nur die Vereinigten Staaten, die mit Rassismus kämpfen, es ist die
ganze Welt. "Sein verwerflicher Würgegriff", wie
King auch erklärte, "kennt keine geographischen
Grenzen."
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�Wir beobachten Rassismus und den schlimmsten
Genozid heute im ehemaligen Jugoslawien. Wir nennen es ethnische Säuberung. Aber in Ländern aller
Kontinente und unter Völkern jeder Rasse, Hautfarbe,
Sprache und Religion verrichtet Rassismus seine
häßliche Arbeit, die manchmal zu unaussprechlicher
Gewalt führt. Wenn es eine Lektion gibt, die die
moderne Welt gelernt hat, dann, daß Rassismus nicht
leicht den Versprechungen des guten Willens oder
guter Absichten weicht.

Dies haben wir in den Vereinigten Staaten getan. Die
Bürgerrechtsbewegung fand in der amerikanischen wenn auch unzulänglichen - Praxis der demokratischen Regierungsform, Rechte des einzelnen und
ordentlichen Verfahren einen mächtigen Verbündeten. Wir sind der Überzeugung, daß diese Prinzipien
auch anderen gut dienlich sind.

In einer zunehmend interdependenten, verflochtenen
Welt, in der sich die Grenzen mehr und mehr verwischen, muß die UN-Menschenrechtskommission meines
Jetzt hat das Ende des Kalten Krieges alte, zuvor Erachtens die Führungsrolle übernehmen, nicht nur
unterdrückte, ethnische Spannungen mit Folgen wie- um Rassismus zu bekämpfen, sondern um ihn auszuderaufbrechen lassen, die für die Zuschauer der Abend- merzen.
nachrichten nur allzu offenkundig sind. Ethnische
Spannungen sind zur rassischen Fehlerquelle in dia- Es ist an der Zeit, über die Bekräftigung der in der
metral entgegengesetzten Gesellschaften auf der Übereinkunft über die Beseitigung aller Formen rassiganzen Welt geworden - in Industrienationen, Entwick- scher Diskriminierung niedergelegten Prinzipien und
lungsländern, relativ stabilen und instabilen Nationen die Zuwendung von Mitteln für Konflikte, die bereits in
Barbarei ausgeartet sind, hinauszugehen zu neuen
gleichermaßen.
präventiven Bestrebungen auf dem gesamten PlaneDie Rassenprobleme in meinem Land waren größten- ten.
teils von der Hautfarbe dominiert. Andernorts wurzeln
ethnische Spannungen häufig in religiösen, sprachli- Als Teil dieser Bestrebungen unterstützen die Vereichen, Stammes- und selbst sozialen Gegensätzen. In nigten Staaten einen für rassische und ethnische Diszahlreichen Fällen werden diese Kämpfe zwischen kriminierung zu ernennenden Berichterstatter, dessen
Menschen der gleichen Hautfarbe ausgetragen. Dies Aufgabe darin bestehen würde, die Nationen der Welt
trifft beispielsweise für viele Teile Afrikas - sogar zur Rechenschaft zu ziehen, die Bestimmungen von
Südafrika - zu, wo die Spaltung der Gesellschaft tiefer Artikel X zu erfüllen, der von der UNO alles in ihrer
geht als die dominante Unterscheidung zwischen weiß Macht Stehende erfordert, "um die Beseitigung aller
Formen von Diskriminierung zu ermöglichen". Beund schwarz.
zeichnenderweise stellt die Übereinkunft klar, daß die
Meines Erachtens ist die von der Ausbreitung des Vereinten Nationen auch die Achtung der MenschenRassismus ausgehende Gefahr für die Welt heute so rechte und Grundfreiheiten von Frauen fördern sollten.
groß,, daß keine Nation und kein internationales Gremium sie klugerweise ignorieren kann. Natürlich muß Jeder, der Opfer von Rassismus geworden ist, weiß,
jedes Land, das guten Willens ist, das Übel in seiner daß aggressives Vorgehen nicht leicht sein wird. Es ist
Mitte in seiner eigenen Weise im Einklang mit seinen jedoch der mit dem hehren Idealismus am ehesten in
Traditionen und in Absprache mit seinen Institutionen Einklang stehende Kurs, von dem die Gründung der
Vereinten Nationen und die in der Allgemeinen Erkläangehen.
rung der Menschenrechte verankerten Prinzipien geleitet waren - und noch immer der beständige Trost all
derer, die Freiheit auf der ganzen Welt wertschätzen.

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AMERIKA DIENST 6

�MENSCHENRECHTE
10. Februar 1993

DIE VERGEWALTIGUNGEN IN BOSNIEN
von Botschafter Kenneth Blackwell
WASHINGTON - (AD) - Der nachfolgende Beitrag wurde vom Vertreter der Vereinigten Staaten bei der UNMenschenrechtskommission, Botschafter Kenneth Blackwell, im Januar 1993 verfaßt.

Die Beweise mehren sich, daß die weitverbreiteten
Vergewaltigungen bosnisch-muslimischer Frauen von
hochrangigen serbischen Offizieren und möglicherweise politisch Verantwortlichen organisiert und befehligt werden. Falls dies zutrifft, muß Vergewaltigung
auf der langen Liste skrupelloser Kriegsverbrechen im
ehemaligen Jugoslawien mit willkürlicher Folterung
und Ermordung gleichgesetzt werden. Die 49. Sitzung
der zur Zeit in Genf tagenden UN-Menschenrechtskommission bietet den von dieser Situation betroffenen Ländern die Gelegenheit, etwas dagegen zu unternehmen. Es ist eine Chance, die die Vereinigten
Staaten nicht ungenutzt verstreichen lassen wollen.
Die Berichte legen den Schluß nahe, daß Vergewaltigungen von allen Seiten in Bosnien-Herzegowina
vorgenommen, die überwältigende Mehrheit jedoch
von den serbischen Streitkräften an muslimischen
Frauen verübt wurden. Bisher sah sich die amerikanische Regierung außerstande zu beweisen, daß der
Großteil der Übergriffe auf Anweisung serbischer Offiziere erfolgte und wahrscheinlich von den politisch
Verantwortlichen in Bosnien und auch Belgrad befehligt wurde. Die Tatsache, daß die Vergewaltigungen
so weitverbreitet und die Opfer überwiegend Angehörige einer ethnischen Gruppe sind, läßt vermuten, daß
sie mehr als zufällige Akte einzelner Soldaten sind.
Die genaue Zahl der Opfer ist unbekannt. Kürzlich
berichtete eine Untersuchungskommission der Europäischen Gemeinschaft, daß mindestens 20.000 Frauen vergewaltigt und einige von ihnen getötet wurden.
Die EG-Untersuchungskommission gelangte zu der
Schlußfolgerung, daß Vergewaltigung einen integralen Bestandteil der Politik der ethnischen Säuberung
darstellt. Schätzungen der bosnischen Regierung
über die Vergewaltigungsopfer rangieren von 30.000
bis 50.000, die meisten von ihnen muslimische Frau-

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en. Und es sind nicht nur Frauen. Augenzeugen
berichteten, wie sechs oder sieben Jahre alte Mädchen vergewaltigt wurden, manche bei Massenvergewaltigungen. Einige von ihnen wurden auch grausam
verstümmelt.
Nichtstaatliche Organisationen wie Amnesty International und die von Frankreich aus operierenden Ärzte
ohne Grenzen berichten ebenfalls, Vergewaltigungen
seien weitverbreitet und würden systematisch vorgenommen. Amnesty zufolge besteht der einzige Zweck
einiger Internierungslager in Vergewaltigungen, und
Vergewaltigungen könnten einen integralen Bestandteil der ethnischen Säuberung bilden - eine mutwillige
Politik, um muslimischen Frauen serbische Kinder als
Mittel zur Zerstörung der muslimischen Familien in
Bosnien aufzuzwingen. Amnesty veröffentlichte vor
nur wenigen Wochen ein Dokument mit Augenzeugenberichten.
Die Beweise waren für den Sicherheitsrat der Vereinten Nationen zwingend genug, um - einstimmig - die
"an Frauen, insbesondere muslimischen Frauen in
Bosnien und der Herzegowina verübten Greueltaten"
zu verurteilen.
Die Vereinigten Staaten vertreten die Auffassung, daß
die für die sexuellen Übergriffe verantwortlichen Personen - und ebenso wichtig, die Personen, die sie
befohlen haben könnten - einzeln für ihre Taten zur
Verantwortung gezogen werden müssen. Die Vereinigten Staaten haben bereits hochrangige serbische
Regierungsvertreter und andere benannt, gegen die
wegen Kriegsverbrechen einschließlich Vergewaltigung ermittelt werden sollte. Wir werden den Vereinten Nationen in jeder erdenklichen Weise behilflich
sein, um die erforderlichen Beweise gegen die Kriegsverbrecher zu erbringen und sie nach der ganzen
Bandbreite der Gesetze zu verfolgen.

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�Die rechtlichen Präzedenzfälle für eine solche Strafverfolgung sind im Völkerrecht verankert. Jede Verletzung der Genfer Konvention ist ein Kriegsverbrechen.
Artikel 27 benennt speziell Vergewaltigung. Der systematische Einsatz von Vergewaltigung als Kriegswaffe
zur Erlangung politischer und rassischer Ziele - wie bei
ethnischer Säuberung - könnte die Verbrechen zu
einem historisch beispiellosen Vergehen machen, das
die Welt nicht ignorieren darf.

schließlich Menschenrechtsorganisationen - die etwas
dagegen unternehmen können. Wir müssen auf die
gleichberechtigte Vertretung von Frauen in allen
Regierungen und allen internationalen Organisationen
hinarbeiten. Geschlechtsspezifische Informationen
und Dokumentationen sollten in allen wichtigen Studien und Berichten enthalten sein.

Darüber hinaus sollten wir die Ernennung eines UNSonderberichterstatters für geschlechtsspezifische
Neben Ermordung ist Vergewaltigung das schwerwie- Diskriminierung und Gewalt gegen Frauen sowie vergendste Verbrechen, das an Frauen begangen wird. besserte Durchführungsverfahren im Rahmen der
Die Geschichte belegt jedoch auch, daß Frauen auch Konvention über die Beseitigung aller Formen von
in vielfältiger anderer Weise unverhältnismäßig unter Diskriminierung gegen Frauen in Erwägung ziehen.
Kriegen leiden. Beispielsweise stehen Frauen häufig Meines Erachtens sollten die Rechte von Frauen auf
hinter Männern zurück, wenn es um knappe Nah- die Tagesordnung der im Verlauf dieses Jahres in
rungsmittel oder Obdach geht. Die Statistiken über Venedig anberaumten historischen Weltkonferenz über
Kriegsflüchtlinge illustrieren dies. Die Daten belegen, Menschenrechte gesetzt werden. Bei dieser Konfedaß bis zu zwei Drittel der Flüchtlinge Frauen und renz bietet sich der Welt eine ausgezeichnete GeleKinder sind.
genheit, ihre Tagesordnung zu Menschenrechten bis
ins nächste Jahrhundert darzulegen. Die Rolle und
Darüber hinaus wird ihr Leiden durch den schlechteren Position von Frauen in unserer Welt sollte eines unsewirtschaftlichen u nd sozialen Status verschärft. Einige rer dringlichsten Anliegen sein.
der in Bosnien vergewaltigten muslimischen Frauen
verstecken sich zum Beispiel vor ihren Familien - von Schließlich unterstützen die Vereinigten Staaten ProScham über das ihnen Zugefügte erfüllt, das so offen- gramme uneingeschränkt, die eine Milderung des
kundig nicht ihr Verschulden ist.
Leidens von Frauen an Orten wie dem ehemaligen
Jugoslawien zum Ziel haben. Wir müssen insbesonWas kann getan werden, um die negativen Auswirkun- dere mehr Ressourcen für die medizinischen und
gen von Kriegen auf Frauen zu beheben? Daß Frauen anderen Bedürfnisse von Frauen bereitstellen. Die
so häufig die Opfer des Krieges sind, belegt nicht nur Bürde der Frauen in Kriegszeiten ist zu lange ignoriert
ihren schlechteren wirtschaftlichen und sozialen Stand worden. Es ist jetzt an der Zeit, diese Situation zu
weltweit, sondern auch ihre Unterrepräsentierung in beheben.
der Regierung und internationalen Gremien - ein-

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�MENSCHENRECHTE
10. Februar 1993

ABRAM: SELBSTBESTIMMUNG, NICHT
ETHNISCHER ISOLATIONISMUS
Rede vor der Menschenrechtskommission
GENF - (AD) - Die UN-Menschenrechtskommission sollte Toleranz unter Völkern unterschiedlicher ethnischer
und religiöser Herkunft fördern und die Bande der Respektierung von Rechten schmieden, "die unterschiedliche
Einzelpersonen, Gruppen und Nationen zusammenbringen", erklärt Botschafter Morris Abram.
In einer am 3. Februar 1993 vor der 53 Nationen umfassenden Kommission gehaltenen Rede zum Recht der
Völker auf Selbstbestimmung warnte Abram, dieses "sollte nicht mit ethnischem Isolationismus verwechselt
werden".
"In der heutigen Welt ist Selbstbestimmung ironischerweise zum Schlachtruf von Gruppen geworden, die aus
ethnischen oder religiösen Gründen die Teilung von Nationen bezwecken", fügte Abram hinzu.
Nachfolgend veröffentlichen wir die Erklärung von Botschafter Abram im Wortlaut.

Selbstbestimmung ist eines der schwierigsten Themen, mit denen sich die Welt heute konfrontiert sieht.
Zur Zeit der Charta der Vereinten Nationen sollte das
Prinzip mit den Worten der Charta eines der unabdingbaren Erfordernisse für die "Stärkung des universellen Friedens" und die Vereinigung von Nationen sein.
In der heutigen Welt ist Selbstbestimmung ironischerweise zum Schlachtruf von Gruppen geworden, die
aus ethnischen oder religiösen Gründen die Teilung
von Nationen bezwecken.
Offenkundig hat sich die Bedeutung des Wortes Selbstbestimmung gewandelt. Selbstbestimmung sollte nicht
mit ethnischem Isolationismus verwechselt werden.
Zur Zeit der Charta bedeutete Selbstbestimmung das
Recht, frei von einer imperialistischen Macht zu sein,
die häufig über den Ozean hinweg herrschte. In der
heutigen Version wird Selbstbestimmung oft gegenüber einem Nachbarn auf dem gleichen Territorium
geltend gemacht.
Die Kontroverse läßt sich in der grundlegenden Frage
zusammenfassen, was eine Nation definiert. Wenn es
nur die gemeinsame Kultur, eine gemeinsame Sprache und historische Gebietsansprüche sind, dann
könnte es Tausende Nationen geben statt weniger als
zweihundert. Das Recht auf Selbstbestimmung im
Sinne des Rechts, auszubrechen und seine eigene
Nation zu gründen, bezieht sich nicht zwangsläufig
auf eine Gruppe, nur weil ihre einzelnen Mitglieder eine
ethnische, religiöse oder kulturelle Geschichte teilen.
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Das Recht auf Selbstbestimmung kann jedoch auf
mehr als eine Weise geltend gemacht und geschützt
werden. Denkbar wäre, daß es ein Spektrum von der
Gründung eines neuen Staates über die Gewährung
gewisser Autonomie bis zu unterschiedlichen Formen
des Föderalismus und dem Vorrang von Autorität vor
Bildung, kulturellen Angelegenheiten und anderen
staatlichen Dienstleistungen umfaßt.
Und nur weil eine Nation aus Menschen mit derselben
ethnischen Herkunft, Religion und Sprache zusammengesetzt ist, wird nicht zwangsläufig gewährleistet,
daß ihre Rechte geschützt oder angemessener Respekt
für andere Unterschiede eingeräumt wird. Beispielsweise könnte es keine Toleranz für politische, geschlechtsspezifische, soziale oder Klassenunterschiede geben. Eine multiethnische Gesellschaft, die den
unterschiedlichen Hintergrund ihrer Mitglieder bewahrt,
ermutigt Toleranz. Eine vielfältige Gesellschaft trägt
Farbe, Aufregung und Inspiration bei und läßt Kreativität und Chancen florieren. Mein Land hat beträchtlich von der unterschiedlichen Herkunft und Kultur ihrer
Mitglieder profitiert.
Die Kräfte, die Gruppen in die Isolation und Nationen
in die Zersplitterung treiben, sind jedoch nicht notwendigerweise dazu bestimmt, die Oberhand zu gewinnen. Während die Welt diese separatistischen Tendenzen erlebt, bestehen gleichzeitig Tendenzen zu
transnationalem Zusammenhalt. Fortschritte bei der
Kommunikation haben die Welt kleiner gemacht. Und
Seite 1

�die Nationen werden sich bewußt, daß es für Konkurrenzfähigkeit auf der Welt große Märkte und Kostenersparnis durch optimale Betriebsvergrößerung geben
muß. Die europäische Gemeinschaft, die KSZE und
das Nordamerikanische Freihandeisabkommen sind
alles Beispiele der vereinenden Kraft von Volkswirtschaften.

sen befriedigt werden, haben sie vielleicht nicht den
gleichen Drang auszubrechen und ein Recht auf Selbstbestimmung geltend zu machen. Bevor die Charta der
Vereinten Nationen verabschiedet wurde, drängte der
amerikanische Präsident Woodrow Wilson - der häufig
mit der Bewegung für Selbstbestimmung in Verbindung gebracht wird • auf die Einbeziehung von Rechten der Minderheiten zusammmen mit Selbstbestimmung in den Vertrag von Versailles.

Solch wirtschaftlicher Druck auf Zusammenhalt beseitigt nicht die Allgegenwart von lokalen Problemen.
Gemeinden können mit der von ihrer Regierung ver- Es wird jedoch Zeiten geben, wenn Trennung unverfolgten Politik unzufrieden sein oder nationalistische meidbar ist, weil traditionelle Grenzen nicht mehr der
Sympathien gegenüber einem Land äußern, aus dem Realität entsprechen oder aus Gründen, die andere
sie einst emigrierten. Diese Sichtweisen sollten unter Nationen niemals begreifen werden. Sollte dies geeiner Regierung geäußert werden dürfen, die Rechte schehen, dann sollte es friedlich, durch Verhandlunvon Einzelpersonen und Minderheiten schützt.
gen und in einem demokratischen Prozeß, jedoch
nicht durch diese schreckliche Gewalt vollzogen werIn einer ausgewogenen Gesellschaft wird eine Vielfalt den.
von Religionen, Kulturen sowie ethnischer Zugehörigkeit respektiert, Gesetze wahren die Identität von Um den britischen Dichter John Donne zu zitieren:
Gruppen und räumen Minderheiten ein Mitsprache- "Kein Mensch ist eine Insel, ganz auf sich allein gerecht in der Regierung ein. Es gibt ferner ein Völker- stellt; jeder Mensch ist ein Teil des Kontinents, ein Teil
rechtsgremium, das Gruppen und Minderheiten unab- des Ganzen." Abschließend möchte ich bemerken,
hängig von staatlich geschaffenen Grenzen schützt. daß wir als Mitglieder der Kommission uns erneut der
Es gibt Verträge, die Rassismus, ethnische und religiö- Schaffung von Banden der Toleranz und Respektiese Diskriminierung verbieten und die Rechte von rung von Rechten widmen sollten, die unterschiedliche
Minderheiten wahren.
Einzelpersonen, Gruppen und Nationen zusammenbringen.
Wenn Gruppen das Gefühl haben, daß ihre individuellen Rechte geschützt und ihre wirtschaftlichen Interes* *

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�SOZIALHILFE
10. Februar 1993

CLINTON VERSPRICHT MASSNAHMEN ZUR SOZIALHILFEREFORM
Armut einkommensschwacher Arbeitnehmer soll beseitigt werden

WASHINGTON - (AD) - Präsident Clinton hat rasche
Maßnahmen zur Einlösung des im vergangenen Jahr
eingegangenen Wahlkampfversprechens zugesagt, das
zersplitterte Sozialhilfesystem in den Vereinigten Staaten zu reformieren und die Armut bei einkommensschwachen Arbeitnehmern zu beseitigen.

te sich möglicherweise entschließen, den Vorsitz der
Arbeitsgruppe zu übernehmen.

"Wir müssen die Armut von Amerikanern beenden, die
arbeiten wollen. Und wir müssen dies zu Bedingungen
leisten, die auch uns übrigen zur Ehre gereichen sowie
unserem Land dabei helfen, besser zu funktionieren",
erklärte Clinton in einer Rede beim jährlichen Wintertreffen der nationalen Gouverneursvereinigung am 2.
Februar 1993.

"Erstens sollte die Sozialhilfe eine zweite Chance darstellen, keinen Lebensstil." Menschen,
die von Sozialhilfe leben, sollten Zugang zu
medizinischer Versorgung, Aus- und Fortbildung sowie Arbe'rtsplatzchancen erhalten, die
sie benötigen, um auf fremde Hilfe verzichten zu
können. Nach zwei Jahren jedoch, so der
Präsident, "muß man sie auffordern, eine Arbeitsstelle anzunehmen", entweder in der Privatwirtschaft oder im öffentlichen Dienst.

Um sein Mandat zu erfüllen, wird Clinton seinen eigenen Worten zufolge innerhalb der nächsten 10 Tage
eine interministerielle Arbeitsgruppe aus hochrangigen Vertretern des Weißen Hauses, des Gesundheitsund Sozialministeriums sowie anderer Bundesbehörden auf Kabinettsebene ernennen, die mit den Gouverneuren der Bundesstaaten und dem Kongreß einen
neuen Plan zur Reform der Sozialhilfe entwickeln soll.
"Ich habe die besten Kenner dieses Themas im Land
aufgefordert, mir dabei behilflich zu sein". Dazu gehörten Vertreter von Wirtschaft und Gewerkschaften sowie
"führende Persönlichkeiten aus allen Lebensbereichen, denen dieses Thema ein Anliegen ist", erklärte
er.
"Bei der Reform der Sozialhilfe gibt es ebensowenig
wie bei der Gesundheitsreform von oben angeordnete,
in Washington fabrizierte Lösungen, die für jeden
funktionieren werden", betonte der Präsident. "Die
Probleme und Fortschritte sind in den Gemeinden
dieses Landes anzutreffen."
Bei einer getrennten, am 2. Februar 1993 im Weißen
Haus veranstalteten Pressekonferenz zur Reform der
Sozialhilfe teilte Bruce Reed, Berater des Präsidenten
für Innenpolitik, vor Reportern mit, Clinton selbst könn-

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Clinton führte vier Hauptprinzipien auf, die seine
Administration bei der Abfassung eines endgültigen
Vorschlags zur Reform der Sozialhilfe leiten werden:

"Zweitens müssen wir dafür sorgen, daß Arbeit
sich auszahlt." Jeder amerikanische Elternteil,
der ganztätig erwerbstätig ist, sollte sicher sein,
daß seine Familie der Armut entfliehen kann.
"Wenn Arbeit mit Würde einhergeht, dann muß
jedem Arbeitnehmer Würde gegeben werden",
erklärte Clinton. "Deshalb werde ich eine Erweiterung des verdienstabhängigen Einkommensteuerfreibetrags vorschlagen, mit dem das
Einkommen von Geringverdienem ergänzt wird."
"Drittens benötigen wir eine schärfere Durchsetzung der gesetzlichen Vorschriften zur Unterstützung von Kindern." Der Präsident kündigte
an, er werde eine nationale Datenbank ins Leben
rufen, um die abwesenden Väter von geschätzten 15 Millionen amerikanischen Kindern aufzuspüren, die Unterstützungszahlungen für Kinder leisten könnten, dies aber nicht tun. Clinton
schlug vor, die Bundesstaaten sollten die Vaterschaft bereits "im Krankenhaus bei der Geburt
des Kindes" feststellen. Die US-Einkommensteuerbehörde wird eingesetzt werden, um in
schweren Fällen Zahlungen einzutreiben, so

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�der Präsident, "wenn ich mich damit durchsetzen kann".
"Viertens müssen wir die Bundesstaaten zu
Experimenten ermutigen." Clinton versprach,
den Bundesstaaten mehr Spielraum zur Erprobung neuer Initiativen zum Abbau der Zahl von
Sozialhilfeempfängern einzuräumen, vorausgesetzt, daß sie bereit sind, die Bundesregierung
und die anderen Bundesstaaten über die Ergebnisse aussichtsreicher Experimente zu informieren. "Wir alle können Maßnahmen einführen, die funktionieren", erklärte er. "Und wenn
sie nicht funktionieren, können wir sie einstellen
und etwas anderes versuchen."
Clinton teilte den Gouverneuren mit, das von Präsident
Reagan kurz vor seinem Ausscheiden aus dem Amt
unterzeichnete überparteiliche Gesetz zur Unterstützung der Familie aus dem Jahr 1988 werde funktionieren, wenn man ihm eine echte Chance einräume. In
den vergangenen vier Jahren sei es nicht vollständig
umgesetzt worden, weil die Zahl der Sozialhilfeempfänger landesweit explodiert sei, die Kosten für Krankenversicherung bei gleichzeitigem Abschwung des
Arbeitsmarktes gestiegen seien, die Wirtschaft die
geringste Wachstumsrate seit 50 Jahren aufgewiesen
habe und sinkende Steuereinnahmen den Kongreß
und die Administration daran gehindert hätten, die in
dem Gesetz vorgesehenen Aus- und Fortbildungsmaßnahmen vollständig zu finanzieren.
Die Nation muß jedoch Clinton zufolge über die vollständige Verwirklichung des epochalen Gesetzes von
1988 hinausgehen.

Der Präsident zitierte Untersuchungen, nach denen
einer von vier amerikanischen Sozialhilfeempfängern
acht Jahre oder länger Sozialhilfe bezieht. Dies sind
"die Menschen, denen wir wirklich zu helfen versuchen
sollten, damit sie den Kreislauf durchbrechen, der ihre
Kinder und Enkelkinder im Griff hält", erklärte er.
Auf Fragen bei der Pressekonferenz im Weißen Haus
erläuterte Reed den Reportern, rund 4,7 Millionen
amerikanische Familien mit insgesamt 13,5 Millionen
Personen seien heute als Sozialhilfeempfänger registriert. Während über die Hälfte der Erwachsenen als
arbeitsunfähig gelten, fielen vielleicht 1,5 Millionen
Personen in die Kategorie derer, die letztlich die Anforderungen einer Erwerbstätigkeit erfüllen müßten.
Laut Reed werden schätzungsweise 5 bis 25 Milliarden
Dollar an Unterstützungszahlungen für Kinder nicht
geleistet, die - falls sie eingetrieben würden - dazu
eingesetzt werden könnten, die Ausgaben für Sozialhilfe und damit indirekt das Defizit im Bundeshaushalt
zu verringern.
Der neugewählte Vorsitzende des Finanzausschusses des Senats und führende Förderer des Gesetzes
zur Unterstützung der Familie von 1988, Senator Daniel
Moynihan, stellte in einer Erklärung vom 2. Februar
1993 fest, er sei 'lief befriedigt über die Erklärung des
Präsidenten zur 'Veränderung der Sozialhilfe, wie wir
sie kennen'".
Moynihan gab an, erfreue sich auf die Mitarbeit an den
künftigen Erörterungen zur Sozialhilfereform mit den
Gouverneuren der Bundesstaaten und dem Weißen
Haus. "Wir können dieses Jahr ein neues Gesetz
einführen", prognostizierte er.

"Es mu ß... ein fester Termin gesetzt werden, über den
hinaus niemand einen Scheck ohne Gegenleistung
erhält, wenn er etwas tun kann, und es gibt eine Menge
Arbeit zu tun", betonte Clinton.
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�PORTRAT
10. Februar 1993

STEPHANOPOULOS: INTELLIGENT,
WORTGEWANDT, "NICHT ZU ERSCHÜTTERN"
Neuer Sprecher des Weißen Hauses

WASHINGTON - (AD) - Der neue Präsidentensprecher Bill Clintons, der offiziell den Titel Kommunikationsdirektor führt, ist für seine Energie, Intelligenz,
Beherrschung nationaler Fragen und hohe Belastbarkeit bekannt.
"Vor allem versuche ich immer, die Ruhe zu bewahren", erklärte der 31jährige George Stephanopoulos,
den Clinton als erstes Stabsmitglied für seine Präsidentschaftkampagne einstellte.
Der ehemalige Rhodes-Stipendiat stieg von der Position eines stellvertretenden Wahlkampagnendirektors
zu der des höchst angesehenen und mächtigen
Kommunikationsdirektors der Clinton/Gore-Wahlkampagne auf, bei der er die Oberaufsicht über Meinungsumfragen, Politik, Zeitplanung, Pressekontakte und
den Medienbetrieb führte.
In seiner jetzigen Position als Präsidentenberater und
Kommunikationsdirektcr im Weißen Haus hat Stephanopoulos unmittelbaren Zugang zu Clinton und bleibt
im nationalen Rampenlicht, wenn er - auf seine charakteristische unerschütterliche Art - bei den im Fernsehen übertragenen Pressekonferenzen des Weißen
Hauses erscheint, um die oft kontroverse Innen- und
Außenpolitik der neuen Administration darzulegen.
"Wie hart George auch arbeiten und unter welchem
Druck er auch stehen mag, seine Ruhe ist nicht zu
erschüttern", sagte Clinton über Stephanopoulos.
Der kometenhafte Aufstieg von Stephanopoulos in die
obersten Ränge der amerikanischen Politik wird auf
zwei Fähigkeiten zurückgeführt, die nicht oft in einer
Person vereint sind.
"Manche Menschen haben ihre Talente im Kommunikationsbereich, andere bei Sachfragen. George ist auf
beiden Gebieten talentiert, und das ist äußerst selten",
schrieb Mandy Grunwald, Werbedirektorin derClinton/

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Gore-Wahlkampagne, in einem Artikel der Los Angeles Times.
Stephanopoulos steht in dem Ruf, während der Präsidentschaftswahlkampagne entscheidend dazu beigetragen zu haben, eine möglicherweise negative Berichterstattung über Clinton in den bedeutenden Zeitungen und Fernsehsendungen verhindert zu haben.
Berichten zufolge rief er Zeitungsherausgeber und
Fernsehredakteure an und überzeugte sie, daß die in
Frage kommenden Berichte nicht fair seien und noch
weitere Mängel aufwiesen.
Stephanopoulos leitete darüber hinaus die Ausarbeitung von Clintons Wirtschaftsplan, der ein breites
öffentliches Echo auslöste, sowie die Kommunikationsstrategie, die die Kandidaten der Demokraten in
eine Vielzahl von beliebten Fernsehprogrammen und
sogenannten 'Talkshows" brachte. Stephanopoulos
spielte auch eine Schlüsselrolle bei der Planung der
Stategie, deren sich die Demokraten auf ihrem Konvent im Juli 1992 bedienten, um das Bild der Nation von
Clinton zu ändern.
Als Sohn und Enkel griechisch-orthodoxer Priester
hatte Stephanopoulos früher einmal in Betracht gezogen, selbst Priester zu werden. "Bis ich vierzehn
wurde, hatte ich immer vor, Priester zu werden", sagte
er in einem Interview mit der Los Angeles Times. Das
Leben in einer geistlichen Familie ist "ein gutes Training für das öffentliche Leben", erklärte er. "Man mu ß
lernen, jeden gleich zu behandeln. Man sieht die
Menschen in Momenten höchsten Glücks und größten
Unglücks. Man muß lernen, ihnen zuzuhören."
Der Präsidentensprecher mit den braunen Augen wird
von seinen Landsleuten griechischer Abstammung
vergöttert. "Wann immer ich mit einem in der Bundeshauptstadt Washington lebenden Griechen spreche,
ist George Stephanopoulos das erste Thema, das er
anspricht", äußert George Savidis, Direktor für Öffent-

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�lichkeitsarbeit der amerikanisch-griechischen Vereinigung für Fortschritte im Bildungswesen (American
Hellenic Educational Progressive Association), der
ältesten und größten griechisch-amerikanischen Vereinigung des Landes.

1988 war Stephanopoulos stellvertretender Kommunikationsdirektor der Wahlkampagne der Demokraten
für Dukakis und Bentsen. "Ich mußte einfach für
Michael Dukakis arbeiten", erklärte Stephanopoulos in
einem Zeitschrifteninterview. "Die ganze griechische
Gemeinde war so stolz auf ihn - und er war Demokrat".

In der Wahlnacht gab es in Griechenland, in dem
kleinen Dorf auf dem Peloponnes, aus dem Stephano- Später gehörte Stephanopoulos dem Stab von Ripoulos' Vorfahren stammen, eine Jubelfeier, als die chard Gephardt, dem Fraktionsführer der Mehrheit im
Nachricht von Clintons Wahlsieg eintraf.
Repräsentantenhaus, an und wurde dessen geschäftsführender Manager für diese Kammer. Gephardt lobte
Der in Fall River (Massachusetts) geborene Stephano- das diplomatische Geschick von Stephanopoulos und
poulos wuchs in Rye (New York) und Orange Village, erinnert sich: "Die Menschen mochten ihn sofort... Er
einer Vorstadt in Cleveland auf. Zur Zeit leben seine arbeitete zehn Stunden am Tag, sieben Tage in der
Eltern in New York, wo sein Vater Dekan der Dreifaltig- Woche, verfolgte den Gesetzgebungsprozeß und keitskirche der griechisch-orthodoxen Erzdiözese ist. was am wichtigsten war - massierte das Ego der 435
Kongreßabgeordneten".
Stephanopoulos und seine ältere Schwester Anastasia - eine heute 33jährige griechisch-orthodoxe Nonne 1991 begann Stephanopoulos seine Suche nach ei- spielten ihrer Mutter zufolge nie mit Spielzeug. Sie nem Präsidentschaftskandidaten, den er unterstützen
"hatten immer Anteil daran, was gerade passierte", könnte. Er und Clinton verstanden sich sofort und
lasen Zeitungen und Zeitschriften, erklärte sie in einem pflegen eine sehr enge Freundschaft. Clinton "konZeitschrifteninterview. In der High-School in Ohio zentrierte sich genau auf die Probleme, mit denen wir
gehörte Stephanopoulos dem Ringkampfteam für die uns im Kongreß befaßten", erklärte Stephanopoulos in
48-Kilo-Gewichtsklasse an. "Das Ringen brachte ihm einen Zeitschrifteninterview. "Es gab dieses JahrDisziplin und Konzentration auf ein Ziel bei", so seine zehnt, in dem sich die Amerikaner in wirtschaftlicher
Mutter.
Hinsicht immer weiter spalteten: Die Reichen wurden
noch reicher, die Armen noch ärmer, und alle anderen
1982 erhielt Stephanopoulos seinen Abschluß in Polimußten den Gürtel enger schnallen - und genau darauf
tologie an der Columbia University in New York. Später
konzentrierte er sich".
war er als Verwaltungsassistent für Edward Feighan,
einem Abgeordneten des Repräsentantenhauses aus David Maraniss, Journalist bei der Washington Post,
Ohio tätig, der Stephanopoulos als "Einmanndenkfa- ist der Ansicht, daß die Beziehungen zwischen Clinton
brik" bezeichnete, dessen Rat "von unschätzbarem und Stephanopoulos eng bleiben werden. Er propheWert" sei.
zeit, daß der junge Stratege im Weißen Haus weiterhin
Anschließend studierte Stephanopoulos in England an der "Berater sein wird, den Clinton morgens als ersten
der Universität Oxford, wo er - wie Clinton - ein und abends als letzten konsultiert und dazwischen
Rhodes-Stipendiat war. Stephanopoulos machte sei- immer dann, wenn eine wichtige Entscheidung getrofnen Magister in Theologie am Balliol College in Oxford. fen werden muß."

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�PORTRAT
10. Februar 1993

ERSTE STELLVERTRETENDE PRESSECHEFIN
PRÄSIDENT CLINTONS BRINGT GELASSENHEIT
UND HUMOR MIT
Porträt von Dee Dee Myers

WASHINGTON - (AD) - Als mitreisende Pressechefin
im Wahlkampftross von Clinton und Gore während der
Wahlkampagne 1992 wurde Dee Dee Myers von den
begleitenden Journalisten wegen ihres Humors, ihrer
Gelassenheit und Kaltblütigkeit in der Hitze des Gefechts respektiert.
Diese Attribute werden sich auch in der neuen Tätigkeit als Stellvertretende Pressechefin und persönliche
Referentin Präsident Clintons im Weißen Haus als
nützlich erweisen. Sie ist die erste Frau, der dieser
anspruchsvolle Posten im Rampenlicht der Öffentlichkeit übertragen wurde.
Die 31 jährige Myers trat im Dezember 1991 in Clintons
Stab ein, kurz bevor sich der damalige Gouverneurvon
Arkansas täglich den bohrenden Fragen von Journalisten über angebliche außereheliche Affären und Versuche, sich dem Militärdienst während des Vietnamkriegs zu entziehen, ausgesetzt sah.

sekonferenzen der neuen Administration ab. Stephanopoulos war Clintons wichtigster Sprecher während
der Übergangsperiode. Im Wahkampf arbeiteten Myers
und er eng zusammen.
Zur Zeit beschäftigt sich Myers mit dem, was das
Pressekorps des Weißen Hauses als das "Tick-Tack"
bezeichnet - sie liefert einen Überblick über die voraussichtlichen Ereignisse des Tages. Darüber hinaus
bleibt sie nach den Pressekonferenzen von Stephanopoulos bei den Reportern, um "übriggebliebene Fragen" zu beantworten.
Trotz ihrer relativen Jugend hat Myers gründliche
Erfahrung mit der Politik der Demokraten auf bundesstaatlicher, lokalerund nationaler Ebene vorzuweisen.

Vor ihrem Eintritt in Clintons Wahlkampfteam im Dezember 1991 war sie Wahlkampfdirektorin des Bürgermeisters von San Francisco, Frank Jordan. Darüber
hinaus war sie als Pressesprecherin im GouverneursDem Journalisten Edward Walsh von der Washington wahlkampf von 1990 der heutigen Senatorin Dianne
Post zufolge bewies Myers Geschick bei der Reaktion Feinstein tätig. Zuvor diente sie als Pressesprecherin
auf diese Beschuldigungen, die Clintons Hoffnungen des Bürgermeisters von Los Angeles, Tom Bradley,
auf die Präsidentschaft zu zerstören drohten. Walsh und arbeitete in der nationalen Vorhut des Wahlkampfschrieb: "Sie macht sich rasch mit einer Materie teams von Gouverneur Michael Dukakis 1988.
vertraut und verliert nicht ihre Gelassenheit. Die
Reporter sehen das, und es bleibt nicht ohne Wirkung. Zum ersten Mal war sie ehrenamtlich beim Präsidentschaftswahlkampf des Vizepräsidenten Walter MonEs tut ihr und der Kampagne gut."
dale im Jahr 1984 tätig. An der Santa Clara University
Die Reporter bewunderten darüber hinaus ihren schel- erwarb sie 1983 einen B.A. in Politologie.
menhaften Sinn für Humor - während einer längeren
Myers zögerte, bevor sie den Posten in Clintons
Clinton-Rede schlug sie einmal ein Rad für sie.
Wahlkampfmannschaft annahm. Der Präsident war
In einem Bruch mit vergangenen Gepflogenheiten hält ein unbekannter Gouverneur aus dem Süden, der in
Myers Chef, der Kommunikationsdirektor des Weißen landesweiten Meinungsumfragen bei zwei Prozent
Hauses George Stephanopoulos, die täglichen Pres- lag. "Zu jener Zeit erschien Bush als felsenfest, und ich

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Seite 1

�wollte mich eigentlich nicht an einem weiteren Wahlkampf beteiligen", erklärte sie einer kalifornischen
Zeitung.
Sie fügte hinzu, "das Beste an diesem Posten ist, für
Bill Clinton zu arbeiten. Er ist der klügste und optimistischste Mensch, dem ich jemals begegnet bin. Am
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letzten Abend des Wahlkampfs ... sagte ich zu ihm:
'Dachten Sie wirklich, daß Sie heute abend hier stehen
würden'...? Und er antwortete: 'Oh ja, ich hatte immer
die unerschütterliche Zuversicht, daß dies möglich
ist.'"

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                <text>Herausgeben U.S. Information &lt;br /&gt;Service Embassy of the United States of America</text>
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                <text>Amerikadienst 10.02.1993</text>
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                <text>&lt;strong&gt;1. Naher Osten&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Clinton sendet Christopher auf eine Friedensmission in den Nahen Osten&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Erklärung des Präsidenten&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Christopher soll nächste Schritte im Friedensprozess sondieren &lt;br /&gt;&lt;em&gt;Parteien weiterhin an Gesprächen interessiert&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Menschenrechte&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Clinton zeigt besonderes Interesse an UNO und Menschenrechten&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Erklärungen von Schifter, Blackwell und Abram&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;US-Delegation bei UN-Menschenrechtskommission bringt Engagement Clintons zum Ausdruck&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Kurzporträt von Schifter, Blackwell und Abram&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;UNO muss Kampf gegen Rassismus anführen&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede von Botschafter Blackwell&lt;/em&gt; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Die Vergewaltigungen in Bosnien&lt;br /&gt;&lt;em&gt;von Botschafter Kenneth Blackwell&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Abram: Selbstbestimmung, nicht ethnischer Isolationismus&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede vor der Menschenrechtskommission&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Sozialhilfe&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Clinton verspricht Maßnahmen zur Sozialhilfereform&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Armut einkommensschwacher Arbeitnehmer soll beseitigt werden&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;4. Porträt&lt;/strong&gt; &lt;br /&gt;Stephanopoulos: intelligent, wortgewandt, "nicht zu erschüttern" &lt;br /&gt;&lt;em&gt;Neuer Sprecher des Weißen Hauses&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Erste Stellvertretende Pressechefin Clintons bringt Gelassenheit und Humor mit&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Porträt von Dee Dee Myers&lt;/em&gt;</text>
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